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+Project Gutenberg's Also Sprach Zarathustra, by Friedrich Wilhelm Nietzsche
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Also Sprach Zarathustra
+
+Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche
+
+Posting Date: August 5, 2011 [EBook #7205]
+Release Date: January, 2005
+[This file was first posted on March 26, 2003]
+[Last updated: December 21, 2014]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALSO SPRACH ZARATHUSTRA ***
+
+
+
+
+Produced by Peter Bellen, derived from HTML files at
+"Projekt Gutenberg - DE"
+
+
+
+
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+
+
+
+
+
+Friedrich Nietzsche
+
+Also sprach Zarathustra
+
+Ein Buch für Alle und Keinen
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+ Erster Theil
+ Zarathustra's Vorrede
+ Die Reden Zarathustra's
+ Von den drei Verwandlungen
+ Von den Lehrstühlen der Tugend
+ Von den Hinterweltlern
+ Von den Verächtern des Leibes
+ Von den Freuden- und Leidenschaften
+ Vom bleichen Verbrecher
+ Vom Lesen und Schreiben
+ Vom Baum am Berge
+ Von den Predigern des Todes
+ Vom Krieg und Kriegsvolke
+ Vom neuen Götzen
+ Von den Fliegen des Marktes
+ Von der Keuschheit
+ Vom Freunde
+ Von tausend und Einem Ziele
+ Von der Nächstenliebe
+ Vom Wege des Schaffenden
+ Von alten und jungen Weiblein
+ Vom Biss der Natter
+ Von Kind und Ehe
+ Vom freien Tode
+ Von der schenkenden Tugend
+ Zweiter Theil
+ Das Kind mit dem Spiegel
+ Auf den glückseligen Inseln
+ Von den Mitleidigen
+ Von den Priestern
+ Von den Tugendhaften
+ Vom Gesindel
+ Von den Taranteln
+ Von den berühmten Weisen
+ Das Nachtlied
+ Das Tanzlied
+ Das Grablied
+ Von der Selbst-Überwindung
+ Von den Erhabenen
+ Vom Lande der Bildung
+ Von der unbefleckten Erkenntniss
+ Von den Gelehrten
+ Von den Dichtern
+ Von grossen Ereignissen
+ Der Wahrsager
+ Von der Erlösing
+ Von der Menschen-Klugheit
+ Die stillste Stunde
+ Dritter Theil
+ Der Wanderer
+ Vom Gesicht und Räthsel
+ Von der Seligkeit wider Willen
+ Vor Sonnen-Aufgang
+ Von der verkleinernden Tugend
+ Auf dem Ölberge
+ Vom Vorübergehen
+ Von den Abtrünnigen
+ Die Heimkehr
+ Von den drei Bösen
+ Vom Geist der Schwere
+ Von alten und neuen Tafeln
+ Der Genesende
+ Von der grossen Sehnsucht
+ Das andere Tanzlied
+ Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied)
+ Vierter und letzter Theil
+ Das Honig-Opfer
+ Der Nothschrei
+ Gespräch mit den Königen
+ Der Blutegel
+ Der Zauberer
+ Ausser Dienst
+ Der hässlichste Mensch
+ Der freiwillige Bettler
+ Der Schatten
+ Mittags
+ Die Begrüssung
+ Das Abendmahl
+ Vom höheren Menschen
+ Das Lied der Schwermuth
+ Von der Wissenschaft
+ Unter Töchtern der Wüste
+ Die Erweckung
+ Das Eselsfest
+ Das Nachtwandler-Lied
+ Das Zeichen
+
+
+
+
+Erster Theil
+
+Zarathustra's Vorrede.
+
+1.
+
+Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und
+den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines
+Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde.
+Endlich aber verwandelte sich sein Herz, - und eines Morgens stand
+er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr
+also:
+
+"Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest,
+welchen du leuchtest!
+
+Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines
+Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler
+und meine Schlange.
+
+Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss
+ab und segneten dich dafür.
+
+Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die
+des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich
+ausstrecken.
+
+Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den
+Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres
+Reichthums froh geworden sind.
+
+Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn
+du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du
+überreiches Gestirn!
+
+Ich muss, gleich dir, _untergehen_, wie die Menschen es nennen, zu
+denen ich hinab will.
+
+So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein
+allzugrosses Glück sehen kann!
+
+Segne den Becher, welcher überfliessen will, dass das Wasser golden aus
+ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!
+
+Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will
+wieder Mensch werden."
+
+- Also begann Zarathustra's Untergang.
+
+
+2.
+
+Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand begegnete
+ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor
+ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu
+suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:
+
+Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre gieng er hier
+vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals
+trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die
+Thäler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?
+
+Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde
+birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
+
+Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter
+ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
+
+Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich.
+Wehe, du willst an's Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder
+selber schleppen?
+
+Zarathustra antwortete: "Ich liebe die Menschen."
+
+Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Einöde?
+War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
+
+Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir
+eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.
+
+Zarathustra antwortete: "Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den
+Menschen ein Geschenk."
+
+Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Nimm ihnen lieber Etwas ab und
+trage es mit ihnen - das wird ihnen am wohlsten thun: wenn er dir nur
+wohlthut!
+
+Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und
+lass sie noch darum betteln!
+
+"Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich
+nicht arm genug."
+
+Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: So sieh zu, dass
+sie deine Schätze annehmen! Sie sind misstrauisch gegen die Einsiedler
+und glauben nicht, dass wir kommen, um zu schenken.
+
+Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn
+sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die
+Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
+
+Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu
+den Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich, - ein Bär unter
+Bären, ein Vogel unter Vögeln?
+
+"Und was macht der Heilige im Walde?" fragte Zarathustra.
+
+Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich
+Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
+
+Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein
+Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?
+
+Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüsste er den Heiligen und
+sprach: "Was hätte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon,
+dass ich euch Nichts nehme!" - Und so trennten sie sich von einander,
+der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.
+
+Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen:
+"Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde
+noch Nichts davon gehört, dass _Gott todt_ ist!" -
+
+
+3.
+
+Als Zarathustra in die Nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt,
+fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es
+war verheissen worden, das man einen Seiltänzer sehen solle. Und
+Zarathustra sprach also zum Volke:
+
+Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden
+werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
+
+"Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die
+Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehen, als
+den Menschen zu überwinden?"
+
+Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine
+schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen
+sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.
+
+Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in
+euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch
+mehr Affe, als irgend ein Affe.
+
+Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt
+und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu
+Gespenstern oder Pflanzen werden?
+
+Seht, ich lehre euch den Übermenschen!
+
+Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch
+_sei_ der Sinn der Erde!
+
+Ich beschwöre euch, meine Brüder, _bleibt der Erde treu_ und glaubt
+Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!
+Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.
+
+Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren
+die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!
+
+Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, und
+damit auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das
+Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten,
+als der Sinn der Erde!
+
+Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese
+Verachtung das Höchste: - sie wollte ihn mager, grässlich, verhungert.
+So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.
+
+Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert: und
+Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!
+
+Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib
+von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein
+erbärmliches Behagen?
+
+Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein
+Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein
+zu werden.
+
+Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann
+eure grosse Verachtung untergehn.
+
+Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der
+grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel
+wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth
+und Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das
+Dasein selber rechtfertigen!"
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie
+nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und
+Schmutz und ein erbärmliches Behagen!"
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie
+mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines
+Bösen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!"
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe
+nicht, dass ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Gluth und
+Kohle!"
+
+Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht
+Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt?
+Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung."
+
+Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon
+so schreien gehört hatte!
+
+Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz
+selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!
+
+Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der
+Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?
+
+Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist
+dieser Wahnsinn! -
+
+Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: "Wir
+hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!"
+Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher
+glaubte, dass das Wort ihm gälte, machte sich an sein Werk.
+
+
+4.
+
+Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er
+also:
+
+Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, - ein
+Seil über einem Abgrunde.
+
+Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein
+gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und
+Stehenbleiben.
+
+Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein
+Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein
+_Übergang_ und ein _Untergang_ ist.
+
+Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als
+Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.
+
+Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden
+sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
+
+Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund
+suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde
+opfern, dass die Erde einst der Übermenschen werde.
+
+Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen
+will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen
+Untergang.
+
+Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Übermenschen
+das Haus baue und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so
+will er seinen Untergang.
+
+Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum
+Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.
+
+Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich
+zurückbehält, sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so
+schreitet er als Geist über die Brücke.
+
+Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein
+Verhängniss macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und
+nicht mehr leben.
+
+Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend
+ist mehr Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das
+Verhängniss hängt.
+
+Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben
+will und nicht zurückgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht
+bewahren.
+
+Ich liebe Den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke
+fällt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? - denn er
+will zu Grunde gehen.
+
+Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft
+und immer noch mehr hält, als er verspricht: denn er will seinen
+Untergang.
+
+Ich liebe Den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die
+Vergangenen erlöst: denn er will an den Gegenwärtigen zu Grunde gehen.
+
+Ich liebe Den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott
+liebt: denn er muss am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.
+
+Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der
+an einem kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne
+über die Brücke.
+
+Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass er sich selber
+vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein
+Untergang.
+
+Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein
+Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum
+Untergang.
+
+Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus
+der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, dass
+der Blitz kommt, und gehn als Verkündiger zu Grunde.
+
+Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus
+der Wolke: dieser Blitz aber heisst Übermensch. -
+
+
+5.
+
+Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk
+an und schwieg. "Da stehen sie", sprach er zu seinem Herzen, "da
+lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese
+Ohren.
+
+Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den
+Augen hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder
+glauben sie nur dem Stammelnden?
+
+Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was
+sie stolz macht? Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den
+Ziegenhirten.
+
+Drum hören sie ungern von sich das Wort `Verachtung`. So will ich denn
+zu ihrem Stolze reden.
+
+So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist
+_der_letzte_Mensch_."
+
+Und also sprach Zarathustra zum Volke:
+
+Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an
+der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
+
+Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm
+und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
+
+Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner
+Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens
+verlernt hat, zu schwirren!
+
+Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden
+Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
+
+Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird.
+Wehe! Es kommt die Weit des verächtlichsten Menschen, der sich selber
+nicht mehr verachten kann.
+
+Seht! Ich zeige euch _den_letzten_Menschen_.
+
+"Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern" -
+so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
+
+Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch,
+der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der
+Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
+
+"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und
+blinzeln.
+
+Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man
+braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn
+man braucht Wärme.
+
+Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam
+einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
+
+Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift
+zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
+
+Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt
+dass die Unterhaltung nicht angreife.
+
+Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer
+will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
+
+Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich:
+wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.
+
+"Ehemals war alle Welt irre" - sagen die Feinsten und blinzeln.
+
+Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende
+zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald - sonst
+verdirbt es den Magen.
+
+Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht:
+aber man ehrt die Gesundheit.
+
+"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und
+blinzeln -
+
+Und hier endete die erste Rede Zarathustra's, welche man auch "die
+Vorrede" heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und
+die Lust der Menge. "Gieb uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra,
+- so riefen sie - mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken
+wir dir den Übermenschen!" Und alles Volk jubelte und schnalzte mit
+der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:
+
+Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht den Mund für diese Ohren.
+
+Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und
+Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.
+
+Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber
+sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Spässen.
+
+Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen
+sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.
+
+
+6.
+
+Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr
+machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen:
+er war aus einer kleiner Thür hinausgetreten und gieng über das Seil,
+welches zwischen zwei Thürmen gespannt war, also, dass es über dem
+Markte und dem Volke hieng. Als er eben in der Mitte seines Weges war,
+öffnete sich die kleine Thür noch einmal, und ein bunter Gesell, einem
+Possenreisser gleich, sprang heraus und gieng mit schnellen Schritten
+dem Ersten nach. "Vorwärts, Lahmfuss, rief seine fürchterliche Stimme,
+vorwärts Faulthier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Dass ich dich
+nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thürmen?
+In den Thurm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern,
+als du bist, sperrst du die freie Bahn!" - Und mit jedem Worte kam er
+ihm näher und näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm
+war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes
+Auge starr machte: - er stiess ein Geschrei aus wie ein Teufel und
+sprang über Den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so
+seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er
+warf seine Stange weg und schoss schneller als diese, wie ein Wirbel
+von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich
+dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: Alles floh aus einander und
+übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen
+musste.
+
+Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Körper
+hin, übel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht todt. Nach einer
+Weile kam dem Zerschmetterten das Bewusstsein zurück, und er sah
+Zarathustra neben sich knieen. "Was machst du da? sagte er endlich,
+ich wusste es lange, dass mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun
+schleppt er mich zur Hölle: willst du's ihm wehren?"
+
+"Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra, das giebt es Alles
+nicht, wovon du sprichst: es giebt keinen Teufel und keine Hölle.
+Deine Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: fürchte nun
+Nichts mehr!"
+
+Der Mann blickte misstrauisch auf. "Wenn du die Wahrheit sprichst,
+sagte er dann, so verliere ich Nichts, wenn ich das Leben verliere.
+Ich bin nicht viel mehr als ein Thier, das man tanzen gelehrt hat,
+durch Schläge und schmale Bissen."
+
+"Nicht doch, sprach Zarathustra; du hast aus der Gefahr deinen Beruf
+gemacht, daran ist Nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf
+zu Grunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben."
+
+Als Zarathustra diess gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht
+mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustra's
+zum Danke suche. -
+
+
+7.
+
+Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da
+verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrecken werden
+müde. Zarathustra aber sass neben dem Todten auf der Erde und war in
+Gedanken versunken: so vergass er die Zeit. Endlich aber wurde es
+Nacht, und ein kalter Wind blies über den Einsamen. Da erhob sich
+Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:
+
+Wahrlich, einen schönen Fischfang that heute Zarathustra! Keinen
+Menschen fieng er, wohl aber einen Leichnam.
+
+Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein
+Possenreisser kann ihm zum Verhängniss werden.
+
+Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der
+Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.
+
+Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren
+Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und
+einem Leichnam.
+
+Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustra's. Komm, du
+kalter und steifer Gefährte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit
+meinen Händen begrabe.
+
+
+8.
+
+Als Zarathustra diess zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den
+Leichnam auf seinem Rücken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht
+war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran
+und flüsterte ihm in's Ohr - und siehe! Der, welcher redete, war der
+Possenreisser vom Thurme. "Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra,
+sprach er; es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die Guten und
+Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen
+dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die
+Gefahr der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich lachte: und
+wahrlich, du redetest gleich einem Possenreisser. Dein Glück war
+es, dass du dich dem todten Hunde geselltest; als du dich so
+erniedrigtest, hast du dich selber für heute errettet. Geh aber fort
+aus dieser Stadt - oder morgen springe ich über dich hinweg, ein
+Lebendiger über einen Todten." Und als er diess gesagt hatte,
+verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen
+Gassen.
+
+Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengräber: sie leuchteten
+ihm mit der Fackel in's Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten
+sehr über ihn. "Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass
+Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich
+für diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen
+stehlen? Nun wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der
+Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! - er stiehlt die Beide,
+er frisst sie Beide!" Und sie lachten mit einander und steckten die
+Köpfe zusammen.
+
+Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei
+Stunden gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu
+viel das hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber kam der
+Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht
+brannte.
+
+Der Hunger überfällt mich, sagte Zarathustra, wie ein Räuber. In
+Wäldern und Sümpfen überfällt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.
+
+Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der
+Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?
+
+Und damit schlug Zarathustra an das Thor des Hauses. Ein alter Mann
+erschien; er trug das Licht und fragte: "Wer kommt zu mir und zu
+meinem schlimmen Schlafe?"
+
+"Ein Lebendiger und ein Todter, sagte Zarathustra. Gebt mir zu essen
+und zu trinken, ich vergass es am Tage. Der, welcher den Hungrigen
+speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit."
+
+Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurück und bot Zarathustra Brod
+und Wein. "Eine böse Gegend ist's für Hungernde, sagte er; darum wohne
+ich hier. Thier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heisse
+auch deinen Gefährten essen und trinken, er ist müder als du."
+Zarathustra antwortete: "Todt ist mein Gefährte, ich werde ihn
+schwerlich dazu überreden." "Das geht mich Nichts an, sagte der Alte
+mürrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss auch nehmen, was ich ihm
+biete. Esst und gehabt euch wohl!" -
+
+Darauf gieng Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege
+und dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgänger und
+liebte es, allem Schlafenden in's Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen
+graute, fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg
+zeigte sich ihm mehr. Da legte er den Todten in einen hohlen Baum sich
+zu Häupten - denn er wollte ihn vor den Wölfen schützen - und sich
+selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, müden
+Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.
+
+
+9.
+
+Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenröthe gieng über
+sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber that sein Auge
+sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille,
+verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein
+Seefahrer, der mit Einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah
+eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen:
+
+Ein Licht gieng mir auf: Gefährten brauche ich und lebendige, - nicht
+todte Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
+
+Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich
+selber folgen wollen - und dorthin, wo ich will.
+
+Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu
+Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Heerde Hirt und Hund werden!
+
+Viele wegzulocken von der Heerde - dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk
+und Heerde: Räuber will Zarathustra den Hirten heissen.
+
+Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten
+sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.
+
+Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der
+zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das
+aber ist der Schaffende.
+
+Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der
+zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das
+aber ist der Schaffende.
+
+Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht
+Heerden und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die,
+welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben.
+
+Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei
+ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er
+Ähren aus und ist ärgerlich.
+
+Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen
+wissen. Vernichter wird man sie heissen und Verächter des Guten und
+Bösen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.
+
+Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht
+Zarathustra: was hat er mit Heerden und Hirten und Leichnamen zu
+schaffen!
+
+Und du, mein erster Gefährte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in
+deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wölfen.
+
+Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenröthe und
+Morgenröthe kam mir eine neue Wahrheit.
+
+Nicht Hirt soll ich sein, nicht Todtengräber. Nicht reden einmal will
+ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten.
+
+Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich
+zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen
+des Übermenschen.
+
+Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und
+wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer
+machen mit meinem Glücke.
+
+Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden
+und Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr
+Untergang!
+
+
+10.
+
+Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im
+Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe - denn er hörte über
+sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten
+Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer
+Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen
+Hals geringelt.
+
+"Es sind meine Thiere!" sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.
+
+"Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klügste Thier unter der
+Sonne - sie sind ausgezogen auf Kundschaft.
+
+Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich
+noch?
+
+Gefährlicher fand ich's unter Menschen als unter Thieren, gefährlicher
+Wege geht Zarathustra. Mögen mich meine Thiere führen!"
+
+Als Zarathustra diess gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen
+im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:
+
+Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, gleich
+meiner Schlange!
+
+Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er
+immer mit meiner Klugheit gehe!
+
+Und wenn mich einst meine Klugheit verlässt: - ach, sie liebt es,
+davonzufliegen! - möge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit
+fliegen!
+
+- Also begann Zarathustra's Untergang.
+
+
+
+Die Reden Zarathustra's
+
+Von den drei Verwandlungen
+
+Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum
+Kamele wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der
+Löwe.
+
+Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem
+Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine
+Stärke.
+
+Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem
+Kameele gleich, und will gut beladen sein.
+
+Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass
+ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.
+
+Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun?
+Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
+
+Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg
+feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
+
+Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nähren und
+um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
+
+Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit
+Tauben Freundschaft schliessen, die niemals hören, was du willst?
+
+Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser
+der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heisse Kröten nicht von sich
+weisen?
+
+Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die
+Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?
+
+Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele
+gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.
+
+Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum
+Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr
+sein in seiner eignen Wüste.
+
+Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und
+seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.
+
+Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott
+heissen mag? "Du-sollst" heisst der grosse Drache. Aber der Geist des
+Löwen sagt "Ich will".
+
+"Du-sollst" liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und
+auf jeder Schuppe glänzt golden "Du-sollst!"
+
+Tausendjährige Werthe glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der
+mächtigste aller Drachen "aller Werth der Dinge - der glänzt an mir."
+
+"Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth - das
+bin ich. Wahrlich, es soll kein `Ich will` mehr geben!" Also spricht
+der Drache.
+
+Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das
+lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
+
+Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Löwe noch nicht: aber
+Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des
+Löwen.
+
+Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht:
+dazu, meine Brüder bedarf es des Löwen.
+
+Recht sich nehmen zu neuen Werthen - das ist das furchtbarste Nehmen
+für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist
+es ihm und eines raubenden Thieres Sache.
+
+Als sein Heiligstes liebte er einst das "Du-sollst": nun muss er Wahn
+und Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit
+raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.
+
+Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe
+nicht vermochte? Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde
+werden?
+
+Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein
+aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.
+
+Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen
+Ja-sagens: _seinen_ Willen will nun der Geist, _seine_ Welt gewinnt
+sich der Weltverlorene.
+
+Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum
+Kameele ward, und zum Löwen das Kameel, und der Löwe zuletzt zum
+Kinde. --
+
+Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche
+genannt wird: die bunte Kuh.
+
+
+
+Von den Lehrstühlen der Tugend
+
+Man rühmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der
+Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafür, und
+alle Jünglinge sässen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm gieng Zarathustra,
+und mit allen Jünglingen sass er vor seinem Lehrstuhle. Und also
+sprach der Weise:
+
+Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und Allen aus dem
+Wege gehn, die schlecht schlafen und Nachts wachen!
+
+Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich
+leise durch die Nacht. Schamlos aber ist der Wächter der Nacht,
+schamlos trägt er sein Horn.
+
+Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag
+darauf hin zu wachen.
+
+Zehn Mal musst du des Tages dich selber überwinden: das macht eine
+gute Müdigkeit und ist Mohn der Seele.
+
+Zehn Mal musst du dich wieder dir selber versöhnen; denn Überwindung
+ist Bitterniss, und schlecht schläft der Unversöhnte.
+
+Zehn Wahrheiten musst du des Tages finden: sonst suchst du noch des
+Nachts nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.
+
+Zehn Mal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst stört dich der
+Magen in der Nacht, dieser Vater der Trübsal.
+
+Wenige wissen das: aber man muss alle Tugenden haben, um gut zu
+schlafen. Werde ich falsch Zeugniss reden? Werde ich ehebrechen?
+
+Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das Alles
+vertrüge sich schlecht mit gutem Schlafe.
+
+Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muss man sich noch auf Eins
+verstehn: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.
+
+Dass sie sich nicht mit einander zanken, die artigen Weiblein! Und
+über dich, du Unglückseliger!
+
+Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und
+Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des
+Nachts um.
+
+Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So
+will es der gute Schlaf. Was kann ich dafür, dass die Macht gerne auf
+krummen Beinen Wandelt?
+
+Der soll mir immer der beste Hirt heissen, der sein Schaf auf die
+grünste Aue führt: so verträgt es sich mit dem gutem Schlafe.
+
+Viel Ehren will ich nicht, noch grosse Schätze: das entzündet die
+Milz. Aber schlecht schläft es sich ohne einen guten Namen und einen
+kleinen Schatz.
+
+Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine böse: doch muss
+sie gehn und kommen zur rechten Zeit. So verträgt es sich mit gutem
+Schlafe.
+
+Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie fördern den Schlaf.
+Selig sind die, sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.
+
+Also läuft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hüte
+ich mich wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der
+Schlaf, der der Herr der Tugenden ist!
+
+Sondern ich denke, was ich des Tages gethan und gedacht. Wiederkäuend
+frage ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine
+zehn Überwindungen?
+
+Und welches waren die zehn Versöhnungen und die zehn Wahrheiten und
+die zehn Gelächter, mit denen sich mein Herz gütlich that?
+
+Solcherlei erwägend und gewiegt von vierzig Gedanken, überfällt mich
+auf einmal der Schlaf, der Ungerufne, der Herr der Tugenden.
+
+Der Schlaf klopft mir auf meine Auge: da wird es schwer. Der Schlaf
+berührt mir den Mund: da bleibt er offen.
+
+Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und
+stiehlt mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.
+
+Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon. -
+
+Als Zarathustra den Weisen also sprechen hörte, lachte er bei sich im
+Herzen: denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er
+zu seinem Herzen:
+
+Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich
+glaube, dass er sich wohl auf das Schlafen versteht.
+
+Glücklich schon, wer in der Nähe dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf
+steckt an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.
+
+Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens
+sassen die Jünglinge vor dem Prediger der Tugend.
+
+Seine Weisheit heisst: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich, hätte
+das Leben keinen Sinn und müsste ich Unsinn wählen, so wäre auch mir
+diess der wählenswürdigste Unsinn.
+
+Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor Allem suchte, wenn man
+Lehrer der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige
+Tugenden dazu!
+
+Allen diesen gelobten Weisen der Lehrstühle war Weisheit der Schlaf
+ohne Träume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.
+
+Auch noch heute wohl giebt es Einige, wie diesen Prediger der Tugend,
+und nicht immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr
+lange stehen sie noch: da liegen sie schon.
+
+Selig sind diese Schläfrigen: denn sie sollen bald einnicken. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Hinterweltlern
+
+Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich
+allen Hinterweltlern. Eines leidenden und zerquälten Gottes Werk
+schien mir da die Welt.
+
+Traum schien mir da die Welt und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch
+vor den Augen eines göttlich Unzufriednen.
+
+Gut und böse und Lust und Leid und Ich und Du - farbiger Rauch dünkte
+mich's vor schöpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schöpfer von sich,
+- da schuf er die Welt.
+
+Trunkne Lust ist's dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich
+zu verlieren. Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dünkte mich einst
+die Welt.
+
+Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild
+und unvollkommnes Abbild - eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen
+Schöpfer: - also dünkte mich einst die Welt.
+
+Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich
+allen Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?
+
+Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und
+-Wahnsinn, gleich allen Göttern!
+
+Mensch war er, und nur ein armes Stück Mensch und Ich: aus der eigenen
+Asche und Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam
+es mir von Jenseits!
+
+Was geschah, meine Brüder? Ich überwand mich, den Leidenden, ich trug
+meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und
+siehe! Da _wich_ das Gespenst von mir!
+
+Leiden wäre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu
+glauben: Leiden wäre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu
+den Hinterweltlern.
+
+Leiden war's und Unvermögen - das schuf alle Hinterwelten; und jener
+kurze Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.
+
+Müdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem
+Todessprunge, eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr
+wollen will: die schuf alle Götter und Hinterwelten.
+
+Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war's, der am Leibe
+verzweifelte, - der tastete mit den Fingern des bethörten Geistes an
+die letzten Wände.
+
+Glaubt es mir, meine Brüder! Der Leib war's, der an der Erde
+verzweifelte, - der hörte den Bauch des Seins zu sich reden.
+
+Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wände, und nicht nur
+mit dem Kopfe, - hinüber zu "jener Welt".
+
+Aber "jene Welt" ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte
+unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des
+Seins redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.
+
+Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu
+bringen. Sagt mir, ihr Brüder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge
+noch am besten bewiesen?
+
+Ja, diess Ich und des Ich's Widerspruch und Wirrsal redet noch am
+redlichsten von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, werthende
+Ich, welches das Maass und der Werth der Dinge ist.
+
+Und diess redlichste Sein, das Ich - das redet vom Leibe, und es will
+noch den Leib, selbst wenn es dichtet und schwärmt und mit zerbrochnen
+Flügeln flattert.
+
+Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so
+mehr findet es Worte und Ehren für Leib und Erde.
+
+Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen:
+- nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken,
+sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn
+schafft!
+
+Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den
+blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von
+ihm bei Seite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!
+
+Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und
+erfanden das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen: aber auch
+noch diese süssen und düstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!
+
+Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu
+weit. Da seufzten sie: "Oh dass es doch himmlische Wege gäbe, sich in
+ein andres Sein und Glück zu schleichen!" - da erfanden sie sich ihre
+Schliche und blutigen Tränklein!
+
+Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrückt wähnten sie sich, diese
+Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entrückung Krampf und Wonne?
+Ihrem Leibe und dieser Erde.
+
+Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zürnt nicht ihren
+Arten des Trostes und Undanks. Mögen sie Genesende werden und
+Überwindende und einen höheren Leib sich schaffen!
+
+Nicht auch zürnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zärtlich nach
+seinem Wahne blickt und Mitternachts um das Grab seines Gottes
+schleicht: aber Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine
+Thränen noch.
+
+Vieles krankhafte Volk gab es immer unter Denen, welche dichten und
+gottsüchtig sind; wüthend hassen sie den Erkennenden und jene jüngste
+der Tugenden, welche heisst: Redlichkeit.
+
+Rückwärts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn
+und Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gottähnlichkeit,
+und Zweifel Sünde.
+
+Allzugut kenne ich diese Gottähnlichen: sie wollen, dass an sie
+geglaubt werde, und Zweifel Sünde sei. Allzugut weiss ich auch, woran
+sie selber am besten glauben.
+
+Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlösende Blutstropfen: sondern an
+den Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen
+ihr Ding an sich.
+
+Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne möchten sie aus
+der Haut fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und
+predigen selber Hinterwelten.
+
+Hört mir lieber, meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes:
+eine redlichere und reinere Simme ist diess.
+
+Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und
+rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Verächtern des Leibes
+
+Den Verächtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und
+umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl sagen
+- und also stumm werden.
+
+"Leib bin ich und Seele" - so redet das Kind. Und warum sollte man
+nicht wie die Kinder reden?
+
+Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und
+Nichts ausserdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
+
+Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein
+Krieg und ein Frieden, eine Heerde und ein Hirt.
+
+Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder,
+die du "Geist" nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen
+Vernunft.
+
+"Ich" sagst du und bist stolz auf diess Wort. Aber das Grössere ist,
+woran du nicht glauben willst, - dein Leib und seine grosse Vernunft:
+die sagt nicht Ich, aber thut Ich.
+
+Was der Sinn fühlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich
+sein Ende. Aber Sinn und Geist möchten dich überreden, sie seien aller
+Dinge Ende: so eitel sind sie.
+
+Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das
+Selbst. Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch
+mit den Ohren des Geistes.
+
+Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert,
+zerstört. Es herrscht und ist auch des Ich's Beherrscher.
+
+Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger
+Gebieter, ein unbekannter Weiser - der heisst Selbst. In deinem Leibe
+wohnt er, dein Leib ist er.
+
+Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.
+Und wer weiss denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nöthig
+hat?
+
+Dein Selbst lacht über dein Ich und seine stolzen Sprünge. "Was sind
+mir diese Sprünge und Flüge des Gedankens? sagt es sich. Ein Umweg
+zu meinem Zwecke. Ich bin das Gängelband des Ich's und der Einbläser
+seiner Begriffe."
+
+Das Selbst sagt zum Ich: "hier fühle Schmerz!" Und da leidet es und
+denkt nach, wie es nicht mehr leide - und dazu eben _soll_ es denken.
+
+Das Selbst sagt zum Ich: "hier fühle Lust!" Da freut es sich und denkt
+nach, wie es noch oft sich freue - und dazu eben _soll_ es denken.
+
+Den Verächtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Dass sie verachten,
+das macht ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Werth
+und Willen schuf?
+
+Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich
+Lust und Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand
+seines Willens.
+
+Noch in eurer Thorheit und Verachtung, ihr Verächter des Leibes, dient
+ihr eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und
+kehrt sich vom Leben ab.
+
+Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten wilI: - über sich hinaus
+zu schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.
+
+Aber zu spät ward es ihm jetzt dafür: - so will euer Selbst untergehn,
+ihr Verächter des Leibes.
+
+Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verächtern des
+Leibes! Denn nicht mehr vermögt ihr über euch hinaus zu schaffen.
+
+Und darum zürnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewusster Neid
+ist im scheelen Blick eurer Verachtung.
+
+Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verächter des Leibes! Ihr seid mir keine
+Brücken zum Übermenschen! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Freuden- und Leidenschaften
+
+Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so
+hast du sie mit Niemandem gemeinsam.
+
+Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie
+am Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.
+
+Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist
+Volk und Heerde geworden mit deiner Tugend!
+
+Besser thätest du, zu sagen: "unaussprechbar ist und namenlos, was
+meiner Seele Qual und Süsse macht und auch noch der Hunger meiner
+Eingeweide ist."
+
+Deine Tugend sei zu hoch für die Vertraulichkeit der Namen: und musst
+du von ihr reden, so schäme dich nicht, von ihr zu stammeln.
+
+So sprich und stammle: "Das ist _mein_ Gutes, das liebe ich, so
+gefällt es mir ganz, so allein will ich das Gute.
+
+Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als
+eine Menschen-Satzung und -Nothdurft: kein Wegweiser sei es mir für
+Über-Erden und Paradiese.
+
+Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin
+und am wenigsten die Vernunft Aller.
+
+Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze
+ich ihn, - nun sitze er bei mir auf seinen goldnen Eiern."
+
+So sollst du stammeln und deine Tugend loben.
+
+Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast
+du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
+
+Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften an's Herz: da
+wurden sie deine Tugenden und Freudenschaften.
+
+Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der
+Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:
+
+Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine
+Teufel zu Engeln.
+
+Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende
+verwandelten sie sich zu Vögeln und lieblichen Sängerinnen.
+
+Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trübsal
+melktest du, - nun trinkst du die süsse Milch ihres Euters.
+
+Und nichts Böses wächst mehr fürderhin aus dir, es sei denn das Böse,
+das aus dem Kampfe deiner Tugenden wächst.
+
+Mein Bruder, wenn du Glück hast, so hast du Eine Tugend und nicht
+mehr: so gehst du leichter über die Brücke.
+
+Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Loos;
+und Mancher gieng in die Wüste und tödtete sich, weil er müde war,
+Schlacht und Schlachtfeld von Tugenden zu sein.
+
+Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht böse? Aber nothwendig ist diess
+Böse, nothwendig ist der Neid und das Misstrauen und die Verleumdung
+unter deinen Tugenden.
+
+Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Höchsten: sie
+will deinen ganzen Geist, dass er _ihr_ Herold sei, sie will deine
+ganze Kraft in Zorn, Hass und Liebe.
+
+Eifersüchtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding
+ist Eifersucht. Auch Tugenden können an der Eifersucht zu Grunde gehn.
+
+Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem
+Scorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.
+
+Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden
+und erstechen?
+
+Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst du
+deine Tugenden lieben, - denn du wirst an ihnen zu Grunde gehn. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom bleichen Verbrecher
+
+Ihr wollt nicht tödten, ihr Richter und Opferer, bevor das Thier nicht
+genickt hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge
+redet die grosse Verachtung.
+
+"Mein Ich ist Etwas, das überwunden werden soll: mein Ich ist mir die
+grosse Verachtung des Menschen": so redet es aus diesem Auge.
+
+Dass er sich selber richtete, war sein höchster Augenblick: lasst den
+Erhabenen nicht wieder zurück in sein Niederes!
+
+Es giebt keine Erlösung für Den, der so an sich selber leidet, es sei
+denn der schnelle Tod.
+
+Euer Tödten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und
+indem ihr tödtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!
+
+Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem versöhnt, den ihr tödtet.
+Eure Traurigkeit sei Liebe zum Übermenschen: so rechtfertigt ihr euer
+Noch-Leben!
+
+"Feind" sollt ihr sagen, aber nicht "Bösewicht"; "Kranker" sollt
+ihr sagen, aber nicht "Schuft"; "Thor" sollt ihr sagen, aber nicht
+"Sünder".
+
+Und du, rother Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du Alles
+schon in Gedanken gethan hast: so würde Jedermann schreien: "Weg mit
+diesem Unflath und Giftwurm!"
+
+Aber ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die That, ein Anderes
+das Bild der That. Das Rad des Grundes rollt nicht zwischen ihnen.
+
+Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwüchsig war er
+seiner That, als er sie that: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie
+gethan war.
+
+Immer sah er sich nun als Einer That Thäter. Wahnsinn heisse ich
+diess: die Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.
+
+Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er führte, bannte seine
+arme Vernunft - den Wahnsinn _nach_ der That heisse ich diess.
+
+Hört, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn giebt es noch: und der ist
+vor der That. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!
+
+So spricht der rothe Richter: "was mordete doch dieser Verbrecher? Er
+wollte rauben." Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht
+Raub: er dürstete nach dem Glück des Messers!
+
+Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und überredete
+ihn. "Was liegt an Blut! sprach sie; willst du nicht zum Mindesten
+einen Raub dabei machen? Eine Rache nehmen?"
+
+Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf
+ihm, - da raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines
+Wahnsinns schämen.
+
+Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist
+seine arme Vernunft so steif, so gelähmt, so schwer.
+
+Wenn er nur den Kopf schütteln könnte, so würde seine Last
+herabrollen: aber wer schüttelt diesen Kopf?
+
+Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den
+Geist in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.
+
+Was ist dieser Mensch? Ein Knäuel wilder Schlangen, welche selten bei
+einander Ruhe haben, - da gehn sie für sich fort und suchen Beute in
+der Welt.
+
+Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich
+diese arme Seele, - sie deutete es als mörderische Lust und Gier nach
+dem Glück des Messers.
+
+Wer jetzt krank wird, den überfällt das Böse, das jetzt böse ist: wehe
+will er thun, mit dem, was ihm wehe thut. Aber es gab andre Zeiten und
+ein andres Böses und Gutes.
+
+Einst war der Zweifel böse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der
+Kranke zum Ketzer und zur Hexe: als Ketzer und Hexe litt er und wollte
+leiden machen.
+
+Aber diess will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr
+mir. Aber was liegt mir an euren Guten!
+
+Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Böses.
+Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde
+giengen, gleich diesem bleichen Verbrecher!
+
+Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit oder Treue oder
+Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in
+einem erbärmlichen Behagen.
+
+Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure
+Krücke aber bin ich nicht. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Lesen und Schreiben
+
+Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute
+schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist
+ist.
+
+Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die
+lesenden Müssiggänger.
+
+Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein
+Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken.
+
+Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein
+das Schreiben, sondern auch das Denken.
+
+Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er
+gar noch Pöbel.
+
+Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern
+auswendig gelernt werden.
+
+Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst
+du lange Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen
+gesprochen wird, Grosse und Hochwüchsige.
+
+Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer
+fröhlichen Bosheit: so passt es gut zu einander.
+
+Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die
+Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde, - der Muth will
+lachen.
+
+Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe,
+diese Schwärze und Schwere, über die ich lache, - gerade das ist eure
+Gewitterwolke.
+
+Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe
+hinab, weil ich erhoben bin.
+
+Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
+
+Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele
+und Trauer-Ernste.
+
+Muthig, unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig - so will uns die
+Weisheit: sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.
+
+Ihr sagt mir: "das Leben ist schwer zu tragen." Aber wozu hättet ihr
+Vormittags euren Stolz und Abends eure Ergebung?
+
+Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so
+zärtlich! Wir sind allesammt hübsche lastbare Esel und Eselinnen.
+
+Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein
+Tropfen Thau auf dem Leibe liegt?
+
+Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an's Leben, sondern
+weil wir an's Lieben gewöhnt sind.
+
+Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas
+Vernunft im Wahnsinn.
+
+Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und
+Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom
+Glücke zu wissen.
+
+Diese leichten thörichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu
+sehen - das verführt Zarathustra zu Thränen und Liedern.
+
+Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.
+
+Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief,
+feierlich: es war der Geist der Schwere, - durch ihn fallen alle
+Dinge.
+
+Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man. Auf, lasst uns den
+Geist der Schwere tödten!
+
+Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe
+fliegen gelernt: seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von
+der Stelle zu kommen.
+
+Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir,
+jetzt tanzt ein Gott durch mich.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Baum am Berge
+
+Zarathustra's Auge hatte gesehn, dass ein Jüngling ihm auswich. Und
+als er eines Abends allein durch die Berge gieng, welche die Stadt
+umschliessen, die genannt wird "die bunte Kuh": siehe, da fand er im
+Gehen diesen Jüngling, wie er an einen Baum gelehnt sass und müden
+Blickes in das Thal schaute. Zarathustra fasste den Baum an, bei
+welchem der Jüngling sass, und sprach also:
+
+Wenn ich diesen Baum da mit meinen Händen schütteln wollte, ich würde
+es nicht vermögen.
+
+Aber der Wind, den wir nicht sehen, der quält und biegt ihn, wohin er
+will. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und
+gequält.
+
+Da erhob sich der Jüngling bestürzt und sagte: "ich höre Zarathustra
+und eben dachte ich an ihn." Zarathustra entgegnete:
+
+"Was erschrickst du desshalb? - Aber es ist mit dem Menschen wie mit
+dem Baume.
+
+Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben
+seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in's Dunkle, Tiefe, - in's Böse."
+
+"Ja in's Böse! rief der Jüngling. Wie ist es möglich, dass du meine
+Seele entdecktest?"
+
+Zarathustra lächelte und sprach: "Manche Seele wird man nie entdecken,
+es sei denn, dass man sie zuerst erfindet." "Ja in's Böse! rief der
+Jüngling nochmals.
+
+Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht
+mehr, seitdem ich in die Höhe will, und Niemand traut mir mehr, - wie
+geschieht diess doch?
+
+Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich
+überspringe oft die Stufen, wenn ich steige, - das verzeiht mir keine
+Stufe.
+
+Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir,
+der Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der
+Höhe?
+
+Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je höher
+ich steige, um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch
+in der Höhe?
+
+Wie schäme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich
+meines heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie müde bin
+ich in der Höhe!"
+
+Hier schwieg der Jüngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an
+dem sie standen, und sprach also:
+
+Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über
+Mensch und Thier.
+
+Und wenn er reden wollte, er würde Niemanden haben, der ihn verstünde:
+so hoch wuchs er.
+
+Nun wartet er und wartet, - worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze
+der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?
+
+Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jüngling mit heftigen
+Gebärden: "Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem
+Untergange verlangte ich, als ich in die Höhe wollte, und du bist der
+Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns
+erschienen bist? Der _Neid_ auf dich ist's, der mich zerstört hat!" -
+So sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte
+seinen Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.
+
+Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra
+also an zu sprechen:
+
+Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir
+dein Auge alle deine Gefahr.
+
+Noch bist du nicht frei, du _suchst_ noch nach Freiheit. Übernächtig
+machte dich dein Suchen und überwach.
+
+In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber
+auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit.
+
+Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in
+ihrem Keller, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.
+
+Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug
+wird solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.
+
+Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefängniss und
+Moder ist noch in ihm zurück: rein muss noch sein Auge werden.
+
+Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung
+beschwöre ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!
+
+Edel fühlst du dich noch, und edel fühlen dich auch die Andern noch,
+die dir gram sind und böse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler
+im Wege steht.
+
+Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen
+Guten nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.
+
+Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der
+Gute, und dass Altes erhalten bleibe.
+
+Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde,
+sondern ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter.
+
+Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun
+verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.
+
+Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie
+kaum noch Ziele.
+
+"Geist ist auch Wollust" - so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste
+die Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.
+
+Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram
+und ein Grauen ist ihnen der Held.
+
+Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden
+in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Predigern des Todes
+
+Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen
+Abkehr gepredigt werden muss vom Leben.
+
+Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die
+Viel-zu-Vielen. Möge man sie mit dem "ewigen Leben" aus diesem Leben
+weglocken!
+
+"Gelbe": so nennt man die Prediger des Todes, oder "Schwarze". Aber
+ich will sie euch noch in andern Farben zeigen.
+
+Da sind die Fürchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen
+und keine Wahl haben, es sei denn Lüste oder Selbstzerfleischung. Und
+auch ihre Lüste sind noch Selbstzerfleischung.
+
+Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Fürchterlichen:
+mögen sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!
+
+Da sind die Schwindsüchtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so
+fangen sie schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der
+Müdigkeit und Entsagung.
+
+Sie wollen gerne todt sein, und wir sollten ihren Willen gut heissen!
+Hüten wir uns, diese Todten zu erwecken und diese lebendigen Särge zu
+versehren!
+
+Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und
+gleich sagen sie "das Leben ist widerlegt!"
+
+Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das Eine Gesicht
+sieht am Dasein.
+
+Eingehüllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zufälle,
+welche den Tod bringen: so warten sie und beissen die Zähne auf
+einander.
+
+Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei
+dabei: sie hängen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, dass sie noch
+an einem Strohhalm hängen.
+
+Ihre Weisheit lautet: "ein Thor, der leben bleibt, aber so sehr sind
+wir Thoren! Und das eben ist das Thörichtste am Leben!" -
+
+"Das Leben ist nur Leiden" - so sagen Andre und lügen nicht: so sorgt
+doch, dass _ihr_ aufhört! So sorgt doch, dass das Leben aufhört,
+welches nur Leiden ist!
+
+Und also laute die Lehre eurer Tugend "du sollst dich selber tödten!
+Du sollst dich selber davonstehlen!" -
+
+"Wollust ist Sünde, - so sagen die Einen, welche den Tod predigen -
+lasst uns bei Seite gehn und keine Kinder zeugen!"
+
+"Gebären ist mühsam, - sagen dich Andern - wozu noch gebären? Man
+gebiert nur Unglückliche!" Und auch sie sind Prediger des Todes.
+
+"Mitleid thut noth - so sagen die Dritten. Nehmt hin, was ich habe!
+Nehmt hin, was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!"
+
+Wären sie Mitleidige von Grund aus, so würden sie ihren Nächsten das
+Leben verleiden. Böse sein - das wäre ihre rechte Güte.
+
+Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, dass sie
+Andre mit ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! -
+
+Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr
+nicht sehr müde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif für die Predigt
+des Todes?
+
+Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue,
+Fremde, - ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille,
+sich selber zu vergessen.
+
+Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, würdet ihr weniger euch dem
+Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in
+euch - und selbst zur Faulheit nicht!
+
+Überall ertönt die Stimme Derer, welche den Tod predigen: und die Erde
+ist voll von Solchen, welchen der Tod gepredigt werden muss.
+
+Oder "das ewige Leben": das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell
+dahinfahren!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Krieg und Kriegsvolke
+
+Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von
+Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch
+die Wahrheit sagen!
+
+Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war
+Euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So lasst mich denn
+euch die Wahrheit sagen!
+
+Ich weiss um den Hass und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gross
+genug, um Hass und Neid nicht zu kennen. So seid denn gross genug,
+euch ihrer nicht zu schämen!
+
+Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein könnt, so seid mir
+wenigstens deren Kriegsmänner. Das sind die Gefährten und Vorläufer
+solcher Heiligkeit.
+
+Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn! "Ein-form"
+nennt man's, was sie tragen: möge es nicht Ein-form sein, was sie
+damit verstecken!
+
+Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht -
+nach _eurem_ Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass auf
+den ersten Blick.
+
+Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen und
+für eure Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure
+Redlichkeit darüber noch Triumph rufen!
+
+Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den
+kurzen Frieden mehr, als den langen.
+
+Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich
+nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer
+Friede sei ein Sieg!
+
+Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat:
+sonst schwätzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!
+
+Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage
+euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
+
+Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die
+Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete
+bisher die Verunglückten.
+
+Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mädchen
+reden: "gut sein ist, was hübsch zugleich und rührend ist."
+
+Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist ächt, und ich liebe die
+Scham eurer Herzlichkeit. Ihr schämt euch eurer Fluth, und Andre
+schämen sich ihrer Ebbe.
+
+Ihr seid hässlich? Nun wohlan, meine Brüder! So nehmt das Erhabne um
+euch, den Mantel des Hässlichen!
+
+Und wenn eure Seele gross wird, so wird sie übermüthig, und in eurer
+Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.
+
+In der Bosheit begegnet sich der Übermüthige mit dem Schwächlinge.
+Aber sie missverstehen einander. Ich kenne euch.
+
+Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
+Verachten. Ihr müsst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge
+eures Feindes auch eure Erfolge.
+
+Auflehnung - das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei
+Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!
+
+Einem guten Kriegsmanne klingt "du sollst" angenehmer, als "ich will".
+Und Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen
+lassen.
+
+Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer höchsten Hoffnung: und eure
+höchste Hoffnung sei der höchste Gedanke des Lebens!
+
+Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen -
+und er lautet: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.
+
+So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am
+Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein!
+
+Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brüder im
+Kriege! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom neuen Götzen
+
+Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine
+Brüder: da giebt es Staaten.
+
+Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt
+sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.
+
+Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch;
+und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: "Ich, der Staat, bin das
+Volk."
+
+Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten
+einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.
+
+Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heissen sie
+Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.
+
+Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn
+als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.
+
+Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten
+und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es
+sich in Sitten und Rechten.
+
+Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er
+auch redet, er lügt - und was er auch hat, gestohlen hat er's.
+
+Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beisst er, der
+Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.
+
+Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich euch
+als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses
+Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!
+
+Viel zu Viele werden geboren: für die Überflüssigen ward der Staat
+erfunden!
+
+Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er
+sie schlingt und kaut und wiederkäut!
+
+"Auf der Erde ist nichts Grösseres als ich: der ordnende Finger bin
+ich Gottes" - also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und
+Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!
+
+Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen!
+Ach, er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!
+
+Ja, auch euch erräth er, ihr Besieger des alten Gottes! Müde wurdet
+ihr im Kampfe, und nun dient eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!
+
+Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze!
+Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, - das kalte
+Unthier!
+
+Alles will er _euch_ geben, wenn _ihr_ ihn anbetet, der neue Götze:
+also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen
+Augen.
+
+Ködern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Höllenkunststück
+ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher
+Ehren!
+
+Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben
+preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!
+
+Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat,
+wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der
+langsame Selbstmord Aller - "das Leben" heisst.
+
+Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der
+Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren
+Diebstahl - und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!
+
+Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen
+ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können
+sich nicht einmal verdauen.
+
+Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden
+ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht,
+viel Geld, - diese Unvermögenden!
+
+Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander
+hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.
+
+Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, - als ob das
+Glück auf dem Throne sässe! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron - und
+oft auch der Thron auf dem Schlamme.
+
+Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Überheisse.
+Übel riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir
+alle zusammen, diese Götzendiener.
+
+Meine Brüder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und
+Begierden! Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!
+
+Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der
+Götzendienerei der Überflüssigen!
+
+Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem
+Dampfe dieser Menschenopfer!
+
+Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch
+viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere
+weht.
+
+Frei steht noch grossen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig
+besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!
+
+Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht
+überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige
+und unersetzliche Weise.
+
+Dort, wo der Staat _aufhört_, - so seht mir doch hin, meine Brüder!
+Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen? -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Fliegen des Marktes
+
+Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom
+Lärme der grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.
+
+Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem
+Baume, den du liebst, dem breitästigen: still und aufhorchend hängt er
+über dem Meere.
+
+Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt
+beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das
+Geschwirr der giftigen Fliegen.
+
+In der Welt taugen die besten Dinge noch Nichts, ohne Einen, der sie
+erst aufführt: grosse Männer heisst das Volk diese Aufführer.
+
+Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende. Aber
+Sinne hat es für alle Aufführer und Schauspieler grosser Sachen.
+
+Um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt: - unsichtbar
+dreht sie sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der
+Ruhm: so ist es der Welt Lauf.
+
+Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt
+immer an Das, womit er am stärksten glauben macht, - glauben an _sich_
+macht!
+
+Morgen hat er einen neuen Glauben und übermorgen einen neueren. Rasche
+Sinne hat er, gleich dem Volke, und veränderliche Witterungen.
+
+Umwerfen - das heisst ihm: beweisen. Toll machen - das heisst ihm:
+überzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Gründe bester.
+
+Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlüpft, nennt er Lüge und
+Nichts. Wahrlich, er glaubt nur an Götter, die grossen Lärm in der
+Welt machen!
+
+Voll von feierlichen Possenreissern ist der Markt - und das Volk rühmt
+sich seiner grossen Männer! das sind ihm die Herrn der Stunde.
+
+Aber die Stunde drängt sie: so drängen sie dich. Und auch von dir
+wollen sie Ja oder Nein. Wehe, du willst zwischen Für und Wider deinen
+Stuhl setzen?
+
+Dieser Unbedingten und Drängenden halber sei ohne Eifersucht, du
+Liebhaber der Wahrheit! Niemals noch hängte sich die Wahrheit an den
+Arm eines Unbedingten.
+
+Dieser Plötzlichen halber gehe zurück in deine Sicherheit: nur auf dem
+Markt wird man mit Ja? oder Nein? überfallen.
+
+Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange müssen sie warten,
+bis sie wissen, _was_ in ihre Tiefe fiel.
+
+Abseits vom Markte und Ruhme begiebt sich alles Grosse: abseits vom
+Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werthe.
+
+Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen
+Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!
+
+Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbärmlichen zu
+nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie Nichts
+als Rache.
+
+Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzählbar sind sie, und es ist
+nicht dein Loos, Fliegenwedel zu sein.
+
+Unzählbar sind diese Kleinen und Erbärmlichen; und manchem stolzen
+Baue gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.
+
+Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen.
+Zerbrechen und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.
+
+Ermüdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich
+dich an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zürnen.
+
+Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre
+blutlosen Seelen - und sie stechen daher in aller Unschuld.
+
+Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du
+dich noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm über die Hand.
+
+Zu stolz bist du mir dafür, diese Naschhaften zu tödten. Hüte dich
+aber, dass es nicht dein Verhängniss werde, all ihr giftiges Unrecht
+zu tragen!
+
+Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben.
+Sie wollen die Nähe deiner Haut und deines Blutes.
+
+Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir
+wie vor einem Gotte oder Teufel. Was macht es! Schmeichler sind es und
+Winsler und nicht mehr.
+
+Auch geben sie sich dir oft als Liebenswürdige. Aber das war immer die
+Klugheit der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!
+
+Sie denken viel über dich mit ihrer engen Seele, - bedenklich bist du
+ihnen stets! Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.
+
+Sie bestrafen dich für alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von
+Grund aus nur - deine Fehlgriffe.
+
+Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: "unschuldig sind
+sie an ihrem kleinen Dasein." Aber ihre enge Seele denkt: "Schuld ist
+alles grosse Dasein."
+
+Auch wenn du ihnen milde bist, fühlen sie sich noch von dir verachtet;
+und sie geben dir deine Wohlthat zurück mit versteckten Wehthaten.
+
+Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken,
+wenn du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.
+
+Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entzünden wir an ihm
+auch. Also hüte dich vor den Kleinen!
+
+Vor dir fühlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und glüht
+gegen dich in unsichtbarer Rache.
+
+Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen
+tratest, und wie ihre Kraft von ihnen gieng wie der Rauch von einem
+erlöschenden Feuer?
+
+Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie
+sind deiner unwerth. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem
+Blute saugen.
+
+Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; Das, was gross
+an dir ist, - das selber muss sie giftiger machen und immer
+fliegenhafter.
+
+Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe,
+starke Luft weht. Nicht ist es dein Loos, Fliegenwedel zu sein. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von der Keuschheit
+
+Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben: da giebt es
+zu Viele der Brünstigen.
+
+Ist es nicht besser, in die Hände eines Mörders zu gerathen, als in
+die Träume eines brünstigen Weibes?
+
+Und seht mir doch diese Männer an: ihr Auge sagt es - sie wissen
+nichts Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.
+
+Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar
+noch Geist hat!
+
+Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wäret! Aber zum Thiere
+gehört die Unschuld.
+
+Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe euch zur Unschuld der
+Sinne.
+
+Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine
+Tugend, aber bei Vielen beinahe ein Laster.
+
+Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit
+Neid aus Allem, was sie thun.
+
+Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein
+folgt ihnen diess Gethier und sein Unfrieden.
+
+Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu
+betteln, wenn ihr ein Stuck Fleisch versagt wird!
+
+Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin
+misstrauisch gegen eure Hündin.
+
+Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lüstern nach Leidenden. Hat
+sich nicht nur eure Wollust verkleidet und heisst sich Mitleiden?
+
+Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren
+Teufel austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue.
+
+Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie
+nicht der Weg zur Hölle werde - das ist zu Schlamm und Brunst der
+Seele.
+
+Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.
+
+Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist,
+steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.
+
+Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen,
+sie lachen lieber und reichlicher als ihr.
+
+Sie lachen auch über die Keuschheit und fragen: "was ist Keuschheit!
+
+Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und
+nicht wir zur ihr.
+
+Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns, - mag
+er bleiben, wie lange er will!"
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Freunde
+
+"Einer ist immer zu viel um mich" - also denkt der Einsiedler. "Immer
+Einmal Eins - das giebt auf die Dauer Zwei!"
+
+Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es
+auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe?
+
+Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der
+Kork, der verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.
+
+Ach, es giebt zu viele Tiefen für alle Einsiedler. Darum sehnen sie
+sich so nach einem Freunde und nach seiner Höhe.
+
+Unser Glaube an Andre verräth, worin wir gerne an uns selber glauben
+möchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräther.
+
+Und oft will man mit der Liebe nur den Neid überspringen. Und oft
+greift man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man
+angreifbar ist.
+
+"Sei wenigstens mein Feind!" - so spricht die wahre Ehrfurcht, die
+nicht um Freundschaft zu bitten wagt.
+
+Will man einen Freund haben, so muss man auch für ihn Krieg führen
+wollen: und um Krieg zu führen, muss man Feind sein _können_.
+
+Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen
+Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
+
+In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am
+nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.
+
+Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines
+Freundes Ehre sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber er
+wünscht dich darum zum Teufel!
+
+Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die
+Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch
+eurer Kleider schämen!
+
+Du kannst dich für deinen Freund nicht schön genug putzen: denn du
+sollst ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem Übermenschen sein.
+
+Sahst du deinen Freund schon schlafen, - damit du erfahrest, wie er
+aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein
+eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.
+
+Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass
+dein Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das
+überwunden werden muss.
+
+Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht
+Alles musst du sehn wollen. Dein Traum soll dir verrathen, was dein
+Freund im Wachen thut.
+
+Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund
+Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und
+den Blick der Ewigkeit.
+
+Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an
+ihm sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und
+Süsse haben.
+
+Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde?
+Mancher kann seine eignen Ketten nicht lösen und doch ist er dem
+Freunde ein Erlöser.
+
+Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein
+Tyrann? So kannst du nicht Freunde haben.
+
+Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb
+ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die
+Liebe.
+
+In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles,
+was es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist
+immer noch Überfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.
+
+Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig: Katzen sind immer noch
+die Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe.
+
+Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig. Aber sagt mir, ihr
+Männer, wer von euch ist denn fähig der Freundschaft?
+
+Oh über eure Armuth, ihr Männer, und euren Geiz der Seele! Wie viel
+ihr dem Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will
+auch nicht ärmer damit geworden sein.
+
+Es giebt Kameradschaft: möge es Freundschaft geben!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von tausend und Einem Ziele
+
+VieIe Länder sah Zarathustra und viele Völker: so entdeckte er vieler
+Völker Gutes und Böses. Keine grössere Macht fand Zarathustra auf
+Erden, als Gut und Böse.
+
+Leben könnte kein Volk, das nicht erst schätzte; will es sich aber
+erhalten, so darf es nicht schätzen, wie der Nachbar schätzt.
+
+Vieles, das diesem Volke gut hiess, hiess einem andern Hohn und
+Schmach: also fand ich's. Vieles fand ich hier böse genannt und dort
+mit purpurnen Ehren geputzt.
+
+Nie verstand ein Nachbar den andern: stets verwunderte sich seine
+Seele ob des Nachbarn Wahn und Bosheit.
+
+Eine Tafel der Güter hängt über jedem Volke. Siehe, es ist seiner
+Überwindungen Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur
+Macht.
+
+Löblich ist, was ihm schwer gilt; was unerlässlich und schwer,
+heisst gut, und was aus der höchsten Noth noch befreit, das Seltene,
+Schwerste, - das preist es heilig.
+
+Was da macht, dass es herrscht und siegt und glänzt, seinem Nachbarn
+zu Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende,
+der Sinn aller Dinge.
+
+Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Noth und
+Land und Himmel und Nachbar: so erräthst du wohl das Gesetz seiner
+Überwindungen und warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung
+steigt.
+
+"Immer sollst du der Erste sein und den Andern vorragen: Niemanden
+soll deine eifersüchtige Seele lieben, es sei denn den Freund" - diess
+machte einem Griechen die Seele zittern: dabei gieng er seinen Pfad
+der Grösse.
+
+"Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren" - so dünkte es
+jenem Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt - der
+Name, welcher mir zugleich lieb und schwer ist.
+
+"Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen
+zu Willen sein": diese Tafel der Überwindung hängte ein andres Volk
+über sich auf und wurde mächtig und ewig damit.
+
+"Treue üben und um der Treue Willen Ehre und Blut auch an böse und
+fährliche Sachen setzen": also sich lehrend bezwang sich ein anderes
+Volk, und also sich bezwingend wurde es schwanger und schwer von
+grossen Hoffnungen.
+
+Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich,
+sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als
+Stimme vom Himmel.
+
+Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, - er
+schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich
+"Mensch", das ist: der Schätzende.
+
+Schätzen ist Schaffen: hört es, ihr Schaffenden! Schätzen selber ist
+aller geschätzten Dinge Schatz und Kleinod.
+
+Durch das Schätzen erst giebt es Werth: und ohne das Schätzen wäre die
+Nuss des Daseins hohl. Hört es, ihr Schaffenden!
+
+Wandel der Werthe, - das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet,
+wer ein Schöpfer sein muss.
+
+Schaffende waren erst Völker und spät erst Einzelne; wahrlich, der
+Einzelne selber ist noch die jüngste Schöpfung.
+
+Völker hängten sich einst eine Tafel des Guten über sich. Liebe, die
+herrschen will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen
+solche Tafeln.
+
+Älter ist an der Heerde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange
+das gute Gewissen Heerde heisst, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.
+
+Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen
+Vieler will: das ist nicht der Heerde Ursprung, sondern ihr Untergang.
+
+Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und Böse.
+Feuer der Liebe glüht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.
+
+Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine grössere Macht
+fand Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: "gut" und
+"böse" ist ihr Name.
+
+Wahrlich, ein Ungethüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt,
+wer bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Thier die
+Fessel über die tausend Nacken?
+
+Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die
+Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das Eine Ziel. Noch hat
+die Menschheit kein Ziel.
+
+Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch
+fehlt, fehlt da nicht auch - sie selber noch? -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von der Nächstenliebe
+
+Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich
+sage euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.
+
+Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine
+Tugend machen: aber ich durchschaue euer "Selbstloses".
+
+Das Du ist älter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch
+nicht das Ich: so drängt sich der Mensch hin zum Nächsten.
+
+Rathe ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur
+Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!
+
+Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und
+Künftigen; höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu
+Sachen und Gespenstern.
+
+Diess Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als
+du; warum giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du
+fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.
+
+Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug:
+nun wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem
+Irrthum vergolden.
+
+Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nächsten und deren
+Nachbarn; so müsstet ihr aus euch selber euren Freund und sein
+überwallendes Herz schaffen.
+
+Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt;
+und wenn ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr
+selber gut von euch.
+
+Nicht nur Der lügt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst
+recht Der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von
+euch im Verkehre und belügt mit euch den Nachbar.
+
+Also spricht der Narr: "der Umgang mit Menschen verdirbt den
+Charakter, sonderlich wenn man keinen hat."
+
+Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er
+sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch
+aus der Einsamkeit ein Gefängniss.
+
+Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und
+schon wenn ihr zu fünfen mit einander seid, muss immer ein sechster
+sterben.
+
+Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei,
+und auch die Zuschauer gebärdeten sich oft gleich Schauspielern.
+
+Nicht den Nächsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei
+euch das Fest der Erde und ein Vorgefühl des Übermenschen.
+
+Ich lehre euch den Freund und sein übervolles Herz. Aber man muss
+verstehn, ein Schwamm zu sein, wenn man von übervollen Herzen geliebt
+sein will.
+
+Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale
+des Guten, - den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu
+verschenken hat.
+
+Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in
+Ringen zusammen, als das Werden des Guten durch das Böse, als das
+Werden der Zwecke aus dem Zufalle.
+
+Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in
+deinem Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.
+
+Meine Brüder, zur Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch
+zur Fernsten-Liebe.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Wege des Schaffenden
+
+Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg
+zu dir selber suchen? Zaudere noch ein Wenig und höre mich.
+
+"Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist
+Schuld": also spricht die Heerde. Und du gehörtest lange zur Heerde.
+
+Die Stimme der Heerde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen
+wirst "ich habe nicht mehr Ein Gewissen mit euch", so wird es eine
+Klage und ein Schmerz sein.
+
+Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das Eine Gewissen: und dieses
+Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.
+
+Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu
+dir selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!
+
+Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein
+aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um
+dich sich drehen?
+
+Ach, es giebt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es giebt so viel
+Krämpfe der Ehrgeizigen! Zeige mir, dass du keiner der Lüsternen und
+Ehrgeizigen bist!
+
+Ach, es giebt so viel grosse Gedanken, die thun nicht mehr als ein
+Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.
+
+Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und
+nicht, dass du einem Joche entronnen bist.
+
+Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen _durfte_? Es giebt
+Manchen, der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit
+wegwarf.
+
+Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
+künden: frei _wozu_?
+
+Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen
+über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein
+und Rächer deines Gesetzes?
+
+Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen
+Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in
+den eisigen Athem des Alleinseins.
+
+Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du
+deinen Muth ganz und deine Hoffnungen.
+
+Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz
+sich krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst "ich bin
+allein!"
+
+Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges
+allzunahe; dein Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein
+Gespenst. Schreien wirst du einst: "Alles ist falsch!"
+
+Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es ihnen
+nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder
+zu sein?
+
+Kennst du, mein Bruder, schon das Wort "Verachtung"? Und die Qual
+deiner Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?
+
+Du zwingst Viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an.
+Du kamst ihnen nahe und giengst doch vorüber: das verzeihen sie dir
+niemals.
+
+Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner
+sieht dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende
+gehasst.
+
+"Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein! - musst du sprechen - ich
+erwähle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Theil."
+
+Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein
+Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so musst du ihnen desshalb
+nicht weniger leuchten!
+
+Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne Die,
+welche sich ihre eigne Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen.
+
+Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig,
+was nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer - der
+Scheiterhaufen.
+
+Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt
+der Einsame Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.
+
+Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die
+Tatze: und ich will, dass deine Tatze auch Krallen habe.
+
+Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir
+selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.
+
+Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber fuhrt dein
+Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln!
+
+Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und
+Zweifler und Unheiliger und Bösewicht.
+
+Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest
+du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!
+
+Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir
+schaffen aus deinen sieben Teufeln!
+
+Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und
+desshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.
+
+Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von
+Liebe, der nicht gerade verachten musste, was er liebte!
+
+Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen,
+mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.
+
+Mit meinen Thränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe
+Den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde
+geht. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von alten und jungen Weiblein
+
+"Was schleichst du so scheu durch die Dämmerung, Zarathustra? Und was
+birgst du behutsam unter deinem Mantel?
+
+Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren
+wurde? Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund
+der Bösen?" -
+
+Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir
+geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist's, die ich trage.
+
+Aber sie ist ungebärdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht
+den Mund halte, so schreit sie überlaut.
+
+Als ich heute allein meines Weges gieng, zur Stunde, wo die Sonne
+sinkt, begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner
+Seele:
+
+"Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns
+über das Weib."
+
+Und ich entgegnete ihr: "über das Weib soll man nur zu Männern reden."
+
+"Rede auch zu mir vom Weibe, sprach sie; ich bin alt genug, um es
+gleich wieder zu vergessen."
+
+Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:
+
+Alles am Weibe ist ein Räthsel, und Alles am Weibe hat Eine Lösung:
+sie heisst Schwangerschaft.
+
+Der Mann ist für das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind.
+Aber was ist das Weib für den Mann?
+
+Zweierlei will der ächte Mann: Gefahr und Spiel. Desshalb will er das
+Weib, als das gefährlichste Spielzeug.
+
+Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des
+Kriegers: alles Andre ist Thorheit.
+
+Allzusüsse Früchte - die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib;
+bitter ist auch noch das süsseste Weib.
+
+Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist
+kindlicher als das Weib.
+
+Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr
+Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne!
+
+Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich,
+bestrahlt von den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.
+
+Der Strahl eines Sternes glänze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heisse:
+"möge ich den Übermenschen gebären!"
+
+In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf Den
+losgehn, der euch Furcht einflösst!
+
+In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf
+Ehre. Aber diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt
+werdet, und nie die Zweiten zu sein.
+
+Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes
+Opfer, und jedes andre Ding gilt ihm ohne Werth.
+
+Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist
+im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht.
+
+Wen hasst das Weib am meisten? - Also sprach das Eisen zum Magneten:
+"ich hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug
+bist, an dich zu ziehen."
+
+Das Glück des Mannes heisst: ich will. Das Glück des Weibes heisst: er
+will.
+
+"Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!" - also denkt ein jedes
+Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.
+
+Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner
+Oberfläche. Oberfläche ist des Weibes Gemüth, eine bewegliche
+stürmische Haut auf einem seichten Gewässer.
+
+Des Mannes Gemüth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen
+Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht. -
+
+Da entgegnete mir das alte Weiblein: "Vieles Artige sagte Zarathustra
+und sonderlich für Die, welche jung genug dazu sind.
+
+Seltsam ist's, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er
+über sie Recht! Geschieht diess desshalb, weil beim Weibe kein Ding
+unmöglich ist?
+
+Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug
+für sie!
+
+Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie überlaut,
+diese kleine Wahrheit."
+
+"Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!" sagte ich. Und also sprach
+das alte Weiblein:
+
+"Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Biss der Natter
+
+Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da
+es heiss war, und hatte seine Arme über das Gesicht gelegt. Da kam
+eine Natter und biss ihn in den Hals, so dass Zarathustra vor Schmerz
+aufschrie. Als er den Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die
+Schlange an: da erkannte sie die Augen Zarathustra's, wand sich
+ungeschickt und wollte davon. "Nicht doch, sprach Zarathustra; noch
+nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest mich zur Zeit, mein Weg
+ist noch lang." "Dein Weg ist noch kurz, sagte die Natter traurig;
+mein Gift tödtet." Zarathustra lächelte. "Wann starb wohl je ein
+Drache am Gift einer Schlange? - sagte er. Aber nimm dein Gift zurück!
+Du bist nicht reich genug, es mir zu schenken." Da fiel ihm die Natter
+von Neuem um den Hals und leckte ihm seine Wunde.
+
+Als Zarathustra diess einmal seinen Jüngern erzählte, fragten
+sie: "Und was, oh Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?"
+Zarathustra antwortete darauf also:
+
+Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine
+Geschichte ist unmoralisch. -
+
+So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Böses mit Gutem:
+denn das würde beschämen. Sondern beweist, dass er euch etwas Gutes
+angethan hat.
+
+Und lieber zürnt noch, als dass ihr beschämt! Und wenn euch geflucht
+wird, so gefällt es mir nicht, dass ihr dann segnen wollt. Lieber ein
+Wenig mitfluchen!
+
+Und geschah euch ein grosses Unrecht, so thut mir geschwind fünf
+kleine dazu! Grässlich ist Der anzusehn, den allein das Unrecht
+drückt.
+
+Wusstet ihr diess schon? Getheiltes Unrecht ist halbes Recht. Und Der
+soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!
+
+Eine kleine Rache ist menschlicher, als gar keine Rache. Und wenn die
+Strafe nicht auch ein Recht und eine Ehre ist für den Übertretenden,
+so mag ich auch euer Strafen nicht.
+
+Vornehmer ist's, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten,
+sonderlich wenn man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein.
+
+Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter
+blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.
+
+Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden
+Augen ist?
+
+So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern
+auch alle Schuld trägt!
+
+So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die Jeden freispricht,
+ausgenommen den Richtenden!
+
+Wollt ihr auch diess noch hören? An Dem, der von Grund aus gerecht
+sein will, wird auch noch die Lüge zur Menschen-Freundlichkeit.
+
+Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich Jedem das
+Seine geben! Diess sei mir genug: ich gebe Jedem das Meine.
+
+Endlich, meine Brüder, hütet euch Unrecht zu thun allen Einsiedlern!
+Wie könnte ein Einsiedler vergessen! Wie könnte er vergelten!
+
+Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein
+hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder
+hinausbringen?
+
+Hütet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Thatet ihr's aber, nun, so
+tödtet ihn auch noch!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von Kind und Ehe
+
+Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei
+werfe ich diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie
+sei.
+
+Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist
+du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen _darf_?
+
+Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne,
+der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.
+
+Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder
+Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?
+
+Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde
+sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner
+Befreiung.
+
+Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut
+sein, rechtwinklig an Leib und Seele.
+
+Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir
+der Garten der Ehe!
+
+Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus
+sich rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.
+
+Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das
+mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als
+vor den Wollenden eines solchen Willens.
+
+Diess sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber Das, was die
+Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen, - ach, wie nenne ich
+das?
+
+Ach, diese Armuth der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele
+zu Zweien! Ach diess erbärmliche Behagen zu Zweien!
+
+Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel
+geschlossen.
+
+Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag
+sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Thiere!
+
+Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er
+nicht zusammenfügte!
+
+Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über
+seine Eltern zu weinen?
+
+Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als
+ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige.
+
+Ja, ich wollte, dass die Erde in Krämpfen bebte, wenn sich ein
+Heiliger und eine Gans mit einander paaren.
+
+Dieser gieng wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er
+sich eine kleine geputzte Lüge. Seine Ehe nennt er's.
+
+Jener war spröde im Verkehre und wählte wählerisch. Aber mit Einem
+Male verdarb er für alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt
+er's.
+
+Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit Einem
+Male wurde er die Magd eines Weibes, und nun thäte es Noth, dass er
+darüber noch zum Engel werde.
+
+Sorgsam fand ich jetzt alle Käufer, und Alle haben listige Augen. Aber
+seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.
+
+Viele kurze Thorheiten - das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht
+vielen kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.
+
+Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie
+doch Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern! Aber zumeist
+errathen zwei Thiere einander.
+
+Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichniss und
+eine schmerzhafte Gluth. Eine Fackel ist sie, die euch zu höheren
+Wegen leuchten soll.
+
+Über euch hinaus sollt ihr einst lieben! So _lernt_ erst lieben! Und
+darum musstet ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.
+
+Bitterniss ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht
+zum Übermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!
+
+Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum Übermenschen: sprich,
+mein Bruder, ist diess dein Wille zur Ehe?
+
+Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+Vom freien Tode
+
+Viele sterben zu spät, und Einige sterben zu früh. Noch klingt fremd
+die Lehre: "stirb zur rechten Zeit!"
+
+Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.
+
+Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten
+Zeit sterben? Möchte er doch nie geboren sein! - Also rathe ich den
+Überflüssigen.
+
+Aber auch die Überflüssigen thun noch wichtig mit ihrem Sterben, und
+auch die hohlste Nuss will noch geknackt sein.
+
+Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch
+erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.
+
+Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel
+und ein Gelöbniss wird.
+
+Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden
+und Gelobenden.
+
+Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein
+solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte!
+
+Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu
+sterben und eine grosse Seele zu verschwenden.
+
+Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender
+Tod, der heranschleicht wie ein Dieb - und doch als Herr kommt.
+
+Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil _ich_
+will.
+
+Und wann werde ich wollen? - Wer ein Ziel hat und einen Erben, der
+will den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.
+
+Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr
+im Heiligthum des Lebens aufhängen.
+
+Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren
+Faden in die Länge und gehen dabei selber immer rückwärts.
+
+Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser
+Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.
+
+Und Jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre
+verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu - gehn.
+
+Man muss aufhören, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt:
+das wissen Die, welche lange geliebt werden wollen.
+
+Saure Äpfel giebt es freilich, deren Loos will, dass sie bis auf den
+letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb
+und runzelig.
+
+Andern altert das Herz zuerst und Andern der Geist. Und Einige sind
+greis in der Jugend: aber spät jung erhält lang jung.
+
+Manchem missräth das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm an's Herz. So
+möge er zusehn, dass ihm das Sterben um so mehr gerathe.
+
+Mancher wird nie süss, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die
+ihn an seinem Aste festhält.
+
+Viel zu Viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen.
+Möchte ein Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baume
+schüttelt!
+
+Möchten Prediger kommen des _schnellen_ Todes! Das wären mir die
+rechten Stürme und Schüttler an Lebensbäumen Aber ich höre nur den
+langsamen Tod predigen und Geduld mit allem "Irdischen".
+
+Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das
+zu viel Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!
+
+Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen
+Todes ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhängniss, dass er zu
+früh starb.
+
+Noch kannte er nur Thränen und die Schwermuth des Hebräers, sammt dem
+Hasse der Guten und Gerechten, - der Hebräer Jesus: da überfiel ihn
+die Sehnsucht zum Tode.
+
+Wäre er doch in der Wüste geblieben und ferne von den Guten und
+Gerechten! Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben
+gelernt - und das Lachen dazu!
+
+Glaubt es mir, meine Brüder! Er starb zu früh; er selber hätte seine
+Lehre widerrufen, wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war
+er zum Widerrufen!
+
+Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jüngling und unreif hasst
+er auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemüth und
+Geistesflügel.
+
+Aber im Manne ist mehr Kind als im Jünglinge, und weniger Schwermuth:
+besser versteht er sich auf Tod und Leben.
+
+Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht
+Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.
+
+Dass euer Sterben keine Lästerung sei auf Mensch und Erde, meine
+Freunde: das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.
+
+In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich
+einem Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht
+gerathen.
+
+Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die
+Erde mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der
+Ruhe habe, die mich gebar.
+
+Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid
+ihr Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.
+
+Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball
+werfen! Und so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von der schenkenden Tugend
+
+1.
+
+Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein
+Herz zugethan war und deren Name lautet: "die bunte Kuh" - folgten ihm
+Viele, die sich seine Jünger nannten und gaben ihm das Geleit. Also
+kamen sie an einen Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, dass er
+nunmehr allein gehen wolle; denn er war ein Freund des Alleingehens.
+Seine Jünger aber reichten ihm zum Abschiede einen Stab, an dessen
+goldnem Griffe sich eine Schlange um die Sonne ringelte. Zarathustra
+freute sich des Stabes und stützte sich darauf; dann sprach er also zu
+seinen Jüngern.
+
+Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werthe? Darum, dass es
+ungemein ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es
+schenkt sich immer.
+
+Nur als Abbild der höchsten Tugend kam Gold zum höchsten Werthe.
+Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst
+Friede zwischen Mond und Sonne.
+
+Ungemein ist die höchste Tugend und unnützlich, leuchtend ist sie und
+mild im Glanze: eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend.
+
+Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jünger: ihr trachtet, gleich
+mir, nach der schenkenden Tugend. Was hättet ihr mit Katzen und Wölfen
+gemeinsam?
+
+Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und
+darum habt ihr den Durst, alle Reichthümer in euren Seele zu häufen.
+
+Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil
+eure Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen.
+
+Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne
+zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe.
+
+Wahrlich, zum Räuber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe
+werden; aber heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht.
+
+Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde,
+die immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke
+Selbstsucht.
+
+Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glänzende; mit der Gier
+des Hungers misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht
+sie um den Tisch der Schenkenden.
+
+Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von
+siechem Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.
+
+Sagt mir, meine Brüder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes?
+Ist es nicht _Entartung_? - Und auf Entartung rathen wir immer, wo die
+schenkende Seele fehlt.
+
+Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein
+Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: "Alles für mich."
+
+Aufwärts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichniss unsres Leibes,
+einer Erhöhung Gleichniss. Solcher Erhöhungen Gleichnisse sind die
+Namen der Tugenden.
+
+Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein
+Kämpfender. Und der Geist - was ist er ihm? Seiner Kämpfe und Siege
+Herold, Genoss und Wiederhall.
+
+Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Böse: sie sprechen nicht aus,
+sie winken nur. Ein Thor, welcher von ihnen Wissen will!
+
+Achtet mir, meine Brüder, auf jede Stunde, wo euer Geist in
+Gleichnissen reden will: da ist der Ursprung eurer Tugend.
+
+Erhöht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzückt er
+den Geist, dass er Schöpfer wird und Schätzer und Liebender und aller
+Dinge Wohlthäter.
+
+Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und
+eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.
+
+Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen
+befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer
+Tugend.
+
+Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den
+Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung
+eurer Tugend.
+
+Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
+Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
+
+Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues
+tiefes Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!
+
+Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und
+um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange
+der Erkenntniss.
+
+
+2.
+
+Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine
+Jünger. Dann fuhr er also fort zu reden: - und seine Stimme hatte sich
+verwandelt.
+
+Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!
+Eure schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde!
+Also bitte und beschwöre ich euch.
+
+Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen
+ewige Wände schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
+
+Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück - ja,
+zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen
+Menschen-Sinn!
+
+Hundertfältig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend.
+Ach, in unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff:
+Leib und Wille ist er da geworden.
+
+Hundertfältig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend.
+Ja, ein Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrthum ist an
+uns Leib geworden!
+
+Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an
+uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.
+
+Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über
+der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
+
+Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder:
+und aller Dinge Werth werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr
+Kämpfende sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!
+
+Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhöht er sich;
+dem Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhöhten wird die Seele
+fröhlich.
+
+Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei
+seine beste Hülfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil
+macht.
+
+Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
+Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und
+unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.
+
+Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit
+heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.
+
+Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk
+sein: aus euch, die ihr euch selber auswähltet, soll ein auserwähltes
+Volk erwachsen: - und aus ihm der Übermensch.
+
+Wahrlich, eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und
+schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender, - und eine
+neue Hoffnung!
+
+
+3.
+
+Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der
+nicht sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd
+in seiner Hand. Endlich sprach er also: - und seine Stimme hatte sich
+verwandelt.
+
+Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein!
+So will ich es.
+
+Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen
+Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er
+euch.
+
+Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern
+auch seine Freunde hassen können.
+
+Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler
+bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?
+
+Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?
+Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!
+
+Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!
+Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!
+
+Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
+Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
+
+Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
+ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.
+
+Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine
+Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.
+
+Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer
+Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den
+grossen Mittag mit euch feiere.
+
+Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn
+steht zwischen Thier und Übermensch und seinen Weg zum Abende als
+seine höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen
+Morgen.
+
+Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein
+Hinübergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im
+Mittage stehn.
+
+"Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe." -
+diess sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+
+Zweiter Theil
+
+"- und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch
+wiederkehren.
+
+Wahrlich, mit andern _Augen_, meine Brüder, werde ich mir dann meine
+Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben".
+
+Zarathustra, von der schenkenden Tugend
+
+
+
+Das Kind mit dem Spiegel
+
+Hierauf gieng Zarathustra wieder zurück in das Gebirge und in die
+Einsamkeit seiner Höhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich
+einem Säemann, der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber
+wurde voll von Ungeduld und Begierde nach Denen, welche er liebte:
+denn er hatte ihnen noch Viel zu geben. Diess nämlich ist das
+Schwerste, aus Liebe die offne Hand schliessen und als Schenkender die
+Scham bewahren.
+
+Also vergiengen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber
+wuchs und machte ihm Schmerzen durch ihre Fülle.
+
+Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenröthe auf, besann
+sich lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:
+
+Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat
+nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?
+
+"Oh Zarathustra - sprach das Kind zu mir - schaue Dich an im Spiegel!"
+
+Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz
+war erschüttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels
+Fratze und Hohnlachen.
+
+Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine
+_Lehre_ ist in Gefahr, Unkraut will Weizen heissen!
+
+Meine Feinde sind mächtig worden und haben meiner Lehre Bildniss
+entstellt, also, dass meine Liebsten sich der Gaben schämen müssen,
+die ich ihnen gab.
+
+Verloren giengen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine
+Verlornen zu suchen! -
+
+Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein
+Geängstigter, der nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und
+Sänger, welchen der Geist anfällt. Verwundert sahen sein Adler und
+seine Schlange auf ihn hin: denn gleich dem Morgenrothe lag ein
+kommendes Glück auf seinem Antlitze.
+
+Was geschah mir doch, meine Thiere? - sagte Zarathustra. Bin ich nicht
+verwandelt! Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?
+
+Thöricht ist mein Glück und Thörichtes wird es reden: zu jung noch ist
+es - so habt Geduld mit ihm!
+
+Verwundet bin ich von meinem Glücke: alle Leidenden sollen mir Arzte
+sein!
+
+Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden!
+Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste
+thun!
+
+Meine ungeduldige Liebe fliesst über in Strömen, abwärts, nach Aufgang
+und Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes
+rauscht meine Seele in die Thäler.
+
+Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange gehörte
+ich der Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.
+
+Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen
+Felsen: hinab will ich meine Rede stürzen in die Thäler.
+
+Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames stürzen! Wie sollte ein
+Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden!
+
+Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber
+mein Strom der Liebe reisst ihn mit sich hinab - zum Meere!
+
+Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; müde wurde ich, gleich
+allen Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf
+abgelaufnen Sohlen wandeln.
+
+Zu langsam läuft mir alles Reden: - in deinen Wagen springe ich,
+Sturm! Und auch dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!
+
+Wie ein Schrei und ein jauchzen will ich über weite Meere hinfahren,
+bis ich die glückseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen: -
+
+Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur
+reden darf! Auch meine Feinde gehören zu meiner Seligkeit.
+
+Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein
+Speer immer am besten hinauf: der ist meines Fusses allzeit bereiter
+Diener: -
+
+Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es
+meinen Feinden, dass ich endlich ihn schleudern darf!
+
+Zu gross war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gelächtern der Blitze
+will ich Hagelschauer in die Tiefe werfen.
+
+Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm
+über die Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.
+
+Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glück und meine Freiheit!
+Aber meine Feinde sollen glauben, _der_Böse_ rase über ihren Häuptern.
+
+Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden
+Weisheit; und vielleicht flieht ihr davon sammt meinen Feinden.
+
+Ach, dass ich's verstünde, euch mit Hirtenflöten zurück zu locken!
+Ach, dass meine Löwin Weisheit zärtlich brüllen lernte! Und Vieles
+lernten wir schon mit einander!
+
+Meine wilde Weisheit wurde trächtig auf einsamen Bergen; auf rauhen
+Steinen gebar sie ihr Junges, Jüngstes.
+
+Nun läuft sie närrisch durch die harte Wüste und sucht und sucht nach
+sanftem Rasen - meine alte wilde Weisheit!
+
+Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde! - auf eure Liebe möchte
+sie ihr Liebstes betten!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Auf den glückseligen Inseln
+
+Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss; und indem
+sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen
+Feigen.
+
+Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun
+trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und
+reiner Himmel und Nachmittag.
+
+Seht, welche Fülle ist um uns! Und aus dem Überflusse heraus ist es
+schön hinaus zu blicken auf ferne Meere.
+
+Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber
+lehrte ich euch sagen: Übermensch.
+
+Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht
+weiter reiche, als euer schaffender Wille.
+
+Könntet ihr einen Gott _schaffen_? - So schweigt mir doch von allen
+Göttern! Wohl aber könntet ihr den Übermenschen schaffen.
+
+Nicht ihr vielleicht selber, meine Brüder! Aber zu Vätern und
+Vorfahren könntet ihr euch umschaffen des Übermenschen: und Diess sei
+euer bestes Schaffen! -
+
+Gott ist eine Muthmaassung: aber ich will, dass euer Muthmaassen
+begrenzt sei in der Denkbarkeit.
+
+Könntet ihr einen Gott _denken_? - Aber diess bedeute euch Wille
+zur Wahrheit, dass Alles verwandelt werde in Menschen - Denkbares,
+Menschen - Sichtbares, Menschen - Fühlbares! Eure eignen Sinne sollt
+ihr zu Ende denken!
+
+Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden:
+eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber
+werden! Und wahrlich, zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!
+
+Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr
+Erkennenden? Weder in's Unbegreifliche dürftet ihr eingeboren sein,
+noch in's Unvernünftige.
+
+Aber dass ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: _wenn_ es
+Götter gäbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! _Also_ giebt es
+keine Götter.
+
+Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich. -
+
+Gott ist eine Muthmaassung: aber wer tränke alle Qual dieser
+Muthmaassung, ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube
+genommen sein und dem Adler sein Schweben in Adler-Fernen?
+
+Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm und Alles, was
+steht, drehend. Wie? Die Zeit wäre hinweg, und alles Vergängliche nur
+Lüge?
+
+Diess zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und
+noch dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heisse
+ich's, Solches zu muthmaassen.
+
+Böse heisse ich's und menschenfeindlich: all diess Lehren vom Einen
+und Vollen und Unbewegten und Satten und Unvergänglichen!
+
+Alles Unvergängliche - das ist nur ein Gleichniss! Und die Dichter
+lügen zuviel. -
+
+Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob
+sollen sie sein und eine Rechtfertigung aller Vergänglichkeit!
+
+Schaffen - das ist die grosse Erlösung vom Leiden, und des Lebens
+Leichtwerden. Aber dass der Schaffende sei, dazu selber thut Leid noth
+und viel Verwandelung.
+
+Ja, viel bitteres Sterben muss in eurem Leben sein, ihr Schaffenden!
+Also seid ihr Fürsprecher und Rechtfertiger aller Vergänglichkeit.
+
+Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu
+muss er auch die Gebärerin sein wollen und der Schmerz der Gebärerin.
+
+Wahrlich, durch hundert Seelen gieng ich meinen Weg und durch hundert
+Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne
+die herzbrechenden letzten Stunden.
+
+Aber so will's mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, dass
+ich's euch redlicher sage: solches Schicksal gerade - will mein Wille.
+
+Alles Fühlende leidet an mir und ist in Gefängnissen: aber mein Wollen
+kommt mir stets als mein Befreier und Freudebringer.
+
+Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit - so
+lehrt sie euch Zarathustra.
+
+Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen!
+ach, dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!
+
+Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust;
+und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil
+Wille zur Zeugung in ihr ist.
+
+Hinweg von Gott und Göttem lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu
+schaffen, wenn Götter - da wären!
+
+Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger
+Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
+
+Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner
+Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
+
+Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
+stäuben Stücke: was schiert mich das?
+
+Vollenden will ich's: denn ein Schatten kam zu mir - aller Dinge
+Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!
+
+Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Brüder!
+Was gehen mich noch - die Götter an! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Mitleidigen
+
+Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: "seht nur
+Zarathustra! Wandelt er nicht unter uns wie unter Thieren?"
+
+Aber so ist es besser geredet: "der Erkennende wandelt unter Menschen
+_als_ unter Thieren."
+
+Der Mensch selber aber heisst dem Erkennenden: das Thier, das rothe
+Backen hat.
+
+Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat schämen
+müssen?
+
+Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham - das
+ist die Geschichte des Menschen!
+
+Und darum gebeut sich der Edle, nicht zu beschämen: Scham gebeut er
+sich vor allem Leidenden.
+
+Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem
+Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham.
+
+Muss ich mitleidig sein, so will ich's doch nicht heissen; und wenn
+ich's bin, dann gern aus der Ferne.
+
+Gerne verhülle ich auch das Haupt und fliehe davon, bevor ich noch
+erkannt bin: und also heisse ich euch thun, meine Freunde!
+
+Möge mein Schicksal mir immer Leidlose, gleich euch, über den Weg
+führen, und Solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein
+sein _darf_!
+
+Wahrlich, ich that wohl Das und jenes an Leidenden: aber Besseres
+schien ich mir stets zu thun, wenn ich lernte, mich besser freuen.
+
+Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das
+allein, meine Brüder, ist unsre Erbsünde!
+
+Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, Andern
+wehe zu thun und Wehes auszudenken.
+
+Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische
+ich mir auch noch die Seele ab.
+
+Denn dass ich den Leidenden leidend sah, dessen schämte ich mich um
+seiner Scham willen; und als ich ihm half, da vergieng ich mich hart
+an seinem Stolze.
+
+Grosse Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachsüchtig;
+und wenn die kleine Wohlthat nicht vergessen wird, so wird noch ein
+Nage-Wurm daraus.
+
+"Seid spröde im Annehmen! Zeichnet aus damit, dass ihr annehmt!" -
+also rathe ich Denen, die Nichts zu verschenken haben.
+
+Ich aber bin ein Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den
+Freunden. Fremde aber und Arme mögen sich die Frucht selber von meinem
+Baume pflücken: so beschämt es weniger.
+
+Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man ärgert sich
+ihnen zu geben und, ärgert sich ihnen nicht zu geben.
+
+Und insgleichen die Sünder und bösen Gewissen! Glaubt mir, meine
+Freunde: Gewissensbisse erziehn zum Beissen.
+
+Das Schlimmste aber sind die kleinen Gedanken. Wahrlich, besser noch
+bös gethan, als klein gedacht!
+
+Zwar ihr sagt: "die Lust an kleinen Bosheiten erspart uns manche
+grosse böse That." Aber hier sollte man nicht sparen wollen.
+
+Wie ein Geschwür ist die böse That: sie juckt und kratzt und bricht
+heraus, - sie redet ehrlich.
+
+"Siehe, ich bin Krankheit" - so redet die böse That; das ist ihre
+Ehrlichkeit.
+
+Aber dem Pilze gleich ist der kleine Gedanke: er kriecht und duckt
+sich und will nirgendswo sein - bis der ganze Leib morsch und welk ist
+vor kleinen Pilzen.
+
+Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich diess Wort in's Ohr:
+"besser noch, du ziehest deinen Teufel gross! Auch für dich giebt es
+noch einen Weg der Grösse!" -
+
+Ach, meine Brüder! Man weiss von Jedermann Etwas zu viel! Und Mancher
+wird uns durchsichtig, aber desshalb können wir noch lange nicht durch
+ihn hindurch.
+
+Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
+
+Und nicht gegen Den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten,
+sondern gegen Den, welcher uns gar Nichts angeht.
+
+Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine
+Ruhestätte, doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du
+ihm am besten nützen.
+
+Und thut dir ein Freund Übles, so sprich: "ich vergebe dir, was du
+mir thatest; dass du es aber _dir_ thatest, - wie könnte ich das
+vergeben!"
+
+Also redet alle grosse Liebe: die überwindet auch noch Vergebung und
+Mitleiden.
+
+Man soll sein Herz festhalten; denn lässt man es gehn, wie bald geht
+Einem da der Kopf durch!
+
+Ach, wo in der Welt geschahen grössere Thorheiten, als bei den
+Mitleidigen? Und was in der Welt stiftete mehr Leid, als die
+Thorheiten der Mitleidigen?
+
+Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über
+ihrem Mitleiden ist!
+
+Also sprach der Teufel einst zu mir: "auch Gott hat seine Hölle: das
+ist seine Liebe zu den Menschen."
+
+Und jüngst hörte ich ihn diess Wort sagen: "Gott ist todt; an seinem
+Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben." -
+
+So seid mir gewarnt vordem Mitleiden: _daher_ kommt noch den Menschen
+eine schwere Wolke! Wahrlich, ich verstehe mich auf Wetterzeichen!
+
+Merket aber auch diess Wort: alle grosse Liebe ist noch über all ihrem
+Mitleiden: denn sie will das Geliebte noch - schaffen!
+
+"Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und meinen Nächsten gleich
+mir" - so geht die Rede allen Schaffenden.
+
+Alle Schaffenden aber sind hart. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Priestern
+
+Und einstmals gab Zarathustra seinen Jüngern ein Zeichen und sprach
+diese Worte zu ihnen:
+
+"Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir
+still an ihnen vorüber und mit schlafendem Schwerte!
+
+Auch unter ihnen sind Helden; Viele von ihnen litten zuviel -: so
+wollen sie Andre leiden machen.
+
+Böse Feinde sind sie: Nichts ist rachsüchtiger als ihre Demuth. Und
+leicht besudelt sich Der, welcher sie angreift.
+
+Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch
+noch in dem ihren geehrt wissen." -
+
+Und als sie vorüber gegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an;
+und nicht lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also
+an zu reden:
+
+Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den
+Geschmack; aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen
+bin.
+
+Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und
+Abgezeichnete. Der, welchen sie Erlöser nennen, schlug sie in
+Banden: -
+
+In Banden falscher Werthe und Wahn-Worte! Ach dass Einer sie noch von
+ihrem Erlöser erlöste!
+
+Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie
+herumriss; aber siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!
+
+Falsche Werthe und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer für
+Sterbliche, - lange schläft und wartet in ihnen das Verhängniss.
+
+Aber endlich kommt es und wacht und frisst und schlingt, was auf ihm
+sich Hütten baute.
+
+Oh seht mir doch diese Hütten an, die sich diese Priester bauten!
+Kirchen heissen sie ihre süssduftenden Höhlen.
+
+Oh über diess verfälschte Licht, diese versumpfte Luft! Hier, wo die
+Seele zu ihrer Höhe hinauf - nicht fliegen darf!
+
+Sondern also gebietet ihr Glaube: "auf den Knien die Treppe hinan, ihr
+Sünder!"
+
+Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten
+Augen ihrer Scham und Andacht!
+
+Wer schuf sich solche Höhlen und Buss-Treppen? Waren es nicht Solche,
+die sich verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel schämten?
+
+Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt,
+und hinab auf Gras und rothen Mohn an zerbrochnen Mauern, - will ich
+den Stätten dieses Gottes wieder mein Herz zuwenden.
+
+Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe that: und wahrlich,
+es war viel Helden-Art in ihrer Anbetung!
+
+Und nicht anders wussten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den
+Menschen an's Kreuz schlugen!
+
+Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren
+Leichnam aus; auch aus ihren Reden rieche ich noch die üble Würze von
+Todtenkammern.
+
+Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen
+heraus die Unke ihr Lied mit süssem Tiefsinne singt.
+
+Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser
+glauben lerne: erlöster müssten mir seine jünger aussehen!
+
+Nackt möchte ich sie sehn: denn allein die Schönheit sollte Busse
+predigen. Aber wen überredet wohl diese vermummte Trübsal!
+
+Wahrlich, ihre Erlöser selber kamen nicht aus der Freiheit und der
+Freiheit siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf
+den Teppichen der Erkenntniss!
+
+Aus Lücken bestand der Geist dieser Erlöser; aber in jede Lücke hatten
+sie ihren Wahn gestellt, ihren Lückenbüsser, den sie Gott nannten.
+
+In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen
+und überschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine grosse
+Thorheit.
+
+Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Heerde über ihren Steg: wie
+als ob es zur Zukunft nur Einen Steg gäbe! Wahrlich, auch diese Hirten
+gehörten noch zu den Schafen!
+
+Kleine Geister und umfängliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine
+Brüder, was für kleine Länder waren bisher auch die umfänglichsten
+Seelen!
+
+Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre
+Thorheit lehrte, dass man mit Blut die Wahrheit beweise.
+
+Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die
+reinste Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.
+
+Und wenn Einer durch's Feuer geht für seine Lehre, - was beweist
+diess! Mehr ist's wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre
+kommt!
+
+Schwüles Herz und kalter Kopf: wo diess zusammentrifft, da entsteht
+der Brausewind, der "Erlöser".
+
+Grössere gab es wahrlich und Höher-Geborene, als Die, welche das Volk
+Erlöser nennt, diese hinreissenden Brausewinde!
+
+Und noch von Grösseren, als alle Erlöser waren, müsst ihr, meine
+Brüder, erlöst werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!
+
+Niemals noch gab es einen Übermenschen. Nackt sah ich Beide, den
+grössten und den kleinsten Menschen: -
+
+Allzuähnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Grössten fand
+ich - allzumenschlich!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Tugendhaften
+
+Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muss man zu schlaffen und
+schlafenden Sinnen reden.
+
+Aber der Schönheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die
+aufgewecktesten Seelen.
+
+Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Schönheit
+heiliges Lachen und Beben.
+
+Über euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Schönheit. Und also kam
+ihre Stimme zu mir: "sie wollen noch - bezahlt sein!"
+
+Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn für Tugend
+und Himmel für Erden und Ewiges für euer Heute haben?
+
+Und nun zürnt ihr mir, dass ich lehre, es giebt keinen Lohn- und
+Zahlmeister? Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, dass Tugend ihr
+eigener Lohn ist.
+
+Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und
+Strafe hineingelogen - und nun auch noch in den Grund eurer Seelen,
+ihr Tugendhaften!
+
+Aber dem Rüssel des Ebers gleich soll mein Wort den Grund eurer Seelen
+aufreissen; Pflugschar will ich euch heissen.
+
+Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen an's Licht; und wenn ihr
+aufgewühlt und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lüge von
+eurer Wahrheit ausgeschieden sein.
+
+Denn diess ist eure Wahrheit: ihr seid _zu_reinlich_ für den Schmutz
+der Worte: Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.
+
+Ihr liebt eure Tugend, wie die Mutter ihr Kind; aber wann hörte man,
+dass eine Mutter bezahlt sein wollte für ihre Liebe?
+
+Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in
+euch: sich selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder
+Ring.
+
+Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend:
+immer ist sein Licht noch unterwegs und wandert - und wann wird es
+nicht mehr unterwegs sein?
+
+Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk
+gethan ist. Mag es nun vergessen und todt sein: sein Strahl von Licht
+lebt noch und wandert.
+
+Dass eure Tugend euer Selbst sei und nicht ein Fremdes, eine Haut,
+eine Bemäntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr
+Tugendhaften! -
+
+Aber wohl giebt es Solche, denen Tugend der Krampf unter einer
+Peitsche heisst: und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei gehört!
+
+Und Andre giebt es, die heissen Tugend das Faulwerden ihrer Laster;
+und wenn ihr Hass und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken,
+wird ihre "Gerechtigkeit" munter und reibt sich die verschlafenen
+Augen.
+
+Und Andre giebt es, die werden abwärts gezogen: ihre Teufel ziehn sie.
+Aber je mehr sie sinken, um so glühender leuchtet ihr Auge und die
+Begierde nach ihrem Gotte.
+
+Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: was
+ich _nicht_ bin, das, das ist mir Gott und Tugend!
+
+Und Andre giebt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich
+Wägen, die Steine abwärts fahren: die reden viel von Würde und Tugend,
+- ihren Hemmschuh heissen sie Tugend!
+
+Und Andre giebt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen
+wurden; sie machen ihr Tiktak und wollen, dass man Tiktak - Tugend
+heisse.
+
+Wahrlich, an Diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde,
+werde ich sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei
+noch schnurren!
+
+Und Andre sind stolz über ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen
+um ihrerwillen Frevel an allen Dingen: also dass die Welt in ihrer
+Ungerechtigkeit ertränkt wird.
+
+Ach, wie übel ihnen das Wort "Tugend" aus dem Munde läuft! Und wenn
+sie sagen: "ich bin gerecht," so klingt es immer gleich wie: "ich bin
+gerächt!"
+
+Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und
+sie erheben sich nur, um Andre zu erniedrigen.
+
+Und wiederum giebt es Solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden
+also heraus aus dem Schilfrohr: "Tugend - das ist still im Sumpfe
+sitzen.
+
+Wir beissen Niemanden und gehen Dem aus dem Wege, der beissen will;
+und in Allem haben wir die Meinung, die man uns giebt."
+
+Und wiederum giebt es Solche, die lieben Gebärden und denken: Tugend
+ist eine Art Gebärde.
+
+Ihre Kniee beten immer an, und ihre Hände sind Lobpreisungen der
+Tugend, aber ihr Herz weiss Nichts davon.
+
+Und wiederum giebt es Solche, die halten es für Tugend, zu sagen:
+"Tugend ist nothwendig"; aber sie glauben im Grunde nur daran, dass
+Polizei nothwendig ist.
+
+Und Mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es
+Tugend, dass er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heisst er seinen
+bösen Blick Tugend.
+
+Und Einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und heissen es Tugend;
+und Andre wollen umgeworfen sein - und heissen es auch Tugend.
+
+Und derart glauben fast Alle daran, Antheil zu haben an der Tugend;
+und zum Mindesten will ein jeder Kenner sein über "gut" und "böse".
+
+Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen Lügnern und Narren zu
+sagen: "was wisst _ihr_ von Tugend! Was _könntet_ ihr von Tugend
+wissen!" -
+
+Sondern, dass ihr, meine Freunde, der alten Worte müde würdet, welche
+ihr von den Narren und Lügnern gelernt habt:
+
+Müde würdet der Worte "Lohn," "Vergeltung," "Strafe," "Rache in der
+Gerechtigkeit" -
+
+Müde würdet zu sagen: "dass eine Handlung gut ist, das macht, sie ist
+selbstlos."
+
+Ach, meine Freunde! Dass _euer_ Selbst in der Handlung sei, wie die
+Mutter im Kinde ist: das sei mir _euer_ Wort von Tugend!
+
+Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste
+Spielwerke; und nun zürnt ihr mir, wie Kinder zürnen.
+
+Sie spielten am Meere, - da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk
+in die Tiefe: nun weinen sie.
+
+Aber die selbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte
+Muscheln vor sie hin ausschütten!
+
+So werden sie getröstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine
+Freunde, eure Tröstungen haben - und neue bunte Muscheln! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Gesindel
+
+Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mit trinkt, da
+sind alle Brunnen vergiftet.
+
+Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden Mäuler
+nicht sehn und den Durst der Unreinen.
+
+Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun glänzt mir ihr widriges
+Lächeln herauf aus dem Brunnen.
+
+Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lüsternheit; und als
+sie ihre schmutzigen Träume Lust nannten, vergifteten sie auch noch
+die Worte.
+
+Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen an's Feuer
+legen; der Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel an's Feuer
+tritt.
+
+Süsslich und übermürbe wird in ihrer Hand die Frucht: windfällig und
+wipfeldürr macht ihr Blick den Fruchtbaum.
+
+Und Mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel
+ab: er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel
+theilen.
+
+Und Mancher, der in die Wüste gieng und mit Raubthieren Durst litt,
+wollte nur nicht mit schmutzigen Kameeltreibern um die Cisterne
+sitzen.
+
+Und Mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag
+allen Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuss dem Gesindel in den Rachen
+setzen und also seinen Schlund stopfen.
+
+Und nicht das ist der Bissen, an dem ich am meisten würgte, zu
+wissen, dass das Leben selber Feindschaft nöthig hat und Sterben und
+Marterkreuze: -
+
+Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: wie? hat
+das Leben auch das Gesindel _nöthig_?
+
+Sind vergiftete Brunnen nöthig und stinkende Feuer und beschmutzte
+Träume und Maden im Lebensbrode?
+
+Nicht mein Hass, sondern mein Ekel frass mir hungrig am Leben! Ach,
+des Geistes wurde ich oft müde, als ich auch das Gesindel geistreich
+fand!
+
+Und den Herrschenden wandt'ich den Rücken, als ich sah, was sie jetzt
+Herrschen nennen: schachern und markten um Macht - mit dem Gesindel!
+
+Unter Völkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: dass
+mir ihres Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.
+
+Und die Nase mir haltend, gieng ich unmuthig durch alles Gestern
+und Heute: wahrlich, übel riecht alles Gestern und Heute nach dem
+schreibenden Gesindel!
+
+Einem Krüppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte
+ich lange, dass ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel
+lebte.
+
+Mühsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust
+waren sein Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben.
+
+Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte
+mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen
+sitzt?
+
+Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte?
+Wahrlich, in's Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust
+wiederfände!
+
+Oh, ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born
+der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mit trinkt!
+
+Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den
+Becher wieder, dadurch dass du ihn füllen willst!
+
+Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig
+strömt dir noch mein Herz entgegen: -
+
+Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,
+schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner
+Kühle!
+
+Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Bosheit
+meiner Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!
+
+Ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh
+kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde! Denn diess
+ist _unsre_ Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier
+allen Unreinen und ihrem Durste. Werft nur eure reinen Augen in den
+Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden!
+Entgegenlachen soll er euch mit _seiner_ Reinheit.
+
+Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen
+Speise bringen in ihren Schnäbeln!
+
+Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer
+würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen!
+
+Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere!
+Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!
+
+Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern,
+Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.
+
+Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit
+meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.
+
+Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und
+solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:
+hütet euch _gegen_ den Wind zu speien!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Taranteln
+
+Siehe, das ist der Tarantel Höhle! Willst du sie selber sehn? Hier
+hängt ihr Netz: rühre daran, dass es erzittert.
+
+Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem
+Rücken dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiss auch, was in deiner
+Seele sitzt.
+
+Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beissest, da wächst schwarzer
+Schorf; mit Rache macht dein Gift die Seele drehend!
+
+Also rede ich zu euch im Gleichniss, die ihr die Seelen drehend macht,
+ihr Prediger der _Gleichheit_! Taranteln seid ihr mir und versteckte
+Rachsüchtige!
+
+Aber ich will eure Verstecke schon an's Licht bringen: darum lache ich
+euch in's Antlitz mein Gelächter der Höhe.
+
+Darum reisse ich an eurem Netze, dass eure Wuth euch aus eurer
+Lügen-Höhle locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort
+"Gerechtigkeit."
+
+Denn dass der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die
+Brücke zur höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.
+
+Aber anders wollen es freilich die Taranteln. "Das gerade heisse uns
+Gerechtigkeit, dass die Welt voll werde von den Unwettern unsrer
+Rache" - also reden sie mit einander.
+
+"Rache wollen wir üben und Beschimpfung an Allen, die uns nicht gleich
+sind" - so geloben sich die Tarantel-Herzen.
+
+"Und `Wille zur Gleichheit` - das selber soll fürderhin der Name
+für Tugend werden; und gegen Alles, was Macht hat, wollen wir unser
+Geschrei erheben!"
+
+Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht
+schreit also aus euch nach "Gleichheit": eure heimlichsten
+Tyrannen-Gelüste vermummen sich also in Tugend-Worte!
+
+Vergrämter Dünkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Väter Dünkel und
+Neid: aus euch bricht's als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.
+
+Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich
+den Sohn als des Vaters entblösstes Geheimniss.
+
+Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie
+begeistert, - sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden,
+ist's nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.
+
+Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das
+Merkmal ihrer Eifersucht - immer gehn sie zu weit: dass ihre Müdigkeit
+sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muss.
+
+Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein
+Wehethun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.
+
+Also aber rathe ich euch, meine Freunde: misstraut Allen, in welchen
+der Trieb, zu strafen, mächtig ist!
+
+Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt
+der Henker und der Spürhund.
+
+Misstraut allen Denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden!
+Wahrlich, ihren Seelen fehlt es nicht nur an Honig.
+
+Und wenn sie sich selber "die Guten und Gerechten" nennen, so vergesst
+nicht, dass ihnen zum Pharisäer Nichts fehlt als - Macht!
+
+Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.
+
+Es giebt Solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind
+sie Prediger der Gleichheit und Taranteln.
+
+Dass sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer Höhle
+sitzen, diese Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie
+wollen damit wehethun.
+
+Solchen wollen sie damit wehethun, die jetzt die Macht haben: denn bei
+diesen ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.
+
+Wäre es anders, so würden die Taranteln anders lehren: und gerade sie
+waren ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.
+
+Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und
+verwechselt sein. Denn so redet _mir_ die Gerechtigkeit: "die Menschen
+sind nicht gleich."
+
+Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum
+Übermenschen, wenn ich anders spräche?
+
+Auf tausend Brücken und Stegen sollen sie sich drängen zur Zukunft,
+und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein:
+so lässt mich meine grosse Liebe reden!
+
+Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren
+Feindschaften, und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch
+gegeneinander den höchsten Kampf kämpfen!
+
+Gut und Böse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen
+der Werthe: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass
+das Leben sich immer wieder selber überwinden muss!
+
+In die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben
+selber: in weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen
+Schönheiten, - _darum_ braucht es Höhe!
+
+Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen
+und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden.
+
+Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel Höhle ist,
+heben sich eines alten Tempels Trümmer aufwärts, - seht mir doch mit
+erleuchteten Augen hin!
+
+Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach Oben thürmte, um
+das Geheimniss alles Lebens wusste er gleich dem Weisesten!
+
+Dass Kampf und Ungleiches auch noch in der Schönheit sei und Krieg um
+Macht und Übermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichniss.
+
+Wie sich göttlich hier Gewölbe und Bogen brechen, im Ringkampfe:
+wie mit Licht und Schatten sie wider einander streben, die
+göttlich-Strebenden -
+
+Also sicher und schön lasst uns auch Feinde sein, meine Freunde!
+Göttlich wollen wir _wider_ einander streben! -
+
+Wehe! Da biss mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! Göttlich
+sicher und schön biss sie mich in den Finger!
+
+"Strafe muss sein und Gerechtigkeit - so denkt sie: nicht umsonst soll
+er hier der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!"
+
+Ja, sie hat sich gerächt! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch
+meine Seele drehend machen!
+
+Dass ich mich aber _nicht_ drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier
+an diese Säule! Lieber noch Säulen-Heiliger will ich sein, als Wirbel
+der Rachsucht!
+
+Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein
+Tänzer ist, nimmermehr doch ein Tarantel-Tänzer! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den berühmten Weisen
+
+Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berühmten
+Weisen alle! - und _nicht_ der Wahrheit! Und gerade darum zollte man
+euch Ehrfurcht.
+
+Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg
+war zum Volke. So lässt der Herr seine Sclaven gewähren und ergötzt
+sich noch an ihrem Übermuthe.
+
+Aber wer dem Volke verhasst ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der
+freie Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wäldern
+Hausende.
+
+Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe - das hiess immer dem Volke "Sinn
+für das Rechte": gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten
+Hunde.
+
+"Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den
+Suchenden!" - also scholl es von jeher.
+
+Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das
+hiesset ihr "Wille zur Wahrheit," ihr berühmten Weisen!
+
+Und euer Herz sprach immer zu sich: "vom Volke kam ich: von dort her
+kam mir auch Gottes Stimme."
+
+Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes
+Fürsprecher.
+
+Und mancher Mächtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor
+seine Rosse noch - ein Eselein, einen berühmten Weisen.
+
+Und nun wollte ich, ihr berühmten Weisen, ihr würfet endlich das Fell
+des Löwen ganz von euch!
+
+Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des
+Forschenden, Suchenden, Erobernden!
+
+Ach, dass ich an eure "Wahrhaftigkeit" glauben lerne, dazu müsstet ihr
+mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.
+
+Wahrhaftig - so heisse ich Den, der in götterlose Wüsten geht und sein
+verehrendes Herz zerbrochen hat.
+
+Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig
+nach den quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bäumen
+ruht.
+
+Aber sein Durst überredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu
+werden: denn wo Oasen sind, da sind auch Götzenbilder.
+
+Hungernd, gewaltthätig, einsam, gottlos: so will sich selber der
+Löwen-Wille.
+
+Frei von dem Glück der Knechte, erlöst von Göttern und Anbetungen,
+furchtlos und fürchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des
+Wahrhaftigen.
+
+In der Wüste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister,
+als der Wüste Herren; aber in den Städten wohnen die gutgefütterten,
+berühmten Weisen, - die Zugthiere.
+
+Immer nämlich ziehen sie, als Esel - des _Volkes_ Karren!
+
+Nicht dass ich ihnen darob zürne: aber Dienende bleiben sie mir und
+Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glänzen.
+
+Und oft waren sie gute Diener und preiswürdige. Denn so spricht die
+Tugend: musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am
+besten nützt!
+
+"Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du
+sein Diener bist: so wächsest du selber mit seinem Geiste und seiner
+Tugend!"
+
+Und wahrlich, ihr berühmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber
+wuchset mit des Volkes Geist und Tugend - und das Volk durch euch! Zu
+euren Ehren sage ich das!
+
+Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blöden
+Augen, - Volk, das nicht weiss, was _Geist_ ist!
+
+Geist ist das Leben, das selber in's Leben schneidet: an der eignen
+Qual mehrt es sich das eigne Wissen, - wusstet ihr das schon?
+
+Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen
+geweiht zum Opferthier, - wusstet ihr das schon?
+
+Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch
+von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute, - wusstet ihr das
+schon?
+
+Und mit Bergen soll der Erkennende _bauen_ lernen! Wenig ist es, dass
+der Geist Berge versetzt, - wusstet ihr das schon?
+
+Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der
+er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!
+
+Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger würdet
+ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!
+
+Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee
+werfen: ihr seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die
+Entzückungen seiner Kälte nicht.
+
+In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der
+Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlechte
+Dichter.
+
+Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glück im Schrecken des
+Geistes nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht über Abgründen
+lagern.
+
+Ihr seid mir Laue: aber kalt strömt jede tiefe Erkenntniss. Eiskalt
+sind die innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heissen Händen und
+Handelnden.
+
+Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rücken, ihr
+berühmten Weisen! - euch treibt kein starker Wind und Wille.
+
+Saht ihr nie ein Segel über das Meer gehn, geründet und gebläht und
+zitternd vor dem Ungestüm des Windes?
+
+Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestüm des Geistes, geht meine
+Weisheit über das Meer - meine wilde Weisheit!
+
+Aber ihr Diener des Volkes, ihr berühmten Weisen, - wie _könntet_ ihr
+mit mir gehn! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Das Nachtlied
+
+Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
+meine Seele ist ein springender Brunnen.
+
+Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
+meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
+
+Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine
+Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der
+Liebe.
+
+Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre! Aber diess ist meine
+Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
+
+Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten
+des Lichts saugen!
+
+Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
+Leuchtwürmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.
+
+Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
+zurück, die aus mir brechen.
+
+Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,
+dass Stehlen noch seliger sein müsse, als Nehmen.
+
+Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken;
+das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten
+Nächte der Sehnsucht.
+
+Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
+Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!
+
+Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
+zwischen Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
+überbrücken.
+
+Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich Denen,
+welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten: - also
+hungere ich nach Bosheit.
+
+Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
+dem Wasserfälle gleich zögernd, der noch im Sturze zögert: - also
+hungere ich nach Bosheit.
+
+Solche Rache sinnt meine Fülle aus; solche Tücke quillt aus meiner
+Einsamkeit.
+
+Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
+selber müde an ihrem Überflusse!
+
+Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere;
+wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
+Austheilen.
+
+Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine
+Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.
+
+Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
+Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
+
+Viel Sonnen kreisen im öden Räume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie
+mit ihrem Lichte, - mir schweigen sie.
+
+Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes,
+erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.
+
+Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen, -
+also wandelt jede Sonne.
+
+Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr
+Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
+
+Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme
+schafft aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus
+des Lichtes Eutern!
+
+Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
+ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!
+
+Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!
+Und Einsamkeit!
+
+Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach
+Rede verlangt mich.
+
+Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
+meine Seele ist ein springender Brunnen.
+
+Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
+meine Seele ist das Lied eines Liebenden. -
+
+Also sang Zarathustra.
+
+
+
+Das Tanzlied
+
+Eines Abends gieng Zarathustra mit seinen Jüngern durch den Wald; und
+als er nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grüne
+Wiese, die von Bäumen und Gebüsch still umstanden war: auf der tanzten
+Mädchen mit einander. Sobald die Mädchen Zarathustra erkannten,
+liessen sie vom Tanze ab; Zarathustra aber trat mit freundlicher
+Gebärde zu ihnen und sprach diese Worte:
+
+"Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mädchen! Kein Spielverderber
+kam zu euch mit bösem Blick, kein Mädchen-Feind.
+
+Gottes Fürsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der
+Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein?
+Oder Mädchen-Füssen mit schönen Knöcheln?
+
+Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor
+meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen
+Cypressen.
+
+Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mädchen der liebste
+ist: neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.
+
+Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er
+wohl zu viel nach Schmetterlingen?
+
+Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein
+Wenig züchtige! Schreien wird er wohl und weinen, - aber zum Lachen
+ist er noch im Weinen!
+
+Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich
+selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:
+
+Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen
+allerhöchsten grossmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er `der
+Herr der Welt` sei." -
+
+Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die
+Mädchen zusammen tanzten.
+
+In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und in's Unergründliche
+schien ich mir da zu sinken.
+
+Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du,
+als ich dich unergründlich nannte.
+
+"So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was _sie_ nicht
+ergründen, ist unergründlich.
+
+Aber veränderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein
+tugendhaftes:
+
+Ob ich schon euch Männern `die Tiefe` heisse oder `die Treue`, `die
+Ewige`, `die Geheimnissvolle.` -
+
+Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden - ach, ihr
+Tugendhaften!"
+
+Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und
+ihrem Lachen, wenn sie bös von sich selber spricht.
+
+Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte
+sie mir zornig: "Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein
+_lobst_ du das Leben!"
+
+Fast hätte ich da bös geantwortet und der Zornigen die Wahrheit
+gesagt; und man kann nicht böser antworten, als wenn man seiner
+Weisheit "die Wahrheit sagt."
+
+So nämlich steht es zwischen uns Dreien. Von Grund aus liebe ich nur
+das Leben - und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!
+
+Dass ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie
+erinnert mich gar sehr an das Leben!
+
+Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrüthchen: was
+kann ich dafür, dass die Beiden sich so ähnlich sehen?
+
+Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die Weisheit?
+- da sagte ich eifrig: "Ach ja! die Weisheit!
+
+Man dürstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man
+hascht durch Netze.
+
+Ist sie schön? Was weiss ich! Aber die ältesten Karpfen werden noch
+mit ihr geködert.
+
+Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe
+beissen und den Kamm wider ihres Haares Strich führen.
+
+Vielleicht ist sie böse und falsch, und in Allem ein Frauenzimmer;
+aber wenn sie von sich selber schlecht spricht, da gerade verführt sie
+am meisten."
+
+Als ich diess zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die
+Augen zu. "Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir?
+
+Und wenn du Recht hättest, - sagt man _das_ mir so in's Gesicht! Aber
+nun sprich doch auch von deiner Weisheit!"
+
+Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und
+in's Unergründliche schien ich mir wieder zu sinken. -
+
+Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mädchen
+fortgegangen waren, wurde er traurig.
+
+"Die Sonne ist lange schon hinunter, sagte er endlich; die Wiese ist
+feucht, von den Wäldern her kommt Kühle.
+
+Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst
+noch, Zarathustra?
+
+Warum? Wofür? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu
+leben? -
+
+Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt
+mir meine Traurigkeit!
+
+Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!"
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Das Grablied
+
+"Dort ist die Gräberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Gräber
+meiner Jugend. Dahin will ich einen immergrünen Kranz des Lebens
+tragen."
+
+Also im Herzen beschliessend fuhr ich über das Meer. -
+
+Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der
+Liebe alle, ihr göttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell!
+Ich gedenke eurer heute wie meiner Todten.
+
+Von euch her, meinen liebsten Todten, kommt mir ein süsser Geruch, ein
+herz- und thränenlösender. Wahrlich, er erschüttert und löst das Herz
+dem einsam Schiffenden.
+
+Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende - ich der
+Einsamste! Denn ich _hatte_ euch doch, und ihr habt mich noch: sagt,
+wem fielen, wie mir, solche Rosenäpfel vom Baume?
+
+Immer noch bin ich eurer Liebe Erbe und Erdreich, blühend zu eurem
+Gedächtnisse von bunten wildwachsenen Tugenden, oh ihr Geliebtesten!
+
+Ach, wir waren gemacht, einander nahe zu bleiben, ihr holden fremden
+Wunder; und nicht schüchternen Vögeln gleich kamt ihr zu mir und
+meiner Begierde - nein, als Trauende zu dem Trauenden!
+
+Ja, zur Treue gemacht, gleich mir, und zu zärtlichen Ewigkeiten: muss
+ich nun euch nach eurer Untreue heissen, ihr göttlichen Blicke und
+Augenblicke: keinen andern Namen lernte ich noch.
+
+Wahrlich, zu schnell starbt ihr mir, ihr Flüchtlinge. Doch floht ihr
+mich nicht, noch floh ich euch: unschuldig sind wir einander in unsrer
+Untreue.
+
+_Mich_ zu tödten, erwürgte man euch, ihr Singvögel meiner Hoffnungen!
+Ja, nach euch, ihr Liebsten, schoss immer die Bosheit Pfeile - mein
+Herz zu treffen!
+
+Und sie traf! Wart ihr doch stets mein Herzlichstes, mein Besitz und
+mein Besessen-sein: _darum_ musstet ihr jung sterben und allzu frühe!
+
+Nach dem Verwundbarsten, das ich besass, schoss man den Pfeil: das
+waret ihr, denen die Haut einem Flaume gleich ist und mehr noch dem
+Lächeln, das an einem Blick erstirbt!
+
+Aber diess Wort will ich zu meinen Feinden reden: was ist alles
+Menschen-Morden gegen Das, was ihr mir thatet!
+
+Böseres thatet ihr mir, als aller Menschen-Mord ist;
+Unwiederbringliches nahmt ihr mir: - also rede ich zu euch, meine
+Feinde!
+
+Mordetet ihr doch meiner Jugend Gesichte und liebste Wunder! Meine
+Gespielen nahmt ihr mir, die seligen Geister! Ihrem Gedächtnisse lege
+ich diesen Kranz und diesen Fluch nieder.
+
+Diesen Fluch gegen euch, meine Feinde! Machtet ihr doch mein Ewiges
+kurz, wie ein Ton zerbricht in kalter Nacht! Kaum als Aufblinken
+göttlicher Augen kam es mir nur, - als Augenblick!
+
+Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: "göttlich sollen
+mir alle Wesen sein."
+
+Da überfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh nun
+jene gute Stunde!
+
+"Alle Tage sollen mir heilig sein" - so redete einst die Weisheit
+meiner Jugend: wahrlich, einer fröhlichen Weisheit Rede!
+
+Aber da stahlt ihr Feinde mir meine Nächte und verkauftet sie zu
+schlafloser Qual: ach, wohin floh nun jene fröhliche Weisheit?
+
+Einst begehrte ich nach glücklichen Vogelzeichen: da führtet ihr mir
+ein Eulen-Unthier über den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine
+zärtliche Begierde?
+
+Allem Ekel gelobte ich einst zu entsagen: da verwandeltet ihr meine
+Nahen und Nächsten in Eiterbeulen. Ach, wohin floh da mein edelstes
+Gelöbniss?
+
+Als Blinder gieng ich einst selige Wege: da warft ihr Unflath auf den
+Weg des Blinden: und nun ekelte ihn des alten Blinden-Fusssteigs.
+
+Und als ich mein Schwerstes that und meiner Überwindungen Sieg
+feierte: da machtet ihr Die, welche mich liebten, schrein, ich thue
+ihnen am wehesten.
+
+Wahrlich, das war immer euer Thun: ihr vergälltet mir meinen besten
+Honig und den Fleiss meiner besten Bienen.
+
+Meiner Mildthätigkeit sandtet ihr immer die frechsten Bettler zu;
+um mein Mitleiden drängtet ihr immer die unheilbar Schamlosen. So
+verwundetet ihr meine Tugend in ihrem Glauben.
+
+Und legte ich noch mein Heiligstes zum Opfer hin: flugs stellte eure
+"Frömmigkeit" ihre fetteren Gaben dazu: also dass im Dampfe eures
+Fettes noch mein Heiligstes erstickte.
+
+Und einst wollte ich tanzen, wie nie ich noch tanzte: über alle Himmel
+weg wollte ich tanzen. Da überredetet ihr meinen liebsten Sänger.
+
+Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an; ach, er tutete mir,
+wie ein düsteres Horn, zu Ohren!
+
+Mörderischer Sänger, Werkzeug der Bosheit, Unschuldigster! Schon stand
+ich bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen Tönen meine
+Verzückung!
+
+Nur im Tanze weiss ich der höchsten Dinge Gleichniss zu reden: - und
+nun blieb mir mein höchstes Gleichniss ungeredet in einen Gliedern!
+
+Ungeredet und unerlöst blieb mir die höchste Hoffnung! Und es starben
+mir alle Gesichte und Tröstungen meiner Jugend!
+
+Wie ertrug ich's nur? Wie verwand und überwand ich solche Wunden? Wie
+erstand meine Seele wieder aus diesen Gräbern?
+
+Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein
+Felsensprengendes: das heisst _mein_Wille_. Schweigsam schreitet es
+und unverändert durch die Jahre.
+
+Seinen Gang will er gehn auf meinen Füssen, mein alter Wille;
+herzenshart ist ihm der Sinn und unverwundbar.
+
+Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse. Immer noch lebst du da
+und bist dir gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch
+alle Gräber!
+
+In dir lebt auch noch das Unerlöste meiner Jugend; und als Leben und
+Jugend sitzest du hoffend hier auf gelben Grab-Trümmern.
+
+Ja, noch bist du mir aller Gräber Zertrümmerer: Heil dir, mein Wille!
+Und nur wo Gräber sind, giebt es Auferstehungen. -
+
+Also sang Zarathustra. -
+
+
+
+Von der Selbst-Überwindung
+
+"Wille zur Wahrheit" heisst ihr's, ihr Weisesten, was euch treibt und
+brünstig macht?
+
+Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heisse _ich_ euren Willen!
+
+Alles Seiende wollt ihr erst denkbar _machen_: denn ihr zweifelt mit
+gutem Misstrauen, ob es schon denkbar ist.
+
+Aber es soll sich euch fügen und biegen! So will's euer Wille.
+Glatt soll es werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und
+Widerbild.
+
+Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und
+auch wenn ihr vom Guten und Bösen redet und von den Werthschätzungen.
+Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien könnt: so ist es
+eure letzte Hoffnung und Trunkenheit.
+
+Die Unweisen freilich, das Volk, - die sind gleich dem Flusse, auf
+dem ein Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und
+vermummt die Werthschätzungen.
+
+Euren Willen und eure Werthe setztet ihr auf den Fluss des Werdens;
+einen alten Willen zur Macht verräth mir, was vom Volke als gut und
+böse geglaubt wird.
+
+Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gäste in diesen Nachen setzten
+und ihnen Prunk und stolze Namen gaben, - ihr und euer herrschender
+Wille!
+
+Weiter trägt nun der Fluss euren Nachen: er _muss_ ihn tragen.
+Wenig thut's, ob die gebrochene Welle schäumt und zornig dem Kiele
+widerspricht!
+
+Nicht der Fluss ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und Bösen,
+ihr Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht, - der
+unerschöpfte zeugende Lebens-Wille.
+
+Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und Bösen: dazu will ich
+euch noch mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.
+
+Dem Lebendigen gieng ich nach, ich gieng die grössten und die
+kleinsten Wege, dass ich seine Art erkenne.
+
+Mit hundertfachem Spiegel fieng ich noch seinen Blick auf, wenn ihm
+der Mund geschlossen war: dass sein Auge mir rede. Und sein Auge
+redete mir.
+
+Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hörte ich auch die Rede vom
+Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.
+
+Und diess ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber
+gehorchen kann. So ist es des Lebendigen Art.
+
+Diess aber ist das Dritte, was ich hörte: dass Befehlen schwerer ist,
+als Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller
+Gehorchenden trägt, und dass leicht ihn diese Last zerdrückt: -
+
+Ein Versuch und Wagniss erschien mir in allem Befehlen; und stets,
+wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.
+
+Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muss es sein
+Befehlen büssen. Seinem eignen Gesetze muss es Richter und Rächer und
+Opfer werden.
+
+Wie geschieht diess doch! so fragte ich mich. Was überredet das
+Lebendige, dass es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam
+übt?
+
+Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem
+Leben selber in's Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens!
+
+Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im
+Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.
+
+Dass dem Stärkeren diene das Schwächere, dazu überredet es sein Wille,
+der über noch Schwächeres Herr sein will: dieser Lust allein mag es
+nicht entrathen.
+
+Und wie das Kleinere sich dem Grösseren hingiebt, dass es Lust und
+Macht am Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grösste noch hin und
+setzt um der Macht willen - das Leben dran.
+
+Das ist die Hingebung des Grössten, dass es Wagniss ist und Gefahr und
+um den Tod ein Würfelspielen.
+
+Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille,
+Herr zu sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwächere in
+die Burg und bis in's Herz dem Mächtigeren - und stiehlt da Macht.
+
+Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. Siehe, sprach es,
+ich bin das, was sich immer selber überwinden muss.
+
+"Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke,
+zum Höheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein
+Geheimniss.
+
+Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und
+wahrlich, wo es Untergang giebt und Blätterfallen, siehe, da opfert
+sich Leben - um Macht!
+
+Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke
+Widerspruch: ach, wer meinen Willen erräth, erräth wohl auch, auf
+welchen _krummen_ Wegen er gehen muss!
+
+Was ich auch schaffe und wie ich's auch liebe, - bald muss ich Gegner
+ihm sein und meiner Liebe: so will es mein Wille.
+
+Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines
+Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen
+deines Willens zur Wahrheit!
+
+Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom
+`Willen zum Dasein`: diesen Willen - giebt es nicht!
+
+Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist,
+wie könnte das noch zum Dasein wollen!
+
+Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben,
+sondern - so lehre ich's dich - Wille zur Macht!
+
+Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus
+dem Schätzen selber heraus redet - der Wille zur Macht!" -
+
+Also lehrte mich einst das Leben: und daraus löse ich euch, ihr
+Weisesten, noch das Räthsel eures Herzens.
+
+Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Böses, das unvergänglich wäre - das
+giebt es nicht! Aus sich selber muss es sich immer wieder überwinden.
+
+Mit euren Werthen und Worten von Gut und Böse übt ihr Gewalt, ihr
+Werthschätzenden: und diess ist eure verborgene Liebe und eurer Seele
+Glänzen, Zittern und Überwallen.
+
+Aber eine stärkere Gewalt wächst aus euren Werthen und eine neue
+Überwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.
+
+Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss
+ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.
+
+Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die
+schöpferische. -
+
+Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist.
+Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenere Wahrheiten werden
+giftig.
+
+Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen -
+kann! Manches Haus giebt es noch zu bauen!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Erhabenen
+
+Still ist der Grund meines Meeres: wer erriethe wohl, dass er
+scherzhafte Ungeheuer birgt!
+
+Unerschütterlich ist meine Tiefe: aber sie glänzt von schwimmenden
+Räthseln und Gelächtern.
+
+Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen Büsser des
+Geistes: oh wie lachte meine Seele ob seiner Hässlichkeit!
+
+Mit erhobener Brust und Denen gleich, welche den Athem an sich ziehn:
+also stand er da, der Erhabene, und schweigsam:
+
+Behängt mit hässlichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an
+zerrissenen Kleidern; auch viele Dornen hiengen an ihm - aber noch sah
+ich keine Rose.
+
+Noch lernte er das Lachen nicht und die Schönheit. Finster kam dieser
+Jäger zurück aus dem Walde der Erkenntniss.
+
+Vom Kampfe kehrte er heim mit wilden Thieren: aber aus seinem Ernste
+blickt auch noch ein wildes Thier - ein unüberwundenes!
+
+Wie ein Tiger steht er immer noch da, der springen will; aber ich mag
+diese gespannten Seelen nicht, unhold ist mein Geschmack allen diesen
+Zurückgezognen.
+
+Und ihr sagt mir, Freunde, dass nicht zu streiten sei über Geschmack
+und Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!
+
+Geschmack: das ist Gewicht zugleich und Wagschale und Wägender; und
+wehe allem Lebendigen, das ohne Streit um Gewicht und Wagschale und
+Wägende leben wollte!
+
+Wenn er seiner Erhabenheit müde würde, dieser Erhabene: dann erst
+würde seine Schönheit anheben, - und dann erst will ich ihn schmecken
+und schmackhaft finden.
+
+Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er über seinen
+eignen Schatten springen - und, wahrlich! hinein in _seine_ Sonne.
+
+Allzulange sass er im Schatten, die Wangen bleichten dem Büsser des
+Geistes; fast verhungerte er an seinen Erwartungen.
+
+Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem
+Munde. Zwar ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die
+Sonne gelegt.
+
+Dem Stiere gleich sollte er thun; und sein Glück sollte nach Erde
+riechen und nicht nach Verachtung der Erde.
+
+Als weissen Stier möchte ich ihn sehn, wie er schnaubend und brüllend
+der Pflugschar vorangeht: und sein Gebrüll sollte noch alles Irdische
+preisen!
+
+Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm.
+Verschattet ist noch der Sinn seines Auges.
+
+Seine That selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt
+den Handelnden. Noch hat er seine That nicht überwunden.
+
+Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch
+noch das Auge des Engels sehn.
+
+Auch seinen Helden-Willen muss er noch verlernen: ein Gehobener soll
+er mir sein und nicht nur ein Erhabener: - der Äther selber sollte ihn
+heben, den Willenlosen!
+
+Er bezwang Unthiere, er löste Räthsel: aber erlösen sollte er auch
+noch seine Unthiere und Räthsel, zu himmlischen Kindern sollte er sie
+noch verwandeln.
+
+Noch hat seine Erkenntniss nicht lächeln gelernt und ohne Eifersucht
+sein; noch ist seine strömende Leidenschaft nicht stille geworden in
+der Schönheit.
+
+Wahrlich, nicht in der Sattheit soll sein Verlangen schweigen und
+untertauchen, sondern in der Schönheit! Die Anmuth gehört zur
+Grossmuth des Grossgesinnten.
+
+Den Arm über das Haupt gelegt: so sollte der Held ausruhn, so sollte
+er auch noch sein Ausruhen überwinden.
+
+Aber gerade dem Helden ist das _Schöne_ aller Dinge Schwerstes.
+Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.
+
+Ein Wenig mehr, ein Wenig weniger: das gerade ist hier Viel, das ist
+hier das Meiste.
+
+Mit lässigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das
+Schwerste euch Allen, ihr Erhabenen!
+
+Wenn die Macht gnädig wird und herabkommt in's Sichtbare: Schönheit
+heisse ich solches Herabkommen.
+
+Und von Niemandem will ich so als von dir gerade Schönheit, du
+Gewaltiger: deine Güte sei deine letzte Selbst- Überwältigung.
+
+Alles Böse traue ich dir zu: darum will ich von dir das Gute.
+
+Wahrlich, ich lachte oft der Schwächlinge, welche sich gut glauben,
+weil sie lahme Tatzen haben!
+
+Der Säule Tugend sollst du nachstreben: schöner wird sie immer und
+zarter, aber inwendig härter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt.
+
+Ja, du Erhabener, einst sollst du noch schön sein und deiner eignen
+Schönheit den Spiegel vorhalten.
+
+Dann wird deine Seele vor göttlichen Begierden schaudern; und Anbetung
+wird noch in deiner Eitelkeit sein!
+
+Diess nämlich ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held
+verlassen hat, naht ihr, im Traume, - der Über-Held.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Lande der Bildung
+
+Zu weit hinein flog ich in die Zukunft: ein Grauen überfiel mich.
+
+Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger
+Zeitgenosse.
+
+Da floh ich rückwärts, heimwärts - und immer eilender: so kam ich zu
+euch, ihr Gegenwärtigen, und in's Land der Bildung.
+
+Zum ersten Male brachte ich ein Auge mit für euch, und gute Begierde:
+wahrlich, mit Sehnsucht im Herzen kam ich.
+
+Aber wie geschah mir? So angst mir auch war, - ich musste lachen! Nie
+sah mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes!
+
+Ich lachte und lachte, während der Fuss mir noch zitterte und das Herz
+dazu: "hier ist ja die Heimat aller Farbentöpfe!" - sagte ich.
+
+Mit fünfzig Klexen bemalt an Gesicht und Gliedern: so sasset ihr da zu
+meinem Staunen, ihr Gegenwärtigen!
+
+Und mit fünfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten
+und nachredeten!
+
+Wahrlich, ihr könntet gar keine bessere Maske tragen, ihr
+Gegenwärtigen, als euer eignes Gesicht ist! Wer könnte euch -
+_erkennen_!
+
+Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese
+Zeichen überpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut
+versteckt vor allen Zeichendeutern!
+
+Und wenn man auch Nierenprüfer ist: wer glaubt wohl noch, dass ihr
+Nieren habt! Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten
+Zetteln.
+
+Alle Zeiten und Völker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten
+und Glauben reden bunt aus euren Gebärden.
+
+Wer von euch Schleier und Überwürfe und Farben und Gebärden abzöge:
+gerade genug würde er übrig behalten, um die Vögel damit zu
+erschrecken.
+
+Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt
+sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe
+zuwinkte.
+
+Lieber wollte ich doch noch Tagelöhner sein in der Unterwelt und bei
+den Schatten des Ehemals! - feister und voller als ihr sind ja noch
+die Unterweltlichen!
+
+Diess, ja diess ist Bitterniss meinen Gedärmen, dass ich euch weder
+nackt, noch bekleidet aushalte, ihr Gegenwärtigen!
+
+Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen Vögeln Schauder
+machte, ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure
+"Wirklichkeit".
+
+Denn so sprecht ihr: "Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und
+Aberglauben": also brüstet ihr euch - ach, auch noch ohne Brüste!
+
+Ja, wie solltet ihr glauben _können_, ihr Buntgesprenkelten! - die ihr
+Gemälde seid von Allem, was je geglaubt wurde!
+
+Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller
+Gedanken Gliederbrechen. _Unglaubwürdige_: also heisse _ich_ euch, ihr
+Wirklichen!
+
+Alle Zeiten schwätzen wider einander in euren Geistern; und aller
+Zeiten Träume und Geschwätz waren wirklicher noch als euer Wachsein
+ist!
+
+Unfruchtbare seid ihr: _darum_ fehlt es euch an Glauben. Aber
+wer schaffen musste, der hatte auch immer seine Wahr-Träume und
+Stern-Zeichen - und glaubte an Glauben! -
+
+Halboffne Thore seid ihr, an denen Todtengräber warten. Und das ist
+_eure_ Wirklichkeit: "Alles ist werth, dass es zu Grunde geht."
+
+Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen!
+Und Mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen.
+
+Und er sprach: "es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich
+Etwas entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden!
+
+Wundersam ist die Armuth meiner Rippen!" also sprach schon mancher
+Gegenwärtige.
+
+Ja, zum Lachen seid ihr mir, ihr Gegenwärtigen! Und sonderlich, wenn
+ihr euch über euch selber wundert!
+
+Und wehe mir, wenn ich nicht lachen könnte über eure Verwunderung, und
+alles Widrige aus euren Näpfen hinunter trinken müsste!
+
+So aber will ich's mit euch leichter nehmen, da ich _Schweres_ zu
+tragen habe; und was thut's mir, wenn sich Käfer und Flügelwürmer noch
+auf mein Bündel setzen!
+
+Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch,
+ihr Gegenwärtigen, soll mir die grosse Müdigkeit kommen. - Ach, wohin
+soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen
+schaue ich aus nach Vater- und Mutterländern.
+
+Aber Heimat fand ich nirgends: unstät bin ich in allen Städten und ein
+Aufbruch an allen Thoren.
+
+Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst
+das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern.
+
+So liebe ich allein noch meiner _Kinder_Land_, das unentdeckte, im
+fernsten Meere: nach ihm heisse ich meine Segel suchen und suchen.
+
+An meinen Kindern will ich es gut machen, dass ich meiner Väter Kind
+bin: und an aller Zukunft - _diese_ Gegenwart!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von der unbefleckten Erkenntniss
+
+Als gestern der Mond aufgieng, wähnte ich, dass er eine Sonne gebären
+wolle: so breit und trächtig lag er am Horizonte.
+
+Aber ein Lügner war er mir mit seiner Schwangerschaft; und eher noch
+will ich an den Mann im Monde glauben als an das Weib.
+
+Freilich, wenig Mann ist er auch, dieser schüchterne Nachtschwärmer.
+Wahrlich, mit schlechtem Gewissen wandelt er über die Dächer.
+
+Denn er ist lüstern und eifersüchtig, der Mönch im Monde, lüstern nach
+der Erde und nach allen Freuden der Liebenden.
+
+Nein, ich mag ihn nicht, diesen Kater auf den Dächern! Widerlich sind
+mir Alle, die um halbverschlossne Fenster schleichen!
+
+Fromm und schweigsam wandelt er hin auf Sternen-Teppichen: - aber ich
+mag alle leisetretenden Mannsfüsse nicht, an denen auch nicht ein
+Sporen klirrt.
+
+Jedes Redlichen Schritt redet; die Katze aber stiehlt sich über den
+Boden weg. Siehe, katzenhaft kommt der Mond daher und unredlich. -
+
+Dieses Gleichniss gebe ich euch empfindsamen Heuchlern, euch, den
+"Rein-Erkennenden!" Euch heisse _ich_ - Lüsterne!
+
+Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich errieth euch wohl! -
+aber Scham ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen, - dem Monde
+gleicht ihr!
+
+Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist überredet, aber nicht
+eure Eingeweide: _die_ aber sind das Stärkste an euch!
+
+Und nun schämt sich euer Geist, dass er euren Eingeweiden zu willen
+ist und geht vor seiner eignen Scham Schleich- und Lügenwege.
+
+"Das wäre mir das Höchste - also redet euer verlogner Geist zu sich -
+auf das Leben ohne Begierde zu schaun und nicht gleich dem Hunde mit
+hängender Zunge:
+
+Glücklich zu sein im Schauen, mit erstorbenem Willen, ohne Griff und
+Gier der Selbstsucht - kalt und aschgrau am ganzen Leibe, aber mit
+trunkenen Mondesaugen!"
+
+"Das wäre mir das Liebste, - also verführt sich selber der Verführte
+- die Erde zu lieben, wie der Mond sie liebt, und nur mit dem Auge
+allein ihre Schönheit zu betasten.
+
+Und das heisse mir aller Dinge _unbefleckte_ Erkenntniss, dass ich von
+den Dingen Nichts will: ausser dass ich vor ihnen da liegen darf wie
+ein Spiegel mit hundert Augen." -
+
+Oh, ihr empfindsamen Heuchler, ihr Lüsternen! Euch fehlt die Unschuld
+in der Begierde: und nun verleumdet ihr drum das Begehren!
+
+Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die
+Erde!
+
+Wo ist Unschuld? Wo der Wille zur Zeugung ist. Und wer über sich
+hinaus schaffen will, der hat mir den reinsten Willen.
+
+Wo ist Schönheit? Wo ich mit allem Willen _wollen_muss_; wo ich lieben
+und untergehn will, dass ein Bild nicht nur Bild bleibe.
+
+Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe:
+das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen!
+
+Aber nun will euer entmanntes Schielen "Beschaulichkeit" heissen! Und
+was mit feigen Augen sich tasten lässt, soll "schön" getauft werden!
+oh, ihr Beschmutzer edler Namen!
+
+Aber das soll euer Fluch sein, ihr Unbefleckten, ihr Rein-Erkennenden,
+dass ihr nie gebären werdet: und wenn ihr auch breit und trächtig am
+Horizonte liegt!
+
+Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen
+glauben, dass euch das Herz übergehe, ihr Lügenbolde?
+
+Aber in _eine_ Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne
+nehme ich auf, was bei eurer Mahlzeit unter den Tisch fällt.
+
+Immer noch kann ich mit ihnen - Heuchlern die Wahrheit sagen! ja,
+meine Gräten, Muscheln und Stachelblätter sollen - Heuchlern die Nasen
+kitzeln!
+
+Schlechte Luft ist immer um euch und eure Mahlzeiten: eure lüsternen
+Gedanken, eure Lügen und Heimlichkeiten sind ja in der Luft!
+
+Wagt es doch erst, euch selber zu glauben - euch und euren
+Eingeweiden! Wer sich selber nicht glaubt, lügt immer.
+
+Eines Gottes Larve hängtet ihr um vor euch selber, ihr "Reinen": in
+eines Gottes Larve verkroch sich euer greulicher Ringelwurm.
+
+Wahrlich, ihr täuscht, ihr "Beschaulichen"! Auch Zarathustra
+war einst der Narr eurer göttlichen Häute; nicht errieth er das
+Schlangengeringel, mit denen sie gestopft waren.
+
+Eines Gottes Seele wähnte ich einst spielen zu sehn in euren Spielen,
+ihr Rein-Erkennenden! Keine bessere Kunst wähnte ich einst als eure
+Künste!
+
+Schlangen-Unflath und schlimmen Geruch verhehlte mir die Ferne: und
+dass einer Eidechse List lüstern hier herumschlich.
+
+Aber ich kam euch _nah_: da kam mir der Tag - und nun kommt er euch, -
+zu Ende gieng des Mondes Liebschaft!
+
+Seht doch hin! Ertappt und bleich steht er da - vor der Morgenröthe!
+
+Denn schon kommt sie, die Glühende, - _ihre_ Liebe zur Erde kommt!
+Unschuld und Schöpfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe!
+
+Seht doch hin, wie sie ungeduldig über das Meer kommt! Fühlt ihr den
+Durst und den heissen Athem ihrer Liebe nicht?
+
+Am Meere will sie saugen und seine Tiefe zu sich in die Höhe trinken:
+da hebt sich die Begierde des Meeres mit tausend Brüsten.
+
+Geküsst und gesaugt _will_ es sein vom Durste der Sonne; Luft _will_
+es werden und Höhe und Fusspfad des Lichts und selber Licht!
+
+Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.
+
+Und diess heisst _mir_ Erkenntniss: alles Tiefe soll hinauf - zu
+meiner Höhe!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Gelehrten
+
+Als ich im Schlafe lag, da frass ein Schaf am Epheukranze meines
+Hauptes, - frass und sprach dazu: "Zarathustra ist kein Gelehrter
+mehr."
+
+Sprach's und gieng stotzig davon und stolz. Ein Kind erzählte mir's.
+
+Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochnen Mauer,
+unter Disteln und rothen Mohnblumen.
+
+Ein Gelehrter bin ich den Kindern noch und auch den Disteln und rothen
+Mohnblumen. Unschuldig sind sie, selbst noch in ihrer Bosheit.
+
+Aber den Schafen bin ich's nicht mehr: so will es mein Loos - gesegnet
+sei es!
+
+Denn diess ist die Wahrheit: ausgezogen bin ich aus dem Hause der
+Gelehrten: und die Thür habe ich noch hinter mir zugeworfen.
+
+Zu lange sass meine Seele hungrig an ihrem Tische; nicht, gleich
+ihnen, bin ich auf das Erkennen abgerichtet wie auf das Nüsseknacken.
+
+Freiheit liebe ich und die Luft über frischer Erde; lieber noch will
+ich auf Ochsenhäuten schlafen, als auf ihren Würden und Achtbarkeiten.
+
+Ich bin zu heiss und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir
+den Athem nehmen. Da muss ich in's Freie und weg aus allen verstaubten
+Stuben.
+
+Aber sie sitzen kühl in kühlem Schatten: sie wollen in Allem nur
+Zuschauer sein und hüten sich dort zu sitzen, wo die Sonne auf die
+Stufen brennt.
+
+Gleich Solchen, die auf der Strasse stehn und die Leute angaffen,
+welche vorübergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die
+Andre gedacht haben.
+
+Greift man sie mit Händen, so stäuben sie um sich gleich Mehlsäcken,
+und unfreiwillig. aber wer erriethe wohl, dass ihr Staub vom Korne
+stammt und von der gelben Wonne der Sommerfelder?
+
+Geben sie sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und
+Wahrheiten: ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem
+Sumpfe stamme: und wahrlich, ich hörte auch schon den Frosch aus ihr
+quaken!
+
+Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will _meine_ Einfalt
+bei ihrer Vielfalt! Alles Fädeln und Knüpfen und Weben verstehn ihre
+Finger: also wirken sie die Strümpfe des Geistes!
+
+Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann
+zeigen sie ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen Lärm
+dabei.
+
+Gleich Mühlwerken arbeiten sie und Stampfen: man werfe ihnen nur seine
+Fruchtkörner zu! - sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weissen
+Staub daraus zu machen.
+
+Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum
+Besten. Erfinderisch in kleinen Schlauheiten warten sie auf Solche,
+deren Wissen auf lahmen Füssen geht, - gleich Spinnen warten sie.
+
+Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie
+gläserne Handschuhe dabei an ihre Finger.
+
+Auch mit falschen Würfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand
+ich sie spielen, dass sie dabei schwitzten.
+
+Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider
+den Geschmack, als ihre Falschheiten und falschen Würfel.
+
+Und als ich bei ihnen wohnte, da wohnte ich über ihnen. Darüber wurden
+sie mir gram.
+
+Sie wollen Nichts davon hören, dass Einer über ihren Köpfen wandelt;
+und so legten sie Holz und Erde und Unrath zwischen mich und ihre
+Köpfe.
+
+Also dämpften sie den Schall meiner Schritte: und am schlechtesten
+wurde ich bisher von den Gelehrtesten gehört.
+
+Aller Menschen Fehl und Schwäche legten sie zwischen sich und mich: -
+"Fehlboden" heissen sie das in ihren Häusern.
+
+Aber trotzdem wandele ich mit meinen Gedanken _über_ ihren Köpfen; und
+selbst, wenn ich auf meinen eignen Fehlern wandeln wollte, würde ich
+noch über ihnen sein und ihren Köpfen.
+
+Denn die Menschen sind _nicht_ gleich: so spricht die Gerechtigkeit.
+Und was ich will, dürften _sie_ nicht wollen!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den Dichtern
+
+"Seit ich den Leib besser kenne, - sagte Zarathustra zu einem seiner
+Jünger - ist mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das
+`Unvergängliche` - das ist auch nur ein Gleichniss."
+
+"So hörte ich dich schon einmal sagen, antwortete der Jünger; und
+damals fügtest du hinzu: `aber die Dichter lügen zuviel.` Warum
+sagtest du doch, dass die Dichter zuviel lügen?"
+
+"Warum? sagte Zarathustra. Du fragst warum? Ich gehöre nicht zu Denen,
+welche man nach ihrem Warum fragen darf.
+
+Ist denn mein Erleben von Gestern? Das ist lange her, dass ich die
+Gründe meiner Meinungen erlebte.
+
+Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch meine
+Gründe bei mir haben wollte?
+
+Schon zuviel ist mir's, meine Meinungen selber zu behalten; und
+mancher Vogel fliegt davon.
+
+Und mitunter finde ich auch ein zugezogenes Thier in meinem
+Taubenschlage, das mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand
+darauf lege.
+
+Doch was sagte dir einst Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen? -
+Aber auch Zarathustra ist ein Dichter.
+
+Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du
+das?"
+
+Der Jünger antwortete: "ich glaube an Zarathustra." Aber Zarathustra
+schüttelte den Kopf und lächelte.
+
+Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an
+mich.
+
+Aber gesetzt, dass jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lügen
+zuviel: so hat er Recht, - _wir_ lügen zuviel.
+
+Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so müssen wir
+schon lügen.
+
+Und wer von uns Dichtern hätte nicht seinen Wein verfälscht?
+Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches
+Unbeschreibliche ward da gethan.
+
+Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig
+Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind!
+
+Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die
+alten Weibchen Abends erzählen. Das heissen wir selber an uns das
+Ewig-Weibliche.
+
+Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gäbe, der
+sich Denen _verschütte_, welche Etwas lernen: so glauben wir an das
+Volk und seine "Weisheit".
+
+Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase oder an einsamen
+Gehängen liegend die Ohren spitze, Etwas von den Dingen erfahre, die
+zwischen Himmel und Erde sind.
+
+Und kommen ihnen zärtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die
+Natur selber sei in sie verliebt:
+
+Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hinein zu sagen und
+verliebte Schmeichelreden: dessen brüsten und blähen sie sich vor
+allen Sterblichen!
+
+Ach, es giebt so viel Dinge zwischen Himmel und Erden, von denen sich
+nur die Dichter Etwas haben träumen lassen!
+
+Und zumal _über_ dem Himmel: denn alle Götter sind Dichter-Gleichniss,
+Dichter-Erschleichniss!
+
+Wahrlich, immer zieht es uns hinan - nämlich zum Reich der Wolken: auf
+diese setzen wir unsre bunten Bälge und heissen sie dann Götter und
+Übermenschen: -
+
+Sind sie doch gerade leicht genug für diese Stühle! - alle diese
+Götter und Übermenschen.
+
+Ach, wie bin ich all des Unzulänglichen müde, das durchaus Ereigniss
+sein soll! Ach, wie bin ich der Dichter müde!
+
+Als Zarathustra so sprach, zürnte ihm sein Jünger, aber er schwieg.
+Und auch Zarathustra schwieg; und sein Auge hatte sich nach innen
+gekehrt, gleich als ob es in weite Fernen sähe. Endlich seufzte er und
+holte Athem.
+
+Ich bin von Heute und Ehedem, sagte er dann; aber Etwas ist in mir,
+das ist von Morgen und übermorgen und Einstmals.
+
+Ich wurde der Dichter müde, der alten und der neuen: Oberflächliche
+sind sie mir Alle und seichte Meere.
+
+Sie dachten nicht genug in die Tiefe: darum sank ihr Gefühl nicht bis
+zu den Gründen.
+
+Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken
+gewesen.
+
+Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was
+wussten sie bisher von der Inbrunst der Töne! -
+
+Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie trüben Alle ihr Gewässer,
+dass es tief scheine.
+
+Und gerne geben sie sich damit als Versöhner: aber Mittler und Mischer
+bleiben sie mir und Halb-und-Halbe und Unreinliche! -
+
+Ach, ich warf wohl mein Netz in ihre Meere und wollte gute Fische
+fangen; aber immer zog ich eines alten Gottes Kopf herauf.
+
+So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein. Und sie selber mögen wohl
+aus dem Meere stammen.
+
+Gewiss, man findet Perlen in ihnen: um so ähnlicher sind sie selber
+harten Schalthieren. Und statt der Seele fand ich oft bei ihnen
+gesalzenen Schleim.
+
+Sie lernten vom Meere auch noch seine Eitelkeit: ist nicht das Meer
+der Pfau der Pfauen?
+
+Noch vor dem hässlichsten aller Büffel rollt es seinen Schweif hin,
+nimmer wird es seines Spitzenfächers von Silber und Seide müde.
+
+Trutzig blickt der Büffel dazu, dem Sande nahe in seiner Seele, näher
+noch dem Dickicht, am nächsten aber dem Sumpfe.
+
+Was ist ihm Schönheit und Meer und Pfauen-Zierath! Dieses Gleichniss
+sage ich den Dichtern.
+
+Wahrlich, ihr Geist selber ist der Pfau der Pfauen und ein Meer von
+Eitelkeit!
+
+Zuschauer will der Geist des Dichters: sollten's auch Büffel sein! -
+
+Aber dieses Geistes wurde ich müde: und ich sehe kommen, dass er
+seiner selber müde wird.
+
+Verwandelt sah ich schon die Dichter und gegen sich selber den Blick
+gerichtet.
+
+Büsser des Geistes sah ich kommen: die wuchsen aus ihnen.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von grossen Ereignissen
+
+Es giebt eine Insel im Meere - unweit den glückseligen Inseln
+Zarathustra's - auf welcher beständig ein Feuerberg raucht; von der
+sagt das Volk, und sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem
+Volke, dass sie wie ein Felsblock vor das Thor der Unterwelt gestellt
+sei: durch den Feuerberg selber aber führe der schmale Weg abwärts,
+der zu diesem Thore der Unterwelt geleite.
+
+Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glückseligen Inseln weilte,
+geschah es, dass ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher
+der rauchende Berg steht; und seine Mannschaft gieng an's Land, um
+Kaninchen zu schiessen. Gegen die Stunde des Mittags aber, da der
+Capitän und seine Leute wieder beisammen waren, sahen sie plötzlich
+durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine Stimme sagte
+deutlich: "es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!" Wie die Gestalt
+ihnen aber am nächsten war - sie flog aber schnell gleich einem
+Schatten vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag - da erkannten
+sie mit grösster Bestürzung, dass es Zarathustra sei; denn sie hatten
+ihn Alle schon gesehn, ausgenommen der Capitän selber, und sie liebten
+ihn, wie das Volk liebt: also dass zu gleichen Theilen Liebe und Scheu
+beisammen sind.
+
+"Seht mir an! sagte der alte Steuermann, da fährt Zarathustra zur
+Hölle!" -
+
+Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten,
+lief das Gerücht umher, dass Zarathustra verschwunden sei; und als
+man seine Freunde fragte, erzählten sie, er sei bei Nacht zu Schiff
+gegangen, ohne zu sagen, wohin er reisen wolle.
+
+Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe
+die Geschichte der Schiffsleute hinzu - und nun sagte alles Volk,
+dass der Teufel Zarathustra geholt habe. Seine jünger lachten zwar
+ob dieses Geredes; und einer von ihnen sagte sogar: "eher glaube ich
+noch, dass Zarathustra sich den Teufel geholt hat." Aber im Grunde der
+Seele waren sie Alle voll Besorgniss und Sehnsucht: so war ihre Freude
+gross, als am fünften Tage Zarathustra unter ihnen erschien.
+
+Und diess ist die Erzählung von Zarathustra's Gespräch mit dem
+Feuerhunde.
+
+Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten.
+Eine dieser Krankheiten heisst zum Beispiel: "Mensch."
+
+Und eine andere dieser Krankheiten heisst "Feuerhund": über _den_
+haben sich die Menschen Viel vorgelogen und vorlügen lassen.
+
+Diess Geheimniss zu ergründen gieng ich über das Meer: und ich habe
+die Wahrheit nackt gesehn, wahrlich! barfuss bis zum Halse.
+
+Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, weiss ich nun; und insgleichen
+mit all den Auswurf- und Umsturz-Teufeln, vor denen sich nicht nur
+alte Weibchen fürchten.
+
+Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe! rief ich, und bekenne,
+wie tief diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?
+
+Du trinkst reichlich am Meere: das verräth deine versalzte
+Beredsamkeit! Fürwahr, für einen Hund der Tiefe nimmst du deine
+Nahrung zu sehr von der Oberfläche!
+
+Höchstens für den Bauchredner der Erde halt' ich dich: und immer, wenn
+ich Umsturz- und Auswurf-Teufel reden hörte, fand ich sie gleich dir:
+gesalzen, lügnerisch und flach.
+
+Ihr versteht zu brüllen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die
+besten Grossmäuler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm heiss zu
+sieden.
+
+Wo ihr seid, da muss stets Schlamm in der Nähe sein, und viel
+Schwammichtes, Höhlichtes, Eingezwängtes: das will in die Freiheit.
+
+"Freiheit" brüllt ihr Alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben
+an "grosse Ereignisse," sobald viel Gebrüll und Rauch um sie herum
+ist.
+
+Und glaube mir nur, Freund Höllenlärm! Die grössten Ereignisse - das
+sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.
+
+Nicht um die Erfinder von neuem Lärme: um die Erfinder von neuen
+Werthen dreht sich die Welt; _unhörbar_ dreht sie sich.
+
+Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lärm und
+Rauch sich verzog. Was liegt daran, dass eine Stadt zur Mumie wurde,
+und eine Bildsäule im Schlamme liegt!
+
+Und diess Wort sage ich noch den Umstürzern von Bildsäulen. Das ist
+wohl die grösste Thorheit, Salz in's Meer und Bildsäulen in den
+Schlamm zu werfen.
+
+Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsäule: aber das ist gerade
+ihr Gesetz, dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende
+Schönheit wächst!
+
+Mit göttlicheren Zügen steht sie nun auf und leidendverführerisch; und
+wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, dass ihr sie umstürztet, ihr
+Umstürzer!
+
+Diesen Rath aber rathe ich Königen und Kirchen und Allem, was alters-
+und tugendschwach ist - lasst euch nur umstürzen! Dass ihr wieder zum
+Leben kommt, und zu euch - die Tugend! -
+
+Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich mürrisch und
+fragte: "Kirche? Was ist denn das?"
+
+Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die
+verlogenste. Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art
+wohl am besten schon!
+
+Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er
+gern mit Rauch und Gebrülle, - dass er glauben mache, gleich dir, er
+rede aus dem Bauch der Dinge.
+
+Denn er will durchaus das wichtigste Thier auf Erden sein, der Staat;
+und man glaubt's ihm auch. -
+
+Als ich das gesagt hatte, gebärdete sich der Feuerhund wie unsinnig
+vor Neid. "Wie? schrie er, das wichtigste Thier auf Erden? Und man
+glaubt's ihm auch?" Und so viel Dampf und grässliche Stimmen kamen
+ihm aus dem Schlunde, dass ich meinte, er werde vor Arger und Neid
+ersticken.
+
+Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen liess nach; sobald er aber
+stille war, sagte ich lachend:
+
+"Du ärgerst dich, Feuerhund: also habe ich über dich Recht!
+
+Und dass ich auch noch Recht behalte, so höre von einem andern
+Feuerhunde: der spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.
+
+Gold haucht sein Athem und goldigen Regen: so will's das Herz ihm. Was
+ist ihm Asche und Rauch und heisser Schleim noch!
+
+Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gewölke; abgünstig ist er
+deinem Gurgeln und Speien und Grimmen der Ein- geweide!
+
+Das Gold aber und das Lachen - das nimmt er aus dem Herzen der Erde:
+denn dass du's nur weisst, - das Herz der Erde ist von Gold."
+
+Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er's nicht mehr aus, mir
+zuzuhören. Beschämt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine
+kleinlaute Weise Wau! Wau! und kroch hinab in seine Höhle. -
+
+Also erzählte Zarathustra. Seine Jünger aber hörten ihm kaum zu: so
+gross war ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und
+dem fliegenden Manne zu erzählen.
+
+"Was soll ich davon denken! sagte Zarathustra. Bin ich denn ein
+Gespenst?
+
+Aber es wird mein Schatten gewesen sein. Ihr hörtet wohl schon Einiges
+vom Wanderer und seinem Schatten?
+
+Sicher aber ist das: ich muss ihn kürzer halten, - er verdirbt mir
+sonst noch den Ruf."
+
+Und nochmals schüttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. "Was
+soll ich davon denken!" sagte er nochmals.
+
+"Warum schrie denn das Gespenst: es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit!
+
+_Wozu_ ist es denn - höchste Zeit?" -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Der Wahrsager
+
+"- und ich sahe eine grosse Traurigkeit über die Menschen kommen. Die
+Besten wurden ihrer Werke müde.
+
+Eine Lehre ergieng, ein Glauben lief neben ihr: `Alles ist leer, Alles
+ist gleich, Alles war!`
+
+Und von allen Hügeln klang es wieder: `Alles ist leer, Alles ist
+gleich, Alles war!`
+
+Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Früchte uns faul und
+braun? Was fiel vom bösen Monde bei der letzten Nacht hernieder?
+
+Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, böser Blick
+sengte unsre Felder und Herzen gelb.
+
+Trocken wurden wir Alle; und fällt Feuer auf uns, so stäuben wir der
+Asche gleich: - ja das Feuer selber machten wir müde.
+
+Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurück. Aller Grund
+will reissen, aber die Tiefe will nicht schlingen!
+
+`Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte`: so klingt
+unsre Klage - hinweg über flache Sümpfe.
+
+Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun wachen wir noch
+und leben fort - in Grabkammern!" -
+
+Also hörte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung
+gieng ihm zu Herzen und verwandelte ihn. Traurig gieng er umher und
+müde; und er wurde Denen gleich, von welchen der Wahrsager geredet
+hatte.
+
+Wahrlich, so sagte er zu seinen Jüngern, es ist um ein Kleines, so
+kommt diese lange Dämmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hinüber
+retten!
+
+Dass es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll
+es ja Licht sein und noch fernsten Nächten!
+
+Dergestalt im Herzen bekümmert gieng Zarathustra umher; und drei Tage
+lang nahm er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und
+verlor die Rede. Endlich geschah es, dass er in einen tiefen Schlaf
+verfiel. Seine jünger aber sassen um ihn in langen Nachtwachen und
+warteten mit Sorge, ob er wach werde und wieder rede und genesen sei
+von seiner Trübsal.
+
+Diess aber ist die Rede, welche Zarathustra sprach, als er aufwachte;
+seine Stimme aber kam zu seinen Jüngern wie aus weiter Ferne.
+
+Hört mir doch den Traum, den ich träumte, ihr Freunde, und helft mir
+seinen Sinn rathen!
+
+Ein Räthsel ist er mir noch, dieser Traum; sein Sinn ist verborgen
+in ihm und eingefangen und fliegt noch nicht über ihn hin mit freien
+Flügeln.
+
+Allem Leben hatte ich abgesagt, so träumte mir. Zum Nacht- und
+Grabwächter war ich worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des Todes.
+
+Droben hütete ich seine Särge: voll standen die dumpfen Gewölbe von
+solchen Siegeszeichen. Aus gläsernen Särgen blickte mich überwundenes
+Leben an.
+
+Den Geruch verstaubter Ewigkeiten athmete ich: schwül und verstaubt
+lag meine Seele. Und wer hätte dort auch seine Seele lüften können!
+
+Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben
+ihr; und, zudritt, röchelnde Todesstille, die schlimmste meiner
+Freundinnen.
+
+Schlüssel führte ich, die rostigsten aller Schlüssel; und ich verstand
+es, damit das knarrendste aller Thore zu öffnen.
+
+Einem bitterbösen Gekrächze gleich lief der Ton durch die langen
+Gänge, wenn sich des Thores Flügel hoben: unhold schrie dieser Vogel,
+ungern wollte er geweckt sein.
+
+Aber furchtbarer noch und herzzuschnürender war es, wenn es wieder
+schwieg und rings stille ward, und ich allein sass in diesem
+tückischen Schweigen.
+
+So gieng mir und schlich die Zeit, wenn Zeit es noch gab: was weiss
+ich davon! Aber endlich geschah das, was mich weckte.
+
+Dreimal schlugen Schläge an's Thor, gleich Donnern, es hallten und
+heulten die Gewölbe dreimal wieder: da gieng ich zum Thore.
+
+Alpa! rief ich, wer trägt seine Asche zu Berge? Alpa! Alpa! Wer trägt
+seine Asche zu Berge?
+
+Und ich drückte den Schlüssel und hob am Thore und mühte mich. Aber
+noch keinen Fingerbreit stand es offen:
+
+Da riss ein brausender Wind seine Flügel auseinander: pfeifend,
+schrillend und schneidend warf er mir einen schwarzen Sarg zu:
+
+Und im Brausen und Pfeifen und Schrillen zerbarst der Sarg und spie
+tausendfältiges Gelächter aus.
+
+Und aus tausend Fratzen von Kindern, Engeln, Eulen, Narren und
+kindergrossen Schmetterlingen lachte und höhnte und brauste es wider
+mich.
+
+Grässlich erschrak ich darob: es warf mich nieder. Und ich schrie vor
+Grausen, wie nie ich schrie.
+
+Aber der eigne Schrei weckte mich auf: - und ich kam zu mir. -
+
+Also erzählte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er
+wusste noch nicht die Deutung seines Traumes. Aber der jünger,
+den er am meisten lieb hatte, erhob sich schnell, fasste die Hand
+Zarathustra's und sprach:
+
+"Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, oh Zarathustra!
+
+Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen
+des Todes die Thore aufreisst?
+
+Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen
+des Lebens?
+
+Wahrlich, gleich tausendfältigem Kindsgelächter kommt Zarathustra in
+alle Todtenkammern, lachend über diese Nacht- und Grabwächter, und wer
+sonst mit düstern Schlüsseln rasselt.
+
+Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gelächter; Ohnmacht und
+Wachwerden wird deine Macht über sie beweisen.
+
+Und auch, wenn die lange Dämmerung kommt und die Todesmüdigkeit, wirst
+du an unserm Himmel, nicht untergehn, du Fürsprecher des Lebens!
+
+Neue Sterne liessest du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten;
+wahrlich, das Lachen selber spanntest du wie ein buntes Gezelt über
+uns.
+
+Nun wird immer Kindes-Lachen aus Särgen quellen; nun wird immer
+siegreich ein starker Wind kommen aller Todesmüdigkeit: dessen bist du
+uns selber Bürge und Wahrsager!
+
+Wahrlich, _sie_selber_träumtest_du_, deine Feinde: das war dein
+schwerster Traum!
+
+Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie
+selber von sich aufwachen - und zu dir kommen!" -
+
+So sprach der jünger; und alle Anderen drängten sich nun um
+Zarathustra und ergriffen ihn bei den Händen und wollten ihn bereden,
+dass er vom Bette und von der Traurigkeit lasse und zu ihnen
+zurückkehre. Zarathustra aber sass aufgerichtet auf seinem Lager, und
+mit fremdem Blicke. Gleichwie Einer, der aus langer Fremde heimkehrt,
+sah er auf seine Jünger und prüfte ihre Gesichter; und noch erkannte
+er sie nicht. Als sie aber ihn hoben und auf die Füsse stellten,
+siehe, da verwandelte sich mit Einem Male sein Auge; er begriff Alles,
+was geschehen war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:
+
+"Wohlan! Diess nun hat seine Zeit; sorgt mir aber dafür, meine jünger,
+dass wir eine gute Mahlzeit machen, und in Kürze! Also gedenke ich
+Busse zu thun für schlimme Träume!
+
+Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und
+wahrlich, ich will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken
+kann!"
+
+Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem jünger, welcher
+den Traumdeuter abgegeben hatte, lange in's Gesicht und schüttelte
+dabei den Kopf. -
+
+
+
+Von der Erlösung
+
+Als Zarathustra eines Tags über die grosse Brücke gieng, umringten ihn
+die Krüppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:
+
+"Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben
+an deine Lehre: aber dass es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es
+noch Eines - du musst erst noch uns Krüppel überreden! Hier hast du
+nun eine schöne Auswahl und wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als
+Einem Schopfe! Blinde kannst du heilen und Lahme laufen machen; und
+Dem, der zuviel hinter sich hat, könntest du wohl auch ein Wenig
+abnehmen: - das, meine ich, wäre die rechte Art, die Krüppel an
+Zarathustra glauben zu machen!"
+
+Zarathustra aber erwiderte Dem, der da redete, also: "Wenn man dem
+Bucklichten seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist - also
+lehrt das Volk. Und wenn man dem Blinden seine Augen giebt, so sieht
+er zuviel schlimme Dinge auf Erden: also dass er Den verflucht, der
+ihn heilte. Der aber, welcher den Lahmen laufen macht, der thut ihm
+den grössten Schaden an: denn kaum kann er laufen, so gehn seine
+Laster mit ihm durch - also lehrt das Volk über Krüppel. Und warum
+sollte Zarathustra nicht auch vom Volke lernen, wenn das Volk von
+Zarathustra lernt?
+
+Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin, dass ich
+sehe: `Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem Dritten das
+Bein, und Andre giebt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder
+den Kopf.`
+
+Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, dass
+ich nicht von Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal schweigen
+möchte: nämlich Menschen, denen es an Allem fehlt, ausser dass sie
+Eins zuviel haben - Menschen, welche Nichts weiter sind als ein
+grosses Auge, oder ein grosses Maul oder ein grosser Bauch oder irgend
+etwas Grosses, - umgekehrte Krüppel heisse ich Solche.
+
+Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male über diese
+Brücke gieng: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder
+hin, und sagte endlich: `das ist ein Ohr! Ein Ohr, so gross wie ein
+Mensch!` Ich sah noch besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte
+sich noch Etwas, das zum Erbarmen klein und ärmlich und schmächtig
+war. Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr sass auf einem kleinen dünnen
+Stiele, - der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein Glas vor das Auge
+nahm, konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen erkennen;
+auch, dass ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte. Das Volk sagte
+mir aber, das grosse Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein grosser
+Mensch, ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von
+grossen Menschen redete - und behielt meinen Glauben bei, dass es ein
+umgekehrter Krüppel sei, der an Allem zu wenig und an Einem zu viel
+habe."
+
+Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu Denen,
+welchen er Mundstück und Fürsprecher war, wandte er sich mit tiefem
+Unmuthe zu seinen Jüngern und sagte:
+
+"Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den
+Bruchstücken und Gliedmaassen von Menschen!
+
+Diess ist meinem Auge das Fürchterliche, dass ich den Menschen
+zertrümmert finde und zerstreuet wie über ein Schlacht- und
+Schlächterfeld hin.
+
+Und flüchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das
+Gleiche: Bruchstücke und Gliedmaassen und grause Zufälle - aber keine
+Menschen!
+
+Das jetzt und das Ehemals auf Erden - ach! meine Freunde - das, ist
+_mein_ Unerträglichstes; und ich wüsste nicht zu leben, wenn ich nicht
+noch ein Seher wäre, dessen, was kommen muss.
+
+Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und
+eine Brücke zur Zukunft - und ach, auch noch gleichsam ein Krüppel an
+dieser Brücke: das Alles ist Zarathustra.
+
+Und auch ihr fragtet euch oft: `wer ist uns Zarathustra? Wie soll er
+uns heissen?` Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.
+
+Ist er ein Versprechender? Oder ein Erfüller? Ein Erobernder? Oder
+ein Erbender? Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein
+Genesener?
+
+Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein
+Bändiger? Ein Guter? Oder ein Böser?
+
+Ich wandle unter Menschen als den Bruchstücken der Zukunft: jener
+Zukunft, die ich schaue.
+
+Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
+zusammentragen was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.
+
+Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
+Dichter und Räthselrather und der Erlöser des Zufalls wäre!
+
+Die Vergangnen zu erlösen und alles `Es war` umzuschauen in ein `So
+wollte ich es!` - das hiesse mir erst Erlösung!
+
+Wille - so heisst der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich
+euch, meine Freunde! Und nun lernt diess hinzu: der Wille selber ist
+noch ein Gefangener.
+
+Wollen befreit: aber wie heisst Das, was auch den Befreier noch in
+Ketten schlägt?
+
+`Es war`: also heisst des Willens Zähneknirschen und einsamste
+Trübsal. Ohnmächtig gegen Das, was gethan ist - ist er allem
+Vergangenen ein böser Zuschauer.
+
+Nicht zurück kann der Wille wollen; dass er die Zeit nicht brechen
+kann und der Zeit Begierde, - das ist des Willens einsamste Trübsal.
+
+Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, dass es los seiner
+Trübsal werde und seines Kerkers spotte?
+
+Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Närrisch erlöst sich auch der
+gefangene Wille.
+
+Dass die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; `Das, was war`
+- so heisst der Stein, den er nicht wälzen kann.
+
+Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmuth und übt Rache an dem,
+was nicht gleich ihm Grimm und Unmuth fühlt.
+
+Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethäter: und an Allem, was
+leiden kann, nimmt er Rache dafür, dass er nicht zurück kann.
+
+Diess, ja diess allein ist _Rache_ selber: des Willens Widerwille
+gegen die Zeit und ihr `Es war.`
+
+Wahrlich, eine grosse Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche
+wurde es allem Menschlichen, dass diese Narrheit Geist lernte!
+
+Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes
+Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.
+
+`Strafe` nämlich, so heisst sich die Rache selber: mit einem Lügenwort
+heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.
+
+Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob dass es nicht zurück
+wollen kann, - also sollte Wollen selber und alles Leben - Strafe
+sein!
+
+Und nun wälzte sich Wolke auf Wolke über den Geist: bis endlich der
+Wahnsinn predigte: `Alles vergeht, darum ist Alles werth zu vergehn!`
+
+`Und diess ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, dass sie
+ihre Kinder fressen muss`: also predigte der Wahnsinn.
+
+`Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. Oh wo ist die
+Erlösung vom Fluss der Dinge und der Strafe Dasein`? Also predigte der
+Wahnsinn.
+
+`Kann es Erlösung geben, wenn es ein ewiges Recht giebt? Ach,
+unwälzbar ist der Stein "Es war": ewig müssen auch alle Strafen sein!`
+Also predigte der Wahnsinn.
+
+`Keine That kann vernichtet werden: wie könnte sie durch die Strafe
+ungethan werden! Diess, diess ist das Ewige an der Strafe "Dasein",
+dass das Dasein auch ewig wieder That und Schuld sein muss!
+
+Es sei denn, dass der Wille endlich sich selber erlöste und Wollen zu
+Nicht-Wollen würde -`: doch ihr kennt, meine Brüder, diess Fabellied
+des Wahnsinns!
+
+Weg führte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: `der
+Wille ist ein Schaffender.`
+
+Alles `Es war` ist ein Bruchstück, ein Räthsel, ein grauser Zufall -
+bis der schaffende Wille dazu sagt: `aber so wollte ich es!`
+
+Bis der schaffende Wille dazu sagt: `Aber so will ich es! So werde
+ich's wollen!`
+
+Aber sprach er schon so? Und wann geschieht diess? Ist der Wille schon
+abgeschirrt von seiner eignen Thorheit?
+
+Wurde der Wille sich selber schon Erlöser und Freudebringer? Verlernte
+er den Geist der Rache und alles Zähneknirschen?
+
+Und wer lehrte ihn Versöhnung mit der Zeit, und Höheres als alle
+Versöhnung ist?
+
+Höheres als alle Versöhnung muss der Wille wollen, welcher der Wille
+zur Macht ist -: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch
+das Zurückwollen?"
+
+- Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, dass Zarathustra
+plötzlich innehielt und ganz einem Solchen gleich sah, der auf das
+Äusserste erschrickt. Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine
+Jünger; sein Auge durchbohrte wie mit Pfeilen ihre Gedanken und
+Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile lachte er schon wieder
+und sagte begütigt:
+
+"Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
+Sonderlich für einen Geschwätzigen." -
+
+Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gespräche
+zugehört und sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra
+lachen hörte, blickte er neugierig auf und sagte langsam:
+
+"Aber warum redet Zarathustra anders zu uns als zu seinen Jüngern?"
+
+Zarathustra antwortete: "Was ist da zum Verwundern! Mit Bucklichten
+darf man schon bucklicht reden!"
+
+"Gut, sagte der Bucklichte; und mit Schülern darf man schon aus der
+Schule schwätzen.
+
+Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern - als zu sich
+selber?" -
+
+
+
+Von der Menschen-Klugheit
+
+Nicht die Höhe: der Abhang ist das Furchtbare!
+
+Der Abhang, wo der Blick _hinunter_ stürzt und die Hand _hinauf_
+greift. Da schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.
+
+Ach, Freunde, errathet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen?
+
+Das, Das ist _mein_ Abhang und meine Gefahr, dass mein Blick in die
+Höhe stürzt, und dass meine Hand sich halten und stützen möchte - an
+der Tiefe!
+
+An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an
+den Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin
+will mein andrer Wille.
+
+Und _dazu_ lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie
+nicht kennte: dass meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz
+verliere.
+
+Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsterniss und Tröstung ist oft
+um mich gebreitet.
+
+Ich sitze am Thorwege für jeden Schelm und frage: wer will mich
+betrügen?
+
+Das ist meine erste Menschen-Klugheit, dass ich mich betrügen lasse,
+um nicht auf der Hut zu sein vor Betrügern.
+
+Ach, wenn ich auf der Hut wäre vor dem Menschen: wie könnte meinem
+Balle der Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und
+hinweg!
+
+Diese Vorsehung ist über meinem Schicksal, dass ich ohne Vorsicht sein
+muss.
+
+Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, muss lernen, aus
+allen Gläsern zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will,
+muss verstehn, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.
+
+Und also sprach ich oft mir zum Troste: "Wohlan! Wohlauf! Altes Herz!
+Ein Unglück missrieth dir: geniesse diess als dein - Glück!"
+
+Diess aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die _Eitlen_
+mehr als die Stolzen.
+
+Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber
+Stolz verletzt wird, da wächst wohl etwas Besseres noch, als Stolz
+ist.
+
+Damit das Leben gut anzuschaun sei, muss sein Spiel gut gespielt
+werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler.
+
+Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, dass
+ihnen gern zugeschaut werde, - all ihr Geist ist bei diesem Willen.
+
+Sie führen sich auf, sie erfinden sich; in ihrer Nähe liebe ich's, dem
+Leben zuzuschaun, - es heilt von der Schwermuth.
+
+Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth
+und mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.
+
+Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit!
+Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.
+
+Von euch will er seinen Glauben an sich lernen; er nährt sich an euren
+Blicken, er frisst das Lob aus euren Händen.
+
+Euren Lügen glaubt er noch, wenn ihr gut über ihn lügt: denn im
+Tiefsten seufzt sein Herz: "was bin _ich_!"
+
+Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber weiss:
+nun, der Eitle weiss nicht um seine Bescheidenheit! -
+
+Das ist aber meine dritte Menschen-Klugheit, dass ich mir den Anblick
+der Bösen nicht verleiden lasse durch eure Furchtsamkeit.
+
+Ich bin selig, die Wunder zu sehn, welche heisse Sonne ausbrütet:
+Tiger und Palmen und Klapperschlangen.
+
+Auch unter Menschen giebt es schöne Brut heisser Sonne und viel
+Wunderwürdiges an den Bösen.
+
+Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand
+ich auch der Menschen Bosheit unter ihrem Rufe.
+
+Und oft fragte ich mit Kopfschütteln: Warum noch klappern, ihr
+Klapperschlangen?
+
+Wahrlich, es giebt auch für das Böse noch eine Zukunft! Und der
+heisseste Süden ist noch nicht entdeckt für den Menschen.
+
+Wie Manches heisst jetzt schon ärgste Bosheit, was doch nur zwölf
+Schuhe breit und drei Monate lang ist! Einst aber werden grössere
+Drachen zur Welt kommen.
+
+Denn dass dem Übermenschen sein Drache nicht fehle, der Über-Drache,
+der seiner würdig ist: dazu muss viel heisse Sonne noch auf feuchten
+Urwald glühen!
+
+Aus euren Wildkatzen müssen erst Tiger geworden sein und aus euren
+Giftkröten Krokodile: denn der gute Jäger soll eine gute Jagd haben!
+
+Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist Viel zum Lachen und
+zumal eure Furcht vor dem, was bisher "Teufel" hiess!
+
+So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der
+Übermensch _furchtbar_ sein würde in seiner Güte!
+
+Und ihr Weisen und Wissenden, ihr würdet vor dem Sonnenbrande der
+Weisheit flüchten, in dem der Übermensch mit Lust seine Nacktheit
+badet!
+
+Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete! das ist mein Zweifel
+an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen
+Übermenschen - Teufel heissen!
+
+Ach, ich ward dieser Höchsten und Besten müde: aus ihrer "Höhe"
+verlangte mich hinauf, hinaus, hinweg zu dem Übermenschen!
+
+Ein Grausen überfiel mich, als ich diese Besten nackend sah: da
+wuchsen mir die Flügel, fortzuschweben in ferne Zukünfte.
+
+In fernere Zukünfte, in südlichere Süden, als je ein Bildner träumte:
+dorthin, wo Götter sich aller Kleider schämen!
+
+Aber verkleidet will ich _euch_ sehn, ihr Nächsten und Mitmenschen,
+und gut geputzt, und eitel, und würdig, als "die Guten und
+Gerechten," -
+
+Und verkleidet will ich selber unter euch sitzen, - dass ich euch und
+mich _verkenne_: das ist nämlich meine letzte Menschen-Klugheit.
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Die stillste Stunde
+
+"Was geschah mir, meine Freunde? Ihr seht mich verstört,
+fortgetrieben, unwillig-folgsam, bereit zu gehen - ach, von _euch_
+fortzugehen!
+
+Ja, noch Ein Mal muss Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig
+geht diessmal der Bär zurück in seine Höhle!
+
+Was geschah mir? Wer gebeut diess? - Ach, meine zornige Herrin will es
+so, sie sprach zu mir: nannte ich je euch schon ihren Namen?
+
+Gestern gen Abend sprach zu mir _meine_stillste_Stunde_: das ist der
+Name meiner furchtbaren Herrin.
+
+Und so geschah's, - denn Alles muss ich euch sagen, dass euer Herz
+sich nicht verhärte gegen den plötzlich Scheidenden!
+
+Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden? -
+
+Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden
+weicht und der Traum beginnt.
+
+Dieses sage ich euch zum Gleichniss. Gestern, zur stillsten Stunde,
+wich mir der Boden: der Traum begann.
+
+Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem - nie hörte ich
+solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak.
+
+Dann sprach es ohne Stimme zu mir: `Du weisst es, Zarathustra?` -
+
+Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich
+aus meinem Gesichte: aber ich schwieg.
+
+Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: `Du weisst es, Zarathustra,
+aber du redest es nicht!` -
+
+Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: `Ja, ich weiss es,
+aber ich will es nicht reden!`
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Du _willst_ nicht,
+Zarathustra? Ist diess auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen
+Trotz!` -
+
+Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: `Ach, ich wollte
+schon, aber wie kann ich es! Erlass mir diess nur! Es ist über meine
+Kraft!`
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an dir,
+Zarathustra! Sprich dein Wort und zerbrich!` -
+
+Und ich antwortete: `Ach, ist es _mein_ Wort? Wer bin ich? Ich warte
+des Würdigeren; ich bin nicht werth, an ihm auch nur zu zerbrechen.`
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an dir? Du bist mir
+noch nicht demüthig genug. Die Demuth hat das härteste Fell.` -
+
+Und ich antwortete: `Was trug nicht schon das Fell meiner Demuth! Am
+Fusse wohne ich meiner Höhe: wie hoch meine Gipfel sind? Niemand sagte
+es mir noch. Aber gut kenne ich meine Thäler.`
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Oh Zarathustra, wer Berge zu
+versetzen hat, der versetzt auch Thäler und Niederungen.` -
+
+Und ich antwortete: `Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich
+redete, erreichte die Menschen nicht. Ich gieng wohl zu den Menschen,
+aber noch langte ich nicht bei ihnen an.`
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was weisst du _davon_! Der
+Thau fällt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.` -
+
+Und ich antwortete: `sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg
+fand und gieng; und in Wahrheit zitterten damals meine Füsse.`
+
+Und so sprachen sie zu mir: `du verlerntest den Weg, nun verlernst du
+auch das Gehen!`
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an ihrem Spotte! Du
+bist Einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen!
+
+Weisst du nicht, _wer_ Allen am nöthigsten thut? Der Grosses befiehlt.
+
+Grosses vollführen ist schwer: aber das Schwerere ist, Grosses
+befehlen.
+
+Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht
+herrschen.` -
+
+Und ich antwortete: `Mir fehlt des Löwen Stimme zu allem Befehlen.`
+
+Da sprach es wieder wie ein Flüstern zu mir: `Die stillsten Worte sind
+es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen,
+lenken die Welt.
+
+Oh Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen
+muss: so wirst du befehlen und befehlend vorangehen.` -
+
+Und ich antwortete: `Ich schäme mich.`
+
+Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Du musst noch Kind werden und
+ohne Scham.
+
+Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, spät bist du jung geworden:
+aber wer zum Kinde werden will, muss auch noch seine Jugend
+überwinden.` -
+
+Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was
+ich zuerst sagte: `Ich will nicht.`
+
+Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die
+Eingeweide zerriss und das Herz aufschlitzte!
+
+Und es sprach zum letzten Male zu mir: `Oh Zarathustra, deine Früchte
+sind reif, aber du bist nicht reif für deine Früchte!
+
+So musst du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch mürbe
+werden.` -
+
+Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit
+einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiss floss
+mir von den Gliedern.
+
+- Nun hörtet ihr Alles, und warum ich in meine Einsamkeit zurück muss.
+Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.
+
+Aber auch diess hörtet ihr von mir, _wer_ immer noch aller Menschen
+Verschwiegenster ist - und es sein will!
+
+Ach meine Freunde! Ich hätte euch noch Etwas zu sagen, ich hätte euch
+noch Etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?" -
+
+Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, überfiel ihn die
+Gewalt des Schmerzes und die Nähe des Abschieds von seinen Freunden,
+also dass er laut weinte; und Niemand wusste ihn zu trösten. Des
+Nachts aber gieng er allein fort und verliess seine Freunde.
+
+
+
+
+Dritter Theil
+
+"Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe
+hinab, weil ich erhoben bin.
+
+Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
+
+Wer auf den höchsten Bergen steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele
+und Trauer-Ernste."
+
+Zarathustra, vom Lesen und Schreiben.
+
+
+
+Der Wanderer
+
+Um Mitternacht war es, da nahm Zarathustra seinen Weg über den Rücken
+der Insel, dass er mit dem frühen Morgen an das andre Gestade käme:
+denn dort wollte er zu Schiff steigen. Es gab nämlich allda eine gute
+Rhede, an der auch fremde Schiffe gern vor Anker giengen; die nahmen
+Manchen mit sich, der von den glückseligen Inseln über das Meer
+wollte. Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg, gedachte er
+unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an, und wie viele
+Berge und Rücken und Gipfel er schon gestiegen sei.
+
+Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen,
+ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still
+sitzen.
+
+Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebniss komme, - ein
+Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur
+noch sich selber.
+
+Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften; und
+was _könnte_ jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen
+wäre!
+
+Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim - mein eigen Selbst,
+und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge
+und Zufälle.
+
+Und noch Eins weiss ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und
+vor dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten Weg
+muss ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!
+
+Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der
+Stunde, die zu ihm redet: "Jetzo erst gehst du deinen Weg der Grösse!
+Gipfel und Abgrund - das ist jetzt in Eins beschlossen!
+
+Du gehst deinen Weg der Grösse: nun ist deine letzte Zuflucht worden,
+was bisher deine letzte Gefahr hiess!
+
+Du gehst deinen Weg der Grösse: das muss nun dein bester Muth sein,
+dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!
+
+Du gehst deinen Weg der Grösse; hier soll dir Keiner nachschleichen!
+Dein Fuss selber löschte hinter dir den Weg aus, und über ihm steht
+geschrieben: Unmöglichkeit.
+
+Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, noch
+auf deinen eigenen Kopf zu steigen: wie wolltest du anders aufwärts
+steigen?
+
+Auf deinen eigenen Kopf und hinweg über dein eigenes Herz! Jetzt muss
+das Mildeste an dir noch zum Härtesten werden.
+
+Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner
+vielen Schonung. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht,
+wo Butter und Honig - fliesst!
+
+Von sich _absehn_ lernen ist nöthig, um _Viel_ zu sehn: - diese Härte
+thut jedem Berge-Steigenden Noth.
+
+Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender, wie sollte der
+von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!
+
+Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und
+Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen, - hinan,
+hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!
+
+Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst
+hiesse mir mein _Gipfel_, das blieb mir noch zurück als mein _letzter_
+Gipfel! -"
+
+Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprüchlein sein
+Herz tröstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und
+als er auf die Höhe des Bergrückens kam, siehe, da lag das andere Meer
+vor ihm ausgebreitet: und er stand still und schwieg lange. Die Nacht
+aber war kalt in dieser Höhe und klar und hellgestirnt.
+
+Ich erkenne mein Loos, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin
+bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.
+
+Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere
+nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich
+nun _hinab_ steigen!
+
+Vor meinem höchsten Berge stehe ich und vor meiner längsten Wanderung:
+darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:
+
+- tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in
+seine schwärzeste Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin
+bereit.
+
+Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,
+dass sie aus dem Meere kommen.
+
+Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer
+Gipfel. Aus dem Tiefsten muss das Höchste zu seiner Höhe kommen. -
+
+Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war;
+als er aber in die Nähe des Meeres kam und zuletzt allein unter den
+Klippen stand, da war er unterwegs müde geworden und sehnsüchtiger als
+noch zuvor.
+
+Es schläft jetzt Alles noch, sprach er; auch das Meer schläft.
+Schlaftrunken und fremd blickt sein Auge nach mir.
+
+Aber es athmet warm, das fühle ich. Und ich fühle auch, dass es
+träumt. Es windet sieh träumend auf harten Kissen.
+
+Horch! Horch! Wie es stöhnt von bösen Erinnerungen! Oder bösen
+Erwartungen?
+
+Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber
+noch gram um deinetwillen.
+
+Ach, dass meine Hand nicht Stärke genug hat! Gerne, wahrlich, möchte
+ich dich von bösen Träumen erlösen! -
+
+Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermuth und
+Bitterkeit über sich selber. "Wie! Zarathustra! sagte er, willst du
+noch dem Meere Trost singen?
+
+Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-Überseliger! Aber
+so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.
+
+Jedes Ungethüm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Athems,
+ein Wenig weiches Gezottel an der Tatze -: und gleich warst du bereit,
+es zu lieben und zu locken.
+
+Die _Liebe_ ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem,
+wenn es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine
+Bescheidenheit in der Liebe!" -
+
+Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber
+gedachte er seiner verlassenen Freunde -, und wie als ob er sich mit
+seinen Gedanken an ihnen vergangen habe, zürnte er sich ob seiner
+Gedanken. Und alsbald geschah es, dass der Lachende weinte: - vor Zorn
+und Sehnsucht weinte Zarathustra bitterlich.
+
+
+
+Vom Gesicht und Räthsel
+
+1.
+
+Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, dass Zarathustra auf dem
+Schiffe sei, - denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen,
+der von den glückseligen Inseln kam - da entstand eine grosse
+Neugierde und Erwartung. Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war
+kalt und taub vor Traurigkeit, also, dass er weder auf Blicke noch
+auf Fragen antwortete. Am Abende aber des zweiten Tages that er
+seine Ohren wieder auf, ob er gleich noch schwieg: denn es gab viel
+Seltsames und Gefährliches auf diesem Schiffe anzuhören, welches
+weither kam und noch weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund
+aller Solchen, die weite Reisen thun und nicht ohne Gefahr leben
+mögen. Und siehe! zuletzt wurde ihm im Zuhören die eigne Zunge gelöst,
+und das Eis seines Herzens brach: - da begann er also zu reden:
+
+Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen
+Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -
+
+euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
+Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:
+
+- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo
+ihr _errathen_ könnt, da hasst ihr es, zu _erschliessen_ -
+
+euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich _sah_, - das Gesicht des
+Einsamsten. -
+
+Düster gierig ich jüngst durch leichenfarbne Dämmerung, - düster
+und hart, mit gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir
+untergegangen.
+
+Ein Pfad, der trotzig durch Geröll stieg, ein boshafter, einsamer, dem
+nicht Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Bergpfad knirschte unter
+dem Trotz meines Fusses.
+
+Stumm über höhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein
+zertretend, der ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwärts.
+
+Aufwärts: - dem Geiste zum Trotz, der ihn abwärts zog, abgrundwärts
+zog, dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.
+
+Aufwärts: - obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm;
+lähmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn
+träufelnd.
+
+"Oh Zarathustra, raunte er höhnisch Silb' um Silbe, du Stein der
+Weisheit! Du warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muss -
+fallen!
+
+Oh Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du
+Stern-Zertrümmerer! Dich selber warfst du so hoch, - aber jeder
+geworfene Stein - muss fallen!
+
+Verurtheilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: oh Zarathustra,
+weit warfst du ja den Stein, - aber auf _dich_ wird er zurückfallen!"
+
+Drauf schwieg der Zwerg; und das währte lange. Sein Schweigen aber
+drückte mich; und solchermaassen zu Zwein ist man wahrlich einsamer
+als zu Einem!
+
+Ich stieg, ich stieg, ich träumte, ich dachte, - aber Alles drückte
+mich. Einem Kranken glich ich, den seine schlimme Marter müde macht,
+und den wieder ein schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt. -
+
+Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir
+jeden Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und
+sprechen: "Zwerg! Du! Oder ich!" -
+
+Muth nämlich ist der beste Todtschläger, - Muth, welcher _angreift_:
+denn in jedem Angriffe ist klingendes Spiel.
+
+Der Mensch aber ist das muthigste Thier: damit überwand er jedes
+Thier. Mit klingendem Spiele überwand er noch jeden Schmerz;
+Menschen-Schmerz aber ist der tiefste Schmerz.
+
+Der Muth schlägt auch den Schwindel todt an Abgründen: und wo stünde
+der Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber - Abgründe
+sehen?
+
+Muth ist der beste Todtschläger: der Muth schlägt auch das Mitleiden
+todt. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in
+das Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leiden.
+
+Muth aber ist der beste Todtschläger, Muth, der angreift: der schlägt
+noch den Tod todt, denn er spricht: "War _das_ das Leben? Wohlan! Noch
+Ein Mal!"
+
+In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der
+höre. -
+
+
+2.
+
+"Halt! Zwerg! sprach ich. Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von
+uns Beiden -: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht! _Den_ -
+könntest du nicht tragen!" -
+
+Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von
+der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor
+mich hin. Es war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten.
+
+"Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei
+Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu
+Ende.
+
+Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange
+Gasse hinaus - das ist eine andre Ewigkeit.
+
+Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den
+Kopf: - und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen.
+Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: `Augenblick`.
+
+Aber wer Einen von ihnen weiter gienge - und immer weiter und
+immer ferner: glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig
+widersprechen?" -
+
+"Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist
+krumm, die Zeit selber ist ein Kreis."
+
+"Du Geist der Schwere! sprach ich zürnend, mache dir es nicht zu
+leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuss, - und ich
+trug dich _hoch_!
+
+Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Thorwege
+Augenblick läuft eine lange ewige Gasse _rückwärts_ hinter uns liegt
+eine Ewigkeit.
+
+Muss nicht, was laufen _kann_ von allen Dingen, schon einmal diese
+Gasse gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn _kann_ von allen Dingen,
+schon einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?
+
+Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du Zwerg von diesem
+Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon - dagewesen sein?
+
+Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
+Augenblick _alle_ kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_ - - sich
+selber noch?
+
+Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse
+_hinaus_ - _muss_ es einmal noch laufen! -
+
+Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
+Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammen flüsternd, von
+ewigen Dingen flüsternd - müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
+
+- und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor
+uns, in dieser langen schaurigen Gasse - müssen wir nicht ewig
+wiederkommen? -"
+
+Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen
+eignen Gedanken und Hintergedanken. Da, plötzlich, hörte ich einen
+Hund nahe _heulen_.
+
+Hörte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zurück. Ja!
+Als ich Kind war, in fernster Kindheit:
+
+- da hörte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gesträubt, den
+Kopf nach Oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an
+Gespenster glauben:
+
+- also dass es mich erbarmte. Eben nämlich gieng der volle Mond,
+todtschweigsam, über das Haus, eben stand er still, eine runde Gluth,
+- still auf flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigenthume: -
+
+darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und
+Gespenster. Und als ich wieder so heulen hörte, da erbarmte es mich
+abermals.
+
+Wohin war jetzt Zwerg? und Thorweg? Und Spinne? Und alles Flüstern?
+Träumte ich denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich
+mit Einem Male, allein, öde, im ödesten Mondscheine.
+
+Aber da lag ein Mensch! Und da! Der Hund, springend, gesträubt,
+winselnd, - jetzt sah er mich kommen - da heulte er wieder, da
+_schrie_ er: - hörte ich je einen Hund so Hülfe schrein?
+
+Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen
+Hirten sah ich, sich windend, würgend, zuckend, verzerrten Antlitzes,
+dem eine schwarze schwere Schlange aus dem Munde hieng.
+
+Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf Einem Antlitze? Er
+hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund - da
+biss sie sich fest.
+
+Meine Hand riss die Schlange und riss: - umsonst! sie riss die
+Schlange nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: "Beiss zu!
+Beiss zu!
+
+Den Kopf ab! Beiss zu!" - so schrie es aus mir, mein Grauen, mein
+Hass, mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie
+mit Einem Schrei aus mir. -
+
+Ihr Kühnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit
+listigen Segeln sich in unerforschte Meere einschiffte! Ihr
+Räthsel-Frohen!
+
+So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir
+doch das Gesicht des Einsamsten!
+
+Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn: - _was_ sah ich damals im
+Gleichnisse? Und _wer_ ist, der einst noch kommen muss?
+
+_Wer_ ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? _Wer_
+ist der Mensch, dem also alles Schwerste, Schwärzeste in den Schlund
+kriechen wird?
+
+- Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
+Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange -: und sprang empor. -
+
+Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch, - ein Verwandelter, ein
+Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein
+Mensch, wie _er_ lachte!
+
+Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen war,
+- - und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer stille
+wird.
+
+Meine Sehnsucht nach diesem Lachen frisst an mir: oh wie ertrage ich
+noch zu leben! Und wie ertrüge ich's, jetzt zu sterben! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von der Seligkeit wider Willen
+
+Mit solchen Räthseln und Bitternissen im Herzen fuhr Zarathustra über
+das Meer. Als er aber vier Tagereisen fern war von den glückseligen
+Inseln und von seinen Freunden, da hatte er allen seinen Schmerz
+überwunden -: siegreich und mit festen Füssen stand er wieder auf
+seinem Schicksal. Und damals redete Zarathustra also zu seinem
+frohlockenden Gewissen:
+
+"Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und
+freiem Meere; und wieder ist Nachmittag um mich.
+
+Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des
+Nachmittags auch zum anderen Male: - zur Stunde, da alles Licht
+stiller wird.
+
+Denn was von Glück noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das
+sucht sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele: _vor_Glück_ ist
+alles Licht jetzt stiller worden.
+
+Oh Nachmittag meines Lebens! Einst stieg auch _mein_ Glück zu
+Thale, dass es sich eine Herberge suche: da fand es diese offnen
+gastfreundlichen Seelen.
+
+Oh Nachmittag meines Lebens! Was gab ich nicht hin, dass ich Eins
+hätte: diese lebendige Pflanzung meiner Gedanken und diess Morgenlicht
+meiner höchsten Hoffnung!
+
+Gefährten suchte einst der Schaffende und Kinder _seiner_ Hoffnung:
+und siehe, es fand sich, dass er sie nicht finden könne, es sei denn,
+er schaffe sie selber erst.
+
+Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von
+ihnen kehrend: um seiner Kinder willen muss Zarathustra sich selbst
+vollenden.
+
+Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse
+Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen:
+so fand ich's.
+
+Noch grünen mir meine Kinder in ihrem ersten Frühlinge, nahe bei
+einander stehend und gemeinsam von Winden geschüttelt, die Bäume
+meines Gartens und besten Erdreichs.
+
+Und wahrlich! Wo solche Bäume bei einander stehn, da _sind_
+glückselige Inseln!
+
+Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden für sich allein
+stellen: dass er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.
+
+Knorrig und gekrümmt und mit biegsamer Härte soll er mir dann am Meere
+dastehn, ein lebendiger Leuchtthurm unbesiegbaren Lebens.
+
+Dort, wo die Stürme hinab in's Meer stürzen, und des Gebirgs Rüssel
+Wasser trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen
+haben, zu _seiner_ Prüfung und Erkenntniss.
+
+Erkannt und geprüft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und
+Abkunft ist, - ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch
+wenn er redet, und nachgebend also, dass er im Geben _nimmt_: -
+
+- dass er einst mein Gefährte werde und ein Mitschaffender und
+Mitfeiernder Zarathustra's -: ein Solcher, der mir meinen Willen auf
+meine Tafeln schreibt: zu aller Dinge vollerer Vollendung.
+
+Und um seinetwillen und seines Gleichen muss ich selber _mich_
+vollenden: darum weiche ich jetzt meinem Glücke aus und biete mich
+allem Unglücke an - zu _meiner_ letzten Prüfung und Erkenntniss.
+
+Und wahrlich, Zeit war's, dass ich gierig; und des Wanderers Schatten
+und die längste Weile und die stillste Stunde - alle redeten mir zu:
+`es ist höchste Zeit!`
+
+Der Wind blies mir durch's Schlüsselloch und sagte `Komm!` Die Thür
+sprang mir listig auf und sagte `Geh!`
+
+Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren
+legte mir diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, dass ich meiner
+Kinder Beute würde und mich an sie verlöre.
+
+Begehren - das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch,
+meine Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts
+Begehren sein.
+
+Aber brütend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte
+kochte Zarathustra, - da flogen Schatten und Zweifel über mich weg.
+
+Nach Frost und Winter gelüstete mich schon: `oh dass Frost und Winter
+mich wieder knacken und knirschen machten!` seufzte ich: - da stiegen
+eisige Nebel aus mir auf.
+
+Meine Vergangenheit brach ihm Gräber, manch lebendig begrabner
+Schmerz wachte auf -: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in
+Leichen-Gewänder.
+
+Also rief mir Alles in Zeichen zu: `es ist Zeit!` - Aber ich - hörte
+nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich
+biss.
+
+Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde ich
+die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern?
+
+Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre!
+Dein Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender!
+
+Noch wagte ich niemals, dich _herauf_ zu rufen: genug schon, dass
+ich dich mit mir - trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten
+Löwen-Übermuthe und -Muthwillen.
+
+Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst
+soll ich noch die Stärke finden und die Löwen-Stimme, die dich herauf
+ruft!
+
+Wenn ich mich dessen erst überwunden habe, dann will ich mich auch
+des Grösseren noch überwinden; und ein _Sieg_ soll meiner Vollendung
+Siegel sein! -
+
+Inzwischen treibe ich noch auf ungewissen Meeren; der Zufall
+schmeichelt mir, der glattzüngige; vorwärts und rückwärts schaue ich
+-, noch schaue ich kein Ende.
+
+Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht, - oder kommt sie
+wohl mir eben? Wahrlich, mit tückischer Schönheit schaut mich rings
+Meer und Leben an!
+
+Oh Nachmittag meines Lebens! Oh Glück vor Abend! Oh Hafen auf hoher
+See! Oh Friede im Ungewissen! Wie misstraue ich euch Allen!
+
+Wahrlich, misstrauisch bin ich gegen eure tückische Schönheit! Dem
+Liebenden gleiche ich, der allzusammtenem Lächeln misstraut.
+
+Wie er die Geliebteste vor sich her stösst, zärtlich noch in seiner
+Härte, der Eifersüchtige -, also stosse ich diese selige Stunde vor
+mir her.
+
+Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider
+Willen! Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier: - zur
+Unzeit kamst du!
+
+Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort - bei
+meinen Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit _meinem_
+Glücke!
+
+Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin - mein Glück! -"
+
+Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Unglück die ganze
+Nacht: aber er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und
+das Glück selber kam ihm immer näher und näher. Gegen Morgen aber
+lachte Zarathustra zu seinem Herzen und sagte spöttisch: "das Glück
+läuft mir nach. Das kommt davon, dass ich nicht den Weibern nachlaufe.
+Das Glück aber ist ein Weib."
+
+
+
+Vor Sonnen-Aufgang
+
+Oh Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend
+schaudere ich vor göttlichen Begierden.
+
+In deine Höhe mich zu werfen - das ist _meine_ Tiefe! In deine
+Reinheit mich zu bergen - das ist _meine_ Unschuld!
+
+Den Gott verhüllt seine Schönheit: so verbirgst du deine Sterne. Du
+redest nicht: _so_ kündest du mir deine Weisheit.
+
+Stumm über brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe
+und deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.
+
+Dass du schön zu mir kamst, verhüllt in deine Schönheit, dass du stumm
+zu mir sprichst, offenbar in deiner Weisheit:
+
+Oh wie erriethe ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! _Vor_ der
+Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten.
+
+Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund
+gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.
+
+Wir reden nicht zu einander, weil wir zu Vieles wissen -: wir
+schweigen uns an, wir lächeln uns unser Wissen zu.
+
+Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die
+Schwester-Seele zu meiner Einsicht?
+
+Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten wir über uns zu uns
+selber aufsteigen und wolkenlos lächeln: -
+
+- wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und aus meilenweiter
+Ferne, wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.
+
+Und wanderte ich allein: _wes_ hungerte meine Seele in Nächten und
+Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, _wen_ suchte ich je, wenn nicht dich,
+auf Bergen?
+
+Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war's nur und ein
+Behelf des Unbeholfenen: - _fliegen_ allein will mein ganzer Wille, in
+_dich_ hinein fliegen!
+
+Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich
+befleckt? Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich
+befleckte!
+
+Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen:
+sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist, - das ungeheure
+unbegrenzte Ja- und Amen-sagen.
+
+Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken:
+diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund
+aus fluchen.
+
+Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen,
+lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit
+Zieh-Wolken befleckt sehn!
+
+Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddrähten
+festzuheften, dass ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die
+Pauke schlüge: -
+
+- ein zorniger Paukenschläger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben,
+du Himmel über mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - weil sie
+dir _mein_ Ja! und Amen! rauben.
+
+Denn lieber noch will ich Lärm und Donner und Wetter-Flüche, als diese
+bedächtige zweifelnde Katzen-Ruhe; und auch unter Menschen hasse
+ich am besten alle Leisetreter und Halb- und Halben und zweifelnde,
+zögernde Zieh-Wolken.
+
+Und "wer nicht segnen kann, der soll fluchen _lernen_!" - diese helle
+Lehre fiel mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in
+schwarzen Nächten an meinem Himmel.
+
+Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-sager, wenn du nur um mich bist,
+du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - in alle Abgründe trage ich da
+noch mein segnendes Ja-sagen.
+
+Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-sagenden: und dazu rang ich
+lange und war ein Ringer, dass ich einst die Hände frei bekäme zum
+Segnen.
+
+Das aber ist mein Segnen: über jedwedem Ding als sein eigener Himmel
+stehn, als sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit:
+und selig ist, wer also segnet!
+
+Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von
+Gut und Böse; Gut und Böse selber aber sind nur Zwischenschatten und
+feuchte Trübsale und Zieh-Wolken.
+
+Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lästern, wenn ich lehre: "über
+allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel
+Ohngefähr, der Himmel Übermuth."
+
+"Von Ohngefähr" - das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen
+Dingen zurück, ich erlöste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.
+
+Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner
+Glocke über alle Dinge, als ich lehrte, dass über ihnen und durch sie
+kein "ewiger Wille" - will.
+
+Diesen Übermuth und diese Narrheit stellte ich an die Stelle
+jenes Willens, als ich lehrte: "bei Allem ist Eins unmöglich -
+Vernünftigkeit!"
+
+Ein _Wenig_ Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern
+zu Stern, - dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der
+Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt!
+
+Ein Wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit
+fand ich an allen Dingen: dass sie lieber noch auf den Füssen des
+Zufalls - _tanzen_.
+
+Oh Himmel über mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit,
+dass es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt: -
+
+- dass du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, dass du mir
+ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! -
+
+Doch du erröthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lästerte ich, indem
+ich dich segnen wollte?
+
+Oder ist es die Scham zu Zweien, welche dich erröthen machte? -
+Heissest du mich gehn und schweigen, weil nun - der _Tag_ kommt?
+
+Die Welt ist tief -: und tiefer als je der Tag gedacht hat. Nicht
+Alles darf vor dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden
+wir nun!
+
+Oh Himmel über mir, du Schamhafter! Glühender! Oh du mein Glück vor
+Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von der verkleinernden Tugend
+
+1.
+
+Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, gieng er nicht
+stracks auf sein Gebirge und seine Höhle los, sondern that viele Wege
+und Fragen und erkundete diess und das, also, dass er von sich selber
+im Scherze sagte: "siehe einen Fluss, der in vielen Windungen zurück
+zur Quelle fliesst!" Denn er wollte in Erfahrung bringen, was sich
+inzwischen _mit_dem_Menschen_ zugetragen habe: ob er grösser oder
+kleiner geworden sei. Und ein Mal sah er eine Reihe neuer Häuser; da
+wunderte er sich und sagte:
+
+"Was bedeuten diese Häuser? Wahrlich, keine grosse Seele stellte sie
+hin, sich zum Gleichnisse!
+
+Nahm wohl ein blödes Kind sie aus seiner Spielschachtel? Dass doch ein
+anderes Kind sie wieder in seine Schachtel thäte!
+
+Und diese Stuben und Kammern: können _Männer_ da aus- und eingehen?
+Gemacht dünken sie mich für Seiden-Puppen; oder für Naschkatzen, die
+auch wohl an sich naschen lassen."
+
+Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Endlich sagte er betrübt:
+"Es ist _Alles_ kleiner geworden!
+
+Überall sehe ich niedrigere Thore: wer _meiner_ Art ist, geht da wohl
+noch hindurch, aber - er muss sich bücken!
+
+Oh wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr
+bücken muss - nicht mehr bücken muss vor den Kleinen!" - Und
+Zarathustra seufzte und blickte in die Ferne. -
+
+Desselbigen Tages aber redete er seine Rede über die verkleinernde
+Tugend.
+
+
+2.
+
+Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben
+mir es nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.
+
+Sie beissen nach mir, weil ich zu ihnen sage: für kleine Leute sind
+kleine Tugenden nöthig - und weil es mir hart eingeht, dass kleine
+Leute _nöthig_ sind!
+
+Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Gehöfte, nach dem auch die
+Hennen beissen; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.
+
+Ich bin höflich gegen sie wie gegen alles kleine Ärgerniss; gegen das
+Kleine stachlicht zu sein dünkt mich eine Weisheit für Igel.
+
+Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends um's Feuer sitzen, - sie reden
+von mir, aber Niemand denkt - an mich!
+
+Diess ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lärm um mich breitet
+einen Mantel über meine Gedanken.
+
+Sie lärmen unter einander: "was will uns diese düstere Wolke? sehen
+wir zu, dass sie uns nicht eine Seuche bringe!"
+
+Und jüngst riss ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: "nehmt
+die Kinder weg! schrie es; solche Augen versengen Kinder-Seelen."
+
+Sie husten, wenn ich rede: sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen
+starke Winde, - sie errathen Nichts vom Brausen meines Glückes!
+
+"Wir haben noch keine Zeit für Zarathustra" - so wenden sie ein; aber
+was liegt an einer Zeit, die für Zarathustra "keine Zeit hat"?
+
+Und wenn sie gar mich rühmen: wie könnte ich wohl auf _ihrem_ Ruhme
+einschlafen? Ein Stachel-Gürtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch,
+wenn ich es von mir thue.
+
+Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als gäbe
+er zurück, in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!
+
+Fragt meinen Fuss, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefällt! Wahrlich,
+nach solchem Takt und Tiktak mag er weder tanzen, noch stille stehn.
+
+Zur kleinen Tugend möchten sie mich locken und loben; zum Tiktak des
+kleinen Glücks möchten sie meinen Fuss überreden.
+
+Ich gehe durch diess Volk und halte die Augen offen: sie sind
+_kleiner_ geworden und werden immer kleiner: - das aber macht ihre
+Lehre von Glück und Tugend.
+
+Sie sind nämlich auch in der Tugend bescheiden - denn sie wollen
+Behagen. Mit Behagen aber verträgt sich nur die bescheidene Tugend.
+
+Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorwärts-Schreiten:
+das heisse ich ihr _Humpeln_ -. Damit werden sie jedem zum Anstosse,
+der Eile hat.
+
+Und Mancher von ihnen geht vorwärts und blickt dabei zurück, mit
+versteiftem Nacken: dem renne ich gern wider den Leib.
+
+Fuss und Augen sollen nicht lügen, noch sich einander Lügen strafen.
+Aber es ist viel Lügnerei bei den kleinen Leuten.
+
+Einige von ihnen wollen, aber die Meisten werden nur gewollt. Einige
+von ihnen sind ächt, aber die Meisten sind schlechte Schauspieler.
+
+Es giebt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler
+wider Willen -, die Ächten sind immer selten, sonderlich die ächten
+Schauspieler.
+
+Des Mannes ist hier wenig: darum vermännlichen sich ihre Weiber. Denn
+nur wer Mannes genug ist, wird im Weibe _das_Weib_ - erlösen.
+
+Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: dass auch
+Die, welche befehlen, die Tugenden Derer heucheln, welche dienen.
+
+"Ich diene, du dienst, wir dienen" - so betet hier auch die Heuchelei
+der Herrschenden, - und wehe, wenn der erste Herr _nur_ der erste
+Diener ist!
+
+Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier;
+und gut errieth ich all ihr Fliegen-Glück und ihr Summen um besonnte
+Fensterscheiben.
+
+Soviel Güte, soviel Schwäche sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und
+Mitleiden, soviel Schwäche.
+
+Rund, rechtlich und gütig sind sie mit einander, wie Sandkörnchen
+rund, rechtlich und gütig mit Sandkörnchen sind.
+
+Bescheiden ein kleines Glück umarmen - das heissen sie "Ergebung"! und
+dabei schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glücke
+aus.
+
+Sie wollen im Grunde einfältiglich Eins am meisten: dass ihnen Niemand
+wehe thue. So kommen sie jedermann zuvor und thun ihm wohl.
+
+Diess aber ist _Feigheit_: ob es schon "Tugend" heisst. -
+
+Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: _ich_ höre darin
+nur ihre Heiserkeit, - jeder Windzug nämlich macht sie heiser.
+
+Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die
+Fäuste, ihre Finger wissen nicht, sich hinter Fäuste zu verkriechen.
+
+Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten
+sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem
+Hausthiere.
+
+"Wir setzten unsern Stuhl in die _Mitte_ - das sagt mir ihr Schmunzeln
+- und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten
+Säuen."
+
+Diess aber ist - _Mittelmässigkeit_: ob es schon Mässigkeit heisst. -
+
+
+3.
+
+Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie
+wissen weder zu nehmen noch zu behalten.
+
+Sie wundern sich, dass ich nicht kam, auf Lüste und Laster zu lästern;
+und wahrlich, ich kam auch nicht, dass ich vor Taschendieben warnte!
+
+Sie wundern sich, dass ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu
+witzigen und zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klüglinge
+hätten, deren Stimme mir gleich Schieferstiften kritzelt!
+
+Und wenn ich rufe: "Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne
+winseln und Hände falten und anbeten möchten": so rufen sie:
+"Zarathustra ist gottlos".
+
+Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung -; aber gerade ihnen
+liebe ich's, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich _bin_ Zarathustra, der
+Gottlose!
+
+Diese Lehrer der Ergebung! Überall hin, wo es klein und krank und
+grindig ist, kriechen sie, gleich Läusen; und nur mein Ekel hindert
+mich, sie zu knacken.
+
+Wohlan! Diess ist meine Predigt für _ihre_ Ohren: ich bin Zarathustra,
+der Gottlose, der da spricht "wer ist gottloser denn ich, dass ich
+mich seiner Unterweisung freue?"
+
+Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und
+alle Die sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und
+alle Ergebung von sich abthun.
+
+Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in
+_meinem_ Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn
+willkommen, als _meine_ Speise.
+
+Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch
+sprach zu ihm mein _Wille_, - da lag er schon bittend auf den Knieen -
+
+- bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und
+schmeichlerisch zuredend: "sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund
+zu Freunde kommt!" -
+
+Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Und so will ich es
+hinaus in alle Winde rufen:
+
+Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr bröckelt ab, ihr
+Behaglichen! Ihr geht mir noch zu Grunde -
+
+- an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen
+Unterlassen, an eurer vielen kleinen Ergebung!
+
+Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass
+ein Baum _gross_ werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln
+schlagen!
+
+Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch
+euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft
+Blute lebt.
+
+Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften;
+aber noch unter Schelmen spricht die _Ehre_: "man soll nur stehlen, wo
+man nicht rauben kann."
+
+"Es giebt sich" - das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage
+euch, ihr Behaglichen: _es_nimmt_sich_ und wird immer mehr noch von
+euch nehmen!
+
+Ach, dass ihr alles _halbe_ Wollen von euch abthätet und entschlossen
+würdet zur Trägheit wie zur That!
+
+Ach, dass ihr mein Wort verstündet: "thut immerhin, was ihr wollt, -
+aber seid erst Solche, die _wollen_können_!"
+
+"Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch, - aber seid mir erst
+solche, die _sich_selber_lieben_ -
+
+- mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!"
+Also spricht Zarathustra, der Gottlose. -
+
+Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Es ist hier noch eine
+Stunde zu früh für mich.
+
+Mein eigner Vorläufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner
+Hahnen-Ruf durch dunkle Gassen.
+
+Aber _ihre_ Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stündlich
+werden sie kleiner, ärmer, unfruchtbarer, - armes Kraut! armes
+Erdreich!
+
+Und _bald_ sollen sie mir dastehn wie dürres Gras und Steppe, und
+wahrlich! ihrer selber müde - und mehr, als nach Wasser, nach _Feuer_
+lechzend!
+
+Oh gesegnete Stunde des Blitzes! Oh Geheimniss vor Mittag! - Laufende
+Feuer will ich einst noch aus ihnen machen und Verkünder mit
+Flammen-Zungen: -
+
+- verkünden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist
+nahe, der grosse Mittag!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Auf dem Ölberge
+
+Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind
+meine Hände von seiner Freundschaft Händedruck.
+
+Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein
+sitzen. Gerne laufe ich ihm davon; und, läuft man _gut_, so entläuft
+man ihm!
+
+Mit warmen Füssen und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Wind
+stille steht, - zum Sonnen-Winkel meines Ölbergs.
+
+Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, dass er zu
+Hause mir die Fliegen wegfängt und vielen kleinen Lärm stille macht.
+
+Er leidet es nämlich nicht, wenn eine Mücke singen will, oder gar
+zwei; noch die Gasse macht er einsam, dass der Mondschein drin Nachts
+sich fürchtet.
+
+Ein harter Gast ist er, - aber ich ehre ihn, und nicht bete ich,
+gleich den Zärtlingen, zum dickbäuchichten Feuer-Götzen.
+
+Lieber noch ein Wenig zähneklappern als Götzen anbeten! - so will's
+meine Art. Und sonderlich bin ich allen brünstigen dampfenden
+dumpfigen Feuer-Götzen gram.
+
+Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte
+ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause
+sitzt.
+
+Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett _krieche_ -: da
+lacht und muthwillt noch mein verkrochenes Glück; es lacht noch mein
+Lügen-Traum.
+
+Ich - ein Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor Mächtigen; und
+log ich je, so log ich aus Liebe. Desshalb bin ich froh auch im
+Winter-Bette.
+
+Ein geringes Bett wärmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin
+eifersüchtig auf meine Armuth. Und im Winter ist sie mir am treuesten.
+
+Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit
+einem kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.
+
+Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: dass er mir endlich
+den Himmel herauslasse aus aschgrauer Dämmerung.
+
+Sonderlich boshaft bin ich nämlich des Morgens: zur frühen Stunde,
+da der Eimer am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen
+wiehern: -
+
+Ungeduldig warte ich da, dass mir endlich der lichte Himmel aufgehe,
+der schneebärtige Winter-Himmel, der Greis und Weisskopf, -
+
+- der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne
+verschweigt!
+
+Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er's
+von mir? Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?
+
+Aller guten Dinge Ursprung ist tausendfältig, - alle guten
+muthwilligen Dinge springen vor Lust in's Dasein: wie sollten sie das
+immer nur - Ein Mal thun!
+
+Ein gutes muthwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich
+dem Winter-Himmel blicken aus lichtem rundäugichten Antlitze: -
+
+- gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen
+Sonnen-Willen: wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Muthwillen
+lernte ich _gut_!
+
+Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, dass mein Schweigen lernte,
+sich nicht durch Schweigen zu verrathen.
+
+Mit Worten und Würfeln klappernd überliste ich mir die feierlichen
+Warter: allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck
+entschlüpfen.
+
+Dass mir Niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe, - dazu
+erfand ich mir das lange lichte Schweigen.
+
+So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trübte
+sein Wasser, dass Niemand ihm hindurch und hinunter sehe.
+
+Aber zu ihm gerade kamen die klügeren Misstrauer und Nussknacker: ihm
+gerade fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!
+
+Sondern die Hellen, die Wackern, die Durchsichtigen - das sind mir
+die klügsten Schweiger: denen so _tief_ ihr Grund ist, dass auch das
+hellste Wasser ihn nicht - verräth. -
+
+Du schneebärtiger schweigender Winter-Himmel, du rundäugichter
+Weisskopf über mir! Oh du himmlisches Gleichniss meiner Seele und
+ihres Muthwillens!
+
+Und _muss_ ich mich nicht verbergen, gleich Einem, der Gold
+verschluckt hat, - dass man mir nicht die Seele aufschlitze?
+
+_Muss_ ich nicht Stelzen tragen, dass sie meine langen Beine
+_übersehen_, - alle diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?
+
+Diese räucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergrünten,
+vergrämelten Seelen - wie _könnte_ ihr Neid mein Glück ertragen!
+
+So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln - und
+_nicht_, dass mein Berg noch alle Sonnengürtel um sich schlingt!
+
+Sie hören nur meine Winter-Stürme pfeifen: und _nicht_, dass ich
+auch über warme Meere fahre, gleich sehnsüchtigen, schweren, heissen
+Südwinden.
+
+Sie erbarmen sich noch meiner Unfälle und Zufälle: - aber _mein_ Wort
+heisst: "lasst den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er, wie ein
+Kindlein!"
+
+Wie _könnten_ sie mein Glück ertragen, wenn ich nicht Unfälle und
+Winter-Nöthe und Eisbären-Mützen und Schneehimmel-Hüllen um mein Glück
+legte!
+
+- wenn ich mich nicht selbst ihres _Mitleids_ erbarmte - des Mitleids
+dieser Neidbolde und Leidholde!
+
+- wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte und mich
+geduldsam in ihr Mitleid wickeln _liesse_!
+
+Diess ist der weise Muthwille und Wohlwille meiner Seele, dass sie
+ihren Winter und ihre Froststürme _nicht_verbirgt_; sie verbirgt auch
+ihre Frostbeulen nicht.
+
+Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit
+die Flucht _vor_ den Kranken.
+
+Mögen sie mich klappern und seufzen _hören_ vor Winterkälte, alle
+diese armen scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und
+Geklapper flüchte ich noch vor ihren geheizten Stuben.
+
+Mögen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Frostbeulen: "am
+Eis der Erkenntniss _erfriert_ er uns noch!" - so klagen sie.
+
+Inzwischen laufe ich mit warmen Füssen kreuz und quer auf meinem
+Ölberge: im Sonnen-Winkel meines Ölberges singe und spotte ich alles
+Mitleids. -
+
+Also sang Zarathustra.
+
+
+
+Vom Vorübergehen
+
+Also, durch viel Volk und vielerlei Städte langsam hindurchschreitend,
+gierig Zarathustra auf Umwegen zurück zu seinem Gebirge und seiner
+Höhle. Und siehe, dabei kam er unversehens auch an das Stadtthor
+der _grossen_Stadt_: hier aber sprang ein schäumender Narr mit
+ausgebreiteten Händen auf ihn zu und trat ihm in den Weg. Diess aber
+war der selbige Narr, welchen das Volk "den Affen Zarathustra's"
+hiess: denn er hatte ihm Etwas vom Satz und Fall der Rede abgemerkt
+und borgte wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr aber
+redete also zu Zarathustra:
+
+"Oh Zarathustra, hier ist die grosse Stadt: hier hast du Nichts zu
+suchen und Alles zu verlieren.
+
+Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit
+deinem Fusse! Speie lieber auf das Stadtthor und - kehre um!
+
+Hier ist die Hölle für Einsiedler-Gedanken: hier werden grosse
+Gedanken lebendig gesotten und klein gekocht.
+
+Hier verwesen alle grossen Gefühle: hier dürfen nur klapperdürre
+Gefühlchen klappern!
+
+Riechst du nicht schon die Schlachthäuser und Garküchen des Geistes?
+Dampft nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?
+
+Siehst du nicht die Seelen hängen wie schlaffe schmutzige Lumpen? -
+Und sie machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!
+
+Hörst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges
+Wort-Spülicht bricht er heraus! - Und sie machen noch Zeitungen aus
+diesem Wort-Spülicht.
+
+Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und
+wissen nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit
+ihrem Golde.
+
+Sie sind kalt und suchen sich Wärme bei gebrannten Wassern; sie sind
+erhitzt und suchen Kühle bei gefrorenen Geistern; sie sind Alle siech
+und süchtig an öffentlichen Meinungen.
+
+Alle Lüste und Laster sind hier zu Hause; aber es giebt hier auch
+Tugendhafte, es giebt viel anstellige angestellte Tugend: -
+
+Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und
+Warte-Fleische, gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften
+steisslosen Töchtern.
+
+Es giebt hier auch viel Frömmigkeit und viel gläubige
+Speichel-Leckerei, Schmeichel-Bäckerei vor dem Gott der Heerschaaren.
+
+`Von Oben` her träufelt ja der Stern und der gnädige Speichel; nach
+Oben hin sehnt sich jeder sternenlose Busen.
+
+Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondkälber: zu Allem
+aber, was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige
+Bettel-Tugend.
+
+`Ich diene, du dienst, wir dienen` - so betet alle anstellige Tugend
+hinauf zum Fürsten: dass der verdiente Stern sich endlich an den
+schmalen Busen hefte!
+
+Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch
+der Fürst noch um das Aller-Irdischste -: das aber ist das Gold der
+Krämer.
+
+Der Gott der Heerschaaren ist kein Gott der Goldbarren; der Fürst
+denkt, aber der Krämer - lenkt!
+
+Bei Allem, was licht und stark und gut in dir ist, oh Zarathustra!
+Speie auf diese Stadt der Krämer und kehre um!
+
+Hier fliesst alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle
+Adern: speie auf die grosse Stadt, welche der grosse Abraum ist, wo
+aller Abschaum zusammenschäumt!
+
+Speie auf die Stadt der eingedrückten Seelen und schmalen Brüste, der
+spitzen Augen, der klebrigen Finger -
+
+- auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib- und
+Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen: -
+
+- wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Düsterne, Übermürbe,
+Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt: -
+
+- speie auf die grosse Stadt und kehre um!" - -
+
+Hier aber unterbrach Zarathustra den schäumenden Narren und hielt ihm
+den Mund zu.
+
+"Höre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner
+Rede und deiner Art!
+
+Warum wohntest du so lange am Sumpfe, dass du selber zum Frosch und
+zur Kröte werden musstest?
+
+Fliesst dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut
+durch die Adern, dass du also quaken und lästern lerntest?
+
+Warum giengst du nicht in den Wald? Oder pflügtest die Erde? Ist das
+Meer nicht voll von grünen Eilanden?
+
+Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest, - warum
+warntest du dich nicht selber?
+
+Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel
+auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe! -
+
+Man heisst dich meinen Affen, du schäumender Narr: aber ich heisse
+dich mein Grunze-Schwein, - durch Grunzen verdirbst du mir noch mein
+Lob der Narrheit.
+
+Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Dass Niemand dir
+genug _geschmeichelt_ hat: - darum setztest du dich hin zu diesem
+Unrathe, dass du Grund hättest viel zu grunzen, -
+
+- dass du Grund hättest zu vieler _Rache_! Rache nämlich, du eitler
+Narr, ist all dein Schäumen, ich errieth dich wohl!
+
+Aber dein Narren-Wort thut _mir_ Schaden, selbst, wo du Recht hast!
+Und wenn Zarathustra's Wort sogar hundert Mal Recht _hätte_: du
+würdest mit meinem Wort immer - Unrecht _thun_!"
+
+Also sprach Zarathustra; und er blickte die grosse Stadt an, seufzte
+und schwieg lange. Endlich redete er also:
+
+Mich ekelt auch dieser grossen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier
+und dort ist Nichts zu bessern, Nichts zu bösern.
+
+Wehe dieser grossen Stadt! - Und ich wollte, ich sähe schon die
+Feuersäule, in der sie verbrannt wird!
+
+Denn solche Feuersäulen müssen dem grossen Mittage vorangehn. Doch
+diess hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal. -
+
+Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht
+mehr lieben kann, da soll man - _vorübergehn_! -
+
+Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt
+vorüber.
+
+
+
+Von den Abtrünnigen
+
+1.
+
+Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese
+grün und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von
+hier in meine Bienenkörbe!
+
+Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden, - und nicht alt
+einmal! nur müde, gemein, bequem: - sie heissen es "Wir sind wieder
+fromm geworden."
+
+Noch jüngst sah ich sie in der Frühe auf tapferen Füssen hinauslaufen:
+aber ihre Füsse der Erkenntniss wurden müde, und nun verleumden sie
+auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!
+
+Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tänzer, ihm
+winkte das Lachen in meiner Weisheit: - da besann er sich. Eben sah
+ich ihn krumm - zum Kreuze kriechen.
+
+Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mücken und jungen
+Dichtern. Ein Wenig älter, ein Wenig kälter: und schon sind sie
+Dunkler und Munkler und Ofenhocker.
+
+Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit
+verschlang gleich einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl
+sehnsüchtig-lange _umsonst_ nach mir und meinen Trompeten- und
+Herolds-Rufen?
+
+- Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und
+Übermuth hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest
+aber ist _feige_.
+
+Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der Überfluss,
+die Viel-zu-Vielen - diese alle sind feige! -
+
+Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art über
+den Weg laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und
+Possenreisser sein müssen.
+
+Seine zweiten Gesellen aber - die werden sich seine _Gläubigen_
+heissen: ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel
+unbärtige Verehrung.
+
+An diese Gläubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art
+unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht
+glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!
+
+_Könnten_ sie anders, so würden sie auch anders _wollen_. Halb- und
+Halbe verderben alles Ganze. Dass Blätter welk werden, - was ist da zu
+klagen!
+
+Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber
+noch blase mit raschelnden Winden unter sie, -
+
+- blase unter diese Blätter, oh Zarathustra: dass alles _Welke_
+schneller noch von dir davonlaufen! -
+
+
+2.
+
+"Wir sind wieder fromm geworden" - so bekennen diese Abtrünnigen; und
+Manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.
+
+Denen sehe ich in's Auge, - denen sage ich es in's Gesicht und in die
+Röthe ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder _beten_!
+
+Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht für Alle, aber für dich und
+mich und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Für _dich_ ist es eine
+Schmach, zu beten!
+
+Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hände-falten
+und Hände-in-den-Schooss-legen und es bequemer haben möchte: - dieser
+feige Teufel redet dir zu "es _giebt_ einen Gott!"
+
+_Damit_ aber gehörst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe
+lässt; nun musst du täglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst
+stecken!
+
+Und wahrlich, du wähltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die
+Nachtvögel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend-
+und Feierstunde, wo es nicht - "feiert."
+
+Ich höre und rieche es: es kam ihre Stunde für Jagd und Umzug, nicht
+zwar für eine wilde Jagd, sondern für eine zahme lahme schnüffelnde
+Leisetreter- und Leisebeter-Jagd, -
+
+- für eine Jagd auf seelenvolle Duckmäuser: alle Herzens- Mausefallen
+sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da
+kommt ein Nachtfalterchen herausgestürzt.
+
+Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn
+überall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kämmerlein
+giebt, da giebt es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.
+
+Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder
+werden wie die Kindlein und "lieber Gott" sagen! - an Mund und Magen
+verdorben durch die frommen Zuckerbäcker.
+
+Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu,
+welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: "unter
+Kreuzen ist gut spinnen!"
+
+Oder sie sitzen Tags über mit Angelruthen an Sümpfen und glauben sich
+_tief_ damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den
+heisse ich noch nicht einmal oberflächlich!
+
+Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem
+Lieder-Dichter, der sich gern jungen Weibchen in's Herz harfnen
+möchte: - denn er wurde der alten Weibchen müde und ihres Lobpreisens.
+
+Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in
+dunklen Zimmern wartet, dass ihm die Geister kommen - und der Geist
+ganz davonläuft!
+
+Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer
+zu, der trüben Winden die Trübsal der Töne ablernte; nun pfeift er
+nach dem Winde und predigt in trüben Tönen Trübsal.
+
+Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwächter geworden: die verstehen
+jetzt in Hörner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen
+aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.
+
+Fünf Worte von alten Sachen hörte ich gestern Nachts an der
+Garten-Mauer: die kamen von solchen alten betrübten trocknen
+Nachtwächtern.
+
+"Für einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Väter
+thun diess besser!" -
+
+"Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder" - also
+antwortete der andere Nachtwächter.
+
+"_Hat_ er denn Kinder? Niemand kann's beweisen, wenn er's selber nicht
+beweist! Ich wollte längst, er bewiese es einmal gründlich."
+
+"Beweisen? Als ob _Der_ je Etwas bewiesen hätte! Beweisen fällt ihm
+schwer; er hält grosse Stücke darauf, dass man ihm glaubt."
+
+"Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die
+Art alter Leute! So geht's uns auch!" -
+
+- Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwächter und
+Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so
+geschah's gestern Nachts an der Garten-Mauer.
+
+Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste
+nicht, wohin? und sank in's Zwerchfell.
+
+Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke,
+wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtwächter also an Gott zweifeln
+höre.
+
+Ist es denn nicht _lange_ vorbei auch für alle solche Zweifel? Wer
+darf noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!
+
+Mit den alten Göttern gieng es ja lange schon zu Ende: - und wahrlich,
+ein gutes fröhliches Götter-Ende hatten sie!
+
+Sie "dämmerten" sich nicht zu Tode, - das lügt man wohl! Vielmehr: sie
+haben sich selber einmal zu Tode - _gelacht_!
+
+Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausgieng,
+- das Wort: "Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott haben neben
+mir!" -
+
+- ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifersüchtiger vergass sich also:
+
+Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und
+riefen: "Ist das nicht eben Göttlichkeit, dass es Götter, aber keinen
+Gott giebt?"
+
+Wer Ohren hat, der höre. -
+
+Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche
+zubenannt ist die bunte Kuh. Von hier nämlich hatte er nur noch zwei
+Tage zu gehen, dass er wieder in seine Höhle käme und zu seinen
+Thieren; seine Seele aber frohlockte beständig ob der Nähe seiner
+Heimkehr. -
+
+
+
+Die Heimkehr
+
+Oh Einsamkeit! Du meine _Heimat_ Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild
+in wilder Fremde, als dass ich nicht mit Thränen zu dir heimkehrte!
+
+Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nein lächle mir
+zu, wie Mütter lächeln, nun sprich nur: "Und wer war das, der wie ein
+Sturmwind einst von mir davonstürmte? -
+
+- der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da
+verlernte ich das Schweigen! _Das_ - lerntest du nun wohl?
+
+Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen
+_verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir!
+
+Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_ -
+lerntest du nun! Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein
+wirst:
+
+-Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem
+wollen sie _geschont_ sein!
+
+Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles
+hinausreden und alle Gründe ausschütten, Nichts schämt sich hier
+versteckter, verstockter Gefühle.
+
+Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir:
+denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest
+du hier zu jeder Wahrheit.
+
+Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und
+wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen Dingen -
+gerade redet!
+
+Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh
+Zarathustra? Als damals dein Vogel über dir schrie, als du im Walde
+standest, unschlüssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe: -
+
+- als du sprachst: mögen mich meine Thiere führen! Gefährlicher fand
+ich's unter Menschen, als unter Thieren: - _Das_ war Verlassenheit!
+
+Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest,
+unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter
+Durstigen schenkend und ausschenkend:
+
+- bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nächtlich
+klagtest `ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger
+als Nehmen?` - _Das_ war Verlassenheit!
+
+Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und
+dich von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach:
+`Sprich und zerbrich!` -
+
+- als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen
+demüthigen Muth entmuthigte: _Das_ war Verlassenheit!" -
+
+Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich
+redet deine Stimme zu mir!
+
+Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen
+mit einander durch offne Thüren.
+
+Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier
+auf leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der
+Zeit, als im Lichte.
+
+Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein
+will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.
+
+Da unten aber - da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und
+Vorübergehn die beste Weisheit: _Das_ - lernte ich nun!
+
+Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der müsste Alles
+angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.
+
+Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange
+unter ihrem Lärm und üblem Athem lebte!
+
+Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerüche um mich! Oh wie aus tiefer
+Brust diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige
+Stille!
+
+Aber da unten - da redet Alles, da wird Alles überhört. Man mag seine
+Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie
+mit Pfennigen überklingeln!
+
+Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fällt
+in's Wasser, Nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.
+
+Alles bei ihnen redet, Nichts geräth mehr und kommt zu Ende. Alles
+gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier
+brüten?
+
+Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu
+hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt
+und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.
+
+Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst
+Geheimniss hiess und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den
+Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.
+
+Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunklen Gassen! Nun
+liegst du wieder hinter mir: - meine grösste Gefahr liegt hinter mir!
+
+Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles
+Menschenwesen will geschont und gelitten sein.
+
+Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und
+reich an kleinen Lügen des Mitleidens: - also lebte ich immer unter
+Menschen.
+
+Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, _mich_ zu verkennen, dass ich
+_sie_ ertrüge, und gern mir zuredend "du Narr, du kennst die Menschen
+nicht!"
+
+Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel
+Vordergrund ist an allen Menschen, - was sollen da weitsichtige,
+weit-süchtige Augen!
+
+Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als
+mich: gewohnt zur Härte gegen mich und oft noch an mir selber mich
+rächend für diese Schonung.
+
+Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Steine gleich, von
+vielen Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch
+zu: "unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!"
+
+Sonderlich Die, welche sich "die Guten" heissen, fand ich als die
+giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller
+Unschuld; wie _vermöchten_ sie, gegen mich - gerecht zu sein!
+
+Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht
+dumpfe Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist
+unergründlich.
+
+Mich selber verbergen und meinen Reichthum - _das_ lernte ich da
+unten: denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines
+Mitleidens, dass ich bei jedem wusste,
+
+- dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes _genug_ und was
+ihm schon Geistes _zuviel_ war!
+
+Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif, - so lernte
+ich Worte verschlucken. Ihre Todtengräber: ich hiess sie Forscher und
+Prüfer, - so lernte ich Worte vertauschen.
+
+Die Todtengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn
+schlimme Dünste. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf
+Bergen leben.
+
+Mit seligen Nüstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist
+endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!
+
+Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, _niest_
+meine Seele, - niest und jubelt sich zu: Gesundheit!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von den drei Bösen
+
+1.
+
+Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge,
+- jenseits der Welt, hielt eine Wage und _wog_ die Welt.
+
+Oh dass zu früh mir die Morgenröthe kam: die glühte mich
+wach, die Eifersüchtige! Eifersüchtig ist sie immer auf meine
+Morgentraum-Gluthen.
+
+Messbar für Den, der Zeit hat, wägbar für einen guten Wäger,
+erfliegbar für starke Fittige, errathbar für göttliche Nüsseknacker:
+also fand mein Traum die Welt: -
+
+Mein Traum, ein kühner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich
+Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er
+doch zum Welt-Wägen heute Geduld und Weile!
+
+Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache
+Tags-Weisheit, welche über alle "unendliche Welten" spottet? Denn sie
+spricht: "wo Kraft ist, wird auch die _Zahl_ Meisterin: die hat mehr
+Kraft."
+
+Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht
+neugierig, nicht altgierig, nicht fürchtend, nicht bittend: -
+
+- als ob ein voller Apfel sich meiner Hand böte, ein reifer Goldapfel,
+mit kühl-sanfter sammtener Haut: - so bot sich mir die Welt: -
+
+- als ob ein Baum mir winke, ein breitästiger, starkwilliger, gekrümmt
+zur Lehne und noch zum Fussbrett für den Wegmüden: so stand die Welt
+auf meinem Vorgebirge: -
+
+- als ob zierliche Hände mir einen Schrein entgegentrügen, - einen
+Schrein offen für das Entzücken schamhafter verehrender Augen: also
+bot sich mir heute die Welt entgegen: -
+
+- nicht Räthsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht
+Lösung genug, um Menschen-Weisheit einzuschläfern: - ein menschlich
+gutes Ding war mir heut die Welt, der man so Böses nachredet!
+
+Wie danke ich es meinem Morgentraum, dass ich also in der Frühe heut
+die Welt wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser
+Traum und Herzenströster!
+
+Und dass ich's ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und
+ablerne: will ich jetzt die drei bösesten Dinge auf die Wage thun und
+menschlich gut abwägen. -
+
+Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der
+Welt die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage thun.
+
+Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese Drei wurden bisher am besten
+verflucht und am schlimmsten beleu- und belügenmundet, - diese Drei
+will ich menschlich gut abwägen.
+
+Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg und da das Meer: _das_ wälzt sich zu
+mir heran, zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertköpfige
+Hunds-Ungethüm, das ich liebe.
+
+Wohlauf! Hier will ich die Wage halten über gewälztem Meere: und auch
+einen Zeugen wähle ich, dass er zusehe, - dich, du Einsiedler-Baum,
+dich starkduftigen, breitgewölbten, den ich liebe! -
+
+Auf welcher Brücke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange
+zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was heisst auch das Höchste
+noch - hinaufwachsen? -
+
+Nun steht die Wage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich
+hinein, drei schwere Antworten trägt die andre Wagschale.
+
+
+2.
+
+Wollust: allen busshemdigen Leib-Verächtern ihr Stachel und Pfahl,
+und als "Welt" verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie höhnt und
+narrt alle Wirr- und Irr-Lehrer.
+
+Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird;
+allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst-
+und Brodel-Ofen.
+
+Wollust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück
+der Erde, aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.
+
+Wollust: nur dem Welken ein süsslich Gift, für die Löwen-Willigen aber
+die grosse Herzstärkung, und der ehrfürchtig geschonte Wein der Weine.
+
+Wollust: das grosse Gleichniss-Glück für höheres Glück und höchste
+Hoffnung. Vielem nämlich ist Ehe verheissen und mehr als Ehe, -
+
+- Vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib: - und wer begriff
+es ganz, _wie_fremd_ sich Mann und Weib sind!
+
+Wollust: - doch ich will Zäune um meine Gedanken haben und auch noch
+um meine Worte: dass mir nicht in meine Gärten die Schweine und
+Schwärmer brechen! -
+
+Herrschsucht: die Glüh-Geissel der härtesten Herzensharten; die grause
+Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die düstre Flamme
+lebendiger Scheiterhaufen.
+
+Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Völkern
+aufgesetzt wird; die Verhöhnerin aller ungewissen Tugend; die auf
+jedem Rosse und jedem Stolze reitet.
+
+Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und
+aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter
+Gräber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.
+
+Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und fröhnt
+und niedriger wird als Schlange und Schwein: - bis endlich die grosse
+Verachtung aus ihm aufschreie -,
+
+Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der grossen Verachtung, welche
+Städten und Reichen in's Antlitz predigt "hinweg mit dir!" - bis es
+aus ihnen selber aufschreie "hinweg mit _mir_!"
+
+Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf
+zu selbstgenugsamen Höhen steigt, glühend gleich einer Liebe, welche
+purpurne Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.
+
+Herrschsucht: doch wer hiesse es _Sucht_, wenn das Hohe hinab nach
+Macht gelüstet! Wahrlich, nichts Sieches und Süchtiges ist an solchem
+Gelüsten und Niedersteigen!
+
+Dass die einsame Höhe sich nicht ewig vereinsame und selbst
+begnüge; dass der Berg zu Thale komme und die Winde der Höhe zu den
+Niederungen: -
+
+Oh wer fände den rechten Tauf- und Tugendnamen für solche Sehnsucht!
+"Schenkende Tugend" - so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.
+
+Und damals geschah es auch, - und wahrlich, es geschah zum ersten
+Male! - dass sein Wort die _Selbstsucht_ selig pries, die heile,
+gesunde Selbstsucht, die aus mächtiger Seele quillt: -
+
+- aus mächtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehört, der schöne,
+sieghafte, erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:
+
+- der geschmeidige überredende Leib, der Tänzer, dessen Gleichniss
+und Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen
+Selbst-Lust heisst sich selber: "Tugend."
+
+Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust
+wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glücks bannt sie von sich
+alles Verächtliche.
+
+Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht - das ist
+feige! Verächtlich dünkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klägliche
+und wer auch die kleinsten Vortheile aufliest.
+
+Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn, wahrlich, es giebt
+auch Weisheit, die im Dunklen blüht, eine Nachtschatten-Weisheit: als
+welche immer seufzt: "Alles ist eitel!"
+
+Das scheue Misstrauen gilt ihr gering, und Jeder, wer Schwüre statt
+Blicke und Hände will: auch alle allzu misstrauische Weisheit, - denn
+solche ist feiger Seelen Art.
+
+Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gefällige, der Hündische, der
+gleich auf dem Rücken liegt, der Demüthige; und auch Weisheit giebt
+es, die demüthig und hündisch und fromm und schnellgefällig ist.
+
+Verhasst ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will,
+wer giftigen Speichel und böse Blicke hinunterschluckt, der
+All-zu-Geduldige, Alles-Dulder, Allgenügsame: das nämlich ist die
+knechtische Art.
+
+Ob Einer vor Göttern und göttlichen Fusstritten knechtisch ist, ob vor
+Menschen und blöden Menschen-Meinungen: _alle_ Knechts-Art speit sie
+an, diese selige Selbstsucht!
+
+Schlecht: so beisst sie Alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch
+ist, unfreie Zwinker-Augen, gedruckte Herzen, und jene falsche
+nachgebende Art, welche mit breiten feigen Lippen küsst.
+
+Und After-Weisheit: so heisst sie Alles, was Knechte und Greise
+und Müde witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige,
+überwitzige Priester-Narrheit!
+
+Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltmüden und wessen Seele
+von Weibs- und Knechtsart ist, - oh wie hat ihr Spiel von jeher der
+Selbstsucht übel mitgespielt!
+
+Und Das gerade sollte Tugend sein und Tugend heissen, _dass_ man der
+Selbstsucht übel mitspiele! Und "selbstlos" - so wünschten sich selber
+mit gutem Grunde alle diese weltmüden Feiglinge und Kreuzspinnen!
+
+Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert,
+_der_grosse_Mittag_: da soll Vieles offenbar werden!
+
+Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig,
+wahrlich, der spricht auch, was er weiss, ein Weissager: "Siehe, er
+kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!"
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Vom Geist der Schwere
+
+1.
+
+Mein Mundwerk - ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich für die
+Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen
+und Feder-Füchsen.
+
+Meine Hand - ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und Wänden, und
+was noch Platz hat für Narren-Zierath, Narren-Schmierath!
+
+Mein Fuss - ist ein Pferdefuss; damit trapple und trabe ich über Stock
+und Stein, kreuz- und querfeld-ein und bin des Teufels vor Lust bei
+allem schnellen Laufen.
+
+Mein Magen - ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten
+Lammfleisch. Gewisslich aber ist er eines Vogels Magen.
+
+Von unschuldigen Dingen genährt und von Wenigem, bereit und ungeduldig
+zu fliegen, davonzufliegen - das ist nun meine Art: wie sollte nicht
+Etwas daran von Vogel-Art sein!
+
+Und zumal, dass ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist
+Vogel-Art: und wahrlich, todfeind, erzfeind, urfeind! Oh wohin flog
+und verflog sich nicht schon meine Feindschaft!
+
+Davon könnte ich schon ein Lied singen - - und _will_ es singen: ob
+ich gleich allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren
+singen muss.
+
+Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre
+Kehle weide, ihre Hand gesprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz
+wach: - Denen gleiche ich nicht. -
+
+
+2.
+
+Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine
+verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die
+Erde wird er neu taufen - als "die Leichte."
+
+Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste Pferd, aber auch
+er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der
+noch nicht fliegen kann.
+
+Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so _will_ es der Geist der
+Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muss sich
+selber lieben: - also lehre _ich_.
+
+Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen
+stinkt auch die Eigenliebe!
+
+Man muss sich selber lieben lernen - also lehre ich - mit einer heilen
+und gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht
+umherschweife.
+
+Solches Umherschweifen tauft sich "Nächstenliebe": mit diesem Worte
+ist bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von
+Solchen, die aller Welt schwer fielen.
+
+Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und Morgen, sich lieben
+_lernen_. Vielmehr ist von allen Künsten diese die feinste, listigste,
+letzte und geduldsamste.
+
+Für seinen Eigener ist nämlich alles Eigene gut versteckt; und von
+allen Schatzgruben wird die eigne am spätesten ausgegraben, - also
+schafft es der Geist der Schwere.
+
+Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit:
+"gut" und "böse" - so heisst sich diese Mitgift. Um derentwillen
+vergiebt man uns, dass wir leben.
+
+Und dazu lässt man die Kindlein zu sich kommen, dass man ihnen bei
+Zeiten wehre, sich selber zu lieben: also schafft es der Geist der
+Schwere.
+
+Und wir - wir schleppen treulich, was man uns mitgiebt, auf harten
+Schultern und über rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns:
+"Ja, das Leben ist schwer zu tragen!"
+
+Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt
+zu vieles Fremde auf seinen Schultern. Dem Kameele gleich kniet er
+nieder und lässt sich gut aufladen.
+
+Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu
+viele _fremde_ schwere Worte und Werthe lädt er auf sich, - nun dünkt
+das Leben ihm eine Wüste!
+
+Und wahrlich! Auch manches _Eigene_ ist schwer zu tragen! Und viel
+Inwendiges am Menschen ist der Auster gleich, nämlich ekel und
+schlüpfrig und schwer erfasslich -,
+
+- also dass eine edle Schale mit edler Zierath fürbitten muss. Aber
+auch diese Kunst muss man lernen: Schale _haben_ und schönen Schein
+und kluge Blindheit!
+
+Abermals trügt über Manches am Menschen, dass manche Schale gering und
+traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Güte und Kraft wird
+nie errathen; die köstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!
+
+Die Frauen wissen das, die köstlichsten: ein Wenig fetter, ein Wenig
+magerer - oh wie viel Schicksal liegt in so Wenigem!
+
+Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten;
+oft lügt der Geist über die Seele. Also schafft es der Geist der
+Schwere.
+
+Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist _mein_
+Gutes und Böses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht,
+welcher spricht "Allen gut, Allen bös."
+
+Wahrlich, ich mag auch Solche nicht, denen jegliches Ding gut und
+diese Welt gar die beste heisst. Solche nenne ich die Allgenügsamen.
+
+Allgenügsamkeit, die Alles zu schmecken weiss: das ist nicht der beste
+Geschmack! Ich ehre die widerspänstigen wählerischen Zungen und Mägen,
+welche "Ich" und "Ja" und "Nein" sagen lernten.
+
+Alles aber kauen und verdauen - das ist eine rechte Schweine-Art!
+Immer I-a sagen - das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes
+ist! -
+
+Das tiefe Gelb und das heisse Roth: so will es _mein_ Geschmack, -
+der mischt Blut zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiss tüncht, der
+verräth mir eine weissgetünchte Seele.
+
+In Mumien verliebt die Einen, die Andern in Gespenster; und Beide
+gleich feind allem Fleisch und Blute - oh wie gehen Beide mir wider
+den Geschmack! Denn ich liebe Blut.
+
+Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo Jedermann spuckt und
+speit: das ist nun _mein_ Geschmack, - lieber noch lebte ich unter
+Dieben und Meineidigen. Niemand trägt Gold im Munde.
+
+Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste
+Thier von Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte
+nicht lieben und doch von Liebe leben.
+
+Unselig heisse ich Alle, die nur Eine Wahl haben: böse Thiere zu
+werden oder böse Thierbändiger: bei Solchen würde ich mir keine Hütten
+bauen.
+
+Unselig heisse ich auch Die, welche immer _warten_ müssen, - die gehen
+mir wider den Geschmack: alle die Zöllner und Krämer und Könige und
+andren Länder- und Ladenhüter.
+
+Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus,
+
+- aber nur das Warten auf _mich_. Und über Allem lernte ich stehn und
+gehn und laufen und springen und klettern und tanzen.
+
+Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muss
+erst stehn und gehn und laufen und klettern und tanzen lernen: - man
+erfliegt das Fliegen nicht!
+
+Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen
+Beinen klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntniss
+sitzen dünkte mich keine geringe Seligkeit, -
+
+- gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht
+zwar, aber doch ein grosser Trost für verschlagene Schiffer und
+Schiffbrüchige! -
+
+Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf
+Einer Leiter stieg ich zur Höhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.
+
+Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen, - das gieng mir immer
+wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.
+
+Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen: - und wahrlich, auch
+antworten muss man _lernen_ auf solches Fragen! Das aber - ist mein
+Geschmack:
+
+- kein guter, kein schlechter, aber _mein_ Geschmack, dessen ich weder
+Scham noch Hehl mehr habe.
+
+"Das - ist nun _mein_ Weg, - wo ist der eure?" so antwortete ich
+Denen, welche mich "nach dem Wege" fragten. _Den_ Weg nämlich - den
+giebt es nicht!
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Von alten und neuen Tafeln
+
+1.
+
+Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch
+neue halb beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?
+
+- die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch Ein Mal will
+ich zu den Menschen gehn.
+
+Dess warte ich nun: denn erst müssen mir die Zeichen kommen,
+dass es _meine_ Stunde sei, - nämlich der lachende Löwe mit dem
+Taubenschwarme.
+
+Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand
+erzählt mir Neues: so erzähle ich mir mich selber. -
+
+
+2.
+
+Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten
+Dünkel: Alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut
+und böse sei.
+
+Eine alte müde Sache dünkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer
+gut schlafen wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von "Gut" und
+"Böse".
+
+Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist,
+_das_weiss_noch_Niemand_: - es sei denn der Schaffende!
+
+- Das aber ist Der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde
+ihren Sinn giebt und ihre Zukunft: Dieser erst _schafft_ es, _dass_
+Etwas gut und böse ist.
+
+Und ich hiess sie ihre alten Lehr-Stühle umwerfen, und wo nur jener
+alte Dünkel gesessen hatte; ich hiess sie lachen über ihre grossen
+Tugend-Meister und Heiligen und Dichter und Welt-Erlöser.
+
+Über ihre düsteren Weisen hiess ich sie lachen, und wer je als
+schwarze Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen
+hatte.
+
+An ihre grosse Gräberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und
+Geiern - und ich lachte über all ihr Einst und seine mürbe verfallende
+Herrlichkeit.
+
+Wahrlich, gleich Busspredigern und Narrn schrie ich Zorn und Zeter
+über all ihr Grosses und Kleines -, dass ihr Bestes so gar klein ist!
+Dass ihr Bösestes so gar klein ist! - also lachte ich.
+
+Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf
+Bergen geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlich! - meine grosse
+flügelbrausende Sehnsucht.
+
+Und oft riss sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im
+Lachen: da flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes
+Entzücken:
+
+- hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere
+Süden, als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich
+aller Kleider schämen: -
+
+- dass ich nämlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und
+stammle: und wahrlich, ich schäme mich, dass ich noch Dichter sein
+muss! -
+
+Wo alles Werden mich Götter-Tanz und Götter-Muthwillen dünkte, und die
+Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zurückfliehend: -
+
+- als ein ewiges Sich-fliehn und -Wiedersuchen vieler Götter, als das
+selige Sich-Widersprechen, Sich-Wieder-hören, Sich-Wieder-Zugehören
+vieler Götter: -
+
+Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dünkte, wo die
+Nothwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der
+Freiheit spielte: -
+
+Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der
+Schwere und Alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Noth und Folge und
+Zweck und Wille und Gut und Böse: -
+
+Denn muss nicht dasein, _über_ das getanzt, hinweggetanzt werde?
+Müssen nicht um der Leichten, Leichtesten willen - Maulwürfe und
+schwere Zwerge dasein? - -
+
+
+3.
+
+Dort war's auch, wo ich das Wort "Übermensch" vom Wege auflas, und
+dass der Mensch Etwas sei, das überwunden werden müsse,
+
+- dass der Mensch eine Brücke sei und kein Zweck: sich selig preisend
+ob seines Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenröthen:
+
+- das Zarathustra-Wort vom grossen Mittage, und was sonst ich über den
+Menschen aufhängte, gleich purpurnen zweiten Abendröthen.
+
+Wahrlich, auch neue Sterne liess ich sie sehn sammt neuen Nächten; und
+über Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein
+buntes Gezelt.
+
+Ich lehrte sie all _mein_ Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und
+zusammen zu tragen, was Bruchstück ist am Menschen und Räthsel und
+grauser Zufall, -
+
+- als Dichter, Räthselrather und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an
+der Zukunft schaffen, und Alles, das _war_ -, schaffend zu erlösen.
+
+Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles "Es war" umzuschauen,
+bis der Wille spricht: "Aber so wollte ich es! So werde ich's wollen
+-"
+
+- Diess hiess ich ihnen Erlösung, Diess allein lehrte ich sie Erlösung
+heissen. - -
+
+Nun warte ich _meiner_ Erlösung -, dass ich zum letzten Male zu ihnen
+gehe.
+
+Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: _unter_ ihnen will ich
+untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!
+
+Der Sonne lernte ich Das ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold
+schüttet sie da in's Meer aus unerschöpflichem Reichthume, -
+
+- also, dass der ärmste Fischer noch mit _goldenem_ Ruder rudert!
+Diess nämlich sah ich einst und wurde der Thränen nicht satt im
+Zuschauen. - -
+
+Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier
+und wartet, alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue Tafeln, -
+halbbeschriebene.
+
+
+4.
+
+Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brüder, die sie
+mit mir zu Thale und in fleischerne Herzen tragen? -
+
+Also heischt es meine grosse Liebe zu den Fernsten: schone deinen
+Nächsten nicht! Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss.
+
+Es giebt vielerlei Weg und Weise der Überwindung.- da siehe _du_ zu!
+Aber nur ein Possenreisser denkt: "der Mensch kann auch _übersprungen_
+werden."
+
+Überwinde dich selber noch in deinem Nächsten: und ein Recht, das du
+dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!
+
+Was du thust, das kann dir Keiner wieder thun. Siehe, es giebt keine
+Vergeltung.
+
+Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher _kann_
+sich befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!
+
+
+5.
+
+Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts _umsonst_ haben,
+am wenigsten das Leben.
+
+Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben; wir Anderen aber, denen
+das Leben sich gab, - wir sinnen immer darüber, _was_ wir am besten
+_dagegen_ geben!
+
+Und wahrlich, diess ist eine vornehme Rede, welche spricht: "was _uns_
+das Leben verspricht, das wollen _wir_ - dem Leben halten!"
+
+Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt. Und
+- man soll nicht geniessen _wollen_!
+
+Genuss und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide
+wollen nicht gesucht sein. Man soll sie _haben_ -, aber man soll eher
+noch nach Schuld und Schmerzen _suchen_! -
+
+
+6.
+
+Oh meine Brüder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun
+aber sind wir Erstlinge.
+
+Wir bluten Alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten Alle
+zu Ehren alter Götzenbilder.
+
+Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist
+zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell: - wie sollten wir nicht alte
+Götzenpriester reizen!
+
+_In_uns_selber_ wohnt er noch, der alte Götzenpriester, der unser
+Bestes sich zum Schmause brät. Ach, meine Brüder, wie sollten
+Erstlinge nicht Opfer sein!
+
+Aber so will es unsre Art; und ich liebe Die, welche sich nicht
+bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe:
+denn sie gehn hinüber. -
+
+
+7.
+
+Wahr sein - das _können_ Wenige! Und wer es kann, der will es noch
+nicht! Am wenigsten aber können es die Guten.
+
+Oh diese Guten! - Gute Menschen reden nie die Wahrheit; für den Geist
+ist solchermaassen gut sein eine Krankheit.
+
+Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach,
+ihr Grund gehorcht; wer aber gehorcht, der hört sich selber nicht!
+
+Alles, was den Guten böse heisst, muss zusammen kommen, dass Eine
+Wahrheit geboren werde: oh meine Brüder, seid ihr auch böse genug zu
+_dieser_ Wahrheit?
+
+Das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der
+Überdruss, das Schneiden in's Lebendige - wie selten kommt _das_
+zusammen! Aus solchem Samen aber wird Wahrheit gezeugt!
+
+_Neben_ dem bösen Gewissen wuchs bisher alles _Wissen_! Zerbrecht,
+zerbrecht mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!
+
+
+8.
+
+Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Geländer über den Fluss
+springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: "Alles
+ist im Fluss."
+
+Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. "Wie? sagen die Tölpel,
+Alles wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch _über_ dem
+Flusse!"
+
+"_Über_ dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die
+Brücken, Begriffe, alles `Gut` und `Böse`: das ist Alles fest!" -
+
+Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbändiger: dann lernen
+auch die Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tölpel
+sprechen dann: "Sollte nicht Alles - _stille_stehn_?"
+
+"Im Grunde steht Alles stille" -, das ist eine rechte Winter-Lehre,
+ein gut Ding für unfruchtbare Zeit, ein guter Trost für Winterschläfer
+und Ofenhocker.
+
+"Im Grund steht Alles still" -: _dagegen_ aber predigt der Thauwind!
+
+Der Thauwind, ein Stier, der kein pflügender Stier ist, - ein
+wüthender Stier, ein Zerstörer, der mit zornigen Hörnern Eis bricht!
+Eis aber - - _bricht_Stege_!
+
+Oh meine Brüder, ist _jetzt_ nicht Alles _im_Flusse_? Sind nicht alle
+Geländer und Stege in's Wasser gefallen? Wer _hielte_ sich noch an
+"Gut" und "Böse"?
+
+"Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!" - Also predigt mir, oh meine
+Brüder, durch alle Gassen!
+
+
+9.
+
+Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Böse. Um Wahrsager und
+Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.
+
+Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man
+"Alles ist Schicksal: du sollst, denn du musst!"
+
+Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und
+_darum_ glaubte man "Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!"
+
+Oh meine Brüder, über Sterne und Zukunft ist bisher nur gewähnt, nicht
+gewusst worden: und _darum_ ist über Gut und Böse bisher nur gewähnt,
+nicht gewusst worden!
+
+
+10.
+
+"Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht todtschlagen!" - solche Worte
+hiess man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Köpfe und zog
+die Schuhe aus.
+
+Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Räuber und Todtschläger in
+der Welt, als es solche heilige Worte waren?
+
+Ist in allem Leben selber nicht - Rauben und Todtschlagen? Und dass
+solche Worte heilig hiessen, wurde damit die _Wahrheit_ selber nicht -
+todtgeschlagen?
+
+Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben
+widersprach und widerrieth? - Oh meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht
+mir die alten tafeln!
+
+
+11.
+
+Diess ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, dass ich sehe: es ist
+preisgegeben, -
+
+- der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes
+preisgegeben, das kommt und Alles, was war, zu seiner Brücke umdeutet!
+
+Ein grosser Gewalt-Herr könnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit
+seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es
+ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.
+
+Diess aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden: - wer vom
+Pöbel ist, dessen Gedenken geht zurück bis zum Grossvater, - mit dem
+Grossvater aber hört die Zeit auf.
+
+Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen,
+dass der Pöbel Herr würde und in seichten Gewässern alle Zeit
+ertränke.
+
+Darum, oh meine Brüder, bedarf es eines _neuen_Adels_, der allem Pöbel
+und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu
+das Wort schreibt "edel".
+
+Vieler Edlen nämlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe!
+Oder, wie ich einst im Gleichniss sprach: "Das eben ist Göttlichkeit,
+dass es Götter, aber keinen Gott giebt!"
+
+
+12.
+
+Oh meine Brüder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr
+sollt mir Zeuger und Züchter werden und Säemänner der Zukunft, -
+
+- wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen könntet gleich den
+Krämern und mit Krämer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen
+Preis hat.
+
+Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin
+ihr geht! Euer Wille und euer Fuss, der über euch selber hinaus will,
+- das mache eure neue Ehre!
+
+Wahrlich nicht, dass ihr einem Fürsten gedient habt - was liegt noch
+an Fürsten! - oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester
+stünde!
+
+Nicht, dass euer Geschlecht an Höfen höfisch wurde, und ihr lerntet,
+bunt, einem Flamingo ähnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.
+
+- Denn Stehen-_können_ ist ein Verdienst bei Höflingen; und
+alle Höflinge glauben, zur Seligkeit nach dem Tode gehöre -
+Sitzen-_dürfen_! -
+
+Nicht auch, dass ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in
+gelobte Länder führte, die _ich_ nicht lobe: denn wo der schlimmste
+aller Bäume wuchs, das Kreuz, - an dem Lande ist Nichts zu loben! -
+
+- und wahrlich, wohin dieser "heilige Geist" auch seine Ritter führte,
+immer liefen bei solchen Zügen - Ziegen und Gänse und Kreuz- und
+Querköpfe _voran_! -
+
+Oh meine Brüder, nicht zurück soll euer Adel schauen, sondern
+_hinaus_! Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und
+Urväterländern!
+
+Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel,
+- das unentdeckte, im feinsten Meere! Nach ihm heisse ich eure Segel
+suchen und suchen!
+
+An euren Kindern sollt ihr _gutmachen_, dass ihr eurer Väter Kinder
+seid: alles Vergangene sollt ihr _so_ erlösen! Diese neue Tafel stelle
+ich über euch!
+
+
+13.
+
+"Wozu leben? Alles ist eitel! Leben - das ist Stroh dreschen; Leben -
+das ist sich verbrennen und doch nicht warm werden." -
+
+Solch alterthümliches Geschwätz gilt immer noch als "Weisheit"; dass
+es aber alt ist und dumpfig riecht, _darum_ wird es besser geehrt.
+Auch der Moder adelt. -
+
+Kinder durften so reden: die _scheuen_ das Feuer, weil es sie brannte!
+Es ist viel Kinderei in den alten Büchern der Weisheit.
+
+Und wer immer "Stroh drischt", wie sollte der auf das Dreschen lästern
+dürfen! Solchem Narren müsste man doch das Maul verbinden!
+
+Solche setzen sich zu Tisch und bringen Nichts mit, selbst den guten
+Hunger nicht: - und nun lästern sie "Alles ist eitel!"
+
+Aber gut essen und trinken, oh meine Brüder, ist wahrlich keine eitle
+Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!
+
+
+14.
+
+"Dem Reinen ist Alles rein" - so spricht das Volk. Ich aber sage euch:
+den Schweinen wird Alles Schwein!
+
+Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen auch das Herz
+niederhängt: "die Welt selber ist ein kothiges Ungeheuer."
+
+Denn diese Alle sind unsäuberlichen Geistes; sonderlich aber Jene,
+welche nicht Ruhe, noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt
+_von_hinten_, - die Hinterweltler!
+
+_Denen_ sage ich in's Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt:
+die Welt gleicht darin dem Menschen, dass sie einen Hintern hat, -
+_so_Viel_ ist wahr!
+
+Es giebt in der Welt viel Koth: _so_Viel_ ist wahr! Aber darum ist die
+Welt selber noch kein kothiges Ungeheuer!
+
+Es ist Weisheit darin, dass Vieles in der Welt übel riecht: der Ekel
+selber schafft Flügel und quellenahnende Kräfte!
+
+An dem Besten ist noch Etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch Etwas,
+das überwunden werden muss! -
+
+Oh meine Brüder, es ist viel Weisheit darin, dass viel Koth in der
+Welt ist! -
+
+
+15.
+
+Solche Sprüche hörte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden;
+und wahrlich, ohne Arg und Falsch, - ob es Schon nichts Falscheres in
+der Welt giebt, noch Ärgeres.
+
+"Lass doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht Einen
+Finger auf!"
+
+"Lass, wer da wolle, die Leute würgen und stechen und schneiden und
+schaben: hebe dawider auch nicht Einen Finger auf! Darob lernen sie
+noch der Welt absagen."
+
+"Und deine eigne Vernunft - die sollst du selber görgeln und würgen;
+denn es ist eine Vernunft von dieser Welt, - darob lernst du selber
+der Welt absagen." -
+
+- Zerbrecht, zerbrecht mir, oh meine Brüder, diese alten Tafeln der
+Frommen! Zersprecht mir die Sprüche der Welt-Verleumder!
+
+
+16.
+
+"Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren" - das flüstert
+man heute sich zu auf allen dunklen Gassen.
+
+"Weisheit macht müde, es lohnt sich - Nichts; du sollst nicht
+begehren!" - diese neue Tafel fand ich hängen selbst auf offnen
+Märkten.
+
+Zerbrecht mir, oh meine Brüder, zerbrecht mir auch diese _neue_
+Tafel! Die Welt-Müden hängten sie hin und die Prediger des Todes,
+und auch die Stockmeister: denn seht, es ist auch eine Predigt zur
+Knechtschaft! -
+
+Dass sie schlecht lernten und das Beste nicht, und Alles zu früh und
+Alles zu geschwind: dass sie schlecht _assen_, daher kam ihnen jener
+verdorbene Magen, -
+
+- ein verdorbener Magen ist nämlich ihr Geist: _der_ räth zum Tode!
+Denn wahrlich, meine Brüder, der Geist _ist_ ein Magen!
+
+Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen
+redet, der Vater der Trübsal, dem sind alle Quellen vergiftet.
+
+Erkennen: das ist _Lust_ dem Löwen-willigen! Aber wer müde wurde, der
+wird selber nur "gewollt", mit dem spielen alle Wellen.
+
+Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf
+ihren Wegen. Und zuletzt fragt noch ihre Müdigkeit: "wozu giengen wir
+jemals Wege! Es ist Alles gleich!"
+
+_Denen_ klingt es lieblich zu Ohren, dass gepredigt wird: "Es verlohnt
+sich Nichts! Ihr sollt nicht wollen!" Diess aber ist eine Predigt zur
+Knechtschaft.
+
+Oh meine Brüder, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen
+Weg-Müden; viele Nasen wird er noch niesen machen!
+
+Auch durch Mauern bläst mein freier Athem, und hinein in Gefängnisse
+und eingefangne Geister!
+
+Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und _nur_ zum
+Schaffen sollt ihr lernen!
+
+Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir _lernen_, das Gut-Lernen! -
+Wer Ohren hat, der höre!
+
+
+17.
+
+Da steht der Nachen, - dort hinüber geht es vielleicht in's grosse
+Nichts. - Aber wer will in diess "Vielleicht" einsteigen?
+
+Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr
+dann _Welt-Müde_ sein!
+
+Weltmüde! Und noch nicht einmal Erd-Entrückte wurdet ihr! Lüstern
+fand ich euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne
+Erd-Müdigkeit!
+
+Nicht umsonst hängt euch die Lippe herab: - ein kleiner Erden-Wunsch
+sitzt noch darauf! Und im Auge - schwimmt da nicht ein Wölkchen
+unvergessner Erden-Lust?
+
+Es giebt auf Erden viel gute Erfindungen, die einen nützlich, die
+andern angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.
+
+Und mancherlei so gut Erfundenes giebt es da, dass es ist wie des
+Weibes Busen: nützlich zugleich und angenehm.
+
+Ihr Welt-Müden aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruthen
+streichen! Mit Ruthenstreichen soll man euch wieder muntre Beine
+machen.
+
+Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde müde
+ist, so seid ihr schlaue Faulthiere oder naschhafte verkrochene
+Lust-Katzen. Und wollt ihr nicht wieder lustig _laufen_, so sollt ihr
+- dahinfahren!
+
+An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es
+Zarathustra: - so sollt ihr dahinfahren!
+
+Aber es gehört mehr _Muth_ dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen
+Vers: das wissen alle Ärzte und Dichter. -
+
+
+18.
+
+Oh meine Brüder, es giebt Tafeln, welche die Ermüdung, und Tafeln,
+welche die Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so
+wollen sie doch ungleich gehört sein. -
+
+Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch
+von seinem Ziele, aber vor Müdigkeit hat er sich trotzig hier in den
+Staub gelegt: dieser Tapfere!
+
+Vor Müdigkeit gähnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an:
+keinen Schritt will er noch weiter thun, - dieser Tapfere!
+
+Nun glüht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem
+Schweisse: aber er liegt da in seinem Trotze und will lieber
+verschmachten: -
+
+- eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr
+werdet ihn noch an den Haaren in seinen Himmel ziehen müssen, - diesen
+Helden!
+
+Besser noch, ihr lasst ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, dass der
+Schlaf ihm komme, der Tröster, mit kühlendem Rausche-Regen:
+
+Lasst ihn liegen, bis er von selber wach wird, bis er von selber alle
+Müdigkeit widerruft und was Müdigkeit aus ihm lehrte!
+
+Nur, meine Brüder, dass ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen
+Schleicher, und all das schwärmende Geschmeiss: -
+
+- all das schwärmende Geschmeiss der "Gebildeten", das sich am
+Schweisse jedes Helden - gütlich thut! -
+
+
+19.
+
+Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere
+steigen mit mir auf immer höhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus
+immer heiligeren Bergen. -
+
+Wohin ihr aber auch mit mir steigen mögt, oh meine Brüder: seht zu,
+dass nicht ein _Schmarotzer_ mit euch steige!
+
+Schmarotzer: das ist ein Gewürm, ein kriechendes, geschmiegtes, das
+fett werden will an euren kranken wunden Winkeln.
+
+Und _das_ ist seine Kunst, dass er steigende Seelen erräth, wo sie
+müde sind: in euren Gram und Unmuth, in eure zarte Scham baut er sein
+ekles Nest.
+
+Wo der Starke schwach, der Edle allzumild ist, - dahinein baut er sein
+ekles Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Grosse kleine wunde Winkel
+hat.
+
+Was ist die höchste Art alles Seienden und was die geringste? Der
+Schmarotzer ist die geringste Art; wer aber höchster Art ist, der
+ernährt die meisten Schmarotzer.
+
+Die Seele nämlich, welche die längste Leiter hat und am tiefsten
+hinunter kann: wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer
+sitzen? -
+
+- die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und
+irren und schweifen kann; die nothwendigste, welche sich aus Lust in
+den Zufall stürzt: -
+
+- die seiende Seele, welche in's Werden taucht; die habende, welche
+in's Wollen und Verlangen _will_: -
+
+- die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise
+einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten
+zuredet: -
+
+- die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen
+und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben: - oh wie sollte
+_die_höchste_Seele_ nicht die schlimmsten Schmarotzer haben?
+
+
+20.
+
+Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das
+soll man auch noch stossen!
+
+Das Alles von Heute - das fällt, das verfällt: wer wollte es halten!
+Aber ich - ich _will_ es noch stossen!
+
+Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? - Diese
+Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!
+
+Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, oh meine Brüder! Ein Beispiel!
+_Thut_ nach meinem Beispiele!
+
+Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir - schneller fallen! -
+
+
+21.
+
+Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein, - man
+muss auch wissen Hau-schau-_Wen_!
+
+Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hält und
+vorübergeht: _damit_ er sich dem würdigeren Feinde aufspare!
+
+Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
+Verachten: ihr müsst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon
+Ein Mal.
+
+Dem würdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen:
+darum müsst ihr an Vielem vorübergehn, -
+
+- sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lärmt von Volk
+und Völkern.
+
+Haltet euer Auge rein von ihrem Für und Wider! Da giebt es viel Recht,
+viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.
+
+Dreinschaun, dreinhaun - das ist da Eins: darum geht weg in die Wälder
+und legt euer Schwert schlafen!
+
+Geht _eure_ Wege! Und lasst Volk und Völker die ihren gehn! - dunkle
+Wege wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!
+
+Mag da der Krämer herrschen, wo Alles, was noch glänzt - Krämer-Gold
+ist! Es ist die Zeit der Könige nicht mehr: was sich heute Volk
+heisst, verdient keine Könige.
+
+Seht doch, wie diese Völker jetzt selber den Krämern gleich thun: sie
+lesen sich die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!
+
+Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab, - das heissen
+sie "gute Nachbarschaft." Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich
+sagte: "ich will über Völker - _Herr_ sein!"
+
+Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch
+herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da - _fehlt_ es am Besten.
+
+
+22.
+
+Wenn _Die_ - Brod umsonst hätten, wehe! Wonach würden _Die_ schrein!
+Ihr Unterhalt - das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es
+schwer haben!
+
+Raubthiere sind es.- in ihrem "Arbeiten" - da ist auch noch Rauben, in
+ihrem "Verdienen" - da ist auch noch Überlisten! Darum sollen sie es
+schwer haben!
+
+Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klügere,
+_menschen-ähnlichere_: der Mensch nämlich ist das beste Raubthier.
+
+Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht,
+von allen Thieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.
+
+Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen
+lernte, wehe! _wohinauf_ - würde seine Raublust fliegen!
+
+
+23.
+
+So will ich Mann und Weib: kriegstüchtig den Einen, gebärtüchtig das
+Andre, beide aber tanztüchtig mit Kopf und Beinen.
+
+Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und
+falsch heisse uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein Gelächter gab!
+
+
+24.
+
+Euer Eheschliessen: seht zu, dass es nicht ein schlechtes _Schliessen_
+sei! Ihr schlosset zu schnell: so _folgt_ daraus - Ehebrechen!
+
+Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehelügen! - So sprach mir
+ein Weib: "wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe - mich!"
+
+Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachsüchtigen: sie
+lassen es aller Welt entgelten, dass sie nicht mehr einzeln laufen.
+
+Desswillen will ich, dass Redliche zu einander reden: "wir lieben
+uns: lasst uns _zusehn_, dass wir uns lieb behalten! Oder soll unser
+Versprechen ein Versehen sein?"
+
+- "Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, dass wir zusehn, ob wir zur
+grossen Ehe taugen! Es ist ein grosses Ding, immer zu Zwein sein!"
+
+Also rathe ich allen Redlichen; und was wäre denn meine Liebe zum
+Übermenschen und zu Allem, was kommen soll, wenn ich anders riethe und
+redete!
+
+Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern _hinauf_ - dazu, oh meine
+Brüder, helfe euch der Garten der Ehe!
+
+
+25.
+
+Wer über alte Ursprünge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach
+Quellen der Zukunft suchen und nach neuen Ursprüngen. -
+
+Oh meine Brüder, es ist nicht über lange, da werden _neue_Völker_
+entspringen und neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.
+
+Das Erdbeben nämlich - das verschüttet viel Brunnen, das schafft viel
+Verschmachten: das hebt auch innre Kräfte und Heimlichkeiten an's
+Licht.
+
+Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter Völker
+brechen neue Quellen aus.
+
+Und wer da ruft: "Siehe hier ein Brunnen für viele Durstige, Ein Herz
+für viele Sehnsüchtige, Ein Wille für viele Werkzeuge": - um den
+sammelt sich ein _Volk_, das ist: viel Versuchende.
+
+Wer befehlen kann, wer gehorchen muss - Das wird da versucht! Ach,
+mit welch langem Suchen und Rathen und Missrathen und Lernen und
+Neu-Versuchen!
+
+Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich's, - ein
+langes Suchen: sie sucht aber den Befehlenden! -
+
+- ein Versuch, oh meine Brüder! Und _kein_ "Vertrag"! Zerbrecht,
+zerbrecht mir solch Wort der Weich-Herzen und Halb- und Halben!
+
+
+26.
+
+Oh meine Brüder! Bei Welchen liegt doch die grösste Gefahr aller
+Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten? -
+
+- als bei Denen, die sprechen und im Herzen fühlen: "wir wissen schon,
+was gut ist und gerecht, wir haben es auch; wehe Denen, die hier noch
+suchen!" -
+
+Und was für Schaden auch die Bösen thun mögen: der Schaden der Guten
+ist der schädlichste Schaden!
+
+Und was für Schaden auch die Welt-Verleumder thun mögen: der Schaden
+der Guten ist der schädlichste Schaden.
+
+Oh meine Brüder, den Guten und Gerechten sah Einer einmal in's Herz,
+der da sprach: "es sind die Pharisäer." Aber man verstand ihn nicht.
+
+Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist
+ist eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist
+unergründlich klug.
+
+Das aber ist die Wahrheit: die Guten _müssen_ Pharisäer sein, - sie
+haben keine Wahl!
+
+Die Guten _müssen_ Den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend
+erfindet! Das _ist_ die Wahrheit!
+
+Der Zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich
+der Guten und Gerechten: das war, der da fragte: "wen hassen sie am
+meisten?"
+
+Den _Schaffenden_ hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und
+alte Werthe, den Brecher - den heissen sie Verbrecher.
+
+Die Guten nämlich - die _können_ nicht schaffen: die sind immer der
+Anfang vom Ende:-
+
+- sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie
+opfern _sich_ die Zukunft, - sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!
+
+Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende. -
+
+
+27.
+
+Oh meine Brüder, verstandet ihr auch diess Wort? Und was ich einst
+sagte vom "letzten Menschen"? - -
+
+Bei Welchen liegt die grösste Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es
+nicht bei den Guten und Gerechten?
+
+Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten! - Oh meine Brüder,
+verstandet ihr auch diess Wort?
+
+
+28.
+
+Ihr flieht von mir? Ihr seid erschreckt? Ihr zittert vor diesem Worte?
+
+Oh meine Brüder, als ich euch die Guten zerbrechen hiess und die
+Tafeln der Guten: da erst schiffte ich den Menschen ein auf seine hohe
+See.
+
+Und nun erst kommt ihm der grosse Schrecken, das grosse Um-sich-sehn,
+die grosse Krankheit, der grosse Ekel, die grosse See-Krankheit.
+
+Falsche Küsten und falsche Sicherheiten lehrten euch die Guten; in
+Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund
+hinein verlogen und verbogen durch die Guten.
+
+Aber wer das Land "Mensch" entdeckte, entdeckte auch das Land
+"Menschen-Zukunft". Nun sollt ihr mir Seefahrer sein, wackere,
+geduldsame!
+
+Aufrecht geht mir bei Zeiten, oh meine Brüder, lernt aufrecht gehn!
+Das Meer stürmt: Viele wollen an euch sich wieder aufrichten.
+
+Das Meer stürmt: Alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten
+Seemanns-Herzen!
+
+Was Vaterland! _Dorthin_ will unser Steuer, wo unser _Kinder-Land_
+ist! Dorthinaus, stürmischer als das Meer, stürmt unsre grosse
+Sehnsucht! -
+
+
+29.
+
+"Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle; sind
+wir denn nicht Nah-Verwandte?" -
+
+Warum so weich? Oh meine Brüder, also frage _ich_ euch: seid ihr denn
+nicht - meine Brüder?
+
+Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel
+Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? So wenig Schicksal in eurem
+Blicke?
+
+Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet ihr
+mit mir - siegen?
+
+Und wenn eure Härte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will:
+wie könntet ihr einst mit mir - schaffen?
+
+Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dünken,
+eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, -
+
+- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf
+Erz, - härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das
+Edelste.
+
+Diese neue Tafel, oh meine Brüder, stelle ich über euch: werdet
+hart! -
+
+
+30.
+
+Oh du mein Wille! Du Wende aller Noth du _meine_ Nothwendigkeit!
+Bewahre mich vor allen kleinen Siegen!
+
+Du Schickung meiner Seele, die ich Schicksal heisse! Du-In-mir!
+Über-mir! Bewahre und spare mich auf zu Einem grossen Schicksale!
+
+Und deine letzte Grösse, mein Wille, spare dir für dein Letztes auf, -
+dass du unerbittlich bist _in_ deinem Siege! Ach, wer unterlag nicht
+seinem Siege!
+
+Ach, wessen Auge dunkelte nicht in dieser trunkenen Dämmerung! Ach,
+wessen Fuss taumelte nicht und verlernte im Siege - stehen! -
+
+- Dass ich einst bereit und reif sei im grossen Mittage: bereit und
+reif gleich glühendem Erze, blitzschwangrer Wolke und schwellendem
+Milch-Euter: -
+
+- bereit zu mir selber und zu meinem verborgensten Willen: ein Bogen
+brünstig nach seinem Pfeile, ein Pfeil brünstig nach seinem Sterne: -
+
+- ein Stern bereit und reif in seinem Mittage, glühend, durchbohrt,
+selig vor vernichtenden Sonnen-Pfeilen: -
+
+- eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum
+Vernichten bereit im Siegen!
+
+Oh Wille, Wende aller Noth, du _meine_ Nothwendigkeit! Spare mich auf
+zu Einem grossen Siege! - -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Der Genesende
+
+1.
+
+Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rückkehr zur Höhle, sprang
+Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit
+furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als ob noch Einer auf dem Lager
+läge, der nicht davon aufstehn wolle; und also tönte Zarathustra's
+Stimme, dass seine Thiere erschreckt hinzukamen, und dass aus allen
+Höhlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustra's Höhle benachbart waren,
+alles Gethier davon huschte, - fliegend, flatternd, kriechend,
+springend, wie ihm nur die Art von Fuss und Flügel gegeben war.
+Zarathustra aber redete diese Worte:
+
+Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
+Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich
+schon wach krähen!
+
+Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören!
+Auf! Auf! Hier ist Donners genug, dass auch Gräber horchen lernen!
+
+Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre
+mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für
+Blindgeborne.
+
+Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das
+_meine_ Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie heisse
+- weiterschlafen!
+
+Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln - reden
+sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!
+
+Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher
+des Leidens, der Fürsprecher des Kreises - dich rufe ich, meinen
+abgründlichsten Gedanken!
+
+Heil mir! Du kommst - ich höre dich! Mein Abgrund _redet_, meine
+letzte Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!
+
+Heil mir! Heran! Gieb die Hand - - ha! lass! Haha! - - Ekel, Ekel,
+Ekel - - - wehe mir!
+
+
+2.
+
+Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da stürzte er
+nieder gleich einem Todten und blieb lange wie ein Todter. Als er aber
+wieder zu sich kam, da war er bleich und zitterte und blieb liegen und
+wollte lange nicht essen noch trinken. Solches Wesen dauerte an ihm
+sieben Tage; seine Thiere verliessen ihn aber nicht bei Tag und Nacht,
+es sei denn, dass der Adler ausflog, Speise zu holen. Und was er
+holte und zusammenraubte, das legte er auf Zarathustra's Lager: also
+dass Zarathustra endlich unter gelben und rothen Beeren, Trauben,
+Rosenäpfeln, wohlriechendem Krautwerke und Pinien-Zapfen lag. Zu
+seinen Füssen aber waren zwei Lämmer gebreitet, welche der Adler mit
+Mühe ihren Hirten abgeraubt hatte.
+
+Endlich, nach sieben Tagen, richtete sich Zarathustra auf seinem Lager
+auf, nahm einen Rosenapfel in die Hand, roch daran und fand seinen
+Geruch lieblich. Da glaubten seine Thiere, die Zeit sei gekommen, mit
+ihm zu reden.
+
+"Oh Zarathustra, sagten sie, nun liegst du schon sieben Tage so, mit
+schweren Augen: willst du dich nicht endlich wieder auf deine Füsse
+stellen?
+
+Tritt hinaus aus deiner Höhle: die Welt wartet dein wie ein Garten.
+Der Wind spielt mit schweren Wohlgerüchen, die zu dir wollen; und alle
+Bäche möchten dir nachlaufen.
+
+Alle Dinge sehnen sich nach dir, dieweil du sieben Tage allein
+bliebst, - tritt hinaus aus deiner Höhle! Alle Dinge wollen deine
+Ärzte sein!
+
+Kam wohl eine neue Erkenntniss zu dir, eine saure, schwere? Gleich
+angesäuertem Teige lagst du, deine Seele gieng auf und schwoll über
+alle ihre Ränder. -"
+
+- Oh meine Thiere, antwortete Zarathustra, schwätzt also weiter
+und lasst mich zuhören! Es erquickt mich so, dass ihr schwätzt: wo
+geschwätzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.
+
+Wie lieblich ist es, dass Worte und Töne da sind: sind nicht Worte und
+Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?
+
+Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre
+Seele eine Hinterwelt.
+
+Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die
+kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.
+
+Für mich - wie gäbe es ein Ausser-mir? Es giebt kein Aussen! Aber
+das vergessen wir bei allen Tönen; wie lieblich ist es, dass wir
+vergessen!
+
+Sind nicht den Dingen Namen und Töne geschenkt, dass der Mensch sich
+an den Dingen erquicke? Es ist eine schöne Narrethei, das Sprechen:
+damit tanzt der Mensch über alle Dinge.
+
+Wie lieblich ist alles Reden und alle Lüge der Töne! Mit Tönen tanzt
+unsre Liebe auf bunten Regenbögen. -
+
+- "Oh Zarathustra, sagten darauf die Thiere, Solchen, die denken wie
+wir, tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und
+lacht und flieht - und kommt zurück.
+
+Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles
+stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.
+
+Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus
+des Seins. Alles scheidet, Alles grüsst sich wieder; ewig bleibt sich
+treu der Ring des Seins.
+
+In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort.
+Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit." -
+
+- Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln! antwortete Zarathustra und
+lächelte wieder, wie gut wisst ihr, was sich in sieben Tagen erfüllen
+musste: -
+
+- und wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und mich würgte! Aber
+ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.
+
+Und ihr, - ihr machtet schon ein Leier-Lied daraus? Nun aber liege
+ich da, müde noch von diesem Beissen und Wegspein, krank noch von der
+eigenen Erlösung.
+
+Und ihr schautet dem Allen zu? Oh meine Thiere, seid auch ihr grausam?
+Habt ihr meinem grossen Schmerze zuschaun wollen, wie Menschen thun?
+Der Mensch nämlich ist das grausamste Thier.
+
+Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am
+wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe,
+da war das sein Himmel auf Erden.
+
+Wenn der grosse Mensch schreit -: flugs läuft der kleine hinzu; und
+die Zunge hängt ihm aus dem Halse vor Lüsternheit. Er aber heisst es
+sein "Mitleiden."
+
+Der kleine Mensch, sonderlich der Dichter - wie eifrig klagt er das
+Leben in Worten an! Hört hin, aber überhört mir die Lust nicht, die in
+allem Anklagen ist!
+
+Solche Ankläger des Lebens: die überwindet das Leben mit einem
+Augenblinzeln. "Du liebst mich? sagt die Freche; warte noch ein Wenig,
+noch habe ich für dich nicht Zeit."
+
+Der Mensch ist gegen sich selber das grausamste Thier; und bei Allem,
+was sich "Sünder" und "Kreuzträger" und "Büsser" heisst, überhört mir
+die Wollust nicht, die in diesem Klagen und Anklagen ist!
+
+Und ich selber - will ich damit des Menschen Ankläger sein? Ach, meine
+Thiere, Das allein lernte ich bisher, dass dem Menschen sein Bösestes
+nöthig ist zu seinem Besten, -
+
+- dass alles Böseste seine beste _Kraft_ ist und der härteste Stein
+dem höchsten Schaffenden; und dass der Mensch besser _und_ böser
+werden muss: -
+
+Nicht an _diess_ Marterholz war ich geheftet, dass ich weiss: der
+Mensch ist böse, - sondern ich schrie, wie noch Niemand geschrien hat:
+
+"Ach dass sein Bösestes so gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar
+klein ist!"
+
+Der grosse Überdruss am Menschen - _der_ würgte mich und war mir in
+den Schlund gekrochen: und was der Wahrsager wahrsagte: "Alles ist
+gleich, es lohnt sich Nichts, Wissen würgt."
+
+Eine lange Dämmerung hinkte vor mir her, eine todesmüde, todestrunkene
+Traurigkeit, welche mit gähnendem Munde redete.
+
+"Ewig kehrt er wieder, der Mensch, dess du müde bist, der kleine
+Mensch" - so gähnte meine Traurigkeit und schleppte den Fuss und
+konnte nicht einschlafen.
+
+Zur Höhle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein,
+alles Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche
+Vergangenheit.
+
+Mein Seufzen sass auf allen Menschen-Gräbern und konnte nicht mehr
+aufstehn; mein Seufzen und Fragen unkte und würgte und nagte und
+klagte bei Tag und Nacht:
+
+- "ach, der Mensch kehrt ewig wieder! Der kleine Mensch kehrt ewig
+wieder!" -
+
+Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den
+kleinsten Menschen: allzuähnlich einander, - allzumenschlich auch den
+Grössten noch!
+
+Allzuklein der Grösste! - Das war mein Überdruss am Menschen! Und
+ewige Wiederkunft auch des Kleinsten! - Das war mein Überdruss an
+allem Dasein!
+
+Ach, Ekel! Ekel! Ekel! - - Also sprach Zarathustra und seufzte und
+schauderte; denn er erinnerte sich seiner Krankheit. Da liessen ihn
+aber seine Thiere nicht weiter reden.
+
+"Sprich nicht weiter, du Genesender! - so antworteten ihm seine
+Thiere, sondern geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem
+Garten.
+
+Geh hinaus zu den Rosen und Bienen und Taubenschwärmen! Sonderlich
+aber zu den Singe-Vögeln: dass du ihnen das _Singen_ ablernst!
+
+Singen nämlich ist für Genesende; der Gesunde mag reden. Und wenn auch
+der Gesunde Lieder will, will er andre Lieder doch als der Genesende."
+
+- "Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln, so schweigt doch! -
+antwortete Zarathustra und lächelte über seine Thiere. Wie gut ihr
+wisst, welchen Trost ich mir selber in sieben Tagen erfand!
+
+Dass ich wieder singen müsse, - _den_ Trost erfand ich mir und _diese_
+Genesung: wollt ihr auch daraus gleich wieder ein Leier-Lied machen?"
+
+- "Sprich nicht weiter, antworteten ihm abermals seine Thiere; lieber
+noch, du Genesender, mache dir erst eine Leier zurecht, eine neue
+Leier!
+
+Denn siehe doch, oh Zarathustra! Zu deinen neuen Liedern bedarf es
+neuer Leiern.
+
+Singe und brause über, oh Zarathustra, heile mit neuen Liedern deine
+Seele: dass du dein grosses Schicksal tragest, das noch keines
+Menschen Schicksal war!
+
+Denn deine Thiere wissen es wohl, oh Zarathustra, wer du bist und
+werden musst: siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft -, das
+ist nun _dein_ Schicksal!
+
+Dass du als der Erste diese Lehre lehren musst, - wie sollte diess
+grosse Schicksal nicht auch deine grösste Gefahr und Krankheit sein!
+
+Siehe, wir wissen, was du lehrst: dass alle Dinge ewig wiederkehren
+und wir selber mit, und dass wir schon ewige Male dagewesen sind, und
+alle Dinge mit uns.
+
+Du lehrst, dass es ein grosses Jahr des Werdens giebt, ein Ungeheuer
+von grossem Jahre: das muss sich, einer Sanduhr gleich, immer wieder
+von Neuem umdrehn, damit es von Neuem ablaufe und auslaufe: -
+
+- so dass alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Grössten und
+auch im Kleinsten, - so dass wir selber in jedem grossen Jahre uns
+selber gleich sind, im Grössten und auch im Kleinsten.
+
+Und wenn du jetzt sterben wolltest, oh Zarathustra: siehe, wir wissen
+auch, wie du da zu dir sprechen würdest: - aber deine Thiere bitten
+dich, dass du noch nicht sterbest!
+
+Du würdest sprechen und ohne Zittern, vielmehr aufathmend vor
+Seligkeit: denn eine grosse Schwere und Schwüle wäre von dir genommen,
+du Geduldigster! -
+
+`Nun sterbe und schwinde ich, würdest du sprechen, und im Nu bin ich
+ein Nichts. Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber.
+
+Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen
+bin, - der wird mich wieder schaffen! Ich selber gehöre zu den
+Ursachen der ewigen Wiederkunft.
+
+Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler,
+mit dieser Schlange - _nicht_ zu einem neuen Leben oder besseren Leben
+oder ähnlichen Leben:
+
+- ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im
+Grössten und auch im Kleinsten, dass ich wieder aller Dinge ewige
+Wiederkunft lehre, -
+
+- dass ich wieder das Wort spreche vom grossen Erden- und
+Menschen-Mittage, dass -ich wieder den Menschen den Übermenschen
+künde.
+
+Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein
+ewiges Loos -, als Verkündiger gehe ich zu Grunde!
+
+Die Stunde kam nun, dass der Untergehende sich selber segnet. Also
+_endet_ Zarathustra's Untergang.`" - -
+
+Als die Thiere diese Worte gesprochen hatten, schwiegen sie und
+warteten, dass Zarathustra Etwas zu ihnen sagen werde: aber
+Zarathustra hörte nicht, dass sie schwiegen. Vielmehr lag er still,
+mit geschlossenen Augen, einem Schlafenden ähnlich, ob er schon nicht
+schlief: denn er unterredete sich eben mit seiner Seele. Die Schlange
+aber und der Adler, als sie ihn solchermaassen schweigsam fanden,
+ehrten die grosse Stille um ihn und machten sich behutsam davon.
+
+
+
+Von der grossen Sehnsucht
+
+Oh meine Seele, ich lehrte dich "Heute" sagen wie "Einst" und
+"Ehemals" und über alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinweg
+tanzen.
+
+Oh meine Seele, ich erlöste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub,
+Spinnen und Zwielicht von dir ab.
+
+Oh meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von
+dir ab und überredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.
+
+Mit dem Sturme, welcher "Geist" heisst, blies ich über deine wogende
+See; alle Wolken blies ich davon, ich erwürgte selbst die Würgerin,
+die "Sünde" heisst.
+
+Oh meine Seele, ich gab dir das Recht, Nein zu sagen wie der Sturm und
+Ja zu sagen wie offner Himmel Ja sagt: still wie Licht stehst du und
+gehst du nun durch verneinende Stürme.
+
+Oh meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurück über Erschaffnes und
+Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des
+Zukünftigen?
+
+Oh meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein
+Wurmfrass kommt, das grosse, das liebende Verachten, welches am
+meisten liebt, wo es am meisten verachtet.
+
+Oh meine Seele, ich lehrte dich so überreden, dass du zu dir die
+Gründe selber überredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu
+seiner Höhe überredet.
+
+Oh meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen Kniebeugen und
+Herr-Sagen; ich gab dir selber den Namen "Wende der Noth" und
+"Schicksal".
+
+Oh meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hiess
+dich "Schicksal" und "Umfang der Umfänge" und "Nabelschnur der Zeit"
+und "azurne Glocke".
+
+Oh meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken,
+alle neuen Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der
+Weisheit.
+
+Oh meine Seele, jede Sonne goss ich auf dich und jede Nacht und
+jedes Schweigen und jede Sehnsucht: - da wuchsest du mir auf wie ein
+Weinstock.
+
+Oh meine Seele, überreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock
+mit schwellenden Eutern und gedrängten braunen Gold-Weintrauben: -
+
+- gedrängt und gedrückt von deinem Glücke, wartend vor Überflusse und
+schamhaft noch ob deines Wartens.
+
+Oh meine Seele, es giebt nun nirgends eine Seele, die liebender wäre
+und umfangender und umfänglicher! Wo wäre Zukunft und Vergangnes näher
+beisammen als bei dir?
+
+Oh meine Seele, ich gab dir Alles, und alle meine Hände sind an
+dich leer geworden: - und nun! Nun sagst du mir lächelnd und voll
+Schwermuth: "Wer von uns hat zu danken? -
+
+- hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm? Ist Schenken
+nicht eine Nothdurft? Ist Nehmen nicht - Erbarmen?" -
+
+Oh meine Seele, ich verstehe das Lächeln deiner Schwermuth: dein
+Über-Reichthum selber streckt nun sehnende Hände aus!
+
+Deine Fülle blickt über brausende Meere hin und sucht und wartet; die
+Sehnsucht der Über-Fülle blickt aus deinem lächelnden Augen-Himmel!
+
+Und wahrlich, oh meine Seele! Wer sähe dein Lächeln und schmelze nicht
+vor Thränen? Die Engel selber schmelzen vor Thränen ob der Über-Güte
+deines Lächelns.
+
+Deine Güte und Über-Güte ist es, die nicht klagen und weinen will: und
+doch sehnt sich, oh meine Seele, dein Lächeln nach Thränen und dein
+zitternder Mund nach Schluchzen.
+
+"Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein
+Anklagen?" Also redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine
+Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten.
+
+- in stürzende Thränen ausschütten all dein Leid über deine Fülle und
+über all die Drängniss des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!
+
+Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne
+Schwermuth, so wirst du _singen_ müssen, oh meine Seele! - Siehe, ich
+lächle selber, der ich dir solches vorhersage:
+
+- singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, dass
+sie deiner Sehnsucht zuhorchen, -
+
+- bis über stille sehnsüchtige Meere der Nachen schwebt, das güldene
+Wunder, um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge
+hüpfen: -
+
+- auch vieles grosse und kleine Gethier und Alles, was leichte
+wunderliche Füsse hat, dass es auf veilchenblauen Pfaden laufen
+kann, -
+
+- hin zu dem güldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem
+Herrn: das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser
+wartet, -
+
+- dein grosser Löser, oh meine Seele, der Namenlose - - dem zukünftige
+Gesänge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Athem nach
+zukünftigen Gesängen, -
+
+- schon glühst du und träumst, schon trinkst du durstig an allen
+tiefen klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermuth in der
+Seligkeit zukünftiger Gesänge! - -
+
+Oh meine Seele, nun gab ich dir Alles und auch mein
+Letztes, und alle meine Hände sind an dich leer geworden: -
+_dass_ich_dich_singen_hiess_, siehe, das war mein Letztes!
+
+Dass ich dich singen hiess, sprich nun, sprich: _wer_ von uns hat
+jetzt - zu danken? - Besser aber noch: singe mir, singe, oh meine
+Seele! Und mich lass danken! -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Das andere Tanzlied
+
+1.
+
+"In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben: Gold sah ich in deinem
+Nacht-Auge blinken, - mein Herz stand still vor dieser Wollust:
+
+- einen goldenen Kahn sah ich blinken auf mächtigen Gewässern, einen
+sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!
+
+Nach meinem Fusse, dem tanzwüthigen, warfst du einen Blick, einen
+lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:
+
+Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Händen - da
+schaukelte schon mein Fuss vor Tanz-Wuth. -
+
+Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen:
+trägt doch der Tänzer sein Ohr - in seinen Zehen!
+
+Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurück vor meinem Sprunge; und
+gegen mich züngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!
+
+Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon,
+halbgewandt, das Auge voll Verlangen.
+
+Mit krummen Blicken - lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen
+lernt mein Fuss - Tücken!
+
+Ich fürchte dich Nahe, ich liebe dich Ferne; deine Flucht lockt mich,
+dein Suchen stockt mich: - ich leide, aber was litt ich um dich nicht
+gerne!
+
+Deren Kälte zündet, deren Hass verführt, deren Flucht bindet, deren
+Spott - rührt:
+
+- wer hasste dich nicht, dich grosse Binderin, Umwinderin,
+Versucherin, Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich
+unschuldige, ungeduldige, windseilige, kindsäugige Sünderin!
+
+Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband? Und jetzt fliehst
+du mich wieder, du süsser Wildfang und Undank!
+
+Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du?
+Gieb mir die Hand! Oder einen Finger nur!
+
+Hier sind Höhlen und Dickichte: wir werden uns verirren! - Halt! Steh
+still! Siehst du nicht Eulen und Fledermäuse schwirren?
+
+Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich äffen? Wo sind wir? Von den
+Hunden lerntest du diess Heulen und Kläffen.
+
+Du fletschest mich lieblich an mit weissen Zähnlein, deine bösen Augen
+springen gegen mich aus lockichtem Mähnlein!
+
+Das ist ein Tanz über Stock und Stein: ich bin der Jäger, - willst du
+mein Hund oder meine Gemse sein?
+
+Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf!
+Und hinüber! - Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!
+
+Oh sieh mich liegen, du Übermuth, und um Gnade flehn! Gerne möchte ich
+mit dir - lieblichere Pfade gehn!
+
+- der Liebe Pfade durch stille bunte Büsche! Oder dort den See
+entlang: da schwimmen und tanzen Goldfische!
+
+Du bist jetzt müde? Da drüben sind Schafe und Abendröthen: ist es
+nicht schön, zu schlafen, wenn Schäfer flöten?
+
+Du bist so arg müde? Ich trage dich hin, lass nur die Arme sinken! Und
+hast du Durst, - ich hätte wohl Etwas, aber dein Mund will es nicht
+trinken! -
+
+- Oh diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo
+bist du hin? Aber im Gesicht fühle ich von deiner Hand zwei Tupfen und
+rothe Klexe!
+
+Ich bin es wahrlich müde, immer dein schafichter Schäfer zu sein! Du
+Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst _du_ mir - schrein!
+
+Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich
+vergass doch die Peitsche nicht? - Nein!" -
+
+
+2.
+
+Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen
+Ohren zu:
+
+"Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner
+Peitsche! Du weisst es ja: Lärm mordet Gedanken, - und eben kommen mir
+so zärtliche Gedanken.
+
+Wir sind Beide zwei rechte Thunichtgute und Thunichtböse. Jenseits von
+Gut und Böse fanden wir unser Eiland und unsre grüne Wiese - wir Zwei
+allein! Darum müssen wir schon einander gut sein!
+
+Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus -, muss man sich denn gram
+sein, wenn man sich nicht von Grund aus liebt?
+
+Und dass ich dir gut bin und oft zu gut, Das weisst du: und der Grund
+ist, dass ich auf deine Weisheit eifersüchtig bin. Ah, diese tolle
+alte Närrin von Weisheit!
+
+Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell
+auch meine Liebe noch davon." -
+
+Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und
+sagte leise: "Oh Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!
+
+Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiss, du denkst
+daran, dass du mich bald verlassen willst.
+
+Es giebt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt Nachts bis
+zu deiner Höhle hinauf: -
+
+- hörst du diese Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du
+zwischen Eins und Zwölf daran -
+
+- du denkst daran, oh Zarathustra, ich weiss es, dass du mich bald
+verlassen willst!" -
+
+"Ja, antwortete ich zögernd, aber du weisst es auch -" Und ich sagte
+ihr Etwas in's Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben
+thörichten Haar-Zotteln.
+
+Du _weisst_ Das, oh Zarathustra? Das weiss Niemand. - -
+
+Und wir sahen uns an und blickten auf die grüne Wiese, über welche
+eben der kühle Abend lief, und weinten mit einander. - Damals aber war
+mir das Leben lieber, als je alle meine Weisheit. -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+3.
+
+ Eins!
+ Oh Mensch! Gieb Acht!
+ Zwei!
+ Was spricht die tiefe Mitternacht?
+ Drei!
+ "Ich schlief, ich schlief -,"
+ Vier!
+ "Auf tiefen Traum bin ich erwacht:-"
+ Fünf!
+ "Die Welt ist tief,"
+ Sechs!
+ "Und tiefer als der Tag gedacht."
+ Sieben!
+ "Tief ist ihr Weh -,"
+ Acht!
+ "Lust - tiefer noch als Herzeleid:"
+ Neun!
+ "Weh spricht: Vergeh!"
+ Zehn!
+ "Doch alle Lust will Ewigkeit -,"
+ Elf!
+ "- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
+ Zwölf!
+
+
+
+Die sieben Siegel
+
+(Oder: das Ja- und Amen-Lied)
+
+1.
+
+Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der
+auf hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt, -
+
+zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelt, -
+schwülen Niederungen feind und Allem, was müde ist und nicht sterben,
+noch leben kann.-
+
+zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlösenden Lichtstrahle,
+schwanger von Blitzen, die Ja! sagen, Ja! lachen, zu wahrsagerischen
+Blitzstrahlen: -
+
+- selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muss als
+schweres Wetter am Berge hängen, wer einst das Licht der Zukunft
+zünden soll! -
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+2.
+
+Wenn mein Zorn je Gräber brach, Grenzsteine rückte und alte Tafeln
+zerbrochen in steile Tiefen rollte:
+
+Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam
+den Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:
+
+Wenn ich je frohlockend sass, wo alte Götter begraben liegen,
+weltsegnend, weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder: -
+
+- denn selbst Kirchen und Gottes-Gräber liebe ich, wenn der Himmel
+erst reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze
+ich gleich Gras und rothem Mohne auf zerbrochnen Kirchen -
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+3.
+
+Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener
+himmlischen Noth, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:
+
+Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der
+lange Donner der That grollend, aber gehorsam nachfolgt:
+
+Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, dass
+die Erde bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob: -
+
+- denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen
+neuen Worten und Götter-Würfen: -
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+4.
+
+Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schäumenden Würz- und
+Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:
+
+Wenn meine Hand je Fernstes zum Nächsten goss und Feuer zu Geist und
+Lust zu Leid und Schlimmstes zum Gütigsten:
+
+Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlösenden Salze, welches
+macht, dass alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: -
+
+- denn es giebt ein Salz, das Gutes mit Bösem bindet; und auch das
+Böseste ist zum Würzen würdig und zum letzten Überschäumen: -
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+5.
+
+Wenn ich dem Meere hold bin und Allem, was Meeres-Art ist, und am
+holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:
+
+Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel
+treibt, wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:
+
+Wenn je mein Frohlocken rief: "die Küste schwand, - nun fiel mir die
+letzte Kette ab -
+
+- das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glänzt mir Raum und
+Zeit, wohlan! wohlauf! altes Herz!" -
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+6.
+
+Wenn meine Tugend eines Tänzers Tugend ist, und ich oft mit beiden
+Füssen in gold-smaragdenes Entzücken sprang:
+
+Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter
+Rosenhängen und Lilien-Hecken:
+
+- im Lachen nämlich ist alles Böse bei einander, aber heilig- und
+losgesprochen durch seine eigne Seligkeit: -
+
+Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib
+Tänzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O! -
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+7.
+
+Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte und mit eignen Flügeln
+in eigne Himmel flog:
+
+Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit
+Vogel-Weisheit kam: -
+
+- so aber spricht Vogel-Weisheit: "Siehe, es giebt kein Oben, kein
+Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurück, du Leichter! Singe! sprich
+nicht mehr!
+
+- sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten
+nicht alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!" -
+
+Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
+hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
+
+Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
+Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
+
+
+
+
+Vierter und letzter Theil
+
+Ach, wo in der Welt geschahen grössere Thorheiten, als bei den
+Mitleidigen? Und was in der Weit stiftete mehr Leid, als die
+Thorheiten der Mitleidigen?
+
+Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über
+ihrem Mitleiden ist!
+
+Also sprach der Teufel einst zu mir: "auch Gott hat seine Hölle: das
+ist seine Liebe zu den Menschen."
+
+Und jüngst hörte ich ihn diess Wort sagen: "Gott ist todt; an seinem
+Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben."
+
+Zarathustra, Von den Mitleidigen
+
+
+
+Das Honig-Opfer
+
+- Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustra's Seele, und er
+achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss. Eines Tages, als
+er auf einem Steine vor seiner Höhle sass und still hinausschaute, -
+man schaut aber dort auf das Meer hinaus, und hinweg über gewundene
+Abgründe - da giengen seine Thiere nachdenklich um ihn herum und
+stellten sich endlich vor ihn hin.
+
+"Oh Zarathustra, sagten sie, schaust du wohl aus nach deinem Glücke?"
+- "Was liegt am Glücke! antwortete er, ich trachte lange nicht mehr
+nach Glücke, ich trachte nach meinem Werke." - "Oh Zarathustra,
+redeten die Thiere abermals, Das sagst du als Einer, der des Guten
+übergenug hat. Liegst du nicht in einem himmelblauen See von Glück?"
+- "Ihr Schalks-Narren, antwortete Zarathustra und lächelte, wie gut
+wähltet ihr das Gleichniss! Aber ihr wisst auch, dass mein Glück
+schwer ist und nicht wie eine flüssige Wasserwelle: es drängt mich und
+will nicht von mir und thut gleich geschmolzenem Peche." -
+
+Da giengen die Thiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten
+sich dann abermals vor ihn hin. "Oh Zarathustra, sagten sie, _daher_
+also kommt es, dass du selber immer gelber und dunkler wirst, obschon
+dein Haar weiss und flächsern aussehen will? Siehe doch, du sitzest in
+deinem Peche!" - "Was sagt ihr da, meine Thiere, sagte Zarathustra und
+lachte dazu, wahrlich, ich lästerte als ich von Peche sprach. Wie mir
+geschieht, so geht es allen Früchten, die reif werden. Es ist der
+_Honig_ in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele
+stiller macht." - "So wird es sein, oh Zarathustra, antworteten die
+Thiere und drängten sich an ihn; willst du aber nicht heute auf einen
+hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von
+der Welt als jemals." - "Ja, meine Thiere, antwortete er, ihr rathet
+trefflich und mir nach dem Herzen: ich will heute auf einen hohen
+Berg steigen! Aber sorgt, dass dort Honig mir zur Hand sei, gelber,
+weisser, guter, eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich will
+droben das Honig-Opfer bringen." -
+
+Als Zarathustra aber oben auf der Höhe war, sandte er die Thiere heim,
+die ihn geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei: - da
+lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also:
+
+Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war's nur
+meiner Rede und, wahrlich, eine nützliche Thorheit! Hier oben
+darf ich schon freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und
+Einsiedler-Hausthieren.
+
+Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender
+mit tausend Händen: wie dürfte ich Das noch - Opfern heissen!
+
+Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach Köder und
+süssem Seime und Schleime, nach dem auch Brummbären und wunderliche
+mürrische böse Vögel die Zunge lecken:
+
+- nach dem besten Köder, wie er Jägern und Fischfängern noththut. Denn
+wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jäger
+Lustgarten, so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches
+reiches Meer,
+
+- ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Götter
+gelüsten möchte, dass sie an ihm zu Fischern würden und zu
+Netz-Auswerfern: so reich ist die Welt an Wunderlichem, grossem und
+kleinem!
+
+Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer: - nach _dem_ werfe
+ich nun meine goldene Angelruthe aus und spreche: thue dich auf, du
+Menschen-Abgrund!
+
+Thue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu!
+Mit meinem besten Köder ködere ich mir heute die wunderlichsten
+Menschen-Fische!
+
+- mein Glück selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen,
+zwischen Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glücke
+viele Menschen-Fische zerrn und zappeln lernen.
+
+Bis sie, anbeissend an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf müssen
+in _meine_ Höhe, die buntesten Abgrund-Gründlinge zu dem boshaftigsten
+aller Menschen- Fischfänger.
+
+_Der_ nämlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend,
+hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Züchter und Zuchtmeister, der
+sich nicht umsonst einstmals zusprach: "Werde, der du bist!"
+
+Also mögen nunmehr die Menschen zu mir _hinauf_ kommen: denn noch
+warte ich der Zeichen, dass es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch
+gehe ich selber nicht unter, wie ich muss, unter Menschen.
+
+Dazu warte ich hier, listig und spöttisch auf hohen Bergen, kein
+Ungeduldiger, kein Geduldiger, vielmehr Einer, der auch die Geduld
+verlernt hat, - weil er nicht mehr "duldet."
+
+Mein Schicksal nämlich lässt mir Zeit: es vergass mich wohl? Oder
+sitzt es hinter einem grossen Steine im Schatten und fängt Fliegen?
+
+Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, dass
+es mich nicht hetzt und drängt und mir Zeit zu Possen lässt und
+Bosheiten: also dass ich heute zu einem Fischfange auf diesen hohen
+Berg stieg.
+
+Fieng wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch
+eine Thorheit ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch
+Diess, als dass ich da unten feierlich würde vor Warten und grün und
+gelb -
+
+- ein gespreitzter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm
+aus Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Thäler hinabruft: "Hört, oder
+ich peitsche euch mit der Geissel Gottes!"
+
+Nicht dass ich solchen Zürnern darob gram würde: zum Lachen sind
+sie mir gut genung! Ungeduldig müssen sie schon sein, diese grossen
+Lärmtrommeln, welche heute oder niemals zu Worte kommen!
+
+Ich aber und mein Schicksal - wir reden nicht zum Heute, wir reden
+auch nicht zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und
+Überzeit. Denn einst muss er doch kommen und darf nicht vorübergehn.
+
+Wer muss einst kommen und darf nicht vorübergehn? Unser grosser Hazar,
+das ist unser grosses fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von
+tausend Jahren - -
+
+Wie ferne mag solches "Ferne" sein? was geht's mich an! Aber darum
+steht es mir doch nicht minder fest -, mit beiden Füssen stehe ich
+sicher auf diesem Grunde,
+
+- auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten
+härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide,
+fragend nach Wo? und Woher? und Wohinaus?
+
+Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf
+hinab dein glitzerndes Spott-Gelächter! Ködere mit deinem Glitzern mir
+die schönsten Menschen-Fische!
+
+Und was in allen Meeren _mir_ zugehört, mein An-und-für-mich in allen
+Dingen - _Das_ fische mir heraus, _Das_ führe zu mir herauf: dess
+warte ich, der boshaftigste aller Fischfänger.
+
+Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Köder meines Glücks!
+Träufle deinen süssesten Thau, mein Herzens-Honig! Beisse, meine
+Angel, in den Bauch aller schwarzen Trübsal!
+
+Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch
+dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir - welch rosenrothe Stille!
+Welch entwölktes Schweigen!
+
+
+
+Der Nothschrei
+
+Des nächsten Tages sass Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der
+Höhle, während die Thiere draussen in der Welt herumschweiften, dass
+sie neue Nahrung heimbrächten, - auch neuen Honig: denn Zarathustra
+hatte den alten Honig bis auf das letzte Korn verthan und
+verschwendet. Als er aber dermaassen dasass, mit einem Stecken in
+der Hand, und den Schatten seiner Gestalt auf der Erde abzeichnete,
+nachdenkend und, wahrlich! nicht über sich und seinen Schatten - da
+erschrak er mit Einem Male und fuhr zusammen: denn er sahe neben
+seinem Schatten noch einen andern Schatten. Und wie er schnell um sich
+blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der
+selbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getränkt hatte,
+der Verkündiger der grossen Müdigkeit, welcher lehrte: "Alles ist
+gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt." Aber
+sein Antlitz hatte sich inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra
+in die Augen blickte, wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel
+schlimme Verkündigungen und aschgraue Blitze liefen über diess
+Gesicht.
+
+Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarathustra's Seele
+zutrug, wischte mit der Hand über sein Antlitz hin, wie als ob er
+dasselbe wegwischen wollte; desgleichen that auch Zarathustra. Und als
+Beide dergestalt sich schweigend gefasst und gekräftigt hatten, gaben
+sie sich die Hände, zum Zeichen, dass sie sich wiedererkennen wollten.
+
+"Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen
+Müdigkeit, du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und
+Gastfreund gewesen sein. Iss und trink auch heute bei mir und vergieb
+es, dass ein vergnügter alter Mann mit dir zu Tische sitzt!" - "Ein
+vergnügter alter Mann? antwortete der Wahrsager, den Kopf schüttelnd:
+wer du aber auch bist oder sein willst, oh Zarathustra, du bist es
+zum Längsten hier Oben gewesen, - dein Nachen soll über Kurzem nicht
+mehr im Trocknen sitzen!" - "Sitze ich denn im Trocknen?" fragte
+Zarathustra lachend. - "Die Wellen um deinen Berg, antwortete der
+Wahrsager, steigen und steigen, die Wellen grosser Noth und Trübsal:
+die werden bald auch deinen Nachen heben und dich davontragen." -
+Zarathustra schwieg hierauf und wunderte sich. - "Hörst du noch
+Nichts? fuhr der Wahrsager fort: rauscht und braust es nicht herauf
+aus der Tiefe?" - Zarathustra schwieg abermals und horchte: da hörte
+er einen langen, langen Schrei, welchen die Abgründe sich zuwarfen und
+weitergaben, denn keiner wollte ihn behalten: so böse klang er.
+
+"Du schlimmer Verkündiger, sprach endlich Zarathustra, das ist ein
+Nothschrei und der Schrei eines Menschen, der mag wohl aus einem
+schwarzen Meere kommen. Aber was geht mich Menschen-Noth an! Meine
+letzte Sünde, die mir aufgespart blieb, - weisst du wohl, wie sie
+heisst?"
+
+- "Mitleiden! antwortete der Wahrsager aus einem überströmenden Herzen
+und hob beide Hände empor - oh Zarathustra, ich komme, dass ich dich
+zu deiner letzten Sünde verführe!" -
+
+Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei
+abermals, und länger und ängstlicher als vorher, auch schon viel
+näher. "Hörst du? Hörst du, oh Zarathustra? rief der Wahrsager, dir
+gilt der Schrei, dich ruft er: komm, komm, komm, es ist Zeit, es ist
+höchste Zeit!" -
+
+Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschüttert; endlich fragte
+er, wie Einer, der bei sich selber zögert: "Und wer ist das, der dort
+mich ruft?"
+
+"Aber du weisst es ja, antwortete der Wahrsager heftig, was verbirgst
+du dich? _Der_höhere_Mensch_ ist es, der nach dir schreit!"
+
+"Der höhere Mensch? schrie Zarathustra von Grausen erfasst: was will
+_der_? Was will _der_? Der höhere Mensch! Was will der hier?" - und
+seine Haut bedeckte sich mit Schweiss.
+
+Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustra's,
+sondern horchte und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange
+Zeit dort stille blieb, wandte er seinen Blick zurück und sahe
+Zarathustra stehn und zittern.
+
+"Oh Zarathustra, hob er mit trauriger Stimme an, du stehst nicht da
+wie Einer, den sein Glück drehend macht: du wirst tanzen müssen, dass
+du mir nicht umfällst!
+
+Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprünge
+springen: Niemand soll mir doch sagen dürfen: `Siehe, hier tanzt der
+letzte frohe Mensch!`
+
+Umsonst käme Einer auf diese Höhe, der den hier suchte: Höhlen fände
+er wohl und Hinter-Höhlen, Verstecke für Versteckte, aber nicht
+Glücks-Schachte und Schatzkammern und neue Glücks-Goldadern.
+
+Glück - wie fände man wohl das Glück bei solchen Vergrabenen und
+Einsiedlern! Muss ich das letzte Glück noch auf glückseligen Inseln
+suchen und ferne zwischen vergessenen Meeren?
+
+Aber Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, es hilft kein Suchen, es
+giebt auch keine glückseligen Inseln mehr!" - -
+
+Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde
+Zarathustra wieder hell und sicher, gleich Einem, der aus einem tiefen
+Schlunde an's Licht kommt. "Nein! Nein! Drei Mal Nein! rief er mit
+starker Stimme und strich sich den Bart - _Das_ weiss ich besser!
+Es giebt noch glückselige Inseln! Stille _davon_, du seufzender
+Trauersack!
+
+Höre _davon_ auf zu plätschern, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich
+denn nicht schon da, nass von deiner Trübsal und begossen wie ein
+Hund?
+
+Nun schüttle ich mich und laufe dir davon, dass ich wieder trocken
+werde: dess darfst du nicht Wunder haben! Dünke ich dir unhöflich?
+Aber hier ist _mein_ Hof.
+
+Was aber deinen höheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs
+in jenen Wäldern: _daher_ kam sein Schrei. Vielleicht bedrängt ihn da
+ein böses Thier.
+
+Er ist in _meinem_ Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden
+kommen! Und wahrlich, es giebt viele böse Thiere bei mir." -
+
+Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der
+Wahrsager: "Oh Zarathustra, du bist ein Schelm!
+
+Ich weiss es schon: du willst mich los sein! Lieber noch läufst du in
+die Wälder und stellst bösen Thieren nach!
+
+Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben, in
+deiner eignen Höhle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein
+Klotz - und auf dich warten!"
+
+"So sei's! rief Zarathustra zurück im Fortgehn: und was mein ist in
+meiner Höhle, gehört auch dir, meinem Gastfreunde!
+
+Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf,
+du Brummbär, und versüsse deine Seele! Am Abende nämlich wollen wir
+Beide guter Dinge sein,
+
+- guter Dinge und froh darob, dass dieser Tag zu Ende gieng! Und du
+selber sollst zu meinen Liedern als mein Tanzbär tanzen.
+
+Du glaubst nicht daran? Du schüttelst den Kopf? Wohlan! Wohlauf! Alter
+Bär! Aber auch ich - bin ein Wahrsager."
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Gespräch mit den Königen
+
+1.
+
+Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wäldern
+unterwegs, da sahe er mit Einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade
+auf dem Wege, den er hinabwollte, kamen zwei Könige gegangen, mit
+Kronen und Purpurgürteln geschmückt und bunt wie Flamingo-Vögel: die
+trieben einen beladenen Esel vor sich her. "Was wollen diese Könige
+in meinem Reiche?" sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und
+versteckte Sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die Könige bis
+zu ihm herankamen, sagte er, halblaut, wie Einer, der zu sich allein
+redet: "Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich Das zusammen? Zwei Könige
+sehe ich - und nur Einen Esel!"
+
+Da machten die beiden Könige Halt, lächelten, sahen nach der Stelle
+hin, woher die Stimme kam, und sahen sich nachher selber in's Gesicht.
+"Solcherlei denkt man wohl auch unter uns, sagte der König zur
+Rechten, aber man spricht es nicht aus."
+
+Der König zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete: "Das
+mag wohl ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter
+Felsen und Bäumen lebte. Gar keine Gesellschaft nämlich verdirbt auch
+die guten Sitten."
+
+"Die guten Sitten? entgegnete unwillig und bitter der andre König: wem
+laufen wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den `guten Sitten`? Unsrer
+`guten Gesellschaft`?
+
+Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm
+vergoldeten falschen überschminkten Pöbel leben, - ob er sich schon
+`gute Gesellschaft` heisst,
+
+- ob er sich schon `Adel` heisst. Aber da ist Alles falsch und faul,
+voran das Blut, Dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren
+Heil-Künstlern.
+
+Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob,
+listig, hartnäckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.
+
+Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber
+es ist das Reich des Pöbels, - ich lasse mir Nichts mehr vormachen.
+Pöbel aber, das heisst: Mischmasch.
+
+Pöbel-Mischmasch: darin ist Alles in Allem durcheinander, Heiliger und
+Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noäh.
+
+Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiss mehr
+zu verehren: _dem_ gerade laufen wir davon. Es sind süssliche
+zudringliche Hunde, sie vergolden Palmenblätter.
+
+Dieser Ekel würgt mich, dass wir Könige selber falsch wurden,
+überhängt und verkleidet durch alten vergilbten Grossväter-Prunk,
+Schaumünzen für die Dümmsten und die Schlauesten, und wer heute Alles
+mit der Macht Schacher treibt!
+
+Wir _sind_ nicht die Ersten - und müssen es doch _bedeuten_: dieser
+Betrügerei sind wir endlich satt und ekel geworden.
+
+Dem Gesindel giengen wir aus dem Wege, allen diesen Schreihälsen und
+Schreib-Schmeissfliegen, dem Krämer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem
+üblen Athem -: pfui, unter dem Gesindel leben,
+
+- pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel!
+Ekel! Was liegt noch an uns Königen!" -
+
+"Deine alte Krankheit fällt dich an, sagte hier der König zur Linken,
+der Ekel fällt dich an, mein armer Bruder. Aber du weisst es doch, es
+hört uns Einer zu."
+
+Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen
+aufgesperrt hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die Könige zu
+und begann:
+
+"Der Euch zuhört, der Euch gerne zuhört, ihr Könige, der heisst
+Zarathustra.
+
+Ich bin Zarathustra, der einst sprach: `Was liegt noch an Königen!`
+Vergebt mir, ich freute mich, als Ihr zu einander sagtet: `Was liegt
+an uns Königen!`
+
+Hier aber ist _mein_ Reich und meine Herrschaft: was mögt Ihr wohl
+in meinem Reiche suchen? Vielleicht aber _fandet_ Ihr unterwegs, was
+_ich_ suche: nämlich den höheren Menschen."
+
+Als Diess die Könige hörten, schlugen sie sich an die Brust und
+sprachen mit Einem Munde: "Wir sind erkannt!
+
+Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste
+Finsterniss. Du entdecktest unsre Noth, denn siehe! Wir sind
+unterwegs, dass wir den höheren Menschen fänden -
+
+- den Menschen, der höher ist als wir: ob wir gleich Könige sind. Ihm
+führen wir diesen Esel zu. Der höchste Mensch nämlich soll auf Erden
+auch der höchste Herr sein.
+
+Es giebt kein härteres Unglück in allem Menschen-Schicksale, als wenn
+die Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird
+Alles falsch und schief und ungeheuer.
+
+Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da
+steigt und steigt der Pöbel im Preise, und endlich spricht gar die
+Pöbel-Tugend: `siehe, ich allein bin Tugend!` -
+
+Was hörte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei
+Königen! Ich bin entzückt, und, wahrlich, schon gelüstet's mich, einen
+Reim darauf zu machen: -
+
+- mag es auch ein Reim werden, der nicht für Jedermanns Ohren taugt.
+Ich verlernte seit langem schon die Rücksicht auf lange Ohren. Wohlan!
+Wohlauf!
+
+(Hier aber geschah es, dass auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber
+deutlich und mit bösem Willen I-A.)
+
+ Einstmals - ich glaub', im Jahr des Heiles Eins -
+ Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:
+ `Weh, nun geht's schief!
+ Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!
+ Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude,
+ Rom's Caesar sank zum Vieh, Gott selbst - ward Jude!`"
+
+
+2.
+
+An diesen Reimen Zarathustra's weideten sich die Könige; der König zur
+Rechten aber sprach: "oh Zarathustra, wie gut thaten wir, dass wir
+auszogen, dich zu sehn!
+
+Deine Feinde nämlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da
+blicktest du mit der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also dass
+wir uns vor dir fürchteten.
+
+Aber was half's! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit
+deinen Sprüchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er
+aussieht!
+
+Wir müssen ihn _hören_, ihn, der lehrt `ihr sollt den Frieden lieben
+als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den
+langen!`
+
+Niemand sprach je so kriegerische Worte: `Was ist gut? Tapfer sein ist
+gut. Der gute Krieg ist's, der jede Sache heiligt.`
+
+Oh Zarathustra, unsrer Väter Blut rührte sich bei solchen Worten in
+unserm Leibe: das war wie die Rede des Frühlings zu alten Weinfässern.
+
+Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten
+Schlangen, da wurden unsre Väter dem Leben gut; alles Friedens Sonne
+dünkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.
+
+Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke
+ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg.
+Ein Schwert nämlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde." - -
+
+- Als die Könige dergestalt mit Eifer von dem Glück ihrer Väter
+redeten und schwätzten, überkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres
+Eifers zu spotten: denn ersichtlich waren es sehr friedfertige Könige,
+welche er vor sich sah, solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber
+er bezwang sich. "Wohlan! sprach er, dorthin führt der Weg, da liegt
+die Höhle Zarathustra's; und dieser Tag soll einen langen Abend haben!
+Jetzt aber ruft mich eilig ein Nothschrei fort von Euch.
+
+Es ehrt meine Höhle, wenn Könige in ihr sitzen und warten wollen:
+aber, freilich, Ihr werdet lange warten müssen!
+
+Je nun! Was thut's! Wo lernt man heute besser warten als an Höfen? Und
+der Könige ganze Tugend, die ihnen übrig blieb, - heisst sie heute
+nicht: Warten-_können_?"
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Der Blutegel
+
+Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und
+vorbei an moorigen Gründen; wie es aber Jedem ergeht, der über schwere
+Dinge nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und
+siehe, da sprützten ihm mit Einem Male ein Weheschrei und zwei Flüche
+und zwanzig schlimme Schimpfworte in's Gesicht: also dass er in seinem
+Schrecken den Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug.
+Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte über
+die Thorheit, die er eben gethan hatte.
+
+"Vergieb, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und
+gesetzt hatte, vergieb und vernimm vor Allem erst ein Gleichniss.
+
+Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf
+einsamer Strasse einen schlafenden Hund anstösst, einen Hund, der in
+der Sonne liegt:
+
+- wie da Beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei
+zu Tod Erschrockenen: also ergieng es uns.
+
+Und doch! Und doch - wie wenig hat gefehlt, dass sie einander
+liebkosten, dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch Beide -
+Einsame!"
+
+- "Wer du auch sein magst, sagte immer noch grimmig der Getretene,
+du trittst mir auch mit deinem Gleichniss zu nahe, und nicht nur mit
+deinem Fusse!
+
+Siehe doch, bin ich denn ein Hund?" - und dabei erhob sich der
+Sitzende und zog seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst nämlich
+hatte er ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich
+gleich Solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.
+
+"Aber was treibst du doch!" rief Zarathustra erschreckt, denn er
+sahe, dass über den nackten Arm weg viel Blut floss, - was ist dir
+zugestossen? Biss dich, du Unseliger, ein schlimmes Thier?
+
+Der Blutende lachte, immer noch erzürnt. "Was geht's dich an! sagte er
+und wollte weitergehn. Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag
+mich fragen, wer da will: einem Tölpel aber werde ich schwerlich
+antworten."
+
+"Du irrst, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, du irrst:
+hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll
+mir Keiner zu Schaden kommen.
+
+Nenne mich aber immerhin, wie du willst, - ich bin, der ich sein muss.
+Ich selber heisse mich Zarathustra.
+
+Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustra's Höhle: die ist nicht
+fern, - willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?
+
+Es gieng dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst biss dich
+das Thier, und dann - trat dich der Mensch!" - -
+
+Als aber der Getretene den Namen Zarathustra's hörte, verwandelte er
+sich. "Was geschieht mir doch! rief er aus, _wer_ kümmert mich denn
+noch in diesem Leben, als dieser Eine Mensch, nämlich Zarathustra, und
+jenes Eine Thier, das vom Blute lebt, der Blutegel?
+
+Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer,
+und schon war mein ausgehängter Arm zehn Mal angebissen, da beisst
+noch ein schönerer Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber!
+
+Oh Glück! Oh Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf
+lockte! Gelobt sei der beste lebendigste Schröpfkopf, der heut lebt,
+gelobt sei der grosse Gewissens-Blutegel Zarathustra!" -
+
+Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich über seine
+Worte und ihre feine ehrfürchtige Art. "Wer bist du? fragte er und
+reichte ihm die Hand, zwischen uns bleibt Viel aufzuklären und
+aufzuheitern: aber schon, dünkt mich, wird es reiner heller Tag."
+
+"Ich bin _der_Gewissenhafte_des_Geistes_, antwortete der Gefragte, und
+in Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht Einer strenger, enger und
+härter als ich, ausgenommen der, von dem ich's lernte, Zarathustra
+selber.
+
+Lieber Nichts wissen, als Vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf
+eigne Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken! Ich - gehe auf den
+Grund:
+
+- was liegt daran, ob er gross oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel
+heisst? Eine Hand breit Grund ist mir genung: wenn er nur wirklich
+Grund und Boden ist!
+
+- eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten
+Wissen-Gewissenschaft giebt es nichts Grosses und nichts Kleines."
+
+"So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels? fragte Zarathustra;
+und du gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Gründe, du
+Gewissenhafter?"
+
+"Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das wäre ein Ungeheures,
+wie dürfte ich mich dessen unterfangen!
+
+Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels _Hirn_: -
+das ist _meine_ Welt!
+
+Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass hier mein Stolz zu Worte
+kommt, denn ich habe hier nicht meines Gleichen. Darum sprach ich
+`hier bin ich heim.`
+
+Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels,
+dass die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! Hier
+ist _mein_ Reich!
+
+- darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles. Andre
+gleich; und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.
+
+Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und
+sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller
+Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.
+
+Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein.
+Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart,
+streng, eng, grausam, unerbittlich.
+
+Dass _du_ einst sprachst, oh Zarathustra: `Geist ist das Leben, das
+selber in's Leben schneidet,` das führte und verführte mich zu deiner
+Lehre. Und, wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne
+Wissen!"
+
+- "Wie der Augenschein lehrt," fiel Zarathustra ein; denn immer noch
+floss das Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten
+nämlich zehn Blutegel sich in denselben eingebissen.
+
+"Oh du wunderlicher Gesell, wie Viel lehrt mich dieser Augenschein
+da, nämlich du selber! Und nicht Alles dürfte ich vielleicht in deine
+strengen Ohren giessen!
+
+Wohlan! So scheiden wir hier! Doch möchte ich gerne dich wiederfinden.
+Dort hinauf führt der Weg zu meiner Höhle: heute Nacht sollst du dort
+mein lieber Gast sein!
+
+Gerne möchte ich's auch an deinem Leibe wieder gut machen, dass
+Zarathustra dich mit Füssen trat: darüber denke ich nach. Jetzt aber
+ruft mich ein Nothschrei eilig fort von dir."
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Der Zauberer
+
+1.
+
+Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht
+weit unter sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die
+Glieder warf wie ein Tobsüchtiger und endlich bäuchlings zur Erde
+niederstürzte. "Halt! sprach da Zarathustra zu seinem Herzen, Der
+dort muss wohl der höhere Mensch sein, von ihm kam jener schlimme
+Nothschrei, - ich will sehn, ob da zu helfen ist." Als er aber
+hinzulief, an die Stelle, wo der Mensch auf dem Boden lag, fand er
+einen zitternden alten Mann mit stieren Augen; und wie sehr sich
+Zarathustra mühte, dass er ihn aufrichte und wieder auf seine Beine
+stelle, es war umsonst. Auch schien der Unglückliche nicht zu merken,
+dass jemand um ihn sei; vielmehr sah er sich immer mit rührenden
+Gebärden um, wie ein von aller Welt Verlassener und Vereinsamter.
+Zuletzt aber, nach vielem Zittern, Zucken und Sich-zusammen-Krümmen,
+begann er also zu jammern:
+
+ Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?
+ Gebt heisse Hände!
+ Gebt Herzens-Kohlenbecken!
+ Hingestreckt, schaudernd,
+ Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt -
+ Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern,
+ Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,
+ Von dir gejagt, Gedanke!
+ Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher!
+ Du Jäger hinter Wolken!
+ Darniedergeblitzt von dir,
+ Du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt:
+ - so liege ich,
+ Biege mich, winde mich, gequält
+ Von allen ewigen Martern,
+ Getroffen
+ Von Dir, grausamster Jäger,
+ Du unbekannter - Gott!
+
+ Triff tiefer,
+ Triff Ein Mal noch!
+ Zerstich, zerbrich diess Herz!
+ Was soll diess Martern
+ Mit zähnestumpfen Pfeilen?
+ Was blickst du wieder,
+ Der Menschen-Qual nicht müde,
+ Mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?
+ Nicht tödten willst du,
+ Nur martern, martern?
+ Wozu - _mich_ martern,
+ Du schadenfroher unbekannter Gott? -
+
+ Haha! Du schleichst heran?
+ Bei solcher Mitternacht
+ Was willst du? Sprich!
+ Du drängst mich, drückst mich -
+ Ha! schon viel zu nahe!
+ Weg! Weg!
+ Du hörst mich athmen,
+ Du behorchst mein Herz,
+ Du Eifersüchtiger -
+ Worauf doch eifersüchtig?
+ Weg! Weg! Wozu die Leiter?
+ Willst _du_hinein_,
+ In's Herz,
+ Einsteigen, in meine heimlichsten
+ Gedanken einsteigen?
+ Schamloser! Unbekannter - Dieb!
+ Was willst du dir erstehlen,
+ Was willst du dir erhorchen,
+ Was willst du dir erfoltern,
+ Du Folterer!
+ Du - Henker-Gott!
+ Oder soll ich, dem Hunde gleich,
+ Vor dir mich wälzen?
+ Hingebend, begeistert-ausser-mir,
+ Dir - Liebe zuwedeln?
+
+ Umsonst! Stich weiter,
+ Grausamster Stachel! Nein,
+ Kein Hund - dein Wild nur bin ich,
+ Grausamster Jäger!
+ Dein stolzester Gefangner,
+ Du Räuber hinter Wolken!
+ Sprich endlich,
+ Was willst du, Wegelagerer, von _mir_?
+ Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! Sprich,
+ Was _willst_ du, unbekannter Gott? - -
+
+ Wie? Lösegeld?
+ Was willst du Lösegelds?
+ Verlange Viel - das räth mein Stolz!
+ Und rede kurz - das räth mein andrer Stolz!
+ Haha!
+
+ Mich - willst du? Mich?
+ Mich - ganz?
+
+ Haha!
+ Und marterst mich, Narr, der du bist,
+ Zermarterst meinen Stolz?
+ Gieb _Liebe_ mir - wer wärmt mich noch?
+ Wer liebt mich noch? - gieb heisse Hände,
+ Gieb Herzens-Kohlenbecken,
+ Gieb mir, dem Einsamsten,
+ Den Eis, ach! siebenfaches Eis
+ Nach Feinden selber,
+ Nach Feinden schmachten lehrt,
+ Gieb, ja ergieb,
+ Grausamster Feind,
+ Mir - _dich_! - -
+
+ Davon!
+ Da floh er selber,
+ Mein letzter einziger Genoss,
+ Mein grosser Feind,
+ Mein Unbekannter,
+ Mein Henker-Gott! -
+
+ - Nein! Komm zurück,
+ Mit allen deinen Martern!
+ Zum Letzten aller Einsamen
+ Oh komm zurück!
+ All meine Thränen-Bäche laufen
+ Zu dir den Lauf!
+
+ Und meine letzte Herzens-Flamme -
+ _Dir_ glüht sie auf!
+ Oh komm zurück,
+ Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz! Mein letztes -
+ Glück!
+
+
+2.
+
+- Hier aber konnte sich Zarathustra nicht länger halten, nahm seinen
+Stock und schlug mit allen Kräften auf den jammernden los. "Halt ein!
+schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, halt ein, du Schauspieler!
+Du Falschmünzer! Du Lügner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!
+
+Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich
+verstehe mich gut darauf, Solchen wie du bist - einzuheizen!"
+
+- "Lass ab, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, schlage
+nicht mehr, oh Zarathustra! Ich trieb's also nur zum Spiele!
+
+Solcherlei gehört zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die
+Probe stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast
+mich gut durchschaut!
+
+Aber auch du - gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist _hart_,
+du weiser Zarathustra! Hart schlägst du zu mit deinen `Wahrheiten`,
+dein Knüttel erzwingt von mir - _diese_ Wahrheit!"
+
+- "Schmeichle nicht, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und
+finsterblickend, du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was
+redest du - von Wahrheit!
+
+Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, _was_ spieltest du vor mir,
+du schlimmer Zauberer, an _wen_ sollte ich glauben, als du in solcher
+Gestalt jammertest?"
+
+"Den Büsser des Geistes, sagte der alte Mann, _den_ - spielte ich: du
+selber erfandest einst diess Wort -
+
+- den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist
+wendet, den Verwandelten, der an seinem bösen Wissen und Gewissen
+erfriert.
+
+Und gesteh es nur ein: es währte lange, oh Zarathustra, bis du hinter
+meine Kunst und Lüge kamst! _Du_glaubtest_ an meine Noth, als du mir
+den Kopf mit beiden Händen hieltest, -
+
+- ich hörte dich jammern `man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig
+geliebt!` Dass ich dich soweit betrog, darüber frohlockte inwendig
+meine Bosheit."
+
+"Du magst Feinere betrogen haben als mich, sagte Zarathustra hart. Ich
+bin nicht auf der Hut vor Betrügern, ich _muss_ ohne Vorsicht sein: so
+will es mein Loos.
+
+Du aber - _musst_ betrügen: so weit kenne ich dich! Du musst immer
+zwei- drei- vier- und fünfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest,
+war mir lange nicht wahr und nicht falsch genung!
+
+Du schlimmer Falschmünzer, wie könntest du anders! Deine Krankheit
+würdest du noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.
+
+So schminktest du eben vor mir deine Lüge, als du sprachst: `ich
+trieb's also _nur_ zum Spiele!` Es war auch _Ernst_ darin, du _bist_
+Etwas von einem Büsser des Geistes!
+
+Ich errathe dich wohl: du wurdest der Bezauberer Aller, aber gegen
+dich hast du keine Lüge und List mehr übrig, - du selber bist dir
+entzaubert!
+
+Du erntetest den Ekel ein, als deine Eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr
+an dir ächt, aber dein Mund: nämlich der Ekel, der an deinem Munde
+klebt." - -
+
+- "Wer bist du doch! schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen
+Stimme, wer darf also zu _mir_ reden, dem Grössten, der heute lebt?"
+- und ein grüner Blitz schoss aus seinem Auge nach Zarathustra. Aber
+gleich darauf verwandelte er sich und sagte traurig:
+
+"Oh Zarathustra, ich bin's müde, es ekelt mich meiner Künste, ich bin
+nicht _gross_, was verstelle ich mich! Aber, du weisst es wohl - ich
+suchte nach Grösse!
+
+Einen grossen Menschen wollte ich vorstellen und überredete Viele:
+aber diese Lüge gieng über meine Kraft. An ihr zerbreche ich.
+
+Oh Zarathustra, Alles ist Lüge an mir; aber dass ich zerbreche - diess
+mein Zerbrechen ist _ächt_!" -
+
+"Es ehrt dich, sprach Zarathustra düster und zur Seite niederblickend,
+es ehrt dich, dass du nach Grösse suchtest, aber es verräth dich auch.
+Du bist nicht gross.
+
+Du schlimmer alter Zauberer, _das_ ist dein Bestes und Redlichstes,
+was ich an dir ehre, dass du deiner müde wurdest und es aussprachst:
+`ich bin nicht gross.`
+
+_Darin_ ehre ich dich als einen Büsser des Geistes: und wenn auch nur
+für einen Hauch und Husch, diesen Einen Augenblick warst du - ächt.
+
+Aber sprich, was suchst du hier in _meinen_ Wäldern und Felsen? Und
+wenn du _mir_ dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von
+mir? -
+
+- wess versuchtest du _mich_?" -
+
+Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer
+schwieg eine Weile, dann sagte er: "Versuchte ich dich? Ich - suche
+nur.
+
+Oh Zarathustra, ich suche einen Ächten, Rechten, Einfachen,
+Eindeutigen, einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gefäss der
+Weisheit, einen Heiligen der Erkenntniss, einen grossen Menschen!
+
+Weisst du es denn nicht, oh Zarathustra? Ich suche Zarathustra."
+
+- Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen Beiden;
+Zarathustra aber versank tief hinein in sich selber, also dass er die
+Augen schloss. Dann aber, zu seinem Unterredner zurückkehrend, ergriff
+er die Hand des Zauberers und sprach, voller Artigkeit und Arglist:
+
+"Wohlan! Dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra's.
+In ihr darfst du suchen, wen du finden möchtest.
+
+Und frage meine Thiere um Rath, meinen Adler und meine Schlange: die
+sollen dir suchen helfen. Meine Höhle aber ist gross.
+
+Ich selber freilich - ich sah noch keinen grossen Menschen. Was gross
+ist, dafür ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des
+Pöbels.
+
+So Manchen fand ich schon, der streckte und blähte sich, und das
+Volk schrie: `Seht da, einen grossen Menschen!` Aber was helfen alle
+Blasebälge! Zuletzt fährt der Wind heraus.
+
+Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies: da fährt der
+Wind heraus. Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das heisse ich
+eine brave Kurzweil. Hört das, ihr Knaben!
+
+Diess Heute ist des Pöbels: wer _weiss_ da noch, was gross, was klein
+ist! Wer suchte da mit Glück nach Grösse! Ein Narr allein: den Narren
+glückt's.
+
+Du suchst nach grossen Menschen, du wunderlicher Narr? Wer _lehrte's_
+dich? Ist heute dazu die Zeit? Oh du schlimmer Sucher, was - versuchst
+du mich?" - -
+
+Also sprach Zarathustra, getrösteten Herzens, und gierig lachend
+seines Wegs fürbass.
+
+
+
+Ausser Dienst
+
+Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht
+hatte, sahe er wiederum Jemanden am Wege sitzen, den er gierig,
+nämlich einen schwarzen langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht:
+_der_ verdross ihn gewaltig. "Wehe, sprach er zu seinem Herzen, da,
+sitzt vermummte Trübsal, das dünkt mich von der Art der Priester: was
+wollen _die_ in meinem Reiche?
+
+Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: muss mir da wieder ein
+anderer Schwarzkünstler über den Weg laufen, -
+
+- irgend ein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wunderthäter
+von Gottes Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen
+möge!
+
+Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze wäre: immer kommt
+er zu spät, dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfuss!" -
+
+Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie
+er abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vorüberschlüpfe: aber
+siehe, es kam anders. Im gleichen Augenblicke nämlich hatte ihn schon
+der Sitzende erblickt; und nicht unähnlich einem Solchen, dem ein
+unvermuthetes Glück zustösst, sprang er auf und gieng auf Zarathustra
+los.
+
+"Wer du auch bist, du Wandersmann, sprach er, hilf einem Verirrten,
+einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!
+
+Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch hörte ich wilde Thiere
+heulen; und Der, welcher mir hätte Schutz bieten können, der ist
+selber nicht mehr.
+
+Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und
+Einsiedler, der allein in seinem Walde noch Nichts davon gehört hatte,
+was alle Welt heute weiss."
+
+"_Was_ weiss heute alle Welt? fragte Zarathustra. Etwa diess, dass der
+alte Gott nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?"
+
+"Du sagst es, antwortete der alte Mann betrübt. Und ich diente diesem
+alten Gotte bis zu seiner letzten Stunde.
+
+Nun aber bin ich ausser Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch
+keine Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.
+
+Dazu stieg ich in diese Berge, dass ich endlich wieder ein Fest mir
+machte, wie es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn
+wisse, ich bin der letzte Papst! - ein Fest frommer Erinnerungen und
+Gottesdienste.
+
+Nun aber ist er selber todt, der frömmste Mensch, jener Heilige im
+Walde, der seinen Gott beständig mit Singen und Brummen lobte.
+
+Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine Hütte fand, - wohl aber
+zwei Wölfe darin, welche um seinen Tod heulten - denn alle Thiere
+liebten ihn. Da lief ich davon.
+
+Kam ich also umsonst in diese Wälder und Berge? Da entschloss sich
+mein Herz, dass ich einen Anderen suchte, den Frömmsten aller Derer,
+die nicht an Gott glauben -, dass ich Zarathustra suchte!"
+
+Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges Den an, welcher vor
+ihm stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und
+betrachtete sie lange mit Bewunderung.
+
+"Siehe da, du Ehrwürdiger, sagte er dann, welche schöne und lange
+Hand! Das ist die Hand eines Solchen, der immer Segen ausgetheilt hat.
+Nun aber hält sie Den fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.
+
+Ich bin's, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser
+als ich, dass ich mich seiner Unterweisung freue?" -
+
+Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die
+Gedanken und Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:
+
+"Wer ihn am meisten liebte und besass, der hat ihn nun am meisten auch
+verloren -:
+
+- siehe, ich selber bin wohl von uns Beiden jetzt der Gottlosere? Aber
+wer könnte daran sich freuen!" -
+
+"Du dientest ihm bis zuletzt, fragte Zarathustra nachdenklich, nach
+einem tiefen Schweigen, du weisst, _wie_ er starb? Ist es wahr, was
+man spricht, dass ihn das Mitleiden erwürgte,
+
+- dass er es sah, wie _der_Mensch_ am Kreuze hieng, und es nicht
+ertrug, dass die Liebe zum Menschen seine Hölle und zuletzt sein Tod
+wurde?" - -
+
+Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit
+einem schmerzlichen und düsteren Ausdrucke zur Seite.
+
+"Lass ihn fahren, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken,
+indem er immer noch dem alten Manne gerade in's Auge blickte.
+
+Lass ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, dass du
+diesem Todten nur Gutes nachredest, so weisst du so gut als ich, _wer_
+er war; und dass er wunderliche Wege gieng."
+
+"Unter drei Augen gesprochen, sagte erheitert der alte Papst (denn er
+war auf Einem Auge blind), in Dingen Gottes bin ich aufgeklärter als
+Zarathustra selber - und darf es sein.
+
+Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille gierig allem seinen
+Willen nach. Ein guter Diener aber weiss Alles, und Mancherlei auch,
+was sein Herr sich selbst verbirgt.
+
+Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem
+Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thür
+seines Glaubens steht der Ehebruch.
+
+Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von
+der Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der
+Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.
+
+Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und
+rachsüchtig und erbaute sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge.
+
+Endlich aber wurde er alt und weich und mürbe und mitleidig, einem
+Grossvater ähnlicher als einem Vater, am ähnlichsten aber einer
+wackeligen alten Grossmutter.
+
+Da sass er, welk, in seinem Ofenwinkel, härmte sich ob seiner
+schwachen Beine, weltmüde, willensmüde, und erstickte eines Tags an
+seinem allzugrossen Mitleiden." - -
+
+"Du alter Papst, sagte hier Zarathustra dazwischen, hast du _Das_ mit
+Augen angesehn? Es könnte wohl so abgegangen sein: so, _und_ auch
+anders. Wenn Götter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.
+
+Aber wohlan! So oder so, so und so - er ist dahin! Er gieng meinen
+Ohren und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres möchte ich ihm nicht
+nachsagen.
+
+Ich liebe Alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er - du
+weisst es ja, du alter Priester, es war Etwas von deiner Art an ihm,
+von Priester-Art - er war vieldeutig.
+
+Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezürnt, dieser
+Zornschnauber, dass wir ihn schlecht verstanden Aber warum sprach er
+nicht reinlicher?
+
+Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht
+hörten? War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?
+
+Zu Vieles missrieth ihm, diesem Töpfer, der nicht ausgelernt hatte!
+Dass er aber Rache an seinen Töpfen und Geschöpfen nahm, dafür
+dass sie ihm schlecht geriethen, - das war eine Sünde wider den
+_guten_Geschmack_.
+
+Es giebt auch in der Frömmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich
+`Fort mit einem _solchen_ Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne
+Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!`"
+
+- "Was höre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren;
+oh Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen
+Unglauben! Irgend ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner
+Gottlosigkeit.
+
+Ist es nicht deine Frömmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen
+Gott glauben lässt? Und deine übergrosse Redlichkeit wird dich auch
+noch jenseits von Gut und Böse wegfuhren!
+
+Siehe, doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und
+Mund, die sind zum Segnen vorher bestimmt seit Ewigkeit. Man segnet
+nicht mit der Hand allein.
+
+In deiner Nähe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich
+einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird
+wohl und wehe dabei.
+
+Lass mich deinen Gast sein, oh Zarathustra, für eine einzige Nacht!
+Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!" -
+
+"Amen! So soll es sein! sprach Zarathustra mit grosser Verwunderung,
+dort hinauf führt der Weg, da liegt die Höhle Zarathustra's.
+
+Gerne, fürwahr, würde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrwürdiger,
+denn ich liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein
+Nothschrei weg von dir.
+
+In meinem Bereiche soll mir Niemand zu Schaden kommen; meine Höhle ist
+ein guter Hafen. Und am liebsten möchte ich jedweden Traurigen wieder
+auf festes Land und feste Beine stellen.
+
+Wer aber nähme dir _deine_ Schwermuth von der Schulter? Dazu bin ich
+zu schwach. Lange, wahrlich, möchten wir warten, bis dir Einer deinen
+Gott wieder aufweckt.
+
+Dieser alte Gott nämlich lebt nicht mehr: der ist gründlich todt." -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Der hässlichste Mensch
+
+- Und wieder liefen Zarathustra's Füsse durch Berge und Wälder, und
+seine Augen suchten und suchten, aber nirgends war Der zu sehen,
+welchen sie sehn wollten, der grosse Nothleidende und Nothschreiende.
+Auf dem ganzen Wege aber frohlockte er in seinem Herzen und war
+dankbar. "Welche guten Dinge, sprach er, schenkte mir doch dieser Tag,
+zum Entgelt, dass er schlimm begann! Welche seltsamen Unterredner fand
+ich!
+
+An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Körnern;
+klein soll mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in
+die Seele fliessen!" - -
+
+Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit Einem
+Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier
+starrten schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine
+Vogelstimme. Es war nämlich ein Thal, welches alle Thiere mieden,
+auch die Raubthiere-, nur dass eine Art hässlicher, dicker, grüner
+Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben. Darum
+nannten diess Thal die Hirten: Schlangen-Tod.
+
+Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war,
+als habe er schon ein Mal in diesem Thal gestanden. Und vieles Schwere
+legte sich ihm über den Sinn: also, dass er langsam gieng und immer
+langsamer und endlich still stand. Da aber sahe er, als er die Augen
+aufthat, Etwas, das am Wege sass, gestaltet wie ein Mensch und kaum
+wie ein Mensch, etwas Unaussprechliches. Und mit Einem Schlage
+überfiel Zarathustra die grosse Scham darob, dass er so Etwas mit den
+Augen angesehn habe: erröthend bis hinauf an sein weisses Haar, wandte
+er den Blick ab und hob den Fuss, dass er diese schlimme Stelle
+verlasse. Da aber wurde die todte Öde laut: vom Boden auf nämlich
+quoll es gurgelnd und röchelnd, wie Wasser Nachts durch verstopfte
+Wasser-Röhren gurgelt und röchelt; und zuletzt wurde daraus eine
+Menschen-Stimme und Menschen-Rede: - die lautete also.
+
+"Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Räthsel! Sprich, sprich! Was ist
+_die_Rache_am_Zeugen_?
+
+Ich locke dich zurück, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein
+Stolz sich hier nicht die Beine bricht!
+
+Du dünkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rathe doch das
+Räthsel, du harter Nüsseknacker, - das Räthsel, das ich bin! So sprich
+doch - wer bin _ich_!"
+
+- Als aber Zarathustra diese Worte gehört hatte, - was glaubt ihr
+wohl, dass sich da mit seiner Seele zutrug? Das Mitleiden fiel ihn an;
+und er sank mit Einem Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen
+Holzschlägern widerstanden hat, - schwer, plötzlich, zum Schrecken
+selber für Die, welche ihn fällen wollten. Aber schon stand er wieder
+vom Boden auf, und sein Antlitz wurde hart.
+
+"Ich erkenne dich wohl, sprach er mit einer erzenen Stimme: du bist
+der Mörder Gottes! Lass mich gehn.
+
+Du _ertrugst_ Den nicht, der _dich_ sah, - der dich immer und durch
+und durch sah, du hässlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem
+Zeugen!"
+
+Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche
+fasste nach einem Zipfel seines Gewandes und begann von Neuem zu
+gurgeln und nach Worten zu suchen. "Bleib!" sagte er endlich -
+
+- "bleib! Geh nicht vorüber! Ich errieth, welche Axt dich zu Boden
+schlug: Heil dir, oh Zarathustra, dass du wieder stehst!
+
+Du erriethest, ich weiss es gut, wie Dem zu Muthe ist, der ihn
+tödtete, - dem Mörder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist
+nicht umsonst.
+
+Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich
+aber nicht an! Ehre also - meine Hässlichkeit!
+
+Sie verfolgen mich: nun bist _du_ meine letzte Zuflucht. _Nicht_ mit
+ihrem Hasse, _nicht_ mit ihren Häschern: - oh solcher Verfolgung würde
+ich spotten und stolz und froh sein!
+
+War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut
+verfolgt, lernt leicht _folgen_: - ist er doch einmal - hinterher!
+Aber ihr _Mitleid_ ist's -
+
+- ihr Mitleid ist's, vor dem ich flüchte und dir zuflüchte. Oh
+Zarathustra, schütze mich, du meine letzte Zuflucht, du Einziger, der
+mich errieth:
+
+- du erriethest, wie Dem zu Muthe ist, welcher _ihn_ tödtete. Bleib!
+Und willst du gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam.
+_Der_ Weg ist schlecht.
+
+Zürnst du mir, dass ich zu lange schon rede-rade-breche? Dass ich
+schon dir rathe? Aber wisse, ich bin's, der hässlichste Mensch,
+
+- der auch die grössten schwersten Füsse hat. Wo _ich_ gieng, ist der
+Weg schlecht. Ich trete alle Wege todt und zu Schanden.
+
+Dass du aber an mir vorübergiengst, schweigend; dass du erröthetest,
+ich sah es wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.
+
+Jedweder Andere hätte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden,
+mit Blick und Rede. Aber dazu - bin ich nicht Bettler genug, das
+erriethest du -
+
+- dazu bin ich zu _reich_, reich an Grossem, an Furchtbarem, am
+Hässlichsten, am Unaussprechlichsten! Deine Scham, oh Zarathustra,
+_ehrte_ mich!
+
+Mit Noth kam ich heraus aus dem Gedräng der Mitleidigen, - dass ich
+den Einzigen fände, der heute lehrt `Mitleiden ist zudringlich` -
+dich, oh Zarathustra!
+
+- sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht
+gegen die Scham. Und nicht-helfen-wollen kann vornehmer sein als jene
+Tugend, die zuspringt.
+
+_Das_ aber heisst heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das
+Mitleiden: - die haben keine Ehrfurcht vor grossem Unglück, vor
+grosser Hässlichkeit, vor grossem Missrathen.
+
+Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken
+wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige
+wohlwillige graue Leute.
+
+Wie ein Reiher verachtend über flache Teiche wegblickt, mit
+zurückgelegtem Kopfe: so blicke ich über das Gewimmel grauer kleiner
+Wellen und Willen und Seelen weg.
+
+Zu lange hat man ihnen Recht gegeben, diesen kleinen Leuten: _so_ gab
+man ihnen endlich auch die Macht - nun lehren sie: `gut ist nur, was
+kleine Leute gut heissen.`
+
+Und `Wahrheit` heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus
+ihnen herkam, jener wunderliche Heilige und Fürsprecher der kleinen
+Leute, welcher von sich zeugte `ich - bin die Wahrheit.`
+
+Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm
+hoch schwellen - er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte
+`ich - bin die Wahrheit.`
+
+Ward einem Unbescheidnen jemals höflicher geantwortet? - Du aber, oh
+Zarathustra, giengst an ihm vorüber und sprachst: `Nein! Nein! Drei
+Mal Nein!`
+
+Du warntest vor seinem Irrthum, du warntest als der Erste vor dem
+Mitleiden - nicht Alle, nicht Keinen, sondern dich und deine Art.
+
+Du schämst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn
+du sprichst `von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht,
+ihr Menschen!`
+
+- wenn du lehrst `alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe
+ist über ihrem Mitleiden`: oh Zarathustra, wie gut dünkst du mich
+eingelernt auf Wetter-Zeichen!
+
+Du selber aber - warne dich selber auch vor _deinem_ Mitleiden!
+Denn Viele sind zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde,
+Verzweifelnde, Ertrinkende, Frierende -
+
+Ich warne dich auch vor mir. Du erriethest mein bestes, schlimmstes
+Räthsel, mich selber und was ich that. Ich kenne die Axt, die dich
+fällt.
+
+Aber er - _musste_ sterben: er sah mit Augen, welche _Alles_ sahn, -
+er sah des Menschen Tiefen und Gründe, alle seine verhehlte Schmach
+und Hässlichkeit.
+
+Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten
+Winkel. Dieser Neugierigste, Über-Zudringliche, Über-Mitleidige musste
+sterben.
+
+Er sah immer _mich_: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache haben -
+oder selber nicht leben.
+
+Der Gott, der Alles sah, _auch_den_Menschen_ dieser Gott musste
+sterben! Der Mensch _erträgt_ es nicht, dass solch ein Zeuge lebt."
+
+Also, sprach der hässlichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich
+und schickte sich an fortzugehn: denn ihn fröstelte bis in seine
+Eingeweide.
+
+"Du Unaussprechlicher, sagte er, du warntest mich vor deinem Wege.
+Zum Danke dafür lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die
+Höhle Zarathustra's.
+
+Meine Höhle ist gross und tief und hat viele Winkel; da findet der
+Versteckteste sein Versteck. Und dicht bei ihr sind hundert Schlüpfe
+und Schliche für kriechendes, flatterndes und springendes Gethier.
+
+Du Ausgestossener, der du dich selber ausstiessest, du willst nicht
+unter Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so thu's mir
+gleich! So lernst du auch von mir; nur der Thäter lernt.
+
+Und rede zuerst und -nächst mit meinen Thieren! Das stolzeste Thier
+und das klügste Thier - die möchten uns Beiden wohl die rechten
+Rathgeber sein!" - -
+
+Also sprach Zarathustra und gieng seiner Wege, nachdenklicher und
+langsamer noch als zuvor: denn er fragte sich Vieles und wusste sich
+nicht leicht zu antworten.
+
+"Wie arm ist doch der Mensch! dachte er in seinem Herzen, wie
+hässlich, wie röchelnd, wie voll verborgener Scham!
+
+Man sagt mir, dass der Mensch sich selber liebe: ach, wie gross muss
+diese Selber-Liebe sein! Wie viel Verachtung hat sie wider sich!
+
+Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete, - ein grosser
+Liebender ist er mir und ein grosser Verächter.
+
+Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet hätte: auch _Das_ ist
+Höhe. Wehe, war _Der_ vielleicht der höhere Mensch, dessen Schrei ich
+hörte?
+
+Ich liebe die grossen Verachtenden. Der Mensch aber ist Etwas, das
+überwunden werden muss." - -
+
+
+
+Der freiwillige Bettler
+
+Als Zarathustra den hässlichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn,
+und er fühlte sich einsam: es gieng ihm nämlich vieles Kalte und
+Einsame durch die Sinne, also, dass darob auch seine Glieder kälter
+wurden. Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an
+grünen Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo ehedem
+wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte.- da wurde ihm
+mit Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu Sinne.
+
+"Was geschah mir doch? fragte er sich, etwas Warmes und Lebendiges
+erquickt mich, das muss in meiner Nähe sein.
+
+Schon bin ich weniger allein; unbewusste Gefährten und Brüder
+schweifen um mich, ihr warmer Athem rührt an meine Seele."
+
+Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit
+suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander
+standen; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt. Diese Kühe
+aber schienen mit Eifer einem Redenden zuzuhören und gaben nicht auf
+Den Acht, der herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer Nähe war,
+hörte er deutlich, dass eine Menschen-Stimme aus der Mitte der Kühe
+heraus redete; und ersichtlich hatten sie allesammt ihre Köpfe dem
+Redenden zugedreht.
+
+Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drängte die Thiere
+auseinander, denn er fürchtete, dass hier jemandem ein Leids geschehn
+sei, welchem schwerlich das Mitleid von Kühen abhelfen mochte. Aber
+darin hatte er sich getäuscht; denn siehe, da sass ein Mensch auf der
+Erde und schien den Thieren zuzureden, dass sie keine Scheu vor ihm
+haben sollten, ein friedfertiger Mensch und Berg-Prediger, aus dessen
+Augen die Güte selber predigte. "Was suchst du hier?" rief Zarathustra
+mit Befremden.
+
+"Was ich hier suche? antwortete er: das Selbe, was du suchst, du
+Störenfried! nämlich das Glück auf Erden.
+
+Dazu aber möchte ich von diesen Kühen lernen. Denn, weisst du wohl,
+einen halben Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir
+Bescheid geben. Warum doch störst du sie?
+
+So wir nicht umkehren und werden wie die Kühe, so kommen wir nicht
+in das Himmelreich. Wir sollten ihnen nämlich Eins ablernen: das
+Wiederkäuen.
+
+Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewönne und lernte
+das Eine nicht, das Wiederkäuen: was hülfe es! Er würde nicht seine
+Trübsal los
+
+- seine grosse Trübsal: die aber heisst heute _Ekel_. Wer hat heute
+von Ekel nicht Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe
+doch diese Kühe an!" -
+
+Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick
+Zarathustra zu, - denn bisher hieng er mit Liebe an den Kühen -: da
+aber verwandelte er sich. "Wer ist das, mit dem ich rede? rief er
+erschreckt und sprang vom Boden empor.
+
+Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der
+Überwinder des grossen Ekels, diess ist das Auge, diess ist der Mund,
+diess ist das Herz Zarathustra's selber."
+
+Und indem er also sprach, küsste er Dem, zu welchem er redete, die
+Hände, mit überströmenden Augen, und gebärdete sich ganz als Einer,
+dem ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fällt.
+Die Kühe aber schauten dem Allen zu und wunderten sich.
+
+"Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher! sagte Zarathustra
+und wehrte seiner Zärtlichkeit, sprich mir erst von dir! Bist du nicht
+der freiwillige Bettler, der einst einen grossen Reichthum von sich
+warf, -
+
+- der sich seines Reichthums schämte und der Reichen, und zu den
+Ärmsten floh, dass er ihnen seine Fülle und sein Herz schenke? Aber
+sie nahmen ihn nicht an."
+
+"Aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Bettler, du
+weisst es ja. So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen
+Kühen."
+
+"Da lerntest du, unterbrach Zarathustra den Redenden, wie es schwerer
+ist, recht geben als recht nehmen, und dass gut schenken eine _Kunst_
+ist und die letzte listigste Meister-Kunst der Güte."
+
+"Sonderlich heutzutage, antwortete der freiwillige Bettler: heute
+nämlich, wo alles Niedrige aufständisch ward und scheu und auf seine
+Art hoffährtig: nämlich auf Pöbel-Art.
+
+Denn es kam die Stunde, du weisst es ja, für den grossen schlimmen
+langen langsamen Pöbel- und Sklaven-Aufstand: der wächst und wächst!
+
+Nun empört die Niedrigen alles Wohlthun und kleine Weggeben; und die
+Überreichen mögen auf der Hut sein!
+
+Wer heute gleich bauchichten Flaschen tröpfelt aus allzuschmalen
+Hälsen: - solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.
+
+Lüsterne Gier, gallichter Neid, vergrämte Rachsucht, Pöbel-Stolz: das
+sprang mir Alles in's Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen
+selig sind. Das Himmelreich aber ist bei den Kühen."
+
+Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend,
+während er den Kühen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich
+anschnauften.
+
+"Was versuchst du mich? antwortete dieser. Du weisst es selber besser
+noch als ich. Was trieb mich doch zu den Ärmsten, oh Zarathustra? War
+es nicht der Ekel vor unsern Reichsten?
+
+- vor den Sträflingen des Reichthums, welche sich ihren Vortheil aus
+jedem Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem
+Gesindel, das gen Himmel stinkt,
+
+- vor diesem vergüldeten verfälschten Pöbel, dessen Väter Langfinger
+oder Aasvögel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfährig,
+lüstern, vergesslich: - sie haben's nämlich alle nicht weit zur Hure -
+
+Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch `Arm` und `Reich`! Diesen
+Unterschied verlernte ich, - da floh ich davon, weiter, immer weiter,
+bis ich zu diesen Kühen kam."
+
+Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte
+bei seinen Worten: also dass die Kühe sich von Neuem wunderten.
+Zarathustra aber sah ihm immer mit Lächeln in's Gesicht, als er so
+hart redete, und schüttelte dazu schweigend den Kopf.
+
+"Du thust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte
+brauchst. Für solche Härte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.
+
+Auch, wie mich dünkt, dein Magen selber nicht: _dem_ widersteht all
+solches Zürnen und Hassen und Überschäumen. Dein Magen will sanftere
+Dinge: du bist kein Fleischer.
+
+Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht
+malmst du Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold
+und liebst den Honig."
+
+"Du erriethst mich gut, antwortete der freiwillige Bettler, mit
+erleichtertem Herzen. Ich liebe den Honig, ich malme auch Körner, denn
+ich suchte, was lieblich mundet und reinen Athem macht:
+
+- auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk für sanfte
+Müssiggänger und Tagediebe.
+
+Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das
+Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller
+schweren Gedanken, welche das Herz blähn."
+
+"- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch _meine_ Thiere sehn,
+meinen Adler und meine Schlange, - ihres Gleichen giebt es heute nicht
+auf Erden.
+
+Siehe, dorthin führt der Weg zu meiner Höhle: sei diese Nacht ihr
+Gast. Und rede mit meinen Thieren vom Glück der Thiere, -
+
+- bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Nothschrei Mich
+eilig weg von dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen
+Waben-Goldhonig: den iss!
+
+Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Kühen, du Wunderlicher!
+Lieblicher! ob es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine
+wärmsten Freunde und Lehrmeister!" -
+
+"- Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe, antwortete der
+freiwillige Bettler. Du selber bist gut und besser noch als eine Kuh,
+oh Zarathustra!"
+
+"Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler! schrie Zarathustra mit
+Bosheit, was verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?"
+
+"Fort, fort von mir!" schrie er noch Ein Mal und schwang seinen Stock
+nach dem zärtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.
+
+
+
+Der Schatten
+
+Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra
+wieder mit sich allein, da hörte er hinter sich eine neue Stimme: die
+rief "Halt! Zarathustra! So warte doch! Ich bin's ja, oh Zarathustra,
+ich, dein Schatten!" Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein
+plötzlicher Verdruss überkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrängs
+in seinen Bergen. "Wo ist meine Einsamkeit hin? sprach er.
+
+Es wird mir wahrlich zu viel; diess Gebirge wimmelt, mein Reich ist
+nicht mehr von _dieser_ Welt, ich brauche neue Berge.
+
+Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir
+nachlaufen! ich - laufe ihm davon." -
+
+Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber Der,
+welcher hinter ihm war, folgte ihm nach: so dass alsbald drei Laufende
+hinter einander her waren, nämlich voran der freiwillige Bettler,
+dann Zarathustra und zudritt und -hinterst sein Schatten. Nicht lange
+liefen sie so, da kam Zarathustra zur Besinnung über seine Thorheit
+und schüttelte mit Einem Rucke allen Verdruss und Überdruss von sich.
+
+"Wie! sprach er, geschahen nicht von je die lächerlichsten Dinge bei
+uns alten Einsiedlern und Heiligen?
+
+Wahrlich, meine Thorheit wuchs hoch in den Bergen! Nun höre ich sechs
+alte Narren-Beine hinter einander her klappern!
+
+Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten fürchten? Auch
+dünkt mich zu guterletzt, dass er längere Beine hat als ich."
+
+Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb
+stehen und drehte sich schnell herum - und siehe, fast warf er dabei
+seinen Nachfolger und Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm
+derselbe auf den Fersen, und so schwach war er auch. Als er ihn
+nämlich mit Augen prüfte, erschrak er wie vor einem plötzlichen
+Gespenste: so dünn, schwärzlich, hohl und überlebt sah dieser
+Nachfolger aus.
+
+"Wer bist du? fragte Zarathustra heftig, was treibst du hier? Und
+wesshalb heissest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht."
+
+"Vergieb mir, antwortete der Schatten, dass ich's bin; und wenn ich
+dir nicht gefalle, wohlan, oh Zarathustra! darin lobe ich dich und
+deinen guten Geschmack.
+
+Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng:
+immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir
+wahrlich wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht
+ewig, und auch nicht Jude bin.
+
+Wie? Muss ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt,
+unstät, fortgetrieben? Oh Erde, du wardst mir zu rund!
+
+Auf jeder Oberfläche sass ich schon, gleich müdem Staube schlief ich
+ein auf Spiegeln und Fensterscheiben: Alles nimmt von mir, Nichts
+giebt, ich werde dünn, - fast gleiche ich einem Schatten.
+
+Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach, und,
+verbarg ich mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten:
+wo du nur gesessen hast, sass ich auch.
+
+Mit dir bin ich in fernsten, kältesten Welten umgegangen, einem
+Gespenste gleich, das freiwillig über Winterdächer und Schnee läuft.
+
+Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn
+irgend Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote
+Furcht hatte.
+
+Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine
+und Bilder warf ich um, den gefährlichsten Wünschen lief ich nach, -
+wahrlich, über jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.
+
+Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werthe und grosse
+Namen. Wenn der Teufel sich häutet, fällt da nicht auch sein Name ab?
+der ist nämlich auch Haut. Der Teufel selber ist vielleicht - Haut.
+
+`Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt`: so sprach ich mir zu. In die
+kältesten Wasser stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft
+stand ich darob nackt als rother Krebs da!
+
+Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die
+Guten! Ach, wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besass,
+die Unschuld der Guten und ihrer edlen Lügen!
+
+Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fusse: da trat
+sie mir vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lügen, und siehe! da erst
+traf ich - die Wahrheit.
+
+Zu Viel klärte sich mir auf: nun geht es mich Nichts mehr an. Nichts
+lebt mehr, das ich liebe, - wie sollte ich noch mich selber lieben?
+
+`Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben`: so will ich's, so
+will's auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe _ich_ noch - Lust?
+
+Habe _ich_ - noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem _mein_ Segel läuft?
+
+Einen guten Wind? Ach, nur wer weiss, _wohin_ er fährt, weiss auch,
+welcher Wind gut und sein Fahrwind ist.
+
+Was blieb mir noch zurück? Ein Herz müde und frech; ein unstäter
+Wille; Flatter-Flügel; ein zerbrochnes Rückgrat.
+
+Diess Suchen nach _meinem_ Heim: oh Zarathustra, weisst du wohl, diess
+Suchen war _meine_ Heimsuchung, es frisst mich auf.
+
+`Wo ist - _mein_ Heim?` Darnach frage und suche und suchte ich, das
+fand ich nicht. Oh ewiges Überall, oh ewiges Nirgendwo, oh ewiges -
+Umsonst!"
+
+Also sprach der Schatten, und Zarathustra's Gesicht verlängerte sich
+bei seinen Worten. "Du bist mein Schatten! sagte er endlich, mit
+Traurigkeit.
+
+Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du
+hast einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein
+schlimmerer Abend kommt!
+
+Solchen Unstäten, wie du, dünkt zuletzt auch ein Gefängniss selig.
+Sahst du je, wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig,
+sie gemessen ihre neue Sicherheit.
+
+Hüte dich, dass dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfängt,
+ein harter, strenger Wahn! Dich nämlich verführt und versucht nunmehr
+Jegliches, das eng und fest ist.
+
+Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust
+verscherzen und verschmerzen? Damit - hast du auch den Weg verloren!
+
+Du armer Schweifender, Schwärmender, du müder Schmetterling! willst du
+diesen Abend eine Rast und Heimstätte haben? So gehe hinauf zu meiner
+Höhle!
+
+Dorthin führt der Weg zu meiner Höhle. Und jetzo will ich Schnell
+wieder von dir davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.
+
+Ich will allein laufen, dass es wieder hell um mich werde. Dazu muss
+ich noch lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei
+mir - getanzt!" - -
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Mittags
+
+- Und Zarathustra lief und lief und fand Niemanden mehr und war allein
+und fand immer wieder sich und genoss und schlürfte seine Einsamkeit
+und dachte an gute Dinge, - stundenlang. Um die Stunde des Mittags
+aber, als die Sonne gerade über Zarathustra's Haupte stand, kam er an
+einem alten krummen und knorrichten Baume vorbei, der von der reichen
+Liebe eines Weinstocks rings umarmt und vor sich selber verborgen war:
+von dem hiengen gelbe Trauben in Fülle dem Wandernden entgegen. Da
+gelüstete ihn, einen kleinen Durst zu löschen und sich eine Traube
+abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu ausstreckte, da
+gelüstete ihn etwas Anderes noch mehr: nämlich sich neben den Baum
+niederzulegen, um die Stunde des vollkommnen Mittags, und zu schlafen.
+
+Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der
+Stille und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen
+kleinen Durst vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort
+Zarathustra's sagt: Eins ist nothwendiger als das Andre. Nur dass
+seine Augen offen blieben: - sie wurden nämlich nicht satt, den Baum
+und die Liebe des Weinstocks zu sehn und zu preisen. Im Einschlafen
+aber sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:
+
+Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir
+doch?
+
+Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht,
+federleicht: so - tanzt der Schlaf auf mir,
+
+Kein Auge drückt er mir zu, die Seele lässt er mir wach. Leicht ist
+er, wahrlich! federleicht.
+
+Er überredet mich, ich weiss nicht wie?, er betupft mich innewendig
+mit schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, dass
+meine Seele sich ausstreckt: -
+
+- wie sie mir lang und müde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr
+eines siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange
+schon selig zwischen guten und reifen Dingen?
+
+Sie streckt sich lang aus, lang, - länger! sie liegt stille, meine
+wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese.
+goldene Traurigkeit drückt sie, sie verzieht den Mund.
+
+- Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief: - nun lehnt es
+sich an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist
+die Erde nicht treuer?
+
+Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt: - da genügt's,
+dass eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner
+stärkeren Taue bedarf es da.
+
+Wie solch ein müdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich
+nun der Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fäden
+ihr angebunden.
+
+Oh Glück! Oh Glück! Willst du wohl singen, oh meine Seele? Du liegst
+im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt
+seine Flöte bläst.
+
+Scheue dich! Heisser Mittag schläft auf den Fluren. Singe. nicht!
+Still! Die Welt ist vollkommen.
+
+Singe nicht, du Gras-Geflügel, oh meine Seele! Flüstere nicht einmal!
+Sieh doch - still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt
+er nicht eben einen Tropfen Glücks -
+
+- einen alten braunen Tropfen goldenen Glücks, goldenen Weins? Es
+huscht über ihn hin, sein Glück lacht. So - lacht ein Gott. Still! -
+
+- "Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!" So sprach ich einst,
+und dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: _das_ lernte ich
+nun. Kluge Narrn reden besser.
+
+Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse
+Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blidk - _Wenig_ macht die
+Art des _besten_ Glücks. Still!
+
+- Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht?
+Fiel ich nicht - horch! in den Brunnen der Ewigkeit?
+
+- Was geschieht mir? Still! Es sticht mich - wehe - in's Herz? In's
+Herz! Oh zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem
+Stiche!
+
+- Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? Oh des
+goldenen runden Reifs - wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach!
+Husch!
+
+Still - - (und hier dehnte sich Zarathustra und fühlte, dass er
+schlafe.) -
+
+Auf! sprach er zu sich selber, du Schläfer! Du Mittagsschläfer!
+Wohlan, wohlauf, ihr alten Beine! Zeit ist's und Überzeit, manch gut
+Stück Wegs blieb euch noch zurück -
+
+Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit!
+Wohlan, wohlauf nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach
+solchem Schlaf - dich auswachen?
+
+(Aber da schlief er schon von Neuem ein, und seine Seele sprach gegen
+ihn und wehrte sich und legte sich wieder hin) - "Lass mich doch!
+Still! Ward nicht die Welt eben vollkommen? Oh des goldnen runden
+Balls!" -
+
+"Steh auf, sprach Zarathustra, du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie?
+Immer noch sich strecken, gähnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe
+Brunnen?
+
+Wer bist du doch! Oh meine Seele!" (und hier erschrak er, denn ein
+Sonnenstrahl fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht)
+
+"Oh Himmel über mir, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, du
+schaust mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?
+
+Wann trinkst du diesen Tropfen Thau's, der auf alle Erden-Dinge
+niederfiel, - wann trinkst du diese wunderliche Seele -
+
+- wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher
+Mittags-Abgrund! wann trinkst du meine Seele in dich zurück?"
+
+Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie
+aus einer fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer
+noch gerade über seinem Haupte. Es möchte aber Einer daraus mit Recht
+abnehmen, dass Zarathustra damals nicht lange geschlafen habe.
+
+
+
+Die Begrüssung
+
+Am späten Nachmittage war es erst, dass Zarathustra, nach langem
+umsonstigen Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner Höhle heimkam.
+Als er aber derselben gegenüberstand, nicht zwanzig Schritt mehr von
+ihr ferne, da geschah das, was er jetzt am wenigsten erwartete: von
+Neuem hörte er den grossen _Nothschrei_. Und, erstaunlich! diess
+Mal kam derselbige aus seiner eignen Höhle. Es war aber ein langer
+vielfältiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich,
+dass er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus
+der Ferne gehört, gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.
+
+Da sprang Zarathustra auf seine Höhle zu, und siehe! welches
+Schauspiel erwartete ihn erst nach diesem Hörspiele! Denn da sassen
+sie allesammt bei einander, an denen er des Tags vorübergegangen war:
+der König zur Rechten und der König zur Linken, der alte Zauberer,
+der Papst, der freiwillige Bettler, der Schatten, der Gewissenhafte
+des Geistes, der traurige Wahrsager und der Esel; der hässlichste
+Mensch aber hatte sich eine Krone aufgesetzt und zwei Purpurgürtel
+umgeschlungen, - denn er liebte es, gleich allen Hässlichen, sich
+zu verkleiden und schön zu thun. Inmitten aber dieser betrübten
+Gesellschaft stand der Adler Zarathustra's, gesträubt und unruhig,
+denn er sollte auf zu Vieles antworten, wofür sein Stolz keine Antwort
+hatte; die kluge Schlange aber hieng um seinen Hals.
+
+Diess Alles schaute Zarathustra mit grosser Verwunderung; dann prüfte
+er jeden Einzelnen seiner Gäste mit leutseliger Neugierde, las ihre
+Seelen ab und wunderte sich von Neuem. Inzwischen hatten sich die
+Versammelten von ihren Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, dass
+Zarathustra reden werde. Zarathustra aber sprach also:
+
+"Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich hörte also _euren_
+Nothschrei? Und nun weiss ich auch, wo Der zu suchen ist, den ich
+umsonst heute suchte: der höhere Mensch -:
+
+- in meiner eignen Höhle sitzt er, der höhere Mensch! Aber was wundere
+ich mich! Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt durch Honig-Opfer
+und listige Lockrufe meines Glücks?
+
+Doch dünkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht
+einander das Herz unwirsch, ihr Nothschreienden, wenn ihr hier
+beisammen sitzt? Es muss erst Einer kommen,
+
+- Einer, der euch wieder lachen macht, ein guter fröhlicher Hanswurst,
+ein Tänzer und Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr: - was dünket
+euch?
+
+Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, dass ich vor euch mit solch
+kleinen Worten rede, unwürdig, wahrlich!, solcher Gäste! Aber ihr
+errathet nicht, _was_ mein Herz muthwillig macht: -
+
+- ihr selber thut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nämlich
+wird muthig, der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden
+zuzusprechen - dazu dünkt sich jeder stark genug.
+
+Mir selber gabt ihr diese Kraft, - eine gute Gabe, meine hohen Gäste!
+Ein rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so zürnt nun nicht, dass ich
+euch auch vom Meinigen anbiete.
+
+Diess hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, für
+diesen Abend und diese Nacht soll es euer sein. Meine Thiere sollen
+euch dienen: meine Höhle sei eure Ruhestatt!
+
+Bei mir zu Heim-und-Hause soll Keiner verzweifeln, in meinem Reviere
+schütze ich jeden vor seinen wilden Thieren. Und das ist das Erste,
+was ich euch anbiete: Sicherheit!
+
+Das Zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr _den_ erst, so
+nehmt nur noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen
+hier, willkommen, meine Gastfreunde!"
+
+Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach
+dieser Begrüssung verneigten sich seine Gäste abermals und schwiegen
+ehrfürchtig; der König zur Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.
+
+"Daran, oh Zarathustra, wie du uns Hand und Gruss botest, erkennen wir
+dich als Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast thatest du
+unserer Ehrfurcht wehe -:
+
+- wer aber vermochte gleich dir sich mit solchem Stolze zu
+erniedrigen? _Das_ richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern
+Augen und Herzen.
+
+Diess allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf höhere Berge, als
+dieser Berg ist. Als Schaulustige nämlich kamen wir, wir wollten sehn,
+was trübe Augen hell macht.
+
+Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Nothschrein. Schon
+steht Sinn und Herz uns offen und ist entzückt. Wenig fehlt: und unser
+Muth wird muthwillig.
+
+Nichts, oh Zarathustra, wächst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher
+starker Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft
+erquickt sich an Einem solchen Baume.
+
+Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwächst:
+lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich, -
+
+- zuletzt aber hinausgreifend mit starken grünen Ästen nach _seiner_
+Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer
+auf Höhen heimisch ist,
+
+- stärker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte
+nicht, solche Gewächse zu schaun, auf hohe Berge steigen?
+
+Deines Baumes hier, oh Zarathustra, erlabt sich auch der Düstere, der
+Missrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstäte sicher und heilt
+sein Herz.
+
+Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele
+Augen; eine grosse Sehnsucht hat sich aufgemacht, und Manche lernten
+fragen: wer ist Zarathustra?
+
+Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig in's Ohr geträufelt: alle
+die Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler sprachen mit Einem
+Male zu ihrem Herzen:
+
+`Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, Alles ist
+gleich, Alles ist umsonst: oder - wir müssen mit Zarathustra leben!`
+
+`Warum kommt er nicht, der sich so lange ankündigte? also fragen
+Viele; verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm
+kommen?`
+
+Nun geschieht's, dass die Einsamkeit selber mürbe wird und zerbricht,
+einem Grabe gleich, das zerbricht und seine Todten nicht mehr halten
+kann. Überall sieht man Auferstandene.
+
+Nun steigen und steigen die Wellen um deinen Berg, oh Zarathustra. Und
+wie hoch auch deine Höhe ist, Viele müssen zu dir hinauf; dein Nachen
+soll nicht lange mehr im Trocknen sitzen.
+
+Und dass wir Verzweifelnde jetzt in deine Höhle kamen und schon nicht
+mehr verzweifeln: ein Wahr- und Vorzeichen ist es nur, davon, dass
+Bessere zu dir unterwegs sind, -
+
+- denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter
+Menschen, das ist: alle die Menschen der grossen Sehnsucht, des
+grossen Ekels, des grossen Überdrusses,
+
+- Alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder _hoffen_ - oder
+sie lernen von dir, oh Zarathustra, die _grosse_ Hoffnung!"
+
+Also sprach der König zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustra's,
+um sie zu küssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat
+erschreckt zurück, schweigend und plötzlich wie in weite Fernen
+entfliehend. Nach einer kleinen Weile aber war er schon wieder bei
+seinen Gästen, blickte sie mit hellen, prüfenden Augen an und sprach:
+
+Meine Gäste, ihr höheren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit
+euch reden. Nicht auf _euch_ wartete ich hier in diesen Bergen.
+
+("Deutsch und deutlich? Dass Gott erbarm! sagte hier der König zur
+Linken, bei Seite; man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht,
+dieser Weise aus dem Morgenlande!
+
+Aber er meint `deutsch und derb` - wohlan! Das ist heutzutage noch
+nicht der schlimmste Geschmack!")
+
+"Ihr mögt wahrlich insgesammt höhere Menschen sein, fuhr Zarathustra
+fort: aber für mich - seid ihr nicht hoch und stark genug.
+
+Für mich, das heisst: für das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber
+nicht immer schweigen wird. Und gehört ihr zu mir, so doch nicht als
+mein rechter Arm.
+
+Wer nämlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich
+euch, der will vor Allem, ob er's weiss oder sich verbirgt: dass er
+_geschont_ werde.
+
+Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, ich schone meine
+Krieger nicht: wieso könntet ihr zu _meinem_ Kriege taugen?
+
+Mit euch verdürbe ich mir jeden Sieg noch. Und Mancher von euch fiele
+schon um, wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln hörte.
+
+Auch seid ihr mir nicht schön genug und wohlgeboren. Ich brauche reine
+glatte Spiegel für meine Lehren; auf eurer Oberfläche verzerrt sich
+noch mein eignes Bildniss.
+
+Eure Schultern drückt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer
+Zwerg hockt in euren Winkeln. Es giebt verborgenen Pöbel auch in euch.
+
+Und seid ihr auch hoch und höherer Art: Vieles an euch ist krumm und
+missgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und
+gerade schlüge.
+
+Ihr seid nur Brücken: mögen Höhere auf euch hinüber schreiten! Ihr
+bedeutet Stufen: so zürnt Dem nicht, der über euch hinweg in _seine_
+Höhe steigt!
+
+Aus eurem Samen mag auch mir einst ein ächter Sohn und vollkommener
+Erbe wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid Die nicht, welchen
+mein Erbgut und Name zugehört.
+
+Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf
+ich zum letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur,
+dass schon Höhere zu mir unterwegs sind, -
+
+- _nicht_ die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des
+grossen Überdrusses und Das, was ihr den Überrest Gottes nanntet.
+
+- Nein! Nein! Drei Mal Nein! Auf _Andere_ warte ich hier in diesen
+Bergen und will meinen Fuss nicht ohne sie von dannen heben,
+
+- auf Höhere, Stärkere, Sieghaftere, Wohlgemuthere, Solche, die
+rechtwinklig gebaut sind an Leib und Seele: _lachende_Löwen_ müssen
+kommen!
+
+Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen, - hörtet ihr noch Nichts von
+meinen Kindern? Und dass sie zu mir unterwegs sind?
+
+Sprecht mir doch von meinen Gärten, von meinen glückseligen Inseln,
+von meiner neuen schönen Art, - warum sprecht ihr mir nicht davon?
+
+Diess Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, dass ihr mir von
+meinen Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was
+gab ich nicht hin,
+
+- was gäbe ich nicht hin, dass ich Eins hätte: _diese_ Kinder, _diese_
+lebendige Pflanzung, _diese_ Lebensbäume meines Willens und meiner
+höchsten Hoffnung!"
+
+Also sprach Zarathustra und hielt plötzlich inne in seiner Rede: denn
+ihn überfiel seine Sehnsucht, und er schloss Augen und Mund vor der
+Bewegung seines Herzens. Und auch alle seine Gäste schwiegen und
+standen still und bestürzt: nur dass der alte Wahrsager mit Händen und
+Gebärden Zeichen gab.
+
+
+
+Das Abendmahl
+
+An dieser Stelle nämlich unterbrach der Wahrsager die Begrüssung
+Zarathustra's und seiner Gäste: er drängte sich vor, wie Einer, der
+keine Zeit zu verlieren hat, fasste die Hand Zarathustra's und rief:
+"Aber Zarathustra!
+
+Eins ist nothwendiger als das Andre, so redest du selber: wohlan, Eins
+ist _mir_ jetzt nothwendiger als alles Andere.
+
+Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum _Mahle_ eingeladen?
+Und hier sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht
+mit Reden abspeisen?
+
+Auch gedachtet ihr Alle mir schon zu viel des Erfrierens, Ertrinkens,
+Erstickens und andrer Leibes-Nothstände: Keiner aber gedachte _meines_
+Nothstandes, nämlich des Verhungerns -"
+
+(Also sprach der Wahrsager; wie die Thiere Zarathustra's aber diese
+Worte hörten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, dass
+was sie auch am Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den
+Einen Wahrsager zu stopfen.)
+
+"Eingerechnet das Verdursten, fuhr der Wahrsager fort. Und ob ich
+schon Wasser hier plätschern höre, gleich Reden der Weisheit, nämlich
+reichlich und unermüdlich: ich - will _Wein_!
+
+Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser
+taugt auch nicht für Müde und Verwelkte: _uns_ gebührt Wein, - _der_
+erst giebt plötzliches Genesen und stegreife Gesundheit!"
+
+Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah
+es, dass auch der König zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte
+kam. "Für Wein, sprach er, trugen _wir_ Sorge, ich sammt meinem
+Bruder, dem Könige zur Rechten: wir haben Weins genug, - einen ganzen
+Esel voll. So fehlt Nichts als Brod."
+
+"Brod? entgegnete Zarathustra und lachte dazu. Nur gerade Brod haben
+Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brod allein, sondern
+auch vom Fleische guter Lämmer, deren ich zwei habe:
+
+- _Die_ soll man geschwinde schlachten und würzig, mit Salbei,
+zubereiten: so liebe ich's. Und auch an Wurzeln und Früchten fehlt es
+nicht, gut genug selbst für Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nüssen
+und andern Räthseln zum Knacken.
+
+Also wollen wir in Kürze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen
+will, muss auch mit Hand anlegen, auch die Könige. Bei Zarathustra
+nämlich darf auch ein König Koch sein."
+
+Mit diesem Vorschlage war Allen nach dem Herzen geredet: nur dass der
+freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und Würzen sträubte.
+
+"Nun hört mir doch diesen Schlemmer Zarathustra! sagte er scherzhaft:
+geht man dazu in Höhlen und Hoch-Gebirge, dass man solche Mahlzeiten
+macht?
+
+Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: `Gelobt sei die
+kleine Armuth!` Und warum er die Bettler abschaffen will."
+
+"Sei guter Dinge, antwortete ihm Zarathustra, wie ich es bin. Bleibe
+bei deiner Sitte, du Trefflicher, malme deine Körner, trink dein
+Wasser, lobe deine Küche: wenn sie dich nur fröhlich macht!
+
+Ich bin ein Gesetz nur für die Meinen, ich bin kein Gesetz für Alle.
+Wer aber zu mir gehört, der muss von starken Knochen sein, auch von
+leichten Füssen, -
+
+- lustig zu Kriegen und Festen, kein Düsterling, kein Traum-Hans,
+bereit zum Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.
+
+Das Beste gehört den Meinen und mir; und giebt man's uns nicht, so
+nehmen wir's: - die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die stärksten
+Gedanken, die schönsten Fraun!" -
+
+Also sprach Zarathustra; der König zur Rechten aber entgegnete:
+"Seltsam! Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines
+Weisen?
+
+Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu
+alledem auch noch klug und kein Esel ist."
+
+Also sprach der König zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber
+sagte zu seiner Rede mit bösem Willen I-A. Diess aber war der
+Anfang von jener langen Mahlzeit, welche "das Abendmahl" in den
+Historien-Büchern genannt wird. Bei derselben aber wurde von nichts
+Anderem geredet als _vom_höheren_Menschen_.
+
+
+
+Vom höheren Menschen
+
+1.
+
+Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die
+Einsiedler-Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den
+Markt.
+
+Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber
+waren Seiltänzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast
+ein Leichnam.
+
+Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich
+sprechen "Was geht mich Markt und Pöbel und Pöbel-Lärm und lange
+Pöbel-Ohren an!"
+
+Ihr höheren Menschen, Diess lernt von mir: auf dem Markt glaubt
+Niemand an höhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der
+Pöbel aber blinzelt "wir sind Alle gleich."
+
+"Ihr höheren Menschen, - so blinzelt der Pöbel - es giebt keine
+höheren Menschen, wir sind Alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott -
+sind wir Alle gleich!"
+
+Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pöbel aber wollen wir
+nicht gleich sein. Ihr höheren Menschen, geht weg vom Markt!
+
+
+2.
+
+Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott! Ihr höheren Menschen, dieser
+Gott war eure grösste Gefahr.
+
+Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst
+kommt der grosse Mittag, nun erst wird der höhere Mensch - Herr!
+
+Verstandet ihr diess Wort, oh meine Brüder? Ihr seid erschreckt: wird
+euren Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Kläfft euch
+hier der Höllenhund?
+
+Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen! Nun erst kreisst der Berg der
+Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen _wir_, - dass der Übermensch
+lebe.
+
+
+3.
+
+Die Sorglichsten fragen heute: "wie bleibt der Mensch erhalten?"
+Zarathustra aber fragt als der Einzige und Erste: "wie wird der Mensch
+_überwunden_?"
+
+Der Übermensch liegt mir am Herzen, _der_ ist mein Erstes und
+Einziges, - und _nicht_ der Mensch: nicht der Nächste, nicht der
+Ärmste, nicht der Leidendste, nicht der Beste -
+
+Oh meine Brüder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, dass er ein
+Übergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich
+lieben und hoffen macht.
+
+Dass ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die
+grossen Verachtenden nämlich sind die grossen Verehrenden.
+
+Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet
+nicht, wie ihr euch ergäbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.
+
+Heute nämlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen Alle
+Ergebung und Bescheidung und Klugheit und Fleiss und Rücksicht und das
+lange Und-so-weiter der kleinen Tugenden.
+
+Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der
+Pöbel-Mischmasch: _Das_ will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals
+- oh Ekel! Ekel! Ekel!
+
+_Das_ frägt und frägt und wird nicht müde: "Wie erhält sich der
+Mensch, am besten, am längsten, am angenehmsten?" Damit - sind sie die
+Herrn von Heute.
+
+Diese Herrn von Heute überwindet mir, oh meine Brüder, - diese kleinen
+Leute: _die_ sind des Übermenschen grösste Gefahr!
+
+Überwindet mir, ihr höheren Menschen, die kleinen Tugenden, die
+kleinen Klugheiten, die Sandkorn-Rücksichten, den Ameisen-Kribbelkram,
+das erbärmliche Behagen, das "Glück der Meisten" -!
+
+Und lieber verzweifelt, als dass ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich
+liebe euch dafür, dass ihr heute nicht zu leben wisst, ihr höheren
+Menschen! So nämlich lebt _ihr_ - am Besten!
+
+
+4.
+
+Habt ihr Muth, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? _Nicht_ Muth vor
+Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr
+zusieht?
+
+Kalte Seelen, Maulthiere, Blinde, Trunkene heissen mir nicht herzhaft.
+Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht _zwingt_, er den Abgrund
+sieht, aber mit _Stolz_.
+
+Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, wer mit Adlers-Krallen
+den Abgrund _fasst_: Der hat Muth. - -
+
+
+5.
+
+"Der Mensch ist böse" - so sprachen mir zum Troste alle Weisesten.
+Ach, wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das Böse ist des Menschen
+beste Kraft.
+
+"Der Mensch muss besser und böser werden" - so lehre _ich_. Das
+Böseste ist nöthig zu des Übermenschen Bestem.
+
+Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt
+und trug an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der grossen
+Sünde als meines grossen _Trostes_. -
+
+Solches ist aber nicht für lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehört
+auch nicht in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen
+sollen nicht Schafs-Klauen greifen!
+
+
+6.
+
+Ihr höheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr
+schlecht machtet?
+
+Oder ich wollte fürderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch
+Unstäten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fusssteige zeigen?
+
+Nein! Nein! Drei Mal Nein! Immer Mehr, immer Bessere eurer Art sollen
+zu Grunde gehn, - denn ihr sollt es immer schlimmer und härter haben.
+So allein -
+
+- so allein wächst der Mensch in _die_ Höhe, wo der Blitz ihn trifft
+und zerbricht: hoch genug für den Blitz!
+
+Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine
+Sehnsucht: was gienge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!
+
+Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet
+noch nicht _am_Menschen_. Ihr würdet lügen, wenn ihr's anders sagtet!
+Ihr leidet Alle nicht, woran ich litt. - -
+
+
+7.
+
+Es ist mir nicht genug, dass der Blitz nicht mehr schadet. Nicht
+ableiten will ich ihn: er soll lernen für _mich_ - arbeiten. -
+
+Meine Weisheit sammlet sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird
+stiller und dunkler. So thut jede Weisheit, welche _einst_ Blitze
+gebären soll. -
+
+Diesen Menschen von Heute will ich nicht _Licht_ sein, nicht Licht
+heissen. _Die_ - will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! Stich ihnen
+die Augen aus!
+
+
+8.
+
+Wollt Nichts über euer Vermögen: es giebt eine schlimme Falschheit bei
+Solchen, die über ihr Vermögen wollen.
+
+Sonderlich, wenn sie grosse Dinge wollen! Denn sie wecken Misstrauen
+gegen grosse Dinge, diese feinen Falschmünzer und Schauspieler: -
+
+- bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schieläugig,
+übertünchter Wurmfrass, bemäntelt durch starke Worte, durch
+Aushänge-Tugenden, durch glänzende falsche Werke.
+
+Habt da eine gute Vorsicht, ihr höheren Menschen! Nichts nämlich gilt
+mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.
+
+Ist diess Heute nicht des Pöbels? Pöbel aber weiss nicht, was gross,
+was klein, was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der
+lügt immer.
+
+
+9.
+
+Habt heute ein gutes Misstrauen, ihr höheren Menschen, ihr Beherzten!
+Ihr Offenherzigen! Und haltet eure Gründe geheim! Diess Heute nämlich
+ist des Pöbels.
+
+Was der Pöbel ohne Gründe einst glauben lernte, wer könnte ihm durch
+Gründe Das - umwerfen?
+
+Und auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den
+Pöbel misstrauisch.
+
+Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem
+Misstrauen: "welch starker Irrthum hat für sie gekämpft?"
+
+Hütet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind
+unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder
+Vogel entfedert.
+
+Solche brüsten sich damit, dass sie nicht lügen: aber Ohnmacht zur
+Lüge ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Hütet euch!
+
+Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgekälteten
+Geistern glaube ich nicht. Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was
+Wahrheit ist.
+
+
+10.
+
+Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht
+empor _tragen_, setzt euch nicht auf fremde Rücken und Köpfe!
+
+Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem
+Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu
+Pferde!
+
+Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf
+deiner _Höhe_ gerade, du höherer Mensch - wirst du stolpern!
+
+
+11.
+
+Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Man ist nur für das eigne Kind
+schwanger.
+
+Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn _euer_ Nächster?
+Und handelt ihr auch "für den Nächsten", - ihr schafft doch nicht für
+ihn!
+
+Verlernt mir doch diess "Für", ihr Schaffenden: eure Tugend gerade
+will es, dass ihr kein Ding mit "für" und "um" und "weil" thut. Gegen
+diese falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.
+
+Das "für den Nächsten" ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst
+es "gleich und gleich" und "Hand wäscht Hand": - sie haben nicht Recht
+noch Kraft zu _eurem_ Eigennutz!
+
+In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und
+Vorsehung! Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und
+schont und nährt eure ganze Liebe.
+
+Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze
+Tugend! Euer Werk, euer Wille ist _euer_ "Nächster": lasst euch keine
+falschen Werthe einreden!
+
+
+12.
+
+Ihr Schaffenden, ihr höheren Menschen! Wer gebären muss, der ist
+krank; wer aber geboren hat, ist unrein.
+
+Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergnügen macht. Der
+Schmerz macht Hühner und Dichter gackern.
+
+Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet
+Mütter sein.
+
+Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei
+Seite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!
+
+
+13.
+
+Seid nicht tugendhaft über eure Kräfte! Und wollt Nichts von euch
+wider die Wahrscheinlichkeit!
+
+Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Väter Tugend gierig! Wie
+wolltet ihr hoch steigen, wenn nicht eurer Väter Wille mit euch
+steigt?
+
+Wer aber Erstling sein will, sehe zu, dass er nicht auch Letztling
+werde! Und wo die Laster eurer Väter sind, darin sollt ihr nicht
+Heilige bedeuten wollen!
+
+Wessen Väter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und
+Wildschweinen: was wäre es, wenn Der von sich Keuschheit wollte?
+
+Eine Narrheit wäre es! Viel, wahrlich, dünkt es mich für einen
+Solchen, wenn er Eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.
+
+Und stiftete er Klöster und schriebe über die Thür: "der Weg zum
+Heiligen," - ich spräche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!
+
+Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm's! Aber
+ich glaube nicht daran.
+
+In der Einsamkeit wächst, was Einer in sie bringt, auch das innere
+Vieh. Solchergestalt widerräth sich Vielen die Einsamkeit.
+
+Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wüsten-Heilige? _Um_die_
+herum war nicht nur der Teufel los, - sondern auch das Schwein.
+
+
+14.
+
+Scheu, beschämt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung
+missrieth: also, ihr höheren Menschen, sah ich oft euch bei Seite
+schleichen. Ein _Wurf_ missrieth euch.
+
+Aber, ihr Würfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen
+und spotten, wie man spielen und spotten muss! Sitzen wir nicht immer
+an einem grossen Spott- und Spieltische?
+
+Und wenn euch Grosses missrieth, seid ihr selber darum - missrathen?
+Und missriethet ihr selber, missrieth darum - der Mensch? Missrieth
+aber der Mensch: wohlan! wohlauf!
+
+
+15.
+
+Je höher von Art, je seltener geräth ein Ding. Ihr höheren Menschen
+hier, seid ihr nicht alle - missgerathen?
+
+Seid guten Muths, was liegt daran! Wie Vieles ist noch möglich! Lernt
+über euch selber lachen, wie man lachen muss!
+
+Was Wunders auch, dass ihr missriethet und halb geriethet, ihr
+Halb-Zerbrochenen! Drängt und stösst sich nicht in euch - des Menschen
+_Zukunft_?
+
+Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes, seine ungeheure
+Kraft: schäumt Das nicht alles gegen einander in eurem Topfe?
+
+Was Wunders, dass mancher Topf zerbricht! Lernt über euch lachen, wie
+man lachen muss! Ihr höheren Menschen, oh wie Vieles ist noch möglich!
+
+Und wahrlich, wie Viel gerieth schon! Wie reich ist diese Erde an
+kleinen guten vollkommenen Dingen, an Wohlgerathenem!
+
+Stellt kleine gute vollkommne Dinge um euch, ihr höheren Menschen!
+Deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.
+
+
+16.
+
+Welches war hier auf Erden bisher die grösste Sünde? War es nicht das
+Wort Dessen, der sprach: "Wehe Denen, die hier lachen!"
+
+Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur
+schlecht. Ein Kind findet hier noch Gründe.
+
+Der - liebte nicht genug: sonst hätte er auch uns geliebt, die
+Lachenden! Aber er hasste und höhnte uns, Heulen und Zähneklappern
+verhiess er uns.
+
+Muss man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das - dünkt mich ein
+schlechter Geschmack. Aber so that er, dieser Unbedingte. Er kam vom
+Pöbel.
+
+Und er selber liebte nur nicht genug: sonst hätte er weniger gezürnt,
+dass man ihn nicht liebe. Alle grosse Liebe _will_ nicht Liebe: - die
+will mehr.
+
+Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke
+Art, eine Pöbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den
+bösen Blick für diese Erde.
+
+Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben Schwere Füsse
+und schwüle Herzen: - sie wissen nicht zu tanzen. Wie möchte Solchen
+wohl die Erde leicht sein!
+
+
+17.
+
+Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen
+sie Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke, - alle
+guten Dinge lachen.
+
+Der Schritt verräth, ob Einer schon auf _seiner_ Bahn schreitet: so
+seht mich gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.
+
+Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da,
+starr, stumpf, steinern, eine Säule; ich liebe geschwindes Laufen.
+
+Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trübsal giebt: wer leichte
+Füsse hat, läuft über Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem
+Eise.
+
+Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch
+die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser
+noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
+
+
+18.
+
+Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
+mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen
+Anderen fand ich heute stark genug dazu.
+
+Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln
+winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig,
+ein Selig-Leichtfertiger: -
+
+Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein
+Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge
+liebt; ich selber setzte mir diese Krone auf!
+
+
+19.
+
+Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! Und vergesst mir auch
+die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser
+noch: ihr steht auch auf dem Kopf!
+
+Es giebt auch im Glück schweres Gethier, es giebt Plumpfüssler von
+Anbeginn. Wunderlich müht sie sich ab, einem Elephanten gleich, der
+sich müht auf dem Kopf zu stehn.
+
+Besser aber noch närrisch sein vor Glücke als närrisch vor Unglücke,
+besser plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit
+ab: auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten, -
+
+- auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch
+selbst, ihr höheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!
+
+So verlernt mir doch Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit! Oh wie
+traurig dünken mich heute des Pöbels Hanswürste noch! Diess Heute aber
+ist des Pöbels.
+
+
+20.
+
+Dem Winde thut mir gleich, wenn er aus seinen Berghöhlen stürzt: nach
+seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hüpfen
+unter seinen Fusstapfen.
+
+Der den Eseln Flügel giebt, der Löwinnen melkt, gelobt sei dieser gute
+unbändige Geist, der allem Heute und allem Pöbel wie ein Sturmwind
+kommt, -
+
+- der Distel- und Tiftelköpfen feind ist und allen welken Blättern und
+Unkräutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf
+Mooren und Trübsalen wie auf Wiesen tanzt!
+
+Der die Pöbel-Schwindhunde hasst und alles missrathene düstere
+Gezücht: gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende
+Sturm, welcher allen Schwarzsichtigen, Schwärsüchtigen Staub in die
+Augen bläst!
+
+Ihr höheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht
+tanzen, wie man tanzen muss - über euch hinweg tanzen! Was liegt
+daran, dass ihr missriethet!
+
+Wie Vieles ist noch möglich! So _lernt_ doch über euch hinweg lachen!
+Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergesst mir
+auch das gute Lachen nicht!
+
+Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
+Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr
+höheren Menschen, _lernt_ mir - lachen!
+
+
+
+Das Lied der Schwermuth
+
+1.
+
+Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner
+Höhle; mit den letzten Worten aber entschlüpfte er seinen Gästen und
+floh für eine kurze Weile in's Freie.
+
+"Oh reine Gerüche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber
+wo sind meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!
+
+Sagt mir doch, meine Thiere: diese höheren Menschen insgesammt -
+_riechen_ sie vielleicht nicht gut? Oh reine Gerüche um mich! Jetzo
+weiss und fühle ich erst, wie ich euch, meine Thiere, liebe."
+
+- Und Zarathustra sprach nochmals: "ich liebe euch, meine Thiere!" Der
+Adler aber und die Schlange drängten sich an ihn, als er diese Worte
+sprach, und sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei
+still beisammen und schnüffelten und schlürften mit einander die gute
+Luft. Denn die Luft war hier draussen besser als bei den höheren
+Menschen.
+
+
+2.
+
+Kaum aber hatte Zarathustra seine Höhle verlassen, da erhob sich der
+alte Zauberer, sah listig umher und sprach: "Er ist hinaus!
+
+Und schon, ihr höheren Menschen - dass ich euch mit diesem Lob- und
+Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber - schon fällt mich mein
+schlimmer Trug- und Zaubergeist an, mein schwermüthiger Teufel,
+
+- welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde:
+vergebt es ihm! Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade _seine_
+Stunde; umsonst ringe ich mit diesem bösen Geiste.
+
+Euch Allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mögt, ob ihr
+euch `die freien Geister` nennt oder `die Wahrhaftigen` oder `die
+Büsser des Geistes` oder `die Entfesselten` oder `die grossen
+Sehnsüchtigen` -
+
+- euch Allen, die ihr _am_grossen_Ekel_ leidet gleich mir, denen der
+alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt,
+- euch Allen ist mein böser Geist und Zauber-Teufel hold.
+
+Ich kenne euch, ihr höheren Menschen, ich kenne ihn, - ich kenne auch
+diesen Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er
+selber dünkt mich öfter gleich einer schönen Heiligen-Larve,
+
+- gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich
+mein böser Geist, der schwermüthige Teufel, gefällt: - ich liebe
+Zarathustra, so dünkt mich oft, um meines bösen Geistes Willen. -
+
+Aber schon fällt _der_ mich an und zwingt mich, dieser Geist der
+Schwermuth, dieser Abend-Dämmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr höheren
+Menschen, es gelüstet ihn -
+
+- macht nur die Augen auf! - es gelüstet ihn, _nackt_ zu kommen, ob
+männlich, ob weiblich, noch weiss ich's nicht: aber er kommt, er
+zwingt mich, wehe! macht eure Sinne auf!
+
+Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten
+Dingen; hört nun und seht, ihr höheren Menschen, welcher Teufel, ob
+Mann, ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermuth ist!"
+
+Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu
+seiner Harfe.
+
+
+3.
+
+Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thau's Tröstung Zur Erde
+niederquillt, Unsichtbar, auch ungehört: - Denn zartes Schuhwerk trägt
+Der Tröster Thau gleich allen Trost-Milden -: Gedenkst du da, gedenkst
+du, heisses Herz, Wie einst du durstetest, Nach himmlischen Thränen
+und Thau-Geträufel Versengt und müde durstetest, Dieweil auf gelben
+Gras-Pfaden Boshaft abendliche Sonnenblicke Durch schwarze Bäume um
+dich liefen, Blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.
+
+"Der _Wahrheit_ Freier? Du? - so höhnten sie - Nein! Nur ein Dichter!
+Ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, Das lügen muss,
+Das wissentlich, willentlich lügen muss: Nach Beute lüstern, Bunt
+verlarvt, Sich selber Larve, Sich selbst zur Beute - _Das_ - der
+Wahrheit Freier? Nein! Nur Narr! Nur Dichter! Nur Buntes redend, Aus
+Narren-Larven bunt herausschreiend, Herumsteigend auf lügnerischen
+Wort-Brücken, Auf bunten Regenbogen, Zwischen falschen Himmeln Und
+falschen Erden, Herumschweifend, herumschwebend, - _Nur_ Narr! _Nur_
+Dichter!
+
+_Das_ - der Wahrheit Freier? Nicht still, starr, glatt, kalt, Zum
+Bilde worden, Zur Gottes-Säule, Nicht aufgestellt vor Tempeln, Eines
+Gottes Thürwart: Nein! Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern, In
+jeder Wildniss heimischer als vor Tempeln, Voll Katzen-Muthwillens,
+Durch jedes Fenster springend Husch! in jeden Zufall, Jedem Urwalde
+zuschnüffelnd, Süchtig-sehnsüchtig zuschnüffelnd, Dass du in Urwäldern
+Unter buntgefleckten Raubthieren Sündlich-gesund und bunt und schön
+liefest, Mit lüsternen Lefzen, Selig-höhnisch, selig-höllisch,
+selig-blutgierig, Raubend, schleichend, lügend liefest: -
+
+Oder, dem Adler gleich, der lange, Lange starr in Abgründe blickt, In
+_seine_ Abgründe: - - Oh wie sie sich hier hinab, Hinunter, hinein,
+In immer tiefere Tiefen ringeln! - Dann, Plötzlich, geraden Zugs,
+Gezückten Flugs, Auf Lämmer stossen, Jach hinab, heisshungrig,
+Nach Lämmern lüstern, Gram allen Lamms-Seelen, Grimmig-gram
+Allem, was blickt Schafmässig, lammäugig, krauswollig, Grau, mit
+Lamms-Schafs-Wohlwollen!
+
+Also Adlerhaft, pantherhaft Sind des Dichters Sehnsüchte, Sind _deine_
+Sehnsüchte unter tausend Larven, Du Narr! Du Dichter!
+
+Der du den Menschen schautest So Gott als Schaf -: Den Gott
+_zerreissen_ im Menschen Wie das Schaf im Menschen, Und zerreisend
+_lachen_ -
+
+_Das_, _Das_ ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit!
+Eines Dichters und Narren Seligkeit!" - -
+
+Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Monds Sichel Grün zwischen
+Purpurröthen Und neidisch hinschleicht: - dem Tage feind, Mit jedem
+Schritte heimlich An Rosen-Hängematten Hinsichelnd, bis sie sinken,
+Nacht-abwärts blass hinabsinken:
+
+So sank ich selber einstmals Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne, Aus
+meinen Tages-Sehnsüchten, Des Tages müde, krank vom Lichte, - sank
+abwärts, abendwärts, schattenwärts: Von Einer Wahrheit Verbrannt und
+durstig: - gedenkst du noch, gedenkst du, heisses Herz, Wie da du
+durstetest? - Dass ich verbannt sei Von _aller_ Wahrheit, Nur Narr!
+Nur Dichter!
+
+
+
+Von der Wissenschaft
+
+Also sang der Zauberer; und Alle, die beisammen waren, giengen gleich
+Vögeln unvermerkt in das Netz seiner listigen und schwermüthigen
+Wollust. Nur der Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er
+nahm flugs dem Zauberer die Harfe weg und rief "Luft! Lasst gute Luft
+herein! Lass Zarathustra herein! Du machst diese Höhle schwül und
+giftig, du schlimmer alter Zauberer!
+
+Du verfährst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begierden und
+Wildnissen. Und wehe, wenn Solche, wie du, von der _Wahrheit_ Redens
+und Wesens machen!
+
+Wehe allen freien Geistern, welche nicht vor _solchen_ Zauberern auf
+der Hut sind! Dahin ist es mit ihrer Freiheit: du lehrst und lockst
+zurück in Gefängnisse, -
+
+- du alter schwermüthiger Teufel, aus deiner Klage klingt eine
+Lockpfeife, du gleichst Solchen, welche mit ihrem Lobe der Keuschheit
+heimlich zu Wollüsten laden!"
+
+Also sprach der Gewissenhafte; der alte Zauberer aber blickte um sich,
+genoss seines Sieges und verschluckte darüber den Verdruss, welchen
+ihm der Gewissenhafte machte. "Sei still! sagte er mit bescheidener
+Stimme, gute Lieder wollen gut wiederhallen; nach guten Liedern soll
+man lange schweigen.
+
+So thun es diese Alle, die höheren Menschen. Du aber hast wohl Wenig
+von meinem Lied verstanden? In dir ist Wenig von einem Zaubergeiste."
+
+"Du lobst mich, entgegnete der Gewissenhafte, indem du mich von dir
+abtrennst, wohlan! Aber ihr Anderen, was sehe ich? Ihr sitzt alle noch
+mit lüsternen Augen da -:
+
+Ihr freien Seelen, wohin ist eure Freiheit! Fast, dünkt mich's,
+gleicht ihr Solchen, die lange schlimmen tanzenden nackten Mädchen
+zusahn: eure Seelen tanzen selber!
+
+In euch, ihr höheren Menschen, muss Mehr von Dem sein, was der
+Zauberer seinen bösen Zauber- und Truggeist nennt: - wir müssen wohl
+verschieden sein.
+
+Und wahrlich, wir sprachen und dachten genug mitsammen, ehe
+Zarathustra heimkam zu seiner Höhle, als dass ich nicht wüsste: wir
+_sind_ verschieden.
+
+Wir _suchen_ Verschiednes auch hier oben, ihr und ich. Ich nämlich
+suche _mehr_Sicherheit_, desshalb kam ich zu Zarathustra. Der nämlich
+ist noch der festeste Thurm und Wille -
+
+- heute, wo Alles wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich
+eure Augen sehe, die ihr macht, fast dünkt mich's, ihr sucht mehr
+_Unsicherheit_,
+
+- mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gelüstet, fast dünkt
+mich's so, vergebt meinem Dünkel, ihr höheren Menschen -
+
+- euch gelüstet nach dem schlimmsten gefährlichsten Leben, das _mir_
+am meisten Furcht macht, nach dem Leben wilder Thiere, nach Wäldern,
+Höhlen, steilen Bergen und Irr- Schlünden.
+
+Und nicht die Führer _aus_ der Gefahr gefallen euch am besten,
+sondern die euch von allen Wegen abführen, die Verführer. Aber, wenn
+solch Gelüsten an euch _wirklich_ ist, so dünkt es mich trotzdem
+_unmöglich_.
+
+Furcht nämlich - das ist des Menschen Erb- und Grundgefühl; aus der
+Furcht erklärt sich jegliches, Erbsünde und Erbtugend. Aus der Furcht
+wuchs auch _meine_ Tugend, die heisst: Wissenschaft.
+
+Die Furcht nämlich vor wildem Gethier - die wurde dem Menschen am
+längsten angezüchtet, einschliesslich das Thier, das er in sich selber
+birgt und fürchtet: - Zarathustra heisst es `das innere Vieh`.
+
+Solche lange alte Furcht, endlich fein geworden, geistlich, geistig -
+heute, dünkt mich, heisst sie: Wissenschaft." -
+
+Also sprach der Gewissenhafte; aber Zarathustra, der eben in seine
+Höhle zurückkam und die letzte Rede gehört und errathen hatte, warf
+dem Gewissenhaften eine Hand voll Rosen zu und lachte ob seiner
+"Wahrheiten". "Wie! rief er, was hörte ich da eben? Wahrlich, mich
+dünkt, du bist ein Narr oder ich selber bin's: und deine `Wahrheit`
+stelle ich rucks und flugs auf den Kopf.
+
+_Furcht_ nämlich - ist unsre Ausnahme. Muth aber und Abenteuer und
+Lust am Ungewissen, am Ungewagten, - _Muth_ dünkt mich des Menschen
+ganze Vorgeschichte.
+
+Den wildesten muthigsten Thieren hat er alle ihre Tugenden abgeneidet
+und abgeraubt: so erst wurde er - zum Menschen.
+
+_Dieser_ Muth, endlich fein geworden, geistlich, geistig, dieser
+Menschen-Muth mit Adler-Flügeln und Schlangen-Klugheit: _der_, dünkt
+mich, heisst heute -"
+
+"Zarathustra"! schrien Alle, die beisammen sassen, wie aus Einem Munde
+und machten dazu ein grosses Gelächter; es hob sich aber von ihnen wie
+eine schwere Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit:
+"Wohlan! Er ist davon, mein böser Geist!
+
+Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, dass er
+ein Betrüger sei, ein Lug- und Truggeist?
+
+Sonderlich nämlich, wenn er sich nackend zeigt. Aber was kann _ich_
+für seine Tücken! Habe _ich_ ihn und die Welt geschaffen?
+
+Wohlan! Seien wir wieder gut und guter Dinge! Und ob schon Zarathustra
+böse blickt - seht ihn doch! er ist mir gram -:
+
+- bevor die Nacht kommt, lernt er wieder, mich lieben und loben, er
+kann nicht lange leben, ohne solche Thorheiten zu thun.
+
+_Der_ - liebt seine Feinde: diese Kunst versteht er am besten von
+Allen, die ich sah. Aber er nimmt Rache dafür - an seinen Freunden!"
+
+Also sprach der alte Zauberer, und die höheren Menschen zollten ihm
+Beifall: so dass Zarathustra herumgieng und mit Bosheit und Liebe
+seinen Freunden die Hände schüttelte, - gleichsam als Einer, der an
+Allen Etwas gutzumachen und abzubitten hat. Als er aber dabei an die
+Thür seiner Höhle kam, siehe, da gelüstete ihn schon wieder nach der
+guten Luft da draussen und nach seinen Thieren, - und er wollte hinaus
+schlüpfen.
+
+
+
+Unter Töchtern der Wüste
+
+1.
+
+"Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, welcher sich den Schatten
+Zarathustra's nannte, bleibe bei uns, es möchte uns sonst die alte
+dumpfe Trübsal wieder anfallen.
+
+Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten,
+und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Thränen in den Augen und
+hat sich ganz wieder auf's Meer der Schwermuth eingeschifft.
+
+Diese Könige mögen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten
+_Die_ nämlich von uns Allen heute am Besten! Hätten sie aber keine
+Zeugen, ich wette, auch bei ihnen fienge das böse Spiel wieder an -
+
+- das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der
+verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde,
+
+- das böse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, oh
+Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel
+Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft!
+
+Du nährtest uns mit starker Manns-Kost und kräftigen Sprüchen: lass es
+nicht zu, dass uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister
+wieder anfallen!
+
+Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je
+auf Erden so gute Luft als bei dir in deiner Höhle?
+
+Viele Länder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prüfen und
+abschätzen: aber bei dir schmecken meine Nüstern ihre grösste Lust!
+
+Es sei denn, - es sei denn -, oh vergieb eine alte Erinnerung! Vergieb
+mir ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Töchtern der Wüste
+dichtete: -
+
+- bei denen nämlich gab es gleich gute helle morgenländische Luft;
+dort war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwermüthigen
+Alt-Europa!
+
+Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mädchen und andres blaues
+Himmelreich, über dem keine Wolken und keine Gedanken hängen.
+
+Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasassen, wenn sie nicht tanzten,
+tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebänderte
+Räthsel, wie Nachtisch-Nüsse -
+
+bunt und fremd fürwahr! aber ohne Wolken: Räthsel, die sich
+rathen lassen: solchen Mädchen zu Liebe erdachte ich damals einen
+Nachtisch-Psalm."
+
+Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe Jemand ihm antwortete,
+hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine
+gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich: - mit den Nüstern
+aber zog er langsam und fragend die Luft ein, wie Einer, der in neuen
+Ländern neue fremde Luft kostet. Darauf hob er mit einer Art Gebrüll
+zu singen an.
+
+
+2.
+
+Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!
+
+ - Ha! Feierlich!
+ In der That feierlich!
+ Ein würdiger Anfang!
+ Afrikanisch feierlich!
+ Eines Löwen würdig,
+ Oder eines moralischen Brüllaffen -
+ - aber Nichts für euch,
+ Ihr allerliebsten Freundinnen,
+ Zu deren Füssen mir
+ Zum ersten Male,
+ Einem Europäer, unter Palmen
+ Zu sitzen vergönnt ist. Sela.
+
+ Wunderbar wahrlich!
+ Da sitze ich nun,
+ Der Wüste nahe und bereits
+ So fern wieder der Wüste,
+ Auch in Nichts noch verwüstet:
+ Nämlich hinabgeschluckt
+ Von dieser kleinsten Oasis -:
+ - sie sperrte gerade gähnend
+ Ihr liebliches Maul auf.
+ Das wohlriechendste aller Mäulchen:
+ Da fiel ich hinein,
+ Hinab, hindurch - unter euch,
+ Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.
+
+ Heil, Heil jenem Wallfische,
+ Wenn er also es seinem Gaste
+ Wohl sein liess! - ihr versteht
+ Meine gelehrte Anspielung?
+ Heil seinem Bauche,
+ Wenn er also
+ Ein so lieblicher Oasis-Bauch war
+ Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,
+ - dafür komme ich aus Europa,
+ Das zweifelsüchtiger ist als alle
+ Ältlichen Eheweibchen.
+ Möge Gott es bessern!
+ Amen!
+
+ Da sitze ich nun,
+ In dieser kleinsten Oasis,
+ Einer Dattel gleich,
+ Braun, durchsüsst, goldschwürig, lüstern
+ Nach einem runden Mädchenmunde,
+ Mehr noch aber nach mädchenhaften
+ Eiskalten schneeweissen schneidigen
+ Beisszähnen: nach denen nämlich
+ Lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.
+
+ Den genannten Südfrüchten
+ Ähnlich, allzuähnlich
+ Liege ich hier, von kleinen
+ Flügelkäfern
+ Umtänzelt und umspielt,
+ Insgleichen von noch kleineren
+ Thörichteren boshafteren
+ Wünschen und Einfällen,
+ Umlagert von euch,
+ Ihr stummen, ihr ahnungsvollen
+ Mädchen-Katzen,
+ Dudu und Suleika,
+ - _umsphinxt_, dass ich in Ein Wort
+ Viel Gefühle stopfe:
+ (Vergebe mir Gott
+ Diese Sprach-Sünde!)
+ - sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,
+ Paradieses-Luft wahrlich,
+ Lichte leichte Luft, goldgestreifte,
+ So gute Luft nur je
+ Vom Monde herabfiel -
+ Sei es aus Zufall,
+ Oder geschah es aus Übermuthe?
+ Wie die alten Dichter erzählen.
+ Ich Zweifler aber ziehe es
+ In Zweifel, dafür aber komme ich
+ Aus Europa,
+ Das zweifelsüchtiger ist als alle
+ Ältlichen Eheweibchen.
+ Möge Gott es bessern!
+ Amen!
+
+ Diese schönste Luft trinkend,
+ Mit Nüstern geschwellt gleich Bechern,
+ Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,
+ So sitze ich hier, ihr
+ Allerliebsten Freundinnen,
+ Und sehe der Palme zu,
+ Wie sie, einer Tänzerin gleich,
+ Sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt,
+ - man thut es mit, sieht man lange zu!
+ Einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,
+ Zu lange schon, gefährlich lange
+ Immer, immer nur auf Einem Beine stand?
+ - da vergass sie darob, wie mir scheinen will,
+ Das andre Bein?
+ Vergebens wenigstens
+ Suchte ich das vermisste
+ Zwillings-Kleinod
+ - nämlich das andre Bein -
+ In der heiligen Nähe
+ Ihres allerliebsten, allerzierlichsten
+ Fächer- und Flatter- und Flitterröckchens.
+ ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,
+ Ganz glauben wollt:
+ Sie hat es verloren!
+ Es ist dahin!
+ Auf ewig dahin!
+ Das andre Bein!
+ Oh schade um dieses liebliche andre Bein!
+ Wo - mag es wohl weilen und verlassen trauern?
+ Das einsame Bein?
+ In Furcht vielleicht vor einem
+ Grimmen gelben blondgelockten
+ Löwen-Unthiere? Oder gar schon
+ Abgenagt, abgeknabbert -
+ Erbärmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.
+
+ Oh weint mir nicht,
+ Weiche Herzen!
+ Weint mir nicht, ihr
+ Dattel-Herzen! Milch-Busen!
+ Ihr Süssholz-Herz-
+ Beutelchen!
+ Weine nicht mehr,
+ Bleiche Dudu!
+ Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth!
+ - Oder sollte vielleicht
+ Etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes,
+ Hier am Platze sein?
+ Ein gesalbter Spruch?
+ Ein feierlicher Zuspruch? -
+
+ Ha! Herauf, Würde!
+ Tugend-Würde! Europäer-Würde!
+ Blase, blase wieder,
+ Blasebalg der Tugend!
+ Ha!
+ Noch Ein Mal brüllen,
+ Moralisch brüllen!
+ Als moralischer Löwe
+ Vor den Töchtern der Wüste brüllen!
+ - Denn Tugend-Geheul,
+ Ihr allerliebsten Mädchen,
+ Ist mehr als Alles
+ Europäer-Inbrunst, Europäer-Heisshunger!
+ Und da stehe ich schon,
+ Als Europäer,
+ Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!
+ Amen!
+
+Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!
+
+
+
+Die Erweckung
+
+1.
+
+Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Höhle mit Einem
+Male voll Lärmens und Lachens; und da die versammelten Gäste alle
+zugleich redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermuthigung,
+nicht mehr still blieb, überkam Zarathustra ein kleiner Widerwille
+und Spott gegen seinen Besuch: ob er sich gleich ihrer Fröhlichkeit
+erfreute. Denn sie dünkte ihm ein Zeichen der Genesung. So schlüpfte
+er hinaus in's Freie und sprach zu seinen Thieren.
+
+"Wo ist nun ihre Noth hin? sprach er, und schon athmete er selber von
+seinem kleinen Überdrusse auf, - bei mir verlernten sie, wie mich
+dünkt, das Nothschrein!
+
+- wenn auch, leider, noch nicht das Schrein." Und Zarathustra hielt
+sich die Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich
+mit dem Jubel-Lärm dieser höheren Menschen.
+
+"Sie sind lustig, begann er wieder, und wer weiss? vielleicht auf
+ihres Wirthes Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch
+nicht _mein_ Lachen, das sie lernten.
+
+Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art,
+sie lachen auf ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet
+und wurden nicht unwirsch.
+
+Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht,
+_der_Geist_der_Schwere_, mein alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag
+enden, der so schlimm und schwer begann!
+
+Und enden _will_ er. Schon kommt der Abend: über das Meer her reitet
+er, der gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in
+seinen purpurnen Sätteln!
+
+Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr
+Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu
+leben!"
+
+Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gelächter
+der höheren Menschen aus der Höhle: da begann er von Neuem.
+
+"Sie beissen an, mein Köder wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der
+Geist der Schwere. Schon lernen sie über sich selber lachen: höre ich
+recht?
+
+Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft- und Kraft-Spruch: und wahrlich,
+ich nährte sie nicht mit Bläh-Gemüsen! Sondern mit Krieger-Kost, mit
+Eroberer-Kost: neue Begierden weckte ich.
+
+Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen, ihr Herz streckt sich
+aus. Sie finden neue Worte, bald wird ihr Geist Muthwillen athmen.
+
+Solche Kost mag freilich nicht für Kinder sein, noch auch für
+sehnsüchtige alte und junge Weibchen. Denen überredet man anders die
+Eingeweide; deren Arzt und Lehrer bin ich nicht.
+
+Der _Ekel_ weicht diesen höheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg.
+In meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham läuft davon, sie
+schütten sich aus.
+
+Sie schütten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zurück, sie
+feiern und käuen wieder, - sie werden _dankbar_.
+
+_Das_ nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange
+noch, und sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten
+Freuden auf.
+
+Es sind _Genesende_!" Also sprach Zarathustra fröhlich zu seinem
+Herzen und schaute hinaus; seine Thiere aber drängten sich an ihn und
+ehrten sein Glück und sein Stillschweigen.
+
+
+2.
+
+Plötzlich aber erschrak das Ohr Zarathustra's: die Höhle nämlich,
+welche bisher voller Lärmens und Gelächters war, wurde mit Einem Male
+todtenstill; - seine Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und
+Weihrauch, wie von brennenden Pinien-Zapfen.
+
+"Was geschieht? Was treiben sie?" fragte er sich und schlich zum
+Eingange heran, dass er seinen Gästen, unvermerkt, zusehn könne. Aber,
+Wunder über Wunder! was musste er da mit seinen eignen Augen sehn!
+
+"Sie sind Alle wieder _fromm_ geworden, sie _beten_, sie sind toll!"
+- sprach er und verwundene sich über die Maassen. Und, fürwahr!, alle
+diese höheren Menschen, die zwei Könige, der Papst ausser Dienst, der
+schlimme Zauberer, der freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten,
+der alte Wahrsager, der Gewissenhafte des Geistes und der hässlichste
+Mensch: sie lagen Alle gleich Kindern und gläubigen alten Weibchen auf
+den Knien und beteten den Esel an. Und eben begann der hässlichste
+Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als ob etwas Unaussprechliches
+aus ihm heraus wolle; als er es aber wirklich bis zu Worten gebracht
+hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei zur Lobpreisung
+des angebeteten und angeräucherten Esels. Diese Litanei aber klang
+also:
+
+Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Stärke sei
+unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Er trägt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von
+Herzen und redet niemals Nein; und wer seinen Gott liebt, der züchtigt
+ihn.
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Er redet nicht: es sei denn, dass er zur Welt, die er Schuf, immer Ja
+sagt: also preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht
+redet: so bekommt er selten Unrecht.
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche
+er seine Tugend hüllt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; Jedermann
+aber glaubt an seine langen Ohren.
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Welche verborgene Weisheit ist das, dass er lange Ohren trägt und
+allein ja und nimmer Nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach
+seinem Bilde, nämlich so dumm als möglich?
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Du gehst gerade und krumme Wege; es kümmert dich wenig, was uns
+Menschen gerade oder krumm dünkt. Jenseits von Gut und Böse ist dein
+Reich. Es ist deine Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Siehe doch, wie du Niemanden von dir stössest, die Bettler nicht, noch
+die Könige. Die Kindlein lässest du zu dir kommen, und wenn dich die
+bösen Buben locken, so sprichst du einfältiglich I-A.
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverächter.
+Eine Distel kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin
+liegt eines Gottes Weisheit.
+
+- Der Esel aber schrie dazu I-A.
+
+
+
+Das Eselsfest
+
+1.
+
+An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht länger
+bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang
+mitten unter seine tollgewordenen Gäste.
+
+"Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder? rief er, indem er die
+Betenden vom Boden empor riss. Wehe, wenn euch Jemand Anderes zusähe
+als Zarathustra:
+
+Jeder würde urtheilen, ihr wäret mit eurem neuen Glauben die ärgsten
+Gotteslästerer oder die thörichtsten aller alten Weiblein!
+
+Und du selber, du alter Papst, wie stimmt Das mit dir selber zusammen,
+dass du solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?" -
+
+"Oh Zarathustra, antwortete der Papst, vergieb mir, aber in Dingen
+Gottes bin ich aufgeklärter noch als du. Und so ist's billig.
+
+Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner
+Gestalt! Denke über diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du erräthst
+geschwind, in solchem Spruch steckt Weisheit.
+
+Der, welcher sprach `Gott ist ein Geist` - der machte bisher auf Erden
+den grössten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf
+Erden nicht leicht wieder gut zu machen!
+
+Mein altes Herz springt und hüpft darob, dass es auf Erden noch Etwas
+anzubeten giebt. Vergieb das, oh Zarathustra, einem alten frommen
+Papst-Herzen! -"
+
+- "Und du, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, du nennst
+und wähnst dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen Götzen-
+und Pfaffendienst?
+
+Schlimmer, wahrlich, treibst du's hier noch als bei deinen schlimmen
+braunen Mädchen, du schlimmer neuer Gläubiger!"
+
+"Schlimm genug, antwortete der Wanderer und Schatten, du hast Recht:
+aber was kann ich dafür! Der alte Gott lebt wieder, Oh Zarathustra, du
+magst reden, was du willst.
+
+Der hässlichste Mensch ist an Allem schuld: der hat ihn wieder
+auferweckt. Und wenn er sagt, dass er ihn einst getödtet habe: _Tod_
+ist bei Göttern immer nur ein Vorurtheil."
+
+- Und du, sprach Zarathustra, du schlimmer alter Zauberer, was thatest
+du! Wer soll, in dieser freien Zeit, fürderhin an dich glauben, wenn
+_du_ an solche Götter-Eseleien glaubst?
+
+Es war eine Dummheit, was du thatest; wie konntest du, du Kluger, eine
+solche Dummheit thun!
+
+"Oh Zarathustra, antwortete der kluge Zauberer, du hast Recht, es war
+eine Dummheit, - es ist mir auch schwer genug geworden."
+
+- "Und du gar, sagte Zarathustra, zu dem Gewissenhaften des Geistes,
+erwäge doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn Nichts
+wider dein Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich für diess Beten
+und den Dunst dieser Betbrüder?"
+
+"Es ist Etwas daran, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger
+an die Nase, es ist Etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen
+sogar wohlthut.
+
+Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben darf: gewiss aber ist, dass
+Gott mir in dieser Gestalt noch am glaubwürdigsten dünkt.
+
+Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Frömmsten: wer so viel
+Zeit hat, lässt sich Zeit. So langsam und so dumm als möglich: _damit_
+kann ein Solcher es doch sehr weit bringen.
+
+Und wer des Geistes zu viel hat, der möchte sich wohl in die Dumm-
+und Narrheit selber vernarren. Denke über dich selber nach, oh
+Zarathustra!
+
+Du selber - wahrlich! auch du könntest wohl aus Überfluss und Weisheit
+zu einem Esel werden.
+
+Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den krümmsten Wegen? Der
+Augenschein lehrt es, oh Zarathustra, - _dein_ Augenschein!"
+
+- "Und du selber zuletzt, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den
+hässlichsten Menschen, der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu
+dem Esel emporhebend (er gab ihm nämlich Wein zu trinken). Sprich, du
+Unaussprechlicher, was hast du da gemacht!
+
+Du dünkst mich verwandelt, dein Auge glüht, der Mantel des Erhabenen
+liegt um deine Hässlichkeit: _was_ thatest du?
+
+Ist es denn wahr, was jene sagen, dass du ihn wieder auferwecktest?
+Und wozu? War er nicht mit Grund abgetödtet und abgethan?
+
+Du selber dünkst mich aufgeweckt: was thatest du? was kehrtest _du_
+um? Was bekehrtest _du_ dich? Sprich, du Unaussprechlicher?"
+
+"Oh Zarathustra, antwortete der hässlichste Mensch, du bist ein
+Schelm!
+
+Ob _Der_ noch lebt oder wieder lebt oder gründlich todt ist, - wer von
+uns Beiden weiss Das am Besten? Ich frage dich.
+
+Eins aber weiss ich, - von dir selber lernte ich's einst, oh
+Zarathustra: wer am gründlichsten tödten will, der _lacht_.
+
+`Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man` - so sprachst du
+einst. Oh Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du
+gefährlicher Heiliger, - du bist ein Schelm!"
+
+
+2.
+
+Da aber geschah es, dass Zarathustra, verwundert über lauter solche
+Schelmen-Antworten, zur Thür seiner Höhle zurück sprang und, gegen
+alle seine Gäste gewendet, mit starker Stimme schrie:
+
+"Oh ihr Schalks-Narren allesammt, ihr Possenreisser! Was verstellt und
+versteckt ihr euch vor mir!
+
+Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit,
+darob, dass ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, nämlich
+fromm, -
+
+- dass ihr endlich wieder thatet wie Kinder thun, nämlich betetet,
+hände-faltetet und `lieber Gott` sagtet!
+
+Aber nun lasst mir _diese_ Kinderstube, meine eigne Höhle, wo heute
+alle Kinderei zu Hause ist. Kühlt hier draussen euren heissen
+Kinder-Übermuth und Herzenslärm ab!
+
+Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in
+_das_ Himmelreich. (Und Zarathustra zeigte mit den Händen nach Oben.)
+
+Aber wir wollen auch gar nicht in's Himmelreich: Männer sind wir
+worden, - so wollen wir das Erdenreich."
+
+
+3.
+
+Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. "Oh meine neuen Freunde,
+sprach er, - ihr Wunderlichen, ihr höheren Menschen, wie gut gefallt
+ihr mir nun, -
+
+- seit ihr wieder fröhlich wurdet! Ihr seid wahrlich Alle aufgeblüht:
+mich dünkt, solchen Blumen, wie ihr seid, thun _neue_Feste_ noth,
+
+- ein kleiner tapferer Unsinn, irgend ein Gottesdienst und Eselsfest,
+irgend ein alter fröhlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch
+die Seelen hell bläst.
+
+Vergesst die Nacht und diess Eselsfest nicht, ihr höheren Menschen!
+_Das_ erfandet ihr bei mir, Das nehme ich als gutes Wahrzeichen, -
+Solcherlei erfinden nur Genesende!
+
+Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, thut's euch zu Liebe,
+thut's auch mir zu Liebe! Und zu _meinem_ Gedächtniss!"
+
+Also sprach Zarathustra.
+
+
+
+Das Nachtwandler-Lied
+
+1.
+
+Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in's Freie
+und in die kühle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber führte
+den hässlichsten Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt
+und den grossen runden Mond und die silbernen Wasserstürze bei seiner
+Höhle zeige. Da standen sie endlich still bei einander, lauter alte
+Leute, aber mit einem getrösteten tapferen Herzen und verwundert
+bei sich, dass es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der
+Nacht aber kam ihnen näher und näher an's Herz. Und von Neuem dachte
+Zarathustra bei sich: "oh wie gut sie mir nun gefallen, diese höheren
+Menschen!" - aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glück und
+ihr Stillschweigen. -
+
+Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das
+Erstaunlichste war: der hässlichste Mensch begann noch ein Mal und zum
+letzten Mal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten
+gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus
+seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche Allen, die ihm
+zuhörten, das Herz im Leibe bewegte.
+
+"Meine Freunde insgesammt, sprach der hässlichste Mensch, was dünket
+euch? Um dieses Tags Willen - _ich_ bin's zum ersten Male zufrieden,
+dass ich das ganze Leben lebte.
+
+Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich
+auf der Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich
+die Erde lieben.
+
+`War _Das_ - das Leben?` will ich zum Tode sprechen. `Wohlan! Noch Ein
+Mal!`
+
+Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode
+sprechen: War Das - das Leben? Um Zarathustra's Willen, wohlan! Noch
+Ein Mal!" - -
+
+Also sprach der hässlichste Mensch; es war aber nicht lange vor
+Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald
+die höheren Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit Einem
+Male ihrer Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe
+gegeben habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend,
+liebkosend, ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines Jeden eigen
+war: also dass Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber
+tanzte vor Vergnügen; und wenn er auch, wie manche Erzähler meinen,
+damals voll süssen Weines war, so war er gewisslich noch voller des
+süssen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es giebt sogar
+Solche, die erzählen, dass damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst
+nämlich habe ihm der hässlichste Mensch vorher Wein zu trinken
+gegeben. Diess mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in
+Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch
+damals grössere und seltsamere Wunderdinge als es das Tanzen eines
+Esels wäre. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra's lautet: "was liegt
+daran!"
+
+
+2.
+
+Zarathustra aber, als sich diess mit dem hässlichsten Menschen zutrug,
+stand da, wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte,
+seine Füsse schwankten. Und wer möchte auch errathen, welche Gedanken
+dabei über Zarathustra's Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein
+Geist zurück und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam
+"auf hohem Joche, wie geschrieben steht, zwischen zwei Meeren,
+
+- zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd."
+Allgemach aber, während ihn die höheren Menschen in den Armen hielten,
+kam er ein Wenig zu sich selber zurück und wehrte mit den Händen dem
+Gedränge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit
+Einem Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien Etwas zu
+hören: da legte er den Finger an den Mund und sprach: "Kommt!"
+
+Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam
+langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach,
+gleich den höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den
+Finger an den Mund und sprach wiederum: "Kommt! Kommt! Es geht gen
+Mitternacht!" - und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer
+noch rührte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller
+und heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel, und Zarathustra's
+Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Höhle
+Zarathustra's und der grosse kühle Mond und die Nacht selber.
+Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und
+sprach:
+
+Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst
+uns in die Nacht wandeln!
+
+
+3.
+
+Ihr höheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas
+in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in's Ohr sagt, -
+
+- so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene
+Mitternachts-Glocke zu mir es redet, die mehr erlebt hat als Ein
+Mensch:
+
+- welche schon eurer Väter Herzens-Schmerzens-Schläge abzählte - ach!
+ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe
+Mitternacht!
+
+Still! Still! Da hört sich Manches, das am Tage nicht laut werden
+darf; nun aber, bei kühler Luft, da auch aller Lärm eurer Herzen
+stille ward, -
+
+- nun redet es, nun hört es sich, nun schleicht es sich in nächtliche
+überwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!
+
+- hörst du's nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu _dir_
+redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht? Oh Mensch, gieb Acht!
+
+
+4.
+
+Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die
+Welt schläft -
+
+Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben,
+sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.
+
+Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich?
+Willst du Blut? Ach! Ach! der Thau fällt, die Stunde kommt -
+
+- die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und
+fragt: "wer hat Herz genug dazu?
+
+- wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: _so_ sollt ihr laufen,
+ihr grossen und kleinen Ströme!"
+
+- die Stunde naht: oh Mensch, du höherer Mensch, gieb Acht! diese
+Rede ist für feine Ohren, für deine Ohren was spricht die tiefe
+Mitternacht?
+
+
+5.
+
+Es trägt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll
+der Erde Herr sein?
+
+Der Mond ist kühl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch
+genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flügel.
+
+Ihr guten Tänzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder
+Becher ward mürbe, die Gräber stammeln.
+
+Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gräber "erlöst doch die
+Todten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?"
+
+Ihr höheren Menschen, erlöst doch die Gräber, weckt die Leichname auf!
+Ach, was gräbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde, -
+
+- es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der
+Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!
+
+
+6.
+
+Süsse Leier! Süsse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen
+Unken-Ton! - wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her,
+von den Teichen der Liebe!
+
+Du alte Glocke, du süsse Leier! Jeder Schmerz riss dir in's Herz,
+Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz, deine Rede wurde reif,-
+
+- reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem
+Einsiedlerherzen - nun redest du: die Welt selber ward reif, die
+Traube bräunt,
+
+- nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen,
+riecht ihr's nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,
+
+- ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger, brauner
+Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,
+
+von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist
+tief und tiefer als der Tag gedacht!
+
+
+7.
+
+Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein für dich. Rühre mich nicht an!
+Ward meine Welt nicht eben vollkommen?
+
+Meine Haut ist zu rein für deine Hände. Lass mich, du dummer
+tölpischer dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?
+
+Die Reinsten sollen der Erde Herrn sein, die Unerkanntesten,
+Stärksten, die Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als
+jeder Tag.
+
+Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glücke? Ich bin dir
+reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?
+
+Oh Welt, du willst _mich_? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir
+geistlich? Bin ich dir göttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu
+plump, -
+
+- habt klügere Hände, greift nach tieferem Glücke, nach tieferem
+Unglücke, greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:
+
+- mein Unglück, mein Glück ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch
+bin ich kein Gott, keine Gottes-Hölle: tief ist ihr Weh.
+
+
+8.
+
+Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh,
+nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene süsse Leier, -
+
+eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht,
+aber welche reden _muss_, vor Tauben, ihr höheren Menschen! Denn ihr
+versteht mich nicht!
+
+Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und
+Nacht und Mitternacht, - der Hund heult, der Wind:
+
+- ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kläfft, er heult. Ach!
+Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie röchelt und keucht, die
+Mitternacht!
+
+Wie sie eben nüchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie übertrat
+wohl ihre Trunkenheit? sie wurde überwach? sie käut zurück?
+
+- ihr Weh käut sie zurück, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und
+mehr noch ihre Lust. Lust nämlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist
+tiefer noch als Herzeleid.
+
+
+9.
+
+Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin
+grausam, du blutest -: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?
+
+"Was vollkommen ward, alles Reife - will sterben!" so redest du.
+Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will
+leben: wehe!
+
+Weh spricht: "Vergeh! Weg, du Wehe!" Aber Alles, was leidet, will
+leben, dass es reif werde und lustig und sehnsüchtig,
+
+- sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. "Ich will Erben, so
+spricht Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht _mich_," -
+
+Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, - Lust will sich selber,
+will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.
+
+Weh spricht: "Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flügel, flieg! Hinan!
+Hinauf! Schmerz!" Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz: Weh spricht:
+"vergeh!"
+
+
+10.
+
+Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein
+Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?
+
+Ein Tropfen Thau's? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hört ihr's nicht?
+Riecht ihr's nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist
+auch Mittag, -
+
+Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch
+eine Sonne, - geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.
+
+Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet
+ihr Ja auch zu _allem_ Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt,
+verliebt, -
+
+- wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals "du gefällst
+mir, Glück! Husch! Augenblick!" so wolltet ihr _Alles_ zurück!
+
+- Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfädelt, verliebt,
+oh so _liebtet_ ihr die Welt, -
+
+- ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht
+ihr: vergeh, aber komm zurück! Denn alle Lust will - Ewigkeit!
+
+
+11.
+
+Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will
+trunkene Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Thränen-Trost, will
+vergüldetes Abendroth -
+
+- _was_ will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger,
+schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will _sich_, sie beisst
+in _sich_, des Ringes Wille ringt in ihr, -
+
+- sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, wirft
+weg, bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte
+gern gehasst sein, -
+
+- so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach
+Hass, nach Schmach, nach dem Krüppel, nach _Welt_, - denn diese Welt,
+oh ihr kennt sie ja!
+
+Ihr höheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die
+unbändige, selige, - nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach
+Missrathenem sehnt sich alle ewige Lust.
+
+Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh
+Glück, oh Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr höheren Menschen, lernt es
+doch, Lust will Ewigkeit,
+
+- Lust will _aller_ Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!
+
+
+12.
+
+Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan!
+Wohlauf! Ihr höheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!
+
+Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist "Noch ein Mal", dess Sinn
+ist "in alle Ewigkeit!", singt, ihr höheren Menschen, Zarathustra's
+Rundgesang!
+
+ Oh Mensch! Gieb Acht!
+ Was spricht die tiefe Mitternacht?
+ "Ich schlief, ich schlief -,
+ Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
+ Die Welt ist tief,
+ Und tiefer als der Tag gedacht.
+ Tief ist ihr Weh -,
+ Lust - tiefer noch als Herzeleid:
+ Weh spricht: Vergeh!
+ Doch alle Lust will Ewigkeit
+ will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
+
+
+
+Das Zeichen
+
+Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager
+auf, gürtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Höhle, glühend
+und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.
+
+"Du grosses Gestirn, sprach er, wie er einstmal gesprochen hatte,
+du tiefes Glücks-Auge, was wäre all dein Glück, wenn du nicht _Die_
+hättest, welchen du leuchtest!
+
+Und wenn sie in ihren Kammern blieben, während du schon wach bist und
+kommst und schenkst und austheilst: wie würde darob deine stolze Scham
+zürnen!
+
+Wohlan! sie schlafen noch, diese höheren Menschen, während _ich_ wach
+bin: _das_ sind nicht meine rechten Gefährten! Nicht auf sie warte ich
+hier in meinen Bergen.
+
+Zu meinem Werke will ich, zu meinem Tage: aber sie verstehen nicht,
+was die Zeichen meines Morgens sind, mein Schritt - ist für sie kein
+Weckruf.
+
+Sie schlafen noch in meiner Höhle, ihr Traum käut noch an meinen
+Mitternächten. Das Ohr, das nach _mir_ horcht, - das _gehorchende_ Ohr
+fehlt in ihren Gliedern."
+
+- Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne
+aufgieng: da blickte er fragend in die Höhe, denn er hörte über sich
+den scharfen Ruf seines Adlers. "Wohlan! rief er hinauf, so gefällt
+und gebührt es mir. Meine Thiere sind wach, denn ich bin wach.
+
+Mein Adler ist wach und ehrt gleich mir die Sonne. Mit Adlers-Klauen
+greift er nach dem neuen Lichte. Ihr seid meine rechten Thiere; ich
+liebe euch.
+
+Aber noch fehlen mir meine rechten Menschen!" -
+
+Also sprach Zarathustra; da aber geschah es, dass er sich plötzlich
+wie von unzähligen Vögeln umschwärmt und umflattert hörte, - das
+Geschwirr so vieler Flügel aber und das Gedräng um sein Haupt war so
+gross, dass er die Augen schloss. Und wahrlich, einer Wolke gleich
+fiel es über ihn her, einer Wolke von Pfeilen gleich, welche sich über
+einen neuen Feind ausschüttet. Aber siehe, hier war es eine Wolke der
+Liebe, und über einen neuen Freund.
+
+"Was geschieht mir?" dachte Zarathustra in seinem erstaunten Herzen
+und liess sich langsam auf dem grossen Steine nieder, der neben dem
+Ausgange seiner Höhle lag. Aber, indem er mit den Händen um sich und
+über sich und unter sich griff, und den zärtlichen Vögeln wehrte,
+siehe, da geschah ihm etwas noch Seltsameres: er griff nämlich dabei
+unvermerkt in ein dichtes warmes Haar-Gezottel hinein; zugleich aber
+erscholl vor ihm ein Gebrüll, - ein sanftes langes Löwen-Brüllen.
+
+"Das Zeichen kommt," sprach Zarathustra und sein Herz verwandelte
+sich. Und in Wahrheit, als es helle vor ihm wurde, da lag ihm ein
+gelbes mächtiges Gethier zu Füssen und schmiegte das Haupt an seine
+Knie und wollte nicht von ihm lassen vor Liebe und that einem Hunde
+gleich, welcher seinen alten Herrn wiederfindet. Die Tauben aber waren
+mit ihrer Liebe nicht minder eifrig als der Löwe; und jedes Mal, wenn
+eine Taube über die Nase des Löwen huschte, schüttelte der Löwe das
+Haupt und wunderte sich und lachte dazu.
+
+Zu dem Allen sprach Zarathustra nur Ein Wort: "meine Kinder sind nahe,
+meine Kinder" -, dann wurde er ganz stumm. Sein Herz aber war gelöst,
+und aus seinen Augen tropften Thränen herab und fielen auf seine
+Hände. Und er achtete keines Dings mehr und sass da, unbeweglich und
+ohne dass er sich noch gegen die Thiere wehrte. Da flogen die Tauben
+ab und zu und setzten sich ihm auf die Schulter und liebkosten sein
+weisses Haar und wurden nicht müde mit Zärtlichkeit und Frohlocken.
+Der starke Löwe aber leckte immer die Thränen, welche auf die Hände
+Zarathustra's herabfielen und brüllte und brummte schüchtern dazu.
+Also trieben es diese Thiere. -
+
+Diess Alles dauerte eine lange Zeit, oder eine kurze Zeit: denn, recht
+gesprochen, giebt es für dergleichen Dinge auf Erden _keine_ Zeit -.
+Inzwischen aber waren die höheren Menschen in der Höhle Zarathustra's
+wach geworden und ordneten sich mit einander zu einem Zuge an, dass
+sie Zarathustra entgegen giengen und ihm den Morgengruss böten: denn
+sie hatten gefunden, als sie erwachten, dass er schon nicht mehr unter
+ihnen weilte. Als sie aber zur Thür der Höhle gelangten, und das
+Geräusch ihrer Schritte ihnen voranlief, da stutzte der Löwe gewaltig,
+kehrte sich mit Einem Male von Zarathustra ab und sprang, wild
+brüllend, auf die Höhle los; die höheren Menschen aber, als sie ihn
+brüllen hörten, schrien alle auf, wie mit Einem Munde, und flohen
+zurück und waren im Nu verschwunden.
+
+Zarathustra selber aber, betäubt und fremd, erhob sich von seinem
+Sitze, sah um sich, stand staunend da, fragte sein Herz, besann sich
+und war allein. "Was hörte ich doch? sprach er endlich langsam, was
+geschah mir eben?"
+
+Und schon kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit Einem Blicke
+Alles, was zwischen Gestern und Heute sich begeben hatte. "Hier ist
+ja der Stein, sprach er und strich sich den Bart, auf _dem_ sass ich
+gestern am Morgen; und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier hörte
+ich zuerst den Schrei, den ich eben hörte, den grossen Nothschrei.
+
+Oh ihr höheren Menschen, von _eurer_ Noth war's ja, dass gestern am
+Morgen jener alte Wahrsager mir wahrsagte, -
+
+- zu eurer Noth wollte er mich verfuhren und versuchen: oh
+Zarathustra, sprach er zu mir, ich komme, dass ich dich zu deiner
+letzten Sünde verführe.
+
+Zu meiner letzten Sünde? rief Zarathustra und lachte zornig über sein
+eigenes Wort: _was_ blieb mir doch aufgespart als meine letzte Sünde?"
+
+- Und noch ein Mal versank Zarathustra in sich und setzte sich wieder
+auf den grossen Stein nieder und sann nach. Plötzlich sprang er
+empor, -
+
+"Mitleiden! Das Mitleiden mit dem höheren Menschen! schrie er auf,
+und sein Antlitz verwandelte sich in Erz. Wohlan! _Das_ - hatte seine
+Zeit!
+
+Mein Leid und mein Mitleiden - was liegt daran! Trachte ich denn nach
+_Glücke_? Ich trachte nach meinem _Werke_!
+
+Wohlan! Der Löwe kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif,
+meine Stunde kam: -
+
+Dies ist _mein_ Morgen, _mein_ Tag hebt an: herauf nun, herauf, du
+grosser Mittag!" - -
+
+Also sprach Zarathustra und verliess seine Höhle, glühend und stark,
+wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Also Sprach Zarathustra, by
+Friedrich Wilhelm Nietzsche
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALSO SPRACH ZARATHUSTRA ***
+
+***** This file should be named 7205-8.txt or 7205-8.zip *****
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+Produced by Peter Bellen, derived from HTML files at
+"Projekt Gutenberg - DE"
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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