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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz -- Mitteilungen Band XI, - Heft 4-6 - Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege - -Editor: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Release Date: September 17, 2022 [eBook #69001] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 4-6 *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder - unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist - =so dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Landesverein Sächsischer - Heimatschutz - - Dresden - - Mitteilungen - Heft - 4 bis 6 - - Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege - - Band XI - - _Inhalt_: Die kursächsischen Postmeilensäulen beim 200jährigen - Bestehen – Heimatschutzgedanken in Gottfried Kellers Dichtungen – - Die Kirche zu den »Vierzehn Nothelfern« auf der »Kahlenhöhe« bei - Reichstädt – Um Juchhöh und Windberg – Wanderbilder aus den - Grenzgebieten der Oberlausitz und Nordböhmens – Volkslieder der - sächsischen Oberlausitz – Nochmals »Pflanzt Nußbäume« – Über das - Vorkommen der Weidenmeise in unserm Vaterlande – Die Berankung - von Gebäudeschauseiten – Zur Geschichte des Heimatschutzes – - Zur Einschmelzungsfrage alter Kirchenglocken - - Einzelpreis dieses Heftes M. 30.–, Bezugspreis für einen Band - (aus 12 Nummern bestehend) M. 60.–, für Behörden und Büchereien - M. 50.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, - _Mindest_jahresbeitrag M. 50.–, freiwillige Einschätzung - erbeten - - Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 - - Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835 - Stadtgirokasse Dresden 610 - - Dresden 1922 - - - - -Was kosten heute die Heimatschutzmitteilungen? Jährlicher Gesamtaufwand -900000 M. - - -Täglich liest man, daß Zeitungen und Zeitschriften infolge der hohen -Herstellungskosten eingehen, die sich weder durch Bezugsgebühren noch -durch Ankündigungen decken lassen. Wenn der Landesverein Sächsischer -Heimatschutz bisher seine »Mitteilungen« im Friedensumfange mit -Friedensausstattung herausgeben konnte, so verdankt er dies der -Opferwilligkeit seiner Mitglieder, die ihm dies durch hohe Beiträge -ermöglichten. - -In den letzten Wochen sind die Herstellungskosten für unsere -»Mitteilungen« um 150 bis 200 v. H. gestiegen, so daß wir in banger -Sorge sind, ob es möglich ist, sie weiter erscheinen zu lassen. - -Es dürfte unseren Mitgliedern und Freunden interessant sein, zu -erfahren, was heute =ein Heft= der »Mitteilungen« in 22000 Auflage -kostet: - - Textpapier 75000 M. - Umschlagpapier 5000 " - Druckstöcke 40000 " - Druckkosten 50000 " - Briefumschläge 15000 " - Postgelder 40000 " - ––––- - 225000 M. - -In diesen Zahlen sind noch nicht inbegriffen die Honorare und unser -Geschäftsaufwand. - -Wir geben jährlich vier Hefte heraus, - - =so daß uns diese vier Hefte jährlich 900000 M. kosten.= - -Das ist der heutige Preis, in acht Tagen ist er wieder gestiegen, in -vierzehn Tagen weiter und schwindelnde Zahlen werden wir am Ende des -Jahres sehen. - -Nicht verschweigen möchten wir, daß eine sächsische Firma, die nicht -genannt sein will, uns zu diesen Kosten unserer Veröffentlichungen -jährlich 100000 M. in dankenswerter Weise stiftet, so daß sich der -jährliche Gesamtaufwand auf 800000 M. erniedrigt. - -Aus diesen Zahlen bitten wir unsere geehrten Mitglieder und Freunde -zu ersehen, welche schweren Kämpfe ums Dasein unsere Bewegung führt. -Wenn wir bis heute durchkamen, so war es der zähe, unbeugsame Wille: -»Durchhalten« und das tiefsinnige stolze Wort »Dennoch«. - -Wie lange es noch gehen wird, wissen wir nicht. Müssen wir die -Herausgabe unserer Veröffentlichungen einstellen, dann ist unser -Verein eine Kirche ohne Glocke. Wir werden weiter arbeiten und weiter -kämpfen, aber wir können von den Schönheiten unserer Heimat nichts mehr -berichten, können sie nicht mehr in Bildern zeigen, weil uns das Organ -fehlt. - -In schwerer Zeit, in düsteren Stunden richten wir an unsere Mitglieder -die aufrichtige und herzliche Bitte, - - =uns einen in ihr Ermessen gestellten Sonderbeitrag - zur Erhaltung der Heimatschutzmitteilungen - freundlichst zu gewähren=, - -der unabhängig von den Mitgliedsbeiträgen gezahlt und verbucht werden -soll. Wir hoffen, daß diese Bitte nicht ungehört verhallen wird. Gebe -jeder nach seiner wirtschaftlichen Lage. Wenn uns von seiten der -Großindustrie reiche Unterstützungen zuteil würden, ähnlich dem hier -angeführten Fall, dann wird es uns vielleicht gelingen, die sächsischen -Heimatschutzmitteilungen, die seit 1908 erscheinen und viele tausende -unserer Mitglieder und Freunde erfreuten, weiter zu erhalten zum Besten -unseres Heimatlandes! - - _Dresden_, im Juni 1922 - - Landesverein Sächsischer Heimatschutz - - ~Dr. ing. e. h.~ Karl Schmidt, Geheimer Baurat - O. Seyffert, Hofrat, Professor - - - - - Band XI, Heft 4/6 1922 - -[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden] - -Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern -herausgegeben - -Abgeschlossen am 1. März 1922 - - - - -Die kursächsischen Postmeilensäulen beim 200jährigen Bestehen - -Von ~Dr.~ _Kuhfahl_, Dresden - - -I. Verkehrszustände um 1700 - -Der plötzliche Aufschwung, den die mechanischen Hilfsmittel für -Personenverkehr und Warenbeförderung sowie für den Gedankenaustausch -während der letzten fünfzig Jahre durch allerlei technische -Entdeckungen erfahren haben, läßt uns heutzutage schon fast vergessen, -daß vordem gerade im Verkehrswesen die denkbar primitivsten -Verhältnisse herrschten. Abgesehen von der Seeschiffahrt war vor dem -Ausbau des Eisenbahnnetzes von einer wirklichen Verkehrsorganisation, -die dem zeitweilig recht hohen Kulturstand auf anderen Gebieten -entsprochen hätte, nirgends die Rede, obwohl eine zeitgemäße Einführung -von Straßenbau und Pferdepost natürlich längst in weitestem Umfang -möglich gewesen wäre. - -In Deutschland fehlten infolge der kleinstaatlichen Zersplitterung die -künstlichen Wasserwege und großen Straßenzüge fast vollständig, und -noch über Goethes Zeiten hinaus wurden die Freuden des Reisens zumeist -durch Unbequemlichkeiten und Entbehrungen, Ärger und Überteuerung mehr -als aufgehoben. Den wenigsten Zeitgenossen kam freilich zum Bewußtsein, -daß dies eigentlich auch anders sein könnte. Gegenüber der allgemeinen -Teilnahmlosigkeit vermochte also nur eine besonders weitreichende -allmächtige Faust, wie sie Napoleon besaß, den Ausbau größerer -Chausseen zu erzwingen. - -Wer heute durch einen kurzen Ruf des Haustelephons seinen Kraftwagen -binnen wenigen Minuten vorfahren läßt und dann Hunderte von Kilometern -auf glatten Straßen im bequemen Polstersitz rasch und sicher durcheilt, -oder wer – in bescheidenerer Weise – die Massenbeförderungsmittel von -Eisenbahnen und Flußdampfern benutzt, vermag sich wohl kaum noch eine -wirkliche Vorstellung davon zu machen, welch ein Entschluß oder welche -Vorbereitung und Ausrüstung noch in Großvaters Zeiten zu einer einzigen -solchen Fernfahrt gehört hätte. In weit höherem Maße gilt das natürlich -für die früheren Jahrhunderte, in denen wirkliche Kunststraßen ein -unbekannter Begriff waren. - -Alle älteren Reisebeschreibungen gehen entweder mit stillschweigendem -Fatalismus über das Unvermeidliche ganz hinweg oder nehmen gerade -damit einen breiteren Raum ein, als dem Zweck einer Vergnügungsfahrt -eigentlich entsprechen sollte. Körperliche Beschwerden durch harten -Sitz und schlechtgefederte Karossen, durch holprige Wege und endlose -Fahrdauer, durch Kälte und Wind, Staub und Hitze verknüpften sich mit -dem tausendfachen Ärger über unpünktliche, ungeschickte, betrunkene -und grobe Fuhrknechte, über Erpressungs- und Prellversuche, über -Paßkontrolle und Wegegelder. Vielfach kam auch noch die Angst vor der -Unsicherheit des platten Landes und das geringe Verständnis hinzu, -dem der Fremde gegenüber der Wichtigtuerei der Ortsbehörden zumeist -begegnete. - -Der Reiseverkehr hielt sich deshalb selbst bei den wohlhabenden -Kreisen in allerbescheidensten Grenzen. An solchen Stellen jedoch, wo -der Verkehr über Land eine wirtschaftliche Lebensnotwendigkeit war, -mußten die Besserungsmaßregeln mit der Entwicklung des Verkehrs trotz -alledem Schritt zu halten suchen. Es nimmt infolgedessen nicht wunder, -daß der Leipziger Rat zur Förderung des Meß- und Handelsverkehrs -weit über seine Kompetenz als Stadtverwaltungsbehörde hinaus zu -allererst und in weitschauendster Weise den Gedanken eines geregelten -Postfuhrwesens in die Tat umsetzte. Unterstützt von der Großhandelswelt -ganz Deutschlands gelang es schon am Ende des vierzehnten Jahrhunderts -für Briefbeförderung ziemlich geregelte Reit- und Läuferposten bis -nach Hamburg, Augsburg, Nürnberg, Wien, Cölln (Berlin) und anderen -Handelsplätzen einzuführen. Sehr bald wurde der Dienst auch über die -Reichsgrenzen, besonders nach Italien und den Niederlanden ausgebaut, -so daß vor dem Beginn der dreißigjährigen Kriegswirren bereits ein -mustergültiger Botendienst in Leipzig zusammenlief, von dem viele Teile -des deutschen Reiches gleichfalls Vorteile bezogen. - -Die Beziehungen, die zwischen den unzähligen großen und kleinen -Fürstenhöfen bestanden, lenkten die Aufmerksamkeit intelligenterer -Machthaber sehr bald auf die neue Einrichtung. Im Kurfürstentum -Sachsen verdichtete sich dieses Interesse sogar so weit, daß seit 1500 -Versuche zum Betrieb einer eigenen Hofpost gemacht und statt dieses -verunglückten Unternehmens im Jahre 1613 die mustergültige Leipziger -Ratspost mit einem kurfürstlichen Postmeister besetzt, d. h. nach -heutigem Sprachgebrauch kurzerhand verstaatlicht wurde. - -Die andauernde Geldverlegenheit der Fürstenhöfe brachte es dann -natürlich auch sehr bald mit sich, daß das Postregal, genau wie jeder -andere Staatsbesitz, allerwärts verpfändet oder verpachtet wurde. Die -italienische Familie der Taxis aus Bergamo machte sich dies seit dem -sechzehnten Jahrhundert zunutze und brachte nach und nach den größten -Teil des europäischen Brief- und Fahrpostverkehrs so sicher in ihre -Hand, daß ihre allerletzten Privilegien wohl erst durch die Revolution -von 1919 beseitigt worden sein dürften. Das Haus Thurn und Taxis -verdankt seinen Vorfahren neben reichen Besitztümern in allen Ländern -die Erhebung in Adels-, Grafen- und Fürstenstand, es hat sich aber -auch den Dank Europas verdient, denn ohne seine zielbewußte private -Geschäftsgewandheit wären Verkehrsbeziehungen zwischen den machtlosen, -widerstrebenden Staatsgebilden von damals kaum möglich gewesen. -Freilich mußten auch diese Bemühungen in einer gewissen Halbheit -stecken bleiben, solange der Ausbau großer Verbindungswege noch nicht -zu den Aufgaben des Kulturstaates gerechnet, sondern der Einzelsorge -anliegender Gemeinden überlassen wurde. - - -II. Pläne Augusts des Starken - -Im Kurfürstentum Sachsen fanden die Anläufe zum Hof- und -Staatspostbetrieb, die auf 1500 zurückgehen, eine außergewöhnliche -Förderung durch August den Starken (1694–1733). - -Trotz des geschichtlichen Zerrbildes, das der Film neuerdings von ihm -für den Sensationsbedarf des Kinos zusammengestückelt hat, ist diesem -glanzvollen und ideenreichen Fürsten eine ganze Anzahl großzügiger -Pläne zu danken, die er zumeist ganz persönlich mit sicherem Blick -aufgriff und mit zielbewußter Energie verfolgte. - -Sein schönheitsliebender Sinn umkleidete dabei in eigenartiger -und höchstpersönlicher Weise die Erscheinungen des alltäglichen -Lebens mit künstlerischen Formen. Weit über die heutigen grünweißen -Grenzpfähle hinaus finden wir deshalb noch jetzt neben den monumentalen -Schauplätzen seiner prunkvollen Hofhaltung, neben den beredten -Zeugnissen seiner Liebe und seines unvertilglichen Hasses, auch eine -ganze Anzahl Schöpfungen, die fast aus dem Geiste neuzeitlicher -gemeinnütziger Ideen geboren erscheinen. - -Das Postwesen, dessen Nutzen und Bedeutung er bei seinen verschiedenen -Besuchen auf der Leipziger Messe selbst kennen gelernt hatte und für -den regen Verkehr mit befreundeten Höfen selber andauernd in Anspruch -nahm, gab ihm Anlaß zu einer Reihe von Staatserlassen, denen seine -Landeskinder zwar samt und sonders mit sorgenvollem Kopfschütteln -und ehrerbietigstem Protest begegneten, die ihre Probe aber doch -vor dem Urteil der Geschichte glänzend bestanden haben. Trotz des -Heerestrosses und der goldenen Prunkkarossen, die seinen Reisezug -bildeten, durchschaute er mit scharfem Blick die ganze Jämmerlichkeit -des Verkehres von Stadt zu Stadt. In einer Zeit, die weder Straßen noch -Wegweiser noch Landkarten kannte, wird auch die mündliche Auskunft -durch das Landvolk im allgemeinen nicht weit über die eigene Flur -hinausgereicht haben. Neben Förderung des Straßenbaues, Beaufsichtigung -des Vorspanndienstes und Festlegung der Posttaxen schuf er deshalb den -Plan, nach dem Vorbild römischer Cäsaren, in sämtlichen Städten seiner -Kurlande und vor all ihren Toren _wappengeschmückte Säulen_ zu erbauen, -auf denen die Wegrichtung und Entfernung der Hauptorte in Meilen oder -Wegstunden einzuzeichnen wären. An den Poststraßen selbst sollten -sodann von Viertel- zu Viertelmeile kleinere Merkzeichen aufgestellt -werden, die über das nächste Ziel Auskunft gaben und die Entfernungen -kenntlich machten. - -Die künstlerischen Entwürfe zu diesen Distanzsäulen und Meilenzeichen -stammten von der Hand des schönheitsliebenden Fürsten selber. Die -Vorliebe für den schlanken, nadelartigen Obelisken, den wir bei seinen -Jagdzeichen und Marksteinen in kleinem Ausmaß z. B. noch heute als -Bezeichnung von Flußübergängen oder in Riesengröße als Richtpunkte -seiner Zeithainer Truppenschau in der Landschaft antreffen, zeigt sich -in mehrfacher Wiederholung auch bei der Handzeichnung der Poststeine. - -[Illustration: Abb. 1 =Handzeichnung aus Schramm=] - -Die Distanzsäulen trugen auf quadratischer Grundlage einen mehrfach -profilierten Sockel und darüber einen abgestumpften Obelisken, -dessen Oberteil mit dem plastisch ausgehauenen kursächsischen und -königlich-polnischen Wappen versehen war. Neben den schwarzgetönten -Inschriften half farbiger Anstrich der Wappenschilder und Vergoldung -der darüber schwebenden Krone das künstlerische Bild vervollständigen. - -Zur Bezeichnung der ganzen Meile sollte jeweilig ein schlanker Obelisk -auf einfacherem Unterbau, für die halbe Meile eine hermenartige -Säule von eigenartiger Gestalt und für die Viertelmeile eine breite -profilierte Steinplatte gesetzt werden. - - -III. Die Aufstellung der Postmeilenzeichen - -Da das Kurfürstentum Sachsen vor zweihundert Jahren von der Saale bis -in die Odergegend und vom Erzgebirge bis vor die Tore Berlins reichte, -so mußte die _praktische Durchführung_ des Planes von vornherein -mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen. Insbesondere war das -weitverzweigte Gebiet nicht von einem Steinbruch und nicht von einer -Steinmetzwerkstatt aus mit gleichartigen Stücken zu versorgen, denn für -solche Lieferungen fehlte ja gerade die Verkehrsmöglichkeit, der die -neue Postschöpfung dienen sollte. - -[Illustration: Abb. 2 =Handschriftproben von Zürner aus den Akten -Freyberg=] - -Zur Wahrung der nötigen Einheitlichkeit und zur Durchführung im -einzelnen ließ der Kurfürst seine bildlichen Entwürfe in Kupferstich -vervielfältigen (vgl. Abb. 1) und die nötigen Anweisungen für den -Aufbau in Gestalt einer »Mäurerinstruktion« und anderer Befehle -ergehen. Gleichwohl war er sich von vornherein bewußt, daß mit solchem -Schreibwerk allein nichts auszurichten sein würde. Er suchte deshalb -sofort einen organisatorisch begabten Kopf, der ringsum im Lande die -erforderlichen Maßnahmen persönlich treffen sollte, und er fand ihn in -der Person des Pfarrers Friedrich Adam Zürner von Skassa bei Großenhain. - -Dieser unermüdliche, praktische und fleißige Mann hat nicht nur -jahrzehntelang alle Landesteile für Vermessungszwecke, Besichtigungen -oder Verhandlungen selbst bereist und nahezu jeden Bauplatz der -Postsäulen selbst ausgewählt, sondern obendrein die hunderte von -Befehlen, Berichten und Erlassen eigenhändig niedergeschrieben. Sogar -die Entwürfe für die Entfernungstabellen der Distanzsäulen stammen aus -seiner eigenen Feder (vgl. Abb. 2). - -Die Aktenbündel, die er über jede einzelne Stadt anlegen ließ, geben -uns noch heute ein getreues Bild dieses opferfreudigen Schaffens. Wir -finden dreißig Faszikel im Dresdner Hauptstaatsarchiv[1], während -diejenigen Bände, die aus abgetretenen Gebietsteilen der Provinzen -Sachsen, Schlesien und Mark Brandenburg stammen, nach 1806 an die -Archive von Berlin und Magdeburg abgegeben worden sind. - -Die ganze Riesenhaftigkeit der Aufgabe, der dieser einzelne Mann unter -werktätiger Beihilfe seines Fürsten mehr als zwanzig Jahre des Lebens -gewidmet hat, wird erst dann in vollem Umfang ersichtlich, wenn man -jene Zeitverhältnisse in ihrem Urzustande bedenkt. - -Vom Fernverkehr für Handel oder höfische Zwecke gab es nur spärliche -Anfänge. An eine Einteilung der Postfahrten und an geordnetes -Vorspannwesen war nicht zu denken. Der Straßenbau von Ort zu Ort -beruhte zumeist auf der kümmerlichen Gelegenheitsarbeit erpreßter -bäuerlicher Frohnden. Landkarten, Stadtpläne, Vermessungsergebnisse, -Entfernungstabellen oder ähnliche schriftliche Vorarbeiten, die -wenigstens bei der allgemeinen Verteilung und Beschriftung der -Postsäulen als Unterlage hätten dienen können, fehlten vollständig. -Das ganze Werk mußte also überall von Zürner selbst mit den -allereinfachsten Feststellungen, Vermessungen und Besichtigungsarbeiten -begonnen werden. - -Weiterhin war die Beschaffung von vielen Hunderten kunstvoll -ausgeführter Steinsäulen durchaus keine einfache und vor allen Dingen -keine billige Sache. Die wenigsten Postsäulen durften aus den am Orte -gefundenen Gestein von einem beliebigen Handwerker gehauen werden. Der -kurfürstliche Landes- und Grenzkommissarius Zürner, der unausgesetzt -im Lande umherreiste, hatte vielmehr Auftrag, sich allerwärts über die -Beschaffenheit des Gesteins zu erkundigen, zuverlässigen Steinmetzen -nach Möglichkeit eine ganze Anzahl der Säulen in Auftrag zu geben -und alle Maßnahmen für größtmöglichste Haltbarkeit, modellgerechte -Ausführung und richtige Aufstellung zu treffen. Trotzdem hat das -heranwachsende Werk natürlich mancherlei Unterschiede in der -Bildhauerarbeit sowie grobe Mängel bei der Gründung oder Auswahl der -Steine gezeigt, so daß Zürner viele Revisionsreisen unternehmen und -umgefallene Stücke wieder aufsetzen lassen mußte, während nach seinem -Tode der Verfall ziemlich schnell um sich griff. An Abweichungen -von der Bauvorschrift treffen wir beispielsweise in Delitzsch einen -Distanzobelisken, der in seiner Überschlankheit um mindestens zwei -Ellen höher sein dürfte, als die Werkzeichnung verlangt (vgl. -Abb. 3); auch der Rochlitzer Obelisk zeigt nicht das vorgeschriebene -sächsisch-polnische Doppelwappen, sondern nur ein gekröntes Schild mit -der sächsischen Raute. - -Der geldliche Aufwand, den eine so prunkvolle, arbeitsreiche Idee -zu ihrer Durchführung erfordert, erscheint selbst in damaliger Zeit -nichts weniger als gering. Für einen Souverän, wie August der Starke, -lagen die Dinge in finanzieller Beziehung aber trotzdem sehr einfach. -Seine Kassen waren leer. Die Kosten für die »allergnädigst verliehenen -Distanzsäulen« mußte also jede Stadt aus ihrem Säckel bestreiten und -für die Meilensäulen am Wege mußten die anliegenden Gemeinden und -Grundherren Sorge tragen. - -Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges hatten nun gerade den -sächsischen Landen, die ursprünglich zu den wohlhabendsten gehörten, -auch die schwersten Wunden geschlagen. Durch Heeresfolge, Einlager, -Hunger, Brand und Seuche war Stadt und Land entvölkert. Der Reichtum -erzgebirgischen Silbersegens und mannigfachen Hausfleißes war dahin. -Neue Einnahmen blieben aus. - -Umgekehrt waren die durch die Postzeichen auferlegten Lasten -ursprünglich recht hoch bemessen, denn ohne Rücksicht auf die Größe der -Städte oder den Umfang ihres Verkehrs hatte Zürner anfangs durchaus -nach der Idee des Kurfürsten verfahren und für jeden Stadtausgang -eine große Säule bestimmt. Dadurch wurden kleine und große Orte ganz -ungleich belastet, denn z. B. hatte die Residenz Dresden und der -reiche Handelssitz Leipzig nur vier Tore und die Städtchen Grimma -und Marienberg ihrer fünf. Die Preise der Distanzsäulen schwanken -nach den aktenmäßigen Rechnungen zwischen 12 und 80 Talern für das -Stück, wobei neben der Steinmetzarbeit auch die Höhe der notwendigen -Beförderungskosten ins Gewicht fiel. Wetterfeste Hausteine in diesen -stattlichen Größen waren oft sehr weit herzuholen und oftmals weigerten -sich die Bauern überhaupt, ihre Pferde für solche Riesenlasten -herzugeben. Bei der Beschwerlichkeit der Landfuhren wählte der Rat -von Hayn (Großenhain) für seine drei Säulen deshalb den billigeren -Wasserweg von Pirna bis Merschwitz. - -Da der Stadtsäckel in damaliger Zeit auf solche außergewöhnliche -Ausgaben nirgends eingerichtet war, blieb nichts übrig, wie die Beträge -als Kopfsteuer auf die Bewohner umzulegen. Erklärlicherweise mag dann -allerdings die Begeisterung der gehorsamen Untertanen für kostspielige -fürstliche Launen nicht gerade groß gewesen sein und so stoßen wir in -den Akten nicht nur allerwärts auf allgemeinen Widerstand, sondern -vielfach auf Mahnerlasse, wonach »Unkosten halber eine Repartition -unter der Bürgerschaft gemacht, auch die Widerspenstigen zu Erlegung -des ihnen zugeteilten Quanti behörig und da nötig durch gebührende -Zwangsmittel angehalten werden mögen.« - -Angesichts dieser Finanznöte beginnen all die vielen »Acta die -allergnädigst anbefohlene Anschaffung und Aufrichtung derer steinern -Postsäulen« mit einer beweglichen Klage über die Armut der Bürger -und die Erschöpfung des gemeinen Fiskus. Die Stadt bäte deshalb, -statt mehrerer Distanzsäulen vor ihren verschiedenen Toren nur eine -einzige auf dem Markte setzen zu dürfen. Näher hätte ja wohl der -Ausweg gelegen, daß der Kurfürst den Bau auf Staatskosten bewilligen -möge, aber diesen Vorschlag hat nur die Stadt Freiberg für ihre -fünf Torsäulen gewagt. Tatsächlich wurde ihrerseits im Juni 1723 -auch durchgesetzt, daß »die Unkosten so auf diese Säulen erfordert -werden, ungeachtet der gemeine Fiskus sehr erschöpft ist, dennoch -vorigo noch daraus entnommen und die Bürger und Einwohner mit keiner -Anlage beschwert werden.« Die dutzendweise wiederkehrenden Bitten um -Beschränkung des Aufwands und um Bewilligung einer Marktsäule lassen -die Vermutung aufkommen, daß Zürner hier vielleicht selber den guten -Geist der Städte gespielt und ihnen den Vermittelungsvorschlag, den -der Kurfürst in jedem Einzelfall selbst entscheiden wollte, etwa nahe -gelegt hat. Nur wenige der allerkleinsten Stadtgemeinden, wie z. B. -Rabenau, das damals weder Post- noch Straßenverbindung hatte, dürften -ganz um die neue landesherrliche Verfügung herumgekommen sein. - -[Illustration: Abb. 3 =Überschlanke Distanzsäule in Delitzsch=] - -Bereits die Jahreszahlen an den erhaltenen Postzeichen, die von -1722–1735 schwanken, deuten daraufhin, daß die Aufstellung der -Postzeichen vielfach recht lange verschleppt worden ist. Der -ungeduldige Kurfürst, der seine Lieblingsideen gern umgehend ausgeführt -sah, erließ geharnischte Befehle im allgemeinen und Einzelverfügungen -in Menge, aber allzuviel fruchteten solche papiernen Ergüsse damals -nicht und ohne die Unermüdlichkeit des Kommissarius Zürner und dessen -persönliche Revisionsfahrten wären wahrscheinlich noch weit mehr Säulen -unausgeführt geblieben. - -[Illustration: Abb. 4 =Ganze Meilensäule am ursprünglichen Ort bei -Köttewitz und Dohna=] - -Die jahrelangen Verzögerungen, die dann trotzdem eingetreten -sind, lassen sich vielfach an der Hand der Akten durch wortreiche -Entschuldigungsschreiben der Bürgermeister oder durch Streik von -Fuhrleuten und »Meurern« erklären, die für die vom Kurfürsten -festgesetzten Löhne nicht arbeiten wollten. Mit der Ablenkung, die der -Kurfürst durch seine außenpolitischen Aufgaben erlebte, mag nach und -nach wohl der ganze Plan bei ihm etwas in Vergessenheit geraten und -auch von dem alternden Landeskommissarius Zürner nicht mehr mit der -gewohnten Energie betrieben worden sein. Die Akten enden vielfach ohne -bestimmten Abschluß, und die großen Lücken, die draußen an den Straßen -tatsächlich verblieben sind, deuten darauf hin, daß die Ausführung des -großangelegten Werkes gar nicht vollständig zu Ende gebracht, sondern -nach und nach ins Stocken geraten ist. - - -IV. Der heutige Bestand an Distanzsäulen und Meilenzeichen - -Von den weitreichenden Plänen des prunkliebenden Fürsten und dem -mühevollen Lebenswerk seines getreuen Landesgeographen sind nur höchst -kümmerliche Reste auf unsere Zeiten gekommen. Allerdings deuten die -wiederholten kurfürstlichen Mahnerlasse und die endlosen persönlichen -Bemühungen Friedrich Zürners daraufhin, daß manche der anbefohlenen -Säulen sowohl in den Städten wie an den Straßen unausgeführt geblieben -ist. Genau feststellen läßt sich dies allerdings nicht, denn die -vorhandenen Akten, deren Zahl auch gar nicht vollständig ist, geben -über die wirkliche Aufstellung nur ganz vereinzelt durch eingeheftete -Kostenrechnungen einen Anhalt; andere zeitgenössische Beweisstücke, -wie Karten, Pläne und Bilder, auf denen die vorhandenen Säulen -eingezeichnet sein könnten, bleiben erst recht eine Seltenheit. In -jedem Falle müssen wir aber als sicher annehmen, daß das System nicht -einmal zu Lebzeiten August des Starken in geplanter Weise ausgebaut -gewesen ist, daß es schon kurz nach der Errichtung vielfachen -Zerstörungen ausgesetzt war und dann dem baldigen Vergessen anheimfiel. -In der Aktensammlung zu Dresden finden sich zwei Hefte »Gegen -Vergreifung und Bosheit so darwider geübt werden« und »Für Strafe, so -sich dran vergreifen oder selbige deformirt«. Auch Zürner hat vielfach -über Einzelfälle von Beschädigung zu berichten und besondere Mühe mit -der Ausbesserung gehabt. - -Zum natürlichen Verfall der kleinen Steinmäler durch -Witterungseinflüsse oder mangelhafte Bauart gesellte sich die bewußte -Zerstörung durch menschliche Bosheit oder Unverstand der Behörden. Über -beträchtliche Lücken lesen wir schon in einer gedruckten Festschrift, -die nach hundert Jahren erschien. Ein begeisterter Verehrer der alten -Denkzeichen, ~Dr.~ F. L. Becher in Chemnitz, widmet ihnen 1821 zur -hundertjährigen Jubelfeier einen schwulstigen, phrasenreichen Nachruf -und beklagt bereits damals, daß viele von ihnen umgefallen oder -zerbrochen, eingesunken oder verwachsen seien. - -Der Oberreitsche Landesatlas, der um die Wende des achtzehnten -und neunzehnten Jahrhunderts als Ergebnis der ersten wirklichen -Landesvermessung vom Obersten Oberreit und seinen Gehilfen bearbeitet -wurde, verzeichnet die Meilenzeichen nur an einigen Straßen und erwähnt -die Distanzsäulen der Städte überhaupt nicht. Infolgedessen trägt auch -diese nachträgliche Beurkundung nur wenig zur Klärung des anfänglichen -Zustandes bei. - -Dagegen lassen die dreißig Aktenhefte des Dresdner Staatsarchivs ohne -weiteres erkennen, daß der Kurfürst selbst bereits seine ursprünglichen -Absichten stark zurückschrauben mußte. Die Besetzung aller Straßentore -mit den großen Distanzsäulen war nämlich nur in wenigen wohlhabenden -Städten wie Leipzig, Chemnitz, Freiberg und Dresden zu erzielen, -während alle kleineren Orte sich günstigstenfalls zur Aufstellung einer -Marktsäule bereit finden ließen. Selbst darüber zogen sich aber die -Verhandlungen in die Länge, und jahrzehntelange Verzögerungen waren die -Folge. - -Von kleineren Städten dürften bloß sehr wenige mehr als eine -Distanzsäule angeschafft haben. Beispielsweise finden wir in der Stadt -Geithain noch heute zwei Straßenzüge durch Distanzsäulen geschmückt. -Ebenso sind die Parkeinfahrten der Schlösser Lichtenwalde bei Chemnitz -und Moritzburg bei Dresden von solchen Obeliskenpaaren flankiert. -Da die Akten über diese Stücke ebenso über Penig und andere Städte -keinen Aufschluß geben, so bietet auch die Zählung der Stadtsäulen -nach diesen urkundlichen Unterlagen keine sichere Gewähr. Nur -durch eine oberflächliche Schätzung könnte man annehmen, daß neben -den achtunddreißig Distanzsäulen, die heute laut des beigefügten -Verzeichnisses ~A~ noch auf sächsischem Staatsgebiet stehen, dereinst -noch mindestens fünfzig bis sechzig andere vorhanden gewesen sein -dürften. In den abgetretenen Teilen der preußischen Provinzen Sachsen, -Schlesien und Mark Brandenburg, wo die Wege nach Warschau den -sächsischen Polenkönig naturgemäß am meisten interessierten, wird das -Zahlenverhältnis ähnlich sein, wiewohl die Siedlungen dort räumlich -weiter auseinanderliegen und große Städte, die mehrere Distanzsäulen -gehabt haben könnten, fast ganz fehlen. Man begegnet ihnen daselbst in -großen und kleinen Provinzorten mit sechzehn gut erhaltenen Stücken. -Wieweit dazu die in preußischen Besitz genommenen Akten einen Schluß -auf verlorengegangene Steine zulassen, vermag ich nicht zu beurteilen, -da mir ein persönlicher Besuch der Archive von Berlin und Magdeburg aus -erklärlichen Gründen leider nicht mehr möglich ist. - -Nebenbei wäre vielleicht noch an die Möglichkeit zu denken, daß auch -Warschauer Archive aus der Zeit des sächsischen Königtums einige -Unterlagen über die Straßenbezeichnung enthielten oder daß sogar auf -polnischem Boden Postzeichen noch in ähnlicher Weise vorhanden wären, -wie innerhalb unserer Reichsgrenzen. Ich habe deshalb während des -Krieges von der Westfront her bei unseren polnischen Besatzungsbehörden -angefragt, aber vom Generalgouvernement Warschau durch die mit -Kunstschutz und archivalischen Studien beauftragte Stelle nach längerer -Zeit den Bescheid erhalten, daß bei Durchsuchung der Staatsarchive und -bei Umschau in den Städten nichts über die Postmeilensäulen aufgefunden -worden sei. – - -Alles in allen kann man annehmen, daß auf Grund der augusteischen -Befehle vor zwei Jahrhunderten etwa hundert solcher Distanzsäulen in -sächsischen Landen aufgestellt worden sind und den ersten bescheidenen -Schritt dazu gebildet haben, die mittelalterlichen Verkehrsverhältnisse -in Deutschland etwas zu bessern. Bei allem Widerstand, den die -verarmten Gemeinden der Sache lediglich aus finanziellen Gründen -entgegensetzten, darf man den großen und bleibenden Nutzen für die -Allgemeinheit nicht verkennen. Heutigentags bedeutet die sorgsame -Erhaltung der Obelisken und ihrer Inschriften zwar lediglich einen Akt -kulturhistorischer Pietät, bis zum völligen Ausbau des Eisenbahnnetzes -nach 1870 besaßen jedoch ihre dutzendfältigen Entfernungsangaben in -Wegstunden oder Meilen allerwärts auch noch praktische Bedeutung. Der -Verfasser der Jubiläumsschrift für 1821 bringt diesen Gedanken in -folgender Weise zum Ausdruck: - - »Wer oft genug Reisende aus dem Auslande an diesen wohltätigen - Straßensäulen weilen, die Ortsentfernungen lesen und fröhlich - in ihre Schreibtafeln eintragen sah, der freute sich gewiß - recht patriotisch dieser ehezeitlichen Veranstaltungen und - ihres Nutzens für die gesamte Klasse von Pilgrimen, die - ihrer Heimat entfremdet, jeder freundlichen, auch stummen - Zurechtweisung bedürftig sind.« - -[Illustration: Abb. 5 =Viertelmeilenstein am ursprünglichen Ort an der -Straße Breitenau-Harthwald=] - -Während dieser verbliebene Teil der Distanzsäulen uns mit seinen -fünfzig bis sechzig Stücken immerhin noch ein anschauliches Bild der -Vergangenheit vermittelt, ist die Zerstörung der _Meilenzeichen an den -Landstraßen_ bis auf einige klägliche Trümmer vorgeschritten. Von den -vielen, vielen Hunderten kleiner Kunstwerke, die früher den Wanderer -in regelmäßigem Wechsel schon fernher sein Fortschreiten ankündigten, -steht nicht einmal mehr ein volles Dutzend am alten Fleck und selbst -diese wenigen Reste sind teilweise zertrümmert oder grob beschädigt. - -[Illustration: Abb. 6 - -=Halbmeilensäule ohne Fußteil, früher bei Gohrisch auf dem Schießplatz, -seit 1919 im alten Truppenlager von Zeithain=] - -Sieht man sich nach den Urhebern dieses Zerstörungswerkes um oder -forscht man nach den Beweggründen, so fehlt es zwar an sicheren -Angaben und Beweisen, ein Blick auf die Karte sagt aber mehr, wie -jede wörtliche Anklage. Überall da, wo der neuere Staatsstraßenbau -den alten Postwegen genau folgte, ist jede Spur der Zürnerschen -Meileneinteilung restlos verschwunden und nur die nüchterne, moderne -Wegmarke nach Meilen- oder Kilometersystem vorhanden. Anderseits -begegnen wir den wenigen verbliebenen Meilensäulen aus augusteischer -Zeit gerade an denjenigen alten Postlinien, mit denen sich der -ingenieurmäßige Straßenbau bisher nie zu befassen hatte, weil der -Verkehr frühzeitig nach geeigneteren Wegen abgeschwenkt war. - -Leider ist dieser zweite Fall aber bei weitem der seltenere, denn in -den ebenen Teilen der alten Kurlande hat sich die Verbindung von Ort zu -Ort natürlich ebenso sehr an die altgewohnten gradlinigen Straßenzüge -gehalten, wie im Gebirge, wo die Geländegestalt für die Nahverbindungen -auch nicht viel Auswahl bietet. Infolgedessen sind eigentlich nur -wirkliche Fernverbindungen, wie die Leipzig-Dresdner oder die -Dresden-Prager Handelsstraßen mehrfach über andere Postorte geleitet -und dadurch verschoben worden. - -So hat der alte Postgang zwischen Leipzig und der Elbe bei -Schieritz-Meißen zwischen der nördlichen Linie über Wurzen-Oschatz -und einer südlichen über Grimma zeitweilig auch zwischenliegende -Verbindungsstrecken benutzt. Infolgedessen findet sich die allereinzige -Halbmeilensäule, die überhaupt unbeschädigt auf unsere Tage gekommen -ist und wohl augenscheinlich am ursprünglichen Platze steht, mitten im -Wermsdorfer Forstrevier an einem alten längst verwachsenen Waldwege. - -Der Prager Handelsweg dagegen folgte südlich von Dohna den dörflichen -Verbindungswegen über die Höhen, während die neuere Kunststraße auf der -Sohle des Müglitztales mit all dessen Windungen, aber ohne verlorene -Steigung, zur Paßhöhe am Mückentürmchen hinaufführt. - -Die wenigen Meilenobelisken und Viertelmeilsteine sind ganz vereinzelt -im Lande zu suchen. Einige, wie z. B. die Platten von Klaffenbach, -Dohna und Dippoldiswalde dürften an ihren jetzigen Platz verschleppt -worden sein, denn durch den oberen Ortsteil von Klaffenbach bei -Chemnitz ist überhaupt keine Poststraße gelaufen und bei den beiden -erzgebirgischen Städtchen zeigt der Oberreitsche Landesatlas die -Meßpunkte der Meilenviertel an ganz anderen Stellen. - -Auch sonst steht nur ein einziger Stein von allen an einer ausgebauten -Kunststraße, und diese Viertelmeilplatte von Steinbach bei -Johanngeorgenstadt habe ich selber im Frühjahr 1914 vom Schotterhaufen -gerettet. - -Auf eine Kette von nicht weniger als fünf guterhaltenen Stücken -stoßen wir schließlich an der einstigen Prager Poststraße, die über -die erzgebirgischen Höhenrücken von Dohna nach Börnersdorf verlief -und gegenwärtig nur noch der Verbindung von Dorf zu Dorf dient. Dem -ausgebesserten Viertelsteine in Dohna folgt ein Meilenobelisk bei -Köttwitz (vgl. Abb. 4.) Dann treffen wir in richtigen Abständen -auf zwei weitere Viertelmarken in Börnersdorf und am Haarthewald -(vgl. Abb. 5), sowie nochmals auf die ganze Meile bei Breitenau. Zu -diesem Straßensystem hat noch ein Halbmeilenstein nordöstlich der -Fürstenwalder Kirche gezählt. Einige Sandsteinstücke, die ich dort im -Jahre 1912 am westlichen Straßenrand vorfand, mögen davon herstammen. -Im Abstand einer weiteren Viertelmeile beim Haferfeldwald zeigt der -Oberreitsche Atlas (Blatt Altenberg) kurz vor der Landesgrenze -nochmals einen Viertelmeilenstein; es ist mir bisher aber nicht -gelungen, seinen Verbleib zu ermitteln. - -Auch ohne dieses siebente Stück gestattet das Beispiel dieser -alten Bergstraße, zusammen mit dem sonstigen Befund inner- und -außerhalb Sachsens jedoch zwei ziemlich sichere Schlußfolgerungen: -die Meilensteine aller drei Größen haben inner- und außerhalb der -Ortschaften von der Bevölkerung sicherlich nichts zu leiden gehabt, -sondern sind hie und da, wie Einzäunungen, Blumenschmuck und -Ausbesserungen z. B. in Ballendorf, Crandorf und Börnersdorf zeigen, -sogar auch ohne staatliche Mitwirkung und ohne Belehrung durch den -Heimatschutz gepflegt worden. Die vorhandenen Lücken dürften also wohl -zumeist dem natürlichen Verfall und der ungenügenden Gründung der -hochragenden Formen zuzuschreiben sein. Ihre vollständige Vernichtung -im Bereich späterer Kunststraßen ist dagegen wohl ausschließlich auf -die Bauleiter aller Grade zurückzuführen. Wenn diese irgendwo und -irgendwann einmal soviel geschichtlichen Sinn oder künstlerische -Erkenntnis aufgebracht hätten, um den Wert der alten Postzeichen zu -ermessen, dann müßten die kleinen Merksteine ja gerade an den von -Staats wegen ausgebauten Kunststraßen besonders sorgsam behandelt -worden sein. Unter all den Hunderten zeugt aber nicht ein einziges -Beispiel für solche Überlegung. Unser sächsisches Landschaftsbild, das -beim Fehlen katholischer Andachtszeichen ohnehin manchen poetischen -Anklang entbehrt, ist also im Laufe des vorigen Jahrhunderts durch -diesen beispiellosen Unverstand der Staatsbeamten noch der einzigen -Werke von Straßenkunst beraubt worden. - -Über die einstige Zahl und die Verbreitung der Meilenzeichen vermögen -wir uns heutzutage fast noch schwerer ein Bild zu machen als bei den -großen Stadtsäulen. - -August der Starke hatte von vornherein den Wunsch, alle Poststraßen -damit auszustatten. Die Akten enthalten jedoch kein Verzeichnis der -zu behandelnden Straßen und schweigen sich merkwürdigerweise auch -darüber aus, welche Verbindungswege um 1822 überhaupt als Poststraßen -angesehen wurden. So finden wir denn manche Landstraße im Aktenheft -der Nachbarstadt aufgenommen, z. B. bei Grünhayn, oder es wurde ein -besonderes Schriftstück für den Bezirk angelegt, z. B. Dippoldiswalde -Stadt und Amt. Ein vollständiges Verzeichnis der ganzen, halben und -Viertelmeilenzeichen geben die Akten mit genauer Ortsbezeichnung für -die Straße von Lützen bis zum Leipziger Peterstor. Bei Pätzold finden -wir weitere acht Hauptstraßen mit ihrer genauen Besetzung aufgezählt. - -Aus dem Schriftwechsel mit Zürner, aus den von ihm aufgestellten -Tabellen oder aus Besichtigungsergebnissen, über die manche -Akten berichten, ersehen wir dann, daß die Straßensäulen bei den -Vorbereitungsarbeiten numeriert wurden. Nach welchen Grundsätzen -dabei verfahren wurde, ist nicht ersichtlich, denn an der Straße von -Chemnitz über Annaberg nach Karlsbad wird in dem Grünhayner Faszikel -ein Meilenzeichen Nr. 52, sowie an der Straße Schneeberg-Annaberg ein -solches mit Nr. 57 erwähnt, obwohl keine dieser kurzen Entfernungen mit -solchen Mengen zu rechnen braucht. - -[Illustration: Abb. 7 - -=Normale Distanzsäule in Krakau bei Königsbrück=] - -Auf die Vollständigkeit dieser handschriftlichen Unterlagen ist also -kein Verlaß. Leichter dürfte aus den neunhundert Karten und Plänen, -die Zürner während seiner Straßenvermessung gezeichnet hat, ein -Überblick zu gewinnen sein. Aber auch diese sprechen höchstens -für die Absicht und beweisen nicht allzuviel für die wirkliche -Aufstellung. Seltsamerweise gibt die große Zürnersche Postcharte -von 1730 an den besonders kenntlich gemachten Postrouten nicht eine -einzige Distanz- oder Meilensäule wieder, wohl aber finden wir sie kurz -vorher bei Schramm als Titelkupfer auf einem Dresdner Festungsplan. -Spätere Kartenwerke bieten trotz ihrer Lückenhaftigkeit eher einen -Anhalt. Auf den fünfzehn Hauptblättern des Oberreitschen Atlasses -z. B. ist der Bestand nach hundert Jahren teilweise eingetragen. -Grundsätzlich fehlen auch hier sämtliche Distanzsäulen im Bereich der -Städte. Ferner erscheinen ganze Straßenzüge, an denen sich noch heute -Meilenzeichen finden, ohne diese, und bei denjenigen Landstraßen, an -denen die Vermessung durch die Bezeichnung ¼ M., ½ M., 1/1 M. oder -¼ St., ½ St., 1/1 St. an sich mit auf der Karte vermerkt wurde, ist -ihre Reihe doch höchst lückenhaft. Wenn dieser Mangel sich einerseits -durch eingetretene Verluste erklärt, bleibt anderseits die zwiefache -kartographische Behandlung der ganzen Sache ziemlich unverständlich. -So sind manche Provinzstraßen, z. B. Löbau-Neugersdorf, mit sechs -entsprechenden Meilenabschnitten genau bedacht, während der wichtigste -Handels- und Reiseweg Leipzig-Dresden auf dem Blatt Oschatz kein -einziges Postzeichen erwähnt. Erklärlich wird der Unterschied aber -dann, wenn man die Entstehungsjahre der einzelnen Oberreitschen -Kartenblätter beachtet. Bis 1840 sind die Meilenzeichen durchgängig -aufgenommen; sie fehlen dagegen vollständig auf den späteren Ausgaben. -So weist das Blatt Dresden von 1830 noch über sechzig Stück nach, -während Leipzig von 1839 bereits nicht ein einziges enthält. Auch -hierdurch wird die frühere Behauptung erwiesen, daß der Kunststraßenbau -mit der Zerstörung zusammenhängt, denn dort war eben schon die alte -Poststraße durch den staatlichen Chausseebau ersetzt und die Herren -Straßenbauer hatten in der Natur draußen mit den alten Steinen -gründlich aufgeräumt. Auf Blatt Zwickau von 1850 sucht man gleichfalls -fast vergeblich, wogegen das benachbarte Blatt Chemnitz von 1830 an den -Straßen bei Marienberg, Schlettau, Annaberg, Wolkenstein, Lengefeld, -Reifland und Freyberg die Vermessungszeichen noch sehr reichlich und -vollständig aufweist. - -[Illustration: Abb. 8 - -=Beschädigte Distanzsäule, früher am Marktplatz zu Wilsdruff, seit 1860 -auf den Rittergutsfeldern von Nieder-Reinsberg bei Nossen=] - -Der gegenwärtige Bestand legt uns trotz seiner Dürftigkeit noch -ungelöste Fragen vor. So z. B. kann man sich selbst unter Zuhilfenahme -alter Verkehrskarten und Kursbücher nicht erklären, wie das Dörfchen -Ballendorf zwischen Grimma und Lausigk zu einer Meilensäule gekommen -ist, die dort heute in einem Obstgarten am Nebenwege südlich der Kirche -steht. Sie macht äußerlich durch ihre unbeschädigten Formen durchaus -den Eindruck, als habe sie stets hier gestanden. - -Nach alledem bleibt man also auch für die Meilensteine an den Straßen -nur darauf angewiesen, aus dem unvollständigen und unsicheren -Bild, das die Akten, die älteren Kartenwerke und die verbliebenen -Reste gemeinschaftlich zu bieten vermögen, sich selbst durch freie -Schätzung einen Begriff von der einstigen Gesamtzahl zu machen. Dabei -erscheint es wohl nicht zu hochgegriffen, wenn man innerhalb Sachsens -zu der angenommenen Zahl von neunzig Distanzsäulen das zehnfache an -Meilenzeichen rechnet. Ob dieses Verhältnis auch außerhalb das richtige -ist, erscheint mir trotz der größeren Entfernungen zweifelhaft. Einmal -war das Straßennetz dort nicht so dicht als im Stammlande, und -zweitens dürfte die Bezeichnung infolge Steinmangels wohl gar nicht -viel ausgebaut worden sein. Im ganzen weiten Norden ist nämlich meines -Wissens neben den Distanzsäulen nicht eine Meilen- und nicht eine -Halbmeilensäule, sondern nur ein schwerbeschädigter Viertelstein in -Rüdingsdorf, Kreis Luckau, erhalten; er trägt nur den Namenszug August -des Starken und keine Jahreszahl. – - -Der allgemeine Zweck dieser kursächsischen Postzeichen hätte es wohl -nahegelegt, in Verbindung mit dieser Schilderung auf einer eignen Karte -die alten Postkurse sowie den einstigen und den heutigen Bestand der -Steinmäler darzustellen. Abgesehen vom Kostenaufwand verspricht jedoch -eine solche Übersicht keinerlei Vollständigkeit und noch viel weniger -ein wirkliches Verkehrsbild. Zur Ergänzung der textlichen Darstellung -mögen infolgedessen die beigegebenen tabellarischen Verzeichnisse -dienen. Da sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so wird -jede Nachricht über den Verbleib eines Postzeichens, das hier noch -nicht aufgeführt ist, dankbar entgegengenommen. - -Über eine ganze Reihe von Postzeichen, die nachweislich einst vorhanden -gewesen, aber im Laufe der beiden Jahrhunderte verschwunden sind, -finden sich in den Zürnerschen Akten, in alten Stadtrechnungen oder auf -Kupferstichen und Gemälden verschiedene Anhaltepunkte. Zur Ergänzung -der Bestandslisten ~A~, ~a~, ~b~, ~c~ sei deshalb eine Reihe von ihnen -hier mit angeführt. - -In _Dresden_ haben nach der Titelkarte bei Schramm von 1726 vier -Distanzsäulen vor dem Festungsring an der Leipziger, Bautzner, -Pirnaer und Wilsdruffer Landstraße gestanden. Sie sind ebenso wie die -anschließenden Meilensäulen seit langem spurlos verschwunden. - -Zur Nachsuche wegen einer Meilensäule hat der Dresdner Rat im Sommer -1919 Gelegenheit gegeben. Ein Rohrmeister des städtischen Gaswerks -glaubte sich zu erinnern, bei Ausschachtungsarbeiten im Straßenkörper -der Bodenbacher Straße zwischen Landgraben und Liebstädter Straße -etwa ein Meter tief eine gut erhaltene Meilensäule mit Posthorn und -Entfernungsangaben gesehen zu haben. Nachgrabungen, die an mehreren von -ihm bezeichneten Stellen vorgenommen wurden, haben jedoch keinen Erfolg -gehabt[2]. - -Das Peterstor, Hallesche und Ranstädter Tor in _Leipzig_ ist seit -1724 mit je einer, und das Grimmaische Tor mit zwei Distanzsäulen -ausgestattet gewesen. Als Verfertiger werden die Steinmetzen Johann -Adam Hamm, Gottlieb Kretschmar und Peter Hennicke genannt[3]. Der -Stadtplan von 1749 zeigt die entsprechenden Plätze. Die Säule vor dem -Peterstor finden wir auf einem Bilde der Esplanade, jetzt Königsplatz, -in dem Werk Saxonia, Museum für Sächsische Vaterlandskunde von Dr. -Sommer, Dresden 1835, Band IV, Seite 61. - -Vier große Säulen hat seit 1724 ferner die Stadt _Zwickau_ besessen und -noch im Jahre 1845 wird die eine vor dem Tränktor an der Paradiesbrücke -und eine zweite vorm Frauentor an der heutigen Bahnhofstraße -bezeugt[4]. Heute fehlt dagegen auch von ihnen jede Spur. - -Gleichfalls im Jahre 1724 hat die Stadt _Oschatz_ vor dem Brüder-, -Altoschatzer und Hospitaltore Distanzsäulen gesetzt und die Kosten -durch Anlagen aufgebracht[5]. Auch hier ist keiner der drei Obelisken -erhalten. Dagegen zeigt das Denkmal vor der Hauptwache am Markt -meiner Erinnerung nach genau die gleichen Formen und Abmessungen der -Distanzsäulen, so daß man wohl auf die Vermutung kommen kann, hier sei -eines der alten Stücke in aufgearbeiteter Gestalt später einem andern -Zwecke dienstbar gemacht worden. - -Über einen heftigen Streit zwischen Zürner und dem Stadtrat wegen der -Distanzsäule, lesen wir im Aktenstück und im Stadtarchiv von _Wurzen_. -Die Distanzsäule auf dem Rondell ist tatsächlich bis 1892 vorhanden -gewesen[6]. - -Neben den vielen Städten und Städtchen hatte August der Starke auch -den beiden Klöstern _Marienstern_ bei Kamenz und _Mariental_ bei -Ostritz aufgegeben, eine Distanzsäule vor ihre Einfahrt zu setzen, -damit sie sich durch dies künstlerische Schmuckstück von den ärmlichen -Dörfern unterscheiden möchten. Auf meine Anfrage hat man kürzlich -liebenswürdigerweise in den Klosterarchiven nachgesucht, aber an -keiner der beiden Stellen einen Anhalt dafür gefunden, ob eine -solche Distanzsäule wirklich gesetzt worden oder wie die Sache sonst -ausgegangen ist. - -Etwas rätselhaft mutet dem Forscher die Tatsache an, daß das -kleine Dörfchen _Krakau_ bei Königsbrück sich einer wohlerhaltenen -Distanzsäule (vgl. Abb. 7) erfreut. Dort geht selbst heute noch keine -größere Straße vorüber und nur die Erinnerung an die polnischen Reisen, -die den Kurfürsten über die Gräflich Brühlschen Besitzungen nordwärts -von Dresden führten, lassen vielleicht sein besonderes Interesse an -diesem Zwischengelände erklärlich erscheinen. - -Einem sonderbaren Schicksal war schließlich die Distanzsäule von -_Wilsdruff_ verfallen (vgl. Abb. 8). Der Straßenbaufiskus hat sie -1860 an ihrem Platz auf dem Markte weggenommen und für 60 Taler an -den Rittergutsbesitzer auf Nieder-Reinsberg bei Nossen, Herrn von -Schönberg, verkauft. Sie ist seitdem auf einem Hügel mitten in dem -Rittergutsflur aufgestellt und hat augenscheinlich durch die Witterung -viel gelitten. Im Jahre 1919 erinnerte sich die Stadt ihres alten -Besitzstückes; die heutige Rittergutsherrschaft der Schönberg war auch -entgegenkommenderweise zu kostenloser Rückgabe bereit, dagegen konnte -dem Stadtsäckel in unsern schweren Zeiten der verhältnismäßig hohe -Aufwand für Beförderung und Neuaufstellung nicht zugemutet werden. -Die alte verwitterte Säule, die in ihrem Gefüge vielleicht durch den -Abbruch noch mehr gelitten haben würde, verbleibt also an ihrem Platz -auf einsamem Felde. - -Einer irrtümlichen Anschauung von den Postzeichen dürfte die Erwähnung -einer Meilensäule im Dresdner Vorort _Kaditz_ entspringen, die bis -1903 an der Ecke der Radebeuler und Dresdner Straße gestanden haben -soll[7]. Wahrscheinlich hat es sich hier nur um einen der meterhohen -Wegweisersteine gehandelt, die auch anderwärts an Kunststraßen -vorkommen, denn die augusteische Poststraße hat das Dorf seiner Zeit -gar nicht berührt und nach der Titelkarte in Schramms Schilderung von -1724 ist die Entfernung östlich von Kaditz richtigerweise mit einer -Halbmeilensäule bezeichnet. - -Fälschlicherweise werden zur Straßenbezeichnung Augusts des Starken in -der Literatur mehrfach auch die Säulen von Altdöbern und Lübben in der -Mark gerechnet. Die erstere zeigt eine durchaus abweichende Gestalt -ohne das sächsisch-polnische Wappen und die andere ist laut Inschrift -bereits 1720 auf Veranlassung des Herzogs Moritz Wilhelm von Merseburg -errichtet worden. - -Aufklärung war mir bisher nicht möglich für zwei Meilenzeichen, von -denen das eine an der Straße von Neustadt (Sa.) nach Rumburg (Böhmen) -etwa zwanzig Minuten von Langburkersdorf entfernt stehen und das andere -an der Straße von Hartmannsgrün i. V. nach Waldkirchen vorhanden -gewesen sein soll. - -Ein schlanker Obelisk wurde mir ferner an der Kunststraße -Freiberg-Großhartmannsdorf in der Nähe des Freiwaldes westlich der -Straße beim Wasser gemeldet, ohne daß ich bisher Näheres feststellen -konnte. - -Unaufgeklärt mußte ich schließlich auch die Frage einer Meilensäule an -der Chemnitz-Zschopauer Kunststraße beim Dorfe Gornau lassen. In der -Zeitschrift Das Automobilwesen, 1905, Seite 834, fand ich auf einem -photographischen Bildnis des Rennfahrers Oskar Günther, das ihn im -Kraftwagen bei Gornau zeigt, eine Meilensäule zufällig am Straßenrand -mit aufgenommen. Durch briefliche Mitteilung zweier Herren, die durch -meine früheren Veröffentlichungen auf die Postzeichen aufmerksam -geworden waren, erhielt ich die Säule noch doppelt bestätigt. Sie soll -auf »Altenhainer Flur« »am Straßenkreuz nach Weißbach und Dittersdorf«, -nach anderer Meldung »im Walde zwischen Gornau und Chemnitz« stehen. -Demgegenüber hat mir im Sommer 1919 der Ortspfleger des Heimatschutzes, -den ich um Bestätigung und nähere Angaben ersuchte, geschrieben, daß -dort keine Säule zu finden sei. Auch von der Amtshauptmannschaft ist -auf eine allgemeine Rundfrage vom Jahre 1917 nichts davon erwähnt -worden. Der Oberreitsche Atlas, Blatt Chemnitz, zeigt 1835 eine Säule -in der Gegend, so daß sie entweder erst nach der photographischen -Aufnahme des Automobils zerstört worden ist oder vielleicht doch noch -unbeachtet am Platze steht. - - -V. Der Schutz der Postzeichen - -Um die Erhaltung der Postsäulen bemühen sich heutzutage in erster -Linie die staatlichen Stellen für Denkmalpflege und der Landesverein -Sächsischer Heimatschutz; das große Inventarisationswerk von Steche und -Gurlitt, dessen zahlreiche Bände um die Jahrhundertwende erschienen, -führt bereits eine Anzahl der Postzeichen mit auf, und die Mitteilungen -des Landesvereins und der Sächsischen Volkskunde haben mehrfach -ergänzende Bemerkungen gebracht. - -Neben dieser allgemeinen Fürsorge hat aber erfreulicherweise an vielen -Orten auch das Interesse der Bewohnerschaft sich dem Einzelstück -zugewendet. In und außerhalb Sachsens sind seit altersher besonders -die wappengezierten Distanzobelisken als besonderer Kunstbesitz -gepflegt und nach Art eines Denkmals mit Promenadenanlagen oder -architektonischer Umgebung in Verbindung gebracht worden. Gerade kleine -Städtchen, wie zum Beispiel Bärenstein bei Glashütte oder Wittichenau -im Preußischen, die über keine anderen Kunstwerke an der Straße -verfügen, haben sich des eigenartigen Erbstücks aus Sachsens Vorzeit -mit doppelter Fürsorge angenommen. - -Manche Säule hat dabei infolge von Straßenregulierungen einen andern -Platz erhalten und ist sorgsam wieder aufgestellt worden. So ist der -Radeburger Distanzobelisk vom Markt an die Friedhofstraße versetzt -worden und diejenigen von Frohburg, Mügeln und Pirna stehen sogar schon -am dritten Platz. Eine weitere Distanzsäule, die wir in Pirna am Elbtor -auf dem großen Gemälde Canalettos (Nr. 627 der Dresdner Staatsgalerie) -abgebildet finden, ist dagegen spurlos verschwunden. - -Abgesehen von kleinen Ausbesserungen beobachten wir auch Ergänzungen -zerbrochener Steine, zum Beispiel in _Neustadt_ an der Distanzsäule -oder am Viertelmeilenstein von _Dohna_. An anderer Stelle, wie -in _Dippoldiswalde_ und _Klaffenbach_, ist die Platte eines -Viertelmeilensteines und im Zeithainer Truppenlager kürzlich das -Hauptstück einer Halbmeilensäule ohne neuere Zutat aufgestellt -worden (Abb. 6). Zufällig erfuhr ich, daß ein Denkstein mit Posthorn -und Namenszug ~A. R.~, auf den im übrigen die Beschreibung der -Halbmeilensäule paßte, weit draußen an der früheren Kröbelner Straße -auf dem Truppenübungsplatz liege; noch vor den Revolutionswirren gelang -es durch Briefwechsel mit der Kommandantur das seltene Stück ausfindig -zu machen und im Lager zu bergen. Es wurde später an der Planitzstraße -im Kiefernwald von neuem aufgestellt und bildet mit dem besser -erhaltenen Wermsdorfer Stück den einzigen Rest dieser hermenartigen -Halbmeilensteine. - -Eine Erneuerung des farbigen Anstrichs oder eine Bemalung und -Vergoldung der gekrönten Wappenschilder haben viele Distanzsäulen -erhalten; besonders eigenartig nimmt sich das bunte Wappenstück dann an -den roten Porphyrsteinen der Rochlitzer Gegend aus. - -Nicht alle solche späteren Eingriffe zeugen von wirklicher Sachkunde. -So wurden beispielsweise die beiden Freiberger und die Altenberger -Distanzsäulen zweifellos durch nachträgliche Einmeißelungen -verunstaltet, während die langen Listen der alten Ortsentfernungen, -die anderwärts noch völlig lesbar dastehen, hier wohl teilweise -geglättet wurden. Das staatliche Denkmalpflegamt sucht deshalb heute -solche willkürliche Veränderungen zu verhindern und bei geplanten -Erneuerungsarbeiten durch sachverständigen Rat mitzuwirken. - -Auch diese literarische Zusammenstellung, die sich neben archivalischen -Studien auf jahrelange Wanderfahrten und persönliche Besichtigungen -stützt und zur Anlegung einer photographischen Bildersammlung führte, -möge dazu beitragen, das Interesse an dem zweihundertjährigen -Kunstbesitz unsrer engeren Heimat zu verbreiten und diesen eigenartigen -Denksteinen einer glanzvollen Fürstenzeit noch einen recht langen -Bestand zu sichern. - - -_Anlage ~A~ und ~B~._ - - -~A.~ Verzeichnis der vorhandenen Postmeilensäulen - - -~a~) Distanzsäulen in Sachsen - - 1. _Altenberg_ [1722], an der Hauptstraße, gegenüber dem alten - Amtshof. _Sächsische Volkskunde_ 1902, S. 256. _Schmidt_, - Kursächsische Streifzüge, Band IV, S. 301. - - 2. _Bärenstein_ [1734], bei Glashütte am Markt. Literatur wie - bei Nr. 1. - - 3. _Berggießhübel_ [1727], am Straßenkreuz. Sächsische - Volkskunde 1902, S. 312. - - 4. _Dohna_ [1731], an der Lesche- und Antonstraße. Sächsische - Volkskunde 1902, S. 312. Über Berg und Tal, Band VII, 1902 - bis 1905, S. 125 und S. 131 (vollständige Inschrift). - - 5. _Elstra._ Gurlitt, S. 40. Bruchstück mit wohlerhaltenem - Wappen, vorläufig im Rathaus aufbewahrt. - - 6. _Elterlein_ [1729], an der Gabelung der Zwönitzer und - Grünhainer Straße, westlich des Marktes. - - 7. _Freiberg I_ [1723]. Einmündung der Annaberger und - Chemnitzer Straße. Literatur wie bei Nr. 1 und 3. - - 8. _Freiberg II_ [1723], an der Hauptpost. - - 9. _Frohburg_ [1722]. Ursprünglich auf dem Markt, dann auf dem - Bismarckplatz, jetzt am Stadteingang vom Bahnhof her. - - 10. _Geithain I_ [1727], an der Hauptstraße im Ostteil der - Stadt. Rochlitzer Porphyr. - - 11. _Geithain II_ [1727], am Westausgang an der Straßengabel - Borna-Frohburg. Rochlitzer Porphyr. - - 12. _Geringswalde_ [1727], am Westrand des Teiches. Rochlitzer - Porphyr. - - 13. _Geyer_ [1730], am Markt. - - 14. _Glashütte_, am Straßenkreuz beim Bahnhof. Literatur wie - bei Nr. 3. - - 15. _Gottleuba_ [1731], auf dem Markt. Literatur wie bei Nr. 3. - - 16. _Hilbersdorf_-Chemnitz, an der Frankenberger Straße. - - 17. _Johanngeorgenstadt_, auf dem Markt. - - 17 ~a~. _Jöhstadt_, auf dem Markt. Abbildung in Mitteilungen - des Sächsischer Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 54. - - 18. _Kamenz_ [1725], über dem Eisenbahntunnel. Literatur wie - bei Nr. 1. Abbildung in Sachsenkalender 1922, am 9. Februar. - - 19. _Königstein_, an der Dresdner Straße. 1921 neu bemalt. Über - Berg und Tal, Band VII, S. 174. - - 20. _Krakau_ [1732] bei Königsbrück, auf Zürners Karten Cracau. - Mitten im Dorf am Gasthaus zum grünen Baum. - - 21. _Leisnig_ [1723], auf dem Lindenplatz. Rochlitzer Porphyr. - Gurlitt, Heft 25, S. 152. Sächsische Volkskunde 1903, Heft - 2, S. 63. - - 22. _Lichtenwalde_ bei Chemnitz I. - - 23. _Lichtenwalde II_, beiderseits der Schloßeinfahrt. - - 24. _Marienberg_, vor dem Zschopauer Tore. Sächsische - Volkskunde 1902, S. 288; Müller im Archiv für Post und - Telegraphie 1909. - - 25. _Moritzburg I_ [1730]. Abbildung in Mitteilungen - Sächsischer Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 33. - - 26. _Moritzburg II_ [1730], beiderseits der Schloßeinfahrt am - Teiche. - - 27. _Mügeln._ Früher im Ratskellergarten hinter dem Deutschen - Haus. Seit 1895 an der Leisniger Straße und Schützenwiese. - - 28. _Neustadt_ [1729], auf dem Promenadenplatz am Bahnhof. - Spitze ist ergänzt. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312. - - 29. _Nieder-Reinsberg_ bei Nossen. Nördlich auf der Steinrücke, - mitten im Felde. Früher auf dem Markt von Wilsdruff. - Am 25. 1. 1864 von der Kgl. Straßenkommission an - Rittergutsbesitzer von Schönberg verkauft. 1920 scheiterten - Verhandlungen beim Stadtrat zu Wilsdruff wegen der - Wiederaufstellung an der Kostenfrage, obwohl der Besitzer - die Säule kostenlos zurückgeben wollte. - - 30. _Oberwiesenthal_ [1730], auf dem Markt. Sächsische - Volkskunde 1902, S. 288. - - 31. _Olbernhau_, Literatur wie bei Nr. 29. - - 32. _Penig_, an der Chemnitzer Straße. Rochlitzer Porphyr. - - 33. _Pirna_ [1722], früher Breite Straße, jetzt Reitbahnstraße. - Sächsische Volkskunde 1902, S. 256 und 312. - - 34. _Pulsnitz_ [1725], am Wettinplatz. Literatur wie bei - Nr. 28; Störzner: Was die Heimat erzählt. Leipzig 1905. - (Vollständige Inschrift). - - 35. _Radeburg_ [1728], früher am Markt. Jetzt am Straßenkreuz - östlich des Friedhofs. Literatur wie bei Nr. 28. - - 36. _Reinsberg_ bei Nossen, an der Straße nach Krummhennersdorf. - - 37. _Rochlitz_, an der Schloßstraße. Rochlitzer Porphyr. Mit - großem sächsischen Rautenwappen. - - 38. _Strehla_, beim Nordausgang der Stadt, an der Paußnitzer - Straße. - - 39. _Zwönitz_ [1727], am Markt. Aus Greifensteiner Granit und - Chemnitzer Sandstein. 1787 und 1884 erneuert. Unsere Heimat - 1903 bis 1904, S. 157; Glück auf 1884, Heft 12, S. 180. - - -~b~) Distanzsäulen außerhalb Sachsens - - 40. _Amtitz_ [1732] bei Guben. Ledât im Archiv für Post und - Telegraphie, Band 40, S. 399. - - 41. _Belgern_ [1730] an der Elbe, am Markt gegenüber der - Rolandfigur. Sandstein. Literatur wie bei Nr. 40. - - 42. _Belzig_ [1725] (Mark). Literatur wie bei Nr. 40. - - 43. _Brück_ [1730] (Mark). Literatur wie bei Nr. 40. - - 44. _Delitzsch_ [1730], am Roßplatz. Ungewöhnlich hoher - schlanker Obelisk. Literatur wie bei Nr. 40. - - 45. _Elsterwerda_ [1738], an der Kirche. Literatur wie bei - Nr. 40; Schmidt: Kursächsische Streifzüge Band IV, S. 301. - - 46. _Golßen_ bei Lübben. Rochlitzer Porphyr. Sächsische - Volkskunde 1903, S. 96. - - 47. _Görlitz_ [1725], auf dem Töpferberg. Schlesische - Heimatblätter, S. 403. - - 48. _Guben._ - - 49. _Hoyerswerda_ [1730], früher auf dem Markt, jetzt in - der Promenade an der Bahnhofstraße als Bismarcksäule - bezeichnet. Literatur wie bei Nr. 47. - - 50. _Kirchhain_ [1736], an der Hauptstraße beim Südeingang. - Literatur wie bei Nr. 40. - - 51. _Lauban_ [1725], am Amtsgericht. 1872 ausgebessert. - Sandstein. Literatur wie bei Nr. 40 und 47. - - 52. _Liebenau_ bei Frankfurt an der Oder. - - 53. _Lieberose_ [1735], vor dem Mühlentor. Literatur wie bei - Nr. 40. - - 54. _Lübbenau_ [1740], an der Vorstadt Hauptstraße. Sandstein. - Ortsnamen ohne Entfernungsangaben. Literatur wie bei - Nr. 40. Schmidt: Kursächsische Streifzüge, Band II, S. 92. - - 55. _Mühlberg_ [1730] an der Elbe, an der Straße nach Burxdorf. - Literatur wie bei Nr. 40. - - 56. _Niemegk_ [1736] bei Potsdam. Literatur wie bei Nr. 40. - - 57. _Ullersdorf_ am Queis. Literatur wie bei Nr. 40. - - 58. _Wittichenau_ [1732], auf dem Marktplatz. Literatur wie bei - Nr. 40. Schlesische Heimatblätter, S. 404. Vollständige - Inschriften. - - -~c~) Meilenzeichen innerhalb und außerhalb Sachsens - - 59. _Ballendorf_ [1722] bei Bad Lausigk, Meilenobelisk, an der - Nebenstraße südlich der Kirche im Obstgarten. Sandstein. - - 60. _Bischofswerda_, Mittelstück mit Ortsangaben einer - Distanzsäule von 1724. Im Hermannstift aufbewahrt. - - 61. _Börnersdorf_ [1732], Viertelmeilenstein. An der - Dorfstraße. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312. - - 62. _Breitenau_ [1732], Meilenobelisk. 400 Meter südlich des - Ortes an der Straße nach Fürstenwalde. Literatur wie bei - Nr. 61. - - 63. _Breitenau_ [1732], Viertelmeilenstein. Am Nordeingang des - Haarthewalds an der Straße nach Fürstenwalde. - - 64. _Crandorf_ [1725] bei Schwarzenberg. Meilenobelisk. An - der Straße nach Erla. Nördlich der Kirche. Inschrift: - Schwarzenberg-Grünhain 2 St. Stollberg 5 St. ¾. 1725. - Posthorn. - - 65. _Dippoldiswalde_, Viertelmeilenstein an der Altenberger - Straße. Wahrscheinlich verschleppt, da der Oberreitsche - Atlas östlich bei der Stadt eine Halbstundensäule zeigt. - Literatur wie bei Nr. 61. - - 66. _Dohna_, Viertelmeilenstein. An der Weesensteiner Straße, - nach 1910 neu aufgestellt und ergänzt. - - 67. _Klaffenbach_ [1723], Viertelmeilenstein, Bruchstück. Die - Platte ist neben dem als Bonifaziuskreuz bezeichneten - Sühnekreuz niedergelegt. Sie ist sicherlich verschleppt. - - 68. _Köttewitz_ [1730], Meilenobelisk an der Straße - Köttewitz–Eulmühle. Inschrift: Nach Töplitz 8½ St. 1730 - Posthorn Dresden 4 St. Literatur: Sächsische Volkskunde - 1902, S. 312 bis 315; Ruge in Über Berg und Tal, Band VII, - 1902 bis 1905, S. 131. - - 69. _Oberwiesenthal_, Meilenobelisk, Oberteil zweieinhalb Meter - lang ohne Sockel. An der alten Straße zum neuen Haus, - hundert Meter unterhalb der neuen Kunststraße. - - 70. _Reichenbach i. V._ [1725], Meilenobelisk. An der alten - Poststraße von Schneeberg und Kirchberg, jetzt Feldweg. - Akten I des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz über - alte Steinkreuze. Abbildung in Mitteilungen des Sächsischen - Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 34. - - 71. _Reifland_ [1723], Meilenobelisk an der Straße zum - Eisenbahn-Haltepunkt Rauenstein-Lengefeld, beim ersten Gut. - Inschrift: 3 St. 3/8 n. Wolkenstein 5 St. 3/8 n. Freyberg - 6 St. n. Annaberg. - - 72. _Reitzenhain_, Viertelmeilenstein. Sächsische Volkskunde - 1902, S. 288. - - 73. _Röhrsdorf_ bei Chemnitz. Viertelmeilenstein an der - Wasserschänke. - - 74. _Rüdingsdorf_, Provinz Sachsen, Kreis Luckau. - Viertelmeilenstein, Bruchstück an der Kunststraße. - Photographie des Landratsamts Nr. 878 von 1919. - - 75. _Schwoosdorf_, Viertelmeilenstein. Bruchstück an der - alten Poststraße Kamenz-Königsbrück am Berghang kurz vor - Schwoosdorf. Gurlitt, S. 329. - - 76. _Steinbach_ [1725], Viertelmeilenstein. - Bruchstück. Sandstein. An der Kunststraße - Eibenstock-Johanngeorgenstadt, am Wegkreuz bei Kilometer - 29,4. Beim Straßenbau 1914 neu aufgestellt. - - 77. _Wermsdorfer Staats-Forstrevier_, Halbmeilensäule (einziges - unbeschädigtes Stück, das obendrein noch am alten Platz der - früheren Poststraße steht). Auf Forstabt. 10. - - 78. _Wermsdorfer Staats-Forstrevier_, Viertelmeilenstein. - Akten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, betreffs - Kulturdenkmäler. Auf Forstabt. 25. - - 79. _Zeithainer Truppenübungsplatz_ [1722], Halbmeilensäule. - Bruchstück aus Sandstein. Früher auf dem - Artillerieschießplatz beim zerstörten Dorfe Gohrisch, - fünfzig Meter nördlich des Wegkreuzes der Kröbelner - Straße. 1919 durch den Kommandant, Major Kruse, an der - Planitzstraße vor dem alten Kommandanturgebäude im Waldpark - des einstigen Offizierkasinos aufgestellt und mit Ölfarbe - graugrün gestrichen. Inschrift: Hayn 4 St. 3/8 Posthorn - 1722. Rückseite: Loßdorf 3 St. Posthorn 1722. - - -~B.~ Literaturverzeichnis der Postsäulen - - -~a~) Die Originalakten vom Jahre 1721 ff. - -=Acta betr. die allergnädigst anbefohlene Anschaffung und Aufrichtung -derer steinern Postsäulen= - -Unter Rep. XXXI liegen im _Hauptstaatsarchiv Dresden_ zusammen 83 -Faszikel. Dazu zählen außer den im Distanzsäulenverzeichnis ~A~ 1 bis -38 einzeln angegebenen Nummern noch folgende 55 Orte, an denen heute -keine Säule vorhanden ist: Dippoldiswalde, Döbeln, Dresden, Elsterberg, -Frauenstein, Frankenberg, Gräfenhainichen, Grimma, Grünhain, -Grillenburg, Herzogswalde, Hohnstein, Hein, Hainichen, Hartha, -Königsbrück, Leipzig, Lommatzsch, Lausnitz, Lauterbach, Lengefeld, -Löbau, Mutzschen, Kloster Marienstern, Kloster Marienthal, Mittweida, -Meißen, Nossen, Öderan, Ölsnitz, Oschatz, Roßwein, Reichenbach, -Radeberg, Schwarzenberg, Schmiedeberg, Sachsenburg, Schneeberg, -Stollberg, Stolpen, Schöneck, Sayda, Wurzen, Wilsdruff, Wolkenstein, -Waldheim, Zschopau, Zöblitz, Zittau, Zwickau. - -Ferner sind 1815 nach der Teilung der Kurlande noch weitere 55 Faszikel -an die _preußischen Provinzial Archive Magdeburg_ und _Berlin_ -ausgeliefert worden. Dazu zählen die Städte im Distanzsäulenverzeichnis -~A~ 40 bis 57, sowie noch folgende 35 Orte oder Ämter, die heute -keine Säule mehr aufweisen: Dobrilugk, Düben, Dommitzsch, Herzberg, -Jessen, Kemberg, Liebenwerda, Luckau, Lausnitz, Lauterstein, Merseburg, -Neustadt a. O., Neukirchen, Naumburg a. Qu., Ortrand, Pforta, Ruhland, -Schlieben, Schilda, Sonnewalde, Suhl, Senftenberg, Schweinitz, -Tannstädt, Torgau, Tautenburg, Voigtsberg, Witten, Weyda, Weißenfels, -Zahna, Ziegenrück, Zabeltitz, Zeitz. - - -~b~) Schriftstellerische, bildliche und kartenmäßige Bearbeitungen - - _Codex Augusteus_ von 1724, I, 1947, 1951, 2541 (steinerne an - Stelle der hölzernen Armensäulen zu setzen), 1955, 1956, - 2541, 2543 (Beschleunigung unter Strafandrohung verlangt), - 2542 (gegen Vergreifung und Bosheit, so darwider geübt - werden), 1958, 2544 (Strafe so sich daran vergreifen und - solche deformiert). - - _Schramm_: Von denen Wege-Weisern, Armen-, und Meilensäulen. - Wittenberg 1726 (400 Seiten und Abbildungen). - - Dr. _F. L. Becher_: Die Hundertjährige Jubelfeier der - Sächsischen Distanz- und Postsäulen, im Jahre 1822, sammt - einer Geschichte derselben. Chemnitz 1821 (54 S.). - - Dr. _P. G. Müller_ im Archiv für Post und Telegraphie 1909, - S. 365. Die Kursächsischen Post- und Meilensäulen. - - _Ledât_ ebenda 1912, S. 393. Alte Meilen- und Postsäulen im - Reichspostgebiete. - - _Christian Lehmann_: Historischer Schauplatz deren natürlichen - Merkwürdigkeiten in dem Meißnischen Obererzgebirge. Leipzig - 1699, S. 151. - - _Schäfer_: Geschichte des sächsischen Postwesens. Dresden 1879, - S. 186. - - _S. Ruge_: Die alten Meilensäulen. In: Über Berg und Tal, Band - VII (1902 bis 1905), S. 174. - - Dr. _Bschorner_ in den Mitteilungen für Sächsische Volkskunde - 1902, S. 312 bis 315. - - _Aug. Schumanns_ vollständiges Staats-, Post- und - Zeitungs-Lexikon von Sachsen. Zwickau im Verlag der - Gebrüder Schumann 1824, Band XI, S. 173. (Notiz über - Zürner.) - - _L. Schmidt_: Kurfürst August der Starke als Geograph. 1898. - - Dr. _Kuhfahl_: Die kursächsischen Postmeilensäulen. Dresdner - Anzeiger vom 16. März 1919. - - _Veredarius_: Das Buch von der Reichspost, S. 110. Allgemeine - Deutsche Biographie, Band 45, S. 511. (Über Zürner.) - - _Aug. Böhland_: Schicksale der Oberlausitz und ihrer Hauptstadt - Budissin. 1831, S. 203. (Kurze Erwähnung der Postsäulenidee - Augusts des Starken.) - - Dr. _E. Herzog_: Chronik der Kreisstadt Zwickau 1845, II. - Teil, Jahresgeschichte, S. 592 ff. (Bericht über vier - Distanzsäulen und die Meilensäulen des Weichbildes.) - - _Carl Sam. Hoffmann_: Historische Beschreibung der Stadt, des - Amtes und der Diöcese Oschatz 1813, S. 171. (Erwähnung der - drei Distanzsäulen von 1724). - - _Max Engelmann_: Die Wegmesser des Kurfürsten August von - Sachsen. In den Mitteilungen aus den Sächsischen - Kunstsammlungen, Jahrgang VI, S. 11. - - _Fickert_: Das Landstraßenwesen im Kr. Sachsen bis um das Jahr - 1800. Im Archiv für Post und Telegraphie 1913 (Nr. 13 und - 14) S. 37. (Kurze Erwähnung der Postsäulen.) - - _F. G. Leonhardi_: Handbuch für Reisende durch die Sächsischen - Lande, 1796. - - _K. Wertheim_: Reise durch Kursachsen 1793 bis 1794. - - _Johann Eschert_: Post Secretarius in Leipzig. Chur. Sächs. - Post Cours, in welchem enthalten, wie alle reutend und - fahrende Ordinar Posten in der berühmten Handelsstadt - Leipzig 1703. - - _D. E. Schmidt_: Auf der alten Leipziger Poststraße. In - Kursächsische Streifzüge 1912, Band IV, S. 287, 288 ff. - - Dr. _A. Pätzold_, Halle 1916: Die Entwicklung des Sächsischen - Straßenwesens von 1763–1831. - - _Saxonia_: Museum für Sächsische Vaterlandsfreunde von Dr. - Sommer. Dresden 1835, Band IV, S. 61. Abbildung der - Esplanade in Leipzig (jetzt Königsplatz) mit Distanzsäule. - - _Gemälde von Canaletto_ in der Dresdner Staatsgalerie: - - Nr. 611: Die ehemaligen Festungswerke zu Dresden. - (Distanzsäule von 1722 am heutigen Postplatz.) - Nr. 622: Die Breitegasse zu Pirna. - (Distanzsäule, die heute an der Promenade steht.) - Nr. 627: Pirna vom rechten Elbufer. - (Distanzsäule am Elbtor.) - - _Kupferstich_ ~Vue de Nossen près de Meissen~ von Carl Aug. - Richter (Kupferstichkabinett Dresden) zeigt gegenüber dem - Nossener Schloß am rechten Muldenufer eine Halbmeilensäule. - - _Neue Chur-Sächsische Post Charte_ von Magister _Ad. Fr. - Zürner_. Erste Auflage gegen 1700, zwei spätere Auflagen - bis 1730. Postwege und Postorte aber nirgends Postsäulen. - - _Atlas Saxonicus_ von Schlenk, 1775 (keine Postsäulen). - - _Geographische Delineation_ der Gegend zwischen Dresden und - Meißen nebst den dabey befindlichen Postsäulen. Titelblatt - in Schramms Buch von denen Wege-Weisern, Armen- und - Meilensäulen 1726. - - _Müllers Postkarte_ von 1824. (Keine Postsäule.) - - _Oberreitscher Landesatlas_ 1821 bis 1850. Postmeilensäulen an - den Straßen sind in den älteren Blättern Freyberg, Stolpen, - Altenberg, Chemnitz, Zittau, Schwarzenberg, Großenhain, - Dresden lückenhaft aufgenommen, in den übrigen aber nicht - verzeichnet. - - _Joh. Hernleben_: Pässe des Erzgebirges, Berlin 1911. - - _Abbildungen_ 1–8 nach Photographien von Dr. Kuhfahl. - - -Fußnoten: - - [1] Siehe das angefügte Literaturverzeichnis ~B~, ~a~. - - [2] Akten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz Nr. 941. - - [3] Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und - Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, Band Leipzig, - S. 393. - - [4] ~Dr.~ Emil Herzog, Chronik der Kreisstadt Zwickau, II. - Teil, Jahresgeschichte, Seite 592. - - [5] Historische Beschreibung der Stadt Oschatz von Carl Samuel - Hoffmann, 1843, Seite 171. - - [6] Schmidt, Kursächsische Streifzüge ~B~ 4, Seite 298 ff. - - [7] Über Berg und Tal, VII. Bd. 1902–1905, Seite 174. - - - - -Heimatschutzgedanken in Gottfried Kellers Dichtungen - -_Th. Leuschner_, Dresden-Loschwitz - - -Lange vor uns hat Gottfried Keller die Gedanken des Heimatschutzes -empfunden. Ob und wie er als erster Staatsschreiber des Kantons Zürich -in dieser Richtung hin gewirkt hat, wissen wir nicht, das soll auch -hier nicht untersucht werden. Aber in einigen seiner Dichtungen weist -er darauf hin, die Schönheit und die Eigenart der Heimat nicht zu -zerstören. Und _wie_ das Keller sagt, das ist für uns das Reizvolle. - -Was er in seinen Erzählungen darüber eingeflochten hat, ist nicht -ein bloßer Einfall von ungefähr. Es ist ihm damit ernst, und diese -Gedanken haben ihn immer bewegt. Wir dürfen dieser Liebe nach einem -Selbstzeugnis über sein künstlerisches Arbeiten versichert sein. In -einem Briefe vom 28. Februar 1877 an W. Hemsen, der von ihm einen -Beitrag zu seinem bei Spemann erscheinenden Jahrbuch »Kunst und Leben. -Ein neuer Almanach für das deutsche Haus« gewünscht hatte, bekennt er: -»So geringfügig meine Erfindungen sind, so sind es eben solche, d. h. -sie beruhen jedesmal auf einem spontan entstandenen inneren Gesicht -(wenn diese banale Phrase erlaubt ist) und sind daher nicht von äußeren -Wünschen abhängig. Es sind immer Sachen, die mir von langer Hand oder -in Verbindung mit einer ganzen Gruppe vorschweben; am seltensten stößt -mir ein Motiv auf, welches für sich allein ausgeführt werden kann.« - -Wir lesen uns zuerst in den Roman »_Martin Salander_« ein. Martin -Salander ist heute heimgekommen. Über sieben Jahre lang war er von den -Seinigen weg gewesen, um das an seinen betrügerischen Freund Wohlwend -verlorene Geld drüben in der neuen Welt rascher als im heimatlichen -Münsterberg wieder zu erwerben. Während dieser Zeit hat seine Frau -Marie in der kleinen Sommerwirtschaft und Fremdenpension zur Kreuzhalde -den Unterhalt für sich und die drei Kinder kümmerlich bestritten. Es -ist hier nicht der Platz, den Gang der Erzählung zu verfolgen. Sie -gehen schlafen, sie betreten das Zimmer, wo Frau Marie das Lager ihres -Mannes schon seit Monaten bereit gehalten hat. - - »... Aber ich wollte schon ein paarmal fragen,« fuhr er - fort, aus dem offenen Fenster auf das mondhelle Umgelände - hinausdeutend. »Wo sind denn nur die vielen schönen Bäume - hingeraten, die sonst vor und neben dem Hause standen? Hat sie - der Eigentümer abschlagen lassen und verkauft, der Tor? Das war - ja ein Kapital für die Wirtschaft!« - - »Man hat ihm das Land weggenommen oder eigentlich ihn - gezwungen, Bauplätze daraus zu machen, da einige andere - Landbesitzer den Bau einer unnötigen Straße durchgesetzt haben. - Nun ist sie da, jedes schattige Grün verschwunden und der Boden - in eine Sand- und Kiesfläche verwandelt; aber kein Mensch - kommt, die Baustellen zu verkaufen. Und seit die guten Bäume - dahin sind, ist auch mein Erwerb dahin!« - - »Das sind ja wahre Lumpen, die sich selbst das Klima - verhunzen ...« - -Eine Reihe von Jahren später! Salanders Töchter Netti und Setti haben -sich mit den Zwillingsbrüdern Isidor und Julian Weidelich, den Söhnen -der Gärtnersleute aus dem Zeisig, verheiratet. Diese sind Landschreiber -und Mitglieder des Großrates. Keller hat sie mit einer Fülle kleinster -Einzelheiten als eitle, schlaue Streber und Narren gezeichnet, die -habsüchtig ihre Amtsgewalten mißbrauchen und zuletzt auf viele Jahre -hinaus ins Zuchthaus kommen. »Es ist nichts mit ihnen. Sie haben keine -Seelen,« klagt Setti ihren Eltern, als diese sich auf ihrem Landhause -zum Lautenspiel nach ihr umschauen. Mit gutem Bedacht hat Keller unter -die häßlichen Wesensfarben der beiden Brüder auch die Lieblosigkeit -und Gleichgültigkeit gegen die heimatliche Umgebung gemischt. Isidor -begleitet seine Schwiegereltern und seine Frau, als diese zum Besuch -auf dem Lindenberg, wo Netti und Julian wohnen, vom Lautenspiel -fortgehen. - - Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwäldchen und - die dahinter emporragenden Wipfelmassen des größeren Forstes, - eine Umgebung die nicht mit Geld zu bezahlen sei. - - »O ja, es macht sich nett!« sagte der Schwiegersohn. »Nur wird - es nicht mehr so lange stehen bleiben, als es schon steht. Der - Wald gehört der Gemeinde Unterlaub und soll in ein paar Jahren - geschlagen werden; die Holzhändler sind schon dahinter her. Da - werd’ ich unsere Buchen auch daran geben, es geht in einem zu - und sie tragen ein schönes Geld ein!« - - »Sind Sie bei Trost?« rief Salander. »Ihre Buchen schützen ja - allein Haus und Garten samt der Wiese vor den Schlamm- und - Schuttmassen, die der abgeholzte Berg herunterwälzen wird!« - - »Das ist mir Wurst!« erwiderte der jugendliche Notar in - nachlässigem Tone. »Dann zieht man weg und verkauft den ganzen - Schwindel! Es ist ja langweilig, immer am gleichen Ort zu - hocken.« - - Salander dachte sein Teil und gab keine Antwort. Frau Setti - ließ während Isidors Mitteilung ein paar Worte des Erstaunens - hören und verriet so, daß sie von dem bevorstehenden - Holzschlage noch gar nichts wußte, was ein neues Anzeichen von - des Mannes Lebensart war. Sie schwieg daher auch und sagte nur - noch: »Adieu, du schönes Lautenspiel!« - - »Woher heißt es eigentlich hier im Lautenspiel?« fragte - die hinzutretende Mutter. »Das mag der Henker wissen, ich - könnt’ es nicht sagen! In den Grundbüchern heißt es nur: Haus - und Hofstatt genannt im Lautenspiel, und ebenso in meinem - Kaufschuldbrief,« erklärte Isidor. - - »Hast du denn nicht gehört, was sie in der Gegend davon - erzählen?« fragte Frau Setti. »Nein, ich habe gar nie danach - gefragt! Woher soll es denn kommen? Woher heißt es denn bei uns - im Zeisig und im roten Mann? Von irgend einer Dummheit!« - -Und nun erzählt Frau Setti zur Erklärung des Flurnamens die alte -Geschichte vom geizigen Junker und seinen sechs schönen Töchtern. - -Was erleben die Salandrischen dann auf dem Lindenberg? Julian kommt aus -dem Wald zurück. - - Er schüttelte die Weidtasche auf den Tisch aus und über dreißig - arme Vögel mit verdrehten Hälschen und erloschenen Guckaugen, - Drosseln, Buchfinken, Lerchen, Krammetsvögel und wie sie alle - hießen, lagen als stille Leute da und streckten die starren - Beine und gekrümmten Krällchen von sich. - - »Sie werden sehen, Mama, die Dinger schmecken Ihnen wie - Marzipan, wenn sie mürb und gut geraten sind! Ich will aber - selbst zusehen! Hat’s etwas Speck in der Küche, Frau?« - - »Bitte, Herr Sohn, beeilen Sie sich nicht!« sagte Frau - Salander, »wir essen jedenfalls nicht mit, mein Mann und ich, - wir sind vollkommen satt und wollen noch mit dem letzten Zuge - fort!« - - »Aber, Meister Julian,« schaltete Martin dazwischen, »wissen - Sie denn nicht, daß die Jagd auf Singvögel verboten ist? Sie, - als Mitglied des Großen Rates?« - - »Herr Vater, ich habe nicht gejagt, sondern das Garn gespannt, - und da sind allerdings ein paar Finklein dazwischen gekommen, - die nicht geladen waren. Übrigens wird sich wohl kein Wächter - des Waldes an mich machen!« ... - -In der Novelle »_Das verlorene Lachen_« ist Jukundus der Träger von -Kellers Naturschutzbestrebungen. - - Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die - militärische Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben, wegen - der fortwährenden Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um - sich aber dafür einen ehrbaren Erwerb und eine geordnete - Tätigkeit zu sichern, hatte er ein Handelsgeschäft errichtet, - welches sich auf den Holzreichtum der Stadtgemeinde und der - umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen Allmenden, die - von der allemannischen Bodenteilung herrührten, waren später - noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern - die Stadt sich angebaut hatte. - - Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont - und auch aus bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen - Trinkgeschirre und den alten Wein im Stadtkeller sorgfältig - erhielt. Allein durch irgendeine Spalte war die Verlockung - und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft und es wandelte - ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen, schlich - längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern - an die glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus - auftrat, um das Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen, - kam sein Geschäft alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen - die Vermittlung des ihnen wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers - dem Andringen der fremden Händler, durch die das Unheil - eingeschlichen war, vor. - - Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen - und auch sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die - Weinberge und Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal - jung und niedrig gewesen oder schon mehrmals vielleicht, und - sie konnten wieder alt und hoch werden. Doch als die Axt auch - an die jüngeren Wälder geriet, für das zuströmende Geld immer - schönere Zwecke erfunden und die Berghänge dafür immer kahler - wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da er - von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes - gewesen war. Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn - machte, begann er sich desselben mehr und mehr zu schämen; er - erschien sich als ein Feind und Verwüster aller grünen Zier - und Freude, wurde unlustig und oft traurig und vertraute sich - seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln, das zu dem ihrigen - wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener werden sah und - ihn ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden mit - oder ohne den Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch - schlimmer, und sie war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen - Kräften wohlhabend und unabhängig zu wissen, um auch von dieser - Seite her stolz auf ihn sein zu können. Sie bestärkte daher den - Mann nicht in seiner Unlust, sondern ermunterte ihn vielmehr - zum Ausharren und er fuhr dann so fort. - - Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne, - welche der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald - geschlagen. Aus demselben hatte von jeher eine gewaltige - Laubkuppel geragt, welche eine wohl tausendjährige Eiche - war, die Wolfhartsgeeren-Eiche genannt. In älteren Urkunden - aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andre Namen, - die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in - germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um - sie niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den - besonderen Verkauf aufsparte, stellte die Eiche ein Monument - dar, wie kein Fürst der Erde und kein Volk es mit allen - Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen können. - Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm und die - wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie - zartes Reisig auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der - Nähe selbst gleich mächtigen Bäumen. Meilenweit erblickte man - das schöne Baumdenkmal und viele kamen herbei, es in der Nähe - zu sehen. - - Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis - dafür bieten würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes - und suchte ihn zu retten. Er stellte vor, wie gut es dem - Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen der Vergangenheit - als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf allgemeine - Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen; - wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in - Betracht kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren - Wert einer solchen Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade - die Gesundheit des alten Riesen sollte ihm sein Leben kosten, - weil es hieß, jetzt sei die rechte Zeit, den höchsten Betrag zu - erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt sei, sinke der Wert - sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die Regierung, indem - er die Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche sich finden - mögen, als einen allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es - wurde erwidert, der Staat besitze wohl für Millionen Waldungen - und könne diese nach Gutdünken vermehren, allein er besitze - nicht einen Taler und nicht die kleinste Befugnis, einen - schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden anzukaufen und stehen zu - lassen. - - Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen - Gedanken und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und - heimlich belächelt wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und - das Stück Boden, auf welchem sie stund, säuberte den Boden und - stellte eine Bank unter den Baum, unter dem es eine schöne - Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für seine Tat und - ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem Augenblick an - suchte auch jedermann, ihn zu benutzen und zu übervorteilen, - wie einen großen Herrn, der keine Schonung bedürfe. - -Seine Frau Justine tut das Gegenteil im Verein mit dem Pfarrer des -Ortes, der als ein »beifallsdurstiger Wohlredner und Schwätzer«, wie er -sich später selbst nennt, vorübergehend einen schlechten Einfluß auf -seine Gemeinde ausgeübt hat. - - Die Kirche zu Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor - der Reformation erbaut worden und jetzt in dem schmucklosen - Zustande, wie der Bildersturm und die streng geistige Gesinnung - sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das altertümliche graue - Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben übersponnen, innen aber - hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die immer klar - gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert - über die Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als - etwa die eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und - das Wort des Predigers allein waltete ohne alle sinnliche - Beihilfe in dem hellen, einfachen und doch ehrwürdigen Raume. - Die Gemeinde hatte sich seit drei Jahrhunderten für stark genug - gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu verschmähen, um das - innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte um so eifriger - anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem - rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei, - um den Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen ... - - Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen - eingefaßte Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich - gotischer Verzierung von dazu unkundiger Hand weichen müssen. - Die Gewölbefelder der Decke wurden blau bemalt und mit goldenen - Sternen besät. Dann wurde für bemalte Fenster gesammelt, und - bald waren die lichten Bogen mit schwächlichen Evangelisten- - und Apostelgestalten ausgefüllt, welche mit ihren großen, - schwachgefärbten, modernen Flächen keine tiefe Glut, sondern - nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten. - - Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild - her, damit der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder - beginnen könne mit dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar - dereinst bei dem wundertätigen, blut- oder tränenschwitzenden - Figurenwerk, ja bei dem Götzenbild schlechtweg zu endigen, um - künftige Reformen nicht ohne Gegenstand zu lassen. - - Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die - weißen, reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen - verbannt und silberne Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt - bei jedem Familienereignis in reichen Häusern ... - - Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen - übermalten Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik, - welche daher eiligst herbeigeholt wurde. Weil zu einem - Orgelwerk die Mittel noch nicht beisammen waren, stiftete - einer einen trompetenähnlichen Quiekkasten; ein gemischter - Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die - man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text - verstehen konnte, lateinisch sang. – - -Was für ein fröhlicher, liebenswerter Geselle ist der abgesetzte -Schulmeister Wilhelm in der Novelle »_Die mißbrauchten Liebesbriefe_«, -der da oben in dem Rebhäuschen des Tuchscherers haust und als -erbauliches Gegengewicht für die Erdenschwere seiner Hände Arbeit in -Wald und Flur herumstreift, um dann mit allerhand schönen, seltsamen -Dingen die Wände und die Decke seines Stübchens zu schmücken. - - Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schöner und seltener - ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf - diesen Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn - fliegen. Denn, sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich - schon vermählt hat? Und wenn das nicht wäre, wie abscheulich, - die Stammtafel eines so schönen, unschuldigen Tieres, welches - eine Zierde des Landes ist und eine Freude den Augen, mit einem - Zug auszulöschen! Abzutun, ab und tot, das Geschlecht einer - zarten, fliegenden Blume, die sich durch so viele Jahrtausende - hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht die - letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte! - Denn wer zählt die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern? - -Das Gegenstück hierzu ist die Erzieherin in der Novellenreihe »_Das -Sinngedicht_«. Daß Keller selbst in dem reichen und so bunten Strauße -dieser Liebesgeschichten dem – wenigstens hier so entfernten – Gedanken -des Naturschutzes eine Gestalt gibt, spricht wohl dafür, wie sehr ihm -Vergewaltigung der Natur verhaßt war. Ganz am Schluß erzählt Lucie ihr -Jugendleben und -lieben und kommt dabei auf die Umgebung zu sprechen, -die ihr der oft auf langen Reisen befindliche Vater gegeben hat. - - Die Erzieherin dagegen verwendete alle ihre Tage mit dem - Vermehren und Ordnen einer Käfersammlung. Sie stand mit - Gelehrten und Naturalienhändlern in Verbindung und sandte - fortwährend Schachteln fort. Denn sie verstand auf zahlreichen - Ausflügen den letzten Käfer aus seinem Hinterhalt zu ziehen, - und hatte eine seltene Art, die gerade in einem Gehölz - unsrer Gegend zu finden war, nahezu ausverkauft. Ich kann - mich des Namens dieses ausgerotteten Käferstammes nicht mehr - entsinnen. Am betrübtesten darüber war ein insektenkundiger - Herr Oberlehrer, welcher der handelslustigen Dame den Ort - nachgewiesen hatte und sich daher der Mitschuld an dem - naturwissenschaftlichen Raubverfahren, wie er es nannte, - anklagte. – - -In dem großen, vierteiligen Roman »_Der grüne Heinrich_« findet -sich kein Heimatschutzgedanke. Seltsam? Nein. Der Roman ist Kellers -Erstlingsdichtung. Sie ist durchtränkt und gesättigt von persönlichen -Erlebnissen und Erfahrungen, von Stimmungen und Träumen. Er erzählt so -oft und so viel von der Heimat: von Berg und Tal, von Haus und Hof, -von Wald und Feld, von Verwandten und Fremden. Er schildert in der -Erinnerung, wie sie war, als er mit ihr lebte. Und er hat die Heimat -gesehen in aller Freude am goldnen Überfluß, eben in aller Freude der -Jugend. Das Alter nur sieht prüfend hinein in die sichtbare Welt und -möchte sie schön und treu erhalten und auch so weiter fortgebildet -wissen. - - - - -Die Kirche zu den »Vierzehn Nothelfern« auf der »Kahlen Höhe« bei -Reichstädt - -Von _A. Klengel_ - - -Abseits vom Fremdenverkehr steht auf der sogenannten »Kahlen Höhe« -zwischen Reichstädt und Sadisdorf bei Dippoldiswalde die Gruftkapelle -der Majoratsherrschaft von Schönberg auf Reichstädt. Das inmitten -eines kleinen Hains gelegene schmucke Bauwerk ist neueren Ursprungs; -wie die Inschriften besagen, haben dort erst zwei Glieder des uralten -Adelsgeschlechts die ewige Ruhe gefunden, der 1902 verstorbene -Majoratserbe Rudolf Utz von Schönberg und seine ihm im Jahre 1915 in -den Tod gefolgte Mutter Cypriane von Schönberg. - -Das kleine Mausoleum steht auf durch Jahrhunderte geweihtem Boden, -denn die Inschrift eines in der Nähe errichteten Denksteins berichtet -folgendes: - - _Kahlehöhenkirche._ - - Zum Gedächtnis an das Jahrhunderte lang hier gestandene - und im Jahre 1872 abgebrochene Kahlehöhen-Kirchlein zu den - 14 Nothhelfern errichtete dieses Denkmal im Jahre 1874 die - Kirchengemeinde Reichstädt. - - Hier wo Jahrhunderte das Gotteswort erklungen, - Hier wo manch’ Halleluja Gotte ward gesungen, - Hier wo der Friede Gottes Tausende umwehte, - Wo manches Herz zu Gott im Himmel flehte: - Hier sprich auch Du: Wie heilig ist doch diese Stätte - Und, daß der Friede Gottes Dir auch werde: Bete! - -Wohl selten gibt es wieder eine Stätte in unserm Vaterlande, an -der stimmungsvolle, schlichte landschaftliche Schönheit, stiller -Gottesfriede und uralte Sage uns so wunderbar umwehen, wie hier -auf der sonnigen Höhe, wo einst das Kirchlein »Zu den Vierzehn -Nothelfern« gestanden hat. Die Bezeichnung Kapelle, die man mehrfach -im Schrifttum findet, ist nicht zutreffend, wir haben es mit einer -regelrechten Pfarrkirche zu tun, von der sogar noch Kirchenbücher -vorhanden sind. Der von ihr in katholischer Zeit geführte Name: »Zu -den Vierzehn Nothelfern« verschwand nach der Reformation; sie wurde -»Kahlehöhenkirche« – im Volksmunde kurzweg »Kallikirche« – genannt. -Ihre Gründungszeit liegt im Dunkel des Mittelalters verborgen; bereits -im Jahre 1320 wird sie als eine »Den Vierzehn Nothelfern« geweihte -Wallfahrtskirche erwähnt. Als die vierzehn Nothelfer gelten Jesus, die -zwölf Apostel und der Schutzheilige des Bergbaues, St. Nikolaus; nach -letzterem waren auch die alte Kirche im nahen Dippoldiswalde und die -Kapelle in der Dippoldiswaldaer Heide benannt. In diesem Jahre war -Nikolaus von Henkendorf Geistlicher an der Kahlehöhenkirche. Es sind -noch Urkunden vorhanden, welche berichten, daß er einst auf Befehl -des Papstes dem Abte von Ossegg Hilfe leisten mußte, als dieser von -einigen vornehmen Schuldnern belagert und hart bedrängt wurde. Daraus -ergibt sich vielleicht, daß der jeweilige Priester der Kirche zugleich -weltlicher Gutsherr war, der über Land und Leute zu gebieten hatte. - -[Illustration] - -Die in der Kirche aufgestellten Bilder der vierzehn Nothelfer sollen -aus Silber gefertigt gewesen sein. Nach der Sage wurden sie im -Siebenjährigen Kriege geraubt. Eine andere Überlieferung berichtet, sie -seien aus Holz geschnitzt und versilbert gewesen. Man habe sie nach der -Reformation auf dem Kirchenboden aufbewahrt, von wo sie von böhmischen -Leuten entwendet und nach der Klosterkirche zu Ossegg gebracht worden -seien. Nach eingezogenen Erkundigungen befinden sie sich jedoch dort -nicht. - -Die Kirche soll durch die von den Wallfahrern gespendeten Geschenke -sehr reich geworden sein; als nach der Reformation aber die Wallfahrer -ausblieben und im niederen Teile des Dorfes Reichstädt eine bequemer -erreichbare evangelische Kirche erbaut wurde, vereinsamte das auf der -Höhe, abseits vom Dorfe gelegene Kirchlein. Eines Tages verschwand -der letzte Meßpriester unter Mitnahme des aufgehäuften Vermögens, der -Heiligenbilder und der heiligen Geräte. Im Dreißigjährigen Kriege -wurde die verödete Kirche völlig ausgeraubt, namentlich fiel alles -Holzwerk der Plünderung zum Opfer. Im Jahre 1640 soll ein Mädchen aus -Reichstädt, als es vor schwedischen Soldaten in die verlassene Kirche -flüchtete und in einem Loch an der Stelle des einstigen Altars nach -einem Versteck suchte, achthundertzwanzig Dukaten gefunden haben. - -Später wurde die Kirche wieder für gottesdienstliche Zwecke -ausgestattet; bis zu ihrem Abbruch fand alljährlich noch mehrmals -Gottesdienst darin statt. Wegen eingetretener Baufälligkeit und da die -Ausbesserung hohe Kosten verursacht hätte, beschloß man den Abbruch -des uralten Wahrzeichens, der denn auch im Jahre 1872 vor sich ging. -Um diese Zeit waren noch Reste des die Kirche umgebenden Friedhofs -vorhanden. - -Aus den Steinen der Kirche wurde der Tanzsaal des Gasthofes zu -Sadisdorf erbaut. Die Bevölkerung sah die Verwendung des geweihten -Mauerwerks für solche profane Zwecke als großen Frevel an. Bei der -Einweihung des Saales fiel eine Tänzerin und brach dabei ein Bein. -Später schlug der Blitz ein- oder mehrmals in den Tanzsaal ein, wobei -schließlich der ganze Gasthof eingeäschert wurde. Das Volk glaubte an -die Strafe des Himmels für die begangene Entweihung des Heiligtums. Ob -man beim später erfolgten Wiederaufbau des Gasthofes die Steine von -der alten Kahlehöhenkirche abermals mit verwendete, ist unbekannt; der -Volksglaube behauptet, man habe es unterlassen, da dem Gasthof und -seinen Gästen in der Folgezeit kein Unglück mehr zugestoßen sei. - -Es sind nur wenige, zum Teil recht mangelhafte Bilder des uralten -Kirchleins vorhanden. Die alte Sächsische Kirchengalerie versagt. Am -besten dürfte die Kirche in beistehender Zeichnung wiedergegeben sein, -die nach einer Abbildung in der als Fundgrube für die Heimatgeschichte -wohlbekannten, handschriftlich hergestellten Zeitschrift »Bergblumen -1885« angefertigt wurde. Es wird vermutet, daß die ursprüngliche -Zeichnung vom Herausgeber noch nach der Natur aufgenommen ist. Erwähnt -mag noch sein, daß Auszüge aus den Kirchenbüchern der Kahlehöhenkirche -im Magazin für Sächsische Geschichte vom Jahre 1787 abgedruckt sind. – - -Ein sonniger Herbsttag ging zur Neige, als ich im kleinen Hain auf dem -Fleckchen geweihter Erde stand, das durch Jahrhunderte das Kirchlein -»Zu den vierzehn Nothelfern« getragen hat. Die letzten Sonnenstrahlen -vergolden die Zinnen der Gruftkapelle, nur ein einzelnes Vogelstimmchen -und das leise Rauschen der Blätter im Abendwinde unterbrechen -das Schweigen, das wie ein Glorienschein auf dieser Stätte der -Vergessenheit ruht. Ich weiß nicht, ob der Dichter hier gestanden hat, -als er die Worte aussprach: - - Auch hier, wo einst in frommer Weise - Der Andacht Lied zum Himmel drang, - Wohnt jetzt die Wehmut, herb und leise - Tönt bang ihr Lied wie Grabgesang. – - -Schwerlich aber gibt es eine andere Stelle in unserer Heimat, die -trefflicher dazu geeignet wäre, diesen Gedanken in uns aufkommen zu -lassen, wie der geweihte Boden, auf dem ich jetzt im Abendsonnenglanze -stehe. - - - - -Um Juchhöh und Windberg - -Von _Karl Berger_, Leipzig - -Aufnahmen von _Georg Marschner_, Dresden - - -I. - -Die schönste Freude ist doch die Vorfreude; die reinste zumindest. Und -das schönste, zarteste vom Frühling ist der Vorfrühling, scheint mir. -Und die Vorfreude am Vorfrühling, das ist jene seltsame, bestrickende -Wanderlust, jenes Heimweh nach Feld und Wald draußen vor der Großstadt, -nach der heimatlichen _Natur_, die unser _Mutterland_ ist und bleibt, – -mögen wir es auch in den hastenden, unfrohen großen Städten mit ihrer -lauten Lustigkeit verraten – so wie der Staat unser _Vaterland_ ist -und bleibt. Und _das_ sind wohl die unglücklichsten Waisen, die ihr -Mutterland oder ihr Vaterland oder gar beides verloren haben. Deshalb -wollen wir heute einen Weg weisen, den wir 1921 an einem Sonntage, an -dem vier Wochen nach Wintersonnenwende die Sonne schon so boticellihaft -lichtes Hellblau und Himmelsgold allum streute, so daß hier und -da schon eine Kornelkirsche vorwitzig ihre safranfarbenen kleinen -Blütendolden öffnete, aus der Stadt hinausgewandert sind, und zwar -gerade dort, wo weite Fabrikvorstädte ihren Bewohnern den Verlust des -Mutterlandes vorzulügen suchen und damit ihnen manchmal so leicht auch -das Vaterland verleiden. - -Hinter Löbtau steigt der Weg westwärts über Wölfnitz rasch an nach -der Hochfläche zu, auf der 1745 die Kesselsdorfer Schlacht vom alten -Dessauer gegen die Sachsen gewonnen wurde, die dort die letzte -Stellung vor ihrer Landeshauptstadt zu halten versuchten. In einer -guten Viertelstunde liegt die Stadt schon tief unter uns. Mit den -Tönen der großen Glocken der Kirchen der Altstadt elbwärts drunten im -Grunde klingen die der helleren munteren Geläute von Niedergorbitz und -Oberpesterwitz zusammen, indes wir an stattlichen Wirtschaftsgebäuden -vorbei dem _Herrenhaus von Roßthal_ zuschreiten. - -»Glückauf« grüßt die Inschrift von dem vielleicht etwas zu monumentalen -Sandsteinumbau des kunstvoll zierlichen schmiedeeisernen Rokokotores -herab, das ebenso wie mehrere andere ähnliche Gittertore mit dem -feinen Stilgefühl seiner Entstehungszeit so glücklich in die Achse -der Zufahrtsstraßen gelegt ist. »Glückauf«, ein froher Gruß auch für -den Wanderer am Morgen und eine Anspielung auf den Besitzer, den -Freiherrn von Burgk, den Eigentümer der bekannten Steinkohlenschächte. -Sein Wappen prangt an dem Giebel über dem einen der beiden Erker, -die mit ihren kunstvollen deutschen Renaissanceformen die Front des -Hauses geschickt gliedern. Die reichen Schmuckformen der Balustraden, -Zinnen und zumal der säulenreichen Unterbauten erinnern ein wenig -an die fröhlichen und strotzenden Formen des Heidelberger Schlosses -und zeigen, wie feinfühlig der Oberlandbaumeister C. M. Haenel schon -1858/59 die Renaissanceformen wieder tatsächlich neu zu _beleben_ -wußte, die dann Jahrzehnte lang leider bald so blutleer oder so voll -hohlem Pathos an Mietskasernen und Geschäftsbauten kopiert wurden. - -[Illustration: Abb. 1 =Döhlener Kohlenbecken mit Windberg=] - -Am Haupteingange befindet sich auf einer Rokokokartusche ein Wappen mit -den Initialen ~v. N.~ Es ist das Wappen des Geheimrats von Nimptsch, -der 1763 Direktor der Porzellanmanufaktur geworden war, hier auf dem -Gute seiner Gemahlin, einer geborenen von Haustrin, seinen Lebensabend -zubrachte und 1772 eine »Poetische Beschreibung der Zufriedenheit -und angenehmen Ruhe auf einem Landgut« veröffentlichte. Sie erzählt -mancherlei von den bescheidenen Freuden eines derartigen Herrensitzes -auf dem Lande: von Vexierspiegeln und Grotten, von dem »guten Prospekt« -und von Wasserkünsten. Viel davon wurde, nachdem Roßthal schon nach -der Schlacht von 1745 völlig ausgeplündert worden war, in der Schlacht -bei Dresden 1813 zerstört, als Murat die Stellung der Verbündeten -zwischen Döltzschen und Gorbitz, das heißt ihren linken, mit der Front -nach Osten gerichteten Flügel durch eine Umgehung vom Zschonergrunde -her unhaltbar machte und Roßthal so zwischen die feindlichen Feuer -geriet. Jetzt erinnert natürlich nichts an den stattlichen, vorzüglich -gehaltenen Baulichkeiten des Rittergutes mehr an jene Zeiten der -Zerstörung. Ein Bild tiefen ländlichen Friedens ruht es, umsäumt von -breitästigen Obstbäumen, so nahe dem lärmenden Plauenschen Grunde, der -schon seit Menschenaltern die gleiche sanfte Lieblichkeit eingebüßt -hat, die uns nur noch die alten Stiche der Pulvermühle, der Villa Kosel -und mancher »pittoresken« Felspartie am Ufer der Weißeritz überliefern. - -[Illustration: Abb. 2 =»Juchhöh-Schlößchen«=] - -Hier oben aber, abseits der Heerstraße der Industriemächte, da ist -alles noch fast wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Wie ein Motiv -aus Ludwig Richters Skizzenbuche mutet die mit so bewundernswerter -anspruchsloser Sicherheit der Maße und Farben am Kreuzweg errichtete -Obstbude aus Fachwerk an. Und wie vornehm und trotzdem lieblich liegt -drüben das gotisierende Schloß der Grafen Luckner auf Altfranken auf -dem sanften Höhenzuge mit seinen vielen Pappeln und Schonungen. - -[Illustration: Abb. 3 =Denkmal des Freiherrn Dathe von Burgk in Burgk= - -»Ihren unvergeßlichen am 28. 6. 1897 † Wohltäter die dankbaren -Bergknappen«] - -Unterdes sind wir langsam noch höher gestiegen. Weit liegt das Land nun -um uns: nordwärts bis nach der Lößnitz reichbebauten milden Hängen, -westwärts ins hügelige Bauernland um Braunsdorf und Kesselsdorf und -südwärts hinab in den Grund und hinüber zu der _langgestreckten -Pyramide des Windberges_ (vgl. Abb. 1). Neu-Nimptsch heißt die -Siedelung, an der unser Weg entlang führt. Kleine Häuschen sind es, -so wie wir sie jetzt vor der Stadt wieder zu errichten bestrebt sind. -Diese hier hat wohl jener Geheimrat von Nimptsch Ende des achtzehnten -Jahrhunderts errichtet. Und auch sich selbst baute er an der höchsten -Stelle ein Lusthaus, _das »Schlössel des Barons«_ nennen es die -Leute, eines jener feinen, kleinen Herrenhäuser ähnlich »Antons« -gegenüber dem Waldschlößchen (Abb. 2). Der ganze Berg heißt »Jochhöhe«, -aber weil er so lustig ins Land schaut, nennt das Volk ihn mit -schalkhaftem, sicherem Humor einfach »_die Juchhöh_«. Daß es übrigens -auch ernsthaftes Raten und Taten auf diesen Dörfern gibt, beweist der -Anschlag des Gemeindevorstandes, wonach Rauchen und Zuspätkommen in den -Gemeinderatssitzungen (Neu-Nimptsch gehört zu Roßthal) verboten ist. -Wir denken bei dieser Proklamation wehmütig daran, wie unendlich weit -etwa Groß-Berlin in seiner politischen Reife mit seinen Stinkbomben und -Tätlichkeiten in parlamentarischen Sitzungen derartigen Hinterwäldlern -voraus ist. - -Und ähnliche Gedanken über Stadt und Land beschleichen uns, nun -wir rasch vorwärts schreitend den Grund in Freital kreuzen mit den -protzigen Kitschöldrucken und den vielen Näschereien in jedem zweiten -Laden, und anderseits den unschönen Plakaten an allen Ecken. - -Freilich auch jeder einzelne Landwirt sollte gerade in _seinem_ -Interesse in Sachsen _ganz besonders_ bereit sein, die Not so weiter -anderer Kreise verständnisvoll und freiwillig zu lindern, nicht durch -Almosen, aber durch werktätige Hilfe, vermittelnden Takt und auch durch -wirksame Warnung einzelner skrupelloser Berufsgenossen. Die Früchte -werden auch dabei nicht ausbleiben. Und der Landmann weiß, daß die -Früchte nicht die schlechtesten sind, die am langsamsten reifen. - - -II. - -Nun haben wir Freital durchquert und steigen langsam auf der Südseite -des Tales bergan. Am Huthause von Groß-Burgk vorbei kommen wir bald -an _das Schloß_. Schon im Mittelalter saßen hier Herren von Burgk -(Borgk, Borc; Boragh heißt Tannen- oder Fichtenhain). Im sechzehnten -Jahrhundert folgte die Familie von Zentsch, im achtzehnten die Familie -Seiler-Dathe; 1822 wurde deren Haupt Friedrich August als Freiherr -Dathe von Burgk in den Adelsstand erhoben. Die Familie, der außerdem -unter anderem noch wie erwähnt Roßthal und ferner das Schloß Schönfeld -bei Großenhain gehört, ist durch den Kohlenbergbau so reich begütert. -Im Orte nimmt man davon übrigens wenig wahr, da die Schächte jenseits -von Höhenzügen südwestlich liegen. (Vgl. aber das Denkmal Abb. 3.) - -Das Schloß selbst ist gleichfalls ein echter ländlicher Herrensitz, -dem man anmerkt, daß er organisch und bodenständig entstanden ist. -Verspielte und kapriziöse Putten und Rokokoherrschaften, wohl aus -Knöffels Zeit (um 1780), blicken von den Pfeilern der Parkmauer. Urnen, -Bosketts, alte efeuumsponnene Bäume, deren tiefhängende Zweige einen -stillen Weiher streifen, vereinen sich mit dem seltsam vielgiebligen -Schlosse mit seinen charakteristisch stilisierten Kaminköpfen und einem -raffiniert geschickt in all diese alte, leise, ein wenig holländische -Beschaulichkeit hineinkomponierten Papagei zu einem Bilde, wie es so -echt selbst – ein Monumentalfilm nicht wiederzugeben vermag. - -Am Mausoleum Friedrich Augusts von Burgk auf stiller Vorhöhe und -an Bergknappenhäusern, zuletzt an einem Waldwärterhause mit dem -Holzbrunnen auf der Wiese unterm Berge vorbei, führt durch Buchen -(Abb. 4) ein steiler Zickzackweg die etwa zweihundert Meter Steigung -zum _Windberg_ hinauf. Der Blick von seiner Höhe, insbesondere -von dem so wuchtig und richtig in die Landschaft gestellten -_König-Albert-Denkmal_ aus, ist unerwartet mannigfach und eigenartig, -besonders durch den unvermittelten Gegensatz von rein industriellen -Gegenden und weitem, stillem Land, etwa über Tharandt oder nach -Kipsdorf und Frauenstein zu. Den Abstieg nach Deuben nehme man aber -auch am Tage nicht abseits der Wege, denn der Steilabhang nach Westen -zu ist zum Teil von alten Bergwerksgängen durchzogen, die dichtes Laub -manchmal völlig überdeckt. Bei Dunkelheit oder Schnee zumal würde es -dem Wanderer leicht schlechter ergehen können, als Görge dem Fiedler, -der im Windberge den Zwergen einst zum Tanz aufspielen mußte und -dafür die ersten Kohlen erhielt, die sich ihm – wir können es so gut -verstehen – in Gold verwandelten. - -[Illustration: Abb. 4 =Im Buchenwald des Windberges=] - -Die Mittagstunde ist unterdes herangekommen. Danach wandern wir noch -von Deuben über Hainsberg-Coßmannsdorf auf Pfaden, die jeder selbst -sich suchen mag, auf jene friedvolle Hochfläche hinauf, auf der, wie -auf einer Insel von einigen Kilometern Durchmesser, fast allenthalben -von tiefeingeschnittenen Tälern umgeben, ein stilles Bauerndorf so -zeitlos um sein feinbehelmtes Gotteshaus sich lagert, wie nur irgendwo -in Franken oder Schwaben. Wir treten still in die Kirche mit ihrer seit -zwei Jahrhunderten fast unversehrten, ganz einheitlichen Ausstattung. -Nur siebzehn Pastoren hat sie in fast vierhundert Jahren gehabt. -Und der kluge Totengräber, der mit viel richtigem Gefühl die alten -Heiligenfiguren aus katholischer Zeit seiner Kirche aus dem lehrreichen -Museum im Großen Garten zurückwünscht, hat wohl auf dem Friedhofe -allein mit der eindrucksvollen dichten einen Reihe Lebensbäumen ringsum -nicht allzuviel zu tun, die Toten so tief unter die Erde zu betten, wie -sie sich im Leben _über_ sie erhoben haben. Ja früher, als noch nicht -Coßmannsdorf eigene Parochie war, da gab es für den Totenbettmeister -mehr zu schaffen, zumal als 1869 die vierhundert Bergknappen in den -Windberg zur letzten Schicht gefahren waren und so mancher von den -Verunglückten im Lederwams auch hier oben in _Somsdorf_ seine Ruhe fand. - -Aber allmählich weht der Abendwind kühler von Westen, wo schon die -zackige Linie des Tharandter Forstes schwarz gegen den im letzten -Abendschein grell gelben Himmel steht. Noch eine kurze Rast im -behäbigen Erblehngericht von 1695 und eine halbe Stunde sanftes -Abwärtsschreiten über die Hochfläche erst, dann am Berghange, in dessen -hohen Fichten schon die Käuzchen sich ernst und leidenschaftlich -suchen, dann nimmt uns mit einbrechender Mondnacht das anheimelnde -Gewirr der alten stillen Straßen des leise einschlummernden Tharandt -auf. - - - - -Wanderbilder aus den Grenzgebieten der Oberlausitz und Nordböhmens - -Vom Architekten Professor _Richard Michel_, Görlitz - - -5. Von Zittau zur Bertsdorfer Kirche[8] - -Das mächtig aufsteigende Werk des genialen Friedrich Schinkel, -die Westfront der Johanniskirche, im Rücken lassend, entlang der -engen Weberstraße, vorüber an einigen der besten alten bürgerlichen -Prachtbauten des »Zittauer Barocks« und an der mittelalterlichen, -ehedem unter freundlich rotem Ziegeldach dreinschauenden »Weberkirche«, -durch die »Webervorstadt« und »Alte Burggasse« wandernd, gelangt man -bald hinter der einstmaligen Burgmühle auf »Altzittaus Gründungsstätte« -mit dem Burgberg und dem Burgteich. - -Schutzdämme mit kraftvoll aufragenden knorrigen deutschen Eichen -umsäumen Matten und Gehege in der zwischen Mandau und Burgmühlgraben -gelegenen Umgebung dieses historischen Winkels, der im Laufe der -letzten Jahrzehnte zu einer anziehenden Hainanlage ausgebildet worden -ist. - - »Hier entstand Zittau« - -so lautet die Inschrift des Denksteins auf dem Burghügel zur -Kennzeichnung der Stelle, auf welcher im dreizehnten Jahrhundert -wahrscheinlich die erste Schutz- und Wehrstätte burgartig angelegt -wurde. - -Vom vorderen Burgdamm, nächst der Mandau, zeigt sich dem Auge ein -schönes Landschaftsbild, das die geschlossene Kette des Iser-, -Jeschken- und Lausitzer Gebirges mit feiner Linie segmentförmig als -Hintergrund säumt. Tafelfichte, Jeschken, Hochwald und Lausche treten -klar in den ihnen eigenen Formen hervor. - -Im Mittelgrund, hinter dem Mandauufergelände mit den aufsteigenden -Wiesenhängen erhebt sich links die Olbersdorfer, rechts die Hörnitzer -Kirche, dazwischen, hinter entfernter liegenden Geländewellen der -weißleuchtende Turm der Bertsdorfer Kirche, als ein seit altersher dem -Wanderer entgegenwinkendes, weithin sichtbares Wahrzeichen. - -Vom westlichen Dammende, welches eine mächtige alte Eiche schützt und -schirmt – eine Reckin ihrer Edelart, – um deren Fuß ihres etwa 1,75 -Meter im Durchmesser starken Stammes eine holzgezimmerte Bank den -Wanderer zur Rast einladet, führt der Weg weiter am Mühlgraben-Stauwehr -vorüber über die steinerne Mandaubrücke nach Hörnitz. Hier, das durch -ein Turmpaar flankierte, giebelreiche, massig gedrungene Althörnitzer -Schloß. Ein vom kunstsinnigen Zittauer Bürgermeister Hartig -1651–1654 errichtetes Baudenkmal hervorragender Art der deutschen -Spätrenaissance, das sich auszeichnet durch Verhältniskunst und -wuchtende Massenwirkung, wie solche hier besonders die Südseite zeigt. - -Beim Anschauen des gesamten Schloßbereiches mit dem Park und Gutshofe -versenken sich die Gedanken in die alte Bauweise, in das Großzügige -des Baugeistes vergangener Geschlechter, unter welchen die Gestaltung -solcher einheitlicher Baugruppen in der Landschaft, mit den Elementen -dieser, so durchgeführt werden konnte. - -Großartig eindrucksvoll wirkt beispielsweise das durch wunderlich -verzweigtes Geäst und feines graugrün schillerndes Laub der mächtigen -Kronen zweier Silberpappeln gezierte Einfahrtstor des Schloßguthofes. - -Dem Baugeist einer hundert Jahre späteren Zeit verdankt das unweit -entfernte ehemalige Neuhörnitzer Schloß, das der Zittauer Kaufmann -Gottfried Hering 1751 errichten ließ, seine gute Gestaltung. - -Der zwischen beiden schloßherrlichen Anlagen liegende, Alt- und -Neuhörnitz trennende wohl älteste Ortsteil »Wall« genannt, gleicht -der Anlage einer Wasserburg kleinsten Maßstabes. Ein noch teilweise -vorhandener, durch Quellwasser gespeister Wassergraben umgibt eine auf -kleiner Insel liegende Wohnstätte. Die in unmittelbarer Nähe rundherum -errichteten alten kleinen Fachwerkhäuschen ergänzen die eigenartige -Anlage, deren Entstehung mutmaßlich mit der der Zittauer Burgbergwarte -erfolgt sein mag in grauer Vorzeit. - -Von der von Hörnitz nach Bertsdorf ansteigenden, über einen -Geländesattel führenden Landstraße sieht man, nah und fern, rundum -in eine liebliche, wechselreich geformte Landschaft – ein Mosaik von -zahlreichen Ortschaften des östlichsten Sachsenlandes mit dem schönen -Stadtbild Zittaus. - -Über dem Sattel, an der Straßensenkung, beginnt einladend der Anfang -der hier versteckt in der Dorfbachmulde eingebetteten Ortschaft -Bertsdorf, die sich in der Richtung zur Lausche, welche zwischen den -Höhen des Jonsberges und Breitenberges den Hintergrund füllt, hinzieht, -und allmählich im Gelände hervortretend, hinaufführt bis an den Fuß des -Pocheberges. - -Zu beiden Seiten des klar dahinrieselnden Dorfbaches und der Straße, -sowie an und auf Wiesenhängen bauen sich mannigfach in alter Bauart -die Wohnstätten des Häuslers, Webers, Handwerkers, Kleinbauern und -die Gebäudemassen ansehnlicher Gutshöfe auf, mit verschiedenartigen, -alterhaltenen Gefach-, Ständer-, Riegel-, Bretterwerk und Umgebinden, -mit großflächigen, nur durch Dachluken und die Esse belebten Stroh- und -Ziegeldächern, an deren Traufen vielerseits die Holzrinne sich zeigt. -Steinerne Haustürstöcke mit manchem eigenen Schmuck und sonstigem -Überbleibsel guter, sinniger Kleinkunst ausgestattet, sowie die im -Pfarrhause gut erhalten gebliebene alte Bemalung einer Holzdecke, legen -Zeugnis ab vom Können der vormals volkskünstlerisch tätig gewesenen -Kräfte. - -Über den Bach sich wölbende alte Quadersteinbrücken verleihen -ihrer Umgebung idyllisch-malerische Reize. Die schiefwinklige -Straßenbrückenanlage am Kirchgeländefuße mit zinnenartiger -Brustwehrkrone, die einzelnen oberlausitzer Brücken solcher Art -eigentümlich ist, möge als ein nachahmenswertes Beispiel besonders -erwähnt sein. An dieser Steinbrücke ist eingemeißelt die Jahreszahl -1812. - -[Illustration] - -Abseits vom Großindustrieleben atmet man hier gut bäuerliche Luft. Noch -ist der Ort verschont geblieben von groben baulichen Verunstaltungen -hochbaulicher Art. Bäuerlich-landbürgerlicher Sinn waltet und schafft -hier vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht Arbeitszeitgesetzen, -sondern dem Zeitweiser der Natur gehorchend. - -Mitten im Ort – frei und hoch über dem Bett des Baches – steht die -Kirche auf uralter, zur Verehrung göttlicher Allmacht geweihter Stätte, -umgeben von ihrem umwehrten Kirchhofe, dessen grünberankte Mauern alte -Denkmalskunst bergen. - -Sie ist nicht als Werk einer »Ichkunst«, als ein Fremdkörper in -die Umgebung »hineingesetzt«, sondern wächst in ihrer schlichten, -maßvollen Bauart aus ihr heraus[9], als ein weiß verputzter, unter -rotem Ziegeldach geschützter Bau mit markigem Turm, dessen ebenso -bedachte Kuppelhaube bekrönt wird durch die grün und weiß gestrichene, -formenreichere, offene Laterne, Haubenspitze und Wetterfahne mit der -die Bauzeit kündenden Jahreszahl 1674. - -So bildet auch hier die Kirche mit dem benachbarten alten Pfarrhause, -den Bauernhäusern, Gartengehegen, dem Dorfbach, Strauch- und -Baumbestand und der Straße eines jener uns lieben Dorfbilder, wie -solche sich allerwärts in unseren sauberen oberlausitzer Ortschaften -der erfreulichen Anschauung darbieten. - -Die Bauanlage der, an Stelle eines durch Blitzschlag eingeäscherten -Gotteshauses, um 1675 erbauten Kirche, übte vorbildlichen Einfluß aus -auf die Gestaltung der später erbauten Kirchen in den benachbarten -Ortschaften Hainewalde, Spitzkunnersdorf, Niederoderwitz und Eibau. - -Das meisterliche Werk ist der verkörperte Ausdruck des Widerwillens -gegen eine kleinliche Zerklüftung der Baumasse – ist ein Werk -großzügiger Geschlossenheit, ein Beispiel, sprechend für die schlichte -Eigenart des kernigen oberlausitzer Landbürgers, der nichtssagenden -Äußerlichkeiten abgeneigt, solche Einfachheit schätzt, hegt und liebt. - -Im Gegensatz zu dem fast nüchternen Äußeren, verbirgt sich hinter -diesem das mit sicherem Können und edlem Geschmack gestaltete, mit -Altar, Kanzel, Orgel und Lichtkronen kunstvoll ausgestattete Innere, -dessen feierlich ruhige Gesamtwirkung durch eine erneuerte, sehr -feinsinnige Farbengebung in weiß, grün und gold wohltuend gesteigert -wird. Ein würde- und eindrucksvolles Ganzes ist es – ein anziehendes -Herz der Kirchgemeinde. - - -Wanderers Wunschgedanken - -Das Innere solcher schönen Landkirchen sollte man, wie es bei -katholischen Kirchen meist üblich ist, durch Offenhalten einer Pforte -in eine _gesteigerte, lebensvolle Verbindung_ bringen, nicht nur für -Glieder der Gemeinde, sondern auch für von fremdher kommende Freunde -der Natur und Kunst, zum Erleben frei erwählter Ruhe- oder Weihestunden. - -Deshalb möchten dem Wunsche derer, die vom Alltagsleben abgesondert, in -frischfreier Natur auf friedvoller Stätte ein Kircheninneres betreten -wollen – zum weilen und ruhen – keine Schranken entgegenstehen. - -Sollte nicht so manches Glied der Gemeinde – wenn der rechte Zeitpunkt -hierzu gekommen – das Verlangen haben, auch im Alltagsgewand den -Raum der Kirche zu betreten, zum Verbringen einer stillen Stunde, -zum Nachsinnen – zur eigenen Erbauung des inneren Menschen? – zur -Wachrufung sich vernebelnder Erinnerungen? – – – - -Es ändern die Zeiten die Wohnstätten, das Dorf und seine Bewohner, – -Häuser alter Urahnen und Ahnen lassen sie verschwinden. – - -Hier und da birgt das altehrwürdige Gotteshaus _die hohen Werte -urväterlicher Schaffenslust und kunstfröhlicher Gestaltungskraft_. -Diese Werte und ihre Entstehungszeiten sprechen zu uns in einer so -treuherzigen, wahren Art, daß wir vermeinen mit Urahnen und Ahnen -wieder verbunden zu sein. Ihre stumme Sprache bedingt eine feierliche -Ruhe, um all die lieben Erinnerungen ernster und freudiger Art auslösen -zu können für so manchen, dessen Werdegang von der Taufe bis ins hohe -Alter mit dieser Stätte, diesem Raum, in enger Verbindung gestanden -hat. – – – - -Je nach Herzens- und Gemütsstimmung dürfte jenen und anderen die -_unverschlossene Gotteshalle_ Anlaß bieten, eine besondere Feierstunde -in ihr zu erleben. - -Und wenn zur rechten Abendstunde aus dem offenen Kirchenherzen der -Orgel entströmende volkstümliche Weisen dringen könnten, hinab in den -Ort, weit in das Land – – – – – so manches Menschenkind würde – bewußt -oder unbewußt – dann solcher Töne lauschen oder angeregt durch deren -Macht, mitsingen, – sein Sinnen aufwärts lenken, himmelan. - - * * * * * - -_Nachsatz._ Die einfache, schöne Bertsdorfer Gotteshausanlage, -deren spitzbogige Maßwerkfenster als Nachklänge des Mittelalters in -romantische Harmonie treten mit dem barocken Einschlag der Altar- -und Kanzelformung, und deren Urheberschaft wahrscheinlich zu danken -ist dem genialen, vielseitig tätig gewesenen Dresdner kurfürstlichen -Hofarchitekten Wolf Caspar von Klengel, erhebt dieses Werk zu einem -Bindeglied der Reihe hochbedeutender Bauschöpfungen jener Zeit, die -unter Klengels Leitung zur Ausführung kamen, beziehentlich begonnen -wurden. - -Diese Bauepoche, während welcher unter anderen die erste Anlage des -Großen Gartens und der Bau des darin gelegenen prächtigen Lustschlosses -erfolgte, zeitigt im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts den -Anfang zu den baukünstlerischen Großtaten in Dresden und diejenige -Baukultur in der Oberlausitz, der wir die bedeutenden Werke des -»Zittauer Barocks« in der Hausbau- und Denkmalkunst verdanken und die -fortlebte bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts. - -Mit dem Beginn einer einsetzenden schulmäßigen Ausbildung Bauberufener -in fernliegenden Großstädten, verlor die örtliche altmeisterliche -Kunstübung ihre Kraft und Eigenheit, bis sie schließlich unterging -in den Wellen neuer Zeit- und Kunstströmungen, welche zu neuem Leben -erweckten die »klassischen Künste«, in deren strengem Geiste nach -Friedrich Schinkels Plänen als Umbau errichtet und vollendet wurde die -1837 geweihte - - St. Johanniskirche in Zittau. - - -6. Von der Bertsdorfer Kirche nach Oybin[10] - -Von der Bertsdorfer Kirche führen strahlenförmig Straßen-, Feld- und -Waldwege in die Ortschaften, Waldungen und auf die Höhen des nahen -Zittauer Gebirges. Ein aussichtsreicher, prächtige Blicke in das -sich um Zittau weitende Landschaftsbild gewährender Weg, führt am -idyllisch gelegenen Hungerbrunnen vorüber, zur Leipaer Straße und durch -die Katzenkerbe nach Oybin. Auf der Höhe, hinter der Katzenkerbe, -entfaltet sich ein überraschend schönes Gegenbild. Es zeigt das -den Oybiner Kessel rahmende Gebirge mit dem Hochwald und den im -Mittelgrunde aufgetürmten Sandstein-Quaderberg Oybin. - -[Illustration: =Oybiner Klosterruine= - -Nach Originalzeichnung von Prof. R. Michel, Görlitz] - -Vielbesungene, sagenumwobene Ruinen krönen das Kleinod des Gebirges. In -ganz eigener Schönheit, von Waldesgründen umgeben, liegt es, friedvoll -eingebettet, vor des Wanderers Augen. - -Doch am eindruckvollsten sind die Durchblicke, die aus Waldestiefen -die hochthronenden, waldumsäumten Ruinen im Morgen- oder Abendglanz -erscheinen lassen. - - Im Anblick des verfallenen Klosters, - hoch oben, über Felsenhängen, – - im stillen Frieden der Natur, in der - sich Gott- und Menschenwerk so - wunderbar zusammen eint, – - im Anblick dieser Gottesburgruinen - andächtig weilend, schweigend sinnend, - bis Dämmerung sie umgibt und - letzte Sonnenblicke ihre Zinnen scheidend grüßen, – - welch deutsches Herz – vom Zauber - solcher Herrlichkeit umfangen, – - ergreift hier nicht das Sehnen und - Verlangen nach einem neuen - Morgengrauen – dem Aufgang - neuer deutscher Herrlichkeit in - volkseigener Kunst – in deutscher - Gotteswelt und deutscher Freiheit? – - - Anmerkung: Baugeschichtliche Daten nach: Gurlitt, Beschreibende - Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens. 29. - Heft. Amtshauptmannschaft Zittau. - - -Fußnoten: - - [8] Nr. 1 siehe Heft 11/12, Band V, 1916, Seite 347. Nr. 2 und - 3 siehe Heft 4/6, Band VIII, 1919, Seite 75. Nr. 4 siehe - Heft 1/3, Band IX, Seite 13. - - [9] Vergleiche Band IX, Heft 1–3, Seite 13, Wanderbild 4. – - Die Wieser Kirche unweit Seidenberg O.-L. – Hierbei sei - bemerkt, daß der böhmische Grenzort nicht Wiesa, sondern - Wiese heißt. - - [10] Der _Klosterbau_ erfolgte im Zeitraume 1366–1384, - dient seiner Zweckbestimmung bis 1559, in welchem Jahre - der letzte Mönch das Kloster verläßt, wird 1577 durch - Blitzschlag und Brand zur Ruine. - - - - -Volkslieder der Sächsischen Oberlausitz - -Von _Friedrich Sieber_, Krostau bei Schirgiswalde - - -Vor einigen Jahren habe ich versucht, in einer Anzahl Ortschaften der -Sächsischen Oberlausitz den noch vorhandenen Schatz an Volksliedern -festzustellen. Ich bin nicht als Wandervogel durchs Land gezogen, -der mit glücklicher Hand da ein Liedlein fing, dort ein anderes. Als -geborener »Edelroller« war ich in den Ortschaften meist beruflich -tätig. Mit Alter und Jugend sang ich. Mancherlei Beobachtungen habe ich -dabei anstellen können. - -Es ist deutlich wahrnehmbar, daß der Schatz der von Ohr zu Ohr -überlieferten Lieder rasch im Abnehmen begriffen ist. Die Jugend kennt -etwa nur noch die knappe Hälfte der Lieder, die in gleichen Ortschaften -dem Alter vertraut sind. Dieses ungefähre Zahlenverhältnis gilt vor -allem für bäuerliche Siedelungen. In rein industriell tätigen Gebieten -ist die Liedüberlieferung viel mangelhafter. Nicht so ungünstig ist -sie meiner Beobachtung nach in Ortschaften, die zwar überwiegend mit -Industriearbeitern bevölkert sind, die aber auswärts zur Fabrik gehen. -Seßhaftigkeit in vererbten Häuschen und gemeinsamer Fabrikweg können -die Tatsache erklären. - -Wer singt in den Dörfern die Volkslieder? Stellen sie ein Erbgut -dar, allen Bewohnern einer Landschaft gleicherweise vertraut? Nein, -die Zeiten der Gebundenheit aller an überlieferte Volkswerte sind -auch in der Oberlausitz im Entschwinden. Das Volkslied hat sich -aus breiter Öffentlichkeit zurückgezogen. Die größte Anzahl der -Männer beachtet es kaum. Frauen sind seine Hüterinnen geworden. In -überwiegender Weise ist es ein ganz bestimmter Typus der Frau des -Volkes, die das überlieferte Volkslied hegt. Sie ist intellektuell -gut veranlagt, sie hat Charaktereigenschaften, die sie zur Hausfrau -und Mutter vorzüglich befähigen, sie ist stimmbegabt und meist mit -sicherem musikalischen Gehör ausgestattet. Die Stuben, in denen von -den Ahnen überlieferte Lieder gesungen werden, sind meistens blank und -glänzend. In polnischen Wirtschaften habe ich fast nie alte Lieder -singen hören. Bei gemeinsamer Winterarbeit (Federnschleißen) oder -an weichen Sommerabenden auf der Bank vor dem Hause, da tritt das -Volkslied aus seiner Verborgenheit. Die oben geschilderten Frauen sind -die Vorsängerinnen, sie können Text und Melodie. Unter ihrer sichern -Führung tauchen Bruchstücke in anderen auf, zagend fallen sie ein, und -die getragenen Weisen lassen vergangene Welten wiedererstehen. - -Doch ehe wir die Lieder einer Betrachtung unterziehen, die hier als -Volkslieder bezeichnet werden, wollen wir uns über den Umfang des -Begriffs verständigen. Ich habe in meine Sammelarbeit nicht mit -einbezogen: - - 1. Lieder, die durch Schulpflege lebendig bleiben oder - geblieben sind; - - 2. Lieder, die zum Sangesschatz der Gesangvereine gehören; - - 3. Lieder, die durch Wandervögel und ähnliche Bewegungen - wieder in Umlauf gekommen sind; - - 4. Selbstverständlich alle modernen Schlager, mit denen - gegenwärtig der allergrößte Teil der Sangeslust bestritten - wird. - -Die Lieder, die abgesehen von den in eins bis vier aufgezählten Arten -noch im Volke lebendig sind, die allein wollen wir einer näheren -Prüfung unterziehen. Ich habe ein reichliches halbes Hundert derartiger -Lieder aufgezeichnet. Ich will einige von denen mitteilen, die meines -Wissens nach noch nicht in Sammlungen veröffentlicht sind. - -Am zahlreichsten ist das Liebeslied vertreten. Unter ihnen ist die -Ich-Form häufig. Da singt ein Mädchen: - - Der Vetter Michel liebet mich - Mit deutscher Redlichkeit, - Und wie er liebt, liebt sicherlich - Kein Bauer weit und breit. - - Geht er ins Holz, ich bin schon da, - Er gibt mir Käs’ und Brot. - Er fällt das Reis’g, ich bind’s zusamm’, - Wir küssen uns halbtot. - - Wenn nun der liebe Sonntag kommt - Da gehen wir zum Tanz, - Da springen wir, wer weiß wie sehr, - Und trinken frisches Bier. - - Wenn nun der Tanz ist ausgetanzt - Da gehen wir zu Haus. - Da führt der liebe Michel mich - In Lust und Freud nach Haus. - - (Wittgendorf bei Zittau.) - -Das folgende Lied bricht an der spannendsten Stelle ab. Eine andre, mit -der ersten gar nicht zusammenhängende Erzählung beginnt. Dadurch wird -eine geradezu ausgezeichnete Wirkung erzielt: - - Wenn ich gleich kein’ Schatz mehr hab’, ’s wird sich einer finden. - Ging das Gäßlein auf und ab, kam bis zu der Linden, - Als ich zu der Linden kam, stand mein Schatz daneben. - Grüß dich Gott, herztausiger Schatz, bist denn du gewesen? - Bin gewesen im fremden Land, hab’ viel Neues erfahren. - Was du Neues erfahren hast, kannst du mir wohl sagen. - Hab’ erfahren dies und das, wünsch’ bei dir zu schlafen. - Schlafen kannst du wohl bei mir, aber nur in Ehren. - Ob es wird in Ehren sein, müssen wir erst sehen. - Zwischen Berg und tiefem Tal saßen einst zwei Hasen. - Fraßen ab das grüne Gras, ja, bis auf den Rasen. - Da sie sich satt gefressen hatten, setzten sie sich nieder. - Warten bis der Jäger kommt, der schießt sie darnieder. - - (Friedersdorf bei Zittau.) - -Auch das Motiv, das in dem bekannten schwäbischen Lied: Jetzt gang -i ans Brünnele, behandelt wird, fehlt unsern heimischen Liedern -nicht. Meinem Empfinden nach ist es in mindestens ebenbürtiger Form -dargestellt. - - Ich ging wohl durch einen gar so lustigen Wald, - Und da kam ich zu ’nem Börnlein und das war so kalt. - - Ich setzte mich nieder um eine kleine Ruh’, - Ich hörte den schönen Singvögelein zu. - - Ich hörte so lange, bis daß es mich verdroß, - Und da fielen zwei Röslein auf meinen Schoß. - - Und die Röslein, die waren von Golde so rut, - Junge Mädchen, die haben einen stolzen Mut. - - Ich ging wohl in ein Wirtshaus, ich tanzt aber nicht. - Ich suchte mein schön’ Schätzchen, ich fand’s aber nicht. - - Ich suchte in der Stube, ich suchte in dem Haus; - Ei, da stand mein schön’ Schätzchen und lachte mich aus. - - Ei lache, immer lache, es wird dich schon gereu’n, - Wenn ich werd’ bei ’nem andern schönern Schätzchen sein. - - (Dittelsdorf, Friedersdorf bei Zittau.) - -Ein Totenlied, rührend in seiner tiefempfundenen Schlichtheit, lautet -folgendermaßen: - - Bei mir ist Spiel und Tanz vorbei, das Lachen ist vorüber, - Ich hasse Lieder und Schalmei, und Klagen sind mir lieber. - - Ach Gott, wer hätte das gedacht, als ich sie dankbar küßte, - Daß ich so bald die grüne Tracht in Schwarz verwandeln müßte. - - Geduldig war sie wie ein Lamm, tat niemand was zu Leide, - Sie war so fromm, so tugendsam, zu aller Menschen Freude. - - Und wenn sie kam, da konnte man die Blicke nicht vertragen, - Und wenn sie lachte, mußte man die Augen niederschlagen. - - (Wittgendorf.) - -Eine Totenklage ist auch das Lied, das in dem bekannten -Volksliederbande der Blauen Bücher (Karl Robert, Langenwiesche: Von -Rosen ein Krentzelein) unter der Überschrift: »Der Trauernde« (21.–30. -Tausend, S. 96) abgedruckt ist. Die von mir aufgezeichnete Lesart ist -ausführlicher, verrät aber in einigen dialektischen Wendungen noch den -süddeutschen Ursprung. - -Die alte Weisheit des Nibelungenliedes: ~als ie diu liebe leide z’aller -jungeste gît~, wird lebendig in dem Abschiedsgespräch zwischen einem -Burschen, der wandern will, und seinem Mädchen: - - Des Sonntags, des Montags in aller Still - Kam eine traurige Botschaft zu mir: - Dieweil ich von mein’m Schätzchen hat Abschied genomm’n, - Da sollt ich nur noch einmal zu ihr komm’n. - - Als ich die Gasse herunterkam, - Sah ich mein Feinsliebchen an der Haustür stahn. - Sie winkt mir mit dem Äugelein, sie scharrte mit dem Fuß, - Sie aber wußt es nicht, daß ich wandern muß. - - Als ich zu ihr gekommen war, - Sagt sie zu mir in aller, aller Still: - Ich sollt’ sie nicht verlassen in aller ihrer Not, - Ich sollt’ sie treulich lieben bis in den Tod. - - Sie an mein schneeweißes Angesicht. - Wie mich die große Liebe hat zugericht. - Kein Feuer auf der Erde brennt nimmermehr so heiß, - Als die verborg’ne Liebe, die niemand nicht weiß. - - In Trauern muß ich schlafen geh’n, - In Trauern muß ich wiederum aufersteh’n; - In lauter Traurigkeit verbring ich meine Zeit, - Dieweil ich nicht darf lieben, was mir mein Herz erfreut. - - Geht dir’s wohl, so gedenk’ an mich, - Geht dir’s aber traurig, so kränket es mich. - Vom Herzen bin ich froh, wenn’s mir und dir wohl geht, - Obgleich mein junges Leben in Trauern steht. - - (Wittgendorf.) - -Häufig wird in den Liebesliedern die Ich-Form aufgegeben. Der -Liebesstoff wird balladenartig behandelt. Als ein Übergang zu dieser -Form kann folgendes Lied angesehen werden: - - Warum bist du denn immer so traurig? Weil alles über mich geht. - Drum laß ich den lieben Gott walten, der alles am besten versteht. - - So schön wie eine Rose, die fein am Stengel dort steht, - So schön ist auch ein jung’ Mädel, wenn es im Grünkränzel geht. - - So falsch wie eine Schlange, die auf der Erde rumkriecht, - So falsch ist ein Junggeselle, wenn er sein Mädel verführt. - - Und wenn er sie verführet hat, auf off’ner Straß’ läßt er sie - steh’n, - Da denkt sie in ihrem Herzen, wo soll ich nun weiter hingehn? - - Der Apfel ist schön rosenrot, schwarze Körner sind darin. - Und wenn der Bursch geboren wird, trägt er einen falschen Sinn. - - Ein falscher Sinn, ein froher Mut, das ist der Burschen Gebrauch, - Drum gibt es so viele in Friedersdorf, die lieben die Falschheit - auch. - - (Friedersdorf.) - -In vielen Liedern treten dramatische und epische Bestandteile neben den -lyrischen stärker hervor. Mehr oder weniger reine Balladen entstehen. -Dazu gehört das schon von Herder im Elsaß aufgezeichnete Lied vom -Grafen: »Ich stand auf hohem Berge«, das mit geringen Abweichungen in -der ganzen Lausitz verbreitet ist, ferner das Lied: »Es war einst eine -Jüdin«, das in etwas umgestalteter Weise den Stoff der Königskinder -behandelt und nach der Weise des Grafenliedes gesungen wird. Eine andre -Ballade, die mit dem so sehr beliebten Anfang anhebt: »Es stand ein’ -Lind’ im tiefen Tal, ist oben breit und unten schmal«, an den sich -aber wenigstens drei verschiedene Lieder anschließen, die inhaltlich -kaum etwas Gemeinsames haben, enthält einen schönen Liebesgruß, der -schon seit dem Ruodlieb (1030) eine beliebte Gedichtform darstellt. Das -Mädchen schickt mit dem Boten an ihren Liebsten, der sie vermeintlich -verlassen hat, folgende Wünsche: - - Ich wünsch’ ihm so viel Wohlergehn, als so viel Stern am Himmel - steh’n. - Ich wünsch’ ihm so viel Hochzeitsgäst, als in dem Wald sind grüne - Äst. - Ich wünsch’ ihm so viel Herzeleid, als so viel Sand am Meere leit. - -Eine stark abweichende Lesart der Ballade ist bei Uhland enthalten -(Nr. 116). Das alte Balladenmotiv des verwundeten Burschen, der in -den Armen der Geliebten stirbt, wird behandelt in dem auch anderwärts -aufgezeichneten Liede: »Es wollt’ ein Mädchen früh aufsteh’n«, dessen -dunkle Melodie in hervorragender Weise dem schwermütigen Stoff angepaßt -ist. Knapp, rasch fortschreitend ist die Ballade vom Soldaten, der aus -dem Kriege zurückkehrt: - - Was kann mich denn schöner erfreuen, ju, ja erfreuen, - Als wenn der Sommer angeht. - Es blühen die Rosen im Garten, ju, ja im Garten, - Soldaten marschieren ins Feld. - - Und als ich in das fremde Land Österreich kam, - Da gedacht ich gleich wieder nach Haus. - Als ich dann wieder nach Hause kam, - Feinsliebchen stand an der Tür. - »Gott grüß’ dich, du Hübsche, du Feine, - Vom Herzen gefällst du ja mir.« - »Ich brauch’ dir ja nicht zu gefallen, - Ich hab’ schon längst einen Mann. - Einen hübschen, einen feinen, einen reichen, - Der mich ernähren kann.« - Was zog er aus seiner Tasche? - Ein Messer, ’s war scharf und gespitzt. - Er stach’s dem Feinsliebchen ins Herze, - Das rote Blut gegen ihn spritzt. - Und als nun das Mädchen gestorben war, - Da grub man ihr ein Grab - In ihres Großvaters Lustgarten, - Wo Rosen und Rosmarin steh’n. - Ihr Mädchen und Junggesellen, - Nehmt euch ein Beispiel daran. - - (Schönbach bei Löbau.) - -Es ist ganz zweifellos, daß dem erwähnten Heereszuge nach Österreich -ein bestimmtes historisches Ereignis zugrunde liegt. In manchen -Liedern tritt das Historische stark hervor. Die Ballade wird zum -historischen oder politischen Lied. Ich habe in der Lausitz noch -lebendig gefunden das Lied über den Feldzug Napoleons I. nach Rußland: -»Napoleon, du Schustergeselle«, weiterhin ein Lied, das den Krieg -von 1870 zum Hintergrund hat: »Im Städtchen zu Baden da steht ein -Haus«, das aber dem bekannten Sedanliede: »Bei Sedan auf den Höhen«, -an Wert nachsteht. Das Interessanteste dieser Gattung ist das über -einen großen Teil Europas verbreitete Marlboroughlied, durch dessen -Wortprägung und Wortbindung gedämpft der vornehme Glanz hochadligen -Hintergrundes leuchtet. Dieses Marlboroughlied hat in der Oberlausitz -ein eigenartiges Schicksal gehabt. Der Eingang: »Marlborough zog zum -Kriege«, hat sich eine kühne volksethymologische Umdeutung gefallen -lassen müssen. Was war dem biedern Lausitzer, der sangeslustigen -Dorfdirne, der stolze Britenherzog Marlborough? Und so begann der -Lausitzer das Lied: »Mein Bruder zog zum Kriege«. Nun konnte nicht -mehr Madame in die Höhe steigen, um nach den Vermißten Ausschau zu -halten, der zu Ostern kommen wollte, sondern die Schwester tut es. Nun -kommt nicht mehr der Page, der die Trauerbotschaft bringt, der höfisch -und fein spricht: - - »Das Neue, das ich bringe, macht schöne Augen naß. - Leg’ ab die ros’gen Kleider und deinen Blumenschmuck. - Dein Marlbruck ist gestorben, tot und begraben schon.« - -Drei Burschen kommen gezogen, von Blute rot, Mitkämpfer sind sie -gewesen. Anspruchslos und schlicht sprechen sie: - - »Das Neuste, das wir bringen, macht dir die Äuglein naß. - Dein Bruder ist erschossen, ist tot und lebt nicht mehr.« - -Durch alle diese folgerichtigen Änderungen ist die Handlung der Ballade -aus der großen Welt in den engen Kreis des Volkes verpflanzt worden, -ohne etwas von ihrer Tragik zu verlieren. - -Aber nicht nur harte politische Tatsachen haben im Volkslied ihren -Niederschlag gefunden. Viele von ihnen sind vom kulturhistorischen -Gesichtspunkt aus aufs höchste belehrend. Vor allem fesselt den -Literarhistoriker manch seltsames Lied, das unter dem Namen Volkslied -durchschlüpfen will, weil es vom Volke gesungen wird. Das echte -Volkslied, das wurzelhaft dem Volke entwachsen ist, zeigt eigentümliche -Merkmale, die ihm einen wundersamen, unnachahmlichen Zauber verleihen. -Das Volk, das solche Lieder hervorbringt, ist gleichsam eine ungeheure, -sich selbst unbewußte Individualität, von einer mächtigen Lebensform -beherrscht, die in seinen Gestaltungen nach Ausdruck ringt. Je näher -wir der neueren Zeit rücken, desto fühlbarer zerbricht der Kosmos Volk. -Gruppen und Einzelwesen entreißen sich seinem magischen Banne. Neben -die Dichtung des Gesamtvolkes tritt die Dichtung der schöpferischen -Persönlichkeit. Aber in allen gesunden Zeiten besteht eine starke, -untergründige Verbindung zwischen Volk und Persönlichkeit. Beide hängen -zusammen wie Mutter und ungestümes Kind. Eins steigert das Wesen des -andern. Wieder eine solche reine Verschränkung zwischen Volk und -Einzelwesen entstehen zu sehen, ist unser aller Sehnsucht; denn seit -Beginn der neuesten Zeit ist die Lebensform Volk in Millionen Atome -zersplittert. Jedes Glied der einstigen Gemeinschaft hat das Recht -betontester Einzelexistenz an sich gerissen. Die Folge dieses Vorgangs -ist auf künstlerischem Gebiet die Zerstäubung jedes Stilgefühls. In -Zeiten tiefer Bindungen wird der Mensch in einen Stil hineingeboren, -dessen Träger das Gesamtvolk ist. Nach Zertrümmerung des tragenden -Mutterschoßes wird Stil zu einer Aufgabe, die jeder im individuellen -Leben in zuchtvoller Arbeit lösen muß. Da dies aber nur wenig -Begnadeten möglich ist, bleibt die Masse der Glieder eines Volkes in -lebengestaltender Hinsicht im Chaos. Der Instinkt für angemessene Form -ist verloren gegangen. Wahllos ist die Masse jedem Einfluß hingegeben. -Daß dies nicht erst ein Entwicklungsergebnis der unmittelbaren -Gegenwart ist, beweisen eine Anzahl Lieder, die deutliche Spuren -flüchtiger Literaturmoden an sich tragen, die der bewertende Beurteiler -mit gutem Gewissen als minderwertig bezeichnen kann. Drei Einflüsse -dieser Art sind in einer Anzahl der von mir gesammelten Lieder deutlich -wahrnehmbar. Zum ersten sind es die Schauerromane, die an der Wende des -neunzehnten Jahrhunderts sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuten. -Besonders häufig sind die Schauer des Kirchhofs verwendet worden. Dort -finden wir während der »süßen« Geisterstunde den Liebhaber, dessen -Mädchen starb. An der Kirchhofsmauer rauscht es. Eine weiße Gestalt -naht, still und sanft, voller Trauer. Wilhelmine ist es. Flehend -bittet der Liebhaber, ihn mitzunehmen in ihre Totenkammer. Aber allein -entschwindet sie ihm. Nicht nur Stoff und Behandlungsart verraten die -Entstehungszeit dieses Liedes. Wer sich einmal die lehrreiche Mühe -machte, die Vornamen unsrer Vorfahren zusammenzustellen, wird finden, -daß Wilhelmine eine ganze Zeit hindurch im ersten Teil des neunzehnten -Jahrhunderts ein ausgesprochener Modename war. Noch ein andres -Schauerlied möge Erwähnung finden. Es erzählt, wie ein Schlossergesell’ -nach jahrelanger Wanderschaft zu seinen Eltern, die ein Gasthaus -haben, zurückkehrt. Der Bursche gibt sich nur seiner Schwester zu -erkennen. Um Mitternacht ermordet der Vater, von Neugier und Habsucht -getrieben, den unbekannten Fremdling. Dies Lied ordnet sich wichtigen -literarhistorischen Zusammenhängen ein. Es behandelt einen ganz -ähnlichen Stoff, wie die Tragödie ~Fatal curiosity~ des Engländers -George Lillo, die zum Ausgangspunkt der Schicksalstragödie wurde, die -mit Hilfe des entfesselten Geisterchors, durch entsetzliche Bluttaten -und Verbrechen, Schauer und Entsetzen erregen wollte. - -Um dieselbe Zeit, als in Deutschland die Schicksalstragödien blühten, -waren die tugend- und rührsamen Familiengeschichten des Feldpredigers -August Heinrich Julius Lafontaine in Mode. War er doch sogar ein -Lieblingsschriftsteller der Königin Luise. Auch dieser Einfluß ist in -einigen Liedern deutlich nachzuweisen (z. B.: Steh ich hier am eisern -Gitter). - -Mit diesen beiden Einflüssen hat auch die dritte der damals -herrschenden Moden ihren Niederschlag in Liedern gefunden. Es ist -die nach dem Erscheinen des Götz von Berlichingen wildwuchernde -Ritterromantik. Deutschland wurde von Ritterdramen und Ritterromanen -überschwemmt. Welche köstlichen unfreiwilligen Parodien entstanden, mag -eine Probe zeigen: - - Eine Heldin, wohl erzogen, mit Namen Isabell, - Die schoß mit Pfeil und Bogen, so gut wie Wilhelm Tell. - Ein Ritter, jung an Jahren, mit Namen Eduard, - Der sich beim Ringelspiele in sie verliebet hat - Er gab ihr zum Geschenke, den schönsten Blumenstrauß, - Doch nichts konnt’ sie erfreuen, sie schlug ihm alles aus. - Er gab ihr zum Andenken, den schönsten Trudihahn, - Doch nichts war ihr zur Freude, von ihm nahm sie nichts an. - Fahr’ hin, du Stolze, du Spröde, dein Stolz wird dich gereu’n, - Du wirst noch Tränen weinen, wenn ich werd’ nicht mehr sein. - Einst ritt sie eine Strecke, als Jägerin in das Holz, - Da saß in einer Ecke ein Bär, in Ängsten stolz. - Gleich stieg sie von dem Pferde, das stolze, kühne Weib, - Und schoß mit ihrem Pfeile, das Untier durch den Leib. - Das Roß mußt ihrer warten, sie eilt von ihm zum Wild – - Wen erblickt sie? Eduarden, in Bärenhaut gehüllt. - Und kaum verging’n sechs Wochen, verzehrt von Gram und Schmerz, - Begrub man ihre Knochen, zu Füßen Eduards. - - (Krostau.) - -Doch nicht mit diesen Tönen wollen wir eine Abhandlung über Volkslieder -der Sächsischen Oberlausitz schließen. Das soll eine kurze Betrachtung -mundartlicher Dichtungen tun. Mundartliche Lieder, die über den -Interessenkreis eines bestimmten Dorfes (Beziehungen auf bestimmte -Personen und Vorkommnisse) hinausgehen, sind nicht zu zahlreich. -Ihr gemeinsames Merkmal besteht darin, daß sie fast ausnahmslos -Scherzlieder sind. Da werden die üblichen Berufe einer scherzhaften -Prüfung unterzogen. – Die besorgte Mutter schlägt der Tochter aus jedem -Berufe »Einen« vor. Aber das Töchterchen ist wählerisch. An jedem hat -sie auszusetzen: - - Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne, - D’r Leinwabr stroamplt mit Händ’n und Füss’n, - Ar könnt’ mich mit ’n Schütz’n erschissen, - Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne. - -Doch endlich hat sie den rechten gefunden: - - Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon. - D’r Spieler hot verschied’ne Puppen, - Ar läßt mich monchmol o mit hupp’n, - Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon. - - (Naundorf bei Gaußig.) - -Anspruchsloser ist eine andre Dorfschöne: - - Hans’l soaß an Uf’nloch - Und flickte seine Schuh, - Da koam Nubbersch Gret’l - Und guckt d’r Arbeit zu. - - Hons, wenn de heiroatst, do heiroatst de mich, - Ich hoa ja no’ drei Pfenn’ge, die lang’n fer mich und dich. - Und wenn mer wer’n verheiroat sein, do hoa mer no kee Haus, - Nu, do keef m’r uns an Henkltop und do guck m’r ub’n ’naus. - - (Goldbach.) - -Aber was sich hinter der holden Hülle der Schönen verbirgt, das kommt -erst nach der Ehe zum Vorschein. Das kann uns der unglückliche kleine -Mann erzählen: - - Es woar amol a klenner Moan, vi – vallera, - Dar wullt a grußes Weibl hoan, hm, hm, hm. - - Doas Weibl wullt ze Boalle giehn, - Dar kleene Moan wullt o mit giehn, - - Moan, du mußt drheeme bleib’n, - Du mußt ’n Kinnern Samm’l reib’n. - - Und oals de Fro vum Boalle koam, - Da stand ar durt und leckte droan. - - Do noahm de Fro ’n Bas’nstiel, - Und hieb ’n Moan, doaß ar fiel. - - D’r Moan, dar huppt a’s Butterfoaß: - »Nu kumm ock har, und tu’ m’r woas.« - - D’r Moan, dar huppt zum Fanster ’naus, - Und lief gor schnell a Nachboars Haus. - - »Herr Nubber, ich will se emol woas soin: - Mich hut su sehr de Fro geschloin.« - - D’r Nubber soite nischt drzu, - Ar duchte: Mir gieht’s salber su. - - (Naundorf.) - -Ein andres Lied erzählt in neckischer Weise die Geschichte von der -Bauersfrau, die dem Pfäfflein einen Hirsebrei mit einem halben Schock -Eiern kocht, während der Bauer im Holze ist. - -Ich muß gestehen, daß es mir nicht ganz unbedenklich erscheint, daß -der Lausitzer mundartlich nur Scherzlieder kennt. Empfindet er seine -Mundart selbst als komisch? Der Spaßmacher spricht Mundart. Oder -ist sein innerstes Wesen überwiegend aufs Komische gerichtet, für -Tragisches schwer zugänglich? Das glaube ich nicht. Vielleicht ist er -zu verschlossen und zu unbeholfen, um seine tiefsten Empfindungen dem -Worte anzuvertrauen. - -Wenn wir im Vorangegangenen die Texte der Volkslieder einer Prüfung -unterzogen haben, so müssen wir uns dabei bewußt bleiben, den -unwesentlichen Liedteil betrachtet zu haben. Der Träger des Volksliedes -ist die Melodie. Das wird dem Sammler oft in eindringlicher Weise -deutlich. Die meisten seiner Gewährsleute können ihm das Lied nicht -aufsagen, sondern nur vorsingen. Mit der Melodie stellt sich der Text -ein. Ganz dürftige Texte sind um ihrer Melodie willen beliebt, während -wertvolle Texte, wenn sie unsanglich sind, vernachlässigt werden. Im -allgemeinen kann jedoch behauptet werden, daß Text und Melodie zu einer -stilvollen Einheit verschmolzen sind. Text und Melodie offenbaren -eine einfache, natürliche, undifferenzierte Empfindungsweise. Vor -allem die Melodie bringt meist in hervorragender Weise typische -Empfindungszustände, wie Ausgelassenheit, Freude, Lust, behagliche -Zufriedenheit, Trauer, Schmerz zum Ausdruck. Gerade in dieser -typisierenden Darstellung von Seelenzuständen liegt ein wesentlicher -Grund der allgemeinen Beliebtheit des Volksliedes. - - - - -Nochmals: »Pflanzt Nußbäume«[11] - -Von _B. Voigtländer_ - - -Den Ausführungen Klengels in Heft 10 bis 12 des vorigen Jahrganges -unsrer Mitteilungen wird jeder Natur- und Heimatfreund zustimmen; -der Nußbaum ist tatsächlich nicht nur ein wertvoller Nutzbaum, -sondern er befriedigt auch unser Schönheitsgefühl durch seinen hohen -Schmuckwert. Da wir jetzt gezwungen sind, das Größtmöglichste aus -unserem Boden herauszuwirtschaften, möchte ich noch auf einen anderen, -weniger bekannten Nußbaum hinweisen, der wegen seiner hervorragenden -Eigenschaften die gleiche Beachtung verdient, wie der bei uns zumeist -angepflanzte gewöhnliche oder Walnußbaum, ~Juglans regia~. - -Es ist der amerikanische oder schwarze Nußbaum, ~Juglans nigra~; er -übertrifft in Schnellwüchsigkeit und Schmuckwert den Walnußbaum, ist -für unser Klima genügend hart und stellt keine höheren Ansprüche an die -Bodenbeschaffenheit. Seine Schnellwüchsigkeit ist in dendrologischen -Werken und Fachzeitschriften wiederholt dargelegt worden, außerdem bin -ich in der Lage, ein treffliches Beispiel dafür aus eigener Anschauung -anzugeben. Der Tharandter Forstgarten besitzt je einen, vor etwa -dreißig Jahren gepflanzten Baum beider Arten. Während nun ~Juglans -nigra~ in Brusthöhe bereits einen Umfang von ungefähr einen Meter -hat, mißt ~Juglans regia~ erst gegen siebzig Zentimeter. Hierzu kommt -noch, daß ersterer gegen fünfzig Meter hoch wird, während der letztere -selten eine Höhe über zwanzig bis fünfundzwanzig Meter erreicht. An -Holzzuwachs übertrifft also der schwarze Nußbaum den Walnußbaum ganz -erheblich. - -~Juglans nigra~ hat eine schmälere Krone als ~Juglans regia~, seine -schmäleren Blätter stehen nicht so dicht, lassen also mehr Sonnenlicht -durch die Krone. Die Anpflanzung wird sich also namentlich dann -empfehlen, wenn die pflanzliche Umgebung des Baumes durch zu tiefen -Schatten, wie ihn der Walnußbaum meist gibt, ungünstig beeinflußt -würde. Einen Mangel hat der Baum allerdings; seine Früchte sind -nicht so wertvoll wie die des Walnußbaumes. Da Schale und Kernhaus -sehr dickwandig sind, bleibt für den Inhalt nicht viel Raum; der -Kern bleibt klein und wird zudem wegen seines starken Ölgehaltes -sehr leicht ranzig. Dieser Nachteil will mir aber nicht als -ausschlaggebend erscheinen, da ich die Früchte des Walnußbaumes nicht -als Nahrungsmittel, sondern nur als Naschgelegenheit ansprechen möchte. -Meines Erachtens wiegt der hohe Wert, den der schwarze Nußbaum als -Nutzholzerzeuger hat, den Mangel der Früchte mehr als doppelt auf. Das -Holz des amerikanischen Nußbaumes wird in Zukunft noch mehr begehrt -werden als schon jetzt, weil es ein sehr wertvoller Stoff für die -Herstellung von Flugzeug-Propellern ist. - -Auch in bezug auf Anpflanzung und Pflege ist die amerikanische Nuß -nicht anspruchsvoller als die gewöhnliche Walnuß. Am besten fährt man, -wenn man den Baum nicht pflanzt, sondern die Nüsse an Ort und Stelle -legt. Die beste Zeit dafür ist der Herbst; man erreicht dadurch, -daß ungefähr achtzig vom Hundert zum Keimen kommen, während bei der -Frühjahrssaat nur bei etwa sieben vom Hundert ein Erfolg eintritt. - -Ist man gezwungen, einen amerikanischen Nußbaum zu verpflanzen, so -achte man darauf, daß das sehr fleischige und leicht eintrocknende -Wurzelwerk vollständig erhalten bleibt, auch setze man es nicht unnötig -lange der Luft und Sonne aus, sondern pflanze den Baum sofort wieder -ein. Dies gilt übrigens für beide Nußbaumarten. Beachtet man diese -Hauptregel, so wird man kaum Verluste zu beklagen haben. - -Es könnte noch die Frage auftauchen, ob nicht etwa das Vaterlandsgefühl -verletzt würde, wenn man _amerikanische_ Nußbäume zahlreich anpflanzte. -Dem ist aber entgegenzuhalten, daß der Walnußbaum in unsrer engeren -Heimat von Haus aus auch nicht bodenständig ist. Dem Dresdner -Heimatfreunde bietet sich Gelegenheit, einen sehr großen amerikanischen -Nußbaum an der Villa 78 an der Schnorrstraße zu bewundern. Er ist -wahrscheinlich der größte derartige Baum von Dresden und der weiteren -Umgebung. - - -Fußnoten: - - [11] Da ~Juglans nigra~ wegen des prächtigen Wuchses trefflich - geeignet ist, das Landschaftsbild verschönern zu helfen, - kann die Anpflanzung nur empfohlen werden. Die Frucht ist - zwar weniger wertvoll, um so gesuchter ist aber das Holz. - Vor dem Kriege wurde es in großen Mengen eingeführt, um zur - Herstellung von Gehäusen elektrischer und photographischer - Apparate verwendet zu werden. Es würde ein Dienst am - Vaterlande sein, wenn es gelänge, durch eigene Erzeugung - die Einfuhr einzuschränken. Der Baum würde in erster Linie - zur Holznutzung in Frage kommen; die Fruchtgewinnung stünde - erst an zweiter Stelle. Da, wie bereits erwähnt, die - Frucht des schwarzen Nußbaumes weniger wertvoll ist als - die des Walnußbaumes, eignete er sich vielleicht gut zur - Anpflanzung an abgelegeneren und schwerer zu überwachenden - Orten, denen man, wegen des zu erwartenden Fruchtdiebstahls - und der daraus regelmäßig entstehenden Beschädigung der - Bäume, Walnußbäume nicht anvertrauen will. - - A. Klengel. - - - - -=Über das Vorkommen der Weidenmeise= (~Parus atricapillus salicarius -Brehm~) =in unserm Vaterlande= - -Von _Rich. Schlegel_ - - -Was für ein Vogel ist das? wird mancher Leser fragen, dem auf seinen -Wanderungen Kohl-, Blau-, Sumpf- und Schwanzmeisen im Waldesgrün -liebe Weggenossen waren und durch ihr lebhaftes Wesen im Gezweig, am -Nistkästchen des Gartens oder am winterlichen Futterplatz oftmals seine -Aufmerksamkeit lebhaft fesselten. Im vogelstimmenärmeren, schweigsamen -Nadelwalde begegneten uns zuweilen auch im Verbande der zutraulichen -kleinen Vogelknirpse Goldhähnchen, Tannen- und Haubenmeisen als -charakteristische Erscheinungen, aber die Weidenmeise? Ich will den -Schleier, der sie dem Nichtornithologen verbirgt, ein wenig lüften, -einen kurzen Blick auf die Geschicke ihrer Vergangenheit werfen und -sie dem Naturfreunde und Wanderern im Hügel- und Berglande soweit -vorstellen, damit auch er sie kennenlernt und unsere Lücken in der -Kenntnis ihrer vaterländischen Verbreitung mit zu schließen in die Lage -versetzt wird. - -Unser großer Chr. L. Brehm, der vielbefehdete Artzersplitterer, der -mit scharfem Blick seinen Zeitgenossen weit vorausgeeilt, war es, -der dem Studium des Vogelkleides in seiner Veränderlichkeit sein -bestes Können widmete, aber, und das war sein Fehler, geographische -und individuelle Veränderlichkeit nicht scharf auseinanderhielt. -So konnte, um nur ein Beispiel anzuführen, seine Dorfhaubenlerche, -~Galerita cristata pagorum~, gleichzeitig »bei Leipzig, Klagenfurth, -Lübs in Mecklenburg und in Ungarn« auftreten. Unser Altmeister war -es, der auch die Weidenmeise wie den kurzkralligen Gartenbaumläufer -als ausgezeichnete Arten erkannte und erstere in der Isis 1828 -beziehentlich im Handbuch der Naturgeschichte aller Vögel Deutschlands -1831 unter den Namen ~Parus salicarius~, die Weidenmeise, in die -ornithologische Wissenschaft einführte. Nach ihm lebt der Vogel -»besonders an den mit Weiden besetzten Bach-, Fluß- und Teichufern«. -Mir wenigstens will es scheinen, als habe Vater Brehm außer acht -gelassen, daß die bezeichneten Aufenthaltsgebiete nur von angrenzenden -Nadelholzschonungen aus, und zwar gern besucht, aber als ständiger und -Brutaufenthalt kaum gewählt worden sein dürften. Wenn man als Ideal -erstreben muß, daß im Namen des Tieres in dieser oder jener Hinsicht -eine kurze Diagnose liege, dann erscheint mir der Name, wenigstens -für vaterländische oder andere mitteldeutsche Verhältnisse, soweit -ich sie kenne, nicht besonders glücklich gewählt zu sein. Er mag -für manche Gegenden – nach Kleinschmidt auch für die Rheingegend – -zutreffend sein, im Niederungsgebiete des Vaterlandes aber wird man -in Weidenpflanzungen oder an Bach- und Flußufern vergeblich nach -unsrer Meise Umschau halten. Da man die »neuen Arten« Vater Brehms -mit Mißtrauen betrachtete und feinere morphologische und biologische -Unterschiede wenig Geneigtheit und Verständnis fanden, hielt man es -nicht der Mühe für wert, der neuen Art weitere Aufmerksamkeit und -kritische Prüfung zuteil werden zu lassen. Erst den Forschungen der -letzten Jahrzehnte, insbesondere den ausgezeichneten, erschöpfenden -Arbeiten eines O. Kleinschmidt blieb es vorbehalten, den Vogel dem -Interesse des Fachornithologen näher zu rücken und ihm zu einer -glänzenden Auferstehung zu verhelfen, ihn mit der Zeit aber auch in -eine Menge mehr oder minder leicht unterscheidbare geographische oder -klimatische Rassen zu spalten. Seit das Rad ins Rollen kam, haben -die Fachgenossen ausnahmslos gerade diesem interessanten Vogel, dem -»winzigen ornithologischen Edelwilde«, wie es Kleinschmidt einmal -voll Begeisterung nennt, ihre ungeteilteste Aufmerksamkeit und -fleißige Feder gewidmet. So ist heute, dem Fachornithologen, dem -Systematiker und Biologen gleichwichtig, die Weidenmeise eine bekannte -und ausnahmslos anerkannte Art, deren Schriftentum, gesammelt, dicke -Bände füllen würde. Aber auch im Kreise der Vogelkundigen, wollen -wir sie trotzdem nennen, dürfte doch mancher Fachgenosse sitzen, dem -das Freileben, die Kenntnis der Art überhaupt, ein Buch mit sieben -Siegeln blieb. Was mag der Grund hierfür sein? Man hielt Sumpf- und -Weidenmeise für ein und dieselbe Art. Ich darf wohl unsere Sumpfmeise -~Parus palustris communis Bald.~ im grauen Röckchen, mit dem glänzend -tiefschwarzen und sich über den Nacken herabziehenden Scheitelfleck -und den weißen Wangen als bekannten Vogel voraussetzen. Dieser Art nun -sieht unsere Weidenmeise außerordentlich ähnlich, aber die Kopfplatte -ist glanzlos und mattschwarz, mit einem Stich ins Bräunliche und -weich im Ton. Der Schwanz (Stoß) ist deutlich und tiefer gestuft, die -weißen Wangen mehr sich abhebend und weiter seitwärts ziehend. Die -Schwingen zweiter Ordnung sind mit breiten grauen Säumen ausgestattet, -auf dem zusammengelegten Flügel einen deutlichen schmalen Längsfleck -bildend. Das sind nur die am meisten hervortretenden Artunterschiede. -Wer »Glanz-« und »Mattkopfmeise«, die Vertreter zweier morphologisch -und biologisch streng geschiedener, ausgezeichneter Formengruppen -nur einmal nebeneinander verglichen, der wird sich schwerlich jemals -wieder in der Bestimmung eines Stückes irren können. Aber im Freileben, -im Dunkel oder Zwielicht des Gezweiges, im hastigen Vorwärtseilen -der flüchtigen, von Strichunruhe ergriffenen oder den Blick des -Beobachters scheuenden Vögel sind die Kennzeichen auch dem geschulten -Auge nicht immer einwandfrei erkennbar. Da hilft nun allein schon der -Lockton über alle Zweifel hinweg. Die Sumpfmeise sagt: tje tje, in der -Erregung wohl auch h’tje dededede. Die Weidenmeise ruft ein, auch dem -stimmlich weniger geschulten Beobachter sofort auffallendes gezogenes -und gepreßtes däh – dähdähdäh oder spizidähdähdäh. Dieser Laut ist es -immer, der mein ohne dies schon zu hastig pulsierendes Ornithologenblut -in noch raschere Wallung versetzt, da er mir immer die sicherste Gewähr -dafür bietet, daß ich meinen gesuchten Freund in sicherer Nähe weiß. - -Im Interesse einer geneigten Mitarbeit zum Zwecke der Festlegung -weiterer vaterländischer Örtlichkeiten, wo die mattköpfige Meise -heimatet, will ich noch in aller Kürze der als Aufenthalt bevorzugten -Geländeart und bereits bekannten Fundorte gedenken. Ich kann mich -dabei um so kürzer fassen, als ich hierüber, sowie über weitere -Resultate meiner letztmaligen Erzgebirgsstreife, die ich ausschließlich -für diesen Zweck unternahm, in einer ornithologischen Fachzeitung -ausführlicher berichten werde. Sicher ist unsere Meise, eine -borealalpine Art, vom Hügellande bis zur Kammhöhe der sächsischen -Gebirgszüge herauf, falls geeignete pflanzliche Formationen vorhanden, -eine gewiß nicht seltene, aber immer nur mehr einzeln und zerstreut -auftretende Art, die an Nadelholzformationen, beziehentlich Mischwald -gebunden zu sein scheint. Ob Kiefernschonungen allein eine besondere -Anziehungskraft auf sie auszuüben vermögen, wie ein befreundeter -vaterländischer Forscher anzunehmen geneigt ist, glaube ich nicht. -Soweit ich den »Bayrischen Wald« kenne, war dies, bei gänzlichem -Zurücktreten der Kiefer, hier ebenfalls nicht der Fall. Das Innere -geschlossener und gleichgearteter, besonders dichter, ungegliederter -und zusammenhängender Wälder meidet sie; das muß sie schon ihres -Namens wegen! Wo sich die Ränder solcher Bestände aber lichten und -in einzelne Baumgruppen verschiedenen Alters oder verschiedener -artlicher Zusammensetzung nach freiem Gelände hin auflösen, das mit -Buschwerk umrahmt ist, Laubbäume einzeln oder in Reihen bietet und -des Wassers nicht entbehrt, da darf man schon nach unserm Vogel -Erfolg versprechende Aus- und Umschau halten. Mittelhohe lichte -Schonungen und deren Ränder, gleichviel ob auf ebenem, hügeligem -Gelände oder steilem Hang, mit Laubholz- oder Buschwerkstreifen, -mit anschließenden oder eingreifenden Ufern und Rändern, Wiesen- -und Feldkulturflächen, also recht wechselvolles Gelände, wie es -Strecken mit Bauerwäldern verschiedener pflanzlicher und pfleglicher -Beschaffenheit und verschiedenen Alters zeigen, scheinen unserm Vogel -am meisten zuzusagen. Wenn die Erlkönigmeise, wie sie Kleinschmidt -in einer Monographie auch nennt, die Aufmerksamkeit des Menschen -auf sich gerichtet sieht, dann weiß sie sich meisterhaft nach den -schützenden Schonungen hin oder in die hohen Kronen zu drücken. Hier -hören wir wohl fortgesetzt oder auch mit längeren Unterbrechungen ihre -Lockrufe, aber immer versteht es der Vogel ausgezeichnet, sich vor -dem nach ihm ausspähenden Augen zu verbergen. Dabei ist die Eigenart -seines Wesens immer Unbeständigkeit und Unrast. Wenn man ihn einmal -aus den Augen verloren, und das geschieht nur zu oft bei einsetzender -Schweigsamkeit und im Verbande mit Goldhähnchen und anderem Meisenvolk, -dann kann man sich stundenlang im Suchen üben, findet aber den Vogel -nach dem Locktone immer wieder an bestimmten Stellen, wo man mit ihm -bereits einmal zusammentraf. Das sind immer Feierstunden eigener Art -für mich, wenn ich, mit mir und der Natur ganz allein im schweigsamen -Waldesdunkel, fern vom Treiben einer entsittlichten Welt, am Born -der Gottesnatur aus vollen Zügen schlürfen und an ihren Geschöpfen -erlauschen darf, was mir daheim am Arbeitstisch das Buch versagt. – - -Wie die zwei Stücke der Dresdner Landessammlung beweisen, wurde die -Weidenmeise 1903 erstmalig für Sachsen nachgewiesen, und zwar für -die Gegend von Königsbrück. 1916 bis 1918 stellte ich ihr Vorkommen -mehrmalig für die Umgebung von Hohenstein-Ernsttal fest. 1918 konnte -sie ferner Heyder bei Rochlitz und Oederan beobachten. Nach Heyder wies -Mayhoff die Weidenmeise an drei verschiedenen Stellen der sächsischen -Lausitz nach. 1917 fanden sie Uttendörfer und Kramer um Herrnhut -und Niederoderwitz. 1919 machten Schelcher und Stresemann darauf -aufmerksam, daß unsere Meise in den Wäldern um Aue und Schneeberg -keine allzuseltene Erscheinung sei. Während der Michaeliswoche 1921 -folgte ich zunächst den Pfaden Stresemanns und fand die Angaben -beider Forscher für die genannten Orte in jeder Hinsicht bestätigt. -Als weitere Orte ihres Vorkommens konnte ich, kammwärts wandernd, das -Floßgrabengebiet bei Albernau und Auerhammer meinen Aufzeichnungen -einfügen. Im Filzteichgebiet und den Wäldern vor Hundshübel und -Burkhardtsgrün konnte ich keinerlei Erfolge buchen. Nach zweitägigem -Suchen in den Wäldern zwischen Elterlein und Scheibenberg, sowie in -dem Waldbestande des Berges selbst, traf ich unsern »Mattkopf« auch -hier wieder an. Wie ein Blick auf die Karte Sachsens lehrt, klaffen -noch weite Lücken in der Kenntnis der Verbreitung der Weidenmeise -auf vaterländischem Boden. Ich möchte am Schlusse meiner kurzen -Ausführungen wandersfrohen Naturfreunden die Bitte ans Herz legen, bei -gegebenen Gelegenheiten dem interessanten Vertreter vaterländischer -Tierbesiedlung ihre Aufmerksamkeit nicht zu versagen, gewonnene -Resultate zu veröffentlichen oder dem Verfasser zum Zwecke einer -Gesamtbearbeitung zu überlassen. Ich darf heute schon die Versicherung -geben, daß eine diesbezügliche kleine Mühe und Unbequemlichkeit sicher -und reichlich die schönsten Früchte zeitigen werden. - - - - -Die Berankung von Gebäudeschauseiten - - -Die Berankung von Gebäudeschauseiten stellt eine freundliche Zutat -der Bauwerke dar, die deshalb überall großen Beifall findet, weil -sie alten unansehnlichen Gebäudemauern und schmucklosen Hauswänden -ein schönes Aussehen verleiht. Der letzterwähnte Umstand wird ja -einstimmig anerkannt, dagegen ist man über den praktischen Wert ganz -verschiedener Meinung. Während nämlich von einer Seite behauptet -wird, durch die Berankung werde dem Bauwerk Feuchtigkeit zugeführt, -behauptet die andere Partei das Gegenteil, das heißt die Feuchtigkeit -würde dem Bauwerk durch die Wurzeln der klimmenden Pflanzen entzogen. -Je nach Lage des Falles können beide Parteien im Recht oder auch im -Unrecht sein. Praktisch betrachtet wird ein Bauwerk, das an sich -infolge unsachgemäßer Ausführung Feuchtigkeit besitzt, durch die -Berankung niemals trocken werden. Anderseits kann aber auch in ein -sonst gut trockenes Bauwerk durch die Berankung niemals Feuchtigkeit -hineingetragen werden. – Die Behauptung, Kletterpflanzen tragen -Feuchtigkeit in das Bauwerk, ist nur dann zutreffend, wenn es sich um -Mauerwerk aus minderwertigem Mörtel und aus wenig gebrannten Ziegeln -handelt beziehungsweise wenn der Putz auf seiner Oberfläche Spalten -und Risse aufweist. In letztere dringen nämlich die Wurzeln ein und -führen zuweilen eine Zerstörung des Putzes herbei. Bei sachgemäß -ausgeführtem, aus guten festen Baustoffen bestehendem Mauerwerk hat -die Berankung stets günstige Erfolge gezeitigt. Denn Efeu und andere -Schlinggewächse wuchern schon seit Jahrhunderten an den Gebäuden empor, -und nur selten sind Klagen laut geworden, die den Efeu als nachteilig -bezeichnen. Gerade die Efeublätter legen sich schuppen- beziehungsweise -dachziegelartig dergestalt übereinander, daß Regen und Schnee ohne -weiteres an das Bauwerk überhaupt nicht gelangen können. Erreicht die -Feuchtigkeit aber trotzdem das Mauerwerk, so wird sie vom Efeu sehr -bald wieder herausgezogen. – Wer besonders vorsichtig sein will, kann -bei vorhandenen, älteren, gut ausgetrockneten Bauwerken die Nord- und -Ostseite nur mit solchen Pflanzen beranken, die eine weniger dichte -Hülle darstellen; die West- und Südseite dagegen kann bedingungslos -eine dichte Berankung, unmittelbar am Erdboden beginnend, erhalten. -Bei neuen Gebäuden empfiehlt es sich, zunächst eine Berankung der -Süd- und Westfront vorzunehmen. Erst später, d. h. nach gründlicher -Austrocknung, kann man die nördliche und östliche Seite beranken, -und zwar in der Weise, daß die Belaubung etwa vierzig bis sechzig -Zentimeter über dem Erdreich beginnt, damit die Sonne und die Luft -ungehinderten Zutritt zu den Fundamenten des Gebäudes erhalten. - -Zu den bei uns am meisten in Betracht kommenden Rankengewächsen gehört -Efeu, wilder Wein, Glyzina, Waldrebe (Klematis), Ampelopsis-Veitchi, -Ampelopsis-Engelmanni, Pfeifenkraut (Aristolochia), rankende Rosen, -Rosen von Jericho (Lunicera) und Hopfen. - -Der Wanduntergrund, d. h. also der Putz beziehungsweise die Fugen -müssen recht widerstandsfähig sein, damit den Wurzeln nicht die -Möglichkeit zum Eindringen gegeben wird. Als Wandputz eignen sich feste -Putzmassen mit Quarz- oder Porphyrzusatz, hellfarbiger Edelsteinputz -wie Terrasit und dergleichen. Efeu bevorzugt übrigens den Kalk als -Nährboden, was ja bei seiner Abstammung aus der immergrünen Zone des -Mittelmeergebietes leicht verständlich erscheint. - -Neben Efeu und wildem Wein verdient der Selbstklimmer -Ampelopsis-Veitchi insofern besondere Beachtung, als sich bei diesem -niemals abstehende Zweige entwickeln, vielmehr greifen dieselben -mitsamt den Blättern immer dachziegelartig übereinander und beschützen -somit das Gebäude gegen die Unbilden der Witterung. Die Blätter fallen -allerdings im Herbst ab, so daß die Wände nur mit dem Gerüst der jungen -Triebe bedeckt sind. - -Efeu gedeiht an der nördlichen Hauswand vortrefflich und stellt -auch an die Bodenbeschaffenheit keine besonderen Ansprüche. Bei -den alten Lehmhäusern kann man oft beobachten, wie gerade der Efeu -den Gebäudewänden und dem Dache einen Schutz und dem Ganzen ein -freundliches, heimisches Aussehen verleiht. Efeu bietet nicht nur -dem Wind und Wetter einen bedeutenden Widerstand, sondern auch der -Wärme und Kälte und sorgt somit für eine genügende Trockenhaltung -der Wände. Dadurch, daß die Efeublätter von der Sonne stark erwärmt -werden und diese von den Blättern aufgesaugte Wärme nach oben steigt, -sich also auch den Wänden mitteilt, werden letztere trocken und warm -gehalten. Wenn eine hell gestrichene oder geputzte Wand im Sommer die -Wärme zurückwirft, im Winter aber die Kälte und Feuchtigkeit an sich -zieht, so tritt auch hier wieder der Efeu vermittelnd ein, indem er -einen wohltätigen Einfluß auf die Mauern ausübt, damit diese nicht -dem vorzeitigen Verfalle anheimfallen. Die im Erdreich befindliche -Feuchtigkeit, die sich unter gewöhnlichen Umständen den Fundamentmauern -mitteilen würde, saugt der Efeu, der zu seiner Entwicklung selbst viel -Wasser benötigt, auf. - -Wenn nun hier für die Berankung der Gebäudewandflächen eingetreten -wird, so soll damit nicht gesagt sein, daß dies für jedes Haus ohne -Ausnahme geschehen soll. Ein altes Sprichwort sagt: »Allzuviel -ist ungesund.« So auch hier. Bei weniger schönen Bauwerken ist die -Berankung deshalb sehr am Platze, weil die häßlichen Bauteile auf -diese Weise den Blicken entzogen werden, wodurch das Bauwerk an -Ansehen gewinnt. Dagegen wäre die Berankung schöner Architekturteile, -wie Ornamente, Pfeiler, Jahreszahlen, Schriften und dergleichen eine -ganz verfehlte Maßnahme, von der unbedingt abzuraten ist. – Für die -Berankung kommen nicht nur Wohnhäuser in Betracht, sondern auch die -kahlen Wandflächen von Scheunen, Schuppen, Fabrikgebäuden und Ställen -können auf diese Weise eine ganz bedeutende Verschönerung erfahren. - -Natürlich bringt die Gebäudeberankung auch Nachteile mit sich, die -nicht verschwiegen werden dürfen. So kommt es nicht selten vor, daß -sich in dem dichten Gestrüpp und Blätterwerk das Ungeziefer, wie -Fliegen, Mücken, Spinnen, Mäuse, Spatzen und dergleichen einnistet, was -mitunter für die Bewohner insofern eine üble Plage bedeutet, als diese -Tiere sehr leicht in die Wohn- und Vorratsräume eindringen können. -Durch sachgemäße Vorkehrungen lassen sich indes derartige Übelstände -wirksam verhüten beziehungsweise vermindern. - -Eine andere Verschönerung der Gebäudeflächen, mit der gleichzeitig ein -guter Nutzen verbunden ist, läßt sich durch Anlage von Spalierobst -erzielen. Als Spalierbäume kommen Apfel-, Birnen-, Pfirsich- und -Aprikosenbäume in Betracht. Die Früchte der Spalierobstbäume sind -schöner und schmackhafter als diejenigen der freistehenden Bäume. -Seitdem man allgemein die hohe volkswirtschaftliche Bedeutung des -Spalierobstbaues erkannte, hat derselbe in den letzten Jahren -eine gewaltige Erweiterung erfahren. Es ist festgestellt, das ein -Quadratmeter Spalierobst jährlich eine ansehnliche Summe Nutzen -abwirft. Die Befürchtung, daß die Wurzeln der Spalierbäume schädlich -für das Fundamentmauerwerk sind, ist deshalb grundlos, weil sich -dieselben nicht nach den Fundamenten zu, sondern in entgegengesetzter -Richtung entwickeln. Deshalb können auch gutgepflegte Hausspaliere -weder dem Bauwerk noch den Bewohnern irgendwelchen Schaden zufügen. -Da nun bei der Besprengung der Bäume das Wasser in die Mauer -eindringt, so empfiehlt es sich, letztere besonders zu schützen, was -unterhalb des Erdreiches durch Bestreichen mit Gudron und oberhalb -mittels hellfarbigen Pixols oder dergleichen erfolgen kann. – Die -Spaliergestelle bestehen aus tunlichst senkrecht angeordneten, -gehobelten und gefasten Latten, deren Entfernung untereinander etwa -dreißig Zentimeter beträgt. Das ganze Gestell soll man möglichst -abnehmbar einrichten und so anbringen, daß es etwa zehn Zentimeter von -der Wand entfernt ist. Die Anordnung von wagerechten Spalierlatten -ist nach Möglichkeit einzuschränken, weil auf deren oberer Fläche die -herabfallenden Blätter liegenbleiben und bei dem Hinzutreten von Regen -sich feuchte Stellen bilden, welch letztere immerhin schädlich auf das -Bauwerk einwirken können. - - (Aus dem Zentralblatt für das Deutsche Baugewerbe.) - - - - -Zur Geschichte des Heimatschutzes - -Von _Carl Berger_ - - -Es dürfte die Leser dieser Zeitschrift interessieren, daß die -Heimatschutzbewegung sich schon eines beträchtlichen Alters erfreut. -Erhaltene Dokumente aus dem vierten und fünften Jahrhundert nach -Christo geben uns davon Kunde. Die Kaiser Spätroms nahmen sich der in -Verfall begriffenen Prachtbauten des antiken Roms in rühmenster Weise -an und suchten dem Verfall derselben Einhalt zu gebieten und wenn der -Erfolg auch nicht ihren Wünschen entsprach, so ist dies wesentlich -darauf zurückzuführen, daß die entstehende kirchliche Macht in Rom die -in Verfall begriffenen Tempel und Bauten der Vorfahren als billiges -und bequemes Baumaterial zur Erbauung von Basiliken für den neuen -Staatsglauben verwandte. Der unten wiedergegebene Erlaß des Kaisers -Majorianus 458 nach Christo mag dem Leser ein Bild geben über die -Heimatschutzbestrebungen der damaligen Zeit. - - »Wir, Regierer der Staaten, wollen dem Unwesen ein Ende machen, - welches schon lange unsere Abscheu erregt, da ihm gestattet - wird, das Antlitz der ehrwürdigen Stadt zu entstellen. Wir - wissen, daß hie und da öffentliche Gebäude mit sträflicher - Gewähr der Obrigkeit zerstört werden. Während man vorgibt, daß - ihre Steine für öffentliche Werke nötig seien, wirft man die - herrlichen Gefüge der alten Gebäude auseinander und zerstört - das Große, um irgendwo Kleines herzustellen. Daraus erwächst - schon der Mißbrauch, daß selbst, wer ein Privathaus baut, - sich unterfängt, mit Gunst der städtischen Richter das nötige - Material von öffentlichen Orten zu nehmen und fortzutragen, - da doch, was den Städten zum Glanze gereicht, vielmehr von - der Liebe der Bürger sollte durch Wiederherstellung erhalten - werden. Deshalb befehlen wir durch ein allgemeines Gesetz, - daß alle Gebäude, welche von den Alten zum öffentlichen - Nutzen und Schmuck errichtet worden sind, seien es Tempel - oder andere Monumente, von niemandem dürfen zerstört noch - angetastet werden. Welcher Richter dies zuläßt, soll um fünfzig - Pfund Goldes gestraft werden; welcher Gerichtsdiener und - Numerarius seinen Befehlen gehorsamt und ihm nicht Widerstand - leistet, dem sollen nach erlittener Peitschung auch die Hände - abgehauen werden, weil sie die Denkmäler der Alten, statt sie - zu schützen, verunglimpft haben. Aus den Orten, die etwas - durch ungültige Erschleichung an sich gebracht haben, darf man - nichts veräußern, sondern wir gebieten, daß alles wieder dem - Staate zurückgegeben werde; wir ordnen die Wiederherstellung - des Entfremdeten an und heben für die Folgezeit die licentia - competendi auf. Sollte aber irgend etwas entweder wegen des - Baues eines öffentlichen Werkes, oder wegen des verzweifelten - Gebrauches der Reparation abzutragen nötig sein, so soll der - erlauchte und ehrwürdige Senat davon gehörig Kenntnis nehmen, - damit, wenn er solches nach reiflicher Erwägung für nötig - befunden hat, dieser Fall unsrer gnädigen Einsicht vorgelegt - werde. Denn was auf keine Weise wiederhergestellt werden kann, - soll wenigstens zum Schmuck irgendeines andern öffentlichen - Gebäudes verwendet werden.« - -F. Gregorovius zur Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. Bd. 1, -S. 218. Leg. Novell. Liber. Am Ende des Cod. Theod. Tit. VI, 1, ~De -aedil. publ.~ Das Edikt ist datiert VI Idus Jul. Ravennae unter dem -Konsulat der Kaiser Leo und Majorianus anno 458 und gerichtet an den -Präfect. Prät. Aemilianus. - -Schon frühere Kaiser hatten ähnliche Edikte erlassen müssen; so Valens -und Valentinio anno 376, Theodosius, Honorius und Arcadius. - - - - -Zur Einschmelzungsfrage alter Kirchenglocken - -Von _C. Pfau_ - - -Nach der verhängnisvollen Beschlagnahme von Kirchenglocken während -des unseligen Weltkrieges ist unsern Kirchfahrten in der Regel je -nur eine Glocke verblieben. Das Geläut war unvollständig geworden -und mußte oder muß ergänzt, unter Umständen auch ganz neu geschaffen -werden. Bei den einschlägigen Vornahmen wird nicht selten vonseiten -der Kirchenvorstände bei der vorgesetzten Behörde um die Erlaubnis -eingekommen, die letzte noch vorhandene Glocke veräußern, einschmelzen -zu dürfen, um einen Beitrag zu den Kosten für ein völlig neues Geläute -zu erhalten. Man strebt also in diesem Fall nicht die Wiederherstellung -des alten Geläutes an, will der Kirche vielmehr eine durchaus neue -Glockensprache geben, die nicht mehr an das frühere Geläute erinnert; -die Tonfrage soll die letzte überkommene Glocke dem Untergang weihen. - -Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß nicht jedes alte Geläute -hervorragend schön war; mitunter verfügte eine Glocke sogar über einen -ziemlich blechernen, töpfernen Klang oder gellte sonst mißtönig. Dieser -Übelstand war aber schon bei der Beschlagnahme durchgängig tunlichst -berücksichtigt worden, denn man hat die Glocken nach sorgfältiger -Auswahl eingezogen, die mit sehr störenden Klangfehlern in erster -Linie, weshalb in unsern Gotteshäusern jetzt wohl schwerlich noch eine -vorhanden ist, deren Ton von der Allgemeinheit unangenehm empfunden -wird. Nur der sachkundige Musikverständige mit seinem geschulten, -feinfühligen Ohr findet auf Grund eingehender Untersuchung an so -mancher Kirchenglocke hinsichtlich ihres Tones noch einen geringen -Mangel, den bisher, vielleicht schon seit vielen Jahrhunderten kaum -jemand in der Gemeinde herausgefühlt hat. Es fragt sich deshalb, ob in -einem solchen Fall das Prüfungsergebnis des Tonkünstlers einen durchaus -zwingenden Grund enthält, die Glocke aus der Kirche zu entfernen. - -Die Heimatsglocken sind von Dichtern viel besungen worden und werden -auch künftig so gefeiert werden. In fast allen unsern Kirchen, zumal -auf den Dörfern, stellen diese ehernen Werke mit die ehrwürdigsten -Denkmäler der Vergangenheit dar, denn manche besitzen ein Alter bis -etwa 600 Jahre, und wenn auch andere um Jahrhunderte jünger sind, so -überliefern sie doch durch ihre Aufschriften, Wappen und dergleichen -getreulich ein Stück Ortsgeschichte, Heimatkunde; ihr Ton gehört der -Heimat eigentümlich. Sie haben den jetzigen Angehörigen der Kirchfahrt -und ihren Vorfahren seit langen Zeiten geklungen bei der Taufe, der -Konfirmation, der Trauung, der Bestattung, sie haben zum Gottesdienst, -zum Abendmahl gerufen, sie haben ihre Stimme über die stillen Fluren -in allerlei Not und Gefahr erklingen lassen. Der Eingeborene der -Heimat ist vertraut mit der metallnen Sprache seiner Glocke, die er -liebt, die ihm in der Fremde nachklingt. Darum muß es auch als eine -ernste ethische Pflicht des Heimatschutzes, wenn dieser nicht nur auf -dem Papier stehen will, erscheinen, die Glocke tunlichst zu erhalten; -eine vernichtete Heimatglocke bedeutet den Verlust eines alten -Heimatszeugnisses, das in seiner echten Art nie wieder zu ersetzen -ist, und wenn die Gefahr der Einschmelzung droht, so sollte sich jeder -Ortseingesessene des hohen Werts seiner Glocke recht bewußt sein und -danach handeln, so daß sie möglichst erhalten bleibt. Die Genehmigung -zur Einschmelzung wird behördlicherseits nur bei Stücken von besonders -hohem wissenschaftlichen oder künstlerischem Wert verweigert; damit -soll aber nicht gesagt sein, daß man den heimatkundlichen Wert völlig -unbeachtet lassen müsse. Eine fernerhin erhaltene alte Glocke wird -unsern Nachkommen gewissermaßen mit zu einem Denkmal auf die Drangsale -des verflossenen Kriegs, denen sie unter ihren Schwestern allein -glücklich entronnen ist. - -Ein unbedeutender Tonfehler, den ihr ein gewiegter Musiker schuld -gibt, kann schwerlich allein ausschlaggebend für den Untergang des -Werkes werden. Man muß auch ihre Vorzüge berücksichtigen. Wollte der -Tonkünstler in dieser Angelegenheit ausschließlich auf die Entfernung -der Glocke dringen und mit seinem Urteil einflußreiche Personen, -die über das Schicksal des fraglichen Stückes zu bestimmen haben, -bestechen, so ließe sich mit Fug und Recht entgegenhalten, daß ein -solches Gebaren in Kirchenangelegenheiten zu merkwürdigen Folgen -führen dürfte. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. In -und an unsern Kirchen gibt es unendlich viel, an dem der Architekt, -der Raumkünstler, der Kunsthandwerker Fehler, mitunter sehr starke, -findet; diese Herren müßten dann auch verlangen können, daß alles dies -nicht Mangelfreie weggebracht und ersetzt werden möchte, falls eine -Glocke aus dem angegebenen geringfügigen Grund für immer verschwinden -muß. Schwerlich wird sich aber jemals eine Gemeinde bereit finden, -all derartigen Wünschen und Ansuchen nachzukommen; man nimmt im -Gegenteil nur zu oft wahr, daß noch heutzutage bei sogenannten -Kirchenrestaurationen so manches in die Kirche gebracht wird, was gar -nicht zu ihrer Stimmung paßt, z. B. gewisse Fußbodenfliesen einer Art, -die eher in den Durchgang eines Bahnhofes oder in ein Waschhaus gehören. - -Es wäre nur zu wünschen, daß man die alte, letzterhaltene Glocke -wieder dem neuen Geläut tunlichst einfügte; die zwei neuen Glocken -ließen sich im Ton wohl meist der überlieferten so anpassen, daß für -die allgemeine Gemeinde ein befriedigender Gesamtklang erzielt würde. -Wird dieser Weg beschritten, so können künftige Geschlechter unsrer -Zeit wenigstens nicht den Vorwurf einer Glockenstürmerei machen, da -man schon hinsichtlich der Reformation nur zu oft die Bilderstürmerei -tadelt. Wir möchten nicht dazu beitragen, die wenigen uns überlieferten -kirchlichen Altertümer, die Werke unsrer Altvordern, ohne dringendste -Not noch zu vermindern. Hat die Schöpfung eines alten Meisters einen -kleinen Fehler, so kann dies noch kein Anlaß sein, sie ohne weiteres zu -beseitigen. Der Mangel gehört mit zur Eigenart; daß ehrwürdige Glocken -nicht immer genau im Ton getroffen sind, bildet eine Sonderheit in der -Geschichte der Glockenkunde, die wir auch für die Zukunft an erhaltenen -Werken nachweisen und belegen können müssen. Wollte man nur ganz -einwandfreie Glocken bewahren, so könnte man später meinen, die alten -Gießer hätten überhaupt keinen Fehler begangen. Hat eine Glocke zur -Zufriedenheit der Kirchfahrt trotz eines nunmehr entdeckten Mängelchens -schon jahrhundertelang ihren Dienst verrichtet, so kann sie auch -weiterhin ihre Stimme erschallen lassen. - - -Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – -Druck: Lehmannsche Buchdruckerei - -Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden. - - - - -Helft alle dazu! - - -Durch schwere Verluste sind wir arm geworden. Ein kostbares Gut ist uns -geblieben: - - die Heimat. - -Ihr Wert ruht in der =Ursprünglichkeit der Natur=. Sie ist die Mutter, -die uns nährt und trägt. =Wer diese beraubt, vernichtet ein wertvolles -Stück »deutscher Heimaterde«.= Darum wollen wir =uns und unsere Kinder -dazu erziehen=, daß wir =Scham empfinden bei jeder Schmälerung der -Naturwerte=. Dann werden alle die Zeichen menschlicher Unreife, als - - _gedankenloses Ausgraben von Pflanzen, - rücksichtsloses Abreißen von Zweigen, - naturschänderische Riesensträuße, - selbstanklagendes Stören des Naturfriedens_ - -von selbst verschwinden. - - -Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24 - - - - -»Volkskundliche Bude« - -des - -Landesvereins Sächsisch. Heimatschutz - -Dresdner Vogelwiese - -Ecke Straße 6 und Straße 7 am Barthelschen Hippodrom - - -Glücksradverlosung kunstgewerblicher und volkskundlicher Gewinne aus -der Verkaufsstelle Sächsischer Volks- und Kleinkunst des Landesvereins -Sächsischer Heimatschutz - - -Wir bitten um regen Zuspruch, der Reingewinn hilfst uns im schweren -Kampfe ums Dasein unseres Vereins - - -Landesverein Sächsischer Heimatschutz - -Dresden-A., Schießgasse 24 - - -Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Die Jahreszahlen der Postmeilensäulen S. 91 ff wurden zur - besseren Lesbarkeit in eckige Klammern eingeschlossen. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER -HEIMATSCHUTZ -- MITTEILUNGEN BAND XI, HEFT 4-6 *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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