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-The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz
--- Mitteilungen Band XI, Heft 4-6, by Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XI,
- Heft 4-6
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
-Editor: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Release Date: September 17, 2022 [eBook #69001]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 4-6 ***
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
- unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist
- =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Landesverein Sächsischer
- Heimatschutz
-
- Dresden
-
- Mitteilungen
- Heft
- 4 bis 6
-
- Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
-
- Band XI
-
- _Inhalt_: Die kursächsischen Postmeilensäulen beim 200jährigen
- Bestehen – Heimatschutzgedanken in Gottfried Kellers Dichtungen –
- Die Kirche zu den »Vierzehn Nothelfern« auf der »Kahlenhöhe« bei
- Reichstädt – Um Juchhöh und Windberg – Wanderbilder aus den
- Grenzgebieten der Oberlausitz und Nordböhmens – Volkslieder der
- sächsischen Oberlausitz – Nochmals »Pflanzt Nußbäume« – Über das
- Vorkommen der Weidenmeise in unserm Vaterlande – Die Berankung
- von Gebäudeschauseiten – Zur Geschichte des Heimatschutzes –
- Zur Einschmelzungsfrage alter Kirchenglocken
-
- Einzelpreis dieses Heftes M. 30.–, Bezugspreis für einen Band
- (aus 12 Nummern bestehend) M. 60.–, für Behörden und Büchereien
- M. 50.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos,
- _Mindest_jahresbeitrag M. 50.–, freiwillige Einschätzung
- erbeten
-
- Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
-
- Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835
- Stadtgirokasse Dresden 610
-
- Dresden 1922
-
-
-
-
-Was kosten heute die Heimatschutzmitteilungen? Jährlicher Gesamtaufwand
-900000 M.
-
-
-Täglich liest man, daß Zeitungen und Zeitschriften infolge der hohen
-Herstellungskosten eingehen, die sich weder durch Bezugsgebühren noch
-durch Ankündigungen decken lassen. Wenn der Landesverein Sächsischer
-Heimatschutz bisher seine »Mitteilungen« im Friedensumfange mit
-Friedensausstattung herausgeben konnte, so verdankt er dies der
-Opferwilligkeit seiner Mitglieder, die ihm dies durch hohe Beiträge
-ermöglichten.
-
-In den letzten Wochen sind die Herstellungskosten für unsere
-»Mitteilungen« um 150 bis 200 v. H. gestiegen, so daß wir in banger
-Sorge sind, ob es möglich ist, sie weiter erscheinen zu lassen.
-
-Es dürfte unseren Mitgliedern und Freunden interessant sein, zu
-erfahren, was heute =ein Heft= der »Mitteilungen« in 22000 Auflage
-kostet:
-
- Textpapier 75000 M.
- Umschlagpapier 5000 "
- Druckstöcke 40000 "
- Druckkosten 50000 "
- Briefumschläge 15000 "
- Postgelder 40000 "
- ––––-
- 225000 M.
-
-In diesen Zahlen sind noch nicht inbegriffen die Honorare und unser
-Geschäftsaufwand.
-
-Wir geben jährlich vier Hefte heraus,
-
- =so daß uns diese vier Hefte jährlich 900000 M. kosten.=
-
-Das ist der heutige Preis, in acht Tagen ist er wieder gestiegen, in
-vierzehn Tagen weiter und schwindelnde Zahlen werden wir am Ende des
-Jahres sehen.
-
-Nicht verschweigen möchten wir, daß eine sächsische Firma, die nicht
-genannt sein will, uns zu diesen Kosten unserer Veröffentlichungen
-jährlich 100000 M. in dankenswerter Weise stiftet, so daß sich der
-jährliche Gesamtaufwand auf 800000 M. erniedrigt.
-
-Aus diesen Zahlen bitten wir unsere geehrten Mitglieder und Freunde
-zu ersehen, welche schweren Kämpfe ums Dasein unsere Bewegung führt.
-Wenn wir bis heute durchkamen, so war es der zähe, unbeugsame Wille:
-»Durchhalten« und das tiefsinnige stolze Wort »Dennoch«.
-
-Wie lange es noch gehen wird, wissen wir nicht. Müssen wir die
-Herausgabe unserer Veröffentlichungen einstellen, dann ist unser
-Verein eine Kirche ohne Glocke. Wir werden weiter arbeiten und weiter
-kämpfen, aber wir können von den Schönheiten unserer Heimat nichts mehr
-berichten, können sie nicht mehr in Bildern zeigen, weil uns das Organ
-fehlt.
-
-In schwerer Zeit, in düsteren Stunden richten wir an unsere Mitglieder
-die aufrichtige und herzliche Bitte,
-
- =uns einen in ihr Ermessen gestellten Sonderbeitrag
- zur Erhaltung der Heimatschutzmitteilungen
- freundlichst zu gewähren=,
-
-der unabhängig von den Mitgliedsbeiträgen gezahlt und verbucht werden
-soll. Wir hoffen, daß diese Bitte nicht ungehört verhallen wird. Gebe
-jeder nach seiner wirtschaftlichen Lage. Wenn uns von seiten der
-Großindustrie reiche Unterstützungen zuteil würden, ähnlich dem hier
-angeführten Fall, dann wird es uns vielleicht gelingen, die sächsischen
-Heimatschutzmitteilungen, die seit 1908 erscheinen und viele tausende
-unserer Mitglieder und Freunde erfreuten, weiter zu erhalten zum Besten
-unseres Heimatlandes!
-
- _Dresden_, im Juni 1922
-
- Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
- ~Dr. ing. e. h.~ Karl Schmidt, Geheimer Baurat
- O. Seyffert, Hofrat, Professor
-
-
-
-
- Band XI, Heft 4/6 1922
-
-[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden]
-
-Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
-herausgegeben
-
-Abgeschlossen am 1. März 1922
-
-
-
-
-Die kursächsischen Postmeilensäulen beim 200jährigen Bestehen
-
-Von ~Dr.~ _Kuhfahl_, Dresden
-
-
-I. Verkehrszustände um 1700
-
-Der plötzliche Aufschwung, den die mechanischen Hilfsmittel für
-Personenverkehr und Warenbeförderung sowie für den Gedankenaustausch
-während der letzten fünfzig Jahre durch allerlei technische
-Entdeckungen erfahren haben, läßt uns heutzutage schon fast vergessen,
-daß vordem gerade im Verkehrswesen die denkbar primitivsten
-Verhältnisse herrschten. Abgesehen von der Seeschiffahrt war vor dem
-Ausbau des Eisenbahnnetzes von einer wirklichen Verkehrsorganisation,
-die dem zeitweilig recht hohen Kulturstand auf anderen Gebieten
-entsprochen hätte, nirgends die Rede, obwohl eine zeitgemäße Einführung
-von Straßenbau und Pferdepost natürlich längst in weitestem Umfang
-möglich gewesen wäre.
-
-In Deutschland fehlten infolge der kleinstaatlichen Zersplitterung die
-künstlichen Wasserwege und großen Straßenzüge fast vollständig, und
-noch über Goethes Zeiten hinaus wurden die Freuden des Reisens zumeist
-durch Unbequemlichkeiten und Entbehrungen, Ärger und Überteuerung mehr
-als aufgehoben. Den wenigsten Zeitgenossen kam freilich zum Bewußtsein,
-daß dies eigentlich auch anders sein könnte. Gegenüber der allgemeinen
-Teilnahmlosigkeit vermochte also nur eine besonders weitreichende
-allmächtige Faust, wie sie Napoleon besaß, den Ausbau größerer
-Chausseen zu erzwingen.
-
-Wer heute durch einen kurzen Ruf des Haustelephons seinen Kraftwagen
-binnen wenigen Minuten vorfahren läßt und dann Hunderte von Kilometern
-auf glatten Straßen im bequemen Polstersitz rasch und sicher durcheilt,
-oder wer – in bescheidenerer Weise – die Massenbeförderungsmittel von
-Eisenbahnen und Flußdampfern benutzt, vermag sich wohl kaum noch eine
-wirkliche Vorstellung davon zu machen, welch ein Entschluß oder welche
-Vorbereitung und Ausrüstung noch in Großvaters Zeiten zu einer einzigen
-solchen Fernfahrt gehört hätte. In weit höherem Maße gilt das natürlich
-für die früheren Jahrhunderte, in denen wirkliche Kunststraßen ein
-unbekannter Begriff waren.
-
-Alle älteren Reisebeschreibungen gehen entweder mit stillschweigendem
-Fatalismus über das Unvermeidliche ganz hinweg oder nehmen gerade
-damit einen breiteren Raum ein, als dem Zweck einer Vergnügungsfahrt
-eigentlich entsprechen sollte. Körperliche Beschwerden durch harten
-Sitz und schlechtgefederte Karossen, durch holprige Wege und endlose
-Fahrdauer, durch Kälte und Wind, Staub und Hitze verknüpften sich mit
-dem tausendfachen Ärger über unpünktliche, ungeschickte, betrunkene
-und grobe Fuhrknechte, über Erpressungs- und Prellversuche, über
-Paßkontrolle und Wegegelder. Vielfach kam auch noch die Angst vor der
-Unsicherheit des platten Landes und das geringe Verständnis hinzu,
-dem der Fremde gegenüber der Wichtigtuerei der Ortsbehörden zumeist
-begegnete.
-
-Der Reiseverkehr hielt sich deshalb selbst bei den wohlhabenden
-Kreisen in allerbescheidensten Grenzen. An solchen Stellen jedoch, wo
-der Verkehr über Land eine wirtschaftliche Lebensnotwendigkeit war,
-mußten die Besserungsmaßregeln mit der Entwicklung des Verkehrs trotz
-alledem Schritt zu halten suchen. Es nimmt infolgedessen nicht wunder,
-daß der Leipziger Rat zur Förderung des Meß- und Handelsverkehrs
-weit über seine Kompetenz als Stadtverwaltungsbehörde hinaus zu
-allererst und in weitschauendster Weise den Gedanken eines geregelten
-Postfuhrwesens in die Tat umsetzte. Unterstützt von der Großhandelswelt
-ganz Deutschlands gelang es schon am Ende des vierzehnten Jahrhunderts
-für Briefbeförderung ziemlich geregelte Reit- und Läuferposten bis
-nach Hamburg, Augsburg, Nürnberg, Wien, Cölln (Berlin) und anderen
-Handelsplätzen einzuführen. Sehr bald wurde der Dienst auch über die
-Reichsgrenzen, besonders nach Italien und den Niederlanden ausgebaut,
-so daß vor dem Beginn der dreißigjährigen Kriegswirren bereits ein
-mustergültiger Botendienst in Leipzig zusammenlief, von dem viele Teile
-des deutschen Reiches gleichfalls Vorteile bezogen.
-
-Die Beziehungen, die zwischen den unzähligen großen und kleinen
-Fürstenhöfen bestanden, lenkten die Aufmerksamkeit intelligenterer
-Machthaber sehr bald auf die neue Einrichtung. Im Kurfürstentum
-Sachsen verdichtete sich dieses Interesse sogar so weit, daß seit 1500
-Versuche zum Betrieb einer eigenen Hofpost gemacht und statt dieses
-verunglückten Unternehmens im Jahre 1613 die mustergültige Leipziger
-Ratspost mit einem kurfürstlichen Postmeister besetzt, d. h. nach
-heutigem Sprachgebrauch kurzerhand verstaatlicht wurde.
-
-Die andauernde Geldverlegenheit der Fürstenhöfe brachte es dann
-natürlich auch sehr bald mit sich, daß das Postregal, genau wie jeder
-andere Staatsbesitz, allerwärts verpfändet oder verpachtet wurde. Die
-italienische Familie der Taxis aus Bergamo machte sich dies seit dem
-sechzehnten Jahrhundert zunutze und brachte nach und nach den größten
-Teil des europäischen Brief- und Fahrpostverkehrs so sicher in ihre
-Hand, daß ihre allerletzten Privilegien wohl erst durch die Revolution
-von 1919 beseitigt worden sein dürften. Das Haus Thurn und Taxis
-verdankt seinen Vorfahren neben reichen Besitztümern in allen Ländern
-die Erhebung in Adels-, Grafen- und Fürstenstand, es hat sich aber
-auch den Dank Europas verdient, denn ohne seine zielbewußte private
-Geschäftsgewandheit wären Verkehrsbeziehungen zwischen den machtlosen,
-widerstrebenden Staatsgebilden von damals kaum möglich gewesen.
-Freilich mußten auch diese Bemühungen in einer gewissen Halbheit
-stecken bleiben, solange der Ausbau großer Verbindungswege noch nicht
-zu den Aufgaben des Kulturstaates gerechnet, sondern der Einzelsorge
-anliegender Gemeinden überlassen wurde.
-
-
-II. Pläne Augusts des Starken
-
-Im Kurfürstentum Sachsen fanden die Anläufe zum Hof- und
-Staatspostbetrieb, die auf 1500 zurückgehen, eine außergewöhnliche
-Förderung durch August den Starken (1694–1733).
-
-Trotz des geschichtlichen Zerrbildes, das der Film neuerdings von ihm
-für den Sensationsbedarf des Kinos zusammengestückelt hat, ist diesem
-glanzvollen und ideenreichen Fürsten eine ganze Anzahl großzügiger
-Pläne zu danken, die er zumeist ganz persönlich mit sicherem Blick
-aufgriff und mit zielbewußter Energie verfolgte.
-
-Sein schönheitsliebender Sinn umkleidete dabei in eigenartiger
-und höchstpersönlicher Weise die Erscheinungen des alltäglichen
-Lebens mit künstlerischen Formen. Weit über die heutigen grünweißen
-Grenzpfähle hinaus finden wir deshalb noch jetzt neben den monumentalen
-Schauplätzen seiner prunkvollen Hofhaltung, neben den beredten
-Zeugnissen seiner Liebe und seines unvertilglichen Hasses, auch eine
-ganze Anzahl Schöpfungen, die fast aus dem Geiste neuzeitlicher
-gemeinnütziger Ideen geboren erscheinen.
-
-Das Postwesen, dessen Nutzen und Bedeutung er bei seinen verschiedenen
-Besuchen auf der Leipziger Messe selbst kennen gelernt hatte und für
-den regen Verkehr mit befreundeten Höfen selber andauernd in Anspruch
-nahm, gab ihm Anlaß zu einer Reihe von Staatserlassen, denen seine
-Landeskinder zwar samt und sonders mit sorgenvollem Kopfschütteln
-und ehrerbietigstem Protest begegneten, die ihre Probe aber doch
-vor dem Urteil der Geschichte glänzend bestanden haben. Trotz des
-Heerestrosses und der goldenen Prunkkarossen, die seinen Reisezug
-bildeten, durchschaute er mit scharfem Blick die ganze Jämmerlichkeit
-des Verkehres von Stadt zu Stadt. In einer Zeit, die weder Straßen noch
-Wegweiser noch Landkarten kannte, wird auch die mündliche Auskunft
-durch das Landvolk im allgemeinen nicht weit über die eigene Flur
-hinausgereicht haben. Neben Förderung des Straßenbaues, Beaufsichtigung
-des Vorspanndienstes und Festlegung der Posttaxen schuf er deshalb den
-Plan, nach dem Vorbild römischer Cäsaren, in sämtlichen Städten seiner
-Kurlande und vor all ihren Toren _wappengeschmückte Säulen_ zu erbauen,
-auf denen die Wegrichtung und Entfernung der Hauptorte in Meilen oder
-Wegstunden einzuzeichnen wären. An den Poststraßen selbst sollten
-sodann von Viertel- zu Viertelmeile kleinere Merkzeichen aufgestellt
-werden, die über das nächste Ziel Auskunft gaben und die Entfernungen
-kenntlich machten.
-
-Die künstlerischen Entwürfe zu diesen Distanzsäulen und Meilenzeichen
-stammten von der Hand des schönheitsliebenden Fürsten selber. Die
-Vorliebe für den schlanken, nadelartigen Obelisken, den wir bei seinen
-Jagdzeichen und Marksteinen in kleinem Ausmaß z. B. noch heute als
-Bezeichnung von Flußübergängen oder in Riesengröße als Richtpunkte
-seiner Zeithainer Truppenschau in der Landschaft antreffen, zeigt sich
-in mehrfacher Wiederholung auch bei der Handzeichnung der Poststeine.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Handzeichnung aus Schramm=]
-
-Die Distanzsäulen trugen auf quadratischer Grundlage einen mehrfach
-profilierten Sockel und darüber einen abgestumpften Obelisken,
-dessen Oberteil mit dem plastisch ausgehauenen kursächsischen und
-königlich-polnischen Wappen versehen war. Neben den schwarzgetönten
-Inschriften half farbiger Anstrich der Wappenschilder und Vergoldung
-der darüber schwebenden Krone das künstlerische Bild vervollständigen.
-
-Zur Bezeichnung der ganzen Meile sollte jeweilig ein schlanker Obelisk
-auf einfacherem Unterbau, für die halbe Meile eine hermenartige
-Säule von eigenartiger Gestalt und für die Viertelmeile eine breite
-profilierte Steinplatte gesetzt werden.
-
-
-III. Die Aufstellung der Postmeilenzeichen
-
-Da das Kurfürstentum Sachsen vor zweihundert Jahren von der Saale bis
-in die Odergegend und vom Erzgebirge bis vor die Tore Berlins reichte,
-so mußte die _praktische Durchführung_ des Planes von vornherein
-mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen. Insbesondere war das
-weitverzweigte Gebiet nicht von einem Steinbruch und nicht von einer
-Steinmetzwerkstatt aus mit gleichartigen Stücken zu versorgen, denn für
-solche Lieferungen fehlte ja gerade die Verkehrsmöglichkeit, der die
-neue Postschöpfung dienen sollte.
-
-[Illustration: Abb. 2 =Handschriftproben von Zürner aus den Akten
-Freyberg=]
-
-Zur Wahrung der nötigen Einheitlichkeit und zur Durchführung im
-einzelnen ließ der Kurfürst seine bildlichen Entwürfe in Kupferstich
-vervielfältigen (vgl. Abb. 1) und die nötigen Anweisungen für den
-Aufbau in Gestalt einer »Mäurerinstruktion« und anderer Befehle
-ergehen. Gleichwohl war er sich von vornherein bewußt, daß mit solchem
-Schreibwerk allein nichts auszurichten sein würde. Er suchte deshalb
-sofort einen organisatorisch begabten Kopf, der ringsum im Lande die
-erforderlichen Maßnahmen persönlich treffen sollte, und er fand ihn in
-der Person des Pfarrers Friedrich Adam Zürner von Skassa bei Großenhain.
-
-Dieser unermüdliche, praktische und fleißige Mann hat nicht nur
-jahrzehntelang alle Landesteile für Vermessungszwecke, Besichtigungen
-oder Verhandlungen selbst bereist und nahezu jeden Bauplatz der
-Postsäulen selbst ausgewählt, sondern obendrein die hunderte von
-Befehlen, Berichten und Erlassen eigenhändig niedergeschrieben. Sogar
-die Entwürfe für die Entfernungstabellen der Distanzsäulen stammen aus
-seiner eigenen Feder (vgl. Abb. 2).
-
-Die Aktenbündel, die er über jede einzelne Stadt anlegen ließ, geben
-uns noch heute ein getreues Bild dieses opferfreudigen Schaffens. Wir
-finden dreißig Faszikel im Dresdner Hauptstaatsarchiv[1], während
-diejenigen Bände, die aus abgetretenen Gebietsteilen der Provinzen
-Sachsen, Schlesien und Mark Brandenburg stammen, nach 1806 an die
-Archive von Berlin und Magdeburg abgegeben worden sind.
-
-Die ganze Riesenhaftigkeit der Aufgabe, der dieser einzelne Mann unter
-werktätiger Beihilfe seines Fürsten mehr als zwanzig Jahre des Lebens
-gewidmet hat, wird erst dann in vollem Umfang ersichtlich, wenn man
-jene Zeitverhältnisse in ihrem Urzustande bedenkt.
-
-Vom Fernverkehr für Handel oder höfische Zwecke gab es nur spärliche
-Anfänge. An eine Einteilung der Postfahrten und an geordnetes
-Vorspannwesen war nicht zu denken. Der Straßenbau von Ort zu Ort
-beruhte zumeist auf der kümmerlichen Gelegenheitsarbeit erpreßter
-bäuerlicher Frohnden. Landkarten, Stadtpläne, Vermessungsergebnisse,
-Entfernungstabellen oder ähnliche schriftliche Vorarbeiten, die
-wenigstens bei der allgemeinen Verteilung und Beschriftung der
-Postsäulen als Unterlage hätten dienen können, fehlten vollständig.
-Das ganze Werk mußte also überall von Zürner selbst mit den
-allereinfachsten Feststellungen, Vermessungen und Besichtigungsarbeiten
-begonnen werden.
-
-Weiterhin war die Beschaffung von vielen Hunderten kunstvoll
-ausgeführter Steinsäulen durchaus keine einfache und vor allen Dingen
-keine billige Sache. Die wenigsten Postsäulen durften aus den am Orte
-gefundenen Gestein von einem beliebigen Handwerker gehauen werden. Der
-kurfürstliche Landes- und Grenzkommissarius Zürner, der unausgesetzt
-im Lande umherreiste, hatte vielmehr Auftrag, sich allerwärts über die
-Beschaffenheit des Gesteins zu erkundigen, zuverlässigen Steinmetzen
-nach Möglichkeit eine ganze Anzahl der Säulen in Auftrag zu geben
-und alle Maßnahmen für größtmöglichste Haltbarkeit, modellgerechte
-Ausführung und richtige Aufstellung zu treffen. Trotzdem hat das
-heranwachsende Werk natürlich mancherlei Unterschiede in der
-Bildhauerarbeit sowie grobe Mängel bei der Gründung oder Auswahl der
-Steine gezeigt, so daß Zürner viele Revisionsreisen unternehmen und
-umgefallene Stücke wieder aufsetzen lassen mußte, während nach seinem
-Tode der Verfall ziemlich schnell um sich griff. An Abweichungen
-von der Bauvorschrift treffen wir beispielsweise in Delitzsch einen
-Distanzobelisken, der in seiner Überschlankheit um mindestens zwei
-Ellen höher sein dürfte, als die Werkzeichnung verlangt (vgl.
-Abb. 3); auch der Rochlitzer Obelisk zeigt nicht das vorgeschriebene
-sächsisch-polnische Doppelwappen, sondern nur ein gekröntes Schild mit
-der sächsischen Raute.
-
-Der geldliche Aufwand, den eine so prunkvolle, arbeitsreiche Idee
-zu ihrer Durchführung erfordert, erscheint selbst in damaliger Zeit
-nichts weniger als gering. Für einen Souverän, wie August der Starke,
-lagen die Dinge in finanzieller Beziehung aber trotzdem sehr einfach.
-Seine Kassen waren leer. Die Kosten für die »allergnädigst verliehenen
-Distanzsäulen« mußte also jede Stadt aus ihrem Säckel bestreiten und
-für die Meilensäulen am Wege mußten die anliegenden Gemeinden und
-Grundherren Sorge tragen.
-
-Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges hatten nun gerade den
-sächsischen Landen, die ursprünglich zu den wohlhabendsten gehörten,
-auch die schwersten Wunden geschlagen. Durch Heeresfolge, Einlager,
-Hunger, Brand und Seuche war Stadt und Land entvölkert. Der Reichtum
-erzgebirgischen Silbersegens und mannigfachen Hausfleißes war dahin.
-Neue Einnahmen blieben aus.
-
-Umgekehrt waren die durch die Postzeichen auferlegten Lasten
-ursprünglich recht hoch bemessen, denn ohne Rücksicht auf die Größe der
-Städte oder den Umfang ihres Verkehrs hatte Zürner anfangs durchaus
-nach der Idee des Kurfürsten verfahren und für jeden Stadtausgang
-eine große Säule bestimmt. Dadurch wurden kleine und große Orte ganz
-ungleich belastet, denn z. B. hatte die Residenz Dresden und der
-reiche Handelssitz Leipzig nur vier Tore und die Städtchen Grimma
-und Marienberg ihrer fünf. Die Preise der Distanzsäulen schwanken
-nach den aktenmäßigen Rechnungen zwischen 12 und 80 Talern für das
-Stück, wobei neben der Steinmetzarbeit auch die Höhe der notwendigen
-Beförderungskosten ins Gewicht fiel. Wetterfeste Hausteine in diesen
-stattlichen Größen waren oft sehr weit herzuholen und oftmals weigerten
-sich die Bauern überhaupt, ihre Pferde für solche Riesenlasten
-herzugeben. Bei der Beschwerlichkeit der Landfuhren wählte der Rat
-von Hayn (Großenhain) für seine drei Säulen deshalb den billigeren
-Wasserweg von Pirna bis Merschwitz.
-
-Da der Stadtsäckel in damaliger Zeit auf solche außergewöhnliche
-Ausgaben nirgends eingerichtet war, blieb nichts übrig, wie die Beträge
-als Kopfsteuer auf die Bewohner umzulegen. Erklärlicherweise mag dann
-allerdings die Begeisterung der gehorsamen Untertanen für kostspielige
-fürstliche Launen nicht gerade groß gewesen sein und so stoßen wir in
-den Akten nicht nur allerwärts auf allgemeinen Widerstand, sondern
-vielfach auf Mahnerlasse, wonach »Unkosten halber eine Repartition
-unter der Bürgerschaft gemacht, auch die Widerspenstigen zu Erlegung
-des ihnen zugeteilten Quanti behörig und da nötig durch gebührende
-Zwangsmittel angehalten werden mögen.«
-
-Angesichts dieser Finanznöte beginnen all die vielen »Acta die
-allergnädigst anbefohlene Anschaffung und Aufrichtung derer steinern
-Postsäulen« mit einer beweglichen Klage über die Armut der Bürger
-und die Erschöpfung des gemeinen Fiskus. Die Stadt bäte deshalb,
-statt mehrerer Distanzsäulen vor ihren verschiedenen Toren nur eine
-einzige auf dem Markte setzen zu dürfen. Näher hätte ja wohl der
-Ausweg gelegen, daß der Kurfürst den Bau auf Staatskosten bewilligen
-möge, aber diesen Vorschlag hat nur die Stadt Freiberg für ihre
-fünf Torsäulen gewagt. Tatsächlich wurde ihrerseits im Juni 1723
-auch durchgesetzt, daß »die Unkosten so auf diese Säulen erfordert
-werden, ungeachtet der gemeine Fiskus sehr erschöpft ist, dennoch
-vorigo noch daraus entnommen und die Bürger und Einwohner mit keiner
-Anlage beschwert werden.« Die dutzendweise wiederkehrenden Bitten um
-Beschränkung des Aufwands und um Bewilligung einer Marktsäule lassen
-die Vermutung aufkommen, daß Zürner hier vielleicht selber den guten
-Geist der Städte gespielt und ihnen den Vermittelungsvorschlag, den
-der Kurfürst in jedem Einzelfall selbst entscheiden wollte, etwa nahe
-gelegt hat. Nur wenige der allerkleinsten Stadtgemeinden, wie z. B.
-Rabenau, das damals weder Post- noch Straßenverbindung hatte, dürften
-ganz um die neue landesherrliche Verfügung herumgekommen sein.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Überschlanke Distanzsäule in Delitzsch=]
-
-Bereits die Jahreszahlen an den erhaltenen Postzeichen, die von
-1722–1735 schwanken, deuten daraufhin, daß die Aufstellung der
-Postzeichen vielfach recht lange verschleppt worden ist. Der
-ungeduldige Kurfürst, der seine Lieblingsideen gern umgehend ausgeführt
-sah, erließ geharnischte Befehle im allgemeinen und Einzelverfügungen
-in Menge, aber allzuviel fruchteten solche papiernen Ergüsse damals
-nicht und ohne die Unermüdlichkeit des Kommissarius Zürner und dessen
-persönliche Revisionsfahrten wären wahrscheinlich noch weit mehr Säulen
-unausgeführt geblieben.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Ganze Meilensäule am ursprünglichen Ort bei
-Köttewitz und Dohna=]
-
-Die jahrelangen Verzögerungen, die dann trotzdem eingetreten
-sind, lassen sich vielfach an der Hand der Akten durch wortreiche
-Entschuldigungsschreiben der Bürgermeister oder durch Streik von
-Fuhrleuten und »Meurern« erklären, die für die vom Kurfürsten
-festgesetzten Löhne nicht arbeiten wollten. Mit der Ablenkung, die der
-Kurfürst durch seine außenpolitischen Aufgaben erlebte, mag nach und
-nach wohl der ganze Plan bei ihm etwas in Vergessenheit geraten und
-auch von dem alternden Landeskommissarius Zürner nicht mehr mit der
-gewohnten Energie betrieben worden sein. Die Akten enden vielfach ohne
-bestimmten Abschluß, und die großen Lücken, die draußen an den Straßen
-tatsächlich verblieben sind, deuten darauf hin, daß die Ausführung des
-großangelegten Werkes gar nicht vollständig zu Ende gebracht, sondern
-nach und nach ins Stocken geraten ist.
-
-
-IV. Der heutige Bestand an Distanzsäulen und Meilenzeichen
-
-Von den weitreichenden Plänen des prunkliebenden Fürsten und dem
-mühevollen Lebenswerk seines getreuen Landesgeographen sind nur höchst
-kümmerliche Reste auf unsere Zeiten gekommen. Allerdings deuten die
-wiederholten kurfürstlichen Mahnerlasse und die endlosen persönlichen
-Bemühungen Friedrich Zürners daraufhin, daß manche der anbefohlenen
-Säulen sowohl in den Städten wie an den Straßen unausgeführt geblieben
-ist. Genau feststellen läßt sich dies allerdings nicht, denn die
-vorhandenen Akten, deren Zahl auch gar nicht vollständig ist, geben
-über die wirkliche Aufstellung nur ganz vereinzelt durch eingeheftete
-Kostenrechnungen einen Anhalt; andere zeitgenössische Beweisstücke,
-wie Karten, Pläne und Bilder, auf denen die vorhandenen Säulen
-eingezeichnet sein könnten, bleiben erst recht eine Seltenheit. In
-jedem Falle müssen wir aber als sicher annehmen, daß das System nicht
-einmal zu Lebzeiten August des Starken in geplanter Weise ausgebaut
-gewesen ist, daß es schon kurz nach der Errichtung vielfachen
-Zerstörungen ausgesetzt war und dann dem baldigen Vergessen anheimfiel.
-In der Aktensammlung zu Dresden finden sich zwei Hefte »Gegen
-Vergreifung und Bosheit so darwider geübt werden« und »Für Strafe, so
-sich dran vergreifen oder selbige deformirt«. Auch Zürner hat vielfach
-über Einzelfälle von Beschädigung zu berichten und besondere Mühe mit
-der Ausbesserung gehabt.
-
-Zum natürlichen Verfall der kleinen Steinmäler durch
-Witterungseinflüsse oder mangelhafte Bauart gesellte sich die bewußte
-Zerstörung durch menschliche Bosheit oder Unverstand der Behörden. Über
-beträchtliche Lücken lesen wir schon in einer gedruckten Festschrift,
-die nach hundert Jahren erschien. Ein begeisterter Verehrer der alten
-Denkzeichen, ~Dr.~ F. L. Becher in Chemnitz, widmet ihnen 1821 zur
-hundertjährigen Jubelfeier einen schwulstigen, phrasenreichen Nachruf
-und beklagt bereits damals, daß viele von ihnen umgefallen oder
-zerbrochen, eingesunken oder verwachsen seien.
-
-Der Oberreitsche Landesatlas, der um die Wende des achtzehnten
-und neunzehnten Jahrhunderts als Ergebnis der ersten wirklichen
-Landesvermessung vom Obersten Oberreit und seinen Gehilfen bearbeitet
-wurde, verzeichnet die Meilenzeichen nur an einigen Straßen und erwähnt
-die Distanzsäulen der Städte überhaupt nicht. Infolgedessen trägt auch
-diese nachträgliche Beurkundung nur wenig zur Klärung des anfänglichen
-Zustandes bei.
-
-Dagegen lassen die dreißig Aktenhefte des Dresdner Staatsarchivs ohne
-weiteres erkennen, daß der Kurfürst selbst bereits seine ursprünglichen
-Absichten stark zurückschrauben mußte. Die Besetzung aller Straßentore
-mit den großen Distanzsäulen war nämlich nur in wenigen wohlhabenden
-Städten wie Leipzig, Chemnitz, Freiberg und Dresden zu erzielen,
-während alle kleineren Orte sich günstigstenfalls zur Aufstellung einer
-Marktsäule bereit finden ließen. Selbst darüber zogen sich aber die
-Verhandlungen in die Länge, und jahrzehntelange Verzögerungen waren die
-Folge.
-
-Von kleineren Städten dürften bloß sehr wenige mehr als eine
-Distanzsäule angeschafft haben. Beispielsweise finden wir in der Stadt
-Geithain noch heute zwei Straßenzüge durch Distanzsäulen geschmückt.
-Ebenso sind die Parkeinfahrten der Schlösser Lichtenwalde bei Chemnitz
-und Moritzburg bei Dresden von solchen Obeliskenpaaren flankiert.
-Da die Akten über diese Stücke ebenso über Penig und andere Städte
-keinen Aufschluß geben, so bietet auch die Zählung der Stadtsäulen
-nach diesen urkundlichen Unterlagen keine sichere Gewähr. Nur
-durch eine oberflächliche Schätzung könnte man annehmen, daß neben
-den achtunddreißig Distanzsäulen, die heute laut des beigefügten
-Verzeichnisses ~A~ noch auf sächsischem Staatsgebiet stehen, dereinst
-noch mindestens fünfzig bis sechzig andere vorhanden gewesen sein
-dürften. In den abgetretenen Teilen der preußischen Provinzen Sachsen,
-Schlesien und Mark Brandenburg, wo die Wege nach Warschau den
-sächsischen Polenkönig naturgemäß am meisten interessierten, wird das
-Zahlenverhältnis ähnlich sein, wiewohl die Siedlungen dort räumlich
-weiter auseinanderliegen und große Städte, die mehrere Distanzsäulen
-gehabt haben könnten, fast ganz fehlen. Man begegnet ihnen daselbst in
-großen und kleinen Provinzorten mit sechzehn gut erhaltenen Stücken.
-Wieweit dazu die in preußischen Besitz genommenen Akten einen Schluß
-auf verlorengegangene Steine zulassen, vermag ich nicht zu beurteilen,
-da mir ein persönlicher Besuch der Archive von Berlin und Magdeburg aus
-erklärlichen Gründen leider nicht mehr möglich ist.
-
-Nebenbei wäre vielleicht noch an die Möglichkeit zu denken, daß auch
-Warschauer Archive aus der Zeit des sächsischen Königtums einige
-Unterlagen über die Straßenbezeichnung enthielten oder daß sogar auf
-polnischem Boden Postzeichen noch in ähnlicher Weise vorhanden wären,
-wie innerhalb unserer Reichsgrenzen. Ich habe deshalb während des
-Krieges von der Westfront her bei unseren polnischen Besatzungsbehörden
-angefragt, aber vom Generalgouvernement Warschau durch die mit
-Kunstschutz und archivalischen Studien beauftragte Stelle nach längerer
-Zeit den Bescheid erhalten, daß bei Durchsuchung der Staatsarchive und
-bei Umschau in den Städten nichts über die Postmeilensäulen aufgefunden
-worden sei. –
-
-Alles in allen kann man annehmen, daß auf Grund der augusteischen
-Befehle vor zwei Jahrhunderten etwa hundert solcher Distanzsäulen in
-sächsischen Landen aufgestellt worden sind und den ersten bescheidenen
-Schritt dazu gebildet haben, die mittelalterlichen Verkehrsverhältnisse
-in Deutschland etwas zu bessern. Bei allem Widerstand, den die
-verarmten Gemeinden der Sache lediglich aus finanziellen Gründen
-entgegensetzten, darf man den großen und bleibenden Nutzen für die
-Allgemeinheit nicht verkennen. Heutigentags bedeutet die sorgsame
-Erhaltung der Obelisken und ihrer Inschriften zwar lediglich einen Akt
-kulturhistorischer Pietät, bis zum völligen Ausbau des Eisenbahnnetzes
-nach 1870 besaßen jedoch ihre dutzendfältigen Entfernungsangaben in
-Wegstunden oder Meilen allerwärts auch noch praktische Bedeutung. Der
-Verfasser der Jubiläumsschrift für 1821 bringt diesen Gedanken in
-folgender Weise zum Ausdruck:
-
- »Wer oft genug Reisende aus dem Auslande an diesen wohltätigen
- Straßensäulen weilen, die Ortsentfernungen lesen und fröhlich
- in ihre Schreibtafeln eintragen sah, der freute sich gewiß
- recht patriotisch dieser ehezeitlichen Veranstaltungen und
- ihres Nutzens für die gesamte Klasse von Pilgrimen, die
- ihrer Heimat entfremdet, jeder freundlichen, auch stummen
- Zurechtweisung bedürftig sind.«
-
-[Illustration: Abb. 5 =Viertelmeilenstein am ursprünglichen Ort an der
-Straße Breitenau-Harthwald=]
-
-Während dieser verbliebene Teil der Distanzsäulen uns mit seinen
-fünfzig bis sechzig Stücken immerhin noch ein anschauliches Bild der
-Vergangenheit vermittelt, ist die Zerstörung der _Meilenzeichen an den
-Landstraßen_ bis auf einige klägliche Trümmer vorgeschritten. Von den
-vielen, vielen Hunderten kleiner Kunstwerke, die früher den Wanderer
-in regelmäßigem Wechsel schon fernher sein Fortschreiten ankündigten,
-steht nicht einmal mehr ein volles Dutzend am alten Fleck und selbst
-diese wenigen Reste sind teilweise zertrümmert oder grob beschädigt.
-
-[Illustration: Abb. 6
-
-=Halbmeilensäule ohne Fußteil, früher bei Gohrisch auf dem Schießplatz,
-seit 1919 im alten Truppenlager von Zeithain=]
-
-Sieht man sich nach den Urhebern dieses Zerstörungswerkes um oder
-forscht man nach den Beweggründen, so fehlt es zwar an sicheren
-Angaben und Beweisen, ein Blick auf die Karte sagt aber mehr, wie
-jede wörtliche Anklage. Überall da, wo der neuere Staatsstraßenbau
-den alten Postwegen genau folgte, ist jede Spur der Zürnerschen
-Meileneinteilung restlos verschwunden und nur die nüchterne, moderne
-Wegmarke nach Meilen- oder Kilometersystem vorhanden. Anderseits
-begegnen wir den wenigen verbliebenen Meilensäulen aus augusteischer
-Zeit gerade an denjenigen alten Postlinien, mit denen sich der
-ingenieurmäßige Straßenbau bisher nie zu befassen hatte, weil der
-Verkehr frühzeitig nach geeigneteren Wegen abgeschwenkt war.
-
-Leider ist dieser zweite Fall aber bei weitem der seltenere, denn in
-den ebenen Teilen der alten Kurlande hat sich die Verbindung von Ort zu
-Ort natürlich ebenso sehr an die altgewohnten gradlinigen Straßenzüge
-gehalten, wie im Gebirge, wo die Geländegestalt für die Nahverbindungen
-auch nicht viel Auswahl bietet. Infolgedessen sind eigentlich nur
-wirkliche Fernverbindungen, wie die Leipzig-Dresdner oder die
-Dresden-Prager Handelsstraßen mehrfach über andere Postorte geleitet
-und dadurch verschoben worden.
-
-So hat der alte Postgang zwischen Leipzig und der Elbe bei
-Schieritz-Meißen zwischen der nördlichen Linie über Wurzen-Oschatz
-und einer südlichen über Grimma zeitweilig auch zwischenliegende
-Verbindungsstrecken benutzt. Infolgedessen findet sich die allereinzige
-Halbmeilensäule, die überhaupt unbeschädigt auf unsere Tage gekommen
-ist und wohl augenscheinlich am ursprünglichen Platze steht, mitten im
-Wermsdorfer Forstrevier an einem alten längst verwachsenen Waldwege.
-
-Der Prager Handelsweg dagegen folgte südlich von Dohna den dörflichen
-Verbindungswegen über die Höhen, während die neuere Kunststraße auf der
-Sohle des Müglitztales mit all dessen Windungen, aber ohne verlorene
-Steigung, zur Paßhöhe am Mückentürmchen hinaufführt.
-
-Die wenigen Meilenobelisken und Viertelmeilsteine sind ganz vereinzelt
-im Lande zu suchen. Einige, wie z. B. die Platten von Klaffenbach,
-Dohna und Dippoldiswalde dürften an ihren jetzigen Platz verschleppt
-worden sein, denn durch den oberen Ortsteil von Klaffenbach bei
-Chemnitz ist überhaupt keine Poststraße gelaufen und bei den beiden
-erzgebirgischen Städtchen zeigt der Oberreitsche Landesatlas die
-Meßpunkte der Meilenviertel an ganz anderen Stellen.
-
-Auch sonst steht nur ein einziger Stein von allen an einer ausgebauten
-Kunststraße, und diese Viertelmeilplatte von Steinbach bei
-Johanngeorgenstadt habe ich selber im Frühjahr 1914 vom Schotterhaufen
-gerettet.
-
-Auf eine Kette von nicht weniger als fünf guterhaltenen Stücken
-stoßen wir schließlich an der einstigen Prager Poststraße, die über
-die erzgebirgischen Höhenrücken von Dohna nach Börnersdorf verlief
-und gegenwärtig nur noch der Verbindung von Dorf zu Dorf dient. Dem
-ausgebesserten Viertelsteine in Dohna folgt ein Meilenobelisk bei
-Köttwitz (vgl. Abb. 4.) Dann treffen wir in richtigen Abständen
-auf zwei weitere Viertelmarken in Börnersdorf und am Haarthewald
-(vgl. Abb. 5), sowie nochmals auf die ganze Meile bei Breitenau. Zu
-diesem Straßensystem hat noch ein Halbmeilenstein nordöstlich der
-Fürstenwalder Kirche gezählt. Einige Sandsteinstücke, die ich dort im
-Jahre 1912 am westlichen Straßenrand vorfand, mögen davon herstammen.
-Im Abstand einer weiteren Viertelmeile beim Haferfeldwald zeigt der
-Oberreitsche Atlas (Blatt Altenberg) kurz vor der Landesgrenze
-nochmals einen Viertelmeilenstein; es ist mir bisher aber nicht
-gelungen, seinen Verbleib zu ermitteln.
-
-Auch ohne dieses siebente Stück gestattet das Beispiel dieser
-alten Bergstraße, zusammen mit dem sonstigen Befund inner- und
-außerhalb Sachsens jedoch zwei ziemlich sichere Schlußfolgerungen:
-die Meilensteine aller drei Größen haben inner- und außerhalb der
-Ortschaften von der Bevölkerung sicherlich nichts zu leiden gehabt,
-sondern sind hie und da, wie Einzäunungen, Blumenschmuck und
-Ausbesserungen z. B. in Ballendorf, Crandorf und Börnersdorf zeigen,
-sogar auch ohne staatliche Mitwirkung und ohne Belehrung durch den
-Heimatschutz gepflegt worden. Die vorhandenen Lücken dürften also wohl
-zumeist dem natürlichen Verfall und der ungenügenden Gründung der
-hochragenden Formen zuzuschreiben sein. Ihre vollständige Vernichtung
-im Bereich späterer Kunststraßen ist dagegen wohl ausschließlich auf
-die Bauleiter aller Grade zurückzuführen. Wenn diese irgendwo und
-irgendwann einmal soviel geschichtlichen Sinn oder künstlerische
-Erkenntnis aufgebracht hätten, um den Wert der alten Postzeichen zu
-ermessen, dann müßten die kleinen Merksteine ja gerade an den von
-Staats wegen ausgebauten Kunststraßen besonders sorgsam behandelt
-worden sein. Unter all den Hunderten zeugt aber nicht ein einziges
-Beispiel für solche Überlegung. Unser sächsisches Landschaftsbild, das
-beim Fehlen katholischer Andachtszeichen ohnehin manchen poetischen
-Anklang entbehrt, ist also im Laufe des vorigen Jahrhunderts durch
-diesen beispiellosen Unverstand der Staatsbeamten noch der einzigen
-Werke von Straßenkunst beraubt worden.
-
-Über die einstige Zahl und die Verbreitung der Meilenzeichen vermögen
-wir uns heutzutage fast noch schwerer ein Bild zu machen als bei den
-großen Stadtsäulen.
-
-August der Starke hatte von vornherein den Wunsch, alle Poststraßen
-damit auszustatten. Die Akten enthalten jedoch kein Verzeichnis der
-zu behandelnden Straßen und schweigen sich merkwürdigerweise auch
-darüber aus, welche Verbindungswege um 1822 überhaupt als Poststraßen
-angesehen wurden. So finden wir denn manche Landstraße im Aktenheft
-der Nachbarstadt aufgenommen, z. B. bei Grünhayn, oder es wurde ein
-besonderes Schriftstück für den Bezirk angelegt, z. B. Dippoldiswalde
-Stadt und Amt. Ein vollständiges Verzeichnis der ganzen, halben und
-Viertelmeilenzeichen geben die Akten mit genauer Ortsbezeichnung für
-die Straße von Lützen bis zum Leipziger Peterstor. Bei Pätzold finden
-wir weitere acht Hauptstraßen mit ihrer genauen Besetzung aufgezählt.
-
-Aus dem Schriftwechsel mit Zürner, aus den von ihm aufgestellten
-Tabellen oder aus Besichtigungsergebnissen, über die manche
-Akten berichten, ersehen wir dann, daß die Straßensäulen bei den
-Vorbereitungsarbeiten numeriert wurden. Nach welchen Grundsätzen
-dabei verfahren wurde, ist nicht ersichtlich, denn an der Straße von
-Chemnitz über Annaberg nach Karlsbad wird in dem Grünhayner Faszikel
-ein Meilenzeichen Nr. 52, sowie an der Straße Schneeberg-Annaberg ein
-solches mit Nr. 57 erwähnt, obwohl keine dieser kurzen Entfernungen mit
-solchen Mengen zu rechnen braucht.
-
-[Illustration: Abb. 7
-
-=Normale Distanzsäule in Krakau bei Königsbrück=]
-
-Auf die Vollständigkeit dieser handschriftlichen Unterlagen ist also
-kein Verlaß. Leichter dürfte aus den neunhundert Karten und Plänen,
-die Zürner während seiner Straßenvermessung gezeichnet hat, ein
-Überblick zu gewinnen sein. Aber auch diese sprechen höchstens
-für die Absicht und beweisen nicht allzuviel für die wirkliche
-Aufstellung. Seltsamerweise gibt die große Zürnersche Postcharte
-von 1730 an den besonders kenntlich gemachten Postrouten nicht eine
-einzige Distanz- oder Meilensäule wieder, wohl aber finden wir sie kurz
-vorher bei Schramm als Titelkupfer auf einem Dresdner Festungsplan.
-Spätere Kartenwerke bieten trotz ihrer Lückenhaftigkeit eher einen
-Anhalt. Auf den fünfzehn Hauptblättern des Oberreitschen Atlasses
-z. B. ist der Bestand nach hundert Jahren teilweise eingetragen.
-Grundsätzlich fehlen auch hier sämtliche Distanzsäulen im Bereich der
-Städte. Ferner erscheinen ganze Straßenzüge, an denen sich noch heute
-Meilenzeichen finden, ohne diese, und bei denjenigen Landstraßen, an
-denen die Vermessung durch die Bezeichnung ¼ M., ½ M., 1/1 M. oder
-¼ St., ½ St., 1/1 St. an sich mit auf der Karte vermerkt wurde, ist
-ihre Reihe doch höchst lückenhaft. Wenn dieser Mangel sich einerseits
-durch eingetretene Verluste erklärt, bleibt anderseits die zwiefache
-kartographische Behandlung der ganzen Sache ziemlich unverständlich.
-So sind manche Provinzstraßen, z. B. Löbau-Neugersdorf, mit sechs
-entsprechenden Meilenabschnitten genau bedacht, während der wichtigste
-Handels- und Reiseweg Leipzig-Dresden auf dem Blatt Oschatz kein
-einziges Postzeichen erwähnt. Erklärlich wird der Unterschied aber
-dann, wenn man die Entstehungsjahre der einzelnen Oberreitschen
-Kartenblätter beachtet. Bis 1840 sind die Meilenzeichen durchgängig
-aufgenommen; sie fehlen dagegen vollständig auf den späteren Ausgaben.
-So weist das Blatt Dresden von 1830 noch über sechzig Stück nach,
-während Leipzig von 1839 bereits nicht ein einziges enthält. Auch
-hierdurch wird die frühere Behauptung erwiesen, daß der Kunststraßenbau
-mit der Zerstörung zusammenhängt, denn dort war eben schon die alte
-Poststraße durch den staatlichen Chausseebau ersetzt und die Herren
-Straßenbauer hatten in der Natur draußen mit den alten Steinen
-gründlich aufgeräumt. Auf Blatt Zwickau von 1850 sucht man gleichfalls
-fast vergeblich, wogegen das benachbarte Blatt Chemnitz von 1830 an den
-Straßen bei Marienberg, Schlettau, Annaberg, Wolkenstein, Lengefeld,
-Reifland und Freyberg die Vermessungszeichen noch sehr reichlich und
-vollständig aufweist.
-
-[Illustration: Abb. 8
-
-=Beschädigte Distanzsäule, früher am Marktplatz zu Wilsdruff, seit 1860
-auf den Rittergutsfeldern von Nieder-Reinsberg bei Nossen=]
-
-Der gegenwärtige Bestand legt uns trotz seiner Dürftigkeit noch
-ungelöste Fragen vor. So z. B. kann man sich selbst unter Zuhilfenahme
-alter Verkehrskarten und Kursbücher nicht erklären, wie das Dörfchen
-Ballendorf zwischen Grimma und Lausigk zu einer Meilensäule gekommen
-ist, die dort heute in einem Obstgarten am Nebenwege südlich der Kirche
-steht. Sie macht äußerlich durch ihre unbeschädigten Formen durchaus
-den Eindruck, als habe sie stets hier gestanden.
-
-Nach alledem bleibt man also auch für die Meilensteine an den Straßen
-nur darauf angewiesen, aus dem unvollständigen und unsicheren
-Bild, das die Akten, die älteren Kartenwerke und die verbliebenen
-Reste gemeinschaftlich zu bieten vermögen, sich selbst durch freie
-Schätzung einen Begriff von der einstigen Gesamtzahl zu machen. Dabei
-erscheint es wohl nicht zu hochgegriffen, wenn man innerhalb Sachsens
-zu der angenommenen Zahl von neunzig Distanzsäulen das zehnfache an
-Meilenzeichen rechnet. Ob dieses Verhältnis auch außerhalb das richtige
-ist, erscheint mir trotz der größeren Entfernungen zweifelhaft. Einmal
-war das Straßennetz dort nicht so dicht als im Stammlande, und
-zweitens dürfte die Bezeichnung infolge Steinmangels wohl gar nicht
-viel ausgebaut worden sein. Im ganzen weiten Norden ist nämlich meines
-Wissens neben den Distanzsäulen nicht eine Meilen- und nicht eine
-Halbmeilensäule, sondern nur ein schwerbeschädigter Viertelstein in
-Rüdingsdorf, Kreis Luckau, erhalten; er trägt nur den Namenszug August
-des Starken und keine Jahreszahl. –
-
-Der allgemeine Zweck dieser kursächsischen Postzeichen hätte es wohl
-nahegelegt, in Verbindung mit dieser Schilderung auf einer eignen Karte
-die alten Postkurse sowie den einstigen und den heutigen Bestand der
-Steinmäler darzustellen. Abgesehen vom Kostenaufwand verspricht jedoch
-eine solche Übersicht keinerlei Vollständigkeit und noch viel weniger
-ein wirkliches Verkehrsbild. Zur Ergänzung der textlichen Darstellung
-mögen infolgedessen die beigegebenen tabellarischen Verzeichnisse
-dienen. Da sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so wird
-jede Nachricht über den Verbleib eines Postzeichens, das hier noch
-nicht aufgeführt ist, dankbar entgegengenommen.
-
-Über eine ganze Reihe von Postzeichen, die nachweislich einst vorhanden
-gewesen, aber im Laufe der beiden Jahrhunderte verschwunden sind,
-finden sich in den Zürnerschen Akten, in alten Stadtrechnungen oder auf
-Kupferstichen und Gemälden verschiedene Anhaltepunkte. Zur Ergänzung
-der Bestandslisten ~A~, ~a~, ~b~, ~c~ sei deshalb eine Reihe von ihnen
-hier mit angeführt.
-
-In _Dresden_ haben nach der Titelkarte bei Schramm von 1726 vier
-Distanzsäulen vor dem Festungsring an der Leipziger, Bautzner,
-Pirnaer und Wilsdruffer Landstraße gestanden. Sie sind ebenso wie die
-anschließenden Meilensäulen seit langem spurlos verschwunden.
-
-Zur Nachsuche wegen einer Meilensäule hat der Dresdner Rat im Sommer
-1919 Gelegenheit gegeben. Ein Rohrmeister des städtischen Gaswerks
-glaubte sich zu erinnern, bei Ausschachtungsarbeiten im Straßenkörper
-der Bodenbacher Straße zwischen Landgraben und Liebstädter Straße
-etwa ein Meter tief eine gut erhaltene Meilensäule mit Posthorn und
-Entfernungsangaben gesehen zu haben. Nachgrabungen, die an mehreren von
-ihm bezeichneten Stellen vorgenommen wurden, haben jedoch keinen Erfolg
-gehabt[2].
-
-Das Peterstor, Hallesche und Ranstädter Tor in _Leipzig_ ist seit
-1724 mit je einer, und das Grimmaische Tor mit zwei Distanzsäulen
-ausgestattet gewesen. Als Verfertiger werden die Steinmetzen Johann
-Adam Hamm, Gottlieb Kretschmar und Peter Hennicke genannt[3]. Der
-Stadtplan von 1749 zeigt die entsprechenden Plätze. Die Säule vor dem
-Peterstor finden wir auf einem Bilde der Esplanade, jetzt Königsplatz,
-in dem Werk Saxonia, Museum für Sächsische Vaterlandskunde von Dr.
-Sommer, Dresden 1835, Band IV, Seite 61.
-
-Vier große Säulen hat seit 1724 ferner die Stadt _Zwickau_ besessen und
-noch im Jahre 1845 wird die eine vor dem Tränktor an der Paradiesbrücke
-und eine zweite vorm Frauentor an der heutigen Bahnhofstraße
-bezeugt[4]. Heute fehlt dagegen auch von ihnen jede Spur.
-
-Gleichfalls im Jahre 1724 hat die Stadt _Oschatz_ vor dem Brüder-,
-Altoschatzer und Hospitaltore Distanzsäulen gesetzt und die Kosten
-durch Anlagen aufgebracht[5]. Auch hier ist keiner der drei Obelisken
-erhalten. Dagegen zeigt das Denkmal vor der Hauptwache am Markt
-meiner Erinnerung nach genau die gleichen Formen und Abmessungen der
-Distanzsäulen, so daß man wohl auf die Vermutung kommen kann, hier sei
-eines der alten Stücke in aufgearbeiteter Gestalt später einem andern
-Zwecke dienstbar gemacht worden.
-
-Über einen heftigen Streit zwischen Zürner und dem Stadtrat wegen der
-Distanzsäule, lesen wir im Aktenstück und im Stadtarchiv von _Wurzen_.
-Die Distanzsäule auf dem Rondell ist tatsächlich bis 1892 vorhanden
-gewesen[6].
-
-Neben den vielen Städten und Städtchen hatte August der Starke auch
-den beiden Klöstern _Marienstern_ bei Kamenz und _Mariental_ bei
-Ostritz aufgegeben, eine Distanzsäule vor ihre Einfahrt zu setzen,
-damit sie sich durch dies künstlerische Schmuckstück von den ärmlichen
-Dörfern unterscheiden möchten. Auf meine Anfrage hat man kürzlich
-liebenswürdigerweise in den Klosterarchiven nachgesucht, aber an
-keiner der beiden Stellen einen Anhalt dafür gefunden, ob eine
-solche Distanzsäule wirklich gesetzt worden oder wie die Sache sonst
-ausgegangen ist.
-
-Etwas rätselhaft mutet dem Forscher die Tatsache an, daß das
-kleine Dörfchen _Krakau_ bei Königsbrück sich einer wohlerhaltenen
-Distanzsäule (vgl. Abb. 7) erfreut. Dort geht selbst heute noch keine
-größere Straße vorüber und nur die Erinnerung an die polnischen Reisen,
-die den Kurfürsten über die Gräflich Brühlschen Besitzungen nordwärts
-von Dresden führten, lassen vielleicht sein besonderes Interesse an
-diesem Zwischengelände erklärlich erscheinen.
-
-Einem sonderbaren Schicksal war schließlich die Distanzsäule von
-_Wilsdruff_ verfallen (vgl. Abb. 8). Der Straßenbaufiskus hat sie
-1860 an ihrem Platz auf dem Markte weggenommen und für 60 Taler an
-den Rittergutsbesitzer auf Nieder-Reinsberg bei Nossen, Herrn von
-Schönberg, verkauft. Sie ist seitdem auf einem Hügel mitten in dem
-Rittergutsflur aufgestellt und hat augenscheinlich durch die Witterung
-viel gelitten. Im Jahre 1919 erinnerte sich die Stadt ihres alten
-Besitzstückes; die heutige Rittergutsherrschaft der Schönberg war auch
-entgegenkommenderweise zu kostenloser Rückgabe bereit, dagegen konnte
-dem Stadtsäckel in unsern schweren Zeiten der verhältnismäßig hohe
-Aufwand für Beförderung und Neuaufstellung nicht zugemutet werden.
-Die alte verwitterte Säule, die in ihrem Gefüge vielleicht durch den
-Abbruch noch mehr gelitten haben würde, verbleibt also an ihrem Platz
-auf einsamem Felde.
-
-Einer irrtümlichen Anschauung von den Postzeichen dürfte die Erwähnung
-einer Meilensäule im Dresdner Vorort _Kaditz_ entspringen, die bis
-1903 an der Ecke der Radebeuler und Dresdner Straße gestanden haben
-soll[7]. Wahrscheinlich hat es sich hier nur um einen der meterhohen
-Wegweisersteine gehandelt, die auch anderwärts an Kunststraßen
-vorkommen, denn die augusteische Poststraße hat das Dorf seiner Zeit
-gar nicht berührt und nach der Titelkarte in Schramms Schilderung von
-1724 ist die Entfernung östlich von Kaditz richtigerweise mit einer
-Halbmeilensäule bezeichnet.
-
-Fälschlicherweise werden zur Straßenbezeichnung Augusts des Starken in
-der Literatur mehrfach auch die Säulen von Altdöbern und Lübben in der
-Mark gerechnet. Die erstere zeigt eine durchaus abweichende Gestalt
-ohne das sächsisch-polnische Wappen und die andere ist laut Inschrift
-bereits 1720 auf Veranlassung des Herzogs Moritz Wilhelm von Merseburg
-errichtet worden.
-
-Aufklärung war mir bisher nicht möglich für zwei Meilenzeichen, von
-denen das eine an der Straße von Neustadt (Sa.) nach Rumburg (Böhmen)
-etwa zwanzig Minuten von Langburkersdorf entfernt stehen und das andere
-an der Straße von Hartmannsgrün i. V. nach Waldkirchen vorhanden
-gewesen sein soll.
-
-Ein schlanker Obelisk wurde mir ferner an der Kunststraße
-Freiberg-Großhartmannsdorf in der Nähe des Freiwaldes westlich der
-Straße beim Wasser gemeldet, ohne daß ich bisher Näheres feststellen
-konnte.
-
-Unaufgeklärt mußte ich schließlich auch die Frage einer Meilensäule an
-der Chemnitz-Zschopauer Kunststraße beim Dorfe Gornau lassen. In der
-Zeitschrift Das Automobilwesen, 1905, Seite 834, fand ich auf einem
-photographischen Bildnis des Rennfahrers Oskar Günther, das ihn im
-Kraftwagen bei Gornau zeigt, eine Meilensäule zufällig am Straßenrand
-mit aufgenommen. Durch briefliche Mitteilung zweier Herren, die durch
-meine früheren Veröffentlichungen auf die Postzeichen aufmerksam
-geworden waren, erhielt ich die Säule noch doppelt bestätigt. Sie soll
-auf »Altenhainer Flur« »am Straßenkreuz nach Weißbach und Dittersdorf«,
-nach anderer Meldung »im Walde zwischen Gornau und Chemnitz« stehen.
-Demgegenüber hat mir im Sommer 1919 der Ortspfleger des Heimatschutzes,
-den ich um Bestätigung und nähere Angaben ersuchte, geschrieben, daß
-dort keine Säule zu finden sei. Auch von der Amtshauptmannschaft ist
-auf eine allgemeine Rundfrage vom Jahre 1917 nichts davon erwähnt
-worden. Der Oberreitsche Atlas, Blatt Chemnitz, zeigt 1835 eine Säule
-in der Gegend, so daß sie entweder erst nach der photographischen
-Aufnahme des Automobils zerstört worden ist oder vielleicht doch noch
-unbeachtet am Platze steht.
-
-
-V. Der Schutz der Postzeichen
-
-Um die Erhaltung der Postsäulen bemühen sich heutzutage in erster
-Linie die staatlichen Stellen für Denkmalpflege und der Landesverein
-Sächsischer Heimatschutz; das große Inventarisationswerk von Steche und
-Gurlitt, dessen zahlreiche Bände um die Jahrhundertwende erschienen,
-führt bereits eine Anzahl der Postzeichen mit auf, und die Mitteilungen
-des Landesvereins und der Sächsischen Volkskunde haben mehrfach
-ergänzende Bemerkungen gebracht.
-
-Neben dieser allgemeinen Fürsorge hat aber erfreulicherweise an vielen
-Orten auch das Interesse der Bewohnerschaft sich dem Einzelstück
-zugewendet. In und außerhalb Sachsens sind seit altersher besonders
-die wappengezierten Distanzobelisken als besonderer Kunstbesitz
-gepflegt und nach Art eines Denkmals mit Promenadenanlagen oder
-architektonischer Umgebung in Verbindung gebracht worden. Gerade kleine
-Städtchen, wie zum Beispiel Bärenstein bei Glashütte oder Wittichenau
-im Preußischen, die über keine anderen Kunstwerke an der Straße
-verfügen, haben sich des eigenartigen Erbstücks aus Sachsens Vorzeit
-mit doppelter Fürsorge angenommen.
-
-Manche Säule hat dabei infolge von Straßenregulierungen einen andern
-Platz erhalten und ist sorgsam wieder aufgestellt worden. So ist der
-Radeburger Distanzobelisk vom Markt an die Friedhofstraße versetzt
-worden und diejenigen von Frohburg, Mügeln und Pirna stehen sogar schon
-am dritten Platz. Eine weitere Distanzsäule, die wir in Pirna am Elbtor
-auf dem großen Gemälde Canalettos (Nr. 627 der Dresdner Staatsgalerie)
-abgebildet finden, ist dagegen spurlos verschwunden.
-
-Abgesehen von kleinen Ausbesserungen beobachten wir auch Ergänzungen
-zerbrochener Steine, zum Beispiel in _Neustadt_ an der Distanzsäule
-oder am Viertelmeilenstein von _Dohna_. An anderer Stelle, wie
-in _Dippoldiswalde_ und _Klaffenbach_, ist die Platte eines
-Viertelmeilensteines und im Zeithainer Truppenlager kürzlich das
-Hauptstück einer Halbmeilensäule ohne neuere Zutat aufgestellt
-worden (Abb. 6). Zufällig erfuhr ich, daß ein Denkstein mit Posthorn
-und Namenszug ~A. R.~, auf den im übrigen die Beschreibung der
-Halbmeilensäule paßte, weit draußen an der früheren Kröbelner Straße
-auf dem Truppenübungsplatz liege; noch vor den Revolutionswirren gelang
-es durch Briefwechsel mit der Kommandantur das seltene Stück ausfindig
-zu machen und im Lager zu bergen. Es wurde später an der Planitzstraße
-im Kiefernwald von neuem aufgestellt und bildet mit dem besser
-erhaltenen Wermsdorfer Stück den einzigen Rest dieser hermenartigen
-Halbmeilensteine.
-
-Eine Erneuerung des farbigen Anstrichs oder eine Bemalung und
-Vergoldung der gekrönten Wappenschilder haben viele Distanzsäulen
-erhalten; besonders eigenartig nimmt sich das bunte Wappenstück dann an
-den roten Porphyrsteinen der Rochlitzer Gegend aus.
-
-Nicht alle solche späteren Eingriffe zeugen von wirklicher Sachkunde.
-So wurden beispielsweise die beiden Freiberger und die Altenberger
-Distanzsäulen zweifellos durch nachträgliche Einmeißelungen
-verunstaltet, während die langen Listen der alten Ortsentfernungen,
-die anderwärts noch völlig lesbar dastehen, hier wohl teilweise
-geglättet wurden. Das staatliche Denkmalpflegamt sucht deshalb heute
-solche willkürliche Veränderungen zu verhindern und bei geplanten
-Erneuerungsarbeiten durch sachverständigen Rat mitzuwirken.
-
-Auch diese literarische Zusammenstellung, die sich neben archivalischen
-Studien auf jahrelange Wanderfahrten und persönliche Besichtigungen
-stützt und zur Anlegung einer photographischen Bildersammlung führte,
-möge dazu beitragen, das Interesse an dem zweihundertjährigen
-Kunstbesitz unsrer engeren Heimat zu verbreiten und diesen eigenartigen
-Denksteinen einer glanzvollen Fürstenzeit noch einen recht langen
-Bestand zu sichern.
-
-
-_Anlage ~A~ und ~B~._
-
-
-~A.~ Verzeichnis der vorhandenen Postmeilensäulen
-
-
-~a~) Distanzsäulen in Sachsen
-
- 1. _Altenberg_ [1722], an der Hauptstraße, gegenüber dem alten
- Amtshof. _Sächsische Volkskunde_ 1902, S. 256. _Schmidt_,
- Kursächsische Streifzüge, Band IV, S. 301.
-
- 2. _Bärenstein_ [1734], bei Glashütte am Markt. Literatur wie
- bei Nr. 1.
-
- 3. _Berggießhübel_ [1727], am Straßenkreuz. Sächsische
- Volkskunde 1902, S. 312.
-
- 4. _Dohna_ [1731], an der Lesche- und Antonstraße. Sächsische
- Volkskunde 1902, S. 312. Über Berg und Tal, Band VII, 1902
- bis 1905, S. 125 und S. 131 (vollständige Inschrift).
-
- 5. _Elstra._ Gurlitt, S. 40. Bruchstück mit wohlerhaltenem
- Wappen, vorläufig im Rathaus aufbewahrt.
-
- 6. _Elterlein_ [1729], an der Gabelung der Zwönitzer und
- Grünhainer Straße, westlich des Marktes.
-
- 7. _Freiberg I_ [1723]. Einmündung der Annaberger und
- Chemnitzer Straße. Literatur wie bei Nr. 1 und 3.
-
- 8. _Freiberg II_ [1723], an der Hauptpost.
-
- 9. _Frohburg_ [1722]. Ursprünglich auf dem Markt, dann auf dem
- Bismarckplatz, jetzt am Stadteingang vom Bahnhof her.
-
- 10. _Geithain I_ [1727], an der Hauptstraße im Ostteil der
- Stadt. Rochlitzer Porphyr.
-
- 11. _Geithain II_ [1727], am Westausgang an der Straßengabel
- Borna-Frohburg. Rochlitzer Porphyr.
-
- 12. _Geringswalde_ [1727], am Westrand des Teiches. Rochlitzer
- Porphyr.
-
- 13. _Geyer_ [1730], am Markt.
-
- 14. _Glashütte_, am Straßenkreuz beim Bahnhof. Literatur wie
- bei Nr. 3.
-
- 15. _Gottleuba_ [1731], auf dem Markt. Literatur wie bei Nr. 3.
-
- 16. _Hilbersdorf_-Chemnitz, an der Frankenberger Straße.
-
- 17. _Johanngeorgenstadt_, auf dem Markt.
-
- 17 ~a~. _Jöhstadt_, auf dem Markt. Abbildung in Mitteilungen
- des Sächsischer Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 54.
-
- 18. _Kamenz_ [1725], über dem Eisenbahntunnel. Literatur wie
- bei Nr. 1. Abbildung in Sachsenkalender 1922, am 9. Februar.
-
- 19. _Königstein_, an der Dresdner Straße. 1921 neu bemalt. Über
- Berg und Tal, Band VII, S. 174.
-
- 20. _Krakau_ [1732] bei Königsbrück, auf Zürners Karten Cracau.
- Mitten im Dorf am Gasthaus zum grünen Baum.
-
- 21. _Leisnig_ [1723], auf dem Lindenplatz. Rochlitzer Porphyr.
- Gurlitt, Heft 25, S. 152. Sächsische Volkskunde 1903, Heft
- 2, S. 63.
-
- 22. _Lichtenwalde_ bei Chemnitz I.
-
- 23. _Lichtenwalde II_, beiderseits der Schloßeinfahrt.
-
- 24. _Marienberg_, vor dem Zschopauer Tore. Sächsische
- Volkskunde 1902, S. 288; Müller im Archiv für Post und
- Telegraphie 1909.
-
- 25. _Moritzburg I_ [1730]. Abbildung in Mitteilungen
- Sächsischer Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 33.
-
- 26. _Moritzburg II_ [1730], beiderseits der Schloßeinfahrt am
- Teiche.
-
- 27. _Mügeln._ Früher im Ratskellergarten hinter dem Deutschen
- Haus. Seit 1895 an der Leisniger Straße und Schützenwiese.
-
- 28. _Neustadt_ [1729], auf dem Promenadenplatz am Bahnhof.
- Spitze ist ergänzt. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312.
-
- 29. _Nieder-Reinsberg_ bei Nossen. Nördlich auf der Steinrücke,
- mitten im Felde. Früher auf dem Markt von Wilsdruff.
- Am 25. 1. 1864 von der Kgl. Straßenkommission an
- Rittergutsbesitzer von Schönberg verkauft. 1920 scheiterten
- Verhandlungen beim Stadtrat zu Wilsdruff wegen der
- Wiederaufstellung an der Kostenfrage, obwohl der Besitzer
- die Säule kostenlos zurückgeben wollte.
-
- 30. _Oberwiesenthal_ [1730], auf dem Markt. Sächsische
- Volkskunde 1902, S. 288.
-
- 31. _Olbernhau_, Literatur wie bei Nr. 29.
-
- 32. _Penig_, an der Chemnitzer Straße. Rochlitzer Porphyr.
-
- 33. _Pirna_ [1722], früher Breite Straße, jetzt Reitbahnstraße.
- Sächsische Volkskunde 1902, S. 256 und 312.
-
- 34. _Pulsnitz_ [1725], am Wettinplatz. Literatur wie bei
- Nr. 28; Störzner: Was die Heimat erzählt. Leipzig 1905.
- (Vollständige Inschrift).
-
- 35. _Radeburg_ [1728], früher am Markt. Jetzt am Straßenkreuz
- östlich des Friedhofs. Literatur wie bei Nr. 28.
-
- 36. _Reinsberg_ bei Nossen, an der Straße nach Krummhennersdorf.
-
- 37. _Rochlitz_, an der Schloßstraße. Rochlitzer Porphyr. Mit
- großem sächsischen Rautenwappen.
-
- 38. _Strehla_, beim Nordausgang der Stadt, an der Paußnitzer
- Straße.
-
- 39. _Zwönitz_ [1727], am Markt. Aus Greifensteiner Granit und
- Chemnitzer Sandstein. 1787 und 1884 erneuert. Unsere Heimat
- 1903 bis 1904, S. 157; Glück auf 1884, Heft 12, S. 180.
-
-
-~b~) Distanzsäulen außerhalb Sachsens
-
- 40. _Amtitz_ [1732] bei Guben. Ledât im Archiv für Post und
- Telegraphie, Band 40, S. 399.
-
- 41. _Belgern_ [1730] an der Elbe, am Markt gegenüber der
- Rolandfigur. Sandstein. Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 42. _Belzig_ [1725] (Mark). Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 43. _Brück_ [1730] (Mark). Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 44. _Delitzsch_ [1730], am Roßplatz. Ungewöhnlich hoher
- schlanker Obelisk. Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 45. _Elsterwerda_ [1738], an der Kirche. Literatur wie bei
- Nr. 40; Schmidt: Kursächsische Streifzüge Band IV, S. 301.
-
- 46. _Golßen_ bei Lübben. Rochlitzer Porphyr. Sächsische
- Volkskunde 1903, S. 96.
-
- 47. _Görlitz_ [1725], auf dem Töpferberg. Schlesische
- Heimatblätter, S. 403.
-
- 48. _Guben._
-
- 49. _Hoyerswerda_ [1730], früher auf dem Markt, jetzt in
- der Promenade an der Bahnhofstraße als Bismarcksäule
- bezeichnet. Literatur wie bei Nr. 47.
-
- 50. _Kirchhain_ [1736], an der Hauptstraße beim Südeingang.
- Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 51. _Lauban_ [1725], am Amtsgericht. 1872 ausgebessert.
- Sandstein. Literatur wie bei Nr. 40 und 47.
-
- 52. _Liebenau_ bei Frankfurt an der Oder.
-
- 53. _Lieberose_ [1735], vor dem Mühlentor. Literatur wie bei
- Nr. 40.
-
- 54. _Lübbenau_ [1740], an der Vorstadt Hauptstraße. Sandstein.
- Ortsnamen ohne Entfernungsangaben. Literatur wie bei
- Nr. 40. Schmidt: Kursächsische Streifzüge, Band II, S. 92.
-
- 55. _Mühlberg_ [1730] an der Elbe, an der Straße nach Burxdorf.
- Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 56. _Niemegk_ [1736] bei Potsdam. Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 57. _Ullersdorf_ am Queis. Literatur wie bei Nr. 40.
-
- 58. _Wittichenau_ [1732], auf dem Marktplatz. Literatur wie bei
- Nr. 40. Schlesische Heimatblätter, S. 404. Vollständige
- Inschriften.
-
-
-~c~) Meilenzeichen innerhalb und außerhalb Sachsens
-
- 59. _Ballendorf_ [1722] bei Bad Lausigk, Meilenobelisk, an der
- Nebenstraße südlich der Kirche im Obstgarten. Sandstein.
-
- 60. _Bischofswerda_, Mittelstück mit Ortsangaben einer
- Distanzsäule von 1724. Im Hermannstift aufbewahrt.
-
- 61. _Börnersdorf_ [1732], Viertelmeilenstein. An der
- Dorfstraße. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312.
-
- 62. _Breitenau_ [1732], Meilenobelisk. 400 Meter südlich des
- Ortes an der Straße nach Fürstenwalde. Literatur wie bei
- Nr. 61.
-
- 63. _Breitenau_ [1732], Viertelmeilenstein. Am Nordeingang des
- Haarthewalds an der Straße nach Fürstenwalde.
-
- 64. _Crandorf_ [1725] bei Schwarzenberg. Meilenobelisk. An
- der Straße nach Erla. Nördlich der Kirche. Inschrift:
- Schwarzenberg-Grünhain 2 St. Stollberg 5 St. ¾. 1725.
- Posthorn.
-
- 65. _Dippoldiswalde_, Viertelmeilenstein an der Altenberger
- Straße. Wahrscheinlich verschleppt, da der Oberreitsche
- Atlas östlich bei der Stadt eine Halbstundensäule zeigt.
- Literatur wie bei Nr. 61.
-
- 66. _Dohna_, Viertelmeilenstein. An der Weesensteiner Straße,
- nach 1910 neu aufgestellt und ergänzt.
-
- 67. _Klaffenbach_ [1723], Viertelmeilenstein, Bruchstück. Die
- Platte ist neben dem als Bonifaziuskreuz bezeichneten
- Sühnekreuz niedergelegt. Sie ist sicherlich verschleppt.
-
- 68. _Köttewitz_ [1730], Meilenobelisk an der Straße
- Köttewitz–Eulmühle. Inschrift: Nach Töplitz 8½ St. 1730
- Posthorn Dresden 4 St. Literatur: Sächsische Volkskunde
- 1902, S. 312 bis 315; Ruge in Über Berg und Tal, Band VII,
- 1902 bis 1905, S. 131.
-
- 69. _Oberwiesenthal_, Meilenobelisk, Oberteil zweieinhalb Meter
- lang ohne Sockel. An der alten Straße zum neuen Haus,
- hundert Meter unterhalb der neuen Kunststraße.
-
- 70. _Reichenbach i. V._ [1725], Meilenobelisk. An der alten
- Poststraße von Schneeberg und Kirchberg, jetzt Feldweg.
- Akten I des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz über
- alte Steinkreuze. Abbildung in Mitteilungen des Sächsischen
- Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 34.
-
- 71. _Reifland_ [1723], Meilenobelisk an der Straße zum
- Eisenbahn-Haltepunkt Rauenstein-Lengefeld, beim ersten Gut.
- Inschrift: 3 St. 3/8 n. Wolkenstein 5 St. 3/8 n. Freyberg
- 6 St. n. Annaberg.
-
- 72. _Reitzenhain_, Viertelmeilenstein. Sächsische Volkskunde
- 1902, S. 288.
-
- 73. _Röhrsdorf_ bei Chemnitz. Viertelmeilenstein an der
- Wasserschänke.
-
- 74. _Rüdingsdorf_, Provinz Sachsen, Kreis Luckau.
- Viertelmeilenstein, Bruchstück an der Kunststraße.
- Photographie des Landratsamts Nr. 878 von 1919.
-
- 75. _Schwoosdorf_, Viertelmeilenstein. Bruchstück an der
- alten Poststraße Kamenz-Königsbrück am Berghang kurz vor
- Schwoosdorf. Gurlitt, S. 329.
-
- 76. _Steinbach_ [1725], Viertelmeilenstein.
- Bruchstück. Sandstein. An der Kunststraße
- Eibenstock-Johanngeorgenstadt, am Wegkreuz bei Kilometer
- 29,4. Beim Straßenbau 1914 neu aufgestellt.
-
- 77. _Wermsdorfer Staats-Forstrevier_, Halbmeilensäule (einziges
- unbeschädigtes Stück, das obendrein noch am alten Platz der
- früheren Poststraße steht). Auf Forstabt. 10.
-
- 78. _Wermsdorfer Staats-Forstrevier_, Viertelmeilenstein.
- Akten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, betreffs
- Kulturdenkmäler. Auf Forstabt. 25.
-
- 79. _Zeithainer Truppenübungsplatz_ [1722], Halbmeilensäule.
- Bruchstück aus Sandstein. Früher auf dem
- Artillerieschießplatz beim zerstörten Dorfe Gohrisch,
- fünfzig Meter nördlich des Wegkreuzes der Kröbelner
- Straße. 1919 durch den Kommandant, Major Kruse, an der
- Planitzstraße vor dem alten Kommandanturgebäude im Waldpark
- des einstigen Offizierkasinos aufgestellt und mit Ölfarbe
- graugrün gestrichen. Inschrift: Hayn 4 St. 3/8 Posthorn
- 1722. Rückseite: Loßdorf 3 St. Posthorn 1722.
-
-
-~B.~ Literaturverzeichnis der Postsäulen
-
-
-~a~) Die Originalakten vom Jahre 1721 ff.
-
-=Acta betr. die allergnädigst anbefohlene Anschaffung und Aufrichtung
-derer steinern Postsäulen=
-
-Unter Rep. XXXI liegen im _Hauptstaatsarchiv Dresden_ zusammen 83
-Faszikel. Dazu zählen außer den im Distanzsäulenverzeichnis ~A~ 1 bis
-38 einzeln angegebenen Nummern noch folgende 55 Orte, an denen heute
-keine Säule vorhanden ist: Dippoldiswalde, Döbeln, Dresden, Elsterberg,
-Frauenstein, Frankenberg, Gräfenhainichen, Grimma, Grünhain,
-Grillenburg, Herzogswalde, Hohnstein, Hein, Hainichen, Hartha,
-Königsbrück, Leipzig, Lommatzsch, Lausnitz, Lauterbach, Lengefeld,
-Löbau, Mutzschen, Kloster Marienstern, Kloster Marienthal, Mittweida,
-Meißen, Nossen, Öderan, Ölsnitz, Oschatz, Roßwein, Reichenbach,
-Radeberg, Schwarzenberg, Schmiedeberg, Sachsenburg, Schneeberg,
-Stollberg, Stolpen, Schöneck, Sayda, Wurzen, Wilsdruff, Wolkenstein,
-Waldheim, Zschopau, Zöblitz, Zittau, Zwickau.
-
-Ferner sind 1815 nach der Teilung der Kurlande noch weitere 55 Faszikel
-an die _preußischen Provinzial Archive Magdeburg_ und _Berlin_
-ausgeliefert worden. Dazu zählen die Städte im Distanzsäulenverzeichnis
-~A~ 40 bis 57, sowie noch folgende 35 Orte oder Ämter, die heute
-keine Säule mehr aufweisen: Dobrilugk, Düben, Dommitzsch, Herzberg,
-Jessen, Kemberg, Liebenwerda, Luckau, Lausnitz, Lauterstein, Merseburg,
-Neustadt a. O., Neukirchen, Naumburg a. Qu., Ortrand, Pforta, Ruhland,
-Schlieben, Schilda, Sonnewalde, Suhl, Senftenberg, Schweinitz,
-Tannstädt, Torgau, Tautenburg, Voigtsberg, Witten, Weyda, Weißenfels,
-Zahna, Ziegenrück, Zabeltitz, Zeitz.
-
-
-~b~) Schriftstellerische, bildliche und kartenmäßige Bearbeitungen
-
- _Codex Augusteus_ von 1724, I, 1947, 1951, 2541 (steinerne an
- Stelle der hölzernen Armensäulen zu setzen), 1955, 1956,
- 2541, 2543 (Beschleunigung unter Strafandrohung verlangt),
- 2542 (gegen Vergreifung und Bosheit, so darwider geübt
- werden), 1958, 2544 (Strafe so sich daran vergreifen und
- solche deformiert).
-
- _Schramm_: Von denen Wege-Weisern, Armen-, und Meilensäulen.
- Wittenberg 1726 (400 Seiten und Abbildungen).
-
- Dr. _F. L. Becher_: Die Hundertjährige Jubelfeier der
- Sächsischen Distanz- und Postsäulen, im Jahre 1822, sammt
- einer Geschichte derselben. Chemnitz 1821 (54 S.).
-
- Dr. _P. G. Müller_ im Archiv für Post und Telegraphie 1909,
- S. 365. Die Kursächsischen Post- und Meilensäulen.
-
- _Ledât_ ebenda 1912, S. 393. Alte Meilen- und Postsäulen im
- Reichspostgebiete.
-
- _Christian Lehmann_: Historischer Schauplatz deren natürlichen
- Merkwürdigkeiten in dem Meißnischen Obererzgebirge. Leipzig
- 1699, S. 151.
-
- _Schäfer_: Geschichte des sächsischen Postwesens. Dresden 1879,
- S. 186.
-
- _S. Ruge_: Die alten Meilensäulen. In: Über Berg und Tal, Band
- VII (1902 bis 1905), S. 174.
-
- Dr. _Bschorner_ in den Mitteilungen für Sächsische Volkskunde
- 1902, S. 312 bis 315.
-
- _Aug. Schumanns_ vollständiges Staats-, Post- und
- Zeitungs-Lexikon von Sachsen. Zwickau im Verlag der
- Gebrüder Schumann 1824, Band XI, S. 173. (Notiz über
- Zürner.)
-
- _L. Schmidt_: Kurfürst August der Starke als Geograph. 1898.
-
- Dr. _Kuhfahl_: Die kursächsischen Postmeilensäulen. Dresdner
- Anzeiger vom 16. März 1919.
-
- _Veredarius_: Das Buch von der Reichspost, S. 110. Allgemeine
- Deutsche Biographie, Band 45, S. 511. (Über Zürner.)
-
- _Aug. Böhland_: Schicksale der Oberlausitz und ihrer Hauptstadt
- Budissin. 1831, S. 203. (Kurze Erwähnung der Postsäulenidee
- Augusts des Starken.)
-
- Dr. _E. Herzog_: Chronik der Kreisstadt Zwickau 1845, II.
- Teil, Jahresgeschichte, S. 592 ff. (Bericht über vier
- Distanzsäulen und die Meilensäulen des Weichbildes.)
-
- _Carl Sam. Hoffmann_: Historische Beschreibung der Stadt, des
- Amtes und der Diöcese Oschatz 1813, S. 171. (Erwähnung der
- drei Distanzsäulen von 1724).
-
- _Max Engelmann_: Die Wegmesser des Kurfürsten August von
- Sachsen. In den Mitteilungen aus den Sächsischen
- Kunstsammlungen, Jahrgang VI, S. 11.
-
- _Fickert_: Das Landstraßenwesen im Kr. Sachsen bis um das Jahr
- 1800. Im Archiv für Post und Telegraphie 1913 (Nr. 13 und
- 14) S. 37. (Kurze Erwähnung der Postsäulen.)
-
- _F. G. Leonhardi_: Handbuch für Reisende durch die Sächsischen
- Lande, 1796.
-
- _K. Wertheim_: Reise durch Kursachsen 1793 bis 1794.
-
- _Johann Eschert_: Post Secretarius in Leipzig. Chur. Sächs.
- Post Cours, in welchem enthalten, wie alle reutend und
- fahrende Ordinar Posten in der berühmten Handelsstadt
- Leipzig 1703.
-
- _D. E. Schmidt_: Auf der alten Leipziger Poststraße. In
- Kursächsische Streifzüge 1912, Band IV, S. 287, 288 ff.
-
- Dr. _A. Pätzold_, Halle 1916: Die Entwicklung des Sächsischen
- Straßenwesens von 1763–1831.
-
- _Saxonia_: Museum für Sächsische Vaterlandsfreunde von Dr.
- Sommer. Dresden 1835, Band IV, S. 61. Abbildung der
- Esplanade in Leipzig (jetzt Königsplatz) mit Distanzsäule.
-
- _Gemälde von Canaletto_ in der Dresdner Staatsgalerie:
-
- Nr. 611: Die ehemaligen Festungswerke zu Dresden.
- (Distanzsäule von 1722 am heutigen Postplatz.)
- Nr. 622: Die Breitegasse zu Pirna.
- (Distanzsäule, die heute an der Promenade steht.)
- Nr. 627: Pirna vom rechten Elbufer.
- (Distanzsäule am Elbtor.)
-
- _Kupferstich_ ~Vue de Nossen près de Meissen~ von Carl Aug.
- Richter (Kupferstichkabinett Dresden) zeigt gegenüber dem
- Nossener Schloß am rechten Muldenufer eine Halbmeilensäule.
-
- _Neue Chur-Sächsische Post Charte_ von Magister _Ad. Fr.
- Zürner_. Erste Auflage gegen 1700, zwei spätere Auflagen
- bis 1730. Postwege und Postorte aber nirgends Postsäulen.
-
- _Atlas Saxonicus_ von Schlenk, 1775 (keine Postsäulen).
-
- _Geographische Delineation_ der Gegend zwischen Dresden und
- Meißen nebst den dabey befindlichen Postsäulen. Titelblatt
- in Schramms Buch von denen Wege-Weisern, Armen- und
- Meilensäulen 1726.
-
- _Müllers Postkarte_ von 1824. (Keine Postsäule.)
-
- _Oberreitscher Landesatlas_ 1821 bis 1850. Postmeilensäulen an
- den Straßen sind in den älteren Blättern Freyberg, Stolpen,
- Altenberg, Chemnitz, Zittau, Schwarzenberg, Großenhain,
- Dresden lückenhaft aufgenommen, in den übrigen aber nicht
- verzeichnet.
-
- _Joh. Hernleben_: Pässe des Erzgebirges, Berlin 1911.
-
- _Abbildungen_ 1–8 nach Photographien von Dr. Kuhfahl.
-
-
-Fußnoten:
-
- [1] Siehe das angefügte Literaturverzeichnis ~B~, ~a~.
-
- [2] Akten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz Nr. 941.
-
- [3] Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und
- Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, Band Leipzig,
- S. 393.
-
- [4] ~Dr.~ Emil Herzog, Chronik der Kreisstadt Zwickau, II.
- Teil, Jahresgeschichte, Seite 592.
-
- [5] Historische Beschreibung der Stadt Oschatz von Carl Samuel
- Hoffmann, 1843, Seite 171.
-
- [6] Schmidt, Kursächsische Streifzüge ~B~ 4, Seite 298 ff.
-
- [7] Über Berg und Tal, VII. Bd. 1902–1905, Seite 174.
-
-
-
-
-Heimatschutzgedanken in Gottfried Kellers Dichtungen
-
-_Th. Leuschner_, Dresden-Loschwitz
-
-
-Lange vor uns hat Gottfried Keller die Gedanken des Heimatschutzes
-empfunden. Ob und wie er als erster Staatsschreiber des Kantons Zürich
-in dieser Richtung hin gewirkt hat, wissen wir nicht, das soll auch
-hier nicht untersucht werden. Aber in einigen seiner Dichtungen weist
-er darauf hin, die Schönheit und die Eigenart der Heimat nicht zu
-zerstören. Und _wie_ das Keller sagt, das ist für uns das Reizvolle.
-
-Was er in seinen Erzählungen darüber eingeflochten hat, ist nicht
-ein bloßer Einfall von ungefähr. Es ist ihm damit ernst, und diese
-Gedanken haben ihn immer bewegt. Wir dürfen dieser Liebe nach einem
-Selbstzeugnis über sein künstlerisches Arbeiten versichert sein. In
-einem Briefe vom 28. Februar 1877 an W. Hemsen, der von ihm einen
-Beitrag zu seinem bei Spemann erscheinenden Jahrbuch »Kunst und Leben.
-Ein neuer Almanach für das deutsche Haus« gewünscht hatte, bekennt er:
-»So geringfügig meine Erfindungen sind, so sind es eben solche, d. h.
-sie beruhen jedesmal auf einem spontan entstandenen inneren Gesicht
-(wenn diese banale Phrase erlaubt ist) und sind daher nicht von äußeren
-Wünschen abhängig. Es sind immer Sachen, die mir von langer Hand oder
-in Verbindung mit einer ganzen Gruppe vorschweben; am seltensten stößt
-mir ein Motiv auf, welches für sich allein ausgeführt werden kann.«
-
-Wir lesen uns zuerst in den Roman »_Martin Salander_« ein. Martin
-Salander ist heute heimgekommen. Über sieben Jahre lang war er von den
-Seinigen weg gewesen, um das an seinen betrügerischen Freund Wohlwend
-verlorene Geld drüben in der neuen Welt rascher als im heimatlichen
-Münsterberg wieder zu erwerben. Während dieser Zeit hat seine Frau
-Marie in der kleinen Sommerwirtschaft und Fremdenpension zur Kreuzhalde
-den Unterhalt für sich und die drei Kinder kümmerlich bestritten. Es
-ist hier nicht der Platz, den Gang der Erzählung zu verfolgen. Sie
-gehen schlafen, sie betreten das Zimmer, wo Frau Marie das Lager ihres
-Mannes schon seit Monaten bereit gehalten hat.
-
- »... Aber ich wollte schon ein paarmal fragen,« fuhr er
- fort, aus dem offenen Fenster auf das mondhelle Umgelände
- hinausdeutend. »Wo sind denn nur die vielen schönen Bäume
- hingeraten, die sonst vor und neben dem Hause standen? Hat sie
- der Eigentümer abschlagen lassen und verkauft, der Tor? Das war
- ja ein Kapital für die Wirtschaft!«
-
- »Man hat ihm das Land weggenommen oder eigentlich ihn
- gezwungen, Bauplätze daraus zu machen, da einige andere
- Landbesitzer den Bau einer unnötigen Straße durchgesetzt haben.
- Nun ist sie da, jedes schattige Grün verschwunden und der Boden
- in eine Sand- und Kiesfläche verwandelt; aber kein Mensch
- kommt, die Baustellen zu verkaufen. Und seit die guten Bäume
- dahin sind, ist auch mein Erwerb dahin!«
-
- »Das sind ja wahre Lumpen, die sich selbst das Klima
- verhunzen ...«
-
-Eine Reihe von Jahren später! Salanders Töchter Netti und Setti haben
-sich mit den Zwillingsbrüdern Isidor und Julian Weidelich, den Söhnen
-der Gärtnersleute aus dem Zeisig, verheiratet. Diese sind Landschreiber
-und Mitglieder des Großrates. Keller hat sie mit einer Fülle kleinster
-Einzelheiten als eitle, schlaue Streber und Narren gezeichnet, die
-habsüchtig ihre Amtsgewalten mißbrauchen und zuletzt auf viele Jahre
-hinaus ins Zuchthaus kommen. »Es ist nichts mit ihnen. Sie haben keine
-Seelen,« klagt Setti ihren Eltern, als diese sich auf ihrem Landhause
-zum Lautenspiel nach ihr umschauen. Mit gutem Bedacht hat Keller unter
-die häßlichen Wesensfarben der beiden Brüder auch die Lieblosigkeit
-und Gleichgültigkeit gegen die heimatliche Umgebung gemischt. Isidor
-begleitet seine Schwiegereltern und seine Frau, als diese zum Besuch
-auf dem Lindenberg, wo Netti und Julian wohnen, vom Lautenspiel
-fortgehen.
-
- Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwäldchen und
- die dahinter emporragenden Wipfelmassen des größeren Forstes,
- eine Umgebung die nicht mit Geld zu bezahlen sei.
-
- »O ja, es macht sich nett!« sagte der Schwiegersohn. »Nur wird
- es nicht mehr so lange stehen bleiben, als es schon steht. Der
- Wald gehört der Gemeinde Unterlaub und soll in ein paar Jahren
- geschlagen werden; die Holzhändler sind schon dahinter her. Da
- werd’ ich unsere Buchen auch daran geben, es geht in einem zu
- und sie tragen ein schönes Geld ein!«
-
- »Sind Sie bei Trost?« rief Salander. »Ihre Buchen schützen ja
- allein Haus und Garten samt der Wiese vor den Schlamm- und
- Schuttmassen, die der abgeholzte Berg herunterwälzen wird!«
-
- »Das ist mir Wurst!« erwiderte der jugendliche Notar in
- nachlässigem Tone. »Dann zieht man weg und verkauft den ganzen
- Schwindel! Es ist ja langweilig, immer am gleichen Ort zu
- hocken.«
-
- Salander dachte sein Teil und gab keine Antwort. Frau Setti
- ließ während Isidors Mitteilung ein paar Worte des Erstaunens
- hören und verriet so, daß sie von dem bevorstehenden
- Holzschlage noch gar nichts wußte, was ein neues Anzeichen von
- des Mannes Lebensart war. Sie schwieg daher auch und sagte nur
- noch: »Adieu, du schönes Lautenspiel!«
-
- »Woher heißt es eigentlich hier im Lautenspiel?« fragte
- die hinzutretende Mutter. »Das mag der Henker wissen, ich
- könnt’ es nicht sagen! In den Grundbüchern heißt es nur: Haus
- und Hofstatt genannt im Lautenspiel, und ebenso in meinem
- Kaufschuldbrief,« erklärte Isidor.
-
- »Hast du denn nicht gehört, was sie in der Gegend davon
- erzählen?« fragte Frau Setti. »Nein, ich habe gar nie danach
- gefragt! Woher soll es denn kommen? Woher heißt es denn bei uns
- im Zeisig und im roten Mann? Von irgend einer Dummheit!«
-
-Und nun erzählt Frau Setti zur Erklärung des Flurnamens die alte
-Geschichte vom geizigen Junker und seinen sechs schönen Töchtern.
-
-Was erleben die Salandrischen dann auf dem Lindenberg? Julian kommt aus
-dem Wald zurück.
-
- Er schüttelte die Weidtasche auf den Tisch aus und über dreißig
- arme Vögel mit verdrehten Hälschen und erloschenen Guckaugen,
- Drosseln, Buchfinken, Lerchen, Krammetsvögel und wie sie alle
- hießen, lagen als stille Leute da und streckten die starren
- Beine und gekrümmten Krällchen von sich.
-
- »Sie werden sehen, Mama, die Dinger schmecken Ihnen wie
- Marzipan, wenn sie mürb und gut geraten sind! Ich will aber
- selbst zusehen! Hat’s etwas Speck in der Küche, Frau?«
-
- »Bitte, Herr Sohn, beeilen Sie sich nicht!« sagte Frau
- Salander, »wir essen jedenfalls nicht mit, mein Mann und ich,
- wir sind vollkommen satt und wollen noch mit dem letzten Zuge
- fort!«
-
- »Aber, Meister Julian,« schaltete Martin dazwischen, »wissen
- Sie denn nicht, daß die Jagd auf Singvögel verboten ist? Sie,
- als Mitglied des Großen Rates?«
-
- »Herr Vater, ich habe nicht gejagt, sondern das Garn gespannt,
- und da sind allerdings ein paar Finklein dazwischen gekommen,
- die nicht geladen waren. Übrigens wird sich wohl kein Wächter
- des Waldes an mich machen!« ...
-
-In der Novelle »_Das verlorene Lachen_« ist Jukundus der Träger von
-Kellers Naturschutzbestrebungen.
-
- Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die
- militärische Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben, wegen
- der fortwährenden Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um
- sich aber dafür einen ehrbaren Erwerb und eine geordnete
- Tätigkeit zu sichern, hatte er ein Handelsgeschäft errichtet,
- welches sich auf den Holzreichtum der Stadtgemeinde und der
- umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen Allmenden, die
- von der allemannischen Bodenteilung herrührten, waren später
- noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern
- die Stadt sich angebaut hatte.
-
- Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont
- und auch aus bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen
- Trinkgeschirre und den alten Wein im Stadtkeller sorgfältig
- erhielt. Allein durch irgendeine Spalte war die Verlockung
- und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft und es wandelte
- ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen, schlich
- längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern
- an die glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus
- auftrat, um das Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen,
- kam sein Geschäft alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen
- die Vermittlung des ihnen wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers
- dem Andringen der fremden Händler, durch die das Unheil
- eingeschlichen war, vor.
-
- Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen
- und auch sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die
- Weinberge und Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal
- jung und niedrig gewesen oder schon mehrmals vielleicht, und
- sie konnten wieder alt und hoch werden. Doch als die Axt auch
- an die jüngeren Wälder geriet, für das zuströmende Geld immer
- schönere Zwecke erfunden und die Berghänge dafür immer kahler
- wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da er
- von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes
- gewesen war. Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn
- machte, begann er sich desselben mehr und mehr zu schämen; er
- erschien sich als ein Feind und Verwüster aller grünen Zier
- und Freude, wurde unlustig und oft traurig und vertraute sich
- seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln, das zu dem ihrigen
- wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener werden sah und
- ihn ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden mit
- oder ohne den Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch
- schlimmer, und sie war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen
- Kräften wohlhabend und unabhängig zu wissen, um auch von dieser
- Seite her stolz auf ihn sein zu können. Sie bestärkte daher den
- Mann nicht in seiner Unlust, sondern ermunterte ihn vielmehr
- zum Ausharren und er fuhr dann so fort.
-
- Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne,
- welche der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald
- geschlagen. Aus demselben hatte von jeher eine gewaltige
- Laubkuppel geragt, welche eine wohl tausendjährige Eiche
- war, die Wolfhartsgeeren-Eiche genannt. In älteren Urkunden
- aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andre Namen,
- die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in
- germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um
- sie niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den
- besonderen Verkauf aufsparte, stellte die Eiche ein Monument
- dar, wie kein Fürst der Erde und kein Volk es mit allen
- Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen können.
- Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm und die
- wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie
- zartes Reisig auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der
- Nähe selbst gleich mächtigen Bäumen. Meilenweit erblickte man
- das schöne Baumdenkmal und viele kamen herbei, es in der Nähe
- zu sehen.
-
- Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis
- dafür bieten würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes
- und suchte ihn zu retten. Er stellte vor, wie gut es dem
- Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen der Vergangenheit
- als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf allgemeine
- Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen;
- wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in
- Betracht kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren
- Wert einer solchen Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade
- die Gesundheit des alten Riesen sollte ihm sein Leben kosten,
- weil es hieß, jetzt sei die rechte Zeit, den höchsten Betrag zu
- erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt sei, sinke der Wert
- sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die Regierung, indem
- er die Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche sich finden
- mögen, als einen allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es
- wurde erwidert, der Staat besitze wohl für Millionen Waldungen
- und könne diese nach Gutdünken vermehren, allein er besitze
- nicht einen Taler und nicht die kleinste Befugnis, einen
- schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden anzukaufen und stehen zu
- lassen.
-
- Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen
- Gedanken und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und
- heimlich belächelt wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und
- das Stück Boden, auf welchem sie stund, säuberte den Boden und
- stellte eine Bank unter den Baum, unter dem es eine schöne
- Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für seine Tat und
- ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem Augenblick an
- suchte auch jedermann, ihn zu benutzen und zu übervorteilen,
- wie einen großen Herrn, der keine Schonung bedürfe.
-
-Seine Frau Justine tut das Gegenteil im Verein mit dem Pfarrer des
-Ortes, der als ein »beifallsdurstiger Wohlredner und Schwätzer«, wie er
-sich später selbst nennt, vorübergehend einen schlechten Einfluß auf
-seine Gemeinde ausgeübt hat.
-
- Die Kirche zu Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor
- der Reformation erbaut worden und jetzt in dem schmucklosen
- Zustande, wie der Bildersturm und die streng geistige Gesinnung
- sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das altertümliche graue
- Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben übersponnen, innen aber
- hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die immer klar
- gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert
- über die Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als
- etwa die eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und
- das Wort des Predigers allein waltete ohne alle sinnliche
- Beihilfe in dem hellen, einfachen und doch ehrwürdigen Raume.
- Die Gemeinde hatte sich seit drei Jahrhunderten für stark genug
- gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu verschmähen, um das
- innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte um so eifriger
- anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem
- rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei,
- um den Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen ...
-
- Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen
- eingefaßte Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich
- gotischer Verzierung von dazu unkundiger Hand weichen müssen.
- Die Gewölbefelder der Decke wurden blau bemalt und mit goldenen
- Sternen besät. Dann wurde für bemalte Fenster gesammelt, und
- bald waren die lichten Bogen mit schwächlichen Evangelisten-
- und Apostelgestalten ausgefüllt, welche mit ihren großen,
- schwachgefärbten, modernen Flächen keine tiefe Glut, sondern
- nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.
-
- Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild
- her, damit der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder
- beginnen könne mit dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar
- dereinst bei dem wundertätigen, blut- oder tränenschwitzenden
- Figurenwerk, ja bei dem Götzenbild schlechtweg zu endigen, um
- künftige Reformen nicht ohne Gegenstand zu lassen.
-
- Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die
- weißen, reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen
- verbannt und silberne Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt
- bei jedem Familienereignis in reichen Häusern ...
-
- Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen
- übermalten Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik,
- welche daher eiligst herbeigeholt wurde. Weil zu einem
- Orgelwerk die Mittel noch nicht beisammen waren, stiftete
- einer einen trompetenähnlichen Quiekkasten; ein gemischter
- Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die
- man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text
- verstehen konnte, lateinisch sang. –
-
-Was für ein fröhlicher, liebenswerter Geselle ist der abgesetzte
-Schulmeister Wilhelm in der Novelle »_Die mißbrauchten Liebesbriefe_«,
-der da oben in dem Rebhäuschen des Tuchscherers haust und als
-erbauliches Gegengewicht für die Erdenschwere seiner Hände Arbeit in
-Wald und Flur herumstreift, um dann mit allerhand schönen, seltsamen
-Dingen die Wände und die Decke seines Stübchens zu schmücken.
-
- Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schöner und seltener
- ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf
- diesen Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn
- fliegen. Denn, sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich
- schon vermählt hat? Und wenn das nicht wäre, wie abscheulich,
- die Stammtafel eines so schönen, unschuldigen Tieres, welches
- eine Zierde des Landes ist und eine Freude den Augen, mit einem
- Zug auszulöschen! Abzutun, ab und tot, das Geschlecht einer
- zarten, fliegenden Blume, die sich durch so viele Jahrtausende
- hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht die
- letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte!
- Denn wer zählt die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?
-
-Das Gegenstück hierzu ist die Erzieherin in der Novellenreihe »_Das
-Sinngedicht_«. Daß Keller selbst in dem reichen und so bunten Strauße
-dieser Liebesgeschichten dem – wenigstens hier so entfernten – Gedanken
-des Naturschutzes eine Gestalt gibt, spricht wohl dafür, wie sehr ihm
-Vergewaltigung der Natur verhaßt war. Ganz am Schluß erzählt Lucie ihr
-Jugendleben und -lieben und kommt dabei auf die Umgebung zu sprechen,
-die ihr der oft auf langen Reisen befindliche Vater gegeben hat.
-
- Die Erzieherin dagegen verwendete alle ihre Tage mit dem
- Vermehren und Ordnen einer Käfersammlung. Sie stand mit
- Gelehrten und Naturalienhändlern in Verbindung und sandte
- fortwährend Schachteln fort. Denn sie verstand auf zahlreichen
- Ausflügen den letzten Käfer aus seinem Hinterhalt zu ziehen,
- und hatte eine seltene Art, die gerade in einem Gehölz
- unsrer Gegend zu finden war, nahezu ausverkauft. Ich kann
- mich des Namens dieses ausgerotteten Käferstammes nicht mehr
- entsinnen. Am betrübtesten darüber war ein insektenkundiger
- Herr Oberlehrer, welcher der handelslustigen Dame den Ort
- nachgewiesen hatte und sich daher der Mitschuld an dem
- naturwissenschaftlichen Raubverfahren, wie er es nannte,
- anklagte. –
-
-In dem großen, vierteiligen Roman »_Der grüne Heinrich_« findet
-sich kein Heimatschutzgedanke. Seltsam? Nein. Der Roman ist Kellers
-Erstlingsdichtung. Sie ist durchtränkt und gesättigt von persönlichen
-Erlebnissen und Erfahrungen, von Stimmungen und Träumen. Er erzählt so
-oft und so viel von der Heimat: von Berg und Tal, von Haus und Hof,
-von Wald und Feld, von Verwandten und Fremden. Er schildert in der
-Erinnerung, wie sie war, als er mit ihr lebte. Und er hat die Heimat
-gesehen in aller Freude am goldnen Überfluß, eben in aller Freude der
-Jugend. Das Alter nur sieht prüfend hinein in die sichtbare Welt und
-möchte sie schön und treu erhalten und auch so weiter fortgebildet
-wissen.
-
-
-
-
-Die Kirche zu den »Vierzehn Nothelfern« auf der »Kahlen Höhe« bei
-Reichstädt
-
-Von _A. Klengel_
-
-
-Abseits vom Fremdenverkehr steht auf der sogenannten »Kahlen Höhe«
-zwischen Reichstädt und Sadisdorf bei Dippoldiswalde die Gruftkapelle
-der Majoratsherrschaft von Schönberg auf Reichstädt. Das inmitten
-eines kleinen Hains gelegene schmucke Bauwerk ist neueren Ursprungs;
-wie die Inschriften besagen, haben dort erst zwei Glieder des uralten
-Adelsgeschlechts die ewige Ruhe gefunden, der 1902 verstorbene
-Majoratserbe Rudolf Utz von Schönberg und seine ihm im Jahre 1915 in
-den Tod gefolgte Mutter Cypriane von Schönberg.
-
-Das kleine Mausoleum steht auf durch Jahrhunderte geweihtem Boden,
-denn die Inschrift eines in der Nähe errichteten Denksteins berichtet
-folgendes:
-
- _Kahlehöhenkirche._
-
- Zum Gedächtnis an das Jahrhunderte lang hier gestandene
- und im Jahre 1872 abgebrochene Kahlehöhen-Kirchlein zu den
- 14 Nothhelfern errichtete dieses Denkmal im Jahre 1874 die
- Kirchengemeinde Reichstädt.
-
- Hier wo Jahrhunderte das Gotteswort erklungen,
- Hier wo manch’ Halleluja Gotte ward gesungen,
- Hier wo der Friede Gottes Tausende umwehte,
- Wo manches Herz zu Gott im Himmel flehte:
- Hier sprich auch Du: Wie heilig ist doch diese Stätte
- Und, daß der Friede Gottes Dir auch werde: Bete!
-
-Wohl selten gibt es wieder eine Stätte in unserm Vaterlande, an
-der stimmungsvolle, schlichte landschaftliche Schönheit, stiller
-Gottesfriede und uralte Sage uns so wunderbar umwehen, wie hier
-auf der sonnigen Höhe, wo einst das Kirchlein »Zu den Vierzehn
-Nothelfern« gestanden hat. Die Bezeichnung Kapelle, die man mehrfach
-im Schrifttum findet, ist nicht zutreffend, wir haben es mit einer
-regelrechten Pfarrkirche zu tun, von der sogar noch Kirchenbücher
-vorhanden sind. Der von ihr in katholischer Zeit geführte Name: »Zu
-den Vierzehn Nothelfern« verschwand nach der Reformation; sie wurde
-»Kahlehöhenkirche« – im Volksmunde kurzweg »Kallikirche« – genannt.
-Ihre Gründungszeit liegt im Dunkel des Mittelalters verborgen; bereits
-im Jahre 1320 wird sie als eine »Den Vierzehn Nothelfern« geweihte
-Wallfahrtskirche erwähnt. Als die vierzehn Nothelfer gelten Jesus, die
-zwölf Apostel und der Schutzheilige des Bergbaues, St. Nikolaus; nach
-letzterem waren auch die alte Kirche im nahen Dippoldiswalde und die
-Kapelle in der Dippoldiswaldaer Heide benannt. In diesem Jahre war
-Nikolaus von Henkendorf Geistlicher an der Kahlehöhenkirche. Es sind
-noch Urkunden vorhanden, welche berichten, daß er einst auf Befehl
-des Papstes dem Abte von Ossegg Hilfe leisten mußte, als dieser von
-einigen vornehmen Schuldnern belagert und hart bedrängt wurde. Daraus
-ergibt sich vielleicht, daß der jeweilige Priester der Kirche zugleich
-weltlicher Gutsherr war, der über Land und Leute zu gebieten hatte.
-
-[Illustration]
-
-Die in der Kirche aufgestellten Bilder der vierzehn Nothelfer sollen
-aus Silber gefertigt gewesen sein. Nach der Sage wurden sie im
-Siebenjährigen Kriege geraubt. Eine andere Überlieferung berichtet, sie
-seien aus Holz geschnitzt und versilbert gewesen. Man habe sie nach der
-Reformation auf dem Kirchenboden aufbewahrt, von wo sie von böhmischen
-Leuten entwendet und nach der Klosterkirche zu Ossegg gebracht worden
-seien. Nach eingezogenen Erkundigungen befinden sie sich jedoch dort
-nicht.
-
-Die Kirche soll durch die von den Wallfahrern gespendeten Geschenke
-sehr reich geworden sein; als nach der Reformation aber die Wallfahrer
-ausblieben und im niederen Teile des Dorfes Reichstädt eine bequemer
-erreichbare evangelische Kirche erbaut wurde, vereinsamte das auf der
-Höhe, abseits vom Dorfe gelegene Kirchlein. Eines Tages verschwand
-der letzte Meßpriester unter Mitnahme des aufgehäuften Vermögens, der
-Heiligenbilder und der heiligen Geräte. Im Dreißigjährigen Kriege
-wurde die verödete Kirche völlig ausgeraubt, namentlich fiel alles
-Holzwerk der Plünderung zum Opfer. Im Jahre 1640 soll ein Mädchen aus
-Reichstädt, als es vor schwedischen Soldaten in die verlassene Kirche
-flüchtete und in einem Loch an der Stelle des einstigen Altars nach
-einem Versteck suchte, achthundertzwanzig Dukaten gefunden haben.
-
-Später wurde die Kirche wieder für gottesdienstliche Zwecke
-ausgestattet; bis zu ihrem Abbruch fand alljährlich noch mehrmals
-Gottesdienst darin statt. Wegen eingetretener Baufälligkeit und da die
-Ausbesserung hohe Kosten verursacht hätte, beschloß man den Abbruch
-des uralten Wahrzeichens, der denn auch im Jahre 1872 vor sich ging.
-Um diese Zeit waren noch Reste des die Kirche umgebenden Friedhofs
-vorhanden.
-
-Aus den Steinen der Kirche wurde der Tanzsaal des Gasthofes zu
-Sadisdorf erbaut. Die Bevölkerung sah die Verwendung des geweihten
-Mauerwerks für solche profane Zwecke als großen Frevel an. Bei der
-Einweihung des Saales fiel eine Tänzerin und brach dabei ein Bein.
-Später schlug der Blitz ein- oder mehrmals in den Tanzsaal ein, wobei
-schließlich der ganze Gasthof eingeäschert wurde. Das Volk glaubte an
-die Strafe des Himmels für die begangene Entweihung des Heiligtums. Ob
-man beim später erfolgten Wiederaufbau des Gasthofes die Steine von
-der alten Kahlehöhenkirche abermals mit verwendete, ist unbekannt; der
-Volksglaube behauptet, man habe es unterlassen, da dem Gasthof und
-seinen Gästen in der Folgezeit kein Unglück mehr zugestoßen sei.
-
-Es sind nur wenige, zum Teil recht mangelhafte Bilder des uralten
-Kirchleins vorhanden. Die alte Sächsische Kirchengalerie versagt. Am
-besten dürfte die Kirche in beistehender Zeichnung wiedergegeben sein,
-die nach einer Abbildung in der als Fundgrube für die Heimatgeschichte
-wohlbekannten, handschriftlich hergestellten Zeitschrift »Bergblumen
-1885« angefertigt wurde. Es wird vermutet, daß die ursprüngliche
-Zeichnung vom Herausgeber noch nach der Natur aufgenommen ist. Erwähnt
-mag noch sein, daß Auszüge aus den Kirchenbüchern der Kahlehöhenkirche
-im Magazin für Sächsische Geschichte vom Jahre 1787 abgedruckt sind. –
-
-Ein sonniger Herbsttag ging zur Neige, als ich im kleinen Hain auf dem
-Fleckchen geweihter Erde stand, das durch Jahrhunderte das Kirchlein
-»Zu den vierzehn Nothelfern« getragen hat. Die letzten Sonnenstrahlen
-vergolden die Zinnen der Gruftkapelle, nur ein einzelnes Vogelstimmchen
-und das leise Rauschen der Blätter im Abendwinde unterbrechen
-das Schweigen, das wie ein Glorienschein auf dieser Stätte der
-Vergessenheit ruht. Ich weiß nicht, ob der Dichter hier gestanden hat,
-als er die Worte aussprach:
-
- Auch hier, wo einst in frommer Weise
- Der Andacht Lied zum Himmel drang,
- Wohnt jetzt die Wehmut, herb und leise
- Tönt bang ihr Lied wie Grabgesang. –
-
-Schwerlich aber gibt es eine andere Stelle in unserer Heimat, die
-trefflicher dazu geeignet wäre, diesen Gedanken in uns aufkommen zu
-lassen, wie der geweihte Boden, auf dem ich jetzt im Abendsonnenglanze
-stehe.
-
-
-
-
-Um Juchhöh und Windberg
-
-Von _Karl Berger_, Leipzig
-
-Aufnahmen von _Georg Marschner_, Dresden
-
-
-I.
-
-Die schönste Freude ist doch die Vorfreude; die reinste zumindest. Und
-das schönste, zarteste vom Frühling ist der Vorfrühling, scheint mir.
-Und die Vorfreude am Vorfrühling, das ist jene seltsame, bestrickende
-Wanderlust, jenes Heimweh nach Feld und Wald draußen vor der Großstadt,
-nach der heimatlichen _Natur_, die unser _Mutterland_ ist und bleibt, –
-mögen wir es auch in den hastenden, unfrohen großen Städten mit ihrer
-lauten Lustigkeit verraten – so wie der Staat unser _Vaterland_ ist
-und bleibt. Und _das_ sind wohl die unglücklichsten Waisen, die ihr
-Mutterland oder ihr Vaterland oder gar beides verloren haben. Deshalb
-wollen wir heute einen Weg weisen, den wir 1921 an einem Sonntage, an
-dem vier Wochen nach Wintersonnenwende die Sonne schon so boticellihaft
-lichtes Hellblau und Himmelsgold allum streute, so daß hier und
-da schon eine Kornelkirsche vorwitzig ihre safranfarbenen kleinen
-Blütendolden öffnete, aus der Stadt hinausgewandert sind, und zwar
-gerade dort, wo weite Fabrikvorstädte ihren Bewohnern den Verlust des
-Mutterlandes vorzulügen suchen und damit ihnen manchmal so leicht auch
-das Vaterland verleiden.
-
-Hinter Löbtau steigt der Weg westwärts über Wölfnitz rasch an nach
-der Hochfläche zu, auf der 1745 die Kesselsdorfer Schlacht vom alten
-Dessauer gegen die Sachsen gewonnen wurde, die dort die letzte
-Stellung vor ihrer Landeshauptstadt zu halten versuchten. In einer
-guten Viertelstunde liegt die Stadt schon tief unter uns. Mit den
-Tönen der großen Glocken der Kirchen der Altstadt elbwärts drunten im
-Grunde klingen die der helleren munteren Geläute von Niedergorbitz und
-Oberpesterwitz zusammen, indes wir an stattlichen Wirtschaftsgebäuden
-vorbei dem _Herrenhaus von Roßthal_ zuschreiten.
-
-»Glückauf« grüßt die Inschrift von dem vielleicht etwas zu monumentalen
-Sandsteinumbau des kunstvoll zierlichen schmiedeeisernen Rokokotores
-herab, das ebenso wie mehrere andere ähnliche Gittertore mit dem
-feinen Stilgefühl seiner Entstehungszeit so glücklich in die Achse
-der Zufahrtsstraßen gelegt ist. »Glückauf«, ein froher Gruß auch für
-den Wanderer am Morgen und eine Anspielung auf den Besitzer, den
-Freiherrn von Burgk, den Eigentümer der bekannten Steinkohlenschächte.
-Sein Wappen prangt an dem Giebel über dem einen der beiden Erker,
-die mit ihren kunstvollen deutschen Renaissanceformen die Front des
-Hauses geschickt gliedern. Die reichen Schmuckformen der Balustraden,
-Zinnen und zumal der säulenreichen Unterbauten erinnern ein wenig
-an die fröhlichen und strotzenden Formen des Heidelberger Schlosses
-und zeigen, wie feinfühlig der Oberlandbaumeister C. M. Haenel schon
-1858/59 die Renaissanceformen wieder tatsächlich neu zu _beleben_
-wußte, die dann Jahrzehnte lang leider bald so blutleer oder so voll
-hohlem Pathos an Mietskasernen und Geschäftsbauten kopiert wurden.
-
-[Illustration: Abb. 1 =Döhlener Kohlenbecken mit Windberg=]
-
-Am Haupteingange befindet sich auf einer Rokokokartusche ein Wappen mit
-den Initialen ~v. N.~ Es ist das Wappen des Geheimrats von Nimptsch,
-der 1763 Direktor der Porzellanmanufaktur geworden war, hier auf dem
-Gute seiner Gemahlin, einer geborenen von Haustrin, seinen Lebensabend
-zubrachte und 1772 eine »Poetische Beschreibung der Zufriedenheit
-und angenehmen Ruhe auf einem Landgut« veröffentlichte. Sie erzählt
-mancherlei von den bescheidenen Freuden eines derartigen Herrensitzes
-auf dem Lande: von Vexierspiegeln und Grotten, von dem »guten Prospekt«
-und von Wasserkünsten. Viel davon wurde, nachdem Roßthal schon nach
-der Schlacht von 1745 völlig ausgeplündert worden war, in der Schlacht
-bei Dresden 1813 zerstört, als Murat die Stellung der Verbündeten
-zwischen Döltzschen und Gorbitz, das heißt ihren linken, mit der Front
-nach Osten gerichteten Flügel durch eine Umgehung vom Zschonergrunde
-her unhaltbar machte und Roßthal so zwischen die feindlichen Feuer
-geriet. Jetzt erinnert natürlich nichts an den stattlichen, vorzüglich
-gehaltenen Baulichkeiten des Rittergutes mehr an jene Zeiten der
-Zerstörung. Ein Bild tiefen ländlichen Friedens ruht es, umsäumt von
-breitästigen Obstbäumen, so nahe dem lärmenden Plauenschen Grunde, der
-schon seit Menschenaltern die gleiche sanfte Lieblichkeit eingebüßt
-hat, die uns nur noch die alten Stiche der Pulvermühle, der Villa Kosel
-und mancher »pittoresken« Felspartie am Ufer der Weißeritz überliefern.
-
-[Illustration: Abb. 2 =»Juchhöh-Schlößchen«=]
-
-Hier oben aber, abseits der Heerstraße der Industriemächte, da ist
-alles noch fast wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Wie ein Motiv
-aus Ludwig Richters Skizzenbuche mutet die mit so bewundernswerter
-anspruchsloser Sicherheit der Maße und Farben am Kreuzweg errichtete
-Obstbude aus Fachwerk an. Und wie vornehm und trotzdem lieblich liegt
-drüben das gotisierende Schloß der Grafen Luckner auf Altfranken auf
-dem sanften Höhenzuge mit seinen vielen Pappeln und Schonungen.
-
-[Illustration: Abb. 3 =Denkmal des Freiherrn Dathe von Burgk in Burgk=
-
-»Ihren unvergeßlichen am 28. 6. 1897 † Wohltäter die dankbaren
-Bergknappen«]
-
-Unterdes sind wir langsam noch höher gestiegen. Weit liegt das Land nun
-um uns: nordwärts bis nach der Lößnitz reichbebauten milden Hängen,
-westwärts ins hügelige Bauernland um Braunsdorf und Kesselsdorf und
-südwärts hinab in den Grund und hinüber zu der _langgestreckten
-Pyramide des Windberges_ (vgl. Abb. 1). Neu-Nimptsch heißt die
-Siedelung, an der unser Weg entlang führt. Kleine Häuschen sind es,
-so wie wir sie jetzt vor der Stadt wieder zu errichten bestrebt sind.
-Diese hier hat wohl jener Geheimrat von Nimptsch Ende des achtzehnten
-Jahrhunderts errichtet. Und auch sich selbst baute er an der höchsten
-Stelle ein Lusthaus, _das »Schlössel des Barons«_ nennen es die
-Leute, eines jener feinen, kleinen Herrenhäuser ähnlich »Antons«
-gegenüber dem Waldschlößchen (Abb. 2). Der ganze Berg heißt »Jochhöhe«,
-aber weil er so lustig ins Land schaut, nennt das Volk ihn mit
-schalkhaftem, sicherem Humor einfach »_die Juchhöh_«. Daß es übrigens
-auch ernsthaftes Raten und Taten auf diesen Dörfern gibt, beweist der
-Anschlag des Gemeindevorstandes, wonach Rauchen und Zuspätkommen in den
-Gemeinderatssitzungen (Neu-Nimptsch gehört zu Roßthal) verboten ist.
-Wir denken bei dieser Proklamation wehmütig daran, wie unendlich weit
-etwa Groß-Berlin in seiner politischen Reife mit seinen Stinkbomben und
-Tätlichkeiten in parlamentarischen Sitzungen derartigen Hinterwäldlern
-voraus ist.
-
-Und ähnliche Gedanken über Stadt und Land beschleichen uns, nun
-wir rasch vorwärts schreitend den Grund in Freital kreuzen mit den
-protzigen Kitschöldrucken und den vielen Näschereien in jedem zweiten
-Laden, und anderseits den unschönen Plakaten an allen Ecken.
-
-Freilich auch jeder einzelne Landwirt sollte gerade in _seinem_
-Interesse in Sachsen _ganz besonders_ bereit sein, die Not so weiter
-anderer Kreise verständnisvoll und freiwillig zu lindern, nicht durch
-Almosen, aber durch werktätige Hilfe, vermittelnden Takt und auch durch
-wirksame Warnung einzelner skrupelloser Berufsgenossen. Die Früchte
-werden auch dabei nicht ausbleiben. Und der Landmann weiß, daß die
-Früchte nicht die schlechtesten sind, die am langsamsten reifen.
-
-
-II.
-
-Nun haben wir Freital durchquert und steigen langsam auf der Südseite
-des Tales bergan. Am Huthause von Groß-Burgk vorbei kommen wir bald
-an _das Schloß_. Schon im Mittelalter saßen hier Herren von Burgk
-(Borgk, Borc; Boragh heißt Tannen- oder Fichtenhain). Im sechzehnten
-Jahrhundert folgte die Familie von Zentsch, im achtzehnten die Familie
-Seiler-Dathe; 1822 wurde deren Haupt Friedrich August als Freiherr
-Dathe von Burgk in den Adelsstand erhoben. Die Familie, der außerdem
-unter anderem noch wie erwähnt Roßthal und ferner das Schloß Schönfeld
-bei Großenhain gehört, ist durch den Kohlenbergbau so reich begütert.
-Im Orte nimmt man davon übrigens wenig wahr, da die Schächte jenseits
-von Höhenzügen südwestlich liegen. (Vgl. aber das Denkmal Abb. 3.)
-
-Das Schloß selbst ist gleichfalls ein echter ländlicher Herrensitz,
-dem man anmerkt, daß er organisch und bodenständig entstanden ist.
-Verspielte und kapriziöse Putten und Rokokoherrschaften, wohl aus
-Knöffels Zeit (um 1780), blicken von den Pfeilern der Parkmauer. Urnen,
-Bosketts, alte efeuumsponnene Bäume, deren tiefhängende Zweige einen
-stillen Weiher streifen, vereinen sich mit dem seltsam vielgiebligen
-Schlosse mit seinen charakteristisch stilisierten Kaminköpfen und einem
-raffiniert geschickt in all diese alte, leise, ein wenig holländische
-Beschaulichkeit hineinkomponierten Papagei zu einem Bilde, wie es so
-echt selbst – ein Monumentalfilm nicht wiederzugeben vermag.
-
-Am Mausoleum Friedrich Augusts von Burgk auf stiller Vorhöhe und
-an Bergknappenhäusern, zuletzt an einem Waldwärterhause mit dem
-Holzbrunnen auf der Wiese unterm Berge vorbei, führt durch Buchen
-(Abb. 4) ein steiler Zickzackweg die etwa zweihundert Meter Steigung
-zum _Windberg_ hinauf. Der Blick von seiner Höhe, insbesondere
-von dem so wuchtig und richtig in die Landschaft gestellten
-_König-Albert-Denkmal_ aus, ist unerwartet mannigfach und eigenartig,
-besonders durch den unvermittelten Gegensatz von rein industriellen
-Gegenden und weitem, stillem Land, etwa über Tharandt oder nach
-Kipsdorf und Frauenstein zu. Den Abstieg nach Deuben nehme man aber
-auch am Tage nicht abseits der Wege, denn der Steilabhang nach Westen
-zu ist zum Teil von alten Bergwerksgängen durchzogen, die dichtes Laub
-manchmal völlig überdeckt. Bei Dunkelheit oder Schnee zumal würde es
-dem Wanderer leicht schlechter ergehen können, als Görge dem Fiedler,
-der im Windberge den Zwergen einst zum Tanz aufspielen mußte und
-dafür die ersten Kohlen erhielt, die sich ihm – wir können es so gut
-verstehen – in Gold verwandelten.
-
-[Illustration: Abb. 4 =Im Buchenwald des Windberges=]
-
-Die Mittagstunde ist unterdes herangekommen. Danach wandern wir noch
-von Deuben über Hainsberg-Coßmannsdorf auf Pfaden, die jeder selbst
-sich suchen mag, auf jene friedvolle Hochfläche hinauf, auf der, wie
-auf einer Insel von einigen Kilometern Durchmesser, fast allenthalben
-von tiefeingeschnittenen Tälern umgeben, ein stilles Bauerndorf so
-zeitlos um sein feinbehelmtes Gotteshaus sich lagert, wie nur irgendwo
-in Franken oder Schwaben. Wir treten still in die Kirche mit ihrer seit
-zwei Jahrhunderten fast unversehrten, ganz einheitlichen Ausstattung.
-Nur siebzehn Pastoren hat sie in fast vierhundert Jahren gehabt.
-Und der kluge Totengräber, der mit viel richtigem Gefühl die alten
-Heiligenfiguren aus katholischer Zeit seiner Kirche aus dem lehrreichen
-Museum im Großen Garten zurückwünscht, hat wohl auf dem Friedhofe
-allein mit der eindrucksvollen dichten einen Reihe Lebensbäumen ringsum
-nicht allzuviel zu tun, die Toten so tief unter die Erde zu betten, wie
-sie sich im Leben _über_ sie erhoben haben. Ja früher, als noch nicht
-Coßmannsdorf eigene Parochie war, da gab es für den Totenbettmeister
-mehr zu schaffen, zumal als 1869 die vierhundert Bergknappen in den
-Windberg zur letzten Schicht gefahren waren und so mancher von den
-Verunglückten im Lederwams auch hier oben in _Somsdorf_ seine Ruhe fand.
-
-Aber allmählich weht der Abendwind kühler von Westen, wo schon die
-zackige Linie des Tharandter Forstes schwarz gegen den im letzten
-Abendschein grell gelben Himmel steht. Noch eine kurze Rast im
-behäbigen Erblehngericht von 1695 und eine halbe Stunde sanftes
-Abwärtsschreiten über die Hochfläche erst, dann am Berghange, in dessen
-hohen Fichten schon die Käuzchen sich ernst und leidenschaftlich
-suchen, dann nimmt uns mit einbrechender Mondnacht das anheimelnde
-Gewirr der alten stillen Straßen des leise einschlummernden Tharandt
-auf.
-
-
-
-
-Wanderbilder aus den Grenzgebieten der Oberlausitz und Nordböhmens
-
-Vom Architekten Professor _Richard Michel_, Görlitz
-
-
-5. Von Zittau zur Bertsdorfer Kirche[8]
-
-Das mächtig aufsteigende Werk des genialen Friedrich Schinkel,
-die Westfront der Johanniskirche, im Rücken lassend, entlang der
-engen Weberstraße, vorüber an einigen der besten alten bürgerlichen
-Prachtbauten des »Zittauer Barocks« und an der mittelalterlichen,
-ehedem unter freundlich rotem Ziegeldach dreinschauenden »Weberkirche«,
-durch die »Webervorstadt« und »Alte Burggasse« wandernd, gelangt man
-bald hinter der einstmaligen Burgmühle auf »Altzittaus Gründungsstätte«
-mit dem Burgberg und dem Burgteich.
-
-Schutzdämme mit kraftvoll aufragenden knorrigen deutschen Eichen
-umsäumen Matten und Gehege in der zwischen Mandau und Burgmühlgraben
-gelegenen Umgebung dieses historischen Winkels, der im Laufe der
-letzten Jahrzehnte zu einer anziehenden Hainanlage ausgebildet worden
-ist.
-
- »Hier entstand Zittau«
-
-so lautet die Inschrift des Denksteins auf dem Burghügel zur
-Kennzeichnung der Stelle, auf welcher im dreizehnten Jahrhundert
-wahrscheinlich die erste Schutz- und Wehrstätte burgartig angelegt
-wurde.
-
-Vom vorderen Burgdamm, nächst der Mandau, zeigt sich dem Auge ein
-schönes Landschaftsbild, das die geschlossene Kette des Iser-,
-Jeschken- und Lausitzer Gebirges mit feiner Linie segmentförmig als
-Hintergrund säumt. Tafelfichte, Jeschken, Hochwald und Lausche treten
-klar in den ihnen eigenen Formen hervor.
-
-Im Mittelgrund, hinter dem Mandauufergelände mit den aufsteigenden
-Wiesenhängen erhebt sich links die Olbersdorfer, rechts die Hörnitzer
-Kirche, dazwischen, hinter entfernter liegenden Geländewellen der
-weißleuchtende Turm der Bertsdorfer Kirche, als ein seit altersher dem
-Wanderer entgegenwinkendes, weithin sichtbares Wahrzeichen.
-
-Vom westlichen Dammende, welches eine mächtige alte Eiche schützt und
-schirmt – eine Reckin ihrer Edelart, – um deren Fuß ihres etwa 1,75
-Meter im Durchmesser starken Stammes eine holzgezimmerte Bank den
-Wanderer zur Rast einladet, führt der Weg weiter am Mühlgraben-Stauwehr
-vorüber über die steinerne Mandaubrücke nach Hörnitz. Hier, das durch
-ein Turmpaar flankierte, giebelreiche, massig gedrungene Althörnitzer
-Schloß. Ein vom kunstsinnigen Zittauer Bürgermeister Hartig
-1651–1654 errichtetes Baudenkmal hervorragender Art der deutschen
-Spätrenaissance, das sich auszeichnet durch Verhältniskunst und
-wuchtende Massenwirkung, wie solche hier besonders die Südseite zeigt.
-
-Beim Anschauen des gesamten Schloßbereiches mit dem Park und Gutshofe
-versenken sich die Gedanken in die alte Bauweise, in das Großzügige
-des Baugeistes vergangener Geschlechter, unter welchen die Gestaltung
-solcher einheitlicher Baugruppen in der Landschaft, mit den Elementen
-dieser, so durchgeführt werden konnte.
-
-Großartig eindrucksvoll wirkt beispielsweise das durch wunderlich
-verzweigtes Geäst und feines graugrün schillerndes Laub der mächtigen
-Kronen zweier Silberpappeln gezierte Einfahrtstor des Schloßguthofes.
-
-Dem Baugeist einer hundert Jahre späteren Zeit verdankt das unweit
-entfernte ehemalige Neuhörnitzer Schloß, das der Zittauer Kaufmann
-Gottfried Hering 1751 errichten ließ, seine gute Gestaltung.
-
-Der zwischen beiden schloßherrlichen Anlagen liegende, Alt- und
-Neuhörnitz trennende wohl älteste Ortsteil »Wall« genannt, gleicht
-der Anlage einer Wasserburg kleinsten Maßstabes. Ein noch teilweise
-vorhandener, durch Quellwasser gespeister Wassergraben umgibt eine auf
-kleiner Insel liegende Wohnstätte. Die in unmittelbarer Nähe rundherum
-errichteten alten kleinen Fachwerkhäuschen ergänzen die eigenartige
-Anlage, deren Entstehung mutmaßlich mit der der Zittauer Burgbergwarte
-erfolgt sein mag in grauer Vorzeit.
-
-Von der von Hörnitz nach Bertsdorf ansteigenden, über einen
-Geländesattel führenden Landstraße sieht man, nah und fern, rundum
-in eine liebliche, wechselreich geformte Landschaft – ein Mosaik von
-zahlreichen Ortschaften des östlichsten Sachsenlandes mit dem schönen
-Stadtbild Zittaus.
-
-Über dem Sattel, an der Straßensenkung, beginnt einladend der Anfang
-der hier versteckt in der Dorfbachmulde eingebetteten Ortschaft
-Bertsdorf, die sich in der Richtung zur Lausche, welche zwischen den
-Höhen des Jonsberges und Breitenberges den Hintergrund füllt, hinzieht,
-und allmählich im Gelände hervortretend, hinaufführt bis an den Fuß des
-Pocheberges.
-
-Zu beiden Seiten des klar dahinrieselnden Dorfbaches und der Straße,
-sowie an und auf Wiesenhängen bauen sich mannigfach in alter Bauart
-die Wohnstätten des Häuslers, Webers, Handwerkers, Kleinbauern und
-die Gebäudemassen ansehnlicher Gutshöfe auf, mit verschiedenartigen,
-alterhaltenen Gefach-, Ständer-, Riegel-, Bretterwerk und Umgebinden,
-mit großflächigen, nur durch Dachluken und die Esse belebten Stroh- und
-Ziegeldächern, an deren Traufen vielerseits die Holzrinne sich zeigt.
-Steinerne Haustürstöcke mit manchem eigenen Schmuck und sonstigem
-Überbleibsel guter, sinniger Kleinkunst ausgestattet, sowie die im
-Pfarrhause gut erhalten gebliebene alte Bemalung einer Holzdecke, legen
-Zeugnis ab vom Können der vormals volkskünstlerisch tätig gewesenen
-Kräfte.
-
-Über den Bach sich wölbende alte Quadersteinbrücken verleihen
-ihrer Umgebung idyllisch-malerische Reize. Die schiefwinklige
-Straßenbrückenanlage am Kirchgeländefuße mit zinnenartiger
-Brustwehrkrone, die einzelnen oberlausitzer Brücken solcher Art
-eigentümlich ist, möge als ein nachahmenswertes Beispiel besonders
-erwähnt sein. An dieser Steinbrücke ist eingemeißelt die Jahreszahl
-1812.
-
-[Illustration]
-
-Abseits vom Großindustrieleben atmet man hier gut bäuerliche Luft. Noch
-ist der Ort verschont geblieben von groben baulichen Verunstaltungen
-hochbaulicher Art. Bäuerlich-landbürgerlicher Sinn waltet und schafft
-hier vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht Arbeitszeitgesetzen,
-sondern dem Zeitweiser der Natur gehorchend.
-
-Mitten im Ort – frei und hoch über dem Bett des Baches – steht die
-Kirche auf uralter, zur Verehrung göttlicher Allmacht geweihter Stätte,
-umgeben von ihrem umwehrten Kirchhofe, dessen grünberankte Mauern alte
-Denkmalskunst bergen.
-
-Sie ist nicht als Werk einer »Ichkunst«, als ein Fremdkörper in
-die Umgebung »hineingesetzt«, sondern wächst in ihrer schlichten,
-maßvollen Bauart aus ihr heraus[9], als ein weiß verputzter, unter
-rotem Ziegeldach geschützter Bau mit markigem Turm, dessen ebenso
-bedachte Kuppelhaube bekrönt wird durch die grün und weiß gestrichene,
-formenreichere, offene Laterne, Haubenspitze und Wetterfahne mit der
-die Bauzeit kündenden Jahreszahl 1674.
-
-So bildet auch hier die Kirche mit dem benachbarten alten Pfarrhause,
-den Bauernhäusern, Gartengehegen, dem Dorfbach, Strauch- und
-Baumbestand und der Straße eines jener uns lieben Dorfbilder, wie
-solche sich allerwärts in unseren sauberen oberlausitzer Ortschaften
-der erfreulichen Anschauung darbieten.
-
-Die Bauanlage der, an Stelle eines durch Blitzschlag eingeäscherten
-Gotteshauses, um 1675 erbauten Kirche, übte vorbildlichen Einfluß aus
-auf die Gestaltung der später erbauten Kirchen in den benachbarten
-Ortschaften Hainewalde, Spitzkunnersdorf, Niederoderwitz und Eibau.
-
-Das meisterliche Werk ist der verkörperte Ausdruck des Widerwillens
-gegen eine kleinliche Zerklüftung der Baumasse – ist ein Werk
-großzügiger Geschlossenheit, ein Beispiel, sprechend für die schlichte
-Eigenart des kernigen oberlausitzer Landbürgers, der nichtssagenden
-Äußerlichkeiten abgeneigt, solche Einfachheit schätzt, hegt und liebt.
-
-Im Gegensatz zu dem fast nüchternen Äußeren, verbirgt sich hinter
-diesem das mit sicherem Können und edlem Geschmack gestaltete, mit
-Altar, Kanzel, Orgel und Lichtkronen kunstvoll ausgestattete Innere,
-dessen feierlich ruhige Gesamtwirkung durch eine erneuerte, sehr
-feinsinnige Farbengebung in weiß, grün und gold wohltuend gesteigert
-wird. Ein würde- und eindrucksvolles Ganzes ist es – ein anziehendes
-Herz der Kirchgemeinde.
-
-
-Wanderers Wunschgedanken
-
-Das Innere solcher schönen Landkirchen sollte man, wie es bei
-katholischen Kirchen meist üblich ist, durch Offenhalten einer Pforte
-in eine _gesteigerte, lebensvolle Verbindung_ bringen, nicht nur für
-Glieder der Gemeinde, sondern auch für von fremdher kommende Freunde
-der Natur und Kunst, zum Erleben frei erwählter Ruhe- oder Weihestunden.
-
-Deshalb möchten dem Wunsche derer, die vom Alltagsleben abgesondert, in
-frischfreier Natur auf friedvoller Stätte ein Kircheninneres betreten
-wollen – zum weilen und ruhen – keine Schranken entgegenstehen.
-
-Sollte nicht so manches Glied der Gemeinde – wenn der rechte Zeitpunkt
-hierzu gekommen – das Verlangen haben, auch im Alltagsgewand den
-Raum der Kirche zu betreten, zum Verbringen einer stillen Stunde,
-zum Nachsinnen – zur eigenen Erbauung des inneren Menschen? – zur
-Wachrufung sich vernebelnder Erinnerungen? – – –
-
-Es ändern die Zeiten die Wohnstätten, das Dorf und seine Bewohner, –
-Häuser alter Urahnen und Ahnen lassen sie verschwinden. –
-
-Hier und da birgt das altehrwürdige Gotteshaus _die hohen Werte
-urväterlicher Schaffenslust und kunstfröhlicher Gestaltungskraft_.
-Diese Werte und ihre Entstehungszeiten sprechen zu uns in einer so
-treuherzigen, wahren Art, daß wir vermeinen mit Urahnen und Ahnen
-wieder verbunden zu sein. Ihre stumme Sprache bedingt eine feierliche
-Ruhe, um all die lieben Erinnerungen ernster und freudiger Art auslösen
-zu können für so manchen, dessen Werdegang von der Taufe bis ins hohe
-Alter mit dieser Stätte, diesem Raum, in enger Verbindung gestanden
-hat. – – –
-
-Je nach Herzens- und Gemütsstimmung dürfte jenen und anderen die
-_unverschlossene Gotteshalle_ Anlaß bieten, eine besondere Feierstunde
-in ihr zu erleben.
-
-Und wenn zur rechten Abendstunde aus dem offenen Kirchenherzen der
-Orgel entströmende volkstümliche Weisen dringen könnten, hinab in den
-Ort, weit in das Land – – – – – so manches Menschenkind würde – bewußt
-oder unbewußt – dann solcher Töne lauschen oder angeregt durch deren
-Macht, mitsingen, – sein Sinnen aufwärts lenken, himmelan.
-
- * * * * *
-
-_Nachsatz._ Die einfache, schöne Bertsdorfer Gotteshausanlage,
-deren spitzbogige Maßwerkfenster als Nachklänge des Mittelalters in
-romantische Harmonie treten mit dem barocken Einschlag der Altar-
-und Kanzelformung, und deren Urheberschaft wahrscheinlich zu danken
-ist dem genialen, vielseitig tätig gewesenen Dresdner kurfürstlichen
-Hofarchitekten Wolf Caspar von Klengel, erhebt dieses Werk zu einem
-Bindeglied der Reihe hochbedeutender Bauschöpfungen jener Zeit, die
-unter Klengels Leitung zur Ausführung kamen, beziehentlich begonnen
-wurden.
-
-Diese Bauepoche, während welcher unter anderen die erste Anlage des
-Großen Gartens und der Bau des darin gelegenen prächtigen Lustschlosses
-erfolgte, zeitigt im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts den
-Anfang zu den baukünstlerischen Großtaten in Dresden und diejenige
-Baukultur in der Oberlausitz, der wir die bedeutenden Werke des
-»Zittauer Barocks« in der Hausbau- und Denkmalkunst verdanken und die
-fortlebte bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts.
-
-Mit dem Beginn einer einsetzenden schulmäßigen Ausbildung Bauberufener
-in fernliegenden Großstädten, verlor die örtliche altmeisterliche
-Kunstübung ihre Kraft und Eigenheit, bis sie schließlich unterging
-in den Wellen neuer Zeit- und Kunstströmungen, welche zu neuem Leben
-erweckten die »klassischen Künste«, in deren strengem Geiste nach
-Friedrich Schinkels Plänen als Umbau errichtet und vollendet wurde die
-1837 geweihte
-
- St. Johanniskirche in Zittau.
-
-
-6. Von der Bertsdorfer Kirche nach Oybin[10]
-
-Von der Bertsdorfer Kirche führen strahlenförmig Straßen-, Feld- und
-Waldwege in die Ortschaften, Waldungen und auf die Höhen des nahen
-Zittauer Gebirges. Ein aussichtsreicher, prächtige Blicke in das
-sich um Zittau weitende Landschaftsbild gewährender Weg, führt am
-idyllisch gelegenen Hungerbrunnen vorüber, zur Leipaer Straße und durch
-die Katzenkerbe nach Oybin. Auf der Höhe, hinter der Katzenkerbe,
-entfaltet sich ein überraschend schönes Gegenbild. Es zeigt das
-den Oybiner Kessel rahmende Gebirge mit dem Hochwald und den im
-Mittelgrunde aufgetürmten Sandstein-Quaderberg Oybin.
-
-[Illustration: =Oybiner Klosterruine=
-
-Nach Originalzeichnung von Prof. R. Michel, Görlitz]
-
-Vielbesungene, sagenumwobene Ruinen krönen das Kleinod des Gebirges. In
-ganz eigener Schönheit, von Waldesgründen umgeben, liegt es, friedvoll
-eingebettet, vor des Wanderers Augen.
-
-Doch am eindruckvollsten sind die Durchblicke, die aus Waldestiefen
-die hochthronenden, waldumsäumten Ruinen im Morgen- oder Abendglanz
-erscheinen lassen.
-
- Im Anblick des verfallenen Klosters,
- hoch oben, über Felsenhängen, –
- im stillen Frieden der Natur, in der
- sich Gott- und Menschenwerk so
- wunderbar zusammen eint, –
- im Anblick dieser Gottesburgruinen
- andächtig weilend, schweigend sinnend,
- bis Dämmerung sie umgibt und
- letzte Sonnenblicke ihre Zinnen scheidend grüßen, –
- welch deutsches Herz – vom Zauber
- solcher Herrlichkeit umfangen, –
- ergreift hier nicht das Sehnen und
- Verlangen nach einem neuen
- Morgengrauen – dem Aufgang
- neuer deutscher Herrlichkeit in
- volkseigener Kunst – in deutscher
- Gotteswelt und deutscher Freiheit? –
-
- Anmerkung: Baugeschichtliche Daten nach: Gurlitt, Beschreibende
- Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens. 29.
- Heft. Amtshauptmannschaft Zittau.
-
-
-Fußnoten:
-
- [8] Nr. 1 siehe Heft 11/12, Band V, 1916, Seite 347. Nr. 2 und
- 3 siehe Heft 4/6, Band VIII, 1919, Seite 75. Nr. 4 siehe
- Heft 1/3, Band IX, Seite 13.
-
- [9] Vergleiche Band IX, Heft 1–3, Seite 13, Wanderbild 4. –
- Die Wieser Kirche unweit Seidenberg O.-L. – Hierbei sei
- bemerkt, daß der böhmische Grenzort nicht Wiesa, sondern
- Wiese heißt.
-
- [10] Der _Klosterbau_ erfolgte im Zeitraume 1366–1384,
- dient seiner Zweckbestimmung bis 1559, in welchem Jahre
- der letzte Mönch das Kloster verläßt, wird 1577 durch
- Blitzschlag und Brand zur Ruine.
-
-
-
-
-Volkslieder der Sächsischen Oberlausitz
-
-Von _Friedrich Sieber_, Krostau bei Schirgiswalde
-
-
-Vor einigen Jahren habe ich versucht, in einer Anzahl Ortschaften der
-Sächsischen Oberlausitz den noch vorhandenen Schatz an Volksliedern
-festzustellen. Ich bin nicht als Wandervogel durchs Land gezogen,
-der mit glücklicher Hand da ein Liedlein fing, dort ein anderes. Als
-geborener »Edelroller« war ich in den Ortschaften meist beruflich
-tätig. Mit Alter und Jugend sang ich. Mancherlei Beobachtungen habe ich
-dabei anstellen können.
-
-Es ist deutlich wahrnehmbar, daß der Schatz der von Ohr zu Ohr
-überlieferten Lieder rasch im Abnehmen begriffen ist. Die Jugend kennt
-etwa nur noch die knappe Hälfte der Lieder, die in gleichen Ortschaften
-dem Alter vertraut sind. Dieses ungefähre Zahlenverhältnis gilt vor
-allem für bäuerliche Siedelungen. In rein industriell tätigen Gebieten
-ist die Liedüberlieferung viel mangelhafter. Nicht so ungünstig ist
-sie meiner Beobachtung nach in Ortschaften, die zwar überwiegend mit
-Industriearbeitern bevölkert sind, die aber auswärts zur Fabrik gehen.
-Seßhaftigkeit in vererbten Häuschen und gemeinsamer Fabrikweg können
-die Tatsache erklären.
-
-Wer singt in den Dörfern die Volkslieder? Stellen sie ein Erbgut
-dar, allen Bewohnern einer Landschaft gleicherweise vertraut? Nein,
-die Zeiten der Gebundenheit aller an überlieferte Volkswerte sind
-auch in der Oberlausitz im Entschwinden. Das Volkslied hat sich
-aus breiter Öffentlichkeit zurückgezogen. Die größte Anzahl der
-Männer beachtet es kaum. Frauen sind seine Hüterinnen geworden. In
-überwiegender Weise ist es ein ganz bestimmter Typus der Frau des
-Volkes, die das überlieferte Volkslied hegt. Sie ist intellektuell
-gut veranlagt, sie hat Charaktereigenschaften, die sie zur Hausfrau
-und Mutter vorzüglich befähigen, sie ist stimmbegabt und meist mit
-sicherem musikalischen Gehör ausgestattet. Die Stuben, in denen von
-den Ahnen überlieferte Lieder gesungen werden, sind meistens blank und
-glänzend. In polnischen Wirtschaften habe ich fast nie alte Lieder
-singen hören. Bei gemeinsamer Winterarbeit (Federnschleißen) oder
-an weichen Sommerabenden auf der Bank vor dem Hause, da tritt das
-Volkslied aus seiner Verborgenheit. Die oben geschilderten Frauen sind
-die Vorsängerinnen, sie können Text und Melodie. Unter ihrer sichern
-Führung tauchen Bruchstücke in anderen auf, zagend fallen sie ein, und
-die getragenen Weisen lassen vergangene Welten wiedererstehen.
-
-Doch ehe wir die Lieder einer Betrachtung unterziehen, die hier als
-Volkslieder bezeichnet werden, wollen wir uns über den Umfang des
-Begriffs verständigen. Ich habe in meine Sammelarbeit nicht mit
-einbezogen:
-
- 1. Lieder, die durch Schulpflege lebendig bleiben oder
- geblieben sind;
-
- 2. Lieder, die zum Sangesschatz der Gesangvereine gehören;
-
- 3. Lieder, die durch Wandervögel und ähnliche Bewegungen
- wieder in Umlauf gekommen sind;
-
- 4. Selbstverständlich alle modernen Schlager, mit denen
- gegenwärtig der allergrößte Teil der Sangeslust bestritten
- wird.
-
-Die Lieder, die abgesehen von den in eins bis vier aufgezählten Arten
-noch im Volke lebendig sind, die allein wollen wir einer näheren
-Prüfung unterziehen. Ich habe ein reichliches halbes Hundert derartiger
-Lieder aufgezeichnet. Ich will einige von denen mitteilen, die meines
-Wissens nach noch nicht in Sammlungen veröffentlicht sind.
-
-Am zahlreichsten ist das Liebeslied vertreten. Unter ihnen ist die
-Ich-Form häufig. Da singt ein Mädchen:
-
- Der Vetter Michel liebet mich
- Mit deutscher Redlichkeit,
- Und wie er liebt, liebt sicherlich
- Kein Bauer weit und breit.
-
- Geht er ins Holz, ich bin schon da,
- Er gibt mir Käs’ und Brot.
- Er fällt das Reis’g, ich bind’s zusamm’,
- Wir küssen uns halbtot.
-
- Wenn nun der liebe Sonntag kommt
- Da gehen wir zum Tanz,
- Da springen wir, wer weiß wie sehr,
- Und trinken frisches Bier.
-
- Wenn nun der Tanz ist ausgetanzt
- Da gehen wir zu Haus.
- Da führt der liebe Michel mich
- In Lust und Freud nach Haus.
-
- (Wittgendorf bei Zittau.)
-
-Das folgende Lied bricht an der spannendsten Stelle ab. Eine andre, mit
-der ersten gar nicht zusammenhängende Erzählung beginnt. Dadurch wird
-eine geradezu ausgezeichnete Wirkung erzielt:
-
- Wenn ich gleich kein’ Schatz mehr hab’, ’s wird sich einer finden.
- Ging das Gäßlein auf und ab, kam bis zu der Linden,
- Als ich zu der Linden kam, stand mein Schatz daneben.
- Grüß dich Gott, herztausiger Schatz, bist denn du gewesen?
- Bin gewesen im fremden Land, hab’ viel Neues erfahren.
- Was du Neues erfahren hast, kannst du mir wohl sagen.
- Hab’ erfahren dies und das, wünsch’ bei dir zu schlafen.
- Schlafen kannst du wohl bei mir, aber nur in Ehren.
- Ob es wird in Ehren sein, müssen wir erst sehen.
- Zwischen Berg und tiefem Tal saßen einst zwei Hasen.
- Fraßen ab das grüne Gras, ja, bis auf den Rasen.
- Da sie sich satt gefressen hatten, setzten sie sich nieder.
- Warten bis der Jäger kommt, der schießt sie darnieder.
-
- (Friedersdorf bei Zittau.)
-
-Auch das Motiv, das in dem bekannten schwäbischen Lied: Jetzt gang
-i ans Brünnele, behandelt wird, fehlt unsern heimischen Liedern
-nicht. Meinem Empfinden nach ist es in mindestens ebenbürtiger Form
-dargestellt.
-
- Ich ging wohl durch einen gar so lustigen Wald,
- Und da kam ich zu ’nem Börnlein und das war so kalt.
-
- Ich setzte mich nieder um eine kleine Ruh’,
- Ich hörte den schönen Singvögelein zu.
-
- Ich hörte so lange, bis daß es mich verdroß,
- Und da fielen zwei Röslein auf meinen Schoß.
-
- Und die Röslein, die waren von Golde so rut,
- Junge Mädchen, die haben einen stolzen Mut.
-
- Ich ging wohl in ein Wirtshaus, ich tanzt aber nicht.
- Ich suchte mein schön’ Schätzchen, ich fand’s aber nicht.
-
- Ich suchte in der Stube, ich suchte in dem Haus;
- Ei, da stand mein schön’ Schätzchen und lachte mich aus.
-
- Ei lache, immer lache, es wird dich schon gereu’n,
- Wenn ich werd’ bei ’nem andern schönern Schätzchen sein.
-
- (Dittelsdorf, Friedersdorf bei Zittau.)
-
-Ein Totenlied, rührend in seiner tiefempfundenen Schlichtheit, lautet
-folgendermaßen:
-
- Bei mir ist Spiel und Tanz vorbei, das Lachen ist vorüber,
- Ich hasse Lieder und Schalmei, und Klagen sind mir lieber.
-
- Ach Gott, wer hätte das gedacht, als ich sie dankbar küßte,
- Daß ich so bald die grüne Tracht in Schwarz verwandeln müßte.
-
- Geduldig war sie wie ein Lamm, tat niemand was zu Leide,
- Sie war so fromm, so tugendsam, zu aller Menschen Freude.
-
- Und wenn sie kam, da konnte man die Blicke nicht vertragen,
- Und wenn sie lachte, mußte man die Augen niederschlagen.
-
- (Wittgendorf.)
-
-Eine Totenklage ist auch das Lied, das in dem bekannten
-Volksliederbande der Blauen Bücher (Karl Robert, Langenwiesche: Von
-Rosen ein Krentzelein) unter der Überschrift: »Der Trauernde« (21.–30.
-Tausend, S. 96) abgedruckt ist. Die von mir aufgezeichnete Lesart ist
-ausführlicher, verrät aber in einigen dialektischen Wendungen noch den
-süddeutschen Ursprung.
-
-Die alte Weisheit des Nibelungenliedes: ~als ie diu liebe leide z’aller
-jungeste gît~, wird lebendig in dem Abschiedsgespräch zwischen einem
-Burschen, der wandern will, und seinem Mädchen:
-
- Des Sonntags, des Montags in aller Still
- Kam eine traurige Botschaft zu mir:
- Dieweil ich von mein’m Schätzchen hat Abschied genomm’n,
- Da sollt ich nur noch einmal zu ihr komm’n.
-
- Als ich die Gasse herunterkam,
- Sah ich mein Feinsliebchen an der Haustür stahn.
- Sie winkt mir mit dem Äugelein, sie scharrte mit dem Fuß,
- Sie aber wußt es nicht, daß ich wandern muß.
-
- Als ich zu ihr gekommen war,
- Sagt sie zu mir in aller, aller Still:
- Ich sollt’ sie nicht verlassen in aller ihrer Not,
- Ich sollt’ sie treulich lieben bis in den Tod.
-
- Sie an mein schneeweißes Angesicht.
- Wie mich die große Liebe hat zugericht.
- Kein Feuer auf der Erde brennt nimmermehr so heiß,
- Als die verborg’ne Liebe, die niemand nicht weiß.
-
- In Trauern muß ich schlafen geh’n,
- In Trauern muß ich wiederum aufersteh’n;
- In lauter Traurigkeit verbring ich meine Zeit,
- Dieweil ich nicht darf lieben, was mir mein Herz erfreut.
-
- Geht dir’s wohl, so gedenk’ an mich,
- Geht dir’s aber traurig, so kränket es mich.
- Vom Herzen bin ich froh, wenn’s mir und dir wohl geht,
- Obgleich mein junges Leben in Trauern steht.
-
- (Wittgendorf.)
-
-Häufig wird in den Liebesliedern die Ich-Form aufgegeben. Der
-Liebesstoff wird balladenartig behandelt. Als ein Übergang zu dieser
-Form kann folgendes Lied angesehen werden:
-
- Warum bist du denn immer so traurig? Weil alles über mich geht.
- Drum laß ich den lieben Gott walten, der alles am besten versteht.
-
- So schön wie eine Rose, die fein am Stengel dort steht,
- So schön ist auch ein jung’ Mädel, wenn es im Grünkränzel geht.
-
- So falsch wie eine Schlange, die auf der Erde rumkriecht,
- So falsch ist ein Junggeselle, wenn er sein Mädel verführt.
-
- Und wenn er sie verführet hat, auf off’ner Straß’ läßt er sie
- steh’n,
- Da denkt sie in ihrem Herzen, wo soll ich nun weiter hingehn?
-
- Der Apfel ist schön rosenrot, schwarze Körner sind darin.
- Und wenn der Bursch geboren wird, trägt er einen falschen Sinn.
-
- Ein falscher Sinn, ein froher Mut, das ist der Burschen Gebrauch,
- Drum gibt es so viele in Friedersdorf, die lieben die Falschheit
- auch.
-
- (Friedersdorf.)
-
-In vielen Liedern treten dramatische und epische Bestandteile neben den
-lyrischen stärker hervor. Mehr oder weniger reine Balladen entstehen.
-Dazu gehört das schon von Herder im Elsaß aufgezeichnete Lied vom
-Grafen: »Ich stand auf hohem Berge«, das mit geringen Abweichungen in
-der ganzen Lausitz verbreitet ist, ferner das Lied: »Es war einst eine
-Jüdin«, das in etwas umgestalteter Weise den Stoff der Königskinder
-behandelt und nach der Weise des Grafenliedes gesungen wird. Eine andre
-Ballade, die mit dem so sehr beliebten Anfang anhebt: »Es stand ein’
-Lind’ im tiefen Tal, ist oben breit und unten schmal«, an den sich
-aber wenigstens drei verschiedene Lieder anschließen, die inhaltlich
-kaum etwas Gemeinsames haben, enthält einen schönen Liebesgruß, der
-schon seit dem Ruodlieb (1030) eine beliebte Gedichtform darstellt. Das
-Mädchen schickt mit dem Boten an ihren Liebsten, der sie vermeintlich
-verlassen hat, folgende Wünsche:
-
- Ich wünsch’ ihm so viel Wohlergehn, als so viel Stern am Himmel
- steh’n.
- Ich wünsch’ ihm so viel Hochzeitsgäst, als in dem Wald sind grüne
- Äst.
- Ich wünsch’ ihm so viel Herzeleid, als so viel Sand am Meere leit.
-
-Eine stark abweichende Lesart der Ballade ist bei Uhland enthalten
-(Nr. 116). Das alte Balladenmotiv des verwundeten Burschen, der in
-den Armen der Geliebten stirbt, wird behandelt in dem auch anderwärts
-aufgezeichneten Liede: »Es wollt’ ein Mädchen früh aufsteh’n«, dessen
-dunkle Melodie in hervorragender Weise dem schwermütigen Stoff angepaßt
-ist. Knapp, rasch fortschreitend ist die Ballade vom Soldaten, der aus
-dem Kriege zurückkehrt:
-
- Was kann mich denn schöner erfreuen, ju, ja erfreuen,
- Als wenn der Sommer angeht.
- Es blühen die Rosen im Garten, ju, ja im Garten,
- Soldaten marschieren ins Feld.
-
- Und als ich in das fremde Land Österreich kam,
- Da gedacht ich gleich wieder nach Haus.
- Als ich dann wieder nach Hause kam,
- Feinsliebchen stand an der Tür.
- »Gott grüß’ dich, du Hübsche, du Feine,
- Vom Herzen gefällst du ja mir.«
- »Ich brauch’ dir ja nicht zu gefallen,
- Ich hab’ schon längst einen Mann.
- Einen hübschen, einen feinen, einen reichen,
- Der mich ernähren kann.«
- Was zog er aus seiner Tasche?
- Ein Messer, ’s war scharf und gespitzt.
- Er stach’s dem Feinsliebchen ins Herze,
- Das rote Blut gegen ihn spritzt.
- Und als nun das Mädchen gestorben war,
- Da grub man ihr ein Grab
- In ihres Großvaters Lustgarten,
- Wo Rosen und Rosmarin steh’n.
- Ihr Mädchen und Junggesellen,
- Nehmt euch ein Beispiel daran.
-
- (Schönbach bei Löbau.)
-
-Es ist ganz zweifellos, daß dem erwähnten Heereszuge nach Österreich
-ein bestimmtes historisches Ereignis zugrunde liegt. In manchen
-Liedern tritt das Historische stark hervor. Die Ballade wird zum
-historischen oder politischen Lied. Ich habe in der Lausitz noch
-lebendig gefunden das Lied über den Feldzug Napoleons I. nach Rußland:
-»Napoleon, du Schustergeselle«, weiterhin ein Lied, das den Krieg
-von 1870 zum Hintergrund hat: »Im Städtchen zu Baden da steht ein
-Haus«, das aber dem bekannten Sedanliede: »Bei Sedan auf den Höhen«,
-an Wert nachsteht. Das Interessanteste dieser Gattung ist das über
-einen großen Teil Europas verbreitete Marlboroughlied, durch dessen
-Wortprägung und Wortbindung gedämpft der vornehme Glanz hochadligen
-Hintergrundes leuchtet. Dieses Marlboroughlied hat in der Oberlausitz
-ein eigenartiges Schicksal gehabt. Der Eingang: »Marlborough zog zum
-Kriege«, hat sich eine kühne volksethymologische Umdeutung gefallen
-lassen müssen. Was war dem biedern Lausitzer, der sangeslustigen
-Dorfdirne, der stolze Britenherzog Marlborough? Und so begann der
-Lausitzer das Lied: »Mein Bruder zog zum Kriege«. Nun konnte nicht
-mehr Madame in die Höhe steigen, um nach den Vermißten Ausschau zu
-halten, der zu Ostern kommen wollte, sondern die Schwester tut es. Nun
-kommt nicht mehr der Page, der die Trauerbotschaft bringt, der höfisch
-und fein spricht:
-
- »Das Neue, das ich bringe, macht schöne Augen naß.
- Leg’ ab die ros’gen Kleider und deinen Blumenschmuck.
- Dein Marlbruck ist gestorben, tot und begraben schon.«
-
-Drei Burschen kommen gezogen, von Blute rot, Mitkämpfer sind sie
-gewesen. Anspruchslos und schlicht sprechen sie:
-
- »Das Neuste, das wir bringen, macht dir die Äuglein naß.
- Dein Bruder ist erschossen, ist tot und lebt nicht mehr.«
-
-Durch alle diese folgerichtigen Änderungen ist die Handlung der Ballade
-aus der großen Welt in den engen Kreis des Volkes verpflanzt worden,
-ohne etwas von ihrer Tragik zu verlieren.
-
-Aber nicht nur harte politische Tatsachen haben im Volkslied ihren
-Niederschlag gefunden. Viele von ihnen sind vom kulturhistorischen
-Gesichtspunkt aus aufs höchste belehrend. Vor allem fesselt den
-Literarhistoriker manch seltsames Lied, das unter dem Namen Volkslied
-durchschlüpfen will, weil es vom Volke gesungen wird. Das echte
-Volkslied, das wurzelhaft dem Volke entwachsen ist, zeigt eigentümliche
-Merkmale, die ihm einen wundersamen, unnachahmlichen Zauber verleihen.
-Das Volk, das solche Lieder hervorbringt, ist gleichsam eine ungeheure,
-sich selbst unbewußte Individualität, von einer mächtigen Lebensform
-beherrscht, die in seinen Gestaltungen nach Ausdruck ringt. Je näher
-wir der neueren Zeit rücken, desto fühlbarer zerbricht der Kosmos Volk.
-Gruppen und Einzelwesen entreißen sich seinem magischen Banne. Neben
-die Dichtung des Gesamtvolkes tritt die Dichtung der schöpferischen
-Persönlichkeit. Aber in allen gesunden Zeiten besteht eine starke,
-untergründige Verbindung zwischen Volk und Persönlichkeit. Beide hängen
-zusammen wie Mutter und ungestümes Kind. Eins steigert das Wesen des
-andern. Wieder eine solche reine Verschränkung zwischen Volk und
-Einzelwesen entstehen zu sehen, ist unser aller Sehnsucht; denn seit
-Beginn der neuesten Zeit ist die Lebensform Volk in Millionen Atome
-zersplittert. Jedes Glied der einstigen Gemeinschaft hat das Recht
-betontester Einzelexistenz an sich gerissen. Die Folge dieses Vorgangs
-ist auf künstlerischem Gebiet die Zerstäubung jedes Stilgefühls. In
-Zeiten tiefer Bindungen wird der Mensch in einen Stil hineingeboren,
-dessen Träger das Gesamtvolk ist. Nach Zertrümmerung des tragenden
-Mutterschoßes wird Stil zu einer Aufgabe, die jeder im individuellen
-Leben in zuchtvoller Arbeit lösen muß. Da dies aber nur wenig
-Begnadeten möglich ist, bleibt die Masse der Glieder eines Volkes in
-lebengestaltender Hinsicht im Chaos. Der Instinkt für angemessene Form
-ist verloren gegangen. Wahllos ist die Masse jedem Einfluß hingegeben.
-Daß dies nicht erst ein Entwicklungsergebnis der unmittelbaren
-Gegenwart ist, beweisen eine Anzahl Lieder, die deutliche Spuren
-flüchtiger Literaturmoden an sich tragen, die der bewertende Beurteiler
-mit gutem Gewissen als minderwertig bezeichnen kann. Drei Einflüsse
-dieser Art sind in einer Anzahl der von mir gesammelten Lieder deutlich
-wahrnehmbar. Zum ersten sind es die Schauerromane, die an der Wende des
-neunzehnten Jahrhunderts sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuten.
-Besonders häufig sind die Schauer des Kirchhofs verwendet worden. Dort
-finden wir während der »süßen« Geisterstunde den Liebhaber, dessen
-Mädchen starb. An der Kirchhofsmauer rauscht es. Eine weiße Gestalt
-naht, still und sanft, voller Trauer. Wilhelmine ist es. Flehend
-bittet der Liebhaber, ihn mitzunehmen in ihre Totenkammer. Aber allein
-entschwindet sie ihm. Nicht nur Stoff und Behandlungsart verraten die
-Entstehungszeit dieses Liedes. Wer sich einmal die lehrreiche Mühe
-machte, die Vornamen unsrer Vorfahren zusammenzustellen, wird finden,
-daß Wilhelmine eine ganze Zeit hindurch im ersten Teil des neunzehnten
-Jahrhunderts ein ausgesprochener Modename war. Noch ein andres
-Schauerlied möge Erwähnung finden. Es erzählt, wie ein Schlossergesell’
-nach jahrelanger Wanderschaft zu seinen Eltern, die ein Gasthaus
-haben, zurückkehrt. Der Bursche gibt sich nur seiner Schwester zu
-erkennen. Um Mitternacht ermordet der Vater, von Neugier und Habsucht
-getrieben, den unbekannten Fremdling. Dies Lied ordnet sich wichtigen
-literarhistorischen Zusammenhängen ein. Es behandelt einen ganz
-ähnlichen Stoff, wie die Tragödie ~Fatal curiosity~ des Engländers
-George Lillo, die zum Ausgangspunkt der Schicksalstragödie wurde, die
-mit Hilfe des entfesselten Geisterchors, durch entsetzliche Bluttaten
-und Verbrechen, Schauer und Entsetzen erregen wollte.
-
-Um dieselbe Zeit, als in Deutschland die Schicksalstragödien blühten,
-waren die tugend- und rührsamen Familiengeschichten des Feldpredigers
-August Heinrich Julius Lafontaine in Mode. War er doch sogar ein
-Lieblingsschriftsteller der Königin Luise. Auch dieser Einfluß ist in
-einigen Liedern deutlich nachzuweisen (z. B.: Steh ich hier am eisern
-Gitter).
-
-Mit diesen beiden Einflüssen hat auch die dritte der damals
-herrschenden Moden ihren Niederschlag in Liedern gefunden. Es ist
-die nach dem Erscheinen des Götz von Berlichingen wildwuchernde
-Ritterromantik. Deutschland wurde von Ritterdramen und Ritterromanen
-überschwemmt. Welche köstlichen unfreiwilligen Parodien entstanden, mag
-eine Probe zeigen:
-
- Eine Heldin, wohl erzogen, mit Namen Isabell,
- Die schoß mit Pfeil und Bogen, so gut wie Wilhelm Tell.
- Ein Ritter, jung an Jahren, mit Namen Eduard,
- Der sich beim Ringelspiele in sie verliebet hat
- Er gab ihr zum Geschenke, den schönsten Blumenstrauß,
- Doch nichts konnt’ sie erfreuen, sie schlug ihm alles aus.
- Er gab ihr zum Andenken, den schönsten Trudihahn,
- Doch nichts war ihr zur Freude, von ihm nahm sie nichts an.
- Fahr’ hin, du Stolze, du Spröde, dein Stolz wird dich gereu’n,
- Du wirst noch Tränen weinen, wenn ich werd’ nicht mehr sein.
- Einst ritt sie eine Strecke, als Jägerin in das Holz,
- Da saß in einer Ecke ein Bär, in Ängsten stolz.
- Gleich stieg sie von dem Pferde, das stolze, kühne Weib,
- Und schoß mit ihrem Pfeile, das Untier durch den Leib.
- Das Roß mußt ihrer warten, sie eilt von ihm zum Wild –
- Wen erblickt sie? Eduarden, in Bärenhaut gehüllt.
- Und kaum verging’n sechs Wochen, verzehrt von Gram und Schmerz,
- Begrub man ihre Knochen, zu Füßen Eduards.
-
- (Krostau.)
-
-Doch nicht mit diesen Tönen wollen wir eine Abhandlung über Volkslieder
-der Sächsischen Oberlausitz schließen. Das soll eine kurze Betrachtung
-mundartlicher Dichtungen tun. Mundartliche Lieder, die über den
-Interessenkreis eines bestimmten Dorfes (Beziehungen auf bestimmte
-Personen und Vorkommnisse) hinausgehen, sind nicht zu zahlreich.
-Ihr gemeinsames Merkmal besteht darin, daß sie fast ausnahmslos
-Scherzlieder sind. Da werden die üblichen Berufe einer scherzhaften
-Prüfung unterzogen. – Die besorgte Mutter schlägt der Tochter aus jedem
-Berufe »Einen« vor. Aber das Töchterchen ist wählerisch. An jedem hat
-sie auszusetzen:
-
- Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne,
- D’r Leinwabr stroamplt mit Händ’n und Füss’n,
- Ar könnt’ mich mit ’n Schütz’n erschissen,
- Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne.
-
-Doch endlich hat sie den rechten gefunden:
-
- Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon.
- D’r Spieler hot verschied’ne Puppen,
- Ar läßt mich monchmol o mit hupp’n,
- Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon.
-
- (Naundorf bei Gaußig.)
-
-Anspruchsloser ist eine andre Dorfschöne:
-
- Hans’l soaß an Uf’nloch
- Und flickte seine Schuh,
- Da koam Nubbersch Gret’l
- Und guckt d’r Arbeit zu.
-
- Hons, wenn de heiroatst, do heiroatst de mich,
- Ich hoa ja no’ drei Pfenn’ge, die lang’n fer mich und dich.
- Und wenn mer wer’n verheiroat sein, do hoa mer no kee Haus,
- Nu, do keef m’r uns an Henkltop und do guck m’r ub’n ’naus.
-
- (Goldbach.)
-
-Aber was sich hinter der holden Hülle der Schönen verbirgt, das kommt
-erst nach der Ehe zum Vorschein. Das kann uns der unglückliche kleine
-Mann erzählen:
-
- Es woar amol a klenner Moan, vi – vallera,
- Dar wullt a grußes Weibl hoan, hm, hm, hm.
-
- Doas Weibl wullt ze Boalle giehn,
- Dar kleene Moan wullt o mit giehn,
-
- Moan, du mußt drheeme bleib’n,
- Du mußt ’n Kinnern Samm’l reib’n.
-
- Und oals de Fro vum Boalle koam,
- Da stand ar durt und leckte droan.
-
- Do noahm de Fro ’n Bas’nstiel,
- Und hieb ’n Moan, doaß ar fiel.
-
- D’r Moan, dar huppt a’s Butterfoaß:
- »Nu kumm ock har, und tu’ m’r woas.«
-
- D’r Moan, dar huppt zum Fanster ’naus,
- Und lief gor schnell a Nachboars Haus.
-
- »Herr Nubber, ich will se emol woas soin:
- Mich hut su sehr de Fro geschloin.«
-
- D’r Nubber soite nischt drzu,
- Ar duchte: Mir gieht’s salber su.
-
- (Naundorf.)
-
-Ein andres Lied erzählt in neckischer Weise die Geschichte von der
-Bauersfrau, die dem Pfäfflein einen Hirsebrei mit einem halben Schock
-Eiern kocht, während der Bauer im Holze ist.
-
-Ich muß gestehen, daß es mir nicht ganz unbedenklich erscheint, daß
-der Lausitzer mundartlich nur Scherzlieder kennt. Empfindet er seine
-Mundart selbst als komisch? Der Spaßmacher spricht Mundart. Oder
-ist sein innerstes Wesen überwiegend aufs Komische gerichtet, für
-Tragisches schwer zugänglich? Das glaube ich nicht. Vielleicht ist er
-zu verschlossen und zu unbeholfen, um seine tiefsten Empfindungen dem
-Worte anzuvertrauen.
-
-Wenn wir im Vorangegangenen die Texte der Volkslieder einer Prüfung
-unterzogen haben, so müssen wir uns dabei bewußt bleiben, den
-unwesentlichen Liedteil betrachtet zu haben. Der Träger des Volksliedes
-ist die Melodie. Das wird dem Sammler oft in eindringlicher Weise
-deutlich. Die meisten seiner Gewährsleute können ihm das Lied nicht
-aufsagen, sondern nur vorsingen. Mit der Melodie stellt sich der Text
-ein. Ganz dürftige Texte sind um ihrer Melodie willen beliebt, während
-wertvolle Texte, wenn sie unsanglich sind, vernachlässigt werden. Im
-allgemeinen kann jedoch behauptet werden, daß Text und Melodie zu einer
-stilvollen Einheit verschmolzen sind. Text und Melodie offenbaren
-eine einfache, natürliche, undifferenzierte Empfindungsweise. Vor
-allem die Melodie bringt meist in hervorragender Weise typische
-Empfindungszustände, wie Ausgelassenheit, Freude, Lust, behagliche
-Zufriedenheit, Trauer, Schmerz zum Ausdruck. Gerade in dieser
-typisierenden Darstellung von Seelenzuständen liegt ein wesentlicher
-Grund der allgemeinen Beliebtheit des Volksliedes.
-
-
-
-
-Nochmals: »Pflanzt Nußbäume«[11]
-
-Von _B. Voigtländer_
-
-
-Den Ausführungen Klengels in Heft 10 bis 12 des vorigen Jahrganges
-unsrer Mitteilungen wird jeder Natur- und Heimatfreund zustimmen;
-der Nußbaum ist tatsächlich nicht nur ein wertvoller Nutzbaum,
-sondern er befriedigt auch unser Schönheitsgefühl durch seinen hohen
-Schmuckwert. Da wir jetzt gezwungen sind, das Größtmöglichste aus
-unserem Boden herauszuwirtschaften, möchte ich noch auf einen anderen,
-weniger bekannten Nußbaum hinweisen, der wegen seiner hervorragenden
-Eigenschaften die gleiche Beachtung verdient, wie der bei uns zumeist
-angepflanzte gewöhnliche oder Walnußbaum, ~Juglans regia~.
-
-Es ist der amerikanische oder schwarze Nußbaum, ~Juglans nigra~; er
-übertrifft in Schnellwüchsigkeit und Schmuckwert den Walnußbaum, ist
-für unser Klima genügend hart und stellt keine höheren Ansprüche an die
-Bodenbeschaffenheit. Seine Schnellwüchsigkeit ist in dendrologischen
-Werken und Fachzeitschriften wiederholt dargelegt worden, außerdem bin
-ich in der Lage, ein treffliches Beispiel dafür aus eigener Anschauung
-anzugeben. Der Tharandter Forstgarten besitzt je einen, vor etwa
-dreißig Jahren gepflanzten Baum beider Arten. Während nun ~Juglans
-nigra~ in Brusthöhe bereits einen Umfang von ungefähr einen Meter
-hat, mißt ~Juglans regia~ erst gegen siebzig Zentimeter. Hierzu kommt
-noch, daß ersterer gegen fünfzig Meter hoch wird, während der letztere
-selten eine Höhe über zwanzig bis fünfundzwanzig Meter erreicht. An
-Holzzuwachs übertrifft also der schwarze Nußbaum den Walnußbaum ganz
-erheblich.
-
-~Juglans nigra~ hat eine schmälere Krone als ~Juglans regia~, seine
-schmäleren Blätter stehen nicht so dicht, lassen also mehr Sonnenlicht
-durch die Krone. Die Anpflanzung wird sich also namentlich dann
-empfehlen, wenn die pflanzliche Umgebung des Baumes durch zu tiefen
-Schatten, wie ihn der Walnußbaum meist gibt, ungünstig beeinflußt
-würde. Einen Mangel hat der Baum allerdings; seine Früchte sind
-nicht so wertvoll wie die des Walnußbaumes. Da Schale und Kernhaus
-sehr dickwandig sind, bleibt für den Inhalt nicht viel Raum; der
-Kern bleibt klein und wird zudem wegen seines starken Ölgehaltes
-sehr leicht ranzig. Dieser Nachteil will mir aber nicht als
-ausschlaggebend erscheinen, da ich die Früchte des Walnußbaumes nicht
-als Nahrungsmittel, sondern nur als Naschgelegenheit ansprechen möchte.
-Meines Erachtens wiegt der hohe Wert, den der schwarze Nußbaum als
-Nutzholzerzeuger hat, den Mangel der Früchte mehr als doppelt auf. Das
-Holz des amerikanischen Nußbaumes wird in Zukunft noch mehr begehrt
-werden als schon jetzt, weil es ein sehr wertvoller Stoff für die
-Herstellung von Flugzeug-Propellern ist.
-
-Auch in bezug auf Anpflanzung und Pflege ist die amerikanische Nuß
-nicht anspruchsvoller als die gewöhnliche Walnuß. Am besten fährt man,
-wenn man den Baum nicht pflanzt, sondern die Nüsse an Ort und Stelle
-legt. Die beste Zeit dafür ist der Herbst; man erreicht dadurch,
-daß ungefähr achtzig vom Hundert zum Keimen kommen, während bei der
-Frühjahrssaat nur bei etwa sieben vom Hundert ein Erfolg eintritt.
-
-Ist man gezwungen, einen amerikanischen Nußbaum zu verpflanzen, so
-achte man darauf, daß das sehr fleischige und leicht eintrocknende
-Wurzelwerk vollständig erhalten bleibt, auch setze man es nicht unnötig
-lange der Luft und Sonne aus, sondern pflanze den Baum sofort wieder
-ein. Dies gilt übrigens für beide Nußbaumarten. Beachtet man diese
-Hauptregel, so wird man kaum Verluste zu beklagen haben.
-
-Es könnte noch die Frage auftauchen, ob nicht etwa das Vaterlandsgefühl
-verletzt würde, wenn man _amerikanische_ Nußbäume zahlreich anpflanzte.
-Dem ist aber entgegenzuhalten, daß der Walnußbaum in unsrer engeren
-Heimat von Haus aus auch nicht bodenständig ist. Dem Dresdner
-Heimatfreunde bietet sich Gelegenheit, einen sehr großen amerikanischen
-Nußbaum an der Villa 78 an der Schnorrstraße zu bewundern. Er ist
-wahrscheinlich der größte derartige Baum von Dresden und der weiteren
-Umgebung.
-
-
-Fußnoten:
-
- [11] Da ~Juglans nigra~ wegen des prächtigen Wuchses trefflich
- geeignet ist, das Landschaftsbild verschönern zu helfen,
- kann die Anpflanzung nur empfohlen werden. Die Frucht ist
- zwar weniger wertvoll, um so gesuchter ist aber das Holz.
- Vor dem Kriege wurde es in großen Mengen eingeführt, um zur
- Herstellung von Gehäusen elektrischer und photographischer
- Apparate verwendet zu werden. Es würde ein Dienst am
- Vaterlande sein, wenn es gelänge, durch eigene Erzeugung
- die Einfuhr einzuschränken. Der Baum würde in erster Linie
- zur Holznutzung in Frage kommen; die Fruchtgewinnung stünde
- erst an zweiter Stelle. Da, wie bereits erwähnt, die
- Frucht des schwarzen Nußbaumes weniger wertvoll ist als
- die des Walnußbaumes, eignete er sich vielleicht gut zur
- Anpflanzung an abgelegeneren und schwerer zu überwachenden
- Orten, denen man, wegen des zu erwartenden Fruchtdiebstahls
- und der daraus regelmäßig entstehenden Beschädigung der
- Bäume, Walnußbäume nicht anvertrauen will.
-
- A. Klengel.
-
-
-
-
-=Über das Vorkommen der Weidenmeise= (~Parus atricapillus salicarius
-Brehm~) =in unserm Vaterlande=
-
-Von _Rich. Schlegel_
-
-
-Was für ein Vogel ist das? wird mancher Leser fragen, dem auf seinen
-Wanderungen Kohl-, Blau-, Sumpf- und Schwanzmeisen im Waldesgrün
-liebe Weggenossen waren und durch ihr lebhaftes Wesen im Gezweig, am
-Nistkästchen des Gartens oder am winterlichen Futterplatz oftmals seine
-Aufmerksamkeit lebhaft fesselten. Im vogelstimmenärmeren, schweigsamen
-Nadelwalde begegneten uns zuweilen auch im Verbande der zutraulichen
-kleinen Vogelknirpse Goldhähnchen, Tannen- und Haubenmeisen als
-charakteristische Erscheinungen, aber die Weidenmeise? Ich will den
-Schleier, der sie dem Nichtornithologen verbirgt, ein wenig lüften,
-einen kurzen Blick auf die Geschicke ihrer Vergangenheit werfen und
-sie dem Naturfreunde und Wanderern im Hügel- und Berglande soweit
-vorstellen, damit auch er sie kennenlernt und unsere Lücken in der
-Kenntnis ihrer vaterländischen Verbreitung mit zu schließen in die Lage
-versetzt wird.
-
-Unser großer Chr. L. Brehm, der vielbefehdete Artzersplitterer, der
-mit scharfem Blick seinen Zeitgenossen weit vorausgeeilt, war es,
-der dem Studium des Vogelkleides in seiner Veränderlichkeit sein
-bestes Können widmete, aber, und das war sein Fehler, geographische
-und individuelle Veränderlichkeit nicht scharf auseinanderhielt.
-So konnte, um nur ein Beispiel anzuführen, seine Dorfhaubenlerche,
-~Galerita cristata pagorum~, gleichzeitig »bei Leipzig, Klagenfurth,
-Lübs in Mecklenburg und in Ungarn« auftreten. Unser Altmeister war
-es, der auch die Weidenmeise wie den kurzkralligen Gartenbaumläufer
-als ausgezeichnete Arten erkannte und erstere in der Isis 1828
-beziehentlich im Handbuch der Naturgeschichte aller Vögel Deutschlands
-1831 unter den Namen ~Parus salicarius~, die Weidenmeise, in die
-ornithologische Wissenschaft einführte. Nach ihm lebt der Vogel
-»besonders an den mit Weiden besetzten Bach-, Fluß- und Teichufern«.
-Mir wenigstens will es scheinen, als habe Vater Brehm außer acht
-gelassen, daß die bezeichneten Aufenthaltsgebiete nur von angrenzenden
-Nadelholzschonungen aus, und zwar gern besucht, aber als ständiger und
-Brutaufenthalt kaum gewählt worden sein dürften. Wenn man als Ideal
-erstreben muß, daß im Namen des Tieres in dieser oder jener Hinsicht
-eine kurze Diagnose liege, dann erscheint mir der Name, wenigstens
-für vaterländische oder andere mitteldeutsche Verhältnisse, soweit
-ich sie kenne, nicht besonders glücklich gewählt zu sein. Er mag
-für manche Gegenden – nach Kleinschmidt auch für die Rheingegend –
-zutreffend sein, im Niederungsgebiete des Vaterlandes aber wird man
-in Weidenpflanzungen oder an Bach- und Flußufern vergeblich nach
-unsrer Meise Umschau halten. Da man die »neuen Arten« Vater Brehms
-mit Mißtrauen betrachtete und feinere morphologische und biologische
-Unterschiede wenig Geneigtheit und Verständnis fanden, hielt man es
-nicht der Mühe für wert, der neuen Art weitere Aufmerksamkeit und
-kritische Prüfung zuteil werden zu lassen. Erst den Forschungen der
-letzten Jahrzehnte, insbesondere den ausgezeichneten, erschöpfenden
-Arbeiten eines O. Kleinschmidt blieb es vorbehalten, den Vogel dem
-Interesse des Fachornithologen näher zu rücken und ihm zu einer
-glänzenden Auferstehung zu verhelfen, ihn mit der Zeit aber auch in
-eine Menge mehr oder minder leicht unterscheidbare geographische oder
-klimatische Rassen zu spalten. Seit das Rad ins Rollen kam, haben
-die Fachgenossen ausnahmslos gerade diesem interessanten Vogel, dem
-»winzigen ornithologischen Edelwilde«, wie es Kleinschmidt einmal
-voll Begeisterung nennt, ihre ungeteilteste Aufmerksamkeit und
-fleißige Feder gewidmet. So ist heute, dem Fachornithologen, dem
-Systematiker und Biologen gleichwichtig, die Weidenmeise eine bekannte
-und ausnahmslos anerkannte Art, deren Schriftentum, gesammelt, dicke
-Bände füllen würde. Aber auch im Kreise der Vogelkundigen, wollen
-wir sie trotzdem nennen, dürfte doch mancher Fachgenosse sitzen, dem
-das Freileben, die Kenntnis der Art überhaupt, ein Buch mit sieben
-Siegeln blieb. Was mag der Grund hierfür sein? Man hielt Sumpf- und
-Weidenmeise für ein und dieselbe Art. Ich darf wohl unsere Sumpfmeise
-~Parus palustris communis Bald.~ im grauen Röckchen, mit dem glänzend
-tiefschwarzen und sich über den Nacken herabziehenden Scheitelfleck
-und den weißen Wangen als bekannten Vogel voraussetzen. Dieser Art nun
-sieht unsere Weidenmeise außerordentlich ähnlich, aber die Kopfplatte
-ist glanzlos und mattschwarz, mit einem Stich ins Bräunliche und
-weich im Ton. Der Schwanz (Stoß) ist deutlich und tiefer gestuft, die
-weißen Wangen mehr sich abhebend und weiter seitwärts ziehend. Die
-Schwingen zweiter Ordnung sind mit breiten grauen Säumen ausgestattet,
-auf dem zusammengelegten Flügel einen deutlichen schmalen Längsfleck
-bildend. Das sind nur die am meisten hervortretenden Artunterschiede.
-Wer »Glanz-« und »Mattkopfmeise«, die Vertreter zweier morphologisch
-und biologisch streng geschiedener, ausgezeichneter Formengruppen
-nur einmal nebeneinander verglichen, der wird sich schwerlich jemals
-wieder in der Bestimmung eines Stückes irren können. Aber im Freileben,
-im Dunkel oder Zwielicht des Gezweiges, im hastigen Vorwärtseilen
-der flüchtigen, von Strichunruhe ergriffenen oder den Blick des
-Beobachters scheuenden Vögel sind die Kennzeichen auch dem geschulten
-Auge nicht immer einwandfrei erkennbar. Da hilft nun allein schon der
-Lockton über alle Zweifel hinweg. Die Sumpfmeise sagt: tje tje, in der
-Erregung wohl auch h’tje dededede. Die Weidenmeise ruft ein, auch dem
-stimmlich weniger geschulten Beobachter sofort auffallendes gezogenes
-und gepreßtes däh – dähdähdäh oder spizidähdähdäh. Dieser Laut ist es
-immer, der mein ohne dies schon zu hastig pulsierendes Ornithologenblut
-in noch raschere Wallung versetzt, da er mir immer die sicherste Gewähr
-dafür bietet, daß ich meinen gesuchten Freund in sicherer Nähe weiß.
-
-Im Interesse einer geneigten Mitarbeit zum Zwecke der Festlegung
-weiterer vaterländischer Örtlichkeiten, wo die mattköpfige Meise
-heimatet, will ich noch in aller Kürze der als Aufenthalt bevorzugten
-Geländeart und bereits bekannten Fundorte gedenken. Ich kann mich
-dabei um so kürzer fassen, als ich hierüber, sowie über weitere
-Resultate meiner letztmaligen Erzgebirgsstreife, die ich ausschließlich
-für diesen Zweck unternahm, in einer ornithologischen Fachzeitung
-ausführlicher berichten werde. Sicher ist unsere Meise, eine
-borealalpine Art, vom Hügellande bis zur Kammhöhe der sächsischen
-Gebirgszüge herauf, falls geeignete pflanzliche Formationen vorhanden,
-eine gewiß nicht seltene, aber immer nur mehr einzeln und zerstreut
-auftretende Art, die an Nadelholzformationen, beziehentlich Mischwald
-gebunden zu sein scheint. Ob Kiefernschonungen allein eine besondere
-Anziehungskraft auf sie auszuüben vermögen, wie ein befreundeter
-vaterländischer Forscher anzunehmen geneigt ist, glaube ich nicht.
-Soweit ich den »Bayrischen Wald« kenne, war dies, bei gänzlichem
-Zurücktreten der Kiefer, hier ebenfalls nicht der Fall. Das Innere
-geschlossener und gleichgearteter, besonders dichter, ungegliederter
-und zusammenhängender Wälder meidet sie; das muß sie schon ihres
-Namens wegen! Wo sich die Ränder solcher Bestände aber lichten und
-in einzelne Baumgruppen verschiedenen Alters oder verschiedener
-artlicher Zusammensetzung nach freiem Gelände hin auflösen, das mit
-Buschwerk umrahmt ist, Laubbäume einzeln oder in Reihen bietet und
-des Wassers nicht entbehrt, da darf man schon nach unserm Vogel
-Erfolg versprechende Aus- und Umschau halten. Mittelhohe lichte
-Schonungen und deren Ränder, gleichviel ob auf ebenem, hügeligem
-Gelände oder steilem Hang, mit Laubholz- oder Buschwerkstreifen,
-mit anschließenden oder eingreifenden Ufern und Rändern, Wiesen-
-und Feldkulturflächen, also recht wechselvolles Gelände, wie es
-Strecken mit Bauerwäldern verschiedener pflanzlicher und pfleglicher
-Beschaffenheit und verschiedenen Alters zeigen, scheinen unserm Vogel
-am meisten zuzusagen. Wenn die Erlkönigmeise, wie sie Kleinschmidt
-in einer Monographie auch nennt, die Aufmerksamkeit des Menschen
-auf sich gerichtet sieht, dann weiß sie sich meisterhaft nach den
-schützenden Schonungen hin oder in die hohen Kronen zu drücken. Hier
-hören wir wohl fortgesetzt oder auch mit längeren Unterbrechungen ihre
-Lockrufe, aber immer versteht es der Vogel ausgezeichnet, sich vor
-dem nach ihm ausspähenden Augen zu verbergen. Dabei ist die Eigenart
-seines Wesens immer Unbeständigkeit und Unrast. Wenn man ihn einmal
-aus den Augen verloren, und das geschieht nur zu oft bei einsetzender
-Schweigsamkeit und im Verbande mit Goldhähnchen und anderem Meisenvolk,
-dann kann man sich stundenlang im Suchen üben, findet aber den Vogel
-nach dem Locktone immer wieder an bestimmten Stellen, wo man mit ihm
-bereits einmal zusammentraf. Das sind immer Feierstunden eigener Art
-für mich, wenn ich, mit mir und der Natur ganz allein im schweigsamen
-Waldesdunkel, fern vom Treiben einer entsittlichten Welt, am Born
-der Gottesnatur aus vollen Zügen schlürfen und an ihren Geschöpfen
-erlauschen darf, was mir daheim am Arbeitstisch das Buch versagt. –
-
-Wie die zwei Stücke der Dresdner Landessammlung beweisen, wurde die
-Weidenmeise 1903 erstmalig für Sachsen nachgewiesen, und zwar für
-die Gegend von Königsbrück. 1916 bis 1918 stellte ich ihr Vorkommen
-mehrmalig für die Umgebung von Hohenstein-Ernsttal fest. 1918 konnte
-sie ferner Heyder bei Rochlitz und Oederan beobachten. Nach Heyder wies
-Mayhoff die Weidenmeise an drei verschiedenen Stellen der sächsischen
-Lausitz nach. 1917 fanden sie Uttendörfer und Kramer um Herrnhut
-und Niederoderwitz. 1919 machten Schelcher und Stresemann darauf
-aufmerksam, daß unsere Meise in den Wäldern um Aue und Schneeberg
-keine allzuseltene Erscheinung sei. Während der Michaeliswoche 1921
-folgte ich zunächst den Pfaden Stresemanns und fand die Angaben
-beider Forscher für die genannten Orte in jeder Hinsicht bestätigt.
-Als weitere Orte ihres Vorkommens konnte ich, kammwärts wandernd, das
-Floßgrabengebiet bei Albernau und Auerhammer meinen Aufzeichnungen
-einfügen. Im Filzteichgebiet und den Wäldern vor Hundshübel und
-Burkhardtsgrün konnte ich keinerlei Erfolge buchen. Nach zweitägigem
-Suchen in den Wäldern zwischen Elterlein und Scheibenberg, sowie in
-dem Waldbestande des Berges selbst, traf ich unsern »Mattkopf« auch
-hier wieder an. Wie ein Blick auf die Karte Sachsens lehrt, klaffen
-noch weite Lücken in der Kenntnis der Verbreitung der Weidenmeise
-auf vaterländischem Boden. Ich möchte am Schlusse meiner kurzen
-Ausführungen wandersfrohen Naturfreunden die Bitte ans Herz legen, bei
-gegebenen Gelegenheiten dem interessanten Vertreter vaterländischer
-Tierbesiedlung ihre Aufmerksamkeit nicht zu versagen, gewonnene
-Resultate zu veröffentlichen oder dem Verfasser zum Zwecke einer
-Gesamtbearbeitung zu überlassen. Ich darf heute schon die Versicherung
-geben, daß eine diesbezügliche kleine Mühe und Unbequemlichkeit sicher
-und reichlich die schönsten Früchte zeitigen werden.
-
-
-
-
-Die Berankung von Gebäudeschauseiten
-
-
-Die Berankung von Gebäudeschauseiten stellt eine freundliche Zutat
-der Bauwerke dar, die deshalb überall großen Beifall findet, weil
-sie alten unansehnlichen Gebäudemauern und schmucklosen Hauswänden
-ein schönes Aussehen verleiht. Der letzterwähnte Umstand wird ja
-einstimmig anerkannt, dagegen ist man über den praktischen Wert ganz
-verschiedener Meinung. Während nämlich von einer Seite behauptet
-wird, durch die Berankung werde dem Bauwerk Feuchtigkeit zugeführt,
-behauptet die andere Partei das Gegenteil, das heißt die Feuchtigkeit
-würde dem Bauwerk durch die Wurzeln der klimmenden Pflanzen entzogen.
-Je nach Lage des Falles können beide Parteien im Recht oder auch im
-Unrecht sein. Praktisch betrachtet wird ein Bauwerk, das an sich
-infolge unsachgemäßer Ausführung Feuchtigkeit besitzt, durch die
-Berankung niemals trocken werden. Anderseits kann aber auch in ein
-sonst gut trockenes Bauwerk durch die Berankung niemals Feuchtigkeit
-hineingetragen werden. – Die Behauptung, Kletterpflanzen tragen
-Feuchtigkeit in das Bauwerk, ist nur dann zutreffend, wenn es sich um
-Mauerwerk aus minderwertigem Mörtel und aus wenig gebrannten Ziegeln
-handelt beziehungsweise wenn der Putz auf seiner Oberfläche Spalten
-und Risse aufweist. In letztere dringen nämlich die Wurzeln ein und
-führen zuweilen eine Zerstörung des Putzes herbei. Bei sachgemäß
-ausgeführtem, aus guten festen Baustoffen bestehendem Mauerwerk hat
-die Berankung stets günstige Erfolge gezeitigt. Denn Efeu und andere
-Schlinggewächse wuchern schon seit Jahrhunderten an den Gebäuden empor,
-und nur selten sind Klagen laut geworden, die den Efeu als nachteilig
-bezeichnen. Gerade die Efeublätter legen sich schuppen- beziehungsweise
-dachziegelartig dergestalt übereinander, daß Regen und Schnee ohne
-weiteres an das Bauwerk überhaupt nicht gelangen können. Erreicht die
-Feuchtigkeit aber trotzdem das Mauerwerk, so wird sie vom Efeu sehr
-bald wieder herausgezogen. – Wer besonders vorsichtig sein will, kann
-bei vorhandenen, älteren, gut ausgetrockneten Bauwerken die Nord- und
-Ostseite nur mit solchen Pflanzen beranken, die eine weniger dichte
-Hülle darstellen; die West- und Südseite dagegen kann bedingungslos
-eine dichte Berankung, unmittelbar am Erdboden beginnend, erhalten.
-Bei neuen Gebäuden empfiehlt es sich, zunächst eine Berankung der
-Süd- und Westfront vorzunehmen. Erst später, d. h. nach gründlicher
-Austrocknung, kann man die nördliche und östliche Seite beranken,
-und zwar in der Weise, daß die Belaubung etwa vierzig bis sechzig
-Zentimeter über dem Erdreich beginnt, damit die Sonne und die Luft
-ungehinderten Zutritt zu den Fundamenten des Gebäudes erhalten.
-
-Zu den bei uns am meisten in Betracht kommenden Rankengewächsen gehört
-Efeu, wilder Wein, Glyzina, Waldrebe (Klematis), Ampelopsis-Veitchi,
-Ampelopsis-Engelmanni, Pfeifenkraut (Aristolochia), rankende Rosen,
-Rosen von Jericho (Lunicera) und Hopfen.
-
-Der Wanduntergrund, d. h. also der Putz beziehungsweise die Fugen
-müssen recht widerstandsfähig sein, damit den Wurzeln nicht die
-Möglichkeit zum Eindringen gegeben wird. Als Wandputz eignen sich feste
-Putzmassen mit Quarz- oder Porphyrzusatz, hellfarbiger Edelsteinputz
-wie Terrasit und dergleichen. Efeu bevorzugt übrigens den Kalk als
-Nährboden, was ja bei seiner Abstammung aus der immergrünen Zone des
-Mittelmeergebietes leicht verständlich erscheint.
-
-Neben Efeu und wildem Wein verdient der Selbstklimmer
-Ampelopsis-Veitchi insofern besondere Beachtung, als sich bei diesem
-niemals abstehende Zweige entwickeln, vielmehr greifen dieselben
-mitsamt den Blättern immer dachziegelartig übereinander und beschützen
-somit das Gebäude gegen die Unbilden der Witterung. Die Blätter fallen
-allerdings im Herbst ab, so daß die Wände nur mit dem Gerüst der jungen
-Triebe bedeckt sind.
-
-Efeu gedeiht an der nördlichen Hauswand vortrefflich und stellt
-auch an die Bodenbeschaffenheit keine besonderen Ansprüche. Bei
-den alten Lehmhäusern kann man oft beobachten, wie gerade der Efeu
-den Gebäudewänden und dem Dache einen Schutz und dem Ganzen ein
-freundliches, heimisches Aussehen verleiht. Efeu bietet nicht nur
-dem Wind und Wetter einen bedeutenden Widerstand, sondern auch der
-Wärme und Kälte und sorgt somit für eine genügende Trockenhaltung
-der Wände. Dadurch, daß die Efeublätter von der Sonne stark erwärmt
-werden und diese von den Blättern aufgesaugte Wärme nach oben steigt,
-sich also auch den Wänden mitteilt, werden letztere trocken und warm
-gehalten. Wenn eine hell gestrichene oder geputzte Wand im Sommer die
-Wärme zurückwirft, im Winter aber die Kälte und Feuchtigkeit an sich
-zieht, so tritt auch hier wieder der Efeu vermittelnd ein, indem er
-einen wohltätigen Einfluß auf die Mauern ausübt, damit diese nicht
-dem vorzeitigen Verfalle anheimfallen. Die im Erdreich befindliche
-Feuchtigkeit, die sich unter gewöhnlichen Umständen den Fundamentmauern
-mitteilen würde, saugt der Efeu, der zu seiner Entwicklung selbst viel
-Wasser benötigt, auf.
-
-Wenn nun hier für die Berankung der Gebäudewandflächen eingetreten
-wird, so soll damit nicht gesagt sein, daß dies für jedes Haus ohne
-Ausnahme geschehen soll. Ein altes Sprichwort sagt: »Allzuviel
-ist ungesund.« So auch hier. Bei weniger schönen Bauwerken ist die
-Berankung deshalb sehr am Platze, weil die häßlichen Bauteile auf
-diese Weise den Blicken entzogen werden, wodurch das Bauwerk an
-Ansehen gewinnt. Dagegen wäre die Berankung schöner Architekturteile,
-wie Ornamente, Pfeiler, Jahreszahlen, Schriften und dergleichen eine
-ganz verfehlte Maßnahme, von der unbedingt abzuraten ist. – Für die
-Berankung kommen nicht nur Wohnhäuser in Betracht, sondern auch die
-kahlen Wandflächen von Scheunen, Schuppen, Fabrikgebäuden und Ställen
-können auf diese Weise eine ganz bedeutende Verschönerung erfahren.
-
-Natürlich bringt die Gebäudeberankung auch Nachteile mit sich, die
-nicht verschwiegen werden dürfen. So kommt es nicht selten vor, daß
-sich in dem dichten Gestrüpp und Blätterwerk das Ungeziefer, wie
-Fliegen, Mücken, Spinnen, Mäuse, Spatzen und dergleichen einnistet, was
-mitunter für die Bewohner insofern eine üble Plage bedeutet, als diese
-Tiere sehr leicht in die Wohn- und Vorratsräume eindringen können.
-Durch sachgemäße Vorkehrungen lassen sich indes derartige Übelstände
-wirksam verhüten beziehungsweise vermindern.
-
-Eine andere Verschönerung der Gebäudeflächen, mit der gleichzeitig ein
-guter Nutzen verbunden ist, läßt sich durch Anlage von Spalierobst
-erzielen. Als Spalierbäume kommen Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und
-Aprikosenbäume in Betracht. Die Früchte der Spalierobstbäume sind
-schöner und schmackhafter als diejenigen der freistehenden Bäume.
-Seitdem man allgemein die hohe volkswirtschaftliche Bedeutung des
-Spalierobstbaues erkannte, hat derselbe in den letzten Jahren
-eine gewaltige Erweiterung erfahren. Es ist festgestellt, das ein
-Quadratmeter Spalierobst jährlich eine ansehnliche Summe Nutzen
-abwirft. Die Befürchtung, daß die Wurzeln der Spalierbäume schädlich
-für das Fundamentmauerwerk sind, ist deshalb grundlos, weil sich
-dieselben nicht nach den Fundamenten zu, sondern in entgegengesetzter
-Richtung entwickeln. Deshalb können auch gutgepflegte Hausspaliere
-weder dem Bauwerk noch den Bewohnern irgendwelchen Schaden zufügen.
-Da nun bei der Besprengung der Bäume das Wasser in die Mauer
-eindringt, so empfiehlt es sich, letztere besonders zu schützen, was
-unterhalb des Erdreiches durch Bestreichen mit Gudron und oberhalb
-mittels hellfarbigen Pixols oder dergleichen erfolgen kann. – Die
-Spaliergestelle bestehen aus tunlichst senkrecht angeordneten,
-gehobelten und gefasten Latten, deren Entfernung untereinander etwa
-dreißig Zentimeter beträgt. Das ganze Gestell soll man möglichst
-abnehmbar einrichten und so anbringen, daß es etwa zehn Zentimeter von
-der Wand entfernt ist. Die Anordnung von wagerechten Spalierlatten
-ist nach Möglichkeit einzuschränken, weil auf deren oberer Fläche die
-herabfallenden Blätter liegenbleiben und bei dem Hinzutreten von Regen
-sich feuchte Stellen bilden, welch letztere immerhin schädlich auf das
-Bauwerk einwirken können.
-
- (Aus dem Zentralblatt für das Deutsche Baugewerbe.)
-
-
-
-
-Zur Geschichte des Heimatschutzes
-
-Von _Carl Berger_
-
-
-Es dürfte die Leser dieser Zeitschrift interessieren, daß die
-Heimatschutzbewegung sich schon eines beträchtlichen Alters erfreut.
-Erhaltene Dokumente aus dem vierten und fünften Jahrhundert nach
-Christo geben uns davon Kunde. Die Kaiser Spätroms nahmen sich der in
-Verfall begriffenen Prachtbauten des antiken Roms in rühmenster Weise
-an und suchten dem Verfall derselben Einhalt zu gebieten und wenn der
-Erfolg auch nicht ihren Wünschen entsprach, so ist dies wesentlich
-darauf zurückzuführen, daß die entstehende kirchliche Macht in Rom die
-in Verfall begriffenen Tempel und Bauten der Vorfahren als billiges
-und bequemes Baumaterial zur Erbauung von Basiliken für den neuen
-Staatsglauben verwandte. Der unten wiedergegebene Erlaß des Kaisers
-Majorianus 458 nach Christo mag dem Leser ein Bild geben über die
-Heimatschutzbestrebungen der damaligen Zeit.
-
- »Wir, Regierer der Staaten, wollen dem Unwesen ein Ende machen,
- welches schon lange unsere Abscheu erregt, da ihm gestattet
- wird, das Antlitz der ehrwürdigen Stadt zu entstellen. Wir
- wissen, daß hie und da öffentliche Gebäude mit sträflicher
- Gewähr der Obrigkeit zerstört werden. Während man vorgibt, daß
- ihre Steine für öffentliche Werke nötig seien, wirft man die
- herrlichen Gefüge der alten Gebäude auseinander und zerstört
- das Große, um irgendwo Kleines herzustellen. Daraus erwächst
- schon der Mißbrauch, daß selbst, wer ein Privathaus baut,
- sich unterfängt, mit Gunst der städtischen Richter das nötige
- Material von öffentlichen Orten zu nehmen und fortzutragen,
- da doch, was den Städten zum Glanze gereicht, vielmehr von
- der Liebe der Bürger sollte durch Wiederherstellung erhalten
- werden. Deshalb befehlen wir durch ein allgemeines Gesetz,
- daß alle Gebäude, welche von den Alten zum öffentlichen
- Nutzen und Schmuck errichtet worden sind, seien es Tempel
- oder andere Monumente, von niemandem dürfen zerstört noch
- angetastet werden. Welcher Richter dies zuläßt, soll um fünfzig
- Pfund Goldes gestraft werden; welcher Gerichtsdiener und
- Numerarius seinen Befehlen gehorsamt und ihm nicht Widerstand
- leistet, dem sollen nach erlittener Peitschung auch die Hände
- abgehauen werden, weil sie die Denkmäler der Alten, statt sie
- zu schützen, verunglimpft haben. Aus den Orten, die etwas
- durch ungültige Erschleichung an sich gebracht haben, darf man
- nichts veräußern, sondern wir gebieten, daß alles wieder dem
- Staate zurückgegeben werde; wir ordnen die Wiederherstellung
- des Entfremdeten an und heben für die Folgezeit die licentia
- competendi auf. Sollte aber irgend etwas entweder wegen des
- Baues eines öffentlichen Werkes, oder wegen des verzweifelten
- Gebrauches der Reparation abzutragen nötig sein, so soll der
- erlauchte und ehrwürdige Senat davon gehörig Kenntnis nehmen,
- damit, wenn er solches nach reiflicher Erwägung für nötig
- befunden hat, dieser Fall unsrer gnädigen Einsicht vorgelegt
- werde. Denn was auf keine Weise wiederhergestellt werden kann,
- soll wenigstens zum Schmuck irgendeines andern öffentlichen
- Gebäudes verwendet werden.«
-
-F. Gregorovius zur Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. Bd. 1,
-S. 218. Leg. Novell. Liber. Am Ende des Cod. Theod. Tit. VI, 1, ~De
-aedil. publ.~ Das Edikt ist datiert VI Idus Jul. Ravennae unter dem
-Konsulat der Kaiser Leo und Majorianus anno 458 und gerichtet an den
-Präfect. Prät. Aemilianus.
-
-Schon frühere Kaiser hatten ähnliche Edikte erlassen müssen; so Valens
-und Valentinio anno 376, Theodosius, Honorius und Arcadius.
-
-
-
-
-Zur Einschmelzungsfrage alter Kirchenglocken
-
-Von _C. Pfau_
-
-
-Nach der verhängnisvollen Beschlagnahme von Kirchenglocken während
-des unseligen Weltkrieges ist unsern Kirchfahrten in der Regel je
-nur eine Glocke verblieben. Das Geläut war unvollständig geworden
-und mußte oder muß ergänzt, unter Umständen auch ganz neu geschaffen
-werden. Bei den einschlägigen Vornahmen wird nicht selten vonseiten
-der Kirchenvorstände bei der vorgesetzten Behörde um die Erlaubnis
-eingekommen, die letzte noch vorhandene Glocke veräußern, einschmelzen
-zu dürfen, um einen Beitrag zu den Kosten für ein völlig neues Geläute
-zu erhalten. Man strebt also in diesem Fall nicht die Wiederherstellung
-des alten Geläutes an, will der Kirche vielmehr eine durchaus neue
-Glockensprache geben, die nicht mehr an das frühere Geläute erinnert;
-die Tonfrage soll die letzte überkommene Glocke dem Untergang weihen.
-
-Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß nicht jedes alte Geläute
-hervorragend schön war; mitunter verfügte eine Glocke sogar über einen
-ziemlich blechernen, töpfernen Klang oder gellte sonst mißtönig. Dieser
-Übelstand war aber schon bei der Beschlagnahme durchgängig tunlichst
-berücksichtigt worden, denn man hat die Glocken nach sorgfältiger
-Auswahl eingezogen, die mit sehr störenden Klangfehlern in erster
-Linie, weshalb in unsern Gotteshäusern jetzt wohl schwerlich noch eine
-vorhanden ist, deren Ton von der Allgemeinheit unangenehm empfunden
-wird. Nur der sachkundige Musikverständige mit seinem geschulten,
-feinfühligen Ohr findet auf Grund eingehender Untersuchung an so
-mancher Kirchenglocke hinsichtlich ihres Tones noch einen geringen
-Mangel, den bisher, vielleicht schon seit vielen Jahrhunderten kaum
-jemand in der Gemeinde herausgefühlt hat. Es fragt sich deshalb, ob in
-einem solchen Fall das Prüfungsergebnis des Tonkünstlers einen durchaus
-zwingenden Grund enthält, die Glocke aus der Kirche zu entfernen.
-
-Die Heimatsglocken sind von Dichtern viel besungen worden und werden
-auch künftig so gefeiert werden. In fast allen unsern Kirchen, zumal
-auf den Dörfern, stellen diese ehernen Werke mit die ehrwürdigsten
-Denkmäler der Vergangenheit dar, denn manche besitzen ein Alter bis
-etwa 600 Jahre, und wenn auch andere um Jahrhunderte jünger sind, so
-überliefern sie doch durch ihre Aufschriften, Wappen und dergleichen
-getreulich ein Stück Ortsgeschichte, Heimatkunde; ihr Ton gehört der
-Heimat eigentümlich. Sie haben den jetzigen Angehörigen der Kirchfahrt
-und ihren Vorfahren seit langen Zeiten geklungen bei der Taufe, der
-Konfirmation, der Trauung, der Bestattung, sie haben zum Gottesdienst,
-zum Abendmahl gerufen, sie haben ihre Stimme über die stillen Fluren
-in allerlei Not und Gefahr erklingen lassen. Der Eingeborene der
-Heimat ist vertraut mit der metallnen Sprache seiner Glocke, die er
-liebt, die ihm in der Fremde nachklingt. Darum muß es auch als eine
-ernste ethische Pflicht des Heimatschutzes, wenn dieser nicht nur auf
-dem Papier stehen will, erscheinen, die Glocke tunlichst zu erhalten;
-eine vernichtete Heimatglocke bedeutet den Verlust eines alten
-Heimatszeugnisses, das in seiner echten Art nie wieder zu ersetzen
-ist, und wenn die Gefahr der Einschmelzung droht, so sollte sich jeder
-Ortseingesessene des hohen Werts seiner Glocke recht bewußt sein und
-danach handeln, so daß sie möglichst erhalten bleibt. Die Genehmigung
-zur Einschmelzung wird behördlicherseits nur bei Stücken von besonders
-hohem wissenschaftlichen oder künstlerischem Wert verweigert; damit
-soll aber nicht gesagt sein, daß man den heimatkundlichen Wert völlig
-unbeachtet lassen müsse. Eine fernerhin erhaltene alte Glocke wird
-unsern Nachkommen gewissermaßen mit zu einem Denkmal auf die Drangsale
-des verflossenen Kriegs, denen sie unter ihren Schwestern allein
-glücklich entronnen ist.
-
-Ein unbedeutender Tonfehler, den ihr ein gewiegter Musiker schuld
-gibt, kann schwerlich allein ausschlaggebend für den Untergang des
-Werkes werden. Man muß auch ihre Vorzüge berücksichtigen. Wollte der
-Tonkünstler in dieser Angelegenheit ausschließlich auf die Entfernung
-der Glocke dringen und mit seinem Urteil einflußreiche Personen,
-die über das Schicksal des fraglichen Stückes zu bestimmen haben,
-bestechen, so ließe sich mit Fug und Recht entgegenhalten, daß ein
-solches Gebaren in Kirchenangelegenheiten zu merkwürdigen Folgen
-führen dürfte. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. In
-und an unsern Kirchen gibt es unendlich viel, an dem der Architekt,
-der Raumkünstler, der Kunsthandwerker Fehler, mitunter sehr starke,
-findet; diese Herren müßten dann auch verlangen können, daß alles dies
-nicht Mangelfreie weggebracht und ersetzt werden möchte, falls eine
-Glocke aus dem angegebenen geringfügigen Grund für immer verschwinden
-muß. Schwerlich wird sich aber jemals eine Gemeinde bereit finden,
-all derartigen Wünschen und Ansuchen nachzukommen; man nimmt im
-Gegenteil nur zu oft wahr, daß noch heutzutage bei sogenannten
-Kirchenrestaurationen so manches in die Kirche gebracht wird, was gar
-nicht zu ihrer Stimmung paßt, z. B. gewisse Fußbodenfliesen einer Art,
-die eher in den Durchgang eines Bahnhofes oder in ein Waschhaus gehören.
-
-Es wäre nur zu wünschen, daß man die alte, letzterhaltene Glocke
-wieder dem neuen Geläut tunlichst einfügte; die zwei neuen Glocken
-ließen sich im Ton wohl meist der überlieferten so anpassen, daß für
-die allgemeine Gemeinde ein befriedigender Gesamtklang erzielt würde.
-Wird dieser Weg beschritten, so können künftige Geschlechter unsrer
-Zeit wenigstens nicht den Vorwurf einer Glockenstürmerei machen, da
-man schon hinsichtlich der Reformation nur zu oft die Bilderstürmerei
-tadelt. Wir möchten nicht dazu beitragen, die wenigen uns überlieferten
-kirchlichen Altertümer, die Werke unsrer Altvordern, ohne dringendste
-Not noch zu vermindern. Hat die Schöpfung eines alten Meisters einen
-kleinen Fehler, so kann dies noch kein Anlaß sein, sie ohne weiteres zu
-beseitigen. Der Mangel gehört mit zur Eigenart; daß ehrwürdige Glocken
-nicht immer genau im Ton getroffen sind, bildet eine Sonderheit in der
-Geschichte der Glockenkunde, die wir auch für die Zukunft an erhaltenen
-Werken nachweisen und belegen können müssen. Wollte man nur ganz
-einwandfreie Glocken bewahren, so könnte man später meinen, die alten
-Gießer hätten überhaupt keinen Fehler begangen. Hat eine Glocke zur
-Zufriedenheit der Kirchfahrt trotz eines nunmehr entdeckten Mängelchens
-schon jahrhundertelang ihren Dienst verrichtet, so kann sie auch
-weiterhin ihre Stimme erschallen lassen.
-
-
-Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –
-Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
-
-Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.
-
-
-
-
-Helft alle dazu!
-
-
-Durch schwere Verluste sind wir arm geworden. Ein kostbares Gut ist uns
-geblieben:
-
- die Heimat.
-
-Ihr Wert ruht in der =Ursprünglichkeit der Natur=. Sie ist die Mutter,
-die uns nährt und trägt. =Wer diese beraubt, vernichtet ein wertvolles
-Stück »deutscher Heimaterde«.= Darum wollen wir =uns und unsere Kinder
-dazu erziehen=, daß wir =Scham empfinden bei jeder Schmälerung der
-Naturwerte=. Dann werden alle die Zeichen menschlicher Unreife, als
-
- _gedankenloses Ausgraben von Pflanzen,
- rücksichtsloses Abreißen von Zweigen,
- naturschänderische Riesensträuße,
- selbstanklagendes Stören des Naturfriedens_
-
-von selbst verschwinden.
-
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
-
-
-
-
-»Volkskundliche Bude«
-
-des
-
-Landesvereins Sächsisch. Heimatschutz
-
-Dresdner Vogelwiese
-
-Ecke Straße 6 und Straße 7 am Barthelschen Hippodrom
-
-
-Glücksradverlosung kunstgewerblicher und volkskundlicher Gewinne aus
-der Verkaufsstelle Sächsischer Volks- und Kleinkunst des Landesvereins
-Sächsischer Heimatschutz
-
-
-Wir bitten um regen Zuspruch, der Reingewinn hilfst uns im schweren
-Kampfe ums Dasein unseres Vereins
-
-
-Landesverein Sächsischer Heimatschutz
-
-Dresden-A., Schießgasse 24
-
-
-Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Die Jahreszahlen der Postmeilensäulen S. 91 ff wurden zur
- besseren Lesbarkeit in eckige Klammern eingeschlossen.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER
-HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 4-6 ***
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