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+The Project Gutenberg EBook of Das Haidedorf, by Adalbert Stifter
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das Haidedorf
+
+Author: Adalbert Stifter
+
+Posting Date: September 11, 2012 [EBook #7068]
+Release Date: December, 2004
+First Posted: March 5, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HAIDEDORF ***
+
+
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+
+Produced by David Starner, Delphine Lettau, Olaf Voss, and
+the people at Disributed Proofing
+
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+DAS HAIDEDORF
+
+von Adalbert Stifter
+
+
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+
+EDITED FOR THE USE OF SCHOOLS
+
+BY
+
+OTTO HELLER
+
+professor of the German language and literature, Washington University
+
+
+
+
+PREFACE.
+
+
+If any prose-writer may be called a poet, none is more worthy of that name
+than Adalbert Stifter. And, unless it be a requirement that, to be ranked
+as classic, a writer must be dead for many years, Stifter is entitled to
+an honorable place among the classic writers of Germany. Not all he has
+written bears the stamp of beauty and genius, but at his best he is truly
+great, and of his best we have a great deal.
+
+Adalbert Stifter was born in Oberplan, Bohemia, October 23d, 1806. His
+father was a poor linen-weaver who was killed by an accident when the boy
+was only ten years old. An uncle assumed charge of his education and sent
+him to the monastic Latin School at Kremsmünster. His education was
+completed in Vienna, whither he went in 1826, principally to study history
+and philosophy, but also to cultivate his love of nature by the pursuit of
+natural science and landscape-painting. His love for nature remained
+throughout his life the most characteristic trait of the man. In all his
+works, but especially in his "Studien," he showed himself to be a painter
+of words who has only one equal in German Literature--Paul Heyse. His love
+of detail confined him to one form of literary production, the short
+novel. And even within these narrow limits Stifter's works show little
+action. But for this we are amply compensated by the simple beauty of his
+diction, its calm moderated tone, with never a word superfluous or
+lacking, the manly nobility of his sentiment, and the almost womanly
+delicacy of his perception. No one can read "Das Haidedorf" without
+feeling the poet's love for man and nature.
+
+The two volumes of which "Das Haidedorf" forms a small part are entitled
+"Studien." In an English translation of extracts from Stifter this is
+rendered by "Sketches." Far from being sketches, they are exquisite
+studies carefully finished by a master hand. It may be said without
+exaggeration that the following beautiful prose-idyl will suggest to a
+sensitive and appreciative mind a succession of pictures destined to
+remain as permanent possessions of art. And, when it is added that the
+style is simple and modern, no further apology need be made for this
+publication, save this, that the "Studien" have not, as far as I have been
+able to gather, been reprinted singly.
+
+Stifter's life, like his writings, was idyllic. He was appointed in 1846
+to one of the higher educational posts by the Austrian government, and
+took up his residence in Linz. This post he had to resign in 1856, owing
+to impaired health. His remaining years were spent in happy retirement,
+given to literary work, landscape-painting and his favorite pastime of
+horticulture. Adalbert Stifter died at Linz, Austria ob der Enns, January
+28th, 1868.
+
+OTTO HELLER.
+
+Philadelphia, February, 1891.
+
+N.B. The orthography of this edition is that used in the original edition
+of the "Studien."
+
+
+
+
+I.
+
+
+DIE HAIDE.
+
+
+Im eigentlichen Sinne des Wortes ist es nicht eine Haide, wohin ich den
+lieben Leser und Zuhörer führen will, sondern weit von unserer Stadt ein
+traurig liebliches Fleckchen [1] Landes, das sie die Haide nennen, weil
+seit unvordenklichen Zeiten [2] nur kurzes Gras darauf wuchs, hie und da
+ein Stamm Haideföhre, [3] oder die Krüppelbirke, an deren Rinde zuweilen
+ein Wollflöckchen hing, von den wenigen Schafen und Ziegen, die zeitweise
+[4] hier herumgingen. Ferner war noch in ziemlicher Verbreitung die
+Wachholderstaude [5] da, im Weitern [6] aber kein andrer Schmuck mehr; man
+müßte nur [7] die fernen Berge hierher rechnen, die ein wunderschönes
+blaues Band um das mattfarbige Gelände [8] zogen.
+
+Wie es aber des Oeftern [9] geht, daß tiefsinnige Menschen, oder solche,
+denen die Natur allerlei wunderliche Dichtung und seltsame Gefühle in das
+Herz gepflanzt hatte, gerade solche Orte aussuchen und liebgewinnen, weil
+sie da ihren Träumen und innerem Klingklang nachgehen können: so geschah
+es auch auf diesem Haideflecke. Mit den Ziegen und Schafen nämlich kam
+auch sehr oft ein schwarzäugiger Bube von zehn oder zwölf Jahren,
+eigentlich [10] um dieselben zu hüten; aber wenn sich die Thiere
+zerstreuten--die Schafe um das kurze würzige Gras zu genießen, die Ziegen
+hingegen, für die im Grunde [11] kein passendes Futter da war, mehr ihren
+Betrachtungen und der reinen Luft überlassen, nur so gelegentlich den
+einen oder andern weichen Sprossen pflückend--fing er inzwischen an,
+Bekanntschaft mit den allerlei Wesen zu machen, welche die Haide hegte
+[12], und schloß mit ihnen Bündniß und Freundschaft.
+
+Es war da ein etwas erhabener Punkt, an dem sich das graue Gestein, auch
+ein Mitbesitzer [13] der Haide, reichlicher vorfand, und sich gleichsam
+emporschob, ja sogar am Gipfel mit einer überhängenden Platte ein Obdach
+und eine Rednerbühne bildete. Auch der Wachholder drängte sich dichter an
+diesem Orte, sich breit machend in vielzweigiger Abstammung [14] und
+Sippschaft [15] nebst manch schönblumiger Distel. Bäume aber waren gerade
+hier weit und breit keine, weßhalb eben die Aussicht weit schöner war, als
+an andern Punkten, vorzüglich gegen Süden, wo das ferne Moorland, so
+ungesund für seine Bewohner, so schön für das entfernte Äuge, blauduftig
+[16] hinausschwamm in allen Abstufungen der Ferne. Man hieß den Ort den
+Roßberg [17]; aus welchen Gründen, ist unbekannt, da hier nie seit
+Menschenbesinnen ein Pferd ging, was überhaupt [18] ein für die Haide zu
+kostbares Gut gewesen wäre.
+
+Nach diesem Punkte nun [19] wanderte unser kleiner Freund am
+allerliebsten, wenn auch seine Pflegebefohlenen [20] weit ab in ihren
+Berufsgeschäften gingen, da er aus Erfahrung wußte, daß keines die
+Gesellschaft verließ, und er sie am Ende alle wieder vereint fand, wie
+weit er auch nach ihnen suchen mußte; ja, das Suchen war ihm selber
+abenteuerlich, vorzüglich, wenn er weit und breit wandern mußte. Auf dem
+Hügel des Roßberges gründete er sein Reich. Unter dem überhängenden Blocke
+bildete er nach und nach durch manche Zuthat, [21] und durch mühevolles,
+mit spitzen Steinen bewerkstelligtes [22] Weghämmern einen Sitz, anfangs
+für Einen, dann füglich für Drei geräumig [23] genug; auch ein und das
+andere Fach [24] wurde vorgefunden oder hergerichtet, oder andere bequeme
+Stellen und Winkel, wohin er seinen leinenen Haidesack legte, und sein
+Brot, und die unzähligen Haideschätze, die er oft hieher zusammen trug.
+Gesellschaft war im Uebermaße da. Vorerst [25] die vielen großen Blöcke,
+die seine Burg bildeten, ihm alle bekannt und benannt, jeder anders an
+Farbe und Gesichtsbildung, der unzähligen kleinen gar nicht zu gedenken,
+die oft noch bunter und farbenfeuriger waren. Die großen theilte er ein,
+je nachdem sie ihn durch Abenteuerlichkeit entzückten, oder durch
+Gemeinheit ärgerten: die kleinen liebte er alle. Dann war der Wachholder,
+ein widerspenstiger [26] Geselle, unüberwindlich zähe in seinen Gliedern,
+wenn er einen köstlichen, wohlriechenden Hirtenstab sollte fahren lassen,
+[27] oder Platz machen für einen anzulegenden [28] Weg;--seine Aeste
+starrten [29] rings von Nadeln, strotzten [30] aber auch in allen Zweigen
+von Gaben der Ehre, die sie Jahr aus Jahr ein den reichlichen Haidegästen
+auftischten, [31] die millionenmal Millionen blauer und grüner Beeren.
+Dann waren die wundersamen Haideblümchen, glutfärbig oder himmelblau
+brennend, zwischen dem sonnigen Gras des Gesteines, oder jene unzählbaren
+kleinen, zwischen dem Wachholder sprossend, die ein weißes Schnäbelchen
+aussperren, mit einem gelben Zünglein darinnen--auch manche Erdbeere war
+hie und da, selbst zwei Himbeersträuche, und sogar, zwischen den Steinen
+emporwachsend, eine lange Haselruthe. Böse Gesellschaft fehlte wohl [32]
+auch nicht, die er vom Vater gar wohl kannte, wenn sie auch schön war, z.
+B. hie und da, aber sparsam, die Einbeeren, [33] die er nur schonte, weil
+sie so glänzend schwarz waren, so schwarz, wie gar nichts auf der ganzen
+Haide, seine Augen ausgenommen, die er freilich [34] nicht sehen konnte.
+
+Fast sollte man von der lebenden und bewegenden Gesellschaft nun gar nicht
+mehr reden, so viel ist schon da; aber diese Gesellschaft ist erst
+vollends ausgezeichnet. Ich will von den tausend und tausend goldenen,
+rubinenen, smaragdenen Thierchen und Würmchen gar nichts sagen, die auf
+Stein, Gras und Halm kletterten, rannten und arbeiteten, weil er von Gold,
+Rubinen und Smaragden noch nichts sah, außer was der Himmel und die Haide
+zuweilen zeigte;--aber von Anderem muß gesprochen werden. Da war einer
+seiner Günstlinge, ein schnarrender [35] purpurflügliger Springer, [36]
+der dutzendweise vor ihm aufflog, und sich wieder hinsetzte, wenn er eben
+seine Gebiete durchreiste--da waren dessen unzählbare Vettern, die größern
+und kleinern Heuschrecken, in mißfarbiges Grün gekleidete Heiduken, [37]
+lustig und rastlos zirpend [38] und schleifend, [39] daß an Sonnentagen
+ein zitterndes Gesinge [40] längs der ganzen Haide war,--dann waren die
+Schnecken mit und ohne Häuser, braune und gestreifte, gewölbte und platte,
+und sie zogen silberne Straßen über das Haidegras, oder über seinen
+Filzhut, auf den er sie gerne setzte--dann die Fliegen, summende,
+singende, piepende, blaue, grüne, glasflüglige--dann die Hummel, die
+schläfrig vorbeiläutete [41]--die Schmetterlinge, besonders ein kleiner
+mit himmelblauen Flügeln, auf der Kehrseite [42] silbergrau mit gar
+anmuthigen Aeuglein, dann noch ein kleinerer mit Flügeln, wie eitel [43]
+Abendröthe--dann endlich war die Ammer, und sang an vielen Stellen; die
+Goldammer, das Rotkehlchen, die Haidelerche, daß von ihr oft der ganze
+Himmel voll Kirchenmusik hing; der Distelfink, die Grasmücke, der Kibitz,
+und andere und wieder andere. Alle ihre Nester lagen in seiner Monarchie,
+und wurden ausgesucht und beschützt. Auch manch rothes Feldmäuschen sah er
+schlüpfen [44] und schonte sein, wenn es plötzlich stille hielt, und ihn
+mit den glänzenden erschrockenen Aeuglein ansah. Von Wölfen oder andern
+gefährlichen Bösewichtern war seit Urzeiten [45] aller seiner Vorfahren
+keiner erlebt worden, [46] manches eiersaufende [47] Wiesel ausgenommen,
+das er aber mit Feuer und Schwert verfolgte.
+
+Inmitten all dieser Herrlichkeiten stand er, oder ging, oder sprang, oder
+saß er--ein herrlicher Sohn der Haide: aus dem tiefbraunen Gesichtchen
+voll Güte und Klugheit leuchteten in blitzendem, unbewußtem Glanze die
+pechschwarzen Augen, voll Liebe und Kühnheit, und reichlich zeigend jenes
+gefahrvolle Element, was ihm geworden [48] und in der Haideeinsamkeit zu
+sprossen begann, eine dunkle glutensprühige Fantasie. Um die Stirne war
+eine Wildniß dunkelbrauner Haare, kunstlos den Winden der Fläche
+hingegeben. Wenn es mir erlaubt wäre, so würde ich meinen Liebling
+vergleich en mit jenem Hirtenknaben aus den heiligen Büchern, der auch auf
+der Haide vor Bethlehem sein Herz fand, und seinen Gott, und die Träume
+der künftigen Königsgröße. Aber so ganz arm, wie unser kleiner Freund, war
+jener Hirtenknabe gewiß nicht; denn des ganzen lieben Tages Länge hatte er
+nichts, als ein tüchtig Stück schwarzen Brotes, wovon er unbegreiflicher
+Weise [49] seinen blühenden Körper und den noch blühendern Geist nährte,
+und ein klares kühles Wasser, das unweit des Roßberges vorquoll, [50] ein
+Brünnlein füllte, und dann flink längs der Haide forteilte, um mit andern
+Schwestern vereint jenem fernen Moore zuzugehen, dessen wir oben
+gedachten. Zu g u t e n Zeiten waren auch ein oder zwei Ziegenkäse in der
+Tasche. Aber ein Nahrungsmittel hatte er in einer Güte und Fülle, wie es
+der überreichste Städter nicht aufweisen kann, einen ganzen Ozean der
+heilsamsten Luft u m sich, und eine Farbe und Gesundheit reifende
+Lichthülle ü b e r sich. Abends, wenn er heim kam, wohin er sehr weit
+hatte, kochte ihm die Mutter eine Milchsuppe, oder einen köstlichen Brei
+aus Hirse. [51] Sein Kleid war ein halbgebleichtes Linnen. Weiter hatte er
+noch einen breiten Filzhut, den er aber selten aufthat, sondern meistens
+in seinem Schlosse an einen Holznagel hing, der er in die Felsenritze
+geschlagen hatte.
+
+Dennoch war er stets lustig, und wußte sich oft nicht zu halten vor
+Frohsinn. Von seinem Königssitze aus herrschte er über die Haide. Theils
+durchzog er sie weit und breit, theils saß er hoch oben auf der Platte
+oder Rednerbühne, und so weit das Auge gehen konnte, so weit ging die
+Fantasie mit, oder sie ging noch weiter, und überspann die ganze Fernsicht
+mit einem Fadennetze von Gedanken und Einbildungen, und je länger er saß,
+desto dichter kamen sie, so daß er oft am Ende selbst ohnmächtig unter dem
+Netze steckte. Furcht der Einsamkeit kannte er nicht; ja, wenn recht weit
+und breit kein menschliches Wesen zu erspähen war, und nichts, als die
+heiße Mittagsluft längs der ganzen Haide zitterte, dann kam erst recht das
+ganze Gewimmel seiner innern Gestalten daher; [52] und bevölkerte die
+Haide. Nicht selten stieg er dann auf die Steinplatte, und hielt sofort
+eine Predigt und Rede--unten standen die Könige und Richter, und das Volk
+und die Heerführer, und Kinder und Kindeskinder, zahlreich, wie der Sand
+am Meere; er predigte Buße und Bekehrung--und Alle lauschten auf ihn; er
+beschrieb ihnen das gelobte Land, verhieß, daß sie Heldenthaten thun
+würden, und wünschte zuletzt nichts sehnlicher, als daß er auch noch ein
+Wunder zu wirken vermöchte. Dann stieg er hernieder und führte sie an, in
+die fernsten und entlegensten Theile der Haide, wohin er wohl eine
+Viertelstunde zu gehen hatte--zeigte ihnen nun das ganze Land der Väter,
+und nahm es ein mit der Schärfe des Schwertes. Dann wurde es unter die
+Stämme ausgetheilt, und jedem das Seinige zur Vertheidigung angewiesen.
+
+Oder er baute Babilon, eine furchtbare und weitläufige Stadt--er baute sie
+aus den kleinen Steinen des Roßberges, und verkündete den Heuschrecken und
+Käfern, daß hier ein gewaltiges Reich entstehe, das Niemand überwinden
+kann, als Cyrus, der morgen oder übermorgen kommen werde, den gottlosen
+König Balsazar zu züchtigen, wie es ja Daniel längst vorher gesagt hat.
+
+Oder er grub den Jordan ab, d. i. den Bach, der von der Quelle floß, und
+leitete ihn anderer Wege--oder er that das alles nicht, sondern entschlief
+auf der offenen Fläche, und ließ über sich einen bunten Teppich der Träume
+weben. Die Sonne sah ihn an, und lockte auf die schlummernden Wangen eine
+Röthe, so schön und so gesund, wie an gezeitigten Aepfeln, oder so reif,
+und kräftig, wie an der Lichtseite vollkörniger Haselnüsse, und wenn sie
+endlich gar die hellen großen Tropfen auf seine Stirne gezogen hatte, dann
+erbarmte ihr der Knabe [53] und sie weckte ihn mit einem heißen Kusse.
+
+So lebte er nun manchen Tag und manches Jahr auf der Haide, und wurde
+größer und stärker, und in das Herz kamen tiefere, dunklere und stillere
+Gewalten, und es ward ihm wehe und sehnsüchtig--und er wußte nicht, wie
+ihm geschah. Seine Erziehung hatte er vollendet, und was die Haide geben
+konnte, das hatte sie gegeben; der reife Geist schmachtete nun nach seinem
+Brote, dem W i s s e n, und das Herz nach seinem Weine, der L i e b e.
+Sein Auge ging über die fernen Duftstreifen des Moores, und noch weiter
+hinaus; als müsse dort draußen etwas sein was ihm fehle, und als müsse er
+eines Tages seine Lenden gürten, den Stab nehmen, und weit, weit von
+seiner Heerde gehen.
+
+Die Wiese, die Blumen, das Feld und seine Aehren, der Wald und seine
+unschuldigen Thierchen sind die ersten und natürlichsten Gespielen und
+Erzieher des Kinderherzens. Ueberlaß den kleinen Engel nur seinem eigenen
+innern Gotte, und halte bloß die Dämonen ferne, und er wird sich wunderbar
+erziehen und vorbereiten. Dann, wenn das fruchtbare Herz hungert nach
+Wissen und Gefühlen, dann schließ ihm die Größe der Welt, des Menschen und
+Gottes auf.
+
+Und somit laßt uns Abschied nehmen von dem Knaben auf der Haide.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Das Haidehaus.
+
+
+Eine gute Wegestunde von dem Roßberge stand ein Haus, oder vielmehr eine
+weitläufige Hütte. Sie stand am Rande der Haide weit ab jeder Straße
+menschlichen Verkehres; sie stand ganz allein, und das Land um sie war
+selber wieder eine Haide, nur anders, als die, auf der der Knabe die
+Ziegen hütete. Das Haus war ganz aus Holz, faßte zwei Stuben und ein
+Hinterstübchen, alles mit mächtigen braunschwarzen Tragebalken, daran
+manch Festkrüglein hing, mit schönen Trinksprüchen [54] bemalt. Die
+Fenster, licht und geräumig, sahen auf die Haide, und das Haus war umgeben
+von dem Stalle, Schuppen [55] und der Scheune. Es war auch ein Gärtlein
+vor demselben, worin Gemüse wuchs, ein Hollunderstrauch und ein alter
+Apfelbaum stand--weiter ab waren noch drei Kirschbäume, und unansehnliche
+Pflaumengesträuche. Ein Brunnen floß vor dem Hause, kühl, aber sparsam; er
+floß von dem hohen starken Holzschafte in eine Kufe nieder, die aus einem
+einzigen Haidestein gehauen war.
+
+In diesem Hause war es sehr einsam geworden; es wohnten nur ein alter
+Vater und eine alte Mutter darinnen, und eine noch ältere Großmutter--und
+Alle waren sie traurig; denn er war fortgezogen, weit in die Fremde, der
+das Haus mit seiner jugendlichen Gestalt belebt hatte, und der die Freude
+Aller war. Freilich spielte noch ein kleines Schwesterlein an der
+Thürschwelle, aber sie war noch gar zu klein, und war noch zu thöricht;
+denn sie fragte ewig, wann der Bruder Felix wieder kommen werde. Weil der
+Vater Feld und Wiese besorgen mußte, so war ein anderer Ziegenknabe
+genommen worden; allein dieser legte auf der Haide Vogelschlingen, trieb
+immer sehr früh nach Hause, [56] und schlief gleich nach dem Abendessen
+ein. Alle Wesen auf der Haide trauerten um den schönen lockigen Knaben,
+der von ihnen fortgezogen.
+
+Es war ein traurig schöner Tag gewesen, an dem er fortgegangen war. Sein
+Vater war ein verständig stiller Mann, der ihm nie ein Scheltwort gegeben
+hatte, und seine Mutter liebte ihn, wie ihren Augapfel;--und aus i h r e m
+Herzen, dem er oft und gerne lauschte, sog er jene Weichheit und
+Fantasiefülle, die sie hatte, aber zu nichts verwenden konnte, als zu
+lauter Liebe für ihren Sohn. Den Vater ehrte sie als den Oberherrn, der
+sich Tag und Nacht so plagen müsse, um den Unterhalt herbeizuschaffen, da
+die Haide karg war, und nur gegen große Mühe sparsame Früchte trug, und
+oft die nicht, wenn Gott ein heißes Jahr über dieselbe herabsandte. Darum
+lebten sie in einer friedsamen Ehe, und liebten sich pflichtgetreu von
+Herzen, und standen einander in Noth und Kummer bei. Der Knabe kannte
+daher nie den giftigen Mehlthau für Kinderherzen, Hader und Zank, außer,
+wenn ein stößiger Bock [57] Irrsal stiftete, [58] den er aber immer mit
+tüchtigen Püffen seiner Faust zu Paaren trieb, [59] was das böseste Thier
+von ihm, und nur von ihm allein gutwillig litt, weil es wohl wußte, daß er
+sein Beschützer und zuversichtlicher Kamerade sei. Der Vater liebte seinen
+Sohn wohl auch, und gewiß nicht minder als die Mutter, aber nach der
+Verschämtheit gemeiner Stände, zeigte er diese Liebe nie, am wenigsten dem
+Sohne--dennoch konnte man sie recht gut erkennen an der Unruhe, mit der er
+aus- und einging, und an den Blicken, die er häufig gegen den Roßberg
+that, wenn der Knabe einmal zufällig später von der Haide heim kam, als
+gewöhnlich--und der Bube wußte und kannte diese Liebe sehr wohl, wenn sie
+sich auch nicht äußerte.
+
+Von solchen Eltern hatte er keinen Widerstand zu erfahren, als er den
+Entschluß aussprach, in die Welt zu gehen, weil er durch aus nicht mehr zu
+Hause zu bleiben vermöge. Ja, der Vater hatte schon seit langem
+wahrgenommen, wie der Knabe sich in Einbildungen und Dingen abquäle, die
+ihm selber von Kindheit an nie gekommen waren; er hielt sie deßhalb für
+Geburten der Haideeinsamkeit, und sann auf deren Abhilfe. Die Mutter hatte
+zwar nichts Seltsames an ihrem Sohne bemerkt, weil eigentlich ohnehin ihr
+Herz in dem seinen schlug; allein sie willigte doch in seine Abreise aus
+einem dunklen Instinkte, daß er da ausführe, was ihm Noth thue.
+
+Noch e i n e Person mußte gefragt werden, nicht von den Eltern, sondern
+von ihm: die G r o ß m u t t e r. Er liebte sie zwar nicht so wie die
+Mutter, sondern ehrte und scheute sie vielmehr; aber sie war es auch
+gewesen, aus der er die Anfänge jener Fäden zog, aus welchen er vorerst
+seine Haidefreuden webte, dann sein Herz und sein ganzes zukünftiges
+Schicksal. Weit über die Grenze des menschlichen Lebens schon
+hinausgeschritten saß sie, wie ein Schemen hinten am Hause im Garten an
+der Sonne, ewig einsam und ewig allein in der Gesellschaft ihrer Todten,
+und zurückspinnend an ihrer innern ewig langen Geschichte. Aber so wie sie
+dasaß, war sie nicht das gewöhnliche Bild unheimlichen Hochalters, sondern
+wenn sie oft plötzlich ein oder das andere ihrer innern Geschöpfe
+anredete, als ein lebendes und vor ihr wandelndes; oder, wenn sie sanft
+lächelte, oder betete, oder mit sich selbst redete, wundersam spielend in
+Blödsinn und Dichtung, in Unverstand und Geistesfülle: so zeigte sie
+gleichsam, wie eine mächtige Ruine, rückwärts auf ein denkwürdiges Dasein.
+Ja, der Menschenkenner, wenn hier je einer hergekommen wäre, würde aus den
+wenigen Blitzen, die noch gelegentlich auffuhren, leicht erkannt haben,
+daß hier eine Dichtungsfülle ganz ungewöhnlicher Art vorübergelebt worden
+war, ungekannt von der Umgebung, ungekannt von der Besitzerin,
+vorübergelebt in dem schlechten Gefäße eines Haidebauerweibes. Ihre
+gemüthreiche Tochter, die Mutter des Knaben, war nur ein schwaches Abbild
+derselben. Das alte Weib hatte in ihrem ganzen Leben voll harter Arbeiten
+nur ein einziges Buch gelesen, die Bibel; aber in diesem Buche las und
+dichtete sie siebenzig Jahre. Jetzt that sie es zwar nicht mehr, verlangte
+auch nicht mehr, daß man ihr vorlese; aber ganze Prophetenstellen sagte
+sie oft laut her, und in ihrem Wesen war Art und Weise jenes Buches
+ausgeprägt, so daß selbst zuletzt ihre gewöhnliche Redeweise etwas Fremdes
+und gleichsam Morgenländisches zeigte. Dem Knaben erzählte sie die
+heiligen Geschichten. Da saß er nun oft an Sonntagnachmittagen gekauert
+[60] an dem Hollunderstrauch--und wenn die Wunder, und die Helden kamen,
+und die fürchterlichen Schlachten, und die Gottesgerichte--und wenn sich
+dann die Großmutter in die Begeisterung geredet, [61] und der alte Geist
+die Ohnmacht seines Körpers überwunden hatte--und wenn sie nun anfing,
+zurückgesunken in die Tage ihrer Jugend, mit dem welken Munde zärtlich und
+schwärmerisch zu reden, mit einem Wesen, das er nicht sah, und in Worten,
+die er nicht verstand, aber tief ergriffen instinktmäßig nachfühlte, und
+wenn sie um sich alle Helden der Erzählung versammelte, und ihre eigenen
+Verstorbenen einmischte, und nun alles durcheinander reden ließ: da
+grauete er sich innerlich entsetzlich ab, [62] und um so mehr, wenn er sie
+gar nicht mehr verstand--allein er schloß alle Thore seiner Seele weit
+auf, und ließ den fantastischen Zug [63] eingehen, und nahm des andern
+Tages das ganze Getümmel mit auf die Haide, wo er Alles wieder
+nachspielte.
+
+Dieser Großmutter nun wollte er sein Vorhaben deuten, damit sie ihn nicht
+eines Tages zufällig vermisse, und sich innerlich kränke, als sei er
+gestorben.
+
+Und so--an einem frühen Morgen stand er neben den Eltern reisefertig vor
+der Thür, sein dürftig Linnenkleid an, den breiten Hut auf dem Haupte, den
+Wacholderstab in der Hand, umgehängt den Haidesack, in welchem zwei Hemden
+waren und Käse und Brot. Eingenäht in die Brusttasche hatte er das wenige
+Geld, welches das Haus vermochte.
+
+Die Großmutter, immer die erste wach, knieete bereits nach ihrer Sitte
+inmitten der Wiese an ihrem Holzschemel, den sie dahin getragen, und
+betete. Der Knabe warf einen Blick auf den Haiderand, welcher schwarz den
+lichten Himmel schnitt--dann trat er zu der Großmutter und sagte: "Liebe
+Mutter, ich gehe jetzt, lebet wohl und betet für mich!"
+
+"Kind, du mußt der Schafe achten, der Thau ist zu früh, und zu kühl!"
+
+"Nicht auf die Haide gehe ich, Großmutter, sondern weit fort in das Land,
+um zu lernen und tüchtig zu werden, wie ich es Euch ja gestern Alles
+gesagt habe."
+
+"Ja, Du sagtest es," erwiederte sie, "Du sagtest es, mein Kind--ich habe
+Dich mit Schmerzen geboren, aber Dir auch Gaben gegeben, zu werden, wie
+einer der Propheten und Seher--ziehe mit Gott, aber komme wieder,
+Jacobus!"
+
+Jacobus hatte ihr Sohn geheißen, der auch einmal fortgegangen, vor mehr
+als sechzig Jahren, aber nie wieder zurückgekehrt war.
+
+"Mutter," sagte er noch einmal, "gebt mir Eure Hand."
+
+Sie gab sie ihm; er schüttelte sie und sagte: "Lebt wohl, lebt wohl."
+
+"Amen, Amen," sagte sie, als hörte sie zu beten auf.
+
+Dann wandte sich der Knabe gegen die Eltern; das Herz war ihm so sehr
+emporgeschwollen--er sagte nichts, sondern mit eins hing er am Halse der
+Mutter, und sie, heiß weinend, küßte ihn auf beide Wangen, und schob ihm
+noch ein Geldstück zu, das sie einst als Pathengeschenk empfangen, und
+immer aufgehoben hatte, allein er nahm es nicht. Dem Vater reichte er bloß
+die Hand, weil er sich nicht getraute, ihn zu umarmen. Dieser machte ihm
+ein Kreuz auf die Stirne, auf den Mund und die Brust, und als hierbei
+seine rauhe Hand zitterte, und um den harten Mund ein heftiges Zucken
+ging, da hielt sich der Knabe nicht mehr. Mit einem Thränengusse warf er
+sich an die Brust des Vaters, und dessen linker Arm umkrampfte [64] ihn
+eine Sekunde, dann ließ er ihn los, und schob ihn wortlos gegen die Haide.
+Die Mutter aber rief ihn noch einmal, und sagte, er möge doch auch das
+kleine Schwesterchen gesegnen, [65] die man in ihrem Bettlein ganz
+vergessen habe. Drei Kreuze machte er über den schlafenden Engel, dann
+schritt er schnell hinaus, und ging trotzig vorwärts gegen die Haide.
+
+So ziehe mit Gott, du unschuldiger Mensch, und bringe nur das Kleinod
+wieder, was du so leichtsinnig fortträgst!
+
+Als er an den Roßberg gekommen, ging die Sonne auf, und schaute in zwei
+treuherzige, zuversichtliche, aber rothgeweinte Augen. Am Haidehause
+spiegelte sie sich in den Fenstern, und an der Sense des Vaters, der mähen
+ging.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Das Haidedorf.
+
+
+Des ersten Abends war es öde und verlassen, und den beiden Eltern that das
+Herz weh, als sie in der Dämmerung des Sommers zu Bette gingen, und auf
+seine leere Schlafstelle sahen. Um denselben Menschen, der vielleicht eben
+jetzt noch auf dürrer Heerstraße wanderte, und von Keinem beachtet, ja von
+den Meisten v e r a c h t e t wurde, brachen fast zwei naturrohe Herzen im
+entlegenen Haidehause, daß sie ihn von nun an, vielleicht auf immer
+entbehren sollten; aber sie drückten den Schmerz in sich, und jedes trug
+ihn einsam, weil es zu schamhaft und unbeholfen war, sich zu äußern.
+
+Aber es kam ein zweiter Tag, und ein dritter, und ein vierter, ein jeder
+spannte denselben glänzenden Himmelsbogen über die Haide, und funkelte
+nieder auf die Fenster und das altergraue Dach des Hauses eben so
+freundlich und lieblich, wie als er noch dagewesen war.
+
+Und dann kamen wieder Tage und wieder.
+
+Die Arbeit und Freude des Landmanns, durch Jahrtausende einförmig, und
+durch Jahrtausende noch unerschöpft, zog auch hier geräuschlos und magisch
+ein Stück ihrer uralten Kette durch die Hütte, und an jedem ihrer Glieder
+hing ein Tröpflein Vergessenheit.
+
+Die Großmutter trug nach wie vor ihren Holzschemel auf die Wiese, und
+betete daran, und sie und klein Marthe fragten täglich, wann denn Felix
+komme. Der Vater mähete Roggen und Gerste--die Mutter machte Käse und band
+Garben--und der fremde Ziegenbube trieb täglich auf die Haide. Von Felix
+wußte man nichts.
+
+Die Sonne ging auf, und ging unter, die Haide wurde weiß, und wurde grün,
+der Hollunderbaum und der Apfelbaum blüheten vielmal--klein Marthe war
+groß geworden, und ging mit, um zu heuen [66] und zu ernten, aber sie
+fragte nicht mehr,--und die Großmutter, ewig und unbegreiflich hinaus
+lebend, wie ein vom Tode vergessener Mensch, fragte auch nicht mehr, weil
+er ihr entfallen war, oder sich zu ihren heimlichen Fantasiegestalten
+gesellt hatte.
+
+Die Felder des Haidebauers besserten sich nachgerade, als ob der Himmel
+seine Einsamkeit segnen und ihm vergelten wollte, und es wurde ihm so gut,
+[67] daß er schon manchen Getreidesack, aufladen, und mit schönen Ochsen
+fortführen konnte, wofür er dann einige Thaler Geldes, und Neuigkeiten von
+der Welt draußen heimbrachte. Einmal kam auch ein Schreinergeselle mit
+seinem Wanderpacke [68] zu Vater Niklas, dem Haidebauer, und brachte einen
+Gruß und einen Brief von Felix, und sagte, daß derselbe in der großen,
+weit entfernten Hauptstadt ein schmucker, fleißiger Student sei, daß ihn
+Alles liebe, und daß er gar eines Tages Kaplan in der großen Domkirche
+werden könnte. Der Schreinergeselle wurde über Nacht im Haidehause gut
+gehalten, und ließ eitel Freude [69] zurück, als er des andern Tages in
+entgegengesetzter Richtung von dannen zog. [70] So kam es, daß jedes Jahr
+ein- oder zweimal ein Wandersmann den Umweg über die Haide machte, dem
+schönen, freundlichen, handsamen Jünglinge zu Liebe, der gern einen Gruß
+an sein liebes Mütterchen schicken wollte. Ja sogar einesmals kam Einer
+geschritten, und conterfeite das Häuschen sammt dem Brunnen und Flieder-
+und Apfelbaume.
+
+Auch andere Veränderungen begannen auf der Haide. Es kamen einmal viele
+Herren und vermaßen ein Stück Haideland, das seit Menschengedenken keines
+Herrn Eigenthum gewesen war, und es kam ein alter Bauersmann, und zimmerte
+mit vielen Söhnen und Leuten ein Haus darauf, und fing an, den vermessenen
+Fleck urbar zu machen. Er hatte fremdes Korn gebracht, das auf dem
+Haideboden gut anschlug, [71] und im nächsten Jahre wogte ein grüner
+Aehrenwald zunächst an Vater Niklas Besitzungen, wo noch im vorigen
+Frühlinge nur Schlehen und Liebfrauenschuh geblüht hatten. Der alte Bauer
+war ein freundlicher Mann, ein Mann vieler Kenntnisse, und teilte gerne
+seinen Rath und sein Wissen und seine Hülfe an die frühern Haidebewohner,
+und hielt gute Nachbarschaft mit Vater Niklas. Sie fuhren nun Beide gar in
+die Stadt, verkauften dort ihr Getreide weit besser, und am Getreidemarkt
+im goldenen Rosse waren die Haidebauern wohl gekannt und wohlgelitten.
+
+Nach und nach kamen neue Ansiedler; auch eine Straße wurde von der
+Grundherrschaft [72] über die Haide gebahnt, so daß nun manchmal des Weges
+ein vornehmer Wagen kam, deßgleichen man noch nie auf der Haide gesehen.
+Auch des alten Bauers Söhne bauten sich an, [73] und einer, sagte man sich
+in's Ohr, werde wohl schön Marthens Bräutigam werden. Und so, ehe sieben
+Jahre in's Land gegangen, standen schon fünf Häuser mit Ställen und
+Scheunen, mit Giebeln und Dächern um das kleine, alte, graue Haidehaus,
+und Felder und Wiesen und Wege und Zäune gingen fast bis auf eine
+Viertelstunde Weges gegen den Roßberg, der aber noch immer so einsam war,
+wie sonst;--und am Pankratiustage hatte Vater Niklas die Freude, zum
+Richter des Haidedorfes gewählt zu werden,--er der Erste seit der
+Erschaffung der Welt, der solch Amt und Würde auf diesem Flecke
+bekleidete.
+
+Wieder waren Jahre um Jahre vergangen, die Obstbaumsetzlinge, zarte
+Stangen, wie sie der alte Nachbarsbauer gebracht und an Niklas mitgeteilt
+hatte, standen nun schon als wirthliche Bäume da, und brachten reiche
+Frucht, und manchen Sonntagstrunk an Obstwein.--Marthe war an Nachbars
+Benedikt verheirathet, und sie trieben eigene Wirthschaft. [74]--Die Haide
+war weiß und wieder grün geworden; aber des Vaters Haare b l i e b e n
+weiß, und die Mutter fing bereits an, der Großmutter ähnlich zu werden,
+welche Großmutter allein unverwüstlich und unveränderlich blieb, immer und
+ewig am Hause sitzend, ein träumerisches Ueberbleibsel, gleichsam, als
+warte sie auf Felixens Rückkehr. Aber Felix schien, wie einst Jacobus,
+verschollen zu sein aus der Haide. Seit drei Jahren kam keine Kunde und
+kein Wandersmann.--In der Hauptstadt, wohin gar Benedikt gegangen, um ihn
+zu suchen, war er nicht zu finden, und im Amte sagten ihm die
+Kanzleiherren [75] aus einem großen Buche, er sei außer Landes gegangen,
+vielleicht gar über das Meer. Der Vater hörte schon auf, von ihm zu reden;
+Marthe hatte ein Kindlein und dachte nicht an ihn, die Haidedörfler
+kannten ihn nicht, und liebten ihn auch nicht, als einen, der da einmal
+davongegangen; die Großmutter fragte nur bisweilen nach Jacobus:--aber das
+Mutterherz trug ihn unverwischt und schmerzhaft in sich, seit dem Tage,
+als er von dannen gezogen und an ihrem Busen geweint hatte--und das
+Mutterherz trug ihn Abends in das Haus, und Morgens auf die Felder--und
+das Mutterherz war es auch allein, das ihn erkannte, als einmal am
+Pfingstsamstage durch die Abendröthe ein wildfremder sonnverbrannter Mann
+gewandert kam, den Stab in der Hand, das Ränzlein auf dem Rücken, und
+stehen blieb vor dem Haidehause.
+
+"Felix"--"Mutter!"
+
+Ein Schrei und ein Sturz an das Herz.
+
+Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes,
+selbst wenn er schon graue Haare trägt--und jeder hat im ganzen Weltall
+nur ein e i n z i g e s solches Herz.
+
+Das alte Weib brach an ihm fast nieder vor Schluchzen, und er, vielleicht
+seit Jahren keiner Thräne mehr gewohnt, ließ den Bach seiner Augen
+strömen, und hob sie zu sich auf, und drückte sie, und streichelte ihre
+grauen Haare, nicht sehend, daß Vater und Schwester, und das halbe Dorf um
+sie Beide standen.
+
+"Felix, mein Felix, wo kommst Du denn her?" fragte sie endlich.
+
+"Von Jerusalem, Mutter, und von der Haide des Jordans.--Gott grüß' Euch,
+Vater, und Gott grüße Euch, Großmutter! Jetzt bleib' ich lange bei Euch,
+und geliebt [76] es Gott, auf immer."
+
+Er schloß den zitternden Vater an's Herz, und dann die alte Großmutter,
+die fast schamhaft und demüthig bei Seite stand--und dann noch einmal den
+Vater, den schönen, alten, braunen Mann mit den schneeweißen Haaren, den
+er mit noch dichten dunkeln Locken verlassen hatte, und der doppelt
+liebenswerth da stand durch die unbehülfliche Verlegenheit, in die er dem
+stattlichen Sohne gegenüber gerieth;--das Mutterherz aber, sich immer
+ihres unverjährbaren Ranges bewußt, zeigte nichts dem Aehnliches; sie [77]
+sah nicht seine Gestalt und seine Kleider, sondern ihr Auge hing die ganze
+Zeit über an seinem Angesichte, und es glänzte und funkelte, und schäumte
+fast über vor Freude und vor Stolz, daß Felix so schön geworden, und so
+herrlich.
+
+Endlich, als sich sein Herz etwas gesättigt, fiel ihm klein Marthe bei
+[78]; er fragte nach ihr, und sein Auge suchte am Boden umher--allein die
+Mutter führte ihm ein blühendes Weib vor, mit hellen blauen Augen, ein
+Kind auf dem Arme, wie eine Madonna, deren er in Welschland [79] auf
+Bildern gesehen--er erkannte im K i n d e klein Marthe, die Mutter des
+Kindes getraute er sich aber nicht zu küssen, und auch sie stand blöde vor
+ihm, und sah ihn bloß liebreich an--endlich grüßten und küßten sie sich
+herzinnig als Geschwister und der ehrliche Benedikt reichte ihm die Hand
+und sagte, wie er ihn vor zwei Jahren so emsig in der ungeheuersten
+Entfernung gesucht habe.
+
+"Da war ich im Lande Egypten," sagte Felix, "und Ihr hättet mich auch dort
+kaum erfragt; denn ich war in der Wüste."
+
+Auch die Bauern und ihre Weiber und Kinder, die sich vor Niklas Hause
+eingefunden hatten, und ehrbar neugierig umherstanden, grüßte er alle
+freundlich, lüftete den Reisehut, und reichte ihnen, obwohl unbekannt, die
+Hand.
+
+Endlich ging man in das Haus und nach Haidesitte gingen viele Nachbarn
+mit, und waren dabei, wie er Geschenke und Berichte auspackte. Auf der
+Gasse wurde es stille, die Menschen suchten nach dortigem Gebrauche zeitig
+ihre Schlafstellen, und die rothen Pfingstwolken leuchteten noch lange
+über dem Dorfe.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Der Haidebewohner.
+
+
+Und als des andern Tages die ersten Sonnenstrahlen glänzten, und die
+Haidedorfbewohner bereits im Festputze gerüstet waren, um zur fernen
+Kirche zu gehen: so war einer der Bewohner mehr, und einer der Kirchgänger
+mehr. Die Nacht hatte es Manchem verwischt, [80] daß er gekommen, aber der
+Morgen brachte ihnen wieder neu den neuen Besitz, damit sie sich daran
+ergötzten: Die Einen mit ihrer Neugierde, die Andern mit ihrer Liebe--Alle
+aber hatten eine unsichere Scheu, selbst die Eltern, was es denn wäre, das
+ihnen an ihm zurückgebracht worden sei, und ob er nicht ein fremdes Ding
+in der übrigen Gleichheit und Einerleiheit [81] des Dorfes wäre.
+
+Er aber stand schon angekleidet, Und zwar in dem leinenen Haidekleide und
+dem breiten Hute im Freien, und schaute mit den großen, glänzenden,
+sanften Augen um sich, als die Mutter zu ihm trat und ihn fragte, ob er
+auch in die Kirche gehen werde, oder ob er müde sei, und Gott zu Hause
+verehren wolle.
+
+"Ich bin nicht müde," antwortete er freundlich, "und ich werde mit Euch
+gehen;" denn er sah, daß die Mutter zum Kirchengehen angezogen war, und
+daß auch der Vater in seinem Sonntagsrocke aus dem Hause komme.
+
+Festliche Gruppen zeigten sich hie und da auf dem Anger des Dorfes; Manche
+traten näher und grüßten, Andere hielten sich verschämt zurück, besonders
+die Mädchen, und wieder andere, welche zu Hause blieben, und in der
+Festtagseinsamkeit das Dorf hüten mußten, standen unter den Hausthüren
+oder sonst wo, und schauten zu.
+
+Und als noch Pfingstthau auf den Haidegräsern funkelte und glänzte, und
+als die Morgenkühle wehte, setzte sich schon Alles in Bewegung, um zu
+rechter Zeit anzulangen--und so führte denn Felix das alte Weib an seiner
+Hand, und leitete sie so zärtlich um den sanften Haidebühel [82] hinan,
+wie sie einstens ihn, da er noch ein schwacher Knabe war und Sonntags
+Vormittags die Ziegen und Schafe zu Hause lassen durfte, damit er
+hinausgehe und das Wort Gottes höre. Der Vater ging innerlich erfreut
+daneben, die Andern theils voran, theils hinten. Endlich war die letzte
+Gruppe hinter dem Bühel verschwunden, die Nachschauenden traten in ihre
+Häuser zurück, und kurz darauf war jene funkelnde Einsamkeit über den
+Dächern, die so gern an heitern Sonntagvormittagen in den verlassenen
+Dörfern ist;--die Stunden rückten trockener und heißer vor, eine dünne
+blaue Rauchsäule stieg hie und da auf, und mitten in dem Garten des
+Haidehauses kniete die hagere Großmutter und betete.--Und wie endlich nach
+stundenlanger Stille durch die dünne, weiche ruhende Luft, wie es sich
+zuweilen an ganz besonders schweigenden Tagen zutrug, der ferne feine Ton
+eines Glöckleins kam, da kniete manche Gestalt auf den Rasen nieder, und
+klopfte an die Brust;--dann war es wieder stille und blieb stille----die
+Sonnenstrahlen sanken auf die Häuser nieder, mehr und mehr senkrecht, dann
+wieder schräge, daß die Schatten auf der andern Seite waren--endlich kam
+der Mittag, und mit ihm alle Kirchgänger--sie legten die schönsten Kleider
+und Tücher von dem erhitzten Körper, thaten leichtere an, und jedes Haus
+verzehrte sein vorgerichtetes Pfingstmahl.
+
+Und was war es denn, was ihnen an Felix zurückgebracht worden war, und
+warum ist er denn so lange nicht gekommen, und wo ist er denn gewesen?
+
+Sie wußten es nicht.
+
+In der Kirche war er mit gewesen;--fast so kindlich andächtig, wie einst,
+hatte er auf die Worte des Priesters gehorcht, sanftmüthig war er neben
+der Mutter nach Hause gekehrt, und wenn dann bei Tische der Vater das Wort
+nahm, so brach Felix das seine aufmerksam ab, und hörte zu--und gegen
+Abend saß er mit der Großmutter im Schatten des Hollunderbusches, und
+redete mit ihr, die ihm ganz sonderbare und unverständliche Geschichten
+vorlallte [83]---und wenn dann so den Tag über die Neugier der Mutter in
+sein Auge blickte, halb selig, halb schmerzenreich, wenn sie nach den
+einstigen weichen Zügen forschte--ihren ehemaligen heitern, treuherzigen,
+schönen Haideknaben suchte sie----und siehe, sie fand ihn auch: in leisen
+Spuren war das Bild des gutherzigen Knaben geprägt in dem Antlitze des
+Mannes, aber unendlich schöner--so schön, daß sie oft einen Augenblick
+dachte, sie könne nicht seine Mutter sein;--wenn er den ruhigen Spiegel
+seiner Augen gegen sie richtete, so verständig und so gütig--oder wenn sie
+die Wangen ansah, fast so jung, wie einst, nur noch viel dunkler gebräunt,
+daß dagegen die Zähne wie Perlen leuchteten, dieselben Zähne, die schon an
+dem Haidebuben so unschuldig und gesund geglänzt--und um sie herum noch
+dieselben lieblichen Lippen, die aber jetzt reif und männlich waren, und
+so schön, als sollte sogleich ein süßes Wort daraus hervorgehen, sei's der
+Liebe, sei's der Belehrung----
+
+"Er ist gut geblieben," jauchzte in ihr dann das Mutterherz; "er ist gut
+geblieben, wenn er auch viel vornehmer ist, als wir."
+
+Und in der That, es war ein solcher Glanz keuscher Reinheit um den Mann,
+daß er selbst von dem rohen Herzen des Haideweibes erkannt und geehrt
+wurde.
+
+Was lebte denn in ihm, das ihn unangerührt durch die Welt getragen, daß er
+seinen Körper als einen Tempel wiederbrachte, wie er ihn einst aus der
+Einsamkeit fortgenommen?----
+
+Sie wußten es nicht; nur immer heiterer und fast einfältiger legte sich
+sein Herz dar, [84]so wie die Stunden des ruhigen Festtages nach und nach
+verflossen.
+
+Spät Abends erzählte er ihnen, da alle um den weißen buchenen Tisch saßen,
+und auch Marthe mit ihrem Kinde da war, und Benedikt und andere Nachbarn--
+er erzählte ihnen von dem gelobten Lande, wie er dort gewesen, wie er
+Jerusalem und Bethlehem gesehen habe, wie er auf dem Tabor gesessen, sich
+in dem Jordan gewaschen;----den Sinai habe er gesehen, den furchtbar
+zerklüfteten Berg, und in der Wüste sei er gewandelt.--Er sagte ihnen, wie
+seine gezimmerten Truhen mit dem Postboten kommen würden; dann werde er
+ihnen Erde zeigen, die er aus den heiligen Ländern mitgebracht--auch
+getrocknete Blumen habe er, und Kräuter, aus jenem Lande und Fußtritte des
+Herrn, und was nur immer dort das Erdreich erzeuge und bringe--und viel
+heiliger, viel heißer und viel einsamer seien je [85] Haiden und Wüsten,
+als die hiesige, die eher ein Garten zu nennen----und wie er so redete,
+sahen alle auf ihn, und horchten--und sie vergaßen, daß es Schlafenszeit
+vorüber, daß die Abendröthe längst verglommen, daß die Sterne
+emporgezogen, und in dichter Schaar über den Dächern glänzten.
+
+Von Städten, den Menschen und ihrem Treiben hatte er nichts gesagt, und
+sie hatten nicht gefragt. Die Worte seines Mundes thaten so wohl, daß
+ihnen gerade das, was er sagte, das Rechte däuchte, und sie nicht nach
+Anderem fragten.
+
+Marthe trug endlich das schlafende Kind fort, Benedikt ging auch, die
+Nachbarn entfernten sich--und noch seliger und noch freudenreicher, als
+gestern gingen die Eltern zu Bette, und selbst der Vater dachte, Felix sei
+ja fast wie ein Prediger und Priester des Herrn.
+
+Auch auf die Haide war er gleich nach den Feiertagen gegangen, auf seiner
+Rednerbühne war er gesessen; die Käfer, die Fliegen, die Falter, die
+Stimme der Haidelerche und die Augen der Feldmäuschen waren die nämlichen.
+Er schweifte herum, die Sonnenstrahlen spannen,--dort dämmerte das Moor,
+und ein Zittern und Zirpen und Singen----und wie der Vater ihn so wandeln
+sah, mußte er sich über die dünnen grauen Haare fahren, und mit der
+schwielenvollen Hand über die Runzeln des Angesichts streichen, damit er
+nicht glaube, sein K n a b e gehe noch dort, und es fehlen nur die Ziegen
+und Schafe, daß es sei wie einst, und daß die lange, lange Zeit nur ein
+Traum gewesen sei. Auch die Nachbarn, wie er so Tag nach Tag unter ihnen
+wandelte, wie ihn schon alle Kinder kannten, wie er jedem derselben, auch
+mit dem häßlichen, so freundlich redete, und wie er so im Linnenkleide
+durch die neuen Felder ging--glaubten ganz deutlich, er sei einer von
+ihnen, und doch war es auch wieder ganz deutlich, wie er ein weit anderer
+sei, als sie.
+
+Eine That müssen wir erzählen, ehe wir weiter gehen, und von seinem Leben
+noch entwickeln, was vorliegt--eine That, die eigentlich geheim bleiben
+sollte, aber ausgebreitet wurde, und ihm mit eins alle Herzen der
+Haidebewohner gewann.
+
+Als endlich die gezimmerten Truhen mit dem Postboten in die Stadt, und von
+da durch Getreidewagen auf die Haide gekommen waren, als er daraus die
+Geschenke hervorgesucht und ausgetheilt, als er tausenderlei Merkwürdiges
+gezeigt, Blumen, Federn, Steine, Waffen--und alles genug bewundert worden
+war,--trat er desselben Tages Abends zu dem Vater in die hintere Kammer,
+als er gesehen hatte, daß derselbe hineingegangen, und, wie er gern that,
+sich in den hineinfallenden Fliederschatten gesetzt hatte--er trat
+beklommen hinein und sagte fast mit bebender Stimme: "Vater, Ihr habt mich
+auferzogen, und mir Liebes gethan, seit ich lebe--ich aber habe es
+schlecht vergolten; denn ich bin fortgegangen, daß Ihr keinen Gehülfen
+Eurer Arbeit hattet, und Eurer Sorge für Mutter und Großmutter--und als
+ich gekommen, warfet Ihr mir nichts vor, sondern waret nur freundlich und
+lieb; ich kann es nicht vergelten, als daß ich Euch nicht mehr verlassen
+und Euch noch mehr verehren und lieben will, als sonst. So viel Jahre
+mußtet Ihr sein, ohne in mein Auge schauen zu können, wie es Eurem Herzen
+wohlgethan hätte;--aber ich bleibe jetzt immer, immer bei Euch.--Allein
+weil mich Euch Gott auch zur Hülfe geboren werden ließ, so lernte ich
+draußen allerlei Wissenschaft, wodurch ich mir mein Brot verdiente, und da
+ich wenig brauchte, so blieb Manches für Euch übrig. Ich bringe es nun,
+daß Ihr es auf Euer Haus wendet, [86] und im Alter zu Gute bekommet, [87]
+und ich bitte Euch, Vater, nehmt es mit Freundlichkeit an."
+
+Der Alte aber, hochroth, zitternd vor Scham und vor Freude, war
+aufgesprungen und wies mit beiden Händen die dargebotenen Papiere von
+sich, indem er sagte: "Was kommt Dir bei, [88] Felix? Ich bin so
+erschrocken,--da sei Gott vor, [89] daß ich die Arbeit und Mühe meines
+Kindes nehme--ach, mein Gott, ich habe Dir ja nichts geben können, nicht
+einmal eine andere Erziehung, als die Dir der Herr auf der Haide gab,
+nicht einmal das fromme Herz, das Dir von selber gekommen.--Du bist mir
+nichts schuldig--die Kinder sind eine Gottesgabe, daß wir sie erziehen,
+wie es ihnen frommt, nicht wie es uns nützt;--verzeihe mir nur, ich habe
+Dich nicht erziehen können, und doch scheint es mir, bist Du so gut
+geworden, so gut, daß ich vor Freuden weinen möchte."----
+
+Und kaum hatte er das Wort heraus, so brach er in lautes Weinen aus, und
+tastete ungeschickt nach Felix Hand--Dieser reichte sie; er konnte sich
+nicht helfen, er mußte sein Antlitz gegen die Schulter des Vaters drücken,
+und das grobe Tuch des Rockes mit seinen heißesten Thränen netzen. Der
+Vater war gleich wieder still, und sich gleichsam schämend und beruhigend
+sagte er die Worte: "Du bist verständiger als wir, Felix. Wenn Du bei uns
+bleibst, arbeite, was Du willst; ich verlange nicht, daß Du mir hilfst--da
+ist ja Benedikt und seine Knechte, wenn es noth thäte; auch habe ich schon
+ein Erspartes, daß ich mir im Alter einen Knecht nehmen kann.--Du aber
+wirst etwas arbeiten, wie es Gott gefällig und wie es recht ist."
+
+Felix aber dachte in seinem Herzen, er werde doch in Zukunft, wenn es
+nötig sei, lieber in der That selbst, und durch Leistung des eben
+Mangelnden beistehen, damit ihm das Herz nicht so weh thäte, wenn er dem
+Vater gar nichts Gutes bringen könnte. Ach, das Beste hat er ja schon
+gebracht, und wußte es nicht, das gute, das überquellende Herz, das jedem,
+selbst dem gehärtetsten Vater ein freudigeres Kleinod ist, als alle Güter
+der Erde, weil es nicht Lohn nach außen ist, sondern Lohn in der tiefsten,
+innersten Seele.
+
+Der Vater that nun gleichgültig [90] und machte sich mit diesem und jenem
+im Zimmer zu thun [91]; kaum aber war Felix hinaus, so lief er eiligst zur
+Mutter und erzählte ihr, was der Sohn hatte thun wollen--sie aber faltete
+die Hände, lief vor die Heiligenbilder der Stube und that ein Gebet, das
+halb ein Frevel stürmenden Stolzes, halb ein Dank der tiefsten Demuth war.
+
+Dann aber ging sie hin und breitete es aus.
+
+Das war nun klar, daß er gut war, daß er sanft, treu und weich war, und
+das sahen sie auch, daß er schön und herrlich war;--des Weiteren forschten
+sie nicht, was es sei, und was es sein werde.
+
+Er aber ging her, und ließ sich weit draußen von dem Dorfe entlegen, auf
+der Haide ein Stück Landes zumessen, und begann mit vielen Arbeitern ein
+steinernes Haus zu errichten.--Daß es größer werde, als er a l l e i n
+brauche, fiel Allen auf; aber als es im Herbste fertig war, als es
+eingerichtet und geschmückt war, bezog er es gleichwohl allein, und so
+verging der Winter. Es kam der blüthenreiche Frühling--und Felix saß in
+seinem Hause auf der Haide, und herrschte, wie einst, über alle ihre
+Geschöpfe, und über all die hohen stillen Gestalten, die sie jetzt
+bevölkerten.
+
+Was war es denn aber, was den Eltern und Nachbarn an ihm zurückgebracht
+worden ist?
+
+Sie wußten es nicht.
+
+Ich aber weiß es. Ein Geschenk ist ihm geworden, das den Menschen hoch
+stellt, und ihn doch verkannt macht unter seinen Brüdern--das einzige
+Geschenk auf dieser Erde, das kein Mensch von sich weisen kann. Auf der
+Haide hatte es begonnen, auf die Haide mußte er es zurücktragen. Bei wem
+eine Göttin eingekehrt ist, lächelnden Antlitzes, schöner als alles
+Irdische, der kann nichts anders thun, als ihr in Demuth dienen.
+
+Damals war er fortgegangen, er wußte nicht, was er werden würde--eine
+Fülle von Wissen hatte er in sich gesogen: es war der n ä c h s t e Durst
+gewesen, aber er war nicht gestillt; er ging unter Menschen, er suchte sie
+völkerweise--er hatte Freunde--er strebte fort, er hoffte, wünschte und
+arbeitete für ein unbekanntes Ziel--selbst nach Gütern der Welt und nach
+Besitz trachtete er: aber durch alles Erlangte,--durch Wissen, Arbeiten,
+Menschen, Eigenthum war es immer, als schimmere weit zurückliegend etwas,
+wie eine glänzende Ruhe, wie eine sanfte Einsamkeit----hatte sein Herz die
+Haide, die unschuldsvolle, liebe Kindheitshaide mitgenommen? oder war es
+selber eine solche liebe, stille, glänzende Haide?----Er suchte die Wüsten
+und die Einöden des Orients, nicht brütend, nicht trauernd, sondern
+einsam, ruhig, heiter, dichtend.--Und so trug ihn dieses sanfte, stille
+Meer zurück in die Einsamkeit, und auf die Haide seiner Kindheit----und
+wenn er nun so saß auf der Rednerbühne, wie einst, wenn die Sonnenfläche
+der Haide vor ihm zitterte und sich füllte mit einem Gewimmel von
+Gestalten, wie einst, und manche daraus ihn anschauten mit den stillen
+Augen der Geschichte, andere mit den seligen der Liebe, andere den weiten
+Mantel großer Thaten über die Haide schleifend--und wenn sie erzählten von
+der Seele und ihrem Glücke, von dem Sterben und was nachher sei, und von
+Anderem, was die Worte nicht sagen können--und wenn es ihm tief im
+Innersten so fromm wurde, daß er oft meinte, als sehe er weit in der Oede
+draußen Gott selbst stehen, eine ruhige silberne Gestalt: dann wurde es
+ihm unendlich groß im Herzen, er wurde selig, daß er denken könne, was er
+dachte--und es war ihm, [92] daß es nun so gut sei, wie es sei.
+
+Die blödsinnige Großmutter war die erste gewesen, die ihn erkannt hatte.
+
+"Es sind der Gaben eine Unendlichkeit über diese Erde ausgestreut worden,"
+hatte sie eines Tages gerufen, "die Halmen der Getreide, das Sonnenlicht
+und die Winde der Gebirge--da sind Menschen, die den Segen der Gewächse
+erziehen, und ihn ausführen in die Theile der Erde; es sind, die da
+Straßen ziehen, Häuser bauen, dann sind andere, die das Gold ausbreiten,
+das in den Herzen der Menschen wächst, das Wort, und die Gedanken die Gott
+aufgehen läßt in den Seelen. Er ist geworden, wie einer der alten Seher
+und Propheten, und ist er ein solcher, so hab' ich es vorausgewußt, und
+ich habe ihn dazu gemacht, weil ich die Körner des Buches der Bücher in
+ihn geworfen; denn er war immer weich wie Wachs, und hochgesinnt, wie
+einer der Helden."
+
+Die Großmutter war es aber auch, mit der er sich allein mehr beschäftigte,
+als alle Andern mit ihr; er war der Einzige, der sie zu flüssigen Reden
+bringen konnte, und der Einzige, der ihre Reden verstand; er las ihr oft
+aus einem Buche vor, und die hundertjährige Schülerin horchte emsig auf,
+und in ihrem Angesichte waren Sonnenlichter, als verstände sie das
+Gelesene.
+
+So war der Frühling vergangen, so waren wieder Pfingsten gekommen:--aber
+wie waren es dießmal a n d e r e Pfingsten, als vor einem Jahre. Eine
+doppelte furchtbare Schwüle lag auf beiden, auf dem Dorfe und auf Felix;
+und bei beiden lösete sich die Schwüle am Pfingsttage--aber wie
+verschieden bei beiden!
+
+Ich will noch, ehe wir von seinem einfachen Leben scheiden, dieses letzte
+Ergebniß, daß ich weiß, erzählen.
+
+Wenn er so manchmal von der Haide kam und durch das Dorf ging, Geschenke
+für die Kinder seiner Schwester tragend, Steinchen, Muscheln,
+Schneckenhäuser und dergleichen, die Locken um die hohe Stirne geworfen,
+wie ein Kriegsgott, und doch die schwarzen Augen so sehnsuchtsvoll und
+schmachtend: dann war er so schön, und es trug ihn wohl manche Dirne der
+Haide als heimlichen Abgott im Herzen verborgen, aber er selber hatte
+einen Abgott im Herzen;--einen einzigen Punkt süßen heimlichen Glückes
+hatte er aus der Welt getragen, als er ihre Aemter und Reichthümer ließ--
+einen einzig süßen Punkt durch alle Wüsten--und heute, morgen, dieser Tage
+sollte es sich zeigen, ob er sein Haus für sich allein gebaut, oder
+nicht.--Alle Kraft seiner Seele hatte er zu der Bitte aufgeboten, und mit
+Angst harrte er der Antwort, die ewig, ewig zögerte.
+
+Wohl kam Pfingsten näher und näher, aber zu der Schwüle, die unbekannt und
+unsichtbar über des Jünglings Herzen hing, gesellte sich noch eine andere
+über dem ganzen Dorfe drohend, ein Gespenst, das mit unhörbaren Schritten
+nahte;--nämlich jener glänzende Himmel, zu dem Felix sein inbrünstiges
+Auge erhoben, als er jene schwere Bitte abgesandt hatte, jener glänzende
+Himmel, zu dem er vielleicht damals ganz allein emporgeblickt, war seit
+der Zeit w o c h e n l a n g ein glänzender geblieben, und wohl hundert
+Augen schauten nun zu ihm ängstlich auf. Felix, in seiner Erwartung
+befangen, hatte es nicht bemerkt; aber eines Nachmittags, da er gerade von
+der Haide dem Dorfe zuging, fiel ihm auf, [93] wie denn heuer gar so
+schönes Wetter sei; denn eben stand über der verwelkenden Haide eine jener
+prächtigen Erscheinungen, wie er wohl öfters, auch in morgenländischen
+Wüsten, aber nie so schön gesehen, nämlich das Wasserziehen der Sonne
+[94]:--aus der ungeheuren Himmelsglocke, die über der Haide lag, wimmelnd
+von glänzenden Wolken, schossen an verschiedenen Stellen majestätische
+Ströme des Lichtes, und, auseinanderfahrende Straßen am Himmelszelte
+bildend, schnitten sie von der gedehnten Haide blendend goldne Bilder
+heraus, während das ferne Moor in einem schwachen milchigten Höhenrauche
+verschwamm.
+
+So war es dieser Tage oft gewesen, und der heutige schloß sich wie seine
+Vorgänger; nämlich zu Abends war der Himmel gefegt, und zeigte eine blanke
+hochgelb schimmernde Kuppel.
+
+Felix ging zu der Schwester, und als er spät Abends in sein Haus
+zurückkehrte, bemerkte er auch, wie man im Dorfe geklagt, daß die Halme
+des Kornes so dünne standen, so zart, die wolligen Aehren pfeilrecht empor
+streckend, wie ohnmächtige Lanzen.
+
+Am andern Tage war es schön, und immer schönere Tage kamen und schönere.
+
+Alles und jedes Gefühl verstummte endlich vor der furchtbaren Angst, die
+täglich in den Herzen der Menschen stieg. Nun waren auch gar keine Wolken
+mehr am Himmel, sondern ewig blau und ewig mild lächelte er nieder auf die
+verzweifelnden Menschen. Auch eine andere Erscheinung sah man jetzt oft
+auf der Haide, die sich wohl früher auch mochte ereignet haben, jedoch von
+Niemand beachtet; aber jetzt, wo viele tausend und tausend Blicke täglich
+nach dem Himmel gingen, wurden sie als unglückweissagender Spuk
+betrachtet: nämlich ein Waldes- und Höhenzug, jenseits der Haide gelegen,
+und von ihr aus durchaus nicht sichtbar, stand nun öfters sehr deutlich am
+Himmel, das ihn nicht nur Alles sah, sondern daß man sich die einzelnen
+Rücken und Gipfel zu nennen und zu zeigen vermochte--und wenn es im Dorfe
+hieß, es sei wieder zu sehen, so ging Alles hinaus, und sah es an, und es
+blieb manchmal stundenlang stehen, bis es schwankte, sich in Längen- und
+Breitenstreifen zog, sich zerstückte, und mit eins verschwand.
+
+Die Haidelerche war verstummt; aber dafür tönte den ganzen Tag, und auch
+in den warmen thaulosen Nächten das ewige einsame Zirpen und Wetzen der
+Heuschrecken über die Haide, und der Angstschrei des Kibitz. Das Flinke
+Wässerlein ging nur mehr wie ein dünner Seidenfaden über die graue Fläche,
+und das Korn und die Gerste im Dorfe standen fahlgrün und wesenlos in die
+Luft, [95] und erzählten bei dem Hauche derselben mit leichtfertigem
+Rauschen ihre innere Leere. Die Baumfrüchte lagen klein und mißreif auf
+der Erde, die Blätter waren staubig und von Blümlein war nichts mehr auf
+dem Rasen, der sich selber wie rauschend Papier zwischen den Feldern
+hinzog.
+
+Es war die äußerste Zeit. Man flehte mit Inbrunst zu dem verschlossenen
+Gewölbe des Himmels. Wohl stand wieder mancher Wolkenberg tagelang am
+südlichen Himmel, und nie noch wurde ein so stoffloses Ding wie eine
+Wolke, von so vielen Augen angeschaut, so sehnsüchtig angeschaut, als
+hier--aber wenn es Abend wurde, erglühte der Wolkenberg purpurig [96]
+schön, zerging, lösete sich in lauter wunderschöne zerstreute Rosen am
+Firmamente auf, und verschwand--und die Millionen freundlicher Sterne
+besetzten den Himmel.
+
+So war der Freitag vor Pfingsten gekommen; die weiche blaue Luft war ein
+blanker Felsen geworden. Vater Niklas war Nachmittags über die Haide
+gekommen, das Bächlein war nun auch versiecht, [97] das Gras bis auf eine
+Decke von schalgrauem [98] Filze verschwunden, nicht Futter gebend für ein
+einzig Kaninchen; nur der unverwüstliche und unverderbliche Haidesohn, der
+mißhandelte und verachtete Strauch, der Wachholder, stand mit eiserner
+Ausdauer da, der einzige lebhafte Feldbusch, das grüne Banner der
+Hoffnung; denn er bot freiwillig gerade heuer eine solche Fülle der
+größten blauen Beeren, so überschwenglich, wie sich keines Haidebewohners
+Gedächtniß, entsinnen konnte.--Eine plötzliche Hoffnung ging in Niklas
+Haupte auf, und er dachte als Richter mit den Aeltesten des Dorfes darüber
+zu rathen, wenn es nicht morgen oder übermorgen sich änderte. Er ging weit
+und breit und betrachtete die Ernte, die keiner gesäet, und auf die keiner
+gedacht, und er fand sie immer ergiebiger und reicher, sich, weiß Gott, in
+welche Ferne erstreckend--aber da fielen ihm die armen tausend Thiere ein,
+[99] die dadurch werden in Nothstand versetzt sein, wenn man die Beeren
+sammle: allein er dachte, Gott der Herr wird ihnen schon eingeben, wohin
+der Krammetsvogel fliegen, das Reh laufen müsse, um andere Nahrung zu
+finden.
+
+Da er heimwärts in die Felder kam, nahm er eine Scholle und zerdrückte
+sie; aber sie ging unter seinen Händen wie Kreide auseinander--und das
+Getreide, vor der Zeit Greis, fing schon an, sich zu einer tauben Ernte
+[100] zu bleichen. Wohl standen Wolken am Himmel, die in langen
+milchweißen Streifen tausendfarbig und verwaschen die Bläue
+durchstreiften, sonst immer Vorboten des Regens; aber er traute ihnen
+nicht, weil sie schon drei Tage da waren, und immer wieder verschwanden,
+als würden sie eingesogen von der unersättlichen Bläue. Auch manch anderer
+Hausvater ging händeringend zwischen den Feldern und als es Abend
+geworden, und selbst zerstückte Gewitter um den Rand des Horizontes
+standen, und sich gegenseitig Blitze zusandten,--sah ein von der Stadt
+heimfahrender Bauer selbst die halbgestorbene [101] Großmutter mitten im
+Felde knien, und mit emporgehobenen Händen beten, als sei sie durch die
+allgemeine Noth zu Bewußtsein und Kraft gelangt, und als sei sie die
+Person im Dorfe, deren Wort vor allen Geltung haben müsse im Jenseits.
+
+Die Wolken wurden dichter, aber blitzten nur und regneten nicht.
+
+Wie Vater Niklas zwischen die Zäune bog, begegnete er seinem Sohne und
+siehe, dieser ging mit traurigem Angesichte einher, mit weit traurigerem,
+als jeder Andere im Dorfe.
+
+"Guten Abend, Felix," sagte der Vater zu ihm, "giebst Du denn die Hoffnung
+ganz auf?"
+
+"Welche Hoffnung, Vater?"
+
+"Giebt es denn eine andere, als die Ernte?"
+
+"Ja, Vater, es giebt eine andere;--die der Ernte wird in Erfüllung gehen,
+die andere nicht. Ich will es Euch sagen, ich selber habe etwas für Euch
+und das Dorf gethan. Ich habe zu der Obrigkeiten der fernen Hauptstadt
+geschrieben, und ihnen der Stand der Dinge gemeldet; ich habe Freunde dort
+und manche haben mich lieb gehabt,--sie werden Euch helfen, daß ihr keinen
+Hauch von Noth empfindet sollet, und auch ich werde so viel helfen, als in
+meiner Kraft ist. Aber tröstet Euch und tröstet das Dorf: alle Hilfe von
+Menschen werdet Ihr nicht brauchen; ich habe den Himmel und seine Zeichen
+auf meinen Wanderungen kennen gelernt, und er zeigt, daß es morgen regnen
+werde.--Gott macht ja immer Alles, Alles gut, und es wird auch dort gut
+sein, wo er Schmerz und Entsagung sendet."
+
+"Möge Dein Wort in Erfüllung gehen, Sohn, daß wir zusammen glückliche
+Festtage feiern."
+
+"Amen," sagte der Sohn, "ich begleite Euch zur Mutter; wir wollen
+glückliche Festtage feiern."
+
+Pfingstsamstags-Morgen war angebrochen und der ganze Himmel hing voll
+Wolken; aber noch war kein Tropfen gefallen. So ist der Mensch. Gestern
+gab jeder die Hoffnung der Ernte auf, und heute glaubte jeder, mit einigen
+Tropfen wäre ihr geholfen. Die Weiber und Mägde standen auf dem Dorfplatze
+und hatten Fässer und Geschirr hergebracht, um, wenn es regne, und der
+Dorfbach sich fülle, doch auch heuer wie sonst, ihre Festtagsreinigungen
+vornehmen zu können und feierliche Pfingsten zu halten. Aber es wurde
+Nachmittag, und noch kein Tropfen war gefallen, die Wolken wurden zwar
+nicht dünner--aber es kam auch Abend, und kein Tropfen war gefallen.
+
+Spät Nachts war der Bote zurückgekommen, den Felix in die Stadt zur Post
+gesendet, und brachte einen Brief für ihn. Er lohnte [102] den Boten,
+trat, als er allein war, vor die Lampe seines Tisches, und entsiegelte die
+wohlbekannte Handschrift: "Es macht mir vielen Kummer, in der That,
+s c h w e r e n Kummer, daß ich Ihre Bitte abschlagen muß. Ihre
+selbstgewählte Stellung in der Welt macht es unmöglich zu willfahren;
+meine Tochter sieht ein, daß so nichts sein kann, und hat nachgegeben. Sie
+wird den Sommer und Winter in Italien zubringen, um sich zu erholen, und
+sendet Ihnen durch mich die besten Grüße. Sonst ihr treuer, ewiger
+Freund."
+
+Der Mann, als er gelesen, trat mit schneebleichem Angesichte und mit
+zuckenden Lippen von dem Tische weg--an den Wimpern zitterten Thränen vor.
+Er ging ein paarmal auf und ab, legte endlich das erhaltene Schreiben
+langsam auf den Tisch, schritt mit dem Lichte gegen einen Schrein, nahm
+ein Päckchen Briefe heraus, legte sie schön zusammen, umwickelte sie mit
+einem feinen Umschlage, und siegelte sie zu--dann legte er sie wieder in
+den Schrein.
+
+"Es ist geschehen," sagte er athmend, und trat an's Fenster, sein Auge an
+den dicken finstern Nachthimmel legend. Unten stand ein verwelkter
+Garten--die Haide schlummerte--und auch das entfernte Dorf lag in
+hoffnungsvollen Träumen.
+
+Es war eine lange, lange Stille.
+
+"Meine selbstgewählte Stellung," sagte er endlich sich emporrichtend--und
+im tiefen, tiefen Schmerze war es wie eine zuckende Seligkeit, die ihn
+lohnte. Dann löschte er das Licht aus und ging zu Bette.
+
+Des andern Morgens, als sich die Augen aller Menschen öffneten, war der
+ganze Haidehimmel grau, und ein dichter sanfter Landregen träufelte
+nieder.
+
+Alles, alles war nun gelöset; die freudigen Festgruppen der Kirchgänger
+rüsteten sich, und ließen gern das köstliche Naß durch ihre Kleider
+sinken, um nur zum Tempel Gottes zu gehen und zu danken--auch Felix ließ
+es durch seine Kleider sinken, ging mit und dankte mit, und Keiner wußte,
+was seine sanften, ruhigen Augen bargen.
+
+So weit geht unsere Wissenschaft von Felix, dem Haidebewohner.--Von seinem
+Wirken und dessen Früchten liegt nichts vor: aber sei es so oder so--trete
+nur getrost dereinst vor deinen Richter, du reiner Mensch, und sage:
+"Herr, ich konnte nicht anders, als dein Pfund pflegen, das du mir
+anvertraut hast," und wäre dann selbst dein Pfund zu leicht gewesen, der
+Richter wird gnädiger richten als die Menschen.
+
+
+
+
+NOTES.
+
+To forestall one criticism to which the following short commentary would
+seem to lay itself open, I wish to state that the plan of making the notes
+partly in English and partly in German has been formed after considerable
+reflection. Stifter's use of language is so peculiar and original in
+places, that the nearest approach to the force of an expression is often
+made in German, as [29], [41], [46], [47], etc. A mere translation in such
+places would be misleading without a full explanation of the idiomatic
+bearing of the word or phrase in question. On the other hand, the pregnant
+meaning of words like [15], [72], [75], etc., it has been thought, would
+best be suggested in English for the sake of simplicity, and further
+elucidation left to the teacher.
+
+O. H.
+
+ * * * * *
+
+
+I.
+
+
+[1] FLECKCHEN, _a little spot_.
+
+[2] SEIT UNVORDENKLICHEN ZEITEN, _beyond man's memory_.
+
+[3] HAIDEFÖHRE; Föhre = Fichte.
+
+[4] ZEITWEISE, zuweilen, hie und da, dann und wann.
+
+[5] WACHHOLDERSTAUDE, _juniper-bush_.
+
+[6] IM WEITERN, sonst.
+
+[7] MAN MÜßTE NUR, _unless one, etc_.
+
+[8] GELÄNDE, _tract of land, landscape_.
+
+[9] DES ÖFTERN, öfters.
+
+[10] EIGENTLICH, genau, wirklich, wahrhaft, ursprünglich.
+
+[11] IM GRUNDE, _in fact_.
+
+[12] HEGTE, _cherished_.
+
+[13] MITBESITZER; one who shares the possession of something with others.
+
+[14] ABSTAMMUNG; a play upon the original word "Stamm"; means ramification
+as well as descent.
+
+[15] SIPPSCHAFT, generally used in a contemptuous sense.
+
+[16] BLAUDUFTIG, _in a blue haze_.
+
+[17] ROßBERG, von Roß, syn. Pferd.
+
+[18] ÜBERHAUPT, _altogether_.
+
+[19] NUN, hier zu übersetzen mit _then_.
+
+[20] PFLEGEBEFOHLENEN, syn. Schützlinge.
+
+[21] ZUTHAT, _addition_.
+
+[22] BEWERKSTELLIGTES, part. pass. von bewerkstelligen, zu Stande bringen,
+vollenden.
+
+[23] GERÄUMIG; abgeleitet von Raum.
+
+[24] EIN UND DAS ANDERE FACH, einige Fächer.
+
+[25] VORERST, zuerst.
+
+[26] WIDERSPENSTIGER, eigensinniger.
+
+[27] FAHREN LASSEN, hergeben, abgeben, aufgeben (_to let go_).
+
+[28] ANZULEGENDEN; Part. fut. pass.
+
+[29] STARRTEN, starren heißt hier, wie oft, starr sein, wie z.B. vor
+Frost, Entsetzen, aber auch Waffen, etc. starr = unbeugsam.
+
+[30] STROTZTEN; strotzten mit Präp. von, in Fülle schwellen, oft mit dem
+Nebenbegriff des Stolzes.
+
+[31] AUFTISCHTEN, vorsetzten.
+
+[32] WOHL, _it is true that_ ...
+
+[33] EINBEEREN; die Einbeere oder Wolfsbeere, _true-love_, a plant.
+
+[34] FREILICH, _of course_.
+
+[35] SCHNARRENDER; from schnarren (onomatopoeic), the colorless sound
+produced by the vibrations of a string; used also of the drum.
+
+[36] SPRINGER; gemeint ist der Heuspringer oder die Heuschrecke, Gryllus.
+
+[37] HEIDUKEN; localism; what is meant is probably Heidschnacken or
+Heidschnucken (pl.), _heath-muttons_.
+
+[38] ZIRPEND; onomatopoeic from the "zirp, zirp" of these insects.
+
+[39] SCHLEIFEND; descriptive, again, of the sound produced by these
+insects, which resembles the whetting of scythes.
+
+[40] GESINGE, monotonous singing, _sing-song_.
+
+[41] VORBEILÄUTETE; der Ton der Hummel wird mit dem einer Glocke
+verglichen.
+
+[42] KEHRSEITE, Rückseite.
+
+[43] EITEL, lauter; _pure_.
+
+ "Esset eitel ungesäuert Brot," 2. Mos. 12, 20.
+
+[44] SCHLÜPFEN, scil. in das und aus dem Loch.
+
+[45] SEIT URZEITEN, siehe Anmerkung 2, p. 3.
+
+[46] WAR KEINER ERLEBT WORDEN, niemand hatte in seinem ganzen Leben einen
+gesehen.
+
+[47] EIERSAUFENDE; Saufen ist das Trinken der Thiere; man würde erwarten
+eierschlürfende.
+
+[48] WAS IHM GEWORDEN, _which had fallen to his share_.
+
+[49] UNBEGREIFLICHER WEISE, _in some incomprehensible manner_.
+
+[50] VORQUOLL, hervorquoll.
+
+[51] BREI AUS HIRSE, _millet-pudding or pap_.
+
+[52] KAM ... DAHER, _came along_.
+
+[53] ERBARMTE IHR DER KNABE; erbarmen, ordinarily used as a reflexive verb
+with a genitive in the sense of _take pity on someone_, is used here
+in the sense of _cause pity to someone_.
+
+
+II.
+
+
+[54] TRINKSPRUCH, _toper's adage_.
+
+[55] SCHUPPEN, _carriage-house_.
+
+[56] TRIEB IMMER SEHR FRÜH NACH HAUSE, scil. die Schafe. The parents are
+described somewhat after the fashion of Goethe's account of his parents,
+of whom he said:
+
+ Vom Vater hab' ich die Statur,
+ Des Lebens ernstes Führen,
+ Vom Mütterchen die Frohnatur,
+ Und Lust zum Fabulieren.
+
+[57] STÖSSIGER BOCK; einer der stößt (mit den Hörnern).
+
+[58] IRRSAL STIFTETE, _made trouble_.
+
+[59] ZU PAAREN TRIEB, _mastered, subdued_.
+
+[60] GEKAUERT; part. from kauern, _to cower_.
+
+[61] SICH IN DIE BEGEISTERUNG GEREDET, _talked herself into
+enthusiasm_.
+
+[62] DA GRAUTE ER SICH AB, more expressive than es graute ihm.
+
+[63] ZUG, here _procession_.
+
+[64] UMKRAMPFTE, _seized him as if in a spasm_.
+
+[65] GESEGNEN, segnen.
+
+
+III.
+
+
+[66] HEUEN, Heu machen.
+
+[67] UND ES WURDE IHM SO GUT, _and he was doing so well_.
+
+[68] WANDERPACK, Ränzel, Felleisen.
+
+[69] EITEL FREUDE, nichts als Freude.
+
+[70] VON DANNEN ZOG, _went on his way_.
+
+[71] DAS ... GUT ANSCHLUG, _which was doing well_.
+
+[72] GRUNDHERRSCHAFT, _the landlord_; lit. _the landlordship_.
+
+[73] BAUTEN SICH AN, _built houses, settled there_.
+
+[74] TRIEBEN EIGENE WIRTHSCHAFT, _kept house by themselves_.
+
+[75] KANZLEIHERRN, _the officials_; note the significance of Herrn in
+the context.
+
+[76] GELIEBT, beliebt, gefällt.
+
+[77] SIE SAH NICHT, das Mutterherz sah nicht.
+
+[78] FIEL IHM KLEIN MARTHA BEI; beifallen, einfallen.
+
+[79] WELSCHLAND, hier Italien; welsch heißt überhaupt ausländisch, genauer
+romanisch. "Welsh with these men means foreign and is used for all people
+of Europe who are not of Gothic or Teutonic blood." (William Morris, "A
+Tale of the House of the Wolfings," etc.)
+
+
+IV
+
+
+[80] HATTE ES MANCHEM VERWISCHT; hatte Manchem die Erinnerung daran
+ausgelöscht.
+
+[81] EINERLEIHEIT, _monotony_.
+
+[82] HAIDEBÜHEL; Bühel, Hügel.
+
+[83] VORLALLTE; lallen, das unverständliche Sprechen der Kinder.
+
+[84] LEGTE SICH SEIN HERZ DAR, zeigte sich sein Herz.
+
+[85] JE; hier soviel wie dort. Sehr ungewöhnlicher Gebrauch.
+
+[86] WENDET, verwendet.
+
+[87] ZU GUTE BEKOMMET, _get the good of it._
+
+[88] WAS KOMMT BEI DIR, _what are you thinking of_?
+
+[89] DA SEI GOTT VOR, GOTT BEWAHRE; _God forbid_.
+
+[90] THAT GLEICHGÜLTIG, _tried to act indifferently_.
+
+[91] MACHTE SICH ZU THUN, _busied himself_.
+
+[92] UND ES WAR IHM, _and he felt_.
+
+[93] FIEL IHM AUF, _he noticed with astonishment_.
+
+[94] WASSERZIEHEN DER SONNE, "_The sun drawing water_."
+
+[95] STANDEN IN DIE LUFT, note the accusative.
+
+[96] PURPURIG; until very recently (the discovery and exhibition of the
+"Resurrected of Kerke") the notion prevailed in Germany that the "purple"
+of the ancients was a golden or scarlet hue.
+
+[97] VERSIECHT, versiegt.
+
+[98] SCHALGRAUEM; schal, _flat, insipid_.
+
+[99] FIELEN IHM EIN, _occurred to him_.
+
+[100] TAUBE ERNTE; _a useless crop_; taub in the secondary sense
+designates that which lacks the most essential.
+
+[101] HALBGESTORBENE; note the difference between this and halbtote.
+
+[102] LOHNTE, bezahlte. The pay of a messenger is called Botenlohn.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Haidedorf, by Adalbert Stifter
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HAIDEDORF ***
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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