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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das Haidedorf + +Author: Adalbert Stifter + +Posting Date: September 11, 2012 [EBook #7068] +Release Date: December, 2004 +First Posted: March 5, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HAIDEDORF *** + + + + +Produced by David Starner, Delphine Lettau, Olaf Voss, and +the people at Disributed Proofing + + + + + + + + + + +DAS HAIDEDORF + +von Adalbert Stifter + + + + +EDITED FOR THE USE OF SCHOOLS + +BY + +OTTO HELLER + +professor of the German language and literature, Washington University + + + + +PREFACE. + + +If any prose-writer may be called a poet, none is more worthy of that name +than Adalbert Stifter. And, unless it be a requirement that, to be ranked +as classic, a writer must be dead for many years, Stifter is entitled to +an honorable place among the classic writers of Germany. Not all he has +written bears the stamp of beauty and genius, but at his best he is truly +great, and of his best we have a great deal. + +Adalbert Stifter was born in Oberplan, Bohemia, October 23d, 1806. His +father was a poor linen-weaver who was killed by an accident when the boy +was only ten years old. An uncle assumed charge of his education and sent +him to the monastic Latin School at Kremsmünster. His education was +completed in Vienna, whither he went in 1826, principally to study history +and philosophy, but also to cultivate his love of nature by the pursuit of +natural science and landscape-painting. His love for nature remained +throughout his life the most characteristic trait of the man. In all his +works, but especially in his "Studien," he showed himself to be a painter +of words who has only one equal in German Literature--Paul Heyse. His love +of detail confined him to one form of literary production, the short +novel. And even within these narrow limits Stifter's works show little +action. But for this we are amply compensated by the simple beauty of his +diction, its calm moderated tone, with never a word superfluous or +lacking, the manly nobility of his sentiment, and the almost womanly +delicacy of his perception. No one can read "Das Haidedorf" without +feeling the poet's love for man and nature. + +The two volumes of which "Das Haidedorf" forms a small part are entitled +"Studien." In an English translation of extracts from Stifter this is +rendered by "Sketches." Far from being sketches, they are exquisite +studies carefully finished by a master hand. It may be said without +exaggeration that the following beautiful prose-idyl will suggest to a +sensitive and appreciative mind a succession of pictures destined to +remain as permanent possessions of art. And, when it is added that the +style is simple and modern, no further apology need be made for this +publication, save this, that the "Studien" have not, as far as I have been +able to gather, been reprinted singly. + +Stifter's life, like his writings, was idyllic. He was appointed in 1846 +to one of the higher educational posts by the Austrian government, and +took up his residence in Linz. This post he had to resign in 1856, owing +to impaired health. His remaining years were spent in happy retirement, +given to literary work, landscape-painting and his favorite pastime of +horticulture. Adalbert Stifter died at Linz, Austria ob der Enns, January +28th, 1868. + +OTTO HELLER. + +Philadelphia, February, 1891. + +N.B. The orthography of this edition is that used in the original edition +of the "Studien." + + + + +I. + + +DIE HAIDE. + + +Im eigentlichen Sinne des Wortes ist es nicht eine Haide, wohin ich den +lieben Leser und Zuhörer führen will, sondern weit von unserer Stadt ein +traurig liebliches Fleckchen [1] Landes, das sie die Haide nennen, weil +seit unvordenklichen Zeiten [2] nur kurzes Gras darauf wuchs, hie und da +ein Stamm Haideföhre, [3] oder die Krüppelbirke, an deren Rinde zuweilen +ein Wollflöckchen hing, von den wenigen Schafen und Ziegen, die zeitweise +[4] hier herumgingen. Ferner war noch in ziemlicher Verbreitung die +Wachholderstaude [5] da, im Weitern [6] aber kein andrer Schmuck mehr; man +müßte nur [7] die fernen Berge hierher rechnen, die ein wunderschönes +blaues Band um das mattfarbige Gelände [8] zogen. + +Wie es aber des Oeftern [9] geht, daß tiefsinnige Menschen, oder solche, +denen die Natur allerlei wunderliche Dichtung und seltsame Gefühle in das +Herz gepflanzt hatte, gerade solche Orte aussuchen und liebgewinnen, weil +sie da ihren Träumen und innerem Klingklang nachgehen können: so geschah +es auch auf diesem Haideflecke. Mit den Ziegen und Schafen nämlich kam +auch sehr oft ein schwarzäugiger Bube von zehn oder zwölf Jahren, +eigentlich [10] um dieselben zu hüten; aber wenn sich die Thiere +zerstreuten--die Schafe um das kurze würzige Gras zu genießen, die Ziegen +hingegen, für die im Grunde [11] kein passendes Futter da war, mehr ihren +Betrachtungen und der reinen Luft überlassen, nur so gelegentlich den +einen oder andern weichen Sprossen pflückend--fing er inzwischen an, +Bekanntschaft mit den allerlei Wesen zu machen, welche die Haide hegte +[12], und schloß mit ihnen Bündniß und Freundschaft. + +Es war da ein etwas erhabener Punkt, an dem sich das graue Gestein, auch +ein Mitbesitzer [13] der Haide, reichlicher vorfand, und sich gleichsam +emporschob, ja sogar am Gipfel mit einer überhängenden Platte ein Obdach +und eine Rednerbühne bildete. Auch der Wachholder drängte sich dichter an +diesem Orte, sich breit machend in vielzweigiger Abstammung [14] und +Sippschaft [15] nebst manch schönblumiger Distel. Bäume aber waren gerade +hier weit und breit keine, weßhalb eben die Aussicht weit schöner war, als +an andern Punkten, vorzüglich gegen Süden, wo das ferne Moorland, so +ungesund für seine Bewohner, so schön für das entfernte Äuge, blauduftig +[16] hinausschwamm in allen Abstufungen der Ferne. Man hieß den Ort den +Roßberg [17]; aus welchen Gründen, ist unbekannt, da hier nie seit +Menschenbesinnen ein Pferd ging, was überhaupt [18] ein für die Haide zu +kostbares Gut gewesen wäre. + +Nach diesem Punkte nun [19] wanderte unser kleiner Freund am +allerliebsten, wenn auch seine Pflegebefohlenen [20] weit ab in ihren +Berufsgeschäften gingen, da er aus Erfahrung wußte, daß keines die +Gesellschaft verließ, und er sie am Ende alle wieder vereint fand, wie +weit er auch nach ihnen suchen mußte; ja, das Suchen war ihm selber +abenteuerlich, vorzüglich, wenn er weit und breit wandern mußte. Auf dem +Hügel des Roßberges gründete er sein Reich. Unter dem überhängenden Blocke +bildete er nach und nach durch manche Zuthat, [21] und durch mühevolles, +mit spitzen Steinen bewerkstelligtes [22] Weghämmern einen Sitz, anfangs +für Einen, dann füglich für Drei geräumig [23] genug; auch ein und das +andere Fach [24] wurde vorgefunden oder hergerichtet, oder andere bequeme +Stellen und Winkel, wohin er seinen leinenen Haidesack legte, und sein +Brot, und die unzähligen Haideschätze, die er oft hieher zusammen trug. +Gesellschaft war im Uebermaße da. Vorerst [25] die vielen großen Blöcke, +die seine Burg bildeten, ihm alle bekannt und benannt, jeder anders an +Farbe und Gesichtsbildung, der unzähligen kleinen gar nicht zu gedenken, +die oft noch bunter und farbenfeuriger waren. Die großen theilte er ein, +je nachdem sie ihn durch Abenteuerlichkeit entzückten, oder durch +Gemeinheit ärgerten: die kleinen liebte er alle. Dann war der Wachholder, +ein widerspenstiger [26] Geselle, unüberwindlich zähe in seinen Gliedern, +wenn er einen köstlichen, wohlriechenden Hirtenstab sollte fahren lassen, +[27] oder Platz machen für einen anzulegenden [28] Weg;--seine Aeste +starrten [29] rings von Nadeln, strotzten [30] aber auch in allen Zweigen +von Gaben der Ehre, die sie Jahr aus Jahr ein den reichlichen Haidegästen +auftischten, [31] die millionenmal Millionen blauer und grüner Beeren. +Dann waren die wundersamen Haideblümchen, glutfärbig oder himmelblau +brennend, zwischen dem sonnigen Gras des Gesteines, oder jene unzählbaren +kleinen, zwischen dem Wachholder sprossend, die ein weißes Schnäbelchen +aussperren, mit einem gelben Zünglein darinnen--auch manche Erdbeere war +hie und da, selbst zwei Himbeersträuche, und sogar, zwischen den Steinen +emporwachsend, eine lange Haselruthe. Böse Gesellschaft fehlte wohl [32] +auch nicht, die er vom Vater gar wohl kannte, wenn sie auch schön war, z. +B. hie und da, aber sparsam, die Einbeeren, [33] die er nur schonte, weil +sie so glänzend schwarz waren, so schwarz, wie gar nichts auf der ganzen +Haide, seine Augen ausgenommen, die er freilich [34] nicht sehen konnte. + +Fast sollte man von der lebenden und bewegenden Gesellschaft nun gar nicht +mehr reden, so viel ist schon da; aber diese Gesellschaft ist erst +vollends ausgezeichnet. Ich will von den tausend und tausend goldenen, +rubinenen, smaragdenen Thierchen und Würmchen gar nichts sagen, die auf +Stein, Gras und Halm kletterten, rannten und arbeiteten, weil er von Gold, +Rubinen und Smaragden noch nichts sah, außer was der Himmel und die Haide +zuweilen zeigte;--aber von Anderem muß gesprochen werden. Da war einer +seiner Günstlinge, ein schnarrender [35] purpurflügliger Springer, [36] +der dutzendweise vor ihm aufflog, und sich wieder hinsetzte, wenn er eben +seine Gebiete durchreiste--da waren dessen unzählbare Vettern, die größern +und kleinern Heuschrecken, in mißfarbiges Grün gekleidete Heiduken, [37] +lustig und rastlos zirpend [38] und schleifend, [39] daß an Sonnentagen +ein zitterndes Gesinge [40] längs der ganzen Haide war,--dann waren die +Schnecken mit und ohne Häuser, braune und gestreifte, gewölbte und platte, +und sie zogen silberne Straßen über das Haidegras, oder über seinen +Filzhut, auf den er sie gerne setzte--dann die Fliegen, summende, +singende, piepende, blaue, grüne, glasflüglige--dann die Hummel, die +schläfrig vorbeiläutete [41]--die Schmetterlinge, besonders ein kleiner +mit himmelblauen Flügeln, auf der Kehrseite [42] silbergrau mit gar +anmuthigen Aeuglein, dann noch ein kleinerer mit Flügeln, wie eitel [43] +Abendröthe--dann endlich war die Ammer, und sang an vielen Stellen; die +Goldammer, das Rotkehlchen, die Haidelerche, daß von ihr oft der ganze +Himmel voll Kirchenmusik hing; der Distelfink, die Grasmücke, der Kibitz, +und andere und wieder andere. Alle ihre Nester lagen in seiner Monarchie, +und wurden ausgesucht und beschützt. Auch manch rothes Feldmäuschen sah er +schlüpfen [44] und schonte sein, wenn es plötzlich stille hielt, und ihn +mit den glänzenden erschrockenen Aeuglein ansah. Von Wölfen oder andern +gefährlichen Bösewichtern war seit Urzeiten [45] aller seiner Vorfahren +keiner erlebt worden, [46] manches eiersaufende [47] Wiesel ausgenommen, +das er aber mit Feuer und Schwert verfolgte. + +Inmitten all dieser Herrlichkeiten stand er, oder ging, oder sprang, oder +saß er--ein herrlicher Sohn der Haide: aus dem tiefbraunen Gesichtchen +voll Güte und Klugheit leuchteten in blitzendem, unbewußtem Glanze die +pechschwarzen Augen, voll Liebe und Kühnheit, und reichlich zeigend jenes +gefahrvolle Element, was ihm geworden [48] und in der Haideeinsamkeit zu +sprossen begann, eine dunkle glutensprühige Fantasie. Um die Stirne war +eine Wildniß dunkelbrauner Haare, kunstlos den Winden der Fläche +hingegeben. Wenn es mir erlaubt wäre, so würde ich meinen Liebling +vergleich en mit jenem Hirtenknaben aus den heiligen Büchern, der auch auf +der Haide vor Bethlehem sein Herz fand, und seinen Gott, und die Träume +der künftigen Königsgröße. Aber so ganz arm, wie unser kleiner Freund, war +jener Hirtenknabe gewiß nicht; denn des ganzen lieben Tages Länge hatte er +nichts, als ein tüchtig Stück schwarzen Brotes, wovon er unbegreiflicher +Weise [49] seinen blühenden Körper und den noch blühendern Geist nährte, +und ein klares kühles Wasser, das unweit des Roßberges vorquoll, [50] ein +Brünnlein füllte, und dann flink längs der Haide forteilte, um mit andern +Schwestern vereint jenem fernen Moore zuzugehen, dessen wir oben +gedachten. Zu g u t e n Zeiten waren auch ein oder zwei Ziegenkäse in der +Tasche. Aber ein Nahrungsmittel hatte er in einer Güte und Fülle, wie es +der überreichste Städter nicht aufweisen kann, einen ganzen Ozean der +heilsamsten Luft u m sich, und eine Farbe und Gesundheit reifende +Lichthülle ü b e r sich. Abends, wenn er heim kam, wohin er sehr weit +hatte, kochte ihm die Mutter eine Milchsuppe, oder einen köstlichen Brei +aus Hirse. [51] Sein Kleid war ein halbgebleichtes Linnen. Weiter hatte er +noch einen breiten Filzhut, den er aber selten aufthat, sondern meistens +in seinem Schlosse an einen Holznagel hing, der er in die Felsenritze +geschlagen hatte. + +Dennoch war er stets lustig, und wußte sich oft nicht zu halten vor +Frohsinn. Von seinem Königssitze aus herrschte er über die Haide. Theils +durchzog er sie weit und breit, theils saß er hoch oben auf der Platte +oder Rednerbühne, und so weit das Auge gehen konnte, so weit ging die +Fantasie mit, oder sie ging noch weiter, und überspann die ganze Fernsicht +mit einem Fadennetze von Gedanken und Einbildungen, und je länger er saß, +desto dichter kamen sie, so daß er oft am Ende selbst ohnmächtig unter dem +Netze steckte. Furcht der Einsamkeit kannte er nicht; ja, wenn recht weit +und breit kein menschliches Wesen zu erspähen war, und nichts, als die +heiße Mittagsluft längs der ganzen Haide zitterte, dann kam erst recht das +ganze Gewimmel seiner innern Gestalten daher; [52] und bevölkerte die +Haide. Nicht selten stieg er dann auf die Steinplatte, und hielt sofort +eine Predigt und Rede--unten standen die Könige und Richter, und das Volk +und die Heerführer, und Kinder und Kindeskinder, zahlreich, wie der Sand +am Meere; er predigte Buße und Bekehrung--und Alle lauschten auf ihn; er +beschrieb ihnen das gelobte Land, verhieß, daß sie Heldenthaten thun +würden, und wünschte zuletzt nichts sehnlicher, als daß er auch noch ein +Wunder zu wirken vermöchte. Dann stieg er hernieder und führte sie an, in +die fernsten und entlegensten Theile der Haide, wohin er wohl eine +Viertelstunde zu gehen hatte--zeigte ihnen nun das ganze Land der Väter, +und nahm es ein mit der Schärfe des Schwertes. Dann wurde es unter die +Stämme ausgetheilt, und jedem das Seinige zur Vertheidigung angewiesen. + +Oder er baute Babilon, eine furchtbare und weitläufige Stadt--er baute sie +aus den kleinen Steinen des Roßberges, und verkündete den Heuschrecken und +Käfern, daß hier ein gewaltiges Reich entstehe, das Niemand überwinden +kann, als Cyrus, der morgen oder übermorgen kommen werde, den gottlosen +König Balsazar zu züchtigen, wie es ja Daniel längst vorher gesagt hat. + +Oder er grub den Jordan ab, d. i. den Bach, der von der Quelle floß, und +leitete ihn anderer Wege--oder er that das alles nicht, sondern entschlief +auf der offenen Fläche, und ließ über sich einen bunten Teppich der Träume +weben. Die Sonne sah ihn an, und lockte auf die schlummernden Wangen eine +Röthe, so schön und so gesund, wie an gezeitigten Aepfeln, oder so reif, +und kräftig, wie an der Lichtseite vollkörniger Haselnüsse, und wenn sie +endlich gar die hellen großen Tropfen auf seine Stirne gezogen hatte, dann +erbarmte ihr der Knabe [53] und sie weckte ihn mit einem heißen Kusse. + +So lebte er nun manchen Tag und manches Jahr auf der Haide, und wurde +größer und stärker, und in das Herz kamen tiefere, dunklere und stillere +Gewalten, und es ward ihm wehe und sehnsüchtig--und er wußte nicht, wie +ihm geschah. Seine Erziehung hatte er vollendet, und was die Haide geben +konnte, das hatte sie gegeben; der reife Geist schmachtete nun nach seinem +Brote, dem W i s s e n, und das Herz nach seinem Weine, der L i e b e. +Sein Auge ging über die fernen Duftstreifen des Moores, und noch weiter +hinaus; als müsse dort draußen etwas sein was ihm fehle, und als müsse er +eines Tages seine Lenden gürten, den Stab nehmen, und weit, weit von +seiner Heerde gehen. + +Die Wiese, die Blumen, das Feld und seine Aehren, der Wald und seine +unschuldigen Thierchen sind die ersten und natürlichsten Gespielen und +Erzieher des Kinderherzens. Ueberlaß den kleinen Engel nur seinem eigenen +innern Gotte, und halte bloß die Dämonen ferne, und er wird sich wunderbar +erziehen und vorbereiten. Dann, wenn das fruchtbare Herz hungert nach +Wissen und Gefühlen, dann schließ ihm die Größe der Welt, des Menschen und +Gottes auf. + +Und somit laßt uns Abschied nehmen von dem Knaben auf der Haide. + + + + +II. + + +Das Haidehaus. + + +Eine gute Wegestunde von dem Roßberge stand ein Haus, oder vielmehr eine +weitläufige Hütte. Sie stand am Rande der Haide weit ab jeder Straße +menschlichen Verkehres; sie stand ganz allein, und das Land um sie war +selber wieder eine Haide, nur anders, als die, auf der der Knabe die +Ziegen hütete. Das Haus war ganz aus Holz, faßte zwei Stuben und ein +Hinterstübchen, alles mit mächtigen braunschwarzen Tragebalken, daran +manch Festkrüglein hing, mit schönen Trinksprüchen [54] bemalt. Die +Fenster, licht und geräumig, sahen auf die Haide, und das Haus war umgeben +von dem Stalle, Schuppen [55] und der Scheune. Es war auch ein Gärtlein +vor demselben, worin Gemüse wuchs, ein Hollunderstrauch und ein alter +Apfelbaum stand--weiter ab waren noch drei Kirschbäume, und unansehnliche +Pflaumengesträuche. Ein Brunnen floß vor dem Hause, kühl, aber sparsam; er +floß von dem hohen starken Holzschafte in eine Kufe nieder, die aus einem +einzigen Haidestein gehauen war. + +In diesem Hause war es sehr einsam geworden; es wohnten nur ein alter +Vater und eine alte Mutter darinnen, und eine noch ältere Großmutter--und +Alle waren sie traurig; denn er war fortgezogen, weit in die Fremde, der +das Haus mit seiner jugendlichen Gestalt belebt hatte, und der die Freude +Aller war. Freilich spielte noch ein kleines Schwesterlein an der +Thürschwelle, aber sie war noch gar zu klein, und war noch zu thöricht; +denn sie fragte ewig, wann der Bruder Felix wieder kommen werde. Weil der +Vater Feld und Wiese besorgen mußte, so war ein anderer Ziegenknabe +genommen worden; allein dieser legte auf der Haide Vogelschlingen, trieb +immer sehr früh nach Hause, [56] und schlief gleich nach dem Abendessen +ein. Alle Wesen auf der Haide trauerten um den schönen lockigen Knaben, +der von ihnen fortgezogen. + +Es war ein traurig schöner Tag gewesen, an dem er fortgegangen war. Sein +Vater war ein verständig stiller Mann, der ihm nie ein Scheltwort gegeben +hatte, und seine Mutter liebte ihn, wie ihren Augapfel;--und aus i h r e m +Herzen, dem er oft und gerne lauschte, sog er jene Weichheit und +Fantasiefülle, die sie hatte, aber zu nichts verwenden konnte, als zu +lauter Liebe für ihren Sohn. Den Vater ehrte sie als den Oberherrn, der +sich Tag und Nacht so plagen müsse, um den Unterhalt herbeizuschaffen, da +die Haide karg war, und nur gegen große Mühe sparsame Früchte trug, und +oft die nicht, wenn Gott ein heißes Jahr über dieselbe herabsandte. Darum +lebten sie in einer friedsamen Ehe, und liebten sich pflichtgetreu von +Herzen, und standen einander in Noth und Kummer bei. Der Knabe kannte +daher nie den giftigen Mehlthau für Kinderherzen, Hader und Zank, außer, +wenn ein stößiger Bock [57] Irrsal stiftete, [58] den er aber immer mit +tüchtigen Püffen seiner Faust zu Paaren trieb, [59] was das böseste Thier +von ihm, und nur von ihm allein gutwillig litt, weil es wohl wußte, daß er +sein Beschützer und zuversichtlicher Kamerade sei. Der Vater liebte seinen +Sohn wohl auch, und gewiß nicht minder als die Mutter, aber nach der +Verschämtheit gemeiner Stände, zeigte er diese Liebe nie, am wenigsten dem +Sohne--dennoch konnte man sie recht gut erkennen an der Unruhe, mit der er +aus- und einging, und an den Blicken, die er häufig gegen den Roßberg +that, wenn der Knabe einmal zufällig später von der Haide heim kam, als +gewöhnlich--und der Bube wußte und kannte diese Liebe sehr wohl, wenn sie +sich auch nicht äußerte. + +Von solchen Eltern hatte er keinen Widerstand zu erfahren, als er den +Entschluß aussprach, in die Welt zu gehen, weil er durch aus nicht mehr zu +Hause zu bleiben vermöge. Ja, der Vater hatte schon seit langem +wahrgenommen, wie der Knabe sich in Einbildungen und Dingen abquäle, die +ihm selber von Kindheit an nie gekommen waren; er hielt sie deßhalb für +Geburten der Haideeinsamkeit, und sann auf deren Abhilfe. Die Mutter hatte +zwar nichts Seltsames an ihrem Sohne bemerkt, weil eigentlich ohnehin ihr +Herz in dem seinen schlug; allein sie willigte doch in seine Abreise aus +einem dunklen Instinkte, daß er da ausführe, was ihm Noth thue. + +Noch e i n e Person mußte gefragt werden, nicht von den Eltern, sondern +von ihm: die G r o ß m u t t e r. Er liebte sie zwar nicht so wie die +Mutter, sondern ehrte und scheute sie vielmehr; aber sie war es auch +gewesen, aus der er die Anfänge jener Fäden zog, aus welchen er vorerst +seine Haidefreuden webte, dann sein Herz und sein ganzes zukünftiges +Schicksal. Weit über die Grenze des menschlichen Lebens schon +hinausgeschritten saß sie, wie ein Schemen hinten am Hause im Garten an +der Sonne, ewig einsam und ewig allein in der Gesellschaft ihrer Todten, +und zurückspinnend an ihrer innern ewig langen Geschichte. Aber so wie sie +dasaß, war sie nicht das gewöhnliche Bild unheimlichen Hochalters, sondern +wenn sie oft plötzlich ein oder das andere ihrer innern Geschöpfe +anredete, als ein lebendes und vor ihr wandelndes; oder, wenn sie sanft +lächelte, oder betete, oder mit sich selbst redete, wundersam spielend in +Blödsinn und Dichtung, in Unverstand und Geistesfülle: so zeigte sie +gleichsam, wie eine mächtige Ruine, rückwärts auf ein denkwürdiges Dasein. +Ja, der Menschenkenner, wenn hier je einer hergekommen wäre, würde aus den +wenigen Blitzen, die noch gelegentlich auffuhren, leicht erkannt haben, +daß hier eine Dichtungsfülle ganz ungewöhnlicher Art vorübergelebt worden +war, ungekannt von der Umgebung, ungekannt von der Besitzerin, +vorübergelebt in dem schlechten Gefäße eines Haidebauerweibes. Ihre +gemüthreiche Tochter, die Mutter des Knaben, war nur ein schwaches Abbild +derselben. Das alte Weib hatte in ihrem ganzen Leben voll harter Arbeiten +nur ein einziges Buch gelesen, die Bibel; aber in diesem Buche las und +dichtete sie siebenzig Jahre. Jetzt that sie es zwar nicht mehr, verlangte +auch nicht mehr, daß man ihr vorlese; aber ganze Prophetenstellen sagte +sie oft laut her, und in ihrem Wesen war Art und Weise jenes Buches +ausgeprägt, so daß selbst zuletzt ihre gewöhnliche Redeweise etwas Fremdes +und gleichsam Morgenländisches zeigte. Dem Knaben erzählte sie die +heiligen Geschichten. Da saß er nun oft an Sonntagnachmittagen gekauert +[60] an dem Hollunderstrauch--und wenn die Wunder, und die Helden kamen, +und die fürchterlichen Schlachten, und die Gottesgerichte--und wenn sich +dann die Großmutter in die Begeisterung geredet, [61] und der alte Geist +die Ohnmacht seines Körpers überwunden hatte--und wenn sie nun anfing, +zurückgesunken in die Tage ihrer Jugend, mit dem welken Munde zärtlich und +schwärmerisch zu reden, mit einem Wesen, das er nicht sah, und in Worten, +die er nicht verstand, aber tief ergriffen instinktmäßig nachfühlte, und +wenn sie um sich alle Helden der Erzählung versammelte, und ihre eigenen +Verstorbenen einmischte, und nun alles durcheinander reden ließ: da +grauete er sich innerlich entsetzlich ab, [62] und um so mehr, wenn er sie +gar nicht mehr verstand--allein er schloß alle Thore seiner Seele weit +auf, und ließ den fantastischen Zug [63] eingehen, und nahm des andern +Tages das ganze Getümmel mit auf die Haide, wo er Alles wieder +nachspielte. + +Dieser Großmutter nun wollte er sein Vorhaben deuten, damit sie ihn nicht +eines Tages zufällig vermisse, und sich innerlich kränke, als sei er +gestorben. + +Und so--an einem frühen Morgen stand er neben den Eltern reisefertig vor +der Thür, sein dürftig Linnenkleid an, den breiten Hut auf dem Haupte, den +Wacholderstab in der Hand, umgehängt den Haidesack, in welchem zwei Hemden +waren und Käse und Brot. Eingenäht in die Brusttasche hatte er das wenige +Geld, welches das Haus vermochte. + +Die Großmutter, immer die erste wach, knieete bereits nach ihrer Sitte +inmitten der Wiese an ihrem Holzschemel, den sie dahin getragen, und +betete. Der Knabe warf einen Blick auf den Haiderand, welcher schwarz den +lichten Himmel schnitt--dann trat er zu der Großmutter und sagte: "Liebe +Mutter, ich gehe jetzt, lebet wohl und betet für mich!" + +"Kind, du mußt der Schafe achten, der Thau ist zu früh, und zu kühl!" + +"Nicht auf die Haide gehe ich, Großmutter, sondern weit fort in das Land, +um zu lernen und tüchtig zu werden, wie ich es Euch ja gestern Alles +gesagt habe." + +"Ja, Du sagtest es," erwiederte sie, "Du sagtest es, mein Kind--ich habe +Dich mit Schmerzen geboren, aber Dir auch Gaben gegeben, zu werden, wie +einer der Propheten und Seher--ziehe mit Gott, aber komme wieder, +Jacobus!" + +Jacobus hatte ihr Sohn geheißen, der auch einmal fortgegangen, vor mehr +als sechzig Jahren, aber nie wieder zurückgekehrt war. + +"Mutter," sagte er noch einmal, "gebt mir Eure Hand." + +Sie gab sie ihm; er schüttelte sie und sagte: "Lebt wohl, lebt wohl." + +"Amen, Amen," sagte sie, als hörte sie zu beten auf. + +Dann wandte sich der Knabe gegen die Eltern; das Herz war ihm so sehr +emporgeschwollen--er sagte nichts, sondern mit eins hing er am Halse der +Mutter, und sie, heiß weinend, küßte ihn auf beide Wangen, und schob ihm +noch ein Geldstück zu, das sie einst als Pathengeschenk empfangen, und +immer aufgehoben hatte, allein er nahm es nicht. Dem Vater reichte er bloß +die Hand, weil er sich nicht getraute, ihn zu umarmen. Dieser machte ihm +ein Kreuz auf die Stirne, auf den Mund und die Brust, und als hierbei +seine rauhe Hand zitterte, und um den harten Mund ein heftiges Zucken +ging, da hielt sich der Knabe nicht mehr. Mit einem Thränengusse warf er +sich an die Brust des Vaters, und dessen linker Arm umkrampfte [64] ihn +eine Sekunde, dann ließ er ihn los, und schob ihn wortlos gegen die Haide. +Die Mutter aber rief ihn noch einmal, und sagte, er möge doch auch das +kleine Schwesterchen gesegnen, [65] die man in ihrem Bettlein ganz +vergessen habe. Drei Kreuze machte er über den schlafenden Engel, dann +schritt er schnell hinaus, und ging trotzig vorwärts gegen die Haide. + +So ziehe mit Gott, du unschuldiger Mensch, und bringe nur das Kleinod +wieder, was du so leichtsinnig fortträgst! + +Als er an den Roßberg gekommen, ging die Sonne auf, und schaute in zwei +treuherzige, zuversichtliche, aber rothgeweinte Augen. Am Haidehause +spiegelte sie sich in den Fenstern, und an der Sense des Vaters, der mähen +ging. + + + + +III. + + +Das Haidedorf. + + +Des ersten Abends war es öde und verlassen, und den beiden Eltern that das +Herz weh, als sie in der Dämmerung des Sommers zu Bette gingen, und auf +seine leere Schlafstelle sahen. Um denselben Menschen, der vielleicht eben +jetzt noch auf dürrer Heerstraße wanderte, und von Keinem beachtet, ja von +den Meisten v e r a c h t e t wurde, brachen fast zwei naturrohe Herzen im +entlegenen Haidehause, daß sie ihn von nun an, vielleicht auf immer +entbehren sollten; aber sie drückten den Schmerz in sich, und jedes trug +ihn einsam, weil es zu schamhaft und unbeholfen war, sich zu äußern. + +Aber es kam ein zweiter Tag, und ein dritter, und ein vierter, ein jeder +spannte denselben glänzenden Himmelsbogen über die Haide, und funkelte +nieder auf die Fenster und das altergraue Dach des Hauses eben so +freundlich und lieblich, wie als er noch dagewesen war. + +Und dann kamen wieder Tage und wieder. + +Die Arbeit und Freude des Landmanns, durch Jahrtausende einförmig, und +durch Jahrtausende noch unerschöpft, zog auch hier geräuschlos und magisch +ein Stück ihrer uralten Kette durch die Hütte, und an jedem ihrer Glieder +hing ein Tröpflein Vergessenheit. + +Die Großmutter trug nach wie vor ihren Holzschemel auf die Wiese, und +betete daran, und sie und klein Marthe fragten täglich, wann denn Felix +komme. Der Vater mähete Roggen und Gerste--die Mutter machte Käse und band +Garben--und der fremde Ziegenbube trieb täglich auf die Haide. Von Felix +wußte man nichts. + +Die Sonne ging auf, und ging unter, die Haide wurde weiß, und wurde grün, +der Hollunderbaum und der Apfelbaum blüheten vielmal--klein Marthe war +groß geworden, und ging mit, um zu heuen [66] und zu ernten, aber sie +fragte nicht mehr,--und die Großmutter, ewig und unbegreiflich hinaus +lebend, wie ein vom Tode vergessener Mensch, fragte auch nicht mehr, weil +er ihr entfallen war, oder sich zu ihren heimlichen Fantasiegestalten +gesellt hatte. + +Die Felder des Haidebauers besserten sich nachgerade, als ob der Himmel +seine Einsamkeit segnen und ihm vergelten wollte, und es wurde ihm so gut, +[67] daß er schon manchen Getreidesack, aufladen, und mit schönen Ochsen +fortführen konnte, wofür er dann einige Thaler Geldes, und Neuigkeiten von +der Welt draußen heimbrachte. Einmal kam auch ein Schreinergeselle mit +seinem Wanderpacke [68] zu Vater Niklas, dem Haidebauer, und brachte einen +Gruß und einen Brief von Felix, und sagte, daß derselbe in der großen, +weit entfernten Hauptstadt ein schmucker, fleißiger Student sei, daß ihn +Alles liebe, und daß er gar eines Tages Kaplan in der großen Domkirche +werden könnte. Der Schreinergeselle wurde über Nacht im Haidehause gut +gehalten, und ließ eitel Freude [69] zurück, als er des andern Tages in +entgegengesetzter Richtung von dannen zog. [70] So kam es, daß jedes Jahr +ein- oder zweimal ein Wandersmann den Umweg über die Haide machte, dem +schönen, freundlichen, handsamen Jünglinge zu Liebe, der gern einen Gruß +an sein liebes Mütterchen schicken wollte. Ja sogar einesmals kam Einer +geschritten, und conterfeite das Häuschen sammt dem Brunnen und Flieder- +und Apfelbaume. + +Auch andere Veränderungen begannen auf der Haide. Es kamen einmal viele +Herren und vermaßen ein Stück Haideland, das seit Menschengedenken keines +Herrn Eigenthum gewesen war, und es kam ein alter Bauersmann, und zimmerte +mit vielen Söhnen und Leuten ein Haus darauf, und fing an, den vermessenen +Fleck urbar zu machen. Er hatte fremdes Korn gebracht, das auf dem +Haideboden gut anschlug, [71] und im nächsten Jahre wogte ein grüner +Aehrenwald zunächst an Vater Niklas Besitzungen, wo noch im vorigen +Frühlinge nur Schlehen und Liebfrauenschuh geblüht hatten. Der alte Bauer +war ein freundlicher Mann, ein Mann vieler Kenntnisse, und teilte gerne +seinen Rath und sein Wissen und seine Hülfe an die frühern Haidebewohner, +und hielt gute Nachbarschaft mit Vater Niklas. Sie fuhren nun Beide gar in +die Stadt, verkauften dort ihr Getreide weit besser, und am Getreidemarkt +im goldenen Rosse waren die Haidebauern wohl gekannt und wohlgelitten. + +Nach und nach kamen neue Ansiedler; auch eine Straße wurde von der +Grundherrschaft [72] über die Haide gebahnt, so daß nun manchmal des Weges +ein vornehmer Wagen kam, deßgleichen man noch nie auf der Haide gesehen. +Auch des alten Bauers Söhne bauten sich an, [73] und einer, sagte man sich +in's Ohr, werde wohl schön Marthens Bräutigam werden. Und so, ehe sieben +Jahre in's Land gegangen, standen schon fünf Häuser mit Ställen und +Scheunen, mit Giebeln und Dächern um das kleine, alte, graue Haidehaus, +und Felder und Wiesen und Wege und Zäune gingen fast bis auf eine +Viertelstunde Weges gegen den Roßberg, der aber noch immer so einsam war, +wie sonst;--und am Pankratiustage hatte Vater Niklas die Freude, zum +Richter des Haidedorfes gewählt zu werden,--er der Erste seit der +Erschaffung der Welt, der solch Amt und Würde auf diesem Flecke +bekleidete. + +Wieder waren Jahre um Jahre vergangen, die Obstbaumsetzlinge, zarte +Stangen, wie sie der alte Nachbarsbauer gebracht und an Niklas mitgeteilt +hatte, standen nun schon als wirthliche Bäume da, und brachten reiche +Frucht, und manchen Sonntagstrunk an Obstwein.--Marthe war an Nachbars +Benedikt verheirathet, und sie trieben eigene Wirthschaft. [74]--Die Haide +war weiß und wieder grün geworden; aber des Vaters Haare b l i e b e n +weiß, und die Mutter fing bereits an, der Großmutter ähnlich zu werden, +welche Großmutter allein unverwüstlich und unveränderlich blieb, immer und +ewig am Hause sitzend, ein träumerisches Ueberbleibsel, gleichsam, als +warte sie auf Felixens Rückkehr. Aber Felix schien, wie einst Jacobus, +verschollen zu sein aus der Haide. Seit drei Jahren kam keine Kunde und +kein Wandersmann.--In der Hauptstadt, wohin gar Benedikt gegangen, um ihn +zu suchen, war er nicht zu finden, und im Amte sagten ihm die +Kanzleiherren [75] aus einem großen Buche, er sei außer Landes gegangen, +vielleicht gar über das Meer. Der Vater hörte schon auf, von ihm zu reden; +Marthe hatte ein Kindlein und dachte nicht an ihn, die Haidedörfler +kannten ihn nicht, und liebten ihn auch nicht, als einen, der da einmal +davongegangen; die Großmutter fragte nur bisweilen nach Jacobus:--aber das +Mutterherz trug ihn unverwischt und schmerzhaft in sich, seit dem Tage, +als er von dannen gezogen und an ihrem Busen geweint hatte--und das +Mutterherz trug ihn Abends in das Haus, und Morgens auf die Felder--und +das Mutterherz war es auch allein, das ihn erkannte, als einmal am +Pfingstsamstage durch die Abendröthe ein wildfremder sonnverbrannter Mann +gewandert kam, den Stab in der Hand, das Ränzlein auf dem Rücken, und +stehen blieb vor dem Haidehause. + +"Felix"--"Mutter!" + +Ein Schrei und ein Sturz an das Herz. + +Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes, +selbst wenn er schon graue Haare trägt--und jeder hat im ganzen Weltall +nur ein e i n z i g e s solches Herz. + +Das alte Weib brach an ihm fast nieder vor Schluchzen, und er, vielleicht +seit Jahren keiner Thräne mehr gewohnt, ließ den Bach seiner Augen +strömen, und hob sie zu sich auf, und drückte sie, und streichelte ihre +grauen Haare, nicht sehend, daß Vater und Schwester, und das halbe Dorf um +sie Beide standen. + +"Felix, mein Felix, wo kommst Du denn her?" fragte sie endlich. + +"Von Jerusalem, Mutter, und von der Haide des Jordans.--Gott grüß' Euch, +Vater, und Gott grüße Euch, Großmutter! Jetzt bleib' ich lange bei Euch, +und geliebt [76] es Gott, auf immer." + +Er schloß den zitternden Vater an's Herz, und dann die alte Großmutter, +die fast schamhaft und demüthig bei Seite stand--und dann noch einmal den +Vater, den schönen, alten, braunen Mann mit den schneeweißen Haaren, den +er mit noch dichten dunkeln Locken verlassen hatte, und der doppelt +liebenswerth da stand durch die unbehülfliche Verlegenheit, in die er dem +stattlichen Sohne gegenüber gerieth;--das Mutterherz aber, sich immer +ihres unverjährbaren Ranges bewußt, zeigte nichts dem Aehnliches; sie [77] +sah nicht seine Gestalt und seine Kleider, sondern ihr Auge hing die ganze +Zeit über an seinem Angesichte, und es glänzte und funkelte, und schäumte +fast über vor Freude und vor Stolz, daß Felix so schön geworden, und so +herrlich. + +Endlich, als sich sein Herz etwas gesättigt, fiel ihm klein Marthe bei +[78]; er fragte nach ihr, und sein Auge suchte am Boden umher--allein die +Mutter führte ihm ein blühendes Weib vor, mit hellen blauen Augen, ein +Kind auf dem Arme, wie eine Madonna, deren er in Welschland [79] auf +Bildern gesehen--er erkannte im K i n d e klein Marthe, die Mutter des +Kindes getraute er sich aber nicht zu küssen, und auch sie stand blöde vor +ihm, und sah ihn bloß liebreich an--endlich grüßten und küßten sie sich +herzinnig als Geschwister und der ehrliche Benedikt reichte ihm die Hand +und sagte, wie er ihn vor zwei Jahren so emsig in der ungeheuersten +Entfernung gesucht habe. + +"Da war ich im Lande Egypten," sagte Felix, "und Ihr hättet mich auch dort +kaum erfragt; denn ich war in der Wüste." + +Auch die Bauern und ihre Weiber und Kinder, die sich vor Niklas Hause +eingefunden hatten, und ehrbar neugierig umherstanden, grüßte er alle +freundlich, lüftete den Reisehut, und reichte ihnen, obwohl unbekannt, die +Hand. + +Endlich ging man in das Haus und nach Haidesitte gingen viele Nachbarn +mit, und waren dabei, wie er Geschenke und Berichte auspackte. Auf der +Gasse wurde es stille, die Menschen suchten nach dortigem Gebrauche zeitig +ihre Schlafstellen, und die rothen Pfingstwolken leuchteten noch lange +über dem Dorfe. + + + + +IV. + + +Der Haidebewohner. + + +Und als des andern Tages die ersten Sonnenstrahlen glänzten, und die +Haidedorfbewohner bereits im Festputze gerüstet waren, um zur fernen +Kirche zu gehen: so war einer der Bewohner mehr, und einer der Kirchgänger +mehr. Die Nacht hatte es Manchem verwischt, [80] daß er gekommen, aber der +Morgen brachte ihnen wieder neu den neuen Besitz, damit sie sich daran +ergötzten: Die Einen mit ihrer Neugierde, die Andern mit ihrer Liebe--Alle +aber hatten eine unsichere Scheu, selbst die Eltern, was es denn wäre, das +ihnen an ihm zurückgebracht worden sei, und ob er nicht ein fremdes Ding +in der übrigen Gleichheit und Einerleiheit [81] des Dorfes wäre. + +Er aber stand schon angekleidet, Und zwar in dem leinenen Haidekleide und +dem breiten Hute im Freien, und schaute mit den großen, glänzenden, +sanften Augen um sich, als die Mutter zu ihm trat und ihn fragte, ob er +auch in die Kirche gehen werde, oder ob er müde sei, und Gott zu Hause +verehren wolle. + +"Ich bin nicht müde," antwortete er freundlich, "und ich werde mit Euch +gehen;" denn er sah, daß die Mutter zum Kirchengehen angezogen war, und +daß auch der Vater in seinem Sonntagsrocke aus dem Hause komme. + +Festliche Gruppen zeigten sich hie und da auf dem Anger des Dorfes; Manche +traten näher und grüßten, Andere hielten sich verschämt zurück, besonders +die Mädchen, und wieder andere, welche zu Hause blieben, und in der +Festtagseinsamkeit das Dorf hüten mußten, standen unter den Hausthüren +oder sonst wo, und schauten zu. + +Und als noch Pfingstthau auf den Haidegräsern funkelte und glänzte, und +als die Morgenkühle wehte, setzte sich schon Alles in Bewegung, um zu +rechter Zeit anzulangen--und so führte denn Felix das alte Weib an seiner +Hand, und leitete sie so zärtlich um den sanften Haidebühel [82] hinan, +wie sie einstens ihn, da er noch ein schwacher Knabe war und Sonntags +Vormittags die Ziegen und Schafe zu Hause lassen durfte, damit er +hinausgehe und das Wort Gottes höre. Der Vater ging innerlich erfreut +daneben, die Andern theils voran, theils hinten. Endlich war die letzte +Gruppe hinter dem Bühel verschwunden, die Nachschauenden traten in ihre +Häuser zurück, und kurz darauf war jene funkelnde Einsamkeit über den +Dächern, die so gern an heitern Sonntagvormittagen in den verlassenen +Dörfern ist;--die Stunden rückten trockener und heißer vor, eine dünne +blaue Rauchsäule stieg hie und da auf, und mitten in dem Garten des +Haidehauses kniete die hagere Großmutter und betete.--Und wie endlich nach +stundenlanger Stille durch die dünne, weiche ruhende Luft, wie es sich +zuweilen an ganz besonders schweigenden Tagen zutrug, der ferne feine Ton +eines Glöckleins kam, da kniete manche Gestalt auf den Rasen nieder, und +klopfte an die Brust;--dann war es wieder stille und blieb stille----die +Sonnenstrahlen sanken auf die Häuser nieder, mehr und mehr senkrecht, dann +wieder schräge, daß die Schatten auf der andern Seite waren--endlich kam +der Mittag, und mit ihm alle Kirchgänger--sie legten die schönsten Kleider +und Tücher von dem erhitzten Körper, thaten leichtere an, und jedes Haus +verzehrte sein vorgerichtetes Pfingstmahl. + +Und was war es denn, was ihnen an Felix zurückgebracht worden war, und +warum ist er denn so lange nicht gekommen, und wo ist er denn gewesen? + +Sie wußten es nicht. + +In der Kirche war er mit gewesen;--fast so kindlich andächtig, wie einst, +hatte er auf die Worte des Priesters gehorcht, sanftmüthig war er neben +der Mutter nach Hause gekehrt, und wenn dann bei Tische der Vater das Wort +nahm, so brach Felix das seine aufmerksam ab, und hörte zu--und gegen +Abend saß er mit der Großmutter im Schatten des Hollunderbusches, und +redete mit ihr, die ihm ganz sonderbare und unverständliche Geschichten +vorlallte [83]---und wenn dann so den Tag über die Neugier der Mutter in +sein Auge blickte, halb selig, halb schmerzenreich, wenn sie nach den +einstigen weichen Zügen forschte--ihren ehemaligen heitern, treuherzigen, +schönen Haideknaben suchte sie----und siehe, sie fand ihn auch: in leisen +Spuren war das Bild des gutherzigen Knaben geprägt in dem Antlitze des +Mannes, aber unendlich schöner--so schön, daß sie oft einen Augenblick +dachte, sie könne nicht seine Mutter sein;--wenn er den ruhigen Spiegel +seiner Augen gegen sie richtete, so verständig und so gütig--oder wenn sie +die Wangen ansah, fast so jung, wie einst, nur noch viel dunkler gebräunt, +daß dagegen die Zähne wie Perlen leuchteten, dieselben Zähne, die schon an +dem Haidebuben so unschuldig und gesund geglänzt--und um sie herum noch +dieselben lieblichen Lippen, die aber jetzt reif und männlich waren, und +so schön, als sollte sogleich ein süßes Wort daraus hervorgehen, sei's der +Liebe, sei's der Belehrung---- + +"Er ist gut geblieben," jauchzte in ihr dann das Mutterherz; "er ist gut +geblieben, wenn er auch viel vornehmer ist, als wir." + +Und in der That, es war ein solcher Glanz keuscher Reinheit um den Mann, +daß er selbst von dem rohen Herzen des Haideweibes erkannt und geehrt +wurde. + +Was lebte denn in ihm, das ihn unangerührt durch die Welt getragen, daß er +seinen Körper als einen Tempel wiederbrachte, wie er ihn einst aus der +Einsamkeit fortgenommen?---- + +Sie wußten es nicht; nur immer heiterer und fast einfältiger legte sich +sein Herz dar, [84]so wie die Stunden des ruhigen Festtages nach und nach +verflossen. + +Spät Abends erzählte er ihnen, da alle um den weißen buchenen Tisch saßen, +und auch Marthe mit ihrem Kinde da war, und Benedikt und andere Nachbarn-- +er erzählte ihnen von dem gelobten Lande, wie er dort gewesen, wie er +Jerusalem und Bethlehem gesehen habe, wie er auf dem Tabor gesessen, sich +in dem Jordan gewaschen;----den Sinai habe er gesehen, den furchtbar +zerklüfteten Berg, und in der Wüste sei er gewandelt.--Er sagte ihnen, wie +seine gezimmerten Truhen mit dem Postboten kommen würden; dann werde er +ihnen Erde zeigen, die er aus den heiligen Ländern mitgebracht--auch +getrocknete Blumen habe er, und Kräuter, aus jenem Lande und Fußtritte des +Herrn, und was nur immer dort das Erdreich erzeuge und bringe--und viel +heiliger, viel heißer und viel einsamer seien je [85] Haiden und Wüsten, +als die hiesige, die eher ein Garten zu nennen----und wie er so redete, +sahen alle auf ihn, und horchten--und sie vergaßen, daß es Schlafenszeit +vorüber, daß die Abendröthe längst verglommen, daß die Sterne +emporgezogen, und in dichter Schaar über den Dächern glänzten. + +Von Städten, den Menschen und ihrem Treiben hatte er nichts gesagt, und +sie hatten nicht gefragt. Die Worte seines Mundes thaten so wohl, daß +ihnen gerade das, was er sagte, das Rechte däuchte, und sie nicht nach +Anderem fragten. + +Marthe trug endlich das schlafende Kind fort, Benedikt ging auch, die +Nachbarn entfernten sich--und noch seliger und noch freudenreicher, als +gestern gingen die Eltern zu Bette, und selbst der Vater dachte, Felix sei +ja fast wie ein Prediger und Priester des Herrn. + +Auch auf die Haide war er gleich nach den Feiertagen gegangen, auf seiner +Rednerbühne war er gesessen; die Käfer, die Fliegen, die Falter, die +Stimme der Haidelerche und die Augen der Feldmäuschen waren die nämlichen. +Er schweifte herum, die Sonnenstrahlen spannen,--dort dämmerte das Moor, +und ein Zittern und Zirpen und Singen----und wie der Vater ihn so wandeln +sah, mußte er sich über die dünnen grauen Haare fahren, und mit der +schwielenvollen Hand über die Runzeln des Angesichts streichen, damit er +nicht glaube, sein K n a b e gehe noch dort, und es fehlen nur die Ziegen +und Schafe, daß es sei wie einst, und daß die lange, lange Zeit nur ein +Traum gewesen sei. Auch die Nachbarn, wie er so Tag nach Tag unter ihnen +wandelte, wie ihn schon alle Kinder kannten, wie er jedem derselben, auch +mit dem häßlichen, so freundlich redete, und wie er so im Linnenkleide +durch die neuen Felder ging--glaubten ganz deutlich, er sei einer von +ihnen, und doch war es auch wieder ganz deutlich, wie er ein weit anderer +sei, als sie. + +Eine That müssen wir erzählen, ehe wir weiter gehen, und von seinem Leben +noch entwickeln, was vorliegt--eine That, die eigentlich geheim bleiben +sollte, aber ausgebreitet wurde, und ihm mit eins alle Herzen der +Haidebewohner gewann. + +Als endlich die gezimmerten Truhen mit dem Postboten in die Stadt, und von +da durch Getreidewagen auf die Haide gekommen waren, als er daraus die +Geschenke hervorgesucht und ausgetheilt, als er tausenderlei Merkwürdiges +gezeigt, Blumen, Federn, Steine, Waffen--und alles genug bewundert worden +war,--trat er desselben Tages Abends zu dem Vater in die hintere Kammer, +als er gesehen hatte, daß derselbe hineingegangen, und, wie er gern that, +sich in den hineinfallenden Fliederschatten gesetzt hatte--er trat +beklommen hinein und sagte fast mit bebender Stimme: "Vater, Ihr habt mich +auferzogen, und mir Liebes gethan, seit ich lebe--ich aber habe es +schlecht vergolten; denn ich bin fortgegangen, daß Ihr keinen Gehülfen +Eurer Arbeit hattet, und Eurer Sorge für Mutter und Großmutter--und als +ich gekommen, warfet Ihr mir nichts vor, sondern waret nur freundlich und +lieb; ich kann es nicht vergelten, als daß ich Euch nicht mehr verlassen +und Euch noch mehr verehren und lieben will, als sonst. So viel Jahre +mußtet Ihr sein, ohne in mein Auge schauen zu können, wie es Eurem Herzen +wohlgethan hätte;--aber ich bleibe jetzt immer, immer bei Euch.--Allein +weil mich Euch Gott auch zur Hülfe geboren werden ließ, so lernte ich +draußen allerlei Wissenschaft, wodurch ich mir mein Brot verdiente, und da +ich wenig brauchte, so blieb Manches für Euch übrig. Ich bringe es nun, +daß Ihr es auf Euer Haus wendet, [86] und im Alter zu Gute bekommet, [87] +und ich bitte Euch, Vater, nehmt es mit Freundlichkeit an." + +Der Alte aber, hochroth, zitternd vor Scham und vor Freude, war +aufgesprungen und wies mit beiden Händen die dargebotenen Papiere von +sich, indem er sagte: "Was kommt Dir bei, [88] Felix? Ich bin so +erschrocken,--da sei Gott vor, [89] daß ich die Arbeit und Mühe meines +Kindes nehme--ach, mein Gott, ich habe Dir ja nichts geben können, nicht +einmal eine andere Erziehung, als die Dir der Herr auf der Haide gab, +nicht einmal das fromme Herz, das Dir von selber gekommen.--Du bist mir +nichts schuldig--die Kinder sind eine Gottesgabe, daß wir sie erziehen, +wie es ihnen frommt, nicht wie es uns nützt;--verzeihe mir nur, ich habe +Dich nicht erziehen können, und doch scheint es mir, bist Du so gut +geworden, so gut, daß ich vor Freuden weinen möchte."---- + +Und kaum hatte er das Wort heraus, so brach er in lautes Weinen aus, und +tastete ungeschickt nach Felix Hand--Dieser reichte sie; er konnte sich +nicht helfen, er mußte sein Antlitz gegen die Schulter des Vaters drücken, +und das grobe Tuch des Rockes mit seinen heißesten Thränen netzen. Der +Vater war gleich wieder still, und sich gleichsam schämend und beruhigend +sagte er die Worte: "Du bist verständiger als wir, Felix. Wenn Du bei uns +bleibst, arbeite, was Du willst; ich verlange nicht, daß Du mir hilfst--da +ist ja Benedikt und seine Knechte, wenn es noth thäte; auch habe ich schon +ein Erspartes, daß ich mir im Alter einen Knecht nehmen kann.--Du aber +wirst etwas arbeiten, wie es Gott gefällig und wie es recht ist." + +Felix aber dachte in seinem Herzen, er werde doch in Zukunft, wenn es +nötig sei, lieber in der That selbst, und durch Leistung des eben +Mangelnden beistehen, damit ihm das Herz nicht so weh thäte, wenn er dem +Vater gar nichts Gutes bringen könnte. Ach, das Beste hat er ja schon +gebracht, und wußte es nicht, das gute, das überquellende Herz, das jedem, +selbst dem gehärtetsten Vater ein freudigeres Kleinod ist, als alle Güter +der Erde, weil es nicht Lohn nach außen ist, sondern Lohn in der tiefsten, +innersten Seele. + +Der Vater that nun gleichgültig [90] und machte sich mit diesem und jenem +im Zimmer zu thun [91]; kaum aber war Felix hinaus, so lief er eiligst zur +Mutter und erzählte ihr, was der Sohn hatte thun wollen--sie aber faltete +die Hände, lief vor die Heiligenbilder der Stube und that ein Gebet, das +halb ein Frevel stürmenden Stolzes, halb ein Dank der tiefsten Demuth war. + +Dann aber ging sie hin und breitete es aus. + +Das war nun klar, daß er gut war, daß er sanft, treu und weich war, und +das sahen sie auch, daß er schön und herrlich war;--des Weiteren forschten +sie nicht, was es sei, und was es sein werde. + +Er aber ging her, und ließ sich weit draußen von dem Dorfe entlegen, auf +der Haide ein Stück Landes zumessen, und begann mit vielen Arbeitern ein +steinernes Haus zu errichten.--Daß es größer werde, als er a l l e i n +brauche, fiel Allen auf; aber als es im Herbste fertig war, als es +eingerichtet und geschmückt war, bezog er es gleichwohl allein, und so +verging der Winter. Es kam der blüthenreiche Frühling--und Felix saß in +seinem Hause auf der Haide, und herrschte, wie einst, über alle ihre +Geschöpfe, und über all die hohen stillen Gestalten, die sie jetzt +bevölkerten. + +Was war es denn aber, was den Eltern und Nachbarn an ihm zurückgebracht +worden ist? + +Sie wußten es nicht. + +Ich aber weiß es. Ein Geschenk ist ihm geworden, das den Menschen hoch +stellt, und ihn doch verkannt macht unter seinen Brüdern--das einzige +Geschenk auf dieser Erde, das kein Mensch von sich weisen kann. Auf der +Haide hatte es begonnen, auf die Haide mußte er es zurücktragen. Bei wem +eine Göttin eingekehrt ist, lächelnden Antlitzes, schöner als alles +Irdische, der kann nichts anders thun, als ihr in Demuth dienen. + +Damals war er fortgegangen, er wußte nicht, was er werden würde--eine +Fülle von Wissen hatte er in sich gesogen: es war der n ä c h s t e Durst +gewesen, aber er war nicht gestillt; er ging unter Menschen, er suchte sie +völkerweise--er hatte Freunde--er strebte fort, er hoffte, wünschte und +arbeitete für ein unbekanntes Ziel--selbst nach Gütern der Welt und nach +Besitz trachtete er: aber durch alles Erlangte,--durch Wissen, Arbeiten, +Menschen, Eigenthum war es immer, als schimmere weit zurückliegend etwas, +wie eine glänzende Ruhe, wie eine sanfte Einsamkeit----hatte sein Herz die +Haide, die unschuldsvolle, liebe Kindheitshaide mitgenommen? oder war es +selber eine solche liebe, stille, glänzende Haide?----Er suchte die Wüsten +und die Einöden des Orients, nicht brütend, nicht trauernd, sondern +einsam, ruhig, heiter, dichtend.--Und so trug ihn dieses sanfte, stille +Meer zurück in die Einsamkeit, und auf die Haide seiner Kindheit----und +wenn er nun so saß auf der Rednerbühne, wie einst, wenn die Sonnenfläche +der Haide vor ihm zitterte und sich füllte mit einem Gewimmel von +Gestalten, wie einst, und manche daraus ihn anschauten mit den stillen +Augen der Geschichte, andere mit den seligen der Liebe, andere den weiten +Mantel großer Thaten über die Haide schleifend--und wenn sie erzählten von +der Seele und ihrem Glücke, von dem Sterben und was nachher sei, und von +Anderem, was die Worte nicht sagen können--und wenn es ihm tief im +Innersten so fromm wurde, daß er oft meinte, als sehe er weit in der Oede +draußen Gott selbst stehen, eine ruhige silberne Gestalt: dann wurde es +ihm unendlich groß im Herzen, er wurde selig, daß er denken könne, was er +dachte--und es war ihm, [92] daß es nun so gut sei, wie es sei. + +Die blödsinnige Großmutter war die erste gewesen, die ihn erkannt hatte. + +"Es sind der Gaben eine Unendlichkeit über diese Erde ausgestreut worden," +hatte sie eines Tages gerufen, "die Halmen der Getreide, das Sonnenlicht +und die Winde der Gebirge--da sind Menschen, die den Segen der Gewächse +erziehen, und ihn ausführen in die Theile der Erde; es sind, die da +Straßen ziehen, Häuser bauen, dann sind andere, die das Gold ausbreiten, +das in den Herzen der Menschen wächst, das Wort, und die Gedanken die Gott +aufgehen läßt in den Seelen. Er ist geworden, wie einer der alten Seher +und Propheten, und ist er ein solcher, so hab' ich es vorausgewußt, und +ich habe ihn dazu gemacht, weil ich die Körner des Buches der Bücher in +ihn geworfen; denn er war immer weich wie Wachs, und hochgesinnt, wie +einer der Helden." + +Die Großmutter war es aber auch, mit der er sich allein mehr beschäftigte, +als alle Andern mit ihr; er war der Einzige, der sie zu flüssigen Reden +bringen konnte, und der Einzige, der ihre Reden verstand; er las ihr oft +aus einem Buche vor, und die hundertjährige Schülerin horchte emsig auf, +und in ihrem Angesichte waren Sonnenlichter, als verstände sie das +Gelesene. + +So war der Frühling vergangen, so waren wieder Pfingsten gekommen:--aber +wie waren es dießmal a n d e r e Pfingsten, als vor einem Jahre. Eine +doppelte furchtbare Schwüle lag auf beiden, auf dem Dorfe und auf Felix; +und bei beiden lösete sich die Schwüle am Pfingsttage--aber wie +verschieden bei beiden! + +Ich will noch, ehe wir von seinem einfachen Leben scheiden, dieses letzte +Ergebniß, daß ich weiß, erzählen. + +Wenn er so manchmal von der Haide kam und durch das Dorf ging, Geschenke +für die Kinder seiner Schwester tragend, Steinchen, Muscheln, +Schneckenhäuser und dergleichen, die Locken um die hohe Stirne geworfen, +wie ein Kriegsgott, und doch die schwarzen Augen so sehnsuchtsvoll und +schmachtend: dann war er so schön, und es trug ihn wohl manche Dirne der +Haide als heimlichen Abgott im Herzen verborgen, aber er selber hatte +einen Abgott im Herzen;--einen einzigen Punkt süßen heimlichen Glückes +hatte er aus der Welt getragen, als er ihre Aemter und Reichthümer ließ-- +einen einzig süßen Punkt durch alle Wüsten--und heute, morgen, dieser Tage +sollte es sich zeigen, ob er sein Haus für sich allein gebaut, oder +nicht.--Alle Kraft seiner Seele hatte er zu der Bitte aufgeboten, und mit +Angst harrte er der Antwort, die ewig, ewig zögerte. + +Wohl kam Pfingsten näher und näher, aber zu der Schwüle, die unbekannt und +unsichtbar über des Jünglings Herzen hing, gesellte sich noch eine andere +über dem ganzen Dorfe drohend, ein Gespenst, das mit unhörbaren Schritten +nahte;--nämlich jener glänzende Himmel, zu dem Felix sein inbrünstiges +Auge erhoben, als er jene schwere Bitte abgesandt hatte, jener glänzende +Himmel, zu dem er vielleicht damals ganz allein emporgeblickt, war seit +der Zeit w o c h e n l a n g ein glänzender geblieben, und wohl hundert +Augen schauten nun zu ihm ängstlich auf. Felix, in seiner Erwartung +befangen, hatte es nicht bemerkt; aber eines Nachmittags, da er gerade von +der Haide dem Dorfe zuging, fiel ihm auf, [93] wie denn heuer gar so +schönes Wetter sei; denn eben stand über der verwelkenden Haide eine jener +prächtigen Erscheinungen, wie er wohl öfters, auch in morgenländischen +Wüsten, aber nie so schön gesehen, nämlich das Wasserziehen der Sonne +[94]:--aus der ungeheuren Himmelsglocke, die über der Haide lag, wimmelnd +von glänzenden Wolken, schossen an verschiedenen Stellen majestätische +Ströme des Lichtes, und, auseinanderfahrende Straßen am Himmelszelte +bildend, schnitten sie von der gedehnten Haide blendend goldne Bilder +heraus, während das ferne Moor in einem schwachen milchigten Höhenrauche +verschwamm. + +So war es dieser Tage oft gewesen, und der heutige schloß sich wie seine +Vorgänger; nämlich zu Abends war der Himmel gefegt, und zeigte eine blanke +hochgelb schimmernde Kuppel. + +Felix ging zu der Schwester, und als er spät Abends in sein Haus +zurückkehrte, bemerkte er auch, wie man im Dorfe geklagt, daß die Halme +des Kornes so dünne standen, so zart, die wolligen Aehren pfeilrecht empor +streckend, wie ohnmächtige Lanzen. + +Am andern Tage war es schön, und immer schönere Tage kamen und schönere. + +Alles und jedes Gefühl verstummte endlich vor der furchtbaren Angst, die +täglich in den Herzen der Menschen stieg. Nun waren auch gar keine Wolken +mehr am Himmel, sondern ewig blau und ewig mild lächelte er nieder auf die +verzweifelnden Menschen. Auch eine andere Erscheinung sah man jetzt oft +auf der Haide, die sich wohl früher auch mochte ereignet haben, jedoch von +Niemand beachtet; aber jetzt, wo viele tausend und tausend Blicke täglich +nach dem Himmel gingen, wurden sie als unglückweissagender Spuk +betrachtet: nämlich ein Waldes- und Höhenzug, jenseits der Haide gelegen, +und von ihr aus durchaus nicht sichtbar, stand nun öfters sehr deutlich am +Himmel, das ihn nicht nur Alles sah, sondern daß man sich die einzelnen +Rücken und Gipfel zu nennen und zu zeigen vermochte--und wenn es im Dorfe +hieß, es sei wieder zu sehen, so ging Alles hinaus, und sah es an, und es +blieb manchmal stundenlang stehen, bis es schwankte, sich in Längen- und +Breitenstreifen zog, sich zerstückte, und mit eins verschwand. + +Die Haidelerche war verstummt; aber dafür tönte den ganzen Tag, und auch +in den warmen thaulosen Nächten das ewige einsame Zirpen und Wetzen der +Heuschrecken über die Haide, und der Angstschrei des Kibitz. Das Flinke +Wässerlein ging nur mehr wie ein dünner Seidenfaden über die graue Fläche, +und das Korn und die Gerste im Dorfe standen fahlgrün und wesenlos in die +Luft, [95] und erzählten bei dem Hauche derselben mit leichtfertigem +Rauschen ihre innere Leere. Die Baumfrüchte lagen klein und mißreif auf +der Erde, die Blätter waren staubig und von Blümlein war nichts mehr auf +dem Rasen, der sich selber wie rauschend Papier zwischen den Feldern +hinzog. + +Es war die äußerste Zeit. Man flehte mit Inbrunst zu dem verschlossenen +Gewölbe des Himmels. Wohl stand wieder mancher Wolkenberg tagelang am +südlichen Himmel, und nie noch wurde ein so stoffloses Ding wie eine +Wolke, von so vielen Augen angeschaut, so sehnsüchtig angeschaut, als +hier--aber wenn es Abend wurde, erglühte der Wolkenberg purpurig [96] +schön, zerging, lösete sich in lauter wunderschöne zerstreute Rosen am +Firmamente auf, und verschwand--und die Millionen freundlicher Sterne +besetzten den Himmel. + +So war der Freitag vor Pfingsten gekommen; die weiche blaue Luft war ein +blanker Felsen geworden. Vater Niklas war Nachmittags über die Haide +gekommen, das Bächlein war nun auch versiecht, [97] das Gras bis auf eine +Decke von schalgrauem [98] Filze verschwunden, nicht Futter gebend für ein +einzig Kaninchen; nur der unverwüstliche und unverderbliche Haidesohn, der +mißhandelte und verachtete Strauch, der Wachholder, stand mit eiserner +Ausdauer da, der einzige lebhafte Feldbusch, das grüne Banner der +Hoffnung; denn er bot freiwillig gerade heuer eine solche Fülle der +größten blauen Beeren, so überschwenglich, wie sich keines Haidebewohners +Gedächtniß, entsinnen konnte.--Eine plötzliche Hoffnung ging in Niklas +Haupte auf, und er dachte als Richter mit den Aeltesten des Dorfes darüber +zu rathen, wenn es nicht morgen oder übermorgen sich änderte. Er ging weit +und breit und betrachtete die Ernte, die keiner gesäet, und auf die keiner +gedacht, und er fand sie immer ergiebiger und reicher, sich, weiß Gott, in +welche Ferne erstreckend--aber da fielen ihm die armen tausend Thiere ein, +[99] die dadurch werden in Nothstand versetzt sein, wenn man die Beeren +sammle: allein er dachte, Gott der Herr wird ihnen schon eingeben, wohin +der Krammetsvogel fliegen, das Reh laufen müsse, um andere Nahrung zu +finden. + +Da er heimwärts in die Felder kam, nahm er eine Scholle und zerdrückte +sie; aber sie ging unter seinen Händen wie Kreide auseinander--und das +Getreide, vor der Zeit Greis, fing schon an, sich zu einer tauben Ernte +[100] zu bleichen. Wohl standen Wolken am Himmel, die in langen +milchweißen Streifen tausendfarbig und verwaschen die Bläue +durchstreiften, sonst immer Vorboten des Regens; aber er traute ihnen +nicht, weil sie schon drei Tage da waren, und immer wieder verschwanden, +als würden sie eingesogen von der unersättlichen Bläue. Auch manch anderer +Hausvater ging händeringend zwischen den Feldern und als es Abend +geworden, und selbst zerstückte Gewitter um den Rand des Horizontes +standen, und sich gegenseitig Blitze zusandten,--sah ein von der Stadt +heimfahrender Bauer selbst die halbgestorbene [101] Großmutter mitten im +Felde knien, und mit emporgehobenen Händen beten, als sei sie durch die +allgemeine Noth zu Bewußtsein und Kraft gelangt, und als sei sie die +Person im Dorfe, deren Wort vor allen Geltung haben müsse im Jenseits. + +Die Wolken wurden dichter, aber blitzten nur und regneten nicht. + +Wie Vater Niklas zwischen die Zäune bog, begegnete er seinem Sohne und +siehe, dieser ging mit traurigem Angesichte einher, mit weit traurigerem, +als jeder Andere im Dorfe. + +"Guten Abend, Felix," sagte der Vater zu ihm, "giebst Du denn die Hoffnung +ganz auf?" + +"Welche Hoffnung, Vater?" + +"Giebt es denn eine andere, als die Ernte?" + +"Ja, Vater, es giebt eine andere;--die der Ernte wird in Erfüllung gehen, +die andere nicht. Ich will es Euch sagen, ich selber habe etwas für Euch +und das Dorf gethan. Ich habe zu der Obrigkeiten der fernen Hauptstadt +geschrieben, und ihnen der Stand der Dinge gemeldet; ich habe Freunde dort +und manche haben mich lieb gehabt,--sie werden Euch helfen, daß ihr keinen +Hauch von Noth empfindet sollet, und auch ich werde so viel helfen, als in +meiner Kraft ist. Aber tröstet Euch und tröstet das Dorf: alle Hilfe von +Menschen werdet Ihr nicht brauchen; ich habe den Himmel und seine Zeichen +auf meinen Wanderungen kennen gelernt, und er zeigt, daß es morgen regnen +werde.--Gott macht ja immer Alles, Alles gut, und es wird auch dort gut +sein, wo er Schmerz und Entsagung sendet." + +"Möge Dein Wort in Erfüllung gehen, Sohn, daß wir zusammen glückliche +Festtage feiern." + +"Amen," sagte der Sohn, "ich begleite Euch zur Mutter; wir wollen +glückliche Festtage feiern." + +Pfingstsamstags-Morgen war angebrochen und der ganze Himmel hing voll +Wolken; aber noch war kein Tropfen gefallen. So ist der Mensch. Gestern +gab jeder die Hoffnung der Ernte auf, und heute glaubte jeder, mit einigen +Tropfen wäre ihr geholfen. Die Weiber und Mägde standen auf dem Dorfplatze +und hatten Fässer und Geschirr hergebracht, um, wenn es regne, und der +Dorfbach sich fülle, doch auch heuer wie sonst, ihre Festtagsreinigungen +vornehmen zu können und feierliche Pfingsten zu halten. Aber es wurde +Nachmittag, und noch kein Tropfen war gefallen, die Wolken wurden zwar +nicht dünner--aber es kam auch Abend, und kein Tropfen war gefallen. + +Spät Nachts war der Bote zurückgekommen, den Felix in die Stadt zur Post +gesendet, und brachte einen Brief für ihn. Er lohnte [102] den Boten, +trat, als er allein war, vor die Lampe seines Tisches, und entsiegelte die +wohlbekannte Handschrift: "Es macht mir vielen Kummer, in der That, +s c h w e r e n Kummer, daß ich Ihre Bitte abschlagen muß. Ihre +selbstgewählte Stellung in der Welt macht es unmöglich zu willfahren; +meine Tochter sieht ein, daß so nichts sein kann, und hat nachgegeben. Sie +wird den Sommer und Winter in Italien zubringen, um sich zu erholen, und +sendet Ihnen durch mich die besten Grüße. Sonst ihr treuer, ewiger +Freund." + +Der Mann, als er gelesen, trat mit schneebleichem Angesichte und mit +zuckenden Lippen von dem Tische weg--an den Wimpern zitterten Thränen vor. +Er ging ein paarmal auf und ab, legte endlich das erhaltene Schreiben +langsam auf den Tisch, schritt mit dem Lichte gegen einen Schrein, nahm +ein Päckchen Briefe heraus, legte sie schön zusammen, umwickelte sie mit +einem feinen Umschlage, und siegelte sie zu--dann legte er sie wieder in +den Schrein. + +"Es ist geschehen," sagte er athmend, und trat an's Fenster, sein Auge an +den dicken finstern Nachthimmel legend. Unten stand ein verwelkter +Garten--die Haide schlummerte--und auch das entfernte Dorf lag in +hoffnungsvollen Träumen. + +Es war eine lange, lange Stille. + +"Meine selbstgewählte Stellung," sagte er endlich sich emporrichtend--und +im tiefen, tiefen Schmerze war es wie eine zuckende Seligkeit, die ihn +lohnte. Dann löschte er das Licht aus und ging zu Bette. + +Des andern Morgens, als sich die Augen aller Menschen öffneten, war der +ganze Haidehimmel grau, und ein dichter sanfter Landregen träufelte +nieder. + +Alles, alles war nun gelöset; die freudigen Festgruppen der Kirchgänger +rüsteten sich, und ließen gern das köstliche Naß durch ihre Kleider +sinken, um nur zum Tempel Gottes zu gehen und zu danken--auch Felix ließ +es durch seine Kleider sinken, ging mit und dankte mit, und Keiner wußte, +was seine sanften, ruhigen Augen bargen. + +So weit geht unsere Wissenschaft von Felix, dem Haidebewohner.--Von seinem +Wirken und dessen Früchten liegt nichts vor: aber sei es so oder so--trete +nur getrost dereinst vor deinen Richter, du reiner Mensch, und sage: +"Herr, ich konnte nicht anders, als dein Pfund pflegen, das du mir +anvertraut hast," und wäre dann selbst dein Pfund zu leicht gewesen, der +Richter wird gnädiger richten als die Menschen. + + + + +NOTES. + +To forestall one criticism to which the following short commentary would +seem to lay itself open, I wish to state that the plan of making the notes +partly in English and partly in German has been formed after considerable +reflection. Stifter's use of language is so peculiar and original in +places, that the nearest approach to the force of an expression is often +made in German, as [29], [41], [46], [47], etc. A mere translation in such +places would be misleading without a full explanation of the idiomatic +bearing of the word or phrase in question. On the other hand, the pregnant +meaning of words like [15], [72], [75], etc., it has been thought, would +best be suggested in English for the sake of simplicity, and further +elucidation left to the teacher. + +O. H. + + * * * * * + + +I. + + +[1] FLECKCHEN, _a little spot_. + +[2] SEIT UNVORDENKLICHEN ZEITEN, _beyond man's memory_. + +[3] HAIDEFÖHRE; Föhre = Fichte. + +[4] ZEITWEISE, zuweilen, hie und da, dann und wann. + +[5] WACHHOLDERSTAUDE, _juniper-bush_. + +[6] IM WEITERN, sonst. + +[7] MAN MÜßTE NUR, _unless one, etc_. + +[8] GELÄNDE, _tract of land, landscape_. + +[9] DES ÖFTERN, öfters. + +[10] EIGENTLICH, genau, wirklich, wahrhaft, ursprünglich. + +[11] IM GRUNDE, _in fact_. + +[12] HEGTE, _cherished_. + +[13] MITBESITZER; one who shares the possession of something with others. + +[14] ABSTAMMUNG; a play upon the original word "Stamm"; means ramification +as well as descent. + +[15] SIPPSCHAFT, generally used in a contemptuous sense. + +[16] BLAUDUFTIG, _in a blue haze_. + +[17] ROßBERG, von Roß, syn. Pferd. + +[18] ÜBERHAUPT, _altogether_. + +[19] NUN, hier zu übersetzen mit _then_. + +[20] PFLEGEBEFOHLENEN, syn. Schützlinge. + +[21] ZUTHAT, _addition_. + +[22] BEWERKSTELLIGTES, part. pass. von bewerkstelligen, zu Stande bringen, +vollenden. + +[23] GERÄUMIG; abgeleitet von Raum. + +[24] EIN UND DAS ANDERE FACH, einige Fächer. + +[25] VORERST, zuerst. + +[26] WIDERSPENSTIGER, eigensinniger. + +[27] FAHREN LASSEN, hergeben, abgeben, aufgeben (_to let go_). + +[28] ANZULEGENDEN; Part. fut. pass. + +[29] STARRTEN, starren heißt hier, wie oft, starr sein, wie z.B. vor +Frost, Entsetzen, aber auch Waffen, etc. starr = unbeugsam. + +[30] STROTZTEN; strotzten mit Präp. von, in Fülle schwellen, oft mit dem +Nebenbegriff des Stolzes. + +[31] AUFTISCHTEN, vorsetzten. + +[32] WOHL, _it is true that_ ... + +[33] EINBEEREN; die Einbeere oder Wolfsbeere, _true-love_, a plant. + +[34] FREILICH, _of course_. + +[35] SCHNARRENDER; from schnarren (onomatopoeic), the colorless sound +produced by the vibrations of a string; used also of the drum. + +[36] SPRINGER; gemeint ist der Heuspringer oder die Heuschrecke, Gryllus. + +[37] HEIDUKEN; localism; what is meant is probably Heidschnacken or +Heidschnucken (pl.), _heath-muttons_. + +[38] ZIRPEND; onomatopoeic from the "zirp, zirp" of these insects. + +[39] SCHLEIFEND; descriptive, again, of the sound produced by these +insects, which resembles the whetting of scythes. + +[40] GESINGE, monotonous singing, _sing-song_. + +[41] VORBEILÄUTETE; der Ton der Hummel wird mit dem einer Glocke +verglichen. + +[42] KEHRSEITE, Rückseite. + +[43] EITEL, lauter; _pure_. + + "Esset eitel ungesäuert Brot," 2. Mos. 12, 20. + +[44] SCHLÜPFEN, scil. in das und aus dem Loch. + +[45] SEIT URZEITEN, siehe Anmerkung 2, p. 3. + +[46] WAR KEINER ERLEBT WORDEN, niemand hatte in seinem ganzen Leben einen +gesehen. + +[47] EIERSAUFENDE; Saufen ist das Trinken der Thiere; man würde erwarten +eierschlürfende. + +[48] WAS IHM GEWORDEN, _which had fallen to his share_. + +[49] UNBEGREIFLICHER WEISE, _in some incomprehensible manner_. + +[50] VORQUOLL, hervorquoll. + +[51] BREI AUS HIRSE, _millet-pudding or pap_. + +[52] KAM ... DAHER, _came along_. + +[53] ERBARMTE IHR DER KNABE; erbarmen, ordinarily used as a reflexive verb +with a genitive in the sense of _take pity on someone_, is used here +in the sense of _cause pity to someone_. + + +II. + + +[54] TRINKSPRUCH, _toper's adage_. + +[55] SCHUPPEN, _carriage-house_. + +[56] TRIEB IMMER SEHR FRÜH NACH HAUSE, scil. die Schafe. The parents are +described somewhat after the fashion of Goethe's account of his parents, +of whom he said: + + Vom Vater hab' ich die Statur, + Des Lebens ernstes Führen, + Vom Mütterchen die Frohnatur, + Und Lust zum Fabulieren. + +[57] STÖSSIGER BOCK; einer der stößt (mit den Hörnern). + +[58] IRRSAL STIFTETE, _made trouble_. + +[59] ZU PAAREN TRIEB, _mastered, subdued_. + +[60] GEKAUERT; part. from kauern, _to cower_. + +[61] SICH IN DIE BEGEISTERUNG GEREDET, _talked herself into +enthusiasm_. + +[62] DA GRAUTE ER SICH AB, more expressive than es graute ihm. + +[63] ZUG, here _procession_. + +[64] UMKRAMPFTE, _seized him as if in a spasm_. + +[65] GESEGNEN, segnen. + + +III. + + +[66] HEUEN, Heu machen. + +[67] UND ES WURDE IHM SO GUT, _and he was doing so well_. + +[68] WANDERPACK, Ränzel, Felleisen. + +[69] EITEL FREUDE, nichts als Freude. + +[70] VON DANNEN ZOG, _went on his way_. + +[71] DAS ... GUT ANSCHLUG, _which was doing well_. + +[72] GRUNDHERRSCHAFT, _the landlord_; lit. _the landlordship_. + +[73] BAUTEN SICH AN, _built houses, settled there_. + +[74] TRIEBEN EIGENE WIRTHSCHAFT, _kept house by themselves_. + +[75] KANZLEIHERRN, _the officials_; note the significance of Herrn in +the context. + +[76] GELIEBT, beliebt, gefällt. + +[77] SIE SAH NICHT, das Mutterherz sah nicht. + +[78] FIEL IHM KLEIN MARTHA BEI; beifallen, einfallen. + +[79] WELSCHLAND, hier Italien; welsch heißt überhaupt ausländisch, genauer +romanisch. "Welsh with these men means foreign and is used for all people +of Europe who are not of Gothic or Teutonic blood." (William Morris, "A +Tale of the House of the Wolfings," etc.) + + +IV + + +[80] HATTE ES MANCHEM VERWISCHT; hatte Manchem die Erinnerung daran +ausgelöscht. + +[81] EINERLEIHEIT, _monotony_. + +[82] HAIDEBÜHEL; Bühel, Hügel. + +[83] VORLALLTE; lallen, das unverständliche Sprechen der Kinder. + +[84] LEGTE SICH SEIN HERZ DAR, zeigte sich sein Herz. + +[85] JE; hier soviel wie dort. Sehr ungewöhnlicher Gebrauch. + +[86] WENDET, verwendet. + +[87] ZU GUTE BEKOMMET, _get the good of it._ + +[88] WAS KOMMT BEI DIR, _what are you thinking of_? + +[89] DA SEI GOTT VOR, GOTT BEWAHRE; _God forbid_. + +[90] THAT GLEICHGÜLTIG, _tried to act indifferently_. + +[91] MACHTE SICH ZU THUN, _busied himself_. + +[92] UND ES WAR IHM, _and he felt_. + +[93] FIEL IHM AUF, _he noticed with astonishment_. + +[94] WASSERZIEHEN DER SONNE, "_The sun drawing water_." + +[95] STANDEN IN DIE LUFT, note the accusative. + +[96] PURPURIG; until very recently (the discovery and exhibition of the +"Resurrected of Kerke") the notion prevailed in Germany that the "purple" +of the ancients was a golden or scarlet hue. + +[97] VERSIECHT, versiegt. + +[98] SCHALGRAUEM; schal, _flat, insipid_. + +[99] FIELEN IHM EIN, _occurred to him_. + +[100] TAUBE ERNTE; _a useless crop_; taub in the secondary sense +designates that which lacks the most essential. + +[101] HALBGESTORBENE; note the difference between this and halbtote. + +[102] LOHNTE, bezahlte. The pay of a messenger is called Botenlohn. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Haidedorf, by Adalbert Stifter + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HAIDEDORF *** + +***** This file should be named 7068-8.txt or 7068-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/7/0/6/7068/ + +Produced by David Starner, Delphine Lettau, Olaf Voss, and +the people at Disributed Proofing + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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