diff options
Diffstat (limited to 'old/67541-0.txt')
| -rw-r--r-- | old/67541-0.txt | 43585 |
1 files changed, 0 insertions, 43585 deletions
diff --git a/old/67541-0.txt b/old/67541-0.txt deleted file mode 100644 index e5f92ea..0000000 --- a/old/67541-0.txt +++ /dev/null @@ -1,43585 +0,0 @@ -The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 9-10: Die Brüder -Karamasoff, by Fjodor Michailowitsch Dostojewski - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Sämtliche Werke 9-10: Die Brüder Karamasoff - -Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski - -Editor: Arthur Moeller van den Bruck - -Translator: E. K. Rahsin - -Contributor: Dmitri Mereschkowski - -Release Date: March 2, 2022 [eBook #67541] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net. This book was produced from images - made available by the HathiTrust Digital Library. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 9-10: DIE -BRÜDER KARAMASOFF *** - - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke - - Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski - herausgegeben von Moeller van den Bruck - - Übertragen von E. K. Rahsin - - - Erste Abteilung: Neunter und zehnter Band - - - F. M. Dostojewski - - - - - Die Brüder Karamasoff - - - Roman - - - R. Piper & Co. Verlag, München - - - R. Piper & Co. Verlag, München, 1914 - Vierte Auflage - - - Copyright 1914 by R. Piper & Co., G. m. b. H., - Verlag in München. - - [Illustration: F. M. Dostojewski] - - - Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das - Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so - bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es - viele Früchte. - - Ev. Johannis, Kap. XII, 24. - - - - - Inhalt - - - Erstes Buch: Die Geschichte einer Familie - Seite - I. Kap. Fedor Pawlowitsch Karamasoff 1 - II. „ Der erste Sohn 7 - III. „ Die zweite Frau und deren Kinder 12 - IV. „ Der dritte Sohn Aljoscha 23 - V. „ Die Startzen 38 - - Zweites Buch: Die unschickliche Versammlung - I. Kap. Die Ankunft im Kloster 55 - II. „ Der alte Narr 64 - III. „ Die gläubigen Weiber 80 - IV. „ Die kleingläubige Dame 94 - V. „ Und es geschehe also 108 - VI. „ Wozu lebt solch ein Mensch? 125 - VII. „ Der Seminarist und Streber 144 - VIII. „ Der Skandal 160 - - Drittes Buch: Die Wollüstlinge - I. Kap. In der Bedientenstube 176 - II. „ Lisaweta Ssmerdjäschtschaja 186 - III. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Versen 193 - IV. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Prosa 208 - V. „ Die Beichte des heißen Herzens. „Kopfüber hinab“ 222 - VI. „ Ssmerdjäkoff 237 - VII. „ Die Kontroverse 247 - VIII. „ Beim Gläschen 257 - IX. „ Die Wollüstlinge 271 - X. „ Beide zusammen 281 - XI. „ Noch ein verlorener Ruf 301 - - Viertes Buch: Ausbrüche - I. Kap. Pater Ferapont 316 - II. „ Beim Vater 335 - III. „ Die kleinen Schuljungen 344 - IV. „ Bei Chochlakoffs 352 - V. „ Im Empfangssalon 364 - VI. „ In der Stube 385 - VII. „ Und in frischer Luft 400 - - Fünftes Buch: Pro und Contra - I. Kap. Das Verlöbnis 420 - II. „ Ssmerdjäkoff mit der Gitarre 440 - III. „ Die beiden Brüder 452 - IV. „ „Empörung“ 470 - V. „ „Der Großinquisitor“ 492 - VI. „ Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch 532 - VII. „ „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein 553 - Vergnügen“ - - Sechstes Buch: Ein russischer Mönch - I. Kap. Der Staretz Sossima und seine Gäste 569 - II. „ Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott - verschiedenen Priestereinsiedlermönches, des - Staretz Sossima, zusammengestellt nach dessen - eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch - Karamasoff. Biographische Aufzeichnungen - a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima 577 - b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz 584 - Sossima - c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den 594 - Knaben- und Jugendjahren seines weltlichen - Lebens. Das Duell - d) Der geheimnisvolle Gast 607 - III. „ Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz - Sossima - e) Einiges über den russischen Mönch und seine 630 - Bedeutung - f) Einiges über Herren und Diener: Kann es 635 - zwischen Herr und Diener eine geistige - Bruderschaft geben? - g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung 642 - mit anderen Welten - h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom 647 - Glauben bis ans Ende - i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer. Eine 651 - mystische Betrachtung - - Siebentes Buch: Aljoscha - I. Kap. Der Verwesungsgeruch 656 - II. „ Solch ein Augenblick 678 - III. „ Das Zwiebelchen 688 - IV. „ Die Hochzeit zu Kana in Galiläa 722 - - Achtes Buch: Mitjä - I. Kap. Kusjma Ssamssonoff 731 - II. „ Ljägawyj 750 - III. „ Die Goldgruben 763 - IV. „ In der Dunkelheit 784 - V. „ Der plötzliche Entschluß 795 - VI. „ „Ich fahre!“ 825 - VII. „ Der Erste und Unbestrittene 840 - VIII. „ Rausch 871 - - Neuntes Buch: Die Voruntersuchung - I. Kap. Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin 897 - II. „ Der Alarm 910 - III. „ Der Gang der Seele durch die Hölle. Das erste 922 - Purgatorium - IV. „ Zweites Purgatorium 939 - V. „ Das dritte Purgatorium 954 - VI. „ Der Staatsanwalt 976 - VII. „ Mitjäs großes Geheimnis 991 - VIII. „ Die Aussagen der Zeugen. „Das Kindichen“ 1014 - IX. „ Wie Mitjä fortgeführt wurde 1032 - - Zehntes Buch: Die Knaben - I. Kap. Koljä Krassotkin 1041 - II. „ Die Gören 1051 - III. Kap. Die Schüler 1062 - IV. „ Shutschka 1077 - V. „ An Iljuschas Bettchen 1092 - VI. „ Frühe Entwicklung 1122 - VII. „ Iljuscha 1135 - - Elftes Buch: Iwan Fedorowitsch - I. Kap. Bei Gruschenka 1143 - II. „ Das kranke Füßchen 1162 - III. „ Das Teufelchen 1182 - IV. „ Die Hymne und das Geheimnis 1194 - V. „ „Nicht du, nicht du!“ 1221 - VI. „ Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff 1233 - VII. „ Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff 1252 - VIII. „ Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff 1271 - IX. „ Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb 1303 - X. „ „Das hat Er gesagt!“ 1341 - - Zwölftes Buch: Der Justizirrtum - I. Kap. Der verhängnisvolle Tag 1352 - II. „ Die gefährlichen Zeugen 1366 - III. „ Die ärztliche Expertise und die Geschichte von 1383 - dem einen Pfund Nüsse - IV. „ Das Glück lächelt Mitjä 1393 - V. „ Die Katastrophe 1410 - VI. „ Die Rede des Staatsanwalts: Die Charakteristik 1428 - VII. „ Der Überblick 1448 - VIII. „ Über Ssmerdjäkoff 1459 - IX. „ Der Schluß der Rede des Staatsanwalts: Der Gipfel 1479 - der Psychologie. Die jagende Troika - X. „ Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei 1503 - Enden - XI. „ Kein Geld. Keine Beraubung 1512 - XII. „ Und kein Mord 1524 - XIII. Kap. Der Übertreter des Gebots 1539 - XIV. „ Das Urteil der Bauern 1555 - - Epilog - I. Kap. Pläne zu Mitjäs Rettung 1569 - II. „ Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit 1579 - III. „ Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein 1595 - - - - - Zur Einführung. - Bemerkungen über Dostojewski - - -Zwanzig Jahre haben wir nach dem Tode Dostojewskis gebraucht, um zu -begreifen, daß wir heute keine zufällige „Degeneration“, keinen -zeitweiligen „Niedergang“, keine, wie man meint, aus dem Westen -herübergebrachte Dekadenz, sondern das lange vorbereitete, natürliche -und notwendige Ende der russischen Literatur erleben. Furchtbar ist es -uns, das einzugestehen. Vielleicht aber liegt in diesem Furchtbaren -zugleich auch Freudiges für uns, vielleicht ist die russische Literatur, -so groß sie auch sein mag, doch noch kleiner als das russische Leben? -Vielleicht ist das Ende der russischen Literatur d. h. unserer großen -russischen Anschauungsweise, der Anfang zu der großen russischen Tat? - -Erst jetzt, da die russische Literatur ihr Ende erreicht hat, oder -wenigstens ein vollkommen bestimmter, unwiederholbarer Kreis ihrer -Entwicklung sich abschließt, erst jetzt fangen wir an zu verstehen, was -eigentlich von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren des XIX. -Jahrhunderts in Rußland vor sich gegangen ist, von Puschkins „Onégin“ -bis zu „Anna Karenina“ und den „Brüdern Karamasoff“. Um in der -Weltkultur etwas dieser plötzlichen Offenbarung, oder richtiger, etwas -diesem Ausbruch geistiger Kräfte Ähnliches zu finden, müßte man zur -Entwicklung der griechischen Tragödie von Äschylos’ „Prometheus“ bis zu -Euripides’ „Alkestis“ oder zur Geschichte der Malerei der italienischen -Renaissance zurückgreifen. - -Acht Jahrhunderte lang, seit dem Anfang Rußlands bis zu Peter, schliefen -wir; in dem Jahrhundert von Peter bis Puschkin begannen wir zu erwachen; -und dann, in dem halben Jahrhundert von Puschkin bis Tolstoj und -Dostojewski, durchlebten wir nach dem plötzlichen Erwachen, das erfolgt -war, drei ganze Jahrtausende der westeuropäischen Menschheit. Der Atem -vergeht einem von dieser Schnelligkeit des Erwachens, die der -Schnelligkeit eines Steinfluges in den Abgrund gleichkommt. L. Tolstoj -und Dostojewski – diese beiden Gipfel der russischen Kultur – wurden vom -ersten Strahl der furchtbaren Sonne erleuchtet, wie bis jetzt noch kein -einziger aller Gipfel der westeuropäischen Kultur erleuchtet worden ist. -Diese furchtbare Sonne aber, das ist der Gedanke an das Ende der -Weltgeschichte. - -Ich fühle die mir drohende Gefahr, das Heiligste lächerlich zu machen, -denn für die Kinder dieses Jahrhunderts, für die Menschen der ewigen -Mittelmäßigkeit, des endlosen „Fortschritts“, der Weiterentwicklung der -Welt, gibt es nichts Lächerlicheres, Dümmeres, Unwahrscheinlicheres, -Beleidigenderes als diesen Hauptgedanken des ganzen Christentums – der -Gedanke an das Ende der Welt. Doch ich beruhige mich damit, daß mich -jetzt ja doch niemand oder so gut wie niemand hören wird: meine Worte, -die uns wie Donnergetöse betäuben, werden den „Menschen dieses -Jahrhunderts“ kaum vernehmbares Geflüster scheinen. - -„Allem ist das Ende nahe,“ „Kinder, es ist die letzte Stunde,“ -wiederholte vor dem Tode der hundertjährige Greis, der geliebte Jünger -des Herrn, der an Seinem Herzen geruht und das Geheimnis dieses Herzens -gehört hatte – Johannes, „der Sohn der Gewitter“. Ja, je näher wir dem -Herzen des Herrn sind, um so verständiger wird dieser sein geheimer -Gedanke – der Gedanke an das Ende. - -Fast zwei Jahrtausende sind seit der Zeit vergangen, als dieses Wort -gesagt ward: „Das Ende der Welt ist nahe“ – das Ende aber kommt nicht. -„Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter -entschlafen sind, bleibt alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen -ist“ (Zw. Sendschr. Petri III, 4). Und gerade jetzt glauben die Menschen -mehr denn je, daß es ein Ende überhaupt nicht geben werde, daß eher -seine Worte vergehen werden, als Himmel und Erde. Doch selbst wenn die -Zentripetalkraft unseres Planeten noch für ganze zwei Jahrtausende -ausreichte – für zwei Augenblicke vor dem Angesicht des Ewigen – was hat -das zu sagen? Ist es doch unmöglich, daß wir das _nicht_ sehen, was wir -erblickt haben. - -Gleich denen, die, auf einer Höhe stehend, über die Köpfe der Menschen -hinweg das ihnen Nahende erblicken, während dieses der unter ihnen -stehenden Masse vorläufig noch unsichtbar ist, haben wir, über alle -kommenden Jahrhunderte und möglichen geschichtlichen Ereignisse hinweg, -das Ende der Weltgeschichte erblickt. - -Das Anzeichen unserer neuen Annäherung an Christus ist dieser plötzlich -zu gleicher Zeit auf allen äußersten, höchsten Punkten des -Menschengeistes aufdämmernde Gedanke an das Ende. „Der Mensch ist etwas, -das überwunden werden muß,“ also spricht Zarathustra-Nietzsche. „Das -Menschengeschlecht muß erlöschen“ – stimmt L. Tolstoj Nietzsche bei. -„Das Ende der Welt kommt,“ gibt auch Dostojewski zu. - -Alle drei haben sie sich auf diese für die zeitgenössischen Menschen des -unendlichen „Fortschritts“ lächerlichste und unwahrscheinlichste, für -uns furchtbarste und glaubwürdigste Prophezeiung gleichsam verschworen: -„Das Ende ist nahe“. - -Nicht umsonst stimmt das, was auf den höchsten Gipfeln der russischen -und universalen Kultur aufgedämmert ist, mit dem überein, was in dem -tiefsten Elemente des russischen Volkes vor sich geht: nicht umsonst hat -in den letzten drei Jahrhunderten gerade das russische Volk so -hartnäckig und unablässig wie kein einziges der anderen westeuropäischen -Völker über das Ende der Welt nachgedacht. - -Wir sind „Dekadente“, obgleich auch unsere „Dekadenz“ vielleicht etwas -Verwandtes, Volkliches, Russisches ist – das nicht von außen, sondern -von innen kommt, nicht aus Westeuropa, sondern aus der Tiefe, aus dem -blutverwandtesten Mutterschoß der russischen Erde (ist denn Dostojewski -vom Gesichtspunkte des klassischen, akademischen Puschkin nicht -„dekadenter“ als wir alle?); vielleicht ist auch unsere „Dekadenz“ -gleichfalls etwas Historisch-Natürliches, etwas Notwendiges, denn was -sind wir anderes, als das natürliche und notwendige Ende der russischen -Literatur, die selbst das Ende von etwas noch Größerem ist? Mögen wir -die Schwächsten der Schwachen sein. „In der Schwäche vollendet sich -unsere Kraft.“ Unsere Kraft aber besteht darin, daß uns selbst der -Mächtigste aller Teufel mit keiner einzigen Verlockung der ewigen -Mittelmäßigkeit, des unendlichen „Fortschritts“ gewinnen kann. Wir -nehmen keine Durchschnittsphilosophie an, denn wir glauben an das Ende, -sehen das Ende, wollen das Ende, denn wir selbst – sind das Ende oder -wenigstens der Anfang vom Ende. In unseren Augen liegt ein Ausdruck, der -noch nie in Menschenaugen gelegen hat; in unseren Herzen ist ein Gefühl, -das kein einziger Mensch nun schon seit neunzehn Jahrhunderten mehr -empfunden hat, seit der Zeit, als dem Einsiedler von Pathmos die Vision -erschien: „Und der Geist und die Braut sagen: komm! und der es hört, -sage: komm! Es spricht, der solches zeuget: wahrlich, ich komme bald! -Amen. Wahrlich, komme, Herr Jesus Christus!“ - -Wir sind wie Gräser auf dem äußersten Rande eines steilen Abhanges, auf -einer Höhe, wo nichts mehr wächst. Dort unten in den Tälern reichen hohe -Eichenbäume mit ihren Wurzeln bis tief hinein in die Erde. Wir aber sind -die Schwachen, Kleinen, von der Erde aus kaum Sichtbaren, wir stehen -unbeschützt vor allen Winden und Stürmen, fast wurzellos, fast verwelkt. -Dafür stehen wir früh morgens, wenn die Wipfel der Eichen noch dunkel -sind, schon im Licht; wir sehen das, was noch niemand sieht; wir sind -die ersten, die die Sonne des großen Tages sehen; wir sind die ersten, -die zu Ihm sagen: - - „Wahrlich, Herr, komme!“ - - Dmitri Mereschkowski. - - - - - Vorwort - - -Die „Brüder Karamasoff“ sind das Epos aller der dunklen Innenmächte, die -durch das Russentum drängen. In seinen anderen Romanen, vor allem in -„Rodion Raskolnikoff“ und in den „Dämonen“, hat sich Dostojewski mit -erklärt zeitlichen Werten, moralkritischen oder kritischpolitischen, auf -eine neue und großartige Weise auseinandergesetzt. In den „Karamasoffs“ -dagegen ist Allgemein-Volkliches und im volklichen Sinne Ewiges -ausgedrückt. Deshalb wirken jene in ihrer Knappheit und Schärfe fast wie -Dramen, die „Brüder Karamasoff“ dagegen sind in der heiligen Schwere, -mit der ihr erregender und leidenschaftlicher Inhalt vorgetragen wird, -ein echtes Epos. - -Zwar sollte noch ein großer Schlußteil das für alles Russentum geradezu -typische Geschlecht der Karamasoff unmittelbar einführen in -religiös-politische Gegenwartskonflikte. Ausdrücklich kündete -Dostojewski an: „Dieser Schlußteil wird die Tätigkeit meines Helden -(Aljoscha Karamasoff) in unserer Zeit bringen, gerade im gegenwärtigen -Augenblick.“ Aber dieser Schlußteil ist ungeschrieben geblieben. Warum? -Der äußere Grund lautet: Dostojewski starb über der Vollendung seines -Hauptwerkes. Etwa vom Jahre 1870 an hatte ihn die Idee der „Brüder -Karamasoff“ beschäftigt. Doch immer wieder schob sich zwischen die -Niederschrift anderes: die „Dämonen“ und die Hauptmasse seiner -kritischen Schriften, in denen er gleichfalls seine tiefsten und -notwendigsten russischen Gedanken ausdrücken konnte – bis er dann -endlich in den Jahren 1879 und 1880 sein Werk wenigstens zu der -vollendeten und doch unabgeschlossenen Form brachte, in der wir es heute -kennen. Das Jahr 1881 aber war dann, schon im Januar, das Todesjahr -Dostojewskis. - -Doch die Beziehungen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Werke eines -Genies und dem Leben des Genies pflegen niemals bloß äußerliche zu sein. -Diese inneren Gründe, die Dostojewski verwehrten, das Epos der -Karamasoff in einem Umkreise abzurunden, der alle russischen -Möglichkeiten in der Summe erfaßte und aussprach, hat zuerst -Mereschkowski klar erkannt: „Die ‚Brüder Karamasoff‘ zu Ende zu führen, -das war, wie sich zeigte, unmöglich für Dostojewski, denn dieses Ende -war im Leben noch nicht vorhanden; und als hätte er selbst gefühlt, daß -er alles getan, was möglich war, verließ er das Leben – er starb.“ -Gleichwohl liegt in den „Brüdern Karamasoff“ das Russentum, so weit es -und so wie es sich bis heute entwickelt hat, in mächtiger Basis -aufgerollt. Und vielleicht ist gerade ihr Prototypisches, daß -Dostojewski wenigstens im Gedanken und in der Absicht den Versuch -machte, den zentralen Ausdruck allen Russentums der Gegenwart wie der -Zukunft aus dem Riesenplane zu heben. Das war nur möglich auf dem Wege -einer vorbildhaften russischen Einheldigkeit, die an die Stelle des -problematischen und nihilistischen Heldentums trat, das Dostojewski in -seinen früheren Romanen auf dem Hintergrunde des leidenden und doch so -wirklichen Heldentums in der russischen Volksbreite geschildert hatte. -Von den drei Brüdern Karamasoff war Mitjä, der Enthusiast, der -unendliche Lebensbejaher, die verkörperte Grundlage eines -volklich-russischen Heldentums, in dem sich Güte mit Gewaltsamkeit, -Empfindung mit Überschwang zu einer Einheit verband. Darüber hinaus -sollte Aljoscha Karamasoff in der Kraft seiner naiven Reinheit zum -russischen Einhelden auswachsen. Oder wäre nicht vielleicht doch Iwan -Karamasoff, der Ideologe, dieser Einheld geworden? Aber hier bricht das -Werk ab, wie hier das russische Leben abbricht, das nach außen als ein -so festes und schweres Massiv erscheint und doch in seinem Innern von -zersplitternden und zersetzenden Dualismen erfüllt ist, die sich nicht -selbst befruchten, sondern eher gegenseitig aufheben. - - Moeller van den Bruck. - - - - - Erstes Buch. Die Geschichte einer Familie - - - I. - Fedor Pawlowitsch Karamasoff - -Alexei Fedorowitsch Karamasoff war der dritte Sohn des Gutsbesitzers -unseres Gouvernements Fedor Pawlowitsch Karamasoff, der seinerzeit – vor -jetzt gerade dreizehn Jahren – durch sein tragisches und dunkles Ende, -auf das ich noch später zu sprechen kommen werde, so viel von sich reden -machte. Vorläufig will ich über diesen „Gutsbesitzer“, wie man ihn -gewöhnlich bei uns nannte, obgleich er in seinem ganzen Leben fast nie -auf seinem Gute wohnte, nur bemerken, daß er ein sehr eigenartiger -Mensch war, ein Typ, den man aber, genau genommen, nicht einmal so -selten antrifft: der Typ eines nichtsnutzigen und ausschweifenden -Menschen, der zu gleicher Zeit ganz auffallend närrisch ist, – jedoch zu -jener besonderen Art von Narren gehört, die ihre Geschäftchen immer -vorzüglich zu machen verstehen, und zwar scheint das das einzige zu -sein, was sie verstehen. Fedor Pawlowitsch, zum Beispiel, begann mit -fast nichts in der Tasche. Von den Gutsbesitzern war er einer der -ärmsten: er fuhr uneingeladen zu allen Bekannten zum Besuch und lebte so -als ewiger Gast auf Kosten fremder Menschen, aber nach seinem Tode -erwies es sich, daß er allein an barem Kapital runde hunderttausend -Rubel besaß. Und doch war er sein ganzes Leben lang einer der -einfältigsten Narren unseres Gouvernements. Ich will damit nicht sagen, -daß er etwa dumm gewesen wäre – größtenteils sind diese Narren sogar -sehr klug und schlau –, sondern gerade einfältig, und dazu war es bei -ihm noch eine ganz besondere Einfältigkeit, eine nationale. - -Er war zweimal verheiratet gewesen und hatte drei Söhne, – den ältesten, -Dmitrij Fedorowitsch, von der ersten Frau; die beiden anderen, Iwan und -Alexei, von der zweiten. Die erste Gemahlin Fedor Pawlowitschs stammte -aus dem wohlhabenden und angesehenen Adelsgeschlecht der Miussoffs, – -gleichfalls Gutsbesitzer unseres Bezirks. Wie es kam, daß dieses reiche -Mädchen – das dazu noch hübsch war und zu den temperamentvollen, -intelligenten Frauen gehörte, die man in unserer Generation so häufig -antrifft, die aber auch schon in der vergangenen auftauchten –, solch -einen jämmerlichen Menschen heiraten konnte, will ich weiter nicht zu -erklären versuchen. Kannte ich doch ein junges Mädchen, allerdings war -es eines aus der vorigen „romantischen“ Generation, das sich nach -etlichen Jahren rätselhafter Liebe zu einem Mann, den es zu jeder Zeit -ruhig hätte heiraten können, schließlich die unüberwindlichsten -Hindernisse ausdachte, die eine Vereinigung unbedingt ausschlossen, und -die sich darauf in einer stürmischen Nacht von einem hohen Ufer, das -fast einem Felsen glich, in einen ziemlich tiefen und reißenden Strom -hinabstürzte und in ihm ertrank, – eigentlich doch nur deshalb, um der -Shakespeareschen Ophelia zu gleichen. Ja, es ist sogar anzunehmen, daß -sie, wenn an der Stelle des malerischen Felsens nur ein prosaisches, -flaches Flußufer gewesen wäre, an die phantastische Idee, aus Liebe in -den Tod zu gehen, überhaupt nicht gedacht hätte. Dieser Selbstmord ist -aber Tatsache, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß sich in unseren -beiden letzten Generationen nicht selten Ähnliches zugetragen hat. Auch -die Heirat Adelaida Iwanowna Miussoffs war ein Schritt von derselben Art -und zweifellos auf fremde Einflüsse zurückzuführen. Vielleicht wollte -sie durch ihn ihre weibliche Selbständigkeit beweisen, gegen die -gesellschaftlichen Fesseln, gegen den Despotismus ihrer Eltern und -Verwandten auftreten, und vielleicht hatte ihr noch die bereitwillige -Phantasie die Überzeugung eingeflößt, wenn auch nur auf einen -Augenblick, daß Fedor Pawlowitsch trotz seiner Rolle als ewiger -Freischlucker einer der geistreichsten und eigenartigsten Spötter dieser -Übergangsepoche sei, die zweifellos zu Besserem führte, obgleich er in -Wirklichkeit doch nichts als ein boshafter Narr war. Das eigentlich -Reizvolle der Sache bestand jedoch darin, daß sie von ihm entführt wurde -– das aber war für sie ausschlaggebend. Hinzu kam, daß Fedor Pawlowitsch -damals unbedingt, gleichviel mit welchen Mitteln, Karriere machen -wollte, und so war er denn infolge seiner sozialen Lage geradezu -gezwungen, sie zu entführen: war doch die Aussicht auf eine Mitgift und -die Gelegenheit, zu einer reichen und angesehenen Familie in so nahe -Beziehung zu treten, gar zu verführerisch. Was nun die beiderseitige -Liebe anbelangt, so war die überhaupt nicht vorhanden, weder von seiten -der Braut, noch, trotz deren Schönheit, von seiten Fedor Pawlowitschs, – -eine Tatsache, die in ihrer Art denn auch den einzigen Ausnahmefall im -Leben Fedor Pawlowitschs bildete, dieses größten Lüstlings, der sein -Leben lang immer sofort bereit war, nach einerlei was für einem -Weiberrock zu langen, wenn er ihn nur anlockte. So war also diese Frau -die einzige, die, was seine Leidenschaft anbetraf, nicht den geringsten -Eindruck auf ihn gemacht hatte. - -Adelaida Iwanowna kam denn auch schon bald nach der Entführung zur -Überzeugung, daß sie für ihren Mann nur Verachtung empfinden konnte, und -so stellten sich die Folgen dieser Heirat unverzüglich ein. Ungeachtet -dessen, daß ihre Familie sich sehr bald darauf mit der Tatsache -aussöhnte und der Entlaufenen die Mitgift auszahlte, kam es zwischen den -Eheleuten doch zu unaufhörlichen Szenen. Später erzählte man, daß die -junge Frau unvergleichlich mehr Anstand und Vornehmheit bewiesen habe -als Fedor Pawlowitsch, der sich, wie man es jetzt genau weiß, fast ihr -ganzes Geld, an fünfundzwanzigtausend Rubel, sofort einsteckte, so daß -sie von diesen Tausenden nichts mehr zu sehen bekam. Das Gütchen jedoch -und das Haus in der Stadt, die gleichfalls zu ihrer Mitgift gehörten, -wollte er lange Zeit unbedingt auf seinen Namen überführen, und er würde -auch bestimmt erreicht haben, was er wollte, da sein unaufhörliches -Betteln und seine unverschämten Erpressungsversuche in ihr nur -Verachtung und Ekel hervorriefen, und sie vielleicht aus seelischer -Ermüdung, und um ihn los zu werden, schließlich eingewilligt hätte. Zum -Glück aber trat ihre Familie für sie ein und machte diesen -Erpressungsversuchen ein Ende. Wahr ist gleichfalls, daß zwischen ihnen -nicht selten Prügeleien stattfanden, doch war es nach der Überlieferung -nicht Fedor Pawlowitsch, der schlug, sondern Adelaida Iwanowna, die eine -heißblütige, kühne, ungeduldige Dame von bräunlicher Gesichtsfarbe und -nicht geringer körperlicher Kraft war. Schließlich aber hielt sie es -doch nicht mehr aus und lief Fedor Pawlowitsch mit einem in Armut -verkommenen Seminaristen, der übrigens Lehrer war, einfach davon, und -überließ ihm außer ihrem Kapital noch ihren dreijährigen Sohn Mitjä.[1] -Fedor Pawlowitsch machte aus seinem Hause sofort einen Harem und ein -Lokal für die wüstesten Gelage, von Zeit zu Zeit aber fuhr er zu allen -Bekannten, also fast durch das ganze Gouvernement, und beklagte sich mit -Tränen in den Augen über Adelaida Iwanowna, wobei er so ausführlich von -seinem Eheleben erzählte, wie es ein anderer Ehemann schon allein aus -Schamgefühl nie getan haben würde. Es schien ihm beinahe angenehm und -womöglich noch schmeichelhaft zu sein, diese lächerliche Rolle des -gekränkten Gatten zu spielen und anderen sein Leid in allen Farben -auszumalen. „Man könnte ja wirklich glauben, Fedor Pawlowitsch, daß Sie -einen höheren Rang erhalten haben, so zufrieden scheinen Sie trotz Ihres -vermeintlichen Kummers zu sein,“ sagten ihm denn auch manche, denen er -sein Leid klagte, nicht ohne spöttische Verachtung. Viele fügten sogar -noch hinzu, er solle sich doch nicht verstellen, da er ja im Grunde nur -froh sei, eine neue Narrenrolle spielen zu können, und sich bloß, um die -Komik zu erhöhen, den Anschein gäbe, als bemerke er die eigene -Lächerlichkeit nicht. Wer aber kann es wissen, vielleicht war das alles -wirklich ganz naiv von ihm? Endlich gelang es ihm, seiner Flüchtigen auf -die Spur zu kommen. Die Arme befand sich in Petersburg, wohin sie mit -ihrem Seminaristen gefahren war, und wo sie in der größten -Ungebundenheit lebte. Fedor Pawlowitsch traf sofort große Anstalten zur -Reise nach Petersburg – warum aber und wozu dorthin? – das wußte er -natürlich selbst nicht. Vielleicht wäre er damals auch wirklich -abgefahren, doch nachdem er einen so großen Entschluß gefaßt hatte, -fühlte er sich sofort vollkommen berechtigt, sich zur Stärkung auf einen -so weiten und schweren Weg vorher noch dem uferlosesten Trunk zu -ergeben. Inzwischen aber erhielt die Familie seiner Frau die Nachricht -von deren Tode. Sie war ganz plötzlich gestorben, irgendwo in einer -Dachkammer, am Typhus, wie die einen behaupteten, oder wie die anderen -meinten – vor Hunger. Als der gerade betrunkene Fedor Pawlowitsch die -Nachricht vom Tode seiner Frau erhielt, soll er auf die Straße -hinausgelaufen sein, die Hände wie zum Dank zum Himmel emporgehoben und -laut ausgerufen haben: „Herr, nun lässest du mich in Frieden fahren!“ – -Andere aber sagen, er habe wie ein kleines Kind geweint, und zwar so -sehr, daß man für ihn trotz der Verachtung Mitleid habe empfinden -können. Es ist sehr leicht möglich, daß sowohl das eine wie das andere -wahr ist, daß er sich über seine Befreiung von ihr gefreut, und zu -gleicher Zeit über ihren Tod geweint hat – beides zusammen. In den -meisten Fällen sind die Menschen, und sogar Bösewichte, viel naiver und -aufrichtiger, als wir es von ihnen voraussetzen. Ja, und wir selbst sind -es doch gleichfalls. – - - - II. - Der erste Sohn - -Man kann sich natürlich denken, welch ein Erzieher oder Vater solch ein -Mensch sein konnte. Fedor Pawlowitsch vergaß das Kind vollständig, doch -nicht etwa aus Bosheit oder aus irgendwelchen beleidigten -Gattengefühlen, sondern ganz einfach, weil er es eben vollkommen vergaß. -Solange er noch trauerte, klagte und weinte und sein Haus dabei in eine -unzüchtige Höhle verwandelte, nahm sich des kleinen, dreijährigen Knaben -Grigorij, der treue Diener seines Hauses, an – wenn dieser es nicht -getan hätte, so würde der Kleine kaum ein Hemdchen zum Wechseln gehabt -haben, da auch die Familie seiner Mutter ihn in der ersten Zeit -gleichfalls ganz vergaß. Sein Großvater Miussoff, der Vater Adelaida -Iwanownas, war schon gestorben, und dessen Witwe, Mitjäs Großmutter, war -nach Moskau übergesiedelt und dort erkrankt; ihre jüngeren Töchter -heirateten gerade, und so blieb denn Mitjä ein ganzes Jahr beim Diener -Grigorij und lebte in dessen Wohnung auf dem Hofe. Übrigens, wenn sich -der Vater seiner auch erinnert hätte (denn er konnte doch unmöglich von -seiner Existenz überhaupt nichts wissen), so würde er ihn doch selbst -wieder in die Leutewohnung auf den Hof geschickt haben, da das Kind ihm -bei diesem Völlerleben nur im Wege gewesen wäre. Doch da kehrte eines -schönen Tages der Vetter der Verstorbenen, Pjotr Alexandrowitsch -Miussoff, aus Paris zurück, wo er viele Jahre hindurch gelebt hatte. Er -war damals noch ein ganz junger Mann, der sich aber unter den Miussoffs -doch schon als aufgeklärter Großstädter und Ausländer auszeichnete; er -fühlte sich von jeher als Europäer, und am Ende seines Lebens konnte er -zu den Liberalen der vierziger und fünfziger Jahre gezählt werden. -Natürlich stand er mit allen liberalen Größen seiner Epoche in Rußland -wie im Auslande in Verbindung, kannte persönlich Proudhon und Bakunin, -und liebte zum Schluß seiner Wanderschaft ganz besonders, sich der drei -Tage der Pariser Februarrevolution zu erinnern und anzudeuten, daß er -selbst beinahe auf den Barrikaden gestanden hätte. Das waren für ihn die -schönsten Erinnerungen seiner Jugendjahre. Er besaß ein ansehnliches -Vermögen – nach den früheren Verhältnissen gerechnet, ungefähr tausend -Seelen. Sein wundervolles Gut lag ganz in der Nähe unsres Städtchens und -grenzte an die Ländereien des berühmten Klosters, mit dem Miussoff -sofort, nachdem er sein Erbe angetreten hatte, einen Prozeß begann -(wegen irgendwelcher Rechte auf den Fischfang im Fluß oder auf das -Holzfällen in einem Walde, ich weiß es nicht mehr ganz genau), da er als -aufgeklärter Mensch selbstverständlich für seine bürgerliche Pflicht -hielt, mit den „Klerikalen“ Prozeß zu führen. Als er nun das Schicksal -Adelaida Iwanownas, deren er sich natürlich noch sehr gut erinnerte und -für die er sich früher sogar interessiert hatte, erfuhr, und von ihrem -Sohn Mitjä hörte, beschloß er sofort, sich trotz seines heftigen -Unwillens über Fedor Pawlowitsch, in die Sache einzumischen. Bei der -Gelegenheit war es denn, daß er Fedor Pawlowitsch zum erstenmal sah und -kennen lernte. Er erklärte sich bereit, die Erziehung Mitjäs auf sich zu -nehmen. Noch lange nachher erzählte er, gewissermaßen zur -Charakterisierung Fedor Pawlowitschs, daß dieser, als er ihm von Mitjä -gesprochen, ein Gesicht gemacht habe, als ob er überhaupt nicht -verstehen könne, von welch einem Kinde die Rede sei und ersichtlich -sogar sehr erstaunt gewesen wäre, zu hören, daß bei ihm im Hause -irgendwo ein kleiner Sohn lebte. Wenn Pjotr Alexandrowitsch in seiner -Erzählung auch etwas übertrieben haben mag, so muß doch immerhin etwas -Wahres daran gewesen sein. Außerdem aber liebte es Fedor Pawlowitsch -tatsächlich, sich plötzlich zu verstellen, oder eine ganz unerwartete -Rolle zu spielen, und zwar, was die Hauptsache dabei schien, ohne daß -die geringste Notwendigkeit dazu vorhanden gewesen wäre, mitunter sogar -zu seinem eigenen Nachteil, wie z. B. in diesem Falle. Dieser Zug ist -übrigens vielen Leuten eigen, und sogar sehr klugen Leuten, nicht nur -solchen wie Fedor Pawlowitsch. Miussoff führte also die Sache durch und -wurde sogar als Vormund des Knaben eingesetzt (zusammen mit Fedor -Pawlowitsch natürlich), da doch dem Kleinen nach dem Tode der Mutter -immerhin das Gütchen und das Haus verblieben. Mitjä wurde denn auch -wirklich in das Haus Pjotr Alexandrowitschs gebracht; der aber hatte -keine Familie, und da er selbst, nachdem er seine Wirtschafts- und -Geldangelegenheiten auf dem Gute geordnet hatte, so schnell als möglich -und auf lange Zeit wieder nach Paris eilte, so wurde das Kind einer -Tante, einer älteren Dame, die in Moskau wohnte, anvertraut. Und so kam -es denn, daß auch Miussoff in Paris den Knaben vollständig vergaß, -besonders als diese Februarrevolution ausbrach, die ihm so imponierte, -daß er sie sein Lebtag nicht vergessen konnte. Die Moskauer Dame aber -starb bald darauf, und Mitjä kam zu einer ihrer verheirateten Töchter. -Ich glaube, er hat dann noch einmal, zum viertenmal, das Nest -gewechselt. Doch darüber werde ich mich weiter nicht verbreiten, da ich -noch viel über diesen Erstling Fedor Pawlowitschs zu erzählen habe; ich -will mich jetzt nur auf die notwendigsten Mitteilungen beschränken, ohne -die ich den Roman nicht beginnen kann. - -Dieser Dmitrij Fedorowitsch war der einzige von den drei Söhnen Fedor -Pawlowitschs, der mit dem Bewußtsein aufwuchs, daß er immerhin über -einige Mittel verfügte und, wenn er mündig geworden, unabhängig sein -werde. Seine Kinder- und Jugendjahre verlebte er ziemlich unordentlich: -das Gymnasium beendete er nicht, darauf kam er auf eine Kriegsschule, -diente dann im Kaukasus, hatte dort ein Duell, wurde deswegen -degradiert, diente sich aber wieder in die Höhe, führte ein wildes Leben -und gab verhältnismäßig viel Geld aus. Vor seiner Mündigkeit bekam er -von Fedor Pawlowitsch kein Geld, lebte daher bis dahin von Schulden. -Fedor Pawlowitsch, seinen Vater, lernte er erst nach seiner Mündigkeit -kennen; er kam damals zum erstenmal in unsere Stadt, um sich mit ihm -über seine Vermögensverhältnisse auszusprechen. Wie es schien, gefiel -ihm sein Vater nicht, denn er verließ ihn sofort wieder, als er eine -gewisse Summe erhalten und mit ihm über die weiteren Einnahmen seines -Gutes verhandelt hatte; doch konnte er weder die Einkünfte, noch den -Wert des Gutes jemals von seinem Vater erfahren. (Bitte das wohl zu -beachten.) Fedor Pawlowitsch aber bemerkte damals sofort (und auch dies -bitte nicht zu vergessen), daß Mitjä sich von seinem Vermögen eine -unrichtige und übertriebene Vorstellung machte, womit Fedor Pawlowitsch -jedoch sehr zufrieden war, denn er hatte dabei seine eigenen -Berechnungen. Er sagte sich, daß der junge Mann leichtsinnig, stürmisch, -leidenschaftlich, ungeduldig war und wild lebte, daß man ihn aber, wenn -man ihm immer wieder etwas schickte, sehr wohl beruhigen könnte, wenn -auch natürlich immer nur auf kurze Zeit. So begann dann Fedor -Pawlowitsch seinen Sohn zu exploitieren, d. h. er speiste ihn mit -kleinen Almosen und zufälligen Sendungen ab, und zum Schluß, als Mitjä -nach vier Jahren seine Geduld endlich verlor und zum zweitenmal in unser -Städtchen kam, um noch einmal mit seinem Vater die Angelegenheit zu -besprechen, da erwies sich plötzlich zu seinem größten Erstaunen, daß er -überhaupt nichts mehr zu verlangen hatte, daß er mit dem erhaltenen -Gelde schon der Schuldner seines Vaters geworden war, daß er nach der -und der Abmachung, die er selbst einmal, dann und dann, gewünscht, kein -Recht mehr hatte, noch irgendetwas zu verlangen usw. Der junge Mann war -sehr betroffen, witterte einen Betrug, geriet außer sich und schien fast -den Verstand zu verlieren. Dieser Umstand führte dann zu der -Katastrophe, deren Wiedergabe der Gegenstand meines ersten, einführenden -Romanes, oder besser gesagt, sein äußerer Anlaß ist. Doch bevor ich zu -dem Roman übergehe, muß ich noch von den beiden anderen Söhnen Fedor -Pawlowitschs, Mitjäs Brüdern, erzählen, und erklären, wie er zu diesen -beiden gekommen war. - - - III. - Die zweite Frau und deren Kinder - -Nachdem Fedor Pawlowitsch sich des vierjährigen Mitjä entledigt hatte, -heiratete er kurz darauf zum zweitenmal. Diese Ehe dauerte acht Jahre. -Ssofja Iwanowna, seine zweite Frau, war gleichfalls noch sehr jung, als -er sie heiratete. Er lernte sie in einem andern Gouvernement kennen, -wohin er in „Geschäftchen“ mit einem Juden gefahren war, denn wenn Fedor -Pawlowitsch auch unsolide und ausschweifend lebte und viel trank, so -hörte er doch nie auf, für die vorteilhafte Umsetzung seines Kapitals zu -sorgen und überall gute Geschäftchen zu machen, wenn auch immer auf -betrügerische Weise. Ssofja Iwanowna war als Tochter eines kleinen -Diakons und als Ganzwaise in dem reichen Hause ihrer Wohltäterin, -Erzieherin und Peinigerin, der angesehenen alten Witwe des Generals -Worochoff, aufgewachsen. Ausführlicheres über sie weiß ich nicht, nur -hörte ich, daß man die bescheidene, demütige Kleine einmal in der -Kleiderkammer aus einer Schlinge gezogen hatte – so schwer war es ihr -gewesen, die Launen und ewigen Vorwürfe dieser anscheinend bösen Alten -zu ertragen, die aber eigentlich nur vom Nichtstun und der Langeweile zu -diesem unerträglichen, launischen Parasit geworden war. Fedor -Pawlowitsch warb um ihre Hand; man zog Erkundigungen über ihn ein und -setzte ihn vor die Tür – da schlug er dann der Waise, wie bei seiner -ersten Heirat, eine Entführung vor. Es ist sehr möglich, daß auch sie -ihn um nichts in der Welt geheiratet haben würde, wenn sie etwas mehr -über ihn erfahren hätte. Aber sie lebte ja in einem andern Gouvernement, -und was hätte denn auch ein sechzehnjähriges Mädchen von allem dem -verstanden, ganz abgesehen davon, daß sie vorgezogen hätte, in den Fluß -zu gehen, als noch länger bei ihrer Wohltäterin zu bleiben. So -vertauschte denn die Ärmste ihre Wohltäterin mit einem Wohltäter. Fedor -Pawlowitsch, oder vielmehr seine Frau, bekam diesmal keine Kopeke -Mitgift, da die Generalin über die Entführung in Wut geriet und nichts -gab und sie obendrein noch beide verfluchte; er rechnete aber auch nicht -darauf, sondern berauschte sich an der eigenartigen Schönheit dieses -zarten Mädchens und vor allem an ihrem unschuldigen Ausdruck, der ihn, -den Lüstling, der bis dahin nur der lasterhafte Liebhaber gemeiner -Frauenschönheit gewesen war, ganz betroffen gemacht hatte. „Diese -unschuldigen Äuglein fuhren mir wie ein Rasiermesser übers Herz!“ -erzählte er später mit seinem gemeinen Lachen. Aber auch das konnte für -solch einen Menschen, wie Fedor Pawlowitsch, nur einen sinnlichen Reiz -haben. Da sie also gar keine Mitgift bekam, machte er mit ihr weiter -keine Zeremonien und benutzte es, daß sie vor ihm, wie er sagte, -„schuldig“ war und er sie „aus der Schlinge gezogen“ hatte, benutzte -außerdem noch ihre phänomenale Güte und Unselbständigkeit, und trat -jeglichen ehelichen Anstand einfach mit Füßen. So führte er nach wie vor -die berüchtigsten Weibsbilder in sein Haus und feierte ungestört seine -Orgien mit ihnen. Als charakteristischen Zug will ich hier noch -anführen, daß der Diener Grigorij, ein finsterer, eigensinniger und -dummrechthaberischer Mensch, der seine frühere Herrin, Adelaida -Iwanowna, geradezu gehaßt hatte, nun aber entschieden zur neuen Herrin -hielt, diese immer verteidigte, Fedor Pawlowitsch auf eine für einen -Diener fast unerhörte Weise ihretwegen durchschimpfte, und einmal sogar, -als wieder eine Orgie gefeiert wurde, alle Weiber mit Gewalt aus dem -Hause jagte. Die unglückliche, von Kindheit an so verschüchterte junge -Frau bekam späterhin ein nervöses Frauenleiden, das man sonst wohl am -häufigsten im Volke antrifft, bei den Bäuerinnen, die dann -„Klikuschi“[2] genannt werden. Durch die schrecklichen, hysterischen -Anfälle dieser Krankheit verlor die Arme zeitweilig sogar ihren -Verstand. Sie gebar aber Fedor Pawlowitsch doch zwei Söhne, Iwan und -Alexei, den älteren im ersten Jahr ihrer Ehe und drei Jahre danach den -jüngeren. Als sie starb, war der kleine Alexei kaum vier Jahre alt, doch -jedenfalls war Eines Tatsache, wie unglaublich es klingen mag: er konnte -sich, wie ich genau weiß, seiner Mutter noch sein ganzes Leben lang -erinnern, wenn diese Erinnerung auch etwas verschwommen, wie ein halber -Traum war. Nach ihrem Tode geschah mit ihren beiden Söhnen genau -dasselbe, was mit dem ersten, Mitjä, geschehen war: sie wurden vom Vater -vollkommen vergessen und kamen zu demselben Grigorij in dieselbe Stube. -In dieser Stube fand sie denn auch die alte Generalin, die Wohltäterin -und Erzieherin ihrer Mutter. Sie lebte noch und konnte selbst nach acht -Jahren die ihr zugefügte Beleidigung nicht vergessen. Vom Leben und -Treiben ihrer Ssofja war sie alle diese acht Jahre hindurch unter der -Hand ganz genau unterrichtet worden, und als sie gehört hatte, wie krank -diese war und welche Scheußlichkeiten sie umgaben, hatte sie sich zwei -oder dreimal ihren Bedienten gegenüber geäußert, es geschehe ihr ganz -recht, so strafe Gott sie für ihre Undankbarkeit. - -Genau drei Monate nach dem Tode Ssofja Iwanownas erschien nun plötzlich -die Generalin persönlich in der Stadt und fuhr geradenwegs zu Fedor -Pawlowitsch, blieb im ganzen nur eine halbe Stunde in der Stadt, -richtete aber in dieser kurzen Zeit sehr viel aus. Es war zur Abendzeit. -Fedor Pawlowitsch, der sie acht Jahre lang nicht gesehen hatte, empfing -sie in betrunkenem Zustande. Man sagt, daß sie ihm sofort ohne jegliche -vorhergehende Erklärung zwei tüchtige, lautschallende Ohrfeigen gegeben -und ihn dann noch dreimal kräftig an den Haaren gezogen habe. Darauf – -das ist Tatsache – begab sie sich, ohne ein Wort zu verlieren, -geradenwegs in die Leutewohnung auf den Hof zu den beiden Knaben. Sie -überzeugte sich auf den ersten Blick, daß sie ungewaschen waren und -schmutzige Wäsche anhatten, verabfolgte daher dem Diener Grigorij -gleichfalls eine Ohrfeige und erklärte ihm darauf kurz und bündig, daß -sie die beiden Kinder mitnehmen werde. Sie wickelte sie so wie sie waren -in ein Plaid ein, setzte sie auf den Wagen und fuhr mit ihnen davon. -Grigorij ertrug diese Ohrfeige wie ein ergebener Sklave, wurde nicht -grob und sagte kein Wort, und als er die alte Dame zum Wagen begleitete, -verneigte er sich noch tief vor ihr und sagte nur ernst und ehrerbietig, -daß Gott es ihr für die Waisen lohnen werde, wofür ihm aber die -Generalin im Fortfahren zurief: „Du aber bist und bleibst doch ein alter -Esel.“ Fedor Pawlowitsch überlegte sich die Sache und fand, daß es sehr -gut war, so wie es gekommen war, und widersetzte sich der Generalin, der -er sogar die formelle Erlaubnis gab, seine Kinder zu erziehen, in keinem -einzigen Punkte. Von den erhaltenen Ohrfeigen aber erzählte er sofort -selbst in der ganzen Stadt. - -Die Generalin starb jedoch schon bald darauf und vermachte in ihrem -Testament jedem der Kleinen tausend Rubel – „Zu ihrer Bildung zu -verwenden, und daß dieses Geld unbedingt für sie verausgabt wird, aber -so, daß es bis zu ihrer Mündigkeit ausreicht, denn diese Gabe muß für -solche Kinder genügen; wenn es aber jemandem gefällt, so mag er seinen -eigenen Beutel öffnen“ usw. Ich habe das Testament nicht selbst gelesen, -aber ich hörte, daß es in dieser Art und jedenfalls in recht sonderbarem -Tone abgefaßt gewesen sei. Der Haupterbe der Alten erwies sich indessen -als sehr ehrenwerter Mensch: es war das der Adelsmarschall eines Kreises -in jenem Gouvernement, Jefim Petrowitsch Polenoff. Er verhandelte mit -Fedor Pawlowitsch brieflich über die Erziehung der Kinder, erriet -sofort, daß Geld von diesem Vater nicht zu bekommen war – obgleich -dieser nie geradezu absagte, sondern in solchen Fällen die Sache nur -hinzog und dabei sogar in Gefühlsduselei verfiel – und nahm sich der -Waisen persönlich an; er gewann namentlich den jüngeren Bruder Alexei -sehr lieb und so wurde denn dieser lange Zeit ganz in seiner Familie -erzogen. Wenn diese Jungen für ihre Erziehung und Bildung jemandem zu -Dank verpflichtet waren, so waren sie es ausschließlich Polenoff, diesem -ehrenwertesten und humansten Menschen, den man sich nur denken kann. Er -bewahrte den Kleinen ihre tausend Rubel auf, die ihnen die Generalin -hinterlassen hatte, so daß sie bis zu deren Mündigkeit mit den Prozenten -auf je Zweitausend anwuchsen, bestritt die Erziehungskosten aus seiner -eigenen Tasche, und verausgabte natürlich für jeden von ihnen viel mehr -als tausend Rubel. Auf eine ausführliche Erzählung ihrer Kinder- und -Jugendjahre kann ich mich wiederum nicht einlassen, daher werde ich nur -die springenden Punkte aus ihrem Leben angeben. Über den älteren, Iwan, -teile ich nur mit, daß er als düsterer und verschlossener Knabe -aufwuchs, weit entfernt davon, schüchtern zu sein, aber es war – als ob -er von Kindheit an gefühlt hätte, daß er in einer fremden Familie -erzogen wurde und von fremder Barmherzigkeit lebte, und daß ihr Vater -ein Mensch war, von dem zu sprechen man sich schämen mußte. Dieser Knabe -bewies schon seit der frühesten Kindheit (so erzählte man wenigstens) -eine außergewöhnliche und glänzende Begabung. Wie es geschah, daß er -schon mit dreizehn Jahren die Familie Jefim Petrowitschs verließ und in -ein Moskauer Gymnasium eintrat und bei der Gelegenheit zu einem -erfahrenen und berühmten Pädagogen in Pension kam, zu einem -Jugendfreunde Polenoffs, weiß ich nicht genau. Wie Iwan später selbst -erzählte, war es sozusagen aus Jefim Petrowitschs „begeisterter Liebe zu -guten Taten“ geschehen: Jefim Petrowitsch hätte sich nämlich für die -Idee begeistert, daß die genialen Fähigkeiten des Knaben auch von einem -genialen Pädagogen ausgebildet werden müßten. Übrigens waren beide schon -tot, sowohl Polenoff wie auch der geniale Pädagoge, als Iwan das -Gymnasium beendete und auf die Universität ging. Da aber Jefim -Petrowitsch das von der Generalin den Kindern hinterlassene Geld -schlecht angelegt hatte, so verzögerte sich infolge der bei uns -unvermeidlichen Formalitäten die Auszahlung des Geldes dermaßen, daß der -junge Mann in den zwei ersten Jahren auf der Universität gezwungen war, -seinen Lebensunterhalt und das Studium sich selbst zu verdienen. Ich muß -hier bemerken, daß er damals nicht einmal den Versuch machte, sich mit -seinem Vater brieflich über eine Unterstützung zu verständigen – -vielleicht aus persönlichem Stolz oder auch aus Verachtung, vielleicht -aber auch aus kühler, gesunder Einsicht, da er sich wohl sagen konnte, -daß von Papachen eine Unterstützung nicht zu erwarten war. Wie dem aber -auch sein mochte, jedenfalls wußte sich der junge Mann sofort zu helfen -und sich durch Arbeit das nötige Geld zu beschaffen: zuerst durch -Stunden für zwanzig Kopeken, und darauf durch Zeitungsberichte von zehn -Zeilen über Straßenvorfälle, mit der Unterschrift „Ein Augenzeuge“. -Diese Berichte, sagt man, sollen stets so eigenartig und geistreich -verfaßt gewesen sein, daß sie bald vorzüglich bezahlt wurden; so bewies -er allein schon dadurch seine praktische und geistige Überlegenheit im -Vergleich zu jenem großen Teil unserer unglücklichen und notleidenden -studierenden Jugend beiderlei Geschlechts, die in den Großstädten -gewöhnlich vom Morgen bis zum Abend die Türschwellen der Redaktionen -abläuft, und sich nichts Besseres ausdenken kann, als ewig ein und -dieselbe Bitte um Übersetzung aus dem Französischen oder um Kopierarbeit -zu wiederholen. Iwan Fedorowitsch gab auch später seine Verbindungen mit -den Redaktionen nie ganz auf, und in den letzten Jahren auf der -Universität veröffentlichte er dann sehr talentvolle Abhandlungen über -Bücher und Spezialfragen, die ihn sogar in den literarischen Kreisen -bekannt machten. Doch erst in der allerletzten Zeit lenkte er plötzlich -die Aufmerksamkeit eines weit größeren Kreises von Lesern auf sich: kurz -nachdem er die Universität verlassen hatte und sich gerade anschickte, -für seine zweitausend Rubel ins Ausland zu reisen, veröffentlichte er in -einer der großen Tageszeitungen einen ganz besonderen Artikel, der -geradezu Aufsehen erregte und sogar die Aufmerksamkeit der Spezialisten -auf ihn lenkte. Es war das ein Artikel über eine Frage, die ihm, wie man -meinen sollte, ganz fern liegen mußte, denn er hatte Naturwissenschaft -studiert. Der Artikel behandelte die damals überall besprochene Frage -„Kirchenjustiz“. Er untersuchte zuerst etliche schon geäußerte Meinungen -und kam dann auf seine persönliche Anschauung der Sache. Besonders fiel -der Ton auf und das Unerwartete seiner Schlüsse. Viele Geistliche -hielten den Autor entschieden für einen von den Ihrigen. Und plötzlich -begannen nicht nur die Anhänger der Staatspartei, sondern sogar die -Atheisten ihm immer lebhafter ihren Beifall zu zollen. Schließlich aber -behaupteten einige kluge Leute, die eine etwas feinere Nase hatten, daß -der ganze Artikel nur eine freche Farce und eine Verhöhnung sei. Ich -erwähne die Geschichte nur darum, weil dieser Artikel auch in dem bei -unserer Stadt gelegenen berühmten Kloster bekannt wurde und die Mönche, -die sich sehr für die aufgeworfene Kirchengerichtsfrage interessierten, -einfach vor den Kopf stieß. Wie groß war die Verwunderung, als man auch -den Namen des Autors erfuhr und somit, daß er ein Kind unserer Stadt und -der Sohn „dieses selben Fedor Pawlowitsch“ sei! Da aber erschien der -Autor selbst in unserer Stadt. - -Warum Iwan Fedorowitsch zu uns kam, das fragte ich mich auch damals -schon mit einer gewissen Unruhe. Diese so verhängnisvolle Ankunft, die -den Anfang so vieler Ereignisse bildete, blieb für mich noch lange -nachher unaufgeklärt und ist es teilweise vielleicht auch jetzt noch. -Überhaupt war es sonderbar, daß dieser junge Mann, der so stolz, so -gelehrt und dem Anschein nach gleichzeitig so vorsichtig war, plötzlich -in dieses berüchtigte Haus kam, zu diesem Vater, der ihn bis dahin -völlig ignoriert hatte, der ihn nicht einmal kannte, sich kaum seiner -erinnerte und ihm natürlich auf keinen Fall und unter keinen Bedingungen -Geld gegeben hätte, selbst wenn der Sohn ihn um welches gebeten haben -würde, der sich aber trotzdem beständig fürchtete, daß seine Söhne Iwan -und Alexei doch auch einmal kommen und ihn dann um Geld bitten könnten. -Und siehe da, plötzlich kommt der junge Mann in das Haus solch eines -Vaters, lebt mit ihm einen Monat und dann noch einen, und beide leben -miteinander, wie man es sich besser nicht wünschen könnte. Wahrlich, das -setzte nicht nur mich in Erstaunen, sondern auch noch viele andere. - -Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der Vetter der ersten Frau Fedor -Pawlowitschs, war kurz vorher aus Paris, wo er sich endgültig -niedergelassen hatte, auf einige Zeit wieder in die Heimat gekommen und -wohnte damals auf seinem Gute. Ich erinnere mich noch, daß gerade er -mehr als alle anderen über dieses gute Einvernehmen erstaunt war, als er -diesen ihn sehr interessierenden jungen Mann kennen lernte, dem er, -nebenbei bemerkt nicht ganz ohne Neid, Kenntnisse zugestehen mußte, die -die seinigen weit überstiegen. „Er ist sehr stolz,“ sagte er damals von -Iwan Karamasoff, „wird sich immer sein Geld selbst verdienen und besitzt -bereits so viel, daß er ins Ausland reisen kann – was also sucht er noch -hier? Es ist doch allen klar, daß er nicht zum Vater gekommen ist, um -Geld zu holen, ganz abgesehen davon, daß der Vater ihm doch auf keinen -Fall welches geben würde. Zu trinken und ausschweifend zu leben, liebt -er auch nicht, und doch kann der Alte ohne ihn kaum noch auskommen, -dermaßen gut vertragen sich die beiden!“ - -Und so war es auch. Der junge Mann hatte ersichtlich einen großen -Einfluß auf den Vater; der schien ihm sogar zu gehorchen, wenn er auch -bisweilen unglaublich und geradezu heimtückisch eigensinnig sein konnte; -ja, er fing sogar an sich anständiger aufzuführen. - -Erst später stellte sich heraus, daß Iwan Fedorowitsch zum Teil auf die -Bitte seines älteren Bruders Dmitrij Fedorowitsch gekommen war, den er -kurz vorher zum erstenmal gesehen und kennen gelernt hatte, doch mit dem -er schon längere Zeit vor seiner Fahrt hierher in einer wichtigen -Angelegenheit, die wiederum nur Dmitrij Fedorowitsch anging, im -Briefwechsel gestanden hatte. Was das für eine Angelegenheit war, -wird der Leser späterhin bis in alle Einzelheiten erfahren. -Nichtsdestoweniger schien mir Iwan Fedorowitsch auch dann noch -rätselhaft, als ich schon alles, selbst diesen sonderbaren Umstand, -wußte, und sein Aufenthalt bei uns immerhin unerklärlich. - -Ich füge noch hinzu, daß Iwan Fedorowitsch zwischen dem Vater und dem -älteren Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der gegen den Vater eine -gerichtliche Klage einzureichen beabsichtigte, der Vermittler und -Friedensstifter zu sein schien. - -Die Familie war damals, wie ich schon erwähnte, zum erstenmal vollzählig -versammelt, und so sahen sich denn auch einige ihrer Glieder zum -erstenmal im Leben. Nur der jüngste Sohn, Alexei Fedorowitsch, lebte -schon seit fast einem Jahr bei uns; ihn hatten wir von den drei Brüdern -zuerst kennen gelernt. Über ihn bereits in meiner Einleitung etwas zu -sagen, ist mir aber am schwersten. Nur kann ich das eine, wie ich sehe, -nicht umgehen, da es eine sehr sonderbare Tatsache zu erklären gilt, -nämlich: warum ich meinen Helden schon in der ersten Szene seines Romans -in der Kutte eines Klosternovizen vorführen muß. Denn fast seit einem -Jahr lebte er schon in unserem Kloster und beabsichtigte, wie es schien, -sich für sein ganzes Leben in ihm einzuschließen. - - - IV. - Der dritte Sohn Aljoscha[3] - -Er zählte erst zwanzig Jahre (sein Bruder Iwan war vierundzwanzig und -der älteste Bruder Dmitrij achtundzwanzig Jahre alt). Vor allem möchte -ich bemerken, daß dieser Jüngling durchaus kein Fanatiker war und, -wenigstens meines Erachtens, auch kein Mystiker. Ich glaube mich nicht -zu täuschen, wenn ich in ihm einfach einen jugendlichen Menschenfreund -sehe. Wenn er aber ins Kloster ging, so tat er das nur, weil das -Klosterleben einen tiefen Eindruck auf ihn machte und ihm als Ideal -eines Ausgangs seiner sich aus dem Dunkel des Bösen dieser Welt zum -Licht der Liebe sehnenden Seele erschien. Und einen so tiefen Eindruck -machte dieses Leben auf ihn wohl nur, weil er dort im Kloster einen so -ungewöhnlichen Menschen antraf: unseren berühmten Staretz[4] Sossima, an -den er sich sofort mit der ganzen großen ersten Liebe seines heißen, -sehnsüchtigen Herzens hing. Übrigens will ich nicht bestreiten, daß er -schon damals sehr sonderbar war; ja, er war es eigentlich schon seit -seiner frühesten Kindheit. Als seine Mutter starb, hatte er kaum das -vierte Jahr erreicht, und doch erinnerte er sich, wie ich schon -erwähnte, ihres Gesichts, ihrer Liebkosungen, „ganz, als ob sie lebend -vor mir stände“. Solche Erinnerungen kann man bekanntlich aus noch -jüngeren Jahren haben, schon aus dem zweiten Lebensjahre, doch treten -sie im späteren Leben nur wie helle Punkte aus der Dunkelheit hervor, -wie ein hellgebliebenes Eckchen eines riesigen Bildes, das bis zur -Unkenntlichkeit nachgedunkelt und verloschen ist – bis auf diesen einen -begrenzten Fleck. So war es auch mit seiner Erinnerung. Er entsann sich -eines stillen Sommerabends: durch das offene Fenster fallen die schrägen -Strahlen der untergehenden Sonne in das Zimmer und in die Ecke auf das -Heiligenbild, vor dem das Lämpchen brennt (der schrägen Sonnenstrahlen -erinnerte er sich am besten), vor dem Heiligenbild kniet seine Mutter, -die „Klikuscha“, die hysterisch weint, schluchzt und Schmerzensschreie -ausstößt; sie zieht ihn zu sich heran, umarmt ihn so fest, daß es ihm -weh tut, und während sie die Muttergottes um Schutz für ihn anfleht, -hebt sie ihn zum schimmernden Heiligenbild empor, als ob sie ihn unter -den Schutz der Muttergottes stellen wollte ... und plötzlich kommt die -Kinderfrau ins Zimmer hereingestürzt und reißt ihn ganz erschrocken aus -den Händen der Mutter. Das war das Bild. Er erinnerte sich auch noch des -Gesichtes der Mutter in jenem Augenblick; er sagte: „Es muß wie -wahnsinnig, wie verzückt gewesen sein und doch wunderbar schön, -wenigstens darnach zu urteilen, wie ich es noch vor mir sehe“. Doch -liebte er es nicht, davon zu sprechen. Als Knabe, und auch späterhin als -Jüngling, war er wenig mitteilsam und gar nicht gesprächig, doch war er -es nicht etwa aus Schüchternheit, sondern aus ganz anderen Gründen, aus -gleichsam unbewußten, innerlichen Empfindungen, die eigentlich nur ihn -persönlich angingen und mit anderen Menschen nichts zu tun hatten, die -aber für ihn so wichtig waren, daß er seine Umgebung darüber ganz zu -vergessen schien. Doch er liebte die Menschen: er glaubte an sie sein -ganzes Leben hindurch und doch hielt ihn niemand für beschränkt oder -naiv. Es war etwas in ihm, was ihm die Menschen zu richten verbot, und -ihm immer zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht -das Verurteilen auf sich nehmen wolle und darum auch unter keiner -Bedingung verurteilen werde. Es schien sogar, daß er alles zugab und -nichts verurteilte, wenn er auch oftmals selbst schwer darunter litt. -Ja, schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen -setzen noch erschrecken, und das war eigentlich schon von seiner -frühesten Jugend an der Fall. Als er mit zwanzig Jahren rein und keusch -zu seinem Vater kam, in diese Höhle schmutzigen Lasters, entfernte er -sich nur schweigend, wenn er es nicht mehr mit ansehen konnte; doch tat -er das ohne den geringsten Ausdruck von Verachtung und Verurteilung, -einerlei wessen. Sein Vater, der als ehemaliger Freischlucker gegen -solche Beleidigungen ungemein feinfühlig und mißtrauisch war, und ihn -denn auch sehr voreingenommen empfing („Er schweigt zu viel und denkt -mir viel zu viel,“ sagte er), kam schon nach kurzer Zeit, nach kaum zwei -Wochen, immer häufiger zu ihm, um ihn zu umarmen und zu küssen, -allerdings mit trunkenen Tränen und in berauschter Rührseligkeit, doch -ersichtlich auch, weil er ihn aufrichtig immer mehr lieb gewann, so, wie -er vielleicht noch nie jemanden geliebt hatte. - -Ja, alle Menschen liebten diesen Jüngling, überall brachte man ihm, wo -er auch erschien, schon von Kindheit an sofort Liebe entgegen. Im Hause -seines Wohltäters und Erziehers Jefim Petrowitsch Polenoff hatten ihn -alle so lieb, daß man ihn wirklich wie einen leiblichen Sohn behandelte. -Und doch kam er in dieses Haus in so jungen Jahren, daß es unmöglich ist -anzunehmen, er habe durch Schlauheit oder die Kunst zu gefallen oder -sich einzuschmeicheln, die allgemeine Liebe erworben. So trug er denn -diese Gabe, in allen Liebe zu erwecken, ganz unbewußt in sich, sie lag -sozusagen schon in seiner Natur. Dasselbe geschah mit ihm auch in der -Schule, während man doch hätte glauben können, daß er gerade zu jenen -Kindern gehörte, die in den Kameraden gewöhnlich Spott hervorrufen, -nicht selten aber Mißtrauen und sogar Haß. Er war zum Beispiel immer -nachdenklich und schien sich gern von allen abzusondern. Er liebte es -schon von Kindheit an, sich in einen Winkel zurückzuziehen und Bücher zu -lesen. Und doch liebten ihn auch seine Schulkameraden sogar so -auffallend, daß man ihn tatsächlich während seiner ganzen Schulzeit den -allgemeinen Liebling nennen konnte. Er war selten ausgelassen, selten -auch nur lustig; aber ein jeder, der ihn ansah, wußte sofort, daß er -nicht finster oder mürrisch war, sondern heiter und gutmütig. Unter -seinen Altersgenossen suchte er nie sich hervorzutun. Vielleicht kam -dies daher, daß er niemanden und nichts fürchtete, und doch begriffen -die Knaben sofort, daß seine Unerschrockenheit keine Prahlerei sein -konnte und er selbst nicht einmal wußte, daß er kühn und furchtlos war. -Beleidigungen trug er nie nach. Es kam vor, daß er nach einer Stunde dem -Beleidiger antwortete oder mit ihm selbst so heiter und zutraulich ein -Gespräch begann, als ob niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre. -Und nie hatte es dabei den Anschein, daß er absichtlich vergessen oder -dem Beleidiger verzeihen wollte, sondern es geschah immer ganz harmlos -von ihm, als ob er es gar nicht für eine Beleidigung gehalten hätte – -und das war es, was die Kinder bestrickte und sie ihm unterwarf. Nur -eine Eigenschaft hatte er, die in allen Klassen des Gymnasiums, von der -niedrigsten bis zur höchsten, in den Kameraden immerwährend den Wunsch -erweckte, ihn zu necken, nicht etwa aus Bosheit, sondern einfach, weil -es ihnen Spaß machte. Das waren seine Scham und seine Keuschheit. Er -konnte gewisse Worte und gewisse Gespräche über Frauen nicht ertragen. -Diese „gewissen“ Worte und Gespräche sind zum Unglück in den Schulen -unausrottbar. In der Seele und im Herzen reine Jungen, fast noch Kinder, -lieben es zuweilen, in den Klassen unter sich und auch laut von solchen -Sachen, Bildern und Vorstellungen zu sprechen, über die selbst einfache -Soldaten nicht sprechen würden, denn Soldaten wissen und verstehen -vieles nicht von dem, was ganz jungen Kindern unserer höheren -Gesellschaft schon bekannt ist. Eine Sittenverderbnis kann man das nicht -gut nennen, ein wirklicher innerer Zynismus ist es auch nicht, wohl aber -ist es ein äußerer Zynismus, den man oft für vornehm, „schneidig“ und -womöglich noch für nachahmungswürdig hält. Als man nun bemerkte, daß -„Aljoschka Karamasoff“, wenn man „davon“ sprach, seine Finger in die -Ohren steckte, so versammelte man sich um ihn und riß ihm mit Gewalt die -Hände fort und schrie ihm dann Gemeinheiten in beide Ohren: er jedoch -riß sich los, wälzte sich auf dem Fußboden herum, versuchte sich zu -verstecken und zu bedecken, ertrug aber, ohne ihnen ein Wort zu -erwidern, ohne zu schreien, schweigend die Beleidigung. Zu guter Letzt -ließen sie ihn denn auch in Ruh und neckten ihn nicht mehr als „das -Mädchen“, sahen aber in der Beziehung doch mit Bedauern auf ihn herab. -Als Schüler war er einer von den besseren, doch niemals war er der -erste. - -Als Polenoff starb, blieb Aljoscha noch zwei Jahre im Kreisgymnasium. -Die untröstliche Gemahlin Jefim Petrowitschs begab sich sofort nach -seinem Tode, und zwar auf lange Zeit, mit ihrer ganzen Familie, die nur -aus Wesen weiblichen Geschlechts bestand, nach Italien. Aljoscha kam zu -zwei Damen, die er früher niemals gesehen hatte, zu entfernten -Verwandten Jefim Petrowitschs; unter welchen Bedingungen, das wußte er -selbst nicht. Charakteristisch, und das sogar im höchsten Grade, war -diese eine Eigenschaft an ihm, daß er sich niemals darum bekümmerte, auf -wessen Kosten er lebte. Darin war er der größte Gegensatz seines älteren -Bruders Iwan Fedorowitsch, der die zwei ersten Jahre auf der Universität -Not litt und sich durch seine eigene Arbeit ernährte, und es von -Kindheit an immer bitter empfunden hatte, daß er auf fremde Kosten, -auf die seines Wohltäters, leben mußte. Diese sonderbare -Charaktereigenschaft Aljoschas konnte man indessen nicht streng -verurteilen, denn ein jeder, der ihn nur etwas näher kennen lernte, -überzeugte sich alsbald, daß Aljoscha in der Beziehung zu dem Typ der -gleichsam einfältigen Jünglinge gehörte, die, wenn man ihnen ein ganzes -Kapital gäbe, es bei der ersten Gelegenheit fortgeben würden, sei es zu -einem guten Zweck oder einfach einem gewandten Menschen, wenn er sie -darum bäte. Ja, und überhaupt kannte er nicht den Wert des Geldes – -versteht sich, nicht im buchstäblichen Sinne gesprochen. Aber wenn man -ihm Taschengeld gab, um das er niemals selbst bat, so wußte er -wochenlang nicht, was er mit ihm anfangen sollte, oder er gab es sofort, -und ohne zu berechnen, aus. Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, ein Mensch, -der in Geldsachen und bourgeoisen Ehrbegriffen sehr empfindlich war, -sprach über Alexei einmal folgenden Aphorismus aus: „Er ist vielleicht -der einzige Mensch auf der Welt, der, wenn man ihn plötzlich allein und -ohne Geld auf einem Platze einer ihm unbekannten Millionenstadt ließe, -weder verloren gehen würde, noch vor Kälte oder Hunger sterben, denn man -würde ihm sofort zu essen geben, ihm sofort alles verschaffen, ohne daß -er sich auch nur anzustrengen brauchte oder sich erniedrigen müßte, und -ohne daß er dem Gönner zur Last fiele, im Gegenteil, man würde es sich -noch zur Ehre anrechnen.“ - -Das Gymnasium beendete er nicht; er hatte noch ein ganzes Jahr vor sich, -als er plötzlich seinen Damen erklärte, daß er wegen einer Sache, die -sich in seinem Kopf festgesetzt hatte, zu seinem Vater fahren müsse. Die -Damen waren sehr betrübt und erschrocken darüber und wollten es ihm -zuerst nicht gestatten. Die Fahrt kostete nicht viel, doch die Damen -erlaubten ihm nicht, seine Uhr zu dem Zwecke zu versetzen – ein -Geschenk, das er zur Erinnerung von der Familie seines Wohltäters -erhalten hatte, als diese ins Ausland abgereist war – und statteten ihn -selbst nicht nur mit reichen Mitteln, sondern auch noch mit neuen -Kleidern und guter Wäsche aus. Er gab ihnen aber die Hälfte des Geldes -zurück und erklärte ihnen, daß er durchaus in der dritten Klasse fahren -wolle. Als er dann in unserem Städtchen ankam, antwortete er auf die -ersten Fragen seines Vaters: „Warum hast du dich denn hierher begeben, -ohne deinen Kursus beendet zu haben?“ einfach überhaupt nichts, sondern -war, wie man sich allgemein erzählte, in sich gekehrt und nachdenklich. -Bald darauf brachte man heraus, daß er das Grab seiner Mutter suchte. Er -sagte später sogar selbst, daß er nur darum gekommen sei. Aber es ist -wohl kaum anzunehmen, daß dies allein der Grund seiner Reise war. Viel -wahrscheinlicher ist, daß er sich damals selbst nicht erklären konnte, -was er wollte: irgend etwas hatte sich in seiner Brust erhoben, etwas, -das ihn schon auf einen neuen, unbekannten und unvermeidlichen Weg zog. -Fedor Pawlowitsch konnte ihm übrigens den Platz, wo er seine zweite Frau -begraben hatte, nicht zeigen, da er nach der Beerdigung niemals mehr an -ihrem Grabe gewesen war, und daher im Laufe der Jahre ganz vergessen -hatte, wo sie eigentlich beerdigt lag ... - -Noch ein Wort über Fedor Pawlowitsch. Er hatte längere Zeit über nicht -in unserem Städtchen gelebt. Im dritten oder vierten Jahre nach dem Tode -seiner Frau war er in den Süden Rußlands gereist und zu guter Letzt in -Odessa angekommen, wo er einige Jahre verlebte. Nach seinen eigenen -Worten hatte er sich dort mit vielen „Juden und Jüdchen der -verschiedensten Sorten“ angefreundet, und war zum Schluß sogar „bei -richtigen Hebräern“ empfangen worden. Es ist wohl anzunehmen, daß er in -dieser Periode seines Lebens die besondere Kunst entwickelt hatte, aus -allem Geld herauszuschlagen und so sein Kapital beträchtlich zu -vergrößern. Er kehrte erst drei Jahre vor der Ankunft Aljoschas -endgültig in unser Städtchen zurück. Seine früheren Bekannten fanden ihn -sehr gealtert, obgleich er noch längst kein Greis war; auch hielt er -sich nicht etwa anständiger, sondern womöglich noch unanständiger. Vor -allem tat sich in dem alten Narren das Bedürfnis kund, jetzt auch andere -zu Narren zu machen. Mit Frauen verkehrte er nicht nur wie früher, -sondern tat es noch gemeiner, noch widerlicher. In kurzer Zeit gründete -er viele neue Schenken in unserem Gouvernement. Es war klar, daß er -mindestens hunderttausend Rubel Kapital besitzen mußte. Viele von den -Stadteinwohnern, aber auch viele vom Lande, wurden denn auch alsbald -seine Schuldner, doch natürlich nur unter den sichersten Garantieen. -Äußerlich veränderte er sich in der letzten Zeit ganz ansehnlich: er -bekam etwas Aufgedunsenes, das er früher nicht gehabt hatte, schien sich -auch von seinen Handlungen nicht mehr Rechenschaft ablegen zu können, -bekundete einen gewissen Leichtsinn, begann mit dem einen und endete mit -etwas ganz anderem, wurde auffallend unruhig und betrank sich immer -öfter, und wenn ihn nicht zuweilen sein treuer Diener Grigorij, der in -der Zwischenzeit gleichfalls recht gealtert war, fast wie seinen Zögling -bewacht und beschützt hätte, so würde er sich vielleicht durch seine -Lebensweise ernste Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Die Ankunft -Aljoschas machte aber in moralischer Beziehung doch einen gewissen -Eindruck auf ihn: es schien, als ob in diesem verderbten Alten etwas von -dem wiedererwachte, was in seiner Seele schon längst verstummt war. - -„Weißt du auch, Alexei,“ sagte er oftmals, wenn er ihn betrachtete, „daß -du ihr sehr ähnlich bist, ich meine der Klikuscha?“ So nannte er stets -seine verstorbene Frau, die Mutter Iwans und Aljoschas. Das Grab der -„Klikuscha“ zeigte dem Jungen schließlich der Diener Grigorij. Er führte -ihn auf unseren Friedhof, und dort zeigte er ihm in einer entlegenen -Ecke eine kleine, nicht gerade teuere, doch immerhin sauber gearbeitete -gußeiserne Platte, auf der sogar eine Inschrift stand: der Name, das -Geburts- und Todesjahr der Verstorbenen, und darunter war noch ein -vierstrophiger Spruch eingraviert, einer von den allgemein -gebräuchlichen auf den Gräbern des Mittelstandes. Diese Platte erwies -sich zu Aljoschas nicht geringer Verwunderung als ein Liebeswerk -Grigorijs. Er hatte sie selbst auf dem Grabe der armen „Klikuscha“ -errichten lassen, auf seine Kosten, nachdem Fedor Pawlowitsch, den er -mehrmals mit der Erinnerung an dieses Grab geärgert hatte, schließlich -nach Odessa gefahren war und hinfort nicht nur von Gräbern, sondern auch -von allem Gewesenen nichts mehr wissen wollte. Aljoscha äußerte am -kleinen Grabe seiner Mutter keinerlei besondere Rührung; er hörte nur -der wichtig und ernst vorgetragenen Erzählung Grigorijs von der -Errichtung der Grabplatte zu, stand mit gesenktem Kopf, und sprach die -ganze Zeit über kein Wort. Seit jenem Tage war er vielleicht im ganzen -Jahr kein einziges Mal wieder auf den Kirchhof gegangen. Doch auf Fedor -Pawlowitsch machte auch diese kleine Episode einen gewissen Eindruck, -was sich in einer sehr originellen Weise äußerte. Er nahm plötzlich -tausend Rubel und brachte dieses Tausend in unser Kloster, um -Seelenmessen für seine verstorbene Frau lesen zu lassen, doch nicht für -die zweite, die Mutter Aljoschas, die „Klikuscha“, sondern für die -erste, Adelaida Iwanowna, die ihn geprügelt hatte. Am Abend dieses Tages -betrank er sich, und schimpfte dann in Aljoschas Gegenwart gewaltig über -die Mönche. Selbst war er nichts weniger als ein religiöser Mensch; er -hatte vielleicht kein einziges Mal im Leben ein Fünfkopekenlicht vor ein -Heiligenbild gestellt. Aber gerade solche Burschen können zuweilen ganz -sonderbare Ausbrüche plötzlicher Gefühle und plötzlicher Gedanken haben. - -Ich sagte schon, daß sein Gesicht aufgedunsen war. Seine Züge drückten -damals etwas aus, das scharf die Charakteristik und das Wesentliche -seines durchlebten Lebens kennzeichnete. Außer den langen und -fleischigen Säcken unter seinen kleinen, ewig unverschämten, -mißtrauischen und spöttischen Äuglein, außer einer Menge kleiner, tiefer -Runzeln in seinem kleinen, doch fetten Gesicht, hing sich an sein -spitzes Kinn noch ein großes, fleischiges und sackartig längliches -Doppelkinn, das ihm ein ganz besonders widerlich-lüsternes Aussehen -verlieh. Hinzu füge man jetzt noch einen großen, sinnlichen Mund mit -fleischigen Lippen, hinter denen man die kleinen Stummel schwarz -gewordener, fast verfaulter Zähne sah. Wenn er zu sprechen begann, -spritzte jedesmal Speichel von seinen Lippen. Übrigens liebte er selbst, -über sein Gesicht zu scherzen, obgleich er, wie es schien, ganz -zufrieden mit ihm war. Besonders wies er auf seine Nase hin, die nicht -sehr groß, doch sehr schmal und stark gebogen war: „Echt römisch,“ -pflegte er zu sagen, „zusammen mit dem Doppelkinn die echte Physiognomie -eines alten römischen Patriziers aus der Verfallszeit.“ Darauf, glaube -ich, war er sogar ziemlich stolz. - -Eines Tages nun, bald nachdem Aljoscha das Grab seiner Mutter besucht -hatte, erklärte dieser plötzlich seinem Vater, daß er in das Kloster -eintreten wolle, und daß die Mönche bereit seien, ihn als Novizen -aufzunehmen. Er fügte noch hinzu, daß es sein heißer Wunsch sei, und daß -er jetzt von ihm, seinem Vater, die feierliche Erlaubnis dazu erbäte. -Der Alte wußte schon, daß der Staretz Sossima, der in der Einsiedelei -des Klosters lebte, auf seinen „sanften, stillen Jungen“ einen tiefen -Eindruck gemacht hatte. - -„Dieser Staretz ist bei ihnen noch der ehrlichste von allen,“ brummte er -vor sich hin, nachdem er Aljoschas Bitte, über die er sich weiter gar -nicht wunderte, angehört hatte. „Hm ... sieh mal einer an, wohin du -willst ... Also dorthin willst du, mein sanfter Junge!“ Er war -halbtrunken, und plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einem langen, -stumpfen Grinsen, das aber doch nicht einer gewissen Schlauheit und -Hinterlist entbehrte: „Hm ... weißt du, ich ahnte es ja, daß du gerade -mit irgend so etwas enden würdest, kannst du dir das vorstellen? Gerade -darauf hattest du’s doch abgesehen. Nun, was, meinetwegen ... Du hast -doch deine Zweitausend, das wäre denn die Aussteuer. Ich aber werde -dich, mein Liebling, nie verlassen, und auch jetzt werde ich dir alles -geben, was du zum Eintritt nötig hast, wenn sie’s verlangen. Nun, und -wenn sie’s nicht verlangen, warum dann aufdrängen, nicht wahr? Geld -gibst du ja nur wie’n Kanarienvogel aus, kaum zwei Körnchen in einer -Woche ... Hm ... weißt du, bei einem bekannten Kloster gibt’s so eine -kleine Vorstadt, und alle wissen dort schon, daß in ihr nur die -‚Klosterweiber‘ leben, so werden sie dort allgemein genannt, etwa -dreißig an der Zahl, glaube ich ... Ich war dort mal, nicht -uninteressant, natürlich in ihrer Art, so als Abwechslung einmal. Gemein -war nur der furchtbare Russizismus, nicht eine einzige Französin war -dabei, könnten aber sein, denn die Mittel sind bedeutend. Nun, werden’s -schon bald riechen und angeflogen kommen. Hier aber, alle Achtung, hier -gibt’s keine Klosterweiber, Mönche an zweihundert Stück. Alle ehrsam, -nichts zu sagen. Fasten bloß. Ich muß gestehen ... Hm! Also du willst zu -den Mönchen gehen? Aber du tust mir doch leid, Aljoscha, wirklich, glaub -mir, ich habe dich liebgewonnen! ... Übrigens, das wäre eine günstige -Gelegenheit: Du kannst dort auch für uns Sünder beten, haben wir doch -hier schon gar zu viel gesündigt. Ich habe immer daran gedacht: wer wird -einmal für mich beten? Gibt es in der Welt auch nur einen einzigen -Menschen, der für mich beten wird? Du mein lieber Junge, ich bin doch in -dieser Beziehung ganz furchtbar dumm, du glaubst es nicht, wie dumm! -Ganz furchtbar. Siehst du: wie dumm ich aber nun auch bin, an dieses -denke ich doch ununterbrochen, ununterbrochen, d. h. versteht sich, so -mitunter, aber ich denke doch immerhin daran! Es kann doch nicht sein, -denke ich, daß die Teufel vergessen sollten, mich mit Ofenkrücken oder -spitzen Haken zu sich hinabzuziehen, wenn ich gestorben bin? Nun, und da -denke ich denn so: Haken? Woher nehmen sie die? Schön, – Haken! – aber -was für welche? Etwa eiserne? Wo werden sie denn dort geschmiedet? Oder -haben sie dort womöglich so ’ne ganze Fabrik? Im Kloster glauben doch -die Mönche sicherlich, daß es in der Hölle, zum Beispiel, einen Plafond, -eine Decke gibt. Ich aber, siehst du, bin bereit, an die Hölle zu -glauben, nur muß sie ohne Decke sein; das ist gewissermaßen delikater, -aufgeklärter – das heißt lutherischer. Im Grunde aber sollte man meinen, -– ist’s denn nicht einerlei: mit ’ner Decke oder ohne Decke? Das aber -ist ja die verflixte Frage! Nun, sage doch selbst: wenn es keine Decke -gibt, so gibt es folglich auch keine Haken. Gibt’s aber keine Haken, so -geht ja die ganze Hölle flöten, dann ist ja das Ganze nur ’ne Fabel; -also – wiederum unwahrscheinlich: wer wird mich dann noch mit Ofengabeln -hinunterziehen, denn wenn man nicht einmal mich hinunterzieht, wer soll -dann überhaupt noch gezogen werden, und wo ist dann die Gerechtigkeit in -der Welt? _Il faudrait les inventer_, diese Ofengabeln, speziell für -mich, für mich allein, denn, ach Aljoscha! – wenn du wüßtest, was ich -für ein Schandkerl bin! ...“ - -„Aber dort gibt es doch gar keine Ofengabeln,“ sagte still und ruhig -Aljoscha, der ernst den Vater betrachtete. - -„Stimmt, nur Schatten von Ofengabeln. Ich weiß, ich weiß. Das ist, wie -ein Franzose die Hölle beschreibt: _J’ai vu l’ombre d’un cocher qui avec -l’ombre d’une brosse frottait l’ombre d’une carrosse._ Aber woher weißt -du denn, mein Täubchen, daß es dort keine Ofengabeln gibt? Bleib mal -erst ein bißchen bei den Mönchen, dann wirst du schon was andres -anstimmen, wirst piepen, wie die Alten singen. Doch, übrigens, gehe hin, -wenn du willst, trachte, bis zur Wahrheit vorzudringen und komm dann her -erzählen: es wird doch immerhin leichter sein, ins Jenseits abzugehen, -wenn man genau weiß, wie’s dort eigentlich zugeht. Und dort bei den -Mönchen ist’s auch anständiger für dich als hier bei mir, dem alten -Trinker und den Mädels ... wenn auch dich, wie einen Engel, nichts -berührt. Nun, vielleicht wird dich auch dort nichts berühren, nur darum -erlaube ich dir alles, weil ich eben darauf hoffe. Deinen Verstand hat -doch nicht der Teufel aufgefressen. Wirst entflammen und erlöschen, -gesund werden und zurückkommen. Ich aber werde dich erwarten. Fühle ich -doch, daß du der einzige Mensch auf der ganzen Welt bist, der mich nicht -verurteilt hat, du mein lieber Junge, das fühle ich doch, wie soll ich -denn das nicht fühlen! ...“ - -Und er fing sogar an zu flennen. Er war ein sentimentaler Mensch. Er war -gemein und sentimental zugleich. - - - V. - Die Startzen - -Vielleicht werden meine Leser denken, Aljoscha Karamasoff sei ein -kränklicher, ekstatischer, dürftig entwickelter Jüngling gewesen, ein -bleicher Träumer, ein blutarmer, kraft- und saftloser Mensch. Im -Gegenteil: Aljoscha war schon ein stattlicher, neunzehnjähriger junger -Mann mit einem hellen, offenen Blick und strotzte fast vor Gesundheit. -Er war sogar sehr hübsch, prächtig gewachsen, dabei von mittelhohem -Wuchs, dunkelblond, das Gesicht von einem regelmäßigen, etwas länglichen -Oval, in dem die glänzenden, dunkelgrauen Augen weit auseinanderstanden, -war sehr nachdenklich und – wenigstens schien es so – sehr ruhig. Man -wird vielleicht sagen, daß rote Wangen weder Fanatismus noch Mystizismus -ausschließen; ich aber glaube, daß Aljoscha mehr als sonst jemand -Realist war. O, versteht sich, im Kloster glaubte er vollkommen an -Wunder, doch meiner Meinung nach machen Wunder einen Realisten niemals -irre. Nicht die Wunder führen den Realisten zum Glauben. Wenn der echte -Realist ungläubig ist, wird er immer die Kraft und die Fähigkeit in sich -finden, dem Wunder nicht zu glauben, wenn aber das Wunder vor ihm zur -unabweisbaren Tatsache wird, so wird er eher seinen Sinnen nicht trauen, -als daß er die Tatsache zugäbe. Oder gibt er sie auch einmal zu, so wird -er sie doch nur als ganz natürlichen Vorgang zugeben, der ihm nur bis -dahin noch unbekannt war. Im Realisten wird der Glaube nicht durch das -Wunder hervorgerufen, sondern das Wunder durch den Glauben. Wenn der -Realist einmal glaubt, so muß er gerade infolge seines Realismus -unbedingt auch das Wunder zugeben. Der Apostel Thomas sagte, daß er -nicht eher glauben werde, als bis er selbst sähe, als er aber sah, da -rief er: „Mein Herr und mein Gott!“ Machte ihn das Wunder glauben? -Wahrscheinlich nicht, sondern er glaubte ausschließlich darum, weil er -glauben wollte, und vielleicht glaubte er in seinem Innersten schon -damals vollkommen, als er sagte, er werde nicht eher glauben, als bis er -selbst sähe. - -Oder vielleicht wird man sagen, Aljoscha sei stumpf gewesen, -unentwickelt, habe das Gymnasium nicht beendet usw. Letzteres ist -allerdings wahr, doch wäre es eine große Ungerechtigkeit, zu sagen, daß -er dumm gewesen sei. Ich wiederhole, was ich schon einmal gesagt habe: -Der einzige Grund, warum er diesen Weg einschlug, war der, daß nur -dieser Weg allein auf ihn damals einen tiefen Eindruck machte und ihm -mit einemmal das ganze Ideal der Erlösung seiner leidenschaftlich aus -der Finsternis zum Licht strebenden Seele zeigte. Jetzt bedenke man -noch, daß er seinem Alter nach teilweise schon unserer neuen Zeit -angehörte, also schon von Natur ehrlich war, nach Wahrheit verlangte, -sie suchte, an sie glaubte und mit der ganzen Kraft seiner Seele der -Wahrheit unmittelbar teilhaftig werden wollte, sich nach einer Heldentat -sehnte, und zwar mit dem bedingungslosen Wunsch, für diese Tat womöglich -alles, selbst das Leben zu opfern. Nur sehen es diese Jünglinge leider -nicht ein, daß das Opfer des Lebens in den meisten Fällen vielleicht das -leichteste von allen Opfern ist, und daß, zum Beispiel, von seinem in -Jugend schäumenden Leben fünf oder sechs Jahre schwerem, mühsamem -Studium der Wissenschaft zu opfern – und wenn auch nur, um in sich die -Kraft zur Förderung dieser selben Wahrheit und zur Ausführung derselben -Heldentat, für die man schwärmt, und die zu erfüllen man sich -vorgenommen hat, zu verzehnfachen – daß solch ein Opfer vielen von ihnen -weit über ihre Kräfte geht. Aljoscha erwählte bloß den Weg, der allen -anderen entgegengesetzt war, doch tat er es mit demselben heißen -Verlangen nach einer schnellen Heldentat. Kaum war er in ernstem -Nachdenken von der Überzeugung, daß es Unsterblichkeit und Gott gibt, -ergriffen worden, als er sich natürlicherweise sofort sagte: „Ich will -für die Unsterblichkeit leben, auf einen Kompromiß aber gehe ich nicht -ein.“ Ebenso wäre er, wenn er sich überzeugt hätte, daß es -Unsterblichkeit und Gott nicht gibt, sofort zu den Atheisten und -Sozialisten übergegangen (denn der Sozialismus ist nicht nur eine -Arbeiterfrage oder eine Frage des sog. vierten Standes, sondern -hauptsächlich eine atheistische Frage, die Frage der gegenwärtigen -Inkarnation des Atheismus, die Frage des „Turmes zu Babel“, der gerade -ohne Gott gebaut wird, nicht zur Erreichung des Himmels von der Erde -aus, sondern zur Niederführung des Himmels auf die Erde). Es schien -Aljoscha sogar sonderbar und unmöglich, so weiter zu leben. Es steht -geschrieben: „Verteile dein Gut und folge mir nach, wenn du vollkommen -sein willst.“ Und so sagte sich denn auch Aljoscha: „Ich kann doch nicht -an Stelle meines ganzen Gutes nur zwei Rubel geben, und anstatt des -‚folge mir nach‘ nur zur Kirche gehen.“ Von den Eindrücken seiner -Kinderjahre erinnerte er sich vielleicht noch einiger aus unserem -Kloster, wohin ihn die Mutter oftmals mitgenommen hatte. Vielleicht -waren auch die schrägen Strahlen der Abendsonne, die auf das schimmernde -Heiligenbild fielen, als ihn seine Mutter, die Klikuscha, zu jenem -hingehalten hatte, auf ewig in seine Seele gefallen. Nachdenklich und -still war er damals, als er herkam, vielleicht nur, um zu sehen: Ist -hier alles, oder sind auch hier nur zwei Rubel? – Da traf er im Kloster -diesen Staretz ... - -Dieser Staretz war, wie ich schon früher sagte, der Staretz Sossima. -Doch hier sehe ich mich gezwungen, zunächst ein wenig zu erläutern, wer -und was diese „Startzen“ in unseren Klöstern eigentlich sind. Es tut mir -nur leid, daß ich mich in dieser Frage nicht ganz maßgebend fühle; ich -werde mich daher mit einer kurzen, mehr oberflächlichen Erklärung -begnügen. Viele Sachkundige behaupten, daß das Startzentum bei uns in -unseren russischen Klöstern erst seit sehr kurzer Zeit eingeführt sei, -kaum seit hundert Jahren, während es im ganzen orthodoxen Osten, -besonders auf dem Sinai und dem Athos, schon seit mehr denn tausend -Jahren vorkomme. Es wird zwar behauptet, daß das Startzentum auch bei -uns früher, schon in den ältesten Zeiten, bestanden habe, dann aber -infolge der vielen Heimsuchungen Rußlands, infolge des Tatarenjochs, der -inneren Unruhen, der Unterbrechung unserer früheren Verbindungen mit dem -Westen und schließlich der Eroberung Konstantinopels durch die Türken -vergessen worden sei. Aufgekommen aber wäre es jetzt wieder seit dem -Ende des vorigen Jahrhunderts durch einen der großen Eiferer, Paissij -Welitschkowskij und seine Schüler, doch ist es noch heute, also selbst -nach fast hundert Jahren, nur in sehr wenigen Klöstern eingeführt, und -nicht selten ist es sogar als in Rußland unerhörte Neuerung nahezu -Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Zu besonderer Blüte kam es bei uns in -Rußland in der berühmten Einsiedelei der Koselskischen Optina. Wann und -durch wen es auch in unserem, ganz nahe bei der Stadt gelegenen Kloster -eingeführt worden ist, weiß ich nicht; doch sind dort schon drei -Startzen gewesen, von denen der Staretz Sossima der dritte und der -letzte Nachfolger war. Auch er siechte schon in Krankheit und Schwäche -dahin. Durch wen man ihn aber ersetzen sollte, das wußte man noch nicht -einmal. Für unser Kloster war das eine wichtige Frage, da es sich bis -dahin eigentlich noch durch nichts ausgezeichnet hatte: Es gab in ihm -weder Gebeine Heiliger noch „wunderbar erschienene,[5] wundertätige -Heiligenbilder“, und nicht einmal alte Sagen, die es mit unserer -Geschichte verknüpft oder von ihm Großes, um das Vaterland -Verdienstvolles zu berichten gewußt hätten. Aufgeblüht aber und in ganz -Rußland bekannt geworden war es gerade durch seine Startzen, die zu -sehen und zu hören Pilger in Scharen von weitem herkamen und oft -Tausende von Werst zu Fuß zurücklegten. Doch was ist nun solch ein -Staretz? Der Staretz ist einer, der eines Menschen Seele und Willen in -seine Seele und seinen Willen aufnimmt. Wenn man einen Staretz gewählt -hat, sagt man sich von dem eigenen Willen los und gibt ihn dem Staretz -zu vollem Gehorsam mit vollständiger Selbstverleugnung. Diese Prüfung, -diese furchtbare Lebensüberwindung nimmt der sich dem Staretz Ergebende -freiwillig auf sich: in der Hoffnung, nach langer Prüfung sich selbst -überwinden zu können, sich seiner selbst dermaßen zu bemächtigen, daß er -endlich durch lebenslänglichen Gehorsam die volle Freiheit erlange, – -das heißt, um vor sich selbst frei zu sein, auf daß er dem Los derer -entgehe, die das ganze Leben verleben und doch ewig ihr eigener Knecht -bleiben. Diese Einrichtung, ich meine das Startzentum, ist nicht -theoretisch entstanden, sondern hat sich im Osten aus der Praxis ergeben -und ist heutzutage schon tausendjährig. Die Verpflichtungen dem Staretz -gegenüber sind nicht etwa der gewöhnliche „Gehorsam“ (oder „Dienst“), -der in unseren russischen Klöstern seit jeher üblich ist; nein, hier -handelt es sich um die ewige Beichte aller sich dem Staretz Ergebenden -und die unlösbare Verbindung zwischen dem Gebundenen und dem Bindenden. -Man erzählt sich zum Beispiel, daß einmal in den ältesten Zeiten des -Christentums ein derart Gebundener eine Buße, die ihm von seinem Staretz -auferlegt worden war, nicht erfüllt und das Kloster verlassen hatte, und -in ein anderes Land, ich glaube aus Syrien nach Ägypten, gezogen war. -Dort hatte er lange Zeit Großes vollbracht, und schließlich war er für -seinen Glauben den Märtyrertod gestorben. Als aber die Kirche ihn, den -sie fast schon als Heiligen ehrte, bestatten wollte, da war der Sarg -plötzlich bei den Worten des Diakonus: „Katechumenen, geht hinaus“, mit -der in ihm liegenden Leiche des Märtyrers von der Stelle gerückt und zur -Kirche hinausgeworfen worden, und also war es dreimal geschehen. Erst -später hatte man erfahren, daß der heilige Dulder den Gehorsam gebrochen -und seinen Staretz verlassen hatte, und darum konnte ihm ohne die -Erlaubnis dieses Staretz, selbst trotz seiner großen Taten, nicht -verziehen werden. Und seine Bestattung konnte erst stattfinden, als sein -Staretz ihn der Buße enthoben hatte. Natürlich ist das nur eine alte -Legende, doch will ich noch eine andere Begebenheit aus unserer Zeit -erzählen: Einer unserer zeitgenössischen Mönche hatte sich in das -Kloster des Athos zurückgezogen, und plötzlich befiehlt ihm sein -Staretz, Athos zu verlassen – Athos, das er bis in die tiefste Tiefe -seiner Seele in Liebe eingeschlossen hatte! – und zuerst nach Jerusalem -und dann zurück nach Rußland, in den Norden, nach Sibirien zu gehen: -„Dort ist dein Platz, nicht hier.“ Der erschrockene und vor Leid -niedergedrückte Mönch ging nach Konstantinopel zum Ökumenischen -Patriarchen und flehte ihn an, ihn des Gehorsams zu entbinden; da aber -antwortete ihm der Ökumenische Machthaber, daß nicht nur er, der -Ökumenische Patriarch, ihn nicht befreien könne, sondern daß es auf der -ganzen Erde keine Macht gäbe, die ihn von dem, was ihm einmal sein -Staretz auferlegt hätte, entbinden könnte, abgesehen natürlich von dem -Staretz selbst. So haben denn die Startzen in gewissen Fällen eine -grenzenlose und unvergleichliche Macht. Das ist auch der Grund, warum -bei uns das Startzentum in vielen Klöstern auf solche Feindseligkeit -stieß. Indessen aber wurden die Startzen im Volk alsbald sehr geachtet -und verehrt. Zu den Startzen unseres Klosters kamen sowohl die -einfachsten als die vornehmsten Leute, um ihnen kniend ihre Zweifel, -Sünden und Leiden zu beichten und sie um Rat und Leitung zu bitten. -Dagegen führten dann die Gegner der Startzen unter anderen -Beschuldigungen aus, daß hierbei das Mysterium der Beichte eigenmächtig -und leichtsinnig profaniert werde – obgleich in diesem Falle das -ununterbrochene Beichten des sich ihm ergebenden Klosterbruders oder -Weltlichen keineswegs als Mysterium aufgefaßt wurde. Es endete -schließlich damit, daß das Startzentum sich doch behauptete und -allmählich in den Klöstern verbreitete. Allerdings ist auch das wahr, -daß dieses erprobte und schon tausendjährige Mittel zur sittlichen -Auferstehung des Menschen von der Sklaverei zur Freiheit und zur -moralischen Vervollkommnung sich in ein zweischneidiges Schwert -verwandeln kann, so daß es manchen vielleicht, statt zur Demut und -endgültigen Selbstüberwindung, zu satanischem Stolz, also zu Ketten, -nicht aber zur Freiheit führt. - -Der Staretz Sossima war fünfundsechzig Jahre alt; er stammte aus einer -Gutsbesitzerfamilie, war als Junge Kadett gewesen und hatte im Kaukasus -als Oberleutnant gedient. Zweifellos hatte er auf Aljoscha durch -irgendeine ganz besondere Eigenschaft seiner Seele einen so tiefen -Eindruck gemacht. Aljoscha lebte in seiner unmittelbaren Nähe, in seiner -Zelle, da der Staretz ihn sehr liebgewonnen hatte. Ich muß noch -bemerken, daß Aljoscha, als er damals im Kloster lebte, noch durch -nichts gebunden war, zu jeder Zeit aus dem Kloster gehen und ganze Tage -lang fortbleiben konnte, und wenn er die Kutte trug, so geschah es von -ihm freiwillig, um nicht unter den anderen im Kloster aufzufallen, und -natürlich gefiel es ihm auch selbst, die Kutte zu tragen. Vielleicht -wirkten auf seine jugendliche Phantasie auch die Macht und der Ruhm, die -seinen Staretz ununterbrochen umgaben. Von dem Staretz Sossima sagte -man, er hätte in all den Jahren dermaßen viel Geständnisse und -Geheimnisse in seine Seele aufgenommen, daß er schließlich schon auf den -ersten Blick in das Gesicht des Unbekannten erraten könne, womit jemand -zu ihm kam, was er suchte, und sogar, welch eine Qual sein Gewissen -peinigte, und ihn, noch bevor der Andere ein Wort gesprochen, durch -diese Kenntnis seines Geheimnisses in Erstaunen setzte, verwirrte und -nicht selten erschreckte. Dabei fiel es Aljoscha besonders auf, daß -viele, wenn nicht alle, die das erstemal zum Staretz zu einem Gespräch -unter vier Augen kamen, ängstlich und unruhig bei ihm eintraten, dafür -aber beinahe immer heiter und glücklich wieder fortgingen, daß selbst -das finsterste Gesicht sich in ein fröhliches verwandelte. Auch wunderte -es ihn sehr, daß der Staretz keineswegs streng war; im Gegenteil, er war -stets heiter. Die Mönche sagten von ihm, daß er mit seiner Seele am -meisten an denen hinge, die sündiger wären, und den am meisten liebte, -der am sündigsten war. Unter den Mönchen gab es selbst bis zu seinem -Lebensende noch manche, die ihn haßten und beneideten, doch war ihre -Zahl schon recht klein geworden, und auch sie schwiegen, obgleich zu -ihnen sogar sehr bekannte und im Kloster hochangesehene Mönche gehörten, -wie zum Beispiel einer der ältesten Einsiedler, Pater Ferapont, der ein -großer Schweiger und außergewöhnlicher Faster war. Doch immerhin hielt -schon die übergroße Mehrzahl unbedingt zum Staretz Sossima, und von -ihnen liebten ihn viele von ganzem Herzen; einige aber hingen geradezu -fanatisch an ihm. Letztere sagten sogar – übrigens sagten sie es doch -nicht ganz laut –, daß er ein Heiliger sei, daß darüber kein Zweifel -bestehen könne, und da sie seinen nahen Tod voraussahen, so erwarteten -sie sogar Wunder und schon in nächster Zukunft von dem Verscheidenden -großen Ruhm fürs Kloster. Auch Aljoscha glaubte widerspruchslos an die -wundertätige Kraft des Staretz, ganz wie er widerspruchslos auch an die -Geschichte von dem dreimal aus der Kirche hinausgeflogenen Sarge -glaubte. Er sah es, wie viele, die mit kranken Kindern oder erwachsenen -Kranken hinkamen und den Staretz baten, seine Hände auf sie zu legen und -ein Gebet über ihnen zu sprechen, alsbald wiederkehrten – viele sogar -schon am nächsten Tage – und weinend vor dem Staretz niederfielen, um -ihm für die Heilung ihrer Kranken zu danken. War’s nun wirklich Heilung, -oder war’s nur eine natürliche Erleichterung – das konnte für Aljoscha -weiter keine Frage sein, denn er glaubte bedingungslos an die geistige -Kraft seines Lehrers, dessen Ruhm für ihn gleichsam sein eigener Triumph -war. Besonders jedoch erbebte sein Herz und verklärte sich sein ganzes -Gesicht, wenn der Staretz zu dem Volke, das ihn an der Pforte der -Einsiedelei erwartete, hinausging. Diese Pilger kamen von weit her, von -allen Gauen Rußlands, um den Staretz zu sehen und seinen Segen zu -empfangen. Sie knieten vor ihm nieder, weinten, küßten seine Füße, -küßten die Erde, auf der er stand, und die Weiber hielten ihm ihre -Kinder hin oder führten ihm eine kranke Klikuscha zu. - -Der Staretz redete mit ihnen, sprach über ihnen ein kurzes Gebet und -segnete sie dann. In der letzten Zeit war er durch seine Krankheit so -schwach geworden, daß er nicht mehr die Zelle verlassen konnte, und dann -warteten die Pilger im Kloster oft tagelang auf sein Erscheinen. Niemals -fragte sich Aljoscha, warum das Volk den Staretz so liebte, warum die -Leute vor ihm niederfielen und vor Rührung weinten, sobald sie nur sein -Antlitz sahen. O, er begriff vorzüglich, daß es für die demütige Seele -des einfachen Russen, die von Leid und Arbeit zerquält ist, und vor -allem durch die immerwährende Ungerechtigkeit und die Sünde – wie durch -die eigene, so auch durch die Sünde der ganzen Welt –, keinen größeren -Trost und kein größeres Verlangen gibt, als ein Heiligtum oder einen -Heiligen zu finden, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten: „Wenn es -auch bei uns Sünde, Unwahrheit und Versuchung gibt, so gibt es dort -irgendwo auf Erden doch einen Heiligen und Höheren; dafür hat er die -Wahrheit, dafür kennt er die Wahrheit: also ist sie auf Erden noch nicht -gestorben, also wird sie einmal auch zu uns kommen und sich über die -ganze Erde verbreiten, wie es verheißen ist.“ - -Aljoscha wußte, daß nur das Volk so fühlt und so denkt – das begriff er -wohl; doch daran, daß gerade der Staretz dieser Heilige, dieser Hüter -der Gotteswahrheit in den Augen des Volkes war – daran zweifelte er auch -keinen Augenblick, gleich diesen weinenden Bauern und ihren kranken -Weibern, die ihre Kinder dem Staretz entgegenbrachten. Die Überzeugung, -daß der Staretz sterbend oder erst durch seinen Tod dem Kloster -ungewöhnlichen Ruhm verschaffen werde, herrschte in Aljoschas Seele -vielleicht sogar noch stärker als in allen anderen Anhängern des -Staretz. Und überhaupt erhob sich und entbrannte in dieser ganzen -letzten Zeit eine unbestimmbare, tiefe, flammende Begeisterung immer -stärker und stärker in seinem Herzen. Es verwirrte ihn nicht im -geringsten, daß dieser Staretz doch immerhin als ein einzelner vor ihm -stand: „Gleichviel, er ist heilig, in seinem Herzen liegt das Geheimnis -der Erneuerung aller, jene Kraft, die endlich die Wahrheit auf der Erde -aufrichten wird, und alle werden heilig sein, und alle werden einander -lieben, und es wird weder Reiche noch Arme, weder sich Überhebende noch -Erniedrigte mehr geben, sondern es werden alle wie Kinder Gottes sein, -und es wird das wahre Reich Christi beginnen.“ Das war es, wovon -Aljoschas Herz träumte. - -Ich glaube, die Ankunft seiner beiden Brüder, die er bis dahin überhaupt -noch nicht gekannt hatte, machte einen ungewöhnlich starken Eindruck auf -ihn. Mit seinem ältesten Bruder, Dmitrij Fedorowitsch, freundete er sich -schneller und näher an, obgleich jener erst später ankam, als mit dem -zweiten, seinem leiblichen Bruder Iwan Fedorowitsch. Es reizte ihn -heftig, seinen Bruder Iwan näher kennen zu lernen; doch dieser lebte -schon ganze zwei Monate beim Vater, sie aber waren sich noch immer nicht -nähergetreten, was um so auffallender war, als sie sich sogar ziemlich -oft sahen: Aljoscha war selbst schweigsam und schien etwas zu erwarten, -schien sich irgendeiner Sache zu schämen; sein Bruder Iwan jedoch hörte, -wie es schien, bald gänzlich auf, an ihn auch nur zu denken, obgleich -Aljoscha zu Anfang sehr wohl seine langen, fragenden Blicke auf sich -ruhen gefühlt und auch bemerkt hatte. Aljoscha schrieb diese -Gleichgültigkeit seines Bruders, die ihn nicht wenig befangen machte, -ihrem Alters- und besonders Bildungsunterschied zu. Doch machte sich -Aljoscha auch noch andere Gedanken: ein so geringes Interesse für ihn -und so wenig Teilnahme konnte bei Iwan vielleicht von etwas ganz anderem -herrühren, das ihm, Aljoscha, völlig unbekannt blieb. Aus irgendeinem -Grunde schien es ihm immer, daß Iwan mit etwas Besonderem beschäftigt -war, mit etwas Innerlichem und Ungeheurem, daß er zu einem bestimmten -Ziele strebte, vielleicht zu einem sehr schweren, so daß es ihm jetzt -nicht um Brüder zu tun war, und daß dies also der einzige Grund sein -konnte, warum er auf ihn, Aljoscha, so zerstreut blickte. Auch dachte -Aljoscha noch darüber nach, ob sich darin nicht eine gewisse Verachtung -des klugen Atheisten für ihn, den dummen Novizen, verbarg. Er wußte es, -daß sein Bruder Atheist war. Diese Verachtung aber, selbst wenn sie -vorhanden gewesen wäre, hätte ihn nicht kränken können; doch trotz allem -erwartete er mit einer ihm selbst unerklärlichen, ihn verwirrenden -Unruhe, wann denn der Bruder ihm endlich würde nähertreten wollen. -Dmitrij Fedorowitsch äußerte sich über Iwan stets mit der größten -Hochachtung und sprach überhaupt immer ganz besonders durchdrungen und -begeistert von ihm. Durch ihn erfuhr denn auch Aljoscha alle -Einzelheiten jener wichtigen Angelegenheit, die in der letzten Zeit -seine beiden älteren Brüder so sonderbar und eng verbunden hatte. Diese -begeisterten Äußerungen Dmitrijs über seinen Bruder Iwan waren in -Aljoschas Augen um so auffallender, als Dmitrij im Vergleich zu Iwan so -gut wie ganz ungebildet war und sie beide, wenn man sie als -Persönlichkeiten und Charaktere verglich, einen so schroffen Gegensatz -bildeten, wie man ihn sich größer nicht hätte vorstellen können. - -Zu dieser Zeit fand dann die Zusammenkunft in der Zelle des Staretz -statt, oder richtiger, die Familienversammlung aller Glieder dieser -uneinigen Familie, die einen so ungewöhnlichen Eindruck auf Aljoscha -machte. Der Vorwand, unter dem man zusammenkam, war natürlich erlogen. -Gerade damals hatten die Uneinigkeiten zwischen Dmitrij Fedorowitsch und -seinem Vater wegen der Vermögensabrechnungen einen Punkt erreicht, an -dem jede Verständigung ausgeschlossen schien. Ihr Verhältnis zueinander -spitzte sich immer mehr zu und wurde unerträglich. Ich glaube, Fedor -Pawlowitsch war der erste, der scherzend vorschlug, sich doch in der -Zelle des Staretz zu versammeln, und wenn auch nicht gerade seine -Vermittlerschaft zu suchen, so sich doch immerhin etwas anständiger zu -besprechen, wobei die Würde und die Person des Staretz natürlich einen -gewissen Einfluß in gutem Sinne haben könnte. Dmitrij Fedorowitsch, der -nie beim Staretz gewesen war und ihn nie gesehen hatte, glaubte -natürlich, daß man ihn mit dem Staretz schrecken wollte; schließlich -aber nahm er den Vorschlag an, besonders deshalb, weil er sich im Herzen -für viele, gar zu heftige Ausfälle gegen den Vater heimlich ernste -Vorwürfe machte. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß er -nicht im Hause seines Vaters lebte, wie Iwan Fedorowitsch, sondern ganz -am anderen Ende der Stadt eine Wohnung gemietet hatte. - -Hinzu kam jetzt noch, daß Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der zu jener -Zeit gerade auf seinem Gute lebte, ganz besonders diese Idee Fedor -Pawlowitschs gefiel. Als Liberaler der vierziger und fünfziger Jahre, -Freigeist und Atheist, nahm er mehr aus Langeweile oder aus -leichtsinniger Zerstreuungssucht an dieser ganzen Angelegenheit -lebhaften Anteil. Er wollte plötzlich ungeheuer gern das Kloster und den -„Heiligen“ sehen, und da sich sein alter Prozeß mit dem Kloster wegen -der Grenze ihrer Güter und irgendwelcher Rechte auf das Holzfällen im -Walde und den Fischfang im Fluß immer noch hinzog, so beeilte er sich -jetzt, diesen Umstand zur Einwilligung des Staretz auszunutzen, unter -dem Vorwande, daß er selbst mündlich mit dem Prior besprechen wollte, ob -sich der Streit nicht irgendwie gütlich beilegen ließ. Einen Gast, der -mit so wohlgesinnten Absichten kam, mußte man im Kloster -selbstverständlich aufmerksamer und zuvorkommender empfangen als einen -gewöhnlichen Neugierigen. Und infolge aller dieser Kombinationen konnte -man dann einen gewissen Einfluß vom Kloster aus auf den kranken Staretz -erwarten, denn sonst war die Hoffnung, vom Staretz empfangen zu werden, -ziemlich gering: er verließ in letzter Zeit fast überhaupt nicht mehr -seine Zelle und empfing selbst nicht einmal außergewöhnlichen Besuch. -Nun, und so endete es denn auch damit, daß der Staretz seine -Einwilligung gab und Tag und Stunde bestimmt wurde. „Wer hat mich -berufen, ihr Richter zu sein?“ sagte er nur lächelnd zu Aljoscha. - -Als Aljoscha von dieser Zusammenkunft erfuhr, erschrak er. Der einzige -von allen, der diesen Besuch ernst nehmen konnte, war sein Bruder -Dmitrij; die anderen jedoch würden alle aus leichtsinnigen und für den -Staretz vielleicht sogar beleidigenden Gründen kommen – das war es, was -Aljoscha sich sagte. Sein Bruder Iwan und Miussoff würden aus Neugier -kommen, vielleicht sogar aus einer sehr rohen, sein Vater aber, um als -Narr irgendeine dumme Szene zu machen. O, wenn Aljoscha auch schwieg, so -kannte er seinen Vater doch schon zur Genüge. Ich wiederhole es: Dieser -Jüngling war keineswegs so naiv einfältig, wie alle glaubten. Mit -schweren Gefühlen erwartete er den festgesetzten Tag. Zweifellos sorgte -er sich im Herzen viel darum, daß alle diese Familienzwistigkeiten sich -nicht beilegen ließen. Doch trotzdem galt seine größte Sorge dem -Staretz: er zitterte für ihn, fürchtete, daß sie ihn beleidigen könnten, -fürchtete besonders den feinen, immer höflichen Spott Miussoffs und das -stolze Schweigen seines intelligenten Bruders Iwan. Er wollte es sogar -wagen, dem Staretz etwas davon zu sagen, ihn vorzubereiten, bedachte -sich aber und sagte nichts. Nur ließ er am Vorabend seinem Bruder -Dmitrij durch einen Bekannten sagen, daß er ihn sehr liebe und von ihm -die Erfüllung des Versprechens erwarte. Dmitrij wurde nachdenklich, denn -er konnte sich auf keine Weise erinnern, was er ihm versprochen haben -sollte, und antwortete nur mit einem Brief, in dem er schrieb, daß er -sich aus allen Kräften „von einer Niedrigkeit“ zurückhalten werde, und -wenn er auch den Staretz und ihren Bruder Iwan sehr hoch achte, so sei -er doch überzeugt, daß es sich um eine Falle für ihn oder um eine -unwürdige Komödie handele. „Nichtsdestoweniger werde ich eher meine -Zunge hinunterschlucken, als daß ich den Respekt vor dem heiligen Manne, -den Du so verehrst, irgendwie vergessen sollte,“ schloß Dmitrij seinen -kurzen Brief. Aljoscha fühlte sich aber durch ihn nicht sonderlich -beruhigt. - - - - - Zweites Buch. Die unschickliche Versammlung - - - I. - Die Ankunft im Kloster - -Es war ein schöner, warmer und klarer Augusttag. Der September stand -schon vor der Tür. Man hatte verabredet, daß sich alle gleich nach dem -zweiten Hochamt, also ungefähr um halb zwölf Uhr, beim Staretz -versammeln sollten. Unsere Klostergäste geruhten aber nicht, zum -Gottesdienst zu kommen, sondern erschienen erst, als er gerade beendet -war. Sie kamen in zwei Wagen angefahren: im ersten, einem eleganten -kleineren Gefährt, das mit zwei teuren Pferden bespannt war, Pjotr -Alexandrowitsch Miussoff mit seinem entfernten Verwandten Pjotr Fomitsch -Kalganoff. Das war ein junger Mann von zwanzig Jahren, der sich -vorbereitete, eine russische Universität zu besuchen, doch wußte er noch -immer nicht, welche; Miussoff dagegen, bei dem er augenblicklich wohnte, -beredete seinen jungen Verwandten, mit ihm nach Zürich oder Jena zu -fahren, um dort die Universität zu besuchen und sein Studium zu beenden. -Der junge Mann aber konnte sich noch immer nicht recht entscheiden. Er -war nachdenklich und schien meist zerstreut zu sein. Er hatte ein -angenehmes Gesicht, war stark gebaut und ziemlich hoch von Wuchs. Sein -Blick konnte mitunter ganz auffallend unbeweglich sein: wie alle -zerstreuten Menschen blickte er einen dann lange und starr an, ohne aber -dabei etwas zu sehen. Er war schweigsam und ein wenig ungeschickt, doch -kam es vor – übrigens nur, wenn er mit jemandem unter vier Augen war –, -daß er plötzlich äußerst gesprächig, scherzhaft, heftig oder heiter -sein, und herzlich, doch Gott weiß, über was eigentlich, lachen konnte. -Aber seine Lebhaftigkeit verging gewöhnlich ebenso schnell, wie sie kam. -Gekleidet war er immer gut, wenn nicht gar gesucht. Er besaß schon ein -gewisses Vermögen und hatte die besten Aussichten, noch viel mehr zu -erben. Mit Aljoscha war er befreundet. - -Im zweiten Wagen, in einer äußerst alten, stöhnenden, doch recht -umfangreichen Kutsche, vor der zwei alte Schimmel trabten, die aber -hinter Miussoffs leichtem Gefährt beträchtlich zurückblieben, kam Fedor -Pawlowitsch Karamasoff mit seinem zweiten Sohn Iwan Fedorowitsch -angefahren. Dmitrij Fedorowitsch hatte man schon am vorhergehenden Tage -die Stunde angesagt, doch trotzdem war er nicht zu sehen. Man ließ die -Wagen außerhalb der Klostermauer bei der Herberge halten, stieg aus und -trat zu Fuß durch das Klostertor ein. Außer dem alten Karamasoff hatte -von den übrigen drei, wie es schien, kein einziger je ein Kloster von -innen gesehen; Miussoff aber war vielleicht schon seit dreißig Jahren -nicht mehr in einer Kirche gewesen. Er blickte mit einer Neugier um -sich, die nicht ganz ohne eine gewisse gemachte Ungezwungenheit war. -Doch leider gab es für seinen ausschauenden Verstand im Innern der -Klostermauern außer den übrigens sehr einfachen Kirchen- und -Wirtschaftsgebäuden nichts Besonderes zu entdecken. Aus der Kirche -strömte sich bekreuzend das Volk, die Mützen in der Hand. Unter dem -einfachen Volk fielen zwei oder drei Damen der höheren Gesellschaft -sowie ein alter General auf: alle standen sie im großen Zimmer der -Herberge. Bettler umringten alsbald die Neuangekommenen, doch keiner von -ihnen gab etwas. Nur Petruscha Kalganoff nahm aus seiner Börse ein -Zehnkopekenstück, das er verlegen einem Weibe zusteckte, wobei er hastig -hervorstieß: „Richtig verteilen.“ Die anderen sagten ihm nichts darauf, -so daß er ganz grundlos verwirrt wurde; trotzdem wurde er, als er -bemerkte, daß die anderen dies schweigend übersahen, noch verlegener. - -Etwas war aber sehr sonderbar: man sollte meinen, daß Gäste, wie sie, -ganz anders empfangen werden müßten; Karamasoff hatte vor noch nicht -langer Zeit tausend Rubel geschenkt, und Miussoff war der reichste -Gutsbesitzer und der sozusagen gebildetste Mensch, von dem man hier im -Kloster teilweise geradezu abhing, da der Prozeß, den man mit ihm wegen -des Fischrechts im Fluß führte, noch nicht beendet war. Und siehe da: -keine einzige der offiziellen Persönlichkeiten des Klosters war zu ihrem -Empfang erschienen. Miussoff blickte zerstreut auf die Grabsteine an der -Kirche und wollte schon bemerken, daß das Recht, an einem so „heiligen“ -Ort begraben zu liegen, den Leidtragenden nicht wenig aus der Tasche -gezogen haben müsse, schwieg aber und sagte nichts: die gewöhnliche -liberale Ironie verwandelte sich in ihm fast in Zorn. - -„Teufel, wo gibt es denn hier bei dieser blödsinnigen Einrichtung so -etwas, wo man sich erkundigen kann ... Das muß man doch endlich -feststellen, sonst verlieren wir hier bloß unsere kostbare Zeit,“ -brummte er leise, als wollte er es nur so vor sich hinsagen. - -Da trat ein älterer, kahlköpfiger Herr dienstbereit auf sie zu, ein Herr -mit ungemein freundlich blickenden und etwas hervorstehenden Augen, der -einen weiten Sommermantel trug. Er zog den Hut und stellte sich mit -wahrhaft honigsüßer Stimme als Tulascher Gutsbesitzer Maximoff vor. - -„Der Staretz Sossima lebt in der Einsiedelei, hermetisch verschlossen, -hermetisch, vierhundert Schritt vom Kloster, durch das Wäldchen, durch -das Wäldchen ...“ - -„Das weiß ich selbst, daß man durch das Wäldchen zu ihm gehen muß,“ -unterbrach ihn Fedor Pawlowitsch Karamasoff, „aber den Weg dorthin hab -ich total vergessen, bin lange nicht mehr hier gewesen.“ - -„Hier, hier, gleich durch diese Pforte und dann gerade durch das -Wäldchen ... durch das Wäldchen. Wenn gefällig ... ich muß selbst ... -ich werde selbst ... Hier, sehen Sie, hier ...“ - -Sie traten aus dem Torgang und schritten auf den Wald zu. Der -Gutsbesitzer Maximoff, ein Mann von sechzig Jahren, ging nicht -eigentlich, sondern lief geradezu neben ihnen her, während er sie dabei -mit einer krampfhaften, schier unglaublichen Neugier betrachtete, wobei -seine Glotzäugigkeit noch unangenehmer auffiel. - -„Wir sind in einer besonderen Angelegenheit zum Staretz gekommen,“ -bemerkte mit strenger Miene Miussoff. „Diese ‚Persönlichkeit‘ hat uns -sozusagen eine Audienz gewährt, und daher müssen wir Sie bitten, -obgleich wir Ihnen für das Wegweisen sehr dankbar sind, doch nicht mit -uns zusammen einzutreten.“ - -„Ich war ja schon, ich war ja schon ... _Un chevalier parfait!_“ -versicherte sofort der Gutsbesitzer und knipste mit den Fingern vor -Begeisterung. - -„Wer ist ein Chevalier?“ fragte Miussoff. - -„Der Staretz, der prachtvolle Staretz, der Staretz! ... Die Ehre und der -Ruhm des ganzen Klosters! Sossima! Das ist solch ein Staretz ...“ - -Seine krause Rede wurde unterbrochen: Ein kleiner, bleicher, magerer -Mönch in einer Kutte kam ihnen nachgelaufen. Karamasoff und Miussoff -blieben stehen. Der Mönch verbeugte sich tief und sagte höflich: - -„Seine Hochehrwürden, der Prior, läßt Sie alle, meine Herren, bitten, -nach Ihrem Besuch in der Einsiedelei zu ihm zum Mittagsmahl zu kommen. -Und Sie gleichfalls,“ fügte er, sich an Maximoff wendend, hinzu. - -„Das werde ich unbedingt!“ rief der alte Karamasoff, ungemein erfreut -über die Einladung, „unbedingt! Und wissen Sie, wir haben uns alle das -Wort gegeben, uns hier anständig aufzuführen ... Und Sie, Miussoff, -werden Sie auch kommen?“ - -„Warum sollte ich denn nicht? Wozu bin ich denn sonst hergekommen, wenn -nicht, um hier alle diese Bräuche kennen zu lernen. Nur eines macht mir -Bedenken, und das ist gerade, was ich jetzt mit Ihnen, Fedor Pawlowitsch -...“ - -„Ja, meinen Sohn Dmitrij Fedorowitsch gibt’s aber vorläufig noch nicht.“ - -„Und er täte gut, überhaupt nicht zu kommen; ist mir denn diese Ihre -ganze schmutzige Geschichte etwa angenehm, und zudem noch mit Ihnen als -Zugabe! – Wir werden gern der freundlichen Einladung Folge leisten, -überbringen Sie Seiner Hochehrwürden unseren besten Dank,“ sagte er -darauf zum Mönch. - -„Ich soll Sie zum Staretz führen,“ antwortete der Mönch. - -„Dann werde ich jetzt solange zum Prior gehen!“ sagte eilig der -Gutsbesitzer Maximoff. - -„Der Prior ist augenblicklich in Anspruch genommen ... aber ... wie Sie -wollen ...“ meinte etwas unentschlossen der Mönch. - -„Ein äußerst zudringlicher Kauz,“ bemerkte Miussoff laut, als Maximoff -zum Kloster zurückeilte. - -„Gleicht ungemein dem berühmten Herrn von Sohn,“ sagte plötzlich der -alte Karamasoff. - -„Das scheint das einzige zu sein, was Sie sagen können ... Warum soll er -denn Herrn von Sohn gleichen? Haben Sie überhaupt jemals Herrn von Sohn -gesehen?“ - -„Selbstverständlich: auf der Photographie. Er gleicht ihm fabelhaft, sag -ich Ihnen, wenn auch nicht in den Gesichtszügen, sondern in etwas ganz -Unerklärlichem. Von Sohns Doppelgänger, mit einem Wort. Das sehe ich ihm -sofort an der Physiognomie an.“ - -„Nun, meinetwegen,“ bemerkte Miussoff gereizt, „Sie sind ja Kenner in -solchen Sachen. Nur noch eines, Fedor Pawlowitsch: Sie geruhten soeben -selbst daran zu erinnern, daß wir uns das Wort gegeben haben, uns -anständig aufzuführen, wie Sie sich wohl noch entsinnen werden. Ich sage -Ihnen: Vergessen Sie das nicht! Sollten Sie aber wieder anfangen, den -Narren zu spielen, so werde ich es, glauben Sie mir, nicht dulden, daß -man mich hier mit Ihnen auf eine Stufe stellt! ... Sehen Sie, was das -für ein Mensch ist,“ fügte er darauf, zum Mönch gewandt, hinzu, „ich -fürchte mich geradezu, mit ihm bei anständigen Menschen einzutreten.“ - -Auf den blassen, blutleeren Lippen des kleinen Mönches erschien ein -feines, verschwiegenes Lächeln, das in seiner Art doch eine gewisse -Geriebenheit verriet, aber er antwortete nicht, und es war nur zu -augenscheinlich, daß er aus dem Gefühl der eigenen Würde heraus schwieg. -Miussoff runzelte die Stirn. - -„Ach, der Teufel hole sie allesamt; das ist ja doch bloß eine in -Jahrhunderten ausgearbeitete Äußerlichkeit; in Wirklichkeit ist es nur -Scharlatanerie und Blödsinn.“ - -„Ah, da sind wir also glücklich angelangt: da ist die Einsiedelei!“ rief -Fedor Pawlowitsch. „Die Mauer und die Pforte sind aber geschlossen, wie -ich sehe.“ - -Und er begann, sich eifrig vor den Heiligenbildern zu bekreuzen, die -über und zu beiden Seiten der Pforte gemalt waren. - -„In ein fremdes Kloster soll man nicht mit seinem Reglement eintreten,“ -bemerkte er. „Im ganzen suchen hier in dieser Einsiedelei fünfundzwanzig -Heilige ihr Seelenheil, beobachten einander und vertilgen Sauerkohl. Und -kein einziges Frauenzimmerchen darf hier durch diese Pforte treten, das -ist das Bemerkenswerteste dabei, und das ist wirklich so. Aber, mein -Lieber, wie kommt es – ich habe nämlich trotzdem gehört, daß der Staretz -auch Damen empfängt?“ damit wandte er sich plötzlich an den Mönch. - -„Aus dem Volk sind auch jetzt Weiber hier; sehen Sie dort, sie warten an -der Galerie. Für die höheren Damen aber sind hier bei der Galerie, -außerhalb der Einfriedung, zwei Zimmerchen angebaut, diese Fenster dort, -und der Staretz kommt dann zu ihnen durch den inneren Gang, wenn er -gesund ist, also immer außerhalb der Einfriedung. Auch jetzt ist dort -eine vornehme Dame, eine Gutsbesitzerin aus dem Charkoffschen, Frau -Chochlakoff; sie erwartet ihn mit ihrer gelähmten Tochter. -Wahrscheinlich hat er versprochen, zu ihnen hinauszukommen, obgleich er -in letzter Zeit so schwach geworden ist, daß er sich kaum noch dem Volk -zeigen kann.“ - -„Also gibt es immerhin doch noch ein Schlupfloch, das aus der -Einsiedelei zu den Weibern führt? Das heißt, heiliger Vater, glauben Sie -um Gottes willen nicht, daß ich irgend etwas! – ich meinte ja nur so. -Wissen Sie, auf dem Athos, Sie haben es vielleicht schon gehört, ist -nicht nur der Besuch von Frauen verboten, sondern überhaupt jede -Gotteskreatur weiblichen Geschlechts; weder werden dort Hühnchen -geduldet, noch Putchen, noch Kälbchen ...“ - -„Fedor Pawlowitsch, ich werde sofort zurückgehen und Sie allein -eintreten lassen! Man wird Sie hier sowieso hinausschmeißen, das -prophezeie ich Ihnen!“ - -„Aber was tue ich Ihnen denn, Pjotr Alexandrowitsch? Sehen Sie doch -mal,“ rief er plötzlich, da er durch die Pforte trat, „sehen Sie doch, -in welch einem Rosental sie hier leben!“ - -Tatsächlich waren dort, wenn auch keine Rosen, so doch überall, wo man -sie nur hatte pflanzen können, eine Menge seltener und schöner -Herbstblumen. Augenscheinlich pflegte sie eine geübte Hand. Blumenbeete -lagen zwischen Gräbern, und Blumen wuchsen als Spalier an der Mauer. Das -einstöckige Holzhäuschen, in dem sich die Zelle des Staretz befand, war -mit seiner Galerie vor dem Eingang gleichfalls von Blumen umgeben. - -„War denn das auch beim früheren Staretz Warssonofij so? Der soll ja, -wie man sagt, Schönheit überhaupt nicht geliebt haben, soll sogar das -schöne Geschlecht mit dem Stock geschlagen haben,“ bemerkte Fedor -Pawlowitsch, als er die Stufen hinanstieg. - -„Der Staretz Warssonofij war zuweilen allerdings etwas wunderlich, aber -auch viel Unwahres wird von ihm erzählt. Mit dem Stock hat er niemanden -geschlagen,“ antwortete der Mönch. „Bitte sich hier einen Augenblick zu -gedulden, ich werde Sie anmelden.“ - -„Fedor Pawlowitsch, zum letztenmal die Bedingung, hören Sie! Führen Sie -sich gut auf, sonst haben Sie es mit mir zu tun,“ gelang es Miussoff, -ihm noch schnell zuzuflüstern. - -„’s ist wirklich unbegreiflich, warum Sie dermaßen erregt sind,“ -bemerkte spöttisch Fedor Pawlowitsch, „oder fürchten Sie sich wegen -Ihrer Sünden? Man sagt ja, daß er es an den Augen erkenne, womit man zu -ihm kommt. Und wie hoch Sie plötzlich seine Meinung schätzen, Sie, solch -ein Pariser und Fortschrittler! Sie setzen mich ja heute wahrhaftig in -Erstaunen.“ - -Doch Miussoff konnte nichts mehr auf diesen Sarkasmus entgegnen: man bat -sie einzutreten. - -„Wie ich mich kenne, werde ich jetzt zu streiten anfangen, wie immer, -wenn ich gereizt bin, ... werde heftig werden – und mich und die Idee -erniedrigen, das weiß ich schon im voraus,“ fuhr es Miussoff noch durch -den Kopf, als er ins andere Zimmer trat. - - - II. - Der alte Narr - -Sie betraten das Zimmer fast zu gleicher Zeit mit dem Staretz, der bei -ihrem Erscheinen sofort seinen kleinen Schlafraum verlassen hatte. Sein -Erscheinen erwarteten in der Zelle schon seit längerer Zeit zwei -Priestermönche der Einsiedelei, der Pater Bibliothekar und der Pater -Paissij, ein kranker, noch nicht alter, jedenfalls aber sehr gelehrter -Mann, wie es hieß. Außerdem erwartete ihn noch stehend in einem Winkel -ein junger, etwa zweiundzwanzigjähriger Bursche in einem Zivilrock, ein -Seminarist und zukünftiger Theologe, der, unbekannt warum, von der -ganzen Klosterbrüderschaft gönnerhaft beschützt wurde. Er war ziemlich -groß von Wuchs, hatte ein frisches Gesicht mit breiten Kinnbacken, kluge -und aufmerksame, schmale, braune Augen. Auf seinem Gesicht drückte sich -vollkommene Ehrerbietung aus, doch war es eine anständige Ehrerbietung, -d. h. ohne sichtbares sich Einschmeichelnwollen. Die eingetretenen Gäste -begrüßte er nicht einmal mit einer Verbeugung, wie eine ihnen nicht -gleichstehende, sondern untergeordnete oder gar von ihnen abhängige -Person. - -Der Staretz Sossima erschien in Begleitung Aljoschas und eines Novizen. -Die Priestermönche erhoben sich und verneigten sich tief vor ihm, wobei -sie mit den Fingern den Boden berührten, und küßten ihm darauf, nachdem -sie sich bekreuzt hatten, ehrfürchtig die Hand. Der Staretz erteilte -ihnen seinen Segen, verneigte sich vor einem jeden von ihnen ebenso -tief, wobei er gleichfalls den Fußboden mit den Fingern berührte und -auch von ihnen ihren Segen erbat. Die ganze Zeremonie ging sehr ernst -vor sich, durchaus nicht wie irgendein alltäglicher Brauch, sondern fast -mit einem tiefen Gefühl. Miussoff aber argwöhnte plötzlich, daß alles -ihretwegen absichtlich so ernst und feierlich gemacht werde. Er stand, -da er als erster eingetreten war, vor den anderen. Nun hätte er, ganz -abgesehen von seinen Ideen, einfach aus gewöhnlicher Höflichkeit (da -hier nun einmal solche Bräuche waren), auf den Staretz zutreten, und, -wenn ihm auch nicht gerade die Hand küssen, so ihn doch wenigstens um -seinen Segen bitten müssen. Das hatte er sich am Abend vorher sogar -schon vorgenommen. Als er aber jetzt alle diese Verbeugungen sah, -änderte er im Augenblick seinen Entschluß: wichtig und ernst machte er -eine tiefe, gesellschaftliche Verbeugung und trat darauf zurück. Genau -dasselbe tat auch Fedor Pawlowitsch, der diesmal wie ein Affe Miussoff -auf ein Haar kopierte. Iwan Fedorowitsch machte ernst und höflich seine -Verbeugung, doch gleichfalls „Hände an den Nähten“, Kalganoff dagegen -verwirrte sich dermaßen, daß er überhaupt nicht grüßte. Der Staretz ließ -seine zum Segen erhobene Hand wieder sinken, und bat sie, indem er sich -zum zweitenmal vor ihnen verneigte, Platz zu nehmen. Aljoscha stieg das -Blut ins Gesicht; er schämte sich – seine schlechten Ahnungen hatten ihn -also nicht getäuscht! - -Der Staretz setzte sich auf ein kleines, altmodisches Ledersofa aus -rotem Holz, den Gästen aber wies er an der entgegengesetzten Wand vier -Stühle an, die alle in einer Reihe standen, gleichfalls aus rotem Holz -waren und einen stark abgenutzten Lederbezug hatten. Die Priestermönche -setzten sich etwas abseits, der eine bei der Tür, der andere am Fenster. -Der Seminarist, Aljoscha und der Novize blieben stehen. Die Zelle war -nicht gerade groß und hatte so ein, fast möchte man sagen, welkes -Aussehen. Die Sachen und die Möbel, nur die notwendigsten, waren von -ganz einfacher Arbeit, fast ärmlich. Zwei Blumentöpfe auf dem -Fensterbrett und in der Ecke viele Heiligenbilder – darunter ein sehr -großes der Muttergottes, das wahrscheinlich schon lange vor der -Kirchenspaltung[6] gemalt worden war. Vor ihm brannte ein Lämpchen. -Daneben hingen zwei andere Heiligenbilder mit reicher Verzierung, etwas -weiter zwei kleine Cherubim, Ostereier aus Porzellan, ein katholisches -Kreuz aus Elfenbein mit einer es umarmenden _Mater dolorosa_, und dann -hingen an den Wänden noch einige ausländische Gravüren großer -italienischer Meister der vergangenen Jahrhunderte. Neben diesen schönen -und teuren Gravüren hingen aber die allereinfachsten russischen -Buntdrucke verschiedener Heiliger, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz, -Bilder, wie sie zu einer Kopeke das Stück auf allen Jahrmärkten verkauft -werden. Ebenso hingen an den anderen Wänden noch mehrere Bilder lebender -wie verstorbener Geistlicher. Miussoff streifte mit seinem Blick nur -flüchtig diesen ganzen „Heiligenkram“ und richtete ihn dann fest auf das -Gesicht des Staretz. Er schätzte seinen Blick sehr hoch: er hatte diese -an ihm jedenfalls verzeihliche Schwäche, verzeihlich, wenn man bedenkt, -daß er ein Mann von fünfzig Jahren war, also schon ein Alter erreicht -hatte, in dem ein kluger, wohlsituierter Weltmann zu seiner eigenen -Person immer ehrerbietiger wird – und wäre es unwillkürlich. - -Im ersten Augenblick gefiel ihm der Staretz nicht. Allerdings war in -dessen Gesicht etwas, das vielen, auch außer Miussoff, nicht gefallen -hätte. Er war ein mittelgroßer, gebeugter Mann mit sehr schwachen Füßen, -erst fünfundsechzig Jahre alt, doch erschien er infolge seiner Krankheit -wenigstens um zehn Jahre älter. Sein mageres Gesicht war von kleinen, -feinen Runzeln übersät, besonders um die Augen herum. Diese Augen waren -nicht groß, wohl aber hell und glänzend wie zwei leuchtende Punkte. Nur -an den Schläfen hatte er noch ein wenig graues Haar, das Bärtchen war -spitz und klein und spärlich, die Lippen aber, die häufig lächelten, -waren so schmal wie zwei dünne Schnürchen. Die Nase war nicht gerade -lang, dafür aber fast so spitz wie ein Vogelschnabel. - -„Allem Anschein nach ein boshaftes und kleinlich-anmaßendes Männchen,“ -zuckte es Miussoff durch den Kopf. Er war sehr unzufrieden mit sich. - -Da schlug die Uhr und half somit, ein Gespräch zu beginnen. Es schlug -von einer billigen Wanduhr mit Gewichten in schnellen Schlägen gerade -zwölf. - -„Genau die festgesetzte Stunde!“ rief Fedor Pawlowitsch, „mein Sohn -Dmitrij Fedorowitsch ist aber noch immer nicht erschienen. Ich bitte für -ihn um Entschuldigung, heiliger Staretz!“ (Aljoscha fuhr zusammen, als -er das „heiliger Staretz“ hörte.) „Ich selbst dagegen bin immer -pünktlich auf die Minute, da ich weiß, daß Pünktlichkeit die Höflichkeit -der Könige ist.“ - -„Soviel ich weiß, sind Sie nichts weniger als ein König,“ brummte -Miussoff, der sich schon nicht mehr recht in der Gewalt hatte. - -„Stimmt! Nichts weniger als ’n König. Und denken Sie nur, Pjotr -Alexandrowitsch, das wußte ich ja selbst, bei Gott! Und sehen Sie, immer -muß ich alles so _mal à propos_ sagen! Ehrwürden!“ rief er darauf mit -einem ganz plötzlichen, unerwarteten Pathos aus: „Sie sehen vor sich -einen leibhaftigen Narren! Habe die Ehre, mich Ihnen als solchen -vorzustellen. Alte Angewohnheit – leider! Daß ich aber am unrechten Ort -und zur unrechten Zeit zuweilen etwas lüge, o, das geschieht sogar mit -Absicht von mir, um andere zu erheitern und ihnen angenehm zu sein. Denn -das muß man doch, nicht wahr? Wissen Sie, einmal, so vor etwa sieben -Jahren, kam ich in ein Städtchen, es gab Geschäftchen abzuwickeln, -wollte dort mit ein paar Kaufleuten eine Kompanie gründen. Kurz, wir -gehen zum Kreispolizeichef – man mußte ihn doch um dies und jenes bitten -–, um ihn zu einem Schmaus einzuladen. Er kommt heraus, groß, dick, -blond und mürrisch, – eines der gefährlichsten Subjekte in solchen -Fällen: ‚Herr Isprawnik,‘[7] sage ich zu ihm, ‚seien Sie unser -Naprawnik!‘ – ‚Was soll ich sein?‘ fragte er. Ich sehe schon in der -ersten Viertelsekunde, daß die Sache schief gegangen ist, er steht -steif, fixiert mich: ‚Ich erlaubte mir, nur zu scherzen,‘ sage ich, -‚bloß so zur allgemeinen Heiterkeit, da Herr Naprawnik unser bekannter -russischer Dirigent und Kapellmeister der kaiserlichen Oper ist, wir -aber zur Harmonie unseres Unternehmens gleichfalls so etwas wie einen -Kapellmeister brauchen‘ ... Kurz und gut, ich erkläre ihm vernünftig den -ganzen Vergleich, nicht wahr, er aber sagt: ‚Ich bin der Isprawnik und -verbitte mir unpassende Witzchen mit meinem Titel,‘ – kehrt sich um und -geht! Ich ihm nach, rufe: ‚Ah, selbstverständlich sind Sie nur Isprawnik -und kein Naprawnik!‘ – Er aber sagt nichts darauf und geht, geht -wahrhaftig! Und was glauben Sie wohl: unsere ganze Geschichte ging aus -dem Leim! Und immer bin ich so, immer verpfusche ich mir alles selbst -mit meiner Liebenswürdigkeit! – Einmal, das ist jetzt schon viele Jahre -her, sagte ich zu einer angesehenen, sogar einflußreichen -Persönlichkeit: ‚Ihre Frau Gemahlin ist etwas sehr kitzlich,‘ – in dem -Sinne, meine ich, was die Ehre anbetrifft, ich meine – in moralischer -Hinsicht; er aber fragt mich: ‚Haben Sie sie denn gekitzelt?‘ Wart, -denke ich, werde mir ein Witzchen erlauben: ‚Versteht sich,‘ sage ich. -Nun, darauf hat er mich aber etwas anders gekitzelt ... Doch das ist -schon so lange her, daß man sich weiter nicht mehr schämt, es zu -erzählen. Und immer schade ich mir selbst auf diese Weise.“ - -„Das tun Sie ja auch jetzt wieder,“ brummte Miussoff mit Verachtung. - -Der Staretz betrachtete sie beide stumm. - -„Und ob! Stellen Sie es sich nur vor, Pjotr Alexandrowitsch, ich wußte -das ja selbst, ich ahnte es bereits, als ich den Mund auftat und, wissen -Sie, ich wußte sogar, daß Sie zu mir als erster diese Bemerkung machen -würden. In diesen Sekunden, Ehrwürden, wenn ich sehe, daß der Spaß mir -nicht gelingt, trocknen mir allmählich beide Wangen an das Zahnfleisch -der unteren Kinnbacken an, und es kommt so etwas wie ein Krampf über -mich: Das habe ich von Jugend auf, als ich noch bei den Edelleuten aus -Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen wurde und mir auf diese Weise, also -dafür, daß ich bei ihnen lustiger Gast war, mein Brot verdiente. Ich bin -ein eingefleischter Narr, bin’s von Kindesbeinen an, bin so geboren, -Ehrwürden, ’s ist angeborene Blödsinnigkeit, wie gesagt! Oder möglich, -daß sich ein unreiner Geist in mir verbirgt, will’s nicht verreden, -übrigens, keines großen Kalibers, denn ein bedeutenderer würde sich ein -anderes Quartier mieten, nur ist damit nicht gesagt, daß er dabei das -Ihrige, Pjotr Alexandrowitsch, wählen würde, denn, nicht wahr, auch Sie -sind ja kein bedeutendes Quartier. Dafür aber bin ich gläubig, glaube an -Gott! Nur in der letzten Zeit habe ich so einige Bedenken gekriegt, -dafür aber sitze ich jetzt hier in Erwartung heiliger Worte. Ich, -Ehrwürden, bin wie Diderot. Kennen Sie die Geschichte, wie der Philosoph -Diderot zum Metropoliten Platon kam? – zur Zeit der Kaiserin Katharina? -Er kommt herein und sagt direkt, ganz ohne jegliche Einleitung: ‚Es gibt -keinen Gott.‘ Worauf der große Kirchenvater seine Hand erhebt und sagt: -‚Rede nur, Sinnloser, in deinem Herzen trägst du Gott!‘ Diderot ihm -sofort zu Füßen: ‚Ich glaube,‘ ruft er aus, ‚und empfange die Taufe.‘ -Und so wurde er denn auch sofort getauft. Fürstin Daschkowa hob ihn aus -der Taufe, und Potemkin war sein Pate ...“ - -„Fedor Pawlowitsch, das ist unerträglich! Sie wissen es ja selbst, daß -Sie lügen, daß diese dumme Anekdote nichts weniger als wahr ist, wozu -machen Sie denn diese Faxen?“ unterbrach ihn mit zitternder Stimme -Miussoff, der sich nicht länger beherrschen konnte. - -„Mein ganzes Leben lang habe ich’s ja geahnt, daß sie nicht wahr ist!“ -bestätigte sofort und gleichsam in heller Begeisterung Fedor -Pawlowitsch. „Meine Herren, ich werde Ihnen dafür die ganze Wahrheit -sagen! Großer Staretz! Verzeihen Sie mir: das letzte, dieses von der -Taufe Diderots, habe ich mir selbst soeben ausgedacht, erst jetzt, -genau, als ich es erzählte, früher ist es mir nie in den Kopf gekommen. -Hab’s mir nur so zur Pikanterie ausgedacht. Darum mache ich ja nur diese -Faxen, Pjotr Alexandrowitsch, um sympathischer zu sein. Zuweilen weiß -ich übrigens selbst nicht, warum. Und was den Diderot betrifft, so habe -ich dieses: ‚rede nur, Sinnloser,‘ etwa zwanzigmal von den hiesigen -Gutsbesitzern erzählen gehört, hab’s bereits als halbes Kind gehört, als -ich bei ihnen lebte; auch von Ihrer lieben Tante, Pjotr Alexandrowitsch, -von Mawra Fominitschna, habe ich’s gehört. Alle sind sie durch die Bank, -bis auf den heutigen Tag, noch überzeugt, daß der gottlose Diderot zum -Metropoliten Platon über Gott disputieren gegangen ist ...“ - -Miussoff erhob sich, nicht nur, weil er die Geduld verloren hatte, -sondern er tat es offenbar, weil er im Augenblick in seiner Erregung -nichts anderes zu tun wußte. Er war empört und sagte sich, daß er -dadurch selbst lächerlich werde. Ja, in der Zelle ging wirklich etwas -ganz Unmögliches vor sich. Diese Zelle, in der vielleicht schon seit -vierzig oder fünfzig Jahren, noch bei den früheren Startzen, die Fremden -empfangen wurden, hatte nur tiefste Ehrfurcht gesehen. Alle, die in ihr -empfangen worden waren, hatten gewußt, daß man ihnen damit eine große -Gnade erwies. Viele sanken auf die Knie und erhoben sich erst, wenn sie -fortgehen mußten. Viele sogar von den „höheren“ Persönlichkeiten, sogar -viele Gelehrte, ja, selbst viele Freigeister, die entweder aus Neugierde -oder aus sonst einem Grunde gekommen waren, machten es sich alle, bis -auf den letzten, beim Eintritt in die Zelle zur ersten Pflicht, sich -während des Besuchs tief ehrerbietig, tadellos zu benehmen, um so mehr, -als man nicht für Geld empfangen wurde, sondern aus Liebe und Mitleid. -Und die hinkamen, waren entweder Reuige, die Trost suchten, oder -Menschen, die einer schweren Frage ihrer Seele eine Antwort suchen -wollten, oder einen schweren Augenblick im Leben des eigenen Herzens zu -überwinden hatten, und die dann um Beistand, Rat und Hilfe baten. So -riefen denn solche Possen, wie sie plötzlich Fedor Pawlowitsch an diesem -Ort trieb, bei den übrigen Anwesenden oder wenigstens bei einigen von -ihnen stumme Verwunderung und erstauntes Nichtverstehenkönnen hervor. -Die Priestermönche, die übrigens ihren Gesichtsausdruck nicht im -geringsten veränderten, warteten ernst und aufmerksam, was der Staretz -sagen werde, doch bereiteten auch sie sich schon vor, wie Miussoff, -aufzustehen. Aljoscha war dem Weinen nahe und stand stumm mit gesenktem -Kopf. Am sonderbarsten schien ihm, daß sein Bruder Iwan Fedorowitsch, -der einzige, auf den er gehofft hatte, und der allein solch einen -Einfluß auf seinen Vater besaß, daß er ihn hätte zügeln können, jetzt -vollkommen unbeweglich auf seinem Stuhl saß, den Blick zu Boden gesenkt -hielt, und, wie es schien, mit einer geradezu wißbegierigen Neugier -abwartete, womit das enden werde, ganz als ob er selbst nur eine fremde -Nebenperson wäre. Auf Rakitin, den Seminaristen, wagte Aljoscha nicht -einmal einen Blick zu werfen, obgleich er ihn gut kannte, und ihm fast -nahe stand: oh, er kannte dessen Gedanken nur zu gut (vielleicht er -allein im ganzen Kloster). - -„Entschuldigen Sie mich ...,“ begann Miussoff zum Staretz gewandt, „wenn -ich Ihnen vielleicht gleichfalls als Teilnehmer an diesem unwürdigen -Scherz erscheine. Meine Schuld besteht bloß darin, daß ich geglaubt -habe, selbst so einer, wie Fedor Pawlowitsch, würde, wenn er an solch -einem Ort ist, seine Pflichten begreifen ... Ich hätte es nicht gedacht, -daß man dafür noch um Verzeihung werde bitten müssen, daß man mit ihm -zusammen eintritt ...“ - -Miussoff sprach seinen Satz nicht zu Ende und wollte schon ganz verwirrt -hinausgehen. - -„Beunruhigen Sie sich nicht, ich bitte Sie darum,“ sagte der Staretz und -erhob sich plötzlich, trotz seiner kranken Füße, von seinem Platz, -ergriff Miussoff an beiden Händen und nötigte ihn, sich wieder auf den -Stuhl zu setzen. „Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum, und besonders -bitte ich Sie, mein Gast zu sein;“ und nachdem er sich nochmals verbeugt -hatte, setzte er sich wieder auf sein kleines Sofa. - -„Großer Staretz, sprechen Sie es aus: beleidige ich Sie durch meine -Lebhaftigkeit oder nicht?“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, wobei er -auf dem Stuhl nach vorn rückte und mit den Händen schon die Armlehnen -seines Stuhles ergriff, als ob er mit der Antwort zugleich aufspringen -wollte. - -„Und auch Sie bitte ich aufrichtig, sich nicht zu beunruhigen und sich -keinen Zwang anzutun,“ sagte ihm eindringlich der Staretz. „Seien Sie -ganz wie zu Haus. Und vor allem, schämen Sie sich nicht so sehr Ihrer -selbst, denn nur daher kommt bei Ihnen alles.“ - -„Ganz wie zu Haus? Das heißt wohl so recht natürlich? O, das ist viel, -viel zu viel, doch – nehme es in Rührung an! Wissen Sie, gesegneter -Vater, beschwören Sie mich nicht auf das Natürliche, riskieren Sie es -lieber nicht ... Bis zur Natürlichkeit komme ich ja noch nicht einmal -bei mir selbst. Ich warne Sie nur, um Sie vor Schlimmem zu bewahren. Na -ja, und was das übrige anbetrifft, so liegt das noch in der Finsternis -der Unbekanntheit, obgleich mich gewisse Leute gern anschwärzen wollen. -Das ist an Ihre Adresse gesagt, Pjotr Alexandrowitsch. Ihnen aber, -heiligstes Wesen, Ihnen sage ich folgendes: ‚Ich spreche meine -Begeisterung aus!‘“ Er erhob sich, erhob die Hände und rief: „‚Selig der -Schoß, der dich getragen, und die Brüste, die dich genährt,‘ besonders -die Brüste! Sie haben mich soeben mit Ihrer Bemerkung: ‚Schämen Sie sich -nicht so sehr Ihrer selbst, denn nur daher kommt alles,‘ mit dieser -Bemerkung haben Sie mich einfach durchbohrt und mir gezeigt, daß Sie in -meinem Innersten lesen. Das ist es ja, daß es mir immer scheint, wenn -ich zu Leuten hineingehe, daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich -alle für einen Narren halten, und darum denke ich: ‚wart, werde -meinetwegen den Narren spielen, fürchte eure Meinung nicht, denn ihr -seid doch alle, bis auf den letzten, gemeiner als ich!‘ Sehen Sie, und -darum bin ich denn Narr, bin vor Scham Narr, großer Staretz, nur vor -Scham! Nur aus Argwohn bin ich frech, mache ich sofort Skandal. Denn -wäre ich überzeugt, wenn ich eintrete, daß mich alle sofort für den -liebenswürdigsten und klügsten Menschen halten, – Herrgott, was würde -ich dann für ein guter Mensch sein! Mein Lehrer!“ rief er aus und sank -ganz plötzlich auf die Knie nieder, „was soll ich tun, um das ewige -Leben zu erwerben?“ - -Selbst jetzt war es schwer, zu sagen, ob er scherzte, oder ob er -tatsächlich so begeistert war? - -Der Staretz blickte ihn an und sagte lächelnd: - -„Das wissen Sie selbst schon längst, was man dazu tun muß, Verstand -haben Sie genug: Ergeben Sie sich nicht dem Trunk, mäßigen Sie sich in -Ihren Worten, ergeben Sie sich nicht der Sinnenlust und vor allem nicht -der Vergötterung des Geldes, und schließen Sie Ihre Trinkstuben, wenn -nicht alle, falls Ihnen das unmöglich ist, so doch wenigstens zwei oder -drei. Und die Hauptsache, das allerwichtigste – lügen Sie nicht.“ - -„Das geht wohl auf das von dem Diderot?“ - -„Nein, nicht nur auf die Geschichte vom Diderot. Die Hauptsache ist, -belügen Sie sich nicht selbst. Wer sich selbst belügt und auf seine -eigene Lüge hört, kommt schließlich dazu, daß er keine einzige Wahrheit -mehr, weder in sich noch um sich, unterscheidet, das aber führt zu -Nichtachtung sowohl seiner selbst als der anderen. Wer aber niemanden -achtet, der hört auch auf zu lieben; um sich aber ohne Liebe zu -beschäftigen und zu zerstreuen, ergibt er sich den Leidenschaften und -rohen Ausschweifungen und steigt in seinen Lastern hinab bis zum -Viehischen; und also geschieht das nur durch seine fortwährende Lüge, -den Menschen wie sich selbst gegenüber. Wer sich selbst belügt, kann -sich auch am ehesten beleidigt fühlen. Ist es doch mitunter sogar sehr -angenehm, sich gekränkt zu fühlen, ist’s nicht so? Und der Mensch weiß -es doch selbst, daß ihn niemand gekränkt hat, daß er sich selbst die -Kränkung ausgedacht und vorgelogen hat zur vermeintlichen Zierde, daß er -es selbst vergrößert hat, daß er aus einer Erbse einen Berg macht, – er -weiß es selbst nur zu gut, und doch fühlt er sich gekränkt, fühlt er -sich bis zum Wohlbehagen gekränkt, bis zur Empfindung eines Genusses, -und das bringt ihn dann bis zur wahren Feindschaft gegen die Menschen -... Aber so stehen Sie doch auf, setzen Sie sich doch, ich bitte Sie -darum; das sind doch gleichfalls nur erlogene Gebärden.“ - -„Heiligster Mensch! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen,“ rief aufspringend -Fedor Pawlowitsch begeistert aus, beugte sich geschwind und drückte -schmatzend einen Kuß auf die magere Hand des Staretz. „Das ist es ja, -das ist’s: jawohl, geradezu angenehm ist es, sich gekränkt zu fühlen! -Das haben Sie so schön gesagt, wie ich es überhaupt noch nicht gehört -habe. Das ist es ja, mein Lebelang habe ich mich bis zum Genuß gekränkt -gefühlt, habe mich nur um der Ästhetik willen gekränkt gefühlt, denn es -ist nicht nur angenehm, sondern zuweilen sogar hübsch, gekränkt zu sein; -– das haben Sie vergessen, hinzuzufügen, großer Staretz: wirklich -hübsch. Das werde ich mir ins Notizbuch schreiben! Aber gelogen habe ich -entschieden mein ganzes Leben, an jedem Herrgottstag, in jeder Stunde -und Minute; bin die leibhaftige Lüge, bin der Vater der Lüge! Übrigens -verhaue ich mich wahrscheinlich wieder im Text, sagen wir lieber, der -Sohn der Lüge, das dürfte ja auch schon genügen. Nur ... hören Sie, mein -Engel ... so etwas wie das vom Diderot kann man zuweilen doch erfinden! -Diderot schadet weiter nicht, aber so gewisse Wörtchen können mitunter -schaden. Ach, bei der Gelegenheit, großer Staretz, hätt’s beinahe total -vergessen, und hab’s mir doch schon seit drei Jahren fest vorgenommen, -mich hier danach zu erkundigen, gerade hier anzufragen und es positiv zu -erfahren – wollten Sie aber nicht vorher Pjotr Alexandrowitsch sagen, -daß er mich nicht unterbricht! – also, ich wollte sagen: ist es wahr, -großer Mann, was in der Vita Sanctorum irgendwo geschrieben steht, von -irgendeinem heiligen Wundertäter, den man um seines Glaubens willen -gemartert hat? Es heißt dort nämlich, daß er, nachdem man ihn -schließlich enthauptet hatte, aufgestanden sei, seinen Kopf aufgehoben -und ihn ‚liebevoll geküßt‘ habe, und lange so mit ihm in den Armen -herumgegangen sei, das Haupt immer ‚liebevoll küssend‘. Ist das nun wahr -oder nicht, meine ehrenwerten Väter?“ - -„Nein, das ist nicht wahr,“ sagte der Staretz. - -„So etwas steht überhaupt nicht in der Vita Sanctorum. Von welch einem -Heiligen soll denn das geschrieben stehen?“ fragte der eine -Priestermönch, der Pater Bibliothekar. - -„Das weiß ich selbst nicht, von welch einem. Weiß es nicht und ahne es -nicht einmal. Hab’s nur so reden hören, bin aber betrogen worden. Und -wissen Sie, wer es erzählt hat? Nun, dieser selbe Pjotr Alexandrowitsch -Miussoff, der sich soeben dermaßen über den Diderot zu entrüsten -geruhte; er selbst ist es, der es erzählt hat!“ - -„Niemals habe ich Ihnen das erzählt! Mit Ihnen spreche ich überhaupt -nicht!“ - -„Stimmt, Sie haben es nicht mir erzählt; aber Sie haben es in einer -Gesellschaft erzählt, in der auch ich mich befand, und das war so vor -ungefähr vier Jahren. Ich erwähne es ja nur aus dem einen Grunde, weil -Sie, Pjotr Alexandrowitsch, durch diese spaßige Geschichte meinen -Glauben erschütterten. Sie wußten es nicht und ahnten es nicht; ich aber -kehrte mit erschüttertem Glauben heim, und seit der Zeit wird er immer -noch mehr erschüttert. Ja, Pjotr Alexandrowitsch, Sie waren die Ursache -eines großen Falles! Das ist nicht bloß so ein Geschichtchen von -Diderot!“ - -Der alte Karamasoff geriet bereits in Pathos, doch war allen vollkommen -klar, daß er sich wieder nur verstellte. Miussoff aber war doch tief -verletzt. - -„Welch ein Unsinn,“ sagte er gekränkt. „Ich habe es vielleicht wirklich -einmal gesagt ... nur nicht Ihnen. Ich habe es selbst von anderen -gehört. Man hat es mir in Paris erzählt; es war ein sehr gelehrter -Franzose, der sich speziell mit russischer Theologie beschäftigte ... -hatte lange in Rußland gelebt ... er sagte, es werde bei uns nach der -Frühmesse in der Vita Sanctorum gelesen ... Ich habe es zwar selbst -nicht gelesen ... und werde es auch nicht ... als ob man wenig bei Tisch -spricht? ... Wir tafelten damals gerade ...“ - -„Ja, Sie tafelten damals gerade; ich aber verlor dabei meinen Glauben!“ -neckte der alte Karamasoff geflissentlich weiter. - -„Was geht mich Ihr Glaube an!“ fuhr Miussoff auf, bezwang sich aber -plötzlich und fügte nur mit Verachtung hinzu: „Sie machen wirklich alles -gemein, womit Sie in Berührung kommen.“ - -Der Staretz erhob sich von seinem Platz. - -„Entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß Sie auf wenige Minuten -verlassen,“ sagte er, sich an alle wendend, „ich werde von Leuten -erwartet, die noch vor Ihnen gekommen sind. Sie aber, lügen Sie ein für -allemal nicht mehr,“ fügte er mit heiterem Gesicht zu Fedor Pawlowitsch -gewendet hinzu. - -Er verließ die Zelle. Aljoscha und der Novize gingen ihm sofort nach, um -ihn die Treppe hinunterzugeleiten. Aljoscha war fast atemlos, war froh, -fortgehen zu können, doch freute es ihn besonders, daß der Staretz nicht -gekränkt, sondern heiter zu sein schien. Der Staretz wollte zur kleinen -Galerie gehen, um die ihn Erwartenden zu segnen. Aber Fedor Pawlowitsch -hielt ihn noch an der Zellentür auf: - -„Gesegneter Mensch!“ rief er gefühlvoll, „erlauben Sie mir, noch einmal -Ihre Hände zu küssen! Nein, mit Ihnen kann man doch reden! Sie glauben, -daß ich immer so dumm bin und so den Narren spiele? So sage ich Ihnen -denn, daß ich es die ganze Zeit mit Absicht getan habe, um Sie zu -erproben. Die ganze Zeit befühle ich Sie ja doch nur, ob man mit Ihnen -auch leben kann? Hat denn meine Wenigkeit Platz neben Eurer Hoheit!? -Stelle Ihnen einen Belobigungsschein aus: man kann wahrhaftig mit Ihnen -leben! Jetzt aber verstumme ich, verstumme für die ganze Zeit. Werde -mich auf meinen Lehnstuhl setzen und verstummen! Jetzt ist die Reihe an -Ihnen, Pjotr Alexandrowitsch, zu sprechen; jetzt sind Sie als -Hauptperson zurückgeblieben ... auf zehn Minuten.“ - - - III. - Die gläubigen Weiber - -Diesmal warteten unten an der kleinen Holzgalerie, die an der Außenseite -der Einfriedigungsmauer angebaut war, nur Frauen, etwa zwanzig Weiber -aus dem Volk. Man hatte sie benachrichtigt, daß der Staretz endlich -käme, und alle hatten sich daraufhin erwartungsvoll herangedrängt. Auf -die Galerie war auch Frau Chochlakoff mit ihrer Tochter gekommen, doch -blieb sie in der anderen, für vornehme Gäste reservierten Hälfte. Frau -Chochlakoff, eine reiche und stets geschmackvoll gekleidete Dame, war -noch ziemlich jung, an sich sehr nett, etwas bleich vielleicht, mit sehr -lebhaften, fast ganz schwarzen Augen. Sie war erst dreiunddreißig Jahre -alt und seit fünf Jahren Witwe. Ihre vierzehnjährige Tochter hatte -gelähmte Füße, und so wurde denn das arme Ding, das seit einem halben -Jahr nicht gehen konnte, in einem langen Rollstuhl auf Gummirädern -geschoben. Sie hatte ein ganz reizendes Gesichtchen, von der Krankheit -sah es allerdings etwas abgezehrt aus, doch war es nichtsdestoweniger -stets lustig. Etwas Schalkhaftes spielte in ihren großen, dunklen Augen -mit den langen Wimpern. Die Mutter beabsichtigte schon seit dem -Frühling, mit ihr ins Ausland zu reisen, hatte aber im Sommer ihr Gut -nicht verlassen können. In unserer Stadt wohnte sie bereits seit einer -Woche, wohl mehr aus geschäftlichen Gründen, als um hier zu beten; doch -hatte sie vor drei Tagen schon einmal den Staretz besucht. Jetzt aber -waren sie plötzlich wiedergekommen, obgleich sie wußten, daß er so gut -wie niemanden mehr empfangen konnte, und hatten unentwegt um das „Glück, -dem großen Arzt danken zu können“, gebeten. Inzwischen warteten sie auf -ihn. Die Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Rollstuhl ihrer Tochter. -Zwei Schritt von ihnen stand ein alter Mönch, der aus einem fernen, -unbekannten Kloster im Norden gekommen war. Er wartete gleichfalls auf -den Segen des Staretz. Doch dieser schritt, als er auf die Galerie trat, -geradenwegs zum Volk. Man drängte sich sofort zur kleinen, dreistufigen -Treppe, die von der niedrigen Galerie auf den Rasen hinabführte. Der -Staretz blieb auf der obersten Stufe stehen, nahm das Epitrachelion um -und begann die sich zu ihm drängenden Frauen zu segnen. Man zog auch -eine „Klikuscha“ an beiden Händen zu ihm heran. Kaum aber hatte diese -den Staretz erblickt, als sie plötzlich ganz absonderlich zu kreischen, -zu schnucken und am ganzen Körper zu zittern begann, so, wie kleine -Kinder zittern, wenn sie Krämpfe haben. Der Staretz breitete sein -Epitrachelion mit einer Handbewegung über ihren Kopf, sprach ein kurzes -Gebet – und sie verstummte und beruhigte sich sofort. Ich weiß nicht, -wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande -und in Klöstern solche „Klikuschi“ gesehen und gehört. Sie wurden zum -Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten wie Hunde durch die -ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles -herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die -„Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets auf -einige Zeit. Mir fiel das als Kind ungemein auf, und ich wunderte mich -nicht wenig darüber. Doch schon damals erfuhr ich auf meine Fragen von -verschiedenen benachbarten Gutsbesitzern und besonders in der Stadt von -meinen Lehrern, daß alles nur Verstellung sei, um nicht arbeiten zu -müssen, und daß diese Krankheit mit der gehörigen Strenge stets -auszurotten sei, wobei es dann noch zur Bekräftigung dieser Behauptung -verschiedene Anekdoten gab. Späterhin aber erfuhr ich zu meinem -Erstaunen von Medizinern, von Spezialisten, daß hierbei von Verstellung -überhaupt nicht die Rede sein könne, daß das ganz einfach eine -furchtbare Frauenkrankheit sei, die, wie es scheint, am häufigsten hier -bei uns in Rußland vorkommt und von dem schweren Los unserer -Bauernweiber zeugt, eine Krankheit, die von der allzu früh begonnenen, -anstrengenden Arbeit nach einer schweren, unnormalen Entbindung ohne -jede ärztliche Hilfe herrührt, oder auch von aussichtslosem Leid, von -Schlägen usw., was gewisse Frauennaturen denn doch nicht ertragen -können. Was aber die sonderbare und sofortige Heilung des „besessenen“ -und tobenden Weibes anbetrifft, die man mir als Verstellung erklärt -hatte oder als eine Posse, die womöglich von dem „Klerus“ selbst -arrangiert werde, so ging sie wahrscheinlich gleichfalls auf ganz -natürliche Weise vor sich: Sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur -Hostie führten, glaubten daran, wie an eine allbekannte Wahrheit, daß -der unreine Geist, der sich der Kranken bemächtigt hatte, diese einfach -verlassen müsse, weil er es nicht ertragen könne, wenn man sie zum Altar -bringt und sie vor der Hostie niederkniet. Darum aber ging dann in dem -nervösen und natürlich auch psychisch kranken Weibe gewissermaßen eine -Erschütterung des ganzen Organismus vor sich, die selbstverständlich -durch die Erwartung des unbedingten Wunders hervorgerufen wurde, ja, -infolge des unerschütterlichen Glaubens daran, daß es geschehen werde, -hervorgerufen werden mußte. Und so geschah es denn auch, wenn auch nur -auf eine Minute. Und so geschah es denn auch diesmal, kaum daß der -Staretz die Kranke mit dem Epitrachelion bedeckt hatte. - -Viele von den sich zu ihm drängenden Weibern brachen unter dem Eindruck -des Augenblicks in Tränen der Rührung und der Begeisterung aus; andere -wiederum drängten sich zu ihm, um wenigstens den Saum seines Gewandes zu -küssen; wieder andere murmelten Gebete oder Segenssprüche vor sich hin. -Er segnete sie alle, und mit einigen von ihnen sprach er auch. Die -„Klikuscha“ kannte er schon von früher, sie wurde aus einem Dorfe, das -nur sechs Werst vom Kloster entfernt war, zu ihm gebracht, und zwar -hatte man das schon des öfteren getan. - -„Du dort, du bist von fern hergekommen!“ sagte er zu einem noch ziemlich -jungen Weibe, das aber sehr mager und im Gesicht nicht etwa bloß -sonnverbrannt, sondern geradezu schwarz war. Sie lag auf den Knien und -sah mit unbeweglichem Blick auf den Staretz. In ihrem Blick lag etwas -wie Verzückung. - -„Von weitem, Vater, von weitem, dreihundert Werst von hier. Von weitem, -Vater, von weitem,“ sagte das Weib, die Worte fast singend, wobei es den -Kopf langsam hin und her wiegte und die Hand an die Wange legte. Und -ihre ganze Sprache war wie ein Klagegesang. - -Es gibt im Volk stummes und vielgeduldiges Leid: es zieht sich in sich -selbst zurück und schweigt. Doch gibt es auch anderes Leid: das bricht -einmal in Tränen aus, und von dem Augenblicke an geht es dann in Klage -oder Gebet über. Dies kommt besonders bei den Frauen vor. Doch ist es -nicht leichter als das schweigende Leid. Die Klage lindert nur dadurch -das Leid, daß sie das Herz zerreißt. Solch ein Leid verlangt nicht -einmal nach Trost, es nährt sich am Gefühl seiner Unstillbarkeit, an -seiner Trostlosigkeit. Die Klage aber ist nur das Bedürfnis, die -schmerzende Wunde immer wieder zu berühren. - -„Du bist wohl vom Kleinbürgerstande?“ fragte der Staretz, der sich -aufmerksam in ihr Gesicht hineinsah. - -„Aus der Stadt sind wir, Vater, aus der Stadt, sind einfache Leute, sind -vom Bauernstande, wohnen aber in der Stadt, Vater, in der Stadt. Bin -gekommen, um dich zu sehen. Wir haben von dir gehört, Vater, viel -gehört. Habe mein Söhnchen, mein Kleines, beerdigt, bin gegangen, um zu -Gott zu beten. Bin in drei Klöstern gewesen, doch alle sagen sie mir: -‚Gehe hin, Nastassjuschka, gehe hin, zu ihm,‘ zu dir, mein Liebling, -soll ich gehen. So bin ich gekommen, war gestern im nächtlichen -Gottesdienst, und heute bin ich zu dir gekommen.“ - -„Worüber weinst du?“ - -„Über mein Söhnchen, Vater, ein dreijähriges Kindchen war’s, nur noch -drei Monate fehlten, und es wäre drei Jahre alt gewesen. Um mein -Söhnchen quäle ich mich, Vater, um mein Söhnchen. Es war das letzte, das -mir blieb, vier hatten wir, vier, Nikituschka und ich. Aber die -Kinderchen bleiben nicht bei uns, du Guter, sie bleiben nicht. Die drei -ersten begrub ich, begrub sie, und es tat mir nicht gar so weh; diesen -letzten aber begrub ich, und nun kann ich ihn nicht mehr vergessen. Es -ist mir, als ob er hier vor mir steht und nicht fortgeht. Hat mir die -Seele ausgesogen. Betrachte ich seine Sächelchen, seine Hemdchen oder -seine kleinen Stiefelchen, da stöhne ich und heule auf. Breite alles -aus, was von ihm übriggeblieben ist, jedes kleine Sächelchen, sehe und -heule. Sage Nikituschka, meinem Manne: Laß du mich, Lieber, beten gehen. -Droschkenkutscher ist er, nicht arm sind wir, Vater, nicht arm, er ist -sein eigener Herr, alles gehört uns selbst, die Pferde und auch die -Wagen. Aber wozu nützt uns jetzt unser Besitz? Wieder wird er jetzt -fehlgehen, mein Nikituschka, das ist schon so, ohne mich, und ist auch -immer so gewesen: Wenn ich mich nur von ihm abwende, wird er sofort -wieder schwach. Aber jetzt denke ich gar nicht mehr an ihn. Bin jetzt -schon drei Monate fort von Hause. Habe vergessen, alles vergessen, und -will auch nichts wissen; was soll ich jetzt mit ihm? Es ist aus mit ihm, -habe mit allem abgeschlossen, mit allem. Würde ich doch jetzt nicht mein -Haus sehen wollen und all mein Hab und Gut, und würde ich doch auch -nichts mehr sehen!“ - -„Höre mich, Mutter,“ sagte der Staretz, „einstmals erblickte ein alter -Heiliger im Tempel eine weinende Mutter, wie du, und sie weinte -gleichfalls über ihr kleines Kind, um ihr einziges, das Gott von ihr zu -sich genommen hatte. ‚Oder weißt du nicht,‘ sprach der Heilige zur -Mutter, ‚wie kühn diese Kindlein vor dem Throne Gottes sind? Gibt es -doch niemanden, der im Himmelreiche kühner wäre, denn sie. Du, Herr, -hast uns das Leben geschenkt, sagen sie zu Gott, und kaum, daß wir es -erschauten, da nahmst du es wieder von uns. Und so kühn bitten und -flehen sie, daß der Herr sie alsbald zu Engeln macht. Und darum,‘ sprach -der Heilige, ‚freue du dich, Weib, und weine nicht, denn dein Kind ist -bei Gott und weilet in seiner Engelschar.‘ Also sprach in alten Zeiten -der Heilige zum weinenden Weibe. War aber ein großer Heiliger, wie also -hätte er ihr Unwahrheit sagen können? So wisse denn auch du, Mutter, daß -auch dein Kind vor dem Throne Gottes steht und fröhlich und selig ist, -und Gott für dich bittet. Und darum weine auch du nicht, sondern freue -dich.“ - -Das Weib hörte ihn an, die Wange in die Hand gestützt. Sie seufzte tief. - -„Damit hat mich auch Nikituschka getröstet, Wort für Wort, wie du es -sagst: ‚Was weinst du,‘ sagt er, ‚unser Söhnchen ist jetzt bestimmt beim -lieben Herrgott und singt dort mit den Engelein.‘ Das sagt er mir, weint -aber dabei selbst, ich sehe es ja, weint, wie ich weine. ‚Das weiß ich, -Nikituschka,‘ sage ich, ‚wo sollte er denn sonst sein, wenn nicht beim -lieben Herrgott, nur ist er nicht bei uns, Nikituschka, sitzt nicht mehr -hier neben uns, wie er früher saß!‘ Wenn ich nur ein einziges Mal ihn -wiedersehen könnte, nur ein einziges Mal, würde ja nicht zu ihm gehen, -würde kein Wörtchen sagen, würde mich in der Ecke verstecken, nur ein -Minutchen, nur ein einziges, ihn sehen, ihn hören, wie er auf dem Hof -spielt, oder hereinkommt und mit seinem Stimmchen ruft: ‚Mammi, wo bist -du?‘ Nur einmal noch will ich hören, wie er im Zimmer herumtrippelt, nur -ein einziges Mal, mit seinen Beinchen, tipp tapp, und so schnell, -schnell geht’s, ich weiß noch, wie er zuweilen so zu mir gestrampelt -kam, schrie und lachte dabei ... wenn ich nur einmal noch seine -Schrittchen hören könnte, nur einmal, ich würde ihn gleich -wiedererkennen! Aber er ist nicht mehr, Vater, er ist nicht mehr, und -niemals mehr werde ich ihn hören. Sieh, hier ist sein Gürtelchen, er -aber ist nicht mehr da, und niemals mehr, niemals mehr werde ich ihn -sehen noch hören! ...“ - -Sie zog einen kleinen mit Borten bestickten Gürtel hervor, den sie in -den Busen gesteckt hatte, doch kaum sah sie ihn an, da brach sie auch -schon in Tränen aus; ihr ganzer Körper wurde vom Schluchzen erschüttert, -sie bedeckte die Augen mit den Händen, doch die Tränen flossen durch die -Finger über die Hände herab. - -„So hat auch Rachel über ihre Kinder geweint und sich nicht trösten -können; das sind die Schranken, die euch Müttern hier auf Erden gezogen -worden sind. Und so gib dich denn nicht damit zufrieden, Weib, tröste -dich nicht, und laß dich nicht trösten, sondern weine, nur wisse in -jeder Stunde, in der du weinst, daß dein Sohn einer der Engel Gottes -ist, daß er von dort auf dich niederschaut, dich sieht, und sich deiner -Tränen freut, und sie Gott dem Herrn zeigt. Und lange noch, Mutter, -wirst du die Tränen deines großen Schmerzes weinen, doch schließlich -werden sie sich in eine stille Freude verwandeln, und deine bitteren -Tränen werden dann nur Tränen einer stillen Rührung sein, eine -Herzensläuterung, die vor allen Sünden bewahrt. Deines Sohnes aber werde -ich im Gebete gedenken. Wie hieß er mit Namen?“ - -„Alexei, Vater.“ - -„Ein lieber Name. Nach dem Gottesknecht Alexei?“ - -„Nach dem Gottesknecht, Vater, ja, nach dem Gottesknecht, nach dem -Gottesknecht Alexei.“ - -„Das war ein heiliger Mann! Ich werde seiner gedenken, Mutter, und auch -deiner Trauer in meinem Gebet, und auch deines Mannes werde ich -gedenken, auf daß es ihm wohl ergehe, und er gesund bleibe. Nur ist es -Sünde von dir, ihn so allein zu lassen. Kehre zurück zu deinem Manne und -beschütze ihn. Sonst sieht es dein Sohn von droben, daß du seinen Vater -verlassen hast, und er wird über euch weinen: Warum störst du also seine -Seligkeit? Denn er lebt doch, er lebt, denn die Seele ist ewig lebendig, -und wenn du ihn auch nicht im Hause siehst, so ist er doch unsichtbar -bei euch. Wie soll er nun in euer Haus kommen, wenn dir dein Haus, wie -du sagst, nicht mehr lieb ist? Und zu wem soll er kommen, wenn er nicht -euch beide, Vater und Mutter, beisammen findet? Sieh, jetzt träumst du -von ihm, und das quält dich, dann aber wird er dir sanfte Träume -schicken. Geh zu deinem Manne, Weib, kehre noch heutigen Tages zu ihm -zurück, Mutter.“ - -„Ich werde gehen, du mein Lieber, werde gehen, wie du sagst. Hast mir -mein Herz erleichtert! ... Nikituschka, du mein Nikituschka, erwartest -mich wohl, mein Täubchen,“ begann sie vor sich hinzusagen, doch der -Staretz wandte sich schon zu einem alten Mütterchen, das städtisch, aber -ganz sonderbar und altmodisch gekleidet war. An ihren Augen konnte man -sehen, daß sie etwas Besonderes auf dem Herzen hatte und gekommen war, -um es mitzuteilen. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers aus unserem -Städtchen. Ihr Sohn Wassenjka hatte irgendwo im Kommissariat gedient, -war aber dann nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren. Zweimal hatte er -ihr von dort geschrieben, dann aber hatte sie ein ganzes Jahr lang keine -Nachricht mehr von ihm erhalten. Sie hatte sich darauf wohl nach ihm -erkundigt, doch genau genommen, wußte sie nicht recht, wo man sich -eigentlich erkundigen sollte. - -„Nun sagte mir noch neulich Stepanida Iljinitschna Bedrjägina, die -Kaufmannsfrau, sie ist sehr reich – sie sagte mir, laß doch, -Prochorowna, für deinen Sohn eine Seelenmesse lesen. Dann wird seine -Seele Heimweh bekommen, und er wird dir sofort einen Brief schreiben. -Das ist schon mehrmals erprobt worden und hat sich immer als richtig -erwiesen, sagt Stepanida Iljinitschna. Nur denke ich so bei mir ... weiß -nicht, was ich tun soll ... Sage du mir, unser Augenlicht, was soll ich -tun, soll ich die Messe für seine Seele lesen lassen?“ - -„Du solltest an so etwas überhaupt nicht denken. Es ist schon eine -Schande, solches auch nur zu fragen. Und wie wäre denn das möglich, daß -man für eine lebende Seele die Totenmesse lesen läßt, und dazu noch die -leibliche Mutter. Das wäre eine große Sünde, wäre wie Zauberei, und nur -wegen deiner Unwissenheit sei es dir verziehen. Bete lieber zur -Muttergottes für seine Gesundheit und auf daß sie dir deine unrechten -Gedanken verzeihe. Und höre, was ich dir noch sagen werde, Prochorowna: -Dein Sohn wird bald entweder selbst zu dir zurückkehren, oder er wird -dir einen Brief schicken. Das wisse. Gehe jetzt und sei ruhig. Dein Sohn -lebt, das sage ich dir.“ - -„Unser Lieber, du unser Augenlicht, Gott schütze dich, unser Wohltäter, -weiß ich doch, daß du für uns alle betest und für alle unsere Sünden!“ - -Der Staretz aber hatte schon zwei brennende Augen bemerkt, mit denen ihn -eine magere, dem Anscheine nach schwindsüchtige, doch noch junge Bäuerin -unverwandt ansah. Sie blickte ihn stumm an, ihre Augen baten um etwas, -doch schien sie Angst zu haben, näher zu kommen. - -„Womit bist du gekommen, mein Kind?“ - -„Erlöse meine Seele, Vater,“ sagte sie leise und unübereilt, kniete -nieder und verbeugte sich vor ihm bis zur Erde. - -„Ich habe gefehlt, mein Vater, ich fürchte meine Sünde.“ - -Der Staretz setzte sich auf die unterste Stufe, die Bäuerin näherte sich -ihm, ohne sich dabei von den Knien zu erheben. - -„Ich bin Witwe, schon das dritte Jahr,“ begann sie halb flüsternd, wobei -sie fast zusammenschauerte. „Schwer hatte ich es in der Ehe, alt war er, -und schmerzhaft schlug er mich. Dann wurde er krank und lag zu Bett; und -so denke ich, wie ich ihn so sehe, wenn er aber gesund wird und wieder -aufsteht, was dann? Und da kam mir dieser selbe Gedanke! ...“ - -„Wart,“ sagte der Staretz und näherte sein Ohr ganz dicht ihren Lippen. -Sie fuhr mit leisem Flüstern in ihrer Beichte fort, doch konnte man -nichts mehr verstehen. Sie war bald zu Ende damit. - -„Das dritte Jahr?“ fragte der Staretz. - -„Das dritte. Zuerst dachte ich nicht daran, jetzt aber ist das Kränkeln -gekommen und damit auch die Seelenangst.“ - -„Bist du von weitem hergekommen?“ - -„Über fünfhundert Werst von hier.“ - -„Hast du es in der Beichte gestanden?“ - -„Habe gestanden, habe es zweimal gestanden.“ - -„Hat man dich zum Abendmahl zugelassen?“ - -„Ja, man ließ mich zu. Ich fürchte mich, fürchte mich, zu sterben.“ - -„Fürchte nichts, und fürchte dich niemals, und ängstige deine Seele -nicht. Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt – wird Gott dir alles -verzeihen. Gibt es doch keine Sünde, kann es doch auf der ganzen Welt -keine so große Sünde geben, die Gott der Herr dem wahrhaft reuigen -Sünder nicht verziehe. Und kann doch der Mensch nie und nimmer eine so -große Sünde begehen, daß sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte. -Oder glaubst du, daß es eine Sünde gäbe, die größer wäre als die Liebe -Gottes? Trage nur Sorge um die Reue, sei unermüdlich im Bereuen, doch -die Angst sollst du von dir scheuchen. Glaube daran, daß Gott dich so -liebt, wie du es dir gar nicht denken kannst, daß er dich zusammen mit -deiner Sünde und dich in deiner Sünde liebt. Weißt du nicht, daß es -geschrieben steht: Über einen reuigen Sünder wird im Himmel mehr Freude -sein, als über zehn Gerechte? So geh denn hin und fürchte dich nicht. -Laß dich von den Menschen nicht erbittern und ärgere dich nicht über -Kränkungen. Dem Verstorbenen vergib im Herzen alles, söhne dich aus mit -ihm in Wahrheit. Wenn du bußfertig bist, so liebst du, liebst du aber, -so bist du schon Gottes Kind ... Liebe erkauft alles, Liebe rettet -alles. Wenn du schon mich, der ich doch ein ebenso sündiger Mensch bin -wie du, gerührt hast und ich Mitleid mit dir empfinde, um wieviel mehr -wird es dann Gott tun. Die Liebe ist ein so unschätzbarer Schatz, daß du -mit ihr die ganze Welt kaufen kannst und nicht nur deine, sondern auch -fremde Sünden auskaufst. So gehe jetzt hin in Frieden und fürchte dich -nicht.“ - -Dreimal schlug er das Kreuz über sie, nahm dann von seinem Halse ein -kleines Heiligenbild und legte es um ihren Hals. Schweigend neigte sie -sich vor ihm bis zur Erde. Er erhob sich, und blickte heiter auf ein -gesundes Bauernweib, das ein Brustkind auf den Armen trug. - -„Bin aus Wyschegorje, Liebster.“ - -„Immerhin sechs Werst von hier, hast noch dazu das Kindchen getragen. -Was wolltest du?“ - -„Dich sehen wollte ich; ich bin doch schon früher bei dir gewesen, oder -hast du’s vergessen? Dann hast du wohl kein großes Gedächtnis, wenn du -mich schon vergessen hast! Die Leute sprachen dort bei uns, daß du krank -sein sollst; da dachte ich, wart, werde ich selbst hingehen, sehen, was -er macht. Und da sehe ich dich nun; was bist du denn für ein Kranker? -Wirst noch zwanzig Jahre leben, wirklich! Gott mit dir! Und als ob du -wenig Fürbitter hättest! Wie sollst du denn krank sein?“ - -„Ich danke dir für alles, Liebe.“ - -„Wart, ich habe noch eine kleine Bitte an dich, sie ist nicht groß: Hier -sind sechzig Kopeken, gib sie, Liebster, einer, die ärmer ist als ich. -Als ich herkam, dachte ich so bei mir: Besser, ich gebe es durch ihn; er -wird schon wissen, wer es nötig hat.“ - -„Ich danke dir, Liebste, danke, meine Gute. Ich habe dich lieb, du Gute; -ich werde unbedingt so handeln, wie du wünscht. – Ist es ein Mädchen?“ - -„Ein Mädchen, Liebster, Lisaweta.“ - -„Der Herr segne euch beide, dich wie die kleine Lisaweta. Mein Herz hast -du mir erheitert, Mutter. Lebt wohl, meine Lieben, lebt wohl, meine -teuren Lieben!“ - -Er segnete alle und verneigte sich tief vor ihnen. - - - IV. - Die kleingläubige Dame - -Die zugereiste Gutsbesitzerin, die dem ganzen Gespräch des Staretz mit -dem einfachen Volk zugehört hatte, vergoß stille Tränen und tupfte sie -mit ihrem Batisttüchlein ab. Sie war eine gefühlvolle Weltdame mit in -gar manchen Dingen wahrhaft guten Neigungen. Als der Staretz endlich -auch zu ihr trat, begrüßte sie ihn ganz begeistert. - -„Ich habe soviel, soviel empfunden beim Anblick dieser rührenden Szene -...“ Vor Erregung stockte sie im Sprechen. „O, ich verstehe nur zu gut, -daß das Volk Sie liebt, ich liebe es auch selbst, ich will es lieben, -und wie sollte man es auch nicht lieben, dieses prachtvolle, in seiner -Größe so treuherzige, russische Volk!“ - -„Wie steht es mit der Gesundheit Ihrer Tochter? Man sagte mir, daß Sie -mit mir sprechen wollten?“ - -„O, ich habe darum gebeten, gefleht! ich war bereit, auf die Knie zu -fallen und meinetwegen drei Tage lang vor Ihren Fenstern zu knien, bis -Sie mich dann endlich empfangen hätten! Wir sind zu Ihnen gekommen, -großer Arzt, um Ihnen unseren heißen, heißen Dank auszusprechen! Sie -haben doch meine Lisa ganz gesund gemacht, aber ganz, und wodurch? – -Durch Ihr Gebet am Donnerstag, dadurch daß Sie Ihre Hände beim Gebet auf -sie gelegt haben! Wir sind hergekommen, um diese Hände zu küssen, um -unsere Gefühle, unsere Ehrfurcht auszudrücken!“ - -„Wieso habe ich sie geheilt? Sie liegt doch noch im Rollstuhl?“ - -„Aber sie fiebert jetzt in der Nacht überhaupt nicht mehr, zwei Nächte -nicht mehr, seit Donnerstag!“ sagte nervös erregt die Dame. „Und nicht -nur das allein, auch ihre Füße sind erstarkt. Heute morgen stand sie -ganz gesund auf, sie hat die ganze Nacht geschlafen; sehen Sie doch, wie -rosig sie heute ist, wie ihre Augen glänzen! Sonst weinte sie immer, -jetzt aber lacht sie, ist lustig und fröhlich. Heute wollte sie -unbedingt, daß man sie auf die Füße stelle, und so stand sie eine ganze -Minute ohne jede Stütze. Sie hat mit mir gewettet, daß sie nach zwei -Wochen Walzer tanzen werde. Ich ließ den hiesigen Doktor Herzenstube zu -mir bitten; er aber zuckte bloß mit den Achseln und sagte: ‚Das -überrascht mich, ist mir unverständlich!‘ Und Sie verlangen, daß wir Sie -nicht mehr beunruhigen sollen, daß wir nicht danken? _Lise_, bedank dich -doch, aber so bedanke dich doch!“ - -Lisas reizendes, lachendes Gesichtchen wurde plötzlich ganz ernst; sie -erhob sich im Stuhl, soweit sie es konnte, blickte ernst den Staretz an -und legte ihre Händchen vor ihm zusammen, doch konnte sie sich nicht -bezwingen und fing von neuem an zu lachen ... - -„Über ihn, ach, ich lache ja nur über ihn!“ rief sie, auf Aljoscha -weisend, in kindlichem Unwillen über sich selbst, weil sie nicht ernst -geblieben war und gelacht hatte. Wer Aljoscha, der einen Schritt hinter -dem Staretz stand, betrachtet hätte, der würde die Röte bemerkt haben, -die auf einen Augenblick in sein Gesicht stieg. Seine Augen blitzten -auf, und er senkte den Blick zu Boden. - -„Sie hat einen Auftrag an Sie, Alexei Fedorowitsch ... Wie geht es -Ihnen?“ wandte sich die Mama an Aljoscha und streckte ihm ihr reizendes -behandschuhtes Händchen entgegen. Der Staretz sah sich hastig nach -Aljoscha um und betrachtete ihn lange Zeit sehr aufmerksam. Jener -näherte sich Lisa und reichte ihr ein wenig ungeschickt lächelnd die -Hand. _Lise_ machte ein wichtiges Gesichtchen. - -„Katerina Iwanowna schickt Ihnen durch mich diesen Brief,“ sagte sie und -überreichte ihm ein kleines Schreiben. „Sie läßt Sie sehr, sehr bitten, -zu ihr zu kommen und so schnell als möglich, und nicht nur zu -versprechen, sondern bestimmt zu kommen.“ - -„Sie bittet mich, zu ihr zu kommen? Zu ihr, mich ... Warum denn?“ -stotterte Aljoscha höchst verwundert. Er sah plötzlich ganz besorgt aus. - -„O, es handelt sich natürlich um Dmitrij Fedorowitsch und ... um alle -diese jüngsten Begebenheiten,“ erklärte flüchtig die Mama. „Katerina -Iwanowna hat sich jetzt zu etwas entschlossen ... zu diesem Zweck aber -muß sie Sie sehen – warum? Das weiß ich natürlich nicht; aber sie läßt -Sie bitten, sobald als möglich zu kommen. Und Sie kommen doch, nicht -wahr? Kommen Sie unbedingt, hier gebietet es sogar die Christenpflicht.“ - -„Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen,“ sagte Aljoscha immer noch -ganz verwundert. - -„O, das ist ein so edles, ein so unerreichbar edles Mädchen! ... Schon -allein, was sie gelitten hat ... Bedenken Sie doch nur, was sie ertragen -hat, und was sie jetzt ertragen muß, und bedenken Sie nur, was sie noch -erwartet! ... Es ist schrecklich, wirklich schrecklich, wenn man das -bedenkt!“ - -„Gut, ich werde hingehen,“ beschloß Aljoscha, nachdem er das kurze, -rätselhafte Schreiben überflogen hatte, das außer der dringenden Bitte, -zu ihr zu kommen, weiter nichts, keine einzige Erklärung enthielt. - -„Ach, wie nett das von Ihnen ist, und es wird herrlich sein!“ rief Lisa -ganz entzückt aus. „Ich habe Mama immer gesagt: Er wird bestimmt nicht -kommen, um keinen Preis wird er kommen! Wie nett, wie reizend Sie sind! -Ich habe mir immer gedacht, daß Sie reizend sind, und es ist mir -angenehm, Ihnen das jetzt sagen zu können.“ - -„_Lise!_“ rief ernst die Mama, doch lächelte auch sie gleich wieder. - -„Sie haben uns ganz vergessen, Alexei Fedorowitsch; Sie kommen ja gar -nicht mehr zu uns! _Lise_ aber hat mir schon zweimal gesagt, daß sie -sich nur in Ihrer Gesellschaft wohl fühle.“ - -Aljoscha erhob den gesenkten Blick, wurde plötzlich wieder über und über -rot und lachte abermals, ohne selbst zu wissen, warum. Der Staretz aber -beobachtete ihn nicht mehr; er unterhielt sich bereits mit dem Mönch, -der, wie schon erwähnt, neben Lisas Rollstuhl auf sein Erscheinen -gewartet hatte. Es war dem Aussehen nach ein ganz einfacher Mönch, ein -Mensch mit einer kleinen, doch unzerstörbaren Weltanschauung, dabei aber -gläubig und in seiner Art ungemein starrköpfig. Er sagte, daß er aus dem -fernen Norden gekommen sei, aus Obdorsk vom heiligen Silvester, – aus -einem armen, kleinen Kloster, in dem nur neun Mönche lebten. Der Staretz -segnete ihn und forderte ihn auf, einerlei wann, zu ihm in die Zelle zu -kommen. - -„Wie können Sie so was erreichen?“ fragte plötzlich der Mönch, wobei er -ernst und feierlich auf Lisa hinwies. Er fragte es in betreff ihrer -„Heilung“. - -„Davon zu sprechen, ist natürlich noch zu früh. Erleichterung ist nicht -völlige Heilung und kann auch durch andere Ursachen hervorgerufen worden -sein. Und selbst das wird nicht anders als nach Gottes Wunsch und durch -Gottes Kraft geschehen sein. Alles kommt von Gott. Besuchen Sie mich -bald, Pater,“ fügte er nochmals hinzu, „denn nicht zu jeder Zeit kann -ich aufstehen; ich bin krank und weiß, daß meine Tage gezählt sind.“ - -„O nein, nein, Gott wird Sie nicht von uns nehmen; Sie werden noch -lange, lange leben!“ fiel die Mama ihm ins Wort. „Und woran sind Sie -denn erkrankt? Sie sehen so gesund aus, so fröhlich und glücklich!“ - -„Heute fühle ich mich auch viel besser, aber ich weiß, daß es nur eine -Erleichterung auf eine Minute ist. Ich kenne jetzt meine Krankheit und -kann mich nicht mehr darüber täuschen. Wenn ich Ihnen aber so fröhlich -und glücklich scheine, so hätten Sie mich mit nichts so erfreuen können -wie durch diese Bemerkung. Denn zum Glück sind die Menschen geschaffen, -und wer vollkommen glücklich ist, der darf sich selbst sagen: ‚Ich habe -das Gebot Gottes auf dieser Welt erfüllt.‘ Alle Heiligen, alle heiligen -Märtyrer sind glücklich gewesen.“ - -„O wie schön Sie reden, welch große und hohe Worte Sie gebrauchen,“ -sagte begeistert die Mama. „Wenn Sie etwas sagen, so durchdringen Sie -einen gleichsam. Und doch! ... das Glück, ja, das Glück – wo ist es? Wer -kann von sich sagen, daß er glücklich sei? O, wenn Sie schon so gut -gewesen sind, heute nochmals zu uns zu kommen, so hören Sie denn auch -alles, was ich Ihnen das vorige Mal nicht sagen konnte, was ich nicht zu -sagen wagte, alles, worunter ich so lange, so lange schon leide! Ich -leide, verzeihen Sie mir, ich leide ...“ Und sie faltete in einem -plötzlich sie überkommenden heißen Gefühl die Hände vor ihm. - -„Worunter denn so besonders?“ - -„Ich leide ... unter meinem Unglauben ...“ - -„Unglauben an Gott?“ - -„O nein, nein, daran wage ich nicht einmal zu denken: aber das Leben im -Jenseits – das ist solch ein Rätsel! Und niemand, niemand kann genau auf -die Frage antworten! Hören Sie mich an, Sie tiefer Kenner der -Menschenseele; ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß Sie meinen -Worten vollen Glauben schenken, aber ich versichere Ihnen, daß ich jetzt -nicht aus Leichtsinn rede: Der Gedanke an das Leben nach dem Tode regt -mich Unglückliche auf, bis zur Beängstigung, bis zum Entsetzen bringt er -mich! Und ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, niemals habe ich -gewagt ... Und sehen Sie, jetzt habe ich gewagt, mich an Sie zu wenden -... O Gott, für was werden Sie mich nun halten!“ Und sie bedeckte ihr -Gesicht mit den Händen. - -„Beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Meinung,“ entgegnete der -Staretz. „Ich glaube vollkommen an die Aufrichtigkeit Ihres Kummers.“ - -„O, ich danke Ihnen dafür! Sehen Sie, ich schließe die Augen und denke: -Wenn alle glauben, so – woher kommt das? Jetzt aber versichert man, das -sei zuerst nur aus der Furcht vor den Schrecken einflößenden -Naturerscheinungen gekommen, und daß es alles das überhaupt nicht gäbe. -Wie nun, denke ich, ich habe geglaubt so lange ich lebe – und da sterbe -ich nun, und plötzlich ist nichts da, und nur ‚Kletten wachsen auf -meinem Grabe‘, wie ich vor kurzem bei einem Schriftsteller las. Das ist -doch entsetzlich! Wodurch den Glauben wiedergewinnen, wodurch? Und -wissen Sie, ich habe eigentlich nur als ganz kleines Mädchen geglaubt, -mechanisch, ohne etwas dabei zu denken ... Wodurch sich nun überzeugen? -Ich bin zu Ihnen gekommen, um vor Ihnen niederzuknien und Sie zu fragen; -denn wenn ich jetzt diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lasse, so -wird mir doch in meinem ganzen Leben niemand mehr darauf Antwort geben. -Womit nun beweisen, wodurch sich überzeugen? O, das ist ein zu großes -Unglück! Ich stehe und sehe, daß allen alles einerlei ist, oder fast -allen, niemand denkt jetzt daran, nur ich allein kann das nicht mehr -ertragen. Das ist ja entsetzlich, ganz entsetzlich, einfach tötend!“ - -„Zweifellos tötend. Doch beweisen läßt sich hierbei nichts, wohl aber -kann man sich überzeugen.“ - -„Wie? Wodurch?“ - -„Durch die Erfahrung der werktätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre -Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben. In dem Maße, wie Sie in der -Liebe fortschreiten, werden Sie sich auch vom Sein Gottes und von der -Unsterblichkeit Ihrer Seele überzeugen. Wenn Sie aber in Ihrer Liebe zum -Nächsten bis zur vollen Selbstverleugnung gekommen sind, dann werden Sie -auch den vollen Glauben errungen haben, und kein Zweifel wird sich dann -mehr in Ihre Seele einschleichen können. Das ist eine alterprobte -Wahrheit.“ - -„Durch werktätige Liebe? Aber da erhebt sich die andere Frage, und was -das für eine Frage ist! Sehen Sie: ich liebe die Menschheit dermaßen, -daß ich – werden Sie es mir glauben? – zuweilen daran denke, alles zu -verlassen, alles, was ich habe, _Lise_ und alles, alles, und barmherzige -Schwester zu werden. Ich schließe die Augen, denke und träume, und in -diesen Augenblicken fühle ich eine unüberwindliche Kraft in mir. Keine -Wunden, keine eiternden Beulen könnten mich abschrecken, ich würde sie -mit meinen eigenen Händen waschen und verbinden; ich möchte die Wärterin -dieser Leidenden sein und wäre bereit, diese Schwären zu küssen ...“ - -„Und selbst das ist schon viel und gut, daß Ihre Gedanken davon träumen -und nicht von anderem. Bestimmt werden Sie doch noch eine gute Tat tun, -wenn auch vielleicht nur aus Versehen ...“ - -„Ja, aber wie lange könnte ich denn dieses Leben aushalten?“ fragte -erregt, fast außer sich, die Dame. „Das ist ja die Hauptfrage! Das ist -die allerquälendste Frage! Ich schließe die Augen und frage mich: Wie -lange würdest du auf diesem Wege gehen können? Und wenn der Kranke, -dessen Wunden du wäschst, dir nicht sofort seine ganze Dankbarkeit -schenkt, dich im Gegenteil womöglich noch mit Launen quält, ohne deine -menschenfreundliche Aufopferung zu schätzen oder auch nur zu beachten, -dich anschreit, sogar roh von dir verlangt, was du doch freiwillig -gibst, sich sogar bei den Vorgesetzten über dich beklagt – wie das doch -häufig Schwerleidende tun –, was dann? Wird dann deine Liebe noch -fortdauern oder nicht? Und denken Sie sich, ich habe mir selbst sofort -angstvoll eingestanden: wenn es etwas gibt, was meine ‚tätige‘ Liebe zur -Menschheit sofort erkalten machen könnte, so ist das einzige die -Undankbarkeit. Mit einem Wort, ich bin eine Arbeiterin um Lohn, ich -verlange den Lohn sofort; ich meine, daß man mich lobt, ich verlange -Gegenliebe als Lohn für meine Liebe. Anders bin ich überhaupt nicht -fähig, jemanden zu lieben!“ - -Es schien ein Anfall der aufrichtigsten Selbstgeißelung über sie -gekommen zu sein. Als sie geendet hatte, blickte sie mit einer geradezu -herausfordernden Entschlossenheit auf den Staretz. - -„Was Sie mir sagen, hat mir fast Wort für Wort einmal, es ist schon -lange her, ein Arzt gesagt,“ bemerkte dieser. „Es war ein bereits -bejahrter und zweifellos kluger Mensch. Er sprach ebenso aufrichtig wie -Sie, wenn auch halb scherzend, jedenfalls aber traurig scherzend. Ich -liebe die Menschheit, sagte er, doch wundere ich mich über mich selbst: -je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, desto weniger liebe ich -die Menschen im einzelnen, das heißt, als einzelne Personen genommen. In -Gedanken, sagte er, bin ich nicht selten zu ganz sonderbaren Absichten, -der Menschheit zu dienen, gekommen, und vielleicht wäre ich wirklich -fähig gewesen, mich für die Menschen kreuzigen zu lassen, wenn das, -sagen wir, irgendwie unbedingt vonnöten gewesen wäre; indessen aber -könnte ich nicht einmal zwei Tage lang mit irgend jemandem in einem -Zimmer leben, was ich aus mehrfacher Erfahrung weiß. Kaum daß jemand bei -mir ist, so verletzt er schon meine Persönlichkeit, meine Eigenliebe und -beeinträchtigt meine Freiheit. In vierundzwanzig Stunden kann ich den -besten Menschen hassen: den einen, weil er langsam ißt bei Tisch, den -anderen, weil er Schnupfen hat und sich immer schnauben muß. Und so -werde ich, sagte er, sofort ein Menschenfeind, sobald ich nur mit -Menschen in Berührung komme. Dafür aber wurde, je mehr ich die Menschen -im einzelnen haßte, meine Liebe zur Menschheit im allgemeinen immer -größer und leidenschaftlicher.“ - -„Aber was soll man denn tun? Was soll man denn in diesem Falle tun? Das -ist doch zum Verzweifeln!“ - -„Nein, denn auch das genügt, daß Sie sich darum grämen. Tun Sie, was in -Ihren Kräften steht, und auch das wird Ihnen angerechnet werden. Sie -haben schon vieles getan, denn Sie haben sich so tief und aufrichtig -selbst erkannt! Wenn Sie aber auch mit mir nur deswegen so aufrichtig -gesprochen haben, um von mir nur ein Lob zu hören für Ihre -Aufrichtigkeit, so werden Sie natürlich mit Ihrer werktätigen Liebe -nichts erreichen, so wird alles nur in Ihren Gedanken bleiben, und das -ganze Leben wird wie ein Phantom vorüberfliehen. Dann werden Sie -natürlich auch das jenseitige Leben vergessen und sich schließlich -vielleicht irgendwie beruhigen.“ - -„Sie haben mich vernichtet! Erst jetzt, erst in diesem Augenblick, da -Sie sprachen, begriff ich, daß ich wirklich nur Ihr Lob für meine -Aufrichtigkeit erwartete, als ich Ihnen sagte, ich würde Undankbarkeit -nicht ertragen können. Sie haben mich ganz begriffen, und Sie haben mich -mir selbst erklärt!“ - -„Sagen Sie das jetzt wirklich ganz aufrichtig? Nun, dann kann ich Ihnen -sagen: Jetzt, nach solch einem Bekenntnis, glaube ich, daß Sie -aufrichtig und im Herzen ein guter Mensch sind. Wenn Sie auch das Glück -nicht erreichen sollten, so denken Sie daran, daß Sie auf einem guten -Wege sind, und bemühen Sie sich, nicht von ihm abzugehen. Die erste -Bedingung ist: vermeiden Sie die Lüge, jede Lüge, die Lüge vor sich -selbst ganz besonders. Geben Sie acht auf Ihre Lüge und beobachten Sie -sie in jeder Stunde, in jeder Minute. Desgleichen vermeiden Sie -Launenhaftigkeit, sich selbst sowohl als anderen gegenüber. Das, was -Ihnen im Herzen schlecht erscheint, wird schon allein dadurch, daß Sie -es in sich bemerken, geläutert. Meiden Sie die Furcht, obgleich Furcht -nur die Folge jeder Lüge ist. Lassen Sie sich niemals durch Ihren -eigenen Kleinmut vom Werben um Liebe abschrecken, sogar Ihre eigenen, -schlechten Handlungen in der Beziehung brauchen Sie nicht so sehr zu -fürchten. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts Beruhigenderes sagen -kann, denn die werktätige Liebe ist im Vergleich zur schwärmerischen -Liebe etwas Grausames und Abschreckendes. Die schwärmerische Liebe -lechzt nach einer schnellen Heldentat, die man in kurzer Zeit -vollbringen kann, und zwar unbedingt so, daß alle sie beachten. Dabei -kommt es wirklich so weit, daß man bereit ist, das Leben hinzugeben, -wenn es nur nicht lange dauert, sondern schnell vollbracht ist, wie auf -der Bühne, und alle es sehen und loben. Die werktätige Liebe dagegen, -die ist Arbeit und Ausdauer, für einige sogar eine ganze Wissenschaft. -Ich aber sage Ihnen, in derselben Minute, in der Sie sich mit Entsetzen -gestehen, daß Sie sich trotz all Ihrer Bestrebungen nicht nur dem Ziele -nicht genähert, sondern sich von ihm scheinbar noch entfernt haben – in -diesem Augenblick, das sage ich Ihnen, werden Sie mit einemmal das Ziel -erreichen und über sich klar die wundertätige Kraft des Herrn fühlen, -die Kraft Gottes, der Sie immer geliebt hat und Sie die ganze Zeit -unsichtbar lenkt. Verzeihen Sie, aber ich muß jetzt gehen, man erwartet -mich. Auf Wiedersehen.“ - -Die Dame weinte. - -„_Lise, Lise_, o segnen Sie sie, segnen Sie sie!“ bat sie erregt. - -„Nun, Ihr Töchterchen zu lieben, lohnt sich gar nicht. Ich habe sehr -wohl gesehen, wie unartig sie die ganze Zeit gewesen ist,“ sagte -scherzend der Staretz. „Warum haben Sie die ganze Zeit über Alexei -gelacht?“ - -_Lise_ hatte sich tatsächlich die ganze Zeit nur mit dieser kleinen -Spitzbüberei beschäftigt. Sie hatte es schon längst bemerkt, daß -Aljoscha verlegen wurde, wenn sie ihn ansah, und daß er sich immer -bemühte, sie nicht anzusehen; nun, und das fand sie ungeheuer -interessant. Aufmerksam wartete sie und suchte sie, seinen Blick zu -erhaschen. Aljoscha aber, der den unverwandt auf ihn gerichteten Blick -nicht ertragen konnte, bezwang sich, bezwang sich wieder, und plötzlich, -– plötzlich blickte er doch selbst, von einer unbezwingbaren Kraft -angezogen, zu ihr hin, worauf _Lise_ ihm natürlich sofort triumphierend -ins Gesicht lachte. Aljoscha wurde immer verlegener und ärgerte sich -immer mehr über sich selbst. Zu guter Letzt wandte er sich ganz von ihr -ab und versteckte sich halbwegs hinter dem Rücken des Staretz. Doch -schon nach kurzer Zeit wandte er sich, wieder von dieser unbezwingbaren -Kraft angezogen, vorsichtig ein wenig zur Seite, um zu sehen, ob er -betrachtet werde oder nicht, und da sah er denn, daß _Lise_, die sich -ganz über die Armlehne ihres Stuhles bog, ihn von der Seite betrachtete -und krampfhaft den Augenblick erwartete, da er sich nach ihr umsehen -werde; als sie aber dann seinen Blick auffing, lachte sie so lustig auf, -daß selbst der Staretz nicht ernst bleiben konnte. - -„Sie Unart Sie, warum machen Sie ihn denn so verlegen?“ - -_Lise_ wurde plötzlich ganz unerwarteterweise feuerrot, ihre Augen -blitzten auf, ihr Gesichtchen aber wurde furchtbar ernst, und dann kam -es in heißer, unwilliger Klage hastig, erregt aus ihr heraus: - -„Ja, aber warum hat er alles vergessen? Er hat mich auf den Armen -getragen, als ich klein war, und wir haben zusammen gespielt! Und später -hat er mich lesen gelehrt, ist deswegen zu uns gekommen, wissen Sie das -auch? Und als er vor zwei Jahren fortfuhr, sagte er noch, er würde nie -vergessen, daß wir ewige Freunde sind, ewige, ewige Freunde! Und jetzt -fürchtet er mich auf einmal! Werde ich ihn denn beißen oder aufessen? -Warum will er nicht zu mir kommen, warum spricht er nicht mit mir? Warum -will er nicht zu uns kommen? Oder erlauben Sie es ihm nicht? Wir wissen -doch, daß er sonst überall hingeht. Ich kann ihn doch nicht dazu -zwingen, er muß von selbst kommen; er hätte selbst daran denken müssen, -wenn er es nicht vergessen hat. Nein, er kommt nicht, er sucht jetzt -hier sein Seelenheil! Wozu haben Sie ihm diesen langschößigen Lappen -angezogen? ... Er wird ja fallen, wenn er läuft ...“ - -Und plötzlich bedeckte sie das Gesicht mit der Hand und lachte, lachte -unbezwingbar, unaufhörlich ihr gezogenes, nervöses, schüttelndes und -unhörbares Lachen. - -Der Staretz hatte sie lächelnd angehört, und zärtlich segnete er sie; -als sie aber darauf seine Hand küssen wollte, preßte sie diese plötzlich -an ihre Augen und brach in Tränen aus: - -„Seien Sie nicht böse auf mich, ich bin so dumm, bin überhaupt nichts -wert ... Aljoscha hat vielleicht recht, ganz recht, wenn er zu einer so -Dummen nicht kommen will.“ - -„Ich werde ihn ganz bestimmt zu Ihnen schicken,“ versprach ihr lächelnd -der Staretz. - - - V. - Und es geschehe also - -Die Abwesenheit des Staretz aus der Zelle dauerte im ganzen vielleicht -nur fünfundzwanzig Minuten. Es war schon halb eins, doch Dmitrij -Fedorowitsch war noch immer nicht gekommen, obgleich sich alle nur -seinetwegen versammelt hatten. Trotzdem schien man ihn fast ganz -vergessen zu haben, und als der Staretz wieder in die Zelle trat, fand -er seine Gäste in lebhaftem Gespräch vor. An diesem Gespräch beteiligten -sich vor allen anderen Iwan Fedorowitsch und die beiden Priestermönche. -Auch Miussoff mischte sich in das Gespräch ein, dem Anscheine nach sogar -sehr hitzig, doch hatte er wieder kein Glück: er blieb ersichtlich -zweitrangig, und man antwortete ihm nur wenig, so daß dieser neue -Umstand seine ganze sich anstauende Reizbarkeit nur noch verstärkte. Es -gab aber noch einen anderen Grund, warum er so reizbar war; er hatte -nämlich auch früher schon Iwan Fedorowitsch im Wissen zu überbieten -gesucht; doch da es ihm immer mißlungen war, konnte er dessen gewisse -Nachlässigkeit ihm gegenüber um so weniger kaltblütig ertragen: - -„Bis jetzt wenigstens bin ich auf der Höhe alles dessen gewesen, was in -Europa das Fortgeschrittenste war; diese neue Generation aber will uns -einfach ignorieren,“ dachte er empört bei sich. Fedor Pawlowitsch, der -doch freiwillig sein Wort gegeben hatte, sich auf den Stuhl zu setzen -und hinfort zu schweigen, schwieg tatsächlich eine gewisse Zeitlang, -beobachtete aber mit einem kleinen, maliziös-spöttischen Lächeln seinen -Nachbar Miussoff, dessen Reizbarkeit ihn augenscheinlich freute. Er -hatte sich schon längst vorgenommen, diesem gewisse Dinge heimzuzahlen, -und wollte jetzt die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. -Schließlich hielt er es nicht mehr aus, beugte sich zum Ohr seines -Stuhlnachbars und neckte ihn, halblaut flüsternd, geflissentlich noch -einmal: - -„Warum gingen Sie denn vorhin nach dem ‚küßte es liebend‘ nicht fort, -und warum ließen Sie sich dazu herab, in so unanständiger Gesellschaft -zu bleiben? Ich werd’s Ihnen sagen, warum: Weil Sie sich erniedrigt und -beleidigt fühlten, und so blieben Sie denn, um zur Rache Ihren Verstand -leuchten zu lassen. Und jetzt werden Sie für keinen Preis früher -fortgehen, als bis Sie Ihren Verstand gezeigt haben.“ - -„So fangen Sie schon wieder an? Ich gehe sofort!“ - -„Als letzter, als letzter werden Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch!“ -neckte noch einmal Fedor Pawlowitsch. Das war fast im selben Augenblick, -als der Staretz wieder eintrat. - -Das Gespräch verstummte sofort; doch der Staretz, der wieder seinen -alten Platz einnahm, blickte alle so freundlich an, als wolle er sie mit -dem Blick auffordern, doch fortzufahren. Aljoscha aber, der jeden -Ausdruck seines Gesichtes kannte, sah deutlich, daß er furchtbar müde -und überanstrengt war. In der letzten Zeit seiner Krankheit war er schon -mehrere Male vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen. Sein Gesicht war fast -ebenso bleich wie vor einer Ohnmacht, und seine Lippen wurden ganz blaß. -Doch augenscheinlich wollte er die Versammelten nicht fortschicken, und -zwar schien er dabei noch ein besonderes Ziel zu haben – welch eines -nur? Aljoscha beobachtete ihn gespannt. - -„Wir sprechen über seinen ungemein interessanten Artikel,“ sagte der -Priestermönch Pater Jossiff, der Bibliothekar, zum Staretz, und wies -dabei auf Iwan Fedorowitsch. „Er bringt in diesem Artikel viel Neues -vor, doch kommt es, glaube ich, auf dasselbe hinaus. Bei Gelegenheit der -Erörterung der kirchlich-zivilen Justizfrage, und des Umfanges ihrer -Berechtigung, hat er mit einem kleinen Zeitungsartikel dem Geistlichen -geantwortet, der über diese Frage ein ganzes Buch geschrieben hat.“ - -„Leider habe ich Ihren Artikel nicht gelesen, aber ich habe von ihm -gehört,“ sagte der Staretz, der Iwan Fedorowitsch aufmerksam anblickte. - -„Er nimmt einen interessanten Standpunkt ein,“ fuhr der -Pater-Bibliothekar fort. „Wie es scheint, verneint er in der Frage der -kirchlichen Ziviljustiz die Trennung von Kirche und Staat.“ - -„Das ist sehr interessant; aber in welchem Sinne meinen Sie das?“ fragte -der Staretz Iwan Fedorowitsch. - -Der antwortete ihm; doch tat er es nicht etwa mit einer herablassenden -Höflichkeit, wie Aljoscha noch vor kurzem befürchtet hatte, sondern -bescheiden und zurückhaltend, mit augenscheinlicher Zuvorkommenheit und -offenbar ohne jeden Hintergedanken: - -„Ich gehe von der Überzeugung aus, daß diese Verwechselung der Elemente, -d. h. des Wesens der Kirche mit dem Wesen des Staates, beide als -einzelne Begriffe genommen, natürlich ewig sein wird, obgleich sie -überhaupt nicht sein dürfte, und man die beiden niemals nicht nur in ein -normales, sondern selbst nicht einmal in ein einigermaßen befriedigendes -Verhältnis wird bringen können, da die ganze Sache sich auf einer Lüge -aufbaut. Ein Kompromiß zwischen dem Staate und der Kirche in Fragen, wie -zum Beispiel der des Gerichts, ist meines Erachtens schon allein ihrem -Wesen nach unmöglich. Der Geistliche, dem ich in meinem Artikel -entgegnet habe, behauptet, daß die Kirche im Staat eine ganz genaue und -bestimmte Stellung einnehme. Ich aber antwortete ihm, daß die Kirche im -Gegenteil den ganzen Staat in sich einschließen müßte, nicht aber in ihm -nur eine bestimmte Ecke einnehmen sollte, und daß dies, wenn es jetzt -aus bestimmten Gründen unmöglich ist, dem Wesen der Dinge nach doch -unbedingt das feste und erste Ziel der ganzen Weiterentwicklung des -Christentums sein müßte.“ - -„Das ist vollkommen richtig,“ sagte fest, doch nervös, Pater Paissij, -der schweigsame und gelehrte Priestermönch. - -„Der reinste Ultramontanismus!“ rief Miussoff aus, der vor Ungeduld ein -Bein über das andere schlug. - -„Ach, wir haben ja nicht einmal Berge!“ meinte Pater Jossiff, worauf er, -zum Staretz gewandt, fortfuhr: „Er antwortet unter anderem auch auf -folgende, grundlegende und wesentliche Behauptungen seines Gegners, des -Geistlichen – beachten Sie es wohl. Erstens, sagt der Geistliche: ‚Es -kann und darf sich kein einziger gesellschaftlicher Verband die Macht, -über die bürgerlichen und politischen Rechte seiner Mitglieder zu -verfügen, aneignen.‘ Zweitens: ‚Die Macht des Kriminal- und -Zivilgerichts darf nicht der Kirche gehören, denn die ist mit ihrem -Wesen als göttliche Einrichtung und als Verband der Menschen zu -religiösen Zwecken unvereinbar,‘ und schließlich drittens: ‚Daß die -Kirche kein Reich von dieser Welt sei‘ ...“ - -„Das allerunwürdigste Wortspiel für einen Geistlichen!“ unterbrach -wieder ungeduldig Pater Paissij. „Ich habe dieses Buch gelesen, auf das -Sie geantwortet haben,“ sagte er zu Iwan Fedorowitsch, „und ich war -nicht wenig erstaunt über die Worte des Geistlichen, daß die Kirche -‚kein Reich von dieser Welt‘ sei. Wenn sie nicht von dieser Welt wäre, -so könnte sie folglich überhaupt nicht auf der Welt existieren. Im -heiligen Evangelium sind die Worte: ‚nicht von dieser Welt‘ nicht in -diesem Sinne gebraucht. Mit solchen Worten aber zu spielen, geht nicht -an. Unser Herr Jesus Christus ist doch nur deswegen gekommen, um die -Kirche gerade hier auf Erden zu gründen. Das Himmelreich ist natürlich -nicht von dieser Welt, sondern im Himmel, doch kann man in dasselbe -nicht anders eingehen als durch die Kirche, die auf der Erde gegründet -und errichtet ist. Und darum sind alle Wortspiele in diesem Sinne -unmöglich und unwürdig. Die Kirche aber ist in Wahrheit Herrschaft hier -auf Erden und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und ihr Ziel kann -zweifellos nur eines sein: Ihre Herrschaft über die ganze Welt -auszudehnen, – wie es uns auch die Verheißung sagt ...“ - -Er verstummte plötzlich, als ob er sich bezwingen wollte. Iwan -Fedorowitsch, der ihm höflich und aufmerksam zugehört hatte, fuhr mit -ungewöhnlicher Ruhe wie vorher bereitwillig und offenherzig, zum Staretz -gewandt, in seiner Erklärung fort: - -„Der ganze Gedanke, den ich in meinem Artikel entwickelt habe, besteht -darin, daß das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten auf der Erde -bloß in Gestalt einer Kirche erschien und auch nur Kirche war. Als aber -das heidnische römische Imperium christlich werden sollte, war es ja nur -natürlich, daß es, indem es christlich wurde, die Kirche bloß in sich -aufnahm, selbst aber fortfuhr, in äußerst vielen Dingen wie früher ein -heidnischer Staat zu bleiben. Und im Grunde genommen, hätte es -zweifellos anders überhaupt nicht geschehen können. Es blieb in Rom, als -Imperium genommen, gar zu viel von der alten Zivilisation und der -heidnischen Weisheit übrig, wie zum Beispiel die Ziele und Grundsätze -des Imperiums selbst. Die Kirche Christi jedoch konnte, als sie in den -Staat eintrat, natürlich nichts von ihrem Grundgedanken, diesem Stein, -auf dem sie stand, aufgeben oder abtreten und konnte also nur ihre Ziele -verfolgen, die ihr einmal vom Herrn selbst gesetzt und angewiesen waren, -wie unter anderem: Die ganze Welt und damit folglich auch das ganze -frühere heidnische Imperium in Kirche zu verwandeln. So muß denn also – -versteht sich, vom zukünftigen Ziel der Kirche gesprochen – nicht die -Kirche sich einen bestimmten Platz im Staate suchen, wie ‚jeder andere -gesellschaftliche Verband‘ oder wie ‚ein Verband der Menschen zu -religiösen Zwecken‘ – so drückt sich der geistliche Autor, dem ich -entgegnete, über die Kirche aus –, sondern im Gegenteil, jeder -Erdenstaat müßte sich zum Schluß vollkommen in Kirche verwandeln und -nichts anderes werden als bloß Kirche, und sich dann natürlich von allen -seinen Zielen, die mit den Zielen der Kirche nicht übereinstimmen, -einfach abwenden. Das alles würde den Staat als solchen in nichts -erniedrigen, ihm weder seine Ehre noch seinen Ruhm als Großmacht nehmen, -noch würde es den Ruhm seiner Herrscher schmälern, sondern würde den -Staat nur von dem falschen, noch heidnischen und irreführenden Weg auf -den richtigen und wahren Weg stellen, auf den einzigen, der zu ewigen -Zielen führt. Darum hätte der Autor des Buches über die Grundlagen des -kirchlich-zivilen Gerichts ganz richtig geurteilt, wenn er bei seiner -Untersuchung und Feststellung dieser Grundlagen dieselben als einen -zeitlichen, in unserer sündigen, noch unvollendeten Zeit notwendigen -Kompromiß und sonst nichts weiter behandelt hätte. Sobald aber der Autor -dieser ‚Grundlagen‘ sich erdreistet, zu erklären, daß seine Grundlagen, -die er jetzt aufstellt, und die teilweise Pater Jossiff soeben -aufzählte, unerschütterliche, elementarische und ewige seien, geht er -direkt gegen die Kirche vor und gegen ihre heilige, ewige und -unerschütterliche Bestimmung. Das ist der ganze Standpunkt meines -Artikels.“ - -„Das heißt also, kurz gesagt,“ begann wieder Pater Paissij, jedes Wort -betonend, „nach gewissen Theorien, die sich in unserem neunzehnten -Jahrhundert nur zu deutlich ausgeprägt haben, soll sich die Kirche in -Staat verwandeln – gleichsam aus einer niedrigeren Form in eine höhere -–, um darauf ganz in ihm zu verschwinden, indem sie vor der -Wissenschaft, dem Zeitgeist und der Zivilisation zurücktritt, ihnen also -einfach Platz macht. Wenn sie das aber nicht will und sich dem -widersetzt, so wird ihr im Staat gleichsam nur eine gewisse Ecke -eingeräumt, und selbst die nur unter Aufsicht. Und das geschieht jetzt -überall in den gegenwärtigen europäischen Ländern. Nach der russischen -Auffassung und Zuversicht dagegen soll sich nicht die Kirche in Staat -verwandeln, wie aus einem niedrigeren in einen höheren Typ, sondern der -Staat soll sich vorbereiten, einzig und allein Kirche und nichts weiter -als das zu werden. Dieses sei sein Endziel. Und also geschehe es, Amen!“ - -„Nun, ich muß gestehen, Sie haben mich jetzt wieder etwas ermutigt,“ -sagte Miussoff und schlug ein Bein übers andere. „Soweit ich es -verstehe, handelt es sich also um die Verwirklichung irgendeines Ideals, -eines unendlich fernen, bei der Wiederkunft des Herrn. Nun, dagegen habe -ich nichts. Ein wunderschöner utopischer Traum von der Abschaffung der -Kriege, Diplomaten, Banken usw. Etwas, was sogar wie Sozialismus -aussieht. Ich aber dachte schon, daß das alles Ernst sei, und die Kirche -_jetzt_ bereits über Kriminalfragen richten, zu Ruten und Zwangsarbeit -und vielleicht sogar zur Todesstrafe verurteilen solle.“ - -„Wenn es nur ein einziges kirchlich-ziviles Gericht gäbe, so würde die -Kirche auch jetzt nicht zur Zwangsarbeit oder zur Todesstrafe -verurteilen. Das Verbrechen und seine Auffassung müßten sich dann -selbstverständlich ganz verändern, natürlich allmählich, nicht plötzlich -und nicht sofort, immerhin ziemlich bald ...“ sagte ruhig, und ohne mit -der Wimper zu zucken, Iwan Fedorowitsch. - -„Meinen Sie das etwa im Ernst?“ Miussoff blickte ihn aufmerksam an. - -„Wenn alles Kirche wäre, so würde die Kirche den Verbrecher oder den -Ungehorsamen ausschließen, nicht aber Köpfe fällen,“ fuhr Iwan -Fedorowitsch fort. „Nun frage ich Sie aber, wohin würde dann der -Exkommunizierte gehen? Dann müßte er ja nicht nur von den Menschen, wie -jetzt, sondern auch von Christus fortgehen. Dann würde er sich mit -seinem Verbrechen nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen die -Kirche Christi vergangen haben. Das ist natürlich im strengsten Sinne -auch jetzt so, doch ist es immerhin nicht offiziell erklärt, und so -findet sich denn heute der Verbrecher sehr häufig mit seinem Gewissen -auf diese Weise ab, indem er sich sagt: ‚Habe wohl gestohlen, greife -aber nicht die Kirche an, bin Christus kein Feind.‘ Das sagt sich -heutzutage fast ausnahmslos jeder Verbrecher. Wenn aber die Kirche an -Stelle des Staates getreten ist, dann könnte er es sich schwerlich -sagen, es sei denn, daß er die ganze Kirche auf der ganzen Welt -verneinte: ‚Alle irren sich, alle sind vom richtigen Wege abgekommen, -alle sind Pseudokirche, nur ich allein, der Mörder und Dieb – bin die -wahre christliche Kirche.‘ Das aber sich zu sagen, ist doch sehr schwer -und verlangt ungeheure Bedingungen, setzt Umstände voraus, die es nicht -häufig gibt. Jetzt nehmen Sie andererseits jene Auffassung des -Verbrechens, wie sie die Kirche hat: Wird sich dann die allgemeine -Auffassung des Verbrechens nicht ändern müssen, im Vergleich zur -gegenwärtigen, fast heidnischen Auffassung, wird sie sich dann nicht -vielmehr aus der Idee, das kranke Glied mechanisch abtrennen zu müssen, -wie es jetzt zum Schutze der Gesellschaft getan wird, wahrhaft und nicht -nur scheinbar in die Idee der Wiedergeburt des Menschen, seiner -Auferstehung und Rettung verwandeln ...“ - -„Was soll denn das jetzt wieder bedeuten? Ich höre wieder auf, zu -verstehen,“ unterbrach Miussoff, „wieder irgendeine Phantasie! etwas -Formloses, aus dem man überhaupt nicht klug werden kann. Wie meinen Sie -das – ‚ausschließen‘ und was soll das für eine Exkommunikation sein? Ich -vermute stark, daß Sie einfach nur zu scherzen belieben, Iwan -Fedorowitsch.“ - -„Aber genau genommen ist es ja auch jetzt ganz dasselbe,“ sagte -plötzlich der Staretz, und sofort wandten sich aller Blicke ihm zu, -„denn wenn es jetzt keine Kirche Christi gäbe, so hätte der Verbrecher -keinen einzigen Halt nach dem Verbrechen und nicht einmal die -Möglichkeit einer Buße, das heißt, einer wirklichen und nicht, wie Sie -sagten, mechanischen Buße, die in der Mehrzahl der Fälle nur das Herz -erbittert – sondern die wirkliche Buße, die einzige abschreckende und -die einzige friedenbringende Buße, die in der Erkenntnis des eigenen -Gewissens liegt.“ - -„Erlauben Sie, wie meinen Sie das?“ erkundigte sich mit dem lebhaftesten -Interesse Miussoff. - -„Ich meine das so,“ begann der Staretz. „Alle diese Verschickungen, die -Zwangsarbeit und früher noch die Körperstrafe verbessern niemanden, und -vor allem schrecken sie keinen einzigen Verbrecher ab; die Zahl der -Verbrechen verringert sich nicht etwa, sondern vergrößert sich noch -immer. Das müssen Sie mir doch vollkommen zugeben. Und so ergibt sich, -daß die Gesellschaft auf diese Weise keineswegs beschützt ist, denn wenn -auch das schädliche Mitglied mechanisch abgetrennt und weit -fortgeschickt wird, aus den Augen, aus dem Sinn, so wird es doch sofort -durch einen anderen Verbrecher, vielleicht sogar durch zwei Verbrecher, -ersetzt. Wenn es etwas gibt, das die Gesellschaft in unserer Zeit -beschützt und sogar den Verbrecher selbst bessert und in einen anderen -Menschen verwandelt, so ist das wiederum nur das Gebot Christi, das sich -in der Erkenntnis des eigenen Gewissens kundtut. Nur wenn er sich seine -Schuld als Sohn der Gemeinschaft Christi, das heißt, der Kirche, -eingesteht, sieht er auch seine Schuld vor der Gemeinschaft selbst, das -heißt, vor der Kirche, ein. Somit ist denn der gegenwärtige Verbrecher -einzig vor der Kirche fähig, seine Schuld anzuerkennen, nicht aber vor -dem Staat. Und darum, wenn nun das Gericht der Gemeinschaft als Kirche -gehören würde, dann würde dieselbe wissen, wen sie aus der Verbannung -zurückführen und wieder aufnehmen könnte. Jetzt jedoch entfernt sich die -Kirche, da sie wohl die Möglichkeit allein des sittlichen Verurteilens, -nicht aber ein aktives Gericht hat, von der aktiven Buße des Verbrechers -ganz von selbst. Sie schließt ihn nicht aus und verläßt ihn nie mit -ihrem väterlichen Trost. Ja, sie bemüht sich sogar, mit dem Verbrecher -die ganze christliche, kirchliche Gemeinschaft zu erhalten: Sie läßt ihn -zum Gottesdienst, zum Abendmahl zu, sie gibt ihm Almosen und verhält -sich zu ihm mehr wie zu einem Verführten, als wie zu einem Schuldigen. -Und was würde mit dem Verbrecher geschehen, o Gott! wenn auch die -christliche Gemeinschaft, das heißt die Kirche, ihn ebenso verstoßen -würde, wie ihn das bürgerliche Gesetz verstößt und ausschließt? Was -würde mit ihm geschehen, wenn jedesmal und sofort nach der Strafe des -staatlichen Gesetzes auch die Kirche ihn mit der Ausschließung strafte? -Eine größere Verzweiflung kann es ja gar nicht geben, wenigstens nicht -für den russischen Verbrecher, denn die russischen Verbrecher sind noch -gläubig. Doch übrigens, wer kann es wissen: vielleicht würde dann etwas -ganz Furchtbares geschehen: das verzweifelte Herz des Verbrechers würde -vielleicht völlig den Glauben verlieren, und was dann? Doch die Kirche -zieht sich als zärtliche und liebende Mutter freiwillig von einer -aktiven Bestrafung zurück, da der Schuldige auch ohne ihre Strafe durch -das staatliche Gericht sowieso schon gar zu grausam bestraft ist, ihn -aber wenigstens irgend jemand bemitleiden muß. Vor allem deswegen, weil -das Gericht der Kirche das einzige ist, welches nichts als die Wahrheit -enthält und sich infolgedessen wesentlich und sittlich mit keinem -einzigen anderen Gericht, nicht einmal zu einem provisorischen -Kompromiß, vereinigen kann. Hierbei kann man sich nicht auf Vergleiche -einlassen. Der ausländische Verbrecher, sagt man, bereue selten, denn -sogar die jetzt sich verbreitenden Lehren bestärken ihn in dem Gedanken, -daß sein Verbrechen kein Verbrechen sei, sondern nur eine Auflehnung -gegen die ungerecht unterdrückende Macht. Die Gesellschaft scheidet ihn -vollkommen mechanisch durch die über ihn triumphierende Macht aus und -begleitet diese Ausscheidung noch mit Haß – wenigstens sagen sie in -Europa selbst so von sich –, mit Haß und vollster Gleichgültigkeit für -ihres Bruders weiteres Schicksal. So geschieht denn dort alles ohne das -geringste kirchliche Mitleid, denn in vielen Fällen gibt es dort -überhaupt keine Kirchen mehr, es gibt dort nur noch Kleriker, -Kirchendiener und prachtvolle Kirchengebäude; die Kirchen selbst jedoch -streben dort schon längst nach dem Übergang aus der niedrigeren Form der -Kirche in die höhere Form des Staates, um in ihm ganz zu verschwinden. -So ist es, glaube ich, wenigstens in den lutherischen Ländern. In Rom -aber wird ja schon seit tausend Jahren an Stelle der Kirche der Staat -verkündet. Darum also hält sich der Verbrecher selbst nicht mehr für ein -Glied der Kirche und verbleibt als Ausgestoßener in der Verzweiflung. -Wenn er aber in die Gesellschaft zurückkehrt, so geschieht dies nicht -selten mit solch einem Haß, daß die Gesellschaft ihn ganz von selbst -wieder ausstößt. Womit das endet, können Sie sich selbst sagen. In -vielen Fällen könnte es scheinen, daß es auch bei uns dasselbe sei: Doch -das ist es ja gerade, daß es bei uns außer dem staatlichen Gericht noch -die Kirche gibt, die niemals die Verbindung mit dem Verbrecher, als mit -ihrem lieben und immer noch teuren Sohne, aufgibt. Und überdies gibt es -bei uns noch – und wenn auch meinetwegen nur geistig – das Gericht der -Kirche, das jetzt allerdings noch nicht in Tätigkeit ist, doch immerhin -für die Zukunft lebt; und wenn es sich auch nur im Geiste erhält, so -wird es doch vom Verbrecher selbst fraglos durch den Instinkt seiner -Seele schon jetzt anerkannt. Und auch das ist ganz richtig, was hier -vorhin gesagt wurde: Wenn das Gericht der Kirche wirklich und in seiner -ganzen Macht eingeführt werden würde, das heißt, wenn die ganze -Gesellschaft sich ausschließlich in Kirche verwandeln sollte, so würde -nicht nur das Gericht der Kirche selbst auf die Besserung des -Verbrechers in einer Weise einwirken, wie es jetzt ganz undenkbar ist, -sondern es würden sich vielleicht auch die Verbrechen in unglaublichem -Maße verringern, im Verhältnis zu früher gesprochen. Und auch darüber -kann kein Zweifel bestehen, daß die Kirche den zukünftigen Verbrecher -und das zukünftige Verbrechen in vielen Fällen ganz anders auffassen -würde, als man es jetzt auffaßt, und daß sie es verstehen würde, den -Ausgestoßenen zurückzuführen, den Böses Sinnenden zu warnen und den -Gefallenen wieder aufzurichten. Allerdings,“ fuhr der Staretz lächelnd -fort, „vorläufig ist ja die christliche Gesellschaft noch selbst nicht -fertig und steht nur auf den sieben Gerechten; da aber diese nicht -aussterben werden, so bleibt sie immerhin unerschütterlich in der -Erwartung ihrer vollständigen Verwandlung aus der Gesellschaft, als -einer fast noch heidnischen Verbindung, in die einzige ökumenische und -herrschende Kirche. Und also geschehe es, und wenn auch zu Ende der -Zeiten, denn nur diesem allein ist vorherbestimmt, in Erfüllung zu -gehen! Und wozu sich durch die lange Zeit verwirren lassen, das -Geheimnis der Zeiten und des Endzieles liegt in der Allwissenheit -Gottes, in seiner Vorsehung und seiner Liebe. Und was nach menschlichem -Ermessen sehr weit entfernt ist, das kann nach der Vorherbestimmung -Gottes vielleicht schon vor der Tür stehen. Hoffen wir, daß dieses also -ist! Amen!“ - -„Amen, Amen!“ wiederholte andächtig und streng Pater Paissij. - -„Sonderbar, höchst sonderbar!“ meinte Miussoff nicht etwa heftig, wohl -aber wie mit einem heimlichen, sagen wir – Unwillen. - -„Was scheint Ihnen denn so sonderbar?“ erkundigte sich vorsichtig Pater -Jossiff. - -„Ja, was bedeutet denn das eigentlich?“ fuhr Miussoff sofort auf, als ob -er sich plötzlich nicht mehr zurückhalten wollte. „Der Staat wird auf -der Erde beseitigt, die Kirche aber wird zum Staate erhoben! Das ist ja -nicht mehr Ultramontanismus, das ist einfach Erz-Ultramontanismus! Das -hat sich selbst Papst Gregor der Siebente nicht einmal träumen lassen!“ - -„Verzeihung, Sie haben es gerade umgekehrt aufgefaßt!“ sagte streng -Pater Paissij. „Nicht die Kirche verwandelt sich in Staat, beachten Sie -das wohl. Das ist Rom und sein Ideal. Das ist die dritte Versuchung des -Teufels! Sondern im Gegenteil: Der Staat verwandelt sich in Kirche, -erhebt sich bis zur Kirche und wird Kirche auf der ganzen Erde, – was -dem Ultramontanismus Roms und Ihrer Auffassung vollkommen -entgegengesetzt und nur die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit auf -Erden ist. Von Osten her kommt das Licht.“ - -Miussoff schwieg bedeutsam. Seine ganze Gestalt drückte ungewöhnliche -persönliche Würde aus. Ein ungemein herablassendes Lächeln erschien auf -seinen Lippen. Aljoscha hatte alles mit stark klopfendem Herzen -verfolgt. Dieses ganze Gespräch regte ihn bis in die Grundtiefen auf; -zufällig blickte er zu Rakitin hinüber: der stand unbeweglich auf seinem -alten Platz an der Tür und beobachtete und hörte aufmerksam zu, obgleich -er den Blick gesenkt hielt. Doch an der lebhaften Farbe seines Gesichts -erriet Aljoscha, daß auch Rakitin vielleicht nicht weniger als er selbst -erregt war; Aljoscha wußte, was ihn erregte. - -„Gestatten Sie mir, meine Herren, Ihnen eine kleine Geschichte zu -erzählen,“ sagte plötzlich eindringlich und mit gewissermaßen besonders -würdevoller Miene Miussoff. „Es war vor etlichen Jahren in Paris, kurz -nach der Dezemberrevolution, da traf ich einmal, als ich im Hause eines -sehr hochstehenden Mannes – er war damals einer von der Regierung – -meine Aufwartung machte, da traf ich, wie gesagt, dort in seinen -Empfangsräumen einen ungemein interessanten Herrn. Dieses Individuum war -nicht gerade Detektiv, aber doch so etwas in der Art eines Direktors, -sagen wir, eines ganzen Kommandos politischer Detektivs – in seiner Art -ein ganz einflußreicher Mann. Nun, ich knüpfte mit ihm ein Gespräch an, -da er mich ungemein interessierte, und da er nicht als Bekannter, -sondern als untergebener Beamter mit einer gewissen Art von Rapporten -gekommen war, so teilte er mir, da er sah, wie ich bei seinem -Vorgesetzten empfangen wurde, seinerseits einige Amtsgeheimnisse mit – -nun, versteht sich, nur bis zu einem gewissen Grade, das heißt, er war -eher nur höflich als gerade aufrichtig, so wie die Franzosen höflich zu -sein verstehen, um so mehr, als er in mir einen Ausländer erkannte. Doch -ich begriff ihn sehr gut. Das Gespräch drehte sich um die -sozialistischen Revolutionäre, die damals verfolgt wurden. Ich übergehe -die Hauptpunkte des Gesprächs; ich will nur eine sehr interessante -Bemerkung, die er plötzlich fallen ließ, wiedergeben: ‚Diese -Sozialisten, Anarchisten, Atheisten und Revolutionäre fürchten wir nicht -sonderlich,‘ sagte er, ‚wir beobachten sie nur, und im übrigen sind uns -alle ihre Schachzüge bekannt. Unter ihnen aber gibt es, wenn auch nicht -viele, so doch einige besondere Leute: das sind Christen, die an Gott -glauben, zu gleicher Zeit aber auch Sozialisten sind. Sehen Sie, die -sind es, die wir am meisten fürchten; das ist ein gefährliches Volk! Der -christliche Sozialist ist viel gefährlicher als der atheistische -Sozialist.‘ Diese Worte frappierten mich auch damals schon; jetzt aber, -hier bei Ihnen, meine Herren, sind sie mir wieder eingefallen ...“ - -„Das heißt, daß Sie sie auf uns anwenden und auch in uns Sozialisten -sehen?“ fragte gerade heraus, ohne alle Umschweife Pater Paissij. - -Doch bevor noch Miussoff an eine Antwort denken konnte, öffnete sich die -Tür, und Dmitrij Fedorowitsch, der sich so unverzeihlich verspätet -hatte, trat ein. Man hatte ihn, wie es schien, ganz vergessen, und sein -plötzliches Erscheinen rief im ersten Augenblick sogar ein gewisses -Erstaunen hervor. - - - VI. - Wozu lebt solch ein Mensch? - -Dmitrij Fedorowitsch, mittelgroß, mit einem sympathischen Gesicht, war -erst achtundzwanzig Jahre alt, sah jedoch weit älter aus. Er war -muskulös, und man konnte ihm eine bedeutende körperliche Kraft ansehen, -doch drückte sich in seinem Gesicht zugleich etwas Krankhaftes aus. Er -war mager, die Wangen waren eingefallen, und er hatte eine sonderbare, -ungesunde, bleiche Farbe. Seine ziemlich großen, dunklen, etwas -hervorstehenden Augen blickten scheinbar in fester Beharrlichkeit und -doch gewissermaßen unbestimmt. Selbst wenn er erregt war oder gereizt -sprach, gehorchte sein Blick, wie es schien, nicht seiner inneren -Stimmung und drückte etwas anderes aus, zuweilen sogar etwas, was seinen -Worten oder der Situation gar nicht entsprach. „Es ist schwer zu sagen, -woran er eigentlich denkt,“ äußerten sich zuweilen Menschen, die mit ihm -gesprochen hatten. Andere wiederum, die in seinen Augen etwas -Nachdenkliches, Trauriges sahen, waren erstaunt, ihn ganz plötzlich -lachen zu hören, was von seinen heiteren, spielerischen Gedanken in dem -Moment zeugte, als seine Augen noch so düster und trübe geblickt hatten. -Übrigens war sein etwas krankhaftes Aussehen noch aus einem besonderen -Grunde begreiflich: man sprach ja allgemein von dem ungewöhnlich -unruhigen und flotten Leben, dem er sich gerade in der letzten Zeit bei -uns ergeben hatte. Man sprach auch von den unglaublichen Zornausbrüchen, -zu denen er sich in den Streitigkeiten mit seinem Vater wegen des ihm -vorenthaltenen Geldes hatte hinreißen lassen; in der Stadt liefen -darüber sogar mehrere Anekdoten um. Es ist wahr, daß er auch schon von -Natur reizbar war, „von unregelmäßigem, veränderlichem Gemüt,“ wie sich -unser Friedensrichter Ssemjon Iwanowitsch Katschaljnikoff in einer -Gesellschaft einmal charakteristisch über ihn äußerte. Er war tadellos -und elegant gekleidet: in einem zugeknöpften Gehrock, mit schwarzen -Handschuhen, den Zylinder in der Hand, trat er ein. Als Offizier, der -erst vor kurzem seinen Abschied genommen hatte, trug er einen -Schnurrbart und ein glattrasiertes Kinn. Sein dunkelblondes Haar war -kurzgeschoren und an den Schläfen etwas nach vorn gekämmt; er hatte -einen energischen Gang, schritt weit aus wie eben ein Frontoffizier. Er -blieb auf der Schwelle stehen und, nachdem sein Blick alle Anwesenden -überflogen hatte, schritt er entschlossen auf den Staretz zu, in dem er -sofort die Hauptperson erraten hatte. Er verneigte sich tief vor ihm und -bat ihn um seinen Segen. Der Staretz erhob sich und segnete ihn. Dmitrij -Fedorowitsch küßte ihm ehrerbietig die Hand und sagte darauf -ungewöhnlich erregt, fast gereizt: - -„Verzeihen Sie, bitte, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Der -Diener Ssmerdjäkoff, den mein Vater zu mir geschickt hatte, sagte mir -auf meine wiederholte Frage nach der Zeit des Besuches zweimal in der -bestimmtesten Weise, daß er zu 1 Uhr angesagt worden sei, und jetzt -erfahre ich plötzlich ...“ - -„Beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach ihn der Staretz, „Sie haben -sich etwas verspätet; aber das hat ja nichts zu sagen ...“ - -„Ich bin Ihnen sehr dankbar und habe auch von Ihrer Güte nicht weniger -erwartet.“ - -Nachdem er dies hervorgestoßen, verbeugte sich Dmitrij Fedorowitsch noch -einmal vor ihm, darauf aber wandte er sich zu seinem Vater und machte -vor ihm plötzlich eine ehrerbietige und tiefe Verbeugung. Man sah ihm -an, daß er sich diese Höflichkeit vorgenommen hatte und sie wirklich -aufrichtig meinte, da er es für seine Pflicht hielt, wenigstens auf -diese Weise seine Ehrerbietung sowie seine guten Absichten auszudrücken. -Fedor Pawlowitsch aber, der zuerst vor Überraschung nicht recht wußte, -wie ihm geschah, fand sich nach einem Augenblick doch wieder auf seine -Art: Er sprang hastig von seinem Stuhl auf und antwortete seinem Sohne -auf die Höflichkeit mit ganz genau solch einer Verbeugung. Sein Gesicht -wurde plötzlich wichtig und bedeutsam, was ihm einstweilen ein -entschieden böses Aussehen verlieh. Dmitrij Fedorowitsch begrüßte -schweigend mit einem kurzen Gruß die übrigen Anwesenden und ging dann -mit seinen großen, gleichmäßigen Schritten zum Fenster, wo er sich auf -den einzigen freien Stuhl setzte, nicht weit vom Pater Paissij, und -sitzend vorgeneigt, sofort dem unterbrochenen Gespräch zuhören zu wollen -schien. - -Die ganze Unterbrechung hatte nicht mehr als zwei Minuten gedauert, und -so war es nur selbstverständlich, daß das Gespräch wieder aufgenommen -wurde. Diesmal hielt es Miussoff nicht für nötig, auf die bestimmte und -fast gereizte Frage des Paters zu antworten. - -„Gestatten Sie, dieses Thema abzubrechen,“ sagte er mit einer gewissen -gesellschaftlichen Nachlässigkeit. „Zudem ist dieses Thema doch etwas -schwierig; sehen Sie, Iwan Fedorowitsch lächelt über uns: er muß -wahrscheinlich etwas besonders Interessantes auf diese Frage zu -antworten haben. Fragen Sie daher, bitte, ihn.“ - -„O, nichts Besonderes, außer der kleinen Bemerkung,“ entgegnete sofort -Iwan Fedorowitsch, „daß der europäische Liberalismus, im allgemeinen, -und sogar unser russischer liberaler Dilettantismus schon längst und -nicht etwa selten die Endresultate des Sozialismus mit denen des -Christentums verwechseln. Diese unsinnige Folgerung ist natürlich ein -charakteristischer Zug; übrigens verwechseln den Sozialismus mit dem -Christentum, wie man sieht, nicht nur die Liberalen und Dilettanten, -sondern mit ihnen in vielen Fällen auch noch die Gendarmen, versteht -sich, nur die ausländischen. Ihre Pariser Geschichte ist wirklich recht -charakteristisch, Pjotr Alexandrowitsch!“ - -„Im übrigen bitte ich nochmals um die Erlaubnis, dieses Thema -abzubrechen,“ wiederholte Miussoff, „dafür aber werde ich Ihnen eine -äußerst interessante und charakteristische Geschichte von Iwan -Fedorowitsch erzählen. Vor nicht länger als fünf Tagen erklärte er in -einer hiesigen vornehmlich aus Damen bestehenden Gesellschaft während -eines Disputs feierlichst, daß es auf der ganzen Erde entschieden nichts -gäbe, was den Menschen veranlassen könnte, Seinesgleichen zu lieben, daß -solch ein Naturgesetz: der Mensch muß die Menschheit lieben – überhaupt -nicht vorhanden und, wenn es bis jetzt auf der Erde trotzdem Liebe gäbe, -dieses nicht nach dem Naturgesetz, sondern einzig darum so sei, weil die -Menschen noch an ihre Unsterblichkeit glaubten. Iwan Fedorowitsch fügte -bei der Gelegenheit noch _en parenthèse_ hinzu, daß darin gerade das -ganze Naturgesetz bestünde, so daß, wenn man im Menschen den Glauben an -seine Unsterblichkeit vernichtete, in ihm nicht nur die Liebe, sondern -überhaupt jede lebendige Kraft zur Fortsetzung des irdischen Lebens -versiegen würde, und nicht nur das: es würde dann nichts Unsittliches -mehr geben, sagte er, alles würde dann erlaubt sein, sogar die -Menschenfresserei. Und auch damit war’s noch nicht genug: er schloß mit -der Behauptung, daß sich für jede Privatperson, wie hier zum Beispiel -ich, die weder an Gott noch an ihre Unsterblichkeit glaubt, das -sittliche Gesetz der Natur in das volle Gegenteil des früheren -religiösen Gesetzes verwandeln müsse, und daß ein Egoismus sogar bis zum -Verbrechen dem Menschen nicht nur erlaubt sein, sondern für ihn als -unvermeidlicher, vernünftigster und womöglich gar edelster Ausweg in -seiner Lage anerkannt werden müsse. Nach diesem Paradoxon, meine Herren, -können Sie auf das übrige schließen, was unser lieber paradoxer -Exzentriker, Iwan Fedorowitsch, proklamiert und vielleicht auch noch zu -proklamieren beabsichtigt.“ - -„Erlauben Sie,“ rief plötzlich ganz unerwartet Dmitrij Fedorowitsch -dazwischen, „habe ich recht gehört: ‚Das Verbrechen muß nicht nur -erlaubt sein, sondern sogar als unvermeidlicher und vernünftigster -Ausweg aus der Lage eines jeden Gottlosen anerkannt werden!‘ War es so -oder nicht?“ - -„Genau so,“ sagte Pater Paissij. - -„Das werde ich mir merken!“ - -Und Dmitrij Fedorowitsch verstummte ebenso plötzlich, wie er sich in das -Gespräch hineingemischt hatte. Alle blickten ihn neugierig an. - -„Ist das von den Folgen, die der Verlust des Glaubens der Menschen an -die Unsterblichkeit ihrer Seele haben würde, wirklich Ihre Überzeugung?“ -fragte plötzlich der Staretz Iwan Fedorowitsch. - -„Ich habe das einmal behauptet. Es gäbe keine Tugend, wenn es keine -Unsterblichkeit gibt.“ - -„Selig sind Sie, wenn das Ihr Glaube ist, oder aber maßlos unglücklich!“ - -„Warum denn unglücklich?“ fragte Iwan Fedorowitsch lächelnd. - -„Weil Sie selbst aller Wahrscheinlichkeit nach weder an die -Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben, noch daran, was Sie von der Kirche -und über die Kirchenfrage geschrieben haben.“ - -„Vielleicht haben Sie recht ... Aber immerhin habe ich doch nicht nur -gescherzt ...“ gestand plötzlich sonderbarerweise Iwan Fedorowitsch, -wobei er übrigens flüchtig errötete. - -„Nicht nur gescherzt, das ist wahr; diese Idee hat sich in Ihrem Herzen -noch nicht entschieden, und so quält sie das Herz. Doch auch der -Märtyrer liebt es zuweilen, mit seiner Verzweiflung zu spielen, -gewissermaßen gleichfalls aus Verzweiflung. Vorläufig spielen auch Sie -aus Verzweiflung, wenn Sie Zeitungsartikel schreiben und in -Gesellschaften disputieren, ohne dabei selbst an Ihre Dialektik zu -glauben, über die sie bei sich mit wehem Herzen lachen ... Dieses -Problem ist in Ihnen nicht gelöst, und darin besteht Ihr großes Leid, -denn es heischt unerbittlich eine Lösung ...“ - -„Aber kann es denn in mir überhaupt gelöst werden? Gelöst im positiven -Sinne?“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, sonderbar zu fragen, wobei er immer -noch mit einem unerklärlichen Lächeln auf den Staretz blickte. - -„Wenn es sich nicht im positiven Sinne lösen kann, so wird es sich auch -niemals im negativen Sinne lösen, Sie kennen doch selbst diese -Eigenschaft Ihres Herzens, darin besteht seine ganze Qual. Danken Sie -dem Schöpfer, daß er Ihnen ein höheres Herz gegeben hat, das fähig ist, -sich mit dieser furchtbaren Frage zu quälen, ‚trachtend nach dem, was -droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist, denn unser Leben ist im -Himmelreich‘. Gebe Gott, daß Ihr Herz noch auf Erden seine Lösung finde, -und möge Gott Ihre Wege segnen!“ - -Der Staretz erhob die Hand und wollte schon von seinem Platz aus das -Zeichen des Kreuzes über Iwan Fedorowitsch machen. Doch der erhob sich -plötzlich, trat zu ihm und empfing den Segen; darauf küßte er ihm die -Hand und kehrte stumm zu seinem Platz zurück. Der Ausdruck seines -Gesichts war entschlossen und ernst. Diese Handlung, sowie das ganze -vorhergegangene sonderbare Gespräch mit dem Staretz, das man von Iwan -Fedorowitsch niemals erwartet hätte, schienen alle durch ihre -Rätselhaftigkeit und fast Feierlichkeit stutzig zu machen, so daß das -Schweigen eine ganze Minute andauerte. Auf Aljoschas Gesicht drückte -sich beinahe Schrecken aus. Da aber zuckte Miussoff plötzlich mit den -Achseln, und sofort sprang auch der alte Karamasoff auf. - -„Göttlicher, heiligster Staretz!“ rief er pathetisch aus, auf Iwan -Fedorowitsch weisend. „Das ist mein Sohn, Leib von meinem Leib, mein -liebster Leib! Das ist mein ehrerbietigster, sozusagen Karl Moor, jener -dort aber, mein Sohn Dmitrij Fedorowitsch, der jetzt erst eingetreten -ist und gegen den ich bei Ihnen mein Recht suche – das ist der -unehrerbietigste Franz Moor – beide aus Schillers ‚Räubern‘ –, ich -selbst aber, ich selbst bin in diesem Falle natürlich der regierende -Graf von Moor! Jetzt urteilen Sie! Und retten Sie! Wir bedürfen nicht -nur Ihrer Gebete, sondern auch Ihrer Weissagungen.“ - -„Reden Sie, ohne dabei den Narren zu spielen, und beginnen Sie nicht mit -Beleidigungen Ihrer Angehörigen,“ sagte der Staretz mit schwacher, -erschöpfter Stimme. Ersichtlich wurde er immer müder, und seine Kräfte -verließen ihn fast wahrnehmbar. - -„Diese unwürdige Komödie habe ich schon vorausgeahnt!“ rief unmutig -Dmitrij Fedorowitsch, der gleichfalls aufsprang. „Verzeihen Sie, -ehrwürdiger Vater,“ wandte er sich an den Staretz, „ich bin nur ein -ungebildeter Mensch und weiß sogar nicht einmal, wie man Sie anreden -muß, man hat Sie aber betrogen, und es war von Ihnen eine viel zu große -Güte, uns hier zu empfangen. Mein Vater will es nur zu einem Skandal -bringen, wozu er den nötig hat – das weiß ich nicht; doch wird er dabei -schon auf seine Rechnung kommen. Er hat bei allem, was er tut, seine -besondere Rechnung; übrigens glaube ich zu wissen, wozu ...“ - -„Natürlich beschuldigen sie mich alle, alle beschuldigen sie mich!“ rief -seinerseits der alte Karamasoff; „auch Pjotr Alexandrowitsch beschuldigt -mich! Das haben Sie getan, Pjotr Alexandrowitsch, das haben Sie ...!“ -rief er plötzlich, sich zu Miussoff umdrehend, heftig, obgleich es -diesem gar nicht eingefallen war, ihm zu widersprechen. „Man beschuldigt -mich, ich soll das Geld meiner Kinder in meine Stiefel gesteckt haben -und allen das Fell über die Ohren ziehen. Aber erlauben Sie, gibt es -denn etwa kein Gericht? Dort würde man Ihnen, Dmitrij Fedorowitsch, nach -Ihren eigenen Quittungen, Briefen und Kontrakten sofort verrechnen, -wieviel Sie besaßen, wieviel Sie durchgebracht haben und wieviel Ihnen -übrigbleibt! Warum vermeidet es Pjotr Alexandrowitsch, die Sache vors -Gericht zu bringen? Dmitrij Fedorowitsch ist ihm doch kein Fremder! Er -tut’s aber nicht, weil alle auf mich loshacken; Dmitrij Fedorowitsch -jedoch ist mir in Summa noch schuldig, und nicht etwas, sondern viele -Tausende, was ich mit allen Dokumenten beweisen kann! Die ganze Stadt -schnattert ja von seinen überall bekannten Trinkgelagen! Dort aber, wo -er in Garnison stand, dort hat er tausend oder zweitausend Rubel -hinausgeworfen, um ehrsame Mädchen zu verführen; ja ja, das wissen wir, -Dmitrij Fedorowitsch, samt allen sekreten Ausführlichkeiten, – das kann -ich gleichfalls beweisen ... Heiligster Vater, werden Sie’s glauben: hat -das edelste aller Mädchen bestrickt, eine Tochter aus gutem Hause, mit -einem Kapital, die Tochter seines früheren Kommandeurs, eines tapferen, -verdienten Obersten, der schon Orden und sogar die Anna mit den -Schwertern am Halse trug, hat das Mädchen mit einem Heiratsantrag -kompromittiert; jetzt ist sie hier, ist Waise, seine Braut; er aber geht -vor ihren Augen mit einer hiesigen Kurtisane. Und wenn auch diese Dame -mit einem ehrenwerten Menschen in sozusagen bürgerlicher Ehe gelebt hat, -so ist sie doch, was den Charakter anbetrifft, sehr unabhängig, ist für -alle eine uneinnehmbare Festung, als ob sie eine rechtmäßige Frau wäre; -denn sie ist tugendhaft – ja! meine heiligen Väter, sie ist tugendhaft! -Und Dmitrij Fedorowitsch will nun diese Festung mit goldenem Schlüssel -öffnen, weswegen er sich denn jetzt auf das Geld, das ich ihm schulden -soll, versteift, es herauspressen will; inzwischen aber hat er schon -Tausende ihretwegen verzettelt. Ihretwegen borgt er ununterbrochen Geld, -und unter anderem auch bei wem, was glauben Sie wohl? Soll ich’s sagen -oder nicht, Mitjä!“ - -„Schweigen Sie!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Warten Sie, bis ich -hinausgegangen bin; aber in meiner Gegenwart dürfen Sie sich nicht -unterstehen, das edelste Mädchen, die Tochter meines Kommandeurs, zu -beschimpfen ..., allein schon, daß Sie überhaupt nur ein Wort von ihr -gesagt haben, ist eine Schmach für sie ... Das erlaube ich nicht!“ - -Er war atemlos. - -„Mitjä! Mitjä!“ rief schwachnervig der Alte und preßte sich Tränen aus -den Augen. „Wozu gibt es denn einen Vatersegen? Was aber dann, wenn ich -dich verfluche?“ - -„Unverschämter Heuchler!“ schrie ihn Dmitrij Fedorowitsch wütend an. - -„Das sagt er dem Vater, dem Vater! Was wird er dann noch den anderen -sagen? Meine Herren, stellen Sie sich vor: Hier ist ein armer, doch -ehrenwerter Mensch, ein verabschiedeter Hauptmann; er hat Unglück gehabt -und den Abschied bekommen, doch nicht durch ein Urteil, sondern ohne -seiner Ehre verlustig zu gehen; wohnt hier mit seiner zahlreichen -Familie. Vor drei Wochen aber hat ihn unser Dmitrij Fedorowitsch im -Restaurant am Bart gepackt und ihn an diesem selben Bart hinaus auf die -Straße gezogen, wo er ihn dann öffentlich durchgeprügelt hat, und das -nur darum, weil jener in einer gewissen Angelegenheit mein heimlicher -Bevollmächtigter ist.“ - -„Nichts als Lüge! Von außen sieht es wie Wahrheit aus, doch inwendig ist -nichts als Lüge!“ rief Dmitrij Fedorowitsch zitternd vor Wut. „Ich will -meine Handlungen nicht rechtfertigen; ja, ich gestehe selbst vor allen -Menschen: Ich habe wie ein Tier an diesem Hauptmann gehandelt, und meine -tierische Wut tut mir jetzt leid, ich schäme mich deswegen; aber dieser -Hauptmann, Ihr Bevollmächtigter, war zu dieser selben Dame gegangen, von -der Sie äußerten, daß sie eine Kurtisane sei, und hatte ihr in Ihrem -Namen vorgeschlagen, sie solle alle meine Wechsel, die sich in Ihren -Händen befinden, nehmen und sie einklagen, um mich auf diese Weise, wenn -ich mit meiner Vermögensabrechnung Ihnen zu sehr auf den Hals rücke, -einfach ins Gefängnis zu bringen. Und Sie machen mir jetzt meine Gefühle -für diese Dame zum Vorwurf, während Sie sie doch selbst gelehrt haben, -mich zu fangen! Sie erzählte es ja Allen ganz offen; sie hat es mir -selbst erzählt und sich dabei über Sie lustig gemacht! Ins Gefängnis -aber wollen Sie mich nur darum bringen, weil Sie ihretwegen auf mich -eifersüchtig sind, weil Sie selbst begonnen haben, sich mit Ihrer -gemeinen Liebe dieser Dame zu nähern, und das weiß ich wiederum durch -sie selbst, und sie hat es mir wiederum lachend – hören Sie! – über Sie -lachend erzählt. Da sehen Sie jetzt, meine heiligen Väter, wie dieser -Mensch ist, dieser dem ausschweifenden Sohne Vorwürfe machende Vater! -Meine Herren, verzeihen Sie mir meinen Zorn; aber ich ahnte ja schon, -daß dieser verschlagene, hinterlistige Greis Sie alle hier -zusammengerufen hat, um es zu einem Skandal zu bringen. Ich kam her, um -zu verzeihen, wenn er mir seine Hand entgegengestreckt hätte, und selbst -um Verzeihung zu bitten! Da er aber hier nicht nur mich beleidigt hat, -sondern auch das edelste Mädchen, deren Namen ich aus Hochachtung nicht -unnütz aussprechen will, so entschloß ich mich, sein ganzes Spiel -aufzudecken, obgleich er doch mein Vater ist ...“ - -Er konnte nicht weitersprechen. Seine Augen blitzten, und er atmete -schwer. Doch auch die anderen in der Zelle Anwesenden waren erregt. -Außer dem Staretz erhoben sie sich alle von ihren Plätzen; die beiden -Priestermönche blickten streng drein, warteten aber ab, was der Staretz -sagen werde. Der war ungewöhnlich bleich, doch nicht vor Aufregung, -sondern infolge seiner krankhaften Schwäche. - -Ein flehendes Lächeln lag auf seinen Lippen; zuweilen erhob er die Hand, -wie um die Tobenden aufzuhalten, und natürlich hätte eine Bewegung von -ihm genügt, um den ganzen Auftritt zu beenden; aber er schien es selbst -nicht zu wollen, schien noch irgend etwas abzuwarten und beobachtete nur -aufmerksam, als ob er noch etwas begreifen wollte, als ob er sich über -irgend etwas noch nicht klar geworden sei. Endlich unterbrach Miussoff, -der sich endgültig erniedrigt und beschimpft fühlte, das Schweigen. - -„An diesem Skandal sind wir alle schuld!“ sagte er erregt, „doch -immerhin habe ich mir so etwas nicht träumen lassen, als ich herkam, -obgleich ich wußte, mit wem ich es zu tun hatte ... Dem muß sofort ein -Ende gemacht werden! Ehrwürden, glauben Sie mir, daß mir alle hier -zutage gekommenen Einzelheiten nicht bekannt waren; ich hätte sie nicht -für möglich gehalten, erst jetzt erfahre ich zum erstenmal ... Der Vater -ist auf den Sohn eifersüchtig wegen eines Weibes, das ein unanständiges -Leben führt, und verabredet sich selbst mit diesem gemeinen Geschöpf, -den Sohn ins Gefängnis zu bringen! ... Und in solch einer Gesellschaft -hat man mich herzukommen gezwungen ... Ich bin betrogen worden! Und ich -erkläre hiermit, daß ich nicht weniger als alle anderen betrogen worden -bin ...“ - -„Dmitrij Fedorowitsch!“ rief plötzlich mit einer ganz sonderbaren, ihm -ganz fremden Stimme Fedor Pawlowitsch: „Wenn Sie nicht mein Sohn wären, -so würde ich Sie unverzüglich fordern ... auf Pistolen, auf drei Schritt -Distanz ... übers Schnupftuch, übers Schnupftuch!“ schrie er, mit den -Beinen stampfend. - -Es kommt zuweilen vor, daß alte Lügner, die sich ihr ganzes Leben lang -verstellt haben, plötzlich vor Erregung tatsächlich zittern und weinen – -wenn sie sich in ihrer Verstellung schon gar zu sehr verrannt haben –, -ungeachtet dessen, daß sie sich selbst noch im selben Augenblick – oder -noch vor einer Sekunde – haben zuflüstern können: „Du bist ja doch ein -Lügner, alter schamloser Narr; bist ja auch jetzt ein Komödiant trotz -deines ganzen ‚heiligen‘ Zornes.“ - -Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich unheimlich, und mit -unbeschreiblicher Verachtung blickte er auf seinen Vater. - -„Ich glaubte ... ich glaubte,“ sagte er sonderbar leise und -zurückhaltend, „ich würde mit meinem Schutzengel, mit meiner Braut, in -die Heimat zurückkehren, um ihn hier im Alter zu pflegen, und jetzt sehe -ich vor mir nur einen ausschweifenden Lüstling und den gemeinsten -Komödianten!“ - -„Auf Pistolen!“ schrie wieder der Alte atemlos, und Speichel spritzte -bei jedem Wort von seinen Lippen. „Sie aber, Pjotr Alexandrowitsch -Miussoff, merken Sie sich, mein Verehrtester, daß es vielleicht in Ihrer -ganzen Sippe – weder jetzt noch früher – kein höheres und ehrenwerteres -– hören Sie, ehrenwerteres – Weib jemals gegeben hat als dieses ‚gemeine -Geschöpf‘, wie Sie jene Dame vorhin zu nennen wagten! Sie aber, Dmitrij -Fedorowitsch, haben gegen dieses ‚gemeine Geschöpf‘ Ihre Braut -eingetauscht, somit also selbst gefunden, daß Ihre Braut nicht einmal -deren Schuhsohlen wert ist, derart ist also dieses Geschöpf!“ - -„Welch eine Schmach!“ entrang es sich dem Pater Jossiff. - -„Ja, eine Schmach und eine Schande ist es!“ rief plötzlich Kalganoff, -der die ganze Zeit geschwiegen hatte, mit seiner brechenden und vor -Erregung zitternden Stimme und wurde über und über rot. - -„Wozu lebt solch ein Mensch!“ stieß fast außer sich vor Wut, fast -brüllend, Dmitrij Fedorowitsch hervor, wobei er ganz absonderlich die -Schultern hob, so daß er beinahe gekrümmt aussah. „Nein, sagt mir doch, -kann man es noch länger zulassen, daß er mit seiner Person die Erde -schändet?“ Er blickte sich, auf seinen Vater weisend, im Kreise um. Er -sprach langsam und gemessen. - -„Hört ihr, hört ihr, Mönche, den Vatermörder!“ damit stürzte sich Fedor -Pawlowitsch auf den Pater Jossiff. „Das ist die Antwort auf Ihr ‚welch -eine Schmach!‘ Was ist eine Schmach? Dieses ‚gemeine Geschöpf‘, dieses -Weib, das ein ‚unanständiges Leben führt‘, ist vielleicht heiliger als -ihr selber, meine Herren Hieromonachen, die ihr hier euer Seelenheil -sucht! Sie ist vielleicht in ihrer Jugend gefallen, als Opfer ihrer -Umgebung; sie hat eben ‚viel geliebt‘; jenem Weibe aber, das ‚viel -geliebt‘ hatte, wurde von Christus alles vergeben ...“ - -„Christus hat ihr nicht für diese Liebe vergeben ...“ stieß ungeduldig -der sonst so sanfte Pater Jossiff hervor. - -„Nein, für diese, für diese selbe, hört ihr, Mönche, gerade für diese! -Ihr sucht hier in Sauerkraut euer Seelenheil und glaubt, daß ihr -Gerechte seid! Ihr eßt bloß Gründlinge, pro Tag ’nen einzigen Gründling, -und glaubt mit Fischfleisch Gott zu kaufen!“ - -„Unmöglich, unmöglich!“ hörte man in der Zelle von allen Seiten. - -Doch diese ganze, bis zur Unanständigkeit getriebene Szene sollte in der -unvorhergesehensten Weise enden. Plötzlich erhob sich der Staretz von -seinem Platz. Aljoscha gelang es noch, obgleich er vor Angst um ihn und -um die anderen seine Geistesgegenwart ganz verloren hatte, ihn beim -Aufstehen mit der Hand zu stützen. Der Staretz schritt der Richtung nach -auf Dmitrij Fedorowitsch zu, und als er bei ihm angelangt war, dicht vor -ihm stand – fiel er plötzlich vor ihm auf die Knie nieder. Aljoscha -glaubte zuerst, er sei vor Schwäche zu Boden gefallen, doch das war es -nicht. Nachdem der Staretz niedergekniet war, verneigte er sich vor -Dmitrij Fedorowitsch in einer vollen, deutlichen, bewußten Verbeugung -und berührte sogar mit der Stirn den Boden. Aljoscha war so verwundert, -daß er ihm nicht einmal half, aufzustehen. Ein schwaches Lächeln -schimmerte kaum merklich auf seinen Lippen. - -„Verzeihen Sie, verzeihen Sie alle!“ sagte er, sich nach allen Seiten -hin vor seinen Gästen verneigend. - -Dmitrij Fedorowitsch stand eine Weile wie vom Schlag gerührt: vor _ihm_ -eine Verbeugung bis zur Erde – was war das? ... „O Gott!“ stammelte er -endlich und stürzte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, aus dem -Zimmer hinaus. Ihm folgten hastig alle anderen Gäste, die in der -Verwirrung ganz vergaßen, sich noch vom Staretz zu verabschieden. Nur -die beiden Priestermönche baten ihn wieder um seinen Segen. - -„Was war denn das für eine Verbeugung bis zur Erde, wohl wieder mal was -Symbolisches?“ versuchte der plötzlich aus irgendeinem Grunde ganz zahm -gewordene Fedor Pawlowitsch ein Gespräch zu beginnen; übrigens wagte er -nicht, seine Frage an jemanden persönlich zu stellen. In diesem -Augenblick verließen sie gerade die Einsiedelei. - -„Für eine Irrenanstalt und Verrückte bin ich nicht verantwortlich,“ -entgegnete sofort Miussoff bissig, „dafür aber verzichte ich auf Ihre -Gesellschaft, Fedor Pawlowitsch, und das, glauben Sie mir, ein für -allemal! Wo ist denn dieser Mönch ...?“ - -„Dieser Mönch“, d. h. jener, der sie zum Prior zu Tisch gebeten hatte, -ließ nicht auf sich warten. Als sie hinaustraten, sahen sie ihn an der -Treppe stehen, als ob er sie die ganze Zeit erwartet hätte. - -„Haben Sie die Güte, verehrter Pater,“ sagte Miussoff gereizt zu ihm, -„mich gehorsamst Seiner Hochwürden zu empfehlen, mich selbst aber, -Miussoff, zu entschuldigen, da ich infolge plötzlich eingetretener und -unvorhergesehener Umstände unmöglich die Ehre haben kann, trotz meines -aufrichtigen Wunsches, an seiner Mahlzeit teilzunehmen.“ - -„Aber dieser unvorhergesehene Umstand – das bin ja _ich_!“ griff sofort -Fedor Pawlowitsch auf. „Hören Sie, Pater, Pjotr Alexandrowitsch will ja -bloß nicht mit mir zusammen hingehen, sonst aber würde er mit Handkuß -hingehen! Und Sie werden’s auch, Pjotr Alexandrowitsch; haben Sie die -Güte, zum Pater Prior zu gehen, und – ich wünsche Ihnen vorzüglichen -Appetit! Denn ich bin es, der sich zurückzieht, nicht Sie. Zu Hause, zu -Hause werde ich essen, hier aber fühle ich mich unfähig dazu, Pjotr -Alexandrowitsch, mein allerliebster Anverwandter!“ - -„Ich bin nicht Ihr Anverwandter und bin es nie gewesen, Sie niedriger -Mensch!“ - -„Das habe ich ja absichtlich gesagt, um Sie so ein wenig zu necken, da -Sie sich so gern von der Verwandtschaft lossagen wollen, obgleich Sie -doch immer mein lieber Verwandter bleiben, da helfen Ihnen keine Finten, -kann’s Ihnen in den Kirchenbüchern nachweisen. Dir, Iwan, werde ich -schon zur rechten Zeit die Pferde herschicken; bleib also hier, wenn du -willst. Ihnen aber, Pjotr Alexandrowitsch, gebietet sogar der Anstand, -jetzt zu seiner Hochehrwürden zu gehen; man muß doch seine -Entschuldigung machen für das, was wir dort beide losgeschossen haben -...“ - -„Ja, ist es denn auch wahr, daß Sie zurückfahren wollen? Lügen Sie nicht -wieder einmal?“ - -„Pjotr Alexandrowitsch, wie sollte ich das, nach allem, was geschehen -ist! Habe mich hinreißen lassen! Bin aber erschüttert! Und man schämt -sich doch, weiß Gott. Meine Herrschaften, der eine hat ein Herz wie -Alexander der Große, der andere aber – wie ein Schoßhündchen Fidelka. -Nun, ich habe letzteres. Habe Angst bekommen! Wie soll ich denn noch -nach solch einer Eskapade zu einem Mittagsmahle gehen und Klostersaucen -schlecken? Schäme mich, kann nicht, entschuldigen Sie mich!“ - -„Weiß der Teufel, wie aber, wenn er mich wieder betrügt!“ dachte -nachdenklich Miussoff, der stehen geblieben war und mit fragend -mißtrauischem Blick der Gestalt des sich entfernenden alten Narren -folgte. Da wandte sich jener noch einmal um, und da er Miussoffs -beobachtenden Blick bemerkte, warf er ihm eine Kußhand zu. - -„Und Sie? Werden Sie zum Prior gehen?“ fragte Miussoff schroff Iwan -Fedorowitsch. - -„Warum denn nicht? Und zudem hat mich der Prior gestern noch besonders -eingeladen.“ - -„Zum Unglück fühle ich mich wirklich fast verpflichtet, zu diesem -verfluchten Mittagsmahl zu gehen,“ fuhr Miussoff mit derselben -Gereiztheit bitter fort, ohne weiter zu beachten, daß der kleine Mönch -dabei war und alles hörte. „Man muß dort wenigstens seine Entschuldigung -machen wegen der Geschichten, die wir hier angerichtet haben, und -erklären, daß nicht wir es gewesen sind ... Was meinen Sie?“ - -„Ja, man muß erklären, daß nicht wir es gewesen sind. Und mein Vater -wird ja nicht dabei sein,“ meinte Iwan Fedorowitsch. - -„Das fehlte noch! Mit Ihrem Vater! Dieses verfluchte Mittagsmahl!“ - -Einstweilen gingen sie doch alle drei. Der kleine Mönch schwieg und -spitzte die Ohren. Unterwegs, als sie durch das Wäldchen gingen, -bemerkte er nur einmal, daß Seine Hochwürden schon lange warteten und -sie sich um eine ganze halbe Stunde verspätet hätten. Er erhielt aber -keine Antwort. Miussoff blickte haßerfüllt Iwan Fedorowitsch von der -Seite an: - -„Und er geht auch wirklich hin, als wäre überhaupt nichts vorgefallen!“ -dachte er bei sich. „Eherne Stirn und Karamasoffsches Gewissen!“ - - - VII. - Der Seminarist und Streber - -Aljoscha führte seinen Staretz in das kleine Schlafgemach und ließ ihn -sich auf das Bett niedersetzen. Es war ein kleines Zimmer, in dem nur -die notwendigsten Möbel standen. Das eiserne Bett war klein und schmal, -und auf ihm lag anstatt einer Matratze nur eine Filzdecke. In der Ecke -unter den Heiligenbildern stand sein Lesepult, und auf ihm lagen ein -Kreuz und die Bibel. Der Staretz sank erschöpft auf das Bett; seine -Augen glänzten, und er atmete nur schwer. Nachdem er sich gesetzt hatte, -richtete er seinen Blick auf Aljoscha und betrachtete ihn aufmerksam, -als ob er über etwas nachdächte. - -„Geh, mein Liebling, geh, Porfirij wird hier bei mir bleiben, du aber -mußt dich beeilen. Du bist dort nötig, geh zum Prior, bediene beim -Essen.“ - -„Bitte, erlauben Sie mir, hier zu bleiben,“ bat Aljoscha leise. - -„Du bist dort nötiger. Dort herrscht kein Friede. Du wirst dich nützlich -machen können. Wenn die Dämonen sich erheben, so sprich ein Gebet. Und -wisse, mein Sohn“ (der Staretz liebte es, ihn so zu nennen), „daß auch -hinfort nicht hier dein Platz ist. Denk daran, Jüngling. Wenn es Gott -gefallen wird, mich in die Ewigkeit abzurufen – so gehe fort aus dem -Kloster. Verlaß es ganz.“ - -Aljoscha fuhr zusammen. - -„Was hast du? Nicht hier ist jetzt dein Platz. Ich segne dich zu deiner -großen Aufgabe in der Welt. Lang ist noch deine Wanderschaft, mein Sohn. -Und auch heiraten wirst du müssen, Jüngling, du mußt es. Alles wirst du -ertragen müssen, bis du wieder da anlangst, von wo du ausgegangen bist. -Und du wirst viel zu tun haben. Doch an dir zweifle ich nicht und darum -schicke ich dich. Christus ist mit dir. Bewahre du ihn, so wird auch er -dich bewahren. Großes Leid wirst du erfahren, und in diesem Leid wirst -du glücklich sein. Und hier hast du mein Vermächtnis: Suche im Leid das -Glück. Arbeite, arbeite unermüdlich. Behalte hinfort meine Worte, denn -wenn ich auch noch mit dir sprechen werde, so sind doch nicht nur meine -Tage, sondern selbst meine Stunden gezählt.“ - -Im Antlitz Aljoschas drückte sich wieder eine mächtige Bewegung aus. -Seine Mundwinkel zitterten. - -„Was hast du nur wieder?“ fragte sanft lächelnd der Staretz. „Mögen -weltliche Tränen ihre Sterbenden begleiten, hier aber freuen wir uns des -in die Ewigkeit Eingehenden. Wir freuen uns und beten für ihn. Geh -jetzt. Ich muß beten. Gehe und beeile dich. Sei bei deinen Brüdern. -Nicht nur bei einem, sondern bei beiden, mein Sohn.“ - -Der Staretz erhob die Hand zum Segen. Aljoscha wagte nicht, zu -widersprechen, obwohl er so gern bei ihm geblieben wäre. Auch wollte er -noch fragen, und schon schwebte ihm die Frage auf der Zunge, was diese -Verbeugung bis zur Erde vor seinem Bruder Dmitrij bedeuten sollte? – -Aber er wagte es nicht. Er wußte, daß der Staretz es ihm auch ungefragt -gesagt haben würde, wenn es möglich gewesen wäre. Also hatte er es -selbst nicht gewollt. Diese Verbeugung aber hatte auf Aljoscha einen -furchtbaren Eindruck gemacht; er glaubte blind, daß in ihr ein -geheimnisvoller Sinn lag – eine geheimnisvolle und vielleicht -entsetzliche Bedeutung. Als er aus der Einfriedung der Einsiedelei trat, -um noch zur rechten Zeit ins Kloster zum Mittagsmahl des Priors zu -gelangen, natürlich, nur um bei Tisch zu bedienen, zog sich ihm -plötzlich schmerzhaft das Herz zusammen, und er blieb stehen: In seinen -Ohren erklangen von neuem die Worte des Staretz, die seinen nahen Tod -verkündet hatten. Was aber der Staretz vorhersagte und noch dazu mit -solch einer Bestimmtheit, das mußte auch in Erfüllung gehen – dieser -Glaube war für Aljoscha heilig. Wie aber sollte er dann ohne ihn -bleiben, wie ihn nicht mehr sehen, wie ihn nicht mehr hören? Und wohin -sollte er dann gehen? Nicht weinen und das Kloster verlassen, o Gott! -Lange schon hatte Aljoscha nicht mehr so großes Leid empfunden. Er -schritt schneller durch den Wald, der die Einsiedelei vom Kloster -trennte, und da ihn seine Gedanken fast erdrückten, blickte er hinauf in -die Wipfel der hundertjährigen Kiefern zu beiden Seiten des schmalen -Waldwegs. Es war nicht weit bis zum Kloster: fünfhundert Schritt, nicht -mehr. Zu dieser Tageszeit hätte er eigentlich niemanden treffen können, -doch plötzlich erblickte er bei einer Wegbiegung Rakitin, den -Seminaristen, der jemanden zu erwarten schien. - -„Wartest du etwa auf mich?“ fragte Aljoscha, als er ihn erreicht hatte. - -„Hast’s erraten,“ antwortete Rakitin. „Du begibst dich zum Prior. Ich -weiß; bei ihm gibt es heute wieder ein Essen. Seitdem er damals den -Bischof und den General Pachatoff aufgenommen, weißt du noch, hat es bei -ihm solch ein Mahl nicht mehr gegeben. Ich werde nicht dabei sein, du -aber geh mal hin, um die Saucen zu reichen. Sage mir aber vorher eines, -Alexei: Was hat diese Vision des Staretz zu bedeuten? Das ist es, was -ich dich fragen will.“ - -„Welch eine Vision?“ - -„Nun, diese Verbeugung vor deinem Brüderlein Dmitrij Fedorowitsch. Und -wie er noch mit der Stirn auf den Boden knallte!“ - -„Du sprichst vom Staretz Sossima?“ - -„Von wem denn sonst?“ - -„Knallte? ...“ - -„Ach so, hab mich unehrerbietig ausgedrückt. Nun, meinetwegen. Aber was -hat denn diese Vision zu bedeuten?“ - -„Ich weiß es nicht, Mischa, was sie zu bedeuten hat.“ - -„Das konnte ich mir ja denken, daß er’s dir nicht erklären würde. -Gescheites steckt dabei natürlich nichts dahinter; wie’s scheint, wieder -nur die ewigen Heilsdummheiten. Aber das Kunststück wurde absichtlich -gemacht. Jetzt werden alle Kirchenschwalben in der Stadt losschnattern, -und dann wird’s vom einen zum anderen durch das ganze Gouvernement -gehen: ‚Was hat wohl diese Vision zu bedeuten?‘ Der Alte ist ja wirklich -mit Seherkraft begabt: hat ein Kriminalverbrechen gewittert. Es stinkt -bei euch.“ - -„Was für ein Kriminalverbrechen?“ - -Augenscheinlich wollte Rakitin etwas sagen. - -„Dasselbe, das in eurer Familie begangen werden wird. Und zwar wird es -zwischen deinen Brüdern und deinem reichen Papachen unbedingt dazu -kommen. Und so hat denn Sossima auf alle zukünftigen Fälle mit der Stirn -den Fußboden berührt. Was dann später auch geschehen mag, jedenfalls -wird’s heißen: ‚Ach, das hat doch der heilige Staretz prophezeit,‘ – -obgleich, sage doch selbst, was soll denn das für eine Prophezeiung -sein? Nein, das war sozusagen eine sinnbildliche, eine allegorische -Handlung, und weiß der Teufel, was noch! Man wird’s ausposaunen und -behalten: Hat das Verbrechen vorausgesehen, den Verbrecher erkannt. Alle -sich blödsinnig stellenden Stadtverrückten tun dasselbe: Bekreuzen sich -vor der Schenke, auf die Kirche aber werfen sie Steine. So tut’s auch -dein Staretz: Den Gerechten mit dem Knüppel raus, dem Mörder aber eine -Verbeugung bis zur Erde.“ - -„Was für ein Verbrechen? Welch einem Mörder? Was sagst du?“ Aljoscha -stand wie erstarrt, da blieb auch Rakitin stehen. - -„Welch einem? Als ob du’s nicht wüßtest? Ich könnte wetten, daß du schon -selbst daran gedacht hast. Aber wart mal, das ist ja ganz interessant: -Hör, Aljoscha, du sagst doch immer die Wahrheit, wenn du dich auch immer -zwischen die Stühle setzt: hast du daran gedacht, oder hast du nicht -daran gedacht, antworte?“ - -„Ich habe daran gedacht,“ antwortete Aljoscha leise. Selbst Rakitin -wurde etwas verlegen. - -„Was du sagst? Also auch du hast schon daran gedacht?“ rief er erstaunt. - -„Ich ... ich ... nicht gerade, daß ich gedacht habe,“ murmelte Aljoscha, -„als du aber jetzt anfingst, so sonderbar darüber zu sprechen, da schien -es mir, daß ich selbst daran gedacht habe.“ - -„Siehst du, und wie deutlich du das ausdrückst! Also heute hast du beim -Anblick deines Papachen und deines Brüderleins Mitjenka an ein -Verbrechen gedacht? Also täusche ich mich doch nicht?“ - -„Aber wart, wart doch,“ unterbrach ihn erregt Aljoscha, „woraus schließt -du das alles? ... Und vor allen Dingen: Warum beschäftigt dich das so?“ - -„Zwei verschiedene Fragen auf einmal, doch sind sie beide verständlich. -Ich werde jede einzeln beantworten. Woraus ich das schließe? Nichts -würde ich hieraus schließen, wenn ich deinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch -heute nicht ganz erkannt hätte, ganz plötzlich, und ganz und gar -durchschaut hätte. An so einem einzigen Zuge begriff ich mit einem -Schlage den ganzen Menschen. Bei diesem allerehrlichsten, doch -wollüstigen Menschen gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten -darf, oder er spießt mit seinem Messer selbst das Papachen auf. Papachen -aber ist ein stets besoffener und zügelloser Wüstling, niemals und in -nichts wird er maßzuhalten verstehen, wie er es nie verstanden hat – sie -werden sich beide nicht beherrschen und plumps, beide in den Graben -purzeln ...“ - -„Nein, Mischa, nein, wenn es nur das ist, so ... so hast du mich -beruhigt. Dazu wird es nicht kommen.“ - -„Warum aber zitterst du am ganzen Körper? Weißt du was? Mag er auch ein -ehrlicher Mensch sein, der Mitjenka – er ist dumm, aber ehrlich; aber, -aber er ist ein Wollüstling. Das ist die richtige Bezeichnung für sein -ganzes inneres Wesen. Und das hat er vom Vater, der hat ihm seine -gemeine Lüsternheit vermacht. Ich muß mich immer nur über dich wundern, -Aljoscha: Wie bist du noch so ganz Knabe? Du bist doch auch ein -Karamasoff! Ist doch in eurer Familie die Sinnlichkeit bis zur -chronischen Entzündung gesteigert. Nun, und diese drei Wollüstlinge -beobachten jetzt einer den anderen ... mit Messern in den -Stiefelschäften. Drei sind mit den Köpfen aneinandergestoßen, du aber -bist vielleicht der vierte.“ - -„Aber in ihr täuschst du dich. Dmitrij ... verachtet sie,“ sagte -Aljoscha fast zusammenzuckend. - -„Wen, Gruschenka etwa? Nein, mein Lieber, die verachtet er nicht! Wenn -er sogar seine Braut gegen sie eingetauscht hat, so verachtet er sie -nicht. Hier ... hier, weißt du, ist etwas, was du noch nicht verstehen -kannst. Wenn sich der Mensch in irgendeine Schönheit, in den weiblichen -Körper oder selbst nur in einen Teil des weiblichen Körpers verliebt – -ein Wollüstling kann das wohl verstehen –, so gibt er für ihn seine -eigenen Kinder hin, verkauft Vater und Mutter, Rußland und das -Vaterland. Ist er ehrlich, so wird er stehlen gehen; ist er sanftmütig, -so wird er morden; ist er treu – verraten. Puschkin, der Sänger der -Weiberfüßchen, hat diese Füßchen in Gedichten besungen, andere besingen -sie nicht, können aber auf diese Füßchen nicht ohne Erregung blicken. -Und nicht nur auf die Füßchen ... Hier, mein Lieber, hilft keine -Verachtung – selbst wenn er Gruschenka verachtete. Oder gut, er -verachtet sie, kann sich aber doch nicht losreißen.“ - -„Das verstehe ich,“ platzte ganz unvermutet Aljoscha heraus. - -„Was du sagst? Mußt es ja wirklich verstehen, wenn es so plötzlich und -so unverhofft aus dir herausfährt!“ rief schadenfroh Rakitin. „Es kam ja -fast ganz aus Versehen aus dir heraus. Um so wertvoller das Geständnis: -Also bereits bekanntes Thema für dich, hast schon darüber nachgedacht, -über die Wollust! Ach, du unberührtes Mädchen! Du, Aljoscha, bist ein -Duckmäuser, still und verschwiegen, schön, du bist ein Heiliger, gebe es -zu, aber du bist verschlossen, und der Teufel mag wissen, woran du schon -gedacht hast, was dir alles schon bekannt ist! Bist ’ne Jungfer und bist -schon in solche Tiefen hinabgestiegen! Ich beobachte dich schon lange. -Auch du bist ein Karamasoff, ein echter Karamasoff – also haben doch die -Herkunft und der Stamm etwas zu bedeuten! Nach dem Vater Wollüstling, -nach der Mutter geistesschwacher Heiliger. Warum zitterst du? Oder sage -ich die Wahrheit? Weißt du was: Gruschenka hat mich gebeten, ‚bring ihn -– das heißt also, dich – bring ihn her, ich werde ihm die Kutte -abziehen.‘ Und wie sie noch gebeten hat: Bring ihn und bring ihn! Ich -frage mich nur, wodurch du für sie so interessant bist? Weißt du, auch -sie ist ein ungewöhnliches Weib!“ - -„Grüße sie und sage ihr, daß ich nicht kommen werde,“ sagte Aljoscha mit -einem verzogenen Lächeln. „Du, Michail, sprich aus, was du vorhin sagen -wolltest, ich werde dir dann auch meine Gedanken sagen.“ - -„Was ist hier auszusprechen, es ist doch klar. Das Ganze, mein Lieber, -ist eine alte Geschichte. Wenn auch du schon in dir den Wollüstling -fühlst, was ist dann dein Bruder Iwan, dein leiblicher Bruder? Auch er -ist doch ein Karamasoff, darin besteht ja euer ganzes Karamasoffsches -Problem: Wollüstlinge, Besitzgierige und Heilige! Dein Bruder Iwan -schreibt jetzt vorläufig scherzweise aus irgendeiner theologischen, -allerdümmsten, unbekannten Berechnung Zeitungsartikel, ist aber dabei -Atheist, und diese Gemeinheit gesteht er zum Überfluß noch selbst ein, -dieser dein Bruder Iwan. Außerdem will er seinem älteren Bruder die -Braut abspenstig machen und wird, wie’s scheint, auch dieses Ziel -erreichen. Und wie noch: mit Mitjenkas eigener Erlaubnis – denn Mitjenka -tritt ihm ja selbst seine Braut ab, um sie vom Halse zu haben und von -ihr schneller ganz zu Gruschenka übergehen zu können. Und das alles bei -seiner edlen Denkweise und Uneigennützigkeit, vergiß das nicht! Der -Teufel soll aus euch klug werden: Mitjä sieht seine Gemeinheit selbst -ein und rennt doch mit dem Kopf voran in sie hinein! Höre weiter. Nun -aber kommt der Alte und kreuzt Mitjenkas Weg – der Vater! Der ist doch -jetzt plötzlich wie besessen hinter Gruschenka her; bei ihm fließt ja -schon der Geifer aus den Mundwinkeln, wenn er sie bloß von weitem sieht; -hat er doch nur ihretwegen in der Zelle diesen Skandal gemacht, weil -Miussoff sich erdreistete, sie ein gemeines Geschöpf zu nennen; ist wie -ein Kater in sie verliebt. Früher diente sie ihm bloß für Geld zu -gewissen dunklen Trinkstubengeschäftchen, jetzt aber hat er sie entdeckt -und ist wie rasend geworden, drängt sich täglich mit Anträgen, natürlich -mit unanständigen, an sie heran. Nun und auf diesem Wege werden sie dann -aneinanderprallen, das Papachen mit dem Söhnchen. Gruschenka aber -entscheidet sich noch für keinen von beiden, macht vorläufig noch -Winkelzüge und führt sie beide an der Nase herum, überlegt sich, welcher -vorteilhafter wäre; denn wenn man dem Papachen auch viel Geld abzapfen -könnte, so heiratet er dafür doch nicht, und womöglich wird er zum -Schluß noch knickerig und hängt den Beutel höher oder schließt ihn ganz. -In diesem Falle hat auch Mitjenka seinen Wert: Geld hat er zwar nicht, -dafür aber ist er fähig, zu heiraten. Ja, dazu ist er fähig! Die Braut -zu verlassen, Katerina Iwanowna, die schön, wunderschön, reich, adlig -und die Tochter eines Obersten ist, und Gruschenka zu heiraten, die -gewesene Maitresse eines alten, ausschweifenden Krämers, des Stadthaupts -Ssamssonoff. Aus alledem kann wirklich ein Kriminalverbrechen zustande -kommen, und darauf wartet nur dein Bruder Iwan, dann würde er in der -Wolle sitzen: würde Katerina Iwanowna, nach der er vor Sehnsucht -vergeht, erwerben und dazu noch die Sechzigtausend ihrer Mitgift -schnappen. Für einen Habenichts, wie er, ist das für den Anfang sehr -verlockend. Und vergiß dabei nicht: nicht nur, daß er Mitjä damit nicht -beleidigt, er verpflichtet ihn sich noch bis zum Grabe. Ich weiß doch, -daß Mitjä selbst noch in der vergangenen Woche im Gasthaus geschrien -hat, nachdem er sich in Gesellschaft von Zigeunerinnen angetrunken, daß -er seiner Braut, der Katjenka, nicht wert sei, sein Bruder Iwan aber, -der sei es! Und was Katerina Iwanowna anbetrifft, so wird sie solch -einen Bezauberer, wie Iwan Fedorowitsch, schließlich doch nicht -verschmähen; sie schwankt ja schon jetzt zwischen beiden. Wodurch hat -nur dieser Iwan euch alle dermaßen bestrickt, daß ihr ihn ausnahmslos so -ehrfurchtsvoll verehrt? Er lacht doch einfach über euch: sitze in der -Wolle, denkt er, und wärme mich auf eure Rechnung!“ - -„Woher weißt du das? Warum sprichst du so überzeugt?“ fragte plötzlich -Aljoscha schroff und runzelte die Stirn. - -„Warum fragst du das jetzt, und warum fürchtest du meine Antwort schon -im voraus? Gibst damit doch selbst zu, daß ich die Wahrheit gesagt -habe.“ - -„Du magst ihn nicht; Iwan läßt sich nicht durch Geld verlocken.“ - -„Was du sagst? Und die Schönheit Katerina Iwanownas? Da handelt es sich -nicht um Geld allein, obgleich sechzigtausend Rubel ein verlockendes -Sümmchen sind.“ - -„Iwan denkt höher; ihn werden auch Tausende nicht anlocken. Iwan sucht -nicht Geld, nicht Wohlleben. Vielleicht sind es Qualen, die er sucht.“ - -„Was soll denn das bedeuten? Ach, ihr Edelleute!“ - -„Ja, Mischa, seine Seele ist stürmisch, sein Verstand liegt in Fesseln; -er trägt große, noch unentschiedene Gedanken mit sich. Er ist einer von -denen, die nicht Millionen brauchen, sondern Probleme lösen müssen.“ - -„Literarischer Diebstahl, Aljoscha! Du kopierst deinen Staretz in -schönen Phrasen. Und was für ein Rätsel euch dieser Iwan aufgegeben -hat!“ sagte Rakitin mit unverhohlener Bosheit. Sein Gesicht veränderte -sich sogar, und seine Lippen verzogen sich. „Und das Rätsel ist dazu -noch dumm, ’s ist dabei nichts zu erraten! Streng dein Gehirn etwas an -und denk mal nach, dann wirst du’s einsehen. Sein Artikel ist lächerlich -und absurd. Und hörtest du vorhin seine dumme Theorie: ‚Gibt es keine -Unsterblichkeit der Seele, so gibt es auch keine Tugend, folglich ist -alles erlaubt.‘ – Und Mitjenka, weißt du noch, wie der ausrief: ‚Das -werde ich mir merken!‘ – Wahrlich – eine verlockende Theorie für -Spitzbuben ... Ich schimpfe wieder, das ist dumm ... nicht für -Spitzbuben, sondern für schuljungenhafte Aufschneider – mit -‚unergründlicher Gedankentiefe‘. Ein Prahlhänschen, und der ganze Kern: -‚Einerseits ist es unmöglich, zuzugeben, und andererseits – ist es -unmöglich, nicht anzuerkennen!‘ Seine ganze Theorie ist eine Gemeinheit. -Die Menschheit wird in sich selbst die Kraft finden, für die Tugend zu -leben, sogar ohne dabei an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben! In -der Liebe zur Freiheit, zur Gleichheit, Brüderlichkeit wird sie sie -finden ...“ - -Rakitin ereiferte sich dermaßen, daß er sich kaum noch beherrschen -konnte. Doch plötzlich brach er ab, als ob ihm etwas eingefallen wäre. - -„Nun genug,“ meinte er mit schiefem Lächeln. „Warum lachst du? Denkst -wohl, daß ich ein Hundsfott bin?“ - -„Nein, ich dachte nicht einmal daran, das zu denken. Du bist klug, aber -... laß gut sein, ich lächelte nur so aus Dummheit; ich verstehe, daß du -dich ereiferst, Mischa. Aus deiner Erregung habe ich erraten, daß du -selbst nicht gleichgültig bist gegen Katerina Iwanowna, und das, Freund, -habe ich schon längst vermutet; darum aber liebst du auch meinen Bruder -Iwan nicht. Bist du eifersüchtig auf ihn?“ - -„Und auf ihr Geld? Sag nur, was du denkst.“ - -„Nein, das werde ich nicht sagen; ich will dich nicht beleidigen.“ - -„Glaub’s, weil du es sagst. Aber der Teufel hole euch alle mitsamt eurem -lieben Iwan! Kein einziger von euch will’s begreifen, daß man ihn auch -ohne Katerina Iwanowna nichts weniger als lieben kann. Und warum soll -ich ihn denn lieben, Teufel noch eins! Würdigt er mich doch dessen, -sogar persönlich über mich zu schimpfen. Warum soll ich dann kein Recht -haben, auch über ihn zu schimpfen?“ - -„Ich habe noch nie gehört, daß er etwas über dich gesagt hat, weder -Gutes noch Schlechtes; er spricht überhaupt nicht von dir.“ - -„Ich aber habe gehört, daß er mich vor drei Tagen bei Katerina Iwanowna, -was das Zeug hält, heruntergerissen hat – dermaßen also interessiert er -sich für meine Wenigkeit. Und wer auf wen eifersüchtig ist – das weiß -ich nicht! Er hat geruht, den Gedanken auszudrücken, daß ich, wenn ich -mich nicht bald für die Karriere des Erzbischofs entscheide und mich -nicht als Mönch einkleiden lasse, unbedingt nach Petersburg fahren -würde, um dort an einer großen Zeitung anzukommen, unbedingt in die -kritische Abteilung, um etwa zehn Jahre zu schreiben und dann das Blatt -auf meinen Namen zu überführen. Darauf würde ich’s weiter herausgeben, -und zwar unbedingt mit einer liberalen und atheistischen Tendenz, mit -sozialistischer Färbung, doch dabei wohl auf der Hut sein, das heißt -also, im Grunde weder auf dieser noch auf jener Seite stehen und den -Eseln Sand in die Augen streuen. Das Ende meiner Karriere wäre nach der -Weissagung deines lieben Brüderchens: daß die sozialistische Färbung -mich nicht hindern würde, die Abonnementsgelder zurückzulegen und mit -ihnen bei passender Gelegenheit unter Anleitung irgendeines Juden zu -spekulieren, bis ich mir ein kapitales Haus in Petersburg aufgebaut -habe, um in dasselbe die ganze Redaktion überzuführen und in die übrigen -Etagen Mieter aufzunehmen. Er hat sogar den Platz fürs Haus schon -bestimmt: an der neuen Steinbrücke, die jetzt, wie es heißt, in -Petersburg vom Liteinyj auf die Wyborger Seite projektiert wird ...“ - -„Ach, Mischa, das wird doch auch genau so sein, aufs Wort genau!“ rief -plötzlich Aljoscha aus und lachte fröhlich auf. - -„Ah – auch Sie ergehen sich in Sarkasmen, Alexei Fedorowitsch?“ - -„Nein, nein, ich scherzte nur, verzeih! Ich habe ganz anderes im Sinne. -Aber erlaube: Wer hat dir das so bis in alle Einzelheiten erzählen -können, von wem hättest du das hören können? Persönlich konntest du doch -nicht bei Katerina Iwanowna sein, als er von dir sprach?“ - -„Ich war allerdings nicht bei ihr, dafür aber war Dmitrij Fedorowitsch -dort, und so hörte ich es denn später mit eigenen Ohren von ihm, das -heißt, wenn du willst, er sagte es nicht mir, sondern ich hörte es, -unfreiwillig natürlich, denn ich saß in Gruschenkas Schlafzimmer und -konnte nicht hinausgehen, solange er sich im vorderen Zimmer befand.“ - -„Ach richtig, ich hatte es fast vergessen, sie ist ja mit dir verwandt.“ - -„Verwandt? Gruschenka, diese Gruschenka mit mir verwandt?“ schrie -Rakitin, ganz rot im Gesicht. „Du hast wohl den Verstand verloren! -Deinem Gehirnkasten scheint ja die Vernunft völlig abhanden gekommen zu -sein!“ - -„Wie, ist sie denn wirklich nicht mit dir verwandt? Ich habe es so -gehört ...“ - -„Wo hast du das hören können? Nein, ihr, meine Herren Karamasoff, ihr -spielt euch ja wahrlich als große, erhabene, alte Edelleute auf, während -doch dein Vater als Narr von einem fremden Tisch zum anderen lief und -Gnadenbrot aß! Gut, ich bin bloß ein Popensohn und vor euch Adligen nur -eine Blattlaus, aber beleidigt mich deshalb nicht so sorglos auf Schritt -und Tritt! Auch ich habe eine Ehre, Alexei Fedorowitsch. Ich kann nicht -mit Gruschenka verwandt sein, mit einer öffentlichen Dirne, das bitte -ich zu begreifen!“ - -Rakitin war ungewöhnlich gereizt. - -„Verzeih mir, um Gottes willen, ich konnte das doch nicht ahnen, und -zudem – wieso ist sie denn eine öffentliche? Ist sie etwa ... so eine?“ -fragte plötzlich errötend Aljoscha. „Ich versichere dir, ich habe es so -gehört, daß du mit ihr verwandt sein sollst. Du gehst so oft zu ihr und -hast mir dabei selbst gesagt, daß du mit ihr kein ... Liebesverhältnis -hast ... Ich hätte daher nie gedacht, daß du sie so verachtest! Und hat -sie das denn wirklich verdient?“ - -„Wenn ich sie besuche, so kann ich dazu meine Gründe haben; das mag dir -genügen. Was aber die Verwandtschaft anbetrifft, so wird dein Brüderchen -oder vielleicht sogar das Papachen eher dich mit dieser Verwandtschaft -beglücken, als daß ich mit ihr verwandt wäre. So, da sind wir ja. Schieb -mal jetzt in die Küche ab. O! was ist denn das, was hat das zu bedeuten? -Etwa zu spät gekommen? Aber so schnell konnten sie doch nicht abspeisen? -Oder haben hier wieder die Karamasoffs etwas Schönes angerichtet? -Bestimmt wird’s so sein! Da kommt ja auch schon dein Papachen und hinter -ihm Iwan Fedorowitsch. Kommen beide vom Prior heraus. Da ruft ihnen ja -noch Pater Issidor etwas von der Treppe nach. Ah, und auch dein Vater -schreit jetzt und fuchtelt mit den Armen, schimpft natürlich. Ah, und da -fährt ja schon Miussoff in seinem Wagen fort, siehst du, dort fährt er. -Und da läuft ja auch noch Maximoff – aber dort gibt’s unbedingt einen -Skandal! Haben wohl überhaupt nicht gespeist! Oder sollten sie womöglich -den Prior verprügelt haben? Oder selbst verprügelt worden sein? Das wäre -was! ...“ - -Rakitin hatte es erraten. Es war tatsächlich zu einem Skandal gekommen, -zu einem unerhörten und ganz unerwarteten Skandal. Und alles war „aus -Begeisterung“ geschehen. - - - VIII. - Der Skandal - -Als Miussoff, Iwan Fedorowitsch und Kalganoff beim Prior eintraten, ging -in ersterem als aufrichtigem, anständigem und feinfühligem Menschen eine -in ihrer Art sehr delikate Veränderung vor sich: Er schämte sich -plötzlich, sich noch zu ärgern. Er sagte sich, daß er den elenden Fedor -Pawlowitsch im Grunde viel zu gering schätzen müßte, um seinetwegen die -Kaltblütigkeit zu verlieren, wie er es in der Zelle des Staretz leider -getan hatte. „Wenigstens sind die Mönche hier an nichts schuld,“ -entschied er bei sich, als er die Treppe hinaufstieg, „und wenn auch hie -anständige Leute sind – dieser Pater Nikolai, dieser Prior, ist, glaube -ich, gleichfalls von adliger Herkunft –, warum soll ich dann nicht -liebenswürdig und höflich mit ihnen sein? ... Werde nicht streiten, kann -ja sogar beistimmen, nehme sie mit Liebenswürdigkeit und ... und ... -beweise ihnen zum Schluß, daß ich nicht zur Gesellschaft dieses Aesop, -dieses Narren, dieses Pierrot gehöre, und ebenso hereingefallen bin, wie -sie alle ...“ - -Das umstrittene Recht auf das Waldfällen und den Fischfang (wo sich -dieser Wald und diese Flußstelle befanden, wußte er selbst nicht -einmal), beschloß er, ihnen endgültig abzutreten, ein für allemal, und -das sofort (um so mehr, als das Ganze nur sehr wenig kostete), und alle -seine Klagen gegen das Kloster zurückzuziehen. - -Diese guten und wohlgemeinten Vorsätze verstärkten sich noch mehr in -ihm, als sie in das Speisezimmer des Priors eintraten. Übrigens war es -nicht gerade ein Speisezimmer, da der Prior nur zwei Zimmer bewohnte, -allerdings viel größere und bequemere als der Staretz. Doch die -Einrichtung zeichnete sich ebensowenig durch Luxus aus: die Möbel waren -aus rotem Holz mit Lederbezug, alt, Fasson der zwanziger Jahre; der -Fußboden war sogar ungestrichen; dafür aber glänzte alles vor -Sauberkeit, und vor den Fenstern standen viele teure Blumen. Das -Schönste war in diesem Augenblick gewissermaßen der Tisch: das Tischtuch -war blendend weiß, und alles, was darauf stand, glänzte gleichfalls vor -Sauberkeit; drei Sorten prachtvoll gebackenes Brot, zwei Flaschen Wein, -zwei Flaschen Met vom vorzüglichen Klosterhonig und eine große Glaskanne -mit Kwas,[8] der im Kloster selbst gebraut wurde und in der ganzen -Umgegend berühmt war. Schnaps gab es nicht. Rakitin wußte später zu -erzählen, daß zu diesem Diner fünf Gänge bereitet worden waren: Es gab -Sterletsuppe mit Fischpiroggen, dann einen ganz besonders zubereiteten -Fisch, darauf in Scheiben gebratenen roten Fisch, Gefrorenes und -Kompott, und zum Schluß noch eine süße Speise in der Art eines -Blanc-manger. Das alles hatte Rakitin herausgeschnüffelt, war sogar zu -diesem Zweck in die Küche des Priors gegangen, wo er noch von früher her -seine Verbindungen hatte. Er hatte nämlich überall Verbindungen und -verstand, alles zu erfahren, was er erfahren wollte. Er hatte ein -unruhiges, neidisches Herz. Über seine ziemlich gute Begabung wußte er -selbst vollkommen Bescheid, doch vergrößerte er sie noch in seinem -Eigendünkel. Er wußte, daß er in seiner Art bestimmt ein Tatmensch sein -werde; doch quälte Aljoscha, der ihm sonst sehr zugetan war, besonders -das eine, daß sein Freund Rakitin unehrlich war und sich das entschieden -nicht selbst eingestand, im Gegenteil, da er wußte, daß er niemals Geld -vom Tisch stehlen würde, sich tatsächlich für einen über alles erhaben -ehrlichen Menschen hielt. Daran konnte nicht nur Aljoscha, sondern -überhaupt niemand etwas ändern. - -Rakitin war als tieferstehende Persönlichkeit natürlich nicht zur Tafel -eingeladen, dafür aber waren es Pater Jossiff und Pater Paissij und mit -ihnen noch ein dritter Priestermönch. Sie erwarteten bereits im -Speisezimmer den Prior, als Miussoff, Kalganoff und Iwan Karamasoff -eintraten. Desgleichen wartete noch abseits stehend der Gutsbesitzer -Maximoff. Der Prior trat zur Begrüßung der Gäste bis in die Mitte des -Zimmers vor. Es war ein hochgewachsener, magerer, noch kräftiger, alter -Mann mit stark ergrautem, dunklem Haar, das ein langes, einfaches, doch -bedeutendes Gesicht umrahmte. Schweigend begrüßte er die Gäste, die aber -traten diesmal alle auf ihn zu, um den Segen zu empfangen. Miussoff -beabsichtigte sogar, seine Hand zu küssen, doch der Prior zog noch -vorher ganz unauffällig seine Hand so fort, daß es nicht zum Kusse kam. -Dafür aber küßten sie Kalganoff und Iwan Karamasoff in der -offenherzigsten und einfachsten Weise. - -„Wir müssen sehr um Entschuldigung bitten, Ew. Hochehrwürden,“ begann -Miussoff lächelnd, doch immerhin in wichtigem und höflichem Ton, „daß -wir allein kommen, ohne den gleichfalls von Ihnen eingeladenen Fedor -Pawlowitsch; er war gezwungen, von Ihrer Aufforderung abzusehen, und -nicht ohne Grund. In der Zelle beim ehrwürdigen Staretz Sossima ließ er -sich, durch den unglücklichen Streit mit seinem Sohne aufgebracht, zu -einigen durchaus unpassenden Worten hinreißen ... kurz, zu durchaus -unanständigen Äußerungen ... was Ew. Hochehrwürden, wie es scheint“ (er -warf einen Blick auf die beiden Priestermönche), „schon bekannt sein -dürfte. Und darum, weil er selbst, wie gesagt, sich schuldig fühlt und -aufrichtig bereut, schämte er sich, der freundlichen Aufforderung Folge -zu leisten, und so bat er uns, mich wie seinen Sohn Iwan Fedorowitsch, -Ihnen, Hochehrwürden, sein ganzes aufrichtiges Bedauern sowie seine Reue -auszudrücken ... Kurz, er hofft, es später wieder gutmachen zu können, -und läßt Sie jetzt nur um Ihren Segen und um gütiges Vergessenwollen des -Vorgefallenen bitten ...“ - -Miussoff verstummte. Als er die letzten Worte seiner Tirade sprach, war -er mit sich bereits vollkommen zufrieden, ja, er war es sogar dermaßen, -daß von seinem ganzen Zorn in seiner Seele nicht einmal eine Spur -nachblieb. Er liebte wieder aufrichtig die Menschheit. Der Prior, der -ihm mit ernster Miene zugehört hatte, neigte ein wenig das Haupt und -sagte zur Antwort: - -„Es tut mir aufrichtig leid um den Abwesenden. Vielleicht hätte er uns -beim Mahle liebgewonnen, wie auch wir ihn. Ich bitte, meine Herren.“ - -Da geschah es aber, daß Fedor Pawlowitsch seinen letzten Streich -spielte. Ich muß bemerken, daß er tatsächlich schon fortfahren wollte -und wirklich die Unmöglichkeit empfand, nach seinem schmachvollen -Betragen in der Zelle des Staretz zum Prior zur Tafel zu gehen, als ob -nichts geschehen wäre. Es ist zwar nicht anzunehmen, daß er sich gar so -sehr schämte oder selbst beschuldigte; vielleicht war sogar ganz das -Gegenteil der Fall; doch wie dem auch war, jedenfalls fühlte er, daß es -nicht anging, zur Tafel zu erscheinen. Als aber sein alter Wagen bei der -Herberge vorfuhr und er sich anschickte, einzusteigen, fiel ihm -plötzlich etwas ein: Es waren seine eigenen Worte, die er beim Staretz -gesprochen hatte: „Es scheint mir immer so, wenn ich irgendwo eintrete, -daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich alle für einen Narren -halten, und so denke ich denn: wart, werde jetzt absichtlich den Narren -spielen, denn ihr seid doch alle bis auf den letzten, ohne Ausnahme, -dümmer und gemeiner als ich.“ Er wollte sich an allen für seine eigenen -Schändlichkeiten rächen. Und da fiel ihm auch noch ein, wie man ihn -früher einmal gefragt hatte: „Warum hassen Sie denn diesen Menschen so -sehr?“ und wie er darauf in einem Anfall seiner Narrenschamlosigkeit -geantwortet hatte: „Warum? Sehen Sie: Er hat mir nichts getan, das ist -wahr, dafür aber habe ich ihm eine gewissenlose Gemeinheit angetan, und -kaum war es geschehen, da haßte ich ihn auch schon gerade deswegen.“ Als -ihm jetzt diese Worte einfielen, lachte er in minutenlangem Nachdenken -leise und boshaft vor sich hin. Seine Augen blitzten, und sogar die -Lippen zitterten. „Wenn du angefangen hast, mußt du auch beenden,“ sagte -er plötzlich entschlossen. Sein geheimstes Gefühl in diesem Augenblick -hätte man in folgenden Worten ausdrücken können: „Jetzt kannst du dich -ja doch nicht mehr rehabilitieren, geh einfach und spuck sie bis zur -letzten Schamlosigkeit an: Seht, schäme mich nicht vor euch, und weiter -nichts!“ Dem Kutscher befahl er, zu warten, er selbst aber kehrte mit -schnellen Schritten ins Kloster zurück und begab sich geradeswegs zum -Prior. Er wußte zwar noch nicht genau, was er machen würde, doch wußte -er, daß er seiner nicht mehr mächtig war und sich – nach dem geringsten -Anstoß – sofort bis zur letzten Grenze der Gemeinheit hinreißen lassen -werde, – übrigens, nur bis zur letzten Grenze der Gemeinheit, keineswegs -aber bis zu einem Verbrechen oder bis zu einem Ausfall, für den ihn das -Gericht verurteilen könnte. In der Beziehung verstand er sich immer zu -beherrschen, worüber er sich sogar selbst bei manchen Gelegenheiten -nicht wenig wunderte. - -Er erschien also im Speisezimmer des Priors gerade in dem Augenblick, -als das Gebet beendet war und alle zum Tisch traten. Er blieb auf der -Schwelle stehen, betrachtete die Anwesenden und lachte ein langes, -schamloses, boshaftes Gelächter, wobei er allen verwegen in die Augen -blickte. - -„Und die glauben, ich sei fortgefahren!“ rief er laut durch den ganzen -saalartigen Raum. - -Einen Moment blickten ihn alle unverwandt an, und plötzlich fühlten sie -alle, daß sofort etwas Widerliches, Ungereimtes geschehen und zweifellos -einen Skandal nach sich ziehen werde. Miussoff verfiel denn auch in -einer Sekunde aus der edelsten Stimmung in die grimmigste Wut. Alles, -was sich in seinem Herzen schon besänftigt hatte, erhob sich mit einem -Schlage und brauste auf: - -„Nein, das ist zu viel!“ schrie er auf, „nein, das ertrage ich nicht ... -auf keinen Fall!“ - -Das Blut schoß ihm in den Kopf. Er verwirrte sich sogar im Satz, doch -war es ihm jetzt nicht mehr um die Ausdrucksformen zu tun. Er griff nach -seinem Hut. - -„Was kann er auf keine Weise?“ fragte Fedor Pawlowitsch. „‚Erträgt es -nicht und kann es nicht!‘ – was ist denn das, was er nicht kann? Ew. -Hochehrwürden, soll ich eintreten oder nicht? Empfangen Sie den Gast?“ - -„Bitte, von ganzem Herzen,“ entgegnete der Prior. „Meine Herren! Darf -ich mir erlauben,“ fügte er plötzlich hinzu, „Sie von ganzem Herzen zu -bitten, ihren zufälligen Streit zu vergessen und sich in Liebe und -verwandtschaftlicher Eintracht nach einem Gebet zu Gott an unserer -bescheidenen und friedlichen Tafel zu vereinigen ...“ - -„Nein, nein, unmöglich,“ rief Miussoff ganz außer sich. - -„Wenn es Pjotr Alexandrowitsch unmöglich ist, so ist es auch mir -unmöglich, auch ich will dann nicht bleiben. Mit diesem Vorsatz bin ich -hergekommen. Von jetzt ab werde ich überall mit Pjotr Alexandrowitsch -zusammen sein: Wenn Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch, so gehe auch -ich, bleiben Sie – bleibe auch ich. – Mit der verwandtschaftlichen -Eintracht haben Sie ihn am meisten verletzt, Hochehrwürden: Er will mich -doch nicht als seinen Anverwandten anerkennen. Nicht wahr, von Sohn? Da -ist ja auch von Sohn. Guten Tag, von Sohn.“ - -„Sie ... sagen das zu mir?“ fragte stotternd der verwunderte -Gutsbesitzer Maximoff. - -„Versteht sich, zu dir!“ schrie Fedor Pawlowitsch, „zu wem denn sonst? -Hochehrwürden kann doch nicht Herr von Sohn sein!“ - -„Aber auch ich bin doch nicht von Sohn, ich bin Maximoff.“ - -„Nein, du bist von Sohn. Ew. Hochehrwürden wissen wahrscheinlich nicht, -wer von Sohn ist? Es gab mal solch ’nen Kriminalprozeß: Er wurde in -einem unzüchtigen Hause –, so, glaube ich, benennt ihr hier die Bordelle -– ermordet und beraubt und trotz seines ehrwürdigen Alters in einen -Kasten eingepackt, letzterer vernagelt, und aus Petersburg per Eisenbahn -als Frachtgut nach Moskau expediert. Während der Verpackung aber sangen -die ausgelassenen Tänzerinnen entsprechende Lieder und schlugen die -Harfen wundervoll dazu, äh, wollte sagen: sie spielten, spielten auf dem -Klavier dazu. Und dieser selbe von Sohn ist er, er! Er ist einfach von -den Toten auferstanden, nicht wahr, von Sohn?“ - -„Wie? Was? Was soll das bedeuten?“ ertönten Stimmen aus der Gruppe der -Priestermönche. - -„Gehen wir!“ rief Miussoff Kalganoff zu. - -„Nein, nein, erlauben Sie!“ hielt Fedor Pawlowitsch sie auf und trat -noch einen Schritt vor. „Erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche. Dort -in der Zelle hat man mich verleumdet, soll mich unehrerbietig aufgeführt -haben, und die Unehrerbietigkeit soll gerade darin bestanden haben, daß -ich ihnen die paar Worte von den Gründlingen gesagt habe. Pjotr -Alexandrowitsch Miussoff, mein Anverwandter, liebt es, daß in der Rede -_plus de noblesse que de sincérité_ sei, ich aber liebe es umgekehrt, -daß in meiner Rede _plus de sincérité que de noblesse_ ist, und – -überhaupt, der Teufel hole die _noblesse_! Nicht wahr, von Sohn? -Erlauben Sie, ehrwürdiger Prior, wenn ich auch ein Narr bin und selbst -freiwillig den Narren spiele, so bin ich doch ein Ritter von Ehre und -will es rund heraussagen. Ja, ich bin ein Ritter von Ehre, in Pjotr -Alexandrowitsch steckt aber nur – kondensierte Eigenliebe und weiter -nichts. Vielleicht bin ich nur deswegen hierhergefahren, um das hier zu -besehen und mich auszusprechen. Ich habe einen Sohn, der hier sein -Seelenheil finden will: Ich bin sein Vater, sorge mich um ihn und muß -mich auch sorgen. Bis jetzt hörte ich nur zu und verstellte mich und -beobachtete im geheimen, jetzt aber will ich den letzten Akt der -Vorstellung spielen. Wie ist’s denn bei euch? Was bei euch einmal fällt, -das liegt auch schon. Was einmal gefallen ist, das hat ewig zu liegen. -Was denn sonst? Ich aber will mich erheben. Heilige Väter, die Beichte -ist ein großes Sakrament, für das auch ich andächtige Ehrfurcht -empfinde, und ich bin bereit, mich ihm in Demut zu unterwerfen. Und da -muß ich plötzlich in der Zelle sehen, wie hier alle auf den Knien liegen -und laut beichten. Ist es denn erlaubt, laut zu beichten? Von den -heiligen Kirchenvätern ist die Ohrenbeichte eingeführt, und nur so wird -eure Beichte ein Sakrament sein, und so ist es von alters her -gebräuchlich. Denn sonst, wie soll ich ihm in Gegenwart aller so einfach -erklären, daß ich zum Beispiel dieses und jenes ... nun, eben dieses und -jenes, Sie verstehen doch? ... Mitunter ist es schon unanständig, es -auch nur zu sagen. Das ist doch ein Skandal! Nein, Pater Prior, mit Euch -kann man ja noch Sektierer werden ... Bei der ersten Gelegenheit -schreibe ich an den Synod, meinen Sohn Alexei nehme ich aber fort von -hier.“ - -Eine Anmerkung. Fedor Pawlowitsch hatte irgendwo die Glocken läuten -gehört. Es hatten sich nämlich boshafte Klatschereien verbreitet, die -schließlich selbst zum Erzbischof gedrungen waren (nicht nur in unserem -Kloster, sondern auch in anderen, wo sich das Startzentum festgesetzt -hatte): daß die Startzen viel zu sehr geachtet würden, sogar zum -Nachteil des Ansehens der Äbte, und unter anderem, daß die Startzen die -Beichte mißbrauchten usw. usw. Kurz, es waren ganz unsinnige -Beschuldigungen, die denn auch alsbald bei uns, wie überall, von selbst -vergessen wurden. Aber der dumme Teufel, der Fedor Pawlowitsch ergriffen -hatte und ihn jetzt an den Nerven irgend wohin, immer weiter und tiefer -in einen schmachvollen Abgrund zog, flüsterte ihm plötzlich diese -verjährte Anschuldigung zu, und Fedor Pawlowitsch sprach sie sofort aus, -obgleich er selbst nicht wußte, noch sich überhaupt denken konnte, um -was es sich dabei eigentlich handelte. Auch verstand er nicht einmal, -die Sache richtig auszudrücken, und zudem hatte diesmal niemand in der -Zelle des Staretz gekniet oder gar laut gebeichtet, so daß Fedor -Pawlowitsch selbst nichts von dem gesehen haben konnte und nur die alten -Gerüchte und Klatschereien, deren er sich dunkel erinnerte, nachsprach. -Kaum jedoch hatte er seine dumme Bemerkung gemacht, als er auch schon -fühlte, daß er ganz gehörigen Unsinn gesagt hatte, und so wollte er -plötzlich allen Anwesenden, am meisten aber sich selbst, beweisen, daß -er durchaus keinen Unsinn gesagt habe. Und obgleich er selbst vorzüglich -wußte, daß er mit jedem weiteren Wort zu dem Gesagten noch mehr und noch -dümmeren Unsinn hinzufügen werde, konnte er sich doch nicht bezwingen -und flog hinab, wie auf einer Rutschbahn. - -„Welch eine Niedertracht!“ rief Miussoff empört aus. - -„Verzeihen Sie,“ sagte plötzlich der Prior. „Es ist gesagt: ‚Und viele -redeten wider mich und brachten sogar unsaubere Sachen wider mich vor; -als ich aber alles gehört, sprach ich bei mir selbst: Diese Arznei ist -von Christus gesandt, um meine eitle Seele zu heilen.‘ Und darum danken -auch wir Ihnen demütig, unser werter Gast.“ - -Und er verneigte sich tief vor ihm. - -„Ta–ta–ta! Scheinheiligkeit und alte Phrasen! Alte Phrasen und alte -Heuchelei! Alte Lüge und die alten Faxen der Verbeugungen bis zur Erde! -Wir kennen diese Verbeugungen! ‚Einen Kuß auf die Lippen und einen Dolch -ins Herz,‘ wie in Schillers Räubern. Ich will keine Falschheit, Väter, -ich liebe die Wahrheit! Die aber liegt nicht in den Gründlingen, und das -habe ich verkündet! Sie, meine Heiligen, warum fasten Sie denn -eigentlich? Warum erwarten Sie dafür Belohnungen im Himmelreich? Für so -eine Belohnung würde ja auch ich fasten! Nein, mein heiliger Mönch, sei -lieber im Leben wohltätig, bringe lieber, anstatt daß du dich hier zu -fertig gebackenen Broten zurückziehst, der Menschheit Nutzen, und ohne -dafür noch eine Belohnung dort oben zu erwarten, – das dürfte wohl etwas -schwieriger sein. Ew. Hochehrwürden, ich verstehe gleichfalls, schön zu -reden. Aber was haben Sie denn hier aufgetischt?“ fragte er, sich -plötzlich unterbrechend, und trat näher. „Hm! Portwein, keine üble -Nummer, Honig, wahrscheinlich von den Gebrüdern Jelissejeff,[9] ach, ihr -heiligen Väter! Das sieht anders aus als Gründlinge! Und auch die -Flaschen haben sie nicht vergessen, he–he–he! Wer aber hat das alles -hergebracht? Das ist ja der russische Bauer, der Arbeitssklave, der die -wenigen Kopeken, die er mit seinen schwieligen Händen verdient, von -seinem Munde und seiner Familie abspart, um sie herzubringen trotz der -schreienden Not unseres Staates! Nein, ihr, meine heiligen Väter, ihr -saugt ja das Volk aus!“ - -„Das ist von Ihnen wirklich schon mehr als unwürdig,“ sagte Pater -Jossiff. Pater Paissij schwieg hartnäckig. Miussoff stürzte hinaus, und -ihm folgte Kalganoff. - -„Nun, meine Heiligen, nach Pjotr Alexandrowitsch gehe auch ich! Werde -nie mehr herkommen, und wenn ihr mich auch auf den Knien darum bätet, -komme nicht! Habe euch tausend Rubel geschenkt, da habt ihr jetzt wieder -die Ohren gespitzt, he–he–he! Nein, mehr gibt’s nicht! Ich räche mich -für meine vergangene Jugend, für meine ganze Erniedrigung!“ rief er in -einem Anfall gespielter Empfindsamkeit aus und schlug mit der Faust auf -den Tisch. „Viel hat dieses liebe Kloster in meinem Leben bedeutet! Viel -bittere Tränen habe ich seinetwegen vergossen! Ihr habt meine Frau, die -Klikuscha, gegen mich aufgehetzt! Ihr habt mich in sieben Kirchen -verflucht, habt’s in der ganzen Umgegend verbreitet! Jetzt Strich -drunter, meine Väter, heutzutage ist man liberal, jetzt haben wir das -Jahrhundert der Dampfschiffe und Eisenbahnen! Nicht tausend, nicht -hundert Rubel, nicht hundert Kopeken bekommt ihr mehr von uns zu sehen!“ - -Noch eine Anmerkung: Niemals hatte unser Kloster etwas Besonderes in -seinem Leben bedeutet, und niemals hatte er seinetwegen irgendwelche -Tränen vergossen. Er aber ließ sich dermaßen hinreißen, daß er einen -Augenblick fast selbst daran glaubte; ihm traten vor Rührung Tränen in -die Augen, doch in derselben Sekunde fühlte er, daß es für ihn Zeit war, -kehrtzumachen. Der Prior senkte ein wenig den Kopf und sagte auf seine -boshafte Lüge wieder mit eindringlicher Stimme: - -„Es ist wiederum gesagt: ‚Ertrage freudig das dir zugefügte Unrecht, -lasse dich dadurch weder verwirren, noch nähre deswegen Haß gegen deinen -Widersacher‘. Also werden auch wir tun.“ - -„Weiß schon, ‚und halte noch die andere Backe hin!‘ und so weiter, der -ganze Gallimatthias! Man kennt doch den Rummel! Aber jetzt gehe ich. -Meinen Sohn Alexei nehme ich mit väterlicher Vollmacht ein für allemal -von hier fort. Iwan Fedorowitsch, mein gehorsamster Sohn, erlauben Sie, -Ihnen zu befehlen, mir zu folgen! Und, von Sohn, was hast du noch hier -zu suchen? Komm mit mir in die Stadt! Bei mir ist es lustiger. Im ganzen -nur ’ne lumpige Werst, und dafür gibt’s anstatt Fastenbutter -Ferkelbraten mit Kartoffelbrei; werden nicht übel schmausen; verspreche -dir guten Kognak und nachher noch Likörchen; habe auch Mamurowka[10] ... -Ei, von Sohn, versäume doch dein Glück nicht!“ - -Schreiend und gestikulierend ging er hinaus. Und da erblickte ihn denn -Rakitin und machte Aljoscha auf ihn aufmerksam. - -„Alexei!“ rief ihm der Vater von weitem zu, als er ihn erblickte, „heute -noch ziehe ganz zu mir über, auch das Kissen und das Federbett schlepp -mit – daß von dir hier keine Spur mehr nachbleibt, hörst du!“ - -Aljoscha blieb ganz erstarrt stehen und verfolgte nur schweigend und -aufmerksam, was vor seinen Augen geschah. Fedor Pawlowitsch kletterte -inzwischen in seinen Wagen, und nach ihm schickte sich schweigend und -sichtlich geärgert auch Iwan Fedorowitsch an, einzusteigen, ohne sich -vorher von Aljoscha zu verabschieden, oder sich auch nur nach ihm -umzuwenden. Da aber kam es noch zu einer lächerlichen und fast -unglaublichen Szene, die den ganzen unerhörten Skandal gleichsam -abschloß. Plötzlich erschien am Wagentritt der Gutsbesitzer Maximoff. Er -war atemlos herangelaufen, um sich nicht zu verspäten. Rakitin und -Aljoscha sahen, wie er lief. Er beeilte sich dermaßen, daß er in der -Angst, zurückzubleiben, den einen Fuß schon auf den Wagentritt setzte, -obgleich auf ihm noch der linke Fuß Iwan Fedorowitschs stand, und, mit -der einen Hand sich an den Bockrand klammernd, mehrmals hopste, um -schneller einzusteigen. - -„Ich auch, ich auch, auch ich komme mit!“ rief er, immer hopsend, unter -dünnem, fröhlichem Gelächter mit einem seligen Gesicht, und natürlich zu -allem bereit. „Nehmen Sie auch mich mit!“ - -„Na, habe ich’s nicht gesagt, daß das von Sohn ist!“ rief triumphierend -Fedor Pawlowitsch. „Der echte, von den Toten auferstandene von Sohn! Wie -hast du dich denn von dort losgerissen? Was hast du denn dort -vorvonsohniert? Und wie hast du nur dem schönen Mahle den Rücken -gekehrt? Dazu muß man doch eine eherne Stirn haben! Ich habe sie, über -deine aber, Bruder, wundere ich mich! Nun, spring herein, hop! Laß ihn, -Wanjä,[11] es wird lustiger sein! Er kann sich hier irgendwie vor den -Füßen hinlegen. Wirst du vor den Füßen liegen, von Sohn? Oder soll man -ihn neben dem Kutscher unterbringen? ... Spring mal auf den Bock, von -Sohn.“ - -Doch Iwan Fedorowitsch, der sich inzwischen schon gesetzt hatte, stieß -plötzlich Maximoff mit aller Kraft vor die Brust, so daß der weit -zurückflog. Es war nur ein Zufall, daß er nicht hinfiel. - -„Fahr zu!“ rief Iwan Fedorowitsch wütend den Kutscher an. - -„Aber, was fällt dir ein? Was sollte denn das bedeuten? Warum hast du -ihn so fortgestoßen?“ fuhr zwar Fedor Pawlowitsch sofort auf, doch der -Wagen rollte schon davon. Iwan Fedorowitsch antwortete nicht. - -„Sieh mal einer an, wie du bist!“ brummte Fedor Pawlowitsch nach zwei -Minuten Schweigen und schielte nur vorsichtig auf seinen Sohn. „Hast -selbst diesen ganzen Klosterbesuch ausgedacht, selbst alles angestiftet, -selbst gutgeheißen, warum ärgerst du dich denn jetzt?“ - -„Sie haben wirklich genug Blödsinn geschwatzt, erholen Sie sich doch -etwas,“ schnitt ihm Iwan Fedorowitsch grob das Wort ab. - -Fedor Pawlowitsch schwieg wieder etwa zwei Minuten lang. - -„Ein Gläschen Kognak wäre jetzt nicht übel,“ bemerkte er bedeutsam. Doch -Iwan Fedorowitsch antwortete wieder nicht. - -„Nun, wenn wir ankommen, wirst auch du eins trinken.“ - -Iwan Fedorowitsch schwieg immer noch. - -„Aber Aljoscha werde ich doch aus dem Kloster nehmen, obgleich das -Ihnen, mein ehrerbietigster Karl von Moor, sehr unangenehm sein wird.“ - -Iwan Fedorowitsch zuckte verächtlich mit den Achseln, wandte sich von -ihm ab, und blickte auf die Landstraße. Darauf wurde während der ganzen -Fahrt kein Wort mehr gesprochen. - - - - - Drittes Buch. Die Wollüstlinge - - - I. - In der Bedientenstube - -Das Haus Fedor Pawlowitsch Karamasoffs lag nicht im Zentrum der Stadt, -doch war es auch nicht gerade sehr weit davon entfernt. Es war schon -ziemlich alt, machte aber trotzdem einen guten Eindruck: es war -einstöckig, mit einem spitzen Giebel, grau angestrichen und hatte ein -rotes Blechdach. Übrigens konnte es noch lange so stehen. Im Inneren war -es geräumig und gemütlich. Es gab in ihm viel verschiedene Dach- und -Rumpelkammern, eigenartige Verstecke und ganz unvermutete Treppchen. -Auch Ratten gab es in ihm, doch Fedor Pawlowitsch konnte sich nicht -recht über sie ärgern. „’S ist doch immerhin nicht so langweilig am -Abend, wenn man allein bleibt,“ pflegte er zu sagen. Er aber hatte -wirklich die Angewohnheit, die Dienstboten für die Nacht in das -Nebengebäude auf dem Hof zu schicken und sich dann allein im großen -Hause einzuschließen. Dieses Nebengebäude auf dem Hof war gleichfalls -groß und gemütlich; in ihm wurde das Essen gekocht, obgleich auch das -große Haus eine Küche hatte, doch Fedor Pawlowitsch konnte den -Küchengeruch nicht vertragen, und so wurden denn die Speisen im Winter -wie im Sommer über den Hof gebracht. Überhaupt war das Haus für eine -große Familie gebaut, und man hätte das Fünffache an Herrschaft und -Dienerschaft bequem in ihm unterbringen können; doch damals wohnten im -großen Hause nur Fedor Pawlowitsch und sein zweiter Sohn, Iwan -Fedorowitsch, und im Nebengebäude nur die drei Bedienten: der alte -Grigorij, seine Frau, die alte Marfa, und der Diener Ssmerdjäkoff, ein -noch junger Mensch. Ich sehe, daß ich etwas ausführlicher von diesen -drei Dienstboten berichten muß. Von dem alten Grigorij Wassiljewitsch -Kutusoff habe ich übrigens schon gesprochen; das war ein strenger, -starrköpfiger Mensch, der hartnäckig und unablenkbar seine Ziele -verfolgte, wenn nur so ein Ziel aus irgendwelchen Gründen – häufig aus -erstaunlich unlogischen – vor ihm als unwandelbare Wahrheit erschien. -Überhaupt war er ein ehrlicher, unbestechlicher und treuer Diener. Sein -Weib, Marfa Ignatjewna, wollte nach der Aufhebung der Leibeigenschaft -unsäglich gern von Fedor Pawlowitsch fortgehen und nach Moskau ziehen, -um dort irgendein kleines Geschäft zu gründen (sie hatten beide ein -kleines Kapital), und kam ihrem Mann immer wieder mit diesem Plan, wenn -sie sich auch sonst stets widerspruchslos vor seinem Willen beugte; -Grigorij aber behauptete, daß das Weib lüge, „denn jedes Weib ist -unehrlich“, und daß es ihnen nicht zustände, den früheren Herrn, wie er -auch sein mag, zu verlassen, denn „das ist jetzig also unsere Pflicht“. - -„Begreifst du auch, was das ist – Pflicht?“ wandte er sich an Marfa -Ignatjewna. - -„Was Pflicht ist, das schon, Grigorij Wassiljewitsch; aber wo hier etwas -von Pflicht sein soll, davon begreife ich nichts,“ antwortete Marfa -Ignatjewna. - -„Nun, so begreif’s dann nicht; es bleibt doch so, wie’s ist. Schweig -aber lieber.“ - -Und dabei blieb es denn auch: sie zogen nicht fort, und Fedor -Pawlowitsch bestimmte für sie ein Monatsgehalt, zwar kein großes, aber -er zahlte es doch aus. Zudem wußte Grigorij, daß er auf seinen Herrn -einen gewissen Einfluß hatte; das fühlte er, und so war es auch in der -Tat: der schlaue und eigensinnige Fedor Pawlowitsch, der, wie er sich -selbst ausdrückte, „in manchen Lebensdingen“ einen sehr festen Charakter -bewies, war zu seiner eigenen nicht geringen Verwunderung wiederum -äußerst charakterschwach in gewissen anderen „Lebensdingen“. Er wußte -selbst ganz genau, in welchen Dingen er es war; wußte es, und fürchtete -sich vor vielem. In diesen gewissen „Lebensdingen“ hieß es, auf der Hut -sein, und dann war es schwer, ohne einen zuverlässigen Menschen -auszukommen; Grigorij aber war der zuverlässigste von allen. Es kam -sogar vor, daß Fedor Pawlowitsch mitunter auch Prügel verabfolgt wurden, -und zwar gehörige, und dann hatte ihm immer Grigorij herausgeholfen und -nachher eine Predigt gehalten. Doch Prügel allein schreckten Fedor -Pawlowitsch nicht: es gab dagegen höhere Fälle, und sogar sehr zarte und -verzwickte, in denen Fedor Pawlowitsch selbst nicht einmal imstande -gewesen wäre, dieses ungewöhnliche Bedürfnis nach einem treuen und -nahestehenden Menschen, das er dann augenblicks in sich fühlte, zu -erklären. Das waren fast krankhafte Augenblicke: Der verderbte und in -seiner Wollust oftmals wie ein böses Insekt grausame Fedor Pawlowitsch -empfand zuweilen, wenn er trunken war, eine geistige Angst und eine -moralische Erschütterung, die beinahe physisch, wenn man sich so -ausdrücken kann, auf seine Seele wirkten. „Die ganze Seele sitzt mir -dann zitternd in der Kehle,“ äußerte er sich zuweilen über diese -sonderbaren Anwandlungen. Und in diesen Augenblicken liebte er es, wenn -irgendwo in der Nähe, es brauchte nicht einmal in seinem Zimmer zu sein, -meinetwegen auch nur im Nebengebäude auf dem Hof, ein ihm ergebener -Mensch war, einer, der aber keineswegs ihm glich, nicht verdorben, -sondern ehrlich und streng war, der selbst die ganze Liederlichkeit mit -ansah und alle Geheimnisse kannte, doch aus Ergebenheit und -Anhänglichkeit alles zuließ, und – die Hauptsache – keine Vorwürfe -machte und mit nichts drohte, weder mit dem Diesseits noch mit dem -Jenseits, im Notfalle ihn aber beschützte – vor wem? Vor irgendeinem -Unbekannten, doch Furchtbaren und Gefährlichen. Es mußte unbedingt -gerade ein _anderer_ Mensch sein, ein alter und freundschaftlicher, den -brauchte er, um ihn im „kranken Augenblick“ rufen zu können, natürlich -nur, um sein Gesicht zu sehen, meinetwegen auch ein Wort mit ihm zu -wechseln, irgendein nebensächliches: ärgerte er sich deswegen nicht, -dann werde es dem Herzen leichter, ärgerte er sich aber, nun, dann wurde -man etwas trauriger! Es kam vor – übrigens nur äußerst selten –, daß -Fedor Pawlowitsch sogar mitten in der Nacht über den Hof zu Grigorij -ging und ihn auf einen Augenblick zu sich rief. Der kam dann auch; doch -Fedor Pawlowitsch sprach mit ihm dummes Zeug und entließ ihn bald -wieder, nicht selten sogar noch mit einer spöttischen Bemerkung oder -einem Scherz, selbst aber legte er sich, kräftig ausspuckend, schlafen -und schlief dann den Schlaf eines Gerechten. Auch nach der Ankunft -Aljoschas geschah mit Fedor Pawlowitsch etwas Ähnliches. Aljoscha -„eroberte sein Herz“ sofort durch den einen Umstand, daß er „lebte, -alles sah und nichts verurteilte“, und außerdem noch durch das -Unglaubliche: daß er nicht die geringste Verachtung für ihn, den Alten, -zeigte, sondern im Gegenteil, immer freundlich war und eine ganz -natürliche, offenherzige Anhänglichkeit an ihn, der sie doch so wenig -verdient hatte, zu haben schien. Das war für den alten Herumtreiber und -familienlosen Wüstling eine Überraschung, die ihn ganz stutzig machte: -nein, das kam für ihn, der bis dahin nur Unzucht geliebt hatte, doch zu -unerwartet! Als Aljoscha in das Kloster ging, gestand er sich, daß er -etwas begriffen hatte, was er bis dahin nicht hatte begreifen wollen. - -Ich erwähnte schon einmal, wie Grigorij, der Diener, Adelaida Iwanowna, -die erste Frau Fedor Pawlowitschs und die Mutter Dmitrij Fedorowitschs -gehaßt, und wie er dagegen die zweite Frau, die Klikuscha Ssofja -Iwanowna, sogar gegen seinen Herrn verteidigt hatte und überhaupt gegen -jeden, der es sich einfallen ließ, ein leichtfertiges oder schlechtes -Wort über sie zu sagen. Sein Mitleid mit dieser unglücklichen Frau ließ -es ihn allmählich als seine heilige Pflicht empfinden, sie zu -beschützen, so daß er auch noch nach zwanzig Jahren keine einzige -schlechte Anspielung, einerlei von wem, ertragen konnte. Äußerlich war -Grigorij ein kalter Mensch mit ziemlich wichtiger Miene, der nur -wohlbedachte, niemals leichtsinnige Worte sprach, wofern er überhaupt -sprach. Unmöglich war es gleichfalls, nach dem Äußeren zu schließen, ob -er seine ebenso wortkarge, ihm stets ergebene Marfa Ignatjewna liebte -oder nicht; er aber liebte sie wirklich, und sie fühlte das wohl. Diese -Marfa Ignatjewna war nicht nur keine dumme Frau, sondern war vielleicht -sogar klüger als ihr Mann, oder wenigstens in Lebensfragen weit -vernünftiger; indessen unterwarf sie sich ihm widerspruchslos schon -gleich zu Anfang der Ehe und achtete ihn selbstverständlich wegen -seiner, wie sie meinte, geistigen Überlegenheit. Bemerkenswert ist, daß -sie beide ihr ganzes Leben lang auffallend wenig miteinander sprachen, -es sei denn über die notwendigsten alltäglichen Dinge. Grigorij bedachte -alles allein, und Marfa Ignatjewna hatte schon längst ein für allemal -begriffen, daß ihr Mann ihrer Ratschläge nicht bedurfte, dafür aber ihr -Schweigen zu schätzen wußte und das auch für ihr Bestes hielt. Schlagen -tat er sie eigentlich nicht, abgesehen von einem einzigen Ausnahmefall. -Im ersten Jahr der Ehe Adelaida Iwanownas mit Fedor Pawlowitsch waren -einmal auf dem Gutshof die damals noch leibeigenen jungen Mädchen und -Weiber versammelt worden, um der Herrschaft vorzutanzen und zu singen. -Der Chor begann „Auf grünen Wiesen und Auen“, und plötzlich sprang Marfa -Ignatjewna, die damals noch ein junges Weib war, vor und tanzte die -„Rußkaja“ in einer ganz besonderen Weise, nicht so, wie das Volk sie -tanzt, sondern wie es ihr früher, als sie noch Leibeigene der reichen -Miussoffs gewesen war, zu den Theateraufführungen im Herrenhause ein aus -Moskau bestellter Ballettmeister gezeigt hatte. Grigorij sah, wie sein -Weib tanzte; doch nach einer Stunde belehrte er sie eines Besseren, -indem er auf sie einhieb und sie an den Haaren zog. Damit war das -Prügeln abgetan; es wiederholte sich niemals mehr, denn Marfa Ignatjewna -hatte sich geschworen, nie wieder die „Rußkaja“ zu tanzen. - -Kinder schenkte ihnen Gott leider nicht; sie hatten zwar einmal ein -Kleines gehabt, aber das war alsbald gestorben. Grigorij jedoch liebte -kleine Kinder sehr und verheimlichte das nicht einmal, das heißt, er -schämte sich nicht, es zu zeigen. Den kleinen dreijährigen Dmitrij -Fedorowitsch hatte er, als dessen Mutter fortgelaufen war, zu sich -genommen und hatte sich mit ihm fast ein ganzes Jahr lang abgegeben, ihn -eigenhändig gekämmt, gewaschen und im kleinen Waschtrog gebadet. Darauf -hatte er sich auch mit den zwei anderen Kleinen, Iwan und Aljoscha, -abgeplagt, was ihm später die Ohrfeige von der Generalin eintrug; doch -davon habe ich ja schon gesprochen. Das eigene Kindchen aber erfreute -ihn nur mit der Hoffnung, solange Marfa Ignatjewna noch schwanger war. -Als aber der Junge geboren wurde, da erfüllte er sein Herz mit Angst und -Trauer: denn das Kind hatte sechs Finger. Als Grigorij das sah, war er -dermaßen erschrocken und erschüttert, daß er bis zur Taufe kein Wort -mehr sprach und in den Garten ging, um dort mit sich allein zu sein. Es -war gerade Frühling, und so grub er denn im Gemüsegarten Beete. Am -dritten Tage mußte das Kind getauft werden; Grigorij hatte inzwischen -Zeit gehabt, sich zu bedenken. Als er ins Haus trat, wo sich schon die -ganze Verwandtschaft und die Gäste versammelt hatten und sogar Fedor -Pawlowitsch in höchsteigener Person als Pate erschienen war, erklärte er -plötzlich, daß man das Kind „eigentlich überhaupt nicht taufen sollte“ – -verbreitete sich jedoch nicht weiter über seine Meinung, sondern blickte -nur stumpf und aufmerksam auf den Popen. - -„Warum nicht?“ erkundigte sich in heiterer Verwunderung der Geistliche. - -„Weil ... das ist ein Drache ...“ brummte schließlich Grigorij. - -„Wieso, was für ein Drache?“ - -Grigorij schwieg eine Zeitlang. - -„Eine Verwechslung der Natur ...“ murmelte er, wenn auch sehr -undeutlich, so doch fest überzeugt; augenscheinlich wollte er sich nicht -darüber aussprechen. - -Man lachte natürlich und taufte das arme Kind. Grigorij betete eifrig, -änderte aber seine Meinung über das Neugeborene nicht im geringsten. -Übrigens verhinderte er nichts, nur bemühte er sich in den ganzen zwei -Wochen, die das schwächliche Kindchen lebte, dasselbe überhaupt nicht zu -bemerken, und verließ, so oft er nur konnte, das Haus. Als aber der -Knabe nach zwei Wochen am Milchfieber starb, da legte er ihn sorgfältig -in den kleinen Sarg, blickte ihn in tiefer Trauer an, und als sein -kleines Grab zugeschüttet wurde, da kniete er nieder und verneigte sich -vor dem Grabe. Seit der Zeit sprach er lange Jahre kein einziges Mal von -seinem Kinde, und selbst Marfa Ignatjewna wagte nicht, in seiner -Gegenwart ihres toten Kleinen zu erwähnen; konnte sie aber sonst mit -irgend jemandem von ihrem „Kindchen“ sprechen, so tat sie es immer nur -flüsternd, selbst wenn Grigorij überhaupt nicht im Hause war. Es fiel -ihr auf, daß Grigorij Wassiljewitsch seit jener Beerdigung sich ganz -besonders mit „Religiösem“ zu beschäftigen begann, das Leben der -Heiligen las, doch nur still für sich, wozu er dann seine silberne -Brille mit den großen, runden Gläsern aufsetzte. Nur selten las er laut -vor, höchstens zur Fastenzeit. Er liebte das Buch Hiob sehr, wußte sich -von irgend jemandem die mystischen „Predigten unseres von Gott -erleuchteten Paters Issaak Ssirin“ zu verschaffen, las sie unermüdlich -jahrelang, verstand so gut wie überhaupt nichts davon und schätzte -vielleicht gerade darum dieses Buch am meisten. In der letzten Zeit -begann er sich für die Geißler[12] zu interessieren, von denen sich -einige in der Nachbarschaft eingefunden hatten. Er war sichtlich -erschüttert, fand es aber doch nicht für richtig, zu einem anderen -Glauben überzutreten. Seine Belesenheit „in göttlichen Dingen“ äußerte -sich nur auf seinem Gesicht in einem noch wichtigeren Ausdruck. - -Vielleicht war er auch zum Mystizismus geneigt. Und da mußte es noch -geschehen, daß ihn nach der Geburt seines sechsfingrigen Sohnes und -dessen Tode eine ganz sonderbare Überraschung erwartete, die, wie er -sich selbst äußerte, in seiner Seele auf ewig einen „Stempel“ -hinterließ. Es war in der Nacht desselben Tages, an dem der kleine -Sechsfingrige begraben worden war, als Marfa Ignatjewna plötzlich -erwachte und das Weinen eines neugeborenen Kindes zu vernehmen glaubte. -Sie erschrak und weckte ihren Mann. Grigorij horchte hinaus, meinte -aber, daß eher jemand stöhne, „wahrscheinlich ein Weib“. Er erhob sich -und kleidete sich an. Es war eine ziemlich dunkle Mainacht; als er auf -die Treppe hinaustrat, hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus dem Garten -kam. Die Hoftür aber zum Garten wurde jeden Abend verschlossen, anders -jedoch, als durch diese Tür oder unmittelbar aus dem Hause, konnte man -nicht in den Garten gelangen, denn er war von einem hohen, starken Zaun -umgeben. Grigorij kam zurück, nahm den Gartenschlüssel und die Laterne -und ging schweigend hinaus in den Garten, ohne auf das Entsetzen Marfa -Ignatjewnas zu achten, die immer noch behauptete, sie höre das Weinen -eines kleinen Kindes, und das sei bestimmt ihr Söhnchen, das sie rufe. -Hier hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus ihrem kleinen Badehause, das -nicht weit von der Hoftür im Garten stand, kam, und daß es wirklich eine -Frauenstimme war. Als er die Tür des Häuschens öffnete, bot sich ihm ein -Schauspiel, das ihn erstarren machte: die Stadtverrückte, die sich -überall herumtrieb und allen bekannt war, namens Lisaweta -Ssmerdjäschtschaja, die auf unerklärliche Weise in dieses Badehaus -gekommen war, hatte gerade ein Kind geboren. Das Neugeborene lag neben -ihr, sie aber wand sich in Todeskrämpfen. Sie sprach nichts, sie konnte -ja überhaupt nicht richtig sprechen. Doch von ihr muß ich etwas mehr -erzählen. - - - II. - Lisaweta Ssmerdjäschtschaja - -Hier gab es einen besonderen Umstand, der Grigorij tief erschütterte und -ihn in einem früheren, unangenehmen, wenn nicht ekelhaften Verdacht -bestärkte. Diese Lisaweta war sehr klein von Wuchs, „zwei Arschin und -vielleicht noch eine Kleinigkeit war das Mädchen hoch“, wie mitleidig -einige unserer gottesfürchtigen Greisinnen nach ihrem Tode sagten, wenn -sie ihrer gedachten. Ihr zwanzigjähriges, gesundes, breites und -rotwangiges Gesicht war vollkommen idiotisch, der Blick ihrer Augen -unbeweglich und unangenehm, wenn auch ruhig. Sie ging im Sommer wie im -Winter barfuß und nur in einem hanfleinenen Hemde. Ihr fast schwarzes, -ungewöhnlich dickes Haar war so kraus wie die Wolle eines Schafes und -stand wie eine große Mütze auf ihrem Kopf; außerdem war es voller -Schmutz, Erdstückchen und Blätter, Holzspänchen und Stroh- und -Grashälmchen, denn sie schlief immer auf der Erde. Ihr Vater war ein -obdachloser, heruntergekommener, kranker Kleinbürger Ilja, der trank und -schon viele Jahre als Arbeiter bei einem wohlhabenden Kleinbürger -diente. Lisawetas Mutter war vor langer Zeit gestorben. Der ewig kranke -und wütende Ilja schlug seine Tochter ganz unbarmherzig, wenn sie ihm -unter die Augen kam; doch geschah das nur selten, denn sie lebte überall -in der Stadt herum, als geistesschwaches, heiliges Gotteskind. Alle -Welt, die Wirtsleute ihres Vaters, der Vater selbst und sogar viele -Mitleidige, meistens Kaufmannsfamilien und Kaufmannsfrauen, versuchten -nicht einmal, Lisaweta etwas anständiger anzukleiden, um sie nicht so im -Hemd herumlaufen zu lassen; nur im Winter zogen sie ihr immer einen -Schafpelz und Stiefel an; sie aber, die sich alles ruhig anziehen ließ, -ging dann gewöhnlich zur Kirchentür und zog sich dort alles wieder aus, -was man ihr angezogen hatte – ob es nun ein Tuch, ein Rock, ein Pelz -oder sonst was war –, ließ es daselbst vor der Kirche liegen und ging -dann wieder nur mit dem Hemd bekleidet fort. Einmal, als der neue -Gouverneur unsers Gouvernements auch unser Städtchen besuchte, fühlte er -sich in seinen besten Gefühlen tief gekränkt, als er diese Lisaweta -erblickte, und wenn er auch einsah, daß es eine Geistesschwache war, wie -ihm sofort gemeldet wurde, so meinte er doch, daß ein junges Mädchen, -das nur in einem Hemde herumlaufe, den Anstand verletze: darum dürfe das -in Zukunft nicht mehr vorkommen. Doch der Gouverneur fuhr wieder fort, -und Lisaweta ließ man, wie sie war. Schließlich starb auch ihr Vater, -und sie wurde als Waise den Gottesfürchtigen noch lieber. Man schien sie -tatsächlich zu lieben, selbst die Straßenjungen neckten sie nicht, und -doch sind unsere kleinen Jungen, besonders die Schulrangen, eine -naseweise, unverfrorene Bande. Sie trat in fremde Häuser ein, doch -niemand schrie sie an oder wies ihr die Tür, im Gegenteil, man war immer -gut zu ihr und gab ihr stets etwas. Gab man ihr Geld, so brachte sie es -sofort in irgendeine Armenbüchse an der Kirche oder am Gefängnis; gab -man ihr auf dem Markt einen Kringel oder ein Weißbrot, so gab sie es -sofort dem ersten kleinen Kinde, das sie erblickte, oder sie blieb gar -vor einer unserer reichsten Damen stehen und gab es der; und die Damen -nahmen es dankend und sogar freudig entgegen. Sie selbst aber nährte -sich nur von Schwarzbrot und Wasser. Zuweilen trat sie in einen teuren -Laden ein und setzte sich; überall lag teure Ware, sogar loses Geld, -doch niemandem fiel es ein, auf sie achtzugeben, denn alle wußten, daß -man Tausende auf den Ladentisch legen konnte, daß sie aber keine Kopeke -anrühren werde. In die Kirche ging sie nur selten; sie schlief entweder -vor der Kirchentür, oder sie kletterte über einen Flechtzaun (bei uns -gibt es noch heute viel solcher Zäune) und schlief dann in einem -Gemüsegarten. Nach Haus, das heißt ins Haus jener Kleinbürger, bei denen -ihr Vater diente, ging sie ungefähr nur einmal in der Woche, im Winter -jedoch täglich zur Nacht, und dann schlief sie entweder im Flur oder im -Kuhstall. Man wunderte sich, daß sie solch ein Leben aushalten konnte; -doch sie hatte sich schon daran gewöhnt; wenn sie auch klein von Wuchs -war, so war sie doch ungewöhnlich stark gebaut. Einige behaupteten, sie -täte das alles nur aus Stolz, doch fand das keinen rechten Glauben; sie -konnte ja nicht einmal richtig sprechen, nur zuweilen bewegte sie die -Zunge und stieß irgendwelche lallende Laute hervor – wo konnte da von -Stolz die Rede sein! Und so geschah es denn einmal (es ist schon lange -her), daß in einer warmen und hellen Septembernacht bei Halbmond, zu -einer nach unseren Begriffen sehr späten Stunde, eine stark angeheiterte -Gesellschaft, etwa fünf oder sechs Herren, aus dem Klub durch die -Hinterstraßen nach Hause ging. Zu beiden Seiten der Straße zogen sich -niedrige Zäune hin, hinter denen die Gemüsegärten der an den größeren -Straßen stehenden Häuser lagen; diese Hinterstraße jedoch führte zu -einer kleinen Brücke über einen breiten, versumpften Graben, der bei uns -wohl das Flüßchen genannt wurde. Da bemerkte unsere lustige Gesellschaft -am Zaun zwischen Nesseln und Salbei die schlafende Lisaweta. Die Herren -blieben lachend stehen und begannen in nicht wiederzugebender Weise über -sie zu witzeln. Einer von ihnen, ein junger Milchbart, stellte plötzlich -die exzentrische Frage: „Könnte irgend jemand, einerlei wer, dieses Tier -für ein Weib halten, meinetwegen jetzt gleich usw.“, womit er ein ganz -unmögliches Thema anschlug. Alle meinten darauf mit stolzem Widerwillen, -daß dies undenkbar wäre. Doch in dieser angeheiterten Gesellschaft -befand sich auch Fedor Pawlowitsch, und sofort sprang er vor und -behauptete, man könne sie wohl für ein Weib halten, sogar sehr, und daß -es hierbei sogar eine gewisse Art von Pikanterie gäbe, usw. usw. Es ist -wahr, damals drängte er sich schon gar zu absichtlich in die Rolle des -Narren; er liebte es sehr, die anderen zu belustigen und dabei den -Gleichstehenden zu spielen, in Wirklichkeit aber war er doch der echte -Ham unter ihnen. Das war gerade in der Zeit, als er aus Petersburg die -Nachricht von dem Tode seiner ersten Frau erhalten hatte und darauf mit -dem Trauerflor am Hut dermaßen trank und sich so unanständig aufführte, -daß sich viele, selbst die Liederlichsten, bei seinem Anblick unangenehm -berührt fühlten. Die Bande lachte natürlich über die unerwartete -Behauptung Fedor Pawlowitschs; einer von ihnen versuchte, ihn noch mehr -aufzustacheln, doch die anderen schimpften nun erst recht, natürlich -immer unter allgemeiner Heiterkeit, und endlich gingen sie alle ihres -Weges. Später schwor Fedor Pawlowitsch, daß auch er damals mit den -anderen fortgegangen sei; vielleicht war er es auch, das weiß niemand -genau und kann es auch nicht wissen, doch nach fünf oder sechs Monaten -sprach man allgemein und aufrichtig empört davon, daß die Lisaweta -schwanger sei. Man fragte und riet, auf wen die Sünde fiele, wer der -Schänder wäre? Und da verbreitete sich denn in der ganzen Stadt das -Gerücht, daß es gerade Fedor Pawlowitsch Karamasoff sei. Woher aber war -dieses Gerücht gekommen? Von jenen Herren, die sie damals bemerkt -hatten, war zurzeit nur noch ein einziger in der Stadt, und das war ein -schon bejahrter Staatsrat, ein Vater erwachsener Töchter, der es -bestimmt nicht verbreitet haben würde, selbst wenn er etwas Positives -gewußt hätte; die übrigen Kumpane waren aber alle verreist. Doch das -Gerücht fuhr fort, hartnäckig gerade auf Fedor Pawlowitsch hinzuweisen. -Der machte sich natürlich nicht viel daraus; Kaufleuten und einfachen -Bürgern hätte er darauf überhaupt nicht geantwortet. Damals war er stolz -und sprach nur in seiner Gesellschaft von höheren Beamten und -Edelleuten, die er so vorzüglich zu unterhalten verstand. Da trat denn -Grigorij heftig für seinen Herrn ein und verteidigte ihn nicht nur gegen -alle Klatschereien, sondern geriet sogar seinetwegen in ernsten Streit, -überzeugte aber schließlich doch viele von Fedor Pawlowitschs Unschuld -in diesem Falle. „Sie, diese elende Herumtreiberin, ist selbst an allem -schuld,“ behauptete er steif und fest, und der Schänder sei niemand -anderes als der „Schrauben-Karp“ (ein in der ganzen Stadt berüchtigter -Verbrecher, der gerade zu der Zeit aus dem Gefängnis unserer -Gouvernementsstadt entsprungen war und sich darauf in unserer kleinen -Kreisstadt herumgetrieben hatte). Diese Beschuldigung schien -glaubwürdig, denn man erinnerte sich noch des Entsprungenen; erinnerte -sich, daß er gerade in jenen Herbstnächten die Stadt unsicher gemacht -und drei Menschen überfallen und beraubt hatte. Doch all diese -Erörterungen verminderten keineswegs die Sympathie für die arme Idiotin, -im Gegenteil, sie verstärkten sie nur noch; alle beschützten sie und -taten ihr Gutes. Und Frau Kondratjewa, eine wohlhabende Kaufmannswitwe, -richtete es so ein, daß Lisaweta schon Ende April ganz bei ihr blieb und -bis zur Entbindung bei ihr bleiben sollte. Sie wurde unermüdlich -bewacht; trotzdem gelang es ihr am Abend des letzten Tages, heimlich zu -entkommen. Wie sie in ihrem Zustande über den hohen, starken Zaun in den -Karamasoffschen Park hatte klettern können, ist ein Rätsel geblieben. -Wahrscheinlich ist es ganz natürlich geschehen, denn Lisaweta, die wie -eine Katze über die Zäune kletterte, um in fremden Gemüsegärten zu -nächtigen, wird wohl ebenso auch auf den hohen Zaun Fedor Pawlowitschs -gekommen und dann zu ihrem Unglück heruntergesprungen sein, trotz ihres -Zustandes. Grigorij stürzte nach dem ersten Schreck zurück zu Marfa -Ignatjewna, die er zur Hilfe in das Badehaus schickte, selbst aber lief -er zu einer alten Hebamme, die in der Nachbarschaft wohnte. Das Kind -wurde gerettet, doch Lisaweta starb schon beim ersten Morgengrauen. -Grigorij nahm das Neugeborene, brachte es ins Haus, hieß Marfa -Ignatjewna sich hinsetzen und legte ihr dann das Kind auf den Schoß, an -die Brust: „Eine Waise ist Gotteskind und unser aller Kind, für uns -beide aber erst recht unser Kind. Das hat unser totes Söhnchen -geschickt, und geboren ist es von einem Teufelssohn und einer Gerechten. -Nähre es, und weine jetzt nicht mehr.“ Und so erzog denn Marfa -Ignatjewna den kleinen Jungen. Er wurde Pawel getauft und allmählich, -ohne daß es jemand bestimmt hätte, ganz von selbst Fedorowitsch gerufen. -Fedor Pawlowitsch hatte nichts dagegen einzuwenden und fand das alles -sogar sehr spaßhaft, obgleich er immer noch fortfuhr, seine Vaterschaft -zu verneinen. In der Stadt gefiel es, daß er das Kind angenommen hatte. -Später dachte sich Fedor Pawlowitsch auch noch einen Familiennamen für -den Jungen aus: er nannte ihn Ssmerdjäkoff nach dem Spitznamen seiner -Mutter Lisaweta Ssmerdjäschtschaja.[13] Also dieser Ssmerdjäkoff wurde -dann Fedor Pawlowitschs Koch und zweiter Diener; er lebte in dem -Nebengebäude auf dem Hof zusammen mit dem alten Grigorij und der alten -Marfa. Eigentlich müßte ich noch vieles gerade über ihn sagen, doch will -ich jetzt nicht die Aufmerksamkeit meines Lesers zu sehr für die -Dienstboten in Anspruch nehmen, daher gehe ich jetzt wieder zu meinen -Hauptpersonen über; wird sich doch über Ssmerdjäkoff noch später, im -Verlauf der ganzen Geschichte, einiges sagen lassen. - - - III. - Die Beichte eines heißen Herzens. - In Versen - -Als Aljoscha den Befehl seines Vaters, mit allen Kissen und Federbetten -das Kloster zu verlassen, vernommen hatte, blieb er in nicht geringer -Verwunderung zurück. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa wie ein -Pfosten stehen blieb, nein, er ging sogar noch in die Küche des Priors, -um dort zu erfahren, was sein Vater oben angestiftet hatte. Dann erst -machte er sich auf den Weg, in der Hoffnung, unterwegs mit sich über -alles ihn Quälende ins reine zu kommen. Der Befehl seines Vaters, mit -„Kissen und Federbetten nach Hause zu kommen“, schreckte ihn nicht im -geringsten. Er begriff nur zu gut, daß dieser Befehl, der ihm so laut -zugerufen worden war, nur „in der Hitze“ gegeben sein konnte, sozusagen -zur Verschönerung, – etwa in der Art, wie vor kurzem ein Kleinbürger an -seinem Namenstage aus Wut darüber, daß man ihm nicht mehr Schnaps -gegeben, in Gegenwart der Gäste plötzlich seine eigenen Teller und -Schüssel zerschlagen, seine, wie seines Weibes Kleider zerrissen, die -eigenen Möbel zertrümmert und die Fensterscheiben eingeschlagen hatte. -Am nächsten Tage bedauerte natürlich der nüchtern gewordene Kleinbürger -seine zerschlagenen Tassen und Teller ... Aljoscha wußte, daß auch sein -Vater ihn am nächsten Tage wieder zurück ins Kloster gehen lassen werde -oder vielleicht schon nach wenigen Stunden. War er doch überzeugt, daß -der Vater nicht ihn, sondern einen anderen hatte kränken wollen. -Aljoscha war sogar fest überzeugt, daß niemand in der Welt ihn jemals -würde beleidigen wollen, und es auch nicht könne. Das war für ihn ein -Axiom, das er ohne Bedenken angenommen hatte, und so machte er sich denn -in dieser Hinsicht ohne die geringste Sorge auf den Weg. - -Doch in diesem Augenblick quälte ihn eine ganz andere Angst, die um so -quälender war, als er sie sich nicht recht erklären konnte: Es war die -Angst vor einem Weibe, und zwar gerade vor Katerina Iwanowna, die ihn in -dem von Lisa Chochlakoff überbrachten Brief so inständig zu ihr zu -kommen bat, nicht nur bat, sondern verlangte. Dieser Brief nun und die -Notwendigkeit, zu ihr zu gehen, hatten sofort ein quälendes Gefühl in -seinem Herzen hervorgerufen; und den ganzen Morgen, je mehr die Zeit -vorrückte, desto heftiger quälte ihn dieses Gefühl, trotz aller -darauffolgenden Szenen in der Zelle des Staretz, wie auch später bei der -Abfahrt des Vaters. Nicht die Ungewißheit, wovon sie mit ihm sprechen -werde, und was er ihr antworten sollte, ängstigte ihn; auch nicht das -Weib überhaupt fürchtete er in ihr: O, Frauen kannte er natürlich wenig, -immerhin hatte er von Kindesbeinen an bis zum Eintritt ins Kloster nur -bei Frauen gelebt. Er fürchtete gerade Katerina Iwanowna. Er fürchtete -sie bereits seit dem Augenblick, da er zum erstenmal bei ihr gewesen -war. Nun kam aber noch das hinzu, daß er sie im ganzen nur zwei, oder -genau genommen, dreimal gesehen und nur einmal, wenn auch ganz zufällig, -ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte. Er erinnerte sich ihrer als -eines schönen, stolzen, gebieterischen Mädchens. Doch nicht ihre -Schönheit verwirrte ihn, sondern etwas ganz anderes. Und gerade die -Unerklärlichkeit seiner Angst verstärkte diese in ihm noch. Daß die -Absichten des jungen Mädchens edel waren, wußte er: Sie wollte seinen -Bruder Dmitrij, der sich ihr gegenüber schon vergangen hatte, retten, -und zwar wollte sie das nur aus Hochherzigkeit. Doch trotz dieser -Erkenntnis und aller Gerechtigkeit, die er diesen guten und edlen -Gefühlen unbedingt widerfahren lassen mußte, lief ein Frösteln über -seinen Rücken, als es ihm einfiel, daß er schon bald bei ihr sein werde. - -Er überlegte hin und her und sagte sich, daß er seinen Bruder Iwan -Fedorowitsch, der ihr so nahe stand, nicht bei ihr antreffen werde: Iwan -war jetzt bestimmt bei seinem Vater. Dmitrij dagegen würde er ganz -sicher nicht antreffen, und er ahnte es, warum nicht. Also würde ihr -Gespräch unter vier Augen stattfinden. Er wäre aber doch so gern noch -vor diesem schrecklichen Gespräch zu seinem Bruder Dmitrij gegangen. -Ohne den Brief zu zeigen, hätte er mit ihm über einiges sprechen können. -Doch Dmitrij wohnte weit ab und war jetzt bestimmt nicht zu Hause. -Aljoscha blieb einen Augenblick stehen, dann aber entschloß er sich. Er -schlug hastig ein Kreuz, wie er es immer zu tun pflegte, und ein -flüchtiges Lächeln erschien auf seinen Lippen; dann ging er mit festen -Schritten weiter zu der gefürchteten Dame. - -Er wußte, wo sie wohnte. Doch wenn er durch die Große Straße, über den -Platz usw. gegangen wäre, so wäre es ein sehr weiter Weg gewesen. Unser -kleines Städtchen ist nämlich sehr zerstreut gebaut, zwischen den -Häusern ziehen sich oft große Gärten hin, und so sind denn auch die -Entfernungen nicht gering. Zudem erwartete ihn doch der Vater, der -vielleicht seinen Befehl noch nicht vergessen hatte, infolgedessen aber, -wenn Aljoscha nun nicht sofort zu ihm kam, leicht gereizt und -eigensinnig werden konnte! Darum mußte sich Aljoscha sehr beeilen. Diese -letzte Erwägung brachte ihn auf den Gedanken, den Weg abzukürzen, -nämlich durch die Hinterstraßen zu gehen, die er schon wie seine fünf -Finger kannte. Dieses „durch die Hinterstraßen“ bedeutete aber fast ohne -Straßen gehen, längs einsamer Gemüsegärten und zuweilen selbst unter -Hindernissen, da es über kleinere Zäune klettern oder durch fremde Höfe -gehen hieß, wo ihn übrigens ein jeder kannte und freundlich grüßte. Auf -diese Weise kürzte er den Weg bis zur Großen Straße um die Hälfte. Hier -kam er an einer Stelle sogar sehr nahe am väterlichen Hause vorüber, da -er längs dem Nachbargarten, der zu einem alten, kleinen, schiefen -Häuschen mit vier Fenstern gehörte, gehen mußte. Die Besitzerin dieses -Häuschens war, wie Aljoscha wußte, eine städtische Kleinbürgerin, eine -halbgelähmte Greisin; sie lebte hier mit ihrer Tochter, einer bereits -zivilisierten Kammerzofe, die in der Großstadt bei Generälen gedient -hatte, jetzt aber schon seit einem Jahre bei der alten Mutter sich -aufhielt und in aufgeputzten Kleidern einherstolzierte. Mutter und -Tochter waren nun sehr verarmt, und so gingen sie denn als Nachbarn -täglich in die karamasoffsche Küche, wo sie Suppe und Brot bekamen. -Marfa Ignatjewna gab es ihnen gern. Und die Tochter kam wohl zum Essen -holen, verkaufte aber kein einziges ihrer teuren Kleider, von denen -eines sogar eine riesenlange Schleppe haben sollte. Dieses letztere -hatte Aljoscha ganz zufällig von seinem Freunde Rakitin gehört, dem -wirklich alles in der Stadt bekannt war, und hatte es, nachdem er es -gehört, natürlich sofort wieder vergessen. Doch als er jetzt am Garten -dieser Nachbarin vorüberging, fiel ihm plötzlich wieder die Schleppe -ein; er erhob seinen nachdenklich gesenkten Kopf und ... hatte eine ganz -unerwartete Begegnung. - -Hinter dem Zaun stand, auf irgend etwas hinaufgestiegen, bis zur Brust -über dem Zaunrand, sein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der ihm mit den -Armen aus allen Kräften irgendwelche Zeichen machte, ihn augenscheinlich -heranwinkte, doch wie es schien, nicht nur zu rufen, sondern auch nur -ein Wort laut zu sprechen sich fürchtete. Aljoscha ging schnell zum -Zaun. - -„Gut, daß du selbst aufblicktest, sonst hätte ich dich womöglich noch -anrufen müssen,“ flüsterte ihm hastig und erfreut Dmitrij Fedorowitsch -zu. „Spring rüber! Schnell! Ach, wirklich großartig, daß du gekommen -bist. Ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht ...“ - -Aljoscha war gleichfalls erfreut, nur wußte er nicht, wie er es -anstellen sollte, über den Zaun zu kommen. Doch Mitjäs Reckenhand -ergriff schon seinen Ellenbogen, um beim kühnen Sprung zu helfen. -Aljoscha nahm seine Kutte auf und sprang mit der Gewandtheit eines -barfüßigen Straßenbengels über den Zaun. - -„So, famos, gehen wir!“ stieß Mitjä leise entzückt hervor. - -„Wohin?“ fragte gleichfalls leise Aljoscha, der sich nach allen Seiten -umblickte und sich in einem völlig verlassenen Garten sah, in dem außer -ihnen niemand zu sehen war. Der Garten war klein, doch immerhin war das -Häuschen mehr als fünfzig Schritt von ihnen entfernt. „Aber hier ist -doch kein Mensch, warum flüsterst du?“ - -„Warum ich flüstere? Ach, ja, Teufel noch eins!“ rief plötzlich Dmitrij -Fedorowitsch mit voller, lauter Stimme: „Ja, warum flüsterte ich nur? Da -siehst du’s selbst, wie dumm man zuweilen ist. Ich bin heimlich -hergekommen und bewache ein Geheimnis. Die Erklärung wird gleich folgen. -Da nun hierbei so viel Geheimnis war, fing ich auch geheimnisvoll, -wollte sagen, nur ganz leise zu sprechen an und flüsterte wie ein Esel, -während das doch gar nicht nötig ist. Gehen wir! Siehst du, dorthin! Bis -dahin sei still. Ach, küssen will ich dich! - - Heil dem Höchsten in der Welt, - Heil dem Höchsten auch in mir ... - -Das habe ich vorhin die ganze Zeit hier auf der Bank wiederholt, bevor -du kamst ...“ - -Der Garten war ziemlich groß und nur ringsum am Zaun mit Bäumen -bepflanzt, mit Apfelbäumen, Ahorn, Linden und Birken. In der Mitte des -Gartens war ein freier, grüner Platz, eine Wiese, von der im Sommer -einige Pud Heu geerntet wurden. Vom Frühling bis zum Herbst wurde dieser -Garten von der Besitzerin für ein paar Rubel vermietet. Es waren dort -auch einige Beete mit verschiedenen Sträuchern: Stachelbeeren, -Johannisbeeren und Himbeerstauden, doch zogen die sich gleichfalls längs -des Zaunes hin, und beim Hause waren dann noch ein paar Gemüsebeete. -Dmitrij Fedorowitsch führte seinen Bruder in die vom Hause entfernteste -Ecke des Gartens. Dort bemerkte Aljoscha plötzlich zwischen alten -Linden, dichtem Holundergebüsch und spanischem Flieder eine uralte, -schiefe Laube, unter deren Bretterdach, das nicht mehr grün, sondern -schon schwarz war, man immerhin noch vor dem Regen hätte Schutz finden -können. Diese Laube war, Gott weiß wann, vielleicht vor fünfzig Jahren -gebaut worden, von dem früheren Besitzer des Häuschens, Alexander -Karlowitsch von Schmidt, einem Oberstleutnant a. D., wie man sich -erzählte. Doch alles war schon verfault: Die Bohlen wackelten, und es -roch nach feuchtem Holz. In der Mitte stand auf eingerammtem Pfosten ein -noch etwas grüner Tisch, um den auf gleichfalls eingerammten Pflöcken -drei Bänke standen. Aljoscha war sofort die gehobene Stimmung seines -Bruders aufgefallen – als sie jetzt in die Laube traten, bemerkte er auf -dem Tisch eine halbe Flasche Kognak und ein Gläschen. - -„Ja, das ist Kognak!“ sagte Mitjä lachend, „du aber fragst dich schon: -‚Sollte er wieder trinken?‘ Glaube nicht dem Phantom. - - Glaube nicht der stumpfen Masse, - Oh, vergiß die Zweifel alle ... usw. - -Ich trinke nicht, ich ‚nasche‘ bloß, wie dein Freund, das Schwein -Rakitin, sagt, der angehende Staatsrat. Setze dich. Aljoscha, ich würde -dich jetzt am liebsten einfach so nehmen und an mein Herz pressen, aus -allen Kräften würde ich dich an mich drücken, denn ... im Grunde – -begreifst du das? – im Grunde – behalte das! – liebe ich auf der ganzen -Welt nur dich allein!“ - -Er sprach die letzten Worte fast wie in einem Rausch, wie in Verzückung. - -„Nur dich allein und dann noch eine ‚Niederträchtige‘, in die ich mich -verliebt habe, und durch die ich verloren bin. Doch sich verlieben, -heißt nicht lieben. Sich in jemanden verlieben kann man auch, wenn man -ihn haßt. Behalte das! Jetzt spreche ich vorläufig noch mit heiterer -Miene! Setze dich dorthin, hinter den Tisch. Ich werde mich hierher -neben dich setzen, dich betrachten und die ganze Zeit sprechen. Du -sollst schweigen, ich aber werde alles erzählen, denn jetzt ist es Zeit -dazu. Aber, weißt du, ich glaube, es ist doch besser, wenn wir leise -sprechen, denn hier ... hier ... können überall die unerwartetsten Ohren -horchen. Ich werde alles erklären. Wie gesagt: Erklärung folgt. Warum -nur sehnte ich mich nach dir, warum nur erwartete ich dich in all diesen -Tagen? – Ich habe mich hier doch schon seit fünf Tagen verankert. – Alle -diese Tage? Weil ich nur dir allein alles sagen kann, dir allein, das -ist es ja, denn ich brauche dich, denn morgen werde ich aus den Wolken -herabfliegen, denn morgen wird das Leben enden und neu beginnen ... Hast -du es jemals gefühlt, oder weißt du, wie das ist, wenn man im Traum von -einem Berge in ein tiefes, dunkles Loch fällt? Nun, auch ich fliege -jetzt hinab, doch nicht im Traum. Fürchte mich aber nicht, und auch du -sollst dich nicht fürchten. Das heißt, ich fürchte mich wohl, aber es -ist – so süß. Das heißt, nicht süß, sondern ein Rausch des Entzückens -... Ach, nun hol’s der Teufel, einerlei, was das ist. Stark oder schwach -oder weibisch – einerlei! Besingen wir lieber die Natur! Sieh, wieviel -Sonne hier ist, der Himmel so rein, so hell und hoch, die Blätter sind -noch alle grün, ganz wie im Sommer. Vier Uhr nachmittags, diese Stille! -... Wohin wolltest du gehen?“ - -„Zum Vater, und zuerst wollte ich noch zu Katerina Iwanowna gehen.“ - -„Zu ihr und zum Vater! Herrgott! Das ist mir mal ein Zusammentreffen! -Ja, warum rief ich dich denn, warum ersehnte ich dich, warum dürstete -und lechzte ich denn mit allen Ecken und Kanten meiner Seele gerade nach -dir? Um dich von mir gerade zum Vater und dann zu ihr, zu Katerina -Iwanowna, zu schicken und damit die ganze Geschichte zu beenden, mit ihr -wie mit ihm! Ich hätte ja einen jeden schicken können, aber ich wollte -nur einen Engel schicken. Und siehe, du wolltest von selbst zu ihr und -zum Vater gehen!“ - -„Wolltest du mich wirklich schicken?“ fragte hastig mit einem -krankhaften Gesichtsausdruck Aljoscha, fast gegen seinen Willen. - -„Wart, – du wußtest es doch. Ich sehe schon, daß du bereits alles -begriffen hast. Aber sage noch nichts, schweige. Bedaure nicht und weine -nicht!“ - -Dmitrij Fedorowitsch erhob sich nachdenklich und legte den Finger an die -Stirn: - -„Sie muß dich selbst gerufen haben, sie hat dir einen Brief geschrieben -oder vielleicht sonst etwas, darum wolltest du zu ihr gehen, denn sonst -wäre es dir doch nicht eingefallen?“ - -„Ja, sie hat mir geschrieben, hier,“ sagte Aljoscha und zog den Brief -aus der Tasche. Mitjä durchflog ihn schnell. - -„Und du gingst durch die Hinterstraßen! O Götter, ich danke euch, daß -ihr ihn durch die Hinterstraßen und mir in die Arme führtet, wie das -goldene Fischlein dem alten, törichten Fischer im Märchen. Höre, -Aljoscha, Freund und Bruder. Jetzt will ich dir alles sagen. Denn irgend -jemandem muß man es doch sagen. Dem himmlischen Engel habe ich es schon -gesagt, jetzt muß ich es auch dem irdischen Engel sagen. Das bist du. Du -wirst es anhören, du wirst dann urteilen, und du wirst verzeihen ... -Gerade das aber habe ich nötig, daß mir ein höheres Wesen verzeiht. -Höre: Wenn sich zwei Wesen plötzlich von allem Irdischen losreißen und -irgendwohin in etwas Unbekanntes fliegen, oder wenigstens einer von -ihnen, und kurz vorher, also – vor dem Aufbruch oder dem Verderben zum -anderen geht und ihm sagt: Tue das und das für mich, etwas, worum man -sonst nie bittet oder höchstens auf dem Sterbebett, – würde der es dann -wirklich verweigern ... wenn er sein Freund, sein Bruder ist?“ - -„Ich werde es tun,“ sagte Aljoscha, „sage nur, was es ist, und sage es -etwas schneller.“ - -„Schneller ... Hm. Beeile dich nicht so, Aljoscha. Du beeilst dich und -bist unruhig. Jetzt hat’s keine Eile mehr. Jetzt ist die Welt in eine -neue Bahn gelenkt. Ach, Aljoscha, schade, daß du noch nie bis zur -Begeisterung gedacht hast! Doch, übrigens, was sage ich? Du sollst etwa -nicht bis zur Begeisterung gedacht haben! Wovon rede ich Dummkopf? - - ‚Edel sei der Mensch!‘ - -– Wer hat das gesagt?“ - -Aljoscha beschloß zu warten. Er sah ein, daß er jetzt hier vielleicht am -nötigsten war. Mitjä sann einen Augenblick nach, den Ellenbogen auf den -Tisch und den Kopf in die Hand gestützt. Beide schwiegen sie. - -„Ljoscha,“ sagte plötzlich Mitjä, „nur du allein wirst nicht lachen! Ich -würde am liebsten meine ... Beichte ... mit Schillers Hymne an die -Freude beginnen ... Aber ich verstehe kein Deutsch, weiß nur, daß sie -‚An die Freude!‘ heißt. Denk nicht, daß ich betrunken bin und darum so -schwatze. Ich bin durchaus nicht betrunken. Kognak ist Kognak, doch ich -brauche zwei Flaschen, um mich anzutrinken, – - - Silen der feiste, kahlköpfige, - Ritt trunken auf stolperndem Esel ... - -ich aber habe noch keine Viertelflasche getrunken und bin nichts weniger -als Silen. Bin nicht trunken, wohl aber bin ich stark, denn ich habe auf -ewig meinen Entschluß gefaßt. Verzeih mir die dummen Gedichte ... Heute -wirst du mir vieles verzeihen müssen und nicht nur Gedichte. Beunruhige -dich nicht, ich bin ganz ruhig und werde sofort zur Sache kommen. Will -aus meiner Seele keine Mördergrube machen. Wart, wie war doch dieses -Gedicht ...“ - -Er erhob den Kopf, sann ein wenig nach, und plötzlich begann er -begeistert: - - Scheu in des Gebirges Klüften - Barg der Troglodyte sich; - Der Nomade ließ die Triften - Wüste liegen, wo er strich. - Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen - Schritt der Jäger durch das Land; - Weh dem Fremdling, den die Wogen - Warfen an den Unglücksstrand! - - Und auf ihrem Pfad begrüßte, - Irrend nach des Kindes Spur, - Ceres die verlass’ne Küste, - Ach, da grünte keine Flur! - Daß sie hier vertraulich weile, - Ist kein Obdach ihr gewährt; - Keines Tempels heitre Säule - Zeuget, daß man Götter ehrt. - - Keine Frucht der süßen Ähren - Lädt zum reinen Mahl sie ein, - Nur auf gräßlichen Altären - Dorret menschliches Gebein. - Ja, so weit sie wandernd kreiste, - Fand sie Elend überall, - Und in ihrem großen Geiste - Jammert sie des Menschen Fall. - -Ein Schluchzen rang sich aus Mitjäs Seele heraus, und er umklammerte -Aljoschas Hand. - -„Freund, mein Freund, gesunken ist der Mensch, tief gesunken! Der Mensch -hat so viel Qualen auf der Erde zu ertragen, hat so viel im Leben zu -leiden! Glaub nicht, daß ich nur ein Narr im Offiziersrock bin, einer, -der Kognak trinkt und ausschweifend lebt. Freund, denke ich doch fast an -nichts anderes, als an diesen erniedrigten Menschen – wenn ich nicht -lüge. Gott, laß mich jetzt nicht lügen, nicht mich selbst loben! Ich -denke an diesen Menschen, weil ich selbst so ein Mensch bin. - - Daß der Mensch zum Menschen werde, - Stift er einen ew’gen Bund - Gläubig mit der frommen Erde, - Seinem mütterlichen Grund ... - -Nur sage mir jetzt: Wie soll ich mich auf ewig mit der Erde verbinden? -Ich küsse doch nicht die Erde, ich schneide ihr doch nicht die Brust -auf; oder soll ich etwa ein Bauer werden und pflügen oder ein Hirt? Ich -gehe und lebe und weiß nicht: Bin ich in Schande und Gestank geraten -oder ins Licht und in die Freude? Siehst du, das ist mein Unglück, denn -alles auf der Welt ist Rätsel! Und wenn es vorkam, daß ich mich in die -tiefste, allertiefste Schmach der Ausschweifung warf (das aber kam so -häufig vor, daß es eigentlich ununterbrochen geschah), so sagte ich -immer dieses Gedicht von der Ceres vor mich hin. Ob es mich besser -machte? Niemals! Denn ich bin ein Karamasoff. Und wenn ich schon einmal -in den Abgrund fliege, so fliege ich mit dem Kopf voran und den Fersen -nach oben, und ich bin sogar zufrieden damit, daß ich in einer so -erniedrigenden Stellung falle, und finde das schön für mich. Und siehe: -Gerade in dieser Schmach und Schande stimme ich dann plötzlich die Hymne -an. Mag ich verflucht sein, mag ich niedrig und gemein sein, doch laßt -auch mich den Saum jenes Gewandes küssen, in das sich mein Gott hüllt; -mag ich auch zur selben Zeit dem Teufel folgen, so bin ich doch dein -Sohn, Herr, und liebe dich und fühle eine Freude, ohne die die Welt -nicht stehen und nicht sein könnte. - - Freude trinken alle Wesen - An den Brüsten der Natur; - Alle Guten, alle Bösen - Folgen ihrer Rosenspur. - Küsse gab sie uns und Reben, - Einen Freund, geprüft im Tod; - Wollust ward dem Wurm gegeben - Und der Cherub steht vor Gott. - -Doch nun Schluß mit den Gedichten! Ich vergoß vorhin Tränen, aber du, -laß mich ruhig weinen. Mag das auch eine Dummheit sein, über die alle -lachen würden, nur du lache nicht. Wie deine Augen brennen, Ljoscha! -Doch nun, wie gesagt, Schluß mit den Gedichten. Ich will dir jetzt von -dem Wurme erzählen, von diesem selben, den die Erde mit Wollust -beschenkt hat ... Weißt du, mein Freund, dieser Wurm, das bin ja ich, -ich selbst, und das ist ganz speziell nur von mir gesagt. Und wir alle, -wir Karamasoffs, sind alle so, und auch in dir, du keuscher Knabe, lebt -dieser Wurm und gebiert schon Stürme in deinem Blut. Das – sind Stürme, -denn die Wollust ist – Sturm, mehr als Sturm! Die Schönheit ist ein -furchtbares und schreckliches Ding! Furchtbar, weil sie unbestimmbar -ist, und bestimmen kann man sie nicht, weil Gott nur Rätsel gegeben hat. -Hier nähern sich die Ufer; hier leben alle Widersprüche beisammen. Weißt -du, Freund, ich bin sehr ungebildet, aber ich habe viel darüber -nachgedacht. Es gibt so furchtbar viel Geheimnisse! Zu viele Rätsel -bedrücken den Menschen auf Erden. Da heißt es, sie lösen, so gut man’s -kann, und trocken aus dem Wasser kommen. Die Schönheit! Ich kann es -nicht ertragen, wenn jemand – meistens sind es sogar Männer mit edlem -Herzen und hohem Verstand – mit dem Ideal der Madonna beginnt und bei -dem Weibe Sodoms endet. Noch furchtbarer aber ist, wer mit dem Ideale -Sodoms in der Seele doch das Ideal der Madonna nicht verneint, nach der -sein Herz lechzt und glüht; wahrlich, wahrlich, es glüht und sehnt sich -nach ihr, wie in der Jugend, in den noch lasterlosen Jahren. Nein, weit -ist der Mensch, sogar allzuweit, ich würde ihn enger machen. Weiß der -Teufel, was er eigentlich ist! Was dem Verstande Schmach scheint, -erscheint dem Herzen gewöhnlich als Schönheit. Ist denn in Sodom -Schönheit? Glaube mir, für die übergroße Mehrzahl der Menschen sitzt sie -gerade in Sodom, – wußtest du schon um dieses Geheimnis oder nicht? -Schrecklich ist das eine, daß die Schönheit nicht nur etwas Furchtbares, -sondern auch etwas Geheimnisvolles ist. Hier ringen Gott und Teufel, und -der Kampfplatz – ist des Menschen Herz ... Übrigens, das ist ja immer -so: Was einem weh tut, davon redet man. Höre, jetzt komme ich zur Sache. - - - IV. - Die Beichte eines heißen Herzens. - In Prosa - -„Ich führte dort ein wüstes Leben. Papa sagte vorhin beim Staretz, ich -hätte mehrere Tausende für die Verführung ehrsamer Mädchen verschwendet. -Das ist eine schweinische Verleumdung, niemals habe ich das getan. Was -aber auch geschah, so bedurfte es ‚dazu‘ – eigentlich nie Geld. Geld, -das ist bei mir – _accessoire_, ich weiß nicht was, es muß nur vorhanden -sein. Heute ist eine vornehme Dame meine Liebe, morgen an ihrer Stelle -ein kleines Straßenmädel. Ich liebe diese wie jene, werfe das Geld mit -vollen Händen hinaus, bestelle Musik, Zigeuner. Wenn sie welches -braucht, gebe ich natürlich auch ihr, denn sie nehmen es, und wie noch, -das muß man allerdings zugeben, und zufrieden sind sie und dankbar. -Viele Damen haben mich geliebt, nicht alle, aber doch viele, viele; ich -aber liebte immer Winkelgassen, einsame, dunkle Sackgassen, – dort, dort -gibt es Abenteuer, dort findet man Unerwartetes, dort wachsen -berauschende Blumen im Schmutz. Ich meine das allegorisch, Freund. In -unserem Städtchen gab es solche Winkelgassen nicht in Wirklichkeit, -dafür aber gab es sie in anderer Beziehung. Wenn du wärest, was ich bin, -so würdest du begreifen, was diese letzteren bedeuten. Ich liebte die -Ausschweifung, liebte auch den Schmutz der Ausschweifung. Ich liebte die -Grausamkeit; bin ich denn kein blutsaugendes Tier, kein bösartiger Wurm? -Wie gesagt – bin Karamasoff! Einmal im Winter arrangierte die ganze -Gesellschaft ein Picknick; wir fuhren in Troiken hinaus; in der -Dunkelheit, im Schlitten begann ich das kleine Händchen des jungen -Mädchens, das bei mir saß, zu drücken, und zwang sie zu Küssen. Sie war -die Tochter eines Beamten, ein armes, liebes, sanftes Ding war’s. Sie -erlaubte es, vieles erlaubte sie in der Dunkelheit. Die arme Kleine -glaubte wohl, daß ich am nächsten Tage zu ihnen kommen würde, um einen -Heiratsantrag zu machen, denn vor allen Dingen schätzte man mich doch -als Heiratskandidaten. Ich aber sprach darauf fünf Monate kein Wort mehr -mit ihr, keine Silbe. Wohl sah ich, wie an Tanzabenden – wir taten doch -überhaupt nichts anderes als tanzen – aus der Saalecke mich ihre Augen -verfolgten, o, ich sah, wie sie brannten – im Feuer heiligen Unwillens. -Doch dieses Spiel ergötzte meine Wollust, ergötzte den Wurm, den ich in -mir nährte. Nach fünf Monaten heiratete sie einen Beamten und fuhr fort -... in Haß und – vielleicht immer noch in Liebe zu mir. Jetzt leben sie -glücklich. Hatte ich doch niemandem etwas davon gesagt, das behalte, ich -hatte sie nicht in üblen Ruf gebracht; denn wenn ich auch niedrige -Wünsche habe und das Niedrige liebe, so bin ich doch nicht ehrlos. Du -errötest, und deine Augen blitzen wieder. Nun, es ist auch genug für -dich – genug von diesem Schmutz. Und das ist doch alles noch so: -pauldekocksche Blümchen, obgleich der grausame Wurm schon wuchs, schon -in der Seele wucherte. Hier gibt es ein ganzes Album Erinnerungen, -Freund. Mag Gott ihnen, den lieben Kleinen, Gesundheit schicken! Ich -liebte es, beim Abschied ohne Groll auseinanderzugehen. Und niemals -erzählte ich etwas, keine einzige brachte ich in schlechten Ruf. Doch -genug. Glaubst du wirklich, daß ich dich nur wegen dieser Dummheiten -hergerufen habe? Nein, ich werde dir eine interessantere Geschichte -erzählen; doch wundere dich nicht, daß ich mich nicht vor dir schäme und -scheinbar noch froh bin.“ - -„Das sagst du jetzt, weil ich erröte,“ bemerkte Aljoscha plötzlich. -„Nicht wegen deiner Worte erröte ich und nicht wegen deiner Taten, -sondern weil ich dasselbe bin, was du bist.“ - -„Wer, – du? Nun, da hast du etwas weit vorbeigetroffen.“ - -„Nein, durchaus nicht so weit,“ sagte eifrig Aljoscha. (Augenscheinlich -hatte er diesen Gedanken schon lange gehabt.) „Es sind ein und dieselben -Stufen; ich bin noch auf der niedrigsten, du aber bist schon oben, sagen -wir, auf der dreißigsten. So sehe ich die Sache an, jawohl, es ist ein -und dasselbe, vollkommen gleich. Wer die unterste Stufe betritt, der -wird unbedingt auch einmal auf die oberste treten.“ - -„So ist es wohl am besten, sie überhaupt nicht zu betreten?“ - -„Wer es kann, ja – der sollte sie überhaupt nicht betreten.“ - -„Du aber – kannst du das?“ - -„Ich glaube, nicht.“ - -„Schweig, Aljoscha, schweig, Liebling, ich möchte deine Hand küssen, so, -aus Rührung. Dieser Racker Gruschenka ist wirklich ein Menschenkenner – -sie sagte mir vor nicht langer Zeit, sie werde dich irgendeinmal -fressen! Doch ich schweige schon, schweige schon! Gehen wir jetzt von -dem Häßlichen, diesem Fliegenschmutz, zu meiner Tragödie über, die -gleichfalls von Fliegen beschmutzt ist, ich meine, von Gemeinheiten -aller Art. Die Sache ist nämlich die: Wenn der Alte auch beim Staretz -das von der Verführung ehrsamer Mädchen gelogen hat, so war es doch im -Grunde in meiner Tragödie genau so – nur war es das einzige Mal, und -auch da kam es nicht dazu. Der Alte aber weiß von dieser Geschichte -nichts: Ich habe sie niemandem erzählt; du bist der erste, der sie hört, -natürlich abgesehen von unserem Bruder Iwan, Iwan weiß alles. Er weiß es -schon längst; aber Iwan ist ein – Grab.“ - -„Iwan ein – Grab?“ - -„Ja.“ - -Aljoscha hörte mit größter Spannung zu. - -„In jenem Bataillon, im Linienregiment, in dem ich nach dem Duell stand, -war ich doch gewissermaßen unter Aufsicht, selbst als Fähnrich wurde ich -wie etwa ein Verschickter behandelt. Das Städtchen aber nahm mich mit -offenen Armen auf. Geld verschwendete ich sehr viel; man glaubte, daß -ich reich sei, und ich glaubte es ja auch selbst. Aber, weißt du, ich -gefiel ihnen, wie es schien, noch durch etwas anderes. Wenn sie auch die -Köpfe schüttelten, so liebten sie mich doch wirklich aufrichtig. -Plötzlich aber hatte mein Oberstleutnant etwas gegen mich. Er suchte mir -immer etwas anzuhängen, ich aber war vollkommen im Recht, und die ganze -Stadt stand für mich, so konnte er mich nicht allzusehr schikanieren. -Natürlich lag die Schuld an mir; ich erwies ihm absichtlich nicht die -schuldige Ehrerbietung; war stolz. Dieser alte Starrkopf, der übrigens -durchaus kein übler Mensch, sondern ein gutmütiger, gastfreier, älterer -Herr war, hatte zweimal geheiratet, doch beide Frauen waren schon -gestorben. Die erste war einfacher Herkunft gewesen und hatte ihm nur -eine Tochter hinterlassen, die gleichfalls ziemlich einfach aussah; sie -war damals schon ein vierundzwanzigjähriges Mädchen und lebte mit ihrer -Tante, der Schwester ihrer Mutter, beim Vater. Die Tante war eine -schweigsame Person, ihre Nichte jedoch, also die älteste Tochter meines -Oberstleutnants, war das temperamentvolle Gegenteil. Weißt du, Liebling, -ich sage gern ein gutes Wort, wenn ich an jemanden zurückdenke: Niemals -habe ich einen Frauencharakter gesehen, der prächtiger gewesen wäre als -der Charakter dieses Mädchens, Agafja hieß sie, Agafja Iwanowna. Ja, und -an sich sah sie gar nicht übel aus, für russischen Geschmack – -hochgewachsen, stark, fest gebaut, prachtvolle Augen, das Gesicht -allerdings etwas einfach. Sie heiratete nicht, obgleich zwei bei ihr -ansprachen, sie lehnte vielmehr ab, verlor aber nicht ihr heiteres -Gemüt. Wir traten uns beide näher – doch nicht in diesem Sinne, nein, es -war rein, einfach freundschaftlich. Bin ich doch häufig Frauen ganz -sündenlos nähergetreten, eben wie ein Freund. Schwatzte mit ihr so -aufrichtig, Herrgott! – sie aber lachte nur. Viele Frauen lieben solche -Aufrichtigkeit, behalte das, sie aber war doch noch ein junges Mädchen, -was mich ungemein amüsierte. Und dann noch eines: Man konnte sie -unmöglich gnädiges Fräulein nennen. Sie und ihre Tante lebten beim -Vater, doch wie soll ich sagen, sie erniedrigten sich selbst freiwillig, -stellten sich jedenfalls mit der ganzen übrigen Gesellschaft nicht auf -gleichen Fuß. Alle hatten sie gern und hatten sie nötig, denn was die -Schneiderkunst anbetrifft, war sie eine Autorität: hatte wirklich -Talent; Geld nahm sie natürlich nicht für ihre Hilfe, machte man ihr -aber Geschenke, so nahm sie diese an und freute sich. Der Oberstleutnant -aber, o – der! Der war die erste Persönlichkeit der Stadt, lebte auf -großem Fuß, gab Diners und Bälle. Als ich hinkam, sprach man gerade in -der ganzen Stadt davon, daß bald auch seine zweite Tochter, die schönste -aller Schönheiten, aus der Hauptstadt zum Besuch nach Hause kommen -werde, da sie dort soeben ihr aristokratisches Institut verlassen hätte. -Diese zweite Tochter nun – das war Katerina Iwanowna, sein einziges Kind -von der zweiten Frau. Diese seine zweite Frau war aus vornehmem Hause -gewesen, Tochter eines angesehenen Generals, glaube ich; doch hatte sie, -wie ich genau weiß, kein Geld in die Ehe gebracht. Also mußte sie dafür -eine gute Verwandtschaft gehabt haben und vielleicht noch irgendwelche -Hoffnungen auf Erbschaften, aber bar jedenfalls nichts. Damals war sie, -wie gesagt, schon tot, und er war Witwer. Als aber dann die Tochter -ankam, nur zum Besuch, nicht auf immer, belebte sich sofort die ganze -Stadt, sogar unsere vornehmsten Damen – zwei Exzellenzen, die Frau des -Obersten und alle, die nach ihnen kamen, rissen sich geradezu um sie. -Sie war die Königin der Bälle; man arrangierte für sie Ausfahrten, -Schlittenpartien, lebende Bilder zum Besten armer Gouvernanten usw. Ich -schwieg, ich führte mein Leben unverändert so fort, und gerade damals -schoß ich so ein besonderes Stückchen los, daß die ganze Stadt auf dem -Kopf stand. Ich sehe, sie mißt mich einmal so mit dem Blick, auf dem -Balle beim Batteriekommandeur war’s; ich aber ließ mich noch immer nicht -vorstellen: Nun, verschmähte es, ihre Bekanntschaft zu machen. Erst nach -einiger Zeit ließ ich mich vorstellen, begann ein Gespräch; sie -antwortete kaum, verzog nur spöttisch verächtlich die Lippen. Warte, -denke ich, dafür werde ich mich rächen! Vor allen Dingen fühlte ich, daß -Katjenka nicht etwa ein unschuldiges Pensionsdämchen war, sondern eine -Persönlichkeit mit Charakter, ein stolzes, doch wirklich edles Weib, und -zwar ein kluges und gebildetes – ich aber war weder klug noch edel. Du -glaubst, ich beabsichtigte damals ihr einen Heiratsantrag zu machen? -Fiel mir nicht ein! Ich wollte mich ganz einfach dafür rächen, daß sie -mich, der ich doch solch ein famoser Bursche war, absichtlich nicht -beachtete. Inzwischen ging mein Leben unverändert weiter, lebte _in -dulci jubilo_. Schließlich gab mir mein Oberstleutnant drei Tage -Stubenarrest, und gerade in dieser Zeit schickte mir der Alte von hier -aus sechstausend Rubel, nachdem ich den formellen Verzicht auf alles und -jedes geleistet hatte, ich meine, daß wir quitt seien und daß ich nichts -mehr verlangen werde. Ich begriff damals keinen Deut von der ganzen -Geldgeschichte mit dem Vater. Offen gestanden, bis ich herkam, begriff -ich noch immer nichts, vielleicht bis zu diesen letzten Tagen, -vielleicht aber begreife ich auch heute noch nichts davon. Doch zum -Teufel damit, davon später. Damals aber, als ich diese Sechstausend -erhalten hatte, erfuhr ich plötzlich durch einen Freund – er schrieb mir -einen Brief – eine für mich ungemein interessante Sache, nämlich, daß -man mit unserem Oberstleutnant nicht ganz zufrieden war, daß man ihn -sogar im Verdacht hätte, das Regimentsgeld zu anderen Zwecken zu -verwenden, kurz – seine Feinde bereiteten ihm eine Überraschung vor, und -wirklich, alsbald kam der Divisionsgeneral und wusch ihm ganz -unglaublich den Kopf. Ziemlich kurze Zeit darauf, bekam er den Befehl, -sein Abschiedsgesuch einzureichen. Ich will mich hier nicht weiter bei -den Einzelheiten aufhalten, wie alles herauskam, und so weiter und so -weiter, er hatte wirklich viele Feinde. Man bemerkte sofort, daß alle -ungemein kühl gegen ihn und seine ganze Familie wurden und sich dann -plötzlich von ihm zurückzogen. Nun, und so kam es denn zu meinem ersten -‚Scherz‘: Zufällig treffe ich Agafja Iwanowna, mit der ich immer gut -Freund war, und plötzlich sage ich zu ihr: ‚Wissen Sie, Ihrem Vater -fehlen viertausendfünfhundert Rubel Krongelder.‘ – ‚Was sagen Sie? Wie -kommen Sie darauf? Vor kurzem war noch der General hier, und es fehlte -doch nichts ...‘ – ‚Damals nicht, doch jetzt fehlen sie in der Kasse.‘ -Sie erschrak natürlich furchtbar: ‚Ängstigen Sie mich, bitte, nicht; wer -hat es Ihnen gesagt?‘ – ‚Beunruhigen Sie sich nicht,‘ sage ich, ‚ich -werde es niemandem sagen, Sie wissen doch selbst, daß ich in der -Beziehung ein Grab bin, doch hören Sie, was ich Ihnen in dieser -Angelegenheit noch sagen will, nur so „auf alle Fälle“: Wenn man von -Ihrem Vater die viertausendfünfhundert Rubel verlangt, er sie aber nicht -hat, so schicken Sie lieber, anstatt ihn auf seine alten Tage noch vors -Gericht und dann als Soldat nach Sibirien zu bringen, schicken Sie dann -lieber Ihre Schwester Katerina Iwanowna heimlich zu mir; man hat mir -gestern mein Geld gesandt, ich würde ihr dann gerne die -viertausendfünfhundert geben und das Geheimnis hoch und heilig -bewahren.‘ – ‚Ach,‘ sagte sie, ‚wie gemein Sie sind,‘ – sie sagte es -gerade so – ‚wie niederträchtig gemein! Wie wagen Sie es, so etwas zu -sagen!‘ Sie ging maßlos empört fort; ich aber rief ihr noch einmal nach, -daß ich das Geheimnis heilig halten werde. Diese beiden Weiber, die -Agafja und ihre Tante – das schicke ich voraus –, erwiesen sich in -dieser ganzen Geschichte als die reinen Engel; die Schwester aber, die -stolze Katjä, wurde von ihnen geradezu vergöttert, sie erniedrigten sich -freiwillig vor ihr, waren fast ihre Kammerzofen. Selbstverständlich -hatte ihr damals Agafja diese Geschichte – ich meine, unser Gespräch – -sofort wiedererzählt. Das erfuhr ich später ganz genau. Sie -verheimlichte es also nicht vor ihr! Nun wohl, das aber war’s ja gerade, -worauf ich rechnete. - -„Da kommt nun mit einemmal der neue Major an, um das Bataillon zu -übernehmen. Übernimmt es; doch siehe, der alte Oberstleutnant wird -plötzlich krank, kann sich nicht bewegen, sitzt zweimal vierundzwanzig -Stunden zu Haus und – übergibt nicht die Kasse. Unser Doktor -Krawtschenko versicherte später, er sei wirklich krank gewesen; nur -hatte ich schon längst unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit -etwas anderes erfahren: daß die Summe jedesmal nach der Revision auf -einige Zeit verschwand, und zwar schon seit vier Jahren. Der -Oberstleutnant lieh sie nämlich dem ehrlichsten Menschen der Welt, -unserem Kaufmann Trifonoff, einem alten Witwer mit langem Bart und -goldener Brille. Jener fuhr dann auf die Jahrmärkte, setzte dort das -Geld in Umsatz und händigte hernach dem Oberstleutnant die ganze Summe -ungeschmälert wieder ein, brachte ihm Geschenke und Delikatessen mit, -und mit den Delikatessen auch die Prozente. Diesmal aber – ich erfuhr es -ganz zufällig von einem dummen Bengel, dem Söhnchen Trifonoffs, ja, -seinem Söhnchen und Erben, dem verderbtesten Jungen, den die Welt je -hervorgebracht –, diesmal aber war Trifonoff zurückgekehrt und hatte -nichts wiedergegeben. Der Oberstleutnant stürzte natürlich zu ihm: ‚Wie, -ich habe nichts von Ihnen erhalten,‘ war dessen Antwort, ‚und wie hätte -ich überhaupt etwas von Ihnen erhalten können?‘ Nun, und da saß denn -unser Oberstleutnant zu Haus, den Kopf mit einem Handtuch umwickelt; -alle drei bemühten sie sich um ihn, legten ihm Eis an die Schläfen. Da -kommt plötzlich eine Ordonnanz mit dem Buch und dem Befehl: ‚Sofort die -Kasse übergeben, binnen zwei Stunden.‘ Er unterzeichnete – ich habe -diese Unterschrift später selbst gesehen –, erhob sich, sagte, er wolle -seine Uniform anziehen, ging in sein Schlafzimmer, nahm seine -zweiläufige Jagdflinte, lud sie, nahm eine gute Soldatenkugel, zog den -rechten Stiefel aus, stützte sich mit der Brust auf die Flinte und -begann mit dem Fuß den Hahn zu suchen. Agafja aber, der meine Worte -nicht aus dem Sinn gekommen waren, hatte schon so etwas Ähnliches -erwartet und war zur rechten Zeit herangeschlichen. – Sie stürzte -natürlich hinein, ergriff ihn hinterrücks: die Kugel flog in die Decke -und verwundete niemanden. Nun, und dann kamen auch die anderen -hinzugelaufen, ergriffen ihn, nahmen ihm die Flinte fort, hielten ihn -fest ... Das erfuhr ich alles erst später ausführlich. Ich saß gerade zu -Hause; es dämmerte bereits. Ich wollte ausgehen, hatte mich angezogen, -frisiert, mein Taschentuch parfümiert, nahm schon meine Mütze, als -plötzlich die Tür aufgeht, und – vor mir steht in meiner Wohnung -Katerina Iwanowna ... - -„Es gibt sonderbare Zufälle: Niemand hatte es damals in der Dämmerung -auf der Straße bemerkt, daß sie zu mir gekommen war. Ich aber wohnte bei -zwei uralten Beamtenwitwen; zwei ehrerbietige, alte Weiber waren’s, -gehorchten mir in allem und schwiegen später über diesen Besuch auf -meinen Befehl wie zugenäht ... Natürlich begriff ich sofort alles. Sie -trat herein und sah mich unbeweglich an. Ihre dunklen Augen blickten -entschlossen, fast sogar herausfordernd, doch auf den Lippen und um den -Mund herum, das sah ich, lag Unentschlossenheit. - -„‚Meine Schwester hat mir gesagt, Sie würden viertausendfünfhundert -Rubel dafür geben – wenn ich selbst sie abholen käme ... ich selbst zu -Ihnen. Ich bin gekommen ... geben Sie! ...‘ Sie konnte nicht mehr, der -Atem blieb ihr stehen; sie erschrak, die Stimme versagte ihr, und die -Mundwinkel und die Linien um die Lippen erzitterten. Aljoschka, hörst du -– oder schläfst du?“ - -„Mitjä, ich weiß, daß du die ganze Wahrheit sagen wirst,“ stieß Aljoscha -erregt hervor. - -„Ja, die werde ich sagen ... Wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so -war es so, ich werde mich selbst nicht schonen. Der erste Gedanke war – -ein Karamasoffscher. Weißt du, einmal hatte mich eine giftige Spinne -gebissen, zwei Wochen lag ich darauf im Fieber; nun, so fühlte ich auch -jetzt, wie eine giftige Spinne in mein Herz biß. Das heimtückische -Insekt, begreifst du? Ich maß sie mit dem Blick vom Kopf bis zu den -Füßen. Hast du sie gesehen? Schön ist sie! Doch nicht das machte damals -ihre Schönheit aus. Schön war sie in jener Stunde dadurch, daß sie edel, -ich aber ein Schuft war, daß sie stolz in ihrem hochherzigen Opfer für -den Vater vor mir stand, ich aber ein scheußliches Insekt vor ihr war. -Und von mir, dem Schuft und niedrigen Insekt, hängt sie _ganz_ ab, ganz, -ganz und gar, mit Seele und Leib. Ganz, wie sie dort vor mir steht. Ich -sage dir, Freund: Dieser Gedanke, dieser Gedanke der giftigen Spinne -packte mein Herz dermaßen, daß es vor Qual vergehen wollte ... Man -sollte meinen, einen Kampf hätte es überhaupt nicht mehr geben können: -einfach wie eine boshafte Tarantel verfahren, ohne jedes Mitgefühl ... -Ich glaubte zu ersticken. Hör, ich wäre doch sofort, am nächsten Tage -schon, zu ihnen gefahren und hätte um ihre Hand gebeten, um das alles -sozusagen in der anständigsten Weise zu decken, und somit hätte niemand -etwas Schlechtes sagen können. Denn wenn ich auch ein Mensch mit -niedrigen Begierden bin, so bin ich doch ehrenhaft, so habe ich doch -meine Ehre. Und plötzlich, in derselben Sekunde, flüsterte mir etwas ins -Ohr: ‚Aber morgen wird doch solch eine, wenn du mit dem Heiratsantrag -kommst, dich überhaupt nicht empfangen, wird dich durch den Kutscher vom -Hof treiben lassen‘: ‚Erzähl es doch der ganzen Stadt, wenn du willst, -ich fürchte dich nicht!‘ – Ich blickte sie an: Meine Stimme hatte nicht -gelogen: so würde es sein, selbstverständlich, genau so. Daß man mich -morgen hinauswerfen werde, konnte ich schon jetzt an ihrem Gesichte -sehen. Die Wut kochte in mir auf; mich überkam die Lust, das Gemeinste, -Schweinischste zu begehen, wie es etwa die elende Krämerseele eines -Ladenkaufmanns fertig gebracht hätte: sie spöttisch anzublicken und -gleich hier noch, so lange, wie sie vor mir stand, ein paar Worte zu -sagen, so mit einer gewissen Intonation, wie es nur ein Kaufmann zu -sagen versteht: - -„‚Was – viertausend! Das fehlte noch! Ich habe doch nur gescherzt! Sie -sind wirklich gar zu leichtgläubig, meine Gnädigste; zweihundert -Rubelchen würde ich, nun, meinetwegen, noch mit Vergnügen und sehr gerne -geben, aber viertausend, Fräuleinchen, sind doch kein Geld, das man für -so leichtsinnige Sachen zum Fenster hinauswirft. Haben sich unnütz zu -bemühen geruht.‘ - -„Sieh, ich hätte dann natürlich alles verloren; sie wäre fortgelaufen, -doch dafür wäre es teuflische Rache gewesen und hätte für alles andere -entschädigt. Ich hätte freilich mein ganzes Leben lang vor Reue geweint. -Aber nur jetzt ihr dieses Stückchen spielen! Glaubst du mir, kein -einziges Mal war es mit mir geschehen, noch mit keinem einzigen Weibe, -daß ich sie in solch einer Minute gehaßt hätte – doch glaube mir, sieh, -ich bekreuze mich: auf diese aber blickte ich drei oder fünf Sekunden -lang so haßerfüllt, mit solch einem Haß – mit demselben wütenden Haß, -von dem es bis zur Liebe, zur sinnlosesten, wahnsinnigsten Liebe – nur -ein Haarbreit ist! Ich trat ans Fenster, preßte die Stirn an das -befrorene Glas, und ich weiß noch, das Eis brannte wie Feuer auf meiner -Stirn. Ich hielt sie nicht lange auf, hab keine Angst, Bruder. Ich -wandte mich wieder um, ging zum Tisch, schloß das Schubfach auf und nahm -die fünftausendrublige Banknote _au porteur_ (sie lag in meinem -französischen Lexikon). Ich zeigte sie ihr schweigend, schob sie in ein -Kuvert, überreichte es ihr, öffnete ihr selbst die Tür zum Vorzimmer, -trat darauf einen Schritt zurück und verneigte mich tief vor ihr in der -ehrerbietigsten, aufrichtigsten Weise, glaub es mir! Sie fuhr zusammen, -blickte mich starr eine Sekunde lang an, wurde dann furchtbar bleich, -wie ein Handtuch, und plötzlich – gleichfalls ohne ein Wort zu sagen, -doch nicht mit einem Ruck, sondern so weich kniete sie gerade vor mir -nieder, verbeugte sich leise tief, tief – und – berührte mit der Stirn -den Boden! Nicht etwa schulmädchenhaft, nein – russisch! Sie erhob sich -und lief hinaus. Als sie hinausgelaufen war – weißt du, ich hatte den -Säbel schon umgeschnallt –, riß ich meinen Säbel aus der Scheide und -wollte mich erstechen. Warum? – Das weiß ich nicht, und es wäre -natürlich eine furchtbare Dummheit gewesen, aber wahrscheinlich vor -Begeisterung. Begreifst du auch, daß man sich vor Begeisterung, einer -gewissen Art von Begeisterung, töten kann? Doch ich erstach mich nicht, -ich küßte nur die Klinge und schob sie wieder in die Scheide – was ich -übrigens jetzt auch nicht zu erwähnen brauchte. Ich glaube sogar, daß -ich soeben in der Erzählung aller dieser Kämpfe etwas weitschweifig -gewesen bin, um mich herauszustreichen. Aber ... nun schön, meinetwegen, -mag’s auch so gewesen sein, der Teufel hole alle Spione des -Menschenherzens! Das ist also meine ganze ‚Geschichte‘ mit Katerina -Iwanowna. Jetzt wissen davon Iwan und du – und sonst niemand.“ - -Dmitrij Fedorowitsch erhob sich, tat erregt ein paar Schritte hin und -her, zog sein Taschentuch heraus, trocknete sich die Stirn, setzte sich -darauf wieder hin, doch nicht auf den früheren Platz, sondern an der -anderen Tischseite, so daß Aljoscha sich seitlich zu ihm wenden mußte. - - - V. - Die Beichte des heißen Herzens. - „Kopfüber hinab“ - -„Jetzt kenne ich die erste Hälfte dieser Geschichte,“ sagte Aljoscha. - -„Die erste Hälfte verstehst du: Das ist ein Drama und spielte sich dort -ab. Die zweite Hälfte jedoch ist eine Tragödie und wird sich hier -abspielen.“ - -„Von der zweiten Hälfte verstehe ich vorläufig noch nichts,“ sagte -Aljoscha. - -„Und ich etwa? Glaubst du, daß ich etwas davon verstehe?“ - -„Wart, Dmitrij, hier ist vor allem eines von Wichtigkeit: Sag mir, du -bist doch verlobt, auch jetzt noch verlobt mit ihr?“ - -„Ich verlobte mich mit ihr nicht gleich darauf, sondern ungefähr erst -nach drei Monaten. Am nächsten Tage, nachdem sie bei mir gewesen war, -sagte ich mir, daß die Geschichte erledigt und abgetan sei, daß es eine -Fortsetzung nicht mehr geben werde. Jetzt noch mit einem Heiratsantrag -zu kommen, schien mir taktlos, niedrig. Ihrerseits ließ sie in den -ganzen sechs Wochen, die sie noch in der Stadt verlebte, kein Wort von -sich hören. Das heißt, abgesehen von dem einen Mal: am nächsten Tage kam -nämlich ihre Stubenmagd heimlich zu mir und übergab mir, ohne ein Wort -zu sagen, einen kleinen Packen. Draufgeschrieben war nur die Adresse: -Dem und dem. Ich machte es auf: der Rest von den Fünftausend. Sie hatte -ja im ganzen nur viertausendfünfhundert nötig gehabt, und beim Verkauf -der Banknote war es ungefähr auf einen Verlust von zweihundert und -einiges herausgekommen. Sie schickte mir im ganzen, ich glaube, -zweihundertsechzig Rubel zurück, ich weiß es nicht mehr genau, und sonst -nichts, nur das Geld – keinen Brief, kein Wörtchen, keine Erklärung. Ich -durchsuchte das ganze Papier nach irgendeinem Bleistiftzeichen – -n–nichts! Nun, ich lebte inzwischen für mein übriges Geld flott -drauflos, so daß auch der neue Major gezwungen war, mir einen Verweis zu -geben. Der Oberstleutnant aber übergab glücklich die Kasse zur nicht -geringen Verwunderung seiner Kameraden, denn niemand hatte von ihm den -Besitz der ganzen Summe erwartet. Er übergab sie, erkrankte aber gleich -darauf, lag drei Wochen, dann kam plötzlich Gehirnerweichung hinzu, und -nach fünf Tagen war er tot. Man beerdigte ihn mit allen militärischen -Ehren, denn er hatte noch nicht den Abschied bekommen. Katerina -Iwanowna, ihre Schwester und Tante fuhren nach Moskau, schon am zehnten -Tage nach der Beerdigung. Und da erst, vor der Abfahrt, am selben Tage, -an dem sie fortfuhren (ich hatte sie nicht gesehen und nicht begleitet), -erhalte ich einen kleinen Brief, blau, teures Papier, und auf dem ganzen -Bogen steht nur eine einzige Zeile, mit der Bleifeder geschrieben: ‚Ich -werde Ihnen schreiben, warten Sie. K.‘ Und das war alles. - -„Das übrige laß mich dir kurz in zwei Worten erklären. In Moskau -veränderten sich ihre Verhältnisse mit Blitzesschnelle und ebenso -unerwartet, wie es in arabischen Märchen zu geschehen pflegt. Eine alte -Generalin, ihre reichste Verwandte, verlor plötzlich ihre beiden -nächsten Nichten, beide starben in ein und derselben Woche an den -Pocken. Die erschütterte Alte freute sich über Katjä, als hätte sie in -ihr eine leibliche Tochter gefunden und veränderte das Testament sofort -zu ihren Gunsten. Doch das war für die Zukunft, vorläufig aber werden -ihr achtzigtausend Rubel sofort blank und bar ausgezahlt – das wäre -deine Aussteuer, mach damit, was du willst. Hysterisches Frauenzimmer, -habe sie später in Moskau beobachtet. Nun und: plötzlich erhalte ich per -Post viertausendfünfhundert Rubel – bin natürlich wie vom Schlage -gerührt. Nach drei Tagen kommt der versprochene Brief. Ich habe ihn auch -jetzt bei mir, ich habe ihn immer bei mir; ich werde auch mit ihm -sterben – willst du, daß ich ihn dir zeige? Du mußt ihn unbedingt lesen: -Sie bietet sich als Braut an, bietet sich selbst an, sagt: ‚Ich liebe -Sie sinnlos, wenn Sie mich auch nicht lieben, einerlei, seien Sie nur -mein Mann. Fürchten Sie nichts – ich werde Ihre Freiheit in nichts -beeinträchtigen, werde nur eines Ihrer Möbel sein, der Teppich, auf dem -Sie gehen ... Ich will Sie ewig lieben, ich will Sie vor sich selbst -retten ...‘ Aljoscha, ich bin es nicht wert, diese Zeilen auch nur -wiederzugeben, mit meinen gemeinen Worten und in einem gemeinen Ton, -meinem immer gemeinen Ton, von dem ich mich niemals habe losmachen -können! Dieser Brief durchdrang mich bis in alle Ewigkeit – und tut er -es nicht heute noch? Ist mir denn heute leicht zumut? Damals schrieb ich -ihr sofort die Antwort. Ich konnte unmöglich selbst nach Moskau fahren. -Schrieb sie mit Tränen; nur einer Sache schäme ich mich maßlos: Ich -erwähnte, daß sie jetzt reich sei – ich, der ich doch nur ein -bettelarmer Soldat war – erwähnte das Geld! Ich hätte das -stillschweigend ertragen müssen, aber die Feder schrieb es von selbst. -Gleich darauf, am selben Tage noch, schrieb ich nach Moskau auch an Iwan -und erklärte ihm alles, so gut es brieflich ging, in sechs Bogen, und -bat ihn, zu ihr zu gehen, schickte ihn zu ihr. Warum blickst du mich so -an? Nun ja, Iwan verliebte sich in sie, ist auch jetzt noch in sie -verliebt, ich weiß es genau. Eurer Meinung nach beging ich eine -Dummheit, und so urteilt auch die ganze Welt, vielleicht aber wird -gerade diese Dummheit uns alle retten! Ach! Siehst du denn nicht, wie -sie ihn verehrt, wie hoch sie ihn achtet? Kann sie denn überhaupt, wenn -sie uns beide vergleicht, solch einen wie mich lieben, und das noch nach -allem, was hier vorgefallen ist?“ - -„Ich bin überzeugt, daß sie gerade so einen wie dich liebt und nicht so -einen wie ihn.“ - -„Sie liebt ihre eigene Hochherzigkeit, aber nicht mich,“ kam es -plötzlich fast ingrimmig über Dmitrij Fedorowitschs Lippen. Er lachte -kurz auf, doch schon nach einer Sekunde blitzten seine Augen, und er -schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch. - -„Ich schwöre es dir, Aljoscha,“ rief er, in einer furchtbaren Wut auf -sich selbst, „glaub es mir oder glaub es mir nicht, doch so wahr, wie -Gott heilig und Christus unser Herr ist, schwöre ich dir, daß ich, wenn -ich auch soeben über ihre Gefühle lachte, doch weiß, daß diese ihre -Gefühle ebenso rein sind wie die Gefühle eines himmlischen Engels! Das -ist ja die Tragödie, daß ich das genau weiß! Was will es besagen, daß -der Mensch ein wenig deklamiert? Deklamiere ich denn etwa nicht? Und -doch bin ich aufrichtig, ehrlich aufrichtig. Was aber Iwan anbetrifft, -so begreife ich doch, mit welch einem Fluch er jetzt auf die Fügung der -Natur blicken muß, und das noch bei seinem Verstande! Wem – bedenke doch -nur – wem der Vorzug gegeben wird! Dem Scheusal, diesem Wüstling, der -selbst als Verlobter, und obwohl ihn alle beobachten, von seinem wüsten -Leben nicht lassen kann – und das vor den Augen seiner Braut, seiner -Braut! Und nun wird solch einer, wie ich, vorgezogen, und Er wird -verschmäht! Und warum nur? Weil das Mädchen aus Dankbarkeit ihr Leben -und ihr Schicksal vergewaltigen will! O Sinnlosigkeit! Ich habe Iwan in -diesem Sinne niemals etwas gesagt, und Iwan hat natürlich auch zu mir -mit keiner Silbe davon gesprochen, nie, nie etwas erwähnt. Doch das -Schicksal wird entscheiden, und der Würdige wird an die Stelle des -Unwürdigen treten, und der Unwürdige wird auf ewig in der Winkelgasse -verschwinden – in seiner schmutzigen Winkelgasse, und dort wird er im -Schmutz und Gestank freiwillig und mit Entzücken zugrunde gehen. Ach, -wieder rede ich fades Zeug, meine Worte sind alle so abgenutzt, stelle -sie immer irgendwie aufs Geratewohl. Doch so, wie ich es bestimmt habe, -so wird es sein. Ich in die Winkelgasse, und sie muß Iwan heiraten.“ - -„Erlaube, Mitjä,“ unterbrach ihn Aljoscha ungewöhnlich erregt. „Du hast -mir bis jetzt noch immer nicht das eine erklärt: Du bist doch mit ihr -verlobt, bist doch ihr Verlobter? Wie willst du dann die Verlobung -aufheben, wenn sie, deine Braut, es nicht will?“ - -„Ja, ich bin ihr Verlobter, die Verlobung wurde in Moskau gleich nach -meiner Ankunft gefeiert, wie es sich gehört, in großer Gala, mit -Heiligenbildern und so: _comme il faut_. Die Generalin segnete mich, und -– was glaubst du wohl – beglückwünschte sogar Katjä: Du hast eine gute -Wahl getroffen, ich kenne ihn ganz. Und denk doch, Iwan liebte sie -nicht, und sie wünschte ihm auch kein Glück. In Moskau besprach ich noch -vieles mit Katjä; ich sagte ihr, wer ich bin, beschönigte nichts, sprach -aufrichtig und edel. Sie hörte bis zum Schluß zu, nun, und: - - ‚Süße Verwirrung gab es, - Und manch zärtliches Wort ...‘ - -„Nun, es gab auch stolze Worte. Sie rang mir damals das große, heilige -Versprechen ab, mich zu bessern. Ich gab das Versprechen. Und nun ...“ - -„Was?“ - -„Und nun habe ich dich hergerufen und über den Zaun gelockt, heute, -heutigen Datums – behalt das! – um dich heute noch zu Katerina Iwanowna -zu schicken, und ...“ - -„Und?“ - -„Und ihr durch dich sagen zu lassen, daß ich niemals mehr zu ihr kommen -werde – und ihr meinen Abschiedsgruß sende.“ - -„Wie ist das nur möglich?“ - -„Aber darum schicke ich doch dich, anstatt daß ich selbst hingehe, weil -das unmöglich ist, denn wie sollte ich ihr selbst das sagen?“ - -„Aber wohin willst du denn?“ - -„In die Winkelgasse.“ - -„Zu Gruschenka?“ rief Aljoscha und sah ihn erschrocken und traurig an. -„So hat Rakitin vielleicht doch die Wahrheit gesagt? Ich glaubte, daß du -nur so zu ihr gingest, und das wäre alles.“ - -„Und das als – Verlobter? Meinst du das im Ernst? Wie ist denn das -möglich, wenn man solch eine Braut hat, und ... und so öffentlich? Nein, -meine Ehre habe ich noch, sei unbesorgt. Sowie ich zu Gruschenka zu -gehen begann, hörte ich sofort auf, Katjäs Verlobter und ein Ehrenmann -zu sein, das begreife ich doch selbst. Warum siehst du mich so an? Ja, -siehst du, ich ging ganz zuerst hin, um sie zu prügeln. Ich erfuhr es -aus sicherer Quelle, daß dieser Gruschenka von Papachens Anwalt, jenem -rotbärtigen Hauptmann, mein Wechsel übergeben worden war, damit sie ihn -einklage, um mich still zu machen. Und so begab ich mich denn zu -Gruschenka, um sie zu verprügeln. Ich hatte sie auch früher schon -flüchtig gesehen. Sie frappiert nicht sonderlich. Von dem alten Kaufmann -wußte ich, der jetzt zum Überfluß noch krank, halb gelähmt ist, ihr aber -doch ein bedeutendes Sümmchen hinterlassen wird. Auch wußte ich, daß sie -Geld zu verdienen liebt, sogar viel verdient, ihr Geld zu hohen -Prozenten verleiht, daß sie schlau und erbarmungslos ist. Ich ging, um -sie zu schlagen und – blieb bei ihr. Das Gewitter zog auf, der Blitz -schlug ein, die Seuche steckte mich an, und ich bin ihr anheimgefallen. -Weiß ich doch, daß jetzt alles aus ist, daß es jetzt nie mehr etwas -anderes geben wird. Der Ring der Zeiten ist vollendet; das ist alles. -Damals aber befanden sich gerade, wie vom Verhängnis geschickt – in -meiner Tasche, in meiner, obgleich ich doch nichts mehr besaß, -dreitausend Rubel. Wir fuhren dann sofort nach Mokroje, das ist -fünfundzwanzig Werst von hier. Ich bestellte Zigeuner und Zigeunerinnen -hin, Champagner, ließ dort allen Bauern, Weibern, Mädeln Champagner -geben, bis sie betrunken waren, warf die Tausende hinaus. Nach drei -Tagen war alles durchgebracht. Du glaubst, ich hätte etwas erreicht? -Nicht einmal an sich herankommen ließ sie! Ich sage dir: Gruschenka, der -Racker, hat solch eine Linie, die sich selbst an ihrem Füßchen -wiederholt, sogar im kleinen Zehchen des linken Fußes. Hab selbst -gesehen und geküßt, aber das ist auch alles – ich schwöre es dir! Sie -sagt: ‚Wenn du willst, werde ich dich heiraten, denn du hast ja nichts. -Versprich mir, daß du mich nicht schlagen und mir alles zu tun erlauben -wirst, was ich will, dann werde ich dich vielleicht heiraten,‘ und -lacht. Auch jetzt lacht sie!“ - -Dmitrij Fedorowitsch erhob sich plötzlich, fast jähzornig und war wie -trunken. Seine Augen wurden rot von andringendem Blut. - -„Und du willst sie wirklich heiraten?“ - -„Sobald sie will, ... sofort – will sie nicht! So bleibt es denn, wie es -ist; werde Hofknecht bei ihr werden. Du ... du, Aljoscha ...“ rief er, -blieb vor ihm stehen, ergriff ihn an den Schultern und schüttelte ihn -plötzlich aus aller Kraft, „– weißt du auch, du unschuldiger Knabe, daß -das Fieberwahn ist, sinnloser Fieberwahn? Jawohl, hier ist Tragödie! So -höre denn, Alexei, ich kann wohl ein niedriger Mensch sein, mit -niedrigen, verderblichen Leidenschaften, doch ein Dieb, ein Taschendieb, -ein kleiner, schmutziger Taschendieb kann Dmitrij Karamasoff nie und -nimmer sein! Nun, und so wisse denn jetzt, daß ich ein Dieb bin, ein -gemeiner Taschendieb! Gerade kurz vordem, als ich zu Gruschenka ging, um -sie durchzuprügeln, ruft mich am selben Morgen Katerina Iwanowna zu sich -und bittet mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, damit es -vorläufig niemand erfahre (warum es niemand erfahren darf, weiß ich -nicht, augenscheinlich aber war’s wohl so nötig), und bittet mich, in -die Gouvernementsstadt zu fahren, und von dort aus durch die Post -dreitausend Rubel nach Moskau an Agafja Iwanowna zu schicken, und zwar -darum aus der Gouvernementsstadt, damit man es hier nicht erführe. Mit -diesen Dreitausend ging ich zu Gruschenka, und mit eben diesem Gelde -fuhren wir nach Mokroje. Später tat ich so, als ob ich tatsächlich in -die Gouvernementsstadt gefahren wäre, schickte ihr aber keine -Postquittung zu, ließ sagen, ich hätte das Geld abgeschickt und würde -bald selbst mit der Quittung kommen, habe sie aber bis heute noch nicht -hingebracht – ‚hab’s vergessen!‘ Nun aber – nun gehst du heute hin und -sagst ihr: ‚Er hat mich beauftragt, Ihnen seinen Abschiedsgruß zu -überbringen.‘ Sie wird dich wohl fragen: ‚Und das Geld?‘ Da könntest du -ihr denn sagen: ‚Er ist ein niedriger Wollüstling, ein Mensch mit -unbezähmbaren Leidenschaften. Er hat damals Ihr Geld nicht abgeschickt, -sondern durchgebracht, denn er konnte sich als niedriges Tier nicht -zügeln.‘ Und du könntest noch hinzufügen: ‚Doch ist er deswegen kein -Dieb, hier sind Ihre Dreitausend, er schickt Ihnen das Geld zurück, -übersenden Sie es selbst Agafja Iwanowna, mich aber beauftragte er Ihnen -seinen Abschiedsgruß zu überbringen.‘ ‚Ja, aber,‘ wird sie dich fragen: -‚Und wo ist das Geld?‘“ - -„Mitjä, du bist unglücklich, das ist wahr! Aber doch nicht so sehr, wie -du denkst, töte dich nicht durch Verzweiflung, töte dich nicht!“ - -„Ach, du glaubst, ich würde mich erschießen, wenn ich nicht irgendwoher -die Dreitausend bekomme, um sie ihr zurückzugeben? Das ist es ja, daß -ich mich nicht erschießen werde! Ich habe jetzt nicht die Kraft dazu, -später vielleicht einmal, jetzt aber werde ich zu Gruschenka gehen ... -Bin sowieso verloren!“ - -„Und was willst du bei ihr?“ - -„Werde ihr Gemahl sein, wenn sie mich dessen für würdig hält – wenn aber -ihre Liebhaber kommen, werde ich ins andere Zimmer gehen. Werde die -schmutzigen Galoschen ihrer Freunde reinigen, den Ssamowar anblasen, ihr -Laufbursche sein ...“ - -„Katerina Iwanowna wird alles verstehen,“ sagte Aljoscha plötzlich sehr -ernst, „sie wird die ganze Tiefe dieser Qual verstehen und alles -verzeihen. Sie hat einen klaren Verstand und ein großes Herz, sie wird -begreifen, daß man unglücklicher als du nicht sein kann.“ - -„Nein, sie wird nicht verzeihen,“ meinte Mitjä lächelnd. „Hier, Freund, -handelt es sich um etwas, das kein Weib verzeihen kann. Weißt du aber, -was jetzt das Beste wäre?“ - -„Was?“ - -„Ihr die Dreitausend zurückzugeben.“ - -„Aber woher sie nehmen? Hör, Mitjä, ich habe zweitausend, Iwan wird auch -noch tausend geben, da hast du die drei, nimm sie und gib sie ihr.“ - -„Haha, wann werden denn diese Dreitausend hier ankommen? Du bist ja noch -nicht einmal mündig, und doch mußt du unbedingt, un–be–dingt heute noch -zu ihr gehen und meinen Gruß bestellen, einerlei, ob mit oder ohne Geld, -denn länger kann ich das nicht so hinziehen – wie die Dinge jetzt -liegen, ist es ganz unmöglich. Morgen wär’s schon zu spät, viel zu spät. -Alexei, geh zum Vater!“ - -„Zum Vater?“ - -„Ja, bevor du zu ihr gehst, geh noch zum Vater. Er hat Dreitausend -bereit liegen, erbitt sie von ihm.“ - -„Aber er wird sie doch nicht geben, Mitjä.“ - -„Fehlte noch, daß er sie gibt, ich weiß, daß er nichts geben wird. Weißt -du, Alexei, was Verzweiflung ist?“ - -„Ich weiß es.“ - -„Hör: Juridisch schuldet er mir nichts mehr. Ich habe schon alles von -ihm bekommen, alles, ich weiß es. Aber moralisch schuldet er mir noch, -das ist doch wahr, nicht? Denn nur dank der Achtundzwanzigtausend meiner -Mutter hat er die Hunderttausend verdienen können. Mag er mir jetzt nur -Dreitausend von den ganzen Achtundzwanzigtausend geben, nur drei, und er -würde meine Seele aus der Hölle erlösen, es wird ihm für viele Sünden -angerechnet werden! Ich aber würde, wenn er noch diese Dreitausend geben -wollte, nie mehr etwas von ihm erbitten, ich gebe dir mein Wort darauf, -– er würde nichts mehr von mir hören. Ich gebe ihm zum letztenmal -Gelegenheit, sich als Vater zu erweisen. Sage ihm, daß ihm Gott selbst -noch diese letzte Gelegenheit schickt.“ - -„Aber er wird doch ganz bestimmt nichts geben, Mitjä.“ - -„Ich weiß es, daß er nichts geben wird, weiß es selbst ganz genau. Und -jetzt erst recht nicht. Ich weiß sogar noch viel mehr: Erst jetzt, erst -in diesen Tagen, vielleicht erst gestern, hat er es _im Ernst_ erfahren -(unterstreich das im Ernst), daß Gruschenka vielleicht wirklich nicht -scherzt und mich vielleicht wirklich heiraten will. Er kennt diesen -Charakter, kennt diese Katze. Nun, sage doch selbst, soll er mir jetzt -zum Überfluß auch noch Geld geben, er, der doch selbst ihretwegen schon -den Verstand verloren hat? Aber auch das ist noch nicht alles, ich weiß -noch mehr: Ich weiß, daß bei ihm seit fünf Tagen dreitausend Rubel -bereit liegen, in Hundertrubelscheine ausgewechselt, und in einem großen -Kuvert unter fünf Siegeln, das noch mit einem roten Bändchen kreuzweis -umbunden ist. Siehst du, wie genau ich alles weiß! Und auf dem Kuvert -steht geschrieben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen -will,‘ das hat er selbst draufgekratzt heimlich in der Stille, und -niemand weiß, daß bei ihm dieses Geld bereit liegt, außer dem Diener -Ssmerdjäkoff, an dessen Ehrlichkeit der Alte mindestens ebenso fest -glaubt wie an seine eigene Existenz. Und jetzt erwartet er Gruschenka -schon seit drei oder vier Tagen, hofft, daß sie nach den Dreitausend -kommen wird, hat er ihr es doch sagen lassen, und sie hat darauf -geantwortet: ‚Vielleicht, ja vielleicht werde ich kommen.‘ Aber wenn sie -jetzt zum Alten kommt, wie kann ich sie dann heiraten? Begreifst du -jetzt, warum ich hier heimlich sitze, und wem ich auflauere?“ - -„Doch nicht Gruschenka?“ - -„Ja, Gruschenka. Hier in diesem Hause hat sich Foma eine Kammer -gemietet, bei diesen liederlichen Weibsbildern. Foma ist unser gewesener -Soldat, stand in meiner Kompagnie. Er dient ihnen jetzt gewissermaßen, -wacht in der Nacht, und am Tage geht er Birkhühner schießen, und davon -lebt er. Ich habe jetzt hier bei ihm Anker geworfen. Doch weder er noch -die beiden Weiber wissen es, daß ich hier auf der Lauer sitze.“ - -„Nur Ssmerdjäkoff weiß es?“ - -„Nur er allein. Er wird es mir denn auch sagen, wenn sie zum Alten -kommt.“ - -„Und er hat dir auch das vom Kuvert gesagt?“ - -„Ja, er. Aber das ist das größte Geheimnis. Selbst Iwan weiß weder von -dem Gelde noch sonst etwas. Der Alte aber will Iwan unbedingt auf zwei -oder drei Tage nach Tschermaschnjä schicken: Es hat sich ein Käufer für -den Wald gefunden, will ihn für Achttausend fällen, und so bittet denn -der Alte himmelhoch Iwan: ‚Hilf mir, fahr selbst hin,‘ – damit wäre er -ihn auf zwei-drei Tage los. Er will nämlich, daß Gruschenka in seiner -Abwesenheit kommt.“ - -„Dann erwartet er sie also auch heute?“ - -„Nein, heute wird sie nicht kommen, aller Voraussicht nach. Sie wird -bestimmt nicht kommen!“ rief Mitjä plötzlich erregt. „Auch Ssmerdjäkoff -glaubt, daß sie nicht kommen wird. Der Alte trinkt jetzt wieder, sitzt -mit Iwan bei Tisch. Geh, Alexei, bitte ihn um diese Dreitausend ...“ - -„Mitjä, Lieber, was ist mit dir!“ rief Aljoscha aufspringend und blickte -erregt in das entstellte Gesicht Dmitrij Fedorowitschs. Einen Moment -glaubte er schon, daß jener irrsinnig geworden sei. - -„Was hast du? Ich bin nicht wahnsinnig,“ sagte Dmitrij Fedorowitsch, und -sein Auge blickte aufmerksam und fast triumphierend den Bruder an. „Ja, -ich schicke dich zum Vater und weiß, was ich tue: Ich glaube an ein -Wunder.“ - -„An ein Wunder?“ - -„An ein Wunder der Vorsehung Gottes. Gott kennt mein Herz. Er sieht -meine ganze Verzweiflung. Er sieht alles. Sollte Er wirklich das -Grauenvolle zulassen? Aljoscha, ich glaube an ein Wunder, geh!“ - -„Ich werde gehen. Wirst du hier warten?“ - -„Ja. Ich weiß, daß du nicht so bald zurückkommen wirst, das kann man -doch nicht gleich, nach dem ersten Wort! Er ist jetzt betrunken. Ich -werde hier sitzen und warten, drei Stunden, vier Stunden, fünf, sechs, -sieben Stunden ... Nur mußt du wissen, daß du heute, und wenn auch um -Mitternacht, zu Katerina Iwanowna gehen wirst, _mit oder ohne Geld_, um -ihr zu sagen: ‚Er schickt Ihnen seinen Abschiedsgruß.‘ Ich will, daß du -es ihr gerade mit diesen Worten sagst: ‚Abschiedsgruß‘.“ - -„Mitjä! Plötzlich aber kommt Gruschenka heute ... oder wenn nicht heute, -dann morgen ... oder übermorgen?“ - -„Gruschenka? Werde sehen, werde hineinstürzen und verhindern ...“ - -„Wenn aber ...“ - -„Und wenn aber, dann schlage ich tot. So überlebe ich es nicht.“ - -„Wen willst du erschlagen?“ - -„Den Alten. Sie werde ich nicht erschlagen.“ - -„Dmitrij, was redest du!“ - -„Ich weiß es doch nicht, weiß es selbst nicht ... Vielleicht werde ich -ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. Ich fürchte, er wird -mir in dem Augenblick zu widerlich werden mit seinem Gesicht. Ich hasse -sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Gelächter. Ich -fühle schon den Ekel. Das ist es, was ich fürchte. Und so werde ich mich -denn nicht bezwingen können ...“ - -„Ich gehe, Mitjä. Ich glaube, daß Gott es lenken wird, nach seinem -besseren Wissen, damit das Entsetzliche nicht geschehe.“ - -„Ich aber werde hier sitzen und auf das Wunder warten. Doch wenn das -Wunder nicht geschieht, so ...“ - -Nachdenklich ging Aljoscha zu seinem Vater. - - - VI. - Ssmerdjäkoff - -Er traf seinen Vater noch beim Mittagessen an. Der Tisch war wie -gewöhnlich im Saal gedeckt, obgleich es im Hause auch ein großes -Speisezimmer gab. Dieser Saal war jedoch der größte Raum im ganzen Hause -und mit einem etwas unmodischen Prunk ausgestattet. Die Möbel waren sehr -alt, in Weiß und Gold, mit rotem, altem, halbseidenem Bezug. An den -Pfeilern zwischen den Fenstern waren Spiegel eingesetzt in alten, -geschnitzten, verschnörkelten und gleichfalls weiß-goldenen Rahmen. Die -Wände, deren weiß-goldene Papiertapeten schon an vielen Stellen Risse -hatten, schmückten zwei große Porträts: das eine das Bildnis irgendeines -Fürsten, der vor etwa dreißig Jahren unser General-Gouverneur gewesen -war, und das andere – irgendeines Erzbischofs, der gleichfalls nicht -mehr lebte. In der vorderen Ecke hingen einige Heiligenbilder, vor denen -zur Nacht das Lämpchen angezündet wurde ... weniger aus Frömmigkeit, -vielmehr um zu verhüten, daß es in der Nacht im Zimmer ganz dunkel -wurde. Fedor Pawlowitsch ging sehr spät zu Bett, erst um drei oder vier -Uhr morgens, bis dahin aber ging er entweder im Zimmer herum, oder er -saß im Lehnstuhl und sann. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden. Nicht -selten schlief er ganz allein im großen Hause, da er zur Nacht alle -Dienstboten in das Nebengebäude schickte, doch blieb jetzt in letzter -Zeit der Diener Ssmerdjäkoff bei ihm und schlief dann im Vorzimmer auf -der Truhe. Als Aljoscha eintrat, war das Mittagessen schon beendet, es -wurden bereits eingemachte Früchte und Kaffee gereicht. Fedor -Pawlowitsch liebte nach dem Essen Süßigkeiten und Kognak als Abschluß. -Iwan Fedorowitsch saß auch noch bei Tisch und trank seinen Kaffee. Die -beiden Diener, Grigorij und Ssmerdjäkoff, waren gleichfalls zugegen. Die -Herrschaft wie die Dienerschaft war ersichtlich ungewöhnlich heiter -gestimmt. Fedor Pawlowitsch lachte laut; Aljoscha hörte schon im -Vorzimmer ein schreiendes, ihm von früher so gut bekanntes Gelächter und -sagte sich sofort, daß sein Vater, nach der Art dieses Gelächters zu -urteilen, noch längst nicht betrunken, sondern vorläufig nur aufgeräumt -war. - -„Ah, da kommt auch er, da ist er ja!“ rief Fedor Pawlowitsch ungeheuer -erfreut über Aljoschas Kommen. „Gesell dich zu uns, setz dich, hier, so, -willst du ein Täßchen Kaffee, – das ist doch Fastengetränk, ganz heiß, -vorzüglich, sieh! Kognak biete ich dir gar nicht an, zu profan für dich, -oder willst du, willst du doch? Wart, ich werde dir lieber ein Likörchen -geben, pikfein! sage ich dir. – Ssmerdjäkoff, geh mal schnell, sieh im -Schränkchen, auf dem zweiten Brett rechts, – fix!“ - -Aljoscha wollte auch für den Likör danken, doch sein Vater ließ ihn kaum -zu Wort kommen. - -„Einerlei, er wird sofort gebracht, sofort, sofort, wenn nicht für dich, -dann für uns,“ unterbrach er ihn strahlend. „Doch halt, hast du -überhaupt zu Mittag gegessen?“ - -„Ja, ich habe schon gegessen,“ sagte Aljoscha, der in Wirklichkeit nur -ein Stück Brot in der Küche des Priors genossen und Kwas dazu getrunken -hatte. „Aber heißen Kaffee würde ich ganz gern trinken.“ - -„Das ist brav von dir! Er wird Kaffee trinken! Soll man ihn nicht noch -schnell heiß machen? Nein, nein, nicht nötig, er kocht ja noch jetzt. Es -is’ ’n tadelloser Mokka, Ssmerdjäkoffscher! In Pasteten und Piroggen ist -Ssmerdjäkoff ein wahrer Künstler, sag ich dir, richtig: und auch noch in -Fischsuppe, das ist wahr. Du mußt einmal unbedingt zu Fischsuppe kommen, -melde dich aber vorher an ... Ach! ganz verschwitzt, da fällt mir soeben -ein, ich befahl dir doch vorhin, heute noch samt Kissen und Federbetten -zu mir überzusiedeln? He–he, hast die Federbetten mitgeschleppt, wie? -He–he–he! ...“ - -„Nein, ich habe sie nicht mitgebracht,“ sagte Aljoscha gleichfalls -lächelnd. - -„Ah – nun, aber ’nen Schreck hast du doch vorhin bekommen, gesteh’s nur, -wie, nicht? Ach du, mein Herzensjunge, wie könnte ich dich nur -beleidigen! Weißt du, Iwan, ich kann’s nicht ansehen, wenn er einem so -in die Augen blickt und dabei lacht, kann’s wahrhaftig nicht! Mein -ganzes Zwerchfell beginnt gleich über ihn zu lachen, ich liebe ihn doch! -Aljoschka, laß mich dir meinen väterlichen Segen geben.“ - -Aljoscha erhob sich, doch Fedor Pawlowitsch hatte sich schon besonnen. - -„Nein, nein, nicht jetzt, jetzt werde ich dich nur einmal bekreuzen, so, -setz dich. Jetzt gibt’s aber ’nen Heidenspaß, gerade auf dein Thema, -wirst dich krank lachen! Bei uns hat endlich einmal Bileams Esel das -Maul aufgetan, und wie noch, und wie noch, ach Gott!“ - -Als Bileams Esel erwies sich der Diener Ssmerdjäkoff. Es war das ein -noch ziemlich junger Mann von etwas über vierundzwanzig Jahren. Er war -sehr menschenscheu und schweigsam. Doch nicht etwa scheu im gewöhnlichen -Sinne oder verschämt, nein, dem Charakter nach war er sogar hochmütig -und anmaßend, ja, er schien sogar alle zu verachten. Ich sehe mich -veranlaßt, gerade bei dieser Gelegenheit schon einiges über ihn zu -sagen. Erzogen hatten ihn Marfa Ignatjewna und Grigorij Wassiljewitsch, -doch der Knabe wuchs „ohne jede Dankbarkeit“ auf, wie sich Grigorij über -ihn äußerte, als scheues, mißtrauisches Kind. In seiner Kindheit liebte -er es sehr, Katzen zu erhängen und sie dann mit großen Zeremonien zu -beerdigen. Zu diesem Zweck nahm er sich ein Bettuch um, das wohl das -Meßgewand ersetzen sollte, und sang und schwenkte irgend etwas über der -toten Katze wie ein Weihrauchfaß. Alles das tat er heimlich, so daß es -niemand sehen konnte. Einmal überraschte ihn doch Grigorij bei dieser -feierlichen Handlung und bestrafte ihn schmerzhaft. Der Junge schlich -sich in die Ecke und schielte von dort eine ganze Weile lang nur -mißtrauisch auf seine Erzieher. „Er liebt uns nicht, diese Mißgeburt,“ -sagte Grigorij zu Marfa Ignatjewna, „scheint gar niemanden zu lieben. -Bist du überhaupt ein Mensch,“ wandte er sich plötzlich an den Jungen, -„nein, du, du bist kein Mensch, du bist aus Badstubennässe entsprossen, -jetzt weißt du, wer du bist!“ Wie sich später herausstellte, konnte ihm -Ssmerdjäkoff diese Worte nie verzeihen. Grigorij brachte ihm das -Schreiben und Lesen bei, und als der Knabe zwölf Jahre alt wurde, begann -er ihn in biblischer Geschichte zu unterrichten. Doch das gute Vorhaben -sollte ein schnelles Ende nehmen. In der zweiten oder dritten Stunde -erlaubte sich der Knabe plötzlich zu lächeln. - -„Was fehlt dir?“ fragte Grigorij sofort und blickte ihn streng über die -große, runde Brille an. - -„N–nichts ... Gott der Herr schuf die Welt am ersten Tage, die Sonne -aber, den Mond und die Sterne erst am vierten. Wie konnte es dann am -ersten Tage Tag sein, wenn es dunkel war?“ - -Grigorij erstarrte. Der Junge blickte spöttisch seinen Lehrer an. In -seinem Blick lag sogar etwas hochmütig Herausforderndes. Das war zu viel -für Grigorij. - -„Wie es sein konnte? So konnte es sein!“ schrie er seinen Schüler an und -gab ihm zur Erklärung eine schallende Ohrfeige. Der Junge ertrug die -Ohrfeige, ohne ein Wort zu sagen, zog sich aber wieder auf einige Tage -in seinen Winkel zurück. Da aber geschah es, daß er, gerade als eine -Woche nach dieser Ohrfeige vergangen war, zum erstenmal einen Anfall der -Fallsucht bekam, von der er nicht mehr geheilt werden sollte. Als Fedor -Pawlowitsch das erfuhr, veränderte er plötzlich sein Verhalten zu dem -Knaben. Früher schien er ganz gleichgültig auf ihn zu blicken, obgleich -er ihn nie schimpfte und ihm, wenn er ihn auf dem Hofe traf, gewöhnlich -ein paar Kopeken gab. Zuweilen schickte er gut gelaunt vom Tisch etwas -Süßes für den Jungen, aber das war auch alles. Doch als er von der -Krankheit erfuhr, begann er sofort für ihn zu sorgen, ließ den Arzt -rufen, ließ ihn behandeln. Nur zeigte sich leider, daß nichts dabei zu -machen war. Im Durchschnitt hatte er ungefähr einen Anfall monatlich, -und zwar zu verschiedenen Zeiten. Die Anfälle waren verschieden stark, -zuweilen leicht, zuweilen sehr heftig. Fedor Pawlowitsch verbot Grigorij -strengstens, den Jungen körperlich zu bestrafen und erlaubte von da ab, -daß der Knabe auch zu ihm ins Herrenhaus kam. Ihn irgend etwas lernen zu -lassen, verbot er vorläufig gleichfalls. Einmal aber, als der Knabe -schon fünfzehn Jahre alt war, bemerkte Fedor Pawlowitsch, daß er sich am -Bücherschrank herumtrieb und sich bemühte, durch das Glas die Titel zu -entziffern. Fedor Pawlowitsch hatte im Hause eine ziemliche Menge alter -Bücher, doch hatte ihn noch niemand mit einem Buch in der Hand gesehen. -Er übergab sofort den Bücherschrankschlüssel dem kleinen Ssmerdjäkoff. -„Da, nimm, lies soviel du willst, kannst mein Bibliothekar sein; das ist -immerhin besser, als daß du dich auf dem Hof herumtreibst. Sieh mal, -dieses Buch kannst du lesen,“ – und Fedor Pawlowitsch gab ihm Gogols -„Abende auf dem Meierhof bei Dikanka“. - -Der Junge las das Buch, blieb aber unbefriedigt von dem Werk, lachte -kein einziges Mal, im Gegenteil, beendete es eher mürrisch und -verstimmt. - -„Nun? Gefällt es dir denn nicht?“ erkundigte sich Fedor Pawlowitsch. - -Ssmerdjäkoff schwieg. - -„Sprich, Esel.“ - -„Alles das ist unwahr geschrieben,“ brummte schließlich Ssmerdjäkoff mit -einem halben Lächeln. - -„Noch was Neues! Äh, zum Teufel mit dir, bist doch ’ne Dienerseele. -Wart, hier hast du Ssmaragdoffs ‚Allgemeine Geschichte‘, darin ist -nichts gelogen, lies mal das.“ - -Doch Ssmerdjäkoff las von Ssmaragdoffs „Allgemeiner Geschichte“ kaum die -ersten zehn Seiten, als ihm auch dieses Buch langweilig erschien. Und so -schloß sich denn der Bücherschrank wieder für ihn. Bald darauf meldeten -aber Marfa und Grigorij ihrem Herrn, daß Ssmerdjäkoff seit einiger Zeit -ein furchtbarer Mäkler geworden sei: Sitzt bei Tisch, nimmt den Löffel -und beginnt plötzlich in der Suppe zu suchen und zu suchen, rückt den -Teller hin, rückt ihn her, nimmt einen Löffel voll, hebt ihn auf, hält -ihn gegen das Licht, läßt die Suppe langsam vom Löffel auf den Teller -zurückfließen. - -„Was? Ist eine Schabe drin?“ fragt Grigorij. - -„Eine Fliege vielleicht,“ bemerkt Marfa. - -Doch der Sauberkeit liebende Jüngling antwortete nie, und mit dem Brot, -dem Fleisch und allen Speisen geschah dasselbe: Auf einmal hebt er an -der Gabel ein Stück Fleisch empor, betrachtet es wie unterm Mikroskop, -scheint lange unschlüssig zu sein, bis er sich endlich doch entschließt, -das Stück in den Mund zu befördern. „Sieh doch, was das für ein Herr -wird,“ brummte zuweilen Grigorij bei seinem Anblick. Als Fedor -Pawlowitsch von dieser neuen Eigenschaft Ssmerdjäkoffs hörte, beschloß -er sofort, ihn Koch werden zu lassen und zur Erlernung dieser Kunst nach -Moskau zu schicken. Ssmerdjäkoff blieb etliche Jahre in Moskau und -kehrte dann stark verändert wieder zurück. Er war auffallend gealtert, -ganz unverhältnismäßig zu seinen Jahren, sein Gesicht war runzelig und -gelb geworden, er glich beinahe einem Sektierer. Innerlich war er jedoch -derselbe, der er vor der Fahrt nach Moskau gewesen war: War ebenso -ungesellig und empfand auch nicht das geringste Bedürfnis nach Umgang -mit anderen Menschen. Wie wir später erfuhren, soll er auch in Moskau -stets geschwiegen haben; die Stadt selbst hatte ihn sehr wenig -angezogen, und so hatte er denn auch nur sehr wenig von ihr gesehen, das -meiste gar nicht beachtet. Einmal soll er auch im Theater gewesen sein, -doch hieß es, daß er verstimmt und unzufrieden mit dem Gesehenen -heimgekehrt sei. Dafür aber kam er bei uns gut gekleidet wieder an, in -einem reinen, schwarzen Überrock und mit guter Wäsche. Er bürstete seine -Kleider sorgfältigst zweimal täglich, und seine kalbledernen Stiefel -putzte er mit einer ganz besonderen, englischen Wichse so lange, bis sie -wie Spiegel glänzten. Er erwies sich als vorzüglicher Koch. Fedor -Pawlowitsch setzte ihm denn auch ein festes Monatsgehalt aus, das -Ssmerdjäkoff aber restlos für Kleider, Pomaden, Parfüm usw. verbrauchte. -Was das weibliche Geschlecht anbetraf, so schien er es nicht weniger zu -verachten als das männliche, war im Umgang mit ihm sehr zurückhaltend, -wenn nicht gar unnahbar. Fedor Pawlowitsch begann aber bald noch mit -anderen Augen seinen Ssmerdjäkoff zu betrachten. Die Sache war nämlich -die, daß die Anfälle seiner Krankheit häufiger und stärker auftraten als -früher und an diesen Tagen das Essen von Marfa Ignatjewna zubereitet -werden mußte, was Fedor Pawlowitsch durchaus nicht mehr paßte. - -„Warum hast du denn jetzt die Anfälle so oft?“ fragte er seinen neuen -Koch mit einem aufmerksamen Seitenblick auf ihn. „Wenn du vielleicht -irgendeine heiraten würdest; willst du, ich werde dich verheiraten!“ - -Auf solche Reden antwortete Ssmerdjäkoff kein Wort, er erbleichte nur -vor Unwillen. Fedor Pawlowitsch gab ihn schließlich auf. Vor allen -Dingen hatte er sich ein für allemal überzeugt, daß Ssmerdjäkoff ehrlich -war und nie etwas stehlen werde. Er hatte nämlich einmal in etwas stark -angeheitertem Zustande auf seinem eigenen Hof drei Hundertrubelscheine -verloren, die er kurz vorher erhalten hatte, doch vermißte er sie erst -am nächsten Tage; als er sie aber in allen Taschen zu suchen begann, -bemerkte er plötzlich, daß sie alle drei auf seinem Schreibtisch lagen. -Wie waren sie dorthin gekommen? Ssmerdjäkoff hatte sie gefunden und -hingelegt. „Nun, mein Lieber, solch einen wie du habe ich denn doch noch -nicht gesehen,“ meinte Fedor Pawlowitsch und schenkte ihm zehn Rubel. -Ich muß hinzufügen, daß er nicht nur von seiner Ehrlichkeit überzeugt -war, sondern ihn auch noch aus einem unbekannten Grunde liebte, obgleich -jener ihn ebenso scheel ansah wie alle anderen, und ihm gegenüber ebenso -wortkarg war. Nur selten begann er von selbst zu sprechen. Wenn damals -jemand bei seinem Anblick gefragt hätte: Wofür interessiert sich -eigentlich dieser Mensch, was hat er am häufigsten im Sinn, so hätte man -es wirklich nicht sagen können. Währenddessen aber kam es vor, daß er im -Hause oder auf dem Hof oder auch auf der Straße plötzlich tief -nachdenklich stehen blieb und so zuweilen ganze zehn Minuten lang -dastand. Ein Physiognomiker hätte gesagt, daß es weder Nachdenklichkeit -noch Grübelei war, sondern so eine gewisse Kontemplation. Von dem Maler -Kramski gibt es unter anderem ein sehr bemerkenswertes Bild: es heißt -„Der Beschauliche“. Mitten auf dem verschneiten Waldwege steht in einem -alten Mäntelchen und in alten Bastschuhen ein Bäuerlein, steht ganz -allein, und als ob er ganz in Gedanken versunken wäre, doch er denkt -nichts, er ist nur „beschaulich“. Würde man ihn stoßen, so würde er -zusammenfahren und einen, wie aus dem Schlaf erwachend, ansehen, ohne -jedoch etwas zu verstehen. Zwar würde er sofort zu sich kommen, doch -wollte man ihn fragen, woran er gedacht, als er stand, so würde er es -bestimmt nicht sagen können – dafür aber wird er zweifellos die -Empfindung, die er während der Zeit seiner „Beschaulichkeit“ gehabt, auf -ewig in seinem Innern behalten. Diese Empfindungen sind ihm teuer, und -sicher sammelt er sie in sich auf, ohne es auch nur zu wissen – warum -und wozu weiß er bestimmt gleichfalls nicht: Vielleicht macht er sich -dann plötzlich auf und pilgert nach Jerusalem zum Heiligen Grabe, -vielleicht aber ergreift ihn auch die Sehnsucht nach dem Heimatdorf, -oder vielleicht geschieht das eine wie das andere. Solcher Menschen gibt -es viele im Volk. Und einer von denen war nun zweifellos Ssmerdjäkoff, -und bestimmt sammelte er gleichfalls gierig seine Eindrücke, fast ohne -selbst zu wissen, warum. - - - VII. - Die Kontroverse - -Aber siehe da, plötzlich tat Bileams Esel das Maul auf. Das Thema war -ein ganz sonderbares, zufälliges: Grigorij hatte am Morgen, als er beim -Kolonialwarenhändler Lukjanoff einkaufte, durch diesen von einem -russischen Soldaten gehört, der irgendwo fern an der Grenze bei den -Asiaten, in deren Gefangenschaft er geraten war, den Märtyrertod für -seinen Glauben erduldet hatte. Seine Peiniger hatten von ihm unter -Androhung der größten Foltern verlangt, vom Christentum zum Islam -überzutreten, er aber hatte sich die Haut abziehen lassen und war, den -Namen Christi preisend, gestorben. Die Nachricht von dieser Heldentat -hatte gerade in den Morgenblättern gestanden. Grigorij nun erlaubte -sich, bei Tisch das Gehörte zu erzählen. Fedor Pawlowitsch sah es auch -früher schon nicht ungern, wenn Grigorij, nachdem er alles serviert -hatte, noch bei Tisch stehen blieb, denn er liebte es, beim Dessert zu -sprechen oder zu scherzen, und wenn er allein speiste, so tat er es eben -mit Grigorij. Diesmal war er besonders gut gelaunt. Als er nun beim -Kognak die erwähnte Geschichte von dem gemarterten Soldaten hörte, -meinte er, man müsse diesen Märtyrer sofort heilig sprechen und seine -abgezogene heilige Haut in irgendein Kloster bringen, und schloß mit dem -Ausruf: „Wie das Volk und Geld anziehen würde!“ Grigorij runzelte die -Stirn, da er sah, daß Fedor Pawlowitsch sich nicht im geringsten rühren -ließ, sondern wie gewöhnlich mit seiner Religionsspötterei begann – als -plötzlich Ssmerdjäkoff, der an der Tür stand, spöttisch lächelte. -Ssmerdjäkoff hatte auch früher häufig zum Schluß der Mahlzeit mit -Grigorij im Zimmer gestanden, seit der Ankunft Iwan Fedorowitschs jedoch -war er ausnahmslos jedesmal erschienen. - -„Was hast du?“ fragte Fedor Pawlowitsch, der das Lächeln bemerkt und -sofort erraten hatte, daß es sich auf Grigorij bezog. - -„Ich erlaube mir nur zu meinen,“ sagte Ssmerdjäkoff plötzlich mit ganz -unerwartet lauter Stimme, „daß, wenn die Tat des lobenswerten Soldaten -auch sehr gewaltig ist, wie ich meine, es doch hinwiederum keine Sünde -gewesen wäre, wenn er sich in besagter Bedrängnis beispielsweise von -Christi Namen und von seiner eigenen Taufe losgesagt hätte, um auf -selbige Weise sein Leben für gute Taten zu erhalten, mit welchen er im -Laufe der Jahre seine Kleinmütigkeit auskaufen könnte.“ - -„Wie soll denn das keine Sünde sein? Du faselst, mein Lieber, dafür -kommst du direkt in die Hölle, wo man dich noch wie Hammelbraten rösten -wird,“ widersprach ihm Fedor Pawlowitsch. - -In dem Augenblick trat Aljoscha ein, und Fedor Pawlowitsch freute sich -ungemein über sein Kommen. - -„Ein Thema für dich, für dich!“ rief er fröhlich kichernd Aljoscha zu. - -„Geröstetwerden wie Hammelbraten? Das ist nicht so, und es wird mir dort -nichts dafür geschehen, und nach aller Gerechtigkeit muß dort auch -nichts Derartiges sein,“ bemerkte Ssmerdjäkoff solide überzeugt. - -„Wie das, nach aller Gerechtigkeit?“ fragte Fedor Pawlowitsch noch -lustiger und versetzte Aljoscha mit dem Knie unter dem Tisch heimlich -einen Stoß. - -„Ein gemeiner Mensch ist er, und das ist alles!“ platzte plötzlich -Grigorij heraus und blickte dabei Ssmerdjäkoff offen in die Augen. - -„In betreff des gemeinen Menschen gedulden Sie sich etwas, Grigorij -Wassiljewitsch,“ entgegnete ruhig und zurückhaltend Ssmerdjäkoff, „und -bedenken Sie lieber selbst, daß ich, wenn ich einmal in die -Gefangenschaft der Henker der Christenheit gefallen bin und sie von mir -verlangen, den Namen Gottes zu verfluchen und mich von meiner heiligen -Taufe loszusagen, ich also durch meine eigene Vernunft zu selbiger Tat -ermächtigt bin, denn hierbei kann von Sünde gar keine Rede sein.“ - -„Das hast du ja schon gesagt, schwatz nicht so viel, sondern beweise!“ -rief Fedor Pawlowitsch. - -„Suppendreher!“ stieß Grigorij verächtlich zwischen den Zähnen hervor. - -„In betreff des Suppendrehers gedulden Sie sich gleichfalls, und -bedenken Sie es lieber, ohne zu schimpfen, selbst, Grigorij -Wassiljewitsch. Denn kaum, daß ich zu meinen Peinigern sage: ‚Nein, ich -bin kein Christ, und ich verfluche meinen wahrhaftigen Gott,‘ so bin ich -auch schon in selbigem Augenblick von Gottes höchstem Gericht verurteilt -und ganz speziell verdammt und von der heiligen Kirche ausgeschlossen, -ganz wie eine Heide, und das sogar in demselben Moment, nicht nur -Augenblick, wie ich dieses – nicht nur ausspreche, sondern nur bloß -denke auszusprechen, so daß hierbei noch keine Viertelsekunde -verstreicht, bevor ich schon ausgeschlossen bin. Ist es so, oder ist es -nicht so, Grigorij Wassiljewitsch?“ - -Er wandte sich mit sichtlicher Genugtuung immer an Grigorij, obgleich er -nur auf die Frage Fedor Pawlowitschs antwortete, und das auch sehr gut -begriff, doch tat er absichtlich so, als ob ihm Grigorij diese Fragen -stellte. - -„Iwan!“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, „beug dich ganz nah zu mir. -Das macht er alles nur deinetwegen, will, daß du ihn lobst. Und du lob -ihn auch.“ - -Iwan Fedorowitsch hörte vollkommen ernst die begeisterte Mitteilung -seines Vaters an. - -„Wart, Ssmerdjäkoff, halt noch einen Augenblick das Maul,“ rief wieder -Fedor Pawlowitsch. „Iwan, beug dich wieder zu mir.“ - -Iwan Fedorowitsch beugte sich wieder mit dem ernstesten Gesicht zu ihm. - -„Ich liebe dich ganz ebenso wie Aljoschka. Glaub nicht, daß ich dich -vielleicht nicht liebe. – Kognak?“ - -„Meinetwegen.“ - -„Nun, bist ja schon gehörig angetrunken,“ dachte Iwan Fedorowitsch, der -seinen Vater scharf anblickte, bei sich. Den Diener Ssmerdjäkoff aber -beobachtete er sehr interessiert. - -„Du bist auch jetzt verflucht!“ platzte wieder Grigorij heraus. „Wie -wagst du überhaupt ...“ - -„Schimpf nicht, Grigorij, schimpf nicht!“ unterbrach ihn Fedor -Pawlowitsch. - -„Gedulden Sie sich nur noch kurze Zeit, Grigorij Wassiljewitsch, und -hören Sie weiter, da ich noch nicht geendet habe. Denn also, wenn mich -Gott verflucht, bin ich doch schon in demselben Moment gleich einem -Heiden und meiner Taufe ledig, als ob ich nie getauft gewesen wäre. Ist -nun wenigstens das so oder nicht?“ - -„Komm zum Schluß, zum Schluß, mein Lieber,“ rief Fedor Pawlowitsch, der -mit Genuß aus seinem Gläschen nippte. - -„Wenn ich aber zu selbiger Zeit schon nicht mehr Christ war, so habe ich -alsomit auf die Frage: ‚Bin ich Christ oder nicht?‘ nicht gelogen, denn -ich bin dann doch schon von Gott selber meines Christentums entbunden, -von wegen meines bloßen Gedankens, noch bevor ich ein Wort zu meinen -Peinigern gesprochen habe. Wenn ich aber alsomit auf diese Weise des -Christentums entbunden bin, mit welcher Gerechtigkeit wird man dann noch -in jener Welt von mir Verantwortung dafür verlangen, daß ich Christum -verleugnet habe, während ich doch schon vor meiner Verleugnung, schon -für den bloßen Gedanken, der doch ganz von selber kommt, meiner Taufe -entbunden war? Wenn ich aber nicht mehr Christ bin, kann ich mich doch -alsomit auch nicht von Christus lossagen, denn was man nicht hat, das -kann man auch nicht fortwerfen. Denn sagen Sie doch selbst, Grigorij -Wassiljewitsch, wer wird denn von einem heidnischen Tataren, meinetwegen -selbst im Himmelreich, dafür Rechenschaft fordern, daß er nicht als -Christenkind geboren ist, und wer wird ihn dort dafür strafen, wenn man -noch bedenkt, daß man von einem Ochsen nicht zwei Felle abziehen kann. -Wird doch der allmächtige Gott, selbst wenn er ihn nach seinem Tode -danach fragt, ihn nur ganz wenig bestrafen, denke ich – da es doch nicht -gut geht, daß er gar nicht strafen wird –, ich meine, wenn Gott der Herr -es sich selbst überlegt, daß der Sohn doch nichts dafür kann, daß er von -heidnischen Eltern auf die Welt gekommen und Heide geworden ist. Gott -der Herr kann doch nicht den Tataren vergewaltigen, ihn nehmen und -schlankweg sagen, daß auch er Christ gewesen sei? Das hieße dann doch, -daß der Allerhalter die reinste Unwahrheit sagt. Kann denn aber der -allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde auch nur ein einziges -erlogenes Wort sagen?“ - -Grigorij war sprachlos und starrte nur mit weit aufgerissenen Augen auf -den Redner. Wenn er auch nicht recht verstand, was er sagte, so begriff -er plötzlich von diesem ganzen Gerede doch so viel, daß er mit dem -Ausdruck eines Menschen dastand, der plötzlich mit der Stirn an eine -Wand gestoßen ist. Fedor Pawlowitsch trank sein Gläschen aus und lachte -ein helles, halbtrunkenes Lachen, als Ssmerdjäkoff geendet hatte. - -„Aljoschka, Aljoschka, wie findest du das! Sieh doch einer, als was für -ein Kasuist der sich entpuppt! Iwan, er muß irgendwo bei Jesuiten in der -Schule gewesen sein. Sag mir doch, du mein stinkender Jesuit, du -Jesuitssmerdjätschij – na, ’s kommt doch auf eins heraus –, wo hast du -das gelernt? Nur laß dir gesagt sein, daß du lügst, mein lieber Kasuist, -du lügst wie gedruckt, wie gedruckt! Weine nicht, Grigorij, wir werden -ihn sofort aufs Haupt schlagen. Hör jetzt, Esel, und antworte dann: -Schön, du bist vor deinen Peinigern im Recht, aber innerlich hast du -dich doch von deinem Glauben damit losgesagt, und du sagst ja selbst, -daß du noch in selbiger Stunde verflucht wirst, wenn du aber schon -einmal verflucht bist, so, was glaubst du wohl, wird man dir dann noch -in der Hölle dafür wie einem braven Jungen das Köpfchen streicheln? Was -meinst du dazu, du mein lieber Jesuit?“ - -„Das ist so, wie es ist; es ist doch klar, daß ich mich dann in mir -selber gleichfalls von der Kirche losgesagt habe, aber trotzdem kann -hierbei keine spezielle Sünde sein, oder wenn, dann doch nur eine kleine -und äußerst alltäglich gewöhnliche.“ - -„Wie das, äußerst alltäglich gewöhnliche?“ - -„Du lügst, Verfluchter!“ stieß Grigorij ingrimmig hervor. - -„Urteilen Sie doch selbst, Grigorij Wassiljewitsch!“ Ruhig und gemessen, -mit dem vollen Bewußtsein des Sieges und doch mit einer gewissen Großmut -dem geschlagenen Gegner gegenüber, fuhr Ssmerdjäkoff in seiner -Auseinandersetzung fort. „Urteilen Sie doch selbst: es steht doch in der -Bibel geschrieben: Wenn Sie einen Glauben auch nur von der Größe eines -Senfkörnchens haben und dabei diesem Berge sagen, daß er ins Meer -rutschen soll, selbiger Berg es unverzüglich tun werde, dieweil Sie es -so befehlen. Wenn ich alsomit ein Ungläubiger bin, Sie aber, Grigorij -Wassiljewitsch, ein so gewaltiger Gläubiger sind, daß Sie mich wegen -meiner besagten Ungläubigkeit sogar mannigfach beschimpfen, so versuchen -Sie es doch, sagen Sie diesem Berge, daß er nicht bis ins Meer – nun, -bis zum Meer ist es sehr weit von hier –, sondern meinetwegen auch nur -in unser stinkendes Flüßchen, das hier hinterm Garten fließt, rutschen -soll, dann werden Sie selber sehen, noch im selben sogenannten Moment, -daß nichts von der Stelle rutscht und alles so bleibt, wie es war und -ist, wieviel Sie auch schreien wollten. Das aber bedeutet, daß auch Sie -nicht in der vorgeschriebenen Weise glauben und nur andere dafür -alleweil mannigfach beschimpfen. Und wenn man hinwiederum nimmt, daß -heutzutage niemand, nicht nur Sie allein nicht, sondern überhaupt -niemand, angefangen sogar von den Allerhöchsten bis zum letzten -Bauernkerl, einen Berg ins Meer rücken kann, außer vielleicht -irgendeinem einzigen Menschen auf der ganzen Welt – zwei wären schon -viel –, und auch die suchen vielleicht dort irgendwo in der ägyptischen -Wüstenei als Einsiedler ihr Heil, so daß man sie vielleicht überhaupt -nicht finden kann ... also wenn es so ist, wenn alle anderen sich als -Ungläubige erweisen, also wird dann all diesen anderen gegenüber, außer -diesen beiden Einsiedlern, Gott der Herr in seiner großen -Barmherzigkeit, die doch so bekannt ist, wohl Gnade vor Recht walten -lassen? Alsomit hoffe auch ich, daß Gott der Herr mir verzeihen wird, -wenn ich einmal gezweifelt habe und darüber Tränen der Reue vergieße.“ - -„Halt!“ schrie plötzlich Fedor Pawlowitsch in der größten Begeisterung -dazwischen, „also daß es zwei solche gibt, die den Berg von der Stelle -rücken können, nimmst du schließlich doch an? Iwan, behalte das, -schreib’s auf: Hierin hat sich das ganze russische Volk geäußert!“ - -„Ja, das haben Sie richtig bemerkt, daß das ein russischer Zug im -Volksglauben ist,“ stimmte Iwan Fedorowitsch mit beifälligem Lächeln zu. - -„Ah, du gibst es zu! Also ist es so, wenn sogar du es zugibst! -Aljoschka, das ist doch wahr? Genau so ist doch der russische Glaube?“ - -„Nein, Ssmerdjäkoff hat durchaus keinen russischen Glauben,“ sagte -Aljoscha ernst und überzeugt. - -„Ich rede nicht von seinem Glauben, sondern nur von diesem einen Zug, -von diesen zwei Einsiedlern, nur von diesem einen kleinen Zug: Das ist -doch russisch, aber echt russisch!“ - -„Ja, dieser Zug ist allerdings ganz russisch,“ meinte Aljoscha lächelnd. - -„Hör, Bileams Esel, dein Wort ist ’nen Rubel wert, werde ihn dir noch -heute geben, doch im übrigen lügst du trotzdem, das sage ich dir, lügst -wie gedruckt! Laß es dir jetzt gesagt sein, Dummkopf, daß wir alle hier -im Leben bloß aus Leichtsinn nicht glauben, wir haben keine Zeit dazu: -erstens wächst uns die Arbeit schon über den Kopf, und zweitens hat uns -Gott nur wenig Zeit gegeben, hat im ganzen für den Tag nur -vierundzwanzig Stunden bestimmt, so daß man ja nicht einmal Zeit zum -Ausschlafen hat, von Bereuen schon gar keine Rede. Du aber hast dort vor -den Quälgeistern deinen Glauben in einem Augenblick verleugnet, da du an -nichts anderes mehr als nur an deinen Glauben zu denken hattest, als es -gerade hieß, deinen Glauben zeigen! Das ist doch so, mein Lieber, denke -ich?“ - -„So ist es schon, aber urteilen Sie selbst, Grigorij Wassiljewitsch, daß -es doch um so mehr erleichtert, je mehr es so ist. Denn wenn ich im -selbigen Moment so wahrhaftig glaube, wie es geboten ist zu glauben, -dann wäre es wirklich Sünde, wenn ich für meinen Glauben keine Qualen -auf mich nehmen wollte, und zu den verfluchten Mohammedanern übertreten -würde. Aber dann würde es doch überhaupt nicht bis zum Foltern kommen, -denn dann brauchte ich doch nur im selbigen Moment zu dem Berge zu -sagen: erdrücke den Henker, und der Berg würde ihn sofort wie eine Wanze -plattdrücken, und ich würde fortspazieren, als ob nichts gewesen wäre, -lobsingend und den Namen Gottes preisend. Wenn ich es aber in diesem -selbigen Moment versuchte und absichtlich dem Berg zuschrie: ‚erdrücke -meine Henker‘, der Berg sie aber nicht erdrückt, wie soll ich dann, -sagen Sie doch selbst, wie soll ich dann nicht zweifeln, und dazu noch -in einer so furchtbaren Stunde der gewaltigen Todesangst? Und überdies -weiß ich dann noch, daß ich des Himmelreichs sowieso nicht in der -Vollkommenheit teilhaftig werde – sintemal sich doch der Berg auf mein -Wort hin nicht gerührt hat, alsomit heißt es, daß man meinem Glauben -droben doch nicht gerade sonderlich glaubt, und mich alsomit nicht gar -so große Belohnungen daselbst erwarten – warum soll ich mir dann -überdies, und schon ohne jeden Vorteil für mich, noch meine Haut -abziehen lassen? Denn selbst wenn sie mir meine Haut schon bis zur -Hälfte abgerissen haben, so wird doch der Berg auf mein Wort oder -Geschrei nicht von der Stelle rücken. Aber in solch einem Moment können -einen doch nicht nur Zweifel befallen, sondern kann man sogar vor Angst -selbst den Verstand verlieren, so daß ein Überlegen und jegliches Denken -ganz und gar unmöglich wird. Wodurch bin ich dann so besonders sündig, -wenn ich, dieweil ich weder hier noch dort dafür Belohnung sehe, -wenigstens mir meine Haut bewahre? Darum aber nähre ich im Vertrauen auf -die Gnade und Barmherzigkeit Gottes die Hoffnung, daß mir alsomit ganz -verziehen werden wird ...“ - - - VIII. - Beim Gläschen - -Der Streit war beendet, doch sonderbar: der so gut aufgelegte Fedor -Pawlowitsch wurde plötzlich verdrießlich. Er ärgerte sich und goß sich -wieder einen Kognak hinter die Binde – es war schon ein ganz -überflüssiges Gläschen. - -„Ach, packt euch, ihr Jesuiten allesamt, hinaus!“ schrie er mit einem -Male die Dienstboten an. „Scher dich, Ssmerdjäkoff. Werde dir heute den -versprochenen Rubel geben, jetzt aber marsch. Sei nicht traurig, -Grigorij, schieb ab zu Marfa, sie wird dich trösten, schlafen legen ... -Die Kanaillen lassen einen wirklich nicht in Ruhe ein Stündchen nach dem -Essen sitzen,“ schimpfte er verstimmt, als sich die Dienstboten auf -seinen Befehl sofort zurückgezogen hatten. „Ssmerdjäkoff kriecht jetzt -jeden Tag nach dem Essen her. Du bist es, der ihn so interessiert. Womit -hast du es ihm denn angetan?“ fragte er Iwan Fedorowitsch. - -„Eigentlich mit nichts,“ entgegnete der, „es ist ihm eingefallen, mich -zu verehren; er ist eine Lakaienseele, ein echter Ham. Übrigens -fortschrittlicher Humus, wenn die Zeit kommt.“ - -„Fortschrittlicher?“ - -„Es wird andere und bessere geben, aber auch solche wird es geben. -Zuerst werden es solche sein, nach ihnen aber bessere.“ - -„Und wann wird denn die Zeit kommen?“ - -„Anbrennen wird die Rakete, aber vielleicht doch nicht aufsteigen. -Vorläufig liebt das Volk noch nicht sonderlich diesen ‚Suppendrehern‘ -zuzuhören.“ - -„Das ist’s ja, solch ein Bileams Esel denkt und denkt, und – der Teufel -mag wissen, was sich der Kerl schließlich zusammendenkt.“ - -„Speichert Gedanken auf,“ meinte Iwan lächelnd. - -„Sieh, ich weiß zum Beispiel, daß er auch mich nicht leiden kann, ganz -wie alle anderen, dich ganz genau so wenig, obgleich dir scheint, es sei -ihm eingefallen, dich ‚zu verehren‘. Aljoschka natürlich schon längst -nicht, den verachtet er einfach. Aber er stiehlt nicht, er klatscht -nicht, hält das Maul wie festgenäht, trägt nichts auf den Markt zum -Durchhecheln, macht seine Pasteten einfach großartig, und zudem – ach, -zum Teufel mit ihm, nein, wirklich, lohnt es sich denn überhaupt, über -ihn zu sprechen!?“ - -„Natürlich lohnt es sich nicht.“ - -„Und was da seine Gedanken anbetrifft, die er sich im stillen macht, so -im allgemeinen gesagt, muß man den russischen Bauer einfach versohlen, -merk dir das. Das hab ich immer behauptet: Unser Bauer ist ein -Spitzbube, es lohnt sich nicht, ihn zu bedauern; gut, daß er auch jetzt -noch zuweilen versohlt wird. Unser Vaterland ist stark geworden durch -die Birkenrute. Wenn sie die Wälder abholzen, wird auch Rußlands ganze -Kraft flöten gehen. Ich, weißt du, bin immer für die klugen Leute. Jetzt -hat man aufgehört, die Bauern zu prügeln, hält sich für zu klug dazu, -und so prügeln sich jetzt die Kerls selbst untereinander. Oh, sie täten -gut, wenn sie das Prügeln aufrechterhielten. Mit welch einem Maß du -missest, wird dir wieder gemessen werden, oder wie es da ... Kurz und -gut, es wird wieder gemessen, das ist ja die Hauptsache. Rußland aber -ist nichts als eine Schweinewirtschaft. Mein Lieber, wenn du wüßtest, -wie ich Rußland hasse ... das heißt, nicht Rußland, aber alle diese -Laster ... meinetwegen auch ganz Rußland. _Tout cela c’est de la -cochonnerie._ Weißt du, was ich liebe? Ich liebe Witz und Scharfsinn!“ - -„Sie haben schon wieder ein Glas ausgetrunken. Das sollten Sie lieber -nicht mehr tun.“ - -„Wart, ich werde gleich noch eins trinken, und dann noch eins, und dann -meinetwegen Schluß. Nein, wart, du hast mich unterbrochen. In Mokroje -fragte ich einmal auf der Durchfahrt einen Alten, er aber sagt mir: ‚Am -meisten lieben wir es,‘ sagt er, ‚Mädels zu Prügelstrafe zu verurteilen, -und dreschen lassen wir sie dann immer von den Burschen. Am nächsten -Tage aber nehmen sich die Burschen dann immer die zur Braut, die sie am -Tag vorher gedroschen haben, und so haben denn schließlich die Mädels -auch nichts dagegen.‘ He, wie findest du diesen Marquis de Sade, Wanjä? -Aber sag, was du willst, es steckt doch Scharfsinn darin. Sollen wir -nicht mal hinfahren, es uns anzusehen? Was? Aljoschka, warum wirst du so -rot? Schäm dich nicht, Kindchen. Schade, daß ich vorhin beim Prior nicht -zu Tisch blieb, hätte den Mönchen von diesen Dorfmädels erzählen müssen. -Aljoschka, sei nicht bös, daß ich deinen Prior kränkte. Weißt du, mein -Lieber, mich packt zuweilen die Wut. Denn wenn Gott ist, wenn er -wirklich existiert, – nun ja, natürlich, dann bin ich schuldig und werde -es verantworten müssen, aber wenn es Ihn überhaupt nicht gibt, wozu -braucht man sie dann noch, diese deine Patres? Dann ist’s doch viel zu -wenig, sie zu köpfen, halten sie doch die ganze Entwicklung auf! Wirst -du’s mir glauben, Iwan, das peinigt meine besten Gefühle. Nein, du -glaubst es mir nicht, ich sehe es an deinen Augen. Du glaubst den -Leuten, wenn sie sagen, daß ich im ganzen nur ein Hansnarr sei. -Aljoscha, glaubst du mir, daß ich im ganzen nicht nur ein Narr bin?“ - -„Ich glaube es, daß Sie nicht nur das sind.“ - -„Und ich glaube dir, daß du es glaubst, und daß du aufrichtig sprichst. -Du blickst mich aufrichtig an und sprichst auch aufrichtig. Iwan aber -nicht. Iwan ist hochmütig ... Aber trotzdem würde ich mit deinem Kloster -ein Ende machen. Diese ganze Mystik einfach beseitigen und -auseinanderjagen, um alle diese Esel zur Vernunft zu bringen. Und -wieviel Silber, wieviel Gold dabei in den Münzhof kommen würde!“ - -„Wozu denn beseitigen?“ fragte Iwan. - -„Damit die Wahrheit schneller durch die Wolken bricht und überall -erstrahlt, siehst du jetzt, warum!“ - -„Aber wenn diese Wahrheit erstrahlt, so wird man doch Sie als ersten -berauben und dann ... beseitigen.“ - -„Wieso? Ach, natürlich, weiß der Teufel, du hast recht! Ich Esel!“ fuhr -Fedor Pawlowitsch sofort auf, und schlug sich leicht mit der Hand vor -die Stirn. „Nun, dann mag also dein liebes Kloster stehen bleiben so -lang es will, Aljoschka, wenn’s so ist. Weißt du auch, Iwan, daß das von -Gott dann wahrscheinlich unbedingt absichtlich so eingerichtet worden -ist? Iwan, sag: gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Wart: sage deine -Überzeugung, sag es im Ernst! Warum lachst du wieder?“ - -„Ich lache nur, weil Sie selbst vorhin eine scharfsinnige Bemerkung -machten über Ssmerdjäkoffs Glauben an die zwei Einsiedler, die einen -Berg versetzen könnten.“ - -„Ja, bin ich denn jetzt ihm ähnlich?“ - -„Sogar sehr.“ - -„Nun, schön, also bin auch ich ein Russe, so habe auch ich einen -russischen Zug, aber auch dich, mein Philosoph, kann man auf solch einem -Zuge ertappen. Willst du, soll ich? Wetten wir, daß ich dich morgen noch -auf solch einem ertappe! Aber trotzdem sag, gibt es Gott oder gibt es -Ihn nicht? Nur im Ernst! Ich will es jetzt im Ernst wissen.“ - -„Nein, es gibt keinen Gott.“ - -„Aljoschka, gibt es einen Gott?“ - -„Es gibt einen Gott.“ - -„Iwan, aber gibt es Unsterblichkeit, nun, dort, irgendeine, nun, -meinetwegen eine ganz kleine, klitzekleine?“ - -„Nein, auch Unsterblichkeit gibt es nicht.“ - -„Überhaupt keine?“ - -„Überhaupt keine.“ - -„Das heißt, eine absolute Null oder doch etwas? Vielleicht ist doch noch -etwas? Das ist doch immer noch nicht Nichts!“ - -„Eine absolute Null.“ - -„Aljoscha, gibt es Unsterblichkeit?“ - -„Ja, es gibt eine Unsterblichkeit.“ - -„Gott und Unsterblichkeit?“ - -„Ja, Gott und Unsterblichkeit.“ - -„Hm! Wahrscheinlicher ist, daß Iwan recht hat. Herrgott, wenn man bloß -bedenkt, wieviel der Mensch Glauben hingegeben hat, wieviel Kräfte aller -Art er ganz umsonst für diese Idee vergeudet hat, und das schon so viele -Jahrtausende! Wer macht sich denn so lustig über den Menschen, Iwan? Zum -letztenmal noch einmal, aber jetzt positiv: gibt es einen oder nicht? -Ich frage zum letztenmal!“ - -„Und zum letztenmal – nein.“ - -„Wer macht sich denn so lustig über uns Menschen, Iwan?“ - -„Der Teufel vielleicht,“ meinte Iwan Fedorowitsch lächelnd. - -„Ja, gibt es denn einen Teufel?“ - -„Nein, auch einen Teufel gibt es nicht.“ - -„Schade. Weiß der Teufel noch eins, was ich mit demjenigen machen würde, -der zum erstenmal Gott ausgedacht hat! Ihn einfach zu erhängen wäre ja -viel zu wenig!“ - -„Dann würde es überhaupt keine Kultur geben, wenn man sich nicht Gott -ausgedacht hätte.“ - -„Nicht geben? Ohne Gott, meinst du?“ - -„Ja. Und auch Ihren Kognak gäbe es dann nicht. Aber jetzt werde ich doch -die Flasche fortstellen müssen.“ - -„Wart, wart, wart, mein Lieber, noch ein einziges kleines Gläschen. Ich -habe Aljoschka gekränkt. Du ärgerst dich doch nicht, Alexei? Du mein -lieber Alexeitschik, bist doch mein einziger Alexeitschik!“ - -„Nein, ich ärgere mich nicht. Ich kenne Ihre Gedanken. Ihr Herz ist -besser, als Ihr Kopf.“ - -„Was, _mein_ Herz soll besser sein als mein Kopf? Großer Gott, und wie -er das noch sagt!? Iwan, liebst du Aljoschka?“ - -„Ich liebe ihn.“ - -„Ist recht so, sollst ihn auch lieben.“ (Fedor Pawlowitsch war bereits -stark berauscht.) „Hör, Aljoscha, ich sagte deinem Staretz vorhin eine -Grobheit. Nun, ich war erregt. Aber in diesem Staretz steckt doch -Scharfsinn, er kann wirklich geistreich sein, was meinst du, Iwan?“ - -„Warum nicht.“ - -„Doch, doch, _il y a du Piron là dedans_. Das ist ein Jesuit, ein -russischer, versteht sich. Als edles Wesen, das er ist, kocht in ihm -dieser gewisse verborgene Unwille darüber, daß er sich verstellen muß -... den Heiligen spielen.“ - -„Aber er glaubt doch an Gott.“ - -„Nicht für ’ne halbe Kopeke! Und du wußtest das nicht? Er sagt es doch -allen selbst, das heißt, nicht allen, sondern nur allen klugen Leuten, -die zu ihm kommen. Dem Gouverneur Schulz hat er ganz offen gesagt: -‚_credo_, weiß aber selbst nicht, woran.‘“ - -„Unmöglich!“ - -„Genau so, sag ich dir. Aber ich achte ihn sehr. Es ist etwas -Mephistophelisches in ihm, oder richtiger, etwas aus Lermontoffs ‚Helden -unserer Zeit‘ ... Arbenin oder wie der Kerl da heißt ... das heißt, sieh -mal, er ist ein Lüstling; er ist dermaßen Lüstling, daß ich auch jetzt -noch für meine Tochter zittern würde, oder für meine Frau, wenn sie zu -ihm beichten ginge. Weißt du, wenn er davon erzählt ... Einmal, vor drei -Jahren, lud er uns zu sich zum Tee ein, Tee mit einem pikfeinen -Likörchen (die Damen schicken ihm alles zu), wie er aber dann von den -alten Zeiten zu erzählen begann, da haben wir uns nur den Leib gehalten -vor Lachen ... Besonders wie er eine Halbgelähmte geheilt hätte. ‚Wenn’s -nur meine Füße erlaubten,‘ sagte er, ‚würde ich Ihnen ein gewisses -Tänzchen vortanzen‘ ... Nun, wie? Wie findet ihr ihn? ‚Hab in meinem -Leben den Leuten nicht wenig blauen Dunst vorgemacht,‘ sagt er. Vom -Kaufmann Demidoff hat er sich runde Sechzigtausend eingezogen.“ - -„Wie, gestohlen?“ - -„Der brachte sie zu ihm wie zu einem heiligen Menschen: ‚Verwahr sie, -morgen ist bei mir Haussuchung.‘ Nun, der verwahrte sie denn auch. ‚Du -hast doch,‘ sagt er darauf, ‚die Sechzigtausend für die Kirche -gespendet.‘ Sagte ihm: ‚Ein Schuft bist du.‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚bin kein -Schuft, bin nur eine weit angelegte Natur‘ ... Übrigens, das war nicht -er ... Das war ein anderer. Ich hab sie nur verwechselt ... ohne es -selbst zu bemerken. Nun, jetzt noch ein Gläschen und dann Schluß, nimm -die Flasche fort, Iwan. Ich habe gelogen, warum hast du mich nicht -unterbrochen, Iwan ... und gesagt, daß ich lüge?“ - -„Ich wußte, daß Sie es selbst sagen würden.“ - -„Du lügst, das hast du aus Bosheit nicht getan, nur aus Bosheit. Du -verachtest mich. Du bist hergekommen zu mir und verachtest mich jetzt in -meinem eigenen Hause.“ - -„Ich werde sehr bald fortfahren; der Kognak ist Ihnen nicht gerade -zuträglich.“ - -„Ich hab dich himmelhoch gebeten, nach Tschermaschnjä zu fahren ... auf -ein, zwei Tage, du aber fährst nicht.“ - -„Morgen, wenn es Ihnen so sehr darum zu tun ist.“ - -„Wirst ja doch nicht fahren. Du willst hier auf mich aufpassen, mich -bespionieren, siehst du, was du willst, eine böse Seele bist du, und -darum wirst du auch nicht fahren.“ - -Der Alte hörte nicht auf. Er hatte jene Phase der Trunkenheit erreicht, -in der viele bis dahin friedliche Trinker sich plötzlich ärgern wollen. - -„Was siehst du mich an? Was hast du für Augen? Deine Augen sehen mich an -und sagen mir: ‚Betrunkene Fratze.‘ Mißtrauisch sind deine Augen, mit -Verachtung blicken deine Augen ... Du bist hergekommen, weil du was ganz -Besonderes im Sinne hast. Sieh, Aljoscha blickt einen an, und seine -Augen strahlen dabei; der hat keine Hintergedanken. Aljoscha verachtet -mich nicht. Aljoscha, du sollst Iwan nicht lieben!“ - -„Ärgern Sie sich nicht über meinen Bruder! Hören Sie endlich auf, ihn zu -beleidigen!“ sagte plötzlich Aljoscha heftig. - -„Was, wieso – ich, nun, meinetwegen. Ach, mein Kopf schmerzt. Nimm den -Kognak fort, Iwan, zum drittenmal sag ich es dir schon.“ Er verstummte, -wurde nachdenklich, und allmählich verzog sich sein Gesicht zu einem -schlauen, breiten Lächeln. „Sei nicht bös, Iwan, ärgere dich nicht über -den alten Taugenichts. Ich weiß, daß du mich nicht liebst, aber trotzdem -ärgere dich nicht. Wofür sollte man mich auch lieben. Wenn du nach -Tschermaschnjä fährst, werde ich dich besuchen, Delikatessen mitbringen. -Ich werde dir dort ein Mädel zeigen, ich habe sie mir schon längst -gemerkt. Vorläufig ist sie noch ein Barfüßchen. Aber laß dich dadurch -nicht abschrecken, verachte sie nicht, die Barfüßchen – Perlen, sag ich -dir!“ - -Und er drückte schmatzend einen Kuß auf seine Handfläche. - -„Für mich,“ begann er plötzlich ganz belebt, als sei er im Augenblick -nüchtern geworden, sobald er nur auf sein Lieblingsthema kam, „für mich -... Ach ihr! Kinderchen! Kleine Ferkelchen seid ihr! Für mich ... hat es -sogar in meinem ganzen Leben kein einziges verächtliches Weib gegeben, -das ist die Regel, an die ich mich halte! Könnt ihr das begreifen? Ach, -wie sollt ihr denn das begreifen können: bei euch fließt ja noch -Kindermilch anstatt Blut in den Adern, seid ja doch noch nicht mal aus -dem Ei gekrochen! Nach meiner Überzeugung kann man in jedem Weibe -ungewöhnlich viel, hol’s der Teufel, Interessantes finden, etwas, das -man bei keiner einzigen anderen wiederfinden kann, – nur muß man es zu -finden verstehen, das ist der Haken! Dazu gehört eben ein Talent! -Unmögliche hat’s für mich überhaupt nicht gegeben: schon allein das, daß -sie Weib ist, schon allein das – ist die Hälfte des Ganzen ... aber wie -sollt ihr das begreifen! Selbst in den alten Jungfern findest du -zuweilen noch so etwas, daß du dich über die übrigen Esel nur wundern -kannst, wie sie sie nur haben alt werden lassen, ohne es überhaupt zu -bemerken! Die Barfüßigen und Ausrangierten muß man ganz zuerst in -Erstaunen setzen, – siehst du, so muß man sie anfassen. Und du wußtest -das noch nicht? In Erstaunen muß man sie setzen, in eine Verwunderung, -die zum Entzücken wird, die sie schließlich wie Begeisterung -durchdringt, daß sich solch ein vornehmer Herr in solch einen -Schmutzfink, wie sie, hat verlieben können. ’s ist wahrhaftig schön, daß -es immer Hamiten und Herren auf der Welt geben wird, dann wird es auch -immer solch eine kleine Scheuermagd geben, und immer auch einen Herrn -für sie, das aber ist doch alles, was zum Lebensglück nötig ist! Wart -... hör mal, Aljoschka, mit deiner verstorbenen Mutter machte ich es -ebenso, ich setzte sie gleichfalls in Erstaunen, nur kam es dabei anders -heraus. Bin lange Zeit nicht zärtlich zu ihr, dann aber, wenn die Minute -kommt – falle ich plötzlich vor ihr nieder, krieche auf den Knien vor -ihr herum, küß ihr die Füßchen und bringe sie jedesmal, jedesmal – -erinnere mich dessen noch wie heute – zu solch einem kleinen Lachen, -solch einem trockenen, hellen, nicht lauten, nervösen ganz besonderen -Lachen. Nur sie allein hatte solch ein Lachen. Ich weiß, daß damit bei -ihr immer die Krankheit anfängt, daß sie morgen als Klikuscha rufen -wird, und daß dieses kleine, trockene Lachen nichts weniger als -Begeisterung bedeutet ... nun, einerlei, wenn auch Betrug, aber immerhin -doch Begeisterung. Seht ihr, was das heißt, in allem so etwas zu finden -verstehen! Einmal, weiß ich noch, war Beljäwski – ein hübscher, -steinreicher Junge, hatte sich in sie verliebt und kam daher häufig zu -uns ... Na ja, was ich sagen wollte, dieser Beljäwski also gab mir -plötzlich in meinem eigenen Hause eine Ohrfeige, und zwar in ihrer -Gegenwart. Als sie das sah, solch ein Lamm, – ich dachte, sie schlägt -mich tot! ‚Jetzt bist du beschimpft,‘ schreit sie, ‚beschimpft, du hast -von ihm eine Ohrfeige bekommen! Du hast mich,‘ sagt sie, ‚an ihn -verkauft ... Wie hat er es wagen können, dich in meiner Gegenwart zu -schlagen! Wage es nicht mehr, zu mir zu kommen, nie mehr, nie mehr! Geh -sofort, fordere ihn auf Pistolen‘ ... So daß ich sie damals zur -Beruhigung ins Kloster schleppen mußte, die heiligen Väter stellten sie -durch Gebete wieder her. Aber, bei Gott, das hatte ich doch nicht von -meiner kleinen Klikuscha erwartet! Nur einmal, höchstens einmal, es war -noch im ersten Jahr: sie betete damals schon gar zu viel, besonders an -den Feiertagen der Muttergottes, dann jagte sie sogar mich fort, in mein -Kabinett – schlafen. Ich dachte, wart, werde diese ganze Mystik aus ihr -heraustreiben! ‚Siehst du,‘ sage ich, ‚siehst du, das ist dein -Heiligenbild, sieh, hier ist es, sieh, ich hab es abgenommen: und jetzt -sieh, du hältst es für wundertätig, ich aber werde es jetzt gleich hier -vor deinen Augen anspucken, und nichts wird dafür mit mir geschehen!‘ -... Wie sie das sah, Herrgott, denke ich: jetzt wird sie mich -totschlagen! Sie aber sprang nur auf, krampfte die Hände zusammen, dann -bedeckte sie mit ihnen das Gesicht, erzitterte am ganzen Körper und fiel -zu Boden ... einfach so ... Aljoscha, Aljoscha! Was hast du, was fehlt -dir?“ - -Der Alte sprang erschrocken auf. Aljoschas Gesicht hatte sich seit dem -Augenblick, da der Vater von seiner Mutter zu sprechen begann, -allmählich verändert. Er wurde rot, seine Augen flackerten auf, und die -Lippen erzitterten ... Der trunkene Alte schwatzte weiter, daß ihm der -Speichel von den Lippen spritzte, und bemerkte nichts davon – bis zu dem -Augenblick, da mit Aljoscha plötzlich etwas sehr Sonderbares geschah, -und zwar wiederholte sich bei ihm genau dasselbe, was der Alte gerade -von seiner „Klikuscha“ erzählte. Aljoscha sprang plötzlich auf, krampfte -die Hände zusammen, bedeckte dann mit ihnen das Gesicht und fiel wie vom -Blitz getroffen zurück auf den Stuhl; er erbebte plötzlich von einem -hysterischen Anfall erschütternder Tränen und schluchzte lautlos. Die -ungewöhnliche Ähnlichkeit mit der Mutter frappierte den Alten ganz -besonders. - -„Iwan, Iwan! Gib schnell Wasser,“ rief er erregt. „Das ist ganz wie sie, -ganz genau so wie sie, wie damals seine Mutter! Bespritz ihn ein bißchen -mit dem Wasser, so machte auch ich es mit ihr. Er weint wegen seiner -Mutter ... wegen seiner Mutter ...“ - -„Ich glaube, seine Mutter war auch _meine_ Mutter, was meinen Sie wohl?“ -stieß plötzlich in unbezwingbarer, zorniger Verachtung Iwan Fedorowitsch -hervor. - -Der Alte fuhr zusammen vor seinem lodernden Blick. Doch da geschah etwas -sehr Sonderbares, allerdings nur auf eine Minute: der Alte schien -wirklich vergessen zu haben, daß die Mutter Aljoschas auch die Mutter -Iwans war ... - -„Wie das – deine Mutter?“ murmelte er verständnislos. „Wie meinst du -das? Von welch einer Mutter sprichst du? ... ja, war sie denn auch ... -Ach, richtig! Teufel! Sie ist ja auch deine! Ach, Teufel! Nun, das, mein -Lieber, das war mir ganz entfallen, verzeih, ich aber glaubte, Iwan ... -He–he–he!“ - -Ein trunkenes, halb sinnloses Lächeln zog wieder sein Gesicht in die -Breite. Da hörten sie plötzlich vom Vorzimmer her Geräusch und Gepolter -und lautes Geschrei: die Saaltür flog auf, und herein stürzte Dmitrij -Fedorowitsch. Der Alte warf sich entsetzt zu Iwan: - -„Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot! Beschütz mich, beschütz -mich!“ rief er heiser und klammerte sich angstvoll an den Rock seines -Sohnes Iwan Fedorowitsch. - - - IX. - Die Wollüstlinge - -Gleich nach Dmitrij Fedorowitsch stürzten auch Grigorij und Ssmerdjäkoff -in den Saal. Sie waren es gewesen, die sich ihm im Vorzimmer -entgegengestellt hatten, um ihn nicht hereinzulassen (infolge der -ausdrücklichen Anweisung Fedor Pawlowitschs, die dieser schon vor -etlichen Tagen gegeben hatte). Grigorij benutzte es, daß Dmitrij -Fedorowitsch unschlüssig stehen blieb, um sich im Saale umzublicken, und -lief zu der Tür, die dem Eingange gegenüber lag, und die zu den anderen -Zimmern, dem Kabinett und dem Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs führte: er -schloß beide Türflügel und stellte sich dann mit ausgebreiteten Armen -davor, als ob er bereit gewesen wäre, diesen Eingang bis zum letzten -Blutstropfen zu verteidigen. Als Dmitrij Fedorowitsch das bemerkte, -stieß er einen heiseren, kurzen Schrei aus und stürzte sich auf -Grigorij. - -„Also dort ist sie! Dort hat man sie versteckt! Fort, Schuft!“ - -Er wollte Grigorij fortreißen, doch der stieß ihn zurück. Außer sich vor -Jähzorn, holte Dmitrij Fedorowitsch weit aus und schlug den alten Diener -mit aller Kraft aufs Haupt. Grigorij brach zusammen und fiel zu Boden, -Dmitrij Fedorowitsch aber, der über ihn hinwegsprang, stieß die Tür auf -und stürzte in die anderen Zimmer. Ssmerdjäkoff blieb im Saal zurück, -war bleich und zitterte, und hielt sich ganz fern in einer Ecke. - -„Sie ist hier!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Ich habe selbst gesehen, -wie sie um die Hausecke bog, nur konnte ich sie nicht einholen. Wo ist -sie? Wo ist sie?“ - -Dieser Schrei: „Sie ist hier!“ machte einen unglaublichen Eindruck auf -Fedor Pawlowitsch. Die ganze Angst und der höllische Schrecken verließen -ihn mit einemmal. - -„Halt ihn, halt ihn!“ gröhlte er und jagte Dmitrij Fedorowitsch nach. - -Grigorij hatte sich inzwischen erhoben, doch schien er noch nicht recht -zu sich zu kommen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha liefen eilig ihrem -Vater nach. Da hörte man im dritten Zimmer etwas fallen und klirrend -zerschlagen: es war eine große Vase (keine von den teueren), die auf -einem hohen Marmorsockel stand, und die Dmitrij Fedorowitsch beim -Vorüberlaufen umgeworfen hatte. - -„Pack ihn!“ schrie der Alte heiser. „Zu Hilfe! Polizei!“ - -Doch Iwan Fedorowitsch und Aljoscha holten schon den Alten ein und -brachten ihn mit Gewalt in den Saal zurück. - -„Wozu laufen Sie ihm nach! Damit er Sie unfehlbar erschlägt!“ rief Iwan -Fedorowitsch zornig seinem Vater zu. - -„Wanjetschka, Ljoschetschka, sie soll hier sein, hier, Gruschenka! Er -sagt, er habe sie selbst gesehen, habe gesehen, wie sie hergelaufen ist -...“ - -Er verschluckte sich. Er hatte diesmal Gruschenka gar nicht erwartet, -und nun machte ihn die plötzliche Nachricht, daß sie gekommen sei, ganz -verrückt. Er zitterte am ganzen Körper und schien völlig von Sinnen zu -sein. - -„Sie haben es doch selbst gesehen, daß sie nicht gekommen ist!“ rief -Iwan Fedorowitsch ärgerlich. - -„Aber vielleicht doch durch jenen Eingang?“ - -„Aber jener Eingang ist doch verschlossen, und der Schlüssel steckt, -soviel ich weiß, in Ihrer eigenen Tasche ...“ - -Da erschien Dmitrij Fedorowitsch wieder im Saale. Er hatte natürlich -jenen Eingang verschlossen gefunden, und der Schlüssel befand sich -tatsächlich in Fedor Pawlowitschs Tasche. Die Fenster aller Zimmer waren -gleichfalls geschlossen: folglich konnte Gruschenka unmöglich -hinausgegangen sein. - -„Halt ihn!“ schrie sofort Fedor Pawlowitsch kreischend auf, als er -Dmitrij wieder erblickte. „Er hat dort bei mir im Schlafzimmer Geld -gestohlen!“ - -Und im Augenblick hatte er sich von Iwan losgerissen, um sich wieder auf -Dmitrij Fedorowitsch zu stürzen. Der erhob aber seine Hände und packte -plötzlich den Alten an den beiden letzten Haarbüscheln, die ihm noch an -den Schläfen geblieben waren, riß ihn kräftig zur Seite und schleuderte -ihn dann aus aller Kraft zu Boden, worauf er dann dem Liegenden noch -zwei-, dreimal mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht schlug. Der Alte -stöhnte ächzend. Doch schon bändigte Iwan Fedorowitsch seinen älteren -Bruder, obgleich er längst nicht so stark war wie dieser und riß ihn -fort vom Vater. Aljoscha half ihm dabei noch mit seiner kleinen Kraft, -indem er den Bruder von vorne umklammerte. - -„Mitjä, Wahnsinniger, du hast ihn ja totgeschlagen!“ rief Iwan. - -„Das hat er auch verdient!“ schrie atemlos Dmitrij. „Wenn ich ihn aber -noch nicht totgeschlagen habe, so werde ich ihn noch totschlagen. Werdet -ihn nicht davor bewahren können!“ - -„Dmitrij, geh sofort hinaus!“ rief Aljoscha gebieterisch. - -„Alexei! Sag du mir, dir allein werde ich glauben: War sie hier, oder -war sie nicht hier? Ich habe selbst gesehen, wie sie am Zaun aus der -Querstraße hierher einbog. Ich rief sie an, und da lief sie fort ...“ - -„Ich schwör es dir, daß sie nicht hier war, es hat sie hier überhaupt -niemand erwartet!“ - -„Aber ich hab sie doch selbst gesehen ... Dann muß sie wohl ... Ich -werde sofort erfahren, wo sie ist ... Leb wohl, Alexei! Dem Äsop jetzt -von Geld kein Wort, zu Katerina Iwanowna aber unverzüglich, und sage -unbedingt: ‚Er schickt seinen Abschiedsgruß! Gerade Abschiedsgruß, und -seinen ergebensten Diener!‘ Beschreibe ihr die Szene!“ - -Inzwischen hatten Iwan und Grigorij den Alten aufgehoben und in einen -Lehnstuhl gesetzt. Sein Gesicht war blutig, doch war er noch bei -Besinnung und fing gierig die Schreie Dmitrijs auf. Er glaubte immer -noch, daß Gruschenka sich irgendwo im Hause versteckt habe. Dmitrij -Fedorowitsch warf noch einmal beim Fortgehen einen haßerfüllten Blick -auf ihn. - -„Ich bereue dein Blut nicht!“ rief er ihm zu, „hüte dich, Alter, und -vergiß das nicht, denn auch ich werde etwas nicht vergessen! Verfluche -dich, und sage mich von dir auf ewig los ...“ - -Damit verließ er das Zimmer. - -„Sie ist hier, sie ist bestimmt hier! Ssmerdjäkoff, Ssmerdjäkoff,“ -krächzte kaum hörbar der Alte und winkte mit dem Zeigefinger -Ssmerdjäkoff zu sich heran. - -„Sie ist nicht hier, begreifen Sie es doch, Sie verrückter Alter,“ -schrie ihn plötzlich wutbebend Iwan Fedorowitsch an. „So, jetzt wird er -auch noch ohnmächtig! Wasser, ein Handtuch! Schlaf nicht, Ssmerdjäkoff!“ - -Erschrocken lief Ssmerdjäkoff nach dem Wasser. Fedor Pawlowitsch wurde -schließlich ins Schlafzimmer gebracht, ausgekleidet und ins Bett gelegt; -dann bekam er noch eine kalte Kompresse auf den Kopf, der mit einem -Handtuch umbunden wurde. Ganz schwach vom Kognak, von der starken -Erregung und schließlich von den Schlägen, schloß er, sowie er das -Kissen berührte, die Augen und schlief wahrscheinlich sofort ein. Iwan -Fedorowitsch und Aljoscha kehrten wieder in den Saal zurück. -Ssmerdjäkoff trug die Scherben der zerschlagenen Vase hinaus, Grigorij -aber stand in finsterem Schweigen am Tisch. - -„Solltest nicht auch du dich lieber ins Bett legen und ein nasses -Handtuch um den Kopf wickeln?“ wandte sich Aljoscha an Grigorij. „Tu’s -nur, wir werden hier bei ihm bleiben; Dmitrij hat dich so unvorsichtig -geschlagen ... gerade auf den Kopf.“ - -„Er hat mich geschlagen!“ sagte Grigorij finster und deutlich vor sich -hin. - -„Er hat auch den Vater geschlagen, nicht nur dich!“ bemerkte mit etwas -spöttisch verzogenen Lippen Iwan Fedorowitsch. - -„Ich habe ihn eigenhändig gebadet ... Er aber hat mich geschlagen!“ -wiederholte Grigorij. - -„Weiß der Teufel, wenn ich ihn nicht fortgezogen hätte, würde er ihn ja -womöglich noch totgeschlagen haben. Wieviel brauchte es denn, um ihn -totzuschlagen?“ raunte Iwan Fedorowitsch Aljoscha zu. - -„Gott behüte davor!“ sagte Aljoscha. - -„Warum soll er denn davor behüten,“ fuhr Iwan mit boshaft verzogenem -Gesicht in demselben Geflüster fort. „Das eine Geschmeiß wird das andere -Geschmeiß verschlingen, und damit geschieht ihnen beiden recht!“ - -Aljoscha fuhr zusammen. - -„Ich werde selbstverständlich einen Totschlag nicht zulassen, wie ich -ihn auch heute verhindert habe. Bleib du hier, Aljoscha, ich werde -hinausgehen, mein Kopf schmerzt.“ - -Aljoscha ging ins Schlafzimmer zum Vater und saß an seinem Bett hinter -dem Schirm ungefähr eine ganze Stunde. Plötzlich öffnete der Alte die -Augen und blickte lange schweigend Aljoscha an; er schien sich des -Vorgefallenen zu erinnern und nachzudenken. Mit einemmal aber drückte -sich eine ganz ungewöhnliche Erregung in seinem Gesichte aus. - -„Aljoscha,“ flüsterte er ängstlich, „wo ist Iwan?“ - -„Auf dem Hof, er klagte über Kopfschmerzen. Er bewacht uns.“ - -„Gib mir den kleinen Spiegel, sieh, dort steht er!“ - -Aljoscha gab ihm einen kleinen, dreiteiligen Spiegel, der auf der -Kommode stand. Der Alte warf einen neugierigen Blick hinein und -betrachtete sich dann aufmerksam: Die Nase war ziemlich stark -geschwollen, und auf der Stirn war über der linken Augenbraue ein -großer, blutunterlaufener Fleck. - -„Was sagt Iwan? Aljoscha, mein Lieber, du mein einziger Sohn, weißt du, -ich fürchte mich vor Iwan, ich fürchte Iwan mehr als Dmitrij. Nur dich -allein fürchte ich nicht!“ - -„Sie brauchen sich auch vor Iwan nicht zu fürchten, Iwan ärgert sich -nur, aber er wird Sie verteidigen und beschützen.“ - -„Aljoscha, aber er? Wollte zu Gruschenka laufen! Mein Engel, sag mir die -Wahrheit; war Gruschenka vorhin hier, oder war sie nicht hier?“ - -„Niemand hat sie hier gesehen. Das war nur ein Selbstbetrug von ihm; sie -ist überhaupt nicht hier gewesen!“ - -„Aber Mitjä will sie doch heiraten, denk nur, heiraten!“ - -„Sie wird ihn nicht nehmen.“ - -„Wird nicht, wird nicht, wird nicht, wird bestimmt nicht, um keinen -Preis! ...“ rief der Alte freudig belebt immer wieder, als ob man ihm -nichts Angenehmeres hätte sagen können. In der Begeisterung ergriff er -Aljoschas Hand und preßte sie krampfhaft an sein Herz. In seinen Augen -erglänzten sogar Tränen. „Das Heiligenbild, weißt du, dieses von der -Mutter Gottes, von dem ich vorhin erzählte, nimm du lieber an dich, nimm -es mit, wohin du willst. Und ich erlaube dir auch, wieder ins Kloster -zurückzugehen ... ich scherzte ja nur, sei nicht bös. Mein Kopf -schmerzt, Aljoscha ... Ljoscha, beruhige du mein Herz, sei ein Engel, -sag die Wahrheit!“ - -„Sie fragen noch immer, ob sie hier war oder nicht?“ fragte Aljoscha -traurig. - -„Nein, nein, nein, ich glaube dir, nur höre: Geh selbst zu Gruschenka, -oder versuch sie sonst irgendwie zu sehen; frag sie schnell, so schnell -als möglich, errat es selbst mit deinen Augen: Zu wem will sie, zu mir -oder zu ihm? Wie? Was? Kannst du’s, oder kannst du’s nicht?“ - -„Wenn ich sie sehen sollte, werde ich sie fragen,“ sagte Aljoscha -halblaut und ein wenig verwirrt. - -„Nein, sie wird es dir nicht sagen,“ unterbrach ihn der Alte, „sie ist -zu schlau dazu. Sie wird schließlich noch dich zu küssen anfangen und -sagen, daß sie dich will. Sie ist eine Betrügerin, sie ist schamlos, -nein, du darfst nicht zu ihr gehen, darfst nicht, hörst du!“ - -„Und es wäre auch wirklich nicht gut, Papa, wirklich nicht.“ - -„Wohin schickte er dich vorhin, rief dir noch zu: ‚Geh hin!‘ als er -hinauslief?“ - -„Er schickte mich zu Katerina Iwanowna.“ - -„Nach Geld? Er will Geld haben?“ - -„Nein, nicht nach Geld.“ - -„Er hat kein Geld, keine Kopeke. Weißt du, Alexei, ich werde mich noch -in dieser Nacht bedenken, du aber geh jetzt. Vielleicht triffst du auch -sie ... Nur komme du morgen unbedingt wieder her, morgen früh, -unbedingt. Ich werde dir morgen ein Wörtchen sagen; wirst du kommen?“ - -„Gut, ich werde kommen.“ - -„Wenn du aber kommst, dann mach so, als ob du von selbst kämest, um mich -zu besuchen. Sag niemandem, daß ich dich gerufen habe, und Iwan sag kein -Wort davon!“ - -„Gut.“ - -„Aber jetzt geh, mein Engel, vorhin tratst du für mich ein, werd es dir -mein Lebtag nicht vergessen. Morgen aber werde ich dir etwas sagen ... -nur muß ich noch etwas nachdenken.“ - -„Wie fühlen Sie sich denn jetzt?“ - -„Morgen, morgen steh ich auf, werde ganz gesund sein, ganz gesund, ganz -gesund! ...“ - -Als Aljoscha über den Hof ging, fand er seinen Bruder Iwan auf der Bank -an der Hoftür. Er saß und schrieb mit der Bleifeder etwas in sein -Notizbuch. Aljoscha teilte ihm mit, daß der Vater aufgewacht und bei -voller Besinnung sei und ihm erlaubt habe, zur Nacht wieder ins Kloster -zurückzukehren. - -„Aljoscha, es würde mir sehr lieb sein, dich morgen früh zu treffen,“ -sagte, sich erhebend, Iwan ungemein freundlich – mit einer -Liebenswürdigkeit, die Aljoscha ganz unerwartet kam. - -„Ich werde morgen bei Chochlakoffs sein,“ sagte Aljoscha, „und -vielleicht werde ich dann auch zu Katerina Iwanowna gehen, wenn ich sie -jetzt nicht antreffen sollte ...“ - -„Und jetzt gehst du also zu Katerina Iwanowna? Um den ‚Abschiedsgruß‘ zu -überbringen?“ fragte Iwan plötzlich lächelnd. Aljoscha wurde verlegen. - -„Ich habe, glaube ich, alles aus seinen Worten, die er dir noch zurief, -erraten – und noch aus einigen früheren Äußerungen ... Dmitrij hat dich -bestimmt gebeten, zu ihr zu gehen und zu sagen, daß er ... nun ... nun -... mit einem Wort, seine ‚Reverenz‘ macht?“ - -„Wanjä! Womit wird diese ganze furchtbare Geschichte mit dem Vater und -Dmitrij noch enden?“ fragte Aljoscha angstvoll seinen Bruder. - -„Das läßt sich nicht voraussagen. Mit nichts vielleicht; die Geschichte -wird verjähren. Dieses Frauenzimmer ist ein – Tier. Jedenfalls muß man -den Alten im Hause bewachen und Dmitrij nicht ins Haus lassen.“ - -„Iwan, erlaube mir, noch etwas zu fragen: Hat denn wirklich jeder Mensch -das Recht, wenn er auf die übrigen Menschen blickt, zu entscheiden, wer -von ihnen es wert ist zu leben, und wer es nicht mehr wert ist?“ - -„Wozu hier die Frage nach der Würdigkeit hineinmischen? Diese Frage wird -in den Herzen der Menschen meistens durchaus nicht auf Grund der -Würdigkeit entschieden, sondern auf Grund ganz anderer, viel -natürlicherer Dinge. Was aber das Recht betrifft – wer hat denn nicht -das Recht, zu wünschen?“ - -„Doch nicht den Tod des anderen?“ - -„Und warum schließlich nicht auch den Tod? Und warum sich denn selbst -belügen, wenn alle Menschen so leben und am Ende auch anders überhaupt -nicht leben können. Fragst du das wegen meiner Worte: ‚Das eine -Geschmeiß wird das andere verschlingen!‘ Erlaube dann, in solch einem -Falle auch dich zu fragen: Hältst du auch mich wie Dmitrij für fähig, -das Blut des Äsop zu vergießen, nun, sagen wir, ihn zu erschlagen, wie?“ - -„Was fällt dir ein, Iwan! Nicht mit einem einzigen Gedanken habe ich -daran gedacht! Und auch Dmitrij halte ich nicht für fähig ...“ - -„Nun, auch dafür hab Dank,“ sagte Iwan lächelnd. „Wisse, daß ich ihn -immer beschützen werde, doch meinen Wünschen lasse ich im gegebenen -Falle die vollste Freiheit. Also auf Wiedersehen bis morgen. Verurteile -und betrachte mich nicht als einen Verbrecher,“ fügte er mit einem -Lächeln hinzu. - -Sie drückten sich so fest die Hand, wie sie es vorher noch nie getan -hatten. Aljoscha fühlte, daß sein Bruder sich als erster ihm einen -Schritt näherte, und daß er das unbedingt mit einer bestimmten Absicht -tat. - - - X. - Beide zusammen - -Als Aljoscha das Haus seines Vaters verließ, fühlte er sich noch -niedergeschlagener und bedrückter, als er vorhin bei seinem Eintritt -gewesen war. Sein Verstand schien ihm gleichsam ganz zerstückt und -zerstreut zu sein, und zu gleicher Zeit fühlte er, daß er sich -fürchtete, das Verstreute zu vereinigen und sich über die allgemeine -Ursache und Bedeutung aller quälenden Widersprüche, die er an diesem -Tage empfunden hatte, klar Rechenschaft abzulegen. Es war ein -bedrückendes, unerklärliches Gefühl, das fast an Verzweiflung grenzte, -und das Aljoscha noch nie in seinem Herzen empfunden hatte. Über allen -anderen quälenden Zweifeln und Rätseln stand wie ein Berg die eine -verhängnisvolle, unlösbare Frage: Womit wird es zwischen dem Vater und -dem Bruder dieses furchtbaren Weibes wegen enden? Jetzt war er selbst -Augenzeuge gewesen und hatte sie beide in ihrer Eifersucht gesehen. Doch -unglücklich, wirklich und furchtbar unglücklich konnte nur Dmitrij sein: -ihn erwartete zweifellos großes Leid. Nun aber erwies sich auch, daß es -noch andere Menschen gab, die all dieses gleichfalls anging und -vielleicht noch viel mehr anging, als Aljoscha sich früher gedacht -hatte. Es stellte sich plötzlich sogar etwas Rätselhaftes heraus. Sein -Bruder Iwan war ihm einen Schritt näher getreten, was er solange schon -gewünscht hatte, und siehe, jetzt fühlte er plötzlich, daß ihn diese -Annäherung erschreckte. Und jene Frauen? Wie sonderbar: vorhin war er so -unruhig und befangen gewesen, als er sich zu Katerina Iwanowna -aufgemacht hatte, nun aber beeilte er sich selbst, schneller zu ihr -hinzukommen, ganz als ob er erwartete, bei ihr Rat zu finden. Und doch -war es jetzt schwerer, den Auftrag auszurichten als vorhin: die -Geldangelegenheit war endgültig entschieden, und Dmitrij, so sagte sich -Aljoscha, würde sich jetzt für ehrlos und hoffnungslos verloren halten -und darum sich auch in nichts mehr zügeln, sondern sich geradeaus, -kopfüber in den Abgrund stürzen. Und zudem hatte er noch befohlen, -Katerina Iwanowna auch die letzte Szene zu erzählen. - -Es war schon sieben Uhr und es dunkelte bereits, als Aljoscha bei -Katerina Iwanowna eintrat. Sie hatte ein sehr geräumiges und bequemes -Haus an der Großen Straße gemietet. Aljoscha wußte, daß sie zusammen mit -zwei Tanten wohnte; doch war die eine nur die Tante ihrer Stiefschwester -Agafja Iwanowna. Das war jene schweigsame Person, die im Hause ihres -Vaters, des Oberstleutnants, damals, als sie aus dem Institut nach Hause -zum Besuch gekommen war, sie wie eine Magd bedient hatte. Die andere -Tante dagegen war eine vornehme, doch gleichfalls arme Dame, eine -Moskowiterin. Es hieß, daß sie beide in allen Dingen Katerina Iwanowna -gehorchten und bei ihr nur als „Anstandsdamen“ wohnten. Katerina -Iwanowna jedoch gehorchte nur ihrer Gönnerin, der alten Generalin, die -krankheitshalber in Moskau geblieben war, und der sie wöchentlich zwei -Briefe mit ausführlichen Nachrichten über sich schreiben mußte. - -Als Aljoscha in das Vorzimmer trat und die Zofe, die ihm die Tür -geöffnet hatte, ihn anzumelden bat, schien man im Saal von seiner -Ankunft schon zu wissen (vielleicht hatte man ihn vom Fenster aus -gesehen), nur hörte Aljoscha noch ein Geräusch wie von hastig -forteilenden Frauenschritten und Kleiderrauschen: vielleicht liefen zwei -oder drei Frauen aus dem Zimmer. Es schien ihm sonderbar, daß er durch -seinen Besuch solch eine Aufregung hervorrief; er wurde aber sofort -gebeten, in den Saal einzutreten. Es war das ein großes, elegant, -durchaus nicht nach provinziellem Geschmack reich möbliertes Zimmer: -kleine Sofas, Couchetten, Chaiselongues, kleine und große Tische waren -geschmackvoll gruppiert; an den Wänden hingen Gemälde, Vasen und Lampen -standen auf den Tischen und auf besonderen Ständern viele Blumen. Da die -Dämmerstunde schon vorrückte, war es etwas dunkel im Saal; Aljoscha -bemerkte aber doch auf dem Sofa, auf dem man augenscheinlich noch vor -kurzem gesessen hatte, einen seidenen Überwurf und auf dem Tisch davor -zwei unausgetrunkene Tassen Schokolade, Biskuit, eine Kristallschale mit -blauen Weintrauben und eine andere mit Konfitüren. Es mußte jemand zu -Gast gewesen sein. Aljoscha erriet, daß er einen Besuch gestört hatte -und runzelte die Stirn; da aber wurde auch schon eine Portiere -zurückgeschlagen, und Katerina Iwanowna trat mit schnellen Schritten auf -ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Im selben Augenblick -brachte das Mädchen zwei brennende Lichte und stellte sie auf den Tisch. - -„Gott sei Dank, daß auch Sie endlich gekommen sind! Den ganzen Tag habe -ich Gott gebeten, er möge Sie doch endlich zu mir schicken! Setzen Sie -sich, bitte.“ - -Die Schönheit Katerina Iwanownas hatte Aljoscha schon früher frappiert, -als ihn sein Bruder Dmitrij auf ihren ausdrücklichen Wunsch ihr -vorgestellt hatte. Zu einem Gespräch war es damals zwischen ihnen nicht -gekommen. Katerina Iwanowna hatte geglaubt, er sei verlegen geworden, -und hatte daher, gleichsam um ihn zu schonen, die ganze Zeit nur mit -Dmitrij Fedorowitsch gesprochen. Aljoscha hatte geschwiegen, beobachtet -und vieles sehr gut erkannt. Ihn hatten das sichere Auftreten, die -stolze Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein des hochmütigen Mädchens -in Erstaunen gesetzt, und Aljoscha fühlte, daß es wirklich so war, daß -Dmitrij nichts vergrößerte oder übertrieb. Er fand ihre großen, -dunkelbraunen, feurigen Augen wundervoll und fand, daß sie besonders gut -zu ihrem länglichen, blaß-gelblichen Gesicht standen. Doch war in diesen -Augen, wie in den Linien der wundervoll geschnittenen Lippen etwas, in -das sich sein Bruder wohl verliebt haben konnte, doch das er vielleicht -nicht lange lieben werde. Diese Beobachtung teilte er dann auch seinem -Bruder mit, als der nach dem Besuch in ihn drang und ihn bat, nicht zu -verheimlichen, welch einen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte. - -„Du wirst mit ihr glücklich sein; aber vielleicht ... wird es kein -ruhiges Glück werden.“ - -„Das ist’s ja; solche Menschen bleiben wie sie sind, die geben sich -nicht mit ihrem Schicksal zufrieden. Also du glaubst, daß ich sie nicht -ewig lieben werde?“ - -„Nein, vielleicht wirst du sie ewig lieben; aber vielleicht wirst du mit -ihr nicht immer glücklich sein.“ - -Als Aljoscha damals seine Meinung geäußert hatte, war er vor Ärger über -sich, daß er den Bitten seines Bruders Gehör gegeben und so „dumme“ -Gedanken ausgesprochen hatte, heftig errötet, denn sofort, nachdem er es -getan, war ihm seine Äußerung furchtbar dumm erschienen, und es war ihm -sehr peinlich gewesen, daß er so vorwitzig über eine Frau geurteilt -hatte. Um wieviel größer war nun seine Verwunderung, als er jetzt schon -beim ersten Blick auf die ihm entgegentretende Katerina Iwanowna fühlte, -daß er sich damals vielleicht sehr versehen hatte. Ihr Gesicht strahlte -diesmal von unverfälschter, offenherziger Güte, von gerader, lebhafter -Herzlichkeit. Von dem ganzen früheren „Stolz und Hochmut“, die Aljoscha -das erstemal so betroffen gemacht hatten, war jetzt nur noch eine kühne, -edle Energie und ein gewisser klarer, mächtiger Glaube an sich selbst zu -bemerken. Schon nach dem ersten Blick auf sie, schon nach den ersten -Worten begriff Aljoscha, daß ihr die ganze Tragik ihres Verhältnisses zu -dem von ihr so geliebten Menschen durchaus kein Geheimnis war, daß sie -vielleicht schon alles wußte, alles. Und doch lag soviel Licht auf ihrem -Antlitz, soviel Glaube an die Zukunft. Aljoscha fühlte sich plötzlich im -Ernst vor ihr schuldig, und es war ihm fast, als ob er es mit Absicht -geworden wäre. Sie hatte ihn sofort besiegt und angezogen. Außerdem fiel -ihm auch schon nach ihren ersten Worten auf, daß sie sehr erregt war, -was bei ihr nur selten vorkam; es war eine Erregung, die beinahe sogar -einer Art Begeisterung glich. - -„Ich habe Sie darum so sehnsüchtig erwartet, weil ich jetzt nur von -Ihnen allein die ganze Wahrheit erfahren kann, nur von Ihnen allein!“ - -„Ich bin gekommen ...“ begann Aljoscha verwirrt, „ich ... er hat mich -geschickt –“ - -„Ah, er hat Sie also geschickt; nun, das ahnte ich ja. Jetzt weiß ich -alles, alles!“ rief Katerina Iwanowna mit aufblitzenden Augen aus. -„Warten Sie, Alexei Fedorowitsch, ich werde Ihnen zuerst sagen, warum -ich Sie so erwartete. Sehen Sie, ich weiß vielleicht viel mehr als Sie -selbst; ich brauche nicht Nachrichten von Ihnen, sondern etwas anderes: -ich will Ihre eigene, persönliche Meinung, ich will den Eindruck wissen, -den er zuletzt auf Sie gemacht hat; ich will, daß Sie mir ganz -aufrichtig sagen, ohne jede Ausschmückung, ganz brutal sogar (o, so -brutal, wie Sie nur wollen!), wie Sie ihn jetzt, nach Ihrem heutigen -Wiedersehen, selbst beurteilen. Das wird vielleicht noch besser sein, -als wenn ich, zu der er nicht mehr kommt, mich persönlich mit ihm -aussprechen würde. Verstehen Sie, was ich von Ihnen will? Jetzt sagen -Sie mir, womit er Sie zu mir geschickt hat (ich wußte ja, daß er Sie zu -mir schicken werde!); sprechen Sie ganz einfach, sagen Sie alles, bis -aufs letzte Wort! ...“ - -„Er sagte mir, ich soll Ihnen ... seinen Abschiedsgruß überbringen und -sagen, daß er nicht mehr kommen werde ... und grüßen läßt.“ - -„Seinen Abschiedsgruß? Hat er das so gesagt, so sich ausgedrückt?“ - -„Ja!“ - -„Vielleicht flüchtig, nebensächlich, ohne so genau ans Wort zu denken?“ - -„Nein, er befahl gerade, ich solle dieses Wort überbringen: ‚seinen -Abschiedsgruß‘. Er bat mich dreimal darum, damit ich es nicht vergesse.“ - -Katerina Iwanowna schoß das Blut ins Gesicht. - -„Helfen Sie mir jetzt, Alexei Fedorowitsch; jetzt bedarf ich Ihrer -Hilfe: Ich werde Ihnen zuerst sagen, was ich denke, und Sie sollen mir -dann nur sagen, ob Sie es für richtig halten oder nicht. Also hören Sie: -Wenn er Ihnen ganz flüchtig gesagt hätte, mir seinen Abschiedsgruß zu -überbringen, ohne auf dem Wort zu bestehen, ohne es zu unterstreichen, -so wäre alles aus ... Das wäre das Ende! ... Wenn er aber so besonders -auf diesem Wort bestand, wenn er Sie so besonders beauftragt hat, mir -gerade den _Abschiedsgruß_ zu überbringen – so muß er sehr erregt, -vielleicht außer sich gewesen sein. Er entschloß sich vielleicht erst -und erschrak vor seinem Entschluß! Er ist nicht festen Schrittes von mir -fortgegangen, sondern hat sich hinab in den Abgrund gestürzt. Die -ausdrückliche Betonung dieses Wortes kann ja nur Prahlerei gewesen -sein.“ - -„Ja, ja!“ bestätigte Aljoscha lebhaft, „jetzt scheint es mir auch so.“ - -„Wenn das aber so ist, dann ist er noch nicht verloren! Er ist nur sehr -verzweifelt; aber ich kann ihn noch retten. Warten Sie: Hat er zu Ihnen -nicht noch etwas von Geld gesprochen, von dreitausend Rubeln?“ - -„Er hat nicht nur davon gesprochen, sondern das war es gerade, was ihn -am meisten bedrückte. Er sagte, er sei jetzt ehrlos geworden, und jetzt -wäre schon alles einerlei,“ antwortete Aljoscha erregt, da er fühlte, -wie sich von neuem Hoffnung in seinem Herzen erhob, und daß es -möglicherweise wirklich noch eine Rettung für seinen Bruder gab. „Aber -wie ... wissen Sie denn etwas von diesem Geld?“ fragte er erschrocken -und verstummte plötzlich. - -„Schon lange und ganz genau. Ich telegraphierte nach Moskau und erfuhr -sofort, daß man das Geld nicht erhalten hatte. Er hatte also damals das -Geld nicht abgeschickt! Aber ich schwieg. In der vorigen Woche erfuhr -ich dann, wie sehr er gerade damals das Geld nötig gehabt hatte, und wie -sehr er es noch jetzt nötig hat ... Ich verfolge ja doch nur ein -einziges Ziel: Er soll wissen, zu wem er immer zurückkehren kann, und -wer sein treuester Freund ist. Er aber will nicht glauben, daß ich das -bin; er will mich nicht einmal näher kennen lernen; er sieht auf mich -nur wie auf ein – Weib. Diese ganze Woche hat mich nur die eine -furchtbare Sorge gequält: Was soll ich tun, damit er sich nicht der -Verausgabung dieser Dreitausend vor mir schämt? Oder mag er sich auch -schämen, vor allen, vor sich selbst; aber vor mir soll er sich nicht -schämen. Gott gesteht er doch alles, ohne sich zu schämen. Warum weiß er -noch immer nicht, wieviel ich für ihn ertragen kann? Warum, warum kennt -er mich nicht; wie wagt er es, mich noch immer nicht zu kennen, nach -allem, was schon geschehen ist? Ich will ihn auf ewig retten; mag er -mich meinetwegen als seine Braut vergessen! Und nun fürchtet er sich vor -mir – wegen seiner Ehre? Ihnen alles zu sagen, hat er sich doch nicht -gefürchtet; warum habe _ich_ denn bis jetzt noch nicht dasselbe -Vertrauen verdient?“ - -Die letzten Worte sprach sie mit Tränen in den Augen; Tränen rollten ihr -über die Wangen. - -„Ich muß Ihnen noch mitteilen,“ sagte Aljoscha mit zitternder Stimme, -„was, kurz bevor ich herkam, geschehen ist.“ - -Und er erzählte ihr die ganze Szene; erzählte, daß ihn Dmitrij zum Vater -mit der Bitte um Geld geschickt hatte, wie er aber dann selbst -hereingestürzt war, den Vater verprügelt und ihm, Aljoscha, dann noch -einmal und eindringlich befohlen hatte, den „Abschiedsgruß“ zu -überbringen ... – „Und darauf ging er zu jener ...“ fügte Aljoscha leise -hinzu. - -„Und Sie glauben, daß ich das nicht überwinden kann? Er glaubt, daß -ich’s nicht kann? Aber er wird sie ja nicht heiraten!“ Sie lachte nervös -auf. „Kann denn ein Karamasoff ewig in dieser Leidenschaft bleiben? Das -ist Leidenschaft, aber nicht Liebe. Er wird sie nicht heiraten, denn sie -wird ihn nicht heiraten ...“ sagte sie wieder mit sonderbarem Lachen. - -„Er wird sie vielleicht doch heiraten,“ sagte Aljoscha traurig, den -Blick zu Boden gesenkt. - -„Ich sage Ihnen, er wird sie nicht heiraten! Dieses Mädchen – ist ein -Engel, wissen Sie das auch? Wissen Sie das?“ rief plötzlich in ganz -auffallender Begeisterung Katerina Iwanowna. „Das ist das -phantastischste aller phantastischen Geschöpfe! Ich weiß, wie bezaubernd -sie ist, aber ich weiß auch, wie gut sie ist, wie charakterfest, wie -edel. Warum sehen Sie mich so an, Alexei Fedorowitsch? Wundern Sie meine -Worte, oder glauben Sie mir vielleicht nicht? Agrafena Alexandrowna, -mein Engel!“ rief sie plötzlich jemandem zu, zur Tür des Nebenzimmers -gewandt, „kommen Sie her zu uns, hier ist ein lieber Mensch, Aljoscha -Karamasoff, er weiß alles, zeigen Sie sich ihm!“ - -„Ich wartete die ganze Zeit hinter der Portiere nur darauf, daß Sie mich -rufen,“ antwortete darauf eine weiche, etwas süßliche Frauenstimme. - -Die Portiere wurde zurückgeschlagen und ... Gruschenka trat lachend ins -Zimmer. Sie näherte sich dem Tisch. Aljoscha fühlte, daß ihn etwas -durchzuckte. Er umklammerte sie geradezu mit seinem ganzen Blick und -konnte die Augen nicht mehr von ihr abwenden. Das also war sie, sie, -dieses furchtbare Weib, – das „Tier“, wie sich vor einer halben Stunde -Iwan über sie geäußert hatte. Und nun stand vor ihm, wie es auf den -ersten Blick schien – das gewöhnlichste und einfachste Geschöpf, ein -gutes, liebes Wesen, zwar ein hübsches Weib, aber eines, das so ähnlich -allen anderen hübschen, doch „gewöhnlichen“ Frauen war. Allerdings war -sie schön, sogar sehr schön, – eine russische Schönheit, wie sie von -vielen so leidenschaftlich geliebt wird. Sie war ziemlich groß, doch -etwas kleiner als Katerina Iwanowna (da diese schon von sehr hohem Wuchs -war), in der Gestalt recht voll, mit weichen, gleichsam „lautlosen“ -Körperbewegungen, als ob dieselben, wie ihre Stimme, gleichfalls so -sonderbar, fast süßlich ausgearbeitet wären. Sie kam nicht wie Katerina -Iwanowna ins Zimmer, – mit munteren, festen Schritten; nein, unhörbar -näherte sie sich ihnen. Keinen Schritt hörte man auf dem Fußboden. Weich -ließ sie sich auf den Lehnstuhl nieder, weich rauschte ihr prächtiges -schwarzes Seidenkleid, und verzärtelt hüllte sie ihren vollen, wie -Schaum weißen Hals und ihre breiten Schultern in einen teuren schwarzen -Schal. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, und ihr Gesicht drückte auch -genau dieses Alter aus. Ihr Teint war sehr weiß, und nur ihre Wangen -hatten einen blaßrosa Schimmer. Das Gesicht war vielleicht etwas zu -breit, und der untere Kiefer trat ein wenig vor. Die Oberlippe war -schmal und fein, doch die Unterlippe war voller und fast wie -geschwollen. Aber ihr prachtvolles, reiches, dunkelblondes Haar, die -dunklen, feingezeichneten Augenbrauen und ihre wundervollen graublauen -Augen mit den langen Wimpern hätten selbst den gleichgültigsten und -zerstreutesten Menschen, einerlei wo, in der Volksmenge, beim -Spaziergang, im Gedränge auf der Straße gezwungen, plötzlich vor diesem -Gesicht stehenzubleiben und es auf lange in der Erinnerung zu behalten. -Am meisten machte Aljoscha der naive, gutmütige Ausdruck dieses Gesichts -betroffen. Sie blickte ihn an wie ein Kind, freute sich über irgend -etwas wie ein Kind, und sie „freute“ sich gerade, als sie sich ihnen -näherte, wie wenn sie mit kindlich ungeduldiger, zutraulicher Neugier -etwas Besonderes erwarte. Ihr Anblick machte das Herz froh, – das fühlte -Aljoscha. Es war noch etwas in ihr, worüber er sich nicht hätte -Rechenschaft geben können, vielleicht weil er es nicht verstand, etwas, -das aber auch ihm sich unbewußt mitteilte, nämlich wiederum diese -Weichheit, Zärtlichkeit der Körperbewegungen, diese katzenhafte -Unhörbarkeit ihrer Schritte. Und doch war es eine starke, volle Gestalt. -Unter dem weichen Schal zeichneten sich breite, volle Schultern ab, eine -hohe, noch ganz jugendliche Brust. Dieser Körper hatte vielleicht die -Formen der Venus von Milo, obgleich er auch jetzt schon in den -Verhältnissen etwas übertrieben sein mußte, – das konnte man ahnen. -Kenner russischer Frauenschönheit hätten vielleicht bei Gruschenkas -Anblick gesagt, daß solche frische, noch jugendliche Schönheiten schon -mit dreißig Jahren die Harmonie verlieren, daß auch das Gesicht dann -schon verschwommen aussieht, daß um die Augen herum und auf der Stirn -ungewöhnlich schnell kleine Fältchen entstehen und die Gesichtsfarbe -ihre Zartheit verliert und rot wird. Mit einem Wort, daß es eine -flüchtige Schönheit war, eine Augenblicksschönheit, die man so häufig -gerade bei der russischen Frau findet. Doch daran dachte Aljoscha -natürlich nicht in diesem Augenblick. Nur – wie bezaubert er auch war, -so fragte er sich doch mit einer gewissen unangenehmen Empfindung: Warum -zieht sie die Worte so in die Länge, warum kann sie nicht natürlich -sprechen? Sie tat es augenscheinlich, weil sie diese gezogene und -verstärkt-süßliche Aussprache schön fand. Das war natürlich nur eine -dumme Angewohnheit schlechten Tones, die von ihrer geringen Bildung und -von Kindheit an falschen Auffassung des Vornehmen zeugte. Und doch -erschien Aljoscha diese singende Aussprache der Worte fast wie ein -unmöglicher Widerspruch zu diesem kindlich-offenherzigen und -gutmütig-freudigen Gesichtsausdruck, zu diesem stillen, glücklichen -Leuchten ihrer Kinderaugen! Katerina Iwanowna zog sie sofort auf den -Lehnstuhl neben sich und küßte sie entzückt mehrmals auf ihre lachenden -Lippen. Sie schien in sie geradezu verliebt zu sein. - -„Wir sehen uns heute zum ersten Male, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie -ganz berauscht; „ich wollte sie kennen lernen, sie sehen, ich wollte -selbst zu ihr gehen, sie aber kam schon auf meine erste Bitte zu mir. -Ich wußte es ja, daß wir beide alles sofort gutmachen würden, alles! -Mein Herz fühlte es voraus ... Man bat mich himmelhoch, diesen Schritt -zu unterlassen, aber ich ahnte ja, daß hier die Rettung war, und -täuschte mich nicht. Gruschenka hat mir jetzt alles erzählt und erklärt, -alle ihre Absichten; sie ist wie ein guter Engel zu mir gekommen und hat -mir Ruhe und Freude gebracht ...“ - -„Sie haben mich nicht verachtet, liebes, wertes Fräulein,“ sagte -Gruschenka in ihrem gezogenen, singenden Tone und immer noch mit -demselben freudigen Lächeln. - -„Sagen Sie mir nie mehr, nie mehr so etwas, Sie schlimme Zauberin! Sie -und verachten! Sehen Sie, ich werde gleich noch einmal ihre Lippen -abküssen. Sie sind bei Ihnen ganz wie geschwollen, also damit sie noch -mehr anschwellen, küsse ich sie, und werde sie wieder küssen, und wieder -... Sehen Sie, wie sie lacht, Alexei Fedorowitsch, wirklich, das Herz -lacht einem, wenn man diesen Engel ansieht ...“ Aljoscha war rot im -Gesicht und zitterte. Es war ein bebendes, unmerkliches Zittern. - -„Sie hätscheln mich, liebes Fräulein, ich aber bin Ihrer Liebkosung -vielleicht gar nicht wert.“ - -„Nicht wert! Sie soll ihrer nicht wert sein!“ rief wieder mit derselben -Begeisterung Katerina Iwanowna. „Wissen Sie auch, Alexei Fedorowitsch, -daß wir ein phantastisches Köpfchen haben, ein eigenwilliges, aber -stolzes, überstolzes Herzchen haben! Wir sind edel, Alexei Fedorowitsch, -wir sind großmütig, wissen Sie das auch? Wir waren nur unglücklich. Wir -waren nur zu schnell bereit, einem unwürdigen oder vielleicht auch nur -leichtsinnigen Menschen jedes Opfer zu bringen. Es war einmal einer, -gleichfalls ein Offizier, wir gewannen ihn lieb und gaben ihm alles; das -war schon vor langer Zeit, vor fünf Jahren war’s, er aber vergaß uns, er -heiratete eine andere. Jetzt ist er verwitwet, jetzt hat er geschrieben -und kommt schon her – und wissen Sie auch, daß wir ihn allein, nur ihn -allein die ganze Zeit über geliebt haben, bis auf den heutigen Tag! Er -wird herkommen, und Gruschenka wird wieder glücklich sein, doch all -diese fünf Jahre lang war sie unglücklich. Und wer kann ihr denn etwas -vorwerfen, wer kann sich ihrer Zuneigung rühmen? Nur dieser eine -gelähmte Greis, dieser Kaufmann, – aber er war eher unser Vater, unser -Freund und Beschützer. Er fand uns damals in der Verzweiflung, in -Qualen, verlassen von dem, den wir über alles liebten ... sie wollte -sich ja damals ertränken, der Alte hat sie doch gerettet, gerettet!“ - -„Sie verteidigen mich schon gar zu sehr, mein liebes Fräulein, Sie -übertreiben,“ sang wieder Gruschenka. - -„Ich verteidige? Wie soll ich darauf kommen, und darf hier überhaupt -jemand etwas zu verteidigen wagen? Gruschenka, mein Engel, geben Sie mir -Ihr Händchen, ach, sehen Sie doch, Alexei Fedorowitsch, dieses kleine, -weiche, reizende Händchen! – Es hat mir Glück gebracht und mich wieder -aufgerichtet und dafür werde ich es gleich küssen, so, so und so!“ Und -sie küßte dreimal ganz verzückt Gruschenkas wirklich reizendes, -vielleicht nur etwas zu volles Händchen. Gruschenka ließ es unter -nervösem, doch hellem, reizendem Lachen geschehen: es war ihr -augenscheinlich sehr angenehm, daß das „liebe Fräulein“ ihre Hand küßte. - -„Vielleicht ist das doch etwas zu viel der Begeisterung,“ fuhr es -flüchtig Aljoscha durch den Sinn. Er errötete. Sein Herz war die ganze -Zeit so sonderbar unruhig. - -„Beschämen Sie mich doch nicht, indem Sie mir so in Alexei Fedorowitschs -Gegenwart die Hand küssen.“ - -„Ja, wollte ich Sie denn damit beschämen?“ fragte Katerina Iwanowna -etwas verwundert, „ach, meine Liebe, wie falsch Sie mich verstehen!“ - -„Und Sie verstehen mich vielleicht auch gar nicht so, liebes Fräulein, -ich bin vielleicht viel schlechter, als ich hier vor Ihnen scheine. Im -Herzen bin ich schlecht; bin eigensinnig. Den armen Dmitrij Fedorowitsch -habe ich damals aus reiner Spottlust gefesselt.“ - -„Aber jetzt retten Sie ihn doch selbst! Sie haben es mir doch -versprochen. Sie werden ihm vernünftig zureden, werden ihm sagen, daß -Sie einen anderen lieben, schon lange, und daß er Sie heiraten will ...“ - -„Ach nein, das habe ich Ihnen nicht versprochen. Sie haben es nur selbst -gesagt, ich aber – ich habe Ihnen so etwas gar nicht versprochen.“ - -„Dann habe ich Sie wohl nicht recht verstanden,“ sagte Katerina Iwanowna -etwas leiser und schien ein wenig zu erbleichen, „Sie versprachen ...“ - -„Ach nein, Sie Engel, davon habe ich nichts versprochen,“ unterbrach -Gruschenka sie leise und ruhig, immer mit demselben heiteren, -unschuldigen Ausdruck. „Und da sehen Sie jetzt gleich, wertes Fräulein, -wie schlecht und eigensinnig ich bin. Wenn ich etwas will, so tue ich es -auch. Vorhin habe ich Ihnen vielleicht etwas versprochen, jetzt aber -denke ich: Plötzlich gefällt er mir wieder, Mitjä, meine ich, – gefiel -er mir doch schon einmal sehr; fast eine ganze Stunde lang gefiel er -mir. Und jetzt werde ich vielleicht gehen und ihm sofort sagen, daß er -fortan bei mir bleiben soll ... Sehen Sie, wie unbeständig ich bin ...“ - -„Vorhin sprachen Sie ... ganz anders ...“ murmelte Katerina Iwanowna -kaum hörbar. - -„Ach, vorhin! Aber mein Herz ist doch zärtlich und dumm. Und wenn man -nur bedenkt, was er meinetwegen ertragen hat! Und plötzlich komme ich -nach Hause, und es tut mir leid um ihn, – was dann?“ - -„Ich hatte nicht erwartet ...“ - -„Ach, Fräulein, wie gut und edel Sie jetzt im Vergleich zu mir -erscheinen. Sehen Sie, jetzt werden Sie mich dummes Geschöpf nicht mehr -lieben, weil ich solch einen Charakter habe. Geben Sie mir Ihr liebes -Händchen, Sie Engel,“ bat sie zärtlich und nahm fast andächtig die Hand -Katerina Iwanownas. „Nun, liebes Fräulein, werde auch ich Ihr Händchen -nehmen und ebenso küssen, wie Sie meine Hand küßten. Sie küßten dreimal, -ich aber müßte sie Ihnen dreihundertmal dafür küssen, um es -quittzumachen. Und so mag es denn auch sein; dann aber, wie Gott will, -vielleicht werde ich ganz Ihre Sklavin werden und Ihnen alles sklavisch -zu Gefallen tun. Wie Gott will, so mag es sein, ohne alle Besprechungen -und Versprechungen untereinander. Ihr Händchen, Ihr liebes Händchen, -Fräulein, Ihr Händchen! Mein liebes Fräulein, Sie – Sie unglaubliche -Schönheit!“ - -Sie zog wirklich die Hand an ihre Lippen, allerdings mit einer -sonderbaren Absicht: um die Küsse zu „quittieren“! Katerina Iwanowna zog -ihre Hand nicht fort. Mit scheuer Hoffnung vernahm sie die letzten Worte -und das so sonderbar geäußerte Versprechen Gruschenkas, ihr vielleicht -alles „sklavisch“ zu Gefallen tun zu wollen. Sie blickte ihr angestrengt -in die Augen. Sie sah in diesen Augen immer denselben offenherzigen, -zutraulichen Ausdruck, immer dieselbe klare Munterkeit ... „Sie ist -vielleicht nur sehr naiv,“ dachte Katerina Iwanowna einen Augenblick mit -neuer Hoffnung im Herzen. Gruschenka zog inzwischen langsam die Hand -immer höher an ihre Lippen. Doch kurz vor ihren Lippen zögerte sie -plötzlich und hielt inne, als ob sie über etwas nachdachte. - -„Aber wissen Sie was, Sie Engel,“ sagte sie plötzlich mit der -zärtlichsten, süßesten Stimme, „wissen Sie was: Ich werde Ihr Händchen -jetzt einfach _nicht_ küssen.“ Und sie lachte ein kleines, heiteres -Lachen. - -„Wie Sie wollen ... Was sagen Sie?“ fuhr Katerina Iwanowna jäh auf. - -„So behalten Sie denn das zur Erinnerung, daß Sie meine Hand geküßt -haben, ich aber die Ihre nicht.“ Es blitzte etwas in Gruschenkas Augen. -Sie blickte aufmerksam Katerina Iwanowna an. - -„Unverschämte!“ stieß plötzlich Katerina Iwanowna hervor, als ob sie mit -einemmal etwas begriffen hätte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne -sich zu beeilen, erhob sich auch Gruschenka. - -„So werde ich es denn auch gleich Mitjä erzählen, wie Sie mir dreimal -die Hand geküßt haben, ich aber die Ihre überhaupt nicht. Und wie er -darüber lachen wird!“ - -„Hinaus, Sie gemeines Geschöpf, hinaus!“ - -„Ach, schämen Sie sich, Fräulein, ach, schämen Sie sich, das steht Ihnen -wohl gar nicht zu, liebes Fräulein.“ - -„Hinaus, feile Dirne!“ schrie Katerina Iwanowna. Jeder Nerv zitterte in -ihrem verzerrten Gesicht. - -„Also schon feil. Sind Sie doch selbst als junges Mädchen in der -Dämmerung zu Herren nach Geld gegangen, um Ihre Schönheit zu verkaufen, -das weiß ich doch, weiß ich doch!“ - -Katerina Iwanowna stieß einen kurzen Schrei aus und wollte sich auf sie -stürzen, aber Aljoscha gelang es noch, sie mit aller Gewalt -zurückzuhalten: - -„Kein Wort mehr, keinen Schritt! Sagen Sie nichts, antworten Sie nicht, -sie geht ja schon fort, sie wird sogleich fortgehen!“ - -In dem Augenblick stürzten auf ihren Schrei hin die beiden Tanten in den -Saal und nach ihnen das Stubenmädchen. Alle liefen sie zu ihr und -umringten sie. - -„Ja, ich gehe,“ sagte Gruschenka, die vom Sofa ihren Umwurf nahm. -„Aljoscha, mein Lieber, begleite mich!“ - -„Gehen Sie, gehen Sie doch schneller fort!“ bat Aljoscha flehend. - -„Lieber Aljoschenka, begleite mich! Ich werde dir unterwegs ein schönes, -schönes Wörtchen sagen! Ich habe ja nur für dich, Aljoschenka, diese -Szene gespielt. Begleite mich, Liebling, wirst später damit zufrieden -sein.“ - -Aljoscha wandte sich von ihr ab. Gruschenka lief hell lachend aus dem -Hause. - -Katerina Iwanowna hatte einen Nervenanfall. Sie schluchzte, konnte nicht -atmen, glaubte zu ersticken. Alle bemühten sich um sie. - -„Ich habe Sie gewarnt,“ sagte ihr die ältere Tante, „ich habe Sie immer -wieder von diesem Schritt abzuhalten versucht ... Sie sind viel zu -heißblütig, wie kann man nur als Dame so etwas tun! Sie kennen diese -Geschöpfe nicht; von dieser aber sagt man, sie soll die Schlimmste von -allen sein ... Nein, Sie sind viel zu eigenwillig!“ - -„Das ist ja ein Tiger!“ schrie Katerina Iwanowna außer sich. „Warum -hielten Sie mich zurück, Alexei Fedorowitsch, ich hätte sie -durchgeprügelt, durchgeprügelt!“ - -Sie hatte nicht die Kraft, sich vor Aljoscha zusammenzunehmen, -vielleicht wollte sie es auch nicht einmal. - -„Peitschen muß man sie, auf dem Schafott, durch den Henker, öffentlich! -...“ - -Aljoscha zog sich erschrocken zur Tür zurück. - -„Aber, o Gott!“ rief plötzlich Katerina Iwanowna, die Hände ringend. -„Er! er hat so unmenschlich sein können, so unmenschlich! Er hat dieser -Dirne erzählt, was dort war, damals, an jenem schrecklichen, -entsetzlichen, verfluchten, ewig verfluchten Tage! ‚Sind doch Ihre -Schönheit verkaufen gegangen, liebes Fräulein!‘ Und sie weiß das! Ihr -Bruder ist ein Schuft, Alexei Fedorowitsch!“ - -Aljoscha wollte etwas sagen, aber er fand kein einziges Wort. Sein Herz -krampfte sich zusammen vor Schmerz. - -„Gehen Sie fort, Alexei Fedorowitsch! Ich schäme mich, mir ist so -furchtbar zumut! Morgen ... ich flehe Sie an, kommen Sie morgen! -Verurteilen Sie mich nicht, verzeihen Sie, ich weiß noch nicht, was ich -mit mir machen werde.“ - -Aljoscha trat auf die Straße. Er wankte beinahe. Er wollte gleichfalls -weinen wie sie. Da kam ihm das Stubenmädchen nachgelaufen. - -„Das gnädige Fräulein hat vergessen, Ihnen diesen Brief von Fräulein -Chochlakowa zu übergeben; er lag bei ihr seit dem Mittag.“ - -Aljoscha nahm ganz mechanisch das kleine rosa Kuvert und steckte es, -ohne es selbst zu gewahren, in die Tasche. - - - XI. - Noch ein verlorener Ruf - -Das Kloster war nur etwas über eine Werst von der Stadt entfernt. -Aljoscha schritt eilig aus auf der zu dieser Stunde ganz einsamen -Straße. Die Nacht brach schon an: auf dreißig Schritt konnte man die -Gegenstände nur schwer unterscheiden. Ungefähr auf der Hälfte des Weges -kam ein Kreuzweg. Dort am Kreuzweg stand an einem einsamen -Silberweidenbaum eine Menschengestalt. Kaum hatte Aljoscha den Kreuzweg -betreten, als die Gestalt sich vom Baume loslöste, ihm entgegenstürzte -und mit grimmig wilder Stimme rief: - -„Den Beutel oder das Leben!“ - -„Ach, das bist du, Mitjä!“ sagte höchst erstaunt Aljoscha, der zuerst -doch etwas zusammengefahren war. - -„Ha–ha–ha! Das hattest du wohl nicht erwartet? Ich fragte mich: Wo soll -ich dich erwarten? Bei ihrem Hause? Von dort aber führen drei Wege -hierher, und ich könnte dich verfehlen. Endlich kam ich darauf, hier zu -warten, denn hier muß er unbedingt vorübergehen, dachte ich, einen -anderen Weg gibt’s nicht zum Kloster. Nun, sag die Wahrheit, schone mich -nicht ... Was ist mit dir?“ - -„Nichts, Mitjä ... ich, nur so, vom Schreck. Ach, Dmitrij! Vorhin – -dieses Blut unseres Vaters ...“ Aljoscha schluchzte auf; er hatte schon -lange in Tränen ausbrechen wollen, jetzt aber war ihm, als ob etwas in -seiner Seele plötzlich zerrisse. „Du hättest ihn beinahe erschlagen ... -Du verfluchtest ihn ... und jetzt ... hier ... jetzt scherzest du noch -... Beutel oder Leben!“ - -„Ach ja, nun – was? Unpassend, nicht? Paßt nicht zu meiner Lage?“ - -„Ach nein, nicht das ... ich war nur so ...“ - -„Wart, bleib stehn. Sieh die Nacht, sieh, wie dunkel die Nacht ist, die -Wolken, sieh, wie dunkel, und welch ein Wind sich erhoben hat! Ich hatte -mich hier unter der Weide versteckt, erwartete dich, und plötzlich ein -Gedanke (bei Gott!): Wozu sich denn noch weiter plagen, worauf noch -warten? Hier ist eine Weide, ein Taschentuch hast du, ein Hemd hast du, -eine Schlinge läßt sich im Augenblick zusammendrehen, kannst sie noch -obendrein anfeuchten und – nicht mehr die Erde belasten, sie nicht mehr -durch dein niedriges Leben entehren! Da höre ich, ein Mensch kommt – du! -Herrgott, es war ganz, als ob plötzlich etwas zu mir niederfliege: also -gibt es doch noch einen Menschen, den auch ich liebe, da kommt, da ist -er, dieser Mensch, mein liebstes, kleines Brüderchen, das ich am meisten -auf der Welt liebe, das einzige, was ich wirklich so, so lieb habe! Ja: -so lieb warst du mir plötzlich, ich liebte dich so in diesem Augenblick, -daß ich dachte: Werfe mich sofort an seinen Hals und küsse ihn! Da kam -aber dieser dumme Gedanke: Werde einen Scherz machen, ihn erschrecken. -Und da schrie ich denn wie ein alter Esel: ‚Den Beutel oder das Leben‘! -Verzeih die Narrheit – das ist doch nur Unsinn, in der Seele ist es auch -bei mir – ... anständig ... Nun aber, zum Teufel damit, sag, wie es dort -war? Was sagte sie? Schlag mich nieder, zermalme mich, brauchst mich -nicht zu schonen! Sie geriet wohl außer sich?“ - -„Nein, nicht das ... Es war dort ganz anders, Mitjä. Dort ... Ich traf -sie beide zusammen an.“ - -„Wen denn, was für beide?“ - -„Gruschenka war bei Katerina Iwanowna.“ - -Dmitrij Fedorowitsch erstarrte. - -„Unmöglich!“ stieß er hervor, „du phantasierst! Gruschenka bei ihr?“ - -Aljoscha erzählte ihm alles, was er von dem Augenblick an, da er bei -Katerina Iwanowna eingetreten war, gesehen und gehört hatte. Er erzählte -zehn Minuten lang, allerdings nicht gleichmäßig und zusammenhängend, -aber er verstand es, alles klar darzustellen; er hob die -bedeutungsvollen Worte hervor, die wichtigsten Bewegungen, und gab -häufig nur durch eine kurze Bemerkung deutlich seine eigenen Gefühle -wieder. Dmitrij hörte schweigend zu, blickte starr mit einer sonderbaren -Unbeweglichkeit vor sich hin, doch Aljoscha sah, daß er schon alles -begriffen hatte und den ganzen Zusammenhang verstand. Sein Gesicht -wurde, je mehr die Erzählung verrückte, nicht etwa nur finster, nein, -drohend. Er hatte die Stirn gerunzelt, preßte die Zähne zusammen; sein -unbeweglicher Blick wurde gleichsam noch unbeweglicher, starrer, -furchtbarer ... Um so unerwarteter war es, als sich plötzlich mit -unglaublicher Hastigkeit sein ganzes Gesicht, das bis dahin zornig und -wild gewesen war, veränderte; die zusammengepreßten Lippen öffneten -sich, und Dmitrij Fedorowitsch lachte das allerunbezwingbarste, -natürlichste Lachen. Er schüttelte sich buchstäblich vor Lachen; lange -Zeit konnte er überhaupt nicht sprechen vor Lachen. - -„Und hat die Hand auch richtig nicht geküßt! Nicht geküßt, und ist so -fortgelaufen!“ rief er in geradezu krankhaftem Entzücken, – in -schamlosem Entzücken könnte man vielleicht sagen, wenn dieses Entzücken -nicht so ungekünstelt gewesen wäre. „Also sie schrie, sie sei ein Tiger! -Das ist sie ja auch, ein Tiger! Also aufs Schafott soll man sie bringen? -Ja, ja, das müßte man, das muß man, das ist auch meine Meinung, daß man -es tun muß, schon lange müßte man’s! Siehst du, Bruder, meinetwegen aufs -Schafott, aber vorher muß man noch geheilt werden. O, ich erkenne die -Königin der Unverschämtheit, hierin ist sie ganz enthalten, ganz, in -diesem Händchen hat sie sich ganz ausgesprochen, hierin liegt das ganze -infernale Weib. Das ist die Königin aller infernalen Weiber, die man -sich in der Welt nur denken kann! In seiner Art kann’s einen wirklich -entzücken! Also sie lief nach Haus? Ich wollte schon ... Ach, dann werde -ich ... schnell zu ihr eilen! Aljoschka, sei mir nicht böse, ich gebe ja -vollkommen zu, daß es zu wenig wäre, sie zu erdrosseln ...“ - -„Aber Katerina Iwanowna?“ fragte Aljoschka traurig. - -„Auch die durchschaue ich, ganz und gar durchschaue ich sie jetzt, wie -noch nie zuvor! Das ist eine wahre Entdeckung aller vier Erdteile, aller -fünf! Solch ein Schritt! Das ist gerade diese selbe Katjenka, das -Pensionsmädel, das mit dem hochherzigen Entschluß, den Vater zu retten, -sich nicht fürchtete, zu einem dummen rohen Offizier in der Dämmerung zu -laufen, wobei sie riskierte, so unsagbar beleidigt zu werden! Doch unser -Stolz! das Bedürfnis zu wagen! das Schicksal herauszufordern! diese -Herausforderung ins Unermeßliche! Du sagst, die Tante hat sie -aufgehalten? Diese Tante, weißt du, ist selbst eine eigenmächtige -Person, ist doch die leibliche Schwester jener moskauschen Generalin; -sie hat früher die Nase noch höher getragen als Katjä, aber da wurde ihr -Mann wegen Bestehlung der Kronkasse verurteilt, verlor alles, verlor -sein ganzes Hab und Gut – und seine stolze Frau Gemahlin senkte darauf -etwas den Ton, hat ihn auch seit der Zeit nicht wieder erhoben. Also sie -hat Katjä zurückgehalten, und die hat natürlich nicht auf sie gehört. -‚Kann alles besiegen,‘ denkt sie, ‚alles ist mir untertan; wenn ich -will, bezaubere ich auch Gruschenka,‘ und – hat sich natürlich selbst -geglaubt, hat sich selbst aufgestachelt, wer ist denn jetzt daran -schuld? Du glaubst, sie hat mit Absicht als erste das Händchen der -anderen geküßt, Gruschenkas Hand, aus schlauer Berechnung? Nein, sie -hatte sich wirklich, wirklich in Gruschenka verliebt, das heißt, nicht -in Gruschenka, sondern in ihre eigene Idee, in ihre Phantasie, darum, -siehst du, weil das, sozusagen, _ihre_ Idee war, ihre eigene Phantasie. -Liebling, Aljoscha, wie bist du nur von ihnen losgekommen, wie hast du -dich gerettet? Bist wohl einfach fortgelaufen, mit aufgenommenen -Rockschößen? Ha–ha–ha!“ - -„Dmitrij, es ist dir, glaub ich, nicht einmal aufgefallen, wie -beleidigend das für Katerina Iwanowna ist, daß du Gruschenka von jenem -Tage erzählt hast? so daß die ihr jetzt ins Gesicht hat schleudern -können: ‚Sie sind doch selbst zu Herren Ihre Schönheit verkaufen -gegangen!‘ Bruder, gibt es denn überhaupt noch eine größere Beleidigung -als diese?“ - -Am meisten quälte Aljoscha der Gedanke, daß sein Bruder sich gleichsam -über Katerina Iwanownas Erniedrigung zu freuen schien, obgleich das -natürlich ganz ausgeschlossen war. - -„Ach, Teufel!“ Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich plötzlich -unheimlich, und er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Erst jetzt -verfiel er darauf, obgleich Aljoscha alles erzählt, nichts verschwiegen -hatte, auch Katerina Iwanownas Schrei nicht: „Ihr Bruder ist ein -Schuft!“ – „Ja, wirklich, es kann sein, daß ich Gruschenka von jenem -‚verhängnisvollen Tage‘, wie Katjä sagt, erzählt habe. Ja, richtig, ich -hab’s ihr erzählt, ich weiß, ich weiß! Das war damals in Mokroje, ich -war betrunken, die Zigeunerinnen sangen ... Aber ich schluchzte doch, -ich schluchzte doch selbst, ich lag auf den Knien, ich betete zu Katjä, -und Gruschenka begriff das doch. Sie begriff damals alles, ich weiß -noch, sie weinte selbst ... Äh, Teufel! und konnte es denn jetzt anders -sein? Damals weinte sie, jetzt aber ... Jetzt ‚den Dolch ins Herz‘! So -sind die Weiber!“ - -Er verstummte und dachte nach. - -„Ja, ich bin ein Schuft! Das steht nun fest!“ sprach er plötzlich mit -düsterer Stimme vor sich hin. „Einerlei, geweint oder nicht geweint! -Kannst dort melden, daß ich die Bezeichnung annehme, – wenn das zu -trösten vermag. Und nun genug, leb wohl, wozu so viel schwatzen!! -Heiteres gibt es nicht. Du gehst deinen Weg, ich den meinen. Und ich -will dich auch nicht mehr sehn, bis zu irgendeiner letzten Minute. Leb -wohl, Alexei!“ Er drückte Aljoscha fest die Hand und ging, immer noch -mit gesenktem Kopf, als ob er sich losgerissen hätte, mit schnellen -Schritten in die Stadt zurück. Aljoscha blickte ihm nach; er glaubte -noch nicht, daß er wirklich fortging. - -„Wart, Alexei, noch ein Bekenntnis! Dir allein werde ich es sagen!“ rief -plötzlich Dmitrij Fedorowitsch und kehrte zurück: „Sieh mich an, sieh -mich aufmerksam an, sieh hier, hier – bereitet sich eine furchtbare -Ehrlosigkeit vor.“ (Als er dieses „sieh hier“ sagte, schlug er sich in -einer so sonderbaren Weise mit der Faust auf die Brust, als ob diese -Unehre gerade auf seiner Brust läge oder dort sich verberge, auf einem -bestimmten Fleck, in einer Tasche vielleicht, oder in etwas eingenäht am -Halse hinge.) „Du kennst mich nun schon: Ich bin ein Schuft, ein -erklärter Schuft! Doch wisse, was ich auch getan habe, früher, jetzt, -oder noch später tun werde, – nichts, nichts kann sich in der Gemeinheit -mit dieser Ehrlosigkeit vergleichen, die ich gerade jetzt, gerade in -diesem Augenblick hier, hier auf meiner Brust trage, gerade hier, sieh -hier, – die schon geschieht und sich vollzieht, und die aufzuhalten -vollkommen in meiner Macht liegt, merk dir das, ich kann sie aufhalten -oder ausführen! Nun, so wisse denn, daß ich sie ausführen und nicht -aufhalten werde. Heute in der Laube erzählte ich dir alles: nur das eine -erzählte ich dir nicht, denn selbst ich hatte keine genügend eherne -Stirn dazu! Ich kann noch stehen bleiben; wenn ich stehen bleibe, kann -ich noch morgen die ganze Hälfte der verlorenen Ehre wiedergewinnen, -aber ich werde nicht stehen bleiben, ich werde das gemeine Vorhaben -ausführen, und so sei du hinfort Zeuge, daß ich im voraus und -wissentlich sage: Verderben und Finsternis! Zu erklären ist nichts, -wirst es schon zur rechten Zeit erfahren. Stinkende Winkelgasse und ein -infernales Weib! Leb wohl. Bete nicht für mich, bin’s nicht wert, und es -ist auch gar nicht nötig, nicht nötig ... bedarf dessen überhaupt nicht! -Fort! ...“ - -Und er entfernte sich plötzlich, diesmal aber kehrte er nicht mehr -zurück. Aljoscha ging zum Kloster. - -„Wie, wie werde ich ihn denn nie mehr wiedersehen? was sagte er?“ fragte -er sich, und es schien ihm undenkbar, daß er ihn nicht mehr wiedersehen -werde. „Morgen noch muß ich ihn unbedingt zu sehen versuchen, ich werde -ihn schon finden, werde ihn unbedingt aufsuchen! Was wollte er nur damit -sagen? Was meinte er? ...“ - - * * * * * - -Er ging von außen um das Kloster herum und dann durch den Kiefernwald -geradeswegs zur Einsiedelei. Ihm wurde bald aufgemacht, obgleich man -dort sonst zu so später Stunde niemanden mehr einzulassen pflegte. Sein -Herz zitterte, als er in die Zelle des Staretz trat: – Warum, warum nur -war er fortgegangen, warum hatte ihn jener ‚in die Welt‘ geschickt? Hier -war Ruhe, hier war das Heil, dort aber – war Unruhe, dort war -Finsternis, in der man sich sofort verirrte und verlor ... – - -In der Zelle befanden sich der Novize Porfirij und der Priestermönch -Paissij, der den ganzen Tag in jeder Stunde einmal kam, um sich nach dem -Befinden des Staretz zu erkundigen, mit dem es, wie Aljoscha mit -Schrecken hörte, immer schlechter wurde. Sogar die übliche allabendliche -Unterweisung der Brüderschaft hatte diesmal nicht stattfinden können. -Gewöhnlich versammelte sich des Abends nach dem Gottesdienst die -Brüderschaft des Klosters noch vor dem Schlafengehen in der Zelle des -Staretz, und ein jeder beichtete ihm dann laut seine Vergehen, seine -sündigen Gedanken und Träume, die er am Tage gehabt, Versuchungen und -sogar Streitigkeiten mit den anderen, falls solche vorgekommen waren. -Viele beichteten kniend. Der Staretz erließ die Sünden, versöhnte, -unterwies und belehrte, legte Bußen auf, segnete und entließ. Gegen -diese „Beichte“ der Brüderschaft erhoben sich aber die Gegner der -Startzen; sie sagten, das sei eine Profanation der Beichte als -Sakrament, obgleich es in diesem Falle doch etwas ganz anderes war. Man -machte die geistliche Obrigkeit sogar darauf aufmerksam, daß solch ein -Beichten nicht nur zu nichts führe, sondern tatsächlich und mit Fleiß in -Sünde und Versuchung bringe und Anstoß gäbe. Man sagte, vielen Brüdern -sei dieses Beichten lästig, doch wollten sie sich nicht absondern und -kämen nur zu dem Staretz, damit man sie nicht böser Gedanken verdächtige -und für stolz hielte. Man erzählte sich sogar, daß einzelne aus der -Brüderschaft auf dem Wege zum Staretz unter sich abmachten: „Ich werde -sagen, daß ich mich heute morgen über dich geärgert habe, und du -bestätige es,“ – damit man etwas zu beichten hätte und auf diese Weise -loskäme. Aljoscha wußte, daß das wirklich zuweilen vorkam. Auch wußte -er, daß es unter der Brüderschaft einige Mönche gab, die darüber sehr -ungehalten waren, daß sogar die Briefe, die die Einsiedler von ihren -Verwandten erhielten, zuerst zum Staretz gebracht wurden, der sie dann -erbrach und noch vor dem betreffenden Adressaten las. Es wurde natürlich -vorausgesetzt, daß alles freiwillig und aufrichtig geschah, von Herzen -kam, aus freier Ergebung und um der Erlösung willen – doch in -Wirklichkeit geschah es gar manches Mal sehr wenig von Herzen, im -Gegenteil, sogar mit Falschheit und erheuchelter Demut. Doch die Älteren -und Erfahreneren der Brüderschaft bestanden darauf, da sie der Meinung -waren: „Wer aufrichtig in diese Mauern eingetreten ist, um hier seine -Erlösung zu finden, für den wird das alles nur Heil bringen und von -großem Nutzen sein; wem aber das lästig ist, und wer darüber murrt, der -ist überhaupt kein Mönch und ganz umsonst ins Kloster gekommen – der -gehört in die Welt. Vor der Sünde und dem Teufel kann man sich nicht nur -in der Welt, sondern selbst im Gotteshause nicht schützen – folglich -braucht man mit der Sünde nicht Nachsicht zu haben.“ - -„Er ist sehr erschöpft, jetzt ist er eingeschlafen,“ flüsterte Pater -Paissij Aljoscha zu, nachdem er ihn gesegnet hatte. „Man kann ihn nur -schwer aufwecken; aber man braucht ihn ja auch nicht zu wecken. Vor fünf -Minuten erwachte er von selbst, bat, der Brüderschaft seinen Segen zu -überbringen, und ließ sie bitten, für ihn Nachtgebete zu sprechen. Am -Morgen will er noch einmal das heilige Abendmahl nehmen. Er gedachte -deiner, Alexei, fragte, ob du fortgegangen seiest, und man sagte ihm, -daß du in der Stadt wärest. ‚Dazu habe ich ihm meinen Segen gegeben: -dort ist sein Platz vorläufig, nicht hier,‘ – also sprach er von dir. -Liebend gedachte er deiner, mit sichtlicher Sorge; erkennst du auch, -wessen du gewürdigt worden bist? Warum hat er dir das nur bestimmt, eine -Zeitlang draußen in der Welt zu bleiben? Er sieht wohl etwas voraus in -deinem Schicksal! Behalte aber, Alexei, wenn du nun auch in die Welt -zurückkehrst, daß es doch nur eine von deinem Staretz dir auferlegte -Buße ist, und daß du es nicht zu eitlem Leichtsinn und zu weltlicher -Freude tun sollst ...“ - -Pater Paissij ging hinaus. Aljoscha wußte jetzt, daß die Todesstunde des -Staretz nicht mehr fern war, wenn er auch noch einen oder zwei Tage -leben konnte. Und so beschloß er sofort, am nächsten Tage, trotz der -Versprechen, die er seinem Vater, Chochlakoffs, seinem Bruder Iwan und -Katerina Iwanowna gegeben hatte, überhaupt nicht aus dem Kloster zu -gehen, um bei seinem Staretz bis zu dessen Tode bleiben zu können. Sein -Herz erglühte in Liebe zu ihm, und er machte sich bittere Vorwürfe, daß -er in der Stadt einen Augenblick ganz hatte vergessen können, wer hier -im Kloster auf dem Sterbebett lag – der Mensch, den er vor allen am -meisten verehrte und am höchsten achtete. Er ging leise in die kleine -Schlafzelle des Staretz, kniete dort nieder und verneigte sich vor dem -Schlafenden bis zur Erde. Der schlief still und ruhig; gleichmäßig und -fast unmerklich atmete er; sein Antlitz war gleichfalls ruhig. - -Aljoscha kehrte in das vordere Zimmer zurück – in dasselbe, in dem der -Staretz am Morgen den Besuch empfangen hatte –, zog seine Stiefel aus -und legte sich fast ganz angekleidet auf das kleine, schmale Ledersofa, -auf dem er schon seit langer Zeit in jeder Nacht schlief, nur legte er -sich noch sein Kopfkissen unter. Das Federbett aber, das sein Vater ihm -befohlen hatte, nach Haus mitzunehmen, brauchte er schon seit langer -Zeit nicht mehr. Er nahm nur seine Kutte ab und bedeckte sich mit ihr an -Stelle einer Bettdecke. Doch vorher kniete er jedesmal nieder und betete -lange. In seinem heißen Gebet bat er Gott nicht etwa, ihm seine -Verwirrung zu erklären, nein, er sehnte sich nur nach der freudigen -Rührung, der früheren Rührung, die immer seine Seele so erfreut hatte, -nach der Preisung Gottes, aus der gewöhnlich sein ganzes Abendgebet -bestand. Diese Freude, die ihn dann überkam, brachte ihm einen leichten -und ruhigen Schlaf. Als er jetzt wieder betete, berührte er plötzlich -ganz aus Versehen den kleinen, harten Brief in seiner Tasche, den ihm -Katerina Iwanownas Stubenmädchen auf der Straße übergeben hatte. Es -verwirrte ihn zwar ein wenig, doch betete er ruhig zu Ende; darauf – -nach einigem Schwanken – erbrach er das Kuvert: in ihm lag ein Brief an -ihn, unterschrieben „Lise“. Es war dieselbe junge Tochter der Frau -Chochlakoff, die am Morgen beim Staretz so sehr über Aljoscha gelacht -hatte. - -„Alexei Fedorowitsch,“ schrieb sie, „ich schreibe Ihnen ganz heimlich, -niemand weiß es, auch Mama nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht gut -ist. Aber ich kann nicht mehr leben, wenn ich Ihnen nicht das sage, was -in meinem Herzen aufgestiegen ist, das aber darf niemand außer uns -beiden bis zur rechten Zeit erfahren. Doch wie soll ich Ihnen nur das -sagen, was ich Ihnen so gern sagen will? Das Papier, sagt man, nicht, -und ich weiß selbst, daß es nicht richtig ist. Aber und daß es ganz -ebenso errötet, wie ich jetzt über und über erröte. Lieber Aljoscha, ich -liebe Sie, liebe Sie schon von Kindheit an, schon seit Moskau, als Sie -noch gar nicht so waren wie jetzt, und ich liebe Sie fürs ganze Leben. -Natürlich mit der Bedingung, daß Sie das Kloster verlassen. Was unser -Alter anbetrifft, so werden wir so lange warten, wie es das Gesetz -verlangt; bis dahin werde ich bestimmt, unbedingt gesund sein, werde -gehen und tanzen können. Darüber lohnt sich kein Wort zu verlieren. - -Sehen Sie, wie ich alles bedacht habe; nur eines kann ich mir nicht -vorstellen: was Sie von mir denken werden, wenn Sie das lesen? Ich lache -immer und bin unartig, und heute noch habe ich Sie geärgert; aber ich -versichere Ihnen, ich habe, bevor ich zu schreiben begann, vor der -Mutter Gottes gebetet, und auch jetzt bete ich und weine beinahe. - -Mein Geheimnis ist jetzt in Ihren Händen; ich weiß nicht, wie ich Sie -morgen, wenn Sie zu uns kommen, ansehen soll. Ach, Alexei Fedorowitsch, -was dann, wenn ich mich wieder nicht beherrschen kann und wie ein -albernes Geschöpf bei Ihrem Anblick abermals zu lachen anfange? Sie -werden mich dann doch für eine schändliche Spötterin halten und meinem -Brief gar keinen Glauben schenken, und darum flehe ich Sie an, Lieber, -falls Sie nur etwas Mitleid mit mir haben: wenn Sie morgen eintreten, so -sehen Sie mir nicht gar zu offen in die Augen, weil ich, wenn ich Sie -sehe, vielleicht unbedingt plötzlich zu lachen anfangen werde. Zudem -werden Sie noch immer in diesem langen Kittel stecken ... Sogar jetzt -läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich daran denke; darum aber -sehen Sie mich, wenn Sie hereinkommen, einige Zeit überhaupt nicht an; -sehen Sie auf Mama oder zum Fenster hinaus ... - -Da habe ich Ihnen jetzt einen Liebesbrief geschrieben; mein Gott, was -habe ich getan! Aljoscha, verachten Sie mich nicht, und wenn es etwas -sehr Schlechtes ist und ich Sie betrübt habe, so verzeihen Sie mir. -Jetzt ist das Geheimnis meines vielleicht auf ewig verlorenen guten -Rufes in Ihren Händen. - -„Ich werde heute unbedingt weinen. Auf Wiedersehen! Bis zu diesem -_schrecklichen_ Wiedersehen! Lise. - -P. S. Aljoscha, nur kommen Sie unbedingt, unbedingt, unbedingt! Lise.“ - -Aljoscha las in großer Verwunderung, las zweimal, dachte dann nach, und -plötzlich lachte er leise und herzlich auf. Doch schon fuhr er zusammen, -selbst dieses Lachen schien ihm sündhaft. Aber nach einem Augenblick -lachte er von neuem vor sich hin, ebenso still und ebenso glücklich. -Langsam schob er den Brief wieder in das kleine, rosa Kuvert, bekreuzte -sich dann und legte sich schlafen. Die Unruhe seiner Seele war -vergangen. „Herrgott, erbarme dich ihrer aller, beschütze die -Unglücklichen, die im Sturm kämpfen, und lenke Du sie. Die Wege sind in -deiner Hand; wäge Du und lenke ihre Wege zum Besten, und errette sie. Du -bist die Liebe, Du wirst allen auch Freude senden!“ flüsterte Aljoscha -sich bekreuzend und sank in sanften Schlaf. - - - - - Viertes Buch. Ausbrüche - - - I. - Pater Ferapont - -Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde Aljoscha geweckt. Der Staretz -war aufgewacht und fühlte sich sehr schwach, wollte trotzdem aufstehen -und sich in seinen Lehnstuhl setzen. Er war bei voller Besinnung; sein -Gesicht jedoch war, wenn auch sehr ermüdet, hell und klar, fast könnte -man sagen – freudig, und der Blick ruhig, heiter und willkommenheißend. -„Möglich, daß ich den begonnenen Tag nicht überleben werde,“ sagte er zu -Aljoscha; darauf wollte er unverzüglich beichten und das Abendmahl -nehmen. Sein Beichtvater war von jeher Pater Paissij; nach dem Empfang -der beiden Sakramente begann die letzte Ölung. Die Priestermönche -versammelten sich, und die Zelle füllte sich allmählich mit den -Bewohnern der Einsiedelei. Inzwischen wurde es Tag. Da kam man auch aus -dem Kloster zu ihm. Nach dem Frühgottesdienst wollte der Staretz sich -von allen verabschieden, und er küßte einen jeden. Da die Zelle so klein -war, gingen die früher Gekommenen hinaus, um den neu Ankommenden Platz -zu machen. Aljoscha stand neben dem Staretz, der sich wieder in den -Lehnstuhl gesetzt hatte. Er sprach und lehrte so viel er konnte; seine -Stimme war allerdings schwach, aber doch noch ziemlich fest. „Ich habe -euch so viel Jahre gelehrt und daher so viel gesprochen, daß mir das -Sprechen gewiß zur Gewohnheit geworden ist, doch euch durch Sprechen zu -unterweisen – das ist so stark in mir eingewurzelt, daß mir Schweigen -vielleicht sogar schwerer fallen würde als das Reden, meine Lieben – -selbst jetzt, bei meiner Schwäche,“ scherzte er mit gerührtem Blick auf -die sich zu ihm Drängenden. Aljoscha erinnerte sich noch später dessen, -was der Staretz damals gesagt hatte. Wohl sprach er noch deutlich und -sogar mit ziemlich fester Stimme, doch seine Rede war schon etwas -zusammenhanglos. Er sprach über vieles; wie es schien, wollte er alles -aussprechen, vor dem Tode alles noch einmal sagen, alles im Leben -Unausgesprochene, und nicht nur allein um der Predigt willen, sondern -gleichsam aus dem Verlangen heraus, seine Freude und seine Begeisterung -mit allen und allem zu teilen, noch einmal im Leben sein Herz -auszuschütten ... - -„Liebet einander,“ lehrte der Staretz (wie sich Aljoscha dessen später -erinnerte). „Liebet Gottes Volk. Sind wir doch, weil wir uns hier in -diesen Mauern eingeschlossen haben, nicht heiliger als die Weltlichen; -im Gegenteil, ein jeder Hergekommene hat sich allein schon dadurch, daß -er hergekommen ist, im Herzen eingestanden, daß er schlechter ist als -die Weltlichen und alles und jedes auf Erden. Und je länger der -Einsiedler in diesen Mauern lebt, um so aufrichtiger und tiefer muß er -dies erkennen; denn tut er es nicht, so hat er wahrlich keine Ursach -gehabt, herzukommen. Wenn er aber zu dieser Erkenntnis gekommen ist, daß -er nicht nur schlechter als alle Weltlichen, wohl aber noch vor allen -Menschen für alle und alles schuldig ist, an allen Sünden der Menschen -im allgemeinen wie im einzelnen, dann erst wird der Zweck unserer -Absonderung erreicht sein. Denn wisset, meine Lieben, daß ein jeder von -uns schuldig ist für alle und alles auf der Welt, das ist unanfechtbar – -und nicht nur durch die allgemeine Weltschuld, sondern ein jeder einzeln -für alle Menschen und für jeden Menschen auf dieser Erde. Diese -Erkenntnis ist die Krone des Lebens sowohl jedes Einsiedlers wie jedes -Menschen in dieser Welt – sind doch die Mönche keine anderen Menschen -als die Weltlichen, wohl aber sind sie solche, die den Menschen auf -Erden als Beispiel dienen sollten. Dann erst, wenn alle das verstanden -haben, wird sich unser Herz in dieser unendlichen, allumfassenden Liebe -weiten, die keine Sättigung, also auch keinen Tod kennt. Dann wird ein -jeder von euch die Kraft haben, die ganze Welt durch seine Liebe zu -erkaufen und mit seinen Tränen die Sünden der Welt abzuwaschen ... Ein -jeder gehe seinem Herzen nach, ein jeder beichte sich selbst -unermüdlich. Vor eurer Sünde fürchtet euch nicht, selbst wenn ihr sie -erkannt habt; tragt nur Sorge, daß die Reue nicht vergehe, doch sollt -ihr mit Gott nie Handel treiben. Und wiederum sage ich euch: Seid nicht -stolz, weder vor den Geringen noch vor den Mächtigen. Haßt auch nicht, -die euch verleugnen, euch schmähen und verleumden; haßt nicht die -Atheisten, nicht die Lehrer des Bösen, nicht die Materialisten, sogar -die Schlechten von ihnen nicht, nicht nur die Guten nicht, denn auch -unter den Schlechten sind viele Gute, besonders in unserer Zeit. Gedenkt -ihrer im Gebet also, wie ich euch sage: Vater unser, errette und behüte -alle, die niemand haben, der für sie betet; erlöse auch die, welche -nicht zu dir beten wollen. Und fügte noch hinzu: Nicht aus Stolz oder -Hochmut bitte ich dich, Vater, also, denn ich selbst bin der Schlechten -Schlechtester ... Liebet Gottes Volk, lasset nicht die Herde von -Fremdlingen forttreiben, denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr in -Faulheit und eurem geringschätzenden Hochmut einschlaft oder gar in -verderblichem Eigennutz, so werden sie von allen Seiten kommen und euch -eure Herde abspenstig machen. Verkündet unermüdlich dem Volke das -heilige Evangelium ... Treibt nicht Wucher ... Hängt euer Herz nicht an -Gold und Silber, trachtet nicht danach, sucht nicht, es zu erraffen ... -Glaubt und haltet das Banner hoch, und erhebt es hoch, hoch ...“ - -Der Staretz sprach übrigens abgerissener, als es hier wiedergegeben ist -und wie es Aljoscha später niedergeschrieben hat. Zuweilen hörte er ganz -auf zu sprechen, als ob er wieder Kräfte sammelte, doch war er -ersichtlich in innerer Ekstase. Man hörte ihm mit tiefer Rührung -andächtig zu, obgleich sich viele über seine Worte wunderten und sie -unklar fanden. Später erinnerte man sich wieder dieser Worte. Als -Aljoscha auf einen Augenblick die Zelle verließ, war er erstaunt über -die allgemeine Erregung und Erwartung der sich in und vor der Zelle -drängenden Brüderschaft. Diese Erwartung äußerte sich bei vielen in -ungewöhnlicher Spannung, bei anderen wiederum in feierlicher Stimmung. -Alle erwarteten sie, daß etwas Großes sofort nach dem Verscheiden des -Staretz geschehen werde. Diese Erwartung war sogar von einem gewissen -Standpunkt aus unernst, doch selbst die Strengsten der Brüderschaft -konnten sich nicht enthalten, sie zu teilen. Am strengsten war das -Gesicht Pater Paissijs. Aljoscha verließ die Zelle, da ihn der aus der -Stadt gekommene Rakitin geheimnisvoll durch einen Klosterbruder hatte -herausrufen lassen. Rakitin übergab ihm einen sonderbaren Brief von Frau -Chochlakoff. Sie teilte Aljoscha eine wichtige und sehr zur rechten Zeit -gekommene Nachricht mit. Am Tage vorher war nämlich mit vielen anderen -Weibern aus dem Volke auch ein altes Mütterchen aus der Stadt, die -Unteroffizierswitwe Prochorowna, zum Staretz gekommen. Sie hatte den -Staretz gefragt, ob sie für ihren Sohn Wassenjka, der fern nach -Sibirien, nach Irkutsk, gefahren war, und von dem sie schon seit einem -Jahr keine Nachricht erhalten hatte, eine Seelenmesse solle lesen -lassen; worauf ihr der Staretz so etwas streng verboten und gesagt -hatte, daß eine Seelenmesse für einen Lebenden ebensogut wie Zauberei -wäre. Darauf hatte er ihr wegen ihrer Unwissenheit verziehen und zum -Schluß noch hinzugefügt, „als ob er im Buche der Zukunft gelesen“ -(schrieb Frau Chochlakoff in ihrem Brief), „daß ihr Sohn Wassjä am Leben -sei und alsbald entweder selbst zu ihr kommen oder einen Brief schicken -werde und sie nach Haus gehen und alles erwarten solle. Und was glauben -Sie wohl!“ schrieb Frau Chochlakoff in ihrer Begeisterung: „– Die -Prophezeiung ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, und sogar noch mehr -als das!“ Kaum war sie nach Haus zurückgekehrt, als man ihr einen aus -Sibirien angekommenen Brief übergeben hatte. Und das wäre noch nicht -alles: In diesem Brief, der auf der Reise in Jekaterinenburg geschrieben -war, teilte der Sohn Wassjä seiner Mutter mit, daß er mit einem anderen -Beamten nach Rußland zurückkehre und vielleicht schon nach drei Wochen -„seine Mutter zu umarmen“ hoffe. Frau Chochlakoff bat Aljoscha -eindringlich, dieses neue „Wunder der Prophezeiung“ dem Prior sowie der -ganzen Brüderschaft mitzuteilen. „Alle sollen das erfahren, alle, alle!“ -– Damit schloß sie ihren Brief. Dieser Brief war sehr schnell -geschrieben; die Eile und Erregung der Schreiberin sprachen aus jeder -Zeile. Aber Aljoscha brauchte der Brüderschaft nichts mehr mitzuteilen; -alle wußten es schon. Rakitin hatte dem Klosterbruder nach der Bitte, -Aljoscha herauszurufen, noch den Auftrag gegeben, untertänigst Seiner -Hochehrwürden dem Pater Paissij zu melden, er, Rakitin, habe ihm eine -Sache von solcher Wichtigkeit mitzuteilen, daß er nicht um eine Minute -die Mitteilung hinausschieben dürfe, für seine Dreistigkeit aber kniend -um Verzeihung bäte. Da nun der Klosterbruder zuerst zu Pater Paissij mit -Rakitins Bitte gegangen war, so blieb Aljoscha nichts mehr übrig, als -sofort dem Pater den Brief als bestätigendes Dokument zu übergeben. Und -siehe, selbst dieser strenge, mißtrauische Mensch konnte nicht ganz sein -Gefühl verbergen, nachdem er die Nachricht von dem „Wunder“ mit -finsterem Gesicht gelesen hatte. Seine Augen blitzten auf, und die -Lippen lächelten stolz und überzeugt. - -„Wer weiß, was wir noch erleben werden?“ entfuhr es ihm plötzlich -gleichsam gegen seinen Willen. - -„Ja, was werden wir noch erleben, was werden wir noch erleben?“ -wiederholten in der Runde die Mönche. Doch Pater Paissij, dessen Gesicht -sich von neuem verfinstert hatte, bat alle, wenigstens „bis dahin“ -niemandem laut davon Mitteilung zu machen: „bis es sich bestätigt – denn -viel ist doch auch Leichtgläubigkeit in den Menschen, und vielleicht ist -alles ganz natürlich geschehen,“ fügte er vorsichtig hinzu, als ob er -damit sein Gewissen beruhigen wollte; doch bemerkten alle sehr wohl, daß -er selbst an seine Einwendung nicht glaubte. Selbstverständlich wurde -das „Wunder“ noch in derselben Stunde im ganzen Kloster bekannt, und -auch viele Weltliche, die zur Liturgie in die Klosterkirche gekommen -waren, erfuhren es. Am meisten aber war der kleine Mönch „vom heiligen -Silvester“ aus Obdorsk über das Wunder erstaunt. Er hatte am Tage vorher -zusammen mit Frau Chochlakoff auf den Staretz gewartet, und als sie von -ihrer „geheilten“ Tochter gesprochen, den Staretz ungewöhnlich ernst -gefragt, wie er solches tun könne. Jetzt aber war er wie vor den Kopf -gestoßen und wußte kaum noch, woran er eigentlich glauben sollte. Er -hatte nämlich am Abend vorher, nach dem Gespräch mit dem Staretz Sossima -auf der Galerie, den Klosterpater Ferapont in seiner abgesonderten Zelle -hinter dem Bienengarten besucht und von ihm einen ungewöhnlichen und -beängstigenden Eindruck davongetragen. Dieser Pater Ferapont war -derselbe alte Einsiedler, der große Schweiger und Faster, dessen ich -schon einmal erwähnt habe: als Gegner des Staretz Sossima und des -Startzentums überhaupt, das er für eine schädliche und leichtsinnige -Neuerung hielt. Diesen aber als Gegner zu haben, war sehr gefährlich, -obgleich er, als Schweiger, fast überhaupt nicht sprach. Gefährlich war -er vor allem dadurch, daß ihm viele aus der Brüderschaft seine -Gegnerschaft lebhaft nachempfanden und viele von den weltlichen -Besuchern ihn für einen großen Gerechten und Glaubenseiferer hielten, -obschon sie in ihm einen unzweifelhaft Geistesschwachen nicht verkennen -konnten. Aber diese heilige Geistesschwäche nahm sie gerade am meisten -für ihn ein. Dieser Pater Ferapont ging z. B. nie zum Staretz Sossima. -Zwar lebte auch er in der Einsiedelei, doch wurde er mit den dort -üblichen Regeln nicht weiter belästigt, da er sich ja doch wie ein -Geistesschwacher benahm. Er war etwa fünfundsiebzig Jahre alt, wenn -nicht mehr, und lebte bei der Zaunecke hinter dem Bienengarten der -Einsiedelei in einer alten, morschen Holzzelle, die dort schon vor -langer Zeit, noch im vorigen Jahrhundert, für einen gleichfalls großen -Faster und Trappisten, den Pater Jonas, erbaut worden war. Dieser Pater -Jonas war hundertfünf Jahre alt geworden, und noch jetzt erzählte man -sich im Kloster wie in der Umgegend merkwürdige Geschichten von ihm. -Pater Ferapont hatte endlich durchgesetzt, daß man ihm erlaubte, sich in -diese einsame Zelle zurückzuziehen, und so lebte er denn schon sieben -Jahre in dieser kleinen Hütte, die aber von innen auffallend einem -kleinen Bethaus glich, da alle Wände mit vielen, vielen geschenkten -Heiligenbildern behangen waren und vor ihnen Tag und Nacht viele, viele -geschenkte Lämpchen brannten, die mit Öl zu füllen, anzuzünden, sie zu -besorgen und nach ihnen zu sehen, Pater Feraponts einzige Arbeit war. Er -aß, wie man erzählte (und es war auch wahr), nur zwei Pfund Brot in drei -Tagen, nie mehr; das wurde ihm alle drei Tage von dem daselbst im -Bienengarten wohnenden Bienenwärter gebracht; doch auch mit diesem -wechselte Pater Ferapont nur höchst selten ein paar Worte. Diese vier -Pfund Brot und Sonntags das Abendmahlbrötchen, das ihm der Prior -jedesmal pünktlich nach dem Hochamt schickte, waren die ganze Nahrung, -die er in einer Woche zu sich nahm. Das Wasser dazu wurde ihm täglich im -Kruge gebracht. Zur Liturgie oder zum Gottesdienst kam er nur selten. -Fromme Pilger, die ihn besuchten, sahen, daß er zuweilen den ganzen Tag -im Gebet auf den Knien lag und kein einziges Mal aufblickte. Ließ er -sich einmal mit jemandem in ein Gespräch ein, so war er immer sehr -lakonisch, jedenfalls sehr sonderbar und gewöhnlich sehr grob. Es kam -wohl zuweilen vor – allerdings nur äußerst selten –, daß er selbst mit -den Pilgern zu sprechen begann; doch sprach er dann meistenteils nur ein -paar sonderbare Worte zu ihnen, die den armen Leuten viel zu denken -gaben, da sie stets rätselhaft blieben, denn Pater Ferapont ließ sich -durch keine Bitten mehr bewegen, eine Erklärung zu seinem Ausspruch zu -geben. Die Priesterwürde besaß er nicht; er war nur ein gewöhnlicher -Mönch. Unter den einfachen Leuten hatte sich das Gerücht verbreitet, daß -Pater Ferapont mit den himmlischen Geistern in Verbindung stehe und mit -ihnen rede, darum aber im Verkehr mit den Menschen schweige; doch -glaubten daran nur die Allerungebildetsten. Der kleine Mönch aus Obdorsk -nun hatte sich gegen Abend in den Bienengarten gewagt und war dann nach -der Angabe des Bienenwärters, eines gleichfalls sehr schweigsamen und -mürrischen Mönches, in der Richtung zur Zaunecke auf die Suche nach der -Hütte Pater Feraponts gegangen. „Kann sein, daß er dir was sagt, kann -aber auch sein, daß du nichts von ihm zu hören bekommst,“ sagte ihm der -Bienenwärter. Das Mönchlein näherte sich nach seinen eigenen Worten in -großer Angst und Ehrfurcht. Es war schon eine ziemlich späte Stunde. -Pater Ferapont saß diesmal an der Tür der Zelle auf einer niedrigen, -kleinen Bank. Über ihm rauschte sacht im Abendwind der Wipfel einer -mächtigen, alten, uralten Ulme. Abendkühle schlich sich heran. Der -kleine Obdorsksche Mönch fiel vor dem Gebenedeiten nieder, verneigte -sich vor ihm bis zur Erde und bat ihn um seinen Segen. - -„Willst du nicht, daß auch ich vor dir niederfalle, Mönch?“ fragte Pater -Ferapont. „Erhebe dich!“ - -Das Mönchlein erhob sich gehorsam. - -„Segne mich und sei gesegnet. Setz dich neben mich. Von woher hat’s dich -hergeführt?“ - -Was am meisten das arme Mönchlein in Erstaunen setzte, war, daß Pater -Ferapont trotz seines so strengen Fastens und seines hohen Alters, ein -dem Ansehen nach wirklich noch starker Mann war, daß er sich jedenfalls -ganz gerade hielt, doch von Wuchs, nicht im geringsten gebeugt war und -ein, wenn auch mageres, so doch gesundes, frisches Gesicht hatte. -Zweifellos besaß er auch noch eine bedeutende körperliche Kraft. Gebaut -war er geradezu athletisch, und trotz seines hohen Alters war er noch -nicht einmal ganz ergraut; er hatte sogar sehr dichtes Haupt- und -Barthaar, das früher ganz schwarz gewesen sein mußte; hatte große, -leuchtende, graue Augen – doch sperrte er die Augenlider so weit auf, -daß es einem sofort auffiel. Das O sprach er stets stark betont und als -deutliches O aus.[14] Gekleidet war er in eine lange, sackartige Kutte -aus grobem „Sträflingstuch“, wie man diesen Stoff früher nannte, und mit -einer dicken Schnur umgürtet. Der Hals und die Brust waren bloß. Ein -beinahe schwarzes Hemd von gröbster Leinwand, das monatelang nicht von -seinem Körper kam, blickte unter dem Kittel hervor. Es hieß, daß er -unter diesem Kittel dreißigpfündige Ketten trug. Seine nackten Füße -staken in alten, fast gänzlich auseinanderfallenden Schuhen. - -„Ich komme aus der kleinen Obdorskschen Mönchsherberge des heiligen -Silvester,“ antwortete demütig der kleine Mönch, doch blickten seine -flinken Äuglein wohl etwas ängstlich, aber immerhin recht neugierig den -Einsiedler an. - -„Kenn ihn; hab bei ihm gewohnt. Was macht er jetzt, ist er gesund?“ - -Diese sonderbare Frage machte das Mönchlein nicht wenig betreten; es -begann etwas zu stottern ... - -„Einfältige Menschenkinder seid ihr! Wie haltet ihr das Fasten ein?“ - -„Unsere Speiseregel ist nach alter Einsiedlersatzung folgende: Während -der großen Fastenzeit vor Ostern gibt es am Montag, Mittwoch und Freitag -nichts, am Dienstag und Donnerstag für die Brüderschaft weiße Brote, -Gerstentrank mit Honig, Schellbeeren oder gesalzenen Kohl und -Hafermehlbrei. Am Sonnabend Weißkohl, Erbsen, Grütze mit Hanfsaft, alles -in Öl. In der Woche zum Kohl noch getrockneten Fisch und Grütze. In der -Karwoche aber vom Montag bis zum Sonnabend, also sechs Tage, nichts als -Brot und Wasser und rohes Kraut, und auch das nur mit Enthaltsamkeit. -Dann kann man wieder so essen wie in der ersten Fastenwoche; aber am -heiligen Karfreitag wird nichts gegessen, und also auch am heiligen -Sonnabend fasten wir bis zur dritten Morgenstunde, und dann dürfen wir -etwas Brot mit Wasser und jeder je ein Gläschen Wein trinken. Am -heiligen Gründonnerstag aber essen wir Gekochtes ohne Öl, trinken Wein -mit etwas Trockenkost dazu; denn also ist auch auf dem heiligen Konzil -zu Laodicäa gesagt worden: ‚Wenn ihr die ganze heilige Fastenzeit -einhaltet, dann aber einen der letzten vier Tage freigebt, so habt ihr -die ganze heilige Fastenzeit geschändet.‘ So ist es bei uns. Was aber -ist das im Vergleich zu Euch, großer Vater,“ fügte das Mönchlein, -dreister geworden, hinzu, „denn Ihr genießet doch das liebe runde Jahr -und auch zu den heiligen Osterfeiertagen, wenn doch alle essen, nur Brot -und Wasser, und was an Brot bei uns nur auf zwei Tage reicht, das genügt -Euch für alle sieben Herrgottstage der Woche. Wahrlich, sie ist -wunderbar, Eure so große Enthaltsamkeit.“ - -„Und die Pfefferschwämme?“ fragte plötzlich Pater Ferapont. - -„Pfefferschwämme?“ fragte das Mönchlein erstaunt. - -„Nun ja; ich werde auch noch von ihrem Brot fortgehen, brauch’s -überhaupt nicht, gehe in den Wald, werde dort von Pfefferschwämmen oder -Beeren leben; sie aber gehen hier nirgends fort von ihrem Sauerteig, -sind also dem Teufel untertan, daß sie an ihn gebunden bleiben. -Heutzutage reden die Unflätigen, es sei unnütz, so viel zu fasten. Das -kommt alles nur von ihrer Unersättlichkeit und ihrem stinkenden -Hochmut.“ - -„Ach ja, das ist wohl wahr!“ meinte das Mönchlein seufzend. - -„Hast du aber bei ihnen auch die Teufel gesehen?“ fragte Pater Ferapont. - -„Bei welchen ‚ihnen‘?“ erkundigte sich vorsichtig und schüchtern das -Mönchlein. - -„Im vergangenen Jahr ging ich am Karfreitag hinauf zum Prior, das war -denn auch das letztemal, seitdem bin ich nie mehr dort gewesen. Sah, bei -dem einen sitzt er auf der Brust, versteckt sich unter der Kutte, nur -die Hörner gucken noch raus; beim anderen sitzt er in der Tasche, lauert -nur noch vorsichtig mit flinken, kleinen Augen, hat Angst vor mir; beim -dritten hat er sich im Bauch niedergelassen, an der unflätigsten Stelle -seines Leibes; dem vierten hat er sich einfach an den Hals gehängt, und -der trägt ihn wie nichts, bemerkt ihn überhaupt nicht.“ - -„Ihr ... Ihr seht so etwas?“ erkundigte sich das Mönchlein wieder. - -„Sag ich dir doch, daß ich sie sehe, durch und durch sogar. Als ich dann -langsam vom Prior fortging, da, sieh – sitzt einer hinter der Tür, will -sich dort vor mir verstecken, solch ein fester Junge, eine oder -anderthalb Arschin groß oder noch größer, mit einem dicken, -dunkelbraunen, langen Schwanz, das Ende aber vom Schwanz war zwischen -die Türspalte geraten – da war ich nicht dumm und knallte die Tür zu und -klemmte seinen Schwanz ein. Wie er quiekte, wie er um sich schlug! Ich -aber machte das Zeichen des Kreuzes dreimal nacheinander und kreuzte ihn -einfach tot. Er krepierte denn auch auf der Stelle, wie eine -plattgedrückte Spinne. Jetzt muß dort das Aas in der Ecke wohl schon -verwest sein und stinken, sie aber sehen es weder, noch riechen sie es. -Ein Jahr lang bin ich nicht mehr dort gewesen; nur dir hab ich’s gesagt, -weil du doch ein Fremdling bist.“ - -„Furchtbar sind Eure Worte! Aber wie, großer, gebenedeiter Vater,“ – das -Mönchlein wurde etwas mutiger – „ist es wahr, was man sich in fernen -Gauen Rußlands von Euch erzählt, daß Ihr, wie es heißt, sogar mit dem -Heiligen Geiste in fortwährendem Verkehre stehet?“ - -„Wenn er kommt, kommt’s vor.“ - -„Wie kommt er denn?“ - -„Geflogen kommt er.“ - -„In welcher Gestalt denn?“ - -„Als Vogel.“ - -„Also der Heilige Geist in Gestalt einer Taube?“ - -„Manchmal der Heilige Geist, manchmal der Heilgeist. Der Heilgeist ist -was anderes, der kann auch als ein anderer Vogel herniederfahren: als -Schwälbchen, als Stieglitz, als Meise.“ - -„Aber wie unterscheidet Ihr ihn denn von einer gewöhnlichen Meise?“ - -„Er spricht.“ - -„Aber wie spricht er denn? In welcher Sprache?“ - -„In menschlicher.“ - -„Aber was sagt er denn zu Euch?“ - -„Heute sagte er, daß ein Esel mich besuchen und dumme Fragen stellen -werde. Willst wahrlich nicht wenig wissen.“ - -„Furchtbar sind Eure Worte, gebenedeiter, heiligster Vater,“ sagte das -Mönchlein kopfschüttelnd; doch in seinen erschrockenen Äuglein lag ein -bißchen Mißtrauen. - -„Siehst du hier diesen Baum?“ fragte nach einigem Schweigen Pater -Ferapont. - -„Jawohl, heiliger Vater.“ - -„Deiner Meinung nach ist’s eine Ulme, meiner Meinung nach aber ist’s ein -ganz anderes Ding.“ - -„Was ist es denn?“ Das Mönchlein schwieg in vergeblicher Erwartung. - -„Meistens in der Nacht,“ sagte plötzlich nach längerem Schweigen Pater -Ferapont. „Siehst du diese zwei großen Äste? In der Nacht streckt -Christus von dort seine Arme mir entgegen und sucht mich mit diesen -Armen, das sehe ich deutlich, und ich zittere. Furchtbar, o furchtbar!“ - -„Was ist denn dabei furchtbar, wenn es Christus selbst ist?“ - -„Er kann mich doch erfassen und emportragen.“ - -„Lebendig?“ - -„Hast du denn von Elias nichts gehört? Er umfaßt einen und trägt einen -fort ...“ - -Obschon der kleine Obdorsksche Mönch nach diesem Gespräch nicht wenig -nachdenklich in die ihm angewiesene Zelle eines der Klosterbrüder kam, -so fühlte er sein Herz doch mehr zum Pater Ferapont als zum Staretz -Sossima hingezogen. Das arme Mönchlein war vor allen Dingen fürs Fasten, -und da sollte es, seiner Meinung nach, niemanden weiter wundernehmen, -wenn solch ein Faster, wie Pater Ferapont, auch „Wunderbares erschaute“. -Seine Worte waren allerdings etwas absonderlich gewesen, aber wer konnte -denn außer Gott wissen, was sich in ihnen verbarg, in diesen Worten, und -doch konnte man allen anderen um Christi willen Einfältigen kein -einziges solcher Worte und keine einzige solcher Taten nachrühmen. An -den eingeklemmten Teufelsschwanz war er nicht etwa im bildlichen, -sondern im buchstäblichen Sinn des Wortes mit ganzer Seele und mit -wahrem Vergnügen zu glauben bereit. Außerdem war er immer sehr -voreingenommen gegen das Startzentum gewesen, das er bis jetzt nur vom -Hörensagen kannte und wie viele andere gleichfalls für eine schädliche -Neuerung hielt. Noch war er keinen ganzen Tag im Kloster gewesen, als er -schon das geheime Murren einiger freimütiger Klosterbrüder wider das -Startzentum vernommen hatte. Zudem war er schon von Natur ungewöhnlich -neugierig und für alles interessiert, weshalb er denn auch immer -umherschnüffelte und überall spionierte. Das war nun der Grund, warum -ihn die Nachricht von dem neuen „Wunder“, das der Staretz Sossima -vollbracht haben sollte, so erregte. Aljoscha erinnerte sich später, daß -er in der Menge, die sich vor der Zelle des Staretz drängte, mehrmals -die kleine Gestalt des herumschnüffelnden Gastes vom heiligen Silvester -bemerkt hatte, wie der Kleine von Gruppe zu Gruppe ging, überall horchte -und fragte. Doch damals beachtete er ihn nicht weiter; erst später fiel -es ihm wieder ein ... Und war ihm doch auch an jenem Tage nicht darum zu -tun: dem Staretz Sossima, der sich wieder sehr müde gefühlt und sich -hingelegt hatte, war plötzlich, schon im Einschlafen, Aljoscha -eingefallen, und so hatte er ihn sofort zu sich rufen lassen. Aljoscha -eilte zu ihm. Beim Staretz befanden sich gerade nur Pater Paissij, der -Priestermönch Pater Jossiff und der Novize Porfirij. Der Staretz schlug -seine müden Augen auf, blickte Aljoscha aufmerksam an und fragte ihn -plötzlich: - -„Erwarten dich nicht die Deinen, mein Sohn?“ - -Aljoscha erschrak und stotterte etwas. - -„Bedürfen sie nicht deiner? Hast du gestern nicht jemandem versprochen, -heute hinzukommen?“ - -„Ja ... meinem Vater ... den Brüdern ... auch anderen ...“ - -„Siehst du, geh unbedingt hin, sei nicht traurig. Wisse, daß ich nicht -sterben werde, ohne in deiner Gegenwart mein letztes Wort hier auf Erden -gesagt zu haben. Dir werde ich dieses Wort sagen, dir vermache ich es, -dir, mein geliebter Sohn, denn ich weiß, daß du mich liebst. Jetzt aber -geh zu denen, welchen du versprochen hast zu kommen.“ - -Wie schwer es Aljoscha auch war, jetzt fortzugehen, so gehorchte er doch -widerspruchslos. Aber die Verheißung, das letzte Wort des Staretz hier -auf Erden zu hören, und zwar als ein Vermächtnis an ihn, Aljoscha, -erschütterte und begeisterte seine Seele. Er beeilte sich, schneller in -die Stadt zu gehen, um schneller wieder zurückkehren zu können. Da -sprach noch Pater Paissij, als Aljoscha mit ihm die Zelle des Staretz -verließ, einige Worte zu ihm, die einen tiefen und unerwarteten Eindruck -auf ihn machten. - -„Denke daran, Jüngling,“ sagte der Pater, „daß die weltliche -Wissenschaft, die zu einer großen Macht geworden ist, namentlich im -letzten Jahrhundert alles niedergerissen hat, was uns Himmlisches in den -Büchern der Heiligen vermacht worden. Nach einer grausamen Analyse -scheint bei den Gelehrten dieser Welt vom ganzen früheren Heiligtum -überhaupt nichts übriggeblieben zu sein. Sie haben es aber stückweise -analysiert, doch der Geist des Ganzen ist ihnen entgangen. Man kann sich -wirklich nur wundern, wie blind sie in der Beziehung sind. So steht denn -das Ganze auch jetzt noch unerschüttert vor ihnen, und die Geister der -Hölle können ihm nichts anhaben. Hat es denn nicht neunzehn Jahrhunderte -gelebt, lebt es denn nicht auch jetzt noch in Regungen der Seelen -einzelner wie in den Bewegungen ganzer Volksmassen? Sogar in den -Regungen dieser selben, die alles zerstört haben, in den Seelen der -Atheisten, lebt es wie früher unzerstört und unerschütterlich fort. Denn -auch die, die sich vom Christentum losgesagt haben und gegen dasselbe -eifern, haben in ihrem Innersten doch das Wesen dieses selben Christus -behalten, denn bis jetzt ist weder ihre Weisheit, noch die Glut ihres -Herzens fähig gewesen, ein anderes, höheres Ideal des Menschen und -seiner Menschenwürde hervorzubringen, als das von Christus gegebene. Was -sie aber an Versuchen hervorgebracht haben, ist nichts als Mißgestalt. -Behalte das besonders, Knabe, denn dein scheidender Staretz hat dich für -die Welt bestimmt. Vielleicht wirst du, wenn du dieses großen Tages -gedenkst, auch meiner Worte gedenken, die ich dir von Herzen als Geleit -gebe, denn jung bist du, die Welt aber ist voll schwerer Versuchungen, -und ihnen sind deine Kräfte nicht gewachsen. Jetzt geh, mein verwaister -Junge.“ - -Mit diesen Worten segnete ihn Pater Paissij. Als Aljoscha das Kloster -verließ und noch all diese unerwarteten Worte überdachte, begriff er -plötzlich, daß er in diesem sonst so strengen Mönche einen neuen -herzlichen Freund und ihn heiß liebenden neuen Führer gefunden hatte – -ganz, als ob sein Staretz ihm Pater Paissij als Vermächtnis hinterlassen -wollte. „Vielleicht ist auch wirklich so etwas zwischen ihnen verabredet -worden,“ dachte Aljoscha. Die unerwarteten und lehrreichen Worte Pater -Paissijs, die er soeben vernommen hatte, zeugten jedenfalls von dem -Anteil desselben: Er beeilte sich offenbar, den jungen Geist zum Kampf -mit den Versuchungen zu wappnen und die ihm anvertraute junge Seele -unter seinen Schutz zu nehmen. - - - II. - Beim Vater - -Ganz zuerst ging Aljoscha zu seinem Vater. Als er sich dem Hause -näherte, fiel ihm ein, daß ihn der Vater gebeten hatte, möglichst -vorsichtig einzutreten, damit sein Bruder Iwan es nicht höre oder -sonstwie bemerke. „Warum wohl?“ fragte sich Aljoscha. „Wenn er mir -allein etwas heimlich zu sagen hat, warum soll ich denn deswegen -heimlich eintreten? Vielleicht hatte er es gestern in der Erregung -anders gemeint, sich aber nur nicht richtig ausgedrückt,“ dachte er -schließlich. Trotzdem war er froh, als ihm Marfa Ignatjewna, die ihm die -Hofpforte aufschloß (Grigorij war, wie sich zeigte, unwohl und lag zu -Bett), auf seine Frage mitteilte, daß Iwan Fedorowitsch schon vor zwei -Stunden fortgegangen sei. - -„Und der Vater?“ - -„Sind aufgestanden, trinken Kaffee,“ antwortete Marfa Ignatjewna etwas -trocken. - -Aljoscha trat ein. Der Alte saß in Hausschuhen und in einem alten Mantel -allein am Tisch und sah zum Zeitvertreib, übrigens ohne große -Aufmerksamkeit, irgendwelche Rechnungen durch. Er war ganz allein im -Hause; Ssmerdjäkoff war einkaufen gegangen. Doch die Rechnungen schienen -ihn nicht sonderlich zu beschäftigen. Er war allerdings früh -aufgestanden und versuchte, munter zu sein, denn er wollte auf keinen -Fall krank scheinen, doch sah er noch müde und angegriffen aus. Seine -Stirn, auf der sich über Nacht die blutunterlaufenen Flecke noch -verdunkelt hatten, war mit einem roten Tuch umwunden. Die Nase war -gleichfalls über Nacht gehörig angeschwollen, und auch auf ihr -zeichneten sich einige weniger bedeutende blutunterlaufene Flecke ab, -die dem Gesicht entschieden ein ganz besonders gereiztes und böses -Aussehen verliehen. Der Alte wußte das auch selbst und blickte daher dem -eintretenden Aljoscha nichts weniger als freundlich entgegen. - -„Der Kaffee ist kalt,“ sagte er kurz, „biete ihn dir auch nicht an. Ich -sitze heute selbst auf dem Trockenen, das heißt, werde nichts als -Fastenfischsuppe genießen, fordere daher auch niemanden zum Essen auf. -Wozu hast du dich herbemüht?“ - -„Um mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,“ sagte Aljoscha. - -„So, und außerdem hab ich dir gestern befohlen, herzukommen. Solch ’n -Blödsinn. Hast aber umsonst geruht, dich zu bemühen. Übrigens wußt ich’s -ja, daß du dich sofort ranschleppen wirst ...“ - -Alles, was er sprach, sagte er im feindseligsten Tone. Er erhob sich vom -Stuhl und blickte besorgt in den Spiegel (vielleicht zum vierzigstenmal -an diesem Morgen), um wieder seine Nase zu betrachten. Auch versuchte -er, das rote Tuch auf der Stirn zurechtzuzupfen, damit es etwas hübscher -aussähe. - -„Ein rotes ist doch immerhin etwas besser, im weißen sieht man ja sofort -wie ein wandelndes Lazarett aus,“ bemerkte er bissig. „Nun, wie ist’s -denn dort bei dir? Was macht dein Alter?“ - -„Es geht ihm sehr schlecht; er wird vielleicht heute noch sterben,“ -antwortete Aljoscha; doch der Vater hörte ihm schon nicht mehr zu und -hatte auch seine Frage sofort wieder vergessen. - -„Iwan ist fortgegangen,“ sagte er plötzlich. „Er macht jetzt Mitjka mit -aller Gewalt die Braut abspenstig – einzig darum lebt er hier,“ fügte er -mit boshaft verzogenen Lippen hinzu und blickte Aljoscha an. - -„Hat er das wirklich Ihnen selbst gesagt?“ fragte Aljoscha. - -„Jawohl und schon vor langer Zeit. Was glaubst du wohl: vor nicht -weniger als drei Wochen hat er’s selbst ausgesprochen. Ist doch nicht -hergekommen, um mich heimlich aufzuspießen! Zu irgendeinem Zweck muß er -doch gekommen sein?“ - -„Warum, weshalb reden Sie so?“ fragte Aljoscha erschrocken und verwirrt. - -„Um Geld bittet er mich nicht, das ist wahr; aber er wird ja auch von -mir keinen Heller zu riechen bekommen. Ich, mein liebster Alexei -Fedorowitsch, ich beabsichtige nämlich, möglichst lange hier in dieser -Welt zu leben, das lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, damit -Sie’s nur wissen; darum aber brauche ich jede Kopeke, und je länger ich -lebe, um so nötiger habe ich sie,“ fuhr er fort, im Zimmer auf und ab -schreitend, die Hände in den Taschen seines breiten, gelben, befleckten -Sommermantels. „Jetzt bin ich immerhin noch ein Mann, hab’ erst -fünfundfünfzig auf dem Buckel; und will mich noch mindestens zwanzig -Jahre zu den Männern zählen. Wenn ich dann alt werde und widerlich – -dann werden sie doch nicht mehr gutwillig zu mir kommen; nun, und dann -wird man’s eben mit den Gelderchen machen müssen. Also baue ich jetzt -vor und sammle, sammle – für mich allein, mein verehrter Herr Sohn, -damit Sie’s nur beizeiten wissen; denn ich beabsichtige in meiner -Liederlichkeit bis zu meinem Ende zu leben, das lassen Sie sich gesagt -sein. Liederlich zu leben, ist doch am schönsten; alle schimpfen -darüber, und doch leben sie alle ebenso, bloß tun sie es alle heimlich, -ich aber tue es öffentlich. Wegen dieser meiner Offenherzigkeit -schimpfen ja jetzt sämtliche Schweine über mich. Für dein Paradies aber -danke ich untertänigst, das kann mir gestohlen werden, damit du’s nur -weißt, mein lieber Alexei Fedorowitsch; und ’s wäre ja auch für einen -anständigen Menschen unanständig, dorthin zu kommen, selbst wenn es so -etwas geben würde. Meiner Meinung nach schläft man einfach ein und wacht -nicht mehr auf, und weiter gibt es nichts. Wollt ihr meiner noch -gedenken, Seelenmessen für mich lesen lassen, na, meinetwegen, wenn’s -euch Spaß macht; wollt ihr nicht, na, dann hol euch allesamt der Teufel. -Das ist meine ganze Philosophie. Gestern bei Tisch redete Iwan nicht -schlecht, wenn wir auch alle betrunken waren. Iwan ist ein Prahlhans, -und von so ’ner großen Gelehrsamkeit oder Bildung merk ich nichts bei -ihm ... er lächelt bloß und macht sich innerlich lustig über dich, -versteht aber zu schweigen – das ist alles, was er kann.“ - -Aljoscha hörte zu und schwieg. - -„Warum spricht er nicht mit mir? Spricht er aber mal mit mir, so -verstellt er sich ... ’n Schuft ist dein Iwan! Gruschenka aber werde ich -heiraten, sobald ich nur will. Denn mit Geld in der Tasche braucht man -nur zu wollen, mein verehrter Alexei Fedorowitsch, und alles geschieht, -was man will. Das aber ist es ja, was Iwan fürchtet, und darum bewacht -er mich hier, damit ich nicht heirate, und darum hetzt er auch Dmitrij, -daß _er_ Gruschenka nehme. Auf diese Weise will er mich von Gruschenka -fernhalten – als ob ich ihm Geld hinterließe, wenn ich sie nicht -heirate! – und andererseits, wenn Mitjka die Gruschenka heiratet, so -fällt ihm noch dessen reiche Braut zu; siehst du jetzt, was für -Berechnungen er hat! ’n Schuft ist dein ganzer Iwan!“ - -„Sie sind heute noch von dem gestern Erlebten gereizt; Sie müßten sich -etwas erholen, zu Bett gehen,“ sagte Aljoscha. - -„Sieh, wenn du mir das sagst,“ bemerkte plötzlich der Alte, als ob es -ihm zum erstenmal aufgefallen wäre, „dann ärgere ich mich nicht über -dich; auf Iwan aber, wenn er mir dasselbe gesagt hätte, würde ich sofort -spinnwütend geworden sein. Nur mit dir allein bin ich ein paar -Augenblicke lang gut gewesen, denn sonst bin ich ja doch ein böser -Mensch.“ - -„Nein, Sie sind kein böser Mensch, Sie sind nur ein verdorbener Mensch,“ -sagte Aljoscha lächelnd. - -„Hör, ich wollte schon diesen Räuber Mitjka heute einsperren lassen, und -eigentlich weiß ich auch jetzt noch nicht genau, was ich tun werde. -Heutzutage ist es ja wohl höchst modern, Väter und Mütter für ein -Vorurteil zu halten; aber nach dem Gesetz, glaube ich wenigstens, ist es -selbst in unserer aufgeklärten Zeit noch nicht schwarz auf weiß erlaubt, -seine Väter an den Haaren zu reißen, auf dem Fußboden herumzuschleifen -und mit den Absätzen ins Gesicht zu treten, dazu in deren eigenem Hause! -Und dann sich noch zu brüsten, später wiederzukommen, um einen ganz -totzuschlagen, dazu alles in Gegenwart von Zeugen! Ich könnte ihn, wenn -ich wollte, für das Gestrige sofort einsperren lassen.“ - -„Aber Sie werden es doch nicht tun?“ - -„Iwan riet mir ab. Ich pfeife natürlich auf Iwan; aber mir ist dabei -etwas anderes eingefallen ...“ - -Er näherte sich Aljoscha, beugte sich zu ihm nieder und fuhr in -geheimnisvollem Geflüster fort: - -„Lasse ich den Schuft festsetzen, so erfährt sie es und läuft sofort zu -ihm; hört sie dagegen, daß er mich, den schwachen Greis, halb -totgeschlagen hat, so ist es möglich, daß sie ihm den Rücken kehrt und -mich besuchen kommt ... Wir kennen doch die Weiber – immer das -Entgegengesetzte! Itsch, dann erst recht! Ich kenne sie wie meine fünf -Finger! Aber willst du nicht ’nen kleinen Kognak? Trink mal ’n bissel -Kaffee; er ist zwar nur lauwarm, aber er kann dir nicht schaden; werde -dir ein Viertelgläschen hineingießen, das gibt dem Zeug ’nen andern -Geschmack.“ - -„Nein, danke, nicht nötig. Dieses Brötchen werde ich mir in die Tasche -stecken, wenn Sie erlauben,“ sagte Aljoscha und steckte sich ein -Dreikopeken-Franzbrot in die Tasche seiner Kutte. „Und auch Sie sollten -heute lieber keinen Kognak trinken,“ meinte er mit einem etwas besorgten -Blick auf das Gesicht des Vaters. - -„Du hast recht, er reizt nur und gibt keine Ruh. Aber ein einziges -Gläschen ... Ich nehm ihn aus dem Schränkchen ...“ - -Er zog seine Schlüssel aus der Tasche und schloß das Schränkchen auf, -goß sich ein Gläschen ein und schloß dann das Schränkchen wieder zu. - -„So, Schluß damit. Von einem Kognak werde ich doch nicht krepieren.“ - -„Sie sind davon immerhin schon freundlicher geworden,“ meinte Aljoscha -lächelnd. - -„Hm! Dich liebe ich auch ohne Kognak; mit Schuften aber bin auch ich ’n -Schuft. Wanjka will nicht nach Tschermaschnjä fahren – warum nicht? Mich -bespionieren will er: ob ich Gruschenka viel gebe, wenn sie kommt. Alle -sind Schufte! Und diesen Iwan erkenne ich überhaupt nicht an, will -nichts von ihm wissen, kenne ihn überhaupt nicht! Von wo mag solch einer -nur hergekommen sein? Gar nicht wie unsereiner; weiß der Teufel, was der -Kerl für eine Seele hat. Und als ob ich ihm etwas hinterlassen werde! -Nicht mal ’n Testament werde ich hinterlassen, damit ihr’s nur wißt, -meine Verehrtesten! Mitjka aber, den schlag ich platt wie eine Schabe. -Wenn diese schwarzen Biester nachts in mein Zimmer kommen, so knacke ich -sie immer mit dem Pantoffel: es knallt, daß es eine wahre Freude ist, -wenn man drauftritt und sie platzen. So wird auch dein Mitjka platzen, -wenn ich ihn plattdrücke. Sage ‚dein Mitjka‘, weil du ihn ja so ins Herz -geschlossen hast. Sieh, du liebst ihn; ich aber fürchte mich deshalb -nicht, weil du ihn liebst. Wenn ihn aber Iwan liebte, so würde ich für -mich, weil der ihn liebt, Angst bekommen. Aber Iwan liebt niemanden, -Iwan ist kein Mensch wie wir; solche Menschen, wie Iwan, das, weißt du, -sind nicht Menschen, das ist aufgewirbelter Staub ... kommt ein Wind, so -wird der Staub verweht ... Gestern kam mir eine Dummheit in den Kopf, -als ich dir befahl, heute herzukommen; wollte durch dich etwas von -Mitjka erfahren ... wenn man ihm Eintausend, nun, sagen wir Zweitausend, -hinschmisse, er hat doch nichts – ob er sich dann wohl dazu verstehen -würde, sich von hier zu packen, aber ganz und gar, auf fünf Jahre oder -besser auf fünfunddreißig, und ohne Gruschenka, versteht sich, sich -vielmehr ganz von ihr loszusagen, was meinst du?“ - -„Ich ... ich werde ihn fragen ...“ stotterte Aljoscha leise. „Wenn Sie -alle Dreitausend geben würden, so wäre es vielleicht möglich, daß er -...“ - -„Du lügst! Und jetzt ist es überhaupt nicht nötig zu fragen! Hab mich -anders bedacht. Das war nur so’n dummer Gedanke, der mir gestern in die -Dachstube kletterte. Nichts gebe ich, nicht einmal zu riechen kriegt er -was, meine Gelderchen brauche ich für mich allein!“ Der Alte wurde -wütend und fuchtelte mit den Armen. „Werde ihn auch ohnedem wie ’ne -Schabe plattdrücken. Sag du ihm nichts, sonst faßt er womöglich noch -Hoffnung. Und auch du hast hier nichts bei mir zu suchen, schieb mal ab! -Und diese seine Braut, die Katerina Iwanowna, die er so sorgfältig die -ganze Zeit vor mir verbirgt, wird die ihn nun nehmen oder nicht? Du -gingst doch gestern zu ihr, wie?“ - -„Sie will ihn um keinen Preis verlassen.“ - -„Ja, gerade solche werden ja von den zärtlichen Damen geliebt, solche -Durchgänger und Schufte! Taugen nichts, das sag ich dir, diese blassen -Fräulein; da ist doch ganz was andres so’n ... Na, du solltest mal sehn, -wenn ich seine Jahre hätte und mein damaliges Gesicht – denn mit -achtundzwanzig Jahren war ich hübscher als er –, so würde ich ganz genau -so wie er siegen und Triumphe feiern. Solch eine Kanaille! Aber -Gruschenka kriegt er doch nicht, kriegt er doch nicht! ... Werde ihn -vernichten, zu Dreck machen!“ - -Bei den letzten Worten wurde er wieder wild. - -„Aber jetzt kannst auch du dich packen, hast nichts hier bei mir zu -suchen,“ sagte er barsch. - -Aljoscha trat zu ihm, um sich zu verabschieden, und küßte ihn auf die -Schulter. - -„Was soll das?“ fragte der Alte etwas verwundert. „Werden uns doch noch -sehen. Oder glaubst du, daß wir uns nicht mehr sehen werden?“ - -„Durchaus nicht, ich tat es nur so, ganz zufällig.“ - -„Nun ja, auch ich sagte es nur so ...“ Der Alte blickte ihn an. „Hör -mal, hör,“ rief er ihm plötzlich noch nach; „komm einmal zur Fischsuppe -her, werde eine kochen lassen, eine besondere, pikfeine, nicht so wie -heute, komm bestimmt! Komm morgen, hörst du, unbedingt morgen!“ - -Kaum war Aljoscha hinausgegangen, als der Alte wieder zu seinem -Schränkchen trat und sich noch ein halbes Gläschen hinter die Binde goß. - -„Jetzt aber Schluß!“ murmelte er, räusperte sich krächzend, schloß das -Schränkchen wieder zu und steckte den Schlüssel in die Tasche; darauf -ging er ins Schlafzimmer, legte sich erschöpft aufs Bett und schlief im -Augenblick fest ein. - - - III. - Die kleinen Schuljungen - -„Gott sei Dank, daß er mich nicht nach Gruschenka gefragt hat,“ dachte -seinerseits Aljoscha, als er das Haus des Vaters verließ und sich zu -Frau Chochlakoff auf den Weg machte, „sonst hätte ich ja schließlich von -der gestrigen Begegnung mit Gruschenka erzählen müssen.“ Aljoscha fühlte -es schmerzlich, daß die Widersacher sich über Nacht mit neuen Kräften -von neuem erhoben und ihre Herzen sich mit dem anbrechenden Tage von -neuem verhärtet hatten. „Der Vater ist gereizt und wütend, er hat sich -jetzt etwas ausgedacht und scheint dabei bleiben zu wollen. Und Dmitrij? -Der wird über Nacht gleichfalls einen Entschluß gefaßt haben und wird -wahrscheinlich ebenso gereizt und wütend sein ... und wer weiß, was er -sich noch ausgedacht hat ... O, unbedingt muß ich mir heute noch die -Zeit nehmen, ihn, einerlei wo, aufzusuchen. Ja, das muß ich unbedingt -tun ...“ - -Doch Aljoscha hatte nicht lange Zeit zum Nachdenken: unterwegs stieß ihm -etwas zu, das anscheinend nicht so wichtig war, ihn aber doch -ungewöhnlich erschütterte. Kaum war er über den großen Platz gegangen -und in eine Nebenstraße eingebogen, um in die Michailoff-Straße zu -gelangen – die von der Großen Straße nur durch einen kanalartigen Graben -getrennt war (unsere ganze Stadt ist von derartigen Kanälen oder breiten -Gräben durchzogen), als er unten am Graben, nicht weit von einer Brücke, -eine Gruppe kleiner Schüler, Jungen von etwa neun bis zwölf Jahren -bemerkte. Sie waren auf dem Heimweg aus der Schule und trugen ihre -Ränzchen auf dem Rücken oder hatten lederne Büchersäcke an Riemen über -die Schulter gehängt; einige waren nur in Jäckchen, andere in -Mäntelchen, und ein paar von ihnen hatten hohe Stulpenstiefelchen an, -mit Falten in den Stiefelschaften, auf die kleine Knaben stets sehr -stolz sind, doch die eigentlich nur wohlhabende Eltern, die ihre Kinder -verwöhnen, kaufen können. Die ganze kleine Gesellschaft sprach äußerst -lebhaft: man schien sich zu beraten. Aljoscha konnte niemals -teilnahmslos an kleinen Kindern vorübergehen (in Moskau war er immer -stehen geblieben, um sie zu beobachten), und obwohl er am meisten die -Dreijährigen liebte, so gefielen ihm doch auch kleine Schuljungen von -zehn Jahren sehr. Darum aber verspürte er jetzt große Lust, so sehr er -auch in Sorge war, zu ihnen zu gehen und mit diesen Jungen etwas zu -sprechen. Er näherte sich ihnen und betrachtete ihre rosigen, lebhaften -Gesichtchen; plötzlich fiel ihm auf, daß ein jeder von ihnen einen Stein -in der Hand hielt, einige sogar zwei. Zugleich bemerkte er, daß auf der -anderen Seite des Kanals, ungefähr dreißig Schritt von der erregten -Gruppe, am Zaun noch ein Knabe stand, gleichfalls ein kleiner Schüler, -der auch solch ein Büchertäschchen trug, etwa zehn Jahre alt war oder -etwas jünger, ein bleicher kränklicher Kleiner mit dunklen, blitzenden -Augen. Er stand und beobachtete aufmerksam die Gruppe der sechs anderen -kleinen Schüler, die offenbar seine Schulkameraden waren, doch mit denen -er in Fehde zu liegen schien. Aljoscha trat zu ihnen heran und sagte, an -einen blonden rotbackigen Knaben in schwarzem Jäckchen sich wendend, -indem er ihn betrachtete: - -„Als ich solch eine kleine Büchertasche trug, wie du sie hast, trug man -sie auf der linken Seite, um bequem mit der rechten Hand hineinlangen zu -können; du aber trägst die Tasche auf der rechten Seite, so kannst du -sie doch nicht so leicht erreichen.“ - -Aljoscha hatte ganz unbeabsichtigt mit dieser sachlichen Bemerkung -begonnen, ohne zu wissen, daß ein Erwachsener, wenn er das Zutrauen -eines Kindes oder gar einer ganzen Gruppe Kinder gewinnen will, gerade -so ernst und sachlich beginnen und sie unbedingt als vollkommen -gleichstehend behandeln muß; Aljoscha hatte aus dem Instinkt heraus das -Richtige getroffen. - -„Aber er ist doch ein Linkpfot,“ antwortete sofort ein anderer Knabe, -ein gesunder, mutiger Junge von etwa elf Jahren. Die Augen der übrigen -fünf richteten sich forschend auf den Jüngling in der Mönchskutte. - -„Er – er wirft auch die Steine mit der linken Hand,“ bemerkte ein -dritter. - -In dem Augenblick flog auf die Gruppe ein Stein, streifte nur leicht den -„Linkpfot“, war aber geschickt und kräftig geschleudert worden. Er kam -von dem kleinen Knaben, der auf der anderen Seite des Grabens stand. - -„Gib ihm eins, ziel aber gut, Ssmuroff!“ riefen sofort alle erregt dem -„Linkpfot“ zu. - -Doch Ssmuroff (der „Linkpfot“) ließ nicht lange warten und zahlte sofort -heim; er zielte und schleuderte seinen Stein auf den Knaben jenseits des -Grabens, traf ihn aber nicht: der Stein schlug an den Zaun. Der Knabe -jenseits des Grabens schleuderte sofort noch einen Stein auf die -feindliche Gruppe und traf diesmal – Aljoscha ziemlich schmerzhaft an -der Schulter: er hatte auch ersichtlich gerade auf ihn gezielt. Seine -Taschen waren voll von Steinen, das konnte man auf dreißig Schritt an -seinen abstehenden Paletotseiten erkennen. - -„Er hat auf Sie gezielt, absichtlich gerade auf Sie! Sie sind doch ein -Karamasoff, nicht wahr, ein Karamasoff?“ schrien unter erregtem Lachen -die Knaben. „Jetzt aber alle auf einmal! Eins, zwei, drei!“ - -Und sechs Steine flogen auf Kommando aus der Gruppe über den Graben. Ein -Stein traf den Jungen am Kopf und er fiel hin, doch sprang er im -Augenblick wieder auf und fing an, wie rasend geworden, seine Steine auf -die Feinde zu schleudern. Es begann ein lebhaftes Bombardement; es -zeigte sich, daß auch einige von den Sechsen Steine vorrätig in den -Taschen hatten. - -„Was fällt euch ein! Schämt ihr euch nicht! Sechs gegen einen, ihr könnt -ihn ja totschlagen!“ rief Aljoscha erschrocken aus. - -Er sprang schnell vor, den fliegenden Steinen entgegen, um so mit seinem -Körper den Kleinen jenseits des Grabens zu schützen. Drei oder vier von -den Jungen hielten eine Minute lang inne. - -„Er hat selbst angefangen!“ rief ein Kleiner in einer roten Bluse mit -hoher Kinderstimme, „er ist ein Schuft, er hat neulich Krassotkin mit -dem Federmesser gestochen, so daß Blut floß. Krassotkin wollte nur nicht -klagen gehn, ihn aber muß man durchprügeln ...“ - -„Warum das? Ihr neckt ihn wahrscheinlich?“ - -„Ha! jetzt hat er Sie wieder mit einem Stein in den Rücken getroffen! Er -kennt Sie!“ schrien die Kinder. „Jetzt zielt er nur auf Sie, nicht auf -uns! Nun aber alle Mann hoch, schieß gut, Ssmuroff!“ - -Und wieder begann das Bombardement, diesmal aber recht erbittert. Da -schlug ein Stein den kleinen Knaben vor die Brust: er schrie auf und -lief weinend den Berg hinauf zur Michailoff-Straße. In der Gruppe erhob -sich sofort ein Triumphgeschrei: „Acha hat Angst bekommen, läuft fort, -Bastwisch!“ - -„Sie wissen nicht, Karamasoff, was das für ein gemeiner Junge ist, ihn -totschlagen wäre noch viel zu wenig,“ sagte der Knabe in der Jacke, -anscheinend der älteste von den Sechsen. - -„Wieso?“ fragte Aljoscha, „petzt er etwa?“ - -Die Knaben tauschten gleichsam spöttische Blicke untereinander aus. - -„Gehen Sie auch in die Michailoffstraße?“ fragte derselbe Knabe. „So -holen Sie ihn doch ein ... Sehen Sie, er ist wieder stehen geblieben, er -wartet und sieht gerade auf Sie.“ - -„Ja, er sieht gerade auf Karamasoff, auf Karamasoff!“ riefen sofort auch -die anderen. - -„Fragen Sie ihn, ob er solch einen Badequast, solch einen rötlich-gelben -Lindenbastwisch, mit dem man scheuert oder sich wäscht, ob er solch -einen Bastwisch liebt? Hören Sie, fragen Sie ihn gerade so!“ - -Alle lachten. Aljoscha blickte sie an, und sie blickten wiederum ihn an. - -„Gehn Sie nicht, er wird Sie hauen,“ sagte ihn warnend der kleine -Ssmuroff. - -„Nach dem Bastwisch werde ich ihn nicht fragen, denn wahrscheinlich -neckt ihr ihn aus irgendeinem Grunde gerade damit, aber ich werde ihn -fragen, warum ihr ihn so haßt ...“ - -„Fragen Sie nur, fragen Sie nur!“ war die lachende Antwort. - -Aljoscha ging über die Brücke und dann den Berg hinauf, längs dem Zaun, -gerade auf den von seinen Kameraden geächteten Knaben zu. - -„Seien Sie vorsichtig!“ schrien ihm noch die anderen warnend nach, „er -hat keine Angst vor Ihnen, er wird Sie plötzlich stechen, hinterrücks -... wie er Krassotkin gestochen hat.“ - -Der Knabe erwartete ihn, ohne sich zu rühren. Als Aljoscha sich ihm -näherte, sah er vor sich einen Knaben von höchstens neun Jahren, eines -von den schwächlichen und kleinen Kindern, mit einem bleichen und -mageren, länglichen Gesichtchen, mit großen, dunklen und böse ihm -entgegenblickenden Augen. Sein Mäntelchen war schon ziemlich alt und -vertragen und viel zu eng und zu knapp: er war aus ihm bereits ganz -herausgewachsen. Die bloßen Hände hingen aus kurzgewordenen Ärmelchen -heraus. Auf dem rechten Knie hatten die Höschen einen großen Flecken, -und der rechte Stiefel hatte vorn bei der großen Zehe ein großes Loch, -das stark mit Tinte eingeschmiert war. Beide Taschen seines Mäntelchens -waren voll von Steinen. Aljoscha blieb zwei Schritt vor ihm stehen und -blickte ihn fragend an. Der Kleine, der an Aljoschas Augen erriet, daß -dieser ihn nicht schlagen werde, schien sich ein wenig zu schämen, und -er begann sogar ungefragt zu sprechen: - -„Ich bin allein, und sie sind sechs ... Ich werde sie alle ganz allein -verprügeln,“ sagte er mit blitzenden Augen. - -„Der eine Stein muß dich sehr schmerzhaft getroffen haben,“ bemerkte -Aljoscha. - -„Ich aber habe Ssmuroff an den Kopf getroffen!“ rief der Knabe -triumphierend. - -„Sie sagten mir, daß du mich kennst und aus einem besonderen Grunde -absichtlich auf mich mit den Steinen geworfen hättest?“ fragte Aljoscha. - -Der Knabe blickte ihn finster an. - -„Ich kenne dich nicht. Kennst du mich denn?“ fuhr Aljoscha in seinen -Fragen fort. - -„Gehn Sie fort!“ schrie ihn plötzlich der Knabe gereizt an, ohne aber -sich selbst vom Platz zu rühren, als ob er noch etwas erwartete, und -wieder blitzten seine dunklen Augen böse auf. - -„Gut, ich werde fortgehen,“ sagte Aljoscha, „nur kenne ich dich nicht, -und du sollst nicht glauben, daß ich dich etwa necken will. Deine -Kameraden sagten mir, wie du geneckt wirst, ich aber will dich wirklich -nicht necken, nun, leb wohl!“ - -„Kuttenmönch, hosenloser Kuttenmönch!“ höhnte der Knabe geflissentlich -und verfolgte ihn immer noch mit demselben boshaften, herausfordernden -Blick; er stellte sich auch schon in Positur, da er offenbar glaubte, -Aljoscha werde sich unbedingt auf ihn stürzen – doch Aljoscha blickte -sich nur einmal nach ihm um und ging. Er hatte aber noch nicht drei -Schritte gemacht, als ihn ein ziemlich großer Stein, der größte, den der -Knabe gehabt hatte, schmerzhaft in den Rücken traf. - -„Also hinterrücks? Dann ist es also wahr, was sie von dir gesagt haben, -daß du hinterrücks überfällst?“ fragte Aljoscha, der stehen geblieben -war und sich zurückwandte, doch diesmal schleuderte der Knabe mit wahrer -Wut wieder einen Stein auf Aljoscha und würde ihn gerade ins Gesicht -getroffen haben, wenn Aljoscha nicht den Arm zum Schutz erhoben hätte: -so schlug der Stein an seinen Ellenbogen. - -„Schämst du dich nicht! Was habe ich dir getan?“ rief Aljoscha. - -Der Knabe wartete schweigend und herausfordernd, wie es schien, nur -darauf, daß Aljoscha sich jetzt auf ihn stürzen werde; als er aber sah, -daß dieser es selbst jetzt nicht tat, geriet er wie ein kleines Tier -außer sich vor Wut. Er stürzte sich auf Aljoscha und packte, noch bevor -dieser sich rühren konnte, mit beiden Händen dessen linke Hand und biß -krampfhaft in den Mittelfinger. Wie Klammern hielten die kleinen Zähne -den Finger (etwa zehn Sekunden lang) fest. Aljoscha schrie auf vor -Schmerz und versuchte mit aller Gewalt seinen Finger herauszuziehen. -Endlich ließ ihn der Knabe los und sprang geschwind auf die frühere -Entfernung zurück. Das Fleisch des Fingers war durchgebissen, gerade -beim Nagel, tief, bis auf den Knochen, und blutete stark. Aljoscha zog -sein Taschentuch hervor und umwickelte fest seine verwundete Hand. Eine -gute Minute lang war er damit beschäftigt. - -Während dieser ganzen Zeit erwartete der Knabe stillschweigend, was nun -kommen werde. Da erhob endlich Aljoscha seinen stillen Blick und -richtete ihn auf den Knaben. - -„Nun gut,“ sagte er, „du hast mich schmerzhaft gebissen, nun ist es -genug. Jetzt sage mir aber, was ich dir getan habe?“ - -Der Knabe blickte ihn verwundert an. - -„Ich kenne dich nicht, ich sehe dich zum erstenmal,“ fuhr Aljoscha -ebenso ruhig fort, „aber es kann doch nicht sein, daß ich dir nichts -Böses getan habe, denn umsonst würdest du mir doch nie solch einen -Schmerz zugefügt haben. So sag doch, was ich dir getan und womit ich das -von dir verdient habe?“ - -Statt zu antworten, fing der Knabe laut zu weinen an, und plötzlich lief -er fort. Aljoscha ging ihm langsam nach in die Michailoffstraße, und -lange noch sah er, wie weit vor ihm der Knabe lief, ohne sich umzusehen -und ohne im Laufen innezuhalten, und wie er wahrscheinlich immer noch -laut weinte. Er nahm sich fest vor, sobald er die Zeit hätte, den -Kleinen aufzusuchen und die Erklärung seines sonderbaren Hasses zu -fordern. - - - IV. - Bei Chochlakoffs - -Er erreichte indessen bald das Chochlakoffsche Haus. Es war ein -zweistöckiges, hübsches, herrschaftliches Steingebäude, eines der -schönsten Häuser in unserem Städtchen. Obgleich Frau Chochlakoff -größtenteils im Nachbargouvernement lebte, wo sie ein Gut hatte, oder in -Moskau, wo sie ein Haus besaß, so behielt sie doch auch in unserem -Städtchen dieses von ihrem Vater oder Großvater geerbte Haus und wollte -es weder vermieten noch verkaufen. Und wenn das Gut, das sie in unserem -Gouvernementskreise besaß, auch das größte von ihren drei Gütern war, so -lebte sie doch nur sehr selten in unserem Städtchen. Sie kam Aljoscha -schon im Vorzimmer entgegen. - -„Sagen Sie doch, haben Sie meinen Brief mit der Nachricht von dem Wunder -erhalten?“ begann sie erregt in ihrer nervösen Weise. - -„Ja, ich habe ihn erhalten.“ - -„Sagen Sie doch, haben Sie ihn auch allen gezeigt, allen davon erzählt? -Er hat der Mutter den Sohn wiedergegeben!“ - -„Er wird heute sterben,“ sagte Aljoscha. - -„Ich weiß, ich habe es schon gehört, o, wieviel ich mit Ihnen zu -sprechen habe! Über alles, alles das, mit Ihnen oder einerlei mit wem. -Nein, nein, nur mit Ihnen, nur mit Ihnen allein! Und wie schade, daß ich -ihn auf keine Weise mehr sehen kann! Die ganze Stadt ist erregt, alle -sind in großer Erwartung. Aber jetzt: Wissen Sie auch, daß Katerina -Iwanowna augenblicklich bei uns ist?“ - -„Ach, das trifft sich gut!“ sagte Aljoscha erfreut. „Dann kann ich sie -ja hier bei ihnen sprechen, sie bat mich gestern, heute zu ihr zu -kommen.“ - -„Ich weiß alles, ich weiß alles! Ich habe alles ganz genau erfahren, was -gestern bei ihr geschehen ist ... und alle diese entsetzlichen -Geschichten mit diesem ... Geschöpf! _C’est donc tragique_, ich würde an -ihrer Stelle, – ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle getan hätte! -Aber Ihr Bruder, ich meine Dmitrij Fedorowitsch, was sagen Sie zu dem? – -O Gott, Alexei Fedorowitsch, ich, ich komme ganz aus dem Konzept. -Stellen Sie sich vor: jetzt sitzt hier bei uns Ihr Bruder, nicht jener, -nein, der andere, Iwan Fedorowitsch, er sitzt dort und spricht mit ihr: -o, es ist ein feierliches Gespräch ... Und wenn Sie sich nur denken -könnten, was jetzt zwischen ihnen geschieht, – Katerina Iwanowna -vergewaltigt sich, das ist ganz schrecklich, das ist, ich werde Ihnen -sagen, was das ist: Das ist ein grausames Märchen, an das man unmöglich -glauben kann! Beide stürzen sie sich ins Unglück, beide wissen das ganz -genau, und beide finden sie Vergnügen daran, sich unglücklich zu machen, -es scheint ihnen Genuß zu bereiten! Ach, wie ich Sie erwartet habe, wie -ich Sie ersehnt habe! Ich, wissen Sie, ich kann das nicht mehr ertragen! -Ich werde Ihnen gleich alles erzählen, aber jetzt noch was anderes, und -das ist die Hauptsache, – ach Gott, ich hatte es beinahe ganz vergessen, -daß das die Hauptsache ist. Sagen Sie doch, warum bekam Lise jetzt -wieder ihre hysterischen Anfälle? Als sie nur hörte, daß Sie zu uns -kämen, begann sofort der Anfall.“ - -„Mama, das ist jetzt vielleicht mit Ihnen der Fall, aber nicht mit mir,“ -ertönte plötzlich irgendwoher Lisas hohes Stimmchen: Die Tür zum -Nebenzimmer zeigte eine kleine, kleine Spalte, und die Stimme klang -genau so, wie wenn jemand furchtbar gern lachen will, doch mit aller -Gewalt das Lachen unterdrückt. Aljoscha hatte diese Spalte schon früher -bemerkt und war überzeugt, daß Lise ihn von ihrem Stuhl aus durch -ebendiese Spalte beobachtete, obgleich er sie nicht sehen konnte. - -„Schäme dich, Lise, schäme dich ... es ist schon möglich, daß ich von -deinen eigensinnigen Launen noch krank werde, aber, wissen Sie, Alexei -Fedorowitsch, sie ist so krank, die ganze Nacht war sie krank, fieberte -und stöhnte! Nur mit genauer Not habe ich noch den Morgen und Doktor -Herzenstube erwarten können. Er sagte, er könne es nicht begreifen, und -man müsse abwarten. Dieser Herzenstube sagt jedesmal, wenn er kommt, er -könne es nicht begreifen. Wie Sie sich aber dem Hause näherten, schrie -sie auf, bekam ihren Anfall und befahl der Magd, sie hierher in ihr -früheres Zimmer zu schieben ...“ - -„Aber Mama, ich wußte ja gar nicht, daß er sich dem Hause näherte, ich -wollte durchaus nicht deswegen in dieses Zimmer geschoben werden.“ - -„Du solltest nicht lügen, Lise, ich habe selbst gesehen, wie Julija mit -der Nachricht zu dir gelaufen kam, daß Alexei Fedorowitsch zu uns käme; -sie hatte ja die ganze Zeit auf deinen Befehl Wache gestanden.“ - -„Liebstes Mamachen, das ist wirklich furchtbar wenig scharfsinnig von -Ihnen. Wenn Sie mir aber einen großen Gefallen erweisen wollen, so sagen -Sie, bitte, liebste Mama, dem sehr geehrten Herrn Alexei Fedorowitsch, -daß er schon allein dadurch, daß er heute zu uns kommt, nach allem, was -gestern geschehen ist, und obgleich man sich hier über ihn lustig macht, -nur beweist, wie wenig gewitzigt er ist.“ - -„Lise, du erlaubst dir wirklich unerhört viel! Ich versichere dir, daß -ich endlich zu strengen Maßregeln greifen werde. Wer soll denn über ihn -lachen? ich freue mich so sehr darüber, daß er gekommen ist – ich habe -ihn so nötig, er ist mir ganz unentbehrlich! Ach, Alexei Fedorowitsch, -wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin!“ - -„Aber was fehlt Ihnen denn, liebste Mama?“ - -„Ach, immer deine Kapricen, Lise, deine Unbeständigkeit, deine -Krankheit, diese furchtbare Nacht, dein Fieber, dieser fürchterliche, -ewige Herzenstube; ach, das Schreckliche ist ja, daß er ewig, ewig und -ewig hier sitzt! Und überhaupt alles, alles ... Und dann kommt noch -dieses Wunder hinzu! O, Sie wissen nicht, Alexei Fedorowitsch, wie mich -dieses Wunder erschüttert hat! Und jetzt noch hier in meinem Salon diese -ganze Tragödie; nein, nein, das kann ich nicht ertragen, das kann ich -nicht, ich sage es Ihnen im voraus, daß ich es nicht kann! Oder -vielleicht ist es auch nur eine Komödie und keine Tragödie ... Sagen -Sie, wird der Staretz Sossima noch bis morgen leben? Ach Gott! Was ist -heute mit mir! Ich schließe beständig die Augen und sehe ja selbst ein, -daß ich Unsinn rede, leeren Unsinn.“ - -„Ich würde Sie sehr bitten,“ unterbrach Aljoscha sie plötzlich, „mir ein -kleines Stück Leinwand zu geben, um meinen Finger zu verbinden. Ich habe -ihn stark verletzt, und jetzt tut er mir unerträglich weh.“ - -Aljoscha wickelte das Taschentuch ein wenig los: Große Blutflecke waren -durch das ganze Tuch gedrungen. Frau Chochlakoff schrie auf, schloß -krampfhaft die Augen und bedeckte das Gesicht mit den Händen. - -„Gott, wieviel Blut! Wie furchtbar!“ - -Doch sowie Lise durch die Spalte Aljoschas blutiges Taschentuch sah, riß -sie sofort die Tür auf, daß die mit der Klinke krachend an die Wand -schlug. - -„Kommen Sie her, kommen Sie her zu mir,“ rief sie gebieterisch und -eigensinnig, „jetzt aber ohne Dummheiten! Gott! Warum standen Sie nur so -lange, warum sagten Sie kein Wort? Mama, er hätte verbluten können! Wo -haben Sie das gemacht, wie nur? Ganz zuerst Wasser, Wasser! Man muß die -Wunde waschen; den Finger einfach in kaltes Wasser stecken, damit der -Schmerz betäubt wird, und dann einfach drinhalten ... Ach, schneller, -schneller Wasser, Mama, in die kleine Schale. Aber schneller doch!“ rief -sie nervös. Sie war maßlos erregt; Aljoschas Wunde hatte sie heftig -erschreckt. - -„Soll man nicht nach Herzenstube schicken?“ fragte Frau Chochlakoff -ängstlich. - -„Mama, Sie werden mich noch töten! Ihr Herzenstube wird kommen und -wieder nur sagen, daß er es nicht begreifen kann! Wasser, Wasser! Mama, -gehen Sie um Gottes willen selbst und machen Sie Julija Eile, die bleibt -immer irgendwo stecken; jetzt wird sie vielleicht ertrunken sein samt -ihrem Wasser! Aber schneller doch, Mama, ich sterbe sonst ...“ - -„Aber das ist doch nicht so gefährlich!“ rief Aljoscha aus, den wiederum -der Schreck der Damen erschreckte. - -Da kam auch schon die Zofe mit dem Wasser. Aljoscha tauchte den Finger -hinein. - -„Mama, bringen Sie um Gottes willen Scharpie und diese trübe Flüssigkeit -– ach, wie heißt sie doch, mit der man kühlt, wenn man sich geschnitten -hat? Wir haben sie, ich weiß es genau; Mama, Sie wissen es doch auch, wo -diese Flasche ist, in Ihrem Schlafzimmer, rechts im kleinen -Medizinschränkchen, dort ist eine große Flasche und Scharpie ...“ - -„Ich werde alles sofort bringen, Lise, nur schrei nicht so und rege dich -nicht auf. Sieh, wie mutig Alexei Fedorowitsch sein Unglück trägt. Aber -wo haben Sie sich nur so entsetzlich verletzt?“ - -Frau Chochlakoff ging eilig hinaus, um die Sachen zu bringen. Darauf -hatte Lisa nur gewartet. - -„Vor allem antworten Sie mir auf eine Frage,“ sagte sie hastig zu -Aljoscha, „wo haben Sie sich so verletzt? Ich habe dann noch von ganz -anderem mit Ihnen zu sprechen. Nun?“ - -Aljoscha begann sofort, da er fühlte, daß ihr die Zeit bis zur Rückkehr -der Mutter kostbar war, von der Begegnung mit den Schuljungen zu -erzählen, natürlich nur in großen Zügen, ohne alles Nebensächliche. Als -Lise zu Ende gehört hatte, schlug sie die Hände zusammen. - -„Aber wie konnten Sie nur, wie konnten Sie sich nur, und dazu noch in -der Kutte, mit Schulbuben einlassen!“ rief sie zornig aus, ganz, als ob -sie ein Recht auf ihn besäße. „Nach alledem sind Sie ja selbst ein -kleiner Junge, der allerkleinste, den es überhaupt nur geben kann! Aber -Sie müssen mir unbedingt diesen scheußlichen Frechling aufsuchen, denn -hier steckt sicherlich ein Geheimnis dahinter ... Jetzt das zweite, doch -vorher noch eine Frage. Können Sie, trotz des Schmerzes, von ganz dummen -Sachen reden, aber vernünftig reden?“ - -„Das kann ich sehr gut, und ich fühle ja auch gar keinen so großen -Schmerz mehr im Finger.“ - -„Das kommt daher, daß Ihr Finger im Wasser ist. Aber man muß jetzt neues -Wasser nehmen, denn es wird ja sofort warm. Julija, bring sofort ein -Stück Eis aus dem Keller und eine neue Schale mit Wasser. So, jetzt sind -wir sie los, nun schnell zur Sache: Bitte, lieber Alexei Fedorowitsch, -geben Sie mir geschwind den Brief zurück, den ich Ihnen gestern -übergeben ließ, schnell, denn Mama kann ja sofort zurückkommen, -schneller doch! – ich will nicht ...“ - -„Ich ... ich habe ihn nicht bei mir.“ - -„Das ist nicht wahr, Sie haben ihn schon bei sich. Ich wußte es ja, daß -Sie so antworten würden. Sie haben ihn in der Tasche. Ich habe diesen -dummen Scherz die ganze Nacht so furchtbar bereut. Geben Sie ihn mir -sofort zurück!! Sofort!“ - -„Ich ... ich habe ihn im Kloster gelassen.“ - -„Aber Sie müssen mich ja unbedingt für ein kleines Mädchen halten, für -ein ganz kleines Baby, nach einem so dummen Brief! Ich bitte Sie sehr um -Verzeihung für den dummen Scherz; aber den Brief müssen Sie mir -unbedingt zurückbringen, wenn Sie ihn wirklich nicht bei sich haben – -heute noch bringen Sie ihn mir, hören Sie, unbedingt, unbedingt!“ - -„Heute kann ich unmöglich kommen; ich kehre ins Kloster zurück und werde -zwei, drei, vielleicht auch vier Tage nicht herkommen können, denn der -Staretz Sossima ...“ - -„Vier Tage, das fehlte noch! Hören Sie, sagen Sie – Sie haben wohl -furchtbar über mich gelacht?“ - -„Nicht ein bißchen habe ich gelacht.“ - -„Warum denn nicht?“ - -„Weil ich an alles sofort geglaubt habe.“ - -„Sie beleidigen mich!“ - -„Wieso? Nicht im geringsten. Ich glaubte sofort, als ich ihn durchlas, -daß alles auch so geschehen werde, denn ich muß nach dem Tode des -Staretz Sossima sofort das Kloster verlassen. Darauf werde ich noch ein -Jahr das Gymnasium besuchen und dann mein Abiturium machen, und wenn Sie -das gesetzliche Alter erreicht haben, heiraten wir uns einfach. Ich -werde Sie lieben. Ich habe zwar noch keine Zeit gehabt, darüber -nachzudenken; aber ich denke doch, daß ich eine bessere Frau als Sie -nicht finden kann, und der Staretz hat mir befohlen, zu heiraten ...“ - -„Aber ich bin doch eine garstige Mißgeburt; man schiebt mich ja seit -sechs Monaten im Rollstuhl!“ sagte Lisa mit verlegenem Lachen, und ihr -Gesichtchen wurde rot. - -„Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens bin ich überzeugt, -daß Sie bis dahin schon gesund sein werden.“ - -„Aber Sie sind ja verrückt!“ fuhr Lisa nervös fort. „Aus einem kleinen -Scherz solch einen Unsinn zu machen! ... Ach, da ist ja auch Mamachen -... vielleicht sehr zur rechten Zeit gekommen. Mama, wie Sie sich immer -verspäten, wie kann man nur alles so langsam machen! Julija kommt schon -aus dem Keller mit dem Eis zurück!“ - -„Ach, Lise, wenn du doch nicht immer so schreien wolltest, das ist -wirklich das Furchtbarste. Von diesem Schreien werde ich ... was kann -ich denn dafür, wenn du die Scharpie an einen anderen Ort getan hast ... -Ich suchte und suchte ... Ich vermute stark, daß du sie absichtlich -vorher versteckt hast ...“ - -„Aber wie konnte ich’s denn wissen, daß er mit einem gebissenen Finger -ankommen würde, sonst, allerdings – hätte ich es vielleicht wirklich mit -Absicht getan. Meine liebe Engelsmama, Sie fangen wirklich an, -außerordentlich scharfsinnige Sachen zu sagen.“ - -„Ach, meinetwegen; aber denk doch nur, Lise, welche Erschütterung das -für die Nerven ist, dieser gebissene Finger und alles andere noch dazu! -Lieber Alexei Fedorowitsch, mich töten nicht die Einzelheiten, nicht -irgend so ein Herzenstube, sondern alles zusammen, das Ganze, das ist -es, was mich umbringt!“ - -„Ach, Mama, lassen Sie doch den armen Herzenstube in Ruh,“ sagte Lisa -lachend, „geben Sie mir nur schneller die Scharpie und das Wasser. Das -ist einfach Bleiwasser, Alexei Fedorowitsch, mir ist jetzt der Name -wieder eingefallen; es ist ganz großartig zu Kompressen. Mama, stellen -Sie sich nur vor, er hat sich unterwegs auf der Straße mit kleinen -Schuljungen geprügelt, und einer von ihnen hat ihn gebissen; nun, sagen -Sie doch selbst, ist er nicht nach alledem selbst ein kleiner Knabe, ein -ganz – ganz kleiner, und kann man ihm daraufhin wohl erlauben zu -heiraten, denn, denken Sie sich doch nur, Mama, er will schon heiraten! -Stellen Sie sich ihn nur als Ehemann vor, ist das nicht zum Lachen, ist -das nicht ganz entsetzlich!“ - -Und Lise lachte wieder ihr nervöses, leises Lachen und blickte -schelmisch zu Aljoscha auf. - -„Wie denn das, Lise, wen soll er denn jetzt heiraten? Solche Scherze -sind sehr unpassend für dich ... Und denk doch nur, wenn dieser Junge -vielleicht die Tollwut gehabt hat!“ - -„Ach, Mama! Gibt es denn überhaupt tollwütige Kinder?“ - -„Warum nicht, du tust wirklich, als ob ich eine Dummheit gesagt hätte. -Den Jungen hat vielleicht ein toller Hund gebissen, und nun beißt -wiederum der Junge. Sehen Sie doch, wie gut sie Ihren Finger verbunden -hat, ich hätte das nie so gut gemacht. Schmerzt er noch sehr?“ - -„O, nur noch ein wenig.“ - -„Fürchten Sie vielleicht das Bleiwasser?“ erkundigte sich Lise. - -„Nun, genug, Lise, ich habe es vielleicht doch etwas übereilt gesagt: -das vom tollwütigen Knaben – du mußt natürlich gleich spotten. – Ach, -fast hätte ich’s vergessen: Katerina Iwanowna bat mich sofort, als sie -nur hörte, daß Sie gekommen seien, flehentlich, flehentlich, Sie zu ihr -zu bringen; sie erwartet Sie sehr!“ - -„Ach, Mama! Gehen Sie doch allein zu ihr; er kann wirklich nicht sofort -hingehen, er leidet viel zu sehr.“ - -„Aber gar nicht; ich kann sehr gut zu ihr gehen ...,“ sagte Aljoscha. - -„Wie! Sie gehen? Also so sind Sie, so sind Sie?“ - -„Wieso? Ich werde doch, sobald ich dort fertig bin, sogleich wieder -herkommen, und dann können wir weitersprechen, so viel Sie wollen. Ich -möchte Katerina Iwanowna sobald wie möglich sprechen, da ich frühzeitig -ins Kloster zurückkehren will.“ - -„Mama, nehmen Sie ihn nur und bringen Sie ihn fort. Bemühen Sie sich -nicht, Alexei Fedorowitsch, nachher noch zu mir zu kommen, gehen Sie nur -sofort ins Kloster, dorthin gehören Sie ja! Ich aber will jetzt -schlafen, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“ - -„Ach, Lise, das ist ja nur Scherz von dir; aber wirklich, wie wäre es, -wenn du jetzt etwas schlafen würdest?“ meinte Frau Chochlakoff. - -„Ich weiß nicht, wodurch ich ... Ich werde gern noch drei Minuten -hierbleiben, wenn Sie wollen, sogar fünf,“ stotterte Aljoscha. - -„Sogar fünf! So bringen Sie ihn doch schneller fort, Mama, das ist ja -ein Monstrum!“ - -„Lise, du bist wohl nicht recht gescheit! Gehen wir, Alexei -Fedorowitsch, sie ist heute gar zu kapriziös, ich fürchte mich, sie zu -reizen. O, welch ein Jammer, mit einem nervösen Kinde zusammenzuleben! -Aber sie ist vielleicht wirklich während des Gesprächs mit Ihnen -schläfrig geworden. Wie haben Sie sie nur so schnell eingeschläfert, und -wie glücklich sich das trifft!“ - -„Ach, Mama, das haben Sie ganz reizend gesagt, dafür gebe ich Ihnen -einen Kuß!“ - -„Und ich dir gleichfalls, Lise. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch,“ sagte -darauf Frau Chochlakoff in erregtem, geheimnisvollem Flüsterton, als sie -mit Aljoscha zum Salon ging, „ich will Ihnen nichts, nichts sagen, Sie -werden es gleich selbst sehen, was dort vor sich geht – das ist ja ganz -entsetzlich, entsetzlich, die phantastischste Komödie tragischer Art: -sie liebt Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch, redet sich aber selbst aus -allen Kräften ein, daß sie Ihren Bruder Dmitrij Fedorowitsch liebe. Das -ist doch furchtbar! Ich werde zusammen mit Ihnen hineingehen, und wenn -man mich nicht fortschickt, bis zum Schluß dort bleiben.“ - - - V. - Im Empfangssalon - -Doch im Salon schien die Unterredung schon beendet zu sein; Katerina -Iwanowna war sehr erregt, sah aber entschlossen aus. Als Aljoscha und -Frau Chochlakoff eintraten, hatte sich Iwan Fedorowitsch gerade zum -Aufbruch erhoben. Sein Gesicht war ein wenig bleich, und Aljoscha -blickte ihn unruhig an. Er fühlte es, daß jetzt wenigstens eines der -beängstigenden Rätsel, die ihn schon seit längerer Zeit ununterbrochen -gequält hatten, seine Lösung finden mußte. Schon seit einem Monat hatte -er von vielen Seiten und zu mehreren Malen gehört, daß sein Bruder Iwan -Katerina Iwanowna liebe und vor allen Dingen sie seinem älteren Bruder -abspenstig zu machen trachte. Bis zu diesem Tage war das Aljoscha -unglaublich und unmöglich erschienen, doch hatte er nicht den Gedanken -abschütteln können und hatte darunter nicht wenig gelitten. Er -liebte beide Brüder und fürchtete daher um so mehr solch eine -Nebenbuhlerschaft. Und nun hatte ihm Dmitrij selbst gesagt, daß er sich -über diese Nebenbuhlerschaft Iwans geradezu freue, und daß sie ihm, -Dmitrij, in vielem sogar sehr zustatten käme. Was hatte er damit sagen -wollen? Doch nicht, daß es ihm auf diese Weise leichter würde, -Gruschenka zu heiraten? Das schien Aljoscha der letzte und -verzweifelteste Schritt zu sein, den sein Bruder tun könnte. Außerdem -war Aljoscha noch bis zum letzten Augenblick in der Szene, die -Gruschenka bei Katerina Iwanowna, wie sie sagte „seinetwegen“, d. h. -Aljoschas wegen gespielt hatte, immer noch überzeugt gewesen, daß -Katerina Iwanowna seinen Bruder Dmitrij leidenschaftlich und unwandelbar -liebte. - -Doch nach jenem Auftritt und dem Gespräch mit Dmitrij am Kreuzweg, -glaubte er es nicht mehr. Außerdem hatte ihm noch immer aus irgendeinem, -ihm selbst unerklärlichen Grunde geschienen, daß sie solch einen -Menschen wie Iwan überhaupt nicht lieben könnte, daß sie vielmehr gerade -seinen Bruder Dmitrij lieben müsse, gerade diesen, und zwar mit allen -seinen Fehlern, gerade so, wie er war, trotz der ganzen -Ungeheuerlichkeit solch einer Liebe. Doch nach der Szene mit Gruschenka -hatte es ihm plötzlich anders geschienen. Die Bemerkung Frau -Chochlakoffs: „sie vergewaltigt sich“, hatte ihn fast zusammenzucken -gemacht, denn genau dasselbe hatte auch er sich in der Nacht, als er -aufgewacht war – wahrscheinlich auf einen unbewußten Traum hin – gesagt: -„Sie vergewaltigt sich, sie vergewaltigt sich ja!“ Geträumt aber hatte -ihm die ganze Nacht hindurch von jener Szene bei Katerina Iwanowna. Und -die offen und bestimmt ausgesprochene Behauptung Frau Chochlakoffs, -Katerina Iwanowna liebe seinen Bruder Iwan, „vergewaltige“ sich aber -absichtlich aus Laune oder aus sonst einem unerklärlichen Grunde und -betrüge und quäle sich selbst mit ihrer Liebe zu Dmitrij, die sie aus -Dankbarkeit für ihn empfinden wolle – diese plötzliche Behauptung hatte -Aljoscha stutzig gemacht. „Vielleicht liegt in diesen Worten wirklich -die ganze Wahrheit,“ dachte er. Aber in welch einer Lage befand sich -dann sein Bruder Iwan? Aljoscha fühlte gewissermaßen instinktiv, daß ein -Charakter wie Katerina Iwanowna herrschen wollte, herrschen aber konnte -sie nur über einen Menschen wie Dmitrij, niemals aber über einen -Menschen wie Iwan. Denn nur Dmitrij konnte sich ihr ergeben (wenn auch -erst nach langer Zeit), was Aljoscha ihm sogar „zu seinem eigenen -Glücke“ wünschte; bei Iwan dagegen war das ganz ausgeschlossen: der -konnte sich nicht ergeben, und dem würde solch eine Unterwerfung auch -kein Glück bringen. Diese Auffassung von Iwan hatte sich ganz -unfreiwillig in Aljoscha entwickelt. Und nun, als er in den Salon -eintrat, flogen ihm in einem Augenblick wieder alle diese Zweifel und -Bedenken und Gedanken durch den Sinn. Es tauchte in ihm auch noch ein -anderer Gedanke auf: „Wie aber, wenn sie keinen von beiden liebt, weder -den einen noch den anderen?“ Doch Aljoscha schämte sich seiner Gedanken -und hatte sich ihretwegen jedesmal Vorwürfe gemacht, wenn sie ihm im -letzten Monat wieder und wieder gekommen waren. „Was verstehe ich denn -von Liebe und von Frauen, und wie kann ich nur solche Schlüsse ziehen,“ -sagte er sich vorwurfsvoll, wenn er wieder Ähnliches gedacht hatte. Und -doch war es unmöglich, nicht daran zu denken. So erriet er denn -gleichfalls instinktiv, daß diese Nebenbuhlerschaft im Schicksal seiner -beiden Brüder eine der wichtigsten Fragen war, von der vieles abhing. -„Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen,“ hatte Iwan -am Tage vorher in der Gereiztheit vom Vater und vom Bruder Dmitrij -gesagt. Also war Dmitrij in seinen Augen ein Geschmeiß, und das -vielleicht schon lange? Oder sollte er es nicht erst seit dem Augenblick -geworden sein, da Iwan Katerina Iwanowna kennen gelernt hatte? Diese -Worte waren ihm natürlich halb aus Versehen entschlüpft, doch um so -bedeutungsvoller waren sie dann, wenn er sie vielleicht gegen seinen -Willen laut ausgesprochen hatte. Wenn das aber wirklich so war, wie -konnte man dann auf eine friedliche Lösung hoffen? Gab es dann nicht -noch neue Ursachen zu Haß und Feindschaft in ihrer Familie? Und vor -allen Dingen, wen sollte er, Aljoscha, dann bedauern, und was einem -jeden von ihnen wünschen? Er hatte sie beide lieb; doch was sollte er -ihnen inmitten so furchtbarer Widersprüche raten? In diesem Labyrinth -konnte man sich ja noch ganz und gar verlieren! Aljoschas Herz aber -konnte die Ungewißheit nicht ertragen, denn seine Liebe wollte immer -gleich aktiv eingreifen. Passiv zu lieben, verstand er nicht: hatte er -etwas liebgewonnen, so wollte er auch sofort helfen. Um aber hier zu -helfen, mußte er zuerst die Wahrheit wissen, mußte er ein festes Ziel -vor sich sehen; doch statt dessen sah er nur Unklarheit und Irrwege. -„Vergewaltigungen der eigenen Person und ein Vergewaltigenwollen des -Schicksals“ – das war es! Doch was konnte er davon verstehen? Verstand -er doch nicht einmal das erste Wort in diesem ganzen Durcheinander! - -Als Katerina Iwanowna Aljoscha erblickte, sagte sie hastig und freudig -zu Iwan Fedorowitsch, der sich schon erhoben hatte, um fortzugehen: - -„Ach, noch einen Augenblick! Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick. -Ich will vorher noch die Meinung desjenigen hören, zu dem ich von ganzem -Herzen das größte Zutrauen habe. Und Katerina Ossipowna, auch Sie möchte -ich bitten, nicht fortzugehen,“ sagte sie zu Frau Chochlakoff. Sie hieß -Aljoscha neben sich Platz nehmen. Frau Chochlakoff setzte sich ihr -gegenüber neben Iwan Fedorowitsch. - -„Jetzt habe ich alle meine Freunde hier, alle, die ich nur besitze,“ -begann sie mit warmer Stimme, in der Tränen zu zittern schienen, und -Aljoscha fühlte, wie sich sein Herz sofort wieder ihr zuwandte. „Sie, -Alexei Fedorowitsch, Sie waren gestern Zeuge dieser ... furchtbaren -Stunde. Sie sahen, wie ich war. Sie haben es nicht gesehen, Iwan -Fedorowitsch, er aber hat es mit eigenen Augen gesehen. Was er gestern -von mir gedacht hat, das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich, wenn -sich heute dasselbe wiederholen sollte, auch heute dieselben Gefühle, -dieselben Worte und dieselben Absichten äußern würde. Sie erinnern sich -wohl noch meiner Absichten, Alexei Fedorowitsch, Sie selbst hielten mich -ja noch von der Ausführung einer derselben zurück ...“ (Als sie das -sagte, errötete sie und ihre Augen blitzten auf.) - -„Ich sage es Ihnen ganz offen, Alexei Fedorowitsch, daß ich mich mit -nichts von dem, was geschehen ist, aussöhnen kann. Hören Sie, Alexei -Fedorowitsch, ich weiß nicht einmal, ob ich _ihn_ jetzt liebe. Er tut -mir jetzt _leid_; das aber ist ein schlechtes Zeichen für Liebe. Wenn -ich ihn noch liebte, wenn ich noch fortführe, ihn zu lieben, so würde er -mir jetzt vielleicht nicht leid tun, sondern ich würde ihn -wahrscheinlich hassen ...“ - -Ihre Stimme bebte, und Tränen blitzten an ihren Wimpern. Aljoscha fuhr -innerlich zusammen: „Dieses Mädchen ist offenherzig und kann nicht -lügen,“ sagte er sich, „und ... und sie liebt Dmitrij nicht mehr!“ - -„Das ist richtig, das haben Sie vollkommen richtig bemerkt, Katerina -Iwanowna,“ sagte Frau Chochlakoff eifrig. - -„Warten Sie noch ein wenig, liebe Katerina Ossipowna, das Wichtigste -habe ich noch nicht gesagt; ich habe noch nicht alles ausgesprochen, was -ich in dieser Nacht beschlossen habe. Ich fühle es, daß mein Entschluß -vielleicht furchtbar ist – furchtbar für mich; aber ich fühle auch schon -im voraus, daß ich ihn um keinen Preis, um nichts in der Welt verändern -werde, in meinem ganzen Leben nicht! So wird es sein! Mein lieber Freund -Iwan Fedorowitsch, mein einziger, hochherziger Ratgeber, den ich in der -Welt habe, stimmt mir in allem bei, und auch er hat als tiefer -Herzenskenner meinen Entschluß gebilligt ... Er kennt ihn.“ - -„Ja, ich billige ihn,“ sagte mit leiser, doch fester Stimme Iwan -Fedorowitsch. - -„Aber ich will, daß auch Aljoscha – ach, verzeihen Sie, Alexei -Fedorowitsch, daß ich Sie einfach Aljoscha genannt habe – ich will, daß -auch Alexei Fedorowitsch mir jetzt sagt, hier gleich, in Gegenwart -meiner beiden Freunde, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe das -instinktive Vorgefühl, daß Sie, Aljoscha, mein lieber Bruder Sie – denn -Sie sind ja doch mein lieber Bruder,“ fuhr sie wieder begeistert fort -und erfaßte seine kalte Rechte mit ihrer heißen Hand, „ich fühle es im -voraus, daß Ihr Urteilsspruch, Ihre Billigung mir, trotz meiner Qualen, -Ruhe geben wird, denn nach Ihrem Urteilsspruch werde ich verstummen und -mich ergeben – das fühle ich im voraus!“ - -„Ich weiß nicht, wonach Sie mich fragen,“ sagte Aljoscha errötend, „ich -weiß nur, daß ich Sie liebhabe und Ihnen in diesem Augenblick mehr Glück -wünsche als mir selbst ... Aber ich verstehe doch nichts von diesen -Dingen ...“ beeilte er sich aus irgendeinem Grunde hinzuzufügen. - -„In diesen Dingen, Alexei Fedorowitsch, in diesen Dingen ist jetzt die -Hauptsache – Ehre und Pflicht, und ich weiß nicht, was noch; ja es ist -etwas Höheres, etwas, das vielleicht sogar höher ist als selbst die -Pflicht. Das Herz sagt mir von diesem unbezwingbaren Gefühl, das mich -übermächtig mit sich fortzieht. Es läßt sich übrigens alles in zwei -Worten ausdrücken; ich habe mich schon entschlossen: Selbst wenn er -jenes ... Geschöpf heiraten sollte,“ fuhr sie feierlich fort, „dem ich -niemals, niemals verzeihen kann, so werde _ich ihn doch nicht -verlassen_! Von nun an werde ich ihn niemals, niemals mehr verlassen!“ -sagte sie gleichsam mit einer gesprungenen Note in gezwungener, fast -müder Begeisterung. „Ich will damit nicht sagen, daß ich mich ihm -überallhin nachschleppen, mich beständig in seinen Weg, vor seine Augen -drängen, ihn quälen werde – o nein, ich werde in eine andere Stadt -ziehen, einerlei wohin, aber ich werde ihn mein ganzes Leben, mein -ganzes Leben lang nicht aus dem Auge lassen. Wenn er aber mit jener -unglücklich wird, und das wird ja bestimmt sofort geschehen, so kann er -zu mir kommen und in mir einen Freund und eine Schwester finden ... -natürlich nur eine Schwester ... Und das dann auf ewig, und er wird sich -endlich überzeugen, daß diese Schwester in der Tat seine Schwester ist, -die ihn wirklich liebt und ihm ihr ganzes Leben geopfert hat. Ich werde -es erreichen, werde es durchsetzen, daß er mich endlich kennen lernt und -mir alles, ohne sich zu schämen, gesteht!“ stieß sie erregt, fast außer -sich hervor. „Ich werde sein Gott sein, zu dem er betet – wenigstens das -ist er mir für seinen Verrat und für alles, was ich gestern durch ihn -erlitten habe, schuldig. Und so mag er denn sein Lebelang sehen, daß ich -ihm mein ganzes Leben lang treu bleibe und mein Wort, das ich ihm einmal -gegeben habe, halte, halte, obgleich er mir untreu ist und mich verraten -hat. Ich werde ... ich werde mich in ein Mittel zu seinem Glück -verwandeln, und das fürs ganze Leben ... oder – wie soll ich das sagen – -in ein Instrument, in eine Maschine, die sein Glück schafft, fürs ganze -Leben, für mein ganzes Leben, und damit er es hinfort sein ganzes Leben -lang erfährt! Das ist mein Entschluß! Iwan Fedorowitsch billigt ihn und -stimmt mir in allem vollkommen bei.“ - -Atemlos endete sie. Vielleicht hatte sie ihren Gedanken viel würdiger, -geschickter und natürlicher ausdrücken wollen, nun aber hatte sie ihn -gar zu eilig, gar zu nackt ausgedrückt. Viel war dabei jugendliche -Ungeduld, vieles verriet auch noch die ertragene Kränkung und das -Bedürfnis, sich stolz zu zeigen; das alles fühlte sie selbst: ihr -Gesicht verfinsterte sich, und der Ausdruck ihrer Augen ward nicht gut. -Aljoscha bemerkte es sofort, – Mitleid erhob sich in seinem Herzen. Und -da tat gerade noch Iwan Fedorowitsch das seinige hinzu. - -„Ich habe vorhin nur meine Meinung geäußert,“ sagte er. „Bei jeder -anderen wäre das alles verstellt, gezwungen, bei Ihnen aber ist es das -nicht. Eine andere wäre dabei unaufrichtig, Sie aber sind aufrichtig, -und somit haben Sie recht. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll; -ich sehe nur, daß Sie aufrichtig sind, im höchsten Grade aufrichtig, und -darum sind Sie auch im Recht ...“ - -„Aber doch nur in diesem Augenblick! – Und dieser Augenblick ist ja doch -nichts anderes als die Folge der gestrigen Beleidigung!“ unterbrach -plötzlich Frau Chochlakoff, deren Absicht augenscheinlich gewesen war, -sich nicht einzumischen, die es aber nun doch nicht mehr ausgehalten und -sich mit einer sehr richtigen Bemerkung in das Gespräch hineinmischte. - -„Ganz recht,“ sagte Iwan in einem fast verwegenen Tone und doch, als ob -er sich plötzlich darüber geärgert hätte, daß er unterbrochen worden -war, „Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau: bei einer anderen wäre -das nur der Einfluß der gestrigen Erregung und würde nur eine Minute -andauern, bei Katerina Iwanowna aber wird dieser Augenblick eben ihr -ganzes Leben lang andauern. Was für andere nur Versprechen ist, das ist -für sie lebenslängliche, vielleicht schwere, doch unermüdliche Erfüllung -ihrer Pflicht. Und das Gefühl dieser Pflichterfüllung wird ihr genügen. -Ihr Leben, Katerina Iwanowna, wird von nun an in marternder Beobachtung -und Zergliederung der eigenen Gefühle, der eigenen Heldentat und des -eigenen Leides bestehen, doch späterhin wird sich dieses Leid mildern, -und Ihr Leben wird sich dann in ein angenehmes Betrachten verwandeln, in -ein unaufhörliches Betrachten des ein für allemal gefaßten und erfüllten -stolzen Vorsatzes, der in seiner Art tatsächlich stolz, jedenfalls aber -verzweifelt ist, doch den Sie auf sich genommen haben. Und dieses Denken -daran wird Sie schließlich vollkommen befriedigen und Sie mit allem -übrigen aussöhnen ...“ - -Er sprach dies mit einer gewissen Bosheit, sagte es mit Absicht gerade -so, und vielleicht wollte er seine Absicht auch nicht einmal verbergen, -d. h., daß er dies so absichtlich spöttisch sagte. - -„O Gott, das ist ja wieder nicht das!“ seufzte Frau Chochlakoff. - -„Alexei Fedorowitsch, aber so sagen Sie doch! Es quält mich, ich will -wissen, was Sie dazu sagen!“ rief Katerina Iwanowna erregt und brach -plötzlich in Tränen aus. Aljoscha erhob sich von seinem Platz. - -„Das ist nichts, nichts!“ fuhr sie weinend fort, „das kommt nur von der -Erregung, von der schlaflosen Nacht; aber bei zwei so treuen Freunden, -wie Sie und Ihr Bruder, fühle ich mich noch stark ... denn ich weiß ... -Sie beide werden mich nie verlassen.“ - -„Leider muß ich vielleicht morgen schon nach Moskau fahren und Sie auf -lange verlassen ... Und leider läßt sich das nicht mehr ändern ...“ -sagte plötzlich Iwan Fedorowitsch. - -„Morgen, nach Moskau!“ Das ganze Gesicht Katerina Iwanownas verzerrte -sich plötzlich. „Aber ... ach Gott, wie glücklich sich das trifft!“ rief -sie auch schon im selben Augenblick mit vollkommen veränderter Stimme, -und im selben Augenblick hatte sie auch schon ihre Tränen verscheucht, -so daß von ihnen nicht einmal eine Spur blieb ... In einem einzigen -Augenblick ging mit ihr diese erstaunliche Veränderung vor sich, eine -Veränderung, die Aljoscha nicht wenig in Verwunderung setzte: an Stelle -des armen, beleidigten Mädchens erschien plötzlich ein Weib vor ihm, das -vollkommen seiner mächtig war und mit irgend etwas sogar ungemein -zufrieden schien – ganz, als ob sie sich über irgend etwas plötzlich -sehr gefreut hätte. - -„O, ich meine natürlich nicht, daß Sie uns verlassen, natürlich meinte -ich das nicht so,“ versuchte sie gleichsam ihren unbedachten Ausruf mit -freundlichem Gesellschaftslächeln zu verbessern, – „ein Freund, wie Sie, -kann das ja auch gar nicht mißverstehen. Im Gegenteil, ich bin nur zu -unglücklich darüber, daß ich Sie entbehren muß!“ Sie wandte sich -plötzlich zu Iwan Fedorowitsch, ergriff ungestüm seine beiden Hände und -drückte sie warm. „Ich freue mich nur deswegen darüber, weil Sie jetzt -persönlich in Moskau meiner Tante und Agascha meine ganze Lage, dieses -ganze Entsetzen, in dem ich mich befinde, werden schildern können, -Agascha gegenüber natürlich ganz aufrichtig, Tantchen aber schonender – -so, wie nur Sie allein es verstehen. Sie können sich ja nicht -vorstellen, wie unglücklich ich gestern und heute morgen war: ich weiß -es wirklich nicht, wie ich diesen furchtbaren Brief schreiben soll ... -denn in einem Brief das wiederzugeben, das ist ja ganz unmöglich ... -Jetzt aber fällt es mir viel leichter, alles zu schreiben, denn Sie -werden dort bei ihnen sein und alles erklären. O, wie mich das freut! -Und nur deswegen freue ich mich darüber, das glauben Sie mir doch. -Selbst sind Sie mir natürlich unersetzlich ... Ich werde sofort den -Brief schreiben,“ sagte sie plötzlich, und sie erhob sich schon, um ins -andere Zimmer zu gehen. - -„Aber Aljoscha! Aber die Meinung Alexei Fedorowitschs, die Sie so gern -erfahren wollten?“ rief Frau Chochlakoff, sie aufhaltend. Etwas Böses -und Feindseliges klang durch ihre Worte. - -„Das habe ich auch nicht vergessen,“ – Katerina Iwanowna blieb sofort -stehen – „aber warum sind Sie heute so feindselig zu mir, Katerina -Ossipowna?“ fragte sie mit bitterem, heißem Vorwurf. „Was ich gesagt -habe, das tue ich auch. Ich brauche unbedingt seine Meinung, ja, ich -bedarf sogar seines Urteils! So wie er sagt, wird es auch sein – sehen -Sie, wie sehr mich im Gegenteil nach Ihren Worten verlangt, Alexei -Fedorowitsch ... Aber, was haben Sie?“ - -„Das hätte ich nie gedacht, nie für möglich gehalten!“ sagte Aljoscha -traurig, doch sehr erregt. - -„Was, was nicht gedacht?“ - -„Er fährt nach Moskau, Sie aber sagen, das freue Sie – das haben Sie -absichtlich ausgerufen! Darauf aber begannen Sie sofort zu erklären, daß -Sie sich nicht darüber freuten, sondern es bedauerten, daß ... Sie einen -Freund verlieren, – aber auch das haben Sie absichtlich so vorgespielt -... wie im Theater, in der Komödie vorgespielt! ...“ - -„Was? ... Im Theater? ... Was sagen Sie?“ fragte Katerina Iwanowna -maßlos verwundert; sie erglühte plötzlich und zog die Brauen zusammen. - -„Aber wie sehr Sie ihm auch versichern, daß Sie den Freund in ihm -vermissen werden, Sie behaupten ihm doch offen ins Gesicht, daß das -Glück darin bestehe, daß er fortfährt ...“ sagte ganz atemlos Aljoscha. - -„Wovon reden Sie, ich weiß nicht ...“ - -„Ich weiß es selbst auch nicht ... Es ist plötzlich wie eine Erleuchtung -über mich gekommen ... Ich weiß, daß ich das nicht gut ausdrücke, aber -ich werde trotzdem alles sagen,“ fuhr Aljoscha mit zitternder und halb -versagender Stimme fort. „Meine Erleuchtung besteht darin: Ich sehe, daß -Sie meinen Bruder Dmitrij vielleicht überhaupt nicht lieben ... von -Anfang an nicht ... und auch Dmitrij Sie vielleicht überhaupt nicht -liebt ... von Anfang an überhaupt nicht ... und Sie nur sehr achtet ... -Ich, wirklich, ich weiß nicht, wie ich wage, das alles zu sagen, aber -irgend jemand muß doch die Wahrheit sagen ... denn hier will es ja -niemand tun.“ - -„Was für eine Wahrheit?“ rief Katerina Iwanowna, und Zorn klang durch -ihre Stimme. - -„Diese Wahrheit,“ stotterte Aljoscha atemlos, „lassen Sie sofort Dmitrij -herrufen – ich werde ihn schon finden –, und mag er dann herkommen, Sie -an der Hand nehmen, darauf Iwans Hand erfassen und ihre beiden Hände -vereinigen. Denn Sie quälen Iwan nur darum, weil Sie ihn lieben ... und -quälen ihn, weil Sie Dmitrij zu lieben glauben ... ihn aber nicht -wirklich lieben ... Sie haben es sich nur so eingeredet ...“ - -Aljoscha stockte und verstummte. - -„Sie ... Sie ... Sie kleiner Schwachsinniger!“ stieß Katerina Iwanowna -bleich und mit zuckenden Lippen hervor. Iwan Fedorowitsch lachte -plötzlich laut auf und erhob sich. Seinen Hut hatte er schon in der -Hand. - -„Du täuschst dich, mein guter Aljoscha,“ sagte er mit einem -Gesichtsausdruck, den Aljoscha noch nie an ihm gesehen hatte, – mit dem -Ausdruck einer echt jugendlichen Herzlichkeit und eines starken, -unbezwingbar aufrichtigen Gefühls, „niemals hat Katerina Iwanowna mich -geliebt! Die ganze Zeit über hat sie gewußt, daß ich sie liebe, obgleich -ich ihr kein einziges Mal ein Wort von meiner Liebe gesagt habe – sie -hat es gewußt, hat aber nie mich geliebt. Ihr Freund bin ich gleichfalls -nie gewesen, nicht einen einzigen Tag lang: das stolze Weib bedurfte -meiner Freundschaft nicht. Sie wollte mich bei sich haben, um sich -ununterbrochen rächen zu können. Sie rächte sich an mir für alle -Beleidigungen, die sie ununterbrochen, an jedem Tage dieser ganzen Zeit -durch Dmitrij erfuhr, Beleidigungen von ihrer ersten Begegnung an; denn -auch ihre erste Begegnung mit ihm ist in ihrem Herzen als Beleidigung -zurückgeblieben. Ja, so ist ihr Herz. Diese ganze Zeit habe ich nur ihr -zugehört, wie sie von ihrer Liebe zu ihm gesprochen hat. Jetzt fahre ich -fort, doch lassen Sie es sich gesagt sein, gnädiges Fräulein, daß Sie -wirklich nur ihn allein lieben. Und je mehr er Sie kränken wird, desto -mehr werden Sie ihn lieben. Das ist Ihre ganze Selbstvergewaltigung. Sie -lieben ihn geradeso, wie er ist, als Ihren Beleidiger lieben Sie ihn. -Wenn er sich bessern würde, so würden Sie ihn verlassen, und Sie würden -sofort aufhören, ihn zu lieben. Jetzt aber bedürfen Sie seiner, um -ununterbrochen an Ihre große Treue denken zu können und ihm seine -Untreue vorzuwerfen. Alles das kommt nur von Ihrem Stolz. O, hierbei ist -natürlich auch viel Unterwürfigkeit und Selbsterniedrigung, doch tun Sie -es trotzdem nur aus Stolz ... Ich bin noch zu jung und habe Sie gar zu -leidenschaftlich geliebt. Ich weiß, daß ich Ihnen das nicht zu sagen -brauchte, es wäre meinerseits stolzer und würdiger, Sie einfach so zu -verlassen; und es wäre auch nicht so kränkend für Sie. Aber ich fahre ja -weit fort und werde niemals mehr wiederkehren. Ich gehe doch auf ewig -... Ich will nicht neben einer sich selbst Vergewaltigenden leben ... -Übrigens verstehe auch ich mich nicht mehr auszudrücken ... Leben Sie -wohl, Katerina Iwanowna, Sie haben kein Recht, sich über mich zu ärgern, -denn ich bin hundertmal mehr bestraft als Sie: bestraft schon allein -dadurch, daß ich Sie nie mehr sehen werde. Deshalb nochmals: leben Sie -wohl. Ich bedarf Ihres Händedrucks nicht. Sie haben mich viel zu bewußt -gequält, als daß ich Ihnen jetzt verzeihen könnte. Später werde ich -verzeihen, doch jetzt brauchen Sie mir Ihre Hand nicht zu geben ... Den -Dank, Dame, begehr ich nicht,“ fügte er plötzlich mit einem erzwungenen -Lächeln hinzu und zeigte somit ganz unerwarteterweise, daß auch er -Schiller so gelesen hatte, daß er ihn auswendig behalten, was Aljoscha -früher nie geglaubt hätte. Iwan verließ das Zimmer, ohne sich selbst von -Frau Chochlakoff, der Hausfrau, zu verabschieden. Aljoscha wollte ihm -nachstürzen. - -„Iwan!“ rief er ganz verloren seinem Bruder nach, „Iwan, komm zurück! -Ach, jetzt wird er ja um keinen Preis mehr zurückkehren!“ rief er in -verzweiflungsvoller Erkenntnis. „Aber das ist meine Schuld, ich habe es -dazu gebracht! Iwan sprach boshaft, er sprach erregt, ungerecht und böse -... Er muß wieder herkommen, er muß zurückkommen, er muß! ...“ -versicherte Aljoscha immer noch wie ein Halbwahnsinniger. - -Katerina Iwanowna ging plötzlich ins Nebenzimmer. - -„Das war großartig von Ihnen, Sie haben wie ein Engel gehandelt!“ -flüsterte ihm in erregter Begeisterung Frau Chochlakoff zu. „Ich werde -alles in Bewegung setzen, damit Iwan Fedorowitsch nicht fortfährt ...“ - -Ihr Gesicht strahlte vor Freude, was Aljoscha nicht geringen Kummer -verursachte. In dem Augenblick kehrte Katerina Iwanowna aus dem -Nebenzimmer zurück. Sie hatte zwei Hundertrubelscheine in der Hand. - -„Ich habe eine große Bitte an Sie, Alexei Fedorowitsch,“ begann sie, -sich direkt an Aljoscha wendend, mit anscheinend ruhiger, gleichmäßiger -Stimme, als wäre wirklich nichts geschehen. „Vor einer Woche, – ja, ich -glaube vor einer Woche – hat Dmitrij Fedorowitsch eine unüberlegte und -ungerechte Tat begangen, eine schändliche Tat. Es gibt hier ein Lokal, -ein Gasthaus oder so etwas ähnliches. Dort hat er einen verabschiedeten -Offizier getroffen, einen Hauptmann, den Ihr Vater mit irgendwelchen -Dingen beschäftigt. Dmitrij Fedorowitsch hatte sich nun aus irgendeinem -Grunde über diesen Hauptmann geärgert, ihn am Bart gepackt und in -Gegenwart aller Gäste in dieser erniedrigenden Weise hinaus auf die -Straße gezogen, und man sagt, der Sohn dieses Hauptmanns, ein kleiner -Junge, der das hiesige Gymnasium besucht, habe es gesehen und sei die -ganze Zeit neben ihnen hergelaufen und habe laut geweint und für den -Vater gebeten, und sei zu allen auf der Straße gelaufen, um sie zu -bitten, seinen Vater doch zu verteidigen, doch die Leute hätten nur -gelacht ... Verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich kann nicht ohne -heftigen Unwillen dieser schmachvollen Handlung, die _er_ begangen hat, -gedenken ... das ist wieder eine dieser Handlungen, zu denen sich nur -Dmitrij Fedorowitsch in seinem Zorn hinreißen lassen kann ... und in -seinen Leidenschaften! Ich kann nicht einmal alles so wiedergeben, ich -kann es nicht ... Ich finde nicht die richtigen Worte. Ich habe mich -jetzt nach dem Beleidigten erkundigt und erfahren, daß er ein sehr armer -Mensch ist. Sein Familienname ist Ssnegireff. Er hat sich im Dienst -irgendwie vergangen und daraufhin den Abschied bekommen ... Ich verstehe -das nicht zu erzählen ... und jetzt ist er mit seiner ganzen Familie -hier, mit kranken Kindern und einer, ich glaube, irrsinnigen Frau und -lebt in furchtbarer Armut. Er war schon früher in dieser Stadt, er soll -hier Schreiber gewesen sein. Plötzlich aber ist er unbeschäftigt! Ich -habe jetzt meinen Blick auf Sie geworfen, das heißt, ich dachte – ach, -ich weiß nicht, ich verwirre mich die ganze Zeit –, sehen Sie, ich -wollte Sie bitten, mein bester Alexei Fedorowitsch, zu ihm zu gehen, -unter einem Vorwande natürlich, zu diesem Hauptmann, – o Gott! ich komme -immer aus dem Konzept, – und zart, vorsichtig, – geradeso, wie nur Sie -allein es zu sagen verstehen“ (Aljoscha errötete plötzlich), „ihm diese -Unterstützung zu übergeben, hier, diese zweihundert Rubel ... Oder nein, -wie soll ich mich ausdrücken? Sehen Sie, das soll nicht eine Zahlung -sein, um ihn zu beschwichtigen, damit er keine Klage einreicht – ich -glaube, er soll dies beabsichtigt haben –, sondern einfach Mitleid, aus -dem Wunsch zu helfen ... von mir, von mir, der Braut Dmitrij -Fedorowitsch, nicht von ihm ... O, Sie werden es schon verstehen ... Ich -würde selbst zu ihm fahren, aber Sie werden es viel besser machen als -ich. Er wohnt in einer kleinen Straße, in der Seestraße, im Hause der -Kleinbürgerin Kalmykowa ... Ich bitte Sie, Alexei Fedorowitsch, tun Sie -das für mich, ich ... ich bin jetzt etwas ... müde. Auf Wiedersehen ...“ - -Sie wandte sich so hastig um und verschwand so schnell hinter der -Portiere, daß Aljoscha nichts mehr sagen konnte, – und er wollte ihr -doch noch so vieles sagen. Er wollte sie um Verzeihung bitten, wollte -sich beschuldigen – kurz, etwas sagen wollte er, denn sein Herz war voll -von dem, und er wollte sie unter keiner Bedingung so verlassen. Aber -schon ergriff ihn Frau Chochlakoff an der Hand und zog ihn hinaus. Im -Vorzimmer hielt sie ihn wieder wie vorhin auf. - -„Sie ist stolz, sie quält sich selbst, aber sie ist gut, großmütig, -hochherzig!“ flüsterte sie ihm zu. „O, wenn Sie wüßten, wie ich sie -liebe, besonders zuweilen, und wie ich mich jetzt wieder über alles, -alles freue! Lieber Alexei Fedorowitsch, Sie wissen ja noch gar nicht -alles! So hören Sie denn, daß wir alle, alle, – ich, ihre beiden Tanten, -– kurz, alle, sogar Lise, schon einen ganzen Monat lang nur dieses eine -wünschen und durchsetzen wollen, daß sie sich von Ihrem geliebten -Dmitrij Fedorowitsch, der nichts von ihr wissen will und sie überhaupt -nicht liebt, lossagt und Iwan Fedorowitsch heiratet, den gebildetsten -und prächtigsten jungen Mann, der sie mehr als alles auf der Welt liebt. -Wir haben doch hier eine ganze Verschwörung gebildet, und ich fahre -vielleicht nur deswegen noch nicht fort ...“ - -„Aber sie weinte doch, sie ist doch wieder beleidigt!“ unterbrach sie -Aljoscha. - -„Glauben Sie nicht den Tränen einer Frau, Alexei Fedorowitsch, in -solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen und für die Männer.“ - -„Mama, Sie verderben ihn,“ ertönte Lisas Stimmchen durch die Türspalte. - -„Nein, ich bin die Ursache dieses Unglücks, ich trage die Schuld an -allem!“ wiederholte der untröstliche Aljoscha, schämte sich wegen seines -Ausfalls und bedeckte seine Augen mit der Hand. - -„Im Gegenteil, Sie haben wie ein Engel gehandelt, wie ein Engel, ich bin -bereit, Ihnen das hunderttausendmal zu wiederholen!“ - -„Mama, wieso hat er wie ein Engel gehandelt?“ ertönte wieder Lisas -Stimme. - -„Es schien mir plötzlich, als ich sie beide so sah,“ fuhr Aljoscha fort, -wie wenn er Lisa überhaupt nicht gehört hätte, „daß sie Iwan liebt, und -so sagte ich denn auch diese Dummheit ... Aber was wird jetzt daraus -werden!“ - -„Was, woraus, woraus soll etwas werden?“ rief Lisa wieder ungeduldig -durch die Tür. „Mamachen, Sie wollen mich sicherlich umbringen! Ich -frage schon zum hundertstenmal, Sie aber antworten mir überhaupt nicht!“ - -In dem Augenblick kam die Zofe hereingelaufen ... - -„Gnädige Frau, das Fräulein fühlt sich sehr schlecht ... sie weint ... -und schlägt um sich ...“ - -„Was, was ist da los?!“ klang Lisas erregte Stimme durch die Tür. „Mama, -_ich_ werde sofort einen Anfall bekommen, aber nicht Katjä!“ - -„Lise, um Gottes willen, schrei nicht so, töte mich nicht! Du bist noch -zu jung, du darfst noch nicht alles erfahren, wovon Erwachsene sprechen, -ich werde dir später alles erzählen, was ich dir davon erzählen kann. O -Gott! ich komme schon, ich komme schon ... Ein hysterischer Anfall? Das -ist vorzüglich, daß sie diesen Anfall hat! Gerade das war ja nötig! In -solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen, gegen alle diese -hysterischen Anfälle und Frauentränen. Julija, lauf sofort zurück und -sage, daß ich schon zu ihr eile! Und daß Iwan Fedorowitsch so -fortgegangen ist, das ist ihre eigene Schuld! Aber er wird ja nicht -fortfahren. Lise, um Gottes willen schrei nicht so! Ach, du schreist ja -gar nicht, nur ich rege mich so auf, verzeih deiner Mama, aber ich bin -ganz entzückt, ganz entzückt davon, entzückt sage ich Ihnen! Sie haben -auch bemerkt, Alexei Fedorowitsch, als was für ein junger, -leidenschaftlicher junger Mann sich Iwan Fedorowitsch vorhin plötzlich -erwies! Ich glaubte immer, er sei ein so gelehrter Akademiker, und -plötzlich ist er so glühend-temperamentvoll, so offenherzig und jung, -geradeso – so unerfahren und jung, das war wirklich so reizend an ihm, -ganz als ob Sie es gewesen wären ... Und wie er noch diese deutschen -Worte zitierte – aber _ganz_ wie Sie! Ach, ich laufe, ich eile schon! -Gehen Sie, beeilen Sie sich, diesen Auftrag auszuführen und kommen Sie -schnell zurück! Lise, brauchst du nicht etwas? Halt ihn nur keine Minute -auf, er wird gleich zu dir zurückkehren.“ - -Frau Chochlakoff eilte schließlich wirklich fort. Aljoscha wollte, bevor -er fortging, noch einmal die Tür zu Lisas Zimmer öffnen. - -„Auf keinen Fall!“ rief ihm Lise empört zu, „jetzt unter keiner -Bedingung mehr! Sprechen Sie so, durch die Tür. Für was für eine -Heldentat werden Sie zum Engel erhoben? Nur das allein will ich wissen.“ - -„Für eine furchtbare Dummheit, Lise! Auf Wiedersehen!“ - -„Unterstehen Sie sich nicht, so fortzugehen!“ rief Lisa empört. - -„Lise, ich habe großes Herzeleid! Ich werde sofort zurückkommen, aber -ich habe großen, großen Kummer!“ - -Und er verließ schnell das Zimmer und das Haus. - - - VI. - In der Stube - -Er hatte wirklich ein ernstes Herzeleid, eines, wie er es bis dahin nur -selten empfunden. Er hatte sich so dumm in fremde Angelegenheiten -hineingemischt und noch dazu in Liebesangelegenheiten! „Aber was -verstehe ich denn von solchen Sachen, wie kann ich mich nur in solche -Angelegenheiten hineinmischen?“ wiederholte er vorwurfsvoll und immer -wieder errötend wohl schon zum hundertstenmal. „Ach, die Schande wäre ja -noch nichts, die Schande ist nur wohlverdiente Strafe; das Furchtbare -ist nur, daß ich die Ursache neuen Unglücks bin ... Und der Staretz hat -mich doch geschickt, um zu versöhnen und zu vereinigen. Vereinigt man -denn etwa so?“ Bei diesem Gedanken fiel ihm plötzlich wieder ein, wie er -„die Hände vereinigt“ hatte, und heiße Scham stieg in ihm auf. „Wenn ich -auch alles aufrichtig getan habe, so muß ich künftig doch klüger sein,“ -schloß er plötzlich – und lächelte nicht einmal über diese Folgerung. - -Der Auftrag Katerina Iwanownas führte ihn in die Seestraße, da aber -Dmitrij Fedorowitschs Wohnung gerade auf dem Wege dorthin lag, beschloß -Aljoscha, zuerst noch zum Bruder zu gehen, obgleich er ahnte, daß er ihn -nicht zu Hause antreffen werde. Er vermutete sogar, daß Dmitrij sich -jetzt vielleicht absichtlich vor ihm versteckte, trotzdem wollte er ihn -unbedingt aufsuchen, einerlei wo. Die Zeit aber drängte. Der Gedanke an -den sterbenden Staretz hatte ihn seit der Stunde, da er aus dem Kloster -gegangen war, keinen Augenblick verlassen. - -Es fiel ihm wieder ein, was Katerina Iwanowna von dem Hauptmann erzählt -hatte, und wieder fragte sich Aljoscha, ob nicht jener kleine Knabe, der -die Schule besuchte und laut weinend neben dem Vater einhergelaufen war, -als Dmitrij ihn am Barte gezogen hatte – ob das nicht derselbe kleine -Junge sein konnte, der ihn in den Finger gebissen hatte? Wäre das doch -die Antwort gewesen auf seine Frage, wodurch er ihn beleidigt hätte. -Schließlich war Aljoscha fast überzeugt davon, ohne eigentlich selbst zu -wissen warum, daß jener Knabe der Sohn des beleidigten armen Hauptmanns -sei. Mit solchen nebensächlichen Gedanken zerstreute er sich und -brauchte nicht mehr an das von ihm angestiftete „Unglück“ zu denken und -sich mit Vorwürfen zu quälen, sondern konnte etwas Gutes tun. Und bei -diesem Gedanken beruhigte er sich schließlich. Als er dann beim -Einbiegen in die Querstraße zu Dmitrij plötzlich Hunger verspürte, nahm -er aus seiner Kuttentasche das Franzbrot, das er beim Vater eingesteckt -hatte, und aß es unterwegs auf. Das stärkte wieder ein wenig seine -Lebensgeister. - -Der Bruder war natürlich nicht zu Hause. Die Hauswirte – ein alter -Tischlermeister, dessen Sohn und die alte Frau – blickten Aljoscha etwas -mißtrauisch an. „Er nächtigt schon den dritten Tag nicht hier, es ist -möglich, daß er ausgefahren ist,“ antwortete der Alte auf Aljoschas -wiederholte Frage. Da sah Aljoscha ein, daß jener offenbar auf einen -gegebenen Befehl nicht antworten wollte. Auf seine Frage: „Ist er -vielleicht bei Gruschenka, oder versteckt er sich bei Foma?“ (Aljoscha -fragte absichtlich so indiskret), blickten ihn alle drei nur höchst -erschrocken an. „Müssen ihn wohl gern haben, wenn sie so zu ihm halten,“ -dachte Aljoscha, „das ist gut.“ - -Endlich fand er auch in der Seestraße das Haus der Kleinbürgerin -Kalmykowa, ein altes schiefes Häuschen, das nur drei Fenster zur Straße -hatte. Der Eingang führte durch den schmutzigen Hof. Als Aljoscha durch -die Pforte trat, sah er gerade in der Mitte des Hofes einsam eine -unangebundene Kuh stehen. Links vom Flur wohnte die alte Hausbesitzerin -mit ihrer gleichfalls alten Tochter; beide waren taub, wie es schien. -Auf seine mehrmals wiederholte Frage nach dem Hauptmann wies schließlich -die eine von ihnen, die erraten hatte, daß man zu ihren Mietern wollte, -auf die gegenüberliegende Tür. Die Wohnung des verabschiedeten -Hauptmanns war also tatsächlich in diesem Hause. Aljoscha wollte schon -die eiserne Klinke ergreifen und die Tür aufmachen, als ihm plötzlich -die ungewöhnliche Stille, die hinter der Tür herrschte, auffiel. -Katerina Iwanowna hatte ihm doch gesagt, daß der Hauptmann verheiratet -sei und eine ganze Familie habe. „Entweder schlafen sie alle, oder -vielleicht haben sie gehört, daß ein Fremder eingetreten ist, und warten -jetzt, daß ich eintrete; ich werde doch lieber zuerst klopfen,“ dachte -er und klopfte an die Tür. Die Antwort kam aber erst nach einiger Zeit, -vielleicht erst nach einer halben Minute. - -„Wer da?“ schrie jemand mit lauter und absichtlich wütender Stimme. - -Aljoscha machte die Tür auf und trat über die Schwelle. Er befand sich -in einer zwar sehr großen Bauernstube, die aber doch von Menschen und -verschiedenem Hausgerät ganz eingenommen war. Links stand ein großer -russischer Ofen. Von diesem Ofen war zum linken Fenster durch das ganze -Zimmer eine Schnur gezogen, auf der verschiedene Lappen hingen. An -beiden Wänden rechts und links stand je ein Bett, mit gehäkelter Decke -überdeckt. Auf dem Bette links war aus vier Kopfkissen ein ganzer Berg -errichtet; von diesen vier, die alle in Kattunbezügen staken, war eines -immer kleiner als das andere. Dagegen lag auf dem Bett an der rechten -Wand nur ein einziges ganz kleines Kissen. In der vorderen Ecke war ein -kleiner Raum durch einen Vorhang abgeteilt, oder richtiger, durch ein -Bettuch, das gleichfalls über einer quer vor die Ecke gezogenen Schnur -hing. Hinter diesem Vorhang blickte ein drittes, auf einer Truhe und -einem vorgeschobenen Stuhl aufgeschlagenes Bett hervor. Ein einfacher -viereckiger Bauerntisch war von der vorderen Ecke zum mittleren Fenster -geschoben. Alle drei Fenster, von denen jedes nur vier kleine, grüne, -von Staub und Regen trübe Fensterscheiben hatte, ließen nicht gerade -viel Licht herein und waren zudem so dicht geschlossen, daß man die -Zimmerluft als recht drückend empfand. Auf dem Tisch stand eine -Bratpfanne mit dem Rest von einem unsauberen Rührei, ein angebissenes -Stück Brot und außerdem eine Halbliterflasche, in der nur noch ein wenig -von dem übriggeblieben war, was viele Menschen über ihr Leid -hinwegbringt. Auf einem Stuhl neben dem Bett links saß eine Frau in -einem einfachen Kattunkleide; doch sah sie wie eine Dame aus. Sie war -sehr mager und etwas gelblich im Gesicht; ihre stark eingefallenen -Wangen verrieten sofort, daß sie krank sein mußte. Am meisten aber fiel -Aljoscha der Blick dieser armen Dame auf: er war ungemein forschend und -zu gleicher Zeit äußerst hochmütig. Während der ganzen Zeit, in der -Aljoscha mit dem Hauptmann sprach, gingen ihre großen braunen Augen -unveränderlich stolz und fragend von einem der Sprechenden zum anderen. -Neben dieser Dame stand am linken Fenster ein junges Mädchen mit einem -nicht gerade schönen Gesicht und dünnem, rötlichem Haar; es war ärmlich, -doch sehr sauber gekleidet. Feindselig betrachtete sie den eingetretenen -Aljoscha. Rechts, gleichfalls zwischen Bett und Fenster, saß noch ein -drittes weibliches Wesen. Das schien ein armes Geschöpf zu sein, -gleichfalls ein junges Mädchen, von zwanzig Jahren, doch war es -verwachsen und lahm, d. h. ihre Füße waren verdorrt, wie Aljoscha später -erfuhr. Ihre Krücken standen neben ihr in der Ecke zwischen der Wand und -dem Bett. Die auffallend schönen und guten Augen des armen Mädchens -blickten Aljoscha ruhig und sanftmütig an. Am Tisch saß, das Rührei -verzehrend, ein Herr von etwa fünfundvierzig Jahren, mittlerer Größe, -augenscheinlich ein schwächlicher Mensch mit rötlichem Haar und einem -rötlichen, spärlichen Bärtchen, das auffallend einem zerfaserten -Lindenbastwisch glich (dieser Vergleich und besonders das Wort -„Bastwisch“ zuckten Aljoscha aus irgendeinem Grunde schon beim ersten -Blick auf diesen Bart durch den Sinn, dessen erinnerte er sich noch -später). Offenbar hatte dieser selbe Herr auch das „Wer da?“ gerufen, da -außer ihm nur Frauen im Zimmer waren. Als aber Aljoscha etwas vortrat, -sprang der Herr von der Bank, auf der er am Tisch gesessen hatte, auf -und flog, sich mit einer durchlöcherten Serviette den Mund wischend, -Aljoscha entgegen. - -„Ein Mönch, der für ein Kloster bittet – der ist zu den Richtigen -gekommen!“ sagte laut das am linken Fenster stehende Mädchen. - -Doch der Herr, der Aljoscha entgegengestürzt war, drehte sich im -Augenblick auf dem Hacken um und antwortete mit erregter, vor Aufregung -fast stockender Stimme: - -„Nein, verehrteste Warwara Nikolajewna, diesmal täuschen Sie sich, -Verehrteste, haben es nicht erraten! Gestatten Sie“ – damit wandte er -sich geschwind wieder zu Aljoscha – „mich nach der Ursache Ihres -Besuches meines ... ‚Inneren‘ zu erkundigen?“ - -Aljoscha betrachtete ihn aufmerksam, da er ihn zum erstenmal sah. Es war -etwas Eckiges, Hastendes, Gereiztes an ihm. Er hatte wohl Schnaps -getrunken, doch war er nicht betrunken. Sein Gesicht drückte eine -gewisse äußerste Frechheit aus, und zu gleicher Zeit – das war wirklich -sonderbar – offenbare Feigheit. Er glich einem Menschen, der sich lange -Zeit unterworfen und vieles erlitten hat, plötzlich aber vorspringt und -auftrumpfen will. Oder richtiger: einem Menschen, der einen maßlos gern -schlagen will, und der doch sehr fürchtet, daß man ihn schlagen könnte. -In seinen Reden und dem Klang seiner ziemlich schrillen Stimme lag ein -gewisser mißratener Humor, der bald boshaft, bald ängstlich war, nie im -Ton blieb und immer wieder abbrach. Die Frage nach dem Besuch des -„Inneren“ stellte er gleichsam am ganzen Körper zitternd und so nah auf -Aljoscha zutretend, daß der unwillkürlich einen Schritt zurückwich. -Gekleidet war der Herr in einen dunklen, nankingartigen Überzieher, der -sehr schlecht zusammengenadelt und überall geflickt war. Die Beinkleider -dagegen waren auffallend hell, wie sie niemand mehr trug, und aus sehr -dünnem, karriertem Stoff; unten waren sie stark verknüllt, außerdem sehr -kurz, ganz als wäre er aus ihnen wie ein kleiner Junge herausgewachsen. - -„Ich bin ... Alexei Karamasoff ...“ antwortete Aljoscha. - -„Das begreifen wir vortrefflich,“ unterbrach ihn sofort der Herr, womit -er zu verstehen gab, daß er ihn schon kannte. „Ich dagegen bin Hauptmann -Ssnegireff; trotzdem wäre es wünschenswert, die Ursache Ihres Besuches -...“ - -„Ich ... bin nur so hergekommen ... Ich wollte eigentlich von mir aus -Ihnen ein paar Worte sagen ... Wenn Sie es nur gestatten ...“ - -„In diesem Falle – bitte, hier ist ein Stuhl, geruhen Sie, Platz zu -nehmen, wie man in den alten Komödien sagt ...“ und der Hauptmann -ergriff mit hastiger Bewegung einen gewöhnlichen Bauernstuhl und stellte -ihn fast in die Mitte des Zimmers; darauf zog er noch für sich -irgendeinen Stuhl herbei und setzte sich Aljoscha gegenüber, und wieder -rückte er so nah heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Er blickte -ihm unbeweglich ins Gesicht. - -„Ich bin Nikolai Iljitsch Ssnegireff, gewesener Hauptmann der russischen -Infanterie, und wenn ich auch durch meine Laster in Schimpf und Schande -geraten bin, so bleibe ich doch gewesener Hauptmann. Eigentlich sollte -ich jetzt eher sagen: Hauptmann Sslowojerrssoff[15] und nicht mehr -Ssnegireff, denn in der zweiten Hälfte meines Lebens habe ich begonnen, -das ‚S‘ anzuhängen.[16] Ja, das lernt man in der Erniedrigung.“ - -„Das ist schon so,“ meinte Aljoscha lächelnd, „nur fragt es sich, ob man -es unwillkürlich oder absichtlich lernt?“ - -„Bei Gott, unwillkürlich. Zeitlebens habe ich nicht so gesprochen, -plötzlich aber fiel ich, und als ich aufstand, sprach ich das ‚S‘ zu -Ende der Worte. Das geschieht durch eine höhere Macht ... Ich sehe, daß -Sie sich für zeitgenössische Fragen interessieren. Wodurch nun habe ich -solch ein Interesse erregt, denn ich lebe, wie Sie sehen, so, daß ich -Gäste im allgemeinen nicht empfangen kann.“ - -„Ich bin ... in derselben Angelegenheit gekommen ...“ - -„In derselben Angelegenheit?“ unterbrach ihn der Hauptmann ungeduldig. - -„Wegen jener Angelegenheit mit meinem Bruder Dmitrij Fedorowitsch,“ -sagte Aljoscha ungeschickt. - -„Welch eine Angelegenheit meinen Sie? Doch nicht wegen jener selben? -Also wegen des Lindenbastwischs, des Badebastwischs?“ Er rückte -plötzlich noch näher, so daß er diesmal Aljoscha tatsächlich mit den -Knien berührte. Seine Lippen preßten sich ganz absonderlich zusammen; -sie wurden so schmal wie ein Bindfaden. - -„Was für ein Badebastwisch?“ stotterte Aljoscha. - -„Nein, Papa, er ist gekommen, um sich über mich zu beklagen!“ rief -plötzlich das Aljoscha schon bekannte Stimmchen seines kleinen Feindes -aus der Ecke hinter dem Vorhange. „Ich habe ihn vorhin in den Finger -gebissen.“ - -Der Vorhang wurde zur Seite gezogen, und Aljoscha erblickte seinen -kleinen Feind aus der Michailoffstraße auf einem Bettchen, das man dort -in der Ecke unter den Heiligenbildern auf der Truhe und dem Stuhl -aufgeschlagen hatte. Der Knabe war mit seinem Mäntelchen und einem -alten, wattierten Deckchen zugedeckt. Er schien nicht ganz wohl zu sein -und, nach den brennenden Augen zu urteilen, Fieber zu haben. Doch jetzt -blickte er furchtlos Aljoscha an. „Zu Hause kriegst du mich nicht!“ -sagte sein Blick. - -„Was hat er gebissen? Wie, einen Finger?“ fragte der Hauptmann -erschrocken und wollte schon aufspringen. „Hat er Ihren Finger -gebissen?“ - -„Ja, meinen. Vorhin bewarfen er und seine Mitschüler sich auf der Straße -mit Steinen; er war allein, sie aber waren ganze sechs. Als ich darauf -zu ihm trat, warf er einen Stein auf mich und dann noch einen. Ich -fragte ihn, was ich ihm denn getan hätte; er aber stürzte sich auf mich -und biß mich schmerzhaft in den Finger, warum, weiß ich nicht.“ - -„Werde ihn sofort durchhauen! Sofort, im Augenblick!“ Der Hauptmann -sprang erregt von seinem Stuhl auf. - -„Aber ich beklage mich doch nicht, ich erzählte es doch nur ... Ich will -durchaus nicht, daß Sie ihn dafür durchhauen! Und er ist ja, glaube ich, -krank ...“ - -„Und Sie dachten, daß ich ihn wirklich bestrafen werde? daß ich -Iljuschetschka nehmen und ihn sofort vor Ihren Augen schlagen werde, zu -Ihrer Genugtuung? sofort? hier auf der Stelle?“ Der Hauptmann wandte -sich mit einer Gebärde zu Aljoscha, als wolle er sich auf ihn stürzen. -„Es tut mir leid, mein Herr, um Ihren Finger; aber wollen Sie nicht, daß -ich, eher als daß ich Iljuschetschka schlage, sofort alle meine vier -Finger, hier auf der Stelle, vor Ihren Augen abhacke, sehen Sie, mit -diesem Messer, um Ihnen Genugtuung zu gewähren? Vier Finger, denke ich, -werden zur Stillung Ihres Rachedurstes genügen, oder wollen Sie auch -noch den fünften dazu? ...“ - -Er verstummte, als ob ihm plötzlich die Stimme versagt hätte. Jeder Nerv -seines Gesichtes ging und zuckte, doch blickte er Aljoscha -herausfordernd an. Er schien seiner selbst nicht mehr mächtig zu sein. - -„Ich glaube jetzt alles zu verstehen,“ sagte Aljoscha, der sitzen blieb, -leise und traurig. „Ihr Junge ist also ein guter Knabe, der seinen Vater -liebt und mich als Bruder Ihres Beleidigers gebissen hat ... Das sehe -ich jetzt wohl ein,“ sagte er nachdenklich. „Mein Bruder Dmitrij -Fedorowitsch bereut seine Handlung, das weiß ich, und wenn er nur zu -Ihnen kommen könnte, oder besser, wenn er Sie dort in demselben Lokal -wieder treffen könnte, so würde er Sie in Gegenwart aller um Verzeihung -bitten ... Wenn Sie es wünschen.“ - -„Also: ‚er hat das Bärtchen ausgerissen und darauf um Verzeihung -gebeten‘ – was will man mehr; er hat alles wieder gut gemacht, nicht -wahr?“ - -„O nein, im Gegenteil, er wird alles tun, was Sie wollen, und wie Sie es -wollen!“ - -„Das heißt also, wenn ich Seine Erlaucht bitten würde, in demselben -Lokal – ‚Zur Hauptstadt‘ heißt es – oder auf dem Großen Platz gefälligst -vor mir niederzuknien, so würde er es tun?“ - -„Ja, er würde niederknien.“ - -„Sie entwaffnen mich, Sie rühren und entwaffnen mich! Bin nur gar zu -geneigt, die Großmut Ihres Herrn Bruders zu empfinden. Gestatten Sie -mir, Ihnen meine Familie vorzustellen: meine beiden Töchter und mein -Sohn – mein ganzes Nest. Wenn ich nun sterbe, wer wird sie dann noch -lieben? Solange ich aber noch lebe – wer kann mich garstiges Kerlchen -außer ihnen lieben? Etwas Großes hat Gott damit für einen jeden kleinen -Menschen von meiner Art geschaffen, Verehrtester. Denn, nicht wahr, auch -ein Mensch wie ich, muß jemanden zum Lieben haben ...“ - -„Da sagen Sie ein wahres Wort!“ meinte Aljoscha herzlich. - -„Ach, hören Sie doch endlich auf, den Hampelmann zu spielen, Papa! Es -braucht nur irgendein Dummkopf herzukommen, so erniedrigen Sie sich -sofort!“ rief ganz unerwartet das Mädchen am Fenster ihrem Vater mit -gereizter Stimme und verächtlicher Miene zu. - -„Gedulden Sie sich noch einen Augenblick, Warwara Nikolajewna, und -lassen Sie mich im Stil bleiben,“ rief ihr der Vater, wenn auch in -befehlendem Tone, so doch mit billigendem Blicke zu. „Das ist nun einmal -so ihr Charakter,“ fügte er darauf, zu Aljoscha gewandt, hinzu. - -„‚Kein einziges Ding in dieser Welt fand seine Billigung!‘ wie der -Dichter sagt; nur müßte er sich in diesem Falle im Femininum ausdrücken: -‚fand ihre Billigung‘. Jetzt aber gestatten Sie mir, Sie auch meiner -Frau vorzustellen: hier, Arina Petrowna, zwar nur eine lahme Dame – von -dreiundvierzig Jahren –, die Füße tragen sie nur wenig, gehört zu den -Einfachen, Verehrtester. Arina Petrowna, glätten Sie Ihre Züge: – Alexei -Fedorowitsch Karamasoff, erheben Sie sich, Verehrtester.“ Damit ergriff -er Aljoschas Hand und zog ihn mit einer Kraft, die man ihm gar nicht -zugetraut hätte, in die Höhe, noch bevor der sich besinnen konnte. „Sie -werden einer Dame vorgestellt, da müssen Sie sich erheben. Das ist nicht -jener Karamasoff, Mamachen, der ... hm, und so weiter, sondern sein -Bruder, der sich durch demütige Tugenden auszeichnet. Gestatten Sie, -Arina Petrowna, gestatten Sie, Mütterchen, Ihnen vorläufig die Hand zu -küssen.“ - -Und er küßte ehrerbietig, sogar zärtlich die Hand seiner Frau. Das -Mädchen am Fenster wandte der Szene unwillig den Rücken zu. Der -hochmütig-fragende Gesichtsausdruck der Frau dagegen verwandelte sich -plötzlich in einen ungewöhnlich freundlichen. - -„Guten Tag; setzen Sie sich, Herr Tschernomasoff,“ sagte sie. - -„Karamasoff, Mütterchen, Karamasoff – wir sind einfache Leute,“ -flüsterte er wieder Aljoscha zu. - -„Nun, Karamasoff oder wie sonst, ich sage immer Tschernomasoff ... -Setzen Sie sich doch! warum hat er Sie nur belästigt? Eine lahme Dame, -sagte er, das ist wohl wahr, denn wenn ich auch meine Füße noch habe, so -sind sie doch wie die Eimer geschwollen, ich selbst bin gänzlich -verdorrt. Früher war ich so dick, jetzt aber bin ich, als ob ich eine -Nadel verschluckt hätte ...“ - -„Wir sind einfache Leute, einfache Leute,“ sagte noch einmal der -Hauptmann. - -„Papa, ach Papa!“ sagte plötzlich das bucklige Mädchen, das bis dahin -geschwiegen hatte, und bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch. - -„Spielt wieder den Bajazzo!“ stieß die andere am Fenster hervor. - -„Sehen Sie, was es für Neuigkeiten bei uns gibt,“ sagte die Mama, auf -die Töchter weisend, „ganz wie vorüberziehende Wolken; sind die Wolken -vorübergezogen, so beginnt von neuem unsere Musik. Früher, als mein Mann -noch Militär war, kamen viele Gäste zu uns. Ich will das ja nicht mit -dem vergleichen, was jetzt ist. Wenn einmal einer jemanden liebt, so -soll er ihn auch lieben. Da kam denn auch die Frau des Diakons zu mir -und sagte: Alexander Alexandrowitsch ist in der Seele der beste Mensch, -Nastassja Petrowna aber, sagt sie, ist die wahre Höllenbrut. – Nun, -antwortete ich, das kommt darauf an, wer wen vergöttert, du aber bist -wohl nur ein kleines Häufchen, stinkst jedoch gehörig. – Dich aber, -sagte sie, muß man unterm Daumen halten. – Ach du, sage ich, du -schwarzer Schleppsäbel, wen bist du hier belehren gekommen? – Ich, sagte -sie, ich lasse reine Luft herein, du aber bist unreine Luft. – Frage -doch, sage ich ihr, frage doch alle Herren Offiziere, ob in mir -schlechte Luft ist, oder was sonst für eine? Und das sitzt mir seit der -Zeit so sehr auf dem Herzen, daß ich noch vor einigen Tagen – ich saß -ganz so wie jetzt – diesen General hier eintreten sah, denselben, der -auch zu Ostern schon hier war: Was, frage ich ihn, Exzellenz, kann man -wohl einer vornehmen Dame reine Luft zulassen? – Ja, antwortete er, man -müßte hier wirklich ein Klappfenster oder die Tür ein wenig aufmachen, -denn auch mir scheint es, daß die Luft hier bei Ihnen nicht sehr frisch -ist. Nun, und so sind sie alle. Und was haben sie nur an meiner Luft -auszusetzen? Tote riechen doch noch viel schlechter. Ich sagte darauf: -Werde eure Luft nicht mehr verderben, werde mir Schuhe bestellen und -fortgehen. Meine Lieben, meine Täubchen, macht doch eurer leiblichen -Mutter keine Vorwürfe! Nikolai Iljitsch, mein Väterchen, oder mache ich -es dir denn nicht recht? Alles, was ich habe, ist doch, daß -Iljuschetschka aus der Schule heimkehrt und mich liebt. Gestern hat er -mir noch einen Apfel mitgebracht. Verzeiht, verzeiht, meine Lieben, -eurer leiblichen Mutter, verzeiht mir Einsamen, aber wodurch ist euch -nur meine Luft so zuwider geworden?“ - -Und die arme Irrsinnige brach in Tränen aus, in Strömen flossen ihre -Tränen herab. Der Hauptmann sprang sofort eilig zu ihr hin. - -„Mütterchen, Mütterchen, Täubchen, laß gut sein, laß gut sein! Bist doch -nicht einsam. Alle lieben dich, alle vergöttern dich!“ Und wieder küßte -er ihre Hände und streichelte ihr Gesicht; und plötzlich nahm er die -Serviette und begann ihre Tränen abzuwischen. Aljoscha schien es, daß -auch seine Augen feucht erglänzten. „Nun, Verehrtester, haben Sie -gesehen, gehört?“ fragte er plötzlich, fast jähzornig Aljoscha und wies -dabei auf die arme Schwachsinnige. - -„Ich sehe und höre,“ sagte Aljoscha leise. - -„Papa, Papa! Wie kannst du nur mit ihm ... Laß ihn doch, Papa!“ rief -plötzlich der Knabe, der sich auf seinem Lager erhoben hatte und den -Vater mit heißem Blick ansah. - -„Wann werden Sie endlich aufhören, Ihre dummen Possen zu spielen, die -doch nie zu etwas Gescheitem führen! ...“ rief ihm aus derselben Ecke -bereits ganz aufgebracht Warwara Nikolajewna zu und stampfte mit dem -Fuße auf. - -„Diesmal sind Sie vollkommen im Recht, wenn Sie außer sich geraten, -Warwara Nikolajewna, und ich werde Sie gern zufriedenstellen. Nun, -nehmen Sie mal Ihre Mütze, Alexei Fedorowitsch, und auch ich werde -meinen Hut nehmen, und gehen wir, Verehrtester. Ich muß noch ein ernstes -Wörtchen mit Ihnen reden, nur außerhalb dieser Wände. Sehen Sie dieses -sitzende Mädchen – das ist meine Tochter Nina Nikolajewna, ich vergaß -es, Sie ihr vorzustellen: ein leibhaftiger Engel Gottes ... der zu uns -Sterblichen herniedergeflogen ist ... wenn Sie das nur begreifen können -...“ - -„Er zittert ja am ganzen Körper, als ob er Krämpfe hätte,“ stieß Warwara -Nikolajewna wieder unwillig hervor. - -„Und diese dort, die jetzt vor Unwillen über mich mit den Füßchen -stampft und mich vor kurzem Bajazzo betitelte – das ist gleichfalls ein -leibhaftiger Engel Gottes, und sie hat mich auch ganz richtig benannt. -Doch gehen wir jetzt, Verehrtester, dem muß man ein Ende machen ...“ - -Sie gingen hinaus auf die Straße. - - - VII. - Und in frischer Luft - -„Hier ist die Luft frisch und rein: in meinem Hause aber ist es wirklich -nicht frisch – sogar in keiner Beziehung. Gehen wir langsam, -Verehrtester. Gern würde ich Sie für mich interessieren.“ - -„Und auch ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen ...“ bemerkte -Aljoscha, „nur weiß ich nicht, wie ich anfangen soll.“ - -„Wie sollten Sie denn nichts zu besprechen haben! Wären Sie doch sonst -nie zu mir gekommen. Oder sind Sie vielleicht nur gekommen, um sich über -den Jungen zu beklagen? Das ist doch unwahrscheinlich. Ach, bei der -Gelegenheit: ich konnte Ihnen dort nicht alles so erklären, aber hier -werde ich Ihnen alles sagen. Sehen Sie, der Bastwisch war noch vor einer -Woche viel dichter – ich rede von meinem Bärtchen; dieses Bärtchen heißt -ja der Bastwisch, so haben es die Schuljungen doch benannt. Nun, sehen -Sie, wie mich da Ihr Bruder Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff am Barte -zog, wegen nichts und wieder nichts, er suchte einfach Händel, und ich -kam ihm in die Quere – da zog er mich hinaus auf den Großen Platz, und -da kamen gerade die Schuljungen aus der Schule und unter ihnen auch -Iljuscha. Wie der mich so am Bart gezogen erblickte, stürzte er zu mir: -‚Papa!‘ schreit er, ‚Papa!‘ hält mich, umarmt, umklammert mich, will -mich befreien, losreißen, schreit meinem Beleidiger zu: ‚Verzeihen Sie, -verzeihen Sie, das ist doch mein Papa, mein Papa, verzeihen Sie ihm!‘ – -fleht, wie ich sage ‚Verzeihen Sie!‘ – umklammert ihn mit seinen kleinen -Ärmchen und küßt, küßt seine Hand ... Ich weiß, ich weiß noch, was für -ein Gesichtchen er in diesem Augenblick hatte, habe es nicht vergessen -und werde es auch nie vergessen! ...“ - -„Ich schwöre Ihnen,“ sagte Aljoscha sofort, „mein Bruder wird Ihnen in -der aufrichtigsten Weise sein tiefes Bedauern, seine Reue beweisen, -meinetwegen kniend auf demselben Platz; ich werde ihn dazu zwingen, oder -er wird nicht mehr mein Bruder sein!“ - -„Ach so, dann war das also nur ein Projekt. Dann ging das nicht von ihm -aus, sondern wurde nur von Ihnen in einer heißen Regung Ihres guten -Herzens gesagt. Ja, dann hätten Sie es aber auch so darstellen sollen. -Nein, Verehrtester, da lassen Sie mich zuerst einmal alles sagen, zumal -ich die ritterliche Offiziershaltung Ihres Bruders nicht verheimlichen -will, o nein, denn die hat er damals tatsächlich bewiesen. Als er -nämlich endlich meinen Bart losließ und mich freigab, sagte er: ‚Wir -sind beide Offiziere, wenn du einen Sekundanten finden kannst, einen -anständigen Menschen, so schick ihn zu mir – werde dir Satisfaktion -geben, wenn du auch ein Schurke bist!‘ Sehen Sie, das sagte er! Das war -wahrhaft ritterlicher Geist! Wir entfernten uns damals, Iljuscha und -ich, doch dieses Bild ist auf ewig in Iljuschenkas Seele geblieben. Wie -soll ich mich denn mit ihm duellieren! Sagen Sie sich doch selbst, Sie -sind doch soeben in meiner Wohnung gewesen – was haben Sie gesehen? Drei -Damen sitzen dort, von denen ist die eine ohne Füße und schwachsinnig, -die andere ohne Füße und verwachsen, die dritte aber hat Füße und ist -beinahe gar zu klug, ist Studentin und will unbedingt wieder nach -Petersburg, um dort an den Ufern der Newa die Rechte der russischen Frau -zu suchen. Von Iljuscha rede ich schon gar nicht, der ist erst neun -Jahre alt, mutterseelenallein. Wenn ich aber nun sterbe – was soll dann -mit meinem ganzen Nest werden, nur das allein frage ich Sie? Wenn ich -ihn nun fordere und er mich erschießt, was dann? Was soll dann aus ihnen -werden? Oder, was noch schlimmer wäre, wenn er mich zum Krüppel schießt? -Arbeiten und verdienen ist dann ausgeschlossen, der Mund aber bleibt, -und wer wird ihn dann füttern, diesen Mund, und wer wird sie dann alle -ernähren? Oder sollte ich Iljuscha anstatt in die Schule täglich betteln -schicken? Da sehen Sie, was das für mich bedeuten würde: ihn zum Duell -herauszufordern. Ein dummes Wort ist das und weiter nichts.“ - -„Er wird Sie um Verzeihung bitten, er wird sich dort mitten auf dem -Platz vor Ihnen bis zur Erde verneigen!“ rief Aljoscha mit aufflammendem -Blick aus. - -„Ich wollte die Sache vor Gericht bringen,“ fuhr der Hauptmann fort, -„aber blättern Sie doch den Kodex durch und fragen Sie sich dann, -wieviel ‚Schadenersatz‘ ich für persönliche Beleidigung von dem -Beleidiger bekommen würde? Und da läßt mich noch plötzlich Agrafena -Alexandrowna zu sich rufen und sagt: ‚Wage nicht, daran auch nur zu -denken! Wenn du ihn vors Gericht bringst, so werde ich dafür sorgen, daß -es alle Welt erfährt, warum er dich am Bart gezogen hat: wegen deiner -Schurkereien, und dann wird man _dich_ verklagen.‘ Sieht doch nur Gott -allein, durch wen besagte Schurkerei entstanden ist, auf wessen Befehl -ich damals wie ein kleiner Kaufmann gehandelt habe, ob nicht etwa auf -ihre eigene und Fedor Pawlowitschs Anordnung? ‚Und zudem,‘ sagte sie, -‚werde ich dich fortjagen und dir hinfort nichts mehr von mir zu -verdienen geben. Meinem Kaufmann werde ich es gleichfalls sagen‘ – so -nennt sie ihn, den Alten –, ‚dann wird auch er dich nicht mehr -beschäftigen.‘ Und so denke ich denn, wenn auch der Kaufmann mich -fortjagt, was soll dann aus mir werden, wo kann ich dann noch verdienen? -Sind mir doch jetzt nur noch diese beiden geblieben, da Ihr Vater Fedor -Pawlowitsch Karamasoff mir nicht nur sein Vertrauen entzogen hat, -sondern mich aus einem nebensächlichen Grunde, nachdem er sich meine -Quittungen gesichert hat, obendrein noch verklagen will. Infolgedessen -bin ich denn still geworden, und mein ‚Inneres‘ – haben Sie gesehen. -Doch jetzt erlauben Sie zu fragen: Hat er Ihnen wirklich schmerzhaft in -den Finger gebissen, Iljuscha meine ich? In seiner Gegenwart konnte ich -mich nicht entschließen, auf dieses Gespräch einzugehen.“ - -„Ja, sehr schmerzhaft, er war aber sehr gereizt. Er hat sich für Sie an -mir, als an einem Karamasoff, gerächt, das ist mir jetzt vollkommen -klar. Aber wenn Sie gesehen hätten, wie er seine Schulkameraden mit -Steinen bewarf, und wie die ihm darauf antworteten! So etwas ist sehr -gefährlich; sie können ihn totschlagen, es sind doch dumme Kinder; der -Stein fliegt und kann den Kopf treffen.“ - -„Und hat auch schon getroffen, nur nicht den Kopf, wohl aber die Brust: -etwas über dem Herzen hat er einen blauen Fleck. Er kam weinend nach -Haus, stöhnte, und jetzt ist er davon krank geworden.“ - -„Aber er greift sie ja zuerst an, fällt als erster über sie her! Er will -sich für Sie rächen. Die Jungen sagten, er habe einen Mitschüler, -Krassotkin, mit dem Federmesser in die Seite gestochen ...“ - -„Ich weiß, die Sache kann gefährlich werden. Krassotkin ist der Sohn -eines hiesigen Beamten, da kann man noch Unannehmlichkeiten haben ...“ - -„Ich würde Ihnen raten,“ fuhr Aljoscha fort, „ihn eine Zeitlang -überhaupt nicht in die Schule zu schicken, bis er sich beruhigt ... -dieser Zorn wird ja vergehen ...“ - -„Zorn!“ griff der Hauptmann sofort das Wort auf, „Sie haben es richtig -benannt. Er ist ein kleines Wesen, aber sein Zorn ist um so größer. Sie -kennen noch nicht alles; erlauben Sie, daß ich Ihnen die ganze -Geschichte erzähle. Die Sache ist nämlich die, daß ihn seit der Zeit -alle Jungen in der Schule ‚Bastwisch‘ zu necken begonnen haben. Kinder -sind in der Schule ein unbarmherziges Volk; einzeln sind sie die reinen -Engel Gottes, zusammen aber sind sie erbarmungslos. So haben sie ihn -denn geneckt, in ihm aber ist der edle Sinn erwacht. Ein gewöhnlicher -Knabe ist ein gleichgültiger Sohn – der hätte sich in diesem Falle -geduckt, würde sich seines Vaters geschämt haben. Iljuscha dagegen hat -sich gegen alle für den Vater erhoben; für den Vater und für die -Wahrheit, für die Gerechtigkeit. Denn was er damals, als er Ihrem Bruder -die Hand küßte und ihn anflehte: ‚Verzeihen Sie meinem Papa!‘ – was er -damals empfunden hat, das weiß nur Gott allein ... und ich. So lernen -unsere Kinderchen – das heißt, nicht Ihre, sondern unsere, die Kinder -der Verachteten, der anständigen Bettler, ja, so lernen unsere -Kinderchen die Wahrheit auf Erden schon mit neun Jahren kennen. Wie -sollten das die Reichen! Die kommen zeitlebens nicht bis zu dieser -Tiefe! Mein Iljuscha aber hat in demselben Augenblick, als er dort auf -dem Platz die Hand küßte, in demselben Augenblick hat er die ganze -Wahrheit durchlebt. Diese Wahrheit durchdrang ihn und erfüllte ihn auf -ewig!“ sagte erregt und leidenschaftlich der Hauptmann und schlug sich -dabei mit der rechten Faust in die linke Hand, als ob er damit zeigen -wollte, wie die „Wahrheit“ seinen Iljuscha durchdrungen und erfüllt -hatte. „... An jenem Tage hatte er Fieber und phantasierte die ganze -Nacht. Er sprach nur wenig mit mir, schwieg endlich ganz, nur bemerkte -ich – wie er aus der Ecke auf mich sieht, sieht und sich immer mehr zum -Fenster neigt und tut, als lernte er seine Aufgaben, aber ich sehe ja -doch, daß er nicht Aufgaben im Sinn hat. Am nächsten Tage trank ich mich -an vor Leid, weiß nicht mehr viel von diesem Tage, bin ein sündiger -Mensch. Mütterchen hatte auch angefangen zu weinen – Mütterchen habe ich -sehr lieb – nun, und so hatte ich mich denn berauscht. Sie, -Verehrtester, verachten Sie mich nicht: In Rußland sind die Trinker die -besten Menschen. Die allerbesten Menschen sind bei uns die -allerbetrunkensten. Ich lag also am zweiten Tage und weiß nicht mehr -viel von Iljuscha; gerade an diesem Tage aber hatten die Schüler ihn zu -necken begonnen: ‚Bastwisch‘, haben sie ihm zugeschrien, ‚dein Vater ist -am Bastwisch auf den Großen Platz hinausgezogen worden, du aber bist -nebenhergelaufen und hast um Verzeihung gebeten.‘ Am dritten Tage kam er -wieder aus der Schule, nur sehe ich – er ist gar nicht mehr zu erkennen, -ganz bleich. Was fehlt dir? frage ich. Er schweigt. Nun, im Zimmer kann -man nicht gut reden, da mischen sich gleich Mütterchen und die Mädchen -hinein – zudem hatten die Mädchen alles gleich am ersten Tage erfahren. -Warwara Nikolajewna begann schon zu brummen: ‚Bajazzo, kann er denn je -etwas Vernünftiges tun?‘ – ‚Ganz recht,‘ antwortete ich ihr, ‚können wir -denn je etwas Vernünftiges tun?‘ Damit machte ich mich los. In der -Dämmerstunde ging ich dann mit dem Jungen spazieren. Sie müssen nämlich -wissen, daß wir an jedem Abend so spazieren zu gehen pflegten, denselben -Weg, den wir jetzt gehen, von unserer Hoftür bis zu jenem großen, -einsamen Stein, der dort so verwaist am Zaune liegt, dort, wo die -Stadtweide beginnt: es ist ein einsamer und schöner Platz zum Sitzen. -Wir gehen also, Iljuscha und ich, sein Händchen ist in meiner Hand, wie -gewöhnlich; solch ein winzig kleines Händchen hat er, so dünne, kalte -Fingerchen – hat doch ein so schwaches, kränkliches Brüstchen. ‚Papa,‘ -sagt er, ‚Papa!‘ – Was? frage ich, sehe schon, seine Äuglein blitzen. – -‚Papa, wie hat er dich nur ... Papa!‘ – Was ist dabei zu machen, -Iljuscha? sage ich. – ‚Versöhne dich nicht mit ihm, Papa, söhne dich -nicht mit ihm aus. Die Schüler sagen, er habe dir dafür zehn Rubel -gegeben.‘ – Nein, Iljuscha, sage ich, ich werde unter keiner Bedingung -von ihm Geld nehmen. Wissen Sie, sein ganzes Körperchen erzitterte; er -ergriff mit beiden Händchen meine Hand und küßte sie immer wieder. – -‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, fordere ihn zum Duell; in der Schule sagen sie, -du seiest ein Feigling und würdest ihn nicht fordern, vielmehr zehn -Rubel von ihm nehmen.‘ – Zum Duell, Iljuscha, kann ich ihn nicht -fordern, antwortete ich und erklärte ihm kurz, wie ich es auch Ihnen -soeben erklärt habe, warum ich es nicht kann. Er hörte mir aufmerksam -zu: ‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, aber trotzdem söhne dich nicht mit ihm aus, -ich werde groß werden, ihn dann fordern und totschlagen!‘ Seine Äuglein -glänzen und brennen. Nun, ich bin doch sein Vater, muß ihm doch ein Wort -der Wahrheit sagen: Es ist Sünde, sage ich, zu töten, und wäre es im -Zweikampf. – ‚Papa,‘ sagt er, ‚Papa, ich werde ihn niederwerfen, wenn -ich groß bin, ich werde ihm seinen Säbel mit meinem Säbel aus der Hand -schlagen, werde mich auf ihn stürzen, ihn niederwerfen, werde meinen -Säbel über ihm schwingen und ihm sagen: Könnte dich sofort erschlagen, -aber ich verzeihe dir, da hast du’s!‘ – Sehen Sie, sehen Sie, -Karamasoff, was in seinem Köpfchen inzwischen vorgegangen war, in diesen -zwei Tagen! An diese Rache hat er ja Tag und Nacht gedacht, hat -wahrscheinlich auch nur davon phantasiert. Nun kam er verprügelt aus der -Schule heim; das erfuhr ich aber erst vor drei Tagen, und Sie haben -recht: ich werde ihn nicht mehr in diese Schule schicken. Ich weiß, daß -er allein gegen die ganze Klasse kämpft und noch selbst alle -herausfordert. Er ist in Zorn geraten, sein Herzchen hat sich entflammt -– mir wurde bange um ihn. Darauf gehen wir wieder spazieren. – ‚Papa,‘ -sagt er plötzlich, ‚Papa, die Reichen sind doch die Stärksten in der -Welt?‘ – Ja, Iljuscha, sage ich, es gibt in der Welt keinen Stärkeren -als einen Reichen. – ‚Papa, dann werde ich reich werden, werde Offizier -werden und alle niederschlagen; der Zar wird mich belohnen, ich werde -dann wiederkommen, und dann wird niemand mehr wagen ...‘ Darauf schwieg -er ein wenig, seine Lippen aber zuckten immer noch. – ‚Papa,‘ sagt er -plötzlich, ‚wie schlecht doch unsere Stadt ist, Papa!‘ – Ja, sage ich, -Iljuschetschka, unsere Stadt ist nicht sehr gut. – ‚Papa, wollen wir in -eine andere Stadt fahren, in eine gute,‘ sagt er, ‚wo man uns gar nicht -kennt.‘ – Ja, das wollen wir, Iljuscha, laß mich nur erst ein wenig Geld -zusammensparen. Ich freute mich über die Gelegenheit, ihn von seinen -traurigen Gedanken ablenken zu können, und so begannen wir denn beide, -uns auszumalen, wie wir in eine andere Stadt übersiedeln würden, wie wir -uns ein Pferdchen und einen Wagen kaufen wollten. Mütterchen und die -Schwestern setzen wir hinein und decken sie gut zu, selbst aber gehen -wir nebenher: hin und wieder setze ich auch dich hinein, ich aber gehe -nebenher, denn man muß doch das eigene Pferdchen schonen, alle können -sich doch nicht hineinsetzen, und so ziehen wir dann in eine andere -Stadt. Das entzückte ihn förmlich, und besonders, daß es unser eigenes -Pferdchen sein würde, mit dem wir fortzogen. Sie wissen doch, daß ein -russischer Junge bereits zusammen mit einem Pferdchen geboren wird. -Lange schwatzten wir; Gott sei Dank, dachte ich, jetzt habe ich ihn -etwas zerstreut und beruhigt. Das war vorgestern abend. Gestern abend -aber zeigte sich etwas ganz anderes. Am Morgen war er wieder in die -Schule gegangen und so finster zurückgekehrt, gar zu finster. Am Abend -nahm ich ihn bei der Hand und brachte ihn hinaus, spazieren: er -schweigt, spricht kein Wort. Ein Wind hatte sich erhoben, und die Sonne -hatte sich versteckt; ein Herbsttag war’s bereits, und es dunkelte auch -schon. Wir gingen, und beiden war uns traurig zumut. – Nun, mein Junge, -frage ich, wie werden wir uns denn auf den Weg machen? – wollte ihn auf -das Gespräch von unserer Reise in die andere Stadt bringen. Er schweigt. -Nur seine Fingerchen waren in meiner Hand zusammengezuckt. Schlimmes -Zeichen, denke ich. Und so kamen wir, wie jetzt, zu diesem Stein, ich -setze mich auf ihn; am Himmel aber sahen wir Drachen steigen, etwa -dreißig an der Zahl, sie summen, und ihre Schwänze klatschen. Jetzt ist -doch die Drachenzeit. Sieh mal, Iljuscha, sage ich, es ist auch für uns -Zeit, unseren vorjährigen Drachen steigen zu lassen. Ich werde ihn -wieder instand setzen; wo hast du ihn nur gelassen? – Mein Junge -schweigt, blickt zur Seite, steht schräg von mir abgewandt. Da kam mit -einemmal ein Windstoß und wirbelte den Sand auf ... Und plötzlich warf -er sich an mich, umklammerte mit seinen Ärmchen meinen Hals und preßte -mich an sich. Wissen Sie, wenn kleine Kinder schweigsam und stolz sind -und lange ihre Tränen zurückhalten, so sind es ja, wenn das Leid zu groß -wird und sie dann einmal in Tränen ausbrechen, so sind es ja nicht mehr -Tränen, die sie weinen, nein, wie Bäche strömt es aus ihren Augen. Und -so flossen denn seine warmen Tränenströme über mein Gesicht. Er -schluchzte wie im Krampf, sein ganzes Körperchen bebte; er preßte mich -an sich, ich saß auf dem Stein. ‚Papachen,‘ rief er, ‚Papachen, liebes -Papachen, wie hat er dich nur so erniedrigt!‘ Da schluchzte auch ich -auf; und wir saßen und schluchzten zusammen. – ‚Papachen,‘ sagt er, -‚Papachen!‘ – Iljuscha, sage ich ihm, mein Iljuschetschka! Niemand hat -uns gesehen, nur Gott allein sah uns, vielleicht wird er es in mein -Schuldbuch eintragen. Überbringen Sie Ihrem Bruder meinen Dank. Nein, -Verehrtester, meinen Jungen werde ich nicht zu Ihrer Genugtuung -bestrafen!“ - -Er schloß wieder in seinem boshaft mokanten Ton. Aljoscha aber fühlte -doch, daß der Hauptmann schon Zutrauen zu ihm gefaßt hatte, daß dieser -Mensch nicht so geredet hätte, falls er mit einem anderen zusammen -gewesen wäre. Das gab Aljoscha, dessen Seele vor heimlichen Tränen -bebte, wieder Hoffnung und Mut. - -„Ach, ich würde mich so gern mit Ihrem Jungen anfreunden!“ sagte er -warm. „Wenn Sie es so machen könnten ...“ - -Der Hauptmann murmelte etwas vor sich hin. - -„Aber jetzt handelt es sich nicht darum, nicht darum, hören Sie mich -an,“ fuhr Aljoscha erregt fort, „hören Sie! Ich habe einen Auftrag an -Sie: Mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, derselbe, der Sie beleidigt hat, -hat auch seine Braut, von der Sie wohl schon gehört haben, beleidigt. -Ich habe das Recht, zu Ihnen von dieser Beleidigung zu sprechen; ich muß -es sogar tun, denn sie selbst hat mir, nachdem sie von Ihrer Beleidigung -und Ihren unglücklichen Verhältnissen erfahren, sie selbst hat mir -soeben – vorhin vielmehr – den Auftrag gegeben, Ihnen diese -Unterstützung von ihr zu überbringen ... nur von ihr allein, nicht von -Dmitrij Fedorowitsch, der sie verlassen hat, nein, nein, und auch nicht -von mir, seinem Bruder, oder von sonst jemandem, sondern von ihr, von -ihr allein! Sie läßt Sie aufrichtig bitten, von ihr diese Hilfe -anzunehmen ... Sie sind beide von ein und demselben Menschen beleidigt -... Sie hat sich auch erst dann Ihrer erinnert, als sie von ihm eine -ebenso große Beleidigung erfahren hatte –, von demselben, der auch Sie -beleidigt hat ... Sie kommt mit ihrer Hilfe wie eine Schwester zum -Bruder ... Sie hat mich beauftragt, Sie zu überreden, von ihr diese -zweihundert Rubel anzunehmen ... wie von einer Schwester, die Ihre Not -kennt. Niemand wird etwas davon erfahren, Sie brauchen also keine -häßlichen Klatschgeschichten zu fürchten ... hier sind die zweihundert -Rubel, und ich schwöre es Ihnen, Sie müssen sie annehmen, oder ... oder -alle Menschen müssen fortan untereinander Feinde sein! Aber es gibt doch -in der Welt auch Brüder ... Sie haben ein edles Herz ... Sie müssen das -annehmen, Sie müssen es tun!“ - -Und Aljoscha hielt ihm die beiden neuen Hundertrubelscheine hin. Sie -waren an dem großen, einsamen Stein am Zaun stehen geblieben, ringsum -war kein Mensch zu sehen. Die regenbogenfarbenen Scheine machten auf den -Hauptmann, wie es schien, einen erschütternden Eindruck: er fuhr -zusammen, doch drückte sich auf seinem Gesicht zuerst nur maßloses -Erstaunen aus; solch einen Ausgang des Gesprächs hatte er nicht -erwartet. Daß ihm von irgend jemand eine Unterstützung, und noch dazu -eine so bedeutende, zuteil werden konnte – das hätte er nie für möglich -gehalten. Er nahm die beiden Scheine, konnte aber noch nicht antworten; -etwas ganz Neues drückte sich in seinem Gesichte aus. - -„Das mir? mir? so viel Geld? Zweihundert Rubel! Väterchen! Ich habe doch -schon seit vier Jahren nicht mehr soviel Geld gesehen – Herrgott! Und er -sagt, als Schwester ... ist das denn wirklich wahr, ist denn das wahr?“ - -„Ich schwöre Ihnen, daß alles, was ich Ihnen gesagt habe, wahr ist!“ Der -Hauptmann errötete. - -„Hören Sie mich, mein Liebling, hören Sie, wenn ich das nun annehme, so -werde ich doch deswegen kein Schuft sein? In Ihren Augen, Alexei -Fedorowitsch, werde ich es doch nicht sein? Nein, Alexei Fedorowitsch, -hören Sie mich an,“ stotterte er, sich übereilend, und berührte Aljoscha -immer wieder mit beiden Händen. „Sie sagen, sie schickt mir das als -‚Schwester‘, um mich zu überreden; aber bei sich – werden Sie mich nicht -verachten, wenn ich es annehme, wie?“ - -„Aber nein doch, warum sollte ich dies tun? Ich schwöre Ihnen bei meinem -Seelenheil, daß ich’s nicht tun werde. Und niemand wird etwas davon -erfahren: außer Ihnen nur ich, sie und noch eine Dame, ihre beste -Freundin ...“ - -„Ach was, Dame! Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, hören Sie mich zu Ende; -jetzt müssen Sie mich aber anhören, denn Sie können sich ja gar nicht -denken, was diese zweihundert Rubel für mich bedeuten,“ fuhr der Arme, -bebend vor Erregung, fort. Er schien mehr und mehr in eine geradezu -wilde Begeisterung zu geraten. Er sprach halb besinnungslos, beeilte -sich aber sehr, als ob er gefürchtet hätte, man würde ihn vielleicht -nicht alles sagen lassen. „Abgesehen davon, daß es von der so verehrten -und heiligen ‚Schwester‘ ehrlich erworben ist, kann ich jetzt, wissen -Sie das auch, unser Mütterchen und Ninotschka, meinen verwachsenen -Engel, meine Tochter, meine ich, gesund machen! Doktor Herzenstube kam -einmal aus reiner Güte zu mir, untersuchte sie beide eine ganze Stunde -lang: ‚Davon‘, sagte er, ‚begreife ich nichts‘, aber ein gewisses -Mineralwasser, das auch hier in der Apotheke zu haben ist – er hat den -Namen aufgeschrieben – würde ihr doch zweifellos Erleichterung bringen, -und auch Fußbäder hat er angeordnet. Das Mineralwasser aber kostet -dreißig Kopeken, und trinken soll sie ungefähr vierzig Flaschen. So nahm -ich denn das Rezept und legte es auf das Regal unter die Heiligenbilder, -dort liegt es heute noch. Und Ninotschka, sagte er, sollte man noch in -einer gewissen Lösung baden, heiße Bäder und zweimal täglich, morgens -und abends. Aber wie sollten wir denn solche Bäder machen, bei uns, in -unserem Zimmer, ohne Dienstboten, ohne Hilfe, ohne Geschirr und ohne -Wasser? Ninotschka aber ist ganz rheumatisch, das habe ich Ihnen noch -gar nicht gesagt; in der Nacht schmerzt ihr die ganze rechte Seite; oh, -wie sie sich quält; aber was glauben Sie wohl, sie ist ganz still, unser -Engelchen, nimmt alle Kraft zusammen, um nicht zu stöhnen, uns nicht -aufzuwecken oder auch nur Sorgen zu machen. Wir essen, was wir gerade -haben, was man so zusammenbekommt; sie aber nimmt immer das letzte -Stückchen, was man eigentlich nur noch Hunden vorwerfen könnte. Und der -Blick, mit dem sie’s tut, sagt noch förmlich: ‚Bin dieses Stückchen -nicht wert, ich nehme es euch fort, lebe nur euch zur Last.‘ Sehen Sie, -das ist es, was ihr Engelsblick sagen will. Wenn wir sie bedienen, quält -es sie: ‚Bin es doch nicht wert, ich bin doch ein unnützer Krüppel, bin -doch ganz überflüssig und nur allen im Wege auf der Welt!‘ Sie soll es -nicht wert sein, sie, die uns doch durch ihre Engelsgüte von Gott -Verzeihung erbittet ... wäre doch ohne sie, ohne ihr sanftes Wort, die -Hölle bei uns ... sogar Warjä ist durch sie sanfter geworden. Aber -Warwara Nikolajewna verurteilen Sie auch nicht, die ist gleichfalls ein -Engel, hat gleichfalls viel erduldet. Sie kam im Sommer her und hatte -sich noch sechzehn Rubel erspart, mit Stunden verdient, um damit im -September, also jetzt, nach Petersburg zurückfahren zu können. Wir aber -haben ihr Geld verlebt, und nun hat sie nichts, womit sie zurückfahren -könnte. Und auch abgesehen davon, kann sie nicht fahren, da sie doch wie -ein Sträfling für uns arbeiten muß ... haben wir sie doch wie ein Pferd -gesattelt, um auf ihr zu reiten: sie wartet allen auf, flickt, wäscht, -fegt das Zimmer aus, bringt das Mütterchen zu Bett – Mütterchen aber ist -irrsinnig, Verehrtester, Mütterchen weint beständig, Mütterchen ist -krank! ... Aber für diese zweihundert Rubel kann ich doch eine -Dienstmagd annehmen, begreifen Sie das auch, Alexei Fedorowitsch, kann -ich meine Lieben gesund machen, kann ich meine Studentin nach Petersburg -schicken, kann ich Rindfleisch kaufen, eine neue Diät einführen ... -Herrgott, das ist doch! ...“ - -Aljoscha war selig, daß er soviel Glück hatte bringen können, und daß -der Arme einwilligte, das Geld zu nehmen. - -„Halt, Alexei Fedorowitsch, halt!“ Jenem schien plötzlich ein neuer -Gedanke zu kommen, und wieder begann er in seiner sich überhastenden, -besinnungslosen Weise weiterzusprechen. „Wissen Sie auch, daß wir jetzt, -Iljuscha und ich, wirklich unseren Plan ausführen können? Wir werden uns -einen verdeckten Wagen und ein Pferdchen kaufen, einen kleinen Rappen, -er wollte unbedingt einen Rappen haben, und so ziehen wir denn ab, wie -wir vor drei Tagen beschlossen. Ich habe im K-schen Gouvernement einen -bekannten Advokaten, einen Jugendfreund, der, hat man mir gesagt, würde -mir, wenn ich hinkäme, eine Stelle als Schreiber geben; wer kann’s denn -wissen, vielleicht wird er auch wirklich was geben ... Nun, dann setzen -wir Mütterchen und Ninotschka hinein, Iljuschetschka laß ich -kutschieren, selbst aber gehe ich zu Fuß nebenher, und so würden wir -fortziehen ... Herrgott, und wenn man nur noch eine einzige verlorene -Schuld hier ausgezahlt bekäme, so würde es vielleicht wirklich dazu -reichen!“ - -„Es wird reichen, es wird reichen!“ versicherte Aljoscha freudig. -„Katerina Iwanowna wird Ihnen noch mehr geben, soviel Sie wollen, und -auch ich habe Geld, nehmen Sie, soviel Sie brauchen, wie von einem -Bruder, einem Freunde; später können Sie es ja wiedergeben ... Sie -werden doch reich werden, bestimmt sogar! Und wissen Sie, das ist das -Beste, was Sie sich ausgedacht haben, in ein anderes Gouvernement zu -fahren! Das ist wirklich eine Rettung für Sie und besonders für Ihren -Jungen! Nur sobald als möglich, vor der Kälte noch, vor dem Winter. Dann -werden Sie uns von dort schreiben, und wir werden Brüder bleiben ... -Nein, das ist kein Traum!“ - -Aljoscha wollte ihn fast umarmen, dermaßen glücklich war er. Doch da -blickte er ihn an und blieb erschrocken stehen: Der Hauptmann stand mit -vorgestrecktem Hals, vorgeschobenen Lippen, mit bleichem Gesicht, das -plötzlich einen ganz wahnsinnigen Ausdruck hatte, und bewegte die -Lippen, als wollte er etwas sagen, es war aber kein Laut zu hören. Er -bewegte nur immer noch die Lippen – es war so sonderbar. - -„Was haben Sie!“ fragte Aljoscha zusammenfahrend. - -„Alexei Fedorowitsch ... ich ... Sie ...“ murmelte stockend der -Hauptmann und blickte ihn so seltsam und wild und doch stier an, als ob -er sich entschlösse, sich in einen Abgrund zu stürzen, und doch schienen -seine Lippen gleichsam zu lächeln. „Ich ... Sie ... Soll ich Ihnen nicht -ein kleines Kunststück zeigen!“ stieß er plötzlich in schnellem, -entschlossenem Geflüster hervor; seine Worte stockten nicht mehr. - -„Was für ein Kunststück?“ - -„Ein kleines Kunststück, so ein kleines Stückchen,“ fuhr der Hauptmann -immer noch flüsternd fort; sein Mund verzog sich auf die linke Seite, -das linke Auge kniff sich zusammen, und unverwandt blickte er Aljoscha -an, als ob er sich mit seinem Blick in ihn einhaken wolle. - -„Was fehlt Ihnen, was haben Sie, was für ein Stückchen?“ fragte Aljoscha -aufs äußerste erschrocken. - -„Solch eines, sehen Sie!“ stieß plötzlich der Hauptmann heiser hervor. - -Und er nahm beide Scheine, die er die ganze Zeit, während des ganzen -Gesprächs, an einem Eckchen zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten -Hand gehalten hatte, zeigte sie ihm – und plötzlich packte er sie wie in -rasender Wut und knitterte und preßte sie in der rechten Faust zusammen. - -„Sehen Sie, sehen Sie!“ schrie er Aljoscha bleich und rasend zu, erhob -die Faust und schleuderte die beiden zerknitterten Scheine in den Sand. -– „Sehen Sie!“ schrie er wieder auf sie hinweisend, „nun, dann sehen -Sie! ...“ - -Und plötzlich begann er in wilder Wut mit dem Stiefelabsatz auf das Geld -zu stampfen, und bei jedem neuen Stoß schrie und stöhnte er auf: - -„Da haben Sie Ihr Geld! Da haben Sie Ihr Geld! Da haben Sie Ihr Geld! Da -haben Sie Ihr Geld!“ Und mit einem Ruck sprang er zurück und stellte -sich in Positur vor Aljoscha: Sein ganzer Mensch drückte -unbeschreiblichen Stolz aus. - -„Sagen Sie denen, die Sie gesandt haben, daß der Bastwisch seine Ehre -nicht verkauft!“ schrie er, mit ausgestrecktem Arm. Er wandte sich -schnell um und lief zurück; doch schon nach ein paar Schritten drehte er -sich um und winkte mit der Hand einen Gruß zu. Und wieder lief er keine -fünf Schritt, als er sich nochmals umwandte: diesmal aber war sein -Gesicht nicht vom Lachen verzerrt, sondern zuckend von Tränen -überströmt, und mit weinender, schluchzender Stimme schrie er ihm noch -zu: - -„Was sollte ich meinem Jungen sagen, wenn ich von Ihnen das Geld für -unsere Schande angenommen hätte?“ Und nachdem er das geschrien hatte, -lief er immer weiter, diesmal ohne sich wieder umzuwenden. Mit -unerträglichem Weh blickte ihm Aljoscha nach. O, er begriff es, daß -jener bis zum letzten Augenblick selbst nicht gewußt hatte, daß er das -Geld ihm vor die Füße werfen werde. Der Fortlaufende wandte sich kein -einziges Mal mehr um, und Aljoscha wußte es auch, daß er sich nicht mehr -umwenden würde. Ihm folgen oder ihn rufen, wollte er nicht. Als aber -jener seinen Blicken entschwunden war, hob er die beiden Scheine auf. -Sie waren nur sehr zerknittert, plattgedrückt und in den Sand -hineingetreten, sonst aber ganz heil. Sie knisterten, als Aljoscha sie -auseinanderfaltete und glättete. Darauf faltete er sie wieder zusammen, -steckte sie in die Tasche und begab sich zu Katerina Iwanowna, um von -dem Geschehenen zu berichten. - - - - - Fünftes Buch. Pro und Contra - - - I. - Das Verlöbnis - -Frau Chochlakoff hatte Aljoscha ungeduldig erwartet und kam ihm daher -wieder im Vorzimmer entgegen. Sie hatte es furchtbar eilig, denn es war -etwas sehr Wichtiges geschehen: Der hysterische Anfall Katerina -Iwanownas hatte mit einer Ohnmacht geendet, darauf war „eine -beängstigende, eine unglaubliche Schwäche“ über sie gekommen, sie hatte -sich hingelegt, die Augen geschlossen und zu phantasieren begonnen. -„Jetzt hat sie Fieber,“ fuhr Frau Chochlakoff eilig fort, „ich habe nach -den Tanten und nach Herzenstube geschickt. Die Tanten sind schon hier, -aber Herzenstube noch nicht. Sie sitzen alle in ihrem Zimmer und warten. -Was daraus noch werden mag! Sie ist besinnungslos! Denken Sie, wenn das -nun Nervenfieber wird!“ - -Frau Chochlakoff sah tatsächlich erschrocken aus. „Das ist aber jetzt -ernst, wirklich ernst!“ fügte sie immer wieder hinzu, als ob alles, was -mit Katerina Iwanowna früher geschehen war, nicht ernst gewesen wäre. -Aljoscha hörte ihr sorgenvoll zu. Er wollte auch von seinem Erlebnis -erzählen, doch sie unterbrach ihn bereits nach den ersten zwei Worten: -sie habe keine Zeit – und bat ihn daher, zu Lise zu gehen und sie bei -ihr zu erwarten. - -„Ach, liebster Alexei Fedorowitsch,“ flüsterte sie ihm plötzlich ins -Ohr, „Lise hat mich soeben maßlos in Erstaunen gesetzt, aber sie hat -mich auch gerührt, und darum verzeiht ihr mein Herz alles. Denken Sie -sich nur: Kaum waren Sie fortgegangen, da bereute sie auch schon -aufrichtig, sich über Sie gestern und heute, wie sie sagt, lustig -gemacht zu haben. Dabei hat sie es ja gar nicht getan, sie hat doch nur -gescherzt. Aber sie bereute es so aufrichtig, wirklich, bis zu Tränen, -daß ich ganz erstaunt war. Niemals hat sie früher, wenn sie mir -gegenüber ungezogen gewesen war, etwas ernstlich bereut; sie hat es -immer nur so scherzend getan. Und Sie wissen doch, sie lacht ja -fortwährend über mich. Aber nun ist sie plötzlich ernst geworden, ganz, -ganz ernst. Sie schätzt Ihre Meinung so hoch, Alexei Fedorowitsch, und -wenn Sie können, so seien Sie nicht gekränkt, erheben Sie keine -Ansprüche. Ich tue ja auch nichts anderes, als daß ich sie schone, denn -sie ist doch solch ein kluges Geschöpfchen, – werden Sie’s mir glauben? -Sie sagte soeben, Sie wären von Kindheit an ihr Freund gewesen, – ‚der -einzige Freund meiner Kindheit‘, – stellen Sie sich doch so etwas vor, -der ‚einzige‘, – und ich? Was bin ich ihr denn gewesen? Sie hat in der -Beziehung ganz außerordentlich feine Empfindungen und Erinnerungen, und -zuweilen drückt sie sich in einer Weise aus, wie man es nie für möglich -halten würde. So sagte sie mir zum Beispiel noch vor kurzem: Bei uns im -Garten stand eine große Tanne, – das heißt, vielleicht steht sie auch -jetzt noch dort, also ist kein Grund vorhanden, sich in der vergangenen -Zeitform auszudrücken. Nun, Tannen sind doch keine Menschen, sie -verändern sich nicht so schnell. Und was glauben Sie, Alexei -Fedorowitsch, da sagt sie mir plötzlich: ‚Mama, ich habe diese Tanne -immer nur als Traum gesehen‘, oder so ungefähr, sie drückte sich anders -aus, – die Tanne ist doch nur ein Baum, sie aber drückte sich so aus, -daß etwas ganz Besonderes dabei herauskam, und schwatzte mir darüber so -befremdlichen Unsinn vor, daß ich lieber gar nicht versuchen will, alles -wiederzugeben. Ich habe es auch schon vergessen. Nun, auf Wiedersehen, -ich bin einfach erschüttert, ich werde wohl noch bestimmt den Verstand -verlieren. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich habe ja schon zweimal im Leben -den Verstand verloren, und man hat mich dann wieder hergestellt. Gehen -Sie zu Lise. Ermuntern Sie sie, wie Sie das immer so vorzüglich -verstehen. Lise,“ rief sie, zu Lisas Zimmertür tretend, „ich habe dir -Alexei Fedorowitsch, den du so beleidigt hast, wiedergebracht, und ich -versichere dir, er ärgert sich nicht im geringsten, im Gegenteil, er -wundert sich noch, wie du so etwas von ihm hast denken können!“ - -„_Merci_, Mama, treten Sie ein, Alexei Fedorowitsch.“ - -Aljoscha trat ein. Lise blickte etwas verlegen drein und errötete -plötzlich über und über. Sie schien sich irgendeiner Sache zu schämen, -und so begann sie denn, wie es in solchen Fällen gewöhnlich geschieht, -schnell von etwas ganz Nebensächlichem zu sprechen, als ob sie sich im -Augenblick wirklich nur für dieses Nebensächliche interessierte. - -„Alexei Fedorowitsch, Mama hat mir inzwischen die ganze Geschichte mit -den zweihundert Rubeln und Ihrem Auftrag ... an diesen armen Offizier -erzählt, und auch diese schmachvolle Geschichte, wie er beleidigt worden -ist: und wissen Sie, wenn Mama auch entsetzlich zerstreut erzählt – sie -springt immer von einem aufs andere über – ich habe doch zugehört und -geweint. Sagen Sie, wie haben Sie ihm das Geld übergeben, wie hat er es -angenommen, und was macht er jetzt, der Arme? ...“ - -„Das ist es ja, daß er es nicht angenommen hat, hier handelt es sich um -eine ganze Tragödie ...“ antwortete Aljoscha, der auch seinerseits tat, -als dächte er nur an das Erlebte, nur daran, daß der Hauptmann das Geld -nicht angenommen hatte; Lise aber bemerkte nur zu gut, daß auch er zur -Seite blickte und sich absichtlich bemühte, von Nebensächlichem zu -sprechen. Aljoscha setzte sich also an den Tisch und begann zu erzählen. -Da aber verließ ihn seine Verlegenheit, schon nach den ersten Worten, -und es gelang ihm, auch Lise mit sich fortzureißen. Er sprach unter dem -Einfluß eines echten Gefühls und der erlebten starken Eindrücke, und er -erzählte gut und anschaulich. Auch früher, schon in Moskau, war er zu -Lise gekommen und hatte ihr, der Kleinen, gern von dem erzählt, was mit -ihm geschehen war, oder was er gelesen hatte, oder sie hatten beide von -ihren Kindererlebnissen gesprochen. Zuweilen hatten sie sich auch -zusammen ganze Geschichten ausgedacht, doch waren das gewöhnlich nur -lustige Geschichten gewesen, über die sie dann beide herzlich lachen -konnten. So fühlten sie sich denn jetzt gleichsam in jene Zeit -zurückversetzt. Lise war sehr ergriffen von seiner Erzählung. Aljoscha -hatte es verstanden, mit warmen Worten die Gestalt des kleinen -‚Iljuschetschka‘ zu schildern. Als er alles ausführlich beschrieben -hatte, auch das letzte, wie der Unglückliche das Geld mit den Füßen in -die Erde gestampft hatte, schlug Lisa die Hände zusammen und unterbrach -ihn erregt: - -„So hat er das Geld nicht bekommen, so haben Sie ihn einfach fortlaufen -lassen! Mein Gott, warum liefen Sie ihm nicht nach, warum holten Sie ihn -nicht ein ...“ - -„Nein, Lise, es ist besser, daß ich ihm nicht nachgelaufen bin,“ sagte -Aljoscha, erhob sich und schritt im Zimmer besorgt auf und ab. - -„Wieso besser, warum denn besser? Jetzt haben sie nichts zu essen und -werden umkommen!“ - -„Sie werden nicht umkommen, denn diese zweihundert Rubel werden ihnen -doch nicht entgehen. Morgen wird er sie nehmen. Morgen wird er sie -bestimmt nehmen,“ sagte Aljoscha nachdenklich. „Wissen Sie, Lise,“ sagte -er, vor ihr stehen bleibend, „ich habe hierbei einen großen Fehler -begangen, doch selbst dieser Fehler ist, wie ich sehe, gut und nützlich -gewesen.“ - -„Was für einen Fehler? Und weshalb soll er gut und nützlich sein?“ - -„Das werde ich Ihnen sofort erklären. Dieser Hauptmann ist ein -ängstlicher Mensch mit einem schwachen Charakter. Er hat ein gequältes, -doch nur allzu weiches Herz. Jetzt denke ich so: Was hat ihn denn -plötzlich so beleidigt, daß er sogar das Geld zerstampfte, denn ich -versichere Sie, er wußte selbst bis zum letzten Augenblick nicht, daß er -es zerstampfen werde. Jetzt sehe ich ein, daß ihn vieles kränken konnte -– es hätte ja in seiner Lage auch anders gar nicht sein können ... Vor -allen Dingen mußte ihn schon das allein kränken, daß er sich in meiner -Gegenwart so sehr über das Geld gefreut hatte. Hätte er sich nicht so -sehr darüber gefreut, hätte er seine Freude nicht so offen gezeigt, -hätte er sich verstellt, sich geziert, so wie andere es tun, nun dann -hätte er es vielleicht noch ertragen und das Geld angenommen. So aber -hatte er sich nun einmal gar zu unverhohlen gefreut, und das war es, was -ihn kränkte. Ach, Lise, er ist ein aufrichtiger und guter Mensch, das -ist ja das ganze Unglück in solchen Fällen! Während der ganzen Zeit, da -er sprach, war seine Stimme so schwach, so haltlos, und er sprach so -schnell, so schnell, er schien gleichsam zu kichern, oder vielleicht -weinte er auch schon ... ja, er weinte, dermaßen groß war sein Glück ... -Und auch von seinen Töchtern erzählte er ... und auch von der -Anstellung, die man ihm in einer anderen Stadt versprochen haben soll -... Und kaum hatte er sein ganzes Herz ausgeschüttet, als er sich -plötzlich dessen schämte – daß er mir so seine ganze Seele gezeigt -hatte. Und da mag er mich denn geradezu gehaßt haben. Er gehört zu den -übermäßig verschämten Armen. Am meisten aber kränkte ihn, daß er mich so -schnell zu seinem Freunde gemacht, sich mir so schnell ergeben hatte. -Zuerst hatte er mich stolz angefahren, wie aber dann das Geld kam, war -er mir fast um den Hals gefallen. Ja, das war es, was ihn kränkte, -geradeso mußte er seine Erniedrigung empfinden, und da mußte ich dann -auch noch meinen Fehler begehen. Ich sagte ihm plötzlich, er werde noch -mehr Geld bekommen, wenn das zur Reise nicht reichen sollte, und auch -ich würde ihm von meinem Gelde so viel geben, wie er wolle. Das aber -machte ihn sofort stutzig: Warum, fragte er sich wohl, warum kommt denn -nun auch er noch mit seinem Gelde? Wissen Sie, Lise, es ist überaus -kränkend für einen erniedrigten Menschen, wenn sich plötzlich alle als -seine Wohltäter aufspielen ... habe ich sagen gehört. Der Staretz hat es -einmal bemerkt. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber auch -mir ist es schon aufgefallen. Ich selbst fühle ja gleichfalls so. Sehen -Sie, wenn er auch bis zum letzten Augenblick nicht wußte, daß er die -Scheine zurückweisen werde, so ahnte er es doch schon die ganze Zeit -über, davon bin ich überzeugt. Darum war ja sein Entzücken auch so groß, -weil er das alles ahnte ... Und wenn das alles auch sehr traurig ist, so -ist es doch gut so. Ich glaube sogar, daß es besser überhaupt nicht -hätte kommen können ...“ - -„Warum hätte es denn besser überhaupt nicht kommen können?“ fragte Lise, -die Aljoscha äußerst verwundert anblickte. - -„Darum, Lise, weil er sonst, wenn er das Geld genommen und nicht -zurückgeschleudert hätte, zu Hause vielleicht bereits nach einer Stunde -über seine Erniedrigung in Tränen ausgebrochen wäre. Das würde er sogar -bestimmt getan haben. Er würde geweint haben und wäre am nächsten Tage, -womöglich schon vor Sonnenaufgang, eilends zu mir gekommen, um das Geld -wie vorhin zurückzuschleudern. Jetzt aber ist er stolz und triumphierend -fortgegangen, wenn er auch weiß, daß er sich ‚ins Verderben gestürzt -hat‘. Gerade deshalb ist aber jetzt nichts leichter, als ihn, wenn -möglich morgen schon, zu überreden, dieselben zweihundert Rubel -anzunehmen, denn nun hat er doch seine Ehre bewiesen, hat das Geld uns -Reichen vor die Füße geworfen! Er konnte doch nicht wissen, als er die -Scheine in die Erde stampfte, daß ich sie ihm morgen wiederbringen -werde. Und doch hatte er dieses Geld so maßlos nötig. Wenn er jetzt auch -stolz ist, so wird ihm doch heute noch bewußt werden, welch eine Hilfe -er zurückgewiesen hat. In der Nacht wird er noch mehr daran denken, ihm -wird davon träumen, und am nächsten Morgen wird er womöglich am liebsten -mich um Verzeihung bitten wollen. Da aber komme ich wieder zu ihm ... -Ich kann ihm sagen: Sie sind ein stolzer Mensch, Sie haben es bewiesen, -aber jetzt nehmen Sie das Geld und verzeihen Sie uns. Und dann wird er -freudig annehmen!“ - -Aljoscha schloß ganz begeistert, und Lise klatschte vor Freude in die -Hände. - -„Ach, das ist wahr, jetzt begreife ich es! Ach, Aljoscha, woher wissen -Sie nur das alles? So jung sind Sie, und doch wissen Sie schon, was in -der Seele vorgeht ... Ich hätte das alles nie so ausgedacht ...“ - -„Vor allen Dingen muß man ihn jetzt überzeugen, daß er mit uns allen auf -gleichem Fuße steht, wenn er auch von uns Geld annimmt,“ fuhr Aljoscha -in seiner Begeisterung fort, „und nicht nur auf gleichem Fuß mit uns, -sondern sogar auf höherem Fuß ...“ - -„‚Auf höherem Fuß‘! – Sie drücken sich prachtvoll aus, Alexei -Fedorowitsch, aber fahren Sie fort, reden Sie nur ruhig weiter.“ - -„Ich ... ich habe es vielleicht nicht ganz richtig gesagt, ich meinte, -auf ... auf gleicher Stufe ... aber das hat nichts zu sagen, denn ...“ - -„Ach, natürlich nicht! Gar nichts hat das zu sagen! Verzeihen Sie, -Aljoscha, Sie Lieber ... Wissen Sie, bis jetzt habe ich Sie fast gar -nicht geachtet ... das heißt, natürlich habe ich Sie geachtet, aber nur -so – ‚auf gleichem Fuß‘, wie Sie sagen, von nun an aber werde ich Sie -als hoch über mir stehend achten ... Lieber Aljoscha, seien Sie nicht -böse, daß ich so rede,“ unterbrach sie sich sofort mit heißem Gefühl. -„Ich bin nur ein lächerliches kleines Ding, aber Sie, Sie! ... Hören -Sie, Alexei Fedorowitsch, liegt nicht in unseren ganzen Erwägungen, das -heißt in Ihren ... nein, lieber doch in unseren, – liegt hierin nicht -Verachtung für ihn, für diesen Unglücklichen ... darin, daß wir jetzt -seine Seele so zerpflücken, ganz wie von oben herab, nicht? Ich meine, -wenn wir so überzeugt sind, daß er das Geld morgen nehmen wird, wie?“ - -„Nein, Lise, hierin liegt keine Verachtung,“ entgegnete Aljoscha -überzeugt, und als ob er auf diese Frage vorbereitet gewesen wäre, „auch -ich habe mich auf dem Wege hierher dasselbe gefragt. Wo soll denn da -Verachtung sein, wenn wir ebenso sind wie er, wenn alle so sind wie er? -Denn auch wir sind nicht besser. Oder wenn wir auch besser sein sollten, -so wären wir an seiner Stelle doch ebenso ... Ich weiß nicht, wie Sie -sind, Lise, ich aber denke von mir, daß ich in vielen Dingen ein -kleinliches Herz habe. Er aber hat kein kleinliches, sondern ein sehr -zartfühlendes Herz ... Nein, Lise, hierin kann keine Verachtung für ihn -liegen! Wissen Sie, Lise, mein Staretz sagte einmal: Man muß die -Menschen ausnahmslos wie kleine Kinder warten, manche von ihnen aber wie -Kranke in den Hospitälern ...“ - -„Ach, Alexei Fedorowitsch, Liebster, wollen wir beide die Menschen wie -Kranke warten?“ - -„Wollen wir das, Lise, ich bin bereit, nur bin ich selbst noch nicht -ganz reif dazu; zuweilen bin ich so ungeduldig, und zuweilen bin ich -wieder wie mit Blindheit geschlagen. Mit Ihnen ist es eine andere -Sache.“ - -„Ach, das glaube ich nicht! Alexei Fedorowitsch, Sie wissen nicht, wie -glücklich ich bin!“ - -„Wie gut es ist, daß Sie das sagen, Lise.“ - -„Alexei Fedorowitsch, Sie sind bewundernswert gut, aber zuweilen -scheinen Sie gerade ein Pedant zu sein ... und doch sind Sie gar kein -Pedant, wenn man Sie genauer betrachtet. – Gehen Sie, öffnen Sie -vorsichtig die Tür und sehen Sie nach, ob Mamachen nicht horcht,“ -flüsterte ihm Lise plötzlich nervös und eilig zu. - -Aljoscha ging zur Tür, öffnete sie und meldete, daß niemand horche. - -„Kommen Sie her, Alexei Fedorowitsch,“ sagte Lise mehr und mehr -errötend, „geben Sie mir Ihre Hand, – so. Hören Sie, ich muß Ihnen ein -großes Geständnis machen: Den gestrigen Brief habe ich Ihnen nicht im -Scherz geschrieben, sondern im Ernst ...“ - -Und sie bedeckte ihre Augen mit der Hand. Man sah es ihr an, daß sie -sich fürchterlich schämte, dieses Geständnis gemacht zu haben. Plötzlich -erhob sie seine Hand und küßte sie ungestüm dreimal. - -„Ach, Lise, das ist doch herrlich,“ rief Aljoscha freudig aus. „Ich war -ja auch vollkommen überzeugt, daß Sie ihn im Ernst geschrieben haben.“ - -„Überzeugt! – das ist doch wirklich!! ...“ Und sie schob plötzlich seine -Hand zurück, übrigens ohne sie dabei loszulassen; sie errötete und -lachte ein kleines, glückliches Lachen. „Ich küsse ihm die Hand, und er -sagt dazu: ‚Das ist doch herrlich‘!“ - -Doch ihr Vorwurf war etwas ungerecht, denn Aljoscha war nicht weniger -verwirrt und erregt als sie. - -„Ich würde Ihnen gern immer gefallen, Lise, aber ich weiß nicht, wie ich -das machen soll,“ stotterte er so gut es ging, und errötete gleichfalls. - -„Aljoscha, Liebling, Sie sind kalt und beleidigend. Man denke doch nur: -Er geruht, mich zu seiner Gattin zu erwählen, und dabei beruhigt er sich -auch! Er ist bereits überzeugt, daß ich ihm im Ernst geschrieben habe, – -wie finden Sie das! Aber das ist doch eine erklärte Frechheit – sehen -Sie denn das nicht ein?“ - -„Aber ist denn das schlecht, daß ich davon überzeugt war?“ fragte -Aljoscha wieder lachend. - -„Ach, Aljoscha, im Gegenteil, ganz furchtbar gut ist das,“ sagte Lise, -die zärtlich und glücklich zu ihm aufblickte. - -Aljoscha stand immer noch vor ihr, seine Hand in ihrer Hand. Plötzlich -beugte er sich nieder und drückte einen Kuß gerade auf ihre Lippen. - -„Was ... Was fällt Ihnen ein?“ rief Lise erschrocken. - -Aljoscha verlor seine letzte Fassung. - -„Verzeihen Sie, wenn es nicht so ... Ich ... ich war vielleicht -furchtbar dumm ... Sie sagten, ich sei kalt, und ... und da faßte ich -mir ein Herz und küßte ... Nur sehe ich jetzt, daß es dumm -herausgekommen ist ...“ - -Lise lachte auf und verbarg das Gesicht in den Händen. - -„Und in dieser Kutte!“ kam es unter Lachen aus ihr heraus. - -Doch plötzlich hörte sie auf zu lachen und wurde ganz ernst, fast -streng. - -„Nein, Aljoscha, mit dem Küssen wollen wir noch warten, denn wir -verstehen es beide noch nicht – warten aber müssen wir noch sehr lange,“ -schloß sie plötzlich. „Sagen Sie lieber, warum Sie mich, solch ein -dummes Ding, solch ein krankes dummes Ding, nehmen, Sie, der Sie so klug -sind, der so viel denkt, alles bemerkt und sogleich begreift? Ach, -Aljoscha, ich bin furchtbar glücklich, weil ich Ihrer gar nicht wert -bin!“ - -„Hören Sie, Lise: In den nächsten Tagen werde ich das Kloster ganz -verlassen. Wenn man aber in der Welt lebt, so muß man heiraten, das weiß -ich doch auch. Und so hat auch Er es mir befohlen. Wen sollte ich sonst -nehmen, wenn nicht Sie ... und wer würde mich denn außer Ihnen nehmen? -Wer wäre denn besser als Sie? Das habe ich schon bedacht. Erstens kennen -Sie mich von Kindheit an, und zweitens besitzen Sie viele Fähigkeiten, -die ich überhaupt nicht habe. Ihre Seele ist heiterer als die meine, und -Sie sind unschuldiger als ich, ich aber habe schon vieles berührt ... -Sie ... Sie wissen es nicht, aber auch ich bin doch ein Karamasoff! Was -liegt daran, daß Sie lachen und scherzen und auch über mich lachen und -sich lustig machen? Ich freue mich so darüber ... Aber Sie lachen nur -als kleines Mädchen, doch im Herzen denken Sie wie eine Märtyrerin ...“ - -„Wie eine Märtyrerin? Wieso das?“ - -„Ja, Lise. Zum Beispiel Ihre Frage vorhin: ‚Liegt darin nicht Verachtung -für jenen Unglücklichen, wenn wir seine Seele so zerpflücken?‘ – Das -kann nur jemand fragen, der sich selbst martert ... Sehen Sie, es ist -mir unmöglich, das auszudrücken. Wem aber solche Fragen in den Sinn -kommen, der ist fähig, zu leiden ... In diesem Rollstuhl müssen Sie -schon vieles durchdacht haben ...“ - -„Aljoscha, geben Sie mir Ihre Hand, warum haben Sie sie fortgezogen?“ -sagte Lise leise mit einer ganz sonderbaren, von Glück gleichsam -geschwächten, matten Stimme. „Hören Sie, Aljoscha, wie werden Sie sich -kleiden, wenn Sie das Kloster verlassen haben, was für einen Anzug -werden Sie tragen? Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse, das -ist sehr, sehr wichtig für mich.“ - -„An den Anzug habe ich noch nicht gedacht, Lise, aber ich werde tragen, -was Sie wollen.“ - -„Ich will, daß Sie ein dunkelblaues Sammetjackett tragen, eine weiße -Weste und einen weichen grauen Filzhut ... Aber sagen Sie, glaubten Sie -mir vorhin wirklich, als ich sagte, ich liebte Sie nicht, und mich von -meinem gestrigen Brief lossagte?“ - -„Nein, ich glaubte Ihnen nicht.“ - -„O, Sie unerträglicher, Sie unverbesserlicher Mensch!“ - -„Ich ... ich wußte, daß Sie mich ... ich glaube, lieben, aber ich tat, -als ob ich nicht glaubte, daß Sie mich lieben, damit es Ihnen ... -bequemer sei ...“ - -„Das ist ja noch schlimmer! Ach, schlimmer, und doch am aller, -allerbesten! Aljoscha, ich liebe Sie ganz furchtbar! Vorhin, als ich Sie -erwartete, dachte ich so: Ich werde von ihm meinen gestrigen Brief -zurückverlangen, und wenn er ihn ruhig hervorzieht und ihn mir -wiedergibt – wie man das doch immerhin von ihm erwarten kann – so -bedeutet es, daß er mich überhaupt nicht liebt, nichts fühlt, einfach -nur ein dummer, unwürdiger Knabe ist ... und ich verloren bin. Sie aber -hatten den Brief in der Zelle gelassen, und das gab mir wieder Mut. -Nicht wahr, Sie haben ihn doch deswegen in der Zelle gelassen, weil Sie -vorausfühlten, daß ich ihn zurückverlangen werde, also um ihn nicht -herausgeben zu müssen? Nicht wahr? Darum doch? Das war doch so?“ - -„Ach, Lise, gar nicht so, ich habe ihn doch bei mir, und auch vorhin -hatte ich ihn, hier in dieser Tasche, hier ist er.“ - -Und Aljoscha zog lachend den Brief aus der Tasche und zeigte ihn ihr, – -doch nur von weitem. - -„Nur gebe ich ihn nicht heraus, sehen Sie ihn so von ferne.“ - -„Wie? Dann haben Sie also vorhin gelogen, Sie, ein Mönch, und Sie haben -gelogen?“ - -„Möglich, daß ich gelogen habe,“ sagte Aljoscha lachend, „ich habe -gelogen, um ihn nicht zurückgeben zu müssen. Er ist mir sehr teuer,“ -fügte er plötzlich leise hinzu und errötete wieder, „Jetzt wird ihn -niemand mehr von mir bekommen: Jetzt gehört er mir für mein ganzes -Leben!“ - -Lise blickte ihn verzückt an. - -„Aljoscha,“ stammelte sie glückselig, „sehen Sie an der Tür nach, ob -Mamachen nicht horcht.“ - -„Gut, Lise, ich werde nachsehen, aber wäre es nicht doch besser, nicht -nachzusehen? Warum Ihre Mutter so einer Niedrigkeit verdächtigen?“ - -„Wieso Niedrigkeit? Welch einer Niedrigkeit? Es ist doch ihr volles -Recht, ihre Tochter zu belauschen – aber keine Niedrigkeit!“ Lise wurde -feuerrot. „Seien Sie überzeugt, Alexei Fedorowitsch, daß ich, wenn ich -Mutter wäre und eine Tochter wie mich hätte, unbedingt an den Türen -lauschen würde.“ - -„Wirklich, Lise? Das ist nicht recht.“ - -„Ach, mein Gott, was ist denn dabei Schlechtes? Wenn sie ein Gespräch -zweier Fremden belauschen würde, so wäre das eine Niedrigkeit, aber hier -hat sich ihre leibliche Tochter mit einem jungen Manne eingeschlossen -... Hören Sie, Aljoscha, damit Sie es wissen, ich werde auch Sie -belauschen, sobald wir nur getraut sind. Ich werde sogar alle Ihre -Briefe aufmachen und alles lesen ... Das sei Ihnen im voraus gesagt ...“ - -„Ja ... natürlich, wenn das so ist ...“ stotterte Aljoscha, „nur ist das -nicht gut ...“ - -„Ach, welch eine Anmaßung! Aber Aljoscha, wollen wir uns nicht gleich am -ersten Tage zanken, – ich werde Ihnen lieber die ganze Wahrheit sagen: -Es ist natürlich sehr häßlich, andere zu belauschen, und natürlich habe -nicht ich recht, sondern Sie, doch trotz alledem werde ich horchen.“ - -„Tun Sie, was Sie wollen. Aber Sie werden ja bei mir doch nichts -auszuhorchen haben,“ sagte Aljoscha lächelnd. - -„Aljoscha, werden Sie sich mir auch unterwerfen? Das muß man gleichfalls -im voraus besprechen.“ - -„Sehr gern, Lise, und sogar unbedingt, aber nur nicht im Wichtigsten. -Wenn Sie einmal in der Hauptsache mit mir nicht einverstanden sein -sollten, werde ich trotzdem tun, was mir die Pflicht gebietet.“ - -„So muß es auch sein! So hören Sie denn, daß auch ich, im Gegenteil, -nicht nur im Hauptsächlichsten mich zu unterwerfen bereit bin, sondern -mich Ihnen in allem unterwerfen werde und Ihnen das jetzt schwöre, – in -allem und mein ganzes Leben lang!“ rief Lise leidenschaftlich aus, „und -ich werde glücklich sein, das zu tun, glückselig! Und das ist noch nicht -alles! Ich schwöre Ihnen noch, daß ich Sie niemals belauschen werde, -kein einziges Mal, niemals, daß ich keinen einzigen Ihrer Briefe -aufbrechen werde, denn _Sie_ haben recht und nicht ich. Und wenn ich -auch noch so sehr horchen wollte – ich weiß, daß ich es furchtbar wollen -werde –, so werde ich es doch nicht tun, werde es nicht tun, weil Sie -das unedel finden! Sie sind jetzt gleichsam meine Vorsehung ... Hören -Sie, Alexei Fedorowitsch, warum waren Sie in diesen Tagen so traurig, -und auch gestern und heute? Ich weiß, daß Sie Sorgen und Kummer haben, -aber ich sehe auch, daß Sie außerdem noch ein ganz besonderes Leid -haben, – ein geheimes vielleicht, nicht?“ - -„Ja, Lise, ich habe auch geheimes Leid,“ sagte Aljoscha traurig. „Ich -sehe, daß Sie mich lieben, hätten Sie das doch sonst nicht erraten.“ - -„Was ist denn das für ein Leid? Können Sie es nicht sagen?“ fragte Lise -in schüchterner Bitte. - -„Ich werde es sagen, Lise ... später ...“ sagte Aljoscha verwirrt. -„Jetzt würde es ganz unverständlich sein ... Und ich würde es auch gar -nicht zu sagen verstehen.“ - -„Ich weiß, daß Sie außerdem noch der Gedanke an Ihre Brüder quält, an -Ihren Vater?“ - -„Ja, auch an meine Brüder ...“ sagte Aljoscha wie in Gedanken versunken. - -„Ich liebe Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch nicht,“ bemerkte plötzlich -Lise. - -Aljoscha vernahm diese Bemerkung mit einiger Verwunderung, doch fragte -er sie nicht weiter nach der Ursache. - -„Meine Brüder stürzen sich ins Unglück,“ fuhr er niedergeschlagen fort, -„und mein Vater tut dasselbe. Und zusammen mit sich bringen sie auch -noch andere ins Unglück. Das ist die ‚Karamasoffsche Erdkraft‘, wie sich -Pater Paissij vor kurzem ausdrückte, das ist die grimmige, entfesselte, -rohe, rasende Erdkraft ... Und ich weiß nicht einmal, ob Gottes Geist -über dieser Kraft schwebt – selbst das weiß ich nicht! Ich weiß nur, daß -auch ich ein Karamasoff bin ... Ein Mönch soll ich sein? Bin ich ein -Mönch, Lise? Sie sagten doch noch vor einem Augenblick so etwas -Ähnliches, wie ... ich sei ein Mönch?“ - -„Ja, ich sagte es.“ - -„Aber ich ... ich glaube ja vielleicht gar nicht an Gott.“ - -„Sie – glauben nicht? – was ist mit Ihnen?“ fragte leise und vorsichtig -Lise. Doch Aljoscha antwortete nicht auf ihre Frage. Es war hier in -diesen so unerwartet hervorgestoßenen Worten etwas gar zu -Geheimnisvolles und gar zu Persönliches, vielleicht sogar Aljoscha -selbst Unklares, etwas, das ihn zweifellos quälte. - -„Und jetzt, jetzt verläßt mich auch noch mein Freund, mein Staretz liegt -im Sterben. Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Lise, wie meine Seele mit -diesem Menschen zusammenhängt! Und nun bleibe ich allein ... Ich werde -zu Ihnen kommen, Lise ... Hinfort wollen wir zusammen ...“ - -„Ja, zusammen, zusammen! Von nun an sind wir fürs ganze Leben zusammen! -... Ljoscha, küssen Sie mich noch einmal, ich erlaube es ...“ - -Und Aljoscha beugte sich zu ihr nieder und küßte sie. - -„... Jetzt gehen Sie, Christus ist mit Ihnen!“ Und Lise bekreuzte ihn. -„Gehen Sie zu _ihm_, so lange er noch lebt. Ich habe Sie grausam lange -aufgehalten. Ich werde heute für ihn und für Sie beten. Aljoscha, wir -werden glücklich sein! Werden wir glücklich sein, werden wir?“ - -„Ich glaube, wir werden es sein, Lise.“ - -Als Aljoscha Lise verließ, wollte er, ohne sich von Frau Chochlakoff zu -verabschieden, das Haus verlassen. Doch kaum war er ins Vorzimmer -getreten, als vor ihm auch schon Frau Chochlakoff stand. Bereits nach -dem ersten Wort erriet Aljoscha, daß sie ihn hier absichtlich erwartet -hatte. - -„Alexei Fedorowitsch, das ist doch entsetzlich!“ rief sie erregt. „Das -sind kindische Dummheiten und nichts als Kapricen. Ich hoffe, daß Sie es -nicht etwa ernst nehmen ... Dummheiten, nichts als Dummheiten!“ - -„Nur sagen Sie das nicht ihr,“ sagte Aljoscha, „es würde sie nur -aufregen, das ist ihr jetzt schädlich.“ - -„Das ist ein vernünftiges Wort von einem vernünftigen jungen Mann! Ich -verstehe Sie doch recht, wenn ich annehme, daß Sie nur aus Mitleid mit -ihrem krankhaften Zustande, um sie nicht durch Widerspruch zu reizen, -darauf eingegangen sind?“ - -„O nein, durchaus nicht. Ich habe es vollkommen ernst gemeint,“ sagte -Aljoscha fest. - -„Aber das ist doch unmöglich, undenkbar! Ich werde Sie überhaupt nicht -mehr empfangen, und Lise bringe ich sofort ins Ausland, das sage ich -Ihnen!“ - -„Aber warum das?“ fragte Aljoscha, „das ist doch noch so fern, wir -werden vielleicht noch ganze anderthalb Jahre warten müssen.“ - -„Ach, Alexei Fedorowitsch, das ist natürlich wahr, und in anderthalb -Jahren werden Sie sich mit ihr natürlich tausendmal zanken und -schließlich doch auseinandergehen. Aber ich bin so unglücklich, so -unglücklich! Wenn es auch nur Dummheiten sind, so vernichtet es mich -doch geradezu! Ich bin ja absichtlich hierher ins Vorzimmer gekommen, um -Sie zu treffen. Ich habe alles gehört, ich habe kaum an mich halten -können! Also das ist die Erklärung aller Schrecken dieser Nacht und -aller Anfälle gestern und heute! Der Tochter Liebe ist wahrlich der -Mutter Tod. Ich kann mich jetzt begraben lassen. Doch nun zur -Hauptsache: Was ist das für ein Brief, den sie Ihnen geschrieben hat? -Zeigen Sie ihn mir sofort, sofort!“ - -„Nein, das ist nicht nötig. Sagen Sie bitte, wie geht es Katerina -Iwanowna, ich muß es unbedingt wissen.“ - -„Sie liegt noch in Fieberphantasien, sie ist noch nicht zu sich -gekommen; ihre Tanten sind hier und seufzen bloß; Herzenstube kam her, -erschrak aber dermaßen, daß ich nicht wußte, was ich mit ihm anfangen -sollte, – ich wollte schon zu einem anderen Doktor schicken. Ich habe -ihn in meiner Equipage nach Hause bringen lassen. Und plötzlich, zur -Vollendung des Ganzen, noch Sie mit diesem Brief! Es ist ja wahr, daß -noch anderthalb Jahre bis dahin sind. Ich beschwöre Sie, im Namen alles -Heiligen und Großen, im Namen Ihres sterbenden Staretz – zeigen Sie mir -diesen Brief, Alexei Fedorowitsch, mir, der Mutter! Wenn Sie wollen, -halten Sie ihn mit Ihren eigenen Fingern fest, und ich werde ihn nur so -in Ihren Händen lesen.“ - -„Nein, gnädige Frau, ich werde ihn nicht zeigen, auch wenn Lise es -erlaubte, würde ich ihn nicht zeigen. Ich werde morgen wiederkommen, und -wenn Sie wollen, können wir dann vieles besprechen, jetzt aber – leben -Sie wohl!“ - -Und damit eilte Aljoscha die Treppe hinab auf die Straße. - - - II. - Ssmerdjäkoff mit der Gitarre - -Er hatte auch wirklich keine Zeit, noch länger da zu bleiben. Schon als -er Lisa verließ, hatte ihn der Gedanke beschäftigt, wie und wo er seinen -Bruder Dmitrij, der sich ersichtlich vor ihm verbarg, finden oder -wenigstens ihm auflauern könnte. Es war nicht mehr früh; es war schon -drei Uhr nachmittags. Er sehnte sich gar sehr nach dem Kloster und nach -dem „großen“ Sterbenden, doch das Bedürfnis, seinen Bruder Dmitrij zu -sprechen, überwog alles. Mit jeder Stunde wuchs in ihm die Überzeugung, -daß sich eine unheimliche Katastrophe unaufhaltsam näherte, ja schon -auszubrechen drohte. Was das für eine Katastrophe sein sollte, und was -er seinem Bruder eigentlich sagen wollte, wußte er vielleicht selbst -nicht einmal. „So mag denn meinetwegen mein Staretz in meiner -Abwesenheit sterben, wenigstens werde ich mir dann nicht zeitlebens den -Vorwurf machen müssen, daß ich nicht gerettet habe, wo ich hätte retten -können, daß ich vorübergegangen bin, um schneller nach Haus zu kommen. -Suche ich ihn aber auf, dann erfülle ich auch so sein großes Gebot.“ - -Aljoschas Plan bestand darin, daß er seinen Bruder mit List fangen -wollte – denn wo sollte er sich wohl nach ihm erkundigen, wo ihn suchen, -wenn er sich vor ihm versteckte? Zu diesem Zweck schien ihm das -schlauste zu sein, über jenen Zaun der Nachbarin zu klettern und den -Bruder dort in der Laube, wo er am vorhergehenden Tage mit ihm gesessen -hatte, zu erwarten oder zu überraschen. „Falls er nicht dort sein -sollte,“ dachte Aljoscha, „werde ich ganz still, damit mich niemand -bemerkt, und meinetwegen bis zum Abend da sitzen und ihn erwarten. Denn -wenn er auch heute Gruschenka auflauern will, wie gestern, so ist es -sehr leicht möglich, daß er wieder in die Laube kommt ...“ Übrigens -dachte Aljoscha nicht allzuviel über die Einzelheiten des Planes nach, -er beschloß nur, ihn auszuführen, und wenn er auch bis Mitternacht -warten müßte ... - -Es gelang ihm alles sehr glücklich: Er kletterte fast auf derselben -Stelle über den Zaun, wo er das vorige Mal, mit Mitjäs Hilfe, -hinübergesprungen war, und kam unbemerkt in die Laube. Er wollte nicht -gesehen werden, weder von Foma noch von der Hausbesitzerin oder deren -Tochter, da sie alle seinen Bruder auf dessen Befehl vorzeitig -benachrichtigen konnten, daß er ihn suchte und erwartete. In der Laube -war kein Mensch. Aljoscha setzte sich auf denselben Platz nieder, auf -dem er am Tage vorher gesessen hatte, und begann zu warten. Er -betrachtete die Laube, und sie erschien ihm aus irgendeinem Grunde „viel -älter und zerfallener als gestern“. Der Tag war übrigens ebenso klar. -„Sieh, wieviel Sonne!“ hatte Dmitrij gesagt. Auf dem grünen Tisch -zeichnete sich von dem Glase ein klebrig-glänzender Kreis ab: Dmitrij -mußte wohl den Kognak ein wenig verschüttet haben. Leere und gar nicht -zur Sache passende Gedanken schlichen ihm durch den Sinn, wie das ja -gewöhnlich in der Zeit langweiligen Wartens zu geschehen pflegt, z. B. -die Fragen: warum hatte er sich genau auf denselben Platz gesetzt, auf -dem er gestern gesessen hatte? warum nicht auf einen anderen Platz? Und -plötzlich wurde ihm unsäglich schwer zumute: das Herz tat ihm weh von -der aufregenden Ungewißheit. Doch hatte er kaum eine Viertelstunde -gesessen, als plötzlich, ganz in der Nähe, ein Gitarrenakkord erklang. -Irgendwo im Gebüsch, vielleicht nur zwanzig Schritte von der Laube -entfernt, bestimmt nicht weiter, mußte jemand sitzen oder sich soeben -hingesetzt haben. In Aljoscha tauchte flüchtig die Erinnerung an eine -Bank auf, die er gestern, als er den Bruder verlassen hatte, links von -der Laube gesehen hatte: eine kleine, niedrige, grüne alte Gartenbank im -Gebüsch am Zaun. Auf ihr schien sich nun jemand niedergelassen zu haben. -Oder waren es sogar zwei? Wer konnte das sein? Da begann plötzlich eine -Männerstimme in süßlichem Falsett zu den Gitarrenakkorden ein Couplet zu -singen: - - „Wenn sie mich nicht li–iebte, - Frag ich, was mir nütz–te - Zarenkron und Mütze? - Großer Gott beschütze - Sie und mich, - Sie und mich, - Sie und mich.“ - -Die Stimme brach ab. Es war ein Lakaientenor, und der ganze Vortrag des -Couplets war dienstbotenhaft. Die andere Stimme, eine Frauenstimme, -sagte plötzlich zärtlich und gleichsam schüchtern, aber mit -übertriebener Geziertheit: - -„Warum sind Sie denn so lange nicht zu uns gekommen, Pawel Fedorowitsch, -warum verachten Sie uns denn so?“ - -„Das ist nicht gesagt,“ antwortete die Männerstimme, wenn auch höflich, -so doch vor allem mit selbstbewußter und nachdrücklicher Würde. - -Ersichtlich hatte der Mann das Übergewicht, während das Frauenzimmer zu -schäkern schien. - -„Der Mann – das scheint ja Ssmerdjäkoff zu sein,“ dachte Aljoscha, -„wenigstens nach der Stimme zu urteilen; die Frauensperson aber ist wohl -die Tochter dieser Hausbesitzerin, dieselbe, die in Moskau gedient hat, -Kleider mit langen Schleppen trägt und sich von Marfa Ignatjewna Suppe -holt ...“ - -„Ach, ich liebe über alles schöne Gedichte, und besonders, wenn sie am -Ende klappen,“ sagte wieder die Frauenstimme. „Warum fahren Sie denn -nicht fort?“ - -Da begann wieder die Männerstimme: - - „Meine stärkste Stütze - In dieser Sündenpfütze - Ist die Geliebte mein. - Großer Gott beschütze - Sie und mich, - Sie und mich, - Sie und mich.“ - -„Das vorige Mal kam das noch besser heraus,“ meinte die Frauenstimme. -„Sie sangen ‚ist das Liebchen mein‘. So klang es noch viel hübscher. Sie -haben es wohl vergessen?“ - -„Gedichte sind Unsinn,“ schnitt Ssmerdjäkoff den begeisterten Erguß kurz -ab. - -„Ach, nein, ich liebe sie so sehr!“ - -„Alles, was in Reimen ist, ist abgeklärter Unsinn. Bedenken Sie doch -selbst: Wer in der Welt spricht denn alleweil in Reimen? Und wenn wir -alle anfangen wollten, in Reimen zu sprechen, und wenn auch meinetwegen -gar auf Befehl der Obrigkeit, wieviel Gescheites würden wir dann wohl -alsomit sagen können? Nein, Marja Kondratjewna, Gedichte sind nichts -Vernünftiges.“ - -„Ach wie Sie klug sind in allem, wie Sie alles wirklich zu erklären -wissen!“ sagte die Frauenstimme noch zärtlicher schmeichelnd. - -„Nicht nur das würde ich können und nicht nur das würde ich wissen, -sondern ganz gewaltig viel mehr, wenn ich nicht selbiges Los von -Kindesbeinen an hätte. Ich würde jeden im Duell mit einer Pistole sogar -totschießen, der mir zu sagen wagte, daß ich kein edler Mensch sei, weil -ich sozusagen ohne Vater von der, die man die ‚Stinkende‘ nannte, -entstanden bin. Man hat mir das auch in Moskau alleweil unter die Nase -gerieben, da es sich auch dorthin von hier selbentlich, dank Grigorij -Wassiljewitsch, hinverbreitet hatte. Grigorij Wassiljewitsch aber wirft -mir vor, daß ich für meine Geburt nicht alleweil demütig Gott danke; ‚du -hast ihr‘, sagt er, ‚den ganzen Mutterleib aufgerissen‘. Meinetwegen -Mutterleib, aber ich hätte mit Handkuß erlaubt, mich im Mutterleib zu -töten, unter der Bedingung, daß ich dann gar nicht auf diese Welt -geboren worden wäre. Auch auf dem Markt wird von selbigem gesprochen, -und auch Ihre Mutter hat in ihrer Unvornehmheit angefangen mir zu -erzählen, daß sie den Weichselzopf auf dem Kopf gehabt hätte und im -ganzen nur zwei Arschin und _eine Kleinigkeit_ groß gewesen sei. Warum -denn ‚und eine Kleinigkeit‘, wenn man doch ‚und etwas drüber‘ sagen -kann, wie es alle Leute tun? Sie wollen es wohl mitleidig ausdrücken, -aber das ist doch sozusagen nur bäuerische Weinerlichkeit, bäuerisches -Gefühl und sonstig nichts. Kann denn ein russischer Bauer für einen -gebildeten Menschen überhaupt Gefühle haben? Wegen seiner Unbildung kann -er überhaupt nichts fühlen. Und von Kindesbeinen an ist es mir, wenn ich -dies ‚und eine Kleinigkeit‘ höre, als müßt ich auf die Wände rennen. Ich -hasse ganz Rußland, Marja Kondratjewna.“ - -„Ach, sagen Sie so was nicht! Wenn Sie ein Junkerchen oder ein Husarchen -wären, würden Sie das nicht sagen, sondern den Säbel herausziehen und -ganz Rußland verteidigen.“ - -„Ich will nicht nur kein Junker sein, ich will sogar, daß alle Soldaten -abgeschafft werden.“ - -„Und wenn der Feind kommt, wer wird uns dann verteidigen?“ - -„Das ist auch gar nicht nötig. Im Jahre zwölf dieses selbigen -Jahrhunderts gab es einen großen Heereszug nach Rußland von dem Kaiser -Napoleon, dem französischen, dem Ersten, dem Vater des jetzigen, und es -wäre mannigfach gut gewesen, wenn uns diese selben Franzosen damals -besiegt und uns sich unterworfen hätten: Eine kluge Nation hätte dann -eine äußerst dumme unterworfen und sich einverleibt. Dann würden hier -jetzt ganz andere Gesetze und Ordnungen sein.“ - -„Als ob dort bei ihnen alles so viel besser wäre, als bei uns! Ich würde -gar manchen von unseren Stutzerchen nicht einmal gegen drei junge -Engländer eintauschen,“ sagte schäkernd Marja Kondratjewna, die diese -Worte wahrscheinlich mit den süßesten Blicken begleitete. - -„Das kommt drauf an, wie es wem gefällt.“ - -„Und Sie sind doch selbst wie ein echter Ausländer, da seh’ Sie doch -einer nur an, aber ein ganzer Ausländer, das sage ich Ihnen ohne -Beschönigung!“ - -„Wenn Sie was wissen wollen, so lassen Sie sich gesagt sein, daß in der -Verderbnis die Ausländer wie die Inländer alle durch die Bank gleich -sind. Alle sind sie dieselbigen, nur daß der dortige in Lackstiefeln -geht, unser hiesiger aber in seiner Armut stinkt und darin nicht einmal -was Schlechtes sieht. Das russische Volk muß man versohlen, wie neulich -Fedor Pawlowitsch sehr richtig gesagt hat, wenn auch er mit all seinen -Kindern ein verrückter Mensch ist und bleibt.“ - -„Aber Sie haben doch selbst gesagt, daß Sie den Iwan Fedorowitsch so -achten?“ - -„Er aber hat von mir geäußert, daß ich ein stinkender Lakai sei. Er -denkt von mir, daß ich ein Revolutionär werden könnte; da irrt er sich -aber bloß gewaltig. Hätte ich so eine gewisse Summe in meiner Tasche, so -wäre ich schon längst nicht mehr hier. Dmitrij Fedorowitsch ist -schlechter als jeder Lakai durch sein Betragen wie auch durch seinen -Verstandesrang und seine Bettelarmut, und nichts versteht er zu machen, -und doch wird er obendrein noch von allen geachtet. Ich bin meinetwegen -nur ein Suppendreher, aber wenn’s gut geht, kann ich in Moskau auf der -Petrowka ein Café-Restaurant eröffnen. Denn ich mache alles, wie man -sagt: speziell. Von ihnen aber versteht in ganz Moskau keiner, außer den -Ausländern, etwas speziell zu machen. Dmitrij Fedorowitsch ist ein -lumpiger Bummler, wenn er aber den höchsten Grafensohn fordert, so wird -sich der mit ihm schlagen – wodurch ist er denn alsomit besser als ich? -Wohl weil er beispielsohne dümmer ist als ich. Allein wieviel Geld hat -er durchgebracht, ohne daß er etwas dafür bekommen hätte!“ - -„Ach, ein Duell muß wohl furchtbar schön sein, denke ich,“ sagte -plötzlich Marja Kondratjewna. - -„Was soll denn dabei schön sein?“ - -„Ach, es ist doch so schrecklich und tapfer, besonders wenn junge -Offizierchen mit Pistolen in den Händen der eine auf den anderen wegen -irgendeiner schießen. Das ist doch einfach ein Bild! Ach, wenn man doch -uns Mädchen zusehen lassen würde, ich würde so schrecklich gern -zusehen!“ - -„Gut, wenn man noch dem anderen was aufbrennt, aber wenn man selbst was -gerade in die Schnute kriegt, so ist es dann ein dummes Gefühl. Sie, -Marja Kondratjewna, würden natürlich fortlaufen.“ - -„Was, Sie würden fortlaufen?“ - -Doch Ssmerdjäkoff geruhte nicht zu antworten. Nach minutenlangem -Schweigen wurde wieder auf der Gitarre ein Akkord gegriffen, und die -Falsettstimme sang ein anderes Couplet: - - „Wozu soll ich mich denn mühen, - Es wird doch nie genügen ... - Ich will mein Leben le–e–eben - Und mich zum Herrn erhe–e–ben, - Und habe ich erst Kronen, - In Residenzen wohnen; - Werde mich niemals grämen, - Mir nichts zu Herzen nehmen ...“ - -Hier ereignete sich aber etwas Unerwartetes: Aljoscha nieste plötzlich. -Auf der Bank wurde es im Augenblick still. Aljoscha erhob sich und ging -zu ihnen. Es war tatsächlich Ssmerdjäkoff, der sich in Gala geworfen, -pomadisiert, parfümiert und frisiert hatte – viel fehlte nicht, daß er -sich auch Locken eingelegt – und dessen Stiefel wieder spiegelblank -geputzt waren. Die Gitarre lag neben ihm auf der Bank. Das Frauenzimmer -war Marja Kondratjewna, die Tochter der Hausbesitzerin; sie hatte ein -hellblaues Kleid mit einer zwei Ellen langen Schleppe an; es war ein -noch junges Mädchen; sie wäre eigentlich ganz nett gewesen, nur hatte -sie ein gar zu rundes Gesicht und gar zu viel Sommersprossen. - -„Wird mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch bald zurückkehren?“ fragte -Aljoscha möglichst ruhig. - -Ssmerdjäkoff erhob sich langsam von der Bank, und Marja Kondratjewna -folgte seinem Beispiel. - -„Woher soll denn ich alleweil wissen, wann Dmitrij Fedorowitsch kommen? -Ich will nicht sagen, wenn ich Dmitrij Fedorowitschs Wächter wäre,“ -antwortete Ssmerdjäkoff leise, gemessen und ungeheuer nachlässig. - -„Ich habe nur so gefragt, wissen Sie es nicht vielleicht ganz zufällig?“ -erklärte Aljoscha. - -„Von ihrem Verbleiben weiß ich nichts, dieweil ich davon auch nichts -wissen will.“ - -„Aber mein Bruder hat mir gesagt, daß gerade Sie ihn von allem -unterrichteten, was im Hause geschieht, und ihm auch versprochen hätten, -ihn zu benachrichtigen, wenn Agrafena Alexandrowna käme.“ - -Ssmerdjäkoff erhob langsam mit unerschütterlicher Ruhe seinen Blick und -sah Aljoscha an. - -„Wie aber habt Ihr geruht hierherzugelangen, da doch selbige -Gartenpforte schon seit einer Stunde mit der Fallklinke verschlossen -ist?“ fragte er mit aufmerksamem Blick auf Aljoscha. - -„Ich bin aus der Quergasse über den Zaun gekommen und direkt in die -Laube gegangen. Sie werden mich, hoffe ich, entschuldigen,“ sagte er zu -Marja Kondratjewna gewandt, „ich wollte meinen Bruder so schnell als -möglich treffen.“ - -„Ach, was haben wir Ihnen zu entschuldigen,“ sagte Marja Kondratjewna -sofort in süßlich singendem Ton, da Aljoschas höfliche Entschuldigung -sie nicht wenig schmeichelte, „und geht doch auch Herr Dmitrij -Fedorowitsch auf diese Manier in die Laube, wir wissen es zuweilen gar -nicht, er aber sitzt schon dort.“ - -„Ich wollte ihn hier erwarten, da ich ihn unbedingt sprechen muß – -können Sie mir nicht sagen, wo er heute ist? Glauben Sie mir, daß ich -ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit suche.“ - -„Das pflegt er uns nicht zu sagen, wo er ist,“ sagte Marja Kondratjewna -eilfertig. - -„Obwohl ich nur aus Bekanntschaft hierher komme,“ begann wieder -Ssmerdjäkoff, „so haben Dmitrij Fedorowitsch mich doch auch hier -alleweil unmenschlich bedrängt mit ihren immerwährenden Fragen nach dem -Herrn: Was und wie ist es mit ihm, wer kommt hin, und wer geht fort, und -ob ich nicht noch was anderes zu sagen habe. Zweimal haben sie mir sogar -mit dem Tode gedroht.“ - -„Wie das, mit dem Tode?“ fragte Aljoscha erstaunt. - -„Was macht denn ihnen das aus bei ihrem Charakter, den Ihr gestern -selbst zu beobachten geruhtet. ‚Wenn du Agrafena Alexandrowna hinein -läßt‘, sagen sie, ‚und sie hier übernachtet, – so bist du der erste, der -das mit dem Leben bezahlt‘. Ich habe so große Angst vor ihnen, daß ich -sie, wenn ich nicht so große Angst vor ihnen hätte, schon der Polizei -angezeigt haben würde. Kann doch kaum Gott wissen, was sie noch alles -mit einem machen werden.“ - -„Vor kurzem hat er ihm noch gesagt: ‚Im Mörser werde ich dich -zerstampfen‘,“ fügte Marja Kondratjewna eifrig hinzu. - -„Nun, wenn er ‚im Mörser‘ gesagt hat, so sind das doch nur Worte ...“ -meinte Aljoscha. „Wenn ich ihn jetzt bloß treffen könnte, so würde ich -ihm auch darüber etwas sagen können ...“ - -„Ich kann Euch nur eines mitteilen,“ sagte plötzlich Ssmerdjäkoff, als -ob er sich inzwischen anders bedacht hätte. „Ich bin hier nur von wegen -meiner langen Nachbarbekanntschaft, und warum sollte ich denn nicht -herkommen? Andererseits haben Iwan Fedorowitsch mich heute schon in -aller Herrgottsfrühe in ihre Wohnung in die Seestraße geschickt, ohne -Brief, damit, daß Dmitrij Fedorowitsch aufs Wort hin unbedingt in dieses -hiesige Gasthaus am Großen Platz kommen sollen, um mit ihnen zusammen zu -speisen. Ich ging alsomit, doch Dmitrij Fedorowitsch waren nicht zu -Hause, es war aber schon acht Uhr. ‚Er war hier, ist aber ganz -ausgegangen‘, – mit genau den selbigen Worten antworteten mir die -Hausleute. Es war wie eine Verschwörung von beiden Seiten. Jetzt sitzen -sie vielleicht in selbiger Minute in dem Gasthaus mit Iwan Fedorowitsch, -da auch der junge Herr nicht nach Haus speisen gekommen sind, und der -Herr allein vor einer Stunde gespeist haben und jetzt schlafen. Aber ich -bitte doch nachdrücklichst, ihnen von mir und von selbigem, was ich -gesagt habe, anderweitig keinerlei Mitteilung zu machen, dieweil sie für -nichts und wieder nichts mich totschlagen können.“ - -„Wie, Iwan hat Dmitrij ins Gasthaus bestellt?“ fragte Aljoscha hastig, -als hätte er nicht recht verstanden. - -„Wie gesagt.“ - -„In das Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ am Großen Platz?“ - -„Jawohl, in selbiges.“ - -„Das ist sehr gut möglich!“ sagte Aljoscha erregt. „Danke, Ssmerdjäkoff, -diese Mitteilung ist sehr wichtig für mich, ich werde sofort hingehen.“ - -„Aber ich bitte, nichts von mir zu sagen,“ bat Ssmerdjäkoff noch einmal. - -„Nein, nein, ich werde tun, als ob ich zufällig hinkäme, beunruhigen Sie -sich nicht.“ - -„Aber wohin gehen Sie, ich werde Ihnen die Gartenpforte aufmachen,“ rief -ihm Marja Kondratjewna nach. - -„Nein, von hier ist es näher, ich springe wieder über den Zaun.“ - -Diese Nachricht hatte Aljoscha geradezu erschüttert. Er eilte hin. Da es -aber nicht anging, daß er in der Mönchskutte eintrat, so beschloß er, -sich an der Tür nach ihnen zu erkundigen und sie herausrufen zu lassen. -Doch siehe, kaum näherte er sich dem Gasthaus, als plötzlich ein Fenster -aufgestoßen wurde und sein Bruder Iwan ihn heranrief: - -„Aljoscha, kannst du nicht zu mir hereinkommen, oder geht es nicht? Du -würdest mir einen großen Gefallen erweisen.“ - -„Natürlich kann ich, nur weiß ich nicht, ob es in meiner Kutte angeht -...“ - -„Das hat nichts zu sagen, ich habe hier ein ganzes Zimmer für mich, komm -herein, ich gehe dir entgegen ...“ - -Nach einer Minute saß Aljoscha seinem Bruder gegenüber. Iwan war allein -und speiste zu Mittag. - - - III. - Die beiden Brüder - -Es war übrigens doch kein einzelnes Zimmer, das Iwan für sich -eingenommen hatte. Es war nur eine mit Schirmen abgeteilte Ecke am -Fenster des ersten Zimmers, an dessen Seitenwand sich das Büfett befand. -Nur konnten die vorübergehenden Gäste die am Fenster Sitzenden nicht -sehen. Wohl aber sah man von dort aus die Kellner am Büfett -vorüberhuschen. Von Gästen saß in diesem Zimmer in einer entfernteren -Ecke vor seinem Teeglase nur ein alter Herr, ein gewesener Offizier. -Dafür herrschte in allen anderen Räumen der gewöhnliche Gasthauslärm, -die Rufe nach den Kellnern, das Aufkorken der Bierflaschen, das Kicksen -der Billardbälle und das Geklimper einer Spieluhr. Aljoscha wußte, daß -Iwan sonst nie in dieses Lokal ging und für Gasthäuser überhaupt nichts -übrig hatte. „Also ist er jetzt nur deswegen hier, um Dmitrij zu -treffen,“ dachte Aljoscha. Aber Dmitrij war nicht zu sehen. - -„Soll ich dir eine Fischsuppe bestellen oder was sonst, du kannst doch -nicht von Tee allein leben,“ fragte Iwan heiter, der sich ersichtlich -sehr darüber freute, daß er Aljoscha hereingelockt hatte. Er hatte schon -gespeist und trank nur noch Tee. - -„Bestell mal beides, Fischsuppe und Tee, ich habe nämlich gehörigen -Hunger,“ sagte Aljoscha erfreut. - -„Und nachher Kirschenmus? Das kannst du hier haben. Weißt du noch, wie -du als kleiner Junge bei Polenoffs auf Kirschenmus geschliffen warst?“ - -„Dessen erinnerst du dich noch? Gut, bestelle also auch Kirschenmus, ich -mag es auch jetzt noch.“ - -Iwan klingelte nach dem Kellner und bestellte Fischsuppe, Tee und die -eingemachten Kirschen. - -„Ich erinnere mich unserer ganzen Kindheit, Aljoscha, ich erinnere mich -deiner bis zum elften Jahre, ich war damals vierzehn, fünfzehn Jahre -alt. Fünfzehn und elf, das ist ein so großer Unterschied, daß selbst -Brüder in diesen Jahren fast nie Kameraden sind. Ich weiß nicht einmal, -ob ich dich liebte: In Moskau habe ich an dich in den ersten Jahren -überhaupt nicht gedacht. Und dann später, als auch du nach Moskau kamst, -haben wir uns, glaube ich, wohl nur ein einziges Mal irgendwo getroffen. -Nun lebe ich hier schon seit mehr als drei Monaten, und noch haben wir -kein Wort miteinander gewechselt. Morgen werde ich fortfahren, und so -dachte ich denn, als ich vorhin allein hier am Fenster saß: Wo könnte -ich ihn wohl treffen, um mich von ihm zu verabschieden? – und da gingst -du gerade vorüber.“ - -„Wolltest du mich wirklich so gerne sehen?“ - -„Ja, Aljoscha, sehr, ich wollte dich einmal kennen lernen und dich auch -mit mir bekannt machen. Und mich dann von dir verabschieden. Meiner -Meinung nach ist es am besten, sich vor der Trennung kennen zu lernen. -Ich habe gesehen, wie du mich in diesen ganzen drei Monaten beobachtet -hast. Lag doch in deinen Augen eine immerwährende Erwartung, das aber -ist es, was ich nicht ertragen kann, und darum näherte ich mich dir -nicht. Dann aber lernte ich dich achten: Fest steht das Menschlein! Ja, -ja. Und merk dir, Aljoscha: Ich lache jetzt zwar, aber ich rede deswegen -nicht minder ernst. – Du stehst doch fest, nicht? Ich liebe Menschen, -die fest stehen, einerlei worauf sie stehen, und wenn sie auch so kleine -Knaben sind wie du. Dein erwartungsvoller Blick wurde mir mit der Zeit -durchaus nicht zuwider; im Gegenteil, ich gewann ihn schließlich lieb, -deinen erwartenden Blick. Ich glaube, du liebst mich, Aljoscha?“ - -„Ja, ich liebe dich, Iwan. Dmitrij sagt von dir: Iwan ist – ein Grab! -Ich aber sage von dir: Iwan ist ein Rätsel. Du bist auch jetzt noch ein -Rätsel für mich, trotzdem habe ich schon einiges an dir begriffen, und -zwar seit heute morgen!“ - -„Und das wäre?“ fragte Iwan lachend. - -„Wirst du dich nicht ärgern?“ fragte Aljoscha gleichfalls lachend. - -„Nun?“ - -„Einfach, daß du ganz genau so ein junger Junge bist wie alle anderen -dreiundzwanzigjährigen Jungen, ein ebenso junger, jugendlicher, frischer -und prächtiger Junge, ein ... ein ... nun, ein milchbärtiger kleiner -Knabe! Was, hab ich dich jetzt sehr gekränkt?“ - -„Im Gegenteil, du hast mich durch die Richtigkeit deiner Bemerkung sogar -frappiert!“ sagte sofort heiter und offenherzig Iwan. „Wirst du mir -glauben, daß ich heute, seitdem ich sie verlassen habe – nach -dem Gespräch bei ihr – die ganze Zeit nur an diese meine -dreiundzwanzigjährige ‚Milchbärtigkeit‘, wie du sagst, gedacht habe! Und -nun beginnst du gerade damit, als ob du’s erraten hättest. Ich saß hier -ganz allein am Fenster, und weißt du, was ich mir sagte? Nehmen wir an, -ich hörte auf, an das Leben zu glauben, an den Menschen, den ich -liebgewonnen habe, an die Ordnung der Dinge, nehmen wir an, ich -überzeugte mich sogar, daß alles ein gesetzloses, verfluchtes und -vielleicht vom Teufel beherrschtes Chaos ist, und daß mich alle -Schrecken der menschlichen Verzweiflung überfallen, – so würde ich doch -leben wollen, leben! Und da meine Lippen einmal diesen Becher berührt -haben, so – das weiß ich! – werde ich mich nicht früher von ihm -losreißen, als bis ich ihn ganz, bis auf die Neige geleert habe! -Übrigens, wenn mein dreißigstes Jahr kommt, werde ich den Becher -bestimmt von mir werfen, selbst wenn ich ihn nicht bis auf die Neige -geleert haben sollte, und fortgehen ... ich weiß nicht wohin. Doch bis -zu meinem dreißigsten Jahre, das weiß ich unerschütterlich, wird meine -Jugend alles besiegen, – jede Enttäuschung, jede Verzweiflung, jeden -Widerwillen vor dem Leben. Ich habe mich oftmals gefragt: Gibt es wohl -in der Welt eine Verzweiflung, die diesen rasenden, wütenden und -vielleicht unanständigen Lebensdurst in mir besiegen könnte? – und ich -bin zu der Überzeugung gekommen, daß es wahrscheinlich keine solche -Verzweiflung gibt, das heißt wiederum nur bis zu meinem dreißigsten -Jahre, dann werde ich selbst nicht mehr wollen ... so scheint es mir -wenigstens. Dieser Lebensdurst, dieses Lechzen nach Leben wird von -vielen schwindsüchtigen, hungrigen Moralisten und besonders von holden -Dichtern niedrig genannt. Er ist allerdings ein echt Karamasoffscher -Zug, das ist wahr, und auch in dir steckt dieser Lebensdurst, aber warum -soll er denn gemein sein? Es steckt noch so ungeheuer viel -Zentripetalkraft in unserem Planeten. Leben will man, Aljoscha, und ich -lebe, wenn auch wider die Logik. Mag ich auch an die Ordnung der Dinge -nicht glauben, so sind sie mir doch teuer, die klebrigen hellen -Blättchen, die sich im Frühling an feuchten Ästen lösen, teuer ist mir -der hohe blaue Himmel, teuer gar mancher Mensch, den man gar manches -Mal, wirst du’s mir glauben, ohne zu wissen, warum, liebhat. Teuer ist -mir manch eine Menschentat, an die zu glauben man vielleicht schon -längst aufgehört hat, die aber das Herz in alter Erinnerung immer noch -hoch und heilig hält ... Da kommt deine Fischsuppe. Nun, laß sie dir gut -schmecken, sie wird hier vorzüglich zubereitet ... Ich will nach Europa -fahren, Aljoscha, ich werde von hier aus geradenwegs hinfahren. Ich weiß -es ja, daß ich nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten, -allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch! Teure Tote liegen dort -begraben, jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen -Leben, von so leidenschaftlichem Glauben an die vollbrachten eigenen -Taten, an die eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene -Erkenntnis, daß ich, ich weiß es im voraus, zur Erde niederfallen, diese -Steine küssen und über ihnen weinen werde – wenn auch mit der vollen -Überzeugung im Herzen, daß das alles schon längst ein Friedhof ist, und -in keinem Fall mehr als das. Und nicht aus Verzweiflung werde ich -weinen, sondern einfach aus dem einen Grunde, weil mir meine Tränen -Glück sein werden. Ich werde mich an der eigenen Empfindung berauschen. -Die kleinen, klebrigen Frühlingsblätter, den hohen blauen Himmel liebe -ich! Hier handelt es sich nicht um Verstand, nicht um Logik, hier liebt -man mit dem ganzen Innern, mit dem ganzen Eingeweide, mit dem ganzen -Leibe, seine ersten jungen Kräfte liebt man! ... Aljoschka, begreifst du -etwas von meinem Gerede, oder ist dir alles unverständlich?“ fragte Iwan -plötzlich auflachend. - -„O, ich verstehe nur zu gut: Mit dem Innersten, mit dem ganzen -Eingeweide will man lieben, – das hast du wundervoll gesagt, und es -freut mich furchtbar, daß du so leben willst,“ sagte Aljoscha freudig. -„Ich glaube, alle müssen in der Welt zuerst das Leben lieben lernen.“ - -„Und das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens?“ - -„Unbedingt. _Vor_ der Logik muß man das Leben lieb gewinnen, wie du -sagst, unbedingt muß es _vor_ der Logik geschehen, nur dann werde ich -auch den Sinn des Lebens begreifen. Das habe ich schon lange geahnt. Die -Hälfte deiner Arbeit ist bereits getan, und die eine Hälfte deines -Lebens ist erworben, Iwan: Du liebst das Leben. Jetzt mußt du dich um -deine zweite Hälfte bemühen, und du bist gerettet.“ - -„Du bist schon beim Retten, aber ich gehe ja vielleicht überhaupt nicht -unter! Und worin besteht sie denn – diese zweite Hälfte?“ - -„Darin, daß du deine Toten auferweckst, die – vielleicht niemals -gestorben sind. Reich mir bitte den Tee. Oh, es freut mich so, Iwan, daß -wir miteinander reden.“ - -„Aber Aljoscha, du bist ja, wie ich sehe, geradezu begeistert. Nun ich -liebe ganz außerordentlich solche _professions de foi_, wie die -unsrigen, gerade von solchen ... Novizen. Ein fester Mensch bist du, -Alexei. Ist es wahr, daß du das Kloster verlassen willst?“ - -„Ja, es ist wahr. Mein Staretz schickt mich in die Welt.“ - -„Dann werden wir uns wohl noch sehen in dieser Welt, vor jenem -dreißigsten Jahr, wenn ich beginnen werde, mich von meinem Becher -loszureißen. Der Vater will sich von seinem Becher nicht vor dem -siebzigsten Jahre losreißen, träumt womöglich von achtzig Jahren, hat es -mir sogar selbst ganz offen gesagt, und zwar im Ernst, obgleich er doch -ein ... Narr ist. Fußt auf seiner Wollust und steht auf ihr, als ob sie -ein Stein wäre ... allerdings gibt es ja nach dem dreißigsten Jahre -schwerlich etwas anderes, worauf man sich stellen könnte ... Aber bis -zum siebzigsten Jahre ist es gemein, bis zum dreißigsten Jahre geht es -noch: Man kann wenigstens einen ‚Schimmer von Adel‘ bewahren, wenn auch -durch Selbstbetrug. Hast du heute nicht Dmitrij gesehen?“ - -„Nein, ihn nicht, aber ich habe Ssmerdjäkoff gesehen und gesprochen.“ -Und Aljoscha erzählte eilig und ausführlich sein Gespräch mit -Ssmerdjäkoff. Iwans Gesicht wurde allmählich immer finsterer beim -Zuhören, und er ließ sich vieles wiederholen. - -„Nur bat er mich, nicht Dmitrij zu sagen, daß er es mir mitgeteilt hat,“ -fügte Aljoscha hinzu. Iwan zog die Brauen zusammen und verfiel in -Nachdenken. - -„Runzelst du wegen Ssmerdjäkoff die Stirn?“ fragte Aljoscha. - -„Ja, seinetwegen. Doch zum Teufel mit ihm, aber Dmitrij wollte ich -tatsächlich sehen, nur ist es jetzt nicht mehr nötig ...“ brummte Iwan -unwillig. - -„Wirst du denn wirklich so bald verreisen?“ - -„Ja.“ - -„Aber sag doch, – Dmitrij und der Vater? Womit wird das enden?“ fragte -Aljoscha erregt, doch nur halblaut. - -„Du fängst schon wieder davon an! Was geht das mich an? Bin ich denn -etwa der Wächter meines Bruders?“ stieß Iwan kurz und gereizt hervor. -Doch plötzlich lächelte er bitter. „Die Antwort Kains auf Gottes Frage -nach dem erschlagenen Bruders, wie? Das denkst du wohl jetzt, nicht? -Ach, hol’s der Teufel, ich kann doch wahrhaftig nicht als ihr Wächter -hier bleiben! Ich habe hier beendet, was ich zu tun hatte, und fahre. -Oder glaubst du vielleicht gar, daß ich auf Dmitrij eifersüchtig bin, -weil es mir in diesen ganzen drei Monaten nicht gelungen ist, ihm seine -schöne Katerina Iwanowna abspenstig zu machen? Ach ... Äh, zum Teufel, -ich habe meine Gründe gehabt, hier zu bleiben. Nun habe ich hier alles -beendet, und so fahre ich auch unverzüglich. Was ich beendet habe, das -weißt du, du warst ja Augenzeuge.“ - -„Du meinst – vorhin mit Katerina Iwanowna?“ - -„Ja, mit ihr; ich machte mich einfach los. Und was ist denn dabei? Was -geht mich Dmitrij an? Dmitrij hat nichts damit zu tun! Ich hatte ganz -Persönliches mit Katerina Iwanowna zu erledigen. Du weißt doch selbst, -daß Dmitrij sich so aufgeführt hat, als ob er sich mit mir verabredet -hätte. Ich habe ihn doch um nichts gebeten, er aber hat sie mir -freiwillig und feierlich ‚übergeben‘ und hat mir noch seinen Segen -geschenkt. Das klingt ja wirklich fast lachhaft. Nein, Aljoscha, nein, -wenn du wüßtest, wie leicht ich mich jetzt fühle! Ich saß hier und -speiste, und, wirst du’s mir glauben, wollte mir schon Champagner -bestellen, um die erste Stunde meiner Freiheit zu feiern. Pfui Teufel, -fast ein halbes Jahr lang, – und mit einem Schlage hat man sich von -allem befreit! Nein, hätte ich gestern auch nur ahnen können, daß man -nur zu wollen braucht, und daß es einen nichts kostet, zu beenden!“ - -„Sprichst du von deiner Liebe, Iwan?“ - -„Von meiner Liebe ... wenn du willst, ja. Ich hatte mich in ein junges, -stolzes Pensionsfräulein verliebt. Ich quälte mich mit ihr und sie -quälte mich. Hatte mich da hinein verbissen ... und plötzlich bin ich -von allem befreit. Vorhin bei Chochlakoffs sprach ich erregt, als ich -aber hinaustrat, da lachte ich auf – und du kannst mir glauben, daß ich -fröhlich lachte. Nein, wirklich!“ - -„Du sprichst auch jetzt so heiter,“ bemerkte Aljoscha, der sich -aufmerksam in das Gesicht des Bruders hineinsah. - -„Woher sollte ich auch wissen, daß ich sie überhaupt nicht liebte! -Ha–ha–ha! Und da hat es sich nun erwiesen! Aber wie sie mir doch -gefallen hat! Wie sie mir sogar heute gefiel, vorhin, als ich die -Predigt hielt! Und weißt du, auch jetzt gefällt sie mir maßlos, – und -doch fällt es mir so leicht, sie zu verlassen. Du glaubst wohl, ich -wolle renommieren?“ - -„Nein. Nur war das vielleicht keine Liebe.“ - -„Aljoschka,“ sagte Iwan lachend, „laß dich nicht auf Erörterungen über -Liebe ein! Für dich schickt sich das nicht. Vorhin – ja, vorhin, da -gingst du durch, Brüderchen, o jeh! Übrigens habe ich vergessen, dich -dafür abzuküssen ... Wie sie mich aber gequält hat! Ach, habe wahrlich -neben einer gesessen, die sich vergewaltigte. Sie wußte doch, daß ich -sie liebte! Und auch sie liebte mich, aber nicht Dmitrij,“ behauptete -Iwan lachend. „Ihre Liebe zu Dmitrij hat sie sich nur eingebildet. -Alles, was ich ihr vorhin sagte, ist lautere Wahrheit. Nur besteht jetzt -die Hauptsache darin, daß sie vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahre -brauchen wird, um zu erraten, daß sie Dmitrij überhaupt nie geliebt hat, -sondern nur mich liebt, mich, den sie foltert. Ja, wer kann es wissen, -vielleicht wird sie’s auch niemals erraten, trotz der heutigen Lehre -nicht. Nun, um so besser, daß ich aufgestanden und fortgegangen bin. -Übrigens, was macht sie jetzt? Was ging dort vor, als ich fortgegangen -war?“ - -Aljoscha erzählte ihm von dem hysterischen Anfall und was ihm Frau -Chochlakoff gesagt hatte: daß sie bewußtlos sei, Fieber habe und -phantasiere. - -„Ist das aber auch wahr, was die Chochlakoff sagt?“ - -„Es scheint, ja.“ - -„Man muß sich erkundigen. An hysterischen Anfällen ist übrigens noch -niemals jemand gestorben. Und mag sie sie doch haben, Gott hat dem Weibe -liebend die Hysterie geschickt. Ich werde nie mehr hingehen. Wozu sich -wieder aufdrängen!“ - -„Aber du sagtest ihr doch, daß sie dich nie geliebt hätte?“ - -„Das habe ich absichtlich gesagt. Aljoschka, weißt du, ich werde -Champagner bestellen, trinken wir auf meine Freiheit. Nein, wenn du -wüßtest, wie froh ich bin!“ - -„Nein, Iwan, trinken wir lieber nicht,“ sagte Aljoscha, „und zudem bin -ich doch etwas traurig gestimmt.“ - -„Ja, du bist bereits seit langer Zeit traurig gestimmt, das sehe ich -schon längst.“ - -„Und du wirst also bestimmt morgen früh fortfahren?“ - -„Morgen früh? Ich habe nicht gesagt, daß ich in der Früh fahren werde -... Doch übrigens, vielleicht auch in der Früh. – Wirst du’s mir -glauben, daß ich nur deswegen hier gespeist habe, um nicht mit dem Alten -zusammen zu speisen, dermaßen zuwider ist er mir geworden. Allein -seinetwegen wäre ich schon längst fortgefahren. Warum beunruhigt es dich -übrigens so, daß ich verreise? Wir haben jedenfalls bis zu meiner -Abfahrt noch Gott weiß wieviel Zeit. Eine ganze Ewigkeit Zeit, die ganze -Unsterblichkeit.“ - -„Aber, wenn du morgen fortfährst, wo ist dann die Ewigkeit?“ - -„Was geht das uns beide an!?“ fragte Iwan lachend. „Haben wir doch noch -Zeit, auszusprechen, was wir uns zu sagen haben, und weswegen wir hier -zusammengekommen sind! Warum siehst du mich so erstaunt an? Antworte -mir: Zu welch einem Zweck sind wir hier zusammengekommen? Um von der -Liebe zu Katerina Iwanowna zu sprechen, oder von dem Alten und Dmitrij? -Oder vom Auslande? Von der verhängnisvollen Lage Rußlands? Vom Empereur -Napoléon? Nun, deswegen etwa?“ - -„Nein, nicht deswegen.“ - -„Also begreifst du es selbst, weswegen. Den anderen mag so etwas -gleichgültig sein, uns aber, uns ‚Milchbärten‘, ist es nicht einerlei, -wovon wir reden. Wir müssen vor allen anderen Dingen, die aus der -Ewigkeit in die Ewigkeit reichenden Probleme lösen, das ist unsere -Sorge. Ganz Jung-Rußland tut doch heutzutage nichts anderes, als über -die ewigen Fragen philosophieren. Gerade heutzutage, gerade jetzt, wo -alle Alten sich plötzlich an die praktischen Fragen gemacht haben. Warum -hast du mich in diesen drei Monaten so erwartungsvoll angesehen? Um mich -zu befragen: ‚Woran glaubst du, oder glaubst du überhaupt nicht‘, – das -war es doch, was Ihre Blicke fragten, Alexei Fedorowitsch, oder war es -das mit nichten?“ - -„Nun ja, meinetwegen war es das,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Du machst -dich doch nicht lustig über mich, Bruder?“ - -„Ich mich lustig machen? Ich werde doch mein kleines Brüderchen, das -mich drei Monate lang so erwartungsvoll angeblickt hat, nicht betrüben -wollen. Aljoscha, sieh mich einmal ganz offen an: Sieh, ich bin doch -genau solch ein kleiner Knabe wie du, nur mit dem einen Unterschiede, -daß ich kein Novize bin. Wie pflegen denn unsere russischen Knaben bis -jetzt zu handeln? Die meisten, meine ich. Nun, hier haben wir zum -Beispiel das nach Speisedüften riechende Lokal, und da kommen sie denn -zusammen und setzen sich in eine Ecke. Haben sich bis dahin zeitlebens -nicht gekannt, und wenn sie das Gasthaus verlassen, werden sie sich -wieder vierzig Jahre lang nicht kennen. Wovon werden sie nun sprechen, -wenn sie diesen einen Augenblick in der Gasthausecke erhascht haben? -Selbstverständlich von den Weltfragen: Gibt es einen Gott? gibt es -Unsterblichkeit? Diejenigen aber von ihnen, welche an Gott nicht -glauben, nun, die sprechen über Sozialismus und Anarchismus, über die -Umgestaltung der ganzen Menschheit durch einen neuen Staat, so daß es -schließlich auf den reinen Teufel hinauskommt, – das sind doch alles -dieselben Fragen, nur vom anderen Ende. Und welch eine unglaubliche -Menge der originellsten russischen Jungen tut heutzutage nichts anderes, -als über diese ewigen Fragen reden! Habe ich nicht recht?“ - -„Ja, für die echten Russen sind die Fragen, ob es einen Gott und ob es -Unsterblichkeit gibt oder, wie du soeben sagtest, die Fragen vom anderen -Ende, natürlich die wichtigsten Fragen, die allem anderen vorangehen, – -so muß es auch sein,“ sagte Aljoscha, der seinen Bruder immer noch mit -demselben stillen, forschenden Lächeln betrachtete. - -„Sieh, Aljoscha, ein russischer Mensch zu sein, ist zuweilen gar nicht -klug, doch etwas Dümmeres als das, womit sich jetzt die russischen -Knaben beschäftigen, kann man sich nicht einmal vorstellen. Nur _einen_ -russischen Knaben, den Aljoscha, den liebe ich trotzdem über alles.“ - -„Wie nett du das eingefädelt hast,“ sagte Aljoscha auflachend. - -„Nun, sag also, womit wir beginnen sollen? Es soll geschehen, wie du -befiehlst. – Mit Gott? – Ob Gott existiert, nicht?“ - -„Womit du willst, damit beginne, meinetwegen auch ‚vom anderen Ende‘. Du -erklärtest doch gestern beim Vater, daß es Gott nicht gäbe,“ sagte -Aljoscha mit plötzlich forschendem Blick in die Augen des Bruders. - -„Gestern bei Tisch neckte ich dich absichtlich damit – um den Alten war -es mir nicht zu tun – und ich sah es wohl, wie deine Augen aufblitzten. -Doch jetzt bin ich gar nicht abgeneigt, nochmals mit dir auf dieses -Thema einzugehen. Ich meine das vollkommen im Ernst. Ich möchte gern, -daß wir uns nähertreten, Aljoscha, denn ich habe keinen Freund. Ich will -es einmal versuchen. Nun, stelle es dir mal vor, vielleicht erkenne auch -ich Gott an,“ sagte Iwan lachend. „Das hattest du wohl nicht erwartet, -was?“ - -„Ja, natürlich, wenn du nur auch jetzt nicht scherzest!“ - -„Scherze? Das fragst du, weil man gestern beim Staretz sagte, daß ich -scherze. Sieh, mein Liebling, im siebzehnten Jahrhundert lebte ein -großer Sünder, und der hat von Gott gesagt: _S’il n’existait pas, il -faudrait l’inventer._ Und tatsächlich hat sich der Mensch Gott -ausgedacht. Doch nicht das ist sonderbar, nicht das wäre wunderbar, daß -Gott tatsächlich existiert, wohl aber ist wunderbar, daß solch ein -Gedanke – der Gedanke von der Unentbehrlichkeit Gottes – in den Kopf -eines so wilden und bösartigen Tieres, wie es der Mensch ist, hat kommen -können: dermaßen heilig, dermaßen rührend, dermaßen weise ist er, und -dermaßen große Ehre macht er dem Menschen. Was nun mich dabei -anbetrifft, so habe ich schon vor langer Zeit beschlossen, nicht mehr -darüber nachzudenken, ob der Mensch Gott oder Gott den Menschen -geschaffen hat. Auch werde ich, versteht sich, nicht etwa anfangen, alle -zeitgenössischen Axiome der russischen Knaben durchzunehmen – Axiome, -die alle ohne Ausnahme aus europäischen Hypothesen entstanden sind; denn -was dort Hypothese ist, das ist bei unseren russischen Knaben sofort -Axiom, und nicht nur bei den Knaben, sondern auch bei deren Professoren, -denn auch die russischen Professoren sind jetzt sehr häufig selbst -nichts anderes als solche kleinen russischen Knaben. Darum übergehe ich -alle Hypothesen. Worin besteht aber nun unsere Aufgabe? Nun, versteht -sich, darin, daß ich dir so schnell wie möglich mein ganzes Wesen -erkläre, das heißt, was ich für ein Mensch bin, woran ich glaube, worauf -ich hoffe! Nicht wahr, das ist es doch? Nun, und darum erkläre ich denn -auch, daß ich Gott einfach und einwandlos akzeptiere. Einstweilen aber -gilt es noch eines zu vermerken: Wenn Gott ist, und wenn er tatsächlich -die Erde geschaffen hat, so hat er sie, wie wir genau wissen, nach der -Geometrie des Euklid geschaffen, den menschlichen Verstand nur mit dem -Vermögen begabt, bloß die drei Ausdehnungen des Raumes zu begreifen. -Währenddessen aber hat es Mathematiker und Philosophen gegeben, und es -gibt ihrer auch heutzutage noch welche, und es sind das sogar die -Besten, die leider bezweifeln, daß das Weltall – oder sagen wir noch -größer, – daß alles Sein nur nach Euklids Geometrie erschaffen sei, ja, -sie erdreisten sich sogar, zu denken, daß zwei parallele Linien, die -doch nach Euklid nie und nimmer und unter keiner Bedingung auf Erden -zusammenlaufen können, vielleicht doch irgendwo in der Unendlichkeit -zusammenlaufen. Weißt du, Liebling, ich sage mir nun, wenn ich selbst -das nicht begreifen kann, wie soll ich dann noch etwas von Gott -begreifen können, das ist doch dann viel zu hoch für mich. Bescheiden -bekenne ich, daß ich nicht die geringsten Fähigkeiten zur Lösung solcher -Probleme besitze; ich habe nur einen euklidischen, einen irdischen -Verstand, und wie soll man daher über etwas urteilen, was nicht von -dieser Welt ist? Und auch dir, mein Freund, rate ich, nie darüber -nachzudenken, vor allem nicht über Gott: Ob es ihn gibt oder nicht gibt? -Das sind Fragen, an die unser Verstand überhaupt nicht heranreicht, da -sein Begriffsvermögen nur für das Erfassen der drei Ausdehnungen -geschaffen ist. Und so akzeptiere ich denn gern nicht nur Gott allein, -sondern ich akzeptiere auch seine Allwissenheit und sein Ziel, – das uns -vollkommen unbekannt ist – und glaube an das Gesetz und den Sinn des -Lebens, glaube auch an die ewige Harmonie, in der wir, wie es heißt, -alle aufgehen werden, glaube an das Wort, zu dem das Weltall strebt, und -das selbst bei Gott war und selbst Gott ist, nun, und so weiter, und so -weiter bis ins Unendliche. Hat man sich doch in der Beziehung wahrlich -nicht wenig Worte ausgedacht. Aber es scheint ja, daß auch ich bereits -auf einem guten Wege bin – nicht? Nun, so laß dir denn kurz gesagt sein, -daß ich im Endresultate diese Gotteswelt – _nicht_ akzeptiere, und wenn -ich auch weiß, daß sie existiert, so gebe ich doch nicht zu, daß sie -existiert. Nicht Gott akzeptiere ich nicht, verstehe mich recht, sondern -die von ihm geschaffene Welt akzeptiere ich nicht, und kann ich nicht -akzeptieren. Ich werde mich deutlicher ausdrücken: Ich bin meinetwegen -überzeugt, daß das Leid vernarben und sich glätten wird, daß die ganze -beleidigende Komik der menschlichen Widersprüche wie ein armseliges -Trugbild verschwinden wird, wie eine garstige Erfindung eines -schwächlichen, nur atomgroßen euklidischen Menschenverstandes, und daß -schließlich im Weltfinale, im Moment der ewigen Harmonie etwas dermaßen -Kostbares geschehen und erscheinen wird, daß es für alle Herzen -ausreicht, zur Stillung allen Unwillens, zur Sühne aller von Menschen -begangenen Greuel, zur Sühne alles durch sie vergossenen Blutes, daß es -ausreichen wird zur Möglichkeit nicht nur der Vergebung, sondern auch -der Rechtfertigung alles dessen, was mit den Menschen geschehen ist, – -schön, schön, mag das alles erscheinen und sein, ich aber akzeptiere das -nicht und will es auch nicht akzeptieren! Mögen sich sogar die -Parallellinien treffen, und mag ich das auch selbst sehen, sehen und -sagen, daß sie sich getroffen haben, so werde ich es doch trotzdem nicht -annehmen. Sieh, das ist mein Wesen, Aljoscha, das ist meine These. Ich -habe absichtlich unser Gespräch so begonnen, wie man es dümmer nicht gut -hätte beginnen können, aber ich habe es mit meiner Beichte geendet, denn -nur sie allein wolltest du doch hören. Nicht von Gott wolltest du etwas -erfahren, sondern hören wolltest du, wovon dein Bruder, den du doch -liebhast, geistig lebt. Und so habe ich es dir denn gesagt.“ - -Iwan schloß seine lange Predigt plötzlich mit einem ganz unerwarteten -und ganz eigentümlichen Gefühl. - -„Warum hast du so begonnen, ‚wie man es dümmer nicht gut hätte beginnen -können‘?“ fragte Aljoscha, der, in Gedanken verloren, seinen Bruder -betrachtete. - -„Ja, so, erstens um des Russizismus’ willen: Die russischen Gespräche -über diese Themata werden doch alle so geführt, wie es dümmer nicht gut -denkbar wäre. Und zweitens, weil man um so näher zur Sache kommt, je -dümmer man tut. Je dümmer, um so klarer. Dummheit ist kurz und gut und -einfach, Klugheit aber macht Finten und versteckt sich. Klugheit, das -heißt, der Verstand, ist ein Schuft. Die Dummheit dagegen ist -offenherzig und ehrlich. So habe ich dir meine Verzweiflung gezeigt, und -je dümmer die Darstellung war, um so vorteilhafter für mich.“ - -„Wirst du mir erklären, weswegen du die Welt ‚nicht akzeptierst‘?“ -fragte Aljoscha. - -„Versteht sich, es ist ja kein Geheimnis, und dahin führt doch unser -Gespräch. Du, mein lieb Brüderlein, ich will dich doch nicht etwa -verführen oder von deinem festen Stand wegrücken – ich wollte mich -vielleicht nur selbst durch dich heilen ...“ Und Iwan lächelte so -sonderbar, ganz wie ein kleiner, frommer Knabe. Niemals noch hatte -Aljoscha an ihm solch ein Lächeln gesehen. - - - IV. - „Empörung“ - -„Ich muß dir ein Geständnis machen,“ begann Iwan: „Ich habe nie -begreifen können, wie man seine Nächsten lieben kann. Gerade die -Nächsten kann man, meiner Meinung nach, unmöglich lieben; lieben kann -man höchstens noch die Fernen. Ich habe einmal irgendwo von ‚Iwan dem -Barmherzigen‘, einem Heiligen, gelesen, daß er, als einmal ein hungriger -und durchfrorener Mann des Weges kam und ihn bat, sich bei ihm erwärmen -zu dürfen – daß er sich da zusammen mit ihm auf das Lager gelegt habe, -um ihn in der Umarmung zu erwärmen und ihm in seinen von einer -scheußlichen Krankheit faulenden und übelriechenden Mund zu hauchen. Ich -bin überzeugt, daß er es aus Selbstvergewaltigung getan hat, aus sich -selbst vergewaltigender Lüge, aus pflichtschuldiger Liebe, aus sich -selbst auferlegter Buße. Um einen Menschen lieben zu können, muß er sich -verborgen halten, denn kaum zeigt er sein Gesicht – so ist die Liebe -auch schon verschwunden.“ - -„Darüber hat Staretz Sossima mehr als einmal gesprochen,“ bemerkte -Aljoscha, „auch er sagte, daß das Gesicht eines Menschen nicht selten -diejenigen, welche im Lieben noch unerfahren sind, zu lieben hindere. -Aber es gibt trotzdem viel Liebe in der Menschheit, und sogar fast -Christi Liebe ähnliche. Das weiß ich, Iwan ...“ - -„Nun, ich aber weiß das vorläufig noch nicht und kann es daher auch -nicht begreifen, und mit mir kann es eine unzählige Menge Menschen -gleichfalls nicht begreifen. Die Frage besteht nur darin, ob das von den -schlechten Eigenschaften der Menschen herrührt? oder ob es nur einfach -daher kommt, daß die Natur des Menschen so geschaffen ist? Meiner -Meinung nach ist Christi Liebe zu den Menschen in ihrer Art ein auf -Erden unmögliches Wunder. Nun, er war ein Gott. Wir aber sind keine -Götter. Nehmen wir zum Beispiel an, ich kann tief leiden, aber ein -anderer kann nie erfahren, bis zu welch einem Grade ich leide, denn er -ist eben ein anderer und nicht ich, und außerdem läßt sich der Mensch -nur selten herbei, einen anderen als Leidenden anzuerkennen – ganz als -ob es sich dabei um einen Rang handelte. Warum nun tut er es nur nicht, -was meinst du wohl? Nun, weil ich vielleicht schlecht rieche, weil ich -ein dummes Gesicht habe, oder weil ich ihm einmal auf den Fuß getreten -bin. Und zudem ist zwischen Leiden und Leiden ein Unterschied: -Gewöhnliches Leiden, das mich erniedrigt, Hunger zum Beispiel, das wird -mein Wohltäter noch gelten lassen, doch ein etwas höheres Leiden, zum -Beispiel für eine Idee, wird er nur in äußerst seltenen Fällen -zugestehen, denn er wird bei meinem Anblick wahrscheinlich sofort -finden, daß mein Gesicht durchaus nicht demjenigen gleicht, welches er -sich in der Phantasie von einem Menschen, der für diese oder jene Idee -leidet, gemacht hat. Und so entzieht er mir denn unverzüglich alle seine -Wohltaten, tut das aber nicht etwa, weil er ein böses Herz hat. Bettler, -namentlich ‚edle‘ Bettler, sollten sich eigentlich nie zeigen und lieber -durch die Zeitungen Almosen bitten. Abstrakt kann man noch den Nächsten -lieben und zuweilen sogar aus der Ferne, in der Nähe aber fast nie. Wenn -alles wie auf der Bühne sich abspielen würde, wie im Ballett, wo die -Bettler in seidenen Lumpen und zerrissenen Spitzen graziös tanzend um -Almosen bitten, nun, dann kann man noch an ihnen Gefallen finden. An -ihnen Gefallen finden, immerhin, aber nicht sie lieben. – Doch genug -davon. Ich wollte dir nur meinen Standpunkt erklären ... Ich wollte mit -dir von den Leiden der ganzen Menschheit sprechen, doch es ist besser, -wir begnügen uns mit den Leiden der Kinder allein. Das wird den Umfang -meiner Beweisführung ungefähr um das Zehnfache verringern. Es ist schon -besser, nur von den Kindern zu reden. Für mich ist das natürlich -unvorteilhafter. Aber, erstens, Kinder kann man auch in der Nähe lieben, -sogar schmutzige, sogar häßliche ... Übrigens finde ich, daß kleine -Kinder nie häßlich sind. Und zweitens werde ich schon allein deswegen -nicht über die Großen reden, weil es sich bei ihnen, abgesehen davon, -daß sie abstoßend und der Liebe unwürdig sind, um Vergeltung handelt: -Sie haben den Apfel gegessen und Gut und Böse erkannt und sind ‚wie -Gott‘ geworden. Und auch jetzt noch fahren sie fort, ihn zu essen. Die -Kleinen aber haben noch nichts gegessen und sind vorläufig noch ganz -schuldlos. Liebst du kleine Kinder, Aljoscha? Ich weiß, daß du sie -liebst, und du wirst verstehen, warum ich jetzt nur von ihnen sprechen -will. Wenn auch sie auf Erden unglaublich leiden, so geschieht das -natürlich wegen ihrer Väter; sie werden für ihre Väter, die den Apfel -vom Baume der Erkenntnis gegessen haben, bestraft. Aber das ist doch -eine Erklärung aus einer anderen Welt, denn hier auf Erden ist sie dem -Menschenherzen unbegreiflich! Ein Unschuldiger kann doch nicht für einen -Schuldigen leiden, und dazu noch solche Unschuldige! Wundere dich über -mich, Aljoscha, auch ich liebe kleine Kinder unsäglich. Überhaupt kannst -du dir merken, daß grausame, leidenschaftliche, sinnliche, kurz – -karamasoffsche Naturen gerade Kinder mitunter ungeheuer lieben können. -Kinder unterscheiden sich, solang sie Kinder sind, also ungefähr bis zum -siebenten Jahr, ganz unglaublich von erwachsenen Menschen, ganz als ob -sie andere Wesen wären, eine ganz andere Natur hätten. Ich kannte einen -Mörder im Gefängnis: Er hatte in seinem Leben ganze Familien in den -Häusern geschlachtet, in die er nachts eingebrochen war, um zu stehlen, -und da hatte er natürlich auch Kinder nicht verschont. Als er aber im -Gefängnis saß, liebte er sie dermaßen, daß diese Liebe allen geradezu -wunderlich schien. Immer stand er am Fenster seiner Zelle und blickte -auf die kleinen Kinder, die im Gefängnishof spielten. Einen kleinen -Knaben hatte er einmal an sein Fenster gelockt und schließlich hatten -sich die beiden rührend angefreundet ... Weißt du noch nicht, wozu ich -das alles sage, Aljoscha? Der Kopf tut mir weh, und ich bin, ich weiß -nicht warum, traurig.“ - -„Du siehst auch so sonderbar aus und redest so wunderlich,“ bemerkte -Aljoscha, „als ob du geistesabwesend wärst.“ - -„Bei der Gelegenheit fällt mir ein, was mir vor kurzem ein Bulgare in -Moskau erzählte,“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, als hätte er die -Bemerkung des Bruders gar nicht gehört. „Er schilderte, wie die Türken -und Tscherkessen dort allerorten hausen, da sie einen allgemeinen -Aufstand der Slawen befürchten, – das heißt, wie sie brandschatzen, -morden, Frauen und kleine Mädchen vergewaltigen, wie sie die Gefangenen -mit den Ohren an die Zäune nageln, damit sie sie bis zum nächsten -Morgen, an dem sie gehängt werden sollen, nicht zu bewachen brauchen, -und so weiter, – alles kann man kaum erzählen. Man spricht zuweilen von -der ‚tierischen‘ Grausamkeit des Menschen, doch ist das höchst ungerecht -und für die Tiere wirklich beleidigend: Ein Tier kann niemals so grausam -sein wie der Mensch, so ausgesucht, so künstlerisch grausam. Ein Tiger -zerreißt und frißt bloß, und das ist schließlich alles, was er versteht. -Es würde ihm niemals einfallen, die Ohren seiner Opfer anzunageln und -diese eine Nacht lang so angenagelt stehen zu lassen, oder sich eine -gleich große Folter, die er mit seinen Mitteln ausführen könnte, zu -ersinnen. Diese Türken haben übrigens mit besonderer Wollust Kinder -gequält, haben sie mit Dolchen aus dem Mutterleibe herausgeschnitten, -haben Säuglinge in Gegenwart der Mütter in die Luft geworfen und mit den -Bajonetten aufgefangen. Daß es vor den Augen der Mütter geschah, war ja -das Hauptvergnügen. Ein kleines Bild hat auf mich am meisten Eindruck -gemacht. Stell dir vor: Ein Säugling auf den Armen seiner zitternden -Mutter, um sie herum die eingedrungenen Türken. Sie haben sich ein -lustiges Späßchen ausgedacht: Sie liebkosen das Kleine, lachen, um es zu -erheitern, was ihnen auch gelingt: der Säugling lacht mit. Da hält ein -Türke seine Pistole vor das Köpfchen des Kleinen. Der Knabe lacht -fröhlich, streckt die Ärmchen dem blanken Ding entgegen, um es zu -erfassen, und plötzlich drückt der Künstler den Hahn ab, ihm gerade ins -Gesicht, und zerschmettert ihm das Köpfchen ... Raffiniert, nicht wahr? -Übrigens sagt man, die Türken liebten Süßigkeiten sehr.“ - -„Bruder, was soll das, warum redest du davon?“ fragte Aljoscha. - -„Ich meine, wenn der Teufel nicht existiert und ihn folglich der Mensch -erdacht hat, so hat er ihn nach seinem Bilde geschaffen.“ - -„In dem Falle also ebensogut wie Gott.“ - -„Es ist bewundernswert, wie du die Worte zu verdrehen verstehst, wie -Polonius im _Hamlet_ sagt,“ bemerkte Iwan lachend. „Du hast mich beim -Wort gefangen; meinetwegen, es freut mich. Dann muß ja der Gott auch -danach sein, wenn ihn der Mensch sich zum Bilde, zum Bilde des Menschen -geschaffen hat! Du fragst mich, was das soll? Sieh mal, ich bin ein -Liebhaber und Sammler gewisser Tatsachen und, glaub mir, ich hebe aus -Zeitungen, Büchern, Broschüren oder einerlei woraus eine gewisse Art von -Geschichten auf. Ich habe schon eine ganze Sammlung von solchen -Blättern. Die Türken sind natürlich auch aufgehoben. Doch das sind -immerhin Ausländer, aber ich habe auch heimatliche Geschichten, die -sogar noch besser sind als die türkischen. Weißt du, bei uns gibt es -viel Prügel, viel Ruten- und Peitschenhiebe, und das ist national. Bei -uns sind angenagelte Ohren undenkbar, wir sind doch immerhin Europäer, -aber Ruten und Peitschen sind etwas, das zu uns gehört und uns nicht -genommen werden kann. Im Auslande, scheint es, schlägt man jetzt -überhaupt nicht mehr. Haben sich nun die Sitten dort dermaßen geläutert, -oder haben sich die Gesetze dort so ausgearbeitet, daß der Mensch den -Menschen, wie es scheint, nicht mehr prügeln darf, ich weiß es nicht. -Doch dafür haben sie sich mit etwas anderem entschädigt, etwas -gleichfalls rein Nationalem, das bei uns, sollte man meinen, unmöglich -wäre, obgleich es übrigens auch hier schon Wurzel schlägt, besonders -seit der Zeit, da die religiöse Bewegung in unserer höheren Gesellschaft -begonnen hat. Ich habe eine prächtige kleine Broschüre, eine Übersetzung -aus dem Französischen. Es ist eine Art Bericht darüber, wie in Genf vor -nicht langer Zeit, vor etwa fünf Jahren, ein Räuber und Mörder, namens -Richard, ein, glaube ich, dreiundzwanzigjähriger Bursche, der sich kurz -vor dem Tode zum Christentum bekehrt hatte, hingerichtet wurde. Dieser -Richard war als uneheliches Kind schon mit sechs Jahren von den Eltern -irgendwelchen Schweizer Hirten geschenkt worden, und die hatten ihn -erzogen, um ihn dann später zur Arbeit zu gebrauchen. Er wuchs auf wie -ein wildes kleines Tier, die Hirten ließen ihn nichts lernen, schickten -ihn schon mit sieben Jahren, um die Herde zu hüten, hinaus in die -Feuchtigkeit und Kälte, fast ohne Kleider und ohne Nahrung. Und -natürlich sah niemand von den Hirten etwas Schlechtes darin, oder dachte -jemand darüber nach, oder bereute man etwas, im Gegenteil, alle hielten -sie sich für vollkommen berechtigt, ihn so zu behandeln, denn Richard -war ihnen wie ein Gegenstand geschenkt worden, und sie fanden es nicht -einmal für nötig, ihn zu ernähren. Richard hat selbst ausgesagt, daß er -in jenen Jahren, wie der verlorene Sohn in der biblischen Geschichte, -gern von den Trebern gegessen hätte, die die Schweine fraßen, doch man -gab ihm nicht einmal die zu essen und schlug ihn, wenn er sich etwas -davon stahl. Und so verbrachte er seine Kindheit und Jugend, bis er groß -wurde und stehlen ging. Dieser Wilde begann in Genf als Tagelöhner Geld -zu verdienen, vertrank natürlich alles, lebte wie ein Ungeheuer und -erschlug und beraubte schließlich irgendeinen alten Mann. Er wurde -ergriffen, gerichtet und zum Tode verurteilt. Dort ist man ja nicht -sentimental. Doch siehe, im Gefängnis umringten ihn alsbald Pastoren und -alle Anhänger christlicher Brüderschaften, wohltätige Damen usw. usw. -Ihm wird im Gefängnis das Beten und Schreiben beigebracht, ihm wird das -Evangelium erklärt, ihm wird ins Gewissen geredet, er wird überzeugt, -bedrängt, gepreßt, gedrückt und geknetet, bis er schließlich selbst sein -Verbrechen feierlich eingesteht. Er ist bekehrt, er schreibt an die -Richter, daß er ein Auswurf des Menschengeschlechts sei, und daß der -Herr ihn endlich erleuchtet und gesegnet habe. Ganz Genf gerät in -Wallung, das ganze wohltätige, hochehrsame Genf regt sich auf! Alles, -was sich zu den Höheren und Wohlerzogenen zählt, stürzt hin ins -Gefängnis zu Richard. Er wird geküßt und umarmt: ‚Du bist unser Bruder,‘ -heißt es, ‚siehe, der Herr hat dich erleuchtet, die Gnade des Herrn ruht -auf dir!‘ Richard aber weint nur vor Rührung. ‚Ja, ja, die Gnade des -Herrn ruht auf mir! Früher in meiner Kindheit und Jugend freute ich mich -nur auf Schweinefraß, jetzt aber hat mich der Herr erleuchtet, und ich -sterbe im Herrn!‘ – ‚Ja, ja, Richard, stirb im Herrn, du hast Blut -vergossen und mußt dafür im Herrn sterben. Wenn du auch nicht die Schuld -daran trägst, daß du den Herrn früher überhaupt nicht kanntest, damals, -als du die Schweine um das Futter beneidetest, und als man dich dafür -schlug, daß du es von den Schweinen stahlst – was sehr unrecht von dir -war, denn stehlen ist verboten –, aber du hast Blut vergossen und mußt -dafür sterben.‘ Und siehe, der letzte Tag bricht an. Der schwach -gewordene Richard ist in Tränen aufgelöst und wiederholt nur -ununterbrochen: ‚Das ist mein schönster Tag, ich gehe heut ein zum -Herrn!‘ – ‚Ja,‘ singen sofort die Pastoren, Richter und die wohltätigen -Damen, ‚ja, das ist dein glücklichster Tag, denn du gehst ein zum -Herrn!‘ Und alles zieht hin zum Schafott, zu Fuß und in Equipagen, als -Geleit des Schinderkarrens, in dem Richard zum Schafott gefahren wird. -Schließlich kommt man an. ‚Stirb, Bruder,‘ schreit man ihm von allen -Seiten zu, ‚gehe hin in Frieden, stirb im Herrn, denn Sein Segen ruht -auf dir!‘ Und siehe, der von Bruderküssen bedeckte Bruder Richard wird -auf das Schafott geschleppt, sein Kopf wird auf die Guillotine gelegt -und hübsch brüderlich abgekappt – dafür, daß sich der Segen Gottes über -ihn ergossen hatte. Nun, das ist charakteristisch! Diese Broschüre ist -ins Russische von irgendwelchen Aufklärungsbeflissenen aus der höheren -Gesellschaft übersetzt und zur Bildung und Unterweisung des russischen -Volkes mit Tageszeitungen und anderen Blättern und Monatsheften -unentgeltlich versandt worden. Was diese Geschichte von Richard so -bemerkenswert macht, ist das Nationale. Bei uns ginge es nicht gut an, -den Kopf des Bruders bloß deswegen zu fällen, weil er erst jetzt unser -Bruder geworden ist, und weil der Segen Gottes sich über ihn ergossen -hat. Doch dafür haben wir etwas anderes, das jenem kaum nachsteht. Bei -uns gibt es die historische, unmittelbarste und einfachste Strafe durch -Hiebe. In der Tat, das Peitschen scheint vielen von uns ein Vergnügen zu -sein. Nekrassoff erzählt in einem seiner Gedichte, wie ein Bauer sein -Pferd mit der Peitsche auf die Augen schlägt, ‚auf die frommen Augen‘. -Nun, wer hat das nicht gesehen, das ist doch echt russisch. Er -beschreibt, wie das schwache Tier, dessen überladene Fuhre im grundlosen -Wege stecken geblieben ist, anzieht und anzieht und doch nicht weiter -kann. Der Bauer peitscht es, peitscht es, ohne zu wissen, was er tut. -Unbarmherzig, trunken vom Prügeln, peitscht er immer weiter: ‚Und wenn -du auch krepierst, aber zieh, zieh’s heraus!‘ Das Pferd zieht und zieht, -und da fängt er an, das arme schutzlose Tier auf die weinenden, die -‚frommen Augen‘ zu schlagen. Außer sich zog das Tier und zog die Fuhre -heraus, zitternd, ohne zu atmen, irgendwie seitwärts und fast springend, -ganz unnatürlich und schimpflich, – Nekrassoff hat es geradezu grausam -geschildert. Und das ist doch schließlich nur ein Pferd, und Pferde hat -Gott zum Prügeln gegeben. So wenigstens haben es uns die Tataren -erklärt, und zum Andenken haben sie uns dann die Knute geschenkt. Aber -man kann doch auch Menschen peitschen. Und da prügelt nun ein -intelligenter gebildeter Herr mit dem Einverständnis seiner Madame sein -eigenes Töchterchen, ein Kind von sieben Jahren, prügelt es mit Ruten, – -ich habe mir alles ausführlich notiert: Der liebe Papa freut sich, daß -die Ruten spitze Enden haben: ‚Werden schärfer ziehen,‘ sagt er, und so -beginnt er denn, sein Töchterchen zu prügeln. Ich weiß, es gibt viele -Leute, die beim Prügeln mit jedem Schlage immer mehr in Eifer geraten, -denen das Schlagen schließlich zum Genuß, zur Wollust wird. Sie schlagen -eine Minute lang, schlagen fünf Minuten, zehn Minuten lang, je länger -desto stärker, desto wütender, desto schmerzhafter. Das Kind schreit, -bis es nicht mehr schreien kann, es keucht nur noch: ‚Papa, Papa!‘ Und -diese Geschichte war nun durch irgendeinen teuflisch unanständigen -Zufall vor Gericht gekommen. Es wird ein Verteidiger angenommen. Unser -Volk hat nicht umsonst den Advokaten ein ‚gemietetes Gewissen‘ benannt. -Der Verteidiger schreit zur Rechtfertigung seines Klienten: ‚Herrgott, -was ist das doch für eine gewöhnliche, in jeder Familie täglich -vorkommende Geschichte: Der Vater hat seine Tochter bestraft! Und so -etwas bringt man heutzutage, zur Schmach unserer Zeit, vors Gericht!‘ -Die Geschworenen ziehen sich zurück und beschließen die Freisprechung -des Angeklagten. Das Publikum gröhlt vor Freude darüber, daß man einen -Peiniger freigesprochen hat. – Ach, schade, daß ich nicht zugegen war, -ich hätte sofort vorgeschlagen, zu Ehren dieses Vaters ein Stipendium -auf seinen Namen zu stiften! ... Ja, diese kleinen Bilder sind ganz -vorzüglich. Doch von Kindern habe ich noch bessere Geschichten, habe -sehr viel solcher Geschichten von kleinen Märtyrern, Aljoscha. Zum -Beispiel: Ein kleines fünfjähriges Mädchen wird seinen Eltern plötzlich -verhaßt. Es sind ‚ehrenwerte, gebildete und wohlerzogene Leute vom -Beamtenstande‘. Sieh, ich behaupte nochmals positiv, daß sie eine -besondere Eigenschaft vieler Menschen ist, diese Vorliebe für das -Foltern kleiner Kinder: gerade daß es Kinder sind, ist für sie die -Hauptsache. Zu allen anderen Subjekten der Menschheit verhalten sie sich -wohlwollend und freundlich, wie alle gebildeten und humanen Europäer, -doch Kinder zu quälen lieben sie ganz ungemein, und aus diesem Grunde -lieben sie auch die Kinder. Hier ist es wohl gerade die Schutzlosigkeit -dieser kleinen Geschöpfe, die sie fasziniert, diese engelgleiche -Zutraulichkeit des Kindes, das nicht fortlaufen kann und niemanden hat, -an den es sich klammern könnte, – das ist es gerade, was das böse Blut -des Peinigers erhitzt. Versteht sich, in jedem Menschen verbirgt sich -das Tier, – im Zorn, in der wollüstigen Erregung durch die Schreie des -gefolterten Opfers, in der sinnlosen Wut, in der Reizbarkeit der durch -eigene Verderbnis zugezogenen Krankheiten, wie Podagra, Leberleiden und -so weiter. Diesem armen fünfjährigen Mädchen wurden von seinen -‚gebildeten‘ Eltern die verschiedensten Foltern zugedacht. Die Kleine -wurde geschlagen, geprügelt, mit den Füßen gestoßen, – kurz, ohne selbst -zu wissen weswegen, bedeckten diese Eltern den Körper ihres Kindes mit -blauen Flecken. Zuletzt gelangten sie noch zu einer höheren Art von -Folter: Sie schlossen das arme kleine Ding für die ganze Nacht in den -kalten Abtritt ein, weil, wie sie sagten, die Kleine in der Nacht nicht -gebeten habe, sie aufs Töpfchen zu setzen – als ob ein fünfjähriges -kleines Wesen in seinem festen Kinderschlaf davon erwachen könnte! Und -dafür haben sie ihm das Gesicht mit Kot beschmiert und es gezwungen, -diesen Kot zu essen, ja, dazu hat die Mutter, versteh mich recht, die -Mutter ihr Kind gezwungen! Und diese Mutter hat schlafen können, während -ihr Kindchen an dem kalten, gemeinen Ort war und weinte! Verstehst du -das, Aljoscha, wenn das kleine Wesen, das noch nicht begreifen kann, was -mit ihm geschieht, dort im Örtchen in Dunkelheit und Kälte hockt und -sich mit seinem kleinen, kleinen Fäustchen an seine schluchzende, magere -kleine Kinderbrust schlägt und mit unschuldigen, frommen Tränen zu -seinem ‚lieben Gottchen‘ betet, damit er es beschütze, – verstehst du -das, Aljoscha, du mein Freund und Bruder und demütiger Gottesdiener, der -du bist – begreifst du, wozu diese Sinnlosigkeit nötig und geschaffen -ist? Ohne sie, sagt man, könnte der Mensch auf der Welt nicht leben, -denn ohne sie würde er nie Gut und Böse erkannt haben. Aber wozu dieses -Teufels Gut und Böse erkennen, wenn das so viel kostet? Ist doch dann -die ganze Erkenntniswelt nicht diese Kindertränen zum ‚lieben Gottchen‘ -wert. Ich rede nicht von den Leiden der Großen. Die haben den Apfel vom -Baume der Erkenntnis gegessen und – zum Teufel mit ihnen, aber die -Kinder, die Kinder! Quäle ich dich, Aljoschka? Du bist ja ganz -geistesabwesend, wie es scheint. Ich werde aufhören, wenn du willst.“ - -„Tut nichts, ich will mich gleichfalls quälen,“ murmelte Aljoscha. - -„Nur eines noch, nur noch ein einziges Bild! Es ist gar zu -charakteristisch, und ich habe es erst vor ganz kurzer Zeit gelesen in -einer der beiden großen Sammlungen, im ‚Archiv‘ oder im ‚Altertum‘ -glaube ich, ich weiß es nicht mehr genau, – ich muß nachschlagen, habe -vergessen, wo es war. Es datiert aus der Zeit der strengsten -Leibeigenschaft, noch zu Anfang des Jahrhunderts. Ach, Heil unserem -Zar-Befreier! – Es lebte damals zu Anfang des Jahrhunderts ein General, -ein General mit guten Verbindungen, ein steinreicher Gutsbesitzer, doch -einer von jenen Leuten – die allerdings auch damals bereits selten -geworden waren –, die, wenn sie sich aus dem Dienst zurückzogen, fast -überzeugt waren, sich das Recht über Leben und Tod ihrer Leibeigenen -verdient zu haben. Solche gab es damals. Also dieser General lebt auf -seinem Gute mit etwa zweitausend leibeigenen Seelen, lebt natürlich -pompös, trätiert seine ärmeren Gutsnachbarn wie seine Freischlucker und -Hofnarren. Seine Meute besteht aus Hunderten von Hunden, und die Zahl -der Rüdenknechte ist nicht viel geringer als hundert, alle sind sie -uniformiert und beritten. Und siehe, eines Tages verletzt ein kleiner, -kaum achtjähriger Junge beim Spielen den Fuß des Lieblingsjagdhundes -seiner Exzellenz. ‚Warum lahmt denn plötzlich mein Lieblingshund?‘ -erkundigt sich der General. Es wird ihm berichtet, daß, nun, so und so, -dieser Knabe den Hund mit einem Stein am Fuß getroffen habe. ‚Ah, also -der ist es,‘ sagt der General mit einem entsprechenden Blick auf den -Knaben. ‚Nehmt ihn.‘ Man nahm ihn, nahm ihn von der Mutter fort und -steckte ihn in die Arrestkammer. Am nächsten Morgen ritt der General mit -allem Drum und Dran zur Jagd, alle Gäste um ihn herum, Rüdenwärter und -Piköre, Jägermeister, alle beritten und in Livree, und die Hunde -gekoppelt. Das ganze Hofgesinde war versammelt, und vorn vor allen -anderen steht die Mutter des schuldigen Knaben. Da wird der Knabe aus -der Arrestkammer gebracht. Es ist ein trüber, kalter, nebliger -Herbsttag, wie geschaffen zur Jagd. Der General befiehlt, den Knaben zu -entkleiden; der Kleine wird bis auf die Haut entkleidet, er zittert, ist -fast ganz bewußtlos vor Angst, wagt kaum zu atmen ... ‚Hetzt ihn!‘ -kommandiert plötzlich der General, und ‚lauf, lauf!‘ schreien dem -Kleinen die Piköre zu, – der Knabe läuft ... ‚Packt ihn!‘ brüllt der -General und hetzt auf den kleinen laufenden Knaben seine ganze wilde -Hundeschar. Vor den Augen der Mutter hetzte er das Kind zu Tode, und die -Hunde zerrissen es in Stücke! ... Der General wurde, glaub ich, unter -Kuratel gestellt ... Nun, was hätte man wohl anders mit ihm tun sollen? -Erschießen? Zur Befriedigung des sittlichen Gefühls erschießen? Sag -doch, Aljoschka!“ - -„Ja, erschießen!“ sagte Aljoscha leise, mit einem blassen, gleichsam -verzerrten Lächeln, den Blick zum Blick des Bruders erhebend. - -„Bravo!“ rief Iwan triumphierend, als ob ihn die Antwort geradezu -entzückt hätte, „wenn schon du es sagst, dann muß es auch so richtig -sein! ... Ach, du Asket! Da sieh doch einer, was für ein kleiner Teufel -in deinem Herzen sitzt, Aljoscha Karamasoff!“ - -„Ich habe eine Dummheit gesagt, aber ...“ - -„Das ist es ja, daß darauf ein ‚aber‘ folgt!“ fiel ihm Iwan lebhaft ins -Wort. „Weißt du auch, du kleiner Knabe, daß die Dummheiten auf Erden nur -allzu nötig sind? Auf Unsinn beruht die Welt, und ohne ihn würde auf ihr -vielleicht überhaupt nichts geschehen. Ich weiß, was ich weiß!“ - -„Was weißt du?“ - -„Ich begreife nichts,“ fuhr Iwan wie im Fieber fort, – es war, als ob er -irre redete – „und ich will jetzt auch nichts begreifen. Ich will bei -der Tatsache bleiben. Ich habe schon längst beschlossen, _nicht_ -begreifen zu wollen. Sobald ich etwas begreifen will, entstelle ich -sofort die Tatsachen, jetzt aber will ich bei der Tatsache bleiben.“ - -„Warum quälst du mich so?“ stieß Aljoscha plötzlich klagend hervor, – -„wirst du es mir denn nicht endlich sagen?“ - -„Natürlich werde ich es dir sagen; deswegen habe ich doch alles das -erzählt, um es dir sagen zu können. Teuer bist du mir, Alexei, ich gönne -dich niemandem, ich kämpfe um dich, ich trete dich nicht deinem Sossima -ab!“ - -Iwan schwieg eine Zeitlang, und sein Gesicht ward über die Maßen -traurig. - -„Höre mich an: Ich habe nur die kleinen Kinder genommen, damit es -augenscheinlicher sei. Von den übrigen Tränen der Menschen, mit denen -die Erde von ihrer Kruste bis zum Mittelpunkt der Achse durchtränkt ist, -will ich weiter kein Wort reden, ich habe das Thema absichtlich -beschränkt. Ich bin, sagen wir, eine Wanze und gestehe mit meiner ganzen -Erniedrigung ein, daß ich nicht begreifen kann, wozu alles so -eingerichtet ist. Die Menschen tragen, wie sich erweist, selbst an allem -die Schuld: Ihnen ward das Paradies gegeben, sie aber wollten Freiheit -und raubten das Feuer vom Himmel, obgleich sie wußten, daß sie dadurch -unglücklich würden. Also ist kein Grund vorhanden, sie zu bemitleiden. -O, nach meinem armseligen, irdischen, euklidischen Verstande weiß ich -nur das eine, daß es Leiden gibt, Schuldige aber nicht, daß sich bei -allem eines aus dem anderen gerade und einfach ergibt, daß alles fließt -und sich aufwägt, – aber das ist nur eine euklidische Ente, das weiß ich -doch, und ich kann doch nicht einwilligen, danach zu leben! Was habe ich -davon, daß keine Schuldigen vorhanden sind, und daß sich alles gerade -und einfach eines aus dem anderen ergibt, und daß ich das weiß! Ich -brauche Vergeltung oder ich vernichte mich!! Und die Vergeltung nicht -irgendwo und irgendwann in der Unendlichkeit, sondern noch hier auf -Erden, so daß ich sie selbst sehen kann. Ich habe geglaubt, also will -ich auch mit eigenen Augen sehen, und wenn ich zu der Stunde schon tot -bin, so soll man mich auferstehen lassen – denn es wäre doch, wenn alles -ohne mich geschehen sollte, gar zu kränkend für mich. Will ich doch -nicht dazu gelitten haben, um mit meinen Verbrechen und meinen Leiden -für irgendeinen Anderen die zukünftige Harmonie zu düngen. Ich will mit -meinen Augen sehen, wie das Reh arglos neben dem Löwen ruht, und wie der -Ermordete aufsteht und seinen Mörder umarmt. Ich will dabei sein, wenn -alle plötzlich erfahren, warum und wozu alles so gewesen ist. Auf diesem -Wunsch beruhen alle Religionen der Erde. Ich aber glaube. Doch da sind -nun die kleinen Kinder, was soll ich mit ihnen anfangen? Das ist eine -Frage, die ich nicht zu beantworten vermag. Zum hundertstenmal sage ich -dir: Solcher Fragen gibt es in Unmenge, doch ich habe nur die Kinder -allein genommen, denn hierbei ist das, was ich zu sagen habe, -unwiderlegbar klar. Höre mich: Wenn alle leiden müssen, um damit die -ewige Harmonie zu erkaufen, so sag mir doch bitte, was das mit den -kleinen Kindern zu tun hat? Es bleibt unbegreiflich, warum auch sie -leiden müssen, und warum auch sie durch Leiden die Harmonie erkaufen -sollen. Warum sind auch sie zu Material gemacht, um für irgend jemanden -die zukünftige Harmonie zu düngen? Die Solidarität der Menschen in der -Sünde begreife ich sehr wohl, ich begreife auch die Solidarität in der -Vergeltung – aber doch nicht mit kleinen Kindern Solidarität in der -Sünde! Und wenn die Wahrheit wirklich darin besteht, daß sie mit ihren -Vätern in allen Verbrechen derselben solidarisch sind, so ist diese -Wahrheit, versteht sich, nicht von dieser Welt und ist für mich -unbegreiflich. Manch ein Spaßvogel wird wohl sagen, daß es schließlich -auf dasselbe hinauskäme: das Kind werde groß und hätte dann selbst -übergenug Zeit zum Sündigen. Aber dieser kleine Knabe wurde doch schon -im achten Lebensjahre von Hunden zerrissen ... O, Aljoscha, ich will -nicht lästern! Ich begreife doch, wie groß die Erschütterung des -Weltalls sein wird, wenn alles im Himmel, auf der Erde und unter der -Erde in einen einzigen Lobgesang zusammenfließt, wenn alles, was lebt, -und was gelebt hat, ausruft: ‚Gerecht bist du, o Herr, denn offenbar -sind jetzt deine Wege!‘ Wenn selbst die Mutter den Peiniger, der ihren -Sohn von Hunden hat zerreißen lassen, umarmt und alle drei mit Tränen -singen: ‚Gerecht bist du, o Herr,‘ – dann, ja dann ist die Krone alles -Wissens und Erkennens erworben, dann wird alles seine Erklärung finden. -Hier aber ist nun für mich der Haken, denn gerade das ist es, was ich -nicht annehmen kann. Und daher beeile ich mich, solange ich noch auf -Erden bin, meine Maßregeln zu ergreifen. Denn sieh, Aljoscha, es ist -doch möglich, daß ich, wenn ich diesen Augenblick noch erlebe oder von -den Toten auferweckt werde, um das alles zu sehen, – daß auch ich dann -beim Anblick der Mutter, die den Peiniger ihres Sohnes umarmt, mit allen -anderen zusammen ausrufe: ‚Gerecht bist du, o Herr!‘ Ich aber will das -nicht ausrufen. Und darum beeile ich mich, solange es noch Zeit ist, -Maßregeln zu ergreifen, und darum danke ich von vornherein für jede -höhere Harmonie. Ist sie doch keine einzige Träne jenes gequälten -kleinen Kindes wert, das sich mit der kleinen Faust an die kleine Brust -geschlagen und zu seinem ‚lieben Gottchen‘ gebetet hat. Sie ist es nicht -wert, denn diese Kindertränen sind unausgelöscht geblieben. Sie aber -müssen ausgelöscht werden, oder sonst gibt es keine Harmonie. Aber -womit, womit kannst du sie auslöschen? Ist das überhaupt möglich? Was -tut es schließlich, daß sie gerächt werden? Was tue ich mit der Rache, -wozu nützen mir die Höllenqualen der Peiniger, was kann die Hölle -hierbei wieder gutmachen, wenn das Kind schon zu Tode gequält ist? Und -wo bleibt dann die Harmonie, wenn es noch eine Hölle gibt? Ich will -verzeihen und umarmen und will nicht, daß noch gelitten wird. Und wenn -die Leiden der Kinder zur Ergänzung jener Summe von Leid, die zum Kauf -der Wahrheit erforderlich ist, hinzugerechnet werden müssen, so behaupte -ich im voraus, daß die Wahrheit diesen Preis nicht wert ist. Ich will -nicht, daß die Mutter den Peiniger ihres Sohnes umarmt! Wie darf sie es -wagen, ihm zu vergeben? Wenn sie will, kann sie für sich vergeben – mag -sie ihm ihr unermeßliches Mutterleid und alle ihre Schmerzen verzeihen: -doch die Leiden ihres von Hunden zerrissenen Kindes darf sie nicht -verzeihen, dazu hat sie kein Recht, und wenn auch ihr Kind selbst dem -Peiniger vergibt! Wenn das aber so ist, wenn man nicht verzeihen darf, -wo ist dann die Harmonie? Gibt es in der ganzen Welt ein Wesen, das -verzeihen könnte, das das Recht hätte, zu verzeihen? Ich will keine -Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Lieber bleibe ich bei -ungerächten Leiden. Lieber bleibe ich bei meinem ungerächten Leiden und -in meinem heiligen unstillbaren Zorn, _selbst wenn ich nicht im Recht -wäre_. Ist doch diese Harmonie gar zu teuer eingeschätzt! Wenigstens -erlaubt es mein Beutel nicht, so viel für den – Eintritt zu zahlen. -Darum aber beeile ich mich, mein Eintrittsbillett zurückzustellen. Und -wenn ich ein Mann von Ehre bin, so ist es meine Pflicht, dies sobald als -möglich zu tun. So tue ich es denn auch. Nicht Gott ist es, den ich -ablehne, Aljoscha, ich schicke ihm nur die Eintrittskarte ergebenst -zurück.“ - -„Das ist Empörung,“ sagte Aljoscha leise mit gesenktem Blick. - -„Empörung? Dieses Wort wünschte ich nicht von dir zu hören,“ sagte Iwan -empfindsam mit tiefem Blick auf den Bruder. „Kann man denn in der -Empörung leben? Ich aber will leben. Sage mir offen, ich rufe dich an, -antworte: Nehmen wir an, du selbst solltest das Gebäude des -Menschenschicksals errichten mit dem Ziel, zum Schluß alle Menschen zu -beglücken, ihnen endlich Ruhe und Frieden zu geben, doch zu dem Zweck -stünde dir unvermeidlich bevor, und wär’s auch nur ein einziges kleines -Wesen zu Tode zu quälen, sagen wir, dasselbe kleine Kind, das sich mit -der kleinen Faust an die kleine Brust schlug – auf dessen ungerächten -Tränen solltest du dieses Gebäude errichten, – würdest du es übernehmen, -unter dieser Bedingung der Baumeister des großen Gebäudes zu sein? Sage -es mir und lüge nicht!“ - -„Nein, ich würde es nicht übernehmen,“ sagte Aljoscha leise. - -„Und kannst du glauben, daß die Menschen, für die du baust, einwilligen -werden, ihr Glück auf Grund des ungerecht vergossenen Blutes jenes zu -Tode gehetzten Knaben zu empfangen? und daß sie dann ewig glücklich sein -können?“ - -„Nein, das kann ich nicht glauben ... Ach, Iwan,“ sagte Aljoscha -plötzlich mit aufleuchtenden Augen, „du fragtest vorhin: Gibt es in der -ganzen großen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, das das Recht hätte, -zu verzeihen? Aber dieses Wesen gibt es, und es kann alles vergeben, -allen und _für alles_, denn es selbst hat sein unschuldiges Blut für -alle und alles hingegeben. Du hast ihn vergessen, auf ihm aber wird sich -das Gebäude errichten und ihm wird man zurufen: ‚Gerecht bist du, o -Herr, denn deine Wege sind jetzt offenbar.‘“ - -„Ach, das ist es ja, der ‚Einzige Sündenlose‘ und ‚Sein Blut‘! Nein, ich -habe ihn nicht vergessen, im Gegenteil, ich wunderte mich die ganze -Zeit, warum du ihn noch nicht vorführtest, denn gewöhnlich ist Er das -erste, was deinesgleichen in allen derartigen Diskussionen nennen ... -Weißt du, Aljoscha, – du brauchst nicht zu lachen, die Sache ist ernst -–: Ich habe einmal, so etwa vor einem Jahr, ein Poem verfaßt. Wenn du -noch zehn Minuten mit mir verlieren wolltest, so könnte ich es dir -vielleicht erzählen.“ - -„Wie, du hast ein Gedicht geschrieben?“ - -„O nein, ist mir nicht eingefallen,“ antwortete Iwan lachend. „Ich habe -in meinem ganzen Leben bestimmt nicht einmal zwei Verse -zusammengebracht. Dieses ‚Poem‘ habe ich mir ganz einfach ausgedacht, -und, ohne es niederzuschreiben, behalten. Oh, ich habe es mir mit -Begeisterung ausgedacht! Du wirst also mein erster Leser sein oder sagen -wir Zuhörer. Nein, wirklich, warum soll sich der Autor einen Zuhörer -entgehen lassen, und wenn es nun noch gar der einzige in Frage kommende -ist,“ meinte Iwan lächelnd. „Soll ich also erzählen oder nicht?“ - -„Ich bin sehr gespannt,“ sagte Aljoscha. - -„Nun, mein Poem heißt; ‚Der Großinquisitor‘, – ein unsinniges Ding, aber -ich will es dir nun einmal erzählen.“ - - - V. - „Der Großinquisitor“ - -„Natürlich geht es auch hier nicht ohne Vorrede ab, ich meine, ohne ein -literarisches Vorwort, – hol’s der Kuckuck!“ begann Iwan lachend, „und -schließlich, was bin ich denn für ein Dichter! ... Also – die Handlung -spielt bei mir im sechzehnten Jahrhundert, damals aber – dir muß das -übrigens schon aus der Schule bekannt sein –, damals war es allgemein -gebräuchlich, die himmlischen Mächte in poetischen Darstellungen auf die -Erde zu bringen. Von Dante will ich nicht weiter reden. In Frankreich -waren es die Schreiber der Gerichtshöfe, die Passionsbrüderschaften und -in den Klöstern die Mönche, die ganze Vorstellungen gaben, in denen auf -der Szene die Madonna, Engel, Heilige, Christus und selbst Gott -dargestellt wurden. Damals war das alles naiv gemeint. In Victor Hugos -_Notre Dame de Paris_ wird unter Ludwig XI., zur Feier der Geburt des -Dauphins, in Paris, im Saale des Hotel de Ville, unentgeltlich dem Volke -eine erbauliche Vorstellung gegeben, unter dem Titel: ‚_Le bon jugement -de la très sainte et gracieuse Vierge Marie_‘, in der sie persönlich -erscheint und ihr _bon jugement_ verkündet. Auch bei uns in Moskau -wurden früher, vor Peter, eben solche dramatische Aufführungen -veranstaltet, vornehmlich nach Stoffen aus dem Alten Testament. Und so -gab es denn auch damals, als diese dramatischen Aufführungen so beliebt -waren, überall solche Geschichten, sogenannte ‚Poeme‘ und ‚Gedichte‘, in -denen je nach Bedarf Heilige, Engel und womöglich alle himmlischen -Mächte mitwirkten. In unseren Klöstern wurden diese Werke vielfach -übersetzt und abgeschrieben, oder man verfaßte ganz neue – und weißt du -auch, wann bereits? Zur Zeit des Tatarenjochs![17] Es gibt zum Beispiel -ein Klosterpoem – natürlich aus dem Griechischen: ‚Der Gang der Mutter -Gottes durch die Hölle‘, von einer Kühnheit der Phantasie, die der -danteschen wirklich nicht nachsteht. Die Mutter Gottes steigt hinab in -die Hölle, und der Erzengel Michael führt sie ‚durch die Qualen‘. Sie -sieht jeden Sünder in seiner Pein. Unter anderem gibt es dort auch eine -äußerst bemerkenswerte Kategorie von Sündern in einem brennenden See: -diejenigen, welche in diesem See bereits so weit versunken sind, daß sie -nicht mehr herausschwimmen können, von denen heißt es, daß ‚Gott sie -bereits vergäße‘ – es ist ein Ausdruck von ungewöhnlicher Tiefe und -Kraft. Und siehe, die erschütterte Mutter Gottes fällt weinend vor dem -Throne des Höchsten nieder und bittet ihn um Vergebung für alle, die sie -dort in der Hölle gesehen hat, für alle ohne Ausnahme. Ihr Gespräch mit -Gott ist ungemein interessant. Sie fleht; sie hört nicht auf zu flehen; -und wie Gott auf die durchbohrten Hände und Füße ihres Sohnes weist und -sie fragt: ‚Wie soll ich seinen Peinigern vergeben?‘ – da befiehlt sie -allen Heiligen, allen Märtyrern, allen Engeln und Erzengeln mit ihr -zusammen niederzuknien und um die Begnadigung aller ohne Ausnahme zu -flehen. Es endet damit, daß sie von Gott die Einstellung der Qualen in -jedem Jahr vom Karfreitag bis zum Pfingstsonntag erbittet, und da ertönt -aus der Hölle der Dank und der Lobgesang der Sünder, die laut zu ihm -rufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, da du also gerichtet hast.‘ Von der Art -wäre nun auch mein Poem gewesen, wenn ich es in jener Zeit verfaßt -hätte. Bei mir erscheint auf der Szene Er. Allerdings spricht Er kein -Wort, Er erscheint nur und geht vorüber. Fünfzehn Jahrhunderte sind seit -Seinem ersten Erscheinen vergangen, seit der Zeit, da Er den Menschen -versprach, wiederzukommen und sein Reich auf Erden zu errichten, -fünfzehn Jahrhunderte seit der Zeit, da Er, wie sein Jünger uns -berichtet, zu uns sagte, als Er noch unter ihnen wandelte: ‚Wahrlich, -ich komme bald. Von jenem Tage aber und der Stunde weiß nicht einmal der -Sohn, nur mein himmlischer Vater weiß es.‘ Doch die Menschheit erwartet -Ihn in demselben Glauben und mit derselben Sehnsucht wie früher. Was -sage ich! – in noch größerem Glauben erwartet sie Ihn, denn fünfzehn -Jahrhunderte sind schon seit der Zeit vergangen, da der Himmel dem -Menschen ein Unterpfand gab ... - - ‚Was das Herz dir saget, daran glaube: - Der Himmel gibt kein Unterpfand den Menschen.‘ - -Es ist wahr, es gab damals viele Wunder. Es gab Heilige, die wunderbare -Heilungen vollbrachten, und zu manchen frommen Einsiedlern stieg die -Himmelskönigin herab, wie wir aus vielen Lebensgeschichten wissen. Doch -auch der Teufel schlief nicht: und siehe, in der Menschheit erhoben sich -Zweifel an der Wahrheit dieser Wunder. Und da verbreitete sich im -Norden, in Deutschland, eine furchtbare neue Ketzerei. Ein großer Stern, -‚ähnlich einer Leuchte – das heißt also, der Kirche – fiel in die -Quellen der Wasser, und siehe, das Wasser ward bitter‘. Die Sekten -begannen gotteslästerlich die Wunder zu leugnen. Aber um so glühender -glauben die Treugebliebenen. Die Tränen der Menschen steigen nach wie -vor zu Ihm empor, man erwartet Ihn, man liebt Ihn, man hofft auf Ihn, -wie früher ... Und siehe, so viele Jahrhunderte haben die Menschen in -feurigem Glauben zu Ihm gebetet und Ihn angerufen: ‚Unser Herr und Gott, -erscheine uns!‘ daß Er in Seinem unermeßlichen Mitleid zu den Flehenden -herabsteigen will. War Er doch auch schon vordem herabgestiegen und zu -gar manchen Gerechten, Märtyrern und heiligen Einsiedlern gegangen, wie -wir es aus deren Lebensgeschichte wissen. Tjutscheff hat, vollkommen -überzeugt, daß es so war, folgenden Vers geschrieben: - - ‚Unter der Last des dreiendigen Kreuzes, - Inmitten der beiden verdammten Schächer, - Ging Christ der König, wie ein Verbrecher, - Der die Erde segnete.‘ - -Was natürlich auch so war, das sage ich dir von mir aus. Und siehe, Er -will in seiner Barmherzigkeit wenigstens auf einen Augenblick zum Volke -hinabsteigen, zu dem sich quälenden, dem leidenden, schmutzig-sündigen, -doch kindlich Ihn liebenden Volke. Die Handlung spielt bei mir in -Spanien, in Sevilla, zur Zeit der schrecklichsten Inquisition, als zum -Ruhme Gottes täglich Scheiterhaufen auf zum Himmel flammten, und endlos, -bei flackerndem Fackelschein, - - ‚In mächtigen, grausigen Zügen - Die Ketzer zogen zum Autodafé.‘ - -Er kam natürlich nicht so zu den Menschen, wie Er nach Seiner Verheißung -zu Ende der Zeiten in Seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird: -plötzlich, wie ein Blitz von Morgenrot zu Abendrot. Nein, Er will nur -auf einen Augenblick Seine Kinder wiedersehen, und zwar gerade dort, wo -die Scheiterhaufen der Ketzer prasseln, wo Flammenzungen Menschenblut -lecken. In Seiner unermeßlichen Barmherzigkeit wandelt Er noch einmal in -derselben Menschengestalt, in der Er vor fünfzehn Jahrhunderten -dreiunddreißig Jahre lang unter den Menschen erschienen war. Er -erscheint auf den ‚heißen Plätzen‘ der südlichen Stadt, in der noch am -Vorabend in Gegenwart des Königs, des ganzen Hofes, aller Granden, -Kardinäle und der schönsten Hofdamen, in Gegenwart der zahlreichen -Bevölkerung Sevillas, durch den greisen Kardinal, den Großinquisitor, -auf einmal fast ein ganzes Hundert Ketzer _ad majorem gloriam Dei_ -verbrannt worden war. Unmerklich ist Er plötzlich erschienen, und siehe, -– sonderbar – alle erkennen Ihn. Das könnte eine der besten Stellen des -Poems sein, ich meine, warum Ihn alle erkennen. Eine unbezwingbare Macht -zieht das Volk zu Ihm hin; es umringt Ihn und wächst mehr und mehr um -Ihn an und folgt Ihm, wohin Er geht. Er aber wandelt stumm unter ihnen -mit einem stillen Lächeln unermeßlichen Mitleids. Eine Sonne der Liebe -brennt in Seinem Herzen. Strahlen der Erleuchtung und der Kraft fließen -aus Seinen Augen, und jeden, über den sie sich ergießen, machen sie vor -Gegenliebe erbeben. Er streckt ihnen Seine Hände entgegen, Er segnet -sie, und von der Berührung Seiner Hände, ja auch nur von der Berührung -Seines Gewandes geht heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein -Greis, der von Geburt an blind ist, Ihn, der vorübergeht, laut an: -‚Herr, heile mich, auf daß auch ich dich schaue.‘ Und siehe, es fällt -wie Schuppen von seinen Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint -und küßt die Erde, auf der Er gestanden hat. Kinder streuen vor Ihm -Blumen; sie singen und rufen: ‚Hosianna!‘ ‚Das ist Er, Er selbst!‘ raunt -sich das Volk immer lauter und lauter zu, ‚das muß Er sein, das kann -kein anderer sein als Er!‘ – Da bleibt Er vor dem Portal der Kathedrale -von Sevilla stehen. Man trägt gerade unter Weinen und Wehklagen einen -weißen offenen Kindersarg in den Dom: in ihm liegt das tote -siebenjährige Töchterchen eines vornehmen Bürgers, sein einziges Kind. -Es liegt in weißen Blumen gebettet. ‚Er wird dein Kind erwecken‘, ruft -man aus der Menge der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem -Sarge ein Pater entgegen: er bleibt verwundert stehen und runzelt die -Brauen. Da aber wirft sich die Mutter des toten Kindes klagend Ihm zu -Füßen und sagt: ‚Bist du es, so erwecke mein Kind!‘ und flehend hebt sie -ihre Hände zu Ihm empor. Die Prozession bleibt stehen, der kleine Sarg -wird vor dem Portal der Kathedrale Ihm zu Füßen gelegt. Voll Mitleid -blickt er auf das tote Kind, und seine Lippen murmeln leise: ‚__Talitha -kumi__‘ – ‚stehe auf, Mädchen‘. Und das Mädchen erhebt sich im Sarge, -setzt sich und blickt lächelnd mit weit offenen verwunderten Augen um -sich. Ihre Hände pressen die weißen Rosen, mit denen sie im Sarge -gelegen hat, an die Brust. Im Volke Bestürzung, Schreien, Schluchzen und -– siehe da, da geht ... im selben Augenblick geht an der Kathedrale der -greise Kardinal, der grausame Großinquisitor vorüber. Es ist ein fast -neunzigjähriger Greis, hoch und aufrecht noch schreitet er, sein Gesicht -ist vertrocknet und runzlig, die Augen sind eingefallen, sie liegen -tief, doch noch glimmt in ihnen ein unheimliches Feuer, das unerwartete -Funken sprühen kann. Nicht in seinen prächtigen Kardinalsgewändern geht -er vorüber, in den leuchtenden Farben, in denen er gestern vor dem Volke -erschienen war, als er die Feinde des römischen Glaubens den Flammen -übergab. – Nein, in diesem Augenblick trägt er nur seine alte, grobe -Mönchskutte. Ihm folgen in angemessener Entfernung seine dunklen -Gehilfen und Sklaven und die ‚heilige‘ Wache. Nun bleibt er stehen vor -dem Volk und beobachtet aus der Ferne. Er sieht alles, er sieht, wie der -Sarg vor Seine Füße gestellt wird, er sieht, wie das Mädchen aufersteht, -und sein Gesicht verfinstert sich. Er runzelt die grauen, buschigen -Brauen, und sein Blick erglüht unheilverkündend. Er streckt seine Hand -aus und befiehlt den Wachen, Ihn zu ergreifen. Und siehe, so groß ist -seine Macht, und dermaßen unterwürfig und zitternd gehorsam ist ihm das -Volk, daß es vor den Wachen wortlos zurückweicht und diese, inmitten der -Grabesstille, Hand an Ihn legen und Ihn fortführen läßt. Und jäh beugt -sich die ganze Menge, wie ein Mann, bis zur Erde vor dem greisen -Großinquisitor. Der aber segnet schweigend das kniende Volk und geht -stumm vorüber. Die Wache jedoch führt den Gefangenen in ein enges, -dunkles, gewölbtes Verlies im alten Palaste des Heiligen Tribunals und -schließt ihn dort ein. Der Tag vergeht, es wird Nacht: ‚dunkle, dumpfe, -atemanhaltende, lautlose, sevillanische Nacht‘. Die Luft ist schwül von -Lorbeer- und Orangenduft. Und da, inmitten der tiefen, lautlosen Nacht -öffnet sich die eiserne Tür des Verlieses, und er, der Greis, der -Großinquisitor tritt langsam mit der Leuchte in der Hand über die -Schwelle. Er ist allein, hinter ihm schließt sich die Tür. Er steht und -blickt lange schweigend in Sein Gesicht. Endlich tritt er unhörbar -näher, stellt die Leuchte auf den Tisch und fragt Ihn: - -„‚Bist Du es? Du?‘ Und da er keine Antwort erhält, fügte er schnell -hinzu: ‚Antworte nicht, schweige. Was könntest du auch sagen? Ich weiß -nur zu gut, was Du sagen würdest. Aber Du hast nicht einmal das Recht, -zu dem noch etwas hinzuzufügen, was von Dir schon früher gesagt worden -ist. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen, -uns zu stören! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen sein -wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: Bist Du -Er, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Doch morgen noch werde ich Dich -richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen -verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküßt hat, -wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen -hinstürzen, um gierig die glühenden Kohlen zu schüren, – weißt Du das? -Ja, vielleicht weißt Du es,‘ fügt er in Nachdenken versunken hinzu, ohne -aber auch nur auf eine Sekunde den durchdringenden Blick von seinem -Gefangenen abzuwenden.“ - -„Ich verstehe nicht ganz, Iwan, – was soll das?“ fragte lächelnd -Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. „Ist das einfach -uferlose Phantasie, oder ist es irgendein Irrtum des Alten, ein -unmögliches _qui pro quo_?“ - -„Nimm meinetwegen das letztere an,“ sagte Iwan lachend, „wenn dich unser -zeitgenössischer Realismus bereits dermaßen verwöhnt hat, daß du nichts -Phantastisches mehr ertragen kannst. Wenn du willst, also _qui pro quo_, -mag es meinetwegen so sein. Es ist ja wahr,“ sagte er, sichtlich -erheitert, „der Alte ist doch ein neunzigjähriger Greis und hat -vielleicht schon längst über seinen Ideen den Verstand verloren. Der -Gefangene aber hat ihn wohl durch sein Aussehen betroffen gemacht, wie? -Oder schließlich konnte es ja auch einfach Fieberwahn sein, die -Halluzination eines neunzigjährigen Greises kurz vor dem Tode – oder -auch nur eine Nachwirkung der Erregung vom vergangenen Tage. Aber kann -es denn uns beiden nicht ganz gleich sein, ob es _qui pro quo_ oder -uferlose Phantasie ist? Hier handelt es sich doch nur darum, daß der -Alte sich endlich aussprechen muß! Er muß doch wenigstens einmal das -laut aussprechen, worüber er runde neunzig Jahre geschwiegen hat.“ - -„Und der Gefangene schweigt gleichfalls? Sieht ihn an und sagt kein -Wort?“ - -„Kein einziges Wort, und so muß es sogar unbedingt sein,“ sagte Iwan -wieder lachend. „Der Alte sagt Ihm doch selbst, daß er nicht einmal das -Recht habe, etwas zu dem hinzuzufügen, was er schon früher gesagt hat. -Wenn du willst, so liegt gerade darin der Grundzug des römischen -Katholizismus. Wenigstens fasse ich ihn so auf. Mit anderen Worten: ‚Du -hast alles dem Papst übergeben, und folglich liegt jetzt alles beim -Papst, Du aber komme überhaupt nicht wieder, störe uns wenigstens nicht -mehr!‘ In diesem Sinne reden sie ja nicht nur, sondern schreiben sie -sogar, wenigstens die Jesuiten. Ich habe es selbst in den Schriften -ihres Gottesgelahrten gelesen. ‚Hast Du das Recht, uns auch nur eines -der Geheimnisse jener Welt, aus der Du gekommen bist, aufzudecken?‘ -fragt Ihn mein Greis, und er gibt Ihm statt Seiner die Antwort auf die -eigene Frage: ‚Nein, dieses Recht hast Du nicht, denn das hieße Neues zu -dem, was Du schon früher gesagt hast, hinzufügen, und den Menschen die -Freiheit nehmen, für die Du so eingestanden bist, als Du noch auf Erden -warst. Alles, was Du Neues verkünden könntest, würde ein Eingriff in die -Glaubensfreiheit der Menschen sein, denn es würde als Wunder erscheinen, -und die Freiheit ihres Glaubens war Dir damals vor anderthalb -Jahrtausenden das Teuerste. Warst Du es nicht, der damals so oft sagte: -„Ich will euch frei machen“? Jetzt hast Du sie gesehen, diese freien -Menschen!‘ fügt der Greis plötzlich mit nachdenklichem, spöttischem -Lächeln hinzu ... ‚Ja, dies zu erreichen, war schwer, es hat uns viel -gekostet,‘ fährt er dann fort, ohne seinen strengen Blick von Ihm -abzuwenden, ‚doch wir haben es schließlich vollendet, in Deinem Namen. -Anderthalb Jahrtausende haben wir uns mit dieser Freiheit gequält, doch -jetzt ist das überwunden und gut überwunden. Du glaubst nicht, daß es -gut überwunden ist? Du blickst mich milde und sanftmütig an und würdigst -mich nicht einmal Deines Unwillens? So höre denn, daß gerade jetzt diese -Menschen mehr denn je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein. Sie haben -uns eigenhändig ihre Freiheit gebracht und sie gehorsam und unterwürfig -uns zu Füßen gelegt. Doch das ist unser Werk. Oder war es das, was auch -Du wolltest, war es diese Freiheit? ...‘“ - -„Ich verstehe wieder nicht,“ unterbrach ihn Aljoscha, „ist das von ihm -ironisch gesagt, will er sich über Ihn lustig machen?“ - -„Fällt ihm nicht ein. Er rechnet es sich und den Seinen vollkommen im -Ernst zum Verdienst an, daß sie – endlich einmal! – die Freiheit besiegt -haben, und daß sie dies nur zu dem einen Zweck getan hatten, um die -Menschen glücklich zu machen. ‚Denn erst jetzt‘ – er meint natürlich die -Inquisition – ‚ist es zum erstenmal möglich, auch an das Glück der -Menschen zu denken. Der Mensch war als Empörer geschaffen; können aber -Empörer glücklich sein? Du wurdest gewarnt,‘ sagt der Greis zu Ihm, ‚Du -littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen, doch Du achtetest -der Warnungen nicht, und Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem man -die Menschen hätte glücklich machen können, Du verwarfst ihn. Doch zum -Glück gingst Du fort und übergabst die Arbeit uns. Du verhießest, Du -bestätigtest es durch Dein Wort, Du gabst uns das Recht, zu binden und -zu lösen, und kannst es Dir selbstverständlich nicht einfallen lassen, -dieses Recht uns jetzt wieder abzunehmen. Warum also bist Du gekommen, -uns zu stören?‘“ - -„Was bedeutet das: ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und -Fingerzeigen‘?“ fragte Aljoscha. - -„Dieser Punkt ist der wichtigste, über den mußt Du den Alten sich -aussprechen lassen,“ sagte Iwan. „Und der Alte fuhr fort zu Ihm: - -„‚Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und -des Nichtseins, der große Geist sprach zu Dir in der Wüste. Und wie die -Schriften uns überliefern, hat er Dich _versucht_. War das so? Und wäre -es möglich, etwas Wahreres zu sagen als das, was er Dir in seinen drei -Fragen vorlegte, und was Du verwarfst, und was in den Schriften -„Versuchungen“ genannt wird? Doch ich sage Dir, wenn jemals auf Erden -ein wirkliches, ein nie wieder dagewesenes, wahrlich gewittermäßiges -Wunder sich begeben hat, so war es dasjenige an jenem Tage, am Tage -dieser drei Versuchungen! Gerade in der Erscheinung dieser drei Fragen -bestand das Wunder. Wenn es möglich wäre, sich vorzustellen, nur zur -Probe und zum Beispiel, daß diese drei Fragen des furchtbaren Geistes -aus den Büchern spurlos verschwänden, und daß man sie also von neuem -erdenken und formen müßte, um sie wieder in die Schriften einzutragen, -und zu dem Zweck alle Weisen der Erde, Herrscher, Priester, Gelehrte, -Philosophen, Dichter versammelte und zu ihnen sagte: Löst die Aufgabe, -erdenkt und formt drei Fragen, doch solche, die nicht nur der Größe -dieses Ereignisses gleichkommen, sondern die noch außerdem in drei -Worten, nur in drei menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte -der Welt und der Menschheit ausdrücken – was meinst Du wohl, könnte die -ganze Weisheit der Erde zusammengenommen und vereint etwas ersinnen, das -an Kraft, Macht und Tiefe jenen drei Fragen, die Dir der mächtige und -kluge Geist in der Wüste tatsächlich vorgelegt hat, auch nur annähernd -ähnlich wäre? Schon allein an diesen Fragen, an dem Wunder ihrer -sichtbaren Gestaltung, begreift der Mensch, daß er es nicht mit einem -menschlichen fließenden Verstande zu tun hat, sondern mit einem ewigen -und absoluten Geist. Denn wahrlich, in diesen drei Fragen ist die ganze -weitere Menschengeschichte gleichsam in ein einziges Ganzes -zusammengefaßt und vorhergesagt, und sind kundgetan drei Dinge, in denen -alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur -zusammentreffen. Damals konnte man das noch nicht wissen, denn das -Zukünftige war unbekannt. Jetzt aber, da anderthalb Jahrtausende -vergangen sind, sehen wir, daß in diesen drei Fragen alles dermaßen -richtig erraten und vorausgesagt ist, daß sich nichts weder zu ihnen -hinzufügen noch von ihnen abstreichen läßt.‘ - -„‚Entscheide selbst, wer damals recht hatte: Du oder jener, der Dich -damals befragte? Erinnere Dich der ersten Frage. Ihr Sinn, wenn auch -nicht ihr Wortlaut war folgender: „Du willst in die Welt gehen und gehst -mit leeren Händen, mit irgendeiner Freiheitsverheißung, die sie in ihrer -Einfalt und angeborenen Stumpfheit nicht einmal begreifen können, vor -der sie sich fürchten, und die sie schreckt, – denn für den Menschen und -die menschliche Gemeinschaft hat es niemals und nirgends etwas -Unerträglicheres gegeben als die Freiheit! Siehst Du dort jene Steine in -dieser nackten, verdorrten Wüste? Verwandle sie in Brote, und die -Menschheit wird Dir wie eine Herde nachlaufen, wie eine edelmütige und -gehorsame Herde, wenn sie auch ewig zittern wird vor Furcht, Du könntest -Deine Hand zurückziehen, und Deine Brote hätten dann ein Ende.“ Du aber -wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben, und Du verschmähtest -den Vorschlag, denn was ist das für eine Freiheit, dachtest Du, wenn der -Gehorsam mit Broten erkauft wird? Und Deine Antwort war: „Der Mensch -lebt nicht von Brot allein ...“ Aber weißt Du auch, daß im Namen dieses -Erdenbrotes der Erdgeist sich gegen Dich erheben, mit Dir kämpfen und -Dich besiegen wird, und alle ihm folgen und ausrufen werden: „Wer -gleicht ihm wohl? er gab uns das Feuer vom Himmel!“ Weißt Du auch, daß, -wenn Jahre, Jahrhunderte vergangen sind, die Menschheit durch den Mund -ihrer Weisheit und Wissenschaft verkünden wird, daß es Verbrechen -überhaupt nicht gibt, und folglich auch keine Sünde, dafür aber -Hungrige. „Sättige sie zuerst, dann kannst Du von ihnen Tugenden -verlangen!“ werden sie auf ihre Fahne schreiben, die sie gegen Dich -erheben, und durch die Dein Tempel stürzen wird. An der Stelle Deines -Tempels wird sich ein neues Gebäude erheben, wird der furchtbare -babylonische Turm gebaut werden, und obgleich auch der, ganz wie der -frühere, nicht vollendet werden wird, so hättest Du doch diesen neuen -Turm vermeiden und die Leiden der Menschen um tausend Jahre abkürzen -können, – denn zu wem sonst, wenn nicht zu uns, sollen sie kommen, -nachdem sie sich tausend Jahre lang mit ihrem Turme abgequält haben! Sie -werden uns dann wieder unter der Erde hervorsuchen, uns, die in den -Katakomben sich Verbergenden – denn man wird uns wieder verfolgen und -martern –, sie werden uns finden und uns anflehen: „Sättigt uns, denn -die, so uns das Feuer des Himmels versprachen, haben es uns nicht -gegeben.“ Und dann werden wir ihren Turm auch vollenden, denn vollenden -wird derjenige, der den Hunger stillt, den Hunger aber stillen werden -nur wir, in Deinem Namen, und wir werden lügen, daß es in Deinem Namen -geschehe. Oh, niemals, niemals werden sie aus eigener Kraft ihren Hunger -stillen können! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie -frei bleiben, und so wird es denn damit enden, daß sie ihre Freiheit uns -zu Füßen legen und sagen werden; „Knechtet uns, aber macht uns satt.“ -Sie werden schließlich begreifen, daß Freiheit zusammen mit genügend -Brot nicht für jeden erreichbar ist, denn niemals, niemals werden sie -verstehen, untereinander zu teilen! Desgleichen werden sie sich -überzeugen, daß sie auch niemals werden frei sein können, denn sie sind -kraftlos, lasterhaft, niedrig, und sind Empörer! Du versprachst ihnen -himmlisches Brot, ich aber frage Dich nochmals: Kann sich dieses Brot in -den Augen des schwachen, ewig verderbten und ewig undankbaren -Menschengeschlechts mit irdischem Brote messen? Und wenn Dir um des -himmlischen Brotes willen Tausende und Zehntausende nachfolgen, was soll -dann mit den Millionen und Milliarden von Wesen geschehen, die nicht die -Kraft haben, das Erdenbrot um des Himmelsbrotes willen zu verachten? -Oder sind dir nur die Zehntausende der Großen und Starken teuer, die -übrigen Millionen aber, die unzählig sind wie der Sand am Meer, die -Schwachen, doch Dich Liebenden, sollen die dann nur zum Material für die -Großen und Starken dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie -sind lasterhaft und sind Empörer, aber zum Schluß werden sie gehorsam -werden. Sie werden sich über uns wundern und uns für Götter halten, weil -wir, die wir uns an ihre Spitze stellen, eingewilligt haben, die -Freiheit zu ertragen, diese Freiheit, die ihnen solche Furcht einflößt, -und weil wir einwilligen, über sie zu herrschen, – ja so furchtbar wird -es ihnen zum Schluß werden, frei zu sein! Wir aber werden sagen, wir -gehorchten _Dir_ und herrschten nur in _Deinem_ Namen. Wir werden sie -wieder betrügen, denn Dich werden wir nicht mehr zu uns einlassen. Und -in diesem Betruge wird unser Leiden bestehen, denn wir werden lügen -müssen. Das war es, was diese erste Frage der Wüste bedeutete, und was -Du im Namen der Freiheit, die Du über alles stelltest, verschmähtest. -Währenddessen aber lag in der Frage das große Geheimnis dieser Welt. -Hättest Du die „Brote“ angenommen, so hättest Du die Menschen von ihrer -ewigen Seelenangst erlöst, denn du hättest diese eine Frage, die -wichtigste jedes einzelnen Menschen wie der ganzen Menschheit, die so -sehnsüchtig nach Antwort verlangt, beantwortet, – die Frage: „was sollen -wir anbeten?“ Es gibt keine unaufhörlichere und quälendere Sorge für den -Menschen, als, wenn er frei bleibt, etwas zu finden, vor dem er sich -beugen kann. Doch sucht der Mensch sich nur vor so etwas zu beugen, das -bereits keinem Zweifel an seine Anbetungswürdigkeit unterworfen ist, auf -daß alle Menschen sofort gleichfalls bereit seien, dasselbe gemeinsam -anzubeten. Denn die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe besteht nicht nur -darin, etwas zu finden, was dieser oder jener anbeten kann, sondern -unbedingt so etwas, das alle sofort gleichfalls anbeten wollen, -unbedingt _alle zusammen_! Gerade dieses Bedürfnis der _gemeinsamen_ -Anbetung ist seit Anfang der Zeiten die größte Qual des Menschen -gewesen, ob wir ihn als einzelnes Wesen oder als ganze Rasse nehmen. Um -der gemeinsamen Anbetung willen haben sich die Menschen gegenseitig in -grausamen Kämpfen zerfleischt. Sie schufen Götter und riefen einander -zu: „Verlaßt eure Götter und kommt, um die unsrigen anzubeten, oder Tod -und Verderben euch und euren Göttern!“ Und also wird es sein bis zum -Ende der Welt, selbst dann, wenn aus der Welt die Götter verschwinden: -gleichviel, dann wird man sich vor Götzen niederwerfen. Du kanntest -dieses Geheimnis der menschlichen Natur, Du konntest es unmöglich nicht -kennen, doch Du verschmähtest das einzige Positive, das Dir -vorgeschlagen wurde, um alle zu zwingen, sich widerspruchslos vor Dir zu -beugen: das irdische Brot, und Du verschmähtest es um der Freiheit und -des himmlischen Brotes willen. So siehe doch, was Du weiter getan hast. -Und wieder alles im Namen der Freiheit! Ich sage Dir, der Mensch kennt -keine quälendere Sorge als die, einen zu finden, dem er möglichst -schnell jenes Geschenk der Freiheit, mit dem er als unglückliches -Geschöpf geboren wird, übergeben kann. Doch die Freiheit der Menschen -erobert nur der, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brote wurde Dir eine -unbestreitbare Macht angeboten: gibst Du Brot, so wird sich der Mensch -vor Dir beugen, denn es gibt nichts Positiveres als Brot; wenn aber zu -gleicher Zeit irgendein anderer hinter Deinem Rücken sein Gewissen -erobert – oh, dann wird er selbst Dein Brot verlassen und jenem folgen, -der sein Gewissen umstrickt. Darin hattest Du recht. Denn das Geheimnis -des menschlichen Seins liegt nicht in dem bloßen Leben, sondern im Zweck -des Lebens. Ohne eine feste Vorstellung zu haben, wozu er leben soll, -wird der Mensch nie einwilligen, zu leben, und er wird sich eher -vernichten, als daß er auf Erden leben bliebe – selbst dann, wenn auch -um ihn herum Brote in Fülle wären. Das ist nun einmal so. Aber was ergab -sich aus Deiner Weigerung? Anstatt die Freiheit der Menschen unter Deine -Herrschaft zu beugen, hast Du sie ihnen noch vergrößert! Oder hattest Du -vergessen, daß Ruhe und selbst der Tod dem Menschen lieber sind als -freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Es gibt nichts -Verführerisches für den Menschen als die Freiheit seines Gewissens, doch -gibt es auch nichts Quälenderes für ihn. Und siehe, anstatt fester -Grundlagen zur Beruhigung des menschlichen Gewissens, ein für allemal – -wähltest Du alles, was es Ungewöhnliches, Rätselhaftes und Unbestimmtes -gibt, nahmst Du alles, was über die Kräfte der Menschen ging und -handeltest daher, als ob Du sie überhaupt nicht geliebt hättest. Wer -aber war es, der das tat? Der, der gekommen war, Sein Leben für sie -hinzugeben! Anstatt Dir die menschliche Freiheit zu unterwerfen, hast Du -sie noch vergrößert, hast Du sie vervielfacht und hast mit ihren Qualen -das Seelenreich des Menschen auf ewig belastet. Dich gelüstete nach -freier Liebe des Menschen, auf daß er Dir frei folge, bezaubert und -gebannt durch Dich. Statt nach dem festen alten Gesetz, sollte der -Mensch hinfort mit freiem Herzen selbst entscheiden, was Gut und was -Böse ist, wobei er nur Dein Vorbild als einzige Richtschnur vor sich -hatte. Aber hast Du wirklich nicht daran gedacht, daß er schließlich -doch auch Dein Vorbild und Deine Wahrheit verwerfen und sie bestreiten -wird, wenn man ihn mit einer so furchtbaren Last, wie der Freiheit der -Wahl, bedrückt? Die Menschen werden ausrufen, daß die Wahrheit nicht in -Dir sei, denn es war unmöglich, sie in größerer Verwirrung und Qual -zurückzulassen, als Du es getan hast, da Du ihnen soviel Sorgen und -unlösbare Aufgaben hinterließest. Auf diese Weise hast Du selbst den -Grund zum Sturze Deiner Herrschaft gelegt, und so beschuldige denn auch -niemanden außer Dir. Was aber wurde Dir angeboten? Es gibt drei Mächte, -es sind die einzigen drei Mächte auf Erden, die das Gewissen dieser -kraftlosen Empörer zu ihrem Glück auf ewig besiegen und bannen können, – -das sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du verwarfst das -eine, wie das andere und auch das dritte, und zeigtest dies deutlich im -Beispiel. Als der furchtbare und wissende Geist Dich auf die Zinne des -Tempels führte und zu Dir sprach: „Wenn Du wissen willst, ob Du Gottes -Sohn bist, so stürze Dich hinab, denn es ist gesagt von Ihm, daß Engel -Ihn auffangen und tragen würden, damit Er seinen Fuß an keinen Stein -stoße: Du wirst dann erfahren, ob Du Gottes Sohn bist, und wirst dann -beweisen, wie groß Dein Glaube an Deinen Vater ist“. Du aber wiesest die -Versuchung von Dir, Du unterlagst ihr nicht und stürztest Dich nicht -hinab. Oh, natürlich, Du handeltest stolz und mächtig wie ein Gott, aber -sind denn die Menschen, sind denn diese schwachen Geschöpfe mit den -Empörerinstinkten, – sind denn das Götter? Oh, Du wußtest gar wohl, daß -Du, wenn Du nur einen Schritt getan hättest, nur eine Bewegung, um Dich -hinabzustürzen, Du sofort Gott versucht und Deinen ganzen Glauben an ihn -verloren hättest und an der Erde zerschellt wärest, an derselben Erde, -die zu retten Du gekommen warst, und der kluge Geist, der Dich -versuchte, hätte seine Freude daran gehabt. Ich aber frage Dich -nochmals: Gibt es denn viele solcher wie Du? Und hast Du wirklich nur -einen Augenblick glauben können, daß auch die Menschen einer ähnlichen -Versuchung widerstehen würden? Ist denn die Natur des Menschen so -geschaffen, daß er das Wunder zurückweisen und selbst in so furchtbaren -Lebensaugenblicken, in den Augenblicken seiner fundamentalen, -schrecklichsten und quälendsten Seelenfragen, mit der freien -Entscheidung seines Herzens auskommen könnte? Oh, Du wußtest, daß Deine -Tat in den Schriften aufbewahrt werden würde, und daß sie die letzte -Tiefe der Zeiten und die letzten Grenzen der Erde erreichen wird, und Du -hofftest, daß der Mensch, wenn er Dir folgt, mit Gott bleiben und des -Wunders nicht bedürfen werde. Doch Du wußtest nicht, daß der Mensch, -sobald er das Wunder verwirft, sofort auch Gott verwirft, denn der -Mensch sucht nicht so sehr Gott, als er Wunder sucht. Und da der Mensch -nicht die Kraft hat, ohne Wunder auszukommen, so wird er sich neue -Wunder schaffen, bereits selbst ausgedachte Wunder, und wird das Wunder -der Zauberer, die Hexerei alter Weiber anbeten, wenn er auch hundertmal -Empörer, Ketzer und ein Gottloser ist. Du stiegst nicht herab vom -Kreuze, als man Dir mit Spott und Hohn zurief: „Steige herab vom Kreuze, -und wir werden glauben, daß Du Gottes Sohn bist“. Du aber stiegst nicht -herab, weil Du wiederum den Menschen nicht durch ein Wunder zum Sklaven -machen wolltest, weil Dich nach freier und nicht nach durch Wunder -erzwungener Liebe verlangte. Dich dürstete nach freier Liebe, nicht nach -knechtischem Entzücken vor der Macht, die ihm ein für allemal Furcht -eingeflößt hat. Aber auch hierin hast Du die Menschen gar zu hoch -eingeschätzt, denn Sklaven sind sie, das sage ich Dir, wenn sie auch als -Empörer geschaffen sind. Blicke um Dich und urteile selbst: Da sind nun -anderthalb Jahrtausende vergangen, gehe hin und sieh sie Dir an: Wen -hast Du bis zu Dir emporgehoben? Ich schwöre Dir, der Mensch ist -schwächer und niedriger geschaffen, als Du von ihm geglaubt hast. Wie -soll er denn dasselbe erfüllen, was Du erfüllt hast? kann er das -überhaupt? Da Du ihn so hoch einschätztest, handeltest Du, als ob Du -kein Mitleid mehr mit ihm gehabt hättest, denn Du verlangtest gar zu -viel von ihm, – und wer war es, der das tat? Derselbe, der ihn mehr als -sich selbst liebte! Hättest Du ihn weniger geachtet, so hättest Du auch -weniger von ihm verlangt, das aber wäre der Liebe näher gekommen, denn -seine Bürde wäre leichter gewesen. Er ist schwach und gemein. Was will -es besagen, daß er sich jetzt allerorten gegen unsere Macht empört und -auf seine Empörung stolz ist? Das ist der Stolz eines Kindes, eines -unreifen Schulknaben. Das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse -empört und den Lehrer hinausgejagt haben. Aber auch der Triumph der -Schulkinder wird ein Ende haben, und er wird ihnen teuer zu stehen -kommen. Sie werden die Tempel einäschern und die Erde mit Blut -überschwemmen. Und die dummen Kinder werden schließlich ahnen, daß sie -doch nur kraftlose Empörer sind, die ihre eigene Empörung nicht ertragen -können. Sie werden sich unter dummen Tränen gestehen, daß derjenige, -welcher sie als Empörer geschaffen hat, zweifellos sich über sie hat -lustig machen wollen. Sie werden sich das in Verzweiflung sagen, und -ihre Worte werden eine Gotteslästerung sein, die sie noch unglücklicher -machen wird, denn die menschliche Natur erträgt keine Gotteslästerung, -und zu guter Letzt straft sie sich selbst dafür. Also ist nichts als -Unruhe, Verwirrung und Unglück den Menschen zuteil geworden, nachdem Du -soviel für ihre Freiheit gelitten hast! Dein großer Prophet sagt in der -Allegorie seiner Vision, er hätte alle gesehen, die in der ersten -Auferstehung auferstehen würden, und es seien je zwölftausend aus jedem -Stamm gewesen. Doch wenn es ihrer nur so wenige waren, so waren auch sie -gewissermaßen nicht Menschen, sondern Heilige, sondern Götter. Sie haben -Dein Kreuz erduldet, sie haben jahrzehntelang hungrige, nackte Wüste -ertragen, sich nur von Heuschrecken und Wurzeln genährt, – und, versteht -sich, Du kannst nun stolz auf diese Kinder der Freiheit, der Freiheit in -der Liebe und der Freiheit im großen Opfer um Deines Namens willen, -hinweisen. Vergiß aber nicht, daß ihrer im ganzen nur wenige Tausende -waren, und noch dazu – Götter! Wo aber sind die übrigen? Worin besteht -die Schuld der übrigen schwachen Menschen, daß sie nicht dasselbe haben -ertragen können, was die Starken ertragen haben? Worin liegt die Schuld -der schwachen Seele, daß es über ihre Kräfte geht, so furchtbare -Geschenke anzunehmen? Kamst Du denn wirklich nur zu den Auserwählten und -für die Auserwählten? Wenn das wahr ist, so ist es ein Geheimnis, das -nicht wir durchschauen können. Wenn es aber ein Geheimnis ist, so waren -auch wir im Recht, das Geheimnis zu verkünden und sie zu lehren, daß -nicht die freie Entscheidung ihrer Herzen und nicht die Liebe wichtig -ist, sondern eben das Geheimnis, dem sie blind gehorchen müssen, und sei -es auch gegen ihr Gewissen. Und so haben wir getan. Wir haben Deine Tat -verbessert und sie auf dem _Wunder_, dem _Geheimnis_ und der _Autorität_ -aufgebaut. Und die Menschen freuten sich, daß sie wieder wie eine Herde -geführt wurden, und daß von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare -Geschenk, das ihnen soviel Qual gebracht hatte, genommen wurde. Waren -wir im Recht, als wir so lehrten und handelten? Sprich! Haben wir denn -nicht die Menschheit geliebt, da wir so bescheiden ihre Kraftlosigkeit -erkannten, liebevoll die Bürde des Menschen erleichterten und seiner -schwachen Natur sogar die Sünden erließen? Warum nun bist Du gekommen, -uns zu stören? Und warum blickst Du mich so stumm und tief mit Deinen -stillen Augen an? Sei zornig. Ich will Deine Liebe nicht, denn ich -selbst liebe Dich nicht. Und was sollte ich wohl vor Dir verbergen? Oder -weiß ich nicht, mit wem ich rede? Was ich Dir zu sagen habe, ist Dir -schon bekannt, das lese ich in Deinen Augen. Und sollte ich etwa unser -Geheimnis vor Dir verbergen? Vielleicht willst Du es gerade von meinen -Lippen vernehmen? So höre denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit -_ihm_, das ist unser Geheimnis! Schon lange sind wir nicht mit Dir, -sondern mit _ihm_, schon seit acht Jahrhunderten. Es sind nun acht -Jahrhunderte her, da wir von _ihm_ das nahmen, was Du unwillig von Dir -wiesest, jene letzte Gabe, die er Dir anbot, als er Dir alle Erdenreiche -zeigte: Wir nahmen von ihm Rom und das Schwert der Cäsaren, und wir -erklärten, daß nur wir allein die Herren dieser Welt seien, die einzigen -Herrscher der Erde, wenn wir auch unser Werk bis jetzt noch nicht -vollendet haben. Doch wessen Schuld ist das? Oh, unser Werk ist bis -jetzt nur im Anfangsstadium, immerhin ist es schon begonnen worden. -Lange noch wird man auf die Vollendung des Werkes warten müssen, und -viel wird die Erde inzwischen leiden, doch wir werden unser Ziel -erreichen und werden Cäsaren sein, und dann werden wir an das universale -Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du auch damals schon das -Schwert der Cäsaren nehmen können. Warum verwarfst Du diese letzte Gabe? -Hättest Du diesen dritten Ratschlag des mächtigen Geistes angenommen, so -hättest Du alles geschaffen, was der Mensch auf Erden sucht: hättest ihm -gegeben, vor wem er sich beugen, wem er sein Gewissen einhändigen kann, -und auf welche Weise sich endlich alle Menschen zu einem einzigen, -einstimmigen Ameisenhaufen vereinigen könnten. Denn das Bedürfnis nach -der universalen Vereinigung ist die dritte und letzte Qual der Menschen. -In der Gesamtheit hat die Menschheit immer danach gestrebt, sich -unbedingt welteinheitlich einzurichten. Viel große Völker mit großer -Geschichte hat es gegeben, doch je höher diese Völker standen, um so -unglücklicher waren sie, denn um so stärker erkannten oder empfanden sie -die Notwendigkeit der allweltlichen Vereinigung der Menschen. Große -Eroberer, die Timur und die Dschingis-Chan, zogen wie Wetterwolken mit -Wirbelsturm über die Erde, in dem Bestreben, die Welt zu erobern, und -auch sie drückten, wenn auch unbewußt, dasselbe mächtige Bedürfnis der -Menschheit nach der allgemeinen und weltumfassenden Vereinigung aus. -Hättest Du das Schwert und den Purpur des Herrschers genommen, so -hättest Du die Weltherrschaft begründet und der Welt den Frieden -gegeben. Denn wahrlich, wer sollte wohl sonst über die Menschen -herrschen, wenn nicht diejenigen, in deren Händen ihr Gewissen und ihre -Brote sind? Und so nahmen wir das Schwert der Cäsaren, da wir es aber -nahmen, verwarfen wir natürlich Dich und folgten _ihm_. Oh, es werden -noch Jahrhunderte des Unfugs ihres freien Verstandes, ihrer Wissenschaft -und der Menschenfresserei vergehen – denn wenn sie ihren babylonischen -Turm ohne uns beginnen, werden sie mit der Menschenfresserei enden. Dann -aber wird das Tier zu uns herankriechen, und es wird uns die Füße -lecken, und sie mit den blutigen Tränen seiner Augen netzen. Und wir -werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben, und auf ihm wird -geschrieben stehen: „Geheimnis!“ Doch dann erst, dann erst wird für die -Menschen die Herrschaft der Ruhe und des Glücks beginnen. Du bist stolz -auf Deine Auserwählten, doch Du hast eben nur Auserwählte, wir aber -werden Allen Ruhe geben. Und das ist noch nicht alles, o nein: wie viele -von diesen Auserwählten, von den Starken, die Auserwählte hätten werden -können, ermüdeten schließlich in der Erwartung Deiner, und brachten und -bringen die Kraft ihres Geistes und die Glut ihres Herzens auf ein -anderes Ackerfeld und endigen damit, daß sie gegen Dich, gerade gegen -Dich ihre _freie_ Fahne erheben. Doch Du selbst hast diese Fahne -erhoben. Bei uns jedoch werden Alle glücklich sein, und sie werden sich -weder empören noch sich gegenseitig vernichten, wie sie es in Deiner -Freiheit allerorten tun. Oh, wir werden sie überzeugen, daß sie bloß -dann frei sein werden, wenn sie sich von ihrer Freiheit zu unseren -Gunsten lossagen und sich uns unterwerfen. Nun sage: Werden wir recht -haben, oder wird das gelogen sein? Nein, sie werden sich selbst -überzeugen, daß wir recht haben, denn sie werden sich erinnern, bis zu -welchem Entsetzen in Sklaverei und Verwirrung sie Deine Freiheit -gebracht hat. Die Freiheit, der freie Geist und die Wissenschaft werden -sie in so dunkle Klüfte und Abgründe führen und vor solche Wunder und -undurchdringliche Geheimnisse stellen, daß die einen von ihnen, die -Ununterwürfigen doch Wilden, sich selbst vernichten werden, die -Ununterwürfigen doch Schwachen dagegen sich gegenseitig vernichten, und -die übrigen, die Dritten, die Kraftlosen und Unglücklichen zu uns -herankriechen und zu unseren Füßen aufstöhnen werden: „Ja, ihr hattet -recht, ihr allein besaßt Sein Geheimnis, und wir kehren zu euch zurück -... rettet uns vor uns selbst“. Wenn sie von uns Brote erhalten, werden -sie natürlich erkennen, daß wir nur ihre Brote, die von ihren eigenen -Händen geschaffenen Brote von ihnen nehmen, um sie wiederum unter ihnen -zu verteilen, also ihnen ohne jedes Wunder Brot geben. Sie werden sehen, -daß wir nicht Steine zu Broten machen – doch wahrlich, mehr noch als -über das Brot werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren -Händen erhalten! Denn nur zu gut werden sie sich erinnern, daß früher, -ohne uns, sich selbst die Brote, die sie schufen, in ihren Händen bloß -in Steine verwandelten, daß aber, als sie zu uns zurückkehrten, selbst -die Steine in ihren Händen zu Broten wurden. Nur zu gut, nur zu gut -werden sie zu schätzen wissen, was es heißt, sich ein für allemal zu -unterwerfen! Solange die Menschen das nicht begreifen, werden sie -unglücklich sein. Wer hat am meisten zu diesem Unverständnis -beigetragen? Sprich! Wer hat die Herde zerstückt und sie auf unbekannten -Wegen versprengt? Doch die Herde wird sich wieder zusammenfinden und -sich von neuem unterwerfen, und dann für immer, für immer. Dann werden -wir ihnen ein stilles, bescheidenes Glück geben, das Glück kraftarmer -Kreaturen, als die sie geschaffen sind. Oh, wir werden sie schließlich -überzeugen, daß sie gar kein Recht haben, stolz zu sein. Du hast sie -emporgehoben und damit gelehrt, stolz zu sein. Wir aber werden ihnen -beweisen, daß sie kraftarm, daß sie nur armselige Kinder sind, doch daß -das Kinderglück süßer als jedes andere ist. Sie werden schüchtern werden -und werden zu uns aufblicken und sich in Angst an uns schmiegen wie die -Küken an die Bruthenne. Sie werden uns entsetzt anstaunen und werden -stolz darauf sein, daß wir so mächtig und so klug sind, und daß wir eine -so wilde, tausendmillionenköpfige Herde beruhigt haben. Entkräftigt -werden sie vor unserem Zorne zittern, ihr Geist wird kleinmütig, ihre -Augen werden tränenreich werden wie die Augen der Kinder und Weiber, -doch ebenso leicht wie zu Tränen, werden sie auf unseren Wink zu -Frohsinn und Heiterkeit, zu heller Lustigkeit und glücklichen -Kinderliedern übergehen. Ja, wir werden sie zwingen zu arbeiten, doch in -den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen das Leben wie ein Spiel -gestalten, mit Gesängen, Chören und unschuldigen Tänzen. Oh, wir werden -ihnen sogar die Sünden vergeben – sie sind doch schwach und kraftlos – -und sie werden uns wie Kinder dafür lieben, daß wir ihnen zu sündigen -erlauben. Wir werden ihnen sagen, daß jede Sünde ausgekauft werden kann, -wenn sie nur mit unserer Erlaubnis begangen worden ist; die Erlaubnis -aber zum Sündigen geben wir ihnen nur darum, weil wir sie lieben, und -die Strafe für diese Sünden nehmen wir meinetwegen auf uns. Wir werden -sie auch in der Tat auf uns nehmen, sie aber werden uns dafür vergöttern -wie ihre Wohltäter, die vor Gott ihre Sünden tragen. Und sie werden vor -uns keinerlei Geheimnisse haben. Wir werden ihnen erlauben oder -verbieten mit ihren Frauen und Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder -nicht zu haben – immer je nach ihrem Gehorsam –, und sie werden sich uns -freudig und fröhlich unterwerfen. Selbst die quälendsten Geheimnisse -ihres Gewissens, – alles, alles werden sie zu uns tragen, und wir werden -ihnen verzeihen, und sie werden mit Freuden unserer Entscheidung -glauben, denn sie wird sie von der großen Sorge und den furchtbaren -gegenwärtigen Qualen einer persönlichen und freien Entscheidung erlösen. -Und alle werden glücklich sein, alle Millionen Wesen, außer den -Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die wir das -Geheimnis hüten, nur wir werden unglücklich sein. Es wird Tausende von -Millionen glücklicher Kinder geben und nur hunderttausend Märtyrer, die -den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still -werden sie sterben, still werden sie verlöschen in Deinem Namen und -hinter dem Grabe nur den Tod finden. Doch wir werden das Geheimnis -bewahren und werden die Menschen zu ihrem Glück durch himmlische und -ewige Belohnung anlocken. Denn selbst wenn es dort, in jener Welt, ein -Etwas geben sollte, so wird es doch, versteht sich, nicht für solche wie -sie sein. Man redet und prophezeit, daß Du kommen und von neuem siegen -werdest, daß Du mit Deinen Auserwählten, Deinen Stolzen und Mächtigen -kommen wirst. Wir aber werden dann sagen, daß sie nur sich selbst, wir -aber alle gerettet haben. Man sagt, daß die Buhlerin, die auf dem Tiere -sitzt und in ihren Händen das _Geheimnis_ hält, beschimpft werden wird, -daß die Kraftarmen sich wieder empören, den Purpur der großen Buhlerin -zerreißen und ihren „scheußlichen“ Leib entblößen werden. Dann aber -werde ich mich erheben und, zu Dir gewandt, auf die Tausende von -Millionen glücklicher Kinder, die die Sünde nicht gekannt haben, -hinweisen. Und wir, die ihre Sünden auf uns genommen haben, um sie -glücklich zu machen, wir werden dann vor Dich hintreten und Dir sagen: -„Verurteile uns, wenn Du es kannst und wagst“. Wisse, daß ich keine -Furcht vor Dir habe. Wisse, daß auch ich in der Wüste war, daß auch ich -mich einst von Heuschrecken und Wurzeln nährte, daß auch ich die -Freiheit, mit der Du die Menschen gesegnet hattest, segnete, und auch -ich mich vorbereitete, zur Zahl Deiner Auserwählten zu gehören, zur Zahl -der Mächtigen und Starken, mit dem lechzenden Wunsch, „die Zahl zu -ergänzen“. Doch ich erwachte und wollte nicht mehr dem Wahnsinn dienen. -Ich kehrte zurück und gesellte mich zur Schar derer, die _Deine Tat -verbessern_. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zurück zu den -Demütigen, zum Glücke derselben. Was ich Dir sage, wird also geschehen, -es wird alles in Erfüllung gehen, und unser Reich wird erstehen. Und ich -sage Dir nochmals: Morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die -auf meinen ersten Wink zu Deinem Scheiterhaufen stürzen wird, um das -Feuer zu schüren. Denn auf den Scheiterhaufen bringe ich Dich dafür, daß -Du gekommen bist, uns zu stören. Und wahrlich, wenn es einen gegeben hat -oder gibt, der am meisten den Scheiterhaufen verdient hat, so bist Du -es, Du! Morgen noch werde ich Dich verbrennen. _Dixi_‘!“ - -Iwan hielt inne. Seine Worte hatten ihn mit sich fortgerissen, und er -war fast in Begeisterung geraten. Als er aber geendet hatte, lächelte er -plötzlich wieder. - -Aljoscha hatte ihm schweigend zugehört, doch zum Schluß hin, offenbar -nicht wenig erregt, mehrmals den Bruder unterbrechen wollen, sich aber -jedesmal bezwungen. Als nun Iwan plötzlich verstummte, fiel er sofort -ein, – heftig und hastig, wie ein Mensch, der sich lange hat -zurückhalten müssen: - -„Aber ... das ist doch absurd!“ stieß er hervor, und errötete. „Dein -Poem ist ein Lob Jesu, aber keine Schmähung ... wie du es gewollt hast. -Und wer wird dir das von der Freiheit glauben? Muß man sie denn _so, so_ -auffassen? Ist denn das die Auffassung der Rechtgläubigkeit? ... Das ist -Rom, und nicht einmal ganz Rom, das ist nicht wahr, – das sind die -Schlechtesten des Katholizismus, das sind Inquisitoren, Jesuiten! ... -Und solch einen phantastischen Menschen, wie es dein Inquisitor ist, -gibt es überhaupt nicht. Was sind das für Sünden der Menschen, die sie -auf sich nehmen? Was sind das für Träger des Geheimnisses, die da -irgendeinen Fluch zum Glücke der Menschen auf sich genommen haben? Wer -hat jemals so etwas gesehen? Wir kennen die Jesuiten, wir wissen, was -dahintersteckt ... Aber sind sie denn das, als was du sie schilderst? – -Nicht die Spur! – Sie sind einfach die römische Armee für das -zukünftige, allesvereinende Weltreich mit dem Imperator, dem römischen -Kirchenoberhaupt an der Spitze ... das ist ihr Ideal, aber ohne alle -Geheimnisse und erhabenes Leid ... Der allergewöhnlichste Wunsch nach -Macht, nach schmutzigen Erdengütern, Knechtung ... in der Art eines -zukünftigen Leibeigenschaftsrechtes, damit sie sozusagen Gutsbesitzer -werden können. Das ist alles, was sie wollen. Sie glauben vielleicht -überhaupt nicht an Gott. Dein leidender Inquisitor ist nichts als -Phantasie ...“ - -„Aber wart, wart doch,“ sagte Iwan lachend, „sieh mal, wie du dich -ereiferst! Phantasie, sagst du, schön! Natürlich ist’s Phantasie. -Einstweilen aber erlaube: Glaubst du wirklich, daß diese ganze -katholische Bewegung der letzten Jahrhunderte – Mittelalter und so -weiter – tatsächlich nichts anderes gewesen ist als das Verlangen nach -Macht, nur um der schmutzigen Erdengüter willen? Hat dich das nicht -vielleicht Pater Paissij gelehrt?“ - -„O nein, nein, im Gegenteil, Pater Paissij sprach einmal sogar ein wenig -in deinem Sinne ... übrigens es war doch nicht dasselbe, -selbstverständlich nicht ganz dasselbe,“ verbesserte sich Aljoscha. - -„Das ist immerhin eine kostbare Nachricht, trotz deines -‚selbstverständlich nicht ganz dasselbe‘. Ich frage dich ausdrücklich, -warum du annimmst, daß Jesuiten und Inquisitoren sich nur zum Erwerb -niedriger materieller Güter verbündet haben. Warum glaubst du, daß es -unter ihnen keinen einzigen Gequälten gibt, der von großem Leid und von -der Liebe zur Menschheit gepeinigt wird? Sieh: nimm an, daß sich unter -allen diesen, die lediglich materielle, schmutzige Güter wollen, nur ein -Einziger fände, nur ein Einziger wie mein greiser Inquisitor, der in der -Wüste von Gewürm und Wurzeln gelebt hat, gegen sich gewütet hat und vor -Verzweiflung außer sich geraten ist, im Kampf gegen sein Fleisch, um -frei zu werden und vollkommen zu sein, der aber sein ganzes Leben die -Menschheit geliebt hat, und der plötzlich erkennt und sich überzeugt, -daß es keine große sittliche Glückseligkeit sein kann, die -Vollkommenheit des Willens zu erreichen und zu gleicher Zeit einsehen zu -müssen, daß die Millionen der übrigen Gottesgeschöpfe bloß zum Spott -Geschaffene bleiben, daß sie niemals die Kraft haben werden, sich mit -ihrer Freiheit zurechtzufinden, daß aus den armseligen Empörern niemals -Riesen zur Vollendung des Turmes hervorgehen werden, daß nicht für -solche Gänse der große Idealist von seiner Harmonie geträumt hat. Da er -aber alles das begriffen hatte, kehrte er zurück und schloß sich den ... -klugen Leuten an. Glaubst du wirklich, daß das niemals hat geschehen -können?“ - -„Wem schloß er sich an, welchen klugen Leuten?“ griff Aljoscha sofort -heftig, fast zornig das Wort auf. „Kein einziger von ihnen besitzt da so -eine besondere Klugheit und überhaupt nichts von heiligen Geheimnissen -... Es sei denn höchstens ihre Gottlosigkeit, die wäre noch allenfalls -ihr ganzes Geheimnis. Dein Inquisitor glaubt nicht an Gott, sieh, das -ist sein ganzes Geheimnis!“ - -„Nun ja! Endlich hast du es erraten. Es ist allerdings so; sein ganzes -Geheimnis liegt tatsächlich nur darin. Aber ist denn das keine Qual, -sagen wir, für einen Menschen wie er, der sein ganzes Leben daran -gesetzt hatte, durch die Wüste ein Auserwählter zu werden, und der sich -von seiner Liebe zur Menschheit doch nicht heilen konnte? An seinem -Lebensabend überzeugt er sich, daß nur die Ratschläge des großen -furchtbaren Geistes das Leben der kraftarmen Empörer, dieser -unvollkommenen, zum Spott geschaffenen Probewesen wenigstens -einigermaßen erträglich machen könnten. Und siehe, nachdem er sich davon -überzeugt hat, sieht er ein, daß man nach der Weisung dieses klugen -Geistes, des furchtbaren Geistes der Zerstörung und des Todes vorgehen -muß – daß man Lüge und Betrug annehmen und die Menschen bereits -wissentlich in Tod und Verderben treiben muß, wobei es aber heißt, sie -auf dem ganzen Wege betrügen, damit diese armseligen Blinden nicht -merken, wohin sie geführt werden, und sich wenigstens auf dem Wege für -glücklich halten. Und vergiß nicht, daß der Betrug im Namen desjenigen -geschieht, an dessen Idealgestalt der Greis sein Leben lang so -leidenschaftlich geglaubt hat! Meinst du, daß das kein Unglück sei? Und -wenn es auch nur einen einzigen solchen gäbe, an der Spitze dieses -ganzen Heeres, ‚das nur um des Besitzes schmutziger Güter willen nach -Macht verlangt‘, – genügte dann wirklich nicht ein einziger solcher zur -... Tragödie? Oh, ich sage dir, es genügte, daß ein einziger solcher an -der Spitze stände, auf daß die Idee, die Rom mit allen seinen Herren und -Jesuiten solange leitet, die höhere Idee Roms, endlich zum Ausdruck -käme. Ich sage dir ganz offen: Ich bin fest überzeugt, daß das der -einzige Mensch wäre, der unter denen, die an der Spitze der Bewegung -stehen, nie ermüden würde. Wer weiß, vielleicht hat es unter den -römischen Kirchenoberhäuptern auch solche gegeben. Und wer weiß, -vielleicht lebt dieser verfluchte Greis, der so starrsinnig und -eigenartig die Menschheit liebt, auch jetzt in einer ganzen Schar vieler -ebensolcher einzelner Greise – lebt durchaus nicht zufällig, sondern aus -Übereinstimmung, in einem geheimen Bunde, der schon vor langer Zeit zur -Wahrung des Geheimnisses, zu seiner Beschützung vor den unglücklichen -und kraftarmen Menschen zu dem Zweck gegründet ist, diese Menschen -glücklich zu machen. Das gibt es unbedingt. Es muß so sein. Wenn ich -mich nicht täusche, haben auch die Freimaurer etwas von der Art dieses -Geheimnisses in ihrer Grundidee, und ich glaube sogar, daß sie nur -deswegen von den Katholiken so gehaßt werden, weil diese in ihnen -Konkurrenten sehen: die Teilung der Einheit ihrer katholischen Idee -wittern – während es doch eine einzige Herde unter einem einzigen Hirten -werden soll ... Übrigens habe ich, wenn ich meinen Gedanken verteidige, -den Anschein eines Autors, der deine Kritik nicht ertragen kann. Genug -davon.“ - -„Du bist wahrscheinlich selbst Freimaurer!“ stieß plötzlich Aljoscha -hervor. „Du glaubst nicht an Gott,“ fügte er darauf traurig und bedrückt -hinzu. Zugleich schien ihm, daß der Bruder ihn etwas spöttisch -betrachtete. - -„Aber womit endigt denn deine Tragödie?“ fragte er, den Blick zu Boden -gesenkt. „Oder ist sie schon aus?“ - -„Den Schluß hatte ich mir eigentlich so gedacht: Nachdem der Inquisitor -verstummt ist, wartet er noch eine Zeitlang auf das, was der Gefangene -ihm antworten wird. Sein Schweigen lastet schwer auf ihm. Er hatte -gesehen, wie der Gefangene ihn anhörte, und wie tief und still Er ihm in -die Augen blickte, offenbar ohne etwas entgegnen zu wollen. Der Greis -aber will, daß Er ihm etwas sage, und wäre es auch etwas Bitteres, -Furchtbares. Doch siehe, Er nähert sich schweigend dem Greise und küßt -ihn leise auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine -ganze Antwort, die Antwort, die den Alten zusammenfahren macht. Und -siehe, da zuckt etwas an den Mundwinkeln des großen, greisen -Inquisitors: er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und -sagt zu Ihm: ‚Geh und komme nie wieder ... komme überhaupt nicht mehr -... niemals, niemals!‘ Und er läßt Ihn hinaus auf die ‚dunklen, -schweigenden Plätze der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.“ - -„Und der Alte?“ - -„Der Kuß brennt in seinem Herzen, doch er bleibt bei seiner früheren -Idee.“ - -„Und auch du mit ihm, auch du?“ - -Iwan lachte auf. - -„Aber das ist doch Unsinn, Aljoscha, das ist doch nur das sinnlose Poem -eines einfältigen Studenten, der nie in seinem Leben auch nur zwei Verse -hat schreiben können. Warum bist du denn so traurig? Oder glaubst du -vielleicht gar, daß ich etwa gleich zu ihnen fahren will, zu den -Jesuiten, um mich der Schar anzuschließen, die Sein Werk verbessert? O -Gott! – was geht das mich an? Ich habe dir doch gesagt: Nur bis zum -dreißigsten Jahre, und dann – den Becher fortgeschleudert!“ - -„Und die krausen, klebrigen Frühlingsblätter, und die teuren Gräber, und -der hohe, blaue Himmel, und die Geliebte? Wie willst du denn leben, -womit wirst du sie denn lieben?“ fragte Aljoscha traurig. „Ist denn das -möglich, mit solch einer Hölle in der Brust und in den Gedanken, – ist -denn das möglich? Nein, du fährst gerade hin, um dich ihnen -anzuschließen ... wenn aber nicht, so wirst du dich selbst töten, denn -du wirst es nicht länger aushalten!“ - -„Es gibt eine Kraft, die alles aushält!“ sagte Iwan halblaut mit kaltem -Lächeln. - -„Was ist das für eine Kraft?“ - -„Die Karamasoffsche ... die Kraft der Karamasoffschen Gemeinheit.“ - -„Heißt das – in Ausschweifung untergehen, die Seele in Sittenverderbnis -erwürgen, ja? heißt es das?“ - -„Meinetwegen auch das ... aber nur bis zum dreißigsten Jahre werde ich -es ... vielleicht noch ... vermeiden, dann aber ...“ - -„Wie das vermeiden? Auf welche Weise vermeiden? Wodurch willst du dem -entgehen? Mit deinen Anschauungen ist das unmöglich.“ - -„Wiederum auf Karamasoffsche Weise.“ - -„Ah! – ‚alles ist erlaubt‘? Nicht? Das ist’s doch – alles ist erlaubt?“ - -Iwans Gesicht verfinsterte sich, und er wurde plötzlich seltsam bleich. - -„Du hast es also richtig nicht vergessen – das gestern gefallene Wort, -das Miussoff so kränkte ... und das Dmitrij so naiv und auffallend -wiederholte?“ fragte er mit einem verzogenen Lächeln. „Ja, meinetwegen: -‚alles ist erlaubt‘ – wenn das Wort einmal gesagt ist. Ich nehme es -nicht zurück. Mitjäs Redaktion war übrigens gar nicht so übel.“ - -Aljoscha blickte ihn schweigend an. - -„Aljoscha, ich glaubte, wenn ich fortfahre, auf der ganzen Welt -wenigstens dich zu haben,“ sagte Iwan plötzlich mit ganz unerwartetem, -tiefem Gefühl, „aber jetzt sehe ich, daß auch in deinem Herzen kein -Platz für mich ist, mein lieber Mönch du! Von der Formel: ‚alles ist -erlaubt‘ sage ich mich nicht los, nun, und deswegen sagst du dich von -mir los, ist es nicht so, ja?“ - -Aljoscha stand auf, trat zu ihm und küßte ihn stumm und leise auf den -Mund. - -„Das ist literarischer Diebstahl!“ rief nach dem Kuß Iwan, der plötzlich -ganz begeistert zu sein schien. „Das hast du aus meinem Poem gestohlen! -Aber ... habe Dank. – Komm, gehen wir, Aljoscha, es ist Zeit für mich -wie für dich.“ - -Sie gingen hinaus, doch unten an der Treppe blieben sie stehen. - -„Hör, Aljoscha,“ sagte Iwan mit fester Stimme, „ich werde die klebrigen -Frühlingsblätter nur in der Erinnerung an dich lieben. Es genügt mir, -daß du hier irgendwo bist, und daß ich das Leben noch leben will. Genügt -dir das? Wenn du willst, kannst du das für eine Liebeserklärung nehmen. -Jetzt aber – geh du nach rechts und ich nach links. Es ist genug -geredet, hörst du? Das heißt, ich meine, falls ich morgen nicht abreisen -sollte – ich werde aber wahrscheinlich bestimmt fahren – und wir uns -noch irgendwie treffen sollten, so bitte ich, mit mir über alle diese -Themata kein Wort mehr zu reden. Ich bitte dich ausdrücklich darum. Und -auch über Dmitrij, darum bitte ich dich besonders, rede kein Wort mehr, -sprich mir nie mehr von ihm,“ fügte er plötzlich gereizt hinzu. „Ich -denke, wir haben uns darüber nichts mehr zu sagen, nicht wahr? Und jetzt -werde ich dir auch meinerseits ein Versprechen dafür geben: Wenn ich um -das dreißigste Jahr herum den ‚Becher fortschleudern‘ will, so werde ich -kommen und dich, wo du auch sein solltest, doch noch einmal aufsuchen, -um noch einmal mit dir zu reden ... und wär’s auch aus Amerika, das -wisse. Ich werde mit bestimmter Absicht kommen. Es wird auch sehr -unterhaltsam sein, dich dann wiederzusehen, wie du sein wirst. Das -Versprechen ist doch genügend feierlich? Wir nehmen vielleicht wirklich -auf sieben oder auf zehn Jahre Abschied voneinander. Nun, geh jetzt zu -deinem Pater Seraphicus, er liegt ja im Sterben. Stirbt er in deiner -Abwesenheit, so wirst du dich womöglich noch über mich ärgern, daß ich -dich solange aufgehalten habe. Also auf Wiedersehen. Weißt du, küsse -mich noch einmal. So. Und nun geh ...“ - -Iwan wandte sich brüsk um und ging seinen Weg, ohne sich noch nach dem -Bruder umzukehren. - -„So ging auch Dmitrij gestern abend von mir fort,“ dachte Aljoscha, „nur -geschah es doch in einer ganz anderen Weise ...“ Diese sonderbare kleine -Beobachtung schoß wie ein Pfeil durch Aljoschas traurigen Sinn und -verlor sich in einem sorgenvollen, die Gedanken lähmenden Gefühl. Er -wartete noch ein wenig und blickte dem Bruder nach. Da fiel ihm -plötzlich auf, daß sein Bruder Iwan gleichsam schaukelnd, schwankend -ging, und daß seine rechte Schulter, von hinten gesehen, scheinbar -niedriger als die linke war. Das hatte Aljoscha sonst nie bemerkt. Doch -plötzlich drehte auch er sich um und eilte fast laufend zum Kloster. Es -dämmerte bereits stark, und Aljoscha fühlte, wie sich mit der wachsenden -Dunkelheit Angst in seinem Herzen erhob. Es war etwas Neues in ihm, das -wuchs und wuchs, doch er hätte nicht sagen können, was es war. Es hatte -sich wieder ein Wind erhoben, und in den Kronen der uralten Kiefern -rauschte es schaurig, als er durch den Wald zur Einsiedelei schritt. - -„‚Pater Seraphicus‘ – diesen Namen hat er von irgendwo hergenommen, -woher aber?“ dachte Aljoscha flüchtig. „Iwan, armer Iwan! Und wann werde -ich dich jetzt wiedersehen? ... Da ist die Einsiedelei, Herrgott! Ja, -ja, er, Pater Seraphicus wird mich retten ... vor ihm! ... wird mich auf -ewig erlösen!“ - -In seinem späteren Leben erinnerte er sich noch oft dieses Abends, und -jedesmal fragte er sich verwundert, wie er nach seiner Trennung von Iwan -so vollständig Dmitrij hatte vergessen können, obgleich er ihn doch am -Vormittag, nur wenige Stunden vorher, unbedingt aufzusuchen beschlossen -hatte, selbst wenn er dann nicht mehr zur Nacht ins Kloster -zurückgekommen wäre. - - - VI. - Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch - -Iwan Fedorowitsch ging, als er sich von Aljoscha getrennt hatte, nach -Hause zu Fedor Pawlowitsch. Aber sonderbar – ihn überfiel plötzlich eine -qualvolle Seelenangst, die mit jedem Schritt, mit dem er sich dem -Vaterhause näherte, wuchs und wuchs und immer unerträglicher wurde. Doch -nicht die Seelenangst an sich war sonderbar, sondern das, daß Iwan -Fedorowitsch sich auf keine Weise zu erklären vermochte, was die -eigentliche Ursache derselben sein konnte. Es war auch früher nicht -selten vorgekommen, daß ihn solche Stimmungen plötzlich überfallen -hatten, und so wäre es weiter nicht auffallend gewesen, daß diese – ich -möchte sagen – Schwermut in einem Augenblick wiederkam, als er gerade -mit allem, was ihm hier teuer war, gebrochen hatte und als er sich -anschickte, kurz zur Seite abzubiegen und einen neuen, ihm ganz -unbekannten Weg zu betreten und wieder allein ins Leben zu gehen – ein -einsamer suchender Wanderer mit großen Hoffnungen, doch ohne zu wissen, -auf was er hoffte, der viel, gar zu viel vom Leben erwartete, doch der -selbst nicht bestimmen konnte, worin seine großen Hoffnungen und seine -zehrenden Wünsche bestanden. Und doch quälte ihn in diesem Augenblick, -obwohl die Angst des Neuen und Unbewußten auf seiner Seele lag, etwas -ganz anderes. „Oder sollte es nicht wieder der Ekel vor dem Vaterhause -sein?“ dachte Iwan! „Das wäre möglich, das könnte es sein. Wenn ich auch -heute zum letztenmal über diese verhaßte Schwelle trete, so ist es doch -deswegen nicht weniger ... Aber nein, auch das ist es nicht. Oder sollte -es vielleicht der Abschied von Aljoscha sein, und das Gespräch mit ihm?“ -Das konnte es allerdings sein, ein Gefühl wie: „So viele Jahre habe ich -geschwiegen, mit keinem Menschen zu sprechen geruht, und nun plötzlich -habe ich so viel dummes Zeug geschwatzt.“ Es konnte jugendlicher -Unwille, jugendliche Unerfahrenheit und jugendlicher Ehrgeiz sein, Ärger -darüber, daß er nicht verstanden hatte, sich auszudrücken, dazu in einem -Augenblick, da Aljoscha ihm zuhörte, Aljoscha, auf den sein Herz -zweifellos große Hoffnungen setzte. Gewiß war es teilweise auch das, was -ihn bedrückte, dieses Gefühl mußte sogar unbedingt in ihm nagen, aber -auch das war noch nicht alles, auch das nicht. „Eine Schwermut bis zur -Übelkeit,“ sagte er sich, „bin aber unfähig, mir zu erklären, was ich -will. Das einzige wäre – nicht mehr zu denken!“ - -Doch trotz des Versuches, „nicht zu denken“, verließ ihn die Angst -nicht. Das Ärgerlichste an ihr war, daß sie ganz zufällig, völlig -äußerlich zu sein schien. Das fühlte er qualvoll. Ein Wesen oder ein -Gegenstand oder so etwas Unerklärliches stand irgendwo in seiner Nähe -oder lebte hier irgendwo: wie zuweilen etwas vor dem Auge flimmert und -man sich lange, sei es bei der Arbeit oder während eines hitzigen -Gespräches, dessen nicht bewußt wird, obgleich es einen unbewußt die -ganze Zeit ärgert, reizt und sogar quält, bis man sich schließlich -besinnt und den Gegenstand beseitigt, zuweilen irgendein leeres, dummes -Ding, ein Tuch, das auf dem Fußboden liegt, oder ein Buch, das nicht in -den Schrank gestellt ist, oder etwas Ähnliches. So, in der schlechtesten -und gereiztesten Stimmung näherte sich Iwan Fedorowitsch dem Vaterhause, -als er plötzlich, etwa fünfzehn Schritt von der Hofpforte, aufblickend, -erriet, was ihn so gequält und erregt hatte. - -Auf der Bank am Hoftor saß, um sich an der kühlen Abendluft zu -erfrischen, der Diener Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch begriff in -derselben Sekunde, als er ihn erblickte, daß dieser Diener Ssmerdjäkoff -in seiner Seele gesessen hatte, und daß gerade diesen Menschen seine -Seele nicht ertragen konnte. Schon vorhin, bei der Erzählung Aljoschas -von seiner Begegnung mit Ssmerdjäkoff im Nachbargarten, hatte etwas -Finsteres und Widerwärtiges sich ihm ins Herz gebohrt und sofort seine -Wut entfacht. Während des folgenden Gespräches hatte er dann -Ssmerdjäkoff auf eine Weile vergessen. Trotzdem war der Gedanke an -diesen Diener in seiner Seele geblieben, und kaum hatte er sich von -Aljoscha getrennt und den Weg zum Vaterhause eingeschlagen, da war auch -die vergessene Empfindung wieder über ihn gekommen. „Kann mich denn -dieser elende Kerl wirklich dermaßen beunruhigen!“ dachte er und heiß -überströmte ihm die Wut. - -Doch diese Wut hatte noch einen besonderen Grund. Ihm war dieser Mensch -in der letzten Zeit tatsächlich verhaßt geworden, besonders in den -letzten Tagen. Es war ihm sogar aufgefallen, wie sich sein Haß auf -diesen Diener immer noch vergrößert hatte. Vielleicht vergrößerte sich -dieser Haß gerade deswegen so überwältigend, weil er zu Anfang sich ganz -anders zu ihm verhalten hatte. Damals, d. h. kurz nachdem er bei uns -angekommen war, hatte Iwan Fedorowitsch sich plötzlich ganz besonders -für diesen Ssmerdjäkoff interessiert und ihn sogar sehr originell -gefunden. Er hatte ihn selbst daran gewöhnt, mit ihm zuweilen ein -Gespräch anzuknüpfen, sich aber stets über seine gewisse Einfalt, oder -vielleicht nicht so sehr Einfalt als innere Unruhe gewundert, ohne dabei -zu begreifen, was „diesen Weltbeschauer“ so unaufhörlich und unablässig -beunruhigen konnte. Sie sprachen über Philosophisches, sprachen über -alles Mögliche – unter anderem auch darüber, wie es am ersten Tage hatte -Tag sein können, da die Sonne, der Mond und die Sterne doch erst am -vierten Tage geschaffen worden waren, kurz, wie man das alles zu -verstehen hätte. Aber Iwan Fedorowitsch überzeugte sich gar bald, daß es -Ssmerdjäkoff dabei gar nicht um Sonne, Mond und Sterne zu tun war, daß -Sonne, Mond und Sterne, wenn sie auch einen relativ interessanten -Gesprächsstoff abgaben, für Ssmerdjäkoff vielmehr nebensächliche Dinge -waren, und daß er mit diesen Gesprächen etwas ganz anderes bezwecken -wollte. Wie dem aber nun auch sein mochte, jedenfalls begann sich -allmählich bei jeder Gelegenheit eine grenzenlose Eigenliebe in -Ssmerdjäkoffs Worten zu äußern. Obendrein war dies eine Eigenliebe, die -sich gekränkt und erniedrigt glaubte. Das mißfiel Iwan Fedorowitsch -sehr. Und damit hatte dann sein Haß angefangen. Späterhin waren die -Familienszenen dazwischen gekommen, die ganze Geschichte mit Gruschenka -und die Zänkereien zwischen Dmitrij und dem Vater. Sie hatten auch -darüber gesprochen, doch obwohl Ssmerdjäkoff über diese Angelegenheiten -stets sehr erregt sprach, war es doch unmöglich, festzustellen, was er -dabei eigentlich selbst wünschte oder zu wem er hielt. Ja, über die -Unlogik und den Widerspruch mancher seiner Wünsche, die er zuweilen ganz -wie aus Versehen aussprach, und die alle gleich unklar waren, mußte man -sich geradezu wundern. Ssmerdjäkoff stellte seine Fragen immer halbwegs -und indirekt, dachte sie sich augenscheinlich schon früher aus, wozu er -das aber tat, – das erklärte er nicht. Gewöhnlich verstummte er mitten -in seinem interessiertesten Gespräch, oder er ging plötzlich auf ein -ganz anderes Thema über. Doch vor allem anderen, was Iwan Fedorowitsch -ärgerte und in ihm schließlich einen so großen Widerwillen hervorrief, -war es eine gewisse widerliche und besondere Familiarität, die sich der -Diener ihm gegenüber, je länger desto unverschämter, herausnahm. Oh, -versteht sich, nicht daß er sich erlaubt hätte, unhöflich zu sein! Im -Gegenteil, er war immer ungewöhnlich ehrerbietig, aber es hatte sich mit -der Zeit so gemacht, daß Ssmerdjäkoff, Gott weiß warum, sich für -solidarisch mit Iwan Fedorowitsch zu halten begann, in einem Tone -redete, als ob zwischen ihnen beiden etwas Verabredetes wäre, etwas -Geheimes, das irgend einmal von beiden angedeutet, wenn auch nicht -ausgesprochen worden wäre, das aber nur ihnen allein bekannt war, von -den anderen um sie herumkriechenden Sterblichen dagegen überhaupt nicht -begriffen werden konnte. Doch wurde sich Iwan Fedorowitsch noch lange -nicht klar über den wahren Grund seines wachsenden Widerwillens, und -erst in der letzten Zeit erriet er endlich, um was es sich dabei -handelte. - -Mit einer ekelhaften Empfindung wollte er jetzt stumm und ohne -Ssmerdjäkoff anzublicken an ihm vorüber durch die Fußpforte eintreten, -als sich Ssmerdjäkoff plötzlich langsam von der Bank erhob, – und schon -allein an dieser Bewegung erriet Iwan Fedorowitsch sofort, daß jener ein -besonderes Gespräch mit ihm wünschte. Iwan blickte ihn an und blieb -stehen, und eben das, daß er so plötzlich stehen geblieben und nicht -vorübergegangen war, wie er noch vor einer Sekunde beabsichtigt hatte, -machte ihn erzittern vor Wut. Zornig und angeekelt blickte er in -Ssmerdjäkoffs blutarmes Gesicht, das der Physiognomie eines -verschnittenen Sektierers nicht unähnlich war, trotz der kunstvoll mit -dem Kamm bearbeiteten Haare und des kleinen aufgedrehten Lockenbüschels. -Sein linkes, etwas zugekniffenes kleines Auge zwinkerte und lächelte, -ganz als ob es sagen wollte: „Warum willst du vorübergehn? Du wirst ja -doch nicht vorübergehn, du siehst doch selbst ein, daß wir beide, wir -zwei Klugen, etwas zu besprechen haben.“ Iwan Fedorowitsch erzitterte. - -„Fort, Hund, was habe ich mit dir zu schaffen, Rüpel!“ schwebte es Iwan -auf den Lippen, doch zu seiner größten Verwunderung sprach er etwas ganz -anderes aus: - -„Schläft der Vater noch, oder ist er schon aufgestanden?“ fragte er mit -leiser und fast freundlicher Stimme, und ebenso unerwartet für sich -selbst, setzte er sich plötzlich auf die Bank. Auf einen Augenblick -überkam ihn geradezu Angst, und dieser plötzlichen Angst erinnerte er -sich noch später. Ssmerdjäkoff stand vor ihm, die Hände auf dem Rücken, -und blickte ihn voll Selbstvertrauen fast streng an. - -„Geruhen noch zu schlafen,“ antwortete er langsam, ohne sich im -geringsten zu beeilen, und mit dieser Langsamkeit schien er gleichsam -ausdrücken zu wollen: „Hast selbst angefangen zu sprechen, nicht ich.“ – -„Nur wundere ich mich alleweil über Euch, Herr,“ fügte er nach kurzem -Schweigen hinzu, schlug geradezu geziert die Augen nieder, setzte den -rechten Fuß vor und spielte mit der Spitze des spiegelblank geputzten -Stiefels. - -„So, und warum wunderst du dich denn über mich?“ stieß Iwan Fedorowitsch -schroff und rauh hervor, obgleich er sich aus allen Kräften bezwang, -denn er hatte plötzlich mit Ekel begriffen, daß er die größte Neugier -für das, was der Diener sagen werde, empfand und auf keinen Fall -fortgehen werde, ohne sie befriedigt zu haben. - -„Warum fahrt Ihr, Herr, nicht nach Tschermaschnjä?“ fragte Ssmerdjäkoff, -der plötzlich wieder aufsah und familiär lächelte. – Sein linkes, etwas -zugekniffenes Auge aber schien zu sagen: „Und worüber ich lächle, mußt -du selbst begreifen, wenn du ein kluger Mensch bist.“ - -„Warum soll ich denn nach Tschermaschnjä fahren?“ fragte Iwan -Fedorowitsch verwundert. - -Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile. - -„Sogar der Herr Fedor Pawlowitsch haben Euch so drum gebeten,“ sagte er -schließlich langsam und als ob er selbst seine gegebene Antwort nicht -schätzte, – also ungefähr: „Mache es mit einem nebensächlichen Grunde -ab, nur um etwas zu sagen“ –. - -„Äh, Teufel, sprich deutlicher, was willst du?“ schrie ihn Iwan -Fedorowitsch zornig an, von der Sanftmut zur Grobheit übergehend. - -Ssmerdjäkoff setzte den rechten Fuß neben den linken, richtete sich -etwas strammer auf, fuhr aber fort, ihn mit derselben Ruhe und mit -demselben Lächeln anzublicken. - -„Wesentliches habe ich nichts zu sagen ... ich meinte nur so beiläufig -...“ - -Wieder trat Schweigen ein. Sie schwiegen etwa eine Minute lang. Iwan -Fedorowitsch wußte, daß er sofort geärgert aufstehen und fortgehen -müßte, Ssmerdjäkoff aber stand vor ihm, als ob er wartete und dachte: -„Ich will jetzt nur sehen, ob du dich ärgerst oder nicht.“ Wenigstens -schien es Iwan Fedorowitsch so. Er machte eine Bewegung, um aufzustehen. -Darauf hatte aber Ssmerdjäkoff nur gelauert. - -„Ganz schrecklich ist meine Lage, Herr, ich weiß gar nicht, wie ich mir -helfen soll,“ sagte er sofort, doch sprach er bereits fest und deutlich, -und beim letzten Worte seufzte er auf. Iwan Fedorowitsch blieb sitzen. - -„Beide sind sie ganz kindisch geworden, ganz wie die allerkleinsten -Kinder,“ fuhr Ssmerdjäkoff fort. „Ich rede von dem alten Herrn und -Dmitrij Fedorowitsch. Der alte Herr werden jetzt aufstehen, und von -selbigem Augenblick an geht dann das Fragen los: ‚Ist sie noch nicht -gekommen? Warum ist sie nicht gekommen?‘ – Und das geht dann so weiter -bis Mitternacht und noch weiter. Und wenn Agrafena Alexandrowna[18] -nicht gekommen sind, sintemal sie wohl wahrscheinlich überhaupt niemals -zu kommen gedenken, so werden der Herr morgen früh wieder anfangen: -‚Warum ist sie nicht gekommen? Weshalb ist sie nicht gekommen? Wann wird -sie kommen?‘ – Ganz als ob das meine Schuld ist, sozusagen. Und -hinwiederum andererseits kommen, sobald es dunkler wird, oder auch schon -früher, Dmitrij Fedorowitsch mit der Flinte in die Nachbarschaft: ‚Paß -auf, Kanaille,‘ sagen sie, ‚wenn du sie durchläßt und mich nicht -benachrichtigst, falls sie gekommen ist, so bist du der erste, den ich -totschieße‘. Und ist die Nacht vergangen, so fangen auch Dmitrij -Fedorowitsch, ganz wie der alte Herr, mich qualvoll zu quälen an: ‚Warum -ist sie nicht gekommen, wird sie sich bald sehen lassen‘? – Ganz als ob -es hinwiederum auch vor ihnen meine Schuld wäre, daß ihre Dame nicht -gekommen ist. Und derartig ärgern sie sich alleweil, und mit jeder -Stunde, und mit jedem Tage wird ihre Wut immer noch gewaltiger, so daß -ich mitunter schon daran denke, mir vor lauter Angst das Leben zu -nehmen. Ich, Herr, ich kann mich nicht auf solche Menschen verlassen.“ - -„Warum hast du dich darauf eingelassen? Warum hast du Dmitrij -Fedorowitsch alles hinterbracht?“ fragte Iwan Fedorowitsch gereizt. - -„Aber wie sollte ich denn nicht? Und ich hab mich auch gar nicht -hineingemischt, wenn ich die volle Wahrheit sagen soll. Ich habe vom -ersten Anfang an alleweil geschwiegen, dieweil ich nicht wagte, zu -antworten, Dmitrij Fedorowitsch aber haben mich ungefragt gezwungen, ihr -Diener zu sein, und jetzt kennen sie für mich nur ein Wort: ‚Schlage -dich platt, Kanaille, mausetot, wenn du sie hineinläßt!‘ Ich bin sicher, -Herr, daß ich morgen einen langen Anfall haben werde.“ - -„Was für einen langen Anfall?“ - -„So einen langen Anfall, einen ungewöhnlich langen. Mehrere Stunden oder -einen ganzen Tag und noch einen anderen Tag womöglich. Einmal hatte ich -ihn drei Tage lang, dieweil ich damals vom Wäscheboden gefallen war. Es -hört auf – fängt aber wieder an. Ich konnte an all diesen drei Tagen -nicht zu klarer Besinnung kommen. Fedor Pawlowitsch schickten nach -Herzenstube, dem hiesigen Arzt, der legte mir Eis auf die Schläfen und -gebrauchte noch ein anderes dummes Mittel ... Ich hätte davon sterben -können.“ - -„Soviel ich weiß, kann man bei dieser Krankheit nicht voraussagen, daß -man dann und dann einen Anfall bekommen wird. Wie kannst du also sagen, -daß du morgen einen haben wirst?“ erkundigte sich mit ganz besonderer -und gereizter Neugier Iwan Fedorowitsch. - -„Das stimmt genau, daß man es nicht vorauswissen kann.“ - -„Und zudem hattest du ihn damals nur darum, weil du vom Boden gefallen -warst.“ - -„Auf den Boden gehe ich jeden Tag, ich kann alsomit auch morgen von der -Bodentreppe herabfallen. Oder wenn nicht von dort, dann kann ich ja auch -in den Keller hinabfallen, dieweil ich auch in den Keller täglich von -wegen der Wirtschaft gehen muß.“ - -Iwan Fedorowitsch blickte ihn lange scharf an. - -„Du faselst, wie ich sehe, und ich verstehe dich wohl nicht recht,“ -sagte er halblaut, doch drohend, „willst du dich morgen etwa verstellen -und drei Tage lang einen Anfall vorspielen? Wie?“ - -Ssmerdjäkoff, der zu Boden sah und wieder mit der Stiefelspitze des -rechten Fußes spielte, stellte sich nun auf den rechten Fuß und schob -statt seiner den linken Fuß vor, erhob den Kopf und sagte lächelnd: - -„Selbst wenn ich dieses Stückchen machen könnte, also mich verstellen, -dieweil es für einen geübten Menschen gar nicht schwer ist, so bin ich -doch vollauf berechtigt, selbiges Mittel zur Rettung meines Lebens vom -Tode zu gebrauchen, dieweil wenn ich krank bin und Agrafena Alexandrowna -zum alten Herrn kommen, Dmitrij Fedorowitsch dann doch nicht von einem -kranken Menschen fragen können: ‚Warum hast du es mir nicht gesagt?‘ Sie -werden sich von selbst schämen, dann noch einen kranken Menschen das zu -fragen.“ - -„Äh, Teufel!“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch mit wutentstelltem -Gesicht an. „Was zitterst du immer um dein Leben! Du weißt doch, daß -diese Drohungen Dmitrij Fedorowitschs nichts zu bedeuten haben, nur -leere Worte sind! Dich wird er nicht totschlagen, da sei du unbesorgt! -Totschlagen wird er, aber nicht dich!“ - -„Wie eine Fliege, und zwar mich vor allen anderen. Aber mehr als das -fürchte ich noch das Weitere: daß man mich dann sozusagen für ihren -Helfershelfer hält, wenn sie was ganz Verrücktes mit ihrem Vater getan -haben.“ - -„Warum soll man denn dich für seinen Helfershelfer halten?“ - -„Dieweil ich ihnen selbige Zeichen als großes Geheimnis mitgeteilt -habe.“ - -„Was für Zeichen? Wem mitgeteilt? Zum Teufel, so sprich deutlicher!“ - -„Ich muß wirklich gestehen, daß ich hier ein Geheimnis habe mit dem -alten Herrn,“ sagte Ssmerdjäkoff langsam in pedantischer Ruhe. „Wie Ihr -selbst zu wissen geruht – wenn Ihr nur geruht, es zu wissen – hat sich -der Herr seit einigen Tagen zur Gewohnheit gemacht, zur Nacht oder sogar -schon am Abend von innewendig die Türen alleweil zuzuschließen. Ihr -geruhtet, Euch in letzter Zeit immer früh nach oben zurückzuziehen, und -gestern geruhtet Ihr, überhaupt nicht auszugehen, und alsomit könnt Ihr -auch wohlmöglich überhaupt nicht wissen, wie akkurat und besorgt der -alte Herr sich jetzt zur Nacht einschließen. Und selbst wenn Grigorij -Wassiljewitsch kommt, so machen sie nur höchstens dann noch auf, wenn -sie ihn vorher gut an der Stimme erkannt haben. Aber Grigorij -Wassiljewitsch kommt nicht, denn ich bediene sie jetzt ganz allein in -ihren Zimmern, – so haben sie es selbst bestimmt seit dem Momente, da -sie diesen Einfall mit Agrafena Alexandrowna haben, zur Nacht aber -entferne auch ich mich aus dem großen Hause, dieweil selbiges ihre eigne -Anordnung ist, und dann muß ich bis Mitternacht aufpassen, herumgehn auf -dem Hof und warten, ob sie kommen, dieweil der Herr sie schon seit -mehreren Tagen wie wahnsinnig erwarten. Denken aber tun sie dabei so: -‚Sie,‘ sagt der Herr, ‚fürchtet ihn‘, – also den Dmitrij Fedorowitsch, -den sie immer Mitjka nennen, ‚und darum wird sie etwas später durch die -Hinterstraßen zu mir kommen; du aber‘, sagen sie zu mir, ‚mußt sie bis -Mitternacht und noch drüber hinaus erwarten. Und wenn sie kommt, so komm -schnell zur Gartentür gelaufen und klopf an die Tür oder an das Fenster -vom Garten aus, die ersten zwei Male etwas leiser, sieh so: Eins-zwei, -und dann gleich darauf dreimal etwas schneller: Tuck-tuck-tuck. Dann‘, -sagen sie, ‚werde ich sofort wissen, daß sie gekommen ist, und dir leise -die Tür aufmachen.‘ Und dann haben sie mir noch ein anderes Zeichen für -den Fall mitgeteilt, wenn etwas Besonderes geschehen sollte, zuerst -zweimal schnell: Tuck-tuck, und dann, nach einer kleinen Weile, noch -einmal viel stärker: _Tuck_. Dann, sagen sie, würden sie sofort -begreifen, daß etwas Besonderes geschehen ist, und daß ich sie sprechen -muß, und werden mir gleichfalls aufmachen. Und ich werde dann eintreten -und melden. Das alles für den Fall, daß Agrafena Alexandrowna nicht -selbst kommen können und irgendeine Nachricht schicken. Und dann können -auch Dmitrij Fedorowitsch kommen, also muß ich auch dann -benachrichtigen, daß sie in der Nähe sind. Der alte Herr fürchten sich -gewaltig vor Dmitrij Fedorowitsch, so daß ich selbst dann, wenn Agrafena -Alexandrowna gekommen sind und sie sich mit ihr eingeschlossen haben, -Dmitrij Fedorowitsch aber mittlerweile irgendwo in der Nähe auftauchen, -daß ich auch dann sofort melden muß, nach selbigem zweiten Zeichen, also -dreimal geklopft. So bedeutet denn das erste Zeichen, fünfmal geklopft: -‚Sie ist gekommen‘, und das zweite Zeichen, dreimal geklopft – ‚dringend -nötig‘. So haben sie selber es mir mannigfach vorgemacht und angezeigt -und buchstäblich so erklärt. Und da nun in der ganzen Welt nur ich und -sie von diesen Zeichen wissen, so werden sie ohne jede Bedenklichkeit -und ohne zu fragen oder anzurufen, aufmachen, denn auch laut zu rufen -haben sie gewaltige Angst. Und selbige Zeichen sind nun auch dem jungen -Herrn Dmitrij Fedorowitsch bekannt geworden.“ - -„Wieso, wodurch bekannt geworden? Hast du sie ihm mitgeteilt? Wie -konntest du es wagen!“ - -„Nur von wegen meiner gewaltigen Angst. Und wie hätte ich denn -hinwiederum wagen können, ihnen selbiges zu verheimlichen? Dmitrij -Fedorowitsch drohen mir jeden lieben Tag: ‚Du betrügst mich‘, sagen sie, -‚du verheimlichst etwas! Ich werde dich zu Brei schlagen, werde dir -beide Beine ausreißen!‘ Und da machte ich ihnen denn Mitteilung von -selbigen geheimen Zeichen, damit sie wenigstens meine treue Ergebenheit -sehen und sich alsomit vergewissern, daß ich sie nicht betrüge und alles -gehorsamst vermelde.“ - -„Wenn du glaubst, daß er die Kenntnis dieser Zeichen benutzen will, um -hineinzukommen, so mußt du doppelt acht geben, hörst du, und ihn auf -keinen Fall hereinlassen!“ - -„Wenn ich aber selber einen Anfall habe, wie soll ich sie dann nicht -hereinlassen, selbst wenn ich mich erdreisten könnte, sie nicht -hereinzulassen, da ich doch weiß, wie verzweifelt sie sind?“ - -„Zum Teufel, warum bist du so überzeugt, daß du einen Anfall bekommen -wirst? Machst du dich etwa über mich lustig?“ - -„Wie sollte ich wohl wagen, über Euch zu lachen, und ist denn einem nach -Lachen zumut, wenn man solche Angst hat? Ich fühle es voraus, daß ich -einen Anfall bekommen werde, habe solch ein Vorgefühl, von bloßer Angst -werde ich ihn bekommen.“ - -„Äh, Teufel! Wenn du krank bist, wird Grigorij wachen. Bereite ihn -darauf vor, der wird dich schon gut ersetzen.“ - -„Von den Zeichen darf ich Grigorij Wassiljewitsch ohne ausdrücklichen -Befehl des Herrn unter keinen Umständen etwas sagen. Und was Ihr sagt: -von mich ersetzen, so hat er sich akkurat heute erkältet, und Marfa -Ignatjewna will ihn alsomit morgen gewaltig kurieren. Sie haben es -vorhin beide besprochen. Und dieses Kurieren ist sehr knifflich: Marfa -Ignatjewna hat solch einen Salzbranntweinaufguß mit Kräutern, deren -sämtliche Wirkungen sie kennt, und mit dieser Geschichte wird Grigorij -Wassiljewitsch dreimal im Jahr kuriert, wenn er nämlich kreuzlahm wird. -Dann nehmen sie ein grobes Handtuch, tunken es in diesen Kräuteraufguß, -und dann reibt Marfa Ignatjewna eine halbe Stunde lang Grigorijs Rücken, -so daß selbiger ganz rot wird und anschwillt. Und darauf gibt sie ihm -den Rest mit einem gewissen Gebet zu trinken, aber nicht alles, etwas -behält sie noch für sich zurück, das sie dann selber austrinkt. Und -alsomit legen sich beide schlafen und schlafen lange und gewaltig fest. -Und am nächsten Morgen ist Grigorij Wassiljewitsch immer gesund, Marfa -Ignatjewna aber hat immer nachher Kopfschmerzen. Alsomit wird Grigorij -Wassiljewitsch morgen, wenn Marfa Ignatjewna ihr Vorhaben ausführt, -nichts hören, und so kann denn auch von einem Dmitrij Fedorowitsch nicht -Einlassen gar keine Rede sein. Schlafen wird er.“ - -„Welch ein Blödsinn!“ schrie ihn Iwan Fedorowitsch zornig an. „Das -trifft ja alles wie absichtlich zusammen: Du bewußtlos nach dem -epileptischen Anfall und Grigorij und Marfa in festem Schlaf! – Oder -steckst du vielleicht dahinter, daß sich alles so vorzüglich trifft?“, -stieß er plötzlich kurz hervor und zog drohend die Brauen zusammen. - -„Wie soll ich dahinter stecken ... und wozu sollte ich das zu tun -versuchen, wenn doch hier alles nur von Dmitrij Fedorowitsch abhängt und -von ihren Absichten ... Wollen sie was anstiften, so wird es alsomit -auch geschehen, wenn hinwiederum nicht, so werde doch ich nicht -absichtlich sie herrufen, um sie zu ihrem Erzeuger hineinzuschicken.“ - -„Aber warum soll er denn zum Vater kommen, und dazu noch heimlich, wenn -Agrafena Alexandrowna, wie du selbst sagst, überhaupt nicht kommen -wird?“ fuhr Iwan Fedorowitsch, bleich vor Wut, fort. „Du sagst doch -selbst, daß sie nicht zu ihm kommen will, und auch ich war die ganze -Zeit über, die ich hier verbracht habe, überzeugt, daß der Alte nur -phantasiert, und daß dieses Geschöpf nie zu ihm kommen wird. Warum nun -soll sich Dmitrij mittels dieser Zeichen zum Alten hineinschleichen -wollen? Sprich! Ich will deine Gedanken wissen!“ - -„Ihr geruht doch selber zu wissen, warum sie kommen werden, wozu hier -meine Gedanken? Können sie doch schon aus Wut allein kommen oder auch -aus Argwohn, beispielsweise, wenn ich krank bin. Dann wissen sie, daß -ich nicht aufpassen kann, und werden vielleicht wie gestern in die -Zimmer laufen, um sich alsomit zu vergewissern, ob ihre Dame nicht -irgendwie von ihnen unbemerkt gekommen ist. Auch wissen sie ganz genau, -daß der Herr ein großes Kuvert bereit liegen haben, und daß da drin -dreitausend Rubel sind, und daß der Herr das Kuvert mit drei großen -Siegeln verlackt und mit einem Bändchen kreuzweise umbunden und -eigenhändig draufgeschrieben haben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie -zu mir kommen will‘, und daß sie darauf nach drei Tagen noch hinzugefügt -haben ‚und Küchelchen‘. Das aber ist es nun, was gefährlich werden -kann.“ - -„Blödsinn!“ stieß Iwan Fedorowitsch wutbebend hervor. „Dmitrij wird -nicht Geld rauben gehn und dabei noch den Vater erschlagen. Er hätte ihn -vielleicht gestern ihretwegen aus besinnungsloser Eifersucht erschlagen -können, aber Geld stehlen – das tut ein Dmitrij Fedorowitsch nicht!“ - -„Sie brauchen aber jetzt Geld, brauchen es ganz gewaltig! Ihr wißt ja -nicht einmal, wie nötig sie es haben,“ erklärte ungewöhnlich ruhig und -auffallend deutlich Ssmerdjäkoff. „Und selbige Dreitausend halten sie -noch dazu für ihr Geld, und so haben sie selber mir sogar mannigfach -erklärt; ‚Diese Dreitausend ist er mir so gut wie schuldig‘, haben sie -zu mir gesagt. Und zu alledem bedenkt doch selbst, Herr, daß Agrafena -Alexandrowna, wenn sie nur wollen, den Herrn zwingen werden, sie zu -heiraten, den alten Herrn Fedor Pawlowitsch, das ist doch so wie es ist, -muß man sagen, die reinste abgekochte Wahrheit, wenn sie nur selber -wollen, und es kann doch sein, daß sie wirklich wollen werden. Ich sag -doch nur so selbentlich, daß sie nicht kommen werden, sie aber wollen -vielleicht noch viel mehr als Dreitausend, sie wollen vielleicht -geradeswegs Gnädige werden. Ich selber weiß, daß der Kaufmann -Ssamssonoff ihr in aller Aufrichtigkeit gesagt hat, das wäre sogar -äußerst wenig dumm, und daß sie darauf gelacht haben. Und sie sind -gleichfalls eine Dame, die äußerst wenig dumm sind. Einen Habenichts, -wie es doch Dmitrij Fedorowitsch sind, kann ihr nicht passen zu -heiraten. Wenn man alsomit jetzt bedenkt, Herr, daß dann weder für -Dmitrij Fedorowitsch, noch selbst für Euch, Herr, mitsamt Euerm -Brüderchen Alexei Fedorowitsch so gut wie nichts nach dem Tode des -Vaters verbleiben wird, kein einziger runder Rubel, dieweil Agrafena -Alexandrowna sie nur deswegen heiraten werden, um alles für sich -verschreiben zu lassen, alles, was es nur an Kapitalien gibt, so bedenkt -doch selbst, wie es ist. Stirbt aber der alte Herr jetzt, da doch noch -nichts davon geschehen ist, so kriegt jeder von Ihnen sofort blank und -bar, wie man sagt, mindestens seine Vierzigtausend sicher, sogar Dmitrij -Fedorowitsch, der ihnen jetzt so gewaltig verhaßt ist, da sie ein -Testament noch nicht gemacht haben ... Und das alles weiß Dmitrij -Fedorowitsch wie dreimal drei.“ - -Es war, als ob sich in Iwan Fedorowitschs Gesicht etwas verzerrte. Er -zitterte am ganzen Körper. Und plötzlich stieg ihm dunkelrot das Blut -ins Gesicht. - -„Warum also rätst du mir daraufhin, nach Tschermaschnjä zu fahren?“ -unterbrach er Ssmerdjäkoff. „Was wolltest du damit sagen? Du siehst -doch, was geschehen wird, wenn ich fahre!“ - -Iwan Fedorowitsch atmete schwer. - -„Das ist vollkommen richtig,“ sagte wohlüberlegt, leise und -überzeugungsvoll Ssmerdjäkoff, der nicht aufhörte, Iwan Fedorowitsch -aufmerksam und unverwandt zu beobachten. - -„Wieso vollkommen richtig?“ fragte, nur mit Mühe sich bezwingend, Iwan -Fedorowitsch, und seine Augen blickten drohend. - -„Ich meinte selbiges nur, weil ich Mitleid hatte mit Euch, Herr. An -Eurer Stelle würde ich das alles hier liegen lassen, wie es ist, und -fortgehen ... das ist doch besser, als bei solch einer Geschichte dabei -sitzen ...“ antwortete Ssmerdjäkoff, indem er scheinbar mit der größten -Offenheit in die unheimlich drohenden Augen Iwan Fedorowitschs blickte. - -Beide schwiegen eine Weile. - -„Du bist, glaube ich, ein riesengroßer Idiot und außerdem, versteht -sich, der gemeinste Schurke!“ sagte Iwan Fedorowitsch langsam und erhob -sich von der Bank. - -Er wollte darauf durch das Fußpförtchen auf den Hof gehen, doch -plötzlich blieb er stehen und wandte sich um zu Ssmerdjäkoff. Es geschah -etwas Sonderbares: Plötzlich, wie im Krampf, hatte Iwan Fedorowitsch die -Zähne zusammengepreßt und die Fäuste geballt und – noch einen -Augenblick, und er hätte sich auf Ssmerdjäkoff gestürzt. Der aber, der -es sofort bemerkt hatte, fuhr zusammen und bog erschrocken den -Oberkörper zurück. Doch der Augenblick verging glücklich für -Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch wandte sich schweigend, als ob er -plötzlich in Zweifeln befangen wäre, zur Pforte. - -„Ich werde morgen nach Moskau fahren, wenn es dich interessiert, – -morgen in der Früh, – das ist alles!“ sagte er plötzlich boshaft, laut -und langsam, und als er es gesagt hatte, fragte er sich verwundert, was -ihn veranlaßt haben mochte, Ssmerdjäkoff das zu sagen, und auch später -noch stellte er sich oftmals diese Frage. - -„Das ist auch das allerbeste,“ griff Ssmerdjäkoff sofort auf, ganz, als -hätte er nur darauf gewartet, „und wäre es nur, daß man Euch in Moskau -mit dem Telegraphen beunruhigen und zurückrufen könnte, in irgend so -einem besonderen Fall.“ - -Iwan Fedorowitsch blieb wieder stehen und wandte sich von neuem brüsk zu -Ssmerdjäkoff zurück. Doch mit dem schien etwas Sonderbares geschehen zu -sein: seine ganze Familiarität und Nachlässigkeit waren mit einemmal -verschwunden; sein ganzes Gesicht drückte ungewöhnliche Aufmerksamkeit -und Erwartung aus – doch war es diesmal zaghafte, furchtsame, -knechtische Erwartung. „Wirst du nicht noch etwas sagen, nicht noch -etwas hinzufügen?“ fragte förmlich sein unverwandter, sich an Iwan -Fedorowitsch gleichsam festsaugender Blick. - -„Und aus Tschermaschnjä würde man mich etwa nicht zurückrufen ... in -irgend so einem besonderen Fall?“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch -an, ohne selbst zu wissen, warum er so die Stimme erhob. - -„Auch aus Tschermaschnjä würde man ... beunruhigen ...“ murmelte -Ssmerdjäkoff fast flüsternd, und als hätte er sich ganz verloren, doch -fuhr er dabei unverwandt fort, aufmerksam, ungeheuer aufmerksam Iwan -Fedorowitsch gerade in die Augen zu blicken. - -„Nur ist Moskau weiter und Tschermaschnjä näher, so tut es dir wohl um -das verfahrene Geld leid, nicht? wenn du mir nach Tschermaschnjä zu -fahren zuredest, oder tue ich dir etwa leid, weil ich dann einen so -großen Umweg mache?“ - -„Genau so ...“ murmelte Ssmerdjäkoff, widerlich lächelnd, mit fast -tonloser Stimme – und wieder war er angespannt bereit, sofort -rechtzeitig zurückzuspringen. - -Doch zu Ssmerdjäkoffs höchster Verwunderung ging Iwan Fedorowitsch -auflachend zur Pforte und trat, immer noch lachend, durch sie ein. Wer -aber sein Gesicht gesehen hätte, der würde sich bestimmt gesagt haben, -daß er nicht etwa lachte, weil ihm froh zumut war. Und auch ihm selbst -wäre es unmöglich gewesen, zu erklären, was damals, in jener Minute mit -ihm geschehen war. Bewegte er sich und ging er doch, als ob sich seine -Glieder krampften. - - - VII. - „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Vergnügen“ - -Und wie er ging, so sprach er auch. Als er in den Saal trat und dort den -Vater erblickte, rief er ihm sofort, heftig mit der Hand abwinkend, zu: - -„Ich gehe zu mir nach oben, komme nicht zu Ihnen, auf Wiedersehen!“ Und -damit ging er vorüber, bemüht, den Vater nicht anzusehen. Möglich, daß -der Alte ihm in diesem Augenblick gar zu widerlich war. Doch diese -zeremonielose Kundgebung des feindlichen Gefühls verblüffte selbst Fedor -Pawlowitsch. Der Alte schien ihm tatsächlich etwas sagen zu wollen und -ihm zu diesem Zweck in den Saal entgegengekommen zu sein. Als er jedoch -diesen unliebenswürdigen Gruß hörte, blieb er schweigend stehen und -blickte nur spöttisch dem Sohne so lange nach, bis der auf der Treppe -zum oberen Stock verschwunden war. - -„Was fehlt ihm?“ fragte er hastig den gleich nach Iwan Fedorowitsch -eingetretenen Ssmerdjäkoff. - -„Scheinen sich über was zu ärgern, wer kann aus ihnen klug werden?“ -brummte der ausweichend. - -„Na, dann zum Teufel mit ihm! Mag er sich doch ärgern, wenn es ihm -Vergnügen macht. Gib den Tee her und mach dann, daß du fortkommst, fix. -Was gibt es Neues?“ - -Und es begannen dieselben Fragen, über die sich Ssmerdjäkoff soeben bei -Iwan Fedorowitsch beklagt hatte, d. h. Fragen, die sich alle auf den -erwarteten Besuch bezogen. Nach einer halben Stunde wurde das Haus -sorgfältig verschlossen, und der verrückte Alte spazierte allein durch -die Zimmer, – in zitternder Erwartung, daß sofort, im Augenblick, die -fünf verabredeten Schläge ertönen würden. Von Zeit zu Zeit blickte er -durch die Fenster hinaus, doch sah er dort nichts außer der Nacht. - -Es war schon sehr spät, aber Iwan Fedorowitsch schlief noch immer nicht. -Die Gedanken ließen ihm keine Ruhe. Spät erst legte er sich in dieser -Nacht zu Bett, erst nach zwei Uhr morgens. Doch will ich nicht -unternehmen, den ganzen Gang seiner Gedanken wiederzugeben, es ist auch -noch nicht an der Zeit, in diese Seele einzudringen. Und selbst wenn ich -jetzt versuchen wollte, seinen Zustand zu schildern, so fiele es mir -doch sehr schwer, da es nicht Gedanken waren, die ihn quälten, es war -vielmehr etwas Unbestimmbares und vor allen Dingen etwas ihn maßlos -Erregendes, was ihn peinigte. Es war ihm, als hätte er jeden Halt -verloren. Auch quälten ihn verschiedene sonderbare und ganz unerwartete -Wünsche, z. B.: kurz nach Mitternacht wandelte ihn plötzlich -unwiderstehlich die Lust an, in das Nebengebäude auf den Hof zu gehen -und Ssmerdjäkoff durchzuprügeln. Doch hätte man ihn gefragt, warum er -das wollte, so wäre er bestimmt nicht imstande gewesen, auch nur einen -einzigen Grund genau anzugeben, außer vielleicht den einen, daß dieser -Diener ihm so verhaßt geworden war wie der größte Beleidiger, den man -sich in der Welt denken könnte. Und andererseits wurde seine Seele in -dieser Nacht nicht nur einmal von einer ganz unerklärlichen und -erniedrigenden Zaghaftigkeit ergriffen, die ihn immer wieder ganz -plötzlich überfiel, und von der er – das fühlte er – geradezu auch alle -körperliche Kraft verlor. Sein Kopf tat ihm weh, und vor seinen Augen -flimmerte es. Etwas Verhaßtes lag beklemmend auf seiner Seele, ganz als -hätte er sich vorgenommen, sich an jemandem zu rächen. Er begann sogar, -Aljoscha zu hassen, wenn er an sein Gespräch mit ihm dachte, und er -haßte in manchen Minuten qualvoll auch sich selbst. An Katerina Iwanowna -vergaß er beinahe zu denken, worüber er sich nicht wenig wunderte, um so -mehr, als er am Morgen, wie er sich noch sehr gut erinnerte – da er so -stolz bei Chochlakoffs gesagt hatte, daß er am nächsten Tage auf immer -verreisen werde – sich selbst im geheimsten Innern gesagt hatte: „Das -ist ja Unsinn, du wirst ja doch nicht fahren, und es wird dir durchaus -nicht so leicht sein, dich von allem hier loszureißen, wie du jetzt -prahlend sagst.“ Wenn Iwan Fedorowitsch später an diese Nacht -zurückdachte, so war für ihn die unangenehmste Erinnerung, daß er sich -plötzlich vom Diwan erhoben und leise, als hätte er furchtbare Angst, -daß man ihn hören könnte, die Tür zur Treppe geöffnet hatte, um -hinunterzulauschen, wie dort unten in den großen Räumen Fedor -Pawlowitsch umherging. Lange hatte er so gestanden und gehorcht, ganze -fünf Minuten lang, in einer sonderbaren Erwartung mit zurückgehaltenem -Atem und klopfendem Herzen, doch warum er das tat, warum er horchen -ging, – das wußte er in dem Augenblick selbst nicht. Diese seine -Handlung nannte er später „abscheulich“, und in der verborgensten Tiefe -seines Herzens hielt er sie für die niedrigste Tat seines Lebens. Gegen -den Vater empfand er aber in diesen Minuten nicht den geringsten Haß, -nur interessierte es ihn aus einem unbekannten Grunde über die Maßen, -wie der Alte dort unten umherging, und was er wohl denken und tun -möchte. Er stellte sich vor, wie der Vater in die dunklen Fenster -blickte und plötzlich mitten im Zimmer stehen blieb und wartete, -wartete, – ob nicht jemand klopfte. Zweimal ging Iwan Fedorowitsch zu -diesem Zweck zur Treppe. Als aber alles still wurde, und Fedor -Pawlowitsch sich hingelegt hatte, ungefähr um zwei Uhr morgens, da -kleidete auch Iwan Fedorowitsch sich aus, um zu Bett zu gehen – mit dem -Wunsch, bald einzuschlafen, da er sich nach allen Qualen unerträglich -müde fühlte. Und so war es auch. Er schlief ganz plötzlich fest ein, -schlief die ganze Nacht traumlos und erwachte früh am Morgen, ungefähr -um sieben Uhr, als es schon hell war. - -Als er die Augen aufschlug, fühlte er zu seiner Verwunderung einen ganz -ungewöhnlichen Zustrom von Energie. Er erhob sich schnell, kleidete sich -an, zog darauf seinen Koffer hervor und begann, ohne Zeit zu vertrödeln, -selbst seine Sachen zu packen. Die Wäsche war gerade am Tage zuvor von -der Wäscherin gebracht worden, und Iwan Fedorowitsch lächelte sogar bei -dem Gedanken, wie alles sich traf und nichts seine plötzliche Abreise -aufhielt. Plötzlich konnte man die Abreise sehr wohl nennen, denn wenn -er auch Katerina Iwanowna, Aljoscha und später Ssmerdjäkoff gesagt -hatte, daß er am nächsten Tage fortfahren werde, so hatte er doch am -Abend – dessen erinnerte er sich genau – beim Schlafengehen kein -einziges Mal an die Abreise gedacht, und noch viel weniger, daß er am -Morgen, ohne sich zu bedenken, als erstes eigenhändig seinen Koffer -packen werde. Endlich war alles fertig, sowohl der Koffer, wie die -Reisetasche. Es war schon neun Uhr, als Marfa Ignatjewna wie gewöhnlich -kam, um zu fragen, wo der junge Herr den Tee trinken würde, bei sich -oben oder unten im Saal. Iwan Fedorowitsch ging diesmal nach unten; er -sah geradezu heiter aus, wenn auch an ihm, in seinen Worten und -Bewegungen, etwas Nervöses, eine gewisse Hast auffiel. Er begrüßte -freundlich den Vater, erkundigte sich sogar nach dessen Befinden, und -plötzlich, ohne die ganze Antwort des Vaters abzuwarten, teilte er mit, -daß er in einer Stunde nach Moskau abfahren werde – und zwar auf immer – -und daher bäte, die Pferde anspannen zu lassen. Der Alte vernahm diese -unerwartete Mitteilung ohne das geringste Zeichen von Verwunderung, -vergaß sogar höchst unhöflicherweise die Abfahrt des Sohnes zu bedauern -– statt dessen belebte er sich gleich darauf ungemein, da ihm im -Zusammenhang damit eine dringende eigene Angelegenheit eingefallen war. - -„Ach du! Sieh mal einer an, wie du bist! Hast gestern kein Wort davon -gesagt ... nun, einerlei, aber weißt du was, mein Liebster, tu mir den -Gefallen, Wanjä, und fahr noch vorher nach Tschermaschnjä! Du brauchst -doch von der Station, von Wolowje, nur nach links abzubiegen, im ganzen -lumpige zwölf Werst, und du bist da!“ - -„Unmöglich, das kann ich nicht: Bis zur Eisenbahn sind achtzig Werst, -und der Zug nach Moskau verläßt die Station um Punkt sieben abends – -komme also knapp hin.“ - -„Nun, dann kommst du morgen oder übermorgen hin, ’s ist doch wahrhaftig -egal! Heute aber fahr nach Tschermaschnjä! Ist es denn viel, um was ich -dich bitte, und du beruhigst deinen Vater! Wenn ich hier nicht gebunden -wäre, würde ich schon längst hingerutscht sein, denn die Sache drängt, -sag ich dir, und ist wirklich nicht so ohne, ich aber habe jetzt hier -... mit einem Wort, die Zeit erlaubt es nicht ... Sieh, ich habe dort -meinen Wald in zwei Distrikten, in Begitschewo und in Djätschkinoje. -Maßloffs, Vater und Sohn, Kaufleute, bieten mir für das Abholzen nur -achttausend Rubel; im vorigen Jahr aber bot ein Aufkäufer zwölftausend, -es war aber kein Hiesiger, das ist der Haken! Denn die Hiesigen haben -keine Abnahme, und die beiden Maßloffs wuchern mit Hunderttausenden! Was -sie anbieten, das muß man auch nehmen, denn von den Hiesigen wagt -niemand, sie zu überbieten und ihnen was vor der Nase wegzufangen. Nun -aber erhielt ich am vorigen Donnerstag von dem Popen Iljinskij einen -Brief, in dem er mir mitteilte, daß Gorstkin hingekommen sei, – das ist -gleichfalls ein Aufkäufer, ich kenne ihn, nur ist das Wertvolle an der -Sache das, daß er kein Hiesiger ist, sondern aus Pogreboje, das heißt -also so viel, daß er die Maßloffs, Vater und Sohn, alle beide nicht -fürchtet, da er, wie gesagt, kein Hiesiger ist. Elftausend hat er -gesagt, würde er für das Abholzen geben, begreifst du jetzt? Hier aber -wird er, wie der Pope schrieb, nur eine Woche bleiben. Wenn du nun -hinfahren würdest, könntest du mit ihm die ganze Angelegenheit abmachen -...“ - -„Schreiben Sie doch dem Popen, der kann es ja gleichfalls abmachen.“ - -„Aber der versteht doch so etwas nicht, das ist es ja! Dieser -Gottesknecht hat ja keine Augen! Sonst ist er ein goldener Mensch, würde -ihm ohne zu zögern sofort Zwanzigtauseud ohne Quittung zum Aufbewahren -einhändigen, aber zu sehen versteht er nicht, wirklich als ob er gar -kein Mensch wäre! Jede lahme Krähe macht ihm ein X für ein U vor. Dabei -ist er ein gelehrter Mensch! Dieser Gorstkin aber ist dem Ansehen nach -ein Bauer, geht in blauem Wams herum, nur ist er dem Charakter nach ein -vollendeter Schuft, das ist ja unser gemeinsamer Jammer! Der Kerl lügt, -das ist das Verflixte! Mitunter lügt er dir Dinge vor, daß du dich nur -wundern kannst, warum er es tut. Vor drei Jahren log er mir vor, daß -seine Frau gestorben sei und er schon eine andere geheiratet habe, und -dabei war davon keine Silbe wahr, denk dir nur! Seine Frau lebte damals -unverändert weiter, lebt auch heutigen Tages noch und prügelt ihn alle -drei Tage einmal. So handelt es sich denn jetzt darum, zu erfahren, ob -er wirklich die Wahrheit sagt, daß er kaufen und Elftausend geben will.“ - -„So werde auch ich nichts ausrichten können, ich habe auch keine Augen.“ - -„Halt, mein Sohn, wart, du wirst schon dazu taugen, ich werde dir alle -Zeichen sagen, von Gorstkin, denn, weißt Du, ich habe schon lange mit -ihm zu tun. Sieh: Man muß bei ihm immer auf den Bart sehn. Er hat so’n -kleines, gerupftes, rotblondes Bärtchen. Wenn nun dieses Bärtchen -zittert, er sich aber beim Sprechen ärgert – dann ist’s gut, dann redet -er die Wahrheit, will ein Geschäft machen. Streichelt er aber das -Bärtchen mit der linken Hand und lächelt er dabei, – nun, dann will er -begaunern, dann macht er Finten. In die Augen sieh ihm niemals, aus -denen wird kein Teufel klug, dunkel ist das Wasser, wie gesagt, ein -Erzspitzbube, – sieh nur auf den Bart. Er nennt sich Gorstkin, heißt -aber gar nicht Gorstkin, sondern Ljägawyj,[19] aber rede ihn nicht so -an, sonst fühlt er sich sofort beleidigt. Wenn du also mit ihm -gesprochen hast und siehst, daß er es ernst meint, so schreibe mir -sofort. Schreibe nur: ‚Der Kerl lügt nicht‘. Das genügt. Nur mußt du auf -elftausend bestehen, wenn es aber nicht anders geht, so kannst du noch -ein Tausend ablassen, mehr aber unter keiner Bedingung. Denk nur: Acht -und elf – das ist ein Unterschied von dreitausend. Diese Dreitausend -habe ich so gut wie gefunden, denn so bald läuft einem kein neuer Käufer -in die Finger, Geld aber habe ich grad bis zum Halsabschneiden nötig. -Wenn du mir dann schreibst, daß die Sache ernst ist, so werde ich von -hier schnell hinfahren, hier irgendwie die Zeit noch dazu -herausquetschen. Was aber hat es für einen Zweck, überhaupt hinzufahren, -wenn sich schließlich alles nur als Hirngespinst des Popen erweisen -kann? Nun, fährst du?“ - -„Ich habe wirklich keine Zeit, ersparen Sie es mir ...“ - -„Ach du, aber so tu mir doch den Gefallen, werde es dir nicht vergessen! -Herzlos seid ihr alle samt und sonders, das ist das Ganze, was -dahintersteckt! Was macht es dir denn aus, ob du einen oder zwei Tage -früher ankommst? Wohin fährst du denn jetzt? – nach Venedig? Nun, in -diesen zwei Tagen wird dein Venedig nicht versinken. Ich würde sonst -Aljoscha schicken, aber was versteht denn Aljoschka von solchen Dingen? -Ich bitte einzig und allein dich darum, weil ich weiß, daß du ein kluger -Mensch bist. Das sehe ich doch, wie soll ich denn das nicht sehen? Zwar -handelst du nicht mit Wald, aber du hast ein gutes Auge. Hier heißt es -ja bloß sehen; meint es der Kerl ernst oder faselt er wieder mal? Ich -sage dir, sieh auf den Bart: Zittert das Bärtchen, so ist’s gut, dann -meint er’s ernst.“ - -„Sie wollen also _à tout prix_, daß ich dahin, in dieses verfluchte Nest -fahre, nach Tschermaschnjä?“ fragte Iwan Fedorowitsch zornig und -lächelte boshaft. - -Fedor Pawlowitsch bemerkte die Bosheit nicht oder wollte sie nicht -bemerken, beachtete aber sofort das Lächeln. - -„Du fährst also, wirst hinfahren? Wart, dann schreib ich schnell noch ’n -paar Zeilen, die du mitnehmen kannst.“ - -„Ich weiß nicht, ob ich hinfahren werde, ich weiß es noch nicht; werde -mich unterwegs entscheiden.“ - -„Ach was, unterwegs, entscheide dich jetzt! Nun, mein Täubchen, -entscheide dich, du fährst doch? Wenn du mit ihm gesprochen hast, so -schreibe mir nur zwei Zeilen und gib den Zettel dem Popen ab, er wird -ihn mir sofort rüberschicken. Und dann fahr wohin du willst, schieb -meinetwegen ab nach Venezien. Zurück zur Station kann dich der Pope mit -seinen Pferden fahren ...“ - -Der Alte war entzückt; im Augenblick hatte er das Zettelchen bekritzelt, -dann bestellte er die Pferde, bestellte auch einen Imbiß, Kognak. Wenn -der Alte sich über irgend etwas freute, so wurde er sofort sehr -gesprächig und mitteilsam, diesmal aber schien er sich zu bezwingen. -Dmitrij Fedorowitsch zum Beispiel erwähnte er mit keinem Wort. Die -bevorstehende Trennung selbst, vom zweiten Sohn, rührte ihn nicht im -geringsten. Er schien sogar nicht einmal recht zu wissen, wovon er -sprechen sollte, was Iwan Fedorowitsch sehr wohl bemerkte. „Muß ihm doch -genügend lästig geworden sein,“ dachte er bei sich. - -Erst als der Alte den Sohn auf die Treppe hinausbegleitete, wurde er -etwas rührselig und bekundete sogar die Absicht, ihn zu küssen. Doch -Iwan Fedorowitsch streckte ihm schnell die Hand zum Abschied entgegen, -sichtlich bemüht, etwaige Liebesergüsse zu vermeiden, was der Alte denn -auch sofort begriff, und weshalb er den Kuß unterließ. - -„Nun, fahr mit Gott, mit Gott!“ rief er ihm von der Treppe zu. „Wirst -doch noch einmal im Leben wieder herkommen, nicht? Na, komm nur, werde -mich freuen. Nun, Gott mit dir!“ - -Iwan Fedorowitsch stieg in den Wagen. - -„Nun, leb wohl, Iwan, schimpf nicht zu sehr über mich!“ rief ihm der -Vater noch zum letztenmal nach. - -Die Dienerschaft hatte sich zum Abschied gleichfalls eingefunden: -Ssmerdjäkoff, Marfa und Grigorij. Iwan Fedorowitsch schenkte jedem von -ihnen zehn Rubel. Als er sich schon in den Wagen gesetzt hatte, trat -noch Ssmerdjäkoff an den Schlag, um den Fußteppich zu ordnen. - -„Siehst du ... ich fahre nach Tschermaschnjä ...“ kam es plötzlich ganz -von selbst über Iwan Fedorowitschs Lippen, für ihn jedenfalls ebenso -unerwartet, wie am Tage vorher bei der Hofpforte die Mitteilung, daß er -nach Moskau fahren werde – doch diesmal stieß er es mit einem sonderbar -nervösen Lachen hervor. Dieses Lachens und dieser Worte erinnerte er -sich später noch oft. - -„Alsomit haben denn die Leute recht, wenn sie sagen, mit klugen Menschen -sei auch das Reden ein Vergnügen,“ antwortete Ssmerdjäkoff mit fester -Stimme, und sein Blick schien Iwan Fedorowitsch durchdringen zu wollen. - -Die Pferde zogen an, und der Wagen rollte davon. Die Seele Iwan -Fedorowitschs war traurig, doch gierig blickte er ins Land, auf die -Felder und Hügel und Bäume, und auf einen Zug wilder Gänse, die hoch, -hoch über ihm am klaren Himmel nach Süden zogen. Und plötzlich wurde ihm -so wohl zumut. Er versuchte, mit dem Kutscher ein Gespräch zu beginnen, -und wartete schon neugierig, was der antworten werde, doch nach einer -Minute wurde er sich bewußt, daß die ganze Antwort ihm entgangen war – -daß er dem Kutscher überhaupt nicht zugehört hatte. Er verstummte, und -auch so war es schön: die Luft war so rein und klar und frisch, der -Himmel so hoch und hell. Er sah vor sich die Gestalten Aljoschas und -Katerina Iwanownas, aber er lächelte still, winkte ihnen leise ab, und -die Schemen verschwanden. - -„Auch ihre Zeit wird kommen,“ dachte er. - -Die erste Station erreichten sie ziemlich bald, wechselten dort die -Pferde und fuhren dann weiter nach Wolowje. - -„Warum ist es ein Vergnügen, mit einem klugen Menschen zu reden, was hat -er damit sagen wollen?“ fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf, und der -Atem blieb ihm stehen. „Und warum sagte ich ihm, daß ich nach -Tschermaschnjä fahre?“ - -Nach einiger Zeit kamen sie in Wolowje an. Iwan Fedorowitsch stieg aus, -und alsbald umringten ihn die Fuhrleute. Er befahl Postpferde -anzuspannen und vereinbarte dann auch sofort den Preis für die zwölf -Werst bis nach Tschermaschnjä. Er ging ins Stationsgebäude, drehte sich -dort einmal um, warf auch einen Blick auf die Stationshalterin, und -plötzlich ging er wieder zurück zur Vorfahrt. - -„Nicht nötig nach Tschermaschnjä! Ich fahre nicht hin. Werde ich aber -nicht zu spät zur Eisenbahn kommen? Der Zug geht um sieben ab.“ - -„Wird noch grade gehn. Befehlen der Herr anzuspannen?“ - -„Ja, sofort. Wird nicht jemand von euch morgen in die Stadt fahren?“ - -„Wie denn nicht? Mitrij wird bestimmt hinkommen.“ - -„Kannst du mir nicht einen Dienst erweisen, Mitrij? Geh’ zu meinem -Vater, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff, und sage ihm, daß ich nicht nach -Tschermaschnjä gefahren bin. Kannst du das tun?“ - -„Warum denn nicht? Kenne den Herrn Fedor Pawlowitsch schon lange.“ - -„Hier hast du ein Trinkgeld, denn er könnte dir vielleicht keines -geben,“ sagte Iwan Fedorowitsch gut gelaunt und lachte. - -„Das ist schon wahr, er würde wohl nichts geben,“ sagte Mitrij -gleichfalls lachend. „Danke, Herr, werde gehen, werde bestimmt hingehen -...“ - -Um sieben Uhr abends stieg Iwan Fedorowitsch in den Zug ein, der ihn -nach Moskau brachte. - -„Fort mit allem Gewesenen, Strich drunter, jetzt ist es abgeschlossen, -das frühere Leben und die frühere Welt, in der ich gelebt habe, und daß -kein Ruf, kein Echo mehr aus ihr zu mir herüberklinge! Hinein in die -neue Welt, in das neue Leben und ohne jemals zurückzuschauen!“ - -Doch an Stelle des frohen Jubels erhob sich in seinem Herzen so großes -Weh, wie er es in seinem Leben noch nie empfunden hatte. Die ganze Nacht -konnte er nicht schlafen: Gedanken jagten Gedanken; der Waggon flog -ratternd dahin, und erst beim Morgengrauen, kurz vor der Einfahrt in -Moskau, war es ihm, als ob er plötzlich erwachte. - -„Ich bin ein Schuft!“ murmelte er vor sich hin. - -Fedor Pawlowitsch dagegen blieb sehr zufrieden zurück, als das Söhnchen -abgefahren war. Ganze zwei Stunden lang fühlte er sich beinahe glücklich -und kippte von Zeit zu Zeit einen Kognak. Doch plötzlich geschah etwas -sehr Ärgerliches und für alle Hausbewohner Unangenehmes, was Fedor -Pawlowitsch sofort in große Unruhe versetzte: Ssmerdjäkoff war nämlich -aus irgendeinem Grunde in den Keller gegangen und von der Treppe -hinuntergefallen. Es war noch ein Glück, daß Marfa Ignatjewna sich -gerade auf dem Hof befand und es rechtzeitig hörte. Den Fall hatte sie -zwar nicht gesehen, dafür aber hatte sie den Schrei gehört, den Schrei -eines Epileptikers, der im Anfall hinstürzt. Ob ihn nun der Anfall beim -Hinabsteigen getroffen hatte und er dann bewußtlos die Treppe -hinuntergestürzt war, oder ob der Anfall durch den Sturz und die -Erschütterung verursacht worden war, – das ließ sich natürlich nicht -feststellen, doch fand man ihn schon auf dem Boden des Kellers in -Krämpfen liegen, Schaum vor dem Munde. Man glaubte zuerst, er müsse sich -wenigstens ein Glied, einen Arm oder ein Bein gebrochen oder beschädigt -haben, doch siehe: „Gott hatte ihn beschützt,“ wie Marfa Ignatjewna -sagte; er hatte sich nicht den geringsten Schaden zugefügt, nur war es -schwer, ihn aus dem Keller in Gottes freie Natur hinaufzuschaffen. Man -bat aber die Nachbarn um Hilfe und brachte ihn dann, so gut es ging, -nach oben. Fedor Pawlowitsch wohnte persönlich dieser ganzen -umständlichen Prozedur bei und half sogar eigenhändig; jedenfalls war er -nicht wenig erschrocken und sehr besorgt. Der Kranke kam nicht sobald -zur Besinnung. Die Anfälle hörten wohl zeitweilig auf, doch kamen sie -immer wieder, und so meinten schließlich alle, daß der Anfall ebenso -lange andauern werde wie im vorigen Jahre, als er vom Hausboden -herabgefallen war. Man erinnerte sich, daß er damals Eisumschläge auf -die Stirn und den Scheitel bekommen hatte, und beschloß daher, jetzt -dasselbe Mittel anzuwenden. Eis fand sich noch im Keller, und Marfa -Ignatjewna machte ihm die Umschläge. Fedor Pawlowitsch aber schickte zu -Herzenstube, der auch sofort kam. Nachdem er den Kranken sorgfältig -untersucht hatte (er war der sorgfältigste und aufmerksamste Arzt -im ganzen Gouvernement), erklärte er, daß der Anfall ein -„außerordentlicher“ sei und „Gefahr drohen könne“, daß er, Herzenstube, -vorläufig noch nicht alles begreife, daß er aber morgen früh, falls -diese Mittel nicht helfen sollten, sich entschließen werde, andere -anzuwenden. Der Kranke wurde in sein Zimmer gebracht und zu Bett gelegt. -Grigorijs und Marfas Schlafstube war nur durch eine dünne Wand von -Ssmerdjäkoffs Zimmer getrennt, so daß Marfa Ignatjewna sofort hören -konnte, wenn es dem Kranken vielleicht schlecht gehen sollte. Der arme -Fedor Pawlowitsch aber hatte an diesem Tage ein Unglück nach dem anderen -zu ertragen: das Essen hatte Marfa Ignatjewna zubereitet, und so fand -Fedor Pawlowitsch, daß die Suppe im Vergleich zu Ssmerdjäkoffs -Meisterwerken „das reine Spülwasser“ sei, und das Huhn erwies sich als -dermaßen vertrocknet, daß für ihn ganz ausgeschlossen war, es -durchzukauen. Marfa Ignatjewna aber entgegnete auf die bitteren, wenn -auch gerechten Vorwürfe des Herrn, daß das Huhn sowieso sehr alt gewesen -sei und sie das Kochen nicht bei Professoren gelernt habe. Und am Abend -kam dann noch ein neues Unglück hinzu: Fedor Pawlowitsch wurde gemeldet, -daß Grigorij, der sich vor zwei Tagen erkältet hätte, völlig kreuzlahm -zu Bett liege. Fedor Pawlowitsch trank daher seinen Abendtee möglichst -früh und schloß sich dann allein im Hause ein. Er war durch die -fieberhafte Erwartung ungewöhnlich erregt. Er war nämlich überzeugt, daß -Gruschenka an diesem Abend ganz bestimmt kommen werde, da ihm -Ssmerdjäkoff schon am Morgen gesagt hatte, sie hätte versprochen, -„unfehlbar heute zu kommen“. Das Herz des unruhigen Alten schlug -erwartungsvoll; er ging erregt in seinen großen einsamen Räumen umher -und blieb immer wieder lauschend und aufhorchend mit klopfendem Herzen -stehen. Er mußte auf der Hut sein; konnte doch Dmitrij Fedorowitsch -irgendwo in der Nähe ihr auflauern, und so hieß es, wenn sie ans Fenster -klopfte (Ssmerdjäkoff hatte ihm schon vor drei Tagen versichert, daß er -ihr ausführlich gesagt hätte, wo und wie sie klopfen sollte), so hieß es -dann sofort, die Tür öffnen und sie keine Sekunde lang warten lassen, -damit sie nur um Gotteswillen nicht vor irgend etwas Angst bekäme und -fortliefe. Besorgt und unruhig wartete Fedor Pawlowitsch. Noch nie hatte -sein Herz in so süßer Hoffnung geschwelgt: es war doch so gut wie sicher -und bestimmt, daß sie diesmal kommen werde! ... - - - - - Sechstes Buch. Ein russischer Mönch - - - I. - Der Staretz Sossima und seine Gäste - -Als Aljoscha mit Schmerz und Aufregung im Herzen die Zelle des Staretz -betrat, blieb er im ersten Augenblick vor Verwunderung stehen: statt -einen sterbenden Kranken vorzufinden, der vielleicht schon besinnungslos -war (wie er die ganze Zeit gefürchtet hatte), erblickte er ihn plötzlich -im Lehnstuhl sitzend, wenn auch anscheinend etwas erschöpft und schwach, -so doch jedenfalls mit frohem Antlitz, und umgeben von Gästen, mit denen -er eine ruhig heitere Unterhaltung führte. Übrigens war er erst eine -viertel Stunde vor Aljoschas Ankunft aufgestanden. Die Gäste hatten sich -schon früher in der Zelle versammelt und auf sein Erwachen gewartet, -denn Pater Paissij hatte ihnen gesagt, daß der Lehrer sich gewiß noch -erheben werde, um sich noch einmal mit allen, die seinem Herzen teuer -waren, auszusprechen, wie er dies selbst am Morgen gewünscht und -versprochen hatte. An dieses Versprechen, wie überhaupt an jedes Wort -des sterbenden Staretz glaubte Pater Paissij unerschütterlich, so daß er -sogar dann, wenn er ihn schon bewußtlos und sterbend gesehen und -gleichwohl sein Versprechen, noch einmal aufzustehen, gehabt hätte, ja -daß er dem Tode selbst nicht geglaubt, sondern immer noch erwartet haben -würde, der Sterbende werde sich erheben und sein Versprechen halten. Am -Morgen aber hatte ihm der Staretz vor dem Einschlafen gesagt: „Ich werde -nicht früher sterben, als bis ich noch einmal vorher, ihr Geliebten -meines Herzens, eure lieben Gesichter geschaut und vor euch meine Seele -ausgeschüttet habe.“ Die vier Mönche, die sich zu dieser letzten -Unterhaltung beim Staretz eingefunden hatten, waren seine Freunde, die -innig an ihm hingen: die beiden Priestermönche Pater Jossiff und Pater -Paissij und der Priestermönch Pater Michail. Es war das der _Vorsteher_ -der Einsiedelei, eigentlich noch kein alter Mann, auch war er nicht -gerade sehr gelehrt, dafür aber ein fester Charakter mit schlichtem, -unerschütterlichem Glauben und von strengem Äußeren; sein Herz war von -tiefster Güte durchdrungen, die er jedoch äußerlich fast wie aus einem -gewissen Schamgefühl heraus zu verbergen suchte. Der vierte Gast war ein -kleines, altes, einfaches Mönchlein aus niedrigstem Bauernstande, Bruder -Anfim, der kaum lesen und schreiben konnte, still und schweigsam war, -selten mit jemandem sprach, der Demütigste aller Demütigen. Er hatte das -Aussehen eines Menschen, der durch etwas Großes und Schreckliches, für -seinen Geist Unfaßliches auf ewig erschreckt worden ist. Diesen -gleichsam vor Furcht bebenden Menschen liebte der Staretz Sossima sehr -und behandelte ihn stets mit außergewöhnlicher Hochachtung. Trotzdem -hatte Pater Anfim vielleicht in seinem ganzen Leben mit niemandem -weniger geredet als mit dem Staretz, obgleich er viele Jahre mit ihm -allein als Pilger durch das heilige Rußland gewandert war. Das aber war -schon vor langer Zeit gewesen, ungefähr vor vierzig Jahren, als der -Staretz Sossima erst seine Laufbahn als Mönch in einem armen, fast ganz -unbekannten Kostromaschen Kloster begonnen hatte. Bald darauf begleitete -ihn Pater Anfim auf seinen Wanderungen zum Sammeln von Opfergaben für -ihr armes Klosters. Sie alle, der Staretz wie seine Gäste, hatten sich -im zweiten Zimmer der Zelle versammelt, in dem auch das Bett stand. -Dieses Zimmer war, wie ich schon einmal erwähnte, sehr klein, so daß -alle vier (außer dem Novizen Porfirij, der die ganze Zeit über stand) um -den Lehnstuhl des Staretz auf den Stühlen, die aus dem ersten Zimmer -herbeigebracht waren, kaum Platz fanden. Draußen dunkelte es bereits, -und das Zimmer wurde nur durch die Lämpchen und Wachslichte vor den -Heiligenbildern erleuchtet. Als der Staretz Aljoscha erblickte, der beim -Eintreten an der Tür stehen geblieben war, lächelte er freudig und -streckte ihm die Hand entgegen. - -„Sei gegrüßt, mein Stiller, sei gegrüßt, mein Lieber, da bist ja auch -du! Ich wußte doch, daß du kommen würdest.“ - -Aljoscha trat auf ihn zu, verbeugte sich vor ihm bis zur Erde und brach -in Tränen aus. Sein Herz wollte zerspringen; seine Seele erbebte, und am -liebsten hätte er laut aufgeschluchzt. - -„Was tust du? warte noch mit dem Weinen,“ sagte der Staretz lächelnd und -legte ihm die rechte Hand auf den Scheitel, „siehe, ich sitze und -plaudere hier, vielleicht werde ich noch zwanzig Jahre leben, wie es mir -gestern die Gute, Liebe aus Wyschegorje, mit dem Töchterchen Lisaweta -auf dem Arme, gewünscht hat. Herr, segne sie und ihr Töchterchen -Lisaweta!“ (er bekreuzte sich). „Porfirij, hast du die Gabe dorthin -gebracht, wie ich es dir befahl?“ Ihm waren die sechzig Kopeken -eingefallen, die ihm seine opferfreudige Verehrerin mit der Bitte -übergeben hatte, sie „einer, die ärmer ist als ich“, zu spenden. Solche -Spenden, die man sich freiwillig auferlegt, müssen durchaus durch eigene -Arbeit erworben werden, um ein Bußopfer zu sein. Der Staretz hatte -Porfirij damit noch am selben Abend zu einer armen Bürgersfrau -geschickt, einer Witwe mit Kindern, die durch einen Brand alles verloren -hatte. Porfirij meldete sofort, daß er die Sache besorgt und das Geld, -wie er beauftragt war, „von einer unbekannten Wohltäterin“ überbracht -habe. - -„Steh auf, mein Lieber,“ wandte sich der Staretz wieder zu Aljoscha, -„laß mich dich ansehen. Warst du bei den Deinen und sahst du deinen -Bruder?“ - -Aljoscha schien es sonderbar, daß er so bestimmt nur nach einem von -seinen Brüdern fragte – aber nach welchem? Folglich hatte er ihn gestern -wie auch heute nur um dieses Bruders willen fortgeschickt. - -„Den einen der Brüder habe ich gesehen,“ antwortete Aljoscha. - -„Ich meine den von gestern, den älteren, vor dem ich niederfiel.“ - -„Den habe ich gestern gesehen, heute aber konnte ich ihn nicht finden,“ -sagte Aljoscha. - -„Suche ihn eiligst auf, morgen gehe wieder hin, beeile dich, laß alles -andere bleiben und beeile dich. Vielleicht gelingt es dir noch, etwas -Schrecklichem vorzubeugen. Denn wisse: ich bin gestern wegen des großen -Leidens, das ihn in Zukunft erwartet, vor ihm niedergefallen.“ - -Er verstummte plötzlich und versank in Gedanken. Sonderbar waren seine -Worte. Der Pater Jossiff, der Zeuge des gestrigen Kniefalls gewesen war, -und der Pater Paissij tauschten einen Blick aus. Aljoscha aber konnte -nicht an sich halten: - -„Mein Vater und mein Lehrer,“ stieß er in ungewöhnlicher Aufregung -hervor, „unklar sind mir Eure Worte ... Welch ein Leiden erwartet ihn?“ - -„Frage nicht. Mir schien gestern etwas Schreckliches ... In seinem Blick -konnte man sein ganzes Schicksal lesen. Nur ein Blick war es, und in -diesem Augenblick erschrak ich in meinem Herzen über das, was dieser -Mensch sich selbst bereitet. Ein- oder zweimal in meinem Leben habe ich -diesen Gesichtsausdruck gesehen ... einen Gesichtsausdruck, der das -ganze Schicksal dieser Menschen kennzeichnete, und wehe! das sie auch -ereilte. Ich habe dich zu ihm geschickt, Alexei, denn ich dachte, daß -das Bruderantlitz ihn retten könnte. Doch alles kommt vom Herrn, auch -alle unsere Geschicke. ‚Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht -stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele -Früchte.‘ Denke daran, mein Sohn. Dich aber, Alexei, habe ich oft in -Gedanken um deines Blickes willen gesegnet, damit du es weißt,“ sagte -der Staretz, und ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. „Oft -denke ich von dir: Du wirst wie ein Einsiedler aus diesen Mauern -hinausgehen in die Welt. Viele Gegner wirst du haben, aber selbst deine -Feinde werden dich lieben. Viel Leid wird dir das Leben bringen, doch -nur durch Leid wirst du glücklich sein, und nur um des Leidens willen -wirst du das Leben segnen, und du wirst auch andere zwingen, es zu -segnen – was das wichtigste ist. Siehe, das bist du. Meine Väter und -Lehrer,“ wandte er sich gerührt lächelnd an seine Freunde – „bis zu -dieser Stunde habe ich niemandem gesagt, auch ihm selbst nicht, warum -der Anblick dieses Jünglings mir so lieb war. Jetzt werde ich es sagen: -Sein Antlitz war mir eine Erinnerung und eine Prophezeiung. In der -Morgenröte meiner Tage, als ich noch ein ganz kleines Kind war, hatte -ich einen älteren Bruder; es war ein Jüngling, der mit siebzehn Jahren -starb. Später, als ich mein Leben begann, überzeugte ich mich immer -mehr, daß dieser Bruder in meinem Schicksal gleichsam ein Hinweis zu -etwas Höherem gewesen war, denn wäre er in meinem Leben nicht gewesen, -so wäre ich vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, die Mönchskutte zu -wählen und diesen Weg zu betreten, der mir jetzt so teuer ist. Diese -Erscheinung kreuzte in meiner Kindheit meinen Weg, und siehe, am Ende -meiner Tage tritt sie wie wiedererstanden aufs neue mir entgegen. -Wunderbar ist es, meine Väter und Lehrer, daß Alexei, auch wenn er dem -Antlitze nach ihm weniger ähnlich wäre, geistig ihm doch so gleicht, daß -ich ihn oft für jenen Jüngling, für meinen Bruder gehalten habe, der am -Ende meiner Tage mir geheimnisvoll erschienen ist, zur Erinnerung und -zur Erleuchtung. Ich habe mich selbst oft über diesen meinen Gedanken -gewundert. Merke es dir, Porfirij,“ wandte er sich an den bedienenden -Novizen. „Oft sah ich auf deinem Gesicht Unmut darüber, daß ich Alexei -mehr liebte als dich. Jetzt weißt du, warum das geschah, doch liebe ich -auch dich. Wisse, ich war oft betrübt, daß du darüber grolltest. Euch -aber, liebe Gäste, will ich von diesem Jüngling, meinem Bruder erzählen, -denn seine Erscheinung war in meinem Leben die teuerste, die -prophetischste und die ergreifendste. Mein Herz ist von Rührung -ergriffen, und mir ist, als durchlebte ich in dieser Minute nochmals -mein ganzes Leben ...“ - - * * * * * - -Hier muß ich bemerken, daß dieses Gespräch des Staretz mit seinen -Gästen, am letzten Tage seines Lebens, später von seinen Anhängern -aufgeschrieben und aufbewahrt worden ist. Alexei Fedorowitsch Karamasoff -schrieb es einige Tage nach dem Tode des Staretz aus dem Gedächtnis -nieder. Ob er nun bloß das letzte Gespräch von damals aufgeschrieben -oder einiges aus den früheren Erzählungen seines Lehrers noch -hinzugefügt hat, das kann ich nicht feststellen. In der Niederschrift -zieht sich das Gespräch des Staretz ununterbrochen hin, als ob er sein -Leben den Freunden in der Form einer Erzählung wiedergegeben hätte, -während es sich doch in Wirklichkeit ohne Zweifel anders verhalten hat. -Die Unterhaltung an diesem Abend war eine allgemeine gewesen; denn wenn -auch die Gäste ihren Meister nur wenig unterbrachen, so mischten sie -sich doch zuweilen in das Gespräch ein, teilten auch ihre Meinungen und -Erlebnisse mit, abgesehen davon, daß der Staretz ununterbrochen seine -Erzählung gar nicht hätte zu Ende führen können, da er viel zu erschöpft -war, die Stimme ihm versagte und er sich von Zeit zu Zeit aufs Bett -legen mußte, um sich zu erholen, während die Gäste ihren Platz nicht -verließen. Ein- oder zweimal wurde die Unterhaltung durch Lesen des -Evangeliums unterbrochen. Pater Paissij las vor. Bemerkenswert ist auch -noch, daß niemand von ihnen ahnte, wie nahe sein Ende war – daß er noch -in dieser Nacht sterben werde. Er hatte an diesem letzten Abend seines -Lebens nach einem tiefen Nachmittagsschlaf neue Kräfte geschöpft, die -ihn während des langen Gespräches mit seinen Freunden aufrecht -erhielten. Doch waren es, wie sich erwies, seine letzten Kräfte gewesen -... Aber davon später. Jetzt will ich nur mitteilen, daß ich mich hier -bei der Erzählung des Staretz auf die Niederschrift Alexei Fedorowitsch -Karamasoffs beschränke, ohne auf alle Einzelheiten der Unterhaltung mit -seinen Gästen einzugehen. So ist sie übersichtlicher und nicht so -ermüdend, obgleich, ich wiederhole es, Aljoscha sie nicht wörtlich -wiedergegeben hat. - - - II. - Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott verschiedenen - Priestereinsiedlermönches, des Staretz Sossima, zusammengestellt - nach dessen eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch Karamasoff. - Biographische Aufzeichnungen - - - a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima - -Inniggeliebte Väter und Lehrer. Ich wurde hoch im Norden, in einem -entfernten Gouvernement, geboren, in der Stadt W. Mein Vater war -Edelmann, doch weder von hohem Adel, noch von hohem Rang. Er starb, als -ich zwei Jahre alt war, und ich erinnere mich seiner nicht. Er -hinterließ meiner Mutter ein nicht sehr großes Wohnhaus und ein Kapital, -das für sie und ihre Kinder zum Leben ausreichte. Sie hatte nur uns -beide: mich, Sinowij, und meinen älteren Bruder Markell. Er war acht -Jahre älter als ich, war reizbar und heftig, doch nichtsdestoweniger gut -und zartfühlend, verschlossen, besonders zu Hause, sowohl gegen mich, -gegen meine Mutter und gegen die Dienstboten. Im Gymnasium war er ein -guter Schüler, aber mit seinen Mitschülern verstand er sich nicht, -obgleich er mit ihnen auch nicht gerade in Feindschaft lebte, wie die -Mutter behauptete. Ein halbes Jahr vor seinem Tode, als er schon -siebzehn Jahre alt war, ging er häufig zu einem einsamen Menschen, der, -aus Moskau als politischer Verbrecher verbannt, in unserer Stadt lebte. -Dieser Verbannte war kein geringer Gelehrter und ein berühmter Philosoph -der Universität. Warum er Markell liebte und ihn bei sich empfing, weiß -ich nicht. Jedenfalls verbrachte Markell bei ihm alle Abende. Den ganzen -Winter hindurch besuchte er ihn, bis man schließlich den Verbannten auf -dessen Bitte an die Petersburger Universität berief, denn er hatte gute -Protektion. Die großen Fasten begannen, aber Markell weigerte sich, zu -fasten, und er machte sich über das Fasten nur lustig: „Das ist doch -nichts als Unsinn, denn es gibt ja gar keinen Gott,“ sagte er. Meine -Mutter und die Dienstboten waren darüber entsetzt, und auch ich war es; -wenn ich auch erst neun Jahre alt war, so erschrak ich doch sehr, als -ich diese Worte hörte. Unsere vier Dienstboten waren als Leibeigene und -alle auf den Namen eines uns bekannten Gutsbesitzers gekauft.[20] Ich -erinnere mich noch, wie Mütterchen eine von diesen vier, die Köchin -Afimja, ein hinkendes, ältliches Weib, für sechzig Rubel verkaufte und -an ihrer Stelle eine Freie annahm. In der sechsten Woche der Fasten -wurde mein Bruder krank. Er war schon immer kränklich gewesen, hatte -eine schwache Brust, war zart gebaut und neigte zur Schwindsucht; klein -von Wuchs war er gerade nicht, aber schmal und schwächlich; sein Gesicht -dagegen war wohlgebildet. Wahrscheinlich hatte er sich erkältet. Der -Doktor kam und flüsterte bald darauf meinem Mütterchen zu, daß es die -Schwindsucht sei und er den Frühling wohl nicht überleben werde. Die -Mutter weinte, bat aber schüchtern den Bruder – um ihn nicht zu -erschrecken –, er möge durch Fasten und Kirchenbesuch sich zum Abendmahl -vorbereiten, denn damals konnte er noch ausgehen. Als er das hörte, -wurde er zornig und lästerte das Gotteshaus, indessen dachte er doch -nach: Er erriet sofort, daß er gefährlich krank war, und daß die Mutter -ihn nur darum bat, zum Abendmahl zu gehen, weil er noch bei Kräften war. -Übrigens wußte er selbst schon lange, daß er krank war, schon ein Jahr -vorher hatte er einmal bei Tisch mir und der Mutter kaltblütig gesagt: -„Ich bin unter euch gar nicht wie ein Bewohner dieser Erde, vielleicht -werde ich schon im nächsten Jahre nicht mehr leben,“ ganz als ob er -seinen Tod prophezeit hätte. Es vergingen zwei, drei Tage, und die -Passionswoche begann. Und siehe, der Bruder ging vom Dienstagmorgen an -zur Beichte. „Ich tue es nur deinetwegen, Mütterchen, nur um dich zu -erfreuen und zu beruhigen,“ sagte er zu ihr. Die Mutter weinte vor -Freude und vor Leid: „Nah muß sein Ende sein, wenn sich in ihm eine -solche Umwandlung vollzogen hat,“ sagte sie. Aber nicht lange mehr -konnte er in die Kirche gehen, so daß die Beichte und das Abendmahl im -Hause vollzogen werden mußten. Es kamen heitere und klare Tage, voll -Licht und Duft; es waren späte Ostern. In den Nächten schlief er -schlecht und hustete – ich erinnere mich dessen noch –, am Morgen aber -kleidete er sich immer an und setzte sich in einen weichen Lehnstuhl. So -sehe ich ihn noch jetzt vor mir: still sitzt er da und lächelt, zwar ist -er krank, aber sein Blick ist strahlend. Seelisch hatte er sich ganz -verändert – eine wunderbare Veränderung hatte sich in ihm vollzogen! -Seine alte Kinderfrau trat einmal zu ihm ins Zimmer und sagte: „Erlaube, -mein Täubchen, daß ich auch bei dir das Lämpchen vor dem Heiligenbilde -anzünde.“ Früher erlaubte er es nicht und hatte das Lämpchen sogar -ausgelöscht. „Zünde an, meine Liebe, zünde es an. Ein Ungeheuer war ich, -als ich es dir verbot. Du zündest das Lämpchen an und betest zu Gott, -und ich freue mich über dich und bete gleichfalls. Folglich beten wir -beide zu einem Gott.“ Sonderbar schienen uns diese Worte; die Mutter -ging in ihr Zimmer und weinte immerfort, nur wenn sie zu ihm kam, -wischte sie sich die Augen ab und machte ein frohes Gesicht. -„Mütterchen, weine nicht, mein Liebes,“ sagte er gar manches Mal, „ich -lebe ja noch lange mit euch, kann mich noch mit euch freuen, sieh, welch -eine Freude ist doch das Leben!“ – „Ach, mein Lieber, was ist denn das -für eine Freude für dich, wenn du die ganze Nacht im Fieber liegst und -hustest, daß dir die Brust zerspringt.“ – „Mama,“ antwortete er ihr, -„weine nicht, das Leben ist ein Paradies, und alle sind wir im -Paradiese, wir wollen es nur nicht erkennen; wenn wir es aber erkennen -könnten, so würden wir morgen im Paradiese sein.“ Und alle wunderten -sich über seine Worte, so sonderbar und bestimmt sprach er sie aus; und -sie weinten alle vor Rührung. Auch Bekannte kamen zu uns. „Meine -Lieben,“ sagte er zu ihnen, „meine Teuren, wodurch habe ich verdient, -daß Sie mich lieben, warum lieben Sie mich denn, und warum habe ich das -früher nicht gewußt und geschätzt?“ Den Dienstboten sagte er, wenn sie -zu ihm kamen: „Meine Lieben, meine Guten, warum bedient ihr mich, bin -ich es denn wert, daß man mich bedient? Wenn Gott sich meiner erbarmte -und mich leben ließe, so würde ich selbst euch dienen, denn ein jeder -soll dem anderen dienen.“ Als Mütterchen dies hörte, schüttelte sie den -Kopf und sagte: „Das kommt von deiner Krankheit, daß du so sprichst!“ – -„Mama, du meine Freude, gewiß muß es Diener und Herren geben, möge ich -aber auch einmal der Diener meiner Diener sein und ihnen dienen, wie sie -mir. Ja, und ich sage dir, Mütterchen, jeder von uns ist in allem vor -allen schuldig, und ich bin es mehr als alle anderen.“ Die Mutter -lächelte darüber, weinte und lächelte: „Nun, weshalb solltest du denn -von allen am meisten schuldig sein? Da gibt es Mörder und Räuber, worin -kannst du denn so gesündigt haben, daß du dich mehr als alle anderen -beschuldigst?“ – „Mütterchen, du mein leibliches Mütterchen, mein -eigenes Herzblut (liebe, ganz ungewohnte Worte sagte er damals), meine -Liebe, meine Freudige, ich sage dir, in Wahrheit ist ein jeder in allem -und vor allen schuldig. Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll, -aber ich fühle es, fühle es bis zur Qual. Wie haben wir nur so leben und -uns kränken können und es nicht gewußt?“ So erhob er sich jeden Morgen -immer freudiger und immer mehr von Liebe überwältigt und verklärt. Wenn -der Doktor kam, Doktor Eisenschmidt, ein Deutscher, scherzte er mit ihm: -„Nun, Doktor, werde ich noch einen Tag auf der Welt erleben?“ – „Nicht -nur einen Tag, noch viele Tage werden Sie leben,“ antwortete ihm manches -Mal der Doktor, „und Monate und Jahre werden Sie noch leben.“ – „Wozu -denn noch Monate und Jahre!“ rief er aus. „Wozu da die Tage zählen. Dem -Menschen genügt ja ein einziger Tag, um das ganze Glück zu erfahren. -Meine Lieben, warum streiten wir uns, warum tun wir wichtig voreinander, -warum vergeben wir nicht einander? – Gehen wir lieber gradeswegs in den -Garten, lustwandeln wir und freuen wir uns, lieben wir einander und -lobpreisen wir unser Leben! ...“ „Ihr Sohn ist nicht von dieser Welt,“ -sagte der Doktor zur Mutter, wenn die ihn zur Tür begleitete, „durch die -Krankheit verfällt er in Phantasien.“ Die Fenster seines Zimmers gingen -auf den Garten hinaus; der Garten war schattig, voll alter Bäume, und an -den Bäumen sproßten Frühlingsknospen, und die ersten Vögel zwitscherten -und sangen vor seinem Fenster. Er freute sich über sie, und plötzlich -begann er auch, sie um Verzeihung zu bitten: „Gottes Vöglein, selige -Vöglein, vergebt auch ihr, daß ich auch euch gegenüber gesündigt habe.“ -Das nun konnte niemand mehr von uns verstehen; er aber weinte vor -Freude: „Ja,“ sagte er, „so groß war der Ruhm Gottes um mich her: Vögel, -Bäume, Wiesen und Himmel, nur ich allein lebte in Sünde und schändete -alles, weil ich die Schönheit der Welt und den Ruhm des Herrn nicht -beachtete.“ „Zu viel Sünden nimmst du auf dich,“ sagte oft weinend die -Mutter. „Mütterchen, meine Freude,“ sagte er ihr darauf, „ich weine ja -nicht vor Kummer; vor Freude weine ich. Ich selbst will vor ihnen -schuldig sein. Alles das kann ich dir nicht erklären, denn ich weiß -nicht, wie ich sie lieben soll. Möge ich doch schuldig sein vor allen, -dafür aber wird man mir vergeben, siehe, und das ist ein Paradies. Bin -ich denn jetzt nicht im Paradiese?“ - -Und was gäbe es nicht noch alles zu berichten von ihm! und auszulegen! -Ich erinnere mich noch, daß ich einmal ganz allein bei ihm war. Es war -zur Abendstunde, die Sonne beleuchtete mit letzten schrägen Strahlen das -ganze Zimmer. Als er mich erblickte, winkte er mich zu sich heran. Und -ich ging zu ihm; er aber faßte mich mit beiden Händen an den Schultern, -sah mir mit rührender Liebe ins Gesicht, sagte nichts, sah mich nur -minutenlang an: „Nun,“ sagte er dann, „gehe jetzt, spiele und lebe für -mich!“ Ich ging damals hinaus, um zu spielen, aber im späteren Leben -dachte ich oft mit Tränen daran, wie er mir befohlen hatte, für ihn zu -leben. Viele solcher wunderbaren und schönen Worte, die uns damals -unverständlich blieben, hat er noch gesprochen. Er starb in der dritten -Woche nach Ostern bei voller Besinnung, obgleich er schon aufgehört -hatte, zu sprechen, doch bis zum letzten Augenblick veränderte er sich -nicht: freudig strahlten seine Augen, mit seinen Blicken suchte er uns, -lachte er uns zu, und rief er uns. In der Stadt sprach man viel über -seinen Tod. Das alles erschütterte mich damals nicht allzu tief, -obgleich ich sehr weinte, als man ihn beerdigte. Ich war ja jung, ein -Kind war ich noch, aber in meinem Herzen blieb die Erinnerung daran -zurück. Es mußte erst die Zeit kommen, da sie auferstehen und Antwort -geben sollte. Und so geschah es denn auch. - - - b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz Sossima - -So waren wir denn allein, meine Mutter und ich. Bald kamen gute Bekannte -mit ihrem Rat zu uns: „Ihnen ist nur ein Sohn verblieben,“ sagten sie zu -meiner Mutter, „arm sind Sie nicht, Sie haben ein gewisses Vermögen, -warum sollten Sie nicht Ihren Sohn nach Petersburg schicken, damit er, -da er aus guter Familie ist, dort seine Karriere mache?“ Und sie -beredeten meine Mutter, mich nach Petersburg in die Kadettenschule zu -bringen, damit ich später in die Kaiserliche Garde eintreten könnte. -Meine Mutter konnte sich zuerst nicht recht dazu entschließen: wie -sollte sie sich von dem letzten und einzigen Sohne trennen? Indessen -entschloß sie sich endlich doch dazu, wenn auch unter vielen Tränen, -aber sie glaubte dadurch mein Glück zu fördern. Sie brachte mich nach -Petersburg, und ich wurde in die Kadettenschule aufgenommen. Ich sollte -meine Mutter nicht mehr wiedersehen, denn nach drei Jahren starb sie; -die ganzen drei Jahre hat sie nur um ihre beiden Söhne getrauert. Aus -meinem Elternhaus habe ich die allerteuersten Erinnerungen, denn keine -Erinnerung ist dem Menschen so teuer, als die der ersten Kindheit in -seinem Elternhause, und das ist fast immer so, wenn in der Familie nur -etwas Liebe und Einigkeit herrscht. Ja, selbst aus der schrecklichsten -Familie kann man die teuersten Erinnerungen bewahren, wenn nur die Seele -selbst fähig ist, das Wertvolle zu finden. Zu den Erinnerungen aus -meinem Vaterhause gehören auch die Erinnerungen an die biblischen -Geschichten, die ich, obwohl ich noch ein kleines Kind war, sehr zu -hören liebte. Ich besaß damals eine Biblische Geschichte mit schönen -Bildern und mit dem Titel: „Hundertundvier biblische Geschichten aus dem -Alten und Neuen Testament“. Und aus diesem Buch lernte ich das Lesen. -Und noch jetzt steht sie hier auf meinem Bücherbrett, und ich bewahre -sie als teures Andenken auf. Aber noch bevor ich das Lesen erlernt -hatte, noch vor meinem achten Jahre, hatte ich ein geistiges Erlebnis. -Meine Mutter brachte mich allein (ich weiß nicht, wo mein Bruder damals -war) am Montag der Karwoche zum Abendmahl in die Kirche. Der Tag war -hell, und ich erinnere mich noch jetzt, als ob ich es vor mir sähe, wie -der Weihrauch aus dem Räucherfaß leise aufstieg, von oben aber aus den -schmalen Fenstern der Kuppel über uns das Licht Gottes sich ergoß, und -wie der emporsteigende Weihrauch sich mit den Sonnenstrahlen vermischte. -Eine heilige Empfindung durchschauerte mich, und zum erstenmal nahm ich -bewußt das Wort Gottes in mich auf. Ein Knabe mit einem großen Buche -trat in die Mitte der Kirche vor, so groß war das Buch, daß er es, wie -mir schien, nur mit Mühe tragen konnte. Er legte es aufs Pult nieder, -schlug es auf und fing zu lesen an, und plötzlich begriff ich etwas -davon, und ich begriff zum erstenmal in meinem Leben, daß in der Kirche -gelesen wurde. „Es war ein Mann im Lande Uz, der war sehr -gottesfürchtig, und er besaß großen Reichtum, viele Kamele und Schafe, -und seine Kinder lebten in Freuden, und er liebte sie sehr und betete zu -Gott für sie, auf daß sie nicht sündigten in ihrem Frohsinn. Da trat -eines Tages zusammen mit den Engeln auch der Böse vor den Thron des -Herrn, und er sagte zum Herrn, er habe alles Land durchzogen, über und -unter der Erde. Und Gott der Herr fragte ihn: Hast du auch meinen Knecht -Hiob gesehen? Und Gott rühmte sich vor dem Satanas seines großen treuen -Dieners. Da lachte der Böse über die Worte Gottes und sprach: „Übergib -ihn mir, und du wirst sehen, daß dein treuer Knecht murren und deinen -Namen verfluchen wird.“ Und da übergab Gott seinen Gerechten, seinen -geliebten treuen Diener dem Teufel, und der Teufel ging hin und -vernichtete seine Kinder, seine Herden und seinen ganzen Reichtum, wie -mit einem Donnerschlag Gottes. Da zerriß Hiob seine Kleider und warf -sich hin zur Erde und rief: „Nackt bin ich hervorgegangen aus meiner -Mutter Leibe, nackt fahre ich wieder dahin, der Herr hat es gegeben, der -Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt von nun an bis in -alle Ewigkeit!“ - -Meine Väter und Lehrer, verzeiht mir meine Tränen, denn meine ganze -Kindheit steht wieder auf in mir, und ich atme wieder, wie ich damals -mit meiner kleinen Kinderbrust atmete, und ich fühle wie damals -Erstaunen, Rührung und Freude. Und die Kamele beschäftigten meine -Phantasie, und der Satan, der so zu Gott sprach, und Gott, der seinen -Knecht dem Unglück überlieferte, und der Knecht, der da ausrief: „Nackt -hast Du mich geschaffen, nackt sterbe ich, Dein Name, o Herr, sei -gelobt!“ und darauf der leise und süße Kirchengesang: „Erhöre mein -Gebet,“ und der aufsteigende Thymianrauch aus dem Weihrauchfasse des -Priesters, und dann das Gebet auf den Knien. Seit der Zeit – und noch -gestern las ich sie – kann ich diese heilige Erzählung nicht ohne Tränen -lesen. Wieviel Großes, Geheimnisvolles und Unbegreifliches liegt darin! -Später hörte ich stolze Worte von Spöttern und Lästerern darüber: „Wie -konnte Gott seinen Lieblingsknecht dem Teufel ausliefern, ihm seine -Kinder nehmen, ihn mit Krankheit und Wunden schlagen, so daß er mit -Scherben den Eiter aus seinen Wunden und Beulen herausbringen mußte, und -warum und wozu? Um sich etwa vor dem Satan rühmen zu können: „Sieh, was -er um meinetwillen leiden kann!“ Aber das Große in ihm bleibt uns ein -Geheimnis, das vergängliche Irdische und die ewige Wahrheit kreuzen sich -hier. Die ewige Gerechtigkeit steht über dem irdischen Recht. Hier ist -es der Schöpfer, der in den ersten Tagen seiner Schöpfung nach jedem -Tagewerk sagt: „Es ist gut, was ich geschaffen habe“ der Schöpfer, der -Hiob sieht, und dieses sein Geschöpf lobt. Und Hiob, Gott lobend, dient -nicht nur ihm, sondern er dient auch der ganzen Schöpfung Gottes, von -Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert, denn das war -doch seine Bestimmung. Mein Gott, was für ein Buch das ist, und welche -Weisheit es enthält! Welche Wunder enthält die Heilige Schrift, und -welche Kraft ist in ihr den Menschen gegeben! Welche Auslegung der Welt -und des Menschen und der menschlichen Charaktere, und alles ist gezeigt -und erwiesen bis in die Ewigkeit aller Zeiten. Und welch gelöste und -offenbarte Geheimnisse: und Gott richtet Hiob wieder auf, schenkte ihm -wieder Reichtum, und es vergehen viele Jahre, und er hat wieder neue -Kinder, andere Kinder, die er liebt. Mein Gott: „Wie konnte er,“ sollte -man meinen, „diese neuen lieben und die anderen, die ersten, vergessen? -Wie konnte er, wenn er an sie dachte, vollkommen glücklich sein mit den -neuen, wie lieb er diese auch haben mochte?“ Und doch ist es möglich, -ist es möglich: der alte Kummer – das große Geheimnis des Menschenlebens -– verwandelt sich allmählich in eine stille, freudige Rührung; an Stelle -des jungen, kochenden Blutes tritt die Ruhe demütigen klaren Alters. Ich -preise den täglichen Aufgang der Sonne, und mein Herz jubelt ihm wie -früher zu, und doch liebe ich jetzt mehr ihren Untergang, ihre langen -schrägen Strahlen mit ihren stillen, versöhnenden, rührenden -Erinnerungen, mit den lieben Bildern aus meinem ganzen langen und -gesegneten Leben – und über alledem schwebt die friedenspendende, -allvergebende Gerechtigkeit Gottes! Mein Leben geht zu Ende, ich weiß -und fühle es, doch fühle ich auch mit jedem sich neigenden Tage, wie -mein Leben dieser Erde mit einem neuen, unendlichen, unbekannten, aber -schon neu heraufkommenden Leben zusammenfließt, dessen Vorgefühl meine -zitternde, bebende Seele mit Entzücken erfüllt. Mein Geist leuchtet, und -mein Herz weint vor Freude ... Meine Freunde und Lehrer, hörte ich nicht -des öfteren und jetzt in der letzten Zeit mehr denn früher, wie bei uns -die Priester des Herrn, und besonders die vom Lande, sich überall mit -Tränen über ihren geringen Unterhalt und ihre geringe Stellung beklagen; -gerade heraus sagen sie (ich habe es selbst gelesen), daß sie nicht mehr -imstande wären, dem Volke die Schrift auszulegen, denn ihr Unterhalt -wäre so gering, und wenn die Lutheraner oder andere Ketzer ihnen die -Herde abtrünnig machten, so möchten sie es nur tun, sie hätten keine -Kraft mehr, sie aufzuhalten. „Herr!“ denke ich, „möge Gott ihnen doch -ein besseres Gehalt geben“ (denn gerecht sind ihre Klagen), aber in -Wahrheit sage ich: Wenn jemand daran schuld ist, so sind zur Hälfte wir -es selbst! Denn möge er recht haben, daß er dazu keine Zeit mehr finden -kann, da er arbeiten muß und ihn Notdurft peinigt – doch nicht die ganze -Zeit braucht er zu arbeiten, eine Stunde in der Woche wird er Zeit -finden, um an Gott zu denken. Und doch nicht das ganze runde Jahr über -hat er zu arbeiten! Möge er einmal in der Woche bei sich die Kinder zur -Abendstunde versammeln – und wenn das die Eltern hören, so kommen auch -die Eltern mit. Auch keine besonderen Gebäude hat man dazu nötig, nein, -einfach in deine Stube nimm sie; fürchte dich nicht, sie werden deine -Stube nicht verunreinigen, nur auf eine Stunde versammeln sie sich ja in -ihr. Schlage die Heilige Schrift auf und lies sie ihnen vor, ohne hohe -Worte und ohne Hochmut und Überhebung, bescheiden und von Herzen -kommend, und freue dich, daß du liest und sie dich hören und verstehen, -weil du selbst die Worte lieb hast. Unterbrich dich nur selten, nur um -dem einfachen Volk ein Wort, das ihm unverständlich ist, zu erklären; -beunruhige dich nicht, sie werden alles verstehen, alles versteht das -rechtgläubige Herz! Lies ihnen von Abraham und Sarah, von Isaak und -Rebekka; davon, wie Jakob zu Laban ging und im Traume Gott sah und mit -ihm kämpfte. Das wird auf den einfachen, gottesfürchtigen Mann einen -tiefen Eindruck machen. Lies ihnen vor, und besonders den Kindern, wie -die Brüder ihren leiblichen Bruder, den lieben Knaben Joseph, den -späteren großen Seher und Propheten, in die Sklaverei verkauften, dem -Vater aber sagten sie, daß die Tiere seinen Sohn zerrissen hätten, und -zeigten ihm seine mit Blut befleckte Kleidung. Lies ihnen vor, wie -darauf die Brüder nach Ägypten fuhren, um Brot einzukaufen, und Joseph, -der große Schatzmeister, von ihnen nicht erkannt, sie quälte, -beschuldigte und den Bruder Benjamin als Pfand zurückbehielt: „Ich liebe -euch, und liebend quäle ich euch.“ Denn sein ganzes Leben hatte er -ununterbrochen daran gedacht, wie sie ihn dort in der heißen Wüste beim -Brunnen den Händlern verkauft hatten, wie er die Hände gerungen, geweint -und die Brüder gebeten hatte, ihn doch nicht als Sklaven in ein fremdes -Land zu verkaufen. Und siehe da, wie er sie nach so vielen Jahren -wiedersieht, liebt er sie von neuem grenzenlos, und er quält sie in -seiner Liebe. Wie er schließlich die Qualen seines Herzens nicht mehr -ertragen kann, hinausgeht, sich auf sein Lager wirft und in Tränen -ausbricht; nachdem er aber sein Gesicht gekühlt hat, tritt er strahlend -und reich gekleidet wieder zu ihnen und ruft ihnen zu: „Brüder, ich bin -Joseph, euer Bruder!“ Und lies weiter, wie der greise Jakob sich freute, -als er erfuhr, daß sein lieber Knabe noch lebe und in Ägypten sei, wie -er sogar sein Vaterland verließ und auf fremder Erde starb und bei -seinem Tode das große Wort aussprach, das während seines ganzen Lebens -in seinem Herzen geruht hatte: daß aus seinem Stamme, aus dem Stamme -Juda, der Erlöser und der Friedensfürst der Welt kommen werde! Meine -Väter und Lehrer, verzeiht mir und ärgert euch nicht, daß ich darüber -wie ein Kind rede, was ihr schon lange wißt, und was ihr selbst -hundertmal vollkommener zu lehren wüßtet. Nur aus Begeisterung rede ich -dieses, und vergebt mir meine Tränen, denn ich liebe dieses Buch! So -möge auch er, der Priester des Herrn, weinen, und er wird sehen, wie die -Herzen der Zuhörer ihm darauf antworten werden. Es genügt ein winziges -Samenkorn, das er in die Seele des einfachen Mannes legt, und es wird -nicht sterben, sondern in seiner Seele durch das ganze Leben hindurch -fortwirken; es wird wie ein heller Punkt, wie eine große Erinnerung -inmitten der Finsternis und des Abschaumes seiner Sünden stehen bleiben. -Und es ist nicht nötig, nicht nötig, alles zu erläutern und zu erklären; -je einfacher ihr es sagt, desto besser versteht er es. Oder glaubt ihr, -daß der einfache Mann etwa nichts davon verstehen könne? Versucht es -doch, lest ihm die rührende und ergreifende Geschichte von der schönen -Esther oder die wunderbare Erzählung vom Propheten Jonas im Bauche des -Walfisches vor. Vergeßt auch nicht die Gleichnisse des Herrn, -vorzugsweise nach dem Evangelium Lucas (so habe ich es gemacht) und dann -aus der Apostelgeschichte die Bekehrung Sauls (gerade das, durchaus -das). Und schließlich aus den heiligen Legenden, wenn auch nur die -Lebensgeschichte Alexeis des Gottesknechtes und der Ägyptischen Mutter -Maria, die groß ist unter den Großen, die freudige große Dulderin, -Gottseherin und Kreuzesträgerin – und ihr werdet sein Herz mit diesen -einfachen Erzählungen durchdringen. Nur auf eine Stunde in der Woche, -trotz des geringen Gehaltes, nur auf eine kleine Stunde ruft sie zu -euch. Und jeder, der so tut, wird selbst erfahren, daß unser Volk gut -und dankbar ist und ihm hundertfältig danken wird; der Sorgfalt und der -gütigen Worte des Priesters wird es gedenken und aus Dankbarkeit wird es -ihm freiwillig auf seinem Acker Hilfe leisten, und auch im Hause wird es -ihm helfen und wird ihm mehr Achtung zollen als früher – und siehe, da -wäre ihm denn auch schon sein Gehalt erhöht. Die Sache ist so schlicht -und einfach, daß man sich manchmal geradezu scheut, sie auszusprechen, -denn die Leute lachen darüber, und dennoch ist sie so wahr! Wer an Gott -nicht glaubt, glaubt auch nicht an ein Gottesvolk. Wer aber an ein -Gottesvolk glaubt, der wird auch sein Allerheiligstes erschauen, auch -wenn er bis dahin nicht daran geglaubt hat. Nur das Volk und seine -aufsteigende geistige Kraft kann die Atheisten, die sich von der -heimatlichen Erde losgelöst haben, wieder zu ihr zurückführen. Und was -ist das Wort Christi ohne Beispiel? Ohne Gottes Wort geht das Volk -unter, denn seine Seele dürstet nach dem Wort und nach der Empfängnis -alles Schönen. In meiner Jugend, es ist schon lange her, vor vierzig -Jahren, durchwanderte ich mit dem Pater Anfim ganz Rußland, um fürs -Kloster Almosen zu sammeln, und wir nächtigten mit Fischern zusammen am -Ufer eines großen schiffbaren Flusses. Zu uns setzte sich ein -wohlgestalteter Jüngling, dem Aussehen nach ein Bauer von achtzehn -Jahren; er hatte sich beeilt, an Ort und Stelle zu sein, um am nächsten -Morgen die Kaufmannsbarke stromhin an der Leine zu schleppen. Ich sah, -daß er mit guten, klaren Augen in die Welt schaute. Die Nacht war hell, -ruhig und warm, eine Julinacht; vom breiten Strome erhob sich der Nebel -und erfrischte uns; von Zeit zu Zeit plätscherte ein Fisch, die Vögel -waren verstummt, alles war ruhig und erhaben, als betete die Natur zu -Gott. Nur wir beide, dieser Jüngling und ich, schliefen nicht, sondern -sprachen von der Schönheit und dem großen Geheimnis dieser Gotteswelt. -Jedes Hälmchen, jeder Käfer, die Ameise und die goldene Biene, alle -kennen sie zum Verwundern ihren Weg, ohne Vernunft zu besitzen, und -zeugen von dem Geheimnis Gottes, indem sie es ununterbrochen selbst -erfüllen. Auch das Herz des lieben Jünglings war entzündet. Er vertraute -mir an, daß er den Wald liebe und die Vögel des Waldes. Er war -Vogelfänger, kannte ihren Ruf und verstand es selbst, sie anzulocken. -„Besseres als den Wald kenne ich nicht,“ sagte er, „ja, und alles ist -gut.“ – „Wahrlich,“ antwortete ich ihm, „alles ist gut und vollkommen, -denn alles ist Wahrheit. Siehe, sage ich zu ihm, das Pferd, dieses große -Tier, das dem Menschen am nächsten steht, oder den Stier, der ihn -ernährt und für ihn arbeitet, wie er ernst und nachdenklich aussieht! -Betrachte seine Augen: welche Demut, welche Anhänglichkeit an den -Menschen, der ihn oft unbarmherzig schlägt, welch eine Gutmütigkeit, -welch eine Zutraulichkeit und welche Schönheit liegt in diesem Blick des -Tieres! Rührend ist es zu wissen, daß sie keine Sünde begehen, denn -alles ist vollkommen, und alles außer den Menschen ist sündlos, und -Christus ist mit ihnen eher als mit uns.“ „Ja, haben sie denn auch -Christus?“ fragte der Jüngling. – „Wie könnte es anders sein,“ sagte ich -zu ihm, „denn für alle ist das Wort, die ganze Schöpfung und jegliches -Geschöpf. Jedes Blättchen strebt zum Wort, preist Gott und weint zu -Christo, sich selbst unbewußt, allein schon durch das Geheimnis seines -sündenlosen Daseins. Siehe,“ sagte ich zu ihm, „im Walde haust der -schreckliche Bär, der grausam und wild und doch ganz schuldlos ist.“ Und -ich erzählte ihm, wie einmal ein Bär zu einem großen Heiligen kam, der -im Walde in einer kleinen Zelle sein Leben fristete, und der große -Heilige ging furchtlos zu ihm hinaus und gab ihm ein Stück Brot: „Gehe -hin, Christus sei mit dir,“ sagte er zu ihm, und das grimme Tier war -sanft und gehorsam und tat ihm nichts zuleide. Es rührte den Jüngling, -daß er ihm nichts zuleide getan hatte, und daß auch Christus mit ihm -wäre. „Ach, wie ist das schön, und wie ist doch alles Göttliche gut und -wunderbar!“ Er saß da und dachte tief und glücklich nach. Ich sah, daß -er es begriffen hatte. Er schlief neben mir ein; leicht und sündlos war -sein Schlaf. Herr, segne die Jugend! Und ich betete daselbst für ihn, -bevor ich einschlief. Herr, sende Frieden und Licht deinen Menschen. - - - c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den Knaben- und Jugendjahren - seines weltlichen Lebens. Das Duell. - -In der Kadettenanstalt zu Petersburg blieb ich fast acht Jahre, und in -der neuen Umgebung traten viele meiner Kindheitseindrücke zurück, doch -habe ich sie selbst dort nie ganz vergessen. Zum Ersatz dafür nahm ich -so viel neue Angewohnheiten und sogar Anschauungen in mich auf, daß ich -mich alsbald in ein wildes, grausames und albernes Wesen verwandelt -hatte. Die Formen der Höflichkeit und des weltlichen Umgangs eignete ich -mir zusammen mit der französischen Sprache an, die Soldaten aber, die -uns in der Anstalt bedienten, wurden von meinen Kameraden nicht höher -als das Vieh geachtet, und auch von mir nicht. Ich mißachtete sie -vielleicht sogar am meisten von allen anderen Kameraden, denn ich war -der Empfänglichste von ihnen. Als wir als Offiziere die Anstalt -verließen, waren wir bereit, für die sogenannte Ehre unseres Regiments -unser Blut zu vergießen; die wahre Ehre aber kannte niemand von uns, und -wenn sie uns jemand erklärt hätte, so würden wir sie verlacht haben. Man -prahlte mit Liederlichkeit, Trunkenheit und Wildheit. Ich kann nicht -sagen, daß alle diese jungen Leute schlecht gewesen wären, nein, sie -waren gut, aber sie führten sich nur schlecht auf, und von ihnen allen -führte ich mich am schlechtesten auf. Die Hauptsache war, daß ich Geld -hatte, und so lebte ich denn nur fürs Vergnügen, stürmte mit vollen -Segeln ins Leben hinein, ohne meine jugendlichen Begierden zu zügeln. -Aber eines ist wunderbar: ich las damals mit vielem Vergnügen Bücher, -nur die Bibel habe ich nie aufgeschlagen, doch trennte ich mich niemals -von ihr, ich führte sie überall mit mir: wahrlich, ich bewahrte dieses -Buch auf, ohne zu wissen für welchen Tag, für welche Stunde, welchen -Monat oder welches Jahr. So war ich schon seit vier Jahren Leutnant, als -ich in der Stadt K. ankam, wohin unser Regiment verlegt worden war. Die -Gesellschaft dieser Stadt war sehr lustig, gastfrei und reich. Man -empfing mich überall äußerst liebenswürdig, denn ich war sehr lebhaft, -und man hielt mich obendrein für reich, was in dieser Welt nicht wenig -zu bedeuten hat. Da ereignete sich aber etwas, was den Anfang zu allem -übrigen bildete. Ich verliebte mich in ein junges und schönes Mädchen, -die Tochter geachteter Eltern; sie war klug und hatte einen edlen -Charakter. Es war eine angesehene Familie, die Vermögen hatte und nicht -geringen Einfluß besaß; ich wurde freundlich und zuvorkommend in ihrem -Hause aufgenommen. Auch schien mir, daß das junge Mädchen mir -wohlgeneigt war – und mein Herz flammte auf. Später kam ich zu der -Überzeugung, daß ich sie gar nicht so sehr geliebt hatte, sondern nur -ihren hohen Verstand und ihren Charakter verehrte, wie es auch nicht -anders sein konnte. Meine Eigenliebe verhinderte aber, daß ich damals um -ihre Hand anhielt; ich konnte mich nur schwer von meinem liederlichen -und freien Junggesellenleben in so jungen Jahren trennen, besonders da -ich zum Überfluß selbst Geld besaß. Indessen machte ich ihr aber -Andeutungen. Auf jeden Fall schob ich einen entscheidenden Schritt noch -hinaus. Da erhielt ich eine Abkommandierung auf zwei Monate in einen -anderen Kreis. Als ich wieder zurückkehrte, erfuhr ich, daß das junge -Mädchen sich mit einem reichen Gutsherrn aus der Nachbarschaft -verheiratet hatte, einem jungen, wenn auch mir an Jahren überlegenen -Mann, der obendrein zu reichen Familien in Petersburg Verbindungen -hatte, was mir fehlte, und dazu ein sehr liebenswürdiger und gebildeter -Mann war, während ich fast gar keine Bildung besaß. Ich war so betroffen -von dieser unerwarteten Tatsache, daß ich fast meine Sinne verlor. Die -Hauptsache bestand aber darin, daß, wie ich erfuhr, der junge -Gutsbesitzer schon lange mit ihr verlobt gewesen war – ich selbst war -ihm mehrere Male in ihrem Hause begegnet. So blind war ich also von -meinen Vorzügen überzeugt gewesen, daß ich nichts von alledem bemerkt -hatte! Das war es, was mich jetzt vor allem beleidigte. Wie, alle hatten -es gewußt, nur ich allein hatte nichts davon gewußt? Eine schreckliche -Wut packte mich. Ich errötete vor Scham, wenn ich daran dachte, wie oft -es meinerseits fast zu einem Liebesgeständnis gekommen war, und da sie -mich weder unterbrochen, noch gewarnt hatte, so hatte sie sich also, -dachte ich bei mir, nur über mich lustig gemacht. Später freilich -gestand ich mir ein, als ich mir alles klar ins Gedächtnis -zurückgerufen, daß sie keineswegs über mich gelacht hatte, sondern stets -bemüht gewesen war, solche Gespräche scherzend abzubrechen und auf -anderes überzugehen. Doch damals hatte ich nicht die nötige Ruhe, um mir -das einzugestehen: alles brannte in mir vor Rachedurst. Mit Verwunderung -denke ich noch jetzt daran zurück. Diese Rachsucht und mein Zorn waren -für mich selbst bis zum äußersten schwer zu ertragen, weil ich, als ein -lebhafter und leichter Charakter, niemals lange auf irgend jemanden böse -sein konnte. Damals aber nährte ich sie künstlich und stachelte sie in -mir auf, bis ich schließlich widerlich und albern wurde. Ich wartete nun -darauf, und es gelang mir auch, meinen „Gegner“ einmal in einer -zahlreichen Gesellschaft, bei einem ganz nebensächlichen Anlasse, zu -beleidigen. Ich verlachte eine seiner Meinungsäußerungen über eine -damals wichtige Begebenheit, und wie viele behaupteten, soll es mir -tatsächlich gelungen sein, ihn gewandt und geistreich zu verspotten. Ich -zwang ihn zu einer Erklärung, und dabei verhielt ich mich so grob zu -ihm, daß er meine Herausforderung sofort annahm, ungeachtet des großen -Abstandes zwischen mir und ihm, da ich jünger und viel niedriger im -Range war als er. Hernach erfuhr ich denn, daß er aus Eifersucht auf -mich meine Herausforderung zum Duell sofort angenommen hatte. Er war -auch früher schon, als er noch verlobt war, auf mich eifersüchtig -gewesen, und so dachte er: „Wenn sie erfährt, daß ich eine Beleidigung -von ihm ertragen habe, ohne ihn zum Duell herauszufordern, so wird sie -mich verachten und ihre Liebe zu mir wird erkalten.“ Einen Sekundanten -hatte ich bald zur Stelle, einen Kameraden, einen Leutnant unseres -Regiments. Obgleich damals Duelle streng bestraft wurden, so waren sie -doch bei dem Militär geradezu Mode, – bis zu solch einem Wahnsinn können -sich manchmal Vorurteile festsetzen. Es war Ende Juni, unser Rendezvous -war auf den nächsten Tag um sieben Uhr morgens außerhalb des Städtchens -festgesetzt worden. Da ereignete sich in Wahrheit etwas Verhängnisvolles -mit mir. Am Abend, als ich angetrunken und wütend nach Hause -zurückkehrte, ärgerte ich mich über meinen Burschen Afanassij und schlug -ihm mit ganzer Kraft zweimal ins Gesicht, so daß er blutete. Er diente -schon lange bei mir, und es war auch schon früher vorgekommen, daß ich -ihn geschlagen hatte, aber niemals noch hatte ich es mit einer so -tierischen Roheit getan. Und glaubt es mir, meine Lieben, vierzig Jahre -sind seitdem vergangen, aber noch jetzt denke ich mit Qual und Scham -daran zurück. Ich legte mich schlafen und schlief drei Stunden. Als ich -aufwachte, fing es gerade an zu tagen. Ich erhob mich sofort, denn ich -wollte nicht mehr schlafen, ging ans Fenster, öffnete es – und lehnte -mich zum Garten hinaus. Die Sonne ging gerade auf, es war warm und -wundervoll, die Vögel zwitscherten. Warum, dachte ich, empfinde ich in -meiner Seele etwas Schmutziges und Niedriges? Etwa deshalb, weil ich im -Begriff war, Blut zu vergießen? Nein, denke ich, das ist es nicht. -Vielleicht, weil ich den Tod fürchte und fürchte erschossen zu werden? -Nein, das ist es auch nicht, das ist es erst recht nicht ... Und -plötzlich wußte ich, um was es sich handelte: ich hatte gestern abend -Afanassij geschlagen! Plötzlich sehe ich alles vor mir, als ob die Szene -sich von neuem wiederholte: er steht vor mir, und ich schlage ihn mit -voller Kraft ins Gesicht, er aber hält seine Hände an den Hosennähten, -den Kopf gerade, die Augen, wie in der Front, geradeaus gerichtet. Bei -jedem Schlage fährt er zusammen, und doch wagt er nicht, zum Schutze -seine Hände zu erheben – und ich lasse mich so gehen und schlage einen -anderen Menschen. Wie mit spitzen Nadeln stach es in mein Herz. Mir -schwindelte. Die Sonne aber leuchtete so hell, die Blättchen blitzten -feucht vom Tau, und die Vögel, die Vögel lobten Gott ... Ich bedeckte -mein Gesicht mit beiden Händen, warf mich aufs Bett und schluchzte laut -auf. Da erinnerte ich mich denn der Worte meines Bruders Markell, die er -vor seinem Tode zu den Dienstboten gesagt hatte: „Ihr, meine Lieben, -Teuren, warum dient ihr mir, und warum liebt ihr mich? Bin ich dessen -wert, daß ihr mir dient?“ „Ja, bin ich denn dessen wert?“ ging es mir -durch den Kopf. In der Tat, wodurch bin ich wert, daß ein anderer -Mensch, so einer, wie ich es bin, das Ebenbild Gottes – daß er mir -dient? Und zum erstenmal in meinem Leben ging mir diese Frage durch den -Sinn ... - -„Mütterchen, mein eigenes liebes Herzblut, in Wahrheit ist jeder vor -allen schuldig, nur wissen es die Menschen nicht, wenn sie es aber -wüßten, so würde sofort das Paradies auf Erden sein.“ „Herrgott, wie -sollte das nicht wahr sein,“ denke ich und weine, „wahrlich, ich bin von -allen Menschen auf der Welt der Schuldigste und Schlechteste!“ Und vor -mir tauchte die ganze Wahrheit auf mit ihrem ganzen Licht. Was war ich -im Begriff zu tun? Einen guten, klugen, edlen Menschen zu töten, der mir -gegenüber keine Schuld hatte, und seine Frau auf ewig ihres Glückes zu -berauben und sie zu quälen und gleichfalls zu vernichten! So lag ich auf -dem Bett, das Gesicht in die Kissen gepreßt, und ich gewahrte nicht, wie -die Zeit verging. Plötzlich tritt mein Kamerad, der Leutnant, der mein -Sekundant sein sollte, mit dem Pistolenkasten unterm Arm, bei mir ein: -„Gut,“ sagte er, „daß du schon angekleidet bist, es ist Zeit zum -Aufbruch.“ Ich fuhr auf und konnte mich gar nicht fassen. Wir traten -hinaus, um in den Wagen einzusteigen. „Warte hier einen Augenblick,“ -sagte ich zu ihm, „ich laufe nur auf einen Moment hinein, habe mein -Portemonnaie vergessen.“ Und ich lief in die Wohnung zurück, geradeswegs -in die Kammer Afanassijs: „Afanassij,“ sage ich, „ich habe dich gestern -zweimal ins Gesicht geschlagen, verzeihe es mir.“ Er fuhr zusammen, als -hätte ich ihn erschreckt, er sieht mich erstaunt an – und ich sah, daß -das zu wenig war, und plötzlich fiel ich, so wie ich war, in Uniform und -Epauletten, vor ihm hin und mit der Stirn berührte ich die Erde: „Vergib -mir!“ sagte ich. Da erstarrte er einfach: „Euer Wohlgeboren, Väterchen, -Herr, was tun Sie ... bin ich es denn wert!“ und er brach in Tränen aus; -gerade wie ich es getan hatte, bedeckte nun auch er mit beiden Händen -sein Gesicht, wandte sich ab zum Fenster, und sein Körper wurde vom -Weinen erschüttert. Ich lief hinaus zu meinem Kameraden, stieg in den -Wagen und schrie dem Kutscher zu: „Fort!“ „Ich habe einen Sieger -gesehen,“ rief ich meinem Kameraden zu „siehst du, hier steht er vor -dir.“ Ein solches Entzücken hatte mich gepackt, ich lachte während der -ganzen Fahrt und sprach und sprach, ich weiß nicht mehr, was ich sprach. -Er sieht mich an: „Nun, Bruder,“ sagte er zu mir, „du bist ein ganzer -Kerl, wirst der Uniform Ehre machen.“ So kamen wir am Orte an. Die -anderen waren schon dort und erwarteten uns. Man stellte uns auf zwölf -Schritt Distanz. Er hatte den ersten Schuß. Ich stand vor ihm, fröhlich, -gerade mit dem Gesicht zu ihm, unbeweglich, Auge in Auge, sah ihn -liebevoll an, und ich wußte, was ich tat. Er schoß ab, die Kugel -schrammte ein wenig meine Wange und streifte mein Ohr. „Gott sei Dank,“ -rief ich, „Sie haben keinen Menschen getötet!“ erhob meine Pistole, -kehrte mich zurück und warf sie mit einem Bogen in den Wald: „Dahin,“ -rief ich – „gehörst du!“ Darauf wandte ich mich an meinen Gegner: -„Geehrter Herr,“ sagte ich, „verzeihen Sie mir dummen, jungen Menschen, -daß ich Sie absichtlich beleidigt habe, und Sie durch mich jetzt -gezwungen waren, auf mich zu schießen. Ich bin zehnmal schlechter als -Sie und vielleicht sogar noch mehr. Berichten Sie das, bitte, der Dame, -die Sie vor allen anderen Menschen auf der Welt am meisten achten.“ Kaum -hatte ich das gesagt – so schrien sie alle drei. „Aber ich bitte Sie,“ -sagte mein Gegner sehr geärgert, „wenn Sie nicht schießen wollen, wozu -haben Sie uns denn hierher bemüht?“ – „Gestern war ich noch dumm, heute -aber bin ich schon klüger,“ antwortete ich ihm lächelnd. „Was Sie von -gestern sagen, glaube ich Ihnen, was Sie aber von heute sagen, so weiß -ich noch nicht, ob ich Ihrer Meinung beistimmen kann.“ – „Bravo,“ rief -ich aus und klatschte in die Hände, „auch darin bin ich mit Ihnen -einverstanden, habe es verdient!“ – „Werden Sie schießen, mein Herr, -oder nicht?“ – „Ich werde nicht schießen,“ antwortete ich, „aber wenn -Sie wollen, so schießen Sie noch einmal, nur besser wäre es für Sie, -nicht zu schießen.“ Die Sekundanten riefen, besonders der meinige: „Wie -können Sie das Regiment so beschimpfen, daß Sie vor dem Schuß stehend um -Verzeihung bitten? Wenn ich das gewußt hätte!“ Da stand ich nun vor -ihnen; ich lachte aber nicht mehr: „Meine Herren,“ sagte ich, „ist es -denn wirklich so erstaunlich in unserer Zeit, einen Menschen zu treffen, -der seine Dummheit bereut und öffentlich seine Schuld eingesteht?“ – -„Aber doch nicht vor dem Schuß!“ schrie wieder mein Sekundant. – „Das -ist es ja,“ antwortete ich ihm, „das ist ja freilich sehr wunderlich, -ich hätte gleich meine Entschuldigung machen sollen, als wir -hierherkamen, noch vor Ihrem Schuß, und Sie nicht zu einer so großen und -todbringenden Sünde zwingen sollen, aber wir haben uns in der Welt so -sinnlos eingerichtet, daß mir anders zu handeln unmöglich war, ich mußte -erst Ihren Schuß auf zwölf Schritt Distanz aushalten, um Ihnen allen -meine Meinung darüber sagen zu können. Hätte ich es aber vor dem Schuß, -als wir hier zusammentrafen, gesagt, so hätten Sie einfach geurteilt: -Dieser Feigling, die Pistole hat ihm Angst gemacht! Meine Herren,“ rief -ich plötzlich von ganzem Herzen aus, „sehen Sie um sich, auf diese -Götterwelt: Der Himmel ist klar und die Luft ist rein, wie zart ist das -Gras, wie schön und sündlos ist die Natur, nur wir, nur wir allein sind -gottlos und dumm und verstehen nicht, daß das Leben ein Paradies ist – -wenn wir es nur verstehen wollten, so würde die Erde in ihrer ganzen -Schönheit zum Paradiese, und wir würden einander umarmen und vor Freude -weinen ...“ Ich wollte noch weiter fortfahren, konnte aber nicht, der -Atem ging mir aus, so selig, so jugendlich war mir zumute, das Herz -voller Glück, wie ich es in meinem ganzen Leben nicht empfunden hatte. -„Alles das ist sehr vernünftig und ehrenwert,“ sagte mein Gegner „und -jedenfalls sind Sie ein origineller Mensch ...“ „Lachen Sie nur, später -werden auch Sie mich loben,“ rief ich ihm lachend zu. – „Ich bin bereit, -Sie schon jetzt zu loben, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Hand reiche, -denn es scheint, daß Sie wirklich ein aufrichtiger Mensch sind.“ – -„Nein,“ sagte ich, „jetzt ist das nicht nötig, später, wenn ich besser -sein und Ihre Achtung verdient haben werde, dann reichen Sie mir Ihre -Hand.“ Wir kehrten nach Haus zurück; mein Sekundant schimpfte mich -während der ganzen Fahrt tüchtig aus, ich aber – küßte ihn. Sofort -erfuhren es alle meine Kameraden und versammelten sich noch am selben -Tage, um über mich Gericht zu halten: „Er hat das Regiment beschimpft, -er soll seinen Abschied einreichen!“ Einige verteidigten mich und -meinten: „Den Schuß hat er doch abgewartet.“ – „Ja, aber die anderen -Schüsse hat er eben gefürchtet und daher um Verzeihung gebeten.“ – -„Aber, wenn er die Schüsse gefürchtet hätte,“ erwiderten die -Verteidiger, „so hätte er erst aus seiner Pistole geschossen und dann um -Verzeihung gebeten, er aber warf sie geladen in den Wald! Nein, dem -liegt etwas anderes zugrunde, etwas Originelleres.“ Ich hörte ihnen zu; -mir war so heiter zumut, wenn ich sie so anschaute: „Meine lieben -Freunde und Kameraden, sorgen Sie sich nicht um meinen Abschied; ich -habe ihn schon eingereicht, heute morgen, und sobald ich ihn erhalte, -gehe ich sofort ins Kloster – darum habe ich es getan.“ Als ich das kaum -ausgesprochen hatte, lachten alle bis auf den Letzten laut auf: „Ja, -wenn du uns das nur gleich mitgeteilt hättest, so wäre uns ja alles klar -geworden, einen Mönch kann man doch nicht verurteilen!“ Sie lachten und -hörten gar nicht auf damit, aber nicht spöttisch, sondern freundlich und -heiter lachten sie. Und alle liebten sie mich plötzlich, sogar meine -heftigsten Ankläger, und den ganzen Monat, solange ich meinen Abschied -noch nicht erhalten hatte, trugen sie mich fast auf den Händen: „Ach, du -Mönch,“ sagten sie. Und jeder hatte für mich ein freundliches Wort. Sie -beredeten mich und bedauerten mich sogar: „Was machst du aus dir?“ – -„Nein,“ sagten sie, „er ist tapfer, er hat den Schuß nicht gefürchtet -und auch selbst hätte er geschossen, ihm hatte aber die Nacht vorher -geträumt, daß er Mönch werden sollte, und daher ist alles gekommen.“ -Dasselbe geschah mit mir auch in der Gesellschaft. Früher hatte man mich -nicht sonderlich beachtet, obgleich man mich überall freundlich -empfangen hatte, jetzt aber kannten mich alle und luden mich täglich zu -sich ein: sie lachten dabei über mich, aber sie liebten mich. Ich muß -noch bemerken, daß, obwohl allgemein in der Gesellschaft und öffentlich -über das Duell gesprochen wurde, die Obrigkeit die Sache geflissentlich -übersah; da mein Gegner ein naher Verwandter unseres Generals war, und -da die Sache so günstig und ohne alles Blutvergießen verlaufen war, ganz -wie ein Scherz, und da ich zudem meinen Abschied eingereicht hatte, so -faßte man denn auch wirklich die ganze Sache nur als Scherz auf. Ich -sprach daher ganz offen über die Sache, ungeachtet ihres Gelächters, -denn ich wußte, ihr Lachen war nicht böse, sondern gut gemeint. Dieses -Gespräch war an den Abenden besonders beliebt; in der Damengesellschaft -hörte man mir gerne zu, und die Damen forderten auch ihre Männer auf, -mir zuzuhören. „Wie ist denn das möglich, daß ich allen gegenüber -schuldig bin?“ fragte mich ein jeder und lachte mir ins Gesicht, „wie -soll ich denn zum Beispiel Ihnen gegenüber schuldig sein?“ – „Ja, wie -sollten Sie das wohl wissen,“ antwortete ich ihnen, „da die ganze Welt -schon seit langem einen anderen Weg eingeschlagen hat, und die Lüge als -Wahrheit anerkannt ist, und daher auch ein jeder vom anderen solche Lüge -verlangt. Einmal im Leben habe ich aufrichtig gehandelt, und da -erscheine ich nun Ihnen allen als Geistesschwacher: obgleich Sie lieb zu -mir sind, so lachen Sie doch alle über mich.“ – „Wie sollte man Sie, so -wie Sie sind, nicht lieben?“ sagte laut die Hausfrau und lächelte mir -zu. Es war bei ihr eine zahlreiche Gesellschaft versammelt. Und -plötzlich sehe ich, löst sich aus der Gesellschaft eine Dame und tritt -auf mich zu. Es war dieselbe junge Dame, um derentwillen es zum Duell -gekommen war, und die ich mir noch vor kurzer Zeit als Braut zugedacht -hatte. Ich hatte es nicht bemerkt, daß auch sie sich im Salon befand. -Sie kam auf mich zu und reichte mir die Hand: „Erlauben Sie, bitte, -Ihnen zu sagen, daß ich nicht über Sie lache, im Gegenteil, mit Tränen -in den Augen danke ich Ihnen, und ich drücke Ihnen meine Hochachtung -aus, die ich für Sie wegen Ihrer Tat empfinde.“ Da kam auch ihr Mann auf -mich zu, reichte mir die Hand, und die ganze Gesellschaft umringte mich -und drückte mir somit ihr Mitgefühl aus. Es fehlte nicht viel, so hätten -sie mich alle umarmt. Mir war sehr froh zumute. Damals fiel mir aber -besonders ein Herr auf, ein älterer Herr, der auch zu mir herangetreten -war, den ich wohl dem Namen nach kannte, doch mit dem ich noch nie ein -Wort gewechselt hatte. - - - d) Der geheimnisvolle Gast - -Schon seit langer Zeit nahm er in unserer Stadt eine angesehene Stellung -ein; er wurde von allen geachtet, war reich und als wohltätig bekannt. -Er hatte ein ansehnliches Kapital dem Krankenhause wie dem Waisenhause -übergeben und tat im geheimen viel Gutes, was erst später, nach seinem -Tode, bekannt wurde. Er zählte ungefähr fünfzig Jahre, hatte ein -strenges Aussehen und war sehr wortkarg; mit seiner jungen Frau, von der -er drei unmündige Kinder hatte, war er seit zehn Jahren verheiratet. - -Am Abend darauf saß ich bei mir zu Hause, als plötzlich meine Tür sich -öffnete und dieser Herr bei mir eintrat. Ich muß hierbei bemerken, daß -ich nicht mehr in meiner früheren Wohnung lebte; als ich den Abschied -eingereicht hatte, nahm ich mir eine Wohnung mit Bedienung bei einer -alten Dame, einer Beamtenwitwe. Der Umzug in diese Wohnung war nur darum -geschehen, weil ich Afanassij noch am selben Tage, gleich nach dem -Duell, in die Kompagnie zurückschickte, denn ich schämte mich nach dem -Vorgefallenen, ihm in die Augen zu sehen, – so sehr ist ein weltlich -erzogener Mensch verbildet, daß er sich sogar einer gerechten Tat -schämen kann. - -„Ich habe Ihnen schon einigemal und in verschiedenen Häusern mit großem -Anteil zugehört,“ sprach der bei mir eintretende Herr, „so daß ich -wünschte, endlich mit Ihnen persönlich bekannt zu werden, um mich noch -eingehender mit Ihnen zu unterhalten. Können Sie mir diesen großen -Gefallen erweisen?“ – „Mit dem größten Vergnügen, und ich rechne es mir -zu einer ganz besonderen Ehre an,“ antwortete ich ihm darauf, selbst -aber erschrak ich, solch einen Eindruck hatte das auf mich gemacht. Denn -wie gern man mich auch angehört und wie sehr man mir allgemeine -Anteilnahme gezeigt hatte, so war doch noch niemand mit solchem Ernst -und aus innerer Überzeugung an mich herangetreten. Dieser aber kam sogar -zu mir in die Wohnung. Er setzte sich. „Ich erkenne eine große -Charakterstärke in Ihnen,“ fuhr er fort, „denn Sie haben sich nicht -gefürchtet, der Wahrheit zu dienen, und das noch in einer Sache, in der -Sie riskierten, die Verachtung aller auf sich zu ziehen.“ – „Ihr Lob -scheint mir etwas zu groß,“ sagte ich zu ihm. – „Nein, durchaus nicht,“ -antwortete er mir, „glauben Sie, solch eine Handlung zu begehen, ist -viel schwerer, als Sie denken. Damit haben Sie mich in Erstaunen -gesetzt, und darum bin ich zu Ihnen gekommen. Beschreiben Sie mir, -bitte, wenn meine Neugier Sie nicht verletzt, was Sie in diesem Moment -empfanden, als Sie sich entschlossen, bei dem Duell um Entschuldigung zu -bitten, wenn Sie sich dessen noch erinnern können. Halten Sie meine -Frage nicht für leichtfertig, denn wenn ich Ihnen solch eine Frage -stelle, so habe ich dabei einen geheimen Zweck, den ich in der Folge -Ihnen mitteilen werde, wenn es Gott gefallen sollte, uns einander noch -näher zu führen.“ - -Die ganze Zeit, während der er sprach, sah ich ihm gerade in die Augen, -und plötzlich fühlte ich zu ihm ein unbegrenztes Vertrauen, und -gleichfalls empfand ich auch meinerseits eine ganz ungewöhnliche -Neugier, denn ich fühlte, daß er in seiner Seele ein ungewöhnliches -Geheimnis barg. - -„Sie fragen mich, was ich in jener Minute empfand, als ich meinen Gegner -um Verzeihung bat? Ich werde Ihnen besser alles das von Anfang an -erzählen, was ich einem anderen nicht erzählen würde.“ Und ich erzählte -ihm, was sich mit mir und Afanassij zugetragen, und wie ich mich vor ihm -zur Erde niedergeworfen hatte. „Aus alledem können Sie ersehen,“ schloß -ich meine Erzählung, „daß es mir schon während des Duells leichter -zumute war, da ich ja meinen Weg bereits betreten hatte: jawohl, deshalb -war auch alles Weitere gar nicht mehr schwer, sondern leicht und -freudvoll für mich.“ - -Er hatte mich angehört und sah mich freundlich an: „Das alles,“ sagte -er, „interessiert mich außerordentlich, und ich werde noch öfter zu -Ihnen kommen.“ Seit der Zeit kam er denn auch jeden Abend zu mir, und -wir hätten uns gewiß sehr befreundet, wenn er mir nur von sich etwas -erzählt hätte. Er erzählte aber von sich kein Wort, sondern fragte immer -nur mich aus. Ungeachtet dessen hatte ich ihn sehr lieb gewonnen; ich -schilderte ihm alle meine Empfindungen und dachte bei mir: Was gehen -mich schließlich seine Geheimnisse an, ich sehe ja ohnedem, daß er ein -rechtschaffener Mensch ist. Dazu ist er ein so ernster Mensch, viel -älter als ich, und doch kommt er zu mir, einem Jüngling, ohne sich an -meinem Alter zu stoßen. Und viel Nützliches lernte ich aus den -Gesprächen mit ihm, denn er war ein sehr intelligenter Mensch. „Daß das -Leben ein Paradies ist,“ sagte er einmal zu mir, „darüber habe ich schon -lange nachgedacht,“ und plötzlich fügte er hinzu: „Das ist es ja, woran -ich eigentlich immer denke.“ Darauf sah er mich an und lächelte: „Ich -bin mehr als Sie davon überzeugt,“ sagte er, „Sie werden später -erfahren, warum.“ Als ich das hörte, dachte ich bei mir: Sicher will er -mir was anvertrauen. „Das Paradies ist in jedem von uns verborgen, auch -in mir verbirgt es sich jetzt und wenn ich will, wird es morgen in -Wirklichkeit in mir erstehen und dann für mein ganzes Leben andauern.“ -Ich betrachtete ihn: gerührt und geheimnisvoll sah er mich an, als ob er -eine Antwort von mir erwartete. „Was das anbelangt,“ fuhr er fort, „daß -jeder Mensch vor allen und in allem schuldig ist, abgesehen von seinen -eigenen Sünden, so haben Sie darüber ganz richtig geurteilt, und es ist -zu verwundern, wie Sie diesen Gedanken in seinem ganzen Umfange erfaßt -haben. Wahrlich, es ist so: daß, sobald nur die Menschen diesen Gedanken -begriffen haben werden, das Himmelreich nicht nur in der Vorstellung, -sondern in Wirklichkeit beginnen wird.“ – „Aber wann,“ rief ich voll -Leid aus, „wann wird das geschehen und wird das überhaupt je geschehen -können? Wird das nicht immer nur ein Traum bleiben?“ – „Sehen Sie, da -haben Sie schon keinen Glauben daran, Sie prophezeien es nur, aber -selbst glauben Sie nicht daran. Ich sage Ihnen, daß dieser Traum, wie -Sie es nennen, in Erfüllung gehen wird, glauben Sie es mir. Aber es wird -noch nicht so bald geschehen, denn jeder Vorgang vollzieht sich nach -seinem Gesetz. Dieser Vorgang ist ein seelischer, ein psychologischer. -Um die Welt zu etwas Neuem umzugestalten, ist erforderlich, daß auch die -Menschen sich umgestalten und einen anderen Weg betreten. Keine -Brüderschaft kann früher sein, als bis tatsächlich ein jeder dem anderen -ein Bruder geworden ist. Durch keine Wissenschaft und durch keine -äußeren Hilfsmittel werden die Menschen lernen, ihre Rechte und ihre -Güter zu verteilen, ohne sich gegenseitig zu kränken. Immer wird Alles -für Jeden zu wenig sein, immer werden sie murren, sich gegenseitig -beneiden und zu vertilgen suchen. Sie fragen, wann das andere sein wird? -Es _wird_ sein, aber zuerst muß die Periode der menschlichen Absonderung -und Isolierung überwunden werden.“ – „Welcher Isolierung?“ fragte ich -ihn. – „Derselben, die jetzt überall herrscht, besonders in unserem -Jahrhundert. Noch ist nicht alles dazu reif, noch ist die Zeit nicht -gekommen. Jeder strebt jetzt danach, seine Person abzusondern, ein jeder -möchte in sich selbst die Fülle des Lebens erfahren, indessen ergibt -sich aus all seinen Anstrengungen nicht die Fülle des Lebens, sondern -vollständiger Selbstmord, statt Selbstbestimmung eben: vollständige -Isolierung. Alle sondern sich in unserem Jahrhundert zu Einzelexistenzen -ab; jeder isoliert sich in seiner Höhle, jeder entfernt sich vom -anderen, verbirgt sich und verbirgt, was er hat, und es endet damit, daß -er die Menschen abstößt und die Menschen ihn abstoßen. Er scharrt sich -ein Kapital zusammen und denkt: „Wie stark bin ich jetzt, jetzt bin ich -gesichert,“ und der Unsinnige weiß nicht einmal, daß er, je mehr er -ansammelt, desto mehr in eine selbstmörderische Ohnmacht verfällt. Denn -er hat sich daran gewöhnt, nur auf sich selbst zu hoffen, und er hat -sich als Isolierter vom Ganzen abgetrennt, er hat seine Seele gelehrt, -nicht an die Hilfe der Menschen zu glauben, weder an die der Menschen, -noch an die der Menschheit, und er zittert nur davor, daß er sein Geld -und die durch dasselbe erworbenen Rechte verlieren könnte. Der -Menschengeist will allgemein heutzutage nicht einsehen, daß die wahre -Sicherheit des Individuums nicht in seiner persönlichen isolierten Kraft -besteht, sondern im Zusammenhang mit der Gesamtheit der Menschen. Aber -gewiß wird es so sein, und die Stunde wird kommen, wo diese furchtbare -Isolierung aufhören wird, und man wird plötzlich begreifen, wie -unnatürlich es gewesen ist, sich voneinander abzusondern. Und der Geist -der Zeit wird ein anderer sein, und man wird an ihm erkennen, wie lange -man in der Finsternis gelebt hat, ohne das Licht zu erblicken. Dann wird -auch das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen ... Bis zu der -Zeit aber muß dieses Zeichen behütet werden, und wenn es auch nicht -anders geht, so muß doch von Zeit zu Zeit wenigstens ein Mensch durch -sein Beispiel die Seele aus dieser Isolierung befreien und ihr den Weg -zur allgemeinen Bruderliebe zeigen, und wenn er auch damit sich dem -aussetzt, daß er als Geistesschwacher verschrien wird – wenn nur der -große Gedanke nicht stirbt!“ - -In solchen begeisterten und flammenden Gesprächen verbrachten wir unsere -Abende miteinander. Ich vernachlässigte sogar die Gesellschaft und -erschien nur mehr selten in ihr, zumal es auch aufhörte, Mode zu sein, -sich mit mir zu beschäftigen. Ich sage das nicht, um damit die -Gesellschaft zu verurteilen, denn man fuhr fort, mich zu lieben und -gegen mich freundlich zu sein, doch muß man nicht vergessen, wie sehr -die Mode die Gesellschaft beherrscht. An meinem geheimnisvollen Gast -aber hing ich schließlich mit Begeisterung, denn abgesehen von den -Genüssen, die mir die Unterhaltung mit ihm bereitete, fühlte ich, daß er -sich mit irgendeinem Gedanken trug und sich vielleicht zu irgendeiner -großen Tat vorbereitete – vielleicht gefiel es ihm, daß ich äußerlich -für sein Geheimnis keine Neugier bekundete, weder direkt noch indirekt -ihn danach fragte. Aber es schien mir, daß ihn selbst immer mehr und -mehr der Wunsch quälte, mir etwas anzuvertrauen. Es war schon ein ganzer -Monat vergangen, seitdem er mich besuchte: „Wissen Sie auch,“ fragte er -mich da, „daß man viel über uns in der Stadt spricht und sich darüber -wundert, daß ich Sie so oft besuche? Aber mögen sie, bald wird sich doch -alles offenbaren.“ Zuweilen überfiel ihn plötzlich eine außerordentliche -Aufregung, und dann stand er jedesmal auf und ging fort. Zuweilen -wiederum sah er mich lange und durchdringend an, und ich dachte schon: -„Jetzt wird er gleich etwas sagen –“ und plötzlich ging er dann auf -etwas ganz Gleichgültiges und Alltägliches über. Oft beklagte er sich -auch über Kopfschmerzen. Und einmal, ganz unerwartet kam es: als er -lange begeistert über etwas gesprochen hatte, erbleichte er plötzlich, -sein Gesicht verzerrte sich, und er starrte mich an. - -„Was haben Sie,“ fragte ich erschrocken, „ist Ihnen schlecht?“ Er hatte -sich kurz vorher wieder über Kopfweh beklagt. - -„Ich ... wissen Sie ... ich ... habe einen Menschen ermordet.“ - -Er sprach es aus und lächelte, selbst aber war er weiß wie Kreide. Warum -lächelt er? fuhr es mir durchs Herz, ohne das Gehörte noch ganz -begriffen zu haben. Und ich fühlte, wie auch ich erbleichte. - -„Was sagen Sie da?“ rief ich ihm zu. - -„Sehen Sie,“ antwortete er mir mit einem schwachen Lächeln, „wie schwer -mir wurde, das erste Wort zu sagen. Jetzt habe ich es getan und damit -den Weg betreten. Und nun möge es kommen!“ - -Lange wollte ich ihm nicht glauben, und nicht mit einem Male konnte ich -ihm alles glauben. Erst als er drei Tage nacheinander bei mir gewesen -war und mir alle Einzelheiten mitgeteilt hatte, glaubte ich es. Ich -hielt ihn für wahnsinnig, aber schließlich mußte ich mich doch von der -Tat überzeugen lassen, wenn auch mit großer Verwunderung und großem -Schmerz. Er hatte vor vierzehn Jahren ein furchtbares Verbrechen -begangen an einer jungen und schönen Frau, der Witwe eines -Gutsbesitzers, die in unserer Stadt ein eigenes Haus besaß, in das sie -gelegentlich einkehrte. Er fühlte zu ihr eine große unbezwingliche -Liebe, gestand ihr diese Liebe und wollte sie bereden, ihn zu heiraten. -Aber ihr Herz gehörte schon einem anderen, einem hohen und angesehenen -Offizier, der damals im Felde stand, und dessen baldige Ankunft sie -erwartete. Sie schlug daher seinen Antrag ab und bat ihn, sie nicht mehr -zu besuchen. Da war er, der alle Zimmer ihres Hauses gut kannte, in der -Nacht vom Garten aus und über das Dach, mit unerhörter Kaltblütigkeit -und alles aufs Spiel setzend, zu ihr eingedrungen. Ein so -außergewöhnliches Unternehmen, mit der größten Kaltblütigkeit -ausgeführt, gelingt ja fast immer. Durch das Dachfenster war er auf den -Boden des Hauses gelangt und über eine kleine Bodentreppe zu ihr in die -Wohnzimmer gedrungen: er hatte einmal bemerkt, daß die Tür dieser -kleinen Treppe durch die Nachlässigkeit der Dienstboten unverschlossen -geblieben war. Er hoffte auf diesen Zufall, und siehe da, es war so. Er -schlich sich durch die Wohnzimmer bis in ihr Schlafgemach, wo das -Lämpchen vor dem Heiligenbilde brannte. Und als ob es beabsichtigt -gewesen wäre, waren beide Stubenmädchen ohne Erlaubnis zu einem -Namensfeste in der Nachbarschaft fortgeschlichen. Die übrige -Dienerschaft schlief in der Gesindestube und in der Küche, die sich in -der unteren Etage befand. Beim Anblick der Schlafenden entbrannte in ihm -die Leidenschaft, und zu gleicher Zeit wurde sein Herz von einer -rachsüchtigen und eifersüchtigen Wut ergriffen, und wie ein -Besinnungsloser und Trunkener stürzte er sich auf sie und bohrte ihr das -Messer mitten ins Herz, so daß sie nicht einmal aufschreien konnte. -Darauf richtete er es mit der teuflischsten und verbrecherischsten -Berechnung so ein, daß der Verdacht auf die Dienerschaft fallen mußte. -Es widerte ihn nicht an, ihren Geldbeutel zu nehmen, ihre Kommode mit -den Schlüsseln, die er unter ihrem Kopfkissen fand, aufzuschließen und -ihr nur diejenigen Sachen zu entnehmen, die auch ein dummer Diener -genommen hätte, das heißt, die Wertpapiere ließ er liegen und nahm nur -das bare Geld, nahm einige schwer goldene Sachen, die anderen aber, die -zehnmal wertvolleren doch kleineren Schmuckgegenstände nahm er nicht. -Darauf nahm er sich noch etwas zum Andenken, aber davon später. Nachdem -das geschehen war, hatte er das Haus auf demselben Wege verlassen. Weder -am folgenden Tage, als sich die Nachricht vom Morde verbreitete, noch -jemals später, war es jemandem in den Sinn gekommen, den wirklichen -Mörder zu verdächtigen! Auch von seiner Liebe zu ihr wußte niemand, denn -er war immer verschlossen und wortkarg gewesen, und einen Freund, dem er -die Tat hätte mitteilen können, besaß er nicht. Man zählte ihn einfach -zu den Bekannten und nicht einmal zu den nahen Vertrauten der -Ermordeten, denn er hatte sie in den letzten Wochen gar nicht besucht. -Man verdächtigte vielmehr sofort ihren leibeigenen Diener Pjotr, und -alle Umstände schienen diesen Verdacht zu bestätigen. Der Diener hatte -gewußt, und die Verstorbene hatte es ihm nicht verheimlicht, daß sie -auch ihn unter der Anzahl Rekruten, die sie von ihren Leibeigenen zu -stellen hatte, in den Militärdienst zu schicken beabsichtigte. Zudem war -er unverheiratet und ein schlechter Charakter. Man hatte gehört, wie er -aus Wut und angetrunken in einer Kneipe gedroht hatte, sie zu -erschlagen. Zwei Tage vor ihrem Tode war er entlaufen und hatte sich in -der Stadt herumgetrieben. Am anderen Tage nach dem Morde fand man ihn -auf der Landstraße vor der Stadt steif betrunken liegen, mit dem Messer -in der Tasche, und dazu war noch seine rechte Handfläche mit Blut -befleckt. Er versicherte, daß er Nasenbluten gehabt hätte, aber man -glaubte es ihm nicht. Die Mägde gestanden ihre Schuld ein, daß sie auf -dem Feste gewesen wären, und daß die Treppentür bis zu ihrer Rückkehr -unverschlossen geblieben sei. Und eine Menge ähnlicher Anzeichen ergaben -sich noch, so daß man daraufhin den unschuldigen Diener hinter Schloß -und Riegel brachte. Doch siehe, schon nach einer Woche erkrankte er an -einem Nervenfieber und starb besinnungslos im Krankenhause. Und damit -endete die Sache. Man ergab sich dem Willen Gottes, und alle, das -Gericht wie die Obrigkeit, waren fest überzeugt, daß den Mord niemand -anders als der verstorbene Diener vollführt hätte – der aber war dem -Gericht Gottes überliefert worden! - -Der geheimnisvolle Gast, der damals schon mein Freund geworden war, -sagte mir, daß er zu Anfang gar keine Gewissensbisse empfunden hätte. -Wohl litt er sehr, aber nur, weil er das geliebte Weib ermordet hatte, -weil sie jetzt nicht mehr lebte, weil er, indem er sie getötet, auch -seine Liebe getötet hatte, während die Leidenschaft in seinem Blut noch -fortbrannte. An das unschuldig vergossene Blut, an den Mord habe er -damals gar nicht gedacht. Der Gedanke, daß sein Opfer die Gattin eines -anderen hätte werden können, schien ihm so unmöglich, und daher war er -vor seinem Gewissen vollständig überzeugt, daß er anders gar nicht hätte -handeln können. Am Anfang quälte ihn ein wenig die Gefangennahme des -Dieners, aber dessen Krankheit und Tod beruhigten ihn wieder. Glaubte er -doch, daß dieser Tod nicht etwa durch den Schreck oder die Angst erfolgt -war, sondern infolge einer Erkältung, die er sich an den Tagen, als er -betrunken die ganze Nacht über auf feuchter Erde gelegen, zugezogen -hatte. Die gestohlenen Sachen und das Geld beunruhigten ihn gleichfalls -nicht, denn den Diebstahl hatte er ja nur zur Ablenkung des Verdachts -vollführt. Die gestohlene Summe war unbedeutend, und bald darauf -gab er diese Summe und noch viel mehr zur Errichtung einer -Wohltätigkeitsanstalt in unserer Stadt. Das hatte er alles nur getan, um -sein Gewissen über den Diebstahl zu beruhigen – und bemerkenswert ist, -daß dies tatsächlich ihn auf lange Zeit beruhigte: wenigstens beteuerte -er es mir. Er selbst stürzte sich damals in eine große geschäftliche -Tätigkeit, übernahm schwierige und mühevolle Aufträge, die ihn zwei -Jahre lang ganz in Anspruch nahmen, und da er einen starken Charakter -hatte, so vergaß er das Vorgefallene ganz; wenn es ihm aber einfiel, so -bemühte er sich einfach, nicht daran zu denken. Er tat viel für die -Armen, und für unsere Stadt. Auch in den Residenzen, Moskau und -Petersburg, zeichnete er sich durch seine Wohltätigkeit aus und wurde -daher zum Vorstand von Wohltätigkeitsvereinen gewählt. Aber schließlich -erlag er doch den vielen Qualen, die fast über seine Kräfte gingen. Da -gefiel ihm ein reizendes und kluges Mädchen, und er heiratete sie bald -darauf in der Hoffnung, daß das Eheleben ihn seine Qual vergessen machen -werde, und daß auf diesem neuen Wege, in eifriger Pflichterfüllung gegen -seine Frau und seine Kinder, seine alten Erinnerungen verblassen würden. -Aber gerade das Gegenteil seiner Erwartungen traf ein. Schon im ersten -Monat seiner Ehe quälte ihn ununterbrochen der Gedanke: „Meine Frau -liebt mich – wenn sie es aber wüßte!“ – Als sie sich zum erstenmal guter -Hoffnung fühlte und es ihm mitteilte, da wurde alles in ihm aufgewühlt: -„Einem Kinde habe ich das Leben gegeben, und einem anderen Menschen habe -ich es genommen.“ Es kamen die Kinder: „Wie wage ich es, sie zu lieben, -sie zu erziehen und sie zu belehren, wie kann ich ihnen von Tugend -reden: ich, der ich doch Blut vergossen habe.“ Die Kinder wuchsen -prächtig heran, er wollte sie liebkosen, aber – „ich konnte nicht in -ihre hellen unschuldigen Augen sehen, ich war dessen nicht würdig.“ So -quälte ihn grausam und bitter das Blut des unschuldig erschlagenen -Opfers, das vernichtete, junge Leben. Ihr Blut schrie nach Rache. -Schreckliche Träume verfolgten ihn. Aber sein starkes Herz ertrug -standhaft die Qualen. „Ich sühne vielleicht meine Schuld durch meine -geheimen Qualen.“ Aber auch diese Hoffnung war vergebens: je länger, -desto qualvoller wurden seine Leiden. In der Gesellschaft wurde er wegen -seines wohltätigen Wirkens hoch geehrt, obgleich ihn alle wegen seines -strengen und düsteren Charakters fürchteten. Je mehr sie ihn jedoch -achteten, desto unerträglicher wurde es ihm. Er gestand mir, daß er sich -habe töten wollen. Doch gleichzeitig tauchte in ihm eine Idee auf, eine -Idee, die er zuerst für unmöglich und wahnsinnig hielt, die sich aber -zuletzt so in seinem Herzen festsetzte, daß er sich von ihr nicht mehr -losreißen konnte. Er gedachte plötzlich hinauszugehen und vor allem Volk -zu erklären, daß er einen Menschen ermordet habe. Drei Jahre lang trug -er sich mit dieser Idee, in den verschiedensten Arten tauchte sie in ihm -auf. Schließlich wurde es bei ihm zur festen Überzeugung, daß seine -Seele erst dann, wenn er sein Verbrechen eingestanden haben würde, -Heilung und auf immer Ruhe finden werde. Trotz dieser Überzeugung aber -empfand er in seiner Seele einen Schrecken bei der Frage, wie das -Geständnis auszuführen sei? Da ereignete sich zufällig meine -Duellgeschichte. „Dank Ihrem Beispiel,“ sagte er, „habe ich mich jetzt -dazu entschlossen.“ - -Ich blickte ihn an. - -„Ist es möglich?“ sagte ich fast erschrocken und schlug die Hände -zusammen, „dieser geringe Vorfall hätte Sie zu solch einem Entschluß -gebracht?“ - -„Meinen Entschluß trage ich bereits seit drei Jahren mit mir herum,“ -antwortete er mir. „Ihre Tat hat ihm den letzten Anstoß gegeben. -Angesichts Ihres Beispiels habe ich mir schon bittere Vorwürfe gemacht, -ich habe Sie beneidet,“ sagte er zu mir, und seine Stimme klang hart. - -„Man wird Ihnen nicht glauben,“ bemerkte ich, „vierzehn Jahre sind -seitdem vergangen.“ - -„Ich habe Beweise, schlagende Beweise. Ich werde sie vorweisen.“ - -Ich brach in Tränen aus und küßte ihn. - -„Über eines entscheiden Sie nur, über eines!“ rief er (ganz als ob jetzt -alles nur von mir abhing): „Meine Frau, meine Kinder! Meine Frau stirbt -vielleicht vor Kummer, und die Kinder, wenn sie auch den Adel und das -Vermögen nicht verlieren, so bleiben sie doch auf ewig die Kinder eines -gestempelten Sträflings. Und das Andenken, welch ein Andenken -hinterlasse ich in ihren Herzen?“ - -Ich schwieg. - -„Und sich von ihnen trennen, sie auf immer verlassen? Auf immer, auf -immer!“ - -Ich saß da und wußte keine Antwort. Ich murmelte nur ein Gebet vor mich -hin. - -„Was sagen Sie?“ Er sah mich fragend an. - -„Gehen Sie,“ antwortete ich, „und sagen Sie es den Leuten. Alles -vergeht, nur die Wahrheit allein bleibt bestehen. Ihre Kinder werden -heranwachsen und begreifen, wieviel Hochherzigkeit in Ihrem großen -Entschlusse gelegen hat.“ - -Er verließ mich damals, scheinbar ganz entschlossen. Aber länger als -zwei Wochen kam er dann wieder jeden Abend zu mir, und immer noch konnte -er sich nicht dazu entschließen. Das ermüdete mein Herz. Eines Abends -aber kam er und sagte: - -„Ich weiß –, daß für mich sofort das Paradies anbrechen wird, sobald ich -es gestanden habe. Vierzehn Jahre habe ich in der Hölle gelebt. Ich will -das enden. Ich will das Leiden jetzt freiwillig auf mich nehmen und -anfangen zu leben. Mit der Unwahrheit kommt man wohl bis ans Ende der -Welt, eine Rückkehr gibt es aber nicht mehr. Jetzt wage ich weder meinen -Nächsten, noch selbst meine Kinder zu lieben. Mein Gott, vielleicht -werden die Kinder einmal begreifen, was mich dieses Leid gekostet hat, -und mich nicht verurteilen! Gott ist nicht in der Macht, sondern in der -Wahrheit.“ - -„Alle werden Ihre Tat begreifen,“ sagte ich zu ihm, „wenn nicht sofort, -so doch später, denn Sie haben dann der Wahrheit gedient, der höheren -Wahrheit, nicht der irdischen ...“ - -Und wieder ging er fort, als ob er sich darüber beruhigt hätte, und doch -kam er am nächsten Tage bleich und erbittert wieder und sagte spöttisch: - -„Jedesmal, wenn ich zu Ihnen komme, sehen Sie mich fragend an: ‚Also -wieder nicht?‘ Warten Sie, verachten Sie mich nicht zu sehr. Nicht so -leicht ist es, wie es Ihnen scheint. Ich werde es vielleicht überhaupt -nicht tun. Sie werden mich doch nicht anzeigen, wie?“ - -Ich aber, oh, nicht, daß ich gewagt hätte, ihn fragend anzusehen, – ich -wagte überhaupt nicht, ihn anzusehen! Ich war bis zur Erschöpfung -gequält, und meine Seele war voller Tränen. Die Nächte verbrachte ich -schlaflos. - -„Ich komme soeben,“ fuhr er fort, „von meiner Frau. Begreifen Sie das, -was einem eine Frau ist? Als ich fortging, riefen die Kinder mir nach: -‚Adieu, Papa, komme bald wieder, wir wollen dann zusammen unsere -Kinderbücher lesen.‘ Nein, das verstehen Sie nicht! Fremdes Leid macht -nicht gescheit.“ - -Seine Augen blitzten, seine Lippen zitterten. Plötzlich schlug er mit -der Faust auf den Tisch, daß alle Sachen darauf klirrten, – diese -Heftigkeit sah ich an ihm zum erstenmal. - -„Ja, ist es denn nötig?“ schrie er auf, „ist es denn nötig? Niemand ist -doch meinetwegen verurteilt worden, niemand meinetwegen in die -Zwangsarbeit verschickt worden! Der Diener starb an einer Krankheit. Für -das vergossene Blut aber bin ich durch meine eigenen Marter und Qualen -übergenug gestraft worden. Und man wird es mir ja überhaupt nicht -glauben, trotz aller Beweise! Ist es denn nötig, daß ich es tue, ist es -denn nötig? Für das vergossene Blut bin ich bereit, mich mein ganzes -Leben lang zu quälen, wenn ich nur meine Frau und meine Kinder nicht -vernichte. Ist es denn gerecht, sie zu zerschmettern? Irren wir uns da -nicht? Wo ist denn da die Wahrheit? Und werden die Menschen diese -Wahrheit verstehen und anerkennen, sie schätzen und ehren?“ - -„Großer Gott!“ dachte ich bei mir, „an die Achtung der Menschen denkt er -in solch einer Minute!“ So leid tat er mir damals, daß ich wohl sein Los -hätte teilen mögen, um es ihm zu erleichtern. Ich sah, daß er wie rasend -war, und ich erschrak, als ich nicht nur mit dem Verstande allein -begriff, sondern auch mit ganzer Seele fühlte, was solch ein Entschluß -kostet. - -„Entscheiden Sie über mein Geschick!“ sagte er plötzlich zu mir. - -„Gehen Sie hin und gestehen Sie,“ flüsterte ich ihm zu. Meine Stimme -versagte mir fast, doch flüsterte ich es ihm mit Bestimmtheit zu. Ich -nahm vom Tisch das Evangelium in russischer Übersetzung und zeigte ihm -Johannes, Kapitel XII, Vers 24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn -das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein, -stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.“ Diesen Vers hatte ich kurz -vor seinem Eintritt gelesen. - -Er las ihn: „Das ist wahr,“ sagte er, aber er lächelte bitter. „Ja,“ -sagte er, nachdem er lange geschwiegen hatte, „es ist unheimlich, was -man in diesem Buche findet. Es ist aber leicht, diese Sprüche anderen -vorzulesen. Und wer hat das geschrieben, doch nicht etwa Menschen?“ - -„Der Heilige Geist,“ sagte ich. - -„Sie haben gut reden,“ sagte er und lächelte haßerfüllt. Ich nahm wieder -das Buch, schlug es an einer anderen Stelle auf und zeigte ihm Ebräer, -Kapitel X, Vers 31. Er las: - -„Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ - -Er las es und schleuderte das Buch von sich. Er zitterte am ganzen -Körper. - -„Ein schrecklicher Vers,“ sagte er. „Wahrlich, Sie haben ihn gut -ausgesucht!“ Er erhob sich vom Stuhl: „Nun,“ sagte er, „leben Sie wohl, -vielleicht werde ich nicht mehr zu Ihnen kommen – im Paradiese werden -wir uns wiedersehen. Schon vierzehn Jahre sind es also, daß ich in die -Hände des lebendigen Gottes gefallen bin, das kann ich wahrlich von -diesen vierzehn Jahren sagen! Morgen werde ich diese Hände bitten, daß -sie mich freigeben.“ - -Ich wollte ihn umarmen und küssen, aber ich wagte es nicht, so verzerrt -war sein Gesicht; es wurde mir schwer, ihn anzusehen. Er ging hinaus. -„Mein Gott,“ dachte ich, „wohin geht dieser Mensch!“ Ich warf mich auf -die Knie hin vor das Muttergottesbild und betete. Es verging wohl eine -halbe Stunde, als ich mich endlich mit Tränen in den Augen vom Gebet -erhob; es war schon spät abends, gegen Mitternacht. Plötzlich sah ich, -wie die Tür sich wieder öffnete und er eintrat. Ich war erstaunt. - -„Wo sind Sie gewesen?“ fragte ich ihn. - -„Ich,“ sagte er, „... ich habe, glaube ich, etwas vergessen ... mein -Taschentuch, glaube ich. Nun, und wenn ich auch nichts vergessen habe, -erlauben Sie mir, mich zu setzen ...“ - -Er setzte sich. Ich stand vor ihm. „Setzen Sie sich gleichfalls.“ Ich -setzte mich. So saßen wir etwa drei Minuten, er sah mich starr fixierend -an, und plötzlich lächelte er, stand auf, umarmte mich und küßte mich. - -„Behalte es im Gedächtnis,“ sagte er, „wie ich zum zweitenmal zu dir -gekommen bin. Hörst du, behalte es!“ - -Zum erstenmal nannte er mich du. Er ging fort. „Morgen,“ dachte ich. - -Und so war es auch. Ich aber wußte an jenem Abend nicht, daß er den Tag -darauf seinen Geburtstag feierte. In der letzten Zeit war ich gar nicht -ausgegangen und hatte es von niemandem erfahren können. An diesem Tage -pflegte sich die ganze Stadt bei ihm zu versammeln. Auch dieses Mal gab -es eine große Gesellschaft. Und siehe, nach dem großen Festessen, -stellte er sich in die Mitte des Zimmers, in den Händen hält er ein -Papier – die formelle Anzeige an die Obrigkeit. Da aber alle hohen -Gerichtspersonen bei ihm versammelt waren, so las er den Bericht den -Anwesenden laut vor, – die ganze Beschreibung seines Verbrechens bis in -alle Einzelheiten! „Als einen Auswurf des Menschengeschlechts scheide -ich mich selbst aus der Mitte der Menschen, Gott hat mich heimgesucht,“ -– damit schloß er seine Anschuldigung. – „Ich will dafür leiden.“ Darauf -breitete er die gestohlenen Gegenstände auf dem Tisch aus, die Beweise -seines Verbrechens, die er vierzehn Jahre lang bei sich aufbewahrt -hatte. Die Goldsachen der Erschlagenen, mit denen er den Verdacht von -sich abgelenkt hatte, das Medaillon und das Kreuz, die er ihr vom Halse -genommen – im Medaillon das Bild ihres Verlobten; ferner ihr Notizbuch -und zwei Briefe: der Brief ihres Verlobten an sie, mit der Nachricht -seiner baldigen Rückkehr, und ein Brief von ihr, den sie angefangen, -aber nicht beendigt hatte, und der auf dem Schreibtisch liegen geblieben -war, um am nächsten Tage abgesandt zu werden. Beide Briefe hatte er an -sich genommen – weshalb? Und weshalb hatte er sie vierzehn Jahre lang -aufbewahrt, statt sie als Beweisstücke zu vernichten? Und was geschah -darauf? Alle gerieten in Verwunderung und in Schrecken, und niemand -wollte es glauben, obgleich sie ihm alle mit großer Aufmerksamkeit und -Neugier zugehört hatten, wenn auch mehr wie einem Kranken. Nach einigen -Tagen wurde denn auch von allen behauptet, daß der unglückliche Mensch -seinen Verstand verloren habe. Die Obrigkeit und das Gericht mußten die -Sache, ob sie wollten oder nicht, aufnehmen, aber auch sie zögerten: -denn obwohl die vorgewiesenen Sachen und die Briefe zu denken gaben, kam -man doch zu dem Schluß, daß, wenn die Dokumente sich auch als richtig -erweisen sollten, man ihn schließlich nicht nur auf Grund dieser -Dokumente verurteilen konnte. Denn die Sachen hätte er ebensogut als ihr -Bekannter und Vertrauensmann von ihr erhalten können. Übrigens hörte ich -später, daß die Sachen von vielen Bekannten und Verwandten der -Ermordeten erkannt worden wären. Aber wieder war es auch dieses Mal der -Sache nicht bestimmt, zu einem Abschluß zu kommen. – Fünf Tage nachher -erfuhren wir alle, daß er erkrankt war, und man meinte allgemein, es sei -ein Herzleiden; auch wurde bekannt, daß seine Frau alle Doktoren -zusammenberufen hatte, damit sie ihn auf seinen Geisteszustand hin -untersuchten. Deren Urteil aber lautete – Geistesstörung. Ich sagte -niemandem etwas von dem, was ich wußte, obgleich man mich über ihn -ausfragen wollte; als ich ihn aber zu besuchen wünschte, da überhäufte -man mich mit Vorwürfen, besonders seine Gemahlin tat es: „Sie sind es, -der ihn so erschüttert hat, wenn er auch schon früher immer finster war, -so ist doch allen seine ungewöhnliche Erregung, sein sonderbares -Benehmen in jüngster Zeit aufgefallen. Sie haben ihn ins Verderben -gestürzt, haben ihn beeinflußt, er hat den ganzen Monat nur bei Ihnen -gesessen.“ Und nicht nur seine Frau, nein, alle in der Stadt stürzten -sich auf mich und beschuldigten mich. „Das alles haben Sie getan.“ Ich -schwieg, und in meinem Herzen freute ich mich; ich erkannte die Gnade -Gottes gegen ihn, der sich aus eigener Kraft aufgerichtet hatte. An eine -Geistesstörung glaubte ich selbstverständlich nicht. Schließlich ließ -man mich zu ihm: er hatte darauf bestanden – um sich von mir zu -verabschieden. Ich trat zu ihm ins Zimmer und bemerkte sofort, daß nicht -nur seine Tage, sondern seine Stunden gezählt waren. Er war schwach, -gelb, und seine Hände zitterten; er atmete schwer, doch sein Blick war -freudig und gerührt. - -„Es ist vollbracht! lange schon habe ich mich danach gesehnt mit dir zu -sprechen, warum kamst du nicht?“ - -Ich sagte ihm nicht, daß man mich nicht vorgelassen hatte. - -„Gott erbarmt sich meiner und ruft mich zu sich. Ich weiß, daß ich -sterbe, aber Freude und Friede fühle ich jetzt nach so viel Jahren zum -erstenmal in meinem Herzen. Sofort erschloß sich in meiner Seele das -Paradies, sobald ich’s nur ausgeführt hatte! Jetzt wage ich wieder, -meine Kinder zu lieben und zu liebkosen. Man glaubt mir nicht, weder -meine Frau noch meine Richter. Meine Kinder werden mir niemals glauben. -Darin sehe ich Gottes Gnade zu meinen Kindern. Ich sterbe und mein Name -bleibt für sie unbefleckt. Und ich fühle schon im voraus den ewigen -Gott, und mein Herz freut sich wie im Paradiese ... Ich habe meine -Schuldigkeit getan ...“ - -Er konnte nicht weiter sprechen, er atmete schwer, heiß drückte er mir -die Hand, und mit glänzenden Augen sah er mich an. Doch lange konnten -wir nicht zusammen bleiben; seine Frau kam immer wieder ins Zimmer, um -nach uns zu sehen. Doch konnte er mir noch zuflüstern: - -„Erinnerst du dich, wie ich das letztemal zu dir kam, um Mitternacht? -Ich befahl dir, das zu behalten. Weißt du, warum ich wieder bei dir -eintrat? Ich wollte dich erschlagen!“ - -Ich schrak zusammen. - -„Ich kam – damals – von dir. In der Dunkelheit wanderte ich durch die -Straßen und kämpfte mit mir. Und plötzlich haßte ich dich so sehr, daß -mein Herz es kaum ertragen konnte. ‚Jetzt,‘ dachte ich, ‚ist er der -einzige, der es weiß und mein Richter ist, und jetzt kann ich gar nicht -mehr meiner Strafe entgehen.‘ Nicht, daß ich fürchtete, du würdest mich -verraten, daran habe ich mit keinem Gedanken gedacht, aber ich sagte -mir: ‚Wie werde ich ihm noch in die Augen sehen können, wenn ich es -nicht morgen tue?‘ Und wenn du auch am Ende der Welt wärest, es wäre mir -einerlei, so lebtest du doch, und der Gedanke, daß du lebst und alles -weißt und mich verurteilst, dieser Gedanke wäre mir unerträglich -gewesen. Ich haßte dich, als wärest du der Grund zu allem, und als -wärest du an allem schuld. Ich kehrte damals zu dir zurück, denn ich -wußte, auf deinem Tisch lag dein Dolch. Ich setzte mich und bat dich, -dich gleichfalls zu setzen, und ich überlegte es mir noch eine Minute -lang. Wenn ich dich aber getötet hätte, so wäre ich dieses Mordes wegen -zugrunde gegangen, selbst wenn ich von meinem früheren Verbrechen nichts -gesagt hätte. Doch daran dachte ich nicht und wollte ich auch in dieser -Minute nicht denken. Ich haßte dich und wollte mich für alles an dir -rächen. Aber Gott besiegte den Teufel in meinem Herzen. Wisse aber, daß -du dem Tode nie näher gewesen bist.“ - -Nach einer Woche starb er. Seinem Sarge folgte die ganze Stadt. Der -Oberpriester hielt eine gefühlvolle Rede. Nach seinem Tode aber wandte -sich die ganze Stadt gegen mich, man trieb es sogar so weit, daß man -mich nicht mehr empfing. Einige wiederum, und zuerst waren es eben nur -einige, später aber wurden es mehr und mehr, fingen an, seinen Aussagen -zu glauben; sie kamen zu mir und fragten mich mit großer Neugier und -Freude: der Mensch freut sich doch so über den Fall des Gerechten und -dessen Schande. Ich aber schwieg und verließ bald darauf die Stadt. Nach -fünf Monaten fand mich Gott für würdig, den einzigen festen und -wunderbaren Weg zu betreten, und ich segnete den Fingerzeig, der mich -auf diesen Weg gewiesen hatte. Doch seiner gedenke ich fortwährend, und -ich schließe ihn bis auf den heutigen Tag in meine Gebete ein. - - - III. - Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz Sossima - - - e) Einiges über den russischen Mönch und seine Bedeutung - -Meine Väter und Lehrer, was ist ein Mönch? In unseren Tagen wird das -Wort in der aufgeklärten Welt von einigen mit Spott, von anderen sogar -als Schimpfwort gebraucht. Und leider, es ist nur zu wahr, es gibt unter -den Mönchen viele Müßiggänger, Tagediebe, Wollüstlinge und gewöhnliche -Landstreicher. Auf diese weisen die gebildeten weltlichen Leute hin: -„Ihr seid Faulenzer und unnütze Glieder der Gesellschaft,“ sagen sie, -„ihr lebt von fremder Arbeit und seid schamlose Bettler!“ Indessen gibt -es doch so viele unter den Mönchen, die fromm und demütig sind, die die -Einsamkeit suchen, und die nach Stille und Gebet verlangt. Auf diese -weist man nicht hin, sondern übergeht sie mit Schweigen. Wie sehr aber -werden sie sich wundern, wenn ich sage, daß von den Gebeten dieser -Demütigen und nach Einsamkeit und Stille sich Sehnenden die Rettung -Rußlands ausgehen wird. Denn in Wahrheit werden sie sich in der Stille -vorbereitet haben „auf den Tag und die Stunde, auf den Monat und auf das -Jahr“. Das Vorbild Christi bewahren sie herrlich und unverfälscht in -seiner göttlichen Reinheit und Wahrheit dort in ihrer Einsamkeit auf, so -wie es uns von unseren alten Kirchenvätern, Aposteln und Märtyrern -überliefert worden ist, und wenn es nötig werden wird, so werden sie es -der weltlichen, zusammenstürzenden Wahrheit entgegenstellen. Das ist ein -großer Gedanke. Im Osten wird dieses Licht aufgehen. - -So denke ich über den Mönch, und sollte das wirklich falsch, sollte das -wirklich anmaßend sein? Seht auf die Weltlichen und auf alle, die sich -über das Gottesvolk erheben, ist in ihnen nicht die Wahrheit Gottes -verloren gegangen? Sie haben die Wissenschaft und in der Wissenschaft -nur das, was den Sinnen unterworfen ist. Die geistige Welt, die höhere -erhabenere Hälfte des menschlichen Wesens, wird vollständig geleugnet -und wird mit einer gewissen Genugtuung und sogar mit Haß ganz und gar -abgeschafft. Besonders in letzterer Zeit hat die Welt die Freiheit -proklamiert, aber was sehen wir in ihrer Freiheit? Nichts als Sklaverei -und Selbstmord! Denn die Welt sagt: „Hast du Bedürfnisse, so befriedige -sie, denn du hast dieselben Rechte wie die Reichen und Vornehmen. -Fürchte dich nicht, sie zu befriedigen, sondern vermehre und steigere -sie noch.“ Das ist die gegenwärtige Lehre der Welt. Darin sieht man -jetzt die Freiheit. Und was ergibt sich aus diesem Recht auf die -Vergrößerung der Bedürfnisse? Bei den Reichen die Isolierung und der -geistige und seelische Selbstmord. Bei den Armen dagegen – Haß und -Totschlag, denn die Ansprüche wurden ihnen allerdings gegeben, doch die -Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse wurden ihnen nicht angewiesen. -Man versichert, daß die Welt sich immer mehr vereinheitlichen und zu -einer brüderlichen Gemeinschaft ausbilden werde dadurch, daß die -Entfernung jetzt abgekürzt ist und der Gedanke durch die Luft vermittelt -wird. Oh, glaubt nicht an diese Einheit der Menschen! Wenn man die -Freiheit als Unbeschränktheit und schnelle Befriedigung seiner Wünsche -auffaßt, so verdirbt man seine Natur, denn man ruft in sich eine Menge -sinnloser und dummer Wünsche und Gewohnheiten hervor, und die -alleralbernsten Einfälle. Man lebt nur, um sich gegenseitig zu beneiden, -zur Befriedigung der Wollust und des Hochmuts. Diners, Ausfahrten, -Equipagen, Auszeichnungen, Sklaven, Diener, Untergebene zu haben, wird -zu einem so unumgänglichen Bedürfnis, daß man sogar sein Leben, seine -Ehre, seine Menschenliebe opfert, nur um dieses Bedürfnis zu -befriedigen, und man nimmt sich womöglich das Leben, wenn man das nicht -mehr tun kann. Auch bei denjenigen, die nicht reich sind, sieht man -dasselbe. Die Armen aber betäuben ihre unbefriedigten Wünsche und ihren -Neid mit Branntwein. Es wird aber noch dahin kommen, daß diese sich, -statt an Branntwein, an Blut betrinken werden. Jetzt frage ich euch: Ist -denn solch ein Mensch frei? Ich kannte einen „Kämpfer für die Idee“, der -mir selbst erzählte, daß er, als man ihm im Gefängnis den Tabak entzog, -dermaßen durch diese Entbehrung gequält worden sei, daß er, wenn er -gekonnt hätte, hingegangen wäre, um seine Idee „für Tabak“ zu verkaufen. -Solch einer also „geht für die Menschheit kämpfen“. Wie weit geht er -damit, und wozu ist er fähig? Vielleicht noch zu einer raschen Tat, denn -Ausdauer wird er nie haben. Und ist das nicht merkwürdig, wie sie, statt -in Freiheit zu kommen, in Sklaverei verfallen, und statt der Bruderliebe -und der Einigung der Menschheit zu dienen, geraten sie im Gegenteil nur, -wie in meiner Jugend mein geheimnisvoller Gast dies schon behauptete, in -Vereinsamung und Isolierung. Daher stirbt in der Welt das Bewußtsein, -daß man im Dienste der Menschheit steht, vollständig aus. Der -Vorstellung von Brüderlichkeit und innerer Zusammengehörigkeit der -Menschen begegnet man in Wahrheit nur mit Spott, denn wie sollen sie von -ihren Gewohnheiten lassen? Wohin will so ein Unfreier mit all seinen -unzähligen Bedürfnissen, die er sich selbst ausgedacht hat? Nur in die -Isolierung führt es ihn! Und was hat er mit dem Ganzen zu schaffen? -Erreicht haben sie damit nichts anderes, als daß sie an Besitz wohl -reicher, an Freude aber ärmer geworden sind. - -Etwas anderes ist es mit der Laufbahn des Mönches. Über den Gehorsam, -über Fasten und Gebet lacht man, während gerade in ihnen der Weg zur -wirklichen und wahrhaften Freiheit zu finden ist. Ich vernichte in mir -die überflüssigen und unnötigen Bedürfnisse, meinen selbstherrlichen und -stolzen Willen geißle ich und bezwinge ich durch Gehorsam, und erreiche -mit Gottes Hilfe die Freiheit des Geistes und mit ihr die -Geistesfreudigkeit! Wer von ihnen wird fähiger sein, einer großen Idee -zu dienen – der isolierte Reiche oder der von jeglicher Tyrannei seiner -Gewohnheiten und seines Besitzes Befreite? Dem Mönche macht man seine -Vereinsamung zum Vorwurf: „Du rettest dich in das Kloster, vergißt aber -dabei, brüderlich deinem Mitmenschen zu dienen.“ Sehen wir doch zu, wer -mehr Bruderliebe betätigt. Die Isolierung ist nicht bei uns, sondern bei -ihnen, nur sehen sie das nicht ein. Von uns aber sind (und das schon von -alters her) diejenigen gekommen, die für das Volk gewirkt haben, warum -sollte es auch jetzt nicht solche unter uns geben? Unsere demütigen -Faster und großen Schweiger werden sich erheben und große Taten -vollführen. Vom Volke wird Rußlands Rettung kommen. Das russische -Kloster war von jeher mit dem Volke. Wenn das Volk abgesondert lebt, so -leben auch wir in der Absonderung. Das Volk glaubt auf unsere Weise, und -eine ungläubige Kraft, sei sie noch so aufrichtigen Herzens und genialen -Geistes, kann bei uns in Rußland nichts erreichen. Behaltet das. Das -Volk, wenn es dem Atheisten begegnet, wird ihn bewältigen und wird sich -als einiges rechtgläubiges Rußland gegen ihn aufrichten. Bewahrt das -Volk und bewahrt sein Herz, in der Stille erzieht es. Das wäre die -Aufgabe unseres Mönches, denn sein Volk ist das Gottträger-Volk. - - - f) Einiges über Herren und Diener: Kann es zwischen Herr und Diener - eine geistige Bruderschaft geben? - -Mein Gott, wer kann sagen, daß es im Volke keine Sünde gäbe! Die Flamme -der Vernichtung und des Verderbens vergrößert sich sichtbar und -stündlich. Auch ins Volk dringt die Isolierung: Wucherer und -Freischlucker treten auf, der Händler und Kaufmann will immer mehr -geehrt sein, bemüht sich, den Gebildeten zu spielen, ohne Bildung zu -besitzen, und vernachlässigt darum mit Absicht die alten Volksbräuche -und schämt sich des Glaubens seiner Väter. Er fährt zu Fürsten zum -Besuch und ist dabei doch nichts anderes als ein verdorbener Bauer. Das -Volk hat sich der Trunksucht ergeben: es ist durch sie wie angefault und -kann sich nicht mehr davon losreißen. Wieviel Grausamkeit sehen wir -oftmals im Verhalten des Mannes zu seiner Familie, seiner Frau und sogar -den Kindern gegenüber: alles das kommt von der Trunksucht. In den -Fabriken habe ich neunjährige Kinder gesehen, schwächlich, abgezehrt, -gekrümmt und schon verdorben. Stickige Räume, das Getöse der Maschinen -und den ganzen Gottestag über Arbeit, häßliche, unanständige Reden und -Branntwein, Branntwein! Ist es denn das, was die Seele eines so kleinen -Kindes bedarf? Es hat Sonne nötig und Spiele und in allem ein gutes -Beispiel und Liebe, wenn auch nur ein Tröpfchen Liebe zu ihm. Auf daß es -geschehe, Mönche, auf daß die Quälerei der Kinder aufhöre, erhebt euch -schneller und predigt dagegen. Gott wird Rußland retten, denn wenn das -Volk auch verdorben ist und sich von der Schande und Sünde nicht -losmachen kann, so weiß der Einfache doch, daß Gott seine Sünde -verflucht, und daß er schlecht handelt, wenn er sündigt. So daß unser -Volk trotz allem unerschütterlich an die Wahrheit glaubt, Gott anbetet -und über seine Sünden weint. Nicht so aber ist es bei den Höheren. Die -wollen sich nach der Wissenschaft und nach ihrem eigenen Verstande, doch -vor allem ohne Christus, hier auf Erden einrichten und behaupten daher, -es gäbe kein Verbrechen, es gäbe keine Sünde. Und in ihrer Art haben sie -auch recht: wenn es keinen Gott gibt, wie kann es dann ein Verbrechen -geben? In Europa erhebt sich schon das Volk gegen die Reichen, und ihre -Rädelsführer predigen die Gewalt und das Blutvergießen und behaupten, -daß ihr Zorn ein gerechter sei. Doch verflucht sei ihr Zorn, denn er ist -grausam, d. h. ohne Barmherzigkeit. Rußland aber wird Gott der Herr -erretten, wie er es schon oft errettet hat. Aus dem Volk wird die -Rettung kommen, aus seinem Glauben und seiner Demut. Meine Väter und -Lehrer, bewahret den Glauben des Volkes, denn er ist kein leerer Traum: -mein ganzes Leben lang bin ich von seiner Größe, von seiner herrlichen -und aufrichtigen Würde ergriffen gewesen. Ich habe es selbst gesehen und -habe gestaunt, ich kann es bezeugen trotz der Finsternis und des -ärmlichen und unansehnlichen Aussehens unseres Volkes. Es ist nicht -kriechend trotz seiner zwei Jahrhunderte langen Sklaverei, die es unter -den Tataren durchgemacht hat. Frei ist sein Äußeres und sein Betragen, -frei ist es, ohne einen dabei zu beleidigen. Und nie ist unser Volk -rachsüchtig und nie neidisch. „Du bist bedeutend, bist reich, bist klug -und talentvoll – möge Gott dich segnen. Ich achte dich, doch wisse, daß -auch ich ein Mensch bin. Darin, daß ich dich neidlos achte, darin -besteht meine eigene Menschenwürde vor dir.“ In Wahrheit ist es so, denn -wenn sie sich auch nicht so auszudrücken verstehen, so handeln sie doch -danach, ich selbst habe es gesehen, ich selbst habe es erfahren, und -glaubet mir: je ärmer und niedriger unser russischer Mann ist, um so -eher ist in ihm diese herrliche Wahrhaftigkeit zu finden. Die Reichen -von ihnen, die Wucherer und Schmarotzer, sind auch schon verdorben, und -vieles, vieles ist von unserer Unachtsamkeit und Nachlässigkeit -gekommen. Aber Gott wird seine Kinder erretten, denn groß ist Rußland in -seiner Demut. Ich träume von unserer Zukunft, und schon sehe ich sie -emporsteigen. Und es wird so sein, daß unser verderbtester Reicher sich -seines Reichtums vor dem Armen schämen wird, und der Arme wird seine -Demut verstehen und wird ihm mit Freuden den Vorrang lassen, der ihm -zukommt, und seine edle Scham mit Wohlwollen vergelten. Glaubet mir, so -wird es enden; darauf geht es hinaus. Die Gleichheit besteht in der -menschlichen, geistigen Würde, und das wird man nur bei uns verstehen. -Wenn es Brüder gibt, dann wird es auch eine Brüderschaft geben, früher -aber werden sie nie miteinander teilen. Das Vorbild Christi bewahren -wir, und es wird wieder wie ein kostbares Juwel der ganzen Welt leuchten -... Und also geschehe es! - -Meine Väter und Lehrer, ich erlebte einmal etwas sehr Rührendes. Auf -meiner Wanderschaft traf ich in der Gouvernementsstadt K. meinen -früheren Burschen Afanassij, den ich seit der Zeit, ungefähr seit acht -Jahren, als wir auseinander gegangen waren, nicht wieder gesehen hatte. -Er sah mich zufällig in einem Kaufhause, erkannte mich und stürzte auf -mich zu. Mein Gott, wie lief er herbei, und wie freute er sich: -„Väterchen, Herr sind Sie denn das wirklich? Täuschen mich nicht meine -Augen?“ Er führte mich zu sich. Er hatte schon den Dienst verlassen, war -verheiratet und hatte zwei Kinderchen. Er lebte mit seiner Frau von -einem kleinen Kramladen, den sie im Kaufhause besaßen. Das Zimmerchen, -in das er mich führte, war ärmlich, aber sauber und hell. Er nötigte -mich, Platz zu nehmen, stellte den Ssamowar auf, schickte nach seiner -Frau, ganz als ob es für ihn ein Feiertag wäre, daß ich zu ihm gekommen -war. Er führte mir seine Kinder zu: „Segne sie, Väterchen,“ bat er. – -„Kommt es mir einfachem demütigem Menschen denn zu, andere zu segnen,“ -antwortete ich ihm, „ich werde zu Gott für sie beten. Auch für dich, -Afanassij Pawlowitsch, bete ich; seit jenem Tage bete ich täglich für -dich zu Gott, denn durch dich ist alles so gekommen, wie es jetzt ist.“ -Und ich erklärte ihm das, so gut ich konnte. Wie war dem Menschen wohl -zumute: er konnte immer noch nicht fassen, daß ich, der ich jetzt vor -ihm in solch einer Gestalt und Kleidung stand, sein früherer Herr und -sein junger Leutnant war. – Er fing sogar zu weinen an. „Warum weinst -du,“ fragte ich ihn, „du unvergeßlicher Mensch, freuen sollte sich deine -Seele über mich, mein Lieber, denn freudig und hell ist mein Weg.“ Viel -sprach er nicht, aber er seufzte und schüttelte wehmütig den Kopf. „Wo -ist denn Ihr Reichtum geblieben?“ Ich antwortete ihm: „Habe ihn dem -Kloster gegeben, wir leben dort alle in Gemeinschaft.“ Nach dem Tee -verabschiedete ich mich von ihnen, und plötzlich brachte er mir fünfzig -Kopeken fürs Kloster, und was sehe ich, andere fünfzig Kopeken steckte -er mir noch heimlich in die Hand und beeilte sich dabei zu sagen: „Das -ist für Sie, den sonderbaren Wanderer, es kommt Ihnen vielleicht -zustatten, Väterchen.“ Ich nahm das Geld, verbeugte mich vor ihm und vor -seiner Frau und ging erfreut davon. Auf dem Wege dachte ich noch: „Jetzt -werden wir beide, er bei sich und ich unterwegs, seufzen und lächeln, in -der Freude des Herzens den Kopf wiegen, daran denkend, wie Gott uns -zusammengeführt hat.“ Seit der Zeit habe ich ihn nicht wieder gesehen. -Ich war sein Herr, er war mein Diener gewesen, nun aber, nachdem wir uns -fromm und in Liebe geküßt hatten, hatte sich in uns die große -Menschenvereinigung vollzogen. Ich habe viel darüber nachgedacht und -jetzt frage ich mich: Ist es denn wirklich so undenkbar, daß diese große -Einigung voll Herzenseinfalt sich einmal überall in unserem Rußland -vollziehen könnte? Ich glaube daran, daß sie sich vollziehen wird, und -daß die Zeit schon vor der Tür steht. - -Über die Diener füge ich aber noch folgendes hinzu: Früher in meiner -Jugend ärgerte ich mich viel über sie: die Köchin hatte zu heiß -angerichtet oder der Bursche die Kleider nicht genügend rein gebürstet. -Aber plötzlich leuchtete der Gedanke meines lieben Bruders in mir auf, -den ich in meiner Kindheit oftmals von ihm aussprechen gehört hatte: -„Bin ich wert, daß ein anderer mich bedient, und habe ich das Recht, ihn -wegen seiner Armut und Unwissenheit schlecht zu behandeln?“ Ich war -erstaunt damals, wie die allereinfachsten und klarsten Gedanken uns so -spät in den Sinn kommen. Ohne Diener kann die Welt nicht auskommen, aber -du sollst so handeln, daß dein Diener freier im Geiste ist, als er wäre, -wenn er nicht dein Diener sein würde. Und warum soll ich nicht meinem -Diener ein Diener sein, und zwar so, daß er fühlt, daß ich es ohne -jeglichen Stolz oder Hochmut meinerseits bin – und ohne in ihm Mißtrauen -zu erwecken? Warum soll ich zu meinem Diener nicht sein wie zu einem -Verwandten, und warum soll ich ihn nicht ganz in meine Familie aufnehmen -und mich dessen freuen? Das ist auch jetzt schon ausführbar und würde -zur Grundlage der großen zukünftigen Einigung der Menschen dienen, in -der der Mensch sich keine Diener suchen und nicht mehr wünschen wird, -seinesgleichen sich dienstbar zu machen, wie er jetzt tut, sondern im -Gegenteil, aus allen Kräften wünschen wird, allen ein Diener nach dem -Evangelium zu werden. Und ist das wirklich nur ein Traum, daß der Mensch -schließlich seine Freude in Fortschritten der Erleuchtung und -Mildtätigkeit finden wird und nicht an den grausamen Freuden der -Üppigkeit, Unzucht, Hoffart, Prahlerei und in der Überhebung des einen -über den anderen? Ich glaube fest daran, daß diese Zeit nicht mehr fern -ist. Man wird wohl lachend fragen: wann wird denn diese Zeit kommen, und -wird sie dann auch diesem Traume ähnlich sein? Ich aber denke, daß wir -mit dem Vorbild Christi diese große Tat vollführen werden. Wieviel Ideen -gibt es doch auf der Erde und in der Geschichte der Menschheit, die noch -vor zehn Jahren undenkbar waren, und die doch plötzlich auftauchten, als -für sie die geheimnisvolle Stunde geschlagen hatte, und die sich dann -über die ganze Erde verbreiteten. So wird es auch bei uns sein, unser -Volk wird die Welt erleuchten, und die ganze Welt wird sagen: „Der -Stein, den die Baumeister verwarfen, ist zum Eckstein geworden.“ Und die -Spötter sollte man fragen: Wenn das bei uns nur Träume sein sollen, wie -werdet ihr dann euer Gebäude nur mit eurem Verstande und ohne Christus -aufbauen? An ihre Versicherung, daß auch sie auf ihrem Wege schließlich -zur Einigung der Menschheit gelangen werden, glauben in Wahrheit nur die -Einfältigsten unter ihnen, und über diese Einfältigkeit kann man sich -wirklich nur wundern, denn wahrlich ihre phantastischen Träume bauen -sich auf keiner einzigen Tatsache auf. Sie denken alles ohne Christum -gerecht aufzubauen, aber sie werden damit enden, daß sie die Welt mit -Blut überschwemmen, denn Blut schreit nach Blut, und das Schwert wird -nur durch das Schwert vergehen. Und wenn die Verheißung Christi nicht -wäre, so würden sie sich auf Erden gegenseitig bis auf die zwei letzten -Menschen vertilgen. Auch diese letzten Zwei würden nicht verstehen, sich -in ihrem Stolze zu bändigen, so daß der Letzte den Vorletzten vernichten -würde und zuletzt sich selbst. So würde es geschehen, wenn die Welt -nicht durch die Verheißung Christi um der Frommen und Demütigen willen -erhalten bliebe. Damals nach dem Duell, sprach ich, noch in der -Offiziersuniform, in der Gesellschaft einmal über diese Frage, und ich -erinnere mich, alle waren sie erstaunt über mich: „Was, sollen wir -unsere Dienstboten auf das Sofa setzen und ihnen den Tee reichen?“ Ich -gab ihnen aber zur Antwort: „Warum denn nicht, und wenn es auch nur ein -einziges Mal geschieht?“ Sie lachten darüber. Ihre Frage war -leichtsinnig, und meine Antwort war unklar, aber ich denke, etwas Wahres -war doch in ihr enthalten. - - - g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung mit anderen Welten - -Jüngling, vergiß nicht das Gebet. Jedesmal, wenn dein Gebet aufrichtig -ist, taucht eine neue Empfindung in dir auf und mit ihr ein neuer -Gedanke, den du früher nicht gekannt hast; er wird dich von neuem -stärken, und du wirst begreifen, daß Gebet Erziehung ist. Vergiß auch -nicht, jeden Tag und so oft du nur kannst, also zu beten: „Herr, erbarme -dich aller, die vor dich hintreten.“ Denn in jeder Stunde und in jedem -Augenblick verlassen Tausende von Menschen ihr Leben auf dieser Erde, -und ihre Seelen treten vor Gott – und viele von ihnen scheiden einsam -von dieser Erde, von niemand gekannt, in Kummer und Trauer, daß sich -niemand um sie bekümmert, ja, nicht einmal gewußt hat, ob sie gelebt -haben oder nicht. Und siehe, vom anderen Ende der Welt erhebt sich dein -Gebet zu dem Herrn und bittet um die Seelenruhe des Verlassenen, -obgleich du ihn nicht kanntest und er nicht dich. Wie wird es aber -seiner Seele sein, wenn er in dem Augenblick, da er in Furcht vor Gott -steht, fühlt, daß auch für ihn jemand betet, und daß auf der Erde ein -menschliches Wesen lebt, das auch ihn lieb hat? Ja, und auch Gott wird -milde auf euch beide schauen, denn hast selbst du mit ihm Mitleid, um -wieviel mehr wird er Mitleid haben, der so unendlich viel mildtätiger -und mitleidiger ist als du? Und er wird ihm vielleicht um deinetwillen -vergeben. Brüder, vor der Sünde der Menschen schreckt nicht zurück, -liebet den Menschen auch in seiner Sünde, denn das ist das Ebenbild der -göttlichen Liebe und das Höchste der Liebe. Liebet die ganze Schöpfung -Gottes, das ganze All, wie jedes Sandkörnchen. Jedes Blättchen, jeden -Strahl Gottes liebet. Liebet die Tiere, liebet jegliches Gewächs und -jegliches Ding. Wenn du jedes Ding lieben wirst, so wird sich dir das -Geheimnis Gottes in den Dingen offenbaren. Ist dir dies offenbar -geworden, so wirst du jeden Tag immer mehr und mehr die Wahrheit -erkennen. Und schließlich wirst du die ganze Welt mit allumfassender -Liebe umspannen. Liebet die Tiere, denn Gott hat ihnen den Urgrund des -Denkens und harmlose Freudigkeit verliehen. Stört sie nicht, quält sie -nicht, nehmet ihnen nicht die Freude, handelt dem Gedanken Gottes nicht -zuwider. Der Mensch überhebe sich nicht den Tieren gegenüber, sie sind -sündlos, du aber, Mensch, mit deiner Größe, du versetzest mit deinem -Erscheinen die Erde in Fäulnis und läßt Spuren der Verwesung hinter dir, -und leider tut das fast jeder von uns! Besonders liebet aber die Kinder, -denn sie sind sündlos wie Engel. Sie leben zu unserer Freude, zur -Reinigung unserer Herzen als Hinweis und Beispiel für uns. Wehe dem, der -ein Kind kränkt. Mich lehrte der Pater Anfim die Kinder lieben; er ist -gut und schweigsam. Auf unserer Wanderschaft kaufte er ihnen für die -wenigen Kopeken, die man ihm schenkte, Pfefferkuchen und Zuckerwerk; er -konnte an ihnen nicht vorübergehen, ohne daß sein Herz erbebte. So ist -der Mensch. Vor gar manchem Gedanken bleibt man im Zweifel befangen -stehen, besonders wenn man die Sünden der Menschen sieht, und man fragt -sich: „Soll man es mit Gewalt anfassen oder mit demütiger Liebe?“ -Entscheide dich immer für „demütige Liebe.“ Wenn du dich ein für allemal -dazu entschlossen hast, so wirst du die ganze Welt bezwingen. Die -„demütige Liebe“ ist eine furchtbare Kraft; sie ist die allergrößte -Kraft, und ihresgleichen gibt es nicht. Jeden Tag, jede Stunde und jede -Minute gib acht auf dich, damit dein Antlitz rein sei. Wenn du böse mit -einem schlechten Wort und haßerfüllter Seele an einem Kinde vorbeigehst, -das du vielleicht nicht einmal beachtet hast, und es sieht dein -häßliches und verzerrtes Antlitz – siehe, so prägt es sich in sein -schutzloses Herzchen ein. Du weißt es nicht einmal und hast doch -Schlechtes in sein Herz gesät, und der schlechte Same wird aufgehen, und -das alles nur, weil du in der Gegenwart des Kindes nicht auf dich acht -gegeben hast, und weil du keine umsichtige und tatkräftige Liebe in -deinem Herzen hegtest. Brüder, die Liebe ist eine große Lehrerin, man -muß verstehen, sie zu erwerben; das aber ist sehr schwer – man muß sie -teuer erkaufen durch lange andauernde Arbeit, denn nicht zufällig und -auf einen Augenblick muß man lieben, sondern fortwährend und ewig. -Zufällig kann jeder lieben, sogar der Bösewicht kann zufällig lieben. -Mein Bruder bat die Vöglein um Verzeihung. Das scheint einem sinnlos, -und doch tat er recht, denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und -berührt sich. An einem Ende der Welt verursachst du eine Bewegung, und -am anderen Ende der Welt hallt sie wider. Mag es sinnlos sein, die -Vöglein um Verzeihung zu bitten, doch den Vögeln, den Kindern, ja, allen -Tieren wäre es leichter in deiner Nähe, wenn du selbst besser und -begeisterter wärest, und wenn auch nur um ein wenig mehr als sonst. -Alles ist wie ein Ozean, sage ich euch. Wärest du besser, so würdest du -auch zu den Vöglein beten, in Begeisterung und Verzückung, gequält von -deiner allumfassenden Liebe, und du würdest bitten, daß sie dir deine -Sünde verzeihen. Halte fest deine Begeisterung, wie sinnlos sie den -Menschen auch scheine. - -Meine Freunde, bittet Gott um Fröhlichkeit, seid fröhlich wie die -Kinder, wie die Vögel des Himmels. Und die Sünde der Menschen soll euch -nicht bekümmern in eurer Tätigkeit, und fürchtet euch nicht, daß sie -euch an der Vollendung eurer Tat hindern könnte, saget nicht: „Stark ist -die Sünde, stark ist die Ehrlosigkeit, stark ist die schlechte Umgebung, -wir stehen allein und sind machtlos, die schlechten Einflüsse werden uns -verderben und uns an der Vollendung unseres guten Werkes hindern.“ Laßt -solch eine Verzagtheit fern von euch sein, meine Kinder! Dafür gibt es -nur eine Rettung. Mache dich selbst für die Sünden der Menschen -verantwortlich. Ja, mein Freund, es ist in Wahrheit so, wenn du dich nur -aufrichtig für alle und alles verantwortlich machst, so wirst du auch -einsehen, daß es in der Tat so ist, daß du allen gegenüber für alle -schuldig bist. Wenn du aber deine Faulheit und deine Ohnmacht den -Menschen zur Last legst, so wirst du in satanischen Hochmut verfallen -und wider Gott murren. Vom satanischen Hochmut denke ich folgendes: Es -ist schwer, ihn hier auf Erden immer zu erkennen, darum können wir ihm -so leicht verfallen, selbst wenn wir meinen, groß und gut zu handeln. -Ja, viele der stärksten Regungen und Gefühle unserer Natur können wir, -solange wir auf Erden sind, nicht durchschauen und erkennen, aber lasse -dich nicht verführen zu denken, daß das zu deiner Rechtfertigung dienen -könnte, denn der ewige Richter fragt dich nicht nach dem, was du nicht -erreichen, sondern nach dem, was du erreichen konntest. Du wirst dich -noch selbst davon überzeugen, wenn du das berücksichtigst, und du wirst -alles richtig erkennen und mit niemandem mehr hadern. Wahrlich wir irren -auf der Erde herum, und wenn wir das Vorbild Christi nicht hätten, so -würden wir uns gänzlich verirren und schließlich umkommen wie das -Menschengeschlecht vor der Sintflut. Vieles auf der Erde ist uns -verborgen, dafür ist uns aber das geheimnisvolle Bewußtsein der -lebendigen Bande mit einer anderen Welt verliehen, mit einer höheren und -erhabeneren Welt, denn unsere Gedanken und Gefühle hier auf Erden -wurzeln in anderen Welten. Darum behaupten auch die Philosophen, daß man -das Wesen der Dinge hier auf Erden nicht erkennen könne. Gott nahm die -Samen, die er auf unsere Erde säte, aus anderen Welten, und es erwuchs -ihm sein Garten, und alles ist aufgegangen, was aufgehen konnte, und -alles, was wahrhaft lebendig ist, ist nur durch das Bewußtsein der -Berührung mit den anderen geheimnisvollen Welten lebendig; wenn sich -dieses Gefühl abschwächt, oder wenn es abstirbt, so stirbt auch das -Lebendige in dir. Dann wirst du auch dem Leben gegenüber gleichgültig -und kannst es sogar hassen. Also denke ich. - - - h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom Glauben bis ans - Ende - -Vergiß vor allem nicht, daß du niemandes Richter sein kannst. Es kann -niemand auf Erden eher ein Richter eines Verbrechers sein, als bis er -eingesehen hat, daß er genau solch ein Verbrecher ist wie dieser, der -vor ihm steht, und daß er am Verbrechen des vor ihm Stehenden mehr als -Alle schuld ist. Wenn er das erkannt hat, dann erst kann er Richter -sein. Wie unsinnig das auch scheinen mag, so ist es doch die einzige -Wahrheit. Denn wäre ich selbst gerecht, so stünde vielleicht vor mir -kein Verbrecher. Vermagst du aber das Verbrechen des vor dir stehenden -und des von deinem Herzen verurteilten Verbrechers auf dich zu nehmen, -so tue es, ohne zu zögern, und leide für ihn; ihn selbst aber entlasse -ohne jegliche Vorwürfe. Und wenn das Gesetz dich selbst zum Richter über -ihn bestimmt, so sollst du in diesem Sinne wirken, denn er wird -fortgehen und sich viel bitterer noch verurteilen, als das Gericht es -vermocht hätte. Geht er aber deiner Güte unempfindlich fort und lacht er -über dich, so ärgere dich nicht darüber, denn das bedeutet nur, daß -seine Zeit noch nicht gekommen ist. Und sollte sie auch nie für ihn -kommen, so ist es gleichgültig. Wenn nicht er, so wird ein anderer -erkennen und erleiden und wird sich selbst verurteilen und beschuldigen, -und so wird dem Recht Genüge getan werden. Glaube daran, glaube -unverbrüchlich daran, denn gerade hierin liegt die ganze Zuversicht und -der ganze Glaube der Heiligen. - -Wirke unermüdlich. Wenn du in der Nacht aus dem Schlafe erwachst und dir -sagen mußt: „Ich habe nicht getan, was ich hätte tun sollen,“ so erhebe -dich sofort und tue es. Wenn dich böse und gefühllose Menschen umgeben -und über dich lachen und dich nicht hören wollen, so falle vor ihnen -nieder und bitte sie um Vergebung, denn du bist in Wahrheit selbst -schuld daran, daß sie dich nicht anhören wollen. Wenn du aber mit den -Verbitterten nicht mehr reden kannst, so diene ihnen schweigend und in -Demut, ohne je deine Hoffnung zu verlieren. Wenn aber alle dich -verlassen und mit Gewalt dich von sich stoßen und dich von allem -ausschließen, so falle zur Erde nieder und küsse die Erde, netze sie mit -deinen Tränen, und die Erde wird aus deinen Tränen Frucht bringen, -obgleich dich niemand gesehen noch gehört hat in deiner Einsamkeit. -Glaube bis ans Ende, und wenn es auch sein sollte, daß alle sich vom -Glauben abwendeten und nur du allein treu bliebest, so bringe auch dann -deine Opfer und lobe Gott. Und wenn sich dann noch einer wie du zu dir -gesellt – siehe, dann ist bei euch die ganze Welt, die Welt der -lebendigen Liebe: umarmt euch beide in Begeisterung und lobet Gott, -denn, wäre es auch nur in euch beiden, so hat sich doch die Wahrheit -Gottes bewährt. - -Wenn du selbst sündigst und zu Tode betrübt bist wegen deiner Sünden, -oder wenn du plötzlich in Sünde verfällst, so freue dich über den -anderen, über den Gerechten, freue dich, daß, während du sündigtest, er -gerecht blieb. - -Wenn die Bosheit der Menschen dich bis zum Unmut und unerträglichen -Kummer aufreizt, so daß in dir der Wunsch sich erhebt, Rache an den -Bösewichtern zu nehmen, so fürchte dich am meisten vor diesem Gefühl, -gehe sofort und suche dir Qualen, als wenn du allein an der Bosheit der -Menschen schuldig wärest. Nimm die Qualen auf dich und erleide sie, und -dein Herz wird sich beruhigen, und du wirst verstehen, daß du selbst -schuld hast, denn du hättest als einziger Reiner den Bösewichtern -leuchten können, und du hast nicht geleuchtet. Wenn du aber hättest -leuchten können, so hättest du mit deinem Licht anderen den Weg -erleuchtet, und derjenige, der die böse Tat vollführt hat, hätte sie in -deinem Lichte unterlassen. Und selbst, wenn du ihnen geleuchtet hättest, -und wenn du siehst, daß du die Menschen mit deinem Licht nicht retten -kannst, so verzweifle nicht an der Kraft des himmlischen Lichtes; glaube -daran, daß es sie, wenn nicht jetzt, so doch später retten wird. Wenn -aber auch sie nicht gerettet werden, so werden es ihre Kinder, denn dein -Licht stirbt nicht, wenn auch du schon gestorben bist. Der Gerechte geht -dahin, doch sein Licht bleibt. Sie bekehren sich ja immer erst nach dem -Tode des Bekehrers. Das Menschengeschlecht erkennt seine Propheten nicht -an und läßt sie umkommen, aber seine Märtyrer liebt es und diejenigen, -die seinetwegen gepeinigt wurden. Du arbeitest für das Ganze, du -schaffst für das Kommende. Lohn suche du nie, denn ohnehin ist dein Lohn -hier auf Erden groß: diese Freudigkeit im Geiste erlangt nur der -Gerechte. Fürchte nicht den Vornehmen und nicht den Mächtigen, und sei -immer ein Weiser und Begeisterter. - -Halte Maß und halte die Frist ein und lerne erkennen. Wenn du allein -bleibst, so bete. Liebe die Erde und bedecke sie mit deinen Küssen. -Küsse die Erde unermüdlich, liebe unersättlich, liebe alle und liebe -alles, suche die Begeisterung und die Ekstase der Liebe. Benetze die -Erde mit deinen Tränen der Freude und liebe diese deine Tränen. Und -halte diese deine Begeisterung hoch, denn sie ist ein großes Geschenk -Gottes, das nicht vielen verliehen wird, sondern nur den Auserwählten. - - - i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer. - Eine mystische Betrachtung - -Meine Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der -Schmerz darüber, daß man nicht mehr zu lieben vermag. Nur einmal wird im -unendlichen Sein, außerhalb von Zeit und Raum, einem geistigen Wesen mit -seinem Erscheinen auf der Erde die Fähigkeit verliehen, sich zu sagen: -„Ich bin, und ich liebe.“ Einmal, nur einmal war ihm der Augenblick -tätiger, lebendiger Liebe und dazu ein Leben hier auf Erden gegeben -worden, und mit ihm Zeit und Gelegenheit. Dieses glückliche Wesen aber -wies diese unschätzbare Gabe von sich, schätzte sie nicht, liebte nicht, -spottete der Liebe und blieb gefühllos. Nachdem dieses Wesen gefühllos -von der Erde geschieden war, schaute es Abrahams Schoß und redete mit -Abraham, wie uns das Gleichnis vom Reichen und von Lazarus lehrt, und -schaute das Paradies und konnte zum Herrn eingehen. Da fing es den -Abgeschiedenen zu quälen an, daß er zum Herrn kommt, ohne geliebt zu -haben, und mit denen zusammen treffen muß, die er zu lieben verschmäht -hatte. Denn nun sah er klar und sagte zu sich selbst: „Jetzt habe ich -die Erkenntnis, aber wie es mich auch dürstet zu lieben, ich kann meine -Liebe jetzt doch nicht mehr betätigen, kann ihr kein Opfer mehr bringen, -denn mein Erdenleben ist nun zu Ende, und Abraham wird nicht kommen, um -auch nur mit einem Tropfen lebendigen Wassers (das wäre die Verleihung -des früheren tätigen Erdenlebens) die Flamme meines Liebesdurstes zu -kühlen, in der ich jetzt brenne, nachdem ich auf Erden zu lieben -verschmäht hatte. Zeit und Leben gibt es jetzt nicht mehr. Froh wäre -ich, mein Leben für andere hinzugeben, aber auch das kann ich ja nicht -mehr, denn vorüber ist dieses Leben, das ich der Liebe hätte zum Opfer -bringen können, und jetzt liegt ein Abgrund zwischen jenem Leben und -diesem Sein.“ Man spricht vom Höllenfeuer im materiellen Sinne; ich will -dieses Mysterium nicht erforschen und fürchte mich davor, aber wenn es -wirklich eine materielle Flamme geben sollte, so könnte man sich in -Wahrheit darüber freuen, denn ich denke daß eine physische Qual doch auf -einen Augenblick die viel schrecklichere geistige Qual vergessen macht. -Und die Menschen von dieser seelischen Qual zu erlösen, das ist -unmöglich, denn es ist keine äußere, sondern eine innere Qual. Und wenn -es möglich wäre, sie ihnen zu nehmen, so, denke ich, würden sie nur noch -bitterer leiden. Denn wenn die Gerechten aus dem Paradiese beim Anblick -ihrer Qualen ihnen auch verzeihen und sie in ihrer unendlichen Liebe zu -sich nehmen würden, so würden sie damit ihre Qualen nur vergrößern und -die Flamme ihres Durstes nach tätiger Liebe, die ihnen nicht mehr -möglich ist, nur noch anfachen. In der Schüchternheit meines Herzens -denke ich indessen, daß gerade das Bewußtsein dieser Unmöglichkeit ihnen -schließlich zur Erleichterung dienen müßte, denn indem sie die Liebe der -Gerechten, ohne sie erwidern zu können, annehmen müssen, werden sie in -ihrer Demut und Ergebung ein Abbild der tätigen Liebe, die sie auf der -Erde verschmäht haben, oder eine ihr ähnliche Betätigung finden ... Ich -bedaure es, meine Brüder und Freunde, daß ich mich darüber nicht klarer -auszudrücken vermag, aber wehe denen, die auf Erden sich selbst -vernichteten, wehe den Selbstmördern! Ich denke, unglücklicher als diese -kann keiner mehr werden. Uns wird verboten, für sie zu beten, und die -Kirche wendet sich öffentlich von ihnen ab. Ich aber denke im Geheimen -meiner Seele, daß man auch für sie beten kann. Um der Liebe willen wird -Christus nicht zürnen. Für diese habe ich innerlich mein ganzes Leben -lang gebetet, das vertraue ich euch an, meine Väter und Lehrer, und noch -jetzt bete ich für sie jeden Tag. - -Oh, in der Hölle gibt es auch solche, die stolz und grausam gelebt -haben, trotz ihrer Erkenntnis der ganzen Wahrheit; sie sind furchtbar, -die sich ganz und gar und auf immer dem Satan ergeben haben, und seinem -stolzen Geiste. Für diese ist die Hölle etwas Freiwilliges und -Unersättliches; sie sind aus eigenem freien Willen Märtyrer, und sie -verfluchen sich selbst, indem sie Gott und das Leben verfluchen. Sie -nähren sich von ihrem böswilligen Hochmut, wie ein Verhungernder in der -Wüste sein Blut aus dem eigenen Körper aussaugt. Sie sind unersättlich -bis in alle Ewigkeit. Sie weisen die Vergebung Gottes zurück und fluchen -Gott, der sie ruft. Den lebendigen Gott können sie nicht ohne Haß -erkennen, und sie verlangen, daß man das Leben Gottes vernichte, daß -Gott sich selbst und seine ganze Schöpfung vernichte. Und sie werden -ewig im Feuer ihres Zornes schmachten und nach Tod und Nichtsein -verlangen. Doch nie wird der Tod ihnen Erlösung bringen. - -Hier endigt die Handschrift Alexei Fedorowitsch Karamasoffs. Ich -wiederhole, daß sie nicht vollständig, sondern nur bruchstückartig ist. -Die lebensgeschichtlichen Nachrichten umfassen nur die erste Jugend des -Staretz. Seine Bekenntnisse und Meinungen sind wohl zu einem Ganzen -zusammengestellt, doch sind sie zu ganz verschiedenen Zeiten und bei -verschiedenen Anlässen ausgesprochen worden. Alles, was der Staretz in -seinen letzten Stunden geredet hat, ist nicht Wort für Wort -wiedergegeben. Man erhält nur einen Begriff von Geist und Art seiner -Unterhaltung, der sich aus dem Zusammenhange mit seinen früheren -Gesprächen, die in der Handschrift Alexei Fedorowitschs angegeben sind, -ganz von selbst ergibt. Der Tod des Staretz kam in der Tat ganz -unerwartet. Wenn auch alle, die an jenem Abend versammelt waren, wußten, -daß sein Tod nahe war, so hatten sie doch keineswegs erwartet, daß er so -plötzlich eintreten werde. Im Gegenteil, seine Freunde waren, wie ich -schon vorhin bemerkte, überzeugt, da sie ihn in dieser Nacht so munter -und gesprächig sahen, daß sein Gesundheitszustand sich gebessert habe, -und wäre es auf kurze Zeit. Wie sie später mit Verwunderung berichteten, -hatten sie noch fünf Minuten vorher sein nahes Ende nicht geahnt. Doch -plötzlich fühlte er, sagten sie, einen starken Schmerz in der Brust: er -erbleichte und preßte seine Hand aufs Herz. Alle erhoben sich von ihren -Plätzen und drängten sich zu ihm heran; er aber, obgleich er litt, sah -sie noch alle mit einem Lächeln an, ließ sich vom Sessel auf den -Fußboden gleiten und kniete nieder; darauf beugte er sein Haupt bis auf -die Erde, breitete die Arme aus, und als hätte er in freudiger -Begeisterung die Erde geküßt und dazu gebetet, wie er selbst gelehrt -hatte, so ging sein Geist ruhig und freudig in die Ewigkeit ein. Die -Nachricht von seinem Tode verbreitete sich sofort in der Einsiedelei und -gelangte auch ins Kloster. Diejenigen, die ihm am nächsten gestanden, -und diejenigen, denen es ihrem Range nach zukam, kleideten die Leiche -nach altem Brauch. Die ganze Brüderschaft versammelte sich darauf in der -Hauptkirche. Und schon vor Tagesanbruch hatte sich das Gerücht vom Tode -des Staretz auch in der Stadt verbreitet. Schon am Morgen sprach die -ganze Stadt vom Ereignis, und eine Menge Menschen strömte hin zum -Kloster. Aber davon will ich im nächsten Buche erzählen, jetzt jedoch -möchte ich nur im voraus erwähnen, daß noch nicht ein Tag vergangen war, -als sich etwas ganz Unerwartetes ereignete, etwas, das im Kloster wie in -der Stadt einen so sonderbaren Eindruck hinterließ, daß man selbst jetzt -noch, nach so vielen Jahren, in unserem Städtchen eine außerordentlich -lebhafte Erinnerung an diesen für viele so aufregenden Tag bewahrt. - - - - - Siebentes Buch. Aljoscha - - - I. - Der Verwesungsgeruch - -Die Leiche des entschlafenen Staretz Sossima wurde zur Bestattung in der -vorgeschriebenen Weise hergerichtet. Die verstorbenen Mönche und -Einsiedler werden bekanntlich nicht gewaschen, denn es heißt im großen -Ritualbuch: „Wenn jemand von den Mönchen zum Herrn eingeht, so reibe der -dazu auserwählte Mönch den Körper des Entschlafenen mit warmem Wasser -ab, wobei er mit dem Schwamme (mit einem griechischen Schwamme) auf die -Stirn, auf die Brust, auf die Hände, Füße und Knie des Verstorbenen das -Zeichen des Kreuzes mache, und das sei alles.“ Beim Staretz Sossima -verrichtete diesen letzten Liebesdienst Pater Paissij eigenhändig. Nach -der Abreibung zog er ihm das Mönchsgewand an und legte ihm den -Priestermantel um, wozu er diesen, wie es die Vorschrift verlangt, etwas -einschnitt, um damit die Leiche kreuzweise umwickeln zu können. Über den -Kopf der Leiche zog er die Kapuze mit dem achtarmigen Kreuz. Doch wurde -die Kapuze offen gelassen und das Gesicht mit schwarzem Flor bedeckt. In -die Hände des Entschlafenen legte man ein Bild des Heilands. So wurde er -gegen Morgen in seinen Sarg gebettet, der schon lange für ihn bereit -gestanden hatte. Den Sarg beabsichtigte man aber den ganzen Tag in der -Zelle stehen zu lassen, in demselben ersten größeren Zimmer, in dem der -Verstorbene seine Gäste empfangen hatte. Da der Staretz ein höheres -Gelübde als die anderen Priestermönche abgelegt hatte, so mußten diese -wie auch die Priesterdiakonen an seinem Sarge nicht die Psalmen, sondern -die Evangelien lesen. Gleich nach der Seelenmesse begann Pater Jossiff -mit dem Lesen, da Pater Paissij den ganzen Tag und die ganze Nacht lesen -wollte. Vorläufig jedoch war er sowohl, wie der Vorsteher der -Einsiedelei, zu beschäftigt und mit anderem in Anspruch genommen. Es tat -sich nämlich, je länger desto mehr, unter den Klosterbrüdern und auch -unter den Weltlichen, die aus der Stadt in Scharen herbeiströmten, eine -außergewöhnliche, ja sogar unerhört „ungebührliche“ Aufregung und -ungeduldige Erwartung kund. Der Vorsteher und Pater Paissij taten alles, -um die erregten Gemüter zu beruhigen. Als es Tag wurde, kamen aus der -Stadt sogar Kranke, die noch andere Kranke herbeischleppten, besonders -ihre kranken Kinder, als hätten sie dazu gerade diesen Tod abgewartet. -Augenscheinlich hofften sie auf eine Heilkraft, die, wie sie glaubten, -nicht ausbleiben und sich vielleicht unverzüglich nach dem Verscheiden -des Staretz an seinem Sarge kundtun werde. Da sah man denn wieder -einmal, wie sich alle bei uns daran gewöhnt hatten, den entschlafenen -Staretz schon bei Lebzeiten für einen unzweifelhaft großen Heiligen zu -halten. Und es waren das durchaus nicht nur Leute aus dem einfachen -Volke, die mit ihren Kranken ankamen. Diese ungeheure Erwartung der -Gläubigen äußerte sich fast wie eine Forderung, und zwar so unverhohlen, -daß sie für Pater Paissij geradezu etwas Anstößiges hatte. Wohl hatte er -Ähnliches vorausgefühlt. Aber dieser Andrang übertraf denn doch seine -Erwartungen. Den aufgeregten Mönchen, denen er begegnete, sagte er daher -mit ernstem Tadel: „Die Erwartung eines höheren Ereignisses so -unverhohlen zu zeigen, ist eine Leichtfertigkeit, die höchstens bei -einem Weltlichen verzeihlich wäre, sich für uns aber nicht geziemt.“ -Doch man hörte wenig auf ihn, was er selbst sehr gut merkte und sich -auch mit Unruhe im Herzen eingestand. Auch mußte er sich sagen, und es -wäre nicht recht, dies hier zu verheimlichen, daß er bei sich in der -Tiefe seines Herzens fast dasselbe erwartete, obschon er in der allzu -aufdringlichen Erwartung der anderen nichts als Leichtsinn sah. Einige -von den Gesichtern, die er in der Zelle erblickte, waren ihm ganz -besonders unangenehm; sie erweckten in ihm ein gewisses Vorgefühl und -peinliche Bedenken. So bemerkte er in der Zelle des Entschlafenen unter -den sich herbeidrängenden Klosterbrüdern geradezu mit einem seelischen -Widerwillen (worüber er sich selbst Vorwürfe machte) die Anwesenheit -Rakitins und des Mönches aus dem fernen Obdorskschen Kloster, der sich -immer noch bei ihnen aufhielt; alle beide schienen sie dem Pater -irgendwie verdächtig, obgleich sie nicht die einzigen waren, die man -hätte verdächtigen können. Der Obdorsksche Mönch fiel unter den übrigen -Aufgeregten durch seine ganz besondere Geschäftigkeit auf: man konnte -ihn überall antreffen, und überall hatte er etwas zu fragen und zu -horchen, überall flüsterte er etwas mit geheimnisvoller Miene. Der -Ausdruck seines Gesichtes war ungeduldig, und er schien sehr ungehalten -darüber zu sein, daß das Erwartete noch immer nicht eintraf. Was aber -Rakitin anbelangt, so war er im besonderen Auftrage Frau Chochlakoffs so -früh in der Einsiedelei erschienen. Diese gute, doch leider -charakterschwache Dame, die in die Einsiedelei nicht zugelassen werden -konnte, war, als sie kaum erwacht und die Nachricht vom Tode des Staretz -vernommen hatte, von einer so unbezwingbaren Neugier ergriffen worden, -daß sie sofort Rakitin beauftragt hatte, an ihrer Stelle alles zu -beobachten und sie „brieflich sofort und in jeder halben Stunde von -allem zu unterrichten“. Sie hielt Rakitin für einen sehr -gottesfürchtigen und gläubigen jungen Mann – so gut verstand er es, mit -den Menschen umzugehen und sich jedem nach Wunsch anzupassen, wenn er -darin nur den kleinsten Vorteil für sich erblickte. - -Der Tag war klar und hell, und von den anwesenden Pilgern versammelten -sich viele an den Gräbern der Einsiedelei, die am zahlreichsten in der -Nähe der Kirche lagen, aber auch sonst in der ganzen Einsiedelei -verstreut waren. Pater Paissij erinnerte sich plötzlich, als er durch -die Einsiedelei schritt, Aljoschas, und es fiel ihm auf, daß er ihn -schon lange, fast seit der Nacht, nicht mehr gesehen hatte. Kaum aber -hatte er an ihn gedacht, als er ihn auch schon in der entferntesten Ecke -der Einsiedelei, am Zaun, bemerkte, sitzend, auf dem Grabstein eines in -hohem Alter verstorbenen Mönches, der seiner Taten wegen weit bekannt -war. Er saß mit dem Rücken zur Einsiedelei, das Gesicht dem Zaune -zugekehrt, als wolle er sich hinter dem Denkmal verbergen. Als Pater -Paissij sich ihm näherte, bemerkte er, daß Aljoscha sein Gesicht mit -beiden Händen bedeckt hielt und bitterlich weinte. Er zitterte vor -Schluchzen am ganzen Körper. Pater Paissij blieb eine Weile bei ihm -stehen. - -„Genug, mein lieber Sohn, laß gut sein, mein Freund,“ sagte er -schließlich mitleidig zu ihm. „Warum tust du das? Freue dich und weine -nicht! Oder weißt du denn nicht, daß von allen Tagen dieser sein größter -Tag ist? Wo ist er denn jetzt, in diesem Augenblick? Vergegenwärtige es -dir nur!“ - -Aljoscha erhob sein Gesicht, das, wie bei einem kleinen Kinde, von den -Tränen ganz geschwollen war; doch ohne ein Wort hervorzubringen, wandte -er sich wieder um und bedeckte es von neuem mit seinen Händen. - -„Nun, meinetwegen,“ sagte Pater Paissij nachdenklich, „meinetwegen, -weine denn, Christus hat dir diese Tränen geschickt. Diese Tränen der -Rührung dienen nur zur Erhöhung deiner Seele und zur Erheiterung deines -lieben Herzens,“ fügte er noch bei sich hinzu, als er Aljoscha verließ -und liebevoll an ihn dachte. Übrigens beeilte er sich, von ihm -fortzukommen, denn er fühlte, daß er sonst gleichfalls zu weinen -anfangen werde. Inzwischen verging die Zeit; die Feierlichkeiten und -Seelenmessen nahmen ordnungsgemäß ihren Fortgang. Pater Paissij traf -wieder Pater Jossiff am Sarge des Verstorbenen an und löste ihn jetzt im -Evangelienlesen ab. Es war aber noch nicht drei Uhr nachmittags -geworden, als sich etwas ereignete, was ich schon am Ende des vorigen -Buches erwähnt habe, etwas uns allen so Unerwartetes und das außerdem -noch so entgegengesetzt der allgemeinen Zuversicht war, daß, ich -wiederhole es, die ausführlichsten und albernsten Legenden von diesem -Ereignisse sich bis auf den heutigen Tag in bewundernswert frischer -Erinnerung, sowohl in unserer Stadt, als in der ganzen Umgegend, -erhalten haben. Ich füge hier noch einmal von mir persönlich hinzu, daß -es mir widerwärtig ist, dieses albernen, ärgerlichen und im Grunde -genommen leeren und selbstverständlichen Ereignisses Erwähnung zu tun, -und ich würde es bestimmt unterlassen, wenn es nicht auf die Seele und -das Herz des späteren Haupthelden meiner Erzählung, Aljoscha, in -gewisser Weise einen so außerordentlichen Einfluß gehabt hätte. Dies -Ereignis führte gleichsam zu einem Bruch in seiner Seele, zu einem -Wendepunkt in seinem Leben, und es festigte seinen Geist, indem es ihn -zum erstenmal auf ein bewußtes Ziel hinwies. - -Als man noch vor Tagesanbruch die zur Bestattung bereitete Leiche des -Staretz in den Sarg legte und ihn in das erste Zimmer, in dem er früher -empfangen hatte, brachte, da wurde unter den Anwesenden die Frage laut, -ob es nötig wäre, das Fenster des Zimmers zu öffnen? Diese Frage, die -irgend jemand nur beiläufig gestellt hatte, wurde nicht weiter beachtet -und blieb ohne Antwort. Wenn man sie auch allgemein gehört hatte, so war -sie höchstens von einigen der Anwesenden als Abgeschmacktheit bemerkt -worden, da allen die Voraussetzung, die Leiche dieses Entschlafenen -könne verwesen und ihr daher Verwesungsgeruch entströmen, eine Annahme -zu sein schien, die nur Bedauern, wenn nicht Spott verdiene. So blieb -die Frage unbeantwortet, da sie doch nur tadelnswerter Kleingläubigkeit -entsprungen sein konnte. Man erwartete durchaus das Gegenteil. Und -siehe, bald nach dem Mittag begann etwas, was von den Ein- und -Ausgehenden zuerst nur schweigend und für sich im stillen bemerkt wurde, -da jeder sich fürchtete, dem anderen seinen aufsteigenden Gedanken -mitzuteilen – etwas, das sich aber um drei Uhr nachmittags schon so -deutlich und unzweifelhaft bemerkbar machte, daß die Nachricht davon -sich im Augenblick durch die ganze Einsiedelei und unter allen Pilgern -und Gästen verbreitete und sogleich auch ins Kloster drang und die -Verwunderung aller Mönche hervorrief. In kurzer Zeit erreichte sie auch -die Stadt, wo sie alle, Gläubige wie Ungläubige, in höchste Aufregung -versetzte. Die Ungläubigen freute es, und was die Gläubigen anbelangt, -so fanden sich viele unter ihnen, die sich noch mehr darüber freuten als -die Ungläubigen, denn: „die Menschen lieben den Fall des Gerechten und -seine Schmach,“ wie der verstorbene Staretz mehr als einmal in seinen -Unterweisungen gesagt hatte. Die Sache war kurz folgende: In der kleinen -Zelle, in der der Tote aufgebahrt lag, begann sich mit der Zeit immer -mehr Verwesungsgeruch bemerkbar zu machen, zuerst natürlich nur sehr -wenig, doch um drei Uhr nachmittags war ein Zweifel nicht mehr möglich, -und dabei nahm der Geruch immer noch zu. Ein solches Ärgernis, wie es -sich jetzt auf so grobe Weise kundtat, war schon lange nicht mehr -vorgekommen, ja aus der ganzen Vergangenheit unseres Klosters konnte man -sich keines ähnlichen Falles erinnern. Die Folgen dieses Ereignisses -waren fast unglaublich. Später, nach vielen Jahren, konnten sich einige -unserer vernünftigeren Mönche, wenn sie sich dieses Tages bis in alle -Einzelheiten erinnerten, nicht genug darüber wundern, wie dieses -Ärgernis in solchem Maße hatte um sich greifen können. Denn auch früher -schon war es vorgekommen, daß den Leichen mancher Mönche, die einen -reinen und gerechten Lebenswandel geführt hatten und als gottesfürchtige -Startzen gestorben waren, trotzdem Verwesungsgeruch entströmt war, ohne -daß dadurch Ärger oder die geringste Aufregung hervorgerufen worden -wäre. Freilich hatte es in unserem Kloster auch einige gegeben, die in -hohem Alter verstorben waren, und von deren Leichen nach der -Überlieferung kein Verwesungsgeruch ausgegangen sei. Diese -Überlieferungen machten einen geradezu mysteriösen Eindruck auf die -Brüderschaft, und die Mönche bewahrten sie im Gedächtnis wie etwas -Herrliches und Wunderbares, wie die Verheißung eines noch größeren -Ruhmes, der in Zukunft aus den Gräbern dieser „Heiligen“ aufsteigen -werde, „wenn nach dem Willen Gottes die Zeit dazu kommt“. Besonders -lebendig war das Andenken an den Staretz Hiob, der erst mit -hundertundfünf Jahren gestorben und ein berühmter Glaubenseiferer, ein -großer Faster und Schweiger gewesen war. Er war schon zu Anfang dieses -Jahrhunderts gestorben, und sein Grab wurde mit besonderer und -außerordentlicher Hochachtung allen zum erstenmal ins Kloster gekommenen -Pilgern gezeigt, und geheimnisvoll wurde an ihm mancher großen Hoffnung -Erwähnung getan. Es war dies dasselbe Grab, auf dem Pater Paissij -Aljoscha sitzend angetroffen hatte. Wie an diesen an Altersschwäche -verstorbenen Startzen, war auch die Erinnerung an einen vor nicht -allzulanger Zeit verstorbenen Startzen, den großen Staretz Warssonofij, -noch lebendig, denselben, von dem der Staretz Sossima die Startzenwürde -übernommen hatte, und der noch bei Lebzeiten von allen das Kloster -besuchenden Pilgern für schwachsinnig gehalten worden war. Von diesen -beiden erhielt sich die Überlieferung, daß sie in ihren Särgen wie -Lebende gelegen hätten, daß sie ganz unverwest begraben worden wären, -und daß ihr Antlitz im Sarge geradezu geleuchtet habe. Manche wollten -sich sogar noch auf das bestimmteste erinnern, daß ihren Leichnamen -Wohlgeruch entströmt sei. Aber ungeachtet aller dieser Erinnerungen, ist -doch schwer, zu erklären, warum beim Sarge des Staretz Sossima eine so -alberne und boshafte Erregung sich kundtat. Was meine persönliche -Meinung anbelangt, so meine ich, daß hierbei die verschiedensten Gründe -und Ursachen zusammentrafen: wie zum Beispiel die eingewurzelte -Feindschaft gegen das Startzentum, als eine schädliche Neuerung, wie sie -im Kloster und in den Köpfen und Herzen vieler Mönche gehegt wurde. Dann -freilich war es hauptsächlich der Neid auf die Heiligkeit des -Entschlafenen, an die schon zu dessen Lebzeiten so fest geglaubt wurde, -daß es geradezu verboten schien, dagegen zu sprechen. Denn obgleich der -selige Staretz – nicht so sehr durch Wunder, als gerade durch Liebe – so -viele an sich gezogen und um sich eine ganze Welt von Liebe geschaffen -hatte, so hatte er sich nichtsdestoweniger, oder sogar gerade dadurch um -so mehr Neider und infolgedessen auch erbitterte Feinde, offene und -geheime, und nicht nur unter den Mönchen, sondern auch unter den -Weltlichen geschaffen. Niemandem hatte er etwas Böses getan. Aber siehe -da, es hieß doch: „Warum wird er für heilig gehalten?“ Schon allein -diese eine Frage schuf, da sie immer von neuem wiederholt wurde, einen -ganzen Abgrund von unersättlicher Bosheit. Darum glaube ich, daß viele, -als sie von der Verwesung seines Körpers hörten und von der -Schnelligkeit, mit der sie eintrat – es war noch nicht ein Tag nach -seinem Verscheiden vergangen – sich unbändig freuten. Unter denen aber, -die dem Staretz ergeben waren und ihn bis dahin geachtet hatten, gab es -auch solche, die sich durch dieses Ereignis fast persönlich gekränkt und -beleidigt fühlten. Die Begebenheiten trugen sich folgendermaßen zu. - -Kaum hatte sich der Verwesungsgeruch bemerkbar gemacht, so konnte man -schon am Mienenspiel der Mönche, die in die Zelle des Entschlafenen -eintraten, erkennen, warum sie kamen. Sie traten ein, blieben eine Weile -stehen, und beeilten sich dann, so schnell als möglich den anderen, der -draußen wartenden Menge, die Nachricht zu bestätigen. Die einen von den -Wartenden wiegten kummervoll das Haupt, andere aber konnten ihre -Genugtuung nicht mehr verbergen, und die Schadenfreude sprach -triumphierend aus ihren boshaften Blicken. Und niemand rügte sie, -niemand wollte ein gutes Wort für den Toten einlegen, was doch sonderbar -war, denn dem entschlafenen Staretz war immerhin über die Hälfte der -Klosterbrüderschaft ergeben gewesen. Die Vorsehung aber schien selbst zu -wollen, daß die Minderheit die Oberhand behielt. In kurzer Zeit -erschienen in der Zelle auch weltliche Spione, die Gebildeten, die -Klostergäste. Das einfache Volk ging nicht hinein, wenn es auch an der -Pforte der Einsiedelei in ganzen Scharen gedrängt stand. Wahr ist, daß -nach drei Uhr nachmittags, als die ärgerliche Nachricht sich schon -verbreitet hatte, der Besuch der weltlichen Gäste sehr zunahm. Viele von -den Weltlichen, die an diesem Tage vielleicht gar nicht erschienen wären -und sogar überhaupt nicht die Absicht gehabt hatten, ins Kloster zu -fahren, waren jetzt aus Neugier gekommen; unter ihnen befanden sich auch -einige Persönlichkeiten von höherem Range. Übrigens wurde äußerlich der -Anstand noch nicht verletzt, und Pater Paissij fuhr fort, mit strengem -Gesicht und lauter Stimme fest und vernehmlich die Evangelien zu lesen, -obgleich er schon lange die Unruhe um sich bemerkt hatte. Und -schließlich drangen die Stimmen auch bis zu seinen Ohren, zuerst nur -leise, doch allmählich immer vernehmlicher und kühner: „Da sieht man, -daß das Urteil Gottes anders ist als das Urteil der Menschen!“ hörte er -plötzlich neben sich sagen; ein Weltlicher, ein städtischer Beamter, -hatte diese Worte ausgesprochen, ein schon älterer Mann, der sehr -gottesfürchtig war und nun laut das wiederholte, was die Mönche sich -untereinander schon seit Stunden zugeflüstert hatten. Das Schlimme aber -war, daß sich in diesen Worten allmählich fast ein Triumph kundtat. Bald -darauf wurde die mühsam bewahrte Haltung durchbrochen, und es schien -sogar, daß alle sich geradezu berechtigt fühlten, sie zu durchbrechen. -„Wie kommt das nur,“ sagten einige von den Mönchen, anfänglich noch -bedauernd, „sein Körper war doch nicht fleischig und fett, er war doch -so hager, nur Haut und Knochen, wo kann da der Geruch herkommen?“ – -„Also kann das nur ein Fingerzeig Gottes sein ...“ fügten eilig andere -hinzu, und ihre Meinung wurde sofort widerspruchslos angenommen. Man -wies besonders darauf hin, daß der Leichengeruch bei einem gewöhnlichen -und sündigen Sterblichen sich erst viel später hätte einstellen müssen, -wenigstens nicht mit einer dermaßen auffallenden Schnelligkeit, im -äußersten Falle nach vierundzwanzig Stunden. „Dieser ist aber der Natur -zuvorgekommen, folglich kann es nichts anderes sein als ein Fingerzeig -Gottes. Ja, ja, ein Hinweis Gottes ist es!“ Diese Auslegung machte einen -großen Eindruck. Der bescheidene Pater Jossiff, der Liebling des -Verstorbenen, wandte sich an etliche der Rädelsführer mit der -Behauptung, daß es nicht überall so wäre, und daß es in der -Rechtgläubigkeit ein solches Dogma gar nicht gäbe, wonach die Leichen -der Gerechten nicht verwesen dürften, und daß das nur ein Vorurteil sei, -da man an den allerrechtgläubigsten Orten, auf dem Athos zum Beispiel, -an dem Verwesungsgeruch der Gerechten gar keinen Anstoß nähme und das -Nichtverwesen der Leichen durchaus nicht das Hauptmerkmal der -Verherrlichung der Geretteten sei, sondern die Farbe ihrer Knochen, -nachdem die Leichen schon viele Jahre in der Erde gelegen hätten. „Wenn -dann die Knochen gelb wie Wachs sind, so ist das das Zeichen, daß Gott -den Entschlafenen verherrlicht hat; wenn sie aber nicht gelb sind, -sondern schwarz, so bedeutet es, daß Gott ihn solchen Ruhmes nicht für -würdig gefunden. So ist es auf dem Athos, an diesem großen Ort, wo die -Rechtgläubigkeit sich von alters her unerschütterlich in der -leuchtendsten Reinheit erhalten hat,“ schloß Pater Jossiff. Doch die -Rede des frommen Paters machte gar keinen Eindruck; sie rief sogar -spöttischen Widerspruch hervor: „Das ist alles nur Gelehrsamkeit und -Neuerung, das lohnt sich gar nicht anzuhören,“ behaupteten die Mönche -unter sich. „Bei uns ist alles nach dem Alten; als ob es heutzutage noch -nicht genug Neuerungen gäbe! Soll man denn alles nachahmen?“ fügten -andere hinzu. „Wir haben nicht weniger Heilige gehabt als sie. Die -sitzen dort und haben unter dem Türkenjoch alles vergessen. Bei denen -ist die Rechtgläubigkeit schon längst getrübt, sie haben nicht einmal -mehr Glocken,“ meinten die Spötter. Pater Jossiff entfernte sich -betrübt, um so mehr, als er selbst auch nur halb an seine Worte glaubte. -Mit Schrecken aber bemerkte er, daß eine immer mächtigere Bewegung um -sich griff und sogar der Ungehorsam sein Haupt erhob. Wie Pater Jossiff -verstummten allmählich auch alle anderen vernünftigen Stimmen. Und -siehe, bald waren alle, die den verstorbenen Staretz geliebt hatten und -in frommem Gehorsam der Forderung des Startzentums gefolgt waren, maßlos -erschrocken, und wenn sie sich begegneten, wagten sie kaum, einander -anzublicken. Dagegen erhoben die Feinde des Startzentums stolz ihre -Häupter: „Vom verstorbenen Staretz Warssonofij ist nicht nur kein -Verwesungsgeruch ausgegangen, ihm ist sogar Wohlgeruch entströmt,“ -sagten sie schadenfroh und fast triumphierend, „denn er hat nicht nur -dem Startzentum gedient, sondern war selbst ein Gerechter.“ Die Folge -davon war, daß sie den jüngst Verstorbenen zu verurteilen und zu -beschuldigen anfingen: „Er hat nicht richtig gelehrt; er lehrte, daß das -Leben eine große Freude und nicht eine Demütigung in Tränen sei,“ sagten -einige von den Unintelligenteren. „Er glaubte nach der neuen Mode, und -materielles Feuer in der Hölle erkannte er nicht an,“ fügten andere noch -Unverständigere hinzu. „Im Fasten war er nicht streng, er erlaubte sich -Süßigkeiten, den Tee trank er gerne mit Kirschenmus, die Damen schickten -ihm alles zu. Darf denn ein Einsiedler Tee trinken?“ hörte man einige -neidische Stimmen ausrufen. „Stolz aufgebläht saß er da,“ bemerkten -immer erbitterter die Schadenfrohen, „für einen Heiligen hielt er sich, -man warf sich vor ihm auf die Knie, und er nahm das als etwas -Selbstverständliches hin.“ „Das Sakrament der Beichte hat er -mißbraucht,“ tuschelten in boshaftem Geflüster die heftigsten Gegner des -Startzentums, und das waren die ältesten und in ihrem Gottesdienst -strengsten Mönche, aufrichtige Faster und große Schweiger, die zu -Lebzeiten des Staretz geschwiegen hatten, jetzt aber plötzlich ihren -Mund auftaten, was ganz besonders gefährlich war, da ihre Worte einen -starken Einfluß auf die jüngeren, in ihren Anschauungen noch nicht -gefestigten Mönche hatten. Sehr eifrig horchte der Obdorsksche Gast, der -Mönch vom heiligen Silvester, auf alles, was man sprach, indem er tief -aufseufzte und den Kopf hin und her wiegte: „Pater Ferapont hat gestern -gerecht geurteilt, wie ich sehe,“ dachte er bei sich. Und siehe, da -erschien Pater Ferapont plötzlich in eigener Person, um eine noch -größere Verwirrung zu verursachen. - -Wie ich schon früher erwähnt habe, verließ er nur selten seine kleine -hölzerne Zelle im Bienengarten, ja er erschien sogar oft lange Zeit -nicht einmal in der Kirche zum Gottesdienst, was man jedoch ihm, als -einem Schwachsinnigen, nicht weiter nachtrug. Und schließlich wäre das -auch nicht gut angegangen. Denn einem so großen Faster und Schweiger -gegenüber, der Tag und Nacht betete (und oft auf den Knien liegend -einschlief), wäre es geradezu kleinlich gewesen, die Einhaltung der -Regeln, die für die übrigen vorgeschrieben waren, zu verlangen, wenn er -sie nicht selbst einhalten wollte. „Er ist heiliger als wir alle und -vollführt Schwereres, als die Regel verlangt,“ sagten dann die Mönche, -„und wenn er nicht in die Kirche geht, so bedeutet das, daß er selbst -besser weiß, wann er dahin zu gehen hat, er hat seine eigene Regel.“ Um -die Möglichkeit solcher Unwillensäußerungen von seiten der Mönche zu -vermeiden, hatte man Pater Ferapont denn auch ganz in Ruhe gelassen. Der -Staretz Sossima liebte, wie allen bekannt war, den Pater Ferapont nicht -sehr. Nun war die Nachricht, „daß das Urteil Gottes nicht dasselbe sei -wie das der Menschen“, und daß dieses sogar „der Natur zuvorgekommen“ -wäre, auch bis zu Pater Feraponts Zelle gedrungen. Es ist anzunehmen, -daß der erste, der ihm diese Nachricht überbracht hatte, der Obdorsksche -Mönch gewesen war, der ihn noch gestern besucht und tief erschüttert -verlassen hatte. Ich muß auch noch erwähnen, daß Pater Paissij, der laut -und vernehmlich am Sarge die Evangelien las, und daher nichts hören und -sehen konnte von dem, was außerhalb der Zelle vor sich ging, in seinem -Herzen doch das Hauptsächlichste richtig ahnte, da er seine Umgebung -durch und durch kannte. Er war keineswegs aus der Fassung gebracht, -sondern erwartete alles, was noch kommen werde, vollkommen furchtlos, -wenn er auch dabei keinen Augenblick aufhörte, gespannt die Entwicklung -der Aufregung zu verfolgen. Plötzlich vernahm er vom Vorzimmer her einen -außergewöhnlichen Lärm, ungebührlich, anstößig in dieser ernsten Stunde. -Die Zellentür wurde geräuschvoll aufgestoßen, und auf der Schwelle -erschien – Pater Ferapont. Hinter ihm her drängten sich unten an der -Treppe, wie man aus der Zelle deutlich sehen konnte, viele ihn -begleitende Mönche, unter denen sich auch Weltliche befanden. Sie traten -indessen nicht ein und wagten auch nicht, auf die Treppe zu steigen; sie -erwarteten nur, was Pater Ferapont sagen und tun werde. Ungeachtet ihrer -Vermessenheit, fühlten sie doch mit einem gewissen Schrecken, daß dieser -große Schweiger nicht umsonst gekommen war. Als Pater Ferapont auf der -Schwelle erschien, erhob er seine beiden Hände: und da lugten hinter -seinem rechten Arm die scharfen und neugierigen Äuglein des Obdorskschen -Gastes hervor, der allein aus überwältigender Neugier Pater Ferapont auf -die Treppe gefolgt war. Die anderen waren schon beim Geräusch der -wuchtig geöffneten Tür zurückgeschreckt und drängten sich nun, von -plötzlicher Angst ergriffen, noch mehr zurück. Pater Ferapont hielt die -Hände empor, und plötzlich brüllte er laut: - -„Austreibend werde ich dich austreiben!“ und sofort begann er, sich nach -allen vier Seiten wendend, zu den Wänden und vier Ecken des Zimmers das -Kreuzeszeichen zu machen. Diese Handlung Pater Feraponts verstanden -alle, die ihn begleiteten, denn sie wußten, daß er immer so tat, wohin -er auch kam, und daß er sich auch nicht früher hinsetzte, noch ein Wort -sagte, bevor er die unreine Macht ausgetrieben hatte. - -„Weiche Satan, weiche hinaus!“ wiederholte er bei jedem Kreuzeszeichen. -„Austreibend, treibe ich dich hinaus!“ brüllte er von neuem. Er war in -seiner groben Mönchskutte und mit einem Strick umgürtet. Aus dem -sackleinenen Hemde blickte seine mit grauen Haaren bewachsene Brust -hervor. Er war barfüßig. Sobald er seine Hände erhob, rasselten und -klirrten die schrecklichen Ketten, die er unter der Kutte trug. Pater -Paissij unterbrach das Lesen, trat auf ihn zu und stellte sich in -Erwartung vor ihn hin. - -„Warum bist du gekommen, ehrenwerter Pater? Warum verletzest du den -Anstand? Warum bringst du die fromme Herde in Verwirrung?“ fragte er und -blickte ihn streng an. - -„Wessentwillen ich gekommen bin? Wen fragst du? Wie glaubst du?“ schrie -Pater Ferapont, der sich wie ein Einfältiger gebärdete. „Um hier eure -Gäste, die unflätigen Teufel, auszutreiben. Ich sehe, daß sich hier ohne -mich viele angesammelt haben. Mit einem Birkenquast will ich sie -ausfegen!“ - -„Unreines willst du austreiben, selbst aber dienst du vielleicht dem -Unreinen,“ sagte unerschrocken Pater Paissij. „Und wer kann von sich -sagen, daß er ‚heilig‘ sei, etwa du, Vater?“ - -„Aas bin ich, aber kein Heiliger! In den Lehnstuhl setze ich mich nicht, -und ich lasse mir nicht Verbeugungen machen wie einem Götzen!“ donnerte -Pater Ferapont. „Heutzutage richten die Menschen den heiligen Glauben -zugrunde. Der Verstorbene, euer Heiliger dort“ – dabei wandte er sich -zur Menge und wies auf den Sarg – „hat die Teufel nicht anerkannt. Nur -Abführmittel gab er gegen die Teufel. Die aber haben sich bei euch -vermehrt, wie die Spinnen in den Ecken. Er selbst stinkt jetzt. Darin -sehen wir einen großen Fingerzeig Gottes!“ - -Es war in der Tat einmal zu Lebzeiten des Staretz Sossima vorgekommen, -daß einem Mönche die unreine Macht zuerst im Traume und später auch im -Wachen erschienen war. Als er das voll Entsetzen dem Staretz mitgeteilt -hatte, da war ihm von diesem ununterbrochenes Gebet und verstärktes -Fasten angeraten worden. Als aber auch das nicht helfen wollte, da hatte -der Staretz gesagt, er solle das Fasten und Beten nicht aufgeben, doch -außerdem noch eine gewisse Arznei zu sich nehmen. Das hatte bei sehr -vielen Ärgernis erregt, und sie hatten untereinander viel darüber -gesprochen und die Köpfe geschüttelt, am meisten von ihnen aber war -Pater Ferapont, dem einige der Tadler eiligst die in diesem besonderen -Falle „außergewöhnliche“ Anordnung des Staretz mitgeteilt hatten, -ungehalten gewesen. - -„Weiche von hier, Vater!“ sagte befehlend Pater Paissij. „Nicht Menschen -können darüber urteilen, nur Gott kann es tun. Vielleicht ist das ein -Hinweis, den weder du, noch ich, noch sonst jemand zu begreifen imstande -ist. Gehe fort von hier und bringe die Herde nicht in Verwirrung!“ -wiederholte er mit fester Stimme. - -„Das Fasten hat er nicht eingehalten, das dem Range eines Einsiedlers -zukommt, deshalb ist uns dieser ‚Hinweis‘ geworden. Das ist klar und es -zu verheimlichen ist Sünde!“ Der aus Rand und Band geratene Fanatiker -konnte sich noch immer nicht beruhigen. „Mit Konfekt hat er sich -verführen lassen, die Damen haben es ihm in ihren Taschen mitgebracht, -süßen Tee hat er geschlürft, seinen Bauch hat er vergöttert, hat ihn mit -Süßigkeiten angefüllt, wie seinen Geist mit anmaßenden Gedanken ... -Darum hat er den Schimpf erlitten ...“ - -„Leichtfertig sind deine Worte, Vater!“ sagte mit erhobener Stimme Pater -Paissij. „Ich bewundere dein Fasten und deinen Glaubenskampf, doch -leichtfertig sind deine Worte, wie ein Jüngling redest du, der in der -Welt noch unselbständig ist und von jungem Verstande. Gehe fort von -hier, Vater, ich befehle es dir!“ rief drohend zum Schluß Pater Paissij. - -„Ich gehe schon!“ murmelte Pater Ferapont einigermaßen verwirrt, doch -seine Wut verließ ihn nicht. „Gelehrte seid ihr! Mit eurem hohen -Verstande erhebt ihr euch über meine Nichtigkeit. Ich kam hierher mit -geringen Kenntnissen, doch jetzt habe ich alles vergessen, was ich -gewußt habe, Gott selbst hat mich Geringen vor eurer Gelehrtheit -beschützt ...“ - -Pater Paissij stand festentschlossen dicht vor ihm. Pater Ferapont -schwieg, und plötzlich wurde er traurig, stützte die eine Wange in die -Hand, betrachtete den Sarg des entschlafenen Staretz und sagte in -singendem Tone: - -„Über ihm wird man morgen ‚Helfer und Beschützer‘ singen, den schönsten -Kanon, über mir aber, wenn ich krepiere, nur ‚Welche Lebenswonne‘, das -kleine Verslein!“ sagte er wehmütig und mit Tränen in den Augen. -„Hoffärtig und aufgeblasen sind sie, das ist hier ein leerer Ort!“ -schrie er plötzlich wieder wie wahnsinnig und winkte mit der Hand ab, -kehrte sich um und schritt schnell die Stufen der Treppe hinab. Die -unten wartende Menge wich zurück; einige folgten ihm, andere zögerten -noch, denn die Tür der Zelle stand offen. Pater Paissij war Pater -Ferapont auf die Treppe gefolgt und sah ihm nach. Der besessene Greis -konnte sich noch immer nicht beruhigen: Kaum war er zwanzig Schritte -gegangen, als er sich plötzlich zur Seite, zur untergehenden Sonne -wandte, beide Hände erhob und, als ob man ihn niedergemäht hätte, mit -großem Geschrei zur Erde niederfiel: - -„Mein Gott hat gesiegt! Christus hat gesiegt über die untergehende -Sonne!“ schrie er wie rasend, erhob die Hände zur Sonne, fiel mit dem -Gesicht auf die Erde und weinte mit lauter Stimme wie ein kleines Kind. -Er bebte am ganzen Körper und breitete seine Hände über die Erde aus. - -Alles stürzte zu ihm, Ausrufe wurden laut, lautes Weinen ihm zur Antwort -... Ekstase ergriff alle. - -„Seht, wer der Heilige ist! Seht, wer der Gerechte ist!“ ließen sich -jetzt bereits ohne jegliche Scheu Stimmen vernehmen. „Seht, wer Staretz -sein sollte!“ fügten noch andere erbost hinzu. - -„Er will kein Staretz sein ... er selbst erkennt sie nicht an ... wird -dieser verfluchten Neuerung nicht dienen ... ihre Dummheiten wird er -nicht nachahmen,“ riefen wieder andere Stimmen, und wie weit das noch -gegangen wäre, ist schwer zu sagen, wenn nicht gerade in diesem -Augenblick die große Glocke angefangen hätte, zum Gottesdienst zu -läuten. Da begannen alle sich zu bekreuzen. Auch Pater Ferapont erhob -sich, bekreuzte sich und ging dann, ohne sich umzusehen und immer noch -vor sich hinmurmelnd, in seine Zelle. Ihm folgten einige Mönche, doch -waren es nur wenige; die Mehrzahl ging auseinander oder eilte zum -Gottesdienst. Pater Paissij übergab den Lesedienst an Pater Jossiff und -ging hinunter. Das ekstatische Geschrei des Fanatikers konnte ihn nicht -wankend machen, aber sein Herz war betrübt, und er grämte sich um irgend -etwas, – dessen ward er sich selbst bewußt. Er blieb plötzlich -stehen und fragte sich: „Woher diese Trauer bis zur völligen -Niedergeschlagenheit?“ und mit Erstaunen erkannte er, daß diese -plötzliche Trauer von einem ganz kleinen und besonderen Zufall -herrührte. Er hatte in der Menge, die sich am Eingang der Zelle drängte, -unter den übrigen Erregten, auch Aljoscha bemerkt, und er erinnerte -sich, daß er sofort bei seinem Anblick einen Stich im Herzen gefühlt -hatte. „Ja ist denn dieser Jüngling wirklich meinem Herzen so wert,“ -fragte er sich ganz verwundert. In demselben Augenblick ging Aljoscha an -ihm vorüber, als eilte er irgendwohin, doch ging er nicht in der -Richtung zur Kirche. Ihre Blicke begegneten sich. Aljoscha aber wandte -schnell seine Augen ab und blickte zu Boden. An seiner Miene erkannte -Pater Paissij sofort, daß für den Jüngling der Augenblick einer großen -Umwandlung gekommen war. - -„Hast auch du dich hinreißen lassen?“ rief Pater Paissij aus, „ist es -möglich, daß auch du zu den Kleingläubigen gehörst?“ fügte er traurig -hinzu. - -Aljoscha blieb stehen, sah unsicher und unbestimmt Pater Paissij an, -wandte aber schnell seine Augen von ihm ab und senkte den Blick wieder -zu Boden. Er stand halb abgewandt, ohne sich zum Fragenden umzuwenden. -Pater Paissij beobachtete ihn aufmerksam. - -„Wohin eilst du?“ fragte er ihn wieder. „Es wird zur Messe geläutet.“ - -Aljoscha gab keine Antwort. - -„Oder willst du das Kloster verlassen, ohne um Erlaubnis und ohne um den -Segen zu bitten?“ - -Aljoscha lächelte plötzlich verzerrt und warf einen sonderbaren, sehr -sonderbaren Blick dem fragenden Pater zu, dem er von seinem verstorbenen -Lenker, dem früheren Beherrscher seiner Seele und seines Geistes, von -seinem inniggeliebten Staretz, anvertraut worden war. Und ohne Antwort, -wie vorhin, winkte er nur mit der Hand ab, als ob er sich um eine -Ehrerbietung nicht mehr kümmern wollte, und verließ mit schnellen -Schritten die Einsiedelei durch das Eingangstor. - -„Wirst noch zurückkehren!“ murmelte leise Pater Paissij vor sich hin und -blickte ihm in kummervoller Verwunderung nach. - - - II. - Solch ein Augenblick - -Pater Paissij irrte sich nicht, wenn er annahm, daß sein „lieber Junge“ -wiederkehren werde, und vielleicht hatte er, wenn auch nicht ganz, so -doch scharfsinnig genug Aljoschas Seelenstimmung erraten. Ich muß aber -gestehen, daß es mir nichtsdestoweniger schwer wird, die Ursache dieser -sonderbaren augenblicklichen Seelenstimmung des jungen und von mir so -inniggeliebten Helden meines Romanes zu erklären. Auf die traurige Frage -Pater Paissijs: „Solltest auch du zu den Kleingläubigen gehören?“ kann -ich jedoch mit Bestimmtheit für Aljoscha antworten: Nein, er gehörte -nicht zu den Kleingläubigen. Nein, hier war sicher das Gegenteil der -Fall: seine ganze Verwirrung kam daher, daß er nur zu sehr glaubte. Eine -große Verwirrung war es aber, und alles, was sich ereignete, war so -quälend für ihn, daß er sogar nach langer Zeit diesen kummervollen Tag -für einen der schwersten und verhängnisvollsten Tage seines Lebens -hielt. Wenn man aber fragen wollte: „Sollte wirklich sein ganzer Kummer -und seine Seelenunruhe davon herrühren, daß der Leichnam seines Staretz, -statt sofort unmittelbare Heilkraft zu offenbaren, im Gegenteil, so früh -in Verwesung übergegangen war,“ so antworte ich ohne zu zögern: Ja, so -ist es in der Tat gewesen. Nur möchte ich den Leser bitten, nicht gleich -über den reinen Sinn meines Jünglings zu lachen. Ich habe nicht die -Absicht, seinen einfältigen Glauben durch sein jugendliches Alter zu -entschuldigen oder zu rechtfertigen. Ich tue gerade das Entgegengesetzte -und versichere hiermit, daß ich für ihn aufrichtige Hochachtung -empfinde. Zweifellos wäre mancher andere Jüngling, der schon verstanden -hätte, mit Vorsicht solche Herzenseindrücke zu empfangen, der verstanden -hätte, nicht heiß, sondern nur lau zu lieben – wenn auch mit richtigem, -so doch für sein Alter gar zu reiflich überlegendem und daher billigem -Verstande –, solch ein Jüngling, sage ich, wäre dem entgangen, was mit -meinem Jüngling geschah. Nur ist, meiner Meinung nach, in manchen Fällen -denn doch achtbarer, sich so hinreißen zu lassen (denn wenn es auch -unvernünftig ist, so geschieht es doch nur aus übergroßer Liebe), als -sich überhaupt nicht hinreißen zu lassen. Und das besonders noch im -Jünglingsalter! ... Denn hoffnungslos und billig ist der Geist eines -beständig überlegenden Jünglings, – das ist meine Meinung. „Aber,“ rufen -da vielleicht die vernünftigen Leute aus, „es kann doch nicht ein jeder -Jüngling an solche Vorurteile glauben, und Ihr Jüngling kann doch kein -Vorbild für andere sein.“ Darauf kann ich nur erwidern: Ja, mein -Jüngling gehörte nicht zu den Kleingläubigen, er glaubte heilig und -unerschütterlich, und dennoch werde ich nicht für ihn um Entschuldigung -bitten. - -Sehen Sie: wenn ich auch vorhin sagte (vielleicht etwas zu voreilig), -daß ich jene Stimmung meines Jünglings weder erklären, noch -entschuldigen oder rechtfertigen werde, so sehe ich jetzt doch ein, daß -einige Erläuterungen zum Verständnis meiner weiteren Erzählung unbedingt -erforderlich sind. Hier handelte es sich nicht um Wunder. Nicht um eine -Erwartung von Wundern, die in ihrer Ungeduld leichtfertig gewesen wäre, -handelte es sich dabei. Auch nicht für den Triumph seiner Überzeugung -verlangte Aljoscha Wunder (das war erst recht nicht der Fall) oder etwa -für den Sieg einer vorgefaßten Idee über eine andere, – o nein, auch das -war es nicht. Nein, über allem anderen und an erster Stelle stand für -ihn die Person, nur die Person seines geliebten Staretz, die Person des -Gerechten, die er mit solcher Vergötterung liebte und ehrte. Das war es -gerade, daß die ganze Liebe, die sein junges und reines Herz zu „Jedem -und Allem“ während des ganzen vergangenen Jahres gehegt, sich fast nur -auf diesen einen Menschen bezogen hatte, auf seinen entschlafenen und -über alles geliebten Staretz. Dieses Wesen hatte so lange als -unbestreitbares Ideal vor ihm gestanden, daß alle seine jungen Kräfte -und alle seine Bestrebungen sich ausschließlich nur diesem Ideal -zuwandten und er in manchen Minuten sogar „Alles und Jedes“ vergaß. -Später erinnerte er sich noch, daß er an diesem schweren Tage selbst -seinen Bruder Dmitrij, um den er sich noch am Abend vorher so gesorgt, -ganz vergessen hatte; und so vergaß er auch, dem Vater Iljuschas die -zweihundert Rubel zu überbringen, wie er es noch am Abend vorher -begeistert beschlossen hatte. Und nicht um Wunder war es ihm zu tun, -sondern nur um „die höhere Gerechtigkeit“, die seinem Glauben nach -verletzt worden war. Ja, das war es, was so grausam sein Herz verwundet -hatte. Und was war denn dabei so wunderlich, daß diese „Gerechtigkeit“ -in ihm, wie die Dinge nun einmal lagen, zur Erwartung eines Wunders -wurde, das unverzüglich von dem irdischen Staube seines vergötterten -Staretz ausgehen werde? Das erwarteten doch alle im Kloster, selbst die, -vor deren großem Verstande Aljoscha sich beugte, wie zum Beispiel Pater -Paissij. Und so war es denn auch mit Aljoscha: ohne weiter durch -irgendwelche Zweifel beunruhigt zu werden, nahmen seine Erwartungen -dieselbe Form an, die die Erwartungen aller anderen hatten. Und lange -schon hatte sich diese Erwartung in seinem Herzen zur vollen Überzeugung -entwickelt, – lebte er doch schon ein ganzes Jahr lang im Kloster, in -der unmittelbaren Nähe des Staretz. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit -erwartete er und nicht Wunder! Und siehe da – der, welcher nach seiner -Zuversicht von allen auf der Welt am meisten erhöht werden sollte, -derselbe erntete jetzt, statt ihm gebührender Ehre, nur Schmach und -Spott! Warum? Wer hatte gerichtet? Wer konnte so richten? – Das waren -die Fragen, die sein unerfahrenes und naives Herz quälten. Er konnte es -nicht, ohne gekränkt zu sein, und nicht ohne Erbitterung ertragen, daß -der Gerechteste aller Gerechten der lächerlichen und boshaften -Verspottung durch eine so leichtfertige und weit unter ihm stehende -Menge preisgegeben war. Nun, und mögen sich auch keine Wunder ereignen, -möge das Erwartete sich auch nicht gleich verwirklichen – aber warum -diese Unehre, dieser Schimpf, warum diese sofortige Verwesung, „die der -Natur sogar zuvorgekommen ist,“ wie die boshaften Mönche sagten? Warum -dieser „Fingerzeig Gottes“, auf den sie zusammen mit Pater Ferapont im -Triumph hinwiesen, und warum glaubten sie, daß sie das Recht hätten, so -zu urteilen? Wo blieb denn die Vorsehung und ihr Fingerzeig? Warum hält -sie sich „im notwendigsten Augenblick“ verborgen, geradezu als wenn sie -sich selbst den blinden und tauben und unbarmherzigen Naturgesetzen -unterordnen wollte, dachte Aljoscha. - -Das war es, warum sein Herz blutete, und wie ich schon sagte, handelte -es sich für ihn zuerst um den über alles geliebten Menschen, um die -Person des Staretz, die jetzt beschimpft und entehrt worden war! Mag -dieser Kummer meines Jünglings leichtfertig und unverständig gewesen -sein, doch wiederhole ich zum drittenmal: Ich bin froh, daß er in solch -einer Minute nicht zu verständig war, denn der Verstand kommt schon mit -der Zeit bei jedem nicht gar zu dummen Menschen; doch wenn in einer so -außergewöhnlichen Minute im Herzen eines Jünglings sich keine Liebe -erweist, wann soll sie dann kommen? Bei der Gelegenheit will ich noch -eine sonderbare Erscheinung nicht verschweigen, die an diesem für -Aljoscha verhängnisvollen und verwirrenden Tage in seinem Kopfe -auftauchte. Dieses neue, sich kundgebende _Etwas_ bestand in einigen -quälenden Eindrücken, die in der Erinnerung an sein gestriges Gespräch -mit Iwan in ihm auftauchten. Und das noch gerade jetzt! Oh, nicht daß -sie die Grundlagen seines Glaubens in seiner Seele wanken gemacht -hätten! Er liebte seinen Gott und glaubte unerschütterlich an ihn, wenn -er sich auch jetzt gegen seinen Urteilsspruch aufgelehnt hatte. Doch -immerhin war in seiner Seele eine trübe und quälende Erinnerung an das -Gespräch mit seinem Bruder zurückgeblieben, und plötzlich stieg sie -wieder in seiner Seele auf und nahm ihn allmählich mehr und mehr -gefangen. - -Als es zu dämmern begann, bemerkte Rakitin, der durch das Wäldchen der -Einsiedelei auf das Kloster zuging, Aljoscha unter einem Baum liegend: -er lag mit dem Gesicht zur Erde, unbeweglich und wie schlafend. Rakitin -trat zu ihm und rief ihn an. - -„Du hier, Alexei? Ja, ist es denn mit dir ...“ rief er verwundert aus, -doch stockte er mitten im Satz. - -Er wollte sagen: „Ist es denn mit dir schon so weit gekommen?“ - -Aljoscha sah ihn nicht an, doch an einer kurzen Bewegung erriet Rakitin -sofort, daß er ihn gehört und verstanden hatte. - -„Was ist denn mit dir passiert?“ fuhr er verwundert fort zu fragen. - -Aber seine Verwunderung machte auf seinem Gesichte bald einem Lächeln -Platz, das immer spöttischer wurde. - -„So hör doch, ich suche dich bereits seit zwei Stunden. Du warst dort -plötzlich verduftet. Aber was tust du denn hier? Was machst du für -heilige Dummheiten? Sieh mich doch wenigstens an ...“ - -Aljoscha erhob seinen Kopf, setzte sich auf und lehnte sich mit dem -Rücken an den Baumstamm. Er weinte nicht, doch sein Gesicht drückte -Leiden aus, und seinen Augen sah man die Erregung an, in der er sich -befand. Er sah übrigens nicht zu Rakitin auf, sondern blickte zur Seite. - -„Hör mal, dein Gesicht hat sich ja ganz verändert. Von deiner berühmten -früheren Engelskeuschheit ist nichts mehr zu sehen. Hast dich wohl über -irgend jemanden geärgert, nicht? Hat man dich etwa gekränkt?“ - -„Laß mich!“ sagte Aljoscha plötzlich, vermied es aber, ihn anzusehen und -winkte nur müde mit der Hand ab. - -„Oho, also so sind wir! Man fängt also schon wie die übrigen Sterblichen -an, anzuschnauzen. Und das soll ein Ebenbild der Engel sein! Nun, -Aljoschka, du hast mich aber in Erstaunen gesetzt, das laß dir gesagt -sein! Ich spreche jetzt aufrichtig. Schon lange wundere ich mich hier -über nichts mehr. Übrigens habe ich dich doch immer für einen gebildeten -Menschen gehalten ...“ - -Endlich sah ihn Aljoscha an, tat es aber so zerstreut, als ob er ihn gar -nicht verstanden hätte. - -„Bist du denn wirklich darum so, weil dein Alter stinkt? Glaubtest du -denn im Ernst, daß er alte Wunder wieder auffrischen werde?“ fragte -Rakitin, in immer größere Verwunderung geratend. - -„Ich glaubte, glaube, will glauben und werde glauben und was willst du -noch?“ fragte Aljoscha, gereizt auffahrend. - -„Aber ganz und gar nichts, mein Täubchen. Pfui, Teufel, an diesen Rummel -glaubt ja selbst ein dreizehnjähriger Schuljunge nicht mehr. Übrigens, -Teufel ... Du hast dich also über deinen Gott geärgert, hast dich jetzt -empört? – Um eine Rangerhöhung seid ihr gekommen, habt keinen Orden zu -den Feiertagen gekriegt! Ach, ihr!“ - -Aljoscha sah Rakitin lange mit halbzugekniffenen Augen an, und plötzlich -blitzte etwas in seinen Augen auf ... es war aber nicht Wut über -Rakitin. - -„Ich empöre mich nicht gegen meinen Gott, nur ‚will ich seine Welt nicht -annehmen‘,“ sagte Aljoscha mit einem verzerrten Lächeln. - -„Wie willst du denn diese Welt nicht annehmen?“ Rakitin dachte ein wenig -über das Gesagte nach. „Was ist nun das wieder für ein Gallimatthias?“ - -Aljoscha schwieg. - -„Na, genug von den Dummheiten, jetzt zur Sache: Hast du heute gegessen -oder nicht?“ - -„Ich weiß nicht ... ich glaube.“ - -„Du mußt dich unbedingt stärken, nach deinem Gesicht zu urteilen. Wenn -man dich ansieht, packt einen ja das wahre Mitleid. Du hast ja auch in -der Nacht nicht geschlafen; wie ich hörte, habt ihr da eine Sitzung -gehabt. Und darauf dieses ganze Drunter und Drüber und Gequack noch dazu -... Du wirst wohl höchstens ein Stückchen Hostie gekaut haben. Ich habe -bei mir in der Tasche ein Stück Wurst, habe sie mir in der Stadt, auf -dem Wege hierher, auf alle Fälle eingesteckt, aber du wirst wohl keine -Wurst ...“ - -„Gib sie her.“ - -„Ah! Also so bist du! Also schon ganz Aufruhr, Barrikaden! Nun, Bruder, -es gibt Sachen, die doch nicht so ganz zu verachten sind. Gehen wir zu -mir ... Ich möchte mir selbst ein Schnäpschen hinter die Binde gießen, -bin todmüde. Für Schnaps würdest du dich natürlich nicht entschließen -... oder würdest du nicht schließlich auch ein Gläschen trinken?“ - -„Gib auch Schnaps.“ - -„Sieh mal an! Das ist ja wunderbar, Bruder!“ Rakitin betrachtete ihn -neugierig. „Nun, so oder so, Schnaps und Wurst, das ist eine herrliche -Sache, das muß man nicht versäumen. Komm, gehen wir!“ - -Aljoscha erhob sich schweigend von der Erde und folgte Rakitin. - -„Wenn das dein Bruder Wanitschka sehen würde, der würde sich wundern! -Übrigens, dein Brüderchen Iwan Fedorowitsch ist heute morgen nach Moskau -gefahren, weißt du das?“ - -„Ich weiß es,“ sagte Aljoscha teilnahmslos. Und plötzlich tauchte vor -seinem Geiste die Gestalt seines Bruders Dmitrij auf, aber es war nur -ein Auftauchen, und obgleich er sich dabei einer sehr eiligen Sache, -einer Sache, die keine Minute länger aufgeschoben werden durfte, -irgendeiner Schuld, einer furchtbaren Verpflichtung erinnerte, so machte -diese Erinnerung doch auf ihn durchaus keinen Eindruck, sie reichte -nicht bis in sein Herz und verflog im selben Augenblick wieder aus -seinem Gedächtnis. Später aber erinnerte sich Aljoscha deutlich dieses -Augenblicks. - -„Dein Brüderchen Wanitschka hat sich über mich einmal geäußert, ich sei -‚ein untalentierter liberaler Sack‘. Auch du hast einmal nicht an dich -halten können und hast mir zu verstehen gegeben, daß ich ‚unehrlich‘ sei -... Schön! Ich werde aber jetzt einmal auch eure Begabung und -Ehrenhaftigkeit auf die Probe stellen.“ (Den Schluß murmelte Rakitin -leise vor sich hin.) - -„Pfui Teufel, hör mal!“ sagte er wieder laut „gehen wir um das Kloster -herum und auf dem Fußpfad gerade zur Stadt ... Hm! Ich muß übrigens zur -Chochlakowa gehen. Stelle dir vor: Ich schrieb ihr alles, was sich bei -uns ereignet hatte, und sie antwortet mir mit einem Briefchen – diese -Dame liebt über alles, Briefchen zu schreiben –, daß sie von einem so -ehrenwerten Greise, wie der Staretz Sossima, nie _eine solche Handlung_ -erwartet hätte! Sie hat tatsächlich ‚eine solche Handlung‘ geschrieben. -Sie ist also gleichfalls empört über ihn. Ach, ihr alle! Halt!“ rief er -wieder und blieb plötzlich stehen, packte Aljoscha an der Schulter und -hielt ihn auf: „Weißt du, Aljoscha,“ er sah ihm fragend in die Augen, -ganz unter dem Eindruck eines plötzlich in ihm auftauchenden Gedankens, -und obgleich er äußerlich lächelte, so fürchtete er sich doch, seinen -unerwarteten und neuen Gedanken laut auszusprechen, – so wenig wagte er, -an die für ihn wunderbare und unerwartete Stimmung Aljoschas zu glauben, -in der er ihn jetzt sah. „Aljoschka,“ sagte er endlich schüchtern und -vorsichtig. „Aljoschka, weißt du, wohin wir jetzt am besten gehen?“ - -„Mir ist es gleich ... wohin du willst.“ - -„Gehen wir zu Gruschenka, was? Kommst du?“ fragte Rakitin, fast zitternd -in erregter Erwartung. - -„Gehen wir zu Gruschenka,“ antwortete sofort und ruhig Aljoscha. - -Dieses ruhige und schnelle Einverständnis kam so unerwartet für Rakitin, -daß er fast zurückschrak. - -„Nun ja, warum auch nicht!“ meinte er verdutzt, griff aber plötzlich -Aljoscha unter den Arm und zog ihn schnell mit sich fort, in großer -Angst, daß dieser seinen Entschluß ändern könnte. Sie gingen schweigend -zur Stadt. Rakitin fürchtete sich sogar, zu sprechen. - -„Froh wird sie sein, riesig froh ...“ murmelte er, doch verstummte er -wieder. - -Doch nicht nur, um Gruschenka eine Freude zu bereiten, führte er -Aljoscha zu ihr. Er war ein „gediegener“ Mensch, – ohne ein für ihn -vorteilhaftes Ziel unternahm er nichts. Hierbei verfolgte er nun einen -doppelten Zweck: erstens, sich zu rächen, – das heißt „die Schande des -Gerechten“ und „den Fall“ Aljoschas „vom Heiligen zum Sünder“ zu -erleben, worüber er sich schon im voraus freute. Und zweitens verfolgte -er ein für sich sehr vorteilhaftes, materielles Ziel, wovon später noch -die Rede sein wird. - -„Also, solch ein Augenblick ist das,“ dachte er bei sich boshaft -frohlockend, „wollen wir ihn am Schopf fassen, diesen Augenblick, denn -er wird uns sehr gelegen kommen.“ - - - III. - Das Zwiebelchen - -Gruschenka wohnte in der belebtesten Gegend der Stadt, in der Nähe der -Kathedrale. Sie hatte bei einer Frau Morosoff, einer Kaufmannswitwe, auf -dem Hof ein kleineres hölzernes Nebenhaus gemietet. Das Haus, in dem -Frau Morosoff selbst wohnte, war ein großes zweistöckiges Steingebäude -und sah von außen eigentlich recht unschön aus. In ihm lebten, außer der -alten Besitzerin, noch deren zwei Nichten, die gleichfalls schon alte, -ledige Damen waren. Frau Morosoff hatte es nicht nötig, ihr Haus auf dem -Hofe zu vermieten, aber alle wußten, daß sie Gruschenka nur darum als -Mieterin aufgenommen hatte, um ihrem Verwandten, dem Kaufmann -Ssamssonoff – dem offiziellen Protektor Gruschenkas – einen Gefallen zu -erweisen. Man sagte damals, daß der eifersüchtige Alte seine „Favoritin“ -nur aus dem einen Grunde bei der Morosowa untergebracht hätte, weil er -vor allem auf die scharfen Augen der Alten, die auf die Aufführung der -neuen Mieterin achtgeben sollten, gerechnet habe. Alsbald aber sah er -ein, daß die scharfen Augen ganz überflüssig waren, und auch die -Morosowa gab schließlich auf, Gruschenka mit einer Aufsicht zu -belästigen. Ja, es waren schon vier Jahre seit der Zeit vergangen, als -der Alte das schüchterne, bescheidene, bleiche und magere -achtzehnjährige Mädchen, das immer nachdenklich und traurig war, aus der -Gouvernementshauptstadt in dieses Haus gebracht hatte. Die -Lebensgeschichte des jungen Mädchens kannte man übrigens in unserer -Stadt nur wenig und ganz ungenau; in der letzten Zeit, und selbst dann, -als sich viele für diese „Schönheit“, zu der sich Agrafena Alexandrowna -in den vier Jahren entwickelt hatte, zu interessieren begannen, konnte -man noch immer nichts Genaues über sie erfahren. Es verbreitete sich nur -das Gerücht, daß das siebzehnjährige Mädchen, wie es hieß, von -irgendeinem Offizier verführt und sofort verlassen worden sei. Der -Offizier wäre fortgefahren und hätte darauf irgendwo eine andere -geheiratet. Kurz, Gruschenka war in Armut und Schande zurückgeblieben. -Auch sprach man darüber, daß Gruschenka vom Alten zwar aus armen -Verhältnissen gezogen wäre, trotzdem aber aus einer achtbaren Familie -stamme. Ihr Vater sei ein Diakon oder etwas in der Art gewesen. In -diesen vier Jahren war aus der empfindsamen, beleidigten und mageren -kleinen Waise eine stolze, prächtige russische Schönheit geworden, eine -Frau mit kühnem und entschlossenem, vielleicht frechem, doch jedenfalls -stolzem Charakter, ein Weib, das in Geldsachen sehr bewandert, dabei -geizig und vorsichtig war, und das verstanden hatte, rechtmäßig oder -unrechtmäßig – wie viele von ihr behaupteten –, ein kleines Kapital für -sich zusammenzuscharren. In einem aber stimmten alle überein: daß es -sehr schwierig war, sich Gruschenka zu nähern, und daß sich außer ihrem -Protektor, dem Alten, in diesen vier Jahren niemand rühmen konnte, ihre -Geneigtheit errungen zu haben. Das war Tatsache, denn diese Geneigtheit -zu erwerben, danach strebten nicht wenig Liebhaber, besonders in den -zwei letzten Jahren. Doch alle Versuche schlugen fehl, und einige von -den Unternehmungslustigen waren gezwungen, sich lächerlich und -schimpflich zurückzuziehen, infolge des unbesieglichen und hohnvollen -Widerstandes der charakterfesten jungen Person. Man wußte auch, daß -diese junge Person, besonders im letzten Jahr, sich auf das eingelassen -hatte, was man allgemein „Geschäfte“ nennt, und darin außerordentliche -Fähigkeiten bewies, so daß zu guter Letzt viele sie eine wahre Jüdin -nannten. Nicht nur, daß sie etwa Geld auf Prozente verliehen hätte, man -erzählte sich sogar, daß sie zum Beispiel in Gemeinschaft mit Fedor -Pawlowitsch Karamasoff seit einiger Zeit Wechsel zu Spottpreisen -aufkaufte, zu zehn für hundert, und dann beim Verkauf einen Rubel auf -zehn Kopeken verdiente. Der kranke Ssamssonoff, der im letzten Jahr des -Gebrauches seiner geschwollenen Beine gänzlich beraubt war – Witwer und -Tyrann seiner erwachsenen Söhne –, und der sicher einige hunderttausend -Rubel besaß, ein unerbittlicher und geiziger Mensch, verfiel vollständig -dem Einfluß seiner Schutzbefohlenen, die er anfangs „auf Fastenöl“, das -heißt ganz knapp, hatte halten wollen, wie die Spötter meinten. Doch -Gruschenka hatte verstanden, sich seiner Bevormundung zu entziehen, -indem sie dem Alten unbedingtes Vertrauen auf ihre Treue einflößte. -Dieser Alte (jetzt ist er schon lange tot) war ein großer Geschäftsmann -und gleichfalls ein bemerkenswerter Charakter. Er war geizig und -hartherzig wie ein Kieselstein, und obgleich Gruschenka auf ihn einen -großen Einfluß ausübte, so daß er ohne sie kaum noch leben konnte (was -besonders in den zwei letzten Jahren der Fall war), so ließ er ihr doch -nicht ein größeres Kapital zuschreiben, und selbst wenn sie ihm gedroht -hätte, ihn zu verlassen, so wäre er unerbittlich geblieben. Dafür hatte -er ihr aber ein kleines Kapital angewiesen, über dessen geringe Höhe man -später sehr erstaunt war. „Du bist ein Weib, das nicht auf den Kopf -gefallen ist,“ soll er zu ihr gesagt haben, nachdem er ihr an -achttausend Rubel geschenkt hatte, „verdiene selbst damit, doch wisse, -daß du außer deinem jährlichen Unterhalt bis zu meinem Tode nichts mehr -bekommst, auch in meinem Testament werde ich dir nichts vermachen.“ So -hielt er denn sein Wort. Als er starb, hinterließ er alles seinen -Söhnen, die er sein ganzes Leben lang mit Weib und Kind auf einer Stufe -mit den Dienstboten bei sich gehalten hatte; Gruschenka war nicht einmal -im Testament erwähnt. Alles das wurde erst in der Folge bekannt. Mit -Ratschlägen dagegen, wie Gruschenka mit ihrem Kapital zu verfahren habe, -kargte er nicht, und er half ihr sogar bei den „Geschäften“. Als Fedor -Pawlowitsch Karamasoff, der anfangs nur aus Gründen eines gelegentlichen -„Geschäfts“ mit Gruschenka zusammengetroffen war, sich sterblich in sie -verliebte und ihretwegen fast kindisch wurde, da lachte der alte -Ssamssonoff, der sich schon in den letzten Lebensstadien befand, -herzlich darüber. Bemerkenswert ist noch, daß Gruschenka zu ihrem Alten -während der ganzen Dauer ihres Verhältnisses vollkommen und von ganzem -Herzen aufrichtig war, und zwar war sie das auf der ganzen Welt nur ihm -gegenüber. Als aber in der letzten Zeit auch Dimitrij Fedorowitsch mit -seiner Liebe auftauchte, da lachte der Alte nicht mehr. Im Gegenteil, er -riet Gruschenka ernst und streng: „Wenn du einen von beiden wählst, so -wähle den Alten, aber nur mit der Bedingung, daß der alte Schuft dich -unfehlbar heiratet und dir im voraus einiges Kapital verschreibt. Doch -mit dem Leutnant lasse dich nicht ein, daraus wird nichts.“ Das war der -Rat, den der alte Wollüstling Gruschenka gegeben hatte. Er fühlte schon -damals seinen nahen Tod voraus, und ein paar Monate nach diesem Gespräch -starb er denn auch. Ich will hier noch bemerken, daß bei uns in der -Stadt damals viele von der ungeheuerlichen Nebenbuhlerschaft der -Karamasoffs, Vater und Sohn, wußten, deren Gegenstand Gruschenka war, -aber ihre wirkliche Beziehung zu beiden, zum Vater wie zum Sohne, -verstand wohl kaum jemand. Sogar die beiden Dienstmädchen Gruschenkas -sagten später (nach der Katastrophe, von der weiterhin die Rede sein -wird) vor Gericht aus, daß Agrafena Alexandrowna Dimitrij Fedorowitsch -nur aus Furcht empfangen habe, weil er ihr gedroht hätte, sie zu töten. -Sie hielt zwei Dienstmädchen: eine alte, kranke und harthörige Köchin, -die bereits bei ihren Eltern gedient hatte, und deren Enkelin, ein -munteres Mädchen von zwanzig Jahren, das ihr Stubenmädchen war. -Gruschenka lebte sehr sparsam, und auch ihre Wohnung war durchaus nicht -reich ausgestattet. Sie bewohnte nur drei Zimmer, die von der -Hausbesitzerin mit alten Möbeln, Fasson der zwanziger Jahre, -eingerichtet waren. - -Als Rakitin und Aljoscha bei ihr eintraten, war es draußen schon fast -dunkel, doch war trotzdem in den Zimmern noch nicht Licht gemacht. -Gruschenka lag in ihrem Empfangszimmer auf einem großen, plumpen Diwan, -der mit bereits abgenutztem und hier und da durchlöchertem Leder -überzogen war. Unter ihrem Kopf hatte sie zwei weiße Daunenkissen, die -sie von ihrem Bett genommen haben mochte. Sie lag auf dem Rücken und -hatte beide Hände unter den Kopf geschoben. Gekleidet war sie, als wenn -sie Besuch erwartet hätte: sie trug ein schwarzes Seidenkleid, im Haar -hatte sie einen duftigen Spitzentuff, der ihr vorzüglich stand, und um -die Schultern hatte sie sich einen kostbaren Spitzenschal geschlungen, -der vorne mit einer schweren Goldbrosche zugesteckt war. Mit bleichem -Gesicht und heißen Lippen lag sie da und schien ungeduldig jemanden zu -erwarten; ihre rechte Fußspitze klopfte nervös an die Seitenlehne des -Diwans. Rakitins und Aljoschas Eintritt rief im Hause eine kleine -Aufregung hervor: Sie hörten schon im Vorzimmer, wie Gruschenka schnell -vom Diwan aufsprang und erschrocken laut fragte: „Wer ist da?“ Das -Stubenmädchen empfing die Gäste und rief sofort ihrer Herrin zu: - -„Nichts, nichts! Das ist nicht er, das sind andere!“ - -„Was ist mit ihr?“ murmelte Rakitin und führte Aljoscha an der Hand ins -Gastzimmer. - -Gruschenka stand immer noch ganz erschrocken am Diwan. Eine schwere -Flechte ihres dunkelblonden Haares löste sich und fiel auf ihre rechte -Schulter herab, aber sie beachtete es nicht und steckte sie auch nicht -eher auf, bevor sie sich vergewissert hatte, wer die Gäste waren. - -„Ach, das bist du, Rakitka? Wie du mich erschreckt hast. Aber mit wem -kommst du denn da? Wer ist das? Herrgott, sieh, wen du da mitgebracht -hast!“ rief sie aus, als sie Aljoscha bemerkte. - -„Befiehl mal, daß man Licht macht!“ sagte Rakitin in dem nachlässigen -Tone eines intimen Bekannten, der sich das Recht herausnehmen kann, im -Hause Anordnungen zu treffen. - -„Licht ... natürlich, Licht ... Fenjä, bring ihm ein Licht ... Nun, du -hast also Zeit gefunden, ihn herzubringen!“ rief sie wieder aus und -nickte Aljoscha zu. Darauf wandte sie sich zum Spiegel und brachte -schnell mit beiden Händen ihre Haarflechte in Ordnung. - -Sie schien aber unzufrieden zu sein. - -„Paßt es dir etwa nicht?“ fragte Rakitin sofort beleidigt. - -„Du hast mich erschreckt, Rakitka, das ist’s!“ Gruschenka wandte sich -sofort mit einem Lächeln zu Aljoscha. „Fürchte dich nicht, Aljoscha, -mein Täubchen, ich freue mich furchtbar über dich, mein unerwarteter -Gast. Aber du, Rakitka, du hast mich erschreckt: Ich dachte nämlich, -Mitjä bräche wieder ein. Ich habe ihn nämlich vorhin betrogen, ich habe -ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er mir glauben werde, und habe ihn -dann doch belogen. Ich sagte ihm, daß ich zu Kusjma Kusjmitsch, zu -meinem Alten, gehe, um den ganzen Abend bis in die Nacht hinein mit ihm -Geld zu zählen. Ich gehe jede Woche einmal auf einen ganzen Abend zu -ihm, um mit ihm seine Rechnungen zu ordnen. Wir schließen uns dann ein: -er klappert auf dem Rechenbrett, und ich sitze und trage in die Bücher -ein; er hat nur zu mir allein Zutrauen. Mitjä glaubte mir, daß ich dort -bleiben werde, ich aber habe mich hier zu Hause eingeschlossen, sitze -nun und warte auf eine gewisse Nachricht. Wie hat euch die Fenjä nur -hereingelassen! Fenjä, Fenjä! Lauf schnell zur Hofpforte und sieh nach, -ob nicht Dmitrij Fedorowitsch in der Nähe ist. Vielleicht hat er sich -irgendwo versteckt und lauert mir auf. Wie den Tod fürchte ich ihn!“ - -„Niemand ist dort, Agrafena Alexandrowna, ich habe mir schon die Augen -aus dem Kopf gesehen, ich laufe doch alle Augenblick hinaus, um ein -wenig zu lauern. Ich habe selbst solche Angst!“ - -„Sind die Fensterläden geschlossen, Fenjä? Man muß auch die Vorhänge -herunterlassen, so!“ Sie ließ selbst die schweren Vorhänge herab. „Sonst -kommt er noch auf das Licht hin sofort herbeigelaufen. Ja, Aljoscha, -heute fürchte ich deinen Bruder sogar sehr.“ - -Gruschenka sprach lauter als sonst, und wenn sie auch unruhig zu sein -schien, so war sie doch wie in einem Freudenrausche. - -„Warum fürchtest du denn gerade heute Mitjenka?“ erkundigte sich -Rakitin. „Du bist doch, scheint es, sonst nicht ängstlich von Natur. Er -tanzt ja sowieso nach deiner Pfeife.“ - -„Ich sage dir doch, ich erwarte eine Nachricht, eine goldene, kleine -Nachricht, so daß Mitjenka jetzt hier ganz überflüssig ist. Außerdem hat -er es mir ja gar nicht geglaubt, daß ich bei Kusjma Kusjmitsch bleiben -werde. Das fühle ich. Wahrscheinlich sitzt er jetzt bei Fedor -Pawlowitsch an der Hinterstraße im Nachbargarten, um mir aufzulauern. -Nun, wenn er sich dort festgesetzt hat, um so besser, dann wird er nicht -hierher kommen. Mitjä hat mich ja selbst hinbegleitet zu Kusjma -Kusjmitsch; ich sagte ihm, daß ich bis Mitternacht bei ihm bleiben -werde, und daß er durchaus um Mitternacht kommen solle, um mich -abzuholen. Er ging fort, ich saß ungefähr zehn Minuten beim Alten, dann -kehrte ich schnell wieder zurück. Ach, wie ich lief, und wie ich mich -fürchtete, ihm zu begegnen!“ - -„Und jetzt hast du dich aufgeputzt! Sieh mal an, was hast du denn da für -ein feines Ding im Haar?“ - -„Wie du neugierig bist, Rakitka! Ich sage dir ja, ich erwarte so eine -gewisse kleine Nachricht. Kommt diese kleine Nachricht, so springe ich -auf und fliege davon, daß ihr mich hier kaum gesehen haben werdet. -Siehst du, darum habe ich mich aufgeputzt, um dann gleich bereit zu -sein.“ - -„Und wohin willst du dann fliegen?“ - -„Wenn du viel weißt, wirst du schnell alt.“ - -„Na, sieh mal an! Du bist ja ganz aus dem Häuschen vor Freude ... Habe -dich noch niemals so gesehen. Hast dich ja angekleidet wie zum Ball,“ -sagte Rakitin, sie kritisch betrachtend. - -„Als ob du was von Bällen verständest.“ - -„Und du etwa?“ - -„Ich habe mir doch einmal einen Ball angesehen, vor drei Jahren, als -Kusjma Kusjmitsch seinen Sohn verheiratete. Ich saß auf der Empore und -sah zu. Ach, Rakitka, aber soll ich mich etwa mit Dir unterhalten, wenn -solch ein Prinz hier steht! Sieh, das ist ein Gast! Aljoscha, mein -Täubchen, wenn ich dich ansehe, so kann ich’s nicht glauben ... -Herrgott, wie bist denn du hergekommen! Offen gestanden, ich hätte es -nicht erwartet, nicht geahnt, und früher niemals daran geglaubt, daß du -kommen könntest. Wenn es nicht in solch einer Minute wäre, so wäre ich -außer mir vor Freude! Setze dich hier auf den Diwan, hierher, so, du -mein zarter, goldener Neumond! Ich kann es noch gar nicht fassen ... Ach -du, Rakitka, wenn du ihn doch gestern oder vorgestern gebracht hättest! -... Aber ich freue mich auch heute. Vielleicht ist es auch besser jetzt, -in solch einer Minute ...“ - -Sie setzte sich mutwillig neben Aljoscha auf den Diwan und sah ihn in -freudigem Entzücken an. Und sie freute sich tatsächlich, sie log nicht, -wenn sie es sagte. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen lachten, aber -gutherzig und fröhlich lachten sie. Aljoscha hätte ihr solch eine -fröhliche Gutmütigkeit gar nicht zugetraut ... Bis zum gestrigen Tage -hatte er sie nur wenig gesehen und sich von ihr die abschreckendste -Vorstellung gemacht. Auch gestern war er ganz unter dem Eindruck ihres -boshaften und heimtückischen Betragens bei Katerina Iwanowna gewesen, -und daher war er jetzt ganz erstaunt, in ihr plötzlich ein vollkommen -anderes und für ihn unerwartetes Wesen zu finden. Und wie sehr er auch -von seinem eigenen Kummer niedergedrückt war, so blieben seine Augen -doch aufmerksam auf sie gerichtet. Auch ihre Manieren hatten sich seit -gestern, wie es schien, sehr gebessert: Sie hatte nicht mehr die -Süßlichkeit in der Aussprache, diese gezierten und gemachten Bewegungen -... Alles war einfach und herzlich an ihr, ihre Bewegungen rasch, -ungezwungen, vertrauenerweckend, nur war sie ersichtlich sehr aufgeregt. - -„Herrgott, was heute für Sachen passieren, nein wirklich!“ plapperte sie -wieder weiter. „Und warum nur freue ich mich so über dich, Aljoscha, ich -weiß es selbst nicht. Wenn du mich fragtest, so würde ich es nicht zu -sagen wissen.“ - -„Was, _du_ solltest es nicht wissen, warum du dich freust!“ Rakitin -lächelte. „Warum hast du mich denn unaufhörlich gebeten, ihn -herzubringen? Mußt doch einen Grund gehabt haben, denke ich.“ - -„Früher hatte ich einen Grund, jetzt aber ist das vorüber, jetzt ist ein -Anderes – – ... Ich werde euch sofort etwas vorsetzen. Ich bin wieder zu -mir gekommen, Rakitka. Setz dich, Rakitka, warum stehst du? Oder sitzest -du schon? Ach, Rakituschka versteht schon für sich zu sorgen! Siehst du, -Aljoscha, jetzt sitzt er uns dort gegenüber und ist beleidigt, weil ich -dich zuerst gebeten habe, Platz zu nehmen. Ach, empfindlich ist mir der -Rakitka, unglaublich empfindlich!“ Gruschenka lachte. „Sei nicht böse, -Rakitka, heute bin ich gut. Warum sitzest du so traurig da, Aljoschka, -fürchtest du mich etwa?“ Mit fröhlichem Lachen sah sie ihm in die Augen. - -„Er hat großen Kummer. Es hat keine Rangerhöhung gegeben,“ brummte -Rakitin. - -„Was für eine Rangerhöhung?“ - -„Sein Staretz stinkt.“ - -„Wie, wer stinkt? Was du für einen Unsinn schwatzest! Du willst wohl -wieder irgendeine Gemeinheit damit sagen. Schweig, Dummkopf. Aljoscha, -laß mich auf deinen Knien sitzen, sieh so!“ Im Augenblick sprang sie auf -und setzte sich ihm lachend auf die Knie, und wie ein Kätzchen umfaßte -sie mit dem rechten Arm zärtlich seinen Hals. „Ich werde dich wieder -froh machen, du mein gottesfürchtiger Knabe! Erlaubst du mir wirklich, -auf deinen Knien zu sitzen, bist du nicht böse? Sag nur, und ich werde -sofort abspringen.“ - -Aljoscha schwieg. Er saß und wagte nicht sich zu rühren; er hörte wohl -ihre Worte: „Sag nur, und ich werde abspringen,“ aber er antwortete ihr -nicht, er war förmlich erstarrt. Doch ging in ihm nicht etwa das vor -sich, was man wohl hätte erwarten können, oder was Rakitin, der ihn von -seinem Platze aus gierig beobachtete, annahm. Der große Kummer in seiner -Seele verschlang alle übrigen Gefühle, die jetzt in seinem Herzen hätten -auftauchen können, und wenn er in diesem Augenblick fähig gewesen wäre, -sich über seine Gefühle Rechenschaft abzulegen, so hätte er sich -gestehen müssen, daß er gegenwärtig gegen jegliche Verführung oder -Verlockung gepanzert war. Nichtsdestoweniger wunderte er sich doch -unwillkürlich über eine neue und sonderbare Empfindung, die mit einem -Male in seinem Herzen auftauchte: Dieses Weib, dieses „schreckliche“ -Weib, flößte ihm nicht im geringsten jene Furcht ein, die ihn früher -beim Gedanken an eine Frau überfallen hatte – wenn jemals einer in -seiner Seele aufgetaucht war –, im Gegenteil, diese Frau, die er am -meisten von allen gefürchtet hatte, und die jetzt auf seinen Knien saß -und ihn umarmt hielt, erweckte in ihm ein ganz anderes, unerwartetes und -besonderes Gefühl, das Gefühl einer ungewöhnlichen, noch nie so -empfundenen herzensreinen Anteilnahme, und alles das ohne jegliche -Furcht, ohne den geringsten früheren Schrecken. Das war es, was ihn -hauptsächlich in Erstaunen setzte. - -„Genug jetzt mit dem Unsinnschwatzen,“ rief Rakitin dazwischen, „laß mal -lieber Champagner reichen, das ist jetzt deine Pflicht und Schuldigkeit, -wie du selbst am besten weißt!“ - -„Du hast recht, ich bin dir jetzt welchen schuldig. Ich habe ihm doch -Champagner für den Fall versprochen, daß er dich zu mir brächte. Na, mal -los, holen wir den Champagner, ich werde mittrinken! Fenjä, Fenjä, bring -den Champagner, die Flasche, die Mitjä hier gelassen hat, schnell! Wenn -ich auch geizig bin, die Flasche gebe ich doch, aber nicht deinetwegen, -Rakitka, du bist bloß ein Giftpilz, er aber ist ein Prinz! Und wenn auch -meine Seele jetzt nicht dazu aufgelegt ist, einerlei, ich trinke mit -euch, auch ich möchte einmal ausgelassen sein!“ - -„Was ist denn das für ein Augenblick, und was für eine ‚Nachricht‘ -erwartest du denn, wenn man fragen darf, oder ist das ein Geheimnis?“ -Rakitin brachte das Gespräch wieder darauf zurück und gab sich dabei aus -allen Kräften den Anschein, als bemerke er die Nasenstüber nicht, die -ihm Gruschenka verabfolgte. - -„Ach, warum soll das ein Geheimnis sein, du weißt es doch schon,“ sagte -Gruschenka unwillig und drehte ihren Kopf zu Rakitin zurück, wobei sie -sich ein wenig von Aljoscha abwandte, doch blieb sie auf seinen Knien -sitzen und hielt seinen Hals immer noch umschlungen: „Mein Offizier ist -da, mein Offizier kommt!“ - -„Ich weiß, daß er kommt, aber ist er denn schon hier?“ - -„In Mokroje ist er; von dort aus wird er mir einen reitenden Boten -schicken. Er hat mir geschrieben, vorhin erhielt ich den Brief. Ich -sitze jetzt hier und erwarte den Boten.“ - -„Also das ist’s! Warum aber in Mokroje?“ - -„Das zu erzählen wäre zu weitläufig, und außerdem genügt das für dich.“ - -„Und ... und, der Mitjenka, der ... o weh! Weiß er das, oder weiß er es -nicht?“ - -„Ob er’s weiß? Nichts weiß er! Wenn er es wüßte, so würde er mich -totschlagen. Aber jetzt fürchte ich nichts mehr, nichts, auch sein -Messer nicht. Schweig, Rakitka, erinnere mich nicht mehr an Dmitrij -Fedorowitsch: Er hat mir das Herz müd gequält. Und ich möchte an all das -nicht mehr denken. Hier, an Aljoschetschka will ich denken, -Aljoschetschka will ich ansehen ... Ja, lache nur über mich, mein -Täubchen, freue dich über meine Dummheit, über meine Freude lache nur! -Er lächelt, er lächelt! Wie freundlich er mich ansieht! Weißt du, -Aljoscha, ich dachte immer, daß du wegen vorgestern ... wegen des -Fräuleins ... mir böse bist. Ich war ein Scheusal, ich weiß ... Aber es -ist doch gut so, wie es gekommen ist. Und schlecht war es, und gut war -es,“ sagte Gruschenka nachdenklich lächelnd, und ein harter Zug erschien -plötzlich trotz des Lächelns auf ihrem Gesicht. „Mitjä sagte mir, daß -sie geschrien habe: ‚Peitschen sollte man sie!‘ Ich hatte sie gar zu -sehr beleidigt. Sie rief mich zu sich, wollte mich besiegen, mit ihrer -Schokolade verführen ... Nein, es ist doch gut so, wie es gekommen ist,“ -sagte sie nochmals und lächelte wieder. „Aber ich fürchte immer noch, -daß du böse ...“ - -„Ja, das ist wahr,“ wandte sich Rakitin in ernster Verwunderung an -Aljoscha. „Sie fürchtet dich, Aljoscha, dich Küchel!“ - -„Für dich ist er ein Küchel, Rakitka, weil du kein Gewissen hast! Ich -aber liebe ihn mit meiner ganzen Seele! Glaubst du mir, Aljoscha, daß -ich dich mit meiner ganzen Seele liebe?“ - -„Ach, du schamloses Geschöpf! Sie macht dir eine Liebeserklärung, -Aljoscha.“ - -„Und wenn es so wäre, was ist denn dabei, daß ich ihn liebe?“ - -„Und dein Offizier? Und die goldene Nachricht aus Mokroje?“ - -„Das ist etwas für sich, und das hier ist auch etwas für sich.“ - -„Sieh mal, das ist wieder einmal echte Weiberlogik!“ - -„Ärgere mich nicht, Rakitka,“ fiel Gruschenka ihm heftig ins Wort, „das -ist etwas ganz anderes. Aljoscha liebe ich auf eine andere Art. Es ist -wahr, Aljoscha, früher dachte ich auch mit einem häßlichen Gedanken an -dich. Ich bin ja ein niedriges Geschöpf, ein wildes Geschöpf bin ich, -aber zuweilen habe ich doch auf dich wie auf mein Gewissen gesehen. -Immer habe ich gedacht: Wie muß so einer, wie du, mich schlechtes -Geschöpf verachten! Noch vorgestern dachte ich es, als ich von dem -Fräulein nach Hause kam. Ich habe schon so lange an dich gedacht, -Aljoscha, und Mitjä weiß es, ich habe ihm alles gesagt. Mitjä versteht -das sehr gut. Glaub mir, Aljoscha, ein anderes Mal, wenn ich dich -ansehe, so schäme ich mich, so vergehe ich vor Scham ... Und seit wann -ich an dich zu denken angefangen habe, weiß ich nicht einmal, ich -erinnere mich dessen nicht mehr ...“ - -Fenjä trat ein und stellte einen Untersetzer mit drei gefüllten -Champagnergläsern und einer aufgekorkten Champagnerflasche auf den -Tisch. - -„Der Champagner ist da!“ meldete Rakitin. „Hör mal, du bist ja heute so -erregt, daß du, wenn du ein Glas getrunken hast, womöglich noch zu -tanzen anfangen wirst.“ - -„Pfui, Schweinerei,“ rief er aus, als er den Champagner näher -betrachtete; „Die Alte hat die Flasche in der Küche aufgekorkt und den -Pfropfen nicht wieder aufgesetzt ... außerdem ist er warm. Nun, -meinetwegen, ich trinke ihn auch so.“ - -Er schenkte sich ein, stürzte ein Glas hinunter und goß sich ein zweites -ein. - -„Champagner bekommt man nicht alle Tage,“ sagte er und leckte sich die -Lippen –, „nun, Aljoscha, nimm ein Glas und zeige, was du kannst. Worauf -sollen wir trinken? Auf das Paradies? Nimm ein Glas, Gruscha, trink auch -du aufs Paradies!“ - -„Warum willst du denn aufs Paradies trinken?“ - -Sie nahm ein Glas, auch Aljoscha nahm das seinige, trank aber keinen -Schluck und stellte es wieder zurück. - -„Nein, es ist besser, ich trinke nicht,“ sagte er leise lächelnd. - -„So hast du nur geprahlt!“ rief sofort Rakitin höhnisch lachend. - -„Wenn er nicht trinkt, so will auch ich nicht trinken,“ sagte -Gruschenka, „und ich will auch gar nicht ... Trink du allein, Rakitka, -die ganze Flasche schenke ich dir. Wenn Aljoscha trinkt, dann werde auch -ich trinken, sonst aber nicht.“ - -„Sind das aber Kälberzärtlichkeiten!“ schimpfte Rakitin voll Hohn. -„Dabei sitzest du noch auf seinen Knien! Er hat wenigstens einen Kummer, -was aber hast du? Er revoltiert gegen seinen Gott, er wollte sogar schon -Wurst essen ...“ - -„Wieso?“ - -„Sein Staretz ist doch heute gestorben, Staretz Sossima, der Heilige!“ - -„Der Staretz Sossima ist gestorben?“ fragte Gruschenka betroffen, -„Herrgott, und ich wußte es nicht!“ Sie bekreuzte sich andächtig. „Gott, -und was tue ich ... ich ... ich sitze auf seinen Knien!“ fuhr sie -plötzlich erschrocken auf. Sofort sprang sie von seinen Knien herab und -setzte sich auf den Diwan. - -Aljoscha sah sie lange und erstaunt an: In seinem Gesicht schien etwas -aufzuleuchten. - -„Rakitin,“ sagte er plötzlich mit lauter und fester Stimme, „spotte -nicht, daß ich mich gegen meinen Gott empöre. Ich möchte gegen dich -keinen Groll hegen, darum sei auch du besser. Ich habe einen Schatz -verloren, wie du nie einen besessen hast, und du kannst darum auch nicht -über mich urteilen. Sieh lieber einmal her auf sie: Hast du bemerkt, wie -sie mich geschont hat? Ich kam hierher und dachte, eine böse Seele zu -finden –, und es zog mich hierher, weil ich selbst schlecht und böse -war. Statt dessen habe ich eine aufrichtige Schwester ... eine liebende -Seele gefunden ... Sie hat mich gleich geschont ... Agrafena -Alexandrowna, ich spreche von dir. Du hast meine Seele wieder -aufgerichtet.“ - -Aljoschas Lippen bebten, und sein Atem stockte. Er hielt inne. - -„Das wäre ja beinahe, als ob sie dich gerettet hätte!“ Rakitin lachte -boshaft auf. „Dabei wollte sie dich doch verschlingen, weißt du denn das -nicht?“ - -„Schweig, Rakitka!“ Gruschenka sprang plötzlich auf, „schweigt alle -beide! Jetzt werde ich alles sagen: Du, Aljoscha, schweige, denn bei -deinen Worten packt mich die Scham, weil ich schlecht und nicht gut bin -–, siehst du, so ist’s! Und du, Rakitka, schweig, denn du lügst ja doch -nur. Ich hatte einmal, das ist wahr, den schlechten Gedanken, ihn zu -verschlingen, wie du sagst, aber jetzt lügst du, jetzt ist das nicht -mehr der Fall ... Und daß ich jetzt von dir kein Wort mehr höre, -Rakitka!“ - -Gruschenka sagte es in außergewöhnlicher Erregung. - -„Ihr seid beide nicht recht gescheit!“ schimpfte Rakitin, der bald sie, -bald Aljoscha verwundert ansah. „Ihr habt ja vollständig den Verstand -verloren! Ich bin, wie’s scheint, hier in ein Irrenhaus geraten. Es wird -nicht mehr lange dauern, und ihr werdet zu weinen anfangen!“ - -„Ja, ich werde weinen, werde weinen!“ sagte Gruschenka. „Er hat mich -seine Schwester genannt, und das werde ich ihm nie vergessen! Aber sieh, -Rakitka, wenn ich auch schlecht bin, so habe ich doch vielleicht ein -Zwiebelchen gegeben!“ - -„Was für ein Zwiebelchen? – Pfui Teufel, sie sind ja faktisch -übergeschnappt!“ - -Rakitin wunderte sich über ihre verzückte Begeisterung und fühlte sich -gekränkt, obgleich er sich hätte sagen müssen, daß sich bei beiden -alles, was ihre Seelen erschütterte, in dieser Minute zusammenfand, wie -das nicht oft im Leben geschieht. Doch Rakitin, der sonst sehr -feinfühlig in allem war, was ihn selbst betraf, war sehr roh im -Verständnis der Empfindungen und Gefühle seiner Nächsten, teilweise wohl -aus jugendlicher Unerfahrenheit, teilweise aber auch aus großem -Egoismus. - -„Siehst du, Aljoschetschka,“ sagte Gruschenka nervös auflachend, und sie -wandte sich wieder zu ihm, „ich prahle vor Rakitka, daß ich ein -Zwiebelchen gegeben hätte, vor dir aber werde ich nicht damit prahlen, -dir werde ich es aus einem anderen Grunde erzählen. Es ist nur eine -Legende, aber eine schöne, ich habe sie bereits als Kind gehört, von -meiner Matrjona, die noch jetzt bei mir als Köchin dient. Also: Es lebte -einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte -hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen denn -die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr -Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen -guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas -ein, und er sagte zu Gott: ‚Sie hat einmal,‘ sagte er, ‚aus ihrem -Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin -gegeben.‘ Und Gott antwortete ihm: ‚Nimm,‘ sagte er, ‚dieses selbe -Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie die Wurzeln zu -ergreifen vermag, und wenn du sie aus dem See herausziehen kannst, so -möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so -soll sie bleiben, wo sie ist.‘ Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr -das Zwiebelchen hin: ‚Nun,‘ sagte er zu ihr, ‚faß an, wir wollen sehen, -ob ich dich herausziehen kann.‘ Und er begann vorsichtig zu ziehen – und -zog sie beinahe schon ganz heraus; da bemerkten es aber die anderen -Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie, -damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse, -sehr böse und stieß sie mit ihren Füßen zurück und schrie: ‚Nur mich -allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und -nicht eures.‘ Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine -Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt -dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging -davon. So lautet die Legende, Aljoscha, und ich habe sie Wort für Wort -auswendig behalten, weil ich selbst dieses sehr, sehr böse Weib bin. Vor -Rakitka prahlte ich, daß ich das Zwiebelchen gegeben hätte, aber dir -sage ich etwas anderes: Ich habe _in meinem ganzen Leben_ nur ein -Zwiebelchen gegeben, und das ist die einzige gute Tat, die ich -vollbracht habe. Lobe mich nicht, Aljoscha, halte mich nicht für gut, -ich bin schlecht und sehr, sehr böse, und wenn du mich lobst, muß ich -mich schämen. Ach, jetzt bereue ich schon alles! Weißt du, Aljoscha, ich -habe dermaßen gewünscht, dich zu mir heranzulocken, daß ich Rakitka -keine Ruhe gelassen habe, daß ich ihm fünfundzwanzig Rubel versprochen -habe, wenn er dich zu mir brächte. Warte, Rakitka, schweig!“ Sie ging -mit raschen Schritten zum Tisch, zog ein Schiebfach heraus, suchte nach -ihrer Börse und entnahm ihr dann einen Fünfundzwanzigrubelschein. - -„Was fällt dir ein! Bist wohl ganz verrückt geworden!“ Rakitin war nicht -wenig verdutzt. - -„Nimm nur, Rakitka, das ist meine Schuld, wirst es doch nicht -abschlagen, hast ja selbst so viel verlangt!“ Und sie warf ihm den -Schein zu. - -„Warum denn schließlich abschlagen,“ brummte Rakitin, tapfer bemüht, -seine Verlegenheit zu verbergen. „Das kommt mir sogar sehr gelegen. Die -Dummköpfe sind ja doch nur zur Ausnutzung für die Klugen da.“ - -„Aber jetzt schweige, Rakitka, jetzt werde ich etwas erzählen, was nicht -für deine Ohren bestimmt ist. Setze dich dorthin in den Winkel und -schweige; du liebst uns nicht, das weiß ich, so schweige denn.“ - -„Wofür sollte ich euch denn lieben?“ schimpfte Rakitin, ohne seine Wut -zu verbergen. Den Fünfundzwanzigrubelschein steckte er in die Tasche, -schämte sich aber doch sehr vor Aljoscha. Er hatte darauf gerechnet, -diesen Lohn nachher zu erhalten, so daß Aljoscha gar nichts davon -erfahren hätte. Darum nämlich war er so wütend. Bis dahin hatte er noch -für ratsam gefunden, Gruschenka nicht zu sehr zu widersprechen, -ungeachtet aller Zurechtweisungen, die sie ihm erteilte, und die nur zu -deutlich verrieten, daß sie über ihn eine gewisse Macht hatte. Jetzt -aber tat er sich keinen Zwang mehr an. - -„Wenn man liebt, so muß man eine Veranlassung dazu haben, was aber habt -ihr beide denn für mich getan?“ - -„Man muß auch für nichts und wieder nichts lieben können, so wie -Aljoscha liebt.“ - -„Wieso liebt er dich denn, und was hat er dir denn getan, daß du damit -so prahlst?“ - -Gruschenka stand mitten im Zimmer und sprach erregt; in ihrer Stimme -klang schon eine hysterische Note. - -„Schweig, Rakitka, du verstehst nichts von uns! und wage es nicht, mich -_Du_ zu nennen, ich erlaube es dir nicht, – seit wann hast du dir diese -Frechheit überhaupt herausgenommen? Sitz in der Ecke und schweige, du -bist mein Lakai! Aber dir, Aljoscha, werde ich jetzt über mich die -lautere Wahrheit sagen, damit du weißt, was für ein niedriges Geschöpf -ich bin! Nicht Rakitka, sondern dir werde ich es sagen. Ich wollte dich -verderben, Aljoscha, das ist die ganze Wahrheit; so sehr wollte ich es, -daß ich Rakitka mit Geld bestach, damit er dich herbrächte. Und weißt -du, warum ich das so sehr wollte? Du, Aljoscha, wußtest nichts davon, du -wandtest dich von mir ab oder senktest die Augen, wenn du an mir -vorübergingst, ich aber schaute dir nach und fing an, alle über dich -auszufragen. Dein Gesicht aber behielt ich in meinem Herzen: ‚Er -verachtet mich, er will mich nicht einmal ansehen,‘ dachte ich. Und es -überkam mich zuletzt ein Gefühl, über das ich mich selbst wunderte. -Warum fürchtete ich so einen kleinen Knaben? Ach was, ich werde ihn -einfach – verschlingen und ihn dann nachher auslachen. Ich wurde zuletzt -ganz wütend. Glaubst du, niemand hier wagt zu sagen, daß man Agrafena -Alexandrowna mit schlechten Absichten kommen darf; ich habe dort meinen -Alten, an ihn bin ich auf ewig gebunden und verkauft; der Satan hat uns -getraut, aber sonst – niemand! Als ich dich aber sah, entschloß ich mich -– dich zu verschlingen. Und so verschlinge ich dich denn und werde dich -hinterher auslachen. Siehst du, was für ein wildes Tier ich bin, ich, -die du deine Schwester genannt hast! Siehst du, und jetzt ist mein -Verführer gekommen, der mich entehrt hat; ich sitze jetzt hier und -erwarte von ihm eine Nachricht. Weißt du aber auch, was jener für mich -bedeutet? Fünf Jahre sind jetzt vergangen, vor fünf Jahren brachte mich -Kusjma her, – und so lebte ich denn hier und versteckte mich vor allen -Leuten, damit sie mich nicht sahen und nichts von mir hörten; ein -mageres, dummes Kleines war ich! Da saß ich nun und weinte, und schlief -die Nächte nicht und dachte: Wo mag er jetzt sein, mein Verführer? Er -lacht jetzt vielleicht mit der anderen über mich! Wenn ich ihn doch nur -einmal sehen, ihm begegnen könnte! Dann würde ich es ihm aber -heimzahlen, ja, dann würde ich es ihm bezahlen! In der Nacht, in der -Dunkelheit schluchzte ich in meine Kissen hinein und dachte unablässig -daran, zerriß mein Herz und tränkte es mit verzweifelter Wut: ‚Ich werde -es ihm bezahlen, ich werde es ihm schon bezahlen!‘ So war es, so schrie -ich in die Nacht hinein. Ja, wenn ich mir das plötzlich vorstellte, daß -ich ihm nichts würde antun können, und daß er jetzt vielleicht über mich -lacht oder aber überhaupt nicht mehr an mich denkt und mich ganz -vergessen hat, so warf ich mich aus dem Bett auf den Fußboden und -schüttelte mich und wälzte mich vor ohnmächtiger Wut und vor -ohnmächtigen Tränen! Am nächsten Morgen stehe ich auf wie ein wütendes -Tier; ich wäre froh gewesen, die ganze Welt verschlingen zu können. -Darauf, was denkst du wohl, habe ich angefangen mir ein Kapital zusammen -zu scharren, ich wurde unbarmherzig und gleichgültig gegen alles, mein -Körper nahm zu und wurde schön – glaubst du aber, daß ich auch an -Vernunft zunahm? Haha! Niemand auf der ganzen Welt weiß oder sieht was -von mir! Und wenn die nächtliche Dunkelheit wieder anbricht, so liege -ich, wie dasselbe kleine, dumme Mädchen vor fünf Jahren, auf meinem Bett -und knirsche mit meinen Zähnen und weine die ganze Nacht: ‚Ich werde ihn -schon, ich werde ihn schon ...!‘ denke ich dann wieder. Hast du jetzt -alles gehört? Nun, wirst du mich aber jetzt verstehen, wenn ich dir -sage, daß mir, als ich vor einem Monat plötzlich von ihm einen Brief -erhielt, mit der Nachricht, daß er kommt, daß er Witwer ist und mich -wiedersehen möchte –, daß mir da der Atem stehen blieb! Herrgott, denke -ich da plötzlich: also er kommt und pfeift mir zu, ruft mich, und ich -krieche wieder zu ihm wie ein geschlagenes Hündchen, das sich schuldig -fühlt! So denke ich bei mir und traue mir selbst nicht: ‚Bin ich -niedrig, oder bin ich nicht so niedrig, werde ich zu ihm laufen, oder -werde ich nicht zu ihm laufen?‘ Und es packte mich eine Wut auf mich -selbst, die mich den ganzen Monat nicht verließ, schlimmer noch als vor -fünf Jahren. Siehst du jetzt, Aljoscha, was ich für eine Wütende, -Rasende bin?! Die ganze Wahrheit habe ich dir soeben gesagt. Mit Mitjä -habe ich mich amüsiert, um nicht an jenen zu denken. Schweig, Rakitka, -du hast nicht über mich zu urteilen, dir habe ich es nicht erzählt. Ich -lag jetzt hier, bevor ihr kamt, wartete und dachte – und beschloß mein -Schicksal, und niemals werdet ihr erfahren, was in meinem Herzen -vorging. Nein, Aljoscha, sage deinem Fräulein, daß sie mir wegen -vorgestern nicht böse sein soll! ... Niemand auf der ganzen Welt weiß, -was in mir jetzt vorgeht, und wer soll es denn auch wissen! ... -Vielleicht nehme ich ein Messer mit, wer kann es wissen ...“ - -Als Gruschenka das ausgesprochen hatte, konnte sie nicht mehr an sich -halten: sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich auf den -Diwan in die Kissen und weinte wie ein kleines Kind. Aljoscha erhob sich -von seinem Platz und ging zu Rakitin. - -„Mischa,“ sagte er, „sei nicht böse. Du bist von ihr beleidigt worden, -sei aber nicht böse. Hast du gehört, was sie gesagt hat? Man kann von -der Seele des Menschen nicht zu viel verlangen, man muß barmherziger -sein.“ - -Aljoscha kamen diese Worte ganz von selbst über die Lippen. Er mußte -seinem Herzen Luft machen, und darum wandte er sich an Rakitin. Wenn -Rakitin auch nicht dagewesen wäre, so hätte er sie trotzdem ausgerufen. -Rakitin sah ihn aber spöttisch an, und Aljoscha verstummte. - -„Du bist heute mit deinem Staretz geladen, und jetzt schießest du ihn -auf mich ab, du Gottesknecht Aljoschetschka!“ sagte Rakitin mit -haßerfülltem Lächeln. - -„Spotte nicht, Rakitin, lache nicht so und sprich nicht vom -Verstorbenen: Er war höher als alle auf der Welt!“ rief Aljoscha mit -unsicherer Stimme. „Ich habe nicht als Richter zu dir gesprochen, -sondern als der erste, der gerichtet werden muß. Was bin ich vor ihr? -Ich kam hierher, um ins Verderben zu gehen, und sagte mir: ‚Meinetwegen, -meinetwegen, mir soll’s recht sein!‘ so kleinmütig war ich. Sie aber hat -nach fünf Jahren Qual, nur weil irgend jemand kam und ihr ein -aufrichtiges Wort sagte – alles verziehen, alles vergessen, und weint! -Ihr Beleidiger ist zurückgekehrt und ruft sie, und sie verzeiht ihm -alles, eilt freudig zu ihm und wird das Messer nicht mitnehmen, nein, -wird es nicht mitnehmen! Ich bin nicht so. Ich weiß nicht, ob du auch so -bist, Mischa, aber ich bin nicht so. Ich habe soeben eine Lehre von ihr -erhalten ... Sie ist in ihrer Liebe größer als wir ... Hast du auch -früher schon dasselbe von ihr gehört, was sie soeben gesagt hat? Nein, -du hast es nicht gehört; wenn du es gehört hättest, so hättest du schon -längst alles verstanden ... auch die andere Beleidigte würde ihr -vergeben. Und sie wird ihr vergeben, sobald sie es nur erfährt ... und -sie wird es erfahren ... Diese Seele ist noch nicht zur Ruhe gekommen -... man muß sie schonen ... in ihrer Seele könnte ein Schatz ...“ - -Aljoscha verstummte, atemlos. Rakitin sah ihn trotz seiner Wut -verwundert an. Niemals hätte er von dem stillen Aljoscha eine solche -Rede erwartet. - -„Du entpuppst dich ja als großer Advokat! Hast dich wohl in sie -verliebt, wie? Agrafena Alexandrowna, unser Faster hat sich direktement -in dich verliebt, du hast ihn besiegt!“ schrie er mit frechem Lachen. - -Gruschenka erhob ihren Kopf aus den Kissen und sah Aljoscha mit einem -gerührten Lächeln an, das ihr tränengeschwollenes Gesicht erhellte. - -„Laß ihn, Aljoscha, mein Cherub, siehst du, wie er ist, du hast dich an -den Rechten gewandt. Ich, Michail Ossipowitsch,“ sagte sie zu Rakitin, -„wollte dich um Verzeihung bitten, weil ich dich gekränkt habe, aber -jetzt will ich es nicht mehr tun. Aljoscha, komm zu mir, setz dich neben -mich,“ rief sie ihn mit glücklichem Lächeln zu sich. „Sieh, so, setze -dich her, sage du mir“ (sie ergriff seine Hand und sah ihm lächelnd ins -Gesicht). „Sage du mir: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Meinen -Beleidiger, meine ich, liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Ich lag -hier, bevor ihr kamt, allein in der Dunkelheit und fragte mein Herz: -Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Entscheide du, Aljoscha, jetzt -ist es Zeit, wie du bestimmst, so wird es geschehen. Soll ich ihm -vergeben, oder soll ich ihm nicht vergeben?“ - -„Du hast ihm doch schon vergeben,“ sagte Aljoscha lächelnd. - -„Ja, sofort habe ich ihm vergeben,“ entgegnete Gruschenka nachdenklich. -„Was für ein niedriges Herz! Ich trinke auf mein niedriges Herz!“ Sie -ergriff ein Glas, leerte es bis auf den Grund, hob es in die Höh und -warf es mit Wucht zu Boden. Die Scherben klirrten. Ihr Lächeln war -grausam in diesem Augenblick. - -„Vielleicht habe ich ihm aber doch noch nicht vergeben!“ sagte sie -drohend wie zu sich selbst, und ihr Blick haftete am Boden. „Vielleicht -hat mein Herz erst angefangen zu verzeihen. Ich kämpfe ja noch mit -meinem Herzen. Ich, siehst du, Aljoscha, ich habe die Tränen meiner -fünfjährigen Qual liebgewonnen ... Vielleicht liebe ich nur mein Leid, -meine Kränkung, und liebe _ihn_ überhaupt nicht!“ - -„Na, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken!“ meinte Rakitin. - -„Und wirst auch nie in seiner Haut stecken, Rakitka, nie! Du wirst mir -die Stiefel putzen, Rakitka, dazu kann ich dich gebrauchen, aber solch -eine wie ich wirst du niemals zu sehen bekommen ... Ja, und vielleicht -auch er nicht ...“ - -„Er? Warum hast du dich denn so aufgeputzt?“ neckte schadenfroh Rakitin. - -„Wirf mir nicht den Putz vor, Rakitka, du kennst mein Herz noch nicht! -Wenn ich will, so zerreiße ich ihn, sofort zerreiße ich ihn, in dieser -Minute!“ rief sie laut. „Du weißt noch nicht, wozu diese Toilette dienen -soll, Rakitka! Vielleicht nur, um zu ihm zu gehen und ihm zu sagen: -‚Hast du mich schon so gesehen oder noch nicht?‘ Er hat mich doch als -siebzehnjähriges, mageres und abgezehrtes Ding verlassen. Da werde ich -mich zu ihm setzen, ihn berücken und anfachen: ‚Hast du gesehen, wie ich -jetzt bin,‘ werde ich ihm sagen, ‚nun, und dabei bleibt es, mein werter -Herr, kannst dir die Lippen lecken, mehr gibt es nicht!‘ siehst du, wozu -diese Toilette noch dienen kann, Rakitka,“ schloß Gruschenka mit bösem -Lachen. „Ich bin ein wütendes, ein schlechtes Geschöpf, Aljoscha. Wenn -ich will, so zerreiße ich meinen Putz in Fetzen, verstümmle ich meine -Schönheit, verbrenne mir das Gesicht und zerschneide es mit dem Messer -und gehe betteln. Wenn ich will, so gehe ich jetzt nirgendwohin und zu -niemandem und schicke morgen Kusjma alles zurück, was er mir geschenkt -hat, all sein Geld, und gehe hin, um mein ganzes Leben lang Tagelöhnerin -zu sein! ... Du denkst wohl, daß ich es nicht tun würde, Rakitka, nicht -wagen würde, das zu tun? Ich werde es tun, werde es tun, sofort werde -ich es tun, reizt mich nur nicht ... ihn aber werde ich fortjagen, dem -will ich ... der soll mich nicht zu sehen bekommen!“ - -Die letzten Worte rief sie außer sich. Wieder konnte sie sich nicht -beherrschen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich in -die Kissen und schüttelte sich vor Schluchzen. Rakitin erhob sich von -seinem Platz: - -„Es ist Zeit,“ sagte er, „es ist schon spät, man wird uns nicht mehr ins -Kloster einlassen.“ - -Gruschenka sprang sofort auf. - -„Ist es möglich, daß du schon fortgehn willst, Aljoscha!“ fragte sie in -trauriger Bestürzung: „Was hast du jetzt aus mir gemacht? Du hast alles -in mir wachgerufen, hast mein Herz zerrissen und nun – wieder diese -Nacht, in der ich allein bleiben muß!“ - -„Er kann doch nicht bei dir nächtigen? Doch wenn du es willst – -meinetwegen! Ich werde dann allein fortgehen,“ witzelte Rakitin wieder -in seiner häßlichen Weise. - -„Schweig, du böse Seele,“ schrie Gruschenka wütend, „niemals hast du mir -solche Worte gesagt, wie Aljoscha sie heute zu mir gesprochen hat!“ - -„Was hat er dir denn gesagt?“ erkundigte sich Rakitin gereizt. - -„Ich weiß nicht mehr was, ich kann dir nicht sagen, was er mir gesagt -hat, aber mein Herz hat es gefühlt, er hat mir mein Herz um- und -umgekehrt ... Er hat mit mir als erster und einziger Mitleid gehabt, -siehst du, das ist es! Warum bist du, mein Schutzengel, nicht früher zu -mir gekommen!“ Sie fiel wie außer sich vor ihm auf die Knie nieder. „Ich -habe mein ganzes Leben lang solch einen wie dich erwartet, gerade daß so -einer wie du kommen und mir alles verzeihen werde! Und ich habe -geglaubt, daß irgend jemand auch mich lieben wird, mich Schlechte, und -nicht nur um den Preis meiner Schande ...“ - -„Was habe ich dir denn Gutes getan?“ fragte Aljoscha gerührt lächelnd, -beugte sich zu ihr nieder und erfaßte ihre beiden Hände: „Nur ein -Zwiebelchen habe ich dir gegeben, nur ein kleines Zwiebelchen, und nur -das, nur, nur das! ...“ - -Und als er das gesagt hatte, rollten ihm selbst die Tränen über die -Wangen. In diesem Augenblick hörte man im Flur ein Geräusch: jemand trat -ins Vorzimmer ein; Gruschenka sprang auf vor Schreck. Fenjä stürzte mit -Lärm und Geschrei ins Zimmer. - -„Herrin, Täubchen, der Bote ist angekommen!“ rief sie freudig. „Ein -Wagen aus Mokroje ist gekommen, Timofeij mit einer Troika, sofort werden -die Pferde gewechselt ... Ein Brief, ein Brief, hier ist der Brief!“ - -Sie hielt den Brief in der Hand und schwenkte ihn die ganze Zeit in der -Luft. Gruschenka riß ihr den Brief aus der Hand und trat zum Licht. Es -war nur ein Zettelchen, einige Zeilen; in einem Augenblick hatte sie es -gelesen. - -„Er ruft mich!“ sagte sie erbleichend, und ihr Gesicht verzerrte sich zu -einem schmerzlichen Lächeln, „er pfeift! Nun, kriech heran, Hündchen!“ - -Doch nur einen Augenblick stand sie unentschlossen da; plötzlich stieg -ihr das Blut in die Wangen, und ihre Augen flackerten auf. - -„Ich gehe!“ rief sie plötzlich aus. „Meine fünf Jahre! Lebt wohl! Leb -wohl, Aljoscha, mein Schicksal ist entschieden ... Fort mit euch, fort, -alle, damit ich euch nicht mehr sehe! ... Gruschenka beginnt ihren Flug -ins neue Leben ... Auch du, Rakitka, gedenke meiner im guten. Vielleicht -gehe ich in den Tod! Ich bin ja wie betrunken!“ - -Sie verließ sie plötzlich und lief in ihr Schlafzimmer. - -„Nun, jetzt hat sie keine Zeit mehr für uns,“ brummte Rakitin. „Gehen -wir, sonst beginnt womöglich wieder dieses Weibergeschrei. Diese -hysterischen Tränen sind mir schon zum Ekel geworden ...“ - -Aljoscha ließ sich mechanisch hinausführen. Auf dem Hof stand ein Wagen: -man spannte die Pferde aus, machte sich geschäftig am Wagen zu tun, eine -Laterne wurde hin und her getragen. Durch das offene Hoftor wurden -gerade die neuen drei Pferde gebracht. Kaum aber waren Aljoscha und -Rakitin auf die Treppe hinausgetreten, als sich Gruschenkas -Schlafzimmerfenster öffnete, und sie mit heller Stimme Aljoscha -nachrief: - -„Aljoschetschka, grüße deinen Bruder Mitjenka, und bitte ihn, daß er -meiner nicht im bösen gedenke. Thu’s mit diesen Worten: ‚Ein Schuft hat -Gruschenka bekommen, und nicht du hast sie bekommen, der Edelste von -allen!‘ Ja, und füge auch noch hinzu, daß ihn Gruschenka ein Stündchen -lang geliebt hat, im ganzen vielleicht ein Stündchen lang geliebt – und -daß er sich dieses Stündchen sein ganzes Leben lang erinnern soll, so -habe Gruschenka gesagt ... sein ganzes Leben lang! ...“ - -Ihre Stimme ging in Schluchzen über. Das Fenster wurde zugeschlagen. - -„Hm, hm!“ brummte Rakitin und lachte dann laut auf. – „Deinem Bruder -Mitjenka hat sie den Todesstoß versetzt, und jetzt befiehlt sie ihm noch -dazu, sein ganzes Leben lang daran zu denken! Ist das aber eine Bestie!“ - -Aljoscha antwortete nichts darauf. Es war, als ob er es gar nicht gehört -hätte. Er ging schnell neben Rakitin her, wie wenn er Eile hatte. Er war -in tiefes Nachdenken versunken und ging ganz mechanisch. Rakitin fühlte -plötzlich einen fast körperlichen Schmerz in seinem Innern, als wenn an -ihm eine frische Wunde berührt worden wäre. Er hatte etwas ganz anderes -vorhin erwartet, als er Aljoscha zu Gruschenka führte; und nun hatte -sich dieses so ganz Unerwartete ereignet. Nein, nicht das hatte er -gewünscht! - -„Ihr Offizier ist ein Pole,“ sagte er schließlich, da er nicht mehr an -sich halten konnte, „und jetzt ist er nicht einmal mehr Offizier, -sondern bloß ein Zollbeamter, hat in Sibirien gedient, irgendwo dort an -der chinesischen Grenze. Ein jämmerliches, kränkliches Kerlchen scheint -es zu sein. Hat seine Stelle verloren, sagt man ... Er hat gehört, daß -Gruschenka ein Kapital haben soll, nun, und da ist er denn -zurückgekehrt. Das ist das ganze Wunder.“ - -Aljoscha schien wieder nicht zuzuhören. Rakitin fuhr fort: - -„Nun, was, hast du eine Sünderin bekehrt?“ fragte er boshaft lachend. -„Eine Verirrte auf den Weg der Wahrheit geführt? Die sieben Teufel -ausgetrieben etwa? Da haben sich ja eure erwarteten Wunder erfüllt!“ - -„Hör auf, Rakitin,“ unterbrach ihn Aljoscha gequält. - -„Jetzt verachtest du mich wohl wegen der fünfundzwanzig Rubel? Habe -sozusagen den Freund verkauft ... Du bist aber doch nicht Christus, und -ich nicht Judas ...“ - -„Ach, Rakitin, ich versichere dir, ich hatte das schon ganz vergessen,“ -sagte Aljoscha, „du hast mich jetzt selbst daran erinnert ...“ - -Da aber wurde Rakitin grob vor Wut. - -„Hol euch alle und einen jeden der Teufel!“ brüllte er. „Zum Teufel, -warum habe ich mich mit dir abgegeben! Möchte dich von Stund an nicht -mehr kennen! Geh allein ins Kloster, dorthin gehörst du!“ - -Und er kehrte sich auf dem Hacken um und bog in eine andere Straße ein. -Aljoscha blieb in der Dunkelheit allein stehen. Er trat aus der Stadt -hinaus und ging übers Feld auf das Kloster zu. - - - IV. - Die Hochzeit zu Kana in Galiläa - -Nach der Klosterregel war es sehr spät, als Aljoscha bei der Einsiedelei -anlangte; der Pförtner ließ ihn auf einem besonderen Wege ein. Es hatte -schon neun Uhr geschlagen, die Stunde der Ruhe und Erholung nach einem -für alle so aufregenden Tage. Schüchtern öffnete Aljoscha die Tür und -trat in die Zelle des Staretz, wo jetzt sein Sarg stand. Außer Pater -Paissij, der einsam am Sarge die Evangelien las, und dem jungen Novizen -Porfirij, der, müde von der gestrigen nächtlichen Unterhaltung und von -den heutigen Aufregungen, im anderen Zimmer auf dem Fußboden in festem, -jugendlichem Schlafe lag, war niemand in der Zelle. Pater Paissij hatte -wohl gehört, daß Aljoscha eingetreten war, doch blickte er nicht einmal -auf. Aljoscha ging von der Tür rechts in die Ecke, kniete nieder und -fing an zu beten. Seine Seele war übervoll, aber es waren nur trübe, -unklare Empfindungen in ihm, von denen keine sich klärte, sondern die -eine verdrängte die andere, wie in stillem, gleichmäßigem Kreislauf. Im -Herzen aber war ihm süß und sonderbar zumute, und er wunderte sich nicht -einmal darüber. Wieder sah er vor sich den Sarg, und in ihm seinen -teuren Toten. Doch in seiner Seele fühlte er nicht mehr wie am Morgen -das quälende, nagende Leid. Gleich beim Eintritt fiel er vor dem Sarge -wie vor einem Heiligtum in die Knie, doch Freude, Freude war in seinem -Herzen und in seinen Gedanken. Das eine Fenster der Zelle stand offen, -und es war eine frische, kalte Luft im Zimmer. „So muß denn der Geruch -noch stärker geworden sein, wenn man das Fenster geöffnet hat,“ dachte -Aljoscha. Doch dieser Gedanke an den Verwesungsgeruch, der ihm noch vor -kurzem so schrecklich und entehrend erschienen war, erweckte in ihm -keine Trauer mehr und keinen Unwillen. Er begann, leise zu beten, bald -aber fühlte er selbst, daß er nur mechanisch betete. Bruchstücke von -Gedanken tauchten in seiner Seele auf, erglühten wie Sternchen und -verlöschten wieder und machten anderen Platz. Doch in seiner Seele erhob -sich etwas Ganzes, Festes, Tröstendes, und er wurde sich dessen immer -mehr bewußt. Von Zeit zu Zeit fing er von neuem leidenschaftlich ein -Gebet an, denn er wollte danken und lieben ... Doch kaum hatte er das -Gebet begonnen, so gingen seine Gedanken auch schon auf etwas anderes -über, er verfiel in Nachdenken, vergaß das Gebet und auch das, was es -unterbrochen hatte. Er fing an zuzuhören, was Pater Paissij las, aber -den Ermüdeten überkam allmählich der Schlaf. - -„Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa,“ las Pater -Paissij, „und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren -auch auf die Hochzeit geladen ...“ - -„Hochzeit? Was ist das ... eine Hochzeit ...,“ ging es wie ferner -Glockenklang durch Aljoschas Gedanken. „... Auch sie ist voll Glück auf -ein Fest gefahren ... Nein, sie nahm nicht das Messer, nein, sie nahm es -nicht ... Das war nur ein verzweifeltes Wort ..., solche Worte muß man -durchaus verzeihen, durchaus. Sie erleichtern die Seele ... Ohne sie -wäre es den Menschen zu schwer, ihr Leid zu tragen ... Rakitin bog in -eine Nebenstraße ein. Er wird noch jetzt an die Kränkungen denken ... er -wird immer in eine Nebenstraße gehen ... Aber der Weg ... der Weg ist -doch groß, gerade und hell, kristallrein, und die Sonne am Ende des -Weges ... Wie? ... Was liest er?“ - -„... Und da es an Wein gebricht, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie -haben keinen Wein ...“ hörte Aljoscha ihn lesen. - -„Ach ja, ich habe da etwas überhört, und wollte es doch nicht, ich liebe -diese Stelle so. Die Hochzeit zu Kana, das erste Wunder ... Ach, dieses -Wunder, dieses herrliche Wunder! Nicht das Leid, nein, die Freude der -Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur -Freude verhalf er ihnen. ‚Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre -Freude,‘ – das wiederholte der Verstorbene immer, diesen Ausspruch habe -ich am häufigsten von ihm gehört ... Ohne Freude kann man nicht leben, -sagt Mitjä ... ja, Mitjä ... Alles, was aufrichtig und schön ist, das -ist voll von Allverzeihung und Vergebung: das hat auch wieder Er gesagt -...“ - -„... Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine -Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht aber zu den -Dienern: Was er euch sagt, das tut ...“ - -„Das tut ... Freude, Freude für die armen Menschen ... -Selbstverständlich waren sie arm, wenn es ihnen sogar zur Hochzeit an -Wein gebrach ... Die Historiker schreiben ja, daß am See Genezareth und -an allen jenen Orten die ärmste Bevölkerung gelebt habe, die man sich -nur denken kann ... Und noch ein anderes großes Herz eines anderen -großen Wesens, das Herz seiner Mutter wußte, daß er nicht nur wegen -seiner großen Tat gekommen war, sondern daß seinem Herzen auch die -einfältige von Herzen kommende Freude irgendwelcher kleinen, geringen, -aber treuherzigen Leute, die ihn freundlich zu ihrer Hochzeit geladen -hatten, zugänglich sei. ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen,‘ sagt er -mit stillem Lächeln (sicherlich hat er still gelächelt) ... Ja, er ist -doch nicht darum auf die Welt gekommen, um auf den Hochzeiten Armer den -Wein zu vermehren. Aber er ist doch zu ihrer Hochzeit gegangen und hat -es auf ihre Bitte hin getan ... Ach so, er liest wieder ...“ - -„... Und Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser. Und sie -füllten sie bis zum Rande. - -Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister. -Und sie brachten es. - -Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und -wußte nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das -Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam. - -Und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie -trunken sind, alsdann den schlechteren; du aber hast den guten Wein bis -zuletzt behalten ...“ las Pater Paissij. - -„Aber was ist das, was ist das? Warum erweitert sich das Zimmer? ... -Ach, ja, es ist doch Hochzeit, Hochzeit ... ja ... Sieh, da sind die -Gäste, dort sitzt ja das junge Paar und zu beiden Seiten die fröhlichen -Gäste ... Wo ist der Speisemeister? Wer aber ist das? Wer? Wieder wird -das Zimmer größer ... Wer erhebt sich dort am großen Tisch? Wie ... Auch -er ist hier? Aber er ist doch im Sarge ... Aber er ist es, er ist hier, -... er steht auf, er hat mich gesehen, er kommt hierher ... Herrgott! -...“ - -Ja, zu ihm, zu ihm kam er, der hagere kleine Alte, mit den feinen -Runzeln im Gesicht, freudig und verklärt lächelnd. Der Sarg ist nicht -mehr da, und er ist im selben Gewande, in dem er noch gestern unter -ihnen gesessen hatte, als die Gäste zu ihm gekommen waren. Das Antlitz -ist freudig, die Augen glänzen. - -„Wie ist denn das möglich? – er ist also auch auf dem Feste, ist auch -zur Hochzeit zu Kana in Galiläa geladen? ...“ - -„Ja, mein lieber Sohn, auch ich bin eingeladen und berufen,“ ertönte -hinter ihm eine leise Stimme. „Warum hast du dich hierher zurückgezogen, -so daß man dich nicht sehen kann ... komme auch du zu uns.“ - -Das ist seine Stimme, die Stimme des Staretz Sossima ... Ja, und wie -soll es sie denn nicht sein, da er es ist, der da ruft? Der Staretz -reichte Aljoscha die Hand, und der erhob sich von den Knien. - -„Freuen wir uns,“ fuhr der kleine hagere Greis fort, „trinken wir neuen -Wein, den Wein neuer, großer Freude, siehst du, wieviel Gäste hier sind? -Sieh, hier ist der Bräutigam und hier die Braut, und hier ist der -hochweise Speisemeister, der den neuen Wein kostete. Warum wunderst du -dich über mich? Ich habe ein Zwiebelchen gegeben und sieh, jetzt bin ich -hier. Und viele hier haben nur ein Zwiebelchen gegeben, nur ein kleines, -einziges ... Und wie steht es mit dir, du mein stiller, bescheidener -Jüngling? Hast du heute verstanden, das Zwiebelchen einer armen -Hungernden zu geben? Beginne, mein Lieber, beginne dein Werk, mein -Bescheidener! ... Siehst du unsere Sonne, siehst du Ihn?“ - -„Ich fürchte mich ... ich wage nicht, hinzusehen ...“ flüsterte -Aljoscha. - -„Fürchte Ihn nicht. Schrecklich ist Er uns in Seiner Größe, furchtbar in -Seiner Höhe, aber unendlich barmherzig ist Er zu uns in Seiner Liebe, -und Er freut sich mit uns, Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die -Freude der Gäste nicht aufhöre. Neue Gäste erwartet Er, und -ununterbrochen ruft Er neue herbei, und so geht es bis in die Ewigkeit. -Neuen Wein trägt man auch uns auf, siehst du, wie man die Gefäße trägt -...“ - -Es war Aljoscha, als brenne etwas in seinem Herzen und erfülle es mit -unsäglichem Schmerz. Tränen der Begeisterung lösten sich aus seiner -Seele ... Er breitete seine Arme aus, schrie auf und erwachte ... - -Wieder der Sarg, das geöffnete Fenster und das leise, würdige, -gleichmäßige Lesen der Evangelien. Aljoscha hörte nicht mehr, was -gelesen wurde. Sonderbar, er war auf den Knien eingeschlafen, und auf -den Füßen stehend erwachte er, und plötzlich, als wenn es ihn von der -Stelle gerissen hätte, trat er mit drei festen, schnellen Schritten an -den Sarg heran. Er berührte sogar die Schulter Pater Paissijs, doch -merkte er es nicht einmal. Der erhob seinen Blick vom Buch und richtete -ihn auf Aljoscha, senkte ihn aber sofort wieder, denn er begriff, daß -mit dem Jüngling etwas Sonderbares vorging. Aljoscha sah wohl eine halbe -Minute lang auf den Sarg, auf den bedeckten, unbeweglich im Sarge -ausgestreckten Leichnam, mit dem Heiligenbild auf der Brust und der -Kapuze mit dem achtarmigen Kreuze auf dem Haupte. Soeben hatte er seine -Stimme gehört, und sie tönte noch fort in seinen Ohren. Er horchte noch -hin, er erwartete noch einen Laut ... Doch plötzlich wandte Aljoscha -sich um und verließ die Zelle. - -Er blieb nicht auf der Treppe stehen, sondern eilte hinunter auf den -Rasen. Seine von Jubel erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Raum -und Weite. Über ihm wölbte sich weit, breit und unabsehbar die -Himmelskuppel, übersät mit stillen, flimmernden Sternen. Vom Zenit bis -zum Horizont zog sich noch, undeutlich schimmernd, der neblige Streifen -der Milchstraße. Eine kühle und bis zur Unbeweglichkeit stille Nacht -umfing die Erde. Die weißen Türme und goldenen Kuppeln der Kathedrale -hoben sich mattleuchtend vom saphirblauen Nachthimmel ab; die schönen -Herbstblumen im Garten der Einsiedelei schliefen noch dem Morgen -entgegen. Es war, als wenn die irdische Stille mit der Stille des -Himmels zusammenflösse und das Geheimnis der Erde sich mit dem der -Gestirne berühre ... Aljoscha stand und schaute empor ... und plötzlich, -als hätte ihn ein wuchtiger Schlag getroffen, warf er sich zur Erde -nieder. - -Er wußte nicht, warum er sie umfing. Er wollte auch nicht darüber -nachdenken, warum es ihn so unwiderstehlich verlangte, sie zu küssen: -und er küßte sie weinend, schluchzend, und tränkte sie mit seinen -Tränen, und wie außer sich schwur er, wie verzückt, sie zu lieben, zu -lieben bis in alle Ewigkeit! „Tränke die Erde mit deinen Freudentränen -und liebe diese deine Tränen,“ hallte es in seiner Seele wider. Warum -weinte er? Oh, er weinte in seiner Begeisterung sogar über die Sterne, -die aus dem unendlichen Raume zu ihm herniederblickten, und „er schämte -sich seiner Verzückung nicht.“ Ihm war, als träfen von all diesen -zahllosen Welten Gottes unsichtbare Fäden in ihm zusammen, und seine -ganze Seele erbebte „in der Berührung mit anderen Welten“. Er wollte -allen alles vergeben und um Verzeihung bitten, oh! nicht für sich, -sondern für alle, für alles und jedes! „Für mich werden andere bitten,“ -erklang es in seiner Seele. Und mit jedem Augenblick fühlte er immer -deutlicher, wurde es ihm immer mehr bewußt, daß etwas Festes und -Unerschütterliches, wie dieses Himmelsgewölbe, in seine Seele einzog, – -wie eine Idee sich seines Verstandes bemächtigte, und zwar für sein -ganzes Leben und bis in alle Ewigkeit. Als schwacher Jüngling war er -noch zur Erde niedergefallen, als ein fürs ganze Leben gewappneter -Kämpfer erhob er sich wieder – das fühlte er, und dessen wurde er sich -plötzlich bewußt in diesem Augenblick seiner großen Begeisterung. - -Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen -Augenblick vergessen ... „Jemand hat in dieser Stunde meine Seele -heimgesucht,“ sagte er in festem Glauben an seine Worte ... - -Nach drei Tagen verließ er das Kloster, gehorsam den Worten seines -verstorbenen Staretz, der ihm befohlen hatte, „in der Welt zu leben“. - - - - - Achtes Buch. Mitjä - - - I. - Kusjma Ssamssonoff - -Dmitrij Fedorowitsch, dem Gruschenka „vor ihrem Flug ins neue Leben“ als -letzten Gruß zu überbringen befohlen hatte, daß er „ewig dieses -Stündchens ihrer Liebe“ gedenken solle, war zur selben Zeit, ohne von -ihrem Vorhaben etwas zu ahnen, gleichfalls in großer Unruhe und Sorge. -In den zwei letzten Tagen hatte er sich in einem unbeschreiblichen -Zustande befunden, so daß es tatsächlich zu der „Gehirnentzündung“ hätte -kommen können, an die er in manchen Augenblicken schon fest glaubte. Am -Tage vorher hatte Aljoscha ihn vergeblich gesucht, und auch Iwan hatte -ihn vergeblich im Gasthaus erwartet. Mitjäs Hauswirte verheimlichten auf -seinen Befehl alles, was sich auf ihn bezog. Er aber trieb sich in -diesen zwei Tagen überall herum. Er „kämpfte mit seinem Schicksal, um -sich zu retten“, wie er sich später ausdrückte. Er verließ in einer -dringenden Angelegenheit sogar die Stadt, obgleich es ihm schrecklich -war, Gruschenka auch nur eine Stunde außer Aufsicht lassen zu müssen. -Ich will nur die notwendigsten Tatsachen aus der Geschichte dieser Tage -angeben; es waren dies die beiden letzten Tage vor jener furchtbaren -Katastrophe, die so entscheidend in sein Leben eingreifen sollte. - -Wenn es auch wahr ist, daß Gruschenka ihn ein Stündchen lang aufrichtig -geliebt hatte, so hatte sie ihn doch zu gleicher Zeit wahrhaft grausam -und schonungslos gequält; die größte Qual bestand aber für ihn darin, -daß er ihre Absichten nicht erraten konnte. Sie im Guten oder mit Gewalt -zu etwas zu bewegen, war gleichfalls unmöglich: sie hätte sich ihm auf -diese Weise niemals ergeben, und sich, vielleicht auf immer erzürnt, -ganz von ihm abgewandt, – das begriff er damals nur zu gut. Dabei fühlte -er ganz richtig, daß sie sich selbst in einem Kampf, in einer seltsamen -Unentschlossenheit befand, daß sie sich zu etwas entschließen wollte und -doch nicht konnte – und darum ahnte er ganz mit Recht, und sein Herz -stand ihm still bei diesem Gedanken, daß Gruschenka in manchen -Augenblicken ihn und seine Leidenschaft geradezu hassen mußte. So war es -denn auch. Warum jedoch Gruschenka trauerte, das konnte er nicht -verstehen. Er glaubte, es handele sich für sie nur um die Frage, für wen -sie sich entschließen sollte: für ihn, Mitjä, oder für Fedor -Pawlowitsch. Hier muß noch auf eine auffallende Tatsache hingewiesen -werden: Mitjä war fest überzeugt, daß Fedor Pawlowitsch durchaus -Gruschenka eine rechtmäßige Ehe antragen werde (wenn er es nicht schon -getan hatte), und glaubte keine Minute daran, daß der alte Wollüstling -im Ernst nur mit dreitausend Rubeln davonzukommen hoffte. Darum konnte -ihm aber auch zuzeiten scheinen, daß alle Qual Gruschenkas und ihre -ganze Unentschlossenheit nur davon herrühre, daß sie nicht wußte, wen -von beiden sie wählen sollte, und wer von ihnen für sie vorteilhafter -sei. Sonderbar war nur, daß er die bevorstehende Rückkehr „des -Offiziers“, jenes in Gruschenkas Leben so bedeutungsvollen Menschen, den -sie mit solcher Aufregung und Furcht erwartete, überhaupt nicht -beachtete und in diesen Tagen nicht einmal an ihn dachte. Auch -Gruschenka hatte in den letzten Tagen ganz darüber geschwiegen. Indessen -wußte er davon: Gruschenka selbst hatte ihm vor einem Monat von diesem -Brief erzählt, und zum Teil war ihm sogar der Inhalt des Schreibens -bekannt. Damals hatte Gruschenka in einem Augenblick gereizter Bosheit -Mitjä diesen Brief gezeigt. Doch zu ihrer Verwunderung hatte diese -Nachricht schon damals auf ihn fast überhaupt keinen Eindruck gemacht. -Warum sie es nicht tat, ist sehr schwer zu erklären: vielleicht einfach -darum nicht, weil Mitjä, der durch den schrecklichen Kampf mit seinem -leiblichen Vater um dieses Weib niedergedrückt war, sich nichts -Gefährlicheres und Schrecklicheres, als was er bereits vor Augen hatte, -mehr vorstellen konnte. An einen Bräutigam, der plötzlich nach -fünfjähriger Abwesenheit wieder auftauchte, konnte er einfach nicht -glauben, und besonders daran nicht, daß der Betreffende nun bald -tatsächlich erscheinen sollte. Außerdem war im ersten Brief dieses -„Offiziers“, den Gruschenka Mitjä gezeigt hatte, die Ankunft desselben -nur ganz unbestimmt angedeutet gewesen. Der Brief war sehr unklar, sehr -hochtrabend verfaßt, und hatte eigentlich nichts anderes enthalten, als -verschnörkelte Redewendungen. Ich muß dazu bemerken, daß Gruschenka die -letzten Zeilen des Briefes, in denen etwas Bestimmteres über seine -Wiederkehr gesagt war, verheimlicht hatte. Außerdem erinnerte sich Mitjä -noch später, daß auf Gruschenkas Gesicht sich unwillkürlich stolze -Verachtung ob dieser Nachricht aus Sibirien ausgedrückt hatte – -wenigstens glaubte er so etwas damals bemerkt zu haben. Auch hatte ihm -Gruschenka von ihren näheren Beziehungen zu diesem neuen Nebenbuhler -nichts mitgeteilt. Auf diese Weise vergaß er denn den Offizier -allmählich vollständig. Er dachte nur daran, daß es, wie die Sache sich -auch wenden sollte, doch unvermeidlich, und zwar sehr bald, zu einem -entscheidenden Zusammenstoß zwischen Fedor Pawlowitsch und ihm kommen -werde, und da von diesem Zusammenstoß zweifellos Gruschenkas -Entscheidung abhing, so ersehnte er ihn ebenso ungeduldig, wie er ihn -fürchtete. So erwartete er denn in unerträglicher Qual jeden Augenblick -den Entschluß Gruschenkas, und glaubte immer noch, daß er ganz plötzlich -und in höherer Eingebung erfolgen werde. – Vielleicht würde sie ihm -plötzlich sagen: „Nimm mich, ich gehöre dir auf ewig,“ und alles hätte -dann ein Ende. Er würde sie dann nehmen und sofort ans andere Ende der -Welt bringen. Oh, so weit, so weit als möglich würde er sie fortbringen, -wenn auch nicht ans Ende der Welt, so doch mindestens ans andere Ende -Rußlands. Er würde sich dort unverzüglich mit ihr trauen lassen und sich -ungekannt und ungenannt ansiedeln, so daß niemand etwas von ihnen wußte, -weder hier, noch dort, noch sonstwo. Dann, oh, dann, beginnt sofort ein -neues Leben! Von diesem anderen, erneuten und unbedingt „tugendhaften“ -Leben („durchaus, durchaus tugendhaft!“) träumte er ununterbrochen und -wie in Verzückung. Er sehnte sich nach solcher Auferstehung und nach -jenem neuen Leben. In diesem „unreinen Pfuhl“, in den er durch seinen -eigenen Willen geraten war, ekelte es ihn dermaßen, daß er, wie sehr -viele in solchen Fällen, mit der Veränderung des Wohnortes alles zu -verändern glaubte. Nur nicht diese Menschen, nur nicht diese -Verhältnisse, nur fort von diesem verfluchten Ort und – alles wird -wiedergeboren werden, alles wird von neuem beginnen! Daran glaubte er -unerschütterlich, und das war es, wonach er sich sehnte. - -Aber dies alles war nur im Falle einer glücklichen Lösung des ganzen -Gruschenka-Problems möglich. Es konnte aber auch eine andere, eine -schreckliche Lösung bevorstehen. Wie, wenn sie ihm plötzlich sagte: „Geh -fort, ich habe mich soeben für Fedor Pawlowitsch entschieden, ich werde -ihn heiraten, dich habe ich nicht nötig.“ Was dann? ... Mitjä wußte -übrigens nicht, was dann sein werde, bis zur letzten Stunde wußte er es -nicht, das muß zu seiner Verteidigung gesagt sein. Irgendwelche -bestimmte Absichten hatte er nicht, an ein Verbrechen dachte er auch -nicht. Er ließ sie nur nicht aus den Augen; er spionierte und quälte -sich, oder aber – er bereitete sich auf den glücklichen Ausgang vor. -Jeden anderen Gedanken verscheuchte er ganz. Und nun kam für ihn noch -eine neue Qual hinzu: es erhob sich eine neue, nebensächlichere, doch -gleichfalls verhängnisvolle Sorge. - -Wenn sie ihm nämlich sagte: „Ich bin dein, bringe mich fort von hier,“ -wie sollte er sie dann fortbringen? Wo hatte er die Mittel dazu, das -Geld? Gerade in diesen Tagen waren seine Einkünfte, die aus den -Abzahlungen Fedor Pawlowitschs bestanden, und die er ununterbrochen im -Laufe so vieler Jahre erhalten hatte, völlig versiegt. Allerdings hatte -ja Gruschenka Geld, aber Mitjä war in dieser Hinsicht mehr als stolz. -Mit seinen eigenen Mitteln wollte er sie fortführen und das neue Leben -beginnen, nicht mit ihren. Er vermochte sich nicht einmal vorzustellen, -daß er von ihr Geld annehmen könnte, und litt bei dem Gedanken die -schrecklichsten Qualen. Über diesen wunden Punkt werde ich mich weiter -nicht verbreiten und ihn auch nicht weiter untersuchen; ich will nur -gesagt haben, welcher Art seine Seelenverfassung in diesen Tagen war. -Vielleicht kam sie, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, von den Qualen -seiner geheimen Gewissensbisse um das entwendete Geld Katerina Iwanownas -her. In den Augen der einen bin ich schon ein Schuft, soll ich es auch -noch in den Augen der anderen werden? dachte er damals, wie er selbst -später gestand. „Ja, wenn Gruschenka das erfährt, so wird sie nichts von -einem solchen Schufte wissen wollen. Woher aber nun die Mittel nehmen, -wie sich dieses verhängnisvolle Geld verschaffen? Nichts wird -zustandekommen, alles werde ich verlieren, und einzig und allein darum, -weil ich kein Geld habe! Oh, Schmach!“ - -Ich muß hier vorgreifen: Das war es ja, daß er vielleicht wußte, wo -dieses Geld zu haben war, vielleicht sogar wußte, wo es lag! -Ausführlicheres darüber werde ich dieses Mal noch nicht sagen, das wird -sich später von selbst ergeben. Doch worin sein Hauptunglück bestand, -darüber will ich, wenn er sich auch der Ursache desselben nicht ganz -bewußt war, wenigstens meine Meinung äußern. Um diese irgendwo liegenden -Mittel nehmen zu können, um _das Recht zu haben_, sie zu nehmen, war es -unbedingt nötig, die Dreitausend Katerina Iwanowna zurückzuerstatten, – -„sonst bin ich ein Taschendieb, ein Schuft, und mein neues Leben will -ich nicht als Schuft beginnen.“ Das waren Mitjäs Gefühle, und darum -beschloß er auch, wenn es sein müßte, die ganze Welt umzudrehen, doch -diese Dreitausend Katerina Iwanowna unter allen Umständen zurückzugeben, -was es auch koste. Den endgültigen Entschluß faßte er erst in den -letzten Stunden, nämlich nach seinem letzten Gespräch mit Aljoscha, am -Abend auf dem Wege zum Kloster, nachdem Gruschenka Katerina Iwanowna -beleidigt hatte. Mitjä hatte nach der Erzählung Aljoschas sofort -eingesehen, daß er wirklich als „Schuft“ gehandelt hatte, und befohlen, -Katerina Iwanowna zu sagen, daß er die Bezeichnung annehme, „wenn das -sie trösten könne“. Als er in dieser Nacht vom Bruder fortgegangen war, -hatte er sich in seiner Verzweiflung gesagt, daß es für ihn besser wäre, -„jemanden zu erschlagen, zu berauben, doch unbedingt die Schuld an Katjä -zu tilgen“. „Mag ich lieber vor dem Toten und Geplünderten als Mörder -und Dieb dastehen, und vor allen Menschen, – lieber will ich nach -Sibirien geschickt werden, als daß ich Katjä das Recht gebe, von mir zu -sagen, daß ich sie betrogen, ihr Geld gestohlen, und daß ich mit ihrem -Geld Gruschenka entführt und ein neues Leben begonnen habe! Das kann ich -nicht ertragen!“ So dachte Mitjä wutknirschend und glaubte, wie erwähnt, -nicht ohne Grund, daß es zu jener „Gehirnentzündung“ kommen werde. -Einstweilen aber kämpfte er noch ... - -Sonderbar: schien es doch, daß ihm bei einem solchen Entschluß außer -Verzweiflung nichts anderes übrigblieb; denn wo sollte er plötzlich -dieses Geld hernehmen, ein Hungerleider wie er? Trotzdem aber glaubte -und hoffte er bis zum Schluß, hoffte er die ganze Zeit über, daß er -diese Dreitausend erhalten werde, daß sie, wenn nichts anders, ihm vom -Himmel in den Schoß fallen würden. So aber ergeht es allen, die, wie -Dmitrij Fedorowitsch, in ihrem Leben nur Geld verausgabt und ein durch -Erbschaft und ohne Mühe erhaltenes Geld verschwendet haben, davon aber, -wie man Geld verdient, sich überhaupt keine Vorstellung machen können. - -Nachdem er Aljoscha damals verlassen hatte, waren ihm die -phantastischsten Gedanken wie ein Sturmwind durch den Kopf gezogen. So -kam es denn, daß er mit dem allerunglaublichsten Unternehmen anfing. Ja, -es kommt vor, daß solchen Leuten in solcher Lage die phantastischsten -Unternehmungen gerade die möglichsten scheinen. Er entschloß sich -plötzlich, zum Kaufmann Ssamssonoff, dem Protektor Gruschenkas, zu -gehen, und ihm einen Plan vorzulegen, um sich auf diese Weise sofort das -nötige Geld zu verschaffen. Den kommerziellen Wert seines Projektes -bezweifelte er nicht im mindesten. Was ihn peinlich beschäftigte, war -viel mehr die eine Frage: wie der alte Ssamssonoff diesen Schritt -aufnehmen werde, wenn er ihn nicht ausschließlich von der kommerziellen -Seite betrachten sollte. Mitjä kannte diesen Kaufmann nur dem Ansehen -nach: bekannt mit ihm war er nicht, noch nie hatte er mit ihm -gesprochen. In Mitjä jedoch hatte sich schon lange die Überzeugung -festgesetzt, daß dieser alte Wollüstling, dessen Stunden bereits gezählt -waren, nichts dagegen haben würde, wenn Gruschenka einen „zuverlässigen -Menschen“ heiraten wollte, ja, daß er sogar selbst wünschen werde, ihr -dazu zu verhelfen, besonders wenn sich eine so gute Gelegenheit bot. -Nach dem Hörensagen oder aus einigen Worten Gruschenkas entnahm er wohl, -daß der Alte für Gruschenka Fedor Pawlowitsch vorgezogen hätte. -Vielleicht werden viele Leser meiner Erzählung diese Hoffnung Mitjäs auf -eine solche Hilfe und die Absicht, die Braut gewissermaßen aus den -Händen ihres früheren Beschützers zu empfangen, sehr wenig feinfühlig -von Dmitrij Fedorowitsch finden. Ich kann dazu nur eines bemerken: daß -die Vergangenheit Gruschenkas von ihm als etwas ganz Abgetanes angesehen -wurde. Er sah auf diese Vergangenheit mit unendlichem Mitleid, und in -der Glut seiner Leidenschaft glaubte er, daß von dem Augenblick an, wenn -Gruschenka ihm sagen werde, daß sie ihn liebe und mit ihm gehen wolle, -sofort eine andere Gruschenka und er zusammen mit ihr gleichfalls ein -anderer Dmitrij Fedorowitsch sein würde, ohne alle Laster und nur noch -mit Tugenden begabt; beide würden sie einander alles vergeben und ihr -Leben ganz von neuem beginnen. Was aber Kusjma Ssamssonoff anbelangt, so -zählte er ihn zu den „verhängnisvollen“ Menschen in Gruschenkas früherem -verunglückten Leben, den sie indessen nie geliebt hatte, und der – und -dies war die Hauptsache – auch schon „Vergangenheit“ war, so daß er für -ihn überhaupt nicht mehr da zu sein schien. Und außerdem konnte ihn -Mitjä jetzt auch gar nicht mehr für einen Mann halten: wußte doch -jedermann in der Stadt, daß die Beziehungen dieser „Ruine“ zu Gruschenka -nur noch väterlicher Art und durchaus nicht mehr die von früher waren, -und zwar schon lange nicht mehr, fast schon seit einem Jahr. Jedenfalls -war von seiten Mitjäs viel Herzenseinfalt dabei, denn bei all seinen -Lastern war er doch ein gutmütiger Mensch. Infolge dieser Herzenseinfalt -war er denn auch unter anderem fest überzeugt, daß der alte Kusjma, -jetzt, da er sich vorbereitete, in die andere Welt abzugehen, -aufrichtige Reue wegen seiner Vergangenheit mit Gruschenka empfände, und -daß Gruschenka nun keinen besseren Gönner, noch zuverlässigeren Freund -haben könnte als gerade diesen harmlos gewordenen Alten. - -Am Tage nach seinem Gespräch mit Aljoscha auf dem Felde (nach welchem -Mitjä die ganze Nacht nicht hatte schlafen können), erschien er um zehn -Uhr morgens im Hause Ssamssonoffs und ließ sich bei ihm anmelden. Es war -ein altes, düsteres, sehr großes, zweistöckiges Haus mit einem Anbau und -Nebengebäuden auf dem Hof. In der unteren Etage lebten die beiden -verheirateten Söhne Ssamssonoffs mit ihren Familien, eine alte Schwester -von ihm und eine unverheiratete Tochter. Im Anbau des Hauses waren zwei -seiner Kommis untergebracht, von denen einer wiederum Vater einer -zahlreichen Familie war. Alle diese Familien lebten eingeengt und -eingezwängt in ihren kleinen Wohnungen, doch den ganzen oberen Stock -seines Hauses bewohnte der Alte allein und erlaubte nicht einmal, daß -seine Tochter bei ihm wohnte, die ihn pflegte, und zu bestimmten Stunden -und auf die immerwährenden Rufe jedesmal zu ihm von unten nach oben -laufen mußte, ungeachtet ihrer schwachen Brust. Dieser obere Stock -bestand aus einer Menge großer Paradezimmer, die auf alte, kaufmännische -Art ausgestattet waren: mit langen, langweiligen Reihen plumper -angestrichener Sessel und Stühle aus rotem Holz an den Wänden, mit -kristallenen Kronleuchtern in Überzügen, mit alten, trüben Spiegeln -zwischen den Fenstern. Alle diese Zimmer waren unbewohnt, denn der -kranke Alte hatte sich in ein einziges kleines Zimmer zurückgezogen, in -ein abgelegenes, kleines Schlafzimmer, wo ihm eine alte Magd, die ihre -Haare mit einem Tuch umwickelt trug, und ein Bursche, der auf der Truhe -im Vorzimmer schlief, aufwarteten. Wegen seiner geschwollenen Füße -konnte der Alte überhaupt nicht mehr allein gehen und erhob sich daher -sehr selten aus seinem Ledersessel; die Alte, die ihm aufstehen half, -führte ihn dann ein- oder zweimal durch das Zimmer. Er war streng und -wortkarg; selbst mit der Alten sprach er kaum. Als man ihm den -„Hauptmann“, wie der Alte Dmitrij Fedorowitsch zu nennen pflegte, -meldete, befahl er, ihn abzuweisen. Aber Mitjä bestand darauf und bat, -ihn noch einmal anzumelden. Kusjma Kusjmitsch erkundigte sich -ausführlich beim Burschen nach dem Besuch: „Wie sieht er aus? Ist er -nicht betrunken? Ist er vielleicht aufgebracht?“ und erhielt zur -Antwort, daß er „nüchtern“ sei, aber auf keinen Fall fortgehen wolle. -Der Alte befahl, ihn noch einmal abzuweisen. Da schrieb Mitjä, der das -alles vorausgesehen und sich für den Fall mit Bleistift und Papier -versorgt hatte, auf eine Karte: „In einer sehr dringlichen -Angelegenheit, die Agrafena Alexandrowna betrifft,“ und schickte sie dem -Alten. Nach einigem Nachdenken befahl der Alte dem Burschen, den Gast in -den Saal zu führen; die Alte aber schickte er zum jüngeren Sohn nach -unten, mit der Weisung, der möge sofort sich zu ihm nach oben begeben. -Dieser jüngere Sohn, ein Mann von fast sieben Fuß Länge und von -außergewöhnlicher Kraft, mit glattrasiertem Gesicht und in deutscher -Kleidung (Ssamssonoff selbst trug einen russischen Leibrock und einen -langen Bart), erschien sofort und ohne ein Wort zu reden. Alle zitterten -sie vor dem Vater. Der Vater hatte den jungen Mann nicht etwa aus Furcht -vor dem „Hauptmann“ rufen lassen, denn er war nichts weniger als -furchtsam, sondern vielmehr, um auf jeden Fall einen Zeugen zugegen zu -haben. In Begleitung des Sohnes und des Burschen, die ihn unter den -Armen gestützt hielten, erschien der Alte endlich im Saal. Man sollte -meinen, daß auch er eine genügend starke Neugier empfinden mußte. Der -Saal, in dem Mitjä wartete, war ein sehr großes, dunkles, die Seele des -Menschen bedrückendes Gemach, mit zwei übereinanderliegenden -Fensterreihen und mit einer Galerie; die Wände waren marmorartig bemalt, -und an der Decke hingen drei große Kristall-Kronleuchter in Überzügen. -Mitjä saß auf einem kleinen Stuhl neben der Tür und wartete in nervöser -Ungeduld. Als der Alte in der gegenüberliegenden großen Tür erschien, -sprang Mitjä sofort vom Stuhl auf und ging ihm mit seinen festen -Offiziersschritten entgegen. Er war gut gekleidet: in zugeknöpftem -Gehrock, einen schwarzen, englischen Hut in der Hand und in schwarzen -Handschuhen, fast genau so, wie er am Tage vorher beim Staretz zur -Familienversammlung erschienen war. Der Alte erwartete ihn stehend, -würdig und streng, und Mitjä fühlte sofort, daß jener ihn, solange er -auf ihn zuging, musternd betrachtete. Das Gesicht Kusjma Kusjmitschs war -in der letzten Zeit ganz aufgeschwollen und setzte Mitjä etwas in -Erstaunen: seine untere und ohnehin schon dicke Lippe glich jetzt -geradezu einem hängenden, dicken Fleischlappen. Würdig und schweigend -verneigte er sich vor dem Gast und wies ihm einen Sessel neben dem Diwan -an; er selbst aber ließ sich – von seinem Sohne gestützt und schwer -ächzend – Mitjä gegenüber auf dem Diwan nieder. Mitjä empfand, als er -die Anstrengung des Alten sah, in seinem Herzen sofort etwas wie -zartfühlende Reue wegen seiner Belästigung eines so würdigen, kranken -Greises. - -„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr,“ fragte endlich der -Alte, nachdem er sich gesetzt hatte, langsam, deutlich, streng, doch in -höflichem Tone. - -Mitjä fuhr zusammen und wollte schon vom Stuhl aufspringen, besann sich -aber und blieb sitzen. Darauf fing er sofort mit lauter Stimme, sich -überstürzend, mit unruhigen Gesten und in großer Aufregung zu reden an. -Es war, wie wenn ein Mensch an der letzten Grenze angelangt ist, -unmittelbar vor dem Untergang steht und noch einen letzten Ausweg sucht, -– gelingt es ihm nicht, ihn zu finden, so springt er sofort ins Wasser. -Alles das begriff der alte Ssamssonoff sofort, doch sein Gesicht blieb -unveränderlich und kalt wie das eines Götzenbildes. Mitjä wußte nicht -recht, wie er ihn anreden sollte. - -„Der sehr geehrte Kusjma Kusjmitsch,“ begann er endlich, „wird wohl -schon oft genug von meinen Streitigkeiten mit meinem Vater, Fedor -Pawlowitsch Karamasoff, gehört haben, der mich des Erbes meiner -leiblichen Mutter beraubt hat ... da ja die ganze Stadt davon spricht -... denn hier reden doch alle von Dingen, die sie nichts angehen ... -Außerdem hätten Sie von Gruschenka ... pardon: von Agrafena Alexandrowna -... der von mir hochgeehrten und hochgeachteten Agrafena Alexandrowna -...“ So begann Mitjä und verwirrte sich schon bei den ersten Worten. -Doch ich will hier nicht seine ganze Rede wortwörtlich wiederholen, -sondern nur den Inhalt derselben. Zunächst ging’s folgendermaßen weiter: -Mitjä hätte sich schon vor drei Monaten „absichtlich“ mit einem -Advokaten aus der Gouvernementsstadt beraten, „mit dem berühmten -Advokaten Pawel Pawlowitsch Korneplodoff. Sie werden diesen Namen -wahrscheinlich schon gehört haben? Ein kluger Kopf, ein fast -staatsmännischer Verstand ... er kennt Sie ... er hat Ihrer im besten -Sinne erwähnt ...“ Mitjä verlor schon wieder den Faden. Aber das hielt -ihn nicht im geringsten auf, er überhastete sich und strebte immer -weiter. Dieser Korneplodoff hätte nun, nachdem er die Dokumente, die -Mitjä ihm stellen konnte, zur Durchsicht verlangt (von den Dokumenten -sprach Mitjä sehr unklar, und er beeilte sich offenbar, über diesen -Punkt hinwegzukommen), ihm gesagt, daß man in betreff des Gutes -Tschermaschnjä, das Mitjä mütterlicherseits zukam, tatsächlich einen -Prozeß gegen den alten Lüstling beginnen könne ... „denn es sind doch -nicht alle Türen verschlossen! Wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht -die Juristen, wo man durchschlüpfen kann!“ Mit einem Wort, man könne -noch auf eine Abzahlung von sechstausend, sogar siebentausend Rubel von -seiten Fedor Pawlowitschs hoffen. Denn Tschermaschnjä sei immerhin nicht -weniger als fünfundzwanzigtausend wert, „das heißt achtundzwanzig – was -sage ich –, dreißig, dreißigtausend, Kusjma Kusjmitsch, und denken Sie -sich doch, ich hab nur siebzehntausend von ihm ausgezahlt erhalten! ... -Ich habe die Sache damals nur deswegen liegen lassen, weil ich nichts -mit dem Gericht zu tun haben wollte, doch als ich herkam, fiel ich -geradezu aus den Wolken: Er bereitete eine Gegenklage vor!“ (Hier -verwirrte sich Mitjä von neuem und übersprang daher auch diesen Punkt.) -„Mit einem Wort, wollen Sie vielleicht, sehr geehrter Kusjma Kusjmitsch, -alle meine Ansprüche auf dieses Gut übernehmen, und mir dafür nur -dreitausend Rubel geben ... Sie können dabei in keinem Falle etwas -verlieren, dessen versichere ich Sie bei meiner Ehre, sondern Sie können -statt dreitausend, sechs- bis siebentausend gewinnen ... Die Hauptsache -ist aber, daß man die Sache so schnell als möglich erledigt, wenn -möglich sogar heute schon ... Ich werde Ihnen beim Notar, oder wie da -... Mit einem Wort, ich bin zu allem bereit, ich werde Ihnen alle -Dokumente einhändigen, die Sie nur wollen, alles unterschreiben ... und -wir würden dieses Papier sofort aufsetzen, und wenn es nur möglich, ja -wenn es nur irgend möglich ist, sogleich heute alles erledigen ... Sie -würden mir die Dreitausend geben ... Denn welcher Kapitalist hier in der -Stadt könnte sich mit Ihnen messen? ... und Sie würden mich retten vor -... mit einem Wort, Sie würden meinen Kopf retten, um einer hochherzigen -... Ich hege die edelsten Gefühle zu einer gewissen Dame, die Sie nur zu -gut kennen, und die Sie väterlich beschützen. Es sind hier, wenn Sie -wollen, drei mit den Köpfen zusammengestoßen, denn das Schicksal – das -ist etwas Grausames! Der Realismus, Kusjma Kusjmitsch, der Realismus! Da -man Sie aber schon seit langem ausschließen muß, so bleiben nur noch -zwei Köpfe ... pardon, ich drücke mich vielleicht nicht ganz geschickt -aus ... ich bin kein Literat. Das heißt, der eine Kopf, das bin ich, und -der andere – das ist das Ungeheuer! Und so wählen Sie denn. Alles liegt -jetzt in Ihren Händen ... drei Schicksale und zwei Lose ... Verzeihen -Sie, ich habe mich versprochen ... doch Sie verstehen schon ... ich sehe -es an Ihren ehrwürdigen Augen, daß Sie verstanden haben ... Wenn Sie -aber nicht verstehen wollen, so ist es heute noch aus mit mir!“ - -Mitjä hielt plötzlich in seiner sinnlosen Rede inne und erwartete eine -Antwort auf seinen dummen Vorschlag. Bei der letzten Phrase hatte er -plötzlich gefühlt, daß nun alles verloren war – und hauptsächlich, daß -er einen schrecklichen Unsinn zusammengesprochen hatte. „Sonderbar, als -ich herkam, schien mir alles so klar und gut, und jetzt ist alles -Unsinn!“ ging es ihm plötzlich durch seinen hoffnungslosen Kopf. Die -ganze Zeit, während er sprach, saß der Alte unbeweglich da und -beobachtete ihn mit einem eisigen Ausdruck. Nachdem er ihn eine Weile -auf seine Antwort hatte warten lassen, sagte er endlich im kühlsten und -teilnahmlosesten Tone: - -„Entschuldigen Sie, aber mit solchen Sachen befassen wir uns nicht.“ - -Mitjä fühlte, daß seine Füße schwach wurden. - -„Was soll ich jetzt tun, Kusjma Kusjmitsch?“ murmelte er erblassend. -„Was glauben Sie, jetzt bin ich doch verloren?“ - -„Entschuldigen Sie ...“ - -Mitjä stand noch immer da und starrte vor sich hin, und plötzlich -bemerkte er, daß im Gesicht des Alten etwas zuckte. Er schrak zusammen. - -„Sehen Sie, mein Herr, solche Sachen – passen mir nicht,“ sagte langsam -der Alte, „mit dem Gericht und mit den Advokaten, das ist das reine -Unglück! Doch wenn Sie wollen, ich kenne einen Menschen, an den Sie sich -damit wenden könnten ...“ - -„Mein Gott, wer ist das? ... Sie retten mich, Kusjma Kusjmitsch!“ -stotterte Mitjä. - -„Er ist kein Hiesiger, und auch jetzt befindet er sich nicht hier. Er -ist Bauer, handelt mit Wald und heißt Ljägawyj. Mit Fedor Pawlowitsch -verhandelt er schon ein Jahr lang wegen des Waldes von Tschermaschnjä; -sie können mit dem Preis nicht übereinkommen, wie Sie vielleicht gehört -haben. Jetzt ist er wieder hergekommen und hält sich beim Popen -Iljinskij auf, zwölf Werst von der Station Wolowje entfernt, im Dorfe -Iljinskoje. Er hat auch an mich in dieser Angelegenheit geschrieben, das -heißt, er hat mich wegen des Waldes um Rat gefragt. Fedor Pawlowitsch -wollte selbst hinfahren. Wenn Sie jetzt Fedor Pawlowitsch zuvorkommen -und dem Ljägawyj dasselbe vorschlagen, was Sie mir vorgeschlagen haben, -so könnte er ...“ - -„Ein genialer Gedanke!“ unterbrach ihn Mitjä begeistert. „Gerade ihm, -gerade ihm muß man das in die Hand geben! Er will den Wald kaufen, man -verlangt einen hohen Preis von ihm, und da, da gibt man ihm ein Dokument -mit dem Anrecht auf den ganzen Besitz in die Hände, hahaha!“ Und Mitjä -lachte plötzlich sein trockenes, kurzes Lachen, und zwar so unerwartet, -daß Ssamssonoff mit dem Kopf zurückzuckte. - -„Wie soll ich Ihnen dafür danken, Kusjma Kusjmitsch!“ stieß Mitjä -aufgeregt hervor. - -„Ich bitte, nicht der Mühe wert,“ erwiderte Ssamssonoff mit einem -Kopfneigen. - -„Sie wissen gar nicht, Sie haben mich gerettet, mein Vorgefühl hat mich -zu Ihnen geführt ... Also, auf zu diesem Popen! Ich eile, ich fliege -sofort ... Ich habe auf Ihre Krankheit keine Rücksicht genommen ... Aber -ich werde es Ihnen nie vergessen! Ein russischer Mensch sagt Ihnen das, -Kusjma Kusjmitsch, ein russischer Mensch!“ - -„Sehr wohl.“ - -Mitjä wollte bereits die Hand des Alten ergreifen, um sie zu schütteln, -doch etwas Böses blitzte in dessen Augen auf. Mitjä ließ seine Hand -sinken, machte sich aber seines Argwohns wegen sofort Vorwürfe. „Er ist -ermüdet ...“ ging es ihm durch den Sinn. - -„Für sie! Für sie! Kusjma Kusjmitsch! Sie verstehen mich doch, alles ist -ja für sie!“ rief er plötzlich laut durch den ganzen Saal, verbeugte -sich, drehte sich auf dem Hacken hastig um und ging mit denselben -raschen, gleichmäßigen Schritten, ohne sich umzukehren, dem Ausgang zu. -Er zitterte vor Begeisterung. „Alles war schon verloren, da hat mich -mein Schutzengel gerettet! ... Und wenn schon selbst solch ein -Geschäftsmann wie dieser Alte –, welch ein edler Greis, welch eine -Haltung! – mir diesen Ausweg zeigt, so ... so ist doch wenigstens schon -der Weg gefunden! Ich werde sofort hinfahren. Vor der Nacht bin ich dann -wieder zurück, und die Sache ist erledigt. Der Alte hat sich doch nicht -über mich lustig machen wollen?“ So dachte Mitjä bei sich, als er in -seine Wohnung eilte. Es konnte ihm auch gar nicht anders scheinen: -entweder, es war ein sachlicher Rat (von solch einem Geschäftsmann!) mit -Sachkenntnis gegeben, oder – oder aber der Alte hatte sich wirklich über -ihn lustig gemacht! Leider war der zweite Gedanke der richtige. Später, -lange nachher, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand -der alte Ssamssonoff selbst lachend, daß er sich über den „Hauptmann“ -tatsächlich lustig gemacht hatte. Er war ein böswilliger, kalter und -höhnischer Mensch, und dazu war er noch voller krankhafter Abneigungen. -Die begeisterte Stimmung des „Hauptmanns“, die dumme Überzeugung dieses -„Verschwenders und Verschleuderers“, daß er, Ssamssonoff, auf so einen -„wilden Plan“ hereinfallen könnte, die Eifersucht wegen Gruschenka, um -derentwillen dieser „Herumtreiber“ zu ihm gekommen war, um für -irgendeinen wilden Blödsinn Geld zu erhalten – ich weiß nicht, was in -dem Alten in jenem Augenblick aufstieg, als Mitjä vor ihm stand und -fühlte, daß seine Füße schwach wurden, und er sinnlos ausrief, daß er -verloren sei: aber in dieser Minute sah der Greis mit unendlicher Wut -auf ihn und nahm sich vor, ihn zum besten zu haben. Als Mitjä -hinausgegangen war, befahl Kusjma Kusjmitsch, bleich vor Zorn, seinem -Sohn, dafür zu sorgen, daß von diesem Herumtreiber hinfort selbst nicht -der Schatten mehr vor seine Augen komme, nicht einmal auf den Hof solle -man ihn lassen, geschweige denn ... - -Er beendete seine Drohung nicht, doch der Sohn, der ihn oft im Zorn -gesehen hatte, erzitterte vor Furcht, denn so war der Vater noch nie -gewesen. Noch eine ganze Stunde nachher bebte der Alte vor Wut, und zum -Abend hin erkrankte er und schickte nach dem Arzt. - - - II. - Ljägawyj - -So mußte sich Mitjä denn aufmachen, doch Geld, um die Pferde -zu bezahlen, besaß er nicht: im ganzen hatte er noch zwei -Zwanzigkopekenstücke, das war aber auch alles, was ihm von seinem -früheren Wohlstande verblieben war. Aber bei ihm zu Haus lag noch eine -alte silberne Uhr, die schon längst zu gehen aufgehört hatte. Er nahm -sie und brachte sie zu einem Uhrmacher, einem Juden, der seinen kleinen -Laden am Markt hatte. Der gab für sie sechs Rubel. „So viel? Das hatte -ich gar nicht erwartet!“ rief Mitjä entzückt aus (er war die ganze Zeit -über noch begeistert), steckte sich die sechs Rubel ein und eilte nach -Haus. Zu Hause borgte er von seinen Hauswirten noch drei Rubel dazu; sie -gaben sie ihm mit Vergnügen, ungeachtet dessen, daß es ihr letztes Geld -war – so sehr liebten sie ihn. Mitjä erzählte ihnen sofort in seiner -Begeisterung, daß sein Schicksal sich jetzt entscheiden werde, erzählte -ihnen in großer Eile fast seinen ganzen „Plan“, den er soeben noch -Ssamssonoff vorgelegt hatte, darauf den Rat Ssamssonoffs, alle seine -Hoffnungen usw. usw. Die Hauswirte waren auch schon früher in viele -seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn als einen zu -ihnen Gehörigen, und durchaus nicht als stolzen Herrn Leutnant. Nachdem -er auf diese Weise also neun Rubel zusammengebracht hatte, schickte er -nach Postpferden, um zur Station Wolowje zu fahren. Auf diese Weise -konnte später die Tatsache festgestellt werden, daß Mitjä „_am Tage vor -dem Ereignisse_ keinen Kopeken besessen hatte, und daß er, um sich das -Geld, das er zur Fahrt nötig hatte, zu verschaffen, seine Uhr verkauft -und drei Rubel von den Hauswirten geborgt hatte, und das alles vor -Zeugen.“ - -Ich hebe diese Tatsache schon jetzt hervor, später wird sich erklären, -warum ich es tue. - -Wenn nun Mitjä auch während der ganzen Fahrt bis zur Station Wolowje, -vor Freude darüber, daß jetzt endlich sich alles lösen und „alle diese -Gemeinheiten“ ein Ende nehmen würden, förmlich berauscht war, so -zitterte er trotz alledem vor Angst bei dem schrecklichen Gedanken: „Was -wird Gruschenka während meiner Abwesenheit tun? Wenn sie sich nun gerade -heute entschließt, zum Vater zu gehen?“ Darum hatte er ihr auch nicht -gesagt, daß er fortfahren werde und den Hauswirten strengstens verboten, -zu verraten, wohin er sich begeben hatte, falls jemand kommen sollte, um -nach ihm zu fragen. „Ich muß unbedingt, unbedingt noch heute abend -zurückkehren,“ sagte er sich immer wieder, „und diesen Ljägawyj müßte -man eigentlich mitschleppen, damit man alle Formalitäten sofort -erledigen kann ...“ So träumte Mitjä mit bangem Herzen, doch leider -sollten sich diese Träume nicht nach seinem „Plane“ verwirklichen. -Erstens: er verspätete sich, da er von der Station Wolowje einen -Nebenweg eingeschlagen hatte. Der Nebenweg war aber nicht zwölf, sondern -achtzehn Werst lang. Zweitens traf er den Iljinskijschen Popen nicht zu -Haus, da jener auf ein benachbartes Gut gefahren war. Als Mitjä ihm mit -seinen müdegejagten Pferden auf das Gut nachfuhr und ihn endlich fand, -wurde es schon Nacht. Das „Väterchen“, dem Äußeren nach ein bescheidener -und liebenswürdiger Mensch, erklärte sofort bereitwillig, daß dieser -Ljägawyj sich wohl zuerst bei ihm aufgehalten habe, doch jetzt sich in -Ssuchoj Possjolok, wo er Wald kaufe, beim Buschwächter befinde, und dort -in dessen Hütte übernachten werde. Auf die inständigen Bitten Mitjäs, -ihn sofort zu diesem Ljägawyj zu bringen und ihn dadurch zu „retten“, -weigerte sich das Väterchen zuerst, schließlich aber willigte es doch -ein, ihn nach Ssuchoj Possjolok zu führen, da es augenscheinlich selbst -eine große Neugierde empfand. Zum Unglück riet er aber Mitjä, mit ihm zu -Fuß dahin zu gehen, da es nur etwas mehr als eine Werst entfernt sei. -Mitjä, versteht sich, willigte sofort ein und ging mit seinen langen -Schritten drauflos, so daß das arme Väterchen fast hinter ihm herlaufen -mußte. Es war das noch kein alter, doch ein sehr vorsichtiger Mensch. -Mitjä sprach sofort wieder begeistert mit ihm über seine Pläne, -verlangte voll Unruhe seinen Rat in betreff Ljägawyjs und sprach -überhaupt den ganzen Weg. Das Väterchen hörte ihm aufmerksam zu, riet -ihm aber wenig. Auf die Fragen Mitjäs antwortete es ausweichend: „Ich -weiß es nicht, ich, ich weiß es nicht, wie soll ich das wissen“ usw. Als -Mitjä von seinen Streitigkeiten mit Fedor Pawlowitsch wegen seiner -Erbschaft erzählte, erschrak das Väterchen sogar, da es in irgendwelchen -Dingen von Fedor Pawlowitsch abhängig war. Mit Verwunderung fragte der -Pope übrigens Mitjä, warum er diesen Holzhändler Gorstkin „Ljägawyj“ -nannte, und er erklärte Mitjä ausführlich, daß jener, wenn er auch -Ljägawyj hieße, sich doch nicht Ljägawyj nenne; mit diesem Namen kränke -man ihn bis aufs Blut, und Mitjä solle ihn nur ja Gorstkin anreden, denn -sonst würde aus der Sache nichts werden, und „er würde Sie überhaupt -nicht anhören“, schloß das Väterchen. Mitjä war darüber sehr verwundert -und erklärte ihm, daß Ssamssonoff selbst jenen Holzhändler so genannt -habe! Als der Priester das hörte, brach er das Gespräch sofort ab, -obgleich es besser gewesen wäre, wenn er Mitjä seinen Verdacht -mitgeteilt hätte: daß Ssamssonoff, wenn er ihn zu diesem Bauer, als zu -„Ljägawyj“ geschickt hat, sich über ihn nur habe lustig machen wollen, -und daß dabei etwas nicht ganz in Ordnung sein müsse. Doch Mitjä hatte -keine Zeit, jetzt „an solche Kleinigkeiten“ zu denken. Er beeilte sich, -schritt weit aus, und erst, als er in Ssuchoj Possjolok angelangt war, -erriet er, daß sie nicht eine Werst, wohl aber drei Werst gegangen -waren; das ärgerte ihn ein wenig, aber er schwieg darüber. Sie traten in -die Hütte. Der Buschwächter, ein Bekannter des Väterchens, wohnte in der -einen Hälfte der Hütte, in der anderen, in der „guten Stube“, rechts vom -Flur, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in die gute Stube, -und es wurde für sie sofort ein Talglicht angezündet. Die Stube war -stark geheizt. Auf einem Tannenholztisch stand ein verlöschter Ssamowar, -ein Teebrett mit Tassen, eine geleerte Flasche Rum, ein fast geleerter -Liter Branntwein und Reste von Weizenbrot. Der Angereiste selbst lag -ausgestreckt auf einer Holzbank, hatte seinen zusammengerollten Überrock -statt eines Kissens unter den Kopf geschoben und schnarchte laut. Mitjä -war einen Augenblick unentschlossen. „Man muß ihn wecken! Meine -Angelegenheit ist zu wichtig, und ich habe es so eilig, ich muß heute -noch zurückfahren,“ sagte Mitjä in seiner Erregung; das Väterchen und -der Wächter standen dabei, schweigend, und keiner äußerte seine Meinung. -Mitjä ging zum Schlafenden und versuchte ihn zu wecken, rüttelte ihn -kräftig, aber der Schlafende wachte nicht auf. „Er ist betrunken!“ rief -Mitjä erschrocken aus, „was soll ich jetzt tun, mein Gott, was soll ich -jetzt tun!“ Und plötzlich begann er in seiner Ungeduld den Schlafenden -an den Händen und Füßen zu zerren, seinen Kopf zu schütteln, ihn -aufzuheben und auf die Bank zu setzen, doch seine ganze lange Liebesmüh -war umsonst: der Betrunkene brummte und grunzte nur und fing schließlich -an kräftig, wenn auch undeutlich zu schimpfen. - -„Nein, besser, Sie schieben es noch auf,“ sagte endlich das Väterchen, -„er ist augenblicklich nicht imstande ...“ - -„Er hat den ganzen Tag getrunken,“ berichtete nun auch der Buschwächter. - -„Mein Gott!“ rief Mitjä ganz verzweifelt, „wenn Sie nur wüßten, wie sehr -die Sache drängt, in welch einer Verzweiflung ich mich jetzt befinde!“ - -„Aber es wäre auch für Sie besser, bis zum Morgen zu warten,“ meinte -wieder das Väterchen. - -„Bis zum Morgen? Erbarmen Sie sich, das ist unmöglich!“ Und in seiner -Verzweiflung wollte er sich wieder auf den Betrunkenen stürzen, um ihn -zu wecken, doch ließ er sofort davon ab, da er die Nutzlosigkeit dieser -Anstrengung einsah. Der Pope schwieg, der verschlafene Wächter stand mit -düsterer Miene da. - -„Herrgott, welche furchtbaren Tragödien die Wirklichkeit doch mit den -Menschen aufführt!“ rief Mitjä verzweifelt aus. Schweiß trat ihm auf die -Stirn. Er stand schweigend da. Das Väterchen benutzte den Augenblick, um -ihm noch einmal vernünftig zuzureden: daß, wenn es ihm auch gelänge, den -Schlafenden aufzuwecken, dieser in seiner Betrunkenheit doch nicht zu -solch einem Gespräch fähig sein werde, „und da Ihre Sache von so großer -Wichtigkeit ist, so wäre es besser, sie bis zum Morgen aufzuschieben -...“ Mitjä breitete nur die Arme aus und schickte sich wohl oder übel -drein. - -„Väterchen, ich werde mit dem Licht hierbleiben und werde einen -Augenblick zu erhaschen versuchen. Wenn er aufwacht, werde ich sofort -beginnen ... Das Licht werde ich dir bezahlen,“ sagte er zum Wächter -gewandt, „für das Nachtlogis gleichfalls, wirst noch an Dmitrij -Karamasoff denken. Was wird aber nun aus Ihnen, Väterchen, ich weiß -nicht, wo Sie bleiben sollen, wo Sie sich hinlegen könnten ...“ - -„Nein, ich gehe zu mir nach Haus. Ich werde auf seiner Stute -zurückreiten,“ sagte das Väterchen, auf den Wächter weisend. „Leben Sie -wohl, ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“ - -Und so geschah es denn auch. Der Pope ritt auf der kleinen Stute davon, -froh darüber, daß er sich endlich von der Sache losgemacht hatte. Doch -schüttelte er noch lange nachdenklich sein Haupt und dachte unruhig -darüber nach, ob es nicht besser wäre, morgen frühzeitig seinen Gönner -Fedor Pawlowitsch von diesem bemerkenswerten Fall zu benachrichtigen, -„denn ist die Stunde, in der er es erfährt, ungünstig, so kann er noch -wütend werden und seine Güte zu mir einschränken.“ Der Waldwächter -kratzte sich hinterm Ohr und ging schweigend in seine Kammer. Mitjä -setzte sich auf die Bank, um, wie er gesagt hatte, den Augenblick zu -erhaschen! Schwermut breitete sich wie Nebel über seine Seele; es war -eine tiefe, lähmende Schwermut! Und doch gaben ihm die Sorgen keine Ruh. -Er saß da und grübelte und konnte sich trotzdem nicht klar und schlüssig -werden. Das Licht brannte nieder; ein Heimchen zirpte hin und wieder, -und in dem geheizten Zimmer wurde es unerträglich beklemmend. Plötzlich -sah er einen Garten vor sich, einen Gang hinter dem Garten, im Hause des -Vaters öffnete sich geheimnisvoll eine Tür, und durch die Tür schlüpfte -Gruschenka ... Er sprang auf. - -„Die Tragödie!“ sagte er zähneknirschend, mechanisch ging er zum -Schlafenden und betrachtete ihn. Es war ein hagerer, noch nicht alter -Bauer mit länglichem Gesicht, rötlichen Locken und einem langen, dünnen -roten Bart, in einem Kattunhemd und in schwarzer Weste, aus deren Tasche -die silberne Kette einer silbernen Uhr heraushing. Mitjä betrachtete -diesen Menschen mit unbeschreiblichem Haß, und es war ihm aus -irgendeinem Grunde besonders widerwärtig, daß er Locken hatte. -Hauptsächlich aber war für ihn beleidigend, daß er, Mitjä, jetzt hier -bei ihm stehend warten mußte, mit dieser unaufschiebbaren Angelegenheit, -dabei noch so viel opferte, so viel wagte und so gequält war, während -dieser Faulpelz, „von dem jetzt mein ganzes Schicksal abhängt, -schnarcht, als ob nichts wäre, als befände er sich auf einem anderen -Planeten. Oh, Ironie des Schicksals!“ rief Mitjä verzweifelt aus, verlor -plötzlich ganz den Kopf und stürzte sich wieder auf den Menschen, um ihn -zu wecken. In einer Art Raserei riß er ihn herum, stieß ihn, schlug ihn, -doch als er nach fünf Minuten nichts erreichte, kehrte er in kraftloser -Verzweiflung wieder auf seine Bank zurück und setzte sich wieder hin. - -„Dumm, dumm ist es!“ murmelte er. „Und ... wie ist das alles ehrlos!“ -fügte er plötzlich noch aus irgendeinem Grunde hinzu. Ihm tat der Kopf -entsetzlich weh: „Sollte ich es nicht ganz aufgeben? Fortfahren?“ dachte -er einen Augenblick. „Nein, ich bleibe lieber bis zum Morgen. Jetzt -bleibe ich erst recht! Wozu bin ich denn hergekommen? Ja, und wie soll -ich denn jetzt von hier fortkommen? Oh, ich Esel!“ - -Der Kopfschmerz wurde aber immer stärker. Unbeweglich saß er da, und -unversehens war er sitzend eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte er zwei -bis drei Stunden geschlafen. Als er erwachte, glaubte er, sein Kopf -müsse zerspringen, er hätte schreien mögen vor Schmerz. In seinen -Schläfen hämmerte das Blut, und in den Ohren summte es. Zuerst konnte er -noch lange nicht zu sich kommen: nicht begreifen, was mit ihm eigentlich -geschehen war. Endlich begriff er, daß im überheizten Zimmer ein -schrecklicher Dunst war, und daß er vielleicht hätte sterben können. Der -betrunkene Bauer aber lag und schnarchte wie zuvor; das Licht war -heruntergebrannt und drohte zu erlöschen. Mitjä stürzte wankend hinaus -in den Flur und in die Stube des Wächters. Der erwachte sofort, doch als -er hörte, daß in der anderen Stube Dunst sei, machte er sich zwar sofort -auf, um hinzugehen, nahm aber diese Tatsache mit sonderbarem Gleichmut -auf, was Mitjä äußerst erstaunte und beleidigte. - -„Aber er ist vielleicht gestorben, gestorben, und was dann ... was -dann?“ schrie ihn Mitjä außer sich an. - -Man öffnete die Tür, das Fenster, das Ofenrohr. Mitjä schleppte einen -Eimer voll Wasser aus dem Flur und befeuchtete sich den Kopf, und als er -darauf ein Handtuch gefunden hatte, steckte er es ins Wasser und legte -es dem Ljägawyj auf die Stirn. Der Wächter verhielt sich gleichgültig zu -allem, was geschah. Als er das Fenster geöffnet hatte, sagte er -mürrisch: „So, ist schon gut,“ und ging wieder fort. Er überließ Mitjä -eine Blechlaterne. Mitjä mühte sich noch eine halbe Stunde um den -Betrunkenen, machte ihm Kompressen um den Kopf und beabsichtigte im -Ernst, die ganze Nacht über nicht mehr zu schlafen, doch gequält und -ermüdet setzte er sich wieder auf eine Minute hin, um etwas aufzuatmen, -und im selben Augenblick fielen ihm auch schon die Augen zu: ganz -unbewußt streckte er sich auf der Bank aus und – schlief wie ein Toter. - -Er erwachte sehr spät. Es war schon etwa neun Uhr morgens. Die Sonne -schien hell durch die beiden Fensterchen in die Stube. Der lockige Bauer -von gestern saß bereits angekleidet auf der Bank. Vor ihm stand ein -kochender Ssamowar und ein neuer Liter Branntwein. Der gestrige, alte -Liter war schon geleert und der neue Liter bis zur Hälfte ausgetrunken. -Mitjä sprang auf und bemerkte sofort, daß der verfluchte Bauer wieder -betrunken war, schwer betrunken. Er sah ihn eine Minute lang starr an. -Der Bauer betrachtete ihn gleichfalls schweigend mit einem schlauen -Blick und beleidigender Ruhe, wenn nicht gar mit verächtlichem Hochmut. -So schien es wenigstens Mitjä. Er stürzte auf ihn zu. - -„Erlauben Sie, sehen Sie ... ich ... Sie werden wohl schon von dem -Buschwächter in der Stube drinnen gehört haben: ich bin der Leutnant -Dmitrij Karamasoff, der Sohn des alten Karamasoff, von dem Sie hier Wald -kaufen wollen.“ - -„Das lügst du,“ sagte bestimmt und ruhig der Bauer. - -„Wieso lüge ich? Sie kennen doch Fedor Pawlowitsch?“ - -„Gar keinen Fedor Pawlowitsch kenne ich,“ sagte der Bauer mit -schwerlallender Zunge. - -„Aber den Wald, den Wald wollen Sie doch von ihm kaufen! Wachen Sie doch -auf, besinnen Sie sich doch! Das Väterchen, Pawel Iljinskij, hat mich -hergebracht ... Sie haben an Ssamssonoff geschrieben, und er hat mich zu -Ihnen geschickt ...“ - -Mitjä holte tief Atem. - -„Du lügst!“ wiederholte Ljägawyj langsam, deutlich und mit steifer -Zunge. Mitjä fühlte, daß ihm die Füße kalt wurden. - -„Erbarmen Sie sich, das ist doch kein Spaß! Sie haben vielleicht einen -Rausch ... Sie wissen vielleicht nicht was Sie sagen ... sonst ... sonst -verstehe ich nichts!“ - -„Du bist ein Färber!“ - -„Erbarmen Sie sich, ich bin doch Karamasoff, Dmitrij Karamasoff, ich -habe Ihnen einen Vorschlag zu machen ... einen vorteilhaften Vorschlag -... sehr vorteilhaft ... und gerade in betreff des Waldes ...“ - -Der Bauer strich sich wichtig den Bart. - -„Nein, du hast die Lieferung übernommen, und bist als Schuft daraus -hervorgegangen. Ein Schuft bist du!“ - -„Ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren!“ Mitjä rang fast die Hände -vor Verzweiflung. Der Bauer strich sich immer noch den Bart, und -plötzlich kniff er listig die Augen zusammen. - -„Nein, weißt du, was du mir zeigen kannst? Zeige mir solch ein Gesetz, -nach dem es erlaubt ist, Gemeinheiten zu machen, hörst du! Ein Schuft -bist du, verstehst du, was ich dir sage?“ - -Mitjä wandte sich finster von ihm ab, und plötzlich war es ihm, als wenn -ihn „etwas vor die Stirn schlug,“ wie er sich selbst später ausdrückte. -„Plötzlich kam eine Erleuchtung über mich, ein Licht ging mir auf, und -ich verstand alles.“ Er stand und konnte nicht begreifen, wie er als -einsichtiger Mensch sich mit solch einer Dummheit hatte befassen, wie er -sich die ganze Zeit mit diesem Ljägawyj hatte abgeben können. „Und ich -habe ihm noch den Kopf gekühlt!“ ... „Betrunken ist der elende Kerl, -betrunken bis zum Delirium, und er wird noch eine ganze Woche trinken – -wie lange soll ich da warten? Wie aber, wenn Ssamssonoff mich -absichtlich hergeschickt hat? Wie, wenn sie ... Oh, mein Gott, was habe -ich getan! ...“ - -Der Bauer saß da, betrachtete ihn und schmunzelte. Unter anderen -Umständen hätte Mitjä diesen Dummkopf aus Wut vielleicht erschlagen; in -diesem Augenblick fühlte er sich aber so schwach wie ein Kind. Still -ging er zur Bank, nahm seinen Mantel, zog ihn schweigend an und ging zur -Stube hinaus. Den Buschwächter fand er in der anderen Stube nicht vor, -es war niemand da. Er nahm aus seiner Tasche Kleingeld, an fünfzig -Kopeken, und legte es auf den Tisch – für das Nachtlager, für das Licht -und „die Störung“. Als er aus der Hütte hinaustrat, sah er, daß -ringsherum nur Wald war und sonst nichts. Er ging aufs Geratewohl -weiter, ohne darüber nachzudenken, ob man nach rechts oder nach links -von der Hütte abbiegen mußte; gestern abend hatte er in der Eile nicht -auf den Weg geachtet. Er fühlte gegen niemanden Haß in seiner Seele, -nicht einmal Ssamssonoff konnte er hassen. Er schritt auf dem schmalen -Waldwege gedankenlos und wie verloren einher, „mit einer verlorenen -Idee“ und kümmerte sich überhaupt nicht darum, wohin er ging. Ihn hätte -ein Kind überwältigen können, dermaßen müde war er plötzlich, sowohl -körperlich wie seelisch. Indessen fand er sich doch irgendwie aus dem -Walde heraus – plötzlich lagen vor ihm unabsehbare Strecken abgeernteter -kahler Felder. „Welch eine Verzweiflung, welch ein Tod ringsum!“ sagte -er vor sich hin und schritt weiter, immer weiter ... - -Da kam ein Fuhrmann mit einem alten kleinen Kaufmann auf diesem -Nebenwege dahergefahren. Mitjä erkundigte sich bei ihnen nach dem Weg, -und da hörte er denn, daß die beiden auch nach Wolowje fuhren. Sie kamen -mit dem Preis überein, und Mitjä wurde als Reisegefährte mitgenommen. -Nach drei Stunden kamen sie an. Auf der Wolowjeschen Station bestellte -Mitjä sofort Postpferde zur Rückkehr in die Stadt, und da erst fühlte er -einen unerträglichen Hunger. Während die Pferde angespannt wurden, -bereitete man ihm einen Eierkuchen. Er verzehrte ihn sofort, aß ein -großes Stück Brot, es fand sich auch noch Wurst dazu, die er gleichfalls -aufaß: dazu trank er drei Schnäpse. Als er sich so gestärkt hatte, wurde -er wieder munter, und auch in seiner Seele wurde es heller. Er jagte in -die Stadt zurück und feuerte den Postknecht zu noch größerer -Schnelligkeit an. Und plötzlich kam ihm eine gute Idee, die sich alsbald -zu einem neuen „unwandelbaren“ Plan entwickelte, nämlich, wie er sich -noch vor dem Abend dieses verfluchte Geld verschaffen könnte. „Und sich -vorzustellen, nur vorzustellen, daß wegen dieser lumpigen dreitausend -Rubel ein Mensch zugrunde gehen soll!“ rief er mit Verachtung aus. -„Heute noch muß es sich entscheiden!“ Und wenn ihn nicht fortwährend der -Gedanke an Gruschenka und daran, was alles inzwischen geschehen sein -konnte, gequält hätte, so wäre er vielleicht wieder ganz heiter -geworden. Doch der Gedanke an sie bohrte sich wie ein scharfes Messer in -seine Seele. Endlich langte er wieder in der Stadt an, und sofort eilte -er zu Gruschenka. - - - III. - Die Goldgruben - -Es war dies jener Besuch Mitjäs bei ihr, von dem sie Rakitin und -Aljoscha am Abend desselben Tages mit Schrecken erzählt hatte. Sie -erwartete damals schon seit einiger Zeit den berittenen Boten aus -Mokroje und war daher sehr froh, daß Mitjä weder gestern noch heute zu -ihr gekommen war, und vielleicht vor ihrer Abfahrt überhaupt nicht -wiederkommen würde. Und nun plötzlich überraschte er sie. Das Weitere -ist uns bekannt. Um ihn los zu werden, überredete sie ihn, sie zu Kusjma -Ssamssonoff zu begleiten, zu dem sie, wie sie sagte, unbedingt gehen -mußte, um „Geld zu zählen“, und als Mitjä sie dann begleitet hatte, nahm -sie ihm das Wort ab, sie um Mitternacht wieder abzuholen, um sie nach -Haus zu bringen. Mitjä war mit dieser Abmachung sehr zufrieden: „Sie -wird bei Kusjma sitzen, und folglich nicht zum Vater gehen ... wenn sie -nur die Wahrheit sagt,“ fügte er sofort hinzu. Doch schien ihm dieses -Mal, daß sie nicht log. Seine Eifersucht war von der Art, daß er während -der Trennung von dem geliebten Weibe sich Gott weiß was für Schrecken -ausdachte: was alles mit ihr geschieht und wie sie ihm „untreu“ ist. -Doch kaum ist er dann – erschüttert, zerschmettert, und fest überzeugt, -daß alles verloren sei, daß sie ihn schon verraten habe – wieder bei ihr -angelangt: so sind nach dem ersten Blick in ihr Gesicht, in das -lachende, fröhliche und zärtliche Gesicht der Geliebten, wieder alle -Qualen vergessen, er schöpft wieder Hoffnung, verliert sofort jeglichen -Verdacht, schämt sich seiner Eifersucht und schilt sich ihretwegen. -Nachdem er Gruschenka zu Ssamssonoff begleitet hatte, ging er zu sich -nach Haus. Oh, er hatte heute noch soviel zu erledigen! Aber seinem -Herzen war doch ein wenig leichter. „Nur muß ich noch sehen, daß ich von -Ssmerdjäkoff sofort erfahre, ob sie nicht gestern abend beim Alten -gewesen ist, bei Fedor Pawlowitsch ... unbedingt!“ ging es ihm durch den -Kopf. So gelang ihm also noch nicht einmal, bis zu seiner Wohnung zu -gehen, als die Eifersucht in seinem unruhigen Herzen schon wieder -aufloderte. - -Eifersucht! „Othello ist nicht eifersüchtig, er ist vertrauensselig,“ -hat Puschkin gesagt, und schon allein diese eine Bemerkung zeigt die -ungewöhnliche Tiefe unseres großen Dichters. Othellos Seele ist nur -zermalmt, und seine ganze Weltanschauung hat sich getrübt, denn er hat -„sein Ideal verloren“. Aber Othello wird sich nicht verstecken, wird -nicht spionieren, nicht auflauern: er ist vertrauensselig! Im Gegenteil, -man mußte ihn darauf bringen, ihn geradezu darauf stoßen, ihn mit aller -Gewalt dazu anfachen, damit er auf einen Verrat verfiel. Anders ist es -mit dem Eifersüchtigen. Man kann sich die ganze Schmach und die -sittliche Erniedrigung gar nicht ausdenken, zu der ein Eifersüchtiger -fähig ist, und in die er ohne jegliche Gewissensbisse verfallen wird. -Oh, nicht, daß es etwa nur gemeine und schlechte Seelen wären! Im -Gegenteil, mit reiner Liebe und großer Selbstaufopferung im Herzen, kann -der Eifersüchtige sich zu gleicher Zeit unter Tischen verstecken, die -gemeinsten Leute bestechen und sich mit den letzten Gemeinheiten eines -Spionentums befreunden. Othello hätte sich niemals mit einem Verrat -aussöhnen können – er hätte verziehen, nie aber sich ausgesöhnt – -obgleich seine Seele unschuldig und gut wie die Seele eines Kindes war. -Anders der wahre Eifersüchtige. Es ist schwer, sich vorzustellen, wonach -er sich wieder aussöhnen, und was er alles verzeihen kann! Der -Eifersüchtige verzeiht von allem am ehesten, und das wissen auch die -Frauen. Der Eifersüchtige ist fähig (versteht sich, nach einer -furchtbaren Szene), alles zu verzeihen, sogar einen fast erwiesenen -Verrat, sogar Umarmungen und Küsse, die er selbst gesehen hat, wenn er -nur zu gleicher Zeit hoffen kann, daß es „zum letztenmal“ gewesen ist, -und daß sein Gegner von Stund an verschwinden, ans andere Ende der Welt -fortfahren wird, oder daß er selbst sie irgendwohin entführen kann, an -einen Ort, wo es seinem furchtbaren Gegner unmöglich ist, sie zu -erreichen. Versteht sich, die Aussöhnung dauert nur eine Stunde, denn -wenn der Gegner auch wirklich auf immer verschwindet, so wird er doch -morgen einen anderen, einen neuen Gegner finden, und er wird aufs neue -eifersüchtig sein. Und was liegt ihm so an dieser Liebe, und was ist -diese Liebe wert, die so gehütet und belauscht, die so bewacht werden -muß? Das ist eine Frage, die ein Eifersüchtiger überhaupt nicht -versteht, und doch gibt es unter ihnen Männer, die wirklich hochherzig -sind. Bemerkenswert ist darum, daß dieselben hochherzigen Menschen in -irgendeinem Kämmerlein lauschend und spähend stehen können; obgleich sie -nur zu gut mit ihrem „hohen Herzen“ die ganze Schmach begreifen, in die -sie sich freiwillig selbst begeben haben, so werden sie doch in dieser -Minute, wenigstens während sie da im Kämmerlein stehen, gar keine -Gewissensbisse empfinden. Bei Mitjä, wenn er Gruschenka sah, verlor sich -die Eifersucht ganz, und für den Augenblick war er voll Vertrauen und -Anständigkeit und verachtete sich selbst wegen seiner schlechten -Gefühle. Aber das bedeutete nur, daß in seiner Liebe zu dieser Frau -etwas Höheres lag und nicht nur eine Leidenschaft für jene -„Körperbiegung“, wie er es selbst geglaubt und wovon er noch mit -Aljoscha gesprochen hatte. Sobald aber Gruschenka verschwunden war, -begann Mitjä wieder, sie aller Niedrigkeiten des Verrats zu -verdächtigen. Und dabei fühlte er dann nicht die geringsten -Gewissensbisse. - -So loderte denn auch jetzt die Eifersucht wieder in ihm auf. Vor allen -Dingen mußte er sich beeilen und sich für jeden Fall etwas Geld -verschaffen. Die gestrigen neun Rubel waren für die Fahrt aufgegangen, -und ganz ohne Geld, das wußte er, konnte man ja keinen einzigen Schritt -tun. So hatte er denn auch unterwegs, zusammen mit seinem neuen Plane, -überlegt, von wo er sich dieses Geld verschaffen konnte. Er besaß noch -zwei gute Duellpistolen mit Patronen, und wenn er sie bis jetzt noch -nicht versetzt hatte, so hatte er dies nur darum nicht getan, weil er -sie von allen seinen Sachen am meisten liebte. Im Gasthaus „Zur -Hauptstadt“ hatte er flüchtig einen jungen Beamten kennen gelernt, von -dem er wußte, daß er ein unverheirateter, wohlhabender Mensch war, der -bis zur Leidenschaft Gewehre, Pistolen, Revolver, Degen kaufte, sie an -den Wänden seines Zimmers aufhing, um sie dann seinen Bekannten zu -zeigen und damit zu prahlen, daß er Meister im Erklären der -verschiedenen Systeme sei, wie man sie laden, wie man sie abfeuern müsse -usw. Mitjä dachte denn auch nicht lange darüber nach und begab sich -sofort zu ihm, um seine Pistolen für zehn Rubel zu versetzen. Der Beamte -bat Mitjä hocherfreut, sie ihm ganz zu verkaufen, doch Mitjä willigte -nicht ein. Dieser gab ihm die zehn Rubel und erklärte ihm, daß er keine -Prozente dafür nehmen werde. Sie schieden als Freunde. Mitjä beeilte -sich, zu Fedor Pawlowitsch oder vielmehr in die Laube am Gartenzaun zu -gelangen, um so schnell als möglich mit Ssmerdjäkoff zu sprechen. - -Auf diese Weise konnte man später wieder die Tatsache feststellen, daß -Mitjä drei oder vier Stunden „vor dem Ereignisse“ (von dem später die -Rede sein wird), keine Kopeke Geld besaß, und daß er für zehn Rubel -einen Lieblingsgegenstand versetzte, nach drei Stunden aber – Tausende -in den Händen hatte ... Doch ich greife vor. - -Bei Marja Kondratjewna (der Nachbarin Fedor Pawlowitschs) erwartete ihn -eine Nachricht, die ihn sehr erregte: er erfuhr, daß Ssmerdjäkoff krank -war. Er hörte die Geschichte vom Sturz in den Keller an, von der Ankunft -des Doktors, von den Bemühungen Fedor Pawlowitschs um den Kranken, und -mit großem Interesse vernahm er von der Abfahrt Iwan Fedorowitschs nach -Moskau. „Wahrscheinlich passierte er die Station Wolowje früher als -ich,“ dachte Dmitrij Fedorowitsch, aber die Krankheit Ssmerdjäkoffs -beunruhigte ihn doch sehr. „Wie wird es denn jetzt sein, wer wird jetzt -für mich aufpassen, wer wird es mir melden?“ fragte er sich. Gierig -begann er die Frauen auszufragen, ob sie gestern abend nichts bemerkt -hätten. Diese verstanden sehr gut, um was es sich für ihn handelte, und -beruhigten ihn vollkommen: „Niemand war da,“ sagten sie, „nur Iwan -Fedorowitsch nächtigten im Hause, alles war in der größten Ordnung.“ -Mitjä überlegte. Selbstverständlich mußte er auch heute aufpassen, aber -wo? – Hier oder beim Ssamssonoffschen Hause? Er beschloß, dies hier wie -dort zu tun, je nach den Umständen, zunächst aber, zunächst ... Die -Sache war nämlich die, daß es jetzt „diesen Plan“ auszuführen galt, den -„neuen und richtigen“ Plan, den er sich auf der Fahrt ausgedacht hatte, -und der sich nun nicht mehr aufschieben ließ. Mitjä entschloß sich, eine -Stunde für ihn zu opfern ... „In einer Stunde werde ich alles erfahren, -alles erledigt haben, und dann begebe ich mich sofort zu Ssamssonoffs, -erfahre dort beim Hofknecht, ob Gruschenka da ist, komme dann sofort -wieder hierher und bleibe bis elf Uhr hier, darauf hole ich sie von -Ssamssonoff ab und bringe sie nach Haus.“ - -Er begab sich in seine Wohnung, wusch sich, kämmte sich und bürstete -seine Kleider, kleidete sich an und ging darauf zu Frau Chochlakoff. Ja, -leider – das war sein ganzer Plan. Er hatte beschlossen, diese Dame um -dreitausend Rubel anzugehen. Und wieder war in ihm ein ungewöhnliches -Vertrauen aufgetaucht, daß sie ihm seine Bitte nicht abschlagen werde. -Vielleicht wird man sich darüber wundern, warum er, wenn er zu ihr solch -ein Zutrauen hatte, dann nicht schon früher zu jemand aus seiner -Bekanntschaft gegangen war, statt zu Ssamssonoff, der zu einer so ganz -anderen, ihm fremden Gesellschaftsschicht gehörte, daß er nicht einmal -gewußt hatte, wie er ihn anreden sollte. Die Sache verhielt sich aber -so, daß er im letzten Monat die Bekanntschaft mit Frau Chochlakoff ganz -vernachlässigt hatte und auch früher nur wenig mit ihr bekannt gewesen -war; zudem wußte er, daß sie ihn nicht mochte, daß sie ihn haßte, lange -schon, und zwar nur darum, weil er der Verlobte Katerina Iwanownas war, -während sie plötzlich dringend wünschte, daß Katerina Iwanowna nicht -ihn, sondern „den lieben ritterlichen Iwan Fedorowitsch mit dem -exquisiten Auftreten“ heirate. Die Manieren Mitjäs dagegen gefielen ihr -nicht. Auch hatte Mitjä über sie gelacht und einmal sogar von ihr -geäußert, daß diese Dame „ebenso lebhaft wie ungebildet“ sei. Und siehe -da, nun war ihm auf dem Wege der Gedanke gekommen: „Wenn sie so dagegen -ist, daß ich Katerina Iwanowna heirate, – er wußte, daß diese ihre -Abneigung fast hysterisch war – warum sollte sie mir da nicht die -dreitausend Rubel geben, damit ich mit dem Gelde auf immer von hier -fortgehe und auf diese Weise Katjä verlasse? Wenn solche verwöhnten -Damen, wie die Chochlakoff einmal ihre Kapricen bekommen, so geben sie -sich ja doch nicht eher zufrieden, als bis sie ihren Willen durchgesetzt -haben. Zudem ist sie ja so reich,“ dachte Mitjä. Was nun den „Plan“ -anbelangt, so war er derselbe, das heißt, er sah die Abtretung seiner -Rechte auf Tschermaschnjä vor, nur diesmal nicht als kaufmännisches -Geschäft, wie gestern bei Ssamssonoff. Auch wollte er diese Dame nicht -wie Ssamssonoff mit der Möglichkeit, drei oder vier Tausend dabei zu -gewinnen, anlocken, sondern es sollte nur eine anständige Sicherstellung -für seine Schuld sein. Bei diesem Gedanken geriet Mitjä wieder in -Begeisterung, – aber so geschah es ja immer mit ihm, bei allen seinen -Unternehmungen und plötzlichen Entschlüssen. Jedem neuen Gedanken ergab -er sich bis zur Leidenschaft. Nichtsdestoweniger fühlte er plötzlich, -als er die Treppe zum Hause der Frau Chochlakoff hinaufstieg, ein -Frösteln im Rücken. In dieser Sekunde wurde ihm bewußt und geradezu -mathematisch klar, daß es seine letzte Hoffnung war, und daß ihm dann, -wenn auch dieser Versuch nicht gelang, in der ganzen Welt nichts mehr -verblieb, „als jemandem den Hals umzudrehen, um ihm nur die dreitausend -Rubel zu rauben – und weiter nichts“ ... es war halbacht Uhr, als er die -Türklingel zog. - -Am Anfang schien ihm das Glück hold zu sein. Kaum hatte er sich anmelden -lassen, als er auch schon mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit sofort -empfangen wurde. „Ganz als hätte sie mich erwartet,“ dachte Mitjä bei -sich, und kaum war er in den Salon eingetreten, als ihm die Dame des -Hauses auch schon eilig entgegentrat und ihm geradeheraus erklärte, daß -sie ihn tatsächlich erwartet habe ... - -„Ich habe Sie erwartet, oh, wie ich Sie erwartet habe! Und ich hätte -doch gar nicht annehmen können, daß Sie zu mir kommen würden, sagen Sie -sich doch selbst, Dmitrij Fedorowitsch, wundern Sie sich über meinen -Instinkt, ich erwartete Sie schon den ganzen Morgen, und ich war -überzeugt, daß Sie heute kommen würden.“ - -„Das ist allerdings sonderbar, gnädige Frau,“ bemerkte Mitjä erstaunt -und setzte sich etwas schwerfällig, „doch ... ich komme in einer sehr -wichtigen Angelegenheit ... die wichtigste aller wichtigsten ... das -heißt, gnädige Frau, wichtig ist sie nur für mich, und ich ...“ - -„Ich weiß es, Dmitrij Fedorowitsch, daß die Sache wichtig ist, oh, das -sind bei mir nicht irgendwelche Vorgefühle oder Ansprüche auf Wunder – -haben Sie schon vom Staretz Sossima gehört? – hier, hier handelt es sich -um Mathematik. Sie mußten kommen, nach alledem, was sich mit Katerina -Iwanowna zugetragen hat. Sie konnten nicht anders, Sie mußten zu mir -kommen! Das war doch Mathematik!“ - -„Das ist der Realismus des Lebens, gnädige Frau, das ist es! Aber -erlauben Sie – indessen, ich wollte ...“ - -„Ganz recht, der Realismus des Lebens, Dmitrij Fedorowitsch. Auch ich -bin jetzt nur noch für den Realismus, denn was Wunder betrifft, so bin -ich gründlich geheilt. Haben Sie schon gehört, daß der Staretz Sossima -gestorben ist?“ - -„Nein, gnädige Frau, ich höre es zum erstenmal,“ sagte Mitjä ein wenig -erstaunt. Vor seinem Geist tauchte die Gestalt Aljoschas auf. - -„Heute in der Nacht ist er gestorben, und stellen Sie sich vor ...“ - -„Gnädige Frau,“ unterbrach sie Mitjä, „ich kann mir nur vorstellen, daß -ich mich in der verzweifeltsten Lage befinde, und wenn Sie mir nicht -helfen, so stürzt alles zusammen, und ich selbst bin verloren. Verzeihen -Sie mir, bitte, den trivialen Ausdruck, ich bin aber wie im Fieber ...“ - -„Ich weiß, ich weiß, daß Sie wie im Fieber sind, ich weiß alles, Sie -können ja auch gar nicht in einem anderen Seelenzustande sein, und was -Sie mir darüber auch noch zu sagen hätten, ich weiß alles im voraus. Ich -habe mir schon längst Ihr Schicksal vorgestellt, Dmitrij Fedorowitsch, -ich verfolge es und versuche, es zu begreifen ... Oh, glauben Sie mir, -ich bin ein erfahrener Seelenarzt, Dmitrij Fedorowitsch ...“ - -„Gnädige Frau, wenn Sie ein erfahrener Arzt sind, so bin ich ein -erfahrener Kranker,“ – Mitjä mußte sich schon anstrengen, um -liebenswürdig zu bleiben – „und ich fühle es voraus, wenn Sie sich sogar -bemühen, mein Schicksal zu verfolgen, so werden Sie mich auch vor meinem -Untergang bewahren, und darum erlauben Sie mir endlich, Ihnen meinen -Plan vorzulegen, mit dem ich gewagt habe, bei Ihnen zu erscheinen ... -Ihnen zu sagen, was ich von Ihnen erwarte ... Ich bin gekommen, gnädige -Frau ...“ - -„Lassen Sie das, das ist nebensächlich. Und was meine Hilfe anbelangt, -so sind Sie nicht der erste, dem ich zu etwas verholfen habe, Dmitrij -Fedorowitsch. Sie haben vielleicht von meiner Cousine Beljmjossoff -gehört? Ihr Mann war so gut wie verloren; es stürzte bei ihm alles -zusammen, wie Sie sich soeben ausdrückten, Dmitrij Fedorowitsch, und was -glauben Sie, ich riet ihm, ein Gestüt anzulegen, und jetzt geht es ihm -großartig. Verstehen Sie etwas von Pferdezucht, Dmitrij Fedorowitsch?“ - -„Nicht das geringste, gnädige Frau, ach Gott, nicht das geringste!“ rief -Mitjä in nervöser Ungeduld und wollte sich schon erheben. „Ich bitte Sie -nur, meine Gnädigste, mich anzuhören, gestatten Sie mir nur, daß ich -zwei Minuten spreche, damit ich Ihnen zuerst mein ganzes Projekt -vorlegen kann, um dessentwillen ich gekommen bin. Außerdem ist meine -Zeit kostbar, ich habe Eile! ...“ sagte Mitjä hastig, denn er fühlte, -daß sie sofort wieder zu sprechen anfangen würde. „Ich bin aus -Verzweiflung ... in der letzten Minute der Verzweiflung ... gekommen, um -Sie um Geld zu bitten ... um von Ihnen dreitausend Rubel zu borgen, -unter der Garantie, unter der sichersten Garantie, gnädige Frau ... -Erlauben Sie, daß ich Ihnen ...“ - -„Das tun Sie alles später, später!“ Frau Chochlakoff winkte mit der Hand -ab – „Sie können mir ja nichts Neues sagen, ich weiß alles schon im -voraus, wie ich Ihnen bereits gesagt habe. Sie bitten um eine Summe, Sie -haben dreitausend Rubel nötig, aber ich werde Ihnen mehr geben, -unendlich mehr, ich werde Sie retten, Dmitrij Fedorowitsch, aber sie -müssen mich vorher anhören!“ - -Mitjä sprang auf. „Gnädige Frau, sollten Sie wirklich so gütig sein!“ -rief er ganz begeistert und ergriffen aus. „Herrgott, Sie haben mich -gerettet. Sie retten einen Menschen, gnädige Frau, vor dem Selbstmorde, -vor der Pistole ... Meine ewige Dankbarkeit ...“ - -„Ich gebe Ihnen unendlich, unendlich mehr als dreitausend!“ beteuerte -Frau Chochlakoff mit strahlendem Lächeln, sehr erfreut über Mitjäs -Begeisterung. - -„Unendlich? So viel ist ja nicht einmal nötig. Nötig sind nur die -verhängnisvollen Dreitausend, ich bin aber meinerseits bereit, als -Garantie für diese Summe ... mit einem Wort, zu garantieren, abgesehen -von einer unermeßlichen Dankbarkeit ... Ich will Ihnen den Plan vor ...“ - -„Genug, Dmitrij Fedorowitsch, gesagt, getan,“ schnitt ihm Frau -Chochlakoff mit dem erhabenen Triumph einer Wohltäterin das Wort ab. -„Ich habe Ihnen versprochen, Sie zu retten, und ich werde es auch tun. -Ich rette Sie wie meinen Schwager Beljmjossoff. Was meinen Sie zu -Goldgruben, Dmitrij Fedorowitsch?“ - -„Zu Goldgruben, gnädige Frau? Ich habe niemals daran gedacht ... ich -weiß nicht ...“ - -„Dafür aber habe ich für Sie daran gedacht! Ich habe hin und her -gedacht. Einen ganzen Monat habe ich mit diesem Gedanken an Sie gedacht. -Ich habe Sie mir hundertmal daraufhin angesehen und mir gesagt: Das ist -ein energischer Mensch, der müßte in die Goldgruben. Ich habe sogar -ihren Gang studiert und mich überzeugt, daß Sie viele Goldadern finden -werden.“ - -„Aus meinem Gang schließen Sie das, gnädige Frau?“ Mitjä lächelte. - -„Warum denn nicht, selbstverständlich aus Ihrem Gang. Leugnen Sie etwa, -daß man den Charakter eines Menschen nach seinem Gang beurteilen kann? -Die Naturwissenschaft bestätigt es gleichfalls. Oh, ich bin jetzt ganz -und gar Realistin, Dmitrij Fedorowitsch. Ich bin seit dem heutigen Tage, -nach dieser ganzen Geschichte im Kloster, die mich so aufgeregt hat, -vollkommene Realistin und möchte mich am liebsten in eine praktische -Tätigkeit stürzen. Ich bin geheilt ... _J’en ai assez._ ‚Genug!‘ wie -Turgenjeff sagt.“ - -„Aber, gnädige Frau, diese Dreitausend, mit denen Sie mich so großmütig -...“ - -„Die werden Ihnen nicht entgehen, Dmitrij Fedorowitsch,“ unterbrach ihn -sofort wieder Frau Chochlakoff, „diese Dreitausend haben Sie so gut wie -in der Tasche, und nicht dreitausend, sondern drei Millionen, Dmitrij -Fedorowitsch, in der allerkürzesten Zeit! Ich werde Ihnen alles sagen. -Sie werden Goldgruben finden und Millionen verdienen, dann werden Sie -zurückkehren und hier eine Tätigkeit beginnen und werden hier auch uns -zugute kommen. Muß man denn immer alles den Juden überlassen? Sie werden -große Gebäude aufführen und die verschiedensten Unternehmungen machen. -Sie werden den Armen helfen, und die werden Sie segnen. Jetzt leben wir -im Jahrhundert der Eisenbahnen, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden berühmt -und dem Finanzministerium unentbehrlich werden, da es uns jetzt doch so -an Geld gebricht. Das Fallen des Kreditrubels raubt mir den Schlaf, -Dmitrij Fedorowitsch, von der Seite kennt man mich noch gar nicht.“ - -„Gnädige Frau, oh, meine Gnädigste!“ unterbrach sie Dmitrij Fedorowitsch -wieder mit einem beunruhigenden Vorgefühl, „ich werde Ihrem Rat gewiß -Folge leisten, Ihrem gewiß sehr klugen Rat, gnädige Frau ... ich werde -mich vielleicht hinbegeben, vielleicht ... in Ihre Goldgruben ... und -werde in den nächsten Tagen noch einmal zu Ihnen kommen, um darüber zu -reden ... aber die Dreitausend, die sie mir so großmütig ... Oh, Sie -würden mich erlösen, und wenn es möglich wäre, vielleicht heute schon -... Das heißt, sehen Sie, ich habe jetzt keinen Augenblick Zeit zu -verlieren, keine Stunde ...“ - -„Genug davon, Dmitrij Fedorowitsch, hören Sie mich!“ unterbrach ihn Frau -Chochlakoff hartnäckig. „Zuerst eine Frage: Werden Sie zu den Goldgruben -fahren oder nicht? Sie müssen sich jetzt definitiv entscheiden, -antworten Sie mathematisch!“ - -„Ich fahre, gnädige Frau, ich fahre schon ... Ich fahre, wohin Sie -wollen, gnädige Frau ... jetzt aber ...“ - -„Warten Sie!“ rief Frau Chochlakoff wieder dazwischen, sprang auf und -eilte zu ihrem prächtigen Schreibtisch mit seinen unzähligen kleinen -Schubfächern und riß ein Fach nach dem anderen auf, indem sie sich beim -Suchen sehr beeilte. - -„Dreitausend!“ dachte Mitjä, und es wurde ihm fast schwach zumut, „und -das sofort, ohne jegliche Papiere, ohne jede Garantie. Oh, das ist -anständig gehandelt! Eine großartige Frau, wenn sie nur nicht so -gesprächig wäre.“ - -„Hier!“ rief freudig erregt Frau Chochlakoff, die zu Mitjä zurückkehrte, -„hier, das war es, was ich suchte!“ - -Es war ein kleines silbernes Heiligenbild an einer Schnur, eines von -denen, die man zusammen mit dem Kreuz trägt. - -„Das ist aus Kiew, Dmitrij Fedorowitsch,“ fuhr sie andächtig fort, „aus -den Reliquien der Heiligen Warwara. Erlauben Sie mir, es Ihnen selbst um -den Hals zu hängen und Sie damit für Ihr neues Leben und zu Ihren neuen -Unternehmungen zu segnen.“ - -Und sie legte ihm tatsächlich das Heiligenbild um den Hals. In großer -Verwirrung beugte sich Mitjä vor und half ihr dabei, so gut es ging, und -schob es dann mit vieler Mühe durch den Stehkragen auf die Brust. - -„So, jetzt können Sie fahren!“ rief Frau Chochlakoff aus und setzte sich -feierlich wieder auf ihren Platz. - -„Gnädige Frau, ich bin so gerührt ... und ich weiß gar nicht, wie ich -danken soll ... für solche Gefühle, aber ... wenn Sie wüßten, wie teuer -mir jetzt die Zeit ist! Die Summe, die Sie in Ihrer Großmut mir ... Oh, -gnädige Frau, wenn sie schon einmal so gut sind, so rührend großmütig zu -mir,“ rief Mitjä plötzlich begeistert aus, „so erlauben Sie mir, Ihnen -alles zu sagen ... was Sie übrigens schon lange wissen ... Ich liebe ein -Wesen ... Ich bin Katjä untreu geworden ... Katerina Iwanowna wollte ich -sagen ... Oh, ich habe unmenschlich und ehrlos an ihr gehandelt, doch -habe ich mich in die andere verliebt ... in ein Wesen, das Sie, -Gnädigste, das Sie vielleicht verachten ... da Sie von ihr vielleicht -alles wissen, von der ich aber nicht mehr lassen kann, und darum muß ich -jetzt die dreitausend ...“ - -„Lassen Sie das alles, Dmitrij Fedorowitsch!“ unterbrach ihn Frau -Chochlakoff in entschiedenstem Tone, „lassen Sie das, und besonders die -Frauen. Ihr Ziel – sind die Goldgruben, und Frauen dahin mitzunehmen, -lohnt sich nicht. Später, wenn Sie zurückkehren, reich und berühmt, so -finden Sie sicher eine Herzensfreundin in der höchsten Gesellschaft. Das -wird dann schon ein Mädchen aus der neuen Generation sein, mit -Kenntnissen und ohne Vorurteile. Bis zu der Zeit wird die Frauenfrage, -von der jetzt alles spricht, schon gelöst sein, und eine neue Frau wird -auferstehen ...“ - -„Gnädige Frau, das ist es ja nicht – nicht das ...“ Dmitrij Fedorowitsch -legte fast schon flehend beide Hände zusammen. - -„Gerade das, Dmitrij Fedorowitsch, gerade das, das haben Sie nötig, -danach streben Sie, ohne es selbst zu wissen. Gegen die Frauenfrage habe -ich nichts einzuwenden, ich bin sogar ganz dabei, Dmitrij Fedorowitsch. -Die weibliche Ausbildung und die politische Rolle der Frauen in der -Zukunft – sehen Sie, das ist mein Ideal. Ich selbst habe eine Tochter, -und von der Seite kennt man mich noch wenig. Ich habe in der -Angelegenheit dem Schriftsteller Schtschedrin geschrieben. Dieser -Schriftsteller hat mich über die Bedeutung der Frau so aufgeklärt, daß -ich ihm im vorigen Jahre einen anonymen Brief geschrieben habe, nur zwei -Zeilen: ‚Ich umarme und küsse Sie, mein Schriftsteller, im Namen der -zeitgenössischen Frau. Fahren Sie fort, so zu wirken.‘ Ich unterschrieb: -‚eine Mutter‘. Ich wollte zuerst ‚eine zeitgenössische Mutter‘ -unterschreiben, doch dann entschloß ich mich, einfach ‚eine Mutter‘ zu -schreiben; es lag mehr sittliche Schönheit darin. Und das Wort -‚zeitgenössisch‘ hätte ihn an die Revue ‚der Zeitgenosse‘ erinnern -können – das aber ist für ihn in Anbetracht der heutigen Zensur eine -unangenehme Erinnerung ... Ach, mein Gott, was haben Sie?“ - -„Gnädige Frau,“ rief Mitjä endlich und rang die Hände in stummer -Verzweiflung, „Sie werden mich noch zum Weinen bringen, gnädige Frau, -wenn Sie das, was Sie so großmütig versprochen haben, noch aufschieben -...“ - -„Weinen Sie nur, Dmitrij Fedorowitsch, weinen Sie nur! Das sind schöne -Gefühle ... Ihnen steht ein so schwerer Weg bevor! Die Tränen werden -Ihnen Erleichterung bringen, später, wenn Sie zurückkehren, werden Sie -sich freuen. Sie müssen direkt aus Sibirien zu mir kommen, um sich mit -mir zusammen zu freuen ...“ - -„Doch erlauben Sie auch mir,“ brüllte Mitjä auf ... „zum letzten Male -flehe ich Sie an, sagen Sie mir, bitte, kann ich heute die versprochene -Summe erhalten? Wenn nicht, wann kann ich dann kommen, um sie zu -empfangen?“ - -„Welch eine Summe, Dmitrij Fedorowitsch?“ - -„Die versprochenen Dreitausend ... die Sie so großmütig waren ...“ - -„Dreitausend? Sie meinen – Rubel! O nein, ich habe keine dreitausend bei -mir,“ erwiderte Frau Chochlakoff in ruhiger Verwunderung. Mitjä -erstarrte ... - -„Wie haben Sie denn ... soeben ... äußerten Sie ... Sie sagten sogar, -daß sie schon so gut wie in meiner Tasche wären ...“ - -„O nein, Sie haben mich nicht recht verstanden, Dmitrij Fedorowitsch. -Wenn das so ist, so haben Sie mich gar nicht verstanden. Ich sprach doch -von den Goldgruben ... Es ist wahr, ich versprach Ihnen mehr, unendlich -mehr als dreitausend, ich verstehe jetzt alles, aber ich meinte doch nur -die Goldgruben.“ - -„Und das Geld? Die Dreitausend?“ rief Dmitrij Fedorowitsch ganz von -Sinnen aus. - -„Oh, wenn Sie darunter Geld verstanden haben, ich habe es nicht. Ich -habe jetzt gar kein Geld, Dmitrij Fedorowitsch, ich streite soeben mit -meinem Verwalter um Geld, und in diesen Tagen habe ich selbst von -Miussoff fünfhundert Rubel geliehen. Nein, nein, Geld habe ich nicht bei -mir. Und wissen Sie, Dmitrij Fedorowitsch, wenn ich es auch hätte, so -würde ich es Ihnen doch nicht geben. Erstens borge ich nie Geld. Geld -borgen, heißt sich Feinde machen. Und Ihnen hätte ich es unter keinen -Umständen gegeben, aus Liebe zu Ihnen, um Sie zu retten, hätte ich Ihnen -keines gegeben, denn Sie haben nur das eine nötig: die Goldgruben, die -Goldgruben, die Goldgruben ...“ - -„Oh, daß doch der Teufel!“ brüllte Mitjä auf und schlug vor Wut aus -aller Kraft mit der Faust auf den Tisch. - -„Ach, ach mein Gott!“ schrie Frau Chochlakoff ängstlich auf und flog in -die fernste Ecke des Empfangssalons. - -Mitjä spuckte nur einmal wütend aus und eilte mit großen Schritten aus -dem Zimmer, aus dem Hause, hinaus auf die Straße, in die Finsternis. Er -ging wie ein Irrsinniger und schlug sich mit der Hand fortwährend auf -die Brust, – auf dieselbe Stelle, auf die er sich vor zwei Tagen, als er -spät abends in der Dunkelheit zu Aljoscha nochmals zurückgegangen war, -bei seinen letzten Worten immer wieder geschlagen hatte. Was dieses -Schlagen auf die Brust und gerade auf _diese Stelle_ bedeutete, und was -er damit sagen wollte, war vorläufig noch ein Geheimnis, das keine -Menschenseele kannte, und das er damals nicht einmal Aljoscha verraten -hatte. In diesem Geheimnis lag für ihn mehr als Schande: das war sein -Untergang und sein Selbstmord – so hatte er es beschlossen –, wenn er -nicht irgendwoher diese dreitausend Rubel erhielt, um sie Katerina -Iwanowna abzugeben, und damit von seiner Brust, „von dieser Stelle auf -der Brust“, die Schmach, die er auf ihr trug und die sein Gewissen bis -zum Wahnsinn quälte, abwerfen konnte. (Es wird dem Leser späterhin -erklärt werden, was das zu bedeuten hatte.) Jetzt aber, nachdem seine -letzte Hoffnung untergegangen war, wankte dieser körperlich so starke -Mann wie ein Wahnsinniger durch die Dunkelheit. Und noch war er nicht -weit gegangen, als er plötzlich in Tränen ausbrach und wie ein kleines -Kind schluchzte. Er ging weiter und wischte sich, ohne zu wissen, was er -tat, mit der Hand die Tränen ab. So kam er auf den großen Platz, und -plötzlich fühlte er, daß er mit dem ganzen Körper an etwas angeprallt -war. Das schrille Geschrei eines alten Weibes, das er fast umgeworfen -hatte, brachte ihn wieder zur Besinnung. - -„Jesus Marie, kannst einen noch so totschlagen! Wo hast du deine Augen, -Strolch!“ - -„Wie, sind Sie es?“ fragte Mitjä, der in ihr trotz der Dunkelheit die -alte Dienstmagd Kusjma Ssamssonoffs zu erkennen glaubte. - -„Und wer sind Sie denn, Väterchen?“ fragte die Alte sofort mit ganz -veränderter Stimme. „Ich kann in dieser Dunkelheit nicht die Hand vor -den Augen sehn.“ - -„Sie leben doch bei Kusjma Kusjmitsch, nicht wahr, Sie dienen doch bei -ihm?“ - -„Jawohl, Väterchen, wollte soeben nur mal zu Prochorytsch bißchen -hinübergehen ... Aber dich, Väterchen, kann ich ganz und gar nicht -wiedererkennen.“ - -„Sagt mir doch, Mütterchen, ist Agrafena Alexandrowna augenblicklich -noch bei ihm?“ fragte Mitjä bebend vor Erwartung. „Ich hatte sie zu ihm -hin begleitet.“ - -„Jawohl, Väterchen, sie kam heute wieder mal zu ihm, saß ein Weilchen -und ging dann wieder fort.“ - -„Wie? Sie ist fortgegangen?“ schrie Mitjä. „Wann ging sie fort?“ - -„Als sie gekommen war, sie saß nur ein Minutchen bei uns, erzählte dem -alten Herrn ein Märchen, erheiterte ihn und ging dann wieder fort; hatte -es sehr eilig.“ - -„Du lügst, verfluchtes Weib!“ brüllte Mitjä. - -„Jesus Marie!“ stotterte die Alte erschrocken, doch von Mitjä war schon -jede Spur verschwunden. Er lief bereits so schnell er nur konnte zu -Gruschenka. (Das war kaum eine Viertelstunde nach ihrer Abfahrt.) Fenjä -saß mit ihrer Großmutter, der Köchin Matrjona, in der Küche, als -plötzlich der „Herr Hauptmann“ hereinstürzte. Als sie ihn erblickte, -schrie sie auf vor Schreck. - -„Du schreist also?“ brüllte Mitjä das entsetzte Mädchen an. „Wo ist -sie?“ Doch noch bevor Fenjä eine Antwort finden konnte, stürzte er ihr -plötzlich zu Füßen. - -„Fenjä, um Christi unseres Herrn willen, sage, wo ist sie?“ - -„Väterchen, Erbarmung, ich weiß nichts, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, -ich weiß gar nichts, schlagen Sie mich tot, ich weiß nichts ... Sie sind -doch selbst zusammen mit ihr fortgegangen ...“ - -„Sie ist zurückgekommen! ...“ - -„Täubchen, ist nicht zurückgekommen, ich schwöre dir bei Gott, ist nicht -zurückgekommen!“ - -„Du lügst,“ schrie Mitjä sie an, „schon aus deiner Angst kann ich -schließen, wo sie ist! ...“ - -Er stürzte hinaus. Die erschrockene Fenjä war froh, daß sie so billig -davongekommen war, begriff aber sehr gut, daß sie das nur seiner Eile zu -danken hatte. Aber noch im Fortstürzen setzte er Fenjä und die alte -Matrjona durch eine gar zu unbegreifliche Tat in Erstaunen. Auf dem -Küchentisch stand nämlich ein Mörser mit einer messingnen kleinen, etwa -nur zwanzig Zentimeter langen Mörserkeule. Mitjä, der mit der einen Hand -schon die Tür geöffnet hatte, ergriff nun plötzlich diese Mörserkeule, -steckte sie sich in die Seitentasche – und fort war er. - -„Großer Gott, er will jemanden totschlagen!“ rief Fenjä erschrocken aus -und schlug die Hände zusammen. - - - IV. - In der Dunkelheit - -Wohin eilte er? - -„Wo kann sie denn sein, wenn nicht beim Vater? Von Ssamssonoff ist sie -geradeswegs zu ihm gegangen, das ist doch klar! Die ganze Intrige, der -ganze Betrug liegt doch auf der Hand ...“ - -Das waren die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm durch seinen Kopf -stoben. Doch nicht in den Nachbargarten zu Marja Kondratjewna wollte er -laufen, nein: „Dorthin ist es überflüssig, ganz überflüssig ... nicht -das geringste Geräusch ... sonst könnten sie es sofort sagen ... Marja -Kondratjewna gehört natürlich auch zur Verschwörung. Ssmerdjäkoff -gleichfalls ... alle sind sie bestochen ... gekauft ...“ Und im -Augenblick veränderte er seinen Plan; er machte einen großen Umweg durch -eine Nebengasse, lief durch die Dmitrowskistraße, dann über die kleine -Brücke und gelangte in eine einsame Querstraße, die an keinem einzigen -Hause, sondern nur an Gärten vorüberführte. Auf der einen Seite zog sich -der Flechtzaun eines Gemüsegartens hin und auf der anderen der hohe -starke Bretterzaun, der den ganzen Karamasoffschen Besitz einschloß. -Hier suchte er sich zum Überklettern eine bequemere Stelle aus, und zwar -war dies wahrscheinlich dieselbe, wo nach der Überlieferung, die ihm -bekannt war, auch die Lisaweta Ssmerdjäschtschaja übergeklettert war. -„Wenn selbst die hinübergekommen ist,“ flog es ihm plötzlich – Gott weiß -warum – durch den Sinn, „wie soll es mir dann nicht gleichfalls -gelingen?“ Er trat einen Schritt zurück und machte dann einen Satz in -die Höhe – es gelang, er bekam mit der Hand den oberen Rand des Zaunes -zu fassen, zog sich mit einem energischen Ruck hinauf und setzte sich -oben rittlings auf den Zaun. Nicht weit vom Zaun stand das Badehäuschen, -doch sah er von seinem Platze aus auch die erhellten Fenster des -Herrenhauses. „Richtig! Das Schlafzimmer des Alten ist erleuchtet, sie -ist dort!“ Er sprang sofort in den Garten hinab. Obgleich er wußte, daß -Grigorij krank war und vielleicht auch Ssmerdjäkoff, und daß ihn -folglich so leicht niemand hören konnte, so nahm er sich doch -unwillkürlich in acht, blieb nach dem Sprung regungslos stehen und -lauschte lange. Doch überall war totes Schweigen; es herrschte die -atemlose Ruhe einer völlig windstillen Nacht; kein Blatt, kein Lüftchen -regte sich. - -„... Und es flüstert nur die Stille ...“ - -Dieser Vers fiel ihm plötzlich ein, doch ebenso schnell vergaß er ihn -auch wieder. „Wenn nur niemand gehört hat, wie ich herabgesprungen bin? -Es scheint aber doch nicht.“ Nachdem er so eine Weile gestanden hatte, -ging er vorsichtig weiter, immer auf dem Rasen, da auf den Wegen der -Kies geknirscht hätte. Er ging hinter Bäumen und Gebüsch vorsichtig -weiter, setzte immer nur leise einen Fuß vor und horchte auf jeden -seiner Schritte. So kam er nach ungefähr fünf Minuten zum erleuchteten -Fenster. Er erinnerte sich, daß dort unter den Fenstern einige hohe, -dichte Holunder- und Schneeballensträucher standen. Die Ausgangstür, die -an der linken Seite der Gartenfassade des Hauses lag, war sorgfältig -verschlossen und verriegelt, wovon er sich beim Vorübergehen absichtlich -und genau überzeugte. Endlich erreichte er die Sträucher vor den -Fenstern und versteckte sich vorsichtig hinter ihnen. Er wagte kaum zu -atmen. „Jetzt muß man etwas warten,“ dachte er, „vielleicht hat doch -jemand meine Schritte gehört ... damit er sich dann beruhigt ... nur muß -ich mich in acht nehmen, daß ich nicht huste oder niese ...“ - -Er wartete etwa zwei Minuten lang, aber sein Herz schlug so heftig, daß -er nach Atem rang. „Nein, das Herzklopfen wird nicht vorübergehen,“ -dachte er, „ich kann nicht länger warten.“ Er stand hinter einem Strauch -im Dunkeln, doch die andere Seite des Strauches war hell beleuchtet -durch den Lichtschein, der aus dem Fenster in den Garten fiel. -„Schneeballen, Mehlbeeren, wie rot sie sind!“ flüsterte er, ohne zu -wissen, warum, leise vor sich hin. Vorsichtig, mit schleichenden, -unhörbaren Schritten näherte er sich dem Fenster und hob sich auf die -Fußspitzen. Das ganze kleine Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs lag vor ihm -wie auf der Handfläche. Es war kein großes Zimmer und obendrein in der -ganzen Breite durch einen vielteiligen roten „chinesischen“ Bettschirm – -so nannte ihn Fedor Pawlowitsch – in zwei Hälften geteilt. „Der -Chinesische,“ zuckte es durch Mitjäs Gedanken, „und hinter dem -Bettschirm ist Gruschenka.“ Er betrachtete Fedor Pawlowitsch. Der hatte -einen neuen seidenen Schlafrock an – so hatte ihn Mitjä noch nie gesehen -– und um den Leib war er mit einer seidenen Schnur, an der seidene -Quasten hingen, gegürtet. Unter dem Kragen des Schlafrocks sah man die -feinste Wäsche von teurem holländischem Linnen, und vorne auf der Brust -war das Hemd mit goldenen Knöpfen geschlossen. Kopf und Stirn waren mit -demselben rotseidenen Tuch, in dem ihn am Morgen auch Aljoscha gesehen -hatte, umbunden. „Hat sich in Gala geworfen,“ dachte Mitjä. Fedor -Pawlowitsch stand in der Nähe des Fensters, augenscheinlich in Gedanken -versunken. Plötzlich hob er den Kopf, horchte ein wenig und trat, da er -nichts Verdächtiges gehört hatte, an den Tisch, goß sich ein halbes -Gläschen Kognak ein und kippte es. Darauf seufzte er tief, so daß sich -die ganze Brust hob, stand wieder eine kleine Weile nachdenklich auf -demselben Fleck, ging dann gleichsam zerstreut zum Pfeilerspiegel, schob -mit der rechten Hand ein wenig die rote Binde von der Stirn hinauf und -begann seine blauen Flecke und Beulen zu betrachten, die noch nicht -vergangen waren. „Er ist allein,“ dachte Mitjä, „nach allem zu urteilen -muß er allein sein.“ Fedor Pawlowitsch wandte sich vom Spiegel ab, und -plötzlich trat er zum Fenster; er blickte hinaus in den dunklen Garten. -Mitjä war sofort zurückgesprungen. - -„Sie schläft bei ihm vielleicht schon – hinter dem chinesischen Schirm?“ -Dieser Gedanke fuhr ihm wie ein Blitz durchs Herz. Da wandte sich Fedor -Pawlowitsch zurück und ging fort vom Fenster. „Nein, er hat durch das -Fenster nach ihr ausgeschaut, sie ist also nicht bei ihm! Warum sollte -er denn sonst ans Fenster treten und hinaussehen? ... Nein, die Ungeduld -verzehrt ihn ... und nur darum ist er ans Fenster getreten.“ Mitjä -schlich sich wieder zum Fenster und sah wieder hinein. Der Alte saß -schon am Tisch und war, wie es schien, sehr niedergeschlagen. Endlich -legte er beide Arme auf den Tisch und stützte den Kopf in die rechte -Hand, während die linke auf dem Tisch liegen blieb. Mitjä beobachtete -ihn gierig. - -„Er ist allein, ganz allein,“ sagte er sich wieder. „Wenn sie bei ihm -wäre, würde er ein anderes Gesicht machen.“ Doch sonderbar: in seinem -Herzen erhob sich darob, daß sie nicht beim Alten war, ein ganz -unsinniger Ärger. „Nicht deswegen, weil sie nicht hier ist,“ sagte er -sich sofort als Antwort auf dieses Gefühl, kaum daß es ihm zum -Bewußtsein gekommen war, „sondern weil ich doch auf keine Weise genau -erfahren kann, ob sie hier ist oder nicht.“ Später erinnerte sich Mitjä, -daß seine Gedanken in diesen Minuten ungewöhnlich klar und deutlich -gewesen waren, daß er sich alles bis auf das letzte Tüpfelchen genau -überlegt hatte. Aber der Druck, der sich infolge der Ungewißheit, ob sie -nun da sei oder nicht, und infolge seiner Unentschlossenheit auf seine -Seele legte, vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde und wurde -unerträglich. Und plötzlich entschloß er sich: er streckte die Hand aus -und klopfte leise an den Fensterrahmen. Er klopfte das „Zeichen“, das -zwischen dem Alten und Ssmerdjäkoff verabredet war: zuerst zweimal etwas -leiser und dann dreimal schneller tuck-tuck-tuck – das Zeichen, das -„Gruschenka ist gekommen“ bedeuten sollte. Der Alte fuhr zusammen, hob -den Kopf, sprang auf und stürzte zum Fenster. Mitjä hatte sich schon aus -dem Lichtschein in die Dunkelheit zurückgezogen. Fedor Pawlowitsch -öffnete geschwind das Fenster und steckte den Kopf heraus. - -„Gruschenka, bist Du es? Wo bist Du denn?“ fragte er mit gerader -bebender Stimme in freudig-ängstlichem Flüstertone. „Sag doch, wo Du -bist, mein Herzblatt, mein Engelchen, wo bist Du denn?“ Vor Erregung -klappte seine Stimme über. - -„Er ist allein!“ sagte sich Mitjä – jetzt erst war er wirklich -überzeugt. - -„Wo bist Du nur?“ fragte wieder der Alte und steckte den Kopf noch -weiter zum Fenster hinaus, so daß auch die Schultern mit aus dem Fenster -ragten, und blickte sich nach allen Seiten, nach links und rechts um. -„So komm doch her, mein Engelchen, ich habe auch ein Geschenkchen für -dich bereit, komm nur, ich werde es dir zeigen!“ - -„Aha, damit meint er das Paket mit den Dreitausend,“ dachte Mitjä. - -„Aber wo bist Du nur? ... Oder ist sie bei der Tür? Warte, ich werde -sofort aufmachen ...“ - -Und der Alte kroch fast aus dem Fenster, um durch die Dunkelheit besser -nach rechts zur Tür sehen zu können. Noch eine Sekunde – und er wäre -unbedingt zur Tür gelaufen, um sie für Gruschenka aufzumachen, ohne ihre -Antwort abzuwarten. Mitjä betrachtete ihn von der Seite und rührte sich -nicht. Das ganze ihm so verhaßte Profil des Alten, das herabhängende -Doppelkinn, die Hakennase, die fleischigen, in süßer Erwartung -lächelnden Lippen, alles das war von links aus dem Zimmer grell durch -die Lampe beleuchtet. Eine unbändige, sinnlose Wut raste plötzlich in -Mitjäs Herzen auf: „Da ist er, mein Nebenbuhler, mein Peiniger, der -Quälgeist meines Lebens!“ Wie eine heiße Welle überkam ihn plötzlich -diese sinnlose Wut, von der er vor vier Tagen in der Laube, -wahrscheinlich in einem Augenblick der Vorahnung, zu Aljoscha gesprochen -hatte, als Antwort auf dessen Fragen: „Wie kannst du nur sagen, daß du -den Vater erschlagen wirst?“ - -„Ich weiß es ja nicht, ich weiß es nicht,“ hatte er damals gesagt, -„vielleicht werde ich ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. -Ich fürchte, daß mir _sein Gesicht in dem Augenblick gar zu widerlich -sein wird_. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, seinen -schamlosen Spott. Mich überkommt dann ein unerträglicher persönlicher -Ekel. Das ist es, was ich fürchte, denn in dem Augenblick werde ich mich -nicht beherrschen können.“ - -Und der persönliche Ekel wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher, -als er so stand und das Profil des Alten betrachtete. Er war seiner -Sinne nicht mehr mächtig, und plötzlich riß er die messingne Mörserkeule -aus der Tasche hervor ... - - * * * * * - -„Gott jedoch beschützte mich,“ sagte Mitjä später. Kurz vorher war der -Kranke Grigorij Wassiljewitsch erwacht. Am Abend war an ihm das bewußte -Heilmittel, von dem Ssmerdjäkoff Iwan Fedorowitsch erzählt hatte, -angewandt worden, d. h. Marfa Ignatjewna hatte ihm mit jenem starken -geheimnisvollen Kräuteraufguß eine halbe Stunde lang den Rücken gerieben -und ihm dann mit einem bestimmten Gebet das Übriggebliebene zu trinken -gegeben, worauf er eingeschlafen war. Marfa Ignatjewna aber hatte dann -noch den Rest ausgetrunken und war, da sie sonst nie Spirituosen trank, -von diesem einen Schluck Branntwein wie eine Tote eingeschlafen. Nun -aber war Grigorij ganz unerwarteterweise wieder aufgewacht. Er besann -sich zuerst ein wenig und setzte sich im Bett auf, fühlte aber sofort -einen heftigen Schmerz im Kreuz. Darauf dachte er wieder etwas nach, -stand aber dann auf und kleidete sich schnell an. Vielleicht fühlte er -Gewissensbisse, weil er geschlafen hatte, während doch das Haus „in -einer so gefährlichen Zeit“ unbewacht war. Denn Ssmerdjäkoff lag, vom -Anfall völlig entkräftet, regungslos im Nebenzimmer. Marfa Ignatjewna -rührte sich gleichfalls nicht. „Ist schwach geworden,“ dachte Grigorij -und ging ächzend hinaus auf die Treppe. Eigentlich wollte er nur „ein -wenig sehn“, da er nicht imstande war, zu gehen, die Schmerzen im Kreuz -und im rechten Bein wurden gar zu heftig. Da aber fiel ihm ein, daß er -das Pförtchen, das vom Hof in den Garten führte, nicht verschlossen -hatte. Grigorij war der genaueste und pünktlichste Mensch, der nur -einmal eingeführte Ordnung und langjährige Gewohnheit kannte. Hinkend -und schmerzgekrümmt stieg er die Treppe hinab und ging zur Gartenpforte. -Richtig, sie war weit offen. Er trat in den Garten ein: vielleicht hatte -er irgendeinen Verdacht geschöpft oder einen Laut gehört ... als er aber -nach links blickte, sah er den Lichtschein aus dem Zimmer des Herrn und -das offene, leere Fenster, – es blickte niemand mehr hinaus. - -„Warum ist es offen? Jetzt ist nicht mehr Sommer,“ dachte Grigorij. Und -plötzlich, gerade im selben Augenblick, huschte etwas Sonderbares im -Garten vorbei. Ungefähr vierzig Schritt vor ihm schien in der Dunkelheit -ein Mensch vorüberzulaufen, wie ein Schatten huschte er durch den -Garten. - -„Herrgott!“ stammelte Grigorij, und dann stürzte er besinnungslos, alle -Kreuzschmerzen vergessend, dem gespenstischen Schatten nach. Er nahm -aber einen kürzeren Weg zum Zaun, der Garten war ihm offenbar bekannter -als dem Flüchtling, der zuerst die Richtung nach dem Badehäuschen -einschlug, dann um das Häuschen herumlief und zum Zaun stürzte ... -Grigorij verfolgte ihn, ohne ihn aus dem Auge zu lassen, und lief, was -er laufen konnte. Er erreichte den Zaun in dem Augenblick, als der -Flüchtling schon hinüberkletterte. Außer sich schrie Grigorij auf, -stürzte zum Zaun und klammerte sich mit beiden Händen an den Fuß des auf -dem Zaune Sitzenden. - -Da! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen! Er erkannte ihn, das war er, -„der Unmensch, der Vatermörder!“ - -„Vatermörder!“ schrie der Alte, und der Schrei hallte durch die lautlose -Nacht über die ganze Umgegend hin. Doch das war auch alles, was er noch -schreien konnte: plötzlich stürzte er, schwer getroffen, zusammen. Mitjä -sprang wieder in den Garten hinab und beugte sich über den am Boden -Liegenden. Die messingne Mörserkeule, die er noch in der Hand hatte, -warf er mechanisch zur Seite in das Gras. Sie fiel etwa zwei Schritt von -Grigorij hin, doch nicht ins Gras, sondern auf den Weg, gerade auf die -sichtbarste Stelle. Er untersuchte hastig den Liegenden. Der Kopf des -Alten war ganz von Blut überströmt. Mitjä befühlte den Kopf von allen -Seiten. Er erinnerte sich später deutlich, daß er sich in dieser Minute -unbedingt hatte „vollkommen überzeugen“ wollen, was mit dem Alten -geschehen war: ob er ihm den Schädel eingeschlagen oder ihn durch den -Schlag auf den Scheitel nur betäubt hatte. Aber das Blut strömte, -strömte unaufhörlich und benetzte wie ein warmer Strom Mitjäs bebende -Finger. Er erinnerte sich später auch noch, daß ihm eingefallen war, -sein reines Taschentuch, das er vor dem Gang zu Frau Chochlakoff zu sich -gesteckt hatte, aus der Rocktasche hervorzuziehen, um damit -sinnloserweise das Blut von der Stirn und dem Gesicht des Alten -abzuwischen. Aber auch das Taschentuch war im Augenblick von Blut -durchtränkt. - -„Gott, warum habe ich das getan?“ sagte sich Mitjä, wie aus einem Traum -erwachend. „Wenn ich ihm schon den Schädel eingeschlagen habe, wie soll -ich mich dann überzeugen ... Ach, ist denn jetzt nicht alles einerlei!“ -fügte er plötzlich hoffnungslos hinzu, „– habe ich ihn erschlagen, dann -habe ich ihn erschlagen ... Bist mir in den Weg gekommen, Alter, so -liege denn!“ sagte er laut vor sich hin, und plötzlich stürzte er wieder -zum Zaun, sprang hinab in die Nebenstraße und lief fort. Das -blutdurchtränkte Taschentuch hielt er noch zusammengeballt in der -rechten Faust, und so steckte er es beim Laufen in die hintere -Rocktasche. Er lief, so schnell er konnte, und einige wenige Fußgänger -erinnerten sich später, in dieser Nacht einen wie wahnsinnig laufenden -Menschen gesehen zu haben. Er stürzte zum Hause der Morosowa, wo -Gruschenka wohnte. - -Fenjä war inzwischen, oder vielmehr gleich nach seinem Fortgange, zum -Oberhofknecht Nasar Iwanowitsch gelaufen und hatte ihn zitternd -angefleht, den „Hauptmann um Christi willen weder heute noch morgen -hereinzulassen“. Nasar Iwanowitsch hatte sie ruhig angehört und -versprochen, ihre Bitte zu erfüllen, doch war er bald drauf zur Herrin -gerufen worden, und so hatte er seinen Neffen, einen Burschen von etwa -zwanzig Jahren, der erst vor kurzem vom Lande eingetroffen war, auf dem -Hof zurückgelassen, hatte aber vergessen, ihm etwas von Fenjäs Bitte in -betreff Karamasoffs zu sagen. Als Mitjä das Hoftor erreicht hatte, -klopfte er heftig. Der Bursche erkannte ihn sofort: Mitjä hatte ihm -schon des öfteren ein gutes Trinkgeld gegeben. Er riß sofort die Tür auf -und beeilte sich, lächelnd zu melden, daß Agrafena Alexandrowna nicht zu -Haus sei. - -„Wo ist sie denn, Prochor?“ fragte Mitjä und blieb stehen. - -„Sie ist doch vorhin fortgefahren, so vor zwei guten Stunden, nach -Mokroje, mit Timofei, dem Kutscher, der Herr kennen ihn wohl.“ - -„Fortgefahren? Warum?“ schrie Mitjä. - -„Das kann ich nicht wissen, zu einem Offizier, heißt es, der hat sie -rufen lassen und auch die Pferde von dort nachgeschickt ...“ - -Mitjä ließ ihn stehen und lief wie ein Halbwahnsinniger zu Fenjä. - - - V. - Der plötzliche Entschluß - -Sie saß mit ihrer Großmutter in der Küche, beide wollten sie gerade -schlafen gehen. Im Vertrauen auf Nasar Iwanowitsch hatten sie die -Küchentür wieder nicht verriegelt. - -Da stürzte Mitjä hinein, warf sich auf Fenjä und packte sie an der -Kehle. - -„Sage sofort, wo sie ist, mit wem ist sie in Mokroje!“ brüllte er außer -sich. - -Beide Weiber schrien auf. - -„Ach, ich werde alles sagen, ach, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, werde -gleich alles sagen, nichts verheimlichen,“ stammelte schnell, doch mit -steifer Zunge, die tödlich erschrockene Fenjä, „sie ist nach Mokroje zum -Offizier gefahren.“ - -„Zu was für einem Offizier?“ brüllte Mitjä. - -„Zu ihrem früheren Offizier, zu demselben, zu ihrem früheren, den sie -vor fünf Jahren gehabt hat, der sie verlassen hat und fortgefahren ist,“ -stotterte, immer noch sich überstürzend, Fenjä so schnell, wie sie nur -konnte. - -Dmitrij Fedorowitschs Hände, mit denen er ihren Hals zusammengepreßt -hatte, sanken herab. Er stand schweigend vor ihr, bleich wie ein Toter, -doch an seinen Augen sah man, daß er alles mit einem Male begriffen -hatte, alles, alles bis aufs Letzte hatte er begriffen und alles -Unausgesprochene erraten. Doch war es der armen Fenjä natürlich nicht um -diese Beobachtungen zu tun – ob er alles begriffen hatte oder nicht. Wie -sie bei seinem Eintritt auf der Truhe gesessen hatte, so blieb sie auch -jetzt sitzen; sie zitterte am ganzen Körper – hielt nur die Hände wie -zum Schutz vor sich erhoben, und schien in dieser Stellung erstarrt zu -sein. Der Blick ihrer angsterweiterten Pupillen war regungslos auf sein -Gesicht geheftet. Seine beiden Hände waren rot von Blut, und auf der -Stirn und der rechten Wange war sein Gesicht gleichfalls mit Blut -besudelt; er hatte sich wahrscheinlich beim Laufen mit den blutigen -Händen den Schweiß von der Stirn gewischt. Fenjä war einer Ohnmacht -nahe. Die alte Matrjona, die zuerst mit einem Schrei aufgesprungen war, -starrte ihn gleichfalls wie eine Irrsinnige an. Dmitrij Fedorowitsch -stand ungefähr eine Minute lang, und dann setzte er sich, ohne recht zu -wissen, warum, neben Fenjä auf einen Stuhl nieder. - -Er saß und sah vor sich hin: er schien nicht zu denken, sondern -gleichsam nur erschrocken, durch den Schreck gelähmt zu sein. Es war ihm -alles so klar wie der Tag: dieser Offizier – er wußte von ihm, hatte von -ihm gehört, wußte ja alles ganz genau, Gruschenka hatte ihm selbst alles -erzählt. Er wußte auch, daß dieser Offizier ihr vor einem Monat einen -Brief geschrieben hatte. Also einen Monat, einen ganzen Monat hatte sich -alles im geheimen hinter seinem Rücken abgespielt, einen ganzen Monat, -bis zur Ankunft dieses neuen Menschen – er aber hatte nicht einmal an -ihn gedacht! Wie war das nur gekommen, wie war das möglich gewesen, daß -er nicht mehr an ihn gedacht hatte? Wie war es doch nur gekommen, daß er -damals diesen Offizier so ganz vergessen hatte? – gleich nachdem sie es -ihm erzählt hatte? Das war die Frage, die wie ein Ungeheuer vor ihm -stand. Und er schaute es an, dieses Ungeheuer, und der Schreck rief in -ihm ein Gefühl wie Kälte hervor. - -Und plötzlich begann er zu sprechen. Er wandte sich zu Fenjä und sprach -leise und sanft: wie ein ruhiger und lieber Knabe sprach er zu ihr, ganz -als hätte er völlig vergessen, wie sehr er sie erschreckt, beleidigt und -gepeinigt hatte. Er fragte sie mit erstaunlicher, in seiner Verfassung -unglaublicher Logik, und Fenjä, die zwar immer noch scheu auf seine -blutigen Hände schielte, antwortete mit gleichfalls erstaunlicher -Bereitwilligkeit auf jede Frage, die er an sie stellte, als wenn sie -sich beeilen wollte, ihm die ganze „wahrhaftige Wahrheit“ zu sagen. -Allmählich fing sie geradezu mit einer gewissen Freudigkeit an, ihm auch -Ungefragtes zu erzählen, doch tat sie es nicht etwa, um ihn zu quälen, -sondern als wollte sie sich beeilen, ihm von Herzen dienstlich zu sein. -Sie erzählte ihm alles, was am Tage geschehen war, erzählte ausführlich -von Aljoschas und Rakitins Besuch, wie sie, Fenjä, Wache gestanden -hatte, wie ihre Herrin abgefahren war, und vorher noch Aljoscha durch -das Fenster einen Gruß an ihn, Mitjenka, bestellt hatte, daß er nicht -vergessen solle, „daß sie ihn ein Stündchen lang geliebt habe“. Als -Mitjä von diesem Gruß hörte, lächelte er, und auf seinen bleichen Wangen -erschien eine helle Röte. Da fragte ihn Fenjä, deren ganze Angst wieder -vergangen war: - -„Aber was haben Sie denn für Hände, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, sie -sind ja ganz blutig!“ - -„Ja,“ sagte Mitjä mechanisch, blickte zerstreut auf seine Hände und -vergaß sie sofort wieder, und mit ihnen auch Fenjäs Frage. Er versank -wieder in Schweigen. Er war nun schon seit etwa zwanzig Minuten in der -Küche. Sein erster Schreck war vergangen, doch wurde er ersichtlich von -einem verzweifelten Entschluß beherrscht. Er erhob sich vom Stuhl und -lächelte nachdenklich. - -„Herr, was ist denn mit Ihnen geschehen?“ fragte Fenjä, die wieder auf -seine Hände wies, – sie sagte es so mitleidig, als wäre sie jetzt im -Leid der einzige ihm nahestehende Mensch. - -Mitjä warf nochmals einen Blick auf seine Hände. - -„Das ist Blut, Fenjä,“ sagte er und blickte sie mit einem sonderbaren -Ausdruck an, „das ist Menschenblut. Gott, warum ist es nur vergossen -worden! Aber ... Fenjä ... hier gibt es einen Zaun“ (er blickte sie an, -als wollte er ihr ein Rätsel aufgeben), „ein hoher Zaun, der dem Ansehen -nach schrecklich aussieht, aber ... morgen, wenn der Tag erwacht, ‚wenn -die Sonne sich goldrot erhebt‘, dann ... dann wird Mitjä Karamasoff über -diesen hohen Zaun springen ... Du weißt nicht, Fenjä, welchen Zaun ich -meine, nun, tut nichts ... einerlei, wirst es morgen erfahren und dann -alles begreifen ... jetzt aber leb wohl! Ich will nicht stören, werde -mich fortschaffen, werde verstehen, mich rechtzeitig fortzuschaffen ... -Ach, lebe, lebe, du meine Freude! Hast mich ein Stündchen geliebt, so -vergiß denn auch fernerhin nicht Dmitrij Karamasoff, Mitjenka ... Sie -nannte mich doch immer Mitjenka, weißt du noch, Fenjä?“ - -Mit diesen Worten verließ er plötzlich die Küche. Doch dieses Fortgehen -erschreckte Fenjä noch mehr, als es sein unerwartetes Wiedererscheinen -getan hatte, trotz der zusammengepreßten Kehle. – - -Genau zehn Minuten danach trat Dmitrij Fedorowitsch bei jenem jungen -Beamten, Pjotr Iljitsch Perchotin, bei dem er seine Pistolen versetzt -hatte, ein. Es war schon halb neun Uhr und Pjotr Iljitsch, der zu Hause -seinen Tee getrunken hatte, war gerade im Begriff, nach sorgfältiger -Toilette in das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu gehen, um dort Billard zu -spielen. Mitjä war noch zur rechten Zeit gekommen, um ihn anzutreffen. -Als der ihn aber erblickte und die Blutflecken auf dem Gesicht bemerkte, -fragte er ihn erschrocken: - -„Nanu, was ist denn mit Ihnen passiert?“ - -„Ich bin wegen meiner Pistolen gekommen und habe Ihnen das Geld -gebracht. Ich danke Ihnen. Nur bitte schnell, Pjotr Iljitsch, ich habe -es sehr eilig.“ - -Pjotr Iljitsch jedoch kam aus dem Erstaunen nicht heraus, er wunderte -sich immer mehr; in Mitjäs rechter Hand bemerkte er einen Packen -Geldscheine, und das Auffallende dabei war, daß er dieses Geld so in der -Hand hielt und so damit eintrat, wie sonst niemand Geld zu halten und -einzutreten pflegt. Er hatte alle Scheine in der rechten Hand und hielt -die Hand gerade vor sich, als wenn er sie jedem zeigen wollte. Der -Knabe, den Perchotin als Bedienten bei sich hatte, sagte später aus, daß -Mitjä auch ins Vorzimmer so mit dem Gelde eingetreten sei, -wahrscheinlich also auch auf der Straße die Hand ebenso gehalten hatte. -Es waren alles Hundertrubelscheine, lauter regenbogenfarbene, und er -hielt sie mit blutbeschmutzten Fingern. Späterhin, bei dem Verhör, das -man anstellte, antwortete Perchotin auf die Frage, wieviel Scheine es -gewesen wären, daß er dies nicht genau sagen könne: vielleicht -zweitausend Rubel, vielleicht aber auch dreitausend, denn das Paket sei -recht groß gewesen, „ziemlich fest“, doch wolle er nicht darauf -bestehen, da ein Irrtum in solchen Dingen sehr leicht möglich sei, -besonders wenn man nicht häufig so viel Geldscheine, so als Paket in der -Hand gehalten, gesehen hat. Was ihm aber an Dmitrij Fedorowitschs -Verfassung aufgefallen war, das drückte er später folgendermaßen aus: -„Er war damals, wie mir schien, nicht recht bei Sinnen, doch nicht etwa -betrunken, sondern – wie soll ich sagen? – er war gleichsam in Ekstase, -war sehr zerstreut, zu gleicher Zeit aber sehr – ich möchte sagen: -konzentriert, wie wenn er beständig an ein und dasselbe gedacht hätte, -wie wenn er etwas vergeblich zu erfassen gesucht hätte und es ihm dabei -doch unmöglich gewesen wäre, sich zu etwas zu entschließen. Er beeilte -sich sehr, antwortete schroff und sonderbar; in manchen Augenblicken -jedoch schien er keineswegs traurig oder bedrückt, sondern sogar heiter -zu sein.“ – - -„Aber was ist denn mit Ihnen passiert, was haben Sie nur?“ fragte -Perchotin nochmals, indem er den Gast immer noch scheu betrachtete. -„Haben Sie sich verwundet, sind Sie gefallen? Sehen Sie doch hier, wie -Sie aussehen!“ - -Er ergriff ihn am Ellenbogen und zog ihn vor den Spiegel. Als Mitjä sein -mit Blut besudeltes Gesicht erblickte, fuhr er zusammen und runzelte -zornig die Stirn. - -„Ach zum Teufel! Das fehlte gerade noch,“ stieß er brummend hervor, -legte schnell das Geld aus der rechten Hand in die linke und griff mit -der rechten hastig nach dem Taschentuch in der hinteren Rocktasche. Aber -das Tuch war ganz blutdurchtränkt: kein einziger weißer Fleck war zu -sehen, und es war nicht nur trocken geworden, sondern war buchstäblich -hart getrocknet und wollte sich daher nicht auseinanderfalten lassen. -Mitjä schleuderte es wütend fort. - -„Hol’s der Teufel! Haben Sie nicht irgendeinen Lappen hier ... zum -Abwischen?“ - -„So haben Sie sich nicht verletzt? Aber wo haben Sie sich denn so mit -Blut besudelt? Wollen Sie sich nicht lieber waschen, ach, -selbstverständlich, kommen Sie, hier ist der Waschtisch.“ - -„Waschen? Ja, das ist gut ... nur wohin soll ich denn das tun?“ Und er -hielt in einer ganz sonderbaren Hilflosigkeit Perchotin die Geldscheine -hin und blickte ihn dabei so fragend an, als müßte jener bestimmen, -wohin er sein Geld legen sollte. - -„Das Geld? Stecken Sie es doch in die Tasche, oder legen Sie es hier auf -den Tisch; es wird schon nicht verloren gehn.“ - -„In die Tasche? Ja, in die Tasche. Das ist gut. ... Nein, sehen Sie mal, -das ist doch alles Unsinn!“ sagte er plötzlich laut, gleichsam aus der -Zerstreutheit erwachend. „Sehen Sie: wir wollen zuerst diese Sache -erledigen, ich meine die Pistolen, Sie geben sie mir zurück, und hier -ist Ihr Geld ... denn ich habe sie sehr nötig ... und Zeit – Zeit habe -ich keinen Augenblick. –“ Damit nahm er den obersten Hundertrubelschein -und hielt ihn Perchotin hin. - -„So viel werde ich nicht herauszugeben haben,“ bemerkte der, „haben Sie -nicht kleineres Geld?“ - -„Nein,“ sagte Mitjä, der wieder das Geldpaket betrachtete, aber er -schien es selbst nicht genau zu wissen, und so blätterte er mit den -Fingern die ersten zwei, drei Scheine zurück. „Nein, es sind nur -solche,“ sagte er und blickte Perchotin wieder fragend an. - -„Wie sind Sie denn plötzlich so reich geworden?“ fragte jener. „Warten -Sie, ich werde den Jungen zu Plotnikoffs schicken, die schließen ihr -Geschäft immer etwas später, – dort wird man es noch auswechseln. He, -Mischa!“ rief er in das Vorzimmer. - -„Zu Plotnikoff! Das ist großartig!“ rief Mitjä begeistert, als hätte ihn -mit einem Male ein großer Gedanke erleuchtet. „Mischa,“ wandte er sich -zum eingetretenen Jungen, „lauf zu Plotnikoff und sage, daß Dmitrij -Karamasoff sofort hinkommen wird ... Doch hör, hör, daß sie Champagner, -sagen wir drei Dutzend Flaschen einpacken, wie damals, als ich nach -Mokroje fuhr ... Ich nahm damals vier Dutzend mit“ (damit wandte er sich -plötzlich zu Perchotin), „sie wissen schon, hab keine Bange, Mischa, -aber hör: daß sie den Käse nicht vergessen, die Straßburger Pasteten, -geräucherte Forellen, Schinken und Kaviar, kurz und gut, alles, was sie -da haben, so ungefähr für hundert, hundertzwanzig Rubel wie damals ... -Aber hör noch: daß sie auch die Süßigkeiten nicht vergessen, Birnen, -Wassermelonen, etwa zwei oder drei oder vier, halt, nein, von -Wassermelonen genügt eine, dafür aber viel Schokolade, Karamellen, -Ziehbonbon – kurz, alles, was ich auch damals nach Mokroje mitnahm, mit -dem Champagner zusammen für dreihundert Rubel ... Nun, und auch jetzt -soll es genau so viel sein. Aber vergiß nichts, Mischa, wenn du nur -Mischa ... Er heißt doch Mischa, nicht wahr?“ unterbrach er sich, zu -Perchotin gewandt. - -„Warten Sie doch,“ unterbrach ihn Perchotin, der ihn unmutig angehört -und beobachtet hatte, „bestellen Sie das lieber selbst, wenn Sie -hinkommen, der Junge wird doch nur alles verwechseln.“ - -„Verwechseln, ja, das sehe ich, er wird alles verwechseln. Ach, Mischa, -ich wollte dich fast abküssen für den kleinen Dienst ... Wenn du es -nicht verwechselst, gebe ich dir zehn Rubel, spring aber schnell hinüber -... Champagner ist die Hauptsache, daß sie den Champagner einpacken und -Kognak und Portwein und Rheinwein, kurz, alles wie es damals war ... Sie -wissen schon, wie es damals war!“ - -„Aber so hören Sie doch auf!“ unterbrach ihn Perchotin ungeduldig. -„Lassen Sie doch den Jungen endlich hinlaufen, er kann dort das Geld -wechseln und sagen, daß sie noch nicht schließen sollen, und Sie gehen -dann selbst hin und bestellen persönlich alles, was Sie wollen ... Geben -Sie Ihren Hundertrubelschein, marsch, Mischa, lauf, daß deine Beine -fliegen!“ - -Perchotin wollte, wie es schien, den Jungen absichtlich schnell aus dem -Zimmer haben, denn dieser stand mit offenem Munde vor dem Gast und -starrte mit weit aufgerissenen Augen auf dessen blutbefleckte Stirn und -die blutigen bebenden Hände mit dem Geldpaket und begriff vor Angst und -Erstaunen wahrscheinlich kaum die Hälfte von dem, was Mitjä ihm sagte. - -„So, jetzt kommen Sie und waschen Sie sich,“ befahl Perchotin kurz. -„Legen Sie das Geld auf den Tisch, oder stecken Sie es in die Tasche ... -So, nun kommen Sie. Aber ziehen Sie sich doch den Rock aus.“ Und er half -ihm, sich seines Rockes zu entledigen, doch plötzlich schrie er auf. - -„Was, Donner! Ihr Rock ist ja gleichfalls blutig!“ - -„Das ... das kommt nicht vom Rock ... Nur ein wenig hier am Ärmel ... -und das hier ist, wo das Taschentuch gelegen hat. Es ist aus der Tasche -durchgesickert. Ich habe mich bei Fenjä auf das Taschentuch gesetzt, und -da ist denn das Blut durchgesickert,“ erklärte Mitjä sofort mit geradezu -rührender Vertrauensseligkeit. - -Perchotin hörte mit finsterer Stirn zu. - -„Das sind ja schöne Geschichten! ... Sie haben wohl eine Prügelei -gehabt?“ brummte er. - -Darauf begann das Waschen. Perchotin hielt die Kanne und goß das Wasser -über. Mitjä beeilte sich und seifte daher die Hände nur wenig ein. -(Seine Hände zitterten, wie Perchotin sich später erinnerte.) Da befahl -ihm Perchotin sofort, die Hände besser einzuseifen und stärker zu -reiben. Er war Mitjä bereits überlegen und wurde es mit jeder Minute -mehr. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß der junge Mann von -Charakter nichts weniger als schüchtern war. - -„Da, unter den Nägeln haben Sie das Blut noch nicht genügend abgerieben; -so, jetzt waschen Sie sich das Gesicht, hier, höher, noch höher: bei der -Schläfe, beim Ohr ... Und Sie wollen in diesem Hemde fahren? Wohin -fahren Sie denn? Sehen Sie doch, die ganze Manschette des rechten Ärmels -ist mit Blut – ...“ - -„Ja, mit Blut,“ bemerkte Mitjä, der die Hand hob, um den -Hemdärmelaufschlag zu betrachten. - -„So wechseln Sie die Wäsche.“ - -„Keine Zeit. Ich, sehen Sie, ich werde ...“ fuhr Mitjä, der sich schon -Gesicht und Hände getrocknet hatte und sich wieder den Rock anzog, mit -derselben Zutraulichkeit fort, „ich werde hier den Hemdärmelrand einfach -so umbiegen, man wird es unter dem Rock gar nicht sehen ... So, sehen -Sie, nicht wahr?“ - -„Jetzt sagen Sie, wo Sie sich so zugerichtet haben? Haben Sie sich mit -jemandem geprügelt? Im Gasthaus vielleicht? Etwa wieder mit dem -Hauptmann, wie damals? Sie haben ihn wohl wieder am Bart gezogen?“ -fragte Perchotin vorwurfsvoll. „Oder wen haben Sie sonst noch geprügelt -... oder am Ende gar totgeschlagen?“ - -„Unsinn!“ sagte Mitjä. - -„Wieso Unsinn?“ - -„Ach, das ist doch ganz überflüssig,“ sagte Mitjä plötzlich lächelnd. -„Ich habe soeben eine Alte auf dem großen Platze erdrückt.“ - -„Erdrückt? Eine Alte?“ - -„Einen Alten!“ schrie Mitjä lachend, mit offenem Blick in Perchotins -Gesicht, und zwar so laut, als wenn jener taub gewesen wäre. - -„Teufel noch eins, eine Alte, einen Alten ... Haben Sie jemanden -totgeschlagen?“ - -„Wir haben uns wieder versöhnt. Wir prallten zusammen – und versöhnten -uns ... an einem anderen Ort. Wir gingen als Freunde auseinander. Ein -dummer Alter ... aber er hat mir verziehen ... jetzt hat er mir bestimmt -schon verziehen ... Wäre er aufgestanden, so hätte er mir nicht -verziehen,“ fügte Mitjä plötzlich, mit den Augen zwinkernd, hinzu. „Nur, -wissen Sie, zum Teufel mit ihm, hören Sie, Pjotr Iljitsch, zum Teufel -mit ihm, das ist jetzt ganz überflüssig! Jetzt in dieser Stunde will ich -nicht!“ Mitjä brach in bestimmtem Tone kurz ab. - -„Ich wollte Sie nur fragen, was für ein Vergnügen es Ihnen macht, mit -fremden Menschen anzubinden ... wie Sie auch damals wegen solcher -Lappalien mit diesem Hauptmann anbändelten ... zuerst eine Prügelei und -dann ein Gelage – das ist Ihr ganzer Charakter! Drei Dutzend Flaschen -Champagner! – Was fangen Sie denn damit an?“ - -„Bravo! Geben Sie jetzt die Pistolen. Bei Gott, ich habe keine Zeit. Ich -würde gern mit dir etwas sprechen, mein Täubchen, wie Fenjä sagt, aber -ich habe keine Zeit. Und es ist auch nicht nötig, es ist zu spät zum -Sprechen. Ah! wo ist denn das Geld, wo habe ich es hingelegt?“ fragte er -erstaunt und begann die Hände in die Tasche zu stecken. - -„Auf den Tisch haben Sie es doch selbst gelegt ... dort, da liegt es ja. -Hatten Sie es vergessen? Sie gehen ja mit Ihrem Gelde wahrlich so um, -als wäre es Kehricht oder Wasser. Hier sind Ihre Pistolen. Sonderbar, um -sechs versetzten Sie sie für zehn Rubel, und jetzt scheinen Sie ja -Tausende in den Fingern zu haben. Wieviel sind es denn, zwei oder drei?“ - -„Drei, natürlich,“ sagte Mitjä lachend und steckte das Geld in die -Hosentasche. - -„Aber so werden Sie es doch verlieren. Haben Sie etwa Goldgruben -geerbt?“ - -„Goldgruben? Goldgruben! Hahaha!“ Mitjä lachte, lachte unbändig. -„Perchotin, sagen Sie, Liebster, wollen Sie nicht in den Goldgruben nach -Gold graben? Dann wird Ihnen eine hiesige Dame sofort Dreitausend -vorschießen, damit Sie nur hinfahren. Mir hat sie sie vorgeschossen, -dermaßen liebt sie die Goldgruben! Kennen Sie Frau Chochlakoff?“ - -„Ich bin ihr nicht vorgestellt, aber ich habe sie gesehen und auch von -ihr gehört. So hat sie Ihnen diese Dreitausend gegeben? Ist’s möglich?“ -Perchotin blickte ihn ungläubig an. - -„Wissen Sie, wenn morgen die Sonne goldrot emporsteigt, wenn der ewig -junge Phöbus, Gott preisend und lobsingend, im Sonnenwagen am Himmel -emporjagt, – so gehen Sie zu ihr, zu Frau Chochlakoff, und fragen Sie -sie, ob sie mir die Dreitausend vorgeschossen hat oder nicht? Erkundigen -Sie sich mal!“ - -„Ich kenne Ihre Beziehungen nicht ... wenn Sie so sagen, dann wird sie -sie Ihnen wohl gegeben haben ... Und Sie gehen jetzt, nachdem Sie das -Geld erhalten haben, anstatt nach Sibirien Gold graben, für alle drei -... Ja, wohin wollen Sie denn jetzt eigentlich fahren?“ - -„Nach Mokroje.“ - -„Nach Mokroje? Aber es ist doch Nacht!“ - -„Es war einmal ein Mann, der war in allem Meister, doch sieh, da ward er -dumm und saß dann fest im Kleister,“ sagte plötzlich Mitjä. - -„Wieso im Kleister? Mit Dreitausend in der Hand sitzt man nicht im -Kleister.“ - -„Ich rede nicht von den Tausenden. Hol sie der Teufel, die Tausende! Ich -rede von des Weibes Herz: - - ‚Weibersinn ist leicht und flatterhaft, - Kennt keine Treu und ist nicht tugendhaft.‘ - -Ich bin mit Ulysses vollkommen einverstanden; das hat er gesagt.“ - -„Ich verstehe Sie nicht.“ - -„Betrunken, wie?“ - -„Nein, nicht betrunken, aber schlimmer als das.“ - -„Mein Geist ist trunken, Pjotr Iljitsch, geistig bin ich trunken, aber -genug, genug davon!“ - -„Was tun Sie, Sie laden die Pistole?“ - -„Ja, ich lade die Pistole.“ - -Mitjä, der den Pistolenkasten geöffnet und das Pulverhorn genommen -hatte, schüttete bereits vorsichtig die Ladung hinein und schlug sie -dann sorgfältig fest zu. Darauf nahm er die Kugel, doch bevor er sie -hineinschob, hielt er sie zwischen zwei Fingern zum Licht, um sie zu -betrachten. - -„Warum betrachten Sie die Kugel?“ fragte sofort Perchotin, der ihn -unruhig und besorgt beobachtete. - -„Nur so. Ein plötzlicher Einfall. Wenn du dir vorgenommen hättest, diese -Kugel dir in den Kopf zu jagen, würdest du sie dann, wenn du die Pistole -ladest, betrachten, oder würdest du sie so einfach hineinstoßen?“ - -„Warum sollte ich sie denn betrachten?“ - -„Wenn sie in dein eigenes Hirn eindringen soll, so ist es doch -interessant, zu sehen, wie sie eigentlich aussieht ... Aber übrigens, -was rede ich für einen Unsinn, das war nur so ein dummer Gedanke. So, -fertig.“ Er hatte die Kugel mit Werg festgestampft. „Pjotr Iljitsch, -lieber Pjotr Iljitsch, das war ja nur Unsinn, wenn du wüßtest, was für -ein Unsinn! Gib mir mal jetzt ein Stückchen Papier.“ - -„Da ist Papier.“ - -„Nein, glattes, reines, auf dem man schreiben kann. Ja, solches.“ Und -Mitjä ergriff eine Feder, die auf dem Tisch lag und schrieb schnell zwei -Zeilen auf das Papier, das er dann zweimal zusammenfaltete und in die -Westentasche steckte. Die Pistolen legte er zurück in den Kasten, -verschloß ihn mit dem kleinen Schlüssel, und nahm ihn dann vom Tisch. Er -blieb vor Perchotin stehen, blickte ihn lange an und lächelte -gedankenverloren. - -„Gehen wir jetzt,“ sagte er. - -„Wohin wollen Sie? Nein, hören Sie, das geht nicht ... Sie wollen sich -diese Kugel wahrscheinlich in Ihren Kopf jagen ...“ sagte Perchotin -unmutig. - -„Die Kugel war doch Unsinn! Ich will leben! Ich liebe das Leben! Das laß -dir gesagt sein. Den goldlockigen Phöbus liebe ich, und ich liebe sein -heißes Licht ... Pjotr Iljitsch, lieber Mensch, verstehst du, den Weg -freizugeben?“ - -„Wie das, den Weg freizugeben?“ - -„Ich meine, aus dem Wege zu treten. Dem geliebten und gehaßten Wesen den -Weg freizugeben? Und daß auch das Gehaßte lieb werde, – so muß man den -Weg freizugeben verstehen! Und ihnen sagen: Gott mit euch, geht, geht -vorüber, ich aber ...“ - -„Sie aber?“ - -„Genug, gehen wir.“ - -„Weiß Gott, ich muß jemanden rufen, damit man Sie nicht dorthin läßt.“ -Perchotin blickte ihn scharf an. „Warum wollen Sie denn jetzt nach -Mokroje?“ - -„Dort ist ein Weib, hörst du, ein Weib! So. Das mag dir als Erklärung -genügen. Genug. Gehen wir!“ - -„Hören Sie, Karamasoff, Sie sind ein wilder Mensch, aber Sie haben mir -immer, ich weiß nicht warum, gefallen ... ich beunruhige mich -Ihretwegen.“ - -„Ich danke dir, Bruder. Ich bin wild, sagtest du? Ja, die Wilden, die -Wilden! Ich habe es ja immer gesagt: die Wilden! Ah, das ist Mischa, ich -hatte ihn schon ganz vergessen.“ - -Mischa war atemlos mit dem ausgewechselten Gelde eingetreten und -meldete, daß bei Plotnikoff alle Kommis und Jungen bereits Flaschen, -Fisch und Tee „zusammenschleppten“ und alles sofort fertig sein werde. -Mitjä nahm einen Zehnrubelschein und reichte ihn Perchotin und einen -anderen Zehnrubelschein wollte er dem Jungen geben. - -„Nicht! Das verbiete ich Ihnen!“ Perchotin hielt ihn sofort auf. „In -meinem Hause dürfen Sie das nicht ohne meine Erlaubnis tun, und es wäre -auch nur eine schlechte Erziehung für den Jungen ... wenn ich es -erlauben wollte. Stecken Sie Ihr Geld ein, nicht dorthin, stecken Sie es -in diese Tasche, werden es sonst verlieren. Morgen werden Sie es -vielleicht nötig haben, und dann müßten Sie wieder Ihre Pistolen -versetzen. Warum wollen Sie es denn in die Seitentasche stecken? So -werden Sie es doch nur verlieren!“ - -„Hör, lieber Mensch, fahren wir zusammen nach Mokroje?“ - -„Wozu soll ich dorthin fahren?“ - -„Hör, ich werde sofort eine Flasche bestellen, trinken wir auf das -Leben! Ich will auf das Leben trinken, aber mit dir zusammen will ich -trinken. Ich habe doch noch nie mit dir getrunken, nicht wahr?“ - -„Meinetwegen, das kann man im Gasthaus besorgen, gehen wir hin, es war -gerade meine Absicht, zu einer Partie Billard hinzugehen.“ - -„Nein, dazu haben wir keine Zeit, aber wir können bei Plotnikoff -trinken, im Hinterzimmer. Willst du, ich werde dir ein Rätsel zum Raten -aufgeben?“ - -„Nun, gib’s nur auf.“ - -Mitjä zog aus der Westentasche den soeben geschriebenen Zettel hervor, -faltete ihn auseinander und zeigte ihn ihm. Mit deutlicher und großer -Handschrift stand darauf geschrieben: - -„Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben und bestrafe damit mein -Leben.“ - -„Nein, weiß Gott, ich muß jemanden rufen, ich werde sofort ...,“ -murmelte Perchotin vor sich hin, als er den Zettel gelesen hatte. - -„Wirst keine Zeit mehr dazu haben, mein Täubchen, gehen wir und trinken -wir. Nun, rechtsum kehrt, vorwärts – marsch!“ - -Die Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff lag an derselben Straße, nur -ein paar Häuser weit von Perchotins Wohnung, gerade an der Straßenecke. -Es war die größte Delikatessenhandlung in unserer Stadt. Die Inhaber -waren reiche Kaufleute, und das Geschäft ging nicht so übel. Es war dort -alles zu haben, was auch in der Großstadt jedes größere -Kolonialwarengeschäft hat: Weine von den Brüdern Jelissejeff, Früchte, -Zigarren, chinesischer Tee, Zucker, Kaffee usw. Es waren immer drei -Kommis und zwei Laufburschen beschäftigt. Obwohl unser Bezirk verarmt, -der Handel zurückgegangen war und die Gutsbesitzer fortzogen, so blühte -doch dieses Kolonialwarengeschäft nach wie vor und vergrößerte sich noch -mit jedem Jahr, denn die Zahl der Käufer dieser Gegenstände verringerte -sich nicht, sondern wuchs eher. Dmitrij Fedorowitsch wurde ungeduldig -erwartet. Man erinnerte sich noch gar zu gut, wie er vor vier Wochen -ebenso plötzlich Weine, Delikatessen und Süßigkeiten bestellt hatte, -Ware für mehrere hundert Rubel bar (auf Kredit hätte man ihm natürlich -nichts gegeben), und ebensogut wußte man, daß er auch damals ebenso wie -jetzt einen ganzen Packen Hundertrubelscheine in der Hand gehalten -hatte, wußte, wie er mit dem Gelde umgegangen war, wie großartig er -alles bestellt hatte, ohne je nach einem Preise zu fragen, ohne -nachzudenken oder nachdenken zu wollen, wieviel Ware er nahm. Sprach -doch die ganze Stadt nachher, daß er damals, als er mit Gruschenka nach -Mokroje gefahren war, in einer Nacht und an dem folgenden Tage -dreitausend Rubel ausgegeben hatte und ohne einen roten Heller -zurückgekommen war. Ein ganzes Zigeunerlager, das sich damals bei uns -niedergelassen hatte, war von ihm hinbestellt worden, und dieses schlaue -Volk, hieß es, hätte ihm in der Trunkenheit unzähliges Geld abgezapft -und seine teuren Weine wie Flußwasser (nur mit anderen Folgen) -getrunken. Man erzählte sich lachend, wie er in Mokroje schmutzige -Bauernkerle mit Champagner und die Dorfmädel und Weiber mit teurem -Konfekt und Straßburger Pasteten traktiert hatte. Desgleichen lachte -man, besonders im Gasthaus „Zur Hauptstadt“, über Mitjäs aufrichtiges -Eingeständnis (natürlich lachte man ihm nicht ins Gesicht, denn das wäre -etwas zu gefährlich gewesen), daß er von Gruschenka für diese ganze -„Eskapade“ nichts als die Erlaubnis erhalten hatte, „einen Kuß auf ihr -Füßchen drücken zu dürfen und weiter nichts“. - -Als Mitjä und Perchotin sich dem Laden näherten, sahen sie, daß vor der -Tür eine Troika hielt; der Wagen war mit einem Teppich bedeckt und die -Pferde mit Glocken und Schellen geschmückt. Andrei, der Kutscher, ging -auf und ab und wartete auf Mitjä. Im Laden hatte man eine Kiste bereits -„erledigt“ und wartete nur noch auf Mitjäs Erscheinen, um sie zu -vernageln und auf den Wagen zu heben. Perchotin wunderte sich. - -„Aber wo hast du so schnell die Troika hergenommen?“ fragte er erstaunt. - -„Als ich zu dir ging, traf ich ihn unterwegs, ich meine den Andrei, und -da befahl ich ihm, sofort anzuspannen und hier vorzufahren. Wozu Zeit -verlieren? Das vorige Mal fuhr ich mit Timofei, aber diesmal ist mir -Timofei mit meiner Zauberin vorausgefahren. He, Andrei, werden wir sehr -viel später ankommen?“ - -„Höchstens ein Stündchen, Herr, werden sie früher ankommen als wir, und -selbst nicht mal das!“ versicherte Andrei eilfertig. „Ich habe Timofei -abfahren sehen, ich weiß, wie der fahren wird. Die fahren nicht wie wir, -Herr, wie sollen die denn so wie wir fahren! Mehr als eine Stunde kommen -sie sicherlich nicht früher an!“ beteuerte Andrei eifrig. Es war ein -noch nicht alter, rothaariger und hagerer Mann im Leibrock. Seinen -Mantel trug er auf dem linken Arm. - -„Fünfzig Rubel Trinkgeld, wenn wir nur eine Stunde später hinkommen.“ - -„Für eine Stunde bin ich sicher! Ach, Herr, die werden nicht mal ’ne -halbe Stunde früher ankommen, von ’ner ganzen schon ganz zu schweigen!“ - -Mitjä war zwar sehr beschäftigt mit dem Anordnen, doch gab er seine -Befehle auffallend zerstreut, er sprach sie fast nie zu Ende. Perchotin -fand es geboten, sich in die Sache einzumischen. - -„Für vierhundert Rubel, nicht weniger als für vierhundert, damit es ganz -genau so viel ist, wie damals,“ kommandierte Mitjä. „Vier Dutzend -Flaschen Champagner, keinen Tropfen weniger!“ - -„Wozu soviel, wer wird das austrinken? Halt!“ rief Perchotin. „Was ist -das für eine Kiste? Was ist hier eingepackt? Diese Kiste soll für -vierhundert Rubel Weine und Delikatessen enthalten?“ - -Ihm wurde aber sofort von den dienstbeflissenen Kommis in höflichster -Redeweise auseinandergesetzt, daß in dieser ersten Kiste nur ein halbes -Dutzend Flaschen Champagner und „alle möglichen notwendigen Konserven -und sofort nötige Delikatessen“ eingepackt seien, sowie Schokolade, -Früchte, Kaviar, Lachs usw., daß aber der „große Bedarf“ sofort -eingepackt und noch in dieser Stunde mit einer anderen Troika -abgeschickt werden würde, so wie es auch das vorige Mal geschehen sei, -und daß also die Sachen für den „großen Bedarf“ höchstens eine Stunde -später als der Herr in Mokroje ankommen würden. - -„Nur nicht später als nach einer Stunde, und möglichst viel Schokolade -und Makronen, die werden von den Mädels am liebsten gegessen,“ setzte -Mitjä noch eifrig hinzu. - -„Nun gut, also noch Makronen. Aber was fängst du mit vier Dutzend -Flaschen Champagner an? Eines genügt vollkommen!“ sagte Perchotin -geärgert. - -Er erkundigte sich nach den Preisen, verlangte die Rechnung und wollte -sich nicht beruhigen. Kurz, er rettete im ganzen etwa hundert Rubel. Es -endete damit, daß alles in allem nur für dreihundert Rubel Ware -eingepackt werden sollte. - -„Ach, zum Teufel!“ Perchotin bedachte sich eines anderen. „Was geht das -mich an! Tu mit deinem Gelde, was du willst, wenn du es so mühelos -bekommen hast!“ - -„Komm her, mein lieber Nationalökonom, komm her, ärgere dich nicht.“ -Damit zog ihn Mitjä in das Hinterzimmer. „Man wird uns sofort eine -Flasche herbringen. Ach was, fahren wir zusammen hin, du bist ein lieber -Mensch, ich liebe solche wie du.“ - -Mitjä setzte sich auf einen geflochtenen Stuhl vor einen kleinen Tisch, -der mit einem äußerst befleckten Tischtuch bedeckt war. Perchotin ließ -sich ihm gegenüber auf irgendeiner anderen Sitzgelegenheit nieder. Im -selben Augenblick wurde auch schon der Champagner gebracht. Es wurde -noch gefragt, ob die Herren nicht Austern wünschten, „prima Qualität, -letzte Sendung ...“ - -„Ach, zum Teufel mit den Austern, ich will sie nicht, nicht nötig,“ -stieß Perchotin geradezu wütend hervor. - -„Ja, wir haben keine Zeit zum Austernschlürfen,“ meinte Mitjä, „und ich -habe auch keinen Appetit auf Austern. Weißt du, Freund,“ sagte er -plötzlich gefühlvoll, „ich habe niemals diese ganze Unordnung geliebt.“ - -„Wer liebt denn überhaupt so etwas! Vier Dutzend, das ist doch wirklich -... für Bauernkerle!“ - -„Ich rede nicht davon. Ich meinte die höhere Ordnung. Es ist keine -Ordnung in mir, keine höhere Ordnung ... Aber ... das ist jetzt vorüber, -wozu noch darüber trauern. Das kommt jetzt zu spät, hol’s der Teufel, -wenn er will! Mein ganzes Leben war Unordnung, jetzt muß man einmal -Ordnung schaffen. Hm, du glaubst wohl, daß ich Witze reißen will?“ - -„Du phantasierst im Fieber, aber machst keine Witze. - - ‚Heil dem Höchsten in der Welt, - Heil dem Höchsten auch in mir!‘ - -– Diese Worte haben sich einmal, irgend einmal aus meiner Seele -gerungen, nicht als Gedicht, nein, es waren Tränen ... Ich habe sie -selbst gedichtet ... natürlich nicht damals, als ich den Hauptmann am -Bärtchen zog ...“ - -„Wie kommst du auf ihn?“ - -„Wie ich auf ihn zu sprechen komme? Unsinn! Alles nähert sich dem Ende, -alles gleicht sich aus, ein Strich – und das Fazit.“ - -„Nein, weiß Gott, mir kommen deine Pistolen nicht aus dem Sinn.“ - -„Auch die Pistolen sind Unsinn! Trink und phantasiere nicht. Ich liebe -das Leben, habe es gar zu lieb, so lieb, daß es fast schon niedrig ist. -Doch genug davon! Auf das Leben, Täubchen, auf das Leben laß uns -trinken, ich schlage einen Toast auf das Leben vor! Warum bin ich nur so -zufrieden mit mir? Ich bin ein niedriger Mensch, aber ich bin zufrieden -mit mir. Und doch – es quält mich, daß ich niedrig und trotzdem mit mir -zufrieden bin. Ich segne die Schöpfung, ich bin bereit, Gott zu segnen -und seine Schöpfung, aber ... man muß ein scheußliches Insekt -vernichten, damit es nicht mehr umherkriecht, nicht anderen das Leben -verdirbt ... Trinken wir auf das Leben, Bruder! Was gibt es Schöneres -als das Leben? Nichts, nichts! Auf das wogende Leben und auf eine -Königin aller Königinnen!“ - -„Schön, trinken wir auf das Leben, und meinetwegen auch auf deine -Königin.“ - -Sie tranken jeder ein Glas. Mitjä war trotz seiner Begeisterung und -Ekstase gewissermaßen traurig – als wenn eine Sorge hinter ihm stünde -und er sie nicht loswerden könnte. - -„Mischa ... das ist doch dein Mischa, der soeben eintrat? Mischa, -Täubchen, Mischa, komm her, trink dieses Glas auf Phöbus, den -goldlockigen Jüngling, der morgen ...“ - -„Warum gibst du ihm Champagner!“ rief Perchotin gereizt und versuchte -ihn aufzuhalten. - -„Nun, erlaub doch, laß doch, warum willst du es nicht? – laß, ich will.“ - -„Ach nun!“ - -Mischa trank das Glas aus, machte einen schönen Bückling und lief fort. - -„So wird er es länger behalten,“ meinte Mitjä. „Ein Weib liebe ich, ein -Weib! Was ist das Weib? Die Königin der Erde! Traurig ist mir zumut, -Pjotr Iljitsch. Weißt du noch, wie Hamlet sagt: ‚Mir ist so schwer ums -Herz, so schwer, Horatio ... Ach, armer Yorik!‘ Dieser Yorik bin -vielleicht ich. Ja, jetzt bin ich Yorik, und ein Schädel später.“ - -Perchotin hörte zu und schwieg; da verstummte auch Mitjä. - -„Was ist das da für ein Hündchen?“ fragte er plötzlich zerstreut einen -Kommis, als er in der Ecke ein kleines Bologneserhündchen mit schwarzen -Augen bemerkt hatte. - -„Das gehört Warwara Alexejewna, unserer Gnädigen,“ entgegnete der Kommis -höflich, „sie hat es vorhin hergebracht und hier vergessen, da wird man -es ihr zurückbringen müssen.“ - -„Ich habe einmal ein ähnliches gesehen ... im Regiment ...“ sagte Mitjä -gedankenverloren, „nur hatte es sich die Hinterpfötchen gebrochen ... -Pjotr Iljitsch, ich wollte dich noch fragen, gut, daß es mir einfällt: -Hast du je in deinem Leben gestohlen – oder nie?“ - -„Was soll das?“ - -„Nein, ich frage dich nur so. Ich meine, aus der Tasche eines anderen -Menschen etwas Fremdes? Ich rede nicht von der Staatskasse, die wird -natürlich von allen gerupft und auch von dir, versteht sich ...“ - -„Geh zum Teufel.“ - -„Ich meine aber Fremdes: gleich aus der Tasche, aus dem Portemonnaie?“ - -„Von meiner Mutter habe ich einmal einen Zwanziger gestohlen, ich war -ein neunjähriger Knabe. Ich nahm ihn leise vom Tisch und verbarg ihn in -der Faust.“ - -„Nun, und?“ - -„Nun, nichts weiter. Drei Tage verwahrte ich ihn, dann schämte ich mich, -gestand es und gab ihn zurück.“ - -„Nun, und dann?“ - -„Das ist doch klar: ich wurde gedroschen. Aber wozu fragst du, hast du -etwa selbst gestohlen?“ - -„Hab’ gestohlen,“ sagte Mitjä mit einem verschmitzten Lächeln. - -„Was hast du gestohlen?“ - -„Von meiner Mutter einen Zwanziger, ich war ein neunjähriger Knabe, nach -drei Tagen gab ich ihn zurück.“ - -Als er das gesagt hatte, erhob er sich plötzlich. - -„Herr, wollen wir uns nicht beeilen?“ ertönte von der Tür Andreis -Stimme. - -„Ist alles bereit? Gehen wir!“ Mitjä fuhr unmutig auf. „Noch das letzte -Wort und ... Dem Andrei einen Schnaps auf den Weg! Und auch ein Glas -Kognak für ihn außer dem Schnaps! Dieser Kasten (mit Pistolen) kommt -unter den Sitz. Leb wohl, Pjotr Iljitsch, denk nicht schlecht von mir!“ - -„Aber du kommst doch morgen zurück?“ - -„Unbedingt.“ - -„Werden der Herr vielleicht jetzt die kleine Nota begleichen?“ fragte -freundlich ein flink herbeigesprungener Kommis. - -„Ach, ja, natürlich! Versteht sich!“ - -Und wieder zog er alle Scheine aus der Tasche heraus, nahm die obersten -drei regenbogenfarbenen und warf sie auf den Ladentisch. Dann eilte er -hinaus. Ihm folgte unter Bücklingen und mit guten Wünschen auf die Reise -das ganze Personal. Andrei räusperte sich und sprang auf seinen Platz. -Doch kaum wollte Dmitrij einsteigen, als plötzlich Fenjä auftauchte. Sie -kam atemlos herangelaufen, schlug die Hände flehend zusammen und stürzte -mit einem Schrei vor Mitjä auf die Knie nieder. - -„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, Täubchen, bringen Sie sie nicht um! Und -ich, ich habe Ihnen alles erzählt in der Angst! ... Und auch ihn bringen -Sie nicht um, das ist doch der Frühere, ihr Liebster! Er wird jetzt -Agrafena Alexandrowna heiraten, er ist doch nur deswegen aus Sibirien -zurückgekehrt ... Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, richten Sie nicht -fremdes Leben zugrunde!“ - -„Aha, das also ist es! Nun, da kann er ja was Schönes anrichten!“ -brummte Perchotin vor sich hin. „Jetzt begreife ich ... jetzt hat alles -seine Erklärung ... Dmitrij Fedorowitsch, gib mir mal sofort die -Pistolen her, wenn du ein Mensch sein willst,“ rief er ihm laut zu, -„hörst du!“ - -„Die Pistolen? Wart, mein Täubchen, ich werde sie unterwegs in den -Graben werfen,“ sagte Mitjä. „Fenjä, stehe auf, liege nicht so vor mir -auf den Knien. Niemanden wird Mitjä, dieser dumme Mensch, zugrunde -richten, hinfort niemanden mehr. Und noch eines, Fenjä,“ rief er ihr, -bereits einsteigend, zu, „ich habe dich vorhin gekränkt und habe dir weh -getan, verzeih es mir und vergib dem Bösewicht ... willst du es aber -nicht vergeben, nun dann meinetwegen auch nicht! Jetzt ist doch schon -alles einerlei! Fahr zu, Andrei, geschwind!“ - -Andrei zog die Leine an und knallte mit der Peitsche: Glocken und -Schellen ertönten. - -„Leb wohl, Pjotr Iljitsch! Dir die letzte Träne! ...“ - -„Er ist nicht betrunken und schwatzt doch wie im Delirium!“ dachte -Perchotin bei sich, als die Troika wie der Wind um die Ecke gebogen und -verschwunden war. Er hatte sich vorgenommen, so lange zu warten, bis man -die zweite Troika mit den übrigen Vorräten abgeschickt hätte, denn er -sagte sich, daß man bei der Gelegenheit wahrscheinlich tüchtig betrügen -wollte; doch plötzlich drehte er sich ärgerlich um und begab sich zu -seiner Billardpartie. - -„Ein Esel, wenn auch sonst ein netter Junge ...“ brummte er unterwegs -vor sich hin. „Von einem gewissen Offizier, diesem Vormaligen der -Gruschenka, habe ich gehört. Nun, wenn er jetzt zurückgekehrt ist ... -Ach, die verfluchten Pistolen! Zum Teufel, was geht das schließlich mich -an, ich bin doch nicht seine Kindermagd! Mag er doch! Aber es wird ja -nichts geschehen. Hunde, die bellen, beißen nicht. Solche Leute trinken -und prügeln sich, prügeln sich und versöhnen sich. Sind denn das -Tatmenschen? Doch was war das mit dem ‚ich werde den Weg freigeben, -strafe mich für mein Leben‘? Ach was, Geschwätz. Er hat doch wahrlich -nicht wenig ähnliches Zeug geredet, wenn er betrunken war. Jetzt aber -war er wirklich nicht betrunken. ‚Mein Geist ist trunken‘ – schönen Stil -lieben die Schufte. Ach, was geht das mich an, bin doch nicht seine -Kindermagd. Und das Prügeln stets erstes Lebenselement! Sein ganzes -Gesicht war mit Blut besudelt. Und das ganze Taschentuch ... Pfui -Teufel, jetzt liegt es bei mir auf dem Fußboden ... Schweinerei!“ - -In der schlechtesten Gemütsverfassung erreichte er endlich das Gasthaus -„Zur Hauptstadt“ und begann sofort die Partie. Das Spiel zerstreute ihn. -Man begann darauf eine zweite Partie, und plötzlich ließ er im Gespräch -mit seinem Partner die Bemerkung fallen, daß Dmitrij Karamasoff wieder -Geld in Fülle besitze, etwa dreitausend Rubel, daß er es selbst gesehen -habe, und daß Mitjä wieder nach Mokroje zu einem Gelage mit Gruschenka -gefahren sei. Diese Nachricht wurde mit erstaunlicher Aufmerksamkeit -aufgenommen. Und alle sprachen sonderbarerweise vollkommen ernst -darüber, keineswegs scherzend oder gleichgültig. Sie unterbrachen sogar -das Spiel. - -„Dreitausend? Woher hat er die denn plötzlich bekommen?“ - -Man begann ihn auszufragen. Daß Frau Chochlakoff ihm das Geld gegeben -habe, wurde stark bezweifelt. - -„Oder hat er vielleicht den Alten beraubt?“ - -„Weiß der Teufel, dreitausend! Da muß irgend etwas nicht in Ordnung -sein.“ - -„Hat er sich denn nicht immer gerühmt, daß er den Vater erschlagen -werde, das haben wir doch alle gehört! Und gerade von dreitausend Rubeln -sprach er das letztemal ...“ - -Perchotin hörte zu, und seine Antworten wurden immer trockener und -knapper. Vom Blut, das Mitjä an den Händen und auf dem Gesicht gehabt -hatte, sagte er nichts, obgleich er auf dem Wege zum Gasthaus eigentlich -beabsichtigt hatte, auch davon zu erzählen. Man begann die dritte -Partie, und das Gespräch über Mitjä verstummte allmählich. Nachdem aber -Perchotin die dritte Partie beendet hatte, wollte er nicht weiter -spielen; er legte das Queue hin und ging fort, ohne zu Abend zu essen. -Als er auf den Platz hinaustrat, blieb er, in Zweifel befangen und -verwundert über sich selbst, stehen. Er hatte beschlossen, sofort zu -Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen, um dort zu erfahren, ob nicht -etwas Besonderes geschehen war. - -„Ach was,“ dachte er, „ich soll dort wegen irgendeiner Dummheit, denn -mehr wird ja doch nicht dahinter stecken, fremde Menschen aus dem -Schlafe wecken und womöglich noch einen Skandal hervorrufen. Teufel! was -geht das mich an!“ - -In hundsgemeiner Stimmung begab er sich geradeswegs nach Hause, doch -plötzlich fiel ihm Fenjä ein. „Ich Esel, warum erkundigte ich mich nicht -bei ihr, dann würde ich jetzt alles wissen.“ Und das eigensinnige -Verlangen, mit ihr zu sprechen, wurde so stark in ihm, daß er auf halbem -Wege kurz entschlossen kehrtmachte und sich zum Hause der Morosowa, wo -Gruschenka wohnte, begab. Beim Hoftor angelangt, klopfte er, und der -Laut, der in der nächtlichen Stille erschallte, weckte ihn wieder auf: -er ernüchterte und ärgerte ihn zugleich. Zudem rührte sich nichts: alles -schien im Hause zu schlafen. „Und auch hier wird es schließlich nur auf -einen Skandal hinauskommen!“ dachte er fast mit einem Schmerz in der -Brust. Doch anstatt fortzugehen, begann er von neuem zu klopfen, und -zwar klopfte er vor Wut aus aller Kraft. Der Lärm schallte durch die -ganze Straße. „Ich werde sie doch noch wachrütteln, zum Trotz!“ brummte -er, und mit jedem Schlag wuchs sein Ärger, und mit jedem Schlage klopfte -er lauter, immer lauter. - - - VI. - „Ich fahre!“ - -Inzwischen raste die Troika auf der Landstraße dahin. Bis nach Mokroje -waren es etwas mehr als zwanzig Werst, doch Andrei jagte dermaßen, daß -er in einer Stunde anzukommen hoffen konnte. Die scharfe Fahrt schien -Mitjä zu beleben. Die Nacht war still und fast kalt; am klaren Himmel -flimmerten lautlos die großen, hellen Sterne. Es war dieselbe Nacht und -vielleicht auch dieselbe Stunde, in der Aljoscha zur Erde niederfiel und -„in Verzückung schwor, die Erde bis in alle Ewigkeit zu lieben“. Doch in -Mitjäs Seele war Unruhe, dunkle Unruhe. Und wenn auch viele Gefühle in -seiner Seele miteinander rangen, so strebte doch sein ganzes Wesen nur -zu ihr, zu ihr, seiner Königin, zu der ihn die rasenden Tiere brachten, -– um sie noch einmal, zum letztenmal, zu sehen! Ich will hier nur noch -eines sagen, wenn man es mir auch vielleicht nicht glauben wird: Dieses -eifersüchtige Herz empfand für den neuen Nebenbuhler, für diesen -plötzlich aus der Erde aufgetauchten sogenannten „früheren Offizier“, -nicht den geringsten Haß. Jeder andere Nebenbuhler, wäre ein solcher -neben ihm aufgetaucht, hätte ihn vor Eifersucht rasend gemacht, und -vielleicht hätte er dann wieder seine Hände mit Blut besudelt, – doch -für diesen, für diesen „ihren Ersten“ empfand er nicht einmal ein -feindseliges Gefühl. Allerdings hatte er ihn noch nicht gesehen, aber: -„Hier ist es ihr Recht und auch seines; hier ist es ihre erste Liebe, -die sie in den ganzen fünf Jahren nicht vergessen hat, hier kann niemand -mehr etwas streitig machen. Fünf Jahre lang hat sie ihn geliebt, und ich -– warum habe ich mich zwischen sie zu drängen versucht? Was hatte ich -dabei zu tun? Tritt zur Seite, Mitjä, und gib den Weg frei! Und was will -ich jetzt noch? Jetzt ist ja auch ohne den Offizier alles aus! Selbst -wenn er gar nicht wieder aufgetaucht wäre – es ist ein für allemal alles -zu Ende ...“ - -Ungefähr in diesen Worten würde er seine Empfindungen ausgedrückt haben, -wenn er nur imstande gewesen wäre, zu denken. Denken aber war ihm -unmöglich. Sein ganzer Entschluß war eigentlich ohne jeden Gedanken -entstanden, in einer Sekunde war er aufgetaucht, sofort gefühlt und -wortlos, gedankenlos mit allen Folgen von ihm als selbstverständlich -aufgenommen worden. Das war in der Küche bei Fenjä schon bei deren -ersten gestammelten Worten geschehen. Und doch war trotz des gefaßten -Entschlusses Unruhe in seiner Seele; selbst die Entschlossenheit brachte -keine Ruhe. Gar zu vieles stand hinter ihm und quälte ihn. Und eben dies -kam ihm zuweilen so sonderbar vor. Er hatte doch schon eigenhändig -seinen Urteilsspruch geschrieben: „Ich strafe mich für mein durchlebtes -Leben,“ und der Zettel war doch hier in seiner Westentasche, und die -Pistole war doch schon geladen, und er hatte ja schon beschlossen, wie -er morgen den ersten lichten Strahl des „goldlockigen Phöbus“ begrüßen -werde – und doch konnte er das Gewesene, das hinter ihm stand und ihn -quälte, nicht abschütteln, das fühlte er bis zum körperlichen Schmerz, -und der Gedanke daran hatte sich wie Verzweiflung an seine Seele -festgesogen. Es kam ein Augenblick, in dem er die Pistole herausreißen -und aus dem Wagen springen wollte, um alles sofort zu beenden, ohne auf -den goldlockigen Phöbus zu warten. Aber auch dieser Augenblick verging -wie ein Funken. Und die Troika jagte, „die Entfernung verschlingend“, -und in dem Maße, wie er sich ihr näherte, verscheuchte der Gedanke an -sie mehr und mehr alle anderen, ihn zerrenden Schreckgespenster. Oh, er -wollte sie nur einmal noch sehen, nur noch einmal, und wenn auch nur von -ferne, flüchtig! „Sie ist jetzt mit ihm zusammen, nun, so werde ich denn -sehen, wie sie jetzt mit ihm zusammen ist, mit ihrem früheren Liebsten, -das ist ja alles, was ich will.“ Und noch niemals hatte sich in ihm so -viel Liebe zu diesem Weibe, das so verhängnisvoll für ihn geworden war, -in seinem Herzen erhoben, so viel neue, noch nie empfundene Gefühle, -Gefühle, die für ihn selbst ganz unerwartet kamen, Gefühle, die wie -Gebete fromm und bis zur Weichheit zärtlich waren. „Ich werde den Weg -freigeben und vergehen! Und ich vergehe auf Erden!“ sagte er sich in -einem Anfall hysterischer Ekstase. - -Fast eine Stunde lang jagten sie schon. Mitjä schwieg, und Andrei, der -sonst recht gesprächig war, hatte auch noch kein Wort gesprochen, ganz, -als hätte er sich gefürchtet zu sprechen, und trieb nur seine „Renner“ -an, seine braune, hagere, wilde Troika. Da schrie ihm plötzlich Mitjä -entsetzt zu: - -„Andrei! ... Aber wenn sie schon schlafen?“ - -Dieser Gedanke war ihm ganz plötzlich gekommen, denn vorher hatte er an -diese Möglichkeit überhaupt nicht gedacht. - -„Ja, es ist wohl anzunehmen, daß sie sich schon hingelegt haben.“ - -Mitjä runzelte finster die Stirn, ein krankhaftes Gefühl erfaßte ihn. -„Nein, wirklich, was dann, wenn er ankommt ... mit diesen Gefühlen ... -und sie schlafen bereits ... und auch sie schläft vielleicht gleichfalls -... im selben Hause ...?“ Ein böser Gedanke stieg in seinem Herzen auf. - -„Schneller, Andrei, jage!“ schrie er außer sich. - -„Aber es kann auch sein, daß sie sich noch nicht hingelegt haben,“ -meinte Andrei nach einem Weilchen Nachdenken. „Timofei sagte, daß sich -ihrer dort viele versammelt haben ...“ - -„Auf der Poststation?“ - -„Nein, nicht dort; bei Plastunoffs, im Einkehrhaus, also sozusagen in -der Herberge, das wäre so eine freie Station für die Reisenden, ohne -Post.“ - -„Ich weiß, ich weiß. Aber was sagst du da von vielen, die sich dort -versammelt hätten? Wie viele? Wer das?“ Mitjä war durch die unerwartete -Nachricht außergewöhnlich erregt. - -„Timofei erzählte so. Alles Herren: aus der Stadt zwei, was für welche, -weiß ich nicht, aber sie sollen aus der Stadt sein und dann noch zwei -andere, angereiste, wie er sagte, und wer kann wissen, vielleicht noch -jemand, ich hab ihn nicht viel ausgefragt. Sie haben angefangen Karten -zu spielen, sagte er.“ - -„Karten?“ - -„So ist denn wohl möglich, daß sie noch nicht schlafen, wenn sie Karten -zu dreschen angefangen haben. Was wird es denn jetzt viel an der Zeit -sein, gut, wenn es elf ist.“ - -„Schneller, Andrei, so jage doch!“ schrie ihm Mitjä abermals zu. - -„Nur möchte ich gern fragen, Herr,“ begann nach kurzem Schweigen Andrei, -„weiß nur bloß nicht, wie ich das machen soll, damit der Herr sich nicht -ärgert.“ - -„Was?“ - -„Vorhin fiel Fedossja Markowna vor dem Herrn auf die Knie und bat, ihre -Herrin und noch jemand nicht umzubringen ... So denk ich denn, ich -bringe ihn jetzt wohl hin ... Verzeiht, Herr, ich fragte nur so aus -Gewissensangst, vielleicht habe ich was Dummes gesagt.“ - -Mitjä faßte ihn plötzlich hinterrücks an den Schultern. - -„Du bist doch ein Kutscher? Ein Kutscher, nicht wahr?“ fragte er erregt. - -„Nun ja, wie man’s nimmt, eigentlich ein Fuhrmann ...“ - -„Weißt du nicht, daß man ausbiegen und anderen den Weg freigeben muß? -Oder glaubst du, daß man drauflosfahren muß, wenn auch die anderen dabei -in den Graben stürzen oder unter deine Räder kommen? Nein, Andrei, -überfahre niemanden! Man darf nicht Menschen überfahren, man darf den -Menschen nicht das Leben zerstören. Wenn du aber ein Leben zerstört -hast, so strafe dich selbst ... wenn du es verdorben hast, wenn du nur -jemandem das Leben verdorben hast – so richte dich und verschwinde!“ - -Diese Worte sprudelten wie im Krampf aus ihm hervor. Andrei wunderte -sich über den Herrn, setzte aber doch das Gespräch fort. - -„Da hat der Herr ein wahres Wort gesagt: Das darf man nicht, einen -Menschen überfahren, auch quälen nicht, und wenn’s auch nur ein Vieh -ist, denn auch ein Vieh ist als Vieh von Gott geschaffen, selbst so ein -Pferd. Mancher aber jagt wie blind drauflos, und wenn’s dann halten -heißt, dann ist’s zu spät, er jagt dir schnurstracks ...“ - -„In die Hölle?“ fiel Mitjä ein und lachte darauf sein unerwartetes, -eigenartig kurzes Lachen. „Andrei, du goldene Seele, sag!“ Mitjä faßte -ihn wieder hinterrücks an den Schultern, „sag, wird Dmitrij Karamasoff -schnurstracks in die Hölle kommen oder nicht, was meinst du?“ - -„Das kann ich nicht wissen, Täubchen, das wird von Euch abhängen, denn -Ihr seid doch bei uns, wie ... Seht, Herr, als Gottes Sohn ans Kreuz -geschlagen war und starb, da ging er vom Kreuz schnurstracks in die -Hölle und befreite alle Sünder, die sich dort quälten. Und da ächzte die -Hölle, weil, wie sie glaubte, hinfort niemand mehr hinkommen werde, also -keine Sünder mehr. Und da sagte der Herr zur Hölle: ‚Ächze nicht, Hölle, -denn es werden hinfort viele Reiche und Herrscher und Richter und -Mächtige und Würdenträger zu dir kommen, und du wirst hinfort wiederum -genau so gefüllt sein, wie du es von Ewigkeit warst, bis daß ich -wiederkomme.‘ Und das ist wahr, das hat der Herr genau so gesagt ...“ - -„Eine Volkslegende, prachtvoll! Zieh dem Linken eins über, Andrei!“ - -„Das ist schon so, Herr, für wen die Hölle bestimmt ist,“ – Andrei zog -dem Linken eins über – „der kommt hinein, und was für welche -hineinkommen, das hat der Herr damals der Hölle vorausgesagt. Aber Ihr -seid doch für mich wie ein klein Kindchen ... so kommt Ihr mir immer vor -... Und wenn der Herr auch jähzornig ist, das ist wohl wahr, so wird -doch Gott Euch für Euer gutes Herz vergeben.“ - -„Und du, vergibst du mir, Andrei?“ - -„Was habe ich Euch denn zu vergeben, Herr, Ihr habt mir doch nichts -Schlechtes getan.“ - -„Nein, für alle, für alle du allein, jetzt gleich, sofort, hier im -Wagen, auf der Fahrt, vergibst du mir für alle? Sprich, du Volksseele!“ - -„Ach Herr! Es wird einem ganz bange, Euch zu fahren. Eure Worte sind -heute ganz wunderlich ...“ - -Mitjä hörte nicht, was Andrei brummte. Er betete wie wahnsinnig und -flüsterte angstvoll vor sich hin. - -„Vater unser, nimm mich in meiner ganzen Gottlosigkeit, aber richte mich -nicht! Ruf mich nicht vor deinen Richterstuhl, laß mich ohne Gericht -vorübergehn ... Richte mich nicht, denn ich habe mich selbst gerichtet. -Richte mich nicht, denn ich liebe Dich, Herr! Niedrig bin ich, aber ich -liebe Dich; schickst Du mich in die Hölle, so werde ich Dich auch dort -lieben, werde auch von dort zu Dir emporschreien, daß ich Dich ewig, -ewig liebe ... Doch laß auch mich zu Ende lieben ... jetzt hier zu Ende -lieben, nur noch fünf Stunden bis zum ersten warmen Strahl Deines Lichts -... Denn ich liebe die Königin meiner Seele! Ich liebe sie, und ich kann -nicht anders als sie lieben. Du siehst mich doch ganz, Du kennst mich -ganz, Du weißt doch, wie ich bin! Richte mich nicht, ich habe mich schon -gerichtet; ich werde vor ihr niederstürzen und sagen: Es war recht von -dir, daß du an mir vorübergingst ... Lebe wohl und vergiß dein Opfer, -beunruhige dich niemals meinetwegen!“ - -„Mokroje!“ rief Andrei und wies mit der Peitsche nach vorn. - -Im bleichen Dunkel der Sternennacht hoben sich vor ihnen schwarze, -kleine Häusermassen aus der Erde empor; stellenweise lagen sie dichter, -stellenweise verstreuter. Das Dorf Mokroje zählte etwa zweitausend -Einwohner. Zu dieser Stunde lag es schon in tiefem Schlaf, nur hier und -da blitzten noch ein paar bescheidene Lichter durch die Nacht. - -„Jage, jage, Andrei, _ich_ komme angefahren!“ rief Mitjä wie im Fieber. - -„Sie schlafen noch nicht!“ sagte Andrei, und wies mit der Peitsche auf -das Plastunoffsche Haus, das gleich bei der Einfahrt ins Dorf lag, und -dessen sechs Fenster, die auf die Straße sahen, hell erleuchtet waren. - -„Sie schlafen nicht!“ griff Mitjä jubelnd auf. „Jage, Andrei, -galoppiere, fahre donnernd vor! Damit sie hören, wer angefahren kommt! -Ich! Ich komme angefahren!“ rief Mitjä atemlos, außer sich. - -Andrei setzte seine dampfende, abgejagte Troika in Galopp und jagte -tatsächlich donnernd zur Vorfahrt. Mitjä sprang vom Wagen. Der Hauswirt -war schon im Begriff gewesen, schlafen zu gehen, doch hatte er plötzlich -von ferne das Wagenrollen vernommen und war daher neugierig auf die -Treppe hinausgetreten, um zu sehen, wer zu so später Stunde so wild -daher jagte. - -„Trifon Borissytsch, bist du es?“ fragte Mitjä. - -Trifon Borissytsch beugte sich vor, blickte angestrengt durch das Dunkel -und eilte dann geschwind in unterwürfigem Entzücken die Treppe hinab, -dem Gaste entgegen. - -„Väterchen, Dmitrij Fedorowitsch! Seid Ihr es wirklich, den wir sehen?“ - -Dieser Trifon Borissytsch war ein starkgebauter und gesunder Mann, -mittelgroß, mit einem etwas dicken Gesicht, das gewöhnlich eine strenge -und wichtige Miene annahm, besonders im Verkehr mit den Mokrojaner -Bauern, doch dafür die Fähigkeit besaß, den Ausdruck ganz unverhofft -schnell in das Gegenteil zu verwandeln, sobald Trifon Borissytsch einen -Verdienst witterte. Gekleidet war er stets auf russische Bauernart: er -trug ein russisches Hemd mit seitlichem Schluß und ein ärmelloses Wams. -Er besaß bereits ein bedeutendes Kapital, doch hatte er noch viel höhere -Ziele im Sinn. Ungefähr die Hälfte der Mokrojaner Bauern schuldete ihm. -Er aber ließ von ihnen auf Grund ihrer Schulden, von denen sie sich nie -befreien konnten, sein Land, das er von Gutsbesitzern pachtete oder auch -kaufte, unentgeltlich bearbeiten. Er war Witwer und hatte vier -erwachsene Töchter; die eine von ihnen war schon Witwe, lebte daher mit -ihren zwei kleinen Kindern, seinen Enkeln, bei ihm, und arbeitete für -ihn wie eine Tagelöhnerin. Die zweite Tochter hatte einen kleinen -Beamten, irgendeinen aufgedienten Schreiber geheiratet, und in einem der -Zimmer des Absteigequartiers hing unter den Familienbildern auch die -Miniaturphotographie dieses Beamten in Uniform und mit Achselklappen. -Die beiden jüngeren Töchter zogen sich zu Kirchenfesten, oder wenn sie -zu Besuch gingen, hellblaue oder hellgrüne Kleider an, die nach -französischer Mode genäht waren: Kleider mit langen Schleppen und -gerafften Taillen und Röcken. Doch das hinderte nicht, daß sie am -nächsten Morgen wie auch an Werktagen beim ersten Hahnenschrei -aufstanden, mit Birkenbesen die Zimmer ausfegten, das Waschwasser -hinaustrugen und die Betten machten. Trifon Borissytsch aber liebte es -noch trotz der bereits erworbenen Tausende von leutseligen Gästen ein -Überflüssiges zu nehmen, und da er von Dmitrij Fedorowitsch vor kaum -einem Monat zwei-, wenn nicht ganze dreihundert Rubel verdient hatte, so -begrüßte er ihn natürlich hocherfreut, – glaubte er doch schon in der -Art, wie der Gast angefahren kam, eine Gewähr für guten Verdienst zu -sehen. - -„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, können wir Euch wieder beherbergen?“ - -„Halt, Trifon Borissytsch,“ begann Mitjä, „zuerst die Hauptsache: Wo ist -sie?“ - -„Agrafena Alexandrowna?“ Der Wirt verstand ihn sofort und blickte ihm -scharf ins Gesicht. „Ja, auch sie ist hier ... sitzt mit ...“ - -„Mit wem, mit wem?“ - -„Es sind Durchreisende ... Der eine ist Beamter, wahrscheinlich ein -Pole, nach der Sprache zu urteilen, und er hat auch die Pferde nach ihr -geschickt. Und der andere, der mit ihm ist, ist sein Freund oder sein -Reisebegleiter, wer kann das wissen; sind in Zivil ...“ - -„Nun, und leben sie flott, auf großem Fuß – reiche Leute?“ - -„Ach wo! ganz kleine Leute, Dmitrij Fedorowitsch.“ - -„Kleine? Und die anderen?“ - -„Die sind aus der Stadt, nur zwei Herren ... Sie sind aus Tschernaja -zurückgekommen und vorläufig hiergeblieben. Der eine, der junge, muß -wohl ein Verwandter von Herrn Miussoff sein, nur habe ich seinen Namen -vergessen ... und den anderen werdet Ihr wohl auch kennen: der -Gutsbesitzer Maximoff, er sagt, er sei ins Kloster gefahren, jetzt aber -fährt er mit diesem Verwandten von Herrn Miussoff ...“ - -„Und das ist die ganze Gesellschaft?“ - -„Die ganze.“ - -„Halt, Trifon Borissytsch, sage jetzt das Wichtigste: Was macht sie, wie -ist sie?“ - -„Ja, sie ist vorhin angekommen und sitzt jetzt mit ihnen.“ - -„Ist sie fröhlich? Lacht sie?“ - -„Nein, sie scheint nicht gerade sehr fröhlich zu sein ... Sitzt sogar -ganz gelangweilt, wie es scheint. Hat dem jungen Herrn das Haar gekämmt -...“ - -„Dem Polen, dem Offizier?“ - -„Nein, das ist doch kein junger Herr und doch auch gar kein Offizier; -nein, dem jungen Herrn, dem Verwandten von Herrn Miussoff ... nur habe -ich vergessen, wie er heißt ...“ - -„Kalganoff?“ - -„Richtig! Herr Kalganoff!“ - -„Gut, ich werde schon selbst sehen. Spielen sie Karten?“ - -„Haben gespielt und dann aufgehört, haben schon Tee getrunken, und der -Beamte hat Liköre verlangt.“ - -„Halt, Trifon Borissytsch, ich werde schon alles selbst sehen, aber -jetzt zurück zur Hauptsache: sind keine Zigeuner hier?“ - -„Von Zigeunern ist jetzt nichts zu hören, Dmitrij Fedorowitsch, die -Obrigkeit hat sie vertrieben, aber es gibt hier ein paar Juden, die -spielen auf Zimbeln und Geigen, nicht weit von hier, in -Roshdestwenskoje, man könnte sofort nachschicken, wenn’s beliebt. Sie -würden sofort kommen.“ - -„Nachschicken, unbedingt nachschicken!“ rief Mitjä belebt. „Und auch die -Mädchen zum Chor, wie damals, die Marja unbedingt, auch Stepanida, -Arina. Zweihundert Rubel für den Chor!“ - -„Ach, für solches Geld kann ich dir, Väterchen, das ganze Dorf -auftreiben, wenn sie auch jetzt schon alle schnarchen. Aber sind sie -denn das wert, Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, diese Bauern und -Dorfmädels? Für so ein gemeines Pack so viel Geld hinzuschleudern! Unser -Bauer und teure Zigarren rauchen, Gott, was versteht er denn davon! Du -aber, Väterchen, hast ihnen von der besten Sorte gegeben! Er stinkt ja -nur, der Räuber! Und die Mädels, das sind doch alles Lausefratzen! Ich -werde für dich, Väterchen, meine eigenen Töchter unentgeltlich -aufwecken, von so viel Geld gar nicht zu reden, sie sind nur gerade -schlafen gegangen, aber ich werde sie schon mit einem Rippenstoß -wachkriegen und singen machen! Ach, Väterchen, hast die Bauernkerle mit -Champagner traktiert – wo soll das hin!“ - -Trifon Borissytschs Bedauern war etwas überflüssig: er hatte damals -eigenhändig sechs Flaschen Champagner im Keller versteckt und unter dem -Tisch einen Hundertrubelschein aufgehoben und in der Faust behalten. - -„Trifon Borissytsch, ich habe hier doch etwas mehr als tausend Rubel -durchgebracht, weißt du noch?“ - -„Väterchen, natürlich! haben vielleicht ganze Dreitausend hier in -Mokroje gelassen!“ - -„Nun, so wisse denn, daß ich auch jetzt dasselbe tun werde, siehst du?“ - -Und damit zog er wieder das ganze Paket Geldscheine aus der Hosentasche -und hielt sie dem Wirt unter die Nase. - -„Jetzt höre mich und mach die Ohren auf: nach einer Stunde kommt der -Wein an, die Delikatessen, Pasteten, Süßigkeiten – alles sofort nach -oben. Diese Kiste, die hier im Wagen ist, gleichfalls sofort nach oben, -aufbrechen und den Champagner sofort in Eis hereinbringen ... Aber vor -allem den Chor, die Mädels, die Marja unbedingt ...“ - -Er wandte sich zum Wagen zurück und zog unter dem Sitz den -Pistolenkasten hervor. - -„Hier, Andrei, die Abrechnung! Hier, fünfzehn Rubel für die Fahrt und -hier fünfzig Rubel Trinkgeld ... für deine Bereitwilligkeit, für deine -Liebe ... Gedenke des Herrn Karamasoff!“ - -„Habe Angst, Herr!“ sagte Andrei schwankend, „für fünf Rubel Trinkgeld -besten Dank, aber mehr nehm’ ich nicht, Trifon Borissytsch ist Zeuge. -Verzeiht, Herr, mein dummes Wort ...“ - -„Was fürchtest du?“ Mitjä maß ihn mit dem Blick. „Nun, hol dich der -Teufel, wenn’s so ...“ und er warf ihm die fünf Rubel zu. „Jetzt, Trifon -Borissytsch, führ mich so leise hinein, daß ich sie vorher alle sehen -kann, ohne dabei von ihnen gesehen zu werden. Wo sind sie denn, im -blauen Zimmer?“ - -Trifon Borissytsch warf einen etwas furchtsamen Blick auf Mitjä, tat -aber sofort gehorsam, wie ihm geheißen war: vorsichtig führte er ihn in -den Flur, ging dann allein in das große erste Zimmer, das neben dem -blauen Zimmer, in dem die Gäste saßen, lag, und brachte das Licht -hinaus. Darauf führte er Mitjä leise hinein und brachte ihn in die -dunkelste Ecke, von wo aus er ungehindert die Gäste, ohne selbst gesehen -zu werden, betrachten konnte. Doch Mitjä stand dort nicht lange und -konnte auch fast überhaupt nichts sehen: er erblickte sie – sein Herz -begann zu klopfen, und vor seinen Augen flimmerte es. Sie saß an einer -Seite des Tisches in einem Lehnstuhl, und neben ihr, auf dem Sofa, saß -der nette, noch ganz junge Kalganoff; sie hatte seine Hand erfaßt und -lachte, wie es schien. Kalganoff aber, der sie gar nicht ansah, sprach -laut und fast ärgerlich zu Maximoff, der Gruschenka am Tisch gegenüber -saß. Maximoff wiederum lachte herzlich. Auf dem Sofa saß außerdem noch -_er_ und neben ihm, auf einem Stuhl, mehr an der Wand, ein anderer -Unbekannter. Jener auf dem Sofa saß in auffallend ungenierter Pose und -rauchte eine Pfeife; es schien Mitjä, daß es ein untersetztes Männchen -von nicht hohem Wuchse war, der ein breites Gesicht hatte und sich über -irgend etwas ärgerte – mehr konnten seine flimmernden Augen nicht -unterscheiden. Sein Freund jedoch, der andere Unbekannte, schien von -ungewöhnlich hohem Wuchs zu sein. Das war alles, was er sah. Er rang -nach Atem. Er hatte noch keine ganze Minute gestanden, als er seinen -Pistolenkasten auf die Kommode stellte und sich zu der Gesellschaft ins -blaue Zimmer begab – eiskalt am ganzen Körper und fast besinnungslos. - -„Ach!“ rief Gruschenka erschrocken aus; sie war die erste, die ihn -bemerkte. - - - VII. - Der Erste und Unbestrittene - -Mitjä trat mit seinen großen, strammen Offiziersschritten sofort bis -dicht an den Tisch heran. - -„Meine Herren,“ begann er laut, doch hielt er beinahe bei jedem Worte -inne, „ich ... ich – oh nichts! Fürchten Sie nichts!“ rief er, sich -plötzlich zu Gruschenka wendend, die sich im Lehnstuhl ängstlich zu -Kalganoff bog, dessen Hand sie krampfhaft umklammerte. „Ich ... ich bin -gleichfalls ... auf der Durchreise. Ich bleibe nur bis zum Morgen. Meine -Herren, gestatten Sie einem vorüberfahrenden Reisenden ... mit Ihnen die -Zeit bis zum ... Morgen zu verbringen? Nur bis zum Morgen, zum -letztenmal in diesem Zimmer mit Ihnen zusammen?“ - -Die letzten Worte sprach er zum wohlbeleibten Männlein mit der Pfeife -gewandt. Dieser setzte würdig seine Pfeife ab und sagte streng: - -„Pane,[21] wir sein hier privatim. Hier befienden sich aber noch merrere -ander Ziemer ...“ - -„Ach, das sind Sie, Dmitrij Fedorowitsch, das ist ja herrlich!“ rief -plötzlich Kalganoff dazwischen. „So setzen Sie sich doch her zu uns, -guten Tag!“ - -„Guten Abend, teurer Mensch ... Sie sind unschätzbar! Ich habe Sie immer -gern gehabt ...“ erwiderte Mitjä freudig und streckte ihm sofort die -Hand entgegen. - -„Au, wie stark Sie drücken! Sie haben mir beinahe alle Finger -zerbrochen,“ sagte Kalganoff lachend. - -„So drückt er einem immer die Hand,“ griff fröhlich, doch noch mit etwas -schüchternem Lächeln Gruschenka auf. Sie hatte sich, wie es schien, -inzwischen überzeugt, daß Mitjä nicht Händel suchte, und blickte ihn mit -großer Teilnahme, wenn auch immer noch mit einer gewissen Unruhe, -aufmerksam an. Es fiel ihr etwas Neues an ihm auf, das sie noch nie -bemerkt hatte, und das sie jetzt gerader ängstigte – hätte sie doch auch -nie von ihm erwartet; daß er in einem solchen Augenblick so hereintreten -und so sprechen werde. - -„Guten Abend,“ sagte bescheiden und süßlich von links her der -Gutsbesitzer Maximoff. Mitjä wandte sich sofort eilig zu ihm. - -„Ach, ich hatte ganz vergessen, daß auch Sie hier sind, verzeihen Sie!“ -Er schüttelte ihm die Hand. „Es freut mich sehr, daß Sie gleichfalls -hier sind. – Meine Herren, ich ...“ (Er wandte sich von neuem zu dem Pan -mit der Pfeife, da er ihn für die Hauptperson hielt) „Ich bin hergeeilt -... Ich wollte den letzten Tag und die letzte Stunde hier in diesem -Zimmer verbringen, in diesem Zimmer ... wo ich schon einmal meine Göttin -angebetet habe! Verzeihung, Pane!“ rief er erregt, als wüßte er selbst -kaum, was er sagte. „Ich bin hergeeilt und habe mir geschworen ... oh, -fürchten Sie nichts, es ist meine letzte Nacht! Trinken wir, Pane, zum -Friedensschluß! Der Wein wird sofort gebracht ... Hier, damit bin ich -gekommen.“ – Er zog plötzlich sein ganzes Geld hervor. – „Erlauben Sie, -Pane! Ich will Musik, Fröhlichkeit, Lachen haben, alles wie früher ... -Aber der Wurm, der unnütze Wurm wird über die Erde kriechen und -verschwinden und vergehen! Meines Freudentages will ich in meiner -letzten Nacht gedenken! ...“ - -Er glaubte zu ersticken. Ach, vieles, vieles wollte er sagen, doch es -kamen fast nur abgerissene, sonderbare Ausrufe aus ihm heraus. Der Pan -blickte unbeweglich ihn, seinen Packen Kassenscheine, Gruschenka, und -nochmals ihn an und war ersichtlich vor den Kopf gestoßen. - -„Wenn erlaubt meine Kruléwa ...“ begann er, doch Gruschenka unterbrach -ihn sofort. - -„Was ist das: Kruléwa! Soll das etwa Königin bedeuten? Wie lächerlich -sich doch diese Leute mit ihrem Sprechen machen! Setz dich, Mitjä, wovon -redest du, was wolltest du sagen? Bitte, schrecke mich nicht. Du wirst -mich doch nicht ängstigen? Wenn du es nicht tust, werde ich mich sehr -darüber freuen, daß du gekommen bist ...“ - -„Ich, ich schrecken?“ rief Mitjä plötzlich laut, seine Hände erhebend. -„– Oh, geht vorüber, geht, ich trete aus dem Wege, ich werde nicht -dazwischen treten! ...“ Und plötzlich fiel er, ganz unerwartet für alle, -und am unerwartetsten natürlich für sich selbst, auf einen Stuhl nieder -und brach in Schluchzen aus ... Er kehrte sich ab zur anderen Wand und -umklammerte mit den Armen die Stuhllehne so fest, als wenn er sie -krampfhaft an sein Herz pressen wollte. - -„Da haben wir’s, da haben wir’s, wie du wirklich bist!“ sagte Gruschenka -vorwurfsvoll. „Ganz so kam er auch einmal zu mir: fängt plötzlich an zu -sprechen, ich aber verstehe nichts. Und einmal begann er ebenso zu -schluchzen, und jetzt hier zum zweitenmal – solch eine Schande! Warum -weinst du denn? _Das fehlte noch, deswegen zu weinen! Es ist doch -wahrlich kein Grund dazu vorhanden!_“ fügte sie plötzlich rätselhaft -hinzu, mit einer gewissen Gereiztheit jedes Wort betonend. - -„Ich ... ich weine nicht ... Nun, freuen wir uns!“ Im Augenblick hatte -er sich auf dem Stuhl umgedreht und lachte auch schon: es war aber nicht -sein gewöhnliches kurzes Lachen, sondern ein ganz eigentümlich -unhörbares, langes, krampfhaftes und erschütterndes Lachenwollen. - -„Nun, nun, schsch! – lach nicht so ... Aber sei fröhlich, nun, sei doch -fröhlich!“ beredete ihn Gruschenka. „Ich bin sehr froh darüber, daß du -gekommen bist, Mitjä, hörst du, daß ich mich sehr darüber freue? Ich -will, daß er hier bei uns bleibt,“ sagte sie befehlerisch scheinbar zu -allen, doch galten ihre Worte eigentlich nur dem Pan auf dem Sofa. „Ich -will es, ich will es! Wenn er fortgeht, so gehe auch ich fort, ganz -einfach!“ fügte sie mit plötzlich glühendem Blick hinzu. - -„Was wollen meine Kruléwa, is Gesetz,“ sagte der Pan und küßte ihr -galant die Hand. „Ich biete die Pan zu sein von unser Kompagnie!“ sagte -er liebenswürdig zu Mitjä. Mitjä sprang sofort wieder auf, offenbar mit -der Absicht, nochmals eine Rede zu halten, aber es kam etwas anderes -über seine Lippen. - -„Trinken wir, Pane!“ stieß er nur kurz hervor. Alle brachen darüber in -Lachen aus. - -„Gott! Und ich glaubte schon, daß er wieder reden will!“ rief Gruschenka -nervös aus. „Hörst du, Mitjä, daß du nicht mehr so aufspringst! ... Daß -du Champagner mitgebracht hast, ist großartig. Ich werde mittrinken, -Liköre kann ich nicht ausstehen. Das beste aber ist doch, daß du selbst -gekommen bist, es war hier sterbenslangweilig ... Oder bist du gekommen, -um hier wieder, wie damals, durchzugehen? Aber so steck doch das Geld -ein! Wo hast du so viel Geld hergenommen?“ - -Mitjä schob die Geldscheine, die er immer noch in der Faust gehalten -hatte, und die von allen, besonders von den Polen, bemerkt worden waren, -hastig und verwirrt in die Tasche. Er errötete. Da brachte der Wirt den -Champagner herein. Mitjä ergriff die Flasche, war aber so zerstreut, daß -er nicht wußte, was er mit ihr anfangen sollte. Kalganoff nahm sie ihm -lachend ab und schenkte an seiner Stelle ein. - -„Noch, noch eine Flasche!“ rief Mitjä dem Wirt zu, ergriff sein Glas und -stürzte es hinab, ohne vorher mit dem Pan, den er doch zum Friedenstrunk -aufgefordert hatte, anzustoßen, oder auf die anderen zu warten. Sein -ganzes Gesicht veränderte sich im Augenblick. Der feierliche, fast -tragische Ausdruck, mit dem er eingetreten war, veränderte sich in einen -geradezu kindlichen. Es war, als hätte sich der ganze Mensch besänftigt -und ergeben. Schüchtern und freudig blickte er alle an, fast könnte man -sagen, mit dem dankbaren Ausdruck eines schuldigen Hundes, den man -wieder gestreichelt und ins Zimmer gelassen hat. Er schien alles -vergessen zu haben und betrachtete alle Anwesenden geradezu verzückt mit -einem kindlichen Lächeln, das zuweilen von einem kurzen nervösen Lachen -unterbrochen wurde. Gruschenka konnte er nicht anders als lachend -ansehen, und er setzte sich mit seinem Stuhl ganz nah zu ihr. Allmählich -hatte er sich auch die beiden Polen genauer angesehen, doch ohne sich -dabei etwas zu denken. Der Pan auf dem Sofa frappierte ihn durch seine -sonderbare Haltung, den polnischen Akzent und, vor allen Dingen, – durch -die Pfeife. „Nun, was ist denn dabei, es ist doch sehr gut so, daß er -die Pfeife raucht,“ meinte Mitjä schließlich bei sich. Das etwas -aufgedunsene Gesicht des vielleicht schon vierzigjährigen Polen mit der -auffallend kleinen Nase, unter der das spärliche, gefärbte kohlschwarze -Schnurrbärtchen zu zwei Nadelspitzen zusammengedreht war, rief in Mitjä -gleichfalls nicht das geringste Bedenken hervor. Selbst die jämmerliche -Perücke des Pans, die in Sibirien angefertigt war, an den Schläfen mit -auffallend albern nach vorn gekämmtem Haar, erregte weiter keinen -Verdacht in ihm. „Es muß wohl so sein, wenn man eine Perücke trägt,“ -überlegte er in seliger Stimmung. Der andere Pan, der an der Wand saß -und jünger war als der auf dem Sofa, blickte frech und herausfordernd -die ganze Gesellschaft an und hörte mit stummer Verachtung der -Unterhaltung zu: doch auch dieser junge Mann fiel Mitjä nur durch seine -Länge auf, die sich allerdings sehr grotesk neben der Kürze des älteren -Pans ausnahm. „Wenn der sich erhebt, kann er sich ja den Schädel an der -Decke einschlagen,“ zuckte es Mitjä flüchtig durch den Sinn. Ebenso -flüchtig dachte er auch daran, daß der lange Pan, der wahrscheinlich der -Freund und Gehilfe des kleinen Pan auf dem Sofa war, gewissermaßen sein -Leibwächter zu sein schien, und daß der Kleine natürlich über den Langen -das Kommando führte. Aber auch das schien Mitjä wunderschön, und er -hatte nichts dagegen einzuwenden. In dem „gestreichelten Hunde“ war jede -Rivalität erstorben. Von Gruschenkas rätselhaften Worten hatte er noch -nichts begriffen, ebensowenig wie er sich nach der Ursache ihrer ganzen -Veränderung gefragt hatte. Er sagte sich nur mit langsam, doch, wie er -glaubte, laut klopfendem Herzen, daß sie ihm „verziehen“ und ihn zu -sich, ganz dicht an ihren Stuhl, herangewinkt hatte. Er glaubte zu -vergehen vor Glück und wollte aufjauchzen, als er sah, wie sie das Glas -hob und einen kleinen Schluck Champagner schlürfte. Das allgemeine -Schweigen fiel ihm ganz plötzlich auf, und er blickte gleichsam -erwartungsvoll alle Anwesenden an: „Aber warum sitzen wir denn so stumm, -warum wird nichts gesprochen?“ schien sein lächelnder Blick zu fragen. - -„Er hat die ganze Zeit gefaselt, und wir haben hier alle gelacht,“ sagte -da Kalganoff, auf Maximoff weisend, als hatte er Mitjäs Blick -verstanden. - -Mitjä wandte seinen Blick sofort Kalganoff zu und dann sogleich zur -Seite zum Gutsbesitzer Maximoff. - -„Gefaselt?“ fragte er mit seinem kurzen, gehackten Lachen, als wäre er -über irgend etwas sehr erfreut. „Ha – ha!“ - -„Ja. Stellen Sie sich vor, er behauptet, daß in den zwanziger Jahren -unsere ganze Kavallerie Polinnen geheiratet habe. Das ist doch der -unglaublichste Unsinn, habe ich nicht recht?“ - -„Polinnen?“ fragte Mitjä, der bereits in ausgesprochener Begeisterung -war. - -Kalganoff begriff sehr gut Mitjäs Beziehungen zu Gruschenka, erriet auch -ihr Verhältnis zum Pan, aber das Ganze interessierte ihn nicht -sonderlich, vielleicht sogar überhaupt nicht; ihn interessierte am -meisten Maximoff. Er war ganz zufällig mit ihm hergekommen und den -beiden Polen hier im Gasthaus zum erstenmal begegnet. Gruschenka jedoch -kannte er schon von früher: er war sogar einmal mit einem seiner Freunde -bei ihr gewesen. Damals hatte er ihr nicht gefallen. Hier aber war sie -sehr nett zu ihm: vor Mitjäs Ankunft hatte sie ihm sogar den Kopf -gestreichelt, doch hatte er sich dazu sehr gleichgültig verhalten. Er -war ein noch ganz junger Mann von kaum zwanzig Jahren, stets nach der -Mode gekleidet, hatte ein nettes, zartes Gesicht und prächtiges, -dunkelblondes, dichtes Haar. In diesem Gesichtchen lagen wundervolle, -hellblaue Augen, mit einem klugen, zuweilen sogar über seine Jahre -hinaus tiefen Ausdruck, obgleich der junge Mann manches Mal ganz wie ein -Kind blicken und reden konnte, was ihn aber, ungeachtet dessen, daß er -es selbst sehr wohl wußte, nicht im geringsten genierte. Überhaupt war -er sehr eigenartig, sogar eigensinnig, wenn auch immer freundlich. -Zuweilen lag in seinem Gesichtsausdruck etwas Starres und Hartnäckiges: -er blickte einen an, hörte einem zu, schien aber dabei ganz mit seinen -eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Bald wurde er gleichgültig und -träge, bald wiederum regte er sich wegen einer scheinbar ganz -bedeutungslosen Sache mehr als nötig auf. - -„Denken Sie sich, ich führe diesen Menschen schon vier Tage lang mit mir -herum,“ fuhr er fort, die Worte gleichsam aus Trägheit in die Länge -ziehend, doch tat er es nicht mit einer unangenehmen Geziertheit, -sondern ganz natürlich, „... seit jenem Tage, als wir im Kloster waren – -Sie wissen doch noch –, und Ihr Bruder ihn aus dem Wagen hinausstieß und -er zurückflog. Damals interessierte er mich gerade durch diesen Umstand, -und ich nahm ihn aufs Gut mit, aber er lügt die ganze Zeit, so daß man -sich wirklich für ihn schämen muß. Ich bringe ihn jetzt zurück ...“ - -„Pan habben Pani polska[22] garr niecht gesenn, err sackt was garr -niecht kann sein,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Maximoff. Er -sprach das Russische ganz gut, wenigstens viel besser, als er sich -anstellte, sprach aber die russischen Worte, wenn er sie überhaupt -gebrauchte, stets mit möglichst hartem polnischen Akzent aus. - -„Aber ... ich – ich war doch selbst mit einer polnischen Pani -verheiratet!“ verteidigte sich Maximoff stotternd. - -„Aber haben Sie denn etwa in der Kavallerie gedient? Sie sagten es doch -von unserer Kavallerie! Sind Sie denn je Kavallerist gewesen?“ mischte -sich sofort Kalganoff ein. - -„Ha – ha, natürlich, ist er denn ein Kavallerist?“ fragte lachend Mitjä, -der gierig zuhörte und seinen fragenden Blick sofort jedem zuwandte, der -zu sprechen begann, als hätte er Gott weiß was von jedem zu hören -erwartet. - -„Nein, sehen Sie mal,“ sagte Maximoff, sich zu ihm wendend, „ich – ich -rede nicht davon, daß diese kleinen Panénki ... niedlich sind ... wenn -sie mit unseren Ulanen Masurka tanzen ... und wenn sie abgetanzt hat, so -springt sie ihm sofort auf die Knie, wie ein Kätzchen ... ein weißes ... -und der – der Pan-oijez und die Pani-matka sehen’s und erlauben’s ... -jawohl, und erlauben’s ... und der Ulan geht morgen ansprechen ... -jawohl ... und hält um ihre Hand an, hi – hi!“ Und Maximoff kicherte. - -„Pan laidak!“ brummte plötzlich der lange Pan auf dem Stuhl, und schlug -das eine lange Bein über das andere lange. Mitjä fiel der riesige -Schmierstiefel mit der dicken und schmutzigen Sohle besonders auf. -Überhaupt waren beide Pane recht schmierig gekleidet. - -„Warum soll er denn ein Strolch sein? Warum schimpft er?“ fragte -Gruschenka sofort ärgerlich. - -„Pani Agrippina, Pan hat in Pollen nur gesenn Bauermätchen, niecht -vornemme Pani,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Gruschenka. - -„Das ist sicker!“ meinte der lange Pan verächtlich. - -„Das fehlt noch! So lassen Sie ihn doch sprechen! Warum stören Sie die -Menschen beim Reden? Mit Ihnen ist es wenigstens nicht langweilig,“ -sagte Gruschenka bissig. - -„Ick större niecht, Pani,“ bemerkte bedeutsam der Pan auf dem Sofa mit -einem langen Blick auf Gruschenka, verstummte wichtig und begann dann -wieder an seiner Pfeife zu saugen. - -„Aber nein, nein, der Pan hat ja ganz recht bemerkt, daß er keine -Polinnen kennt!“ fiel wieder erregt Kalganoff ein, als hätte es sich um -weiß Gott was für eine wichtige Sache gehandelt. „Er ist ja überhaupt -nicht in Polen gewesen, wie kann er dann über Polen sprechen? Sie haben -doch nicht in Polen geheiratet, nicht wahr?“ - -„N – nein, im-im Smolenskschen Gouvernement. Nur hatte der Ulan sie -schon früher von dort mi-mi-mitgebracht, meine Frau, meine zukünftige, -mitsamt der Pani-matka und der Tante und noch einer Verwandten mit einem -erwachsenen Sohn, da-da-das aber war wirklich aus Polen, aus-aus Polen -... und er trat sie mir ab. Das war ein Leutnant, ein-ein sehr hübscher -junger Mann. Zuerst hatte er sie selbst heiraten wollen, aber dann -heiratete er sie doch nicht, denn es hatte sich inzwischen erwiesen, daß -sie lahm war ...“ - -„Dann haben Sie eine Lahme geheiratet?“ fragte Kalganoff lachend. - -„Eine Lahme. Das-das hatten sie mir beide verheimlicht und mich so ein -bißchen betrogen. Ich-ich dachte, daß sie nur hüpfte ... sie hüpfte -immer und ich dachte, daß sie vor lauter Freude ...“ - -„Vor Freude darüber, daß Sie sie heiraten wollten?“ schrie fast vor -Lachen Kalganoff mit seiner hellen Kinderstimme. - -„Jawohl, vor Freude. Doch da kam es heraus, daß sie es aus einem-einem -ganz anderen Grunde tat. Später, als wir getraut waren, gestand sie mir -alles gleich nach der Trauung, am-am selben Abend, und bat sehr -gefühlvoll um Verzeihung; über eine Pfütze, sagte sie, sei sie in jungen -Jahren gesprungen und habe sich dabei das Füßchen beschädigt, hi – hi!“ - -Kalganoff lachte sein jubelndes Kinderlachen und sank vor Lachen ganz -zurück an die Lehne des Sofas. Da lachte auch Gruschenka, durch sein -Lachen angesteckt. Mitjä schien den Gipfel des Glücks erreicht zu haben. - -„Wissen Sie, wissen Sie, jetzt hat er einmal die Wahrheit gesagt!“ rief -Kalganoff Mitjä zu. „Und wissen Sie, er ist zweimal verheiratet gewesen, -– das war seine erste Frau, seine zweite Frau aber hat ihn verlassen und -lebt auch jetzt noch, wissen Sie das schon?“ - -„Ist’s möglich?“ fragte Mitjä erstaunt und wandte sich hastig zu -Maximoff. Auf seinem Gesicht drückte sich maßlose Verwunderung aus. - -„Jawohl, sie verließ mich, ich-ich habe diese Unannehmlichkeit gehabt,“ -bestätigte Maximoff bescheiden. „Mit einem Mßjö. Aber die Hauptsache: -sie hatte sich vorher mein ganzes Gütchen auf ihren Namen verschreiben -lassen. Du, sagte sie, bist ein gebildeter Mensch, du wirst auch so dein -Brot finden. Und damit saß ich denn. Mir sagte einmal ein ehrenwerter -Erzbischof: ‚Deine erste Frau war lahm, deine zweite war aber gar zu -leichtfüßig,‘ hihi!“ - -„Hören Sie doch, hören Sie doch!“ fuhr Kalganoff auf, „wenn er auch lügt -– und er lügt viel –, so lügt er doch nur, um andere zu erheitern: das -ist doch nicht niedrig, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe ihn zuweilen. -Er ist ein niedriger Mensch, aber er ist so natürlich, nicht? Was meinen -Sie? Andere sind niedrig aus Berechnung, um daraus irgendeinen Nutzen zu -ziehen, er aber tut es ganz aufrichtig, von Herzen, von Natur. Denken -Sie sich, so behauptet er zum Beispiel – wir haben uns gestern die ganze -Zeit unterwegs darüber gestritten –, er behauptet, Gogol hätte in seinen -‚Toten Seelen‘ über ihn geschrieben. Wissen Sie noch, dort kommt auch -ein Gutsbesitzer Maximoff vor, den Nosdreff durchgeprügelt hat, weswegen -dieser dann vor Gericht kommt: ‚Wegen persönlicher Beleidigung des -Gutsbesitzers Maximoff in betrunkenem Zustande,‘ – nun, Sie wissen doch! -Und was glauben Sie wohl, denken Sie sich, er behauptet nun, daß er das -gewesen sei, daß man _ihn_ durchgedroschen habe! Nun, sagen Sie doch -selbst, ist denn das überhaupt möglich? Tschitschikoff[23] fuhr -spätestens in den zwanziger Jahren, zu Anfang der zwanziger Jahre umher, -so daß die Jahre überhaupt nicht stimmen können. Wie konnte man ihn also -damals durchpeitschen! Das ist doch ganz ausgeschlossen, ganz unmöglich! -Nicht?“ - -Es war schwer zu sagen, warum sich Kalganoff so aufregte, jedenfalls tat -er es aufrichtig. Mitjä teilte sein Interesse von ganzem Herzen. - -„Nun, wenn man ihn aber gleichfalls durchgeprügelt hat!“ rief er -lachend. - -„Nicht gerade, daß ich-ich durchgeprügelt worden wäre, sondern nur so -...“ versuchte Maximoff einzuwenden. - -„Wieso nur so? Da heißt es doch entweder oder?“ - -„Ktura godsina, Pane?“ (Wieviel Uhr ist es?) fragte mit gelangweilter -Miene der Pan mit der Pfeife den Pan auf dem Stuhl. - -Der zuckte mit den Achseln; sie besaßen beide keine Uhr. - -„Was soll das wieder heißen?“ fuhr Gruschenka sofort auf. „Lassen Sie -doch wenigstens andere reden! Wenn Sie sich langweilen, so sollen sich -die anderen wahrscheinlich mitlangweilen!“ Sie schien absichtlich Streit -mit ihnen zu suchen. - -Es war das erstemal, daß dies Mitjä flüchtig auffiel. Doch nun -antwortete der Pan mit sichtlicher Gereiztheit: - -„Pani, iech habbe niechts gesackt dagegen, keine Wort.“ - -„Ach, schon gut, du aber erzähl weiter,“ rief Gruschenka Maximoff zu. -„Warum seid ihr denn alle verstummt?“ - -„Hier-hierbei ist nichts zu erzählen, denn es-es sind doch nur -Dummheiten,“ griff eilfertig Maximoff auf, – sichtlich sehr zu erzählen -bereit, doch anstandshalber etwas geziert – „und Gogol hat doch alles -nur allegorisch gemeint, und so sind auch alle Familiennamen -allegorisch. Nosdreff hieß doch gar nicht Nosdreff, sondern Nossoff, und -Kuwschinnikoff ist ganz unkenntlich, denn er hieß Schkwornjeff. Nur -Fenardi hieß tatsächlich Fenardi, bloß war er kein Italiener, sondern -ein Russe, Petroff hieß er, und Mamsell Fenardi war sehr nett, die -Beinchen in Trikot, reizende Beinchen, und das Röckchen war so kurz und -ganz mit Pailetten benäht, und sie drehte sich auf der Fußspitze, nur -dauerte das nicht vier Stunden, sondern nur vier Minuten ... und sie -bestrickte alle ...“ - -„Aber weswegen gab es denn die Prügel, warum wurdest du denn -durchgeprügelt?“ schrie ihn lachend Kalganoff an. - -„Wegen Piron,“ antwortete Maximoff. - -„Wegen Piron? Wer ist denn das?“ fragte Mitjä in seliger Stimmung. - -„Das ist ein bekannter französischer Schriftsteller, Piron. Wir zechten -alle, es – es war eine große Gesellschaft, wir tranken Wein. Zur -Jahrmarktszeit. Sie hatten mich dazu eingeladen, und ich begann zuerst -mit Epigrammen: ‚Bist du es, Boileau? Welch lächerlich Gewand!‘ Boileau -aber antwortet, er begebe sich auf einen Maskenball, das heißt, er geht -in eine Badstube, hi – hi, und da bezogen sie es auf sich. Ich aber -sagte schnell ein anderes, das allen Gebildeten gut bekannt ist, ein -etwas scharfes: - - ‚Ein Faun bin ich und Du bist Sappho, - Die Dichterin, die hehre, - Doch fandst Du leider noch immer nicht, - Den geraden Weg zum Meere.‘ - -Doch sie ärgerten sich darüber noch mehr und fingen an, mich deswegen -auf höchst unanständige Weise zu schimpfen, ich aber wollte es wieder -gutmachen und erzählte zu meinem Pech, um meine Aktien zu verbessern, -eine sehr gebildete Anekdote von Piron, wie man ihn in die _Académie -Française_ nicht hat aufnehmen wollen, und wie er daraufhin für seinen -Grabstein ein Epitaphium geschrieben hat: - - ‚_Ci-gît Piron qui ne fut rien_ - _Pas même un académicien._‘ - -Und da nahmen sie mich denn und prügelten mich durch.“ - -„Aber wofür denn, weswegen?“ - -„Wegen meiner Bildung. Als ob es wenig Gründe gäbe, warum die Menschen -einen durchprügeln können,“ schloß Maximoff bescheiden und lehrhaft -zugleich. - -„Ach, genug davon, wie dumm das ist, ich will nichts mehr davon hören. -Ich dachte, es wäre was Lustiges,“ sagte plötzlich Gruschenka -mißgestimmt. Mitjä erschrak und hörte sofort auf zu lachen. Der lange -Pan erhob sich vom Stuhl und begann, die Hände auf dem Rücken, mit der -hochmütigen Miene eines Menschen, der sich in solcher Gesellschaft -langweilt, durch das Zimmer zu spazieren, aus einer Ecke in die andere. - -„Der stampft aber!“ bemerkte Gruschenka mit einem verächtlichen Blick -auf den Langen. - -Mitjä wurde unruhig, und zudem bemerkte er noch, daß der Pan auf dem -Sofa gerade ihn gereizt anblickte. - -„Pane,“ rief Mitjä ihm zu, „trinken wir, Pane! Und auch der andere Pan -soll trinken: Trinken wir, Panowe!“ - -Er stellte schnell drei Gläser zusammen und schenkte ein. - -„Auf Polens Wohl, Panowe, ich trinke aufs Wohl Ihres Polen, meine -Herren, auf das Polenland!“ rief Mitjä laut. - -„Bardso mi to milo, Pane“ (das ist mir sehr angenehm, mein Herr) „wirr -trinken mit Sie,“ sagte würdevoll und doch wohlgeneigt der Pan auf dem -Sofa und nahm sein Glas. - -„Und auch der andere Pan, wie heißt der Kerl? – Heda, helleuchtender -Edelmann, nimm dein Glas!“ rief Mitjä sich umdrehend. - -„Pan Wrublewskij,“ sagte der Pan auf dem Sofa. - -Der Pan Wrublewskij trat, auf seinen langen Beinen schaukelnd, an den -Tisch und nahm stehend das Glas. - -„Auf Polen, Panowe, Hurra!“ rief Mitjä mit erhobenem Glase. - -Alle drei tranken sie die Gläser aus. Mitjä ergriff die Flasche und -füllte von neuem die drei Gläser. - -„Jetzt auf Rußlands Wohl, Panowe, und trinken wir Brüderschaft!“ - -„Schenk auch uns ein,“ sagte Gruschenka, „auf Rußlands Wohl will auch -ich trinken.“ - -„Ich gleichfalls,“ sagte Kalganoff. - -„Und auch ich-ich würde gern ... auf Rußland, unser Russéjuschka, unser -Mütterchen,“ sagte Maximoff kichernd. - -„Alle, alle!“ rief Mitjä begeistert. „Heda, Wirt, noch Flaschen her!“ - -Es wurden von den sechs mitgenommenen noch drei hereingebracht. Mitjä -schenkte sofort ein. - -„Auf Rußlands Wohl, Hurra!“ rief er stolz. - -Alle tranken, außer den beiden Polen, und Gruschenka leerte ihr Glas auf -einen Zug. Von den Polen jedoch berührte keiner das Glas. - -„Was soll denn das bedeuten, Panowe?“ schrie Mitjä. „Also so seid ihr?“ - -Da nahm Pan Wrublewskij sein Glas und sagte mit lautschallender Stimme: - -„Auf Rußland in den Grenzen von siebzehnhundert und zweiundsipzick!“ - -„Oto bardso penkne!“ (So ist es gut!) rief sofort der andere Pan, und -beide leerten sie ihre Gläser bis auf den letzten Tropfen. - -„Dummes Pack!“ kam es plötzlich überzeugt aus Mitjä heraus. - -„Pa – ne!!“ schrien sofort drohend die beiden Polen, wie Hähne auf Mitjä -losfahrend. Besonders brauste Pan Wrublewskij auf. - -„Kann man denn niecht libben seine Land?“ schrie er drohend. - -„Schweigt! Keinen Streit! Daß ihr mir hier keinen Streit beginnt, -verstanden!“ rief Gruschenka gebieterisch dazwischen, und sie stampfte -mit dem Fuß auf. - -Ihr Gesicht hatte sich gerötet, ihre Augen glühten. Das kam von dem -soeben getrunkenen Glase. Mitjä erschrak maßlos. - -„Panowe, Verzeihung! Es war meine Schuld, ich werde nicht mehr ... -Wrublewskij, Pan Wrublewskij, ich werde nicht mehr ...“ - -„Aber so schweig doch du wenigstens, und setz dich endlich!“ fuhr ihn -Gruschenka geärgert und heftig an. - -Alle setzten sich, alle verstummten, alle blickten einander an. - -„Meine Herren, ich trage die Schuld an allem!“ begann Mitjä, der von -Gruschenkas Worten nichts verstanden hatte, von neuem. „Warum nur sitzen -wir so? Was könnten wir beginnen ... damit es wieder lustig wird, wieder -lustig?“ - -„Ja, es ist wahr: es ist nichts weniger als lustig,“ meinte Kalganoff -träge mit brummig vorgeschobenen Lippen. - -„Wie wäre es, wenn-wenn wir ein Spielchen machten wie vorhin? ...“ -fragte Maximoff kichernd. - -„Karten? Famos!“ griff Mitjä sofort auf. „Wenn nur die Panowe ...“ - -„Pusno, Pane!“ sagte gleichsam widerstrebend der Pan auf dem Sofa. - -„Ja, eetwas pusno,“ meinte auch Pan Wrublewskij. - -„Pusno? Was heißt das nun wieder?“ fragte Gruschenka. - -„Das heißen spät, Pani, später Stunde,“ erläuterte der Pan auf dem Sofa. - -„Ach! immer ist Ihnen alles zu spät, immer ist Ihnen nichts recht!“ -Gruschenka war wütend. „Selbst sitzen Sie da, wie die verkörperte -Langeweile, und da sollen sich wohl die anderen Ihnen zur Gesellschaft -gleichfalls langweilen! Bevor du kamst, Mitjä, saßen sie dort ebenso -langweilig und stumpfsinnig und ärgerten sich über mich ...“ - -„Meine Göttin!“ unterbrach sie der Pan auf dem Sofa, „was Göttin sackt, -soll sein. Iech sehen serr gutt Ihr Ärger und so iech bien traurig. -Pane, iech bien fertig,“ sagte er darauf bereitwillig zu Mitjä. - -„Schön, fang an, Pane,“ rief Mitjä, der aus seiner Tasche das Geld -herauszog und zwei Hundertrubelscheine vor sich auf den Tisch legte. - -„Ich möchte viel an dich verspielen, Pan. Nimm die Karten, leg die Bank -auf. Du hältst die Bank!“ - -„Karten müssen sein von Wirt, Pane,“ sagte nachdrücklich und ernst der -kleine Pan. - -„Das sein iemer beste Manier,“ meinte auch Pan Wrublewskij. - -„Vom Wirt? Ah so, ich verstehe, gut, meinetwegen auch vom Wirt. – Ein -Spiel Karten, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä dem Wirt zu. - -Trifon Borissytsch brachte ein neues Spiel, das noch nicht entsiegelt -war, und meldete Mitjä, daß die Mädchen sich schon versammelt hätten, -die Juden mit den Zimbeln gleichfalls bald kommen würden, der Wagen aber -aus der Stadt mit den übrigen Sachen noch nicht zu sehen sei. Mitjä -sprang sofort auf und eilte ins andere Zimmer, um dort Anordnungen zu -treffen. Es waren aber erst drei Mädchen gekommen, und auch die Marja -war noch nicht erschienen. Überhaupt wußte er nicht, warum er eigentlich -aufgestanden und hinausgelaufen war: er befahl nur, die Süßigkeiten aus -der Kiste hervorzuholen und sie unter die Mädchen zu verteilen. - -„Und Andrei Branntwein, eine ganze Flasche Branntwein dem Andrei,“ -befahl er eilig, „ich habe ihn gekränkt.“ - -Da berührte ihn jemand an der Schulter: es war Maximoff, der ihm -nachgelaufen war. - -„Geben Sie mir fünf Rubel,“ bat er flüsternd, „ich würde gern auch -ein-ein Spielchen machen, hihi!“ - -„Famos, vorzüglich! Nehmen Sie zehn, hier!“ - -Mitjä zog wieder alle Scheine aus der Tasche und suchte zehn Rubel -hervor. - -„Und wenn du das verlierst, so komm wieder, komm wieder ...“ - -„Gut, ich danke,“ flüsterte Maximoff freudig und lief zurück in den -Saal. - -Auch Mitjä kehrte sofort zurück und entschuldigte sich, daß er auf sich -hatte warten lassen. Die Polen hatten sich schon zurechtgesetzt und -entsiegelten das neue Spiel. Sie blickten bereits viel freundlicher -drein, fast konnte man sagen, wohlwollend. Der Pan auf dem Sofa hatte -eine neue Pfeife angeraucht und schickte sich an, die Karten zu mischen. -Auf seinem Gesichte drückte sich sogar eine gewisse Feierlichkeit aus. - -„Auf die Plätze, Panowe!“ kommandierte Pan Wrublewskij. - -„Nein, ich werde nicht mehr spielen,“ erklärte Kalganoff, „ich habe -schon vorhin fünfzig Rubel an sie verspielt.“ - -„Der Pan war unglicklich, der Pan kann sein widder glicklich,“ bemerkte, -halb zu ihm gewandt, der Pan auf dem Sofa. - -„Wie hoch spielen wir? _à discrétion?_“ fragte Mitjä eifrig. - -„Serr woll, Pane, vielleicht hundert, zweihundert, wieviel Pan will -setzen.“ - -„Eine Million!“ rief Mitjä auflachend. - -„Pan Hauptmann haben gehert von Pan Podwyssotzkij?“ - -„Von welchem Podwyssotzkij?“ - -„In Warschawa wird gehalten Bank _à discrétion_ von wer will. Kommt -herein Pan Podwyssotzkij, sieht er tausend Gulden und sackt: ‚_va -banque_‘. Banquier sackt zu ihm: ‚Pane Podwyssotzkij, setzen du Gold -oder setzen du auf Gónor (Ehre)?‘ – ‚Auf Gónor, Pane,‘ sackt -Podwyssotzkij. – ‚Serr gutt so, Pane.‘ – Der Banquier mischen taille, -Podwyssotzkij nimmt tausend Gulden. – ‚Wart, Pane,‘ sackt der Banquier, -nimmt Kasten heraus und gipt ein Millionn, ‚nimm, Pane, das ist dein -Recknung!‘ Bank war Millionn. – ‚Das ick nickt wußte,‘ sackt -Podwyssotzkij. – ‚Pane Podwyssotzkij,‘ sackt Banquier, ‚du hast setzen -auf Gónor, und wir setzen auf Gónor!‘ – Podwyssotzkij nahm Millionn.“ - -„Das ist nicht wahr,“ sagte Kalganoff. - -„Pane Kalganoff, in addeligger Kompani wird nickt so gesprochen.“ - -„Das glaube ich, daß ein polnischer Spieler dir so eine Million hergeben -wird!“ rief Mitjä, aber er besann sich sofort: „Verzeih, Pane, bin -schuldig, bin schuldig, ja, er gibt sie heraus, selbstverständlich gibt -er sie heraus, eine Million, na Gónor, auf polnische Ehre! Sieh, wie gut -ich po polski spreche, ha – ha! Hier, ich setze zehn Rubel auf den -Buben.“ - -„Und ich setze ein Rubelchen aufs Dämchen, auf das nette kleine -Coeur-Dämchen, auf die kleine Panénotschka, hihi!“ kicherte Maximoff, -schob seine Karte vor, beugte sich dann plötzlich stark nach vorn und -bekreuzte sich heimlich und schnell unter dem Tisch. Mitjä gewann. Auch -das „Rubelchen“ gewann. - -„Eine Ecke umgebogen!“ rief Mitjä. - -„Und ich wieder ein Rubelchen, ein Simplum nach dem anderen, ganz -bisselchen,“ murmelte Maximoff, selig über das gewonnene „Rubelchen“. - -„Geschlagen!“ rief Mitjä. „Verdoppele auf die Sieben!“ - -Er verlor wieder. - -„Hören Sie auf,“ sagte plötzlich Kalganoff. - -„Verdoppele, verdoppele!“ rief Mitjä, doch alles, was er verdoppelnd -setzte, verlor er. Die „Rubelchen“ dagegen gewannen. - -„Verdoppele!“ rief Mitjä jähzornig. - -„Habben zweihundert Rubel verspielt, Pane. Wollen Sie noch zweihundert -setzen?“ erkundigte sich der Pan auf dem Sofa. - -„Wie, schon zweihundert verspielt? Dann also noch zweihundert! Die -ganzen zweihundert als Doublé!“ Und Mitjä zog sein Geld aus der Tasche -und warf zwei Hundertrubelscheine auf die Dame, als plötzlich Kalganoff -sie mit der Hand bedeckte. - -„Genug!“ rief er mit seiner hellen Stimme. - -„Was fällt Ihnen ein?“ Mitjä blickte ihn fragend an. - -„Genug, ich will es nicht! Sie werden nicht mehr spielen.“ - -„Warum nicht?“ - -„Darum nicht. Spucken Sie aus und gehen Sie fort. Ich lasse es nicht -zu!“ - -Mitjä blickte ihn verwundert an. - -„Laß es bleiben, Mitjä, er hat vielleicht ganz recht, und du hast doch -schon genug verloren,“ sagte Gruschenka, und ein sonderbarer Ton klang -in ihrer Stimme. - -Beide Polen erhoben sich sofort mit tiefgekränkter Miene. - -„Scherzest du, Pane?“ fragte der kleine Pan, mit strengem Blick -Kalganoff messend. - -„Wie, Sie waggen so was macken?“ schrie auch Wrublewskij Kalganoff an. - -„Ruhe! Un – ter – stehen Sie sich nicht, zu schreien!“ rief Gruschenka -zornig. „Ach ihr krähenden Truthähne!“ - -Mitjä blickte alle der Reihe nach an: es war etwas im Gesichte -Gruschenkas, das ihn betroffen machte ... Und plötzlich zuckte ihm wie -ein Blitz etwas ganz Neues durch den Kopf, – ein ganz absonderlicher, -neuer Gedanke. - -„Pan Agrippina!“ begann der Kleine, rot vor Zorn, doch plötzlich trat -Mitjä an ihn heran und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter. - -„Hochwohlgeborener, auf zwei Worte.“ - -„Was Sie wollen, Pane?“ - -„Dorthin, in jenes Zimmer, in das andere Gemach, will dir zwei Worte -sagen, wirst mit ihnen zufrieden sein.“ - -Der kleine Pan wunderte sich und blickte etwas ängstlich zu Mitjä auf. -Übrigens war er sofort einverstanden damit, nur stellte er die eine -Bedingung, daß auch Pan Wrublewskij mit ihm käme. - -„Ah, der Leibwächter, nicht wahr? Meinetwegen, auch er ist dabei nötig. -Sogar unbedingt!“ rief Mitjä. „und jetzt vorwärts, Panowe!“ - -„Wohin, wohin wollt ihr?“ fragte Gruschenka erregt. - -„Wir sind im Augenblick wieder hier,“ antwortete Mitjä. - -Eine gewisse Kühnheit, ein ganz unerwarteter verwegener Mut leuchtete -plötzlich aus seinem Gesicht. Nein, das war nicht mehr derselbe, der vor -einer Stunde eingetreten war. Er führte die Polen in das Zimmer rechts, -nicht in das große, in dem sich die Mädchen zum Chor versammelten und -der Tisch in aller Eile gedeckt wurde, sondern in das Schlafzimmer, in -dem Koffer, Truhen und zwei Betten mit je einem Berg von Kopfkissen in -Kattunbezügen standen. Hier brannte in der hinteren Ecke auf einem -kleinen ungestrichenen Tisch ein einziges Licht. Der kleine Pan und -Mitjä setzten sich an diesem Tisch einander gegenüber, und der lange Pan -Wrublewskij setzte sich neben sie, die Hände auf dem Rücken. Beide Polen -blickten streng, doch mit nicht zu verbergender Neugier drein. - -„Mit was ich kann dinnen dem Pan?“ stotterte der Kleine. - -„Mit folgendem, Pane, ich werde nicht viel sprechen: Hier hast du Geld“ -– er zog seine Hundertrubelscheine heraus – „willst du dreitausend -Rubel, so nimm sie und fahre, wohin du willst.“ - -Der Pan blickte ihn forschend mit weit offenen Augen an, als wäre sein -Blick an Mitjäs Gesicht angewachsen. - -„Dreitausend, Pane?“ - -„Dreitausend, Panowe, drei! Hör mich, Pane, ich sehe, daß du ein -vernünftiger Mensch bist. Nimm die Dreitausend und pack dich zum Teufel -und vergiß auch nicht, Wrublewskij mitzunehmen, hörst du? Aber sofort, -noch in dieser Minute, und zwar auf ewig, hörst du, Pane, auf ewig. -Durch diese Tür dort gehst du hinaus. Was hast du – einen Mantel, einen -Pelz? Ich werde ihn herbringen. Sofort wird dir eine Troika angespannt -und dann – do widsenja, Panowe, auf Nimmerwiedersehen. Nun?“ - -Mitjä zweifelte nicht an der Zusage. Im Gesicht des Pans zuckte es, als -wenn er einen großen Entschluß gefaßt hätte. - -„Und das Geld, Pane?“ - -„Mit dem Gelde machen wir es so: fünfhundert Rubel sofort bar für die -Fahrt und als Handgeld und die zweitausendfünfhundert morgen in der -Stadt – bei meiner Ehre, ich hole sie, wenn nicht anders, unter der Erde -hervor!“ rief Mitjä. - -Die Polen tauschten einen Blick. Der Gesichtsausdruck des Kleinen -veränderte sich zum schlimmeren. - -„Siebenhundert, siebenhundert, nicht fünfhundert, sofort blank und bar!“ -bot Mitjä an, da er die Veränderung bemerkt hatte und etwas Ungünstiges -ahnte. „Was hast du, Pane? Glaubst du nicht? Ich kann dir doch nicht -sofort alle Dreitausend geben. Sonst gebe ich sie, und du kehrst -womöglich morgen schon zu ihr zurück ... Und ich habe augenblicklich -auch gar nicht so viel bei mir, sie liegen bei mir zu Haus in der -Stadt,“ stotterte Mitjä angstvoll, ohne sich dessen klar bewußt zu sein, -was er tat, da ihm der Mut mit jedem Worte immer mehr gesunken war. „Bei -Gott, sie liegen dort, wohl aufgehoben, in einem Kuvert ...“ - -In einer Sekunde veränderte sich das Gesicht des kleinen Pans: ein -Ausdruck unbeschreiblicher persönlicher Würde lag plötzlich darauf. - -„Wohlen Sie niecht nooch eetwas?“ fragte er ironisch. „Pfä! Wirklich -pfä!“ Und er spuckte zur Seite. - -Seinem Beispiel folgte sofort Pan Wrublewskij; er spuckte gleichfalls -aus. - -„Du spuckst doch nur darum, Pane,“ sagte Mitjä wie ein Verzweifelter, -der einsieht, daß alles verloren ist, „nur darum, weil du von ihr noch -mehr zu bekommen hoffst! Schnapphähne seid ihr beide, das sage ich -euch!“ - -„Ich bien beleidickt bies auf letzte Grad!“ rief, rot wie ein Krebs, der -kleine Pan und ging schnell wie in heftigem Unwillen, und als wolle er -nichts mehr hören, hinaus aus dem Zimmer. Ihm folgte, schaukelnd auf den -langen Beinen, in hohen Schmierstiefeln Pan Wrublewskij. Nach ihnen -verließ, verwirrt und verdutzt, auch Mitjä das Zimmer. Er fürchtete -Gruschenka, denn er sagte sich, daß der Kleine wahrscheinlich sofort -alles erzählen werde. Und so war es auch. Der Pan trat in den Saal und -majestätisch auf Gruschenka zu, vor der er sich theatralisch aufstellte. - -„Pani Agrippina, ich bien bis auf letzte Grad beleidickt!“ begann er, -doch Gruschenka schien plötzlich beim ersten polnischen Wort aus der -Haut zu fahren. - -„Russisch, sprich russisch, daß du mir kein einziges polnisches Wort -mehr zu sagen wagst!“ schrie sie ihn an. „Du hast doch früher russisch -gesprochen, wie kannst du denn das in fünf Jahren verlernt haben!“ - -Sie wurde bleich vor Zorn. - -„Pani Agrippina ...“ - -„Ich heiße Agrafena, Gruschenka! Sprich russisch, oder ich will kein -Wort von dir hören!“ - -Der Pan keuchte und schwitzte vor Gónor und fuhr radebrechend und -aufgeblasen in russischer Sprache fort: - -„Pani Agrafena, iech gekomen bien zu vergessen Altes und es zu -verzeihen, zu vergessen, was is gewesen von früher ...“ - -„Was zu vergessen? Was zu verzeihen? Mir zu verzeihen bist du -hergekommen?“ unterbrach ihn Gruschenka aufspringend. - -„Wie gesagt, Pani, ich bien niecht kleinmütig, ich bien großmütig. Abber -ich warr in Erstaunen, zu sehen deine Liebhabber. Pan Mitjä hat mir -gegebben in ander Ziehmer Dreitausend, daß ich soll gehen weg, ich abber -habb gespuckt in Pan sein Physiognomie!“ - -„Was? Er hat dir für mich Geld gegeben?“ schrie Gruschenka krankhaft -auf. „Ist das wahr, Mitjä? Wie hast du es gewagt? Bin ich denn -käuflich?“ - -„Pane,“ schrie Mitjä den Kleinen an, „sie ist rein und ist mir heilig, -und niemals bin ich ihr Liebhaber gewesen! Das hast du gelogen ...“ - -„Unterstehe dich nicht, mich vor ihm zu verteidigen!“ rief Gruschenka -außer sich. „Nicht aus Tugend bin ich ehrlich gewesen, und nicht etwa, -weil ich Kusjma Ssamssonoff fürchtete, nein, um vor ihm stolz sein zu -können, um das Recht zu haben, ihn Schuft zu nennen, wenn ich ihn -wiedersehe! Ist es möglich, daß er von dir nicht das Geld angenommen -hat?“ - -„Er nahm es ja, nahm es doch!“ rief Mitjä auflachend. „Nur wollte er -sofort alle Dreitausend haben, und ich bot ihm nur Siebenhundert als -Handgeld an.“ - -„Aha, natürlich: er hat gehört, daß ich jetzt Geld habe, und so ist er -denn zur Trauung gekommen!“ - -„Pani Agrippina,“ schrie der Pan, „ich bien Ritter, bien Edelmann, kein -Laidack! Ich bien gekomen um dich heiraten, sehe abber neue Pani, niecht -alte von früher, sondern eine, was is eigensinig und schamlos!“ - -„So pack dich fort, dahin, woher du gekommen bist! Ich werde sofort -befehlen, daß man dich hinauswirft und dann fliegst du!“ keuchte -Gruschenka besinnungslos. „Ach, dumm, dumm war ich, fünf Jahre mich -deswegen zu quälen! Ach, nicht seinetwegen, nicht seinetwegen, nur aus -Wut auf mich, habe ich mich gemartert! Und das ist ja gar nicht er! Sah -er denn so aus? Das ist ja sein Vater, oder weiß Gott wer! Wo hast du -denn diese Perücke bestellt? Jener war ein Falke, du aber bist wie ein -alter Enterich ... jener lachte und sang mir Lieder vor ... Und ich, -ich! – fünf Jahre lang habe ich geweint, ich dummes, niedriges, ehrloses -Geschöpf, oh! ...“ - -Sie sank auf ihren Lehnstuhl zurück und vergrub das Gesicht in den -Händen. - -Da ertönte plötzlich im Nebenzimmer links der Chorgesang der endlich -versammelten Dorfmädchen – es war ein lustiges Tanzlied. - -„Das ist aber ein Sodom!“ brüllte plötzlich Pan Wrublewskij ziemlich -akzentfrei. „Wirt, schmeiß die Unverschämten hinaus!“ - -„Was hast du hier zu schreien? Willst du wohl das Maul halten!“ wandte -sich der Wirt mit ganz unerklärlicher Unhöflichkeit an Wrublewskij. - -„Rindvieh!“ brüllte der ihn an. - -„Rindvieh? Darf ich fragen, mit was für Karten du gespielt hast? Ich gab -dir mein neues Spiel, du aber hast es versteckt! Mit falschen Karten -spielst du! Und für falsche Karten kann ich dich jederzeit nach Sibirien -transportieren lassen, weißt du das auch, denn das ist ebensogut wie -falsches Papiergeld ...“ - -Und zum Sofa tretend, schob er die Hand zwischen die Lehne und das -Polster und zog von dort ein neues Spiel Karten hervor. - -„Das sind meine Karten, sehen Sie, meine Herrschaften, ganz neu, noch -unentsiegelt!“ Er erhob die Hand, so daß alle das Kartenpaket sehen -konnten. „Ich hab doch von der Tür aus gesehen, wie er meine Karten -dorthin stopfte und seine Karten dafür herausnahm. Ein Spitzbube bist -du, aber kein Pan!“ - -„Und ich habe gesehen, wie der andere Pan zweimal eine falsche Karte -aufschlug!“ rief Kalganoff dazwischen. - -„Diese Schande, so eine Schmach!“ stieß Gruschenka, vor Scham errötend, -hervor. „Gott, so einer!“ - -„Und ich ahnte es!“ rief Mitjä. - -Doch kaum hatte er es ausgerufen, als Pan Wrublewskij wütend und -verwirrt sich zu Gruschenka wandte, und mit der Faust drohend, sie -anschrie: - -„Dirne!“ - -Noch aber war sein Schimpfwort nicht verhallt, als Mitjä ihn schon mit -beiden Armen ergriffen und aufgehoben hatte und ihn im Augenblick -hinaustrug, in dasselbe Zimmer, in dem sie vorher gesprochen hatten. - -„Ich habe ihn auf den Fußboden hingelegt!“ rief er, sofort wieder -eintretend, von der Tür aus, noch atemlos von der Aufregung. „Die -Kanaille läßt es sich noch einfallen, zu schlagen ... aber keine Bange, -der kommt von dort nicht wieder! ...“ Er schloß den einen Türflügel und -rief, den anderen Türflügel noch weit offen haltend, dem kleinen Pan zu: - -„Hochwohlgeborener, ist es nicht gefällig, gleichfalls hier einzutreten? -Pschepróscham! Wirr bitten untertänickst!“ - -„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch,“ rief klagend Trifon Borissytsch, „so -nehmt ihnen doch Euer Geld ab, was Ihr verloren habt! Das ist doch -ebensogut wie von Euch gestohlen!“ - -„Nein, ich will ihnen meine fünfzig Rubel nicht wieder abnehmen,“ sagte -Kalganoff. - -„Und auch ich will meine Zweihundert nicht wiedernehmen,“ rief Mitjä, -„werde es auf keinen Fall tun, mag er sie zum Trost behalten.“ - -„Ja, ja, so ist es recht, Mitjä, ein feiner Kerl bist du!“ rief -Gruschenka sofort, – ein merklich schadenfroher Ton klang in ihrem -Beifallsruf. - -Der kleine Pan begab sich, puterrot vor Wut, doch ohne ein Atom von -seiner Würde zu verlieren, bereits zur Tür, als er plötzlich stehen -blieb und sich zu Gruschenka zurückwandte: - -„Pani,“ sagte er, „wenn du wohlen komen miet miech, kom, wen niecht – -lebb woll!“ - -Und wichtig, fauchend vor Wut und Aufgeblasenheit, trat er durch die -Tür. Das war ein Mann von Charakter. Trotz allem, was geschehen war, -hatte er doch noch nicht die Hoffnung verloren, daß sie mit ihm gehen -werde, – so hoch schätzte er sich selbst. Mitjä aber schlug krachend die -Tür hinter ihm zu. - -„Schließen Sie sie ein,“ sagte Kalganoff. - -Doch da kreischte schon das Schloß: Die Pane hatten sich von innen -eingeschlossen. - -„Herrlich!“ rief boshaft und unbarmherzig Gruschenka. „Herrlich! Dorthin -gehören sie!“ - - - VIII. - Rausch - -Es begann eine Orgie, ein Fest über die ganze Erde hinweg! Gruschenka -war die erste, die nach Wein rief: „Trinken will ich, betrunken will ich -sein, oh, ganz betrunken, so wie damals, weißt du noch, Mitjä, weißt du, -als wir uns hier anfreundeten!“ Mitjä selbst war wie im Fieber, und er -„ahnte sein Glück“. Übrigens wurde er von Gruschenka immer wieder -fortgeschickt: „Geh, sei lustig, sag ihnen, daß sie tanzen sollen, damit -sich alle freuen, auch Hund und Katze, wie im Volkslied, alles, alles, -wie damals, wie damals!“ - -Und Mitjä stürzte fort, um alles so anzuordnen, wie sie wollte. Der Chor -hatte sich im Nebenzimmer versammelt, denn das blaue Zimmer, in dem man -saß, war zu klein dazu, da es durch einen Kattunvorhang in zwei Hälften -geteilt war. In der zweiten Hälfte stand ein riesengroßes Bett mit -weichen Daunenkissen und einem ganzen Berg von Kopfkissen in -Kattunbezügen. Solche Betten gab es in jedem der vier Gastzimmer. -Gruschenka setzte sich an die Tür, wohin Mitjä ihren Lehnstuhl für sie -gebracht hatte: so hatte sie auch „damals“ gesessen und dem Tanz -zugesehen. Von den Mädchen waren wieder dieselben gekommen; keine -einzige fehlte. Die jüdischen Musikanten waren mit Geigen, Zithern und -Zimbeln gleichfalls angelangt, und schließlich kam auch die erwartete -Fuhre mit den übrigen Vorräten und Weinen an. Mitjä war sehr in Anspruch -genommen. Im vorderen Zimmer hatten sich noch andere Zuschauer -versammelt, Weiber und Männer, die sich, als die Mädchen zum Chorgesang -aufgetrieben worden waren, gleichfalls erhoben hatten, da sie sich -wieder einmal eine ähnlich märchenhafte Bewirtung, wie sie ihnen vor -einem Monat zuteil geworden war, versprachen. Mitjä begrüßte und umarmte -die Bekannten, erinnerte sich der Gesichter, entkorkte Flaschen und -schenkte allen ein, die sich ihm näherten. Der Champagner schmeckte -eigentlich nur den Mädchen gut, die Männer zogen ihm Rum und Kognak vor, -und besonders heißen Punsch. Auf Mitjäs Befehl wurde für alle Mädchen -Schokolade gekocht; drei Ssamoware kochten die ganze Nacht Wasser für -Tee und Punsch, damit alle sich bewirten konnten. Mit einem Wort, es -begann etwas ungeheuer Sinnloses, doch Mitjä schien gerade in seinem -Elemente zu sein, und je sinnloser alles wurde, desto mehr belebte sich -sein ganzes Wesen. Hätte ihn jemand von den Bauern um Geld gebeten, so -würde er sofort seine ganze Barschaft hervorgezogen und nach links und -rechts, ohne zu bedenken, die Geldscheine hingegeben haben. Das war denn -auch wahrscheinlich der Grund, warum Trifon Borissytsch, der, wie es -schien, bereits jeden Gedanken an Schlaf in dieser Nacht aufgegeben -hatte, Mitjä auf keinen Augenblick verließ, sich immer in seiner Nähe zu -schaffen machte, und so auf seine Art Mitjäs Interessen bewachte. Er -hatte nur ein einziges Glas Punsch getrunken, war also noch vollständig -nüchtern, und so trat er denn, wenn er es für nötig fand, an Mitjä heran -und beredete ihn, hielt ihn auf, ließ es nicht zu, daß er den Bauern -„wie damals“ Zigarren und Rheinwein gab, und – um Gottes willen! – erst -recht kein Geld, und war sehr ungehalten darüber, daß diese Dorfmädchen -Liköre tranken und teure Süßigkeiten aßen. „Das ist doch nichts als die -reine Verlaustheit, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte er unwillig. „Ich werde -jeder von ihnen Fußtritte geben, und befehlen, sich das noch zur Ehre -anzurechnen, – derart ist das Pack!“ Mitjä erinnerte ihn noch einmal an -Andrei und befahl, ihm Punsch zu geben. „Ich habe ihn vorhin gekränkt,“ -wiederholte er mit weicher und gerührter Stimme. Kalganoff wollte zuerst -von Wein nichts wissen, und auch der Gesang gefiel ihm anfangs nicht, -doch als er noch zwei Glas Champagner getrunken hatte, wurde auch er -ungewöhnlich munter und guter Laune, schritt im Zimmer auf und ab, -lachte, lobte alles und jedes, die Lieder sowohl wie die jüdische -Musikkapelle. Maximoff, der selig und betrunken war, verließ ihn nicht -auf einen Schritt. Gruschenka, die gleichfalls schon einen kleinen -Rausch hatte, machte Mitjä auf Kalganoff aufmerksam: „Wie reizend er -ist, was für ein prächtiger Junge!“ Und Mitjä trat sofort entzückt zu -Kalganoff und küßte sein junges Knabengesicht und küßte darauf auch noch -seinen treuen Begleiter Maximoff. Oh, er ahnte vieles: zwar hatte sie -ihm noch nichts gesagt, was zu Hoffnungen berechtigte, und -augenscheinlich bezwang sie sich sogar absichtlich, um ihm noch nichts -zu sagen; nur hin und wieder fing er ihren spähenden und heißen Blick -auf. Schließlich erfaßte sie plötzlich fest seine Hand und zog ihn zu -sich nieder. Das war, als sie im Lehnstuhl an der Tür saß. - -„Wie konntest du nur so eintreten, als du vorhin ankamst, sag? Wie -konntest du so eintreten! ... Ich erschrak so maßlos. Wie konntest du -mich ihm nur abtreten? Sag, wolltest du das wirklich?“ - -„Ich wollte deinem Glück nicht im Wege sein,“ sagte Mitjä selig. Sie -wußte es auch, ohne daß er es ihr sagte. - -„Nun geh ... sei lustig.“ Damit schickte sie ihn wieder fort. „So sei -doch nicht traurig, ich werde dich wieder rufen.“ - -Und er ging abermals fort, sie aber hörte von neuem dem Gesang zu, doch -ihr Blick folgte ihm unverwandt, wo er auch war oder ging, und nach -einer Viertelstunde rief sie ihn wieder zu sich, und wieder eilte er -selig zu ihr hin. - -„So, setz dich jetzt her zu mir, erzähl mir, wie du gestern erfahren -hast, daß ich hierhergefahren war. Von wem erfuhrst du es ganz zuerst?“ - -Und Mitjä erzählte alles, erzählte zusammenhanglos, zerstreut, erregt -und sehr eigentümlich, verstummte mehrmals ganz plötzlich und zog -finster die Brauen zusammen. - -„Was hast du, warum runzelst du die Stirn?“ fragte sie. - -„Nichts ... ich habe dort einen Kranken zurückgelassen. Wenn er wieder -gesund wird, wenn ich wüßte, daß er gesund wird, oh, zehn Jahre meines -Lebens würde ich dafür geben!“ - -„Nun, Gott mit ihm, wenn er krank ist. Und du wolltest dich wirklich -morgen erschießen, du dummer Junge, und warum nur? Weißt du, gerade -solche Unbesonnene, wie du, liebe ich,“ flüsterte sie mit etwas schwerer -Zunge. „So würdest du für mich alles tun? Sag? Und wolltest du dich, -kleiner Dummkopf, tatsächlich deswegen erschießen? Nein, weißt du, wart -damit noch ein wenig, morgen werde ich dir vielleicht etwas Schönes -sagen ... nicht heute, nein, morgen. Du aber würdest es wohl gern schon -heute hören? Nein, heute will ich nicht ... Nun geh, geh jetzt, freue -dich.“ - -Einmal aber rief sie ihn ganz erschrocken und besorgt zu sich. - -„Was hast du? Ich sehe es, daß dich etwas bedrückt. Nein, leugne nicht, -ich sehe es, ich kenne dich,“ sagte sie und blickte ihn aufmerksam mit -unbeweglich offenen Augen an. „Du küßt dort wohl die Bauern ab und -lachst, aber ich sehe trotzdem dieses Etwas. Nein, amüsiere dich lieber, -denn ich freue mich, und so sollst du dich gleichfalls freuen ... Einen -von denen, die hier sind, habe ich lieb, rat mal, wer das ist? ... Ach, -sieh doch: mein Herzensjunge ist eingeschlafen, er hat wohl zu viel -getrunken, der Kleine.“ - -Sie meinte Kalganoff. Der war auf dem Sofa mittlerweile eingenickt. Doch -war er nicht vom Weine allein eingeschlafen, sondern er war traurig -geworden, oder, wie er sich ausdrückte: es war ihm „langweilig“ -geworden. Die Lieder der Dorfmädchen hatten ihn zum Schluß stark -herabgestimmt, da sie, in Zusammenwirkung mit den genossenen Getränken, -in ein für ihn gar zu Zügelloses und Unzüchtiges ausarteten. Und nicht -minder die Tänze: zwei von den Mädels hatten sich als Bären verkleidet, -und Stepanida, ein anderes Mädel, ging mit einem Stock voran und spielte -den Bärenführer, der die beiden „zeigte“. „Munterer, Maria,“ rief sie, -„oder sonst kriegst du Prügel, hier, mit diesem Stock!“ Schließlich -purzelten die Bären irgendwie in ganz besonders unanständiger Weise zu -Boden, was lautes Gelächter des versammelten, dichtgedrängten Publikums -von Männern und Weibern hervorrief. – „Nun, nun, laßt sie doch, laßt sie -doch sich amüsieren,“ hatte Gruschenka mit seligem Gesichtsausdruck -gesagt, „haben sie auch einmal eine Gelegenheit, sich zu freuen, warum -sollen sie es denn nicht tun? Nein, laßt sie, laßt sie, laßt sie sich -ihres Lebens freuen.“ Kalganoff aber hatte dreingeschaut, als hätte er -sich mit irgend etwas beschmutzt. „Nichts als eine Schweinerei, diese -ganzen Volksgeschichten,“ hatte er gemeint und sich zum Sofa -zurückgezogen. „Das sollen ihre Frühlingsspiele sein, wenn sie die Sonne -die ganze Nacht über hüten!“ Besonders mißfallen hatte ihm ein Liedchen -mit einer munteren Tanzweise, das davon erzählte, wie der Herr ausfährt -und die Mädchen „probiert“: - - Der Herr fuhr aus, die Mädchen zu erproben, - Ob sie lieben oder nicht? - -Doch den Mädchen scheint es, daß man den Herrn nicht lieben könne, es -hieß: - - Der Herr, der wird mich schlagen, - Und ich kann mich dann plagen. - -Darauf fährt der Zigeuner aus, doch auch ihn konnte man nicht lieben, -denn: - - Ach, der liebt nicht mich, - Der liebt ja nur das Stehlen, - Und ich kann mich dann grämen. - -Und so fuhren viele vorüber, selbst ein Soldat; doch der wurde mit -Verachtung zurückgewiesen: - - Der wird nur den Ranzen tragen - und ich ... - -Hier folgte ein gar zu derber Vers, der aber vollkommen offenherzig -vorgesungen wurde und beim angeheiterten Publikum geradezu Furore -machte. Schließlich endete es mit dem Kaufmann: - - Da fuhr denn auch der Kaufmann aus - Die Mädchen zu probieren, - Ob sie lieben oder nicht? - -Und da zeigte es sich, daß man ihn sogar sehr liebte, denn: - - Der Kaufmann wird hübsch Handel treiben, - Und ich kann dann die Herrin bleiben. - -Kalganoff war darob ganz böse geworden: - -„Das ist ja ein vollkommen modernes Lied,“ hatte er laut und unwillig -gesagt, „wer dichtet ihnen denn solche Lieder? Es fehlte noch, daß die -Eisenbahnaktionäre und die Juden herumziehen, die Mädchen zu probieren: -die würden alle besiegen.“ Und fast gekränkt hatte er gesagt, daß er -sich langweile, und hatte sich auf das Sofa gesetzt, wo er dann -eingeschlafen war. Sein reizendes Gesicht war etwas bleich geworden, und -der Kopf war an das Kissen der Sofalehne zurückgesunken. - -„Sieh doch, wie reizend er ist,“ sagte Gruschenka, als sie Mitjä zu ihm -geführt hatte. „Ich habe ihm vorhin das Köpfchen gestreichelt. Wie -Flachs ist sein Haar, und so dicht ...“ - -Sie beugte sich gerührt über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Kalganoff -schlug sofort die Augen auf und blickte sie an, erhob sich und fragte -mit der besorgtesten Miene: „Wo ist Maximoff?“ - -„Hör doch, was seine erste Sorge ist!“ sagte Gruschenka lachend. „So -sitz doch ein Weilchen mit mir. Mitjä, such ihm seinen Maximoff auf.“ - -Da zeigte sich, daß Maximoff jetzt die Mädchen auf keinen Augenblick -mehr verließ, nur hin und wieder lief er zum Tisch, um ein Gläschen -Likör zu trinken, und Schokolade hatte er schon tassenweise getrunken. -Sein Gesicht war rot, die Nase blaurot, und die Augen waren feucht -geworden und blickten süßlich-selig drein. Er kam sofort herbeigelaufen -und meldete, daß er sogleich nach einem „besonderen Motivchen“ die -Sabotière tanzen werde. - -„Man hat mich doch, als ich-ich noch klein war, in diesen französischen -Tänzchen unterrichtet ...“ - -„Nun geh, geh mit ihm, Mitjä, ich werde von hier aus zusehen, wie er -dort tanzt.“ - -„Nein, auch ich, auch ich will ihn tanzen sehen,“ rief Kalganoff, womit -er in der allernaivsten Weise Gruschenkas Einladung, neben ihr zu -sitzen, verschmähte. Und so begaben sich denn alle hin, um zuzusehen. -Maximoff führte tatsächlich seinen Tanz aus, doch außer Mitjä konnte er -niemanden so recht entzücken. Der ganze Tanz bestand in Hopsern, wobei -die Füße zur Seite geworfen wurden, so daß die Stiefelsohlen nach oben -kamen, und bei jedem Sprung schlug Maximoff mit der flachen Hand auf die -Sohle. Kalganoff gefiel der Tanz gar nicht, Mitjä aber umarmte den -Tänzer vor Entzücken. - -„Bravo, großartig! Nun, bist du müde, was? Willst du etwas? Ein Bonbon, -wie? Oder willst du eine Zigarette?“ - -„Ein Zigarettchen, bitte.“ - -„Willst du nicht auch trinken?“ - -„Ich habe hier Likörchen ... Aber haben Sie nicht noch etwas -Schokoladenkonfekt?“ - -„Auf dem Tisch ist doch eine ganze Fuhre, nimm was du willst, du -Taubenseele!“ - -„Nein, ich will – will eines mit Vanille ... etwas Besonderes für alte -Menschen ... hi – hi!“ - -„Nein, mein Freund, so etwas Besonderes gibt es nicht.“ - -„Hören Sie!“ sagte plötzlich der Alte, ganz zu Mitjäs Ohr gebeugt, „dies -eine Mädel, die Marjuschka, hi – hi! Könnt ich nicht, wenn’s-wenn’s -möglich wäre, ihre Bekanntschaft machen, dank Ihrer Güte ...“ - -„Oho, sieh mal einer, was dir in den Sinn gekommen ist! Nein, Freund, du -faselst ...“ - -„Ich-ich tue doch niemandem was Schlechtes,“ flüsterte Maximoff -wehmütig. - -„Nun gut, gut. Aber Freund, das geht nicht, hier wird nur gesungen und -getanzt ... übrigens – hol’s der Teufel! Wart ... Trink vorläufig, iß, -zerstreue dich. Brauchst du Geld?“ - -„Später vielleicht ein bißchen,“ meinte Maximoff schmunzelnd. - -„Gut, gut ...“ - -Mitjä brannte der Kopf. Er ging hinaus in den Flur und trat auf die -obere kleine Galerie, die auch auf dem Hof einen Teil des ganzen -Gebäudes umgab. Die frische Luft belebte ihn. Er stand in der Dunkelheit -an die Wand gelehnt, in einer Ecke, und plötzlich faßte er sich mit -beiden Händen an den Kopf. Seine zerstreuten Gedanken sammelten sich -schnell, seine Empfindungen vereinigten sich zu einer einzigen -Vorstellung, und alles wurde ihm klar. Eine furchtbare, grausige -Erleuchtung war’s! „Wenn ich mich schon erschieße, wann soll es denn -geschehen, wenn nicht jetzt?“ zuckte es ihm durch den Kopf. „Einfach den -Pistolenkasten herbringen und hier, gerade hier in dieser schmutzigen, -dunklen Ecke mit allem ein Ende machen.“ Eine ganze Minute lang war er -unentschlossen. Vorhin, als er hergejagt war, hatte hinter ihm die -Schande gestanden, begangener Diebstahl und dieses Blut, oh, dieses -Blut! ... Doch da war ihm leichter zumut gewesen, oh, viel leichter! -Damals hatte er doch mit allem abgeschlossen; er hatte sie verloren, -hatte sie abgetreten, sie war für ihn verschwunden, untergegangen, – oh, -da war es leichter gewesen, das Todesurteil an sich zu vollziehen. -Wenigstens war es ihm unbedingt notwendig, ganz unvermeidlich -erschienen, denn wozu dann noch leben, hatte er sich gefragt? Jetzt -aber! War es denn jetzt dasselbe wie damals? Jetzt war doch schon ein -Schrecknis, ein Gespenst beseitigt: der „Erste“, ihr Alleinberechtigter, -dieser fatale Mensch war verschwunden. Das große Schreckgespenst war so -klein geworden, so lächerlich: man hatte es im Nebenzimmer hinter Schloß -und Riegel einfach eingesperrt. Und niemals wird es mehr ängstigen! Sie -schämt sich seiner, und in ihren Augen hat er klar gelesen, wen sie -jetzt liebt. Ach, jetzt nur leben, leben! Und da – gerade jetzt nicht -leben können! Oh, verflucht! „Gott, erwecke den Toten am Zaun! Gott, -mein Gott, laß diesen furchtbaren Kelch an mir vorübergehen! Hast Du -doch Wunder getan, und an ebenso großen Sündern wie ich! Aber wie, wenn -der Alte lebt? Oh, dann werde ich die Schande der anderen Schmach -vernichten, ich werde das gestohlene Geld zurückerstatten, alles -zurückgeben, aus der Erde hervorkratzen ... Es wird keine Spur mehr von -der Schande übrigbleiben, außer in meinem Herzen, und dort wird sie bis -in alle Ewigkeit brennen! Aber nein, nein, das sind ja unmögliche, -kleinmütige Träume! Oh, Fluch!“ - -Und doch war es ihm, als fühlte er einen hellen Hoffnungsstrahl durch -das Dunkel leuchten. Er riß sich plötzlich los von der Ecke und stürzte -in die Zimmer zu ihr, wieder zu ihr, seiner Königin! „Ist denn eine -Stunde, eine Minute ihrer Liebe nicht das ganze Leben wert, wenn auch in -Qualen der Schmach und Schande?“ Diese wilde Frage machte sein Herz -klopfen. „Zu ihr, zu ihr allein, sie sehen, sie hören und an nichts -denken, alles andere vergessen, und wenn auch nur diese eine Nacht – -eine Stunde, einen Augenblick lang!“ Kurz vor der Tür zum Flur, noch auf -der Galerie, stieß er mit dem Wirt Trifon Borissytsch zusammen. Der kam -ihm finster und besorgt vor und schien ihn zu suchen. - -„Was ist – Borissytsch, suchst du mich?“ - -„Nein, nicht Euch,“ sagte der Wirt etwas erschrocken, wie es Mitjä -schien. „Warum sollte ich Euch suchen? Aber ... wo wart Ihr denn?“ - -„Warum bist du plötzlich so mißgestimmt? Ärgerst du dich etwa? Wart, -bald kannst du schlafen gehn ... Wie spät ist es denn eigentlich schon?“ - -„Es wird drei sein, vielleicht aber auch schon vier.“ - -„Dann machen wir ein Ende damit, dann ist es genug!“ - -„Aber ich bitte, es hat doch nichts zu sagen. Solange es Euch beliebt, -Herr ...“ - -„Was hat der Kerl?“ fuhr es Mitjä durch den Sinn, und er trat eilig in -das Zimmer, in dem die Mädchen tanzten. Doch Gruschenka war nicht da. Im -blauen Zimmer war sie gleichfalls nicht zu sehen; nur Kalganoff allein -schlummerte auf dem Sofa. Mitjä blickte hinter den Vorhang – dort war -sie. In der Ecke saß sie auf einer Truhe, hatte sich mit den Armen und -dem Kopf auf das daneben stehende Bett gestützt und weinte, war dabei -aus allen Kräften bemüht, ihr Schluchzen zu ersticken, damit es niemand -höre. Als sie Mitjä bemerkte, streckte sie ihm die Hand entgegen, und -als er zu ihr stürzte, preßte sie seine Finger wie im Krampf. - -„Mitjä, Mitjä, ich habe ihn doch geliebt!“ raunte sie ihm qualvoll zu, -„so geliebt, diese ganzen fünf Jahre, die ganze, ganze Zeit. Sag, habe -ich _ihn_ oder habe ich nur meinen Haß geliebt? Nein, _ihn_! Ach, _ihn_! -Ich lüge doch, wenn ich sage, daß ich meinen Haß und nicht ihn geliebt -habe! Mitjä, ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt, und er war -damals so freundlich zu mir, so lustig und sang mir Lieder vor ... Oder -sollte es mir, dem dummen Kinde, damals nur so geschienen haben? ... -Jetzt aber, o Gott! – das ist ja gar nicht er, gar nicht derselbe! Und -auch das Gesicht ist ein ganz anderes, ich erkannte ihn zuerst nicht -einmal. Als ich mit Timofei herfuhr, dachte ich die ganze Zeit, die -ganze Zeit: ‚Wie werde ich ihm entgegentreten, was werde ich ihm sagen, -wie werden wir uns in die Augen blicken können? ...‘ Meine Seele wollte -vergehen. Und da komme ich hier an und er – ach, als hätte er mir -Spülicht übergegossen! Redet wie ein Schulmeister, alles so pedantisch, -wichtig, aufgeblasen, empfängt mich so unnahbar, daß ich ganz verdutzt -war. Ich wußte kein Wort zu sagen. Anfangs glaubte ich, daß er sich vor -diesem anderen, seinem langen Polen, schämt. Ich saß, betrachtete sie -beide und dachte: Warum verstehe ich denn plötzlich nicht mehr mit ihm -zu sprechen? Weißt du, das hat seine Frau aus ihm gemacht, dieselbe, -wegen der er mich damals verließ, und die er dann heiratete ... Sie, sie -hat ihn dort so umgemodelt. Mitjä, diese Schande, diese Schande ertrage -ich nicht! Mitjä, wenn du wüßtest, wie ich mich schäme, Mitjä, für mein -ganzes Leben! Verflucht seien diese ganzen fünf Jahre, verflucht!“ Und -sie brach wieder in Tränen aus und schluchzte, doch Mitjäs Hand ließ sie -nicht mehr los, sie hielt sie krampfhaft fest. - -„Mitjä, Liebling, wart, geh nicht fort, ich habe dir etwas zu sagen,“ -raunte sie ihm plötzlich, das Gesicht zu ihm erhebend, zu. „Höre, sage -du mir, wen ich liebe? Ich habe hier von allen nur einen lieb. Wer mag -nun das wohl sein? Sieh, das sollst du mir sagen.“ Auf ihrem von den -Tränen geschwollenen Gesicht erschien ein Lächeln, und ihre Augen -glänzten im Halbdunkel. „Es kam vorhin ein Falke her, und als ich ihn -erblickte, da rief mir das Herz zu: ‚Wie dumm du bist, sieh, den dort, -den allein liebst du!‘ – so flüsterte mir im Augenblick das Herz zu. Du -tratest ein, und alles erleuchtetest du, – du! ‚Aber was fürchtet er?‘ -fragte ich mich. Denn du fürchtetest dich doch, nicht wahr, du konntest -ja kaum sprechen. ‚Er kann doch nicht diesen ... diesen fürchten,‘ -dachte ich, – kannst du dich denn überhaupt vor jemandem fürchten? -‚Nein, _mich_ fürchtet er, _mich_, nur mich allein!‘ dachte ich. So hat -dir also Fenjä erzählt, wie ich Aljoscha durch das Fenster zugerufen -habe, daß ich Mitjenka im ganzen ein Stündchen geliebt hätte und nun -fortführe, um einen anderen zu ... lieben? Mitjä, ach Mitjä, wie konnte -ich dummes Geschöpf glauben, daß ich nach dir noch einen anderen lieben -könnte! Verzeihst du mir, Mitjä? Verzeihst du mir oder nicht? Liebst du -mich? Liebst du mich?“ - -Sie sprang auf und faßte ihn mit beiden Händen an den Schultern. Mitjä -blickte ihr stumm vor Entzücken in die leuchtenden Augen, in das -Gesicht, auf ihre lächelnden Lippen, und plötzlich riß er sie in seine -Arme, preßte sie wie mit Klammern an sich und küßte sie, küßte sie. - -„Und verzeihst du mir, daß ich dich gequält habe? Ich habe euch alle -doch nur aus Haß, wegen meiner Liebe zu ihm, so gequält. Ich habe doch -den Alten absichtlich, aus Bosheit um den Verstand gebracht ... Weißt du -noch, wie du einmal bei mir trankst und darauf das Glas zerschlugst? Das -habe ich nicht vergessen, und so habe ich heute gleichfalls mein Glas -zerschlagen. Ich trank auf mein ‚niedriges Herz‘! Mitjä, mein lichter -Falke, warum küßt du mich nicht? Hast mich nur einmal geküßt und bist -dann erstarrt, hörst du ... Wozu mich anhören! Küß mich, küß mich -stärker, so, so. Liebt man, dann soll man auch lieben! Ich werde jetzt -deine Sklavin sein, mein ganzes Leben lang deine Sklavin! Süß ist es, -Sklavin zu sein! ... Küß mich! Schlage mich, quäle mich, tu mir etwas an -... Ach, wirklich, du solltest mich foltern ... Nein! nicht! ... wart, -später, so will ich nicht ...“ – Und sie stieß ihn plötzlich zurück. -„Geh fort, Mitjä, ich werde jetzt Wein trinken, ich will mich antrinken, -ich will betrunken tanzen, ich will, ich will!“ - -Sie riß sich von ihm los und lief fort. Mitjä folgte ihr wie im Traum. -„Meinetwegen, meinetwegen ... was jetzt auch geschehen mag, – für eine -Minute gebe ich die ganze Welt hin,“ fuhr es ihm wirr durch den Kopf. -Gruschenka leerte auf einen Zug noch ein ganzes Glas Champagner. Sie -setzte sich in den Lehnstuhl, auf ihren alten Platz und lächelte selig! -Ihre Wangen glühten, die Lippen schienen zu brennen, über ihre Augen -legte sich ein matter Schimmer, und der Blick blinkte verführerisch. -Selbst Kalganoff schien ihn zu spüren, und er trat an sie heran. - -„Hast du es gefühlt, mein Herzensjunge, wie ich dich vorhin küßte, als -du schliefst?“ fragte sie ihn mit etwas schwerer Zunge. „Betrunken bin -ich jetzt, siehst du ... Und du nicht? Aber warum trinkt Mitjä nicht? -Warum trinkst du nicht, Mitjä? Sieh, ich habe schon getrunken, du aber -trinkst nicht ...“ - -„Ich bin ja schon betrunken! Auch so schon trunken ... trunken von dir, -jetzt aber will ich es auch noch vom Weine werden.“ - -Er stürzte noch ein Glas hinab und – es schien ihm selbst sonderbar – -erst von diesem Glase wurde er betrunken, ganz plötzlich, bis dahin war -er immer noch nüchtern gewesen. Das fühlte er jetzt deutlich, da er -wirklich betrunken wurde. Von diesem Augenblicke an begann alles sich -vor ihm wie im Rausch zu drehen. Er ging, lachte, sprach mit allen und -tat es doch, wie ohne zu wissen, was er tat. Nur ein einziges, -unbewegliches, brennendes Gefühl trug er fortwährend mit sich herum, -„ganz wie eine glühende Kohle“, sagte er später. Er trat zu ihr, setzte -sich neben sie hin, blickte sie an, hörte ihr zu ... Sie aber wurde -ungemein gesprächig: rief alle zu sich heran, winkte plötzlich auch ein -Chormädchen zu sich, und wenn die dann zu ihr kam, küßte sie sie oder -machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes über sie. Vielleicht fehlte -nur noch etwas, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Am meisten -belustigte sie Maximoff. Der kam immer wieder zu ihr gelaufen, um ihr -die Hand „und jedes Fingerchen“, wie er sagte, zu küssen, und zum -Schlusse tanzte er noch zu einem alten Liede, das er selbst sang, einen -Volkstanz. Mit besonderer Liebe trug er vor: - - „Schweinchen macht chruchru, chruchru, - Kälbchen macht mumu, mumu, - Entlein macht quaqua, quaqua, - Gänschen macht gaga, gaga. - Doch Spätzchen ging auf frischem Heu spazieren, - Konnte nur zipzirrip, zipzirrip tirillieren, - Zipzirrip, zipzirrip tirillieren!“ - -„Gib ihm etwas, Mitjä,“ sagte Gruschenka, „schenk ihm etwas, er ist doch -arm. Ach ihr Armen, Erniedrigten! ... Weißt du, Mitjä, ich werde ins -Kloster gehen. Nein, im Ernst, einmal werde ich ins Kloster gehen. -Aljoscha hat mir heute Worte fürs ganze Leben gesagt ... Ja ... Heute -aber wollen wir noch tanzen. Morgen ins Kloster, heute aber noch -getanzt. Ich will ausgelassen sein, ihr Guten. Nun, und was ist denn -dabei? Gott wird es verzeihen. Wenn ich Gott wäre, würde ich allen -Menschen vergeben. ‚Ihr meine lieben, kleinen Sünder,‘ würde ich sagen, -‚von heute ab vergebe ich euch allen.‘ Und ich werde um Verzeihung -bitten. ‚Vergebt, ihr guten Leute, einem dummen Weibe.‘ Ja, genau so. -‚Ein Tier bin ich, ja, das bin ich.‘ Beten will ich. Ich habe im ganzen -nur ein Zwiebelchen gegeben. Ja, ein Scheusal wie ich will beten. Mitjä, -laß sie tanzen, störe sie nicht. Alle Menschen auf der Welt sind gut, -alle bis auf den letzten. Es ist schön, in der Welt zu leben. Wenn wir -auch schlecht sind, es ist doch schön auf der Welt. Schlecht und gut -sind wir, schlecht und gut ... Nein, sagt mir, ich frage euch, kommt -alle her, ich frage euch, sagt mir alle folgendes: Warum bin ich so gut? -Ich bin doch gut – bin sehr gut ... Nun, darum also: Warum bin ich so -gut?“ - -So stammelte Gruschenka, indem sie immer berauschter wurde, und zu guter -Letzt erklärte sie, selbst tanzen zu wollen. Sie erhob sich aus dem -Lehnstuhl und wankte. - -„Mitjä, laß mich nicht mehr trinken,“ sagte sie, „ich werde bitten, gib -du mir aber nichts mehr, hörst du. Wein gibt keine Ruhe. Und alles dreht -sich, auch der Ofen, alles dreht, dreht sich. Tanzen will ich. Sie -sollen alle herkommen, zusehen, wie ich tanze ... wie schön und gut ich -tanze ... wie?“ - -Und sie machte bereits Ernst mit ihrer Absicht: zog ihr kleines, weißes -Batisttüchlein hervor, nahm es mit zwei Fingern der rechten Hand am -Zipfelchen, um es beim Tanz zu schwenken. Es sollte der Nationaltanz -werden! Mitjä eilte ins vordere Zimmer, die Mädchen verstummten und -bereiteten sich vor, auf den ersten Wink den Chorgesang zum Nationaltanz -anzustimmen. Als Maximoff hörte, daß Gruschenka selbst tanzen wollte, -ward er ganz Begeisterung und begann sofort – so gut es bei seinem Alter -ging – den Kasatschock ihr entgegen zu tanzen, wozu er etwas atemlos -sang: - - Kleine Hexe, schlanke Beinchen, - Weiche Hüften, Ringelschweinchen! - -Doch Gruschenka winkte ihm mit dem Tüchelchen ab und schickte ihn -zurück. - -„Sch – sch! Mitjä, warum kommen sie denn nicht? Alle sollen herkommen -... zusehen. Ruf auch jene beiden, die Eingeschlossenen ... Warum hast -du sie eingeschlossen? Sag ihnen, daß ich tanze, ich will, daß auch sie -zusehen, wie ich tanze ...“ - -Mitjä ging etwas schwankend zur verschlossenen Tür und begann mit den -Fäusten bei den Panen anzuklopfen. - -„He, ihr ... Podwyssotzkijs! Kommt heraus, sie will tanzen, läßt euch -rufen.“ - -„Laidack!“ schrie zur Antwort einer von den Panen. - -„Und du bist ein Oberlaidack! Ein ganz gemeiner, kleinlicher Schuft bist -du, verstanden!“ - -„Wenn Sie doch endlich aufhören wollten, sich über Polen lustig zu -machen!“ bemerkte ungehalten Kalganoff, der jetzt gleichfalls zu viel -getrunken hatte. - -„Schweig, Knabe! Wenn ich ‚Schuft‘ zu ihm sage, so heißt das noch nicht, -daß ich es zu ganz Polen sage. Ein Schuft macht vorläufig noch nicht -ganz Polen aus. Schweig, ein netter Junge bist du. Da – nimm ein -Bonbon.“ - -„Ach, wie sie sind! Gar nicht wie Menschen. Warum wollen sie sich denn -nicht versöhnen?“ sagte Gruschenka und trat vor zum Tanz. - -Der Chor fiel schmetternd ein: „Auf grünen Fluren in kühlem Schatten -...“ Gruschenka warf den Kopf in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich -halb, sie lächelte, schwenkte schon das Taschentuch und plötzlich – -wankte sie und blickte sich verwundert im Kreise um. - -„Bin schwach ...“ sagte sie stammelnd mit einer geradezu müde gequälten -Stimme, „verzeiht, bin zu schwach ... ich kann nicht ... es war meine -Schuld ...“ - -Sie verbeugte sich vor dem Chor und machte dann nach allen vier Seiten -hin eine Verbeugung. - -„Meine Schuld ... Verzeiht ...“ - -„Hat sich bißchen angetrunken, die Herrin, bißchen angetrunken die -schöne Herrin,“ ertönten unter den Zuschauern einige Stimmen. - -„Haben sich etwas angeheitert,“ erklärte kichernd Maximoff den Mädchen. - -„Mitjä, bring mich fort ... nimm mich, Mitjä,“ sagte Gruschenka -erschöpft. - -Mitjä, der schon neben ihr stand, hob sie im Augenblick hoch auf die -Arme und eilte mit seiner Last zurück hinter den Vorhang. „Nun, jetzt -werde ich lieber fortgehen,“ dachte Kalganoff und verließ das blaue -Zimmer. Vorsichtig schloß er hinter sich beide Türflügel. Doch das Fest -im Saal wurde tobend fortgesetzt, viel ausgelassener als vorher. Mitjä -legte Gruschenka auf das große Bett und küßte sie, als hätte er sich im -Kuß an ihren Lippen festgesogen. - -„Rühr mich nicht an ...“ bat sie ihn stammelnd, mit flehender Stimme. -„Rühr mich nicht an, bevor ich nicht dein bin ... Ich habe gesagt, daß -ich dein bin, aber du rühr mich nicht an ... schone mich, bitte ... -Nicht neben jenen, nicht in ihrer Gegenwart. Er ist hier. Widerlich ist -es hier ...“ - -„Ich gehorche! ... Mit keinem Gedanken ... Ich bete dich an ...“ -murmelte Mitjä. „Ja, widerlich ist’s hier, oh, verflucht!“ - -Und ohne sie aus den Armen zu lassen, kniete er neben dem Bett nieder. - -„Ich weiß, du bist wohl ein Tier, aber du bist doch edel,“ sagte -Gruschenka mit schwerer Zunge. „Es muß ehrenhaft sein ... von nun an -wird es ehrenhaft sein ... und auch wir müssen ehrenhaft sein, auch wir -wollen gut sein, keine Tiere, sondern gut ... Bring mich fort, bring -mich weit fort, hörst du ... Ich will nicht hier ... nein, weit fort, -weit ...“ - -„Oh, ja, ja, unbedingt!“ Und er preßte sie in seinen Armen. „Ich bringe -dich fort, fortfliehen werden wir ... Oh, mein ganzes Leben gebe ich -sofort dafür hin – wenn ich nur um dieses Blut wüßte! ...“ - -„Was für ein Blut?“ fragte Gruschenka verwundert. - -„Nichts, nichts!“ stieß Mitjä knirschend hervor. „Gruscha, du willst, -daß hinfort alles ehrenhaft sei, ich aber – bin – ein – Dieb. Ich habe -von Katjä Geld gestohlen.“ - -„Von Katjä? Von dem Fräulein? Nein, du hast nicht gestohlen. Gib ihr, -nimm von mir ... Was brauchst du? Jetzt ist alles, was mein ist – dein. -Was ist uns Geld?? Wir würden es ohnehin durchbringen ... Wir sind die -rechten, die es halten könnten. Wir beide aber wollen lieber gehen und -die Erde pflügen. Mit diesen meinen Händen will ich die Erde -aufscharren. Arbeiten muß man, sich mühen muß man, hörst du? Aljoscha -hat es gesagt. Ich werde dir nicht Geliebte sein, ich werde dir treu -sein, werde deine Sklavin sein, werde für dich arbeiten. Wir werden zum -Fräulein gehen und sie bitten, daß sie uns verzeiht, und dann werden wir -fortfahren. Und du bring ihr das Geld zurück, mich aber liebe ... Sie -jedoch, hörst du, sie sollst du nicht lieben. Jetzt darfst du sie nicht -mehr lieben. Wenn du sie noch liebst, werde ich sie erwürgen ... Werde -ihr beide Augen mit einer Nadel ausstechen ...“ - -„Dich liebe ich, dich allein! Ich werde dich auch in Sibirien lieben, -ewig ...“ - -„Warum in Sibirien? Aber warum schließlich auch nicht, meinetwegen auch -nach Sibirien, wenn du willst, mir soll’s recht sein ... einerlei ... -wir werden arbeiten ... in Sibirien ist Schnee ... Ich liebe es, im -Schlitten über Schneefelder zu fahren ... das Pferd muß eine Glocke am -Krummholz haben ... Hörst du, eine Glocke klingt ... Wo klingt nur die -Glocke? Es fährt jemand ... da hat sie auch schon aufgehört.“ - -Erschöpft schloß sie die Augen und schien einzuschlafen. Es hatte in der -Tat irgendwo in der Ferne eine Glocke geklungen, und dann – hatte sie -plötzlich aufgehört zu klingen. Mitjä senkte seinen Kopf auf ihre Brust. -Er merkte nicht, wie die Glocke zu klingen aufgehört hatte, hatte es -auch nicht gemerkt, wie plötzlich der Chorgesang verstummt war und an -Stelle des Geräusches und trunkenen Lärmes im ganzen Hause Totenstille -eintrat. Gruschenka schlug die Augen auf. - -„Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja ... Glockenklang ... Ich schlief -und mir träumte: es war, als wenn ich über Schneefelder fuhr ... die -Glocke klang, und ich schlummerte mit offenen Augen. Es war, als führe -ich mit meinem Geliebten, mit dir. Und weit, weit fuhren wir. Ich -umarmte und küßte dich, schmiegte mich an dich, ich glaube, mich fror, -und der Schnee schimmerte ... Weißt du, wenn in der Nacht der Schnee -schimmert und der Mond scheint, und es war, als ob ich nicht auf der -Erde wäre ... Da erwachte ich, und du warst bei mir, Geliebter, wie -wundervoll ...“ - -„Bei dir,“ murmelte Mitjä und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände. - -Und plötzlich schien ihm etwas so sonderbar: es schien ihm, als ob sie -gerade vor sich hinblicke, doch nicht auf ihn, nicht in sein Gesicht, -sondern über seinen Kopf hinweg, aufmerksam, unbeweglich und ganz -eigentümlich starr. Und plötzlich drückte sich in ihrem Gesichte -Verwunderung aus, fast Schreck. - -„Mitjä,“ flüsterte sie plötzlich, „wer blickt von dort auf uns her?“ - -Mitjä wandte sich um und sah, daß tatsächlich jemand durch den Vorhang -sie gleichsam zu beobachten schien. Ja, es schien nicht nur einer zu -sein. Er sprang auf und trat auf den Beobachter zu. - -„Hierher, darf ich bitten, hierher zu uns,“ sagte nicht laut, doch -bestimmt und fest eine unbekannte Stimme zu ihm. - -Mitjä trat hinter dem Vorhang hervor und blieb unbeweglich stehen. Das -ganze Zimmer war voll von Menschen, doch nicht von denen, die noch vor -kurzem dagewesen waren, sondern von ganz anderen, neuangekommenen. Ein -plötzlicher Frostschauer lief ihm über den Rücken, und er fuhr zusammen. -Alle diese Menschen erkannte er auf den ersten Blick. Dieser große, -wohlbeleibte Herr im grauen Uniformpaletot mit der Kokarde an der runden -Karakulmütze, das war der Kreisrichter, der Chef der Landpolizei, -Michail Makarytsch Makaroff. Und dieser „schwindsüchtige“, -saubergekleidete Stutzer, „immer in so blankgeputzten Stiefeln“ – das -war der Stellvertreter des Staatsanwalts. „Er besitzt eine Uhr im Wert -von vierhundert Rubeln, er hat sie mir gezeigt,“ dachte Mitjä. Und -dieser jugendliche Kleine mit der Brille ... Mitjä hatte nur seinen -Namen vergessen, aber er kannte auch ihn, er hatte ihn gesehen: das war -der Untersuchungsrichter des Gerichtshofes, der erst vor kurzer Zeit bei -uns eingetroffen war. Und dieser dort – war der Polizeimeister, Mawrikij -Mawrikitsch, den kannte er ja ganz genau, – ein alter Bekannter. Aber -diese dort mit den Blechschildern, was wollen denn die? Und dann noch -zwei Unbekannte, Bauernkerle wahrscheinlich ... Und dort an der Tür -Kalganoff und Trifon Borissytsch ... - -„Meine Herren ... Was soll das, meine Herren?“ fing Mitjä an, doch -plötzlich – rief er außer sich, als wäre er nicht mehr er selbst -gewesen, laut, mit der ganzen Stimme: - -„Ich be – grei – fe!“ - -Der jugendliche Kleine mit der Brille drängte sich plötzlich etwas vor -und, zu Mitjä tretend, begann er, wenn auch ein wenig würdevoll, so doch -gewissermaßen ziemlich eilig: - -„Wir haben an Sie ... Kurz, ich bitte Sie hierher, hierher zum Sofa ... -Gewisse Umstände machen es unbedingt notwendig, daß wir Sie um gewisse -Erklärungen bitten.“ - -„Der Alte!“ schrie Mitjä außer sich auf. „Der Alte und sein Blut! ... -Ich begreife!“ - -Und wie von einem Keulenschlage getroffen, sank er, oder richtiger -gesagt fiel er auf einen Stuhl, der neben ihm stand. - -„Du begreifst? Du hast es begriffen! Du Vatermörder und Ungeheuer, das -Blut deines erschlagenen alten Vaters schreit hinter dir her!“ brüllte -plötzlich, auf Mitjä zutretend, der alte Polizeichef ihn an. - -Er war außer sich, war dunkelrot vor Zorn und zitterte am ganzen Körper. - -„Aber das ist unmöglich, so geht das nicht!“ rief der kleine junge Mann. -„Michail Makarytsch, Michail Makarytsch! So geht das nicht, das geht -wirklich nicht so! ... Ich bitte Sie, mich allein sprechen zu lassen. -Ich hätte nie von Ihnen erwartet, daß Sie so ...“ - -„Aber das ist ja nicht möglich, meine Herren, das ist ja Wahnsinn!“ -schrie wieder der Alte. „Sehen Sie ihn an: in der Nacht, betrunken, mit -einem liederlichen Mädchen, in dem Blute seines Vaters ... Wahnsinn, -Wahnsinn!“ - -„Ich bitte Sie nochmals ernstlich, lieber Michail Makarytsch, dieses Mal -Ihre Gefühle zu beherrschen,“ flüsterte dem Alten schnell der -stutzerhafte Stellvertreter des Staatsanwalts zu, „anderenfalls wäre ich -gezwungen, Maßregeln zu ergreifen.“ - -Aber der kleine Untersuchungsrichter unterbrach ihn; er wandte sich zu -Mitjä und sagte mit fester Stimme, laut und wichtig: - -„Herr Leutnant Karamasoff, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie angeklagt -sind, Ihren Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff in dieser Nacht ermordet -zu haben ...“ - -Er fügte noch etwas hinzu, auch der Stellvertreter des Staatsanwalts -wandte noch etwas ein, doch Mitjä, der wohl ihre Worte hörte, begriff -sie nicht mehr. Sein wilder Blick ging verständnislos von einem der -Anwesenden zum anderen. - - - - - Neuntes Buch. Die Voruntersuchung - - - I. - Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin - -Pjotr Iljitsch Perchotin, den wir vor dem Hause der Kaufmannswitwe -Morosoff verlassen hatten, klopfte unentwegt und mit jedem Schlage -stärker an das fest verschlossene Hoftor, bis er schließlich den -Hofknecht aus dem Bett geklopft hatte. Als Fenjä, die sich vor Erregung -und „Gedanken“ noch nicht entschlossen hatte, zu Bett zu gehen, ein so -unbändiges Klopfen am Hoftor hörte, verlor sie vor Schreck fast die -Besinnung. Sie war sofort überzeugt, daß der Ruhestörer kein anderer -sein konnte als Dmitrij Fedorowitsch (obgleich sie selbst gesehen hatte, -wie er mit Andrei fortgefahren war), denn sie sagte sich, daß so -„gebieterisch“ nur er allein klopfen könne. So stürzte sie denn -unverzüglich zum Hofknecht, der sich bereits zum Hoftor begab, und bat -ihn himmelhoch, nicht zu öffnen und niemanden hereinzulassen. Der Alte -wurde nachdenklich, erkundigte sich aber doch nach dem Namen des -Klopfenden, und als er hörte, wer es war, und daß man Fedossja Markowna -(Fenjä) in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte, -entschloß er sich, das Fußpförtchen aufzuschließen. Als Perchotin mit -dem Hofknecht, den Fenjä mit seiner Erlaubnis gebeten hatte, „von wegen -des Bedenklichen“ mitzukommen, in die Küche eingetreten war, begann er -unverzüglich sie auszufragen, und so erfuhr er denn alsbald das -Wichtigste, nämlich: daß Dmitrij Fedorowitsch, als er fortgestürzt war, -um Gruschenka zu suchen, die Mörserkeule ergriffen und in die Tasche -gesteckt hatte, dann aber ohne dieselbe, doch mit blutigen Händen -zurückgekehrt war. „Und das Blut triefte noch von ihm, triefte noch, -triefte nur so von ihm!“ beteuerte Fenjä, die sich in der Aufregung -dieses grauenhafte Bild wahrscheinlich ganz unwillkürlich schuf. Daß -Mitjäs Hände mit Blut besudelt waren, hatte auch Perchotin gesehen, -hatte ja selbst geholfen, sie reinzuwaschen, aber nicht darum handelte -es sich jetzt, ob sie schnell oder langsam trocken geworden waren, -sondern darum, wohin er, Dmitrij Fedorowitsch, mit der Mörserkeule -gelaufen war, d. h., woraus man mit Bestimmtheit schließen konnte, daß -es gerade zu seinem Vater gewesen sein mußte? Danach erkundigte sich -Perchotin ausführlich, und obwohl er, genau genommen, nichts Bestimmtes -erfuhr, so trug er doch die Überzeugung davon, daß Dmitrij Fedorowitsch -einzig und allein zum Vater gelaufen sein konnte, und daß dort folglich -„etwas“ geschehen sein mußte. „Als er aber zurückkam,“ unterbrach Fenjä -erregt seinen Gedankengang, „und ich ihm alles gestanden hatte, da -versuchte ich, ihn etwas auszufragen. ‚Täubchen Dmitrij Fedorowitsch,‘ -sagte ich, ‚warum sind denn Ihre beiden Hände so blutig?‘ – Da -antwortete er mir, daß es Menschenblut sei, und daß er einen Menschen -erschlagen habe ...“ Sie sagte, er habe ihr ohne weiteres alles -gestanden und habe ersichtlich bereut, doch plötzlich sei er wieder wie -ein Irrsinniger hinausgelaufen. „Da setzte ich mich und fing an -nachzudenken,“ fuhr Fenjä fort, „und ich fragte mich, wohin er wohl so -gelaufen sein mag? Da sagte ich mir, er wird nach Mokroje fahren und -dort Agrafena Alexandrowna totschlagen. So lief ich denn hinaus, um ihn -vielleicht noch in seiner Wohnung anzutreffen und himmelhoch zu bitten, -daß er sie nicht totschlägt, und da traf ich ihn unterwegs bei -Plotnikoffs und sah, daß er gerade nach Mokroje abfahren wollte, seine -Hände aber schon reingewaschen waren.“ (Die reinen Hände hatte Fenjä -sofort bemerkt.) Die alte Köchin Matrjona bestätigte, so weit sie -konnte, die Aussagen ihrer Enkelin. Perchotin stellte noch einige Fragen -und verließ dann in noch größerer Erregung das Haus der Morosowa, als er -das Gasthaus verlassen hatte. - -Man sollte meinen, daß es für ihn das Nächstliegende gewesen wäre, zu -Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen und sich dort zu erkundigen, ob -nicht etwas Besonderes geschehen war, und dann erst, wenn sich sein -Verdacht bestätigt hatte, zum Polizeichef zu gehen, wie er es sich fest -vorgenommen. Aber das war so eine Sache. – Die Nacht war dunkel, das -Hoftor des Karamasoffschen Hauses groß und schwer, das Klopfen nicht -hörbar, und er hätte lange klopfen müssen – mit Fedor Pawlowitsch aber -war er nur ganz oberflächlich bekannt. Und da würde er denn das ganze -Haus aufwecken: man machte ihm auf, und es zeigte sich, daß nichts -geschehen war, – und der spottlustige Fedor Pawlowitsch erzählt morgen -in der ganzen Stadt die Geschichte, wie Pjotr Iljitsch Perchotin, der -ihm völlig unbekannt ist, um Mitternacht zu ihm gelaufen kommt und wie -ein Verrückter am Hoftor klopft, um zu erfahren, ob ihn nicht jemand -totgeschlagen habe. Das aber wäre ein Skandal, und so etwas fürchtete -Perchotin am meisten. Nichtsdestoweniger war die Unruhe, die ihn mit -sich fortriß, so stark, daß er sich – allerdings fluchend, mit dem Fuß -aufstampfend und mit einem Schimpfwort an die eigene Adresse – -unverzüglich auf den Weg machte, doch diesmal nicht zu Fedor -Pawlowitsch, sondern zu Frau Chochlakoff. Er beschloß, sie ohne alle -Umschweife zu fragen, ob sie heute zu der und der Stunde Dmitrij -Karamasoff dreitausend Rubel gegeben habe, und wenn sie dies verneinte, -sofort zum Polizeichef zu gehen; falls sie es aber bejahte, alles bis -auf den nächsten Tag aufzuschieben und zu sich nach Haus zurückzukehren. -Nun sollte man mit Recht meinen, daß der Entschluß des jungen Mannes, in -der Nacht, fast um elf Uhr, in das Haus einer ihm ganz unbekannten Dame -zu gehen und sie womöglich aus dem Schlaf zu wecken, um an sie eine in -ihrer Art gewiß etwas verfängliche Frage zu stellen, vielleicht noch -vielmehr Aussichten bot, einen Skandal hervorzurufen, als wenn er zu -Fedor Pawlowitsch gegangen wäre. Aber das geschieht bekanntlich – -besonders in solchen oder ähnlichen Fallen – nicht selten mit den -Entschlüssen der korrektesten und phlegmatischsten Leute. Übrigens war -Perchotin in dieser Nacht nichts weniger als phlegmatisch. Sein ganzes -Leben lang erinnerte er sich später, wie seine unbezwingbare Unruhe -schließlich so groß geworden war, daß sie ihm Qual verursacht und ihn -eigentlich gegen seinen Willen immer weiter getrieben hatte. Es versteht -sich daher von selbst, daß er sich auf dem ganzen Wege zu ihr über seine -Handlung ärgerte, aber: „Ich setze es durch, was es auch koste, ich -setze es doch durch,“ wiederholte er mindestens zehnmal zähneknirschend -vor sich hin. Und richtig – er führte auch durch, was er sich -vorgenommen hatte. - -Es schlug gerade elf, als er sich dem Hause Frau Chochlakoffs näherte. -In den Hof wurde er ziemlich bald eingelassen, doch auf die Frage, ob -die gnädige Frau schon schlafe oder noch auf sei, konnte der Hofknecht -nichts Bestimmtes sagen, außer daß sie sich um diese Zeit gewöhnlich -schon zurückzuziehen pflege. „Aber der Herr kann es doch versuchen; will -man empfangen, so empfängt man, will man nicht, dann nicht. Nur muß der -Herr sich oben anmelden.“ Perchotin stieg die Paradetreppe hinauf, doch -hatte er hier einen schweren Stand. Der Diener weigerte sich, ihn -anzumelden, rief aber schließlich wenigstens die Zofe heraus. Perchotin -bat höflich, aber in sehr bestimmtem Tone, ihn bei der gnädigen Frau -anzumelden, und unbedingt noch hinzuzufügen, daß er in einer äußerst -wichtigen Angelegenheit die gnädige Frau unverzüglich sprechen müsse, -sich anderenfalls nie erdreistet hätte usw. Die Kammerzofe ging. Er -blieb im Vorzimmer zurück und wartete. Frau Chochlakoff schlief -allerdings noch nicht, hatte sich aber schon in ihr Schlafgemach -zurückgezogen. Sie war seit dem Besuch Mitjäs sehr angegriffen und -fühlte schon im voraus, daß sie in dieser Nacht der Migräne, die in -solchen Fällen stets einzutreten pflegte, nicht entgehen werde. Sie -hörte verwundert den Bericht ihrer Zofe an, befahl aber doch gereizt, -den Herrn abzuweisen, wenn auch der unerwartete Besuch eines „hiesigen -Beamten“, wie die Zofe sagte, „zu dieser Stunde!“ nicht wenig ihre -Neugier reizte. Doch Perchotin war diesmal hartnäckig wie ein Maulesel -(mit dieser Bezeichnung bedachte er sich selbst während des Wartens). -Als er die Absage vernommen hatte, bat er sehr bestimmt und -nachdrücklich, ihn nochmals anzumelden, und zwar gerade mit den Worten: -daß es eine „äußerst wichtige Angelegenheit sei, und die gnädige Frau es -vielleicht später bedauern werde, wenn sie ihn jetzt nicht empfinge.“ -„Es war mir damals geradezu, als wenn ich einen Berg unaufhaltsam -hinabglitt,“ sagte er später bei der Wiedergabe jener Erlebnisse und der -Schilderung seiner Empfindungen in jenen Stunden. Die Zofe betrachtete -ihn nicht wenig erstaunt, ging aber doch, um ihn noch einmal anzumelden. -Frau Chochlakoff war sehr betroffen durch das sonderbare Auftreten des -nächtlichen Besuchers. Sie dachte nach und erkundigte sich, wie denn -„dieser Mensch“ aussähe, und erfuhr, daß er „sehr anständig gekleidet, -jung und sehr höflich“ sei. Ich muß hier noch bemerken, daß Perchotin -als junger Mann tatsächlich gut aussah und das auch selbst von sich -wußte. Frau Chochlakoff entschloß sich endlich, den Herrn zu empfangen. -Sie war bereits in ihrem Hausrock und in Pantöffelchen, und so nahm sie -noch einen Schal um. Perchotin wurde in den Empfangssalon gebeten, in -dem sie vor kurzem auch Mitjä empfangen hatte. Er trat ein. Gleich -darauf erschien auch die Hausfrau. Sie blickte ihn streng und mit etwas -erstaunt fragendem Blick an. Ohne ihn aufzufordern, Platz zu nehmen, -fragte sie: - -„Sie wünschen?“ - -„Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich es gewagt habe, Sie zu so später -Stunde zu belästigen. Es handelt sich um unseren gemeinsamen Bekannten -Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff,“ begann Perchotin, doch kaum hatte er -diesen Namen ausgesprochen, als im Gesichte der Dame eine ungewöhnliche -Veränderung vor sich ging und sie ihn heftig unterbrach: - -„Wie lange, wie lange wird man mich noch mit diesem furchtbaren Menschen -peinigen!“ rief sie empört. „Wie wagen Sie es, mein Herr, eine Ihnen -ganz unbekannte Dame in ihrem Hause zu dieser Stunde zu beunruhigen ... -bei ihr zu erscheinen, um von einem Menschen zu sprechen, der sie hier, -in diesem selben Empfangssalon vor drei Stunden beinahe erschlagen -wollte, wenigstens hier mit den Füßen gestampft hat und schließlich in -einer Art und Weise hinausgelaufen ist, wie sonst niemand ein -anständiges Haus verläßt. Wissen Sie auch, mein Herr, daß ich mich über -Sie bei Ihren Vorgesetzten beklagen werde ... Ich bitte Sie, mich sofort -zu verlassen ... Ich ... ich bin Mutter, ich werde sofort ... ich ... -ich ...“ - -„Erschlagen!? So wollte er auch Sie erschlagen?“ - -„Ja, hat er denn sonst jemanden schon umgebracht?“ erkundigte sich Frau -Chochlakoff ungestüm. - -„Haben Sie die Güte, mich anzuhören, gnädige Frau, nur eine halbe Minute -lang, und ich werde Ihnen in zwei Worten alles erklären,“ sagte -Perchotin entschlossen. „Heute um fünf Uhr nachmittags borgte Herr -Karamasoff, als Kamerad, zehn Rubel von mir, und ich weiß daher -bestimmt, daß er kein Geld besaß. Und heute um neun Uhr abends kam er -wieder zu mir und hielt ein Geldpaket in der Hand: es waren lauter -Hundertrubelscheine, im ganzen ungefähr zwei-, wenn nicht dreitausend -Rubel. Seine Hände jedoch und das Gesicht waren mit Blut befleckt, und -er sprach und blickte einen an, als hätte er den Verstand verloren. Auf -meine Frage, woher er so viel Geld bekommen habe, antwortete er, daß er -es kurz vorher von Ihnen erhalten habe, daß Sie ihm dreitausend Rubel -vorgestreckt hätten, damit er nach Sibirien in die Goldgruben fahre ...“ - -Eine nervöse, krankhafte Erregung drückte sich im Gesichte Frau -Chochlakoffs aus. - -„Mein Gott! Er hat seinen alten Vater erschlagen!“ rief sie erschrocken, -die Hände zusammenschlagend. „Ich habe ihm nichts gegeben, nichts, -nichts! Oh, laufen Sie, eilen Sie! ... Sprechen Sie kein Wort mehr! -Retten Sie den alten Herrn, laufen Sie zu seinem Vater, oh, laufen Sie! -...“ - -„Erlauben Sie, gnädige Frau, so haben Sie ihm also kein Geld gegeben? -Wissen Sie genau, daß Sie ihm nichts gegeben haben?“ - -„Nichts, nichts habe ich ihm gegeben! Ich habe es ihm abgeschlagen, denn -er versteht ja mit Geld gar nicht umzugehen. Er verließ mich -wutschnaubend, und hier im Salon stampfte er sogar mit den Füßen. Er -wollte sich auf mich stürzen, aber ich rettete mich noch rechtzeitig, -indem ich dorthin in die Ecke lief ... Und ich werde Ihnen noch sagen, -wie einem Menschen, dem ich nichts mehr verheimlichen will, daß er mich -sogar beinahe angespien hat, können Sie sich so etwas vorstellen? Aber -warum stehen wir denn? Ach, setzen Sie sich, bitte. Verzeihen Sie, ich -... Oder laufen Sie lieber, laufen Sie, Sie müssen eilen, um den -unglücklichen alten Herrn vor diesem schrecklichen Tode zu bewahren!“ - -„Wenn er ihn aber schon erschlagen hat?“ - -„Ach, mein Gott, das ist ja wahr! Aber was sollen wir denn jetzt tun? -Was meinen Sie, was wir tun müssen?“ - -Inzwischen hatten sie beide Platz genommen. Perchotin setzte ihr in -kurzen Worten, doch ziemlich deutlich den ganzen Tatbestand auseinander, -oder wenigstens das, was er miterlebt hatte, erzählte ihr auch noch von -seinem Gespräch mit Fenjä, und daß Mitjä die Mörserkeule mitgenommen -hatte. Alle diese Einzelheiten regten die nervöse Dame in einer Weise -auf, wie es stärker nicht gut möglich gewesen wäre. Sie zitterte und -hielt die Hände an die Schläfen ... - -„Stellen Sie sich vor, ich habe das vorausgefühlt! Ich besitze diese -Fähigkeit – alles, was ich mir vorstelle, geht in Erfüllung. Und -wieviel, wievielmal habe ich diesen schrecklichen Menschen angesehen und -jedesmal dabei gedacht: Dieser Mensch wird mich erschlagen. Und so ist -es jetzt auch gekommen ... Das heißt, wenn er jetzt auch nicht mich -erschlagen hat, sondern seinen Vater, so ist das doch bestimmt nur -deswegen geschehen, weil Gottes sichtbarer Finger ihn von mir abgelenkt -hat. Und außerdem wird er sich geschämt haben, das zu tun, denn ich habe -ihm mit diesen Händen ein kleines Heiligenbild umgehängt, hier, auf -dieser Stelle, ein kleines Medaillon mit Reliquien von der heiligen -Warwara ... Mein Gott, wie nah ich dem Tode in diesem Augenblick war, -ohne es zu ahnen! Ich trat ganz dicht an ihn heran, und er neigte den -Kopf, damit ich es ihm bequemer um den Hals legen konnte! Wissen Sie, -Pjotr Iljitsch ... verzeihen Sie, ich glaube, Sie sagten, daß Sie so -hießen – wissen Sie, ich glaube nicht an Wunder, aber dieses -Heiligenbild und diese auf der Hand liegende wunderbare Rettung – das -erschüttert mich dermaßen, daß ich wieder an alles mögliche zu glauben -anfange. Haben Sie vom Staretz Sossima gehört? ... Ach, ich weiß nicht, -wovon ich wieder rede ... Aber stellen Sie sich vor, dann hat er mich -trotz dieses Heiligenbildes am Halse beinahe angespien ... Natürlich ist -das kein Totschlag, aber immerhin ... und jetzt ist er ins Dorf -gefahren! Aber wohin sollen wir jetzt, was sollen wir tun, was meinen -Sie?“ - -Perchotin erhob sich und erklärte, daß er geradeswegs zum Polizeichef -gehen und ihm alles erzählen werde, der könne dann tun, was er für gut -befinde. - -„Ach, das ist ein prächtiger, ein ganz prächtiger Mensch, ich kenne -Michail Makarowitsch persönlich. Ja, gehen Sie unbedingt zu ihm. Wie -findig Sie sind, wie gut Sie sich das ausgedacht haben. Wissen Sie, ich -wäre an Ihrer Stelle bestimmt nicht darauf verfallen!“ - -„Aber ich bitte Sie, es ist doch ganz natürlich ... Ich bin selbst ein -guter Bekannter Michail Makarowitschs,“ bemerkte Perchotin, der immer -noch stand, und nicht wußte, wie er sich von der liebenswürdigen Dame -schneller verabschieden sollte. - -„Und wissen Sie, wissen Sie,“ unterbrach sie ihn, „Sie müssen mich -unbedingt benachrichtigen von allem, was Sie dort sehen und erfahren ... -und was schließlich an den Tag kommt ... und wie man ihn verurteilt, und -wohin man ihn verschickt ... Sagen Sie, bei uns gibt es doch keine -Todesstrafe? Aber kommen Sie, unbedingt, um mich von dem Ergebnis Ihres -Gesprächs zu benachrichtigen, wenn auch um drei Uhr nachts, wenn nicht -anders, auch um vier, oder gar um halb fünf ... Befehlen Sie, mich -aufzuwecken, unbedingt, was es auch koste ... O mein Gott, ich werde ja -überhaupt nicht einschlafen können. Oder sollte ich nicht selbst mit -Ihnen fahren? ...“ - -„N – nein, gnädige Frau, doch wenn Sie vielleicht so freundlich wären, -ein paar Zeilen zu schreiben, auf alle Fälle, daß Sie Herrn Karamasoff -kein Geld gegeben haben, so wäre das vielleicht nicht überflüssig ... -ich meine, auf alle Fälle ...“ - -„Unbedingt!“ Frau Chochlakoff eilte zu ihrem Schreibtisch. „Sie -erschüttern mich einfach durch Ihre Umsicht in solchen Dingen, -_vraiment_! ... Sie sind ein hiesiger Beamter? Das freut mich, daß Sie -hier angestellt sind ...“ - -Und noch während sie das sprach, schrieb sie mit ihrer großen -Handschrift auf einen Bogen Postpapier diese Zeilen: - - „Nie in meinem Leben habe ich dem unglücklichen Dmitrij Fedorowitsch - Karamasoff (ich sage unglücklich, denn das ist er jetzt) dreitausend - Rubel geliehen, weder heute, noch sonst wann, niemals! Das beschwöre - ich bei allem, was es Heiliges auf unserer Welt gibt. - - Katerina Chochlakowa.“ - -„Hier! Da haben Sie es!“ Und sie überreichte es Perchotin. „Aber jetzt -gehen Sie, retten Sie. Das ist eine große Tat von Ihnen.“ - -Und sie machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihm. Darauf -begleitete sie ihn noch bis zum Vorzimmer. - -„Ich bin Ihnen so dankbar! Sie werden es mir nicht glauben, wie dankbar -ich Ihnen dafür bin, daß Sie ganz zuerst zu mir gekommen sind. Wie kommt -es, daß wir uns früher noch nicht begegnet sind? Es wird mich sehr -freuen, Sie auch fernerhin in meinem Hause zu empfangen. Wie angenehm es -ist, daß Sie als Beamter gerade hier Ihre Anstellung haben ... und so -geschickt sind Sie in solchen Dingen ... Seien Sie überzeugt, daß ich -alles, was in meiner Macht steht, für Sie tun werde ... Eine so tüchtige -Kraft muß man zu schätzen wissen, und man wird es auch, man wird es -auch, seien Sie überzeugt! Oh, ich protegiere immer die Jugend, ich habe -ein Faible für Jugend! Unsere Jugend ist doch das Fundament unseres -ganzen, jetzt so schwer niedergedrückten Vaterlandes, sie ist doch die -ganze Hoffnung unseres Rußland ... Oh, gehen Sie, gehen Sie ...“ - -Perchotin eilte bereits fort, sonst hätte sie ihn vielleicht noch nicht -so bald entlassen. Übrigens hatte sie auf ihn einen ganz sympathischen -Eindruck gemacht, sogar einen so sympathischen, daß dieser Eindruck -teilweise selbst seinen Ärger über diese fremde Angelegenheit, in die er -sich dummerweise hineingezogen sah, milderte. Der Geschmack der Menschen -ist bekanntlich sehr verschieden. So dachte denn auch Perchotin, -angenehm berührt, daß Frau Chochlakoff „keineswegs so bejahrt“ sein -könne: „Im Gegenteil, ich hätte sie für ihre Tochter gehalten.“ - -Und was wiederum Frau Chochlakoff betrifft, so war sie geradezu -bezaubert durch den jungen Mann. „Wieviel Verständnis für alles Ernste, -wieviel Korrektheit, und das in einem so jungen Mann unserer Zeit, und -noch dazu bei solchen Manieren und solchem Äußern! Da wird nun geredet -von den heutigen jungen Leuten, sie verständen nichts! Da habt ihr ein -Beispiel“ usw. So kam es, daß sie das „schreckliche“ Ereignis selbst -ganz vergaß. Erst als sie zu Bett ging, fiel ihr wieder ein, wie nah sie -dem Tode gewesen war! „Entsetzlich, entsetzlich, wenn man daran denkt!“ -flüsterte sie. Das hinderte aber nicht, daß sie alsbald in festen süßen -Schlaf sank. Ich hätte mich übrigens nie entschlossen, hier von so -nebensächlichen Einzelheiten zu erzählen, wenn die soeben geschilderte -Begegnung Perchotins mit der jugendlichen Witwe nicht das Sprungbrett zu -der ganzen Laufbahn dieses umsichtigen und korrekten jungen Beamten -geworden wäre. Noch jetzt erinnert man sich seiner kopfschüttelnd und -bewunderungsvoll in unserem Städtchen, und auch ich werde vielleicht -noch einiges über ihn zu sagen haben, bevor ich meine lange Erzählung -von den Brüdern Karamasoff abschließe. - - - II. - Der Alarm - -Unser Kreispolizeichef Michail Makarowitsch Makaroff, ein -verabschiedeter Oberstleutnant, war Witwer und ein guter Mensch. Er war -vor kaum drei Jahren in unser Städtchen versetzt worden, doch hatte er -bereits fertig gebracht, sich die allgemeine Sympathie zu erwerben, und -zwar vor allen Dingen dadurch, daß er verstand, die Gesellschaft zu -vereinigen. Er hatte immer Gäste im Hause, und es schien, daß er ohne -sie überhaupt nicht leben konnte. Irgend jemand mußte unbedingt mit ihm -speisen, wenn es auch nur ein einziger Gast war – ohne Gäste setzte man -sich bei ihm nie zu Tisch. Er gab natürlich auch große Diners aus sehr -verschiedenen, häufig etwas wunderlichen Anlässen. Wurden auch keine -ausgesuchten Delikatessen geboten, so war doch die Tafel immer reich -besetzt, und die Fischpasteten und alle Nationalpirogen großartig -gebacken, und die Weine bestachen, wenn nicht durch die Qualität, so -doch durch die Quantität. Das Billardzimmer war sogar sehr anständig -ausgestattet, d. h. an den Wänden hingen in schwarzen Rahmen Bilder von -englischen Rennpferden, was bekanntlich die obligatorische -Billardzimmerdekoration in der Wohnung jedes unverheirateten Herrn ist. -Jeden Abend wurde Karten gespielt, wenn auch nur an einem einzigen -Tisch. Sehr oft jedoch versammelte sich bei ihm die ganze höhere -Gesellschaft unserer Stadt mit Müttern und Töchtern zu Tanzabenden. -Michail Makarowitsch war, wie gesagt, Witwer. Gleichwohl lebte er als -„Familienvater“ in seinem Hause, da er seine verwitwete Tochter mit -deren beiden Töchtern, also seinen Enkelinnen, zu sich genommen hatte. -Diese Enkelinnen waren erwachsene junge Damen, die ihre Erziehung schon -überstanden hatten. Sie waren beide von angenehmem Äußeren, waren beide -heiter und unterhaltend, und so zogen sie – obwohl alle wußten, daß sie -keine „Partien“ waren, da sie nichts mitbekommen sollten – doch unsere -männliche Jugend der besseren Gesellschaft in das Haus ihres Großpapas. - -Was nun Michail Makarowitschs Beruf anbetraf, so war es in der Beziehung -nicht sonderlich gut mit seinen Kenntnissen bestellt, doch erfüllte er -schließlich seine Pflicht nicht schlechter als viele andere. Wenn man -aufrichtig sein soll, so war er als Mensch ziemlich ungebildet und als -Beamter um die Erwerbung einer klaren Vorstellung von den Grenzen seiner -administrativen Macht wenig besorgt. Gewisse Reformen der gegenwärtigen -Regierung konnte er immer noch nicht recht begreifen, oder er begriff -sie unter auffallenden Irrtümern. Doch geschah das weniger aus -Unbegabtheit als infolge einer recht ausgeprägten Sorglosigkeit, und da -er sich versicherte, nie die Zeit zu haben, hinter die Dinge zu kommen. -„Ich bin, meine Herren, mit Leib und Seele Soldat, und daher ist mir -alles Zivile etwas gegen den Strich,“ äußerte er über sein Beamtentum. -Selbst von den Prinzipien der letzten großen Reform, der Aufhebung der -Leibeigenschaft, hatte er sich noch immer keine feste und genaue -Vorstellung zu machen vermocht; doch vergrößerte er von Jahr zu Jahr, -und zwar unwillkürlich, und durch praktische Erfahrungen, sein -diesbezügliches Wissen, da er nämlich selbst Gutsbesitzer war. Perchotin -wußte, daß er bei ihm bestimmt wenigstens einen Gast antreffen werde – -nur wußte er natürlich nicht, wen. Währenddessen saßen bei Michail -Makarowitsch der Staatsanwalt und unser Kreisarzt Warwinskij, ein junger -Mann, der erst vor kurzem aus Petersburg zu uns gekommen war, und der -seine Studien an der Petersburger Universität glänzend beendet hatte. -Der Staatsanwalt jedoch, oder vielmehr der Stellvertreter des -Staatsanwalts, der aber bei uns allgemein nur der Staatsanwalt genannt -wurde, Hippolyt Kirillowitsch, war ein bemerkenswerter Mann, noch nicht -alt, etwa fünfunddreißig, neigte leider stark zur Schwindsucht, und war -sehr mager, wofür dann seine kinderlose Gattin um so korpulenter war. Es -hieß, daß er sehr eigensüchtig und ehrgeizig sei, doch war er, bei einem -tüchtigen Verstande, in der Seele ein guter Mensch. Ich glaube, das -ganze Unglück seines Charakters bestand darin, daß er von sich eine -etwas höhere Meinung hatte, als seine Begabung erlaubte. Das war wohl -auch der Grund, warum er immer irgendwie unruhig zu sein schien. Und -dazu hatte er noch einige höhere und sogar künstlerische Ansprüche, zum -Beispiel ein guter Psychologe zu sein, die menschliche Seele ganz -besonders gut zu kennen und die Gabe zu besitzen, den Verbrecher und -sein Verbrechen richtig zu erkennen und zu beurteilen. In bezug auf -diese Fähigkeiten war er reizbar und leicht beleidigt, hielt sich sofort -für im Dienst umgangen oder gar zurückgesetzt, und war immer überzeugt, -daß man ihn in den „höheren Sphären“ nicht zu schätzen wisse, und daß er -daselbst viele Feinde habe. In trüben Stunden versicherte er sogar, daß -er zur Advokatur übertreten werde. Da kam plötzlich der Kriminalprozeß -der Karamasoffs wegen des Vatermordes und rüttelte Hippolyt -Kirillowitsch auf. „Das ist ein Prozeß, der in ganz Rußland bekannt -werden wird,“ sagte er. Doch ich greife vor. - -Im Nebenzimmer saß bei den jungen Damen auch unser junger -Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der erst vor zwei -Monaten aus Petersburg zu uns gekommen war. Später wunderte man sich -nicht wenig darüber, daß alle diese Amtspersonen sich „gerade am Abend -des Verbrechens im Hause der exekutiven Macht“ versammelt hatten. -Indessen hatte sich das in ganz natürlicher Weise so getroffen: Die Frau -Hippolyt Kirillowitschs, also des Staatsanwalts, litt schon den zweiten -Tag an Zahnschmerzen, und so mußte der Herr Staatsanwalt doch -irgendwohin vor ihrem Gestöhn flüchten. Der Kreisarzt jedoch konnte -allein schon seinem Wesen nach den Abend nicht anders verbringen als am -Kartentisch. Und Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte es sich schon vor -drei Tagen vorgenommen, an diesem Abend zu Michail Makarowitsch zu -gehen, und zwar ganz zufällig, um hinterlistig die älteste Enkelin, Olga -Michailowna, zu erschrecken, ihr nämlich plötzlich zu sagen, daß er um -ihr „Geheimnis“ wisse: daß heute ihr Geburtstag sei, und daß sie dies -absichtlich verheimlicht habe, um nicht wieder die ganze Gesellschaft zu -einem Ball einladen zu müssen. Es war zu erwarten, daß man den Abend -lustig verbringen werde, da Scherze über ihr Alter, über das -„Geheimnis“, das er jetzt allen erzählen konnte, ihre vermutliche Angst -deswegen usw. usw. genügend Stoff zum Lachen abgeben konnten. Der -liebenswürdige junge Mann war in solchen Dingen ein großer Schlingel, -wie ihn unsere Damen lachend nannten, und was ihm sehr zu gefallen -schien. Übrigens war er gut erzogen, aus, guter Familie, hatte ein gutes -Auftreten und gute Manieren, und wenn er auch ein Lebemann war, so blieb -er doch ein innerlich unschuldiger und immer wohlerzogener, anständiger -junger Mann. Was sein Äußeres anbelangt, so war er ziemlich klein von -Wuchs und von schwächlichem, zartem Körperbau. An seinen schmalen und -bleichen Fingern glänzten stets ein paar große teure Ringe. Wenn er -seine Amtspflicht erfüllte, kam immer eine gewisse selbstbewußte Würde -über ihn, als hielte er seine Bedeutung und seine Pflicht für etwas -Heiliges. Besonders gut verstand er es, bei Verhören von Mördern und -anderen Verbrechern aus dem Volke, dieselben durch seine Fragen zu -verblüffen, und in ihnen, wenn auch nicht gerade Hochachtung für sich, -so doch etwas wie bewunderndes Erstaunen zu erwecken. - -Als Perchotin beim Kreispolizeichef eintrat, blieb er ganz verdutzt -stehen: er sah sofort, daß man schon alles wissen mußte. Man hatte die -Karten im Stich gelassen, alle standen und berieten sich, und auch -Nikolai Parfenowitsch war von den Damen herbeigeeilt und sah ungemein -kampfbereit und entschlossen aus. Perchotin wurde mit der überraschenden -Mitteilung empfangen, daß der alte Fedor Pawlowitsch Karamasoff am -selben Abend in seinem Hause erschlagen worden war, erschlagen und -beraubt. Erfahren hatte man es vor ein paar Minuten auf folgende Weise: - -Marfa Ignatjewna, die Frau des am Zaun von Mitjä verletzten Grigorij, -schlief nach der eingenommenen Medizin ungewöhnlich fest in ihrem Bett -und hätte wahrscheinlich bis zum Morgen so geschlafen – plötzlich aber -wachte sie auf: der epileptische Schrei Ssmerdjäkoffs, der bewußtlos im -Nebenzimmer gelegen hatte, war ihr durch Mark und Bein gefahren. Dieser -Schrei, mit dem gewöhnlich die epileptischen Anfälle begannen, machte -auf Marfa Ignatjewna stets einen so schrecklichen Eindruck, daß sie -davon fast krank wurde. Sie hatte sich noch immer nicht an ihn gewöhnt, -obgleich sie ihn doch oft genug gehört hatte. Halb besinnungslos sprang -sie auf und stürzte in das Nebenzimmer zu Ssmerdjäkoff. Doch dort war es -stockdunkel, und sie hörte nur, wie der Kranke unheimlich schnarchte und -um sich schlug. Da schrie auch Marfa Ignatjewna auf, und rief ihren -Mann, doch plötzlich fiel ihr ein, daß Grigorij, als sie aufgesprungen -war, nicht neben ihr gelegen hatte. Sie lief zurück zum Bett und -betastete es, doch das Bett war leer. „So ist er fortgegangen, – wohin?“ -Sie lief hinaus auf die Treppe und rief einmal ängstlich seinen Namen. -Sie erhielt natürlich keine Antwort, aber es schien ihr, als hörte sie -durch die windstille Nacht irgendwoher, gleichsam fern aus dem Garten, -Gestöhn zu sich dringen. Sie horchte auf: da kam es wieder durch die -Nacht, und sie hörte deutlich, daß es aus dem Garten kam. „Heilige -Marie, das ist ja ganz wie damals die Lisaweta im Badehäuschen!“ dachte -sie erschrocken. Ängstlich stieg sie die Stufen hinab, und da erst -gewahrte sie, daß das Gartenpförtchen offen war. „Sicher ist er dort, -mein Lieber,“ dachte sie, und ging zum Pförtchen. Doch dort vernahm sie -plötzlich ganz deutlich, daß Grigorij sie rief: „Marfa, Marfa!“ mit -schwacher, angstvoller Stimme, die wie ein Gestöhn klang. „Großer Gott, -beschütz uns vor Unheil,“ flüsterte sie zitternd und eilte dann hin, -woher der Ruf kam, und fand ihren Grigorij. Nur fand sie ihn nicht am -Zaun, wo er niedergefallen war, sondern ungefähr zwanzig Schritt vom -Zaun entfernt. Später stellte sich heraus, daß er, zu sich gekommen, zu -kriechen begonnen hatte, und so aus eigener Kraft, natürlich mit -Unterbrechungen und unter erneuter Besinnungslosigkeit, sich so weit -geschleppt hatte. Marfa Ignatjewna bemerkte sofort, daß sein Gesicht -blutüberströmt war, und sie begann laut zu schreien. Grigorij konnte nur -leise und zusammenhanglos stammeln: „Erschlagen ... hat den Vater -erschlagen ... was schreist du, dummes Weib ... lauf, ruf ...“ Doch -Marfa Ignatjewna schrie unentwegt, so laut sie konnte. Da bemerkte sie -aber, daß beim Herrn das Fenster offen und das Zimmer hell erleuchtet -war, und sie lief, Fedor Pawlowitsch laut zu Hilfe rufend, hin zum -Fenster. Als sie aber rufend in das Zimmer sah, erblickte sie etwas -Grauenvolles: der Herr lag lang ausgestreckt auf dem Fußboden, -regungslos. Sein heller Schlafrock und das weiße Hemd auf der Brust -waren von Blut überströmt. Das Licht auf dem Tisch beleuchtete grell die -roten Blutlachen und das starre Totengesicht der Leiche Fedor -Pawlowitschs. Im größten Entsetzen taumelte Marfa Ignatjewna vom Fenster -zurück und stürzte, so schnell sie konnte, aus dem Garten, riß den -Riegel der Pforte auf und lief in die Nebengasse zur Nachbarin, zu Marja -Kondratjewna. Dort klopfte sie wie wahnsinnig an die Fensterläden, bis -sie schließlich beide Frauen, die natürlich schon fest schliefen, -aufweckte und diese erschrocken ans Fenster gelaufen kamen. Marfa -Ignatjewna erzählte, so gut sie konnte, d. h. schreiend und heulend, das -Hauptsächliche und rief sie zu Hilfe. Es traf sich, daß auch Foma gerade -bei ihnen übernachtete. Er wurde im Augenblick aus dem Bett gezogen, und -so liefen denn alle drei zurück an den Ort des Verbrechens. Unterwegs -erinnerte sich Marja Kondratjewna, am Abend, ungefähr um neun Uhr, einen -lauten, durchdringenden Schrei gehört zu haben, und wie es ihr -geschienen hatte, war er aus dem Karamasoffschen Garten gekommen. Das -war derselbe Schrei gewesen, den Grigorij am Zaun ausgestoßen hatte, -bevor er von Dmitrij Fedorowitschs Schlage zu Boden gestürzt war – sein -Schrei: „Vatermörder!“ - -„Ich hörte nur einen Schrei, es muß ein Mensch geschrien haben, und dann -war wieder alles still,“ erzählte Marja Kondratjewna, während sie -hinliefen. Im Garten hoben sie alle drei Grigorij auf und trugen ihn mit -vereinten Kräften in die Leutewohnung. Sie machten sofort Licht, und da -sahen sie, daß Ssmerdjäkoff noch immer um sich schlug: von den Augen im -Krampf war nur das Weiße zu sehen, und Schaum stand ihm vor dem Munde. -Grigorijs Kopf wurde mit Wasser und Essig gewaschen. Er kam alsbald zu -sich, und seine erste Frage war: „Lebt der Herr noch, oder ist er tot?“ -Da liefen denn die beiden Frauen und Foma zum Herrenhause, und erst -jetzt bemerkten sie, daß nicht nur das Fenster, sondern auch die Tür, -die aus dem Hause in den Garten führte, weit offen war, während der Herr -sich doch schon seit einer Woche an jedem Abend fest und sorgfältig -einzuschließen pflegte und sogar Grigorij strengstens verboten hatte, -was auch geschehen sollte, an die Tür oder das Fenster zu klopfen. Als -sie nun diese offene Tür sahen, wollte niemand zum Herrn hineingehen, -„damit man nicht am Ende noch uns für die Mörder hält.“ Als sie darauf -noch unentschlossen zu Grigorij zurückkehrten, befahl der sofort, -unverzüglich zum Polizeichef zu laufen. So machte sich denn Marja -Kondratjewna auf und lief zu Michail Makarowitsch, bei dem sie alle in -nicht geringe Aufregung versetzte. Perchotin erschien vielleicht nur -fünf Minuten später, so daß seine Aussagen nicht mehr vage Vermutungen -waren, sondern durch das Beweismaterial, das er vorbrachte, nur noch den -allgemeinen Verdacht, wer der Mörder sein konnte, verstärkten. Perchotin -selbst hatte sich bis zum letzten Augenblick noch immer geweigert, daran -zu glauben. - -Man beschloß, energisch zu handeln. Der Gehilfe des Polizeimeisters -wurde sofort beauftragt, vier Zeugen für die Haussuchung und zur -Hilfeleistung aufzutreiben, und dann begab man sich zum Karamasoffschen -Hause, wo man nach allen vorschriftsmäßigen Regeln, die ich hier nicht -weiter erörtern will, den Tatbestand aufnahm. Der Kreisarzt, der als -junger Praktikant noch für Ausnahmefälle interessiert war, hatte -natürlich sofort gebeten, die Herren begleiten zu dürfen. Ich will hier -nur noch kurz bemerken, daß sie Fedor Pawlowitsch tot vorfanden, mit -eingeschlagenem Schädel. Womit aber war der Schädel eingeschlagen -worden? Am wahrscheinlichsten wohl mit derselben Waffe, mit der der -Mörder später auch Grigorij zu Boden gestreckt hatte. Man verhörte -Grigorij, dem inzwischen die nötige ärztliche Hilfe zuteil geworden war, -und erfuhr von ihm, in ziemlich zusammenhängender Rede, obwohl er nur -leise und mit Unterbrechungen sprechen konnte, was er gesehen hatte. -Daran begab man sich mit einer Laterne zum Zaun, begann dort zu suchen -und fand sogleich die Mörserkeule, die auf dem Gartenwege, auf der -sichtbarsten Stelle lag. Im Zimmer Fedor Pawlowitschs war keinerlei -verdächtige Unordnung zu bemerken, doch hinter dem „chinesischen“ Schirm -fand man vor dem Bett ein großes Kuvert von dickem Papier in -Kanzleiformat, mit der Aufschrift: „Ein kleines Geschenk für meinen -Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will,“ und darunter war -gleichfalls von Fedor Pawlowitsch, wahrscheinlich etwas später, noch -hinzugefügt, „und Küchelchen“. Auf der anderen Seite des Kuverts waren -drei große Siegel von rotem Siegellack, doch das Kuvert war bereits -aufgerissen und leer: das Geld war herausgenommen. Auch fand man dort -noch auf dem Fußboden ein rosarotes Bändchen, mit dem das Kuvert -kreuzweis umbunden gewesen war. Von den Aussagen Perchotins machte auf -den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter besonders die eine -Mitteilung großen Eindruck: daß Dmitrij Fedorowitsch sich bestimmt am -Morgen erschießen werde, daß er es beschlossen, in seiner Gegenwart die -Pistole geladen, den Zettel geschrieben und in die Tasche gesteckt habe -usw., und daß Mitjä auf Perchotins Drohung, es jemandem anzuzeigen, -lächelnd geantwortet hatte: „Kommst zu spät, mein Lieber.“ Daraus ging -hervor, daß man sich so schnell als möglich nach Mokroje aufmachen -mußte, um den Verbrecher, noch bevor er seine Absicht verwirklichen -konnte, zu verhaften. „Das ist doch klar, das liegt doch auf der Hand!“ -wiederholte der Staatsanwalt, der die ganze Zeit über sehr lebhaft war. -„Das ist so echt ihre Art, ich meine, die Art der Verbrecher seines -Schlages: morgen erschieße ich mich, vorher aber geh ich noch einmal -durch.“ Die Schilderung, wie Mitjä bei Plotnikoff Wein und Eßwaren -bestellt und mitgenommen hatte, brachte den Staatsanwalt nur noch mehr -auf. „Erinnern Sie sich noch, meine Herren, jenes jungen Burschen, der -den Kaufmann Oljssufjeff erschlagen hatte und für die geraubten -tausendfünfhundert Rubel sich frisieren ließ und sich gleichfalls, ohne -das Geld ordentlich zu verstecken, unverzüglich zu den Frauenzimmern -begab.“ Einstweilen aber ging es nicht an, sich sofort nach Mokroje -aufzumachen, da die Voruntersuchung im Hause Fedor Pawlowitschs, die -Verhöre und Formalitäten noch nicht beendet waren. Das nahm noch viel -Zeit in Anspruch, und so schickte man vorläufig Mawrikij Mawrikjewitsch -Schmerzoff, der am Tage vorher in die Stadt gekommen war, um sein -Monatsgehalt in Empfang zu nehmen, nach Mokroje voraus. Er wurde -beauftragt, wenn er dort angekommen sei, den „Mörder“ ganz unauffällig, -„damit er nicht den geringsten Verdacht schöpfe“, zu bewachen, bis die -anderen nachgekommen wären, und inzwischen auch den Dorfschulzen, den -Bauernamtmann und Zeugen aufzutreiben. Das tat denn auch Mawrikij -Mawrikjewitsch. Er blieb inkognito und weihte nur Trifon Borissytsch, -bei dem er schon oft abgestiegen war, und der ihn gut kannte, zum Teil -in sein Geheimnis ein. Das war kurz vorher geschehen, als Mitjä dem Wirt -in der Dunkelheit auf der kleinen Galerie begegnet war und in dessen -Reden wie im ganzen Verhalten zu ihm eine Veränderung wahrgenommen -hatte. So wußte weder Mitjä noch sonst jemand von den Gästen, daß er -bewacht wurde. Der Pistolenkasten war von Trifon Borissytsch bereits an -einem verschwiegenen Orte wohlweislich versteckt worden. Erst um fünf -Uhr morgens, also noch vor Tagesanbruch, kam die Obrigkeit, der -Kreispolizeichef, der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter in zwei -Wagen, jeder mit einer Troika bespannt, in Mokroje an. Der Doktor war in -der Stadt zurückgeblieben, da er am Morgen die Obduktion der Leiche des -Erschlagenen vornehmen wollte und ihn außerdem der Zustand des kranken -Dieners Ssmerdjäkoff außerordentlich interessierte. - -„So heftigen und so lange andauernden Anfällen der Epilepsie, die sich -im Verlaufe von ganzen achtundvierzig Stunden ununterbrochen -wiederholen, begegnet man nur äußerst selten, das ist ein Fall, der der -Wissenschaft gehört,“ hatte er, ganz Interesse, seinen abfahrenden -Partnern gesagt, und die hatten ihn lachend beglückwünscht. Bei der -Gelegenheit hatten sich auch noch der Staatsanwalt sowie der -Untersuchungsrichter gemerkt, daß der Doktor in überzeugtem Tone noch -hinzugefügt hatte, Ssmerdjäkoff werde den Morgen nicht mehr erleben. - -Nach dieser langen, doch unvermeidlichen Erklärung kehre ich wieder zu -dem Zeitpunkt meiner Erzählung zurück, wo ich sie im vorhergehenden -Buche unterbrochen habe. - - - III. - Der Gang der Seele durch die Hölle. - Das erste Purgatorium - -So saß Mitjä und sah mit wildem Blick die Anwesenden die rings um ihn -standen, an, ohne zu verstehen, was man zu ihm sprach. Plötzlich stand -er auf, hob die Arme empor und rief laut: - -„Ich bin unschuldig! An diesem Blute trage ich keine Schuld! An dem -Blute meines Vaters bin ich unschuldig ... Ich wollte ihn erschlagen, -aber ich habe es nicht getan! Ich bin unschuldig!“ - -Doch kaum hatte er das ausgesprochen, als Gruschenka den Vorhang zur -Seite riß und sich nach zwei Schritten wie gebrochen dem Polizeichef zu -Füßen warf. - -„Ich bin es, ich! Ich Sündige, ich trage die Schuld!“ rief sie mit einer -Stimme, einer Verzweiflung, die die Seele zerriß. Ihr Gesicht war von -Tränen überströmt, und in verzweifelter Selbstanklage erhob sie flehend -die Hände. „Meinetwegen hat er gemordet! Ich habe ihn so weit gebracht, -ich bin es, die ihn so gemartert hat! Und auch den armen Alten habe ich -gequält und so weit gebracht! Ich bin die Schuldige, die Hauptschuld -trage ich allein, ich bin die erste Schuldige!“ - -„Ja, du bist die Schuldige! Du bist die Hauptverbrecherin! Du -schamloses, verderbtes Weib, du bist die Hauptschuldige!“ schrie, mit -der Faust drohend, der Polizeichef sie an. - -Doch er wurde sofort und fast mit Gewalt besänftigt. Der Staatsanwalt -umfaßte ihn sogar mit beiden Armen. - -„Das geht denn doch nicht, Michail Makarowitsch ... auf diese Weise -stören Sie nur die Untersuchung ... und schaden der Sache ...“ redete er -ihm zu. - -„Maßregeln ergreifen, Maßregeln ergreifen, unbedingt Maßregeln!“ brauste -auch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff nervös auf, „anders ist es ganz -unmöglich, entschieden ganz unmöglich! ...“ - -„Richtet uns zusammen!“ fuhr Gruschenka außer sich fort, immer noch auf -den Knien liegend, „richtet uns zusammen hin, ich gehe mit ihm selbst in -den Tod!“ - -„Gruscha, du! mein Leben du, mein Blut, mein Heiligstes!“ Mitjä stürzte -zu ihr nieder und preßte sie in der Umarmung wild und verzweifelt an -sich. „Glauben Sie ihr nicht,“ rief er, „an nichts ist sie schuldig, an -keinem Blute und an nichts, nichts, nicht die geringste Schuld kann sie -treffen!“ - -Er erinnerte sich später noch dunkel, daß ihn mehrere Männer mit Gewalt -von ihr fortrissen, daß sie plötzlich hinausgebracht wurde, und daß er -schließlich, schon am Tisch auf einem Stuhl sitzend, wieder zur -Besinnung gekommen war. Neben und hinter ihm standen die Leute mit den -Blechschildern auf der Brust. An der anderen Seite des Tisches, ihm -gegenüber auf dem Sofa, saß Neljudoff, der Untersuchungsrichter, und -redete ihm immer wieder zu, aus dem Glase, das vor ihm stand, etwas -Wasser zu trinken. „Das wird Sie erfrischen und beruhigen, fürchten Sie -sich nicht, beunruhigen Sie sich nicht,“ fügte er immer wieder äußerst -höflich hinzu. Später erinnerte sich Mitjä noch, daß die großen Ringe -des Sprechers ihn plötzlich lebhaft interessiert hatten, der eine Ring -mit einem Amethyst und der andere mit einem hellgelben, klaren Stein von -wundervollem Feuer. Und lange noch nachher erinnerte er sich verwundert, -wie diese Ringe seinen Blick unwiderstehlich während dieses ganzen -schrecklichen Verhörs immer wieder angezogen, und wie er sich aus -irgendeinem Grunde weder von ihnen hatte losreißen, noch sie, als für -seine Lage doch völlig gleichgültige Gegenstände, hatte vergessen -können. Links, seitlich von Mitjä, saß auf dem Platz, wo zu Anfang des -Abends Maximoff gesessen hatte, der Staatsanwalt, und rechts von ihm –, -auf dem Platz, den Gruschenka eingenommen hatte, saß ein rotwangiger -junger Mann in einem abgetragenen Rock, der einer Jägerjoppe glich. Vor -ihm befand sich bereits ein Tintenfaß und Papier. Das war der -Schriftführer des Untersuchungsrichters, den dieser aus der Stadt -mitgenommen hatte. Der Polizeichef stand aber jetzt am Fenster, am -anderen Ende des Zimmers neben Kalganoff, der sich dort auf einen Stuhl -niedergelassen hatte. - -„Trinken Sie doch Wasser!“ wiederholte sanft, vielleicht schon zum -zehntenmal der Untersuchungsrichter. - -„Ich habe getrunken, meine Herren ... aber ... nun, was, meine Herren, -erdrücken Sie mich, richten Sie mich hin, entscheiden Sie über mein -Geschick!“ rief Mitjä der ihn mit unheimlich starrem Blick aus weit -offenen Augen ansah. - -„Also, Sie behaupten positiv, am Tode Ihres Vaters Fedor Pawlowitsch -Karamasoff unschuldig zu sein?“ fragte freundlich, doch nachdrücklich -der Untersuchungsrichter. - -„Ja, ich bin unschuldig! Schuld bin ich an einem anderen Blute, am Blute -eines anderen alten Mannes, doch nicht am Blute meines Vaters. Und ich -bereue es! Ich habe den Alten erschlagen, erschlagen und niedergestreckt -... Doch schwer ist es, dieses Blutes wegen für ein anderes Blut -einstehen zu müssen, für ein furchtbares Blut, an dem ich unschuldig bin -... Es ist eine furchtbare Anklage, meine Herren ... als hätte man mich -mit einem Keulenschlag auf den Kopf getroffen! Aber wer hat denn den -Vater erschlagen, wer hat ihn erschlagen? Wer anders hat ihn denn -erschlagen können, wenn ich es nicht war? Da muß ein Wunder geschehen -sein, etwas Ungereimtes, etwas Unmögliches, Undenkbares! ...“ - -„Ja, das ist es nun, wer anders hätte ihn erschlagen können? ...“ begann -der Untersuchungsrichter, doch der Staatsanwalt (wir wollen ihn der -Kürze wegen so nennen, obgleich er nur der Stellvertreter des -Staatsanwalts war) wechselte mit ihm einen Blick und sagte dann zu Mitjä -gewandt: - -„Sie beunruhigen sich diesmal ganz unnötigerweise wegen des Dieners -Grigorij Wassiljewitsch. Ich kann Ihnen mitteilen, daß er lebt; er ist -bald darauf wieder zu sich gekommen und wird trotz der schweren -Verletzung, die, nach seiner und jetzt auch nach Ihrer Aussage, _Sie_ -ihm zugefügt haben, wahrscheinlich am Leben bleiben, oder vielmehr -bestimmt, wenigstens nach der Aussage des Arztes.“ - -„Er lebt? So ist er nicht erschlagen?“ schrie Mitjä wie wahnsinnig auf -und hob die Hände empor. Sein ganzes Gesicht strahlte. „Mein Herr und -mein Gott, ich danke Dir für das Wunder, das Du für mich, den Sünder und -Missetäter hast geschehen lassen, daß Du mein Gebet erhört hast! ... Ja, -ja, auf mein Gebet hin ist es geschehen – ich habe doch die ganze Nacht -gebetet!“ - -Und er bekreuzte sich dreimal. Er war ganz atemlos vor Freude. - -„Nun und von diesem Grigorij haben wir die so wichtigen Aussagen gegen -Sie erhalten, daß ...“ wollte der Staatsanwalt fortfahren, doch Mitjä -sprang plötzlich vom Stuhl auf und unterbrach ihn: - -„Auf einen Augenblick, meine Herren, um Gottes willen, nur auf eine -Minute; ich will nur schnell zu ihr laufen ...“ - -„Erlauben Sie! Das ist unmöglich! In diesem Augenblick ist das ganz -ausgeschlossen!“ rief mit einer Stimme, die vor Erregung ganz schrill -klang, der Untersuchungsrichter, der sofort gleichfalls aufgesprungen -war. Mitjä wurde von den Männern mit den Blechschildern auf der Brust -ergriffen, doch setzte er sich bereits von selbst wieder auf seinen -Stuhl. - -„Wie schade! Ich wollte ja nur auf einen Augenblick zu ihr ... um ihr zu -sagen, daß es abgewaschen ist, daß es verschwunden ist, dieses Blut, das -die ganze Nacht mein Herz gequält hat, daß ich jetzt nicht mehr ein -Mörder bin, wie ich glaubte! Meine Herren, sie ist doch jetzt meine -Braut!“ sagte er plötzlich begeistert, ganz verzückt und jubelnd, -während seine seligen Blicke von dem einen zum anderen gingen. „Oh, ich -danke Ihnen, meine Herren! Wenn Sie wüßten, was diese Mitteilung für -mich ist! Sie haben mich von den Toten auferweckt! ... Dieser Greis – -der hat mich doch auf den Armen getragen, mich als dreijähriges Kind im -Waschtroge gebadet, als mich alle vergessen hatten, er war wie ein -leiblicher Vater zu mir! ...“ - -„Also, Sie ...“ wollte wieder der Untersuchungsrichter beginnen. - -„Gestatten Sie, meine Herren, nur noch eine Minute!“ unterbrach Mitjä -von neuem; er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das -Gesicht mit den Händen. „Nur einen Augenblick, um mich etwas zu sammeln, -nur einmal aufzuatmen, meine Herren. So etwas erschüttert einen -unglaublich, der Mensch ist doch kein – Trommelfell, meine Herren!“ - -„Würden Sie nicht etwas Wasser trinken ...“ forderte wieder der -Untersuchungsrichter ein wenig zerstreut auf. - -Da ließ aber Mitjä auch schon die Hände sinken, und lachend lehnte er -sich zurück. Sein Blick war wieder munter, und der ganze Mensch schien -sich in dieser einen Minute verändert zu haben. Auch sein ganzer Ton und -seine ganze Haltung waren verändert: er saß wieder als Gleichgestellter -unter ihnen, wie er vielleicht gestern, als noch nichts geschehen war, -mit diesen seinen früheren Bekannten irgendwo in der Gesellschaft -zusammengesessen hätte. Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß er zu -Anfang seines Aufenthaltes bei uns im Hause des Polizeichefs sehr -herzlich empfangen worden war; doch später, besonders im letzten Monat, -hatte Mitjä seine Besuche in diesem Hause fast ganz eingestellt; und so -hatte denn Michail Makarowitsch bei Begegnungen, z. B. auf der Straße, -stets eine wichtige Miene gemacht und seinen Gruß eigentlich nur aus -Höflichkeit erwidert, was von Mitjä sehr wohl bemerkt worden war. Mit -dem Staatsanwalt war er nur ganz oberflächlich bekannt, doch der -Gemahlin desselben – es war eine nervöse und phantastische Dame –, hatte -er zuweilen seine Aufwartung gemacht, wenn es auch immer nur höchst -ehrerbietige und rein gesellschaftliche kurze Visiten gewesen waren. -Eigentlich hatte er selbst nicht recht gewußt, warum er zu ihr ging, -doch hatte sie ihn jedesmal sehr freundlich empfangen und für ihn ein -Interesse gezeigt, das sich bis zur letzten Zeit nicht verringert hatte. -Mit dem jungen Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff -hatte er aus Mangel an einer Gelegenheit noch nicht Freundschaft -geschlossen, doch war er auch mit ihm zusammengekommen und hatte sogar -zweimal mit ihm gesprochen – beide Male über das weibliche Geschlecht. - -„Sie, Nikolai Parfenowitsch, sind ja, wie ich sehe, ein famoser -Untersuchungsrichter,“ begann Mitjä lachend, „aber ich werde Ihnen jetzt -selbst bei der Sache behilflich sein. Oh, meine Herren, jetzt bin ich ja -erlöst, – Grigorij lebt! ... Und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich -mich so ohne Umstände und gerade heraus an Sie wende. Zudem bin ich noch -ein wenig betrunken, das gestehe ich ganz offen ein. Ich glaube, ich -hatte die Ehre, Nikolai Parfenowitsch ... die Ehre und das Vergnügen, -bei meinem Verwandten Miussoff Ihre Bekanntschaft zu machen ... Das -heißt, meine Herren, ich erhebe ja keinen Anspruch auf völlige -Gleichstellung mit Ihnen ... Ich begreife doch, als was ich in diesem -Augenblick vor Ihnen sitze. Auf mir ruht ... wenn Grigorij gegen mich -ausgesagt hat ... so ruht, – nun, versteht sich, es lastet auf mir ein -schrecklicher Verdacht! Entsetzlich, entsetzlich! – ich verstehe das -doch vollkommen! Aber zur Sache, meine Herren, ich bin bereit, und wir -werden das alles im Augenblick erledigen, denn, nicht wahr, wenn ich -weiß und Ihnen sage, daß ich unschuldig bin, so kann doch alles sofort -erledigt werden! Nicht wahr, meine Herren?“ - -Mitjä sprach rasch und viel, er sprach unruhig, doch von ganzem Herzen -aufrichtig – als hielte er seine Zuhörer für seine besten Freunde. - -„Also: wir können somit niederschreiben, daß Sie die gegen Sie -erhobene Anklage radikal zurückweisen?“ fragte Neljudoff, der -Untersuchungsrichter, eindringlich, und diktierte darauf, zum Schreiber -gewandt, halblaut, was dieser zu notieren hatte. - -„Niederschreiben? Sie wollen das niederschreiben? Nun, so schreiben Sie -nieder, soviel Sie wollen ... ich habe nichts dagegen, Sie haben mein -volles Einverständnis. Meine Herren ... Nur, sagen Sie ... Halt, nein, -warten Sie, schreiben Sie so: Ihn trifft die Schuld an ... nun, an -Gewalttätigkeiten, schweren Verletzungen, die er dem armen Alten -zugefügt hat, darin bekennt er sich schuldig. Nun und dann noch für -mich, in meinem Inneren, in der Tiefe des Herzens bin ich schuldig, – -aber das ist nicht mehr nötig, aufzuschreiben“ (er wandte sich an den -Schreiber), „das sind bereits meine privaten Angelegenheiten, das geht -Sie, meine Herren, nichts mehr an, diese tiefsten Herzensgeheimnisse, -das heißt ... ‚Was aber die Ermordung des alten Vaters betrifft‘ – -schreiben Sie – ‚so ist er – _unschuldig_!‘ Das ist Wahnsinn, das ist -vollkommener Wahnsinn! ... Ich werde es Ihnen beweisen, und Sie werden -sich sofort überzeugen. Sie werden noch lachen, meine Herren, Sie werden -noch über Ihren Verdacht lachen! ...“ - -„Beruhigen Sie sich, Dmitrij Fedorowitsch,“ – damit erinnerte ihn der -Untersuchungsrichter an seine Aufführung und wollte offenbar durch die -eigene Ruhe die Erregung des anderen besänftigen. „Bevor wir das Verhör -fortsetzen, würde ich, vorausgesetzt, daß Sie einwilligen zu antworten, -gerne nochmals von Ihnen die Bestätigung der Tatsache vernehmen wollen, -daß Sie den verstorbenen Fedor Pawlowitsch, wie es scheint, nicht -geliebt und mit ihm fortgesetzt Streit gehabt haben ... Wenigstens haben -Sie hier vor ungefähr einer Viertelstunde, wenn ich mich nicht täusche, -selbst etwas Derartiges geäußert: daß Sie sogar die Absicht gehabt -hätten, ihn zu erschlagen. ‚Ich habe ihn nicht erschlagen, aber ich -wollte ihn erschlagen!‘ riefen Sie aus, soviel ich mich dessen -erinnere.“ - -„Ich soll das ausgerufen haben? Nun ja, das kann sehr wohl sein! Meine -Herren, allerdings, zum Unglück wollte ich ihn erschlagen, sogar -mehreremal habe ich es gewollt ... zum Unglück, leider!“ - -„Also, Sie wollten es. Würden Sie nicht auch bereit sein, uns zu -erklären, welches die Ursachen Ihres Hasses auf Ihren Vater waren?“ - -„Was ist da zu erklären, meine Herren!“ sagte Mitjä mit finsterem -Gesicht, zuckte mit der einen Schulter und senkte den Blick zu Boden. -„Ich habe doch meine Gefühle wahrlich nicht verborgen, die ganze Stadt -spricht ja davon, – alle Menschen im Gasthause haben es gehört. Noch vor -ein paar Tagen habe ich es im Kloster, in der Zelle des Staretz Sossima -erklärt ... Und am Abend desselben Tages habe ich den Vater noch -verprügelt und beinahe totgeprügelt, und dann noch geschworen, -wiederzukommen und ihn ganz zu erschlagen, und alles in Gegenwart von -Zeugen ... Oh, Zeugen gibt es zu Tausenden! Habe ich doch den ganzen -Monat zu allen davon gesprochen, alle sind Zeugen! ... Die Tatsache -liegt ja auf der Hand, die Tatsache spricht, schreit, aber – die -Gefühle, meine Herren, die Gefühle, um die es sich dabei handelt, die -sind etwas anderes. Sehen Sie, meine Herren“ (Mitjäs Gesicht -verfinsterte sich), „ich glaube, daß Sie nicht berechtigt sind, mich -nach meinen Gefühlen zu fragen. Für Sie bin ich natürlich überführt, ich -begreife das sehr gut, aber das – das geht nur mich etwas an, das ist -meine Sache, meine innere, intime Angelegenheit, jedoch ... da ich auch -früher schon meine Gefühle nicht verheimlicht habe ... im Gasthause zum -Beispiel, und allen und jedem davon gesprochen habe, so ... so werde ich -auch jetzt kein Geheimnis daraus machen ... Sehen Sie, meine Herren, ich -begreife sehr gut, daß in diesem Falle schwere Beweise gegen mich -vorliegen: ich habe allen gesagt, daß ich ihn totschlagen werde, und -plötzlich ist er erschlagen: wer soll es nun getan haben, wenn nicht -ich? Ha – ha! Ich entschuldige Sie, meine Herren, ich entschuldige Sie -vollkommen. Bin ich doch selbst ganz betroffen, denn wer kann ihn -schließlich in diesem Falle erschlagen haben, wenn nicht ich? So verhält -es sich doch, nicht wahr? Wenn ich es nicht getan habe, wer dann, wer -dann? Meine Herren,“ rief er plötzlich unruhig, „ich will es wissen, ich -verlange von Ihnen, daß Sie mir sagen, meine Herren: Wo ist er -erschlagen worden? Wie erschlagen, womit und wie? Sagen Sie es mir!“ - -Sein fragender Blick ging zwischen dem Staatsanwalt und dem -Untersuchungsrichter hin und her. - -„Wir fanden ihn auf dem Fußboden seines Schlafzimmers ausgestreckt auf -dem Rücken liegen. Die Schädeldecke war eingeschlagen,“ sagte der -Staatsanwalt. - -„Grauenvoll!“ Mitjä fuhr plötzlich zusammen und bedeckte das Gesicht, -den Arm auf den Tisch stützend, mit der rechten Hand. - -„Wir fahren also fort im Verhör,“ begann wieder der -Untersuchungsrichter. „Also: Was war die Ursache Ihres Hasses auf Fedor -Pawlowitsch? Ich glaube, Sie haben öffentlich gesagt, daß es Eifersucht -gewesen sei?“ - -„Nun ja, Eifersucht, und nicht nur Eifersucht allein.“ - -„Und Streit wegen Geld?“ - -„Nun ja, auch wegen Geld.“ - -„Und, wenn ich mich nicht täusche, handelte es sich dabei um dreitausend -Rubel, die angeblich als ihr Erbteil Ihnen nicht ausgezahlt worden -seien?“ - -„Was für Dreitausend! Mehr, viel mehr!“ rief Mitjä auffahrend, „mehr als -sechs, mehr als zehn vielleicht. Ich habe es allen gesagt, überall -erzählt! Aber ich hatte schon beschlossen, nun, meinetwegen, mich mit -Dreitausend zufrieden zu geben. Diese Dreitausend hatte ich dermaßen -nötig, dermaßen ... so daß ich diese dreitausend Rubel, die er, das -wußte ich, unter seinem Kopfkissen für Gruschenka bereit hielt, einfach -als mein Geld betrachtete, das er von mir gestohlen hatte. Ja, meine -Herren, ich hielt es für mein Eigentum, für mein gestohlenes Eigentum -...“ - -Der Staatsanwalt tauschte mit dem Untersuchungsrichter einen bedeutsamen -Blick aus, und es gelang ihm noch, diesem einen kleinen Wink zu geben. - -„Auf diesen Punkt werden wir noch später zurückkommen,“ bemerkte sofort -der Untersuchungsrichter, „vorläufig erlauben Sie nur, gerade das zu -notieren: daß Sie das Geld in jenem Kuvert gleichsam als Ihr Eigentum -angesehen haben.“ - -„Schreiben Sie es nur auf, meine Herren, ich begreife ja sehr gut, daß -das wiederum ein Verdachtsmoment gegen mich ist. Aber ich fürchte keine -Verdachtsmomente und rede selbst wider mich. Hören Sie, ich selbst! -Sehen Sie, meine Herren, Sie halten mich, scheint es, für einen ganz -anderen Menschen, als ich bin,“ fügte er finster und traurig hinzu. „Mit -Ihnen spricht ein Edelmann, ein Mensch, der wirklich edel ist, das ist -das Wichtigste – das bitte ich nicht zu vergessen –, ein Mensch, der -eine Unmenge von Schändlichkeiten begangen hat, dessen Gesinnung aber -immer edel gewesen und geblieben ist. Ich meine, wenn man mich als -Menschen nimmt ... im tiefsten Inneren, nun, mit einem Wort ... Nein, -ich verstehe mich nicht auszudrücken ... gerade das hat mich mein ganzes -Leben lang gequält, daß ich mich nach dem Edlen gesehnt habe, sozusagen -ein Märtyrer des Edlen gewesen bin, ein Mensch, der das Edle mit der -Laterne gesucht hat, mit der Laterne des Diogenes, und doch habe ich -mein ganzes Leben lang nur Schändlichkeiten begangen, wie wir es ja alle -tun, meine Herren ... das heißt, nein, wie ich allein, meine Herren, -nicht wie wir alle, sondern wie ich allein, ich versprach mich, wie ich -allein, ich allein, meine Herren! ... Mein Kopf tut mir weh,“ sagte er -gequält, und seine Brauen zogen sich wie im Schmerz zusammen. „Sehen -Sie, meine Herren, mir gefiel sein Äußeres nicht, das Ehrlose an ihm, -seine Prahlereien, und daß er alles Heilige unter die Füße trat, sein -verhöhnender Spott und seine Gottlosigkeit, – scheußlich, scheußlich! -Aber jetzt, da er tot ist, denke ich anders.“ - -„Inwiefern anders?“ - -„Nicht anders, aber es tut mir leid, daß ich ihn so gehaßt habe.“ - -„Sie wollen wohl sagen, daß Sie Reue empfinden?“ - -„Nein, nicht gerade Reue, schreiben Sie das nicht auf. Ich bin selbst -nicht gut, meine Herren, ja, ich bin auch nicht gerade sehr schön, und -darum hatte ich gar kein Recht, ihn widerlich zu finden, das ist es! Das -können Sie meinetwegen aufschreiben.“ - -Nachdem Mitjä das gesagt hatte, wurde er plötzlich auffallend traurig. -Er war schon seit einiger Zeit immer finsterer geworden. Und da, gerade -in diesem Augenblick, kam wieder etwas Unerwartetes dazwischen. Man -hatte nämlich Gruschenka zwar aus dem Zimmer entfernt, doch nicht sehr -weit fortgebracht: nur in das dritte Zimmer von dem blauen Zimmer, in -dem das Verhör stattfand. Es war das ein kleiner einfenstriger Raum, der -gleich neben dem großen Zimmer lag, in dem der Chor gesungen und die -Mädchen getanzt hatten. Dort saß sie inzwischen, und nur Maximoff war -bei ihr. Dieser war über die Maßen betroffen und hatte unglaubliche -Angst, weswegen er sich denn auch an sie geradezu angeklammert hatte, -als wäre sie seine einzige Rettung. Vor ihrer Tür stand nur ein Bauer -mit einem runden Blechschild auf der Brust. Gruschenka weinte, doch -plötzlich, als ihr Leid übergroß wurde, sprang sie auf und stürzte mit -dem lauten Schrei: „Wehe mir, wehe mir!“ hinaus aus dem Zimmer zu ihrem -Mitjä. Das geschah so unerwartet, daß niemand die Geistesgegenwart -hatte, sie sofort aufzuhalten. Als Mitjä ihren Schrei hörte, erzitterte -er zuerst, dann sprang er wie außer sich auf und stürzte ihr entgegen. -Doch man ließ sie wieder nicht zusammen kommen, sie konnten sich nur -einen Augenblick sehen. Drei oder vier Männer hielten ihn mit aller -Gewalt zurück: er riß seine Arme los, stieß, schlug, aber vergeblich. -Auch sie war ergriffen worden, und er sah nur noch, wie sie mit einem -Schrei die Arme ihm entgegenstreckte, als sie hinausgebracht wurde. -Nachdem dieser Zwischenfall vorüber war, fand er sich, als er -zur Besinnung kam, wieder auf seinem Platz gegenüber dem -Untersuchungsrichter und heftig auffahrend schrie er ihn an: - -„Was hat sie Ihnen getan? Warum quälen Sie sie? Sie ist unschuldig, ganz -unschuldig! ...“ - -Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter beruhigten ihn. So verging -einige Zeit, etwa zehn Minuten. Da trat Michail Makarowitsch (der -Polizeichef) wieder ein und sagte laut und sichtlich erregt zum -Staatsanwalt: - -„Sie ist entfernt, sie ist jetzt nach unten gebracht, – gestatten Sie -mir, meine Herren, nur ein Wort zu diesem Unglücklichen zu sagen? In -Ihrer Gegenwart, meine Herren, in Ihrer Gegenwart!“ - -„Bitte,“ entgegnete der Untersuchungsrichter, „in diesem Falle haben wir -nichts dagegen einzuwenden.“ - -„Dmitrij Fedorowitsch, höre, mein Sohn,“ begann Michail Makarowitsch zu -Mitjä gewandt, und sein Gesicht drückte aufrichtiges, fast väterliches -Mitleid mit dem Unglücklichen aus. „Ich habe deine Agrafena Alexandrowna -nach unten begleitet und sie dort den Wirtstöchtern übergeben, und -außerdem ist noch dieses alte Männchen, der Maximoff, beständig bei ihr, -und ich habe ihr zugeredet, hörst du? habe ihr zugeredet und sie -beruhigt, ihr erklärt, daß du dich jetzt rechtfertigen mußt, daß sie -dich darum nicht stören soll, da sie dich sonst aufregen würde und du -dich verwirren und falsch gegen dich aussagen könntest, verstehst du? -Na, mit einem Wort, ich habe ihr zugeredet, und sie hat es begriffen. -Sie ist ein kluges Weib, sie ist gut, sie wollte sogar mir altem Manne -die Hand küssen, und sie hat für dich gebeten. Sie selbst hat mich zu -dir geschickt, um dir sagen zu lassen, daß du ihretwegen ruhig sein -sollst, aber es ist auch nötig, nötig, daß ich jetzt zu ihr gehe und ihr -sage, daß du ruhig bist und dich ihretwegen nicht mehr aufregst. Versteh -mich recht und beruhige dich hübsch. Ich fühle, daß ich ihr gegenüber -schuldig bin, ich habe mich vorhin fortreißen lassen, sie hat ein echt -christliches Herz, jawohl, meine Herren, das ist eine fromme Seele, die -keine Schuld kennt. Also, was soll ich ihr nun sagen, Dmitrij -Fedorowitsch, wirst du ruhig sein oder nicht?“ - -Der alte gute Mann sprach viel überflüssiges Zeug, doch Gruschenkas -Leid, das aufrichtige Menschenleid hatte sein gutes Herz dermaßen -ergriffen, daß ihm Tränen in den Augen standen. Mitjä sprang ungestüm -auf. - -„Verzeihen Sie, meine Herren, erlauben Sie, oh, erlauben Sie!“ rief er. -„Michail Makarowitsch, Sie prächtiger, herzensguter Mensch, ich danke -Ihnen für alles, was Sie für sie getan haben! Ich werde, ich werde ruhig -sein, werde fröhlich sein, überbringen Sie ihr das in Ihrer Herzensgüte! -Sagen Sie ihr, daß ich ganz heiter bin, daß ich sogar lachen werde, da -ich jetzt weiß, daß sie in Ihnen einen so guten Schutzgeist hat, Michail -Makarowitsch. Ich werde sofort alles erledigen, und sobald ich hier frei -bin, komme ich unverzüglich zu ihr, sie wird schon sehen, sie soll nur -noch etwas warten! Meine Herren,“ wandte er sich plötzlich an den -Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt, „jetzt werde ich Ihnen meine -ganze Seele ausschütten, ich werde alles aufdecken, und wir erledigen -dann im Augenblick die ganze Geschichte. Zum Schluß werden wir noch -lachen, nicht wahr, das werden wir doch? Aber, meine Herren, dieses Weib -– das ist die Königin meiner Seele! Oh, erlauben Sie mir, das zu sagen, -wenigstens das muß ich Ihnen offenbaren ... Ich sehe doch, daß ich es -mit Ehrenmännern zu tun habe. Sie ist mein Licht, sie ist mein -Heiligtum, und wenn Sie nur wüßten! Haben Sie ihren Schrei gehört? ‚Mit -dir auch in den Tod!‘ – Und was habe ich ihr gegeben, ich Bettler, ich, -der ich nichts habe, nichts bin, wofür schenkt sie mir diese Liebe, bin -ich denn solcher Liebe wert, bin ich plumpe, schändliche Kreatur mit dem -abscheulichen Gesichte solcher Liebe wert, daß sie zusammen mit mir -sogar zur Zwangsarbeit verschickt werden will? Um für mich zu bitten, -warf sie sich auf die Knie, sie, die Stolze, die unschuldig, ganz und -gar unschuldig ist! Wie soll ich sie nun nicht vergöttern, wie soll ich -nicht aufschreien, nicht ihr entgegenstürzen, wie vorhin? Oh, meine -Herren, verzeihen Sie! Doch jetzt, jetzt bin ich beruhigt.“ - -Er fiel auf den Stuhl zurück, und das Gesicht mit den Händen bedeckend, -schluchzte er plötzlich wie im Krampf auf. Doch das waren glückliche -Tränen. Er faßte sich aber sofort. Der alte Polizeichef war sehr -zufrieden, und auch die Juristen schienen es zu sein: sie fühlten, daß -das Verhör jetzt eine andere Wendung nehmen werde. Mitjä wurde geradezu -fröhlich. - -„Nun, meine Herren, jetzt gehöre ich Ihnen, ich stehe ganz zu Ihrer -Verfügung. Und ... wenn nur nicht alle diese nebensächlichen -Kleinigkeiten wären, so würden wir sofort ins reine kommen. Dieser -verdammte Kleinkram! – Ich gehöre Ihnen, meine Herren, aber, das schwöre -ich Ihnen, die Hauptsache ist beiderseitiges Zutrauen, – Ihrerseits zu -mir und meinerseits zu Ihnen, – anders kommen wir nie zu Ende. Ich sage -es in Ihrem Interesse. Doch jetzt zur Sache, meine Herren, zur Sache! -Die Hauptbedingung: wühlen Sie sich nicht so in meine Seele hinein, -quälen Sie sie nicht mit Nebensächlichem, sondern fragen Sie nur, was -zur Sache gehört, fragen Sie nach den Tatsachen, und ich werde Sie -sofort zufrieden stellen. Mit den unbedeutenden Details aber zum -Teufel!“ - -Das Verhör begann von neuem. - - - IV. - Zweites Purgatorium - -„Sie glauben nicht, Dmitrij Fedorowitsch, wie sehr Sie uns durch -Ihre Bereitwilligkeit ermutigen ...“ begann Neljudoff, der -Untersuchungsrichter, mit belebtem Gesicht und augenscheinlich angenehm -berührt, was man am Blick seiner großen, hellgrauen, etwas -hervorstehenden Augen sah, die übrigens sehr kurzsichtig waren, und von -denen er soeben die Brille abgenommen hatte. „Sie haben da eine -vollkommen richtige Bemerkung gemacht in betreff des beiderseitigen -Vertrauens, ohne das es bei Verhören von ähnlicher Wichtigkeit nun -einmal nicht geht, das heißt in Fällen, wenn der Verdächtigte -tatsächlich sich zu rechtfertigen hofft, wenigstens es versuchen will -und wahrscheinlich auch kann. Seien Sie überzeugt, daß wir alles tun -werden, was an uns liegt. Sie haben auch bereits Gelegenheit gehabt, zu -sehen, wie wir die Sache führen ... Sie stimmen mir doch bei, Hippolyt -Kirillowitsch?“ wandte er sich plötzlich an den Staatsanwalt. - -„Oh, selbstverständlich,“ bestätigte der sofort, doch war der Ton seiner -Worte etwas trocken im Vergleich zur liebenswürdigen Rede des -Untersuchungsrichters. - -Hier muß ich noch eine Bemerkung hinzufügen: Neljudoff, der, wie bereits -erwähnt, erst vor kurzem bei uns angekommen war, hatte gleich, schon -seit dem ersten Anfang seiner Tätigkeit in unserer Stadt, für unseren -Hippolyt Kirillowitsch eine außerordentliche Hochachtung empfunden und -war ihm von Herzen zugetan. Er war vielleicht der einzige Mensch, der -einwandlos an die ungewöhnlichen psychologischen und rednerischen -Begabungen unseres „zurückgesetzten“ Hippolyt Kirillowitsch glaubte, wie -er auch überzeugt war, daß man ihn bei der Beförderung übersehen hatte. -Er hatte von ihm schon in Petersburg gehört. Dafür war denn wiederum -Neljudoff der einzige Mensch in der ganzen Welt, den unser „beleidigter“ -Staatsanwalt aufrichtig liebgewann. Auf dem Wege nach Mokroje hatten sie -sich schon über gewisse Punkte besprochen, und so begriff denn -Neljudoffs spitzfindiger Verstand sofort die Bedeutung jeden Winkes, -jeder Bewegung im Gesichte seines älteren Amtsgenossen: es genügte ihm -ein halbes Wort, ein Blick, ein Augenzwinkern. - -„Meine Herren,“ fuhr Mitjä geschäftig auf, „überlassen Sie es ruhig mir, -alles zu erklären, ich werde alles sachgemäß darstellen, nur bitte ich -Sie, mich nicht mit dem Kleinzeug zu unterbrechen.“ - -„Das ist natürlich das Beste. Ich danke Ihnen. Doch bevor wir dazu -übergehen, bitte ich Sie, vorher nur noch eine Tatsache konstatieren zu -dürfen, da sie für uns von großer Wichtigkeit ist, nämlich in betreff -jener zehn Rubel, die Sie gestern abend, ungefähr um fünf Uhr, von Ihrem -Freunde Pjotr Iljitsch Perchotin geborgt haben, wofür Sie ihm Ihre -Pistolen als Pfand gaben.“ - -„Ja, ich hatte sie versetzt, meine Herren, für zehn Rubel versetzt, was -ist denn dabei? Und das ist alles. Als ich von der Fahrt in die Stadt -zurückgekehrt war, ging ich sofort zu ihm hin und versetzte sie.“ - -„Ah, Sie waren also ausgefahren? Sie hatten die Stadt verlassen?“ - -„Ja, ich war ausgefahren, über vierzig Werst war ich gefahren. Wie, und -Sie wußten das noch nicht, meine Herren?“ - -Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter blickten sich flüchtig an. - -„Überhaupt ... wie wäre es, wenn Sie Ihre Erzählung mit der -systematischen Wiedergabe alles dessen, was Sie gestern seit dem Morgen -getan haben, beginnen würden? Erlauben Sie, daß ich Sie zum Beispiel -frage: warum verließen Sie die Stadt, wann sind Sie fortgefahren und -wann zurückgekehrt ... und alle diese Tatsachen ...“ - -„Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?“ fragte Mitjä laut -auflachend. „Ja, genau genommen, muß man nicht mit dem gestrigen, -sondern mit dem vorgestrigen Tage beginnen, vom frühen Morgen an, dann -erst werden Sie verstehen können, wie und warum ich ging und fuhr. Ich -ging, meine Herren, vorgestern am Vormittag zum hiesigen Großkaufmann -Ssamssonoff, um von ihm unter der besten Sicherstellung dreitausend -Rubel zu borgen – ich hatte mich plötzlich zu diesem Äußersten -entschlossen, meine Herren ...“ - -„Gestatten Sie, daß ich Sie auf einen Augenblick unterbreche,“ hielt ihn -höflich der Staatsanwalt auf, „wozu hatten Sie plötzlich diese Summe -nötig, und warum gerade so viel, gerade dreitausend Rubel?“ - -„Ach, meine Herren, es wäre wirklich besser, es ginge ohne -Nebensächlichkeiten! Wie, wann und warum, und warum genau so viel und -nicht so viel, und dieses ganze Drum und Dran ... man könnte es nicht -einmal in drei Bänden erzählen, es wäre noch ein Epilog erforderlich!“ - -Mitjä sagte dies mit der gutmütigen, doch ungeduldigen Familiarität -eines Menschen, der die ganze Wahrheit sagen will und die besten -Absichten hegt. - -„Meine Herren,“ rief er sofort, gleichsam sich besinnend, „verzeihen Sie -mir die Unhöflichkeit. Ich bitte Sie nochmals, mir zu glauben, daß ich -die vollste Ehrerbietung empfinde und sehr gut die gegenwärtige -Situation verstehe. Glauben Sie nicht, daß ich betrunken bin. Ich bin -bereits ganz nüchtern geworden. Und schließlich, was wäre denn auch -dabei, das würde ja weiter nicht stören, denn bei mir ist es doch: - - Ist er nüchtern, so ist er klug, d. h. dumm, - Ist er trunken, so ist er dumm, d. h. klug. - -Ha – ha! Übrigens, ich sehe, meine Herren, daß mir vorläufig noch nicht -zusteht, zu scherzen, – vorläufig, das heißt, bis wir ins reine gekommen -sind. Erlauben Sie, daß ich die nötige Würde bewahre. Ich begreife doch, -was für ein Unterschied augenblicklich zwischen uns besteht: ich sitze -ja vor Ihnen als Verbrecher, bin also alles andere, nur nicht auf -gleicher Gesellschaftsstufe mit Ihnen, und Ihre Pflicht ist, mich jetzt -zu verhören und zu beobachten. Sie werden mir doch für die Verletzung -Grigorijs nicht wie einem braven Jungen noch obendrein das Köpfchen -streicheln. Es ist ja wahr! Man kann doch nicht alten Männern ungestraft -den Schädel einschlagen. Sie werden mich seinetwegen, nun, sagen wir auf -ein halbes Jahr, nun, auf ein Jahr ins Zuchthaus einsperren, ich weiß -nicht, wie man da bei Ihnen verurteilt wird, – aber doch ohne Verlust -meiner Rechte, nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Also wie gesagt, meine -Herren, ich begreife vollkommen den Unterschied ... Aber Sie müssen mir -auch zugeben, daß Sie mit solchen Fragen selbst Gott den Herrn aus dem -Konzept bringen könnten: wo bist du gegangen, wie bist du gegangen, wann -bist du gegangen, warum bist du gegangen, und so weiter? Ich kann doch -dabei nur konfus werden, und Sie fassen dann alles, was ich sage, -buchstäblich als Wahrheit auf und nehmen es natürlich sofort zu -Protokoll – was kommt dabei schließlich heraus? Nichts kommt dabei -heraus! ... Ach, nun, hol’s der Teufel, habe ich einmal angefangen zu -schwatzen, so muß ich mich auch aussprechen, und Sie, meine Herren, -verzeihen Sie mir bitte, als Menschen höherer Bildung und Ehrenmänner, -die Sie sind. Ich will mit der Bitte schließen: versuchen Sie doch, -meine Herren, diese abgedroschenen Verhörsvorschriften in diesem Falle -einmal zu vergessen. Da heißt es denn, zuerst mußt du etwas ganz -Unwichtiges fragen: wie er aufgestanden ist, was er gegessen hat, wie er -gespuckt, und wohin er gespuckt hat, ‚und nachdem auf diese Weise die -Aufmerksamkeit des Verbrechers eingeschläfert ist‘, – ihn plötzlich mit -der wichtigsten Frage verblüffen: ‚Wie hast du erschlagen, wie -bestohlen?‘ Haha! Das ist doch der ganze Bürogeist, der da drinsteckt, -das sind doch Ihre Regeln und Formeln, dahinter versteckt sich ja Ihre -ganze Schlauheit! Aber mit solchen Kniffen können Sie höchstens Bauern -fangen, – nicht mich. Ich kenne doch die Sache, ich bin doch selbst -Offizier gewesen und weiß daher, wie es in den Büros hergeht. Hahaha! -Ärgern Sie sich nicht, meine Herren, Sie verzeihen mir doch den Ausfall -gegen die Pedanten in Ihrem Fach?“ rief er lachend und blickte sie mit -einer fast wundernehmenden Gutmütigkeit an. „Das hat doch Mitjä -Karamasoff gesagt, folglich kann man es verzeihen, denn einem klugen -Menschen kann man es nicht verzeihen, dem Mitjä aber selbstverständlich! -Haha!“ - -Neljudoff hörte zu und lachte gleichfalls. Der Staatsanwalt lachte zwar -nicht, beobachtete jedoch Mitjä mit scharfem Blick ungeheuer aufmerksam, -als wollte er sich kein einziges Wort, nicht die geringste Bewegung oder -Veränderung seines Gesichtes entgehen lassen. - -„So haben wir ja auch mit Ihnen zuerst angefangen,“ meinte Neljudoff -immer noch lachend, „wir haben an Sie keine einzige Frage von der Art -gestellt, wie: Wann sind Sie aufgestanden, was haben Sie gegessen, und -so weiter, sondern wir sind gleich auf das Wesentlichste übergegangen.“ - -„Ich weiß, ich weiß! Ich habe es wohl verstanden und verstehe es auch zu -schätzen, und noch mehr schätze ich es, daß Sie so gütig zu mir sind, -was Ihrer Gesinnung nur Ehre macht. Wir drei sind hier zusammengekommen, -drei Ehrenmänner, und so mag denn auch alles auf dem gegenseitigen -Zutrauen gebildeter Menschen beruhen, dreier Menschen derselben -Gesellschaftsklasse, die durch ihren Adel und ihre Ehre verbunden sind. -Jedenfalls erlauben Sie mir, Sie in dieser Stunde meines Lebens für -meine besten Freunde zu halten, gerade in dieser Stunde, da meine Ehre -so erniedrigt wird. Das verletzt Sie doch nicht, meine Herren, nicht -wahr?“ - -„Im Gegenteil, Dmitrij Fedorowitsch, Sie haben das alles so vortrefflich -ausgedrückt,“ stimmte ihm der Untersuchungsrichter ernst, doch -wohlwollend bei. - -„Und die Nebensachen, alle diese spitzfindigen Fußangeln zum Teufel,“ -rief Mitjä ganz Feuer und Flamme, „sonst kommt doch nur Unsinn heraus, -nicht wahr? ...“ - -„Ich billige vollkommen Ihren vernünftigen Vorschlag,“ unterbrach ihn -plötzlich der Staatsanwalt zu ihm gewandt, „indessen kann ich nicht von -meiner Frage ablassen. Es ist für uns von gar zu großer Wichtigkeit zu -wissen, wozu Sie diese Summe brauchten, warum gerade dreitausend Rubel?“ - -„Wozu ich sie brauchte? Nun, für dieses und jenes ... nun, sagen wir, um -eine Schuld zu bezahlen.“ - -„An wen zu bezahlen?“ - -„Das zu sagen, weigere ich mich, meine Herren! Sehen Sie, ich tue es -nicht etwa darum, weil ich es nicht sagen kann, oder es nicht wage und -mich fürchte, denn das ist doch nur eine Kleinigkeit, die zu erwähnen -sich nicht lohnt, sondern ich sage es deshalb nicht, weil es sich hier -um mein Prinzip handelt: das ist mein Privatleben, und ich erlaube -niemandem, sich in dasselbe einzumischen. Das ist mein Prinzip. Ihre -Frage hat mit der Sache nichts zu tun, und alles, was nicht zur Sache -gehört, ist meine Privatangelegenheit. Eine Schuld wollte ich abzahlen, -eine Ehrenschuld, doch an wen – das sage ich nicht!“ - -„Gestatten Sie, daß wir dies niederschreiben,“ sagte der Staatsanwalt. - -„Bitte. Schreiben Sie es geradeso: daß ich es nicht sage, _nicht_ sage. -Schreiben Sie, daß ich es sogar für ehrlos halte, das zu sagen. Weiß -Gott, Sie haben aber viel Zeit zum Schreiben!“ - -„Gestatten Sie noch, mein Herr, Sie daran zu erinnern, falls Sie es -nicht wissen sollten,“ sagte sofort mit besonderem und sehr strengem -Nachdruck der Staatsanwalt, „daß Sie das volle Recht haben, auf die -Fragen, die wir Ihnen vorlegen, die Antwort zu verweigern, und wir -wiederum kein Recht haben, die Antworten Ihnen irgendwie abzunötigen, -wenn Sie aus diesem oder jenem Grunde nicht antworten wollen. Das hängt -ganz von Ihrer persönlichen Erwägung ab. Doch fällt uns hierbei die -Aufgabe zu, Sie in solchem Fall auf den Schaden aufmerksam zu machen, -den Sie sich selbst dadurch zufügen, wenn Sie sich weigern, die eine -oder andere Aussage zu machen.“ - -„Meine Herren, ich ... ärgere mich ja nicht ... ich ...“ stotterte Mitjä -etwas verwirrt durch den Nachdruck der Bemerkung des Staatsanwalts. „Nun -ja, dieser selbe Ssamssonoff, zu dem ich damals ging ...“ - -Ich werde natürlich nicht die ganze Erzählung dessen, was dem Leser -bereits bekannt ist, wiederholen. Dmitrij Fedorowitsch wollte alles ganz -ausführlich erzählen und doch in seiner Ungeduld möglichst schnell alles -abmachen. Aber je mehr er aussagte, um so mehr wurde auch -aufgeschrieben, und so mußte er immer wieder unterbrochen werden. Das -mißfiel ihm sehr, und er ärgerte sich, wenn auch vorläufig noch in -gutmütiger Weise. Allerdings rief er zuweilen: „Meine Herren, das würde -selbst einen Gott aus der Haut bringen“ oder: „Meine Herren, wissen Sie -auch, daß Sie mich ganz unnütz aufreizen?“ Doch verlor er dabei noch -nicht seine freundschaftliche gutmütige Stimmung. So erzählte er denn, -wie Ssamssonoff ihn vor zwei Tagen „zum Narren gehabt“ hatte (das hatte -er inzwischen vollkommen erraten). Die Mitteilung vom Verkauf der Uhr -für sechs Rubel, um sich Geld zur Fahrt zu verschaffen, erweckte sofort -das größte Interesse der Juristen, die davon noch nichts gewußt hatten, -und zu Mitjäs maßlosem Ärger fanden sie es für nötig, die Tatsache -ausführlich aufzuschreiben, als wiederholte Bestätigung dessen, daß er -schon am Abend des vorhergehenden Tages keine Kopeke mehr besessen -hatte. Mitjäs Gesicht wurde allmählich immer düsterer. Er erzählte noch -von der Fahrt zum Ljägawyj und von der Nacht, die er in der -dunsterfüllten Stube verbracht hatte, und kam dann auf seine Rückkehr in -die Stadt zu sprechen. Hier begann er, ohne darum gebeten zu sein, -ausführlich seine Eifersuchtsqualen wegen Gruschenka zu schildern. Man -hörte ihm schweigend und aufmerksam zu und merkte sich besonders das -eine: daß er schon seit längerer Zeit einen Beobachtungsposten in der -Hinterstraße hatte, von wo aus er Gruschenka auflauerte, und daß -Ssmerdjäkoff ihm Nachrichten überbrachte. Letzteres wurde ausführlich -niedergeschrieben und gut behalten. Von seiner Eifersucht sprach Mitjä -erregt und viel, und wenn er sich auch dessen schämte, daß er seine -intimsten Gefühle so preisgab, so „schmachvoll“ an die Öffentlichkeit -preisgab, so zwang er sich doch immer wieder zur Überwindung seiner -Scham, um die ganze Wahrheit zu sagen. Die teilnahmlose Strenge der -Blicke des Untersuchungsrichters und besonders des Staatsanwalts, die -während der ganzen Zeit seiner Erzählung auf ihn gerichtet waren, -verwirrten ihn schließlich ziemlich stark. „Dieser Milchbart, mit dem -ich noch vor ein paar Tagen Dummheiten über die Weiber geschwatzt habe, -und dieser schwindsüchtige Staatsanwalt sind es wahrlich nicht wert, daß -ich so mein Innerstes aufdecke,“ ging es ihm durch den Sinn. „Oh, die -Schande! Doch – ‚Trage dein Leid, mein Herz, ergib dich und schweige‘ -–.“ Mit diesem Dichterausspruch überwand er seinen traurigen Gedanken -und nahm sich von neuem zusammen, um fortzufahren. Als er zur Erzählung -seines Besuches bei Frau Chochlakoff kam, ärgerte er sich noch -nachträglich über sie und wollte schon eine kleine lustige Anekdote über -diese Dame erzählen, die er vor kurzem gehört hatte, doch der -Untersuchungsrichter bat ihn höflich, zu „Wesentlicherem“ überzugehen. -Endlich, als er seine Verzweiflung schilderte, wie er aus dem -Chochlakoffschen Hause hinausgelaufen war und einen Augenblick sogar -daran gedacht hatte, wenn nicht anders, irgend jemanden zu erdrosseln, -um sich diese Dreitausend zu verschaffen, wurde er wieder unterbrochen, -um auch das, daß er jemanden hatte „erdrosseln“ wollen, niederschreiben -zu lassen. Mitjä ließ es wortlos geschehen. Schließlich gelangte er bei -dem Augenblick an, wo er plötzlich erfahren hatte, daß er von Gruschenka -betrogen worden war, und daß sie Ssamssonoff, bald nach seiner Trennung -von ihr vor der Haustür, wieder verlassen hatte, während er im Glauben -gewesen war, daß sie bis Mitternacht beim Alten bleiben werde. „Wenn ich -in dem Augenblick diese Fenjä nicht erschlug, so geschah das nur deshalb -nicht, weil ich keine Zeit dazu hatte,“ entfuhr es ihm plötzlich an -dieser Stelle. – Und auch das wurde sorgfältig niedergeschrieben. Mitjä -wartete mit düsterem Gesicht und wollte darauf zur Erzählung übergehen, -wie er zum Vater in den Garten gelaufen war, – als ihn plötzlich der -Untersuchungsrichter unterbrach und aus seinem großen Portefeuille, das -neben ihm auf dem Sofa lag, und das er jetzt aufschlug, eine messingne -Mörserkeule hervorzog. - -„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte er Mitjä. - -„Ach, ja!“ sagte er, finster lächelnd, „selbstverständlich! Geben Sie -her, zeigen Sie mir ... Äh, Teufel, nicht nötig!“ - -„Sie haben vergessen, seiner Erwähnung zu tun,“ bemerkte der -Untersuchungsrichter. - -„Ach, Teufel! Ich hätte es wahrlich nicht verheimlicht, da seien Sie -unbesorgt, ohne dieses Ding wäre es ja doch nicht gegangen, was meinen -Sie? – Ich hatte es im Augenblick nur ganz vergessen.“ - -„Würden Sie die Güte haben, sachlich zu erklären, wie und wo Sie sich -mit dieser Mörserkeule bewaffnet haben.“ - -„Zu Befehl, ich werde die Güte haben, meine Herren.“ - -Und Mitjä erzählte, wie er sie bei Fenjä in der Küche ergriffen hatte -und dann hinausgelaufen war. - -„Was beabsichtigten Sie damit zu tun, welches Ziel hatten Sie im Auge, -als Sie sich mit dieser Waffe versahen?“ - -„Welches Ziel? Überhaupt kein Ziel! Ich nahm sie und lief hinaus.“ - -„Aber warum nahmen Sie sie denn, wenn Sie kein Ziel im Auge hatten?“ - -In Mitjä brauste der Unwille auf. Starr blickte er dem „Milchbart“ in -die Augen und lächelte finster und boshaft. Der wahre Grund seiner Wut -war aber eigentlich der, daß er sich immer mehr dessen schämte, so -ausführlich und mit solchen Herzensergüssen „diesen Leuten“ von seiner -Eifersucht erzählt zu haben. - -„Äh, ich spucke darauf!“ entfuhr es ihm plötzlich. - -„Sie meinten? ...“ - -„Nun, um mich der Hunde zu erwehren ... in der Dunkelheit ... für alle -Fälle.“ - -„Haben Sie auch früher, wenn Sie in der Nacht hinausgingen, eine Waffe -mitgenommen, wenn Sie die Dunkelheit so fürchten?“ - -„Ach, zum Teufel, pfui! Meine Herren, mit Ihnen kann man wirklich nicht -reden!“ rief Mitjä über die Maßen gereizt und vor Wut hochrot im -Gesicht. Plötzlich wandte er sich zum Schreiber und schrie ihm mit einer -Stimme, die die Wut nur zu deutlich verriet, zu: - -„Schreibe sofort ... sofort ... daß ich die Mörserkeule ergriffen habe, -‚um hinzulaufen und meinen Vater zu erschlagen, Fedor Pawlowitsch ... -durch einen Schlag auf den Schädel!‘ Nun, sind Sie jetzt zufrieden, -meine Herren? Hat jetzt Ihre liebe Seele Ruh?“ fragte er mit -herausforderndem Blick auf den Untersuchungsrichter und den -Staatsanwalt. - -„Wir begreifen sehr gut, daß Sie diese Worte soeben in der Gereiztheit -und im Ärger über uns und unsere Fragen gesprochen haben, – über die -Fragen, die wir an Sie stellen, und die Sie für Fußangeln oder -lächerliche Hintergedanken halten, die aber in Wirklichkeit von großer -Wichtigkeit sind und nur zur Sache führen,“ gab der Staatsanwalt trocken -zur Antwort. - -„Aber erbarmen Sie sich, meine Herren! Ja, ich habe eine Mörserkeule -ergriffen ... Nun, wozu nimmt man zuweilen, wenn man erregt ist, -irgendeinen Gegenstand in die Hand? Ich weiß nicht, wozu. Ich nahm das -Ding und lief hinaus. Und das ist alles. Das ist doch wirklich ... Meine -Herren, _passons_, oder ich schwöre Ihnen, ich sage kein Wort mehr!“ - -Er setzte den Ellenbogen auf die Tischkante und stützte den Kopf in die -Hand. So saß er, halb abgewandt von ihnen und bemühte sich, zur Wand -blickend, das in ihm aufsteigende schlechte Gefühl niederzuringen. Er -wollte am liebsten sofort aufstehen und erklären, daß er kein Wort mehr -sagen werde, „bringen Sie mich meinetwegen aufs Schafott!“ - -„Meine Herren,“ sagte er plötzlich, nur mit Mühe sich bezwingend, „sehen -Sie, ich höre Sie fragen, und es kommt mir dabei vor, wie ... Wissen -Sie, ich habe zuweilen einen Traum, sehr oft sogar ... einen ganz -besonderen Traum ... Mir träumt, daß mich jemand verfolgt, irgend -jemand, vor dem ich mich entsetzlich fürchte, er verfolgt mich in der -Dunkelheit, in der Nacht, sucht mich, und ich verstecke mich vor ihm -hinter der Tür oder hinter einem Schrank, verstecke mich in ganz -erniedrigender Weise, und die Hauptsache ist, er weiß ganz genau, wo ich -mich vor ihm verstecke, aber er tut absichtlich, als wüßte er nicht, wo -ich bin, er verstellt sich, um mich länger zu quälen, um sich an meiner -Angst zu weiden ... Und so machen auch Sie es jetzt! Genau so!“ - -„Also solche Träume haben Sie?“ erkundigte sich der Staatsanwalt. - -„Ja, solche Träume ... Aber wollen Sie das vielleicht nicht auch -niederschreiben?“ fragte Mitjä mit boshaft verzogenem Lächeln. - -„Nein, das wollen wir nicht niederschreiben, aber immerhin haben Sie -doch interessante Träume.“ - -„Jetzt aber ist es kein Traum mehr! Das ist der Realismus, meine Herren, -der Realismus des Lebens! Ich bin der Wolf, Sie sind die Jäger, nun, so -hetzen Sie mich denn!“ - -„Sie haben ganz grundlos diesen Vergleich gemacht ...“ wollte der -Untersuchungsrichter mit außerordentlich sanfter Stimme beginnen, doch -Mitjä unterbrach ihn. - -„Nein, nicht grundlos, meine Herren, nicht grundlos!“ Er brauste wieder -auf, doch hatte er durch den Ausbruch des plötzlichen Zornes sein Herz -erleichtert, und so wurde er jetzt mit jedem Wort wieder ruhiger und -gutmütiger. „Sie können einem Verbrecher oder Verurteilten, den Sie mit -Ihren Fragen foltern, meinetwegen nicht glauben, aber an dem -edelmütigsten Menschen, meine Herren, an dem edelsten Aufschwung der -Seele – das sage ich dreist! – nein! an dem dürfen Sie nicht zweifeln -... dazu haben Sie kein Recht ... aber – - - ‚Trage dein Leid, mein Herz, - Ergib dich und schweige!‘ - -Nun, was, – soll ich fortfahren?“ brach er finster ab. - -„Bitte, haben Sie die Güte,“ antwortete der Untersuchungsrichter. - - - V. - Das dritte Purgatorium - -Mitjä sprach zwar in rauhem Tone und mürrisch, doch bemühte er sich -augenscheinlich, nicht das geringste zu vergessen, vielmehr alles bis -ins kleinste wiederzugeben. Er erzählte, wie er über den Zaun in den -Garten des Vaters hinabgesprungen war, wie er sich zum Fenster -geschlichen, und was er dort gesehen hatte. Klar, bestimmt, als wolle er -jedes Wort prägen, sprach er von seinen Gefühlen, die ihn in jenen -Augenblicken im Garten erregt hatten, als er so krampfhaft erfahren -wollte, ob Gruschenka beim Vater war oder nicht. Doch sonderbar, sowohl -der Staatsanwalt wie der Untersuchungsrichter hörten ihm diesmal mit -einer auffallenden Zurückhaltung zu, blickten ihn trocken an und -stellten viel weniger Fragen. „Scheinen sich geärgert zu haben und -gekränkt zu sein,“ dachte Mitjä, „ach nun, hol sie der Teufel!“ Als er -erzählte, wie er sich entschlossen hatte, dem Vater das _Zeichen_ zu -geben, daß Gruschenka gekommen sei, um sich zu vergewissern, ob er -allein war, und wie der Alte das Fenster geöffnet hatte, da beachtete -keiner von den Juristen das Wort „Zeichen“, als ob sie überhaupt nicht -verstanden hätten, welche Bedeutung dieses Wort hatte, so daß es selbst -Mitjä auffiel. Als er dann schließlich zu dem Augenblick kam, wie er -beim Anblick des beleuchteten Profils seines Vaters den Haß in sich -auflodern gefühlt und die Mörserkeule aus der Tasche gerissen hatte, da -hielt er plötzlich wie absichtlich inne. Er saß und blickte zur Wand und -wußte, daß die anderen mit ihren Blicken gleichsam wie gebannt an ihm -hingen. - -„Nun, und?“ fragte der Untersuchungsrichter, „Sie rissen die Waffe -heraus und ... was geschah darauf?“ - -„Was darauf geschah? Und darauf erschlug ich ihn – zielte genau auf den -Scheitel und schlug ihm den Schädel ein ... So muß es doch gewesen sein, -nach Ihrer Meinung, nicht wahr?“ - -Sein ganzer Zorn, der sich bereits besänftigt hatte, erhob sich im -Augenblick wieder mit überwältigender Macht. - -„Ja, nach unserer Meinung,“ bestätigte der Untersuchungsrichter, „nun, -und nach Ihrer?“ - -Mitjä senkte den Blick und schwieg lange. - -„Nach meiner Meinung, meine Herren, meiner Meinung nach war es so,“ -sagte er leise. „Waren es jemandes Tränen, war es ein Gebet meiner -Mutter zu Gott, oder umschwebte mich ein lichter Geist in jenem -Augenblick – ich weiß es nicht, aber der Teufel war niedergerungen. Ich -stürzte fort vom Fenster und lief zum Zaun ... Mein Vater erschrak, denn -da erst bemerkte er mich: er schrie auf und sprang zurück vom Fenster, – -das weiß ich noch ganz genau. Ich aber lief durch den Garten zum Zaun -... und dort war es, wo Grigorij mich einholte und mich am Bein ergriff, -als ich schon auf dem Zaun saß ...“ - -Mitjä erhob endlich den Blick zu seinen Zuhörern. Es schien, daß diese -ihn mit der ruhigsten Aufmerksamkeit betrachteten. Da war es Mitjä, als -krampfte sich seine Seele vor Unwillen zusammen. - -„Aber Sie, meine Herren, Sie machen sich ja jetzt nur lustig über mich!“ -unterbrach er sich. - -„Wie kommen Sie darauf?“ fragte der Untersuchungsrichter. - -„Weil Sie mir kein Wort davon glauben, darum! Ich begreife doch, daß das -der Hauptpunkt ist, zu dem ich gekommen bin: mein Vater liegt jetzt dort -mit eingeschlagenem Schädel, und ich, – nachdem ich so tragisch -geschildert habe, wie ich ihn erschlagen wollte und schon die -Mörserkeule herausriß, – ich laufe plötzlich fort vom Fenster ... Das -ist doch eine Dichtung! In Versen sogar! Da kann man jedes Wort dem -braven Jungen glauben! Haha! Spötter sind Sie, meine Herren!“ - -Und er drehte sich mit dem ganzen Körper auf dem Stuhl herum, so daß der -Stuhl in den Fugen krachte. - -„Aber haben Sie vielleicht bemerkt,“ fragte plötzlich der Staatsanwalt, -als ob er Mitjäs Aufregung weiter gar nicht beachtete, „haben Sie es -nicht zufällig bemerkt, als Sie vom Fenster zum Zaun liefen: war die -Tür, die am anderen Ende der Gartenfassade des Hauses liegt, offen oder -geschlossen?“ - -„Nein, sie war nicht offen.“ - -„Nicht?“ - -„Sie war sogar verschlossen, und wer konnte sie denn öffnen? Warten Sie, -– die Tür!“ rief er plötzlich, gleichsam sich besinnend und fast -zusammenzuckend, „– haben Sie die Tür denn etwa offen vorgefunden?“ - -„Ja, offen.“ - -„Aber wer hat sie denn öffnen können, wenn Sie es nicht selbst getan -haben?“ fragte Mitjä höchst verwundert. - -„Die Tür stand weit offen, und der Mörder Ihres Vaters ist zweifellos -durch diese Tür eingedrungen, und nachdem er ihn ermordet hatte, wieder -durch dieselbe Tür hinausgegangen,“ sagte langsam und deutlich der -Staatsanwalt, indem er jede Silbe gleichsam einzeln aussprach. „Das ist -uns vollkommen klar. Der Mord ist ganz augenscheinlich im Zimmer verübt -worden, und _nicht durch das Fenster_, was vollkommen deutlich aus der -Lokalinspektion hervorgeht, aus der Lage des Körpers und aus allem. Über -diesen Punkt kann kein Zweifel bestehen.“ - -Mitjä war unglaublich betroffen. - -„Aber das ist doch unmöglich, meine Herren!“ rief er ganz aus der -Fassung gebracht, „ich ... ich bin nicht hineingegangen ... ich, -bestimmt, ich versichere Sie, die Tür war die ganze Zeit, während der -ich im Garten war, und als ich aus dem Garten hinauslief, verschlossen. -Ich stand nur unter dem Fenster, und das war alles, alles ... Ich -erinnere mich dessen haarscharf bis zum letzten Augenblick. Und selbst -wenn ich mich nicht genau erinnern würde, so weiß ich doch genau, daß -das unmöglich ist, denn die _Zeichen_ waren doch nur mir, Ssmerdjäkoff -und ihm, dem Toten, bekannt, und ohne diese Zeichen hätte er niemandem -auf der Welt die Tür aufgemacht.“ - -„Zeichen? Was sind denn das für Zeichen?“ fragte sogleich mit gieriger, -fast krampfhafter Neugier der Staatsanwalt. Er hatte plötzlich seine -ganze gemessene Zurückhaltung verloren. - -Er fragte, als wenn er sich vorsichtig heranschleichen wollte. Er -witterte eine wichtige Tatsache, die ihm noch unbekannt war, und sofort -empfand er auch die größte Angst, Mitjä könnte sie ihm vielleicht nicht -ganz aufdecken wollen. - -„Ah – ah, und Sie wußten das nicht einmal?“ fragte Mitjä und blinzelte -ihm mit mokantem Lächeln spöttisch boshaft zu. „Wenn ich das nun nicht -sage? Von wem soll man das dann erfahren? Von diesen Zeichen wußten doch -nur der Verstorbene, ich und Ssmerdjäkoff, das sind alle, die was davon -wußten, – und noch der Himmel wußte es, aber der wird es Ihnen doch -nicht sagen. Und doch – wie interessant ist dieses Pünktchen! Weiß der -Teufel, was man noch alles darauf gründen könnte, ha – ha! Beruhigen Sie -sich, meine Herren, ich werde es Ihnen sagen. Sie denken sich da sonst -wieder Dummheiten zusammen. Überhaupt, Sie wissen gar nicht, mit wem Sie -zu tun haben! Sie, meine Herren, haben es mit einem Angeklagten zu tun, -der freiwillig gegen sich selbst aussagt, der zu seinem eigenen Nachteil -aussagt! Ja, das ist so, denn ich bin ein Mensch von Ehre, Sie aber – -sind es nicht!“ - -Der Staatsanwalt schluckte wortlos alle Pillen hinunter, er zitterte nur -vor Ungeduld, diese neue Tatsache zu erfahren. Mitjä erzählte -umständlich von den Zeichen und setzte alles genau auseinander, was -damit irgendwie in Verbindung stand. Er sagte, daß Fedor Pawlowitsch sie -sich für Ssmerdjäkoff ausgedacht hatte, er erklärte ihnen, was das erste -Zeichen bedeuten sollte, klopfte sogar die Zeichen auf dem Tisch vor, -und auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob denn auch er, Mitjä, an -das Fenster des Vaters das Zeichen „Gruschenka ist gekommen“, geklopft -habe, antwortete er mit fester Stimme, daß er geradeso geklopft habe, so -nämlich: tuck-tuck ... tuck-tuck-tuck, – was bedeutete: „Gruschenka ist -gekommen“. - -„So, jetzt denken Sie sich was Schönes zusammen!“ brach Mitjä kurz ab -und wandte sich wieder mit unverhohlener Verachtung von ihnen ab. - -„Und um diese Zeichen wußten nur Ihr verstorbener Vater, Sie und der -Diener Ssmerdjäkoff? Und sonst niemand?“ erkundigte sich noch einmal der -Untersuchungsrichter. - -„Ja, der Diener Ssmerdjäkoff und dann noch der Himmel. Schreiben Sie -auch den Himmel auf; das wird nicht überflüssig sein; und auch Ihnen -wird Gott noch zustatten kommen.“ - -Natürlich begann wieder das Schreiben, doch als man damit fertig war, -fragte der Staatsanwalt unvermittelt, als ob ihm ganz plötzlich ein -neuer Gedanke gekommen wäre: - -„Aber wenn um diese Zeichen auch Ssmerdjäkoff gewußt hat und Sie auf das -bestimmteste jede Schuld am Tode Ihres Vaters von sich weisen, so fragt -sich doch, ob nicht er durch das verabredete Zeichen Ihren Vater -veranlaßt hat, ihm die Tür aufzumachen und dann also ... ob nicht -Ssmerdjäkoff den Mord verübt hat?“ - -Mitjä blickte mit unsäglich spöttischem, doch zu gleicher Zeit auch -sprühend haßerfülltem Blick dem Staatsanwalt in die Augen. Lange und -wortlos sah er ihn so an, bis schließlich der Staatsanwalt zu blinzeln -begann. - -„Da haben Sie wieder den Fuchs gefangen!“ sagte Mitjä, endlich das -Schweigen brechend, „und dem schlauen Tier den Schwanz eingeklemmt, -haha! Ich durchschaue Sie vortrefflich, Herr Staatsanwalt. Sie glaubten -wohl, daß ich sofort aufspringen und mich an das klammern werde, was Sie -mir vorgesagt haben, daß ich sofort losschreien werde: ‚Ah, richtig, -Ssmerdjäkoff, das ist der Mörder!‘ Gestehen Sie nur, daß Sie gerade -etwas in der Art erwartet haben, gestehen Sie es, dann werde ich -fortfahren.“ - -Doch der Staatsanwalt gestand nichts. Er schwieg und wartete. - -„Sie haben sich verrechnet, ich werde nicht Ssmerdjäkoff beschuldigen!“ -sagte Mitjä. - -„Und Sie verdächtigen ihn nicht einmal?“ - -„Verdächtigen Sie ihn denn?“ - -„Auch dieser Verdacht ist geäußert worden.“ - -Mitjä blickte stumpf zu Boden. - -„Meine Herren, Scherz beiseite,“ sagte er düster. „Hören Sie mich: Ganz -zuerst, ja bereits in dem Augenblick, als ich von dort“ – er wies auf -die Portiere – „hervorgestürzt war und Sie alle hier erblickte, zuckte -mir schon dieser Gedanke durch den Kopf: ‚Ssmerdjäkoff!‘ dachte ich -sofort. Darauf saß ich hier am Tisch und schrie, daß ich unschuldig bin -an diesem Blut, und bei mir denke ich die ganze Zeit: ‚Ssmerdjäkoff, -bestimmt Ssmerdjäkoff!‘ Und meine Seele konnte diesen Ssmerdjäkoff nicht -loswerden. Und schließlich jetzt ... dachte ich plötzlich gleichfalls -‚Ssmerdjäkoff‘, aber nur einen Augenblick, gleich darauf dachte ich: -‚Nein, nicht Ssmerdjäkoff!‘ Das ist keine Tat für ihn, meine Herren!“ - -„Haben Sie auch keinen Verdacht an einen anderen Menschen?“ fragte -vorsichtig der Untersuchungsrichter. - -„Ich weiß nicht, wer oder was ... ob die Hand des Himmels oder des -Teufels ihn erschlagen hat, aber ... jedenfalls nicht Ssmerdjäkoff!“ -sagte Mitjä bestimmt. - -„Aber warum behaupten Sie denn so überzeugt und so nachdrücklich, daß er -es nicht sei?“ - -„Nach meiner Überzeugung, nach dem Eindruck, den er auf mich gemacht -hat. Weil Ssmerdjäkoff einer der niedrigsten Menschen und ein -furchtbarer Feigling ist. Oh, der ist nicht nur ein Feigling, der ist -die Quintessenz aller Feigheiten in der Welt zusammengenommen, die jetzt -in Menschengestalt auf zwei Beinen geht. Er ist von einem Huhn geboren -... Wenn er mit mir sprach, so zitterte er vor Angst, ich könnte ihn -erschlagen, während ich ihn doch mit keinem Finger anrührte, nicht -einmal die Hand erhob. Er fiel vor mir auf die Knie nieder und weinte, – -er hat mir sogar einmal diese selben Stiefel geküßt, buchstäblich geküßt -und mich angefleht, ihn ‚nicht zu ängstigen‘. Hören Sie, ‚nicht zu -ängstigen‘ – was ist das für ein Wort? Ich habe ihn sogar beschenkt. Das -ist ein kränkliches Huhn, das außerdem noch die Fallsucht hat, ein -Mensch mit einem schwachen Verstande, einer, den jeder achtjährige Knabe -verprügeln kann. Ist denn das überhaupt ein Mensch? Nein, Ssmerdjäkoff -kann es nicht gewesen sein, meine Herren. Und auch aus Geld macht er -sich nichts, er wollte nicht einmal was für seine Dienste von mir -annehmen ... Und warum hätte er ihn denn erschlagen sollen? Er ist doch -vielleicht sein Sohn, sein unehelicher Sohn, wissen Sie das auch?“ - -„Wir haben von diesem Gerücht gehört. Aber auch Sie haben doch gesagt, -daß Sie Ihren Vater erschlagen wollten.“ - -„Ah, Sie werfen einen Stein in meinen Garten, wie man zu sagen pflegt, -damit ich es nicht vergesse! Ein schmachvoller, gemeiner Stein ist es, -meine Herren! Ich aber fürchte mich nicht! Meine Herren, ich verstehe -nicht, wie Sie, Sie mir das ins Gesicht sagen können! Das ist niedrig -von Ihnen, niedrig, weil ich selbst Ihnen gesagt habe, daß ich ihn nicht -nur erschlagen wollte, sondern sogar erschlagen konnte, und ich habe -noch freiwillig gestanden, daß ich ihn beinahe auch wirklich erschlagen -hätte! Aber ich habe ihn doch nicht erschlagen! Davor hat mich doch mein -Schutzengel bewahrt! – das ist es, was Sie noch nicht bedacht haben ... -Und darum ist es niedrig, niedrig von Ihnen! Hören Sie, Herr -Staatsanwalt: _Ich habe ihn nicht erschlagen!_“ - -Er atmete schwer. Noch war er während des ganzen Verhörs kein einziges -Mal so erregt gewesen. - -„Aber was hat er Ihnen denn gesagt, der Ssmerdjäkoff?“ fragte er -plötzlich auffahrend, nach einem kurzen Schweigen. „Darf ich Sie danach -fragen?“ - -„Durchaus. Sie können uns alles fragen, was den Tatbestand betrifft,“ -antwortete der Staatsanwalt mit kalter und strenger Miene, „und wir -sind, ich wiederhole es, sogar verpflichtet, auf jede Ihrer Fragen -einzugehen. Wir fanden den Diener Ssmerdjäkoff, nach dem Sie sich -erkundigen, bewußtlos vor, in einem sehr starken Epilepsieanfall, der -sich vielleicht zum zehntenmal wiederholte. Der Arzt, der mit uns -gekommen war und den Kranken untersuchte, sagte uns, daß er -wahrscheinlich nicht mehr bis zum Morgen leben wird.“ - -„Nun, dann hat der Teufel den Vater erschlagen!“ entfuhr es Mitjä -plötzlich, als hätte er sich sogar bis zu diesem letzten Augenblick noch -immer zweifelnd gefragt: „Ist es Ssmerdjäkoff oder nicht Ssmerdjäkoff?“ - -„Darauf werden wir noch später zurückkommen,“ entschied der -Untersuchungsrichter, „würden Sie jetzt nicht Ihre Aussagen fortsetzen -wollen.“ - -Mitjä bat, sich einen Augenblick erholen zu dürfen. Das wurde ihm -höflich erlaubt. Nachdem er eine Weile still vor sich hingesonnen hatte, -fuhr er fort. Es wurde ihm aber augenscheinlich schwer. Er war -abgequält, beleidigt und moralisch erschüttert. Zudem begann der -Staatsanwalt – jetzt bereits ganz absichtlich – ihn durch immerwährende -„dumme“ Fragen nach den „geringfügigsten Nebensachen“ zu reizen. Kaum -hatte Mitjä erzählt, wie er, auf dem Zaune sitzend, Grigorij mit der -Mörserkeule auf den Kopf geschlagen hatte, da er von diesem am linken -Bein festgehalten worden war, als ihn der Staatsanwalt auch schon -unterbrach und ihn bat, genauer zu beschreiben, wie er auf dem Zaun -gesessen hatte. Mitjä wunderte sich darüber. - -„Herrgott, ich saß oben auf dem Zaun, rittlings, wie man eben auf einem -Zaune sitzt: das eine Bein hier, das andere dort ...“ - -„Und die Mörserkeule?“ - -„Die Mörserkeule hatte ich in der Hand.“ - -„Nicht in der Tasche? Erinnern Sie sich dessen so genau? Holten Sie weit -aus zum Schlage?“ - -„Wahrscheinlich, aber warum fragen Sie das?“ - -„Würden Sie vielleicht die Güte haben, sich so auf den Stuhl zu setzen, -wie Sie damals auf dem Zaun saßen, und uns das anschaulich vorzumachen, -wie Sie ausholten, nach welcher Seite hin, und wie Sie geschlagen -haben?“ - -„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ fragte Mitjä, und er maß -den Staatsanwalt mit stolzem Blick von oben bis unten. Doch der zuckte -mit keiner Wimper. - -Mitjä wandte sich brüsk um, setzte sich rittlings auf den Stuhl und -holte mit der Hand wie zum Schlage aus. - -„So habe ich geschlagen! So! Was wollen Sie jetzt noch?“ - -„Ich danke Ihnen. Würden Sie sich jetzt vielleicht die Mühe nehmen, uns -genau zu erklären: Warum Sie eigentlich nochmals hinabsprangen, zu -welchem Zweck, welch eine Absicht hatten Sie, als Sie es taten?“ - -„Nun, Teufel ... ich sprang einfach zum verletzten Alten hinab ... Ich -weiß nicht, wozu!“ - -„Während Sie so erregt waren? – und auf der Flucht?“ - -„Ja, ich war erregt und auf der Flucht.“ - -„Wollten Sie ihm helfen?“ - -„Was helfen! ... Ja, vielleicht auch helfen, ich weiß es nicht mehr.“ - -„Ohne zu wissen, was Sie taten? Das heißt, Sie waren wohl etwas ... -gewissermaßen besinnungslos?“ - -„Oh, nein, durchaus nicht, ich erinnere mich des Vorganges ganz genau, -bis aufs letzte. Ich sprang in den Garten zurück, um zu sehen, was ich -angerichtet hatte, und ich wischte ihm das Blut mit meinem Taschentuch -ab.“ - -„Wir haben Ihr Taschentuch gesehen. Sie hofften den Verletzten ins Leben -zurückzurufen?“ - -„Ich weiß nicht, ob ich es noch hoffte. Ich wollte mich einfach nur -überzeugen, ob er noch lebte oder nicht.“ - -„Aha, Sie wollten sich also überzeugen. Nun, und überzeugten Sie sich?“ - -„Ich bin kein Arzt, ich konnte nicht feststellen, ob er tot war oder -noch lebte. Ich lief fort im Glauben, daß ich ihn erschlagen hätte – und -da ist er nun wieder zu sich gekommen!?“ - -„Vorzüglich, ich danke Ihnen,“ schloß der Staatsanwalt. „Das war alles, -was ich wissen wollte. Bitte, fahren Sie fort.“ - -Armer Mitjä! Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, zu sagen – -obgleich er sich dessen sehr wohl erinnerte –, daß er aus Mitleid -hinabgesprungen war, daß er sogar beim Anblick des vermeintlich -Erschlagenen traurig vor sich hingemurmelt hatte: „Bist mir in den Weg -gekommen, armer Alter, nun, so liege denn.“ Daher schloß der -Staatsanwalt aus seinen Aussagen, daß Mitjä „in jenem Augenblick und -trotz seiner Aufregung“ nur zu dem einen Zweck hinabgesprungen war, um -sich zu überzeugen, ob der _einzige_ Zeuge seines Verbrechens lebte oder -tot war. Wie groß mußte folglich die Entschlossenheit, Kaltblütigkeit -und Überlegungskraft dieses Menschen selbst in „solch einem Augenblick“ -gewesen sein usw. usw. Der Staatsanwalt war sehr zufrieden. Er hatte -einen nervösen Menschen „durch Kleinigkeiten so weit gereizt, daß der -sich doch noch versprochen hatte“. - -Mitjä fuhr gepeinigt zu erzählen fort. Er wurde aber alsbald wieder -unterbrochen; diesmal vom Untersuchungsrichter. - -„Wie konnten Sie zur Magd Fedossja Markowna in die Küche gehen, da Sie -doch blutbefleckte Hände hatten?“ - -„Aber ich wußte es doch gar nicht, ich hatte es ja gar nicht bemerkt, -daß ich blutig war!“ sagte Mitjä. - -„Diese Aussage ist sehr glaubwürdig, das kommt sehr oft in solchen -Fällen vor,“ sagte der Staatsanwalt mit einem Blick auf den -Untersuchungsrichter. - -„Tatsächlich, ich hatte es überhaupt nicht bemerkt, da haben Sie ganz -recht, Herr Staatsanwalt,“ bestätigte Mitjä nochmals. - -Darauf folgte die Erzählung von seinem plötzlichen Entschluß, sich zu -„beseitigen“ und „die Glücklichen ungestört an sich vorübergehen zu -lassen“. Doch konnte er nicht mehr, wie kurz vorher, von der „Königin -seiner Seele“ erzählen und sein Herz aufdecken. Es wäre ihm zu peinvoll, -zu qualvoll und zuwider gewesen, davon vor diesen kalten Menschen zu -reden, die sich „wie Wanzen an mir festgesogen haben“. Und darum -antwortete er auf die wiederholte Frage nur kurz und schroff: - -„Nun, ich beschloß einfach, mich zu erschießen. Wozu sollte ich noch -leben? – Diese Frage stellte sich ganz von selbst. Ihr ... Derjenige, -dem ihre erste Liebe gehört hatte, ihr Beleidiger war mit seiner Liebe -zurückgekehrt, um nach fünf Jahren das Vergangene wieder gutzumachen und -um sie zu heiraten. Nun und da begriff ich, daß für mich alles verloren -war ... Und hinter mir lag dieses Blut, das Blut Grigorijs ... Wozu da -noch leben? Nun, und so ging ich denn zu Perchotin, um die versetzten -Pistolen auszulösen, um sie zu laden und mir bei Sonnenaufgang eine -Kugel vor den Kopf zu schießen ...“ - -„Und in der Nacht noch ein tolles Gelage?“ - -„Ja, ein tolles Gelage. Ach zum Teufel, kommen Sie schneller zu einem -Schluß, meine Herren. Erschießen wollte ich mich unbedingt ... hier, -nicht weit, ungefähr um fünf Uhr morgens, und in meiner Tasche lag schon -der Zettel bereit ... den hatte ich bei Perchotin geschrieben, als die -Pistole geladen war. Hier ist das Ding, lesen Sie. Nicht Ihnen erzähle -ich das!“ fügte er plötzlich verächtlich hinzu. Er hatte das Papier aus -der Westentasche hervorgezogen und auf den Tisch geworfen. Die Juristen -lasen interessiert, was er am Abend vorher geschrieben hatte. Der Zettel -wurde, wie es sich gehört, ins Protokoll aufgenommen. - -„Und die Hände zu waschen fiel Ihnen noch immer nicht ein, selbst als -Sie bei Herrn Perchotin eintraten? So fürchteten Sie also keinen -Verdacht?“ - -„Was für einen Verdacht? Verdacht – oder nicht, das war mir ganz egal -... ich hatte doch schon beschlossen, nach Mokroje zu fahren und mich -hier bei Sonnenaufgang zu erschießen, und niemand hätte vorher was -erfahren oder mich daran hindern können. Denn wenn nicht dieser Zufall -mit dem Vater dazwischen gekommen wäre, so hätten Sie doch nicht so bald -von dem Vorgefallenen erfahren, und wären dann natürlich auch nicht -hergekommen. Oh, das hat der Teufel getan, der Teufel hat den Vater -erschlagen, durch den Teufel haben auch Sie es so schnell erfahren! Wie -sind Sie nur so schnell hergekommen? Das ist doch wahrlich kaum -glaublich!“ - -„Herr Perchotin hat uns mitgeteilt, daß Sie, als Sie bei ihm eingetreten -sind, in der Hand ... in der blutigen Hand Ihr Geld gehalten haben ... -ein ganzes Paket Hundertrubelscheine – und das hat der Knabe, der bei -ihm aufwartet, gleichfalls gesehen.“ - -„Ja, so war es, ich erinnere mich dessen.“ - -„Jetzt gilt es, hier noch eine kleine Frage zu erledigen. Können Sie uns -vielleicht mitteilen,“ begann äußerst milde der Untersuchungsrichter, -„wo Sie plötzlich soviel Geld hergenommen hatten, da doch aus dem -Tatbestand und aus der Zeitberechnung klar hervorgeht, daß Sie von -Fedossja Markowna direkt zu Herrn Perchotin gegangen sind, sich also -nicht vorher in Ihre Wohnung begeben haben?“ - -Der Staatsanwalt runzelte ein wenig die Stirn über die so auf die Spitze -getriebene Frage, aber er unterbrach Neljudoff nicht. - -„Nein, ich bin allerdings nicht nach Haus gegangen,“ antwortete Mitjä -offenbar sehr ruhig, doch hielt er den Blick zu Boden gesenkt. - -„In diesem Fall erlauben Sie wohl,“ fuhr Neljudoff gleichsam -näherschleichend fort, „meine Frage zu wiederholen: Woher nahmen Sie -plötzlich eine so große Summe, wenn Sie, nach Ihrer eigenen Aussage, -noch um fünf Uhr ...“ - -„Wenn ich um fünf Uhr noch kein Geld hatte und für zehn Rubel die -Pistolen bei Perchotin versetzte, dann Frau Chochlakoff um dreitausend -Rubel anborgen wollte und von der nichts bekam, und so weiter die ganze -Litanei,“ unterbrach Mitjä gereizt. „Ja, sehen Sie mal, meine Herren, um -fünf Uhr keine zehn Rubel, und da plötzlich Tausende in den Fingern, – -verdächtig, wie? Wissen Sie, meine Herren, Sie zittern ja jetzt alle -beide vor Angst, ‚er könnte am Ende nicht sagen, wo er das Geld -hergenommen hat, und was dann?‘ Ja, so ist es auch, meine Herren: Ich -sage es nicht, Sie haben es erraten, Sie werden es nicht erfahren,“ -sagte Mitjä entschlossen und bestimmt. - -Die Juristen schwiegen beide eine Weile. - -„Sie sehen doch ein, Herr Karamasoff, daß das zu erfahren für uns von -großer Wichtigkeit ist,“ sagte schließlich ruhig und bescheiden der -Untersuchungsrichter. - -„Ich sehe dies vollkommen ein, aber ich sage es trotzdem nicht.“ - -Da mischte sich auch der Staatsanwalt hinein und erinnerte wieder daran, -daß der Angeklagte zwar nicht zu antworten brauchte, wenn er das für -sich für vorteilhafter hielt usw., doch hinsichtlich des Schadens, den -sich der Angeklagte durch das Verschweigen seiner Geldquelle zufüge, und -besonders noch, da es sich dabei um eine Frage von solcher Wichtigkeit -handelte, so ... - -„Und so weiter, meine Herren, und so weiter. Genug, ich habe den Sermon -schon gehört!“ unterbrach Mitjä wieder ungeduldig. „Ich begreife selbst -sehr gut, von welcher Wichtigkeit diese Frage ist, daß es der Hauptpunkt -ist, aber ich sage es trotzdem nicht!“ - -„Uns kann es ja schließlich gleichgültig sein, das ist nicht unsere -Sache, sondern Ihre, und Sie schaden sich dadurch nur,“ bemerkte der -Untersuchungsrichter etwas gereizt. - -„Scherz beiseite, meine Herren, sehen Sie: –“ Mitjä erhob den Blick und -sah sie beide fest an. „Ich hab es schon gleich zu Anfang vorausgefühlt, -daß wir gerade in diesem Punkt mit den Köpfen aneinanderprallen würden. -Als ich meine Aussagen begann, lag alles andere noch neblig in weiter -Ferne, alles wogte noch verschwommen durcheinander, und ich war sogar so -naiv, daß ich mit dem Vorschlag, ‚uns gegenseitig volles Vertrauen zu -schenken‘ begann. Jetzt sehe ich ein, daß von Vertrauen hier überhaupt -nicht die Rede sein kann, denn wir mußten doch einmal auf diesen -verfluchten Punkt stoßen. Nun, und jetzt sind wir auch glücklich da -angelangt! Es geht nicht, und das genügt. Übrigens, ich mache Ihnen -keine Vorwürfe, Sie können mir nicht aufs Wort glauben, das begreife ich -doch!“ - -Er verstummte. Sein Gesicht war düster. - -„Aber könnten Sie nicht, ohne im geringsten Ihren Entschluß, das -Hauptsächlichste zu verschweigen, aufzugeben, könnten Sie uns nicht -trotzdem wenigstens einen kleinen Wink geben oder andeuten, welcher Art -die Gründe sind, die Sie zu einer so gefährlichen, für Sie gefährlichen -Verheimlichung eines so wichtigen Punktes bewegen?“ - -Ein trauriges und gleichsam nachdenkliches Lächeln erschien auf Mitjäs -Lippen. - -„Ich bin sogar viel gütiger, als Sie von mir glauben, meine Herren. Ich -werde Ihnen sagen, warum ich es nicht tun kann, und werde Ihnen auch den -gewünschten Wink geben, obgleich Sie das eigentlich gar nicht wert sind. -Hören Sie, meine Herren, ich verschweige es darum, weil darin eine -Schmach für mich liegt. Jawohl, in der Antwort auf die Frage: Woher ich -dieses Geld genommen habe, liegt für mich eine Schmach, mit der man -selbst die Ermordung und Beraubung meines Vaters nicht vergleichen -könnte – wenn ich ihn erschlagen und beraubt hätte. Das ist der Grund, -warum ich es nicht sagen kann. Wegen der Schande kann ich es nicht. Wie, -meine Herren, Sie wollen auch das niederschreiben?“ - -„Ja, das muß aufgeschrieben werden,“ sagte der Untersuchungsrichter. - -„Das sollten Sie lieber nicht tun, meine Herren, das von der ‚Schmach‘. -Das habe ich Ihnen doch nur aus Anständigkeit gesagt, ich hätte es nicht -zu sagen gebraucht, ich habe es Ihnen sozusagen geschenkt. Und Sie -wollen das gleich schwarz auf weiß niederschreiben! – Ach nun, schreiben -Sie, schreiben Sie, was Sie wollen,“ brach er verächtlich und gereizt -ab, „– ich fürchte Sie nicht und ... bleibe stolz vor Ihnen!“ - -„Und würden Sie nicht auch sagen, welcher Art diese Schmach wäre?“ -fragte wieder freundlich der Untersuchungsrichter. - -Der Staatsanwalt runzelte geärgert die Stirn. - -„Nein, _c’est fini_, geben Sie sich weiter keine Mühe. Und wozu sich -besudeln? Hab mich schon sowieso an Ihnen besudelt. Sie sind es nicht -wert, weder Sie noch sonst jemand ... Genug davon, meine Herren, ich -sage nichts mehr.“ - -Es war gar zu bestimmt gesagt. Der Untersuchungsrichter gab es auf, -weiter in ihn zu dringen, doch da sah er am Blick des Staatsanwalts, daß -dieser die Hoffnung noch nicht verloren hatte. - -„Aber können Sie nicht wenigstens das eine angeben: Wie groß war die -Summe, die Sie in der Hand hielten, als Sie bei Herrn Perchotin -eintraten, wieviel Rubel waren es?“ - -„Nein, das will ich nicht angeben.“ - -„Herrn Perchotin haben Sie, glaube ich, gesagt, daß es dreitausend -gewesen seien, die Sie angeblich von Frau Chochlakoff erhalten hätten.“ - -„Es ist möglich, daß ich ihm das gesagt habe. Aber genug, meine Herren, -ich sage nicht, wieviel es waren.“ - -„Dann haben Sie wohl die Güte, zu erzählen, wie Sie hierher nach Mokroje -gefahren sind, und alles, was Sie nach der Ankunft hier getan haben.“ - -„Ach Gott, fragen Sie das doch hier die Leute. Aber, übrigens, ich kann -es ja meinetwegen auch selbst erzählen.“ - -Er erzählte trocken, flüchtig. Von seiner Liebe sprach er kein Wort. -Dafür aber erzählte er, wie er den Entschluß, sich zu erschießen, -aufgegeben hatte, „infolge der veränderten Lage der Dinge“. Er erzählte, -ohne zu begründen, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Und auch die -Juristen unterbrachen ihn nicht mehr; es waren das für sie -augenscheinlich Nebensachen, die sie weniger interessierten. - -„Das werden wir noch alles nachprüfen, da wir darauf beim Verhör der -Zeugen zurückkommen müssen; dasselbe wird selbstverständlich in Ihrer -Gegenwart stattfinden,“ sagte der Untersuchungsrichter und schloß damit -das Verhör. „Jetzt aber werden Sie vielleicht so freundlich sein, alles -hierher auf den Tisch zu legen, was Sie bei sich haben, und vor allem -das ganze Geld, welches sich augenblicklich in Ihrem Besitze befindet.“ - -„Das Geld, meine Herren? Bitte, ich verstehe, daß das notwendig ist. Es -wundert mich, daß Sie nicht schon früher Ihre Neugier zu befriedigen -versucht haben. Allerdings, ich saß ja unter Ihren Augen, wäre ja auch -nicht fortgegangen. Nun, hier ist es, mein ganzes Geld, zählen Sie mal -nach, nehmen Sie. So, – das ist alles, glaube ich.“ - -Er durchsuchte seine sämtlichen Taschen und zog alles hervor, was er an -Geldstücken fand, selbst das Kleingeld. In seiner Westentasche fand er -noch zwei Zwanziger. Man zählte das Geld, und es zeigte sich, daß es nur -achthundertsechsunddreißig Rubel und vierzig Kopeken waren. - -„Und das ist alles?“ fragte der Untersuchungsrichter. - -„Alles.“ - -„Sie sagten soeben, als Sie Ihre Aussagen machten, daß Sie in der -Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff dreihundert Rubel bezahlt haben. -Herrn Perchotin haben Sie zehn Rubel gegeben, für die Fahrt zwanzig, -hier haben Sie zweihundert verspielt, dann ...“ - -Der Untersuchungsrichter rechnete alles zusammen, was Mitjä noch -außerdem bezahlt hatte, und Mitjä half ihm dabei bereitwillig. Jeder -Kopeke erinnerte man sich, und alles wurde aufgeschrieben. Darauf -rechnete der Untersuchungsrichter oberflächlich die Zahlen zusammen. - -„Folglich müssen Sie mit diesen achthundert anfänglich ungefähr -tausendfünfhundert Rubel gehabt haben?“ - -„Folglich,“ sagte Mitjä trocken. - -„Wie kommt es aber, daß alle behaupten, Sie hätten viel mehr gehabt?“ - -„Mögen sie es doch behaupten.“ - -„Und Sie selbst haben es doch gleichfalls behauptet.“ - -„Ja, auch ich habe es behauptet.“ - -„Das werden wir noch kontrollieren ... beim Verhör der anderen Personen. -Ihres Geldes wegen beunruhigen Sie sich nicht, es wird, wie es sich -gehört, aufbewahrt werden und nach Beendigung des ganzen ... zu Ihrer -Verfügung stehen, wenn es sich erweist, oder vielmehr, wenn bewiesen -wird, daß Sie auf dasselbe unstreitiges Anrecht besitzen. Nun, und jetzt -...“ - -Der Untersuchungsrichter erhob sich und erklärte Mitjä mit fester -Stimme, daß er gezwungen und verpflichtet sei, eine genaue Untersuchung -und Besichtigung „sowohl Ihrer Kleider als auch alles übrigen“ -vorzunehmen ... - -„Bitte, meine Herren, ich kann alle Taschen umkehren, wenn Sie wollen.“ - -Und er machte sich allen Ernstes daran, seine Taschen umzukehren. - -„Nein, Sie werden sich entkleiden müssen.“ - -„Was? Entkleiden? Pfui Teufel! Untersuchen Sie doch so! Geht es denn -nicht auch so?“ - -„Das ist unmöglich, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden Ihre Kleider -ablegen müssen.“ - -„Wie Sie wollen,“ brummte Mitjä, der sich schließlich mit finsterer -Miene fügte, „nur bitte nicht hier, sondern wenigstens hinter dem -Vorhange. Wer wird denn die Besichtigung vollziehen?“ - -„Natürlich hinter dem Vorhange,“ sagte der Untersuchungsrichter und -nickte zum Zeichen des Einverständnisses noch mit dem Kopf. Sein junges -Gesicht drückte eine ganz besondere Wichtigkeit aus. - - - VI. - Der Staatsanwalt - -Es begann etwas, was Mitjä nie erwartet hätte, und was ihn nicht wenig -in Erstaunen setzte. Nie im Leben hätte er gedacht, selbst im letzten -Augenblick nicht, daß jemand so mit ihm umgehen könnte, mit Dmitrij -Karamasoff! Vor allem lag darin etwas Erniedrigendes für ihn: etwas so -„Anmaßendes und Nichtachtendes“ seiner Person. Es wäre weiter nicht -schlimm gewesen, hätte er den Rock ausziehen müssen; man ersuchte ihn -aber, sich noch weiter zu entkleiden. Und eigentlich ersuchte man ihn -nicht einmal darum, sondern man befahl es ihm geradezu – was er nur zu -gut fühlte. Aus Stolz und Verachtung unterwarf er sich wortlos. Außer -dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt traten hinter den Vorhang, -um der Durchsuchung beizuwohnen, auch noch einige Bauern, „natürlich zur -Sicherheit,“ dachte Mitjä, „vielleicht aber auch zu einem anderen -Zweck“. - -„Was, soll ich etwa auch noch das Hemd ausziehen?“ fragte er scharf; -doch der Untersuchungsrichter antwortete ihm nicht; er war mit dem -Staatsanwalt in die Besichtigung des Rockes, der Beinkleider, der Weste -und der Mütze vertieft, und man sah es ihnen an, daß die Untersuchung -sie beide ungemein interessierte. „Die genieren sich wahrlich nicht ein -bißchen,“ dachte Mitjä, „nicht einmal die nötige Höflichkeit beobachten -sie.“ - -„Ich frage Sie zum zweitenmal: Soll ich das Hemd ausziehen oder nicht?“ -fragte er noch schärfer und gereizter. - -„Beunruhigen Sie sich nicht, wir werden es Ihnen sagen,“ antwortete der -Untersuchungsrichter in etwas obrigkeitlichem Ton. Wenigstens schien -dies Mitjä so. - -Mittlerweile fand zwischen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt -eine eifrige halblaute Beratung statt. Auf dem linken Rockschoß hatten -sie große Blutflecken entdeckt, die bereits ganz trocken und hart waren. -Desgleichen fanden sie auch auf den Beinkleidern Blutflecke. Der -Untersuchungsrichter befühlte eigenhändig in Gegenwart der Bauernzeugen -den Rockkragen, die Aufschläge und alle Nähte der Kleidungsstücke, – -offenbar suchte er nach etwas, und das konnte natürlich nur Geld sein. -Doch das Kränkendste für Mitjä war, daß sie ihren Verdacht nicht einmal -verbargen, den Verdacht, er hätte das Geld in seine Kleider einnähen -können. „Sie gehen ja wirklich mit mir um, als hätten sie es mit einem -Diebe und nicht mit einem Offizier zu tun,“ dachte er ingrimmig. Und -ihre Gedanken teilten sie sich untereinander geradezu verblüffend offen -und ungeniert mit. So lenkte zum Beispiel der Schriftführer, der -gleichfalls hinter den Vorhang gekommen war, eifrig zuhörte und -untersuchen half, die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters auf die -Mütze, die danach nicht minder sorgfältig befühlt wurde. „Wissen Sie -noch, wie damals der Schreiber Gridjenka hereinfiel?“ fragte der -Schriftführer. „Er fuhr im Sommer hin, um das Gehalt für die -Kanzleibeamten in Empfang zu nehmen, und als er zurückkam, sagte er, er -hätte das ganze Geld in betrunkenem Zustande unterwegs verloren, – und -wo fand man es? Im Mützenrand: Die Hundertrubelscheine waren zu Spiralen -zusammengerollt und gerade hier eingenäht.“ Beide Juristen erinnerten -sich noch sehr gut des Falles Gridjenka, und so wurde denn beschlossen, -Mitjäs Mütze und Kleider zur genaueren Untersuchung zurückzubehalten. - -„Erlauben Sie!“ rief plötzlich Neljudoff, der Untersuchungsrichter, als -er den dunklen Rand an Mitjäs rechter Manschette bemerkte. „Erlauben -Sie, ist das, ist das etwa Blut?“ - -„Ja, Blut,“ sagte Mitjä kurz. - -„Das heißt, was für ein Blut ist es? ... und warum ist der -Manschettenrand so umgebogen?“ - -Mitjä erzählte, wie die Manschette blutig geworden war, als er Grigorij -das Blut vom Gesicht abgewischt hatte, und wie er darauf beim -Händewaschen bei Perchotin auf den Gedanken gekommen war, den blutigen -Rand einfach umzubiegen, so gut es ging. - -„Dann müssen wir auch Ihr Hemd nehmen, das ist sehr wichtig ... Es -gehört zu den Beweisstücken.“ - -Mitjä errötete und wurde wild. - -„Soll ich denn nackend bleiben?“ schrie er. - -„Beunruhigen Sie sich nicht ... wir werden dem schon irgendwie -abzuhelfen wissen, jetzt aber ziehen Sie bitte auch die Socken aus.“ - -„Sagen Sie das im Ernst?“ fragte Mitjä mit blitzenden Augen. - -„Uns ist es nicht um Scherz zu tun!“ wies ihn der Untersuchungsrichter -streng zurück. - -„Nun, wenn es so sein muß ... werde ich ...“ brummte Mitjä, setzte sich -aufs Bett und schickte sich an, seine Socken auszuziehen. Es war für ihn -unerträglich: alle waren angekleidet, nur er allein war ausgekleidet -und, sonderbar – entkleidet kam er sich vor ihnen fast schuldig vor, und -vor allen Dingen fühlte er sich selbst mit einemmal viel niedriger als -sie und gab in seinem Bewußtsein zu, daß sie nun das volle Recht hatten, -ihn zu verachten. „Wenn alle entkleidet sind, so schämt man sich weiter -nicht, ist man aber ganz allein entkleidet und wird man dann noch von -allen besehen, so ist es – eine Schmach!“ ging es ihm immer wieder durch -den Sinn. „Das ist ja ganz wie im Traum,“ dachte er, „nur im Traum habe -ich zuweilen solche Schmach empfunden.“ Doch die Socken auszuziehen, war -ihm eine ganz besondere Qual, denn sie waren nicht ganz rein, und auch -die Unterbeinkleider waren es nicht, und jetzt konnten das alle sehen. -Doch vor allen Dingen liebte er seine Füße nicht; er hatte die beiden -großen Zehen aus irgendeinem Grunde sein ganzes Leben lang für -mißgestaltet gehalten, besonders den einen häßlichen, platten und -irgendwie dumm nach unten gebogenen Nagel der großen Zehe am rechten -Fuß. Jetzt würden das alle sehen! Vor unerträglicher Scham wurde er noch -gröber, und zwar absichtlich. Er riß sich selbst das Hemd vom Leibe. - -„Wollen Sie nicht noch wo nachsuchen, wenn Sie sich nicht schämen?“ - -„Nein, vorläufig ist dies nicht nötig.“ - -„Wie, und ich soll hier so nackend bleiben?“ schrie er sie wild an. - -„Ja, das ist vorläufig nicht zu ändern ... Setzen Sie sich solange, -bitte, hierher. Sie können sich in die Bettdecke einhüllen, wenn Sie -wollen, ich ... ich werde das jetzt fortbringen.“ - -Alle Sachen wurden den Zeugen gezeigt, man schrieb darauf das Ergebnis -der Besichtigung auf, und schließlich ging der Untersuchungsrichter -fort, und die Kleidungsstücke wurden ihm nachgetragen. Ihm folgte bald -nachher auch der Staatsanwalt. So blieben mit Mitjä nur die Bauern -zurück, die schweigsam ringsum standen und ihn nicht aus dem Auge -ließen. Mitjä hüllte sich in die Decke, ihn fror. Seine nackten Füße -baumelten über den Bettrand, und es wollte ihm in keiner Weise gelingen, -die Decke so umzunehmen, daß sie auch die Füße bedeckte. Der -Untersuchungsrichter blieb auffallend lange fort, „folternd lange“. „Der -Kerl behandelt mich ja wie ein Hundejunges,“ dachte Mitjä knirschend. -„Dieser Lump von Staatsanwalt ist gleichfalls hinausgegangen; bestimmt -aus Verachtung: es wird ihm ekelhaft geworden sein, einen Nackten -anzusehen.“ Mitjä war immer noch im Glauben, daß seine Kleider -inzwischen besichtigt wurden und man sie ihm bald zurückbringen werde. -Wie groß war daher sein Unwille, als Neljudoff plötzlich mit ganz -anderen Kleidern, die ein Bauer ihm nachtrug, zurückkam. - -„Da haben Sie jetzt auch die Kleider,“ sagte er gutgelaunt und -augenscheinlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis seines Ganges. „Herr -Kalganoff opfert in diesem interessanten Fall sowohl einen Anzug wie -auch ein reines Hemd für Sie. Zum Glück hatte er das alles im Koffer bei -sich. Ihre Unterkleider und die Socken können Sie behalten.“ - -Mitjä geriet außer sich, als er das hörte. - -„Ich will keine fremden Kleider!“ schrie er wütend, „geben Sie mir meine -eigenen!“ - -„Das ist unmöglich.“ - -„Geben Sie mir meine! – zum Teufel mit Kalganoff und seinen Kleidern, -und er selbst voran!“ - -Man mußte ihm lange zureden. Schließlich beruhigte er sich ein wenig. -Man erklärte ihm, daß seine Kleider, da sie mit Blut befleckt waren, als -Beweisstücke zurückbehalten werden mußten, daß man also nicht einmal das -Recht hätte, ihm seine Kleider wiederzugeben – „im Hinblick auf den -möglichen Ausgang der Sache“, was Mitjä denn auch zu guter Letzt -halbwegs einsah. Er verstummte finster und überwand sich allmählich so -weit, daß er sich ankleidete. Er bemerkte nur beim Anziehn der Kleider, -daß sie teurer waren als seine alten Kleider, und er sagte, daß er sich -nicht wolle „gnädig beschenken lassen“. Außerdem seien sie „beleidigend -eng“. „Soll ich etwa eine Vogelscheuche in ihnen spielen ... zu Ihrem -Ergötzen?“ - -Ihm wurde wieder zugeredet, daß es durchaus nicht so schlimm sei, daß er -auch hierin wieder übertreibe, daß Herr Kalganoff zwar von Wuchs ein -wenig größer sei, aber, wie gesagt, eben nur ein wenig, und daß -höchstens die Beinkleider vielleicht etwas zu lang wären. Der Rock aber -war in den Schultern tatsächlich zu eng. - -„Teufel, man kann ihn ja kaum zuknöpfen,“ brummte Mitjä wütend. „Haben -Sie die Güte, und lassen Sie Herrn Kalganoff unverzüglich sagen, daß -nicht ich ihn um seine Kleider gebeten habe ... daß ich gegen meinen -Willen zur Vogelscheuche aufgeputzt werde.“ - -„Herr Kalganoff begreift das sehr gut und bedauert ... das heißt, nicht -seine Kleider bedauert er, sondern diesen ganzen Vorfall,“ sagte -Neljudoff, nachlässig die Worte brummend. - -„Er kann sich selbst bedauern! – Nun, wohin jetzt? Oder soll ich immer -noch hier sitzen?“ - -Man bat ihn, wieder „in jenes Zimmer“ zu kommen. Mitjä trat finster vor -Ärger hinter dem Vorhange hervor und bemühte sich, niemanden anzusehen. -In den fremden Kleidern fühlte er sich wie beschimpft, sogar vor diesen -Bauern, vor dem Dorfschulzen und diesem Trifon Borissytsch, dessen -Gesicht flüchtig an der Tür auftauchte und verschwand. „Der wollte mich -wohl in den neuen Kleidern sehen,“ dachte Mitjä. Er setzte sich auf -seinen früheren Platz. Es kam ihm alles wie ein Albdruck, wie etwas ganz -Ungereimtes vor, und er glaubte einen Augenblick, den Verstand verloren -zu haben. - -„Nun, was kommt jetzt? – Rutenhiebe sind ja das einzige, was gerade noch -fehlte ...,“ sagte er, innerlich wutknirschend, zum Staatsanwalt. - -An den Untersuchungsrichter wollte er sich überhaupt nicht mehr wenden, -und er tat absichtlich, als hielte er es unter seiner Würde, mit ihm -noch zu sprechen. „Der Kerl hat meine Socken betrachtet, als wäre er -blind, und der Schuft hat noch absichtlich befohlen, die Socken -umzukehren, um allen zu zeigen, was für unsaubere Wäsche ich habe.“ - -„Jetzt werden wir wohl zum Verhör der Zeugen übergehen müssen,“ sagte -der Untersuchungsrichter, gleichsam als Antwort auf Mitjäs Frage. - -„Ja,“ sagte der Staatsanwalt nachdenklich, als ob er gleichfalls sich -noch einiges überlegte. - -„Wir haben alles getan, Dmitrij Fedorowitsch, was wir für Sie tun -konnten,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „nachdem wir aber bei -Ihnen auf eine so bestimmte Weigerung gestoßen sind, die Herkunft der -bei Ihnen befindlichen Summe zu erklären, so sehen wir uns in diesem -Augenblick ...“ - -„Was ist das für ein Stein?“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä, wie aus -tiefen Gedanken auffahrend, und er wies auf einen der großen Ringe, die -die rechte Hand Neljudoffs schmückten. - -„Stein?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter. - -„Ja, dieser dort ... der Ring am Mittelfinger, mit den Adern, was ist -das für ein Stein?“ fragte Mitjä ganz absonderlich gereizt und -eigensinnig wie ein kleines Kind. - -„Das ist ein Rauchtopas,“ sagte Neljudoff lächelnd, „wenn Sie ihn -besehen wollen, so werde ich ihn abnehmen ...“ - -„Nein, nein, nehmen Sie ihn nicht ab!“ schrie ihn Mitjä, der sich -plötzlich besonnen hatte und über sich selbst in Wut geriet, wild an. -„Nehmen Sie ihn nicht ab, es ist nicht nötig ... Teufel ... Meine -Herren, Sie haben meine Seele besudelt! Glauben Sie wirklich, ich würde -es vor Ihnen verheimlichen, wenn ich tatsächlich meinen Vater erschlagen -hätte? Glauben Sie, ich würde dann lügen, Winkelzüge machen und mich -verstecken? Nein, nie würde das Dmitrij Karamasoff tun, das würde er nie -ertragen, und wenn ich schuldig wäre, so, das schwöre ich Ihnen, würde -ich nicht bis zu Ihrer Ankunft und dem Sonnenaufgang gewartet haben, wie -ich es mir vorgenommen hatte, sondern hätte mich schon früher -vernichtet, ohne die Morgenröte zu erwarten! Das fühle ich. Oh, nicht in -zwanzig Jahren Leben habe ich so viel gelernt, wie ich in dieser einen -verfluchten Nacht gelernt habe! ... Und wäre ich denn so, so in dieser -Nacht gewesen, in diesem Augenblick jetzt hier auf dieser Stelle vor -Ihnen, – würde ich so sprechen, so mich bewegen, so Sie und die Welt -ansehen, wenn ich ein Vatermörder wäre ... während sogar der aus -Versehen begangene Todschlag Grigorijs mir diese ganze Nacht keine Ruhe -gegeben hat, – nicht etwa aus Angst, oh! nicht weil ich eine Strafe -gefürchtet hätte! Aber die Schmach! Und Sie verlangen, daß ich solchen -Spöttern wie Sie, die nichts sehen und nichts glauben, solchen blinden -Maulwürfen und Zynikern, auch noch diese neue Schändlichkeit, die ich -begangen habe, aufdecken und erzählen soll, daß ich noch diese neue -Schande aufdecken soll, selbst wenn mich das sofort von Ihrer -Anschuldigung befreien könnte? ... Lieber als Zwangsarbeiter nach -Sibirien! Wer die Tür zu meinem Vater geöffnet hat und durch diese Tür -eingetreten ist, der hat ihn auch erschlagen, der hat ihn auch -bestohlen! Wer das gewesen ist – ich weiß es nicht, und es quält mich, -daß ich es nicht weiß, ich weiß nur eines: _Dmitrij Karamasoff ist es -nicht gewesen_, das sage ich Ihnen! – Und das ist alles, was ich Ihnen -sagen kann, doch genug, genug, lassen Sie mich jetzt in Ruhe ... -Verschicken Sie mich, köpfen Sie mich, aber nur reizen Sie mich nicht -mehr. Ich habe mein letztes Wort gesprochen. Rufen Sie Ihre Häscher.“ - -Mitjä hatte gesprochen, als wäre er fest entschlossen, nichts mehr zu -sagen. Der Staatsanwalt hatte ihn die ganze Zeit scharf beobachtet, und -kaum war Mitjä verstummt, da sagte er mit der kältesten und ruhigsten -Miene, als handelte es sich um die gleichgültigsten Dinge: - -„Gerade in bezug auf diese offene Tür, an die Sie soeben erinnerten, -können wir Ihnen sehr zur rechten Zeit, nämlich gerade jetzt, eine -Aussage des alten Grigorij Wassiljewitsch mitteilen, die für uns wie für -Sie von großer Bedeutung ist. Der alte Diener, den Sie verletzt haben, -hat uns auf unsere Fragen hin mitgeteilt, und zwar auf das bestimmteste, -daß bereits in dem Augenblick, als er auf das Geräusch hin, das er, auf -der Treppe stehend, im Garten zu vernehmen geglaubt hatte, zum Pförtchen -gegangen und durch dieses offenstehende Pförtchen in den Garten -eingetreten war – daß ihm bereits damals, noch bevor er Sie in der -Dunkelheit laufen gesehen hatte, auf den ersten Blick nach links das -hellerleuchtete offene Fenster und _zu gleicher Zeit_ die viel näher zu -ihm liegende _offene_ Tür aufgefallen sei, dieselbe Tür, von der Sie -behaupten, daß sie während der ganzen Zeit Ihres Aufenthaltes im Garten -geschlossen gewesen sei. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß -Grigorij Wassiljewitsch auf das bestimmteste überzeugt ist, Sie seien -aus dieser Tür herausgelaufen, obgleich er Sie natürlich nicht -herauslaufen gesehen hat, da Sie erst in einiger Entfernung, inmitten -des Gartens zum Zaun laufend, vor ihm aufgetaucht sind ...“ - -Mitjä war schon in der Mitte der Rede aufgesprungen. - -„Unsinn!“ brüllte er plötzlich außer sich auf. „Das ist ein schändlicher -Betrug! Er konnte keine offene Tür sehen, denn sie war damals -geschlossen ... Er lügt!“ - -„Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß er diese Aussage -nur infolge seiner festen Überzeugung gemacht hat. Er schwankt nicht, er -besteht darauf. Wir haben ihm die Frage mehrmals aufs schärfste -gestellt.“ - -„Ja, auch ich habe ihn mehreremal ausdrücklich danach gefragt,“ -bestätigte eifrig der Untersuchungsrichter. - -„Das ist nicht wahr, das ist aber doch nicht wahr! Das ist entweder eine -Verleumdung oder die Halluzination eines Verrückten,“ schrie Mitjä, „es -hat ihm einfach so geschienen, im Fieber von der Wunde, nach dem -Blutverlust, als er erwachte ... und so phantasiert er noch jetzt.“ - -„Schön, aber er hat ja die offene Tür nicht nach der Verletzung am Zaun, -als er später zu sich kam, sondern vorher, als er in den Garten trat, -gesehen.“ - -„Aber das kann nicht sein, das ist unmöglich! Das sagt er aus Haß gegen -mich, er will mich verleumden ... Er hat das nicht sehen können ... Ich -bin nicht durch die Tür gegangen ...“ beteuerte Mitjä atemlos. - -Da wandte sich der Staatsanwalt zum Untersuchungsrichter und sagte ihm -bedeutsam: - -„Zeigen Sie es.“ - -„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte jener, indem er ein großes -Kuvert von dickem Papier in Kanzleiformat auf den Tisch legte. Auf der -anderen Seite desselben waren noch drei rote Siegel zu sehen. Das Kuvert -aber war leer und an einer Seite aufgerissen. - -Mitjä starrte es mit weit aufgerissenen Augen an. - -„Das ... das wird wohl das Kuvert vom Vater sein,“ murmelte er, „– -dasselbe, in dem diese Dreitausend lagen ... und wenn die Aufschrift, -erlauben Sie: ‚und Küchelchen‘ ... da! – Dreitausend!“ schrie er auf, -„Dreitausend, sehen Sie hier?“ - -„Natürlich sehen wir es, aber das Geld haben wir nicht mehr im Kuvert -gefunden, es war leer und lag auf dem Fußboden, gleich vor dem Bett -hinter dem Schirm.“ - -Einige Sekunden lang stand Mitjä wie vom Schlage gerührt. - -„Meine Herren, das ist Ssmerdjäkoff!“ schrie er plötzlich laut. „Der hat -ihn erschlagen, der hat ihn auch bestohlen! Nur er allein wußte es, wo -das Kuvert beim Vater versteckt war ... Er ist es gewesen, das ist jetzt -klar!“ - -„Aber auch Sie wußten doch um das Kuvert, und daß es unter dem -Kopfkissen lag.“ - -„Niemals habe ich das gewußt! Ich habe es doch niemals gesehen, erst -jetzt sehe ich es zum erstenmal. Ich hatte nur durch Ssmerdjäkoff davon -gehört ... Er allein wußte, wo der Vater das Kuvert versteckt hatte, ich -aber habe es überhaupt nicht gewußt ...“ rief Mitjä atemlos. - -„Aber Sie haben es uns doch selbst vorhin gesagt, daß das Kuvert bei -Ihrem verstorbenen Vater unter dem Kopfkissen gelegen habe. Sie sagten -gerade unter dem Kopfkissen, folglich haben Sie doch gewußt, wo es -gelegen hat.“ - -„So haben wir es auch niedergeschrieben!“ bestätigte der -Untersuchungsrichter. - -„Unsinn! Blödsinn! Ich habe durchaus nicht gewußt, daß es unter dem -Kopfkissen lag. Ja, vielleicht hat es dort überhaupt nicht gelegen ... -Ich habe es ganz aufs Geratewohl gesagt, daß es unter dem Kissen gewesen -sei ... Aber was sagt Ssmerdjäkoff? Haben Sie ihn gefragt, wo es gelegen -hat? Was sagt Ssmerdjäkoff? Das ist das Wichtigste ... Ich habe es mir -einfach auf den Hals gelogen ... Ich habe es gelogen, ganz unüberlegt -habe ich es gesagt, daß es unter dem Kissen gelegen habe, und Sie -glauben jetzt ... Gott, Sie wissen doch, wie sich einem plötzlich etwas -von der Zunge reißt, ohne zu wollen, spricht man es aus, ganz von selbst -sagt es sich! Gewußt aber hat es nur Ssmerdjäkoff, nur Ssmerdjäkoff -allein und sonst niemand! ... Er hat auch mir gesagt, wo es lag! Aber -das ist er, er! Er hat es getan, ganz zweifellos hat er es getan; das -ist mir jetzt so klar wie das Sonnenlicht!“ rief außer sich Mitjä, der -verzweifelnd überzeugen wollte und zusammenhanglos sich wiederholte und -überstürzte. „So begreifen Sie doch, und verhaften Sie ihn, nur -schneller, schneller ... Er hat ihn erschlagen, als ich fortgelaufen war -und Grigorij bewußtlos am Boden lag, das ist doch jetzt klar ... Er hat -das Zeichen gegeben, und der Vater hat ihm die Tür aufgemacht ... Denn -nur er allein kannte die Zeichen, wie mein Vater glaubte, und ohne -Zeichen hätte mein Vater nie, nie die Tür aufgemacht ...“ - -„Sie vergessen aber wieder den einen Umstand,“ bemerkte mit derselben -ruhigen Zurückhaltung, doch diesmal bereits wie mit dem Anflug eines -Triumphgefühls der Staatsanwalt, „daß es überflüssig war, die Zeichen zu -geben, wenn die Tür schon offen stand, als Sie noch im Garten waren ...“ - -„Die Tür, die Tür ...“ murmelte Mitjä und starrte wortlos den -Staatsanwalt an; kraftlos sank er wieder auf den Stuhl. - -Alle schwiegen. - -„Ja, die Tür! ... Das ist ein Phantom! Gott ist gegen mich! Gott der -Herr ist gegen mich!“ rief Mitjä aus, mit sinnlos gewordenem Blick vor -sich hinstarrend. - -„Nun sehen Sie,“ begann wichtig der Staatsanwalt, „Sie sehen doch jetzt -selbst ein, Dmitrij Fedorowitsch: einerseits haben wir diese Aussage -über die offene Tür, aus der Sie herausgelaufen sein müssen, – eine -Aussage, die sowohl uns wie Sie stutzig macht; und anderseits – Ihr -unbegreifliches, hartnäckiges und fast verzweifeltes Schweigen in -betreff der Herkunft des Geldes, das sich plötzlich in Ihren Händen -befindet, während Sie noch vor drei Stunden nach Ihrer eigenen Aussage -Ihre Pistolen versetzt haben, um wenigstens zehn Rubel zu bekommen! Nun -urteilen Sie im Hinblick auf diese Tatsache selbst: An was sollen wir -glauben, und an was uns halten? Und werfen Sie uns nicht vor, daß wir -‚kalte Zyniker und Spötter‘ seien, die nicht imstande sind, den edlen -Ausbrüchen Ihres Herzens zu glauben ... Versuchen Sie, sich in unsere -Lage zu versetzen und die Dinge von unserem Standpunkte aus zu -betrachten ...“ - -Mitjä befand sich in unbeschreiblicher Erregung, er war ganz bleich -geworden. - -„Gut!“ rief er plötzlich, „ich werde Ihnen mein Geheimnis aufdecken, ich -werde Ihnen sagen, woher ich das Geld genommen habe! ... Ich werde meine -Schmach aufdecken, um nachher weder Sie noch mich anklagen zu müssen.“ - -„Glauben Sie mir, Dmitrij Fedorowitsch,“ fiel sofort mit fast freudig -gerührter Stimme Neljudoff ein, „daß jedes aufrichtige und volle -Bekenntnis Ihrerseits, das Sie jetzt beim ersten Verhör ablegen, -späterhin einen großen Einfluß auf Ihr Los und seine Wendung zum Guten -haben kann und sogar ...“ - -Doch der Staatsanwalt stieß ihn unbemerkt unter dem Tisch an, und so -konnte der andere noch rechtzeitig verstummen. Mitjä hatte übrigens gar -nicht gehört, was jener sprach. - - - VII. - Mitjäs großes Geheimnis - -„Meine Herren,“ begann er immer noch in derselben Aufregung, „dieses -Geld ... ich will alles eingestehen ... dieses Geld gehörte mir.“ - -Beim Staatsanwalt und Untersuchungsrichter wurden sogar die Gesichter -länger: nicht das hatten sie erwartet. - -„Wieso gehörte es Ihnen,“ stotterte Neljudoff, „da Sie doch noch um fünf -Uhr desselben Tages nach Ihrer eigenen Aussage ...“ - -„Ach, zum Teufel mit fünf Uhr desselben Tages und eigene Aussage, nicht -darum handelt es sich jetzt! Dieses Geld gehörte _mir, mir_, das heißt, -es war von mir gestohlen ... das heißt also, es war nicht mein Geld, -sondern gestohlenes, von mir gestohlenes Geld, und zwar waren es -tausendfünfhundert Rubel, die ich die ganze Zeit bei mir hatte ...“ - -„Aber von wo hatten Sie das Geld denn hergenommen?“ - -„Vom Halse, meine Herren, hatte ich es hergenommen, hier von diesem -Halse ... in ein Stück Zeug eingenäht, hing es an meinem Halse, schon -lange, einen Monat lang, ja, so lange habe ich es in Schmach und Schande -mit mir herumgetragen.“ - -„Aber von wem haben Sie es denn ... sich angeeignet?“ - -„Sie wollten wohl sagen: gestohlen? Sprechen Sie nur das Wort deutlich -aus. Denn für mich ist es ebensogut, als hätte ich es gestohlen. Wenn -Sie aber wollen, so habe ich es mir – angeeignet. Meiner Meinung nach -habe ich es gestohlen. Und gestern abend, da stahl ich es denn auch in -der Tat.“ - -„Gestern abend? Aber Sie sagten doch soeben, Sie hätten das Geld schon -vor einem Monat ... erhalten!“ - -„Ja, aber nicht vom Vater, nicht von meinem Vater, beunruhigen Sie sich -nicht, nicht von meinem Vater habe ich es gestohlen, sondern von ihr. -Lassen Sie mich alles ruhig erzählen. Unterbrechen Sie mich nicht. Das -ist doch schwer ... Sehen Sie: ungefähr vor einem Monat rief, mich -Katerina Iwanowna Werchoffzewa zu sich, meine gewesene Braut ... Kennen -Sie sie?“ - -„Wie sollten wir nicht, natürlich.“ - -„Ich weiß, daß Sie sie kennen. Sie hat die edelste Seele, die edelste -aller edlen, doch haßt sie mich schon lange, lange ... und ich habe es -verdient, oh, und wie noch, wie verdient!“ - -„Katerina Iwanowna?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter. - -Auch der Staatsanwalt starrte ihn verwundert an. - -„Oh, sprechen Sie ihren Namen nicht unnütz aus! Ich bin ein Schuft, daß -ich sie nenne. Ja, ich habe wohl gesehen, wie sehr sie mich haßt ... -schon lange, schon seit jenem ersten Tage, seit jener ersten Begegnung -dort in meiner Wohnung ... Doch genug, genug davon, Sie sind nicht -würdig, davon auch nur etwas zu wissen, und das ist auch gar nicht nötig -... Zur Sache gehört nur, daß sie mich vor ungefähr einem Monat zu sich -rief, mir dreitausend Rubel einhändigte, damit ich sie ihrer Schwester -und noch einer Verwandten nach Moskau schickte – als ob sie es nicht -selbst tun konnte! ... und ich ... das war gerade in jener -Schicksalsstunde meines Lebens, als ich ... nun, mit einem Wort, als ich -mich gerade in eine andere verliebt hatte, in _sie_, in _sie_, die jetzt -dort unten sitzt, Gruschenka ... Ich brachte sie damals hierher, nach -Mokroje, und brachte hier in zwei Tagen die Hälfte dieser verfluchten -Dreitausend durch, das heißt also tausendfünfhundert Rubel, und die -andere Hälfte behielt ich zurück. Nun, und diese anderen -Tausendfünfhundert, die ich zurückbehalten hatte, trug ich an meinem -Halse, als Amulett ... Gestern abend aber habe ich das Geld vom Halse -abgerissen und habe es durchgebracht. Der Rest von achthundert Rubeln, -den Sie, Nikolai Parfenowitsch, jetzt an sich genommen haben, ist alles, -was von den Tausendfünfhundert noch übriggeblieben ist.“ - -„Erlauben Sie, wie denn das? Sie haben doch damals hier vor einem Monat -Dreitausend und nicht Tausendfünfhundert durchgebracht! Das wissen doch -alle!“ - -„So, wer weiß es denn? Wer hat das Geld gezählt? Wem habe ich es zu -zählen gegeben?“ - -„Aber hören Sie mal, Sie haben doch selbst allen gesagt, daß Sie runde -Dreitausend durchgebracht haben.“ - -„Das ist wahr, daß ich es allen gesagt habe, ich habe es sogar der -ganzen Stadt gesagt, und die ganze Stadt hat es nachgesprochen, und alle -glaubten es, und auch hier in Mokroje glaubt man, daß es Dreitausend -gewesen sind. Nur habe ich trotzdem nicht mehr als anderthalb Tausend -hier verpraßt und die anderen anderthalb Tausend in das Zeugstück -eingenäht. Sehen Sie, meine Herren, wie es war, woher ich dieses Geld -...“ - -„Das ... das ist ganz wunderbar ...“ stotterte Neljudoff. - -„Gestatten Sie zu fragen,“ sagte schließlich der Staatsanwalt, „haben -Sie wenigstens irgend jemandem von diesem Umstande früher Mitteilung -gemacht ... das heißt, daß Sie die anderen anderthalb Tausend damals vor -einem Monat zurückbehalten hatten?“ - -„Nein, ich habe niemandem etwas davon gesagt.“ - -„Das ist sonderbar. Und Sie wissen genau, daß Sie es wirklich keinem -einzigen Menschen gesagt haben?“ - -„Keinem einzigen Menschen. Niemandem, niemandem.“ - -„Aber warum denn dieses Schweigen darüber? Was veranlaßte Sie, das so -geheimzuhalten? Ich werde mich deutlicher aussprechen: Sie haben uns -also Ihr Geheimnis aufgedeckt, das nach Ihren Worten so schmachvoll sein -soll, obgleich im Grunde – natürlich nur relativ gesprochen – diese -Handlung, das heißt, die Aneignung fremden Geldes, und dazu noch -selbstverständlich nur eine zeitweilige Aneignung, obgleich diese -Handlung – wenigstens meines Erachtens – nur eine äußerst leichtsinnige -Handlung ist und längst nicht so schmachvoll – wenn man außerdem noch -Ihren Charakter in Betracht zieht ... Oder nennen wir sie sogar im -höchsten Grade tadelnswert und so weiter, – so ist es deswegen noch -nicht eine weiß Gott wie schmachvolle Tat ... Sehen Sie, ich meine das -so: Daß diese dreitausend Rubel Fräulein Werchoffzeff gehörten, das -hatten in diesem Monat schon viele ohne Ihr Eingeständnis erraten, und -auch ich habe schon früher von diesem Gerücht gehört ... Michail -Makarowitsch hat es gleichfalls gehört. Kurz, dieses Gerücht war in der -letzten Zeit ein bereits allbekannter Stadtklatsch. Und zudem sollen -auch Sie, wenn ich mich nicht täusche, einem Herrn eingestanden haben, -daß Sie dieses Geld von Fräulein Werchoffzeff erhalten hätten ... Darum -nun wundert es mich, daß Sie bis jetzt, das heißt bis zum gegenwärtigen -Augenblick, aus dieser – nach Ihren Worten – zurückgelegten Summe von -tausendfünfhundert Rubeln ein so großes Geheimnis gemacht haben, und daß -Sie die Aufdeckung dieses Geheimnisses vorhin für eine so große Schmach -hielten ... Es ist unwahrscheinlich, daß das Eingeständnis _dieses_ -Geheimnisses Ihnen so viel Qual bereitet hätte ... Sie sagten doch noch -vor einer Minute, daß Sie eher als Zwangsarbeiter nach Sibirien gehen -als das Geheimnis aufdecken würden ...“ - -Der Staatsanwalt verstummte. Er war in Hitze geraten und hatte seinen -Ärger, wenn nicht seine Wut zu verbergen vergessen. Es hatte sich zuviel -davon in ihm angesammelt, und so hatte er denn auch nicht mehr an schöne -Redewendungen gedacht, sondern fast verwirrt gesprochen. - -„Nicht in den Anderthalbtausend lag die Schmach, sondern darin, daß ich -diese Anderthalbtausend von jenen Dreitausend abgeteilt hatte,“ sagte -Mitjä mit fester Überzeugung. - -„Aber wie denn,“ fragte der Staatsanwalt gereizt auflachend, „was ist -denn dabei so schmachvoll, wenn Sie von bereits tadelnswert oder, wenn -Sie wollen, meinetwegen auch schmachvoll angeeigneten Dreitausend die -Hälfte nach Ihrem Ermessen abgeteilt haben? Viel wichtiger ist doch, daß -Sie sich diese Dreitausend angeeignet haben, als das, was Sie mit ihnen -nachher getan haben. Übrigens, warum haben Sie denn diese Hälfte -abgeteilt? Wozu, zu welchem Zweck haben Sie das getan – können Sie es -uns sagen?“ - -„Oh, meine Herren, in dem Zweck liegt ja doch die ganze Schmach!“ rief -Mitjä. „Aus Berechnung habe ich die Anderthalbtausend abgeteilt, und -diese Berechnung ist ja die ganze Gemeinheit ... Und diese Gemeinheit -habe ich einen ganzen Monat mit mir herumgetragen!“ - -„Das begreife ich nicht.“ - -„Dann wundere ich mich über Sie. Aber es ist wahr, ich werde mich -deutlicher erklären müssen; es ist vielleicht wirklich nicht ganz klar. -Hören Sie und passen Sie auf: Ich eigne mir dreitausend Rubel an, die -mir, die meiner Ehre anvertraut waren, und ich bringe das ganze Geld in -einer Nacht durch und komme am nächsten Morgen zu ihr und sage: ‚Katjä, -ich bin schuldig, ich habe deine Dreitausend durchgebracht.‘ Nun, was, -ist das schön? Nein, das ist nicht schön, – es ist unehrlich und -schlecht, ich bin ein Tier oder ein Mensch, der sich sowenig bezwingen -kann, daß er tierisch wird, nicht wahr? Aber ich bin doch deswegen noch -kein Dieb? Doch kein bewußter Dieb, doch kein Dieb, der aus Berechnung -stiehlt, das müssen Sie mir doch zugeben! Ich habe das Geld -durchgebracht, aber ich habe es nicht gestohlen! Jetzt nehmen wir den -zweiten noch vorteilhafteren Fall. Geben Sie gut acht auf mich, ich -könnte womöglich wieder aus dem Konzept kommen. – Der Kopf geht mir -irgendwie ganz absonderlich rund. – Also der zweite Fall: ich verprasse -hier nur Anderthalbtausend, also die Hälfte. Am folgenden Tage gehe ich -zu ihr und bringe ihr die zweite Hälfte zurück: ‚Katjä, nimm diese -Hälfte von mir, dem Scheusal und leichtsinnigen Schufte, wieder zurück -und schicke sie selbst nach Moskau, denn die eine Hälfte habe ich in -dieser Nacht durchgebracht, also würde ich wahrscheinlich auch mit der -zweiten Hälfte dasselbe tun; nimm es, um mich davor zu bewahren.‘ Nun, -was wäre ich in diesem Falle? Natürlich alles mögliche, ein Tier und ein -leichtsinniger Mensch, aber immerhin doch kein Dieb, kein -ausgesprochener Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich bestimmt -nicht den Rest zurückgebracht, sondern auch ihn mir angeeignet haben. So -müßte sie sich doch sagen, daß ich, wenn ich den Rest so bald -zurückgebracht habe, dann auch das andere Geld, das durchgebrachte, -zurückbringen würde, daß ich mein Leben lang nur darauf bedacht sein -würde, dafür arbeiten würde – jedenfalls aber das Geld mir verschaffen -und ihr abgeben würde. So bin ich dann wohl ein Schuft, aber kein Dieb, -kein Dieb, sagen Sie, was Sie wollen, aber kein Dieb!“ - -„Nun ja, zugegeben, daß das ein gewisser Unterschied ist,“ sagte mit -kaltem Lächeln der Staatsanwalt, „so ist doch sonderbar, daß Sie darin -einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied sehen.“ - -„Ja, ich sehe darin einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied! Ein -Schuft kann jeder sein, und das ist auch, genau genommen, ein jeder. Ein -Dieb aber kann nicht jeder sein, sondern nur ein Erzschuft. Ach, nun, -ich verstehe nicht, mich da, wie es sich gehört, mit allen Feinheiten -auszudrücken ... Ich meine, ein Dieb ist gemeiner als ein Schuft, ja, -das ist meine Überzeugung. So hören Sie denn: Ich trage das Geld einen -ganzen Monat mit mir herum, morgen aber kann ich mich entschließen, es -abzugeben, und dann bin ich kein Schuft mehr ... und da kann ich mich -nun nicht dazu entschließen, obwohl ich mir jeden Tag sage: ‚Entschließe -dich, entschließe dich, Schuft‘, und so kann ich mich einen ganzen Monat -lang nicht entschließen! Ist das nun schön, ist das, Ihrer Meinung nach, -nun etwa schön?“ - -„Nun ja, das ist allerdings nicht gerade schön, das begreife ich sehr -wohl, aber darüber streite ich auch nicht,“ sagte der Staatsanwalt, -diesmal wieder zurückhaltend. „Und überhaupt wollen wir jede Erörterung -über diese Feinheiten und Unterschiede vorläufig beiseite lassen, und, -wenn es Ihnen gefällig ist, zum Sachlichen übergehen. Das aber wäre, -wenn Sie uns jetzt erklären wollten, was Sie noch nicht getan haben, -obgleich von uns die Frage schon gestellt worden ist: Warum teilten Sie -zuerst das Geld, das heißt, warum wollten Sie die eine Hälfte der ganzen -Summe aufbewahren, wenn Sie die andere hier verzettelten? Wozu, speziell -zu welchem Zweck gedachten Sie diese anderen Anderthalbtausend zu -verwenden? Ich bestehe ganz besonders auf dieser Frage, Dmitrij -Fedorowitsch.“ - -„Ach, ja, in der Tat!“ rief Mitjä und schlug sich vor die Stirn. -„Verzeihen Sie, ich erschwere Ihnen nur das Verständnis und vergesse -ganz das Hauptsächliche zu erklären, sonst hätten Sie ja auch sofort -begriffen, denn in diesem Zweck, in diesem Zweck liegt ja gerade die -Schmach! Sehen Sie, hier kam immer der Alte dazwischen, der Verstorbene, -und belästigte immer Agrafena Alexandrowna, und ich war eifersüchtig, da -ich glaubte, daß sie zwischen mir und ihm schwankte. Und so dachte ich -denn jeden Tag: Was aber dann, wenn sie sich plötzlich entscheidet, wenn -sie müde wird, mich zu quälen und mir plötzlich sagt: ‚Dich liebe ich -und nicht ihn, bring mich sofort ans Ende der Welt,‘ und ich habe dann -nur zwei Zwanziger in der Tasche, was soll ich dann tun, womit sie -fortbringen? – Dann wäre ich doch verloren gewesen! Ich kannte sie doch -damals noch nicht und verstand sie auch nicht, ich glaubte, daß sie nur -Geld haben wollte, und daß sie mir meine Armut nicht verzeihen würde. -Und da zähle ich denn tückisch die Hälfte von den Dreitausend ab und -nähe sie kaltblütig mit der Nadel ein, nähe sie mit Berechnung ein, nähe -sie bei völliger Nüchternheit ein, und erst darauf, nachdem ich sie -eingenäht habe, fahre ich hinaus, um nun die andere Hälfte zu -verprassen! Das, meine Herren, das ist eine Gemeinheit! Haben Sie es -jetzt begriffen?“ - -Der Staatsanwalt lachte schallend auf und der Untersuchungsrichter -gleichfalls. - -„Meiner Meinung nach ist das sogar sehr vernünftig und sittlich, daß Sie -sich gemäßigt und nicht alles durchgebracht haben,“ meinte immer noch -lachend der Untersuchungsrichter, „denn was ist denn schließlich dabei?“ - -„Das ist dabei, daß ich gestohlen habe, begreifen Sie das doch endlich! -O Gott, Sie entsetzen mich durch Ihren Mangel an Verständnis! Die ganze -Zeit, während der ich diese Tausendfünfhundert auf meiner Brust -eingenäht trug, sagte ich mir an jedem Tage und in jeder Stunde: ‚Du -bist ein Dieb, du bist ein Dieb!‘ Deswegen wütete ich doch den ganzen -Monat, deswegen suchte ich doch Händel im Gasthaus, deswegen verprügelte -ich doch meinen Vater, weil ich mich als Dieb fühlte! Selbst dem -Aljoscha, meinem jüngsten Bruder, konnte ich mich nicht entschließen, -von diesen Tausendfünfhundert etwas zu sagen: dermaßen fühlte ich, daß -ich ein Schuft und ein Taschendieb war! Aber wissen Sie, meine Herren, -daß ich trotzdem die ganze Zeit, während der ich das Geld auf meiner -Brust trug, an jedem Tage und in jeder Stunde mir noch sagen konnte: -‚Nein, Dmitrij Karamasoff, du bist vielleicht doch kein Dieb.‘ Und warum -nicht? – ‚Weil du morgen hingehen und Katjä die Tausendfünfhundert -zurückgeben kannst!‘ Und erst gestern entschloß ich mich, dieses -eingenähte Geld von meinem Halse zu reißen, als ich von Fenjä zu -Perchotin ging, bis dahin hatte ich es nicht fertig gebracht. In -demselben Augenblick erst, in dem ich das tat, wurde ich endgültig ein -unbestreitbarer Dieb, fürs ganze Leben ein Dieb und ein ehrloser Mensch. -Warum? Weil ich zusammen mit diesem Zeuge, in dem das Geld eingenäht -war, auch meinen Vorsatz zerriß, zu Katjä zu gehen und ihr zu sagen: -‚Ich bin ein leichtsinniger Schuft, aber kein Dieb!‘ Begreifen Sie es -jetzt, begreifen Sie es?“ - -„Warum entschlossen Sie sich denn gerade gestern abend dazu?“ fragte der -Untersuchungsrichter. - -„Warum? Lächerlich, das noch zu fragen! – Weil ich mich zum Tode -verurteilt hatte, weil ich beschlossen hatte, mich um fünf Uhr morgens -hier in Mokroje bei Sonnenaufgang zu erschießen. ‚Es ist doch einerlei,‘ -dachte ich, ‚ob ich als Schuft oder als Ehrenmann sterbe!‘ Aber nein, -das ist doch nicht einerlei, wie sich erwiesen hat! Werden Sie mir -glauben, meine Herren, nicht das quälte mich heute nacht am meisten, daß -ich den alten Diener erschlagen hatte und mir Sibirien drohte – und noch -dazu wann? in demselben Augenblick, nachdem sie mir gesagt hatte, daß -sie mich liebe, nachdem sich der Himmel wieder über mir aufgetan! Oh, -das quälte wohl auch, aber doch nicht so ... doch nicht so, wie dieses -verfluchte Bewußtsein, daß ich von meinem Halse _doch_ dieses verfluchte -Geld abgerissen und verschleudert hatte, daß ich – endgültig ein Dieb -war! Oh, meine Herren, ich sage es Ihnen nochmals mit meinem Herzblut: -Viel habe ich in dieser Nacht erkannt! Ich erkannte, daß als Schuft -nicht nur zu leben unmöglich ist, sondern daß man als Schuft nicht -einmal sterben kann ... Nein, meine Herren, sterben muß man ehrenhaft! -...“ - -Mitjä war sehr bleich. Er sah erschöpft und gemartert aus, obschon er -aufs äußerste erregt war. - -„Ich fange an, Sie zu begreifen, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte langsam, -mit weicher, fast mitleidiger Stimme der Staatsanwalt. „Aber alles das, -verzeihen Sie, sind meiner Meinung nach nur Nerven ... sind Ihre -angegriffenen Nerven und weiter nichts. Warum sind Sie denn, um sich von -diesen Qualen zu befreien, und anstatt sich einen ganzen Monat damit -weiterzuquälen, mit den tausendfünfhundert Rubeln nicht zu jener Dame -gegangen, die sie Ihnen zuerst eingehändigt hatte? um ihr das Geld -zurückzugeben und dann, nachdem Sie sich mit ihr ausgesprochen hätten, -ihr alles zu erklären? und um schließlich, angesichts Ihrer damaligen -Lage, die Sie uns doch so verzweifelt geschildert haben, ein anderes -Arrangement zu versuchen, eines, das sich einem ganz von selbst -aufdrängt ... nämlich – nach dem edelmütigen Bekenntnis aller Ihrer -Fehler ... kurz, warum hätten Sie nicht die Summe, die Sie für Ihre -Ausgaben nötig hatten, von ihr erbitten sollen? – eine Summe, die sie -angesichts Ihrer Verzweiflung in ihrer großen Herzensgüte Ihnen bestimmt -nicht verweigert haben würde, besonders wenn Sie dafür ein Dokument -ausgestellt hätten oder sagen wir, selbst wenn Sie jene Rechte auf Ihr -Eigentum, die Sie dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff -angeboten haben, auf sie übertragen hätten? Sie halten doch diese Rechte -noch bis auf den heutigen Tag für so viel wert?“ - -Mitjä schoß das Blut ins Gesicht. - -„Ist das möglich, daß Sie mich wirklich für einen solchen Schuft halten? -Sie haben das doch nicht im Ernst gesagt, das kann doch nicht sein!“ -rief er empört aus, und er blickte dem Staatsanwalt in die Augen, als -könnte er nicht an das glauben, was er von ihm gehört hatte. - -„Ich versichere Sie, daß ich es im Ernst gesagt habe ... Warum glauben -Sie, daß es nicht im Ernst gemeint sein könnte?“ fragte der Staatsanwalt -seinerseits verwundert. - -„Oh, wie gemein das gewesen wäre! Meine Herren, wissen Sie auch, wie Sie -mich quälen! Aber, es sei drum, ich werde Ihnen alles sagen, ich werde -Ihnen meine ganze Gemeinheit eingestehen ... ich tue es, um gerade Sie -dadurch zu beschämen, und Sie werden sich selbst wundern, bis zu welch -einer Niedrigkeit die menschlichen Gefühle in Ihren Kombinationen sinken -können. So hören Sie denn, daß auch ich daran gedacht habe, an genau -dasselbe, was Sie soeben aussprachen, Herr Staatsanwalt! Ja, meine -Herren, auch ich habe diesen Gedanken gehabt in diesem letzten Monat, so -daß ich mich fast schon entschloß, zu Katjä zu gehen, ja, dermaßen -gemein war ich! Doch zu ihr zu gehen, ihr meine Untreue einzugestehen -und auf Grund dieses Verrates, zur Ausführung dieses Verrates, für die -bevorstehenden Ausgaben dieses Verrates, von ihr, ihr selbst, von Katjä, -das Geld zu bitten – zu bitten, hören Sie, zu bitten! – und dann sie -sofort zu verlassen und mit der anderen fortzufahren, mit ihrer -Gegnerin, die sie haßt, und durch die sie beleidigt worden ist, und wie -noch beleidigt, – Sie sind verrückt geworden, Herr Staatsanwalt!“ - -„Verrückt oder nicht verrückt, aber, es ist wahr, ich bedachte im -Augenblick nicht ... daß hierbei die weibliche Eifersucht in Frage kam -... wenn wirklich von Eifersucht die Rede sein konnte, wie Sie behaupten -... das heißt, es konnte sich hierbei allerdings um etwas Derartiges -handeln,“ meinte der Staatsanwalt lächelnd. - -„Das aber wäre doch eine solche Gemeinheit gewesen!“ – Mitjä schlug fast -rasend vor Zorn mit der Faust krachend auf den Tisch – „das hätte denn -doch dermaßen gestunken, daß, daß ... ich weiß nicht, wie ich das nennen -soll! Und wissen Sie auch, daß sie imstande gewesen wäre, mir dieses -Geld tatsächlich zu geben, sie hätte es getan, hätte es sogar bestimmt -getan, aus Rache hätte sie es gegeben, zur Stillung ihres Rachedurstes, -aus Verachtung zu mir hätte sie es gegeben. Denn auch sie ist eine -infernale Seele, ein Weib, das mächtigen Zornes fähig ist! Ich aber -würde das Geld angenommen haben, oh, ich würde es genommen haben, und -dann würde ich mein ganzes Leben lang ... o Gott! Verzeihen Sie, meine -Herren, ich schreie ja nur deswegen so, weil ich diesen Gedanken noch -vor kurzem tatsächlich gehabt habe, vor drei Tagen noch, als ich mich -mit dem Ljägawyj herumplagte, und dann noch gestern, ja, noch gestern, -den ganzen Tag gestern, ich weiß noch ganz genau, die ganze Zeit gestern -bis zu jenem Vorfall ...“ - -„Bis zu welchem Vorfall?“ griff der Untersuchungsrichter sofort auf, -doch Mitjä überhörte die Frage. - -„Ich habe Ihnen ein furchtbares Bekenntnis abgelegt,“ sagte er finster. -„So schätzen Sie es doch, meine Herren. Nein, das wäre zu wenig, zu -wenig, zu wenig ist es, das nur zu schätzen, – heilig halten sollen Sie -es! ... Wenn Sie es aber nicht tun, wenn auch das an Ihren Seelen -vorübergeht, ohne sie zu berühren, dann ... dann achten Sie mich ja -überhaupt nicht, meine Herren, das sage ich Ihnen, und ich ... ich werde -vergehen vor Schande, daß ich es solchen Menschen bekannt habe, wie Sie -sind! Oh, ich werde mich erschießen! Ja, ich sehe ja schon, daß Sie mir -nicht glauben, ich sehe es, ich sehe es! Wie, auch das wollen Sie -niederschreiben?“ rief er plötzlich angstvoll. - -„Ja, das, was Sie soeben geäußert haben,“ sagte der -Untersuchungsrichter, der ihn verwundert betrachtete, „daß Sie bis zum -letzten Augenblick noch daran gedacht haben, zu Fräulein Werchoffzeff zu -gehen, um sie um diese Summe zu bitten ... Glauben Sie mir, das ist eine -Aussage von großer Wichtigkeit für uns, Dmitrij Fedorowitsch, über -diesen ganzen Vorfall ... und besonders für Sie, besonders für Sie.“ - -„Haben Sie Erbarmen, meine Herren!“ rief Mitjä, der in der Verzweiflung -die Hände erhob, „schreiben Sie doch wenigstens das nicht auf, so -schämen Sie sich doch wenigstens diesmal! Ich habe mein Herz vor Ihnen -in zwei Hälften gerissen, und Sie benutzen das, um mit ihren Fingern an -der Rißstelle in beiden Hälften herumzubohren ... O Gott!“ - -In der Verzweiflung senkte er seinen Kopf und verbarg sein Gesicht in -den Händen. - -„Regen Sie sich nicht so auf, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte der -Staatsanwalt, „es wird Ihnen alles, was niedergeschrieben ist, -vorgelesen werden, und das, womit Sie nicht einverstanden sind, können -Sie dann nach ihrem Wunsch ändern. Jetzt aber will ich noch einmal meine -Frage wiederholen, zum drittenmal: Haben Sie denn wirklich niemandem, -keiner einzigen lebenden Seele etwas von diesem eingenähten Gelde -gesagt? Ich muß Ihnen gestehen, daß es kaum möglich ist, sich das -vorzustellen.“ - -„Niemandem, niemandem! Ich habe es Ihnen doch schon gesagt! Wenn Sie mir -nicht glauben, so haben Sie ja nichts begriffen! Dann – lassen Sie mich -aber auch in Ruhe.“ - -„Wie Sie wünschen. Aber dieser Punkt muß sich noch aufklären, und wir -haben ja schließlich auch noch viel Zeit vor uns, um ihn aufzuklären. -Nur bedenken Sie selbst: Wir haben vielleicht zehn, zwanzig, dreißig -Zeugen, die aussagen, daß Sie, Sie selbst gesagt und sogar ausgeschrien -haben, Sie hätten Dreitausend und nicht anderthalb Tausend -verschleudert, und auch gestern, als Sie plötzlich im Besitze des vielen -Geldes waren, haben Sie gleichfalls gesagt, daß Sie wiederum dreitausend -Rubel mitgebracht hätten ...“ - -„Ach, nicht zehn, sondern hundert, Hunderte von Zeugen haben Sie, -zweihundert, dreihundert Menschen haben das gehört, tausend Menschen!“ -rief Mitjä. - -„Nun sehen Sie, alle, alle sagen dasselbe. Und dieses Wort ‚_alle_‘ hat -doch etwas zu bedeuten.“ - -„Nichts hat es zu bedeuten, denn ich habe nur so geschwatzt, und mir -haben es die anderen einfach nachgeschwatzt.“ - -„Aber wozu hatten Sie denn nötig, so zu schwatzen, wie Sie sagen?“ - -„Das mag der Teufel wissen, wozu. Um zu prahlen, vielleicht ... so ... -‚Seht, wieviel Geld ich verschwendet habe‘ ... Vielleicht auch, um -dieses eingenähte Geld zu vergessen ... ja, ja, gerade das war es, -deshalb! ... Teufel ... zum wievielten Male fragen Sie mich das? Nun, -ich habe Unsinn geschwatzt und damit abgemacht, hatte einmal gesagt -dreitausend, und dann wollte ich nicht mehr was anderes sagen. Weshalb -schwatzt denn der Mensch zuweilen Unsinn?“ - -„Das ist sehr schwer zu entscheiden, Dmitrij Fedorowitsch, weshalb der -Mensch zuweilen Unsinn schwatzt,“ sagte der Staatsanwalt eindringlich. -„Aber sagen Sie, war dieses Amulett, wie Sie es nennen, das Sie am Halse -trugen, groß?“ - -„Nein, nicht groß.“ - -„Wie groß etwa?“ - -„Wenn Sie einen Hundertrubelschein einmal zusammenfalten, so haben Sie -die Größe.“ - -„Wäre es nicht besser, Sie zeigten mir dieses zerrissene Zeug? Sie -müssen es doch noch irgendwo bei sich haben.“ - -„Äh, Teufel ... welche Dummheiten ... ich weiß nicht, wo es ist.“ - -„Aber erlauben Sie, einstweilen: Wo und wann haben Sie es denn von Ihrem -Halse abgenommen? Sie sind doch, wie Sie selbst aussagen, nicht nach -Hause gegangen?“ - -„Als ich von Fenjä fortging, auf dem Wege zu Perchotin, unterwegs riß -ich es ab und nahm das Geld heraus.“ - -„In der Dunkelheit?“ - -„Wozu braucht man denn dabei ein Licht? Ich habe das mit dem Finger in -einem Augenblick getan.“ - -„Ohne Schere, auf der Straße?“ - -„Auf dem Großen Platz, glaube ich; wozu eine Schere? Es war ein altes -Stück Zeug, das sofort durchriß.“ - -„Und wohin legten Sie es dann?“ - -„Dort, wo ich es durchriß, warf ich es auch fort.“ - -„Auf welcher Stelle?“ - -„Auf dem Großen Platz, habe ich Ihnen doch schon gesagt, Herrgott, auf -dem Großen Platz! Der Teufel weiß, wo es gerade war. Was haben Sie nur -davon?“ - -„Das ist sehr wichtig, Dmitrij Fedorowitsch: es handelt sich um -Sachbeweise zu Ihren Gunsten, wie können Sie das nur nicht einsehen? Wer -hat Ihnen denn vor einem Monat geholfen, die Sache einzunähen?“ - -„Niemand hat mir geholfen, ich habe selbst genäht.“ - -„Verstehen Sie denn zu nähen?“ - -„Jeder Soldat muß zu nähen verstehen – was ist denn dabei zu verstehen!“ - -„Wo haben Sie denn das Material hergenommen, ich meine das Zeug, in das -Sie es eingenäht haben?“ - -„Sie wollen sich wohl lustig machen?“ - -„Durchaus nicht, wir sind zu nichts weniger als zum Lachen aufgelegt, -Dmitrij Fedorowitsch.“ - -„Ich weiß nicht mehr, wo ich den Lappen hernahm, irgendwoher habe ich -ihn jedenfalls genommen.“ - -„Wie sonderbar, daß Sie sich gerade dessen nicht entsinnen.“ - -„Aber bei Gott, ich weiß es nicht mehr, es ist möglich, daß ich irgend -etwas von der Wäsche zerrissen habe.“ - -„Das ist sehr interessant: dann könnte man in Ihrer Wohnung dieses -Wäschestück finden, von dem Sie das Stück abgerissen haben. Was war es -denn für ein Zeug, Leinwand oder Baumwolle?“ - -„Der Teufel weiß, was es war. Warten Sie ... Ich, ich glaube ... ich -habe es von nichts abgerissen. Es war Kattun ... Ich hatte es, glaube -ich, in die Haube meiner Hauswirtin eingenäht.“ - -„In die Hau–be der Hauswirtin?“ - -„Ja, ich hatte mir diese Haube eingesackt.“ - -„Wie das – eingesackt?“ - -„Sehen Sie, ich habe tatsächlich, jetzt fällt es mir wieder ein, einmal -irgendwie diese Haube genommen, um irgend was abzuwischen, vielleicht -war es nur irgendein Staub, den ich abwischen wollte. Ich nahm das Ding -eben an mich, denn es war doch ein Ding, das zu nichts taugte, und dann -trieb sich der Fetzen dort bei mir herum, und da waren nun plötzlich -diese Tausendfünfhundert, und ich wußte nicht, in was ich sie einnähen -sollte ... Nun glaube ich, daß ich gerade diesen Lappen dazu nahm. Ein -altes weißes Leinenstück, oder wie diese Zeuge da heißen, eines, das -schon tausendmal gewaschen war.“ - -„Und Sie erinnern sich dessen ganz genau, Sie wissen es bestimmt?“ - -„Ich weiß nicht, wie bestimmt. Ich glaube, daß es dieselbe Haube war. -Ach, nun, zum Teufel damit.“ - -„In dem Falle könnte sich Ihre Hauswirtin vielleicht erinnern, daß ihr -diese Sache damals abhanden gekommen ist?“ - -„Ach wo, sie hat es überhaupt nicht bemerkt. Ein alter Fetzen, sage ich -Ihnen doch, ein ganz altes Ding, das keine halbe Kopeke wert war.“ - -„Und woher nahmen Sie die Nadel und den Faden?“ - -„Ich breche ab, ich will nicht mehr. Genug darüber!“ sagte Mitjä, dem -die Geduld riß. - -„Und gleichfalls sonderbar ist, daß Sie sich so gar nicht mehr erinnern -können, auf welcher Stelle des Großen Platzes Sie dieses Futteral -fortgeworfen haben.“ - -„So lassen Sie doch heute den ganzen Platz fegen, vielleicht finden Sie -es dann,“ sagte Mitjä, kurz auflachend. „Genug, meine Herren, genug,“ -sagte er mit müdgequälter Stimme. „Ich sehe es doch klar: Sie glauben -mir nicht! Nichts glauben Sie mir, nicht für eine Kopeke. Aber es ist -das meine Schuld und nicht Ihre, ich hätte nicht so dumm von Vertrauen -reden sollen. Warum, warum habe ich mich mit der Aufdeckung meines -Geheimnisses beschmutzt! Und Sie, meine Herren, Sie lachen doch nur -darüber, das sehe ich ja an Ihren Augen. Sie sind es, Staatsanwalt, der -mich dazu gebracht hat! Singen Sie sich jetzt einen Siegeshymnus, wenn -Sie es können ... Oh, seid verflucht, ihr Folterknechte!“ - -Sein Kopf sank herab, und er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Der -Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter schwiegen beide. Nach einer -Minute erhob er wieder den Kopf und blickte sie wie sinnlos an. Sein -Gesicht drückte jetzt unabwendbare, unfaßbare, erdrückende Verzweiflung -aus, und es war, als wäre er gleichsam in sich selbst verstummt, während -er auf dem Stuhle saß und sich nicht mehr fühlte. Indessen mußte die -Sache beendet werden: man mußte unverzüglich zum Verhör der Zeugen -übergehen. Es war bereits acht Uhr morgens. Die Lichter hatte man schon -längst ausgelöscht. Michail Makarowitsch und Kalganoff, die während der -ganzen Zeit des Verhörs ein- und ausgegangen waren, verließen diesmal -wieder das Zimmer. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter sahen -gleichfalls sehr abgespannt aus. Der Morgen war trübe; es regnete wie -aus Eimern, und der ganze Himmel war gleichmäßig grau. Mitjä blickte -gedankenlos zu den Fenstern. - -„Darf ich einmal zum Fenster hinaussehen?“ fragte er plötzlich den -Untersuchungsrichter. - -„Oh, gewiß, soviel Sie wollen,“ antwortete jener. - -Mitjä erhob sich und trat ans Fenster. Der Regen peitschte gegen die -kleinen grünlichen Fensterscheiben. Gerade vor dem Hause lag die -schmutzige Fahrstraße, in deren Radspuren sich schmutziges, braungraues -Regenwasser angesammelt hatte, und dort weiterhin im Regennebel sah man -die dunklen, armen, unansehnlichen Bauernhütten, die, wie es schien, -durch den Regen noch dunkler und noch trauriger und ärmer geworden -waren. Mitjä erinnerte sich des „goldlockigen Phöbus“, und wie er sich -bei seinem ersten Morgenstrahl hatte erschießen wollen. „Nun was, an -einem solchen Morgen wäre es ja schließlich noch besser gewesen,“ dachte -er mit einem bitteren Lächeln. Und plötzlich, mit einem wuchtigen -Fausthieb von oben nach unten durch die Luft, wandte er sich vom Fenster -zu den „Folterknechten“ zurück: - -„Meine Herren!“ rief er, „ich sehe ja, daß ich verloren bin. Aber sie? -Sagen Sie mir, meine Herren, ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was mit -ihr geschehen wird? Es ist doch nicht möglich, daß auch sie meinetwegen -ins Unglück gestürzt wird? Sie ist doch unschuldig, sie war doch gestern -nicht bei voller Besinnung, als sie schrie, daß sie an allem die Schuld -trage. An nichts, an nichts trägt sie eine Schuld! Es hat mich diese -ganze Nacht gequält, als ich hier vor Ihnen saß ... Geht es nicht an, -können Sie mir nicht sagen, was Sie jetzt mit ihr tun werden?“ - -„In der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein, Dmitrij -Fedorowitsch,“ sagte sofort mit sichtlicher Eilfertigkeit der -Staatsanwalt, „wir haben bis jetzt keinerlei Ursache, die Dame, von der -Sie reden, auch nur im geringsten sonderlich zu beunruhigen. Im weiteren -Verlaufe der Sache wird sich, hoffe ich, gleichfalls erweisen ... Im -Gegenteil, wir werden in der Beziehung alles tun, was in unserer Macht -steht. Sie können vollkommen ruhig sein.“ - -„Ich danke Ihnen, meine Herren, ich wußte es, wußte, daß Sie ehrenhafte -und gerechte Menschen sind, abgesehen von allem ... Sie haben mir eine -Last vom Herzen genommen ... Nun, was werden wir denn jetzt machen? Ich -bin bereit.“ - -„Ja, man wird sich beeilen müssen. Wir müssen sofort zum Verhör der -Zeugen übergehen. Das muß natürlich in Ihrer Gegenwart geschehen, und -darum ...“ - -„Sollte man nicht vorher etwas genießen, eine Tasse Tee zum Beispiel?“ -unterbrach ihn Neljudoff, „wir dürften sie uns doch wohl verdient -haben?“ - -Man beschloß, falls unten der Tee bereit wäre – was man sicher annehmen -konnte, da Michail Makarowitsch hinausgegangen war – vorläufig nur ein -Glas zu trinken und im Verhör fortzufahren, „unbedingt fortzufahren“, -das „Frühstück“ jedoch noch hinauszuschieben, bis zu einer freieren -Stunde. Der Tee war fertig und wurde ihnen im Augenblick gebracht. Mitjä -dankte zuerst für den Tee, den ihm der Untersuchungsrichter freundlich -anbot, dann aber bat er selbst darum und trank das Glas gierig aus. Er -sah seltsam übermüdet aus. Was konnte ihm, hätte man meinen sollen, -diesem Recken mit seiner bekannten Körperkraft, ein Trinkgelage und eine -durchschwärmte Nacht, selbst eine wie diese, unter den stärksten -seelischen Erschütterungen, ausmachen? Er selbst aber fühlte, daß er -sich kaum auf dem Stuhle halten konnte, und daß von Zeit zu Zeit sich -alle Gegenstände vor seinen Augen drehten. „Es fehlt nur noch ein wenig, -und ich fange an zu phantasieren,“ dachte er bei sich. - - - VIII. - Die Aussagen der Zeugen. - „Das Kindichen“ - -Es begann nun das Verhör der Zeugen. Ich werde jedoch meine Erzählung -nicht mehr mit derselben Ausführlichkeit fortsetzen, wie ich bisher -getan habe. So werde ich denn auch übergehen, wie Neljudoff, der -Untersuchungsrichter, einem jeden vortretenden Zeugen zuerst -einschärfte, daß er nach Wahrheit und Gewissen auszusagen habe und -späterhin seine Aussage unter dem Eide werde bekräftigen müssen. Wie man -schließlich von jedem Zeugen verlangte, daß er das Protokoll seiner -Aussagen unterschrieb usw., usw. Ich will hier nur noch bemerken, daß -der Hauptpunkt, auf den die ganze Aufmerksamkeit der Zeugen gelenkt -wurde, immer diese Frage nach der Höhe der Geldsumme war: waren es -zuerst dreitausend oder anderthalbtausend Rubel gewesen, die Dmitrij -Fedorowitsch hier in Mokroje vor einem Monat ausgegeben hatte, und ob es -abermals drei oder nur anderthalb Tausend gewesen waren, mit denen er -jetzt gekommen war. Es zeigte sich leider, daß alle Aussagen gegen Mitjä -waren, alle ohne Ausnahme, ja einige von den Zeugen brachten noch neue -Tatsachen vor, die Mitjäs Aussage fast verblüffend widerlegten. Als -erster wurde Trifon Borissytsch verhört. Er trat ohne die geringste -Scheu an den Tisch, mit einer Miene, die strengen und ernsten Unwillen -gegen den Angeklagten ausdrückte, was ihm zweifellos den Anschein eines -wahrheitsliebenden, sich selbst achtenden Mannes verlieh. Er sprach -wenig, zurückhaltend, wartete die Fragen ab, antwortete genau und -wohlbedacht. In der bestimmtesten Weise und ohne zu zweifeln sagte er -aus, daß Mitjä vor einem Monat unmöglich weniger als dreitausend Rubel -verausgabt haben könne, „was hier gleichfalls alle Bauern bezeugen -können“, da sie es außerdem noch mit eigenen Ohren von „Mitrij -Fedorowitsch“ mehrmals gehört hätten. „Wieviel Geld hat er nicht den -Zigeunern hingeworfen,“ sagte Trifon Borissytsch unwillig. „Die haben ja -allein an die tausend gefressen, da sei einer unbesorgt!“ - -„Ich habe ihnen vielleicht nicht einmal fünfhundert gegeben,“ bemerkte -Mitjä finster, „nur habe ich es damals nicht gezählt, da ich betrunken -war, schade darum ...“ - -Mitjä saß, seitdem man die Zeugen verhörte, an der einen Seite des -Tisches, mit dem Rücken zum Vorhang. Er hörte finster zu und sah traurig -und müde aus, als wollte er sagen: „Ach, sagt aus, was ihr wollt, mir -ist jetzt alles gleich!“ - -„Mehr als tausend haben diese Kanaillen geschluckt, Mitrij -Fedorowitsch,“ behauptete Trifon Borissytsch überzeugt. „Ihr warft doch -blindlings, und das Lumpenpack hatte man bloß aufzupflücken. Das ist -doch kein Menschenvolk, das sind doch nur Spitzbuben und Pferdediebe; -jetzt sind sie von hier fortgejagt, sonst würden sie vielleicht selber -aussagen, wieviel sie von Euch bekommen haben. Und ich habe doch selber -dazumal das Geld in Euren Händen gesehen, – gezählt hab ich es ja nicht, -das stimmt, Ihr habt es mir ja nicht zu zählen gegeben, – aber so nach -dem Augenmaß kann ich wohl sagen, daß es ein dicker Batzen war, viel -mehr als tausendfünfhundert ... was, tausendfünfhundert! Auch wir haben -Geld gesehen und wissen, was Geld ist, können daher auch beurteilen ...“ - -In bezug auf die gestrige Summe sagte Trifon Borissytsch sofort aus, daß -Dmitrij Fedorowitsch „ihm selber“, gleich nachdem er aus dem Wagen -gestiegen war, gesagt habe, daß er Dreitausend mitgebracht. - -„Wirklich, Trifon Borissytsch?“ sagte Mitjä, „habe ich wirklich so rund -herausgesagt, daß ich Dreitausend mitgebracht hätte?“ - -„Jawohl habt Ihr das gesagt, Mitrij Fedorowitsch. In Andreis Gegenwart -habt Ihr es sogar gesagt. Andrei ist auch jetzt noch hier, ist noch -nicht fortgefahren, laßt ihn doch reinrufen. Und dort in der großen -Stube rieft Ihr, als Ihr dem Chor soviel gabt, daß Ihr jetzt auch noch -das sechste Tausend hierlassen wolltet, – mit den übrigen, das heißt -zusammengerechnet, muß das wohl so zu verstehen sein. Stepan und Ssemjon -haben’s mit eigenen Ohren gehört und auch Herr Pjotr Fomitsch Kalganoff, -der dazumal akkurat neben Euch stand, wird es vielleicht behalten haben -...“ - -Die Aussage von dem sechsten Tausend machte einen ganz besonderen -Eindruck auf die Juristen. Die neue Redaktion gefiel: drei und drei -macht zusammen sechs, das bedeutet also, daß es damals dreitausend waren -und auch jetzt dreitausend, da wären denn die ganzen sechstausend, – das -ist doch klar. - -Man befragte unverzüglich alle, die Trifon Borissytsch als Ohrenzeugen -angegeben hatte, den Stepan und den Ssemjon und Andrei, und dann auch -Pjotr Fomitsch Kalganoff. Die beiden Bauern und der Kutscher Andrei -bestätigten die Aussage Trifon Borissytschs, ohne zu schwanken. Außerdem -wurde noch nach den Äußerungen Andreis sorgfältig alles -niedergeschrieben, was der von seinem Gespräch mit Mitjä zu erzählen -wußte: „Wohin also werde ich, Dmitrij Fedorowitsch, kommen; in den -Himmel oder in die Hölle, und wird man mir dort in jener Welt verzeihen -oder nicht?“ Der „Psychologe“ Hippolyt Kirillowitsch hörte das mit einem -feinen Lächeln an und empfahl zum Schluß auch diese Aussage – darüber, -wohin Dmitrij Fedorowitsch kommen werde – zu dem Tatsachenmaterial -hinzuzufügen. - -Kalganoff, den man hatte rufen lassen, trat mit einem mürrischen und -eigensinnigen Ausdruck ein und sprach mit dem Staatsanwalt und dem -Untersuchungsrichter in einer Weise, als sähe er sie zum erstenmal im -Leben, während er doch mit ihnen täglich bei Bekannten zusammengetroffen -war. Er begann damit, daß er „nichts davon wisse und auch nichts wissen -wolle“. Doch das von dem sechsten Tausend hatte auch er gehört, und er -bestätigte, daß er in dem Augenblick neben Mitjä gestanden. Auf die -Frage, wieviel Geld Mitjä in der Hand gehabt hätte, sagte er mürrisch: -„Ich weiß nicht wieviel.“ Daß die Polen beim Kartenspiel betrogen -hatten, bestätigte er gleichfalls. Auch erklärte er auf die wiederholten -Fragen, daß nach der Einsperrung der beiden Polen Mitjä in der Gunst -Agrafena Alexandrownas gestiegen sei, und daß sie gesagt habe, sie liebe -ihn. Über Agrafena Alexandrowna äußerte er sich nur zurückhaltend und -sehr achtungsvoll, als wäre sie eine Dame der besten Gesellschaft; er -erlaubte sich kein einziges Mal, sie einfach „Gruschenka“ zu nennen. -Trotz des unverhohlenen Widerwillens, mit dem Kalganoff antwortete, -befragte ihn der Staatsanwalt unbarmherzig lange, und so erfuhr er denn -erst durch ihn die Details dessen, was sozusagen den „Roman“ Mitjäs in -dieser Nacht ausmachte. Mitjä unterbrach Kalganoff kein einziges Mal. -Endlich wurde der arme Jüngling entlassen, und er entfernte sich sofort -mit unverhohlener Wut. - -Darauf wurden die Polen befragt. Sie waren in ihrem Zimmer zu Bett -gegangen, doch hatte ihre Ruhe nicht lange gedauert, und geschlafen -hatten sie eigentlich überhaupt nicht. Als die Autoritäten angekommen -waren, hatten sie sich schnell wieder angekleidet und sorgfältig -Toilette gemacht, da sie sich sagten, daß man sie gleichfalls bestimmt -vernehmen werde. Sie traten würdevoll ein, doch sah man ihnen nur zu -deutlich an, daß ihr Herz nicht auf der Höhe war. Der „Kommandierende“, -d. h. der kleine Pan, war, wie sich herausstellte, ein verabschiedeter -Beamter der zwölften Rangklasse, der in Sibirien als Viehdoktor gedient -hatte und Mussjälowitsch hieß. Pan Wrublewskij jedoch stellte sich vor -als „freipraktizierender Dentist“, was wir sonst gewöhnlich „Zahnarzt“ -nennen. Beide wandten sich mit ihren Antworten immer an Michail -Makarowitsch, obgleich der sie nichts fragte und weiterhin am Fenster -stand, den sie aber wegen seiner Uniform als Polizeichef für die -Hauptperson hielten und nach jedem Wort „Pane Obrist“ nannten. Erst nach -mehreren Fragen und den wiederholten Hinweisen Michail Makarowitschs -errieten sie endlich, daß sie sich mit ihren Antworten nur an Neljudoff, -den Untersuchungsrichter zu wenden hatten. Bei der Gelegenheit zeigte -sich, daß sie sogar sehr richtig Russisch sprechen konnten, abgesehen -von der Aussprache einzelner Worte. Pan Mussjälowitsch begann auch von -seinen Beziehungen zu Gruschenka, den früheren wie den gegenwärtigen, -stolz und glühend zu erzählen, so daß Mitjä sofort außer sich geriet und -schrie, so einem „Schuft“ erlaube er nicht, in seiner Gegenwart so zu -sprechen! Worauf Pan Mussjälowitsch die Herrn Richter sofort auf das -Wort „Schuft“ aufmerksam machte und sie bat, diese Beleidigung ins -Protokoll aufzunehmen. Mitjä brauste auf vor Wut. - -„Ja, ein Schuft, ein Schuft ist er! Schreiben Sie es nur auf und -schreiben Sie noch hinzu, daß ich trotzdem sage, daß er ein Schuft ist!“ -schrie er zornig. - -Neljudoff ließ es wohl ins Protokoll eintragen, bewies aber bei diesem -unangenehmen Zwischenfall die lobenswerteste Sachlichkeit und ein gutes -Verständnis für die Leitung des Verhörs: nach einer strengen, kurzen -Ermahnung Mitjäs brach er selbst sofort alle weiteren Fragen, die mehr -die romanhafte Seite der Sache betrafen, ab und ging zum „Wesentlichen“ -über. „Wesentlich“ war besonders eine Aussage der Pane, die bei den -Juristen ein ungewöhnliches Interesse erweckte: die Mitteilung nämlich, -daß Mitjä dem Pan Mussjälowitsch in jenem kleinen Zimmer dreitausend -Rubel Abstandsgeld angeboten hatte mit dem Vorschlag: „siebenhundert -sofort bar und die anderen zweitausenddreihundert morgen früh in der -Stadt“, wobei er sein Ehrenwort gegeben hatte, daß das Geld morgen zur -Stelle sein werde, da er es im Augenblick nicht bei sich hätte, das Geld -aber in der Stadt liege. Mitjä bemerkte zuerst in der Hitze, daß er es -nicht so gesagt habe: er werde ihnen das Geld morgen bestimmt in der -Stadt geben. Doch auch Pan Wrublewskij bestätigte die Aussage des -kleinen Pans. Da gestand Mitjä denn nach kurzem Nachdenken mürrisch ein, -daß es wahrscheinlich so gewesen sein werde, wie die Polen sagten, daß -er in jenem Augenblick erregt gewesen sei und vielleicht auch so gesagt -habe. Der Staatsanwalt klammerte sich gleichsam an diese Aussage: jetzt -war es für ihn klar (und so legte man es in der Folge auch aus), daß die -Hälfte oder ein Teil der Dreitausend, die Mitjä so plötzlich in die -Hände bekommen hatte, von ihm irgendwo in der Stadt versteckt sein -mußte, vielleicht auch hier in Mokroje, wodurch jener allerdings -bedenkliche Punkt seine Erklärung fand, daß man bei ihm nur achthundert -Rubel vorgefunden hatte, – ein Umstand, der bis jetzt, wenn auch nur ein -einziger und ziemlich belangloser, aber immerhin doch ein gewisser -Beweis zu Mitjäs Gunsten gewesen war. Und nun stürzte auch dieser -einzige Beweis zu seinen Gunsten ein. Auf die Frage des Staatsanwalts: -wo er denn diese zweitausenddreihundert Rubel hergenommen hätte, um sie -dem Pan zu geben, wenn er doch selbst behauptete, daß er im ganzen nur -noch tausendfünfhundert besessen habe, und auf was hin er das sogar mit -seinem Ehrenwort habe bekräftigen können, antwortete Mitjä ruhig und -fest, daß er dem „Polacken“ morgen nicht Geld, sondern die formelle -Übertragung seiner Rechte auf das Gut Tschermaschnjä habe anbieten -wollen, wie er sie auch dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff -angeboten hätte. Der Staatsanwalt freilich lächelte über diese „Naivität -der Ausflucht“. - -„Und Sie glauben, er wäre darauf eingegangen, diese ‚Rechte‘ an Stelle -der baren zweitausenddreihundert Rubel anzunehmen?“ - -„Selbstverständlich wäre er darauf eingegangen,“ sagte Mitjä auffahrend. -„Ich bitte Sie, hierbei sind doch nicht nur zwei, sondern vier, sechs, -sogar zehntausend herauszuschlagen! Er hätte sofort seine kleinen -Winkeladvokaten beauftragt, Polacken und Juden, und hätte nicht nur -dreitausend, sondern ganz Tschermaschnjä herausgeschlagen!“ - -Die Aussagen Pan Mussjälowitschs wurden natürlich gleichfalls -ausführlichst niedergeschrieben. Damit sahen sich die Polen entlassen. -Daß sie beim Kartenspiel betrogen hatten, wurde fast gar nicht erwähnt. -Neljudoff war ihnen gar zu dankbar und wollte sie daher nicht weiter mit -Fragen belästigen, um so weniger, als das alles nur ein dummer Streit in -der Trunkenheit gewesen sein konnte. Als ob es wenig Dummheiten in -dieser Nacht gegeben hätte! ... So behielten denn die Polen die -zweihundertfünfzig Rubel in der Tasche. - -Darauf wurde nach dem alten Maximoff geschickt. Er erschien sehr -zaghaft, näherte sich mit kleinen Schritten und sah dabei gehörig -zerzaust und recht niedergeschlagen aus. Die ganze Zeit hatte er unten -bei Gruschenka mäuschenstill gesessen und eine Miene gemacht, „als ob -sofort Tränlein aus seinen Äuglein tröpfeln würden,“ wie später Michail -Makarowitsch sagte, „und dann hätte er sie natürlich hübsch artig mit -seinem blaukarierten Schnupftuch abgewischt“. Jedenfalls hatte -Gruschenka ihn noch getröstet. Das alte Kerlchen bekannte sofort dem -Untersuchungsrichter, daß er schuldig sei, da er von Dmitrij -Fedorowitsch „zehn Rubel genommen habe, um-um-um ... ich bin doch ein -ganz armer Mensch!“ und daß er bereit sei, sie ihm zurückzugeben ... Auf -die direkte Frage Neljudoffs, „ob er nicht wisse, wieviel Geld Dmitrij -Fedorowitsch in der Hand gehabt hatte, als er von ihm die zehn Rubel -erhielt,“ antwortete Maximoff mit voller Überzeugung: „Zwanzigtausend.“ - -„Haben Sie früher einmal zwanzigtausend Rubel, in einer Hand gehalten, -gesehen?“ fragte der Untersuchungsrichter lächelnd. - -„Wie-wie denn nicht! Ich habe es genau gesehen, nur-nur waren es nicht -zwanzigtausend, sondern sie-sie-sieben, als nämlich meine Frau mein -Gütchen verpfändete. Sie ließ mich aber das Geld nur von weitem sehen. -Es war ein-ein dickes Päckchen, alles Regenbogen. Und auch Dmitrij -Fedorowitsch hatte nur Hundertrubelscheine ...“ - -Er wurde bald entlassen. Schließlich kam die Reihe auch an Gruschenka. -Die Juristen fürchteten offenbar den Eindruck, den ihr Erscheinen auf -Dmitrij Fedorowitsch machen konnte, und Neljudoff murmelte sogar ein -paar Worte zu Mitjä, um ihn vorzubereiten und ein wenig zu ermahnen, -worauf Mitjä nur stumm den Kopf senkte, womit er zu verstehen gab, daß -er „keine Szene machen werde“. Michail Makarowitsch führte sie in höchst -eigener Person ins Zimmer. Sie trat mit strengem, fast finsterem -Gesichtsausdruck ein, äußerlich schien sie ganz ruhig zu sein. Sie -setzte sich leise auf den ihr angewiesenen Stuhl gegenüber Nikolai -Parfenowitsch Neljudoff, dem Untersuchungsrichter. Sie war sehr bleich, -und wie es schien, fand sie es kalt, denn sie hüllte sich fröstelnd in -ihren prachtvollen schwarzen Schal ein. Es waren die ersten -Fieberschauer einer Erkältung – der Anfang der Grippe, an der sie nach -dieser Nacht lange Zeit schwer krank zu Bett lag. Ihr strenges Aussehen, -ihr gerader und ernster Blick und das ruhige Auftreten machten auf alle -einen vorzüglichen Eindruck. Nikolai Parfenowitsch Neljudoff war -eigentlich sofort „ganz hin“. Er gestand später selbst, wenn er irgendwo -von der Begebenheit erzählte, daß er erst da zum erstenmal gesehen habe, -„wie schön dieses Weib“ sei, denn vorher hätte er sie wohl flüchtig -gesehen, aber doch immer nur für „etwas von der Art einer -Kreisstadthetäre gehalten“. „Sie hat Manieren, wie eine Dame der besten -Gesellschaft,“ beteuerte er einmal in der Begeisterung und zufällig -gerade in einer Damengesellschaft. Man hörte ihn mit dem größten -Unwillen an und nannte ihn dafür hinfort einen „verdorbenen Schlingel“, -womit er sehr zufrieden war. Als Gruschenka ins Zimmer trat, streifte -sie Mitjä nur einmal ganz flüchtig mit dem Blick, und diese Ruhe -beruhigte dann auch ihn, der ihr zuerst erregt entgegengesehen hatte. -Nach den ersten notwendigen Fragen und Vorbemerkungen stellte Nikolai -Parfenowitsch, zwar etwas stotternd und betreten, aber doch mit voller -Beibehaltung der größten Höflichkeit und Ernsthaftigkeit, folgende -Frage: In welchen Beziehungen sie zu dem Leutnant a. D. Dmitrij -Fedorowitsch Karamasoff gestanden habe, worauf sie still und fest -antwortete: - -„Er war mein Bekannter, als Bekannten habe ich ihn im letzten Monat -empfangen.“ - -Auf die weiteren, interessiert gestellten Fragen erklärte sie mit voller -Aufrichtigkeit, daß er ihr wohl in manchen „Stunden“ gefallen, sie ihn -aber nicht geliebt, sondern nur „aus dummer Bosheit“ zum besten gehabt -habe, ganz wie sie es auch mit jenem „Alten“ getan hätte. Sie sagte, sie -habe gesehen, wie Mitjä auf Fedor Pawlowitsch und auf alle Welt -eifersüchtig gewesen sei, doch das hätte sie nur amüsiert. Zu Fedor -Pawlowitsch zu gehen, daran habe sie überhaupt nicht gedacht, da sie -sich über ihn nur lustig gemacht habe. „In diesem ganzen Monat war es -mir nicht um sie zu tun; ich erwartete einen anderen Menschen, der -ankommen sollte, um seine Schuld an mir wieder gutzumachen ... Nur -glaube ich,“ schloß sie plötzlich, „daß dieses Sie weiter nicht zu -interessieren braucht, und ich Ihnen darüber nichts zu sagen habe, denn -das dürfte doch nur meine persönliche Angelegenheit sein.“ - -Nikolai Parfenowitsch gehorchte sofort; er ließ sofort alle -„romantischen“ Punkte beiseite und ging unverzüglich zum „Ernsten“ über, -das heißt also zu jener Frage der dreitausend Rubel. Gruschenka -bestätigte, daß von Mitjä vor einem Monat in Mokroje tatsächlich -dreitausend Rubel verschleudert worden seien, und wenn sie selbst auch -das Geld nicht gezählt habe, so hätte sie doch von Dmitrij Fedorowitsch -gehört, daß es so viel gewesen sei. - -„Hat er es Ihnen unter vier Augen gesagt oder in Gegenwart anderer, oder -haben Sie nur gehört, wie er es anderen gesagt hat?“ erkundigte sich -sofort der Staatsanwalt. - -Gruschenka erklärte darauf, daß er es sowohl in Gegenwart anderer, als -auch zu anderen gesagt, daß sie es aber auch unter vier Augen von ihm -gehört habe. - -„Haben Sie es einmal von ihm unter vier Augen gehört oder mehrmals?“ -erkundigte sich wieder der Staatsanwalt, und er erfuhr, daß sie es -mehrmals gehört hatte. - -Hippolyt Kirillytsch war mit dieser Aussage sehr zufrieden. Aus dem -weiteren Verhör ergab sich ferner noch, daß Gruschenka gleichfalls -gewußt hatte, woher dieses Geld stammte, – daß es Dmitrij Fedorowitsch -von Katerina Iwanowna gegeben worden war. - -„Aber haben Sie nicht wenigstens einmal gehört, daß hier vor einem Monat -nicht dreitausend, sondern weniger verschleudert worden sei, und daß -Dmitrij Fedorowitsch von den Dreitausend die ganze Hälfte für sich -aufbewahrt habe?“ - -„Nein, davon habe ich niemals etwas gehört,“ sagte Gruschenka. - -Weiterhin erfuhren die Juristen von ihr noch, daß Mitjä ihr im ganzen -letzten Monat häufig gesagt hatte, daß er kein Geld habe. „Er hoffte -aber immer, von seinem Vater welches zu erhalten,“ schloß Gruschenka. - -„Aber hat er nicht einmal in Ihrer Gegenwart gesagt ... oder vielleicht -flüchtig irgendwie angedeutet,“ fiel sofort Neljudoff ein, „daß er -eventuell seinen Vater erschlagen wolle?“ - -„Ach, leider hat er es gesagt!“ sagte Gruschenka aufseufzend. - -„Einmal oder des öfteren?“ - -„Des öfteren hat er es gesagt, doch immer nur dann, wenn er aufgebracht -oder zornig war.“ - -„Und haben Sie geglaubt, daß er es ausführen werde?“ - -„Nein, niemals habe ich das geglaubt!“ antwortete sie mit fester Stimme. -„Ich habe immer auf seine edle Gesinnung gehofft.“ - -„Meine Herren, erlauben Sie mir,“ rief plötzlich Mitjä dazwischen, -„erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart nur ein Wort zu Agrafena -Alexandrowna sage?“ - -„Sprechen Sie,“ – Neljudoff erlaubte es ihm. - -„Agrafena Alexandrowna,“ sagte, sich vom Stuhl erhebend, Mitjä, „glaube -Gott und mir: An dem Blute meines gestern erschlagenen Vaters bin ich -_nicht_ schuldig, ich bin unschuldig daran!“ - -Und nachdem er das gesagt hatte, setzte er sich wieder auf den Stuhl. -Gruschenka erhob sich, wandte sich zur Ecke, in der das Heiligenbild -hing, und bekreuzte sich andächtig. - -„Gelobt seist Du, mein Herr und Gott!“ sagte sie mit ganzer Inbrunst und -tief erschütterter Stimme. Und ohne sich zu setzen, wandte sie sich -darauf zu Neljudoff und fügte noch laut hinzu: „Was er soeben gesagt -hat, daran glauben Sie! Ich kenne ihn: Unwahres schwatzen kann er, wenn -es sich um einen Scherz oder seinen Eigensinn handelt, doch wenn es sich -um eine Gewissenssache handelt, so wird er nie lügen. Dann wird er stets -die Wahrheit sagen, und daran glauben Sie!“ - -„Hab Dank dafür, Agrafena Alexandrowna, du hast mich wieder -aufgerichtet,“ sagte Mitjä mit unsicherer Stimme. - -Auf die Frage nach dem gestrigen Gelde sagte sie, daß sie nicht wüßte, -wieviel es gewesen sei, dafür aber gehört habe, wie er zu anderen gesagt -hatte, daß er wieder mit Dreitausend angekommen sei. Und was die -Herkunft des Geldes betrifft, so habe er ihr allein unter vier Augen -gesagt, daß er es von Katerina Iwanowna „gestohlen“ hätte, und sie habe -ihm darauf geantwortet, daß es nicht „gestohlen“ sei, und daß er ihr -morgen das Geld zurückgeben müsse. Auf die wiederholte Frage des -Staatsanwalts, von welchem Gelde er gesagt hätte, daß es „gestohlen“ sei -– von dem gestrigen oder den anderen Dreitausend vor einem Monat – -erklärte sie, daß er es von jenem anderen vor einem Monat gesagt, daß -wenigstens sie ihn so verstanden habe. - -Endlich wurde auch Gruschenka entlassen, wobei ihr Nikolai Parfenowitsch -Neljudoff noch dienstbeflissen mitteilte, daß sie, falls sie es -wünschte, ungehindert jeden Augenblick in die Stadt zurückkehren könne, -und daß er, falls er seinerseits irgendwie gefällig sein könnte, zum -Beispiel hinsichtlich der Pferde, oder, zum Beispiel, falls sie einen -Begleiter wünschte, ... seinerseits, wie gesagt, mit dem größten -Vergnügen ... - -„Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit,“ unterbrach ihn Gruschenka, -mit einer leichten Verneigung des Kopfes, „ich werde mit dem kleinen -alten Herrn, dem Gutsbesitzer, zurückkehren, ich werde ihn in die Stadt -bringen, doch vorläufig möchte ich, wenn Sie es gestatten, hier -abwarten, was mit Dmitrij Fedorowitsch geschehen wird.“ - -Sie verließ das Zimmer. Mitjä war ruhig und schien wieder Mut und Kraft -geschöpft zu haben, – doch schien das nur eine kurze Zeit so. Es überkam -ihn immer wieder eine ganz sonderbare körperliche Schwäche, und je -länger die Verhandlung dauerte, desto häufiger und stärker fiel ihn -diese Schwäche an. Seine Augen fielen ihm fast zu vor Müdigkeit. Endlich -war auch das Zeugenverhör beendet. Dann schritt man zur endgültigen -Redaktion des Protokolls. Mitjä erhob sich und ging von seinem Stuhl in -die Ecke zum Vorhang, wo er sich auf eine große, mit einem Teppich -bedeckte Truhe hinlegte und sofort einschlief. Da hatte er einen -sonderbaren Traum, der eigentlich gar nicht zu seiner Stimmung paßte. Es -war ihm, als fahre er irgendwo in der Steppe, dort, wo früher vor langer -Zeit sein Regiment gestanden hatte: und er fährt in einem offenen Wagen, -in dem vor ihm noch der Kutscher sitzt, ein Bauer, und es schneit und -regnet. Nur scheint es kalt zu sein, etwa Anfang November, und der -Schnee fällt in dichten nassen Flocken und taut sofort auf, sobald er -die Erde berührt. Und der Bauer knallt mit der Peitsche, und die beiden -Pferde greifen tüchtig aus. Der Bauer hat einen langen Bart, er ist aber -noch nicht alt, ungefähr fünfzig Jahre, und er hat einen grauen -Bauernkittel an. Und da sieht er in der Ferne ein Dorf, die Hütten sind -schwarz, ganz schwarz, und die Hälfte der Hütten ist abgebrannt, und es -starren von ihnen nur noch die verkohlten Dachsparren durch den grauen -Tag. Und vor der Einfahrt ins Dorf haben sich an der Landstraße die -Bauernweiber aufgestellt, viele Weiber, eine ganze Reihe, und alle haben -sie so magere und abgezehrte, ganz absonderlich braune Gesichter. -Besonders die eine am Rande, eine skelettartige, hohe Gestalt: sie -scheint vierzig Jahre alt zu sein, vielleicht ist sie auch nur zwanzig, -ihr Gesicht ist lang, mager, und auf dem Arme trägt sie ein weinendes -Kindchen, ihre Brüste aber müssen ganz ausgetrocknet sein, keinen -Tropfen Milch mehr enthalten. Und das Kindchen weint und weint, und es -streckt die Ärmchen aus, nackte magere Ärmchen mit kleinen Fäustchen, -die vor Kälte ganz blau sind. - -„Warum weinen sie? Worüber weinen sie?“ fragt Mitjä, indem er in seinem -Wagen an ihnen vorüberfliegt. - -„Das ist das Kindichen,“ antwortet ihm der Bauer, mit dem er fährt, „das -Kindichen weint.“ - -Und Mitjä ist ganz verdutzt darüber, daß er es so auf seine Art sagt: -„das Kindichen“, und nicht das Kindchen. Und es gefällt ihm, daß der -Bauer Kindichen gesagt hat: es ist, als ob mehr Mitleid darin läge. - -„Aber warum weint es?“ fragte Mitjä ungeduldig weiter, als wenn er zu -dumm wäre, um es zu begreifen. „Warum sind seine Ärmchen bloß, warum -wird es nicht eingewickelt?“ - -„Das Kindichen hat’s kalt, die Kleiderchen sind dünn und feucht, und da -wärmen sie das Körperchen nicht mehr.“ - -„Aber warum ist das so? Warum?“ fragt immer drängender der dumme Mitjä. - -„Weil sie doch arm sind, abgebrannt, Brot haben sie kein Stückchen mehr; -sie bitten für den abgebrannten Ort.“ - -„Nein, nein,“ ruft Mitjä, als verstehe er noch immer nicht, „aber so sag -mir doch: Warum stehen so die abgebrannten Mütter, warum sind sie arm, -warum ist das Kindichen arm, warum ist die Steppe so nackt, warum -umarmen sie sich nicht, warum küssen sie sich nicht, warum singen sie -nicht fröhliche Lieder, warum sind sie so schwarz geworden von dem -schwarzen Elend, warum wird das Kindichen nicht genährt?“ - -Und er fühlt, daß er sinnlos und unvernünftig fragt, aber er hatte -unbedingt geradeso fragen wollen, und er glaubt, daß er auch geradeso -habe fragen müssen. Und er fühlt noch, daß sich in seinem Herzen eine -noch nie empfundene Rührung erhebt, daß er weinen möchte, daß er für -alle etwas tun will, auf daß das Kindichen nicht mehr weine, auf daß -auch die schwarze verhärmte Mutter des Kindichens nicht mehr weine, auf -daß von diesem Augenblicke an niemand mehr eine Träne vergieße, und daß -er sofort, unverzüglich so etwas tun will, ohne Aufschub oder Verzug, -ohne Rücksicht oder Bedenken, mit der ganzen Karamasoffschen zügellosen -Leidenschaft. - -„Und ich bin bei dir, jetzt verlasse ich dich nie mehr, das ganze Leben -lang gehe ich mit dir,“ ertönen neben ihm Gruschenkas liebeatmende, -inbrünstige Worte. - -Und da entbrennt sein ganzes Herz und strebt zu etwas Lichtem, Lichtem, -und leben will er, leben, auf einem Wege will er gehen, gehen zu dem -neuen ihm winkenden Lichte, nur schneller, schneller, jetzt gleich, -sofort! - -„Was? Wohin?“ ruft er aus, schlägt die Augen auf und setzt sich auf -seine Truhe, als ob er aus einer Ohnmacht erwache, und lächelt verklärt. - -Vor ihm stand, etwas zu ihm herabgebeugt, Nikolai Parfenowitsch -Neljudoff und forderte ihn auf, das Protokoll anzuhören und dann zu -unterzeichnen. - -Mitjä erriet, daß er vielleicht eine Stunde geschlafen hatte oder noch -länger, aber er hörte nicht, was Neljudoff zu ihm sprach. Es machte ihn -plötzlich stutzig, daß auf der Truhe ein Kopfkissen lag und er auf ihm -geschlafen hatte; vorhin aber, als er todmüde hier eingeschlafen war, da -hatte er kein Kissen gesehen. - -„Wer hat mir dieses Kissen unter den Kopf geschoben? Wer ist dieser gute -Mensch gewesen?“ rief er mit einem begeisterten, dankbaren Gefühl und -einer gleichsam vor Tränen bebenden Stimme, als hätte man ihm weiß Gott -was für eine große Wohltat erwiesen. - -Er hat es nie erfahren, wer dieser gute Mensch gewesen war. Vielleicht -hatte es einer von den Ortsbewohnern oder der kleine Schreiber Nikolai -Parfenowitschs aus Mitleid getan. Mitjä aber fühlte, wie seine ganze -Seele vor Tränen gleichsam erbebte. Er trat zum Tisch und sagte, daß er -alles unterzeichnest werde, was sie von ihm verlangten. - -„Ich habe einen guten Traum gehabt, meine Herren,“ sagte er, und seine -Worte klangen so sonderbar, und er sprach sie mit einem ganz neuen, -freudeverklärten Gesicht. - - - IX. - Wie Mitjä fortgeführt wurde - -Als das Protokoll unterzeichnet war, wandte sich Nikolai Parfenowitsch -mit feierlicher Miene an den Angeklagten und verlas die „Verfügung“, – -daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, an dem und dem Ort der -Untersuchungsrichter des und des Kreisgerichtshofs nach dem Verhör des -und des (d. h. Mitjäs), der angeklagt war, das und das verübt zu haben -(alle Anklagen waren peinlich genau aufgezählt), und in Anbetracht -dessen, daß der Angeklagte, der sich der Verbrechen, die ihm zur Last -gelegt werden, nicht für schuldig bekenne, anderseits nichts zu seiner -Rechtfertigung vorzubringen habe, während die Zeugen (die und die) und -die Umstände (die und die) ihn vollständig überführen, er, der -Untersuchungsrichter usw. auf Grund der und der Paragraphen des -Strafgesetzbuches usw. verfüge: um dem und dem (Mitjä) die Möglichkeit -zu nehmen, sich der Untersuchung und dem Gericht zu entziehen, ihn in -das und das Gefängnis einzuschließen, wovon dem Angeklagten Mitteilung -zu machen, die Kopie dieser Verfügung dem Vertreter des Staatsanwalts -einzuhändigen sei usw. usw. Kurz, es wurde Mitjä mitgeteilt, daß er von -diesem Augenblicke an ein Gefangener war, und daß man ihn unverzüglich -in die Stadt führen werde, um ihn dort im Gefängnis unterzubringen. -Mitjä der alles aufmerksam angehört hatte, zuckte nur mit den Schultern. - -„Nun was, meine Herren, ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, ich bin -bereit ... Ich sehe es ja ein, daß Ihnen weiter nichts zu tun übrig -bleibt.“ - -Nikolai Parfenowitsch erklärte ihm darauf in möglichst sanfter Weise, -daß ihn Mawrikij Mawrikjewitsch, der Polizeioffizier unseres Städtchens, -der kurz vorher in Mokroje angekommen war, sofort in die Stadt bringen -werde ... - -„Einen Augenblick,“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä und sich an alle -Anwesenden wendend, sagte er mit überströmendem Gefühl: „Meine Herren, -alle sind wir grausam, alle sind wir Unmenschen, alle Menschen machen -wir weinen, alle Menschen, Mütter und Kinder, doch von allen – mag das -jetzt so entschieden sein – von allen bin ich der allerniedrigste -Unmensch. Mag das jetzt einmal gesagt sein! An jedem Tage meines Lebens -habe ich mich vor die Brust geschlagen und mir vorgenommen, mich zu -bessern, und doch habe ich jeden Tag wieder dieselben Scheußlichkeiten -begangen. Jetzt begreife ich, daß für solche Menschen, wie mich, ein -Schlag nötig ist, ein Schicksalsschlag, damit sie wie mit einer -Wurfschlinge gefangen und von einer äußeren Kraft bezwungen werden. -Niemals, niemals hätte ich mich aus eigener Kraft erhoben! Nun aber hat -der Donner gegrollt und der Blitz hat mich getroffen. Ich nehme die Qual -der Anklage und meiner öffentlichen Schmach auf mich, ich will leiden, -und ich will mich durch das Leid läutern! Und das wird mir jetzt -vielleicht auch gelingen – was meinen Sie, meine Herren, wird es mir -gelingen? Doch nun hören Sie es noch einmal, ich sage es Ihnen zum -letzten Male: Am Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Ich nehme die -Strafe nicht deshalb auf mich, weil ich ihn etwa erschlagen habe, -sondern dafür, daß ich ihn hab erschlagen wollen und vielleicht auch -tatsächlich erschlagen hätte ... Doch immerhin, ich will mit Ihnen -kämpfen, um mein Leben kämpfen, und das kündige ich Ihnen jetzt im -voraus an. Ich werde mit Ihnen bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, und -dann wird Gott entscheiden! Leben Sie wohl, meine Herren, und tragen Sie -es mir nicht nach, daß ich Sie während des Verhörs angeschrien habe, oh, -es war mir ja noch alles so unklar ... Nach einer Minute bin ich -Arrestant, doch jetzt streckt Ihnen Dmitrij Karamasoff zum letztenmal -noch als freier Mensch seine Hand entgegen, zum letzten -Abschiedshändedruck. Ich will mich von Ihnen verabschieden, von den -Menschen will ich Abschied nehmen ...“ - -Seine Stimme wurde unsicher, und er streckte in der Tat seine Hand aus, -doch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der von allen am nächsten bei ihm -stand, zog plötzlich, als ob er zusammengezuckt wäre, seine Hände zurück -und kreuzte sie auf dem Rücken. Mitjä hatte es sofort bemerkt, und fuhr -zusammen. Seine hingehaltene Hand ließ er im Augenblick herabsinken. - -„Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen,“ stotterte Neljudoff -etwas verwirrt, „wir werden sie in der Stadt fortsetzen, und ich bin -natürlich meinerseits gern bereit, Ihnen jeden Erfolg zu wünschen ... zu -Ihrer Rechtfertigung ... Und was Sie als Persönlichkeit betrifft, -Dmitrij Fedorowitsch, so bin ich immer geneigt gewesen, Sie für einen -sozusagen mehr unglücklichen als schuldigen Menschen zu halten ... Wir -sind hier alle bereit, wenn ich wagen darf, im Namen aller zu reden, wir -alle sind bereit, Sie für einen im Grunde edlen Menschen zu halten, der -sich nur leider von einigen Leidenschaften in etwas gar zu starker Weise -beherrschen läßt ...“ - -Die zarte kleine Gestalt Nikolai Parfenowitschs drückte zum Schluß der -Rede die ganze Höhe seiner Würde als Untersuchungsrichter aus. Mitjä -zuckte plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß dieser „dumme Junge“ -ihn gleich unter den Arm fassen werde, um ihn scherzend in eine Ecke zu -führen und dort ihr Gespräch über die „Mädels“, das sie vor ein paar -Tagen gehabt hatten, wieder aufzunehmen. Doch – fliegen denn nicht -selbst einem Verbrecher, der zum Tode geführt wird, nicht zur Sache -gehörende und vielleicht gar alberne Gedanken durch den Kopf? - -„Meine Herren, ich weiß, Sie sind gut, – kann ich _sie_ noch einmal -sehen, mich zum letztenmal von ihr verabschieden?“ fragte Mitjä. - -„Oh, natürlich ... nur ... in Anbetracht ... mit einem Wort: Es geht -nicht, daß ... unter vier Augen geht es nicht, aber in Gegenwart ...“ - -„Schön, meinetwegen in Ihrer Gegenwart!“ - -Gruschenka wurde hinaufgebeten, doch es kam nur zu einer ganz kurzen, -wortkargen Abschiedsszene, die Nikolai Parfenowitsch eigentlich wenig -befriedigte. Gruschenka verneigte sich tief vor Mitjä. - -„Ich habe dir gesagt, daß ich dein bin und ewig dein bleiben werde. Mit -dir gehe ich bis in die Ewigkeit, wohin man dich auch verschicken -sollte. Leb wohl, du, der du dich unschuldig zugrunde gerichtet hast!“ - -Ihre Lippen bebten, Tränen blitzten an ihren Wimpern und rollten -plötzlich herab. - -„Gruscha, vergib mir meine Liebe, vergib mir, daß ich durch meine Liebe -auch dich ins Unglück stürze.“ - -Mitjä wollte noch etwas sagen, doch jäh brach er ab und ging hinaus. Er -wurde im Augenblick von Männern umringt, die ihn nicht aus den Augen -ließen. Unten vor der Treppe, wo er noch gestern mit Andreis Troika -dröhnend vorgefahren war, standen zwei Wagen bereit. Mawrikij -Mawrikjewitsch, ein stämmiger, kleiner Mann mit einem aufgedunsenen -Gesicht, schien durch etwas sehr gereizt zu sein, wahrscheinlich durch -irgendeinen Zwischenfall oder eine unvorhergesehene Unordnung; -jedenfalls schrie er wütend, und man sah ihm an, daß er sich ärgerte. So -forderte er denn auch Mitjä etwas gar zu barsch auf, in den Wagen -einzusteigen. „Früher, als ich ihm im Gasthause ‚zur Hauptstadt‘ Wein -und alles mögliche vorsetzte, hatte der Mensch ein ganz anderes -Gesicht,“ dachte Mitjä, als er einstieg. Auch Trifon Borissytsch stieg -die Treppe hinab. An der Hofpforte drängten sich Leute: Bauern, Weiber, -Fuhrknechte, Kutscher, und alle starrten sie Mitjä an. - -„Lebt wohl, Ihr Gottesmenschen!“ rief ihnen Mitjä vom Wagen zu. - -„Vergib auch du uns, Väterchen,“ hörte man zwei, drei Stimmen den Gruß -erwidern. - -„Nun, auch du leb wohl, Trifon Borissytsch!“ - -Doch Trifon Borissytsch wandte sich nicht einmal nach ihm um, vielleicht -weil er gar zu beschäftigt war. Er schrie gleichfalls und gab -verschiedene Befehle, denn der zweite Wagen, in dem zwei Gerichtsdiener -Mawrikij Mawrikjewitsch und Mitjä begleiten sollten, war noch nicht ganz -zur Abfahrt bereit. Der Fuhrknecht, der sie fahren sollte, zog vorläufig -noch langsam seinen Kittel an und redete wortreich darüber, daß nicht -er, sondern Akim an der Reihe sei, zu fahren. Akim aber war nicht zur -Stelle; da lief man denn, um den Akim zu suchen; der Bauer bestand aber -auf dem Seinen und bat, daß man warten solle. - -„Ach, Mawrikij Mawrikjewitsch, dieses Bauernpack ist doch bei uns ganz -ohne jedes Schamgefühl!“ rief Trifon Borissytsch kummervoll. Und zu dem -Fuhrknecht: „Dir hat Akim noch vorgestern einen Fünfundzwanziger -gegeben, und du hast ihn versoffen, jetzt aber reißt du wieder das Maul -bis an die Ohren. Ich wundere mich nur tagaus, tagein über Ihre Güte, -Mawrikij Mawrikjewitsch, hat doch dieses Lumpenpack so was nicht mal von -weitem verdient. Ich weiß, was ich sage!“ - -„Aber wozu brauchen wir denn noch eine zweite Troika?“ mischte sich da -Mitjä in die Angelegenheit ein. „Fahren wir nur ruhig in einer, Mawrikij -Mawrikjewitsch, ich werde ja nicht rebellieren, nicht von dir -fortlaufen, wozu also die Bedeckung?“ - -„Bitte, gefälligst zu begreifen, mein Herr, daß Sie nicht so zu mir zu -reden haben, falls Sie es noch nicht wissen sollten. Ich verbitte mir -Ihr Du und desgleichen Ihre Ratschläge, die Sie für bessere -Gelegenheiten aufsparen können ...“ schrie plötzlich, wild aus sich -herausfahrend, Mawrikij Mawrikjewitsch Mitjä an, – als hätte er sich -über die Gelegenheit gefreut, seine Galle an ihm auslassen zu können. - -Mitjä schwieg. Das Blut war ihm heiß ins Gesicht gestiegen. Nach einem -Augenblick fror ihn plötzlich sehr. Der Regen hatte aufgehört, doch der -trübe Himmel war ganz von Wolken bedeckt, und ein scharfer Wind blies -ihm gerade ins Gesicht. „Sollte das etwa ein Fieberschauer sein?“ dachte -Mitjä, der sich in den Schultern schüttelte. Endlich stieg auch Mawrikij -Mawrikjewitsch ein, setzte sich gewichtig und breit hin, wobei er – als -bemerke er es überhaupt nicht – Mitjä gehörig an die andere Seitenlehne -preßte. Freilich war er nicht bei guter Laune, und der ihm zuteil -gewordene Auftrag behagte ihm sehr wenig. - -„Leb wohl, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä nochmals zurück, und er -fühlte selbst, daß er es nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus Bosheit, -gegen seinen Willen gerufen hatte. - -Doch Trifon Borissytsch stand stolz auf seiner Treppe, hielt die Hände -auf dem Rücken und sah Mitjä ohne mit der Wimper zu zucken an; er -blickte streng und geärgert und antwortete auf Mitjäs Gruß kein Wort. - -„Leben Sie wohl, Dmitrij Fedorowitsch, leben Sie wohl!“ ertönte -plötzlich die Stimme Kalganoffs, der ganz unerwartet von irgendwoher -aufgetaucht war. - -Er eilte zum Wagen und streckte Mitjä die Hand entgegen. Er war ohne -Mütze herausgelaufen. Mitjä gelang es noch, seine Hand zu erfassen und -einmal zu drücken. - -„Leb wohl, du lieber Mensch, werde dich und deine Großmut nie -vergessen!“ rief er ihm heiß zu. - -Da zogen aber die Pferde an, und ihre Hände wurden auseinander gerissen. -Die Glocken tönten ... – so wurde Mitjä fortgeführt. - -Kalganoff aber lief in den Flur, setzte sich dort in eine dunkle Ecke, -vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Lange saß er so -und weinte, – er weinte, als wäre er noch ein kleiner Knabe und nicht -ein zwanzigjähriger junger Mann. Oh, er war fast ganz von Mitjäs Schuld -überzeugt! „Was sind denn das für Menschen, wie können denn, danach zu -urteilen, die Menschen überhaupt sein!“ rief er innerlich in bitterer -Schwermut, wenn nicht gar Verzweiflung. Er verlor allen Lebensmut: „Ich -will überhaupt nicht mehr leben,“ sagte er grollend, und „ist denn das -Leben das wert, ist es das wert?“ rief der betrübte Jüngling immer -wieder aus. - - - - - Zehntes Buch. Die Knaben - - - I. - Koljä Krassotkin - -Anfang November. Die Kälte war bei uns schon auf elf Grad gestiegen, und -dazu kam noch Glatteis. Auf die gefrorene Erde war nachts etwas -trockener Schnee gefallen, und nun fegte ihn ein kalter, scharfer Wind -durch die langweiligen Straßen des Städtchens und besonders über den -Marktplatz in unermüdlichen Stößen vor sich her. Der Morgen ist bewölkt, -doch der Schneefall hat schon aufgehört. - -Nicht weit vom Marktplatz, in der Nähe der Plotnikoffschen -Kolonialwarenhandlung, steht das kleine, von außen wie von innen sehr -saubere Haus der Witwe des verstorbenen Beamten Krassotkin. Der -Gouvernementssekretär Krassotkin war schon vor langer Zeit gestorben, -vor etwa vierzehn Jahren; seine Witwe aber, ein etwa dreißigjähriges und -noch immer sehr nettes appetitliches Frauchen, lebte in ihrem schmucken -Häuschen „vom eigenen Kapital“. Sie lebte sittsam und bescheiden und -hatte einen zärtlichen, sanften, im allgemeinen recht heiteren -Charakter. Sie war bereits mit achtzehn Jahren Witwe geworden, nachdem -sie mit ihrem Mann nur ein Jahr lang zusammengelebt und ihm kurz vor -seinem Tode einen Sohn geboren hatte. Seit der Zeit, seit dem Tode ihres -Mannes, widmete sie sich ganz der Erziehung dieses ihres einzigen -Söhnchens Koljä, und wenn sie ihn auch alle diese vierzehn Jahre -geradezu abgöttisch liebte, so machte sie mit ihm, versteht sich, weit -mehr Leiden durch, als er ihr Freuden bereitete, da sie jeden Tag für -ihn zitterte und fast verging vor Angst, er könnte sich erkalten, -erkranken, sich beim Spielen Schaden tun, auf einen Stuhl klettern und -herunterfallen usw. usw. Als aber Koljä die Vorschule und späterhin -unser Progymnasium zu besuchen begann, da fing sie an, alle -Wissenschaften zu studieren, um ihm beim Lernen helfen und mit ihm die -Aufgaben durchnehmen zu können. Sie suchte mit seinen Lehrern und deren -Frauen bekannt zu werden, lud sie zum Kaffee ein, sie verwöhnte und -hätschelte sogar seine Schulkameraden, damit sie ihren Koljä nicht -anrührten, nicht verspotteten, oder gar – Gott behüte! – verprügelten. -Sie brachte es so weit, daß die Knaben schließlich über ihn lachten und -ihn als „das Muttersöhnchen“ neckten. Koljä aber verstand es, sich zu -verteidigen. Er war ein mutiger Junge und „furchtbar stark“, wie das -Gerücht zu melden wußte, das sich bald in der Klasse verbreitete, war -gewandt, charakterfest, kühn und unternehmungslustig. Er lernte gut, und -es hieß sogar unter den Kameraden, daß er in der Arithmetik und -allgemeinen Geschichte selbst dem Lehrer, Herrn Dardaneloff, ein Bein -stellen könne. Wenn nun der Junge auch etwas „von oben herab“ war und -das Nasenspitzchen oft gehörig emporreckte, so war er doch ein guter -Kamerad, der sich nie überhob. Die Achtung der Mitschüler nahm er -übrigens als etwas Selbstverständliches hin. Die Hauptsache war, daß er -Maß hielt, daß er sich bei Gelegenheit selbst zurückzuhalten verstand, -und daß er in seinem Verhalten zu den Lehrern niemals die letzte, sehr -bemerkbare Grenze überschritt, über die hinaus die Streiche nicht mehr -verziehen werden können, da sie dann bereits zu „Unordnung, Rebellion -und Verletzung der Vorschriften“ führen. Und doch war er nichts weniger -als abgeneigt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie der -ausgelassenste Schulbub ausgelassen zu sein, oder vielmehr nicht so sehr -ausgelassen zu sein, als etwas Besonderes anzustiften, einen ganz -besonders tollen Streich zu spielen, „Extrafurore“ zu machen, sich einen -„Schick“ zu geben, kurz, sich irgendwie auffallend auszuzeichnen. Vor -allem war er sehr ehrgeizig. Sogar seine Mama verstand er in ein -untergeordnetes Verhältnis zu sich zu bringen, ja, er beherrschte sie -fast despotisch. Sie hatte sich ihm widerspruchslos untergeordnet, oh, -schon lange war er der Herr im Hause! Nur den einen Gedanken konnte sie -nicht ertragen: daß ihr Junge sie „wenig liebe“. Es schien ihr immer, -daß ihr Koljä „nichts für sie fühle“, und so kam es denn vor, daß sie, -in Tränen aufgelöst, ihm wegen seiner Kälte zu ihr Vorwürfe machte. So -etwas liebte der Junge äußerst wenig, und je mehr Herzensergüsse man von -ihm verlangte, um so zurückhaltender wurde er. Das geschah aber von ihm -nicht absichtlich, wie es schien, sondern ganz unwillkürlich, – so war -nun einmal sein Charakter. Doch die Mutter täuschte sich: er liebte -seine Mama sogar sehr, nur liebte er keine „Kälberzärtlichkeiten“, wie -er sich in seinem Schülerjargon ausdrückte. Sein Vater hatte viele -Bücher hinterlassen, die von der Mutter in einem großen Schrank -aufbewahrt wurden. Koljä machte sich bald daran, diese Bücher zu lesen. -Die Mama beunruhigte das weiter nicht; sie wunderte sich vorläufig nur -über ihren Jungen, wie der so ganze Stunden lang am Bücherschrank stehen -und lesen konnte. Daher hatte denn Koljä in kurzer Zeit schon manches -gelesen, was er in so jungen Jahren gar nicht zu wissen gebraucht hätte. - -In der letzten Zeit aber hatte er ein paar Streiche gespielt, die die -Mama ernstlich beunruhigten. Es waren das nicht irgendwelche sittlich -bedenkliche, bösartige Stückchen, sondern wahrhaft tollkühne, -halsbrecherische Wagnisse gewesen. Die Mama hatte nämlich Ende Juli, in -der Ferienzeit, mit ihrem Jungen eine Verwandte besucht, deren Mann auf -der nächsten Eisenbahnstation, siebzig Werst von unserem Städtchen, -angestellt war. (Es war das dieselbe Eisenbahnstation, von der einen -Monat darauf Iwan Fedorowitsch Karamasoff nach Moskau reiste.) Das -erste, was Koljä bei seinen Verwandten tat, war, daß er sich genau die -Lokomotiven besah, sich mit der Maschine gut bekannt machte, alle Räder -untersuchte usw., denn er sagte sich, daß er mit diesen Kenntnissen -seinen Mitschülern imponieren werde. Es fanden sich noch ein paar andere -Knaben dazu, mit denen er sich anfreundete; die einen von ihnen wohnten -daselbst auf der Station, die anderen in der Nachbarschaft, – im ganzen -hatten sich sechs oder sieben Jungen im Alter zwischen zwölf und -fünfzehn Jahren zusammengetan, darunter zwei Gymnasiasten aus unserer -Stadt. Diese Jungen spielten und tollten zusammen, und siehe da, am -vierten oder fünften Tage des Besuchs – Frau Krassotkin und Koljä waren -nur auf etwa eine Woche hingefahren – kam es unter ihnen zu einer ganz -unglaublichen Wette um zwei Rubel: und zwar handelte es sich um -folgendes: - -Koljä, der Jüngste unter ihnen, und daher von den anderen etwas -herablassend Behandelte, hatte aus knabenhaftem Ehrgeiz oder aus -unverzeihlicher Tollkühnheit vorgeschlagen, nachts, wenn der Elfuhrzug -käme, so lange zwischen den Schienen zu liegen, bis der Eilzug über ihn -hinweggegangen wäre. Allerdings waren verschiedene Versuche gemacht -worden, die ergeben hatten, daß man sehr wohl so zwischen den Schienen -liegen und sich an den Boden drücken konnte, ohne vom Zug berührt zu -werden, der dann in der größten Geschwindigkeit über einen hinwegsausen -werde. Trotzdem jedoch – besten Dank für das Liegen! Koljä aber -behauptete steif und fest, daß er sich hinlegen und liegen bleiben -werde. Er wurde zuerst ausgelacht, ein Prahlhänschen, ein Aufschneider -genannt, und durch diese Neckereien nur noch mehr zu seinem Vorhaben -gereizt. Das Entscheidendste dabei war, daß diese Fünfzehnjährigen schon -gar zu wichtig vor ihm taten und ihn zuerst als „Kleinen“ überhaupt -nicht in ihre „Clique“ hatten aufnehmen wollen, was ihm denn doch zu -sehr „an die Ehre“ ging. Und so ward beschlossen, am Abend aufzubrechen -und ungefähr auf eine Werst längs dem Eisenbahndamm weiterzugehen, um -dann bis elf den Zug, der dort von der Station aus bereits in Gang -gekommen sein würde, zu erwarten. Der Abend kam, man versammelte sich -und machte sich auf den Weg. Die Nacht brach an: es war eine mondlose, -nicht nur dunkle, sondern fast pechschwarze Nacht. Kurz vor elf legte -Koljä sich zwischen den Schienen hin. Die übrigen fünf, die die Wette -eingegangen waren, warteten zuerst mit beklommenem Herzen, zuletzt aber -in Angst und Reue unten am Bahndamm im Gebüsch. Endlich, – ein Pfiff und -fernes Rollen zeigten an, daß der Schnellzug die Station verließ. Da -tauchten auch schon in der Nacht zwei feurige Augen auf und fauchend -raste das Ungetüm heran. „Lauf Koljä! Lauf fort!“ schrien fünf -angsterstickte Stimmen aus dem Gebüsch. Es war aber schon zu spät: der -Zug war schon da und sauste vorüber. Die Jungen stürzten den Damm hinauf -zu Koljä: er lag regungslos zwischen den Schienen. Man rüttelte ihn, -rief ihn an, und versuchte ihn schließlich aufzuheben. Da stand er -plötzlich von selbst auf und ging schweigend den Bahndamm hinab. Unten -angelangt, erklärte er, daß er absichtlich unbeweglich liegen geblieben -sei, um ihnen Angst zu machen. Doch war das nicht ganz wahrheitsgetreu: -er hatte tatsächlich die Besinnung verloren, wie er später, nach langer -Zeit, seiner Mama gestand. So hatte er sich denn den Ruhm, ein -„Tollkühner“ zu sein, für alle Zeiten erworben. Er kehrte nur sehr -bleich zur Station zurück und erkrankte am Tage darauf an einem leichten -Nervenfieber, doch war er bald wieder ungemein lebhaft, lustig und -zufrieden. Der Streich wurde nicht gleich bekannt; erst als er wieder -zurückgekehrt war und wieder in die Schule ging, verbreitete sich die -tolle Geschichte, dank den beiden Gymnasiasten, die dabei gewesen waren, -unter den Schülern unseres Progymnasiums, bis sie schließlich auch der -Schulobrigkeit zu Ohren kam. Da aber stürzte Koljäs Mama hin zu den -Direktoren, um für ihren Sohn Verzeihung zu erflehen, und erreichte denn -auch, daß der sehr geachtete und einflußreiche Lehrer Dardaneloff für -ihren Jungen eintrat und ihn verteidigte, und daß man die Sache zu guter -Letzt auf sich beruhen ließ, als wäre überhaupt nichts geschehen. Dieser -Dardaneloff, ein unverheirateter und noch nicht alter Mann, war nämlich -schon seit etlichen Jahren glühend in Frau Krassotkin verliebt und hatte -ihr auch schon einmal, vor etwa einem Jahr, in der ehrerbietigsten Weise -und halb vergehend vor Angst und Verlegenheit einen Heiratsantrag -gemacht; sie aber hatte ihn ohne weiteres abgewiesen, da sie eine -Wiederverheiratung als einen Verrat an ihrem Sohne empfunden hätte. -Trotzdem hatte Dardaneloff vielleicht doch das Recht, nach gewissen -Anzeichen zu schließen, daß er der hübschen Dame nicht unsympathisch -war. Der tolle Streich Koljäs schien nun das Eis gebrochen zu haben, und -ihm war für seine freundliche Verwendung eine leise Andeutung, daß er -hoffen könne, zuteil geworden, freilich nur eine sehr entfernte. Da aber -Dardaneloff, was Rücksichtnahme und Zartgefühl betraf, ein wahres -Phänomen war, so genügte das vollkommen, um ihn unendlich glücklich zu -machen. Den Knaben liebte er sehr, nur hielt er es für erniedrigend, -sich bei ihm einzuschmeicheln, daher verhielt er sich zu ihm in der -Klasse stets streng und anspruchsvoll. Und auch Koljä „hielt ihn sich in -respektvoller Entfernung“. Er bereitete sich zu den Stunden -ausgezeichnet vor, behauptete sich in der Klasse als zweiter Schüler, -war im Umgang mit ihm etwas trocken, und die ganze Klasse glaubte, daß -er in der allgemeinen Geschichte Dardaneloff sogar schlagen könne. Und -tatsächlich hatte Koljä ihm einmal die Frage gestellt: Wer hat Troja -gegründet? – worauf der Lehrer nur „im allgemeinen“ geantwortet hatte, -von den Bewegungen der verschiedenen Völker, von ihren Wanderungen und -Niederlassungen und Übersiedlungen, von der Tiefe der Zeiten, von den -Mythen und Dichtungen gesprochen: doch auf die Frage, wer, d. h. welche -Personen Troja gegründet hatten, darauf konnte er nicht antworten, und -im übrigen fand er die Frage müßig. Die Knaben waren überzeugt, daß -Dardaneloff einfach nicht wußte, wer Troja gegründet hatte. Koljä aber -hatte im Ssmaragdoff, der sich gleichfalls im Bücherschrank des Vaters -fand, alles Nähere über die Gründung Trojas nachgelesen. Schließlich -interessierte es alle Knaben, wer nun der eigentliche Gründer Trojas -war, Koljä Krassotkin aber deckte sein Geheimnis nicht auf, und so genoß -er denn allein den Ruhm des Wissens. - -Da kam nun dieser Eisenbahnstreich dazwischen, und Koljäs Verhalten zur -Mutter erfuhr eine Veränderung. Als Anna Fedorowna (so hieß Frau -Krassotkin) von der „Heldentat“ ihres Sohnes erfuhr, fiel sie beinahe in -Ohnmacht vor Angst, obgleich doch keinerlei Gefahr mehr vorhanden war. -Sie bekam die heftigsten nervösen Anfälle, die mit Unterbrechungen -mehrere Tage lang andauerten, so daß Koljä ernstlich erschrak und ihr -sein heiliges Ehrenwort gab, nie mehr ähnliche Tollkühnheiten zu -begehen. Er schwur es ihr auf den Knien vor dem Heiligenbilde, schwur es -beim Andenken seines Vaters, wie es seine Mama verlangte, wobei der -„männliche, erwachsene“ Koljä wie ein sechsjähriger Knabe vor lauter -„Gefühl“ weinte, und Mutter und Sohn sich in den Armen lagen und bis zum -Abend schluchzten. Am nächsten Morgen war Koljä ebenso „gefühllos“, wie -früher, nur wurde er von da an schweigsamer, bescheidener, strenger und -nachdenklicher. Das hinderte freilich nicht, daß er nach anderthalb -Monaten wieder einen Streich spielte, durch den sein Name sogar unserem -Friedensrichter bekannt wurde. Doch davon später. Die Mutter fuhr fort -zu zittern und sich zu quälen, und Dardaneloff schöpfte, im Verhältnis -wie ihre Angst wuchs, immer mehr Hoffnung. - -Ich muß noch bemerken, daß Koljä in dieser Hinsicht seinen Lehrer sehr -gut verstand und sogar ganz durchschaute und ihn, versteht sich, wegen -dieser seiner „Gefühlsduseleien“ tief verachtete. Früher hatte er einmal -die Unzartheit gehabt, diese Verachtung seiner Mama zu verstehen zu -geben, und er hatte außerdem noch angedeutet, daß er sehr wohl wisse, -welche Absichten Dardaneloff hege. Aber nach jenen schrecklichen -nervösen Anfällen der Mutter änderte er sich auch in dieser Beziehung. -Er erlaubte sich hinfort keine einzige Anspielung mehr und äußerte sich -über Dardaneloff der Mutter gegenüber stets sehr achtungsvoll, was die -feinfühlige Anna Fedorowna sofort mit grenzenloser Dankbarkeit in ihrem -Herzen empfand, – dafür aber selbst bei der leisesten Erwähnung -Dardaneloffs, etwa im Gespräch mit einem unbefangenen Gast, wenn Koljä -dabei war, wie eine Rose erglühte. Koljä dagegen schaute dann mit -krauser Stirn zum Fenster hinaus, oder er betrachtete umständlich und -äußerst interessiert seine Stiefelspitzen, oder er rief barsch seinen -„Pereswonn“ heran, ein langhaariges, zottiges und häßliches Hundevieh, -das er vor einem Monat irgendwo „aufgegabelt“ und nach Haus „bugsiert“ -hatte, nun im Hause wie ein großes Geheimnis hütete und keinem einzigen -seiner Kameraden zeigte. Er tyrannisierte den armen Köter ganz -entsetzlich, drillte ihn unermüdlich, bis er ihm alle möglichen Künste -„eingefuchst“ hatte, und brachte es schließlich so weit, daß der arme -Hund jedesmal heulte, wenn er in die Schule ging, und wenn er wieder -zurückkehrte, vor Freude „rappeldoll“ wurde, winselte, sich auf den -Rücken warf, alle Stückchen vormachte und wie besessen an ihm -hinaufsprang – und das alles nicht auf Befehl, sondern aus bloßem -Überschwang seiner Begeisterung und seines dankbaren Hundeherzens. - -Ich habe übrigens zu erwähnen vergessen, daß Koljä Krassotkin derselbe -Knabe war, der von Iljuscha, dem Sohn des verabschiedeten Hauptmanns -Ssnegireff, in der Schule mit dem Federmesser in den Oberschenkel -gestochen worden war, als die Schüler jenen, seines Vaters wegen, -„Bastwisch“ geneckt hatten. - - - II. - Die Gören - -Also an jenem frostigen Novembersonntagmorgen, an dem der scharfe -Winterwind den trockenen Schnee durch die Straßen fegte, saß Koljä -Krassotkin ganz allein zu Hause. Es hatte schon elf geschlagen, und er -mußte in einer „äußerst wichtigen und positiv unaufschiebbaren -Angelegenheit ausgehen“ – und da sah er sich nun gezwungen, als einziger -Beschützer zu Hause zu sitzen, denn es hatte sich so gemacht, daß alle -älteren Bewohner des Hauses wegen eines sehr sonderbaren und gewiß -höchst seltenen Vorfalles fortgegangen waren. Im Hause der Frau -Krassotkin wohnte nämlich in der zweiten, kleinen Wohnung, die nur aus -zwei Wohnzimmern bestand und von der Wohnung Frau Krassotkins durch -einen Korridor getrennt war, die Frau eines Doktors mit ihren zwei -kleinen Kindern zur Miete. Diese Doktorsfrau war mit Anna Fedorowna in -gleichem Alter und hatte sich herzlich mit ihr angefreundet; der Doktor -aber war schon vor etwa einem Jahr verreist, zuerst nach Orenburg und -dann nach Taschkent, und hatte nun seit einem halben Jahre nichts mehr -von sich hören lassen, so daß seine Frau sich blind geweint hätte, wenn -nicht die Freundschaft mit Anna Fedorowna ihr Trost und Stütze gewesen -wäre. Nun, und da mußte es denn zur Krönung aller Schicksalsschläge noch -geschehen, daß Katerina, die einzige Magd der „Doktorin“, in der letzten -Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag ihrer Herrin zu deren Verblüffung -mitteilte, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach am nächsten Morgen -niederkommen werde. Wie es möglich gewesen war, daß niemand früher etwas -davon gemerkt hatte, blieb allen ein Rätsel. Die erschrockene, arme Frau -überlegte sich die schwierige Sache und beschloß darauf, ihre Magd, -solange es noch Zeit war, zur Hebamme in eine für solche Fälle -eingerichtete Anstalt zu bringen. Da sie mit ihrer Magd sehr zufrieden -war und diese um keinen Preis verlieren wollte, so führte sie ihren -Vorsatz auch unverzüglich aus und blieb außerdem noch vorläufig bei ihr. -Darauf, am Sonntagmorgen, wurde auch Frau Krassotkin um ihre gütige -Fürsprache und Protektion gebeten, da sie in diesem Falle bei gewissen -Personen irgend etwas erbitten konnte. So kam es denn, daß beide Damen -nicht zu Hause waren, und da auch Frau Krassotkins Magd, Agafja, auf den -Markt gegangen war, mußte Koljä zeitweilig als Beschützer und Wächter -der kleinen „Knirpse“ zu Hause bleiben. Diese „Knirpse“ waren die beiden -Gören der Frau Doktor, ein Knabe und ein Mädel. Das Haus zu bewachen, -fürchtete sich Koljä nicht, und zudem war ja noch Pereswonn bei ihm, der -aber auf Befehl seines Herrn im Vorzimmer unter der Bank „tot“ liegen -mußte, und der gerade deswegen jedesmal, wenn Koljä auf der „Runde durch -die Zimmer“ an ihm vorüberkam, mit bittendem Blick ihn ansah und zweimal -mit der Rute kräftig auf den Fußboden schlug. Leider aber hörte er noch -immer nicht den rufenden Pfiff des Herrn. Koljä warf nur einen drohenden -Blick auf den armen Köter, und sofort stellte sich dieser gehorsam -wieder „tot“. Dafür aber waren es die beiden Gören, die sogenannten -„Knirpse“, die ihn beunruhigten. Auf den Vorfall mit Katerina blickte er -selbstverständlich mit der tiefsten Verachtung herab, die verwaisten -„Knirpse“ dagegen liebte er sehr. Er hatte ihnen ein Kinderbuch zur -Zerstreuung gebracht, denn Nastjä, das ältere, achtjährige Mädchen, -konnte schon lesen, und der jüngere „Knirps“, der siebenjährige Kostjä, -hörte „furchtbar gern“ zu, wenn Nastjä ihm vorlas. Koljä Krassotkin -hätte sie nun allerdings noch viel unterhaltsamer zerstreuen können, zum -Beispiel mit Pferdchen- oder Soldaten- oder Versteckspielen. Das war -früher auch schon mehr als einmal geschehen, so daß sich das Gerücht, -Krassotkin spiele zu Hause mit den Kindern der Mieterin Pferdchen, und -ahme im Springen, Galoppieren und Kopfneigen kunstvoll die Allüren des -Deichselpferdes der Troika nach, sogar in der Schule verbreitet hatte. -Krassotkin aber war gelungen, sich voll Stolz zu verteidigen, indem er -den Mitschülern seinen Standpunkt klarlegte: mit Altersgenossen, d. h. -also mit Dreizehnjährigen, wäre es seiner Meinung nach allerdings eine -Schmach, „in unserem Jahrhundert“ noch Pferdchen zu spielen, er aber tue -es nur für die „kleinen Knirpse“, da er sie sehr gern habe, und im -übrigen habe niemand das Recht, von ihm über seine Gefühle Rechenschaft -zu fordern. Dafür wurde er denn auch von den beiden Kleinen geradezu -vergöttert. Diesmal aber war ihm nicht nach Spielchen zu Sinn. Er war -mit einer äußerst wichtigen persönlichen Angelegenheit beschäftigt: ihm -stand, wie es schien, etwas fast Geheimnisvolles bevor. Inzwischen aber -verging die Zeit, und Agafja, mit der die Gören sehr gut allein hätten -bleiben können, wollte immer noch nicht vom Markt zurückkehren. Er war -schon mehrmals über den Flur gegangen und hatte die Tür zur Wohnung der -Frau Doktor geöffnet und besorgt die Kleinen betrachtet, die auf seinen -Befehl artig vor dem Kinderbuch saßen und ihm jedesmal, wenn er die Tür -aufmachte, mit ganzem Mund entgegen lächelten, in der Erwartung, daß er -diesmal ganz sicherlich eintreten und Ihnen etwas Schönes und Lustiges -vormachen werde. Koljä aber war sichtlich mit anderem beschäftigt und -kam nicht herein. Da schlug es elf, und er beschloß endgültig, auf diese -„verdammte Agafja“ nicht mehr länger als zehn Minuten zu warten, wenn -sie aber selbst dann noch nicht gekommen wäre, einfach fortzugehen, – -versteht sich, wenn ihm die „Knirpse“ vorher das Wort gegeben hatten, -daß sie ohne ihn nicht Angst bekommen, nicht unartig sein und nicht -weinen würden. Mit diesen Gedanken zog er seinen kleinen wattierten -Wintermantel mit dem Kottikkragen an, hing sein Büchertäschchen über die -Schulter und ging, trotz der wiederholten Bitten seiner Mama, „bei -dieser Kälte nicht ohne Galoschen auszugehen,“ in bloßen Stiefeln und -nur mit einem verächtlichen Blick auf seine Galoschen, zur Tür hinaus. -Als Pereswonn ihn nach dem Mantel greifen sah, fing er sofort an, -stärker mit der Rute auf den Boden zu schlagen, reckte nervös den Hals -immer wieder wie suchend ihm entgegen und machte bereits quiekende -Versuche zu einem klagenden Geheul. Koljä aber beschloß, als er diese -Erregung seines Köters bemerkte, den gegebenen Befehl noch nicht -aufzuheben, „da man ihn an Disziplin gewöhnen muß“, und erst als er die -Flurtür öffnete, pfiff er. Pereswonn fuhr auf wie toll und sprang -geradezu außer sich vor Freude zu seinem jungen Tyrannen. Koljä schritt -über den Flur und öffnete die Tür zu den Knirpsen. Die saßen wie früher -am Tischchen, lasen aber nicht mehr, sondern stritten sich. Diese beiden -Kinder stritten häufig miteinander über verschiedene ungelöste -Lebensprobleme, nur war es immer Nastjä, das ältere Mädchen, die den -Sieg davon trug; dafür ging denn Kostjä jedesmal, wenn er mit ihr nicht -übereinstimmen konnte, zu Koljä Krassotkin, um an ihn als an die letzte -Instanz zu appellieren, und wie der dann entschied, so blieb es auch, da -er für beide Teile absolute Autorität war. Diesmal schien ihm der Streit -der „Knirpse“ etwas interessanter, und so blieb er an der Tür noch ein -Weilchen stehen, um der Debatte zuzuhören. Die Kinder hatten natürlich -sofort bemerkt, daß er wieder eingetreten war, und so setzten sie ihren -Streit noch lebhafter fort. - -„Niemals, niemals werde ich glauben, daß die Ammen die kleinen Kinder im -Gemüsegarten zwischen den Kohlbeeten finden,“ beteuerte Nastjä, ganz -Feuer und Flamme. „Jetzt ist doch schon Winter, und Kohlbeete gibt es -überhaupt nicht mehr, wo soll nun die Amme das Töchterchen für Katerina -hernehmen?“ - -„Da haben wir’s!“ dachte Koljä bei sich. - -„Oder sieh, es kann doch auch so sein: die Ammen finden sie irgendwo, -bringen sie aber nur denen, die verheiratet sind.“ - -Klein Kostjä blickte das Schwesterchen aufmerksam an, hörte tiefsinnig -zu und überlegte. - -„Wie dumm du bist, Nastjä,“ sagte er schließlich überzeugt, ohne sich -aber dabei aufzuregen, „was kann denn Katerina für ein Kind haben, wenn -sie keinen Mann hat?“ - -Nastjä fuhr sofort auf: - -„Ach, du verstehst mich nicht,“ sagte sie gereizt, „vielleicht hat sie -einen Mann gehabt, nur sitzt er jetzt im Gefängnis, und da hat sie nun -ein Kind bekommen.“ - -„Ja, aber hat sie denn einen Mann im Gefängnis?“ erkundigte sich wichtig -der positive Kostjä. - -„Oder nein,“ unterbrach ihn Nastjä ungestüm, indem sie ihre erste -Hypothese völlig vergaß, „einen Mann hat sie nicht, da hast du recht, -sie will aber gern einen Mann haben, und da hat sie angefangen zu -denken, wie sie einen Mann bekommen würde, und hat immer daran gedacht, -so lange daran gedacht, bis sie nun nicht einen Mann, dafür aber ein -Kindchen bekommen hat.“ - -„Nun, das ist was anderes,“ meinte Kostjä bekehrt, „du hast das aber -früher nicht gesagt, wie sollte ich es da wissen!“ - -„Hört mal, ihr Gören,“ unterbrach Koljä Krassotkin eintretend die -Unterhaltung, „ihr seid ja, wie ich sehe, gefährliches Gewächs.“ - -„Und auch Pereswonn ist mit Ihnen gekommen?“ erkundigte sich selig -lächelnd klein Kostjä und bemühte sich, mit seinen kleinen Fingern wie -Erwachsene zu schnippen, um auf diese Weise Pereswonn heranzulocken. - -„Also hört mal, ich habe ein ernstes Wort mit euch zu reden,“ hub -Krassotkin gewichtig an. „Ihr könntet mir nämlich einen großen Gefallen -erweisen. Agafja hat sich natürlich ein Bein gebrochen, das steht fest, -sonst wüßte ich wirklich nicht, warum sie sich dermaßen verspätet. Ich -aber muß in einer äußerst wichtigen Angelegenheit ausgehen, ich kann die -Sache unmöglich noch weiter hinausschieben. Werdet ihr mich nun gehen -lassen oder nicht?“ - -Die Kinder blickten sich gegenseitig besorgt an, ihre lächelnden -Gesichter verwandelten sich in unruhig fragende. Übrigens begriffen sie -noch nicht ganz, was man von ihnen verlangte. - -„Werdet ihr nicht unartig sein in meiner Abwesenheit? Nicht auf den -Schrank klettern und euch die Beine brechen? Nicht Angst bekommen und -losweinen, wenn ihr allein seid?“ - -In den Gesichtern der Kinder drückte sich tiefes Herzeleid aus. - -„Ich könnte euch dafür ein nettes Dingelchen zeigen, eine kleine -messingne Kanone, aus der man mit wirklichem Pulver schießen kann.“ - -Die Gesichter der Kinder erhellten sich augenblicklich. - -„Zei – eigen Sie uns bitte das Kanonchen,“ bat selig klein Kostjä. - -Koljä Krassotkin fuhr mit der Hand in seine Büchertasche, entnahm ihr -eine kleine bronzefarbene Kanone und stellte sie auf den Tisch. - -„Das glaub ich, zei – ei – eigen Sie! Seht, sie rollt auf Rädern“ – er -rollte die Kanone über den Tisch – „und auch schießen kann man aus ihr. -Mit Schrot laden und schießen.“ - -„U – und schießt sie auch tot?“ - -„Alle schießt sie tot, nur muß man vorher zielen.“ - -Und Krassotkin erklärte ihnen, wohin man das Pulver schütten, wohin man -das Schrotkorn stecken mußte; er zeigte ihnen ein kleines Loch, das -sogenannte Zündloch, wo man das Pulver anzündete, und erzählte darauf, -daß die Lafette nach dem Schuß zurückweiche. Die Kinder hörten mit -runden Augen und fabelhaftem Interesse zu. Am meisten frappierte sie, -wie es wohl kam, daß die Lafette nach dem Schuß zurückrollte. - -„Aber haben Sie auch Pulver?“ erkundigte sich Nastjä. - -„Versteht sich.“ - -„Oh, dann zeigen Sie uns, bitte, auch das Pulver,“ bat Nastjä gedehnt -mit einschmeichelndem Kinderlächeln. - -Koljä Krassotkin fuhr wieder mit der Hand in die Büchertasche und -entnahm ihr eine kleine Flasche, in der tatsächlich etwas „wirkliches“ -Schießpulver war. In einer kleinen Papierdüte hatte er noch ein paar -Schrotkörner. Er schüttete sich sogar etwas von dem Schießpulver auf die -Handfläche. - -„Seht, nur darf hier kein Feuer in der Nähe sein, sonst entzündet es -sich und sprengt uns alle in die Luft,“ warnte Koljä und erreichte damit -einen noch größeren Effekt. - -Die Kinder betrachteten das Pulver geradezu mit andächtiger Furcht, die -das Vergnügen natürlich noch erhöhte. Klein Kostjä interessierte sich -besonders für das Schrot. - -„Schrot aber brennt nicht?“ erkundigte er sich. - -„Nein, Schrot brennt nicht.“ - -„Schenken Sie mir etwas Schrot,“ bat er mit zärtlich-schüchterner -Stimme. - -„Meinetwegen, Schrot kannst du ein wenig bekommen, da nimm, nur zeige es -deiner Mama nicht früher, als bis ich wieder zurückgekommen bin, sonst -denkt sie, daß es Pulver sei und fällt in Ohnmacht vor Schreck oder gibt -euch Ruten.“ - -„Mama schlägt uns niemals mit Ruten,“ bemerkte sofort Nastjä. - -„Ich weiß, ich sagte es auch nur so. Eure Mama aber sollt ihr niemals -betrügen, nur dieses eine Mal ... wie gesagt, nur bis ich wiederkomme. -Also, kann ich nun fortgehen? Werdet ihr nicht ohne mich Angst bekommen? -Werdet ihr nicht weinen, wenn ich euch allein lasse?“ - -„Doch, wir wer – den wo – o – ohl wei – nen,“ kam es langsam und klagend -aus klein Kostjä heraus, dessen Gesicht bereits Anstalten machte, sich -zum Weinen zu verziehen. - -„Ja, wir werden bestimmt weinen, bestimmt!“ beteuerte auch Nastjä etwas -ängstlich. - -„Ach, Kinder, Kinder, wie gefährlich sind doch eure Jahre! ... Nun, -nichts zu machen, ihr Küchel, man wird, weiß Gott wie lange, bei euch -sitzen müssen. Zeit aber, Zeit habe ich keinen Augenblick zu verlieren!“ - -„A – ber werden Sie auch Pereswonn wie tot liegen lassen?“ fragte klein -Kostjä halb bittend, halb neugierig. - -„Ja, was ist zu machen, man wird Pereswonn vorführen müssen. _Ici_, -Pereswonn!“ - -Und Koljä begann zu befehlen und ließ den Hund alle Stückchen vormachen, -die er konnte. Pereswonn war ein zottiger, mittelgroßer Hofköter, dessen -Fell in ganz absonderlichen graulila Farben schimmerte. Er war einäugig, -das rechte Auge fehlte ihm, und das linke Ohr war eingeschnitten, so daß -es zwei Spitzen hatte. Er winselte und sprang herum, ging auf den -Hinterfüßen, saß, warf sich auf den Rücken, alle vier Pfoten in die Luft -und lag in dieser Stellung regungslos, „wie tot“. Gerade während dieser -letzten Kunstleistung öffnete sich die Tür, und Agafja, Frau Krassotkins -Küchenmagd, trat mit dem überladenen Marktkorb am Arm ins Zimmer. Es war -das ein vierzigjähriges, pockennarbiges Frauenzimmer. Sie blieb auf der -Schwelle stehen und betrachtete den Hund. Koljä unterbrach übrigens -seine Vorstellung nicht eher, wie sehnsüchtig er Agafja auch erwartet -hatte, als bis Pereswonn die festgesetzte Zeit auf dem Rücken gelegen -hatte: dann erst pfiff er ihm. Der Hund sprang sofort wie außer sich auf -und bellte und wußte sich nicht zu lassen vor Freude darüber, daß er -seine Pflicht erfüllt hatte. - -„Sieh mal einer an, was das für’n Hund is!“ meinte Agafja wohlwollend. - -„Warum aber bist denn du Vertreterin des Weiblichen so spät -zurückgekommen?“ fragte Koljä streng. - -„Vertreterin des Weiblichen, – da hör doch einer man bloß! So’n kleiner -Pilz, so’n Naseweis!“ - -„Naseweis?“ - -„Was denn sonst? Was geht’s denn deine Nase an, ob ich zu spät oder zu -früh komme? Wenn ich zu spät komme, dann komme ich nun eben zu spät, -dann heißt dies, daß es so richtig ist, daß ich zu spät komme, dann habe -ich eben zu spät kommen müssen,“ brummte Agafja, die sich am Ofen zu tun -machte, doch war sie weder böse noch unzufrieden, sondern im Gegenteil, -sogar sehr zufrieden, als hätte es sie gefreut, mit dem kleinen -Herrensohn mal ein bissel knurren zu können. - -„Hör mal, leichtsinniges Frauenzimmer,“ begann Krassotkin, sich von -seinem Platz erhebend, „kannst du mir schwören bei allem, was es -Heiliges hier in dieser Welt gibt und außerdem womöglich bei noch etwas, -daß du während meiner Abwesenheit die beiden Gören nicht aus dem Auge -lassen wirst? Ich muß ausgehen.“ - -„Warum soll ich dir denn schwören?“ fragte Agafja gutgelaunt. „Ich werd -schon sowieso auf die Knirpse aufpassen.“ - -„Nein, du mußt es mir bei deiner Seelen Seligkeit schwören. Sonst gehe -ich nicht fort.“ - -„Dann nicht. Was geht’s mich an? Sitz zu Hause, wenn du willst. Draußen -ist es auch schon kalt.“ - -„Hört mal, ihr Knirpse,“ wandte sich Koljä an die Kleinen, „Agafja wird -bei euch bleiben, bis ich zurückkehre, oder bis eure Mama wiederkommt, -denn auch für sie wäre es Zeit. Außerdem wird Agafja euch etwas zu essen -geben. Das wirst du doch, Agafja?“ - -„Schon möglich.“ - -„Dann also auf Wiedersehen, ihr beide, ich verlasse euch mit ruhigem -Herzen. Du aber, Alte,“ sagte er halblaut und mit männlichem Ernst, als -er an Agafja vorüberging, „du wirst ihnen, hoffe ich, nicht wieder eure -üblichen Weiberdummheiten über die Katerina vorlügen, mußt doch ihr -junges Alter berücksichtigen. – _Ici_, Pereswonn!“ - -„Nu, Gott mit dir,“ brummte Agafja, diesmal aber etwas ärgerlich. „Da -sieh einer an, so’n Wicht! Müßte selber noch was überkriegen für solche -Worte.“ - - - III. - Die Schüler - -Koljä hörte sie nicht mehr. Endlich also konnte er gehen, Gott sei Dank! -Als er hinaustrat, warf er einen spähenden Blick ringsum, zuckte einmal -vor Kälte mit den Schultern, dachte: „Hm, scharfer Frost!“ und schritt -die Straße entlang bis zur nächsten Querstraße, in die er rechts einbog, -um auf den Marktplatz zu gelangen. Als er am letzten Hause vor dem Platz -angelangt war, blieb er an der Hofpforte stehen, zog eine kleine Pfeife -aus der Tasche und pfiff aus Leibeskräften, als wolle er ein -verabredetes Zeichen geben. Er brauchte nicht lange zu warten: im -Augenblick öffnete sich das Hinterpförtchen, und ein rotwangiger, etwa -elfjähriger Junge schlüpfte geschwind auf die Straße. Er war gleichfalls -in ein warmes, sauberes, elegantes Mäntelchen gekleidet. Das war der -kleine Ssmuroff, ein Schüler der Vorbereitungsklasse, während Koljä -Krassotkin schon in der Sexta saß, der Sohn eines wohlhabenden Beamten, -dem die Eltern allem Anscheine nach verboten hatten, mit dem -„tollkühnen“ Krassotkin zu verkehren. Diesmal war er denn auch offenbar -heimlich davongeschlichen. Dieser Knabe war derselbe, der, wie der Leser -sich vielleicht noch erinnern wird, zusammen mit anderen Schülern vor -etwa zwei Monaten mit Steinen nach Iljuscha geworfen und darauf Alexei -Karamasoff noch einiges über den ausgestoßenen Jungen jenseits des -Grabens erzählt hatte. - -„Ich habe dich jetzt genau eine Stunde lang erwartet, Krassotkin,“ sagte -mit strenger Miene der kleine Ssmuroff, während sie beide dem -Marktplatze zuschritten. - -„Ich habe mich verspätet,“ antwortete Krassotkin würdevoll. „Es gibt -Umstände. Wird man dich nicht durchbläuen, wenn man erfährt, daß du mit -mir gehst?“ - -„Ach, so hör doch auf, als ob ich noch durchgebläut würde! Kommt auch -Pereswonn mit?“ - -„Ja, auch Pereswonn.“ - -„Und du wirst ihn auch dorthin mitnehmen?“ - -„Ja, auch dorthin.“ - -„Ach, wenn’s doch Shutschka wäre!“ - -„Das ist unmöglich. Shutschka gibt es nicht mehr. Shutschka ist in der -Finsternis des Unbekannten verschwunden.“ - -„Ach, aber ginge es nicht so ...“ – der kleine Ssmuroff blieb unter dem -Eindruck des Gedankens mitten auf der Straße stehen – „Iljuscha sagt -doch, daß Shutschka auch so zottig und grau gewesen sei, – könnte man da -nicht sagen, daß Pereswonn jener selbe Shutschka sei, vielleicht wird er -es auch glauben?“ - -„Mein Junge, scheue die Lüge, das wäre Punkt eins; selbst dann, wenn es -sich um einen guten Zweck handelt, Punkt zwei. Vor allem aber will ich -hoffen, daß du dort nichts von meinem Besuch hast verlauten lassen.“ - -„Gott behüte, ich verstehe doch, um was es sich dabei handelt. Aber auch -mit Pereswonn kann man ihn nicht trösten,“ meinte Ssmuroff seufzend. -„Weißt du, sein Vater, der Hauptmann, der sogenannte Bastwisch, sagte -uns, daß er ihm heute ein junges Hündchen bringen werde, einen echten -kleinen Bullenbeißer mit einem schwarzen Schnäuzchen. Er hofft Iljuscha -damit zu trösten, nur weiß ich nicht, ob es ihm gelingen wird.“ - -„Wie steht es denn mit ihm, mit Iljuscha, meine ich?“ - -„Ach, schlecht, sehr schlecht! Ich glaube, er hat die Schwindsucht. Er -ist sonst vollkommen bei Besinnung, aber er atmet so schwer, so -beängstigend. Vor ein paar Tagen bat er, man solle ihn im Zimmer etwas -gehen lassen; man zog ihm seine Stiefelchen an, und er ging, fiel aber -schon nach den ersten Schritten hin. ‚Ach,‘ sagte er, ‚ich habe dir doch -gesagt, Papa, das ist nur von den schlechten Stiefeln gekommen, in ihnen -war es auch früher unbequem zu gehen.‘ Er glaubte, er sei wegen der -Stiefel gefallen, aber es war doch nur aus Schwäche. Er wird keine Woche -mehr leben. Doktor Herzenstube kommt häufig hin. Jetzt sind sie wieder -reich, haben viel Geld.“ - -„Diese Banditen!“ - -„Wer das?“ - -„Diese Ärzte und das ganze medizinische Pack, im allgemeinen gesprochen -... und im einzelnen, versteht sich, noch mehr. Ich verneine die -Medizin. Eine total unnütze Einrichtung. Übrigens werde ich das alles -noch eingehender untersuchen. Aber was sind denn das für -Sentimentalitäten, die ihr da eingeführt habt? Die ganze Klasse scheint -sich ja täglich bei ihm zu versammeln?“ - -„Gar nicht! Es gehen bloß zehn von uns täglich hin, jeden Tag.“ - -„Mich wundert schließlich nur die Rolle, die Alexei Karamasoff dabei -spielt: sein Bruder wird morgen oder übermorgen wegen Vatermordes -verurteilt werden, er aber hat noch Zeit zu Sentimentalitäten mit -kleinen Jungen.“ - -„Gar nicht, da ist nichts von Sentimentalitäten. Du gehst doch jetzt -selbst hin, um dich mit Iljuscha zu versöhnen.“ - -„Versöhnen! Lächerlicher Ausdruck. Übrigens gestatte ich niemandem, -meine Handlungen zu analysieren.“ - -„Wie sich aber Iljuscha über deinen Besuch freuen wird! Er ahnt nicht, -daß du kommst. Warum wolltest du denn solange nicht zu ihm mitkommen?“ -fragte Ssmuroff, der von ganzem Herzen dem kranken Iljuscha nachfühlte. - -„Lieber Junge, das ist meine und nicht deine Sache. Ich gehe, weil das -mein eigener freier Wille ist, euch aber hat alle ohne Ausnahme Alexei -Karamasoff hingeschleppt, das ist doch wohl ein Unterschied. Und -überhaupt, woraus schließt du, daß ich hingehe, um mich mit ihm -auszusöhnen? Was ist das für ein dummer Ausdruck.“ - -„Aber uns hat ja gar nicht Karamasoff hingebracht, gar nicht er! Wir -fingen ganz von selbst an, hinzugehen, zuerst allerdings noch zusammen -mit Karamasoff. Und es ist auch nichts vorgekommen, gar keine -Dummheiten. Zuerst ging nur einer, dann ein zweiter, dritter und so -weiter. Der Vater war furchtbar froh darüber, daß wir kamen. Weißt du, -er wird bestimmt den Verstand verlieren, wenn Iljuscha stirbt. Er weiß -ja schon, daß Iljuscha sterben wird. Iljuscha hat nach dir gefragt, aber -er hat weiter nichts hinzugefügt. Er fragt nur und verstummt dann -gleich. Aber sein Vater wird den Verstand verlieren oder sich erhängen. -Er hat sich ja auch früher schon wie ein Verrückter aufgeführt. Weißt -du, er ist ein edler Mensch, das war damals nur ein Irrtum. An allem -trägt nur dieser Vatermörder die Schuld, weil er ihn damals verprügelt -hat – daraus ist jetzt alles entstanden.“ - -„Immerhin ist Karamasoff ein Rätsel für mich. Ich hätte schon lange -seine Bekanntschaft machen können, aber ich liebe in gewissen Fällen, -stolz zu sein. Zudem habe ich mir schon eine gewisse Ansicht über ihn -gebildet, die es jetzt nur noch zu untersuchen und zu vervollständigen -gilt.“ - -Koljä verstummte bedeutsam, und Ssmuroff schwieg gleichfalls. Ssmuroff -blickte natürlich nur andächtig zum Älteren empor und wagte nicht -einmal, daran zu denken, sich mit ihm gleichzustellen. Er war maßlos -interessiert durch die Bemerkung Koljäs, er gehe aus „eigenem freien -Willen“ hin, da sich hinter diesem Ausspruch sicherlich die Lösung jenes -Rätsels verbarg, warum er nicht schon früher zu Iljuscha mitgekommen -war, und warum er sich gerade heute dazu entschlossen hatte. Sie gingen -über den Marktplatz, auf dem diesmal viele Fuhren standen und viel -angetriebenes Geflügel gackerte und schrie. Die Marktweiber saßen wie -gewöhnlich unter ihren Zeltdächern und verkauften ihre Ware, Weißbrot, -Pfefferkuchen, Garn usw. Derartige sonntägliche Märkte werden bei uns -höchst naiverweise Jahrmärkte genannt, und solcher Jahrmärkte gibt es -bei uns gar viele im Jahr. Pereswonn lief in der besten Gemütsverfassung -vor ihnen her, schwenkte unermüdlich bald nach rechts, bald nach links -ab, um irgendwo irgend etwas zu beschnuppern. Traf er mit anderen Hunden -zusammen, so blieb er mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit stehen, um -sich mit ihnen nach allen Hunderegeln zu beriechen. - -„Ich liebe es, die realen Vorgänge zu beobachten,“ sagte plötzlich -Koljä. „Hast du schon beobachtet, wie die Hunde sich beschnuppern, wenn -sie zusammentreffen? Das muß bei ihnen so ein Naturgesetz sein.“ - -„Ja, das ist wahr, wirklich lächerlich.“ - -„Das heißt, durchaus nicht lächerlich, das war eine falsche Bemerkung -von dir. In der Natur gibt es nichts Lächerliches, obwohl manches dem -Menschen mit seinen Vorurteilen auch lächerlich erscheinen mag. Wenn -Hunde denken und kritisieren könnten, so würden sie in den sozialen -Beziehungen der Menschen, ihrer Herren, ebensoviel, wenn nicht noch -mehr, für sie Lächerliches finden, – sogar sehr viel mehr. Ich -wiederhole das nur darum, weil ich fest überzeugt bin, daß es bei uns -tatsächlich noch viel mehr Dummheiten gibt. Das ist, nebenbei bemerkt, -ein Ausspruch von Rakitin, ein sehr bemerkenswerter sogar. Ich bin -Sozialist, Ssmuroff.“ - -„Was ist das?“ fragte Ssmuroff naiv. - -„Das ist, wenn alle gleich sind, alle sind dann einer Meinung, es gibt -keine Ehen, und die Religion und alle Gesetze sind dann so, wie es jedem -beliebt, nun und so weiter alles übrige. Du bist noch nicht reif dazu, -für dich ist das noch zu früh ... Aber es ist heut doch gehörig kalt.“ - -„Ja. Zwölf Grad. Papa sah vorhin nach dem Thermometer.“ - -„Hast du nicht bemerkt, Ssmuroff, daß es mitten im Winter, selbst wenn -es fünfzehn oder achtzehn Grad sind, gar nicht so kalt ist, wie zum -Beispiel jetzt, zu Anfang des Winters bei zwölf, wenn die Kälte ganz -plötzlich einsetzt und noch wenig Schnee gefallen ist? Das bedeutet, daß -die Menschen sich noch nicht an die Kälte gewöhnt haben. Bei den -Menschen kommt alles auf Gewohnheit an. Selbst in den staatlichen und -politischen Beziehungen. Gewohnheit ist bei ihnen die erste und größte -Triebfeder. Sieh doch, was das für ein komischer Kauz ist!“ - -Koljä wies auf einen langen Bauer im Pelz, der neben seiner Fuhre stand -und vor Kälte die behandschuhten Hände zusammenschlug. Sein langer -blonder Bart, der sein sympathisches Gesicht umrahmte, war vom Frost -ganz bereift. - -„Dieser Bauer hat einen ganz bereiften Bart!“ sagte Koljä laut, als er -an ihm vorüberging. - -„Viele haben heute einen bereiften Bart,“ sagte ruhig und wohlbedacht -der Bauer. - -„So reiz ihn doch nicht,“ bat Ssmuroff leise Krassotkin. - -„Macht nichts, er wird sich nicht ärgern, er ist ein braver Mann. – Leb -wohl, Matwei.“ - -„Leb wohl.“ - -„Heißt du denn Matwei?“ - -„Jawohl. Wußtest du es nicht?“ - -„Nein, ich sagte es aufs Geratewohl.“ - -„Nun sieh mal! Bist wohl noch Schulbub?“ - -„Natürlich.“ - -„Nun was, wirst du auch gedroschen?“ - -„Nicht gerade, daß – aber es kommt vor.“ - -„Aber dann auch feste?“ - -„Ohne dem geht’s nicht.“ - -„Ja ja!“ Der Bauer seufzte von ganzem Herzen auf. - -„Leb wohl, Matwei.“ - -„Leb wohl, bist ’n guter Bursch, jawohl.“ - -Die beiden Jungen gingen weiter. - -„Das war ein guter Kerl,“ sagte Koljä zu Ssmuroff. „Ich rede gern mit -dem einfachen Volke. Es freut mich immer, wenn ich ihm Gerechtigkeit -widerfahren lassen kann.“ - -„Warum aber hast du ihm vorgelogen, daß wir in der Schule gedroschen -würden?“ fragte Ssmuroff. - -„Man mußte ihn doch beruhigen!“ - -„Wieso?“ - -„Sieh mal, Ssmuroff, ich mag es nicht, nochmals gefragt zu werden, wenn -man mich nicht nach dem ersten Wort verstanden hat. Manches läßt sich -überhaupt nicht erklären. Er glaubt, daß jeder Schüler gedroschen wird, -und seiner Meinung nach muß das auch so sein: Was ist denn das für ein -Schüler, der nicht seine Portion Wichse kriegt? denkt er bei sich. Und -nun soll ich ihm plötzlich sagen, daß es bei uns nie Prügel gibt! Damit -würde ich ihn doch tief betrüben. Übrigens kannst du das noch nicht -verstehen. Wer mit dem Volk reden will, der muß vorher das Reden -erlernen.“ - -„Nur mach diesmal, bitte, keine Geschichten, sonst kommt wieder so ein -Skandal heraus, wie damals mit der Gans.“ - -„Hast du denn etwa Angst?“ - -„Lach nicht, Koljä, bei Gott, ich habe Angst. Mein Vater würde furchtbar -böse werden. Man hat mir streng verboten, mit dir zu verkehren.“ - -„Beunruhige dich nicht, diesmal wird nichts geschehen. Guten Morgen, -Natascha,“ rief er einer der Marktweiber unter einem Schutzdach zu. - -„Was bin ich für eine Natascha, Marja heiß ich,“ rief die Händlerin, ein -noch junges Weib, mit hoher Fistelstimme fast schreiend zur Antwort. - -„Das ist gut, daß du Marja heißt, leb wohl!“ - -„Ach, du Galgenstrick, bist noch keine Elle lang, nicht mal auf der Erde -zu bemerken und bist doch schon wie die anderen!“ - -„Habe keine Zeit, keine Zeit für dich, nächsten Sonntag kannst du es mir -erzählen,“ rief Koljä, heftig mit der Hand abwinkend, als hätte sie mit -ihm angebändelt und nicht er mit ihr. - -„Was soll ich dir denn nächsten Sonntag erzählen? Hast selber angefangen -und nicht ich, du Frechling,“ schrie Marja aufgebracht, „eine tüchtige -Tracht Prügel hast du verdient, wir kennen dich dummen Jungen schon von -früher!“ - -Unter den benachbarten Händlerinnen erhob sich ein Lachen, als plötzlich -aus dem Bogengang der nächsten Handlung ein aufgebrachter Bursche, dem -Aussehen nach ein Kleinkrämer, hervorstürzte und Koljä wütend mit der -Faust drohte. Es war das kein städtischer Händler, sondern einer von den -„Jahrmarktsleuten“, ein noch junger Mann in einem langschößigen blauen -Bauernkittel und einer Mütze mit ledernem Schirm auf dem Kopf. Sein -Gesicht war lang, blaß und pockennarbig. Er befand sich in geradezu -unsinniger Erregung und konnte zuerst kaum ein Wort hervorbringen, er -drohte immer nur mit der Faust. - -„Ich kenne dich!“ rief er endlich, „ich kenne dich!“ - -Koljä sah ihn scharf an. Er konnte sich nicht recht entsinnen, was er -diesem Menschen angetan, oder wo er ihn getroffen hatte. Das war aber -schließlich nicht wunderlich, da er ja so unzählige Händel auf der -Straße gehabt hatte. - -„Du kennst mich?“ fragte er ihn ironisch. - -„Ich kenne dich, ich kenne dich!“ wiederholte immer wieder der dumme -Bursche. - -„Nun, um so besser für dich. Ich habe keine Zeit, leb wohl!“ - -„Was, du wirst noch frech?“ schrie der andere auffahrend. „Du wirst -obendrein noch frech? Ich kenne dich! So ein freches Luder, wie du eins -bist, gibt’s ja kein zweites!“ - -„Das, Freund, ist jetzt nicht deine Sache, ob ich frech bin oder nicht,“ -sagte Koljä von oben herab, blieb stehen und blickte ihn wieder scharf -an. - -„Wieso denn nicht meine Sache?“ - -„Sehr einfach: weil sie es nicht ist.“ - -„So – o? Wessen denn sonst, wenn nicht meine? Wen soll es denn sonst was -angehen?“ - -„Das, mein Freund, geht jetzt nur Trifon Nikititsch an, aber nicht -dich.“ - -„Was für einen Trifon Nikititsch?“ fragte in dummer Verwunderung, doch -immer noch sehr aufgebracht, der Bursche und starrte Koljä -verständnislos an. Koljä maß ihn mit dem Blick. - -„Bist du zur Himmelfahrt gegangen?“ fragte er ihn plötzlich streng. - -„Zu was für einer Himmelfahrt? Warum, wieso? Nein, ich bin nicht -gegangen,“ antwortete noch verdutzter der Bursche. - -„Kennst du Ssabanejeff?“ fuhr Koljä noch strenger fort zu fragen. - -„Was für einen Ssabanejeff? Nein, ich kenne ihn nicht.“ - -„Nun, dann hol dich der Teufel, wenn du selbst ihn nicht kennst!“ brach -Koljä plötzlich ab und ging, plötzlich nach rechts abschwenkend, seines -Weges, als hätte er es verachtet, mit einem solchen Tölpel noch weiter -zu reden, der nicht einmal Ssabanejeff kannte. - -„Warte, he, du! Bleib doch stehen! Welch einen Ssabanejeff meinst du?“ -rief ihm, halb sich besinnend, der Bursche in noch größerer Erregung -nach. „Was sagte er eigentlich?“ fragte er plötzlich die Marktweiber, -indem er sie dumm anglotzte. - -Die Weiber lachten. - -„Ein kluger Schlingel,“ meinte eine von ihnen. - -„Was für einen Ssabanejeff? Wen meinte er damit?“ fragte immer noch -erregt und völlig vor den Kopf gestoßen der Bursche. - -„Ach, das wird wohl der Ssabanejeff sein, der bei Kusjmitscheffs einmal -diente, ja, den wird er damit gemeint haben!“ sagte schließlich eines -der Weiber. - -Der Bursche blickte sie groß an. - -„Bei Kusj–mi–tscheffs?“ fragte ein anderes Marktweib, „aber der hieß -doch nie und nimmer Trifon? Der hieß doch Kusjma, der Bengel aber sagte -doch Trifon Nikititsch, da hast du’s nun, wie soll denn das derselbigte -sein?“ - -„Ach was, das ist weder Trifon noch Ssabanejeff, das ist Tschishoff,“ -mischte sich ein drittes Weib ein, das bis dahin geschwiegen und ernst -zugehört hatte. „Der hieß man aber Alexei Iwanowitsch. Tschishoff mit -Familiennamen und sonstig Alexei Iwanowitsch.“ - -„Jawohl ich weiß es selber auch ganz genau, das kann doch niemand nicht -anders sein als Tschishoff,“ bestätigte eifrig ein viertes Weib. - -Der betölpelte Bursche blickte verständnislos bald die eine, bald die -andere an. - -„Warum aber hat er denn gefragt, ihr guten Leute, sagt mir doch -wenigstens, warum er mich das gefragt hat!“ rief er schließlich halb -verzweifelt aus. „‚Kennst du Ssabanejeff?‘ Der Teufel kann nun wissen, -was das für’n Ssabanejeff ist!“ - -„So nimm doch Vernunft an, Mensch, und hör, was man dir sagt: Nicht -Ssabanejeff meint er, sondern Tschishoff, Alexei Iwanowitsch Tschishoff, -hast’s nu verstanden?“ schrie ihm eifrig eines der Weiber zu. - -„Was Teufel für’n Tschishoff? Nu, sag doch, mach doch das Maul uff, wenn -du’s weißt! Nu, was für einer?“ - -„Na, wen denn sonstig, wenn nicht den langen mit der roten Nase, der im -Sommer hier auf dem Markt saß?“ - -„Aber, was Teufel geht mich denn dieser Tschishoff an, sagt mir doch -wenigstens das, ihr guten Leute, was?“ - -„Ja, das weiß ich doch auch nicht, ich meine ja man bloß.“ - -„Wer kann denn wissen, was er dich angeht,“ meinte eine andere, „das -mußt du selber wissen, wenn du darüber so’n Geschrei erhebst. Der Bub -hat’s doch dir gesagt, nicht uns, du dummer Mensch. Oder kennst du ihn -denn wirklich selber nicht?“ - -„Wen?“ - -„Nun, den Tschishoff doch, den selbigten, sollte ich meinen!“ - -„Ach, der Teufel hole den Tschishoff und dich noch dazu! Durchbläuen -werde ich ihn, den Hund! Er hat sich über mich was lustig gemacht!“ - -„Was, den Tschishoff willst du durchbläuen? Da sieh dich man vor, daß du -nicht selber ’ne Tracht abkriegst! Dumm bist du genug dazu.“ - -„Nicht den Tschishoff, doch nicht den Tschishoff, du giftiges Weibsbild, -– den Frechling, diesen Bengel, werde ich durchbläuen! Der soll nur -sehen, der kommt mir jetzt gerade recht! Also zum besten will er mich -haben, nasführen will er mich, wart nur, ich werd dir Mores lehren!“ - -Die Weiber lachten. Koljä schritt schon längst mit siegesbewußter Miene -davon. Ssmuroff ging neben ihm und blickte sich noch ein paarmal nach -der schreienden Gruppe um. Er war gleichfalls lustig gestimmt, trotz -seiner Furcht, Koljä könnte wieder eine „Geschichte“ machen und diesmal -auch ihn „hereinbringen“. - -„Nach was für einem Ssabanejeff fragtest du ihn?“ erkundigte er sich bei -Koljä, obgleich er die Antwort schon ahnte. - -„Wie soll ich’s denn wissen, nach welch einem? Jetzt haben sie was, -worüber sie bis zum Abend schreien können. Ich versetze den Dummköpfen -in allen Gesellschaftsschichten gern einen geistigen Nasenstüber. Da -steht der Kerl immer noch wie ein Ochs am Berge. Merk dir eines, man -sagt: ‚Es gibt nichts Dümmeres als einen dummen Franzosen,‘ aber weißt -du, auch die russische Physiognomie kann sich sehen lassen. Nun, sag -doch selbst, ist es diesem Bauern dort nicht aufs Gesicht geschrieben, -daß er dumm ist, da, diesen Bauern da, meine ich, wie?“. - -„Laß ihn, Koljä, gehen wir vorüber.“ - -„Um nichts in der Welt werde ich so vorübergehen, ich bin jetzt gerade -gut dazu aufgelegt. Heda! Guten Tag, Bauer!“ - -Es war ein kräftiger, älterer Bauer, der langsam an ihnen vorüberging. -Er hatte ein rundes, einfaches Gesicht und einen leicht ergrauten Bart. -Auf den Gruß hin erhob er den gesenkten Kopf und blickte den forschen -Schulbuben an. Wahrscheinlich hatte er schon etwas getrunken. - -„Nun, guten Tag, wenn du nicht scherzest,“ gab der Bauer langsam zur -Antwort. - -„Und wenn ich scherze?“ fragte Koljä lachend. - -„Wenn du aber scherzest, dann nur zu, Gott mit dir. Das tut nichts, das -kann man. Scherzen kann man immer.“ - -„Verzeih, Freund, ich habe in der Tat gescherzt.“ - -„Nun, macht nichts, Gott wird dir verzeihen.“ - -„Aber verzeihst auch du mir?“ - -„Von ganzem Herzen, Kleinerchen. Geh mal nur vorwärts.“ - -„Ei sieh mal, wie du bist! Du bist ja, weiß Gott, ein kluger Mann.“ - -„Klüger als du gewiß,“ antwortete der Bauer mit derselben würdigen Ruhe. - -„Wirklich?“ Koljä war etwas verdutzt. - -„Verlaß dich drauf.“ - -„Übrigens kannst du recht haben.“ - -„Das will ich meinen.“ - -„Leb wohl, Bauer.“ - -„Leb wohl.“ - -„Die Bauern sind sehr verschieden,“ sagte Koljä zu Ssmuroff, als sie -weitergingen, nach einigem Schweigen. „Woher wußte ich nur, daß ich auf -einen Klugen stoßen würde? Ich bin immer bereit, im Volke Klugheit -anzuerkennen.“ - -Da schlug es fern von der Turmuhr der Kathedrale halb zwölf. Die Knaben -beeilten sich und gingen sehr schnell und fast ohne zu sprechen. Bis zur -Wohnung des Hauptmanns Ssnegireff war es noch ziemlich weit. Als sie -etwa noch zwanzig Schritt vom Hause entfernt waren, blieb Koljä -plötzlich stehen und gab Ssmuroff den Befehl, vorauszugehen und -Karamasoff zu ihm herauszuschicken. - -„Man muß sich zuerst ein wenig beschnuppern,“ fügte er nur kurz hinzu. - -„Aber warum denn das?“ Ssmuroff wollte ihn noch überreden, sofort -mitzugehen. „Komm doch so, man wird sich furchtbar freuen. Was hat denn -das für einen Witz, hier in der Kälte Bekanntschaft zu machen?“ - -„Es genügt, wenn ich weiß, wozu es nötig ist, daß ich ihn herausrufen -lasse,“ schnitt Koljä geradezu despotisch jede weitere Einwendung ab -(ein Verfahren, das er besonders gern im Verkehr mit den „Kleinen“ -anzuwenden pflegte), und Ssmuroff lief sofort eilig ins Haus, um dem -Befehl nachzukommen. - - - IV. - Shutschka - -Koljä lehnte sich mit wichtiger Miene an den Zaun und erwartete -Aljoschas Erscheinen. Eigentlich hatte er sich schon lange auf diesen -Augenblick vorbereitet, denn im Grunde wollte er mehr als gern seine -Bekanntschaft machen. Viel hatte er von ihm gehört, besonders durch die -kleineren Schüler, doch hatte er sich absichtlich immer -überlegen-gleichmütig gestellt, wenn man von ihm sprach, hatte sogar -Aljoschas Tun „kritisiert“, was jedoch nicht hinderte, daß er aufmerksam -zuhörte, wenn man von ihm sprach. Ja, er wollte ungeheuer gern Alexei -Karamasoff kennen lernen, denn in allem, was er über ihn gehört hatte, -war etwas ungemein Sympathisches und Anziehendes gewesen. So war denn -auch dieser Augenblick am Zaun ein sehr wichtiger: vor allen Dingen -durfte man sich nicht blamieren, man mußte sich eben vollkommen -selbständig zeigen, denn: „Sonst könnte er merken, daß ich -dreizehnjährig bin, und mich für einen ebensolchen Knaben halten wie -jene Kleinen. Was hat er nur an ihnen? Sollte ich ihn das nicht -vielleicht fragen, wenn er kommt? Das Gemeine ist nur, daß ich noch so -klein von Wuchs bin. Tusikoff zum Beispiel, ist doch jünger als ich und -trotzdem um einen halben Kopf länger. Nur mein Gesicht ist nicht so -dumm. Ich bin nicht gerade schön zu nennen, ich weiß, ich habe ein -scheußliches Gesicht, aber dafür ist es klug. Auch darf ich nicht gar zu -freundlich sein, ich muß mich sogar unbedingt zurückhaltender zeigen, -denn wenn man ihn gleich mit offenen Armen empfängt, kann er ja denken -... Pfui, das wäre aber gemein, wenn er dächte, daß ich –! ...“ - -So regte Koljä sich unnütz auf, während er wartete und sich aus allen -Kräften bemühte, eine möglichst ungezwungene Haltung anzunehmen. Am -meisten quälte ihn, daß er so klein von Wuchs war, ja, gar nicht so sehr -das „scheußliche“ Gesicht, wie gerade der kleine Wuchs quälte ihn. Zu -Hause hatte er schon im vorigen Jahre mit der Bleifeder ein Zeichen an -der Wand gemacht, das seine Größe an dem und dem Tage angab, und seit -der Zeit ging er alle zwei Monate einmal an diese Wand, um zu messen, -wieviel er inzwischen gewachsen war. Doch leider wuchs er sehr langsam, -was ihn bisweilen fast zur Verzweiflung brachte. Was nun sein Gesicht -anbelangt, so war es durchaus nicht „scheußlich“, sondern sogar recht -nett: ein weißes, etwas blasses Knabengesicht mit Sommersprossen auf dem -Näschen. Seine grauen, nicht großen, doch lebhaften Augen blickten -dreist in die Welt, und oftmals wurden sie dunkel von tiefem Gefühl. Die -Kinnbacken waren etwas breit, die Lippen klein und ziemlich schmal, -dafür aber sehr rot; die Nase war gleichfalls klein, und die Spitze -guckte impertinent in die Luft: „Eine ausgesprochene Stumpfnase, das -reinste Exemplar von dieser Sorte!“ sagte sich Koljä, wenn er vor dem -Spiegel stand und ihm jedesmal tief verstimmt wieder den Rücken kehrte. -„Und ist denn das Gesicht auch wirklich klug?“ fragte er sich mitunter, -wenn er selbst daran zu zweifeln begann. Übrigens muß man nun nicht -denken, daß die Sorge um seinen Wuchs und die Nase seine ganze Seele -erfüllte. Nein, das war durchaus nicht der Fall. Wie schwer auch die -Minuten vor dem Spiegel zuweilen waren, er vergaß sie doch schnell und -auf lange Zeit, indem er sich mit Leib und Seele den „Ideen und dem -wirklichen Leben“ hingab, wie er selbst seine Tätigkeit bezeichnete. - -Aljoscha erschien sehr bald und trat schnell auf Koljä zu. Dieser hatte -sofort bemerkt, daß Aljoscha auffallend freudig aussah. „Sollte er sich -wirklich über mich so freuen?“ dachte Koljä, angenehm berührt. Bei der -Gelegenheit mag noch erwähnt werden, daß Aljoscha sich in der -Zwischenzeit sehr verändert hatte. Er hatte die Kutte ausgezogen und -trug einen kurzen, tadellos gearbeiteten Rock, einen runden, weichen -Filzhut und kurzgeschorenes Haar. Das alles stand ihm vortrefflich. Er -sah geradezu schön aus. Sein anziehendes Gesicht hatte einen heiteren -Ausdruck, doch war diese Heiterkeit von einer ganz eigenartigen Stille -und Ruhe. Zu Koljäs Verwunderung kam Aljoscha so, wie er im Zimmer -gesessen hatte, zu ihm heraus, trotz der scharfen Kälte ohne Überzieher. -Augenscheinlich hatte er sich sehr beeilt. - -Aljoscha streckte ihm sofort die Hand entgegen. - -„Da sind Sie ja endlich! Wie wir Sie erwartet haben!“ - -„Ich hatte meine Gründe, die Sie sofort erfahren werden. Jedenfalls -freut es mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe eigentlich schon -lange auf die Gelegenheit gewartet ... ich habe viel von Ihnen gehört -...“ sagte Koljä etwas außer Atem. - -„Wir wären ja auch so zusammengekommen; auch ich habe viel von Ihnen -gehört; hierher aber sind Sie leider etwas zu spät gekommen.“ - -„Ja, sagen Sie doch, wie steht es hier?“ - -„Iljuscha geht es sehr schlecht, er wird nicht mehr lange leben.“ - -„Was? Wie ist das möglich? Aber da müssen Sie doch zugeben, Karamasoff, -daß die Medizin nichts als Quacksalberei ist!“ rief Koljä aufrichtig -empört. - -„Iljuscha hat oft, sehr oft nach Ihnen gefragt, sogar in der Nacht, wenn -er phantasierte, hat er Ihren Namen genannt. Daraus sieht man, wie lieb -Sie ihm gewesen sind ... früher ... vor jenem Messerstich Außerdem gibt -es noch andere Gründe, die ... Sagen Sie, ist das Ihr Hund?“ - -„Ja. Mein Pereswonn.“ - -„Und nicht Shutschka?“ Aljoscha blickte traurig und enttäuscht Koljä in -die Augen. „So ist denn Shutschka wirklich ganz und gar verschwunden?“ - -„Ich weiß, daß Sie alle gern Shutschka wiederfinden wollten, ich habe es -gehört,“ sagte Koljä mit rätselhaftem Lächeln. „Hören Sie, Karamasoff, -ich werde Ihnen die ganze Sachlage erklären, ich bin ja hauptsächlich -nur darum gekommen, und deswegen habe ich Sie auch herausrufen lassen, -um Ihnen vorher die ganze Episode zu erzählen, ich meine, bevor wir -hineingehen,“ begann Koljä lebhaft. „Sehen Sie, Karamasoff, im Frühling -trat Iljuscha in die Vorbereitungsklasse ein. Nun, man weiß doch, wie -die ist: Kleine, dumme Jungen, Iljuscha wurde sofort von allen geneckt. -Ich beobachtete, da ich doch zwei Klassen höher sitze, alles nur aus der -Ferne. Ich sah, es ist ein kleiner, schwächlicher Junge, aber er duckt -sich nicht, er prügelt sich mit jedem, der ihn neckt, er ist stolz, die -Augen blitzen nur so. Solche Jungen gefallen mir. Sie aber neckten ihn -noch mehr. Hauptsächlich taten sie es darum, weil er damals ganz alte -Kleider trug. Seine Höschen kletterten an den Beinchen hinauf und die -Stiefelspitzen waren entzwei und glichen zwei hungrigen Mäulchen. Darum -neckten sie ihn und machten sich über ihn lustig. Nein, das liebe ich -nicht. Ich griff sofort ein und gab ihnen gehörig Extrapfeffer. Ich -verhaue sie doch, sie aber vergöttern mich trotzdem, wissen Sie das -schon, Karamasoff?“ – prahlte Koljä halb unbewußt. „Und überhaupt habe -ich Kinder ganz gern. Mir sitzen außerdem noch zu Hause zwei Nestlinge -auf dem Halse, heute haben sie mich sogar unverzeihlich lange -aufgehalten. So hörten die Jungen denn auf, Iljuscha zu necken oder zu -verprügeln, da ich ihn unter meine Protektion genommen hatte. Ich sah -sofort, daß er stolz war, sehr stolz, das sage ich Ihnen, aber -schließlich unterwarf er sich mir ganz, geradezu sklavisch. Er erfüllte -jeden Befehl, den ich gab, gehorchte mir wie einem Gott, und war bald -auf dem besten Wege, mich zu imitieren. In den Pausen zwischen den -Stunden kam er jedesmal sofort zu mir, und wir spazierten dann zusammen. -Sonntags kam er gleichfalls zu mir. Bei uns im Gymnasium lacht man -darüber, wenn ein Älterer mit einem von den Kleinen geht und sich dazu -noch so kameradschaftlich zu ihm verhält. Aber das ist ja nur ein -Vorurteil. Es ist nun einmal mein Einfall, ich will es so, und damit -basta, nicht wahr? Ich belehre ihn also, trage viel zu seiner -Entwicklung bei, – und warum, sagen Sie doch selbst, warum soll ich das -nicht tun, wenn er mir gefällt? Da haben wir doch zum Beispiel Sie, -Karamasoff; Sie haben sich ja gleichfalls mit diesen Kindern -angefreundet, das bedeutet doch, daß Sie auf die junge Generation -einwirken wollen, daß Sie sie entwickeln wollen, kurz, daß Sie nützlich -sein wollen, nicht wahr? Und ich muß gestehen, dieser Ihr Charakterzug, -von dem ich viel gehört habe, hat mich am meisten interessiert. Übrigens -zur Sache: Ich bemerkte also bald, daß in dem Jungen sich eine gewisse -Empfindsamkeit, eine gewisse Sentimentalität entwickelte, ich aber, -wissen Sie, bin ein ausgesprochener Feind aller Kälberzärtlichkeiten, -und zwar schon von Geburt an. Und zudem sind das doch Widersprüche: er -ist stolz, mir aber sklavisch ergeben, – sklavisch ergeben, und -plötzlich blitzen die Äuglein auf, und er will nicht einmal mehr -übereinstimmen mit mir, streitet, kriecht womöglich an der Wand hinauf! -Ich habe mitunter Ideen verfochten, er aber fängt plötzlich an mir zu -widersprechen, nur sind es, wie ich alsbald einsehe, nicht die Ideen, -die er angreift, sondern er empört sich gegen mich persönlich, weil ich -seine Zärtlichkeit mit Kaltblütigkeit erwidere. Nun, und um ihn jetzt zu -erziehen, werde ich, je zärtlicher er zu mir wird, desto kälter zu ihm. -Ich tat es absichtlich. Meiner Überzeugung nach mußte ich es gerade so -machen. Mein Ziel war, seinen Charakter zu bilden, auszugleichen, einen -Menschen aus ihm zu machen ... nun, und so weiter ... Sie verstehen mich -natürlich auch ohne Worte. Plötzlich bemerke ich, er ist -niedergeschlagen, den einen Tag, den zweiten, dritten – und diesmal -nicht wegen der Zärtlichkeiten oder Nichtzärtlichkeiten, sondern aus -einem anderen, gewichtigeren, höheren Grunde. Was ist denn das für eine -Tragödie, denke ich. Ich dringe in ihn, bis ich schließlich die ganze -Sache erfahre. Er war auf irgendeine Weise mit dem Diener Ihres -verstorbenen Vaters, der damals noch lebte, mit dem Ssmerdjäkoff, -zusammengekommen, und dieser hatte ihm, dem dummen kleinen Jungen, etwas -ganz Blödsinniges gezeigt, das heißt vielmehr etwas wahrhaft tierisch -Rohes – nämlich aus Brot, aus weichem, teigartigem Brot, eine Kugel zu -kneten, eine Stecknadel hineinzustecken und diesen Brotball dann einem -Hofhunde vorzuwerfen – einem von jenen verhungerten, die die Bissen -gierig hinunterschlucken –, und dann zuzusehen, was der Hund macht. Und -so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und diesem selben -zottigen Hunde vorgeworfen, dem Shutschka, der dort auf dem Hof, wo er -war, überhaupt nichts zu fressen bekam, und nur die ganze Nacht in den -Wind hinausheulte. – Lieben Sie dieses dumme Gebell, Karamasoff? Ich -kann es nicht ausstehen! – Nun, der verhungerte Hund hatte natürlich -sofort zugeschnappt und hinuntergeschluckt, und dann hat er gleich zu -heulen und zu winseln angefangen, ja, er hat sich immer winselnd im -Kreise herumgedreht und dann plötzlich ist er winselnd und aufheulend -fortgelaufen und – verschwunden. So hat es mir Iljuscha selbst erzählt. -Er gestand es mir und weinte dabei, umklammerte mich und weinte -herzbrechend. ‚Er lief und winselte, lief und winselte,‘ wiederholte er -immer wieder, dermaßen hatte ihn dieses Bild gepackt. Das waren also -Gewissensbisse bei ihm. Ich nahm es ernst. Ich wollte ihm hauptsächlich -wegen des früheren Verhaltens eine Lektion erteilen, und so habe ich -denn, ich muß gestehen, etwas Komödie gespielt, mich absichtlich -verstellt, als wäre ich in einer Weise empört darüber, wie ich es in -Wirklichkeit vielleicht gar nicht war. ‚Du hast eine niedrige, -schändliche Tat begangen,‘ sage ich zu ihm, ‚du bist ein Schurke. Ich -werde natürlich nicht ausposaunen, was du getan hast, aber vorläufig -breche ich jeden Verkehr mit dir ab. Ich werde mir die Sache noch -überlegen und dich dann durch Ssmuroff wissen lassen – durch denselben -Knaben, mit dem ich heute gekommen bin, der Sie soeben herausgerufen -hat, er ist mir immer ergeben gewesen –, ob ich hinfort noch mit dir -Umgang pflegen kann, oder ob ich dich als einen erklärten Schuft -überhaupt nicht mehr kennen will.‘ Das ging ihm schrecklich nahe. Offen -gestanden, ich fühlte schon damals, daß ich vielleicht doch zu streng -war, aber was sollte ich tun – das war nun einmal mein Prinzip. Darauf, -am nächsten Tage, schicke ich Ssmuroff zu ihm und lasse sagen, daß ich -‚nicht mehr mit ihm sprechen werde‘ – das sagt man so bei uns, wenn zwei -Kameraden ihre Freundschaft brechen. Das Geheimnis bestand aber darin, -daß ich ihn nur ein paar Tage lang in Acht und Bann halten und ihm dann -wieder die Hand reichen wollte, wenn ich seine Reue sehen würde. Das war -meine feste Absicht. Aber was glauben Sie wohl, nachdem er Ssmuroff -angehört hat, schreit er ihm mit blitzenden Augen zu: ‚Sage Krassotkin, -daß ich von jetzt ab allen Hunden solche Brotkugeln mit Stecknadeln -vorwerfen werde, allen, allen!‘ – Aha, dachte ich, das Kerlchen -rebelliert, ein freier Geist scheint sich eingeschlichen zu haben, nun, -den muß man ausräuchern. Und ich begann ihm meine tiefe Verachtung zu -zeigen; wenn wir einander begegneten, wandte ich mich von ihm ab, oder -ich lächelte ironisch. Da aber kam plötzlich diese Geschichte mit dem -Vater dazwischen, Sie wissen doch, mit dem Bastwisch. Jetzt sehen Sie, -wie er schon vorbereitet war – zu dieser ganzen Katastrophe mit dem -Vater. Als aber die Knaben sahen, daß ich ihn verlassen hatte, da ging -es wieder los mit dem Necken: ‚Bastwisch, Bastwisch!‘ Und da begannen -denn zwischen ihnen wieder die Schlachten mit Kieselsteinen. Das tut mir -jetzt schrecklich leid, denn ich glaube, damals haben sie ihn einmal -furchtbar verprügelt. Eines Tages aber warf er sich auf dem Hof gegen -die ganze Bande, als wir Älteren gerade nach der letzten Stunde die -Schule verließen, und ich blieb etwa zehn Schritt von ihm stehen und sah -ihm zu. Auf Ehrenwort, ich erinnere mich nicht mehr, ob ich damals -gelächelt habe oder nicht; ich weiß nur noch, daß er mir in dem -Augenblick maßlos, nein wirklich, maßlos leid tat. Noch einen Augenblick -– und ich hätte mich dazwischen geworfen, um ihn zu verteidigen. Da aber -erblickte er mich plötzlich; ich weiß nicht, was er in meinem Blick -gesehen hat, – er riß sein Federmesser heraus, stürzte sich auf mich und -stach mich in den Schenkel, hier, gerade hier am rechten Bein. Ich -rührte mich nicht, ich muß gestehen, ich bin zuweilen recht tapfer, -Karamasoff. Ich blickte ihn nur verächtlich an, als wollte ich mit dem -Blick sagen: ‚Willst du mich vielleicht noch einmal stechen, zum Dank -für meine Freundschaft, so stehe ich zu Diensten.‘ Er aber stach nicht -zum zweitenmal, er hielt es nicht aus, er erschrak selbst, warf das -Messer fort, weinte laut auf und lief davon. Ich petzte natürlich nicht -und befahl auch den anderen, zu schweigen, damit es die Lehrer nicht -erführen, und selbst meiner Mutter sagte ich es erst, als alles schon -zugeheilt war. Und die Narbe war ja auch ganz unbedeutend, nur so eine -etwas tiefere Schramme. Darauf höre ich, daß er am selben Tage noch eine -Schlacht geliefert und Sie in den Finger gebissen hat, – aber Sie -begreifen doch, in welch einer Verfassung er sich damals befand! Nun, -jetzt ist es nicht mehr gutzumachen. Ich war damals sehr dumm: als er -darauf erkrankte, ging ich nicht hin, um ihm alles zu verzeihen, ich -meine, um mich wieder in aller Freundschaft mit ihm zu versöhnen. Das -ist nun die ganze Geschichte ... nur glaube ich, daß ich es dumm gemacht -habe ...“ - -„Ach, wie schade,“ unterbrach ihn Aljoscha erregt, „daß ich nicht früher -von diesen Ihren Beziehungen zu ihm erfahren habe, sonst wäre ich schon -längst zu Ihnen gekommen und hätte Sie gebeten, mit mir zusammen -Iljuscha zu besuchen. Glauben Sie mir, er hat im Fieber fast nur von -Ihnen phantasiert. Ich ahnte nicht, wie teuer Sie ihm sein müssen. Und -haben Sie denn Shutschka wirklich nicht gesucht und nicht gefunden? Sein -Vater und die Knaben haben in der ganzen Stadt nachgefragt. Wissen Sie, -er hat dreimal während der Krankheit, in Tränen aufgelöst, gesagt: ‚Ich -bin nur davon krank, Papa, daß ich Shutschka damals umgebracht habe, -dafür bestraft mich jetzt Gott.‘ Von diesem Gedanken kann man ihn nicht -abbringen! Wenn man ihm aber jetzt diesen Hund wiederbringen und ihm -zeigen könnte, daß er nicht gestorben ist und lebt, so würde er -vielleicht vor Freude noch gesund werden. Wir haben alle auf Sie -gehofft.“ - -„Aber warum denn gerade auf mich? Warum sollte denn gerade ich Shutschka -finden?“ fragte Koljä mit auffallender Wißbegier. „Warum hofften Sie -nicht auf einen anderen?“ - -„Ja, es hieß, daß Sie den Hund krampfhaft suchten, und wenn Sie ihn -gefunden hätten, zu Iljuscha bringen würden. Ssmuroff ließ einmal etwas -in der Art verlauten. Wir bemühen uns vor allem, ihn zu überzeugen, daß -der Hund lebt, daß wir ihn irgendwo gesehen hätten. Die Knaben brachten -ihm ein lebendiges Häschen mit, er sah es aber nur einmal an, lächelte -kaum und bat, es wieder aufs Feld zu bringen und freizulassen. Dies -taten wir denn auch. Und soeben kehrte sein Vater zurück und brachte ihm -einen ganz kleinen Bullenbeißer mit, er hatte ihn sich irgendwoher -verschafft. Er hoffte, ihn damit zu trösten, aber es kam, glaube ich, -umgekehrt heraus, denn Iljuscha wurde nur noch trauriger ...“ - -„Aber sagen Sie mir noch eines, Karamasoff: dieser Vater, was ist der -eigentlich? Ich kenne ihn, aber was ist er im Grunde ... Ihrer Meinung -nach – ein Narr, ein Bajazzo?“ - -„O nein. Es gibt Menschen, die das Leben in Tiefe empfinden, zu gleicher -Zeit aber wie von der Welt unter die Füße getreten sind. Das -Possentreiben ist bei ihnen wie eine boshafte Ironie denen gegenüber, -welchen sie infolge ihrer eingefleischten Schüchternheit nicht die -Wahrheit ins Gesicht zu sagen sich erdreisten können. Glauben Sie mir, -Krassotkin, solches Narrenspielen ist zuweilen sehr tragisch. Für ihn -gibt es jetzt außer Iljuscha nichts mehr auf der Welt. Iljuscha ist für -ihn die ganze Welt. Wenn Iljuscha nun stirbt, wird er entweder -geisteskrank werden oder sich das Leben nehmen. Davon bin ich so gut wie -überzeugt, nachdem ich ihn jetzt wieder gesehen habe.“ - -„Ich verstehe Sie, Karamasoff, ich sehe, Sie kennen den Menschen gut,“ -sagte Koljä ernst. - -„Als ich aber vorhin den Hund bei Ihnen sah, dachte ich, daß es -Shutschka sei, den Sie mitgebracht haben, und freute mich für Iljuscha.“ - -„Warten Sie, Karamasoff, vielleicht werden wir Shutschka noch finden ... -Das hier ist mein Pereswonn. Ich werde ihn später ins Zimmer -hineinlassen und mit ihm Iljuscha vielleicht mehr zerstreuen, als mit -einem echten Bullenbeißer. Warten Sie, Karamasoff, Sie werden sofort -etwas erfahren ... Ach, mein Gott, da halte ich Sie, ohne mir dabei -etwas zu denken, hier im Freien solange auf!“ unterbrach sich Koljä -plötzlich ganz erschrocken. „Sie stehen im leichten Rock bei dieser -Kälte, und ich denke nicht einmal daran! Sehen Sie, sehen Sie, was für -ein Egoist ich bin! Oh, wir sind alle riesige Egoisten, Karamasoff!“ - -„Beruhigen Sie sich, es ist allerdings kalt, aber ich erkälte mich nicht -so leicht. Doch gehen wir jetzt. Bei der Gelegenheit: Wie heißen Sie? -Ich weiß: Koljä, aber wie weiter?“ - -„Nikolai, Nikolai Iwanow Krassotkin, oder, wie man im Bureaustil sagt: -Sohn des Iwan Krassotkin,“ sagte Koljä und lachte – weiß Gott, worüber. -Doch plötzlich fügte er hinzu: - -„Ich hasse natürlich meinen Namen Nikolai.“ - -„Warum denn das?“ - -„Er ist so trivial, so beamtenmäßig ...“ - -„Und Sie sind dreizehn Jahre alt?“ fragte Aljoscha. - -„Das heißt, vierzehn, in zwei Wochen vierzehn, also sehr bald. Ich muß -Ihnen im voraus meine größte Schwäche eingestehen, Karamasoff, dies mag -das erste Bekenntnis nach der Bekanntschaft mit Ihnen sein. Ich will es -nur Ihnen sagen, damit Sie sofort mein ganzes Wesen durchschauen können. -Also: Ich hasse es, wenn man mich nach meinem Alter fragt, es ist sogar -noch mehr als nur Haß, was ich dabei empfinde ... Und dann ... man -verleumdet mich ... Da heißt es zum Beispiel, ich hätte mit den Schülern -der Vorbereitungsklasse Räuber gespielt. Daß ich mit ihnen gespielt -habe, ist allerdings Tatsache, daß ich es aber zu meinem Vergnügen getan -hätte, ist eine entschiedene Verleumdung. Ich habe Grund anzunehmen, daß -dieses Gerücht auch bis zu Ihnen gedrungen ist, aber ich versichere -Ihnen: ich habe nicht zu meinem Vergnügen gespielt, sondern um den -Kleinen ein Vergnügen zu bereiten, denn ohne mich verstanden sie sich -nichts auszudenken. Und nun verbreiten die Klatschbasen solchen Unsinn -über mich! Unsere holde Stadt sollte eigentlich ‚Klatschstadt‘ heißen, -das sage ich Ihnen!“ - -„Und wenn Sie auch zu Ihrem eigenen Vergnügen gespielt hätten, was wäre -denn dabei?“ - -„Aber, ich bitte Sie, zum eigenen Vergnügen! ... Sie werden z. B. doch -nicht anfangen mit kleinen Kindern Pferdchen zu spielen?“ - -„Sehen Sie doch die Sache von einem anderen Standpunkte aus an,“ sagte -Aljoscha lächelnd: „Ins Theater zum Beispiel fahren Erwachsene, im -Theater aber werden doch auch nur die Erlebnisse von Helden dargestellt, -zuweilen gleichfalls mit Räubern und Krieg. Ist das nun nicht ganz -dasselbe, frage ich Sie, nur in einer etwas anderen Art? Wenn aber -Jungen in der Erholungspause Krieg spielen oder Räuber, wie Sie sagten, -– das ist doch nichts anderes als entstehende Kunst, oder das in der -jungen Seele entstehende Bedürfnis nach Kunst. Und gar manchesmal werden -diese Spiele viel besser komponiert als die Vorstellungen im Theater. -Der Unterschied besteht bloß darin, daß man ins Theater fährt, um dort -Schauspieler zu sehen, hier aber die Jungen selbst Schauspieler sind. -Aber das ist ja doch nur natürlich.“ - -„Ist das wirklich Ihre Ansicht? Ist das Ihre Überzeugung?“ Koljä sah ihn -groß und aufmerksam an. „Wissen Sie, Karamasoff, Sie haben einen -außerordentlich interessanten Gedanken ausgesprochen. Wenn ich nach Haus -komme, werde ich meinen Hirnkasten wegen dieser Frage etwas in Bewegung -setzen. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, ich habe es eigentlich nicht -anders erwartet, als daß man von Ihnen noch manches lernen könnte. Ja, -ich bin gekommen, um von Ihnen zu lernen, Karamasoff,“ sagte Koljä zum -Schluß mit männlich fester, doch nichtsdestoweniger begeisterter Stimme. - -„Und ich werde von Ihnen lernen,“ sagte Aljoscha lächelnd, indem er ihm -die Hand drückte. - -Koljä war sehr zufrieden mit Aljoscha. Am angenehmsten berührte ihn, daß -jener sich ihm gegenüber ganz wie zu einem gleichstehenden Kameraden -verhielt, „wie zu dem erwachsensten Menschen“. - -„Ich werde Ihnen dort in der Stube gleich ein famoses Kunststück zeigen, -Karamasoff, das wird gleichfalls eine Theatervorstellung werden,“ sagte -er mit etwas nervösem Lachen. „Zu dem Zweck bin ich ja eigentlich nur -gekommen.“ - -„Gehen wir zuerst nach links zu den Hausleuten. Dort legen alle ihre -Mäntel ab. Im Zimmer ist es eng und heiß.“ - -„Oh, das ist nicht nötig, ich bin doch nur auf einen Augenblick -gekommen, ich werde so im Überzieher eintreten. Pereswonn muß hier im -Flur bleiben und wie tot liegen. _Ici_, Pereswonn, _couche-toi_ und -stirb! – Sehen Sie, er stellt sich tot. Ich werde jetzt vorläufig allein -eintreten und zuerst die Umgebung inspizieren, und dann im richtigen -Moment pfeife ich: ‚_ici_, Pereswonn!‘ und Sie werden sehen, er wird -sofort wie tollgeworden hereinsausen. Nur darf Ssmuroff nicht vergessen, -rechtzeitig die Tür aufzumachen. Doch ich werde schon sehen, daß alles -richtig klappt, lassen Sie mich nur machen ...“ - - - V. - An Iljuschas Bettchen - -In dem uns bekannten Zimmer, das der Hauptmann Ssnegireff mit seiner -Familie bewohnte, war die Luft in diesem Augenblick ebenso drückend, wie -das Zimmer selbst durch die zahlreichen kleinen Gäste eng wurde. Es -saßen wieder einmal mehrere Knaben bei Iljuscha. Wenn sie auch alle, wie -Ssmuroff, bereit waren, zu leugnen, daß Aljoscha Karamasoff sie zu -Iljuscha geführt und alles zu ihrer Anfreundung getan hatte, so war dies -doch einmal so. Seine ganze Kunst bestand in diesem Falle nur darin, daß -er sie ihm alle einzeln und ohne jegliche „Kälberzärtlichkeiten“ -zuführte, als geschehe es ganz unabsichtlich, womöglich halb aus -Versehen. Das war für Iljuscha eine große Freude gewesen. Als er die -fast zärtliche Freundschaft dieser seiner früheren Feinde sah, war er -tief gerührt. Nur Koljä Krassotkin fehlte noch, und das lag wie eine -drückende Last auf seinem Herzen. Wenn es in seinen bitteren -Erinnerungen etwas ganz besonders Bitteres gab, so war das gerade dieser -Vorfall mit Koljä, seinem früheren einzigen Freunde und Verteidiger, auf -den er sich damals mit dem Messer gestürzt hatte. Das sagte sich auch -der kleine, gescheite Ssmuroff, der als erster zu Iljuscha gekommen war. -Koljä Krassotkin hatte aber auf Ssmuroffs entfernte Andeutung, daß -Aljoscha „in einer gewissen Angelegenheit“ vielleicht zu ihm kommen -werde, sofort kurz jeden weiteren Annäherungsversuch abgeschnitten, -indem er Ssmuroff barsch auftrug, „Karamasoff“ zu sagen, daß er selbst -wisse, was er zu tun habe, daß er niemanden um Rat bitte und im übrigen, -wenn er zu dem Kranken ginge, das dann tun würde, wenn es ihm angemessen -scheine – er habe dabei seine „persönliche Berechnung“. Das war vor etwa -zwei Wochen gewesen. Daraufhin hatte Aljoscha es unterlassen, seine -anfängliche Absicht auszuführen und zu Krassotkin zu gehen. Dafür aber -war der kleine Ssmuroff zweimal von ihm zu Koljä geschickt worden. Aber -Koljä hatte beide Male in der gereiztesten und schroffsten Weise -abgesagt: „Sage Karamasoff, daß ich dann, wenn er zu mir kommt, -überhaupt nicht zu Iljuscha gehen werde, und im übrigen bitte ich, mich -nicht ewig mit dieser Sache zu belästigen.“ Selbst Ssmuroff hatte noch -am Sonnabend nicht gewußt, daß es Koljäs Absicht war, an diesem Sonntag -Iljuscha zu besuchen. Erst am Abend hatte Koljä ihm beim Abschied -gesagt, er solle ihn am nächsten Morgen auf dem Hof erwarten, er würde -mit ihm zusammen zu Ssnegireffs gehen, hatte aber streng verboten, -irgend jemand von seinem Kommen zu benachrichtigen. Ssmuroff gehorchte. -Der Gedanke jedoch, daß er auch den verlorenen Hund mitbringen werde, -war Ssmuroff auf Grund einiger von Koljä flüchtig hingeworfener Worte -gekommen. Er hatte nämlich gesagt: „Esel sind sie, wenn sie den Hund -nicht finden können, vorausgesetzt, daß er noch lebt.“ Als aber Ssmuroff -nach einiger Zeit schüchtern eine Anspielung darauf gemacht hatte, da -war Krassotkin „höllisch wütend“ geworden. „Ich bin doch nicht so dumm, -daß ich in der ganzen Stadt einen fremden Hund suche, wenn ich meinen -Pereswonn habe! Und wie kann man nur so was Dummes denken, daß ein Hund, -der eine Stecknadel hinuntergeschluckt hat, am Leben bleibe! Das sind ja -nur Sentimentalitäten und weiter nichts!“ - -Inzwischen verging die Zeit. Iljuscha hatte sein Bettchen in der Ecke -unter den Heiligenbildern seit ganzen zwei Wochen nicht mehr verlassen. -In die Schule war er seit jenem Tage, an dem er Aljoscha in den Finger -gebissen hatte, nicht mehr gegangen. Am selben Tage war er auch -erkrankt, doch konnte er im ersten Monat noch allein aufstehen und etwas -im Zimmer oder auch im Flur umhergehen. Schließlich aber wurde er so -schwach, daß er sich ohne Hilfe seines Vaters kaum noch bewegen konnte. -Der Vater zitterte für ihn, hörte sogar ganz auf zu trinken und wurde -geradezu tiefsinnig vor Angst bei dem Gedanken, sein Junge könnte -sterben. Wenn er ihn bei einem kurzen Gang durch die Stube unter den -Armen gestützt und dann wieder ins Bettchen gelegt hatte, lief er -nachher jedesmal hinaus auf den Flur, in die dunkelste Ecke, preßte dort -die Stirn an die Wand und weinte ganz eigentümlich: kaum hörbar, da es -ja Iljuscha nicht zu Ohren kommen durfte – doch konnte man glauben, aus -diesem eintönigen Weinen seine ganze ohnmächtige Verzweiflung -herauszuhören. - -Wenn er dann ins Zimmer zurückkehrte, fing er gewöhnlich an, seinen -lieben Jungen mit irgend etwas zu zerstreuen. Er erzählte ihm Märchen -oder lustige Geschichten, oder er kopierte lächerliche Typen, die er -gesehen hatte, oder er imitierte selbst Tiere, indem er ihre Laute -nachzuahmen versuchte. Iljuscha jedoch litt darunter, wenn sein Vater -sich in dieser Weise verstellte und Narrenpossen trieb. Er bemühte sich -krampfhaft, nicht zu zeigen, daß es ihm unangenehm war, aber er sagte -sich mit brennendem Weh im Herzen, daß sein Vater in der Gesellschaft -erniedrigt war, und immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem -„furchtbaren Tage“ zurück. Auch Ninotschka, Iljuschas gelähmte, -bescheidene, stille Schwester, liebte es nicht, wenn der Vater sich in -dieser Weise erniedrigte (Warwara Nikolajewna war schon längst wieder -nach Petersburg gefahren, um dort den Vorlesungen zu folgen), dafür aber -fand das geistesschwache Mamachen wahre Freude daran und lachte von -ganzem Herzen, wenn ihr Mann sich wie ein Bajazzo gebärdete. Nur damit -konnte man sie zerstreuen und trösten, sonst weinte sie fortwährend und -beklagte sich launisch, daß alle sie vergäßen, daß niemand sie achte, -daß alle sie beleidigten usw. usw. In den letzten Tagen aber hatte auch -sie sich verändert. Sie sah häufiger in die Ecke zu Iljuscha hinüber und -schien nachdenklicher zu sein. Sie wurde viel schweigsamer und ruhiger, -und wenn sie weinte, so weinte sie still vor sich hin, damit es die -anderen nicht hörten. Der Hauptmann bemerkte verwundert diese -Veränderung; sie betrübte und erschreckte ihn zu gleicher Zeit. Die -Besuche der Knaben paßten ihr zuerst gar nicht und ärgerten sie nur, -allmählich aber gefielen ihr die fröhlichen Geschichten und das laute -Geplapper der Kinder immer mehr, und bald freute sie sich dermaßen über -jeden Besuch, daß sie womöglich geweint hätte, wenn die Knaben nicht -mehr gekommen wären. Wenn sie etwas erzählten oder Spielchen spielten, -so lachte sie vor Freude und schlug in die Hände. Zuweilen rief sie -sogar einige von ihnen zu sich und küßte sie. Besonders liebte sie den -kleinen Ssmuroff. Was nun den Hauptmann betrifft, so hatte der Besuch -der Kinder, die in sein Haus kamen, um Iljuscha zu zerstreuen und zu -erheitern, seine Seele gleich mit freudigem Entzücken erfüllt und sogar -mit einer Hoffnung, Iljuscha werde nun aufhören, sich zu grämen, und -vielleicht sogar schneller davon gesund werden. Oh, er zweifelte keinen -Augenblick daran – trotz seiner ganzen Angst um Iljuscha –, daß sein -Junge plötzlich wieder gesund werden würde. Er empfing die kleinen Gäste -fast andächtig, tat für sie alles, was er konnte, bediente sie sogar und -war bereit, sie auf seinem Rücken reiten zu lassen, was er dann auch -ausführte; dieses Spiel gefiel aber Iljuscha nicht, und so wurde es -sofort aufgegeben. Er kaufte für sie Konfekt, Pfefferkuchen, Nüsse, -arrangierte ganze Teekränzchen für die Kleinen und strich ihnen selig -Butterbrote. Geld hatte er während dieser ganzen Zeit übergenug. Jene -zweihundert Rubel von Katerina Iwanowna hatte er genau so angenommen, -wie es von Aljoscha vorausgesagt worden war. Später war Katerina -Iwanowna, nachdem sie von Iljuschas Krankheit und ihren Verhältnissen -Näheres gehört hatte, selbst zu ihnen gekommen, war mit der ganzen -Familie bekannt geworden und hatte sogar das schwachsinnige Mamachen -bezaubert. Seit der Zeit versiegten ihre Unterstützungen nicht mehr, und -der Hauptmann, der in der Angst um Iljuscha seine früheren „Ehrbegriffe“ -ganz vergaß, nahm das Geld gehorsam an. Doktor Herzenstube kam auf -Katerina Iwanownas Ersuchen jeden zweiten Tag zu ihnen, um den Kleinen -zu untersuchen, doch kam bei seinen Besuchen wenig Gescheites heraus, -obgleich er ihn mit Arzeneien geradezu vollstopfte. Dafür wurde von -ihnen an diesem Sonntagvormittag ein anderer Arzt erwartet, und zwar ein -berühmter Professor aus Moskau. Katerina Iwanowna hatte ihn für viel -Geld aus Moskau verschrieben, – doch nicht speziell für Iljuschetschka, -sondern zu einem anderen Zweck, von dem weiterhin die Rede sein wird. -Als er dann angekommen war, hatte sie ihn gebeten, auch Iljuscha zu -besuchen, wovon der Hauptmann schon vorzeitig benachrichtigt worden war. -Daß Koljä Krassotkin kommen werde, wußte er dagegen nicht und vermutete -es nicht einmal, obwohl er ihn schon lange sehnsüchtig herbeiwünschte, -denn er sah nur zu gut, wie sehr es Iljuscha quälte, daß gerade Koljä -noch immer nicht kam. Als nun Koljä die Tür aufmachte und eintrat, -standen der Hauptmann und alle Knaben dichtgedrängt an Iljuschas -Bettchen und betrachteten interessiert den kleinen Bullenbeißer, den der -Vater kurz vorher gebracht hatte, und der erst Sonnabend Abend auf die -Welt gekommen, doch nichtsdestoweniger schon vor einer Woche gekauft -worden war. Das sollte ein Ersatz sein für Shutschka, den von Iljuscha -umgebrachten Hund. Iljuscha hatte schon vor drei Tagen gehört, daß er -einen kleinen Hund bekommen werde, und zwar keinen gewöhnlichen, sondern -einen echten Bullenbeißer (was natürlich sehr wichtig war). Nun lag er -da und tat aus Zartgefühl, als freue er sich über das Geschenk, doch -alle, der Vater wie die Knaben, sahen wohl, daß dieses neue Hündchen die -Erinnerung an Shutschka vielleicht noch stärker in seinem Herzen -hervorrief. Das kleine Hundejunge lag neben ihm auf dem Bettchen und -krabbelte mit seinen dicken Beinchen; Iljuscha lächelte müde und -streichelte ihn mit seiner kleinen, bleichen, abgezehrten Hand. Das -kleine Tierchen gefiel ihm sogar sehr, aber ... es war doch immer noch -nicht Shutschka! Ja wenn man Shutschka und das Kleine zusammen gehabt -hätte, dann wäre das Glück vollständig gewesen! - -„Krassotkin!“ rief da einer von den Knaben, der Koljä zuerst bemerkt -hatte. Alle erschraken anfänglich, die Knaben traten auseinander und -blieben zu beiden Seiten des Bettchens stehen, so daß Iljuscha plötzlich -Koljä erblickte. Der Hauptmann stürzte ihm sofort dienstbeflissen -entgegen. - -„Bitte ... gefälligst ... unser werter Gast!“ brachte er etwas stotternd -hervor. „Iljuschetschka, Herr Krassotkin ist zu dir zum Besuch -gekommen.“ - -Doch Krassotkin, der ihm nur eilig die Hand reichte, bewies sofort seine -gute Erziehung: er wandte sich von der Tür gleich zu der Frau des -Hauses, zu der gelähmten Gattin des Hauptmanns, die in ihrem großen -Lehnstuhl saß und im Augenblick äußerst ungehalten darüber war, daß die -Knaben so dicht Iljuschas Bett umstanden und sie somit den Hund nicht -sehen konnte. Er verbeugte sich ungemein höflich vor ihr, machte einen -tadellosen Kratzfuß, wandte sich darauf zu Ninotschka und grüßte auch -sie, als Dame, in derselben Weise. Diese Höflichkeit machte auf die -kranke Frau einen sehr angenehmen Eindruck. - -„Da sieht man doch gleich, daß es ein gut erzogener junger Mann ist,“ -sagte sie mit einem Kopfneigen, indem sie die Hände auseinanderführte, -„denn sonst, unsere übrigen Gäste, die kommen ja einer auf dem anderen -angeritten.“ - -„Wieso, Mamachen, wieso denn einer auf dem anderen, wie meinst du das?“ -fragte zwar freundlich, aber doch etwas ängstlich und betreten der -Hauptmann seine Frau. - -„So, sie kommen eben hereingeritten. Draußen im Flur setzt sich der eine -dem anderen auf die Schultern und kommt dann so in eine wohlerzogene -Familie hereingeritten, kreuzbeinig auf dem anderen. Was ist denn das -für ein Gast?“ - -„Aber wer denn das, Mamachen, wer ist denn so hereingekommen?“ - -„Dieser dort ist auf jenem hereingekommen und der andere auf jenem ...“ - -Doch Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Der Kranke erbleichte. Er -richtete sich in seinem Bettchen auf und sah Koljä unbeweglich ins -Gesicht. Der hatte seinen früheren, kleinen Freund schon seit zwei -Monaten nicht mehr gesehen und blieb daher bei seinem Anblick ganz -betroffen stehen: er hatte sich nicht denken können, daß er ein so -mageres und gelbes Gesichtchen, so brennende, übernatürlich große Augen, -so abgemagerte Händchen sehen werde. Mit trauriger Verwunderung bemerkte -er, daß Iljuscha tief und schnell atmete, und daß seine Lippen trocken -waren. Er trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und fragte ganz -verwirrt: - -„Nun, mein Freund ... wie geht es dir?“ Aber seine Stimme brach ihm -plötzlich ab, es fehlte ihm an Ungezwungenheit, in seinem Gesicht zuckte -etwas, seine Lippen bebten. Iljuscha lächelte ihm schmerzlich zu, konnte -aber kein Wort hervorbringen. Da hob Koljä plötzlich seine Hand und -strich Iljuscha über das Haar. - -„Tut nichts!“ flüsterte er ihm leise zu, teils um ihn zu trösten, teils -... er wußte selbst nicht, warum er es sagte. Einen Augenblick schwiegen -sie wieder. - -„Wie, du hast einen jungen Hund?“ fragte Koljä plötzlich im -gleichgültigsten Ton. - -„Ja – a – a ...“ antwortete Iljuscha, mit tonloser leiser Stimme, als -wäre er außer Atem. - -„Eine schwarze Nase hat er, das bedeutet, daß er zu den bösen, den -Kettenhunden gehört,“ sagte ernst und gewichtig Koljä, als ob es sich -nur um den Hund und die schwarze Nase handelte. In Wirklichkeit aber -bekämpfte er immer noch sein Gefühl, um nicht wie ein „Kleiner“ in -Tränen auszubrechen; er konnte sich noch immer nicht beherrschen. „Wenn -der groß wird, muß er an die Kette kommen, das weiß ich.“ - -„Er wird riesig groß werden!“ rief einer von den Knaben aus. - -„Sicher!“ - -„Ein Bullenbeißer, der wird so groß wie ein Kalb,“ ertönten mehrere -Stimmen durcheinander. - -„Wie ein Kalb, wie ein echtes Kalb!“ fuhr plötzlich der Hauptmann -dazwischen, „ich habe absichtlich einen so bösen ausgesucht, den -allerbösesten, auch seine Eltern sind groß und böse, ungefähr so hoch -vom Fußboden ... Setzen Sie sich hierher aufs Bett zu Iljuscha, oder -wenn nicht dorthin, dann hier auf die Truhe. Wir bitten ergebenst, unser -werter Gast ... langersehnter Gast ... Waren Sie mit Alexei Fedorowitsch -zusammen?“ - -Krassotkin setzte sich aufs Bettchen zu Iljuschas Füßen. Er hatte sich -unterwegs zurecht gelegt, womit er das Gespräch beginnen sollte, doch -hatte er jetzt ganz den Faden verloren. - -„Nein ... ich bin mit Pereswonn ... Ich habe jetzt einen Hund, -Pereswonn. Ein slawischer Name. Er wartet dort ... wenn ich pfeife, -stürzt er sofort herein. Ich habe nämlich auch einen Hund,“ – er wandte -sich hastig zu Iljuscha – „erinnerst du dich noch Shutschkas, Freund?“ -platzte er plötzlich mit der Frage heraus, die dem Kranken wie Feuer -durch Mark und Bein fuhr. - -Iljuschas Gesichtchen verzog sich. Gequält sah er Koljä in die Augen. -Aljoscha, der an der Tür stand, runzelte die Stirn und wollte Koljä -abwinken, daß er nicht von Shutschka sprechen solle, aber der bemerkte -es nicht oder wollte es nicht bemerken. - -„Wo ist ... Shutschka?“ fragte Iljuscha mit versagender Stimme. - -„Nun, Bruder, dein Shutschka ist perdu! Der ist nicht mehr zu finden.“ - -Iljuscha schwieg, doch sah er noch einmal Koljä lange und unverwandt an. -Aljoscha erhaschte einen Blick von Koljä und winkte ihm aus allen -Kräften ab, der wandte sich aber wieder zurück und gab sich den -Anschein, als hätte er nichts bemerkt. - -„Fortgelaufen ist er und umgekommen. Wie sollte er auch nicht nach einem -solchen Frühstück umkommen,“ sagte Koljä schneidend und unbarmherzig, -indessen schien ihm aber doch die Stimme nicht recht zu gehorchen. -„Dafür habe ich Pereswonn ... Ein altslawischer Name ... Ich habe ihn -mitgebracht, ich werde ihn dir zeigen ...“ - -„Ist nicht nötig!“ unterbrach ihn plötzlich Iljuschetschka. - -„Nein, nein, du mußt ihn durchaus sehen ... Er wird dich zerstreuen. Ich -habe ihn absichtlich hergebracht ... er ist ebenso langhaarig wie jener -... Erlauben Sie, gnädige Frau, meinen Hund hereinzurufen?“ wandte er -sich plötzlich an Frau Ssnegireff in großer Aufregung. - -„Nicht, nicht!“ rief Iljuscha mit trauriger Stimme aus. Vorwurfsvoll -blickten seine Augen. - -„Würden Sie vielleicht ...“ der Hauptmann stürzte von der Kiste, auf der -er an der Wand gesessen hatte, vor. „Sie würden vielleicht ... zu einer -anderen Zeit ...“ stotterte er, aber Koljä, der auf dem Seinen bestand, -ließ sich nicht mehr aufhalten und rief Ssmuroff zu: „Ssmuroff, öffne -die Tür!“ und wie der sie geöffnet hatte, pfiff er einmal kurz dem -Hunde, und Pereswonn stürzte ins Zimmer. - -„Hopp, Pereswonn, mach den Diener, den Diener!“ schrie Koljä, erhob sich -und zog den Hund, der auf den Hinterbeinen aufrecht stand, an Iljuschas -Bett heran. Da ereignete sich aber etwas ganz Unerwartetes: Iljuscha -zuckte zusammen und beugte sich mit dem ganzen Körper vor, beugte sich -über Pereswonn und sah ihn wie erstarrt an: - -„Das ist ja ... Shutschka!“ rief er plötzlich mit vor Freude und Leid -zitterndem Stimmchen aus. - -„Und was glaubtest du denn?“ rief Krassotkin mit lauter Stimme, beugte -sich zum Hunde nieder, ergriff ihn und hob ihn zu Iljuscha aufs Bett. - -„Sieh, Freund, sieh, dieses Auge fehlt, und hier das linke Ohr ist -eingerissen, genau die Merkmale, die du mir angegeben hast. Nach diesen -Merkmalen habe ich ihn denn auch gefunden. Gleich damals, so schnell wie -möglich. Er gehörte ja niemandem, er war ja herrenlos!“ erklärte er, -sich an den Hauptmann, an seine Frau, an Aljoscha wendend, und dann fuhr -er wieder zu Iljuscha fort, – „er war bei Fedotoffs auf dem Hinterhof, -er hoffte wohl da was abzukriegen, die fütterten ihn aber nicht, ein -Landstreicher ist er ja, einer aus dem Dorf ... So habe ich ihn -aufgefunden ... Siehst du, Freund, er hat damals dein Stück nicht -hinuntergeschluckt. Denn wenn er es verschluckt hätte, dann wäre er ja -doch sicher krepiert, sicherlich! Er muß es folglich zur rechten Zeit -noch ausgespien haben, denn er lebt ja noch. Du hast es nur nicht -bemerkt, wie er es ausspie. Ausgespien hat er es, die Stecknadel wird -aber seine Zunge gestochen haben, darum hat er denn auch so gewinselt. -Und du dachtest, daß er es ganz hinuntergeschluckt hätte. Er wird ja -schon furchtbar gewinselt haben, das glaube ich, denn bei Hunden ist die -Haut im Maule sehr zart ... zarter als beim Menschen, viel zarter!“ -bestand Koljä eifrig darauf, mit heißem und vor Begeisterung strahlendem -Gesicht. - -Iljuscha konnte kein Wort hervorbringen. Er starrte mit seinen großen -und erschrocken aufgerissenen Augen, mit offenem Munde und bleich wie -ein Handtuch Koljä an. Wenn der harmlose Krassotkin nur gewußt hätte, -wie gefährlich eine solche Aufregung auf die Gesundheit des kranken -Knaben wirken mußte, so hätte er sich niemals zu einem solchen Stückchen -entschlossen, wie er es jetzt aufführte. Doch von allen Anwesenden im -Zimmer verstand dies nur Aljoscha. Der Hauptmann dagegen verwandelte -sich ganz und gar in einen kleinen Knaben. - -„Shutschka! Also das ist Shutschka?“ rief er mit seliger Stimme. -„Iljuschetschka, das ist ja Shutschka, dein Shutschka! Mamachen, das ist -ja Shutschka!“ Er fing beinahe an zu weinen. - -„Und ich habe das nicht erraten können!“ rief Ssmuroff bekümmert. „Das -ist wieder ganz Krassotkin! Ich sagte ja, daß er ihn finden wird, und da -hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“ - -„Da hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“ wiederholte ein anderer -freudig. - -„Feiner Kerl, Krassotkin!“ rief ein Dritter. - -„Feiner Kerl, feiner Kerl!“ riefen die Jungen jetzt alle und wollten -schon applaudieren. - -„Wartet, wartet!“ versuchte Krassotkin sie zu überschreien, „ich werde -euch erzählen, wie es geschah! Die Sache war nämlich so und nicht -anders! Ich habe ihn aufgesucht, zu mir gebracht, versteckt und einfach -eingeschlossen und ihn bis auf den letzten Tag niemand gezeigt. Nur -Ssmuroff allein sah ihn vor zwei Wochen, aber ich versicherte ihm, daß -es Pereswonn sei, und so hat er ihn nicht erkannt. In der Zwischenzeit -brachte ich ihm aber alle diese Stückchen bei; seht nur, seht nur, was -er alles kann! Ich habe ihn das alles gelehrt, um ihn dir, Freund, so -gut abgerichtet zu bringen. Sieh nur, Freund, wie dein Shutschka jetzt -ist! Habt ihr hier nicht ein Stückchen Fleisch, er wird euch gleich ein -Stückchen vormachen, daß ihr vor Lachen umfallt. – Fleisch, ein -Stückchen, ist hier wirklich keines zu haben?“ - -Der Hauptmann stürzte durch den Flur in die Stube der Wirtsleute, wo man -das Essen kochte. Koljä aber beeilte sich, um nicht seine teure Zeit zu -verlieren, Pereswonn den Befehl zu geben: „Stirb!“ Der drehte sich -plötzlich auf den Rücken um, streckte alle Viere in die Luft und lag -unbeweglich. Die Jungen lachten, Iljuscha sah mit seinem traurigen -Lächeln auf den Hund, doch am meisten von allen gefiel es dem -„Mamachen“, daß Pereswonn gestorben war. Sie lachte von Herzen darüber -und rief dem Hunde schmeichelnd zu: - -„Pereswonn, Pereswonn!“ - -„Er wird sich nicht erheben, er wird sich nicht erheben!“ rief Koljä -überzeugt und stolz, „wenn auch die ganze Welt ihn rufen würde. Ich aber -brauche ihn nur einmal zu rufen, und sofort wird er aufspringen! _Ici_, -Pereswonn!“ - -Der Hund sprang auf, sprang an ihm empor und heulte vor Freude. Der -Hauptmann kam mit einem gekochten Stück Rindfleisch herbeigestürzt. - -„Ist es nicht zu heiß?“ fragte geschäftig und vorsorglich Koljä, der das -Stück an sich nahm. „Nein, es ist nicht heiß, Hunde lieben ja sonst -nichts Heißes. Sehen Sie alle ... Iljuschetschka, sieh, so sieh doch, -Freund, warum siehst du nicht? Ich habe ihn ihm gebracht, und nun will -er nicht sehen!“ - -Das neue Kunststück bestand darin, daß dem unbeweglich dastehenden Hunde -das Stück Fleisch gerade auf die Nase gelegt wurde. Das arme Tier mußte -mit dem Stück Fleisch auf der Nase unbeweglich dastehen, wie sein Herr -ihm befohlen hatte. Doch Pereswonn hatte nur eine kleine Minute lang -auszuhalten. - -„Pill!“ rief Koljä, und das Stück flog im Nu von der Schnauze ins Maul. - -Das Publikum drückte natürlich begeistert seine Verwunderung darüber -aus. - -„Und sind Sie wirklich, sind Sie wirklich nur darum die ganze Zeit nicht -gekommen, weil Sie den Hund dressieren wollten?“ rief Aljoscha -vorwurfsvoll aus. - -„Gerade darum!“ gestand Koljä gutmütig ein. „Ich wollte ihn in seinem -Glanze zeigen.“ - -„Pereswonn! Pereswonn!“ rief Iljuscha dem Hunde schmeichelnd zu und -schnippte mit seinen abgemagerten Fingerchen, wie man es zu tun pflegt, -wenn man einen Hund zu sich heranlocken will. - -„Was rufst du ihn! Er soll sofort zu dir ins Bett springen. _Ici_, -Pereswonn!“ Koljä schlug mit der flachen Hand aufs Bett. - -Und Pereswonn flog wie ein Pfeil aufs Bett zu Iljuscha. Dieser umarmte -seinen Kopf mit beiden Armen, und Pereswonn leckte ihm sofort die Wange. -Iljuschetschka preßte ihn an sich und versteckte sein Gesicht vor den -anderen im langhaarigen Fell des Hundes. - -„Mein Gott, mein Gott!“ murmelte der Hauptmann. - -Koljä setzte sich wieder auf das Bett zu Iljuscha. - -„Iljuscha, ich kann dir noch etwas zeigen. Ich habe dir die kleine -Kanone gebracht. Erinnerst du dich noch, wie ich dir von dieser kleinen -Kanone erzählte, und du ausriefst: ‚Ach, wenn ich sie doch auch sehen -könnte!‘ Nun, jetzt habe ich sie dir gebracht.“ - -Koljä zog aus seiner Büchertasche die kleine Kanone hervor, die er auch -schon den Knirpsen gezeigt hatte. Er beeilte sich sehr dabei, weil er -selbst so glücklich war: Zu einer anderen Zeit würde er gewartet haben, -bis der effektvolle Eindruck, den soeben Pereswonn gemacht hatte, etwas -nachgelassen hätte, jetzt aber beeilte er sich, denn: „Wenn sie das so -glücklich macht, so gebe ich ihnen noch mehr Glück!“ dachte er, selbst -ganz trunken vor Seligkeit. - -„Dieses Ding habe ich schon lange beim Beamten Morosoff gesehen, und -jetzt habe ich es ihm abgenommen, – für dich, Freund, für dich! Das Ding -stand bei ihm so da, ohne daß er sich etwas aus ihm machte. Er hatte es -vom Bruder bekommen. Ich habe es gegen ein Buch aus Papas Schrank: ‚Der -Verwandte Mohammeds oder die heilende Dummheit‘, eingetauscht. Hundert -Jahre alt ist das Buch, in Moskau ist es erschienen, als es noch keine -Zensur gab. Morosoff ist aber ein Liebhaber solcher Sachen. Er dankte -mir noch ...“ - -Koljä hielt die kleine Kanone hoch, damit alle sie sehen konnten. -Iljuscha richtete sich im Bett auf und betrachtete, den rechten Arm um -den Hals Pereswonns geschlungen, ganz entzückt das Spielzeug. Doch der -Effekt erreichte den höchsten Grad, als Koljä erklärte, daß er auch -Pulver bei sich habe, und daß man sofort aus ihr schießen könne, wenn -nur die Damen nichts dagegen hätten. „Mamachen“ verlangte natürlich, man -möge ihr das Spielzeug näher zu betrachten geben, was sofort erfüllt -wurde. Die kleine Kanone auf den blanken Rädern gefiel ihr ungeheuer, -und sie rollte sie auf ihren Knien hin und her. Auf die Frage, ob sie zu -schießen erlaube, gab sie sofort ihre Einwilligung, ohne übrigens zu -begreifen, um was es sich handelte. Koljä zeigte das Pulver und das -Schrot. Der Hauptmann übernahm, als früherer Offizier, das Laden und -schüttete nur eine ganz kleine Portion Pulver in die Kanone; das Schrot -bat er für ein anderes Mal aufzubewahren. Die Kanone wurde auf den -Fußboden gestellt und auf eine leere Wand gerichtet, darauf stopfte man -ins Zündloch drei kleine Pulverkörner und zündete sie mit einem -Streichhölzchen an. Es erfolgte ein glänzender Schuß. „Mamachen“ zuckte -zusammen, lachte aber sogleich auf vor Freude. Die Knaben hatten mit -stummem Entzücken zugeschaut, doch am seligsten von allen war der -Hauptmann: Das mußte doch seinem Iljuscha Freude bereiten! Koljä nahm -die Kanone und schenkte sie unverzüglich Iljuscha, zusammen mit dem -Pulver und Schrot. - -„Das ist für dich, für dich!“ wiederholte er in seiner Glückseligkeit. - -„Ach, schenken Sie sie mir! Nein, schenken Sie die kleine Kanone lieber -mir!“ bat Mamachen plötzlich wie ein kleines Kind. - -Ihr Gesicht drückte ängstliche Unruhe aus, in der Furcht, daß man sie -ihr nicht schenken würde. Koljä war ganz verwirrt. Der Hauptmann wurde -unruhig. - -„Mamachen, Mamachen,“ rief er zu ihr laufend, „die Kanone gehört dir, -dir, aber wir lassen sie nur bei Iljuscha, denn man hat sie ihm -geschenkt, doch sonst wird sie dir gehören. Iljuscha wird sie dir zum -Spielen geben, sie wird euch beiden zusammen gehören, beiden ...“ - -„Nein, ich will nicht zusammen, nein, mir soll sie gehören und nicht -Iljuscha!“ bestand Mamachen auf ihrem Willen und wollte schon zu weinen -anfangen. - -„Mama, nimm sie für dich, nimm sie, Mama!“ rief plötzlich Iljuscha. -„Krassotkin, kann ich sie meiner Mama schenken?“ wandte er sich mit -bittender Miene zu Krassotkin, da er fürchtete, daß jener beleidigt sein -würde, wenn er dessen Geschenk anderen gab. - -„Gewiß kannst du das!“ willigte Krassotkin sofort ein, nahm die Kanone -aus Iljuschas Hand und überreichte sie selbst mit der höflichsten -Verbeugung dem Mamachen. - -Die weinte fast vor Rührung. - -„Iljuschetschka, mein Liebling, da sieht man, wer sein Mamachen liebt!“ -sagte sie gerührt, und sie begann sofort wieder die Kanone auf ihren -Knien hin- und herzurollen. - -„Mamachen, erlaube, daß ich dir die Hand küsse!“ Ihr Gemahl lief wieder -zu ihr hin und führte sofort seine Absicht aus. - -„Und wer noch ein lieber junger Mann ist, das ist dieser gute Junge da!“ -sagte Mamachen, auf Krassotkin weisend. - -„Pulver werde ich dir soviel wie du nur willst bringen, Iljuscha. Wir -machen jetzt selbst Pulver. Borowikoff weiß die Mischung: Vierundzwanzig -Teile Salpeter, zehn Teile Schwefel und sechs Teile Birkenkohle, alles -zusammen gemischt und gestoßen, Wasser hinzugefügt, ein weicher Teig -daraus gemacht, zwischen Leder gerieben – und dann hat man das Pulver!“ - -„Mir hat Ssmuroff von eurem Pulver schon erzählt, aber Papa sagt, es sei -kein wirkliches Pulver,“ antwortete Iljuscha. - -„Wie denn, nicht wirkliches?“ Koljä errötete. „Es brennt doch. Ich weiß -übrigens nicht ...“ - -„Nein, ich meinte nur so,“ wandte der Hauptmann ganz schuldbewußt ein. -„Es ist wahr, ich habe gesagt, daß das echte Pulver nicht so zubereitet -wird, doch das will nichts sagen, man kann auch so ...“ - -„Ich weiß es nicht, Sie müssen es besser wissen. Wir haben es in einem -steinernen Pomadentopf angebrannt, es brannte vorzüglich, es brannte -ganz ab, nur ein wenig Ruß blieb nach. Es war ja nur eine weiche Masse, -wenn man die aber durchs Fell reibt ... Übrigens, Sie wissen es besser, -ich weiß es nicht ... Aber den Bulkin hat sein Vater des Pulvers wegen -durchgedroschen, hast du das schon gehört?“ wandte er sich wieder an -Iljuscha. - -„Ja, ich habe davon gehört,“ antwortete Iljuscha. Er hatte mit -unendlichem Interesse und mit Entzücken Koljä zugehört. - -„Wir hatten eine ganze Flasche Pulver zubereitet, und er hielt sie unter -seinem Bett versteckt. Der Vater hatte es aber bemerkt. ‚Damit kannst du -uns ja alle in die Luft sprengen,‘ hat er gesagt und ihn sofort -durchgeprügelt. Und er soll sogar die Absicht gehabt haben, sich beim -Gymnasialdirektor über mich zu beschweren ... Jetzt darf sein Sohn nicht -mehr mit mir verkehren, jetzt darf niemand mehr mit mir verkehren. Auch -Ssmuroff darf es nicht, bei allen bin ich verschrien, – man sagt, ich -sei ein ‚Tollkühner‘.“ Koljä lächelte geringschätzig. „Das kommt alles -von der Eisenbahnaffäre.“ - -„Ach ja, auch wir haben von Ihrem Stückchen gehört!“ fiel sofort der -Hauptmann ein. „Wie haben Sie nur dort unten gelegen? Hatten Sie denn -wirklich gar keine Angst, unter dem Eisenbahnzuge zu liegen? War es denn -nicht furchtbar?“ - -Der Hauptmann versuchte, sich bei Koljä einzuschmeicheln. - -„Nicht besonders,“ erwiderte Koljä nachlässig. „Meinen Ruhm hat mir nur -diese verfluchte Geschichte mit der Gans verdorben,“ sagte er zu -Iljuscha gewandt. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, sich -gleichmütig zu stellen, so konnte er sich doch nicht beherrschen und -fiel immer wieder aus dem Ton. - -„Ach ja, von der Gans habe ich auch gehört!“ rief Iljuscha lachend und -über das ganze Gesicht strahlend. „Man hat mir davon erzählt, aber wie -war es denn, ich habe nicht recht verstanden: bist du wirklich vom -Richter verurteilt worden?“ - -„Es war eine nichtssagende Lappalie, ein dummer Scherz, aus dem man -wieder einmal einen Elefanten gemacht hat,“ begann Koljä aufgeräumt. -„Ich ging nämlich einmal hier über den Marktplatz, als gerade Gänse -angetrieben wurden. Ich bleibe also stehen und betrachte sie. Da bemerke -ich, daß neben mir ein Bursche steht, Wischnjäkoff – er ist jetzt -Laufbursche bei Plotnikoffs – ja, daß er neben mir steht und mich -ansieht. Und plötzlich fragt er mich: ‚Warum siehst du denn so auf die -Gänse?‘ Ich blickte ihn an: eine dumme runde Fratze, der Kerl ist etwa -zwanzig Jahre alt. Ich, wissen Sie, lehne das Volk nie ab. Ich habe es -gern, mit dem Volke ... Jedenfalls sind wir zurückgeblieben im Vergleich -zum Volke – das ist ein Axiom. Sie belieben zu lächeln, Karamasoff?“ - -„Gott bewahre! Ich bin ganz Ohr!“ antwortete Aljoscha mit der -offenherzigsten Miene, und der argwöhnische Koljä beruhigte sich. - -„Meine Theorie, Karamasoff, ist klar, und einfach,“ fuhr er wieder -aufgeräumt fort. „Ich glaube an das Volk und bin immer bereit, ihm -Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne es dabei im geringsten zu -beschönigen, das ist _sine qua_ ... Ja, richtig, ich erzählte ja von der -Gans. Ich wende mich also an diesen Dummkopf und antworte ihm: ‚Ich -denke darüber nach, was die Gans sich jetzt wohl denken mag.‘ Er sieht -mich völlig blödsinnig an. ‚Was kann sich denn eine Gans denken?‘ fragt -er. – ‚Nun, sieh mal,‘ sage ich, ‚dort steht eine Fuhre mit Hafer. Aus -dem einen Sack fallen die Haferkörner heraus, und die Gans streckt den -Hals genau vor dem Rade, ganz unten, nach den Körnern aus – siehst du -sie?‘ – ‚Jawohl,‘ sagt er. – ‚Nun also,‘ sage ich, ‚wenn man nun den -Wagen ein ganz klein wenig vorrückte – wird dann das Rad der Gans den -Hals abschneiden oder nicht?‘ – ‚Selbstverständlich wird es ihn -abschneiden,‘ sagt er und grinst übers ganze Maul, zerschmilzt einfach -vor Wonne. – ‚Nun, dann los, Junge!‘ sage ich. – ‚Los!‘ sagt er. Wir -brauchen uns nicht viel anzustrengen; er stellte sich ganz unauffällig -an den Pferdekopf, ich zur Seite, um die Gans richtig hinzusteuern. Der -Bauer aber gähnte und sprach mit einem anderen, so daß ich schließlich -nichts zu dirigieren hatte: Die Gans streckte ganz von selbst den Hals -wieder nach den Haferkörnern aus, genau vor dem Rade. Ich zwinkerte dem -Burschen zu, er zog unmerklich ein wenig den Zaum und – kr – rack, fährt -das Rad der Gans über den Hals. Natürlich mitten durch. Und da mußte es -der Zufall gerade so fügen, daß im selben Augenblick alle auf uns sahen. -Da war denn das Geschrei groß: ‚Das hat er absichtlich so gemacht!‘ – -‚Nein, ich habe es nicht absichtlich getan!‘ sagt der Bursch. Nun, -versteht sich: ‚Zum Friedensrichter!‘ schreien sie. Auch ich wurde -gepackt. – ‚Auch du warst dabei,‘ heißt es, ‚du bist der Anstifter, dich -kennt ja schon der ganze Markt!‘ Mich kennt nämlich tatsächlich der -ganze Markt,“ fügte Koljä selbstgefällig hinzu. „So pilgerten wir denn, -alle Mann hoch, zum Friedensrichter. Auch der Leichnam unseres Opfers, -die Gans, wurde mitgeschleppt. Meinem Burschen aber fiel mittlerweile -das Herz in die Hosen. Er weint – weint wie ein altes Weib. Wir kamen -also richtig beim Friedensrichter an. Der Viehhändler schreit: ‚Auf -diese Weise kann man sie – d. h. die Gänse – ja alle um einen Kopf -kürzer machen!‘ Nun, versteht sich, zuerst das Zeugenverhör. Der -Friedensrichter erledigte die Sache sofort: Für die Gans dem Viehhändler -einen Rubel zu zahlen, die Gans aber mag der Bursche behalten. Und daß -man hinfort sich solche Scherze nicht mehr erlaube! Der Bursche aber -weint immer noch wie ein altes Weib und jammert: ‚Das war nicht ich, ich -bin ganz unschuldig, _er_ hat mich dazu verleitet!‘ und will die ganze -Schuld auf mich abwälzen. Ich antwortete mit voller Kaltblütigkeit, daß -ich ihn zu nichts verleitet habe, daß ich nur den Grundgedanken gegeben -und es bloß so als Plan ausgeheckt habe. Der Friedensrichter Nefedoff -lächelte und ärgerte sich natürlich sofort darüber, daß er gelächelt -hatte. ‚Ich werde Sie,‘ sagt er zu mir, ‚sofort bei Ihrem Schuldirektor -anzeigen, damit es Sie weiterhin nicht mehr gelüstet, ähnliche Pläne zu -machen, statt hinter den Schulbüchern zu sitzen.‘ Das hat er nun nicht -getan, aber die Geschichte hat sich doch allmählich verbreitet und ist -dann auf diese Weise unserer Schulobrigkeit zu Ohren gekommen – man hat -dort bekanntlich sehr lange Ohren! Am meisten hat sich unser ‚Klassiker‘ -Kolbassnikoff darüber empört, aber Dardaneloff ist wiederum für mich -eingetreten. Dafür ist nun Kolbassnikoff wütend wie ein grüner Esel. Du, -Iljuscha, du weißt doch schon, daß er sich verheiratet hat? Er hat von -Michailoffs tausend Rubel Mitgift bekommen, die Braut aber hat einen -Rüssel, sage ich dir, na, prima Qualität und in höchster Potenz. Die -Quintaner haben denn auch sofort ein Epigramm verfaßt: - - Es ging die Nachricht von Mund zu Mund: - ‚Kolbassnikoff hat sich verlobt!‘ - Ganz Quinta ward aber sprachlos zur Stund ... - -und so weiter, – furchtbar komisch! Ich werde es dir einmal bringen. -Gegen Dardaneloff aber habe ich nichts: Es ist ein Mensch mit -Kenntnissen, mit reellen Kenntnissen. Solche Leute achte ich ... Das hat -natürlich nichts damit zu tun, daß er mich verteidigt hat ...“ - -„Aber du hast ihm doch mit der Frage, wer Troja gegründet habe, ein Bein -gestellt!“ bemerkte plötzlich Ssmuroff, der in diesem Augenblick auf -seinen „Freund Krassotkin“ ungemein stolz war. Die Gänsegeschichte hatte -ihm gar zu sehr gefallen. - -„Wirklich? So ist es also wahr?“ griff sofort der Hauptmann dieses Thema -auf. „Mit der Frage, wer Troja gegründet hat? Auch ich habe schon davon -gehört, wie Sie ihm damit ein Bein gestellt haben. Iljuscha hat es mir -damals erzählt ...“ - -„Er weiß alles, Papa, er weiß am meisten von uns allen!“ fiel nun auch -Iljuscha stolz und freudig ein, „er tut nur so, als ob er so einer wäre, -aber er ist doch bei uns in allen Fächern der erste ...“ - -Iljuscha blickte Koljä in grenzenlosem Glück selig lächelnd an. - -„Ach, das von Troja ist doch nur Unsinn, nur ein Scherz. Ich halte diese -Frage selbst für müßig,“ meinte Koljä mit stolzer Bescheidenheit. - -Es war ihm inzwischen gelungen, in den richtigen Ton hineinzukommen, -doch war er trotzdem etwas unruhig: Er fühlte, daß er sehr aufgeregt war -und von der Gans z. B. schon gar zu lebhaft erzählt hatte. Aljoscha aber -hatte während der ganzen Erzählung geschwiegen und war unerschütterlich -ernst. Das nagte nun dem selbstgefälligen Knaben am Herzen. „Oder sollte -er vielleicht deswegen schweigen,“ fragte er sich, „weil er mich -verachtet und bei sich denkt, daß ich von ihm gelobt werden will? In dem -Falle, wenn er es wagt, so etwas zu denken, werde ich ...“ - -„Ja, ich halte diese Frage für unbedingt müßig,“ sagte er nochmals und -brach stolz ab. - -„Ich weiß aber, wer Troja gegründet hat,“ sagte plötzlich ganz -unerwartet ein kleiner Knabe, der bis dahin noch kein Wort gesprochen -hatte, überhaupt schweigsam und ersichtlich schüchtern war. Er sah sehr -nett aus und schien etwa elf Jahre alt zu sein. Er hieß Kartascheff. - -Koljä blickte sich verwundert und wichtig nach dem Kleinen, der bei der -Tür saß, um. Die Sache war nämlich die, daß die Frage, wer nun -eigentlich Troja gegründet hatte, für alle Schüler zu einem -interessanten Problem geworden war. Um die Namen der Gründer zu -erfahren, mußte man im Ssmaragdoff nachlesen. Den aber besaß außer Koljä -niemand. Nun hatte der kleine Kartascheff, während Koljä mit anderem -beschäftigt gewesen war, flugs den Ssmaragdoff, der zwischen seinen -Schulbüchern gelegen hatte, aufgeschlagen und zufällig gerade die Stelle -gefunden, die von der Gründung Trojas handelte. Das war schon vor -verhältnismäßig ziemlich langer Zeit geschehen, aber er hatte sich immer -gescheut und geschämt, den anderen Jungen zu sagen, daß er es -gleichfalls wußte, und teilweise fürchtete er sich auch, da daraus -leicht etwas entstehen oder Koljä ihn in Verlegenheit bringen konnte. -Nun aber hatte er plötzlich nicht an sich halten können und doch gesagt, -was er schon lange hatte sagen wollen. - -„Na, wer denn?“ fragte Koljä von oben herab, da er dem Kleinen am -Gesicht ansah, daß jener es in der Tat wußte, und er bereitete sich -natürlich sofort auf die Folgen vor. In die allgemeine Stimmung war -plötzlich ein Mißton gekommen. - -„Troja gründeten Teukros, Dardanos, Illys und Tros,“ sagte der Junge -laut, langsam und deutlich, und kaum hatte er es ausgesprochen, als er -auch schon errötete – und zwar so errötete, daß er einem leidtat, wenn -man ihn ansah. Die Augen aller Knaben waren unverwandt auf ihn -gerichtet, etwa eine Minute lang, und dann plötzlich wandten sich aller -Blicke von ihm auf Koljä. Der blickte immer noch mit verächtlicher -Kaltblütigkeit auf den Kleinen. - -„Das heißt, wie haben sie denn gegründet?“ geruhte er endlich zu fragen. -„Und was heißt das überhaupt, eine Stadt oder ein Reich gründen? Sind -sie etwa hingekommen und haben sie dann jeder einen Ziegelstein -hingelegt, wie?“ - -Man lachte. Der schuldbewußte Kleine wurde noch röter, purpurrot. Er -schwieg und war dem Weinen nahe. Koljä aber erbarmte sich seiner nicht -so schnell. - -„Um über solche historische Ereignisse, wie die Gründung einer Nation, -reden zu können, muß man sich zuerst darüber klar werden, was das -eigentlich heißt,“ sagte er streng zur Belehrung. „Übrigens messe ich -diesen Altweibergeschichten keinerlei Bedeutung bei, und überhaupt achte -ich die Allgemeine Geschichte nicht sonderlich,“ fügte er nachlässig -hinzu, diesmal wieder zu allen gewandt. - -„Wie, die Allgemeine Geschichte?“ erkundigte sich der Hauptmann fast -entsetzt. - -„Ja, die sogenannte Allgemeine Geschichte – das ist doch nur die -Erlernung einer ganzen Reihe von menschlichen Dummheiten und weiter -nichts. Achtung habe ich nur vor der Mathematik und den -Naturwissenschaften,“ sagte Koljä majestätisch, indem er flüchtig zu -Aljoscha hinüberblickte: es war ja nur dessen Meinung, die er hier -fürchtete. - -Aljoscha jedoch schwieg die ganze Zeit über und war nach wie vor -vollkommen ernst. Hätte er etwas dagegen gesagt, so wäre es dabei -geblieben, er aber schwieg, und dies konnte sehr wohl aus Verachtung -geschehen. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte Koljä geradezu wild. - -„Und dann überhaupt – die klassischen Sprachen, zum Beispiel. Das ist -doch absolut nichts anderes als Blödsinn ... Sie scheinen wieder nicht -mit mir übereinzustimmen, Karamasoff?“ - -„Nein,“ sagte Aljoscha mit zurückhaltendem Lächeln. - -„Die klassischen Sprachen sind, wenn Sie meine ganze Meinung darüber -wissen wollen, eine polizeiliche Maßregel, und das ist der einzige -Zweck, zu dem sie eingeführt sind!“ Koljä geriet allmählich wieder in -Hitze. „Sie sind eingeführt, weil sie langweilig sind und die -Fähigkeiten abstumpfen. Es war langweilig, wie sollte man es nun noch -langweiliger machen? Es war sinnlos, wie sollte man es nun noch -sinnloser machen? Und da dachte man sich denn die klassischen Sprachen -aus. Das ist meine Meinung über die klassischen Sprachen, und ich hoffe, -daß ich sie nie ändern werde,“ schloß Koljä schroff. - -Auf seinen Wangen zeichneten sich zwei rote Flecke ab. - -„Das ist wahr,“ sagte plötzlich der kleine Ssmuroff, der aufmerksam -zugehört hatte, mit heller und überzeugter Kinderstimme. - -„Und selbst ist er der Erste im Lateinischen!“ rief plötzlich ein -anderer Knabe laut. - -„Ja, Papa, er sagt das so, aber selbst ist er im Lateinischen der Erste -in der Klasse,“ sagte gleich darauf auch Iljuschetschka. - -„Was ist denn dabei?“ Koljä fand es für nötig, sich zu rechtfertigen, -obgleich ihm das Lob nicht unangenehm war. „Ich lerne Latein, weil man -es muß, weil ich meiner Mutter versprochen habe, das Gymnasium zu -absolvieren. Und meiner Meinung nach muß man das, was man einmal tut, -dann auch gründlich tun. Im Herzen aber verachte ich tief den -Klassizismus und diese ganze Gemeinheit ... Sind Sie nicht mit mir -einverstanden, Karamasoff?“ - -„Aber warum soll das denn eine ‚Gemeinheit‘ sein?“ fragte Aljoscha und -lächelte wieder. - -„Aber ich bitte Sie! Sämtliche Klassiker sind doch in alle Sprachen -übersetzt, folglich brauchen wir ja nicht zur Erlernung der Klassiker -Latein – sondern ... wegen der polizeilichen Maßregel, die darin liegt, -d. h. zur Gewöhnung an das ‚du mußt, wenn du auch nicht weißt, warum und -wozu‘. Und dann vor allem zur Abstumpfung der Fähigkeiten. Wie gesagt. -Und das soll nun keine Gemeinheit sein?“ - -„Wer hat Ihnen denn das alles eingeredet?“ fragte Aljoscha verwundert. - -„Erstens kann ich sehr wohl selbst darüber urteilen, ohne daß ich mir -etwas einreden lasse, und zweitens, wissen Sie, hat dasselbe, was ich -Ihnen soeben von den übersetzten Klassikern sagte, auch der Lehrer -Kolbassnikoff in der Quinta gesagt ...“ - -„Der fremde Professor ist angekommen!“ sagte plötzlich Ninotschka, die -die ganze Zeit geschwiegen hatte. - -An der Hofpforte hielt Frau Chochlakoffs Equipage. Der Hauptmann, der -den berühmten Arzt schon seit dem Morgen erwartet hatte, stürzte Hals -über Kopf hinaus. Das Mamachen richtete sich auf und nahm eine -feierliche Miene an. Aljoscha trat an Iljuschas Bettchen und versuchte -die Kissen ein wenig zu ordnen. Die Knaben verabschiedeten sich eilig, -einige von ihnen versprachen noch, am Abend wiederzukommen. Koljä rief -seinen Pereswonn, und der sprang mit einem Satz vom Bett herab. - -„Ich gehe noch nicht fort, ich bleibe noch hier!“ flüsterte Koljä eilig -Iljuscha zu. „Ich werde im Flur warten und dann wiederkommen, wenn der -Professor fortgefahren ist, mit Pereswonn wiederkommen.“ - -Da trat aber der Professor bereits herein – eine imposante Erscheinung -im Bärenpelz mit langem, dunklem Backenbart und glänzendem rasiertem -Kinn. Nachdem er über die Schwelle getreten war, blieb er zuerst ganz -verdutzt stehen: Wahrscheinlich glaubte er, sich in der Tür versehen zu -haben. - -„Was soll denn das bedeuten? Wo bin ich denn hier hineingeraten?“ -brummte er in den Bart. Er stand verständnislos an der Tür, ohne den -Pelz abzuwerfen oder seine Seebärmütze, deren Schirm gleichfalls mit -Seebärfell überzogen war, abzunehmen. Die vielen Menschen, die -Ärmlichkeit der Stube, die in der Ecke auf einer Schnur hängende Wäsche -verstimmten und befremdeten ihn sichtlich. Der Hauptmann bog sich vor -ihm das Rückgrat krumm. - -„Sie sind hier, hier bei uns,“ stotterte er untertänig, „hier, jawohl, -bei uns, zu denen Sie ...“ - -„Ssnegireff?“ fragte der Professor laut und wichtig. „Herr Ssnegireff – -sind Sie das?“ - -„Ja, ich!“ - -„Ah!“ - -Der Professor blickte sich noch einmal angeekelt im Zimmer um und warf -dann seinen Pelz ab. An seinem Halse blitzte ein bedeutender Orden, der -allen sofort in die Augen stach. Der Hauptmann fing den Pelz auf, und -der Professor nahm die Mütze ab. - -„Wo ist denn hier der Patient?“ fragte er laut und wichtig. - - - VI. - Frühe Entwicklung - -„Was meinen Sie, was wird ihm der Professor sagen?“ fragte Koljä hastig. -„Aber was für eine widerliche Fratze der Kerl hat, finden Sie nicht -auch? Ich kann die Medizin mit allem Drum und Dran nicht ausstehen!“ - -„Iljuscha wird sterben. Das ist, glaube ich, so gut wie sicher,“ -antwortete Aljoscha niedergeschlagen. - -„Die Kanaillen! Diese Mediziner taugen alle nichts! Aber es freut mich -ungemein, Karamasoff, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich wollte schon -lange Ihre Bekanntschaft machen. Schade nur, daß wir uns unter so -traurigen Umständen getroffen haben ...“ - -Koljä wollte gern etwas noch Wärmeres, Herzlicheres sagen, aber er war -wie unter einem Druck. Aljoscha bemerkte dies wohl, lächelte und drückte -ihm die Hand. - -„Ich habe schon längst gelernt, in Ihnen ein seltenes Wesen zu -verehren,“ sagte Koljä verwirrt und erregt. „Ich weiß, Sie sind ein -Mystiker und haben im Kloster gelebt. Ich weiß, daß Sie ein Mystiker -sind, aber ... das hält mich weiter nicht ab ... Ich denke, die -Berührung mit der Wirklichkeit wird Sie schon heilen ... Mit Naturen, -wie die Ihrige, ist es ja immer so.“ - -„Wen nennen Sie einen Mystiker? Wovon heilen?“ fragte Aljoscha ein wenig -verwundert. - -„Nun so, ich meine Gott und das übrige.“ - -„Wie, glauben Sie denn etwa nicht an Gott?“ - -„Im Gegenteil, ich habe nichts gegen ihn. Gott ist natürlich nur eine -Hypothese ... aber ... ich gebe ja vollkommen zu, daß er nötig ist ... -zur Ordnung ... zur Erhaltung der Weltordnung und so weiter ... – wenn -es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,“ fügte Koljä noch -hinzu, während ihm das Blut schon in die Wangen stieg. - -Ihn hatte plötzlich der Gedanke durchzuckt, Aljoscha könnte jetzt -denken, daß er seine Kenntnisse zeigen und sich als „Erwachsener“ -aufspielen wolle. „Das will ich aber durchaus nicht!“ dachte Koljä -ungehalten. Und plötzlich ärgerte er sich sehr. - -„Ich muß gestehen, ich liebe es gar nicht, mich auf diese verwickelten -Diskussionen einzulassen,“ meinte er kurz abbrechend, „man kann doch -auch ohne an Gott zu glauben die Menschheit lieben, was meinen Sie? -Voltaire hat doch auch nicht an Gott geglaubt und doch die Menschheit -geliebt!“ („Schon wieder, schon wieder komme ich mit meinen -Kenntnissen!“ dachte er bei sich.) - -„Voltaire dürfte wohl an Gott geglaubt haben, nur, wenn ich nicht irre, -zu wenig, und die Menschheit hat er, glaube ich, gleichfalls nur wenig -geliebt,“ sagte Aljoscha leise und zurückhaltend, doch ganz natürlich, -wie wenn er mit einem gleichaltrigen oder womöglich sogar älteren -Menschen spräche. - -Koljä fiel sofort diese Ungewißheit Aljoschas in seiner Meinung über -Voltaire auf: und daß er gewissermaßen ihm, dem kleinen Koljä überließ, -über diese Frage zu entscheiden. - -„Aber haben Sie denn Voltaire gelesen?“ fragte Aljoscha. - -„N–nein, nicht gerade, daß ich ihn ganz gelesen hätte ... Ich habe nur -‚Candide‘ gelesen, in einer russischen Übertragung ... in einer ganz -alten, eigenartigen, furchtbar komischen Übersetzung ...“ („Schon -wieder, schon wieder!“) - -„Und haben Sie ihn auch verstanden?“ - -„O ja, alles ... das heißt ... warum glauben Sie, daß ich ihn nicht -verstanden hätte? Es kommen dort natürlich viele schmutzige Gemeinheiten -vor ... Ich verstehe doch, daß es ein philosophischer Roman ist, und -Voltaire ihn geschrieben hat, um eine Idee durchzuführen ...“ Koljä -verwirrte sich immer mehr. „Ich bin nämlich Sozialist, Karamasoff, ein -unverbesserlicher Sozialdemokrat,“ sagte er plötzlich, ohne den -geringsten Anlaß zu dieser Bemerkung. - -„Sozialdemokrat?“ Aljoscha lachte auf. „Wann haben Sie denn dazu schon -Zeit gefunden? Sie sind doch erst dreizehn Jahre alt, glaube ich?“ - -Koljä fühlte sich tief verletzt. - -„Erstens: nicht dreizehn, sondern vierzehn, in zwei Wochen vierzehn,“ -sagte er kalt, während ihm das Blut wieder in die Wangen schoß. „Und -zweitens: Ich verstehe wirklich nicht, was mein Alter damit zu tun hat. -Es handelt sich doch nur darum, welches meine Ansichten sind und nicht, -wie alt ich bin. Nicht wahr?“ - -„Wenn Sie älter wären, würden Sie einsehen, von welch einer Bedeutung -das Alter bei Überzeugungen ist. Mir schien es wirklich so, als wenn es -nicht Ihre eigenen Worte wären, die Sie sprachen,“ antwortete Aljoscha -ruhig und bescheiden, doch Koljä unterbrach ihn ungestüm. - -„Ich bitte Sie! Sie verlangen Gehorsam und Mystizismus! Aber Sie müssen -doch zugeben, daß der christliche Glaube nur den Reichen und Vornehmen -dazu gedient hat, die niedrigeren Klassen in der Knechtschaft zu -erhalten! Nicht wahr?“ - -„Ach ich weiß schon, wo Sie das gelesen haben, das hat Ihnen ja jemand -eingeredet!“ rief Aljoscha aus. - -„Ich bitte Sie, warum muß ich es denn unbedingt gelesen haben? Und so -etwas hat mir so gut wie niemand eingeredet. Ich kann doch auch selbst -... Wenn Sie wollen, bin ich sogar durchaus nicht gegen Christus. Er war -eine durch und durch humane Persönlichkeit, und wenn er heute, in -unserer Zeit, lebte, so würde er sich sofort den Revolutionären -anschließen und vielleicht eine große Rolle spielen ... Das steht fest!“ - -„Wo haben Sie nun das wieder aufgeschnappt? Mit welch einem Dummkopf -sind Sie denn zusammengekommen?“ fragte Aljoscha verwundert. - -„Ich bitte Sie! Die Wahrheit kann man nicht verbergen. Ich komme -allerdings wegen einer bestimmten Angelegenheit des öfteren mit Herrn -Rakitin zusammen, aber ... Das hat ja auch schon unser alter Belinskij, -wie man erzählt, gesagt ...“ - -„Belinskij? Dessen erinnere ich mich nicht. Wenigstens hat er das nicht -geschrieben.“ - -„Wenn er es nicht geschrieben hat, so hat er es ausgesprochen, sagt man. -Das habe ich gehört ... von einem ... übrigens, zum Teufel ...“ - -„Haben Sie Belinskij gelesen?“ - -„Sehen Sie ... nein ... nicht ganz, aber ... die Stelle in seiner Kritik -über Puschkins ‚Jewgenij Onégin‘, wo er auf Tatjana zu sprechen kommt: -warum sie nicht mit Onégin ging, habe ich gelesen.“ - -„Wie das, ‚warum sie nicht mit Onégin ging‘? Ja, können Sie denn das -schon ... verstehen?“ - -„Ich bitte Sie! Sie scheinen mich ja für den kleinen Ssmuroff zu -halten?“ fragte Koljä gereizt, mit spöttischem Lächeln. „Übrigens -glauben Sie, bitte, nicht, daß ich schon ganz und gar Revolutionär bin. -Ich bin sehr oft nicht einverstanden mit Herrn Rakitin. Wenn ich von -Tatjana rede, so bin ich noch längst nicht für die Emanzipation der -Frauen. Ich bin ganz der Meinung, daß das Weib ein untergeordnetes Wesen -ist und gehorchen muß. _Les femmes tricotent_, wie Napoleon gesagt hat,“ -fuhr Koljä kurz auflachend fort, „und in diesem einen Punkte teile ich -vollkommen die Überzeugung dieses pseudogroßen Mannes. Zum Beispiel -finde ich auch, daß es niedrig ist, das Vaterland zu verlassen und nach -Amerika zu flüchten, finde es sogar mehr als niedrig – sogar dumm. Warum -nach Amerika, wenn man auch bei uns der Menschheit viel Nutzen bringen -kann? Und gerade jetzt! Ein ganzer Berg fruchtbringender Tätigkeit! In -dem Sinne habe ich denn auch geantwortet.“ - -„Wie – geantwortet? Wem? Hat Sie denn jemand schon nach Amerika -aufgefordert?“ - -„Ich muß gestehen, daß man mich dazu bereden wollte, aber ich schlug es -ab. Das ist natürlich nur unter uns gesagt, Karamasoff, hören Sie, -keinem Menschen ein Wort davon, – ich sage es nur Ihnen. Ich habe -durchaus keine Lust, der Dritten Abteilung[24] in die Finger zu kommen -und an der Kettenbrücke Lektion zu hören. - - ‚Das vergißt man nicht so leicht, - Das Haus an jener Hängebrücke!‘ - -Sie kennen doch das Gedicht? Famos doch, nicht wahr? Worüber lachen Sie? -Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen alles nur vorgelogen habe?“ („Was -aber dann, wenn er erfährt, daß ich in Papas Bücherschrank nur ein -einziges Heft der ‚Sturmglocke‘ gefunden, und mehr als das überhaupt -nicht darin gelesen habe?“ fuhr es ihm flüchtig durch den Sinn, und sein -Herz zuckte zusammen.) - -„Wieso? Ich lache gar nicht, und ich denke durchaus nicht, daß Sie mir -etwas vorgelogen haben. Das ist es ja, daß ich es nicht so ansehe, denn -alles, was Sie sagen, ist ja leider nicht gelogen! Aber nun sagen Sie, -haben Sie denn Puschkin gelesen, den ‚Jewgenij Onégin ...‘ Sie sprachen -doch von Tatjana?“ - -„Nein, ich habe ihn noch nicht gelesen, aber ich will es bald tun. Ich -bin ganz vorurteilslos, Karamasoff. Ich will die Meinung jeder Partei -hören. Warum fragten Sie?“ - -„Nur so.“ - -„Sagen Sie mal, Karamasoff, Sie verachten mich jetzt wohl sehr?“ fragte -Koljä ganz plötzlich und reckte sich stramm vor Aljoscha empor, als -wolle er sich in Positur stellen. „Haben Sie die Güte, mir ganz ohne -Umschweife darauf zu antworten.“ - -„Ich soll Sie verachten?“ Aljoscha blickte ihn erstaunt an. „Aber -weswegen denn? Es tut mir nur leid, daß eine so prächtige Natur, wie die -Ihrige, die noch nicht einmal recht zu leben begonnen hat, schon von -diesem ganzen rohen Unsinn verdorben worden ist.“ - -„Wegen meiner Natur brauchen Sie sich weiter keine Sorgen zu machen,“ -unterbrach ihn Koljä nicht ohne Selbstgefälligkeit, „aber ich bin sehr -argwöhnisch, das ist Tatsache. Geradezu dumm argwöhnisch. Roh und unfein -argwöhnisch. Sie lächelten vorhin, und da schien es mir sogleich, daß -Sie ...“ - -„Ach, ich lächelte doch über etwas ganz anderes. Ich werde Ihnen sagen, -worüber ich lächelte: ich las vor kurzem die Äußerung eines Ausländers, -eines Deutschen, der in Rußland gelebt hat, über unsere gegenwärtige -lernende Jugend: ‚Zeigen Sie,‘ schreibt er, ‚einem russischen Schüler -die Himmelskarte mit allen Sternen darauf, von der er bis dahin keine -Ahnung gehabt hat, und er wird Ihnen morgen diese Karte korrigiert -zurückgeben.‘ Überhaupt keine Kenntnisse und grenzenloser Eigendünkel, -das wollte der Deutsche damit vom russischen Schüler sagen.“ - -„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte -fröhlich auf. „Das ist ja _superbissimo_! Bravo, Deutscher! Aber dem -Tschúchna[25] ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was -meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend, -das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen -Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und -Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor -den Autoritäten ... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo, -Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut, -mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber -man muß sie doch unterkriegen ...“ - -„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln. - -„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen -ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich -mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn -zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der -Doktor dort ... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht -untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese -Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich -beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher -gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf! -Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“ - -„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen -ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen. -Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können, ... das werden -Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das -wird Sie besser als alles andere erziehen.“ - -„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich -nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt. - -„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine -Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er -Sie vergeblich erwartete!“ - -„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es -geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher -gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich -mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich -mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich -bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“ - -„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben -worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß -auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“ - -„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen -Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich -verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“ - -„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich -Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe -Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“ - -„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe -haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als -ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief -deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als -tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und -später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht -gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie -mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung -hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem -Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht -aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht, -ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah ... obgleich es -doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude -anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber -bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese -Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief -unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle -über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich ... dann bin ich -bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“ - -„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein. - -„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter. -Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“ - -„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht -daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten -lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten -Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen -und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so -jungen Jahren empfinden ... obgleich ... ich es auch schon an anderen -Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch -Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In -diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in -die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“ -fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln, -wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä, -sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur -soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“ - -„Selbst wenn alle so sind?“ - -„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht -so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben -Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar -Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage? -Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der -Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie -auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“ - -„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig, -einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt -hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen -herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht -haben? Vorhin sagten Sie es.“ - -„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht -... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das -nichts.“ - -„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe -einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam -geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was -meinen Sie?“ - -„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es -nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln. - -„Aber wissen Sie auch, Karamasoff, Sie müssen zugeben, daß auch Sie sich -jetzt ein wenig vor mir schämen ... Das sehe ich an Ihren Augen.“ Und -Koljä lachte leise: es lag viel Schelmerei und fast eigenartiges Glück -in diesem Lachen. - -„Warum soll ich mich denn schämen?“ - -„Warum erröten Sie denn jetzt plötzlich, wenn man fragen darf?“ - -„Ja, daran sind Sie schuld, daß ich errötete!“ sagte Aljoscha lachend -und wurde wirklich über und über rot. „Nun ja, ein wenig schäme ich -mich, Gott weiß, weswegen, ich weiß es nicht ...“ stotterte er, sogar -ein wenig verwirrt. - -„Oh, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie gerade jetzt liebe und schätze -und gerade deshalb, weil Sie sich ‚weiß Gott warum‘ vor mir schämen! -Weil auch Sie ganz so sind wie ich!“ rief Koljä in heller Begeisterung. - -Seine Wangen glühten und seine Augen glänzten. - -„Hören Sie, Koljä, Sie werden im Leben ein sehr unglücklicher Mensch -sein,“ sagte plötzlich Aljoscha aus einem unbekannten Grunde. - -„Ich weiß, ich weiß,“ bestätigte Koljä sofort. „Wie Sie doch alles -voraus wissen!“ - -„Aber im ganzen werden Sie doch das Leben preisen.“ - -„Das ist’s ja! Hurra! Sie sind ja ein Prophet! Oh, wir werden uns noch -nähertreten, Karamasoff. Wissen Sie, am meisten entzückt mich an Ihnen, -daß Sie mit mir ganz wie mit einem Altersgenossen verkehren, wie mit -einem Gleichstehenden. Das aber sind wir nicht, nein, das sind wir -nicht: Sie stehen viel höher! Aber wir werden uns schon gut anfreunden. -Wissen Sie, ich habe mir während des ganzen letzten Monats gesagt: -‚Entweder werden wir sofort Freunde auf ewig werden, oder wir werden -gleich nach der ersten Begegnung als Feinde bis zum Grabe -auseinandergehen!‘“ - -„Und als Sie sich das sagten, liebten Sie mich natürlich schon!“ -Aljoscha lachte fröhlich auf. - -„Ja, da liebte ich Sie schon, liebte Sie furchtbar, liebte Sie und -dachte nur an Sie! Aber wie können Sie alles so voraus wissen? ... Ah! -da kommt der fremde Professor, Gott, was wird er sagen? Sehen Sie doch, -was er für ein Gesicht macht!“ - - - VII. - Iljuscha - -Der fremde Professor trat aus der Stube, eingehüllt in seinen Pelz und -die Mütze auf dem Kopf. Er sah geärgert und angeekelt aus, als wenn er -sich hier an irgend etwas beschmutzt hätte. Er warf einen flüchtigen -Blick über den Flur und sah darauf Aljoscha und Koljä streng an. -Aljoscha trat auf die Treppe hinaus und winkte den Kutscher heran. Die -Equipage fuhr sofort an der Hofpforte vor. Der Hauptmann folgte dem -Professor eilig mit gekrümmtem Rücken, und murmelte, wie es schien, -Entschuldigungen. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines zum Tode -Verurteilten, und aus seinem starren Blick sprach nichts als Schreck und -völlige Verständnislosigkeit. - -„Exzellenz ... Exzellenz ... ich kann es nicht glauben ...“ stotterte er -und konnte nicht weitersprechen. In seiner hilflosen Verzweiflung -breitete er wie unsicher die Arme aus, und wie flehend hing jetzt sein -starrer Blick an dem Arzt, als wenn dieser den Urteilsspruch über seinen -armen Jungen noch hätte abändern können. - -„Ja, wie – ge – sagt. Ich – bin – kein – Gott,“ antwortete in -nachlässigem, doch gewohnheitsmäßig scharf accentierendem Tone der -Professor. - -„Herr Professor ... Exzellenz ... und wird er bald ... bald? ...“ - -„Ma – chen Sie sich auf al – les – ge – faßt.“ Der Professor betonte -jede Silbe. Er senkte den Blick und machte Miene, hinauszugehen. - -„Exzellenz, um Christi willen!“ rief der Hauptmann erschrocken und hielt -ihn noch einmal zurück. „Exzellenz! ... also nichts, nichts, gar nichts -kann ihn mehr retten?“ - -„Das hängt – nicht – von – mir – ab,“ erwiderte ungeduldig der Arzt, „in -– dessen, hm,“ sagte er plötzlich und blieb stehen; „wenn ... Sie, zum -Beispiel, Ih – ren Pa – tien – ten ... _so–fort und ohne zu säumen_ (die -Worte ‚sofort und ohne zu säumen‘ stieß der Professor nicht nur streng, -sondern geradezu wütend heraus, so daß der Hauptmann zusammen fuhr) nach -Sy – rakus schicken könn – ten, so ... würde infolge der wohl – tuenden, -kli – ma – ti – schen Ver – än – derung ... so könn – te es viel – -leicht gesche – hen ...“ - -„Nach Syrakus!“ stieß der Hauptmann hervor, als könne er ihn nicht -begreifen. - -„Syrakus liegt in Sizilien,“ sagte plötzlich Koljä wie zur Erläuterung. - -Der Professor sah ihn an. - -„Nach Sizilien! Um Gottes willen, Euer Exzellenz,“ sagte ganz verloren -der Hauptmann, „Sie haben doch gesehen!“ Er wies mit beiden Händen auf -die Umgebung. „Und Mamachen, und die Familie?“ - -„N – nein, die Fami – lie nicht nach Sizilien, Ihre Familie muß in den -Kau – kasus, a – ber erst im Frühjahr ... Ihre Tochter muß in den -Kaukasus, Ihre Gemahlin aber ... nachdem sie auch im Kau – kasus eine -Kur für ihren Rheumatismus durchgemacht hat ... müßte dann _so–fort_ -nach Paris in die Irrenanstalt des Psychiaters Le – pelle – tier -geschickt werden, ich könnte ihr ein Schrei – ben mit – geben, und da -... könnte sie ... vielleicht ... Bes – serung ...“ - -„Herr Professor, aber Herr Professor! Sie sehen doch!“ der Hauptmann -wies wieder in seiner Verzweiflung mit beiden Händen auf die nackten -Holzwände des Flurs hin. - -„Das ist – nicht – mehr – meine Sache,“ sagte lächelnd der Arzt, „ich ha -– be Ihnen nur sa – gen kön – nen, was die Wis – sen – schaft auf Ihre -Fra – ge nach den letzten Hilfs – mitteln sagen kann, das üb – rige aber -... kann ich zu meinem Bedau – ern ...“ - -„Haben Sie keine Angst, Herr Mediziner, mein Hund wird sie nicht -beißen,“ fiel ihm Koljä, da er den etwas unruhigen Blick des Professors -auf Pereswonn, der auf der Türschwelle stand, bemerkt hatte, mit lauter -Stimme ins Wort. Eine böse Note klang in der Stimme Koljäs. Er sagte mit -Absicht „Mediziner“ statt Doktor oder Professor – wie er später selbst -eingestand, „um ihn zu beleidigen“. - -„Was – soll – das?“ fragte der Arzt, den Kopf erhebend, und sah Koljä -erstaunt an. „Wer – ist das?“ wandte er sich plötzlich an Aljoscha, als -ob der ihm Rechenschaft geben müsse. - -„Das ist der Besitzer des Pereswonn, Herr Mediziner, beunruhigen Sie -sich nicht wegen meiner Wenigkeit,“ schikanierte Koljä. - -„Swonn?“ wiederholte der Arzt, ohne zu verstehen, was dieser Name -bedeutete. - -„Er scheint nicht zu wissen, wo er sich befindet. Leben Sie wohl, Herr -Mediziner, wir werden uns in Syrakus vielleicht wiedersehen.“ - -„Wer ist dieser ...? Wer, was?“ der Arzt brauste auf vor Wut. - -„Das ist ein hiesiger Schüler, Herr Professor, ein Wildfang, beachten -Sie ihn nicht,“ sagte Aljoscha verstimmt. „Koljä schweigen Sie!“ rief er -Krassotkin zu. „Beachten Sie ihn nicht, Herr Professor,“ wiederholte er -noch ungehaltener. - -„Man muß ihm Ruten geben, Ruten, Ruten!“ schrie der Arzt Krassotkin an -und stampfte vor Wut mit dem Fuß auf. - -„Wissen Sie, Herr Mediziner, mein Pereswonn kann auch beißen!“ rief -Koljä mit drohender Stimme, bleich und mit blitzenden Augen. „_Ici_, -Pereswonn!“ - -„Koljä, wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, so werde ich mit Ihnen auf -ewig brechen!“ sagte Aljoscha streng. - -„Herr Mediziner, es gibt nur ein Wesen auf der ganzen Welt, das Nikolai -Krassotkin befehlen kann, und das ist dieser junge Mensch da (Koljä wies -auf Aljoscha): ihm gehorche ich. Leben Sie wohl!“ - -Koljä stürzte fort, öffnete die Stubentür und trat schnell ein. -Pereswonn lief ihm sofort nach. Der Arzt stand noch lange ganz wie -versteinert da und starrte Aljoscha an. Darauf spuckte er aus und ging -zum Wagen, indem er laut wiederholte: „Dieser, dieser, dieser ... ich -weiß nicht, was das für einer ist!“ Der Hauptmann lief ihm nach, um ihm -in den Wagen zu helfen. Aljoscha trat ins Zimmer. Koljä stand schon an -Iljuschas Bettchen. Iljuscha hielt ihn an der Hand und rief nach seinem -Vater. Bald kehrte auch der Hauptmann zurück. - -„Papa, Papa, komm her ... wir ...“ stammelte Iljuscha in ungewöhnlicher -Erregung, doch außerstande, weiterzusprechen, umarmte er sie beide -zusammen mit seinen mageren Ärmchen und preßte sie fest an sich, so -stark, wie er es mit seiner kleinen Kraft nur konnte. - -Der Hauptmann erbebte am ganzen Körper vor unterdrücktem Schluchzen, und -Koljä zitterten die Lippen und das Kinn. - -„Papa, Papa! Wie tust du mir leid, Papa!“ stöhnte Iljuscha. - -„Iljuschetschka ... Täubchen ... der Professor sagte ... du wirst gesund -... wir werden glücklich sein ... der Professor ...“ brachte der -Hauptmann mühsam hervor. - -„Ach, Papa! Ich weiß ja, was der fremde Professor von mir gesagt hat ... -Ich habe es doch gemerkt!“ rief Iljuscha aus und preßte sie wieder beide -aus aller Kraft an sich, wobei er sein Gesicht an der Schulter des -Vaters verbarg. - -„Papa, weine nicht ... wenn ich sterben werde, nimm dann einen anderen -guten Jungen zu dir, einen anderen ... wähle von ihnen allen den besten -aus, nenne ihn Iljuscha und liebe ihn statt meiner ...“ - -„Schweig, mein Sohn, wirst gesund werden!“ unterbrach ihn beleidigt und -geradezu barsch Krassotkin. - -„Aber mich, Papa, mich vergiß nicht,“ fuhr Iljuscha fort, „komm zu -meinem Grabe ... Weißt du, Papa, beerdige mich bitte dort beim großen -Stein, zu dem wir beide immer zusammen gegangen sind, und besuche mich -dann mit Krassotkin, am Abend ... Und Pereswonn ... Ach, wie werde ich -euch erwarten ... Papa, Papa!“ - -Seine Stimme versagte, alle drei schwiegen sie. Ninotschka weinte leise -in ihrem Lehnstuhl, und plötzlich fing auch Mamachen zu weinen an, als -sie die anderen weinen sah. - -„Iljuschetschka, Iljuschetschka!“ rief sie klagend. Krassotkin befreite -sich aus der Umarmung Iljuschas: - -„Leb wohl, mein Sohn, meine Mutter erwartet mich zum Mittagessen,“ sagte -er hastig. „Wie schade, daß ich sie nicht benachrichtigt habe! Sie wird -sich sehr beunruhigen ... Doch nach dem Essen komme ich sofort wieder zu -dir, auf viele Stunden, bleibe dann den ganzen Abend bei dir, und werde -dir viel erzählen, sehr viel. Pereswonn werde ich natürlich mitbringen, -jetzt aber nehme ich ihn mit nach Haus, denn ohne mich würde er zu -heulen anfangen und würde dich stören. Also dann – auf Wiedersehen!“ - -Er lief hinaus auf den Flur, um sich dort auszuweinen. In diesem -Zustande fand ihn Aljoscha, als er hinaustrat. - -„Koljä, Sie müssen durchaus Wort halten und kommen, denn sonst wird er -schrecklich traurig sein,“ beredete ihn Aljoscha. - -„Durchaus! Oh, wie ich mich verfluche, daß ich nicht schon früher -gekommen bin!“ sagte weinend Koljä, der sich jetzt nicht mehr schämte zu -weinen. - -In dem Augenblick kam der Hauptmann aus dem Zimmer gestürzt und schloß -sofort hinter sich die Tür. Der Ausdruck seines Gesichtes war wie der -eines Wahnsinnigen, seine Lippen bebten. Er stand wie geistesabwesend -vor den beiden jungen Leuten und schüttelte seine Arme hoch in die Luft: - -„Ich will keinen guten Jungen! Ich will keinen anderen Jungen!“ kam es -in wildem Geflüster aus ihm heraus, und er knirschte mit den Zähnen, -„wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so möge ich ...“ - -Er konnte nicht zu Ende sprechen. Seine Stimme stockte ihm. Kraftlos -sank er vor der Holzbank in die Knie. Er preßte seinen Kopf zwischen -seinen beiden Fäusten und schluchzte und winselte fast wie ein Hund, -wobei er sich aber aus aller Kraft zusammenzunehmen versuchte, damit man -sein Winseln in der Stube nicht höre. Koljä lief auf die Straße hinaus. - -„Leben Sie wohl, Karamasoff! Sie kommen doch bestimmt?“ rief er Aljoscha -schneidend und wütend zu. - -„Am Abend komme ich bestimmt.“ - -„Was sagte er da von Jerusalem? ... Was sollte das bedeuten?“ - -„Das war aus der Bibel: ‚Wenn ich dein vergäße, Jerusalem‘, das heißt, -wenn ich vergessen sollte, was für mich das Teuerste ist, so möge mich -...“ - -„Ich verstehe, genug! Kommen Sie bestimmt! _Ici_, Pereswonn!“ rief er -barsch dem Hunde zu und eilte mit großen Schritten nach Haus. - - - - - Elftes Buch. Iwan Fedorowitsch - - - I. - Bei Gruschenka - -Aljoscha ging in der Richtung nach der Kathedrale. Dort am Platz lag das -Haus der Kaufmannswitwe Morosoff. Gruschenka hatte nämlich am Morgen -Fenjä mit der dringenden Bitte zu ihm geschickt, heute noch bei ihr -vorzusprechen. Aljoscha hatte von Fenjä auf seine Fragen hin außerdem -erfahren, daß ihre Herrin seit gestern in ganz besonderer Aufregung sei. -In diesen zwei Monaten nach der Verhaftung Mitjäs war Aljoscha oft in -das Haus der Morosowa gegangen, sowohl aus eigenem Antriebe, als auch -mit Aufträgen von Mitjä. Am dritten Tage nach jenen Vorgängen in Mokroje -war Gruschenka erkrankt, und darauf hatte sie beinahe fünf Wochen lang -das Bett gehütet, und von diesen fünf Wochen war sie eine Woche lang -besinnungslos gewesen. Sie hatte sich inzwischen stark verändert: ihr -Gesicht war abgemagert und hatte in der Farbe noch immer einen etwas -gelblichen Ton, obgleich sie schon seit vierzehn Tagen wieder ausgehen -durfte. Aljoscha aber schien es, daß ihr Gesicht dadurch noch -anziehender wurde. Er liebte es, wenn er bei ihr eintrat, ihrem ersten -Blick zu begegnen. Es war, als drückte sich in ihrem Blick jetzt eine -gewisse Festigkeit und seelische Tiefe aus. Er verriet eine geistige -Umwandlung und eine gewisse ergebene, doch zugleich gütige und feste -Entschlossenheit. Auf der Stirn zwischen den Brauen zeichnete sich eine -kleine senkrechte Falte ab, die ihrem lieben Antlitz den Ausdruck in -sich gesammelter Nachdenklichkeit verlieh, wenn diese Nachdenklichkeit -auch zuweilen auf den ersten Blick etwas Schroffes, Strenges haben -konnte. Von der früheren Flatterhaftigkeit war auch nicht eine Spur -übriggeblieben. Auch wunderte sich Aljoscha darüber, daß trotz des -ganzen Unglücks, das sie getroffen hatte – sie, die Braut eines Mannes, -der fast im selben Augenblick verhaftet worden war, in dem sie sich -einander verlobt hatten –, daß sie trotz allem, was sie bereits -durchgemacht und was ihr noch bevorstand, nicht ihre jugendliche -Heiterkeit verlor. In ihren früher so stolzen Augen lag jetzt eine -gewisse Stille, obwohl ... obwohl in diesen Augen zuweilen ein gewisses -böses Feuer aufflammen konnte, wenn eine frühere Sorge sie wieder einmal -heimsuchte – eine Sorge, die in ihrem Herzen nicht erstorben, sondern -sich noch mächtig vergrößert hatte. Der Gegenstand dieser Sorge war -immer ein und derselbe: Katerina Iwanowna. Von ihr hatte Gruschenka -während der Krankheit fast ununterbrochen phantasiert. Aljoscha begriff -sehr wohl, daß sie Mitjäs wegen unglaublich eifersüchtig auf dessen -frühere Braut war, – selbst jetzt noch, obwohl Katerina Iwanowna ihn -kein einziges Mal während seiner Gefangenschaft besucht hatte, was ihr -zu jeder Zeit freigestanden hätte. Alles das machte Aljoscha seine -Aufgabe, sie zu trösten, nur noch schwieriger: denn nur ihm allein -vertraute sie alles an, und ihn allein fragte sie beständig um Rat, er -aber wußte oftmals wirklich nicht, was er ihr sagen sollte. - -Besorgt trat er bei ihr ein. Sie war vor einer halben Stunde von Mitjä -aus dem Gefängnis zurückgekehrt, und allein schon aus der schnellen -Bewegung, wie sie von ihrem Lehnstuhl am Tisch aufsprang und ihm -entgegeneilte, konnte er ersehen, wie ungeduldig sie ihn erwartet haben -mußte. Auf dem Tisch lagen Spielkarten, die zu „Schafskopf“ ausgegeben -waren. Auf dem Lederdiwan an der anderen Seite des Tisches war ein Bett -aufgemacht, auf dem in Schlafrock und Nachtmütze, sichtlich krank und -geschwächt, doch trotzdem freundlich lächelnd, halb liegend – Herr -Maximoff saß. Dieses heimatlose, alte Kerlchen war damals, vor zwei -Monaten, zusammen mit Gruschenka aus Mokroje zurückgekehrt, und seit der -Zeit war er auch bei ihr geblieben. Als sie durch Regen und Schmutz -endlich bei ihr angekommen waren, hatte er sich durchnäßt und -eingeschüchtert auf diesen Diwan gesetzt und sie schweigend mit -schüchtern bittendem Lächeln angesehen. Gruschenka, die von Leid und von -dem Fieber der beginnenden Krankheit völlig zerschlagen war, hatte ihn -in der ersten halben Stunde vor lauter Anordnungen und Sorgen ganz -vergessen. Plötzlich hatte sie sich dann seiner wieder erinnert, sich zu -ihm gewandt und ihn einmal durchdringend angesehen: da hatte er in -seiner Verwirrung nichts anderes zu tun gewußt, als ganz verloren und -mitleiderregend zu lächeln. Gruschenka hatte Fenjä gerufen und für ihn -etwas zu essen bestellt. An jenem ganzen Tage war er ohne sich zu -rühren, mäuschenstill, auf demselben Platz sitzen geblieben, so daß -Fenjä, als es dunkel geworden war, ihre Herrin gefragt hatte: - -„Wird er denn auch zur Nacht hier bleiben?“ - -„Ja, mach ihm auf dem Lederdiwan ein Bett auf,“ hatte Gruschenka gesagt. - -Später erfuhr sie von ihm auf ihr Befragen, daß er „gerade jetzt“ nicht -wußte, wo er eigentlich bleiben sollte. „Herr Kalganoff, mein-mein -Wohltäter, hat mir direkt gesagt, daß er mich nicht mehr empfangen -könne, und er-er hat mir fünf Rubel geschenkt.“ - -„Nun, Gott mit dir, dann bleibe hier,“ entschied Gruschenka in ihrem -Kummer und lächelte ihm mitleidig zu. Dem Alten schnitt dieses Lächeln -wie ein Messer ins Herz, und seine Lippen erzitterten wie von -verhaltenen Tränen. Und so blieb der obdachlose Freischlucker bei -Gruschenka. Selbst während ihrer Krankheit verließ er sie nicht. Fenjä -und ihre Großmutter, die Gruschenkas Köchin war, schickten ihn nicht -fort, sondern gaben ihm täglich gut zu essen und machten ihm abends das -Bett auf dem Diwan auf. Späterhin gewöhnte sich Gruschenka an ihn, und -wenn sie von Mitjä zurückkehrte (den sie sofort täglich besuchte, sobald -sie sich nur, nach der Krankheit, hinauswagen durfte), setzte sie sich -immer zu Maximoff an den Tisch und begann dann, um den Kummer zu -verscheuchen, mit „Maximuschka“ über alle möglichen dummen Dinge zu -scherzen, nur um nicht an ihr Leid denken zu müssen. Bei der Gelegenheit -stellte es sich heraus, daß „Maximuschka“ auch kleine Geschichten zu -erzählen verstand, und so wurde er ihr zu guter Letzt ganz -unentbehrlich. Empfing sie doch außer Aljoscha, der nicht einmal an -jedem Tage kommen konnte, keinen Menschen. Ihr „Kaufmann“ lag zu der -Zeit schwerkrank danieder, er „ging hinüber“, wie man in der Stadt -sagte, und er starb auch bald darauf, – eine Woche nach der -Gerichtssitzung, die über Mitjäs Schicksal entschied. Eines Tages, drei -Wochen vor seinem Tode, ließ er in der Vorahnung seines nahen Endes -seine Söhne mit ihren Frauen und Kindern zu sich rufen und befahl ihnen, -bei ihm zu bleiben. Was aber Gruschenka betraf, so verbot er den -Dienstboten aufs strengste, sie noch zu ihm zu lassen, falls sie aber -käme, sollte man ihr sagen: „Er läßt sagen, Sie mögen lange in Freuden -leben und ihn ganz vergessen.“ Indessen schickte Gruschenka fast täglich -zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. - -„Endlich!“ rief sie freudig, als sie Aljoscha erblickte, warf die Karten -sofort hin und begrüßte ihn freundschaftlich. „Maximuschka hat mir die -ganze Zeit Angst gemacht, er behauptete, du würdest nicht kommen. Ach -Gott, wenn du wüßtest, wie nötig du mir bist. Setz dich hierher an den -Tisch. Nun, was soll ich bestellen? Kaffee?“ - -„Ja, meinetwegen,“ sagte Aljoscha und rückte mit dem Stuhl an den Tisch, -„ich habe guten Appetit.“ - -„Das freut mich; Fenjä, Fenjä, schnell Kaffee!“ rief Gruschenka. „Er -kocht schon lange und wartet nur auf dich. Fenjä, bring auch die kleinen -Pasteten, aber die ganz heißen! Nein, Aljoscha, ich muß dir doch noch -erzählen, was ich heute wegen dieser Pastetchen für ein Donnerwetter -über mich habe ergehen lassen müssen. Ich brachte ihm nämlich eine ganze -Portion davon ins Gefängnis, er aber, was glaubst du wohl, er stieß sie -mir zurück und aß sie nicht. Eines davon schleuderte er sogar auf den -Fußboden und zerstampfte es mit dem Fuß zu Brei. Darauf sagte ich ihm: -‚Ich werde sie beim Wächter lassen; wenn du sie dann nicht bis zum Abend -aufgegessen hast, so bedeutet das, daß du von deiner Bosheit satt -geworden bist!‘ und damit ging ich. Wir haben uns doch schon wieder -gezankt. Sobald ich nur hinkomme, zanken wir uns.“ - -Das alles sprudelte aus Gruschenka in einem Augenblick hervor. Maximoff -wurde sofort ängstlich, lächelte und schlug die Augen nieder. - -„Worüber habt ihr euch denn diesmal gezankt?“ fragte Aljoscha. - -„Ja, weißt du, das hätte ich mir nie gedacht, daß wir uns deswegen -zanken könnten! Denk dir nur, er war auf den ‚Früheren‘ eifersüchtig! – -‚Warum unterstützest du ihn?‘ fragte er mich, ‚du hast also jetzt -angefangen ihn zu unterstützen!‘ Immer muß er eifersüchtig sein, nein -wirklich, ohne Eifersucht geht es schon gar nicht! Ob er schläft oder -ißt – eifersüchtig ist er immer. Selbst auf Kusjma wurde er in der -vorigen Woche eifersüchtig.“ - -„Aber er wußte doch schon lange von dem ‚Früheren‘?“ - -„Na selbstverständlich wußte er davon! Vom ersten Tage an hat er es -gewußt! heute aber fällt es ihm plötzlich ein, darüber zu schimpfen. Man -schämt sich nur zu wiederholen, was er sagt, es ist gar zu blöd! So ein -Dummkopf! Als ich fortging, kam gerade Rakitka zu ihm. Vielleicht ist es -Rakitka, der ihn aufhetzt, wie? Was meinst du?“ fügte sie wie zerstreut -hinzu. - -„Er liebt dich, das ist es, liebt dich sehr. Und dazu ist er jetzt sehr -gereizt!“ - -„Wie sollte er denn nicht gereizt sein, wenn sich morgen alles -entscheidet! Ich ging heute gerade in der Absicht hin, um ihm wegen -morgen ein Wort von mir aus zu sagen, denn glaub mir, Aljoscha, ich kann -noch gar nicht daran denken, was morgen sein wird! Du sagst, er sei -gereizt, und ich soll etwa nicht gereizt sein? Und er kommt jetzt mit -dem Polacken! So ein Dummkopf! Es fehlte nur, daß er noch auf -Maximuschka eifersüchtig wird.“ - -„Meine Frau hat sich meinetwegen auch immer mit Eifersucht geplagt,“ -bemerkte vorsichtig Maximoff seinerseits. - -„Ach du!“ – Gruschenka lachte unwillkürlich. „Auf wen war sie denn -deinetwegen eifersüchtig?“ - -„Auf die Stubenmädchen.“ - -„Ach, schweig, Maximuschka, ich bin heute nicht zum Lachen aufgelegt, -mich kann heute eher die Wut packen. Auf die Pastetchen spitz dich -lieber nicht, ich erlaube dir jetzt nicht davon zu essen, sie würden dir -schlecht bekommen. Und auch Likör bekommst du nicht. Da muß man nun auch -noch diesen pflegen! Wirklich, ganz als ob mein Haus eine Armenanstalt -wäre,“ sagte sie lachend. - -„Ich-ich weiß, daß ich Ihre Wohltaten gar nicht verdient habe, daß ich -sie gar nicht wert bin,“ sagte Maximoff mit traurigem Stimmchen. -„Sie-Sie sollten lieber Ihre Wohltaten anderen zuteil werden lassen, die -es mehr verdient haben, die nötiger sind als ich.“ - -„Ach, Maximuschka, jeder ist nötig, und woran soll man denn erkennen, -wer nötiger ist? ... Wenn es doch diesen Polacken überhaupt nicht geben -würde! Jetzt ist es auch ihm eingefallen, krank zu werden. Ich war auch -bei ihm, Aljoscha. Jetzt werde ich ihm zum Trotz Pastetchen schicken, -ich hätte ihm nichts geschickt, da mir aber Mitjä so ungerechte Vorwürfe -gemacht hat, so schicke ich sie ihm jetzt erst recht, zum Trotz! ... -Ach, da kommt Fenjä mit einem Brief! Natürlich! Wußt ich’s doch! Wieder -von den Polacken, wieder betteln sie um Geld!“ - -Es war tatsächlich ein Brief von Pan Mussjälowitsch, ein sehr langes und -verschnörkeltes Schreiben, in dem er bat, ihm drei Rubel zu leihen. Dem -Briefe war noch ein anderer Zettel beigelegt: es war ein Revers mit der -Bescheinigung des Empfanges und der Verpflichtung, das Geld in drei -Monaten wiederzugeben – von beiden Panen unterschrieben. Solcher Briefe -mit Reversen hatte Gruschenka von ihrem „Früheren“ inzwischen eine Menge -erhalten. Das hatte gleich nach ihrer Krankheit begonnen, vor etwa zwei -Wochen. Sie wußte, daß beide während ihrer Krankheit gekommen waren, um -sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Der erste Brief, den sie von ihm -erhalten hatte, war sehr lang gewesen: auf einem Bogen Postpapier -größten Formats geschrieben, mit einem riesengroßen Familiensiegel, im -Sinn ungemein dunkel gehalten, in ungeheuer hochtrabendem Stil, so daß -Gruschenka sich kaum bis zur Mitte des Briefes durchgearbeitet und ihn -dann fortgeworfen hatte, ohne von diesem ganzen kunstvollen Wortbau -etwas verstanden zu haben. Auch war es ihr doch damals nicht um die -Polen zu tun gewesen. Nach diesem ersten Brief war am anderen Tage ein -zweiter Brief gefolgt, mit der Bitte Pan Mussjälowitschs, ihm auf eine -ganz kurze Frist zweitausend Rubel zu leihen. Gruschenka hatte auch auf -diesen Brief nichts geantwortet. Darauf war eine ganze Reihe von Briefen -gefolgt, täglich je einer, alle gleich würdig und gedrechselt, nur daß -in ihnen die erbetene Summe, die stufenweise herabsank, schließlich bei -hundert anlangte, dann bei fünfundzwanzig, fünfzehn, zehn Rubel, und -eines Tages erhielt Gruschenka einen Brief, in dem sie um einen einzigen -Rubel gebeten wurde – wiederum unter Zusendung eines Reverses, den beide -unterschrieben hatten. Da hatten sie ihr leid getan, und sie hatte sich -plötzlich in der Dämmerung entschlossen, selbst zu ihnen zu gehen. - -Sie hatte beide Polen in der größten Misere vorgefunden, ohne Essen, -ohne Holz, ohne Zigaretten und bei der Hauswirtin tief verschuldet. Die -zweihundertfünfzig Rubel, die sie in Mokroje gewonnen hatten, waren sehr -bald (und unbekannt wofür) draufgegangen. Indessen wurde sie zu ihrer -nicht geringen Verwunderung von beiden Panen fabelhaft aufgeblasen und -selbstbewußt empfangen, mit der größten Beobachtung der Etikette und mit -hochtrabenden Reden. Gruschenka hatte ihnen daraufhin nur ins Gesicht -gelacht und ihrem „Früheren“ zehn Rubel gegeben. Und gleich darauf war -sie zu Mitjä gegangen, dem sie den ganzen Vorfall lachend erzählt hatte, -und dieser hatte gleichfalls darüber gelacht. Doch seit dem Tage ließen -die stolzen Pane ihr keine Ruhe: täglich bombardierten sie sie mit -Briefen, die alle immer dieselbe verschnörkelte Bitte um Geld -enthielten, und sie schickte ihnen jedesmal ein paar Rubel. Und nun -plötzlich war es Mitjä eingefallen, deswegen eifersüchtig zu werden. - -„Ich war so dumm, auf dem Wege zu Mitjä auf einen Augenblick zu ihm zu -gehen, denn er ist doch jetzt gleichfalls erkrankt, mein früherer Pan,“ -begann Gruschenka wieder eilig und geschäftig, „und ich erzählte es -Mitjä lachend, um ihn zu zerstreuen: ‚Denk nur,‘ sagte ich, ‚mein Pole -wollte mir wieder auf der Gitarre vorspielen und die alten Lieder -singen, wahrscheinlich in der Hoffnung, das würde mich rühren und mich -bestimmen, ihn zu heiraten.‘ Und da springt Mitjä plötzlich wie rasend -auf, und das Schimpfen geht los ... Jetzt schicke ich aber zum Trotz den -Polen die Pastetchen! Fenjä, wen haben Sie da geschickt, wieder das -kleine Mädchen? Hier, gib ihr diese drei Rubel, und dann kannst du noch -so zehn Pastetchen in Papier einschlagen und mitschicken. Du aber, -Aljoscha, mußt unbedingt Mitjä erzählen, daß ich ihnen Pastetchen -geschickt habe.“ - -„Das werde ich bestimmt nicht tun,“ sagte Aljoscha lächelnd. - -„Ach, du glaubst, daß er sich quält? Das hat er doch absichtlich getan, -nur um mich glauben zu machen, er sei eifersüchtig, ihm selbst aber ist -es doch ganz gleichgültig,“ sagte Gruschenka bitter. - -„Wieso absichtlich getan?“ fragte Aljoscha. - -„Das kannst du wohl wieder, trotz deines Verstandes – nicht verstehen, -Aljoschenka. Sieh, nicht das kränkt mich, daß er meinetwegen, da ich nun -einmal so eine bin, eifersüchtig ist. Es würde mich viel mehr kränken, -wenn er nicht eifersüchtig wäre. Ja, so bin ich. Nicht die Eifersucht -kränkt mich, ich bin ja auch ein hartherziger Mensch, und ich bin selbst -eifersüchtig. Mich kränkt nur, daß er mich überhaupt nicht liebt und -jetzt _absichtlich_ den Eifersüchtigen spielt, das ist es! Bin ich denn -etwa blind! Da fängt er jetzt plötzlich an, mir von jener, der Katjä zu -erzählen: dieses soll sie sein und wiederum jenes und dann noch was, -‚und sie hat sogar einen berühmten Arzt aus Moskau hergerufen, um mich -zu retten, hat auch den besten, den berühmtesten Advokaten verschrieben‘ -... Daraus ersehe ich doch, daß er jetzt nur sie allein liebt, wenn er -sie so unverschämt in meiner Gegenwart lobt. Er weiß ja selbst ganz -genau, daß er sich mir gegenüber vergangen hat, und da will er nun die -ganze Schuld auf mich abwälzen. Dann heißt es: ‚Du hast zuerst mit dem -Polacken angefangen, folglich kann ich jetzt auch mit Katjka anfangen.‘ -Ich kenne doch die Männer! Jetzt will er auf mich allein die ganze -Schuld wälzen. Absichtlich hat er diese Eifersuchtsszene gespielt. -Absichtlich hat er es getan, das sage ich dir, nur werde ich ...“ - -Gruschenka sprach nicht aus, was sie würde ... Sie beugte den Kopf auf -den Arm, der auf dem Tisch lag, und weinte wie im Krampf. - -„Dmitrij liebt Katerina Iwanowna nicht,“ sagte Aljoscha überzeugt. - -„Nun, ob er sie liebt oder nicht liebt, das werde ich bald selbst -erfahren,“ sagte Gruschenka, in deren Stimme diesmal eine drohende Note -klang. Sie erhob wieder den Kopf, und ihr Gesicht war fast entstellt. Es -tat Aljoscha weh, zu sehen, wie ihr sanftes, ruhig-heiteres Gesicht -finster und böse geworden war. - -„Sprechen wir nicht mehr von diesen Dummheiten!“ brach sie plötzlich ab. -„Habe ich dich doch nicht deswegen herbitten lassen. Aljoscha, Täubchen, -sag doch, was wird morgen sein, morgen? Das ist ja das einzige, was mich -quält! Nur mich allein quält das doch. Wenn ich euch alle ansehe, so muß -ich mir immer sagen, daß niemand außer mir daran denkt, daß es niemanden -von euch allen etwas angeht. Sag, denkst du wenigstens daran? Morgen -wird doch sein Urteil gesprochen! Erzähl mir, Aljoscha, wie geht es -eigentlich zu in einer Gerichtssitzung? Wie wird man denn richten? Es -ist doch der Diener, der erschlagen hat, der Diener Ssmerdjäkoff! Mein -Gott! Man wird ihn doch nicht statt des Dieners verurteilen? Und wird -denn niemand für ihn eintreten? Und den Diener haben sie wahrscheinlich -überhaupt noch nicht vernommen, was?“ - -„Man hat ihn sehr scharf verhört,“ sagte Aljoscha nachdenklich, „aber -sie scheinen alle übereingekommen zu sein, daß nicht er ihn erschlagen -habe. Ssmerdjäkoff ist noch immer krank. Er ist es seit jenem Tage, seit -dem epileptischen Anfall ... Er ist tatsächlich krank,“ fügte Aljoscha -nochmals hinzu. - -„Gott, geh doch du wenigstens zu diesem Advokaten, Aljoscha, und erzähl -ihm alles unter vier Augen. Es heißt doch, er sei für dreitausend Rubel -aus Petersburg hergekommen.“ - -„Ja, wir drei haben es zusammen getan, Iwan, Katerina Iwanowna und ich; -den Doktor aber hat sie allein für zweitausend aus Moskau verschrieben. -Der Advokat Fetjukowitsch hätte wahrscheinlich mehr verlangt, da aber -dieser Prozeß in ganz Rußland bekannt geworden ist, da alle -Tageszeitungen und Zeitschriften davon sprechen, so hat er um des Ruhmes -willen eingewilligt, herzukommen, denn es ist ein gar zu berühmter Fall -geworden. Ich habe ihn gestern gesprochen.“ - -„Nun, und? Hast du ihm alles gesagt?“ fragte sofort Gruschenka erregt. - -„Er hörte mich an und sagte nichts. Das heißt, er sagte nur, er habe -sich bereits eine bestimmte Meinung gebildet. Er versprach aber, meine -Aussagen zu berücksichtigen.“ - -„Wie das berücksichtigen? Ach, das sind ja doch nur Phrasen! Phrasen von -bezahlten Spitzbuben! Sie werden ihn mir nur noch ins Verderben stürzen! -Aber der Doktor, wozu hat sie denn den Doktor verschrieben?“ - -„Als Experten. Sie wollen beweisen, daß Dmitrij verrückt sei und im -Wahnsinn, also besinnungslos erschlagen habe.“ Aljoscha lächelte still -vor sich hin. „Nur ist Dmitrij damit nicht einverstanden, er wird es um -keinen Preis zugeben.“ - -„Ach, aber das ist doch wahr, wenn er ihn wirklich erschlagen hat!“ rief -Gruschenka lebhaft. „Er war ja damals gar nicht bei vollem Verstande, er -war ja wirklich wahnsinnig, und ich, ich Scheusal, ich allein war an -allem schuld! Nur ist es gar nicht wahr, daß er erschlagen hat, er hat -ihn doch gar nicht erschlagen! Und alle beschuldigen sie ihn, alle -sagen, er sei es gewesen. Sogar Fenjä hat so ausgesagt, daß schließlich -herauskommt, er habe es getan. Und die Aussagen der Kommis von -Plotnikoffs, und jener Beamte. Und dann haben noch alle im Gasthause -gehört, wie er gedroht hat! Alle, alle sind gegen ihn, und so schwatzen -sie jetzt und schnattern wie die Gänse.“ - -„Ja, die ungünstigen Aussagen haben sich unglaublich vermehrt,“ bemerkte -Aljoscha finster. - -„Und Grigorij noch dazu, Grigorij Wassiljitsch! Der behauptet ja nach -wie vor, daß die Tür offen gewesen sei, behauptet es steif und fest und -ohne sich beirren zu lassen! Ich bin selbst einmal zu ihm gegangen, um -mit ihm zu sprechen. Er schimpft einen womöglich noch obendrein aus!“ - -„Ja, Grigorijs Aussage ist vielleicht die verhängnisvollste für -Dmitrij,“ meinte Aljoscha. - -„Und was das betrifft, daß Mitjä verrückt sei, so ist er ja jetzt -wirklich etwas von der Art,“ sagte plötzlich Gruschenka mit einer ganz -besonders besorgten und geheimnisvollen Miene. „Weißt du, Aljoschenka, -ich wollte eigentlich schon lange mit dir darüber reden: ich gehe jeden -Tag zu ihm und muß mich immer mehr über ihn wundern. Sag du mir, was du -über ihn denkst: was meinst du, worüber redet er jetzt immer? Zuweilen -fängt er an zu sprechen und spricht, spricht – ich weiß nicht wovon, ich -denke schon, nun, das wird was sehr Kluges sein, das ist zu hoch für -mich, denke ich, bin wahrscheinlich zu dumm dazu. Nur spricht er jetzt -immer von einem ‚Kindichen‘, das heißt, von irgendeinem kleinen Kinde, -das er immer ‚Kindichen‘ nennt ... ‚Warum,‘ fragte er, ‚warum ist das -Kindichen arm? Für das Kindichen muß ich jetzt nach Sibirien gehn, ich -habe nicht erschlagen, aber ich muß nach Sibirien gehen!‘ Was das -bedeuten soll, was das für ein ‚Kindichen‘ ist, – davon habe ich keine -Ahnung! Mir rollten nur die Tränen über die Wangen, als er sprach, denn -er sagte das so eigenartig, er wollte wohl selbst weinen. Als er aber -sah, daß ich weinte, da küßte er mich plötzlich und bekreuzte mich mit -der rechten Hand. Was hat das zu bedeuten, Aljoscha, sag du mir, was ist -das für ein ‚Kindichen‘?“ - -„Rakitin hat sich jetzt angewöhnt, ihn zu besuchen,“ meinte Aljoscha -lächelnd, „übrigens ... das kann nicht von Rakitin herrühren. Ich war -gestern nicht bei Dmitrij, heute aber werde ich hingehen.“ - -„Nein, das ist nicht Rakitka, das ist sein Bruder Iwan Fedorowitsch, der -ihn verwirrt, seitdem er zu ihm geht, das ist es, was ...“ Gruschenka -stockte plötzlich. - -Aljoscha sah sie ganz verdutzt an. - -„Wie, Iwan geht zu ihm? Ist er denn jemals bei ihm gewesen? Mitjä hat -mir doch selbst gesagt, daß Iwan noch kein einziges Mal bei ihm gewesen -sei.“ - -„Ach ... nun, das war wieder echt von mir! Ich habe mich versprochen!“ -Gruschenka war etwas betreten, und sie errötete. „Wart, Aljoscha, -schweig, mag es denn auch so sein, habe ich mich einmal verraten, so -will ich lieber die ganze Wahrheit sagen: Iwan Fedorowitsch ist bis -jetzt nur zweimal bei Mitjä gewesen, das erstemal gleich nach seiner -Rückkunft aus Moskau – er kam doch damals sofort wieder zurück, ich war -noch nicht einmal gesund geworden. Und das zweitemal ist er vor einer -Woche bei ihm gewesen. Mitjä aber hat er befohlen, dir nichts davon zu -sagen, und überhaupt niemandem: es sollte ein Geheimnis bleiben.“ - -Aljoscha saß in Gedanken versunken und schien über etwas zu grübeln. Die -Nachricht hatte ihn offenbar nicht wenig stutzig gemacht. - -„Iwan hat mit mir kein einziges Mal über Mitjä gesprochen,“ sagte er -langsam, „und überhaupt hat er in diesen zwei Monaten wenig mit mir -gesprochen, und wenn ich zu ihm gegangen bin, ist er über mein Kommen -stets ungehalten gewesen, so daß ich ihn jetzt seit drei Wochen nicht -mehr gesprochen habe,“ sagte er gleichsam vor sich hin. „Ja ... Wenn er -vor einer Woche bei Mitjä gewesen ist, so – allerdings ... in dieser -Woche ist auch mir eine gewisse Veränderung an Mitjä aufgefallen ...“ - -„Nicht wahr? Nicht wahr?“ griff Gruschenka sofort eifrig auf. „Sie haben -ein Geheimnis, sicher ein Geheimnis! Mitjä hat mir selbst gesagt, daß -sie ein Geheimnis haben, und weißt du, ein solches Geheimnis, daß Mitjä -sich darüber nicht mehr beruhigen kann! Früher war er doch noch so -heiter, er ist es ja auch jetzt, nur, weißt du, wenn er so den Kopf -schüttelt und auf und ab schreitet und sich so mit der rechten Hand in -die Haare fährt und die Haare an der rechten Schläfe zupft, dann weiß -ich doch, daß er etwas auf der Seele hat, das ihn beunruhigt ... ich -kenne ihn doch! ... Sonst war er immer heiter – auch heute war er es!“ - -„Du sagtest doch, er sei gereizt gewesen?“ - -„Ja, gewiß, das war er, aber er war dann auch wieder heiter. Er ist -eigentlich immer gereizt, plötzlich aber wird er auf eine Minute ganz -heiter, und dann ist er plötzlich wieder gereizt. Und weißt du, -Aljoscha, ich muß mich immer nur über ihn wundern: denk doch nur, was -ihm bevorsteht, er aber kann zuweilen über die geringsten Dummheiten -lachen, ganz als ob er ein kleines Kind wäre.“ - -„Und ist es wirklich wahr, daß er dir verboten hat, mir etwas von Iwans -Besuch zu sagen? Hat er sich wirklich so ausgedrückt: ‚sage ihm nichts -davon‘?“ - -„Ja, genau so: sage ihm nichts davon. Dich fürchtet er ja am meisten, -Mitjä meine ich. Denn hier handelt es sich um ein Geheimnis, das hat er -mir selbst gesagt ... Aljoscha, Täubchen, geh hin und versuch du -herauszubekommen, was es ist? – was sie da für ein Geheimnis haben – und -komm dann her und sag es mir!“ wandte sich Gruschenka plötzlich flehend -an Aljoscha. „Erlöse mich von der Ungewißheit, sage mir alles, damit ich -wenigstens weiß, was mich erwartet! Du weißt nicht, wie das ist, sein -verfluchtes Schicksal zu ahnen, und doch nichts zu wissen! Geh, -Aljoscha, nur deswegen habe ich dich herbitten lassen!“ - -„Du glaubst, daß es sich dabei um dich handelt? Dann hätte er doch dir -nichts von dem Geheimnis gesagt.“ - -„Ich weiß nicht, um was es sich dabei handelt. Vielleicht will er es mir -sagen, wagt es aber nicht. Er will mich nur vorbereiten. Ein Geheimnis, -sagt er, sei es; was für ein Geheimnis aber, das hat er mir nicht -gesagt.“ - -„Aber du, was vermutest du denn?“ - -„Was soll ich vermuten! Mein Ende ist gekommen, das ist es, was ich -vermute. Das haben sie alle drei mir bereitet, denn hier steckt doch -Katjka dahinter. Von ihr geht alles aus. ‚Katjä ist dieses und Katjä ist -jenes,‘ sagt er, das bedeutet also, daß ich nicht dieses und jenes bin. -Das sagt er absichtlich, das schickt er voraus – will mich vorbereiten. -Verlassen will er mich, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis! Das haben -sie sich alle drei ausgedacht – Mitjka, Katjka und Iwan Fedorowitsch. -Aljoscha, ich wollte dich schon lange fragen ... vor einer Woche teilte -er mir auf einmal mit, daß Iwan Fedorowitsch in Katerina Iwanowna -verliebt sein soll, und darum so oft zu ihr hingehe. Hat er mir die -Wahrheit gesagt, oder hat er gelogen? Sage es mir auf dein Gewissen, -schone mich nicht!“ - -„Ich werde dir die Wahrheit sagen. Iwan ist nicht in Katerina Iwanowna -verliebt, so denke ich wenigstens.“ - -„Das habe auch ich mir damals gleich gedacht! Er belügt mich einfach wie -ein Schamloser, das sehe ich jetzt vollkommen ein! Und darum spielt er -auch jetzt den Eifersüchtigen, um dann später alles auf mich abwälzen zu -können. Er ist doch ein dummer Junge, er versteht ja nichts zu -verheimlichen, er ist doch so aufrichtig ... Aber ich werde ihn, ich -werde ihn! ‚Du glaubst,‘ sagt er mir, ‚daß ich ihn erschlagen habe‘ – -das sagt er mir, mir, das wirft er mir vor! Nun, Gott mit ihm! Aber -diese Katjka wird noch etwas von mir zu hören bekommen vor Gericht! Ich -werde ihr dort ein paar Worte sagen ... Oh, dort werde ich alles sagen!“ - -Und wieder weinte sie verzweifelt. - -„Höre, Gruschenka, in einem kann ich dich aufs bestimmteste beruhigen,“ -sagte Aljoscha und erhob sich. „Erstens, daß er dich liebt, dich mehr -als alles auf der Welt liebt, und zwar dich ganz allein, das kannst du -mir glauben. Ich weiß es. Ich weiß es ganz gewiß. Und zweitens erkläre -ich dir, daß ich, was das Geheimnis betrifft, ihn nicht ausforschen -will. Wenn er es mir heute selbst mitteilt, so werde ich ihm offen -sagen, daß ich dir versprochen habe, dich davon zu unterrichten. Und -dann werde ich heute noch zu dir kommen, um dir alles zu sagen. Nur ... -glaube ich ... daß hier Katerina Iwanowna nicht im Spiele ist, ich -glaube vielmehr, daß das Geheimnis etwas ganz anderes betrifft. Davon -bin ich fest überzeugt. Und es sieht auch gar nicht danach aus, als ob -es sich dabei um Katerina Iwanowna handeln könnte. Wenigstens scheint es -mir nicht so. Jetzt aber leb wohl. Auf Wiedersehen.“ - -Er drückte ihr fest die Hand. Gruschenka weinte immer noch. Aljoscha -sah, daß sie seinen Beruhigungen wenig Glauben schenkte, aber auch das -war ihr schon eine Erleichterung, daß sie sich einmal hatte aussprechen -können. Es tat ihm weh, sie so verlassen zu müssen, doch hatte er keine -Zeit, noch länger bei ihr zu bleiben. Es stand ihm vieles bevor, was er -noch vor dem Abend auszurichten hatte. - - - II. - Das kranke Füßchen - -Ganz zuerst mußte er zu Chochlakoffs gehen. Er beeilte sich, schneller -hinzukommen, um sich nicht bei Mitjä zu verspäten. Frau Chochlakoff war -schon seit drei Wochen krank; der eine Fuß war ihr, weiß Gott wodurch, -ein wenig geschwollen. Sie lag zwar nicht zu Bett, verbrachte aber doch -die Zeit in ihrem Boudoir halbliegend auf der Chaiselongue, stets in ein -reizendes, doch nichtsdestoweniger wohlanständiges Deshabillé gehüllt. -Aljoscha hatte bemerkt, daß sie trotz ihrer Krankheit gerade jetzt -angefangen hatte, ganz besonders Toilette zu machen: es waren ihm die -vielen duftigen Spitzen, Plissees und Volants an ihren Toiletten -aufgefallen, und er glaubte mit harmlosem Lächeln, die Ursache dieser -Veränderung erraten zu haben, doch verscheuchte er sofort alle ähnlichen -Gedanken als müßig, – verscheuchte sie, nicht ohne Unwillen über sich -selbst. In den letzten zwei Monaten hatte sie nämlich, unter den übrigen -Bekannten ihres Hauses, auch der junge Perchotin besucht. Aljoscha war -seit vier Tagen nicht mehr bei Chochlakoffs gewesen, und als er jetzt -eintrat, wollte er geradeswegs zu Lise gehen, denn er war nur ihretwegen -gekommen. Sie hatte die Zofe schon am vorhergehenden Tage zu ihm -geschickt, mit der dringenden Bitte, so bald als möglich zu ihr zu -kommen, da sie ihn in einer „sehr wichtigen Angelegenheit“ sprechen -müsse, – was aus gewissen Gründen Aljoscha nicht wenig interessierte. -Doch während nun die Zofe zu Lisa ging, um ihn anzumelden, erschien -mittlerweile der Diener mit der Bitte Frau Chochlakoffs – die inzwischen -erfahren hatte, daß er gekommen war –, „nur auf einen Augenblick“ bei -ihr vorzusprechen. Aljoscha überlegte, was er tun sollte, und sagte -sich, daß es besser sei, zuerst die Bitte der Mama zu erfüllen, da sie -sonst immer wieder zu Lise schicken werde. Frau Chochlakoff ruhte in -einem ganz besonders schönen Gewande auf der Couchette in ihrem Boudoir -und schien erregt zu sein. - -„Jahrhunderte, ganze Jahrhunderte habe ich Sie nicht mehr gesehen! Eine -ganze Woche ist es her, schämen Sie sich! ach! nein, richtig, – Sie -waren ja vor vier Tagen, am Mittwoch, noch hier. Sie wollen jetzt wieder -zu Lise! Ich bin überzeugt, daß Sie auf den Fußspitzen zu ihr schleichen -wollten, damit ich es nicht hörte. Ach, lieber, lieber Alexei -Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie sie mich jetzt beunruhigt! Doch davon -später. Zwar ist das die Hauptsache, doch trotzdem lassen Sie uns später -darüber sprechen. Lieber Alexei Fedorowitsch, ich vertraue Ihnen meine -Lise ganz und gar an. Nach dem Tode des Staretz Sossima – gib seiner -Seele, Herr, Frieden und Ruh! (sie bekreuzte sich) – nach seinem Tode -kommen Sie mir immer wie ein Einsiedler vor, so allerliebst Ihnen auch -dieser neue Anzug steht. Wo haben Sie nur hier einen so vorzüglichen -Schneider gefunden? Doch nein, nein, das ist nicht die Hauptsache, davon -später. Verzeihen Sie, daß ich Sie zuweilen Aljoscha nenne, ich bin doch -eine alte Frau,“ sagte sie mit kokettem Lächeln, „und daher ist mir -vieles erlaubt, aber auch davon sprechen wir später. Ach, die -Hauptsache, wenn ich nur nicht immer die Hauptsache vergäße! Bitte -erinnern Sie mich daran, sobald ich mich wieder verliere, sagen Sie -einfach: ‚Und die Hauptsache?‘ Ach, wie soll ich wissen, was jetzt die -Hauptsache ist! Seit dem Augenblick, da Lise ihr Gelöbnis zurücknahm – -ihr kindisches Gelöbnis, Alexei Fedorowitsch, Sie zu heiraten –, haben -Sie natürlich eingesehen, daß alles nur die kindische Phantasie eines -kranken Mädchens war, das zu lange im Fahrstuhl gesessen hat, – Gott sei -Dank, daß sie jetzt wieder gehen kann! Dieser neue Doktor, den Katjä aus -Moskau verschrieben hat – für Ihren unglücklichen Bruder, der morgen ... -Ach, sagen Sie doch, was wird morgen sein? Ich sterbe schon beim bloßen -Gedanken daran! Hauptsächlich aber vor Interesse ... Ach nein, ich -wollte doch sagen, dieser Doktor war gestern bei uns, um Lise zu -untersuchen ... Aber das war es ja gar nicht, was ich erzählen wollte. -Sehen Sie, ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gekommen. Ich beeile mich -immer so entsetzlich. Warum ich es aber tue, das weiß ich wirklich -nicht. Ich höre schon völlig auf, zu wissen ... Für mich hat sich jetzt -alles zu einem einzigen Knäuel zusammengewickelt. Ich fürchte schon, daß -Sie die Geduld verlieren und plötzlich hinauslaufen werden, und dann -habe ich Sie zum letztenmal gesehen. Ach, mein Gott! Da sitzen wir und -reden, und ich habe ganz vergessen ... Kaffee, Julija, Glafira, Kaffee!“ - -Aljoscha beeilte sich, für Kaffee zu danken. Er sagte, daß er soeben -getrunken habe. - -„Bei wem?“ - -„Bei Agrafena Alexandrowna.“ - -„Bei ... bei dieser Person? Ach, sie allein hat ja alle zugrunde -gerichtet, doch übrigens, ich weiß nicht, jetzt sagt man, sie sei heilig -geworden, nur finde ich, daß sie es dann etwas spät geworden ist. Besser -wäre gewesen, sie wäre es früher geworden, als es not tat, denn jetzt, -was für einen Nutzen kann das jetzt noch bringen? Schweigen Sie, -schweigen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich will Ihnen nur so viel sagen, -daß ich wahrscheinlich nichts sagen werde. Dieser schreckliche Prozeß -... Ich werde unbedingt hinfahren, ich bereite mich schon vor, man wird -mich im Lehnstuhl hineintragen. Ich kann die ganze Zeit sitzen, – Sie -wissen doch, daß ich als Zeugin vorgeladen bin? Wie soll ich nur reden? -Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Man muß doch einen Eid -ablegen, nicht wahr?“ - -„Ja, aber ich glaube nicht, daß Sie so werden erscheinen können.“ - -„Ich kann doch sitzen! Ach, Sie bringen mich wieder aus dem Konzept. -Dieser Prozeß, dieser entsetzliche Prozeß, und dann gehen alle nach -Sibirien, andere heiraten wiederum, und alles vergeht so schnell, so -schnell, und alles verändert sich, und schließlich ist nichts, alle sind -Greise und blicken ins Grab. Nun, meinetwegen, mögen sie doch, ich bin -müde. Diese Katjä – _cette charmante personne_, sie hat alle meine -Hoffnungen vernichtet! Jetzt wird sie einem Ihrer Brüder nach Sibirien -folgen, und Ihr anderer Bruder wird dann wieder ihr folgen und in der -nächsten Stadt wohnen, und alle werden sie sich gegenseitig quälen. Das -bringt mich um meinen letzten Verstand. Und vor allen Dingen dieses -Gerede! In allen Petersburger und Moskauer Zeitungen ist darüber -millionenmal gesprochen worden. Ach ja, denken Sie sich, auch von mir -ist dabei die Rede, es heißt, ich sei die, ‚_liebe_ Freundin‘ Ihres -Bruders gewesen! – ich will kein häßliches Wort aussprechen, nur denken -Sie sich so etwas, können Sie sich das vorstellen!“ - -„Das ist unmöglich! Wo hat man das geschrieben?“ - -„Ich werde es Ihnen sofort schwarz auf weiß zeigen. Gestern erhielt ich -es – gestern las ich es selbst zum erstenmal. Sehen Sie hier, in der -Petersburger Zeitung ‚Gerüchte‘. Dieses Blatt wird erst seit einem Jahr -herausgegeben – da abonnierte ich auf dasselbe, denn ich liebe sehr -Gerüchte, und das habe ich jetzt davon: Da, sehen Sie, was das für -‚Gerüchte‘ sind! Hier, sehen Sie hier, lesen Sie das.“ - -Sie reichte Aljoscha ein Zeitungsblatt, das unter ihrem Kissen gelegen -hatte, und zeigte ihm die Stelle. - -Sie war nicht nur verstört, sie schien plötzlich ganz gebrochen zu sein. -Vielleicht hatte sich infolge dieser Zeitungsgeschichte tatsächlich -alles in ihrem Kopf zu einem Knäuel zusammengeballt. Die Zeitungsente -war allerdings unmißverständlich – und nicht weniger verfänglich. Sie -mußte die arme Dame sehr empfindlich kränken, doch zum Glück war Frau -Chochlakoff an diesem Tage nicht fähig, nur an eine Sache zu denken, und -so konnte sie bereits nach einer Minute die Zeitung mit allen -Klatschereien vergessen und sich mit anderem beschäftigen. Aljoscha -wußte, daß man in ganz Rußland über den berühmten Karamasoffschen Prozeß -sprach, und er hatte in diesen zwei Monaten unter anderen richtigen -Nachrichten auch ganz unglaubliche Lügengeschichten gelesen, sowohl über -die Karamasoffs im allgemeinen, wie auch speziell über sich. Z. B. hatte -es an einer Stelle geheißen, daß er, Aljoscha, aus Angst, nach dem -Verbrechen des Bruders Einsiedler geworden sei und sich als Trappist von -der Welt abgeschlossen habe; in einem anderen Blatt war diese Nachricht -in Abrede gestellt und geschrieben worden, er habe zusammen mit seinem -Staretz Sossima die Klosterkasse aufgebrochen und bestohlen und sei dann -entflohen. Die jetzt erwähnte Nachricht in den „Gerüchten“ war wie -gewöhnlich betitelt: „_Aus Skotoprigonjewsk_[26] (so heißt nämlich unser -Städtchen – leider! Ich habe seinen Namen lange genug verheimlicht). -_Zum Prozeß Karamasoff._“ Es war nur eine kürzere Nachricht, und über -Frau Chochlakoff war direkt nichts gesagt – überhaupt waren keine Namen -genannt. Es wurde mitgeteilt, daß der Vatermörder, den man jetzt unter -allgemeinem Aufsehen zu richten sich anschicke, Hauptmann a. D. dieses -und dieses Linienregiments, in seinem faulen Leben nichts anderes getan -habe – abgesehen davon, daß er schon von Natur ein Verbrecher sei und -für die Leibeigenschaft eintrete –, als daß er seine Zeit mit Liebeleien -verbracht. Besonders aber hätte er „Damen, die sich in der Einsamkeit -langweilten“, gefesselt. Nun hätte sich eine von ihnen, „eine von den -sich langweilenden Witwen“, die sich jünger machte, obgleich sie bereits -Mutter einer erwachsenen Tochter war, dermaßen in ihn verliebt, daß sie -ihm noch zwei Stunden vor dem Verbrechen dreitausend Rubel angeboten -hätte, allerdings unter der Bedingung, daß er mit ihr nach Sibirien -entfliehe, um dort in den Goldgruben Geld zu suchen. Der Bösewicht aber, -so hieß es weiter, habe vorgezogen, seinen Vater zu erschlagen und ihn -um genau dreitausend Rubel zu berauben, in der Hoffnung, ungestraft zu -entkommen und nicht mit den „vierzigjährigen Reizen“ seiner -gelangweilten Witwe nach Sibirien ziehen zu müssen. Diese in -scherzhaftem Ton gehaltene Korrespondenz schloß, wie es sich gehört, mit -Äußerungen edlen Unwillens über die Unsittlichkeit des Vatermordes und -der Leibeigenschaft. Nachdem Aljoscha alles interessiert gelesen hatte, -faltete er das Blatt zusammen und gab es Frau Chochlakoff zurück. - -„Das bin doch ich!“ rief sie sofort ganz verzweifelt aus. „Ich, ich habe -ihm doch kaum eine Stunde vor dem Morde gesagt, er solle in die -Goldgruben fahren, – und jetzt schreiben sie plötzlich ‚vierzigjährige -Reize‘! Habe ich es denn deswegen getan? Das ist absichtlich so -geschrieben! Möge ihm der ewige Richter die vierzigjährigen Reize ebenso -verzeihen, wie ich ihm verzeihe, aber abgesehen davon – das ist doch ... -Wissen Sie auch, wer das geschrieben hat? Das ist ja Ihr Freund -Rakitin!“ - -„Das wäre möglich,“ sagte Aljoscha, „zwar habe ich nichts davon gehört -...“ - -„Er ist es bestimmt, ich weiß es genau, er, er ganz allein! Ich habe ihm -doch die Tür gewiesen ... Sie kennen doch schon die ganze Geschichte?“ - -„Ich weiß, daß Sie ihn gebeten haben, hinfort Ihr Haus nicht mehr zu -betreten, weswegen aber – das habe ich ... wenigstens von Ihnen, noch -nicht gehört ...“ - -„Aha, dann haben Sie es also von ihm gehört? Nun was, ist er sehr empört -über mich?“ - -„Ja, aber über wen zieht er denn nicht her? Doch warum Sie ihm -eigentlich verboten haben, Sie zu besuchen, das habe ich auch von ihm -nicht erfahren können. Überhaupt sehe ich ihn jetzt nur sehr selten. Ich -stehe mich nicht besonders mit ihm.“ - -„Nun, dann werde ich Ihnen alles sagen und beichten, es ist ja nichts -mehr daran zu ändern ... Ich trage nämlich selbst ein wenig Schuld an -der ganzen Sache. Aber nur ein wenig, ganz, ganz wenig, so daß davon -vielleicht überhaupt nicht die Rede sein kann. Sehen Sie, mein Liebling“ -(auf Frau Chochlakoffs Lippen erschien plötzlich ein liebes, -schelmisches und doch recht rätselhaftes Lächeln), „sehen Sie, ich -vermute ... Sie verzeihen mir doch, Aljoscha, ich rede jetzt mit Ihnen -wie eine Mutter ... ach nein, nein, im Gegenteil, wie mit meinem Vater -... denn Mutter paßt hierbei ganz und gar nicht ... Also sagen wir, ich -rede zu Ihnen, als wenn Sie der Staretz Sossima wären, und ich ihm -beichtete, ja, das wäre der beste Vergleich: Ich habe Sie doch vorhin -schon einen Einsiedler genannt. Nun, also dieser arme Junge, Ihr Freund -Rakitin – Gott, ich kann mich wirklich kaum über ihn ärgern! Ich ärgere -mich, ja, gewiß, aber im Grunde doch nicht sehr! Kurz, dieser -leichtsinnige junge Mann läßt es sich plötzlich – denken Sie sich nur! – -läßt es sich plötzlich, glaube ich, einfallen, sich in mich zu -verlieben. Erst später, viel später bemerkte ich es, zuerst aber, also -ungefähr vor einem Monat, begann er mich häufiger zu besuchen, er kam -sogar fast täglich, er hatte mir auch früher schon seine Aufwartung -gemacht. Ich vermutete zuerst natürlich noch nichts ... und dann kam es -plötzlich wie eine Erleuchtung über mich, und ich fing an einiges zu -bemerken – zu meiner größten Verwunderung, wie Sie sich denken können. -Wie Sie wissen, empfange ich seit einiger Zeit Herrn Perchotin, Pjotr -Iljitsch, Sie haben ihn doch so oft hier angetroffen. Nicht wahr, er ist -doch ein ernster, würdiger Mann, trotz seiner jungen Jahre? Er kommt -ungefähr in drei Tagen nur einmal – und doch könnte er weit öfter -kommen. Und immer ist er elegant gekleidet. Ich liebe überhaupt sehr -unsere Jugend, Aljoscha, besonders, wenn es talentvolle, wohlerzogene -Menschen sind, wie zum Beispiel Sie. Er aber hat, glauben Sie mir, einen -fast staatsmännischen Verstand! Und wie wundervoll er spricht. Ich werde -unbedingt meinen ganzen Einfluß verwenden, um ihm die Stellung zu -verschaffen, die seinen Fähigkeiten zukommt. Das ist doch ein -zukünftiger Diplomat! An jenem entsetzlichen Tage hat er mich so gut wie -vom Tode errettet, als er in der Nacht herkam! Nun, Ihr Freund Rakitin -aber kommt immer in so greulichen Stiefeln und schiebt sie dann noch -obendrein so weit auf dem Teppich vor ... mit einem Wort, er begann -schon einige Andeutungen zu machen, und einmal drückte er mir beim -Abschied ganz unglaublich fest die Hand. Kaum aber hatte er mir so -schmerzhaft die Hand gepreßt, als mein Fuß krank wurde. Rakitin hatte -auch früher schon Pjotr Iljitsch bei mir angetroffen, und glauben Sie -mir, immer gingen sie wie die Kampfhähne aufeinander los, immer -versuchte Rakitin, ihn irgendwie anzugreifen. Ich betrachtete sie dann -nur stillschweigend und dachte mir mein Teil. Und da, eines schönen -Tages saß ich allein, das heißt ich lag damals hier auf der Couchette, -und plötzlich wird mir Michail Iwanowitsch Rakitin gemeldet. Er kommt, -und stellen Sie sich so etwas vor – er überreicht mir ein Gedicht, das -er auf meinen kranken Fuß gemacht hat, er hat das ‚kranke Füßchen‘ in -Versen besungen! Warten Sie, wie war es doch: - - ‚Ach, wie ist doch dieses Füßchen, - Das jetzt krank sein soll, entzückend ...‘ - -oder so ähnlich, ich kann alles eher, als Verse behalten. Ich habe das -Gedicht hier irgendwo, ich werde es Ihnen später zeigen. Und wissen Sie, -es war darin nicht nur vom Füßchen die Rede, sondern es handelte sich um -eine belehrende Idee, nur habe ich vergessen, um welch eine eigentlich. -Nun, ich lobte natürlich das Gedicht, und er war offenbar sehr -geschmeichelt. Da aber erscheint plötzlich Pjotr Iljitsch, und Michail -Iwanowitsch wird finster wie die Nacht. Ich bemerkte sofort, daß er ihm -sehr ungelegen kam, da er wahrscheinlich nach dem Gedicht noch anderes -hatte sagen wollen. Und da nahm ich denn das Gedicht und zeigte es Pjotr -Iljitsch, ohne zu sagen, wer es verfaßt hatte. Ich bin aber überzeugt, -überzeugt sage ich Ihnen, daß er sofort erriet, wer der Dichter war, -obgleich er auch jetzt noch immer sagt, er hätte es nicht erraten, – -aber das tut er ja absichtlich. Nun, Pjotr Iljitsch lachte sofort hell -auf und dann begann er zu kritisieren: ganz erbärmliche Verschen wären -das, sagte er, die kann höchstens ein Seminarist verbrochen haben, und, -wissen Sie, er sagte es mit so einer Sicherheit – und so überlegen -urteilte er! Da aber geriet Ihr Freund, anstatt gleichfalls zu lachen, -geradezu außer sich. Gott, ich glaubte schon, sie würden handgemein -werden. ‚Ich habe dieses Gedicht verfaßt,‘ sagte er plötzlich. ‚Ich habe -es nur zum Scherz geschrieben,‘ sagt er, ‚denn im allgemeinen halte ich -es für eine Unwürdigkeit, Gedichte zu schreiben ... Nur ist mein Gedicht -gut. Ihrem Puschkin will man für seine Gedichte über die Frauenfüßchen -ein Denkmal errichten, mein Gedicht drückt aber noch eine besondere Idee -aus. Im übrigen,‘ sagt er, ‚sind Sie ja schließlich doch nur ein -Anhänger der konservativen Partei, der gegen die Aufhebung der -Leibeigenschaft ist. Sie,‘ sagte er, ‚wissen überhaupt nichts von -Humanität, von den zeitgenössischen Gefühlen fühlen Sie überhaupt -nichts, die menschliche Entwicklung hat Sie überhaupt noch nicht -berührt, Sie sind nur ein höherer Beamter, der Schmiergelder nimmt!‘ Da -aber unterbrach ich ihn, das war zuviel! Pjotr Iljitsch aber blieb ganz -ruhig und kühl: er blickte ihn nur spöttisch an, hörte ihm gleichmütig -zu und machte dann seine Entschuldigung. ‚Ich wußte nicht, daß Sie der -Verfasser sind,‘ sagte er. ‚Wenn ich es gewußt hätte, so hätte ich das -Gedicht gelobt und nicht getadelt ... Die Dichter,‘ sagte er, ‚sind -heutzutage alle sehr empfindlich ...‘ Kurz, eine Menge ähnlicher -spöttischer Bemerkungen unter dem Anschein der höflichsten -Entschuldigungen. Er hat mir später selbst erklärt, daß es Spötteleien -waren, zuerst glaubte ich, er meinte es wirklich ernst damit. Ich lag -hier, wie ich auch jetzt hier liege, und dachte so bei mir: was soll ich -tun, soll ich nun Michail Iwanowitsch die Tür weisen dafür, daß er in -meinem Hause so meine Gäste zu beleidigen wagt? Und, glauben Sie mir, -ich lag, ich bedeckte die Augen mit der Hand und dachte bei mir: Soll -ich es tun oder soll ich es nicht tun? Und ich konnte mich nicht -entscheiden, und ich quälte mich, und das Herz klopfte: Soll ich oder -soll ich nicht? Die eine Stimme sagte ja, die andere nein. Kaum aber -hatte die Stimme nein gesagt – da tat ich es. Und gleich darauf fiel ich -in Ohnmacht. Nun, da gab es dann natürlich eine große Aufregung. Darauf -erhob ich mich und sagte Michail Iwanowitsch, es täte mir leid, ihm -sagen zu müssen, daß ich ihn nicht mehr in meinem Hause empfangen könne. -Und das war alles. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich weiß ja selbst, daß es -nicht gut von mir war, daß es eine erlogene Handlung von mir war, ich -ärgerte mich ja gar nicht über ihn, aber es hatte mir plötzlich -geschienen – daß es so plötzlich kam, war ja das ganze Verhängnis – es -hatte mir geschienen, daß es sich sehr schön machen würde, wenn ich es -sagte ... Nur glauben Sie mir, diese Szene war wirklich aufrichtig von -mir, ich weinte sogar, und später habe ich noch tagelang darüber geweint -... Nur weiß ich nicht mehr, wie ich eines schönen Tages nach dem Essen -plötzlich den ganzen Vorfall vergaß. Und da stellte er denn seine -Besuche ein, seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, und so -habe ich mich schon gefragt: Sollte er denn wirklich überhaupt nicht -mehr kommen? Das war noch gestern. Und da erhalte ich plötzlich abends -die ‚Gerüchte‘. Ich las sie und schlug die Hände zusammen! Wer soll denn -das geschrieben haben, wenn nicht er? Er ist von mir nach Haus gegangen, -hat sich hingesetzt und geschrieben, abgeschickt, und nun haben wir es -hier gedruckt! Das war ja doch vor zwei Wochen! Ach, Aljoscha, es ist -schrecklich, was ich rede! Und immer gar nicht davon, wovon ich -eigentlich reden will! Es spricht sich ganz von selbst.“ - -„Ich habe heute leider sehr wenig Zeit, ich muß mich beeilen, um noch -rechtzeitig zu meinem Bruder ins Gefängnis zu kommen,“ stotterte -Aljoscha und machte gleichzeitig den Versuch, sich von der lebhaften -Dame zu verabschieden, doch wurde er sofort von ihr unterbrochen. - -„Da ist es ja! Gott sei Dank, Sie haben mich daran erinnert! Hören Sie, -was ist das, ein Affekt?“ - -„Was für ein Affekt?“ fragte Aljoscha verwundert. - -„Ein gerichtlicher Affekt. Das ist so ein Affekt, ich verstehe es selbst -nicht zu erklären, aber jedenfalls wird einem dann alles verziehen. Was -Sie auch verbrochen hätten – Ihnen wird sofort alles verziehen.“ - -„Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen.“ - -„Hören Sie, hören Sie: Diese Katjä ... Ach, sie ist ein so liebes, -liebes Geschöpf, nur kann ich auf keine Weise herausbekommen, in wen sie -nun eigentlich verliebt ist! Vor kurzem saß sie noch bei mir, ich konnte -aber nichts erraten. Um so weniger, als sie jetzt selbst anfängt mit mir -so oberflächlich zu reden, sie interessiert sich jetzt scheinbar nur -noch für meine Gesundheit und sonst für nichts, und so hat sie jetzt -auch diesen Ton angenommen. Ich habe mir schon gesagt: Nun, Gott mit -ihr, mag sie doch ... Ach ja, richtig, also der Affekt: Dieser Doktor -ist jetzt angekommen ... Wissen Sie, daß er schon angekommen ist? Ach, -nun, wie sollten Sie es denn nicht wissen, der die Verrückten -durchschaut, Sie haben ihn doch selbst hergerufen, das heißt, nein, -nicht Sie, sondern Katjä. Immer Katjä! Nun, das ist einfach so: Es sitzt -ein ganz gesunder Mensch, der nicht ein bißchen verrückt ist, und -plötzlich hat er einen Affekt. Er weiß sehr wohl, was er tut, er ist -vollkommen bei Sinnen, doch trotzdem ist er im Affekt. Nun, so ist denn -auch Ihr Bruder bestimmt im Affekt gewesen. Das hat man jetzt, vor -kurzem, als die neuen Gerichte eingeführt wurden, sofort entdeckt. Das -ist wiederum eine Wohltat der neuen Gerichte. Dieser Doktor war auch bei -mir, um von mir zu erfahren, wie Ihr Bruder damals, kurz vor dem Morde, -an jenem Abend, sich bei mir aufgeführt habe? Wie soll er denn nicht im -Affekt gewesen sein? Er kommt herein und schreit: Geben Sie mir Geld, -dreitausend Rubel, sofort, – und dann läuft er hinaus und erschlägt den -Vater. Ich will nicht, sagt er womöglich noch, ich will nicht -erschlagen, doch da ist es schon gegen seinen Willen geschehen. Deswegen -wird man ihn jetzt auch freisprechen, weil er im Affekt, sozusagen gegen -seinen Willen, erschlagen hat.“ - -„Aber er hat ja gar nicht den Vater erschlagen,“ unterbrach sie Aljoscha -etwas scharf. Unruhe und Ungeduld erfaßten ihn immer mehr. - -„Ich weiß, ich weiß, Grigorij hat Ihren Vater erschlagen ...“ - -„Was, Grigorij? Wieso?“ rief Aljoscha aufs äußerste erregt. - -„Selbstverständlich, wer denn sonst? Nachdem ihn Ihr Bruder mit dem -Keulenschlage zu Boden gestreckt hatte, lag er bewußtlos am Zaun, dann -aber stand er auf, sah, daß die Tür offen war, ging hin und erschlug -Ihren Vater.“ - -„Aber warum, warum?“ - -„Ganz einfach, weil er einen Affekt hatte. Nach dem Schlage erwachte er, -bekam einen Affekt, ging hin und erschlug. Und was das betrifft, daß er -diese Tat leugnet, so ist es doch sehr leicht möglich, daß er sich ihrer -gar nicht mehr erinnert. Nur sehen Sie: Es wäre viel besser, wenn -Dmitrij Fedorowitsch es getan hätte. Und er hat es ja auch getan, ganz -abgesehen davon, daß ich sage, Grigorij hätte es getan. Aber es ist ja -bestimmt Dmitrij Fedorowitsch gewesen, und das ist auch viel, viel -besser! Ach, nicht deswegen besser, weil der Sohn dann den Vater -erschlagen hat, das meine ich nicht, Kinder müssen, im Gegenteil, ihre -Eltern immer achten, – nur wäre es trotzdem besser, wenn er es getan -hätte. Dann haben Sie doch gar keinen Grund mehr, zu weinen, da er doch, -ohne zu wissen, was er tat, den Vater erschlagen hat, oder richtiger, er -wußte alles, was er tat, wußte aber nur nicht, was mit ihm selbst -geschah. Nein, möge man ihn lieber auf Grund des Affektes freisprechen. -Das wäre so human, und zudem würde man endlich einmal die Wohltat des -neuen Gerichtes einsehen. Denken Sie nur, ich wußte bis jetzt noch -nichts davon, als ich aber gestern davon erfuhr, traf es mich dermaßen, -daß ich sofort zu Ihnen schicken wollte, um Sie herzubitten. Und dann, -wenn er freigesprochen ist, werde ich ihn unverzüglich zu mir zum Diner -einladen – ihn und alle meine Bekannten. Dann können wir auf das Wohl -der neuen Gerichte trinken. Ich glaube nicht, daß er gefährlich sein -wird, und zudem kann ich ja so viel Gäste einladen, daß man ihn im -äußersten Fall bändigen könnte. Und dann könnte er in einer kleinen -Stadt Friedensrichter werden oder so etwas Ähnliches, denn wer selbst -vor Gericht gewesen ist, der kann am besten andere richten. Sagen Sie -doch, bitte, wer ist denn jetzt in unserer Zeit nicht im Affekt? Wir -sind es doch alle, ohne Ausnahme: Sie, ich, alle, alle, und wieviel -andere Beispiele! Da sitzt zum Beispiel ein Mensch, singt eine Romanze, -plötzlich gefällt ihm irgend etwas nicht, er nimmt eine Pistole und -erschießt den ersten besten, und darauf wird er freigesprochen, und alle -verzeihen ihm. Ich habe das vor kurzem gelesen. Und denken Sie, alle -Doktoren geben ihm recht. Die Doktoren sprechen jetzt einen jeden frei, -einen jeden. Aber ich bitte Sie, selbst Lise ist bei mir im Affekt, noch -gestern habe ich ihretwegen geweint, vorgestern gleichfalls. Erst heute -erriet ich, daß es bei ihr einfach ein Affekt ist. Ach, Lise machte mir -soviel Sorgen! Ich glaube, sie ist ganz von Sinnen. Warum hat sie Sie -hergerufen? Sie hat es doch getan, oder sind Sie von selbst zu ihr -gekommen?“ - -„Ja, sie hat mich gerufen, und ich werde jetzt zu ihr gehen,“ sagte -Aljoscha, der sich entschlossen erhob. - -„Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, das ist ja vielleicht gerade -die Hauptsache!“ rief sofort Frau Chochlakoff mit Tränen in den Augen. -„Gott ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Lise von ganzem Herzen anvertraue, -und es hat ja auch schließlich weiter nichts zu sagen, daß sie Sie -heimlich hinter meinem Rücken zu sich ruft. Aber Iwan Fedorowitsch, -Ihrem Bruder, – verzeihen Sie, daß ich es so offen sage –, nein, dem -kann ich meine Tochter nicht so leichten Herzens anvertrauen, wenn ich -ihn auch nach wie vor für den ritterlichsten jungen Mann halte. Und -denken Sie sich nur, jetzt ist er plötzlich bei Lise gewesen, und ich -habe nichts davon gewußt!“ - -„Wie? Was? Wann?“ fragte Aljoscha äußerst erstaunt. Er setzte sich nicht -wieder hin, sondern hörte stehend zu. - -„Ich werde Ihnen sofort alles erzählen, habe ich Sie doch vielleicht nur -deswegen herrufen lassen, denn ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich -es eigentlich tat. Also hören Sie: Iwan Fedorowitsch ist nach seiner -Rückkehr aus Moskau im ganzen nur zweimal bei mir gewesen, daß erstemal, -um als Bekannter seine Visite zu machen, und das zweitemal, das war vor -nicht langer Zeit, da hatte er erfahren, daß Katjä bei mir war, und so -trat er denn auf einen Augenblick ein. Ich habe natürlich keine -Ansprüche darauf, daß er mich oft besuche, da ich ja weiß, wieviel -Scherereien er auch ohnedem schon hat, _vous comprenez – toute cette -affaire et la mort terrible de votre papa_. Und da erfahre ich nun -plötzlich, daß er wieder hier gewesen sei, nur nicht etwa bei mir, -sondern bei Lise! Das war vor ungefähr sechs Tagen. Er war gekommen, -hatte fünf Minuten bei ihr gesessen und war dann wieder gegangen. Ich -aber erfuhr das erst nach ganzen drei Tagen durch Glafira, so daß es -mich sofort stutzig machte. Ich rief Lise unverzüglich zu mir, sie aber -lachte nur: er glaubte, sagte sie, daß Sie schliefen, und sprach bei mir -vor, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. So war es natürlich auch -gewesen. Nur Lise, Lise, o Gott, was sie mir für Sorgen macht! Stellen -Sie sich vor, plötzlich hat sie in einer Nacht – das war vor ungefähr -vier Tagen, gleich nachdem, als Sie das letztemal hier waren und -fortgingen – plötzlich hat sie in der Nacht einen Anfall! Warum habe ich -nie solche Anfälle? Darauf hat sie noch am zweiten und dann noch am -dritten Tage Anfälle, und dann – gestern war’s – plötzlich dieser -Affekt! Mit einemmal schreit sie: ‚Ich hasse Iwan Fedorowitsch, ich -verlange von Ihnen, daß Sie ihn überhaupt nicht mehr empfangen, daß Sie -ihm verbieten, uns zu besuchen!‘ Ich war einfach starr. Und so -plötzlich! Ich sagte ihr nur: Warum sollte ich denn einen so prächtigen -jungen Mann nicht empfangen, der außerdem von so fabelhafter Intelligenz -ist und nun noch so viel Unglück zu ertragen hat, denn alle diese -Geschichten – die sind doch Unglück, aber kein Glück, nicht wahr? Und -denken Sie sich, Sie lacht mir daraufhin ganz unverhohlen ins Gesicht -und lacht dazu noch so, wissen Sie, so kränkend! Nun, ich sagte mir, du -kannst froh sein, daß du sie wenigstens erheitert hast, jetzt werden die -Anfälle vergehen, um so mehr, als ich selbst bereits beabsichtigte, Iwan -Fedorowitsch wegen seiner sonderbaren Visiten bei meiner Tochter, ohne -meine Erlaubnis, zur Rede zu stellen. Heute morgen erwacht Lise, ärgert -sich wegen irgendeiner Kleinigkeit über Julija und schlägt sie mit der -Hand ins Gesicht. Denken Sie sich – sie gibt ihr eine Ohrfeige! Das ist -doch monströs! Aber hören Sie weiter. Plötzlich, nach einer Stunde, -umarmt sie Julija, fällt vor ihr nieder und küßt ihr die Füße! Mir aber -läßt sie sagen, daß sie überhaupt nicht mehr zu mir kommen werde, daß -sie hinfort nie mehr zu mir kommen wolle. Und als ich mich selbst, so -gut ich konnte, zu ihr hinbegab, da stürzte sie mir entgegen und -bedeckte mich mit Küssen, und küssend drängte sie mich immer weiter -zurück, so daß ich schließlich durch die Tür wieder hinaus mußte, aber -sie sagte dabei kein Wort, und so war ich denn nicht klüger als zuvor. -Jetzt habe ich, lieber Alexei Fedorowitsch, meine ganze Hoffnung auf Sie -gesetzt. Das Glück meines ganzen Lebens ist in Ihren Händen. Ich bitte -Sie ganz offen, zu Lise zu gehen. Versuchen Sie, etwas von ihr zu -erfahren, so wie nur Sie allein das verstehen, und dann kommen Sie her -und sagen Sie es mir, mir, der Mutter, denn Sie begreifen doch, daß ich -sonst sterbe, einfach sterben muß, wenn sich das noch fortsetzt. Oder -ich werde aus dem Hause laufen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich -habe gewiß Geduld, aber ich kann sie doch auch einmal verlieren, und -dann ... was wird dann sein? Entsetzlich! Ach, mein Gott, endlich, Pjotr -Iljitsch!“ rief plötzlich strahlend Frau Chochlakoff, als sie Perchotin, -der sofort nach dem Diener eintrat, erblickte. „Wie Sie sich aber -verspätet haben! Nun, setzen Sie sich, bitte, sagen Sie, erlösen Sie -mich, nun, wie steht es mit diesem Advokaten? Wohin, wohin gehen Sie, -Alexei Fedorowitsch?“ - -„Ich will zu Lise ...“ - -„Ach ja! richtig! Aber vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, um was -ich Sie gebeten habe! Hier handelt es sich doch um mein ganzes Leben!“ - -„Ich werde es nicht vergessen, wenn es nur angeht ... ich habe mich -schon so verspätet,“ stotterte Aljoscha, der eiligst verschwinden -wollte. - -„Nein, bestimmt, bestimmt! Nicht ‚wenn es angeht‘, sonst sterbe ich!“ -rief ihm Frau Chochlakoff nach, doch Aljoscha schloß bereits die Tür. - - - III. - Das Teufelchen - -Als er bei Lisa eintrat, fand er sie halb liegend in dem Rollstuhl, in -dem man sie früher, als sie noch nicht wieder gehen konnte, gefahren -hatte. Sie rührte sich nicht, um ihm entgegenzutreten, aber ihr -durchdringender, gleichsam scharf und spitz gewordener Blick schien ihn -durchbohren zu wollen. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, und ihr -Gesicht war bleich. Aljoscha wunderte sich darüber, daß sie sich in drei -Tagen dermaßen verändert hatte, sie schien geradezu abgemagert zu sein. -Sie reichte ihm nicht die Hand. Da trat er zu ihr und berührte selbst -ihre schmalen langen Fingerchen, die regungslos auf ihrem Kleide lagen, -und setzte sich dann schweigend ihr gegenüber. - -„Ich weiß, daß Sie keine Zeit haben, Sie wollen ins Gefängnis zu Ihrem -Bruder gehen,“ sagte Lisa scharf, „Mama aber hat Sie zwei Stunden lang -aufgehalten und Ihnen von mir und Julija erzählt.“ - -„Woher wissen Sie das?“ fragte Aljoscha. - -„Ich habe gehorcht. Warum sehen Sie mich so an? Ich will horchen, und -ich horche, und es ist nichts Schlechtes dabei. Ich will mich durchaus -nicht entschuldigen.“ - -„Sie scheinen durch etwas mißgestimmt zu sein.“ - -„Im Gegenteil, ich bin sehr froh. Ich habe soeben noch zum -dreißigstenmal darüber nachgedacht, wie gut es ist, daß ich Ihnen -abgesagt habe und nicht Ihre Frau werde. Sie taugen nicht zum Ehemann. -Sie würden, wenn ich Sie heiratete, alles tun, was ich Ihnen sage. Wenn -ich Ihnen dann einen Zettel gebe, um ihn dem zu überbringen, in den ich -mich nach Ihnen verliebt habe, so würden Sie bestimmt hingehen und ihm -den Zettel abgeben und mir womöglich noch die Antwort überbringen. Sie -werden vierzig Jahre alt werden und immer noch so meine Liebesbriefe -überbringen.“ - -Sie lachte plötzlich auf. - -„In Ihnen ist heute etwas Boshaftes und zugleich doch auch -Aufrichtiges,“ sagte Aljoscha, und lächelte ihr zu. - -„Das Aufrichtige ist, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme. Und nicht nur -das, ich _will_ mich nicht einmal vor Ihnen schämen, gerade vor Ihnen -nicht. Aljoscha, sagen Sie, warum achte ich Sie nicht? Ich liebe Sie -sehr, aber ich kann Sie nicht achten. Wenn ich Sie achtete, so würde ich -doch nicht so ohne Scham mit Ihnen reden, das ist doch so?“ - -„Ja, das wäre so.“ - -„Aber glauben Sie auch, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme?“ - -„Nein, das glaube ich nicht.“ - -Lisa lachte wieder nervös auf. Sie sprach schnell und sich überhastend. - -„Ich habe Ihrem Bruder Dmitrij Fedorowitsch Konfekt ins Gefängnis -geschickt. Aljoscha, wissen Sie auch, wie reizend Sie sind? Ich werde -Sie schrecklich lieben, und zwar deswegen, weil Sie mir so schnell -erlaubt haben, Sie nicht zu lieben.“ - -„Warum haben Sie mich heute zu sich gerufen, Lise?“ - -„Ich wollte Ihnen nur einen meiner Wünsche mitteilen, den ich jetzt -beständig habe. Ich will, daß mich jemand foltere, mich heiratete und -dann folterte, betröge, mich verließe und fortginge. Ich will nicht -glücklich sein!“ - -„Sie haben die Unordnung lieb gewonnen?“ - -„Ach ja, ich will vor allem Unordnung! Ich will immer unser Haus -anzünden. Ich stelle mir alles ganz genau vor: wie ich so heranschleiche -und heimlich anzünde, unbedingt heimlich, das ist sogar die Hauptsache. -Und alle kommen und löschen, das Haus aber brennt. Und ich weiß es, doch -ich schweige. Ach, Dummheiten! Und wie langweilig es ist!“ - -Sie machte eine Handbewegung, als wenn es sie anekelte. - -„Sie leben im Überfluß,“ sagte Aljoscha leise. - -„Ist denn in Armut zu leben, etwa besser?“ - -„Ja.“ - -„Das hat Ihnen Ihr verstorbener Staretz in den Kopf gesetzt. Es ist aber -nicht wahr. Nun gut, dann bin ich reich, und alle anderen sind arm; ich -werde Schokolade und Marzipan essen und Sahne trinken, den anderen aber -nichts davon geben. Ach, sprechen Sie nicht, sagen Sie nichts“ (sie -winkte ihm heftig mit der Hand ab, obgleich Aljoscha nicht einmal den -Mund aufgetan hatte), „Sie haben mir das alles schon früher gesagt, ich -kann es ja schon auswendig. Langweilig ist es. Wenn ich arm wäre, so -würde ich jemanden totschlagen, – aber auch wenn ich reich bin, werde -ich jemanden totschlagen – wozu so stillsitzen! Wissen Sie, ich will -Korn schneiden, Roggen will ich schneiden. Ich werde Sie heiraten, und -Sie werden Bauer werden, ein richtiger, echter Landbauer; dann kaufen -wir uns ein kleines Pferdchen, wollen Sie? Kennen Sie Petruscha -Kalganoff?“ - -„Ja.“ - -„Er geht die ganze Zeit umher und träumt. Er sagt, warum soll man in der -Wirklichkeit leben, besser ist träumen. Vorträumen kann man sich das -Schönste, leben aber ist langweilig. Er wird bald heiraten, er hat auch -mir seine Liebe gestanden. Verstehen Sie, Kreisel zu treiben?“ - -„Ja, ich glaube.“ - -„Sehen Sie, er ist ganz wie ein Kreisel: man stellt ihn hin, wickelt das -Peitschenende ums Füßchen, zieht dann die Geschichte los, und er dreht -sich, dreht sich, und man peitscht, peitscht, peitscht, damit er sich -immer weiter drehe. Ich werde ihn heiraten und ihn das ganze Leben lang -so treiben wie Kinder ihren Kreisel. Geniert es Sie nicht, bei mir zu -sitzen?“ - -„Nein.“ - -„Es ärgert Sie schrecklich, daß ich nicht von Heiligem mit Ihnen -spreche. Ich will nicht heilig sein. Sagen Sie, was geschieht mit einem -in jener anderen Welt, was wird dort für die ärgste Sünde mit uns getan? -Das müssen Sie doch ganz genau wissen.“ - -„Gott richtet,“ sagte Aljoscha, der sie aufmerksam beobachtete. - -„Das ist gut, so will ich es auch haben. Ich würde hinkommen, und sie -alle würden mich dort verurteilen, und ich würde ihnen dann ins Gesicht -lachen. Ich will schrecklich gern etwas anzünden, Aljoscha, am liebsten -unser Haus, – Sie glauben es mir nicht?“ - -„Warum nicht? Es gibt sogar kleine Kinder, die noch nicht einmal zwölf -Jahre alt sind und doch denselben Wunsch haben. Und schließlich zünden -sie auch tatsächlich etwas an. Es ist eine Art Krankheit.“ - -„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, mögen das Kinder tun, davon -rede ich nicht.“ - -„Sie halten das Böse für gut. Das ist nur eine vorübergehende Krise, an -der vielleicht Ihre frühere Krankheit schuld ist.“ - -„Aha, Sie verachten mich also! Nein, ich will einfach nichts Gutes tun, -ich will nur Böses tun, und von Krankheit ist hier keine Spur.“ - -„Warum wollen Sie denn Böses tun?“ - -„Einfach damit nichts mehr übrigbleibt. Ach, wie schön das wäre, wenn -nichts mehr übrig bliebe! Wissen Sie, Aljoscha, ich nehme mir zuweilen -vor, schrecklich viel Böses zu tun und alles, was es nur Schlechtes -gibt, und ich werde es lange, lange ganz heimlich tun, und dann -plötzlich werden es alle erfahren. Alle werden sie mich umringen und mit -den Fingern auf mich weisen, ich aber werde sie alle ansehen. Das ist -sehr angenehm. Warum ist das so angenehm, Aljoscha?“ - -„So. Das Bedürfnis etwas Gutes zu vernichten oder auch, wie Sie sagen, -etwas anzuzünden. Das kommt gleichfalls vor.“ - -„Aber ich habe es doch nicht nur gesagt, ich werde es doch auch tun.“ - -„Das will ich glauben.“ - -„Ach, wie ich Sie dafür liebe, daß Sie gesagt haben: Das will ich -glauben. Und Sie lügen ja dabei nicht einmal! Vielleicht aber glauben -Sie, daß ich es Ihnen absichtlich nur so sage, um Sie zu necken?“ - -„Nein, das glaube ich nicht ... übrigens ist vielleicht auch dieses -Bedürfnis mit im Spiel.“ - -„Ein wenig, ja. Ich werde Sie nie belügen,“ sagte sie plötzlich, und in -ihren Augen begann ein arges, kleines Feuer zu glühen. - -Was Aljoscha am meisten stutzig machte, das war ihr Ernst: nicht einmal -ein Schatten von Spott oder Scherz war auf ihrem Gesicht zu sehen, was -früher selbst in den „ernstesten“ Minuten nie der Fall gewesen war. - -„Es gibt Augenblicke, in denen die Menschen das Verbrechen geradezu -lieben,“ sagte Aljoscha, in Gedanken versunken. - -„Ja, ja! Sie haben meinen Gedanken ausgedrückt, ich wollte das selbst -sagen. Alle lieben es, und immer lieben sie es, immer, nicht nur in -‚Augenblicken‘. Wissen Sie, es ist, als ob sich alle einmal verabredet -hätten, in diesen Dingen immer zu lügen, und seit der Zeit lügen sie -auch wirklich alle. Alle sagen, sie haßten das Schlechte, im geheimen -aber lieben sie es doch alle, alle!“ - -„Lesen Sie immer noch schlechte Bücher?“ - -„Ja, ich lese sie immer noch. Mama liest sie und steckt sie unters -Kissen, und ich stibitze sie dann und schleppe sie zu mir.“ - -„Schämen Sie sich denn nicht, sich so zu verderben?“ - -„Ich will mich verderben. Hier gibt es einen kleinen Knaben, der -zwischen den Schienen gelegen hat, während der Zug über ihn hinwegfuhr. -Der Glückliche! Wissen Sie, Ihren Bruder wird man deswegen verurteilen, -weil er den Vater erschlagen hat, bei sich aber finden das alle sehr -gut, und es gefällt ihnen sehr.“ - -„Es gefällt ihnen, daß er den Vater erschlagen hat?“ - -„Ja, das gefällt ihnen, allen, allen! Alle sagen, daß das schrecklich -sei, im geheimen aber gefällt es ihnen furchtbar. Ich bin die erste, der -es gefällt.“ - -„In Ihren Worten liegt etwas Wahres,“ sagte Aljoscha halblaut vor sich -hin. - -„Ach, was Sie für Gedanken haben!“ rief Lisa ganz begeistert. „Aber Sie -sind doch Mönch! Sie glauben mir nicht, wie ich Sie dafür achte, daß Sie -niemals lügen. Ach, ich werde Ihnen einen lächerlichen Traum erzählen, -den ich gehabt habe: mir träumt zuweilen von Teufeln; es ist, als wäre -es Nacht, ich sitze allein in meinem Zimmer, auf dem Tisch brennt ein -Licht. Und plötzlich sind überall Teufel, in allen Ecken und unter dem -Tisch, unter den Stühlen, und sie machen sogar die Tür auf, und dort -hinter der Tür ist ihrer eine ganze Schar, und sie wollen alle -hereinkommen und mich ergreifen. Und schon kommen sie näher, schon -fassen sie mich an – da aber bekreuze ich mich schnell, und sie weichen -alle zurück, sie fürchten sich, nur gehen sie doch nicht ganz fort, sie -bleiben hinter der Tür, in den Ecken, sie warten. Und plötzlich -überkommt mich die Lust, laut über Gott zu spotten, und so fange ich -denn an Gott zu verspotten, und da kommen sie denn wieder in hellen -Haufen auf mich zu, sie freuen sich so darüber, und da fassen sie mich -auch schon wieder an – ich aber bekreuze mich schnell, und da huschen -sie denn wieder alle flugs zurück. Ach, so lustig ist das, der Atem -bleibt einem stehen!“ - -„Auch ich habe zuweilen denselben Traum,“ sagte plötzlich Aljoscha. - -„Ist’s möglich?“ fragte Lisa erstaunt. „Hören Sie, Aljoscha, lachen Sie -nicht, das ist sehr ernst: können denn zwei verschiedene Menschen ein -und denselben Traum haben?“ - -„Warum denn nicht?“ - -„Aljoscha, ich sage Ihnen, das ist furchtbar wichtig!“ Lisa war ganz -unverhältnismäßig erregt und betroffen. „Nicht der Traum ist wichtig, -sondern das, daß zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum -gehabt haben. Sie sagen mir doch nie die Unwahrheit, bitte, lügen Sie -auch jetzt nicht: Ist das wirklich wahr? Sie machen sich doch nicht über -mich lustig?“ - -„Es ist vollkommen wahr, was ich Ihnen gesagt habe.“ - -Lisa war ganz betroffen und verstummte auf eine Weile. - -„Aljoscha, kommen Sie öfter zu mir!“ sagte sie plötzlich geradezu -flehend. - -„Ich werde immer, mein ganzes Leben lang werde ich zu Ihnen kommen,“ -antwortete Aljoscha, und seine Stimme hatte, als er sein Versprechen -gab, einen festen, ernsten Klang. - -„Ich kann doch nur Ihnen allein alles sagen,“ fuhr Lisa fort. „Nur mir -und Ihnen sage ich alles. Von anderen Menschen nur Ihnen allein in der -ganzen Welt. Und Ihnen sage ich es noch lieber als mir. Und ich schäme -mich gar nicht vor Ihnen, nicht ein bißchen. Aljoscha, warum schäme ich -mich nicht vor Ihnen? Aljoscha, ist es wahr, daß die Juden zu Ostern -kleine Christenkinder stehlen und dann schlachten?“ - -„Das weiß ich nicht.“ - -„Ich habe hier ein Buch, darin habe ich von einer Gerichtsverhandlung -gelesen: ein Jude hatte einem vierjährigen Knaben alle Fingerchen -abgeschnitten, von beiden Händchen, und dann hatte er ihn gekreuzigt, -einfach mit Nägeln an die Wand geschlagen. Vor Gericht aber hat er -gesagt, der Knabe sei _bald_ gestorben, ungefähr nach vier Stunden. Das -ist doch sehr ‚bald‘ – nicht wahr? Er sagt noch, der Kleine habe -gestöhnt, die ganze Zeit gestöhnt – er aber hat vor ihm gesessen und -sich daran ergötzt. Das muß sehr schön gewesen sein.“ - -„Schön?“ - -„Ja, schön. Ich stelle mir zuweilen vor, daß ich den Kleinen so -gekreuzigt hätte. Er hängt an der Wand, ich aber setze mich vor ihn hin -und esse Ananaskompott. Ich esse sehr gern Ananaskompott. Sie auch?“ - -Aljoscha blickte sie schweigend an. Ihr bleiches Gesicht verzerrte sich -plötzlich, und ihre Augen erglühten. - -„Wissen Sie, als ich das von jenem Juden gelesen hatte, habe ich die -ganze Nacht geweint und gezittert. Ich stellte mir vor, wie der Knabe -schreit und stöhnt – vierjährige Kinder begreifen doch schon – ich aber -kann den Gedanken an das Kompott nicht loswerden. Am Morgen stand ich -auf und schickte einem gewissen Menschen einen Brief mit der Bitte, -_unbedingt_ zu mir zu kommen. Er kam, und ich erzählte ihm plötzlich von -diesem Knaben und dem Ananaskompott, erzählte ihm _alles, alles_, und -ich sagte ihm auch, das es ‚schön‘ sei. Da lachte er und sagte, es sei -tatsächlich schön. Darauf erhob er sich und ging fort. Er hatte hier im -ganzen nur fünf Minuten gesessen. Verachtete er mich, ja? Sagen Sie, -sagen Sie doch, Aljoscha, verachtete er mich, oder verachtete er mich -nicht?“ Sie saß steif aufgerichtet in ihrem Lehnstuhl, und ihre Augen -glühten. - -„Sagen Sie mir,“ fragte Aljoscha erregt, „haben Sie ihn selbst gerufen, -diesen Menschen?“ - -„Ja, ich selbst.“ - -„Sie haben ihm einen Brief geschrieben?“ - -„Ja, einen Brief.“ - -„Nur um ihn das zu fragen, das von dem Kinde?“ - -„Nein, durchaus nicht deshalb, durchaus nicht. Als er aber eintrat, -fragte ich ihn sofort, wie er das fände. Er antwortete, lachte, -verbeugte sich und ging.“ - -„Dieser Mensch hat sich ehrenhaft Ihnen gegenüber benommen,“ sagte -Aljoscha halblaut. - -„Aber er hat mich verachtet? Sich über mich lustig gemacht?“ - -„Nein, denn er glaubt vielleicht selbst an das Ananaskompott. Er ist -jetzt gleichfalls sehr krank, Lise.“ - -„Ja, er glaubt daran!“ Lisas Augen blitzten auf. - -„Er verachtet niemanden,“ fuhr Aljoscha fort. „Nur glaubt er auch -niemandem. Wem er aber nicht glaubt, den, versteht sich, den verachtet -er auch.“ - -„Dann also auch mich? auch mich?“ - -„Auch Sie.“ - -„Das ist gut,“ sagte Lisa gleichsam knirschend. „Als er lachte und -hinausging, da empfand ich zum erstenmal, daß es schön ist, verachtet zu -werden. Und auch der Knabe mit den abgeschnittenen Fingern ist schön, -und auch verachtet zu sein, ist schön ...“ - -Sie blickte Aljoscha starr in die Augen und lachte, lachte boshaft – wie -in auflodernder Bosheit. - -„Wissen Sie, Aljoscha, wissen Sie, ich wünschte ... Aljoscha, retten Sie -mich!“ Sie sprang plötzlich auf von ihrem Rollstuhl, stürzte zu ihm und -umklammerte ihn krampfhaft. „Retten Sie mich!“ entrang es sich ihr -flehend und fast wie ein Gestöhn. „Kann ich denn auch nur einem einzigen -Menschen in der Welt alles so sagen, wie ich es Ihnen gesagt habe? Ich -habe doch die Wahrheit, die ganze, ganze Wahrheit gesagt! Ich werde mir -das Leben nehmen, mich widert alles an! Ich will nicht leben, es ist -alles ekelhaft! Alles, alles ist mir ekelhaft! Aljoscha, warum lieben -Sie mich denn gar nicht, warum, warum lieben Sie mich nicht!“ schloß sie -ganz verzweifelt. - -„Doch, ich liebe dich!“ verteidigte sich Aljoscha erregt, und in seinen -Worten klang ein heißer Ton. - -„Werden Sie aber auch über mich weinen, werden Sie?“ - -„Bestimmt!“ - -„Ich danke Ihnen! Ich habe ja nur Ihre Tränen nötig. Die anderen alle, -mögen die mich meinetwegen mit den Füßen zerstampfen, alle, alle, ohne -auch nur _einen einzigen Menschen_ auszunehmen, jawohl, alle _ohne -Ausnahme_! Denn ich liebe niemanden. Hören Sie, _nie–man–den_! Im -Gegenteil, ich hasse alle! Gehen Sie, Aljoscha, Sie müssen sich beeilen, -zum Bruder zu kommen!“ Sie hatte sich plötzlich von ihm losgerissen. - -„Aber wie werden Sie denn so zurückbleiben?“ fragte Aljoscha ganz -erschrocken. - -„Gehen Sie zu Ihrem Bruder, das Gefängnis wird geschlossen, gehen Sie, -hier ist Ihr Hut! Küssen Sie Mitjä, gehen Sie, aber so gehen Sie doch -endlich!“ - -Und sie schob Aljoscha beinahe mit Gewalt zur Tür hinaus. Der sah noch -unentschlossen und besorgt aus, als er plötzlich fühlte, wie sie ihm ein -kleines, hartes Briefchen in die Hand drückte. Unwillkürlich erhob er -ein wenig die Hand und warf einen Blick auf das versiegelte Kuvert – er -las: „Herrn Iwan Fedorowitsch Karamasoff.“ Aljoscha zuckte zusammen und -warf einen Blick auf Lisa. Ihr Gesicht sah fast drohend aus. - -„Übergeben Sie es, übergeben Sie es unbedingt!“ befahl sie außer sich, -am ganzen Körper zitternd. „Tun Sie es sofort, unverzüglich! Oder ich -nehme Gift! Nur deswegen habe ich Sie zu mir gerufen!“ - -Und heftig schlug sie die Tür zu ... nur eine kleine Spalte blieb. -Aljoscha steckte den Brief in die Tasche und ging geradeswegs zur -Treppe, ohne vorher noch bei Frau Chochlakoff einzutreten und sich von -ihr zu verabschieden. Er hatte sie ganz vergessen. Kaum aber hatte sich -Aljoscha entfernt, als Lise sofort die Tür aufriß, ihren Finger an den -Türrahmen legte, die Tür wieder zuschlug und sie mit aller Gewalt gegen -ihren eingeklemmten Finger preßte. Ungefähr nach zehn Sekunden -vergrößerte sich die Spalte, sie zog die Hand zurück und ging langsam -und leise zu ihrem Lehnstuhl, setzte sich steif aufgerichtet hin und -betrachtete aufmerksam ihr blaurotes, blutunterlaufenes Fingerspitzchen -und das dunkle Blut, das sie unter dem Nagel hervorgepreßt hatte. Ihre -Lippen zitterten, und sie sagte leise, doch schnell vor sich hin: - -„Gemein, gemein, gemein, gemein bin ich!“ - - - IV. - Die Hymne und das Geheimnis - -Es war schon sehr spät, als Aljoscha am Gefängnistor schellte. Es begann -schon stark zu dunkeln – sind doch die Novembertage nicht lang. Aljoscha -wußte aber, daß man ihn ungehindert zu Mitjä durchlassen werde. -Vorsichtsmaßregeln werden in unserem Städtchen nicht anders als überall -in der Welt beobachtet. Anfangs natürlich, als die Voruntersuchung noch -nicht abgeschlossen war, da gab es noch verschiedene Schwierigkeiten zu -überwinden, wenn man zu Mitjä gelangen wollte, doch mit der Zeit wurden -diese Formalitäten, wenigstens für die Verwandten, bedeutend -abgeschwächt, und schließlich wurden mit einigen von den Besuchern -regelrechte Ausnahmen gemacht. Ja, zuweilen fanden die Zusammenkünfte in -dem dazu bestimmten Zimmer so gut wie unter vier Augen statt. Übrigens -wurden diese Ausnahmen doch nur mit wenigen gemacht: nur mit Gruschenka, -Aljoscha und Rakitin. Gruschenka hatte das dem besonderen Wohlwollen -unseres alten Polizeichefs Michail Makarowitsch zu danken. Dem Alten -lagen immer noch die bösen Worte, mit denen er sie in Mokroje -angeschrien hatte, auf der Seele. Später, als er den ganzen Sachverhalt -erfahren hatte, änderte er seine Meinung über sie. Und sonderbar: -obgleich er von Mitjäs Schuld fest überzeugt war, beurteilte er ihn, -seitdem der „Verbrecher“ hinter Schloß und Riegel saß, doch viel -nachsichtiger, empfand schließlich sogar fast Mitleid mit ihm. „Es war -vielleicht ein herzensguter Mensch,“ meinte er, „hat sich aber durch -Trunk und Ausschweifung selbst zugrunde gerichtet, ja, ja, wie’n oller -Schwede bei Poltawa, jetzt ist nichts mehr zu machen!“ Was aber Aljoscha -betrifft, so hatte ihn Michail Makarowitsch, der ihn schon lange kannte, -aufrichtig ins Herz geschlossen, und Rakitin, der Mitjä in der Folge -immer häufiger besuchte, war wiederum ein guter Bekannter von seinen -Enkelinnen, die er oft besuchte; außerdem gab er im Hause des -Gefängnisinspektors Privatstunden. Aljoscha war gleichfalls gut mit dem -alten Inspektor bekannt, da jener gern mit ihm über „Allwissenheit im -allgemeinen“ sprach. Iwan Fedorowitsch aber, oh, der! – vor dem hatte -der Inspektor nicht nur unermeßlichen Respekt, vor dem fürchtete er sich -geradezu, besonders was seine „philosophischen Urteile“ betraf, obwohl -er selbst ein großer Philosoph war – versteht sich: „so weit der -Verstand dazu ausreicht“. Für Aljoscha aber empfand er eine -unbezwingliche Sympathie. Im letzten Jahre hatte sich der Alte an die -apokryphen Evangelien gemacht und war dann Sonntags immer ins Kloster -gegangen, um seinem jungen Freunde seine Eindrücke und Gedanken -mitzuteilen. Zuweilen hatte er mit ihm und den Priestermönchen -stundenlang disputiert. So hätte denn Aljoscha, wenn ihm vom Wächter der -Eintritt verwehrt worden wäre, nur zum Inspektor zu gehen gebraucht, um -trotz der späten Stunde noch seinen Bruder sehen zu können. Zudem hatten -sich alle im Gefängnis, bis zum letzten Wächter, an ihn gewöhnt, und ein -jeder von ihnen sah ihn gern. Die Wache hatte natürlich nichts dagegen, -wenn er nur die Erlaubnis vom Vorgesetzten hatte. Mitjä kam, wenn er -gerufen wurde, stets aus seiner Zelle in den unteren Stock, in den Raum, -der für den Besuch bestimmt war. Als Aljoscha eintreten wollte, stieß er -fast mit Rakitin zusammen, der Mitjä gerade verließ. Beide sprachen sie -laut. Mitjä, der ihn zur Tür begleitete, lachte herzlich über irgend -etwas, Rakitin aber schien etwas vor sich hin zu brummen. Es war -Aljoscha besonders in der letzten Zeit aufgefallen, daß Rakitin ihn -nicht gerne sah, jedenfalls vermied, mit ihm zu sprechen, und kaum -seinen Gruß erwiderte. Als Rakitin jetzt plötzlich Aljoscha erblickte, -runzelte er mit ganz besonders geschäftiger Miene die Stirn, blickte wie -suchend zur Seite und tat, als ob er ganz mit dem Zuknöpfen seines -großen Paletots, den ein warmer Pelzkragen zierte, beschäftigt wäre. -Darauf machte er sich daran, seinen Schirm zu suchen. - -„Wenn ich nur nichts von meinen Sachen vergesse,“ brummte er vor sich -hin – einzig um etwas zu sagen. - -„Gib nur acht, daß du von fremden Sachen nichts vergißt,“ witzelte Mitjä -und lachte über seine Bemerkung. - -Rakitin war sofort beleidigt. - -„Das empfiehl lieber deinen Karamasoffs, deinen -Leibeigenschaftspartisanen, aber nicht Rakitin!“ rief er aufbrausend vor -Wut. - -„Was fehlt dir? Ich habe doch nur gescherzt ... Pfui Teufel! So sind sie -ja alle,“ sagte er darauf zu Aljoscha, indem er mit dem Kopf noch zur -Seite auf Rakitin wies, der sich schnell entfernte; „er hat die ganze -Zeit hier gesessen, gelacht und ist fröhlich gewesen, und dann plötzlich -das reine _Noli me tangere_! Dir hat er nicht einmal mit dem Kopf -zugenickt. Habt ihr euch beide denn ganz überworfen? Warum kommst du -heute so spät? Ich habe dich vom Morgen an nicht etwa nur erwartet, ich -habe mich geradezu nach dir gesehnt, wie, wie, ich weiß nicht wie! Nun, -macht nichts. Wir können es ja jetzt nachholen.“ - -„Warum besucht er dich jetzt so oft? Hast du dich mit ihm etwa -angefreundet?“ fragte Aljoscha, indem er gleichfalls mit dem Kopf auf -die Tür wies, durch die Rakitin hinausgegangen war. - -„Ich mich mit diesem Michail angefreundet? Nein, mein Lieber ... Dieses -Schwein! Er hält mich für einen ... Schuft. Scherz verstehen diese Leute -gleichfalls nicht – das ist das Charakteristischste. Niemals wird diese -Sorte Menschen Scherz verstehen. Trocken sind ihre Seelen, trocken und -flach und platt, ganz wie mir damals die Gefängniswände erschienen, als -ich hergefahren wurde und zum erstenmal diese Mauern sah. Aber er ist -nicht dumm, durchaus nicht dumm. Nun, Alexei, mein Kopf ist jetzt -verloren!“ - -Er setzte sich auf die Bank und zog Aljoscha neben sich nieder. - -„Ja, morgen wird das Urteil gesprochen. Aber hast du denn wirklich so -alle Hoffnung verloren, Mitjä?“ fragte Aljoscha schüchtern und -mitleidig. - -„Wieso, wie meinst du das?“ Mitjä blickte ihn seltsam unbestimmt an. „Ah -so, du sprichst vom Gericht! Na, zum Teufel damit! Wir haben beide bis -jetzt nur über Dummheiten gesprochen, immer nur von diesem Gericht, über -das Wichtigste aber habe ich geschwiegen, wenn ich mit dir zusammen war. -Ja, morgen wird man über mich zu Gericht sitzen, nur habe ich nicht in -der Beziehung gesagt, daß mein Kopf verloren sei. Nicht mein Kopf ist -verloren, sondern das, was im Kopf war, das ist verloren. Warum siehst -du mich so kritisch an?“ - -„Wovon redest du, Mitjä?“ - -„Ideen, Ideen, das ist es! Ethik! Was ist das eigentlich für ein -Gewächs, die Ethik?“ - -„Ethik?“ fragte Aljoscha verwundert. - -„Ja, das ist wohl irgendeine Wissenschaft, aber was für eine ist es nun -eigentlich?“ - -„Ja, es gibt eine solche Wissenschaft ... nur ... ich muß gestehen, ich -kann es dir nicht so ganz erklären, was für eine das ist.“ - -„Rakitin weiß es. Der Schuft weiß ziemlich viel ... ach nun, hol ihn der -Teufel! Mönch wird er jedenfalls nicht werden. Er spitzt sich auf -Petersburg. Dort, sagt er, will er Kritiken schreiben, und zwar mit -einer edlen Tendenz. Nun was, meinen Segen hat er, wird vielleicht noch -nützlich sein und sich eine Karriere bauen. Oh, was das Karrieremachen -betrifft, darin sind diese Leute Meister! Zum Teufel mit der Ethik. Ich -aber bin verloren, Alexei, _ich_! – begreifst du das, du Kind Gottes! -Ich liebe dich am meisten von allen in der Welt. Wenn ich dich sehe, -weitet sich mein Herz, begreifst du das? Was hat es dort für einen Karl -Bernard gegeben?“ - -„Karl Bernard?“ fragte Aljoscha wiederum verwundert. - -„Nein, nicht Karl, wart, wie hieß doch das Vieh? – Ach, richtig, -_Claude_ Bernard. Was ist nun das jetzt wieder? Chemie etwa, nicht?“ - -„Das ist wahrscheinlich ein Gelehrter,“ meinte Aljoscha, „nur muß ich -wieder gestehen, daß ich dir auch von ihm nicht viel sagen kann. Ich -habe nur den Namen gehört, ich weiß, daß es ein Gelehrter ist, was für -einer aber, das weiß ich nicht.“ - -„Na, dann hol ihn der Teufel, auch ich weiß es nicht,“ schimpfte Mitjä. -„Höchstwahrscheinlich ist’s irgendein Gauner und weiter nichts – wie sie -es ja alle sind. Rakitin wird sich schon durchfressen. Rakitin wird -selbst durch Spalten, durch die kein Floh durch kann, auch noch -durchkriechen. Das ist gleichfalls so ein Bernard. Ach, diese Bernards! -Weiß Gott, die vermehren sich wahrlich wie Kaninchen!“ - -„Aber was hast du heute?“ fragte Aljoscha ernst. - -„Er will über mich, das heißt über meinen Prozeß, einen Artikel -schreiben und damit in die Literatur eintreten, deswegen kommt er her, – -hat es mir selbst erklärt. Das soll so eine Chose mit ’ner besonderen -Tendenz werden, ungefähr: ‚Er konnte unmöglich nicht morden, die -Verhältnisse seiner Umgebung zwangen ihn dazu,‘ oder so was Gutes. Und -das geht so endlos weiter, er hat es mir selbst erklärt. Mit einem -leisen Hauch von Sozialismus, sagt er, wird es sein. Ach, hol ihn der -Teufel samt seinem ganzen leisen Hauch, mir soll’s egal sein. Iwan kann -sich nicht seiner Wohlgeneigtheit erfreuen. Rakitin haßt ihn. Für dich -hat er gleichfalls nichts Gutes übrig. Nun, ich jage ihn aber nicht -fort, er ist trotz alledem ein gescheiter Kerl. Überhebt sich bloß -unglaublich. Ich sagte ihm vorhin, als du eintratest: ‚Die Karamasoffs -sind nicht Schufte, sondern Philosophen, denn alle echten Russen sind -Philosophen, du aber bist, wieviel du da auch gelernt haben magst, doch -kein Philosoph, sondern ein ganz gemeiner Knecht.‘ Er lachte, so -gehässig, weißt du. Da sagte ich ihm: _de Geschmackibus non est -disputandum_. Ist der Witz nicht gut? Na, wenigstens habe auch ich jetzt -mal was Klassisches gesagt.“ Mitjä lachte. - -„Aber sag doch, wodurch bist du denn verloren? Du sagtest es doch -vorhin?“ unterbrach ihn Aljoscha. - -„Wodurch verloren? Hm! Im Grunde ... wenn man so das Ganze nimmt – um -Gott tut es mir leid. Sieh, dadurch bin ich verloren.“ - -„Wie das, warum tut es dir denn leid um ihn?“ - -„Nun, wart, stell dir vor: Es gibt dort in den Nerven im Kopf, das heißt -dort im Gehirn, solche Nerven ... ach, nun, der Teufel hole sie! – es -gibt da solche, solche Schwänzchen, nämlich an den Nerven solche -Schwänzchen, nun, und sobald sie dort nur anfangen zu zappeln oder zu -zippeln ... das heißt, sieh: Ich sehe zum Beispiel mit meinen Augen auf -irgend etwas, sieh so, geradeaus, und sie fangen plötzlich an zu -zittern, nämlich diese Schwänzchen meine ich ... wie sie aber erzittern, -da erscheint denn auch der Gegenstand, das Bild, oder was es da ist, -aber es erscheint nicht sofort, da vergeht noch zuerst ein Augenblick -Zeit, so eine Sekunde, und dann, heißt es, tritt so ein Moment ein, das -heißt, kein Moment, – der Teufel hole die Momente! – sondern ein Bild -oder ein Gegenstand oder eine Handlung, – ach, nun, hol sie allesamt der -Teufel! – also deswegen sehe ich und denke ich dann später ... weil so -ein Schwänzchen da ist, und weil es zippelt, und durchaus nicht darum, -weil ich eine Seele habe, und weil ich da so ein Ebenbild Gottes bin, -das sind alles nur Dummheiten. Das hat mir dieser Michail noch gestern -ganz genau erklärt, und weißt du, es war mir, als hätte er mir Feuer -übergegossen. Großartig, bei Gott, ist diese Wissenschaft! Ein neuer -Mensch entsteht, das begreife auch ich, Bruder ... Aber trotzdem tut es -mir doch leid um Gott!“ - -„Tut nichts, auch das ist gut,“ sagte Aljoscha. - -„Daß es mir um Gott leid tut? Die Chemie rückt ran, Brüderchen, ja, ja, -die Chemie! Nichts zu machen, Ew. Hochehrwürden, Sie müssen zur Seite -treten, die Chemie kommt! Von Gott aber will Rakitin nichts wissen, oh! -den kann er nicht verdauen! Gott ist bei diesen Leuten der wundeste -Punkt! Aber sie suchen es zu verbergen. Sie lügen. Verstellen sich. Ich -fragte ihn: ‚Nun was, wirst du das gleichfalls in deine Kritiken -hineinbringen?‘ – ‚Tja, soweit man’s durchläßt, deutlich wird man sich -doch wohl nicht fassen können,‘ sagt er. Lacht. ‚Aber wie ist’s denn -jetzt?‘ fragte ich ihn, ‚was ist denn der Mensch noch nach alledem? Ohne -Gott und ohne Leben nach dem Tode? Das heißt dann doch, daß alles -erlaubt ist, dann kann man ja alles machen?‘ – ‚Und du wußtest das noch -nicht?‘ sagt er. Lacht. ‚Ein kluger Mensch,‘ sagt er, ‚kann alles tun, -ein kluger Mensch kann auch Krebse fangen, ohne geklemmt zu werden. Nun, -du aber hast erschlagen und bist hereingefallen, und jetzt kannst du im -Gefängnis lebendig verfaulen!‘ Das sagt er mir, versteh, ins Gesicht! -Ein geborenes Schwein! Solches Pack habe ich früher hinausgeworfen ... -jetzt hört man ihnen zu. Er spricht aber auch Gescheites. Auch schreibt -er nicht schlecht. Riesig klug sogar. Vor einer Woche las er mir hier -einen Artikel vor, ich habe daraus drei Zeilen abgeschrieben, wart, ich -habe sie, hier, hier sind sie.“ - -Mitjä zog eilig aus seiner Westentasche ein kleines Papier hervor und -las: - -„Um dieses Problem zu lösen und seinen abstrakten Sinn richtig zu -erfassen, ist die erste Bedingung, daß man seine Persönlichkeit der -ganzen Wirklichkeit quer entgegensetzt.“ - -„Begreifst du was davon?“ - -„Nein,“ sagte Aljoscha. Er beobachtete interessiert seinen Bruder und -hörte ihm aufmerksam zu. - -„Ich auch nicht. Dunkel ist es und unklar, dafür aber klug. ‚Alle -schreiben jetzt so,‘ sagt er, ‚das Milieu hat sich bereits -herausgebildet ...‘ Das ist es ja, sie fürchten, daß die Kollegen den -Stil nicht klug genug finden könnten. Auch Gedichte schreibt das Schwein -... Denk doch nur, er hat Frau Chochlakoffs Füßchen besungen, hahaha!“ - -„Ich weiß, ich habe davon gehört,“ sagte Aljoscha. - -„Ja? Und auch das Gedicht?“ - -„Nein, das Gedicht selbst habe ich nicht gehört.“ - -„Ich habe es hier, wart, ich werde es dir vorlesen. Du weißt noch nicht -alles, ich habe es dir nicht erzählt, das ist ja eine ganze Geschichte. -Der Spitzbube! Denk dir, vor drei Wochen war’s, da läßt er sich -plötzlich einfallen, mich zu foppen: ‚Da bist du nun wegen lumpiger -Dreitausend _perdu_,‘ sagt er, ‚ich aber werde mir Hundertfünfzigtausend -verschaffen, werde hier eine kleine Witwe heiraten und mir dann in -Petersburg ein Haus kaufen, ein großes von Stein.‘ Und er erzählt mir, -daß er der Chochlakowa den Hof macht, die aber, sagt er, die von -Kindheit an keinen Verstand gehabt hat, hätte ihn mit vierzig Jahren -vollends verloren. ‚Sie ist fabelhaft sentimental,‘ sagt er, ‚das wird -mir aber zustatten kommen. Werde sie heiraten, nach Petersburg mitnehmen -und dort eine Zeitung herausgeben.‘ Und dabei wässert ihm der Mund in so -gemeiner Lüsternheit, – doch nicht nach der Chochlakowa, sondern nach -den Hundertfünfzigtausend. Und täglich kam er her und beteuerte, es -ginge famos; sie ergibt sich, sagt er, strahlt vor Freude. Und da wird -er plötzlich vor die Tür gesetzt! Perchotin hat ihn aus dem Sattel -gehoben! Das hat er großartig gemacht! Ich würde diese kleine Witwe am -liebsten zehnmal kräftig dafür abküssen, daß sie ihn vor die Tür gesetzt -hat! Er war gerade kurz vorher bei mir gewesen, um mir dieses Gedicht -vorzulesen. ‚Zum erstenmal besudle ich meine Hände,‘ sagte er, ‚schreibe -Gedichte – um sie zu bezaubern, das heißt also, zu einem nützlichen -Zweck. Habe ich erst der Gans das Kapital abgenommen, so kann ich später -damit großen sozialen Nutzen bringen.‘ Dieses Pack hat doch für jede -Gemeinheit eine ‚soziale‘ Rechtfertigung! ‚Und doch habe ich,‘ sagt er, -‚besser als dein Puschkin gedichtet, denn ich habe es fertig gebracht, -in einem närrischen Gedicht ein soziales Malheur auszudrücken.‘ Was er -da von Puschkin sagt, das verstehe ich schließlich. Es ist ja wahr. Ein -begabter Mensch, der dabei nur Weiberfüßchen besungen hat! Wie aber -Rakitin auf sein Gedicht stolz war! Eine Eigenliebe haben die Kerls! So -etwas Dünkelhaftes findet man nicht leicht. ‚Zur Heilung des kranken -Füßchens meines Objekts‘ – das hat er sich als Überschrift ausgedacht! -Nichts zu sagen, ein kühner Mann! Hör jetzt: - - Es war einmal ein kleiner Fuß, - Der eines Tags erkrankte; - Die Ärzte kamen tagtäglich ins Haus, - Doch der Fuß es ihnen nicht dankte, - – Denn er wurde nicht gesund. - - Doch wie dem nun auch sein mag, - Ich will deswegen nicht trauern. - Mir tut es nur leid ums Köpfchen, - Den Fuß mag Puschkin bedauern, - – Denn er wurde nicht gesund. - - Das Köpfchen fing grad an zu verstehen, - Da kam das Füßchen und störte. - Ach! mag es doch wieder gehen, - Damit das Köpfchen mich hörte! - – Denn es wäre sonst gar zu dumm ... - -Ein Schwein ist der Kerl, ein geborenes Schwein, aber er hat sich dabei -doch ganz flott ausgedrückt. Und er hat sogar den Kummer über das -schwache Köpfchen hineingeflochten, und seine ganze ‚soziale‘ Sehnsucht, -nach Petersburg zu kommen, liegt in diesem ‚Ach!‘ Wie er aber wütend -war, Herrgott! daß sie ihn vor die Tür gesetzt hatte! Er knirschte -selbst hier noch vor Wut!“ - -„Er hat sich auch schon gerächt,“ sagte Aljoscha. „Er hat einen Bericht -an die ‚Gerüchte‘ geschickt, in dem er über sie herzieht.“ - -Und Aljoscha erzählte ihm kurz von der Nachricht aus dem Petersburger -Blatt. - -„Das kann allerdings nur Rakitin getan haben!“ sagte Mitjä finster, -nachdem er unruhig zugehört hatte, und er biß nervös die Unterlippe. -„Das ist wieder echt Rakitin! Diese Korrespondenzen ... ich weiß ... -wieviel Schändlichkeiten geschrieben worden sind ... über Gruscha zum -Beispiel ... Und auch über sie, über Katjä ... Hm!“ - -Er erhob sich und schritt besorgt im Zimmer auf und ab. - -„Mitjä, ich kann heute nicht lange bei dir bleiben,“ sagte Aljoscha nach -kurzem Schweigen. „Morgen ist ein unheimlich großer Tag für dich: Gottes -Gericht wird sich über dir vollziehen ... und du sprichst heute, anstatt -Ernstes zu reden, weiß Gott, wovon ... Das, das wundert mich ...“ - -„Nein, wundere dich nicht,“ unterbrach ihn Mitjä erregt. „Was soll ich -denn immer wieder von diesem stinkenden Hunde reden? Haben wir denn noch -immer nicht genug über den Mörder gesprochen? Ich will nichts mehr von -ihm hören, von dieser Ausgeburt der Idiotin. Gott wird ihn totschlagen, -das wirst du sehen, schweig!“ - -Anfangs trat er dicht an Aljoscha heran, und plötzlich küßte er ihn. -Seine Augen brannten. - -„Rakitin würde das nicht verstehen,“ fuhr er fort, als ob ihn -Begeisterung erfaßt hätte, „du aber, du wirst alles verstehen. Deswegen -habe ich mich auch nach dir gesehnt. Sieh, ich wollte dir schon lange -hier zwischen diesen nackten Wänden vieles sagen, aber ich habe bis -jetzt doch das Wichtigste verschwiegen: Es war mir immer, wenn ich davon -anfangen wollte, als wäre die Zeit dazu noch nicht gekommen. So habe ich -unbewußt bis zur letzten Stunde gewartet, um vor dir meine Seele -aufzutun. Aljoscha, ich habe in diesen zwei letzten Monaten einen neuen -Menschen in mir entdeckt, ein neuer Mensch ist in mir auferstanden! -Dieser Mensch war immer in mir verborgen, doch es wäre mir nie zum -Bewußtsein gekommen, daß ich ihn in mir trug, wenn Gott nicht dieses -Gewitter geschickt hätte. Unheimlich ist das Leben! Aber was liegt -daran, daß ich zwanzig Jahre lang dort in sibirischen Erzgruben mit dem -Hammer klopfen werde, – das schreckt mich jetzt nicht mehr. Ich fürchte -etwas ganz anderes, und das ist meine einzige große Angst: ich fürchte -und bange, daß mich der in mir auferstandene Mensch nur ja nicht wieder -verläßt! Man kann auch dort in den Erzgruben unter der Erde neben sich -in genau solch einem Zwangsarbeiter und Mörder ein menschliches Herz -finden, und man kann ihm dort näher treten, denn auch dort kann man -leben, lieben und leiden. In diesem Zwangsarbeiter kann man doch das -erfrorene Herz wieder beleben, jahrelang kann man ihn pflegen, und -einmal wird man die Seele aus der dunklen Höhle zum Licht emporziehen, -und dann wird er bereits ein veredelter Mensch sein, ein Mensch mit der -Anschauung eines Märtyrers. Ja, so kann man Engel auferstehen machen und -Helden wieder beleben! Und ihrer gibt es doch so viele dort unter der -Erde, Hunderte, und wir alle haben schuld an ihnen! Warum träumte mir -damals vom ‚Kindichen‘, warum gerade in jener Stunde? ‚Warum ist das -Kindichen arm?‘ Das war in jenem Augenblick eine Prophezeiung! Für das -‚Kindichen‘ gehe ich hin. Denn alle sind für alle schuldig. Überall gibt -es solche ‚Kindichen‘, denn es gibt ja kleine und große Kinder. Alle -sind solch ein ‚Kindichen‘. Und so gehe ich denn für alle, denn irgend -jemand muß doch für alle gehen! Ich habe meinen Vater nicht erschlagen, -aber ich muß hingehen. Ich nehme es auf mich! Das alles ist mir erst -hier aufgegangen ... hier zwischen den nackten Wänden. Ihrer aber gibt -es doch viele, zu Hunderten sind sie dort unter der Erde, und alle haben -sie eine Haue in der Hand. O ja, ich weiß, wir werden in Ketten sein, -und wir werden keinen freien Willen haben, doch dann, in unserem großen -Leid, werden wir von neuem zur Freude auferstehen, zur Freude, ohne die -es dem Menschen unmöglich ist, zu leben, ebensowenig wie Gott ohne sie -sein kann, denn Gott gibt die Freude, das ist sein großes Privilegium -... Gott, mein Gott, erweiche den Menschen im Gebet! Wie werde ich denn -dort unter der Erde ohne Gott leben? Rakitin lügt: Wenn man Gott von der -Erde vertreibt, so werden wir ihn dort unter der Erde willkommen heißen! -Für einen unterirdischen Zwangsarbeiter ist es unmöglich, ohne Gott -auszukommen, unmöglicher als für einen Nichtzwangsarbeiter. Und dann -werden wir, wir unterirdischen Sträflinge dort in den Schachten -Sibiriens, aus dem Eingeweide der Erde eine tragische Hymne unserem -Gotte singen, unter der Erde hervor unserem Gotte, bei dem die Freude -ist! Ach, es lebe Gott, und es lebe deine Freude! – Ich liebe dich, -Gott!“ - -Die Worte stürzten Mitjä fast atemlos über die Lippen. Er war bleich, -seine Lippen zuckten, und aus seinen Augen rollten Tränen herab. - -„Nein, das Leben ist groß, groß ist das Leben und voll und mächtig ist -es! Leben ist auch unter der Erde!“ begann er wieder in seiner -Begeisterung. „Du kannst dir nicht einmal denken, Alexei, wie ich jetzt -leben will, wie, wie ich lechze nach Leben und Erkennen, welch ein -Verlangen danach sich gerade hier zwischen diesen nackten Wänden in mir -erhoben hat! Rakitin begreift das nicht, er will nur ein Haus bauen und -dann Wohnungen vermieten. Ich aber habe dich erwartet, um dir zu sagen -... Und was ist denn das Leiden? Ich fürchte es nicht, und wenn es auch -unermeßlich sein sollte. Jetzt fürchte ich es nicht, früher fürchtete -ich es. Weißt du, ich, ich werde morgen vielleicht gar nicht antworten -vor Gericht ... Ich glaube, ich habe jetzt so viel von dieser Kraft in -mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles -Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend -Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber -ich bin! Und wenn ich auch angeschmiedet bin, so lebe ich doch, so sehe -ich doch die Sonne, oder wenn ich sie auch nicht sehe, so weiß ich doch, -daß sie ist! Wissen aber, daß die Sonne ist, – das ist schon ein ganzes -Leben. Aljoscha, du mein Cherub, mich quälen verschiedene Philosophien, -der Teufel hole sie! Bruder Iwan ...“ - -„Was? was wolltest du sagen von Iwan?“ fragte Aljoscha hastig, doch -Mitjä überhörte die Frage ganz. - -„Sieh, früher wußte ich nichts von allen diesen Zweifeln, aber es war -doch schon alles in mir. Vielleicht war das der einzige Grund, weil -diese unbewußten Ideen in mir tobten, warum ich trank und mich -herumschlug und ins Leben stürmte. Um sie in mir zum Schweigen zu -bringen, um sie zu beruhigen, zu ersticken, darum tobte ich. Iwan ist -nicht wie Rakitin, er trägt eine große Idee. Iwan ist eine Sphinx und -schweigt, er schweigt immer und zu allem. Mich aber quält Gott. Nur Gott -quält mich. Was aber dann, wenn Er nicht ist? Was dann, wenn Rakitin -recht hat, daß das nur eine künstliche Idee in der Menschheit ist? Dann, -wenn Er nicht ist, dann ist der Mensch der Herr der Erde. Großartig! Wie -aber wird er denn tugendhaft sein ohne Gott? Das ist die Frage! Über -diese Frage komme ich nicht hinweg. Denn wen wird er dann noch lieben, -dieser Mensch ohne Gott? Wem wird er dann noch dankbar sein, wem wird er -dann noch eine Hymne singen? Rakitin lacht darüber. Er sagt, man könne -die Menschheit auch ohne Gott lieben. Nun, dieser Rotzbub kann -schließlich vieles behaupten. Nein, das verstehe ich nicht. Rakitin hat -leicht, zu leben. ‚Du,‘ sagte er mir heute, ‚bemühe dich lieber um die -Vermehrung der bürgerlichen Rechte der Menschen oder meinetwegen auch -nur darum, daß der Preis des Rindfleisches nicht steige; damit wirst du -der Menschheit einfacher und unmittelbarer eine Liebe erweisen als mit -Philosophien.‘ Da wurde ich wütend. ‚Du aber,‘ sagte ich ihm, ‚wirst -ohne Gott selbst noch den Preis des Rindfleisches erhöhen, wenn das nur -in deiner Macht steht, wirst womöglich einen Rubel auf jede Kopeke -aufschlagen.‘ Er ärgerte sich. Denn was ist Tugend? Beantworte du mir -diese Frage, Alexei. Ich habe _eine_ Tugend, und der Chinese hat eine -andere – folglich: ein relatives Ding. Oder nicht? Oder nicht relativ? -Hm, eine hinterlistige Frage! Lach nicht, wenn ich dir sage, daß ich -ihretwegen zwei Nächte nicht geschlafen habe. Ich wundere mich jetzt nur -noch über eines: Wie die Menschen so leben können und niemals darüber -nachdenken. Wie beschäftigt sie alle sind! Iwan hat keinen Gott. Er hat -eine Idee. Das ist zu hoch für mich. Aber er schweigt. Ich glaube, er -ist Freimaurer. Ich habe ihn gefragt – er schweigt. Ich wollte aus -seinem Brunnen einen Schluck Wasser trinken – er schweigt. Nur ein -einziges Mal sagte er ein Wort.“ - -„Was sagte er?“ fragte Aljoscha gierig. - -„Ich sagte ihm: Dann ist also alles erlaubt, wenn es so ist? Er runzelte -die Stirn. ‚Fedor Pawlowitsch, unser Vater,‘ sagte er, ‚war zwar ein -Schwein, aber er dachte doch vollkommen richtig.‘ Sieh, was er zu sagen -fertig brachte. Und das war alles, was er darauf zu erwidern geruhte. -Mehr habe ich nicht von ihm gehört. Das ist denn doch sauberer als -Rakitin.“ - -„Ja,“ bestätigte Aljoscha bitter. „Wann war er bei dir?“ - -„Davon später, jetzt noch von etwas anderem. Über Iwan habe ich dir bis -jetzt fast nichts gesagt. Ich habe es immer bis zur letzten Stunde -hinausgeschoben. Wenn hier diese Sache ein Ende hat und mein Urteil -gesprochen ist, dann werde ich dir etwas erzählen, alles werde ich dir -dann erzählen. Hier gibt es so einen besonderen Punkt ... Und du wirst -mein Richter sein in dieser Frage. Jetzt aber beginn lieber gar nicht -davon, jetzt sei still ... Da sprichst du nun von morgen, vom Gericht, -aber wirst du’s mir glauben, ich weiß nichts von alledem.“ - -„Hast du mit dem Advokaten gesprochen?“ - -„Ach was, Advokat! Ich habe ihm von allem gesprochen. Ein geriebener -Schurke ist er, ein großstädtischer. Auch so ein Claude Bernard! Nur -glaubt er mir nicht für eine halbe zerbrochene Kopeke. Er glaubt, daß -ich erschlagen habe, denk dir nur, – ich weiß schon, was er glaubt, da -sei du unbesorgt. ‚Warum sind Sie denn,‘ fragte ich ihn, ‚gekommen, mich -zu verteidigen, wenn Sie mich für schuldig halten?‘ Nun, zum Henker mit -der Bande. Auch einen Doktor hat man verschrieben, will mich für -verrückt erklären. Das erlaube ich nicht! Katerina Iwanowna will ‚ihre -Pflicht und Schuldigkeit‘ bis zum Schluß erfüllen. Bißchen gewaltsam!“ -(Mitjä lächelte bitter.) „Die Katze! Ein grausames Herz! Sie weiß, daß -ich damals in Mokroje von ihr gesagt habe, sie sei ein Weib, das -‚gewaltigen Zornes fähig ist‘! Das hat man ihr wiedererzählt. Ja, die -Aussagen gegen mich haben sich vermehrt wie Sand am Meer! Grigorij -besteht auf der offenen Tür. Grigorij ist ein ehrlicher Mensch, aber er -ist ein Dummkopf. Viele Menschen sind nur darum ehrlich, weil sie dumm -sind. Das ist ein Ausspruch von Rakitin. Grigorij ist mein Feind. Von -manch einem kann man sagen, daß es vorteilhafter ist, ihn zum Feinde als -zum Freunde zu haben. Das ist in bezug auf Katerina Iwanowna gesagt. Ich -fürchte, oh! nichts fürchte ich so, als daß sie morgen von jener -Verbeugung bis zur Erde nach den Viertausendfünfhundert erzählen wird! -Bis zum Schluß wird sie mir heimzahlen, bis auf den letzten Tropfen! Ich -will aber ihr Opfer nicht! Beschämen werden sie mich vor Gericht! Sie -wollen, daß ich vor Scham vergehe! Wie werde ich es aushalten? Geh zu -ihr, Aljoscha, bitt sie, daß sie es nicht vor Gericht sage, nur dieses -eine nicht! Oder geht das nicht? Ach, Teufel, einerlei, ich werde es -eben aushalten! Sie tut mir nicht leid. Sie will es ja selbst. Nicht -umsonst leidet der Dieb Qualen. Ich, Alexei, ich werde meine Rede -halten.“ (Er lächelte wieder bitter vor sich hin.) „Nur ... nur Gruscha, -Gruscha, o Gott! Warum hat sie denn diese Qual jetzt auf sich genommen?“ -rief er plötzlich mit Tränen in den Augen. „Gruscha tötet mich, der -Gedanke an sie tötet mich, tötet mich! Sie war heute bei mir ...“ - -„Sie hat es mir erzählt. Du hast Sie heute sehr gekränkt.“ - -„Ich weiß. Hol mich der Teufel dafür, daß ich so einen Charakter habe. -Ich wurde eifersüchtig. Als sie fortging, bereute ich es und küßte sie. -Um Verzeihung bat ich nicht.“ - -„Warum hast du das nicht getan?“ fragte Aljoscha vorwurfsvoll. - -Mitjä lachte plötzlich fast heiter auf. - -„Gott behüte dich davor, du lieber Junge, daß du jemals wegen einer -Schuld das geliebte Weib um Verzeihung bittest! Besonders gilt das vom -geliebten Weibe, gerade vom geliebten Weibe, wie groß deine Schuld auch -vor ihr sein mag! Denn das Weib – das ist, Bruder, – weiß der Teufel, -was das ist, aber ich kenne sie doch gründlich, das weiß Gott! Versuche -einmal, deine Schuld einzugestehen, soundso, es war schlecht von mir, -verzeih, vergib – dann hagelt es Vorwürfe! Unter keiner Bedingung wird -sie einfach und sofort verzeihen, sie wird dich zum Lappen erniedrigen, -wird dir alles vorzählen, selbst das, was gar nicht gewesen ist, alles -wird sie wieder herauskratzen, nichts wird sie vergessen, wird noch -vieles von sich hinzufügen, und dann erst wird sie verzeihen. Und das -ist noch die beste, die beste von allen! Das letzte wird sie dir noch -abschaben und dann alles über dein armes Haupt schütten – so eine, sage -ich dir, so eine Lust am Menschenschinden steckt in ihnen, in allen ohne -Ausnahme, in diesen Engeln, ohne die zu leben uns unmöglich ist! Sieh, -mein Täubchen, ich sage es dir aufrichtig und überzeugt: Jeder -anständige Mann muß sich unter dem Pantoffel eines Weibes befinden. Das -ist meine Überzeugung; das heißt, nicht Überzeugung, aber so mein -Gefühl. Der Mann muß großmütig sein, das aber besudelt keinen. Selbst -einen Helden erniedrigt das nicht, selbst einen Cäsar nicht! Nun, aber -um Verzeihung bitte du trotzdem niemals und um keinen Preis. Behalte -diese Lehre: die gibt dir dein Bruder Mitjä, der sich wegen der Weiber -zugrunde gerichtet hat. Nein, ich werde ihr lieber, ohne um Verzeihung -zu bitten, etwas recht Liebes tun. Ich bete sie an! Alexei, wenn sie vor -mir steht, überkommt es mich immer wie Andacht! Nur sieht sie das nicht. -Nein, es ist immer noch zu wenig Liebe für sie. Und wie sie mich quält! -Mit ihrer Liebe quält sie mich. Früher! Früher quälten mich nur ihre -Launen, das Infernale an ihr, jetzt aber habe ich ihre ganze Seele in -meine Seele aufgenommen und bin durch sie zum Menschen geworden! Wird -man uns auch trauen? Sonst sterbe ich vor Eifersucht. Jeden Tag sehe ich -denn auch ein neues Gespenst ... Was hat sie dir über mich gesagt?“ - -Aljoscha erzählte alles, was Gruschenka ihm gesagt hatte. Mitjä hörte -aufmerksam zu, fragte vieles zweimal und war schließlich zufrieden. - -„So ärgert sie sich denn nicht darüber, daß ich eifersüchtig war?“ -fragte er freudig. „Ein echtes Weib! – ‚Ich habe selbst ein grausames -Herz.‘ Ach, wie ich diese Menschen liebe, die solche Herzen haben! Aber -ich dulde nicht, daß man auf mich eifersüchtig ist, das erlaube ich -nicht! Werden uns streiten. Aber lieben – lieben werde ich sie -unendlich! Wird man uns auch trauen? Werden denn Zwangsarbeiter auch -getraut? Das ist die Frage. Ohne sie aber kann ich nicht leben ...“ - -Mitjä schritt finster auf und ab. Es war schon fast ganz dunkel im -Zimmer. Er wurde plötzlich eigentümlich unruhig und besorgt. - -„Also ein Geheimnis, sagt sie, ein Geheimnis hätten wir? Also alle drei -sollen wir uns gegen sie verschworen haben, und ‚Katjka‘ soll -dahinterstecken? Nein, Freund Gruschenka, das ist es nicht. Hierin hast -du dich getäuscht, hast es so echt auf Frauenart getan! Aljoscha, -Liebling ... ich werde dir unser Geheimnis sagen ... einerlei, was draus -wird!“ - -Er blieb stehen, blickte sich nach allen Seiten um und trat dann schnell -dicht an Aljoscha, der nicht weit von ihm stand, heran und flüsterte ihm -mit geheimnisvoller Miene ganz leise zu, obgleich sie niemand hören -konnte: Der alte Wächter schlief in der Ecke auf der Bank, und bis zu -den wachestehenden Soldaten konnte kein Laut dringen. - -„Ich werde dir unser ganzes Geheimnis aufdecken!“ flüsterte Mitjä eilig. -„Ich wollte es zuerst später tun, wenn das Urteil schon gesprochen ist, -denn wie könnte ich mich ohne deine Zustimmung zu etwas entschließen? Du -bist mir alles. Wenn ich auch sage, daß Iwan höher steht als wir, so -bist doch du mein Schutzgeist. Was du sagst, wird geschehen, das werde -ich tun. Vielleicht aber bist gerade du der höhere Mensch und nicht -Iwan. Sieh, hier handelt es sich um eine Gewissenssache, eine höhere -Gewissenssache, – ein Beschluß von solcher Wichtigkeit, daß ich selbst -nie damit zurechtkommen werde, und so habe ich es denn hinausgeschoben, -bis du entscheidest. Und außerdem ist es jetzt noch zu früh, man muß -zuerst das Urteil abwarten. Werde ich verurteilt, gut, dann entscheide -du. Jetzt aber entscheide noch nicht; ich werde dir sogleich alles -sagen, du wirst alles erfahren, aber du entscheide jetzt noch nicht. -Höre und schweige. Ich werde dir nicht alles ausführlich erklären, – ich -werde dir nur die Idee im großen ganzen aufdecken, ohne Details, – du -aber schweige. Keine Frage, keine Bewegung! Bist du damit einverstanden? -Aber deine Augen, Herrgott, wohin mit denen? Ich fürchte, daß deine -Augen das Urteil sprechen werden, selbst wenn du schweigst. Ich habe -Angst! Aljoscha, hör jetzt: Iwan schlägt mir vor, zu _entfliehen_. Die -Einzelheiten zum Teufel, die sage ich jetzt nicht, – alles ist -vorgesehen, es kann ganz ohne Hindernisse gemacht werden. Schweig, -entscheide noch nicht! Nach Amerika mit Gruscha! Ich kann doch ohne sie -nicht mehr leben! Nun, versteh, wenn man sie nun dort, in Sibirien, -nicht zu mir läßt? Werden denn Zwangsarbeiter getraut? Iwan sagt: Nein. -Aber was werde ich denn dort ohne Gruschenka allein unter der Erde mit -dem Hammer machen? Ich werde mir doch den Schädel mit diesem Hammer -einschlagen! Nun aber andererseits – das Gewissen? Dann bin ich doch vor -dem Leiden geflohen! Mir ward ein Fingerzeig Gottes – ich folgte ihm -nicht; mir ward ein Weg der Läuterung gezeigt – ich machte linksum -kehrt. Iwan sagt, daß man in Amerika ‚bei guten Vorsätzen‘ mehr Nutzen -bringen könne als unter der Erde. Aber wo wird dann noch unsere -unterirdische Hymne zu Gott emporgesungen werden? Was ist denn Amerika, -– das ist doch wieder eitle Sorge um Erwerb. Und es gibt auch viel -Schurken, denke ich, in Amerika. Und ich bin dann vor der Kreuzigung – -fortgelaufen! Ich sage das dir, Alexei, weil doch nur du allein das -verstehen kannst, außer dir aber niemand. Für die anderen sind das -Dummheiten, krankhafte Hirngespinste, alles das, was ich dir von der -unterirdischen Hymne gesagt habe. Man wird sagen, ich sei verrückt -geworden oder sei ein Esel. Aber ich bin nicht verrückt, ich bin weder -das eine noch das andere. Oh, auch Iwan begreift die Hymne, oh, er -begreift das alles vorzüglich, nur antwortet er mir darauf nicht, er -schweigt. Er glaubt nicht an die Hymne. Sprich nicht, sprich nicht, ich -sehe doch, was deine Augen sagen. Du hast ja schon entschieden! -Entscheide nicht, hab Erbarmen mit mir, ich kann nicht, ich kann nicht -ohne Gruscha leben – wart bis das Urteil gesprochen ist!“ - -Mitjä sprach flehend, sprach wie ein Wahnsinniger. Er hielt Aljoscha mit -beiden Händen an den Schultern gepackt, hielt ihn wie mit Klammern fest, -und sein gleichsam entzündeter Blick hing flehend, bittend an den Augen -des Bruders. - -„Werden denn Zwangsarbeiter getraut?“ wiederholte er zum drittenmal -angstvoll seine Frage. - -Aljoschas Herz klopfte stark, und er hörte ihm in ungewöhnlicher -Spannung zu. - -„Sag mir nur eines: Besteht Iwan sehr darauf?“ fragte er stockend. „Und -wer hat sich das zuerst ausgedacht?“ - -„Er, er hat es sich ausgedacht, er besteht darauf! Zuerst kam er -überhaupt nicht zu mir, und da plötzlich kam er, vor einer Woche -ungefähr, und begann gleich damit. Er besteht unglaublich hartnäckig -darauf. Er bittet nicht, sondern befiehlt. Er zweifelt nicht an meiner -Folgsamkeit, ungeachtet dessen, daß ich ihm, so wie jetzt dir, mein -ganzes Herz aufgedeckt und auch von der ‚Hymne‘ gesprochen habe. Er hat -mir alles genau erklärt, wie er es machen wird, er hat sich peinlich -orientiert, aber davon später. Geradezu krankhaft will er es. Die -Hauptsache ist dabei natürlich das Geld: zehntausend, sagt er, gibt er -für die Flucht, und zwanzigtausend für Amerika; für zehntausend, sagt -er, wird uns die Flucht ohne jede Schwierigkeit gelingen.“ - -„Und er hat befohlen, daß mir nichts davon gesagt werde?“ fragte -Aljoscha nochmals. - -„Keinem Menschen ein Wort, vor allem aber dir nicht, dir unter keiner -Bedingung! Er fürchtet wahrscheinlich, daß du wie das Gewissen vor mir -stehen würdest. Sag es ihm nicht wieder, daß ich es dir mitgeteilt habe! -Sag es ihm bitte nicht!“ - -„Du hast recht,“ sagte Aljoscha, „man muß das Urteil des Gerichts -abwarten und dann entscheiden. Nach dem Gericht wirst du es selbst tun; -dann wirst du einen neuen Menschen in dir finden, der für dich -entscheiden wird.“ - -„Einen neuen Menschen oder einen Bernard, und der wird dann _à la_ -Bernard entscheiden. Denn ich selbst bin, wie es scheint, ein -verächtlicher Bernard!“ sagte Mitjä mit bitterem Lächeln. - -„Aber Mitjä, hast du denn gar keine Hoffnung mehr, dich morgen -rechtfertigen zu können? Wie ist das nur möglich?“ - -Mitjä zuckte mit den Achseln und schüttelte verneinend den Kopf. - -„Aljoscha, mein Liebling, es ist Zeit, daß du gehst!“ sagte er plötzlich -eilig, als wollte er ihn schneller forthaben. „Der Aufseher hat schon -auf dem Hof gerufen, er wird gleich herkommen. Es ist spät. Wir wollen -doch die Ordnung nicht stören. Umarme mich rasch, küsse mich, segne -mich, Liebling, segne mich, damit ich das Kreuz morgen tragen kann ...“ - -Sie umarmten sich und küßten einander. - -„Iwan aber,“ sagte Mitjä plötzlich, „schlägt mir wohl vor, mir zur -Flucht zu verhelfen, selbst aber glaubt er, daß ich den Vater erschlagen -habe!“ - -Ein gequältes, spöttisches Lächeln erschien auf seinen Lippen. - -„Hast du ihn gefragt, ob er es glaubt?“ fragte Aljoscha. - -„Nein, ich habe ihn nicht danach gefragt. Ich wollte ihn fragen, aber -ich konnte es nicht, die Kraft reichte dazu nicht aus. Doch das bleibt -sich ja gleich, ich sehe es ja an den Augen. Nun, leb wohl!“ - -Noch einmal küßten sie sich eilig, und Aljoscha verließ bereits das -Zimmer, als ihn Mitjä plötzlich wieder zurückrief. - -„Stell dich vor mich hin, sieh mich an.“ - -Und er erfaßte ihn wieder mit beiden Händen an den Schultern. Sein -Gesicht wurde unheimlich bleich, so daß es selbst in der matten -Dunkelheit entsetzlich anzusehen war. Die Lippen verzerrten sich, und -der Blick bohrte sich starr in Aljoschas Augen. - -„Aljoscha, sage du mir die volle Wahrheit, sage wie Gott dem Herrn: -Glaubst du, daß ich der Mörder bin oder glaubst du es nicht? Du, du, ob -du es glaubst oder nicht glaubst? Die Wahrheit sage! – Lüge nicht!“ -schrie er plötzlich laut in seiner Verzweiflung auf. - -Aljoscha war es, als wankte er auf den Füßen unter dem Druck der Hände -des Bruders, und über sein Herz, das fühlte er, glitt etwas Scharfes, -Spitzes ... - -„Was ... was tust du, laß gut sein, genug ...“ stammelte er wie -geistesabwesend. - -„Die Wahrheit, die Wahrheit! Lüge nicht!“ - -„Keine Sekunde lang ... habe ich geglaubt, daß du der Mörder wärest!“ -stieß Aljoscha mit schwankender Stimme fast atemlos hervor, und er erhob -die rechte Hand, als wolle er Gott zum Zeugen für seine Worte aufrufen. - -Wie Seligkeit breitete es sich über Mitjäs bleiches Gesicht. - -„Ich danke dir ...“ sagte er langsam, als wenn er nach einer Ohnmacht -aufatmete. „Du hast mich von den Toten auferweckt ... Wirst du es mir -glauben: – bis zu diesem Augenblick habe ich mich gefürchtet, dich zu -fragen, dich, dich! – denk nur, Liebling, dich! ... Nun, geh jetzt, geh! -Gestärkt hast du mich für morgen, Gott segne dich dafür! Nun, geh ... -und liebe Iwan!“ rang es sich noch als letztes Wort aus Mitjä heraus. - -Als Aljoscha ihn verließ, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Ein -solches Mißtrauen bei Mitjä, solcher Argwohn, so wenig Zutrauen selbst -zu ihm, Aljoscha, – alles das deckte plötzlich vor seinen Augen einen so -bodenlosen Abgrund von aussichtsloser Verzweiflung und unfaßbarem Leid -in der Seele seines unglücklichen Bruders auf, wie er ihn nie geahnt, -nie für möglich gehalten hatte. Tiefes, unendliches Mitleid ergriff ihn -und quälte ihn so, daß er schon nach einem Augenblick davon müde gequält -war. Sein Herz glaubte er zerrissen, es tat ihm unsäglich weh. „Liebe -Iwan!“ klang es ihm wieder in den Ohren. Ja, ja, er ging ja schon zu -Iwan. Schon seit dem Morgen wollte er zu Iwan gehen. Der quälte ihn -nicht weniger als Mitjä, jetzt aber, nach allem, was ihm Mitjä gesagt -hatte, jetzt quälte er ihn mehr denn je. - - - V. - „Nicht du, nicht du!“ - -Auf dem Wege zu Iwan kam er an dem Hause vorüber, in dem Katerina -Iwanowna wohnte. Die Fenster waren erleuchtet. Aljoscha blieb stehen, -dachte eine Weile nach, und beschloß, einzutreten. Er hatte Katerina -Iwanowna seit einer ganzen Woche nicht mehr gesehen. Jetzt sagte er -sich, daß er Iwan wahrscheinlich bei ihr antreffen werde, um so mehr, -als es doch der Vorabend eines so entscheidenden Tages war. Als er unten -geschellt hatte und in den Treppenraum trat, der durch eine chinesische, -laternenartige Ampel nur matt erhellt wurde, bemerkte er, daß von oben -ein Herr herabstieg. Als er sich ihm näherte, erkannte er in ihm seinen -Bruder Iwan. So verließ denn jener bereits Katerina Iwanowna. - -„Ach, du bist es nur,“ sagte Iwan Fedorowitsch trocken. „Nun, leb wohl. -Du gehst zu ihr?“ - -„Ja.“ - -„Das würde ich dir nicht raten. Sie ist ‚erregt‘, und du würdest sie -noch mehr erregen.“ - -„Nein, nein!“ rief plötzlich eine Stimme über ihnen. Katerina Iwanowna -hatte im Augenblick die Tür aufgerissen. „Alexei Fedorowitsch, kommen -Sie von ihm?“ - -„Ja, ich war bei ihm.“ - -„Hat er Sie zu mir geschickt, um mir etwas sagen zu lassen? Treten Sie -bitte ein, Aljoscha, und auch Sie, Iwan Fedorowitsch, kommen Sie -unbedingt zurück, unbedingt! Hö – ren – Sie!“ - -In Katjäs Stimme hatte etwas so Befehlendes geklungen, daß Iwan -Fedorowitsch nach sekundenlangem Zögern sich doch entschloß, wieder -hinaufzugehen, zusammen mit Aljoscha. - -„Sie hat gehorcht!“ brummte er angehalten leise vor sich hin, Aljoscha -aber hörte es doch. - -„Sie gestatten, daß ich im Mantel bleibe,“ sagte er, als er in den Salon -eintrat. „Ich bin nur auf eine Minute zurückgekommen, ich werde mich -nicht setzen.“ - -„Setzen Sie sich, Alexei Fedorowitsch,“ forderte Katerina Iwanowna auf, -obgleich sie selbst gleichfalls stehen blieb. Sie hatte sich in der -Zwischenzeit wenig verändert, nur ihre dunklen Augen glühten und -schienen zu drohen. Aljoscha erinnerte sich später, daß sie an jenem -Abend außerordentlich schön gewesen sein mußte. - -„Was läßt er mir sagen?“ - -„Nur das eine,“ sagte Aljoscha und blickte ihr offen ins Gesicht: „daß -er Sie bittet, sich zu schonen und morgen vor Gericht nichts von ...“ -(er stockte ein wenig) „... von dem zu sagen ... was früher zwischen -Ihnen vorgefallen ist ... in der Zeit Ihrer ersten Bekanntschaft ... in -jener Zeit ...“ - -„Ah so, Sie meinen die Verbeugung ... damals ... für das Geld!“ griff -sie sofort auf und lachte stolz. „Wie, fürchtet er für sich oder für -mich – hm? Er hat also gesagt, ich solle ‚schonen‘ – aber wen denn -schonen? Ihn oder mich? Sagen Sie es doch, Alexei Fedorowitsch.“ - -Aljoscha blickte sie forschend an, bemüht, sie zu verstehen. - -„Sowohl sich selbst wie auch ihn,“ sagte er leise. - -„So so!“ bemerkte sie eigentümlich boshaft, und plötzlich errötete sie -heiß. - -„Sie kennen mich noch nicht, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie drohend, „– -aber auch ich kenne mich noch nicht ganz. Vielleicht werden Sie mich -morgen nach dem Zeugenverhör mit den Füßen zerstampfen wollen.“ - -„Sie werden auf Treu und Gewissen aussagen,“ erwiderte Aljoscha, „und -außer der Ehrlichkeit ist nichts nötig.“ - -„Ein Weib ist häufig unehrlich,“ sagte sie mit zusammengebissenen -Zähnen. „Noch vor einer Stunde glaubte ich, daß es mir schrecklich wäre, -dieses Ungeheuer zu berühren ... als wäre er ein Scheusal ... und doch, -doch ist er noch ein Mensch für mich! Ja hat er denn überhaupt -erschlagen? Hat denn er es getan?“ rief sie plötzlich, fast außer sich -geratend, indem sie sich hastig zu Iwan Fedorowitsch wandte. - -Aljoscha begriff sofort, daß sie dieselbe Frage vielleicht noch vor zwei -Minuten an Iwan gestellt hatte, und nicht zum erstens, sondern zum -hundertstenmal, und daß sein Bruder deswegen fortgegangen war. - -„Ich war bei Ssmerdjäkoff ...,“ fuhr sie fort, Iwan starr ins Gesicht -blickend. „_Du_ bist es, _du_, der mich davon überzeugt hat, daß Mitjä -der Mörder sei! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“ - -Iwan lächelte. Es war aber, als hätte er seine ganze Kraft dazu nötig, -um dieses Lächeln zustande zu bringen. Aljoscha war bei dem unerwarteten -_Du_ zusammengezuckt. Solche Beziehungen zwischen den beiden hatte er -nicht ahnen können. - -„Ich denke, jetzt dürfte es genügen,“ sagte Iwan kurz. „Ich gehe. Morgen -werde ich wiederkommen.“ Und damit verließ er sofort das Zimmer und ging -hinaus. - -Katerina Iwanowna ergriff krampfhaft Aljoschas Hände. Es lag etwas -Befehlendes in ihren Worten, in ihren Bewegungen. - -„Gehen Sie ihm nach! Holen Sie ihn ein! Verlassen Sie ihn keinen -Augenblick,“ flüsterte sie ihm fieberhaft erregt zu. „Er ist wahnsinnig! -Wie, – Sie wissen es noch nicht, daß er wahnsinnig ist? Er hat Fieber, -Nervenfieber! Mir hat es der Doktor gesagt, gehen Sie, laufen Sie ihm -nach ...“ - -Aljoscha verließ sie sofort und eilte seinem Bruder nach. Iwan -Fedorowitsch war kaum fünfzig Schritt gegangen. Er blieb plötzlich -stehen und wandte sich heftig zurück, als er sah, daß Aljoscha ihm -nachlief. - -„Was willst du?“ stieß er rauh hervor. „Sie hat dir befohlen, mir -nachzulaufen, weil ich verrückt sei. Ich kenne das auswendig,“ fügte er -gereizt hinzu. - -„Darin täuscht sie sich natürlich, aber in einem hat sie recht: Du bist -wirklich krank,“ sagte Aljoscha. „Ich habe soeben dein Gesicht bei ihr -gesehen: Du siehst sehr krank aus, Iwan, und du bist es auch.“ - -Iwan ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Aljoscha folgte ihm. - -„Weißt du vielleicht, Alexei Fedorowitsch, wie das ist, wenn man -verrückt wird?“ fragte nach einer Weile Iwan mit einer ganz anderen, -leisen, gar nicht mehr gereizten Stimme, aus der plötzlich die -treuherzigste Neugier hervorklang. - -„Nein, das weiß ich nicht; ich nehme an, daß es sehr verschiedene Arten -von Wahnsinn gibt.“ - -„Kann man aber auch an sich selbst beobachten, wie man verrückt wird?“ - -„Ich glaube, daß man sich selbst in dem Falle nicht mehr gut beobachten -kann.“ Aljoscha wunderte sich. - -Iwan schwieg eine Weile. - -„Wenn du mit mir sprechen willst, so habe die Güte und ändere das -Thema,“ sagte er plötzlich. - -„Hier, um es nicht zu vergessen, ich habe diesen Brief für dich,“ sagte -Aljoscha schüchtern, indem er den Brief Lisas aus der Tasche zog und ihn -dem Bruder reichte. Sie näherten sich gerade einer Laterne. Iwan -erkannte sofort die Handschrift. - -„Ah, das ist von jenem Teufelchen!“ sagte er boshaft auflachend, und -plötzlich, ohne das Kuvert aufzubrechen, zerriß er den ganzen Brief und -warf die Stücke in den Wind. Die kleinen Papierstücke flatterten umher. - -„Noch keine sechzehn Jahre, glaube ich, und schon bietet sie sich an!“ -sagte er verächtlich und schritt weiter. - -„Wieso bietet sie sich an, wie meinst du das?“ fragte Aljoscha erstaunt. - -„Man weiß doch, wie verderbte Frauen sich anbieten.“ - -„Was fällt dir ein, Iwan, was redest du? Das ist doch ein Kind, du -beleidigst ein Kind!“ verteidigte sie Aljoscha eifrig und traurig -zugleich. „Sie ist krank, sogar sehr krank, sie ist vielleicht -gleichfalls dem Wahnsinn nahe ... Ich konnte unmöglich dir den Brief -nicht geben ... Ich, ich wollte von dir noch etwas Näheres hören ... um -sie retten zu können.“ - -„Du wirst nichts von mir hören. Wenn sie noch ein Kind ist, so bin ich -nicht ihre Amme. Schweig, Aljoscha. Sprich nicht mehr davon. An die -denke ich überhaupt nicht.“ - -Sie schwiegen wieder. - -„Jetzt wird sie die ganze Nacht zur Gottesmutter beten, damit diese sie -erleuchte, wie sie morgen vor Gericht aussagen soll,“ sagte Iwan wieder -ganz plötzlich und boshaft. - -„Du ... du sprichst von Katerina Iwanowna?“ - -„Ja. Soll sie als Mitjenkas Retterin oder Verderberin erscheinen! Auf -daß ihre Seele erleuchtet werde, – darum wird sie beten. Sie weiß selbst -noch nicht, was sie tun soll; sie scheint noch nicht Zeit genug gehabt -zu haben, um sich vorzubereiten. Auch sie hält mich für ihre Kinderfrau -und will, daß ich ihr eiapopeia singe.“ - -„Katerina Iwanowna liebt dich, Bruder,“ sagte Aljoscha, den ein -trauriges Gefühl ergriffen hatte. - -„Möglich. Nur begehre ich sie nicht.“ - -„Sie leidet. Warum sagst du ihr dann ... zuweilen ... solche Worte, daß -sie hoffen kann?“ Ein schüchterner Vorwurf lag in Aljoschas Stimme. „Ich -weiß doch, daß du ihr Hoffnung gemacht hast ... verzeih, daß ich so -spreche,“ fügte er ängstlich hinzu. - -„Ich kann hierbei nicht so handeln, wie ich müßte: Kann nicht brechen -und ihr offen alles sagen!“ sprach Iwan gereizt. „Ich muß abwarten, bis -das Urteil über den Mörder gesprochen ist. Wenn ich jetzt mit ihr -bräche, so würde sie aus Rache morgen vor Gericht dieses ... Scheusal -seinem Schicksal überantworten, denn sie haßt ihn, und sie weiß es, daß -sie ihn haßt. Hier ist doch alles Lüge, Lüge auf Lüge aufgebaut! Jetzt -aber, das heißt, solange ich nicht mit ihr gebrochen habe, hofft sie -immer noch und wird daher jenes Ungeheuer nicht verderben, da sie weiß, -wie ich ihn herausziehen will. Wenn doch endlich dieses verdammte Urteil -gesprochen wäre!“ - -Die Worte „Mörder“ und „Ungeheuer“ machten einen schmerzlichen Eindruck -auf Aljoscha. - -„Aber was hat denn Mitjä von ihr zu fürchten?“ fragte er, bemüht, zu -verstehen, was Iwan meinte. „Was kann sie denn so besonders -Verhängnisvolles aussagen, woraufhin er verurteilt werden könnte?“ - -„Das weißt du noch nicht. Sie hat ein Dokument in Händen, Mitjä hat es -selbst geschrieben, das mathematisch klar beweist, daß er Fedor -Pawlowitsch, unseren Vater, erschlagen hat.“ - -„Das ist unmöglich!“ rief Aljoscha aus. - -„Wieso unmöglich? Ich habe es selbst gelesen.“ - -„Ein solches Dokument kann es unmöglich geben!“ wiederholte Aljoscha -erregt im Eifer. „So etwas kann es nicht geben, denn nicht er ist der -Mörder. Nicht er hat den Vater erschlagen, nicht er!“ - -Iwan Fedorowitsch blieb plötzlich stehen. - -„Wer ist dann, deiner Meinung nach, der Mörder?“ fragte er kalt, und es -klang ein hochmütiger Ton in seiner Frage. - -„Du weißt es selbst, wer,“ antwortete Aljoscha leise und ruhig in seiner -Überzeugung. - -„Wer? Meinst du etwa die Fabel von dem irrsinnigen Idioten, dem -Epileptiker? Meinst du Ssmerdjäkoff?“ - -Aljoscha fühlte, wie er plötzlich am ganzen Körper zitterte. - -„Du weißt es selbst, wer,“ kam es kraftlos aus ihm heraus. Er konnte -kaum atmen. - -„Aber wer denn, wer?“ schrie ihn Iwan wild auffahrend an. Seine ganze -Zurückhaltung war plötzlich verschwunden. - -„Ich weiß nur das eine,“ sagte Aljoscha immer noch im selben kraftlosen, -gleichsam betäubten Flüsterton: „– _nicht du_ hast den Vater -erschlagen.“ - -„‚Nicht du!‘ Was heißt das, nicht du?“ Iwan stand wie erstarrt vor -seinem Bruder. - -„Nicht du hast den Vater erschlagen, _nicht du, nicht du_!“ wiederholte -Aljoscha fest. - -Sie schwiegen. Lange dauerte das Schweigen. - -„Ich weiß es doch selbst, daß nicht ich es getan habe, redest du im -Fieber?“ sprach schließlich Iwan, und er lächelte ein bleiches, -verzerrtes Lächeln. - -Er hatte sich mit den Blicken gleichsam festgesogen an den Bruder. Sie -standen sich beide wieder bei einer Straßenlaterne gegenüber. - -„Nein, Iwan, du hast dir selbst mehrmals gesagt, daß du der Mörder -seiest.“ - -„Wann habe ich es gesagt? ... Ich war in Moskau ... Wann habe ich es -gesagt?“ stotterte Iwan mit abirrendem Blick. - -„Du hast es dir mehr als einmal gesagt, wenn du in diesen schrecklichen -zwei Monaten allein warst,“ fuhr Aljoscha wieder leise und deutlich -fort. Er sprach aber schon, als wenn er nicht mehr bei voller Besinnung -wäre, als wenn es nicht sein Wille wäre, der ihn sprechen ließ, sondern, -als gehorche er einem fremden Befehle, vielleicht fast gegen seinen -Willen. „Du hast dich beschuldigt und hast dir gesagt, daß der Mörder -kein anderer sein könne als du. Aber nicht du hast ihn erschlagen, da -irrst du dich, nicht du bist der Mörder, hörst du mich, _nicht du_! Mich -hat Gott gesandt, dir das zu sagen.“ - -Beide schwiegen sie. Lange dauerte dieses Schweigen. Sie standen und -blickten sich noch immer in die Augen. Beide waren sie bleich. Plötzlich -überlief Iwan ein Zittern, und er packte Aljoscha krampfhaft an der -Schulter. - -„Du bist bei mir gewesen!“ stieß er in wutknirschendem Geflüster hervor. -„Du bist bei mir gewesen, nachts, als er zu mir kam ... Gestehe es ... -Hast du ihn gesehen, hast du ihn gesehen?“ - -„Von wem redest du ... von Mitjä?“ fragte Aljoscha verwundert. - -„Ach, nicht von ihm rede ich, zum Teufel mit diesem Scheusal!“ keuchte -Iwan außer sich. „Weißt du denn, daß er zu mir kommt? Wie hast du das -erfahren, sprich!“ - -„Welcher ‚er‘? Ich weiß nicht, von wem du sprichst,“ stotterte Aljoscha -erschrocken. - -„Das ist nicht wahr, du weißt es ... wie hättest du sonst ... es kann -nicht sein, daß du es nicht weißt ...“ - -Da war es, als ob er plötzlich an sich hielt. Er stand und schien -nachzudenken. Ein eigentümliches, vielleicht etwas spöttisches Lächeln -bog seine Lippen. - -„Bruder,“ sagte endlich Aljoscha und seine Stimme bebte, „ich habe es -dir nur darum gesagt, weil du meinen Worten glauben wirst, das weiß ich. -Ich habe es dir fürs ganze Leben gesagt, dieses ‚_nicht du_‘! Hörst du, -fürs ganze Leben. Und mir hat Gott auf die Seele gelegt, dir diese Worte -zu sagen, selbst wenn du mich auch von nun an dein ganzes Leben lang -hassen solltest ...“ - -Doch Iwan Fedorowitsch schien sich bereits wieder ganz in der Gewalt zu -haben. - -„Alexei Fedorowitsch,“ sagte er mit einem kalten Lächeln, und zum -erstenmal sagte er zu seinem Bruder „Sie“, „mir ist nichts so zuwider -wie Propheten und Epileptiker, besonders aber wie Abgesandte Gottes, und -das wissen Sie ja auch selbst sehr gut. Von diesem Augenblicke an breche -ich mit Ihnen, und zwar, denke ich, für immer. Ich bitte Sie, mich hier -an diesem Kreuzweg unverzüglich zu verlassen. Übrigens ist das auch der -Weg, der zu Ihrer Wohnung führt. Besonders hüten Sie sich, heute noch -einmal zu mir zu kommen. Ich denke, wir haben uns verstanden?“ - -Er wandte sich von ihm ab und ging festen Schrittes weiter, ohne sich -noch einmal umzusehen. - -„Bruder,“ rief ihm Aljoscha nach, „wenn sich heute etwas mit dir -ereignet, so denke an mich und meine Worte! ...“ - -Iwan Fedorowitsch antwortete nicht. Aljoscha blieb noch an der -Straßenecke bei der Laterne stehen und sah seinem Bruder nach, bis -dessen Gestalt sich in der Dunkelheit verloren hatte. Darauf kehrte auch -er um und bog in die Querstraße ein, um in seine Wohnung zu gehen. Iwan -Fedorowitsch und Aljoscha wohnten jeder für sich, in verschiedenen -Häusern: keiner von ihnen hatte in dem vereinsamten Hause Fedor -Pawlowitsch wohnen wollen. Aljoscha hatte sich ein möbliertes Zimmer in -einer ärmeren Familie gemietet; Iwan Fedorowitsch dagegen, der ziemlich -weit von ihm wohnte, hatte eine geräumige und komfortable Wohnung -gemietet, im Flügel eines schönen Hauses, das einer wohlhabenden -Beamtenwitwe gehörte. Doch in diesem ganzen Flügel bediente ihn nur eine -fast taube, alte, von Gicht verzogene Dienstmagd, die schon um sechs Uhr -abends zu Bett ging und um sechs Uhr morgens aufstand. Iwan Fedorowitsch -wurde in diesen zwei Monaten fast wie ein Sonderling bescheiden in -seinen Ansprüchen. Er blieb am liebsten ganz allein in seinen Zimmern. -Ja, in dem einen Zimmer, in das er sich gewöhnlich zurückzog, räumte er -sogar eigenhändig auf, und die übrigen Räume seiner Wohnung betrat er -nur äußerst selten. Als er jetzt bei der Haustür angelangt war und schon -den Griff der Klingel erfaßt hatte, ließ er die Hand plötzlich wieder -sinken. Er fühlte, daß er immer noch am ganzen Körper bebte. Plötzlich -stampfte er wütend mit dem Fuß auf, wandte sich um und ging eilig wieder -fort. Er begab sich an das entgegengesetzte Ende der Stadt, das etwa -zwei Werst von seiner Wohnung entfernt war, zu einem kleinen, vor Alter -schief gewordenen Häuschen, dessen Balken von außen nicht einmal mit -Brettern bekleidet waren. Dort wohnte Marja Kondratjewna – die frühere -Nachbarin Fedor Pawlowitschs, die von Marfa Ignatjewna immer Suppe -geholt, und der Ssmerdjäkoff auf der Gitarre vorgespielt hatte. Ihr -früheres Haus hatte die Mutter inzwischen verkauft, und jetzt lebten die -beiden Frauen in dieser kleinen Hütte am Rande der Stadt. Bei ihnen -wohnte seit einiger Zeit auch Ssmerdjäkoff, der seit dem Tode Fedor -Pawlowitschs sehr krank war. Zu ihm ging Iwan Fedorowitsch. Ihm war -plötzlich ein Gedanke gekommen, den er nicht mehr loswerden konnte. - - - VI. - Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff - -Es war jetzt das drittemal, daß Iwan Fedorowitsch nach seiner Rückkehr -aus Moskau zu Ssmerdjäkoff ging, um mit ihm zu sprechen. Das erstemal -hatte er ihn am Tage seiner Ankunft gesprochen, und dann hatte er ihn, -ungefähr zwei Wochen darauf, noch einmal besucht. Doch nach dieser -zweiten Zusammenkunft hatte er seine Besuche bei Ssmerdjäkoff -eingestellt, und so war denn jetzt bereits mehr als ein Monat vergangen, -daß er ihn nicht mehr gesehen hatte. Iwan Fedorowitsch war damals erst -am fünften Tage nach dem Tode des Vaters aus Moskau hier eingetroffen, -so daß dieser inzwischen schon beerdigt worden war: die Beerdigung hatte -schon am Tage vor seiner Ankunft stattgefunden. Der Grund dieser -Verspätung Iwan Fedorowitschs lag darin, daß Aljoscha, der nicht wußte, -wohin er telegraphieren sollte, zu Katerina Iwanowna geeilt war, um von -ihr seine Adresse zu erfahren. Katerina Iwanowna aber hatte sie -gleichfalls nicht gewußt, dafür aber sofort an ihre Stiefschwester nach -Moskau die Nachricht telegraphiert, in der Hoffnung, daß Iwan -Fedorowitsch bald nach seiner Ankunft zu ihrer Tante gehen werde. Iwan -war jedoch erst am vierten Tage zu ihnen gegangen und war dann natürlich -nach Empfang des Telegramms sofort zurückgefahren. Hier traf er zuerst -mit Aljoscha zusammen, doch war er, nachdem er mit ihm über das -Geschehnis gesprochen hatte, sehr verwundert gewesen, daß jener den -Bruder nicht einmal verdächtigen wollte, sondern ohne weiteres auf -Ssmerdjäkoff als auf den Mörder des Vaters hinwies – was den -Überzeugungen aller übrigen gerade widersprach. Und als er darauf den -Polizeichef und den Staatsanwalt gesprochen und die näheren Umstände der -Verhaftung und alle anklagenden Aussagen erfahren hatte, da hatte er -sich noch mehr über Aljoschas Behauptung gewundert und sich schließlich -diese hartnäckige, „blinde“ Parteinahme mit dem aufs höchste -gesteigerten brüderlichen Mitleid und seiner großen Liebe erklärt. Iwan -wußte, wie sehr Aljoscha Mitjä liebte. Bei der Gelegenheit will ich noch -ein paar Worte über die Empfindungen sagen, die Iwan für seinen Bruder -Dmitrij Fedorowitsch hegte: er liebte ihn entschieden nicht, und wenn er -auch zuweilen viel, viel Mitleid mit ihm haben konnte, so war doch -dieses Mitleid mit großer Verachtung untermischt, einer Verachtung, die -sich zuweilen bis zum Ekel steigern konnte. Mitjä war ihm physisch -unangenehm, und die Liebe Katerina Iwanownas zu Mitjä rief in Iwan nur -Unwillen hervor. - -Am selben Tage nach seiner Rückkehr hatte er auch Mitjä im Gefängnis -besucht, und dieses Wiedersehen hatte in ihm die Überzeugung von Mitjäs -Schuld nicht etwa geschwächt, sondern ihn noch mehr von ihr überzeugt. -Er hatte den Bruder in geradezu krankhafter Erregung angetroffen. Mitjä -war ungewöhnlich gesprächig, doch sehr zerstreut und unstet gewesen, -hatte sehr schroff gesprochen, immer wieder Ssmerdjäkoff beschuldigt und -sich nach jedem Satz verwirrt. Am meisten hatte er von jenen dreitausend -Rubeln gesprochen, die der Vater von ihm „gestohlen“ hätte. - -„Dieses Geld im Kuvert gehörte mir, mir,“ behauptete Mitjä, „so wäre -ich, selbst wenn ich es genommen hätte, im Recht.“ - -Alle Beweise, die gegen ihn sprachen, bestritt er so gut wie gar nicht, -und wenn er eine Tatsache zu seinen Gunsten erklären wollte, so sprach -er wiederum auffallend zerstreut und unlogisch. Überhaupt machte er -stets den Eindruck, als wolle er sich nicht einmal rechtfertigen, weder -vor Iwan, noch vor sonst jemandem: er ärgerte sich nur, verachtete stolz -die Anklagen, fluchte und brauste auf. Über die Aussage Grigorijs in -betreff der offenen Tür lachte er nur verächtlich und beteuerte, der -Teufel habe sie aufgemacht, konnte aber keinen einzigen klaren Beweis -diesem Zeugnisse des Dieners entgegenstellen. Ja, während dieses ersten -Wiedersehens hatte er sogar Iwan Fedorowitsch beleidigt: er sagte ihm -plötzlich in schneidend scharfem Tone, daß es denen nicht zustände, ihn -zu verdächtigen, die selbst behaupteten, „alles sei erlaubt“. Kurz, er -war sehr unfreundlich zu ihm gewesen. – Gleich nach diesem Wiedersehen -war Iwan Fedorowitsch dann auch zu Ssmerdjäkoff gegangen. - -Schon auf der Rückfahrt hatte er die ganze Zeit im Waggon an -Ssmerdjäkoff und sein letztes Gespräch mit ihm am Abend vor seiner -Abreise gedacht. Vieles hatte ihn beunruhigt, vieles war ihm verdächtig -erschienen. Als er aber darauf vom Untersuchungsrichter verhört worden -war, hatte er vorläufig nichts von diesem Gespräch gesagt. Er hatte das -noch hinausgeschoben, um unter Umständen nach der Unterredung mit -Ssmerdjäkoff darauf zu sprechen zu kommen. Ssmerdjäkoff befand sich -damals im Stadtkrankenhause. Doktor Herzenstube und auch der Kreisarzt -Warwinskij, den Iwan Fedorowitsch im Krankenhause antraf, antworteten -ihm auf seine wiederholten Fragen auf das bestimmteste, daß die Echtheit -der Ssmerdjäkoffschen Epilepsieanfälle nicht dem geringsten Zweifel -unterliege, und sie wunderten sich nur über die sonderbare Frage: „hat -er nicht am Tage der Katastrophe den Anfall simuliert?“ Sie gaben ihm zu -verstehen, daß dieser Anfall sogar ein ganz außergewöhnlicher gewesen -sei, mehrere Tage lang angedauert und sich immer noch wiederholt habe, -so daß sogar das Leben des Patienten entschieden in Gefahr gewesen sei, -und daß man erst jetzt, nach den ergriffenen Maßregeln, sagen könne, daß -der Kranke am Leben bleiben werde, – „obgleich sehr möglich ist,“ fügte -Doktor Herzenstube noch bedächtig hinzu, „daß seine Vernunft teilweise -zerrüttet bleibt, wenn auch nicht fürs ganze Leben, so doch ziemlich -lange.“ Aber auf die ungeduldige Frage Iwan Fedorowitschs: „Dann ist er -also augenblicklich verrückt?“ wurde ihm die Antwort zuteil, daß man so -etwas im vollen Sinne des Wortes nicht sagen könne, daß sich aber -bereits gewisse Anormalitäten konstatieren ließen. Iwan Fedorowitsch -beschloß, sich selbst davon zu überzeugen, was das für Anormalitäten -wären. Im Krankenhause wurde er ohne weiteres zugelassen. Ssmerdjäkoff -befand sich in einem Zimmer für nur zwei Personen und lag da auf einem -harten Krankenhausbett. Daselbst befand sich noch ein anderes Bett, das -ein städtischer Kleinbürger einnahm, ein gelähmter, alter Mann, der von -der Wassersucht ganz geschwollen war und keine zwei Tage mehr leben -konnte – die Unterredung konnte er nicht stören. Ssmerdjäkoff lächelte -zweideutig, als er Iwan Fedorowitsch erblickte, in der ersten Sekunde -schien er sogar etwas erschrocken zu sein. Wenigstens schien es Iwan -Fedorowitsch so. Doch das war vielleicht nur eine Sekunde lang der Fall, -während der ganzen übrigen Zeit überraschte ihn Ssmerdjäkoff geradezu -durch seine Ruhe. Schon beim ersten Blick auf ihn überzeugte sich Iwan -Fedorowitsch, daß er tatsächlich krank war: man sah es ihm an, daß er -schwach war; er sprach langsam und schien gleichsam nur mit Mühe die -Zunge zu bewegen; er war sehr abgemagert und im Gesicht ganz gelb. -Während der Unterredung, die etwa zwanzig Minuten dauerte, klagte er -über Kopfschmerz und Gliederreißen. Sein trockenes, an Kastraten -erinnerndes Gesicht schien ganz klein geworden zu sein; die früher -peinlich gebürsteten Schläfenhaare waren struppig und borstig, und statt -des kunstvoll aufgedrehten Haarbüschels über dem Scheitel, starrte nur -ein einziges mageres Strähnlein empor. Aber sein zugekniffenes linkes -Auge, das beständig zu zwinkern schien, als wolle es einen Wink geben, -verriet sofort den früheren Ssmerdjäkoff. „Mit einem klugen Menschen ist -auch das Reden ein Genuß,“ fiel es Iwan Fedorowitsch beim Anblick dieses -linken Auges ein. Er setzte sich am Fußende des Lagers auf eine kleine -Holzbank. Ssmerdjäkoff bewegte seinen Körper mit leidender Miene auf dem -Bett, begann aber nicht als erster zu sprechen: er schwieg, und auch -sonst blickte er drein, als errege der Besuch nicht sehr seine Neugier. - -„Kannst du mit mir sprechen?“ fragte Iwan Fedorowitsch, „ich werde dich -nicht gar zu sehr ermüden.“ - -„Das kann ich sehr wohl,“ sagte Ssmerdjäkoff gleichsam kauend und mit -müder Stimme. „Geruhtet Ihr schon vor langer Zeit anzukommen?“ fügte er -nach einer Weile gnädig hinzu, als wolle er dem verlegen gewordenen -Besucher helfen, über das Peinliche hinwegzukommen. - -„Nein, erst heute ... um den Brei, den ihr hier eingerührt habt, -auszulöffeln.“ - -Ssmerdjäkoff seufzte. - -„Warum seufzt du, du wußtest es doch?“ fuhr ihn Iwan Fedorowitsch zornig -an. - -Ssmerdjäkoff schwieg hartnäckig. - -„Wie hätte man’s denn nicht wissen sollen? Das war doch im voraus klar -zu sehen. Wie aber konnte man ahnen, daß es auf selbige Manier kommen -würde!“ - -„Was kommen würde? Du, mach keine Finten, das sage ich dir! Du hast es -doch vorausgesagt, daß du beim Hinabsteigen in den Keller einen Anfall -bekommen würdest? Gerade ‚in den Keller‘ hast du gesagt.“ - -„Habt Ihr das im Verhör schon ausgesagt?“ fragte Ssmerdjäkoff ruhig mit -scheinbar nur halbem Interesse. - -Iwan Fedorowitsch ärgerte sich plötzlich und geriet in Wut. - -„Nein, noch habe ich nichts davon gesagt, aber ich werde es bestimmt -tun. Du wirst mir, mein Lieber, noch vieles sofort erklären müssen, und -wisse, daß ich nicht mit mir zu spielen erlaube!“ - -„Von wegen wessen sollte ich denn selbiges tun wollen, wenn ich doch -meine ganze Hoffnung nur auf Euch, wie auf Gott den Herrn selber, -gesetzt habe!“ sagte Ssmerdjäkoff gleichmäßig ruhig, indem er nur auf -einen Augenblick die Äuglein schloß. - -„Erstens,“ begann Iwan Fedorowitsch und rückte ihm näher, „ich weiß, daß -man bei der Fallsucht nicht voraussagen kann, daß man dann und dann -einen Anfall haben wird. Ich habe mich erkundigt, mach also keine Faxen. -Tag und Stunde kann man nie voraussagen. Wie nun konntest du mir damals -Tag, Stunde und auch noch das mit dem Keller voraussagen? Wie konntest -du im voraus wissen, daß du im Anfall gerade in diesen Keller -hinabstürzen würdest, – wenn du später den Anfall nicht absichtlich -vorgespielt haben willst?“ - -„In selbigen Keller hatte ich sowieso mannigfach zu gehen, sogar -mehrmals am Tage,“ sagte Ssmerdjäkoff, indem er die Worte langsam in die -Länge zog. „Akkurat so bin ich auch vor einem Jahr vom Hausboden -herabgeflogen. Und was das Vorhersagen angeht, so ist es ganz richtig, -daß man nicht Tag und Stunde voraussagen kann, aber ein Vorgefühl kann -man doch alleweil voraushaben.“ - -„Du aber hast ja sogar die Stunde richtig vorausgesagt!“ - -„Was meine selbige Krankheit anbetrifft, so wär’s doch am besten, Ihr -erkundigt Euch, Herr, bei den hiesigen Doktoren, ob es ein echter Anfall -war oder ein unechter, dieweil ich Euch über selbige Frage nichts mehr -zu sagen habe.“ - -„Aber der Keller? Wie hast du denn den Keller vorausgewußt?“ - -„Was Ihr doch alleweil an diesem Keller habt! Wie ich damals so in den -Keller hinabstieg, war ich in Angst und Zweifel befangen. Wie sollte ich -auch selbiges nicht sein, sintemal ich doch Eurer beraubt war und auf -niemandes in der ganzen Welt weder Schutz noch Schirm mehr bauen konnte. -Und wie ich so in selbigen Keller hinabsteige, denke ich akkurat: ‚Jetzt -wird er gleich kommen – selbigen Anfall meine ich, – was: Werde ich -hinunterfallen oder nicht?‘ Und grad von selbiger Angst packte mich im -Moment jene unvermeidliche Zange an den Hals, welche die Ärzte Spasmus -nennen ... und so flog ich denn kopfüber. Das alles und desgleichen auch -das ganze Gespräch am Vorabend mit Euch am Hoftor, wie ich Euch meine -Angst mannigfach erklärte, und auch selbiges vom Keller, – das alles -habe ich dem Herrn Doktor Herzenstube und dem Untersuchungsrichter -Nikolai Parfenowitsch Neljudoff ganz genau erklärt, und das ist alles -aufgeschrieben worden. Und was der hiesige Doktor ist, Herr Warwinskij, -so hat er es den Herren erklärt, daß der Anfall auch genau so gekommen -sein muß – also mit von meinem selbigen Gedanken: ‚werde ich nun -hinabfallen oder nicht?‘ Und da hatte mich denn der Anfall erfaßt. So -hat man es auch aufgeschrieben, daß es akkurat so hat geschehen müssen, -alsomit dieweil ich so gedacht habe und von selbiger großen Angst.“ - -Nachdem Ssmerdjäkoff langsam seine Rede zu Ende gezogen hatte, holte er, -scheinbar unter der Erschöpfung schwer leidend, tief Atem. - -„So hast du das schon dem Untersuchungsrichter gesagt?“ fragte Iwan -Fedorowitsch etwas verdutzt. Er hatte ihn gerade damit schrecken wollen, -daß er von ihrem Gespräch am Vorabend Mitteilung machen werde, und nun -erfuhr er plötzlich, daß jener schon selbst alles mitgeteilt hatte. - -„Was habe ich denn zu fürchten? Mögen sie doch die ganze wahrhaftige -Wahrheit aufschreiben,“ sagte Ssmerdjäkoff fest und ruhig. - -„Und auch unser Gespräch am Hoftor hast du Wort für Wort wiedergegeben?“ - -„N–nein, n–nicht gerade Wort für Wort.“ - -„Und daß du einen Anfall vorzuspielen verstehst, wie du dich damals -dessen vor mir rühmtest, gleichfalls nicht?“ - -„Nein, das habe ich alsomit gleichfalls nicht gesagt.“ - -„Jetzt sage du mir, warum du damals wolltest, daß ich nach -Tschermaschnjä führe?“ - -„Dieweil ich fürchtete, daß Ihr nach Moskau fahren würdet, nach -Tschermaschnjä aber war es doch alleweil näher.“ - -„Du lügst, du selbst hast mich noch gebeten, fortzufahren: ‚Fahrt doch,‘ -sagtest du, ‚fahrt doch von der Sünde fort‘!“ - -„Dies habe ich damals einzig und allein von wegen meiner Freundschaft -und herzlichen Ergebenheit gesagt, dieweil ich doch selbiges Unglück im -Hause ahnte, alsomit geschah es denn aus Mitleid mit Euch. Nur hatte ich -alleweil mit mir selber noch mehr Mitleid. Und so sagte ich denn: Fahrt -fort von der Sünde – damit Ihr hinwiederum auf selbige Manier begreift, -daß es im Hause sonst was geben wird und Ihr hierbliebet, um den Vater -zu beschützen.“ - -„So hättest du es doch deutlich sagen sollen, Schafskopf!“ brauste Iwan -Fedorowitsch plötzlich auf. - -„Wie wäre es denn deutlicher noch möglich gewesen? Nur die Angst allein -sprach in mir, und dann hättet Ihr auch darüber ungehalten sein können. -Ich konnte wohl, wie sich von selbst versteht, befürchten, daß Dmitrij -Fedorowitsch einen Skandal machen werde, um sich selbiges Geld, wenn -nicht anders, so per Gewalt zu verschaffen, da sie doch jene Dreitausend -für gerade so gut wie ihr eigenes Kapital hielten, aber wer konnte denn -wissen, daß es mit solchem Mord und Totschlag endigen würde? Ich dachte -alleweil, sie würden selbiges Geld, das beim Herrn unter der Matratze in -einem versiegelten Kuvert lag, nur wegnehmen, sie aber haben nun noch -obendrein erschlagen. Wo solltet denn auch Ihr das vorauswissen können, -Herr?“ - -„Du sagst also, daß ich es nicht vorauswissen konnte,“ – Iwan -Fedorowitsch überlegte, er strengte sich an, hinter den Sinn der Worte -Ssmerdjäkoffs zu kommen – „wie hätte ich es dann aus deinen -widersprechenden Andeutungen erraten sollen, und mich auf Grund -derselben entschließen können, hierzubleiben? Was faselst du da?“ - -„Ihr hättet selbiges schon allein daraus erraten können, daß ich Euch -riet, nach Tschermaschnjä, anstatt nach Moskau zu fahren.“ - -„Wieso hätte ich es daraus erraten können?“ - -„Ihr hättet es Euch sehr wohl schon allein aus selbigem Grunde sagen -können, daß ich, wenn ich Euch von Moskau auf Tschermaschnjä ablenken -wollte, es alsomit bedeutete, daß ich Eure Gegenwart hier möglichst in -der Nähe wissen wollte, sintemal Moskau weit ist, Dmitrij Fedorowitsch -dahingegen, wenn sie Euch immerhin in der Nähe wissen, nicht so sehr -ermutigt sein würden. Und auch mich hättet Ihr im Fall von irgend etwas -schneller verteidigen können, dieweil es von Tschermaschnjä näher ist. -In selbigem Gedanken habe ich Euch dann auch auf Grigorij -Wassiljewitschs Krankheit aufmerksam gemacht und desgleichen auch auf -meine mannigfachen Befürchtungen von wegen der Fallsucht. Und dieweil -ich Euch auch von selbigen Zeichen erzählte, mittels welcher man zum -alten Herrn eindringen konnte, da sie daraufhin ohne weiteres aufgemacht -hätten, und daß selbige Zeichen auch Dmitrij Fedorowitsch durch mich -bekannt geworden waren, glaubte ich, daß Ihr dann selber alsomit erraten -würdet, daß Dmitrij Fedorowitsch was anstellen könnten, und Ihr dann -nicht etwa nur nach Tschermaschnjä, sondern überhaupt nicht verreisen -würdet.“ - -„Der Kerl spricht ja auffallend logisch, wenn er auch seine Worte nur so -kaut,“ dachte Iwan Fedorowitsch bei sich. „Von was für einer Zerrüttung -der Vernunft spricht denn Herzenstube?“ - -Und Iwan Fedorowitsch brauste auf: „Überlisten willst du mich, Teufel -du!“ Er ärgerte sich maßlos. - -„Und ich muß hinwiederum gestehen, ich dachte, daß Ihr alles erraten -hättet,“ erwiderte Ssmerdjäkoff mit der offenherzigsten Miene. - -„Wenn ich es erraten hätte, dann wäre ich doch hiergeblieben!“ rief Iwan -Fedorowitsch wieder heftig auffahrend. - -„Nun ja, ich aber dachte, daß Ihr, dieweil Ihr alles erraten hättet, so -schnell als möglich von der Sünde fortreistet, einzig um alsomit nur -irgendwohin von ihr wegzukommen und sich in der Angst zu retten.“ - -„Du glaubtest, daß alle so feige sind wie du?“ - -„Verzeiht, ich glaubte, daß auch Ihr so seid, wie auch ich bin.“ - -„Natürlich, ich hätte es erraten sollen,“ sagte Iwan erregt, „und ich -erriet ja schließlich auch, daß von dir irgend etwas Verfluchtes zu -erwarten war ... Nur lügst du, wieder lügst du!“ rief er aufgebracht – -ihm war etwas eingefallen – „weißt du noch, wie du an den Wagen -herantratst und sagtest: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden -ein Genuß.‘ Also freutest du dich darüber, daß ich fortfuhr, denn sonst -hättest du doch nicht meinen Entschluß gelobt!“ - -Ssmerdjäkoff seufzte und seufzte dann noch einmal. In sein Gesicht -schien plötzlich etwas Farbe gekommen zu sein. - -„Wenn ich froh war,“ sagte er mit etwas knappem Atem, „so war ich -selbiges nur deswegen, weil Ihr eingewilligt hattet, wenigstens nicht -nach Moskau, sondern nur nach Tschermaschnjä zu fahren; das war aber -doch immerhin näher. Nur habe ich Euch selbige Worte nicht wie ein Lob -gesagt, sondern vorwürfig. Das habt Ihr nur, wie’s scheint, nicht -begriffen.“ - -„Wieso ‚vorwürfig‘ – was willst du damit sagen?“ - -„Daß Ihr, wiewohl Ihr alles vorausfühltet, dennoch Euren leiblichen -Vater verlassen und uns allesamt nicht beschützen wolltet, dieweil man -mich doch von wegen selbiger Dreitausend immer hineinziehen konnte, -sozusagen, daß ich sie gestohlen hätte.“ - -„Der Teufel hole dich!“ fluchte wieder Iwan. „Halt! Hast du auch das von -diesen Zeichen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt -mitgeteilt?“ - -„Alles, wie es war, habe ich mitgeteilt.“ - -Iwan Fedorowitsch wunderte sich wieder über ihn. - -„Wenn ich mir damals irgendwelche Gedanken machte, so geschah das einzig -in bezug auf dich. Daß Dmitrij Fedorowitsch jemanden erschlagen könnte, -das wußte ich, daß er aber stehlen würde – das habe ich keinen -Augenblick geglaubt ... Dich aber hielt ich zu jeder Gemeinheit fähig. -Du sagtest mir doch selbst, daß du einen epileptischen Anfall -vortäuschen könntest – wozu sagtest du mir das?“ - -„Nur von wegen meiner Treuherzigkeit. Und ich habe noch nie in meinem -Leben einen Anfall mit Absicht gemacht oder, wie Ihr sagt, vorgetäuscht; -ich sagte selbiges nur so selbentlich, ich wollte dummerweise damit -großtun. Ich hatte Euch damals gar zu lieb gewonnen, und so sprach ich -denn mit Euch in ganzer Aufrichtigkeit.“ - -„Mein Bruder aber beschuldigt gerade dich sowohl des Mordes, wie des -Diebstahls.“ - -„Was bleibt ihnen denn sonst übrig?“ Ssmerdjäkoff lächelte bitter. „Aber -wer wird ihnen denn glauben nach allen Beweisen? Grigorij Wassiljewitsch -hat doch mit eigenen Augen gesehen, daß die Tür offen war, was ist da -jetzt noch zu wollen! Aber was, Gott mit ihnen! Sie zittern doch für die -eigene Haut ...“ - -Er verstummte und lag eine Weile ganz still. Plötzlich fügte er, als -hätte er sich ein wenig bedacht, noch hinzu: - -„Wenn man’s so nimmt, ist ja noch eines dabei zu bedenken: Dmitrij -Fedorowitsch wollen alleweil die Schuld auf mich abwälzen, – das habe -ich auch schon mannigfach gehört; aber wenn Ihr schon bloß das eine -selbst bedenkt, selbiges, daß ich ein Meister sei im Vorspielen eines -solchen Anfalles, so sagt doch selbst, ob ich Euch dies gesagt hätte, -wenn ich in Wahrheit so eine Absicht in betreff Eures Vaters gehabt -hätte? Wenn man schon einmal so eine Absicht hat, wer wird dann noch so -dumm sein und selber so etwas aussprechen, womit man ihn doch später mit -Leichtigkeit hineinlegen kann – und das dann noch dem leiblichen Sohne, -erbarmt Euch! Ist denn das wahrscheinlich? Das ist doch, nach jeder -Wahrscheinlichkeit, nie und nimmer möglich. Dieses Gespräch hört jetzt -keine lebende Seele, außer der Vorsehung, aber wenn Ihr selbiges dem -Staatsanwalt oder dem Untersuchungsrichter mitteilen wolltet, so könntet -Ihr mich auf diese Manier gewaltig verteidigen: Denn was ist denn das -für ein Räuber und Mörder, der noch kurz vorher so gutmütig offenherzig -ist? Das wird man, denke ich, wohl ohne mannigfache Schwierigkeiten -begreifen.“ - -„Hör mal,“ unterbrach Iwan Fedorowitsch, nicht wenig verdutzt durch die -letzten klaren Worte Ssmerdjäkoffs, und indem er sich erhob, „ich -verdächtige dich durchaus nicht, ich finde es sogar lächerlich, dich zu -beschuldigen ... im Gegenteil, ich danke dir, daß du mich beruhigt hast. -Ich gehe jetzt, aber ich werde wiederkommen. Also auf Wiedersehen und -werde bald gesund. Brauchst du vielleicht irgend etwas?“ - -„Danke ergebenst. Marfa Ignatjewna vergißt mich nicht und besorgt mir -alles, wenn ich wessen bedarf, wie sie immer in ihrer Güte tut. Und gute -Menschen besuchen mich alleweil.“ - -„Dann auf Wiedersehen. Ich werde übrigens davon, daß du die Anfälle -simulieren kannst, nichts sagen ... und auch dir rate ich, darüber zu -schweigen,“ fügte Iwan Fedorowitsch plötzlich aus irgendeinem Grunde -noch hinzu. - -„Das verstehe ich sehr gut. Und wenn Ihr das nicht sagen wollt, so werde -auch ich unser ganzes Gespräch dazumal am Hoftor nicht vermelden ...“ - -Iwan Fedorowitsch verließ bei diesen Worten bereits das Zimmer, und erst -nachdem er schon ein Stück durch den Korridor gegangen war, wurde er -sich plötzlich bewußt, daß sich in diesen letzten Worten Ssmerdjäkoffs -wieder jener beleidigende Sinn einer uneingestandenen Mitwisserschaft -verbarg. Schon wollte er umkehren, aber da verflog der Gedanke auch -schon; er murmelte nur „Dummheiten!“ vor sich hin und verließ mit -schnellen Schritten das Krankenhaus. Die Hauptsache war, daß er sich -tatsächlich beruhigt fühlte, und zwar beruhigte ihn ausschließlich der -eine Umstand, daß er sich überzeugt hatte, nicht Ssmerdjäkoff, sondern -sein Bruder Mitjä sei der Schuldige, obgleich man meinen sollte, daß -diese Überzeugung das Gegenteil bewirkt haben müßte. Warum das aber mit -ihm so war, das wollte er im Augenblick nicht weiter untersuchen, er -empfand sogar Ekel bei dem Gedanken, wieder in seinem Inneren wühlen und -über seine Gefühle nachgrübeln zu müssen. Es war ihm, als wolle er -irgend etwas schneller vergessen. In den darauf folgenden Tagen -überzeugte er sich endgültig von der Schuld des Bruders, nachdem er sich -von allen erdrückenden Beweisen und Zeugenaussagen eingehender hatte -unterrichten lassen. Es lagen allerdings Aussagen vor, die geradezu -niederschmetternd waren, so zum Beispiel die von Fenjä und deren -Großmutter. Von den Aussagen Perchotins, der Plotnikoffschen Kommis, der -Zeugen aus Mokroje gar nicht zu reden. Das Erdrückendste waren die -kleinen unumstößlichen Tatsachen. Die Mitteilung von den geheimen -Zeichen traf die Juristen fast im selben Maße, wie Grigorijs Aussage in -betreff der offenen Tür. Marfa Ignatjewna behauptete auf Iwan -Fedorowitschs Frage, daß Ssmerdjäkoff die ganze Nacht hinter der dünnen -Bretterwand in ihrem Zimmer, ungefähr nur drei Schritt von ihrem Bett -entfernt, gelegen hätte, und daß sie, wenn sie auch sonst fest -geschlafen habe, doch mehrmals durch sein fortwährendes Gestöhn -aufgewacht sei: „Die ganze Zeit hat er gestöhnt, die ganze Zeit,“ schloß -sie überzeugt. Als Iwan Fedorowitsch Doktor Herzenstube seine -Beobachtung mitteilte, nämlich, daß Ssmerdjäkoff ihm durchaus nicht -irgendwie schwachsinnig erscheine, sondern nur körperlich angegriffen, -rief er bei dem alten Deutschen nur ein feines Lächeln hervor. „Aber -wissen Sie auch, womit er sich jetzt ganz besonders beschäftigt?“ fragte -er Iwan Fedorowitsch lächelnd, „französische Vokabeln lernt er -auswendig! Unter seinem Kopfkissen liegt ein Heft, in dem französische -Worte mit russischen Buchstaben geschrieben sind, he – he – he!“ So gab -denn Iwan Fedorowitsch schließlich alle seine Zweifel auf. An seinen -Bruder Dmitrij konnte er nicht mehr ohne Ekel denken. Nur eines blieb -immerhin sonderbar, daß Aljoscha trotz allem fortfuhr, so hartnäckig -darauf zu bestehen, daß nicht Mitjä erschlagen habe, sondern „aller -Wahrscheinlichkeit nach“ – Ssmerdjäkoff. Iwan fühlte, daß Aljoschas -Meinung ihm immer sehr wertvoll war, und daß er sie hoch einschätzte – -darum wunderte er sich jetzt noch mehr über ihn. Sonderbar war -gleichfalls, daß Aljoscha nie mit ihm über Mitjä ein Gespräch -angeknüpft, sondern immer nur auf seine Fragen geantwortet hatte. Das -war ihm sogar sehr aufgefallen. Übrigens wurde er in jener Zeit noch -durch etwas anderes von diesen Dingen abgelenkt. Als er aus Moskau -zurückgekehrt war, hatte er sich gleich vom ersten Tage an mit allen -Fibern seiner brennenden, sinnlosen Leidenschaft für Katerina Iwanowna -ergeben. Es ist hier nicht der Ort, von dieser neuen Leidenschaft Iwan -Fedorowitschs, die sich durch sein ganzes späteres Leben zog, zu -erzählen. Das alles könnte zum Vorwurf einer neuen Erzählung, eines -zweiten Romans dienen, den ich – ich weiß noch nicht recht – auch -vielleicht einmal schreiben werde. Doch kann ich auch jetzt nicht ganz -darüber schweigen. Vor allen Dingen muß ich bemerken, daß er, als er -nachts mit Aljoscha von Katerina Iwanowna nach Haus ging und diesem -sagte: „Ich begehre sie aber nicht,“ ganz einfach die nackte Unwahrheit -sagte. Er liebte sie sinnlos, doch ist auch wahr, daß er sie zuweilen -dermaßen haßte, daß er sie sogar hätte töten können. Es kreuzten sich -hierbei viele Gefühle. Katerina Iwanowna klammerte sich jetzt nach all -den überstandenen Erschütterungen, die ihr Mitjäs Verhaftung, der -Verdacht, der auf ihm lag usw. verursacht hatten, an Iwan Fedorowitsch, -wie an ihren einzigen Retter. Sie war gekränkt, erniedrigt, aufs -äußerste beleidigt in ihren Gefühlen. Und da kehrte nun derjenige -zurück, der sie früher so geliebt hatte, – oh, das wußte sie nur zu gut, -– der Mensch, dessen Herz und Verstand sie immer hoch über sich selbst -gestellt hatte. Aber ihre strenge Gesinnung ließ nicht zu, daß sie sich -ganz als Opfer hingab, ungeachtet der ganzen Karamasoffschen Zügel- und -Grenzenlosigkeit der Wünsche des Geliebten und des ganzen berauschenden -Zaubers, den er auf sie ausübte. Zu gleicher Zeit aber quälte sie sich -beständig mit der Reue darüber, daß sie Mitjä „verraten“ hatte, und in -den erregten Augenblicken, wenn sie mit Iwan heftig stritt (und das kam -häufig vor), sagte sie ihm rücksichtslos, was sie quälte. Das nun war -es, was Iwan an jenem Abend im Gespräch mit Aljoscha „Lüge auf Lüge“ -genannt hatte. Hierbei war allerdings vieles nur Lüge, und zwar war es -dies, was Iwan Fedorowitsch am meisten reizte und aufbrachte ... doch -davon später. Kurz, er vergaß auf diese Weise Ssmerdjäkoff für eine -Zeitlang fast ganz. Doch siehe, es waren kaum zwei Wochen nach seinem -ersten Besuch bei Ssmerdjäkoff vergangen, als ihn wieder alle diese -sonderbaren Gedanken zu quälen begannen. Es genügt wohl, wenn ich sage, -daß sich ihm immer wieder die Frage aufdrängte, die er nicht abschütteln -konnte: warum er sich damals – in jener letzten Nacht vor seiner Abreise -nach Moskau – leise wie ein Dieb zur Treppe geschlichen und gehorcht -hatte, was der Vater dort unten treiben mochte? Das war es, was er sich -immer wieder fragte. Und warum hatte er sich später immer nur mit Ekel -vor sich selbst dieses Augenblicks erinnert, warum war ihm unterwegs am -Morgen so schwer ums Herz gewesen, und warum hatte er, als er bei der -Einfahrt in Moskau im Morgengrauen wie aus einem Traum erwacht war, sich -gesagt: „Ein Schuft bin ich!“ Und jetzt hatte er sich auf dem Wege zu -ihr eingestanden, daß er über diesen quälenden Gedanken selbst Katerina -Iwanowna womöglich noch vergessen könnte, so unablässig quälten sie ihn! -Und gerade, als er sich das gesagt hatte, war ihm Aljoscha auf der -Straße begegnet. Er hatte ihn sofort angerufen und die sonderbare Frage -an ihn gestellt: - -„Erinnerst du dich noch dessen, wie ich damals, als Dmitrij nach Tisch -plötzlich hereingestürzt war und den Vater verprügelt hatte, – wie ich -dir auf dem Hofe sagte, daß ich das ‚Recht zu wünschen‘ für mich -behielte, ... sag, dachtest du damals, daß ich den Tod des Vaters -wünschte?“ - -„Ich dachte es,“ hatte Aljoscha leise geantwortet. - -„So war es übrigens auch, es war dabei nichts zu erraten. Aber dachtest -du damals nicht auch, daß ich besonders wünschte, ‚daß das eine -Geschmeiß das andere Geschmeiß verschlinge‘, das heißt, daß gerade -Dmitrij den Vater erschlage, und zwar je schneller, desto besser ... und -daß ich sogar nicht einmal abgeneigt wäre, es selbst zu begünstigen?“ - -Aljoscha war ein wenig erbleicht und hatte stumm in die Augen des -Bruders geblickt. - -„So sag doch!“ hatte Iwan ungeduldig ausgerufen. „Ich will um alles in -der Welt wissen, was du damals dachtest. Ich will die Wahrheit, die -Wahrheit!“ - -Er hatte schwer geatmet und schon im voraus mit einer gewissen -Feindseligkeit Aljoscha angeblickt. - -„Vergib mir, ich habe auch das damals gedacht,“ hatte Aljoscha kaum -hörbar gemurmelt und war darauf verstummt, ohne auch nur einen einzigen -„mildernden Umstand“ hinzuzufügen. - -„Danke!“ hatte Iwan kurz hingeworfen und war, indem er Aljoscha stehen -ließ, schnellen Schrittes weitergegangen. - -Seit jenem Augenblick hatte es Aljoscha geschienen, daß Iwan ihn nicht -mehr liebte und sich absichtlich von ihm entfernte, so daß er selbst -alsbald aufhörte, zu ihm zu gehen. Gleich nach jener Begegnung aber war -Iwan Fedorowitsch plötzlich kurz entschlossen vom Wege abgebogen und -hatte sich geradeswegs wiederum zu Ssmerdjäkoff begeben. - - - VII. - Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff - -Ssmerdjäkoff hatte inzwischen das Krankenhaus schon verlassen. Iwan -Fedorowitsch wußte, wo er wohnte: in jenem kleinen, aus rohen Balken -gezimmerten, schief gewordenen, alten Häuschen, das nur aus zwei -kleinen, durch einen Flur getrennten Zimmern bestand. In dem einen -Zimmer hatte sich Marja Kondratjewna mit ihrer Mutter eingerichtet, und -im anderen wohnte jetzt Ssmerdjäkoff ganz allein. Unter welchen -Bedingungen er dort lebte, ob er ihnen etwas dafür zahlte, oder ob er -ihnen nichts zahlte, das mag Gott wissen. Später vermutete man, daß er -sich in der Eigenschaft als Marja Kondratjewnas Bräutigam bei ihnen -niedergelassen hatte und vorläufig unentgeltlich dort wohnte. Die Mutter -wie die Tochter verehrten ihn grenzenlos und hielten ihn, wenigstens im -Vergleich zu sich selbst, für ein höheres Wesen. - -Iwan Fedorowitsch klopfte an die Tür. Als ihm aufgemacht wurde, sah er -sich zuerst in einem kleinen, schmalen Flur, aus dem er auf Marja -Kondratjewnas Weisung geradezu in die „gute Stube“ eintrat, die von -Ssmerdjäkoff eingenommen wurde. In dieser „guten Stube“ befand sich ein -großer Kachelofen, der stark geheizt war. Die Wände schmückten -himmelblaue Tapeten, allerdings ganz zerrissene, und hinter ihnen und in -den Rissen krabbelte eine erschreckende Menge großer wie kleiner -Schaben, so daß man im Zimmer ein unaufhörliches, eintöniges, -schließlich einschläferndes Rascheln hörte. Eingerichtet war das Zimmer -selbst für eine Bauernstube ganz erbärmlich: zwei Bänke an den Wänden, -zwei Stühle neben dem Tisch. Der Tisch aber war, wenn auch aus einfachen -Brettern gezimmert, so doch mit einer rosagemusterten Tischdecke -bedeckt. Vor jedem der zwei kleinen Fenster stand je ein Blumentopf mit -Geranien. In der Ecke hing ein Schrein mit Heiligenbildern. Auf dem -Tisch standen ein kleiner, messingner, stark mit Beulen bedeckter -Ssamowar und ein Teebrett mit zwei Tassen. Ssmerdjäkoff hatte schon -seinen Tee getrunken, und der Ssamowar war erloschen ... Er selbst saß -auf der einen Bank am Tisch, saß über ein Heft gebeugt und malte mit der -Feder irgendwelche Buchstaben. Ein kleines Tintenfaß stand vor ihm auf -dem Tisch, desgleichen ein einfacher Metalleuchter, in dem eine -Stearinkerze stak. Iwan Fedorowitsch sagte sich sofort nach dem ersten -Blick auf Ssmerdjäkoff, daß jener sich vollkommen erholt hatte. Sein -Gesicht war frischer, voller, die Locke über der Stirn war sorgfältig -aufgedreht, und die Schläfenhaare waren glatt angekämmt. Er saß in einem -bunten wattierten Schlafrock, der aber schon recht alt zu sein schien -und ziemlich zerrissen war. Auf der Nase hatte er eine Brille, die Iwan -Fedorowitsch früher nie bei ihm gesehen hatte. Dieser eine nichtssagende -Umstand verdoppelte geradezu Iwan Fedorowitschs Gereiztheit. „Solch ein -Tier, und da sitzt es nun noch mit einer Brille auf der Nase!“ dachte er -wütend. Ssmerdjäkoff erhob langsam seinen Kopf und blickte aufmerksam -durch die Brille den Eintretenden an; darauf nahm er die Brille ab und -erhob sich von der Bank, tat es aber nichts weniger als ehrerbietig, tat -es sogar mit einer gewissen Faulheit, als wenn er nur die -unumgänglichste Höflichkeit beobachten wollte, ohne die es nun einmal -leider nicht geht. Iwan Fedorowitsch erkannte dies sofort. Vor allem -fiel ihm Ssmerdjäkoffs Blick auf, der entschieden feindlich, jedenfalls -nichts weniger als willkommenheißend und sogar hochmütig war. Er schien -förmlich auszusprechen: „Warum schleppst du dich denn wieder her, wir -haben doch dazumal alles erledigt, was willst du denn jetzt noch?“ - -Iwan Fedorowitsch konnte sich kaum beherrschen. - -„Heiß ist es hier bei dir,“ sagte er, noch an der Tür stehend, und riß -den Mantel auf. - -„Nehmt ihn ab,“ erlaubte gnädig Ssmerdjäkoff. - -Iwan Fedorowitsch zog den Mantel aus und warf ihn auf die andere Bank, -ergriff mit etwas zitternden Händen einen Stuhl, schob ihn mit einem -Ruck an den Tisch und setzte sich. Ssmerdjäkoff war es gelungen, sich -bereits _früher_ als Iwan wieder zu setzen. - -„Vor allen Dingen – sind wir allein?“ fragte Iwan Fedorowitsch streng -und heftig. „Kann man uns nicht im anderen Zimmer hören?“ - -„Niemand wird was hören. Habt ja selber gesehen, daß ein Flur zwischen -ist.“ - -„Hör mal, mein Lieber: was war es, was du damals faseltest, als ich dich -im Krankenhause verließ? Was kautest du da von –: wenn ich nicht -aussagen würde, daß du ein Meister im Vortäuschen von epileptischen -Anfällen wärst, so würdest auch du dem Untersuchungsrichter unser ganzes -Gespräch, das wir am Vorabend beim Hoftor hatten, gar nicht mitteilen? -Was meintest du mit diesem ‚unser _ganzes_ Gespräch‘? Drohtest du mir -etwa? Was hast du damit sagen wollen? Daß ich mich mit dir verbündet -hätte oder verabredet, und dich etwa jetzt fürchten könnte?“ - -Iwan Fedorowitsch sprach es fast jähzornig; er gab dabei mit Absicht -deutlich zu verstehen, daß er jeden Winkelzug verachtete sowie jedes -vorsichtige Heranschleichen, vielmehr mit offenen Karten spielen wollte. -In Ssmerdjäkoffs Augen blitzte es boshaft auf, und das linke kleine -Äuglein zwinkerte wieder, als wollte es prompt zur Antwort geben: „Also -offene Karten willst du? – schön, soll geschehen, so offen wie du nur -willst.“ - -„Was ich dazumal mit selbigem meinte und aussprach, war, daß Ihr sehr -wohl diesen Mord voraussaht und dennoch abreistet, alsomit Euren -leiblichen Vater wohlweislich opfertet und Euch selber fortbegabt, damit -die Menschen nicht was Schlechtes von Euren Gefühlen dächten, vielleicht -aber auch noch von manchem übrigen. – Selbiges war es, was ich dazumal -der Obrigkeit nicht zu sagen Euch versprach.“ - -Ssmerdjäkoff sprach es zwar langsam und hatte sich augenscheinlich ganz -in der Gewalt, doch in seiner Stimme lag jetzt bereits etwas Festes und -Sicheres, Boshaftes und frech Herausforderndes. Geradezu unverschämt -fixierte er Iwan Fedorowitsch, so daß es diesem einen Moment vor den -Augen flimmerte. - -„Wie? Was? Bist du verrückt geworden oder noch bei Sinnen?“ - -„Vollkommen alleweil bei Sinnen.“ - -„Aber wie sollte ich denn das wissen, daß er ermordet werden würde?“ -schrie plötzlich Iwan Fedorowitsch ihn an, indem er heftig mit der Faust -auf den Tisch schlug. „Und was heißt das: ‚vielleicht aber auch noch von -manchem übrigen‘? – sprich, Schurke!“ - -Ssmerdjäkoff schwieg und fuhr fort, immer mit demselben frechen Blick -Iwan Fedorowitsch zu fixieren. - -„Sprich, du stinkender Hund, von was für ‚manchem übrigen‘?“ schrie -dieser laut. - -„Mit selbigem manchem übrigen meinte ich soeben, daß Ihr dazumal selber -sehr den Tod Eures Vaters wünschtet.“ - -Iwan Fedorowitsch sprang auf und schlug ihn aus aller Kraft auf die -Schulter, so daß Ssmerdjäkoff an die Wand zurückprallte. In einem -Augenblick war sein ganzes Gesicht von Tränen überströmt, und er sagte -nur: „Schämt Euch, Herr, einen schwachen Menschen so zu schlagen!“ -worauf er seine Augen mit seinem baumwollenen, blaukarierten, gänzlich -vollgeschnaubten Schnupftuch bedeckte und sich in stilles Weinen -versenkte. Das dauerte eine gute Weile an. - -„Genug jetzt! Hör auf!“ befahl schließlich Iwan Fedorowitsch barsch und -setzte sich wieder auf den Stuhl. „Bring mich nicht um meine letzte -Geduld.“ - -Ssmerdjäkoff nahm endlich seinen vollgeschnaubten Lappen von den Augen. -Jeder Zug seines runzlichen Gesichts drückte die soeben erlittene -Kränkung aus. - -„So hast du Schurke damals geglaubt, daß ich zusammen mit Dmitrij -Fedorowitsch meinen Vater erschlagen wollte?“ - -„Eure Gedanken konnte ich dazumal nicht wissen,“ sagte Ssmerdjäkoff -gekränkt, „und somit hielt ich Euch auf, als Ihr durch das Fußpförtchen -eintreten wolltet, um Euch über selbigen Punkt zu erforschen.“ - -„Was zu erforschen? Wie?“ - -„Um doch diesen selbigen Umstand zu erforschen: wollt Ihr nun, oder -wollt Ihr nicht, daß Euer Vater bald erschlagen würde.“ - -Was Iwan Fedorowitsch am meisten empörte, war dieser hartnäckig -beibehaltene freche Ton, den Ssmerdjäkoff auf einmal angenommen hatte -und nicht mehr verändern zu wollen schien. - -„Du bist es, der ihn erschlagen hat!“ rief Iwan plötzlich auffahrend. - -Ssmerdjäkoff lächelte verächtlich. - -„Daß nicht ich es getan habe, das wißt Ihr doch selber ganz genau. Und -ich glaubte, daß mit einem klugen Menschen sich gar nicht mehr darüber -noch zu reden lohnt.“ - -„Aber warum, sag, warum war damals in dir ein solcher Verdacht auf mich -aufgetaucht?“ - -„Wie ich Euch schon mannigfach gesagt habe, einzig von wegen meiner -Angst. War ich doch dazumal in so einer Verfassung, daß ich in der Angst -alle beargwöhnte. Aus selbigem Grunde beschloß ich dann, desgleichen -auch Euch zu erforschen, dieweil wenn auch Ihr dasselbige wie Euer -Bruder Dmitrij wünscht, dachte ich, so weiß ich, daß ich alsomit -verloren bin, daß die Sache so gut wie geschehen ist, und ich mit eins -wie eine Fliege untergehe.“ - -„Hör mal, vor zwei Wochen sprachst du anders.“ - -„Ich habe aber vor zwei Wochen im Hospital ganz genau dasselbe gemeint. -Bloß glaubte ich alleweil, daß Ihr auch ohne überflüssige Wörter -verstehen würdet und ein offenes Gespräch selber nicht wünschtet, wie -eben ein sehr kluger Mensch.“ - -„Sieh mal einer an! Aber antworte, antworte, ich bestehe darauf! -Wodurch, sage, wodurch habe ich damals in deiner gemeinen Seele einen so -niedrigen Verdacht erwecken können?“ - -„Totschlagen – so hättet Ihr das selber auf keine Manier getan, und Ihr -hättet es auch nicht gewollt. Aber wollen, daß ihn ein anderer -totschlage – so wolltet Ihr dies sogar sehr.“ - -„Und wie ruhig, wie ruhig er es noch sagt! Aber warum hätte ich denn das -wünschen sollen, zu welch einer Teufelei hätte ich das nötig gehabt?“ - -„Wie denn so, zu was nötig? Aber die Erbschaft?“ griff Ssmerdjäkoff -geradezu giftig auf, und seinen Augen sah man die Rachelust an. „Dann -hättet Ihr doch, wie jeder Eurer Brüder, etwa vierzigtausend Rubel auf -einen Ruck bekommen, vielleicht noch viel mehr; hätte aber Fedor -Pawlowitsch selbige Dame geheiratet, so hättet Ihr mitsamt Euren Brüdern -nicht einen einzigen Rubel gesehen, dieweil Agrafena Alexandrowna die -ganzen Kapitalien sofort nach der Trauung auf ihren Namen hätte -verschreiben lassen, sintemal sie äußerst wenig dumm sind. Und war es -denn dazumal weit von der Trauung? Nur ein Härchen: selbige Dame hätten -bloß gebraucht, so mit dem kleinen Fingerchen vor Fedor Pawlowitsch zu -machen, und sie wären ihr noch im selbigen Moment mit heraushängender -Zunge in die Kirche nachgelaufen.“ - -Iwan Fedorowitsch wurde es zur Folterqual, sich zu beherrschen. - -„Gut,“ sagte er endlich, „wie du siehst, bin ich nicht aufgesprungen, -habe ich dich nicht geprügelt, nicht dich totgeschlagen. Sprich weiter: -Also deiner Meinung nach hatte ich meinen Bruder Dmitrij dazu bestimmt, -auf ihn also hätte ich gerechnet?“ - -„Wie solltet Ihr denn nicht auf Dmitrij Fedorowitsch rechnen? Dieweil -wenn sie den Vater erschlagen, gehen sie aller Adelsrechte verlustig, -aller Titel und alles Besitzes und werden nach Sibirien verschickt. -Alsomit wäre dann auch ihr Teil nach dem Tode des Vaters Euch und Eurem -Brüderchen Alexei Fedorowitsch zugefallen, also grad zur Hälfte, alsomit -hättet Ihr dann nicht nur vierzig-, sondern gleich sechzigtausend Rubel -geerbt. Wie solltet Ihr nun da nicht alleweil auf Euren Bruder Dmitrij -Fedorowitsch rechnen!“ - -„Nun, weiß Gott, ich erdulde viel von dir! Höre, du verächtliches -Subjekt: selbst wenn ich damals auf irgend jemanden gerechnet hätte, so -wäre das allenfalls auf dich gewesen, nicht aber auf Dmitrij, und ich -schwöre dir, ich ahnte sogar eine Niedertracht von dir ... damals ... -ich erinnere mich noch vorzüglich meines Eindrucks!“ - -„Selbiges habe auch ich eine Sekunde lang gedacht, nämlich daß Ihr auf -mich rechnetet,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttischem Lächeln, „so daß Ihr -durch selbiges dazumal noch mehr Unrecht tatet, denn wenn Ihr solch -einen Argwohn auf mich hattet und zu gleicher Zeit doch verreistet, so -war es doch alsomit geradezu, als wolltet Ihr mir sagen: Du kannst den -Vater erschlagen, ich fahre fort, um dich nicht daran zu verhindern.“ - -„Hund! Das hast du nur so aufgefaßt!“ - -„Und das kam alles nur durch dieses Tschermaschnjä. Erbarmt Euch! Immer -wieder bat Euch Euer Vater, nach Tschermaschnjä zu fahren, Ihr aber -weigertet Euch, das Haus auf die paar Tage zu verlassen und selbige -Bitte zu erfüllen. Und plötzlich, einzig auf mein dummes Wort hin, seid -Ihr einverstanden, hinzufahren! Und was hattet Ihr nur dazumal für einen -Grund, darauf einzugehen, nach Tschermaschnjä zu fahren? Wenn Ihr also -nicht nach Moskau, sondern ganz grundlos nur auf mein eines Wort hin -nach Tschermaschnjä fuhrt, so hieß das doch, daß Ihr etwas von mir -erwartetet.“ - -„Nein, ich schwöre es, nein!“ schrie Iwan wutknirschend. - -„Wie denn nicht? Sonst wär’s doch ganz und gar nicht angegangen, daß -Ihr, als Sohn Eures Vaters, mich nicht auf der Stelle auf selbige -hiesige Polizeiwacht gebracht oder mich durchgepeitscht hättet ... oder -wenigstens ohne mir ein paar Maulschellen zu langen. Ihr aber gingt -noch, ganz umgekehrt, ohne auch nur eine Spur von Wut, sofort hin und -tatet nach meinem dummen Wort, akkurat, was ich gesagt hatte, und fuhrt -auch richtig fort, was doch ganz ungereimt war, wenn Ihr selbigen -Verdacht auf mich hattet, und es alsomit Eure Pflicht war, hierzubleiben -und das Leben Eures Vaters hinfort zu beschützen ... Wie sollte ich nun -da nicht selbiges denken?“ - -Iwan saß mit finsterer Stirn da, die Fäuste wie im Krampf auf die Knie -gestützt. - -„Ja, schade, daß ich dir keine Ohrfeigen gab!“ Er lächelte bitter. „Dich -auf die Polizei zu bringen, ging leider nicht an: es hätte mir niemand -geglaubt, und ich hätte doch nichts beweisen können. Was aber die -Ohrfeigen betrifft ... ach, schade, daß ich damals nicht darauf -verfallen bin! Wenn sie auch verboten sind, so hätte ich doch mit -Vergnügen deine Fratze zu Brei geschlagen.“ - -Ssmerdjäkoff betrachtete ihn fast mit Hochgenuß. - -„Im sonstigen gewöhnlichen Leben,“ hub er plötzlich in demselben -selbstzufrieden-doktrinären Tone an, in dem er schon einmal, am Tisch -Fedor Pawlowitschs stehend, mit Grigorij Wassiljewitsch über den Glauben -gestritten und ihn zum besten gehabt hatte, „im sonstigen gewöhnlichen -Leben sind Maulschellen heutigentags ganz und gar durchs Gesetz -verboten, und so hat alle Welt aufgehört, zu schlagen, was aber die -Ausnahmefälle des Lebens angeht, so kann man alleweil sagen, daß man -nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt, und selbst wenn man die -französische Republik nimmt, überall ganz genau so fortfährt, alleweil -zu schinden, wie zu Adams und Evas Zeiten, und selbiges wird auch nie -auf Erden aufhören, Ihr aber habt dazumal selbst nicht einmal in so -einem Ausnahmefall zu schlagen gewagt.“ - -„Wozu lernst du denn jetzt französische Vokabeln?“ fragte Iwan, indem er -mit einem Kopfnicken auf das Heft wies. - -„Warum sollte ich sie denn nicht lernen, um auf selbige Manier meine -Bildung zu erhöhen, wenn ich denke, daß auch ich in jenen glücklichen -Ländern Europas vielleicht mal sein werde?“ - -„Höre jetzt, Teufel, was ich dir sage!“ wandte sich plötzlich Iwan -Fedorowitsch mit drohendem Blick und zitternd vor Wut an ihn. „Ich -fürchte deine Anschuldigungen nicht! Sage ihnen was du willst über mich. -Und wenn ich dich nicht hier auf der Stelle totgeschlagen habe, so -geschah das einzig darum, weil ich dich für den Mörder halte und dich -noch vor die Schranken bringen will. Ich werde dich schon entlarven!“ - -„Meiner Meinung nach aber tut Ihr besser, wenn Ihr schweigt. Sintemal, -was könnt Ihr denn gegen mich in meiner Unschuld aussagen, und wer wird -Euch was glauben? Und wenn Ihr anfangt, werdet Ihr nur das erreichen, -daß auch ich dann alles sage; denn wie sollte ich mich nicht selber -verteidigen?“ - -„Du glaubst wohl, daß ich dich jetzt fürchte?“ - -„Mögen auch die Richter meinen selbigen Worten, die ich Euch hier soeben -gesagt habe, nicht glauben, so wird man ihnen doch um so mehr im -Publikum glauben, und da werdet Ihr Euch schämen müssen.“ - -„Das soll wohl wieder heißen: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das -Reden ein Genuß?‘ – wie?“ fragte Iwan Fedorowitsch, innerlich -wutknirschend. - -„Da habt Ihr den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Ihr werdet doch -alsomit als kluger Mensch nicht Dummheiten machen.“ - -Iwan Fedorowitsch erhob sich. Er fühlte, wie er am ganzen Körper vor -verhaltener Wut zitterte. Er zog seinen Mantel an und verließ, ohne -Ssmerdjäkoff noch ein Wort zu sagen, ohne auch nur noch einen Blick auf -ihn zu werfen, eilig die Stube. Die kühle Abendluft erfrischte ihn. Es -war heller Mondschein. Gedanken und Gefühle wogten in ihm, und doch -hatte er die Empfindung, als hielten sie ihn wie unter einem Alb -gefangen. „Soll ich unverzüglich hingehen und Ssmerdjäkoff anzeigen? Was -aber soll ich denn sagen? Er bleibt trotz allem unschuldig. Er wird dann -nur noch mich beschuldigen. Ja, in der Tat, warum wollte ich denn damals -nach Tschermaschnjä fahren? Warum, warum nur?“ fragte sich Iwan -Fedorowitsch. „Ja, natürlich, ich erwartete etwas, und er hat recht ...“ -Und wieder erinnerte er sich zum tausendstenmal, wie er in der letzten -Nacht im Vaterhause zur Treppe geschlichen war und gelauscht hatte; doch -diese Erinnerung bereitete ihm jetzt solche Folterpein, daß er stehen -blieb, als wäre er von einem Speer durchbohrt worden. „Ja, ich erwartete -es damals, das ist wahr! Ich wollte, ja, ja, ich wünschte, daß dieser -Mord geschehe! Wie, habe ich wirklich diesen Mord gewollt? – habe ich -ihn gewollt? Ssmerdjäkoff muß totgeschlagen werden! ... Wenn ich jetzt -nicht wage, Ssmerdjäkoff zu erschlagen, so lohnt sich ja überhaupt nicht -mehr, weiter zu leben! ...“ - -Iwan Fedorowitsch ging darauf, ohne bei sich zu Hause vorzusprechen, -geradeswegs zu Katerina Iwanowna und erschreckte sie maßlos: Er war wie -trunken, war wie ein Irrsinniger. Er erzählte ihr sein ganzes Gespräch -mit Ssmerdjäkoff, er bemühte sich, kein Wort zu vergessen. Er konnte -sich nicht beruhigen, wie sehr sie ihm auch zuredete; er ging im Zimmer -umher und sprach so sonderbar, oft ganz zusammenhanglos und in -abgerissenen, nicht zu Ende gesprochenen Sätzen. Endlich setzte er sich, -stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub den Kopf in den Händen. -Und plötzlich murmelte er einen sonderbaren Aphorismus: - -„Wenn nicht Dmitrij erschlagen hat, sondern Ssmerdjäkoff, so bin ich -natürlich mit diesem solidarisch, denn ich habe ihn zur Ausführung -seiner Absicht angeregt ... ich habe die Ausführung begünstigt ... Habe -ich ihn dazu angeregt? – ich weiß es noch nicht. Wenn aber er erschlagen -hat und nicht Dmitrij, so bin natürlich auch ich ein Mörder.“ - -Als Katerina Iwanowna das gehört hatte, erhob sie sich schweigend von -ihrem Platz, ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete eine auf ihm stehende -Schatulle und entnahm ihr einen Zettel, den sie vor Iwan Fedorowitsch -auf den Tisch legte. (Dieser Zettel war jenes Dokument, von dem Iwan -Aljoscha als von einem „mathematischen Beweise“ dessen, daß Dmitrij den -Vater erschlagen habe, gesprochen hatte.) Es war das ein Brief, den -Mitjä in der Trunkenheit geschrieben – am selben Abend, nachdem er am -Kreuzwege vor dem Kloster mit Aljoscha zusammengetroffen war. Kurz -vorher war es bei Katerina Iwanowna in Aljoschas Gegenwart zu jener -Szene gekommen, in der Gruschenka sie so unverzeihlich beleidigt hatte. -Mitjä war nach der Trennung von Aljoscha zu Gruschenka geeilt; ob er sie -gesehen hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls aber war er sehr spät im -Gasthaus „Zur Hauptstadt“ erschienen, wo er sich dann gehörig -angetrunken hatte. Darauf hatte er Feder und Papier verlangt und diesen -für ihn verhängnisvollen Brief geschrieben. Es war ein schwärmerischer, -wortreicher und zusammenhangloser Gefühlserguß, gerade so ein echtes -Werk der Trunkenheit. Der Brief erinnerte etwa an die Rede eines -Betrunkenen, der, nach Hause gekommen, seiner Frau oder sonst einem -Hausgenossen eifrig erzählt, wie man ihn soeben beleidigt habe, was für -ein Schuft sein Beleidiger sei, was er selbst dagegen für ein prächtiger -Mensch sei, und wie er jenem Schufte heimzahlen werde – alles das -unglaublich wortreich und mit Eifer vorgetragen, mit Faustschlägen auf -den Tisch und unter trunkenen Tränen. Das Papier, auf dem Mitjä -geschrieben hatte, war ein schmutziges Stück gewöhnlichen Schreibpapiers -schlechter Qualität, auf dessen Rückseite eine Rechnung stand. Der -trunkenen Beredsamkeit hatte das Schreibfeld augenscheinlich nicht -genügt, denn Mitjä hatte nicht nur alle Ränder und Ecken beschrieben, -sondern die letzten Zeilen sogar noch quer über das bereits Geschriebene -gesetzt. Der Brief lautete wie folgt: - - „Verhängnisvolle Katjä! Morgen werde ich mir das Geld verschaffen - und Dir Deine Dreitausend zurückerstatten. Dann leb wohl, – Du - großen Zornes fähiges Weib! Doch leb wohl dann auch meine Liebe! - Machen wir ein Ende damit! Morgen werde ich von allen Menschen mir - das Geld zu verschaffen suchen, bekomme ich es aber nicht von den - Menschen, so – das schwöre ich Dir! – werde ich zum Vater gehn und - ihm den Schädel einschlagen und es von ihm unter dem Kissen - hervorholen, wenn nur Iwan abreisen würde. Ich werde nach Sibirien - zu den Zwangsarbeitern gehen, aber die Dreitausend werde ich Dir - zurückgeben. Du aber leb wohl. Ich verneige mich vor Dir bis zur - Erde, denn vor Dir stehe ich als Schuft da. Vergib mir, Katjä. Nein, - vergib mir lieber nicht: dann wird sowohl mir als auch Dir leichter - sein! Lieber Zwangsarbeit als Deine Liebe, denn ich liebe eine - andere. Du aber hast sie heute nur zu gut erkannt, wie solltest Du - da noch vergeben können!? Ich werde ihn totschlagen, der mich - bestohlen hat! Ich gehe fort von Euch allen, gehe weit fort in den - Osten, um von niemandem mehr etwas zu wissen. Auch von _ihr_ nicht, - denn nicht Du allein bist eine Märtyrerin, auch sie ist eine. Leb - wohl! - - P. S. Ich schreibe einen Fluch, und doch bete ich dich an! Das fühle - ich in meiner Brust. Eine einzige Saite ist noch geblieben, und die - klingt fort. Besser ist, man reißt das Herz entzwei. Ich werde mich - töten, zuerst aber diesen Hund. Ich werde ihm die Drei entreißen, - und sie Dir hinwerfen. Wenn ich auch als Schuft vor Dir stehe, so - bin ich doch kein Dieb! Erwarte die Dreitausend. Bei dem Hunde unter - dem Kissen. Ein rosa Bändchen. Nicht ich bin ein Dieb, sondern ich - werde den Dieb, der mich bestohlen hat, erschlagen. Katjä, sieh - nicht verachtungsvoll auf mich herab: Dmitrij ist kein Dieb, er wird - nur einen Menschen erschlagen! Er hat den Vater getötet und sich - selbst zugrunde gerichtet, um aufrecht stehen zu können und Deine - stolze Verachtung nicht ertragen zu müssen. Und Dich nicht lieben zu - müssen. - - PP. S. Deine Füße küsse ich, leb wohl! - - PP. SS. Katjä, bete zu Gott, daß mir die Menschen Geld geben mögen! - Dann werde ich meine Hände nicht mit Blut besudeln! Gibt man es mir - aber nicht – so lade ich eine Blutschuld auf mich! Töte Du mich! - - Dein Sklave und Dein Feind - D. Karamasoff.“ - -Als Iwan dieses „Dokument“ gelesen hatte, erhob er sich taumelnd: Er war -überzeugt. So war denn der Bruder der Mörder und nicht Ssmerdjäkoff. -Nicht Ssmerdjäkoff – das bedeutete, nicht er, Iwan. Dieser Brief erhielt -in seinen Augen fast unbewußt sofort die Bedeutung eines klaren, -unanfechtbaren Beweises. Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr an -Mitjäs Schuld. Bei der Gelegenheit mag noch gesagt sein, daß Iwan -niemals der Verdacht gekommen war, Mitjä hätte mit Ssmerdjäkoff zusammen -den Mord begangen, ganz abgesehen davon, daß die Tatsachen eine solche -Annahme nicht zuließen. - -Iwan war vollkommen beruhigt. Am nächsten Morgen dachte er nur noch mit -Verachtung an Ssmerdjäkoff und dessen höhnische Worte. Nach ein paar -Tagen wunderte er sich sogar darüber, wie ihn die Beschuldigungen dieser -Dienerseele so qualvoll hatten kränken können. Er beschloß, ihn zu -verachten und zu vergessen. So verging ein Monat. Iwan Fedorowitsch zog -weiter bei niemandem Erkundigungen über ihn ein, nur hörte er einmal -davon sprechen, daß Ssmerdjäkoff sehr krank und nicht bei vollem -Verstande sei. „Der wird mit Irrsinn enden,“ hatte sich einmal unser -junger Arzt Warwinskij über ihn geäußert, und Iwan Fedorowitsch hatte -sich diesen Ausspruch gut gemerkt. In der letzten Woche dieses Monats -aber fing er selbst an, sich gesundheitlich sehr schlecht zu fühlen. Er -hatte sich auch schon von dem Doktor, den Katerina Iwanowna aus Moskau -verschrieben hatte, und der ein paar Tage vor der Gerichtssitzung -angekommen war, untersuchen lassen. Und gerade in dieser Zeit hatten -sich seine Beziehungen zu Katerina Iwanowna aufs äußerste zugespitzt. -Sie waren wie zwei erbitterte Feinde, die sich nur ineinander verliebt -hatten. Katerina Iwanownas Rückfälle in ihre frühere Liebe zu Mitjä, die -zwar gewöhnlich nur kurz, doch dafür um so stärker waren, konnten Iwan -geradezu rasend machen. Doch eines war dabei sonderbar: Bis zu jener -bereits wiedergegebenen Szene bei Katerina Iwanowna, nachdem Aljoscha, -von Mitjä kommend, mit ihm zusammen eingetreten war, hatte er, Iwan, sie -noch kein einziges Mal während des ganzen Monats einen Zweifel an Mitjäs -Schuld aussprechen hören, trotz aller ihrer „Rückfälle“ zu Mitjä, die -ihm so maßlos verhaßt waren. Bemerkenswert ist ferner noch, daß Iwan, -obwohl er fühlte, wie er Mitjä mit jedem Tage immer noch mehr haßte, zu -gleicher Zeit sich doch klar bewußt war, daß er ihn nicht wegen dieser -Rückfälle Katjäs haßte, sondern _einzig und allein deshalb, weil er den -Vater erschlagen hatte_! Das fühlte er, und das wußte er. -Nichtsdestoweniger war er ungefähr zehn Tage vor der Gerichtssitzung zu -Mitjä gegangen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, zu fliehen, – er -hatte ihm seinen ganzen Plan auseinandergesetzt. Augenscheinlich hatte -er diesen Plan schon lange ausgearbeitet. Hierbei gab es außer dem -Hauptgrund, der ihn dazu bewogen hatte, noch eine andere Ursache, aus -der er dies tat: Es war das die noch immer nicht vernarbte Streifwunde -in seinem Herzen, die von dem einen kleinen Wort Ssmerdjäkoffs -zurückgeblieben war: daß es ihm, Iwan, zustatten käme, wenn man den -Bruder verurteilte, da er dann statt Vierzig-, Sechzigtausend erben -werde. Deshalb hatte er beschlossen, ganze dreißigtausend Rubel allein -von seiner Erbschaft zu geben, um dem Bruder die Flucht zu ermöglichen. -Als er aber damals von ihm aus dem Gefängnis zurückgekehrt war, hatte -ihn eine traurige, düstere Erregung überfallen: Er hatte plötzlich -gefühlt, und er war sich des Gefühls immer bewußter geworden, daß er die -Flucht nicht nur deswegen wünschte, um für sie die Dreißigtausend zu -opfern, damit die Streifwunde in seinem Herzen vernarben konnte, sondern -noch aus einem anderen, halb unbewußten Grunde. „Ist es vielleicht -nicht, weil in der Seele auch ich ein ebensolcher Mörder bin?“ hatte er -sich damals gefragt. Etwas Fernes, doch Brennendes vergiftete seine -Seele. Vor allem hatte in diesem ganzen Monat sein Stolz gelitten, doch -davon später ... - -... Als Iwan Fedorowitsch nach seinem Gespräch mit Aljoscha an seiner -Haustür angelangt war und, schon im Begriff, die Klingel zu ziehen, -plötzlich sich entschlossen hatte, nochmals – zum drittenmal – zu -Ssmerdjäkoff zu gehen, da hatte er unter dem Einfluß eines jäh ihn -überkommenden, bebenden Unwillens gehandelt. Es war ihm plötzlich -eingefallen, wie Katerina Iwanowna soeben noch in Aljoschas Gegenwart -ausgerufen hatte: „_Du_ bist es, _du_, der mich überzeugt hat, daß er -der Mörder ist! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“ Als ihm diese -Worte wieder einfielen, ergriff es ihn wie ein Kältegefühl, das ihn -erstarren machte, und es war ihm, als würden seine Glieder steif: Nie im -Leben hatte er ihr so etwas gesagt oder gar sie davon zu überzeugen -gesucht, daß Mitjä der Mörder sei, er hatte doch noch in ihrer Gegenwart -sich selbst verdächtigt, damals, als er von Ssmerdjäkoff gekommen war. -Im Gegenteil, _sie_ hatte ihn daraufhin von der Schuld des Bruders -überzeugt: Hatte sie ihm doch das „Dokument“ gezeigt, das Mitjäs Schuld -bewies! Und nun plötzlich sagt sie: „Ich bin selbst bei Ssmerdjäkoff -gewesen!“ Wann ist sie bei ihm gewesen? Iwan wußte nichts davon. Also -war sie dann doch nicht so überzeugt von Mitjäs Schuld! Und was hatte -Ssmerdjäkoff ihr sagen können? Unbändiger Zorn erhob sich in seinem -Herzen. Er begriff nicht, wie er ihr vor einer halben Stunde diese Worte -hatte durchlassen können. Er hatte schon den Griff des Glockenzuges -erfaßt, doch plötzlich wandte er sich zurück und begab sich zu -Ssmerdjäkoff. „Vielleicht werde ich ihn heute noch erschlagen,“ dachte -er bei sich. - - - VIII. - Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff - -Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein scharfer, -trockener Wind sich erhob, wie er auch schon am Morgen und Vormittag -geweht hatte, und feinen, dichten, trockenen Schnee mit sich brachte. -Der Schnee fiel zur Erde, ohne auf ihr haften zu bleiben, der Wind -wirbelte ihn wieder auf, und bald begann ein wildes Schneetreiben. In -jenem entlegenen Stadtviertel, wo Ssmerdjäkoff wohnte, gab es fast gar -keine Straßenlaternen. Iwan Fedorowitsch schritt, indem er unwillkürlich -und wie in einem Triebe den Weg verfolgte, durch die Dunkelheit, ohne -das Schneegestöber zu bemerken. Der Kopf tat ihm weh, und qualvoll -klopfte das Blut ihm in den Schläfen. In seinen Handflächen zuckte es -zuweilen wie im Krampf. Das war alles, was er fühlte. Kurz vor dem -Häuschen Marja Kondratjewnas erblickte er nicht weit vor sich ein -kleines betrunkenes Bäuerlein, in kurzem, altem Wams, das brummend und -schimpfend im Zickzack einherwankte. Dann hörte es plötzlich mit dem -Schimpfen auf und begann mit heiserer, trunkener Stimme zu singen: - - „Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter[27] - Will nicht warten hier auf ihn ...“ - -Nach der zweiten Strophe brach er aber ab und fing wieder jemanden zu -schimpfen an, um darauf von neuem dasselbe Lied anzustimmen und wieder -nach der zweiten Strophe abzubrechen. Noch bevor Iwan Fedorowitsch recht -an ihn dachte, empfand er bereits einen wilden Haß auf ihn. Erst nach -einer Weile kam er gleichsam zu sich, und sofort ergriff ihn -unbezwingbare Lust, das Bäuerlein einfach mit der Faust -niederzuschlagen. Dieses Bedürfnis nach einem wuchtigen Faustschlage -ergriff ihn übermächtig. Gerade in diesem Augenblick war er ganz nahe an -ihn herangekommen, und da stieß plötzlich das wankende Bäuerlein wuchtig -mit der Schulter an Iwan Fedorowitsch. In rasender Wut stieß Iwan ihn -zurück. Das Bäuerlein taumelte und fiel wie ein Klotz auf die -hartgefrorene Erde; er stöhnte nur noch einmal: „Oh – oh, oh!“ und -verstummte. Iwan trat an ihn heran. Jener lag auf dem Rücken und rührte -sich nicht, schien jedenfalls besinnungslos zu sein. „Der wird -erfrieren,“ dachte Iwan und ging seines Weges – zu Ssmerdjäkoff. - -Im Flur flüsterte ihm Marja Kondratjewna zu, daß Pawel Fedorowitsch -(Ssmerdjäkoff) sehr krank sei, daß er nicht nur zu Bett liege, sondern -geradezu wie nicht bei vollem Verstande zu sein scheine und sogar den -Tee habe er fortzuräumen befohlen, da er keine Lust habe zu trinken. - -„Was, tobt er denn etwa?“ fragte Iwan Fedorowitsch grob. - -„Ach wo! Ganz mäuschenstill ist er, nur sprechen Sie bitte nicht lange -mit ihm,“ bat Marja Kondratjewna. - -Iwan Fedorowitsch öffnete die Tür und trat in die Stube. - -Geheizt war sie ebenso stark, wie das vorige Mal, aber es war in ihr -sonst einiges verändert worden. Die eine Bank war hinausgeschafft, und -an ihrer Stelle stand ein großer alter Lederdiwan, auf dem ein Bett mit -ziemlich reinen weißen Kissen aufgeschlagen war. Auf diesem Bett saß -Ssmerdjäkoff im selben alten Schlafrock. Der Tisch war vor den Diwan -gerückt, so daß es jetzt im Zimmer sehr eng war. Auf dem Tisch lag ein -dickes Buch in gelbem Umschlag, doch Ssmerdjäkoff las nicht in ihm, er -saß auf dem Bett und tat, wie es schien, nichts. Mit langem, stummem -Blick empfing er Iwan Fedorowitsch, ohne sich anscheinend auch nur im -geringsten über dessen Erscheinen zu wundern. Er hatte sich sehr -verändert, das Gesicht war mager und gelb geworden. Die Augen waren -geradezu eingefallen, und die unteren Lider hatten bräunlich-bläuliche -Schatten. - -„Du scheinst ja tatsächlich krank zu sein?“ sagte Iwan Fedorowitsch, als -er eingetreten war, und blieb stehen. „Ich werde dich nicht lange -belästigen, ich bleibe im Mantel. Nur – wo kann man sich denn hier -setzen?“ - -Er trat an das andere Ende des Tisches, schob einen Stuhl heran und -setzte sich. - -„Warum siehst du mich so an, warum schweigst du? ... Ich bin nur mit -einer einzigen Frage gekommen und, ich schwöre es, ich werde nicht eher -fortgehen, als bis du mir geantwortet hast. Ist Fräulein Werchoffzeff -bei dir gewesen?“ - -Ssmerdjäkoff schwieg lange, betrachtete ihn nur still die ganze Zeit, -doch plötzlich winkte er mit der Hand ab und wandte das Gesicht fort zur -Seite. - -„Was hast du?“ fragte Iwan hart. - -„Nichts.“ - -„Was heißt das?“ - -„Nun ja, sie ist hier gewesen, was geht das Euch an? Laßt mich in Ruh.“ - -„Nein, ich werde dich nicht in Ruh lassen! Du sagst es mir sofort, wann -sie hier war!“ - -„Ich hab sogar vergessen, an sie auch nur zu denken,“ sagte Ssmerdjäkoff -mit einem verächtlichen Lächeln. Und plötzlich wandte er wieder das -Gesicht zu Iwan Fedorowitsch und blickte ihn mit einem so haßerfüllten -Blicke an, als wäre er vor lauter Haß bereits irrsinnig geworden. Es war -derselbe Blick, mit dem er ihn auch während seines zweiten Besuches vor -einem Monat sekundenlang angesehen hatte. - -„Wie seht Ihr denn selber aus, warum seid Ihr denn so abgemagert?“ -fragte er boshaft. - -„Was geht dich meine Gesundheit an, antworte darauf, wonach du gefragt -wirst!“ - -„Aber warum sind denn Eure Augen so gelb geworden, das Weiße vom -Augapfel ist ja ganz gelb. Quält Ihr Euch denn so gewaltig?“ - -Er lächelte verächtlich und brach dann in lautes Lachen aus. - -„Hör, ich habe dir gesagt, daß ich nicht ohne Antwort fortgehen werde!“ -rief Iwan maßlos gereizt. - -„Was drängt Ihr Euch mir auf? Was quält Ihr mich eigentlich?“ fragte -Ssmerdjäkoff mit leidendem Ton in der Stimme. - -„Ach, Teufel, was gehst du mich an! Beantworte meine Frage, und ich gehe -sofort.“ - -„Ich hab Euch nichts zu antworten.“ Ssmerdjäkoff senkte den Blick zu -Boden. - -„Sei versichert, daß ich dich zwingen werde, zu antworten,“ sagte Iwan. - -„Was kommt Ihr mir alleweil auf den Hals!?“ fragte Ssmerdjäkoff und -blickte ihn wieder an, doch lag nicht nur Verachtung, sondern geradezu -Ekel vor ihm in seinem Blick. „Wohl weil morgen die Gerichtssitzung ist? -Aber man wird Euch doch wegen selbiges nichts tun, dessen könnt Ihr -versichert sein! Geht nach Haus und legt Euch ruhig schlafen. Ihr -braucht ja nichts zu fürchten.“ - -„Ich verstehe dich nicht ... warum sollte ich mich vor morgen fürchten?“ -fragte Iwan verwundert, und plötzlich überkam ihm tatsächlich eine -sonderbare Angst, die ihn wieder wie ein Kältegefühl erfaßte. -Ssmerdjäkoff maß ihn mit dem Blick. - -„Ihr ver – steht mich nicht?“ fragte er gedehnt und vorwurfsvoll. „Was -doch ein kluger Mensch davon haben kann, so eine Komödie aus sich selber -zu machen!“ - -Iwan blickte ihn stumm an. Schon allein dieser ganz unerwartet -hochmütige Ton, den dieser, sein früherer Lakei, jetzt plötzlich ihm -gegenüber anzuschlagen wagte! ... In solchem Tone hatte er selbst das -vorige Mal noch nicht zu sprechen gewagt. - -„Ich sage Euch doch, Ihr habt nichts zu fürchten. Ich werde nichts gegen -Euch aussagen, und es liegt auch gar keine Verdächtigung vor ... Da sieh -doch einer, wie seine Hände zittern. Von wegen was gehn Euch denn die -Finger so? Geht nach Haus, _nicht Ihr habt ihn erschlagen_.“ - -Iwan fuhr zusammen, ihm fielen Aljoschas Worte ein. - -„Ich weiß, daß nicht ich ...“ stotterte er. - -„Ihr – wißt – es?“ griff sofort Ssmerdjäkoff gedehnt auf. - -Iwan sprang auf und erfaßte ihn an der Schulter. - -„Sag alles, ekelhafte Amphibie du! Sprich alles aus! Gestehe!“ - -Ssmerdjäkoff war nicht im mindesten erschrocken. Er blickte nur in -sinnlosem Haß Iwan in die Augen; sein Blick schien sich geradezu in ihn -hineinzubohren. - -„Dann also habt doch Ihr ihn erschlagen, wenn’s so ist,“ flüsterte er -ihm plötzlich wie in überwältigendem Haß leise zu. - -Iwan sank auf den Stuhl zurück, als hätte er sich besonnen. Ein böses -Lächeln erschien auf seinen Lippen. - -„Du redest immer noch von dem vorigen Mal? Auch das vorige Mal sprachst -du schon ...“ - -„Auch das vorige Mal begrifft Ihr alles, als Ihr vor mir standet, und -Ihr begreift ja auch jetzt alles.“ - -„Ich begreife nur, daß du verrückt bist.“ - -„Er wird es wahrhaftig nicht überdrüssig! Wir sitzen doch Auge in Auge, -wozu da, sollte man meinen, einander Sand in die Augen streuen wollen -und Komödie spielen? Oder wollt Ihr noch immer alles auf mich allein -abwälzen, und das noch mir ins Gesicht? _Ihr_ habt ihn erschlagen, _Ihr_ -seid der Hauptmörder, ich aber bin nur Euer Handlanger gewesen, Euer -getreuer Diener, und nur auf Euren Wunsch habe ich die Sache -ausgeführt.“ - -„Ausgeführt? Ja, hast du ihn denn erschlagen?“ - -Kälte überlief Iwan. Es war ihm, als ob in seinem Hirn etwas erschüttert -wurde, und er erzitterte am ganzen Körper wie von einem Frostschauer. Da -erst blickte ihn auch Ssmerdjäkoff verwundert an: Wahrscheinlich machte -ihn schließlich doch die Echtheit des Schreckens, den er an Iwan -bemerkte, stutzig. - -„Ja, habt Ihr denn wahrhaftig nichts davon gewußt?“ stotterte er -ungläubig, indem er ihn mit verzogenem Lächeln anblickte. - -Iwan sah ihn immer noch unverwandt an, es war, als ob ihm die Stimme -abhanden gekommen wäre. - - „Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter, - Will nicht warten hier auf ihn ...“ - -klang es plötzlich in seinen Ohren. - -„Weißt du was: Ich fürchte, daß du ein Traum bist, daß du als Gespenst -hier vor mir sitzt,“ stammelte er. - -„Hier ist keinerlei Gespenst, außer uns beiden, und dann ist hier noch -ein gewisser Dritter. Zweifelsohne ist er jetzt hier, selbiger Dritte, -zwischen uns beiden ist er.“ - -„Wer er? Wer ist hier noch? Welch ein Dritter?“ fragte Iwan Fedorowitsch -erschrocken, indem er sich hastig umsah und mit den Augen jemanden in -allen Ecken zu suchen begann. - -„Dieser Dritte – das ist Gott, selbige Vorsehung meine ich, hier ist sie -jetzt neben uns; nur sucht sie nicht, Ihr werdet sie nicht finden.“ - -„Das hast du gelogen, daß _du_ ihn erschlagen hättest!“ rief Iwan -plötzlich wie rasend aus. „Du bist entweder irrsinnig, oder du willst -mich nur reizen und dich über mich lustig machen, wie das vorige Mal!“ - -Ssmerdjäkoff beobachtete ihn immer noch ohne die geringste Furcht, -beobachtete ihn und verfolgte jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck -geradezu gierig. Er konnte noch immer nicht von seiner Ungläubigkeit -lassen, er glaubte immer noch, daß Iwan „alles wisse“ und sich nur -verstelle, um „alles auf ihn allein abzuwälzen“ und ohne sich auch nur -zu schämen, ihm das noch ins Gesicht zu sagen. - -„Wartet mal,“ sagte er schließlich mit schwacher Stimme. Er zog langsam -seinen linken Fuß unter dem Tisch hervor und machte sich daran, die Hose -aufzukrempeln. Der Fuß stak in einem Pantoffel und einem langen weißen -Strumpf. Ohne sich zu beeilen, band er die Hosenbänder los und schob -dann seine Finger tief in den Strumpf hinein. Iwan Fedorowitsch sah ihn -an – und plötzlich fuhr er wie in konvulsivischem Schreck zusammen. - -„Er ist irrsinnig!“ stieß er keuchend hervor, und aufspringend prallte -er zurück an die Wand, an die er sich wie in sinnlosem Entsetzen -kerzengerade andrückte, mit starrem Blick auf Ssmerdjäkoff. Dieser -jedoch ließ sich keineswegs verwirren, er fuhr ruhig fort, im Strumpfe -zu suchen, als bemühe er sich immer noch, mit den Fingern etwas in ihm -zu erfassen und herauszuziehen. Endlich hatte er es gefaßt, und nun -begann er zu ziehen. Iwan Fedorowitsch sah, daß es irgendwelche Papiere -sein mußten oder ein ganzes Paket Papiere. Ssmerdjäkoff zog es hervor -und legte es auf den Tisch. - -„Hier,“ sagte er, und seine Stimme klang geradezu sanft. - -„Was?“ fragte Iwan zitternd. - -„Wollt Ihr nicht selber nachsehen,“ sagte ebenso sanft Ssmerdjäkoff. - -Iwan trat an den Tisch, ergriff bereits das Paket, um es aufzuwickeln, -doch plötzlich zog er seine Finger zurück, als hätte er etwas -Scheußliches, Furchtbares und Ekelhaftes berührt. - -„Die Finger zittern Euch ja immer noch wie im Krampf,“ bemerkte -Ssmerdjäkoff und wickelte dann selbst, ohne sich zu beeilen, das -Papier auf. Im Umschlag lagen drei Pakete regenbogenfarbener -Hundertrubelscheine. - -„Hier sind alle, die ganzen Dreitausend, Ihr braucht nicht nachzuzählen. -Nehmt es,“ forderte er Iwan auf, mit einem Kopfnicken auf das Geld -weisend. Iwan ließ sich auf den Stuhl sinken. Er war kreidebleich. - -„Du hast mich erschreckt ... mit diesem Strumpf ...“ sagte er mit ganz -eigenartigem Lächeln. - -„Habt Ihr es denn bis jetzt wirklich, wahrhaftig nicht gewußt?“ fragte -ihn Ssmerdjäkoff noch einmal. - -„Nein, ich habe es nicht gewußt. Ich habe immer gedacht, Dmitrij sei es. -Bruder! Bruder! Ach!“ Er umklammerte plötzlich seinen Kopf mit beiden -Händen. „Hör, sage: Hast du ihn allein erschlagen? Ohne den Bruder oder -zusammen mit ihm?“ - -„Im ganzen nur mit _Euch_ zusammen; mit Euch zusammen habe ich ihn -erschlagen. Dmitrij Fedorowitsch aber sind ganz und gar unschuldig.“ - -„Gut, gut ... Von mir später. Warum zittere ich nur so? ... Ich kann -kaum die Worte aussprechen ...“ - -„Damals wart Ihr alleweil so kühn: ‚alles‘, sozusagen, ‚ist erlaubt‘, -jetzt aber sieh doch einer, wie erschrocken Ihr seid!“ stotterte -Ssmerdjäkoff verwundert. „Wollt Ihr nicht Limonade trinken, ich werde -sogleich bestellen. Selbige kann sehr erfrischen. Nur müßte man vorher -dies hier zudecken.“ - -Und er wies wieder mit einem Kopfnicken auf das Geld. Er bewegte sich -bereits, um aufzustehen, Marja Kondratjewna zu rufen und bei ihr die -Limonade zu bestellen, doch suchte er noch nach etwas, womit er das Geld -hätte zudecken können. Da er aber nichts fand, und das Taschentuch, das -er zu dem Zweck hervorzog, wieder ganz vollgeschnaubt war, so nahm er -vom Tisch jenes dicke gelbe Buch, das auf ihm lag, und bedeckte damit -das Geld. Mechanisch las Iwan Fedorowitsch den Titel: „Die Predigten -unseres von Gott erleuchteten Paters Issaak Ssirin“. - -„Ich will keine Limonade! Von mir später. Setz dich und sage, wie hast -du das gemacht? Sage alles ...“ - -„Es wäre besser, wenn Ihr den Mantel ablegtet, sonst werdet Ihr ja ganz -in Schweiß geraten.“ - -Iwan Fedorowitsch riß seinen Mantel ab, als wäre es ihm erst jetzt -eingefallen, daß er ihn noch anhatte, und warf ihn, ohne sich vom Stuhl -zu erheben, auf die Bank. - -„Also sprich jetzt bitte, sage alles!“ - -Er schien ganz ruhig geworden zu sein. Er wartete mit der vollen -Überzeugung, daß Ssmerdjäkoff jetzt _alles_ sagen werde. - -„Ihr meint, wie selbiges geschehen ist?“ fragte Ssmerdjäkoff -aufseufzend. „Auf die allernatürlichste Manier wurde es gemacht, auf -selbige Eure Worte hin ...“ - -„Von meinen Worten später,“ unterbrach ihn wieder Iwan, doch sprach er -die Worte bereits mit fester Stimme klar und deutlich aus, als wäre er -wieder ganz Herr seiner selbst. „Erzähle nur ausführlich, wie du es -gemacht hast. Alles nach der Reihenfolge. Vergiß nichts. Die -Einzelheiten sind die Hauptsache, vor allem vergiß nicht die -Einzelheiten. Also bitte.“ - -„Ihr fuhrt fort, und selbigen Tages fiel ich in den Keller ...“ - -„War es ein Anfall, oder stelltest du dich nur so an?“ - -„Versteht sich doch von selbst, daß ich mich dazumal nur so anstellte. -In allem habe ich mich nur so angestellt. Ich ging selbige Treppe ruhig -hinab, bis ganz nach unten und legte mich dann hin, und als ich lag, da -erst stieß ich selbiges Geheul aus. Und dann schlug ich um mich, bis man -mich hinaustrug.“ - -„Erlaub! Und auch später, am Tage nach dem Morde und die ganze Zeit im -Krankenhause hast du dich verstellt?“ - -„Nicht die Spur! Gleich am anderen Morgen, alsomit noch vor dem -Krankenhause, bekam ich einen echten Anfall, und der war so stark, wie -ich einen seit Jahren nicht mehr gehabt habe. Zwei Tage lang war ich -ganz und gar bewußtlos.“ - -„Gut, gut. Fahre fort, erzähl weiter.“ - -„Man legte mich auf selbiges Bett hinter der Bretterwand. Das hatte ich -schon im voraus gewußt, daß man mich wiederum dorthin bringen werde, -denn Marfa Ignatjewna hat mich jedesmal, wenn ich krank war, dort hinter -selbige Bretterwand bringen lassen, um mich bei sich ganz in der Nähe zu -haben. Sie ist alleweil sehr gut zu mir gewesen, von meiner Geburt an. -In der Nacht stöhnte ich, aber nur leise. Ich erwartete Dmitrij -Fedorowitsch.“ - -„Wieso erwartetest du ihn? Wußtest du, daß er zu dir kommen werde?“ - -„Warum denn zu mir? Ich erwartete, daß sie ins Haus kommen würden, denn -es gab für mich überhaupt keinen Zweifel mehr daran, daß sie in selbiger -Nacht kommen würden, dieweil sie mich krank wußten und keinerlei -Nachrichten hatten. Also mußten sie zweifelsohne selber über den Zaun -klettern, um etwas, was es auch sei, anzurichten.“ - -„Wenn er aber nicht gekommen wäre?“ - -„Dann wäre auch nichts gewesen. Ohne sie hätte ich mich auch zu nichts -entschlossen.“ - -„Gut, gut ... sprich deutlicher, beeile dich nicht, aber die Hauptsache -– laß nichts aus!“ - -„Ich erwartete, daß sie Fedor Pawlowitsch totschlügen ... das stand für -mich alleweil fest ... sintemal ich sie schon so zubereitet hatte ... in -den letzten Tagen ... Und die Hauptsache – selbige Zeichen waren ihnen -bekannt geworden. Sie mußten alsomit bei ihrem Mißtrauen und Jähzorn, -die sich doch in jenen Tagen noch gewaltig aufgehäuft hatten, mittels -selbiger Zeichen ganz zweifelsohne in das Haus eindringen. Das war doch -klar. Und so erwartete ich sie ...“ - -„Erlaub!“ unterbrach Iwan wieder. „Wenn er ihn aber nun erschlagen -hätte, so hätte er doch das Geld genommen und wäre damit fortgegangen: -das hättest du dir doch sagen müssen? Was wäre dann noch für dich -übriggeblieben? Ich verstehe dich nicht.“ - -„Aber sie hätten doch selbiges Geld nie gefunden. Das hatte doch nur ich -ihnen so gesagt, daß das Geld unter dem Kissen sei. Das war ja gar nicht -wahr. Zuerst, seht mal, hatte es in der Schatulle gelegen, dann aber -hatte ich Fedor Pawlowitsch gesagt, da sie doch nur mir ganz allein von -der ganzen Menschheit vertrauten, daß es besser wäre, das Geld in die -Ecke hinter die Heiligenbilder zu tun, denn dort würde es niemand -suchen, besonders nicht, wenn einer Eile hat. Und so lag denn selbiges -Paket bei ihnen dort in der Ecke hinter den Heiligenbildern. Es unter -dem Kissen aufzubewahren, wäre aber doch ganz lächerlich gewesen. In der -Schatulle ist es doch wenigstens verschlossen. Hier aber glauben jetzt -alle, daß es unter dem Kissen gelegen hat. Man kann sich über die -Dummheit der Menschen alleweil nur wundern. Also wenn nun Dmitrij -Fedorowitsch selbigen Totschlag begangen hätten, so hätten sie doch -nichts gefunden und wären entweder eilig fortgelaufen, da doch jedes -Geräusch schrecken kann, oder sie wären arretiert worden. Alsomit hätte -ich dann immer noch, am nächsten Tage oder noch in selbiger Nacht, zu -den Heiligenbildern hinaufklettern und selbiges Geld nehmen und -fortbringen können, und alles wäre auf Dmitrij Fedorowitsch gefallen. -Darauf konnte ich immer hoffen.“ - -„Aber wenn er ihn nicht totgeschlagen, sondern nur durchgeprügelt -hätte?“ - -„Wenn sie ihn nicht totgeschlagen hätten, so hätte ich das Geld -selbstverständlich nicht zu nehmen gewagt, und alles wäre umsonst -gewesen. Aber ich hatte hinwiederum auch solche Berechnung, daß, wenn -sie ihn nur bis zur Bewußtlosigkeit schlagen, ich dann in der -Zwischenzeit doch das Geld fortnehme und nachher Fedor Pawlowitsch -einfach sage, daß Dmitrij Fedorowitsch und sonstig niemand das Geld -genommen haben.“ - -„Wart ... du hast mich ganz verwirrt. So hat ihn also doch Dmitrij -Fedorowitsch erschlagen, und du hast dann nur das Geld genommen?“ - -„Nein, nicht Dmitrij Fedorowitsch hat ihn erschlagen. Was! – ich könnte -Euch ja auch jetzt noch sagen, daß Dmitrij Fedorowitsch der Mörder sei -... aber ich will jetzt nicht vor Euch lügen, denn ... denn wenn Ihr -auch wirklich und wahrhaftig, wie ich selber sehe, bis jetzt noch nichts -verstanden und Euch nicht vor mir verstellt habt, um die offenbare -eigene Schuld auf mich zu wälzen, ganz unverschämt mir ins Gesicht, so -seid Ihr doch ganz allein an allem schuld, denn Ihr wußtet von selbigem -Morde und hattet mich ihn auszuführen beauftragt, selber aber verreistet -Ihr, wiewohl Ihr alles wußtet. Darum will ich denn heute abend Euch ins -Gesicht beweisen, daß hier der Hauptmörder nur Ihr allein seid, ich aber -am allerwenigsten der Mörder bin, wenn auch ich es bin, der erschlagen -hat. Der wahre aber und einzige rechtmäßige Mörder, das _seid Ihr_!“ - -„Warum, warum soll _ich_ der Mörder sein? O Gott!“ rief Iwan, der wieder -vergaß, daß er alles auf ihn Bezügliche bis zum Schluß der Unterhaltung -hatte hinausschieben wollen, ganz verzweifelt aus: „Du meinst das immer -noch wegen der Fahrt nach Tschermaschnjä? Halt, sage zuerst, wozu du -mein Einverständnis brauchtest, wenn du die Fahrt nach Tschermaschnjä -als Einverständnis angesehen hast? Wie wirst du das jetzt erklären?“ - -„Wenn ich erst einmal Eures Einverständnisses sicher war, so hätte ich -gewußt, ob Ihr wegen selbiger Dreitausend auch kein Geschrei erheben -würdet, wenn Ihr zurückkehrt – falls die Obrigkeit aus irgendeinem -Grunde mich statt Dmitrij Fedorowitsch verdächtigen oder auch nur für -ihren Helfershelfer halten sollte –, daß Ihr mich dann vor den anderen -sogar noch verteidigen würdet ... Und wenn Euch dann das rechtmäßige -Erbe zugefallen wäre, so hättet Ihr mich alsomit während des ganzen -folgenden Lebens belohnen können, sintemal Ihr doch nur durch mich das -Erbteil zu erhalten geruht hättet, denn wenn der Herr Agrafena -Alexandrowna geheiratet hätten, so hättet Ihr doch nichts als eine lange -Nase zu sehen bekommen.“ - -„Ah! So hattest du also die Absicht, mich auch fernerhin zu quälen, das -ganze Leben lang!“ sagte Iwan, innerlich knirschend vor Wut. „Was aber -dann, wenn ich nicht fortgefahren wäre und dich angezeigt hätte?“ - -„Was hättet Ihr denn dazumal anzeigen können? Daß ich Euch zugeredet -hätte, nach Tschermaschnjä zu fahren? Das ist doch nur dummes Gerede! -Und dann – Ihr wärt doch nach selbigem Gespräch entweder gefahren oder -geblieben. Wärt Ihr geblieben, so wäre auch nichts geschehen, dieweil -ich dann gewußt hätte, daß Ihr selbiges nicht wollt, und alsomit hätte -ich auch nichts getan. Wenn Ihr aber verreistet, so vergewissertet Ihr -mich auf selbige Weise dessen, daß Ihr vor Gericht nichts gegen mich -auszusagen wagen würdet und mir selbige Dreitausend schenkt. Und Ihr -hättet mir ja auch später nichts anhaben können, sintemal ich dann vor -Gericht alles gesagt hätte. Das heißt, nicht, daß ich der Dieb oder der -Mörder bin – das hätte ich nie gesagt –, sondern nur, daß Ihr selber mir -zum Mord und Diebstahl zugeredet hättet, ich aber bloß nicht -eingewilligt hätte. Seht Ihr jetzt, wozu ich dazumal Euer Einverständnis -brauchte! Damit Ihr keine Möglichkeit habt, mich mit etwas in die Enge -zu treiben, sintemal Ihr doch keinen einzigen Beweis vorführen könnt, -ich hingegen wieder die Möglichkeit bekäme, Euch alleweil festlegen zu -können: ich brauchte somit nur aufzudecken, wie sehr Ihr den Tod des -Vaters gewünscht habt, und da habt Ihr mein Wort: im Publikum hätten mir -alle geglaubt, Ihr aber hättet Euch dann Euer Leben lang schämen -müssen.“ - -„So habe ich denn, sagst du, so habe ich denn seinen Tod _gewünscht_?“ -fragte Iwan wiederum erbleichend. - -„Zweifelsohne habt Ihr es, und mit Eurem Einverständnis habt Ihr mir -selbige Tat stillschweigend erlaubt.“ - -Ssmerdjäkoff blickte ihn fest an. Er war sehr schwach und sprach leise -und erschöpft, doch in seinem Inneren mußte etwas verborgen sein, das -ihn antrieb und in ihm fortbrannte. Offenbar hatte er eine bestimmte -Absicht – das fühlte Iwan. - -„Fahre fort,“ sagte er, „erzähl weiter von jener Nacht.“ - -„Was ist denn da noch weiter zu erzählen? ... Und da liege ich denn so -und höre plötzlich, wie wenn der Herr einen Schrei ausgestoßen hätte. -Grigorij Wassiljewitsch war aber schon kurz vorher aufgestanden und -hinausgegangen, und da höre ich, wie Grigorij auf einmal schreit, und -dann ist wieder alles still, dunkel. Und so liege ich denn, warte, das -Herz klopft, kann es nicht mehr aushalten. Da stand ich denn schließlich -auf und ging, – sehe, rechts ist bei ihnen das Fenster nach dem Garten -weit auf, ich gehe noch ein paar Schritt weiter nach links, um zu -horchen, ob sie noch dort im Zimmer lebendig sind oder schon tot, und da -höre ich, wie der Herr sich hin und her bewegen und stöhnen, also noch -lebendig sind. Ach, denke ich! trat ans Fenster und rief den Herrn an: -Ich bin es, sozusagen. Sie aber fahren auf: ‚Er war hier, er war hier, -jetzt ist er fortgelaufen!‘ Also Dmitrij Fedorowitsch waren dagewesen. -‚Er hat Grigorij erschlagen!‘ – ‚Wo?‘ frage ich flüsternd. – ‚Dort, bei -der Zaunecke!‘ zeigen sie und flüstern selber gleichfalls. – ‚Wartet,‘ -sage ich. So ging ich denn zu selbiger Ecke und stieß denn auch dort -beim Zaun auf den liegenden Grigorij Wassiljewitsch, der ganz -blutüberströmt und bewußtlos war. So mußte es denn wahr sein, dachte ich -sogleich bei mir, daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren, und in -selbigem Moment beschloß ich auch, alles zu beenden, sintemal Grigorij -Wassiljewitsch, wenn er auch noch lebte, doch bewußtlos war und -vorläufig nichts sehen noch hören konnte. Nur eine Gefahr war dabei, daß -nämlich Marfa Ignatjewna inzwischen aufwachen könnte. Das fühlte ich -wohl in diesem Moment, nur hatte mich selbige Gier schon so erfaßt, daß -mir sogar der Atem wegblieb. Ich ging wieder zum Fenster des Herrn und -sagte: ‚Sie sind hier, Agrafena Alexandrowna sind gekommen, sie lassen -bitten, hereinkommen zu können.‘ Wie sie da am ganzen Körper -zusammenfuhren, rein wie ein Kind! ‚Wo hier? Wo?‘ fragen sie, stöhnen -nur noch vor Aufregung, selbst aber glauben sie noch nicht. – ‚Dort -steht sie,‘ sage ich, ‚macht nur die Tür auf!‘ – Da sehen sie mich an, -mir gerade ins Gesicht, ich stand draußen am Fensters, mein Gesicht war -beleuchtet; und sie glauben und glauben auch wieder nicht, zu öffnen -aber fürchten sie sich. ‚Jetzt fürchtet er sogar schon mich,‘ denke ich -bei mir. Und – wie lächerlich: da fällt mir plötzlich ein, selbige -Zeichen, die ‚Gruschenka ist gekommen‘ bedeuten, an den Fensterrahmen zu -klopfen, _vor ihren Augen_ selbiges zu klopfen. Den Worten schienen sie -nicht recht zu glauben, sobald ich aber selbige Zeichen geklopft hatte, -da glaubten sie sofort und liefen eilig hin, um die Tür aufzumachen. Und -sie machten auch auf. Ich wollte schon eintreten, sie aber stehen noch -vor, wollen mit dem Körper mir den Eingang versperren, wollen mich nicht -ganz hereinlassen. – ‚Wo ist sie? Wo ist sie?‘ fragen sie, blicken mich -an und zittern. Nun, denke ich, wenn er schon mich fürchtet – so ist es -schon schlimm genug. Und da wurden mir auch die Füße ganz schwach von -selbiger Angst, daß sie mich vielleicht nicht zu sich hereinlassen oder -um Hilfe rufen würden, oder Marfa Ignatjewna herbeigelaufen kommt, oder -sonstig was geschieht, ich weiß schon nicht mehr, ich stand wohl selber -ganz bleich vor ihnen. Da flüstere ich ihnen denn ganz leise zu: ‚Aber -dort selbentlich, dort unterm Fenster, wie, habt Ihr denn,‘ frage ich, -‚sie nicht gesehen?‘ – ‚Aber so bring sie doch her, bring du sie doch -her!‘ sagen sie. – ‚Aber sie fürchten sich doch gewaltig,‘ sage ich, -‚sie haben vom Geschrei Angst bekommen, sie haben sich hinterm Gebüsch -versteckt, geht, ruft sie,‘ sage ich, ‚selber aus dem Fenster.‘ Da -liefen sie denn zurück, traten ans Fenster, stellten das Licht aufs -Fensterbrett: – ‚Gruschenka,‘ rufen sie, ‚Gruschenka, bist du hier?‘ -Selber rufen sie es, zum Fenster aber sich hinausbeugen, wollen sie -nicht, keinen Schritt wollen sie von mir fortgehen, alles von wegen -selbiger Angst, dieweil sie sich vor mir ganz gewaltig fürchteten, und -darum wagten sie nicht, von mir fortzugehen. – ‚Aber seht doch, da sind -ja Agrafena Alexandrowna,‘ sage ich, gehe zum Fenster und beuge mich -selber ganz hinaus, ‚da sind sie ja, dort hinterm Holunderbusch, sie -lachen Euch noch zu, seht Ihr denn wahrhaftig nicht?‘ Da glaubten sie -mir mit einemmal, erzitterten am ganzen Leibe – waren doch schon gar zu -gewaltig in sie verliebt. Und sie kamen ans Fenster und beugten sich -selber weit hinaus. Da ergriff ich denn selbigen Briefbeschwerer, Ihr -erinnert Euch seiner wohl noch, das ist doch ein Ding von drei Pfund, -holte aus und hieb ihnen von hinten gerade auf den Scheitel mit der -Ecke. Sie schrien nicht mal auf. Nur sanken sie plötzlich zusammen, ich -aber hieb zum zweiten- und drittenmal. Beim drittenmal fühlte ich, daß -ich durchgeschlagen hatte. Und da fielen sie plötzlich hin auf den -Rücken, das Gesicht nach oben, ganz von Blut überströmt. Ich betrachtete -mich darauf selber: ich war nicht mit Blut bespritzt. Ich wischte den -Briefbeschwerer ab, legte ihn wieder hin, stieg auf einen Stuhl und nahm -selbiges Geld, das hinter den Heiligenbildern lag, nahm das Geld aus dem -Umschlag heraus, den Umschlag aber warf ich vor das Bett auf den -Fußboden und daneben auch selbiges rosa Bändchen. Darauf ging ich in den -Garten, aber mir zitterten noch immer alle Glieder. Ich ging geradeswegs -zu selbigem Apfelbaum, in dessen Stamm die Höhlung ist, – Ihr kennt doch -selbige Höhlung, ich aber hatte sie mir schon lange gemerkt; in ihr lag -auch ein Lappen und Papier, die hatte ich auch schon lange vorbereitet. -Ich wickelte selbige Summe in das Papier und dann in das Zeug und -stopfte das Paket dann tief hinein. Dort hat es über zwei Wochen -gelegen, erst nach dem Krankenhause nahm ich es heraus, selbige Summe -meine ich. Nun, und darauf ging ich denn zurück und legte mich wieder in -mein Bett und denke so in meiner Angst: ‚Wenn nun Grigorij -Wassiljewitsch ganz totgeschlagen ist, so kann es verflucht gefährlich -werden, ist er aber nicht ganz totgeschlagen und kommt er wiederum zu -sich, so kommt alles wunderschön heraus, sintemal er dann bezeugen wird, -daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren und alsomit sowohl erschlagen -als auch das Geld geraubt haben.‘ Und da fing ich denn an vor lauter -Zweifel und Ungeduld zu stöhnen, um Marfa Ignatjewna aufzuwecken. Nun, -und endlich wachte sie denn auch auf und kam zu mir gelaufen, wie sie -aber sah, daß Grigorij Wassiljewitsch nicht da war, lief sie hinaus. -Darauf hörte ich denn, wie sie einmal laut aufschrie im Garten. Nun, und -dann ging es die ganze Nacht so weiter, ich aber war da schon ganz und -gar beruhigt.“ - -Ssmerdjäkoff hielt inne. Iwan hatte ihm die ganze Zeit wie im toten -Schweigen zugehört, ohne sich zu bewegen, ohne auch nur einmal das Auge -von ihm abzuwenden. Ssmerdjäkoff dagegen hatte, während er sprach, nur -von Zeit zu Zeit flüchtig zu ihm hingesehen, sonst aber immer zur Seite -geblickt. Als er seine Erzählung beendet hatte, war er augenscheinlich -selbst sehr erregt. Er atmete schwer. Auf seinem Gesicht trat Schweiß -hervor. Doch war es unmöglich zu erraten, ob er nun Reue oder überhaupt -etwas empfand. - -„Wart,“ sagte Iwan, der noch ein wenig zu überlegen schien, „– aber die -Tür? Wenn er die Tür erst für dich aufgemacht hat, wie hat dann Grigorij -sie schon vor dir offen gesehen? Grigorij war doch vor dir in den Garten -gegangen?“ - -Bemerkenswert ist, daß Iwan dieses mit der ruhigsten Stimme fragte, -sogar in einem ganz anderen, auffallend friedlichen Tone, so daß, wenn -in dem Augenblick jemand die Tür geöffnet und von der Schwelle sie -gesehen hätte, dieser unbedingt geglaubt haben würde, daß sie beide -vollkommen ruhig und friedlich über irgendeinen gewöhnlichen, wenn auch -vielleicht interessanten Gegenstand miteinander sprächen. - -„Was Grigorij Wassiljewitsch da sagt, er hätte diese Tür offen gesehen, -so hat ihm das nur so geschienen,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttisch -verzogenem Lächeln. „Das ist ja doch, ich sage Euch, kein Mensch, -sondern sozusagen eine Abart von einem störrischen Wallach. Ohne so -etwas gesehen zu haben, es ist ihm ja nur so vorgekommen, besteht er -darauf, und den wird kein Mensch mehr davon abbringen. Das ist nun schon -so ein ganz besonderes Glück für uns beide, daß er sich so darauf -versessen hat, denn auf selbige Aussage hin wird man Dmitrij -Fedorowitsch zu guter Letzt doch ganz sicherlich verurteilen.“ - -„Höre,“ unterbrach ihn Iwan Fedorowitsch zerstreut, wie wenn sich seine -Gedanken wieder verwirrt hätten und er sich bemühte, irgend etwas zu -erfassen. „Höre ... ich wollte dich noch so vieles fragen, ich habe aber -vergessen ... Ich vergesse immer und verwirre mich ... Ja! Sag mir -wenigstens das eine: warum machtest du das Geldpaket noch im Zimmer auf, -und warum ließest du das Kuvert dort liegen? Warum brachtest du es nicht -so fort wie es war ...? Als du davon erzähltest, schien es mir, daß du -diese Handlung für selbstverständlich und sehr richtig hieltest ... -warum aber – das verstehe ich nicht ...“ - -„Selbiges habe ich aus einem, wie man sagt, ganz speziellen Grunde -getan. Denn ein Mensch, der alles weiß und kennt, wie beispielsweise -ich, der selbiges Geld schon früher gesehen hat, der vielleicht noch -selber geholfen hat, das Bändchen umzubinden, und mit eigenen Augen -zugesehen hat, wie das Kuvert versiegelt und mit der Aufschrift bedacht -wurde, aus welchem Grunde wird dann dieser Mensch, wenn, sagen wir, er -erschlagen hat, das Paket noch aufbrechen und bei seiner Eile das Geld -nachzählen, wo er doch schon sowieso ganz genau weiß, was drin ist? -Nein, wenn der Räuber beispielsweise einer wie ich gewesen wäre, so -hätte er das Paket in die Tasche geschoben, ohne selbiges noch weiter zu -untersuchen, und wäre damit verduftet. Hinwiederum hätten Dmitrij -Fedorowitsch ganz anders gehandelt: sie wußten von selbigem Geldpaket -nur das, was ich ihnen gesagt hatte, selber aber hatten sie es nie -gesehen; alsomit hätten sie, wenn sie es, wie man meint, unter dem -Kissen gefunden hätten, gleich hier an Ort und Stelle aufreißen und sich -vom Inhalt überzeugen müssen, ob denn in ihm auch wahrhaftig selbige -Summe drin ist. Das Kuvert aber hätten sie dort liegen lassen, ohne in -der Eile nachzudenken und sich zu sagen, daß selbiges Stück Papier gegen -sie als Beweis dienen kann, dieweil sie doch nicht zu stehlen gewöhnt -sind, denn sie haben doch in ihrem Leben sicherlich noch nie etwas -gestohlen, da sie doch ein geborener Edelmann sind. Wenn sie sich aber -in diesem Fall auch entschlossen hätten, das Geld zu stehlen, so wäre -selbiges für sie, also ihrer Meinung nach, doch nicht wie ein Diebstahl -gewesen, sondern sozusagen: ‚Bin gegangen, um mein gestohlenes Eigentum -zurückzunehmen,‘ wie sie das ja auch früher in der ganzen Stadt gesagt -haben, daß sie gehen und von Fedor Pawlowitsch ihr Eigentum nehmen -würden. Selbigen Gedanken habe ich auch bei meinem Verhör dem -Staatsanwalt nicht gerade klar und deutlich gesagt, aber ich habe ihn -mit anderen Bemerkungen, und als ob ich selber nichts davon begriffe, so -geschoben und so gelenkt, daß er schließlich wie von selbst darauf -kommen mußte und alsomit nicht ich es ihnen gesagt hätte, so daß der -Herr Staatsanwalt sich vor lauter Freude bloß die Oberlippe geleckt hat -...“ - -„Und das alles, das alles hast du in dieser kurzen Zeit überlegen -können?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz entsetzt vor Verwunderung. Wieder -sah er Ssmerdjäkoff erschrocken an. - -„Erbarmt Euch! Kann man denn so etwas in den paar Sekunden überlegen! Es -war doch alles schon voraus überlegt.“ - -„Nun ... dann hat dir also der Teufel selber geholfen!“ rief Iwan -Fedorowitsch aus. „Nein, du bist nicht dumm, du bist viel klüger, als -ich dachte ...“ - -Er erhob sich vom Stuhl, offenbar in der Absicht, zur Beruhigung seiner -Nerven ein paarmal im Zimmer auf und ab zu gehen. Er fühlte, daß er die -beklemmende Stimmung nicht mehr ertragen konnte. Da jedoch der Tisch den -Weg versperrte und er sich zwischen dem Tisch und der Wand fast hätte -durchquetschen müssen, so sah er sich nur einmal wie zerstreut um und -setzte sich dann wieder hin. Vielleicht war diese Hemmung, daß er nicht -hatte gehen können, der Grund, warum er plötzlich dermaßen gereizt -auffuhr, als wäre die Wut übermächtig in ihm geworden. - -„Höre, du unseliger, du niedriger Mensch! Begreifst du denn wirklich -nicht, daß ich, wenn ich dich nicht totschlage, es nur deswegen nicht -tue, weil ich dich zu morgen, zur Gerichtssitzung aufbewahre! Gott -sieht,“ rief Iwan aus und erhob die rechte Hand, „daß vielleicht auch -ich schuldig bin, vielleicht habe ich tatsächlich den geheimen Wunsch -gehabt, daß ... der Vater sterben möge, aber ich schwöre dir, so -schuldig, wie du glaubst, bin ich nicht, und vielleicht habe ich dich -überhaupt nicht dazu angespornt. Nein, nein, ich weiß, ich habe es nicht -getan! Aber gleichviel, ich werde mich morgen selbst anzeigen, morgen -vor Gericht, ich habe es schon beschlossen! Ich werde alles sagen, -alles! Wir werden beide vor die Richter treten! Und was du auch gegen -mich vor ihnen aussagen solltest, was du auch gegen mich bezeugst – ich -nehme alles auf mich, denn ich fürchte dich nicht! Ich werde selbst -alles bestätigen! Aber auch du wirst vor dem Gericht alles gestehen -müssen! Du mußt, du mußt es, wir werden zusammen gehen! So wird es -sein!“ - -Iwan sprach es feierlich und energisch, und schon allein an seinem -glänzenden Blick sah man, daß es so sein werde. - -„Krank seid Ihr, das sehe ich, ganz krank. Eure Augen schimmern ja ganz -gelb,“ sagte Ssmerdjäkoff, doch sprach er es ohne jeden Spott, sogar -eher mitleidig. - -„Zusammen werden wir gehen!“ wiederholte Iwan, „willst du aber nicht -mitkommen, einerlei, so werde ich allein alles bekennen.“ - -Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile, als dächte er nach. - -„Nichts wird von alledem geschehen, und Ihr werdet auch nicht hingehen,“ -sagte er schließlich in einer Weise, als ob sein Ausspruch jeden Einwand -ausschließe. - -„Du verstehst mich nicht recht!“ sagte Iwan Fedorowitsch vorwurfsvoll. - -„Ihr werdet Euch gar zu sehr schämen, alles von Euch einzugestehn. Und -noch mehr als Ihr Euch schämen werdet, wird es unnütz sein, dieweil doch -ich sagen werde, daß ich Euch nichts von alledem oder auch nur etwas -Derartiges gesagt hätte, und daß Ihr entweder irgendeine Krankheit -hättet – wonach es ja auch ganz aussieht – oder aber daß Euch das -Brüderchen so leid täte, daß Ihr Euch für dasselbe opfern wolltet und -daher das alles gegen mich ausgedacht hättet, sintemal Ihr mich alleweil -nur für so viel wie eine Mücke gehalten habt, und nicht für einen -Menschen. Und wer wird Euch denn glauben, und habt Ihr denn auch nur -einen einzigen Beweis?“ - -„Hör mal, dieses Geld hast du mir doch jetzt gezeigt, um mich zu -überzeugen.“ - -Ssmerdjäkoff nahm das Buch der „Predigten unseres Issaak Ssirin“, das -das Geld bedeckte, und schob es beiseite. - -„Dieses Geld nehmt an Euch und bringt es fort,“ sagte Ssmerdjäkoff, tief -Atem schöpfend. - -„Selbstverständlich werde ich es fortbringen! Aber warum gibst du es -denn jetzt mir, wenn du dieses Geldes wegen erschlagen hast?“ Iwan -blickte ihn verwundert und fragend an. - -„Jetzt brauch ich es überhaupt nicht mehr,“ sagte Ssmerdjäkoff mit -unsicherer Stimme und winkte müde mit der Hand ab. „Ich hatte früher -einmal so einen Gedanken ... daß ich mit selbiger Summe ein anderes -Leben anfangen könnte, in Moskau, oder noch besser, im Auslande ... das -war einmal so eine Idee. Hauptsächlich aber darum, weil doch ‚alles -erlaubt ist‘. Das habt Ihr mich dazumal ganz richtig gelehrt, und gut -habt Ihr es mir erklärt: denn wenn es keinen ewigen Gott gibt, so gibt -es überhaupt keine Tugend, und dann braucht man sie ja auch gar nicht. -Das habt Ihr vollkommen richtig bemerkt. Das habe auch ich eingesehen.“ - -„Mit eigenem Verstande?“ fragte Iwan mit verzogenem Lächeln. - -„Dank Eurer Führung.“ - -„Und jetzt hast du also angefangen an Gott zu glauben, wenn du das Geld -zurückgibst?“ - -„Nein, das habe ich nicht angefangen,“ murmelte Ssmerdjäkoff. - -„So, – warum gibst du es dann zurück?“ - -„Ach was ... genug davon ... das hat nichts damit zu tun ...“ -Ssmerdjäkoff winkte wieder mit der Hand ab. „Ihr sagtet doch dazumal -selber alleweil, daß alles erlaubt sei, warum seid Ihr dann jetzig so -aufgeregt, Ihr selber, meine ich? Ihr wollt ja sogar hingehen und gegen -Euch selber aussagen ... Nur wird davon nichts geschehen! Ihr werdet -nichts gegen Euch aussagen!“ wiederholte Ssmerdjäkoff überzeugt und mit -fester Stimme. - -„Du wirst es sehen!“ sagte Iwan. - -„Das kann ja gar nicht geschehen. Klug seid Ihr sehr, Geld liebt Ihr -auch, das weiß ich. Achtung und Ehre liebt Ihr gleichfalls, denn Ihr -seid sehr stolz. Weiberschönheit liebt Ihr über alle Maßen, am meisten -aber doch, reich zu leben und vor niemandem den Hut ziehen zu müssen – -das liebt Ihr sogar am allermeisten. Ihr werdet doch nicht dumm sein und -Euer Leben auf alle Zeiten verpfuschen – solche Schande vor Gericht auf -Euch nehmen! Ihr seid am allermeisten wie Fedor Pawlowitsch, von allen -seinen Kindern seid Ihr ihm am ähnlichsten, ganz seine Seele habt Ihr.“ - -„Du bist nicht dumm,“ sagte Iwan gewissermaßen verwundert; plötzlich -schoß ihm das Blut glühend ins Gesicht. „Ich glaubte zuerst, du seiest -dumm ... du hast doch jetzt im Ernst gesprochen?“ fragte er, mit einem -ganz anderen Blick als bisher Ssmerdjäkoff betrachtend. - -„Nur aus Eurem selbigen Stolz habt Ihr geglaubt, daß ich dumm sei. Nehmt -das Geld.“ - -Iwan nahm die drei Geldpakete und schob sie in die Tasche, ohne sie in -etwas einzuwickeln. - -„Morgen werde ich es vorweisen, wenn wir vor Gericht sind.“ - -„Es wird Euch dort doch niemand glauben. Als ob Ihr jetzt nicht selber -Geld genug hättet, da habt Ihr eben aus dem eigenen Beutel selbige -Dreitausend mitgenommen, und weiter nichts.“ - -Iwan stand auf. - -„Ich sage es dir nochmals, daß, wenn ich dich nicht totgeschlagen habe, -es nur geschehen ist, weil ich dich zu morgen noch nötig habe. Behalte -das, vergiß es nicht!“ - -„Nun was, erschlagt mich doch. Erschlagt mich jetzt gleich,“ sagte -Ssmerdjäkoff plötzlich in ganz eigentümlicher Weise, und der Blick, mit -dem er Iwan anblickte, war so sonderbar. „Ihr wagt ja nicht einmal das -zu tun,“ fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. „Nichts werdet Ihr mehr -wagen, Ihr, die Ihr früher so mutig und verwegen waret.“ - -„Auf morgen!“ Iwan schritt zur Tür. - -„Wartet ... zeigt es mir noch einmal.“ - -Iwan zog das Geld aus der Tasche und zeigte es ihm. Ssmerdjäkoff blickte -es an – mehr denn zehn Sekunden lang. - -„Nun, geht,“ sagte er, mit der Hand abwinkend. „Iwan Fedorowitsch!“ rief -er plötzlich, ihn noch einmal aufhaltend. - -„Was willst du?“ Iwan wandte sich, bereits im Fortgehen begriffen, noch -einmal zu ihm zurück. - -„Lebt wohl!“ - -„Auf morgen!“ rief wieder Iwan und verließ das Haus. - -Das Schneetreiben hatte noch immer nicht nachgelassen. Das erste Stück -vom Hause ging er mit festen, sicheren Schritten, doch plötzlich war -ihm, als finge er zu wanken an. „Das muß etwas Physisches sein,“ meinte -er bei sich lächelnd. Es war ihm, als wenn jetzt geradezu eine große -Freude seine Seele ergriffen hätte. Er fühlte eine grenzenlose -Festigkeit in sich: die Zweifel und Ahnungen, die ihn in den letzten -langen Wochen so gefoltert hatten, waren überwunden. „Der Entschluß ist -gefaßt, und ich werde ihn nicht mehr ändern,“ dachte Iwan und fühlte -sich glücklich bei diesem Gedanken. In dem Augenblick stolperte er über -irgend etwas und wäre beinahe gefallen. Er blieb stehen und gewahrte -schließlich in der matten Dunkelheit vor seinen Füßen das von ihm -niedergeworfene betrunkene Bäuerlein. Es lag auf derselben Stelle, wo es -nach dem ihm versetzten Stoß hingefallen war. Regungslos und bewußtlos -lag es da. Der Schnee hatte ihm schon fast das ganze Gesicht verweht. -Iwan beugte sich plötzlich zu dem Liegenden nieder, erfaßte ihn und -wollte ihn sich auf den Rücken laden. Da erblickte er weiter rechts -Licht in einem Häuschen. Er ging hin, klopfte an den Fensterladen und -bat den Kleinbürger, den Besitzer des Häuschens, der ihm die Tür -aufmachte, ihm zu helfen, das Bäuerlein bis zur nächsten Wachtstube zu -bringen, wofür er ihm drei Rubel versprach. Der Kleinbürger kleidete -sich an und trat heraus. Ich werde nicht weiter ausführlich erzählen, -wie es Iwan Fedorowitsch gelang, sein Ziel zu erreichen, den Bauer in -der Wachtstube noch mit der Bedingung unterzubringen, daß sofort ein -Arzt zur Untersuchung herbeigerufen werde, wozu er wieder, ohne zu -zählen, Geld für die Ausgaben und „die Mühe“ gab. Ich will nur sagen, -daß die Sache eine ganze Stunde in Anspruch nahm. Iwan Fedorowitsch war -aber sehr zufrieden. Seine Gedanken schweiften unermüdlich umher und -arbeiteten in ihm. „Wenn mein Entschluß für morgen nicht so fest gefaßt -wäre,“ dachte er bei sich, und der Gedanke machte ihn fast glücklich, -„würde ich mich nicht eine ganze Stunde lang mit diesem betrunkenen -Bauern abgegeben haben; ich wäre vorübergegangen und hätte darauf -gespuckt, daß er erfrieren könnte ... Wie gut ich mich aber beobachten -kann,“ dachte er gleich darauf mit noch größerer Zufriedenheit. „Und die -glaubten ja schon, daß ich wahnsinnig werden würde!“ Als er bei seiner -Wohnung anlangte, blieb er plötzlich vor der unerwarteten Frage, ob er -nicht sofort, unverzüglich zum Staatsanwalt gehen solle, um ihn sogleich -von allem zu benachrichtigen, auf der Straße stehen. Er entschied -jedoch, sich zum Hause wendend: „Morgen – alles zugleich!“ Doch -sonderbar: seine ganze freudige Stimmung und die gewisse erhebende -Selbstzufriedenheit hatten ihn wie mit einem Schlage verlassen. Als er -dann in sein Zimmer trat, war ihm, als wenn etwas Eisiges plötzlich sein -Herz berührt hätte, wie eine Erinnerung, oder richtiger, wie ein -Erinnertwerden an etwas Qualvolles und Ekelhaftes, das sich gerade in -diesem Zimmer befand, und zwar gerade jetzt, soeben, aber auch schon -früher dagewesen wäre. Er ließ sich erschöpft auf den Diwan nieder. Die -alte Dienstmagd brachte ihm den Ssamowar, er goß sich ein Glas Tee ein, -rührte es aber nicht an. Die Alte schickte er fort. Er stützte den Arm -auf die Seitenlehne des Diwans – ihn schwindelte. Er fühlte sich krank -und völlig kraftlos. Er wollte bereits in der Diwanecke einschlummern, -doch trieb ihn eine innere Unruhe wieder auf; er erhob sich und ging im -Zimmer auf und ab, um den Schlaf zu verscheuchen. Mitunter schien es -ihm, daß er phantasiere. Doch nicht seine Krankheit beschäftigte ihn. Er -setzte sich wieder hin; und da begann er zuweilen um sich zu blicken, -nicht ununterbrochen, sondern nur hin und wieder, doch je länger desto -schärfer, als ob er etwas zu erspähen suchte. Das tat er immer wieder. -Schließlich heftete sich sein spähender Blick aufmerksam auf einen -bestimmten Punkt. Ein kurzes Lächeln erschien auf seinen Lippen, und das -Blut stieg ihm vor Zorn ins Gesicht bis hinauf über die Stirn. Lange saß -er so auf seinem Platz, fest mit beiden Händen den Kopf stützend, doch -seine Augen spähten immer noch nach jenem einen Punkt, dorthin nach dem -Diwan, der an der gegenüberliegenden Wand stand. Augenscheinlich mußte -dort etwas sein, das ihn reizte, irgendein Gegenstand vielleicht, der -ihn beunruhigte und quälte und doch anzog ... - - - IX. - Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb - -Ich bin kein Arzt, und doch muß ich wenigstens einiges zur Erklärung -über die Natur der Krankheit Iwan Fedorowitschs sagen. Er befand sich an -diesem Abend kurz vor dem Ausbruch eines Nervenfiebers, das sich schon -lange in seinem zerrütteten Nervensystem vorbereitet hatte, und dem er -nur infolge seiner hartnäckigen Widerstandskraft bis dahin noch nicht -erlegen war. Obwohl ich fast nichts von Medizin verstehe, wage ich doch -meine Vermutung auszusprechen, daß er vielleicht in der Tat durch -übermäßige Willensanspannung den Ausbruch der Krankheit hinausgeschoben -hatte, wahrscheinlich sogar in der Hoffnung, sie durch seinen bloßen -Willen ganz zu überwinden. Er wußte, daß er nicht gesund war, doch -empfand er einen heftigen Widerwillen bei dem Gedanken, in dieser Zeit -krank zu werden, gerade in den bevorstehenden schicksalsschweren Stunden -seines Lebens, da es hieß, Zeugnis abzulegen, kühn und entschlossen sein -Wort zu sagen und „sich vor sich selbst zu rechtfertigen“. Übrigens war -er auch schon einmal bei dem berühmten Moskauer Arzt gewesen, den -Katerina Iwanowna gerufen hatte. Derselbe hatte ihn aufmerksam angehört -und untersucht und darauf gesagt, daß er vielleicht sogar etwas wie – -eine Gehirnzerrüttung habe, und war schließlich durchaus nicht erstaunt -gewesen über ein gewisses Geständnis, das Iwan Fedorowitsch ihm, seinen -Widerwillen und Ekel niederringend, zu guter Letzt gemacht hatte. - -„Halluzinationen sind bei Ihrem Zustande sehr leicht möglich,“ hatte der -Doktor gemeint, „obgleich man sie noch kontrollieren müßte ... Im -übrigen müssen Sie unbedingt sofort, ohne einen Augenblick zu verlieren, -mit einer ernsten Kur beginnen, denn sonst könnte es sehr schlimm -werden.“ Iwan Fedorowitsch hatte aber den vernünftigen Rat nicht -befolgt, hatte sich nicht hingelegt, und auch sonst nichts für seine -Gesundheit getan. „Noch kann ich gehen, folglich reichen noch die -Kräfte, falle ich hin – dann mag mich pflegen, wer Lust hat,“ dachte er. - -So saß er denn jetzt in seinem Zimmer, wußte beinahe selbst, daß er im -Fieber phantasierte, und blickte, wie ich schon vorhin sagte, -angestrengt zur anderen Wand, als fixiere er dort einen Gegenstand auf -dem Diwan. Dort saß plötzlich jemand! Wie und wann er hereingekommen -war, das mag Gott wissen, denn als Iwan Fedorowitsch nach der Rückkehr -von Ssmerdjäkoff das Zimmer betreten hatte, war niemand in demselben -gewesen. Es war das irgendein Herr, oder richtiger, ein russischer -Gentleman von der bekannten Sorte, jedenfalls kein sehr junger Mann -mehr, einer „_qui frisait la cinquantaine_“, wie die Franzosen sagen, -mit dunklem, ziemlich langem, dichtem, nur stellenweise leicht ergrautem -Haar und keilförmig geschnittenem, gleichfalls etwas grau untermischtem -Bart. Gekleidet war er in einen kurzen, augenscheinlich vom besten -Schneider gearbeiteten, aber jetzt schon ziemlich abgetragenen braunen -Rock, in ein Kleidungsstück, das ungefähr vor drei Jahren gearbeitet -sein mochte und somit bereits ganz aus der Mode gekommen war, so daß -diese Art Röcke von tonangebenden Herren seit etwa zwei Jahren nicht -mehr getragen wurden. Die Wäsche, die lange Krawatte in der Art einer -Schärpe, kurz, alles war so, wie es eben elegant gekleidete Gentlemen -trugen, doch war die Wäsche, wenn man sie etwas näher betrachtete, schon -ein wenig schmutzig und die breite Krawatte recht abgenutzt. Die -karierten Hosen saßen tadellos, waren aber wiederum zu hell und -irgendwie zu eng, jedenfalls trug man schon lange viel weitere, und -ebenso war auch der weiße, weiche Filzhut, den der Gast denn doch etwas -gar zu unsaisonmäßig mitgeschleppt hatte, nicht mehr zeitgemäß. Mit -einem Wort, das Äußere hatte den Anschein von Wohlanständigkeit bei -äußerst knappem Taschengelde. Man konnte glauben, daß der Gentleman -jener Klasse von arbeitsscheuen Gutsherren angehörte, die zur Zeit der -Leibeigenschaft ein faules Leben geführt hatten. Offenbar hatte er etwas -mehr von der Welt gesehen und sich in guter Gesellschaft bewegt, hatte -früher einmal Verbindungen gehabt und hielt sie vielleicht auch jetzt -noch aufrecht, war aber allmählich durch seine Verarmung nach den -flotten Jugendjahren und schließlich nach der Aufhebung der -Leibeigenschaft zu einer Art von Schmarotzer „guten Tones“ -herabgesunken, der sich als ewiger Gast bei alten Bekannten herumtreibt, -die ihn dann seines verträglichen Charakters wegen freundlich bei sich -leben lassen. Außerdem war er immerhin ein, nun ja, ein anständiger -Mensch, den man sogar in der besten Gesellschaft an seinen Tisch setzen -konnte, wenn auch, versteht sich, auf einen bescheidenen Platz. Solche -Schmarotzer oder Gentlemen mit erträglichem Charakter, die zu erzählen -verstehen und zu einer Partie Karten sich gut verwenden lassen (dagegen -eine ausgesprochene Abneigung für jede Art von Aufträgen, mit denen man -sie belästigen will, empfinden), sind gewöhnlich alleinstehende -Menschen, Junggesellen oder Witwer, die mitunter sogar Kinder haben, -doch werden diese Kinder dann immer irgendwo fern von ihnen erzogen, -gewöhnlich bei irgendwelchen Tanten, deren aber der Gentleman in höherer -Gesellschaft fast nie Erwähnung tut, gleichsam als schäme er sich dieser -Verwandtschaft. Seiner Kinder entwöhnt er sich mit der Zeit fast ganz, -wenn er auch noch hin und wieder, etwa zu seinem Namenstage und zu -Weihnachten, Gratulationsbriefe von ihnen erhält und zuweilen sie sogar -beantwortet. Die Physiognomie dieses unerwarteten Gastes war nicht -gerade gutmütig, aber wiederum harmonisch und jedenfalls – je nach den -Umständen – zu jedem liebenswürdigen Ausdruck bereit. Eine Uhr hatte er -nicht bei sich, dafür aber trug er eine Schildpattlorgnette an einem -schwarzen Bande. Den Mittelfinger der rechten Hand schmückte ein -massiver goldener Ring mit einem billigen Opal. Iwan Fedorowitsch -schwieg aus Wut und nahm sich vor, überhaupt nicht zu sprechen. Der Gast -wartete und saß genau so, wie ein Krippenreiter sitzen würde, der soeben -aus dem oberen Stock, in dem man ihm ein Zimmer zugewiesen hat, zum Tee -hinabgestiegen ist, um dem Hausherrn bei Tisch Gesellschaft zu leisten, -vorläufig aber noch rücksichtsvoll schweigt – da der Hausherr -beschäftigt ist oder über irgend etwas mit gerunzelter Stirn nachdenkt, -– jedoch zu gleicher Zeit zu jedem liebenswürdigen Gespräche bereit ist, -sobald nur der Hausherr damit beginnen will. Plötzlich aber drückte sich -in seinem Gesicht eine gewisse Besorgnis aus. - -„Hör mal,“ sagte er hastig zu Iwan Fedorowitsch, „entschuldige, wenn ich -störe, aber ich will dich ja nur daran erinnern: Du gingst doch zu -Ssmerdjäkoff, um ihn über Katerina Iwanowna auszufragen, und nun bist du -doch fortgegangen, ohne das Gewünschte erfahren zu haben, du hast es -wohl vergessen ...“ - -„Ach, ja, richtig!“ entschlüpfte es Iwan, und die Sorge verfinsterte -sein Gesicht. „Ja, ich vergaß es ... Übrigens ist das jetzt -gleichgültig, ich habe doch alles auf morgen hinausgeschoben,“ murmelte -er vor sich hin. „Du aber laß dir gesagt sein,“ wandte er sich plötzlich -gereizt auffahrend an den Gast, „– ich hätte mich dessen soeben ganz von -selbst erinnern müssen, denn gerade das bedrückte mir das Herz! Warum -mischst du dich so vorwitzig ein? So könnte ich dir ja glauben, daß du -mich darauf gebracht hast, und nicht, daß ich selbst darauf verfallen -bin!“ - -„So glaub’s doch nicht, wenn du’s nicht willst,“ schlug der Gentleman, -leise auflachend, freundlich vor. „Was ist denn das für ein Glaube, den -man erzwingt? Zudem helfen doch in Glaubensdingen Beweise überhaupt -nicht, besonders keine materiellen. Thomas glaubte nicht darum, weil er -den auferstandenen Christus sah, sondern weil er schon früher zu glauben -gewünscht hatte. Da haben wir jetzt zum Beispiel die Spiritisten ... ich -habe sie sehr gern ... denk nur, sie sind überzeugt, daß sie dem Glauben -nützen, weil die Teufel ihnen aus jener Welt ihre Hörner zeigen. ‚Das -ist doch schon ein materieller Beweis dafür, daß es jene Welt gibt,‘ -heißt es. Jene Welt und materielle Beweise – oje, oje! Und schließlich, -selbst wenn der Teufel bewiesen ist, so ist doch noch längst nicht -gesagt, daß damit auch Gott bewiesen ist! Ich will in die idealistische -Gesellschaft eintreten, werde dort bei ihnen Opposition machen, das -heißt sozusagen: ‚Bin Realist, aber kein Materialist‘, he–he!“ - -„Höre,“ sagte Iwan Fedorowitsch und erhob sich plötzlich von seinem -Platz. „... Ich bin jetzt ganz wie ... es scheint mir, daß ich -phantasiere ... selbstverständlich tue ich es ... im Fieber ... du -kannst dort reden was du willst, mir ist alles gleich! Du wirst mich -heute nicht mehr so in Wut bringen, wie das vorige Mal. Nur schäme ich -mich irgendeiner ... Ich will im Zimmer umhergehen ... Zuweilen sehe ich -dich nicht, und dann höre ich auch nicht einmal deine Stimme, ganz wie -das vorige Mal, aber ich errate immer irgendwie, was du da brummst, denn -_du bist ich, ich, ich selbst rede und nicht du_! Nur weiß ich nicht, ob -ich das vorige Mal schlief, oder ob ich dich im Wachen sah? Ach was, ich -werde das Handtuch mit kaltem Wasser anfeuchten und mir auf die Stirn -legen, vielleicht vergehst du dann ...“ - -Iwan Fedorowitsch ging in die Ecke, nahm ein Handtuch, tat, wie er -gesagt hatte, und begann dann mit dem nassen Handtuch um den Kopf im -Zimmer auf und ab zu schreiten. - -„Es gefällt mir, daß wir uns so ohne weiteres auf Du und Du stellen,“ -begann wieder der Gast. - -„Dummkopf!“ Iwan lachte. „Soll ich etwa anfangen zu dir ‚Sie‘ zu sagen? -Ich bin jetzt bei guter Laune, nur in der Schläfe fühle ich noch einen -Schmerz ... und im Oberkopf ... Aber philosophiere bitte nicht, wie das -vorige Mal. Wenn du dich von hier nicht fortpacken kannst, so schwatz -wenigstens etwas Amüsanteres. Kram doch deine Klatschgeschichten heraus, -du bist doch ein Schmarotzer, da wärst du ja beim Klatschen in deinem -Element. Daß man so einen Albdruck nicht loswerden kann, das ist doch -wirklich ...! Aber ich fürchte dich nicht, ich werde dich überwinden! -Man wird mich _nicht_ in die Irrenanstalt bringen!“ - -„_C’est charmant_: ‚Schmarotzer‘. Ja, ich bin gerade in meiner Art, was -ich bin. Was bin ich denn sonst auf der Erde, wenn nicht ein -Schmarotzer? Übrigens – bei der Gelegenheit: Ich höre dich und, offen -gestanden, ich wundere mich ein wenig: Bei Gott, es scheint, daß du -allmählich anfängst, mich für ein Etwas, für etwas in der Tat -Vorhandenes zu halten, und nicht nur für deine bloße Phantasie, wie du -das vorige Mal hartnäckig behauptetest ...“ - -„Keinen Augenblick akzeptiere ich dich als reale Wahrheit,“ schrie Iwan -zornig und wild. „Lüge bist du, meine Krankheit bist du, du bist nichts -als ein Fiebergespinst! Nur weiß ich nicht, womit ich dich vernichten -könnte ... Ich sehe schon, man wird sich eine Zeitlang quälen müssen. Du -bist meine Halluzination. Du bist die Verkörperung meines Ich, übrigens -nur _eines Teiles_ meines Ich ... meiner Gedanken und Gefühle, aber nur -der niedrigsten und dümmsten. Von diesem Gesichtspunkte aus könntest du -mich sogar interessieren, wenn ich nur Zeit hätte, mich mit dir -abzugeben ...“ - -„Erlaube, erlaube, ich werde dich sofort überführen: Vorhin, bei der -Straßenlaterne, als du plötzlich Aljoscha anfuhrst und schriest: ‚Das -hast du _durch ihn_ erfahren! Woher weißt du, daß _er_ zu mir kommt?‘ -Damit meintest du doch mich. Folglich glaubtest du doch eine kleine -Sekunde lang, glaubtest du also doch, daß ich wirklich bin,“ sagte der -Gentleman mit weichem Lachen. - -„Ja, das war eine Schwäche der Natur ... Ich weiß nicht, schlief ich das -vorige Mal, oder ging ich umher? Vielleicht sah ich dich damals nur im -Traum und gar nicht in Wirklichkeit ...“ - -„Aber warum warst du denn vorhin so unfreundlich zu ihm, zu Aljoscha, -meine ich? Er ist doch ein lieber Junge; ich bin vor ihm noch wegen des -Staretz Sossima schuldig.“ - -„Schweig! Kein Wort von Aljoscha! Wie wagst du es überhaupt, du Lakai!“ -Iwan Fedorowitsch lachte wieder. - -„Du schimpfst und lachst dabei, – das ist ein gutes Zeichen. Übrigens -bist du heute viel liebenswürdiger zu mir als das vorige Mal, aber ich -begreife ja auch, woher das kommt: Dieser große Entschluß ...“ - -„Schweig von dem Entschluß!“ schrie ihn Iwan zornig an. - -„Ich verstehe, verstehe schon. _C’est noble, c’est charmant._ Du gehst -morgen hin, um deinen Bruder zu verteidigen, und opferst dich selbst ... -_C’est chevaleresque_ ...“ - -„Schweig! – oder ich gebe dir einen Fußtritt!“ - -„Zum Teil wird mich das freuen, denn mein Zweck wäre dann erreicht: -Gibst du mir einen Fußtritt, so glaubst du folglich an meine Realität, -denn einem Fiebergespinst verabreicht man doch keine Fußtritte. Aber -weißt du, Scherz beiseite: Mir kann’s ja schließlich egal sein, schimpf -nur zu, wenn du Lust hast, aber es ist doch immer besser, etwas -höflicher zu sein, wäre es auch nur mir gegenüber. Denn sonst: -‚Dummkopf‘ und ‚Lakai‘ – nun, sag doch selbst, was sind denn das für -Worte?“ - -„Indem ich dich schimpfe – schimpfe ich mich selbst!“ sagte Iwan und -lachte wieder kurz auf. „Du bist ich, ich selbst, bloß mit einer anderen -Fratze. Du sprichst genau das, was ich schon bei mir denke ... und bist -überhaupt nicht imstande, mir etwas Neues zu sagen!“ - -„Wenn meine Worte mit deinen Gedanken übereinstimmen, so gereicht mir -das natürlich nur zur Ehre,“ antwortete der Gentleman zuvorkommend und -doch mit persönlicher Würde. - -„Bloß nimmst du immer nur meine schlechten Gedanken, und vor allem – die -dummen. Dumm und gemein bist du. Furchtbar dumm bist du. Nein, ich kann -dich nicht ertragen! Was soll ich tun, was soll ich tun?“ murmelte Iwan -wutknirschend. - -„Mein Freund, ich will immerhin Gentleman sein und auch als -solcher genommen werden,“ begann der Gast in einem Anfall echt -schmarotzerhaften, schon im voraus nachgebenden und gutmütigen -Ehrgeizes. „Ich bin arm, aber ... das heißt, ich will nicht sagen, daß -ich gerade sehr ehrenhaft sei, aber ... es ist doch in der Gesellschaft -gewöhnlich als Axiom angenommen, daß ich ein gefallener Engel sei. Aber, -bei Gott, ich kann mir noch immer nicht recht vorstellen, auf welche -Weise ich einmal ein Engel hätte sein können. Wenn ich es aber wirklich -einmal gewesen sein sollte, so muß das jedenfalls schon so lange her -sein, daß es, denke ich, keine Sünde sein kann, wenn ich es vergessen -habe. Jetzt ist es mir nur um den Ruf eines anständigen Menschen zu tun, -und ich lebe, wie es gerade kommt, indem ich mich bemühe, angenehm zu -sein. Ich liebe die Menschen aufrichtig – oh, man hat mich in vielen -Dingen unglaublich verleumdet! Hier, hienieden, wenn ich zeitweilig -wieder einmal zu euch übersiedle, fließt mein Leben dahin, als ob es nun -auch was Wirkliches wäre, und das ist es gerade, was mir am meisten -gefällt. Denn ich selbst leide doch auch, ganz so wie du, unter dem -Phantastischen, und darum liebe ich euren irdischen Realismus. Hier bei -euch ist alles bezeichnet, alles ist festgesetzt, hier gibt es Formeln, -hier gibt es Geometrie, bei uns aber sind immer nur irgendwelche -unbestimmte Gleichungen! Hier gehe ich umher und sinne. Ich liebe das -Sinnen. Und zudem werde ich hier auf Erden abergläubisch, – bitte lach -nicht: Gerade das gefällt mir, daß ich abergläubisch werde. Ich nehme -hier alle eure Angewohnheiten an: es macht mir Spaß, in die öffentliche -Badstube zu gehen – kannst du dir das vorstellen? – und ich liebe es, -mit Kaufleuten und Popen Schwitzbäder zu nehmen. Meine einzige -Schwärmerei ist, mich zu verkörpern – aber endgültig und unwiderruflich -– in irgendeine dicke, sieben Pud schwere Kaufmannsfrau und an alles zu -glauben, woran sie glaubt. Mein Ideal ist – in die Kirche zu gehen und -dort von ganzem und reinem Herzen einem Heiligen ein Licht stellen zu -können. Bei Gott, so ist es. Dann hätten meine Leiden ein Ende. Ach, -richtig, und dann habe ich noch an etwas Gefallen gefunden, das ist: -mich hier bei euch zu kurieren. Im Frühling herrschten die Pocken, da -ging ich denn ins Findelhaus und ließ mich gegen die Pocken impfen, – -nein, wenn du wüßtest, wie zufrieden ich an jenem Tage war! Ich spendete -sogar zehn Rubel für unsere malträtierten slawischen Brüder! ... Aber du -hörst mir ja gar nicht zu. Weißt du, du bist heute gar nicht wie sonst.“ -Der Gentleman verstummte für eine Weile. „Ich weiß, du bist gestern zu -jenem Doktor gegangen ... nun, wie steht es mit deiner Gesundheit? Was -hat dir der Doktor denn gesagt?“ - -„Schafskopf!“ schnitt Iwan kurz ab. - -„Dafür bist du doch so klug. Willst du wieder schimpfen? Ich habe ja -nicht gerade aus Teilnahme gefragt, sondern nur so. Meinetwegen, -brauchst ja weiter nicht zu antworten. Jetzt kommt wieder die schöne -Jahreszeit, in der das Rheuma zu zwicken anfängt ...“ - -„Schafskopf,“ sagte Iwan nochmals. - -„Das ist wohl alles, scheint es, was du zu sagen weißt. Ich aber holte -mir im vorigen Jahr so einen Rheumatismus, daß ich noch jetzt an ihn -zurückdenken muß.“ - -„Kann denn der Teufel auch Rheumatismus haben?“ - -„Warum denn nicht, wenn ich mich zuweilen verkörpere. Verkörpere ich -mich, so muß ich auch alle Folgen auf mich nehmen. _Satanas sum et nihil -humani a me alienum puto._“ - -„Wie, was? _Satanas sum et nihil humani_ ... das ist nicht dumm für -einen Teufel!“ - -„Freut mich, daß ich es dir endlich recht gemacht habe.“ - -„Aber das hast du ja gar nicht von mir genommen!“ – Iwan blieb ganz -betroffen stehen. – „Das ist mir niemals in den Kopf gekommen, das habe -ich nie gehört oder gedacht ... Das ist sonderbar ...“ - -„_C’est du nouveau, n’est-ce pas?_ Diesmal will ich ehrlich sein und es -dir erklären. Also höre: Im Traum, und besonders, wenn man Albdrücken -hat, nun, sagen wir, sei es infolge eines verdorbenen Magens oder sonst -aus einem Grunde, sieht der Mensch zuweilen dermaßen künstlerische -Träume, so komplizierte und reale Wirklichkeit, solche Ereignisse oder -sogar eine ganze Welt von Ereignissen, die mit dermaßen feinen Intrigen -und unerwarteten Details verknüpft sind, angefangen von unseren höchsten -Erscheinungen bis zum letzten Hemdknopf, daß, ich schwöre dir, selbst -Ljeff Tolstoj es nicht fertigbrächte, sich so etwas auszudenken. Und -dabei sind es durchaus nicht nur Schriftsteller, die solche Träume -sehen, zuweilen sind es sogar die simpelsten Leute, Beamte, Popen ... In -dieser Beziehung gilt es, noch manches Rätsel zu lösen. Ein Minister -gestand mir sogar schlankweg, daß alle seine besten Ideen ihm während -des Schlafes kämen. Nun, und so ist es denn auch jetzt. Wenn ich auch -nur deine Halluzination bin, so rede ich doch, wie es auch unterm -Albdruck vorkommt, mitunter ganz originelles Zeug. Ich sage sogar Dinge, -die dir bis jetzt noch nicht in den Kopf gekommen sind, somit sind es -denn nicht deine Gedanken, die ich ausspreche, während ich doch nur dein -Alb bin und weiter nichts.“ - -„Du lügst. Dein Ziel ist gerade, mich zu überzeugen, daß du etwas -Selbständiges bist und nicht mein Alb, und da bestätigst du nun selbst, -daß du ein Traum bist!“ - -„Mein Freund, heute habe ich eine besondere Methode gewählt, ich werde -sie dir später erklären. Wart, wo blieb ich denn eigentlich stehen, -wovon sprach ich doch? Ach so! Also ich hatte mich damals erkältet, nur -war das nicht bei euch, sondern noch dort ...“ - -„Wo dort? Sag, wirst du noch lange bei mir bleiben, kannst du nicht -fortgehen?“ rief Iwan verzweifelt aus. - -Er gab das Gehen auf, setzte sich wieder auf den gegenüberstehenden -Diwan, stützte die Arme auf den Tisch und preßte die Fäuste an die -Schläfen. Das nasse Handtuch hatte er sich schon vom Kopf gerissen und -gereizt fortgeschleudert: es hatte natürlich nicht geholfen. - -„Deine Nerven sind zerrüttet,“ bemerkte der Gentleman in -unterhaltend-nonchalanter, doch vollkommen freundschaftlicher Weise, „du -ärgerst dich sogar deswegen über mich, weil ich mich habe erkälten -können. Indessen geschah es auf die natürlichste Weise. Ich eilte damals -gerade zu einer diplomatischen Soiree bei einer höheren Petersburger -Dame, die Frau Minister werden wollte. Nun, versteht sich: Frack, weiße -Binde, Handschuhe, und dabei befand ich mich noch Gott weiß wo. Kurz, um -auf die Erde zu gelangen, stand mir noch bevor, den Raum zu durchfliegen -... das ist natürlich nur ein Augenblick, aber ... braucht doch selbst -ein Lichtstrahl von der Sonne bis zur Erde ganze acht Minuten, und da -nun, stell dir vor, im Frack und in ausgeschnittener Weste! Allerdings -können Geister nicht erfrieren, aber da ich mich nun schon einmal -verkörpert hatte, so ... Mit einem Wort, man ist zuweilen leichtsinnig, -und ich schoß ab. Aber dort im Weltenraum, in diesem Äther oder Wasser, -wenn du willst, – ‚und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser -über der Feste‘ und so weiter – dort herrscht doch solch eine Kälte ... -das heißt, was sag ich, Kälte! – das kann man doch überhaupt nicht mehr -Kälte nennen – stell dir vor: hundertfünfzig Grad unter Null! Du kennst -doch den bekannten Scherz der Dorfmädel: Bei dreißig Grad Kälte fordern -sie einen Neuling auf, mit der Zunge über ein Beil zu fahren, die friert -natürlich sofort an, und der Tölpel reißt sich die ganze Haut von der -Zunge ab. Aber das ist doch bloß bei dreißig Grad, und nun denk dir -hundertundfünfzig! Da brauchte man ja nur einen Finger ans Beil zu -legen, und, ich denke, er wäre – wie nie gewesen ... wenn ein Beil nur -dorthin gelangen könnte ...“ - -„Kann denn ein Beil dorthin gelangen?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz -gedankenlos in der Zerstreutheit. - -Er spannte seine ganze Kraft an, um seinen Fiebertraum nicht für -Wirklichkeit zu halten und nicht endgültig in Wahnsinn zu verfallen. - -„Ein Beil?“ fragte der Gast verwundert. - -„Nun ja, was würde dort mit einem Beil geschehen?“ bestand Iwan -Fedorowitsch eigensinnig und gereizt auf seiner Frage. - -„Was mit einem Beil im Weltenraum geschehen würde? _Quelle idée!_ Wenn -es irgendwohin weiter fortgeriete, so, denke ich, würde es alsbald -anfangen, etwa in der Gestalt eines Trabanten um die Erde zu kreisen, -ohne selbst zu wissen, warum. Die Astronomen würden den Auf- und -Untergang des Beiles genau feststellen und alles Weitere berechnen. Man -würde es in den Kalender eintragen, und das wäre schließlich alles.“ - -„Du bist dumm, ganz furchtbar dumm!“ sagte Iwan widerwillig. „Sei doch -wenigstens etwas klüger, wenn du faselst, sonst werde ich nicht mehr -zuhören. Du willst mich durch Realismus besiegen, willst mich -überzeugen, daß du bist. Ich aber will nicht glauben, daß du bist! Und -ich werde es auch nicht!“ - -„Aber ich fasele doch gar nicht, das ist doch alles wahr. Leider pflegt -die Wahrheit immer etwas wenig geistreich zu sein. Du erwartest, wie ich -sehe, entschieden etwas Großes und vielleicht sogar Wundervolles von -mir. Das ist sehr schade, denn ich gebe doch nur das, was ich kann ...“ - -„Philosophiere nicht, Esel!“ - -„Wo ist denn da Philosophie, wenn meine ganze rechte Seite wie gelähmt -war und ich nur noch krächzend ach und weh stöhnen konnte! War natürlich -bei der ganzen Medizin: die Krankheit festzustellen, verstehen sie -vorzüglich, den ganzen Prozeß erzählen sie dir wie an den Fingern her, -schön, aber kurieren – das gibt’s nicht. Da stieß ich bei der -Gelegenheit auch auf so einen von den begeisterten Studenten. Der sagte -mir: ‚Wenn Sie auch sterben werden, so werden Sie dafür doch ganz genau -wissen, an welcher Krankheit Sie, im Grunde genommen, gestorben sind!‘ -Und dann noch Ihre neue Angewohnheit, zu Spezialisten zu schicken: ‚Wir -stellen nur die Diagnose,‘ heißt es, ‚aber fahren Sie doch zu dem und -dem Spezialisten, der wird Sie dann schon kurieren.‘ Der frühere Doktor, -der alle Krankheiten kurierte, ist heutzutage ganz und gar verschwunden, -aber ganz, sag ich dir, jetzt gibt’s nur noch Spezialisten, die -fortwährend in den Zeitungen annoncieren. Nehmen wir an: Deine Nase ist -krank. Schön, man schickt dich nach Paris; dort, heißt es, ist ein -europäischer Spezialist, der nur Nasen kuriert. Du kommst nach Paris, er -untersucht deine Nase: ‚Ich kann Ihnen,‘ sagt er, ‚nur das rechte -Nasenloch kurieren, denn die linken Nasenlöcher kuriere ich nicht, das -ist nicht meine Spezialität, aber fahren Sie doch, wenn ich mit Ihnen -fertig bin, nach Wien, dort wird Ihnen ein besonderer Spezialist das -linke Nasenloch kurieren.‘ Was tun? Ich griff zu den Volksmitteln. Ein -alter deutscher Doktor riet mir, mich in der Badstube oben auf der -Schwitzbank mit Honig und Salz abzureiben. Ich ging natürlich, allein -schon, um ein überflüssiges Mal in die Badstube zu kommen, oder -richtiger, einzig und allein darum, schmierte mich vom Nacken bis zum -Hacken kräftig ein, aber von Nutzen – keine Spur. In meiner Verzweiflung -schrieb ich an den Grafen Mattei nach Mailand, der schickte mir ein Buch -und Tropfen, – Gott mit ihm. Und stell dir vor: Hoffs Malzextrakt half -schließlich! Ich kaufte ihn ganz zufällig, halb aus Versehen, trank -anderthalb Glas, und weg war alles, wie mit der Hand, ich hätte sofort -tanzen können. Ich beschloß sogleich, ihm meinen Dank durch die Zeitung -zu übermitteln. Jawohl: das Gefühl der Dankbarkeit war in mir zu Wort -gekommen. Und nun, was glaubst du wohl, daraus entstand wiederum eine -neue Geschichte: In keiner einzigen Redaktion wollte man meine -‚Danksagung‘ annehmen! ‚Es würde sich doch zu rückständig ausnehmen,‘ -hieß es, ‚niemand wird daran glauben, _le diable n’existe point_. Lassen -Sie es doch anonym drucken.‘ Nun, dachte ich, was ist denn das für ein -Dank, wenn er anonym gesagt wird? Ich scherzte noch mit dem -Büropersonal: ‚Nur an Gott glauben,‘ sagte ich, ‚ist in unserem -Jahrhundert zu rückständig, ich aber bin doch der Teufel, an mich kann -man doch –!‘ ‚Sehr wohl,‘ sagten sie, ‚wer glaubt denn nicht an den -Teufel, aber es geht trotzdem nicht, es könnte der Richtung schaden. -Oder, es sei denn, daß wir es als Scherz brächten?‘ Nun, als Scherz, -dachte ich, wird es nicht geistreich sein. So ist es denn nicht gedruckt -worden. Und wirst du’s mir glauben, das liegt mir noch immer auf dem -Herzen. Selbst meine besten Gefühle, wie zum Beispiel die Dankbarkeit, -sind mir formell verboten, und zwar einzig und allein wegen meiner -sozialen Stellung.“ - -„Fängst du schon wieder mit deiner Philosophie an?“ Iwan knirschte -innerlich vor Haß. - -„Gott bewahre mich davor! Aber es geht doch nicht, man muß sich doch -zuweilen auch ein bißchen beklagen dürfen. Ich bin arg verleumdet -worden. Da sagst du mir nun in jedem Augenblick, ich sei dumm. Daran -erkennt man sofort, daß du noch ein junger Mann bist. Mein Freund, es -kommt nicht immer nur auf den Verstand an. Ich habe von Natur ein gutes -Herz und heiteres Gemüt, – ‚ich habe ja doch auch schon etliche -Vaudevilles ...‘[28] Du scheinst mich ja entschieden für einen -altgewordenen Chlestakoff[29] zu halten, indessen ist mein Schicksal ein -viel ernsteres. Durch irgendeine zeitweilige Bestimmung, die mir -eigentlich bis jetzt noch nicht recht in den Schädel will, bin ich dazu -bestimmt, zu ‚verneinen‘, während ich doch aufrichtig gut und zur -Verneinung total unbegabt bin. ‚Nein, geh mal und verneine,‘ heißt es -da, ‚ohne Verneinung gibt’s keine Kritik. Was aber wäre denn das für -eine Zeitung, in der es keine kritische Abteilung gäbe? Ohne Kritik gäbe -es nichts als „Hosianna“. Fürs Leben aber ist „Hosianna“ allein zu -wenig, dieses „Hosianna“ muß vorher unbedingt durch den Schmelzofen der -Zweifel gegangen sein,‘ nun, und so weiter in dem Tone. Übrigens mische -ich mich in diese ganze Sache nicht hinein, denn, schließlich, was -geht’s mich an: nicht ich habe geschaffen, folglich trage auch nicht ich -die Verantwortung. Na ja, da hat man denn also den Sündenbock -ausgesucht, ihn gezwungen, in der ‚kritischen Abteilung‘ zu schreiben, -und so gab’s dann Leben. Wir begreifen diese Komödie: Ich, zum Beispiel, -verlange für mich einfach und geradezu Vernichtung. ‚Nein, du sollst -leben,‘ heißt es da, ‚denn ohne dich würde es nichts geben. Wenn alles -auf der Welt vernünftig wäre, so würde nichts geschehen. Ohne dich würde -sich nichts ereignen, es ist aber nötig, daß es Ereignisse gibt.‘ Und so -verbeiße ich denn meinen Ärger und diene, damit es Ereignisse gibt, und -schaffe auf Befehl Unvernünftiges. Die Menschen aber –, die nehmen, und -dazu noch bei ihrem unstreitigen Verstande, diese ganze Komödie für -etwas Ernsthaftes! Darin besteht denn auch ihre Tragödie. Nun, und sie -leiden natürlich, aber ... immerhin leben sie doch dafür, leben sie -realiter, und nicht nur in der Phantasie! Denn gerade das Leiden – das -ist ja das Leben. Was würde es ohne Leiden für Freuden geben, wo bliebe -da die Befriedigung? Alles würde sich in ein endloses Gebet verwandeln. -Zwar wäre das heilig, dafür aber auf die Dauer doch recht langweilig, -denke ich. Nun, und ich? Ich leide, aber ich lebe doch nicht. Ich bin -das _X_ in einer unbestimmten Gleichung. Ich bin irgendein Phantom des -Lebens, das alle Enden und Anfänge verloren, und schließlich sogar -selbst vergessen hat, wie es sich nennen soll. Du lachst ... nein, du -lachst nicht, du ärgerst dich schon wieder. Du ärgerst dich fortwährend, -du verlangst immer nur Kluges, ich aber kann dir nur sagen, daß ich -dieses ganze Weltenraumleben, alle Titel und Ehren hergeben würde, nur -um mich in die Seele einer sieben Pud schweren Kaufmannsfrau verkörpern -und Gott Lichte stellen zu können.“ - -„Also auch du glaubst nicht mehr an Gott?“ fragte Iwan mit gehässigem -Lachen. - -„Das heißt, wie soll ich dir sagen, wenn du nur im Ernst ...“ - -„Gibt es einen Gott oder gibt es keinen?“ schrie Iwan plötzlich wie in -tierischer Wut auf. - -„Ah, so fragst du im Ernst? Mein Lieber, bei Gott, ich weiß es nicht. -Sieh, da habe ich ein großes Wort ausgesprochen.“ - -„Du weißt es nicht und siehst doch Gott? Nein, du bist nicht ein Ding -für dich, du bist – _ich_, du bist _ich_ und sonst nichts! Schmutz bist -du, nichts als meine Phantasie bist du!“ - -„Das heißt, wenn du willst, bin ich mit dir ganz derselben ... -Philosophie, – das wäre der richtige Ausdruck, und auch im übrigen das -Richtige und Gerechte. _Je pense donc je suis_, das weiß ich bestimmt, -und was das übrige um mich herum betrifft, alle diese Welten, Gott, und -sogar der Teufel selbst, – das alles ist für mich nicht bewiesen: ob es -an und für sich, sozusagen selbständig besteht, oder einzig und allein -meine Emanation ist, die folgerichtige Entwicklung meines _Ich_, das -zeitweilig und individuell existiert ... mit einem Wort: ich breche -lieber kurz ab, denn es scheint, daß du sogleich aufspringen und mich -prügeln willst.“ - -„Könntest du nicht lieber irgendeine Anekdote erzählen!“ fragte Iwan -krankhaft gequält. - -„Das kann ich sehr wohl. Ich habe gerade eine Anekdote, die gut zu -unserem Thema paßt, oder vielmehr keine Anekdote, sondern so eine -Legende. Da wirfst du mir nun Unglauben vor: ‚siehst und glaubst doch -nicht.‘ Aber, mein Freund, ich bin ja doch nicht allein so, dort bei uns -sind jetzt alle ganz konfus geworden, und das nur infolge eurer -Wissenschaft. Solange es noch Atome gab, fünf Sinne, vier Elemente, nun, -da hielt sich alles noch irgendwie im Leim. Atome gab es ja auch in der -Alten Welt. Als man aber bei uns erfuhr, daß ihr dort bei euch das -‚chemische Molekül‘ und das ‚Protoplasma‘ entdeckt habt, und weiß der -Teufel, was sonst noch, – da fühlte man sich bei uns sozusagen wie -begossen und wurde kleinlaut. Der denkbar größte Blödsinn hub an. Vor -allem – Aberglauben, Klatsch! Klatsch gibt es ja bei uns ebensoviel wie -bei euch, sogar noch ein wenig mehr – und dann zum Schluß die Anzeigen! -Bei uns gibt es doch auch so eine Abteilung zur Kenntnisnahme gewisser -‚Nachrichten‘. Nun also, diese verrückte Legende, noch aus dem -Mittelalter – aus unserem, nicht aus eurem –, und denk nur, selbst bei -uns glaubt niemand an sie, außer den sieben Pud schweren -Kaufmannsfrauen, das heißt wiederum unsere Kaufmannsfrauen, nicht eure. -Alles, was bei euch ist, ist auch bei uns – das will ich dir mal aus -purer Freundschaft aufdecken, obgleich es eines unserer Geheimnisse und -euch mitzuteilen verboten ist. Also diese Legende handelt vom Paradiese. -Es war einmal, heißt es, hier bei euch auf der Erde so ein Denker und -Philosoph, der ‚alles verneinte, Gesetze, Gewissen, Glaube‘, vor allen -Dingen aber – das zukünftige Leben. Er starb, glaubte _directement_ in -Finsternis, Tod und Nichtsein zu geraten, aber siehst du wohl, da steht -vor ihm – das zukünftige Leben. Er wunderte sich und ward ungehalten. -‚Das widerspricht meinen Überzeugungen,‘ sagte er. Nun, und dafür wurde -ihm dann der Prozeß gemacht, und er wurde verurteilt ... das heißt, sieh -mal, du mußt mich entschuldigen, ich gebe doch nur das wieder, was ich -gehört habe, und es ist ja nur eine Legende ... Also man verurteilte ihn -zu folgendem: in der Finsternis eine Quadrillion Kilometer zu -durchwandern (bei uns rechnet man doch jetzt nach Kilometern), und erst -wenn er diese Quadrillion Kilometer hinter sich hat, soll ihm das -Paradiesestor geöffnet und alles verziehen werden ...“ - -„Aber was habt ihr in jener Welt sonst noch für Qualen, außer dieser -Quadrillion?“ unterbrach ihn Iwan, plötzlich ganz eigentümlich belebt. - -„Was für Qualen? Ach, frage lieber nicht danach! Früher gab es noch dies -und das, jetzt dagegen hat man sich fast nur auf die abstrakten, auf die -geistigen Qualen verlegt, so – ‚Gewissensbisse‘ und ähnlicher Blödsinn. -Das ist gleichfalls von euch eingeführt, infolge der ‚Milderung‘ eurer -Sitten. Und wer hat dabei gewonnen? Gewonnen haben nur die -‚Gewissenlosen‘, denn was können ihnen Gewissensbisse anhaben, wenn sie -überhaupt kein Gewissen besitzen? Dafür müssen jetzt die anständigen -Leute darunter leiden, die noch etwas Gewissen und Ehre im Leibe haben -... Das sind so die Reformen auf unvorbereitetem Boden, und die dazu -noch nach anderen Einrichtungen kopiert werden, – nichts als Schaden -kommt dabei heraus! Da ist doch das frühere Feuerlein eine ganz andere -Sache ... Nun also, dieser zur Quadrillion Verurteilte stand, sah und -legte sich dann quer auf den Weg hin: ‚Ich will nicht gehn, aus Prinzip -werde ich nicht gehn!‘ Nimm die Seele eines russischen Atheisten und -mische sie mit der Seele des Propheten Jonas, der drei Tage und drei -Nächte lang im Bauche des Walfischs schmollte, – da hast du den -Charakter dieses Denkers, der sich quer über den Weg legte.“ - -„Auf was legte er sich denn dort hin?“ - -„Nun, es wird doch wahrscheinlich etwas dagewesen sein, auf was man sich -hinlegen konnte. Du lachst doch nicht?“ - -„Bravo!“ rief Iwan, immer noch in derselben angespannten Belebung. Er -hörte mit auffallendem Interesse zu. „Nun, was? und liegt er auch jetzt -noch?“ - -„Das ist’s ja, daß er nicht mehr liegt. Er lag fast tausend Jahre lang, -da stand er plötzlich auf und ging.“ - -„So ein Esel!“ rief Iwan unwillkürlich aus und lachte nervös auf – -schien aber dabei immer noch alle Sinne wie im Krampfe anzuspannen, um -sich über ein gewisses Etwas klar zu werden oder zu kombinieren. „Kommt -denn das nicht auf eins hinaus, ob man ewig liegt oder eine Quadrillion -Kilometer geht? Das wäre doch ein Marsch von einer Billion Jahren?“ - -„Sogar noch viel mehr! Schade, ich habe keinen Bleistift und kein Papier -bei mir, sonst könnte man es sofort berechnen. Aber er ist ja schon -längst angekommen, und hier erst beginnt die Anekdote.“ - -„Wie das – angekommen? Wo hat er denn die Billion Jahre hergenommen?“ - -„Du denkst nun wieder an unsere jetzige Erde! Aber diese Erde hat sich -doch vielleicht selbst schon billionenmal wiederholt. Nun, sie hat sich -eben ausgelebt, ist vereist, ist gesprungen, auseinandergeplatzt, in -kleine Stücke zersprengt, hat sich in ihre Grundelemente zerlegt, dann -ward wieder ‚eine Feste zwischen den Wassern‘, und so weiter, dann -wieder ein Komet, wieder eine Sonne, aus der Sonne wieder eine Erde, – -aber diese Entwicklung hat sich doch vielleicht schon unzählige Mal -wiederholt, und immer genau in ein und derselben Form, alles bis aufs -Tüpfelchen genau so wie es war. Eine Langweile, sag ich dir, die -geradezu kränkend unanständig ist ...“ - -„Schön, schön, aber was geschah dann, als er ankam?“ - -„Tja, kaum hatte sich ihm das Paradies erschlossen, kaum war er -eingetreten, – versteh: noch war er keine zwei Sekunden im Paradiese -gewesen ... nach der Uhr berechnet, nach der Uhr (obgleich seine Uhr, -meiner Meinung nach, in seiner Tasche sich inzwischen schon in ihre -Grundelemente hätte auflösen müssen) – also, wie gesagt, er war noch -keine zwei Sekunden im Paradiese gewesen, als er schon ausrief, daß man -für diese zwei Sekunden nicht nur eine Quadrillion, sondern -quadrillionmal eine Quadrillion Kilometer gehen könne, auch wenn man -diese womöglich noch in die quadrillionste Potenz erhöbe! Mit einem -Wort, er sang sein ‚Hosianna‘, verstand aber darin nicht maßzuhalten, so -daß dort einige von etwas edlerer Gesinnungsart ihm in der ersten Zeit -nicht einmal die Hand reichen wollten. Der war ihnen denn doch gar zu -eifrig zu den Konservativen übergegangen. Eine russische Natur. Wie -gesagt: eine Legende. Als was gekauft, als das verkauft. Das also wäre -noch so ein Beispiel von den bei uns verbreiteten Begriffen über diese -Dinge.“ - -„Jetzt habe ich dich gefangen!“ rief Iwan plötzlich mit geradezu -kindlicher Freude aus, als hätte er sich endlich einer bestimmten Sache -erinnert. „Diese Anekdote von den Quadrillion Jahren, – die habe ich mir -selbst ausgedacht! Ich war damals siebzehn Jahre alt, ich war noch im -Gymnasium ... ich hatte damals diese Anekdote verfaßt und erzählte sie -darauf einem Mitschüler, Korowkin hieß er, das war in Moskau ... Diese -Anekdote ist so charakteristisch, daß ein anderer Autor ganz -ausgeschlossen ist! Ich hatte sie nur fast vergessen ... aber jetzt habe -ich mich ihrer unbewußt wieder erinnert, – sie ist mir ganz von selbst -wieder eingefallen, ich selbst habe mich ihrer erinnert, und nicht du -hast sie mir erzählt! Wie man sich eben zuweilen einer Sache unbewußt -erinnert, wie einem plötzlich tausend Dinge einfallen, selbst wenn man -zum Schafott geführt wird ... sie ist mir im Traum wieder eingefallen. -Und dieser Traum bist du! Ja, nichts als ein Traum bist du, du -existierst überhaupt nicht!“ - -Der Gentleman lachte: - -„Gerade die Heftigkeit, mit der du mich ablehnst, sagt mir, daß du -trotzdem an mich glaubst.“ - -„Nicht im geringsten! Kein Hundertstel glaube ich!“ - -„Aber ein Tausendstel doch. Die homöopathischen Bruchteile sind ja -vielleicht gerade die stärksten. Gestehe nur, daß du, nun, sagen wir, -ein Zehntausendstel doch glaubst ...“ - -„Keinen Augenblick!“ fuhr Iwan jähzornig auf. „Übrigens ... wünschte -ich, an dich zu glauben!“ fügte er plötzlich sonderbar hinzu. - -„Aha – a! Das ist mir mal ein Eingeständnis! Aber ich bin gutmütig, ich -werde dir auch hierbei helfen. Also höre: Ich habe dich gefangen, nicht -du mich! Ich habe dir absichtlich deine eigene Anekdote erzählt, die du -so gut wie vergessen hattest, damit du jeglichen Glauben an mich -verlörest.“ - -„Du lügst! Der Zweck deines Erscheinens ist, mich zu überzeugen ... daß -du bist.“ - -„Stimmt. Aber das Schwanken, das Zweifeln, die Unruhe, der Kampf des -Glaubens mit dem Unglauben, – das ist doch für einen gewissenhaften -Menschen, wie du zum Beispiel, mitunter eine solche Qual, daß er sich -lieber erhängt. Gerade weil ich weiß, daß du ein Körnchen Glauben an -mich hast, tröpfelte ich dir jetzt eine gehörige Portion Unglauben ein, -indem ich dir diese Anekdote erzählte. Ich lenke dich jetzt zwischen -Glauben und Unglauben abwechselnd hin und her, und verfolge dabei -natürlich meinen besonderen Zweck. Wie gesagt: eine neue Methode. Denn -sobald du endgültig jeden Glauben an mich verloren haben wirst, wirst du -sofort anfangen mir ins Gesicht zu versichern, daß ich kein Traum sei, -sondern wirklich existiere. Ich kenne dich doch. Und dann werde ich eben -mein Ziel erreichen. Mein Ziel aber ist ein edles. Ich werde nur ein -winziges Körnchen Glauben in dich werfen, und daraus wird eine Eiche -erwachsen, – und noch dazu solch eine Eiche, daß du, mit diesem Baume in -der Brust, dich noch zu den Einsiedlern und den makellosen Jungfrauen -wirst gesellen wollen, denn im geheimen willst du das, sogar sehr. Wirst -noch Heuschrecken essen und dich in die Wüste schleppen!“ - -„Ah! So mühst du Folterknecht dich um mein Seelenheil?“ - -„Man muß doch wenigstens irgend einmal auch ein gutes Werk tun. Aber -ärgern tust du dich – hü! Das tust du wahrlich, wie ich sehe.“ - -„Narr! ... Doch sag’: hast du schon einmal auch solche versucht, die nur -von Heuschrecken leben, siebzehn Jahre lang in der Wüste beten, mit Moos -bewachsen?“ - -„Mein Täubchen, das ist ja das einzige, was ich bis jetzt getan habe! -Die ganze Erde und alle Welten vergißt du, sag ich dir, wenn du dich -einmal an einen solchen geheftet hast! Ein solcher Brillant ist denn -doch gar zu kostbar. Eine einzige solche Seele ist mitunter ein ganzes -Sternbild wert! – wir haben doch unsere eigene Arithmetik. So ein Sieg -ist dann auch etwas teuer! Stehen doch einige von ihnen in ihrer -Entwicklung, bei Gott, nicht unter dir, wenn du mir das auch nicht -glauben wirst. Solche Abgründe von Glauben und Unglauben können sie in -ein und demselben Augenblick erfassen, daß, Hand aufs Herz, man zuweilen -meint, es fehlte nur noch ein Härchen, und der Mensch fliegt hinab – -‚kopfüber mit den Beinen in die Höh‘, wie der Schauspieler Gorbunoff -sagt.“ - -„Nun, und? Bist mit langer Nase abgezogen?“ - -„_Mon ami_,“ bemerkte der Gast belehrend, „mit einer langen Nase -abzuziehen, ist mitunter immerhin besser, als ganz ohne Nase, wie noch -vor kurzem ein kranker Marquis, den wahrscheinlich ein Spezialist -behandelt hatte, in der Beichte seinem Geistesvater, einem Jesuiten, -gestand. Ich war zugegen – ganz allerliebst, sag ich dir! ‚Pater,‘ ruft -er, ‚gebt mir meine Nase wieder!‘ und schlägt sich vor die Brust. – -‚Mein Sohn,‘ antwortet der alte Fuchs salbungsvoll, ‚alles geschieht -nach den unerforschlichen Ratschlüssen der Vorsehung, und großes Leid -zieht zuweilen einen großen, wenn auch uns Menschen zuerst unsichtbaren -Vorteil nach sich. Wenn ein strenges Geschick Sie Ihrer Nase beraubt -hat, so ergibt sich daraus für Sie wenigstens der Vorteil, daß Ihnen -hinfort niemand mehr wird sagen können, Sie seien mit einer langen Nase -abgezogen.‘ – ‚Heiliger Pater, das ist kein Trost!‘ ruft der -verzweifelte Marquis, ‚ich würde im Gegenteil überglücklich sein, mein -ganzes Leben lang jeden Tag mit einer langen Nase abzuziehen, wenn sie -nur an der richtigen Stelle säße.‘ – ‚Mein Sohn,‘ sagt der Pater -seufzend, ‚man darf nicht alle Erdengüter zugleich verlangen, das wäre -schon Murren wider die Vorsehung, die Sie selbst hierbei nicht vergessen -hat: denn wenn Sie so zum Herrn emporschreien, wie Sie es soeben getan -haben, daß Sie mit Freuden bereit wären, Ihr ganzes Leben lang mit -langer Nase abzuziehen, so hat die Vorsehung mittelbar auch diesen Ihren -Wunsch schon im voraus erfüllt: denn indem Sie Ihre Nase verloren, zogen -Sie doch gewissermaßen mit einer langen Nase ab ...‘“ - -„Pfui, wie dumm!“ - -„Mein Freund, ich wollte dich ja nur erheitern. Aber ich schwöre dir, -das ist die echteste Jesuitenkasuistik, und du kannst mir glauben, daß -ich Wort für Wort wiederhole, was ich gehört habe. Gerade dieser Fall -machte mir viel zu schaffen. Der unglückliche junge Mann kehrte nach -Haus zurück und erschoß sich in derselben Nacht; ich wich natürlich -nicht von seiner Seite und blieb bis zum letzten Augenblick bei ihm ... -Überhaupt bieten mir diese Beichtkästlein der Jesuiten die liebste -Zerstreuung in traurigen Lebensstunden. Da will ich dir doch noch einen -Fall erzählen, ganz kürzlich erlebte ich ihn. Zum greisen Pater kommt so -eine kleine, schmucke Blondine, eine Normannin, von etwa zwanzig Jahren. -Ein Stück Natur, sag ich dir, die Formen wie gedrechselt, eine Schönheit -– daß ihm der Mund wässert! Sie beugt sich nieder und flüstert dem Pater -durch die kleine Öffnung ihre Sünde zu. ‚Was sagen Sie, meine Tochter, -sind Sie schon wieder gefallen?‘ ruft der Pater entsetzt. ‚Oh, Sankta -Maria, was höre ich: schon mit einem anderen! Aber wie lange wird sich -das noch fortsetzen, und schämen Sie sich denn nicht!‘ ‚_Ah, mon père_,‘ -antwortet die Sünderin, in Reuetränen aufgelöst: ‚_Ça lui fait tant de -plaisir et à moi si peu de peine!_‘ Nun, kannst du dir solch eine -Antwort vorstellen! Da trat selbst ich zurück: das war der Schrei der -Natur selbst, das ist ja, wenn du willst, sogar besser als die -leibhaftige Unschuld! Ich erließ ihr denn auch sofort die Sünde und -wandte mich schon zum Gehen, war aber sogleich gezwungen, wieder -zurückzukehren. Wie ich höre, flüstert ihr der Pater etwas zu: er -bestellt sie für den Abend zum Rendezvous! Dabei war er ein Greis, ein -Kieselstein – und war doch in einem Augenblick gefallen! Die Natur, die -Wahrheit der Natur nahm wieder mal das ihrige! Was, biegst du schon -wieder die Nase fort, ärgerst du dich schon wieder? Ich weiß wirklich -nicht, womit ich es dir zu Dank machen könnte ...“ - -„Verlaß mich, du klopfst in meinem Hirn wie ein Albdruck, der nicht -loszuwerden ist,“ stöhnte Iwan schmerzgepeinigt – in der Ohnmacht gegen -seine Vision. „Du langweilst mich, du bist unerträglich und qualvoll! -Viel würde ich dafür geben, wenn ich dich hinauswerfen könnte!“ - -„Ich rate dir nochmals, mäßige deine Ansprüche, verlange von mir nicht -‚alles Große und Schöne‘, und du wirst sehen, wie freundschaftlich wir -uns beide einleben werden,“ sagte der Gentleman eindringlich. „Du -ärgerst dich ja im Grunde nur deswegen über mich, weil ich dir nicht -irgendwie in rotem Lichte, ‚donnernd und blitzend‘ und mit versengten -Schwingen erschienen bin, sondern mich in so bescheidener Gestalt -vorgestellt habe. Du bist gekränkt, erstens in deinen ästhetischen -Gefühlen und zweitens in deinem Stolze: Wie, denkst du, wie wagt zu -einem so großen Manne ein so lumpiger Teufel zu kommen? Nein, in dir -steckt doch noch diese romantische Ader, die schon Belinskij so -verspottet hat. Was ist da zu machen, junger Mann! Als ich mich vorhin -zu dir aufmachte, da dachte ich schon einen Augenblick daran, mich zum -Scherz als verabschiedeten Wirklichen Staatsrat vorzustellen, der im -Kaukasus gedient hat, mit dem persischen Orden des Löwen und der Sonne -auf dem Frack. Aber, offen gestanden, mir fehlte der Mut dazu, denn du -hättest mich doch zweifellos schon allein dafür durchgeprügelt, daß ich -gewagt habe, mir nur den besagten Stern des Löwen und der Sonne -anzustecken und nicht mindestens den Polarstern oder den Sirius. Und -immer wieder wirfst du mir vor, daß ich dumm sei. Aber, mein Gott, ich -erhebe ja gar keinen Anspruch darauf, mich mit dir, was den Verstand -betrifft, irgendwie gleichstellen zu wollen. Als Mephistopheles dem -Faust erschien, da sagte er von sich, daß er das Böse wolle, doch stets -nur das Gute schaffe. Nun, das mag meinetwegen sein wie es will, ich -dagegen bin ganz das Gegenteil. Ich bin vielleicht der einzige Mensch in -der ganzen Natur, der die Wahrheit liebt und aufrichtig das Gute -wünscht. Ich war zugegen, als das am Kreuz gestorbene Wort in den Himmel -einging und mit sich die Seele des ihm zur Rechten verschiedenen -Schächers emportrug. Ich hörte das Freudejauchzen der Cherubim, die -‚Hosianna‘ sangen, und den Donnerschrei des Entzückens der Seraphim, von -dem der Himmel und das ganze Gebäude der Welten erbebten. Und sieh, ich -schwöre dir bei allem, was heilig ist, ich wollte schon in den Chor -einstimmen, wollte mit allen Engeln aufjauchzen: ‚Hosianna!‘ Schon -drängte es aus der Brust, schon wollte es sich von der Zunge losreißen -... ich bin doch, wie du weißt, sehr sensibel und künstlerisch -empfänglich. Aber die gesunde Vernunft – oh, das ist die unheilvollste -Eigenschaft meiner Natur – hielt mich auch hier in den pflichtschuldigen -Grenzen zurück, und ich versäumte den Augenblick! Denn was, dachte ich -im selben Augenblicke, was würde die Folge meines ‚Hosianna‘ sein? Es -würde sofort alles in der Welt erlöschen, und kein einziges Ereignis -würde sich mehr dort zutragen. Und so war ich denn einzig und allein aus -Pflichtbewußtsein in meinem Dienst und infolge meiner sozialen Stellung -gezwungen, das Gute in mir zu ersticken und bei den Schweinereien zu -bleiben. Die Ehre des Guten nimmt jemand restlos für sich in Anspruch, -mir aber ist ausschließlich das Gemeine zugewiesen. Aber ich beneide ihn -nicht wegen der Ehre, auf Kosten anderer zu leben, ich bin nicht -ehrgeizig. Warum aber bin nur ich allein von allen Lebewesen der Welt -den Flüchen aller anständigen Leute geweiht und sogar ihren Fußtritten, -denn, wenn ich mich verkörpere, muß ich mitunter auch diese Folgen auf -mich nehmen. Ich weiß ja, daß es hierbei ein Geheimnis gibt, aber dieses -Geheimnis will man mir um keinen Preis aufdecken, denn es wäre möglich, -daß ich dann, wenn ich erraten hätte, um was es sich handelt, mein -‚Hosianna‘ gröhlen würde: und darauf verschwände sofort das notwendige -Minus, und in der ganzen Welt höbe ‚Vernünftigkeit‘ an, und damit, -versteht sich, hätte alles ein Ende, sogar die Zeitungen und sonstigen -Blätter, denn wer würde dann noch auf welche abonnieren. Ich weiß ja, -daß ich mich zu guter Letzt aussöhnen, einmal auch meine Quadrillion -abgehen und dann das Geheimnis erfahren werde. Bis dahin aber – schmolle -ich, verbeiße meinen Ärger und erfülle meine Bestimmung, das ist: -Tausende zu verderben, auf daß sich einer rette. Zum Beispiel, wieviel -Seelen hieß es da verderben, wieviel ehrenhafte Reputationen -verunglimpfen, nur um den einzigen gerechten Hiob zu ergattern, mit dem -man mich damals vor Olims Zeiten noch so hundsgemein beschummelt hat! -Nein, solange das Geheimnis noch nicht aufgedeckt ist, gibt es für mich -zwei Wahrheiten: eine, die dort bei ihnen und mir noch völlig unbekannt -ist, und dann die andere, meine Wahrheit. Und noch weiß man nicht, -welche von beiden reiner sein wird ... Bist du eingeschlafen?“ - -„Warum nicht gar!“ stöhnte Iwan haßerfüllt. „Alles, was es nur Dummes in -meiner Natur gibt, was ich schon längst überlebt, in meinem Verstande -durch- und durchgekaut und wie verwestes Aas fortgeworfen habe, – das -trägst du mir wieder vor, als wäre es etwas ganz Neues!“ - -„Also wieder war’s nicht recht! Und ich glaubte sogar, dich schon allein -mit der literarischen Fassung zu gewinnen: Dieses ‚Hosianna‘ im Himmel -zum Beispiel, das nahm sich bei mir doch wirklich gar nicht so übel aus? -Und dann zum Schluß dieser sarkastische Ton _à la_ Heine, wie, du -findest das nicht?“ - -„Nein, ein solcher Lakai bin ich nie gewesen! Wie hat meine Seele einen -solchen Lakai, wie du, hervorzubringen vermocht!“ - -„Mein Freund, ich kenne einen prächtigen, ganz reizenden russischen -Junker: einen jungen Denker und großen Liebhaber der Literatur und -Kunst, den Autor eines vielversprechenden Poems, das ‚Der -Großinquisitor‘ betitelt ist ... Nur um ihn allein war’s mir zu tun!“ - -„Ich verbiete dir, auch nur ein Wort vom Großinquisitor zu sagen!“ -unterbrach ihn Iwan zornig, heiß errötend vor Scham. - -„Nun, aber wie steht’s denn mit der ‚geologischen Umwälzung‘? Erinnerst -du dich noch? Das ist mir mal ein Dingelchen, das muß ich sagen!“ - -„Schweig! – oder ich schlage dich tot!“ - -„Wen, mich willst du totschlagen? Nein, erlaub schon, daß ich mich -ausspreche. Deswegen bin ich ja überhaupt gekommen, um mir dieses -Vergnügen zu bereiten. Oh, ich liebe über alles die lodernden -Gedankenillusionen meiner stolzen, jungen, vor Lebensdurst bebenden -Freunde! ‚Dort gibt es neue Menschen,‘ dachtest du noch im vorigen -Frühling, als du dich hierher aufmachtest, ‚sie beabsichtigen alles zu -zerstören und wieder bei der Menschenfresserei zu beginnen. Die Toren, -warum haben sie _mich_ nicht gefragt! Wozu da so mühevoll zerstören! Das -ist ja völlig überflüssig! Man brauchte doch nur einfach die Gottidee in -der Menschheit zu vernichten, und alles würde nach Wunsch gehen! Das ist -es, das allein ist es, womit man beginnen muß. Diese Blinden aber, die -verstehen ja überhaupt nichts. Hat die Menschheit sich erst einmal ganz -und gar, das heißt, ausnahmslos von Gott losgesagt (und ich glaube -daran, daß diese Periode, als Parallele zu den geologischen Perioden, -eintreten wird), so wird die frühere Weltanschauung, und vor allem die -ganze frühere Sittlichkeit – ohne jede Menschenfresserei ganz von selbst -fallen und dem Neuen Platz machen. Die Menschen werden sich zusammentun, -um alles aus dem Leben zu ziehen, was daraus nur zu ziehen ist, doch -unbedingt einzig und allein zum Zweck des Glückes und der Freude bloß -hier in dieser Welt. Der Geist des Menschen wird sich in göttlichem, -titanischem Stolz erheben, und dann wird der Menschgott erstehen. Indem -er allstündlich und dann bereits grenzenlos die Natur durch seinen -Willen und durch die Wissenschaft besiegt, wird er auf diese Weise -allstündlich eine so hohe Befriedigung empfinden, daß sie ihm alle -früheren Hoffnungen auf die himmlischen Befriedigungen ersetzen wird. -Ein jeder wird wissen, daß er ganz und gar, daß er restlos sterblich -ist, daß es keine Auferstehung gibt, und er wird den Tod stolz und ruhig -wie ein Gott hinnehmen. Schon allein aus Stolz wird er einsehen, daß er -nicht darüber zu murren hat, daß das Leben nur einen Augenblick währt, -und er wird seinen Bruder lieben ohne die Bedingung der Gegenliebe. Die -Liebe wird nur während des Lebensaugenblicks andauern, dafür aber wird -das Bewußtsein ihrer Kürze ihr Feuer um ebensoviel verstärken, als es -früher in der Hoffnung auf die endlose Liebe im Jenseits verdünnt wurde‘ -... nun und so weiter in der Art. Ganz allerliebst!“ - -Iwan saß, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und blickte zu -Boden, doch allmählich fing er an, am ganzen Körper zu zittern. Die -Stimme fuhr fort. - -„Die Frage besteht jetzt also nur darin, dachte mein junger Denker: ob -es möglich ist, daß eine solche Periode jemals anbricht, oder ob das -ausgeschlossen ist. Wenn sie anbricht, so ist alles gelöst, und die -Menschheit wird sich endgültig einrichten. Da dies aber, im Hinblick auf -die in der Menschheit eingewurzelte Dummheit, vielleicht noch, nun ja, -ganze tausend Jahre zum Durchdringen erfordern wird, so ist einem jeden, -der schon jetzt die Wahrheit erkennt, im Grunde gestattet, sich völlig -nach eigenem Gutdünken einzurichten, also nach neuen Grundsätzen. In -diesem Sinne ist ihm ‚alles erlaubt‘. Und damit noch nicht genug: Selbst -wenn diese Periode niemals anbrechen sollte, so ist doch, da es ja Gott -und Unsterblichkeit sowieso nicht gibt, diesem neuen Menschen vollkommen -erlaubt, Menschgott zu werden, wenn auch nur er allein in der ganzen -Welt es wird. Und der kann sich dann in diesem neuen Range, versteht -sich, mit leichtem Herzen über jede sittliche Schranke des früheren -Knechtmenschen hinwegsetzen, wenn es nötig sein sollte. Für einen Gott -gibt es kein Gesetz! Wohin Gott sich stellt – dort ist der Platz schon -Gottes. Wohin ich mich stellen werde, dort wird sofort der erste Platz -sein ... ‚Alles ist erlaubt‘ und damit – Punktum! Das alles ist ja sehr -nett; nur fragt es sich, sollte man meinen, wozu er, wenn er nun einmal -gaunern will, – wozu er da noch die Sanktion der Wahrheit haben will? – -Aber so ist ja unser zeitgenössischer Russe: Ohne Sanktion kann er sich -nicht einmal zu Schurkereien entschließen, dermaßen hat er die Wahrheit -liebgewonnen ...“ - -Der Gast ließ sich offenbar immer mehr durch seine Schönrednerei -fortreißen, jedenfalls erhob er die Stimme immer lauter und begann -sogar, spöttisch zum Hausherrn hinüberzublicken; er konnte aber seine -Rede nicht zu Ende sprechen: Iwan ergriff plötzlich wutbebend das Glas -vom Tisch und schleuderte es auf den Redner. - -„_Ah, mais c’est bête enfin!_“ rief jener aus, indem er vom Diwan -aufsprang und mit den Fingern die Teespritzer von seinem Rock abknipste. -„Da ist ihm Luthers Tintenfaß eingefallen! Selbst hält er mich für einen -Traum und wirft dabei mit Teegläsern nach mir! Das ist ja Weiberart! -Also hab ich richtig vermutet, daß du dich nur so anstelltest, als -hieltest du dir die Ohren zu, in Wirklichkeit aber zuhörtest ...“ - -Ein starkes und beharrliches Klopfen an den Fensterrahmen wurde -plötzlich von draußen her hörbar. Iwan Fedorowitsch sprang vom Diwan -auf. - -„Hörst du, mach lieber auf,“ rief der Gast aus, „das ist dein Bruder, -Aljoscha, mit der allerunerwartetsten und wichtigsten Nachricht, dafür -bürge ich dir!“ - -„Schweig, Betrüger, ich wußte früher als du, daß es Aljoscha ist, ich -habe ihn vorausgefühlt und ... selbstverständlich kommt er nicht umsonst -... ich weiß, daß er mit einer ‚Nachricht‘ kommt!“ rief Iwan wie außer -sich, wie rasend. - -„So mach doch auf, mach auf! Draußen tobt der Schneesturm, er aber ist -doch dein Bruder. _Monsieur, sait-il aussi le temps qu’il fait? C’est à -ne pas mettre un chien dehors_ ...“ - -Das Klopfen dauerte fort. Iwan wollte schon zum Fenster stürzen, doch -plötzlich war ihm, als wären seine Füße und Arme gefesselt. Er strengte -sich aus allen Kräften an, wie um seine Fesseln zu zerreißen, aber -vergeblich. Das Klopfen an den Fensterrahmen wurde immer stärker und -lauter. Endlich: plötzlich zerrissen die Fesseln, und Iwan Fedorowitsch -sprang auf vom Diwan. Er blickte sich wild im Zimmer um. Die beiden -Lichter waren fast schon ganz heruntergebrannt, das Glas, mit dem er -soeben nach seinem Gast geworfen hatte, stand vor ihm auf dem Tisch, und -auf dem Diwan an der gegenüberliegenden Wand saß – niemand. Das Klopfen -an den Fensterrahmen dauerte zwar noch fort, aber es war doch lange -nicht so laut, wie es ihm kurz vorher im Traume geschienen hatte. Im -Gegenteil, es wurde sogar sehr vorsichtig geklopft. - -„Das war kein Traum! Nein, ich schwöre es, das war kein Traum, das war, -das war doch Wirklichkeit!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. Darauf schritt -er zum Fenster und öffnete es. - -„Aljoscha, ich habe dir doch verboten, zu mir zu kommen!“ rief er -wutbebend dem Bruder zu. „Sage in zwei Worten: was willst du? In zwei -Worten, verstanden?“ - -„Vor einer Stunde hat Ssmerdjäkoff sich erhängt,“ antwortete Aljoscha -von draußen. - -„Geh zur Treppe, ich werde dir sofort aufmachen,“ sagte Iwan und ging -zur Eingangstür, um Aljoscha hereinzulassen. - - - X. - „Das hat Er gesagt!“ - -Als Aljoscha eingetreten war, teilte er Iwan Fedorowitsch mit, daß vor -etwas mehr als einer Stunde Marja Kondratjewna atemlos bei ihm -erschienen sei, mit der Nachricht, daß Ssmerdjäkoff sich das Leben -genommen habe. „Ich ging hinein, um den Ssamowar abzuräumen, er aber -hängt an der Wand am Nagel.“ Auf Aljoschas Frage, ob sie es schon der -Polizei gemeldet habe, habe sie geantwortet: „Nein, noch nicht, -niemandem, ich lief sofort los, ganz zuerst hierher zu Ihnen, zu Ihnen -ganz zuerst, und ich lief so schnell ich konnte.“ Sie sei wie halb -wahnsinnig gewesen, erzählte Aljoscha, und habe gezittert wie ein -Espenblatt. Als Aljoscha mit ihr zusammen hingeeilt war, in die Hütte am -Rande der Stadt, da hatte Ssmerdjäkoff immer noch an der Wand gehangen. -Auf dem Tisch habe ein Zettel gelegen, auf den er geschrieben hatte: -„Ich vertilge mich aus eigenem Wunsch und Willen, um niemanden zu -beschuldigen.“ Aljoscha hatte den Zettel genau so auf dem Tische -zurückgelassen, wie er ihn gefunden hatte, und war dann geradeswegs zum -Polizeichef gegangen, um ihn vom Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, – -„und von ihm kam ich sofort zu dir,“ schloß Aljoscha, der aufmerksam -Iwan ins Gesicht blickte. Und die ganze Zeit, während der er erzählt -hatte, hatte er keinen Blick von ihm abgewandt, als hätte ihn etwas, -vielleicht ein gewisser Ausdruck im Gesicht des Bruders, betroffen -gemacht. - -„Bruder,“ rief Aljoscha plötzlich ganz erschrocken, „du bist bestimmt -schwer krank! Du stehst da und siehst aus, als wenn du überhaupt nicht -verstündest, was ich spreche.“ - -„Das ist gut, daß du gekommen bist,“ sagte Iwan, wie in Gedanken -versunken, und als hätte er Aljoschas Ausruf gar nicht gehört. „Aber ich -wußte ja, daß er sich erhängt hat.“ - -„Durch wen?“ - -„Ich weiß nicht, durch wen. Aber ich wußte es. Wußte ich es? Ja, er -hatte es mir gesagt. Vor kurzem noch sagte er es mir ...“ - -Iwan stand mitten im Zimmers, und sein Blick haftete am Boden: er sprach -immer noch wie in Gedanken versunken. - -„Welcher er?“ fragte Aljoscha und sah sich unwillkürlich um. - -„Er ist entwischt.“ - -Iwan erhob den Kopf und lächelte still. - -„Du hast ihn erschreckt, du Taube du. Du bist ein ‚reiner Cherub‘. -Dmitrij nennt dich einen Cherub. Cherub ... Der Donnerschrei des -Entzückens der Seraphim! Was ist ein Seraph? Vielleicht ein ganzes -Sternbild. Vielleicht ist dieses ganze Sternbild aber auch nichts weiter -als irgendein chemisches Molekül ... Gibt es ein Sternbild des Löwen und -der Sonne, weißt du – das vielleicht?“ - -„Bruder, setz dich!“ sagte Aljoscha angstvoll. „Um Gottes willen, setz -dich auf den Diwan. Du redest irre, leg dich hierher aufs Kissen, sieh -so. Willst du nicht, daß ich dir ein feuchtes Handtuch um den Kopf lege? -Vielleicht würde es dir davon besser werden?“ - -„Gib es her, es muß hier auf dem Stuhl liegen, ich warf es vorhin fort.“ - -„Hier ist es nicht. Aber beunruhige dich nicht, ich weiß schon, wo es -hängt, da ist es,“ sagte Aljoscha, der in der anderen Ecke des Zimmers -auf dem Toilettentisch ein reines, noch zusammengefaltetes, noch nicht -benutztes Handtuch fand. - -Iwan sah das Handtuch sonderbar an; seine Besinnung schien im Augenblick -zurückzukehren. - -„Wart!“ Er erhob sich. „Ich habe doch vorhin, vor etwa einer Stunde, -dieses selbe Handtuch von dort, von demselben Platz genommen, mit Wasser -angefeuchtet und mir um den Kopf gelegt, und dann habe ich es hierher -auf den Stuhl geworfen ... wie kann es jetzt trocken sein? Ein anderes -war nicht da.“ - -„Du hast dieses Handtuch um den Kopf gelegt?“ fragte Aljoscha. - -„Ja, ich ging im Zimmer auf und ab, vor einer Stunde ... Warum sind die -Lichte so herabgebrannt? Wie spät ist es?“ - -„Bald wird es zwölf sein.“ - -„Nein, nein, nein!“ schrie plötzlich Iwan auf, „das war kein Traum! Er -war da, er saß dort, dort auf jenem Diwan! Als du ans Fenster klopftest, -warf ich ihm das Glas an den Kopf ... dieses hier ... Wart mal, ich habe -auch früher schon geschlafen und ... aber dieser Traum ist kein Traum! -Auch früher kam es vor ... Weißt du, Aljoscha, ich habe jetzt Träume ... -aber sie sind keine Träume, sondern ich sehe sie mit meinen Augen, sie -sind Wirklichkeit: ich gehe, spreche und sehe ... dabei aber schlafe -ich. Aber er saß hier, er war hier, hier auf diesem Diwan ... Er ist -unglaublich dumm, Aljoscha, unglaublich dumm!“ Iwan lachte plötzlich auf -und begann wieder auf und ab zu schreiten. - -„Von wem redest du, Bruder? Wer ist so dumm?“ fragte Aljoscha bange. - -„Der Teufel! Er hat sich jetzt angewöhnt, mich zu besuchen. Zweimal ist -er schon bei mir gewesen, genau genommen sogar dreimal. Er will mich -damit necken, weil ich mich, wie er glaubt, darüber ärgere, daß er nur -ein einfacher Teufel ist und nicht der Satan, mit versengten Schwingen, -von Donner und Blitz umgeben. Aber er ist nicht Satanas, das lügt er. Er -ist ein Usurpator. Er ist einfach ein Teufel, ein lumpiger, kleiner -Teufel. Er geht sogar in die Badestube. Kleid ihn aus, und du wirst -sicherlich einen langen Schwanz an ihm finden, einen glatten, langen, -wie an einer dänischen Dogge, eine Arschin lang, schwarzbraun ... -Aljoscha, du bist wohl durchfroren, du warst draußen im Schneesturm, -willst du Tee? Wie? Ist er schon kalt? Willst du, ich werde sofort den -Ssamowar anmachen lassen. _C’est à ne pas mettre un chien dehors_ ...“ - -Aljoscha trat eilig zum Waschtisch, tauchte das Handtuch ins Wasser, -beredete Iwan, sich wieder zu setzen und legte ihm darauf das Handtuch -um den Kopf. Er selbst setzte sich neben ihn. - -„Was sagtest du mir vorhin von Lisa?“ begann Iwan wieder. (Er wurde sehr -gesprächig.) „Mir gefällt Lisa. Ich sagte dir etwas Gemeines über sie. -Das war aber gelogen, sie gefällt mir ... Ich fürchte für Katjä, für die -fürchte ich morgen am meisten. Wegen der Zukunft. Sie wird mich morgen -aufgeben und mit den Füßen zertreten. Sie glaubt, daß ich aus Eifersucht -Mitjä ins Verderben bringen werde, also ihretwegen! Ja, das glaubt sie! -Nun, darum erst recht nicht! Morgen kommt das Kreuz, aber nicht der -Galgen. Nein, ich werde mich nicht erhängen. Weißt du auch, Aljoscha, -daß ich mir niemals das Leben werde nehmen können! Etwa aus Niedrigkeit -nicht? Ich bin kein Feigling. Aus Lebensdurst! Vor Durst, vor Sehnsucht -nach dem Leben, wirklich zu leben!! Woher nur wußte ich, daß -Ssmerdjäkoff sich erhängt hat? Ja richtig, er hat es mir gesagt ...“ - -„Und du bist fest überzeugt, daß hier jemand gesessen hat?“ fragte -Aljoscha. - -„Dort auf jenem Diwan, in der Ecke. Du hättest ihn sofort verscheucht. -Und du hast es ja auch getan: als du erschienst, verschwand er. Ich -liebe dein Gesicht, Aljoscha. Wußtest du, daß ich dein Gesicht liebe? Er -aber – das bin ich, glaub mir, Aljoscha, ich selbst. Alles Niedrige, -alles Gemeine und Verächtliche meines Ich! Ja, ich bin ein ‚Romantiker‘, -er hat mich beobachtet ... Trotzdem ist es eine Verleumdung. Er ist -unglaublich dumm, aber gerade damit nimmt er einen. Er ist schlau, -tierisch schlau, er wußte, womit er mich rasend machen konnte. Er neckte -mich die ganze Zeit damit, daß ich an ihn, wie er behauptet, glaube, und -damit zwang er mich, ihm zuzuhören. Wie einen kleinen Jungen hat er mich -betrogen. Übrigens hat er mir auch viel Wahres über mich gesagt. Ich -selbst hätte mir das alles nie eingestanden. Weißt du, Aljoscha, weißt -du,“ fügte Iwan plötzlich ernst und dabei auffallend vertraulich hinzu, -„ich wünschte, daß _er_ wirklich er wäre und nicht ich!“ - -„Er hat dich müdgequält,“ sagte Aljoscha, der den Bruder voll Mitleid -ansah. - -„Geneckt hat er mich! Und weißt du, geschickt hat er es getan, -unglaublich geschickt. ‚Das Gewissen! Was ist das Gewissen? Ich mache es -selbst. Warum aber quäle ich mich dann? Aus Gewohnheit. Aus universaler -menschlicher Gewohnheit, die den Menschen seit mehr als siebentausend -Jahren im Blute sitzt. So laßt uns doch endlich uns davon entwöhnen und -seien wir Götter.‘ – Das hat _er_ gesagt, das hat _er_ gesagt!“ - -„Und nicht du? Nicht du?“ rief Aljoscha unwillkürlich aus und blickte -dem Bruder hell in die Augen. „Nun, dann laß ihn, vergiß ihn, versuch, -ihn ganz zu vergessen! Mag er alles mit sich fortnehmen, was du jetzt -verfluchst, mag er dann nie mehr wiederkommen!“ - -„Ja, aber er ist boshaft. Verspottet hat er mich, Aljoscha. Frechheiten -hat er sich mir gegenüber erlaubt!“ sagte Iwan, gleichsam zuckend unter -dem Schmerz der Kränkung. „Doch er hat mich verleumdet, in vielem hat er -mich verleumdet. Mir ins Gesicht log er über mich, – über mich, mir ins -Gesicht! ‚Oh, du gehst jetzt hin und wirst eine Heldentat der Tugend -vollführen, du wirst erklären, daß du den Vater erschlagen hast, daß der -Lakai auf dein Geheiß den Vater erschlagen habe‘ ...“ - -„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, „besinne dich: nicht du hast ihn -erschlagen. Das ist nicht wahr, was du sagst!“ - -„Das sagt er, er, und er weiß das. ‚Du gehst hin und wirst eine -Heldentat der Tugend ausführen, glaubst aber dabei gar nicht an die -Tugend – das ist es, was dich erbost und quält, deswegen bist du auch so -rachsüchtig.‘ – Das hat _er_ mir über mich gesagt, er aber weiß, was er -sagt ...“ - -„Das sagst du, aber nicht er!“ rief Aljoscha bekümmert dazwischen. „Und -du sprichst im Fieber, im Wahnsinn, du quälst dich!“ - -„Nein, er weiß, was er sagt. Aus Stolz sagt er, aus Stolz wirst du -hingehen, du wirst dich hinstellen und sagen: ‚_Ich_ bin es, der ihn -erschlagen hat! Warum windet ihr euch vor Entsetzen? Ihr lügt! Ich -verachte eure Meinung, verachte euer Grauen!‘ – Das sagt er von mir, und -plötzlich fügt er hinzu: ‚Aber weißt du, im geheimen willst du, daß sie -dich dafür loben: ein Verbrecher ist er, ein Mörder, aber was für -hochherzige Gefühle er hat, er wollte seinen Bruder retten, und da ging -er hin und bekannte sich als den Schuldigen!‘ Doch dies, Aljoscha, dies -ist eine so gemeine Lüge, sag ich dir!“ schrie Iwan plötzlich aus sich -heraus, und seine Augen glühten drohend. „Ich will nicht, daß diese -Leibeigenen mich loben! Das hat er gelogen, Aljoscha, das hat er -gelogen, das schwöre ich dir! Dafür warf ich ihm dieses Glas in die -Fratze, und es zerschlug an seinem Gebiß ...“ - -„Wanjä, beruhige dich, höre auf!“ flehte Aljoscha angstvoll. - -„Nein, er versteht es, einen zu foltern, grausam ist er!“ fuhr Iwan -fort, ohne auf Aljoscha zu hören. „Ich habe es immer geahnt, warum er -kommt. ‚Nun gut,‘ sagt er, ‚du gehst aus Stolz, aber es war doch immer -noch die Hoffnung vorhanden, daß Ssmerdjäkoff überführt und als -Zwangsarbeiter verschickt und Mitjä freigesprochen wird, und daß man -dich nur _moralisch_ verurteilt – (hörst du, Aljoscha, bei diesem Worte -lachte er!) – die anderen aber werden dich trotzdem loben. Nun aber ist -Ssmerdjäkoff gestorben, hat sich erhängt, wer wird jetzt noch von den -Richtern dir allein aufs Wort hin glauben? Aber du gehst doch, du gehst -ja hin, du wirst ja sowieso hingehen, du hast doch beschlossen -hinzugehen. Aber sag doch, warum und wozu gehst du denn nach alledem -eigentlich noch hin?‘ Furchtbar ist das, Aljoscha, solche Fragen kann -ich nicht ertragen, Aljoscha! Wer wagt es, mir solche Fragen -vorzulegen?“ - -„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, fast vergehend vor Angst, doch immer -noch in der Hoffnung, Iwan zur Vernunft zu bringen, „wie konnte er dir -denn von Ssmerdjäkoffs Selbstmord Mitteilung machen, wenn noch niemand -etwas davon wußte? Und es war ja doch noch viel zu wenig Zeit vergangen, -als daß es jemand schon hätte wissen können ...“ - -„Er hat aber davon gesprochen, er sagte es mir,“ behauptete Iwan kurz, -ohne auch nur einen Zweifel aufkommen zu lassen. „Wenn du willst, hat er -überhaupt nur davon gesprochen. ‚Ich will nicht sagen, wenn du an die -Tugend glaubtest,‘ sagte er, ‚wenn du dir sagtest: so mag man mir nicht -glauben, ich gehe aus Überzeugung, aus Prinzip. Aber du bist doch ein -Schwein, wie Fedor Pawlowitsch, was ist dir Tugend? Wozu also schleppst -du dich hin, wenn dein Opfer zu nichts nütze ist? Ganz einfach, weil du -selbst nicht weißt: warum und wozu! Oh, viel würdest du darum geben, -wenn du wüßtest, wozu du gehst! Und du glaubst, du habest dich schon -entschlossen? Du hast dich also noch nicht entschlossen? Ich sage dir: -Du wirst die ganze Nacht sitzen und dich fragen: soll ich oder soll ich -nicht? Aber du wirst trotzdem gehen, und du weißt, daß du gehen wirst, -weißt selbst, daß – zu was du dich auch entschließen solltest – die -Entscheidung nicht mehr von dir abhängt. Du wirst gehen, weil du nicht -wagen wirst, nicht zu gehen. Warum du es nicht wagen wirst – das errate -nun selbst, da hast du jetzt ein Rätsel!‘ Er stand auf und ging. Du -kamst, er aber ging fort. Aljoscha, er nannte mich einen Feigling! _Le -mot de l’énigme_ –: daß ich ein Feigling bin! ‚Denn wahrlich, anders -sind jene Adler geartet, die sich über die Erde erheben und -emporschwingen können!‘ Das fügte er noch hinzu, das hat er noch -hinzugefügt! Und Ssmerdjäkoff hat dasselbe gesagt! ... Man muß ihn -totschlagen! Katjä verachtet mich, das sehe ich schon seit einem ganzen -Monat, und auch Lisa wird anfangen, mich zu verachten! ‚Du gehst, damit -man dich lobe,‘ – das ist eine tierische Lüge! Und du verachtest mich -gleichfalls, Aljoscha. Jetzt hasse ich dich wieder! Und den Auswurf -hasse ich, den Auswurf, den Auswurf, das Ungeheuer!! Ich will das -Scheusal nicht retten, mag es dort in Sibirien unter der Erde verfaulen! -Er singt die Hymne! Oh, morgen werde ich hingehn, werde mich vor sie -stellen und ihnen allen in die Augen speien!“ - -Außer sich sprang er auf, schleuderte das Handtuch fort und begann von -neuem auf und ab zu gehen. Aljoscha fielen seine Worte ein, die er kurz -vorher gesagt hatte: „Als ob ich im Wachen schliefe ... Ich gehe, -spreche und sehe, dabei aber schlafe ich.“ Genau so geschah es auch -jetzt: er ging, sah und sprach, als wenn er im Wachen schlief. Aljoscha -verließ ihn nicht. Ihm kam wohl der Gedanke, zum Arzt zu laufen und -diesen herzubringen, aber er wagte nicht, den Bruder allein zu lassen. -Iwan schien allmählich die Besinnung zu verlieren. Er sprach -ununterbrochen weiter, doch seine Rede war schon ganz zusammenhanglos. -Zuletzt konnte er die Worte nur mit Mühe und nur noch undeutlich -aussprechen, und plötzlich wankte er stark. Doch Aljoscha gelang es, ihn -noch zur rechten Zeit zu stützen. Iwan ließ sich zum Bett führen, -Aljoscha entkleidete ihn, so gut es ging, und deckte ihn zu. Darauf saß -er noch etwa zwei Stunden lang am Bett und wachte. Der Kranke schlief -fest, regungslos, und atmete leise und gleichmäßig. Da nahm Aljoscha ein -Kissen und legte sich in den Kleidern auf den Diwan hin. Vor dem -Einschlafen betete er noch für Mitjä und für Iwan. Jetzt wurde ihm auch -Iwans Krankheit klar: „Die Qualen eines stolzen Entschlusses, ein tiefes -Gewissen!“ Der Gott, an den er nicht glaubte, und seine Wahrheit hatten -das Herz bewältigt, das sich noch immer nicht hatte ergeben wollen. -„Ja,“ ging es Aljoscha durch den Sinn, als sein Kopf schon auf dem -Kissen lag, „da Ssmerdjäkoff jetzt tot ist, wird niemand mehr dieser -Aussage Iwans glauben; aber er wird hingehen und so aussagen!“ Aljoscha -lächelte still: „Gott wird siegen!“ dachte er. „Entweder wird er im -Licht der Wahrheit auferstehen oder ... im Haß untergehen, und sich -dabei an sich selbst und an allen dafür rächen, daß er dem gedient hat, -woran er nicht glaubt,“ fügte Aljoscha bitter und schmerzlich hinzu und -betete nochmals für Iwan. - - - - - Zwölftes Buch. Der Justizirrtum - - - I. - Der verhängnisvolle Tag - -Am Tage nach den von mir wiedergegebenen Ereignissen wurde um zehn Uhr -morgens die Sitzung unseres Bezirksgerichts eröffnet, und die -Gerichtsverhandlung gegen Dmitrij Karamasoff nahm ihren Anfang. - -Ich muß nun vorausschicken, daß es weit über meine Kräfte geht, alles, -was sich vor Gericht ereignet hat, ausführlich oder auch nur in der -richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Ich glaube, daß, wenn alles erzählt -und wie es sich gehört erläutert werden sollte, ein ganzes Buch, und -zwar ein umfangreiches, geschrieben werden müßte. Möge man es mir daher -nicht verübeln, wenn ich nur das wiedergebe, was auf mich persönlich -einen Eindruck gemacht hat, und wessen ich mich besonders erinnere. -Vielleicht habe ich Nebensächliches für Hauptsächliches gehalten und die -wesentlichsten Punkte ganz übersehen ... Übrigens, wie ich sehe, täte -ich besser, mich nicht weiter zu entschuldigen, sondern einfach mit der -Erzählung zu beginnen. Ich werde so erzählen, wie ich es verstehe, und -die Leser werden zum Schluß selbst einsehen, daß ich mein möglichstes -getan habe. - -Doch will ich noch vorausschicken, bevor wir den Gerichtssaal betreten, -was mich an diesem Tage ganz besonders in Erstaunen gesetzt hat, und -eigentlich nicht nur mich allein, sondern, wie sich später gezeigt hat, -alle. Jeder wußte, daß sehr viele sich für diesen Prozeß interessierten, -daß alle mit Ungeduld gefragt und erwartet hatten, wann er endlich zur -Verhandlung kommen werde, daß man seit zwei Monaten in unserer -Gesellschaft viel über ihn gesprochen, die verschiedensten Vermutungen -geäußert, sich über ihn aufgeregt und ganz Unglaubliches -zusammenphantasiert hatte. Auch wußten alle, daß die Sache in ganz -Rußland bekannt und berühmt geworden war. Dennoch hatte man nicht -erwartet, daß sie so aufregend und in so hohem Maße erschütternd hätte -werden können. Zu dieser Gerichtsverhandlung waren nicht nur aus Städten -unseres Gouvernements, sondern auch aus anderen Städten Rußlands und -schließlich aus Moskau und aus Petersburg viele angekommen, am meisten -natürlich Juristen, aber es waren auch einige hohe Persönlichkeiten und -sogar Damen unter ihnen. Alle Billette waren vergriffen. Für die -höchststehenden, vornehmen und angesehenen Besucher unter diesen waren -besondere Plätze, gleich hinter dem Tisch, an dem die Richter saßen, -eingerichtet worden; dort sah man nun eine ganze Reihe Lehnstühle, in -denen würdige Personen der Sitzung beiwohnten, was bei uns früher nie -zugelassen worden war. Damen waren auffallend zahlreich zugegen, sowohl -Damen aus unserer Stadt, als fremde, – ich glaube, sie machten nicht -viel weniger als die Hälfte des gesamten Publikums aus. Allein der von -allen Seiten zugereisten Juristen gab es so viele, daß man nicht wußte, -wo man sie unterbringen sollte, da die Billette schon vor langer Zeit -erbeten, geradezu erfleht und restlos verteilt worden waren. Ich habe -selbst gesehen, wie man am Ende des Saales, hinter der Estrade, in aller -Eile eine besondere Einfriedigung herrichtete, in die dann alle diese -fremden Juristen hineingelassen wurden: und die hielten sich noch für -glücklich, daß sie wenigstens stehend zuhören konnten – denn die Stühle -waren, um Platz zu gewinnen, alle hinausgebracht worden. So stand denn -diese dichtgedrängte Schar buchstäblich Schulter an Schulter während der -ganzen Gerichtsverhandlung. Einige von den Damen, hauptsächlich von den -angereisten, erschienen auf dem Chor des Saales in eleganten Toiletten, -doch die Mehrzahl von ihnen hatte über dem Interesse für die Sache -selbst den Putz vergessen. In ihren Gesichtern las man fieberhafte, -fast krankhaft gesteigerte Neugier. Hier muß ich noch einer -charakteristischen Besonderheit dieser im Saal versammelten Gesellschaft -Erwähnung tun: sie bestand darin, daß – wie sich auch später durch -vielfache Beobachtungen bestätigt hat – fast alle Damen, oder wenigstens -die übergroße Mehrzahl von ihnen, für Mitjä und seine Freisprechung -Partei nahm. Vielleicht geschah das hauptsächlich darum, weil sich von -ihm die Vorstellung er sei ein Eroberer aller Weiberherzen, weit -verbreitet hatte. Man wußte, daß zwei Frauen, zwei Gegnerinnen, -erscheinen würden. Für die eine von ihnen, Katerina Iwanowna, -interessierte man sich allgemein und ganz besonders. Man erzählte sich -ungeheuer viel Außergewöhnliches über sie, hauptsächlich kursierten über -ihre leidenschaftliche Liebe zu Mitjä, trotz seines Verbrechens, -wahrhaft wundernehmende Geschichten, und nicht weniger sprach man von -ihrem Stolz (sie hatte in unserer Stadt so gut wie niemandem Visite -gemacht) und ihren „aristokratischen Verbindungen“. Man behauptete -sogar, sie beabsichtige, die Regierung um die Erlaubnis zu bitten, den -Verbrecher nach Sibirien begleiten zu dürfen, um sich mit ihm dort -irgendwo in den Erzgruben unter der Erde trauen zu lassen. Mit nicht -geringer Spannung wurde das Erscheinen Gruschenkas vor Gericht erwartet; -war sie doch die „Rivalin“ Katerina Iwanownas. Mit geradezu hysterischer -Neugier sah man der Begegnung der beiden entgegen – des stolzen -aristokratischen Mädchens und der „Hetäre“. Übrigens war Gruschenka -unseren Damen bekannter als Katerina Iwanowna. Man hatte sie, die -„Vernichterin Fedor Pawlowitschs und seines unglücklichen Sohnes“, auch -früher schon gesehen, und alle ohne Ausnahme wunderten sich darüber, wie -Vater und Sohn sich in eine solche „ganz gewöhnliche, eigentlich -überhaupt nicht hübsche russische Kleinbürgerin“ dermaßen hatten -verlieben können. Kurz, es war nicht wenig gesprochen worden. Ich weiß -sogar genau, daß es in unserer Stadt Mitjäs wegen zu mehreren ernsten -Zwistigkeiten zwischen Eheleuten gekommen war: viele Damen hatten sich -wegen der Verschiedenheit ihrer Auffassung dieser ganzen Angelegenheit -mit ihren Männern aufs tragischste überworfen, und daher ist es ja -schließlich nur zu begreiflich, daß die Männer dieser Damen – und es -waren ihrer nicht wenige –, als sie nun im Gerichtssaal erschienen, -gegen den Angeklagten nicht nur voreingenommen waren, sondern ihn in -ihrer Erbitterung sogar aufrichtig haßten. Überhaupt kann man sagen, -daß, im Gegensatz zum weiblichen Elemente, das ganze männliche gegen -Mitjä gestimmt war. Man sah ernste, mürrisch-finstere Gesichter, viele -waren sogar unverhohlen wütend, und das war noch obendrein die Mehrzahl. -Allerdings kommt hinzu, daß Mitjä während seines Aufenthaltes bei uns -viele Herren persönlich gekränkt oder geärgert oder womöglich -eifersüchtig gemacht hatte. Natürlich waren einige von den Anwesenden -sogar lustig gestimmt, und die standen denn auch dem Schicksal Mitjäs im -Grunde völlig teilnahmlos gegenüber; dafür aber hatten sie für den „Fall -an sich“ um so mehr Interesse. Alle waren lebhaft auf seinen Ausgang -gespannt, die Mehrzahl der Männer wünschte entschieden die Bestrafung -des Verbrechers, abgesehen vielleicht von den Juristen, denen es nicht -um die sittliche Seite der Sache zu tun war, sondern nur um die -sozusagen zeitgenössisch-juridische. Diese Herren regte denn auch am -meisten die Ankunft des berühmten Fetjukowitsch auf. Sein Talent war -weit und breit bekannt, und es geschah diesmal nicht zum erstenmal, daß -er in die Provinz kam, um in einer so aufsehenerregenden -Kriminalverhandlung die Verteidigung zu übernehmen. Nach seiner -Verteidigung waren solche Prozesse immer in ganz Rußland berühmt -geworden und lange in der Erinnerung geblieben. Auch über unseren -Staatsanwalt Hippolyt Kirillowitsch und den Vorsitzenden des -Gerichtshofes war viel gesprochen worden. Man erzählte sich, daß -Hippolyt Kirillowitsch vor diesem „Zweikampf“ mit Fetjukowitsch zittere, -daß sie noch von Petersburg her alte Feinde seien, bereits seit dem -Anfang ihrer Laufbahn, daß unser eigenliebiger Hippolyt Kirillowitsch, -der sich beständig für zurückgesetzt und durch irgend jemanden schon -seit seiner Petersburger Zeit für beleidigt halte, da man sein Talent -nicht in gebührender Weise anzuerkennen wisse, sich sogar mit dem -Gedanken getragen habe, seiner etwas welk gewordenen Karriere durch den -„Fall Karamasoff“ wieder neues Leben einzuflößen, daß ihn aber -Fetjukowitschs Erscheinen erschreckt und entmutigt habe. Doch muß ich -hierzu bemerken, daß diese Beurteilung seines Charakters nicht ganz -zutreffend war. Unser Staatsanwalt gehörte nicht zu den Charakteren, die -der Mut vor der Gefahr verläßt, sondern im Gegenteil, er gehörte zu -denen, deren Eigenliebe nach Maß der Zunahme der Gefahr sich vergrößert, -und denen dann womöglich noch Schwingen wachsen. Überhaupt muß ich hier -bemerken, daß Hippolyt Kirillowitsch ein auffallend hitziger und -krankhaft empfindlicher Mensch war. In gar manche Sache hatte er seine -ganze Seele hineingelegt und sie geführt, als wenn von ihrer -Entscheidung sein ganzes Schicksal und all sein Hab und Gut abhinge. -Unter den Juristen wurde darüber ein wenig gelächelt, denn unser -Staatsanwalt hatte gerade durch diese seine Eigenschaft einen gewissen -Ruf erlangt, wenn auch gerade keinen sehr großen, so doch jedenfalls -einen weit größeren, als man es im Hinblick auf seine bescheidene -Stellung an unserem Gerichtshof hätte voraussetzen können. Am meisten -spöttelte man wohl über seine Leidenschaft für die Psychologie. Meiner -Ansicht nach haben sich alle geirrt: unser Staatsanwalt war, als Mensch -und Charakter, wie mir wenigstens scheint, viel ernster, als viele von -ihm glaubten. Dieser kränkliche Mensch hatte nun einmal nicht -verstanden, sich eine Stellung zu schaffen; wahrscheinlich hatte er es -gleich zu Anfang seiner Laufbahn versäumt, und dabei war es denn auch -während des ganzen weiteren Lebens geblieben. - -Was den Vorsitzenden betrifft, so läßt sich über ihn nicht viel mehr -sagen, als daß er ein gebildeter, humaner Mensch war, der seine Sache -und selbst die neuesten Ideen kannte. Zwar war er ziemlich ehrgeizig, -doch bekümmerte er sich nicht sonderlich um seine Karriere. Das -Hauptziel seines Lebens bestand darin, in jeder Beziehung wenigstens -einer von den ersten zu sein. Außerdem erfreute er sich guter -Verbindungen und besaß Vermögen. Den „Fall Karamasoff“ faßte er, wie -sich später zeigte, recht temperamentvoll auf, doch tat er es eigentlich -mehr im allgemeinen Sinne: ihn beschäftigte die Tatsache als solche, -ihre Klassifikation, die Auffassung derselben als Produkt unserer -sozialen Grundlagen, als Charakteristik des russischen Elements usw. -usw. Zum persönlichen Charakter der Sache, zur Tragödie, die in ihr lag, -wie auch zu den beteiligten Personen, angefangen vom Angeklagten, -verhielt er sich ziemlich gleichgültig und rein sachlich, wie es -vielleicht auch das einzig Richtige für ihn war – von seinem Standpunkte -aus. - -Der große Saal war schon lange vor dem Erscheinen des Gerichtshofes -gepreßt voll. Dieser Gerichtssaal ist in unserer Stadt der schönste und -beste: er ist sehr groß, hat eine hohe Decke und gute Akustik. Rechts -von den Plätzen der Herren des Gerichtshofes, die erhöht standen, waren -ein Tisch und zwei Reihen Sessel für die Geschworenen; links der Platz -des Angeklagten und seines Verteidigers. Ungefähr in der Mitte des -Saales stand ein Tisch, auf dem die „Sachbeweise“ lagen: der -blutbefleckte weißseidene Schlafrock Fedor Pawlowitschs, die -verhängnisvolle Mörserkeule, mit der, wie man mit Bestimmtheit annahm, -der Mord vollführt worden war, Mitjäs Hemd mit der blutbefleckten -Manschette, sein Rock, der auf der Rückseite über der Tasche (in die -Mitjä damals sein blutdurchtränktes Taschentuch gesteckt hatte) große -Blutflecke aufwies, ferner dieses Taschentuch, das vom Blut inzwischen -ganz hart und gelb geworden war, die Pistole, die Mitjä bei Perchotin -geladen hatte, und die von Trifon Borissytsch in Mokroje heimlich -versteckt worden war, das Kuvert, in dem die für Gruschenka -bereitgehaltenen Dreitausend gelegen hatten, und das dünne rosa -Bändchen, mit dem es umbunden gewesen war, und noch verschiedene andere -Gegenstände, deren ich mich nicht mehr erinnere. Und dann erst, in -einiger Entfernung von diesem Tisch, begannen die Plätze fürs Publikum; -doch noch vor diesen, also noch vor der Ballustrade, standen ein paar -Lehnstühle für diejenigen Zeugen, die nach ihrem Verhör noch im Saale -bleiben sollten. Um zehn Uhr erschien der Gerichtshof, der aus dem -Vorsitzenden, einem Beisitzer und einem Friedensrichter bestand. -Selbstverständlich erschien sofort auch der Staatsanwalt. Der -Vorsitzende war ein wohlbeleibter, stämmiger Mann, dabei nicht einmal -mittelgroß, mit einem Hämorrhoidalgesichte, etwa fünfzig Jahre alt, mit -dunklem, erst leicht ergrautem Haar, das er ganz kurzgeschoren trug, und -mit einem roten Ordensbande (welch ein Orden daran hing, habe ich -vergessen). Der Staatsanwalt erschien mir – und nicht nur mir allein, -sondern allen – auffallend bleich, sein Gesicht war fast grün. Er schien -ganz plötzlich abgemagert zu sein, vielleicht in einer einzigen Nacht, -denn noch vor drei Tagen war ich ihm begegnet, und da hatte er wie -gewöhnlich ausgesehen. Der Vorsitzende begann mit der Frage an den -Gerichtsvollstrecker: „Sind alle Geschworenen erschienen? ...“ Aber ich -sehe schon, daß ich in dieser Weise nicht fortfahren kann, schon allein -deswegen nicht, weil ich vieles nicht deutlich gehört habe (manches -Schleierhafte habe ich versäumt, mir klarzumachen, vieles habe ich -vergessen oder mir nicht genau gemerkt), doch hauptsächlich darum nicht, -weil man sonst, wenn man alles genau wiedergeben wollte, wie ich schon -vorhin gesagt habe, so viel darüber zu schreiben hätte, wie es mir weder -Zeit noch Raum erlauben. Ich weiß von den ersten Vorgängen nur noch, daß -von den Geschworenen einer- und andererseits, d. h. durch den -Verteidiger und den Staatsanwalt, nur wenige ausgeschieden wurden. Der -zwölf Geschworenen selbst erinnere ich mich noch sehr gut: es waren das -vier von unseren Beamten, zwei Kaufleute und sechs Bauern und -Kleinbürger aus unserer Stadt. In unserer Gesellschaft hatten viele, -besonders Damen, schon lange vor der Gerichtssitzung nicht ohne einige -Verwunderung gefragt: „Ist es möglich, daß man eine psychologisch so -feine und komplizierte Sache irgendwelchen Beamten und gar Bauern zur -folgenschweren Entscheidung übergibt, und was werden denn diese Leute -davon verstehen?“ Es ist ja wahr, alle diese vier Beamten, die zu den -zwölf Geschworenen gehörten, waren schließlich kleine Leute von -niedrigem Range, Männer mit grauem Haar – nur einer von ihnen schien -etwas jünger zu sein –, die in unserer Gesellschaft wenig bekannt waren, -von geringem Gehalt ihr Leben fristeten, wahrscheinlich alte Frauen -hatten, die man niemandem zeigen kann, und dazu eine ganze Horde -vielleicht sogar barfüßiger Kinder, – Männer, für die es viel war, wenn -sie sich in ihren Mußestunden mit einer Partie Karten zerstreuen -konnten, und die – das versteht sich natürlich von selbst – noch nie ein -Buch gelesen hatten. Die beiden Kaufleute sahen allerdings sehr ehrbar -und gesetzt aus, doch waren sie eigentümlich schweigsam und unbeweglich; -der eine von ihnen hatte ein glattrasiertes Gesicht und trug deutsche -Kleidung, der andere hatte einen grauen Bart, und auf seiner Brust hing -an einem roten Bande irgendeine Medaille. Von den Kleinbürgern und -Bauern lohnt sich natürlich überhaupt nicht zu reden. Unsere -Skotoprigonjewskschen Bauern sind nicht anders als alle Bauern, sie -mähen sogar. Zwei von ihnen waren gleichfalls in deutscher Kleidung -erschienen und sahen vielleicht gerade darum unsauberer und -unansehnlicher aus als die anderen vier in schlichten russischen Röcken. -So war es denn schließlich begreiflich, wenn viele sich bei ihrem -Anblick fragten – wie auch ich es tat –: „Was können denn die von einer -solchen Sache verstehen!“ Doch dessen ungeachtet, mußte man zugeben, daß -ihre Gesichter einen ganz sonderbar tiefen und fast drohenden Eindruck -machten. Sie sahen streng und finster aus. - -Endlich kündigte der Vorsitzende laut den Gegenstand der Verhandlung an: -den Prozeß wegen Ermordung des verabschiedeten Titularrats Fedor -Pawlowitsch Karamasoff. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie er sich -damals ausdrückte. Dem Gerichtsvollstrecker wurde befohlen, den -Angeklagten hereinzuführen. Mitjä erschien. Alles verstummte im Saal, -man hätte eine Fliege summen gehört. Ich weiß nicht wie er auf die -anderen wirkte, auf mich aber machte er einen äußerst unangenehmen -Eindruck. Schuld war daran vor allem, daß er als ausgesprochener Stutzer -erschien, in einem nagelneuen Anzuge. Später habe ich erfahren, daß er -sich in Moskau bei seinem früheren Schneider, der noch sein Maß von den -früheren Anzügen besaß, die Kleider gerade zu diesem Tage bestellt -hatte. Er trug schwarze Glacéhandschuhe und die eleganteste Wäsche. Er -trat mit seinen langen Offiziersschritten ein, mit geradeaus -gerichtetem, bis zur Starrheit geradeaus gerichtetem Blick: so ging er -durch den Gang zwischen den Menschen hindurch und setzte sich mit der -furchtlosesten Miene auf seinen Platz. Gleich nach ihm erschien auch -sein Verteidiger, der berühmte Fetjukowitsch, und es war, als wenn ein -unterdrücktes Getöse durch den ganzen Saal rauschte. Er war ein langer, -hagerer Mann, mit langen dünnen Beinen, ungewöhnlich langen, bleichen, -dünnen Fingern, rasiertem Gesicht, bescheiden glattgekämmtem, ziemlich -kurzem Haar, und mit dünnen, hin und wieder sich halb wie zum Spott, -halb wie zum Lächeln krümmenden Lippen. Dem Aussehen nach mochte er etwa -vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht wäre vielleicht sogar angenehm -gewesen, wenn seine Augen, die an sich nicht groß und nicht -ausdrucksvoll waren, nicht so ungewöhnlich nahe, so nahe, wie es nur -selten vorkommt, nebeneinandergestanden hätten, so daß sie nur der dünne -schmale Knochen seiner länglichen dünnen Nase voneinander trennte. Mit -einem Wort, diese Physiognomie hatte etwas so ausgesprochen -Vogelartiges, daß sie einen geradezu frappierte. Er war in Frack und -weißer Krawatte. Ich erinnere mich noch der ersten, vom Vorsitzenden an -Mitjä gestellten Fragen nach seinem Namen, Stand usw. Mitjä antwortete -schroff, doch mit ganz unerwartet lauter Stimme, so daß der Vorsitzende -zuerst mit dem Kopf zurückzuckte und ihn einen Augenblick groß ansah. -Darauf wurden die Namen derjenigen Personen verlesen, die zur -Gerichtsverhandlung vorgeladen worden waren, der Zeugen und Experten. -Die Liste war lang; vier von den Zeugen waren nicht erschienen: -Miussoff, der schon in Paris weilte, doch seine Aussagen bereits in der -Voruntersuchung gemacht hatte; Frau Chochlakoff und Maximoff waren -krankheitshalber nicht erschienen, und Ssmerdjäkoff wegen plötzlichen -Todes, wovon eine polizeiliche Bescheinigung vorgewiesen wurde. Diese -Nachricht vom Tode Ssmerdjäkoffs rief eine starke Bewegung und erregtes -Geflüster hervor. Die Mehrzahl des Publikums wußte noch nichts von -seinem Selbstmorde. Was aber am meisten auffiel, das war – ein -unerwarteter Ausfall Mitjäs: kaum war die Mitteilung über Ssmerdjäkoff -verlesen worden, als er plötzlich von seinem Platze aus über den ganzen -Saal hin laut ausrief: - -„Dem Hunde gebührt ein hündischer Tod!“ - -Ich erinnere mich noch deutlich, wie sein Verteidiger zu ihm stürzte, -und wie der Vorsitzende sich zu ihm wandte, mit der Drohung, zu strengen -Maßregeln zu greifen, wenn sich ein ähnlicher Ausfall noch einmal -wiederholen sollte. Abgerissen und mit ungeduldigem Kopfnicken sagte -Mitjä mehrmals halblaut zu seinem Verteidiger: - -„Schon gut, schon gut, ich werde nicht mehr! Es ist mir nur so -entschlüpft! Ich werde nicht mehr! Schön, schön!“ sah aber dabei -keineswegs aus, als bereue er es. - -Dieser kurze Zwischenfall diente natürlich nicht dazu, um die Meinung -der Geschworenen und des Publikums von ihm zu verbessern. Der Charakter -tat sich schon kund. Unter diesem Eindruck wurde vom Sekretär des -Gerichtshofes der Anklageakt verlesen. - -Er war ziemlich kurz, doch nichtsdestoweniger klar und ausführlich. Es -waren nur die Hauptgründe angeführt, warum der und der des Verbrechens -angeklagt, warum er dem Gericht unterstellt worden sei usw. Ich muß -gestehen, daß diese Verlesung der Anklage einen starken Eindruck auf -mich machte. Der Sekretär hatte eine volle, tragende Stimme und las -vorzüglich. Diese ganze Tragödie erschien jetzt von neuem vor allen -versammelten Menschen in scharfen Umrissen, knapp zusammengefaßt und in -verhängnisvollem, unerbittlichem Lichte. Gleich nach der Verlesung -wandte sich der Vorsitzende zu Mitjä und fragte ihn mit lauter und -eindringlicher Stimme: - -„Angeklagter, bekennen Sie sich schuldig?“ - -Mitjä erhob sich plötzlich von seinem Platz: - -„Ich bekenne mich schuldig der Trunksucht, der Ausschweifung,“ rief er -wieder mit einer unerwartet lauten Stimme, die diesmal fast zornig -klang, „der Faulheit und Schwelgerei. Gerade in dem Augenblick hatte ich -mir vorgenommen, auf ewig ein ehrenhafter Mensch zu werden, als der -Schicksalsschlag mich traf! Doch am Tode des alten Karamasoff, am Tode -meines Feindes und Vaters – bin ich unschuldig! Und auch an seiner -Beraubung – nein! Daran trage ich keine Schuld! Nochmals nein! – und ich -_kann_ daran auch keine Schuld tragen. Dmitrij Karamasoff kann wohl ein -Schuft sein, aber nie und nimmer ein Dieb!“ - -Nachdem er das hinausgeschrien hatte, setzte er sich wieder auf seinen -Platz, sichtbar am ganzen Körper zitternd. Der Vorsitzende wandte sich -von neuem mit der kurzen, doch ernsten Ermahnung an ihn, nur auf die -Fragen zu antworten und sich nicht zu leidenschaftlichen Ausrufen, die -nicht zur Sache gehörten, hinreißen zu lassen. Dann befahl er, mit der -gerichtlichen Verhandlung zu beginnen. Hierauf wurden sämtliche Zeugen -zur Vereidigung hereingeführt. Da sah ich sie denn alle. Übrigens: die -beiden Brüder des Angeklagten wurden unvereidigt zur Zeugnisablegung -zugelassen. Nach der Ermahnung des Geistlichen und des Vorsitzenden -wurden den Zeugen die Plätze angewiesen, nach Möglichkeit nicht dicht -nebeneinander. Und darauf begann man, sie einzeln aufzurufen. - - - II. - Die gefährlichen Zeugen - -Ich weiß nicht, ob die Zeugen des Staatsanwalts und die des Verteidigers -vom Vorsitzenden in zwei Gruppen eingeteilt worden waren und in einer -gewissen, vorher bestimmten Reihenfolge aufgerufen wurden. Doch muß es -wohl so gewesen sein, denn die ersten Zeugen, die man verhörte, waren -die des Staatsanwalts. Ich wiederhole nochmals, daß ich nicht -beabsichtige, das ganze Verhör Wort für Wort wiederzugeben. Zudem würde -eine solche Beschreibung ganz unnötig sein, da in der Anklage- wie in -der Verteidigungsrede des Staatsanwalts und des Verteidigers das ganze -Ergebnis aller abgegebenen Zeugnisse gleichsam in einen Punkt unter -greller und charakteristischer Beleuchtung zusammengefaßt wurden. Diese -beiden bemerkenswerten Reden habe ich wenigstens zum Teil vollständig -aufgeschrieben, um sie dann an gegebener Stelle anführen zu können, -sowie auch eine ganz außergewöhnliche und unerwartete Episode der -Verhandlung, die sich kurz vor den Plaidoyers abspielte und auf den -grausamen und verhängnisvollen Urteilsspruch einen großen Einfluß hatte. -Ich bemerke nur noch, daß es schon von den ersten Augenblicken der -Gerichtsverhandlung an allen auffiel, wie groß im vorliegenden Prozeß -die Wucht der Anklagen war, im Vergleich zu den Entlastungsbeweisen, -über die der Verteidiger verfügte. Das begriffen alle, als das Verhör in -diesem unheimlichen Saale begann, als die Tatsachen sich zu gruppieren -anfingen, und allmählich der ganze Schrecken dieser blutigen Tat so -deutlich vor unser Auge trat. Vielleicht wurde es schon nach den ersten -Augenblicken allen klar, daß die Sache ja ganz unbestreitbar war, und -überhaupt keine Zweifel mehr aufkommen ließ, daß im Grunde genommen -irgendwelche Plaidoyers gar nicht mehr nötig waren, daß sie nur der Form -wegen gehalten werden mußten, der Angeklagte jedoch „schuldig, -unwiderruflich schuldig“ sei. Ich glaube sogar, daß alle Damen, die -ausnahmslos die Freisprechung dieses interessanten Verbrechers -wünschten, zu gleicher Zeit von seiner Schuld vollkommen überzeugt -waren. Ja, wie mir schien, würden sie sich sogar beleidigt gefühlt -haben, wenn man an seiner Schuld gezweifelt hätte, denn der Effekt -seiner Freisprechung hätte dann nicht so groß sein können. Daß man ihn -aber freisprechen werde, davon waren sie sonderbarerweise bis zum -letzten Augenblick fest überzeugt. „Schuldig ist er, das ist wahr, man -wird ihn aber aus Humanität freisprechen, auf Grund der neuen Ideen und -neuen Gefühle, die jetzt überall aufgekommen sind“ usw. usw. Darum waren -sie auch mit solcher Unruhe in der Erwartung dieser Freisprechung -herbeigeeilt. Die Männer wiederum interessierte am meisten der Kampf des -Staatsanwalts mit dem berühmten Fetjukowitsch. Alle fragten sich -verwundert: „Was wird denn selbst ein solches Talent wie Fetjukowitsch, -aus einer so verlorenen Sache, aus einem so ausgeblasenen Ei, noch -machen können?“ Und man verfolgte mit angestrengter Aufmerksamkeit jeden -seiner Schachzüge. Doch Fetjukowitsch blieb allen bis zum Schluß – bis -zu seiner Rede – ein Rätsel. Erfahrenere Leute errieten denn auch, daß -er etwas aufzustellen beabsichtigte, daß er nach einem System vorging -und ein Ziel vor sich hatte, doch was für eines das war – das konnten -auch sie nicht sagen. Vor allem fielen seine Sicherheit und sein -Selbstvertrauen auf. Außerdem bemerkte man mit Genugtuung, daß er, trotz -seines kurzen Aufenthaltes in unserer Stadt – er war erst vor drei Tagen -angekommen – sich mit der Sache doch schon gründlich bekannt gemacht und -sie bis in alle Einzelheiten studiert hatte. Mit wahrer Wonne erzählte -man sich später, wie er alle Zeugen des Staatsanwalts „hineingelegt“ -hatte, um sie nach Möglichkeit zu kompromittieren, und wie er ihren -hohen Sittlichkeitsansprüchen Fallen gestellt, um auf diese Weise auch -den Wert ihrer Aussagen zu untergraben. Übrigens behaupteten viele, daß -er damit sozusagen nur gespielt habe, um juristisch zu glänzen, und -damit keiner der Advokatenkniffe unbenutzt bliebe; war man doch -überzeugt, daß alle diese Kniffe ihm trotzdem keinen großen und -ausschlaggebenden Nutzen bringen konnten, und daß er selbst das wohl am -besten wußte. „Gewiß hat er irgend etwas im Hinterhalte bereit, -irgendeine Waffe, die er dann plötzlich im richtigen Augenblick -hervorziehen wird. Anfänglich aber spielt er noch und treibt nur -Mutwillen, da er ja seiner Sache sowieso sicher ist.“ Zum Beispiel, als -man den früheren „Kammerdiener“ Fedor Pawlowitschs, Grigorij -Wassiljewitsch, verhörte, und dieser die allerwichtigste Aussage in -betreff der offenen Tür machte, da begann der Verteidiger, als an ihn -die Reihe kam, den Zeugen zu verhören, dem Alten mit Fragen gehörig auf -den Leib zu rücken. Ich muß dazu bemerken, daß Grigorij Wassiljewitsch, -der sich weder durch das Gericht, noch durch die Anwesenheit des -zahlreichen ihm zuhörenden Publikums einschüchtern ließ, mit ruhiger, -fast überlegener Miene dastand. Seine Aussagen machte er mit einer -Sicherheit, als hätte er mit Marfa Ignatjewna geplaudert, allenfalls nur -ein wenig ehrerbietiger. Ihn aus dem Konzept zu bringen, war unmöglich. -Zuerst fragte ihn der Staatsanwalt über alle Einzelheiten der Familie -Karamasoff aus, wobei das Familienbild deutlich und grell hervortrat. -Man hörte und sah, daß der Zeuge aufrichtig, treuherzig und unparteiisch -war. Bei aller Ehrerbietung, die er für seinen ermordeten Herrn -bewahrte, erklärte er doch, daß der Herr Mitjä gegenüber nicht recht -gehandelt und für die Erziehung der Kinder nicht pflichtmäßig gesorgt -habe. „Den kleinen Jungen hätten, wenn ich nicht dagewesen wäre, die -Läuse gefressen,“ fügte er noch hinzu, als er seine Erzählung über -Mitjäs Kinderjahre beendet hatte. „Auch hat der Vater den Sohn am Erbe -seiner leiblichen Mutter geschädigt.“ Auf die Frage des Staatsanwalts, -worauf er seine Aussage – daß der Vater seinen Sohn übervorteilt oder -„geschädigt“ habe – begründe, konnte Grigorij Wassiljewitsch zur -Verwunderung aller gar keine Belege angeben, doch bestand er -nichtsdestoweniger fest darauf, daß die Abrechnung mit dem Sohne eine -„unrichtige“ gewesen sei und der Vater diesem noch einige Tausend hätte -auszahlen müssen. Ich bemerke hier zur Sache, daß diese Frage, – ob -Fedor Pawlowitsch Mitjä wirklich nicht alles ausgezahlt hatte – vom -Staatsanwalt mit besonderer Beharrlichkeit auch an alle anderen Zeugen, -die er nur danach fragen konnte, gestellt wurde, Aljoscha und Iwan -Fedorowitsch nicht ausgenommen. Doch von keinem dieser Zeugen konnte er -eine genaue Aussage erhalten; alle bejahten sie die Tatsache, aber -keiner von ihnen konnte irgendeinen Beweis vorbringen. Die Schilderung -der Szene nach Tisch, als Dmitrij Fedorowitsch den Vater geschlagen und -ihm gedroht hatte, wiederzukommen und ihn dann einfach totzuschlagen, -machte einen niederschmetternden Eindruck auf das Publikum im Saal, um -so mehr, als der alte Diener sie ruhig und ohne überflüssige Worte in -seiner eigenartigen Sprache erzählte, so daß ihre Wiedergabe geradezu -schön und packend war. Über die Kränkung, die er durch Mitjä, der ihn -doch zu Boden geschlagen, erfahren hatte, bemerkte er nur, daß er sie -ihm längst verziehen habe. Über den verstorbenen Ssmerdjäkoff sagte er -nur aus, indem er sich bekreuzte, daß der arme zwar einige Fähigkeiten -besessen habe, dafür aber dumm, von der Krankheit „geknechtet“ und dazu -noch gottlos gewesen sei, und daß diese Gottlosigkeit ihn sowohl Fedor -Pawlowitsch als sein Sohn Iwan Fedorowitsch gelehrt hätten. Doch auf der -Ehrlichkeit Ssmerdjäkoffs bestand er fast mit Heftigkeit und erzählte -sofort, wie Ssmerdjäkoff seinerzeit das verlorene Geld des Herrn -gefunden und es sich nicht eingesteckt, sondern unverzüglich dem Herrn -übergeben hatte, und wie der Herr ihm dafür „zehn Rubel“ geschenkt und -seit der Zeit ihn in allem zu seinem Vertrauten gemacht habe. Doch blieb -er auf seiner Aussage in betreff der offenen Tür der Gartenfassade mit -seiner ganzen Hartnäckigkeit bestehen. Übrigens fragte man ihn so viel, -daß ich mich nicht aller Aussagen erinnern kann. Endlich kam die Reihe -an den Verteidiger, und der fragte ihn zuerst über das Geldpaket aus, in -dem sich die „gewissen“ dreitausend Rubel für eine „bestimmte Person“ -befunden haben sollten. „Haben Sie dieses Paket gesehen, Sie, der Sie -als langjähriger Diener Ihrem Herrn so nahe standen?“ Grigorij -antwortete, daß er es nicht gesehen und von diesem Gelde nichts gehört -habe, „bis zu der Zeit, wo jetzt alle davon zu sprechen angefangen -haben“. Diese Frage nach dem Geldpaket stellte Fetjukowitsch an alle, an -die er sie als Zeugen nur stellen konnte, und zwar mit eben solcher -Hartnäckigkeit, wie der Staatsanwalt seine Frage nach der -Erbschaftsangelegenheit wiederholte, doch von allen erhielt er nur die -eine Antwort, daß niemand das Paket gesehen, jedoch ein jeder seit zwei -Monaten viel von ihm gehört habe. Die Hartnäckigkeit des Verteidigers in -dieser Frage hatten alle gleich von Anfang an bemerkt. - -„Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie mit der Frage wende,“ sagte -plötzlich und ganz unerwartet Fetjukowitsch, „woraus dieser Balsam -bestand, oder der sogenannte Kräuteraufguß, mit dem Sie an jenem Abend, -vor dem Schlafengehen, Ihr schmerzendes Kreuz eingerieben haben, in der -Hoffnung, sich damit zu kurieren?“ - -Grigorij sah stumpfsinnig den Fragenden an und brummte nach einigem -Schweigen: - -„Salbei war drin.“ - -„Nur Salbei? Erinnern Sie sich nicht noch irgendeiner Zutat?“ - -„Wegerich war auch drin.“ - -„Und auch Pfeffer vielleicht?“ fragte interessiert Fetjukowitsch. - -„Auch Pfeffer war dabei.“ - -„Und so weiter. Und alles das in Branntwein?“ - -„In Spiritus.“ - -Im Saale hörte man unterdrücktes Lachen. - -„Nun, was will man mehr, also sogar in Spiritus! Und nachdem man Ihren -Rücken damit eingerieben hatte, tranken Sie den Rest der Flasche mit -einem gewissen heilbringenden Gebet, das nur Ihrer Frau bekannt ist, -aus, nicht wahr?“ - -„Ich habe es ausgetrunken.“ - -„Wieviel haben Sie denn ungefähr ausgetrunken? Ungefähr wieviel? Ein -Schnapsgläschen voll oder gar zwei?“ - -„Ein Wasserglas voll wird es gewesen sein.“ - -„Sogar ein Wasserglas voll? Vielleicht waren es auch anderthalb -Gläschen?“ - -Grigorij schwieg. Er schien etwas begriffen zu haben. - -„Anderthalb Glas reinen Spiritus, – das ist gar nicht so übel, was -meinen Sie? Da kann man ja selbst die Tore des Paradieses offen sehen, -geschweige denn eine Tür, die in den Garten führt!“ - -Grigorij schwieg immer noch. Wieder hörte man unterdrücktes Lachen im -Saal. Der Vorsitzende schien etwas unruhig zu werden. - -„Sind Sie sicher,“ drang Fetjukowitsch immer mehr in ihn ein, „daß Sie -in dieser Minute, als Sie die Tür zum Garten offen sahen, wach waren? -Oder schliefen Sie vielleicht?“ - -„Ich stand auf den Beinen.“ - -„Das ist noch kein Beweis dafür, daß Sie nicht geschlafen haben.“ -(Leises Gelächter im Saal.) „Hätten Sie zum Beispiel in dieser Minute -sagen können, wenn jemand Sie gefragt hätte, nun, zum Beispiel, in -welchem Jahr wir leben?“ - -„Das weiß ich nicht.“ - -„Im wievielten Jahre nach Christi Geburt leben wir denn jetzt, wissen -Sie das wirklich nicht?“ - -Grigorij stand da mit verdutztem Ausdruck im Gesicht und sah seinen -Quälgeist starr an. Sonderbar, er schien wirklich nicht zu wissen, in -welchem Jahr er lebte. - -„Vielleicht wissen Sie aber, wieviel Finger Sie an den Händen haben?“ - -„Ich bin hier kein freier Mensch,“ sagte Grigorij plötzlich laut und -deutlich – „wenn die Obrigkeit beliebt, sich über mich lustig zu machen, -so muß ich es dulden.“ - -Fetjukowitsch war etwas verdutzt, und der Vorsitzende mischte sich -sofort ein und erinnerte den Verteidiger mit ein paar ernsten -Bemerkungen daran, daß er sachlichere Fragen zu stellen habe. -Fetjukowitsch hörte ihm aufmerksam zu, verbeugte sich dann würdevoll und -erklärte, mit seinen Fragen zu Ende zu sein. Indessen blieb im Publikum -wie auch bei den Geschworenen doch ein kleiner Zweifel an den Aussagen -eines Menschen bestehen, bei dem die Möglichkeit nicht ausgeschlossen zu -sein schien, daß er in einem gewissen Zustande während einer Kur die -Paradiesestore offen sah, und der außerdem nicht zu sagen wußte, in -welchem Jahre nach Christi Geburt er lebte; so hatte der Verteidiger -immerhin sein Ziel erreicht. Doch bevor Grigorij entlassen wurde, -ereignete sich noch eine kleine Episode. Der Vorsitzende wandte sich an -den Angeklagten mit der Frage, ob er nicht zu den gegebenen Aussagen -etwas zu bemerken habe? - -„Ausgenommen die Behauptung von der Tür, hat er in allem die Wahrheit -gesprochen,“ sagte Mitjä mit lauter Stimme. „Ich danke ihm, daß er mir -die Läuse ausgekämmt hat, und daß er mir die Schläge verziehen hat, -dafür danke ich ihm gleichfalls. Der Alte ist sein Leben lang ehrlich -und dem Vater treu ergeben gewesen ... wie siebenhundert Pudel.“ - -„Angeklagter, wählen Sie Ihre Worte besser,“ sagte, zu ihm gewandt, -streng der Vorsitzende. - -„Ich bin kein Pudel,“ brummte Grigorij. - -„Nun, dann bin ich der Pudel, ich!“ rief Mitjä sofort. „Wenn das -beleidigend ist, so nehme ich es auf mich und bitte ihn um Verzeihung: -ich war ein Tier und bin grausam zu ihm gewesen! Auch zu dem Äsop bin -ich grausam gewesen!“ - -„Zu welchem Äsop?“ fragte wieder streng der Vorsitzende. - -„Nun, dann Narr ... zu dem Vater, zu Fedor Pawlowitsch ...“ - -Der Vorsitzende schärfte Mitjä nochmals und bedeutend strenger ein, daß -er in der Wahl seiner Ausdrücke vorsichtiger sein müsse. - -„Sie schaden sich dadurch selbst in der Meinung Ihrer Richter.“ - -Ebenso geschickt verfuhr der Verteidiger beim Verhör des Zeugen Rakitin. -Ich bemerke, daß Rakitin einer der wichtigsten Zeugen war, auf die der -Staatsanwalt besonders rechnete. Es erwies sich, daß er alles wußte, -bewunderungswürdig viel wußte, überall war er gewesen, alles hatte er -gesehen, mit allen gesprochen. Die Lebensgeschichte Fedor Pawlowitschs -und aller Karamasoffs kannte er genau. Und dann: von dem Paket mit den -dreitausend Rubeln hatte er schon von Mitjä selbst gehört. Darauf wußte -er ausführlich von den Ausschreitungen Mitjäs im Gasthaus „Zur -Hauptstadt“ zu berichten, alle ihn kompromittierenden Worte und Gesten -gab er wieder, wie z. B. die Geschichte mit dem „Bastwisch“, dem -Hauptmann Ssnegireff. Doch über den wichtigsten Punkt, ob Fedor -Pawlowitsch bei der Abrechnung über das Gut Mitjä noch etwas schuldig -geblieben war – konnte auch er nichts aussagen, er beschränkte sich nur -auf allgemeine Bemerkungen verächtlichen Charakters: „Wie kann man -wissen, wer von diesen unsinnigen Karamasoffs, die sich nicht einmal -selbst verstehen und begreifen können, dem anderen was schuldig -geblieben ist?“ Die ganze Tragödie des vorliegenden Verbrechens stellte -er dar als Produkt veralteter Sitten des Leibeigenschaftsregimes und des -in Unordnung untergehenden Rußland, das schwer unter dem Mangel -geeigneter Einrichtungen zu leiden habe. Kurz, er konnte einmal seine -Meinungen aussprechen, und das war für ihn die Hauptsache. Bei diesem -Prozeß zeichnete Rakitin sich zum erstenmal gewissermaßen aus. Auch -wußte der Staatsanwalt, daß Rakitin einen Artikel für eine Zeitung über -das Ereignis verfaßte, und zitierte in seiner Rede, wie wir später sehen -werden, sogar einige Gedanken aus diesem Artikel – folglich mußte er ihn -schon früher gelesen haben. Das Bild, das Rakitin von den Karamasoffs -entworfen hatte, war sehr düster und unterstützte verhängnisvoll die -Anklage. Überhaupt beeinflußte die Auslegung Rakitins das Publikum durch -die Unabhängigkeit seiner Gedanken und die Tüchtigkeit seiner Gesinnung. -Man hörte sogar zwei-, dreimal kurzen Applaus, besonders, als er von der -Leibeigenschaft und dem unter der Unordnung leidenden Rußland sprach. -Aber Rakitin machte als junger Mann doch einen kleinen Fehler, der vom -Verteidiger denn auch sofort ausgenutzt wurde. Als er auf gewisse Fragen -in betreff Gruschenkas antwortete, da erlaubte er sich, wahrscheinlich -hingerissen von seinem Erfolge, dessen er sich freilich nur zu bewußt -war, sowie von der Höhe der Standpunkte, zu denen er sich aufgeschwungen -hatte, – da erlaubte er sich über Agrafena Alexandrowna etwas -verächtliche Ausdrücke, wie z. B. „die Geliebte des Kaufmanns -Ssamssonoff“. Viel hätte er später darum gegeben, um dieses Wörtchen -rückgängig zu machen, denn an ihm wurde er sofort von Fetjukowitsch -gepackt. Das konnte natürlich nur geschehen, weil Rakitin nicht für -möglich gehalten hatte, daß Fetjukowitsch sich in dieser kurzen Frist -mit der Sache so bis in die intimsten Einzelheiten hatte bekannt machen -können. - -„Gestatten Sie, daß ich mich erkundige,“ begann der Verteidiger mit dem -liebenswürdigsten und höflichsten Lächeln, als die Reihe an ihn kam, – -„Sie sind wohl derselbe Herr Rakitin, der die Broschüre, die von der -Eparchialobrigkeit veröffentlicht worden ist, ‚Das Leben des in Gott -entschlafenen Staretz Sossima‘ geschrieben hat, eine Broschüre voll -tiefer und religiöser Ideen, mit einer vorzüglichen und ehrerbietigen -Widmung an Se. Eminenz, die ich vor kurzem noch mit so großem Vergnügen -gelesen habe?“ - -„Ich hatte sie nicht für den Druck bestimmt ... man hat sie später -veröffentlicht,“ brummte Rakitin verdutzt und fast als schäme er sich. - -„Oh, das ist vorzüglich! Ein Denker wie Sie kann und muß sogar zu jedem -öffentlichen Ereignisse in solcher Weise Stellung nehmen, in so -ergiebiger Weise, wie Sie es getan haben. Ihre Broschüre ist auf -Veranlassung Sr. Eminenz erschienen und hat großen Nutzen gebracht ... -Doch ich wollte Sie hauptsächlich fragen – Sie sagten soeben, daß Sie -mit Fräulein Sswetloff so gut bekannt wären ...“ - -Bei dieser Gelegenheit hörte ich zum erstenmal Gruschenkas -Familiennamen. - -„Ich kann nicht für alle meine Bekanntschaften verantworten ... Ich bin -ein junger Mann ... und wer kann denn für jeden einstehen, den er kennen -lernt!“ - -Rakitin errötete plötzlich. - -„Ich verstehe, oh, ich verstehe nur zu gut!“ rief Fetjukowitsch aus, als -wäre er ganz konfus geworden, und als wolle er sich entschuldigen. „Sie -konnten ja wie jeder andere in Versuchung kommen, sich für eine junge -und schöne Frau, die bei sich die Blüte der hiesigen Jugend empfängt, zu -interessieren. Doch ... ich wollte mich nur erkundigen, ob Ihnen – wie -z. B. mir – bekannt ist, daß die Sswetloff, als sie vor zwei Monaten -außerordentlich die Bekanntschaft des jüngsten Karamasoff, Alexei -Fedorowitsch, zu machen wünschte, Ihnen fünfundzwanzig Rubel versprochen -hat, falls Sie ihn in seiner Mönchskutte zu ihr führen würden? Das ist -bekanntlich am Abend jenes Tages geschehen, der mit der tragischen -Katastrophe, die der gegenwärtigen Verhandlung zugrunde liegt, endete. -Sie haben Alexei Karamasoff zu der Sswetloff hingeführt und – damals die -fünfundzwanzig Rubel Belohnung von ihr empfangen. Ich möchte nun von -Ihnen hören, ob es sich tatsächlich so verhält?“ - -„Das war nur ein Scherz ... Ich sehe nicht ein, wie dieser Scherz Sie -interessieren kann ... Ich habe sie nur im Scherz genommen ... um sie -ihr später wiederzugeben ...“ - -„Also, Sie haben sie doch genommen. Und Sie haben sie bis jetzt auch -noch nicht wiedergegeben ... oder sollten Sie sie ihr schon -zurückerstattet haben?“ - -„Das sind doch Lappalien“ ... murmelte Rakitin, „auf solche Fragen kann -ich entschieden nicht antworten ... Selbstverständlich werde ich sie ihr -zurückerstatten ...“ - -Der Vorsitzende wollte wieder eingreifen, doch der Verteidiger erklärte -sofort, daß er weiter keine Fragen an Herrn Rakitin zu stellen habe. -Rakitin verschwand etwas begossen von der Bildfläche. Jedenfalls war der -vorteilhafte Eindruck, den seine „liberale, aufgeklärte“ Rede samt -seinen „hohen Standpunkten“ gemacht hatte, etwas abgeschwächt worden, -und Fetjukowitsch, der ihn mit seinen Blicken begleitete, schien dem -Publikum sagen zu wollen: „Seht, das sind eure ehrenwerten und -hochanständigen Ankläger!“ Ich erinnere mich noch, daß auch dieser -Vorfall nicht ohne eine kleine Episode von seiten Mitjäs verlief: wütend -über den Ton, in dem Rakitin sich über Gruschenka geäußert hatte, rief -er plötzlich von seinem Platz aus: „Bernard!“ Als der Vorsitzende nach -dem Verhör Rakitins sich an den Angeklagten wandte: ob er seinerseits -etwas zu bemerken hätte, sagte Mitjä so laut, daß es schallte: - -„Er hat mich noch im Gefängnis angepumpt! Ein verächtlicher Bernard und -Streber ist er, der an Gott überhaupt nicht glaubt und Se. Eminenz -einfach betrogen hat!“ - -‚Mitjä‘ wurde wegen seiner unerlaubten Ausdrücke natürlich wieder ein -Verweis zuteil, doch damit war Rakitin denn auch endgültig abgetan. Auch -mit den anderen Zeugen, mit dem Hauptmann Ssnegireff z. B., hatte der -Staatsanwalt kein Glück, dieses Mal aber aus einem ganz anderen Grunde. -Er erschien in ganz unordentlicher und schmutziger Kleidung, in -schmutzigen Stiefeln, und trotz aller Vorsicht und Umsicht der -„Experten“ war er völlig betrunken. Auf die Fragen nach den -Beleidigungen, die ihm von Mitjä zugefügt worden waren, antwortete er so -gut wie nichts. - -„Gott mit ihm. Iljuschetschka hat mich gebeten, nichts zu sagen. Gott -wird es mir dort bezahlen ...“ - -„Wer hat Sie gebeten, nichts zu sagen? Von wem sprechen Sie?“ - -„Von Iljuschetschka, von meinem Söhnchen: ‚Papachen, Papachen, wie hat -er dich erniedrigt!‘ Das sagte er mir damals am großen Stein. Jetzt wird -er sterben ...“ - -Der Hauptmann schluchzte plötzlich auf und stürzte dem Vorsitzenden zu -Füßen. Man führte ihn so schnell wie möglich hinaus. Das Publikum -lachte. Der vom Staatsanwalt gewünschte Eindruck kam also nicht -zustande. - -Der Verteidiger fuhr in seiner Taktik fort und setzte uns immer mehr -durch seine Kenntnis der kleinsten Einzelheiten in Erstaunen. So z. B. -machten die Aussagen Trifon Borissowitschs einen großen Eindruck und -waren für Mitjä natürlich außerordentlich ungünstig. Er zählte fast an -den Fingern her, daß Mitjä bei seiner ersten Fahrt nach Mokroje, einen -Monat vor der Katastrophe, nicht weniger als dreitausend Rubel -verausgabt hätte, „oder nur eine Kleinigkeit weniger“. „Wieviel hat er -nicht allein den Zigeunern hingeschmissen! Und unseren, _unseren_ -Bauernkerlen hat er nicht etwa halbe Rubel auf die Straße geworfen, -sondern nicht weniger als zu Fünfundzwanzig-Rubelscheinen geschenkt, -weniger gab’s nicht. Und um wieviel sie ihn damals einfach bestohlen -haben! Wer aber stiehlt, der läßt seine Hand nicht da, wen soll man -jetzt beschuldigen, wenn der Herr es noch dazu freiwillig hingeworfen -hat! Denn bei uns sind die Bauern doch nur Räuber und Schurken, ihre -Seele hütet doch niemand. Und den Mädels, unseren Dorfmädels, wieviel -ist an die gegangen! Seit der Zeit sind sie alle bei uns reich geworden, -während sie früher in Armut lebten!“ Kurz, er zählte jede Einzelheit auf -und vergaß nichts auf die Rechnung zu setzen. Auf diese Weise wurde die -Annahme, daß Mitjä nur Tausendfünfhundert verausgabt und die andere -Hälfte zurückbehalten habe, einfach unglaubwürdig gemacht. „Ich habe sie -selbst gesehen, in seinen Händen habe ich sie gesehen, wie eine Kopeke, -so deutlich mit meinen eigenen Augen, wie sollte unsereiner denn das -nicht beurteilen können!“ rief Trifon Borissowitsch beinahe entrüstet -aus, da er mit aller Gewalt der „Obrigkeit“ gefällig sein wollte. Als -aber nun das Fragen auf den Verteidiger überging, machte der überhaupt -nicht den Versuch, diese Aussagen umzustoßen, sondern ging auf etwas -ganz anderes über, nämlich darauf, daß der Kutscher Timofei und der -Bauer Akim in Mokroje nach der ersten Prasserei, vor drei Monaten, -hundert Rubel im Flur auf dem Fußboden gefunden hatten, die Mitjä im -trunkenen Zustande verloren haben mußte. Sie hatten den Kassenschein -Trifon Borissowitsch übergeben, und der hatte jedem von ihnen einen -Rubel geschenkt. „Nun,“ fragte Fetjukowitsch, „haben Sie diese hundert -Rubel Herrn Karamasoff zurückerstattet oder nicht?“ Trifon Borissowitsch -redete hin und her, doch nach der Befragung der beiden Bauern bestätigte -er schließlich, daß er die gefundenen hundert Rubel in Empfang genommen, -fügte aber nun hinzu, daß er damals Dmitrij Fedorowitsch alles heilig -zurückgegeben habe, und beteuerte bei seiner Ehre, daß der Herr sehr -betrunken gewesen sei und sich daher wohl kaum dessen erinnern könne. Da -er aber bis zur Aussage der Zeugen die hundert Rubel verleugnet hatte, -so unterlag seine Versicherung, sie dem betrunkenen Mitjä zurückgegeben -zu haben, doch noch einigem Zweifel. Auf diese Weise mußte wieder einer -der gefährlichsten Zeugen, die der Staatsanwalt aufgestellt hatte, in -seinem Ruf beeinträchtigt, abtreten. Dasselbe ereignete sich auch mit -den Polen. Sie traten stolz und majestätisch auf, sagten laut, daß sie, -erstens, beide der „Krone dienten“, und daß „Pan Mitjä“ ihnen -Dreitausend angeboten habe, um ihre Ehre zu kaufen, und daß sie selbst -gesehen hätten, daß er viel Geld in den Händen gehabt. Pan -Mussjälowitsch mischte viel polnische Worte in seine Phrasen ein, und -als er bemerkte, daß ihn das in den Augen des Vorsitzenden gewissermaßen -hob, so wurde er noch aufgeblasener und drückte sich schließlich nur -noch auf Polnisch aus. Doch Fetjukowitsch fing auch sie in seinen -Netzen. Wie sehr auch der nochmals herbeigerufene Trifon Borissowitsch -Winkelzüge machte, so mußte er doch bekennen, daß das Spiel Karten vom -Pan Wrublewskij vertauscht worden war, und daß Pan Mussjälowitsch Karten -überschlagen hatte. Das bestätigte zudem Kalganoff, an den jetzt die -Reihe kam, und beide Pane mußten mit Schimpf und Schande und unter -allgemeinem Gelächter des Publikums abziehen. - -Ebenso erging es fast allen gefährlichen Zeugen. Jeden von ihnen -verstand Fetjukowitsch moralisch zu vernichten und mit einer langen Nase -zu entlassen. Die Juristen waren entzückt, aber sie begriffen doch -nicht, was damit endgültig Großes erreicht werden konnte, denn, ich -wiederhole es, alle fühlten die Unwiderlegbarkeit der Schuld, die immer -tragischer und dunkler hervortrat. Doch aus der Ruhe und Sicherheit des -„großen Magus“ ersahen sie, daß er seiner Sache sicher war, und sie -warteten: denn nicht umsonst wird ein „solcher Mann“ aus Petersburg -herkommen – das ist nicht so einer, der mit einer „langen Nase“ -zurückkehrt! - - - III. - Die ärztliche Expertise und die Geschichte von dem einen Pfund - Nüsse - -Auch die ärztliche Expertise lautete wenig günstig für den Angeklagten. -Doch Fetjukowitsch schien auf dieselbe auch nicht sehr gerechnet zu -haben, wie sich in der Folge zeigte. Ursprünglich war sie nur deshalb -vorgenommen worden, weil Katerina Iwanowna darauf bestanden und zu dem -Zweck einen berühmten Arzt aus Moskau verschrieben hatte. Jedenfalls -konnte sie für die Verteidigung nicht ungünstig sein. Im übrigen wirkte -sie bei der Meinungsverschiedenheit der Ärzte sogar etwas erheiternd. -Als Experten erschienen: Der berühmte Doktor aus Moskau, unser Doktor -Herzenstube und schließlich noch unser junger Arzt Warwinskij. Die -beiden letzteren waren – auf Ersuchen des Staatsanwalts – auch als -Zeugen erschienen. Der erste, der in der Eigenschaft eines Experten -vernommen wurde, war Doktor Herzenstube. Das war ein ergrauter und -kahlköpfiger alter Herr von siebzig Jahren, ein Mann von starkem -Körperbau und mittlerem Wuchs. Bei uns in der Stadt wurde er von allen -sehr geachtet und geschätzt. Er war ein gewissenhafter Arzt, ein -ehrenwerter, prächtiger Mensch, irgendein Herrnhuter oder „Mährischer -Bruder“, ich weiß es nicht mehr ganz genau. Er lebte schon seit langer -Zeit bei uns und hielt sich außerordentlich würdig. Er war gut und -menschenfreundlich, behandelte arme Kranke und die Bauern unentgeltlich, -ging selbst in ihre Hütten und Hundelöcher und hinterließ ihnen noch -Geld für die Medizin. Doch bei alledem war er eigensinnig wie ein -Maulesel. Ihn von einer Idee abzubringen, die er sich einmal in den Kopf -gesetzt hatte, war unmöglich. Indessen war jetzt allen in der Stadt -bekannt geworden, daß der angereiste Doktor während seines zwei- bis -dreitägigen Aufenthalts sich einige recht beleidigende Bemerkungen in -betreff der Begabung Doktor Herzenstubes erlaubt hatte. Das war nämlich -so gekommen: viele in der Stadt hatten sich über die seltene Gelegenheit -gefreut und waren, ohne auf das Geld zu achten (der berühmte Arzt nahm -nicht weniger als fünfundzwanzig Rubel für die Visite), zu ihm gegangen, -um sich untersuchen zu lassen. Diese Kranken waren aber vorher von -Herzenstube behandelt worden, und der berühmte Arzt hatte nun dessen -Kenntnisse außerordentlich absprechend kritisiert. Zu guter Letzt hatte -er jeden Kranken, der bei ihm erschienen war, gefragt: „Wer hat denn an -Ihnen hier herumgepfuscht, etwa wieder Herzenstube? He – he!“ – was -Doktor Herzenstube natürlich alsbald erfahren hatte. Und so erschienen -alle drei Ärzte, einer nach dem anderen, zum Verhör. Doktor Herzenstube -erklärte natürlich geradeaus, daß man die geistige Abnormität des -Angeklagten sofort aus allem ersehen könne. Nachdem er seine Erwägungen -auseinandergesetzt hatte, die ich hier übergehe, fügte er hinzu, daß man -diese Abnormität nicht nur in den früheren Handlungen des Angeklagten -feststellen könne, sondern sogar jetzt, in dieser Minute, und als man -ihn bat, zu erklären, woraus er das in gegebenem Augenblick ersehe, da -wies der alte Doktor in seiner Gutmütigkeit ganz offen darauf hin, daß -der Angeklagte beim Eintritt in den Saal ein ganz ungewöhnliches und den -Umständen gar nicht angemessenes Aussehen gehabt habe. „Er schritt wie -ein Soldat, die Augen waren starr geradeaus gerichtet, während es doch -natürlicher gewesen wäre, daß er nach links geblickt hätte, wo im -Publikum so viel Damen sitzen, denn er ist doch ein großer Liebhaber des -schönen Geschlechts und hätte daher daran denken müssen, was die Damen -jetzt sagen würden,“ schloß der Alte seine Rede in seiner eigenartigen -Ausdrucksweise. Ich muß hinzufügen, daß er Russisch viel und gern -sprach, obgleich bei ihm jede Phrase auf deutsche Art geformt schien, -was ihn indessen nicht im geringsten genierte, denn er hatte die kleine -Schwäche, seine russische Sprache für mustergültig zu halten, „für -besser sogar, als die der Russen selbst“, und mit besonderer Vorliebe -zitierte er russische Sprichwörter, wobei er jedesmal hinzufügte, daß -die russischen Sprichwörter die besten und zutreffendsten der ganzen -Welt seien. Ich bemerke noch, daß er im Gespräch aus Zerstreutheit oft -die allergebräuchlichsten Ausdrücke vergessen konnte, die er vorzüglich -wußte, doch die ihm plötzlich nicht in den Sinn kamen. Dasselbe -passierte ihm übrigens auch, wenn er Deutsch sprach, und er griff dann -immer mit der Hand in die Luft, gerade vor seinem Gesicht, als wolle er -das verlorene Wörtchen erhaschen, und dann konnte ihn keiner dazu -bringen, in seiner Rede eher fortzufahren, als bis er das ihm entfallene -Wort gefunden hatte. Seine Bemerkung, daß der Angeklagte in normalem -Zustande auf die Damen hätte blicken müssen, rief im Publikum ein -lustiges Geflüster hervor. Alle unsere Damen hatten den Alten sehr gern, -denn sie wußten, daß er, der fromm und keusch war, nur deswegen nicht -geheiratet hatte, weil er zu hoch und ideal von den Frauen dachte, und -sie für entschieden höhere Wesen hielt. Darum erschien diese unerwartete -Bemerkung allen sehr sonderbar. - -Der berühmte Moskauer Arzt erklärte seinerseits schneidend und bestimmt, -daß er den geistigen Zustand des Angeklagten für unnormal halte – „sogar -im höchsten Grade“. Er sprach viel und klug über den „Affekt“ und die -„Manie“ und wies darauf hin, daß, nach allen Angaben zu schließen, der -Angeklagte sich schon einige Tage vor der Katastrophe zweifellos im -Affekt befunden habe, und wenn er die Tat vollführt haben sollte, so sei -das, wenn auch nicht unbewußt, so doch unfreiwillig geschehen, da er -keine Kraft mehr gehabt habe, gegen seine sittlich krankhaften -Neigungen, die ihn beherrschten, anzukämpfen. Doch außer dem Affekt -konstatierte der Doktor auch Manie, die seiner Meinung nach darauf -hinwies, daß er schon auf dem Wege zu vollkommenem Wahnsinn gewesen sei. -Ich gebe die Aussagen des Doktors mit meinen Worten wieder; er drückte -sich in seiner fachmännischen Sprache sehr gelehrt aus. „Alle seine -Handlungen stehen im Widerspruch zur Logik und dem gesunden -Menschenverstande,“ fuhr er fort. „Ich will schon von alledem nichts -sagen, was ich nicht gesehen habe, das heißt, vom Verbrechen selbst und -von dieser ganzen Katastrophe, doch vor drei Tagen fiel mir im Gespräch -mit ihm sein sonderbarer, unbeweglicher Blick auf, sein unerwartetes -Lachen, wenn es gar nicht am Platz war, seine ewige unverständliche -Gereiztheit, seltsame Worte, wie: ‚Bernard‘, ‚Ethik‘ und andere, die gar -nicht angebracht waren.“ Vor allem aber sah der Doktor darin eine Manie, -daß der Angeklagte ganz besonders gereizt sei, „wenn man von den -dreitausend Rubeln spricht, um die er sich betrogen glaubt, während er -von allen seinen anderen Fehlschlägen und erlittenen Kränkungen ganz -harmlos sprechen kann“. Endlich sei er, nach den eingezogenen -Erkundigungen, auch früher schon jedesmal, wenn man von diesen -Dreitausend gesprochen hatte, außer sich geraten, „während man doch -weiß, daß er uneigennützig und kein Egoist ist“. „Was aber die Ansicht -meines gelehrten Kollegen betrifft,“ fügte der Doktor noch ironisch -hinzu, nachdem er seine Rede beendet hatte, „daß der Angeklagte, als er -in den Saal trat, durchaus zu den Damen und nicht gerade vor sich hin -hätte blicken müssen, so sage ich nur, daß, abgesehen von der -Scherzhaftigkeit dieser Ansicht, diese außerdem noch absolut falsch ist: -denn, obgleich ich darin vollkommen mit ihm übereinstimme, daß der -Angeklagte, als er hier in diesen Saal eintrat, in dem über sein -Geschick entschieden wird, nicht starr vor sich hinsehen sollte, was -durchaus ein Zeichen seines unnormalen seelischen Zustandes im gegebenen -Augenblick ist, so behaupte ich doch zu gleicher Zeit, daß er nicht nach -links zu den Damen, sondern nach rechts hätte sehen sollen, zu seinem -Verteidiger, auf dessen Hilfe er jetzt seine ganze Hoffnung setzt, und -von dessen Verteidigung sein ganzes Geschick abhängt.“ Diese seine -Meinung sprach der Doktor sehr bestimmt und nachdrücklich aus. Doch -wirkten die Behauptungen beider gelehrten Experten durch ihren -Widerspruch ein wenig komisch, besonders noch nach der unerwarteten -Folgerung des Arztes Warwinskij, der als Dritter befragt wurde. Seiner -Meinung nach befand sich der Angeklagte jetzt wie früher in ganz -normalem Zustande, und wenn er auch vor seiner Verhaftung -außerordentlich nervös und erregt gewesen sein mochte, es könne das doch -auf die alleraugenscheinlichsten Ursachen zurückgeführt werden, wie z. -B. Eifersucht, Zorn, die fortwährende Betrunkenheit usw. Doch dieser -nervöse Zustand brauchte absolut keinen besonderen „Affekt“ in sich zu -schließen, von dem soeben die Rede gewesen war. Und was das anbelangt, -ob der Angeklagte nach links oder nach rechts hätte sehen sollen, als er -in den Saal trat, so mußte der Angeklagte, nach seiner „bescheidenen -Meinung“, geradeaus sehen, wie er es auch getan, denn geradeaus vor ihm -saßen ja der Vorsitzende und die Gerichtspersonen, von denen jetzt sein -ganzes Geschick abhing, so daß er, „indem er geradeaus sah, damit -bewiesen hat, wie normal der Zustand seines Geistes im gegebenen -Augenblick ist“, schloß mit einigem Feuer der junge Arzt seine -„bescheidene“ Aussage. - -„Bravo, Doktor!“ rief Mitjä von seinem Platz aus, „genau so war es!“ - -Mitjä wurde natürlich wieder zum Schweigen gebracht, aber die Meinung -des jungen Arztes hatte die ausschlaggebende Wirkung auf das Gericht und -auch auf das Publikum, denn, wie sich nachher zeigte, waren alle mit ihm -einverstanden. Übrigens sagte Doktor Herzenstube, der auch als Zeuge -vernommen wurde, ganz unerwartet und ganz plötzlich noch etwas zugunsten -Mitjäs aus. Als alter Einwohner unserer Stadt, der schon lange die -Familie Karamasoff kannte, machte er sehr interessante Aussagen zur -Entlastung Mitjäs und darauf fügte er, als wäre ihm plötzlich wieder -etwas eingefallen, hinzu: - -„Indessen konnte dem armen jungen Manne ein besseres Geschick zuteil -werden, denn er hatte ein gutes Herz als Kind, wie auch noch später, ich -weiß es genau. Ein russisches Sprichwort lautet: ‚Wenn jemand Verstand -hat, so ist es gut, wenn aber ein kluger Mensch zu ihm zum Besuch kommt, -so ist es noch besser, denn dann werden es zwei kluge Menschen sein und -nicht nur einer ...‘“ - -„‚Ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser,‘“ unterbrach ihn -ungeduldig der Staatsanwalt, der die Gewohnheit des guten Alten kannte, -langsam, gedehnt und umständlich zu reden, ohne sich darüber aufzuregen, -daß er andere warten ließ, der, im Gegenteil, selbst sehr von seinem -schwerfälligen, fröhlich-selbstzufriedenen Humor eingenommen war. Der -gute Alte sprach gern viel und gut. - -„Oh, ja, ja, das habe ich ja auch gesagt,“ griff der Alte beharrlich -auf, „ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser, dasselbe Sprichwort -habe ich ja auch gesagt. Doch zu ihm ist niemand mit einem Verstande -gekommen, und den seinen hat er selbst herausgelassen ... Wie sagt man -das? Dieses Wort – wohin er seinen Verstand ... ich habe es vergessen,“ -stotterte er und griff wieder vor seinem Gesicht mit der Hand danach, -„ach, ja, spazieren.“ - -„Spazieren?“ - -„Nun, ja, spazieren, das habe ich ja auch gesagt. Sein Verstand ist ihm -spazieren gegangen und dabei in ein so tiefes Loch gefallen, daß er sich -vollständig verloren hat. Doch nichtsdestoweniger war er ein guter und -gefühlvoller Junge, oh, ich erinnere mich seiner sehr wohl, wie er noch -ganz klein war, von seinem Vater auf den Hinterhof hinausgeworfen, und -wie er da ohne Stiefelchen umherlief, und wie die kleinen Höschen an -einem Knopf hingen ...“ - -Eine gefühlvolle und innige Note klang in der Stimme des guten Alten. -Fetjukowitsch horchte auf, als hoffe er, sich an etwas anklammern zu -können. - -„Ja, ja, ich selbst war damals noch ein junger Mensch ... Ich ... nun -ja, ich war damals fünfundvierzig Jahre alt, ich war vor kurzem hier -angekommen, und mir tat der Junge leid, und ich fragte mich: Sollte ich -ihm nicht ein Pfund ... Nun, ja, ein Pfund ... Ich habe vergessen, wie -man das sagt ... Pfund von dem, was die Kinder sehr lieben, wie sagt man -das, – ach nun, wie ist doch das Wort ...“ (er griff wieder mit der Hand -danach) „sie wachsen an Bäumen, man sammelt sie und schenkt sie allen -Kindern ...“ - -„Äpfel?“ - -„O nein, nein, nein! Ein Pfund, ein Pfund ... Äpfel kauft man nicht -pfundweise ... nein, sie sind alle klein, und man bekommt viele auf ein -Pfund, man legt sie in den Mund und – krach! ...“ - -„Nüsse?“ - -„Nun, ja, Nüsse, das habe ich ja auch gesagt,“ bekräftigte der Doktor -gelassen, als hätte er das Wort nie im Leben gesucht, „und ich brachte -ihm ein Pfund Nüsse, denn dem Jungen hatte noch niemals jemand ein Pfund -Nüsse gebracht, und ich hob meinen Finger auf und sagte ihm auf Deutsch: -‚Junge! Gott der Vater,‘ er lachte und sagte: ‚Gott der Vater.‘ – ‚Gott -der Sohn.‘ Er lachte noch mehr und stammelte: ‚Gott der Sohn.‘ – ‚Gott -der Heilige Geist.‘ Er lachte wieder und wiederholte, so gut er konnte: -‚Gott der Hei-Heilige Geist.‘ Ich ging fort, und nach drei Tagen, wie -ich an ihm vorübergehe, ruft er mir zu: ‚Onkel! Gott der Vater, Gott der -Sohn ...‘ – doch Gott den Heiligen Geist hatte er vergessen, ich sagte -es ihm wieder vor, und er sprach es brav nach, und er tat mir wieder -sehr leid. Dann brachte man ihn fort, und ich sah ihn nicht mehr. Und -siehe, es vergingen dreiundzwanzig Jahre. Eines Morgens sitze ich in -meinem Kabinett, schon mit weißem Haar, und plötzlich tritt ein -blühender, junger Mann bei mir ein, den ich niemals wiedererkannt hätte, -doch er hob den Finger und sagte lachend auf Deutsch: ‚Gott der Vater, -Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist! Ich bin soeben angekommen und -habe Sie aufgesucht, um Ihnen für das Pfund Nüsse zu danken, denn Sie -allein haben mir ein Pfund Nüsse geschenkt.‘ Ich dachte dann an meine -eigene glückliche Jugend im Elternhause und an diesen armen, kleinen -Jungen ohne Stiefelchen auf dem Hof, und mein Herz drehte sich in mir -um, und ich sagte zu ihm: ‚Du guter junger Mann, du hast dieses Pfund -Nüsse nicht vergessen, das ich dir in deiner Kindheit geschenkt habe.‘ -Und ich umarmte und segnete ihn. Und ich weinte. Er lachte, doch weinte -er eigentlich gleichfalls, denn der Russe lacht manchmal dann, wenn er -weinen will. Er weinte, ich habe es gesehen. Jetzt aber, wie traurig! -...“ - -„Und auch jetzt weine ich, Deutscher, auch jetzt weine ich, du -gottesfürchtiger Mann!“ rief ihm plötzlich Mitjä von seinem Platze aus -zu. - -Auch diese Anekdote machte auf das Publikum einen freundlichen Eindruck. -Doch das Hauptereignis zugunsten Mitjäs waren die Aussagen Katerina -Iwanownas, die ich sofort wiedergeben werde. Und überhaupt, als die -Reihe an die Entlastungszeugen kam, das heißt, an die vom Verteidiger -gestellten Zeugen, da schien das Glück Mitjä zu lächeln, und was ganz -besonders bemerkenswert war: – dies kam selbst dem Verteidiger ganz -unerwartet. Doch vor Katerina Iwanowna wurde noch Aljoscha verhört, der -sich plötzlich einer Tatsache erinnerte, die wirklich ein wichtiges -Zeugnis gegen den Hauptpunkt der Beschuldigung sein konnte. - - - IV. - Das Glück lächelt Mitjä - -Es geschah das sogar für Aljoscha ganz unerwartet. Er wurde unvereidigt -vernommen, und ich erinnere mich, daß man sich allerseits, von den -ersten Worten des Verhörs an, außerordentlich zartfühlend und -sympathisch zu ihm verhielt. Da sah man deutlich, welch eines guten -Rufes er sich erfreute! Aljoscha drückte sich bescheiden und -zurückhaltend aus, doch aus allen seinen Aussagen brach sein heißes -Mitgefühl hervor und seine ganze Liebe, die er für den unglücklichen -Bruder empfand. In Beantwortung einer ihm vorgelegten Frage zeichnete er -den Charakter seines Bruders als den eines vielleicht unbändigen und von -Leidenschaften beherrschten Menschen, der andererseits wiederum edel, -stolz und hochherzig sei, und der zu jedem Opfer bereit wäre, wenn man -es von ihm verlangen würde. Er gab übrigens zu, daß der Bruder in den -letzten Tagen aus Leidenschaft zu Gruschenka und als Gegner des Vaters -in einer unerträglichen Lage gewesen war. Doch mit Unwillen wies er die -Annahme zurück, der Bruder hätte am Vater einen Raubmord verübt, -obgleich er zugeben mußte, daß diese Dreitausend bei Mitjä zu einer -fixen Idee geworden waren, daß er sie durch Betrug des Vaters von seinem -Erbe entwendet glaubte: während Mitjä sonst nicht im mindesten -eigennützig war, so habe er von diesen Dreitausend doch nicht reden -können, ohne dabei in Wut zu geraten. Über die Gegnerschaft zweier -„Personen“, wie sich der Staatsanwalt ausdrückte – damit meinte er -Gruschenka und Katjä –, antwortete er ausweichend, und auf einige Fragen -verweigerte er jede Antwort. - -„Hat Ihr Bruder Ihnen gesagt, daß er seinen Vater zu erschlagen -beabsichtige?“ fragte der Staatsanwalt. „Sie brauchen darauf nicht zu -antworten, wenn Sie es für nötig befinden,“ fügte er hinzu. - -„Direkt hat er es mir nicht gesagt,“ antwortete Aljoscha. - -„Wie dann? Etwa indirekt?“ - -„Er sprach einmal von seinem persönlichen Haß gegen den Vater, und daß -er fürchte ... in einem Augenblick ... daß er in einem Augenblick -äußersten Widerwillens ... ihn vielleicht sogar erschlagen könnte.“ - -„Und als Sie das hörten, glaubten Sie ihm?“ - -„Ich fürchte mich zu sagen, daß ich ihm glaubte. Ich war aber immer fest -überzeugt, daß ein höheres Gefühl ihn in der verhängnisvollen Minute -davor bewahren werde, wie es ja auch in der Tat geschehen ist, denn -_nicht er_ hat meinen Vater erschlagen,“ schloß Aljoscha mit fester, -durch den ganzen Saal laut schallender Stimme. - -Der Staatsanwalt fuhr zusammen wie ein Streitroß, das ein -Trompetensignal hört. - -„Seien Sie überzeugt, daß ich an die vollkommene Aufrichtigkeit Ihrer -Überzeugung glaube, ohne dieselbe zu der Liebe, die Sie für Ihren -unglücklichen Bruder empfinden, in Beziehung zu bringen. Die eigenartige -Anschauung, die Sie von dieser ganzen Tragödie, die sich in Ihrer -Familie abgespielt hat, haben, ist uns schon aus dem ersten Verhör -bekannt. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß sie im höchsten Grade -persönlich ist und allen übrigen Zeugenaussagen widerspricht. Darum -halte ich es auch für nötig, Sie mit allem Nachdruck zu fragen, was Ihre -Gedanken darauf gebracht hat, und wodurch Sie eigentlich von der -Unschuld Ihres Bruders überzeugt worden sind, und warum Sie an die -Schuld der anderen Person glauben, auf die Sie schon früher hingewiesen -haben?“ - -„Beim ersten Verhör habe ich nur auf die Fragen geantwortet,“ sagte -Aljoscha ruhig und leise, „ich habe nicht ohne weiteres Anklage gegen -Ssmerdjäkoff erhoben.“ - -„Aber Sie haben doch auf ihn hingewiesen.“ - -„Ich habe dies auf Grund der Aussage meines Bruders Dmitrij getan. Man -erzählte mir noch vor meinem Verhör, was sich bei der Verhaftung meines -Bruders zugetragen hatte, und daß er auf Ssmerdjäkoff gewiesen hätte. -Ich glaube unerschütterlich daran, daß mein Bruder unschuldig ist. Und -wenn nicht er den Vater erschlagen hat, so hat ...“ - -„So hat es Ssmerdjäkoff getan? ... Warum aber gerade Ssmerdjäkoff? Und -warum sind Sie denn so von der Unschuld Ihres Bruders überzeugt?“ - -„Ich kann nicht anders, als meinem Bruder glauben. Ich weiß, daß er mich -nicht belügen wird. Ich habe es an seinem Gesicht gesehen, daß er mich -nicht belügt.“ - -„Nur am Gesicht? Ist das Ihr einziger Beweis?“ - -„Mehr Beweise habe ich nicht.“ - -„Und bei der Beschuldigung Ssmerdjäkoffs haben Sie auch nicht den -geringsten Beweis, außer den Worten Ihres Bruders und seinem -Gesichtsausdruck?“ - -„Nein, ich habe keinen anderen Beweis.“ - -Damit brach der Staatsanwalt seine Fragen an ihn ab. Die Aussagen -Aljoschas waren für das Publikum eine große Enttäuschung. Über -Ssmerdjäkoff hatte man bei uns schon vor der Gerichtssitzung viel -gesprochen, der eine hatte dieses gehört, der andere jenes. Und von -Aljoscha hatte man gesagt, daß er irgendwelche außergewöhnliche Beweise -in der Hand habe, zugunsten des Bruders und für die Schuld des Dieners, -und siehe da, – nichts, gar keine Beweise hatte er, außer der sittlichen -Überzeugung, die doch schließlich so verständlich war, bei dem -leiblichen Bruder des Angeklagten. - -Darauf kam Fetjukowitsch an die Reihe. Auf die Frage: wann der -Angeklagte ihm, Aljoscha, von seinem Haß gegen den Vater gesprochen und -davon, daß er ihn töten könnte, und ob er das kurz vor der Katastrophe -getan, etwa beim letzten Zusammentreffen usw. ... zuckte Aljoscha -plötzlich zusammen, als ob er sich im Augenblick einer Sache erinnert -hätte. - -„Ich erinnere mich jetzt eines Umstandes, den ich ganz vergessen hatte -... damals war er mir unklar, jetzt aber ...“ - -Und Aljoscha erzählte, hingerissen von dem Gedanken, der ihm so -plötzlich gekommen war, wie Mitjä beim letzten Zusammentreffen, am -Abend, auf dem Wege zum Kloster, dort bei der einsamen Weide, sich auf -die Brust geschlagen, „hoch oben auf die Brust“, und dabei einigemal -wiederholt hatte, daß er noch die Möglichkeit habe, seine Ehre wieder -herzustellen, daß er die Mittel dazu hier auf seiner Brust hätte, „sieh -hier, hier auf meiner Brust“ ... „Ich glaubte damals,“ fuhr Aljoscha -fort, „daß er, indem er auf seine Brust schlug, von seinem Herzen -sprach, davon, daß er aus seinem Herzen die Kräfte schöpfen werde, die -große Schande, die er nicht einmal mir zu sagen wagte, von sich -abzuwälzen. Ich muß gestehen, ich dachte damals, er spräche vom Vater, -und daß er vor der Schande zurückschrecke, zum Vater zu gehen und ihm -irgend etwas anzutun, während er, als er damals auf seine Brust schlug, -wahrscheinlich auf irgend etwas hinweisen wollte. Ich erinnere mich -jetzt, daß mir damals der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß das Herz ja -doch gar nicht auf der rechten Seite und doch viel niedriger liege; er -aber schlug sich ganz hoch auf die Brust, fast unter dem Halse und wies -immer auf diese eine Stelle hin. Mein Gedanke erschien mir dumm, doch -er hat damals wahrscheinlich gerade auf das Geld, auf die -tausendfünfhundert Rubel an seinem Halse hingewiesen! ...“ - -„So war es!“ rief plötzlich Mitjä, vom Platze aufspringend, dazwischen. -„So war es, Aljoscha, genau so, ich schlug damals mit der Faust auf die -Brust, auf das Geldsäckchen!“ - -Fetjukowitsch stürzte sofort eilig zu ihm hin, bat ihn, sich zu -beruhigen, und dann klammerte er sich unverzüglich mit seinen Fragen an -Aljoscha. Aljoscha war selbst aufs äußerste erregt und sprach lebhaft -seine Überzeugung aus, daß die „Schande“ aller Wahrscheinlichkeit nach -darin bestanden habe, daß er diese tausendfünfhundert Rubel bei sich -trug, statt sie Katerina Iwanowna, als die Hälfte seiner Schuld, -zurückzugeben, daß er sich doch nicht entschließen konnte, es zu tun und -das Geld zur Entführung Gruschenkas benutzen werde, wenn diese -einwilligte ... - -„So muß es gewesen sein, genau so,“ rief Aljoscha in großer Erregung -aus. „Mein Bruder sagte mir damals, die Hälfte, die Hälfte der Schande – -er rief mehreremal aus: ‚Die Hälfte!‘ – Die hätte er sofort von sich -abwälzen können, doch wußte er im voraus, daß er nicht die Kraft haben -werde, es zu tun!“ - -„Und Sie wissen genau, Sie erinnern sich ganz deutlich dessen, daß er -sich gerade an der Stelle auf die Brust geschlagen hat?“ fragte ihn -Fetjukowitsch gespannt. - -„Klar und deutlich, denn ich dachte bei mir in dem Augenblick: warum -schlägt er sich so hoch auf die Brust, das Herz liegt doch viel -niedriger. Und gleich darauf erschien ich mir so dumm, weil ich an so -etwas in diesem Augenblick denken konnte ... ich erinnere mich dessen -ganz genau ... so dumm ... Daher ist mir soeben auch alles wieder -eingefallen. Aber wie habe ich das nur vergessen können! Er wies ja nur -deswegen auf diese Stelle hin, weil er damit sagen wollte, daß er die -Möglichkeit hatte, tausendfünfhundert Rubel, die Hälfte der Schuld, -zurückzugeben! Bei der Verhaftung in Mokroje aber hat er ausgerufen – -ich weiß es, man hat es mir erzählt –, daß er es für die schmachvollste -Tat seines ganzen Lebens halte, daß er diese Hälfte (gerade die Hälfte) -der Schuld Katerina Iwanowna nicht abgegeben hat, um in ihren Augen kein -Dieb zu sein, daß er sich nicht hat entschließen können, sie -zurückzugeben, und lieber in ihren Augen ein Dieb geblieben ist! Ach, -wie hat er sich gequält, wie hat er sich dieser Schuld wegen gequält!“ -rief Aljoscha traurig aus. - -Natürlich mischte sich der Staatsanwalt sofort in die Sache ein. Er bat -Aljoscha, noch einmal zu beschreiben, wie sich das alles zugetragen -hatte, und bestand auf der Frage: ob der Angeklagte, als er sich auf die -Brust schlug, damit auf irgend etwas habe hinweisen wollen, oder ob er -sich einfach mit der Faust auf die Brust geschlagen habe? - -„Nicht nur mit der Faust!“ rief Aljoscha erregt aus, „sondern mit den -Fingern hat er auf diese Stelle hingewiesen, ganz hoch ... Wie habe ich -das nur bis zu diesem Augenblick so ganz vergessen können!“ - -Der Vorsitzende wandte sich an Mitjä mit der Frage, was er in betreff -dieser Aussage zu bemerken wünsche. Mitjä bestätigte, daß alles sich so -verhalten habe, daß er auf die Tausendfünfhundert hingewiesen, die er -auf seiner Brust getragen, und daß es die größte Schande für ihn gewesen -sei, „eine Schande, von der ich mich nicht lossagen kann, die -schmählichste Handlung meines ganzen Lebens: es lag in meiner Macht, das -Geld zurückzugeben, und ich habe es doch nicht getan! Ich wollte lieber -in ihren Augen ein Dieb sein. Die größte Schmach bestand aber darin, daß -ich wußte, was geschehen würde: daß ich das Geld nicht zurückgeben -werde! Du hast recht, Aljoscha! Ich danke dir, Aljoscha!“ - -Damit war das Verhör Aljoschas beendet. Wichtig und bezeichnend war -gerade der Umstand, daß sich ein Anhalt gefunden hatte, oder wenigstens -ein ganz geringer Beweis, oder auch nur ein Schatten von einem Beweise, -der immerhin andeutete, daß es das Säckchen mit den Tausendfünfhundert -tatsächlich gegeben haben konnte und der Angeklagte bei der -Voruntersuchung in Mokroje nicht gelogen hatte, daß die anderthalb -Tausend „_ihm gehörten_“. Aljoscha freute sich sehr; sein Gesicht war -vor Freude ganz gerötet, und als er sich auf den ihm zugewiesenen Platz -setzte, wiederholte er noch für sich: „Wie habe ich es nur vergessen -können, wie habe ich’s nur vergessen können! Und wie ist es mir nur -plötzlich wieder eingefallen!“ - -Darauf begann das Verhör Katerina Iwanownas. Kaum war sie erschienen, -als im Saal etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Die Damen griffen zu -ihren Lorgnons und Operngläsern, die Herren bewegten sich, einige -erhoben sich sogar von ihren Plätzen, um besser sehen zu können. Alle -behaupteten später, daß Mitjä plötzlich „bleich wie ein Tuch“ geworden -sei, als sie eingetreten war. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, -bescheiden und fast schüchtern näherte sie sich dem ihr zugewiesenen -Platz. Ihrem Gesicht konnte man die Aufregung nicht ansehen, aber in -ihrem dunklen, umflorten Blick drückte sich Entschlossenheit aus. Später -behaupteten viele, sie sei in diesem Augenblick außerordentlich schön -gewesen. Sie sprach leise, aber deutlich, so daß man sie im ganzen Saale -hören konnte. Sie drückte sich vollkommen ruhig aus, wenigstens gab sie -sich den Anschein der größten Ruhe. Der Vorsitzende stellte seine Fragen -sehr vorsichtig und außerordentlich ehrerbietig an sie, als fürchte er -„gewisse Saiten“ zu berühren, als ehre er ihr großes Unglück. Doch -Katerina Iwanowna erklärte selbst auf die ihr gestellten Fragen schon -nach den ersten Worten, daß sie die Braut des Angeklagten gewesen sei -„bis zu der Zeit, als er mich verließ“, fügte sie leise hinzu. Als man -sie nach den Dreitausend fragte, die sie Mitjä übergeben hatte, damit er -das Geld durch die Post an ihre Verwandten befördere, antwortete sie -entschlossen: „Ich habe ihm das Geld nicht gegeben, damit er es gleich -auf die Post bringe: ich wußte damals, daß er Geld brauchte ... gerade -zu der Zeit ... Ich gab ihm diese Dreitausend unter der Bedingung, daß -er sie _im Laufe des Monats_ abschicke ... Er hat sich ganz -unnötigerweise wegen dieser Schuld so gequält ...“ - -Ich werde hier nicht alle Fragen und Antworten genau wiedergeben, -sondern nur den wesentlichen Sinn ihrer Aussagen. - -„Ich war fest überzeugt, daß er die Dreitausend sofort ersetzen werde, -so wie er das Geld von seinem Vater erhielt,“ fuhr sie fort, als Antwort -auf die Fragen. „Ich bin von seiner Uneigennützigkeit, wie von seiner -Ehrenhaftigkeit ... von seiner großen Ehrenhaftigkeit ... in Geldsachen, -stets überzeugt gewesen. Er hoffte, vom Vater noch dreitausend Rubel zu -erhalten, er hat mir oft davon gesprochen. Ich wußte, daß er mit seinem -Vater entzweit war, und ich war und bin auch noch jetzt der festen -Überzeugung, daß er vom Vater übervorteilt worden ist. Ich erinnere mich -nicht, je eine Drohung gegen den Vater von ihm vernommen zu haben. In -meiner Gegenwart hat er wenigstens nie etwas Ähnliches geäußert. Wenn er -damals zu mir gekommen wäre, so hätte ich ihn sofort wegen der -Dreitausend beruhigt, die er mir schuldete, doch er kam nicht mehr zu -mir ... und ich selbst ... war in einer solchen Lage, daß ich ihn nicht -zu mir rufen konnte ... Und ich hatte auch gar kein Recht, die -Rückerstattung dieser Schuld zu beanspruchen,“ fügte sie plötzlich -hinzu, und in ihrer Stimme lag eine gereizte Entschlossenheit. „Er -selbst hat mir einmal eine viel größere Gefälligkeit in einer Geldsache -erwiesen, und ich hatte damals den Betrag, der viel größer als -Dreitausend war, angenommen, ohne zu wissen, ob ich jemals imstande sein -werde, ihm meine Schuld abzuzahlen ...“ - -Im Ton ihrer Stimme lag etwas Herausforderndes. - -„Das war wohl nicht jetzt, sondern schon zu Anfang Ihrer Bekanntschaft?“ -griff Fetjukowitsch vorsichtig auf, da er sofort etwas für Mitjä -Günstiges vermutete. - -Hier muß ich bemerken, daß er, obgleich er zum Teil auch von Katerina -Iwanowna aus Petersburg berufen worden war, doch nichts von diesem ihrem -Erlebnis und den ihr von Mitjä in jener Garnisonstadt geliehenen -fünftausend Rubel wußte, und ebensowenig etwas vom „Fußfall“. Sie hatte -ihm nichts davon gesagt. Und ich glaube, man kann fast mit Sicherheit -annehmen, daß sie selbst bis zur letzten Minute nicht gewußt hat, ob sie -von dieser „Begegnung“ vor Gericht erzählen würde oder nicht, und daß -sie es dann nur auf eine plötzliche Eingebung hin doch tat. - -Nein, niemals werde ich diese Augenblicke meines Lebens vergessen -können. Sie erzählte, sie erzählte _alles_, diese ganze Episode, wie -auch Mitjä sie Aljoscha anvertraut hatte, auch von der „Verbeugung bis -zur Erde“! Und auch davon, was sie dazu veranlaßt hatte, auch von ihrem -Vater sprach sie, von ihrem Erscheinen bei Mitjä, doch mit keinem Wort -und mit keiner Bemerkung wies sie darauf hin, daß Mitjä ihrer Schwester -gesagt hatte: „Schicken Sie Katerina Iwanowna zu mir, ich werde ihr dann -das Geld geben.“ Großmütig verschwieg sie das, und sie schämte sich -nicht, es so darzustellen, als sei sie selbst aus eigenem Antriebe ... -zu diesem jungen Offizier gelaufen ... in der Hoffnung, daß ... daß sie -das Geld von ihm erhalten würde. Das war geradezu erschütternd. Mir -wurde kalt und heiß, als ich es hörte, und der ganze Saal lag in -Totenstille, jedes Wort wurde aufgefangen. Das war etwas Beispielloses. -Von einem so selbstbewußten, alles verachtenden, stolzen Mädchen, wie -sie es war, hätte man kaum eine solche Aufrichtigkeit, ein solches Opfer -und eine solche Selbstvernichtung erwarten können. Und weshalb und für -wen? Um ihren Verräter und Beleidiger zu retten, um irgend etwas, wenn -auch nur etwas zu seiner Rettung beizutragen, um zu seinen Gunsten -wenigstens einen guten Eindruck hervorzubringen! Und in der Tat: das -Bild des Offiziers, der seine letzten fünftausend Rubel hingibt, – -alles, was ihm für sein ganzes Leben noch geblieben ist – und sich -ehrerbietig vor dem unschuldigen jungen Mädchen verneigt, erschien sehr -sympathisch und verführerisch vor aller Augen. Doch ... mein Herz zog -sich schmerzhaft zusammen! Ich fühlte, was daraus entstehen würde (und -was ja auch daraus entstanden ist) – welch ein Klatsch! Welche -Verleumdungen! Mit boshaftem Lächeln sprach man alsbald in der ganzen -Stadt, daß die Erzählung vielleicht nicht ganz wahrheitsgetreu gewesen -sei, besonders an der Stelle nicht, wo der Offizier angeblich das junge -Mädchen „mit einer tiefen ehrerbietigen Verbeugung“ entläßt. Man machte -Anspielungen darauf, daß da wohl etwas „ausgelassen“ worden war. „Und -selbst, wenn dabei auch nichts ausgelassen, wenn es auch in Wahrheit -alles so gewesen ist,“ sagten unsere geachtetsten Damen, „so bleibt es -immer noch zweifelhaft, ob es für das junge Mädchen wohlanständig war, -so zu handeln, selbst wenn es dadurch den Vater rettete.“ Hatte nun -Katerina Iwanowna bei ihrem Verstande, ihrem Scharfblick, wirklich nicht -vorausgesehen und gefühlt, daß man so sprechen würde? Natürlich hatte -sie das vorausgewußt, und doch hatte sie sich entschlossen, alles zu -sagen! Versteht sich, diese schmutzigen Zweifel an der Wahrheit der -Erzählung kamen erst später auf. Im ersten Augenblick waren alle -erschüttert. Die Herren des Gerichtshofes hörten Katerina Iwanowna mit -einem fast andächtigen, fast verschämten Schweigen zu. Der Staatsanwalt -erlaubte sich keine einzige weitere Frage über dieses Thema. -Fetjukowitsch verneigte sich tief vor ihr. Oh, er triumphierte beinahe. -Viel war gewonnen: ein Mensch, der in edler Aufwallung seine letzten -fünftausend Rubel hingibt, und ein Mensch, der seinen Vater in der Nacht -erschlägt, um von ihm dreitausend Rubel zu stehlen – waren einigermaßen -unvereinbar in einer Person. Wenigstens konnte er jetzt den Raub -leugnen. Die „Sache“ stand jetzt in einem ganz neuen Lichte. Etwas wie -Sympathie für Mitjä hatte sich verbreitet. Mitjä selbst aber – so -erzählte man sich später –, habe sich ein- oder zweimal von seinem -Platze erhoben, war dann wieder auf die Bank zurückgefallen und hatte -mit beiden Händen sein Gesicht bedeckt. Als sie geendet hatte, das weiß -ich noch, da rief er plötzlich, ihr beide Hände entgegenstreckend, mit -schluchzender Stimme aus: - -„Katjä, warum hast du mich zugrunde gerichtet!“ - -Und er schluchzte laut auf, beherrschte sich aber sofort wieder und rief -mit fester Stimme: - -„Jetzt bin ich verurteilt!“ - -Darauf blieb er wie erstarrt sitzen, kreuzte die Arme über der Brust und -biß die Zähne zusammen. Katerina Iwanowna blieb im Saal und setzte sich -auf einen Stuhl, den man ihr anwies. Sie war bleich und saß mit -niedergeschlagenen Augen da. Diejenigen, die in ihrer Nähe gesessen -hatten, erzählten später, sie habe lange noch wie im Fieber gezittert. -Nach ihr erschien Gruschenka zum Verhör. - -Ich nähere mich jetzt der Katastrophe, die sich ganz plötzlich entlud -und durch die Mitjäs Sache verloren, sein Leben eigentlich erst zugrunde -gerichtet wurde. Denn ich bin überzeugt, und alle Juristen haben es -nachher gleichfalls ausgesprochen, daß man, wenn dieser Zwischenfall -sich nicht ereignet hätte, wenigstens mildernde Umstände zugunsten des -Angeklagten angenommen hätte. Doch davon später. Jetzt noch zwei Worte -über Gruschenka. - -Auch sie erschien ganz in Schwarz gekleidet; um die Schultern trug sie -ihren wundervollen schwarzen Schal. In ihrer leichten, unhörbaren, etwas -wiegenden Gangart, wie sie sonst nur volleren Frauen eigen ist, näherte -sie sich der Ballustrade. Sie sah weder nach links noch nach rechts, -sondern blickte unverwandt auf den Vorsitzenden. Meiner Meinung nach war -sie sehr schön in diesem Augenblick und durchaus nicht zu bleich, wie -die Damen später behaupteten. Man sagte auch, sie hätte ein böses -Gesicht gemacht. Ich denke nur, daß sie sehr gereizt war und als sehr -schwer empfand, allen diesen verächtlich-neugierigen Blicken unseres -skandalgierigen Publikums ausgesetzt zu sein. Sie hatte einen stolzen -Charakter, der keine Verachtung ertragen konnte, einen von denen, die, -wenn sie Verachtung argwöhnen, sofort in Zorn aufflammen und eine -Gegenwehr suchen. Natürlich war dabei viel Schüchternheit und innere -Scham wegen dieser Schüchternheit, so daß es schließlich kein Wunder -war, wenn ihre Aussagen ungleich, bald zornig, verächtlich und zuweilen -gezwungen grob waren, bald wieder von Herzen kommende Worte, aufrichtige -Selbstverurteilung und Selbstbeschuldigung durchklangen. Manchmal sprach -sie so, als wenn sie sich in einen Abgrund stürzen wollte: „Einerlei, -was dabei herauskommt, aber ich sage es doch ...“ In bezug auf ihre -Bekanntschaft mit Fedor Pawlowitsch bemerkte sie nur kurz abweisend: -„Das sind alles Dummheiten, bin ich denn schuld daran, daß er sich mir -aufdrängte?“ Nach einer Minute aber fügte sie hinzu: „Ich bin an allem -schuld, ich lachte über den einen und den anderen, über den Alten, wie -auch über – diesen ... und ich habe sie beide bis dahin gebracht. -Meinetwegen ist alles geschehen!“ Als man auf Ssamssonoff zu sprechen -kam, sagte sie barsch und herausfordernd: „Das geht niemanden etwas an! -Er war mein Wohltäter, er hat mich aufgenommen, als meine Verwandten -mich aus dem Hause jagten.“ Der Vorsitzende machte sie sehr höflich -darauf aufmerksam, daß sie nur auf die Fragen zu antworten habe, ohne -sich in unnützen Ausführlichkeiten zu ergehen. Gruschenka errötete, und -ihre Augen blitzten auf. - -Das Geldpaket hatte sie nicht gesehen, sondern nur durch den „Mörder“ -gehört, daß Fedor Pawlowitsch ein Paket mit dreitausend Rubeln bei sich -liegen habe. „Aber das sind ja alles nur Dummheiten, ich habe darüber -nur gelacht und wäre nie zu ihm gegangen.“ - -„Wen meinten Sie soeben mit dem ‚Mörder‘?“ erkundigte sich sofort der -Staatsanwalt. - -„Ich meinte den Diener, den Ssmerdjäkoff meinte ich, der seinen Herrn -erschlagen und gestern sich selbst erhängt hat.“ - -Natürlich fragte man sie sofort, welche Gründe sie zu einer so -entschiedenen Anschuldigung besitze, doch konnte auch sie keinen -einzigen stichhaltigen Grund anführen. - -„Das hat Dmitrij Fedorowitsch mir selbst gesagt, und ihm können Sie -glauben. Seine Braut hat ihn zugrunde gerichtet, so ist es, an allem ist -nur sie allein schuld,“ sagte Gruschenka zitternd vor Eifersucht und mit -gereizter Stimme. - -Man erkundigte sich sofort, auf wen sie denn jetzt wieder anspielte. - -„Auf das Fräulein dort, auf diese Katerina Iwanowna, auf wen denn sonst! -Sie hat mich damals zu sich eingeladen, hat mich mit Schokolade -traktiert, um sich bei mir einzuschmeicheln. Kein Schamgefühl hat sie, -das ist es ...“ - -Da aber wies sie der Vorsitzende streng zurück, mit der Bitte, sich in -ihren Ausdrücken zu mäßigen. Ihr eifersüchtiges Herz brannte aber schon -gar zu heiß, sie würde es selbst dann gesagt haben, wenn dieser Ausfall -sie mit Tod und Verderben bedroht hätte. - -„Bei der Verhaftung des Angeklagten in Mokroje,“ begann sofort der -Staatsanwalt, „haben Sie, als Sie ins Zimmer stürzten, ausgerufen: ‚Ich -bin an allem schuld, ich gehe mit ihm zusammen in den Tod!‘ Folglich -waren Sie in diesem Augenblick überzeugt, daß er den Vater ermordet -hatte?“ - -„Ich erinnere mich meiner Empfindungen, die ich damals hatte, nicht mehr -genau,“ antwortete Gruschenka. „Alle schrien damals, er habe den Vater -erschlagen, und ich begriff sofort, daß ich daran schuld war, daß er ihn -nur meinetwegen erschlagen haben konnte. Als er mir aber darauf sagte, -daß er unschuldig sei, da glaubte ich ihm sofort, glaube es auch jetzt -noch und werde es immer glauben: dieser Mensch ist nicht fähig, zu -lügen.“ - -Fetjukowitsch fragte sie, wie ich mich erinnere, unter anderem auch über -Rakitin und die fünfundzwanzig Rubel aus, die sie ihm versprochen hatte, -wenn er Alexei Fedorowitsch Karamasoff zu ihr brächte. - -„Was ist denn dabei Wunderbares, daß er das Geld nahm!“ sagte Gruschenka -verächtlich lächelnd, „er ist doch immer zu mir gekommen, um mich -anzubetteln, manchmal habe ich ihm an dreißig Rubel im Monat gegeben, -und eigentlich war es nur Verschwendung, denn für Essen und Trinken -hatte er selbst Geld genug.“ - -„Aus welchem Grunde waren Sie denn so freigebig zu Herrn Rakitin?“ griff -Fetjukowitsch auf, ungeachtet dessen, daß der Vorsitzende wieder eine -unruhige Bewegung machte. - -„Er ist doch mein Vetter. Seine Mutter und meine Mutter waren leibliche -Schwestern. Er hat mich nur immer gebeten, ich solle es niemandem hier -sagen, er schämt sich ja meiner so sehr!“ - -Dieses neue Faktum kam allen ganz unerwartet, niemand hatte etwas davon -gewußt, weder im Kloster, noch in der Stadt, sogar Mitjä nicht -ausgenommen. Man erzählte sich später, daß Rakitin auf seinem Stuhle vor -Scham feuerrot geworden sei. Gruschenka hatte noch vor ihrem Eintritt in -den Saal erfahren, daß Rakitin gegen Mitjä ausgesagt hatte, und war -deshalb wütend auf ihn. Die ganze Rede des Herrn Rakitin, seine ganze -edle Gesinnung, alle seine Bemerkungen über die Leibeigenschaft, über -die staatliche Unordnung Rußlands – alles war jetzt vernichtet! -Fetjukowitsch war sehr zufrieden. Überhaupt fragte man Gruschenka nicht -allzulange, und sie konnte ja auch nichts Neues mehr mitteilen. Im -Publikum hinterließ sie einen sehr unangenehmen Eindruck. Hunderte -verächtlicher Blicke waren auf sie gerichtet, als sie sich nach -beendetem Verhör ziemlich weit von Katerina Iwanowna auf ihren Stuhl -niederließ. Mitjä hatte die ganze Zeit, während der sie verhört worden -war, geschwiegen und zu Boden gestarrt, als wäre er versteinert. - -Da erschien als Zeuge Iwan Fedorowitsch. - - - V. - Die Katastrophe - -Er war schon vor Aljoscha aufgerufen worden, doch der -Gerichtsvollstrecker hatte dem Vorsitzenden gemeldet, daß der Zeuge -infolge plötzlichen Unwohlseins nicht sofort erscheinen könne, sobald er -sich aber besser fühle, bereit sein werde, seine Aussagen zu machen. Das -war übrigens von niemandem gehört worden, erst später wurde es erzählt. -Sein Erscheinen wurde im ersten Augenblick fast gar nicht bemerkt: Die -Hauptzeugen, besonders die beiden Gegnerinnen, waren schon verhört -worden, die Neugier war vorläufig befriedigt. Im Publikum verspürte man -sogar eine leichte Ermüdung. Nur einige Zeugen sollten noch vernommen -werden, die aller Wahrscheinlichkeit nach nichts Besonderes mehr -aussagen konnten, da doch alles schon ausgesagt worden war. Die Zeit -aber rückte vor. Iwan Fedorowitsch näherte sich ganz absonderlich -langsam, ohne jemanden anzusehen, den Kopf gesenkt, als dächte er -stirnrunzelnd über etwas nach. Er war tadellos gekleidet, doch sein -Gesicht machte, wenigstens auf mich, einen krankhaften Eindruck: es war -etwas gleichsam Überirdisches in diesem Gesicht, etwas, das dem Gesichte -eines sterbenden Menschen ähnlich sah. Seine Augen waren trübe. Da blieb -er stehen, erhob seinen Blick und ließ ihn langsam über den ganzen Saal -gleiten. Ich sah, wie Aljoscha plötzlich von seinem Stuhl aufsprang und -angstvoll ein „Ach!“ hervorstieß. Ich erinnere mich dessen noch ganz -genau. Doch nur wenige bemerkten es. - -Der Vorsitzende erinnerte ihn zuerst daran, daß er ein unvereidigter -Zeuge sei, daß er nach Belieben aussagen oder schweigen könne, doch -dafür jedes Wort auf Treu und Gewissen sagen müsse usw. usw. Iwan -Fedorowitsch hörte ihm zu und sah ihn mit seinem trüben Blick schweigend -an. Plötzlich aber begann sein Gesicht sich allmählich zu verändern, auf -seinen Lippen erschien ein Lächeln, und als der Vorsitzende vor -Verwunderung zu sprechen aufhörte, da lachte er auch schon laut auf. - -„Nun, und was noch?“ fragte er mit lauter Stimme. - -Im Saale wurde es totenstill, man schien gleichsam etwas ... etwas -vorauszufühlen! - -Der Vorsitzende wurde unruhig. - -„Sie ... fühlen sich vielleicht noch nicht ganz wohl?“ fragte er -unsicher und suchte mit den Augen den Gerichtsvollstrecker. - -„Beunruhigen Sie sich nicht, Ew. Exzellenz, ich fühle mich ganz wohl und -kann Ihnen etwas sehr Interessantes mitteilen,“ antwortete ihm Iwan -Fedorowitsch plötzlich völlig ruhig und ehrerbietig. - -„Sie haben also eine besondere Mitteilung zu machen?“ fragte der -Vorsitzende immer noch etwas mißtrauisch. - -Iwan Fedorowitsch sah wieder zu Boden, zögerte einige Sekunden lang, -erhob aber dann seinen Kopf und sagte gleichsam etwas stockend: - -„Nein ... ich habe nichts ... Ich habe nichts Besonderes.“ - -Darauf wurden ihm Fragen vorgelegt. Er antwortete ersichtlich ungern, -gezwungen, kurz, sogar mit offenbarem Widerwillen, der sich bei ihm mit -jedem Wort noch zu steigern schien – obgleich er übrigens noch ganz -verständig antwortete. Auf viele Fragen erklärte er, von den Dingen -nicht unterrichtet zu sein. Auch von den Abrechnungen des Vaters mit -Dmitrij Fedorowitsch wußte er nichts. „Ich habe mich nicht damit -beschäftigt,“ sagte er kurz. Drohungen des Angeklagten gegen den Vater -hatte er gehört. Vom Geldpaket hatte er durch Ssmerdjäkoff erfahren ... - -„Alles ein und dasselbe,“ unterbrach er sich plötzlich, ersichtlich ganz -erschöpft, „ich habe dem Gericht nichts Besonderes mitzuteilen.“ - -„Ich sehe, daß Sie sich nicht wohl fühlen und begreife Ihre Gefühle -...,“ bemerkte der Vorsitzende, und er wollte sich schon an die Parteien -wenden, an den Staatsanwalt und den Verteidiger, mit der Aufforderung, -wenn sie es für nötig hielten, an ihn Fragen zu stellen usw. ... als -plötzlich Iwan Fedorowitsch mit erschöpfter Stimme sich an ihn wandte: - -„Ew. Exzellenz, entlassen Sie mich, bitte, ich fühle mich sehr krank.“ - -Und mit diesen Worten, ohne die Erlaubnis abzuwarten, wandte er sich -plötzlich um und wollte schon aus dem Saal gehen. Kaum aber hatte er -einige Schritte gemacht, da blieb er stehen, als hätte er sich plötzlich -bedacht, lächelte still und kehrte auf denselben Platz zurück, wo er -soeben noch gestanden hatte. - -„Ich bin, Ew. Exzellenz, wie jenes Bauernmädchen ... das da singt ... -Sie kennen es ... wie war es doch: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich -nicht – so s-pring ich nicht!‘ Man lockt sie mit dem Sarafan oder mit -dem blauen Brautrock, damit sie hineinspringe und man sie binde und zur -Trauung führe, sie aber sagt: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich nicht -– so s-pring ich nicht ...‘ Das ist so ein Brauch bei einem unserer -Volksstämme ...“ - -„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte der Vorsitzende streng. - -„Sehen Sie hier ...“ Iwan Fedorowitsch zog plötzlich ein Geldpaket -hervor, „da ist das Geld ... dasselbe, das in dem Kuvert dort gelegen -hat“ (er wies auf den Tisch mit den Sachbeweisen), „und um dessentwillen -man den Vater erschlagen hat. Wohin soll ich es tun? Herr -Gerichtsvollstrecker, übergeben Sie es.“ - -Der Gerichtsvollstrecker nahm das Paket in Empfang und übergab es dem -Vorsitzenden. - -„Auf welche Weise sind Sie in den Besitz dieses Geldes gelangt ... wenn -das wirklich dasselbe Geld ist?“ fragte ihn der Vorsitzende verwundert. - -„Ich habe es von Ssmerdjäkoff, vom Mörder, erhalten, gestern ... Ich bin -bei ihm gewesen, kurz bevor er sich erhängt hat. _Er_ hat den Vater -erschlagen und nicht mein Bruder. Er hat ihn erschlagen, ich aber habe -ihn zu töten gelehrt ... Wer wünscht denn nicht den Tod des Vaters? ...“ - -„Sind Sie bei Verstande oder nicht?“ entfuhr es unwillkürlich dem -Vorsitzenden. - -„Das ist es ja, daß ich bei Verstande bin ... bei gemeinem Verstande, -genau so, wie auch Sie und wie alle diese ... Visagen!“ sagte Iwan, -indem er sich plötzlich an das ganze Publikum wandte. „Man hat den Vater -erschlagen, und plötzlich tun sie alle, als hätte es sie erschreckt!“ -rief er knirschend vor Wut und in jähzorniger Verachtung aus. „Der -Freund verstellt sich vor dem Freunde! Die Lügner!! Alle wünschen den -Tod des Vaters. Das eine Geschmeiß verschlingt das andere Geschmeiß ... -Gäbe es keinen Vatermord – so würden Sie sich alle ärgern und sofort -wütend auseinandergehen ... Schauspieler! ‚Brot und Schauspiele!‘ -Übrigens, auch ich bin gut! Haben Sie hier Wasser, geben Sie mir zu -trinken, um Christi willen!“ Er faßte sich plötzlich an den Kopf. - -Der Gerichtsvollstrecker näherte sich ihm sofort. Aljoscha sprang auf -und rief angstvoll: „Er ist krank, glauben Sie ihm nicht, er ist -wahnsinnig!“ Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und sah starr -vor Schreck Iwan Fedorowitsch an. Auch Mitjä war aufgesprungen, sah ihn -mit wildem, bangem Lächeln an und hörte ihm gierig zu. - -„Beruhigen Sie sich, ich bin nicht wahnsinnig, ich bin nur der Mörder!“ -begann Iwan wiederum. „Von einem Mörder kann man keine schönen Reden -verlangen“ ... fügte er plötzlich sinnlos hinzu und lächelte verzerrt. - -Der Staatsanwalt beugte sich ersichtlich aufgeregt zum Vorsitzenden. Die -Glieder des Gerichtshofes flüsterten erregt und besorgt untereinander. -Fetjukowitsch spitzte die Ohren. Der ganze Saal erstarb in fieberhafter -Spannung. Der Vorsitzende schien sich plötzlich zu besinnen. - -„Zeuge, Ihre Worte sind unverständlich, und hier an diesem Ort -unmöglich. Beruhigen Sie sich, wenn Sie können, und erzählen Sie dann -... wenn Sie wirklich etwas zu erzählen haben. Womit können Sie dieses -Eingeständnis bezeugen ... wenn Sie nur nicht phantasieren?“ - -„Das ist es ja, daß ich keine Zeugen habe. Der Hund Ssmerdjäkoff wird -aus dem Jenseits keine Beweise schicken ... im Paket. Sie wollen immer -nur Pakete haben, und das eine sollte doch genügen. Nein, ich habe keine -Zeugen ... Außer dem einen vielleicht ...“ fügte er – mit einem -nachdenklichen Lächeln hinzu. - -„Wer ist Ihr Zeuge?“ - -„Mit einem Schwanz, Ew. Exzellenz, das aber würde hier formwidrig sein! -_Le diable n’existe point!_ Schenken Sie ihm keine Aufmerksamkeit, er -ist ja nur ein ganz elender kleiner Teufel,“ fügte Iwan gleichsam -zutraulich hinzu und hörte plötzlich auf zu lachen. „Sicherlich hat er -sich hier irgendwo versteckt, sehen Sie dort unter dem Tisch mit den -Sachbeweisen! Wo sollte er denn sonst sitzen, wenn nicht dort? Sehen -Sie, hören Sie mich an: Ich sagte ihm: ich will nicht schweigen, er aber -redet von der geologischen Umwälzung ... Dummheiten! Nun, befreien Sie -doch das Ungeheuer! ... Er hat eine Hymne gesungen, und das tut er, weil -es ihm leicht ist! ... Was geht es mich an, ob die betrunkene Kanaille -grölt ‚Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter,‘ ich aber würde für zwei -Sekunden Freude eine Quadrillion Quadrillionen geben! Sie kennen mich ja -nicht! Oh, wie ist das alles dumm bei Ihnen! So nehmen Sie mich doch -jetzt statt seiner! Zu irgend etwas bin ich doch hergekommen ... Warum, -warum ist alles, was ist, so dumm, so dumm? ...“ - -Und er begann wieder langsam und wie tiefsinnig sich im Saal umzusehen. -Doch jetzt war alles schon in heller Aufregung. Aljoscha sprang von -seinem Platz auf und wollte zu ihm stürzen, doch da hatte der -Gerichtsvollstrecker Iwan Fedorowitsch bereits am Arme gefaßt. - -„Was soll denn das bedeuten?“ schrie ihn dieser an und blickte dem -Gerichtsvollstrecker starr ins Gesicht, – und plötzlich packte er ihn -jähzornig an den Schultern und schleuderte ihn zu Boden. - -Doch da eilte schon die Polizeiwache herbei und ergriff ihn. Er aber -stieß plötzlich einen rasenden Schrei aus. Und die ganze Zeit, während -der man ihn bändigte und forttrug, schrie er laut unzusammenhängende -Worte. - -Es erhob sich ein allgemeiner Tumult. Ich erinnere mich nicht mehr genau -aller weiteren Vorgänge, ich war selbst zu aufgeregt, um alles zu -verfolgen. Ich weiß nur, daß, als alle sich einigermaßen beruhigt und -begriffen hatten, um was es sich handelte, der Gerichtsvollstrecker -einen Verweis erhielt, obgleich er dem Gerichtshof aufs bestimmteste -versicherte, der Zeuge sei die ganze Zeit über gesund gewesen; der -Doktor habe ihn untersucht, als ihm vor einer Stunde etwas schlecht -geworden war, vor seinem Eintritt in den Saal habe er aber ganz -vernünftig und zusammenhängend gesprochen, so daß etwas Derartiges -vorauszusehen unmöglich gewesen wäre; und er fügte noch hinzu, daß der -Zeuge selbst sogar darauf bestanden habe, die Aussage zu machen. Doch -kaum fing man an, sich zu beruhigen und zu besinnen, als sich schon eine -neue Szene abspielte: Katerina Iwanowna bekam einen hysterischen Anfall. -Sie weinte und schluchzte laut, wollte aber nicht fortgehen: sie bat und -flehte, man solle sie nicht hinausbringen, und plötzlich rief sie dem -Vorsitzenden zu: - -„Ich muß Ihnen noch etwas mitteilen, sofort ... sofort! ... Hier ist das -Papier, der Brief ... nehmen sie ihn, lesen sie ihn, schneller, -schneller! Das ist der Brief dieses Ungeheuers, dort, dieses, dieses!“ -und sie wies auf Mitjä. „Er hat den Vater erschlagen, Sie werden es -sofort sehen, er schreibt mir, wie er den Vater erschlagen würde! Der -andere aber ist krank, schwer krank und im Delirium! Ich habe es schon -vor drei Tagen bemerkt, daß er wahnsinnig ist!“ - -So schrie sie außer sich. Der Gerichtsvollstrecker nahm ihr das Papier -ab, das er dann dem Vorsitzenden überreichte, sie aber fiel auf ihren -Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Sie schluchzte -konvulsivisch und zitterte am ganzen Körper, bemühte sich aber aus aller -Kraft, jeden Laut zu unterdrücken, wahrscheinlich aus Furcht, daß man -sie sonst aus dem Saale bringen würde. Das Papier, das sie übergeben -hatte, war derselbe Brief, den Mitjä im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ -geschrieben, und den Iwan Fedorowitsch den „mathematischen“ Beweis der -Schuld Mitjäs genannt hatte. Und wehe, dieser Brief wurde denn auch als -mathematisch klarer Beweis anerkannt! Wenn dieser Brief nicht gewesen -wäre, so wäre Mitjä nicht zugrunde gerichtet worden, oder wenigstens -wäre das nicht in so furchtbarer Weise geschehen! Ich wiederhole, es war -schwer, alle Einzelheiten zu verfolgen. Auch jetzt noch erscheint mir -das alles wie ein Chaos. Wahrscheinlich hat der Vorsitzende das neue -Dokument darauf dem Gericht übergeben, dem Staatsanwalt, dem Verteidiger -und den Geschworenen. Ich erinnere mich nur noch, wie man die Zeugin zu -befragen anfing. Auf die Frage, ob sie sich beruhigt habe, die der -Vorsitzende sehr höflich und geradezu mitfühlend an sie stellte, rief -Katerina Iwanowna eifrig aus: - -„Ich bin bereit, ich bin bereit! Ich bin durchaus imstande, Ihnen zu -antworten,“ fügte sie hinzu, augenscheinlich in großer Angst, daß man -sie aus irgendeinem Grunde nicht anhören werde. - -Man bat sie, alles ausführlich zu erklären, was das für ein Brief sei, -und unter welchen Umständen sie ihn erhalten habe. - -„Ich habe ihn kurz vor seinem Verbrechen erhalten, geschrieben hat er -ihn zwei Tage vorher, im Gasthaus ... Sehen Sie die Rückseite, er ist -auf eine Rechnung geschrieben!“ rief sie atemlos. „Er haßte mich in dem -Augenblick, weil er selbst eine gemeine Handlung begangen hatte, und -diesem verworfenen Geschöpf nachlief ... und vor allem, weil er mir -diese Dreitausend schuldete ... Oh, diese Dreitausend kränkten ihn, weil -er sich ihretwegen so erniedrigt hatte! Mit diesen Dreitausend verhielt -es sich so – ich bitte Sie, ich flehe Sie an, mich anzuhören! Vier -Wochen vor der Ermordung seines Vaters kam er eines Morgens zu mir. Ich -wußte, daß er Geld nötig hatte, und wußte auch, wozu – gerade, gerade -dazu, um dieses Geschöpf verführen und mit ihr entfliehen zu können. Ich -wußte damals, daß er mir untreu geworden war und mich verlassen wollte, -und ich, ich selbst, gab ihm das Geld dazu, gab es ihm unter dem -Vorwande, es meiner Schwester nach Moskau zu schicken, – und als ich es -ihm übergab, sah ich ihm ins Gesicht und sagte ihm, er möge es absenden, -wann er, wann er es wolle, ‚wenn auch erst nach einem Monat‘. Wie, -sollte er wirklich nicht verstanden haben, daß ich ihm gerade ins -Gesicht sagte: ‚Du hast Geld nötig, um mit jenem Geschöpf an mir zum -Verräter zu werden, so nimm hier das Geld dazu, ich gebe es dir selbst, -nimm es, wenn du so ehrlos bist, daß du es nehmen kannst!‘ Ich wollte -ihn prüfen! Und was glauben Sie? Er nahm es, er nahm das Geld und ging -davon! Und noch in derselben Nacht hatte er es mit diesem Geschöpf -verschleudert, dort, in einer Nacht ... Doch er fühlte es, fühlte es nur -zu gut, daß ich alles wußte, ich versichere Sie, er fühlte auch, daß ich -ihn mit dem Gelde nur hatte prüfen wollen: wird er so ehrlos sein, daß -er es von mir annimmt, oder nicht? Ich hatte ihm in die Augen gesehen, -und er hatte mir in die Augen gesehen und alles verstanden, alles -verstanden, und er behielt es doch, behielt es doch, das Geld, und ging -zu ihr!“ - -„Du hast recht, Katjä!“ rief plötzlich Mitjä laut. „Ich sah dir in die -Augen und begriff, daß du mich ehrlos machen wolltest, und nahm trotzdem -dein Geld! Verachten Sie den Schurken, meine Herren, verachten Sie ihn -alle, ich habe es verdient!“ - -„Angeklagter,“ schrie der Vorsitzende wütend, „noch ein Wort – und ich -gebe den Befehl, Sie hinauszuführen!“ - -„Dieses Geld quälte ihn aber,“ fuhr Katjä krampfhaft sich beeilend fort, -„er wollte es mir wiedergeben, er wollte es, das ist wahr, aber er -brauchte das Geld für dieses Geschöpf. Und da hat er denn seinen Vater -erschlagen, das Geld aber hat er mir doch nicht wiedergegeben, sondern -ist zu ihr in jenes Dorf gefahren, wo man ihn ergriffen hat. Dort hat er -auch dieses Geld verpraßt, das er vom ermordeten Vater gestohlen hatte. -Und am Tage vor der Ermordung des Vaters hat er mir diesen Brief -geschrieben, er hat ihn in der Betrunkenheit geschrieben, das habe ich -sofort begriffen, hat ihn aus Wut geschrieben, denn er wußte, er wußte -zu genau, daß ich diesen Brief niemandem zeigen würde, selbst wenn er -den Mord ausführen sollte. Denn sonst hätte er ihn doch nicht -geschrieben! Er wußte doch, daß ich mich niemals an ihm rächen, noch ihn -zugrunde richten würde. Aber lesen Sie ihn, lesen Sie ihn aufmerksam, -bitte, so aufmerksam wie möglich, und Sie werden sehen, daß er im Brief -alles schon im voraus beschrieben hat: Wie er den Vater erschlagen wird, -und wo das Geld bei ihm liegt. Sehen Sie, bitte, lassen Sie nichts aus, -dort steht eine Phrase: ‚Ich werde ihn erschlagen, wenn nur Iwan -abreisen würde.‘ Folglich hat er schon im voraus alles bedacht, wie er -ihn umbringen könnte!“ Katerina Iwanowna wies schadenfroh und gehässig -auf diesen einen Satz hin. Oh, man sah es, daß sie sich in alle -Einzelheiten dieses verhängnisvollen Briefes hineingelesen und jedes -Wort in ihm studiert hatte. „Wenn er nicht betrunken gewesen wäre, so -hätte er ihn nicht geschrieben, doch lesen Sie nur, alles hat er in ihm -schon im voraus angegeben, alles, ganz genau, wie er es später auch -wirklich ausgeführt hat, das ist das ganze Programm!“ - -So brachte sie, außer sich, alle ihre Anklagen vor, und jetzt verachtete -sie bereits alle Folgen, die sich daraus ergeben mußten, obgleich sie -dieselben schon einen ganzen Monat vorausgesehen hatte. Denn schon lange -hatte sie, bebend vor Rachegefühlen, darüber nachgedacht, ob sie diesen -Brief nicht vor Gericht laut vorlesen sollte? Nun stürzte sie sich ohne -Bedenken „kopfüber hinab“. Der Brief wurde dann laut vorgelesen, vom -Sekretär, glaube ich, und machte einen erschütternden Eindruck. Man -wandte sich an Mitjä mit der Frage, ob er diesen Brief anerkenne. - -„Es ist mein Brief, mein Brief!“ rief Mitjä aus. „Wenn ich nicht -betrunken gewesen wäre, so hätte ich ihn nicht geschrieben! ... Aus -vielen Gründen haben wir uns gegenseitig gehaßt, Katjä, aber ich schwöre -es, ich schwöre es, ich habe dich auch hassend geliebt, du aber hast -mich – niemals geliebt!“ - -Er fiel auf seinen Platz zurück und ballte die Hände in der -Verzweiflung. Der Staatsanwalt und der Verteidiger begannen ein -Kreuzverhör, hauptsächlich über die eine Frage, was sie dazu bewogen -hatte, dieses Dokument zu verschweigen und zuerst in einem ganz anderen -Sinne und Ton auszusagen. - -„Ja, ja, ich habe alles gelogen, ich habe gegen meine Ehre und mein -Gewissen gelogen, aber ich wollte ihn retten, gerade darum wollte ich -das, weil er mich haßt und verachtet!“ rief Katjä wie eine Wahnsinnige -aus. „Oh, er hat mich tief verachtet, er hat mich immer verachtet, und, -wissen Sie, wissen Sie, – er hat mich von dem Augenblick an verachtet, -als ich ihm damals für das Geld zu Füßen fiel. Das habe ich wohl bemerkt -... Ich habe es damals sofort gefühlt, doch wollte ich es immer nicht -glauben. Wie oft habe ich in seinen Augen gelesen: ‚Immerhin bist du -damals selbst zu mir gekommen.‘ Oh, er hat es nie verstanden, nie hat er -verstanden, warum ich damals zu ihm gelaufen war, er ist nur fähig, mich -einer Niedrigkeit zu verdächtigen! Er beurteilt alle nach sich, er -denkt, daß alle so niedrig sind wie er,“ knirschte Katjä jähzornig und -schon ganz außer sich. „Heiraten aber wollte er mich nur darum, weil ich -die Erbschaft machte, nur darum, darum! Ich habe es immer gewußt, daß er -es nur darum wollte! Oh, dieses Tier! Er war überzeugt, daß ich dieser -Schande wegen ewig vor ihm zittern würde, und daß er mich darum ewig -verachten und über mich herrschen könnte – das war es, warum er mich -heiraten wollte! So ist es, so ist es! Ich versuchte, ihn mit meiner -Liebe zu besiegen, mit einer endlosen, grenzenlosen Liebe, sogar seinen -Verrat an mir wollte ich ertragen, doch er verstand das alles nicht, -nichts verstand er davon. Ja, kann er denn überhaupt etwas verstehen! -Das ist doch ein Ungeheuer, ein Auswurf der Menschheit! Diesen Brief -brachte man mir am folgenden Tage erst gegen Abend, und noch am Morgen, -am Morgen desselben Tages wollte ich ihm alles verzeihen, alles, sogar -seinen Treubruch!“ - -Der Vorsitzende und der Staatsanwalt beruhigten sie natürlich. Ich bin -überzeugt, es war ihnen selbst unangenehm, ihre Aufregung so auszunutzen -und diesen Bekenntnissen zuzuhören. Ich weiß noch, wie sie zu ihr -sagten: „Wir verstehen Sie, glauben Sie uns, wir fühlen Ihnen nach, wie -schwer es Ihnen sein muß,“ usw. usw., aber nichtsdestoweniger wurden -noch weitere Aussagen diesem hysterischen und wahnsinnigen Weibe -entlockt. Sie erzählte zuletzt mit außerordentlicher Klarheit – die sich -in solchen überspannten Augenblicken zuweilen, wenn auch nur -vorübergehend plötzlich einstellt –, daß Iwan Fedorowitsch in diesen -zwei Monaten darüber fast seinen Verstand verloren habe, wie er „dieses -Ungeheuers, diesen Mörder“, seinen Bruder, retten könnte. - -„Er quälte sich maßlos,“ rief sie aus, „er wollte dessen Schuld -vermindern, indem er mir eingestand, er selbst hätte seinen Vater nicht -geliebt und vielleicht sogar seinen Tod gewünscht. Oh, er hat ein -tiefes, abgrundtiefes Gewissen! Und wie hat er sich mit diesem Gewissen -gequält! Er hat mir alles aufgedeckt, alles! Täglich kam er zu mir und -sprach mit mir darüber, wie mit seinem einzigen Freunde. Ich habe die -Ehre, sein einziger Freund zu sein!“ rief sie plötzlich aus, und ihre -Augen blitzten, als hätte sie jemanden herausgefordert. „Er ist zweimal -bei Ssmerdjäkoff gewesen. Eines Tages aber kam er zu mir und sagte: wenn -nicht der Bruder, sondern Ssmerdjäkoff den Vater erschlagen hat (denn -man hatte doch die Fabel verbreitet, Ssmerdjäkoff sei der Mörder), so -bin auch ich vielleicht schuld daran, denn Ssmerdjäkoff wußte, daß ich -den Vater nicht liebte, und kann sich daher eingebildet haben, auch ich -wünschte den Tod des Vaters. Da nahm ich diesen Brief und zeigte ihn -ihm, und er überzeugte sich, daß sein Bruder den Vater erschlagen hatte, -und das schien ihn ganz niederzuschmettern. Er konnte es nicht ertragen, -daß sein leiblicher Bruder – ein Vatermörder sein sollte! Noch vor einer -Woche bemerkte ich, daß er von allen diesen Qualen krank geworden war. -In den letzten Tagen, wenn er bei mir war, redete er irre. Ich sah es, -wie der Wahnsinn sich bei ihm vorbereitete. Er ging umher und -phantasierte, das hat man ihm sogar auf der Straße angesehen. Der -angereiste Doktor hat ihn vor drei Tagen auf meine Bitte hin untersucht -und mir darauf gesagt, daß er einem gefährlichen Nervenfieber -entgegengehe, und das alles durch ihn, durch dieses Ungeheuer! Gestern -aber hat er erfahren, daß Ssmerdjäkoff gestorben ist – und das hat ihn -so erschüttert, daß er wahnsinnig geworden ist ... und alles wegen -dieses Ungeheuers, alles, nur um dieses Ungeheuer zu retten!“ - -Oh, versteht sich, so sprechen und alles so bekennen, das kann man nur -einmal im Leben – vor dem Tode vielleicht, oder wenn man das Schafott -schon bestiegen hat. Doch auch Katjä befand sich in diesen Minuten in -einer ähnlichen Stimmung. Das war allerdings dieselbe Katjä, die damals -zu dem jungen Wüstling gegangen war, um ihren Vater zu retten, dieselbe -Katjä, die soeben noch vor dem ganzen Publikum stolz und keusch ihre -Mädchenehre zum Opfer gebracht und von der edelmütigen Handlung Mitjäs -erzählt hatte, einzig und allein, um das Schicksal, das ihn erwartete, -auch nur um ein geringes zu erleichtern. Und ebenso brachte sie sich -auch jetzt selbst zum Opfer, diesmal aber für einen anderen, und -vielleicht wurde sie sich erst in diesem Augenblick zum erstenmal dessen -bewußt, wie teuer ihr dieser andere war! Sie opferte sich aus Angst um -ihn, weil sie sich plötzlich einbildete, er hätte sich zugrunde -gerichtet, mit der Aussage, daß er der Mörder sei und nicht der Bruder, -– sie opferte sich, um ihn zu retten, seinen Namen, seinen Ruf! Indessen -war ein verhängnisvoller Zweifel aufgetaucht: hatte sie nun das über -Mitjä Ausgesagte erlogen – alles das über ihre früheren Beziehungen zu -ihm? Nein, nein, sie hatte ihn nicht etwa absichtlich verleumdet, als -sie ausrief, Mitjä verachte sie – wegen ihrer Verbeugung bis zur Erde! -Sie glaubte selbst daran, sie war fest davon überzeugt, vielleicht schon -von dem Augenblick ihrer Verbeugung an, daß der treuherzige Mitjä, der -sie anbetete, im Inneren über sie lache und sie verachte. Und nur aus -Stolz hatte sie sich damals mit ihm verlobt, in hysterischer und -plötzlich auflodernder Liebe, die jedoch mehr einem Hasse glich, als -einer Liebe. Oh, vielleicht hätte sich diese krampfhafte Liebe in eine -wirkliche, große Liebe verwandelt: Katjä hatte ja nichts so sehr als das -gewünscht! Doch jetzt hatte Mitjä sie bis in ihre tiefste Seele durch -seinen Treubruch beleidigt, ihre Seele aber verstand nicht, zu -verzeihen. Der Augenblick der Rache kam für sie so unerwartet, und -alles, was sich solange schon und so schmerzhaft in dem beleidigten -Mädchen angesammelt hatte, brach jetzt mit einemmal und ganz unerwartet -aus ihr hervor. Sie gab Mitjä preis, aber zugleich gab sie auch sich -selbst preis! Und versteht sich, kaum war ihr gelungen, endlich sich -auszusprechen, als die Spannung auch schon nachließ, und die Scham sie -überwältigte. Wieder bekam sie einen Anfall: sie fiel schluchzend und -aufschreiend hin. Man trug sie hinaus. In demselben Augenblick aber, als -man sie hinaustrug, stürzte Gruschenka mit einem Aufschrei zu Mitjä, so -unerwartet und so schnell, daß sie niemand mehr zurückhalten konnte. - -„Mitjä!“ schrie sie, „Mitjä, sieh, jetzt hat dich deine Schlange -zugrunde gerichtet! Jetzt hat sie euch allen ihr wahres Gesicht -gezeigt!“ schrie sie zitternd vor Wut dem Gerichtshof zu. - -Auf einen Wink des Vorsitzenden ergriff man sie, um sie aus dem Saal -hinauszuführen. Doch sie wollte sich nicht ergeben, sie schlug um sich -und wollte zu Mitjä stürzen. Und Mitjä sprang mit einem Schrei auf und -wollte gleichfalls zu ihr hin. Sie wurden beide überwältigt. - -Ich denke, unsere Zuschauer, besonders die Damen, müssen befriedigt -gewesen sein: das Schauspiel war reichhaltig und aufregend genug. -Darauf, erinnere ich mich, trat der Moskauer Doktor ein. Ich glaube, der -Vorsitzende hatte schon früher den Gerichtsvollstrecker zu ihm -hinausgeschickt, damit Iwan Fedorowitsch Hilfe geleistet werde. Der -Doktor meldete dem Gericht, daß Iwan Karamasoff an einem Nervenfieber -gefährlich erkrankt sei und man ihn unverzüglich fortschaffen müsse. Auf -die Fragen des Staatsanwalts und des Verteidigers sagte er aus, daß der -Patient vor drei Tagen selbst zu ihm gekommen sei, und daß er ihm damals -den nahe bevorstehenden Ausbruch eines Nervenfiebers vorausgesagt habe, -doch habe der Patient nichts für sich tun wollen. „Er war schon damals -nicht mehr ganz bei gesunder Vernunft und gestand mir selbst, daß er -Halluzinationen habe, verschiedenen Personen, die schon gestorben seien, -auf der Straße begegne, und daß zu ihm jeden Abend der Satan zu Gaste -komme,“ schloß der Doktor. Nach diesem Bericht entfernte sich der -berühmte Arzt. Der Brief, den Katerina Iwanowna vorgezeigt hatte, kam zu -den übrigen Sachbeweisen. Nach einer kurzen Beratung beschloß der -Gerichtshof, die gerichtliche Verhandlung fortzuführen, die beiden -unerwarteten Aussagen Katerina Iwanownas und Iwan Fedorowitschs aber zu -Protokoll zu nehmen. - -Ich werde den weiteren Verlauf der Gerichtsverhandlungen nicht -ausführlich beschreiben, denn die Aussagen der übrigen Zeugen waren nur -Wiederholungen oder Bestätigungen der vorangegangenen, abgesehen von -einzelnen Merkwürdigkeiten. Doch, ich wiederhole es, alles Wichtige ist -in der Rede des Staatsanwalts, die ich jetzt sofort wiedergeben werde, -übersichtlich zusammengefaßt. Alle waren durch die letzte Katastrophe -erregt und wie elektrisiert und warteten mit brennender Ungeduld auf die -Lösung, auf die Auseinandersetzung der Parteien und auf das Urteil. -Fetjukowitsch war durch die Aussagen Katerina Iwanownas ersichtlich sehr -erschüttert. Um so mehr triumphierte der Staatsanwalt. Als die -Gerichtsverhandlung beendet war, wurde eine Unterbrechung der Sitzung -angesagt, dieselbe dauerte fast eine Stunde. Schließlich eröffnete der -Vorsitzende die Plaidoyers. Es war, glaube ich, gerade acht Uhr abends, -als unser Staatsanwalt, Hippolyt Kirillowitsch, seine Anklagerede -begann. - - - VI. - Die Rede des Staatsanwalts. Die Charakteristik - -Als Hippolyt Kirillowitsch seine Rede begann, zitterte er am ganzen -Körper. Kalter, krankhafter Schweiß trat auf seiner Stirn und an den -Schläfen hervor, und er fühlte, wie ihn Frostschauer und Hitze -abwechselnd überkamen. So erzählte er später selbst. Er hielt diese Rede -für sein _Chef-dœuvre_, für das _Chef-d’œuvre_ seines ganzen Lebens. -Neun Monate darauf starb er an der galoppierenden Schwindsucht. So hatte -er denn so unrecht nicht, wenn er diese Rede mit dem letzten -Schwanengesang verglich, denn er fühlte schon damals sein Ende voraus. -In diese Rede legte er sein ganzes Herz hinein und alles, was er an -Verstand und Geist besaß. Zugleich bewies er damit ganz -unerwarteterweise, daß er nicht nur alle Gefühle eines guten -Staatsbürgers in sich getragen, sondern sich auch mit unseren -„verdammten“ Fragen – wenigstens insoweit sie an unseren armen Hippolyt -Kirillowitsch im Leben und in der Praxis herangetreten waren – -beschäftigt hatte. Doch den größten Eindruck machten seine Worte -dadurch, daß sie aufrichtig waren: er selbst war von der Schuld des -Angeklagten überzeugt. Nicht auf Befehl, nicht weil ihn seine Stellung -dazu zwang, klagte er ihn an. Nein, als er zur „Sühne“ aufrief, sah man -ihm an, daß ihn der Wunsch, „die Gesellschaft zu retten“, erbeben -machte. Selbst unser Damenpublikum, das doch schließlich Hippolyt -Kirillowitsch feindlich gesinnt war, gab zu, einen außerordentlichen -Eindruck davongetragen zu haben. Er begann mit einer schrillen, -fortwährend gleichsam abreißenden Stimme, doch bald erstarkte sie und -klang dann über den ganzen Saal hin, und so blieb sie bis zum Schluß der -Rede. Als er aber seine Rede beendet hatte, war er einer Ohnmacht nahe. - -„Meine Herren Geschworenen,“ begann der Ankläger, „die Kunde von der -Tat, über die hier Gericht gehalten werden soll, ist wie Donnerschall -durch ganz Rußland gezogen. Aber worüber, fragt es sich, ist man denn so -erstaunt, weswegen braucht man sich denn so besonders zu entsetzen? Und -noch dazu wir, gerade wir? Wir sind doch so gewöhnt an alles! Aber -gerade darin liegt ja unser Entsetzen, daß solche dunkle Taten für uns -fast aufgehört haben, furchtbar zu sein! Das ist der Grund, warum man -sich entsetzen muß: daß wir uns an solche Taten schon gewöhnt haben – -und nicht wegen eines einzelnen Verbrechens des einen oder anderen -Individuums! Wo liegen nun die Gründe, die Ursachen unserer -Gleichgültigkeit, unseres lauwarmen Verhaltens zu solchen Taten, zu -solchen Kennzeichen der Zeit, die uns eine wahrlich nicht beneidenswerte -Zukunft ankünden? Liegen sie etwa in unserem Zynismus oder in der -frühzeitigen Erschöpfung des Geistes und der Vorstellungskraft unserer -noch so jungen, doch dafür so frühzeitig gebrechlich gewordenen -Gesellschaft? Oder liegen sie in unseren schwer erschütterten sittlichen -Grundlagen, oder schließlich darin, daß es diese sittlichen Grundlagen -vielleicht überhaupt nicht gibt? Ich will darüber nicht entscheiden, -doch nichtsdestoweniger sind diese Fragen qualvoll, und jeder Bürger muß -nicht nur, sondern ist sogar verpflichtet, unter ihnen zu leiden. Unsere -Presse ist ja allerdings noch etwas zaghaft, aber sie hat doch schon der -Gesellschaft gewisse Dienste geleistet, denn niemals hätten wir ohne sie -eine einigermaßen zutreffende Kenntnis erlangt von jenen Schrecken des -zügellosen Willens und der sittlichen Gesunkenheit, die sie -ununterbrochen in ihren Spalten Allen kundtut, – nicht nur den Wenigen, -die die Säle des neuen öffentlichen, uns von der gegenwärtigen Regierung -geschenkten Gerichts besuchen. Und was lesen wir jetzt fast täglich? Oh, -von Dingen, vor denen selbst diese uns jetzt vorliegende Tat erbleicht -und fast zu etwas ganz Gewöhnlichem wird. Doch das Wichtigste dabei ist, -daß die Mehrzahl unserer russischen, unserer nationalen Kriminalsachen -gerade von etwas ganz Allgemeinem Zeugnis ablegt, von einem gewissen -allgemeinen Übel, das mit uns verwachsen ist, und von dem uns zu heilen -sehr schwer ist, da es eben als allgemeines Übel auftritt. Da haben wir -einen jungen glänzenden Offizier aus der höheren Gesellschaft, der kaum -erst sein Leben und seine Laufbahn begonnen hat. Und dieser Aristokrat -geht hin und ermordet heimlich, gemein, ohne die geringsten -Gewissensskrupel, einen kleinen Beamten, der teilweise sein Wohltäter -gewesen war, ermordet auch dessen Dienstmagd, um sein Schulddokument und -mit diesem zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen Beamten zu -rauben! ‚Das Sümmchen ist doch immerhin nicht zu verachten, es wird mir -schon bei meinen Lebemannvergnügungen zustatten kommen oder bei meiner -ferneren Laufbahn.‘ Und nachdem er sie beide erdrosselt hat, schiebt er -jeder Leiche noch ein Kissen unter den Kopf und macht sich dann davon. -Da haben wir einen jungen Helden, der mit Ehrenzeichen für Tapferkeit -behangen ist und räuberisch auf der Landstraße die Mutter seines -Anführers und Wohltäters ermordet. Indem er seine Helfershelfer zur -Mitwirkung überredet, gesteht er noch selbst, daß diese Frau ihn wie -einen leiblichen Sohn liebe und daher, wenn sie mit ihm reist, allen -seinen Ratschlägen folgen und keine Vorsichtsmaßregeln ergreifen werde. -Mag das ein Ungeheuer sein – ich wage jetzt, in unserer Zeit, nicht mehr -zu sagen, daß jener ein vereinzelt dastehendes Ungeheuer sei. Ein -anderer wird vielleicht nicht ermorden, denkt und fühlt aber ganz so wie -jener, ist in seiner Seele ebenso verbrecherisch wie jener. In der -Stille, wenn er mit seinem Gewissen allein ist, fragt vielleicht auch er -sich: ‚Ja, was ist denn nun die Ehre, und ist Blut nicht nur ein -Vorurteil?‘ Vielleicht wird man von mir sagen, ich sei ein kranker, ein -hysterischer Mensch, ich verleumde und übertreibe maßlos, ich -phantasiere. Mag sein, schön ... Gott, ich wäre der erste, der sich -darüber freute, wie gern würde ich das alles sein wollen! Oh, glauben -Sie mir meinetwegen nicht, halten Sie mich für einen Kranken, aber -behalten Sie nur meine Worte: selbst wenn nur ein Zehntel, nur ein -Zwanzigstel meiner Worte wahr ist, – so ist es schon furchtbar! Sehen -Sie doch nur, meine Damen und Herren, sehen Sie doch nur, wie die -heranwachsende Jugend sich bei uns erschießt – und das geschieht ohne -die geringste Hamletfrage nach dem, was _dort_ sein wird, ohne das -geringste Anzeichen eines Vorhandenseins solcher Fragen, als wäre dieses -Kapitel über unseren Geist und über alles, was uns nach dem Grabe -erwartet, schon längst aus ihrer Natur getilgt, als wäre es schon längst -begraben und mit Sand zugeschüttet. Und nehmen Sie jetzt unsere -Sittenverderbnis, unsere Wollüstlinge. Fedor Pawlowitsch, das -unglückliche Opfer des vorliegenden Prozesses, ist ja im Vergleich mit -manchen von ihnen fast ein unschuldiges Kindlein, wir aber kannten ihn -doch alle, er – ‚lebte doch unter uns‘! ... Ja, mit der Psychologie des -russischen Verbrechens werden sich einmal vielleicht die -hervorragendsten Geister beschäftigen, sowohl unsere als die -europäischen, denn wahrlich, das Thema ist es wert. Doch diese Studien -werden erst später einmal gemacht werden, dereinst, wenn die Muße dazu -vorhanden und diese ganze tragische Abgeschmacktheit des gegenwärtigen -Augenblicks in einen entfernteren Hintergrund zurückgetreten ist, so daß -man sie klarer und leidenschaftsloser wird betrachten können, als z. B. -Leute, wie ich, dies zu tun vermögen. Jetzt jedoch sind wir entweder -entsetzt oder wir tun, als wenn wir entsetzt wären, im Grunde aber -kosten wir mit Hochgenuß das Schauspiel, wie eben Liebhaber starker, -exzentrischer Empfindungen, die in unseren zynisch-faulen Müßiggang -etwas Bewegung bringen, oder schließlich, wir scheuchen die Gespenster -wie kleine Kinder mit den Händen von uns fort und pressen den Kopf ins -Kissen, bis die furchtbare Erscheinung vergeht, um sie darauf sofort in -Heiterkeit und Spielen zu vergessen. Aber irgend einmal müssen doch auch -wir unser Leben nüchtern und denkend beginnen, auch wir müssen einmal -einen Blick auf uns, als auf eine Gesellschaft, werfen, auch wir müssen -doch wenigstens etwas über unser gesellschaftliches Leben nachdenken, -wir müssen uns doch etwas unter ihm denken oder auch nur mit dem -Nachdenken beginnen. Unser großer Schriftsteller[30] der vergangenen -Epoche ruft zum Schluß seines größten Werkes aus, wo er ganz Rußland mit -einer Troika, die zu einem unbekannten Ziele jagt, vergleicht: ‚Ach -Troika, wilde Troika, wer hat dich erdacht!‘ – und in stolzer -Begeisterung fügt er noch hinzu, daß vor der jagenden Troika alle Völker -ehrerbietig ausweichen werden. Schön, mag das so sein, mögen sie -ausweichen, ehrerbietig oder nicht, doch meinem sündigen Blick will -scheinen, daß der geniale Künstler diesen Schluß entweder in einem -Anfall kindlich unschuldiger Schönträumerei geschrieben hat oder einfach -aus Furcht vor der Zensur. Denn wenn man in seine Troika nur seine -Helden einspannen wollte, seine Ssobakewitschs, Nosdreffs und -Tschitschikoffs, so würde man mit diesen Trabern nicht weit kommen, wen -immer man auch als Lenker in den Schlitten setzen wollte! Und das sind -noch Traber von damals, die noch lange nicht an unsere jetzigen -heranreichen. Jetzt ist man gewandter ...“ - -Hier wurde die Rede Hippolyt Kirillowitschs durch Applaus unterbrochen. -Der Liberalismus in der Auslegung der Troika hatte gefallen. Zwar wurde -nur hier und da vereinzelt ein paarmal in die Hände geklatscht, so daß -selbst der Vorsitzende es nicht für nötig fand, sich mit der Drohung, -den Saal räumen zu lassen, an das Publikum zu wenden, und sich nur mit -einem strengen Blick auf die Ruhestörer begnügte. Doch für Hippolyt -Kirillowitsch war es eine Ermunterung: bis jetzt hatte man ihm noch -niemals applaudiert! So viele Jahre hatte man ihn nicht hören wollen, -und da war plötzlich die Möglichkeit gegeben, zu ganz Rußland zu -sprechen! - -„In der Tat,“ fuhr er fort, „was ist nun diese Familie der Karamasoffs, -die plötzlich eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, sogar bis in die -fernsten Gegenden Rußlands? Vielleicht übertreibe ich, aber es will mir -scheinen, daß in dem Bilde dieser kleinen Familie einige allgemeine -Grundelemente unserer gegenwärtigen intelligenten Gesellschaft gleichsam -flüchtig festgehalten sind, – oh, nicht alle Elemente, und selbst die -flüchtig darin auftauchenden erscheinen nur in mikroskopischer Gestalt, -‚wie die Sonne in einem kleinen Tropfen Wassers‘, aber es spiegelt sich -doch etwas darin wieder, es spricht sich doch etwas darin aus. Nehmen -wir zuerst diesen unglücklichen, zügellosen und verderbten Alten, diesen -‚Familienvater‘, der ein so trauriges Ende gefunden hat. Von Geburt ist -er ein Edelmann; seine Laufbahn beginnt er als mittelloser junger Mann, -der bei gastfreundlichen Bekannten sein Leben fristet. Darauf erwischt -er durch die plötzliche, unerwartete Heirat ein kleines Kapital, nämlich -die Mitgift seiner Frau, und entpuppt sich als geriebener Geschäftsmann, -ist aber dabei ein schmeichlerischer Hausnarr mit einem Keim geistiger -Begabungen, die übrigens nicht schwach waren. Vor allem aber wird er ein -Wucherer. Mit den Jahren, d. h. mit dem Anwachsen des Kapitals, -wird er mutiger und stolzer. Die Unterwürfigkeit und das -Sicheinschmeichelnwollen verschwinden, es bleibt nur ein spöttischer, -boshafter Zyniker und Wollüstling in ihm übrig. Die geistige Seite ist -ganz und gar getilgt, die Lebensgier aber ist ungeheuerlich geworden. -Das ganze Leben reduziert sich für ihn darauf, daß er in ihm nichts -anderes mehr sieht und sucht als Lüstlingsgenüsse. Und sie lehrt er auch -seinen Kindern. Von irgendwelchen geistigen Vaterpflichten sehen wir -nichts. Er lacht über sie, läßt seine kleinen Kinder auf dem Hinterhof -erziehen und ist froh, wenn man kommt und sie ihm fortnimmt. Er vergißt -sie vollständig. Alle sittlichen oder vielmehr unsittlichen Grundsätze -des Alten laufen darauf hinaus: _après moi le déluge_. Er ist der Typ -alles dessen, was dem Begriffe, den wir von einem Staatsbürger haben, -entgegengesetzt ist, die ausgesprochenste Ausscheidung, die krasseste -und sogar feindlichste Absonderung von der Gesellschaft: ‚Mag -meinetwegen die ganze Welt in Flammen aufgehen, wenn nur ich es gut -habe.‘ Und er hat es gut, er ist vollkommen zufrieden, er will noch mit -Vergnügen so weiterleben, zwanzig Jahre, dreißig Jahre! Er betrügt -seinen leiblichen Sohn um dessen Geld, um das Erbteil seiner Mutter, und -mit diesem Gelde, das er dem Sohne nicht auszahlt, will er ihm, seinem -leiblichen Sohne, die Geliebte abspenstig machen! Nein, ich will die -Verteidigung des Angeklagten nicht dem hochtalentvollen Herrn -Verteidiger abtreten. Auch ich werde die Wahrheit sagen, auch ich -begreife, wie groß der Zorn gewesen sein muß, den der Vater im Herzen -seines Sohnes aufgehäuft hat. Doch genug, genug von diesem Vater, er hat -seine Strafe erhalten. Vergessen wir nur nicht, daß das ein Vater war, -und zwar einer von den zeitgenössischen Vätern. Oder betrüge ich -vielleicht die Gesellschaft, wenn ich sage, daß er einer von – sogar -vielen zeitgenössischen Vätern war? Leider nicht! Viele von den -zeitgenössischen Vätern drücken sich nur nicht so zynisch aus, wie jener -tat, denn sie sind wohlerzogener, gebildeter, im geheimsten Innern aber -huldigen sie fast alle – ‚derselben Philosophie‘. Doch schön, mag ich -ein Pessimist sein, meinetwegen. Wir sind doch schon übereingekommen, -daß Sie mir dies verzeihen werden. Wir können also im voraus abmachen: -Sie werden mir nicht glauben, und ich werde reden ... Doch abgesehen -davon, erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche, vielleicht werden Sie -einige meiner Worte behalten. Da haben wir nun die Kinder dieses Alten, -dieses Familienvaters: der eine ist vor uns auf der Anklagebank, von ihm -wird später die Rede sein; der anderen will ich nur flüchtig Erwähnung -tun. Von diesen anderen ist der ältere einer der zeitgenössischen jungen -Männer mit glänzender Bildung und einem recht starken Verstande, der -aber an nichts mehr glaubt, der schon vieles, gar zu vieles über Bord -geworfen und aus dem Leben ausgestrichen hat, ganz genau so, wie es auch -sein Vater getan. Wir alle haben ihn gehört, unsere Gesellschaft hat ihn -freundlich aufgenommen. Seine Meinungen hat er nicht verheimlicht, im -Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, weswegen ich denn auch jetzt wage, -ein wenig aufrichtig über ihn zu sprechen – doch natürlich nicht über -ihn als Privatperson, sondern nur über ihn als Familienglied der -Karamasoffs. Gestern endete hier, an der Peripherie der Stadt, durch -Selbstmord ein kränklicher Idiot, der gewesene Diener und vielleicht der -illegitime Sohn Fedor Pawlowitschs: Ssmerdjäkoff. Er hat mir in der -Voruntersuchung unter hysterischen Tränen erzählt, wie dieser junge -Karamasoff, Iwan Fedorowitsch, ihn durch seine geistige Haltlosigkeit -entsetzt habe: ‚Alles ist ihrer Meinung nach erlaubt,‘ sagte der Arme -zitternd, ‚alles, was es in der Welt nur gibt, und nichts darf hinfort -mehr verboten sein, – das haben sie mir die ganze Zeit über gesagt und -gelehrt.‘ Es scheint, daß der Idiot über dieser These endgültig den -Verstand verloren hat, obgleich natürlich auch seine Fallsucht und diese -ganz schreckliche Katastrophe, die über das Haus hereingebrochen ist, -das Ihrige zu seiner Geisteszerrüttung beigetragen haben werden. -Trotzdem hat dieser Idiot eine äußerst, äußerst interessante Bemerkung -gemacht, die auch einem klügeren Beobachter, als er sein konnte, Ehre -gemacht hätte, und eigentlich habe ich nur wegen dieser Bemerkung seiner -erwähnt. ‚Wenn es einen von den Söhnen gibt,‘ sagte er mir wortwörtlich, -‚der am meisten Fedor Pawlowitsch dem Charakter nach gleicht, so sind -gerade Sie es, Iwan Fedorowitsch.‘ Mit dieser Bemerkung breche ich die -begonnene Charakteristik ab, da ich eine Fortsetzung derselben nach dem -Gesagten für unzart halten würde. Oh, ich will keine weiteren Schlüsse -ziehen und seinem jungen Leben nur Unheil verkünden, wie ein -pessimistischer Unglücksrabe. Wir alle haben heute hier in diesem Saal -gesehen, daß noch eine unmittelbare Kraft der Wahrheit in seinem jungen -Herzen lebt, daß das Gefühl der Familienbande noch nicht durch Unglauben -erstickt ist, oder durch sittlichen Zynismus, den er mehr durch -Erbschaft erlangt haben mag als durch die eigene Gedankenverirrung. Und -nun der andere Sohn. Oh, das ist noch ein Jüngling, ein gottesfürchtiger -und demütiger, der, im Gegensatz zur finsteren, zerstörenden -Weltanschauung seines Bruders, sucht, sozusagen in den ‚Grundlagen des -Volkes‘ Fuß zu fassen, oder in dem, was bei uns mit diesem wohlweisen -Ausdruck in gewissen theoretischen Winkeln unserer denkenden Intelligenz -so genannt wird. Er, ja sehen Sie mal, er hat sich ans Kloster gehangen: -viel fehlte nicht, und er hätte sich scheren lassen, wäre Mönch -geworden. In ihm hat sich, wie mir scheinen will, gleichsam unbewußt -schon früh jene zaghafte Verzweiflung ausgedrückt, in der sich -heutzutage so viele in unserer Gesellschaft – da sie sich vor deren -Zynismus und Verderbnis fürchten und dieses ganze Übel der europäischen -Aufklärung zuschreiben – an den ‚Heimatboden‘, wie sie sagen, -anschmiegen. Das heißt also, daß sie sich in die mütterlichen Arme des -Heimatbodens flüchten. Sie sind wie Kinder, die von Gespenstern -geschreckt werden, und die es dann an der verdorrten Brust der -geschwächten Mutter schließlich nur noch danach verlangt, ruhig -einschlafen zu können und womöglich das ganze Leben zu verschlafen, nur -um nicht mehr die sie schreckenden Erscheinungen sehen zu müssen. -Meinerseits wünsche ich dem guten, begabten Jüngling das Beste, wünsche -ihm vor allem, daß seine jugendliche Seelenschönheit und sein Streben zu -dem sogenannten Volksboden sich fernerhin nicht, wie es so oft -geschieht, von der sittlichen Seite her in einen finsteren Mystizismus -und von der staatsbürgerlichen in einen stumpfen Chauvinismus verwandle, -– zwei Eigenschaften, die die Nation vielleicht mit noch größerem Unheil -bedrohen, als es selbst die frühe Zersetzung durch eine falsch -verstandene und umsonst erworbene europäische Aufklärung ist, an der -sein älterer Bruder leidet.“ - -Für den Chauvinismus und Mystizismus wurde wieder ein paarmal in die -Hände geklatscht. Hippolyt Kirillowitsch hatte sich natürlich hinreißen -lassen. Im Grunde hatte das alles wenig mit der Sache zu tun, ganz -abgesehen davon, daß es ziemlich unklar war. Doch der arme -schwindsüchtige und verbitterte Mensch wollte sich gar zu gern -wenigstens einmal im Leben aussprechen. Später meinte man bei uns, daß -er sich bei der Charakterisierung Iwan Fedorowitschs von einem sogar -unfeinen Gefühl habe leiten lassen, da jener ihn zwei- oder dreimal in -der Gesellschaft gelegentlich eines Disputs festgelegt hatte, und -Hippolyt Kirillowitsch in Erinnerung dessen die Gelegenheit benutzt -habe, um sich dafür zu rächen. Ich weiß nicht, ob man recht hatte, wenn -man das annahm. Jedenfalls war dies erst die Einleitung der Rede. -Späterhin sprach er sachlicher. - -„Und nun ist da der dritte Sohn dieses zeitgenössischen Familienvaters,“ -fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „er sitzt vor uns auf der Anklagebank. -Vor uns liegen seine Taten, sein Leben und sein Charakter: die Zeit kam -und alles rollte sich auf, alles wurde offenbar. Im Gegensatz zum -‚Europäismus‘ und dem ‚Volklichen‘ seiner Brüder, stellt er gleichsam -das unmittelbare Rußland dar, – oh, nicht das ganze, nicht das ganze, -und Gott bewahre uns davor, daß es das ganze sei! Und doch – hier ist -es, unser Rußland, hier fühlt und hört man unser Mütterchen. Oh, wir -sind ja so unmittelbar, wir sind zugleich gut und böse, in -wundernehmender Mischung, wir sind Verehrer Schillers und der -Aufklärung, und zu gleicher Zeit toben wir in Gasthäusern umher und -reißen unseren trunkenen Zechkumpanen die Bärte aus. Oh, wir pflegen -auch sonst gut und edel zu sein, nicht nur dann allein, wenn wir es -selbst gut haben. Im Gegenteil, wir lassen uns sogar leidenschaftlich – -gerade leidenschaftlich – für die edelsten Ideale begeistern, doch nur -unter der Bedingung, daß sie sich ohne unser Dazutun erreichen lassen, -daß sie von selbst vor uns auf den Tisch fallen, meinetwegen gleich vom -Himmel herab, und die Hauptsache: daß es umsonst, umsonst geschehe, daß -wir nichts dafür zu zahlen brauchen. Zu zahlen lieben wir ganz und gar -nicht, dafür aber lieben wir sehr, zu bekommen, – in jeder Beziehung. -Oh, gebt, gebt uns alle möglichen Lebensgüter – unbedingt alle -möglichen, unter dem tun wir es nicht – und vor allem, setzt unserem -Temperament nichts in den Weg, in keiner Beziehung, dann werden wir -beweisen, daß auch wir gut und edel sein können! Wir sind nicht -habsüchtig, o nein, aber einstweilen, gebt uns nur Geld, mehr, mehr, so -viel wie möglich Geld, und ihr werdet sehen, wie großmütig, mit welch -einer Verachtung für das verächtliche Metall, wir es in einer einzigen -Nacht, während eines zügellosen Gelages, um uns werfen werden. Gibt man -uns aber kein Geld, so werden wir zeigen, wie wir es uns zu verschaffen -wissen, wenn wir dies nur wollen! Doch davon wird noch später die Rede -sein; ich will die Reihenfolge nicht unterbrechen. Ganz zuerst sehen wir -einen armen, verlassenen Knaben ‚auf dem Hinterhof ohne Stiefelchen‘, -wie sich vorhin unser verehrter Mitbürger, leider ausländischer -Herkunft, ausdrückte. Ich sage nochmals, – ich trete niemandem die -Verteidigung des Angeklagten ab! Ich bin der Ankläger, ich will auch der -Verteidiger sein. Ja, auch wir sind Menschen, auch wir verstehen -nachzuempfinden, wie tief und schmerzlich sich ihm die ersten -Kindheitseindrücke im Vaterhause einprägen mußten, und wir verstehen nur -zu gut, wie diese dann auf seinen Charakter eingewirkt haben. Doch da -sehen wir den Knaben schon als Jüngling, als jungen Mann, als Offizier. -Für wilde Streiche und für die Herausforderung zum Duell wird er in eine -der fernen Grenzstädte unseres gesegneten Rußlands geschickt. Dort dient -er, dort lebt er wüst drauflos, und, versteht sich, – ein großes Schiff -braucht ein großes Fahrwasser. Wir brauchen Mittel, zuerst und vor allem -Mittel, und da kommt es denn nach langem Hin und Her zwischen ihm und -dem Vater zur Abmachung, daß ihm die letzten sechstausend Rubel von der -Erbschaft ausgezahlt werden sollen, dann aber auch nichts mehr. Er -erhält das Geld. Beachten Sie wohl: er stellt ein Dokument aus, und es -liegt außerdem noch ein Brief von ihm vor, in dem er sich von dem Rest -fast lossagt und mit diesen Sechstausend die Streitigkeiten mit dem -Vater wegen der Erbschaft abbricht. Darauf kommt es zu jener Begegnung -zwischen ihm und dem jungen Mädchen, dessen edlen Charakter wir alle -kennen. Oh, ich unterfange mich nicht, die Einzelheiten zu wiederholen, -wir haben sie ja soeben gehört: hierbei handelt es sich um Ehre, um -Selbstaufopferung, und ich übergehe das weitere. Die Gestalt des jungen -Mannes, der zwar leichtsinnig und verderbt ist, der sich aber trotzdem -vor dem wahren Edelmut, vor der höheren Idee beugt, trat außerordentlich -sympathisch vor unser geistiges Auge. Doch gleich darauf wurde uns in -diesem selben Saale ganz unerwartet die andere Seite gezeigt. Wiederum -wage ich nicht, mich auf Vermutungen oder Untersuchungen einzulassen, -warum das geschah. Dieselbe Dame, die ihn uns zuerst so sympathisch -geschildert hatte, sagt uns unter Tränen lange unterdrückten Unwillens, -daß er, gerade er der erste war, der sie wegen ihrer unvorsichtigen, -immerhin edelmütigen, immerhin großmütigen Handlung verachtete. Bei ihm, -bei dem Verlobten dieses Mädchens, erscheint früher als bei allen -anderen jenes spöttische Lächeln, daß sie nur von ihm allein nicht -ertragen konnte. Und als sie schon wußte, daß er ihr untreu geworden -war, im Herzen ihr schon die Treue gebrochen hatte, als sie schon wußte, -daß sie alles von ihm werde hinnehmen müssen, selbst seinen Treubruch – -bietet sie ihm absichtlich dreitausend Rubel an und gibt ihm dabei -deutlich, nur zu deutlich zu verstehen, daß sie ihm das Geld zur -Ausführung des Treubruchs anbietet! ‚Wirst du es annehmen, wirst du so -zynisch sein?‘ fragt sie stumm mit ihrem kritischen, prüfenden Blick. Er -sieht sie an, begreift ihren Gedanken vollkommen – er hat doch selbst -hier vor allen Anwesenden gestanden, daß er alles begriffen habe – und -eignet sich einwandlos diese Dreitausend an und verpraßt sie in zwei -Tagen mit seiner neuen Geliebten! Woran soll man jetzt glauben? Der -ersten Legende – dem Ausbruch hohen Edelmuts, der ihn die letzten -Mittel, die ihm noch zum Leben übrig geblieben sind, fortgeben und vor -der Tugend sich verbeugen läßt, oder der so widerlichen Kehrseite der -Medaille? Gewöhnlich pflegt es im Leben so zu sein, daß man bei zwei -Gegensätzen die Wahrheit in der Mitte suchen muß. Im vorliegenden Fall -ist es aber nicht so. Am wahrscheinlichsten ist, daß er das erstemal -aufrichtig edelmütig und das zweitemal aufrichtig niedrig gehandelt hat. -Warum? Weil wir eben weite Naturen sind, Karamasoffsche Naturen – darauf -gehe ich ja hinaus – Naturen, sage ich, die fähig sind, alle möglichen -Widersprüche in sich zu vereinigen und zu gleicher Zeit beide Abgründe -zu erfassen, den Abgrund über uns, den Abgrund der höchsten Ideale, und -den Abgrund unter uns, den Abgrund der schändlichsten Gesunkenheit. -Erinnern Sie sich, meine Herren, des glänzenden Gedankens, den vorhin -ein junger Beobachter aussprach, Herr Rakitin, der tief und eingreifend -das Wesen der ganzen Familie der Karamasoffs erfaßt hat: ‚Für diese -zügellosen, haltlosen Naturen ist die Empfindung der Niedrigkeit ihrer -Gesunkenheit ein ebenso großes Bedürfnis, wie die Empfindung des höheren -Edelmuts‘. – Und das ist wahr: gerade dieser widernatürlichen Mischung -bedürfen sie jederzeit, zu jeder Stunde. Zwei Abgründe, zwei Abgründe in -ein und demselben Augenblick, meine Damen und Herren, ohne diese -Gleichzeitigkeit sind wir unglücklich und unbefriedigt, ist unser Leben -nicht ausgefüllt. Wir sind weite Naturen, weit wie unser Mütterchen -Rußland, wir umfangen alles, wir leben uns mit allem ein! ... Übrigens, -meine Herren Geschworenen, wir sind jetzt auf diese Dreitausend zu -sprechen gekommen und so will ich bei der Gelegenheit etwas vorgreifen. -Können Sie glauben, meine Herren Geschworenen, daß er bei seinem -Charakter, damals, als er das Geld erhalten hatte, und dazu noch in -dieser Weise, für diese Schande, diese Schmach, diese tiefste -Erniedrigung, – können Sie glauben, daß er am selben Tage fähig gewesen -sei, wie er sagt, die Hälfte des Geldes in ein Zeug einzunähen und -darauf die Charakterfestigkeit zu haben, dieses Geld einen ganzen Monat -lang am Halse zu tragen, trotz aller Versuchungen und trotz seiner -fatalen Geldverlegenheit? Weder bei wüsten Gelagen im Gasthause, noch -selbst in den Stunden, als er die Stadt verlassen mußte, um sich von -Gott weiß was für Subjekten dieses notwendige Geld zu verschaffen, – um -die Geliebte endlich vor den Versuchungen seines Rivalen, seines alten -Vaters, in Sicherheit zu bringen – selbst in diesen Augenblicken will er -nicht gewagt haben, das eingenähte Geld anzurühren! Meine Herren, ist -das glaubwürdig – bei diesem Charakter? Meiner Meinung nach hätte er -schon allein aus dem einen Grunde, um die Geliebte vor den Versuchungen -des Alten zu beschützen, sein eingenähtes Geld herausnehmen und selbst -in der Stadt bleiben müssen, um sie unausgesetzt bewachen zu können, und -um dann, wenn sie ihm zusagt: ‚Ich bin dein‘, unverzüglich mit ihr -irgendwohin fortziehen zu können, fort aus diesen verhängnisvollen -Verhältnissen. Doch nein, er rührt seinen Talisman nicht an. Und aus -welchem Grunde will er dies nicht getan haben? Der erste Grund war, daß -er, wenn sie ihm gesagt hätte: ‚Ich bin dein, bring mich fort, wohin du -willst‘, daß er dann kein Geld zum Fortbringen gehabt hätte. Doch dieser -erste Grund trat, nach den Worten des Angeklagten, weit zurück vor dem -zweiten. ‚Solange,‘ sagt er, ‚so lange ich dieses Geld noch an meinem -Halse trage – bin ich ein Schuft, aber kein Dieb, denn ich kann dann -jederzeit zu meiner von mir beleidigten Braut gehen, kann die Hälfte der -betrügerisch von ihr angeeigneten Summe zurückgeben und immer noch -sagen: ‚Sieh, ich habe die Hälfte der Dreitausend durchgebracht und -damit bewiesen, daß ich ein schwacher und unsittlicher Mensch bin, und, -wenn du willst, sogar ein Schuft‘ (ich bediene mich der Worte des -Angeklagten selbst), ‚aber wenn ich auch ein Schuft bin, so bin ich doch -noch kein Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich dieses -übriggebliebene Geld, die Hälfte des Ganzen, nicht zurückgebracht, -sondern mir gleichfalls, wie die erste Hälfte, angeeignet haben.‘ -Wahrlich – eine sonderbare Erklärung der Tatsache! Dieser Wildeste aller -Wilden, dieser Leidenschaftsmensch, der so schwach ist, daß er der -Versuchung, die dreitausend Rubel zu nehmen, trotz der ganzen für ihn -darin enthaltenen Schmach nicht hat widerstehen können, – dieser selbe -Mensch findet plötzlich so viel stoische Festigkeit in sich, daß er -dieses notwendige Geld einen ganzen Monat unangetastet mit sich -herumträgt! Stimmt das mit dem geschilderten Charakter auch nur ein -wenig überein? Nein, und ich erlaube mir darzustellen, wie der wirkliche -Dmitrij Karamasoff in solchem Falle gehandelt haben würde, selbst wenn -er sich wirklich zum Einnähen der Hälfte entschlossen hätte. Schon bei -der ersten Versuchung – sagen wir, um der Liebgewonnenen, mit der er -bereits die erste Hälfte verpraßt hat, irgendeine Freude zu bereiten – -also schon bei der ersten Versuchung hätte er zunächst, nehmen wir an, -nur hundert Rubel von dem eingenähten Gelde abgeteilt, denn: ‚Wozu muß -ich genau die Hälfte zurückbringen, warum genau tausendfünfhundert? -Tausendvierhundert werden doch ganz dasselbe tun, denn, nicht wahr, dann -kann ich doch immer noch sagen: Ich bin vielleicht ein Schuft, aber ich -bin kein Dieb, da ich doch immerhin tausendvierhundert Rubel -zurückgebracht habe, ein Dieb dagegen alles behalten und nichts -zurückbringen würde!‘ Darauf wird er nach einiger Zeit wieder das -Säckchen auftrennen und einen zweiten Hundertrubelschein herausnehmen, -darauf einen dritten, darauf einen vierten und so weiter, bis er -spätestens zu Ende des Monats den vorletzten Schein dem Säckchen -entnommen hat, denn, nicht wahr, selbst wenn ich nur noch hundert Rubel -zurückbringe, kommt es doch immer noch auf dasselbe hinaus: ‚Ein -Schuft bin ich, aber ich bin kein Dieb, denn wenn ich auch -zweitausendneunhundert Rubel durchgebracht habe, so bringe ich doch -wenigstens das letzte Hundert zurück, ein Dieb aber würde das nicht -tun.‘ Und schließlich, wenn er auch dieses vorletzte Hundert -durchgebracht hätte, würde er das letzte betrachtet und sich gesagt -haben: ‚Weiß Gott, es lohnt sich ja wahrlich nicht, diesen lumpigen -Hundertrubelschein noch zurückzubringen! Ach was! – gehen wir auch damit -noch mal durch!‘ So würde der wirkliche Dmitrij Karamasoff gehandelt -haben, derjenige, den wir kennen! Die Fabel jedoch von dem Säckchen mit -dem eingenähten Gelde – steht in solchem Widerspruch zu der -Wirklichkeit, wie man ihn größer sich nicht gut denken könnte. Alles -könnte man sich schließlich noch vorstellen, das aber nicht. Doch davon -wird noch später die Rede sein.“ - -Darauf führte Hippolyt Kirillowitsch der Reihe nach alles an, was der -gerichtlichen Untersuchung über die Vermögensstreitigkeiten zwischen -Vater und Sohn bekannt geworden war, und nachdem er nochmals darauf -hingewiesen hatte, daß man aus den vorhandenen Daten unmöglich ersehen -könne, wer in dieser Angelegenheit den anderen übervorteilt habe, kam -Hippolyt Kirillowitsch, bei Erwähnung der bei Mitjä zur „fixen Idee“ -gewordenen Dreitausend, auch auf die medizinische Expertise zu sprechen. - - - VII. - Der Überblick - -„Die Expertise der Ärzte hat sich bemüht, uns zu beweisen, daß der -Angeklagte nicht bei vollem Verstande und von einer fixen Idee besessen -gewesen sei. Ich behaupte aber, daß er durchaus bei vollem Verstande -war, und gerade das halte ich für das Schlimme in diesem Falle, denn -wäre er nicht bei vollem Verstande gewesen, so würde er vielleicht viel -klüger gehandelt haben. Was jedoch die Aussage betrifft, daß er von -einer fixen Idee besessen gewesen sei, so würde ich mich damit in einem -Punkte einverstanden erklären, nämlich in dem, auf den auch die -Expertise hinweist, – in der Auffassung, die der Angeklagte von diesen -Dreitausend hatte, die der Vater ihm noch schulden sollte. -Nichtsdestoweniger kann man vielleicht einen unvergleichlich -näherliegenden Gesichtspunkt finden, als es der ist, den Angeklagten als -zum Irrsinn neigend sich vorzustellen, wenn man sich die andauernde -Aufgebrachtheit des Angeklagten dieses Geldes wegen erklären will. -Meinerseits stimme ich vollkommen überein mit der Meinung des jungen -Arztes, der sich dahin äußerte, daß der Angeklagte sich voller und -normaler Verstandeskraft erfreue und immer erfreut habe, im übrigen aber -nur gereizt und erbittert gewesen sei. Und das ist das Wichtigste: Nicht -die Dreitausend, nicht diese Summe an sich war der Gegenstand, der Grund -der heftigen und andauernden Erbitterung des Angeklagten gegen seinen -Vater, hier gab es noch eine andere, eine besondere Ursache, die seinen -Zorn erregte. Das war – die Eifersucht!“ - -Nun begann Hippolyt Kirillowitsch äußerst weitläufig und umständlich das -Bild der ganzen verhängnisvollen Leidenschaft des Angeklagten für -Gruschenka aufzurollen. Er begann mit jenem Tage, an dem Mitjä sich zu -dieser „jungen Person“ begeben hatte, um sie „durchzuprügeln“ – „ich -drücke mich mit den Worten des Angeklagten aus,“ fügte er zur Erklärung -hinzu –, „doch statt sie durchzuprügeln, ließ er sich zu ihren Füßen -nieder – das ist der Anfang dieser Liebe. In derselben Zeit hat auch der -Alte, der Vater des Angeklagten, auf dieselbe Person sein Auge geworfen. -Das ist nun freilich ein etwas sonderbares Zusammentreffen, denn beide -Herzen entbrennen zu gleicher Zeit, während beide diese Person auch -früher schon gesehen und gekannt hatten, plötzlich aber entbrennen sie -in der unbändigsten, wie gesagt, _Karamasoffschen_ Leidenschaft. Und -andererseits haben wir ihre eigene Aussage: ‚Ich machte mich über beide -lustig.‘ Ja, sie wollte sich sowohl über den einen als über den anderen -lustig machen: Früher hatte sie so etwas nicht gewollt, plötzlich aber -fällt ihr diese Idee ein, – und es endet damit, daß beide besiegt ihr zu -Füßen fallen. Der Alte, der das Geld wie seinen Gott verehrte, setzt -sofort dreitausend Rubel aus, um sie zu verleiten, ihn in seinem Hause -zu besuchen, ist aber bald so weit, daß er sich glücklich schätzen -würde, ihr seinen Namen und seinen ganzen Wohlstand zu Füßen zu legen, -wenn sie nur einwilligte, seine rechtmäßige Frau zu werden. Dafür haben -wir die sichersten Beweise. Was nun den Angeklagten betrifft, so liegt -ja seine Tragödie auf der Hand. Ja, so wirkte das ‚Spiel‘ der jungen -Person. Dem unglücklichen jungen Mann wurde von seiner Zauberin nicht -einmal Hoffnung gemacht, denn Hoffnung, wirkliche Hoffnung ward ihm erst -im letzten, allerletzten Augenblick zuteil, als er, vor seiner -Peinigerin auf den Knien liegend, seine schon von dem Blute des Vaters -und Rivalen befleckten Hände zu ihr emporstreckte: genau in dieser -Stellung wurde er verhaftet. ‚Mich, mich, schickt mich zusammen mit ihm -zu den Zwangsarbeitern, ich habe ihn so weit gebracht, mich trifft von -allen die größte Schuld!‘ rief diese Frau in aufrichtiger Reue und -Verzweiflung aus, als er verhaftet wurde. Der talentvolle junge Mann, -der unseren Prozeß beschrieben hat – derselbe Herr Rakitin, von dem ich -heute schon einmal gesprochen habe –, schildert in wenigen knappen und -charakteristischen Worten den Charakter dieser tragischen Heldin -folgendermaßen: ‚Früh erlebte Enttäuschungen, der frühzeitige Betrug und -Fall, der Treubruch des Verführers und Verlobten, der sie verließ, dann -die Armut, die Ausstoßung aus ihrer ehrenwerten Familie, und schließlich -die Protektion eines reichen Alten, den sie übrigens auch jetzt noch für -ihren Wohltäter hält. Das junge Herz, das ursprünglich viel Gutes in -sich barg, lernte gar zu bald Zorn und Verachtung kennen. So bildete -sich auch ihr Charakter danach aus: sie fing an zu berechnen, ein -Kapital zusammenzusparen, sie wurde spöttisch und rachsüchtig der -Gesellschaft gegenüber.‘ Nach dieser Charakteristik wird es begreiflich, -daß sie sich über den einen wie über den anderen nur in boshaftem Spiel -lustig machte und sie zum besten hatte. Also in diesem Monat -hoffnungsloser Liebe, sittlichen Sinkens, des Verrats an seiner Braut, -der Aneignung fremden Geldes, das seiner Ehre anvertraut war, – in -diesem Monat wird der Angeklagte außerdem noch aufs Äußerste gebracht, -bis zur Raserei, bis zu völligem ‚Außer-sich-sein‘ durch die ewige -Eifersucht! Und den Anlaß zu dieser Eifersucht gibt wer? – Der eigene -Vater! Und das Wichtigste: Dieser selbe Vater lockt den Gegenstand der -Liebe seines Sohnes mit denselben dreitausend Rubeln an, die der Sohn -für sein Erbteil hält, das Erbe seiner Mutter, das der Alte ihm von -Rechts wegen noch auszuzahlen hätte. Ja, ich gebe zu, daß so etwas -schwer zu ertragen sein muß! Da konnte sich bei ihm allerdings eine -‚fixe Idee‘ bilden. Doch nicht um dieses Geld handelte es sich, sondern -darum, daß an diesem Gelde mit so ekelhaftem Zynismus sein Glück -zerschellen mußte!“ - -Hierauf ging Hippolyt Kirillowitsch, an der Hand von Tatsachen, auf die -Schilderung über, wie in dem Angeklagten der Gedanke an den Vatermord -entstanden und allmählich gereift war. - -„Zuerst schreien wir nur in den Gasthäusern, daß wir den Vater -erschlagen würden, – und das tun wir den ganzen Monat. Oh, wir lieben -es, unter Menschen zu leben und diesen Menschen unverzüglich alles, -selbst unsere teuflischsten Gedanken, mitzuteilen, wir teilen eben gern -mit anderen, und wir verlangen – aus unbekannten Gründen –, daß diese -Menschen uns auf der Stelle ihre vollste Sympathie entgegenbringen, auf -unsere Sorgen und Aufregungen sofort eingehen, uns in allem beistimmen, -und unserem Temperament nichts entgegensetzen.“ (Es folgte die Erzählung -der Szene mit dem Hauptmann Ssnegireff.) „Fast alle, die den Angeklagten -im letzten Monat gesehen und gehört haben, sagen, sie hätten schließlich -gefühlt, daß es in diesem Falle nicht nur beim Schreien und Drohen -bleiben würde, und daß bei einem solchen Temperament und einer solchen -Wut das Wort sich sehr leicht in Tat umsetzen könnte.“ Hierauf sprach -Hippolyt Kirillowitsch von der Familienversammlung im Kloster, dem -Gespräch Mitjäs mit Aljoscha im Nachbargarten und von der schmachvollen -Szene im Vaterhause, als der Angeklagte den bei Tisch sitzenden Vater -geradezu überfallen hatte. „Es fällt mir natürlich nicht ein, zu -behaupten,“ fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „daß der Angeklagte vor -dieser Szene schon wohlüberlegt beschlossen habe, den Vater einfach -durch dessen Ermordung beiseite zu schaffen. Ich sage nur, daß dieser -Gedanke dem Angeklagten nichtsdestoweniger schon mehr als einmal -gekommen war, und er ihn bewußt überdacht hatte – zur Bestätigung dessen -haben wir Tatsachen, Zeugen und das eigene Eingeständnis des -Angeklagten. Ich muß gestehen, meine Herren Geschworenen,“ schaltete -Hippolyt Kirillowitsch hier ein, „daß ich noch bis heute nicht sicher -war, ob man den Angeklagten beschuldigen könne, das sich ihm, ich möchte -sagen, von selbst aufdrängende Verbrechen vorher bewußt überlegt und -vorgenommen zu haben. Ich war nur fest überzeugt, daß seine Gedanken -sich mehr als einmal mit dieser bevorstehenden, unvermeidlichen -Katastrophe, die er doch kommen sah, beschäftigt hatten, daß er den Mord -vielleicht auch nur in Betracht gezogen, nur als Möglichkeit, ohne dabei -den Tag und das Nähere der Ausführung zu bestimmen oder sich zu -überlegen. Ja, der Meinung war ich, – aber nur bis heute, bis von -Fräulein Werchoffzeff dieses neue Dokument dem Gericht unterbreitet -wurde. Meine Herren Geschworenen, Sie haben ja selbst ihren Ausruf -gehört: ‚Das ist der Plan, das ist das Programm der Ausführung des -Mordes!‘ – mit diesen Worten bezeichnete sie den ‚trunkenen‘ Brief des -unglücklichen Angeklagten. In der Tat, dieser Brief beweist, daß die Tat -nach einem ‚Programm‘ und vor allem mit _Vorbedacht_ geschehen ist. Er -ist zwei Tage vor dem Verbrechen geschrieben worden, – und so haben wir -jetzt den unantastbaren Beweis dafür, daß der Angeklagte achtundvierzig -Stunden vor der Ausführung seines ungeheuerlichen Vorsatzes schwört, daß -er, wenn er am nächsten Tage das Geld sich nicht anderswoher verschaffen -könne, den Vater erschlagen werde, um von ihm das Geld zu nehmen, das -unter dem Kissen in einem Kuvert liegt, ‚wenn nur Iwan abreisen würde.‘ -Hören Sie es wohl: ‚Wenn nur Iwan abreisen würde!‘ Folglich ist schon -alles überlegt, sind alle Umstände erwogen, und – alles ist dann so -geschehen, wie er geschrieben hat! Da ist doch jeder Zweifel an der -Vorbedachtheit ausgeschlossen, das Verbrechen ist mit der Absicht, das -Geld zu rauben, begangen worden, das ist doch schwarz auf weiß -geschrieben und unterschrieben! Der Angeklagte leugnet es nicht, daß er -den Brief geschrieben hat. Man wird vielleicht sagen: Er hat ihn -sicherlich in betrunkenem Zustande geschrieben. Aber das will ja nichts -sagen, das macht den Brief sogar noch um so wichtiger: Er hat im -trunkenen Zustande geschrieben, was er in nüchternem sich vorgenommen -hat; wäre es nicht im nüchternen Zustande vorgefaßt worden, so hätte er -es auch in der Betrunkenheit nicht geschrieben. Man wird vielleicht auch -noch einwenden: Warum aber hat er dann seine Absicht nicht verheimlicht, -warum hat er sie überall ausgeschrien? Wer sich zu so etwas mit -_Vorbedacht_ entschließt, der schweigt darüber und verbirgt die Absicht. -Das ist wahr, aber er schrie ja nur dann, als er noch keine Pläne und -_bestimmten_ Absichten hatte, und nur der Wunsch vorhanden war und die -Absicht erst heranreifte. Später spricht er schon weniger davon. An -jenem Abend, an dem dieser Brief geschrieben wurde, nachdem er sich im -Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ angetrunken hatte, ist er ganz gegen seine -Gewohnheit schweigsam gewesen, hat nicht Billard gespielt, hat allein -und sichtlich zurückgezogen gesessen, fast mit niemandem gesprochen und -nur einen hiesigen Kommis von seinem Platze vertrieben, doch hat er das -fast unbewußt getan, wahrscheinlich nur aus Gewohnheit an Händeln, ohne -die er, wenn er ins Gasthaus eintrat, nun einmal nicht auskommen konnte. -In der Tat, erst an jenem Abend hat er vielleicht den Entschluß gefaßt, -und so mag er sich denn wahrscheinlich unter anderem auch gesagt haben, -daß er schon gar zu offenherzig in der ganzen Stadt ausgesprochen, gar -zu unvorsichtig über seinen Vater Verfängliches geäußert habe, daß seine -eigenen Worte sehr wohl den Täter vermuten ließen, wenn er jetzt die -Absicht wirklich ausführte. Aber was tun? Die Worte waren gesprochen: -Diese Tatsache konnte man nicht mehr ungeschehen machen. Und dann – hat -schon früher der krumme Weg herausgeführt, so wird er es auch jetzt tun! -Wir verließen uns auf unseren guten Stern, meine Herren! Ich muß noch -zugeben, daß er viel getan hat, um diese Lösung zu vermeiden, daß er -sich sehr angestrengt hat, sich das Geld auf eine andere Weise zu -verschaffen. ‚Morgen werde ich jeden Menschen um dreitausend Rubel -angehen,‘ schreibt er in seiner eigenartigen Sprache, ‚geben aber die -Menschen sie mir nicht, so fließt Blut.‘ In der Betrunkenheit ist es -geschrieben, in nüchternem Zustande ist es dann so, wie es geschrieben -war, ausgeführt worden.“ - -Hier begann Hippolyt Kirillowitsch die ausführliche Schilderung aller -vergeblichen Versuche Mitjäs, sich das Geld zu verschaffen, um das -Verbrechen umgehen zu können. Er schilderte seinen Gang zu Ssamssonoff, -die Fahrt zu Ljägawyj – alles nach dem Protokoll. „Müde, verspottet, -hungrig kehrte er wieder zurück,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „nachdem -er auch noch seine Uhr verkauft hat (während er dabei tausendfünfhundert -Rubel bei sich gehabt haben will!), gequält von der Eifersucht wegen des -in der Stadt zurückgebliebenen geliebten Weibes, dabei noch mit der -Angst im Herzen, daß sie in seiner Abwesenheit vielleicht zu Fedor -Pawlowitsch gehen könnte oder vielleicht schon gegangen ist, – in diesem -Zustande kommt er in die Stadt zurück. Doch Gott sei Dank! Sie ist nicht -bei Fedor Pawlowitsch gewesen. Er begleitet sie zum Kaufmann -Ssamssonoff. (Auffallend ist, daß er auf Ssamssonoff nicht eifersüchtig -ist, was in diesem Falle eine äußerst charakteristische psychologische -Eigentümlichkeit zu sein scheint.) Darauf eilt er auf den -Beobachtungsposten an der ‚Hinterstraße‘. Dort erfährt er, daß -Ssmerdjäkoff einen epileptischen Anfall gehabt hat, und daß auch -Grigorij krank ist. Das Feld ist also frei und die ‚Zeichen‘ kennt er – -welche Versuchung! Nichtsdestoweniger sträubt er sich noch gegen das -Verbrechen: er begibt sich zu einer hochgeachteten Dame, die sich -augenblicklich vorübergehend hier aufhält, zu Frau Chochlakoff. Diese -Dame, die ihn schon seit längerer Zeit beobachtet und bemitleidet hat, -gibt ihm einen äußerst vernünftigen Rat: dieses ganze wüste Leben, diese -monströse Liebe und das Herumtreiben in den Gasthäusern aufzugeben und -nach Sibirien in die Goldgruben zu fahren: ‚Dort ist das Arbeitsfeld für -Ihre tobenden Kräfte, die Sie hier so unnütz vergeuden, dorthin gehören -Sie mit Ihrem romantischen, abenteuerlustigen Charakter!‘ sagt sie ihm.“ -Nachdem Hippolyt Kirillowitsch dann noch den Ausgang des Gespräches mit -Frau Chochlakoff wiedergegeben hatte, und auch auf jenen Augenblick zu -sprechen gekommen war, wie der Angeklagte auf dem Großen Platz erfahren, -daß Agrafena Alexandrowna nur eine kurze Zeit bei Herrn Ssamssonoff -geblieben sei, beschrieb er, wie der Unglückliche, bei seinen gereizten -Nerven und seiner Eifersucht, nach dieser Nachricht – die ihm den Betrug -der Geliebten so gut wie bestätigte – außer sich geraten sein mußte. -Ferner lenkte er noch die Aufmerksamkeit auf einen verhängnisvollen -Zufall: „Hätte die Stubenmagd Fenjä ihm gesagt, daß ihre Herrin in -Mokroje bei dem ‚Früheren‘ und ‚Alleinberechtigten‘ war – so wäre das -Unglück nicht geschehen. Sie aber wußte im Schreck und in der Angst -nichts anderes zu sagen, als nur zu schwören und ihn einer Sache zu -versichern, die er besser wußte, so daß für ihn die Lüge, und folglich -auch der Betrug, vollständig bestätigt schienen. Und wenn er diese -Stubenmagd dafür nicht auf der Stelle erschlagen hat, so hat sie das nur -dem Umstande zu danken, daß er sofort besinnungslos Hals über Kopf -fortstürzte – der Geliebten nach! Jetzt ist hier aber noch eine sehr -auffallende Tatsache zu beachten: Wie außer sich er auch war, er verfiel -dabei doch noch darauf, die messingne Mörserkeule mitzunehmen. Warum -nahm er gerade die Mörserkeule, warum suchte er nicht irgendeinen -anderen Gegenstand, warum nicht eine Waffe? Ich glaube, wenn wir uns -einen ganzen Monat mit einer gewissen Absicht getragen, und uns alle -Eventualitäten vorgestellt, alles erwogen und uns auf alles vorbereitet -haben, so ist es sehr erklärlich, warum wir uns selbst in dieser -Erregung zu helfen wissen und eine Mörserkeule sofort als Waffe -erkennen, denn daß man auch mit so etwas einen Menschen erschlagen kann, -das haben wir ja schon einen ganzen Monat bedacht. Darum hat er denn -auch sofort den Wert dieser Mörserkeule im Augenblick, ohne -nachzudenken, trotz seiner Erregung, sehr zu schätzen gewußt. So kann -ich denn wohl sagen, daß der Angeklagte die Mörserkeule nicht unbewußt, -nicht ohne eine gewisse Absicht ergriffen hat. Und da ist er nun im -väterlichen Garten ... Zeugen sind nicht zu befürchten, tiefe Nacht, -Finsternis – und Eifersucht! Der Argwohn, daß sie hier ist, bei ihm, bei -seinem Rivalen, in seinen Armen, und in diesem Augenblick mit ihm -zusammen über ihn selbst womöglich noch lacht – raubt ihm den Atem. Und -nicht nur der Argwohn – wo kann jetzt noch von Argwohn die Rede sein! -Der Betrug liegt doch auf der Hand, jeder Zweifel ist doch -ausgeschlossen: Sie ist bei ihm, dort in jenem Zimmer, aus dessen -Fenster der Lichtschein in den Garten fällt, sie liegt dort – bei ihm – -hinter dem Bettschirm. Und da schleicht sich der Unglückliche zum -Fenster, blickt ehrerbietig durch die Scheiben hinein und schickt sich -sittsam drein, weil nun einmal nichts mehr daran zu ändern ist, geht -vielmehr vernünftig fort, um sich vom Unheil zu entfernen, und damit -nicht gar etwas Gefährliches und Unsittliches geschehe! – Davon will man -uns überzeugen, uns, die wir doch den Charakter des Angeklagten kennen, -die wir doch begreifen, in welch einer Gemütsverfassung er sich befand, -und vor allen Dingen, nachdem wir wissen, daß ihm Zeichen bekannt waren, -mittels welcher er ohne weiteres die Tür sich aufmachen lassen und ins -Haus eintreten konnte!“ Hier, bei Gelegenheit der Zeichen, verließ -Hippolyt Kirillowitsch vorübergehend die Anklage und kam auf -Ssmerdjäkoff zu sprechen, um die Verdächtigung Ssmerdjäkoffs ein für -allemal auszuschalten. Er sprach sehr sachlich darüber, und man begriff -sofort, daß er trotz seiner ganzen Verachtung, die er dieser Vermutung -gegenüber zur Schau trug, dieselbe doch für wichtig genug hielt. - - - VIII. - Über Ssmerdjäkoff - -„Zuerst will ich fragen: wie ist dieser Verdacht überhaupt aufgekommen?“ -begann Hippolyt Kirillowitsch. „Der erste, der gesagt hat, Ssmerdjäkoff -sei der Mörder, war kein anderer als der Angeklagte selbst, der die -Verdächtigung im Augenblick seiner Verhaftung hinausgeschrien hat, -einstweilen aber, bis zur gegenwärtigen Stunde, noch keinen einzigen -Beweis für sie oder auch nur eine mehr oder weniger wahrscheinliche -Begründung seines Verdachtes hat angeben können. Außerdem wird dieser -Verdacht nur noch von drei anderen Personen geteilt: von den beiden -Brüdern des Angeklagten und von Agrafena Alexandrowna Sswetlowa. Und von -diesen drei hat Iwan Fedorowitsch Karamasoff seinen diesbezüglichen -Verdacht erst heute in augenscheinlich krankhaftem Zustande geäußert und -zweifellos in einem Augenblick geistiger Anormalität, wahrscheinlich in -hohem Fieber. Nun wissen wir aber aufs bestimmteste, daß er während -dieser letzten zwei Monate durchaus der entgegengesetzten Ansicht -gewesen ist, und das hat er schon allein dadurch bewiesen, daß er uns in -dieser Beziehung nicht einmal zu widersprechen versuchte. Doch darauf -werden wir noch besonders zu sprechen kommen. Der jüngste Bruder des -Angeklagten hat uns vorhin selbst gesagt, daß er keinerlei Beweise zur -Bekräftigung seiner Beschuldigung Ssmerdjäkoffs habe, sondern lediglich -nach den Worten des Angeklagten, ‚und dem Ausdruck seines Gesichts‘ zu -dieser Ansicht gekommen sei. Ja, diese erdrückende Aussage ist sogar -zweimal von seinem Bruder gemacht worden. Und die Aussage der Verlobten -des Angeklagten ist vielleicht noch erdrückender: ‚Was der Angeklagte -Ihnen sagt, daran glauben Sie, das ist kein Mensch, der lügen kann!‘ Und -das sind alle vorhandenen Aussagen gegen Ssmerdjäkoff, die zudem noch -von drei Personen gemacht werden, die nur zu sehr für das Schicksal des -Angeklagten besorgt sind. Trotzdem aber ist die Verdächtigung -Ssmerdjäkoffs sehr verbreitet, und sie ist es sogar jetzt noch. Wie ist -es möglich, daran zu glauben? Wie stellt man sie sich vor?“ - -Hippolyt Kirillowitsch hielt es für nötig, zuerst den Charakter -Ssmerdjäkoffs, „der sich wahrscheinlich in einem Anfall krankhafter -Angst oder in völligem Irrsinn das Leben genommen hat,“ leicht zu -skizzieren. Er schilderte ihn als schwachsinnigen Menschen, der sich -nach höherer Bildung sehnte, und den philosophische Ideen, die für -seinen Verstand zu hoch waren, gänzlich verwirrt hätten – „desgleichen -auch gewisse zeitgenössische Auffassungen von Schuld und Pflicht, die -ihm überflüssigerweise beigebracht worden waren – praktisch durch das -Leben seines verstorbenen Herrn und vielleicht sogar Vaters, an dem von -Schuld- und Pflichtgefühlen nichts zu sehen war, und theoretisch durch -verschiedene eigenartige philosophische Gespräche mit dem ältesten Sohn -aus der zweiten Ehe seines Herrn, mit Iwan Fedorowitsch, dem diese Art -Zerstreuung offenbar Vergnügen bereitet hatte – vielleicht auch um die -Langeweile zu vertreiben, oder aber aus dem Bedürfnis heraus, andere zu -verspotten, und dem daher diese Art Philosophieunterricht die gewünschte -Befriedigung geboten zu haben schien. Ssmerdjäkoff hat mir ausführlich -seinen Seelenzustand in den letzten Tagen vor der Katastrophe -geschildert,“ bemerkte Hippolyt Kirillowitsch beiläufig, „wir besitzen -überdies noch die Aussagen des Angeklagten selbst, seines Bruders und -sogar des Dieners Grigorij, also dreier Menschen, die ihn sehr gut -gekannt haben. Hinzu kommt, daß Ssmerdjäkoff, der mit der Fallsucht -belastet war, ‚furchtsam wie ein Huhn‘ gewesen sein soll. ‚Er fiel vor -mir nieder und küßte meine Stiefel,‘ sagte uns der Angeklagte beim -ersten Verhör, als er noch nicht vermutete, daß eine solche Aussage für -ihn selbst nachteilig sein würde, – ‚das ist ein krankes Huhn, das die -Fallsucht hat,‘ lautete sein zweiter Ausspruch über den Diener, in -seiner charakteristischen Sprache ausgedrückt. Und diesen Menschen -erwählt nun der Angeklagte – wie er selbst ausgesagt hat – zu seinem -Vertrauten und schüchtert ihn dermaßen ein, daß jener zu guter Letzt -einwilligte, für ihn zu spionieren und ihm alles zu hinterbringen. In -dieser Eigenschaft eines Hausspions verrät er seinen Herrn und teilt dem -Angeklagten sowohl von dem Vorhandensein des Geldpakets, wie von den -verabredeten Zeichen alles Nähere mit. Warum hätte er das auch nicht tun -sollen! ‚Sie wollten mich erschlagen, das sah ich dazumal ganz genau, -und sie hätten mich auch erschlagen,‘ sagte er beim Verhör, und er -zitterte sogar vor uns am ganzen Körper, obgleich doch sein Quälgeist -schon verhaftet war und ihm folglich nichts mehr antun konnte. ‚Sie -verdächtigen mich alleweil, daß ich was verheimlichte, und so bin ich -denn von wegen meiner gewaltigen Angst vor ihnen immer von selbst zu -ihnen geeilt, um ihnen jedes Geheimnis aufzudecken und sie alsomit von -meiner Unschuld zu überzeugen, damit sie mich noch lebendig zur Buße -entließen.‘ Das sind seine eigenen Worte, ich habe sie aufgeschrieben -und behalten. ‚Und wenn sie mich anschrien, wie selbiges oft vorkam, so -fiel ich hinwiederum zitternd auf die Knie vor ihnen.‘ Da nun -Ssmerdjäkoff von Natur ein selten ehrlicher Mensch war, und daher seines -Herrn volles Vertrauen genoß, so kann man annehmen, daß der unglückliche -Mensch sich nicht wenig wegen seines Verrats an seinem Herrn, den er als -seinen Wohltäter liebte, gequält hat. Epileptiker, die schwer unter -ihrer Krankheit zu leiden haben, sollen, nach dem Ausspruch der -bedeutendsten Psychiater, immer geneigt sein zu fortwährender und -natürlich krankhafter Selbstanklage. Sie quälen sich wegen ihrer -‚Schuld‘ in irgend etwas und vor irgend jemandem, sie quälen sich mit -Gewissensbissen, häufig ohne jede Veranlassung, sie übertreiben alles -und denken sich sogar ganze Verbrechen aus, die sie begangen hätten. Und -solch ein Geschöpf wird nun in der Tat schuldig, wird es aus lauter -Angst nach allen Einschüchterungen, und hintergeht seinen Herrn. -Außerdem ahnte Ssmerdjäkoff, daß aus den Szenen, die sich vor seinen -Augen abspielten, nichts Gutes hervorgehen werde. Als der zweite Sohn -Fedor Pawlowitschs, Iwan Fedorowitsch, kurz vor der Katastrophe nach -Moskau abreiste, hat Ssmerdjäkoff ihn flehentlich gebeten, nicht zu -verreisen, hat aber in seiner Ängstlichkeit nicht gewagt, ihm alle seine -Befürchtungen klar und kategorisch mitzuteilen. Er hat sich mit -Anspielungen begnügt, doch diese Anspielungen sind nicht verstanden -worden. Ich muß hierzu noch bemerken, daß er in Iwan Fedorowitsch -gewissermaßen seinen Verteidiger erblickte, gleichsam eine Garantie -dafür, daß, solange derselbe im Hause blieb, kein Unglück geschehen -würde. Erinnern Sie sich nur des einen Ausspruchs im ‚trunkenen‘ Brief -Dmitrij Karamasoffs: ‚ich werde ihn totschlagen, wenn nur Iwan abreisen -würde.‘ Folglich hat die Anwesenheit Iwan Fedorowitschs allen gleichsam -eine Garantie für die Ruhe und Ordnung im Hause geschienen. Da aber -fährt dieser fort nach Moskau, und Ssmerdjäkoff fällt – noch war keine -Stunde seit seiner Abfahrt vergangen – in einem epileptischen Anfall in -den Keller. Das aber ist durchaus erklärlich. Hier muß noch erwähnt -werden, daß Ssmerdjäkoff, besonders in den letzten Tagen vor der -Katastrophe, in denen er durch Furcht und Verzweiflung sowieso schon -niedergedrückt gewesen ist, die Möglichkeit eines baldigen Anfalls sehr -stark empfunden hat, da ein solcher sich meistens in Augenblicken -seelischer Anspannung oder Erschütterung einzustellen pflegt. Tag und -Stunde dieser Anfälle kann man natürlich nicht im voraus wissen, dafür -aber kann jeder Epileptiker sehr wohl fühlen, ob er zu einem Anfall -disponiert ist. Das wird auch von den Ärzten bestätigt. Und nun, kaum -hat Iwan Fedorowitsch das Vaterhaus und die Stadt verlassen, als -Ssmerdjäkoff, unter dem Eindruck seiner ‚Verwaistheit‘ und -Schutzlosigkeit in einer häuslichen Angelegenheit in den Keller geht, -und während er die Treppe hinabsteigt, bei sich denkt: ‚Werde ich nun -einen Anfall bekommen, oder werde ich nicht, was aber dann, wenn ich ihn -jetzt gleich bekomme?‘ Und gerade infolge dieser Stimmung, dieses -Zweifels und dieser angstvollen Frage, packt ihn denn auch der -Kehlkrampf, der dem Anfall stets vorangeht, und im selben Augenblick -fliegt er besinnungslos die Treppe hinab und fällt auf den Boden des -Kellers hin. Und nun will man gerade in diesem natürlichen -Zusammentreffen eine Verdachtsmöglichkeit sehen, einen Hinweis darauf, -daß er sich _absichtlich_ krank gestellt habe! Nehmen wir an, er hat es -absichtlich getan, so erhebt sich doch sofort die Frage: warum und wozu -denn eigentlich? Aus welcher Berechnung, zu welchem Zweck? Von der -medizinischen Wissenschaft will ich weiter nicht reden. Die -Wissenschaft, kann man sagen, _lügt_, die Wissenschaft täuscht sich, und -andere, die Ärzte haben es nicht verstanden, Echtheit von Verstellung zu -unterscheiden, – schön, schön, aber antworten Sie mir einstweilen auf -die eine Frage: wozu hätte er sich verstellen sollen? Etwa um – nachdem -er den Mord geplant hat – durch einen Anfall schon vorher die allgemeine -Aufmerksamkeit im Hause auf sich zu lenken? Sehen Sie, meine Herren -Geschworenen, im Hause Fedor Pawlowitschs waren in der Mordnacht im -ganzen nur fünf Menschen: erstens, Fedor Pawlowitsch – aber er hat sich -doch nicht selbst erschlagen, das ist ja nur zu offenbar; zweitens, sein -Diener Grigorij, aber der ist ja selbst beinahe totgeschlagen worden; -drittens, die Frau Grigorijs, die Dienerin Marfa Ignatjewna, – sie sich -als Mörderin ihres Herrn vorzustellen, wäre geradezu eine Schande. So -bleiben folglich nur noch zwei übrig, die in Frage kämen: der Angeklagte -und Ssmerdjäkoff. Da aber der Angeklagte versichert, nicht er habe -erschlagen, so muß es folglich Ssmerdjäkoff getan haben, eine andere -Lösung der Frage gibt es nicht, denn ein anderer Mörder läßt sich nicht -auftreiben: wie man auch suchen wollte, es ist kein anderer da, auf den -auch nur der leiseste Verdacht fallen könnte. Daraus, daraus also ist -diese ‚schlaue‘ und erdrückende Beschuldigung des unglücklichen Idioten, -der gestern seinem Leben ein Ende gemacht hat, entstanden, daraus also, -beachten Sie das wohl, meine Herren Geschworenen, nur daraus! Nur aus -dem einen, dem einzigen Grunde, weil man keinen anderen finden kann! -Gäbe es nur einen Schatten von einem Verdacht auf irgendeinen anderen, -einen sechsten, so würde – davon bin ich überzeugt – selbst der -Angeklagte sich geschämt haben, einen Verdacht gegen Ssmerdjäkoff auch -nur auszusprechen, denn Ssmerdjäkoff dieses Mordes zu beschuldigen, ist -einfach absurd! - -„Meine Herren Geschworenen, lassen wir einmal die Psychologie beiseite, -lassen wir auch die medizinische Wissenschaft und selbst die Logik -beiseite, wenden wir uns nur den Tatsachen zu, einzig und allein den -Tatsachen, und sehen wir jetzt einmal, was uns diese Tatsachen sagen. -Also: Ssmerdjäkoff ist der Mörder, und es fragt sich nur, wie er den -Mord begangen hat. Allein oder zusammen mit dem Angeklagten? Untersuchen -wir zunächst den ersten Fall, daß Ssmerdjäkoff allein den Mord -ausgeführt hat. Wenn er ihn erschlug, so tat er das doch -selbstverständlich aus einem bestimmten Grunde, zu einem besonderen -Zweck, um einen gewissen Vorteil zu erreichen. Da nun aber bei ihm kein -Schatten von ähnlichen Motiven, wie sie der Angeklagte hatte, -mitsprechen konnte, als da sind, Eifersucht, Haß usw. usw., hätte -Ssmerdjäkoff zweifellos nur des Geldes wegen erschlagen können, um sich -diese dreitausend Rubel anzueignen, von denen er wußte, daß der Herr sie -ins Kuvert und das Kuvert unter das Kissen gelegt hatte, da er in dem -betreffenden Augenblick zugegen gewesen war. Und nun, nachdem er den -Mordplan entworfen hat, teilt er unaufgefordert einem anderen Menschen – -der zudem noch im höchsten Grade bei der ganzen Sache interessiert ist, -nämlich dem Angeklagten – alles Nähere über das Geld und die Zeichen -mit: wo das Geld liegt, was auf dem Geldpaket geschrieben steht, womit -es zugebunden ist, und teilt ihm vor allen Dingen, vor allen Dingen die -‚Zeichen‘ mit, mittels deren man ins Haus zum Herrn eindringen kann. Wie -nun, tat er es speziell, um sich anzugeben? Oder um sich einen -Konkurrenten zu schaffen, den es vielleicht gleichfalls gelüsten könnte, -hinzugehen und das Geld _sich_ anzueignen? Aber, wird man einwenden, er -hat es ihm doch nur aus Furcht mitgeteilt. Wie denn das? Ein Mensch, der -sich nicht gescheut hat, eine so tierische Tat auszudenken und später -auch auszuführen, – teilt solche Nachrichten mit, die in der ganzen Welt -nur ihm allein bekannt sind, und die, wenn _er_ sie nicht verrät, kein -einziger Mensch in der ganzen Welt je erraten würde? Nein, wie feig der -Mensch auch gewesen sein mag, wenn er selbst einen Mord geplant hätte, -so hätte er doch niemals etwas auch nur entfernt Verdächtiges gesagt, am -wenigsten natürlich etwas von den Zeichen und dem Geldpaket, oder gar, -daß er wüßte, wo es liegt! Das hieße doch, sich im voraus ausliefern. Er -hätte sich vielleicht absichtlich etwas anderes ausgedacht, hätte etwas -anderes vorgelogen, wenn von ihm nun einmal durchaus Nachrichten -verlangt wurden – das aber hätte er unter allen Umständen verschwiegen. -Im Gegenteil – ich wiederhole es – wenn er wenigstens von dem Gelde -geschwiegen, dann aber gemordet und das Geld sich angeeignet hätte, so -hätte natürlich niemand ihn beschuldigen können, wenigstens nicht des -Raubmordes, da außer ihm doch niemand das Geld gesehen hatte und niemand -außer ihm auch nur wußte, daß es in dieser Weise bereitgehalten wurde. -Und selbst wenn man ihn beschuldigt hätte, so wäre er doch immerhin -nicht des Raubmordes angeklagt worden, man hätte selbstverständlich -geglaubt, er habe es aus irgendeinem anderen, unbekannten Beweggrunde -getan. Da nun aber niemand an ihm vorher etwas von solchen eventuellen -Beweggründen bemerkt hat, dafür aber alle wußten, daß sein Herr ihn -liebte und ihm volles Vertrauen schenkte, so wäre der Verdacht auf jeden -anderen eher als auf ihn gefallen, ganz zuerst aber auf denjenigen, bei -dem man diese Beweggründe sogar sehr voraussetzen konnte, der sogar -selbst überall geschrien hat, daß er diese Motive habe, der sie nicht -verheimlicht, sondern allen und jedem aufgedeckt hat. Mit einem Wort, -man hätte den Sohn des Erschlagenen verdächtigt, Dmitrij Fedorowitsch. -Ssmerdjäkoff wäre der Mörder und Dieb gewesen, den Sohn aber hätte man -angeklagt, – ich denke, das wäre für den Mörder Ssmerdjäkoff denn doch -ganz vorteilhaft gewesen? Nun, und diesem Sohne Dmitrij Fedorowitsch -teilt Ssmerdjäkoff, indem er den Mord plant, alles Nähere über das Geld -und die Zeichen mit, – wie logisch, wie klar das ist!! - -Es kommt der Tag, an dem Ssmerdjäkoff seinen Plan ausführen will, und er -bekommt einen epileptischen Anfall, d. h. er spielt einen Anfall vor. -Warum, wozu tut er das? Nun, versteht sich, erstens, damit der Diener -Grigorij, der eine Kur vorzunehmen gedenkt, sein Vorhaben aufschiebe und -das Haus bewache. Zweitens natürlich zu dem Zweck, damit der Herr, der -dann wüßte, daß er nicht bewacht wurde, und aus Angst, der gefürchtete -Sohn könnte kommen, sein Mißtrauen und seine Vorsicht verdoppele. Und -schließlich – und das ist natürlich der Hauptgrund – damit man ihn, -Ssmerdjäkoff, unverzüglich aus seiner Stube neben der Küche, wo er sonst -ganz allein schlief, und wohin ein besonderer Eingang führte, in die -andere Hälfte, ganz ans andere Ende des Hauses bringe, in Grigorijs und -Marfas Zimmer, um dort bei ihnen hinter dem Verschlage hingelegt zu -werden, drei Schritt von ihrem Bett, wie das immer geschehen ist, wenn -er einen Anfall hatte, sowohl auf Fedor Pawlowitschs Anordnung wie auf -Marfa Ignatjewnas Wunsch. Und dann höchstwahrscheinlich deswegen, damit -er dort hinter dem Bretterverschlage in möglichst natürlicher Weise den -Kranken spielen, stöhnen, d. h. also sie die ganze Nacht immer wieder -aufwecken könne – wie es nach Grigorijs und Marfas Aussagen auch -geschehen ist. Und alles das, alles das nur zu dem einen Zweck: um -bequemer plötzlich aufstehen und dann den Herrn erschlagen zu können! - -Aber, wird man vielleicht einwenden, er hat sich gerade deswegen krank -gestellt, damit man ihn, den Kranken, nicht verdächtige, dem Angeklagten -aber hat er alles Nähere über das Geld und die Zeichen gesagt, um diesen -zu verlocken, hinzugehen und totzuschlagen, um dann, sehen Sie mal, wenn -jener schon totgeschlagen hat – und mit dem Gelde fortgegangen ist – -höchstwahrscheinlich nach einigem Spektakel und Gepolter, das womöglich -noch Zeugen herbeirufen könnte – um dann aufzustehen, hinzugehen und – -ja was nun noch zu machen? Ganz einfach, um eben noch einmal den Herrn -totzuschlagen und das schon fortgetragene Geld nochmals fortzutragen. -Meine Herren, Sie lachen? Ich muß gestehen, daß ich mich schäme, solche -Voraussetzungen machen zu müssen, indessen ist es gerade das, was der -Angeklagte behauptet: ‚Nach mir, als ich aus dem Hause schon -hinausgegangen war, Grigorij niedergeschlagen und viel Lärm gemacht -hatte, ist er hingegangen und hat den Mord wie den Raub ausgeführt.‘ -Hierauf läßt sich natürlich vieles erwidern. Schon allein die eine -Frage, auf die ich weiter nicht eingehen will, wie Ssmerdjäkoff -gleichsam an den Fingern hätte voraus berechnen und somit vorauswissen -können, daß der gereizte und zum Äußersten gebrachte Sohn einzig und -allein zu dem Zweck in den Garten kommen würde, um ehrfürchtig durch das -Fenster ins Zimmer zu blicken, und (obgleich er die Zeichen in der Hand -hat!) sehr sittsam sich wieder zurückzuziehen, und um ihm, dem Diener -Ssmerdjäkoff, seine Beute zu überlassen! Meine Herren Geschworenen, ich -stelle jetzt nachdrücklich die Frage: Wann war der Augenblick, in dem -Ssmerdjäkoff das Verbrechen beging? Geben Sie mir diesen Augenblick an, -denn ohne diese Angabe kann man ihn nicht beschuldigen. - -Vielleicht aber war der Anfall echt? Der Kranke wachte plötzlich auf, -hörte einen Schrei, ging hinaus – nun, und was weiter? Er sah sich um -und sagte sich: Ach was, ich werde mal hingehen und den Herrn -erschlagen! Woher aber konnte er wissen, was inzwischen geschehen war, -er hatte doch bis dahin bewußtlos im Bett gelegen? Ich glaube, meine -Herren, daß es auch für Phantasien eine Grenze gibt. - -‚Ja, aber,‘ werden scharfsinnige Leute sagen, ‚wenn nun beide im -Einverständnis waren, wenn beide den Mord gemeinsam begangen und das -Geld geteilt haben, nun, was dann?‘ - -Ja, das ist allerdings eine wichtige Frage, und – die Hauptsache! – wir -haben sofort schwerwiegende Verdachtsgründe, die darauf hinzuweisen -scheinen. Der eine erschlägt und nimmt alle Mühen auf sich, der andere -aber, der Helfershelfer, liegt auf der Seite und spielt einen -epileptischen Anfall vor – um vorher in allen Argwohn zu erwecken, -Argwohn im Herrn und Argwohn in Grigorij. Es wäre ungemein interessant -zu erfahren, aus welchen Gründen beide Spießgesellen sich einen so -verrückten Plan ausgedacht hätten. Doch vielleicht war es durchaus keine -aktive Mitwirkung von seiten Ssmerdjäkoffs, sondern sozusagen nur eine -passive, duldende: vielleicht hatte der eingeschüchterte Ssmerdjäkoff -nur eingewilligt, nichts zu tun, um den Mord zu verhindern. Und so hat -er denn, in der Voraussicht, daß man ihn schon allein deswegen bestrafen -würde, daß er nicht angegeben, nicht geschrien, sich dem Morde nicht -widersetzt hat, von Dmitrij Karamasoff im voraus die Erlaubnis -ausgebeten, während dieser ganzen Zeit anscheinend in einem -epileptischen Anfall liegen zu dürfen –: ‚Du morde dann soviel du -willst, ich bleibe aus dem Spiel.‘ In diesem Falle hätte aber Dmitrij -Karamasoff sich doch sagen müssen, daß ein solcher Anfall Ssmerdjäkoffs -im Hause eine gewisse Unruhe, Unsicherheit und folglich größere Vorsicht -veranlassen werde, und so wäre er denn selbstverständlich auf eine -derartige Abmachung nicht eingegangen. Doch nehmen wir selbst an, daß er -darauf eingegangen ist. Dann aber käme es doch wieder darauf hinaus, daß -Dmitrij Karamasoff der Mörder, der direkte Mörder und Anstifter ist, -Ssmerdjäkoff dagegen nur ein passiver Teilnehmer und selbst nicht einmal -das, sondern nur ein Hehler, der den Mord aus Angst und wider Willen -zugelassen hat. Diesen Unterschied hätte doch das Gericht ohne weiteres -eingesehen. Was aber sehen wir? Kaum ist der Angeklagte verhaftet, so -wälzt er schon die _ganze_ Schuld auf Ssmerdjäkoff, auf ihn _allein_. -Nicht der Teilhaberschaft mit sich beschuldigt er ihn, sondern ihn -allein beschuldigt er: ‚Er hat es allein getan, er hat gemordet und -geraubt, seiner Hände Tat ist es!‘ Was sind das nun für Spießgesellen, -von denen der eine sofort den anderen hineinlegen will? So etwas ist -doch noch nie dagewesen! Und dabei nicht zu vergessen, was für ein -Risiko das für Karamasoff gewesen wäre: er ist der Hauptmörder, jener -aber nicht, jener ist nur der Hehler, der während der Tat hinter dem -Bretterverschlage krank im Bett gelegen hat. Und nun will der Mörder -alles auf den Hehler abwälzen! Da müßte er sich doch sagen, daß der -andere sich ärgern und schon allein um der Selbsterhaltung willen gar -bald die ganze Wahrheit aufdecken könnte. ‚Wir haben es zusammen getan, -nur habe nicht ich erschlagen, sondern er, ich habe nur aus Angst den -Mord zugelassen.‘ Ssmerdjäkoff hätte sich dann doch sagen müssen, daß -das Gericht den Unterschied zwischen dieser und jener Schuld sehr wohl -einsehen und folglich auch einen Unterschied in der Strafe machen werde; -daß man ihn zwar gleichfalls verurteilen werde, aber immerhin zu einer -unvergleichlich geringeren Strafe als den Hauptmörder, der alles auf ihn -allein abwälzen will. In diesem Falle hätte also Ssmerdjäkoff -unwillkürlich seine geringere Schuld eingestanden und folglich auch den -Haupttäter angegeben. Das aber ist nicht geschehen. Ssmerdjäkoff hat -nicht die leiseste Andeutung gemacht, die auf eine derartige Abmachung -schließen ließe, ungeachtet dessen, daß der Mörder immer wieder -hartnäckig ihn allein beschuldigt und auf ihn als den einzigen Mörder -hingewiesen hat. Ja, Ssmerdjäkoff hat beim Verhör selbst angegeben, daß -er, Ssmerdjäkoff, _er selbst_ dem Angeklagten von dem Gelde und den -Zeichen Mitteilung gemacht hat, und jener ohne ihn nichts von alledem -erfahren hätte. Wäre er nun wirklich sein Helfershelfer und schuldig -gewesen, hätte er dann gleichfalls so offen gesagt, daß er so etwas dem -Angeklagten mitgeteilt hat? Im Gegenteil, er hätte vieles zu -verschweigen und die Tatsachen zu entstellen gesucht. Er aber hat nichts -entstellt, nichts verheimlicht. So kann nur ein Unschuldiger handeln, -der nicht zu fürchten braucht, daß man ihn der Teilhaberschaft -beschuldigen könnte. Nun hat er sich gestern, wohl in einem Augenblick -krankhafter Melancholie, wahrscheinlich infolge seiner starken Anfälle -und dieser ganzen Katastrophe – nun hat er sich gestern Nacht erhängt. -Das einzige, was er hinterlassen hat, ist ein Zettel mit den kurzen -Worten in seinem eigenartigen Stil: ‚Ich vertilge mich aus eigenem -Wunsch und Willen, um alsomit niemanden zu beschuldigen.‘ Nun, was hätte -es ihm in dem Augenblick ausgemacht, noch hinzuzufügen: der Mörder bin -ich und nicht Karamasoff? Er aber hat das nicht hinzugefügt. Ist nun -glaubwürdig, daß sein Gewissen, das zu dem einen ausgereicht hat, zu dem -anderen nicht ausreichte? - -Und weiter: plötzlich wird hierher in diesen Saal Geld gebracht, eine -Summe von genau dreitausend Rubel. ‚Das sind dieselben Dreitausend, die -in jenem Kuvert, das dort auf dem Tische bei den Sachbeweisen liegt, von -Fedor Pawlowitsch geraubt worden sind, ich habe sie gestern von -Ssmerdjäkoff erhalten.‘ Sie, meine Herren Geschworenen, Sie erinnern -sich wohl noch des betrübenden Bildes von vorhin. Ich werde die -Einzelheiten hier nicht wieder auffrischen, ich erlaube mir nur ein paar -Einwendungen gegen seine Behauptung zu machen, nur ein paar unbedeutende -– denn diese würden, eben weil sie unbedeutend sind, nicht einem jeden -einfallen, und außerdem vergessen sie sich leicht. Nehmen wir zunächst -einmal an: Ssmerdjäkoff hat gestern, von Gewissensbissen gequält, das -Geld herausgegeben und sich darauf erhängt. (Denn ohne Gewissensbisse -hätte er das Geld nicht herausgegeben.) Selbstverständlich hat er erst -gestern Abend Iwan Karamasoff zum erstenmal seine Schuld eingestanden, -wie dieser ja auch vorhin selbst erklärte. Warum hätte er anderenfalls -bis jetzt darüber geschwiegen? Also Ssmerdjäkoff hat eingestanden – -warum aber hat er denn auf dem hinterlassenen Zettel uns nicht die ganze -Wahrheit enthüllt, da er doch wußte, daß am nächsten Tage der unschuldig -Angeklagte vielleicht verurteilt werden würde? Dieses Geld allein ist -doch noch kein Beweis. Mir und noch zwei anderen Personen hier in diesem -Saal ist zum Beispiel ganz zufällig vor einer Woche eine gewisse -Tatsache bekannt geworden, nämlich, daß Iwan Fedorowitsch Karamasoff -zwei fünfprozentige Bankbillette, jedes von fünftausend Rubel, zusammen -folglich zehntausend Rubel, in die Gouvernementsstadt geschickt hat, um -sie dort einwechseln zu lassen. Ich führe das nur an, um damit zu sagen, -daß ein jeder sich Geld zu einem bestimmten Tage verschaffen kann, und -daß man, wenn man genau dreitausend Rubel herbringt, damit noch nicht -ausschlaggebend beweist, daß dieses Geld dasselbe Geld ist, das einmal -in dem und dem Kasten oder Kuvert gelegen hat. Und dann, wie denn das – -Iwan Karamasoff bleibt, nachdem er eine so wichtige Nachricht von dem -wirklichen Mörder erhalten hat, ruhig zu Haus? Warum hat er es in dem -Falle nicht unverzüglich mitgeteilt? Warum hat er alles bis auf den -nächsten Tag hinausgeschoben? Ich glaube mich berechtigt, meine -Vermutung über diese Frage auszusprechen: schon vor einer Woche hat er -ihm Nahestehenden und auch dem Doktor gestanden, daß er Visionen sehe, -daß er Gestorbenen zu begegnen glaube – kurz, am Vorabend des Ausbruchs -der Krankheit, wahrscheinlich des Wahnsinns, erfährt er plötzlich den -Tod Ssmerdjäkoffs, und er denkt sich sofort folgendes: ‚Der Mann ist -jetzt tot, da kann man die Schuld auf ihn schieben, und auf diese Weise -werde ich den Bruder retten. Geld aber habe ich selbst genug: ich werde -davon Dreitausend nehmen und sagen, daß Ssmerdjäkoff sie mir vor dem -Tode übergeben habe.‘ Sie werden sagen, es sei unehrenhaft, auch nur -gegen einen Toten falsch auszusagen, es sei unehrenhaft, zu lügen, und -wenn es auch zur Rettung des Bruders geschehe und sei folglich von Iwan -Fedorowitsch nicht anzunehmen. Schön. Wie aber, wenn er unbewußt gelogen -hat, wenn er selbst glaubt, daß es so gewesen ist, gerade nachdem er -durch die Nachricht von dem Tode jenes Dieners in seinem Verstande -endgültig gestört worden war? Sie haben ja die Szene vorhin gesehen, Sie -haben gesehen, in welchem Zustande dieser Mensch sich befand. Wohl stand -er aufrecht da und sprach, wo aber war sein Verstand? Und gleich nach -dieser Aussage des irre Redenden folgte die Vorweisung des Dokuments, -des Briefes, den der Angeklagte an Fräulein Werchoffzeff zwei Tage vor -dem Morde geschrieben hat, mit einem so ausführlichen Programm des -Verbrechens. Wozu suchen wir nun noch nach einem anderen Programm und -anderen Verfassern? Die Tat ist ja Wort für Wort nach _diesem_ Programm -geschehen, und zwar hat sie kein anderer ausgeführt als einzig und -allein der Verfasser desselben. Ja, meine Herren Geschworenen, ‚es ist -geschehen, wie es dort geschrieben steht!‘ Nein, er ist nicht -ehrerbietig und ängstlich von dem Fenster fortgelaufen, und dazu noch in -der festen Überzeugung, daß die Geliebte dort bei ihm ist! Nein, das -widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit, das ist absurd. Er ist -eingedrungen und hat der Sache ein Ende gemacht. Wahrscheinlich hat er -in der Gereiztheit erschlagen, in auflodernder Wut, sobald er den -Gegenstand seines Hasses, seinen Nebenbuhler erblickte. Und nachdem er -ihn erschlagen hatte, was vielleicht mit einem einzigen Hieb seiner -Hand, seiner mit der Mörserkeule bewaffneten Hand geschehen sein kann, -und nachdem er sich dann nach einer genauen Untersuchung überzeugt -hatte, daß sie nicht im Hause war, hat er natürlich nicht vergessen, die -Hand unter das Kissen zu schieben und das Geld hervorzuziehen, dessen -Umschlag jetzt hier unter den Sachbeweisstücken auf dem Tisch liegt. Ich -sage das nur, um Sie auf einen, meiner Ansicht nach äußerst -charakteristischen Umstand aufmerksam zu machen. Wäre der Täter ein -geübter Mörder gewesen oder einer, der nur um des Geldes willen -erschlagen hätte, – würde der dann das Kuvert so auf dem Fußboden liegen -gelassen haben, so unbesonnen, so auffallend ein paar Schritt von der -Leiche, wo es später gefunden wurde? Wenn nun Ssmerdjäkoff der Mörder um -des Geldes willen gewesen wäre, – so hätte er doch das ganze Paket -mitgenommen und fortgebracht und sich nicht zuerst noch die Mühe -gegeben, das Paket neben der Leiche seines Opfers zu entsiegeln, da er -ja genau wußte, daß gerade in diesem Kuvert das Geld war – hatte doch -Fedor Pawlowitsch in seiner Gegenwart das Geld hineingeschoben und das -Kuvert versiegelt. Hätte er aber das Paket mit dem Kuvert fortgebracht, -so würde doch jetzt niemand sagen können, ob ein Raub stattgefunden habe -oder nicht? Ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, hätte Ssmerdjäkoff -das Kuvert auf dem Fußboden liegen gelassen? Nein, so konnte nur ein -Mörder handeln, der übermäßig aufgeregt war und daher nicht mehr -überlegte, ein Mörder, der kein Dieb war, der bis dahin noch niemals -gestohlen hatte, und der auch dieses Geld nicht wie ein Dieb ‚stiehlt‘, -sondern wie einer, der _sein Eigentum, das von ihm gestohlen worden ist, -dem Diebe wieder abnimmt_, – denn das war die Auffassung, die Dmitrij -Karamasoff von diesen Dreitausend hatte, und die bei ihm zur ‚fixen -Idee‘ geworden war. Und nun, nachdem er das Paket gefunden hat, das er -früher nie gesehen, reißt er sofort den Umschlag auf, um sich zu -vergewissern, sich zu überzeugen, ob auch wirklich das Geld darin ist, -und dann läuft er, mit dem Gelde in der Tasche, aus dem Hause, ohne auch -nur daran zu denken, daß er das Kuvert dort liegen gelassen hat, das -verhängnisvollste Beweisstück gegen sich. Und das nur deshalb, weil -Karamasoff – und nicht Ssmerdjäkoff – nicht mehr nachdenken, nicht mehr -überlegen konnte! Wie sollte er das auch? Er läuft fort, er hört den -Schrei des ihm nachlaufenden Dieners, der Diener erfaßt ihn, hält ihn -fest und – fällt nieder, getroffen von der messingnen Mörserkeule. Der -Angeklagte springt vom Zaun ‚aus Mitleid‘ zu ihm herab. Stellen Sie sich -das vor, meine Herren, er versichert uns plötzlich, daß er damals aus -Mitleid herabgesprungen sei, um nachzusehen, ob er ihm nicht helfen -könne. Nun frage ich Sie, war der Augenblick etwa danach beschaffen, daß -ein solches Mitleid wahrscheinlich ist? Nein, er sprang nur zu dem einen -Zweck herab: um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seines -Verbrechens tot ist oder noch lebt. Jedes andere Gefühl, jeder andere -Beweggrund wäre unnatürlich! Und beachten Sie es wohl: er müht sich -ernstlich um Grigorij, er wischt ihm das Blut ab, und nachdem er sich -von dessen Leblosigkeit überzeugt zu haben glaubt, läuft er, ganz mit -Blut besudelt, wie sinnlos wieder in das Haus des geliebten Weibes. Wie, -hat er denn nicht daran gedacht, daß er blutig war und man ihn sofort -verhaften könnte? Aber der Angeklagte versichert uns selbst, daß er das -Blut überhaupt nicht bemerkt oder wenigstens nicht weiter beachtet habe. -Und das ist sehr glaubwürdig, das ist sogar sehr möglich, denn so pflegt -es ja meistens in solchen Augenblicken mit Verbrechern zu sein. In dem -einen – höllische Berechnung, im anderen – überhaupt keine -Überlegungskraft. Er aber dachte in jenem Augenblick nur an eines: wo -war _sie_? Das mußte er so schnell wie möglich erfahren, und so läuft er -denn wieder in ihre Wohnung und erfährt dort die unerwartetste, -niederschmetternde Nachricht: sie ist nach Mokroje zu ihrem ‚Früheren, -Alleinberechtigten‘ gefahren!“ - - - IX. - Der Schluß der Rede des Staatsanwalts. Der Gipfel der - Psychologie. Die jagende Troika - -Hippolyt Kirillowitsch hatte augenscheinlich eine bestimmte aufbauende -Methode der Auslegung gewählt, wie das ja schließlich alle nervösen -Redner zu tun pflegen, die absichtlich einen streng abgezirkelten Rahmen -suchen, um sich nicht zu früh hinreißen zu lassen. Hippolyt -Kirillowitsch kam also nun auf den „Früheren und Alleinberechtigten“ zu -sprechen, was er sehr ausführlich tat, und bei welcher Gelegenheit er -noch einige in ihrer Art recht interessante Gedanken aussprach. „Dmitrij -Karamasoff,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „der auf jeden bis zur Raserei -eifersüchtig gewesen war, ergibt sich vor dem ‚Früheren und -Alleinberechtigten‘ widerspruchslos und fast in einem Augenblick seinem -Schicksal. Das ist um so sonderbarer, als er früher dieser neuen Gefahr, -die ihm in der Gestalt des unerwarteten Rivalen drohte, fast überhaupt -keine Beachtung geschenkt hat. Er hatte immer geglaubt, daß es bis dahin -noch weit sei, so weit ... Karamasoff aber lebt nur im Augenblick, in -der Gegenwart. Wahrscheinlich hielt er ihn sogar für eine Fiktion. -Nachdem er aber mit seinem kranken Herzen in einem Nu begriffen hatte, -daß die Geliebte vielleicht gerade deswegen diesen neuen Rivalen -verheimlicht, deswegen auch ihn noch vor ein paar Stunden betrogen hat, -weil dieser neuaufgetauchte Gegner nichts weniger als Phantasie und -Fiktion, sondern für sie alles war, alles, ihre ganze Lebenshoffnung – -nachdem er das im Augenblick begriffen hatte, ergab er sich. Meine -Herren Geschworenen, dieses in der Seele des Angeklagten plötzlich -hervortretende Gefühl kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen ... -Man sollte meinen, daß er unter keinen Umständen dazu fähig gewesen -wäre: doch da machte es sich plötzlich geltend in dem unabweisbaren -Bedürfnis nach Wahrheit, in der Achtung vor der Frau, in der Anerkennung -der Rechte ihres Herzens. Und das wann? – Im Augenblick, da er um -ihretwillen seine Hände mit dem Blute seines Vaters befleckt hatte! Wahr -ist ja auch wieder, daß das vergossene Blut in diesem Augenblick schon -nach Rache schrie, denn er, der seine Seele und sein ganzes Erdenleben -in jenem Augenblick bereits ins Unglück gestürzt hatte, er mußte sich -doch in jenem Augenblick unwillkürlich fragen, was er _jetzt_ war, was -er _jetzt_ noch für sie bedeuten konnte – für sie, die er mehr als seine -Seele liebt –, im Vergleich zu jenem Früheren, der reuevoll zu diesem -Weibe, das von ihm einmal zugrunde gerichtet worden war, mit neuer -Liebe, ehrenhaften Anträgen und dem Gelöbnis, ein neues und nun -glückliches Leben zu beginnen, zurückgekehrt war. Er aber, der -Unglückliche, was konnte er ihr _jetzt_ geben, was ihr noch anbieten? -Karamasoff begriff alles in einem Augenblick, er begriff, daß sein -Verbrechen ihm alle Wege versperrt hatte, und daß er jetzt ein so gut -wie zum Tode verurteilter Verbrecher war, nicht aber ein Mensch, der -noch ein Leben vor sich hat! Dieser Gedanke hat ihn sofort -niedergedrückt und vernichtet. Und so bleibt er denn sofort auf einem -verzweifelten Plane stehen, der ihm bei seinem Karamasoffschen Charakter -nicht anders denn als einziger und fataler Ausweg aus seiner -schrecklichen Lage erscheinen kann. Dieser Ausweg ist: der Selbstmord. -Er läuft nach seinen Pistolen, die er beim Beamten Perchotin versetzt -hat, und zu gleicher Zeit reißt er unterwegs, beim Laufen, sein ganzes -Geld, um dessentwillen er seine Hände in Blut getaucht hat, aus der -Tasche heraus. Oh, Geld braucht er jetzt mehr als alles andere: -Karamasoff stirbt, Karamasoff erschießt sich, und das soll man behalten! -Nicht umsonst sind wir eine poetische Natur, nicht umsonst haben wir -unser Leben verlebt, als wäre es ein Licht, das man von beiden Enden -zugleich brennen lassen kann. ‚Zu ihr, zu ihr – und dort, oh! dort werde -ich ein Fest geben, ein Fest über die ganze Erde hin, wie es noch keines -gegeben hat, damit man es behalte und sich noch lange davon erzähle. -Mitten im wilden Geschrei, bei irrsinnigen Zigeunerliedern und -tänzen -will ich auf ihr Wohl den Becher erheben, will ich das Wohl des -vergötterten Weibes ausbringen, einen Glückwunsch zu ihrem neuen Glück, -und dann – dann falle ich vor ihr nieder und zerschmettere mir vor ihren -Füßen den Schädel und richte mich hin für mein Leben! Dann wird sie -zuweilen an Mitjä Karamasoff denken, dann wird sie sehen, wie Mitjä sie -geliebt hat, oh! und leid wird es ihr um Mitjä tun!‘ Darin liegt viel -Dramatik, viel romantische Begeisterung, viel wilde Karamasoffsche -Zügellosigkeit und viel Karamasoffscher Gefühlstaumel – und dann noch -_etwas anderes_, meine Herren Geschworenen, noch etwas, das in der Seele -schreit, das unermüdlich im Gehirne klopft und sein Herz tödlich -vergiftet. Dieses _etwas_ – das ist das Gewissen, meine Herren -Geschworenen, das ist das Gericht des Gewissens, das ist des Gewissens -unablässiges Nagen! Doch die Pistole wird alles aussöhnen, die Pistole -ist der einzige Ausweg, einen anderen gibt es nicht! Dort aber ... Ich -weiß nicht, ob Karamasoff in jenem Augenblick auch daran gedacht hat, -‚was dort sein wird‘, und ob Karamasoff überhaupt wie Hamlet darüber -nachdenken kann? Nein, meine Herren Geschworenen, dort gibt es Hamlets, -bei uns aber vorläufig noch Karamasoffs!“ - -Hierauf rollte Hippolyt Kirillowitsch bis in alle Einzelheiten das Bild -der von Mitjä getroffenen Anstalten auf, die Szene bei Perchotin, dann -bei Plotnikoffs in der Kolonialwarenhandlung und später mit Andrei. -Hippolyt Kirillowitsch führte eine Menge Worte, Aussprüche, Gesten an, -die alle von Zeugen bestätigt worden waren – und das Bild wirkte -unglaublich auf die Überzeugung der Hörer. Am meisten wirkte die -Geschlossenheit der Tatsachen. Die Schuld dieses fast besinnungslos -hastenden, sich überhaupt nicht mehr in acht nehmenden Menschen trat so -deutlich hervor, daß jeder Zweifel vollkommen ausgeschlossen schien. -„Wozu sollte er sich auch noch in acht nehmen,“ fragte Hippolyt -Kirillowitsch, „zwei- oder dreimal hat er ja seine Schuld beinahe schon -ganz eingestanden, hat sie jedenfalls angedeutet, nur ohne dabei die -Sätze zu Ende zu sprechen.“ (Hier folgten die Aussagen der Zeugen.) „Und -dem Andrei, der ihn nach Mokroje fuhr, hat er unterwegs sogar zugerufen: -‚Weißt du auch, daß du einen Mörder fährst!‘ Ganz aussprechen konnte er -sich aber doch nicht: zuerst mußte man noch nach Mokroje kommen, und -dort erst konnte das Poem beendet werden. Was aber erwartet dort den -Unglücklichen? Fast von dem ersten Augenblicke an sieht er und begreift -er schließlich vollkommen, daß sein ‚unbestrittener‘ Nebenbuhler -durchaus nicht mehr so fest im Sattel sitzt, und daß man von ihm einen -Glückwunsch zu dem neuen Glück überhaupt nicht wünscht. Aber Sie kennen -ja die Tatsachen aus der gerichtlichen Untersuchung. Der Triumph -Karamasoffs über seinen Rivalen wird immer augenscheinlicher, wird -unzweifelhaft, und da – oh, da erhebt sich in seiner Seele eine ganz -neue Qual, und zwar die allerschrecklichste von allen, die seine Seele -je durchlebt hat und jemals durchleben wird! Man kann in diesem Falle -wahrlich sagen, meine Herren Geschworenen,“ rief Hippolyt Kirillowitsch -aus, „daß die beschimpfte Natur und das verbrecherische Herz – -vollständigere Rache geübt haben, als jedes andere irdische Gericht sie -üben könnte! Und nicht nur das: das Gericht und die irdische Strafe -erleichtern sogar die Strafe der Natur, sie sind für die Seele des -Verbrechers eine Linderung, sie sind ihr unentbehrlich: sie sind die -einzige Rettung vor der Verzweiflung. Ich kann mir das Entsetzen und die -seelischen Leiden Karamasoffs nicht einmal vorstellen, die er durchlebt -hat, als er sehen und begreifen mußte, daß sie ihn liebt, daß sie -seinetwegen ihren ‚Früheren und Alleinberechtigten‘ zurückweist, daß sie -ihn, ihn, ‚Mitjä‘, zu sich ruft, und mit ihm ein erneutes Leben beginnen -will, daß sie ihm das ganze Erdenglück zeigt – und zwar wann? In einem -Augenblick, da für ihn schon alles beendet und nichts mehr möglich ist! -Bei der Gelegenheit will ich hier eine für uns sehr wichtige Bemerkung -zur Erklärung des wahren Wesens der damaligen Lage des Angeklagten -machen. Dieses Weib, diese Geliebte war bis zu diesem letzten -Augenblick, bis zu diesem Augenblick der Verhaftung ein für ihn -unerreichbares Glück gewesen, ein leidenschaftlich gewünschtes und -ersehntes, doch unerreichbares Wesen. Aber warum, warum erschießt er -sich nicht sofort, warum schiebt er die Ausführung seiner Absicht -hinaus, warum vergißt er sogar, wo seine Pistole liegt? Weil ihn sein -leidenschaftlicher Liebesdurst und die Hoffnung, ihn schon dort, dort -schon stillen zu können, noch zurückhalten. Im Lärm des Festes sieht er -nur seine Geliebte, die gleichfalls mit ihm trinkt, die ihm schöner und -verführerischer denn je erscheint, – er geht keinen Schritt von ihr -fort, er kann sich nicht sattsehen an ihr, er vergeht vor ihr. Dieser -leidenschaftliche Durst konnte für eine Weile nicht nur die Angst vor -der Verhaftung, sondern selbst die Gewissensbisse verscheuchen! Nur für -eine Weile, oh, nur für einen Augenblick! Ich stelle mir den damaligen -Seelenzustand des Verbrechers in der zweifellos sklavischen Unterordnung -unter drei Elemente vor. Erstens: sein trunkener Zustand, das Toben und -der Lärm, das Gestampfe des Tanzes, der Gesang der Lieder, und sie, sie, -die vom Weine gerötet ist, die gleichfalls singt und tanzt, die trunken -ist und ihm zulächelt! Zweitens: der entfernte ermutigende Gedanke -daran, daß die Schicksalsentscheidung noch weit, weit vor ihm liegt, -oder wenigstens nicht gerade ganz nahe ist – höchstens am anderen Tage, -erst am nächsten Morgen könnte man kommen und ihn festnehmen. Folglich -bleiben einem immer noch ein paar Stunden bis dahin, das aber ist viel, -unglaublich viel! In ein paar Stunden kann man sich vieles ausdenken. -Ich nehme an, daß es ihm ebenso erging, wie es einem Verbrecher ergeht, -der zum Schafott oder zum Galgen geführt wird: noch hat er eine lange, -lange Straße zu durchfahren, und das noch dazu im Schritt, an den -Tausenden des gaffenden Volkes vorüber, darauf wird man in eine andere -Straße einbiegen, und erst am Ende dieser anderen Straße liegt der -furchtbare Platz! Ich glaube, dem auf dem Schinderkarren sitzenden -Verurteilten muß zu Anfang seiner Fahrt zum Richtplatz unbedingt -scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben vor ihm liegt. Aber siehe -da, die Häuser gehen zurück, der Karren zieht an ihnen vorüber – aber -das hat noch nichts zu sagen, oh, bis zur Wegbiegung ist es ja noch so -weit, er blickt immer noch ganz munter nach rechts und nach links und -auf das teilnahmslos neugierige Volk, das mit den Blicken starr an ihm -hängt, und es scheint ihm immer noch, daß er ebenso ein Mensch ist wie -diese anderen. Da aber kommt schon die Biegung in die andere Straße, oh! -das hat noch nichts, nichts zu sagen, es liegt noch eine ganze Straße -vor einem. Und wieviel Häuser auch schon zurückbleiben mögen, er wird -immer noch denken: ‚Es sind ja immer noch viele Häuser vor mir.‘ Und so -geht es weiter bis zum Schluß, bis zum Platz. So ist es auch mit -Karamasoff gewesen, denke ich. ‚Noch hat man dort zu nichts Zeit gehabt, -und Mokroje ist immerhin nicht so nah, noch wird man sich etwas -ausdenken können, oh, noch habe ich Zeit genug, um mir einen -Verteidigungsplan auszudenken, um zu überlegen, wie ich mich da -herausziehen soll, jetzt aber, jetzt – oh, wie wunderschön sie jetzt -ist!‘ Dunkel und unheimlich ist es in seiner Seele, aber es gelingt ihm -doch noch, die Hälfte von seinem Gelde irgendwo zu verstecken – anders -kann ich mir nicht erklären, wo die übrigen Tausendfünfhundert von den -Dreitausend, die er vom Vater unter dem Kissen genommen hat, geblieben -sind. Er ist ja nicht zum erstenmal in Mokroje, er hat dort einmal schon -zwei Tage lang gepraßt. Das alte große hölzerne Haus ist ihm gut -bekannt, er kennt alle Galerien, alle Scheunen und Schuppen. Ich bin -nämlich überzeugt, daß die eine Hälfte des Geldes damals irgendwo -untergebracht worden ist, und zwar gerade in diesem Hause, kurz vor der -Verhaftung, und wahrscheinlich in einer Spalte, in einer Ritze, unter -irgendeinem verfaulten Balken, in einer Ecke vielleicht oder gar unter -dem Dach. Wozu, fragen Sie? Wie, wozu? Die Katastrophe kann jeden -Augenblick hereinbrechen, sofort! Wir haben es uns zwar noch nicht -überlegt, wie wir ihr entgegentreten sollen, und wir haben ja auch noch -keine Zeit dazu, und es klopft in unserem Hirn, und zu ihr, zu _ihr_ -zieht es uns! Nun, das Geld aber – Geld kann man in jeder Lage brauchen. -Ein Mensch mit Geld ist überall ein Mensch. Vielleicht scheint Ihnen -eine solche Überlegungskraft in einem solchen Augenblick unnatürlich? -Aber er selbst beteuert doch, daß er vor einem Monat in einem ebenso -aufregenden und schicksalsschweren Augenblick von Dreitausend die Hälfte -abgezählt und in ein Stück Zeug eingenäht habe, und wenn das auch nicht -wahr ist, was wir sogleich beweisen werden, so ist diese Idee doch -Karamasoff bekannt, und folglich hat er sie irgend einmal schon erwogen. -Und als er später dem Untersuchungsrichter versicherte, daß er vor einem -Monat anderthalb Tausend in das Säckchen (das niemals existiert hat), -eingenäht habe, da hatte er sich diese Geschichte vom Säckchen -vielleicht erst im selben Augenblick ausgedacht, und vielleicht gerade -darum, weil ihm zwei Stunden vorher bei der Abteilung der Hälfte des -Geldes derselbe Gedanke gekommen war, er aber infolge einer glücklichen -Eingebung dann doch vorgezogen hatte, das Geld dort irgendwo im Hause zu -verstecken, wenigstens bis zum Morgen, als es bei sich zu behalten. Zwei -Abgründe, meine Herren Geschworenen! Sie erinnern sich doch noch, daß -Karamasoff beide Abgründe zu erfassen vermag, und beide zu gleicher -Zeit! Wir haben in jenem Hause überall nach dem Gelde gesucht, aber wir -haben nichts gefunden. Vielleicht ist das Geld auch jetzt noch dort, -vielleicht ist es schon am Tage nach der Verhaftung verschwunden und -befindet sich noch jetzt irgendwie im Besitze des Angeklagten. -Jedenfalls ist er neben ihr verhaftet worden, vor ihr kniend: sie lag -auf dem Bett, er hatte zu ihr seine Hände emporgestreckt und hatte in -jenem Augenblick dermaßen alles andere vergessen, daß er nicht einmal -die Ankunft der Obrigkeit und ihren Eintritt ins Zimmer hörte. Er hatte -noch nichts zur Antwort vorbereitet. Er wurde sozusagen in seinem -eigenen Bewußtsein völlig überrascht. - -„Und da steht er nun vor seinen Richtern, die über sein Leben zu -entscheiden haben. Meine Herren Geschworenen, es gibt Augenblicke, in -denen uns bei unserer Pflicht fast Grauen packt vor Mitleid mit dem -Menschen. Furchtbar ist es uns vor dem Menschen und furchtbar für ihn! -Das sind die Augenblicke, in denen einen jenes tierische Entsetzen -ansieht – wenn der Verbrecher schon begreift, daß alles für ihn verloren -ist, doch trotzdem noch kämpft, trotzdem noch mit seinem Richter bis zur -letzten Verzweiflung ringen will. Das sind die Augenblicke, in denen -sich alle Instinkte der Selbsterhaltung plötzlich in ihm erheben, und er -in seiner Lebensangst uns mit durchbohrendem, flehend-bittendem und -leidendem Blick ansieht, wenn er unseren Blick zu erhaschen versucht, -wenn er uns, unser Gesicht, unsere Gedanken erforschen, erraten will, -wenn er wartet, von welcher Seite wir ihn wohl anfassen werden, und er -in seinem erschütterten Gehirn tausend Pläne gebiert, – und doch scheut -er sich, zu sprechen, aus Furcht, sich zu ... versprechen! Diese -erniedrigendsten Augenblicke für die Seele des Menschen, dieser Gang der -Seele durch alle Höllenqualen, dieser Gang durch die Purgatorien, dieser -tierische Trieb der Selbstrettung – sind furchtbar anzusehen! Sie -erschüttern zuweilen selbst den Richter und rufen in ihm tiefes Mitleid -hervor. Dieses ganze Entsetzen haben wir damals gesehen. Ganz zuerst war -er wie betäubt, und im Schreck entschlüpften ihm ein paar Worte, die ihn -stark kompromittieren: ‚Blut! Ich hab’s verdient!‘ waren seine ersten -Worte. Doch er bezwang sich schnell. Was er sagen, was er antworten -sollte – alles das wußte er noch nicht, er hatte noch nichts vorbereitet -– außer der einen ganz allgemeinen Ableugnung: ‚Am Tode meines Vaters -bin ich unschuldig!‘ Das ist vorläufig sein Zaun, dort aber, hinter dem -Zaun, werden wir vielleicht noch etwas arrangieren können: irgendeine -Barrikade vielleicht! Er beeilt sich, indem er unseren Fragen -zuvorkommen will, seinen ersten kompromittierenden Ausrufen einen -anderen Sinn unterzuschieben. Er sagt, daß er sich nur an dem Tode -Grigorijs schuldig erkläre. ‚An diesem Blute trage ich die Schuld, wer -aber hat den Vater erschlagen, meine Herren, wer hat ihn erschlagen? Wer -hat das denn tun können, _wenn nicht ich_?‘ Hören Sie, danach fragt er -_uns_, _uns_, die mit eben dieser Frage zu ihm gekommen sind! Beachten -Sie es, meine Herren, dieses kleine vorauseilende Wort: ‚wenn nicht -ich‘, diese tierische Schlauheit in der Naivität, diese Karamasoffsche -Ungeduld! Nicht ich habe erschlagen, so etwas darf niemand auch nur zu -denken wagen. ‚Ich wollte ihn erschlagen, meine Herren, ich wollte ihn -erschlagen‘, gesteht er schnell ein – oh, er beeilt sich, beeilt sich -ungeheuer – ‚aber trotzdem bin ich unschuldig, nicht ich habe ihn -erschlagen!‘ Er gibt uns also zu, daß er habe erschlagen wollen: Jetzt -seht ihr sozusagen selbst, wie aufrichtig ich bin, nun, dafür aber -glaubt mir jetzt schneller das andere, daß nicht ich erschlagen habe. -Oh, in solchen Fällen kann der Verbrecher zuweilen unglaublich -leichtsinnig und leichtgläubig sein. Und nun plötzlich wird an ihn, ganz -wie zufällig, treuherzig die Frage gestellt: ‚Aber sollte dann nicht -vielleicht Ssmerdjäkoff der Mörder sein?‘ Und es geschah, was wir -erwartet hatten: Es ärgerte ihn maßlos, daß man ihm zuvorkam und so -plötzlich damit überraschte, während er noch nicht Zeit gehabt hatte, -sich vorzubereiten, den Augenblick zu wählen und zu benutzen, wann es am -glaubwürdigsten und für ihn folglich am vorteilhaftesten sein werde, mit -Ssmerdjäkoff herauszurücken. Seiner Natur gemäß warf er sich sofort aufs -äußerste Gegenteil, und er fing an, uns aus allen Kräften davon zu -überzeugen, daß Ssmerdjäkoff nicht habe erschlagen können, daß er zu so -etwas überhaupt nicht fähig sei. Glauben Sie aber seiner scheinbaren -Überzeugung nicht, sie ist nur seine Schlauheit: Er gibt die Idee, -Ssmerdjäkoff auszuspielen, noch längst nicht auf. Im Gegenteil, er wird -ihn schon ausspielen – denn wen sollte er sonst beschuldigen? – Nur wird -er es in einem anderen Augenblick tun, da jetzt die Sache vorläufig -verspielt ist. Vielleicht wird er ihn erst am nächsten Tage anbringen, -oder vielleicht auch erst nach einer Anzahl Tage, in einem günstigen -Augenblick, in dem er uns dann selbst plötzlich zuschreien kann: ‚Sie -wissen doch noch, ich selbst habe ja mehr als Sie die Täterschaft -Ssmerdjäkoffs abgeleugnet und ihn verteidigt, jetzt aber habe auch ich -mich überzeugt, daß er den Mord verübt hat, nur er allein, und wie -sollte er es denn nicht getan haben!‘ Vorläufig aber ergeht er sich in -finsterer und gereizter Verneinung, die Unduldsamkeit und der Zorn -flüstern ihm die ungeschickteste und unwahrscheinlichste Schilderung -ein, wie er in das Fenster des Vaters hineingeblickt habe und -ehrerbietig wieder fortgegangen sei. Das Wichtigste ist, daß er die -ganze Sachlage noch nicht kennt, daß er noch nicht weiß, was der wieder -zu sich gekommene Grigorij ausgesagt hat. Wir gehen zur Besichtigung und -Durchsuchung über. Die Durchsuchung erzürnt, aber ermutigt ihn auch -wieder: Das ganze Geld hat man doch nicht gefunden, sondern nur -tausendfünfhundert Rubel. Und selbstverständlich kommt ihm erst in -diesem Augenblick zornigen Schweigens zum erstenmal im Leben die Idee -von dem _früher_ eingenähten Gelde. Zweifellos fühlt er selbst die ganze -Unwahrscheinlichkeit seiner Erfindung und quält sich, quält sich -entsetzlich, indem er nachdenkt, wie er sie wahrscheinlicher machen -könnte, ob sich die Sache nicht so erklären ließe, daß ein ganz -glaubhafter Roman daraus entstehe. In solchen Fällen ist aber die erste -Bedingung, daß man den Verbrecher überrumpelt, daß man ihn ganz -unverhofft fängt, damit er seine vielversprechenden geheimen Pläne in -der ganzen, sie bloßstellenden Offenherzigkeit darlegt, damit ihre -Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten noch auffallender hervortreten. -Zum Sprechen kann man den Verbrecher nur durch eines zwingen: Durch die -plötzliche und anscheinend unbeabsichtigte Mitteilung irgendeiner neuen -Tatsache, irgendeines besonderen Umstandes, dessen Bedeutung erdrückend -ist, den er aber bis dahin noch gar nicht geahnt und auch überhaupt -nicht vorausgesetzt hat. Eine solche Tatsache hatten wir schon in -Bereitschaft, schon lange in Bereitschaft: Das war die Aussage des -Dieners Grigorij in betreff der offenen Tür, durch die der Angeklagte -aus dem Hause hinausgelaufen ist. Diese Tür hatte er ganz vergessen, und -daß Grigorij sie gesehen haben könnte, daran hatte er nicht einmal -gedacht. Der Effekt war denn auch danach: Er sprang plötzlich auf und -schrie: ‚Ssmerdjäkoff ist es, Ssmerdjäkoff hat es getan!‘ und sofort -kommt er mit seinem geheimen Entwurf heraus, und er gibt ihn in der -aller unwahrscheinlichsten Form zum besten, denn Ssmerdjäkoff hätte den -Alten doch nur dann erschlagen können, nachdem der Angeklagte Grigorij -niedergeschlagen hatte und fortgelaufen war. Als wir ihm aber nun -mitteilten, daß Grigorij die offene Tür zuvor gesehen, und beim -Hinaustreten aus seinem Schlafzimmer Ssmerdjäkoff hinter dem -Bretterverschlage stöhnen gehört habe – da war Karamasoff wie -zerschmettert. Mein Kollege, unser ehrenwerter, scharfsinniger Nikolai -Parfenowitsch, hat mir später eingestanden, daß er ihn in jenem -Augenblick bis zu Tränen bemitleidet habe. Und in diesem Augenblick nun -entschließt er sich, um die Sache wieder gutzumachen: erzählt uns von -dem berühmten Säckchen, in das er das Geld eingenäht, und das er am -Halse auf der Brust getragen haben will –: ‚So mag es denn sein, so -hören Sie denn auch das!‘ Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen -schon gesagt, warum ich diese Erfindung von dem vor einem Monat -eingenähten Gelde nicht nur für eine Anekdote, sondern für die -allerunwahrscheinlichste Dichtung, die man sich im gegebenen Fall nur -denken kann, halte. Ja, selbst wenn man einen Wettbewerb veranstalten -wollte, in diesem Fall etwas noch Unwahrscheinlicheres sich auszudenken, -so würde man gewiß nichts finden, was jene Erklärung in der Beziehung -noch übertrumpfte. In einem solchen Falle kann man den triumphierenden -Romantiker vor allem mittels der Details schlagen, mittels jener selben -Einzelheiten, an denen die Wirklichkeit stets so reich ist, die aber von -diesen unglücklichen und unfreiwilligen Dichtern, eben als völlig -bedeutungslose und unnötige Kleinigkeiten, überhaupt nicht beachtet -werden. Oh, in einem solchen Augenblick ist es ihnen nicht um die -kleinen Einzelheiten zu tun! Ihr Verstand schafft ein grandioses Ganzes, -– und da wagt man es, ihnen mit solchem Kleinzeug zu kommen! Aber gerade -das ist ja die Falle, mit der man sie fängt. Man stellt dem Angeklagten -kurz folgende Frage: ‚Nun, aber wo haben Sie denn das Material zum -Säckchen hergenommen, wer hat denn den Sack genäht?‘ – ‚Ich habe ihn -selbst genäht.‘ – ‚Und von wo haben Sie das Zeug dazu hergenommen?‘ -Dadurch fühlt sich der Angeklagte bereits gekränkt, er glaubt, daß man -sich mit diesem Zeuge über ihn lustig machen wolle, und zwar glaubt er -das im Ernst, im Ernst, sage ich Ihnen! Aber so sind sie ja alle! – ‚Ich -habe von einem meiner Hemden ein Stück abgerissen.‘ – ‚Vortrefflich. -Dann werden wir morgen unter Ihrer Wäsche ein Hemd finden, von dem ein -Stück abgerissen ist.‘ Und bedenken Sie doch nur, meine Herren -Geschworenen, wenn wir nun dieses Hemd gefunden hätten (und wie hätte es -sich denn inzwischen verlieren können, wir hätten es doch sicherlich in -einem Koffer oder in der Kommode gefunden, wenn ein solches Hemd mit -einer abgerissenen Ecke nur jemals auch tatsächlich existiert hätte) – -das aber wäre ein Faktum, ein greifbares Faktum zugunsten des -Angeklagten gewesen, ein, wenn auch schwacher Beweis für die Wahrheit -seiner Aussage! Er aber scheint darauf überhaupt nicht zu verfallen. – -‚Ich erinnere mich nicht mehr, vielleicht riß ich das Zeug auch nicht -vom Hemde ab ... ich glaube, ich nähte das Geld in die Haube der -Hauswirtin ein.‘ – ‚In was für eine Haube?‘ – ‚Ich hatte sie einmal von -ihr fortgeschleppt, sie trieb sich da irgendwo umher, ein alter -Kattunlappen.‘ – ‚Und Sie erinnern sich dessen genau?‘ – ‚Nein, genau -erinnere ich mich dessen nicht ...‘ Und dabei ärgert er sich über alle -Maßen. Indessen, fragt man sich, wie kann er denn das so schnell -vergessen haben? Gerade diese kleinen Nebensächlichkeiten prägen sich -dem Menschen von allen Eindrücken, die er in gleich schrecklichen -Lebensstunden empfängt, am schärfsten ein, und gerade ihrer erinnert er -sich später am deutlichsten. Der Verbrecher, der zum Richtplatz geführt -wird, der vergißt zuweilen alles, ein irgendwo flüchtig bemerktes grünes -Dach aber, oder eine Dohle auf einem Kreuze – die behält er. Als der -Angeklagte dieses Zeugsäckchen für das Geld zusammennähte, da wollte er -doch nicht von den übrigen Hausbewohnern überrascht werden. Er verbarg -sich vor ihnen. So müßte er sich auch noch erinnern, wie er, mit der -Nadel in der Hand, voll Erniedrigung die Angst empfunden hat, es könne -jemand zu ihm hereinkommen, und wie er beim ersten Geräusch -aufgesprungen ist, um sich hinter dem Vorhang zu verstecken ... Doch -wozu rede ich so ausführlich von diesen Nebensachen, dem sogenannten -Kleinkram?“ unterbrach sich plötzlich Hippolyt Kirillowitsch. „Ich tue -es ja nur darum, weil der Angeklagte nach wie vor aufs hartnäckigste auf -dieser abgeschmackten Erfindung besteht, selbst heute noch! Während -dieser ganzen zwei Monate hat der Angeklagte nichts mehr zu erklären -vermocht, seit jener Schicksalsnacht hat er zu seinen früheren -phantastischen Aussagen, die er in derselben Nacht gemacht hat, nichts -mehr hinzugefügt. ‚Alles das sind, sozusagen, nur kleinliche -Nebensachen, glauben Sie mir lieber auf mein Ehrenwort!‘ Oh, wie gern -würden wir glauben, wie würden wir uns freuen, wenn wir daran glauben -könnten, und wäre es auch nur auf das Ehrenwort hin! Sind wir denn etwa -Schakale, die nach Menschenblut dürsten? Geben Sie uns, beweisen Sie uns -nur eine Tatsache zugunsten des Angeklagten, und wir werden uns darüber -freuen, – nur selbstverständlich eine greifbare, reale, nicht nur eine -Folgerung nach dem Gesichtsausdruck des Angeklagten, die noch dazu -dessen leiblicher Bruder macht, oder so eine Behauptung, daß er, als er -sich mit der Hand auf die Brust schlug, damit unbedingt auf das -Geldsäckchen habe weisen wollen, und das noch dazu in der Dunkelheit. -Wir werden uns von Herzen darüber freuen, ich werde der erste sein, der -die Anklage zurückzieht, ich werde mich beeilen, meine Anklage -zurückzuziehen. Jetzt jedoch fordert die Gerechtigkeit, daß sie -befriedigt werde, und ich bestehe darauf, daß es geschehe, denn wir -können kein Wort von dem Gesagten zurücknehmen.“ Hippolyt Kirillowitsch -ging darauf zum Schluß über. Er war wie im Fieber, er schrie nach Sühne -für das vergossene Blut, für das Blut des Vaters, den der Sohn -erschlagen hatte, um ihn „in der niedrigsten Weise zu berauben“. Er wies -unerbittlich auf das tragische und verhängnisvolle Zusammentreffen der -Tatsachen hin. „Und was Sie auch von dem Verteidiger des Angeklagten, -dessen Talent weit bekannt ist, hören mögen“ (Hippolyt Kirillowitsch -konnte sich diese Bemerkung doch nicht verbeißen), „ja, wie beredte und -rührende Worte hier auch ertönen mögen, die es auf Ihre Sentimentalität -abgesehen haben, so vergessen Sie doch nicht, daß Sie sich in diesem -Augenblick im Heiligtum unserer Gerechtigkeit befinden. Vergessen Sie -nicht, daß Sie die Verteidiger unserer Wahrheit sind, die Verteidiger -unseres heiligen Rußland, die Verteidiger seiner Grundfesten, seiner -Familie und alles Heiligen in ihm! Ja, in diesem Augenblick vertreten -Sie ganz Rußland, und Ihr Urteil wird nicht nur hier in diesem Saale -erschallen, nein, über ganz Rußland hin wird es erklingen, und ganz -Rußland wird Ihre Worte vernehmen, wie die Worte seiner Verteidiger und -Richter, und es wird durch Ihren Urteilsspruch entweder ermutigt oder -niedergebeugt werden. Peinigen Sie unser Rußland nicht, meine Herren -Geschworenen, enttäuschen Sie nicht seine Erwartungen! Die Troika -unseres Schicksals jagt dahin – vielleicht kopfüber ins Verderben. Schon -lange streckt man in ganz Rußland die Hände empor, der rasenden Troika -entgegen, und man ruft alle auf, um die besessene, irrsinnige, -schonungslose Jagd aufzuhalten. Und wenn die anderen Völker bisher noch -vor dem blindlings daherjagenden Dreigespann zur Seite getreten sind, so -haben sie das vielleicht durchaus nicht aus Ehrerbietung getan, wie es -der große Dichter wünschte, sondern einfach aus Entsetzen – das sollte -man sich merken. Aus Entsetzen, vielleicht aber auch aus Ekel vor ihr. -Und es ist noch gut, daß sie sich abwenden, was aber dann, wenn sie -aufhören, beiseite zu treten, sich vielmehr plötzlich wie eine feste -Mauer vor der jagenden Erscheinung erheben, um selbst der wahnsinnigen, -wilden Jagd unserer Zügellosigkeit Einhalt zu tun, um sich selbst, die -ganze Aufklärung und die ganze Zivilisation zu retten! Ja, solche -erregte Stimmen aus Europa haben auch wir schon vernommen. Schon -beginnen sie zu ertönen. Verlocken Sie sie nicht zur Tat, fordern Sie -sie nicht heraus, indem Sie den Mord des Vaters durch den leiblichen -Sohn gutheißen!“ ... - -Zwar hatte Hippolyt Kirillowitsch sich schon zuvor nicht wenig hinreißen -lassen. Nun schloß er in dieser Weise mit dem höchsten Pathos – und, in -der Tat, der Eindruck, den seine Rede hinterließ, war wirklich -außerordentlich. Er selbst aber ging, kaum daß er sie beendet hatte, -eiligst hinaus und, wie gesagt, im anderen Zimmer soll er beinahe in -Ohnmacht gefallen sein. Das Publikum klatschte nicht Beifall, aber die -ernsten Leute waren befriedigt. Nur die Damen waren es weniger, doch -hatte schließlich auch ihnen seine Beredtsamkeit gefallen, um so mehr, -als sie an dem Endergebnis noch immer nicht zweifelten und von -Fetjukowitsch alles erwarteten: „Zum Schluß wird er das Wort ergreifen -und dann selbstverständlich alle besiegen!“ - -Zunächst wandten sich alle Blicke zu Mitjä, und man beobachtete ihn -neugierig. Während der ganzen Rede des Staatsanwalts hatte er stumm -dagesessen, die Arme gekreuzt, die Zähne zusammengebissen, den Blick zu -Boden gesenkt. Nur ein paarmal hatte er den Kopf ein wenig erhoben und -aufgehorcht. Besonders als von Gruschenka die Rede gewesen war. Als der -Staatsanwalt Rakitins Ausspruch über sie zitiert hatte, war auf Mitjäs -Lippen ein verächtliches Lächeln erschienen, und er hatte ziemlich -hörbar gesagt: „_Ce Bernard!_“ Als aber Hippolyt Kirillowitsch darauf zu -sprechen gekommen war, wie er ihn in Mokroje ausgefragt und gequält -hatte, da hatte Mitjä plötzlich den Kopf erhoben und mit höchster -Aufmerksamkeit zugehört. An einer Stelle der Rede hatte es fast -geschienen, daß er sofort aufspringen und etwas dazwischenschreien -würde, doch hatte er sich bezwungen und nur einmal verächtlich mit der -Achsel gezuckt. Über diesen Schlußteil der Anklagerede, besonders über -die Leistung des Staatsanwalts beim ersten Verhör in Mokroje, wurde -später viel in unserer Gesellschaft gesprochen und bei der Gelegenheit -auch über Hippolyt Kirillowitsch gelacht: „Der gute Mann konnte doch -seine Fähigkeiten nicht mit Stillschweigen übergehen,“ hieß es da, -„sonst wird man ja so leicht unterschätzt!“ - -Die Sitzung wurde unterbrochen, aber nur auf eine sehr kurze Zeit, auf -fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten. Im Publikum unterhielt man sich -währenddessen, und es wurden verschiedene Meinungen geäußert. Einige von -ihnen habe ich behalten. - -„Hm, eine ernste Rede,“ bemerkte mit krauser Stirn ein Herr in einer -Gruppe neben mir. - -„An Psychologie hat er ein gehöriges Quantum verpufft,“ meinte eine -andere Stimme. - -„Ja, aber es ist doch alles wahr, was er gesagt hat, unantastbare -Wahrheit!“ - -„Ja, darin ist er Meister.“ - -„Er hat das Fazit gezogen.“ - -„Auch für uns, auch für uns hat er das Fazit gezogen!“ ließ sich eine -dritte Stimme vernehmen. „Erinnern Sie sich noch, wie er zu Anfang der -Rede sagte, daß alle so seien wie Fedor Pawlowitsch!“ - -„Und zum Schluß sagte er es noch einmal. Nur braucht es deshalb noch -nicht wahr zu sein.“ - -„Und stellenweise war er auch etwas unklar.“ - -„Bißchen hitzig.“ - -„Aber es war doch ungerecht, wenn man’s genau nimmt, das war es schon.“ - -„Na, wissen Sie, das kann man schließlich doch nicht so sagen, er hat’s -immerhin geschickt gemacht. Lange genug hat der Mann gewartet, jetzt hat -er endlich mal die Gelegenheit gehabt, sich auszusprechen, hehe!“ - -„Wer weiß, was der Verteidiger sagen wird.“ - -In einer anderen Gruppe: - -„Aber den Petersburger konnte er doch nicht ungeschoren lassen, nur war -die Bemerkung ganz überflüssig: ‚Die es auf Ihre Sentimentalität -abgesehen haben,‘ wissen Sie noch, kurz vor dem Schluß?“ - -„Ja, das war etwas ungeschickt.“ - -„Hatte es zu eilig.“ - -„Ein nervöser Mensch.“ - -„Ja ja, wir haben gut lachen, wie aber muß dem Angeklagten zumute sein?“ - -„Das ist schon wahr, wie mag es in Mitjenka aussehen!“ - -„Was meinen Sie, was wird der Verteidiger sagen?“ - -In einer dritten Gruppe: - -„Was ist das da für eine Dame, diese mit dem Lorgnon, die dicke, die an -der Ecke sitzt?“ - -„Das ist eine Generalin, eine geschiedene Frau, ich kenne sie.“ - -„Na ja, da geht’s natürlich nicht mehr ohne Lorgnon.“ - -„Altes Gerümpel.“ - -„Das finde ich nicht, scheint sogar ganz pikant zu sein.“ - -„Neben ihr, zwei Plätze weiter, sitzt eine Blondine, die ist besser.“ - -„Aber das haben sie doch geschickt gemacht, wie sie ihn in Mokroje -geklappt haben, nicht?“ - -„Ja, das läßt sich nicht leugnen. Darum hat er es auch hier wieder -erzählt. Und wievielmal hat er es dabei schon bei seinen Bekannten zum -besten gegeben!“ - -„Und auch jetzt mußte es wieder herhalten. Nichts als Eigenliebe!“ - -„Ein gekränkter Mensch, hehe!“ - -„Und der sich dazu noch sehr leicht gekränkt fühlt. Viel Rhetorik, lange -Phrasen.“ - -„Und dann will er uns schrecken, das nicht zu vergessen, will uns Angst -machen. Zum Beispiel, was er da von der Troika sagte, Sie wissen doch -noch? ‚Dort gibt es Hamlets, bei uns aber gibt es vorläufig noch -Karamasoffs!‘ An sich war es ja ganz treffend.“ - -„Das hat er aus Berechnung gesagt, für die Liberalen natürlich. Der Kerl -fürchtet sich!“ - -„Und auch den Advokaten fürchtet er.“ - -„Ja, weiß Gott, was Fetjukowitsch sagen wird!“ - -„Nun, was er auch sagen sollte, unsere Bauernköppe wird er doch nicht -unter den Tisch reden.“ - -„Sie glauben?“ - -In einer vierten Gruppe: - -„Was er da von der Troika sagte, war gut. – Du weißt doch noch, als er -von den Völkern sprach, daß sie nicht warten würden.“ - -„Wieso?“ - -„Nun, im englischen Parlament ist schon in der vorigen Woche wegen der -Nihilisten ein Mitglied aufgestanden und hat die Minister gefragt, ob es -nicht Zeit wäre, in die Vorgänge der barbarischen Nation einzugreifen -und ihr Bildung beizubringen – das heißt also: uns. Darauf hat Hippolyt -angespielt, ich weiß es genau, daß er das gemeint hat. Noch in der -vorigen Woche sprach er davon.“ - -„Hoho! Noch hat der Fuchs den Braten nicht!“ - -„Welchen Braten? Wieso noch nicht?“ - -„Was dann, wenn wir ihnen Kronstadt vor der Nase abschließen und ihnen -kein Korn geben – wo wollen sie es dann hernehmen?“ - -„Aber aus Amerika! Jetzt nehmen sie alles aus Amerika!“ - -„Red keinen Unsinn!“ - -Da ertönte die Glocke, und alles stürzte zu den Plätzen. Fetjukowitsch -bestieg die Tribüne. - - - X. - Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei Enden - -Alles war verstummt, als die ersten Worte des berühmten Redners -erklangen. Alle Blicke hingen wie gebannt an ihm. Er begann ganz ohne -Umschweife, einfach und überzeugt, ohne die geringste Anmaßung, ohne den -geringsten Ansatz zu Schönrederei, zu überschwenglichen Tönen oder -gefühlvollen Worten. Er sprach wie ein Mensch, der im engen Kreise -mitfühlender Freunde das Wort ergriffen hat. Sein Organ war wundervoll, -tragend und angenehm, und es schien, daß in dieser Stimme sogar etwas -Aufrichtiges und Treuherziges durchklang. Doch schon nach den ersten -Sätzen fühlten alle, daß der Redner sich ganz plötzlich auch zu wahrem -Pathos emporschwingen und „mit ungeahnter Kraft die Herzen treffen -konnte“. Er sprach vielleicht weniger regelrecht als Hippolyt -Kirillowitsch, vielleicht sogar grammatikalisch nicht ganz korrekt, -dafür aber auch nicht in so langen Sätzen und eigentlich sogar -treffender. Nur eines mißfiel anfänglich den Damen: er krümmte immer so -absonderlich seinen Rücken, namentlich zu Anfang seiner Rede; nicht, als -hätte er sich verbeugt, sondern als wenn er zu seinen Zuhörern -hinstrebte, wobei er immer nur die obere Hälfte seines langen Rückens -nach vorn bog, ganz als wäre in der Mitte dieses langen, schmalen -Rückens ein Gelenk angebracht gewesen, so daß das Rückgrat sich fast -unter einem rechten Winkel biegen konnte. Zu Anfang seiner Rede sprach -er wie gehackt, die Sätze ohne inneren Zusammenhang, scheinbar plan- und -systemlos, indem er die Tatsachen, wie sie ihm in den Sinn kamen, -aufgriff – aber zu guter Letzt entstand doch ein abgerundetes Ganzes. -Seine Rede könnte man in zwei Hälften einteilen: die erste Hälfte war -die Kritik, die Widerlegung der Anklage – nicht ohne boshafte und -sarkastische Bemerkungen –, in der zweiten Hälfte dagegen änderte er -plötzlich seinen Ton und sogar sein ganzes Verfahren: da erhob er sich -zu jenem Pathos, von dem ich schon sprach, so daß der Saal, der darauf -nur gewartet zu haben schien, wie vor Begeisterung erbebte. – Er trat -sogleich an die Sache heran und begann damit, daß das Feld seiner -Tätigkeit eigentlich in Petersburg sei; doch geschehe es deshalb nicht -zum ersten Male, daß er dem Ruf in eine andere Stadt folge, um einen -Angeklagten zu verteidigen; er tue dies jedoch immer nur dann, wenn er -entweder von der Unschuld des Betreffenden überzeugt sei oder dieselbe -im voraus als mindestens sehr wahrscheinlich annehmen zu dürfen glaube. -„Dasselbe war auch diesmal der Fall. Schon aus den ersten -Zeitungsnachrichten las ich etwas heraus, das mir sehr zugunsten des -Angeklagten auffiel. Mit einem Wort, mich interessierte zuerst und vor -allen Dingen eine bestimmte juristische Tatsache, die sich in der -Gerichtspraxis allerdings häufig wiederholt, doch noch niemals, wie mir -scheint, mit so charakteristischen Besonderheiten zutage getreten ist, -wie gerade im vorliegenden Fall. Diese Tatsache müßte ich eigentlich -erst zu Ende meiner Rede hinstellen, wenn ich alles Gesagte -zusammenfasse, doch werde ich den betreffenden Gedanken schon zu Anfang -meiner Rede aussprechen, denn es ist nun einmal meine Schwäche, den -Gegenstand mit geradem Griff anzufassen, ohne ihn zuerst mit Winkelzügen -zu umkreisen, ohne Effekte vorzubereiten und etwa die großen Eindrücke -für den Schluß aufzusparen. Das ist vielleicht unklug von mir, doch -dafür ist es offenherzig. Dieser mein Hauptgedanke nun, diese meine -Formel geht dahin: Es gibt eine erdrückende Menge von Beweisen, die alle -gegen den Angeklagten zeugen, und zu gleicher Zeit gibt es keinen -einzigen Beweis, der der Kritik wirklich standhält, sobald man ihn -einzeln, an und für sich, betrachtet. Als ich die Nachrichten und -Gerüchte über diesen Mord in den Zeitungen weiter verfolgte, fand ich -mich immer mehr in meiner Ansicht bestärkt – und da erhielt ich denn -plötzlich von den Verwandten des Angeklagten die Aufforderung, seine -Verteidigung zu übernehmen. Ich reiste natürlich sofort hierher und -überzeugte mich hier endgültig von der Richtigkeit meiner Annahme. Ja, -und so habe ich denn, um diese gefahrvolle Verkettung von Tatsachen zu -zerstören und die Unbewiesenheit und das Phantastische jeder einzelnen -anklagenden Tatsache klarzulegen, in diesem Prozeß die Verteidigung -übernommen.“ - -Mit dieser Erklärung begann der Verteidiger und fuhr dann fort, wie -folgt: - -„Meine Herren Geschworenen, ich bin als Fremder hierhergekommen. Ich -habe alle Eindrücke unvoreingenommen empfangen. Der Angeklagte, ein -wilder, zügelloser Charakter, hatte mich vorher nicht beleidigt, wie er -vielleicht Hunderte hier in der Stadt beleidigt hat, weswegen denn viele -im voraus gegen ihn gestimmt sein mögen. Gewiß sehe auch ich ein, daß -das sittliche Gefühl der hiesigen Gesellschaft sich mit Recht empört -hat: Der Angeklagte ist kein ruhig lebender, kein sich mäßigender -Mensch. Dessen ungeachtet hat ihn die hiesige Gesellschaft bereitwillig -empfangen, und selbst im Hause des verehrten Anklägers hat er -freundliche Aufnahme gefunden.“ (Bei diesen Worten ertönte leises -Lachen, allerdings nur von ein paar Personen, die es außerdem noch -schnell unterdrückten – doch hatten es alle gehört: man wußte in der -ganzen Stadt, daß Hippolyt Kirillowitsch Mitjä nur gegen seinen Willen -in seinem Hause empfangen hatte, und zwar nur aus dem einen Grunde, weil -jener seiner Frau interessant erschienen war; seine Frau war eine höchst -tugendhafte, wohltätige und achtbare Dame; nur war sie im Grunde ihres -Wesens phantastisch, war das, was man originell nennt; und in gewissen -Fällen, vornehmlich in Kleinigkeiten, widersetzte sie sich gern ihrem -Gemahl; übrigens war Mitjä nur sehr selten bei ihnen gewesen.) -„Nichtsdestoweniger wage ich anzunehmen,“ fuhr der Verteidiger fort, -„daß selbst bei einem so unabhängigen Geiste und gerecht urteilenden -Charakter, wie sie mein verehrter Widersacher besitzt, sich ein gewisses -nicht zutreffendes Vorurteil gegen meinen unglücklichen Klienten -herausgebildet hat. Und das ist ja auch nur zu natürlich. Der -Unglückliche hat gar zu sehr verdient, daß man gegen ihn ein ungünstiges -Vorurteil faßte. Das beleidigte sittliche und mehr noch, das ästhetische -Gefühl pflegt mitunter unerbittlich zu sein. Gewiß haben wir in der -ausgezeichneten Anklagerede eine strenge Analyse des Charakters und der -Taten des Angeklagten vernommen; es lag darin ein streng kritisches -Verhalten zur Sache, und vor allem wurden psychologische Tiefen vor uns -aufgetan, um uns das Wesen der Sache zu erklären, in die einzudringen -bei dem geringsten absichtlich und böswillig vorurteilsvollen Verhalten -zur Person des Angeklagten für den Ankläger unmöglich gewesen wäre! Aber -es gibt Dinge, die in ähnlichen Fällen sogar schlimmer, sogar -verderblicher sind, als selbst eine absichtlich vorgefaßte Gehässigkeit -im Verhalten zur Sache. Das geschieht, wenn uns zum Beispiel ein -gewisses, sagen wir künstlerisches Spiel verlockt, oder das Bedürfnis -nach künstlerischem Schaffen, sozusagen das Bedürfnis, einen Fall zu -einem ganzen Roman auszuspinnen, besonders wenn Gott uns noch mit -reichen psychologischen Gaben ausgestattet hat. Schon in Petersburg, als -ich mich anschickte, hierher zu fahren, machte man mich darauf -aufmerksam – was ich freilich schon wußte –, daß ich hier als -Widersacher einen tiefen und feinen Psychologen antreffen werde, der -sich schon des längeren durch seine Fähigkeiten einen besonderen Ruf in -unserer noch jungen juristischen Welt erworben hat. Nur ist die -Psychologie, meine Herren, zwar ein tiefes Ding, doch gleicht sie nicht -wenig – einem Stocke mit zwei Enden.“ (Leises Gelächter im Publikum.) -„Sie werden mir gewiß meinen trivialen Vergleich verzeihen. Ich rechne -mich selbst nicht zu den Meistern der Redekunst. Allein ich will ein -Beispiel anführen – das erste beste, das mir aus der Anklagerede -einfällt: Der Angeklagte klettert nachts, auf der Flucht aus dem Garten, -über den Zaun und streckt mit einem Schlage – er hatte eine kleine -Mörserkeule in der Hand – den alten Diener, der ihn am Bein festhält, zu -Boden. Darauf springt er sofort in den Garten zurück und müht sich -während ganzer fünf Minuten um den Verletzten, weil er feststellen will, -ob er ihn erschlagen hat, oder ob der Alte noch lebt. Nun will der -Ankläger um keinen Preis an die Wahrheit der Aussage des Angeklagten -glauben, daß er aus _Mitleid_ zum alten Grigorij herabgesprungen sei. -‚Nein,‘ meint er, ‚in solch einem Augenblick kann man nicht so -zartfühlend sein, das ist ganz ausgeschlossen, das wäre gar zu -unnatürlich; er ist nur zu dem einen Zweck wieder hinabgesprungen, um -sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seiner Tat tot oder lebendig -ist – folglich haben wir hier den besten Beweis dafür, daß er das -Verbrechen verübt hat, da er aus keinem einzigen anderen Grunde, Drange -oder Gefühle in den Garten zurückspringen konnte.‘ Das ist Psychologie. -Doch nehmen wir jetzt dieselbe Psychologie, und wenden wir sie -gleichfalls an, nur mit dem Unterschiede, daß wir sie am anderen Ende -anfassen, und wie wir sehen werden, ergibt sich dann sofort etwas nicht -weniger Wahrscheinliches. Der Mörder springt aus Vorsicht hinab, um sich -zu überzeugen, ob der Zeuge tot oder lebendig ist, indessen hat er -soeben erst im Zimmer seines von ihm erschlagenen Vaters, wie der Herr -Ankläger selbst bezeugt, einen anderen ungeheuer wichtigen Zeugen -hinterlassen, nämlich das zerrissene Kuvert, auf dem geschrieben steht, -daß es einmal dreitausend Rubel enthalten hat. ‚Hätte er dieses Kuvert -mitgenommen, so würde jetzt niemand in der ganzen Welt wissen, daß -dieses Geldpaket vorhanden gewesen ist – und folglich auch niemand, daß -ein _Raubmord_ stattgefunden hat.‘ Ich zitiere den Ausspruch des -Anklägers. Also ganz hat seine Überlegungskraft nicht ausgereicht, wie -wir sehen: der Mensch hat den Kopf verloren, hat Angst bekommen und ist -fortgelaufen, und hat sogar ein solches Beweisstück gegen sich auf dem -Fußboden hinterlassen! Nachdem er aber zwei Minuten später noch einen -zweiten Menschen erschlagen hat, stellt sich bei ihm sofort wie auf -Wunsch die herzloseste und berechnendste Überlegungskraft und Vorsicht -ein. Doch gut, gesetzt, daß es so gewesen ist, – gerade darin soll ja -die größte Feinheit der Psychologie bestehen, daß man unter solchen -Umständen blutdürstig und scharfsichtig wie ein kaukasischer Adler ist, -im nächsten Augenblick dagegen blind und schüchtern wie ein gewöhnlicher -Maulwurf. Aber wenn ich nun schon einmal so blutdürstig und grausam -berechnend bin, daß ich nach dem Totschlage nur zu dem Zweck -hinabspringe, um nachzusehen, ob der Zeuge meines Verbrechens tot oder -lebendig ist, so fragt sich doch, denke ich, wozu ich mich mit diesem -neuen, meinem zweiten Opfer ganze fünf Minuten lang abmühen sollte, -wobei ich nur riskiere, mir noch andere Zeugen auf den Hals zu ziehen? -Wozu sollte ich dann mit meinem Taschentuch dem Alten das Blut vom -Gesichte abwischen, wenn nicht ausdrücklich zu dem einen Zweck, daß -dieses Taschentuch später ein schweres Beweisstück gegen mich werden -kann? Nein, wenn ich schon einmal so berechnend und grausam bin, sollte -es dann nicht besser sein, den niedergeworfenen Diener mit derselben -Mörserkeule noch einmal und noch einmal auf den Kopf zu schlagen, ihn -endgültig zu erschlagen, um auf diese Weise, indem ich den einzigen -Zeugen töte, das Herz von jeder Sorge zu befreien? Und schließlich, ich -springe hinab, um zu sehen, ob der gefährliche Zeuge lebendig oder tot -ist, und hinterlasse bei der Gelegenheit sofort einen anderen Zeugen, -nämlich diese selbe Mörserkeule, die ich in Gegenwart zweier Frauen -ergriffen habe, die alle beide jederzeit diesen Gegenstand -wiedererkennen und aussagen können, daß _ich_ ihn aus ihrer Küche -mitgenommen habe und folglich wohl auch der Mörder sein werde. Und nicht -etwa, daß ich sie dort im Garten vergessen oder in der Zerstreutheit aus -der Hand habe fallen lassen! Nein, ich habe meine Waffe ausdrücklich -fortgeworfen, denn man hat sie etwa fünfzehn Schritt von der Stelle, wo -Grigorij hingefallen war, aufgefunden. Jetzt fragt sich doch, weshalb -hat der Angeklagte das getan? Und dafür gibt es nur eine Erklärung: nur -deshalb, weil es ihm bitter leid tat, einen Menschen erschlagen zu -haben, einen alten Diener. Jawohl: deshalb, und nur deshalb hat er im -Ärger mit einer Verwünschung die Mörserkeule fortgeschleudert, da sie -eben die Waffe war, mit der er den Menschen getötet hatte. Anders kann -es überhaupt nicht gewesen sein. Warum hätte er sie sonst mit solcher -Wut so weit fortschleudern sollen, und nicht etwa ins Gebüsch, sondern -zur Rasenfläche hin, wo sie dann noch auf die sichtbarste Stelle, -nämlich auf den Kiesweg, gefallen ist! Wenn er aber Schmerz und Leid -darüber empfinden konnte, daß er einen Menschen erschlagen hatte, nun, -so empfand er diesen Schmerz und dieses Leid eben nur deshalb, weil er -den Vater nicht erschlagen hatte. Hätte er vorher schon den Vater -erschlagen, so wäre er nicht aus Mitleid zu dem anderen Verletzten -hinabgesprungen – dann hätte er bereits ganz andere Gefühle gehabt, dann -wäre es ihm nicht mehr um andere zu tun gewesen und um Mitleid mit -ihnen, sondern um ihn selbst, und darum, daß er sich rettete. Und so ist -es auch gewesen. Anderenfalls hätte er, wie gesagt, Grigorijs Schädel -endgültig eingeschlagen und hätte sich nicht ganze fünf Minuten um ihn -gemüht. Mitleid und das Verlangen, ihm zu helfen, konnten nur darum in -seinem Herzen zu Wort kommen, weil sein Gewissen noch rein war. Das ist -auch Psychologie. Aber wir kommen mit ihr zu einem etwas anderen -Ergebnis. Ich habe absichtlich, meine Herren Geschworenen, die -Psychologie zu Hilfe genommen, um an diesem Beispiel anschaulich zu -beweisen, daß man mit ihr jeden beliebigen Schluß ziehen kann. Es kommt -dabei nur darauf an, in wessen Händen sie sich befindet. Ja, die -Psychologie kann selbst die ernstesten Männer verleiten, Romane zu -dichten, mag es auch ganz unfreiwillig geschehen. Ich betone: ich rede -nur von der überflüssigen Psychologie, meine Herren Geschworenen, von -dem gewissen Mißbrauch, der mit ihr zuweilen getrieben wird.“ - -Hier hörte man wieder von ein paar Seiten leises beifälliges Lachen, das -natürlich an die Adresse des Staatsanwalts ging. Ich werde nicht die -ganze Rede des Verteidigers wiedergeben, sondern nur einige Stellen, die -von den Hauptpunkten handelten. - - - XI. - Kein Geld. Keine Beraubung - -Es gab in der Rede des Verteidigers einen Punkt, der alle in Erstaunen -setzte, nämlich – die vollständige Ableugnung der Tatsache, daß die -verhängnisvollen Dreitausend überhaupt existiert hätten, und die -Schlußfolgerung daraus, daß mithin die Möglichkeit einer Beraubung -überhaupt ausgeschlossen sei. - -„Meine Herren Geschworenen,“ hub der Verteidiger wieder an, „im -vorliegenden Fall setzt jeden unvoreingenommenen Menschen sofort eine -charakteristische Besonderheit in Erstaunen, nämlich: daß der Angeklagte -eines Raubmordes beschuldigt wird, wir aber zu gleicher Zeit vor der -vollständigen Unmöglichkeit stehen, beweisen zu können, was nun -eigentlich geraubt worden ist. Geld, sagt man, sei geraubt, dreitausend -Rubel – aber haben diese denn je in Wirklichkeit existiert? Das weiß -niemand. Überlegen Sie sich: erstens, woher wissen wir, daß es -dreitausend waren, und wer hat sie gesehen? Sie wirklich gesehen und -darauf hingewiesen, daß sie in einem Kuvert mit einer Aufschrift lagen, -hat nur der Diener Ssmerdjäkoff. Und nur er allein hat schon vor der -Katastrophe dem Angeklagten, sowie dessen Bruder Iwan Fedorowitsch, -davon Mitteilung gemacht. Auch Fräulein Sswetlowa war davon -unterrichtet. Indessen haben diese drei Personen das Geld nicht gesehen, -gesehen hat es wiederum nur Ssmerdjäkoff – und da stellt sich doch von -selbst die Frage: wenn es wahr ist, daß diese Dreitausend existiert -haben und Ssmerdjäkoff sie gesehen hat, wann hat er sie dann zum -letztenmal gesehen? Wie, wenn der alte Herr sie von dort – sie sollen ja -unter dem Kopfkissen gelegen haben – fortgenommen und sie wieder in die -Schatulle zurückgelegt hat, ohne es ihm zu sagen? Beachten Sie wohl, -nach den Worten Ssmerdjäkoffs lag das Geld im Bett, sogar unter dem -Federbett; der Angeklagte hätte es also unter dem Federbett hervorziehen -müssen. Indessen war das Bett ganz unberührt, was ausdrücklich im -Protokoll bemerkt worden ist. Wie konnte es nun wohl möglich sein, daß -der Angeklagte das Bett gar nicht durchwühlt und dazu noch mit seinen -blutigen Händen die frische, feine Bettwäsche, die eigens zu diesem -Abend aufgedeckt worden war, nicht beschmutzt haben soll? Darauf sagt -man uns: aber das Kuvert lag doch auf dem Fußboden! Gerade von diesem -Kuvert lohnt es sich, etwas mehr zu reden. Vorhin bin ich nicht wenig -erstaunt gewesen: als der verehrte Ankläger von diesem Kuvert sprach, -erklärte er plötzlich selbst – beachten Sie dies wohl, meine Herren – -erklärte er selbst in seiner Rede an der Stelle, wo er darauf hinwies, -daß es eine Abgeschmacktheit sei, Ssmerdjäkoff des Mordes auch nur zu -verdächtigen: ‚Wenn dieses Kuvert nicht dagewesen, nicht als Beweisstück -liegen geblieben wäre, wenn der Mörder es mitgenommen hätte, so hätte -niemand in der ganzen Welt je erfahren, daß ein solches Geldpaket -existiert hat, und daß das Geld von dem Angeklagten gestohlen worden -ist.‘ Also nur dieses zerrissene Stück Papier mit der Aufschrift hat -nach dem Bekenntnis des Anklägers selbst die Beschuldigung des -Angeklagten, einen Raubmord verübt zu haben, veranlaßt, ‚denn sonst -hätte niemand gewußt, daß ein Diebstahl stattgefunden, und daß dieses -Geld wirklich existiert hat.‘ Genügt es denn wirklich, dieses Stück -Papier auf dem Fußboden, ist das denn wirklich ein Beweis, daß in ihm -Geld gelegen, und daß dieses Geld wiederum gestohlen worden ist? ‚Aber -Ssmerdjäkoff hat doch in diesem Kuvert das Geld gesehen,‘ wird uns -gesagt. Wann aber, _wann_ hat er es zum letztenmal gesehen, das ist es, -was ich frage? Ich habe mit Ssmerdjäkoff darüber gesprochen, und er hat -mir gesagt, daß er es zwei Tage vor der Katastrophe noch gesehen habe. -Warum aber kann ich zum Beispiel nicht annehmen, daß dem alten Fedor -Pawlowitsch eingefallen ist, als er ganz allein in seinem Hause -eingeschlossen war, in ungeduldiger, erregter Erwartung seiner Geliebten -– daß ihm da plötzlich eingefallen ist, vielleicht auch um sich die Zeit -zu vertreiben, das Paket zu öffnen und das Geld herauszunehmen? ‚Ach, -zum Teufel mit dem albernen Kuvert und seiner Aufschrift,‘ hat er -vielleicht bei sich gesagt, ‚so wird sie mir ja überhaupt nicht glauben, -daß wirklich Geld darin ist, wenn ich ihr aber dreißig Regenbogen in der -Hand zeige, das wird stärker ziehen, da wird ihr der Mund wässern.‘ – -Und er zerreißt die Schnur, nimmt das Geld heraus und wirft das Kuvert, -wie es dem Hausherrn und Besitzer des Geldpakets niemand verbieten kann, -einfach auf den Fußboden, unbekümmert um jedes Beweisstück. Meine Herren -Geschworenen, was ist wohl möglicher als eine solche Auslegung des -Tatbestandes? Warum sollte das unmöglich sein? Wenn sich also nur irgend -etwas Ähnliches annehmen läßt, so fällt die Beschuldigung des Diebstahls -ganz von selbst weg: wenn kein Geld existiert hat, so hat auch kein Raub -stattgefunden. Wenn das Kuvert auf dem Fußboden ein Beweis dafür sein -soll, daß das Geld sich in ihm befunden hat, warum kann ich dann nicht -das Gegenteil behaupten, nämlich, daß das Kuvert deshalb auf dem -Fußboden lag, weil sich in ihm kein Geld mehr befand, weil dasselbe vom -Besitzer schon früher herausgenommen worden war? ‚Ja, wo aber war in dem -Falle das Geld geblieben, wenn Fedor Pawlowitsch es aus dem Paket -genommen haben soll – bei der Haussuchung hat man keines gefunden!‘ -Zunächst hat man in seiner Schatulle einen Teil des Geldes gefunden, und -dann hätte er ja schon am Morgen oder am Tage vorher über dasselbe -verfügen, es auswechseln, fortschicken oder überhaupt verausgaben können -und schließlich durchaus nicht für nötig befunden haben, seine Gedanken, -Pläne und Handlungen Ssmerdjäkoff sofort mitzuteilen. Wenn aber schon -eine Möglichkeit zu einer solchen Annahme vorhanden ist – wie kann man -dann noch so hartnäckig und bestimmt den Angeklagten beschuldigen, daß -der Mord von ihm um des Raubes willen ausgeführt worden sei, und daß die -Beraubung wirklich stattgefunden habe? Auf diese Weise betreten wir -tatsächlich das Gebiet des Romanes. Wenn man behauptet, daß die und die -Sache geraubt worden ist, so muß man auch unfehlbar beweisen können, daß -diese Sache wirklich existiert hat. Hier aber hat sie nicht einmal -jemand gesehen. Unlängst ist in Petersburg ein junger Mensch von -achtzehn Jahren, ein halber Knabe, ein kleiner Hausierer, mitten am -hellen Tage mit einem Beil bewaffnet in eine Wechselbude eingedrungen -und hat mit unglaublicher, in solchen Fällen allerdings typischer -Dreistigkeit den Besitzer der Wechselbude erschlagen und -tausendfünfhundert Rubel, die in der Kasse lagen, in seine Tasche -gesteckt. Innerhalb fünf Stunden war er schon verhaftet. Außer fünfzehn -Rubel, die er inzwischen verausgabt hatte, erhielt man die ganzen -Tausendfünfhundert wieder. Außerdem gab ein Kommis, der erst nach dem -Totschlag in die Wechselbude zurückgekehrt war, der Polizei nicht nur -die gestohlene Summe an, sondern noch dazu, aus welchem Gelde, d. h. aus -wieviel Regenbogen, wieviel blauen und roten Kreditbilletts, wieviel -Goldgeld und so weiter sie bestanden hatte, und richtig fand man bei dem -verhafteten Mörder genau das angegebene Geld wieder. Hinzu kam das volle -und aufrichtige Geständnis des Mörders, daß er getötet und dieses Geld -aus der Kasse herausgenommen habe. Sehen Sie, meine Herren Geschworenen, -das nenne ich Beweise! Denn hierbei sehe ich das Geld, halte es -gleichsam selbst in der Hand und kann ganz einfach nicht behaupten, daß -es kein Geld gegeben habe. Verhält es sich in diesem Falle ebenso? Dabei -handelt es sich hier um Leben und Tod, um das Schicksal eines Menschen. -‚Wie,‘ sagt man, ‚er hat doch die ganze Nacht gepraßt, hat mit vollen -Händen Geld ausgestreut, er gesteht ja selbst, daß er tausendfünfhundert -Rubel gehabt habe – woher kann er sie genommen haben?‘ Aber gerade -dadurch, daß nur anderthalbtausend festgestellt werden konnten, die -andere Hälfte der Summe aber unauffindbar, unnachweisbar blieb, wird -doch bewiesen, daß dieses Geld sich niemals in dem Kuvert befunden haben -kann. Nach der Berechnung der Zeit, und zwar nach der genauesten, hat es -sich in der Voruntersuchung gezeigt, und es ist sogar bewiesen worden, -daß der Angeklagte von den Mägden gleich zum Beamten Perchotin gelaufen -ist, sich also nicht vorher noch in seine Wohnung begeben hat, ja, daß -er nirgendwohin gegangen und die ganze Zeit mit Menschen zusammengewesen -ist, folglich also auch nicht von den Dreitausend die Hälfte irgendwo in -der Stadt versteckt haben kann. Das ist auch der Grund, warum der -Ankläger auf der Annahme bestand, daß das Geld irgendwo im Dorfe Mokroje -in einem Winkel der Herberge versteckt sei. Warum nicht gar in den -Kellern des Udolfschen Schlosses, meine Herren! Ist diese Voraussetzung -etwa nicht phantastisch, nicht romantisch? Und, beachten Sie wohl, -sobald nur diese eine Annahme, daß sie in Mokroje versteckt sein können, -unmöglich wird, so – fliegt die ganze Beschuldigung der Beraubung in die -Luft, denn wo können diese anderthalb Tausend sonst geblieben sein? -Durch welches Wunder können sie verschwunden sein, wenn es unantastbar -feststeht, daß der Angeklagte nirgendwohin gegangen ist? Und mit solchen -Märchen sind wir bereit, ein Menschenleben zu vernichten! Nun sagt man: -‚Immerhin kann er nicht beweisen, woher er die anderthalb Tausend, die -er in der Hand gehabt, genommen hat; außerdem haben alle gewußt, daß er -vor dieser Nacht kein Geld besessen hat.‘ Ich frage dagegen: wer hat das -gewußt? Der Angeklagte hat doch klar und bestimmt ausgesagt, woher er -das Geld genommen hat, und wenn Sie wollen, meine Herren Geschworenen, -wenn Sie wollen – so kann es nichts Wahrscheinlicheres geben als diese -Aussage, und außerdem nichts, was mit dem Charakter und der Seele des -Angeklagten besser übereinstimmte. Der Anklage gefällt aber ihr eigener -Roman gar zu sehr: ein willensschwacher Mensch, er entschließt sich, -dreitausend Rubel, die ihm so beschämend von der Braut angeboten werden, -anzunehmen, und natürlich ist ausgeschlossen, daß er die Hälfte davon in -ein Säckchen eingenäht hat, im Gegenteil, selbst wenn er sie eingenäht -hätte, so hätte er doch alle zwei Tage etwas davon herausgenommen und -auch die ganze andere Hälfte auf diese Weise in einem Monat verlebt! -Erinnern Sie sich bitte, diese Behauptung wurde in einem Tone -aufgestellt, der jeden Widerspruch ausschloß. Wie aber, wenn sich das -gar nicht so zugetragen hat, wie aber, wenn man in diesem Roman aus -Dmitrij Karamasoff eine ganz andere Person gemacht hat? Darauf wird man -vielleicht antworten: ‚Es sind doch Zeugen vorhanden, die gesehen haben, -daß er im Dorfe Mokroje die ganzen Dreitausend, die er von Fräulein -Werchoffzeff genommen, verschleudert hat, noch einen Monat vor der -Katastrophe, auf einmal, wie eine einzige Kopeke, folglich kann er also -nichts zurückbehalten haben.‘ Aber wer sind denn diese Zeugen? Was man -diesen Zeugen aufs Wort alles glauben kann, haben wir ja schon beim -Verhör gesehen! Außerdem scheint ein Stück Brot in der fremden Hand -immer größer als in der eigenen. Schließlich hat keiner von den Zeugen -das Geld gezählt, sondern nur nach dem Augenmaß geurteilt. Hat doch der -Zeuge Maximoff ausgesagt, daß in den Händen des Angeklagten sich -zwanzigtausend Rubel befunden hätten. Sehen Sie, meine Herren -Geschworenen, wie die Psychologie ihre zwei Enden hat, und gestatten Sie -mir daher gütigst, sie auch beim anderen Ende anzufassen: es ist zum -mindesten interessant zu konstatieren, was dabei herauskommt. - -Also ... Einen Monat vor der Katastrophe wurden dem Angeklagten von -Fräulein Werchoffzeff zur Absendung durch die Post dreitausend Rubel -anvertraut. Es fragt sich aber, ob ihm dieselben wirklich in so -schmachvoller und erniedrigender Weise übergeben worden sind, wie das -vorhin dargestellt wurde? Bei der ersten Aussage des Fräulein -Werchoffzeff über diesen Gegenstand schien es durchaus nicht so, -durchaus nicht so; in der zweiten Aussage hörten wir nur den Aufschrei -der Rache und Wut und eines lange unterdrückten Hasses. Doch allein -schon, daß die Zeugin das erstemal unrichtig ausgesagt hat, gibt uns die -Berechtigung anzunehmen, daß die zweite Aussage gleichfalls unrichtig -ist. Der Ankläger ‚will nicht, wagt es nicht‘ – das sind seine eigenen -Worte – an diesen Roman zu rühren. Schön! Auch ich will nicht daran -rühren, aber ich erlaube mir zu bemerken, daß, wenn die reine und -sittlich hochstehende Persönlichkeit, die das sehr geehrte Fräulein -Werchoffzeff unstreitig ist – wenn eine solche Persönlichkeit, sage ich, -sich erlaubt, plötzlich vor Gericht ihre erste Aussage zu widerrufen, -und zwar mit der Absicht, den Angeklagten zu vernichten, so ist doch -klar, daß diese Aussage nicht kaltblütig und leidenschaftslos gemacht -worden ist. Wird man uns nun wirklich das Recht nehmen, daraus zu -folgern, daß eine rachedürstige Frau vieles übertreiben kann? Daß sie -gerade die Schande und den Schimpf vergrößert hat, die mit dem -Geldangebot verbunden gewesen ist? Im Gegenteil, ich bin überzeugt, das -Geld war so angeboten worden, daß er es annehmen konnte, besonders da -unser Angeklagter ein leichtsinniger Mensch ist. Er rechnete dabei -natürlich auf das Geld, das er noch von seinem Vater zu erhalten hatte, -auf die Dreitausend, die jener ihm schuldete. Das war leichtsinnig, -gewiß, aber gerade infolge dieses Leichtsinns war er fest überzeugt, daß -der Vater die Dreitausend ihm geben werde und müsse, daß er, wenn er sie -erhalten habe, das von Fräulein Werchoffzeff ihm anvertraute Geld immer -noch ersetzen und nach Moskau abschicken könne. Aber der Ankläger will -es unter keiner Bedingung zulassen, daß er am selben Tage noch vom -erhaltenen Geld die Hälfte habe in ein Säckchen einnähen können: ‚Ein -solcher Charakter kann so etwas nicht tun.‘ Und doch hat er selbst -ausgerufen, daß Karamasoff eine breit angelegte Natur sei, hat selbst -ausgerufen, daß Karamasoff sich in zwei entgegengesetzte Abgründe zu -gleicher Zeit versenken könne! Karamasoff ist ja doch eine Natur mit -zwei Seiten, mit zwei Abgründen, so daß er selbst bei der -grenzenlosesten Schwelgerei innehalten kann, weil ihn plötzlich die -andere Seite, der andere Abgrund lockt. Die andere Seite aber war die -Liebe – diese neue, wie Pulver aufgeflammte Liebe! Zu dieser Liebe -jedoch hatte er Geld nötig, oh! viel mehr, als er nötig gehabt hätte, um -mit seiner Geliebten ein Fest zu feiern! Denn sagte sie ihm: ‚Ich bin -dein, ich will nicht zu Fedor Pawlowitsch,‘ so hätte er sie genommen und -fortgebracht – dazu aber hatte er Geld nötig! Das war wichtiger, als -sich amüsieren! Und Karamasoff soll das nicht verstanden haben? Gerade -diese Sorge machte ihn ja fast krank! Was ist nun verständlicher, als -daß er die Hälfte des Geldes auf alle Fälle oder vielmehr für diesen -einen Fall aufbewahrte? Inzwischen aber vergeht die Zeit, und Fedor -Pawlowitsch gibt ihm die Dreitausend nicht heraus, im Gegenteil, der -Angeklagte erfährt sogar, daß gerade mit diesem Gelde seine Geliebte -angelockt werden soll. ‚Wenn Fedor Pawlowitsch das Geld nicht auszahlt,‘ -denkt er, ‚so werde ich vor Katerina Iwanowna als Dieb dastehen.‘ Und da -kommt ihm denn der Gedanke, diese Anderthalbtausend, die er auf der -Brust trägt, Fräulein Werchoffzeff abzugeben und ihr zu sagen: ‚Ich bin -ein Schuft, aber kein Dieb!‘ Folglich hatte er einen doppelten Grund, -dieses Geld wie seinen Augapfel aufzubewahren, und nicht etwa jeden Tag -das Säckchen aufzutrennen und einen Hundertrubelschein nach dem anderen -herauszunehmen und zu verschleudern. Warum sprechen Sie dem Angeklagten -das Gefühl der Ehre ab? Nein, Ehrgefühl hat er, wenn auch oft kein -richtiges, nehmen wir sogar an, ein etwas absonderliches, aber er hat -trotzdem eines bis zur Leidenschaft – das hat er bewiesen! Und, siehe -da, die Sache wird kompliziert, die Qualen der Eifersucht erreichen den -höchsten Grad, und diese beiden Fragen werden immer quälender und -quälender in dem erhitzten Gehirn des Angeklagten: ‚Gebe ich es Katerina -Iwanowna zurück, womit bringe ich dann Gruschenka fort?‘ Wenn er diesen -ganzen Monat so wütete, trank und sich aus dem einen Gasthaus ins andere -schleppte, so tat er dies doch nur, weil er sonst nicht die Kraft gehabt -hätte, diese Qualen zu ertragen. Diese Fragen spitzten sich bei ihm mit -der Zeit dermaßen zu, daß sie ihn schließlich fast zur Verzweiflung -brachten. Er schickte, glaube ich, seinen jüngsten Bruder zum Vater, um -jenen noch zum letztenmal um die Dreitausend zu bitten, doch konnte er -die Antwort nicht abwarten, er geriet außer sich, stürzte selbst hin und -verprügelte den Alten in Gegenwart von Zeugen. Nach diesem Vorfall, -versteht sich, kann er nicht mehr darauf rechnen, daß der Vater sie ihm -geben werde. Am Abend desselben Tages schlägt er sich auf die Brust, auf -die Stelle, wo das Geldsäckchen sich befindet, und schwört dem Bruder, -daß er noch eine Möglichkeit habe, nicht zum Schurken zu werden, doch -fühle er schon voraus, daß er ein Schuft bleiben werde, daß er die -Möglichkeit, sich zu rehabilitieren, nicht benutzen werde, weil seine -Charakterstärke nicht dazu ausreicht. Warum aber, warum glaubt der -Ankläger nicht der Aussage Alexei Karamasoffs, die so rein, so -aufrichtig, so ehrlich und unbeabsichtigt gemacht worden ist? Warum will -er mich glauben machen, daß das Geld in irgendeinem Kellerwinkel des -Udolfschen Schlosses sich befinde? Am selben Abend, nach dem Gespräch -mit dem Bruder, schreibt der Angeklagte den verhängnisvollen Brief, und -dieser Brief ist das hauptsächlichste, soll das großartigste Beweisstück -dafür sein, daß der Angeklagte einen Raubmord verübt habe. ‚Ich werde -alle Leute bitten, und wenn sie mir das Geld nicht geben, so erschlage -ich den Vater und nehme unter dem Federbett das Paket mit dem rosa -Bande, wenn nur Iwan fortführe‘ – oder so ungefähr –: das sei das -regelrechte Programm eines Raubmörders, und wie sollte es das denn nicht -sein? ‚Es hat sich alles so zugetragen, wie im Briefe geschrieben -steht!‘ ruft der Ankläger aus. Zunächst ist der Brief in der Trunkenheit -geschrieben worden, und in großer Gereiztheit; zweitens, das Geldpaket -erwähnt er nur auf die Mitteilungen Ssmerdjäkoffs hin; er selbst hat es -nicht gesehen; und drittens, ist der Brief geschrieben worden, nur -_geschrieben_, ob der Mord sich aber auch so zugetragen hat – womit will -man das beweisen? Hat der Angeklagte das Geld unter dem Kissen gefunden, -hat er es an sich genommen, hat es dieses Geld überhaupt gegeben? Ja, -und lief denn der Angeklagte wegen des Geldes zu dem Hause seines -Vaters, denken Sie doch daran, vergessen Sie doch dieses eine nicht! Er -ist doch Hals über Kopf hingelaufen, aber nicht, um zu rauben, sondern -um zu erfahren, wo sie ist, dieses Weib, das ihn zugrunde gerichtet hat! -Also ist er nicht nach dem Programme, nicht nach dem Wortlaute seines -Briefes hingelaufen, nicht um zu rauben, aus Berechnung zu rauben, -sondern plötzlich, unvorhergesehen, in eifersüchtigem Zorn ist er -hingelaufen! ‚Ja,‘ sagt man, ‚er ist doch hingelaufen, hat totgeschlagen -und wird auch das Geld genommen haben.‘ Aber, frage ich, hat er denn -überhaupt erschlagen? Die Beschuldigung, daß er den Vater beraubt habe, -weise ich mit Unwillen zurück: Man kann niemanden des Raubes -beschuldigen, wenn man nicht ganz genau auf das Geraubte hinweisen kann, -das ist ein Axiom! Hat er aber auch wirklich getötet, ohne zu rauben -getötet? Ist das nachweisbar? Oder ist auch das eine Dichtung?“ - - - XII. - Und kein Mord - -„Meine Herren Geschworenen, es handelt sich um ein Menschenleben, da -müssen wir vorsichtiger sein. Wie wir gehört haben, hat der Ankläger -selbst zugegeben, daß er bis auf den heutigen Tag, bis zur heutigen -Gerichtsverhandlung, nicht gewagt habe, den Angeklagten eines -vollständig bewußten und beabsichtigten Mordes zu beschuldigen, bis -vorhin dieser verhängnisvolle ‚trunkene‘ Brief dem Gericht übergeben -wurde! ‚Es ist geschehen, wie es dort geschrieben steht,‘ sagt die -Anklage. Ich aber wiederhole noch einmal: Er ist zu ihr gelaufen, nur um -zu erfahren, wo sie ist. Das ist doch eine unwiderlegbare Tatsache. -Hätte er sie zu Hause gefunden, so wäre er bei ihr geblieben und hätte -das im Brief Angedrohte nicht gehalten. Er ist ganz plötzlich und -unvorbedachterweise hingelaufen und seines ‚trunkenen‘ Briefes hat er -sich in dem Augenblick überhaupt nicht mehr erinnert. ‚Er ergriff aber -die Mörserkeule,‘ wird die Anklage hier einwenden. Erinnern Sie sich -doch nur, meine Herren, was für eine Psychologie einzig und allein aus -dieser einen Mörserkeule entwickelt worden ist, warum er diese -Mörserkeule als Waffe angesehen, als Waffe ergriffen haben soll usw. -usw. Hierbei ging mir nun der allergewöhnlichste Gedanke durch den Kopf: -Wie, wenn diese Mörserkeule nicht auf dem Küchentisch gelegen hätte, von -wo der Angeklagte sie ergriffen hat, sondern wenn sie im Schrank gewesen -wäre, – so wäre sie doch dem Angeklagten nicht in die Augen gefallen, -und er wäre mit leeren Händen, ohne Waffe, davongelaufen und hätte dann -überhaupt niemanden erschlagen können. Wie kann denn die Mörserkeule als -Beweis dafür genügen, daß er sich vorsätzlich bewaffnet und vorsätzlich -ermordet habe? Er hat in den Gasthäusern herumgeschrien, er werde den -Vater erschlagen; zwei Tage vorher aber, als er diesen trunkenen Brief -geschrieben, ist er ruhig gewesen und hat im Gasthause nur einen Kommis -um seinen Platz gebracht, ‚denn ohne Streit konnte Karamasoff doch nicht -auskommen‘. Darauf jedoch antworte ich, daß, wenn er sich schon einen -Mord ausgedacht, wenn er sogar schon den ganzen Mordplan entworfen -hätte, so würde er sich nicht mehr mit dem Kommis gestritten haben, ja, -vielleicht wäre er dann überhaupt nicht in das Gasthaus gegangen, denn -ein Mensch, der sich mit solchen Dingen beschäftigt, sucht Stille, -Heimlichkeit, der möchte unsichtbar sein, damit man nichts von ihm sieht -noch hört, ihn womöglich ganz und gar vergißt, und zwar nicht etwa aus -Berechnung, sondern aus Instinkt. Meine Herren Geschworenen, die -Psychologie hat zwei Enden, und auch wir können Psychologie treiben. Was -alle diese trunkenen Schreie im Laufe des ganzen Monats anbelangt, nun, -so schreien Betrunkene und Kinder immer viel, besonders wenn sie sich -miteinander streiten oder zanken: ‚Ich werde dich erschlagen!‘ sagen sie -schon beim kleinsten Ärger, aber gerade sie tun es hinterher nicht. Und -selbst dieser verhängnisvolle Brief, – ist er denn nicht auch der Schrei -eines Gereizten, der das Gasthaus in betrunkenem Zustande verläßt? Ist -das nicht gleichfalls wie: ‚Ich werde euch alle totschlagen, alle ohne -Ausnahme!‘ Warum sollte dem nicht so sein? Warum soll dieser -verhängnisvolle Brief, warum soll er, im Gegenteil, nicht geradezu – -lächerlich sein? Darum, weil man den Vater erschlagen vorgefunden hat, -weil ein Zeuge den Angeklagten im Garten, bewaffnet und fortlaufend, -gesehen hat und selbst von ihm niedergestreckt worden ist. Darum hat -sich alles nach dem schwarz auf weiß Geschriebenen buchstäblich erfüllt, -und darum ist der Brief nicht bloß lächerlich, sondern verhängnisvoll! -Gott sei Dank, jetzt sind wir beim I-punkte angelangt: ‚Er ist im Garten -gewesen, folglich ist er der Mörder.‘ Mit diesen beiden Sätzen: ‚er ist -im Garten gewesen‘ – ‚folglich ist er der Mörder‘, scheint mir alles -erschöpft zu sein, die ganze Anklage. Aber wie nun, wenn er ihn nicht -erschlagen hat, obgleich er dagewesen ist? Oh, ich gebe ja zu, daß die -Verkettung der Tatsachen, das Zusammentreffen aller verdächtigen -Aussagen von einer gewissen Bedeutsamkeit sein kann. Betrachten Sie -jedoch die Tatsachen einzeln, ohne sich von ihrer Verkettung -beeinflussen zu lassen: warum, zum Beispiel, will die Anklage die -Aussage des Angeklagten, daß er vom Fenster des Vaters fortgelaufen sei, -unter keiner Bedingung auch nur als wahrscheinlich zulassen? Denken Sie -an die Sarkasmen, die der Ankläger hier in bezug auf die Ehrerbietung -und die ‚frommen‘ Gefühle gemacht hat, die sich plötzlich des Mörders -bemächtigt haben sollen. Wie aber, wenn in der Tat sich etwas Ähnliches -zugetragen hat: und wenn ihn auch keine Ehrerbietung veranlaßt hat, -fortzugehen, so kann es doch ein gewisses heiliges Gefühl gewesen sein -...? ‚Meine Mutter muß in diesem Augenblick für mich gebetet haben,‘ -sagt der Angeklagte, und behauptet, daß er fortgelaufen sei, sobald er -sich überzeugt habe, daß die Sswetlowa nicht beim Vater war. ‚Er konnte -sich aber doch nicht durch das Fenster überzeugen,‘ entgegnet uns die -Anklage. Warum konnte er denn das nicht? Das Fenster wurde doch auf das -vom Angeklagten gegebene Zeichen geöffnet. Bei der Gelegenheit kann -Fedor Pawlowitsch ein Wort entschlüpft sein, ein Ausruf hat vielleicht -genügt – und das hat den Angeklagten vielleicht sofort davon überzeugt, -daß die Sswetlowa nicht bei ihm war. Warum muß man durchaus -voraussetzen, daß eine Sache so gewesen sei, wie wir sie uns vorstellen, -oder richtiger, wie wir sie uns unbedingt vorstellen wollen? In der -Wirklichkeit können tausend Dinge vorübergehend auftauchen, die selbst -der feinsten Beobachtung eines Romanschriftstellers entgehen würden. -‚Ja, aber Grigorij hat die Tür offen gesehen, folglich muß der -Angeklagte im Hause gewesen sein, und – folglich hat er ihn erschlagen.‘ -Von dieser Tür, meine Herren Geschworenen ... Sehen Sie, diese -offenstehende Tür hat nur eine Person gesehen, die sich indessen zu der -Zeit selbst in einem Zustande befunden hat, der ... nun – möge auch die -Tür offen gestanden haben, möge der Angeklagte sie geöffnet und aus dem -Gefühl der Selbsterhaltung gelogen haben, ‚was ja so verständlich in -seiner Lage wäre,‘ möge er, gut, möge er ins Haus eingedrungen sein – -warum muß er ihn dann auch erschlagen haben? Er kann durch die Zimmer -gelaufen sein, den Vater sogar gestoßen, geschlagen haben, doch deswegen -kann er noch immer, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Sswetlowa -nicht bei ihm war, ohne zu erschlagen, wieder fortgelaufen sein, froh -darüber, daß sie nicht da war und er den Vater nicht zu erschlagen -brauchte. Darum ist er vielleicht einige Minuten später vom Zaun zum -alten Grigorij, den er im Jähzorn beschädigt hatte, hinabgesprungen – -eben weil er imstande war, ein reines Gefühl, ein Gefühl des Mitleids -und des Bedauerns zu empfinden. Er, der soeben der Versuchung, den Vater -zu erschlagen, entgangen war, und der nun in seinem reinen Herzen Freude -darüber empfand, daß er den Vater nicht getötet hatte! Schön bis zum -Entsetzen beschreibt uns der Ankläger den schrecklichen Zustand des -Angeklagten im Dorfe Mokroje, als die Liebe sich ihm plötzlich zuwandte -und ihn zu neuem Leben aufrief, und als es ihm nun zu lieben unmöglich -war, weil vor seinem Bewußtsein die blutige Leiche des Vaters lag und -diese Leiche auch schon das Gericht hinter ihm herschickte. Nun hat aber -der Ankläger die Möglichkeit einer solchen Liebesleidenschaft in diesem -Augenblick immerhin zugelassen und sie nach seiner Psychologie -folgendermaßen erklärt: ‚Ein trunkener Zustand war es, noch muß der -Verbrecher durch zwei Straßen fahren, bis zum Richtplatze ist noch weit‘ -usw. usw. Haben Sie da vielleicht nicht eine andere Person geschaffen, -Herr Ankläger? Das möchte ich Sie denn doch fragen. Sollte der -Angeklagte wirklich so roh und herzlos sein, daß er in diesem Augenblick -an Liebe und Winkelzüge vor Gericht denken konnte, wenn auf seinem -Gewissen das Blut seines Vaters lag? Nein, nein und abermals nein! -Anderenfalls hätte er, sobald er sich gesagt, daß sie ihn liebte, ‚ihn -zu sich heranzog, ihm ein neues Glück verhieß,‘ – oh, ich schwöre es, -dann hätte er ein zweifaches, dreifaches Bedürfnis empfunden, sich zu -töten, und er hätte sich auch getötet, wenn, wie gesagt, die Leiche des -_Vaters_ vor seinem Bewußtsein gelegen hätte! O nein, dann hätte er -nicht vergessen, wo seine Pistolen lagen! Ich kenne den Angeklagten: die -rohe Herzlosigkeit, die ihm vom Ankläger zugesprochen wird, stimmt nicht -mit seinem Charakter überein. Er hätte sich getötet, das ist sicher; er -hat sich aber nicht getötet, weil ‚die Mutter für ihn gebetet hatte‘ und -sein Herz unschuldig am Blute seines Vaters war. Er quälte sich in -dieser Nacht in Mokroje nur um den verwundeten Grigorij und betete zu -Gott, daß der Alte wieder zu sich kommen möge, daß der Schlag nicht -tödlich sein möge! Warum soll man nicht diese Auslegung der Ereignisse -als wahr annehmen? Welch einen sicheren Beweis haben wir dafür, daß der -Angeklagte uns belügt? Aber da ist ja die Leiche des Vaters, und man -wird uns sofort wieder auf sie hinweisen. Gut, er ist hinausgelaufen, -ohne ihn zu erschlagen, wer aber hat dann den Alten erschlagen? - -Ich wiederhole es, die ganze Logik der Anklage besteht nur in dieser -Frage: wer hat erschlagen, wenn nicht er? Man sagt, daß man niemanden an -seine Stelle setzen könne. Meine Herren Geschworenen, verhält es sich -wirklich so? Kann man denn wirklich niemand statt seiner beschuldigen? -Wir haben gehört, wie der Ankläger alle Personen, die sich in dieser -Nacht im Hause befunden haben, an den Fingern aufgezählt hat. Im ganzen -waren es fünf Menschen. Ich gebe vollkommen zu, daß drei von ihnen -außerhalb jedes Verdachtes stehen: der Erschlagene selbst, der alte -Grigorij und seine Frau. Es bleiben also nur noch der Angeklagte und -Ssmerdjäkoff übrig. Und siehe da, der Ankläger behauptet mit Pathos, daß -der Angeklagte nur deshalb auf Ssmerdjäkoff hinweise, weil er doch auf -niemand anderen mehr hinweisen könne, daß aber, wenn noch irgendeine -sechste Person oder nur ein Schatten von einer sechsten Person da wäre, -der Angeklagte sofort aufgeben würde, Ssmerdjäkoff zu beschuldigen, daß -er sich sogar schämen würde, einen so lächerlichen Verdacht -auszusprechen, und gegen den Sechsten aussagen würde. Meine Herren -Geschworenen, warum kann ich nicht genau das Entgegengesetzte behaupten? -Es stehen zwei Menschen vor uns: der Angeklagte und Ssmerdjäkoff, – -warum kann ich nicht sagen, daß Sie meinen Klienten nur darum -beschuldigen, weil Sie niemand anders zu beschuldigen haben? Und nur -darum haben Sie niemanden zu beschuldigen, weil Sie voreingenommen -Ssmerdjäkoff von jedem Verdacht ausgeschlossen haben. Ja, es ist wahr, -auf Ssmerdjäkoff weisen nur der Angeklagte, seine beiden Brüder und die -Sswetlowa hin, sonst niemand. Aber es ist doch noch ein Etwas vorhanden, -das auf ihn hinweist! Das ist eine gewisse, wenn auch unklare Gärung, -eine Stimmung, eine Frage, die wie ein Verdacht durch die Gesellschaft -geht: ein Gerücht verbreitet sich ... es ist da eine allgemeine -Erwartung. Schließlich sind da auch noch einige sehr bemerkenswerte -Tatsachen, die zeugen könnten, wenn sie auch ein wenig unbestimmt sind, -was ich zugeben muß: erstens ist da dieser epileptische Anfall gerade am -Tage der Katastrophe, ein Anfall, den der Ankläger so sehr zu -verteidigen sich bemüht hat. Dann ist da dieser plötzliche Selbstmord -Ssmerdjäkoffs am Vorabend der Gerichtsverhandlung. Und ebenso unerwartet -kommt nun, heute vor Gericht, die Aussage des einen Bruders des -Angeklagten, der bis dahin an die Schuld des Bruders geglaubt hatte, und -der nun plötzlich das Geld bringt und Ssmerdjäkoff als den Mörder -angibt. Oh, ich bin vollkommen überzeugt, genau so wie der Gerichtshof -und die Staatsanwaltschaft, daß Iwan Karamasoff an einem Nervenfieber -erkrankt ist, daß seine Aussage in der Tat nur ein verzweifelter, im -Fieber ersonnener Versuch, seinen Bruder zu retten, sein kann, und er -bloß die Schuld auf den Erhängten abwälzen wollte. Immerhin ist abermals -der Name Ssmerdjäkoff genannt worden, und abermals scheint man etwas -Rätselhaftes gehört zu haben. Da ist irgend etwas noch nicht zu Ende -gesprochen, meine Herren Geschworenen! Da fehlt noch ein Schluß, und das -letzte Wort wird vielleicht noch einmal gesagt werden! Doch lassen wir -das jetzt beiseite. Es ist eine Sache, die uns noch bevorsteht. Der -Gerichtshof hat nichtsdestoweniger beschlossen, die Verhandlung -fortzuführen. Und so will ich denn vorläufig etwas zu der Charakteristik -des verstorbenen Ssmerdjäkoff bemerken, die der Ankläger mit solchem -Geschick vor uns entrollt hat. Obgleich ich das Talent meines -Widersachers aufrichtig bewundert habe, kann ich nicht mit den -Grundzügen dieser seiner Charakteristik übereinstimmen. Ich bin bei -Ssmerdjäkoff gewesen, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen, und -ich muß gestehen, er hat auf mich einen ganz anderen Eindruck gemacht. -Gesundheitlich war er schwach, das ist wahr, aber was seinen Charakter -und sein Herz anbelangt – oh, da war er nicht schwach, nein, in diesen -beiden Dingen war der Mensch durchaus nicht so schwach, wie der Ankläger -von ihm glaubt! Auch habe ich durchaus keine Schüchternheit an ihm -wahrgenommen, jene Schüchternheit, die der Ankläger für so -charakteristisch an ihm hält. Treuherzigkeit habe ich an ihm erst recht -nicht bemerkt, im Gegenteil, ich fand ihn schrecklich mißtrauisch, was -er nur durch Naivität zu verbergen suchte. Seinen Verstand fand ich -geradezu hoch entwickelt, während die Anklage ihn im Gegenteil als einen -Schwachsinnigen hinstellte. Auf mich hat er einen ganz bestimmten -Eindruck gemacht: ich bin mit der Überzeugung fortgegangen, daß er ein -durchaus schlechter, maßlos ehrgeiziger, rachsüchtiger, ein boshafter -und neidischer Mensch ist. Ich habe einige Erkundigungen über ihn -eingezogen, und ich habe folgendes erfahren: Er hat seine Herkunft -gehaßt, hat sich ihrer geschämt und hat vor Wut geknirscht bei dem -Gedanken, daß er von der ‚Stinkenden‘ abstammte. Gegen den Diener -Grigorij und dessen Frau, seine beiden Wohltäter von Kindheit an, hat er -sich unehrerbietig betragen. Rußland hat er verflucht und verspottet. Er -hat davon geträumt, nach Frankreich zu fahren und einen Franzosen aus -sich zu machen. Er hat oft davon gesprochen, daß ihm dazu die Mittel -fehlten. Mir scheint, daß er niemanden geliebt hat, außer sich selbst. -Jedenfalls hat er sich bis zur Krankhaftigkeit hochgeschätzt. Bildung -hat er nur in guten Kleidern, reinen Plätthemden und gewichsten Stiefeln -gesehen. Er hat sich – und dafür gibt es Beweise – für den unehelichen -Sohn Fedor Pawlowitschs gehalten und hat seine Stellung im Vergleich zu -den ehelichen Kindern seines Herrn gehaßt: ‚Ihnen gehört alles, mir aber -nichts, sie haben alle Rechte, sind die Erben, ich aber bin nur der -Koch.‘ Er hat mir mitgeteilt, daß er mit Fedor Pawlowitsch zusammen das -Geld ins Kuvert getan habe. Die Bestimmung dieser Summe – mit -dreitausend Rubeln hätte er seine Karriere machen können – war ihm -natürlich gleichfalls verhaßt. Dazu hat er noch die dreitausend Rubel in -hellen regenbogenfarbenen Kreditbilletten gesehen – danach habe ich ihn -ausdrücklich gefragt. Oh, zeigen Sie niemals einem neidischen und -eigensüchtigen Menschen viel Geld auf einmal! Er aber hat damals zum -erstenmal eine so große Summe in der Hand gehalten. Der Eindruck dieses -regenbogenfarbenen Pakets konnte sich in seiner Einbildungskraft -widerspiegeln, bis zur höchsten Erregung, wenn auch zunächst ohne -Folgen. Der verehrte Ankläger hat mit außergewöhnlicher Feinheit alle -pro und contra Annahmen der Möglichkeit, Ssmerdjäkoff des Mordes zu -beschuldigen, vor uns skizziert und uns noch besonders gefragt: Wozu -sollte er einen Epilepsieanfall simuliert haben? Aber er braucht ihn ja -gar nicht simuliert zu haben, der Anfall konnte doch auch ganz von -selbst und natürlich gekommen sein. Doch ebenso natürlich kann der -Anfall dann auch wieder vorübergegangen und kann der Kranke aufgewacht -sein. Nehmen wir an, er hat sich nicht sofort erholt, aber er ist -vielleicht zu sich gekommen und aufgewacht, wie das bei den -Fallsüchtigen häufig vorkommt. Die Anklage fragt: In welchem Augenblick -hat denn Ssmerdjäkoff den Mord verübt? Diesen Augenblick festzustellen, -ist außerordentlich leicht. Er ist aus tiefem Schlaf erwacht – denn er -schlief doch nur: nach einem Anfalle verfällt der Epileptiker immer in -einen tiefen Schlaf – genau in dem Augenblick, als der alte Grigorij den -fortlaufenden Angeklagten auf dem Zaune am Fuß packte und über den -ganzen Garten hin: ‚Vatermörder!‘ schrie. Dieser ungewöhnliche Schrei -durch die Stille und Dunkelheit kann Ssmerdjäkoff sehr wohl aufgeweckt -haben, da sein Schlaf zu der Zeit durchaus nicht mehr so fest zu sein -brauchte: er hätte schon eine Stunde vorher erwachen können. Daraufhin -kann er sehr wohl aus dem Bett aufgestanden und unbewußt, ohne jegliche -Absicht, hinausgegangen sein, um zu sehen, was dieser Schrei auf sich -hatte. In seinem Kopf ist noch krankhafter Dunst, das Bewußtsein -schlummert noch, – da ist er aber schon im Garten: Er tritt an die -erleuchteten Fenster heran und erfährt von seinem Herrn, der natürlich -über sein Erscheinen sehr erfreut ist, die schreckliche Nachricht. Er -überlegt sofort. Von dem erschrockenen Herrn erfährt er alle -Einzelheiten. Und plötzlich durchzuckt sein zerstörtes und krankes -Gehirn ein Gedanke, – ein schrecklicher, aber verführerischer und -unabweisbarer Gedanke: den Herrn zu ermorden, die Dreitausend zu nehmen -und später alles auf den jungen Herrn zu wälzen! Wen würde man -verdächtigen, wenn nicht den jungen Herrn, denn er war dagewesen, das -konnte man beweisen?! Eine schreckliche Gier nach Geld, nach der Beute, -konnte ihn, zusammen mit der Vorstellung von der Straflosigkeit, gepackt -haben. Oh, diese plötzlichen und unabweisbaren Ausbrüche stellen sich so -oft bei einer sich darbietenden Gelegenheit ein – hauptsächlich bei -Mördern, die sich noch vor einer Minute nicht bewußt waren, daß sie -töten würden! Und nun: Ssmerdjäkoff konnte zum Herrn hineingehen und -seinen Plan ausführen, aber womit, mit welcher Waffe? Mit dem ersten -besten Stein, den er im Garten ergriffen hatte. Aber wozu, zu welchem -Zweck? Nun, mit dreitausend Rubeln kann man doch Karriere machen! Bitte, -ich widerspreche mir durchaus nicht: Das Geld kann ja doch existiert -haben. Und Ssmerdjäkoff wußte sogar ganz allein, wo es zu finden war, wo -es beim Herrn lag. – Aber der Umschlag des Geldes, das zerrissene Kuvert -‚auf dem Fußboden‘? Der Ankläger machte, als er vom Paket sprach, eine -außerordentlich feine Bemerkung darüber, daß nur ein ungewohnter Dieb, -wie z. B. Karamasoff, das Kuvert auf dem Fußboden hätte liegen lassen -können, Ssmerdjäkoff dagegen niemals ein Beweisstück seines Verbrechens -liegen gelassen haben würde. Meine Herren Geschworenen, als ich das -hörte, fühlte ich plötzlich, daß er mir etwas bereits Bekanntes sagte. -Stellen Sie sich vor: Genau dieselbe Bemerkung, diesen Hinweis darauf, -daß nur Karamasoff mit dem Paket so hätte verfahren können, habe ich -genau vor zwei Tagen von Ssmerdjäkoff selbst gehört, und er hat mich -damit sogar in Erstaunen gesetzt: Mir fiel nämlich sofort auf, daß er -sich naiv stellte, um mir diesen Gedanken aufzubinden. Ich sollte selbst -zu diesem Schluß kommen. Jawohl, er hat sich ordentlich bemüht, mir -diesen Gedanken einzugeben. Und jetzt frage ich: Hat er nicht auch dem -verehrten Ankläger diesen Gedanken in derselben Weise eingeflüstert? Man -wird sagen: Aber die Alte, die Frau Grigorijs? Sie hat doch gehört, wie -der Kranke neben ihr die ganze Nacht gestöhnt hat. Es ist möglich, daß -sie es gehört hat, aber die Einbildungskraft ist oft sehr stark. Ich -kannte eine Dame, die sich bitter beklagte, daß die ganze Nacht ein Hund -auf dem Hofe sie durch fortwährendes Bellen gestört und sie daher fast -überhaupt nicht geschlafen habe. Dabei hatte das arme Tier, wie sich -später herausstellte, im ganzen nur zwei oder dreimal gebellt. Aber das -ist ja ganz natürlich! Der Mensch schläft, und plötzlich hört er ein -Stöhnen, er erwacht und ärgert sich, daß man ihn gestört hat, schläft -aber augenblicklich wieder ein. Nach zwei Stunden hört er wieder ein -Stöhnen, wieder wacht er auf, und wieder schläft er ein; schließlich -wieder ein Stöhnen, und zwar wiederum nach zwei Stunden, im ganzen also -nur dreimal in der Nacht. Am Morgen steht er auf und beklagt sich, daß -er in der Nacht ununterbrochen gestört worden sei. So muß es ihm auch -durchaus erscheinen! die Zwischenräume von zwei Stunden hat er -verschlafen und erinnert sich ihrer nicht, erinnert sich nur der Minuten -des Erwachens, und da scheint es ihm denn, er sei die ganze Nacht -gestört worden. Aber warum, warum, ruft die Anklage aus, warum hat -Ssmerdjäkoff in seinem Schreiben vor dem Tode nicht alles eingestanden? -‚Zu dem einen reichte das Gewissen,‘ haben wir doch noch vor kurzem -gehört, ‚zum anderen aber nicht.‘ Aber erlauben Sie: Gewissen – das ist -doch schon Reue, und Reue konnte bei diesem Selbstmörder vielleicht -überhaupt nicht vorhanden gewesen sein, sondern nur Verzweiflung. -Verzweiflung aber und Reue sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die -Verzweiflung kann boshaft und unstillbar sein, und der Selbstmörder kann -in dem Augenblick, als er Hand an sich legte, diejenigen sogar doppelt -gehaßt haben, die er sein ganzes Leben lang beneidet hat. Meine Herren -Geschworenen, vermeiden Sie es, einen Justizirrtum zu begehen! Warum -soll das unwahrscheinlich sein, was ich Ihnen soeben vorgelegt und -geschildert habe? Finden Sie einen Fehler in meiner Auslegung, finden -Sie, daß sie unmöglich, absurd ist? Wenn nur ein Schatten von -Möglichkeit, nur ein Schatten von Wahrheit in meiner Annahme ist – so -enthalten Sie sich einer Verurteilung! Und kann denn hier nur von einem -Schatten die Rede sein? Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich -glaube an meine Auslegung, die ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, -an meine Erklärung des Mordes! Doch hauptsächlich, hauptsächlich regt es -mich auf, und der Gedanke erbittert mich geradezu, daß aus der ganzen -Menge von Tatsachen, die die Anklage gegen den Angeklagten auftürmt, -nicht eine einzige Tatsache bewiesen und daher unwiderruflich ist, und -daß der Unglückliche nur durch die Verkettung der Tatsachen zugrunde -gehen soll. Ja, diese Verkettung der Tatsachen ist schrecklich! Dieses -Blut, dieses von den Fingern herabfließende Blut, die blutdurchtränkte -Wäsche, die schwarze Nacht, durch die der Schrei ‚Vatermörder!‘ gellt, -und der mit verwundetem Schädel am Boden Liegende, darauf diese Unmenge -von Hinweisen, Gesten, Ausrufen des Angeklagten – oh, alles das kann -stark beeinflussen! Kann das aber auch Ihre Überzeugung beeinflussen, -kann das auch Ihre Überzeugung bestechen, meine Herren Geschworenen? -Denken Sie daran, daß Ihnen die unumschränkte Macht zu binden und zu -lösen gegeben ist. Doch je größer die Gewalt ist, um so schwerer ist -ihre Anwendung. Nicht ein Jota werde ich von dem aufgeben, was ich -soeben gesagt habe. Doch möge es sein, nehmen wir an, daß ich auf einen -Augenblick mit der Anklage übereinstimme: Daß mein unglücklicher Klient -seine Hände mit dem Blute des Vaters befleckt hat. Das ist nur eine -Annahme, meine Herren. Ich wiederhole es, daß ich auch nicht einen -Augenblick an seiner Unschuld zweifle. Aber nehmen wir einmal an, daß -der Angeklagte des Vatermordes schuldig ist. So hören Sie bitte meine -Rede bis zu Ende, selbst wenn ich sogar diese Annahme zulasse. Mir liegt -etwas auf dem Herzen, was ich aussprechen möchte, denn ich fühle auch in -Ihren Herzen und Gedanken diesen großen Kampf ... Verzeihen Sie mir -dieses Wort, meine Herren Geschworenen, von Ihren Herzen und Gedanken. -Doch ich möchte bis zum Ende wahr und aufrichtig bleiben. Meine Herren, -seien wir es einmal alle – seien wir wahr und aufrichtig!“ - -An dieser Stelle wurde der Verteidiger durch ziemlich starken Applaus -unterbrochen. In der Tat, seine letzten Worte hatte er in einem so -ehrlich klingenden Tone gesprochen. Alle fühlten, daß er wirklich etwas -zu sagen hatte, und daß das, was er jetzt sagen würde, vielleicht das -allerwichtigste war. Als aber der Vorsitzende den Applaus hörte, -klingelte er sofort und drohte mit erhobener Stimme an, daß er den Saal -„räumen“ lassen werde, falls Ähnliches noch einmal vorkommen sollte. -Alles wurde still, und Fetjukowitsch begann von neuem – diesmal mit -einer geradezu beseelten Stimme, die jetzt ganz anders klang als vorhin. - - - XIII. - Der Übertreter des Gebots - -„Nicht nur die Verkettung der Tatsachen vernichtet meinen Klienten,“ hub -er an, „nein, meine Herren Geschworenen, im Grunde ist es nur eine -einzige Unleugbarkeit, die ihm den Hals bricht: das ist – der Leichnam -des alten Vaters! Wäre es ein gewöhnlicher Mord, so würden Sie bei der -Richtigkeit, Unbewiesenheit und Phantastik der sogenannten -Anklage_beweise_ – wenn man jeden von ihnen einzeln und nicht in der -Gesamtheit betrachtet –, so würden Sie, sage ich, die Anklage -zurückweisen, oder Sie würden sich mindestens bedenken, das Leben eines -Menschen nur auf Grund des Vorurteils, das er leider gar zu sehr -verdient hat, zugrunde zu richten! Hier aber handelt es sich nicht um -einen gewöhnlichen Mord, sondern um einen Vatermord! Das imponiert! Und -zwar in einem solchen Maße, daß selbst die Nichtigkeit und -Unbewiesenheit der anklagenden Tatsachen selbst dem Vorurteilslosesten -nicht mehr so nichtig und nicht mehr so unbewiesen erscheinen. Wie nun -einen solchen Angeklagten rechtfertigen? Wie, wenn er den Mord verübt -hat und ungestraft entkommt? – Das ist es, was ein jeder sich in seinem -Herzen unwillkürlich, instinktiv fragt. Ja, es ist ein schreckliches -Ding, das Blut des Vaters zu vergießen, das Blut desjenigen, der mich -gezeugt, geliebt, sein Leben für mich nicht geschont hat, der von meinen -ersten Kinderjahren an für mich bei jeder Kinderkrankheit gezittert, -sein ganzes Leben lang nur für mein Glück gearbeitet und gelitten, nur -von meinen Freuden und Erfolgen gelebt hat! Ja, einen solchen Vater zu -erschlagen – das wäre nicht auszudenken! Meine Herren Geschworenen, was -ist ein Vater, ein wirklicher Vater, was ist das für ein Wort, was für -eine unheimlich große Idee liegt in diesem großen Worte? Wir haben -soeben darauf hingewiesen, was ein wahrer Vater ist, und was er sein -soll. In dem vorliegenden Falle jedoch, der uns jetzt alle so -beschäftigt, und der uns quält und bis ins Herz getroffen hat, in diesem -vorliegenden Falle entspricht der Vater, der verstorbene Fedor -Pawlowitsch Karamasoff, nicht im geringsten, nicht im allermindesten -jenem Begriff von einem Vater, den wir im Herzen tragen. Das ist das -Unglück. Ja, in der Tat, gar mancher Vater ist das Unglück seiner -Kinder. Betrachten wir dieses Unglück jetzt etwas aus der Nähe, – und -wir dürfen doch, meine Herren Geschworenen, im Hinblick auf die -Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung, vor nichts zurückschrecken. -Gerade jetzt dürfen wir weniger denn je mit den Händen gewisse Ideen -zurückscheuchen, wie Kinder oder ängstliche Frauen, um den treffenden -Vergleich des verehrten Anklägers zu gebrauchen. Nun hat mein -hochgeachteter Gegner – der schon mein Gegner war, noch bevor ich mein -erstes Wort gesprochen hatte – hat mein Gegner mehr als einmal -ausgerufen: ‚Nein, ich will die Verteidigung des Angeklagten keinem -anderen überlassen –, ich bin der Ankläger, ich will auch der -Verteidiger sein!‘ Das hat er, wie gesagt, ein paarmal ausgerufen, -indessen hat er aber zu erwähnen vergessen, daß der Angeklagte, wenn er -ganze dreiundzwanzig Jahre lang eine solche Dankbarkeit für ein einziges -Pfund Nüsse im Herzen bewahrt hat, das ihm der einzige Mensch geschenkt -hat, der während seines Aufenthaltes als Kind im Elternhause freundlich -zu ihm gewesen ist, daß ein solcher Mensch in diesen dreiundzwanzig -Jahren auch nicht hat vergessen können, wie er auf dem Hinterhofe -barfüßig umhergelaufen ist, mit bloßen Beinchen und in ‚Höschen an einem -Knopf‘, wie dies uns der menschenfreundliche Doktor Herzenstube -geschildert hat. Meine Herren Geschworenen, wozu sollen wir noch näher -dieses Unglück untersuchen und wiederholen, was doch alle schon wissen! -Was hat mein Klient hier vorgefunden, als er nach Haus, zum Vater kam? -Und warum, warum nur stellt man meinen Klienten als gefühllosen -Egoisten, als Ungeheuer dar? Er ist gewiß zügellos, wild und wüst, und -dafür verurteilen wir ihn auch jetzt. Wer aber ist schuld an seinem -unglücklichen Leben, wen trifft die Schuld, daß er bei guten Anlagen -eine so schlechte Erziehung erhalten hat, dieser kleine verlassene Junge -mit dem prächtigen liebebedürftigen Herzen? Hat ihm denn auch nur ein -einziger Mensch Vernunft beigebracht, hat ihm denn überhaupt jemand auch -nur ein wenig Liebe in seiner freudlosen Kindheit gezeigt? Mein Klient -ist nur unter Gottes Obhut aufgewachsen, also mit anderen Worten: wie -ein wildes Tier. Vielleicht hat er sich danach gesehnt, seinen Vater -nach so langer Zeit wiederzusehen, er hat vielleicht schon tausendmal, -wenn er sich seiner Kindheit wie eines Traumes entsann, die widerlichen -Erinnerungen verscheucht und sich mit ganzer Seele danach gesehnt, -seinen Vater rechtfertigen und umarmen zu können! Und nun, was findet er -hier? Mit zynischem Spott, mit Mißtrauen und Betrügereien wegen des -strittigen Geldes wird er empfangen. Die Gespräche und die -Lebensphilosophie, die er täglich ‚beim Kognak‘ mit anhören muß, -verursachen ihm fast Übelkeit. Und alsbald sieht er, wie dieser Vater -mit seinem, des Sohnes Gelde, ihm, dem Sohne, die Geliebte abspenstig -machen will. Das ist mehr als ekelhaft und grausam, meine Herren -Geschworenen. Und dieser selbe alte Vater beklagt sich nun bei allen -über die Unehrerbietigkeit des Sohnes, sucht ihn in der ganzen -Gesellschaft anzuschwärzen, mit Schmutz zu bewerfen, ihm zu schaden, wo -er nur kann, er verleumdet ihn überall, und schließlich kauft er seine -Wechsel auf, um ihn, seinen leiblichen Sohn, ins Gefängnis zu bringen! -Meine Herren Geschworenen, diese Seelen, diese dem Anscheine nach -wilden, heftigen, zügellosen Menschen, wie mein Klient, sind -meistenteils sehr zärtlich, nur zeigen sie es nicht. Lachen Sie bitte -nicht, lachen Sie nicht über meine Worte! Der verehrte Ankläger hat -meinen Klienten vorhin in unbarmherziger Weise zu verspotten gesucht, -indem er in ganz besonderer Art andeutete, daß Dmitrij Karamasoff -Schiller liebe: alles ‚Schöne und Hehre‘. Ich hätte mich an seiner -Stelle darüber nicht lustig gemacht, wenn ich der Ankläger gewesen wäre. -Denn diese Herzen, – oh, erlauben Sie mir, daß ich diese Herzen -verteidige, die so selten verstanden und so oft ungerecht beurteilt -werden! Diese Herzen sehnen sich so oft nach Zärtlichkeit, Schönheit und -Gerechtigkeit, sie tun es gleichsam aus Widerspruch zu sich selbst, zu -ihrem wüsten Leben, ihrer Wildheit. Sie sehnen sich vielleicht unbewußt -danach, aber sie sehnen sich mit ihrer ganzen Leidenschaft. Äußerlich -leidenschaftlich und hart, sind sie fähig, bis zur Qual etwas -liebzugewinnen, ein Weib zum Beispiel, und das lieben sie dann mit einer -geistigen, einer höheren Liebe. Ich bitte Sie wiederum, nicht über mich -zu lachen. Ich wiederhole: das pflegt gerade bei diesen Naturen am -häufigsten vorzukommen. Nur können sie ihre Leidenschaft, die zuweilen -gewiß sehr roh ist, nicht verbergen, und das ist es dann, was allen -sofort an ihnen auffällt. Jawohl: das wird sofort bemerkt. Den inneren -Menschen aber sieht niemand. Doch ihre Leidenschaften werden schnell -gestillt, und dieser anscheinend rohe und grausame Mensch sucht in der -Nähe eines edlen und schönen Wesens nur Erneuerung, sucht die -Möglichkeit, sich zu bessern, gut zu werden, ehrlich und edel, oder -‚schön und erhaben‘, wie sehr dieses Wort auch verspottet werden mag. -Ich habe gesagt, daß ich nicht wage, über den Roman meines Klienten mit -Fräulein Werchoffzeff zu sprechen. Ich denke aber, daß mir doch ein -halbes Wort über ihn gestattet sein wird. Wir alle haben vorhin gehört – -nicht die Aussage, sondern nur das wahnsinnige Geschrei eines Weibes, -das sich rächen will. Doch nicht ihr, oh, wahrlich nicht, ihr steht es -zu, ihm einen Treubruch vorzuwerfen, denn sie, sie selbst hat ihm die -Treue zuerst gebrochen. Hätte sie nur einen Augenblick Zeit gehabt, -nachzudenken, so würde sie bestimmt nicht eine solche Aussage gemacht -haben. Meine Herren Geschworenen, glauben Sie ihr nicht, nein, mein -Klient ist kein ‚Auswurf des Menschengeschlechts‘, kein ‚Ungeheuer‘, wie -sie ihn vorhin genannt hat! Der gekreuzigte Menschenfreund hat gesagt: -‚Ich bin der gute Hirt, ein guter Hirt gibt seine Seele hin für seine -Schafe, auf daß kein einziges untergehe ...‘ Richten auch wir keine -Menschenseele zugrunde! Ich habe soeben gefragt, was das Wort ‚Vater‘ -bedeutet, und ich habe gesagt, daß es ein großes Wort, eine uns teure -Benennung sei. Doch, meine Herren Geschworenen, mit einem Worte muß man -ehrlich umgehen, und ich verlange, daß man jedem Dinge seinen richtigen -Namen gibt, nicht aber, daß man Worte, die uns teuer sind, mißbraucht. -Und darum sage ich dreist: Ein Vater, wie der erschlagene alte -Karamasoff, kann nicht Vater genannt werden, er ist dieses Namens nicht -wert! Die Liebe zum Vater ist, wenn sie vom Vater nicht gerechtfertigt -wird, eine Albernheit, eine Unmöglichkeit. Liebe kann man nicht aus -Nichts schaffen, nur Gott allein vermag aus Nichts etwas zu schaffen. -‚Väter, betrübet nicht eure Kinder‘, schreibt der Apostel aus der Fülle -seines liebeglühenden Herzens heraus. Nicht wegen meines Klienten führe -ich hier diese heiligen Worte an, um aller Väter willen rufe ich sie uns -wieder ins Gedächtnis. Wer hat mir die Macht und das Recht gegeben, den -Vätern Liebe zu lehren? Niemand. Aber als Mensch und als Staatsbürger -rufe ich die Väter auf – _vivos voco_! Wir weilen nicht lange hier auf -Erden, wir tun viel üble Taten, wir reden viel üble Worte. Darum aber -sollten wir alle den geeigneten Augenblick unseres Zusammenseins -benutzen, um einander ein gutes Wort zu sagen. So tue denn auch ich: -solange ich an diesem Platze stehe, will ich meinen Augenblick benutzen. -Nicht umsonst ist uns diese Tribüne durch höchsten Willen geschenkt -worden – von ihr aus hört uns ganz Rußland. Nicht nur zu den hier -versammelten Vätern rede ich, sondern allen Vätern rufe ich zu: ‚Väter, -betrübet nicht eure Kinder!‘ Ja, erfüllen wir zuerst selbst das Gebot -Christi – dann erst können wir auch von unseren Kindern die Erfüllung -der Gebote verlangen! Andernfalls sind wir nicht die Väter, sondern die -Feinde unserer Kinder, und auch sie sind dann nicht unsere Kinder, -sondern unsere Feinde, und wir selbst machen sie zu unseren Feinden! -‚Mit welchem Maße du messest, wird dir wiedergemessen werden‘ – das sage -nicht ich, das droht uns das Evangelium an: Mit dem Maße sollst du -wiedermessen, mit dem dir gemessen wird. Wie soll man nun die Kinder -anklagen, wenn sie uns mit demselben Maße wiedermessen, mit dem wir -messen? In Finnland kam vor kurzem ein Mädchen, eine Dienstmagd, in den -Verdacht, im geheimen ein Kind geboren zu haben. Man fing an, sie zu -beobachten, und schließlich fand man auf dem Hausboden, ganz unter dem -Dache, in einer Ecke unter Ziegelsteinen ihren Koffer, von dem niemand -etwas gewußt hatte. Und in diesem Koffer fand man die kleine Leiche -ihres neugeborenen Kindes. Im selben Koffer fand man außerdem noch die -Skelette zweier schon früher von ihr geborener und, wie sie selbst -eingestanden hat, von ihr im Augenblick der Geburt umgebrachter Kinder. -Meine Herren Geschworenen, ist das nun eine Mutter ihrer Kinder? Wohl -hat sie sie geboren, aber ist sie ihnen denn eine Mutter gewesen? Wer -von uns wird wagen, sie mit dem heiligen Mutternamen zu nennen? Seien -wir mutig, meine Herren Geschworenen, seien wir sogar kühn, denn wir -sind verpflichtet, es zu sein, besonders in diesem Augenblick, und uns -nicht vor gewissen Worten und Ideen zu fürchten, wie die Moskauer -Kaufmannsfrauen, die vor ‚Metall‘ und ‚Schwefeläther‘ Angst haben.[31] -Nein, beweisen wir, daß auch wir in den letzten zehn Jahren der -Entwicklung fortgeschritten sind, und sagen wir gerade heraus: Der -Erzeuger ist noch nicht Vater, Vater ist, wer nicht nur erzeugt, sondern -den Namen Vater auch verdient hat. Oh, gewiß, es gibt auch noch eine -andere Deutung, eine andere Auffassung und Auslegung des Wortes Vater, -die verlangt, daß mein Vater auch dann, wenn er ein Ungeheuer ist, wenn -er zum Verbrecher an seinem Kinde geworden ist, immer noch mein Vater -bleibe, und zwar nur darum, weil er mich erzeugt hat. Doch diese -Bedeutung ist sozusagen schon eine mystische, die ich nicht mit dem -Verstande begreifen, sondern nur mit dem Glauben annehmen kann, oder -richtiger gesagt, auf Treu und Glauben, wie es uns mit vielem anderen -ergeht, das wir nicht begreifen können, und an das zu glauben uns -lediglich die Religion gebietet. Aber ein solcher Fall mag dann -außerhalb des Bereiches des wirklichen Lebens bleiben. Im Bereiche des -wirklichen Lebens dagegen, das nicht nur seine besonderen Rechte hat, -sondern selbst auch große Pflichten auferlegt, – in diesem Bereiche -müssen wir, und sind wir sogar verpflichtet, wenn wir menschlich und -Christen sein wollen, nur diejenigen Überzeugungen durchzuführen, die -von der Vernunft und der Erfahrung gutgeheißen, die durch den -Schmelzofen der Analyse hindurchgegangen sind. Mit einem Wort, wir haben -vernünftig zu handeln und nicht unvernünftig, wie etwa im Traum und in -der Phantasie, damit wir den Menschen keinen Schaden zufügen, damit wir -keinen Menschen unnütz quälen und zugrunde richten. Dann, dann erst wird -es eine wirklich christliche Tat sein, nicht nur eine mystische, sondern -eine vernünftige und eine bereits wahrhaft menschenfreundliche Tat ...“ - -Bei diesen Worten erhob sich an vielen Stellen des Saales starker -Applaus, aber Fetjukowitsch begann sogleich mit den Armen zu fuchteln, -als flehe er darum, ihn nicht zu unterbrechen und ihn ausreden zu -lassen. Im Augenblick wurde es still. Der Redner fuhr fort: - -„Glauben Sie denn, meine Herren Geschworenen, daß solche Fragen unsere -Kinder unberührt lassen können, wenn sie, sagen wir, schon Jünglinge -sind, oder, sagen wir, wenn sie schon angefangen haben nachzudenken? -Nein, das können sie nicht, und wir können auch keine unmögliche -Schonung von ihnen verlangen. Der Anblick eines unwürdigen Vaters, -besonders im Vergleich mit anderen, würdigen Vätern seiner -Altersgenossen, veranlaßt den Jüngling unwillkürlich zum Nachdenken und -gibt ihm unwillkürlich qualvolle Fragen ein. Auf diese Fragen aber wird -ihm immer nur die eine Bürokratenantwort zuteil: ‚Er hat dich erzeugt, -du bist Blut von seinem Blut, folglich mußt du ihn lieben.‘ Wie soll da -der Jüngling nicht ernster darüber nachdenken und sich nicht -unwillkürlich fragen: ‚Ja, hat er mich denn geliebt, als er mich -zeugte?‘ und er wundert sich selbst immer mehr darüber. ‚Hat er mich -denn um meinetwillen erzeugt? Er kannte mich doch gar nicht, er hat ja -nicht einmal gewußt, welch eines Geschlechtes ich sein würde, er hat -vielleicht überhaupt nicht an mich gedacht, in jenem Augenblick der -Leidenschaft, die vielleicht nur vom Weine herrührte, und in dem er mir -vielleicht bloß die Neigung zum Trunke vererbte. Das sind seine ganzen -Wohltaten an mir ... Warum nun soll ich ihn jetzt mein ganzes Leben lang -dafür lieben, daß er mich zwar erzeugt, dann aber, seit dem ersten Tage -meines Lebens mich überhaupt nicht geliebt hat?‘ Diese Fragen werden -Ihnen vielleicht roh und grausam erscheinen, doch fordern Sie von einem -so jungen Geiste nicht Unmögliches, verlangen Sie nicht, daß er sich -mäßige und in allem ebenso denke wie seine Lehrer. ‚Jage die Natur zur -Tür hinaus, sie fliegt durchs Fenster wieder herein.‘ Und vor allen -Dingen, ja, vor allen Dingen fürchten wir uns nicht vor ‚Metall‘ und -‚Schwefeläther‘ und entscheiden wir über die Frage so, wie es Vernunft -und Nächstenliebe verlangen, und nicht so, wie mystische Begriffe -vorschreiben. Wie aber soll man darüber entscheiden? Sehr einfach: Mag -der Sohn vor seinen Vater hintreten und ihn nicht leichtfertig, sondern -ernst und bedacht fragen: ‚Vater, sage du mir: Warum soll ich dich -lieben? Vater, beweise mir, daß ich dich lieben muß.‘ Und wenn dieser -Vater dann imstande und fähig ist, ihm zu antworten und zu beweisen, so -wird es eine gute Familie sein, die nicht nur auf mystischem Vorurteil -allein beruht, sondern auf vernünftigen, selbstbewußten und streng -humanen Grundlagen. Im entgegengesetzten Falle, wenn der Vater es ihm -nicht beweisen kann – so ist die Familie aufgelöst, so ist ihr Ende -gekommen: Er hört auf, Vater zu sein, und der Sohn erlangt die Freiheit -und das Recht, seinen Vater hinfort für einen ihm Fremden und sogar für -seinen Feind zu halten. Meine Herren Geschworenen, unsere Tribüne sollte -die Schule der Wahrheit und der gesunden Auffassung sein!“ - -Hier wurde der Redner durch unbändigen, beinahe rasenden Applaus -unterbrochen. Selbstverständlich, es applaudierte nicht der ganze Saal, -aber immerhin reichlich die Hälfte des ganzen Publikums. Es waren die -Väter und Mütter, die Beifall klatschten. Von oben, wo die Damen saßen, -hörte man Beifallsrufe, winkte man mit den Taschentüchern. Der -Vorsitzende griff nach seiner Glocke und begann aus allen Kräften zu -läuten. Das Benehmen des Publikums hatte ihn offenbar sehr empört. -Trotzdem wagte er nicht, den Saal räumen zu lassen, wie er noch kurz -vorher gedroht hatte: Selbst die ehrwürdigen, hohen Standespersonen, die -hinter dem Gerichtshofe auf besonderen Lehnstühlen saßen, die alten -Herren mit den Sternen auf den Röcken, selbst die applaudierten und -gaben dem Redner ihren Beifall zu erkennen. So begnügte sich denn der -Vorsitzende, als der Lärm sich gelegt hatte, mit der strengen -Wiederholung derselben Androhung, den Saal „räumen“ zu lassen, und der -triumphierende Fetjukowitsch ergriff von neuem das Wort. - -„Meine Herren Geschworenen, Sie erinnern sich dieser furchtbaren Nacht, -von der heute schon so viel gesprochen worden ist, in der der Sohn über -den Zaun geklettert war, der des Vaters Besitztum einschloß, und wie -dieser Sohn dann schließlich vor seinen Vater trat und Auge in Auge -seinem Erzeuger, seinem Feinde und Beleidiger gegenüberstand. Ich -behaupte, und ich bestehe mit ganzem Nachdruck darauf, daß er nicht um -des Geldes willen in den Garten gelaufen war. Die Beschuldigung, er habe -einen Raubmord verübt, ist vollkommen unsinnig, ist eine Ungereimtheit, -wie ich vorhin schon auseinandergesetzt habe. Und auch nicht, um ihn zu -erschlagen, ist er bei seinem Vater eingedrungen. Wenn er schon früher -diese Absicht gehabt hätte, so würde er sich doch wenigstens mit einer -Waffe versehen haben, denn diese kleine Mörserkeule hat er ja doch nur -unwillkürlich ergriffen, ohne selbst zu wissen warum und wozu. Nehmen -wir jetzt an, daß er das Zeichen an die Tür geklopft hat und ins Haus -eingedrungen ist – ich habe ja schon gesagt, daß ich keinen Augenblick -an diese Fabel glaube, – aber nehmen wir jetzt einmal an, daß es so -gewesen sei! Meine Herren Geschworenen, ich schwöre Ihnen bei allem, was -heilig ist: Wäre der Tote nicht sein Vater gewesen, sondern ein Fremder, -der ihn gekränkt und beleidigt hat, so wäre er, nachdem er alle Zimmer -durchsucht und sich überzeugt hätte, daß das geliebte Weib sich nicht im -Hause befand, so wäre er, das sage ich, unverzüglich wieder -hinausgelaufen, ohne dem Rivalen etwas anzutun, er hätte ihn vielleicht -hart und grob angefahren, doch das wäre dann auch alles gewesen, denn er -hätte weiter keine Zeit für ihn gehabt – er mußte doch erfahren, wo sie -sich befand! Aber der Vater, der Vater – oh, alles hat nur der Anblick -des Vaters getan, seines von Kindheit an verhaßten Feindes, seines -Beleidigers, der jetzt – sein ungeheuerlicher Rivale war! Da hat ihn -denn der Haß unwillkürlich überwältigt, da war keine Zeit mehr zum -Überlegen; alles erhob sich in einem Augenblick! Das war ein Affekt des -Wahnsinns oder völliger Sinnlosigkeit, gleichzeitig aber auch ein Affekt -der Natur, die für ihre ewigen Gesetze unaufhaltbar und unbewußt Rache -nimmt, wie dies die Natur ständig tut. Aber der Mörder hat auch da nicht -ermordet – das behaupte ich, das rufe ich dreist aus –, nein, er hat nur -in angeekeltem Unwillen mit der Hand einmal ausgeholt, ohne erschlagen -zu wollen, ohne zu wissen, daß er erschlagen würde. Hätte er nicht diese -verhängnisvolle Mörserkeule in der Hand gehabt, so hätte er den Vater -vielleicht nur verprügelt, aber nicht erschlagen. Als er fortlief, wußte -er nicht, ob der von ihm niedergestreckte alte Mann wirklich tot war. -Ein solcher Todschlag ist kein Mord. Und ein solcher Todschlag ist erst -recht kein Vatermord. Nein, den Todschlag eines solchen Vaters kann man -nicht Vatermord nennen. Ein solcher Todschlag könnte nur aus Vorurteil -Vatermord genannt werden! Und hat nun dieser Todschlag wirklich -stattgefunden, ist er denn auch wirklich von dem Angeklagten ausgeführt -worden? Das frage ich Sie immer und immer wieder! Das frage ich alle aus -der Tiefe meiner Seele unermüdlich, immer wieder! Meine Herren -Geschworenen, da werden wir ihn nun verurteilen, und er wird sich dann -sagen: ‚Diese Menschen haben nichts für mich getan, nichts für meine -Erziehung, meine Bildung, um mich besser zu machen, um mich zum Menschen -zu machen. Sie haben mich nicht gespeist und getränkt, im Kerker haben -sie den Nackten nicht besucht, und diese selben Menschen haben mich -jetzt noch zur Zwangsarbeit verurteilt. Jetzt ist meine Schuld getilgt, -jetzt haben wir abgerechnet, ich habe bezahlt, jetzt bin ich weder ihnen -noch sonst jemandem etwas schuldig. Sie sind böse – nun, so werde auch -ich böse sein. Sie sind grausam – so werde auch ich grausam sein.‘ Sehen -Sie, das wird er sich sagen. Und ich schwöre Ihnen, meine Herren -Geschworenen: mit Ihrer Schuldigsprechung werden Sie seine Schuld nur -erleichtern, denn damit werden Sie seinem Gewissen das Schuldbewußtsein -nehmen. Er wird das von ihm vergossene Blut verfluchen, aber nicht -bereuen. Und zu gleicher Zeit vernichten Sie den Menschen in ihm, Sie -nehmen ihm die Möglichkeit, noch ein Mensch zu werden, denn er würde -dann sein Leben lang böse und blind bleiben. Oder wollen Sie ihn lieber -schwer, grausam, mit der allerhärtesten Strafe bestrafen, die man sich -nur denken kann, um dafür seine Seele aufzurichten und auf ewig zu -retten? Wenn Sie das wollen, so erdrücken Sie ihn durch Ihre -Barmherzigkeit! Sie werden sehen, Sie werden es hören, wie er -zusammenzucken, und wie seine Seele erschrecken wird: ‚Mir diese Güte, -mir soviel Liebe! – habe ich denn das verdient?‘ – wird das erste sein, -was er ausruft. Oh, ich kenne, ich kenne dieses Herz, dieses stürmische, -doch edelmütige Herz, meine Herren Geschworenen. Es wird sich vor Ihrer -Tat niederbeugen, es sehnt sich nach einem großen Liebesbeweise, es wird -entflammen und auferstehen, um dann nie wieder hinabzusinken. Es gibt -Seelen, die in ihrer Begrenztheit die ganze Welt beschuldigen. Doch -erdrücken Sie diese Seele mit Ihrer Barmherzigkeit, erweisen Sie ihr nur -einmal im Leben Liebe, und sie wird ihre Tat verfluchen, denn es liegen -viel, viel gute Keime in ihr. Seine Seele wird sich weiten und wird -einsehen, wie barmherzig Gott ist, wie schön und gerecht die Menschen -sind. Die Reue und die unermeßliche Schuld, die er von nun an abzutragen -haben wird, werden ihn zuerst entsetzen und niederdrücken. Er wird nicht -sagen: ‚Wir haben abgerechnet.‘ Er wird sagen: ‚Ich bin vor allen -Menschen schuldig und bin der Unwürdigste unter ihnen.‘ Mit Tränen der -Reue und brennender, quälender Rührung wird er ausrufen: ‚Die Menschen -sind besser als ich, denn sie haben mich nicht verderben, sondern retten -wollen.‘ Wie leicht ist es für Sie, diese Barmherzigkeit zu üben, denn -bei dem Mangel jeder, auch nur einigermaßen glaubwürdiger Schuldbeweise, -wird es Ihnen denn doch zu schwer werden, ihn schuldig zu sprechen. ‚Es -ist besser, zehn Schuldige unbestraft zu entlassen, als einen -Unschuldigen zu bestrafen‘ – hören Sie sie, meine Herren Geschworenen, -hören Sie sie, diese erhabene Stimme aus dem vorigen Jahrhundert unserer -ruhmreichen Geschichte? Wie, kommt es denn mir zu, mir geringem -Menschen, Sie daran zu erinnern, daß das russische Gericht nicht nur dem -Schuldigen eine Sühne auferlegen, sondern daß es den verlorenen Menschen -retten will! Mag bei den anderen Völkern nach dem Buchstaben des -Strafgesetzes gerichtet werden, wir aber richten nach dem Geist und der -Bedeutung des Gesetzes, wir wollen die Rettung und die Wiedergeburt der -Gefallenen! Und wenn es so ist, wenn Rußland und sein Gericht wirklich -so ist, dann – vorwärts, Rußland! Und lassen wir uns nicht schrecken, -oh, ängstigen Sie uns nicht mit rasenden Troiken, vor denen alle Völker -voll Abscheu zur Seite treten! Nicht die irrsinnig jagende Troika, -sondern der erhabene russische Triumphwagen wird ruhig und majestätisch -ans Ziel gelangen. In Ihren Händen liegt das Schicksal meines Klienten, -in Ihren Händen liegt auch das Schicksal unserer russischen Wahrheit und -Gerechtigkeit. Sie werden sie retten, Sie werden sie verteidigen, Sie -werden beweisen, daß wir Männer haben, die sie aufrechterhalten, und daß -sie in guten Händen ruht!“ - - - XIV. - Das Urteil der Bauern - -So schloß Fetjukowitsch, und der Ausbruch der Begeisterung im -Zuhörerraum war dieses Mal unaufhaltsam wie ein Sturm. Niemand hätte ihm -Einhalt tun können. Die Damen weinten, auch viele Männer waren dem -Weinen nahe, und selbst zwei von den hohen Standespersonen vergossen -Tränen. Der Vorsitzende ergab sich denn auch in die Lage und legte nur -zögernd die Hand an die Glocke: „Einen solchen Enthusiasmus -unterdrücken, das wäre ja ebenso gewesen, wie ein Heiligtum -unterdrücken!“ sollen unsere Damen später gesagt haben. Auch der Redner -war sichtlich und aufrichtig gerührt. Aber siehe da, in einem solchen -Augenblick erhob sich plötzlich unser Hippolyt Kirillowitsch noch -einmal, um zu entgegnen. Geärgert und höchst ungehalten blickte man ihn -an. „Wie? Was soll das? Er wagt noch zu entgegnen?“ fragten sich die -Damen empört. Doch selbst wenn alle Damen der Welt, und an ihrer Spitze -sogar die Frau Hippolyt Kirillowitschs, sich dagegen empört hätten – es -wäre unmöglich gewesen, ihn in diesem Augenblick noch aufzuhalten. Er -war bleich und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Die ersten -Worte, die er sprach, waren völlig unverständlich: Er war atemlos, -sprach alles undeutlich aus, schien sogar den Faden zu verlieren. Doch -das legte sich bald. Ich will aus dieser zweiten Rede des Staatsanwalts -nur einige Sätze anführen. - -„... Uns wird der Vorwurf gemacht, daß wir Romane erdichten. Was aber -tut denn der Verteidiger, wenn man seine Rede nicht einen Roman nennen -soll, einen doppelten sogar? Es fehlte ja nur noch, daß er ihn in Versen -vorgetragen hätte. Fedor Pawlowitsch zerreißt, während er die Geliebte -erwartet, das Kuvert und wirft es auf den Fußboden. Es wird sogar -gesagt, was er bei dieser unbegreiflichen Prozedur geredet habe. Ist das -keine Dichtung? Und wo ist der Beweis dafür, daß er das Geld -herausgenommen hat? Wer hat es gehört, daß er dabei gesprochen hat? Der -schwachsinnige Idiot Ssmerdjäkoff wird uns als irgendein Byronscher Held -geschildert, der sich an der Gesellschaft für seine illegitime Geburt -rächt – oder ist das kein Poem im Byronschen Geschmack? Und der Sohn, -der beim Vater eingedrungen ist, ihn erschlägt, und auch wieder nicht -erschlägt, der ist ja mehr als ein Romanheld, ist selbst ein lebendiges -Poem, ist eine Sphinx, die Rätsel aufgibt, welche sie freilich selbst -niemals lösen wird. Wenn er erschlagen hat, so hat er erschlagen. Wer -aber kann verstehen, daß er erschlagen hat und dabei doch nicht -erschlagen haben soll? Dann wird uns verkündet, daß unsere Tribüne die -Tribüne der Wahrheit und gesunden Auffassung sei, und siehe da, von -dieser Tribüne der ‚gesunden Auffassung‘ erschallt mit der -Unantastbarkeit eines Axioms die Behauptung, daß den Vatermord wirklich -Vatermord nennen, nichts als Vorurteil sei! Aber, wenn das Verbot, den -Vater zu ermorden, nur ein Vorurteil ist, und wenn jedes Kind seinen -Vater fragen soll: ‚Vater, warum soll ich dich lieben?‘ – was wird dann -aus uns werden, wo bleiben dann die Grundfesten der Gesellschaft und der -Familie? Der Vatermord, sehen Sie mal, ist dasselbe, was in der -Vorstellung der Moskauer Kaufmannsfrau Metall und Schwefeläther ist. Die -teuersten, heiligsten Gebote in der Bestimmung und der zukünftigen -Bedeutung des russischen Gerichts werden uns leichtfertig entstellt -vorgemalt, nur um den einen Zweck zu erreichen: um die Rechtfertigung -dessen durchzusetzen, was wir nicht rechtfertigen dürfen. Oh, erdrücken -Sie ihn mit Ihrer Barmherzigkeit, ruft der Verteidiger aus, – für den -Verbrecher ist das wahrhaftig alles, was er braucht! Dann können wir ja -morgen sehen, wie niedergedrückt er sein wird! Und ist der Verteidiger -nicht noch zu bescheiden, wenn er nur die Freisprechung des Angeklagten -verlangt? Warum verlangt er nicht gleich, daß man ein Stipendium auf den -Namen des Vatermörders stifte, zur Verewigung seiner Heldentat, ein -Stipendium, das der Nachwelt und der jungen Generation zugute kommen -könnte? Da wäre doch das Evangelium und die ganze Religion verbessert. -Das ist, heißt es, alles nur Mystizismus, nur wir allein haben das -wirkliche Christentum, das bereits durch die Analyse der Vernunft und -gesunden Auffassung revidiert worden ist. Und siehe, man richtet vor uns -einen Pseudochristus auf! _Mit welchem Maß ihr messet, wird euch -wiedergemessen werden_, ruft der Verteidiger aus, und im selben -Augenblick verkündet er, daß Christus gelehrt habe, mit demselben Maße -wiederzumessen, mit dem uns gemessen wird, – und das alles von der -Tribüne der Wahrheit und der gesunden Auffassung! Wir haben erst am -Abend vor unserer Rede einen Blick in die Bibel geworfen, und zwar -einzig und allein zu dem Zweck, um mit der Kenntnis eines immerhin ganz -originellen Werkes zu glänzen, eines Werkes, das man schließlich auch -zur Erreichung eines gewissen Eindruckes gebrauchen kann, je nach -Bedarf, versteht sich, immer nach Bedarf! Das Gebot Christi aber ist -nicht, mit demselben Maße zu messen, sondern sich davor zu hüten, so zu -messen, denn also tut die böse Welt. Wir aber sollen verzeihen und auch -noch die rechte Backe hinhalten, nicht aber mit demselben Maße -wiedermessen, mit dem unsere Feinde messen. Ja, das hat uns unser Gott -gelehrt, nicht aber, daß das Verbot für die Kinder, ihre Väter zu -erschlagen, ein Vorurteil sei. Wenigstens werden wir uns nicht -unterfangen, von der Tribüne der Wahrheit und gesunden Auffassung herab -das Evangelium unseres Gottes zu verbessern, den der Verteidiger bloß -den ‚gekreuzigten Menschenfreund‘ zu nennen geruht, das genügt ja auch -vollkommen, seiner Meinung nach, im Gegensatz zum ganzen rechtgläubigen -Rußland, das zu Ihm emporruft: ‚Denn wahrlich bist du unser Gott‘ ...“ - -Hier aber griff der Vorsitzende ein und unterbrach unseren erregten -Hippolyt Kirillowitsch, indem er ihn bat, nicht zu übertreiben, die -pflichtschuldigen Grenzen einzuhalten usw. usw., was die Vorsitzenden in -solchen Fällen gewöhnlich sagen. Auch der Saal war unruhig geworden. Das -Publikum war in Bewegung. Man hörte sogar schon einige Ausrufe des -Unwillens. Fetjukowitsch entgegnete nicht einmal. Er bestieg nur die -Tribüne, um mit gekränkter Stimme – die Hand aufs Herz gepreßt – ein -paar würdevolle Worte zu diesem selben Publikum zu sagen. Bei der -Gelegenheit tat er nur einmal noch leicht und spöttisch der „Romane“ und -der „Psychologie“ Erwähnung und brachte dann noch geschickt das Zitat -an: ‚Jupiter, du ärgerst dich, folglich hast du Unrecht‘ – womit er -natürlich beifälliges Lachen im Publikum hervorrief, denn unser Hippolyt -Kirillowitsch glich niemandem weniger, als einem Jupiter. Auf die -Anschuldigung, er habe der jungen Generation gestattet, die Väter zu -erschlagen, bemerkte Fetjukowitsch nur höchst überlegen, daß er auf so -etwas überhaupt nicht entgegnen wolle. Und über den „Pseudochrist“ sowie -über den Vorwurf, daß er Christus nicht Gott, sondern nur den -„gekreuzigten Menschenfreund“ genannt habe, „was der Rechtgläubigkeit -widersprechen soll und niemals von der Tribüne der Wahrheit und der -gesunden Auffassung herab gesagt werden könne“, ließ Fetjukowitsch nur -eine kurze Bemerkung fallen, in der er auf die „Insinuation“ hinwies. Im -übrigen bemerkte er noch, daß er, als er zu uns gereist sei, wenigstens -darauf gerechnet habe, die hiesige Tribüne werde gegen Beschuldigungen -geschützt sein, die seiner Person gefährlich werden könnten, als -Staatsbürger und treuer Untertan, der er sei ... Doch bei diesen Worten -wurde auch er vom Vorsitzenden unterbrochen, und so schloß er denn seine -Rede mit einer Verbeugung, unter allgemeinem, beifälligem Gemurmel des -Saales. Hippolyt Kirillowitsch dagegen war, nach der Meinung unserer -Damen, „endgültig aufs Haupt geschlagen“. - -Darauf wurde dem Angeklagten selbst das Wort erteilt. Mitjä erhob sich, -sprach aber nur wenig. Er war maßlos erschöpft, sowohl körperlich wie -seelisch. Der Anschein des Selbstbewußtseins und der persönlichen Kraft, -den er beim Eintritt in den Saal gehabt hatte, war jetzt fast ganz -verschwunden. Es war, als hätte er an diesem Tage irgend etwas für sein -ganzes Leben durchlebt, etwas, das ihn ein sehr Wichtiges gelehrt, und -das er jetzt begriffen hatte, während ihm dieses Begreifen früher -unmöglich gewesen war. Seine Stimme war matt, er sprach lange nicht mehr -so laut wie vorhin. Aus seinen Worten aber klang etwas Neues heraus, -etwas Ergebenes, Besiegtes, das sich niedergebeugt und unterworfen -hatte. - -„Was soll ich sagen, meine Herren Geschworenen! Ich stehe vor meinem -Gericht, ich fühle Gottes Hand über mir. Das Ende des zügellosen -Menschen ist gekommen! Aber ich sage Ihnen, wie wenn ich meinem Gotte -beichtete: Am Blute meines Vaters bin ich unschuldig, – nein, daran habe -ich keine Schuld! Zum letztenmal wiederhole ich: Nicht ich habe ihn -erschlagen! Ich bin zügellos und wild gewesen, aber ich habe das Gute -geliebt. In jedem Augenblick habe ich mir vorgenommen, mich zu bessern, -und doch habe ich gleich einem wilden Tiere dahingelebt. Ich danke dem -Staatsanwalt, er hat mir vieles über mich gesagt, was ich selbst nicht -gewußt habe, aber es ist nicht wahr, daß ich den Vater erschlagen habe, -darin täuscht sich der Staatsanwalt. Ich danke auch dem Verteidiger, ich -habe geweint, als ich ihm zuhörte, aber es ist nicht wahr, daß ich den -Vater erschlagen habe, auch die bloße Annahme ist unwahr in sich und -überflüssig. Den Ärzten aber glauben Sie nicht, ich bin bei vollem -Verstande, nur meine Seele leidet schwer. Wenn Sie mich verschonen, wenn -Sie mich freisprechen – werde ich für Sie beten. Ich werde ein besserer -Mensch werden, darauf gebe ich mein Wort, ich gebe es Ihnen, wie meinem -Gott. Wenn Sie mich aber verurteilen – so zerbreche ich selbst den Degen -über meinem Haupte, und nachdem ich es getan, werde ich die zerbrochenen -Stücke küssen! Aber verschont mich, ihr Menschen, beraubt mich nicht -meines Gottes, ich kenne mich: Ich werde wider Ihn murren! Zu schwer ist -es für meine Seele, meine Herren ... laßt den Kelch an mir -vorübergehen!“ - -Seine Stimme versagte, kaum konnte er noch die letzten Worte -hervorstoßen. Fast fiel er auf seinen Platz zurück. Der Gerichtshof -schritt darauf zur Aufstellung der Fragen und fragte beide Parteien nach -ihren Anträgen. Ich übergehe die Einzelheiten. Endlich erhoben sich die -Geschworenen, um sich zur Beratung zurückzuziehen. Der Vorsitzende war -sehr ermüdet und sagte ihnen daher nur ein schwaches Geleitwort: „Seien -Sie unparteiisch, lassen Sie sich nicht von den schönen Worten der -Verteidigung beeinflussen, wägen Sie gerecht, vergessen Sie nicht, daß -eine große Verantwortung auf Ihnen ruht“ usw. usw. Die Geschworenen -entfernten sich, und die Sitzung war unterbrochen. Man konnte aufstehen, -umhergehen, die verschiedenen Eindrücke austauschen, am Büfett sich -etwas stärken. Es war schon sehr spät, schon nach Mitternacht, kurz vor -eins, doch niemand fuhr nach Haus. Man war so aufgeregt, daß man an -Schlaf nicht einmal denken wollte. Alle erwarteten bangen Herzens das -Urteil, obgleich es ihnen gar nicht bange um den Richterspruch war. Die -Damen wurden höchstens von ihrer mehr hysterischen Ungeduld gepeinigt, -ihre Herzen aber waren ziemlich ruhig: „Oh, unfehlbar wird er -freigesprochen werden!“ meinte man überzeugt, und man bereitete sich -schon auf den Augenblick der großen Begeisterung vor. Ich muß gestehen, -daß auch unter dem männlichen Publikum des Saales sehr viele von der -Freisprechung fest überzeugt waren. Die einen freuten sich, die anderen -wiederum machten mürrische Gesichter, und die dritten ließen sogar ganz -niedergeschlagen die Nase hängen: Nein, die wünschten wahrlich keine -Freisprechung! Selbst Fetjukowitsch soll von seinem Erfolge fest -überzeugt gewesen sein. Er war umringt, man beglückwünschte ihn und -streute ihm Weihrauch. - -„Es gibt,“ soll er gesagt haben – wie man später erzählte, „es gibt -gewisse unsichtbare Fäden, die den Verteidiger mit den Geschworenen -verbinden. Sie knüpfen sich, und man fühlt sie schon während der Rede. -Ich habe sie auch diesmal gefühlt. Die Sache ist unser, seien Sie -unbesorgt.“ - -„Na, meine Herren, was meinen Sie, was unsere Bäuerlein jetzt sagen -werden?“ fragte ein dicker, pockennarbiger Herr, ein Gutsbesitzer, -dessen Güter in der Nähe der Stadt lagen, indem er sich zu einer Gruppe -Herren gesellte, die eifrig disputierten. - -„Aber es sind ja nicht nur Bauern allein. Vier von ihnen sind doch -Beamte.“ - -„Jawohl, nichts weniger als Beamte,“ sagte hinzutretend ein Mitglied des -Landtags. - -„Kennen Sie den Nasarjeff, den Prochor Iwanowitsch, jenen Kaufmann mit -der Medaille, den einen von den Geschworenen?“ - -„Was ist denn mit ihm?“ - -„Ein kapitaler Kopf!“ - -„Aber er schweigt ja immer.“ - -„Das tut er, aber das ist ja um so besser. Der braucht sich nicht von -diesem Petersburger belehren zu lassen, der könnte selbst ganz -Petersburg belehren, – zwölf Stück Kinder, bedenken Sie nur das allein!“ - -„Aber ich bitt’ Sie, ist denn das überhaupt möglich, daß sie ihn nicht -freisprechen?“ rief in einer anderen Gruppe einer von unseren jungen -Beamten aus. - -„Sicherlich wird er freigesprochen werden,“ ließ sich da eine andere -überzeugte Stimme vernehmen. - -„Eine Schande, eine Schmach wäre es, wenn sie ihn nicht freisprächen!“ -fuhr der junge Beamte sich ereifernd fort. „Mag er ihn doch erschlagen -haben, aber zwischen Vater und Vater ist immerhin ein Unterschied! Und -dann, er ist doch so erregt und so aufgebracht gewesen ... Er hat ja -vielleicht tatsächlich mit der Mörserkeule nur einmal so geschwenkt, und -der Alte hat dann ganz von selbst den Geist aufgegeben. Dumm war nur, -daß sie da noch den Diener an den Haaren herbeizogen. Das ist doch eine -lächerliche Verdächtigung. Ich hätte an der Stelle des Verteidigers -einfach gesagt: Er hat erschlagen, ist aber unschuldig, und damit hol -euch der Teufel!“ - -„Das hat er ja auch getan, nur hat er das ‚hol euch der Teufel‘ nicht -laut hinzugefügt.“ - -„Nein, Michael Ssemjonytsch, beinahe hat er es hinzugefügt ...“ griff -eine dritte hohe Stimme auf. - -„Aber, hören Sie doch, meine Herren, man hat doch vorige Ostern die -Schauspielerin freigesprochen, die der Ehefrau ihres Geliebten die Kehle -durchgeschnitten hatte!“ - -„Sie hatte nicht ganz durchgeschnitten.“ - -„Das bleibt sich gleich, sie hatte schon angefangen zu schneiden!“ - -„Und was er da von den Kindern sagte? Großartig!“ - -„Großartig!“ - -„Ja, nichts zu sagen, das hat er gut gemacht.“ - -„Und dann das von der Mystik, von der Mystik, was? – das war doch!“ - -„Ach, lassen Sie doch die Mystik Mystik sein,“ unterbrach ihn ein -anderer, „versuchen Sie mal lieber, sich in die Lage unseres Hippolyt zu -versetzen, stellen Sie sich bloß mal das Leben vor, das ihn von heute ab -erwartet! Morgen wird ihm ja seine Frau wegen Mitjenka die Augen -auskratzen.“ - -„Ist sie hier?“ - -„Was hier! Wäre sie hier, so würde sie sie ihm schon ausgekratzt haben! -Nein, mein Lieber, die sitzt zu Hause und hat glücklich Zahnweh. He – he -– he!“ - -„Ha – ha – ha!“ - -In einer anderen Gruppe: - -„Der Mitjenka wird ja, wie’s scheint, wahrhaftig freigesprochen werden.“ - -„Und die Folge davon wird sein, daß er morgen unsere ganze ‚Hauptstadt‘ -auf den Kopf stellt und dann wieder mal zehn Tage lang durchgeht.“ - -„Tja, weiß der Teufel noch eins!“ meinte der andere kopfschüttelnd. - -„Ja, Teufel hin und Teufel her, ohne Teufel geht’s nicht mehr, – ‚wo -soll er denn sein, wenn er nicht hier ist?‘“ - -„Meine Herren, nun gut, sagen wir: Redekunst! Aber man kann doch -faktisch nicht den Vätern die Köpfe einschlagen! Wie weit käme man denn -damit?“ - -„Der Triumphwagen, der Triumphwagen, wissen Sie noch?“ - -„Ja, der machte aus ’nem Schlitten sofort ’nen Triumphwagen.“ - -„Und morgen aus einem Triumphwagen einen Schlitten – ‚je nach Bedarf, -immer nach Bedarf‘.“ - -„Ja, heutzutage machen alles nur noch die Gewandten. Meine Herren, gibt -es überhaupt noch Wahrheit und Recht in Rußland, oder gibt es sie nicht -mehr?“ - -Da ertönte die Glocke. Die Geschworenen hatten sich genau eine Stunde -beraten, nicht mehr und nicht weniger. Tiefes Schweigen trat ein, kaum, -daß das Publikum sich gesetzt hatte. Ich sehe die Szene noch vor mir, -wie die Geschworenen wieder eintraten – nacheinander. Endlich! Die -einzelnen Fragen übergehe ich, und ich habe sie auch vergessen. Sie -wurden punktweise vorgelegt. Ich erinnere mich nur noch der Antwort auf -die erste und wichtigste Frage des Vorsitzenden: „Hat er vorsätzlich um -des Raubes willen erschlagen?“ (oder so ungefähr, den genauen Wortlaut -habe ich vergessen). Der ganze Saal schien wie erstorben zu sein. Da -trat der Obmann der Geschworenen, der übrigens der jüngste von ihnen -war, vor und sagte, laut und deutlich, bei der Totenstille des ganzen -Saales: - -„Ja. Er ist schuldig!“ - -Und darauf Punkt für Punkt dieselbe Antwort: Schuldig, schuldig, -schuldig, und zwar ohne die geringste Milderung! Das hatte niemand -erwartet! Selbst die Strengsten waren überzeugt gewesen, daß man doch -wenigstens mildernde Umstände in Betracht ziehen werde. Die Totenstille -des Saales dauerte immer noch an, buchstäblich, als wären alle erstarrt -gewesen – sowohl diejenigen, welche die Verurteilung, wie diejenigen, -welche die Freisprechung gewünscht hatten. Doch das war nur in den -ersten Minuten. Dann erhob sich plötzlich ein furchtbares Chaos. Unter -dem männlichen Publikum schienen viele sehr zufrieden zu sein. Einige -rieben sich sogar die Hände, ohne ihre Freude zu verbergen. Die -Unzufriedenen dagegen waren niedergedrückt, sie flüsterten -untereinander, zuckten mit den Achseln, und schienen immer noch nicht -recht zur Besinnung kommen zu können. Aber, o Gott, was geschah mit -unseren Damen! Ich glaubte schon, es würde eine Revolution geben. Zuerst -trauten sie ihren Ohren nicht. Dann aber hörte man von allen Seiten -empörte Ausrufe: „Was soll das bedeuten? Was soll denn das heißen?“ Sie -sprangen von ihren Plätzen auf. Wahrscheinlich glaubten sie, daß man -alles sofort noch umändern und anders machen könne. Und in diesem -Augenblick erhob sich plötzlich Mitjä und schrie noch einmal laut über -den ganzen Saal hin, mit einer Stimme, die das Herz erzittern machte, -und indem er die Hände vor sich ausstreckte: - -„Ich schwöre es bei Gott und seinem furchtbaren Gerichte, am Blute -meines Vaters bin ich unschuldig! Katjä, ich verzeihe dir! Brüder, -Freunde, habt Mitleid mit der anderen! ...“ - -Er sprach nicht zu Ende: Er schluchzte mit lauter Stimme auf, mit einer -Stimme, die an ihm ganz neu, ganz unerwartet, die weiß Gott woher -gekommen war, mit einer Stimme, bei der einen das Grauen faßte. Und da -hörten wir plötzlich von oben, aus der entferntesten Ecke des Chores, -einen gellenden Schrei: Gruschenka hatte ihn ausgestoßen. Sie hatte -schon früher die Leute angefleht, sie dorthin nach oben zu lassen, schon -vor den Plaidoyers. Mitjä wurde hinausgeführt. Die Verlesung des Urteils -wurde auf den nächsten Vormittag vertagt. Der ganze Saal erhob sich in -erregter Hast. Ich entfernte mich und hörte den Menschen nicht mehr zu. -Ich habe nur ein paar Ausrufe behalten, die ich auf der Treppe, beim -Hinauseilen, auffing. - -„Der kann jetzt seine zwanzig Jahre angeschmiedet Bergwerke riechen!“ - -„Mindestens.“ - -„Ja, unsere Bäuerlein haben ihren Mann gestanden.“ - -„Und haben unseren Mitjenka begraben!“ - - - - - Epilog - - - I. - Pläne zu Mitjäs Rettung - -Am fünften Tage nach dem über Mitjä gehaltenen Gericht kam Aljoscha -schon früh morgens, schon um neun Uhr, zu Katerina Iwanowna, um mit ihr -zum letztenmal über eine für sie beide sehr wichtige Angelegenheit zu -sprechen, und außerdem noch mit einem Auftrage an sie. Sie empfing ihn -in demselben Salon, in dem sie mit Gruschenka damals Schokolade -getrunken hatte; im anstoßenden Zimmer lag Iwan Fedorowitsch noch immer -bewußtlos und in Fieberphantasien. Katerina Iwanowna hatte sofort nach -jener Szene vor Gericht angeordnet, den erkrankten Iwan Fedorowitsch, -der das Bewußtsein verloren hatte, in ihre Wohnung zu bringen. Sie hatte -sich von vornherein über jedes spätere und unvermeidliche Gerede der -Gesellschaft und deren strenge Verurteilung hinweggesetzt. Die eine von -ihren beiden Tanten, die bei ihr wohnten, war denn auch unverzüglich -nach Moskau zurückgereist, die andere dagegen war bei ihr geblieben. -Doch selbst, wenn beide Tanten fortgefahren wären, hätte Katerina -Iwanowna ihren Entschluß nicht aufgegeben, sie hätte trotzdem den -Kranken gepflegt und Tag und Nacht an seinem Lager gesessen. Behandelt -wurde er von Warwinskij und Herzenstube; der Moskauer Doktor war schon -zurückgereist, hatte sich aber geweigert, seine Ansicht über den -möglichen Ausgang der Krankheit zu äußern. Die beiden anderen Ärzte -sprachen Katerina Iwanowna und Aljoscha zwar immer Mut zu, aber man sah -es ihnen an, daß sie selbst noch keine feste Hoffnung hatten. Aljoscha -kam zweimal täglich zum kranken Bruder. Dieses Mal aber war er in einer -besonderen, sehr dringenden Angelegenheit gekommen. Er fühlte schon, daß -es ihm äußerst schwer werden würde, davon zu sprechen, und doch mußte er -sich beeilen; er verband mit diesem Besuch noch etwas anderes – -Unaufschiebbares. Und nun sprachen sie schon seit einer Viertelstunde -von nebensächlichen Dingen. Katerina Iwanowna war bleich, sehr -übermüdet, zu gleicher Zeit aber von krankhafter Lebhaftigkeit: sie -ahnte, warum Aljoscha zu ihr gekommen war. - -„Wegen seiner Einwilligung machen Sie sich keine Sorgen,“ sagte sie in -sehr bestimmtem Tone. „Ob so oder so, er wird schon zu der Einsicht -kommen, daß er entfliehen muß. Er muß entfliehen! Dieser Unglückliche, -dieser Held, der sich für Ehre und Gewissen geopfert hat, – ich meine -nicht Dmitrij Fedorowitsch, sondern den, der dort hinter der Tür liegt“ -(Katjäs Augen flammten), „der hat mir schon vorher, schon vor ... jenem -Tage, den ganzen Fluchtplan mitgeteilt. Sie wissen doch, daß er bereits -Verbindungen angeknüpft hatte? ... Ich habe Ihnen schon einiges gesagt -... Sehen Sie, es wird das aller Wahrscheinlichkeit nach auf der dritten -Etappe geschehen, wenn die Abteilung der Verschickten über den Ural nach -Sibirien geht. Oh, bis dahin ist es noch weit. Iwan Fedorowitsch ist ja -schon einmal zum Kommandanten der dritten Etappe gefahren. Nur weiß man -jetzt noch nicht, wer der Führer der Transportabteilung sein wird, und -das kann man leider nie im voraus erfahren. Morgen, ja, vielleicht -morgen werde ich Ihnen den ganzen Plan ausführlich erklären. Iwan -Fedorowitsch hat ihn mir am Abend vor der Gerichtssitzung für den Fall -hinterlassen, daß dort irgend etwas ... Das war an jenem Abend, als wir -uns gestritten hatten und Sie zu mir kamen: Sie trafen ihn auf der -Treppe, und als ich Sie kommen hörte, zwang ich ihn zurückzukehren – -erinnern Sie sich noch? Wissen Sie, worüber wir uns damals gestritten -hatten?“ - -„Nein, ich weiß es nicht,“ sagte Aljoscha. - -„Natürlich hat er es Ihnen damals nicht gesagt, das konnte ich mir -denken. Es war gerade wegen dieses Fluchtplanes. Er hatte mir schon vor -drei Tagen, am Donnerstag, das Wichtigste mitgeteilt – und gleich damals -war es zwischen uns zum Streit gekommen, und so hatten wir uns während -dieser ganzen drei Tage gestritten. Es geschah das nur deshalb, weil ich -damals, an jenem Donnerstag, als er mir sagte, daß Dmitrij Fedorowitsch, -falls er verurteilt werden sollte, ins Ausland entfliehen würde, aber -nicht allein, sondern zusammen mit jenem Geschöpf, weil ich mich da -plötzlich so aufregte – ärgerte, – ich werde ihnen nicht sagen, warum -... Ich weiß selbst nicht, warum, ... oder vielmehr – natürlich weiß ich -es: dieses Geschöpfes wegen ärgerte ich mich damals, und zwar gerade -deswegen, weil sie gleichfalls, und noch zusammen mit Dmitrij -Fedorowitsch ins Ausland fahren sollte!“ Katerina Iwanownas Lippen -bebten vor Zorn. „Als aber Iwan Fedorowitsch merkte, daß ich mich dieses -Geschöpfes wegen ärgerte, glaubte er sofort, daß es Eifersucht sei, und -daß ich folglich immer noch Dmitrij liebe. So kam es denn damals zum -ersten Streit. Ich wollte keine Erklärungen geben, und um Verzeihung -bitten konnte ich nicht. Es war mir zu schwer, daß Iwan mich der -früheren Liebe zu diesem ... verdächtigen konnte ... Und das noch, -nachdem ich selbst ihm gestanden und längst gesagt hatte, daß ich nicht -Dmitrij liebe, sondern ihn, ihn ganz allein! Nur aus Wut über dieses -Geschöpf habe ich mich damals geärgert! Nach drei Tagen, das war an -jenem Abend, als Sie zu mir kamen, brachte er mir ein versiegeltes -Kuvert, das ich sofort entsiegeln sollte, sobald ihm etwas zustieße. Oh, -er hat seine Krankheit schon lange vorausgefühlt! Er teilte mir mit, daß -im Kuvert der ganze Fluchtplan ausführlich, bis in alle Details, mit -allen Eventualitäten enthalten sei, und daß, im Falle er sterben oder -ernstlich erkranken sollte, ich dann allein Mitjä retten müsse. Zugleich -übergab er mir das Geld, an zehntausend Rubel, – dasselbe, von dem der -Staatsanwalt gesagt haben soll, er wisse, daß Iwan Fedorowitsch Geld -habe wechseln lassen. Ich war sprachlos vor Verwunderung, daß Iwan -Fedorowitsch, der meinetwegen doch immer noch eifersüchtig war und nach -wie vor fest glaubte, ich liebe Mitjä, – daß er trotzdem nicht den -Gedanken aufgegeben hatte, den Bruder zu retten, und mir, gerade mir -dessen Rettung anvertraute! Oh, das war ein Opfer! Nein, eine solche -Selbstopferung werden Sie nie ganz verstehen, Alexei Fedorowitsch! Ich -wäre ihm zu Füßen gefallen, um ihn anzubeten, wenn mir nicht plötzlich -der Gedanke gekommen wäre, er könne das für Freude halten, Freude -darüber, daß Mitjä gerettet werden sollte – oh, bestimmt hätte er das -geglaubt! Da war ich denn schon allein über die bloße Möglichkeit eines -so schändlichen Gedankens so empört, daß ich wieder in Wut geriet, und -statt ihm die Füße zu küssen, ihm eine neue Szene machte! Wenn Sie -wüßten, wie unglücklich ich bin! Das ist mein Charakter – mein -schrecklicher, unseliger Charakter! Oh, Sie werden sehen: Ich werde es -noch soweit bringen, ja, ja, ich werde es bestimmt soweit bringen, daß -auch er mich um einer anderen willen, mit der sich leichter leben läßt, -ebenso verlassen wird, wie Dmitrij ... Das aber, nein, das werde ich -nicht ertragen, dann werde ich mir das Leben nehmen! ... Als Sie damals -mit ihm eintraten, wissen Sie noch, als Sie zu mir kamen und ich ihn -zwang, noch einmal zurückzukommen, – da, als er mit Ihnen eintrat, da -ergriff mich ein solcher Zorn wegen seines haßerfüllten, verächtlichen -Blickes, mit dem er mich ansah, daß ich – Sie wissen doch noch – Ihnen -plötzlich zurief, _er, er allein_ habe mich davon überzeugt, daß sein -Bruder Dmitrij der Mörder sei! Ich log es absichtlich, um ihn bis ins -Herz zu kränken, denn er hat mir nie, niemals gesagt, sein Bruder sei – -der Mörder. Im Gegenteil, ich selbst habe ihn davon zu überzeugen -gesucht! Oh, an allem, an allem ist nur mein Charakter schuld! Ich, ich -allein habe diese Szene vor Gericht veranlaßt! Wie ich mich verfluche! -Er wollte mir beweisen, daß er edel sei, und wenn ich auch seinen Bruder -liebe, diesen doch nicht aus Rache und Eifersucht verderben werde. Da -kam er denn hin, – erinnern Sie sich noch, wie er sich den Richtern -näherte? ... Oh, ich bin die Ursache des ganzen Unglücks, ich allein bin -an allem schuld!“ - -Noch niemals hatte Katjä Aljoscha solche Eingeständnisse gemacht. Er -fühlte, daß ihre Qualen in diesem Augenblick so überwältigend geworden -waren, daß selbst ihr stolzes Herz unter Schmerzen seinen Stolz brach -und sich, vom Leid besiegt, vor ihm in den Staub warf. Aljoscha kannte -sehr wohl noch die andere, die letzte Ursache ihrer Qualen, wie sehr sie -dieselbe auch in diesen fünf Tagen nach der Verurteilung Mitjäs vor ihm -zu verbergen gesucht hatte. Aber es wäre ihm gar zu schmerzlich gewesen, -wenn sie sich entschlossen hätte, sich soweit zu erniedrigen, sich so zu -geißeln und selbst von ihrer größten Qual zu sprechen. Sie litt -unerträglich unter dem Bewußtsein, Mitjä vor Gericht „überantwortet“ zu -haben, und Aljoscha fühlte, daß das Gewissen sie dazu trieb, ihre Schuld -gerade ihm, Aljoscha, einzugestehen, womöglich unter Tränen und Schreien -und in Krämpfen, in denen sie sich das Haar gerauft und mit dem Kopf auf -den Boden geschlagen hätte. Er fürchtete aber diese neue Erschütterung -und wollte daher um so mehr die Märtyrerin schonen – um so schwerer -freilich empfand er den Auftrag, mit dem man ihn zu ihr geschickt hatte. -Doch brachte er das Gespräch wieder auf Mitjä. - -„Nein, nein, seinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen!“ -unterbrach ihn Katjä hartnäckig und schroff. „Das dauert bei ihm nur -eine Minute an, ich kenne ihn, ich kenne dieses Herz nur zu gut. Seien -Sie überzeugt, daß er einwilligen wird, zu entfliehen. Die Hauptsache -ist ja, daß er sich nicht sofort zu entschließen braucht. Bis dahin hat -es noch Zeit. Iwan Fedorowitsch wird inzwischen wieder gesund werden und -selbst alles in die Hand nehmen, so daß ich damit nichts mehr zu -schaffen haben werde. Also beunruhigen Sie sich nicht, er wird schon -einwilligen. Er ist ja doch auch jetzt schon einverstanden – kann er -denn dieses Geschöpf verlassen? Sie aber wird nicht zu ihm in die -Erzgruben zugelassen werden – wie sollte er da nicht entfliehen wollen! -Hauptsächlich fürchtet er Sie. Er fürchtet, daß Sie vom moralischen -Standpunkt aus seine Flucht nicht billigen werden, aber ich denke, die -müssen Sie ihm schon großmütig _erlauben_, wenn Ihre Sanktion dazu nun -einmal so unumgänglich notwendig ist,“ fügte Katjä fast gehässig hinzu. - -Sie verstummte und lächelte. - -„Jetzt redet er da,“ begann sie wieder, „von irgendeiner Hymne, von -einem Kreuz, das er tragen muß, von einer Schuld ... Ich weiß, Iwan -Fedorowitsch hat mir damals viel davon erzählt ... Ach, wenn Sie wüßten, -wie er das erzählt hat!“ rief Katjä plötzlich mit überwallendem Gefühl -aus. „Wenn Sie nur wüßten, wie er jenen Unglücklichen in dem Augenblick -geliebt hat, als er mir von ihm erzählte, und wie er ihn im selben -Augenblick vielleicht haßte! Ich aber, oh, ich hatte für seine Worte und -seine Qual nur ein stolzes Lächeln übrig! Oh, du gemeines Geschöpf! -Dieses gemeine Geschöpf bin ich, mich meine ich damit! Ich bin die -tiefste Ursache seiner Krankheit! Jener aber, der Verurteilte – ist denn -der etwa bereit zum Leiden?“ unterbrach sich Katjä plötzlich gereizt. -„Und kann denn der überhaupt leiden? Solche Menschen, wie er, leiden -niemals!“ - -Gefühle wie Haß, Ekel und Verachtung klangen aus ihren Worten hervor. -Und doch war sie es gewesen, die ihn „überantwortet“ hatte, das mußte -sie sich immer wieder sagen. - -„Vielleicht kommt dies daher,“ dachte Aljoscha bei sich, „weil sie sich -vor ihm schuldig fühlt und ihn deshalb in manchen Augenblicken sogar -haßt.“ Er hätte gewünscht, daß es nur in manchen „Augenblicken“ gewesen -wäre. In ihren letzten Worten hatte eine Herausforderung gelegen, das -fühlte er, aber er nahm sie nicht auf. - -„Ich habe Sie heute zu mir gebeten, nur um Ihnen das Versprechen -abzunehmen, daß Sie ihn zur Flucht bereden werden. Oder ist es Ihrer -Meinung nach tatsächlich unehrenhaft, zu entfliehen, nicht heldenmütig, -oder sonst so was ... unchristlich etwa?“ fragte Katjä noch -herausfordernder. - -„Nein, n–nichts ... Ich werde ihm alles sagen ...“ murmelte Aljoscha vor -sich hin. Plötzlich aber blickte er entschlossen auf und sah ihr in die -Augen. „Er läßt Sie bitten, heute zu ihm zu kommen!“ kam er ganz -unerwartet mit seinem Auftrage heraus. - -Katjä zuckte zusammen und fuhr unwillkürlich zurück. - -„Mich ... ist denn das möglich?“ stammelte sie erbleichend. - -„Es ist wohl möglich, und es muß sogar bestimmt geschehen!“ begann -Aljoscha eifrig, da er unbedingt darauf bestehen wollte. „Es ist sehr -nötig. Gerade jetzt! Ich würde nicht davon angefangen haben, schon -allein, um Sie nicht vorzeitig zu quälen, wenn es eben nicht so -unbedingt notwendig wäre. Er ist krank, er ist wie ein Wahnsinniger, er -will immer nur Sie sehen. Er bittet Sie nicht, hinzukommen und sich mit -ihm auszusöhnen, sondern nur – nur, er will Sie eben noch einmal sehen! -Sie können auf der Türschwelle stehen bleiben – sagt er. Seit jenem Tage -hat sich vieles in ihm gewandelt. Jetzt begreift er, wie unermeßlich -groß seine Schuld Ihnen gegenüber ist. Nicht um Ihre Vergebung bittet er -Sie, – ‚Mir kann man nicht vergeben‘, sagt er selbst, er bittet Sie ganz -einfach, sich nur einmal auf seiner Schwelle zu zeigen ...“ - -„Sie haben mich so plötzlich ...“ stammelte Katjä „– ich habe alle diese -Tage geahnt, daß Sie damit kommen würden ... Ich habe gewußt, daß er -mich rufen würde! ... Aber – es ist unmöglich!“ - -„Und wenn es auch unmöglich ist, so tun Sie es doch! Bedenken Sie nur -das eine, daß er zum erstenmal begreift, wie sehr er Sie gekränkt hat, -zum erstenmal im Leben begreift er es! Niemals vorher hat er es so im -ganzen Umfange begriffen und so tief gefühlt. Er sagt: ‚Wenn sie sich -weigert zu kommen, so werde ich mein ganzes Leben lang unglücklich -sein.‘ Hören Sie: Ein Zwangsarbeiter, der zwanzig Jahre lang keine Sonne -sehen wird, will noch glücklich sein! Haben Sie denn gar kein Mitleid? -Bedenken Sie doch nur: Sie werden einen unschuldig Verurteilten -besuchen,“ sagte Aljoscha stolz, „seine Hände sind rein, an ihnen klebt -kein Blut! Um seines unermeßlichen zukünftigen Leidens willen besuchen -Sie ihn jetzt! Kommen Sie, bringen Sie Licht in diese Finsternis ... -Zeigen Sie sich nur einmal auf der Schwelle, das ist ja alles ... Das -müssen Sie doch, das _müssen_ Sie tun!“ schloß Aljoscha, unerbittlich -die Worte „das müssen Sie“ betonend. - -„Ich muß ... aber ich ... kann nicht! ...“ rang es sich wie ein Gestöhn -aus Katjäs Seele hervor. „Er wird mich ansehen ... Ich kann nicht!“ - -„Ihre Blicke müssen sich noch einmal treffen. Wie werden Sie denn Ihr -Leben weiterleben können, wenn Sie sich jetzt nicht entschließen?“ - -„Lieber das ganze Leben lang Qual!“ - -„Nein, Sie _müssen_ kommen, Sie _müssen_ es tun!“ sagte Aljoscha wieder -unerbittlich. - -„Aber warum denn heute, warum jetzt ... Ich kann den Kranken nicht -allein lassen ...“ - -„Auf einen Augenblick können Sie es sehr wohl. Zu diesem Ausgang -brauchen Sie doch nur wenige Minuten. Wenn Sie nicht kommen, wird er -noch vor Anbruch der Nacht gleichfalls an einem Nervenfieber erkranken. -Ich will Sie doch nicht belügen. Oh, so haben Sie doch Erbarmen!“ - -„Haben Sie vielmehr mit mir Erbarmen!“ sagte Katjä bitter, und Tränen -rollten über ihre Wangen herab. - -„Also Sie werden kommen!“ sagte Aljoscha überzeugt, als er ihre Tränen -sah. „Ich werde vorausgehen und ihm sagen, daß Sie sogleich kommen -werden ...“ - -„Nein, um Gottes willen, sagen Sie ihm nur das nicht!“ unterbrach ihn -Katjä erschrocken. „Ich werde kommen, aber sagen Sie es ihm nicht -vorher, denn ... Ich werde kommen, aber ich weiß noch nicht, vielleicht -werde ich ... auch gar nicht ... eintreten ... Ich weiß noch nicht ...“ - -Die Stimme versagte ihr. Sie atmete schwer. Aljoscha erhob sich, um -fortzugehen. - -„Aber wenn ich dort ... jemanden treffe?“ fragte sie plötzlich leise, -indem sie wiederum erbleichte. - -„Darum ist es unbedingt nötig, daß Sie sofort kommen, damit Sie dort -niemanden antreffen. Es wird niemand bei ihm sein, Sie können es mir -glauben. Wir werden Sie also erwarten,“ sagte er mit fester Stimme und -verließ das Zimmer. - - - II. - Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit - -Er beeilte sich, ins Hospital zu kommen, in dem Mitjä jetzt lag. Am -zweiten Tage nach seiner Verurteilung hatte Mitjä so hohes Fieber gehabt -– es war natürlich ein nervöses Fieber –, daß er aus dem Gefängnis ins -Stadthospital, in die Abteilung der Arrestanten, verbracht worden war, -doch hatte der junge Doktor Warwinskij auf Aljoschas und vieler anderer -(Frau Chochlakoffs, Lisas usw.) Bitte den Kranken nicht bei den -Gefangenen, sondern in einem abgesonderten Raume untergebracht, und zwar -in derselben kleinen Kammer, in der auch Ssmerdjäkoff gelegen hatte. -Außerdem stand ja am Ende des Korridors ein wachhabender Soldat, und -auch das Fenster war dort vergittert; so wagte denn Warwinskij -schließlich nicht viel mit seiner nicht ganz gesetzlichen Nachsicht. Der -junge Mann hatte ein gutes, mitfühlendes Herz. Er konnte es -nachempfinden, wie schwer es einem Menschen, wie Mitjä, sein mußte, so -plötzlich unter Mörder und Räuber versetzt zu werden. Er verstand, daß -man sich an diese Gesellschaft wenigstens erst gewöhnen mußte. Der -Besuch von Verwandten und Bekannten war sowohl vom Arzt, als vom -Inspektor und sogar von unserem Polizeichef erlaubt worden – unter der -Hand, versteht sich. Doch hatten Mitjä in diesen Tagen nur Aljoscha und -Gruschenka besucht. Zweimal hatte auch Rakitin unbedingt zu ihm gewollt, -doch Mitjä hatte Warwinskij dringend gebeten, ihn nicht zu ihm zu -lassen. - -Als Aljoscha eintrat, saß Mitjä in den Hospitalkleidern auf seiner -feldbettartigen Schlafstelle. Er schien noch Fieber zu haben. Um den -Kopf und auf der Stirn hatte er ein Handtuch, das mit Wasser und Essig -angefeuchtet war. Mit einem unbestimmten Blick sah er Aljoscha an, als -dieser eintrat, doch flimmerte es in seinem Blick zuerst wie ein -vorübergehender Schreck. - -Mitjä war seit seiner Verurteilung auffallend nachdenklich geworden. -Zuweilen schwieg er halbe Stunden lang, während er dem Anscheine nach -mit Mühe etwas überdachte und darüber den Anwesenden ganz vergaß. -Verließ ihn aber die Nachdenklichkeit, und fing er zu sprechen an, was -gewöhnlich ganz unerwartet geschah, so sprach er unbedingt nicht davon, -wovon er eigentlich sprechen wollte. Zuweilen sah er den Bruder mit -flehendem Blick an, und Aljoscha fühlte dann mit jeder Fiber, wie schwer -er litt. Wenn Gruschenka bei ihm war, schien es ihm leichter zu sein, -als wenn Aljoscha allein bei ihm saß. Und wenn er auch mit ihr kaum -etwas sprach, so verklärte sich doch sein ganzes Gesicht vor Freude, -sobald sie nur eintrat. Aljoscha setzte sich schweigend neben ihn auf -das Lager. Mitjä hatte ihn voll Unruhe erwartet. Nun wagte er nicht, ihn -etwas zu fragen. Es schien ihm undenkbar, daß Katjä einwilligen könnte, -zu ihm zu kommen, und doch fühlte er gleichzeitig, daß, wenn sie nicht -käme, er diesen Zustand nicht lange ertragen würde. Aljoscha begriff -seine Gefühle. - -Plötzlich fuhr Mitjä auf und begann geschäftig: - -„Trifon Borissytsch soll sein ganzes Haus auseinanderkratzen, sagt man, -er soll alle Dachsparren untersuchen, alle Bretter abreißen, die ganze -‚Galerie‘ soll er abgetragen haben. Er sucht immer noch den Schatz, -diese tausendfünfhundert Rubel, von denen der Staatsanwalt behauptet, -ich hätte sie dort versteckt. Kaum daß er zurückgekehrt ist, soll er -sofort angefangen haben zu suchen. Na, ich wünsche ihm viel Vergnügen, -dem Spitzbuben! Das hat mir hier der Wärter gestern erzählt; er ist von -dort.“ - -„Höre, Mitjä,“ sagte Aljoscha, „sie wird kommen, nur weiß ich nicht, -wann. Vielleicht kommt sie heute, vielleicht erst in den nächsten Tagen, -das weiß ich nicht, aber kommen wird sie bestimmt, das weiß ich genau.“ - -Mitjä fuhr zusammen, wollte schon etwas sagen – sagte dann aber doch -nichts. Diese Nachricht war erschütternd für ihn. Man sah ihm an, daß er -noch mehr von dem Gespräch Aljoschas mit Katjä erfahren wollte, daß er -sich aber nicht zu fragen getraute, sich vor einer Antwort vielmehr bis -zur Pein fürchtete: Etwas Hartherziges oder Verächtliches von Katjä zu -erfahren – wäre für ihn in diesem Augenblick zu grausam gewesen. - -„Und höre, was sie unter anderem noch gesagt hat: Ich solle dein -Gewissen wegen der Flucht unbedingt beruhigen. Und wenn auch Iwan bis -dahin nicht gesund werden sollte, so wird sie allein die ganze Sache in -die Hand nehmen.“ - -„Das hast du mir schon gesagt,“ bemerkte Mitjä in Gedanken versunken. - -„Und du hast es schon Gruscha mitgeteilt,“ bemerkte Aljoscha. - -„Ja,“ gestand Mitjä. „Heute wird sie nicht am Morgen kommen,“ sagte er, -indem er schüchtern den Bruder anblickte. „Sie wird mich erst am Abend -besuchen. Als ich ihr gestern nur andeutend sagte, daß Katjä die Sache -machen werde, verstummte sie, ihre Lippen verzogen sich. Sie murmelte -nur: ‚Mag sie!‘ Sie begriff, daß es wichtig ist. Ich wagte nicht weiter -zu fragen. Doch begreift sie jetzt bereits, denke ich, daß jene nicht -mich liebt, sondern Iwan.“ - -„Meinst du?“ entfuhr es Aljoscha unwillkürlich. - -„Du hast recht, vielleicht auch nicht. Nur wird sie heute vormittag -nicht kommen, ich habe ihr einen Auftrag gegeben ... Weißt du, Iwan wird -uns alle überragen. Er muß leben, nicht wir. Er wird gesund werden.“ - -„Stell dir vor, Katjä zittert natürlich für ihn, und doch zweifelt sie -kaum, daß er gesund werden wird,“ sagte Aljoscha. - -„Dann ist sie also überzeugt, daß er sterben wird. Nur aus Angst glaubt -sie, daß er gesund werden wird.“ - -„Iwan ist kein Schwächling, er ist von starker Konstitution. Ich hoffe -gleichfalls sehr, daß er gesund wird,“ bemerkte Aljoscha sichtlich -erregt. - -„Ja, er wird gesund werden. Sie aber ist überzeugt, daß er sterben wird. -Großen Kummer hat sie ...“ - -Schweigen trat ein. Irgend etwas sehr Wichtiges schien Mitjä zu quälen. - -„Aljoscha, ich liebe Gruscha wahnsinnig,“ sagte er plötzlich mit -bebender, tränenerfüllter Stimme. - -„_Dort_ wird man sie aber nicht zu dir lassen ...“ Aljoscha griff sofort -das Thema auf. - -„Und was ich dir noch sagen wollte, Alexei,“ fuhr Mitjä mit einer ganz -eigentümlich klangvollen Stimme fort, „wenn man mich unterwegs oder -_dort_ schlagen will – das werde ich nicht dulden, nein, ich werde sie -erschlagen, und dann wird man mich erschießen. Und das soll ich zwanzig -Jahre lang ertragen! Hier fängt man schon an, du zu mir zu sagen. Alle -Wärter sagen zu mir du. Ich habe heute die ganze Nacht wach im Bett -gelegen und über mich Gericht gehalten: Nein, ich bin nicht bereit! Ich -kann es nicht auf mich nehmen, meine Kräfte reichen nicht aus! Ich -wollte dort eine Hymne singen, und da kann ich nun nicht einmal das Du -der Wärter verwinden! Für Gruscha würde ich alles ertragen, alles ... -übrigens ausgenommen Schläge ... Aber man wird sie ja dort nicht zu mir -lassen ...“ - -Aljoscha lächelte still. - -„Hör’ mich, Bruder, ein für allemal,“ sagte er, „ich will dir einmal -alle meine Gedanken über deine Flucht sagen. Du weißt, daß ich dir -nichts vorlügen werde. Also höre: Du bist nicht bereit für Sibirien, und -dieses Kreuz ist auch nicht für dich geschaffen. Und ich werde dir noch -etwas sagen: Solch einer wie du, der nicht bereit ist, soll auch lieber -gar nicht ein solches Märtyrerkreuz auf sich nehmen. Wenn du den Vater -erschlagen hättest, so würde es mir leid tun, daß du dein Kreuz nicht -tragen willst. Aber du bist unschuldig, und so wäre ein solches Kreuz -gar zu viel für dich. Du wolltest durch die Qual den neuen Menschen in -dir auferstehen machen; ich aber glaube, wenn du nur fortwährend, dein -ganzes Leben lang, wohin du auch entfliehen, oder wo du hernach leben -solltest – wenn du dein ganzes Leben lang an diesen anderen Menschen in -dir denkst: so wird auch das für dich genügen. Wenn du diese letzten und -äußersten Qualen nicht auf dich nimmst, so wird dies nur dazu dienen, -daß du das Bewußtsein einer noch größeren Schuld mit dir nimmst, und -dieses Schuldbewußtsein, das nie ganz endet und dich stets geleitet, -wird dir fernerhin zu deiner Wiedergeburt verhelfen, und vielleicht noch -eher, als wenn du wirklich nach Sibirien gingest. Denn dort würdest du -das Leben nicht ertragen und würdest nur wider Gott murren und -vielleicht zu guter Letzt doch noch sagen: ‚Ich habe abgerechnet‘. Der -Advokat hat darin ganz recht gehabt. Nicht alle können so große Bürden -tragen. Für viele sind sie ganz unerträglich. Da habe ich dir nun meine -Gedanken gesagt. Vielleicht ist es wichtig für dich, zu wissen, wie ich -darüber denke. Wenn für deine Flucht andere die Verantwortung tragen -müßten, Offiziere, Soldaten, so würde ich dir ‚nicht erlauben‘, zu -entfliehen,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Aber man sagt und versichert -sogar – der Etappenkommandant hat es Iwan ausdrücklich gesagt – daß, -wenn man die Sache zu machen verstehe, auf niemanden besondere -Verantwortung falle: man könne sich mit Leichtigkeit losmachen. Zwar ist -das Bestechen auch in diesem Falle nicht in der Ordnung. Doch will ich -darüber nicht richten oder auch nur urteilen – schon deshalb nicht, weil -ich selbst, wenn Iwan und Katjä mich beauftragten, alles Nötige für -deine Flucht zu tun, ohne weiteres die Bestechung auf mich nehmen würde. -Das muß ich dir der Wahrheit gemäß gestehen. Wie gesagt, schon deshalb -kann ich hier kein Richter sein, was du auch tun mögest. Ich will dir -nur sagen, damit du dies ein für allemal weißt, daß ich dich nie -verurteilen werde. Und sag doch selbst, wie könnte ich in diesem Falle -wohl dein Richter sein? So, jetzt habe ich, glaub ich, alles gesagt.“ - -„Dafür aber verurteile ich mich selbst!“ sagte Mitjä erregt. „Ich werde -natürlich entfliehen, unbedingt, das war auch ohne dich schon eine -beschlossene Sache. Wie kann denn Mitjä Karamasoff nicht entfliehen? -Trotzdem verurteile ich mich selbst dafür, und ich werde dort ewig zu -Gott beten, er möge mir meine Sünden vergeben! So sprechen sonst wohl -Jesuiten, nicht wahr? ... Sieh mal an, wie weit wir beide gekommen sind, -was?“ - -„Ja, so reden Jesuiten,“ sagte Aljoscha lächelnd. - -„Darum liebe ich dich auch so, Alexei, weil du immer die ganze Wahrheit -sagst und nichts verheimlichst!“ rief Mitjä froh aus. „Sieh mal, jetzt -habe ich meinen Aljoschka auf dem Jesuitenwege ertappt! Abküssen müßte -man dich dafür, aber kräftig, weißt du das, Junge? Nun, so höre denn -auch das übrige. Ich will dir auch die andere Hälfte meiner Seele -aufdecken. Höre jetzt, was ich mir ausgedacht habe, und worüber ich mir -klar geworden bin: Wenn ich nun entfliehe, mit Geld und einem Paß -versehen, und, sagen wir, meinetwegen sogar nach Amerika, so ermutigt -und beruhigt mich doch nur der Gedanke, daß ich nicht in die Freude, -nicht in das Glück entfliehe, sondern in Wahrheit zu einer anderen -Zwangsarbeit, in eine andere Verbannung, die vielleicht nicht leichter -sein wird als die in Sibirien! Nein, nicht leichter, Alexei, das kannst -du mir glauben, sie wird mir wahrlich nicht leichter sein! Der Teufel -hole dieses Amerika, ich hasse es schon jetzt. Ich weiß, Gruscha wird -dort bei mir sein, aber sieh sie doch nur einmal an: ist sie denn etwa -eine Amerikanerin? Russin ist sie, bis zur letzten Nervenspitze Russin! -Sie wird sich nach der Mutter, nach ihrer Heimaterde zurücksehnen, und -ich werde in jeder Stunde, in jeder Minute zusehen müssen, wie sie sich -meinetwegen sehnt und grämt, wie sie für mich das Kreuz trägt! Wodurch -hat sie das verdient? Was hat sie verbrochen? Und wie werde denn ich -dort, im amerikanischen Leben, diese leibeigene Knechtschaft ertragen, -wenn die Menschen auch tausendmal besser sind als ich? Ich hasse dieses -Amerika schon jetzt! Und wenn sie auch alle bis auf den letzten weiß -Gott was für spitzfindige Maschinisten sind, oder sonst was – der Teufel -hole sie samt und sonders, meine Leute sind es nicht, sie haben doch -eine andere Seele! Ich liebe Rußland, Alexei, den russischen Gott liebe -ich, wenn ich auch selbst ein Schuft bin! Dort werde ich ja umkommen!“ -rief er aus, und seine Augen blitzten, während seine Stimme von -verhaltenen Tränen bebte. - -„Nun, jetzt höre, Alexei, wie ich bei mir beschlossen habe!“ begann er -wieder, indem er seine Erregung niederrang. „Sobald wir beide dort -angekommen sind, Gruscha und ich, fangen wir sofort an zu pflügen, zu -arbeiten, mit wilden Bären, in der Einsamkeit, irgendwo abseits. Man -wird doch auch bei ihnen einen Ort finden können, denke ich, der etwas -weiter abliegt! Dort soll es ja auch noch Rothäute geben, sagt man, dort -irgendwo bei ihnen ganz am Rande des Horizonts. Nun also, und zu denen -werden wir dann hinziehen, zu den letzten Mohikanern. Und da machen wir -uns denn sofort an die Grammatik, Gruscha und ich. Arbeit und Grammatik, -und das so, sagen wir, drei Jahre lang. Und nach diesen drei Jahren -werden wir besser Englisch sprechen als die echtesten eingeborenen -Amerikaner. Und sobald wir die Sprache intus haben – dann ade Amerika! -Wir kommen unverzüglich wieder her, nach Rußland, und zwar als -amerikanische Bürger. Aber hab keine Angst, hierher in diese Stadt -kommen wir natürlich nicht. Wir werden uns irgendwo weit, weit von hier -verbergen, hoch oben im Norden oder vielleicht auch im Süden. Bis dahin -werde ich mich schon genügend verändert haben, sie gleichfalls. Dort in -Amerika kann mir ein Doktor noch irgend so eine Warze künstlich -anbringen – wozu sind sie denn Mechaniker? Und kann er’s nicht, so -steche ich mir ein Auge aus, lasse mir den Bart meterlang wachsen, einen -grauen, versteht sich – vor Heimweh nach Rußland werde ich ja bald -ergrauen. Sicherlich wird man mich dann nicht wiedererkennen, was meinst -du? Wenn man mich aber erkennen und von neuem verschicken sollte, dann -meinetwegen, dann will es das Schicksal so! Hier jedoch werden wir genau -so wie in Amerika irgendwo in der Einöde Ackerbau treiben, und ich werde -bis zum Schluß den Vollblutamerikaner spielen. Dafür werden wir dann im -Vaterlande sterben können! Sieh, das ist mein Plan, und der ist -unwandelbar. Billigst du ihn?“ - -„Ja, ich billige ihn,“ sagte Aljoscha, da er ihm nicht widersprechen -wollte. - -Mitjä schwieg eine Weile, dann sagte er plötzlich: - -„Aber wie geschickt sie das bei der Verhandlung gedreht haben! Weiß der -Teufel!“ - -„Und wenn sie es auch nicht entstellt hätten, du wärst doch verurteilt -worden,“ sagte Aljoscha mit einem Seufzer. - -„Ja, das hiesige Publikum war meiner – na, sagen wir, gar zu überdrüssig -geworden. Nun, Gott mit ihnen! Aber es ist doch schwer!“ Mitjä stöhnte -gequält. - -Sie schwiegen wieder eine Weile. - -„Aljoscha, töte mich sofort!“ rief er plötzlich leidenschaftlich aus. -„Wird sie bald kommen oder überhaupt nicht – sprich! Was hat sie gesagt? -Wie hat sie es gesagt?“ - -„Sie hat gesagt, daß sie kommen werde, nur weiß ich nicht, ob es gerade -heute sein wird. Auch ihr fällt es doch schwer!“ Aljoscha blickte -besorgt den Bruder an. - -„Das weiß ich, das weiß ich, wie soll es ihr denn nicht schwer fallen! -Ich verliere darüber den Verstand. Gruschenka sieht mich immer so an ... -Sie begreift ... Gott, Herr, gib du mir Frieden! Nach wem verlange ich? -Ach, nach Katjä verlangt mich! Weiß ich, nach wem mich eigentlich -verlangt? Karamasoffsche Zügellosigkeit – nichts anderes! Nein, ich bin -unfähig zum Leiden! Ein Schuft bin ich, und damit ist alles gesagt!“ - -„Da ist sie!“ rief Aljoscha aus. - -In diesem Augenblick war Katjä auf der Türschwelle erschienen. Sie stand -und rührte sich nicht, während ihr Blick wie verloren auf Mitjä lag. Der -sprang sofort auf: man konnte ihm seinen Schreck ansehen – er wurde ganz -bleich. Sofort aber erzitterte ein schüchternes, bittendes Lächeln auf -seinen Lippen, und plötzlich konnte er nicht anders – er streckte ihr -seine beiden Hände entgegen. Als sie das sah, stürzte sie ungestüm auf -ihn zu. Sie ergriff seine Hände und setzte ihn fast mit Gewalt aufs -Bett, indem sie sich selbst neben ihm niederließ; sie hielt immer noch -seine Hände fest und drückte sie wie im Krampf. Zwei-, dreimal wollten -sie beide etwas sagen, doch hielten sie wieder inne, und ihre Blicke -hingen aneinander, schweigend, verzehrend, während auf ihren Lippen ein -sonderbares Lächeln lag. - -„Hast du mir verziehen, oder kannst du’s nicht?“ brachte Mitjä -schließlich stockend hervor. Darauf wandte er sich zu Aljoscha und rief -ihm mit freudeentstelltem Gesicht zu: - -„Hörst du, was ich sie frage, hörst du!“ - -„Darum habe ich dich ja so geliebt, weil du von Herzen edelmütig bist!“ -entfuhr es Katjä fast unfreiwillig. „Aber du bedarfst ja gar nicht -meiner Verzeihung und ich auch nicht der deinigen. Ob du verzeihst oder -nicht – du wirst doch mein Leben lang als offene Wunde in meinem Herzen -zurückbleiben, und ich ebenso in deinem – und so muß es auch sein ...“ - -Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen. - -„Wozu bin ich hergekommen?“ begann sie von neuem, sich überstürzend, als -hätte sie die Besinnung verloren. „Um deine Füße zu umfassen, deine -Hände zu drücken, sieh so, bis zum Schmerz, wie ich sie dir in Moskau -gedrückt habe, weißt du noch? – um dir wieder zu sagen, daß du mein Gott -bist, meine Freude, um dir zu sagen, daß ich dich unsinnig liebe!“ kam -es halblaut wie unter Qualen über ihre bebenden Lippen. Und plötzlich -beugte sie sich vor und küßte gierig seine Hand. Tränen stürzten aus -ihren Augen. - -Aljoscha stand ganz verwirrt da und sagte kein Wort. Alles hätte er eher -erwartet, als das, was er jetzt sah. - -„Die Liebe ist vergangen, Mitjä!“ fuhr Katjä fort, „aber teuer bis zum -Schmerz ist mir das, was vergangen ist. Das sage ich dir jetzt, damit du -es weißt und ewig behältst. Jetzt aber, in diesem Augenblick, mag es nur -einmal sein, wie’s hätte sein können,“ sagte sie mit einem traurigen -Lächeln, indem sie ihm zugleich fast freudig in die Augen blickte. „Du -liebst jetzt eine andere, und auch ich liebe einen anderen, und doch -werde ich dich ewig lieben, und du ebenso mich – wußtest du das schon? -Hörst du, liebe mich, liebe mich dein ganzes Leben lang!“ sagte sie -laut, und in ihrer Stimme lag ein drohendes Zittern. - -„Ich werde dich lieben und ... weißt du, Katjä,“ – Mitjä holte nach -jedem Wort tief Atem – „weißt du, vor fünf Tagen, an jenem Abend, da -_liebte_ ich dich ... Als du hinfielst und man dich forttrug, da -_liebte_ ich dich ... Mein ganzes Leben lang werde ich dich lieben! Ja, -so wird es sein, so wird es ewig sein ...“ - -In der Weise sprachen sie miteinander: sinnlos, wie im Rausch – -vielleicht sagten sie sich sogar Unwahres, aber in diesem Augenblick war -alles wahr für sie, und sie glaubten selbst unverbrüchlich an ihre -Worte. - -„Katjä,“ rief plötzlich Mitjä, „glaubst du, daß ich ihn erschlagen habe? -Ich weiß, daß du jetzt nicht daran glaubst, aber damals ... als du -aussagtest ... Glaubtest du, sag, glaubtest du es damals wirklich?“ - -„Auch damals glaubte ich es nicht! Niemals habe ich es geglaubt! Ich -haßte dich nur, und da redete ich es mir ein, gerade für diesen einen -Augenblick ... Als ich die Aussage machte, redete ich es mir ein, und da -glaubte ich denn ... Aber kaum daß ich meine Aussage beendet hatte, -hörte ich sofort auf, zu glauben ... Das sollst du wissen! ... Ich -vergaß, daß ich gekommen war, um mich zu demütigen!“ fügte sie plötzlich -mit einem ganz anderen Ausdruck hinzu, der nichts mehr mit dem soeben -gemachten Liebesgeständnis gemein hatte. - -„Schwer hast du es, Weib!“ entfuhr es Mitjä fast unbewußt in seinem -Mitleid. - -„Laß mich,“ murmelte sie, „ich werde wiederkommen, jetzt ist es zu -schwer! ...“ - -Sie erhob sich von ihrem Platze – da aber stieß sie einen Schrei aus und -wankte zurück: – ins Zimmer trat ganz unvermutet mit ihrem leisen Gang -Gruschenka. Niemand hatte sie erwartet. Katjä wandte sich sofort eilig -zur Tür – als sie aber an Gruschenka vorübergehen wollte, blieb sie jäh -stehen, erbleichte unheimlich und sagte leise, kaum hörbar, mit -angehaltenem Atem: - -„Vergeben Sie mir!“ - -Die andere blickte sie eine Zeitlang unbeweglich an und antwortete erst -nach einer Weile mit haßerfüllter, mit einer wie von Haß gleichsam -durchgifteten Stimme: - -„Schlecht sind wir beide! Beide sind wir schlecht! Wie könnten wir -vergeben, du sowohl wie ich? Rette ihn, und ich werde mein Leben lang -für dich beten.“ - -„Wie, und vergeben willst du ihr nicht?“ rief Mitjä Gruschenka in -bitterem Vorwurf fast außer sich zu. - -„Sei ruhig, ich werde ihn dir retten!“ flüsterte ihr Katjä halblaut zu -und eilte aus dem Zimmer. - -„Und du konntest ihr nicht vergeben, nachdem sie selbst zu dir gesagt -hatte: ‚vergib‘?“ rief Mitjä vorwurfsvoll aus. - -„Mitjä, wage es nicht, ihr Vorwürfe zu machen! Dazu hast du kein Recht!“ -rief Aljoscha heftig seinem Bruder zu. - -„Ihre stolzen Lippen haben es gesagt, nicht ihr Herz,“ sagte Gruschenka -wie mit einem Ekel. „Rettet sie dich, so werde ich ihr alles verzeihen -...“ - -Sie verstummte, als hätte sie in ihrer Seele etwas niederzuringen. - -Sie konnte noch nicht recht zur Besinnung kommen. Wie sich später -herausstellte, war sie ganz zufällig eingetreten; sie hatte nicht -geahnt, daß sie hier irgendeinen fremden Menschen antreffen werde. - -„Aljoscha, lauf ihr sofort nach!“ wandte sich Mitjä ungestüm an den -Bruder. „Sag’ ihr ... ich weiß nicht was ... nur laß sie nicht so -fortgehen!“ - -„Ich werde noch vor dem Abend zu dir kommen!“ rief Aljoscha ihm schnell -zu und lief dann Katjä nach. - -Er holte sie erst auf der Straße ein, als sie den Hospitalgarten bereits -verließ. Sie ging sehr schnell, lief fast, beeilte sich sichtlich. Kaum -aber hatte Aljoscha sie eingeholt, als sie sich sofort zu ihm wandte und -hastig hervorstieß: - -„Nein, vor der kann ich mich nicht demütigen! Ich habe sie um Verzeihung -gebeten, weil ich mich bis zum äußersten demütigen wollte. Sie hat mir -nicht verziehen ... Und ich – liebe sie dafür!“ fügte Katjä mit -entstellter Stimme hinzu, und ihre Augen blitzten in wildem Haß. - -„Mein Bruder glaubte, daß sie heute erst am Abend kommen würde, er hat -sie durchaus nicht erwartet,“ brachte Aljoscha verwirrt hervor, „er war -sogar überzeugt, daß sie nicht kommen würde ...“ - -„Zweifellos war er überzeugt davon. Aber lassen wir das,“ sagte sie kurz -abbrechend. „Hören Sie mich an: Ich kann jetzt nicht mit Ihnen dorthin -zur Beerdigung gehen. Ich habe Blumen für den kleinen Sarg hingeschickt. -Geld haben sie noch, glaube ich. Sobald sie welches brauchen, werde ich -wieder schicken. Sagen Sie ihnen, daß ich sie in Zukunft nie vergessen -werde, sie können auf meine Hilfe rechnen. Jetzt aber verlassen Sie -mich, verlassen Sie mich, ich bitte Sie darum. Sie werden sich -verspäten, es wird schon zur Messe geläutet ... Verlassen Sie mich, ich -bitte Sie darum!“ - - - III. - Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein - -Er verspätete sich in der Tat. Man hatte schon lange auf ihn gewartet -und sich fast schon entschlossen, den kleinen, mit Blumen bedeckten Sarg -ohne ihn in die Kirche zu tragen. Es war der Sarg Iljuschetschkas, des -armen kleinen Knaben. Er war am zweiten Tage nach der Verurteilung -Mitjäs gestorben. Schon an der Hofpforte wurde Aljoscha von den Knaben, -Iljuschas Kameraden, empfangen. Sie hatten ihn mit Ungeduld erwartet, -und sie freuten sich, daß er jetzt endlich kam. Es hatten sich ihrer -zwölf versammelt, und alle waren sie mit ihren Ränzlein und -Büchertaschen auf der Schulter gekommen. „Papa wird weinen, verlaßt -nicht Papa!“ hatte ihnen Iljuschetschka sterbend gesagt, und die Knaben -erfüllten gern seine Bitte. Ihr Anführer war natürlich Koljä Krassotkin. - -„Wie es mich freut, daß Sie gekommen sind, Karamasoff!“ rief er aus und -streckte Aljoscha die Hand entgegen. „Hier ist es einfach furchtbar! -Wirklich, es wird einem schwer, das mit anzusehen. Ssnegireff ist nicht -betrunken, wir wissen es ganz genau, daß er heute nichts getrunken hat, -aber trotzdem ist er wie betrunken ... Ich kann schon etwas aushalten, -aber das ist doch zu entsetzlich! Karamasoff – wenn ich Sie nicht -aufhalte – erlauben Sie mir noch eine Frage, bevor Sie hineingehen?“ - -„Was ist es denn, Koljä?“ fragte Aljoscha und blieb stehen. - -„Ist Ihr Bruder schuldig, oder ist er unschuldig? Hat er den Vater -erschlagen, oder hat es der Diener getan? Was Sie sagen, daran werde ich -glauben. Ich habe vier Nächte wegen dieser Frage nicht schlafen können.“ - -„Der Diener hat ihn erschlagen, mein Bruder aber ist unschuldig,“ -antwortete Aljoscha. - -„Und ich habe das auch gesagt!“ rief plötzlich der kleine Ssmuroff -dazwischen. - -„So muß er denn als unschuldiges Opfer zugrunde gehen?“ fragte Koljä -erregt. „Aber wenn er auch zugrunde geht, so ist er doch glücklich! Ich -könnte ihn beneiden!“ - -„Was sagen Sie, wie können Sie so etwas aussprechen, und warum reden Sie -so?“ fragte Aljoscha verwundert. - -„Oh, wenn doch auch ich mich einmal für die Wahrheit opfern könnte,“ -sagte Koljä enthusiastisch. - -„Aber doch nicht in einer solchen Sache, doch nicht so schandbeladen, -doch nicht so grauenvoll!“ rief Aljoscha aus. - -„Freilich ... ich möchte für die ganze Menschheit sterben können. Was -jedoch die Schande anbelangt, so ist mir alles gleich: Mögen unsere -Namen vergehen! Ich verehre Ihren Bruder!“ - -„Und ich auch!“ rief plötzlich und ganz unerwartet aus der Bande -derselbe Knabe, der einmal erklärt hatte, er wisse, wer Troja erbaut -habe, und auch diesmal wurde er, genau so wie damals, bis über die Ohren -rot. Aljoscha trat ins Zimmer. In einem hellblauen, mit weißen Rüschen -geschmückten Sarge lag, die Hände gefaltet und die Augen geschlossen, -Iljuscha. Die Züge seines abgemagerten Gesichtchens hatten sich gar -nicht verändert und, sonderbar – die Leiche verbreitete fast gar keinen -Verwesungsgeruch. Der Ausdruck seines Gesichtchens war ernst und -nachdenklich. Besonders schön waren die Hände, die auf der Brust -gekreuzt lagen. Wie aus Marmor gemeißelt sahen sie aus. Unter die Hände -hatte man Blumen gelegt, und der ganze Sarg war von innen und von außen -mit Blumen geschmückt, die Lisa Chochlakoff schon am frühen Morgen -geschickt hatte. Auch von Katerina Iwanowna waren Blumen geschickt -worden, und als Aljoscha die Tür aufmachte, da bedeckte der Hauptmann -mit zitternden Händen gerade von neuem seinen geliebten Jungen mit -Blumen. Er beachtete kaum den Eintretenden, er schien überhaupt -niemanden beachten zu wollen; nicht einmal sein „Mamachen“, seine -schwachsinnige weinende Frau, die immer wieder versuchte, sich auf ihren -kranken Füßen aufzurichten, um ihren toten Knaben besser sehen zu -können. Ninotschka wurde von den Knaben mit ihrem Stuhl aufgehoben und -näher an den Sarg gerückt. Dort saß sie dann, preßte ihren Kopf an den -Sarg und weinte still. Das Gesicht Ssnegireffs war sehr belebt, zu -gleicher Zeit aber wie zerstreut und wie verbittert. In seinen Gesten -und Worten war etwas geradezu Halbverrücktes. „Väterchen, liebes -Väterchen!“ murmelte er immer wieder, auf Iljuscha starrend. Als -Iljuscha noch lebte, hatte er die Gewohnheit gehabt, wenn er zu ihm -liebkosend sprach, „Väterchen, liebes Väterchen!“ zu sagen. - -„Papachen, gib auch mir Blumen, nimm aus seinen Händchen dort diese -weiße und gib sie mir!“ bat schluchzend das schwachsinnige „Mamachen“. -Gefiel ihr nun die kleine weiße Rose so sehr, die in Iljuschas Händen -lag, oder wollte sie die Rose aus seinem Sarge zum Andenken aufbewahren, -jedenfalls fuhr sie mit den Händen hin und her und streckte sie immer -wieder wie suchend nach der Blume aus. - -„Niemandem gebe ich etwas, nichts gebe ich!“ rief hartherzig Ssnegireff. -„Das sind seine Blumen, aber nicht deine. Alles gehört ihm, du bekommst -nichts.“ - -„Papa, geben Sie Mama die Blume!“ bat Ninotschka, indem sie plötzlich -ihr tränenüberströmtes Gesicht erhob. - -„Nichts gebe ich ihr, nichts! Sie hat ihn gar nicht geliebt. Sie hat ihm -damals die kleine Kanone fortgenommen, und er hat sie ihr geschenkt,“ -sagte mit schluchzender Stimme der Hauptmann, den die Erinnerung, wie -Iljuschetschka seiner Mama die Kanone abgetreten hatte, überwältigte. -Die arme Irrsinnige weinte leise und bedeckte mit beiden Händen ihr -Gesicht. Als die Knaben schließlich einsahen, daß der Vater den Sarg -nicht forttragen lassen werde, während es doch schon die höchste Zeit -war, aufzubrechen, drängten sie sich in dichtem Haufen an den Sarg heran -und schickten sich an, ihn aufzuheben. - -„Ich will ihn nicht auf dem Friedhof beerdigt haben!“ fuhr Ssnegireff -sofort heftig auf, „beim Stein will ich ihn beerdigen, bei unserem -großen Stein! So hat es Iljuscha gewollt! Ich lasse ihn nicht -forttragen!“ - -Er hatte auch schon früher, die ganzen drei Tage, davon gesprochen, daß -er ihn beim „großen Stein“ beerdigen wolle: doch Aljoscha, Krassotkin, -die Hauswirtin, deren Schwester und alle Knaben waren dagegen gewesen. - -„Sieh einer, was er sich ausgedacht hat, ihn beim Stein wie einen Heiden -zu beerdigen, ganz als wäre er ein Selbstmörder!“ sagte streng die alte -Wirtin. „Die Friedhoferde ist geweiht. Dort wird man für ihn beten. Aus -der Kirche hört man den Gesang, und der Diakon liest so laut und -verständlich, daß jedes Wort bis zu seinem Grabe zu hören sein wird, -ganz als ob er es an seinem Grabe lesen würde.“ - -Der Hauptmann winkte schließlich mit der Hand ab. Das hieß soviel wie: -„Bringt ihn wohin ihr wollt!“ Die Kinder hoben den Sarg auf. Als sie an -der Mutter vorüberkamen, senkten sie ihn ein wenig, damit sie von -Iljuscha Abschied nehmen könne. Als sie aber das liebe Gesichtchen, auf -das sie in diesen drei Tagen immer nur von weitem hinübergeblickt hatte, -jetzt so nah vor sich erblickte, erzitterte sie am ganzen Körper und -begann über dem Sarge hysterisch mit ihrem grauen Kopfe hin und her zu -zucken. - -„Mama, bekreuze ihn, segne ihn, küsse ihn!“ rief ihr Ninotschka weinend -zu. Die Mama aber zuckte nur immer mit ihrem Kopf, sprachlos wie ein -Automat, während ihr Gesicht von heißem Kummer verzerrt wurde, und -plötzlich fing sie an, sich mit der Faust vor die Brust zu schlagen. Man -trug den Sarg weiter. Ninotschka drückte zum letztenmal ihre Lippen auf -die Lippen ihres verstorbenen Bruders, als man ihn an ihr vorübertrug. -Aljoscha wandte sich, als er aus dem Hause trat, an die Hauswirtin mit -der Bitte, nach den Zurückgebliebenen zu sehen – die aber ließ ihn kaum -aussprechen: „Wir wissen schon, werden bei ihnen bleiben, sind doch auch -Christen!“ sagte die Alte und weinte dazu. - -Bis zur Kirche war es nicht weit, im ganzen vielleicht dreihundert -Schritt, nicht mehr. Der Tag war klar und still, es fror nur wenig. Die -Meßglocke wurde noch geläutet. Zerstreut und geschäftig lief Ssnegireff -in seinem alten, kurzen Sommermäntelchen hinter dem Sarge her, mit -entblößtem Kopf, den alten Schlapphut in der Hand. Er war von einer -gedankenlosen Geschäftigkeit: Plötzlich streckte er die Hand aus, um den -Sarg am Kopfende zu stützen, und störte dadurch nur die Tragenden, dann -lief er wieder an die Seite und versuchte dort behilflich zu sein; fiel -eine Blume auf den Schnee, so stürzte er sich auf sie, um sie -aufzuheben, ganz als ob von dem Verlust dieser Blume weiß Gott was -abhing. - -„Aber die Brotrinde, die Brotrinde haben wir vergessen!“ rief er -plötzlich außer sich vor Schreck. Die Knaben erinnerten ihn daran, daß -er die Brotrinde in seine Tasche gesteckt hatte. Er riß sie sofort aus -der Tasche hervor, und nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß sie da -war, beruhigte er sich. - -„Iljuschetschka hat befohlen, Iljuschetschka,“ erklärte er sofort -Aljoscha, „er lag wach in der Nacht, ich saß bei ihm, und plötzlich -sagte er zu mir: ‚Papachen, wenn man mein Grab zugeschüttet hat, so wirf -Brotkrümchen darauf, damit die kleinen Sperlinge herbeifliegen, ich -werde dann hören, wie sie herbeigeflogen kommen, und werde froh sein, -daß ich nicht ganz allein liege.‘“ - -„Das ist gut,“ sagte Aljoscha, „man muß des öfteren Brotkrümel -hinstreuen.“ - -„Jeden Tag, jeden Tag!“ stotterte der Hauptmann wie neu belebt. - -Endlich kam man in der Kirche an, und der Sarg wurde inmitten der -Vierung hingestellt. Die Knaben blieben um ihn herum stehen, und so -standen sie, tief ernst, während des ganzen Gottesdienstes. Es war eine -alte ärmliche Kirche. Die Heiligenbilder waren ohne Silberschmuck. Aber -ich glaube, in solchen Kirchen kann man besser beten. Nach der Messe -schien Ssnegireff sich etwas zu beruhigen, obgleich ihn auch jetzt noch -von Zeit zu Zeit wieder eine unbewußte, gedankenlose Geschäftigkeit -erfaßte: Bald trat er an den Sarg, um das Leichentuch oder das Stirnband -in Ordnung zu bringen, bald wieder, wenn ein Licht herunterfiel, lief er -hin, um es aufzustellen, und machte sich schrecklich lange damit zu -schaffen. Plötzlich beruhigte er sich wieder und stand unbeweglich mit -stumpfsinnig-besorgtem und verständnislosem Gesichtsausdruck da. Als die -Apostelgeschichte verlesen wurde, flüsterte er plötzlich Aljoscha ins -Ohr, daß sie „nicht so“ verlesen werden müßte, sprach indessen seine -Gedanken darüber nicht aus. Nach dem Cherubliede schickte er sich an, -mitzusingen, brach aber sogleich wieder ab und warf sich auf die Knie, -beugte seine Stirn auf den steinernen Fußboden der Kirche und verharrte -eine geraume Zeit in dieser Stellung. Endlich schritt man zum Totenamt, -und die Lichter wurden verteilt. Wieder schien der unsinnige Alte -geschäftig werden zu wollen, doch der erschütternde Grabgesang machte -einen unheimlichen Eindruck auf seine Seele. Er schien plötzlich in sich -zusammenzusinken: Er schluchzte auf, zuerst nur stoßweise mit -unterdrückter Stimme, schließlich aber weinte er laut. Als man sich von -dem Toten zu verabschieden begann und sich anschickte, den Sarg zu -schließen, umfing er ihn mit beiden Armen, als wolle er Iljuschetschka -vor etwas beschützen, und immer wieder küßte er seinen toten Knaben auf -den Mund. Man beredete ihn, und es gelang ihnen fast schon, den Vater -vom Sarge loszureißen, als er plötzlich seinen Arm ausstreckte und von -dem Sarge noch einige Blumen raffte. Darauf stierte er sie an, und eine -neue Idee schien ihn zu ergreifen, so daß er auf einen Augenblick alles -andere vergaß. Er verfiel immer mehr in Nachdenken und hatte dann auch -nichts weiter dagegen einzuwenden, als der Sarg aufgehoben wurde, um zum -Grabe getragen zu werden. Es war ein teures Grab, ganz nahe bei der -Kirche gelegen: Katerina Iwanowna hatte es bezahlt. Nach der üblichen -Zeremonie senkten die Totengräber den Sarg in die Gruft hinab. -Ssnegireff beugte sich mit seinen Blumen in den Händen über dem offenen -Grabe so weit vor, daß sich die Knaben erschrocken an seinen Mantel -hängten und ihn zurückzogen. Er aber schien nicht mehr zu verstehen, was -vor sich ging. Als man das Grab zuschüttete, wies er geschäftig auf die -hinabstürzende Erde, und begann sogar zu reden, doch war unmöglich zu -verstehen, was er sagte, und er verstummte dann auch bald von selbst. -Man erinnerte ihn daran, nunmehr die Brotkrumen auszustreuen, und er -begann denn auch sofort und in großer Aufregung ganze Stücke auf das -Grab zu werfen. „Vögelchen, fliegt herbei, hier, Sperlinge fliegt -herbei!“ murmelte er geschäftig. Einer der Knaben machte die Bemerkung, -daß die Blumen, die er in den Händen hielt, ihm nur hinderlich seien, -und daß er sie ihm zu halten geben solle. Er aber gab sie nicht, -erschrak nur heftig, denn er glaubte und fürchtete, jemand wolle sie ihm -fortnehmen. Nachdem er sich das Grab angesehen und man ihm noch gesagt -hatte, daß er jetzt alles getan, kehrte er sich ganz unerwartet und -beruhigt um und beeilte sich, nach Haus zu kommen. Seine Schritte wurden -bald so eilig, daß er fast schon lief. Die Knaben und Aljoscha folgten -ihm. „Für Mamachen die Blumen, für Mamachen die Blumen! Man hat Mamachen -gekränkt,“ murmelte er vor sich hin. Einer der Knaben rief ihm zu, er -möge doch seinen Hut aufsetzen, es sei doch kalt. Sowie er das aber -hörte, warf er den Hut zornig auf den Schnee und sagte immer wieder vor -sich hin: „Ich will keinen Hut, ich will keinen Hut!“ Der kleine -Ssmuroff hob ihn auf und trug ihn hinter ihm her. Alle Knaben weinten, -am heftigsten von allen Koljä und der Knabe, der Troja entdeckt hatte, -und wenn auch Ssmuroff mit dem Hut des Hauptmanns in der Hand -herzbrechend schluchzte, so fand er doch Zeit, ein Ziegelstückchen, das -sich rot vom Schnee abhob, aufzuheben und nach einem schnell -vorüberziehenden Flug Spatzen zu werfen ... Natürlich traf er nicht, und -so lief er weinend weiter. Ssnegireff jedoch blieb plötzlich mitten auf -dem Wege stehen, stand einen Augenblick, als wäre er über etwas sehr -betroffen, kehrte dann um und lief zur Kirche zurück, zum Grabe. Die -Knaben holten ihn aber bald ein und klammerten sich von allen Seiten an -ihn. Kraftlos und wie verwundet fiel er in den Schnee, schlug um sich, -schluchzte und schrie: „Väterchen, Iljuschetschka, liebes Väterchen!“ -Aljoscha und Koljä hoben ihn auf und sprachen auf ihn ein, indem sie ihn -zu beruhigen suchten. - -„Herr Hauptmann, genug der Verzweiflung, ein tapferer Mensch ist -verpflichtet, alles männlich zu ertragen,“ meinte Koljä etwas unwirsch. - -„Sie werden die Blumen zerdrücken,“ sagte Aljoscha, „und Mamachen wartet -auf sie, sie sitzt dort und weint, weil Sie ihr Iljuschetschkas Blumen -nicht gegeben haben. Dort steht auch noch sein Bett ...“ - -„Ja, ja, zu Mamachen!“ Ssnegireff besann sich sofort, „man wird das -Bettchen fortbringen, fortbringen!“ fügte er ganz erschrocken hinzu, als -ob man wirklich schon das Bettchen fortgebracht haben könnte. Und er -sprang auf und lief wieder weiter, nach Hause. - -Es war nicht mehr weit bis dahin, und so liefen sie alle mit. Ssnegireff -riß eilig die Tür auf und stürzte zu seiner Frau, zu der er kurz vorher -noch so hartherzig gewesen war: - -„Liebes Mamachen, Iljuschetschka schickt dir die Blumen, kranke Füße -hast du doch!“ rief er ihr schon von der Tür aus zu und schenkte ihr die -vom Frost zerstörten und verwelkten Blumen. - -In demselben Augenblick erblickte er aber in der Ecke vor -Iljuschetschkas Bettchen dessen Stiefel, beide nebeneinander, wie sie -soeben von der Hauswirtin beim Aufräumen aufgestellt worden waren; es -waren alte, rötlich gewordene, ganz abgetragene und geflickte -Stiefelchen. Als er sie bemerkte, erhob er die Hände, stürzte auf sie -zu, fiel vor ihnen auf die Knie nieder, ergriff einen Stiefel und preßte -ihn an seine Lippen und küßte, küßte ihn gierig: - -„Väterchen Iljuschetschka, liebes Väterchen, wo sind deine Füßchen, wo?“ - -„Wohin hast du ihn gebracht? Wohin hast du ihn gebracht?“ heulte nun -auch die Irrsinnige mit herzzerreißender Stimme. - -Da brach auch Ninotschka in Tränen aus. Koljä lief aus dem Zimmer, ihm -folgten die anderen Knaben. Auch Aljoscha ging hinaus und folgte ihnen. - -„Mögen sie sich ausweinen,“ sagte er zu Koljä, „da kann man nicht mehr -trösten. Warten wir ein wenig und gehen wir dann wieder hinein.“ - -„Ja, man kann nicht mehr ... es ist schrecklich!“ bestätigte Koljä. -„Wissen Sie, Karamasoff,“ er senkte ein wenig seine Stimme, damit ihn -niemand höre, „mir ist sehr traurig zumute, wenn ich wüßte, daß man ihn -auferwecken könnte, dann würde ich alles auf der Welt hingeben!“ - -„Ach, auch ich würde es!“ sagte Aljoscha. - -„Was meinen Sie, Karamasoff, sollen wir nicht heute abend wieder -herkommen? Sonst wird er sich ja betrinken.“ - -„Sehr möglich, daß er sich betrinken wird. Aber wir wollen beide allein -kommen, um mit ihnen, mit der Mutter und Ninotschka, zusammen ein -Stündchen zu sitzen, denn wenn wir wieder alle auf einmal kämen, so -würden sie nur an die Beerdigung erinnert werden,“ sagte Aljoscha. - -„Bei ihnen deckt jetzt die Wirtin den Tisch, wahrscheinlich zum -Totenmahl, der Pope wird wohl bald kommen ... Sollen wir gleich wieder -zurückgehen, Karamasoff, oder nicht?“ - -„Durchaus,“ antwortete Aljoscha. - -„Wie das sonderbar ist, Karamasoff, ein solcher Kummer und dann -plötzlich Pfannkuchen, wie unnatürlich und wie sonderbar das in unserer -Religion ist.“ - -„Sie werden auch Lachs essen,“ bemerkte plötzlich der Knabe, der Troja -entdeckt hatte. - -„Ich bitte Sie im Ernst, Kartascheff, sich nicht immer mit Ihren dummen -Reden einzumischen, besonders wenn man gar nicht mit Ihnen spricht und -überhaupt nicht wissen will, ob Sie auf der Welt sind oder nicht,“ fiel -ihm Koljä gereizt ins Wort. - -Der Knabe errötete wieder bis über die Ohren, doch zu antworten wagte er -nicht. Inzwischen hatten sie alle still den Fußweg eingeschlagen, und -plötzlich rief Ssmuroff aus: - -„Das ist der große Stein, unter dem Iljuscha beerdigt sein wollte!“ - -Alle blieben sie schweigend am großen Steine stehen. In Aljoscha tauchte -die Erinnerung daran auf, wie Ssnegireff ihm von Iljuschetschka erzählt -hatte: Wie dieser den Vater weinend umarmt und dabei ausgerufen: -„Papachen, Papachen, wie hat er dich erniedrigt!“ Es war ihm, als wenn -in seiner Seele etwas erzitterte. Mit ernster und würdiger Miene ließ er -seinen Blick über alle diese lieben, hellen Gesichter der Schuljungen -und Kameraden Iljuschetschkas gleiten, und plötzlich wandte er sich an -sie: - -„Meine Freunde, ich wollte euch hier, gerade an diesem Steine, ein Wort -sagen.“ - -Die Knaben umringten ihn und sahen ihn mit erwartenden Blicken groß an. - -„Meine Freunde, wir werden uns bald trennen. Ich werde nur noch eine -kurze Zeit bei meinen beiden Brüdern bleiben, von denen der eine -verschickt wird und der andere todkrank ist. Ich werde bald diese Stadt -verlassen, und vielleicht auf sehr lange. So werden wir denn -auseinandergehen, meine Freunde. Darum laßt uns hier am Steine, den -Iljuscha so lieb hatte, das Versprechen ablegen – erstens Iljuscha, und -zweitens uns gegenseitig nie zu vergessen. Was auch mit uns im Leben -geschehen möge, und wenn wir uns auch zwanzig Jahre lang nicht sehen -sollten, so wollen wir doch nicht vergessen, wie wir den armen Knaben -beerdigt haben, auf den wir früher mit Steinen warfen, – erinnert ihr -euch noch, bei der Brücke damals? – und wie wir ihn darauf alle so lieb -gewannen. Er war ein lieber, guter und tapferer Junge. Er hielt die Ehre -des Vaters hoch und litt unter der Kränkung, die dem Vater zugefügt -worden war, und lehnte sich gegen sie auf. Und so wollen wir ihn, meine -Freunde, unser ganzes Leben lang nicht vergessen. Und sollten wir uns -auch mit den wichtigsten Dingen beschäftigen, sollten wir auch zu den -höchsten Ehren gelangen oder in das größte Unglück geraten, – -gleichviel, wir wollen nie vergessen, wie uns hier alle das eine Gefühl -verband, das uns in der Liebe zu diesem armen Jungen besser gemacht hat, -als wir es vielleicht von Natur sind. Meine Lieblinge ihr, meine -Täubchen – erlaubt mir, daß ich euch so nenne, denn ihr alle scheint mir -diesen hübschen schillernden Tierchen mit den munteren Äuglein so -ähnlich zu sein, wenn ich eure guten, lieben Gesichtchen sehe – meine -lieben Kinder, vielleicht werdet ihr nicht begreifen, was ich euch sage, -denn ich rede oft sehr unverständlich, ihr werdet euch aber des Gesagten -vielleicht doch einmal erinnern und meinen Worten dann beistimmen. Denn -wißt, es gibt nichts, das höher, stärker, gesünder und nützlicher für -das Leben wäre als eine gute Erinnerung aus der Kindheit, aus dem -Elternhause. Man wird euch vieles über eure Erziehung sagen, aber eine -schöne und heilige Erinnerung, die man noch aus der Kindheit sich -aufbewahrt, kann oft die allerbeste Erziehung sein. Wenn der Mensch -viele solcher Erinnerungen aus seiner Jugend hat, so ist er fürs ganze -Leben gerettet. Und wenn auch nur eine einzige gute Erinnerung in seinem -Herzen verbleibt, so kann auch diese einmal zu seiner Rettung dienen. -Vielleicht werden wir später im Leben schlecht, vielleicht werden wir -nicht die Kraft haben, eine schlechte Handlung zu vermeiden, wir werden -vielleicht sogar über die Tränen der Menschen lachen, über Menschen, die -dasselbe sagen, was Koljä vorhin ausrief: ‚Ich möchte für alle Menschen -leiden‘, – ja, auch über solche Menschen werden wir vielleicht in -unserer Bosheit lachen. Aber wenn wir auch noch so schlecht werden -sollten, wovor Gott uns bewahren möge, so werden wir, wenn wir uns -dessen erinnern, wie wir Iljuscha beerdigt, wie wir ihn in den letzten -Tagen geliebt und wie wir soeben freundschaftlich an diesem Steine -gesprochen haben – so wird doch selbst der Schlechteste und -Spottlustigste von uns, wenn er zu einem solchen werden sollte, immerhin -nicht innerlich darüber zu lachen wagen, daß er in diesem Augenblick gut -und brav gewesen ist. Und nicht nur das: vielleicht wird diese -Erinnerung allein ihn zurückhalten, Böses zu tun, und er wird sich -besinnen und sagen: ‚Ja, ich war damals gut, tapfer und ehrlich.‘ Möge -er bei sich lächeln, das tut nichts, der Mensch lacht oft über Gutes und -Edles, aber er tut es ja nur aus Leichtsinn. Und ich versichere euch, -meine Freunde, in dem Augenblick, in dem er lacht, wird er sich doch -innerlich sagen: ‚Nein, es ist schlecht, daß ich gelacht habe, denn -darüber darf man nicht lachen!‘“ - -„Genau so wird es sein Karamasoff, ich verstehe Sie, Karamasoff!“ rief -ihm Koljä mit blitzenden Augen zu. - -Die Knaben waren furchtbar aufgeregt und wollten alle etwas sagen, doch -hielten sie sich noch zurück und starrten nur mit aufmerksamen -Gesichtern zu dem Redner empor. - -„Das sage ich nur in der Furcht, daß wir schlecht werden könnten,“ fuhr -Aljoscha fort, „aber warum sollten wir denn schlecht werden, meine -Freunde? Vor allem wollen wir doch gut sein, alsdann ehrlich und dann – -niemals einander vergessen. Das wiederhole ich immer wieder. Ich gebe -euch mein Wort, meine Freunde, daß ich niemals auch nur einen von euch -vergessen werde: Kein einziges Gesicht, das ich jetzt vor mir sehe, -werde ich je vergessen, und wenn auch Jahre und Jahre darüber vergehen. -Soeben sagte Koljä zu Kartascheff, er wolle nichts davon wissen, ob er -auf der Welt ist oder nicht. Ja, kann ich denn vergessen, daß -Kartascheff auf der Welt ist, und daß er jetzt errötet, wie damals, als -er Troja entdeckte und mich mit seinen lieben, guten, fröhlichen Augen -ansieht? Meine Freunde, meine lieben Freunde, seien wir alle großmütig -und tapfer wie Iljuschetschka, klug, tapfer und großmütig wie Koljä, und -bescheiden, klug und lieb wie Kartascheff! Doch – warum rede ich nur von -diesen beiden? Alle, meine Freunde, alle seid ihr mir lieb, alle -schließe ich in mein Herz ein, und ich bitte auch euch, mich in euer -Herz einzuschließen! Wer aber verbindet uns alle in diesem Gefühl, an -das wir von jetzt ab unser ganzes Leben lang denken werden, wer, wenn -nicht Iljuschetschka, der gute, der liebe Junge! Niemals werden wir ihn -vergessen, eine gute Erinnerung werden wir an ihn in unseren Herzen -bewahren, von jetzt an bis in alle Ewigkeit.“ - -„Ja, ja, bis in alle Ewigkeit,“ riefen die Knaben mit hellen Stimmen und -begeisterten Gesichtern ihm zu. - -„Wir wollen sein Gesicht nicht vergessen, seine Kleider, seine alten -zerrissenen Stiefelchen, sein Grab und seinen unglücklichen Vater, und -daß er allein gegen die ganze Klasse für diesen Vater eingetreten ist!“ - -„Wir werden ihn nicht vergessen!“ riefen wieder die Knaben, „er war -tapfer, und er war so gut!“ - -„Ach, wie habe ich ihn geliebt!“ rief Koljä aus. - -„Ach, Kinder, meine lieben Freunde, fürchtet das Leben nicht! Wie schön -ist das Leben, wenn man etwas Gutes und Gerechtes tut!“ - -„Ja, ja!“ riefen die Knaben, ganz Feuer und Flamme. - -„Karamasoff, wir lieben Sie!“ sagte eine Stimme, die, wie es schien, -nicht mehr an sich halten konnte; wahrscheinlich war es der kleine -Kartascheff. - -„Wir lieben Sie, alle lieben wir Sie!“ riefen nun auch die anderen aus. -Bei vielen blitzten Tränlein in den Augen. - -„Hurra Karamasoff!“ schrie plötzlich Koljä. „Ist es wirklich wahr, was -die Religion sagt, daß wir von den Toten auferstehen und uns alle -wiedersehen werden, alle, auch Iljuschetschka?“ - -„Wir werden auferstehen, wir werden uns wiedersehen, und freudig werden -wir uns gegenseitig alles erzählen, was wir erlebt haben,“ antwortete -halb lächelnd, halb begeistert Aljoscha. - -„Ach, wie wird das schön sein!“ entfuhr es Koljä ganz unwillkürlich. - -„Jetzt aber machen wir Schluß mit dem Reden und gehen wir zu seinem -Totenmahl. Laßt euch nicht dadurch verwirren, daß wir Pfannkuchen essen -werden. Das ist ein uralter und geheiligter Brauch unserer Väter, und -auch er hat sein Gutes,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Und nun kommt! Seht, -jetzt gehen wir alle Hand in Hand!“ - -„Und so laßt uns ewig gehen, das ganze Leben bis zum Grabe Hand in Hand! -Hurra Karamasoff!“ rief noch einmal begeistert Koljä aus, und noch -einmal stimmten alle Knaben in seinen Ruf ein. - - - - - Fußnoten - - -[1] Abkürzung von Dmitrij. E. K. R. - -[2] „Klikúscha“, eigentlich die Ruferin, dem Volksglauben nach eine von -unreinen Geistern Besessene – in Wirklichkeit ist diese Krankheit nur -ein nervöses Frauenleiden. E. K. R. - -[3] Abkürzung von Alexei. E. K. R. - -[4] Etwa „Ältester“, siehe Kap. V. E. K. R. - -[5] Dem Volksglauben nach nicht von Menschen gemalte Heiligenbilder. E. -K. R. - -[6] 1666, hervorgerufen durch die vom Patriarchen Nikon durchgesetzte -Verbesserung der heiligen Bücher, deren Überlieferung fehlerhaft war. E. -K. R. - -[7] Kreispolizeichef. E. K. R. - -[8] Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot (oder aus gesäuertem -Schwarzbrotteig) mit Malz. E. K. R. - -[9] Teure Kolonialwarenhandlung in Petersburg. E. K. R. - -[10] Liqueur aus nordischen kleinen Ackerbeeren. E. K. R. - -[11] Abkürzung von Iwan. E. K. R. - -[12] Eine uralte, weitverbreitete Sekte, deren Anhänger äußerlich den -Ritus der griechischen Kirche streng beobachten, in ihren Versammlungen -aber Kirche, Sakramente und Geistlichkeit verwerfen, und lehren, daß -jeder durch gottgefällige Werke selbst Christus werden könne. E. K. R. - -[13] „Die Stinkende“. E. K. R. - -[14] Das zeigt an, daß P. Ferapont von niederem Stande war, denn gegen -Norden und Osten von Moskau klingt das O im Volksmunde wie das O im -Deutschen, in der maßgebenden Aussprache von Moskau jedoch ist es, wenn -unbetont, sehr kurz und geht in den A-Laut über. E. K. R. - -[15] Ungefähr: „Herr S-anhänger“. E. K. R. - -[16] Abkürzung vom Wort ssudarj (Herr), dient als Anhängsel zum Ausdruck -von Untergebenheit, meistens nur von Männern niedrigeren Standes -gebraucht oder hin und wieder, wenn man sich „volklich“ ausdrücken will, -auch von gebildeten. E. K. R. - -[17] 1224–1480. E. K. R. - -[18] Gruschenka. E. K. R. - -[19] Spürhund. E. K. R. - -[20] Es war verboten, Leibeigene ohne Land zu kaufen. E. K. R. - -[21] Polnisch: „mein Herr“. E. K. R. - -[22] Herrin, Frau der besseren Stände. E. K. R. - -[23] Der Held in Gogols „Toten Seelen“, fährt umher und kauft von -Gutsbesitzern „verstorbene Leibeigene“, deren Papiere noch nicht -eingezogen sind – da das nur einmal alle fünf Jahre geschah –, um die -für geringes Geld erstandenen toten Seelen in Petersburg für teures Geld -als lebende Seelen zu verkaufen. E. K. R. - -[24] Das Polizeibüro am Moika-Kanal in St. Petersburg. E. K. R. - -[25] Verächtliche Benennung der Finnen und der Bevölkerung der -Ostseeprovinzen, mit denen Koljä in diesem Fall die Deutschen zu -identifizieren scheint. E. K. R. - -[26] Ungefähr: Viehhofstadt. E. K. R. - -[27] St. Petersburg (im Volksmunde). E. K. R. - -[28] Mit diesen Worten gibt Chlestakoff der Frau und Tochter des -Bürgermeisters zu verstehen, daß er ein Dichter sei, spricht aber den -Satz nicht zu Ende, als wolle er mit seinem Können nicht großtun. E. K. -R. - -[29] Figur aus Gogols Lustspiel „Der Revisor“: ein junger Petersburger -Geck, der auf der Durchreise in einer kleinen Stadt für den erwarteten -Revisor gehalten wird, und diese Rolle zuerst halb wider Willen, später -ganz auf der Höhe mit gutem Erfolg (er borgt von allen größere Summen) -spielt, bis er sich dann aus dem Staube macht und – der richtige Revisor -eintrifft. E. K. R. - -[30] Gogol, 1809–1852. Sein letztes und größtes Werk „Die toten Seelen“. -E. K. R. - -[31] In einem Drama A. N. Ostrowskijs flößen diese Worte einer -ungebildeten, bigotten Kaufmannsfrau, da sie nicht weiß, was sie -bedeuten und sie sich das Unheimlichste unter ihnen denkt, heillosen -Schrecken ein, was natürlich Anlaß zu weiteren Konflikten gibt. E. K. R. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen -Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und -Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert -nach: - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. - Erste Abteilung: Neunter Band - Erste Abteilung: Zehnter Band - Die Brüder Karamasoff - R. Piper & Co. Verlag, München, 1914. - Vierte Auflage - -Für diese ebook-Ausgabe wurden der neunte und der zehnte Band vereinigt. -Band 10 beginnt mit „Achtes Buch: Mitjä“. - -Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen -Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den -ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, -Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt -nach der Titelseite eingefügt. - -Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. - -Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen -(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von -Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen. - -Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der -Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben -„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde -vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): - - Alexei (Alexis) - Aljoscha (Aljoschi) - Dmitri (Dimitrij) - Fedorowitsch (Fjodorowitsch) - Katjka (Katka) - Klikuscha (Klikúscha) - Marja Kondratjewna (Maria Kondratjewna) - Porfirij (Porphirij) - Ssmerdjäschtschaja (Ssmerdjätschaja) - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des -russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 67]: - ... Heiligen, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz, ... - ... Heiliger, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz, ... - - [S. 147]: - ... „Ich weiß es nicht, Mischa, was er zu bedeuten hat.“ ... - ... „Ich weiß es nicht, Mischa, was sie zu bedeuten hat.“ ... - - [S. 289]: - ... hat er sich doch nicht gefürchtet; warum habe Ich denn ... - ... hat er sich doch nicht gefürchtet; warum habe ich denn ... - - [S. 298]: - ... hatte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne sich ... - ... hätte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne sich ... - - [S. 323]: - ... das für eine schädliche und leichtsinnige Neuerung ... - ... das er für eine schädliche und leichtsinnige Neuerung ... - - [S. 342]: - ... „Du lügst! Und jetzt ist überhaupt nicht nötig ... - ... „Du lügst! Und jetzt ist es überhaupt nicht nötig ... - - [S. 360]: - ... „Ich selbst werde sie im Rollstuhl schieben; übrigens ... - ... „Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens ... - - [S. 543]: - ... man nicht dann sozusagen für ihren Helfershelfer ... - ... man mich dann sozusagen für ihren Helfershelfer ... - - [S. 567]: - ... er der Kranken sorgfältig untersucht hatte (er ... - ... er den Kranken sorgfältig untersucht hatte (er ... - - [S. 609]: - ... an: „Das alles,“ sagt er, „interessiert mich - außerordentlich, ... - ... an: „Das alles,“ sagte er, „interessiert mich - außerordentlich, ... - - [S. 609]: - ... einem Jüngling, ohne sich an mein Alter zu stoßen. ... - ... einem Jüngling, ohne sich an meinem Alter zu stoßen. ... - - [S. 640]: - ... frage ich mich: Ist es denn wirklich so undankbar, ... - ... frage ich mich: Ist es denn wirklich so undenkbar, ... - - [S. 700]: - ... werde abspringen,“ aber er antwortet ihr nicht, er ... - ... werde abspringen,“ aber er antwortete ihr nicht, er ... - - [S. 833]: - ... „Jage, jage, Andrei, Ich komme angefahren!“ rief ... - ... „Jage, jage, Andrei, ich komme angefahren!“ rief ... - - [S. 849]: - ... das andere lag. Mitjä fiel der riesige Schmierstiefel ... - ... das andere lange. Mitjä fiel der riesige Schmierstiefel ... - - [S. 1084]: - ... Und so hatte sie denn beide so eine Kugel fabriziert und ... - ... Und so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und ... - - [S. 1431]: - ... dies zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen ... - ... diesem zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen ... - - [S. 1438]: - ... Charakter nach gleicht, so sind gerade sie es, Iwan ... - ... Charakter nach gleicht, so sind gerade Sie es, Iwan ... - - [S. 1502]: - ... wollen Sie es dann hernehmen?“ ... - ... wollen sie es dann hernehmen?“ ... - - [S. 1549]: - ... Vater hinfort für einen sich Fremden und sogar für ... - ... Vater hinfort für einen ihm Fremden und sogar für ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 9-10: DIE -BRÜDER KARAMASOFF *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for -copies of this eBook, complying with the trademark license is very -easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation -of derivative works, reports, performances and research. Project -Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may -do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected -by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country other than the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you will have to check the laws of the country where - you are located before using this eBook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm website -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that: - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of -the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set -forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
