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Die Wurzel mit dem Exponenten Pi wurde als [π]√̅x + ausgedrückt. + + Fußnoten wurden am Ende des jeweiligen Abschnitts zusammengefasst. + + Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + kursiv: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + + #################################################################### + + + + + DER UNTERGANG DES ABENDLANDES + + ERSTER BAND: GESTALT UND WIRKLICHKEIT + + + + + DER UNTERGANG + DES ABENDLANDES + + UMRISSE EINER MORPHOLOGIE + DER WELTGESCHICHTE + + VON + + OSWALD SPENGLER + + ERSTER BAND + + GESTALT UND WIRKLICHKEIT + + 23.-32., UNVERÄNDERTE AUFLAGE + 37.-50. TAUSEND + + [Illustration] + + C. H. BECK’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG + OSKAR BECK MÜNCHEN 1920 + + + + + Copr. München 1919. C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung + + Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten + + + + + Wenn im Unendlichen dasselbe + Sich wiederholend ewig fließt, + Das tausendfältige Gewölbe + Sich kräftig ineinander schließt; + Strömt Lebenslust aus allen Dingen, + Dem kleinsten wie dem größten Stern, + Und alles Drängen, alles Ringen + Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn. + + +Goethe+ + + + + +VORWORT + + +Dies Buch, das Ergebnis dreier Jahre, war in der ersten Niederschrift +vollendet, als der große Krieg ausbrach. Es ist bis zum Frühling +1917 noch einmal durchgearbeitet und in Einzelheiten ergänzt und +verdeutlicht worden. Die außerordentlichen Verhältnisse haben sein +Erscheinen weiterhin verzögert. + +Obwohl mit einer allgemeinen Philosophie der Geschichte beschäftigt, +bildet es doch in tieferem Sinne einen Kommentar zu der großen Epoche, +unter deren Vorzeichen die leitenden Ideen sich gestaltet haben. + +Der Titel, seit 1912 feststehend, bezeichnet in strengster +Wortbedeutung und im Hinblick auf den Untergang der Antike eine +welthistorische Phase vom Umfang mehrerer Jahrhunderte, in deren Anfang +wir gegenwärtig stehen. + +Die Ereignisse haben vieles bestätigt und nichts widerlegt. Es +zeigte sich, daß diese Gedanken eben jetzt und zwar in Deutschland +hervortreten mußten, daß der Krieg selbst aber noch zu den +Voraussetzungen gehörte, unter welchen die letzten Züge des neuen +Weltbildes bestimmt werden konnten. + +Denn es handelt sich nach meiner Überzeugung nicht um eine neben +andern mögliche und nur logisch gerechtfertigte, sondern um die, +gewissermaßen natürliche, von allen dunkel vorgefühlte Philosophie +der Zeit. Das darf ohne Anmaßung gesagt werden. Ein Gedanke von +historischer Notwendigkeit, ein Gedanke also, der nicht in eine Epoche +fällt, sondern der Epoche macht, ist nur in beschränktem Sinne das +Eigentum dessen, dem seine Urheberschaft zuteil wird. Er gehört der +ganzen Zeit; er ist im Denken aller unbewußt wirksam und allein die +zufällige private Fassung, ohne die es keine Philosophie gibt, ist mit +ihren Schwächen und Vorzügen das Schicksal -- und das Glück -- eines +Einzelnen. + +Ich habe nur den Wunsch beizufügen, daß dies Buch neben den +militärischen Leistungen Deutschlands nicht ganz unwürdig dastehen möge. + + +München, im Dezember 1917 + + Oswald Spengler + + + + +INHALT + + + Seite + + Vorwort VII + + Inhaltsverzeichnis IX + + + Einleitung 1 + + Das Thema. Vorausbestimmung der Geschichte. Der historische + Vergleich. +Morphologie der Weltgeschichte+ -- eine neue + Philosophie. +Für wen+ gibt es Geschichte? Der antike Mensch + ahistorisch. Sein Verhältnis zur Chronologie und Astronomie. + Das Weltbild des indischen und ägyptischen Menschen. Mumie und + Totenverbrennung als Zeitsymbole. Der westeuropäische Mensch + extrem historisch veranlagt. + + +Die Form der Weltgeschichte.+ „Altertum-Mittelalter-Neuzeit.“ + Flachheit des Schemas, Mangel an Proportion. Das Linienförmige. + Herkunft aus dem Orient; Addition einer „Neuzeit“ im Abendlande. + Zunehmende Zersetzung des Bildes. Westeuropa kein Schwerpunkt. + Vollkommener Relativismus. Goethes Methode die einzig + historische. „Weltgeschichte“ als Geschichte einer Gruppe hoher + Kulturen. Kulturen als Organismen. + + +Das Römertum als Schlüssel zum Verständnis der westeuropäischen + Zukunft.+ Unser bisheriges Verhältnis zur Antike ideologisch + oder materialistisch (Nietzsche und Mommsen). Enge +beider+ + Standpunkte. „+Untergang des Abendlandes+“: +Das Problem + der Zivilisation.+ Zivilisation als das Ende jeder Kultur. + Griechentum und Römertum: Kultur und Zivilisation. Weltstadt + und Provinz. Das Imperium Romanum: der normale Endzustand jeder + Zivilisation. Gegenwart und Imperialismus. + + Notwendigkeit des Grundgedankens. Seine Tragweite. Verhältnis + zur Philosophie. Inferiorität des heutigen Philosophierens: + kein lebendiges Verhältnis zur Zeit. Gibt es noch eine echte + Möglichkeit? Nach der systematischen und der ethischen Periode + eine letzte, skeptische (historisch-relativistische). Statt des + Erkenntnis- und des Wertproblems das Formproblem als Schwerpunkt. + Erweiterung der historischen Morphologie zu einer universellen + Symbolik. + + Entstehung des Buches. Anlaß. Inhalt. Ordnung. + + Tafeln zur vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte 73 + + + I. Kapitel: Vom Sinn der Zahlen 75 + + Grundbegriffe. +Richtung und Ausdehnung: chronologische und + mathematische Zahl.+ Die Zahl als Prinzip der Grenzsetzung. + Keine „Zahl an sich“. Mehrere Mathematiken. Kants Begriff + des a priori. Die Form des Erkennens weder konstant noch + allgemeingültig: eine Funktion der jeweiligen Kultur. Stile + des Erkennens. Innere Verwandtschaft jeder Mathematik mit der + Formensprache der gleichzeitigen Künste: euklidische Geometrie + und Statuenplastik, Analysis und Kontrapunkt. + + +Die antike Zahl als Größe (Maß).+ Körperliche, nicht räumliche + Ausgedehntheit. Fehlen irrationaler und negativer Zahlen. + Weltsystem des Aristarch. Mathematik und Religion. Zahl und + Tod. Diophant und die arabische Zahl (Algebra). Descartes und + die Analysis des Unendlichen. +Die abendländische Zahl als + Funktion.+ Die Geschichte der abendländischen Mathematik eine + fortschreitende Emanzipation vom Größenbegriff. Das Irrationale + antihellenisch. + + Weltangst und Weltsehnsucht. Ursprung der mathematischen, + religiösen, künstlerischen Formensprache: Ausdruck der Angst vor + dem Unbekannten. + + Geometrie und Arithmetik (Messung und Zählung) veraltete Namen. + +Die Quadratur des Kreises das klassische antike Grenzproblem.+ + Die Mathematik des Kleinen (der antike Staat). Konstruktion und + Operation. +Das klassische abendländische Grenzproblem: der + Grenzwert der Infinitesimalrechnung+ (Beziehung zum Barockstil). + Überschreitung der Grenze des Sehsinnes durch die Analysis. Das + antike Parallelenaxiom und die nichteuklidischen Geometrien. + Mehrdimensionale Räume (Punktmannigfaltigkeiten). Letzte + Fassung des faustischen Zahlendenkens: Transformations- und + Invariantenlehre. Erschöpfung der formalen Möglichkeiten und Ende + der westeuropäischen Mathematik. + + + II. Kapitel: Das Problem der Weltgeschichte 133 + + I. Physiognomik und Systematik 135 + + Notwendigkeit einer neuen historischen Methode. Ausschaltung der + Ideale und Moralen als Wertmesser der Entwicklung. +Geschichte + und Natur = Gestalt und Gesetz = Richtung und Ausdehnung.+ + Physiognomik und Systematik als die beiden Arten morphologischer + Weltbetrachtung. + + +Was ist eine Kultur?+ Aufbau der höheren Geschichte. Goethes + Urphänomen. Tempo, Lebensdauer, Stil, Tod hoher Kulturen. + Wiederholung des Kulturganges im zugehörigen Einzeldasein. + Begriff der Homologie von Epochen. Gleichartiger Bau aller + Kulturen. Möglichkeit morphologischer Vorausbestimmung und + Rekonstruktion historischer Perioden. + + II. Schicksalsidee und Kausalitätsprinzip 164 + + Zwei Formen kosmischer Notwendigkeit: +organische und + anorganische Logik = Schicksal und Kausalität+ (Lebensgefühl und + Erkenntnisform). Beziehung zu Weltsehnsucht und Weltangst. Die + kausale Weltform als Versuch des Verstandes, das Schicksal zu + überwinden. Schicksal als Daseinsart des Urphänomens. + + +Das Zeitproblem.+ Mißverständnisse der Systematiker: „Zeit und + Raum“. +Zeit (Nichtumkehrbarkeit) als Schicksal.+ Zeit kein + Begriff, wissenschaftlich nicht zugänglich. Raumrechnung und + Zeitrechnung (das Was und das Wann): die naturhafte und die + historische Weltfrage. Mathematik und Chronologie. + + Zeit, Schicksal und Tragödie. Euklidische und analytische Tragik + (Situations- und Entwicklungstragik). +Jede Kultur eine eigne + Schicksalsidee.+ Grenzen der Möglichkeit, die „Weltgeschichte + der andern“ zu verstehen. Die großen Zeitsymbole als einzige + Hilfsmittel: Die Uhr. Bestattungsformen. Kalender. Erotik. + +Staatsform und Zeitgefühl+: der antike, ägyptische und + abendländische Staatsgedanke. Stoizismus und Sozialismus: + Beziehung zu Plastik und Musik. + + Schicksal und Zufall. Kausalität und Prädestination. Tragik des + Zufälligen (Shakespeare). Tyche und der Stil des antiken Daseins. + Astrologie und Orakel. Die antike Schicksalstragödie. Logik der + Geschichte: Kolumbus und das spanische Jahrhundert. „Epoche“ + und „Episode“. Anonyme und persönliche Form der Geschichte. Das + Schicksal Napoleons. Luther. + + Gibt es eine wirkliche Geschichtswissenschaft? Verwechslung + physikalisch-kausaler und historisch-physiognomischer Methoden. + Geschichte als „Prozeß“. „Hunger und Liebe.“ Das soziale Drama + als Seitenstück zur materialistischen Geschichtsauffassung. + Mangel an Skepsis. Letzte Aufgaben. + + + III. Kapitel: Makrokosmos 221 + + I. Die Symbolik des Weltbildes und das Raumproblem 223 + + Was ist ein Symbol? Idee des Makrokosmos. Die Welt als Inbegriff + von Symbolen in bezug auf eine Seele. Jeder Mensch hat eine + eigne Umwelt. Raum und Tod. „+Alles Vergängliche ist nur + ein Gleichnis.+“ +Das Raumproblem.+ Nur die Tiefe („dritte + Dimension“) raumbildend. Kants Theorie. Unabhängigkeit der + Mathematik von der Anschauung. Variabilität des Sehbildes. + Mehrzahl möglicher Raumarten. +Raumtiefe = Richtung (Zeit).+ + +Identität des Tiefenerlebnisses mit dem Erwachen des + Innenlebens.+ Idealtypus der Ausdehnung: jede Kultur besitzt ein + eignes Ursymbol. Das abendländische Ursymbol: der +unendliche + Raum+. Kants Problem für die Griechen gar nicht vorhanden. Der + Parallelensatz Euklids und die Vielzahl der Raumstrukturen in der + westeuropäischen Mathematik. Das antike Ursymbol: +der stoffliche + Einzelkörper+. + + II. Apollinische, faustische, magische Seele 254 + + Olymp und Walhall. Magisches und faustisches Christentum. Der + antike Polytheismus (Gott als Körper) und der abendländische + Monotheismus (Gott als Raum). Das ägyptische Ursymbol +der Weg+. + Sinn der Pyramidenarchitektur. + + Doppelsinn der Kunst: +Imitation und Symbolik+ (Weltsehnsucht + und Weltangst). Jede Frühkunst Architektur: Stein und Ursymbol. + Staatsform und Architekturform; Ausdruck des Willens, der Sorge, + der Dauer. Hohenstaufen und Pharaonen. Außenarchitektur und + Innenräume. +Das Problem des Stils.+ Einheit und Lebensdauer + innerhalb einer Kultur. Der ägyptische Stil als Musterbeispiel + einer Stilgeschichte. Koinzidenz seiner Phasen mit denen des + abendländischen Stils. +Stileinheit von der Romantik bis zum + Empire.+ Verlagerung des Schwerpunkts der Stilbildung von der + frühen Architektur in eine der bildenden Künste. Dorik und Ionik, + Gotik und Barock als Jugend- und Altersphase desselben Stils. + Aufgabe der Kunstwissenschaft: vergleichende Biographien der + großen Stile. Psychologie der Kunsttechnik. Der wahre Umfang + der arabischen Kunst: die altchristlich-„spätantike“ Kunst als + Frühzeit, die islamische als Spätzeit. Mosaikmalerei, Arabeske. + Verbindung von Rundbogen und Säule arabische Motive. + + + IV. Kapitel: Musik und Plastik 295 + + I. Die bildenden Künste 297 + + Unmöglichkeit einer Einteilung der Künste nach stationären + technischen Prinzipien. +Musik eine bildende Kunst.+ Auswahl der + innerhalb einer Kultur möglichen Künste. Tendenz aller antiken + Künste zur Rundplastik (650-350). Beziehung zur euklidischen + Geometrie. Die Freskomalerei als Vorstufe. Dementsprechend 1500 + bis 1800 Ausbildung der Instrumentalmusik. Kontrapunkt und + Analysis: Sieg der Musik über Malerei und Baukunst: Rokoko. + + Charakter der Renaissance als +antigotischer+ + (+antimusikalischer+) Bewegung. Fresko und Statue in Florenz + vom gotischen Formgefühl bestimmt (Bildraum). Linear- und + Luftperspektive. Der Park. Die historische Landschaft. + + +Symbolik der Farben.+ Farben der Nähe und Ferne. Das hellenische + Vierfarbenfresko. Blau und Grün Raumfarben. Behandlung des + Bildhintergrundes: Verneinung im antiken Fresko, Goldgrund + im Mosaik, Tiefenperspektive in der Ölmalerei. Der sichtbare + Pinselstrich der Venezianer +als Ausdruck des historischen + Gefühls+. Das Rembrandtbraun. + + II. Akt und Porträt 351 + + Das antike und das abendländische Menschenideal: der Körper + nach Grenzflächen oder physiognomisch behandelt. Köpfe antiker + Statuen. Faustische Akte ein Widerspruch. Das Porträt in Florenz + und Venedig. Michelangelo und das Ende der abendländischen + Plastik. Lionardo frei von Renaissanceidealen; der Entdecker; + Physiologie statt Anatomie. Raffaels sixtinische Madonna die + letzte große Linie in der abendländischen Kunst. + + +In jeder Kultur eine Gruppe großer Künste.+ In der faustischen + die Instrumentalmusik, in der apollinischen die Aktplastik + als Mitte. Gleichzeitigkeit der Ausbildung; identische Dauer. + +Begriff des Impressionismus+: Physiognomik des Pinselstrichs. + Parallele zur chinesischen Kunst: Park, Musik. Perspektive. + +Das Freilichtproblem+; sein Gegensatz zum Impressionismus von + Lionardo bis Rembrandt: Kultur und Zivilisation. Ausgang der + westeuropäischen Malerei. + + Mit Tristan und Parzifal die faustische Musik zu Ende. +Bayreuth + und Pergamon+: Ende der antiken Skulptur. Unmöglichkeit einer + organischen Fortentwicklung. Alexandrinismus. Letzte Stadien der + ägyptischen und antiken Kunst. + + + V. Kapitel: Seelenbild und Lebensgefühl 403 + + I. Die Form der Seele 405 + + Unmöglichkeit einer Wissenschaft von der Seele. +Das Bild + der Seele in jeder Kultur eine Funktion des Weltbildes.+ + „Seelenkörper“ und „Seelenraum“ der antiken und abendländischen + Psychologie. +Der „Wille“ als Repräsentant des historischen + Gefühls.+ Der Wille zur Macht: seelische Dynamik. Wille + und „Charakter“ (Porträt, Biographie). Antik die „Haltung“ + (Statue). Apollinische und faustische Tragik: Attitüdendrama + und Charakterdrama (anekdotisch und biographisch). Der Held als + Dulder oder Täter. Der Begriff der Katharsis und der Stoizismus. + Die drei Einheiten: Formideal der Statue. Tages- und Nachtkunst. + + Popularität und Esoterik, Hingabe und Überwindung. „Kenner und + Laie“ als Ausdruck der Distanzenergie. +Steigende Esoterik + der westeuropäischen Geistigkeit.+ Verhältnis des Kunstwerkes + zum Betrachter: arabische, chinesische, abendländische + Malperspektive. Das astronomische Weltbild. Raumerweiternde + Kraft des Fernrohrs. Segelschiffahrt. Kolumbus. Die Antike und + die Umschiffung Afrikas. Antikes und nordisches Heimatgefühl. + +Der apollinische und faustische Staatsgedanke.+ Zwei Arten von + Kolonisation. Weltmachtpläne unantik. + + II. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus 465 + + +„Du sollst“ die spezifisch faustische Form der Moral+ (Wille + zur Macht, Tat, Raum). Antik die Interesselosigkeit an einer + Umwandlung der Welt (Ataraxia). +Moral die unveränderliche + Struktur des lebendigen Seins.+ Jede Kultur besitzt eine eigne + und einzige Grundform. Beziehung zur Mathematik: „euklidische“ + (Haltungs-) und „analytische“ (Willens-)ethik. Katharsis und + Nirwana. Moralische Theorie und Praxis. Nicht Mitleids-, sondern + „Herrenmoral“ faustisch: +praktische Dynamik+. Verhältnis von + Ethik und Logik. + + +Buddhismus+, +Stoizismus+, +Sozialismus+. Verwandlung von Kultur + in Zivilisation. +Buddha, Sokrates, Rousseau die Wortführer + anbrechender Zivilisationen.+ Tragische und Plebejermoral: + Äschylus und die Stoa, Shakespeare und die Gegenwart. Der + Kulturbegriff der Tat und der zivilisierte Begriff der + +Arbeit+. „Rückkehr zur Natur“ in allen drei Fällen. Der + ursprüngliche Buddhismus keine Religion, dem Christentum nicht + verwandt. Kultur und Religion, Zivilisation und Irreligion. + Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus +formverwandte praktische + Weltstimmungen+. Die metaphysisch-systematische und die + sozialethische Periode jeder Philosophie (Indien, Antike, + Abendland). Der Weltstadtmensch Objekt der neuen Denkweise. + Rhetorik und Journalismus. Die buddhistische Agitation. Paulus + gegen Bonifacius. + + Zwei richtige Auffassungen des Sozialismus: +als Form der Zukunft + und als Form des Niedergangs+. Der unbewußte Sozialismus. + Alle Römer unbewußte Stoiker. Ausgang des Sozialismus von + Kant: der kategorische Imperativ auf das Politische, Soziale, + Wirtschaftliche angewandt. Das Recht auf Arbeit als faustisches + Gegenstück des antiken „_panem et circenses_“. +Praktische Statik + und Dynamik.+ Der Wille zur Zukunft und das „dritte Reich“ + (Ibsen). Ursprung des abendländischen Bildes der Weltgeschichte: + Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit: Richtungsenergie. + + Geschichte der Philosophie ein morphologisches Problem. + +Kulturphilosophie und zivilisierte Philosophie.+ Die + ethische Periode der „Philosophie ohne Mathematik“. Wachsende + Bedeutungslosigkeit metaphysischer Fragen seit Aristoteles und + Kant. +Der nationalökonomische Charakter der westeuropäischen + Ethik+: die Schule Hegels. Schopenhauers System eine Antizipation + des Darwinismus. Darwins Theorie nationalökonomischer Herkunft. + Der Übermensch. Nietzsche und Shaw: die Züchtungsidee als + letzte Konsequenz der ethischen Dynamik des „Du sollst“. Gang + der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Letzte Möglichkeit: der + historisch-psychologische Skeptizismus. + + + VI. Kapitel: Faustische und apollinische Naturerkenntnis 525 + + Das Ziel der Naturwissenschaft, reine Mechanik zu werden: eine + Illusion. Jedes Naturgesetz Zahl und Bild. Alle Grundbegriffe + der modernen Physik rein faustischer Natur. Jedes „Wissen“ von + der Natur von einer voraufgegangenen Religion abhängig. +Die + antike Physik Statik, die arabische Alchymie, die abendländische + Dynamik.+ Alchymie und Chemie. Antike und westeuropäische + Atomtheorie: Miniaturformen und Minimalquanta (Gestalteinheit und + Wirkungseinheit). Stoizismus und Sozialismus der Atome; Beziehung + zu politischen Formen. + + +Das Bewegungsproblem Mittelpunkt jeder Physik.+ Seine + Unlösbarkeit. Die Eleaten. Die Mechanik von Hertz. Der + physikalische Begriff der Notwendigkeit. +Kausalität + (Naturgesetz) eine spezifisch westeuropäische Fassung.+ Andre + Möglichkeiten. Das Bedingte in unserm Begriff der Erfahrung. + + Gottgefühl und Naturerkenntnis. „Kraft und Masse“ und der + Barockstil. Die Bewegung Ausgangspunkt für Religion +und+ + Physik. +Die Theorie als Mythus.+ „Stoff und Form“ -- „Kraft + und Masse“: Gott als höchste Gestalt oder als höchste Kraft. + +Entstehung des großen Mythus in der Frühzeit jeder Kultur.+ Der + faustische Mythus 900-1200 entstanden: Identität katholischer, + heidnisch-nordischer und ritterlich-epischer Vorstellungen. + Der olympische Mythus und die Körpergeometrie. Apollinische + und faustische Naturwesen: +beseelte Dinge+ (Nymphen) und + +seelenerfüllte Räume+ (Elfen). Altrömische Gottheiten. Der + Kaiserkult die letzte religiöse Schöpfung der Antike. Die + spätantiken Kulte als magischer Monotheismus: Auflösung aller + Gestalten in ein +Prinzip+. + + Der Atheismus als Negation einer bestimmten Form von + Religiosität. Das Christentum vom antiken Standpunkt + atheistisch. Antike Intoleranz gegen Kultfrevel, abendländische + gegen dogmatische Abweichungen (Scheiterhaufen, Guillotine), + +Kultfreiheit und Gewissensfreiheit+. + + +Die faustische Physik als Dogma von der Kraft.+ Der Kraftbegriff + religiösen Ursprungs. Seine Entwicklung. Galileis Übergang von + der Renaissancestatik zur Dynamik. + + Die moderne Physik an der Grenze ihrer formalen Möglichkeiten. + Steigende Zweifel an +allen+ Grundbegriffen. Bedeutung der + Relativitätstheorie: +Zerstörung des newtonischen Weltbildes+. + Die Entropielehre: Mit dem Phänomen der Nichtumkehrbarkeit der + Kreisprozesse dringt ein historisches Motiv in das Naturbild. + Dementsprechend Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung + statt exakter Mathematik. Die Atomzerfallhypothese und die + Schicksalsidee. +Die Entropie und der Mythus der Götterdämmerung.+ + + Ausgang der westeuropäischen Wissenschaft: Selbstvernichtung + durch intellektuelle Verfeinerung. Wachsende Konvergenz von + Physik, Chemie, Mathematik und Erkenntnistheorie. Endziel: + Auflösung der gesamten wissenschaftlichen Substanz in einen + Komplex von Funktionen. +Reine Morphologie mathematisch-logischer + Erkenntnisformen.+ Rückkehr der Erkenntnis zum Ausgangspunkt: + Skeptizismus. + + + + +EINLEITUNG + + +1 + +In diesem Buche wird zum ersten Male der Versuch gewagt, Geschichte +vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, +und zwar der einzigen, die heute auf der Erde in Vollendung begriffen +ist, derjenigen Westeuropas, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu +verfolgen. + +Die Möglichkeit, eine Aufgabe von so ungeheurer Tragweite zu lösen, +ist bis heute offenbar nicht ins Auge gefaßt und wenn dies der Fall +war, die Mittel, sie zu behandeln, nicht erkannt oder in unzulänglicher +Weise gehandhabt worden. + +Gibt es eine Logik der Geschichte? Gibt es jenseits von allem +Zufälligen und Unberechenbaren der singulären Ereignisse eine +sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die +von den weithin sichtbaren, populären, geistig-politischen Gebilden +der Oberfläche wesentlich unabhängig ist? Die diese Wirklichkeit +geringeren Ranges vielmehr erst hervorruft? Erscheinen die großen +Momente der Weltgeschichte dem verstehenden Auge vielleicht immer +wieder in einer Gestalt, die Schlüsse zuläßt? Und wenn -- wo liegen die +Grenzen derartiger Folgerungen? Ist es möglich, im Leben selbst -- denn +menschliche Geschichte ist der Inbegriff von ungeheuren Lebensläufen, +als deren Ich und Person schon der Sprachgebrauch unwillkürlich +Individuen höherer Ordnung wie „die Antike“, „die chinesische Kultur“ +oder „die moderne Zivilisation“ denkend und handelnd einführt -- die +Stufen aufzufinden, die durchschritten werden müssen und in einer +Ordnung, die keine Ausnahme zuläßt? Haben die für alles Organische +grundlegenden Begriffe Geburt, Tod, Jugend, Alter, Lebensdauer in +diesem Kreise vielleicht einen strengen Sinn, den noch niemand +erschlossen hat? Liegen, kurz gesagt, allem Historischen allgemeine +biographische Urformen zugrunde? + +Der Untergang des Abendlandes, zunächst ein örtlich und zeitlich +beschränktes Phänomen wie das ihm entsprechende des Unterganges der +Antike, ist, wie man sieht, ein philosophisches Thema, das, in seiner +ganzen Schwere begriffen, alle großen Fragen des Seins in sich schließt. + +Will man erfahren, in welcher Gestalt das Erlöschen der abendländischen +Kultur vor sich geht, so muß man zuvor erkannt haben, was Kultur +ist, in welchem Verhältnis sie zur sichtbaren Geschichte, zum +Leben, zur Seele, zur Natur, zum Geiste steht, unter welchen Formen +sie in Erscheinung tritt und inwiefern diese Formen -- Völker, +Sprachen und Epochen, Schlachten und Ideen, Staaten und Götter, +Künste und Kunstwerke, Wissenschaften, Rechte, Wirtschaftsformen und +Weltanschauungen, große Menschen und große Ereignisse -- Symbole und +als solche zu deuten sind. + + +2 + +Das Mittel, tote Formen zu begreifen, ist das mathematische Gesetz. Das +Mittel lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie. Auf diese Weise +unterscheiden sich Polarität und Periodizität der Welt. + +Das Bewußtsein davon, daß die Zahl der historischen Erscheinungsformen +eine begrenzte ist, daß Zeitalter, Epochen, Situationen, Personen sich +dem Typus nach wiederholen, war immer vorhanden. Man hat das Auftreten +Napoleons kaum je ohne einen Seitenblick auf Cäsar und Alexander +behandelt, von denen der erste, wie man sehen wird, morphologisch +unzulässig, der zweite richtig war. Napoleon selbst fand die +Verwandtschaft seiner Lage mit der Karls des Großen heraus. Der Konvent +sprach von Karthago, wenn er England meinte, und die Jakobiner nannten +sich Römer. Man hat, mit sehr verschiedenem Recht, Florenz mit Athen, +Buddha mit Christus, das Urchristentum mit dem modernen Sozialismus, +die römischen Finanzgrößen der Zeit Cäsars mit den Yankees verglichen. +Petrarka, der erste leidenschaftliche Archäologe -- die Archäologie +ist selbst ein Ausdruck des Gefühls, daß Geschichte sich wiederholt +-- dachte in bezug auf sich an Cicero und erst vor kurzem noch Cecil +Rhodes, der Organisator des englischen Südafrika, der die antiken +Cäsarenbiographien in eigens für ihn angefertigten Übersetzungen in +seiner Bibliothek besaß, an Kaiser Hadrian. Es war das Verderben Karls +XII. von Schweden, daß er von Jugend auf das Leben Alexanders von +Curtius Rufus in der Tasche trug und diesen Eroberer kopieren wollte. + +Friedrich der Große bewegt sich in seinen politischen Denkschriften +-- wie den Considerations von 1738 -- mit vollkommener Sicherheit +in Analogien, um seine Auffassung der weltpolitischen Situation zu +kennzeichnen, so wenn er die Franzosen mit den Makedoniern unter +Philipp den Griechen -- Deutschen -- gegenüber vergleicht. „Schon sind +die Thermopylen Deutschlands, Elsaß und Lothringen, in Philipps Hand.“ +Damit war die Politik des Kardinals Fleury vorzüglich getroffen. Hier +findet sich weiterhin der Vergleich zwischen der Politik der Häuser +Habsburg und Bourbon und den Proskriptionen des Antonius und Oktavian. + +Aber das alles blieb fragmentarisch und willkürlich und entsprach in +der Regel mehr einem augenblicklichen Hange, sich dichterisch und +geistreich auszudrücken, als einem tieferen historischen Formgefühl. + +So sind die Vergleiche Rankes, eines Meisters der kunstvollen +Analogie, zwischen Kyaxares und Heinrich I., den Einfällen der +Kimmerier und Magyaren morphologisch bedeutungslos, nicht viel weniger +der oft wiederholte zwischen den hellenischen Stadtstaaten und den +Renaissancerepubliken, von tiefer, aber zufälliger Richtigkeit dagegen +der zwischen Alkibiades und Napoleon. Sie sind bei ihm wie bei andern +aus einem plutarchischen, d. h. volkstümlich romantischen Geschmack +vollzogen worden, der lediglich die Ähnlichkeit der Szene auf der +Weltbühne ins Auge faßt, nicht im strengen Sinne des Mathematikers, der +die innere Verwandtschaft zweier Gruppen von Differentialgleichungen +erkennt, an denen der Laie nichts als Differenzen sieht. + +Man bemerkt leicht, daß im Grunde die Laune, nicht eine Idee, nicht +das Gefühl einer Notwendigkeit die Wahl der Bilder bestimmt. Von einer ++Technik+ des Vergleichens blieben wir weit entfernt. Sie treten, +gerade heute, massenhaft auf, aber planlos und ohne Zusammenhang und +wenn sie einmal in einem tiefen, noch festzustellenden Sinne treffend +sind, so verdankt man es dem Glück, seltener dem Instinkt, nie einem +Prinzip. Noch hat niemand daran gedacht, hier eine +Methode+ +auszubilden. Man hat nicht im entferntesten geahnt, daß hier eine +Wurzel, und zwar die einzige liegt, aus der eine große Lösung des +Problems der Geschichte hervorgehen kann. + +Die Vergleiche könnten das Glück des historischen Denkens sein, +insofern sie die organische Struktur des Geschehens bloßlegen. Ihre +Technik müßte unter der Einwirkung einer umfassenden Idee und also +bis zur wahllosen Notwendigkeit, bis zur logischen Meisterschaft +ausgebildet werden. Sie waren bisher ein Unglück, weil sie als eine +bloße Angelegenheit des Geschmackes den Historiker der Einsicht und +der Mühe überhoben, die +Formensprache der Geschichte+ und ihre +Analyse als seine schwerste und nächste, heute noch nicht einmal +begriffene, geschweige denn gelöste Aufgabe zu betrachten. Sie +waren teils oberflächlich, wenn man z. B. Cäsar den Begründer einer +römischen Staatszeitung nannte, oder, noch schlimmer, entlegene, +höchst komplexe und uns innerlich sehr fremde Phänomene des antiken +Daseins mit Modeworten wie Sozialismus, Impressionismus, Kapitalismus, +Klerikalismus belegte, teils von einer bizarren Verkehrtheit wie der +Brutuskult, den man im Jakobinerklub trieb -- den jenes Millionärs +und Wucherers Brutus, der als Führer des römischen Uradels unter dem +Beifall des patrizischen Senats den Mann der Demokratie erstach. + + +3 + +Und so erweitert sich die Aufgabe, die ursprünglich ein begrenztes +Problem der modernen Zivilisation umfaßte, zu einer völlig neuen +Philosophie, +der+ Philosophie der Zukunft, wenn aus dem metaphysisch +erschöpften Boden des Abendlandes überhaupt noch eine hervorgehen +kann, der einzigen, die wenigstens zu den +Möglichkeiten+ des +westeuropäischen Geistes in seinen letzten Stadien gehört: zur Idee +einer +Morphologie der Weltgeschichte, der Welt als Geschichte+, die +im Gegensatz zur Morphologie der Natur, bisher dem einzigen Thema der +Philosophie, alle Gestalten und Bewegungen der Welt in ihrer tiefsten +und letzten Bedeutung noch einmal, aber in einer ganz andern Ordnung, +nicht zum Gesamtbilde alles Erkannten, sondern zu einem Bilde des +Lebens, nicht des Gewordenen, sondern des Werdens, zusammenfaßt. + +Die +Welt als Geschichte+, aus ihrem Gegensatz, der +Welt als +Natur+, begriffen, geschaut, gestaltet -- das ist ein neuer Aspekt +des Daseins, der bis heute nie angewandt, vielleicht dunkel gefühlt, +oft geahnt, nie mit allen seinen Konsequenzen gewagt worden ist. Hier +liegen zwei mögliche Arten vor, wie der Mensch seine Umwelt besitzen, +erleben kann. Ich trenne der Form, nicht der Substanz nach mit vollster +Schärfe den organischen vom mechanischen Welteindruck, den Inbegriff +der Gestalten von dem der Gesetze, das Bild und Symbol von der Formel +und dem System, das Einmalig-Wirkliche vom Beständig-Möglichen, das +Ziel der planvoll ordnenden Einbildungskraft von dem der zweckmäßig +zergliedernden Erfahrung oder, um einen noch nie bemerkten, sehr +bedeutungsvollen Gegensatz schon hier zu nennen, den Geltungsbereich +der +chronologischen+ von dem der +mathematischen+ Zahl.[1] + +Es kann sich demnach in einer Untersuchung wie der vorliegenden +nicht darum handeln, die an der Oberfläche des Tages sichtbar +werdenden Ereignisse geistig-politischer Art als solche hinzunehmen, +nach Ursache und Wirkung zu ordnen und in ihrer scheinbaren, +verstandesmäßig faßlichen Tendenz zu verfolgen. Eine derartige -- +„pragmatische“ -- Behandlung der Historie würde nichts als ein +Stück verkappter Naturwissenschaft sein, woraus die Anhänger der +materialistischen Geschichtsauffassung kein Hehl machen, während +ihre Gegner sich nur der Identität des beiderseitigen Verfahrens +nicht hinreichend bewußt sind. Es handelt sich nicht um das, was die +greifbaren Tatsachen der Geschichte an und für sich, als Erscheinungen +zu irgend einer Zeit +sind+, sondern um das, was sie +durch ihre +Erscheinung bedeuten, andeuten+. Die Historiker der Gegenwart glauben +ein übriges zu tun, wenn sie religiöse, soziale und allenfalls +kunsthistorische Einzelheiten heranziehen, um den politischen Sinn +einer Epoche zu „illustrieren“. Aber sie vergessen das Entscheidende +-- entscheidend nämlich, insofern sichtliche Geschichte Ausdruck, +Zeichen, formgewordenes Seelentum ist. Ich habe noch keinen gefunden, +der mit dem Studium dieser +morphologischen Verwandtschaften+ Ernst +gemacht hätte, der über den Bereich politischer Tatsachen hinaus +die letzten und tiefsten Gedanken der Mathematik der Hellenen, +Araber, Inder, Westeuropäer, den Sinn ihrer frühen Ornamentik, ihrer +architektonischen, metaphysischen, dramatischen, lyrischen Urformen, +die Auswahl und Richtung ihrer großen Künste, die Einzelheiten ihrer +künstlerischen Technik und Stoffwahl eingehend gekannt, geschweige denn +in ihrer entscheidenden Bedeutung für die Formprobleme des Historischen +erkannt hätte. Wer weiß es, daß zwischen der Differentialrechnung +und dem dynastischen Staatsprinzip der Zeit Ludwigs XIV., zwischen +der antiken Staatsform der Polis und der euklidischen Geometrie, +zwischen der Raumperspektive der abendländischen Ölmalerei +und der Überwindung des Raumes durch Bahnen, Fernsprecher und +Fernwaffen, zwischen der kontrapunktischen Instrumentalmusik und +dem wirtschaftlichen Kreditsystem ein tiefer Zusammenhang der Form +besteht? Selbst die realsten Faktoren der Politik nehmen, aus dieser +Perspektive betrachtet, einen höchst transzendenten Charakter an und +es geschieht vielleicht zum ersten Male, daß Dinge wie das ägyptische +Verwaltungssystem, das antike Münzwesen, die analytische Geometrie, der +Scheck, der Suezkanal, der chinesische Buchdruck, das preußische Heer +und die römische Straßenbautechnik +gleichmäßig+ als Symbole aufgefaßt +und als solche gedeutet werden. + +An diesem Punkte stellt es sich heraus, daß es eine spezifisch +historische Art des Erkennens noch gar nicht gibt. Was man so nennt, +zieht seine Methoden fast ausschließlich aus dem Gebiete des Wissens, +auf welchem allein Methoden der Erkenntnis zur strengen Ausbildung +gelangt sind, aus der Physik. Man glaubt Geschichtsforschung zu +treiben, wenn man den gegenständlichen Zusammenhang von Ursache und +Wirkung verfolgt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Philosophie +alten Stils an eine andre Möglichkeit der Beziehung des Geistes auf +die Welt nie gedacht hat. Kant, der in seinem Hauptwerk die formalen +Regeln der Erkenntnis feststellte, zog, ohne daß weder er noch irgend +ein anderer es bemerkt hätte, allein die +Natur+ als Objekt der +Verstandestätigkeit in Betracht. Wissen ist für ihn mathematisches +Wissen. Wenn er von angebornen Formen der Anschauung und Kategorien +des Verstandes spricht, so denkt er nie an das ganz andersgeartete +Begreifen historischer Phänomene, und Schopenhauer, der von Kants +Kategorien bezeichnenderweise nur die der Kausalität gelten läßt, redet +nur mit Verachtung von der Geschichte.[2] Daß außer der Notwendigkeit +von Ursache und Wirkung -- ich möchte sie die +Logik des Raumes+ nennen +-- im Leben auch noch die organische Notwendigkeit +des Schicksals+ +-- +die Logik der Zeit+ -- eine Tatsache von tiefster innerster +Gewißheit ist, eine Tatsache, welche das gesamte mythologische, +religiöse und künstlerische Denken ausfüllt, die das Wesen und den +Kern aller Geschichte im Gegensatz zur Natur ausmacht, die aber den +Erkenntnisformen, welche die „Kritik der reinen Vernunft“ untersucht, +unzugänglich ist, das ist noch nicht in den Bereich intellektueller +Formulierung gedrungen. Die Philosophie ist, wie Galilei an einer +berühmten Stelle seines Saggiatore sagt, im großen Buche der Natur +„_scritta in lingua matematica_“. Aber wir warten heute noch auf +die Antwort eines Philosophen, in welcher Sprache die Geschichte +geschrieben und wie diese zu lesen ist. + +Die Mathematik und das Kausalitätsprinzip führen zu einer naturhaften, +die Chronologie und die Schicksalsidee zu einer historischen Ordnung +der Erscheinung. Beide Ordnungen umfassen die +ganze+ Welt. Nur das +Auge, in dem und durch das sich diese Welt verwirklicht, ist ein +anderes. + + +4 + +Natur ist die Gestalt, unter welcher der Mensch hoher Kulturen den +unmittelbaren Eindrücken seiner Sinne Einheit und Bedeutung gibt. +Geschichte ist diejenige, aus welcher seine Einbildungskraft das +lebendige Dasein der Welt in bezug auf das eigene Leben zu begreifen +und diesem damit eine vertiefte Wirklichkeit zu verleihen sucht. Ob +er dieser Gestaltungen fähig ist und welche von ihnen sein waches +Bewußtsein beherrscht, das ist eine Urfrage aller menschlichen Existenz. + +Hier liegen zwei +Möglichkeiten+ der Weltbildung durch den Menschen +vor. Damit ist schon gesagt, daß es nicht notwendig +Wirklichkeiten+ +sind. Fragen wir also im folgenden nach dem Sinn aller Geschichte, so +ist zuerst eine Frage zu erledigen, die bisher nie gestellt worden ist. ++Für wen+ gibt es Geschichte? Eine paradoxe Frage, wie es scheint. Ohne +Zweifel für jeden, insofern jeder Glied und Element der Geschichte +ist. Aber man bedenke, daß die Gesamtheit der Geschichte wie das +Ganze der Natur -- das eine wie das andere ein Erscheinungsbild -- +einen Geist voraussetzt, in dem und durch den es Wirklichkeit ist. +Ohne Subjekt gibt es kein Objekt. Sehen wir von aller Theorie ab, +der die Philosophen tausend Fassungen gegeben haben, so steht es +doch fest, daß Erde und Sonne, die Natur, der Raum, das Weltall ein +persönliches Erlebnis und in ihrem So-und-nicht-anders-sein abhängig +vom menschlichen Bewußtsein sind. Aber dasselbe gilt vom Weltbilde der +Geschichte, dem werdenden, nicht dem ruhenden All, und selbst wenn man +wüßte, +was+ sie ist, so weiß man noch nicht, für +wen+ sie es ist. +Sicher nicht für „die Menschheit“. Das ist unsre, die westeuropäische +Empfindung, aber wir sind nicht die „Menschheit“. Sicherlich gab es +nicht nur für den Urmenschen, sondern auch für den Menschen gewisser +hoher Kulturen keine Weltgeschichte, keine +Welt als Geschichte+. +Wir wissen alle, daß in unserem kindlichen Weltbewußtsein zunächst +nur naturhafte und kausale Züge und erst sehr viel später solche +historischer Art, z. B. ein bestimmtes Zeitgefühl, hervortreten. +Das Wort Ferne gewinnt für uns viel eher einen greifbaren Inhalt +als das Wort Zukunft. Aber wie, wenn eine +ganze Kultur+, ein hohes +Seelentum auf diesem ahistorischen Geiste beruht? Wie muß ihr die +Wirklichkeit erscheinen? Die Welt? Das Leben? Bedenken wir, daß sich +im Weltbewußtsein der Hellenen alles Erlebte, nicht nur die eigne +persönliche, sondern die allgemeine Vergangenheit sofort in Mythus, +d. h. in Natur, in zeitlose, unbewegliche, entwicklungslose Gegenwart +verwandelte, dergestalt, daß die Geschichte Alexanders des Großen +noch vor seinem Tode für das antike Gefühl mit der Dionysoslegende zu +verschwimmen begann und daß Cäsar seine Abstammung von Venus mindestens +nicht als widersinnig empfand, so müssen wir zugestehen, daß uns +Menschen des Abendlandes mit dem starken Gefühl für zeitliche Distanzen +ein Nacherleben solcher Seelenzustände beinahe unmöglich ist, daß wir +aber nicht das Recht haben, dem Problem der Geschichte gegenüber von +dieser Tatsache einfach abzusehen. + +Was Tagebücher, Selbstbiographien, Bekenntnisse für den einzelnen, +das bedeutet Geschichtsforschung im weitesten Umfange, wo sie auch +alle Arten psychologischer Analyse fremder Völker, Zeiten, Sitten +einschließt, für die Seele ganzer Kulturen. Aber die antike Kultur +besaß kein +Gedächtnis+ in diesem spezifischen Sinne, kein historisches +Organ. Das Gedächtnis des antiken Menschen -- wobei wir allerdings +einen aus unserem seelischen Habitus abgeleiteten Begriff ohne weiteres +einer fremden Seele aufprägen -- ist etwas ganz anderes, weil hier +Vergangenheit und Zukunft als ordnende Perspektiven im Bewußtsein +fehlen und die reine „Gegenwart“, die Goethe an allen Äußerungen +antiken Lebens, an der Plastik insbesondere so oft bewunderte, es mit +einer uns ganz unbekannten Mächtigkeit ausfüllt. Diese reine Gegenwart, +deren größtes Symbol die dorische Säule ist, stellt in der Tat eine ++Verneinung der Zeit+ (der Richtung) dar. Für Herodot und Sophokles +wie für Themistokles und für einen römischen Konsul verflüchtigt sich +die Vergangenheit alsbald in einen zeitlos ruhenden Eindruck von ++polarer, nicht periodischer+ Struktur, -- denn das ist der letzte Sinn +durchgeistigter Mythenbildung -- während sie für unser Weltgefühl und +inneres Auge ein periodisch klar gegliederter, zielvoll gerichteter +Organismus von Jahrhunderten oder Jahrtausenden ist. Dieser Hintergrund +aber gibt dem Leben, dem antiken wie dem abendländischen, erst seine +besondere Farbe. Was der Grieche Kosmos nannte, war das Bild einer +Welt, die nicht +wird+, sondern +ist+. +Folglich+ war der Grieche +selbst ein Mensch, der niemals +wurde+, sondern immer +war+. + +Deshalb hat der antike Mensch, obwohl er die strenge Chronologie, die +Kalenderrechnung und damit das starke, in großartiger Beobachtung +der Gestirne und in der exakten Messung gewaltiger Zeiträume sich +offenbarende Gefühl für die Ewigkeit und die Nichtigkeit des +gegenwärtigen Augenblicks in der babylonischen und ägyptischen Kultur +sehr wohl kannte, sich innerlich nichts davon zu eigen gemacht. Was +seine Philosophen gelegentlich erwähnen, haben sie nur gehört, nicht +geprüft. Weder Plato noch Aristoteles besaßen eine Sternwarte. In +den letzten Jahren des Perikles wurde in Athen ein Volksbeschluß +gefaßt, der jeden mit der schweren Klageform der Eisangelie bedrohte, +der astronomische Theorien verbreitete. Es war ein Akt von tiefster +Symbolik, in dem sich der Wille der antiken Seele aussprach, die Ferne +in jedem Sinne aus ihrem Weltbewußtsein zu streichen. + +Deshalb begannen die Hellenen erst dann -- in der Person des Thukydides +-- ernsthaft über ihre Geschichte nachzudenken, als sie innerlich so +gut wie abgeschlossen war. Aber selbst Thukydides, dessen methodische +Grundsätze in der Einleitung seines Werkes sich sehr westeuropäisch +ausnehmen, faßte sie doch so auf, daß er geschichtliche Einzelheiten +erdichtet, sobald es ihm angemessen erscheint. Das wirkt bei ihm als +künstlerisches Prinzip, aber gerade das nennen wir Mythenbildung. Von +einem echten Sinn für die Bedeutung chronologischer Zahlen ist nicht +die Rede. Im 3. Jahrhundert schrieben Manetho und Berossos -- also +Nichtgriechen -- gründliche Quellenwerke über Ägypten und Babylon, +zwei Länder, die sich auf Astronomie und +also auch+ auf Historie +verstanden. Aber der gebildete Grieche und Römer kümmerte sich wenig +darum und zog weiterhin die romanhaften Phantastereien eines Hekataios +und Ktesias vor.[3] + +Infolgedessen ist die antike Geschichte bis auf die Perserkriege herab, +aber auch noch die Struktur sehr viel späterer Perioden das Produkt +wesentlich mythischen Denkens. Die Verfassungsgeschichte Spartas -- +Lykurg, dessen Biographie mit allen Einzelheiten erzählt wird, war +vermutlich eine unbedeutende Waldgottheit des Taygetos -- ist eine +Dichtung der hellenistischen Zeit und die Erfindung der römischen +Geschichte vor Hannibal war noch zur Zeit Cäsars nicht zum Stillstand +gekommen. Es kennzeichnet den antiken Sinn des Wortes Geschichte, daß +die alexandrinische Romanliteratur stofflich den stärksten Einfluß auf +die ernsthafte politische und religiöse Historik ausübte. Man dachte +gar nicht daran, ihren Inhalt von aktenmäßigen Daten grundsätzlich +zu unterscheiden. Als Varro gegen Ende der Republik daran ging, die +aus dem Bewußtsein des Volkes rasch schwindende römische Religion zu +fixieren, teilte er die Gottheiten, deren Dienst +vom Staate aufs +peinlichste ausgeübt wurde+, in _di certi_ und _di incerti_ ein -- +solche, von denen man noch etwas wußte, und solche, von denen trotz +des fortdauernden öffentlichen Kultes nur der Name geblieben war. In +der Tat war die Religion der römischen Gesellschaft seiner Zeit -- +wie sie nicht nur Goethe, sondern selbst Nietzsche ohne Argwohn aus +den römischen Dichtern hinnahmen -- größtenteils ein Erzeugnis der +hellenisierenden Literatur und fast ohne Zusammenhang mit dem alten +Kultus, den niemand mehr verstand. + +Mommsen hat den westeuropäischen Standpunkt klar formuliert, als er +die römischen Historiker -- Tacitus ist vor allem gemeint -- Leute +nannte, „die das sagen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das +verschweigen, was notwendig war zu sagen“. + +Die indische Kultur, deren Idee vom (bramanischen) Nirwana der +entschiedenste Ausdruck einer vollkommen ahistorischen Seele ist, +den es geben kann, hat nie das geringste Gefühl für das „Wann“ in +irgend einem Sinne besessen. Es gibt keine indische Astronomie, +keinen indischen Kalender, keine indische Historie also, insofern +man darunter das Bewußtsein einer lebendigen Entwicklung versteht. +Wir wissen vom sichtbaren Verlaufe dieser Kultur, deren organischer +Teil vor der Entstehung des Buddhismus abgeschlossen war, noch viel +weniger, als von der antiken, sicherlich an großen Ereignissen reichen +Geschichte zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert. Beide sind lediglich +in traumhaft-mythischer Gestalt konserviert worden. Erst ein volles +Jahrtausend nach Buddha, um 500 n. Chr., entstand auf Ceylon im +„Mahavansa“ etwas, das entfernt an Geschichtsschreibung erinnert. + +Das Bewußtsein des indischen Menschen war so ahistorisch angelegt, +daß er nicht einmal das Phänomen des von einem Autor verfaßten Buches +als zeitlich fixiertes Ereignis kannte. Statt einer organischen Reihe +persönlich abgegrenzter Schriften entstand allmählich eine vage +Textmasse, in die jeder hineinschrieb, was er wollte, ohne daß die +Begriffe des individuellen geistigen Eigentums, der Entwicklung eines +Gedankens, der geistigen Epoche eine Rolle gespielt hätten. In dieser ++anonymen+ Gestalt -- der der gesamten indischen Geschichte -- liegt +uns die indische Philosophie vor. Mit ihr vergleiche man die durch +Bücher und Personen physiognomisch aufs schärfste herausgearbeitete +Philosophiegeschichte des Abendlandes. + +Der indische Mensch vergaß alles, der ägyptische konnte +nichts+ +vergessen. Eine indische Kunst des Porträts -- der Biographie _in nuce_ +-- hat es nie gegeben; die ägyptische Plastik kannte kaum ein anderes +Thema. + +Die ägyptische Seele, eminent historisch veranlagt und mit urweltlicher +Leidenschaft nach dem Unendlichen drängend, empfand die Vergangenheit +und Zukunft als ihre +ganze+ Welt und die Gegenwart, die mit dem +wachen Bewußtsein identisch ist, erschien ihr lediglich als die +schmale Grenze zwischen zwei unermeßlichen Fernen. Die ägyptische +Kultur ist eine +Inkarnation der Sorge+ -- dem seelischen Korrelat +der Ferne -- der Sorge um das Künftige, wie sie sich in der Wahl von +Granit und Basalt als plastischem Material,[4] in den gemeißelten +Urkunden, in der Ausbildung eines meisterhaften Verwaltungssystems und +dem Netz von Bewässerungsanlagen ausspricht,[5] +und der notwendig +damit verknüpften+ Sorge um das Vergangene. Die ägyptische Mumie +ist ein Symbol höchsten Ranges. Man +verewigte+ den Leib der Toten, +wie man deren Persönlichkeit, dem „Ka“, durch die oft in vielen +Exemplaren ausgeführten Bildnisstatuen, an deren in einem sehr hohen +Sinne aufgefaßte Ähnlichkeit sie gebunden war, ewige Dauer verlieh. +Bekanntlich waren in der besten Zeit der griechischen Plastik +Bildnisstatuen ausdrücklich verpönt. + +Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen dem Verhalten gegen die +historische Vergangenheit und der Auffassung des Todes, wie sie sich +in der +Form der Bestattung+ ausspricht. Der Ägypter +verneint+ die +Vergänglichkeit, der antike Mensch +bejaht+ sie durch die gesamte +Formensprache seiner Kultur. Die Ägypter konservierten auch die Mumie +ihrer Geschichte: die chronologischen Daten und Zahlen. Während +von der vorsolonischen Geschichte der Griechen nichts überliefert +ist, keine Jahreszahl, kein echter Name, kein greifbares Ereignis +-- was dem uns allein bekannten Rest einen übertriebenen Akzent +gibt -- kennen wir aus dem 3. Jahrtausend beinahe alle Namen und +Regierungszahlen der ägyptischen Könige und die späteren Ägypter +kannten sie natürlich ohne Ausnahme. Als ein grauenvolles Symbol dieses +Willens zur Dauer liegen noch heute die Körper der großen Pharaonen +mit kenntlichen Gesichtszügen in unseren Museen. Auf der leuchtend +polierten Granitspitze der Pyramide Amenemhets III. liest man noch +jetzt die Worte: „Amenemhet schaut die Schönheit der Sonne“ und auf der +andern Seite: „Höher ist die Seele Amenemhets als die Höhe des Orion +und sie verbindet sich mit der Unterwelt.“ Das ist Überwindung der +Vergänglichkeit, der Gegenwart und unantik im höchsten Maße. + + +5 + +Gegenüber dieser mächtigen Gruppe ägyptischer Lebenssymbole erscheint +an der Schwelle der antiken Kultur, der Vergessenheit entsprechend, +die sie über jedes Stück ihrer äußern und innern Vergangenheit breitet, +die +Verbrennung der Toten+. Der mykenischen Zeit war die sakrale +Heraushebung dieser Bestattungsform aus den übrigen, die von primitiven +Völkern in der Regel nebeneinander ausgeübt werden, durchaus fremd. +Die Königsgräber sprechen sogar für den Vorrang der Erdbestattung. +Aber in der homerischen Zeit so gut wie in der vedischen erfolgt der +plötzliche, materiell nicht zu motivierende Schritt vom Begräbnis zur +Verbrennung, die, wie die Ilias zeigt, mit dem vollen Pathos eines +sinnbildlichen Aktes -- der feierlichen Vernichtung, der Verneinung der +historischen Dauer -- vollzogen wurde. + +Von diesem Augenblick an ist auch die Plastizität der individuellen +seelischen Entwicklung zu Ende. So wenig das antike Drama echt +historische Motive gestattet, so wenig läßt es das Thema der innern +Entwicklung zu und man weiß, wie entschieden sich der hellenische +Instinkt gegen das Porträt in der bildenden Kunst auflehnte. Bis in +die Kaiserzeit kennt die antike Kunst nur einen ihr gewissermaßen +natürlichen Stoff: den Mythus.[6] Auch die idealen Bildnisse der +hellenistischen Plastik sind mythisch, so gut es die typischen +Biographien von der Art Plutarchs sind. Kein großer Grieche hat je +Erinnerungen niedergeschrieben, die eine überwundene Epoche vor +seinem geistigen Auge fixiert hätten. Nicht einmal Sokrates hat +über sein Innenleben etwas in unserm Sinne Bedeutendes gesagt. Es +fragt sich, ob in einer antiken Seele dergleichen überhaupt möglich +war, wie es der Entwurf des Parzeval, Hamlet, Werther voraussetzt. +Wir vermissen bei Plato jedes Bewußtsein einer Entwicklung seiner +Lehre. Seine einzelnen Schriften sind lediglich Formulierungen sehr +verschiedener Standpunkte, die er zu verschiedenen Zeiten einnahm. Ihr +genetischer Zusammenhang war kein Gegenstand seiner Reflexion. Der +einzige -- flache -- Versuch einer Selbstanalyse, der antiken Kultur +kaum noch angehörend, findet sich in Ciceros Brutus. Aber schon am +Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht ein Stück tiefster +Selbsterforschung, Dantes Vita Nuova. Allein daraus folgt, wie wenig +Antikes, d. h. rein Gegenwärtiges, Goethe in sich hatte, der nichts +vergaß, dessen Werke seinen eigenen Worten nach nur Bruchstücke +einer+ +großen Konfession waren. + +Nach der Zerstörung Athens durch die Perser warf man alle Werke +der älteren Kunst in den Schutt -- aus dem wir sie heute wieder +hervorziehen -- und man hat nie gehört, daß jemand in Hellas sich +um die Ruinen von Mykene oder Phaistos gekümmert hätte. Man las +seinen Homer, aber man dachte nicht daran, wie Schliemann den Hügel +von Troja aufzugraben. Man wollte den Mythus, nicht die Geschichte. +Von den Werken des Aischylos und der vorsokratischen Philosophen +war schon in hellenistischer Zeit ein Teil verloren gegangen. Aber +schon Petrarca sammelte Altertümer, Münzen, Manuskripte mit einer nur +dieser Kultur eigenen Pietät und Innerlichkeit der Betrachtung, als +historisch fühlender, auf entlegene Welten zurückschauender, nach dem +Fernen sich sehnender Mensch -- er war der erste, der die Besteigung +eines Alpengipfels unternahm --, der im Grunde ein Fremder in seiner +Zeit war. Erst aus dieser Verknüpfung mit dem Zeitproblem entwickelt +sich die Psychologie des +Sammlers+. Man fühlt, weshalb dieser ++Kultus des Vergangenen+, der ihm Unvergänglichkeit erteilen +möchte, dem antiken Menschen völlig unbekannt bleiben mußte, während +die ägyptische Landschaft sich schon zur Zeit des großen Thutmosis in +ein einziges ungeheures Museum von Tradition und Architektur verwandelt +hatte. + +Unter den Völkern des Abendlandes waren es die Deutschen, welche die +mechanischen +Uhren+ erfanden, schauerliche Symbole der rinnenden +Zeit, deren Tag und Nacht von zahllosen Türmen über Westeuropa hin +hallende Schläge vielleicht der ungeheuerste Ausdruck sind, dessen +ein historisches Weltgefühl überhaupt fähig ist.[7] Nichts davon +begegnet uns in den +zeitlosen+ antiken Landschaften und Städten. In +Babylon und Ägypten waren die Wasser- und Sonnenuhren erfunden worden, +aber erst Plato führte die Klepsydra -- wiederum erst gegen Ende des +blühenden Griechentums -- in Athen ein und noch später übernahm man die +Sonnenuhren, lediglich als unwesentliches Gerät des Alltags, ohne daß +sie das antike +Lebensgefühl+ im geringsten verändert hätten. + +Hier ist noch der entsprechende, sehr tiefe und nie hinreichend +gewürdigte Unterschied zwischen antiker und abendländischer Mathematik +zu erwähnen. Das antike Zahlendenken faßt die Dinge auf, +wie sie +sind+, als +Größen+, zeitlos, rein gegenwärtig. Das führte zur +euklidischen Geometrie, zur mathematischen Statik und zum Abschluß +des geistigen Systems durch die Lehre von den Kegelschnitten. Wir +fassen die Dinge auf, wie sie +werden+ und +sich verhalten+, als ++Funktionen+. Das führte zur Dynamik, zur analytischen Geometrie und +von ihr zur Differentialrechnung.[8] Die moderne Funktionentheorie +ist die riesenhafte Ordnung dieser ganzen Gedankenmasse. Es ist eine +bizarre, aber seelisch streng begründete Tatsache, daß die griechische +Physik -- als Statik im Gegensatz zur Dynamik -- den Gebrauch der Uhr +nicht kennt und nicht vermissen läßt und, während wir mit Tausendsteln +von Sekunden rechnen, von Zeitmessungen vollständig absieht. Die +Entelechie des Aristoteles ist der einzige zeitlose -- ahistorische -- +Entwicklungsbegriff, den es gibt. + +Damit ist unsere Aufgabe festgelegt, insofern Leben die Verwirklichung +von seelisch Möglichem ist und der neue Begriff des +seelisch +Unmöglichen+ den Aspekt der Dinge anders gestaltet. Wir Menschen der +westeuropäischen Kultur -- einem genau abgrenzbaren Phänomen zwischen +1000 und 2000 n. Chr. -- sind die Ausnahme und nicht die Regel. +„Weltgeschichte“ ist +unser+ Weltbild, nicht das „der Menschheit“. Für +den indischen und den antiken Menschen gab es kein Bild der werdenden +Welt als Art und Form der Anschauung und vielleicht wird es, wenn +die Zivilisation des Abendlandes, deren Träger wir Heutigen sind, +erloschen ist, nie wieder eine Kultur und also einen menschlichen Typus +geben, für den „Weltgeschichte“ eine Form, ein Inhalt des kosmischen +Bewußtseins ist. + + +6 + +Ja -- was ist Weltgeschichte? Eine geistige Möglichkeit, ein inneres +Postulat, der Ausdruck eines Formgefühls, gewiß. Aber ein noch so +bestimmtes Gefühl ist keine vollendete Form, und so sicher wir alle +Weltgeschichte fühlen, erleben, mit vollster Gewißheit ihrer Gestalt +nach zu übersehen glauben, so sicher ist es, daß wir noch heute Formen +von ihr, aber nicht +die+ Form kennen. + +Sicherlich wird jeder, den man fragt, überzeugt sein, daß er die +periodische Struktur der Geschichte klar und deutlich durchschaut. +Diese Illusion beruht darauf, daß niemand ernsthaft über sie +nachgedacht hat und daß man noch viel weniger an seinem Wissen +zweifelt, weil niemand ahnt, an was allem hier gezweifelt werden +könnte. In der Tat ist die +Gestalt+ der Weltgeschichte ein ++ungeprüfter geistiger Besitz+, der sich, auch unter Historikern +von Beruf, von Generation zu Generation unberührt vererbt und dem +ein kleiner Teil der Skepsis, welche seit Galilei das uns angeborne +Naturbild zergliedert und vertieft hat, sehr not täte. + ++Altertum+ -- +Mittelalter+ -- +Neuzeit+: das ist das unglaubwürdig +dürftige und +sinnlose+ Schema, dessen absolute Herrschaft über +unser historisches Bewußtsein uns immer wieder gehindert hat, die +eigentliche Stellung der kleinen Teilwelt, wie sie sich seit der +deutschen Kaiserzeit auf dem Boden des westlichen Europa entfaltet +hat, in ihrem Verhältnis zur Weltgeschichte -- zur Gesamtgeschichte +des höhern Menschentums also -- nach ihrem Range, ihrer Gestalt, +ihrer Lebensdauer vor allem richtig aufzufassen. Es wird künftigen +Kulturen kaum glaublich erscheinen, daß dieser Grundriß mit seinem +einfältigen geradlinigen Ablauf, seinen unsinnigen Proportionen, der +von Jahrhundert zu Jahrhundert sinnloser wird und eine natürliche +Eingliederung der neu in das Licht unsres historischen Bewußtseins +tretenden Gebiete gar nicht zuläßt, gleichwohl in seiner Gültigkeit +niemals angezweifelt worden ist. Selbst die Kritik, die an ihm geübt, +und die weitgehenden Modifikationen, denen er notgedrungen unterworfen +wurde -- z. B. die Verlagerung des Anfangspunktes der „Neuzeit“ +von den Kreuzzügen zur Renaissance und von dort zum Anfang des 19. +Jahrhunderts --, beweisen nur, daß man ihn selbst für unerschütterlich, +beinahe für das Resultat einer göttlichen Erleuchtung, mindestens für +selbstverständlich hielt, sozusagen für eine apriorische Form der +historischen Anschauung, wie sie Kant beschreibt. + +Aber diese schlechthin geltende Form ließ keinerlei Vertiefung zu, +und da man auf sie nicht verzichtete, so verzichtete man auf ein ++eigentliches+ Begreifen weltgeschichtlicher Zusammenhänge. Ihr hat man +es zu verdanken, daß die großen morphologischen Probleme der Geschichte +gar nicht in Erscheinung treten konnten. +Sie+ hat die formale +Betrachtung der Historie auf einem Niveau gehalten, dessen man sich in +andern Wissenschaften geschämt hätte. + +Es genügt, darauf hinzuweisen, daß dieser Grundriß einen +oberflächlichen Anfang und ein Ende dort setzt, wo in tieferem +Sinne von Anfang und Ende nicht die Rede sein kann. Hier bildet die +Landschaft des westlichen Europa[9] den ruhenden Pol (mathematisch +gesprochen einen singulären Punkt auf einer Kugeloberfläche) -- +man weiß nicht warum, wenn nicht dies der Grund ist, daß wir, die +Konstruktoren dieses Geschichtsbildes, gerade hier zu Hause sind -- +um den sich Jahrtausende gewaltigster Geschichte und fernab gelagerte +ungeheure Kulturen in aller Bescheidenheit drehen. Das ist ein +Planetensystem von höchst eigenartiger Erfindung. Man wählt einen +einzelnen Fleck zum Schwerpunkt eines historischen Systems. Hier ist +die Zentralsonne. Von hier aus erhalten die Ereignisse der Geschichte +das rechte Licht. Von hier aus wird ihre Bedeutung +perspektivisch+ +abgemessen. Aber hier redet in Wirklichkeit die durch keine Skepsis +gezügelte Eitelkeit des westeuropäischen Menschen, in dessen Geiste +sich dies Phantom „Weltgeschichte“ entrollt. Ihr verdankt man die uns +längst zur Gewohnheit gewordene ungeheure optische Täuschung, wonach +der historische Stoff von Jahrtausenden in einiger Entfernung, etwa +in Altägypten und China, zu Miniaturen zusammenschrumpft, während +die Jahrzehnte in der Nähe des eignen Standortes, seit Luther und +besonders seit Napoleon, gespensterhaft anschwellen. Wir wissen, daß +nur scheinbar eine Wolke um so langsamer wandert, je höher sie steht +und ein Zug durch eine ferne Landschaft nur scheinbar schleicht, +aber wir glauben, daß das Tempo der frühen indischen, babylonischen, +ägyptischen Geschichte wirklich langsamer war als das unsrer nächsten +Vergangenheit. Und wir finden ihre Substanz dünner, ihre Formen +gedämpfter und gestreckter, weil wir nicht gelernt haben, die -- innere +und äußere -- Entfernung in Rechnung zu stellen. Nirgends wird der +Mangel an geistiger Freiheit, an Selbstkritik, der die historische +Methode heute von jeder andern zu ihrem Nachteil unterscheidet, +deutlicher als hier. + +Daß für die Kultur des Abendlandes, die -- sagen wir seit Napoleon +-- für absehbare Zeit der Welt wenigstens oberflächlich ihre Formen +aufprägt, das Dasein von Athen, Florenz, Paris wichtiger ist als vieles +andre, versteht sich von selbst. Aber diesen Umstand, weil gerade wir +im Zusammenhange dieser Kultur leben, zum struktiven Prinzip einer +Universalgeschichte zu machen, verrät den Horizont eines Provinzialen. +Es würde den chinesischen Historiker berechtigen, seinerseits eine +Weltgeschichte zu entwerfen, in der die Kreuzzüge und die Renaissance, +Cäsar und Friedrich der Große als belanglos mit Stillschweigen +übergangen werden. Es steht dem Tagespolitiker und dem Sozialkritiker +frei, in der Bewertung andrer Zeiten seinen privaten Geschmack +walten zu lassen, so wie es dem chemischen Techniker freisteht, +praktisch das Gebiet der Benzolderivate als das wichtigste Kapitel +der Naturwissenschaften zu behandeln und etwa die Elektrodynamik +unbeachtet zu lassen, aber der +Denker+ hat seine Person aus seinen +Kombinationen auszuschalten. Warum ist, morphologisch betrachtet, +das 18. Jahrhundert wichtiger zu nehmen als eins der sechzig +voraufgehenden? Ist es nicht lächerlich, eine „Neuzeit“ vom Umfang +einiger Jahrhunderte, noch dazu wesentlich in Westeuropa lokalisiert, +einem „Altertum“ gegenüberzustellen, das ebensoviel Jahrtausende umfaßt +und dem die Masse aller vorgriechischen Kulturen ohne den Versuch +einer tiefern Gliederung einfach als Anhang zugerechnet wird? Hat +man nicht, um das verjährte Schema zu retten, Ägypten und Babylon, +deren in sich geschlossene Historien, jede für sich, allein die +angebliche „Weltgeschichte“ von Karl dem Großen bis zum Weltkriege +und weit darüber hinaus aufwiegt, als Vorspiel zur Antike abgetan, die +mächtigen Komplexe der indischen und chinesischen mit einer Miene der +Verlegenheit in eine Anmerkung verwiesen und die großen amerikanischen +Kulturen, weil ihnen der „Zusammenhang“ (womit?) fehlt, überhaupt +ignoriert? Das ist unsre „Weltgeschichte“. So denkt der Neger, der die +Welt in sein Dorf, seinen Stamm und den „Rest“ einteilt und der den +Mond für viel kleiner ansieht als die Wolken, die ihn verschlingen. + +Ich nenne dies dem Westeuropäer geläufige Schema, in dem die hohen +Kulturen ihre Bahnen +um uns+ als den vermeintlichen Mittelpunkt alles +Weltgeschehens ziehen, das +ptolemäische System+ der Geschichte und +ich betrachte es als die +kopernikanische Entdeckung+ im Bereich der +Historie, daß in diesem Buche ein neues System, das System an seine +Stelle tritt, in dem als wechselnde Erscheinungen und Ausdrücke des ++einen+, in der Mitte ruhenden Lebens Antike und Abendland neben +Indien, Babylon, China, Ägypten, dem Arabertum und der Mayakultur -- +Einzelwelten des Werdens, die im Gesamtbilde der Geschichte ebenso +schwer wiegen, die an Großartigkeit der seelischen Konzeption, an +Gewalt des Aufstiegs das Hellenentum vielfach übertreffen -- eine in +keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen. + + +7 + +Das Schema Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit ist eine durch die Kirche +übermittelte Schöpfung der Gnosis -- also des semitischen, insbesondere +syrisch-jüdischen Weltgefühls während der römischen Kaiserzeit. + +Innerhalb der sehr engen Grenzen, welche die geistige Voraussetzung +dieser bedeutenden Konzeption bilden, bestand sie durchaus zu Recht. +Hier fällt weder die indische noch selbst die ägyptische Geschichte +in den Kreis der Betrachtung. Das Wort Weltgeschichte bezeichnet im +Munde dieser Denker einen einmaligen, höchst dramatischen Akt, dessen +Schauplatz die Landschaft zwischen Hellas und Persien war. In ihm +gelangt das streng dualistische Weltgefühl des Morgenländers zum +Ausdruck, nicht polar wie in der gleichzeitigen Metaphysik durch den +Gegensatz von Seele und Geist, sondern periodisch,[10] als Katastrophe +gesehen, als Wende zweier Zeitalter zwischen Weltschöpfung und +Weltuntergang, unter Absehen von allen Elementen, die nicht einerseits +durch die antike Literatur, andrerseits durch die Bibel fixiert +waren. In diesem Weltbilde erscheint als „Altertum“ und „Neuzeit“ der +damals handgreifliche Gegensatz von heidnisch und christlich, antik +und orientalisch, Statue und Dogma, Natur und Geist in +zeitlicher+ +Fassung, als Prozeß der Überwindung des einen durch das andre. Der +historische Übergang trägt die religiösen Merkmale einer Erlösung. Ohne +Zweifel ein auf engen, durchaus provinzialen Ansichten beruhender, +aber logischer und in sich vollkommener Aspekt, der indessen an dieser +Landschaft und diesem Menschentum haftete und keiner +natürlichen+ +Erweiterung fähig war. + +Erst durch die additive Hinzufügung eines dritten Zeitalters -- ++unsrer+ „Neuzeit“ -- auf abendländischem Boden ist in das Bild eine +Bewegungstendenz gekommen. Das orientalische Gegenbild war +ruhend+, +eine geschlossene, im Gleichgewicht verharrende Antithese, mit +einer einmaligen göttlichen Aktion als Mitte. Das so sterilisierte +Fragment der Geschichte, von einer ganz neuen Art Mensch aufgenommen +und getragen, wurde nun plötzlich, ohne daß man sich des Bizarren +einer solchen Änderung bewußt worden wäre, in Gestalt einer +Linie+ +fortgesponnen, die von Homer oder Adam -- die Möglichkeiten sind +heute durch die Indogermanen, die Steinzeit und den Affenmenschen +bereichert -- über Jerusalem, Rom, Florenz und Paris hinauf oder hinab +führte, je nach dem persönlichen Geschmack des Historikers, Denkers +oder Künstlers, der das dreiteilige Bild mit schrankenloser Freiheit +interpretierte. + +Man fügte also den +komplementären+ Begriffen Heidentum und Christentum +-- beide sukzessiv, als Weltalter gefaßt -- den +abschließenden+ einer +„Neuzeit“ hinzu, die scherzhafterweise ihrerseits eine Fortsetzung +des Verfahrens nicht gestattet und, nachdem sie seit den Kreuzzügen +wiederholt „gestreckt“ worden ist, einer weiteren Dehnung nicht fähig +erscheint. Man war, ohne es auszusprechen, der Meinung, daß hier +jenseits von Altertum und Mittelalter etwas Endgültiges beginne, ein +drittes Reich, in dem irgendwie eine Erfüllung lag, ein Höhepunkt, +ein Ziel, das erkannt zu haben von den Scholastikern an bis zu den +Sozialisten unserer Tage jeder sich allein zuschrieb. Es war das eine +ebenso bequeme als für ihren Urheber schmeichelhafte Einsicht in den +Lauf der Dinge. Man hatte ganz einfach den Geist des Abendlandes mit +dem Sinn der Welt verwechselt. Aus einer geistigen Not haben dann große +Denker eine metaphysische Tugend gemacht, indem sie das durch den +_consensus omnium_ geheiligte Schema, ohne es einer ernsthaften Kritik +zu unterwerfen, zur Basis einer Philosophie machten und als Urheber +ihres jeweiligen „Weltplanes“ Gott bemühten. Die mystische Dreizahl +der Weltalter hatte für den metaphysischen Geschmack ohnehin etwas +höchst Verführerisches. Herder nannte die Geschichte eine Erziehung des +Menschengeschlechts, Kant eine Entwicklung des Begriffs der Freiheit, +Hegel eine Selbstentfaltung des Weltgeistes, andre anders. In Entwürfen +dieser Art hat sich die historische Gestaltungskraft aber bereits +erschöpft. + +Die Idee eines dritten Reiches kannte schon der Abt Joachim von Floris +(† 1202), der die drei Phasen mit den Symbolen des Vaters, des Sohnes +und des Heiligen Geistes in Verbindung brachte. Lessing, der seine Zeit +im Hinblick auf die Antike mehrmals geradezu als Nachwelt bezeichnet, +hat den Gedanken für seine „Erziehung des Menschengeschlechts“ (mit den +Stufen des Kindes, Jünglings und Mannes) aus den Lehren der Mystiker +des 14. Jahrhunderts übernommen, und Ibsen, der ihn in seinem Drama +„Kaiser und Galiläer“ (wo das gnostische Weltdenken in der Gestalt +des Zauberers Maximos unmittelbar hineinragt) gründlich behandelte, +ist in seiner bekannten Stockholmer Rede von 1887 keinen Schritt +darüber hinausgekommen. Augenscheinlich ist es eine Forderung des +westeuropäischen Selbstgefühls, mit der eignen Erscheinung eine Art +Abschluß zu statuieren. + +Aber es ist eine völlig unhaltbare Manier, Weltgeschichte zu deuten, +indem man seiner politischen, religiösen oder sozialen Oberzeugung +die Zügel schießen und den drei Phasen, an denen man nicht zu rütteln +wagt, eine Richtung angedeihen läßt, die genau dem eignen Standort +zuführt, und je nachdem die Reife des Verstandes, die Humanität, das +Glück der Meisten, die wirtschaftliche Evolution, die Aufklärung, die +Freiheit der Völker, die Unterwerfung der Natur, die wissenschaftliche +Weltanschauung und dergleichen als absoluten Maßstab an Jahrtausende +anlegt, von denen man beweist, daß sie das Richtige nicht begriffen +oder nicht erreicht haben, während sie in Wirklichkeit nur etwas andres +wollten als wir. „Es kommt offenbar im Leben aufs Leben und nicht auf +ein Resultat desselben an“ -- das ist ein Wort Goethes, das man allen +törichten Versuchen, das Geheimnis der historischen Form durch ein ++Programm+ zu enträtseln, entgegenstellen sollte. + +Das gleiche Bild wird von den Historikern jeder einzelnen Kunst und +Wissenschaft, Nationalökonomie und Philosophie nicht zu vergessen, +gezeichnet. Da sehen wir „die“ Malerei von den Ägyptern (oder den +Höhlenmenschen) bis zu den Impressionisten, „die“ Musik vom blinden +Sänger Homers bis nach Bayreuth, „die“ Gesellschaftsordnung von +den Pfahlbaubewohnern bis zum Sozialismus in linienhaftem Aufstieg +begriffen, dem irgendeine gleichbleibende Tendenz zugrunde gelegt +wird, ohne daß man die Möglichkeit ins Auge faßt, daß Künste eine +gemessene Lebensdauer besitzen, daß sie an eine Landschaft und eine +bestimmte Art Mensch als dessen Ausdruck gebunden sind, daß also diese +Gesamtgeschichten lediglich eine äußerliche Summierung einer Anzahl von +Einzelphänomenen, von Sonderkünsten sind, die nichts als den Namen und +einiges der handwerklichen Technik gemein haben. + +Dieser Weltblick ist nicht ohne Komik. Auf jedem andern Gebiete der +lebendigen Natur nehmen wir das Recht in Anspruch, aus der Erscheinung +selbst, sei es durch Erfahrung, sei es durch intuitives Erfassen des +innern Wesens, die Gestalt abzuleiten, welche ihrem Dasein zugrunde +liegt. Wir wissen, daß die Lebensphänomene eines Tieres, einer Pflanze +auf die der verwandten Arten schließen lassen, daß alles Lebende +eine geheimnisvolle Ordnung, die mit Gesetz, Kausalität, Zahl nichts +zu tun hat, in sich trägt und wir ziehen daraus die morphologischen +Folgerungen. Nur hier, wo es sich um den Menschen selbst handelt, +lassen wir die historische Form seines Daseins, die irgendwann +einmal behauptet worden ist, ohne Nachprüfung gelten und zwingen die +Tatsachen, so gut oder schlecht es geht, in das vorgefaßte Schema. +Geht es nicht -- um so schlimmer für die Tatsachen. Wir behandeln +sie mit Verachtung wie die Geschichte der Chinesen oder würdigen sie +überhaupt keines Blickes wie die Kultur der Maya. Sie haben „zum Bau +der Weltgeschichte nichts beigetragen“ -- ein köstlicher Ausspruch. + +Von jedem Organismus wissen wir, daß Tempo, Gestalt und Dauer seines +Lebens und jeder einzelnen Lebensäußerung bestimmt sind. Niemand +wird von einer tausendjährigen Eiche erwarten, daß sie eben jetzt im +Begriff ist, mit dem eigentlichen Lauf ihrer Entwicklung zu beginnen. +Niemand erwartet von einer Raupe, die er täglich wachsen sieht, daß +sie möglicherweise ein paar Jahre damit fortfährt. Hier hat jeder +mit unbedingter Gewißheit das Gefühl einer +Grenze+, das mit einem +Gefühl für organische Formen identisch ist. Der Geschichte des +höhern Menschentums gegenüber aber herrscht ein grenzenlos trivialer +Optimismus in bezug auf die Zukunft. Hier schweigt alle psychologische +und physiologische Erfahrung, so daß jedermann im zufällig +Gegenwärtigen die „Ansätze“ zu einer ganz besonders hervorragenden +linienhaften „Weiterentwicklung“ feststellt, weil er sie wünscht. Hier +wird mit schrankenlosen Möglichkeiten -- nie mit einem natürlichen Ende +-- gerechnet und aus der Lage jedes Augenblicks heraus eine höchst +naive Konstruktion der Fortsetzung entworfen. + +Aber „die Menschheit“ hat kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so +wenig die Gattung der Schmetterlinge oder der Orchideen ein Ziel hat. +„Die Menschheit“ ist ein leeres Wort. Man lasse dies Phantom aus dem +Umkreis der historischen Formprobleme schwinden und man wird einen +überraschenden Reichtum +wirklicher+ Formen auftauchen sehen. Hier ist +eine unermeßliche Fülle, Tiefe und Bewegtheit des Lebendigen, die bis +jetzt durch eine Phrase, durch ein dürres Schema, durch persönliche +„Ideale“ verdeckt wurde. Ich sehe statt des monotonen Bildes einer +linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrecht erhält, wenn +man vor der überwiegenden Zahl der Tatsachen das Auge schließt, das +Phänomen einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft +aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen +im ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von +denen jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre +eigne+ Form aufprägt, +von denen jede ihre +eigne+ Idee, ihre +eignen+ Leidenschaften, ihr ++eignes+ Leben, Wollen, Fühlen, ihren +eignen+ Tod hat. Hier gibt es +Farben, Lichter, Bewegungen, die noch kein geistiges Auge entdeckt +hat. Es gibt aufblühende und alternde Kulturen, Völker, Sprachen, +Wahrheiten, Götter, Landschaften, wie es junge und alte Eichen und +Pinien, Blüten, Zweige, Blätter gibt, aber es gibt keine alternde +„Menschheit“. Jede Kultur hat ihre eignen Möglichkeiten des Ausdrucks, +die erscheinen, reifen, verwelken und nie wiederkehren. Es gibt +viele, im tiefsten Wesen völlig voneinander verschiedene Plastiken, +Malereien, Mathematiken, Physiken, jede von begrenzter Lebensdauer, +jede in sich selbst geschlossen, wie jede Pflanzenart ihre eignen +Blüten und Früchte, ihren eignen Typus von Wachstum und Niedergang hat. +Diese Kulturen, Lebewesen höchsten Ranges, wachsen in einer erhabenen +Zwecklosigkeit auf, wie die Blumen auf dem Felde. Sie gehören, wie +Pflanzen und Tiere, der lebendigen Natur Goethes, nicht der toten +Natur Newtons an. Ich sehe in der Weltgeschichte das Bild einer ewigen +Gestaltung und Umgestaltung, eines wunderbaren Werdens und Vergehens +organischer Formen. Der zünftige Historiker aber sieht sie in der +Gestalt eines Bandwurms, der unermüdlich Epochen „ansetzt“. + +Indessen hat die Kombination „Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit“ +endlich ihre Wirkung erschöpft. So winkelhaft eng und flach sie +war, so stellte sie doch die einzige nicht ganz unphilosophische +Fassung dar, die wir besaßen, und was als Weltgeschichte literarisch +geordnet wurde, hat ihr den Rest von philosophischem Gehalt zu +verdanken; aber die Zahl von Jahrhunderten, die durch dies Schema ++höchstens+ zusammengehalten werden konnte, ist längst erreicht. Das +traditionelle Bild beginnt sich bei rascher Zunahme des historischen +Stoffes, namentlich des außerhalb dieser Ordnung liegenden, in ein +unübersehbares Chaos aufzulösen. Jeder nicht ganz blinde Historiker +weiß und fühlt das und nur um nicht ganz zu versinken, hält er um jeden +Preis das einzige ihm bekannte Schema fest. Das Wort Mittelalter, +1667 von Professor Horn in Leyden geprägt, muß heute eine formlose, +sich beständig ausdehnende Masse decken, die rein negativ durch das +begrenzt wird, was sich unter keinem Vorwand den beiden andern, +leidlich geordneten Komplexen zurechnen läßt. Die unsichere Behandlung +und Wertung der neupersischen, arabischen und russischen Geschichte +sind Beispiele dafür. Vor allem läßt sich der Umstand nicht länger +verhehlen, daß diese angebliche Geschichte der Welt sich anfangs +tatsächlich auf die Region des östlichen Mittelmeeres und später, +seit der Völkerwanderung, einem nur für uns wichtigen und deshalb +stark vergrößerten, in Wirklichkeit rein lokalen Ereignis, das schon +die arabische Kultur nichts angeht, mit einem plötzlichen Wechsel +des Schauplatzes auf das mittlere Westeuropa beschränkt. Hegel hatte +in aller Naivität erklärt, daß er die Völker, die in sein System +der Geschichte nicht paßten, ignorieren werde. Aber das war nur ein +ehrliches Eingeständnis von methodischen Voraussetzungen, ohne die ++kein+ Historiker zum Ziele kam. Man kann die Disposition sämtlicher +Geschichtswerke daraufhin prüfen. Es ist heute in der Tat eine Frage +des wissenschaftlichen Taktes, welche der historischen Phänomene man ++ernsthaft+ mitzählt und welche nicht. Ranke ist ein gutes Beispiel +dafür. + + +8 + +Wir denken heute in Erdteilen. Nur unsere Philosophen und Historiker +haben das noch nicht gelernt. Was können uns da Gedanken und +Perspektiven bedeuten, die mit dem Anspruch auf universale Gültigkeit +hervortreten und deren Horizont über die geistige Atmosphäre des +westeuropäischen Menschen nicht hinausreicht? + +Man sehe sich daraufhin unsre besten Bücher an. Wenn Plato von der +Menschheit redet, so meint er den Hellenen im Gegensatz zum Barbaren. +Das entspricht durchaus dem ahistorischen Stil des antiken Lebens +und Denkens und führt unter dieser Voraussetzung zu folgerichtigen +Resultaten. Wenn aber Kant philosophiert, über ethische Ideale zum +Beispiel, so behauptet er die Gültigkeit seiner Sätze für die Menschen +aller Arten und Zeiten. Er spricht das nur nicht aus, weil es für +ihn und seine Leser allzu selbstverständlich ist. Er formuliert +in seiner Ästhetik nicht das Prinzip der Kunst des Phidias oder +der Kunst Rembrandts, sondern gleich das der Kunst überhaupt. Aber +was er an notwendigen Formen des Denkens feststellt, sind doch nur +die notwendigen Formen des abendländischen Denkens. Ein Blick auf +Aristoteles und dessen wesentlich andre Resultate hätte lehren sollen, +daß hier nicht ein weniger klarer, sondern ein anders angelegter Geist +über sich reflektiert. Russischen Philosophen wie Solovjeff ist der +kosmische Solipsismus,[11] der Kants Vernunftkritik zugrunde liegt +(jede noch so abstrakte Theorie ist der Ausdruck eines Weltgefühls) und +sie für den westeuropäischen Menschen zum wahrsten aller Systeme macht, +unverständlich und für den modernen Chinesen und Araber mit ihren ganz +anders gearteten Intellekten hat die Lehre Kants lediglich den Wert +einer Kuriosität. + +Das ist es, was dem abendländischen Denker fehlt und +gerade ihm+ nicht +fehlen sollte: die Einsicht in den +historisch-relativen+ Charakter +seiner Resultate, die selbst Ausdruck +eines und nur dieses einen+ +Daseins sind, das Wissen um die notwendigen Grenzen der Gültigkeit, +die Überzeugung, daß seine „unumstößlichen Wahrheiten“ und „ewigen +Einsichten“ eben nur für ihn wahr und in seinem Weltaspekte ewig +sind und daß es Pflicht ist, darüber hinaus nach denen zu suchen, +die der Mensch anderer Kulturen mit derselben Gewißheit aus sich +heraus ausgesprochen hat. Das gehört zur +Vollständigkeit+ einer +Philosophie der Zukunft. Das erst heißt die Formensprache der +Geschichte, der +lebendigen+ Welt verstehen. Es gibt hier nichts +Bleibendes und Allgemeines. Man rede nicht mehr von den Formen +des+ +Denkens, dem Prinzip +des+ Tragischen, der Aufgabe +des+ Staates. +Allgemeingültigkeit ist immer der Fehlschluß von sich auf andre. + +Sehr viel bedenklicher wird das Bild, wenn wir uns den Denkern der +westeuropäischen Modernität von Schopenhauer an zuwenden, dort, wo der +Schwerpunkt des Philosophierens aus dem Abstrakt-Systematischen ins +Praktisch-Ethische rückt und an Stelle des Problems der Erkenntnis +das Problem des Lebens (des Willens zum Leben, zur Macht, zur Tat) +tritt. Hier wird nicht mehr das ideale Abstraktum „Mensch“ wie bei +Kant, sondern der wirkliche Mensch, wie er in historischer Zeit, +als primitiver oder als Kulturmensch völkerhaft gruppiert, die +Erdoberfläche bewohnt, der Betrachtung unterworfen, und es ist +lächerlich, wenn auch da noch das Format der höchsten Begriffe durch +das Schema Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit und die damit verbundene +örtliche Beschränkung bestimmt wird. Aber das ist der Fall. + +Betrachten wir den historischen Horizont Nietzsches. Seine Begriffe der +Dekadence, des Nihilismus, der Umwertung aller Werte, Konzeptionen, die +tief im Wesen der abendländischen Zivilisation begründet liegen und für +ihre Analyse schlechthin entscheidend sind -- welches war die Basis +ihrer Formulierung? Römer und Griechen, Renaissance und europäische +Gegenwart, einen flüchtigen Seitenblick auf die (mißverstandene) +indische Philosophie eingerechnet, kurz: Altertum -- Mittelalter -- +Neuzeit. Darüber ist er, streng genommen, nie hinausgegangen und die +andern Denker der Epoche so wenig wie er. Aber ist das die Grundlage +einer Philosophie der +Welt+? Heißt das, menschliche Geschichte ++überhaupt+ betrachten? Ist es ein Wunder, daß Nietzsche, wenn er, +ohne von Ägypten und Babylon, Rußland und China etwas zu wissen, von +einzelnen Beobachtungen zu allgemeinen Zusammenfassungen übergeht +-- hierher gehören die Gedanken über die Herrenmoral, die blonde +Bestie, den Übermenschen -- alsbald zu summarischen, vermeintlich +weltumfassenden Konstruktionen gelangt, die in Wirklichkeit recht +provinzial, völlig willkürlich, zuletzt komisch sind? + +In welcher Beziehung steht denn sein Begriff des Dionysischen -- +zum Innenleben der hochzivilisierten Chinesen aus der Zeit des +Konfucius oder eines modernen Amerikaners? Was bedeutet der Typus des +Übermenschen -- für die Welt des Islam? Oder was sollen die Begriffe +Natur und Geist, heidnisch und christlich, antik und modern als +gestaltende Antithese im Seelentum des Inders und Russen bedeuten? Was +hat Tolstoi, der aus seiner tiefsten Menschlichkeit heraus die ganze +Ideenwelt des Westens als etwas Fremdes und Fernes ablehnte, mit dem +„Mittelalter“, mit Dante, mit Luther, was hat ein Japaner mit dem +Parzifal und dem Zarathustra, was ein Inder mit Sophokles zu schaffen? +Und ist die Gedankenwelt Schopenhauers, Comtes, Feuerbachs, Hebbels, +Strindbergs etwa weiträumiger? Ist ihre gesamte Psychologie trotz aller +kosmischen Aspirationen nicht von rein abendländischer Bedeutung? Wie +komisch wirken Ibsens Frauenprobleme, die ebenfalls mit dem Anspruch +auf die Aufmerksamkeit der ganzen „Menschheit“ auftreten, wenn man an +Stelle der berühmten Nora, einer nordwesteuropäischen Großstadtdame, +deren Gesichtskreis etwa einer Mietwohnung von 2000 bis 6000 Mark und +einer protestantischen Erziehung entspricht, Cäsars Frau, Madame de +Sévigné, eine Japanerin oder eine Tiroler Bäuerin setzt? Aber Ibsen +selbst besitzt den Gesichtskreis der großstädtischen Mittelklasse von +gestern und heute. Seine Konflikte, deren psychische Voraussetzungen +etwa seit 1850 vorhanden sind und 1950 kaum überdauern werden, sind +bereits nicht mehr die der großen Welt und der untern Masse, geschweige +denn die von Städten mit nichteuropäischer Bevölkerung. + +Alles das sind episodische und lokale, meist sogar auf die +augenblickliche Intelligenz der Großstädte von westeuropäischem Typus +beschränkte, nichts weniger als welthistorische und ewige Werte, und +wenn sie der Generation Ibsens und Nietzsches noch so wesentlich +sind, so heißt es eben doch den Sinn des Wortes Weltgeschichte -- die +keine Auswahl, sondern eine Totalität darstellt -- mißverstehen, +wenn man die außerhalb des modernen Interesses liegenden Faktoren ihm +unterordnet, sie unterschätzt oder übersieht. Und das ist in einem +ungewöhnlich hohen Grade der Fall. Was im Abendlande bisher über die +Probleme des Raumes, der Zeit, der Bewegung, der Zahl, des Willens, +der Ehe, des Eigentums, des Tragischen, der Wissenschaft gesagt und +gedacht worden ist, blieb eng und zweifelhaft, weil man immer darauf +aus war, +die+ Lösung +der+ Frage zu finden, statt einzusehen, daß +zu vielen Fragenden viele Antworten gehören, daß eine philosophische +Frage nur der verhüllte Wunsch ist, eine bestimmte Antwort zu erhalten, +die in der Frage schon beschlossen liegt, daß man die großen Fragen +einer Zeit gar nicht ephemer genug fassen kann und daß demnach eine ++Gruppe historisch bedingter Lösungen+ angenommen werden muß, deren ++Übersicht+ erst -- unter Ausschaltung aller eignen Überzeugungen -- +die letzten Geheimnisse aufschließt. Für den Denker -- den echten -- +gibt es keine absolut richtigen oder falschen Standpunkte. Es genügt +nicht, angesichts so schwerer Probleme wie dem der Zeit oder der Ehe +die persönliche Erfahrung, die innere Stimme, die Vernunft, die Meinung +der Vorgänger oder Zeitgenossen zu befragen. So erfährt man, was für +einen selbst, für die eigne Zeit wahr ist, aber das ist nicht alles. +Die Erscheinung anderer Kulturen redet eine andre Sprache. Für andre +Menschen gibt es andre Wahrheiten. Für den Denker sind sie alle gültig +oder keine. + +Man begreift, welcher Erweiterung und Vertiefung die abendländische +Weltkritik fähig ist und was alles über den harmlosen Relativismus +Nietzsches und seiner Generation hinaus in den Kreis der Betrachtung +gezogen, welche Feinheit des Formgefühls, welcher Grad von Psychologie, +welche Entsagung und Unabhängigkeit von praktischen Interessen, +welche Unumschränktheit des Horizonts erreicht werden muß, bevor man +sagen darf, man habe die Weltgeschichte, die +Welt als Geschichte+, +verstanden. + + +9 + +Diesem allem, den willkürlichen, engen, von außen gekommenen, vom +eignen Interesse diktierten, der Historie aufgezwungenen Formen stelle +ich die natürliche, die „kopernikanische“ Gestalt des Weltgeschehens +entgegen, die ihm in der Tiefe innewohnt und sich nur dem nicht +voreingenommenen Blick offenbart. + +Ich erinnere an Goethe. Was er die +lebendige Natur+ genannt hat, +ist genau das, was hier Weltgeschichte im weitesten Umfange, +Welt +als Geschichte+ genannt wird. Goethe, der als Künstler wieder und +immer wieder das Leben, die Entwicklung seiner Gestalten, das Werden, +nicht das Gewordene, herausbildet, wie es der Wilhelm Meister und +Wahrheit und Dichtung zeigen, haßte die Mathematik. Hier stand die +Welt als Mechanismus der Welt als Organismus, die tote der lebendigen +Natur, das Gesetz der Gestalt gegenüber. Jede Zeile, die er als +Naturforscher schrieb, sollte die Gestalt des Werdenden, „geprägte +Form, die lebend sich entwickelt,“ vor Augen stellen. Nachfühlen, +Anschauen, Vergleichen, die unmittelbare innere Gewißheit, die exakte +sinnliche Phantasie -- das waren seine Mittel, den Geheimnissen +der bewegten Erscheinung nahe zu kommen. +Und das sind die Mittel +der Geschichtsforschung überhaupt.+ Es gibt keine andern. Dieser ++göttliche+ Blick ließ ihn am Abend der Schlacht von Valmy am +Lagerfeuer jenes Wort aussprechen: „Von hier und heute geht eine neue +Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei +gewesen.“ Kein Heerführer, kein Diplomat, von Philosophen zu schweigen, +hat Geschichte so unmittelbar werden gefühlt. Es ist das tiefste +Urteil, das je über einen großen Akt der Geschichte in dem Augenblick +ausgesprochen wurde, wo er sich vollzog. + +Und so wie er die Entwicklung der Pflanzenform aus dem Blatt, die +Entstehung des Wirbeltiertypus, das Werden der geologischen Schichten +verfolgte -- +das Schicksal der Natur, nicht ihre Kausalität+ -- soll +hier die Formensprache der menschlichen Historie, ihre periodische +Struktur, der Atem der Geschichte aus der Fülle aller sinnfälligen +Einzelheiten entwickelt werden. + +Man hat sonst den Menschen den Organismen der Erdoberfläche +zugerechnet und mit Grund. Sein Körperbau, seine natürlichen +Funktionen, seine ganze sinnliche Erscheinung, alles gehört einer +umfassenderen Einheit an. Nur hier macht man eine Ausnahme, trotz +der tiefgefühlten Verwandtschaft des Pflanzenschicksals mit dem +Menschenschicksal -- einem ewigen Thema aller Lyrik -- trotz der +Ähnlichkeit aller menschlichen Geschichte mit der jeder andern +Gruppe höherer Lebewesen -- einem Thema unzähliger Märchen, Sagen +und Fabeln. +Hier+ vergleiche man, indem man die Welt menschlicher +Kulturen rein und tief auf die Einbildungskraft wirken läßt, nicht +indem man sie in ein vorgefaßtes Schema zwängt; man sehe in den +Worten Jugend, Aufstieg, Blütezeit, Verfall, die bis jetzt regelmäßig +und heute mehr denn je der Ausdruck subjektiver Wertschätzungen und +allerpersönlichster Interessen sozialer, moralischer, ästhetischer +Art waren, endlich objektive Bezeichnungen organischer Zustände; +man stelle die antike Kultur als in sich abgeschlossenes Phänomen, +als Körper und Ausdruck der antiken Seele, neben die ägyptische, +indische, babylonische, chinesische, abendländische und suche das +Typische in den wechselnden Geschicken dieser großen Individuen, +das Notwendige in der unbändigen Fülle des Zufälligen und man wird +endlich das Bild der Weltgeschichte sich entfalten sehen, das uns, +den Menschen des Abendlandes, und uns allein natürlich ist. + + +10 + +Kehren wir zum engeren Thema zurück, so ist aus diesem Weltblick die +Struktur der Gegenwart, zunächst zwischen 1800 und 2000, morphologisch +zu bestimmen. Das Wann dieser Epoche innerhalb der abendländischen +Gesamtkultur, ihr Sinn als biographischer Abschnitt, der in irgendeiner +Gestalt mit Notwendigkeit in jeder Kultur anzutreffen ist, die +organische und symbolische Bedeutung der ihr angehörenden politischen, +künstlerischen, geistigen, sozialen Form komplexe soll festgestellt +werden. + +An diesem Punkte ergibt sich die Identität der Periode mit dem +Hellenismus, und zwar im besonderen die ihres augenblicklichen +Höhepunktes -- bezeichnet durch den Weltkrieg -- mit dem Übergang +der hellenistischen in die Römerzeit. Das +Römertum+, von strengstem +Tatsachensinn, ungenial, barbarisch, diszipliniert, praktisch, +protestantisch, +preußisch+, wird uns, die wir auf Vergleiche +angewiesen sind, immer den Schlüssel zum Verständnis der eigenen +Zukunft bieten. +Griechen und Römer -- damit scheidet sich auch das +Schicksal, das sich für uns schon vollzogen hat und das, welches uns +bevorsteht.+ Denn man hätte längst im „Altertum“ eine Entwicklung +finden können und sollen, die ein vollkommenes Gegenstück zur +eignen, westeuropäischen, bildet, in jeder Einzelheit der Oberfläche +verschieden, aber völlig gleich in dem innern Drang, der den großen +Organismus seiner Vollendung entgegentreibt. Wir hätten Zug um Zug vom +„trojanischen Krieg“ und den Kreuzzügen, Homer und dem Nibelungenlied +an über Dorik und Gotik, dionysischer Bewegung und Renaissance, +Polyklet und Sebastian Bach, Athen und Paris, Aristoteles und Kant, +Alexander und Napoleon bis zum Weltstadtstadium und Imperialismus +beider Kulturen hier ein beständiges _alter ego_ der eignen +Wirklichkeit gefunden. + +Aber die Interpretation des antiken Geschichtsbildes, die hier +Vorbedingung war -- wie einseitig ist sie immer angegriffen worden! +wie äußerlich! wie parteiisch! wie wenig umfassend! Weil wir uns „den +Alten“ allzu verwandt fühlten, haben wir uns die Aufgabe allzu leicht +gemacht. In der +flachen+ Ähnlichkeit liegt die Gefahr, der die gesamte +Altertumsforschung erlegen ist. Es ist ein ewiges Vorurteil, das wir +endlich überwinden sollten, daß die Antike uns innerlich nahesteht, +weil wir vermeintlich ihre Schüler und Nachkommen, weil wir tatsächlich +nur ihre Anbeter gewesen sind. Die ganze religionsphilosophische, +kunsthistorische, sozialkritische Arbeit des 19. Jahrhunderts war +nötig, nicht um uns endlich die Dramen des Äschylus, die Lehre Platos, +Apollo und Dionysos, den athenischen Staat, den Cäsarismus verstehen +zu lehren -- davon sind wir weit entfernt --, sondern um uns endlich +fühlen zu lassen, wie unermeßlich fremd und fern uns das alles +innerlich ist, fremder vielleicht als die mexikanischen Götter und die +indische Architektur. + +Unsere Meinungen von der griechisch-römischen Kultur haben sich immer +zwischen zwei Extremen bewegt, wobei ohne Ausnahme das Schema Altertum +-- Mittelalter -- Neuzeit die Perspektive aller „Standpunkte“ von +vornherein bestimmt hat. Die einen, Männer des öffentlichen Lebens +vor allem, Nationalökonomen, Politiker, Juristen, finden die „heutige +Menschheit“ im besten Fortschreiten, schätzen sie sehr hoch ein und +messen an ihr alles Frühere. Es gibt keine moderne Partei, nach deren +Grundsätzen Kleon, Marius, Themistokles, Catilina und die Gracchen +nicht schon „gewürdigt“ worden sind. Die andern, Künstler, Dichter, +Philologen und Philosophen, fühlen sich in besagter Gegenwart nicht +zu Hause, nehmen darum in irgendeiner Vergangenheit einen ebenso +absoluten Standpunkt ein und verurteilen von ihm aus ebenso dogmatisch +das Heute. Die einen sehen im Griechentum ein „Noch nicht“, die andern +in der Modernität ein „Nicht mehr“, immer unter der Suggestion eines +Geschichtsbildes, das beide Phänomene linienförmig aneinander knüpft. + +Es sind die zwei Seelen Fausts, die sich in diesem Gegensatz +verwirklicht haben. Die Gefahr der einen ist die intelligente +Oberflächlichkeit. Es bleibt von allem, was antike Kultur, was Abglanz +der antiken Seele gewesen war, zuletzt nichts in ihren Händen als +soziale, wirtschaftliche, rechtliche, politische, physiologische +„Tatsachen“. Der Rest nimmt den Charakter von „sekundären Folgen“, +„Reflexen“, „Begleiterscheinungen“ an. Von der mythischen Wucht der +Chöre des Äschylus, von der kolossalen Erdkraft der ältesten Plastik, +der dorischen Säule, von der Glut der apollinischen Kulte, von der +Tiefe selbst noch des römischen Kaiserkultes ist in ihren Büchern +nichts zu spüren. Die andern, verspätete Romantiker vor allem, wie +noch zuletzt die drei Basler Professoren Bachofen, Burckhardt und +Nietzsche, erliegen der Gefahr aller Ideologie. Sie verlieren sich in +den Wolkenregionen eines Altertums, das lediglich ein Spiegelbild ihrer +philologisch geregelten Empfindsamkeit ist. Sie verlassen sich auf die +Reste der alten Literatur, das einzige Zeugnis, das ihnen edel genug +ist -- aber noch nie ist eine Kultur durch ihre großen Schriftsteller +unvollkommener repräsentiert worden.[12] Die andern stützen sich +vorwiegend auf das prosaische Quellenmaterial der Rechtsurkunden, +Inschriften und Münzen, das insbesondere Burckhardt und Nietzsche +sehr zu ihrem Schaden verachtet hatten, und ordnen ihm die erhaltene +Literatur mit ihrem oft minimalen Wahrheits- und Tatsachensinn unter. +So nahm man sich gegenseitig schon der kritischen Grundlagen wegen +nicht ernst. Ich wüßte nicht, daß Nietzsche und Mommsen einander die +geringste Beachtung geschenkt hätten. + +Aber keiner von beiden hat die Höhe der Betrachtung erreicht, aus +welcher dieser Gegensatz in nichts zerfällt und die trotzdem möglich +gewesen wäre. Hier rächte sich die Herübernahme des Kausalprinzips aus +der Naturwissenschaft in die Geschichtsforschung. Man kam zu einem das +Weltbild der Physik oberflächlich nachmalenden Pragmatismus, der die +ganz andersartige Formensprache der Historie verdeckt und verwirrt, +nicht erschließt. Man wußte allerseits nichts Besseres, um die Masse +historischen Materials einer vertieften und ordnenden Auffassung +zu unterwerfen, als einen Komplex von Erscheinungen als primär, +als Ursache anzusetzen und die übrigen demgemäß als sekundär, als +Folgen oder Wirkungen zu behandeln. Nicht nur die Praktiker, auch die +Romantiker haben dazu gegriffen, weil die Historie ihre +eigne+ Logik +auch ihrem beschränkten Blick nicht offenbart hat und das Bedürfnis +nach Feststellung einer immanenten Notwendigkeit, deren Vorhandensein +man +fühlte+, viel zu stark war, wenn man nicht wie Schopenhauer der +Geschichte überhaupt mißmutig den Rücken kehren wollte. + + +11 + +Reden wir ohne weiteres von einer materialistischen und einer +ideologischen Art, die Antike zu sehen. Dort erklärt man, daß das +Sinken der einen Wagschale seine Ursache im Steigen der andern hat. +Man beweist, daß dies ohne Ausnahme der Fall ist -- zweifellos ein +schlagender Beweis. Hier haben wir also Ursache und Wirkung, und zwar +stellen -- selbstverständlich -- die sozialen und sexuellen, allenfalls +die rein politischen Phänomene die Ursachen, die religiösen, geistigen, +künstlerischen die Wirkungen dar (soweit der Materialist für die +letzteren die Bezeichnung Tatsachen duldet). Die Ideologen beweisen +umgekehrt, daß das Steigen der einen Schale aus dem Sinken der andern +folgt, und sie beweisen es mit derselben Exaktheit. Sie versenken +sich in Kulte, Mysterien, Bräuche, in die Geheimnisse des Verses und +der Linie und würdigen das banausische Alltagsleben, eine peinliche +Folge der irdischen Unvollkommenheit, kaum eines Seitenblicks. Beide +beweisen, den Kausalnexus deutlich vor Augen, daß die andern den +wahren Zusammenhang der Dinge offenbar nicht sehen oder sehen wollen +und enden damit, daß sie einander blind, flach, dumm, absurd oder +frivol, kuriose Käuze oder platte Philister schelten. Der Ideologe ist +entsetzt, wenn jemand Finanzprobleme unter Hellenen ernst nimmt und +z. B. statt von den tiefsinnigen Sprüchen des delphischen Orakels von +den weitreichenden Geldoperationen redet, welche die Orakelpriester mit +den dort deponierten Summen vornahmen. Der Politikus aber lächelt weise +über den, der seine Begeisterung an sakrale Formeln und die Tracht +attischer Epheben verschwendet, statt über antike Klassenkämpfe ein mit +vielen modernen Schlagworten gespicktes Buch zu schreiben. + +Der eine Typus ist schon in Petrarka vorgebildet. Er hat Florenz +und Weimar, den Begriff der Renaissance und den abendländischen +Klassizismus geschaffen. Den andern findet man seit der Mitte +des 18. Jahrhunderts, mit dem Beginn einer zivilisierten, +wirtschaftlich-großstädtischen Politik, also zuerst in England (Grote). +Im Grunde stehen sich hier die Auffassung des kultivierten und des +zivilisierten Menschen gegenüber, ein Gegensatz, der zu tief, zu +menschlich ist, um die Inferiorität +beider+ Standpunkte empfinden oder +gar überwinden zu lassen. + +Auch der Materialismus verfährt in diesem Punkte idealistisch. Auch +er hat, ohne es zu wissen und zu wollen, seine Einsichten von inneren +Wünschen abhängig gemacht. In der Tat haben sich unsere besten Geister +ohne Ausnahme vor dem Bilde der Antike in Ehrfurcht gebeugt und in +diesem einen Falle der schrankenlosen Kritik entsagt. Die Analyse +des Altertums ist immer durch eine gewisse Scheu verdunkelt worden. +Es gibt in der gesamten Geschichte kein zweites Beispiel für einen so +leidenschaftlichen Kultus, den eine Kultur mit dem Gedächtnis einer +andern treibt. Daß wir Altertum und Neuzeit durch ein „Mittelalter“ +idealisch verknüpften, über ein Jahrtausend gering gewerteter, fast +verachteter Historie hinweg, ist nur ein einzelner Ausdruck dieser +unwillkürlichen Devotion. Wir Westeuropäer haben „den Alten“ die +Reinheit und Selbständigkeit unserer Kunst zum Opfer gebracht, indem +wir nur mit einem Seitenblick auf das hehre „Vorbild“ zu schaffen +wagten; wir haben in unser Bild von den Griechen und Römern jedesmal +das hineingelegt, +hineingefühlt+, was wir in der Tiefe der eigenen +Seele entbehrten oder erhofften. Eines Tages wird uns ein geistreicher +Psychologe die Geschichte unserer verhängnisvollsten Illusion, die +Geschichte dessen, was wir jedesmal als antik verehrten, erzählen. Es +gibt wenige Aufgaben, die für die intime Kenntnis der abendländischen +Seele von Kaiser Otto III., dem ersten, bis zu Nietzsche, dem letzten +Opfer des Südens, lehrreicher wären. + +Goethe redet auf seiner italienischen Reise mit Begeisterung von den +Bauten Palladios, deren frostiger Akademik wir heute höchst skeptisch +gegenüberstehen. Er sieht dann Pompeji und spricht mit unverhohlenem +Mißvergnügen von dem „wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck“. +Was er von den Tempeln von Pästum und Segesta, Meisterstücken +hellenischer Kunst, sagt, ist verlegen und unbedeutend. Offenbar hat +er das Altertum, als es ihm einmal leibhaft in seiner vollen Kraft +entgegentrat, nicht wiedererkannt. Das bezeichnet den historischen +Sinn unserer Seelen: sie wollen nicht Eindrücke von Fremdem, sondern +Ausdruck von Eignem. +Ihr+ „Altertum“ war jedesmal der Horizont +eines historischen Gesamtbildes, das sie geschaffen und mit ihrem +besten Blute genährt haben, ein Gefäß für das eigne Weltgefühl, ein +Phantom, ein Idol. Man begeistert sich in Denkerstuben und poetischen +Zirkeln an den verwegenen Schilderungen antiken Großstadttreibens +bei Aristophanes, Juvenal und Petronius, an südlichem Schmutz und +Pöbel, Lärm und Gewalttat, Lustknaben und Phrynen, am Phalluskult und +cäsarischen Orgien -- aber demselben Stück Wirklichkeit in heutigen +Weltstädten geht man klagend und naserümpfend aus dem Wege. „In den +Städten ist schlecht zu leben: da gibt es zu viele der Brünstigen.“ +Also sprach Zarathustra. Sie rühmen die Staatsgesinnung der Römer +und verachten den, der heute nicht jede Berührung mit öffentlichen +Angelegenheiten meidet. Es gibt eine Klasse von Kennern, für welche +der Unterschied von Toga und Gehrock, von byzantinischem Zirkus und +englischem Sportplatz, von antiken Alpenstraßen und transkontinentalen +Eisenbahnen, Trieren und Schnelldampfern, römischen Lanzen und +preußischen Bajonetten, zuletzt sogar vom Suezkanal, je nachdem ihn ein +Pharao oder ein moderner Ingenieur gebaut hat, eine magische Gewalt +besitzt, die jeden freien Blick mit Sicherheit einschläfert. Sie würden +eine Dampfmaschine als Symbol menschlicher Leidenschaft und Ausdruck +vitaler Energie erst dann gelten lassen, wenn Heron von Alexandria sie +erfunden hätte. Es gilt ihnen als Blasphemie, wenn man statt vom Kult +der Großen Mutter vom Berge Pessinus, von römischer Zentralheizung und +Buchführung spricht. Trotzdem war das griechische Wort für Kapital +ἀφορμή, Ausgangspunkt, und Thukydides lobt die Athener seiner Zeit +(I, 70), daß sie keine anderen Feste kannten, als ihre Geschäfte zu +betreiben.[13] + +Aber die andern sehen +nichts+ als dies. Sie glauben das Wesen dieser +uns so fremden Kultur zu erschöpfen, indem sie die Griechen ohne +weiteres als ihresgleichen behandeln und sie bewegen sich, wenn sie +psychologische Schlüsse ziehen, in einem System von Identitäten, das +die antike +Seele+ überhaupt nicht berührt. Sie ahnen gar nicht, daß +Worte wie Republik, Freiheit, Eigentum dort und hier Dinge bezeichnen, +die innerlich auch nicht die leiseste Verwandtschaft besitzen. Sie +spötteln über Historiker der Goethezeit, wenn sie ihre politischen +Ideale ausdrücken, indem sie eine Geschichte des Altertums verfassen +und mit den Namen Lykurg, Brutus, Cato, Cicero, Augustus durch +deren Rettungen oder Verurteilungen das eigene Programm oder eine +persönliche Schwärmerei decken, aber sie selbst können kein Kapitel +schreiben, ohne zu verraten, welcher Parteirichtung ihre Morgenzeitung +angehört. + +Aber es ist gleichviel, ob man die Vergangenheit mit den Augen Don +Quijotes oder Sancho Pansas betrachtet. Beide Wege führen nicht zum +Ziel. Schließlich hat sich jeder von ihnen erlaubt, das Stück der +Antike in den Vordergrund zu stellen, das den eignen Intentionen +zufällig am besten entsprach, Nietzsche das vorsokratische Athen, +Nationalökonomen die hellenistische Periode, Politiker das +republikanische Rom und Dichter die Kaiserzeit. + +Nicht als ob religiöse oder künstlerische Erscheinungen ursprünglicher +wären als soziale und wirtschaftliche. Es ist weder so noch umgekehrt. +Es gibt für den, der hier die unbedingte Freiheit des Blickes erworben +hat, jenseits +aller+ persönlichen Interessen welcher Art auch immer, +überhaupt keine Art von Abhängigkeit, keine Priorität, keine Ursache +und Wirkung, keinen Unterschied des Wertes und der Wichtigkeit. Was +den einzelnen Phänomenen ihren Rang gibt, ist lediglich die größere +oder geringere Reinheit und Kraft ihrer Formensprache, die Stärke ihrer +Symbolik -- abseits von gut und böse, hoch und niedrig, Nutzen und +Ideal. + + +12 + +Der Untergang des Abendlandes, so betrachtet, bedeutet nichts +Geringeres als das +Problem der Zivilisation+. Eine der Grundfragen +aller Historie liegt hier vor. Was ist Zivilisation, als logische +Folge, als Vollendung und Ausgang einer Kultur begriffen? + +Denn jede Kultur hat ihre +eigne+ Zivilisation. Zum ersten Male werden +hier die beiden Worte, die bisher einen vagen ethischen Unterschied +persönlicher Art zu bezeichnen hatten, in periodischem Sinne, als +Ausdrücke für ein strenges und notwendiges +organisches Nacheinander+ +gefaßt. Die Zivilisation ist das unausweichliche +Schicksal+ einer +Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem aus die letzten und +schwersten Fragen der historischen Morphologie lösbar werden. +Zivilisation sind die +äußersten+ und +künstlichsten+ Zustände, deren +eine höhere Art Menschen fähig ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen +dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung +als die Starrheit, dem Lande und der seelischen Kindheit, wie sie +Dorik und Gotik zeigen, als das geistige Greisentum und die steinerne, +versteinernde Weltstadt. Sie sind ein +Ende+, unwiderruflich, aber sie +sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden. + +Damit erst wird man den Römer als den Nachfolger des Hellenen +verstehen. Erst so rückt die späte Antike in das Licht, das ihre +tiefsten Geheimnisse preisgibt. Denn was hat es zu bedeuten -- was +man nur mit leeren Worten bestreiten kann --, daß die Römer Barbaren +gewesen sind, Barbaren, die einem großen Aufschwung nicht vorangehen, +sondern ihn beschließen? Seelenlos, unphilosophisch, ohne Kunst, +animalisch bis zum Brutalen, rücksichtslos auf materielle Erfolge +haltend, stehen sie zwischen der hellenischen Kultur und dem Nichts. +Ihre nur auf das Praktische gerichtete Einbildungskraft -- sie +besaßen ein sakrales Recht, das die Beziehungen zwischen Göttern +und Menschen wie zwischen Privatpersonen regelte, aber keine Spur +eines Mythus -- ist eine Anlage, die man in Athen überhaupt nicht +antrifft. Griechische Seele und römischer Intellekt -- das ist es. +So unterscheiden sich Kultur und Zivilisation. Das gilt nicht nur +von der Antike. Immer wieder taucht dieser Typus starkgeistiger, +vollkommen unmetaphysischer Menschen auf. In ihren Händen liegt das +geistige und materielle Geschick einer jeden Spätzeit. Sie haben +den babylonischen, ägyptischen, indischen, chinesischen, römischen +Imperialismus durchgeführt. In solchen Perioden sind der Buddhismus, +Stoizismus und Sozialismus zu endgültigen Weltstimmungen herangereift, +die ein erlöschendes Menschentum in seiner ganzen Substanz noch einmal +zu ergreifen und umzugestalten vermögen. Die +reine+ Zivilisation als +historischer Prozeß besteht in einem stufenweisen +Abbau+ anorganisch +gewordener, erstorbener Formen. + +Der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht sich in der +Antike im 4., im Abendlande im 19. Jahrhundert. Von da an fallen die +großen geistigen Entscheidungen nicht mehr wie zur Zeit der orphischen +Bewegung und der Reformation in der „ganzen Welt“, in der schließlich +kein Dorf ganz unwichtig ist, sondern in drei oder vier Weltstädten, +die allen Gehalt der Historie in sich aufgesogen haben und denen +gegenüber die gesamte Landschaft der Kultur zum Range der Provinz +herabsinkt, die ihrerseits nur noch die Weltstädte mit den Resten +ihres höheren Menschentums zu nähren hat. +Weltstadt und Provinz+ -- +mit diesen Grundbegriffen aller Zivilisation tritt ein ganz neues +Formproblem der Geschichte hervor, das wir Heutigen gerade durchleben, +ohne es in seiner ganzen Tragweite auch nur entfernt begriffen zu +haben. Statt einer Welt eine +Stadt+, ein +Punkt+, in dem sich das +ganze Leben weiter Länder sammelt, während der Rest verdorrt; statt +eines formvollen, mit der Erde verwachsenen Volkes ein neuer Nomade, +ein Parasit, der Großstadtbewohner, der reine, traditionslose, in +formlos fluktuierender Masse auftretende Tatsachenmensch, irreligiös, +intelligent, unfruchtbar, mit einer tiefen Abneigung gegen das +Bauerntum (und dessen höchste Form, den Landadel), also ein ungeheurer +Schritt zum Anorganischen, zum Ende -- was bedeutet das? Frankreich und +England haben diesen Schritt vollzogen und Deutschland ist im Begriff, +ihn zu tun. Auf Syrakus, Athen, Alexandria folgt Rom. Auf Madrid, +Paris, London folgt Berlin. Provinz zu werden ist das Schicksal ganzer +Länder, die nicht im Strahlenkreise einer dieser Städte liegen wie +damals Kreta und Makedonien, heute der skandinavische Norden.[14] + +Ehemals spielte sich der Kampf um die ideelle Fassung der Epoche +auf dem Boden metaphysischer, kultisch oder dogmatisch geprägter +Weltprobleme zwischen dem erdhaften Geiste des Bauerntums (Adel und +Priestertum) und dem „weltlichen“ patrizischen Geiste der alten, +kleinen, berühmten Städte der dorischen und gotischen Frühzeit ab. +Dergestalt waren die Kämpfe um die Dionysosreligion -- z. B. unter +dem Tyrannen Kleisthenes von Sikyon[15] -- und um die Reformation +in den deutschen Reichsstädten und in den Hugenottenkriegen. Aber +wie diese Städte zuletzt das Land überwanden -- ein rein städtisches +Weltbewußtsein begegnet schon bei Parmenides und Descartes -- so +überwindet die Weltstadt sie. Das ist der geistige Prozeß aller +Spätzeiten, der Ionik wie des Barock. Heute wie zur Zeit des +Hellenismus, an dessen Schwelle die Gründung einer künstlichen, also +landfremden Großstadt, Alexandrias, steht, sind diese Kulturstädte -- +Florenz, Nürnberg, Salamanca, Brügge, Prag -- Provinzstädte geworden, +die gegen den Geist der Weltstädte einen hoffnungslosen intellektuellen +Widerstand leisten. Die Weltstadt bedeutet den Kosmopolitismus an +Stelle der „Heimat“,[16] den kühlen Tatsachensinn an Stelle der +Ehrfurcht vor dem Überlieferten und Gewachsenen, die wissenschaftliche +Irreligion als Petrefakt der voraufgegangenen Religion des Herzens, +die „Gesellschaft“ an Stelle des Staates, die natürlichen statt der +erworbenen Rechte. Das +Geld+ als anorganischen abstrakten Faktor, +von allen Beziehungen zum Sinne des fruchtbaren Bodens, zu den Werten +einer ursprünglichen Lebenshaltung gelöst -- das haben die Römer vor +den Griechen voraus. Von hier an ist eine vornehme Weltanschauung +auch +eine Geldfrage+. Nicht der griechische Stoizismus des Chrysipp, aber +der spätrömische des Cato und Seneka setzt als Grundlage ein Vermögen +voraus[17] und nicht die sozialethische Gesinnung des 18. Jahrhunderts, +aber die des 20. ist, wenn sie über eine berufsmäßige -- einträgliche +-- Agitation hinaus Tat werden will, eine Sache für Millionäre. Zur +Weltstadt gehört nicht ein Volk, sondern eine Masse. Ihr Unverständnis +für alles Überlieferte, in dem man die +Kultur+ bekämpft (den Adel, die +Kirche, die Privilegien, die Dynastie, in der Kunst die Konventionen, +in der Wissenschaft die Grenzen der Erkenntnismöglichkeit), ihre der +bäuerlichen Klugheit überlegene scharfe und kühle Intelligenz, ihr +Naturalismus in einem ganz neuen Sinne, der über Sokrates und Rousseau +weit zurück in bezug auf alles Sexuelle und Soziale an urmenschliche +Instinkte und Zustände anknüpft, das _panem et circenses_, das heute +wieder in der Verkleidung von Lohnkampf und Sportplatz erscheint -- +alles das bezeichnet der endgültig abgeschlossenen Kultur, der Provinz +gegenüber eine ganz neue, späte und zukunftslose, aber unvermeidliche +Form menschlicher Existenz. + +Das ist es, was +gesehen+ sein will, nicht mit den Augen des +Parteimannes, des Ideologen, des zeitgemäßen Moralisten, aus dem Winkel +irgendeines „Standpunktes“ heraus, sondern aus zeitloser Höhe, den +Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden gerichtet -- +wenn man wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will. + +Ich sehe Symbole ersten Ranges darin, daß in Rom, wo um 60 v. Chr. +der Triumvir Crassus der erste Bauplatzspekulant war, das auf allen +Inschriften prangende römische Volk, vor dem Gallier, Griechen, +Parther, Syrer in der Ferne zitterten, in ungeheurem Elend in den +vielstöckigen Mietskasernen lichtloser Vorstädte[18] hauste und die +Erfolge der militärischen Expansion mit Gleichgültigkeit oder einer Art +von sportlichem Interesse aufnahm; daß manche der großen Familien des +Uradels, Nachkommen der Sieger über die Kelten, Samniten und Hannibal, +weil sie sich an der wüsten Spekulation nicht beteiligten, ihre +Stammhäuser aufgeben und armselige Mietwohnungen beziehen mußten; daß, +während sich längs der Via Appia die noch heute bewunderten Grabmäler +der Finanzgrößen Roms erhoben, die Leichen des Volkes zusammen mit +Tierkadavern und Großstadtkehricht in ein grauenhaftes Massengrab +geworfen wurden, bis man unter Augustus, um Seuchen zu verhüten, +die Stelle zuschüttete, auf der Mäcenas dann seinen berühmten Park +anlegte; daß man in dem entvölkerten Athen, das von Fremdenbesuch +und den Stiftungen reicher Ausländer (wie des Judenkönigs Herodes) +lebte, der Reisepöbel allzu rasch reich gewordener Römer die Werke der +perikleischen Zeit begaffte, von denen er so wenig verstand wie die +amerikanischen Besucher der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo, +nachdem man alle beweglichen Kunstwerke fortgeschleppt oder zu +phantastischen Modepreisen angekauft und dafür kolossale und anmaßende +Römerbauten neben die tiefen und bescheidenen Werke der alten Zeit +gesetzt hatte. In diesen Dingen, die der Historiker nicht zu loben oder +tadeln, sondern morphologisch abzuwägen hat, liegt für den, welcher zu +sehen gelernt hat, eine +Idee+ unmittelbar zutage. + +Es ist heute wie damals nicht die Frage, ob man von Geburt Germane oder +Romane, Hellene oder Römer, sondern ob man von Erziehung Weltstädter +oder Provinzler ist. Das entscheidet über alles Tatsächliche. Hier +finden wir einen neuen, in seiner Art vollkommenen Weltblick als +Ausdruck eines neuen Lebensstils. Eine höchst bezeichnende und in allen +bisher vorliegenden Fällen identische Metamorphose vollzieht sich. +Es ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb man in dem wirren Bilde +der historischen Oberfläche die eigentliche Struktur der Historie +nicht aufgefunden hat, daß man es nicht verstand, die Formkomplexe des +kultivierten und des zivilisierten Daseins aus ihrer wechselseitigen +Durchdringung zu lösen. Eine Kritik der Gegenwart steht hier vor ihrer +schwersten Aufgabe. + +Denn es wird sich zeigen, daß von diesem Augenblicke an alle großen +Konflikte der Weltanschauung, der Politik, der Kunst, des Wissens, +des Gefühls im Zeichen dieses einen Gegensatzes stehen. Was ist +zivilisierte Politik von morgen im Gegensatz zur kultivierten von +gestern? In der Antike Rhetorik, im Abendlande Journalismus, und +zwar im Dienste jenes Abstraktums, das die Macht der Zivilisation +repräsentiert, des +Geldes+. Sein Geist ist es, der unvermerkt die +historischen Formen des Völkerdaseins durchdringt, oft ohne sie im +geringsten zu ändern oder zu zerstören. Der römische Staatsmechanismus +ist vom älteren Scipio Africanus bis auf Augustus in viel höherem Grade +stationär geblieben, als dies in der Regel angenommen wird. Aber +die großen Parteien, Vehikel einer veralteten Form des politischen +Lebens, sind zur Zeit der Gracchen wie im 20. Jahrhundert nur noch +scheinbar Mittelpunkte der entscheidenden Aktionen. In Wirklichkeit +ist es dem Forum Romanum gegenüber gleichgültig, wie auf dem Forum von +Pompeji geredet, beschlossen und gewählt wird, und die drei oder vier +Weltblätter werden in unsrer Zukunft die Meinung der Provinzzeitungen +und damit den „Willen des Volkes“ bestimmen. Es ist eine kleine Anzahl +überlegener Gehirne, deren Namen in diesem Augenblick vielleicht nicht +die bekanntesten sind, die alles entscheidet, während die große Masse +der Politiker zweiten Ranges, Rhetoren und Tribunen, Abgeordnete +und Journalisten, eine Auswahl nach Provinzhorizonten, nach unten +die Illusion einer Selbstbestimmung des Volkes aufrecht erhält. Und +die Kunst? Die Philosophie? Die Ideale der platonischen und der +kantischen Zeit galten einem höhern Menschentum überhaupt, die des +Hellenismus und der Gegenwart, vor allem der Sozialismus, der ihm +genetisch nahe verwandte Darwinismus mit seinen so ganz ungoetheschen +Formeln vom Kampf ums Dasein und der Zuchtwahl, die damit wiederum +verwandten Frauen- und Eheprobleme bei Ibsen, Strindberg und Shaw, die +impressionistischen Neigungen einer anarchischen Sinnlichkeit, das +ganze Bündel moderner Sehnsüchte, Reize und Schmerzen, deren Ausdruck +die Lyrik Baudelaires und die Musik Wagners ist, sind nicht für das +Weltgefühl des dörflichen und überhaupt des natürlichen Menschen, +sondern ausschließlich für den weltstädtischen Gehirnmenschen da. +Je kleiner die Stadt, desto sinnloser die Beschäftigung mit dieser +Malerei und Musik. Zur Kultur gehört die Gymnastik, das Turnier, +der Agon, zur Zivilisation der +Sport+. Auch das unterscheidet die +hellenische Palästra vom römischen Zirkus.[19] Die Kunst selbst wird +Sport -- das bedeutet _l’art pour l’art_ -- vor einem hochintelligenten +Publikum von Kennern und Käufern, mag es sich um die Bewältigung +absurder instrumentaler Tonmassen oder harmonischer Hindernisse, +mag es sich um das „Nehmen“ eines Farbenproblems handeln. Eine neue +Tatsachenphilosophie erscheint, die für metaphysische Spekulationen +nur ein Lächeln übrig hat, eine neue Literatur, dem Intellekt, +dem Geschmack und den Nerven des Großstädters ein Bedürfnis, dem +Provinzialen unverständlich und verhaßt.[20] Weder die alexandrinische +Poesie, noch die Freilichtmalerei gehen das „Volk“ etwas an. Der +Übergang wird damals wie heute durch eine Reihe nur in dieser Epoche +anzutreffender Skandale bezeichnet. Die Entrüstung der Athener über +Euripides und die revolutionären Malweisen z. B. des Apollodor, +wiederholt sich in der Auflehnung gegen Wagner, Manet, Ibsen und +Nietzsche. + +Man kann die Griechen verstehen, ohne von ihren wirtschaftlichen +Verhältnissen zu reden. Die Römer versteht man +nur+ durch sie. Bei +Chäronea und bei Leipzig wurde zum letzten Male um eine Idee gekämpft. +Im ersten punischen Kriege und bei Sedan sind die wirtschaftlichen +Momente nicht mehr zu übersehen. Erst die Römer mit ihrer praktischen +Energie haben der Sklavenarbeit und dem Sklavenhandel jenen +riesenhaften Stil gegeben, der für viele den Typus der antiken +Lebenshaltung überhaupt entscheidend bestimmt. Erst die germanischen, +nicht die romanischen Völker Westeuropas haben dementsprechend aus +der Dampfmaschine eine das Bild der Länder verändernde Großindustrie +entwickelt. Man wird die Beziehung beider tiefsymbolischen Phänomene +zum Stoizismus und zum Sozialismus nicht übersehen. Erst der +römische, durch C. Flaminius angekündigte, in Marius zum ersten Male +Gestalt gewordene Cäsarismus hat innerhalb der antiken Welt die ++Erhabenheit des Geldes+ -- in der Hand starkgeistiger, groß angelegter +Tatsachenmenschen -- kennen gelehrt. Ohne +das+ ist weder Cäsar noch +das Römertum überhaupt verständlich. Jeder Grieche hat einen Zug von +Don Quijote, jeder Römer von Sancho Pansa -- was sie sonst noch waren, +tritt dahinter zurück. + + +13 + +Was die römische Weltherrschaft betrifft, so ist sie ein +negatives+ +Phänomen, nicht das Resultat eines Überschusses von Kraft auf der einen +-- den hatten die Römer nach Zama nicht mehr --, sondern das eines +Mangels an Widerstand auf der andern Seite. Die Römer haben die Welt +gar nicht erobert. Sie haben nur in Besitz genommen, was als Beute für +jedermann dalag. Das Imperium Romanum ist nicht durch die äußerste +Anspannung aller militärischen und finanziellen Hilfsmittel, wie es +einst Karthago gegenüber der Fall war, sondern durch den Verzicht des +alten Ostens auf äußere Selbstbestimmung entstanden. Man lasse sich +nicht durch den Schein glänzender soldatischer Erfolge täuschen. Mit +ein paar schlecht geübten, schlecht geführten, übel gelaunten Legionen +haben Lukullus und Pompejus ganze Reiche unterworfen, woran zur Zeit +der Schlacht bei Issus nicht zu denken gewesen wäre. Die mithridatische +Gefahr, eine wirkliche Gefahr für dies nie ernstlich geprüfte System +materieller Kräfte, hätte als solche für die Besieger Hannibals +niemals bestanden. Die Römer haben nach Zama keinen Krieg gegen eine +große Militärmacht mehr geführt und hätten keinen führen können.[21] +Ihre +klassischen+ Kriege waren die gegen die Samniten, gegen Pyrrhus +und Karthago. Ihre große Stunde war Cannä. Es gibt kein Volk, das +Jahrhunderte hindurch auf dem Kothurn steht. Das preußisch-deutsche, +das die mächtigen Augenblicke von 1813, 1870 und 1914 hatte, besitzt +deren mehr als andere. + +Ich lehre hier den +Imperialismus+, als dessen Petrefakt Reiche wie +das ägyptische, chinesische, römische, die indische Welt, die Welt +des Islam noch Jahrhunderte und Jahrtausende stehen bleiben und aus +einer Erobererfaust in die andre gehen können -- tote Körper, amorphe, +entseelte Menschenmassen, verbrauchter Stoff einer großen Geschichte +-- als das typische Symbol des Ausgangs begreifen. Imperialismus ist +reine Zivilisation. In dieser Erscheinungsform liegt unwiderruflich +das Schicksal des Abendlandes. Der kultivierte Mensch hat seine +Energie nach innen, der zivilisierte nach außen. Deshalb sehe ich +in Cecil Rhodes den ersten Mann einer neuen Zeit. Er repräsentiert +den politischen Stil einer ferneren, abendländischen, germanischen, +insbesondere deutschen Zukunft. Sein Wort „Ausdehnung ist alles“ +enthält in dieser napoleonischen Fassung die eigentlichste Tendenz +einer +jeden+ ausgereiften Zivilisation. Das gilt von den Römern, +den Arabern, den Chinesen. Hier gibt es keine Wahl. Hier entscheidet +nicht einmal der bewußte Wille des einzelnen oder ganzer Klassen und +Völker. Die expansive Tendenz ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches +und Ungeheures, das den späten Menschen des Weltstadtstadiums packt, +in seinen Dienst zwingt und verbraucht, ob er will oder nicht, ob er +es weiß oder nicht.[22] Leben ist die Verwirklichung von Möglichem, +und für den Gehirnmenschen +gibt es nur extensive Möglichkeiten+.[23] +So sehr der heutige, noch wenig entwickelte Sozialismus sich gegen +die Expansion auflehnt, er wird eines Tages mit der Vehemenz eines +Schicksals ihr vornehmster Träger sein. Hier rührt die Formensprache +der Politik -- als unmittelbarer intellektueller Ausdruck einer Art von +Menschentum -- an ein tiefes metaphysisches Problem: an die durch die +unbedingte Gültigkeit des Kausalitätsprinzips bestätigte Tatsache, daß ++der Geist das Komplement der Ausdehnung ist+. + +Rhodes erscheint als der erste Vorläufer eines abendländischen +Cäsarentypus, für den die Zeit noch lange nicht gekommen ist. Er +steht in der Mitte zwischen Napoleon und den Gewaltmenschen des +nächsten Jahrhunderts, wie jener Flaminius, der seit 232 die Römer +zur Unterwerfung der cisalpinen Gallier -- und damit zum Beginn +ihrer kolonialen Ausdehnungspolitik drängte, zwischen Alexander und +Cäsar. Flaminius war Demagoge, streng genommen ein Privatmann von +staatsbeherrschendem Einfluß in einer Zeit, wo der Staatsgedanke +der Gewalt wirtschaftlicher Faktoren erliegt, in Rom sicherlich der +erste vom cäsarischen Oppositionstypus. Mit ihm endet der organische +Machtwille des Patriziats, der von einer +Idee+ getragen ist, und +es beginnt die rein materialistische, unethische, schrankenlose +Expansion. Alexander und Napoleon waren Romantiker, an der Schwelle +der Zivilisation und schon von ihrer kalten und klaren Luft angeweht; +aber der eine gefiel sich in der Rolle des Achilleus und der andere las +den Werther. Cäsar war lediglich ein Tatsachenmensch von ungeheurem +Verstande. + +Aber schon Rhodes verstand unter erfolgreicher Politik einzig den +territorialen und finanziellen Erfolg. Das ist das Römische an ihm, +dessen er sich sehr bewußt war. In dieser Energie und Reinheit hatte +sich die westeuropäische Zivilisation noch nicht verkörpert. Nur vor +seinen Landkarten konnte er in eine Art dichterischer Ekstase geraten, +er, der als Sohn eines puritanischen Pfarrhauses mittellos nach +Südafrika gekommen war und ein Riesenvermögen als Machtmittel für seine +politischen Ziele erworben hatte. Sein Gedanke einer transafrikanischen +Bahn vom Kap nach Kairo, sein Entwurf eines südafrikanischen Reiches, +seine geistige Gewalt über die Minenmagnaten, eiserne Geldmenschen, +die er zwang, ihr Vermögen in den Dienst seiner Ideen zu stellen, +seine Hauptstadt Buluwayo, die er, der allmächtige Staatsmann ohne +ein definierbares Verhältnis zum Staate, als künftige Residenz in +königlichem Maßstabe anlegte, seine Kriege, diplomatischen Aktionen, +Straßensysteme, Syndikate, Heere, sein Begriff von der „großen Pflicht +des Gehirnmenschen gegenüber der Zivilisation“ -- alles das ist, groß +und vornehm, das Vorspiel einer uns noch vorbehaltenen Zukunft, mit der +die Geschichte des westeuropäischen Menschen endgültig +schließen+ wird. + +Wer nicht begreift, daß sich an diesem Ausgang nichts ändern läßt, daß +man +dies+ wollen muß oder gar nichts, daß man dies Schicksal lieben +oder an der Zukunft, am Leben verzweifeln muß, wer das Großartige nicht +empfindet, das auch in dieser Wirksamkeit höchster Intelligenzen, +dieser Energie und Disziplin metallharter Naturen, diesem Kampf mit den +kältesten, abstraktesten Mitteln liegt, wer mit dem Idealismus eines +Provinzialen herumgeht und den Lebensstil verflossener Zeiten sucht, +der muß es aufgeben, Geschichte verstehen, Geschichte durchleben, +Geschichte schaffen zu wollen. + +So erscheint das Imperium Romanum nicht mehr als ein einmaliges +Phänomen, sondern als normales Produkt einer strengen und energischen, +weltstädtischen, eminent praktischen Geistigkeit und als typischer +Endzustand, der schon einige Male dagewesen, aber bisher nicht +identifiziert worden ist. Begreifen wir endlich, daß das Geheimnis +der historischen Form nicht an der Oberfläche liegt und nicht durch +Ähnlichkeiten des Kostüms oder der Szene zu fassen ist, daß es in +der menschlichen so gut wie in der Tier- und Pflanzengeschichte +Erscheinungen von täuschender Ähnlichkeit gibt, die innerlich nichts +Verwandtes besitzen -- Karl der Große und Harun al Raschid, Alexander +und Cäsar, die Germanenkriege gegen Rom und die Mongolenstürme gegen +Westeuropa -- und andre, die bei größter äußerer Verschiedenheit +Identisches zum Ausdruck bringen wie Trajan und Ramses II., die +Bourbonen und der attische Demos, Mohammed und Pythagoras. Kommen +wir zur Einsicht, daß das 19. und 20. Jahrhundert, vermeintlich der +Gipfel einer geradlinig ansteigenden Weltgeschichte, als Phänomen +tatsächlich in jeder bis zum Ende gereiften Kultur nachzuweisen ist, +nicht mit Sozialisten, Impressionisten, elektrischen Bahnen, Torpedos +und Differentialgleichungen, die nur zum Körper der Zeit gehören, +sondern mit seiner zivilisierten Geistigkeit, die auch ganz andere +Möglichkeiten äußerer Gestaltung besitzt, daß die Gegenwart also +ein Durchgangsstadium darstellt, das unter gewissen Bedingungen mit +Sicherheit eintritt, daß es mithin auch ganz bestimmte +spätere+ +Zustände als die modernen westeuropäischen gibt, daß sie in der +abgelaufenen Geschichte schon mehr als einmal dagewesen sind und daß +damit die Zukunft des Abendlandes nicht ein uferloses Hinauf und +Vorwärts in der Richtung unserer augenblicklichen Ideale und mit +phantastischen Zeiträumen ist, sondern +ein in Hinsicht auf Form und +Dauer streng begrenztes und unausweichlich bestimmtes Einzelphänomen +der Historie vom Umfange weniger Jahrhunderte, das aus den vorliegenden +Beispielen übersehen und in wesentlichen Zügen berechnet werden kann+. + + +14 + +Hat man diese Höhe der Betrachtung erreicht, so fallen einem alle +Früchte von selbst zu. An den +einen+ Gedanken schließen sich, mit +ihm lösen sich zwanglos alle Einzelprobleme, welche auf den Gebieten +der Religionsforschung, der Kunstgeschichte, der Erkenntniskritik, +der Ethik, der Politik, der Nationalökonomie den modernen Geist +seit Jahrzehnten und leidenschaftlich, aber ohne den letzten Erfolg +beschäftigt haben. + +Dieser Gedanke gehört zu den Wahrheiten, die nicht mehr bestritten +werden, sobald sie einmal in voller Deutlichkeit ausgesprochen sind. +Er gehört zu den innern Notwendigkeiten der Kultur Westeuropas und +ihres Weltgefühls. Er ist geeignet, die Lebensanschauung derjenigen +von Grund aus zu ändern, die ihn völlig begriffen, das heißt ihn sich +innerlich zu eigen gemacht haben. Es bedeutet eine große Vertiefung des +uns natürlichen und notwendigen Weltbildes, daß wir die welthistorische +Entwicklung, in der wir stehen und die wir bis jetzt rückwärts als +ein organisches Ganze zu betrachten gelernt haben, nun auch vorwärts +in großen Umrissen verfolgen können. Dergleichen hat sich bisher nur +der Physiker bei seinen Berechnungen träumen lassen. Es bedeutet, +ich wiederhole es noch einmal, auch im Historischen den Ersatz des +ptolemäischen durch einen kopernikanischen Aspekt, das heißt eine +unermeßliche Erweiterung des Lebenshorizontes. + +Es stand bis jetzt frei, von der Zukunft zu hoffen, was man wollte. +Wo es keine Tatsachen gibt, regiert das Gefühl. Künftig wird es jedem +Pflicht sein, vom Kommenden zu erfahren, was geschehen +kann+ und +also geschehen +wird+, mit der unabänderlichen Notwendigkeit eines +Schicksals, und was von unsern persönlichen oder den Zeitidealen ganz +unabhängig ist. Gebrauchen wir das bedenkliche Wort Freiheit, so steht +es uns nicht mehr frei, dieses oder jenes zu verwirklichen, sondern ++das Notwendige oder nichts+. Dies als „gut“ zu empfinden ist im Grunde +das Kennzeichen des Realisten. Es bedauern und tadeln heißt aber nicht +es ändern. Zur Geburt gehört der Tod, zur Jugend das Alter, zum Leben +überhaupt seine Gestalt und die vorbestimmten Grenzen seiner Dauer. +Die Gegenwart ist eine zivilisierte, keine kultivierte Phase. Damit +scheidet eine ganze Reihe von Lebensinhalten als unmöglich aus. Man +kann das bedauern und dies Bedauern in eine pessimistische Philosophie +und Lyrik kleiden -- und man wird das künftig tun --, aber man kann es +nicht ändern. Es wird nicht mehr erlaubt sein, im Heute und Morgen mit +aller Selbstsicherheit die Geburt oder Blüte von dem anzunehmen, was +man wünscht, wenn auch die historische Erfahrung laut genug dagegen +redet. + +Ich bin auf den Einwand gefaßt, daß ein solcher Weltaspekt, der über +die allgemeinen Direktiven der Zukunft Gewißheit gibt und weitgehende +Hoffnungen abschneidet, lebensfeindlich und für viele ein Verhängnis +sein würde, falls er einmal mehr als bloße Theorie, falls er die +praktische Weltanschauung der für die Gestaltung der Zukunft wirklich +in Betracht kommenden Gruppe von Persönlichkeiten sein würde. + +Ich bin nicht der Meinung. Wir sind zivilisierte Menschen, nicht +Menschen der Gotik und des Rokoko; wir haben mit den harten und kalten +Tatsachen eines +späten+ Lebens zu rechnen, dessen Parallele nicht im +perikleischen Athen, sondern im cäsarischen Rom liegt. Von einer großen +Malerei und Musik wird für den westeuropäischen Menschen nicht mehr +die Rede sein. Seine architektonischen Möglichkeiten sind seit hundert +Jahren erschöpft. Ihm sind nur extensive Möglichkeiten geblieben. Aber +ich sehe den Nachteil nicht, der entstehen könnte, wenn eine tüchtige +und von unbegrenzten Hoffnungen geschwellte Generation beizeiten +erfährt, daß ein Teil dieser Hoffnungen zu Fehlschlägen führen muß. +Mögen es die teuersten sein; wer etwas wert ist, wird das überwinden. +Es ist wahr, daß es für einzelne tragisch ausgehen kann, wenn sich +ihrer in den entscheidenden Jahren die Gewißheit bemächtigt, daß im +Bereiche der Architektur, des Dramas, der Malerei +für sie+ nichts mehr +zu erobern ist. Mögen sie zugrunde gehen. Man war sich bisher einig +darüber, hier keinerlei Schranken anzuerkennen; man glaubte, daß jede +Zeit auf jedem Gebiete auch ihre Aufgabe habe; man fand sie, wenn es +sein mußte, mit Gewalt und bösem Gewissen, und jedenfalls stellte es +sich erst nach dem Tode heraus, ob der Glaube einen Grund hatte und +ob die Arbeit eines Lebens +notwendig oder überflüssig+ gewesen war. +Aber jeder, der nicht bloßer Romantiker ist, wird diese Ausflucht +ablehnen. Das ist nicht der Stolz, der die Römer auszeichnete. Was +liegt an denen, die es vorziehen, wenn man vor einer erschöpften +Erzgrube ihnen sagt: Hier wird morgen eine neue Ader angeschlagen +werden -- wie es die augenblickliche Kunst mit ihren durch und durch +unwahren Stilbildungen tut --, statt sie auf das reiche Tonlager zu +verweisen, das unerschlossen daneben liegt? -- Ich betrachte diese +Lehre als eine Wohltat für die kommende Generation, weil sie ihr +zeigt, was möglich und also notwendig ist und was nicht zu den innern +Möglichkeiten der Zeit gehört. Es ist bisher eine Unsumme von Geist +und Kraft auf falschen Wegen verschwendet worden. Der westeuropäische +Mensch, so historisch er denkt und fühlt, ist in einem gewissen +Lebensalter sich nie seiner eigentlichen Richtung bewußt. Er tastet +und sucht und verirrt sich, wenn die äußern Anlässe ihm nicht günstig +sind. Hier endlich hat die Arbeit von Jahrhunderten ihm die Möglichkeit +gegeben, die Lage seines Lebens im Zusammenhang mit der Gesamtkultur +zu übersehen und zu prüfen, was er kann und soll. Wenn unter dem +Eindruck dieses Buches sich Menschen der neuen Generation der Technik +statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der +Erkenntniskritik zuwenden, so tun sie, was ich wünsche, und man kann +ihnen nichts Besseres wünschen. + + +15 + +Es bleibt noch das Verhältnis einer Morphologie der Weltgeschichte zur +Philosophie festzustellen. Jede echte Geschichtsbetrachtung ist echte +Philosophie -- oder bloße Ameisenarbeit. Aber der Philosoph älteren +Stils bewegt sich in einem schweren Irrtum. Er glaubt nicht an das +Wandelbare seiner Bestimmung. Er meint, daß das höhere Denken einen +ewigen und unveränderlichen Gegenstand besitze, daß die großen Fragen +zu allen Zeiten dieselben seien und daß sie endlich einmal beantwortet +werden könnten. + +Aber Frage und Antwort sind hier eins, und jede große Frage, der das +leidenschaftliche Verlangen nach einer ganz bestimmten Antwort schon +zugrunde liegt, hat lediglich die Bedeutung eines Lebenssymbols. Es +gibt keine ewigen Wahrheiten. Jede Philosophie ist ein Ausdruck ihrer +und +nur+ ihrer Zeit, und es gibt nicht zwei Zeitalter, welche die +gleichen philosophischen Intentionen besäßen, sobald von wirklicher +Philosophie und nicht von irgendwelchen akademischen Belanglosigkeiten +über Urteilsformen oder Gefühlskategorien die Rede sein soll. Der +Unterschied liegt nicht zwischen unsterblichen und vergänglichen +Lehren, sondern zwischen Lehren, welche eine Zeitlang oder niemals +lebendig sind. Unvergänglichkeit gewordener Gedanken ist eine Illusion. +Das Wesentliche ist, was für ein Mensch in ihnen Gestalt gewinnt. Je +größer der Mensch, um so wahrer die Philosophie -- im Sinne der inneren +Wahrheit eines großen Kunstwerkes nämlich, was von der Beweisbarkeit +und selbst Widerspruchslosigkeit der einzelnen Sätze unabhängig ist. +Im höchsten Falle kann sie den ganzen Gehalt einer Zeit erschöpfen, in +sich verwirklichen und ihn so, formgeworden, in Persönlichkeit und Idee +verkörpert, der ferneren Entwicklung übergeben. Das wissenschaftliche +Kostüm, die gelehrte Maske einer Philosophie entscheidet hier nichts. +Nichts ist einfacher, als an Stelle von Gedanken, die man nicht hat, +ein System zu begründen. Aber selbst ein guter Gedanke ist wenig +wert, wenn er von einem Flachkopf ausgesprochen wird. Allein die +Notwendigkeit für das Leben entscheidet über den Rang einer Lehre. + +Deshalb sehe ich den Prüfstein für den Wert eines Denkers in seinem +Blick für die großen Tatsachen seiner Zeit. Erst hier entscheidet es +sich, ob jemand nur ein geschickter Konstrukteur von Systemen und +Prinzipien ist, ob er sich nur mit Gewandtheit und Belesenheit in +Definitionen und Analysen bewegt -- oder ob es die Seele der Zeit +selbst ist, die aus seinen Werken und Intuitionen redet. Ein Philosoph, +der nicht auch die Wirklichkeit ergreift und beherrscht, wird niemals +ersten Ranges sein. Die Vorsokratiker waren Kaufleute und Politiker +großen Stils. Plato kostete es fast das Leben, daß er in Syrakus seine +politischen Gedanken hatte verwirklichen wollen. Derselbe Plato hat +jene Reihe geometrischer Sätze gefunden, die es Euklid erst möglich +machte, das System der antiken Mathematik aufzubauen. Pascal, den +Nietzsche nur als den „gebrochenen Christen“ kennt, Descartes, Leibniz +waren die ersten Mathematiker und Techniker ihrer Zeit. + +Und hier finde ich einen starken Einwand gegen alle Philosophen der +jüngsten Vergangenheit. Was ihnen fehlt, ist der entscheidende Rang +im wirklichen Leben. Keiner von ihnen hat in die hohe Politik, in die +Entwicklung der modernen Technik, des Verkehrs, der Volkswirtschaft, +in irgendeine Art von +großer+ Wirklichkeit auch nur mit einer Tat, +einem mächtigen Gedanken entscheidend eingegriffen. Keiner zählt in +der Mathematik, der Physik, der Staatswissenschaft im geringsten +mit, wie es noch mit Kant der Fall war. Was das bedeutet, lehrt ein +Blick auf andere Zeiten. Aristoteles hat in seiner Schrift über den +Staat der Athener für die sozialpolitische Situation des anbrechenden +Hellenismus das feinste Verständnis bewiesen. Er hätte sehr wohl +-- wie Sophokles -- die Finanzverwaltung von Athen führen können. +Goethe, dessen ministerielle Amtsführung mustergültig war und dem +leider ein großer Staat als Wirkungskreis gefehlt hat, wandte sein +Interesse dem Bau des Suez- und Panamakanals, den er innerhalb einer +genau eingetroffenen Frist voraussah, und deren kommerzieller Wirkung +zu. Das amerikanische Wirtschaftsleben, seine Rückwirkung auf das +alte Europa und die eben im Aufstieg begriffene Maschinenindustrie +haben ihn immer wieder beschäftigt. Hobbes war einer der Väter des +großen Planes, Südamerika für England zu erwerben, und wenn es auch +damals bei der Besetzung von Jamaika blieb, so hat er doch den Ruhm, +ein Mitbegründer des englischen Kolonialreiches zu sein. Leibniz, +sicherlich der mächtigste Geist in der westeuropäischen Philosophie, +der Begründer der Differentialrechnung und der _analysis situs_, hat +in einer zum Zweck der politischen Entlastung Deutschlands entworfenen +Denkschrift an Ludwig XIV. die Bedeutung Ägyptens für die französische +Weltpolitik dargelegt. Seine Gedanken waren der Zeit (1672) so weit +vorausgeschritten, daß man später überzeugt war, Napoleon habe sie +bei seiner Expedition nach dem Orient benützt. Leibniz stellte schon +damals fest, was Napoleon seit Wagram immer deutlicher begriff, daß +Erwerbungen am Rhein und in Belgien die Position Frankreichs nicht +dauernd verbessern könnten und daß die Landenge von Suez eines Tages +der Schlüssel zur Weltherrschaft sein werde. Ohne Zweifel war der König +den tiefen politischen und strategischen Ausführungen des Philosophen +nicht gewachsen. + +Ein Blick von Menschen solchen Formats auf heutige Philosophen ist +beschämend. Welche Geringfügigkeit der Person! Welche Alltäglichkeit +des geistigen und praktischen Horizontes! Wie kommt es, daß die +bloße Vorstellung, einer von ihnen solle seinen geistigen Rang +als Staatsmann, als Diplomat, als Organisator großen Stils, als +Leiter irgendeines mächtigen kolonialen, kaufmännischen oder +Verkehrsunternehmens beweisen, geradezu Mitleid erregt? Aber das ist +kein Zeichen von Innerlichkeit, sondern von Mangel an Gewicht. Ich +sehe mich vergebens um, wo einer von ihnen auch nur durch +ein+ tiefes +und vorauseilendes Urteil in einer entscheidenden Zeitfrage sich einen +Namen gemacht hätte. Ich finde nichts als Provinzmeinungen, wie sie +jeder hat. Ich frage mich, wenn ich das Buch eines modernen Denkers zur +Hand nehme, was er -- außer professoralem oder windigem Parteigerede +vom Niveau eines mittleren Journalisten, wie man es bei Guyau, Bergson, +Spencer, Dühring, Eucken findet -- vom Tatsächlichen der Weltpolitik, +von den großen Problemen der Weltstädte, des Kapitalismus, der +Zukunft des Staates, des Verhältnisses der Technik zum Ausgang der +Zivilisation, des Russentums, der Wissenschaft überhaupt ahnt. Goethe +hätte das alles verstanden und geliebt. Von lebenden Philosophen +übersieht es nicht einer. Das ist, ich wiederhole es, nicht Inhalt +der Philosophie, aber ein unzweifelhaftes Symptom ihrer inneren +Notwendigkeit, ihrer Fruchtbarkeit und ihres symbolischen Ranges. + +Über die Tragweite dieses negativen Resultates sollte man sich keiner +Täuschung hingeben. Offenbar hat man den letzten Sinn philosophischer +Wirksamkeit aus den Augen verloren. Man verwechselt sie mit Predigt, +Agitation, Feuilleton oder Fachwissenschaft. Man ist von der +Vogelperspektive zur Froschperspektive herabgekommen. Es handelt sich +um nichts Geringeres als um die Frage, ob eine echte Philosophie heute +oder morgen überhaupt +möglich+ ist. Im andern Fall wäre es besser, +Pflanzer oder Ingenieur zu werden, irgend etwas Wahres und Wirkliches, +statt verbrauchte Themen unter dem Vorwande eines „neuerlichen +Aufschwungs des philosophischen Denkens“ wiederzukäuen und lieber einen +Flugmotor zu konstruieren als eine neue und ebenso überflüssige Theorie +der Apperzeption. Es ist wahrhaftig ein armseliger Lebensinhalt, +die Ansichten über den Begriff des Willens und den psychophysischen +Parallelismus noch einmal und etwas anders zu formulieren, als es +hundert Vorgänger getan haben. Das mag ein „Beruf“ sein, Philosophie +ist es nicht. Was nicht das ganze Leben einer Zeit bis in die tiefsten +Tiefen ergreift und verändert, sollte verschwiegen bleiben. Und was +schon gestern möglich war, ist heute zum mindesten nicht mehr notwendig. + +Ich liebe die Tiefe und Feinheit mathematischer und physikalischer +Theorien, denen gegenüber der Ästhetiker und Physiolog ein Stümper +ist. Für die prachtvoll klaren, hochintellektuellen Formen eines +Schnelldampfers, eines Stahlwerkes, einer Präzisionsmaschine, die +Subtilität und Eleganz gewisser chemischer und optischer Verfahren +gebe ich den ganzen Stilplunder des heutigen Kunstgewerbes samt +Malerei und Architektur hin. Ich ziehe einen römischen Aquädukt allen +römischen Tempeln und Statuen vor. Ich liebe das Kolosseum und die +Riesengewölbe des Palatin, weil sie heute mit der braunen Masse ihrer +Ziegelkonstruktion das +echte+ Römertum, den großartigen Tatsachensinn +ihrer Ingenieure vor Augen stellen. Sie würden mir gleichgültig sein, +wenn der leere und anmaßende Marmorprunk der Cäsaren mit seinen +Statuenreihen, Friesen und überladenen Architraven noch erhalten +wäre. Man werfe einen Blick auf eine Rekonstruktion der Kaiserfora: +Man wird das getreue Seitenstück moderner Weltausstellungen finden, +aufdringlich, massenhaft, leer, ein dem perikleischen Griechen wie dem +Menschen des Rokoko ganz fremdes Prahlen mit Material und Dimensionen, +wie es ganz ebenso die Ruinen von Luxor und Karnak aus der Zeit Ramses +II., der ägyptischen Modernität von 1300 v. Chr. zeigen. Nicht umsonst +verachtete der echte Römer den _Graeculus histrio_, den „Künstler“, +den „Philosophen“ auf dem Boden römischer Zivilisation. Künste und +Philosophie gehörten nicht mehr in diese Zeit; sie waren erschöpft, +verbraucht, überflüssig. Das sagte ihm sein Instinkt für die Realitäten +des Lebens. +Ein+ römisches Gesetz wog schwerer als alle damalige Lyrik +und Metaphysik der Schulen. Und ich behaupte, daß heute ein besserer +Philosoph in manchem Erfinder, Diplomaten und Finanzmann steckt als in +allen denen, welche das platte Handwerk der experimentellen Psychologie +treiben. Das ist eine Lage, wie sie auf einer gewissen historischen +Stufe immer wieder eintritt. Es wäre sinnlos gewesen, wenn ein Römer +von geistigem Range, statt als Konsul oder Prätor ein Heer zu führen, +eine Provinz zu organisieren, Städte und Straßen zu bauen oder in Rom +„der erste zu sein“, in Athen oder Rhodos irgendeine neue Nuance der +nachplatonischen Kathederphilosophie hätte aushecken wollen. Natürlich +hat es auch keiner getan. Das lag nicht in der Richtung der Zeit und +konnte also nur Menschen dritten Ranges reizen, die immer gerade bis zu +dem Zeitgeist von vorgestern vordringen. Es ist eine sehr ernste Frage, +ob dies Stadium für uns bereits eingetreten ist oder noch nicht. + +Ein Jahrhundert rein extensiver Wirksamkeit unter Ausschluß hoher +künstlerischer und metaphysischer Produktion -- sagen wir kurz ein +irreligiöses Zeitalter, was sich mit dem Begriff des Weltstädtischen +durchaus deckt -- ist eine Zeit des Niedergangs. Gewiß. Aber wir haben +diese Zeit nicht +gewählt+. Wir können es nicht ändern, daß wir als +Menschen des beginnenden Winters der vollen Zivilisation und nicht auf +der Sonnenhöhe einer reifen Kultur zur Zeit des Phidias oder Mozart +geboren sind. Es hängt alles davon ab, daß man sich diese Lage, dies ++Schicksal+, klar macht und begreift, daß man sich darüber belügen, +aber nicht hinwegsetzen kann. Wer sich dies nicht eingesteht, zählt +unter den Menschen seiner Generation nicht mit. Er bleibt ein Narr, ein +Charlatan oder ein Pedant. + +Bevor man heute an ein Problem herantritt, hat man sich also zu +fragen -- eine Frage, die schon vom Instinkt der wirklich Berufenen +beantwortet wird --, was einem Menschen dieser Tage möglich ist und +was er sich verbieten muß. Es ist immer nur eine ganz kleine Anzahl +metaphysischer Aufgaben, deren Lösung einer Epoche des Denkens +vorbehalten ist. Und es liegt bereits wieder eine ganze Welt zwischen +der Zeit Nietzsches, in der noch ein letzter Zug von Romantik wirksam +war, und der Gegenwart, die von aller Romantik endgültig geschieden ist. + +Die systematische Philosophie war mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts +vollendet. Kant hatte ihre äußersten Möglichkeiten in eine große +und -- für den westeuropäischen Geist -- vielfach endgültige Form +gebracht. Ihr folgt wie auf Plato und Aristoteles eine spezifisch +großstädtische, nicht spekulative, sondern praktische, irreligiöse, +ethisch-gesellschaftliche Philosophie. Sie beginnt, Zeno und Epikur +entsprechend, mit Schopenhauer, der zuerst den +Willen zum Leben+ +(„schöpferische Lebenskraft“) in den Mittelpunkt seines Denkens +stellte, aber, was die tiefere Tendenz seiner Lehre verschleiert hat, +die systematischen Velleitäten von der Erscheinung und dem Ding an +sich, von Form und Inhalt der Anschauung, vom Unterschiede zwischen +Verstand und Vernunft unter dem Eindruck einer großen Tradition noch +beibehielt. Es ist derselbe schöpferische Lebenswille, der im Tristan +schopenhauerisch verneint, im Siegfried darwinistisch bejaht wurde, +den Nietzsche im Zarathustra glänzend und theatralisch formulierte, +der durch den Hegelianer Marx der Anlaß einer nationalökonomischen, +durch den Malthusianer Darwin der einer zoologischen Hypothese wurde, +die beide gemeinsam und unvermerkt das Weltgefühl des westeuropäischen +Großstädters verwandelt haben, und der von Hebbels Judith bis zu +Ibsens Epilog eine Reihe tragischer Konzeptionen vom gleichen Typus +hervorrief, damit aber ebenfalls den Umkreis echter philosophischer +Möglichkeiten erschöpft hatte. + +Die systematische Philosophie liegt uns heute unendlich fern; +die ethische ist abgeschlossen. Es bleibt noch +eine dritte, dem +hellenischen Skeptizismus entsprechende Möglichkeit innerhalb der +abendländischen Geistigkeit+, die, welche durch die bisher unbekannte +Methode der vergleichenden historischen Morphologie bezeichnet +wird. Eine Möglichkeit, das heißt eine Notwendigkeit. Der antike +Skeptizismus ist ahistorisch: er zweifelt, indem er einfach nein +sagt. Der des Abendlandes muß, wenn er innere Notwendigkeit besitzen, +wenn er ein Symbol unseres dem Ende sich zuneigenden Seelentums sein +soll, durch und durch historisch sein. Er hebt auf, indem er alles +als relativ, als geschichtliches Phänomen versteht. Er verfährt +psychologisch. Die skeptische Philosophie tritt im Hellenismus als +Negation der Philosophie auf -- man erklärt sie für zwecklos. Wir +nehmen demgegenüber die +Geschichte+ der +Philosophie+ als letztes +ernsthaftes Thema der Philosophie an. Das +ist+ Skepsis. Man verzichtet +auf absolute Standpunkte, der Grieche, indem er über die Vergangenheit +seines Denkens lächelt, wir, indem wir sie als Organismus begreifen. + +In diesem Buche liegt der Versuch vor, diese „unphilosophische +Philosophie“ der Zukunft -- es würde die letzte Westeuropas sein -- zu +skizzieren. Der Skeptizismus ist Ausdruck einer reinen Zivilisation; +er zersetzt das Weltbild der voraufgegangenen Kultur. Hier erfolgt +die Auflösung aller älteren Probleme ins Genetische. Die Überzeugung, +daß alles was +ist+, auch +geworden ist+, daß allem Naturhaften +und Erkennbaren ein Historisches zugrunde liegt, der Welt als dem +Wirklichen ein Ich als das Mögliche, das sich in ihr verwirklicht +hat, die Einsicht, daß nicht nur im Was, sondern auch im Wann und Wie +lange ein tiefes Geheimnis ruht, führt auf die Tatsache, daß alles, +was immer es sonst sei, auch +Ausdruck eines Lebendigen sein+ muß. +Im Gewordnen spiegelt sich das Werden. In der alten Formel _esse est +percipi_ drängt sich das Urgefühl hervor, daß alles Vorhandene in +einer entscheidenden Beziehung zum +lebenden+ Menschen stehen muß und +daß für den toten nichts mehr „da ist“. Aber hat er die Welt, +seine+ +Welt „verlassen“ oder +hat er sie durch den Tod aufgehoben+? Das +ist die Frage. Gerade diese Beziehung aber ist von den Denkern der +systematischen Periode nur in formaler Hinsicht, naturhaft, zeitlos, ++erkenntniskritisch+ also untersucht worden. Man dachte an „den +Menschen“ schlechthin, nicht an bestimmte historische Menschen. Für +den Denker der ethischen Periode, schon für Schopenhauer, trat diese +Frage in den Hintergrund vor der andern, idealistisch oder utilitarisch +gefaßten nach dem +Werte+ dessen, was für den einzelnen oder für alle +„da ist“. Aber auch hier dachte man an „den Menschen“ als Typus, ohne +die Berechtigung so allgemeiner Folgerungen zu prüfen. Hier endlich, +im Stadium des historisch-psychologischen Skeptizismus, wird aus dem +unmittelbaren Lebensgefühl heraus bemerkt, daß das gesamte Bild +der Umwelt eine Funktion des Lebens selbst ist, Spiegel, Ausdruck, ++Sinnbild+ der lebendigen Seele, und zwar zunächst jeder einzelnen für +sich. Auch Erkenntnisse und Wertungen sind Akte lebender Menschen. Dem +frühen Denken ist die äußere Wirklichkeit Erkenntnisprodukt und Anlaß +ethischer Schätzungen; dem späten ist sie vor allem +Symbol+. +Die +Morphologie der Weltgeschichte wird notwendig zu einer universellen +Symbolik.+ + +Damit fällt auch der Anspruch des höheren Denkens, allgemeine und +ewige Wahrheiten aufzufinden. Wahrheiten gibt es nur in bezug auf ein +bestimmtes Menschentum. Diese Philosophie selbst würde demnach Ausdruck +und Spiegelung der abendländischen Seele, im Unterschiede etwa von der +antiken und indischen, und zwar nur in deren zivilisiertem Stadium +sein, womit ihr Gehalt als Weltanschauung, ihre praktische Tragweite +und ihr Geltungsbereich bestimmt sind. + + +16 + +Endlich sei eine persönliche Bemerkung gestattet. Im Jahre 1911 hatte +ich die Absicht, über einige politische Erscheinungen der Gegenwart +und die aus ihnen möglichen Schlüsse für die Zukunft etwas aus einem +weiteren Horizont zusammenzustellen. Der Weltkrieg als die bereits +unvermeidlich gewordene äußere Form der historischen Krisis wurde +damals unmittelbar bevorstehend, und es handelte sich darum, ihn +aus dem Geiste der voraufgehenden Jahrhunderte -- nicht Jahre -- zu +begreifen. Im Verlauf der ursprünglich kleinen Arbeit drängte sich die +Überzeugung auf, daß zu einem wirklichen Verständnis der Epoche der +Umfang der Grundlagen viel weiter gewählt werden müsse, daß es völlig +unmöglich sei, eine Untersuchung dieser Art auf eine einzelne Zeit +und deren politischen Tatsachenkreis zu beschränken, sie im Rahmen +pragmatischer Erwägungen zu halten und selbst auf rein metaphysische, +höchst transzendente Betrachtungen zu verzichten, wenn man nicht +auch auf jede tiefere Notwendigkeit der Resultate Verzicht leisten +wollte. Es wurde deutlich, daß ein politisches Problem nicht von der +Politik selbst aus begriffen werden kann und daß wesentliche Züge, die +in der Tiefe mitwirken, nur auf dem Gebiete der Kunst, sogar nur in +der Form weit entlegener wissenschaftlicher und rein philosophischer +Gedanken greifbar in Erscheinung treten. Selbst eine politisch-soziale +Analyse der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, eines Stadiums +gespannter Ruhe zwischen zwei mächtigen, weithin sichtbaren +Ereignissen, dem einen, das durch die Revolution und Napoleon das Bild +der westeuropäischen Wirklichkeit für hundert Jahre bestimmt hat, +und einem andern von mindestens der gleichen Tragweite, das sich mit +steigender Geschwindigkeit näherte, erwies sich als unausführbar, ohne +daß zuletzt +alle+ großen Probleme des Seins in ihrem vollen Umfange +einbezogen wurden. Denn es tritt im historischen wie im naturhaften +Weltbilde nicht das geringste hervor, ohne daß in ihm die ganze Summe +aller tiefsten Tendenzen verkörpert wäre. So erfuhr das ursprüngliche +Thema eine ungeheure Erweiterung. Eine Unzahl überraschender, +großenteils ganz neuer Fragen und Zusammenhänge drängte sich auf. +Endlich war es vollkommen klar, daß kein Fragment der Geschichte +vollkommen durchleuchtet werden könne, bevor nicht das Geheimnis +der Weltgeschichte überhaupt, genauer das der Geschichte des höhern +Menschentums als einer organischen Einheit von regelmäßiger Struktur +klargestellt war. Und eben das war bisher nicht entfernt geleistet +worden. + +Von diesem Augenblicke an traten in wachsender Fülle die oft +geahnten, zuweilen berührten, nie begriffenen Beziehungen hervor, +welche die Formen der bildenden Künste mit denen des Krieges und +der Staatsverwaltung verbinden, die tiefe Verwandtschaft zwischen +politischen und mathematischen Gebilden derselben Kultur, zwischen +religiösen und technischen Anschauungen, zwischen Mathematik, +Musik und Plastik, zwischen wirtschaftlichen und Erkenntnisformen. +Die tiefinnerliche Abhängigkeit der modernsten physikalischen und +chemischen Theorien von den mythologischen Vorstellungen unsrer +germanischen Ahnen, die vollkommene Kongruenz im Stil der Tragödie, der +dynamischen Technik und des heutigen Geldverkehrs, die zuerst bizarre, +dann selbstverständliche Tatsache, daß die Perspektive der Ölmalerei, +der Buchdruck, das Kreditsystem, die Fernwaffe, die kontrapunktische +Musik einerseits, die nackte Statue, die Polis, die von Griechen +erfundene +Geldmünze+ andrerseits identische Ausdrücke eines und +desselben seelischen Prinzips sind, wurde unzweifelhaft deutlich, und +weit darüber hinaus rückte die Tatsache ins hellste Licht, daß diese +mächtigen +Gruppen morphologischer Verwandtschaften+, von denen jede +eine einzelne Art Mensch im Gesamtbilde der Weltgeschichte symbolisch +darstellt, von streng symmetrischem Aufbau sind. Erst diese Perspektive +legt den wahren Begriff der Historie bloß. Sie läßt sich, da sie selbst +wiederum Symptom und Ausdruck einer Zeit und erst heute und nur für +den westeuropäischen Menschen innerlich möglich und damit notwendig +ist, nur mit gewissen Anschauungen der modernsten Mathematik auf dem +Gebiete der Transformationsgruppen entfernt vergleichen. Es waren +dies Gedanken, die mich seit langen Jahren beschäftigt hatten, aber +dunkel und unbestimmt, bis sie aus diesem Anlaß in greifbarer Gestalt +hervortraten. + +Ich sah die Gegenwart -- den sich nähernden Weltkrieg -- in einem +ganz andern Licht. Das war nicht mehr eine einmalige Konstellation +zufälliger, von nationalen Stimmungen, persönlichen Einwirkungen und +wirtschaftlichen Tendenzen abhängiger Tatsachen, denen der Historiker +durch irgendein kausales Schema politischer oder sozialer Natur +den Anschein der Einheit und materiellen Notwendigkeit aufprägt; +das war der +Typus eines historischen Aktes+, der innerhalb eines +großen historischen Organismus von genau abgrenzbarem Umfange einen +biographisch +seit Jahrhunderten vorbestimmten Platz+ hat. Eine +Unsumme leidenschaftlichster Fragen und Einsichten, die heute in +tausend Büchern und Meinungen, aber zerstreut, vereinzelt, aus +dem beschränkten Horizont eines Spezialgebietes zutage traten und +deshalb reizen, bedrücken und verwirren, aber nicht befreien konnten, +bezeichnet die große Krisis. Man kennt sie, aber man übersieht +ihre Identität. Ich nenne die in ihrer wahren Bedeutung gar nicht +begriffenen Kunstprobleme, die dem Streit um Form und Inhalt, um Linie +oder Raum, um das Zeichnerische oder Malerische, den Begriff des +Stils, den Sinn des Impressionismus und der Musik Wagners zugrunde +liegen; den Niedergang der Kunst, den wachsenden Zweifel am Werte der +Wissenschaft; die schweren Fragen, welche aus dem Sieg der Weltstadt +über das Bauerntum hervorgehen: die Kinderlosigkeit, die Landflucht, +den sozialen Rang des fluktuierenden vierten Standes; die Krisis im +Sozialismus, im Parlamentarismus, im Rationalismus; die Stellung des +Einzelnen zum Staate; das Eigentumsproblem, das davon abhängende +Eheproblem; auf scheinbar ganz anderm Gebiete die massenhaften +völkerpsychologischen Arbeiten über Mythen und Kulte, über die Anfänge +der Kunst, der Religion, des Denkens, die mit einem Male nicht mehr +ideologisch, sondern streng morphologisch behandelt wurden -- Fragen, +die alle das +eine+, nie mit hinreichender Deutlichkeit ins Bewußtsein +getretene Rätsel der Historie überhaupt zum Ziel hatten. Hier lagen +nicht unzählige, sondern +ein und dieselbe+ Aufgabe vor. Hier hatte +jeder etwas geahnt, aber keiner von seinem engen Standpunkte aus die +einzige und umfassende Lösung gefunden, die seit den Tagen Nietzsches +in der Luft lag, der alle entscheidenden Probleme bereits in Händen +hielt, ohne als Romantiker es zu wagen, der strengen Wirklichkeit ins +Gesicht zu sehen. + +Darin liegt aber auch die tiefe Notwendigkeit der abschließenden +Lehre, die kommen mußte und nur zu dieser Zeit kommen konnte. Sie ist +kein Angriff auf das Vorhandene an Ideen und Werken. Sie +bestätigt+ +vielmehr alles, was seit Generationen gesucht und geleistet wurde. +Dieser Skeptizismus stellt den Kern dessen dar, was auf allen +Einzelgebieten, gleichviel in welcher Absicht, an lebendigen Tendenzen +vorliegt. + +Vor allem aber fand sich endlich der Gegensatz, aus dem allein das +Wesen der Geschichte erfaßt werden kann: der von +Historie und Natur+. +Ich wiederhole: der Mensch ist als Element und Träger der Welt nicht +nur Glied der Natur, sondern auch Glied der Geschichte, eines +zweiten +Kosmos+, von andrer Ordnung und andrem Gehalte, der von der gesamten +Metaphysik zugunsten des ersten vernachlässigt worden ist. Was mich +zum ersten Nachdenken über diese +Grundfrage+ unsres Weltbewußtseins +brachte, war die Beobachtung, daß der heutige Historiker, an den +sinnlich greifbaren Ereignissen, dem Gewordenen, herumtastend, die +Geschichte, das Geschehen, das +Werden+ selbst bereits ergriffen zu +haben glaubt, ein Vorurteil aller nur verstandesmäßig Erkennenden, +nicht auch Schauenden,[24] das schon die großen Eleaten stutzig gemacht +hatte, als sie behaupteten, daß es, für den Erkennenden nämlich, +kein Werden, nur ein Sein (Gewordensein) gebe. Mit andern Worten: +man sah die Geschichte als Natur, im Objektsinne des Physikers, und +handelte danach. Von hier schreibt sich der folgenschwere Mißgriff, +die Prinzipien der Kausalität, des Gesetzes, des Systems, also die +Struktur des starren Seins in den Aspekt des Geschehens zu legen. +Man verhielt sich, als gebe es eine menschliche Kultur etwa wie es +Elektrizität oder Gravitation gibt, mit den im wesentlichen gleichen +Möglichkeiten der Analyse; man hatte den Ehrgeiz, die Gewohnheiten +des Naturforschers zu kopieren, so daß man wohl gelegentlich fragte, +was denn die Gotik, der Islam, die antike Polis +sei+, nicht aber, +warum diese Symbole eines Lebendigen gerade +damals+ und +dort+ +auftauchen +mußten+, in +dieser Form+ und +für diese Dauer+. Man +begnügte sich, sobald eine der zahllosen Ähnlichkeiten räumlich +und zeitlich weit getrennter Geschichtsphänomene zutage trat, sie +einfach zu registrieren, mit einigen geistvollen Bemerkungen über +das Wunderbare des Zusammentreffens, über Rhodos als das „Venedig +des Altertums“ oder Napoleon als den neuen Alexander, statt gerade +hier, wo das +Schicksalsproblem+ als das eigentliche Problem der +Historie (das +Problem der Zeit+ nämlich) hervortritt, den höchsten +Ernst wissenschaftlich geregelter Psychologie einzusetzen und +die Antwort auf die Frage zu finden, welche ganz anders geartete +Notwendigkeit, der kausalen ganz und gar fremd, hier am Werke ist. +Daß jede Erscheinung auch dadurch ein metaphysisches Rätsel aufgibt, +daß sie zu einer +niemals gleichgültigen+ Zeit auftritt, daß man sich +auch noch fragen muß, was für ein +lebendiger+ Zusammenhang neben +dem anorganisch-naturgesetzlichen im Weltbilde besteht -- das ja die +Ausstrahlung des +ganzen+ Menschen und nicht, wie Kant meinte, nur +die des erkennenden ist --, daß eine Erscheinung nicht nur Tatsache +für den Verstand, sondern auch Ausdruck des Seelischen ist, nicht nur +Objekt, sondern auch Symbol, und zwar von den höchsten religiösen +und künstlerischen Schöpfungen an bis zu den Geringfügigkeiten des +Alltagslebens, das war philosophisch etwas Neues. + +Endlich sah ich die Lösung deutlich vor mir, in ungeheuren Umrissen, in +voller innerer Notwendigkeit, eine Lösung, die auf ein einziges Prinzip +zurückführt, das zu finden war und bisher nicht gefunden wurde, etwas, +das mich seit meiner Jugend verfolgt und angezogen hatte und das mich +quälte, weil ich es als vorhanden, als Aufgabe empfand, aber nicht +fassen konnte. So ist aus dem etwas zufälligen Anlaß das vorliegende +Buch entstanden, als der vorläufige Ausdruck eines neuen Weltbildes, +mit allen Fehlern eines ersten Versuchs behaftet, ich weiß es wohl, +unvollständig und sicher nicht ohne Widersprüche. Dennoch enthält +es meiner Überzeugung nach die unwiderlegliche Formulierung eines +Gedankens, der, ich sage es noch einmal, nicht bestritten werden wird, +sobald er einmal ausgesprochen ist. + +Das engere Thema ist also eine Analyse des Unterganges der +westeuropäischen Kultur. Das Ziel aber ist die Entwicklung einer +Philosophie und der ihr eigentümlichen, hier zu prüfenden Methode der +vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte. Die Arbeit zerfällt +naturgemäß in zwei Teile. Der erste, „Gestalt und Wirklichkeit“, der +sich mit den Problemen der Zahl, des Schicksals, der Kausalität, der +Tragödie, der bildenden Künste, der Weltanschauung, des Lebens, der +Naturerkenntnis, des Mythus beschäftigt, enthält die Grundlagen einer +Symbolik. Der zweite, „Welthistorische Perspektiven“, wird eine Anzahl +historischer Phänomene analysieren: die hier in ihrem wahren Umfange +zum ersten Male aufgedeckte arabische Kultur, die Zivilisation, die +Weltstadt, das Imperium Romanum, die Grundformen des Staates, des +Geldes, der Technik, endlich das Russentum. Ich schließe ausdrücklich +hier, wo die eigentliche Geschichte im Vordergrund steht, eine Reihe +weiterer Probleme aus, die zur tiefern Begründung gehören, aber +selbständiger Behandlung vorbehalten bleiben sollen: die Probleme des +Geschlechts, der Familie, der Rassen und Sprachen, der Ehe und des +Eigentums, der Religion, des Verhältnisses von Wissen und Glauben, +Vaterschaft und Künstlertum, Muttertum und Religiosität. + +Die folgenden Tafeln geben einen Überblick über das, was Resultat +der Untersuchung ist. Sie mögen zugleich einen Begriff von der +Fruchtbarkeit und Tragweite der neuen Methode geben. + + +Fußnoten: + +[Footnote 1: Es war ein noch heute nicht überwundener Mißgriff +Kants von ungeheurer Tragweite, daß er den äußern und innern +Menschen zunächst mit den vieldeutigen und vor allem +nicht +unveränderlichen+ Begriffen Raum und Zeit ganz schematisch in +Verbindung brachte und weiterhin damit in vollkommen falscher Weise +Geometrie und Arithmetik verband, an deren Stelle hier der viel tiefere +Gegensatz der mathematischen und chronologischen Zahl wenigstens +genannt sein soll. Arithmetik und Geometrie sind +beides+ +Raumrechnungen und in ihren höhern Gebieten überhaupt nicht mehr +unterscheidbar. Eine +Zeitrechnung+, über deren Begriff der naive +Mensch sich gefühlsmäßig durchaus klar ist, beantwortet die Frage nach +dem +Wann+, nicht dem +Was+ oder +Wieviel+.] + +[Footnote 2: Man muß es fühlen können, wie sehr die Tiefe der formalen +Kombination und die Energie des Abstrahierens auf dem Gebiete etwa der +Renaissanceforschung oder der Geschichte der Völkerwanderung hinter +dem zurückbleibt, was auf dem Gebiete der Funktionentheorie und der +theoretischen Optik selbstverständlich ist. Neben dem Physiker und +Mathematiker wirkt der Historiker +nachlässig+.] + +[Footnote 3: Die ohnehin sehr spät einsetzenden Versuche der +Griechen, nach dem Muster Ägyptens etwas wie einen Kalender oder eine +Chronologie zustande zu bringen, sind von höchster Naivität. Die +Olympiadenrechnung ist keine Ära wie etwa die christliche Zeitrechnung +und außerdem nur ein literarischer Notbehelf, nichts dem Volke +Geläufiges. Es gab keinen Nullpunkt, von dem aus man zählen konnte. +Wir besitzen die Inschrift eines Vertrages zwischen Elis und Heräa, +der „+hundert Jahre von diesem Jahre an+“ gelten sollte. Welches +Jahr dies war, ließ sich aber nicht angeben. Nach einiger Zeit wird +man also nicht mehr gewußt haben, wie lange der Vertrag bestand, und +offenbar hatte das niemand beachtet. Wahrscheinlich aber werden diese +Gegenwartsmenschen ihn überhaupt bald vergessen haben. Es bezeichnet +den legendenhaft-kindlichen Charakter des antiken Geschichtsbildes, daß +man eine geordnete Datierung der Fakta etwa des „trojanischen Krieges“, +der der Stufe nach doch unsern Kreuzzügen entspricht, geradezu als +stilwidrig empfinden würde.] + +[Footnote 4: Demgegenüber ist es ein Symbol ersten Ranges und ohne +Beispiel in der Kunstgeschichte, daß die Hellenen der mykenischen +Vorzeit gegenüber -- in einem an Steinmaterial überreichen Lande! -- +vom Steinbau zur Verwendung des Holzes +zurückkehrten+, woraus +sich das Fehlen architektonischer Reste zwischen 1200 und 600 erklärt. +Die ägyptische Pflanzensäule war von Anfang an Steinsäule, die dorische +Säule war eine Holzsäule. Darin spricht sich die tiefe Feindseligkeit +der antiken Seele gegen die Dauer aus.] + +[Footnote 5: Hat je eine hellenische Stadt auch nur +ein+ +umfassendes Werk ausgeführt, das einen Gedanken an kommende +Generationen verrät? Die Straßen- und Bewässerungssysteme, die man +in mykenischer, d. h. +vorantiker+ Zeit nachgewiesen hat, sind +seit der Geburt antiker Völker -- mit dem Anbruch homerischer Zeit +also -- verfallen und vergessen worden. Ebenso wurde Mykene selbst als ++historischer Faktor+ vollständig vergessen. Wir besitzen Tausende +von Schrifttäfelchen aus mykenischer Zeit, aus homerischer nicht ein +einziges. Aber das ist kein „Rückschritt“, sondern der neue Stil einer +andersgearteten Seele. Das ist „reine Gegenwart“.] + +[Footnote 6: Von Homer bis zu den Tragödien Senekas, ein volles +Jahrtausend hindurch, erscheinen die mythischen Gestalten wie Thyest, +Klytämnestra, Herakles trotz ihrer begrenzten Zahl unverändert immer +wieder, während in der Dichtung des Abendlandes der faustische Mensch +zuerst als Parzeval und Tristan, dann im Sinn der Epoche verwandelt als +Hamlet, als Don Quijote, als Don Juan, in einer letzten zeitgemäßen +Verwandlung als Faust und Werther und dann als Held des modernen +weltstädtischen Romans, immer aber in der Atmosphäre und Bedingtheit +eines bestimmten Jahrhunderts auftritt.] + +[Footnote 7: Abt Gerbert (als Papst Sylvester II.), der Freund Kaiser +Ottos III., hat um 1000, also mit dem Beginn des romanischen Stils +und der Kreuzzugsbewegung, den ersten Symptomen einer neuen Seele, +die Konstruktion der Schlag- und Räderuhren erfunden. In Deutschland +entstanden auch um 1200 die ersten Turmuhren und etwas später die +Taschenuhren. Man bemerke die bedeutsame Verbindung der Zeitmessung mit +dem Gebäude des religiösen Kultus.] + +[Footnote 8: Bei Newton heißt sie bezeichnenderweise Fluxionsrechnung +-- mit Rücksicht auf gewisse metaphysische Vorstellungen vom Wesen der +Zeit. In der griechischen Mathematik kommt die Zeit gar nicht vor.] + +[Footnote 9: Hier steht der Historiker auch unter dem verhängnisvollen +Vorurteil der Geographie (um nicht zu sagen unter der Suggestion +eines Landkartenbildes), die einen +Erdteil+ Europa annimmt, +worauf er sich verpflichtet fühlt, auch eine entsprechende ++ideelle+ Abgrenzung gegen Asien vorzunehmen. Das Wort Europa +sollte aus der Geschichte gestrichen werden. Es gibt keinen +„Europäer“ als historischen Typus. Es ist töricht, im Falle der +Hellenen von „europäischem Altertum“ (Homer, Heraklit, Pythagoras +waren also „Asiaten“?) und von ihrer „Mission“ zu reden, Asien und +Europa kulturell anzunähern. Das sind Worte, die aus einer banalen +Interpretation der Landkarte stammen und denen nichts Wirkliches +entspricht. Es war allein das Wort Europa mit dem unter seinem Einfluß +entstandenen Gedankenkomplex, das Rußland mit dem Abendlande in unserm +historischen Bewußtsein zu einer durch nichts gerechtfertigten Einheit +verband. Hier hat, in einer durch Bücher erzogenen Kultur von Lesern, +eine bloße Abstraktion zu ungeheuren realen Konsequenzen geführt. +Sie haben, in der Person Peters des Großen, die historische Tendenz +einer primitiven Völkermasse auf Jahrhunderte gefälscht, obwohl der +russische +Instinkt+ „Europa“ sehr richtig und tief mit einer in +Tolstoi, Aksakow und Dostojewski verkörperten Feindseligkeit gegen +das „Mütterchen Rußland“ abgrenzt. Orient und Okzident sind Begriffe +von echtem historischen Gehalt. „Europa“ ist leerer Schall. Alles, +was die Antike an großen Schöpfungen hervorbrachte, entstand unter +Negation einer kontinentalen Grenze zwischen Rom und Cypern, Byzanz +und Alexandria. Alles, was europäische Kultur heißt, entstand zwischen +Weichsel, Adria und Guadalquivir. Und gesetzt, daß Griechenland zur +Zeit des Perikles „in Europa lag“, so liegt es heute nicht mehr dort.] + +[Footnote 10: Im Neuen Testament ist die polare Fassung mehr durch die +Dialektik des Apostels Paulus, die periodische durch die Apokalypse +vertreten.] + +[Footnote 11: Er liegt schon in Wolfram von Eschenbachs Parzeval und +Dantes Divina comedia.] + +[Footnote 12: Entscheidend ist die Auswahl des Übriggebliebenen, die +nicht allein vom Zufall, sondern ganz wesentlich von einer Tendenz +bestimmt ist. Der Attizismus der Augustuszeit, müde, unfruchtbar, +pedantisch, zurückschauend, hat den Begriff des +Klassischen+ +geprägt und eine ganz kleine Gruppe griechischer Werke bis auf Plato +herab als klassisch anerkannt. Das übrige, darunter die gesamte reiche +hellenistische Literatur, wurde verworfen und ging fast vollständig +verloren. Jene von einem schulmeisterlichen Geschmack ausgewählte +Gruppe, die größtenteils erhalten blieb, hat dann das imaginäre Bild +des klassischen „Altertums“ in Florenz sowohl wie für Winckelmann, +Hölderlin, Goethe und sogar Nietzsche bestimmt.] + +[Footnote 13: Das römische _otium cum dignitate_ hat man lediglich +als Kehrseite einer großangelegten und energischen öffentlichen +Wirksamkeit, nicht als privaten lyrischen oder gelehrten Schlendrian +zu verstehen, wie ihn erst sehr spät die Briefe des jüngeren Plinius +beschreiben.] + +[Footnote 14: Was man in der Entwicklung Strindbergs und vor allem +Ibsens, der in der zivilisierten Atmosphäre seiner Probleme immer +nur Gast gewesen ist, nicht übersehen wird. Das Motiv von „Brand“ +und „Rosmersholm“ ist eine merkwürdige Mischung von angebornem +Provinzialismus und theoretisch erworbenem Weltstadthorizont. Nora ist +das Urbild einer durch Lektüre aus der Bahn geratenen Provinzlerin.] + +[Footnote 15: Der den Kult des Stadtheros Adrastos und den Vortrag der +homerischen Gesänge verbot, um dem dorischen Adel die Wurzeln seines +Seelentums zu nehmen (um 560).] + +[Footnote 16: Ein tiefes Wort, das seinen Sinn erhält, sobald der +Barbar zum Kulturmenschen wird, und ihn wieder verliert, sobald der +zivilisierte Mensch das „_ubi bene, ibi patria_“ akzeptiert.] + +[Footnote 17: Deshalb verfielen dem Christentum zuerst die Römer, die +es +sich nicht leisten konnten+, Stoiker zu sein.] + +[Footnote 18: In Rom und Byzanz wurden sechs- bis zehnstöckige +Miethäuser -- bei höchstens drei Meter Straßenbreite -- errichtet, die +bei dem Fehlen aller baupolizeilichen Vorschriften oft genug mit ihren +Bewohnern zusammenbrachen. Ein großer Teil der _cives Romani_, für +die „_panem et circenses_“ den ganzen Lebensinhalt bildeten, besaß +nur einen teuer bezahlten Schlafplatz in den ameisenhaft wimmelnden +„_insulae_“.] + +[Footnote 19: Die deutsche Gymnastik ist seit 1813 und den höchst +provinzialen, urwüchsigen Formen, die ihr Jahn damals gab, in rascher +Entwicklung zum Sportmäßigen begriffen. Der Unterschied eines Berliner +Sportplatzes an einem großen Tage von einem römischen Zirkus war schon +1914 sehr gering.] + +[Footnote 20: Was sich seit 1880 in Deutschland an literarischen +Kämpfen abspielt, ist nichts als der übrigens unter ganz belanglosen +Leuten geführte Kampf zwischen weltstädtischer und provinzialer Poesie +(Heimatkunst).] + +[Footnote 21: Die Eroberung Galliens durch Cäsar war ein +ausgesprochener Kolonialkrieg, d. h. von einseitiger Aktivität. Daß er +trotzdem den Höhepunkt der späteren römischen Kriegsgeschichte bildet, +bestätigt nur deren rasch abnehmenden Gehalt an wirklichen Leistungen.] + +[Footnote 22: Die modernen Deutschen sind das glänzende Beispiel +eines Volkes, das ohne sein Wissen und Wollen expansiv geworden ist. +Sie waren es schon, als sie noch das Volk Goethes zu sein glaubten. +Bismarck hat diesen tiefern Sinn der durch ihn begründeten Epoche +nicht einmal geahnt. Er glaubte den +Abschluß+ einer politischen +Entwicklung erreicht zu haben.] + +[Footnote 23: So war vielleicht das bedeutende Wort Napoleons an Goethe +gemeint. „Was will man heute mit dem Schicksal? Die Politik ist das +Schicksal.“] + +[Footnote 24: Die Philosophie dieses Buches verdanke ich der +Philosophie Goethes, der unbekannten, und erst in viel geringerem +Grade der Philosophie Nietzsches. Die Stellung Goethes in der +westeuropäischen Metaphysik ist noch gar nicht verstanden worden. +Man nennt ihn nicht einmal, wenn von Philosophie die Rede ist. +Unglücklicherweise hat er seine Lehre nicht in einem starren System +niedergelegt; deshalb übersehen ihn die Systematiker. Aber er war +Philosoph. Er nimmt Kant gegenüber dieselbe Stellung ein wie Plato +gegenüber Aristoteles, und es ist ebenfalls eine mißliche Sache, Plato +in ein System bringen zu wollen. Plato und Goethe repräsentieren die +Philosophie des Werdens, Aristoteles und Kant die des Gewordnen. Hier +steht Intuition gegen Analyse. Was verstandesmäßig kaum auszusprechen +ist, findet sich in einzelnen Vermerken und Gedichten wie den +Orphischen Urworten, Strophen wie „Wenn im Unendlichen“ und „Sagt +es niemand“, die man als Inkarnationen einer +ganz bestimmten+ +Metaphysik zu betrachten hat. An folgendem Ausspruch möchte ich nicht +ein Wort geändert wissen: „+Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen, +aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber +nicht im Gewordnen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in +ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu +tun, der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze+“ +(zu Eckermann).] + + + + + I. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ GEISTESEPOCHEN. + + INDISCHE ANTIKE ARABISCHE ABENDLÄNDISCHE + KULTUR + seit 1500 v. Chr. seit 1100 v. Chr. seit 0 seit 900 + + FRÜHLING: Landschaftlich-intuitiv. Mächtige Schöpfungen einer + erwachenden traumschweren Seele. Überpersönliche Einheit und Fülle. + + 1. Geburt eines Mythus großen Stils als Ausdruck eines neuen + Gottgefühls. Weltangst und Weltsehnsucht. + + 1500-1200 1100-800 0-300 900-1200 + Mythologie des Olympischer Urchristentum. Germanischer + Veda. Mythus. Katholizismus + (7 Sakramente) + (Heliand). + Homer. Orientalische Marienkult + Kulte der Gralsage + Kaiserzeit (Parzeval) + (Isis, Edda. + Mithras). Nibelungen + Manichäismus. (Baldr, + Siegfried). + Arische Hellenische Evangelien. Die abend- + Heldensage. Heldensage. Apokalypse; ländische + Legende. Heiligen- + legende. + + 2. Früheste mystisch-metaphysische Gestaltung des neuen Weltblickes + + Im Rigveda und den Unbekannt. Plotin 204-269. Dante + ältesten Teilen Origenes 1265-1321. + der andern Veden 185-254. Thomas v. + enthalten. Nachwirkung Neuplatoniker. Aquino + in den Gnostiker. 1225-1274. + Kosmogonien. Kirchenväter. Eckart + 1250-1329. + Mystik und + Scholastik. + + SOMMER: Reifende Bewußtheit. Früheste städtisch-bürgerliche und + kritische Regungen. + + 3. „Reformation“: Innerhalb der Religion volksmäßige Auflehnung gegen + die großen Formen der Frühzeit + + Bramanas. Dionysosreligion, Abfall der Protestan- + Älteste Elemente Orphiker, Monophysiten tismus. + der Upanishads. antihomerische 449. Luther. + Strömungen. Bar Sudaili und Zwingli, + 7. Jahrh. die syrische Calvin um + Mystik um 500. 1500. + + 4. Beginn einer rein philosophischen Fassung des Weltgefühls. + Gegensatz idealistischer und realistischer Systeme. + + In den Upanishads Die großen Bisher uner- Galilei, + enthalten. Vorsokratiker forschte Descartes, + 6./5. Jahrh. syrische, Bacon, Bruno, + koptische, Boehme, + neupersische Leibniz + Literatur des 16./17. Jahrh. + 6./7. Jahrh. + + 5. Bildung einer neuen Mathematik. Konzeption der Zahl als Abbild und + Inbegriff der Weltform. + + Die Zahl als Maß Die unbestimmte Die Zahl als + Verschollen. (Größe). Zahl. (Algebra) Funktion. + (Geometrie, Entwicklung (Analysis) + Arithmetik) unerforscht. Descartes, + Pythagoräer Pascal, Fermat + seit 540. um 1630 + Newton, + Leibniz um + 1670. + + 6. „Puritanismus“: Rationalistisch-mystische Verarmung des Religiösen. + Intellektueller Fanatismus. + + Spuren in den Pythagoräischer Mohammed. Puritaner in + Upanishads. Bund England seit + seit 540. 1620. + Hedschra 622. Jansenisten + (Port Royal) + in Frankreich + seit 1640. + + HERBST: Großstädtische Intelligenz. Höhepunkt strenggeistiger + Gestaltungskraft. + + 7. „Aufklärung“: Glaube an die Allmacht des Verstandes. Kultus der + „Natur“. „Vernünftige Religion“. + + Sutras; Sankhya. Sophistik 5. Mutaziliten Sensualisten + Jüngere Elemente Jahrh. 8. Jahrh. (Locke, + der Upanishads. Sokrates Nazzam, Alkindi Shaftesbury) + 469-399. um 830. 17./18. Jahrh. + Demokrit Alkabi um 900. Rousseau. + 460-360. 1712-1778. + Voltaire. + Enzyklopä- + disten + 18. Jahrh. + + 8. Höhepunkt des mathematischen Denkens. Abklärung der Formenwelt + der Zahlen. + + Verschollen. Archytas 430-365. Noch Euler + (Stellenwert, die Plato 426-346. unerforscht. 1707-1783. + Null als Zahl, Eudoxos 408-355. (Zahlentheorie, Lagrange + Winkelfunktionen.) (Kegelschnitte.) sphärische 1736-1813. + Trigonometrie.) Laplace + 1749-1827. + (Infinitesi- + malproblem.) + + 9. Die großen abschließenden Systeme + + Des Idealismus: Plato 426-346. Al Farabi † 950. Goethe { + Yoga. Vedanta. {Schelling, + Der Erkenntnis- } { Aliaf † 850. } { + theorie: } { } { Fichte, + Vaiceshika. } { } Kant { + Der Logik } { } { Hegel. + Nyaya. } Aristoteles { Avicenna } { + } 384-322. { um 1000. + + WINTER: Anbruch der weltstädtischen Zivilisation. Erlöschen der + seelischen Gestaltungskraft. Das Leben selbst wird problematisch. + Ethisch-praktische Tendenzen eines irreligiösen und unmetaphysischen + Weltstädtertums. + + 10. Materialistische Weltanschauung: Kultus der praktischen Erfahrung + des Nutzens, des Glückes. + + Tscharvaka. Cyniker, Cyrenaiker. Kommunist., atheist., Bentham. + (Lokoyata.) Letzte Sophisten. epikur. Sekten der Feuerbach, + Abbassidenzeit Stirner. Comte, + 9. Jahrh. Spencer, Marx. + + Pyrrhon 325-275. Die „lauteren Brüder“ Darwinisten, + um 950. Materialisten. + + 11. Ethisch-gesellschaftliche Lebensideale: Epoche der „Philosophie + ohne Mathematik“. + + Sekten der Epikur 347-270. Tendenzen im frühen Schopenhauer, + Buddhazeit. Zenon 340-265. Sufismus. Nietzsche. + Alexandrinismus. Al Gunaid † 910. Sozialismus, + Anarchismus. + Hebbel, Wagner, + Ibsen. + + 12. Innere Vollendung der mathematischen Formenwelt. Die + abschließenden Gedanken. + + Euklid, Alchwarizmi Gauß 1777-1855. + Apollonios 800, Ibn Kurra + 4./3. Jahrh. 850. Cauchy 1789-1857. + Verschollen. Eratosthenes, Alkarchi, Albiruni + Archimedes 10. Jahrh. Riemann 1826-1866. + 3. Jahrh. + + 13. Sinken des abstrakten Denkertums zu einer fachwissenschaftlichen + Kathederphilosophie. Kompendienliteratur. + + Die „sechs Akademie; Peripatos. Schulen von Kantianer, + klassischen Bagdad Hegelianer. + Systeme“. Stoa; Epikuräer. und Basra. „Logiker“ und + „Psychologen“. + + 14. Das Ende: Ausbreitung einer letzten Weltstimmung. + + Der indische Der hellenistisch- Der praktische Der ethische + Buddhismus römische Fatalismus Sozialismus seit + seit 500. Stoizismus des Islam Ende des 19. Jahrh. + seit 200. seit 1000. sich verbreitend. + + +II. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ KUNSTEPOCHEN. + + ÄGYPTISCHE ANTIKE ARABISCHE ABENDLÄNDISCHE + KULTUR + + VORZEIT: Chaos urmenschlicher Kunstformen. Mystische Liniensymbolik + und Versuche naiver Imitation. + + THINITENZEIT. KRETISCH-MYKENISCHE ALTSYRISCH-ARABISCHE MEROWINGER- + 3400-3000. ZEIT. 1600-1100 KUNST. VOR 0. KAROLINGERZEIT + 500-900. + (Ägyptischer (Antiker, babylon.- (Maurisch- + Einfluß.) persischer Einfluß.) byzant. + Einfluß.) + + „KULTUR“: Lebensgeschichte eines das gesamte äußere Sein formenden + Stils. Formensprache von tiefster symbolischer Notwendigkeit. + + I. FRÜHZEIT: Ornament und Architektur als elementarer Ausdruck des + jungen Weltgefühls („Die Primitiven“). + + DAS ALTE REICH DORIK ALTCHRISTLICH- GOTIK + „SPÄTANTIKE“ KUNST + 2950-2475. 1100-650. 0-500. 900-1500. + + 1. Geburt und Aufschwung. Aus dem Geiste der Landschaft erwachsende, + nicht bewußt geschaffene Formen. + + 4.-5. Dynastie Nicht erhaltene Basilikenstil. Romanik und + 2930-2625. Holzarchitektur Sarkophag- Frühgotik. + Streng (Antentempel). (Tief-)relief. Ornament + geometrischer und Dom. + Tempelstil. Geometrischer Katakomben- + Flachrelief. (Dipylon-)stil malerei. + Frontale 11./9. Jahrh. Hochgotik; + Bildnisplastik. Kuppelbasilika Gewölbte Dome. + Pyramidentempel. Die dorische („Moschee“). + Pflanzensäulen, Säule (Holz). Kathedral- + Kolonnaden. Grabvasen- plastik. + Reliefzyklen. malerei. (Pantheon in Rom). Glasmalerei. + Säulenbögen. + Frontalbildnisse. + + 2. Vollendung der frühen Formensprache. Erschöpfung der Möglichkeiten + und Widerspruch. + + 6. Dynastie 800-650. 4.-5. Jahrh. Spätgotik und + 2625-2475. Wenig bekannt. Syrisch- Renaissance + Erlöschen des byzantinische 14./15. Jahrh. + Pyramidenstils Kunst. Erlöschen der + und des Erlöschen des gotischen + episch-idyll. Relief- und Skulptur + Reliefs. Porträtstils. (Nürnberg). + Blüte und Ende + von Fresko und + Renaissance- + plastik. Von + Giotto und + Donatello + (Gotik) bis + Michelangelo + (Barock). + Blüte der Protokorinth. Blüte der Das gotische + archaischen -altattische Mosaikmalerei. Tafelbild von + Bildnisplastik. Tonmalerei Anfänge der Van Eyck bis. + (Mythische Arabeske (Tür Holbein + Stoffe). von S. Ambrogio Erfindung des + in Mailand 386). Kontrapunkts + und der + Ölmalerei. + + II. SPÄTZEIT: Bildung einer Gruppe städtisch-bewußter, gewählter, von + Einzelnen getragener Künste („Die großen Meister“). + + DAS MITTLERE IONIK BYZANTINISCH- BAROCK + REICH ISLAMISCHE KUNST + 2200-1800. 650-350. 500-800. 1500-1800. + + 1. Ausbildung eines reifen Künstlertums. + + Infolge Herrschaft Herrschaft der Herrschaft der + späterer der Fresko- Mosaikmalerei Ölmalerei von + Zerstörung malerei von 6. Jahrh. Tizian bis + wenig bekannte Butades bis Rembrandt + Epoche. Die Polygnot Vollendung des († 1669). + Architektur 650-460. Moscheentypus Der malerische + bleibt Die Ionische (Zentralkuppel- Baustil von + herrschend. Säule. Voll- bau, Hagia Michelangelo + endung des Sophia 530). bis Bernini + Tempeltypus. Die Arabeske († 1680). + Aufschwun (Fassade von Aufschwung der + der Rund- M’schatta). Musik von + plastik. Orlando Lasso + („Apoll von bis Heinrich + Tenea“ bis Schütz + Hageladas.) († 1672): Zeit + der Kantate. + + 2. Äußere Vollendung einer durchgeistigten Formensprache. + + 12. Dynastie Blüte von Maurische Kunst. Rokoko. + 2000-1788. Athen 7./8. Jahrh 18. Jahrh. + Pylonentempel. 480-330. Vollkommene Herrschaft der + Historische Herrschaft der Herrschaft der Musik von + Reliefs. Plastik von Arabeske auch Corelli (geb. + Charakter- Myron bis über die 1653) und Bach + bildnisse. Phidias Architektur. (1685) bis + 460-330. Mozart: Zeit + Ausgang der der Sonate. + Fresko- und Der musika- + Tonmalerei. lische + (Rokoko-) + Baustil. + Ausgang der + Ölmalerei von + Watteau bis + Goya. + + 3. Ermatten der Gestaltungskraft. Auflösung der großen Form. Ende des + Stils. + + Anfang der Die korin- Abbassidenzeit. Empirestil und + Hyksoszeit. thische Säule Biedermeier. + (Genre). Beethoven. + Skopas und Hogarth, + Praxiteles Gainsborough. + (Sentiment Delacroix. + und Subjek- + tivismus). + Malerei des + Apollodor + und Apelles + („Natur“). + +ZIVILISATION: Das Dasein ohne innere Form. Weltstadtkunst als Luxus, +Sport, Gewohnheit. Wechselnde Stilmoden (Wiederbelebungen, Mischungen, +Erfindungen) ohne symbolischen Gehalt. + + 1. „Modernität“. Versuche, die Decadence künstlerisch zu fassen. + Verwandlung von Musik, Baukunst und Malerei in bloßes Kunstgewerbe. + + Hyksoszeit Hellenismus Seldschucken- 19. und 20. + 1788-1580. 300-100. zeit nach 1000. Jahrh. + Verfall der Ende der Stationäre Ende der + Reliefkom- strengen „Kunst des Musik: + position. Plastik. Orients“. Berlioz, + Auflösung der (Lysippos). In Byzanz Liszt, Wagner. + plastischen Pergamenische „Renaissance Episode des + Konvention. Kunst des Hellenis- Impressionis- + Mehrschiffige (Theatralik). mus“ (1000). mus von + Säulenhallen. Hellenistische Constable und + Malweisen Corot bis + (Enkaustik, Manet und + Illusions- Leibl. + malerei, Nazarener, + Rhopographie). Prärafaeliten. + Das Ideal- + porträt. + + 2. Ende des Formgefühls. Sinnlose, leere, erkünstelte, gehäufte + Ornamentik. Imitation alter und fremder Motive. + + 18. Dynastie Römerzeit Mongolenzeit + 1580-1350. 100 v. bis seit 1258. + 100 n. Chr. + Verfall der Häufung der 3 Auflösung der + Pflanzensäule. Säulenordnungen. maurischen Kunst + Naturalismus Zeit der in örtliche + des Echnaton. Statuenkopisten. Nuancen. (Von + Memnonskolosse. Römerplastik. Spanien bis + Felsentempel Kaiserbauten Indien.) + der Hatchepsut. im oriental. + Geschmack. + + 3. Ausgang. Barbarische Massenhaftigkeit; Kolossalwirkungen. Verrohung + der Technik. Übergewicht fremder Kunstformen. + + 19. Dynastie Späte + 1350-1205. Kaiserzeit. + (Sethos I. und + Ramses II.) Riesenfora, + Riesenhallen Thermen, + und Statuen- Triumph- + alleen von säulen. + Luxor, Karnak Sieg der früh- + und Abydos. arabischen + Plünderung Kunst im + alter Bauten. Westen + + +III. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ POLITISCHER EPOCHEN. + + ÄGYPTISCHE ANTIKE ABENDLÄNDISCHE KULTUR + + VORZEIT: Rein ethnographischer Völkertypus. Stämme und Häuptlinge. + Noch keine „Politik“. Kein „Staat“. + + THINITENZEIT (MENES). SPÄTKRETISCH- FRANKENZEIT + 3400-3000. MYKENISCHE ZEIT (KARL DER GROSSE). + („AGAMEMNON“). 500-900. + 1600-1200. + + VÖLKERNAMEN DIESER DANAER, ACHÄER, FRANKEN, SACHSEN, + STUFE: UNBEKANNT ETRUSKER. LANGOBARDEN. + (DIE GAUVÖLKER). + + KULTUR: Völkergruppe von ausgeprägtem Stil und einheitlichem + Weltgefühl. Wirkung einer immanenten Staatsidee. + + VÖLKER: ÄGYPTER. DORER, IONIER, LATINER. DEUTSCHE, FRANZOSEN, + ITALIENER, SPANIER, + ENGLÄNDER. + + I. FRÜHZEIT. Organische Struktur des politischen Daseins. Die beiden + frühen Stände: Adel und Priestertum. + + DAS ALTE REICH. DORISCHE ZEIT. GOTISCHE ZEIT. + 2900-2400. 1100-650. 900-1500. + + 1. Patriarchalische Staatsbildungen. Geist des bäuerlichen Landes. Die + „Stadt“ nur Markt oder Burg. Wechselnde Pfalzen der Herrscher. + Lehnsadel. Ritterlich-religiöse Ideale. Kämpfe der Vasallen + untereinander und gegen den Fürsten. + + Lehnsstaat der Homerische Deutsche Kaiserzeit. + 4. Dynastie. Macht Zustände Kreuzzüge. + der Gaufürsten und Historische Kaisertum und + der Rê-Priester- Daten unbekannt. Papsttum. + schaft. + Der Pharao als + Inkarnation des Rê. + + 2. Krisis und Auflösung der primitiven politischen Daseinsformen. + + 6. Dynastie. Kaum bekannt. Verfall der Univer- + Zerfall des Reiches Ursparta um 900. salidee. Interregnum. + in erbliche Macht der Vasallen + Fürstentümer. Inter- (Deutsche Fürsten, + regnum. Renaissancestaaten, + Teilkönige. Lancaster und York). + + II. SPÄTZEIT. Verwirklichung der gereiften Staatsidee. Die Stadt gegen + das Land: Entstehung des dritten Standes (Bürgertum). + + DAS MITTLERE REICH. IONISCHE ZEIT BAROCKZEIT. + 2200-1800. 650-350. 1500-1800. + + 3. Bildung einer Staatenwelt von strenger Form. + + Der zentrali- Der Stadtstaat. Die dynastische Haus- + sierte Beamtenstaat. Zeit der Tyrannis macht. Ständestaat. + 11. Dynastie (650-550). Zeit der Fronde + (2160-2000): Sturz Kleisthenes, (1550-1650). + der Feudalfürsten Periander, Richelieu, + durch die Herrscher Polykrates. Wallenstein, + von Theben. Cromwell. + + 4. Höchste Vollendung der Staatsform („Absolutismus“). Einheit von + Stadt und Land („Staat und Gesellschaft“, die „Drei Stände“). + + 12. Dynastie Um 450: Absolutismus Um 1700: Absolutis- + (2000-1788): des Demos von Athen. mus der regierenden + Strengste Zentral- Politik der Agora. Häuser (Versailles). + gewalt. Hofadel. Kabinetts- + Mediatisation der politik und + Feudalherren. Erbfolgekriege. + Hofadel und + Beamtenschaft. + Erbfolgerevolten. + Amenemhat, Themistokles, Ludwig XIV., + Sesostris. Perikles. Friedrich II. + + 5. Sprengung der Staatsform (Revolution und Napoleonismus). Sieg der + Stadt über das Land (des „Volkes“ über die „Privilegierten“, der + Intelligenz über die Tradition). + + 1788-1680 380-350 Soziale Ende des 18. Jahrh.: + Revolutionen und Revolutionen Revolutionen in + Militärregiment. (Athen, Argos). Frankreich, Amerika, + Teilkönige, zum Die „zweite Genf usw. + Teil aus dem Tyrannis“. + Volk stammend. (Dionys v. Syrakus, + Jason v. Pherä.) + Philipp und Napoleon. + Alexander. + + + ZIVILISATION: Auflösung der jetzt wesentlich städtisch orientierten + Volkskörper zu internationalen, praktisch interessierten Massen. + Weltstadt und Provinz: Der vierte Stand („Masse“), anorganisch, + kosmopolitisch. + + 1. Stadium: Das Geld. Wirtschaftskomplexe die Staatsform aufsaugend. + + Hyksoszeit Hellenismus „Europäische Zivili- + 1788-1580. 300-100. sation“ 1800-2000. + Fremdherrschaft. Diadochenreiche von System der Großmächte + der Eroberer Alexander bis Scipio von Napoleon bis zum + 300-200. Weltkrieg. + Die soziale Monarchie. Nationalismus. + Der politische Parlamentarismus + Stoizismus der Römer 1800-1900. + von Scipio bis Marius Sozialismus und + 200-100. Imperialismus + 1900-2000. + + 2. Stadium: „Cäsarismus“. Wachsender Naturalismus der politischen + Form. Zerfall der Volksorganismen in amorphe Menschenmassen; deren + Resorption in ein Imperium von allmählich wieder primitiv- + despotischem Charakter. + + 18. Dynastie Von Sulla bis Domitian 2000-2200. + 1580-1350. 100 v. bis 100 n. Chr. + Thutmosis III. Cäsar, Tiberius. + + 3. Stadium: „Ägyptizismus“, „Mandarinentum“, „Byzantinismus“. + Erstarren und Zerfall auch des imperialen Mechanismus: die Beute + junger Völker oder fremder Eroberer. Langsames Heraufdringen + urmenschlicher Zustände (Septimius Severus als „Häuptling“). + + 19. Dynastie Von Trajan bis 0 Nach 2200. + 1350-1205. Aurelian 100-30 + Sethos I., Trajan. + Ramses II. Mark Aurel. + Echnaton. + + + + +ERSTES KAPITEL + +VOM SINN DER ZAHLEN + + +1 + +Es ist zunächst notwendig, einige hier in einem strengen und teilweise +neuen Sinne gebrauchte Grundbegriffe zu bestimmen, deren metaphysischer +Gehalt sich im Laufe der Darstellung von selbst ergeben wird, die aber +schon am Anfang unzweideutig erklärt sein müssen. + +Der volkstümliche, auch der Philosophie geläufige Unterschied von +Sein und Werden erscheint ungeeignet, das Wesentliche des mit ihm +bezweckten Gegensatzes wirklich zu treffen. Ein unendliches Werden -- +Wirken, „Wirklichkeit“ -- wird man immer, wofür etwa die physikalischen +Begriffe der gleichförmigen Geschwindigkeit und des Bewegungszustandes +oder die Grundvorstellung der kinetischen Gastheorie als Beispiele +dienen können, auch als Zustand auffassen und also dem Sein zuordnen +dürfen. Dagegen lassen sich -- mit Goethe -- als letzte Elemente des +in und mit dem Bewußtsein schlechthin Gegebenen das +Werden+ und das ++Gewordne+ unterscheiden. Jedenfalls ist, wenn man an der Möglichkeit +zweifelt, durch abstrakte Begriffsbildungen den letzten Gründen des +Menschlichen nahe zu kommen, das sehr klare und bestimmte +Gefühl+, +aus welchem dieser fundamentale, die äußersten Grenzen des Bewußtseins +berührende Gegensatz hervorgeht, das ursprünglichste Etwas, bis zu dem +sich überhaupt gelangen läßt. + +Es folgt daraus mit Notwendigkeit, daß immer ein Werden dem Gewordnen +zugrunde liegt -- a priori im Sinne Kants --, nicht umgekehrt. + +Ich unterscheide ferner mit den Bezeichnungen „+das Eigne+“ und „+das +Fremde+“ zwei Urtatsachen des Bewußtseins, deren Sinn für jeden +wachen Menschen -- also nicht für den Träumenden -- mit unmittelbarer +innerer Gewißheit feststeht, ohne durch eine Definition näher +bestimmt werden zu können. Zu der durch das Wort +Sinnlichkeit+ +(Außenwelt, Empfindungsleben) bezeichneten ursprünglichen Tatsache +steht das Element des Fremden immer auf irgendeine Weise in +Beziehung. Die philosophische Gestaltungskraft großer Denker hat +durch halbanschauliche schematische Konzeptionen wie Erscheinung und +Ding an sich, Welt als Wille und Vorstellung, Ich und Nicht-Ich diese +Beziehung immer wieder schärfer zu fassen versucht, obwohl diese +Absicht sicherlich die Möglichkeiten exakter menschlicher Erkenntnis +überschreitet. Ebenso birgt sich in der als Ich (Innenleben, Person) +bezeichneten ursprünglichen Tatsache das Element des Eignen in einer +Weise, deren strenge Fassung den Methoden des abstrakten Denkens +ebenfalls entzogen bleibt. + +Ich bezeichne weiterhin mit den Worten +Seele+ und +Welt+ +denjenigen Gegensatz, +dessen Vorhandensein mit der Tatsache des +wachen, rein menschlichen Bewußtseins selbst identisch ist+. Es +gibt Grade der Klarheit und Schärfe dieses Gegensatzes, Grade der +Bewußtheit -- Geistigkeit -- des Lebens also, von dem sich noch kaum +in Pole sondernden mythischen Dämmern der primitiven Menschen und des +Kindes -- hierher gehören die in Spätzeiten immer seltener werdenden +Augenblicke der religiösen und künstlerischen Inspiration -- bis zur +äußersten Schärfe des Wachseins etwa in den Zuständen des kantischen +und des napoleonischen Denkens. Diese +elementare Struktur+ des +Bewußtseins ist als eine Tatsache von unmittelbarer innerer Gewißheit +der begrifflichen Zergliederung nicht weiter zugänglich, und ebenso +gewiß ist es, daß jene beiden nur sprachlich und gewissermaßen +künstlich abteilbaren Momente stets miteinander und durcheinander +da sind und durchaus als Einheit, als Totalität hervortreten, ohne +daß das erkenntniskritische Vorurteil des geborenen Idealisten und +Realisten, wonach entweder die Seele der Welt oder die Welt der Seele +als das Primäre -- sie sagen „als Ursache“ -- zugrunde liegt, in +der reinen Tatsache des Bewußtseins irgendwie begründet wäre. Ob in +einem philosophischen System der Akzent auf dem einen oder andern +liegt, ist lediglich ein Kennzeichen der Persönlichkeit und von rein +biographischer Bedeutung. + +Gibt man den Begriffen des Werdens und des Gewordnen eine Anwendung +auf diese polare Struktur des Bewußtseins, so erhält das Wort ++Leben+ einen ganz bestimmten, dem des Werdens nahe verwandten +Sinn. Man darf Werden und Gewordnes als die Tatsache und den Gegenstand +des Lebens bezeichnen. Das eigne, fortschreitende, ständig sich +erfüllende Leben ist in jedem seiner Augenblicke mit dem eignen, wachen +Bewußtsein identisch[25] -- +diese Tatsache heißt Gegenwart+ -- +und beide besitzen wie alles Werden das geheimnisvolle +Merkmal der +Richtung+, ein unaussprechliches Gefühl (Lebensgefühl), das der +Mensch in allen höhern Sprachen durch das Wort +Zeit+ und die +daran sich knüpfenden Probleme geistig zu bannen und -- vergeblich +-- zu deuten versucht hat. Es folgt daraus eine tiefe Beziehung des ++Gewordnen (Starren) zum Tode+. + +Nennt man die Seele -- und zwar unter Betonung des Unbewußten vor +dem Bewußten -- das +Mögliche+, die Welt dagegen das +Wirkliche+, +Ausdrücke, über deren Bedeutung ein inneres Gefühl keinen Zweifel +läßt, so erscheint das Leben als +die Gestalt, in welcher sich +die Verwirklichung des Möglichen vollzieht+. Im Hinblick auf das +Merkmal der Richtung heißt das Mögliche +Zukunft+, das Verwirklichte ++Vergangenheit+. Die Verwirklichung selbst, die Mitte und den Sinn des +Lebens, nennen wir +Gegenwart+. „Seele“ ist das zu Vollendende, „Welt“ +das Vollendete, „Leben“ die Vollendung. Die Ausdrücke Augenblick, +Dauer, Entwicklung, Lebensinhalt, Lebensaufgabe, Bestimmung, Umfang, +Ziel, Ende, Fülle und Leere des Lebens erhalten damit eine bestimmte, +für alles Folgende, namentlich für das Verständnis historischer +Phänomene wesentliche Bedeutung. + +Endlich sollen die Worte +Geschichte+ und +Natur+, wie schon erwähnt, +in einem ganz bestimmten, bisher nicht üblichen Sinne angewandt +werden. Es sind darunter +mögliche+ Arten zu verstehen, die Gesamtheit +des Bewußten, Werden +und+ Gewordnes, Leben und Erlebtes, in einem +einheitlichen, durchgeistigten, wohlgeordneten +Weltbilde+ (Kosmos, +Universum, All) aufzufassen, je nachdem das Werden oder das Gewordne, +Richtung oder Ausdehnung („Zeit“ oder „Raum“) den unteilbaren +Eindruck gestaltend beherrschen. Es handelt sich hier +nicht um eine +Alternative+, sondern um eine +Skala+ von unendlich vielen und sehr +verschiedenartigen Möglichkeiten, eine „Außenwelt“ als Abglanz und +Zeugnis des eignen Daseins zu besitzen, eine Skala, deren Extreme +eine rein +organische+ und eine rein +mechanische Weltanschauung+ (im +wörtlichen Sinne: +Anschauung der Welt+) sind. Der Urmensch (so wie wir +sein Bewußtsein uns vorstellen) und das Kind (wie wir uns erinnern) +besitzen noch keine dieser Möglichkeiten mit hinreichender Klarheit der +struktiven Durchbildung. Als Bedingung dieses höheren Weltbewußtseins +hat man den Besitz der +Sprache+ anzusehen, und zwar nicht den einer +menschlichen +Sprache+ überhaupt, sondern den einer +Kultursprache+, +die für den ersten noch nicht vorhanden und für das andere, obwohl +vorhanden, noch nicht zugänglich ist. Beide besitzen, um dasselbe mit +andern Worten zu sagen, noch kein klares und deutliches Weltdenken, +zwar eine Ahnung, aber noch kein wirkliches Wissen von Geschichte +und Natur, in deren Zusammenhang ihr eigenes Dasein eingegliedert +erscheint: +Sie haben keine Kultur.+ + +Damit erhält dies wichtige Wort einen bestimmten, höchst bedeutsamen +Sinn, der in allem Folgenden vorausgesetzt wird. Ich unterscheide +im Hinblick auf die oben gewählten Bezeichnungen der Seele als des +Möglichen und der Welt als des Wirklichen +mögliche+ und +wirkliche+ +Kultur, das heißt Kultur als +Idee des -- allgemeinen oder einzelnen +-- Daseins+ und Kultur als +Körper+ dieser Idee, als die Summe ihres +versinnlichten, räumlich und faßlich gewordenen Ausdrucks: Taten und +Gesinnungen. Religion und Staat, Künste und Wissenschaften, Völker und +Städte, wirtschaftliche und gesellschaftliche Formen, Sprachen, Rechte, +Sitten, Charaktere, Gesichtszüge und Trachten. +Geschichte+ ist, mit +dem Leben, dem Werden eng verwandt, +die Verwirklichung möglicher +Kultur+. + +Es muß hinzugefügt werden, daß diese grundlegenden Bestimmungen +zum großen Teil nicht mehr im Bereiche der Mitteilbarkeit durch +Begriff, Definition und Beweis liegen, daß sie vielmehr ihrer +tiefsten Bedeutung nach gefühlt, erlebt, erschaut werden müssen. +Es besteht ein selten gewürdigter Unterschied zwischen +Erleben+ +und +Erkennen+ als den Formen der Beziehung zwischen Eignem und +Fremdem („Subjekt und Objekt“). Er wird deutlich in dem Unterschiede +zwischen der unmittelbaren Gewißheit, wie sie die Arten der Intuition +(Erleuchtung, Eingebung, künstlerisches Schauen, Goethes „exakte +sinnliche Phantasie“) gewähren und den Resultaten der verstandesmäßigen +Erfahrung und experimentellen Technik. Der Mitteilung dienen dort +der Vergleich, das Bild, das Symbol, hier die Formel, das Gesetz, +das Schema. Gewordnes wird erkannt oder vielmehr, wie sich zeigen +wird, das Gewordensein für den menschlichen Geist ist mit dem +vollzogenen Erkenntnisakt identisch. Ein Werden kann nur erlebt, +mit tiefem, wortlosem Verstehen gefühlt werden. Hierauf beruht +das, was man Menschenkenntnis nennt. Geschichte verstehen heißt +Menschenkenner im höchsten Sinne sein. Je reiner ein Geschichtsbild, +desto ausschließlicher ist es diesem nicht eigentlich irdischen Blick +zugänglich, der mit den Erkenntnismitteln, welche die „Kritik der +reinen Vernunft“ untersucht, nichts zu schaffen hat. Der Mechanismus +eines reinen Naturbildes, etwa der Welt Newtons und Kants, wird +erkannt, begriffen, zergliedert, in Gesetze und Gleichungen, zuletzt in +ein System gebracht. Der Organismus eines reinen Geschichtsbildes, wie +es die Welt Plotins, Dantes und Brunos war, wird angeschaut, innerlich +erlebt, als Gestalt und Sinnbild aufgefaßt, zuletzt in dichterischen +und künstlerischen Konzeptionen wiedergegeben. -- Goethes „lebendige +Natur“ ist ein +historisches+ Weltbild. + +Erleben und Erkennen sind Bewußtseinsakte einzelner Menschen. Ihr +Resultat, nunmehr ein Stück Vergangenheit, Gedächtnis, Wissen, +heißt +ein Erlebnis+ oder +eine Erkenntnis+. +Etwas verstehen+ -- +historisch oder natürlich -- heißt es in die schon vorhandene Summe von +Erlebnissen oder Erkenntnissen harmonisch einordnen können. + + +2 + +Ich wähle als Beispiel für die Art, wie eine Seele sich im Bilde +ihrer Umwelt zu verwirklichen sucht, inwiefern also gewordne Kultur +Ausdruck und Abbild einer Idee menschlichen Daseins ist, die +Zahl+, +die aller Mathematik als schlechthin gegebenes Element zugrunde liegt. +Und zwar deshalb, weil die Mathematik, in ihrer ganzen Tiefe den +wenigsten erreichbar, einen einzigartigen Rang unter allen Schöpfungen +des Geistes behauptet. Sie ist eine Wissenschaft strengsten Stils wie +die Logik, aber umfassender und bei weitem gehaltvoller; sie ist eine +echte Kunst neben der Plastik und Musik, was die Notwendigkeit einer +leitenden Inspiration und die großen formalen Konventionen in ihrer +Entwicklung angeht; sie ist endlich eine Metaphysik vom höchsten Range, +wie Plato und vor allem Leibniz beweisen. Jede Philosophie ist bisher +in der Verbundenheit mit einer +zugehörigen+ Mathematik erwachsen. Die +Zahl ist die bildgewordene Idee der +kausalen+ Notwendigkeit, wie die +Vorstellung von Gott, die jede Kultur aus ihrer tiefsten Tiefe neu +gestaltet, die bildgewordene Idee der Notwendigkeit des +Schicksals+ +ist. In diesem Sinne darf man das Dasein von Zahlen ein Mysterium +nennen, und das religiöse Denken aller Kulturen hat sich diesem +Eindruck nie entzogen. + +Wie alles Werden das ursprüngliche Merkmal der +Richtung+ +(Nichtumkehrbarkeit), so trägt alles Gewordne das Merkmal der ++Ausdehnung+ und zwar so, daß nur eine künstliche Trennung der +Bedeutung dieser Worte möglich erscheint. Das eigentliche Geheimnis +alles Gewordnen und also (räumlich-stofflich) Ausgedehnten aber +verkörpert sich im Geistigen jeder Kultur im Typus der +mathematischen+ +(starren) im Gegensatz zur +chronologischen+ Zahl. Und zwar liegt +in ihrem Wesen die Absicht einer +mechanischen Grenzsetzung+. Die +Zahl ist darin dem Worte verwandt, das -- als Begriff, „begreifend“, +„bezeichnend“ -- ebenfalls Welteindrücke abgrenzt. Das Tiefste ist +hier allerdings unfaßlich und unaussprechlich. Die +wirkliche+, +zum Ding gewordene Zahl, das +exakt vorgestellte, gesprochene, +geschriebene Zahlzeichen+ -- Ziffer, Formel, Zeichen, Figur --, das +allein der mathematischen Behandlung unterliegt, ist wie das gedachte, +gesprochene, geschriebene Wort bereits ein optisches Symbol dafür, +versinnlicht und mitteilbar, in welchem die Grenzsetzung abgebildet +erscheint. Der Ursprung der Zahlen gleicht dem Ursprung des Mythus. +Der Römer erhob die _numina_, unbestimmbare Natureindrücke („das +Fremde“) zu Gottheiten, indem er sie durch einen +Namen+, sie +begrenzend, bannte. Ebenso sind Zahlen und Worte +gestaltetes, in +Form gebanntes Weltgefühl+. Mit ihnen gelangt der Geist („das Eigne“) +zur Macht. Mit ihnen ordnet und zergliedert er die Welt. Alle echten +Erkenntnisakte -- nicht Erlebnisakte -- als solche an das Vorhandensein +einer Kultursprache gebunden, bezwecken das gleiche. Die Definition, +das Urteil, das Gesetz, das System sind Resultate vollzogener +Grenzsetzungen und die Feststellung eines Kausalverhältnisses, in der +sich das Wesen aller Naturwissenschaft erschöpft, besteht lediglich +in der präzisen Abgrenzung zweier Eindrücke, die im Hinblick auf die +Zahl Ursache und Wirkung, im Hinblick auf das Wort Grund und Folge +heißen. Hierauf beruht die innere Verwandtschaft des Baues einer +hochentwickelten Sprache (Grammatik, Satzbau) mit der zugehörigen +Mathematik. Die Logik ist immer eine Art Mathematik und umgekehrt. +Mithin liegt auch in allen Bewußtseinsakten, welche zur mathematischen +Zahl in Beziehung stehen -- messen, zählen, zeichnen, wägen, ordnen, +teilen --, die gemeinsame Tendenz auf Abgrenzung von Gewordnem und +Ausgedehntem und erst durch kaum noch bewußte Akte dieser Art gibt +es für den wachen Menschen objektive Gegenstände, Eigenschaften, +Beziehungen, Einzelnes, Einheit und Mehrheit, kurz die als notwendig +und unerschütterlich empfundene Struktur desjenigen Weltbildes, das +er „Natur“ nennt und als solche „erkennt“. +Natur ist das Zählbare.+ +Geschichte ist der Inbegriff dessen, was zur Mathematik kein +Verhältnis hat. Daher die mathematische Gewißheit der Naturgesetze, +die staunende Einsicht Galileis, daß die Natur „_scritta in lingua +matematica_“ sei und die von Kant hervorgehobene Tatsache, daß die +exakte Naturwissenschaft genau so weit reicht wie die Möglichkeit der +Anwendung mathematischer Methoden. + +In der Zahl als dem +Zeichen der vollendeten extensiven Begrenzung+ +liegt demnach, wie Pythagoras infolge einer großartigen, durchaus +religiösen Intuition mit innerster Gewißheit begriff, das +Wesen+ +alles Wirklichen, das geworden, erkannt, begrenzt zugleich ist. +Indes darf man Mathematik, wenn man darunter den Besitz einer +eingebornen virtuellen Zahlenwelt versteht, nicht mit der viel engeren +wissenschaftlichen Mathematik, der +Lehre+ von den Zahlen verwechseln. +Das eine ist eine erschöpfende und notwendige Eigenschaft des +Bewußtseins, das andere eine +mögliche+ Art, sie geistig zu entwickeln. +Die geschriebene Mathematik, ein System starrer Sätze, repräsentiert +so wenig wie die in theoretischen Werken niedergelegte Philosophie den +ganzen Besitz dessen, was im Schoße einer Kultur an mathematischen und +philosophischen Möglichkeiten vorhanden war. Es gibt noch ganz andere +Wege, das den Zahlen zugrunde liegende Urgefühl zu versinnlichen, das +Gewordne und Ausgedehnte, sei es Stoff oder Raum, einem gestaltenden +Prinzip zu unterwerfen. Am Anfang jeder Kultur steht ein archaischer +Stil, den man nicht nur in der frühhellenischen Kunst hätte geometrisch +nennen können. Es liegt etwas Gemeinsames, ausdrücklich Mathematisches +im Dipylonstil der altgriechischen Grabvasen, im Tempelstil der 4. +Dynastie Ägyptens mit seiner unbedingten Herrschaft der geraden Linie +und des rechten Winkels, im hieratischen Stil der altchristlichen +Sarkophagreliefs und im romanischen Ornament. Jede Linie, jede +menschliche oder Tierfigur mit ihrer gar nicht imitativen Tendenz +offenbart hier ein mystisches Zahlendenken in unmittelbarer Beziehung +auf das Geheimnis und den Kult des Todes (des Starren). + +Gotische Dome und dorische Tempel sind +steingewordne Mathematik+. +Gewiß hat Pythagoras die antike Zahl als das Prinzip einer Weltordnung ++greifbarer+ Dinge, als +Maß oder Größe+, wissenschaftlich erfaßt. +Aber sie wurde eben damals, ebenfalls als schöne Ordnung von +sinnlich-körperhaften Einheiten, durch den strengen Kanon der +hellenischen Statue und der dorischen wie ionischen Säulenordnung +zum Ausdruck gebracht. Alle großen Künste sind ebensoviel Arten +zahlenmäßiger bedeutungsvoller Grenzgebung. Man denke an das +Raumproblem in der Malerei. Eine hohe mathematische Begabung kann auch +ohne jede Wissenschaft produktiv sein und zum vollen Bewußtsein ihrer +selbst gelangen. Man wird doch angesichts des gewaltigen Zahlensinnes, +den die Raumgliederung der Pyramidentempel, die Bau-, Bewässerungs- +und Verwaltungstechnik, vom ägyptischen Kalender ganz zu schweigen, +schon im Alten Reiche um 2800 v. Chr. voraussetzt, nicht behaupten +wollen, daß das wertlose „Rechenbuch des Ahmes“ aus dem Neuen Reiche +das Niveau der ägyptischen Mathematik bezeichne. Die Eingebornen +Australiens, deren Geist durchaus der Stufe des Urmenschen angehört, +besitzen einen mathematischen Instinkt oder, was dasselbe ist, +einen noch nicht durch Worte und Zeichen bewußt gewordnen Schatz an +Zahlen, der in bezug auf die Interpretation reiner Räumlichkeit den +griechischen bei weitem übertrifft. Sie haben als Waffe den Bumerang +erfunden, dessen Wirkung auf eine gefühlsmäßige Vertrautheit mit +Zahlenarten schließen läßt, die wir der höheren geometrischen Analysis +zuweisen würden. Sie besitzen +dementsprechend+ -- aus einem später zu +erläuternden Zusammenhange -- ein äußerst kompliziertes Zeremoniell +und eine so feine sprachliche Abstufung der Verwandtschaftsgrade, +wie sie nirgends, selbst in hohen Kulturen nicht, wieder beobachtet +worden ist. Dem entspricht es, daß die Griechen in ihrer reifsten +Zeit unter Perikles in Analogie zur euklidischen Mathematik weder +einen Sinn für das Zeremoniell des öffentlichen Lebens noch für die +Einsamkeit besaßen, sehr im Gegensatz zum Barock, das neben der +Analysis des Raumes den Hof des Sonnenkönigs und ein auf dynastischen +Verwandtschaften beruhendes Staatensystem entstehen sah. + +Es ist der Stil einer Seele, der in einer Zahlenwelt, aber nicht in +ihrer wissenschaftlichen Fassung allein zum Ausdruck kommt. + + +3 + +Daraus folgt ein entscheidender Umstand, der den Mathematikern selbst +bisher verborgen geblieben ist. + ++Eine Zahl an sich gibt es nicht und kann es nicht geben.+ Es gibt +mehrere Zahlenwelten, weil es mehrere Kulturen gibt. Wir finden einen +indischen, arabischen, antiken, abendländischen Zahlentypus, jeder +von Grund aus etwas Eignes und Einziges, jeder Ausdruck eines andern +Weltgefühls, jeder Symbol von einer auch wissenschaftlich genau +begrenzten Gültigkeit, Prinzip einer Ordnung des Gewordnen, in der sich +das tiefste Wesen einer einzigen und keiner andern Seele spiegelt, +derjenigen, welche Mittelpunkt gerade dieser und keiner andern Kultur +ist. Es gibt demnach mehr als eine Mathematik. Denn ohne Zweifel ist +das architektonische System der euklidischen Geometrie ein ganz andres +als das der kartesischen, die Analysis von Archimedes eine andre als +die von Gauß, nicht nur der Formensprache, der Absicht und den Mitteln +nach, sondern vor allem in der Tiefe, im ursprünglichen Phänomen der +Zahl, dessen wissenschaftliche Entwicklung sie darstellt. Diese im +Geiste und durch den Geist empfangene Zahl, das Grenzerlebnis, das in +ihr mit innerster Notwendigkeit versinnlicht und Form geworden ist, +mithin auch die gesamte Natur, die ausgedehnte Welt, deren Bild durch +diese spontane Grenzgebung entstand und die immer nur der Behandlung +durch eine einzige Art von Mathematik zugänglich ist, das alles spricht +nicht vom allgemeinen, sondern jedesmal von einem ganz bestimmten +Menschentum. + +Es hängt also für den Stil einer entstehenden Mathematik alles +davon ab, in welcher Kultur sie wurzelt, was für Menschen über sie +nachdenken. Denn die Zahl geht dem Geiste vorauf, nicht umgekehrt. +Zahlen sind schöpferische, nicht geschaffene Wesenheiten. Der +Geist kann die in ihnen verborgnen formalen Möglichkeiten zur +wissenschaftlichen Entfaltung bringen, sie handhaben, an ihrer +Behandlung zur höchsten Reife gelangen; sie zu modifizieren ist er +völlig außerstande. In den frühesten Formen des Ornaments und der +Architektur, schon in der dorischen Säule und der Kathedralgotik ist +die Idee der euklidischen Geometrie und der Infinitesimalrechnung +verwirklicht, Jahrhunderte bevor der erste Mathematiker dieser Kulturen +geboren wurde. + +Ein tiefes inneres Erlebnis, das eigentliche +Erwachen des +Ich+, welches das Kind zum höhern Menschen, zum Gliede der +ihm angehörigen Kultur macht, bezeichnet den Beginn des Zahlen- +wie des Sprachverständnisses. Erst von hier an gibt es für das +Bewußtsein Gegenstände als etwas in jedem Betrachte Begrenztes und +Wohlunterschiedenes, erst von hier an genau bestimmbare Eigenschaften, +Begriffe, eine kausale Notwendigkeit, ein +System+ der Umwelt, +eine +Weltform+, +Weltgesetze+ -- das „Gesetzte“ ist seiner +Natur nach immer das Begrenzte, Starre, den Zahlen Unterworfene -- +und ein plötzliches Gefühl dafür, was Zahlen, sei es in Gestalt +einer bildenden Kunst oder einer mathematischen Wissenschaft, ++bedeuten+. Man begreift, daß sie dem Urmenschen wie dem Kinde +noch verschlossen sind und daß eine entscheidende -- historische oder +biographische -- Epoche eintritt, sobald der in seiner Bedeutung +erfaßte Akt des Zählens, Messens, Zeichnens, Formens eine ganz neue +Welt aus einem neu erschlossenen Innenleben hervorgehen läßt. Dies +Erlebnis aber, mit dem der +große Stil+ beginnt, +trennt+ +Kulturen, Arten der Seele +als Individuen+ aus dem primitiv +Menschlichen ab. + +Nun hat Kant den Besitz menschlichen Wissens nach Synthesen a priori +(notwendig und allgemeingültig) und a posteriori (aus Erfahrung +stammend) eingeteilt und die mathematische Erkenntnis den ersteren +zugerechnet. Zweifellos hat er damit ein starkes inneres Gefühl in +eine abstrakte Fassung gebracht. Aber ganz abgesehen davon, daß eine +scharfe Grenze zwischen beiden, wie sie nach der ganzen Herkunft +des Prinzips unbedingt gefordert werden müßte, nicht vorhanden ist +(wofür die moderne höhere Mathematik und Mechanik mehr als hinreichend +Beispiele gibt), erscheint auch das a priori, sicherlich eine der +genialsten Konzeptionen aller Erkenntniskritik, als ein höchst +schwieriger Begriff. Kant setzt mit ihm, ohne sich die Mühe eines +Beweises zu geben -- der sich auch gar nicht erbringen läßt --, +sowohl die +Unveränderlichkeit der Form+ aller Geistestätigkeit +als ihre +Identität für alle Menschen+ voraus. Infolgedessen +ist ein Umstand von gar nicht zu überschätzender Tragweite völlig +übersehen worden, vor allem deshalb, weil Kant bei der Prüfung seiner +Gedanken nur das geistige Material und den intellektuellen Habitus +seiner Zeit zu Rate zog. Er betrifft den +schwankenden Grad+ +dieser „Allgemeingültigkeit“. Neben gewissen Faktoren von zweifellos +weitreichender Geltung, die wenigstens scheinbar unabhängig davon +sind, zu welcher Kultur, in welches Jahrhundert der Erkennende gehört, +liegt allem Denken auch noch eine ganz andere Notwendigkeit der Form +zugrunde, welcher der Mensch eben als Glied +einer bestimmten und +keiner anderen+ Kultur unterworfen ist. Das sind nun zwei sehr +verschiedene Arten des apriorischen Gehaltes und es ist eine nie zu +beantwortende, weil jenseits aller Erkenntnismöglichkeiten liegende +Frage, welches die Grenze zwischen ihnen ist und ob es eine solche +überhaupt gibt. Daß die bisher als selbstverständlich geltende Konstanz +der geistigen Formen eine Illusion ist, daß es innerhalb der uns +vorliegenden Geschichte mehr als einen +Stil des Erkennens+ gibt, +hat man bisher nicht anzunehmen gewagt. Aber es sei daran erinnert, +daß der consensus omnium nicht nur eine allgemeine Wahrheit, sondern +auch einen allgemeinen Irrtum beweisen kann. Ein dunkler Zweifel +war allenfalls immer da und man hätte das Richtige schon aus der +Nichtübereinstimmung sämtlicher Denker erschließen sollen. Aber daß +diese nicht auf eine Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, auf +ein „Noch nicht“ einer endgültigen Erkenntnis zurückgeht, kein Mangel, +sondern eine schicksalhafte historische Notwendigkeit ist -- das ist +eine +Entdeckung+. Das Tiefste und Letzte kann nicht aus der +Konstanz, sondern allein aus der +Verschiedenheit+ und nur aus +der +organischen Periodizität+ dieser Verschiedenheit erschlossen +werden. Die +vergleichende Morphologie der Erkenntnisformen+ ist +eine Aufgabe, die dem abendländischen Denken noch vorbehalten ist. + + +4 + +Wäre Mathematik eine bloße Wissenschaft wie die Astronomie oder +Mineralogie, so würde man ihren Gegenstand definieren können. Man kann +es nicht und hat es nicht gekonnt. Mögen wir Westeuropäer auch den +eignen wissenschaftlichen Zahlbegriff gewaltsam auf das anwenden, was +die Mathematiker in Athen und Bagdad beschäftigte, so viel ist sicher, +daß Thema, Absicht und Methode der gleichnamigen Wissenschaft dort ganz +andre waren. +Es gibt keine Mathematik, es gibt nur Mathematiken.+ +Was wir Geschichte „der“ Mathematik nennen, vermeintlich die +fortschreitende Verifikation eines einzigen und unveränderlichen +Ideals, ist in der Tat, sobald man das täuschende Bild der historischen +Oberfläche beseitigt, eine +Mehrzahl+ in sich geschlossener, +unabhängiger Prozesse, eine wiederholte Geburt neuer, ein Aneignen, +Umbilden und Abstreifen fremder Formenwelten, ein rein organisches, an +eine bestimmte +Dauer+ gebundenes Aufblühen, Reifen, Welken und +Sterben. Man lasse sich nicht täuschen. Der ahistorische griechische +Geist schuf seine Mathematik aus dem Nichts; der historisch angelegte +Geist des Abendlandes, der die +angelernte+ antike Wissenschaft +schon besaß -- äußerlich, nicht innerlich --, mußte die eigne durch ein +scheinbares Ändern und Verbessern, durch ein tatsächliches Vernichten +der ihm inadäquaten euklidischen gewinnen. Das eine geschah durch +Pythagoras, das andere durch Descartes. Beide Akte sind in der Tiefe ++identisch+. + +Die Verwandtschaft der Formensprache einer Mathematik mit der der +benachbarten großen Künste wird demnach keinem Zweifel unterliegen. +Das Ziel jeder Mathematik ist ein in sich vollendetes System von +Sätzen, das die synthetische Ordnung a priori des starren Ausgedehnten +repräsentiert, dieselbe unablässig erstrebte Synthese, welche auch im +Formproblem, jeder bildenden Kunst und in dem Ringen jedes einzelnen +Künstlers um die technische Meisterschaft auf seinem Gebiete zutage +tritt. Das Formgefühl des Bildhauers, Malers, Tondichters ist ein +wesentlich mathematisches. In der geometrischen Analysis und der +projektiven Geometrie des 17. Jahrhunderts offenbart sich dieselbe +Ordnung, welche die gleichzeitige Instrumentalmusik fugierten Stils +durch die Regeln des Kontrapunktes, dieser Geometrie des Tonraumes, +welche die ihr verschwisterte Ölmalerei durch das Prinzip einer +nur +dem Abendlande+ bekannten Perspektive, der gefühlten Geometrie des +Bildraumes, ins Leben rufen, ergreifen, durchdringen möchte. Sie ist +das, was Goethe +die Idee+ nannte, +deren Gestalt im Sinnlichen +unmittelbar angeschaut werde+, während die bloße Wissenschaft nicht +anschaue, sondern nur beobachte und zergliedere. Aber die Mathematik +geht über Beobachten und Zergliedern hinaus. Sie verfährt in ihren +höchsten Augenblicken intuitiv, nicht abstrahierend. Von Goethe stammt +das tiefe Wort, daß der Mathematiker nur insofern vollkommen sei, +als er das +Schöne des Wahren+ in sich empfinde. Hier wird man +fühlen, wie nahe das Geheimnis im Phänomen der Zahl dem Geheimnis +der Kunstform liegt, die ebenfalls in einer bedeutsamen Grenzgebung, +im schönen Maß, in der abgewogenen Größe, der strengen Beziehung, der +Harmonie, kurz in einer vollkommenen Ordnung von Sinnlichem ihr Ziel +findet. Damit tritt der geborene Mathematiker neben die großen Meister +der Fuge, des Meißels und des Pinsels, die ebenfalls jene große Ordnung +aller Dinge, die der bloße Mitmensch ihrer Kultur in sich trägt, ohne +sie wirklich zu besitzen, in Symbole kleiden, verwirklichen, mitteilen +wollen. Damit wird das Reich der Zahlen zum intuitiven Abbild der +Weltform neben dem Reich der Töne, Linien und Farben. Deshalb bedeutet +das Wort „schöpferisch“ im Mathematischen mehr als in den bloßen +Wissenschaften. Newton, Gauß, Riemann waren künstlerische Naturen. Man +lese nach, wie ihre großen Konzeptionen sie plötzlich überfielen. „Ein +Mathematiker,“ meinte der alte Weierstraß, „der nicht zugleich ein +Stück von einem Poeten ist, wird niemals ein vollkommener Mathematiker +sein.“ + +Mathematik ist also +auch eine Kunst+. Sie hat ihre Stile und +Stilperioden. Sie ist nicht, wie der Laie meint -- auch der Philosoph, +insofern er hier als Laie urteilt --, der Substanz nach unveränderlich, +sondern wie jede Kunst von Epoche zu Epoche unvermerkten Wandlungen +unterworfen. Man sollte die Entwicklung der großen Künste nie +behandeln, ohne auf die gleichzeitige Mathematik einen gewiß nicht +unfruchtbaren Seitenblick zu werfen. Einzelheiten in den sehr tiefen +Beziehungen zwischen den Tendenzen der Musiktheorie von Orlando Lasso +an und den Entwicklungsphasen der Funktionentheorie sind niemals +untersucht worden, obwohl die Ästhetik mehr daraus hätte lernen können +als aus aller „Psychologie“. Alle ganz großen Mathematiker seit +Fermat, Pascal und Descartes (1630) sind transzendente Analytiker, +alle antiken von Pythagoras an (540) anschaulich-körperhaft denkende +Naturen gewesen. Soll ich noch einmal auf die enge Verwandtschaft +dieser Begabungen mit der anbrechenden Blütezeit dort der reinen +Instrumentalmusik, hier der ionischen Marmorskulptur hinweisen? Die +antike Mathematik, ursprünglich beinahe rein planimetrisch, zeigt +in der Entwicklung von Pythagoras zu Archimedes eine Tendenz zum +stereometrischen Denken +alles+ Zahlenmäßigen. Dem entspricht +die Tendenz der Flächenmalerei attisch-korinthischen Stils über das +der Fläche aufgesetzte Relief hinaus zur Rundplastik. Die Statue ging +teils aus der figürlich -- reliefmäßig -- behandelten Säule (Hera des +Cheramyes), teils aus der zur Wandverkleidung dienenden Holz- oder +Erztafel (Artemis der Nikandre) hervor. Sowohl das Holz wie der Poros +wurden mit dem Schnitzmesser bearbeitet und erst die Behandlung des +Marmors mit dem Meißel entsprach ganz dem künstlerischen Gefühl der +Schöpfung eines +Körpers+. Aber das Entsprechende geschieht im +Abendlande. Während die auch weiterhin so genannte Geometrie sich zur +Analysis des +reinen Raumes+ umbildet, aus der Schritt für Schritt +das unmittelbar Optische beseitigt wird -- man beachte, wie weit schon +der Koordinatenbegriff von Descartes über den von Fermat hinausgeht --, +gewinnt die Instrumentalmusik ihre neuen Ausdrucksmittel. Seit 1520 +beginnt die in Oberitalien erfundene Geige die Laute zu verdrängen. +Das Fagott ist seit 1525 bekannt. In Deutschland hat sich während +des 16. und 17. Jahrhunderts die Orgel zum +raumbeherrschenden+ +Instrument entwickelt. Monteverdi (1567-1643), der mit der Einführung +des Dominantseptakkordes die eigentliche Chromatik begründet, besaß +das erste wirkliche Orchester und um 1630 erscheint mit Frescobaldi +der erste große Orgelvirtuose. Und neben der analysis situs, dieser +Meisterschöpfung von Leibniz, steht die mächtige Raumsymbolik der +letzten Werke Rembrandts, der 1669 starb -- die des Selbstbildnisses in +München, des Darmstädter Christus und des Evangelisten Matthäus. + +Sicherlich unterscheidet auch dies das Formwollen jeder Mathematik +von den rein wissenschaftlichen Absichten aller Physik und Chemie +und rückt sie in die Nähe der bildenden Künste, daß ihr Element, die +starren Zahlen, seien sie nun optisch oder transzendent aufgefaßt, +keine empirischen Wirklichkeiten sind, sondern reine Formen des +Ausgedehnten wie ornamentale Linien und musikalische Harmonien, +ihr Verfahren also, mit Kant zu reden, synthetisch, künstlerisch +gesprochen +Komposition+ ist, in welcher der echte Künstler einem ++höheren Zwange -- dem „a priori“ Kants+ -- unterliegt. Das +mag in den populären Teilen einer Mathematik weniger hervortreten, +aber die Zahlengebilde höherer Ordnung, zu denen jede von ihnen und +im Unterschiede von jeder andern alsbald aufsteigt, wie das indische +Dezimalsystem, die antiken Gruppen der Kegelschnitte, der Primzahlen +und der regelmäßigen Polyeder, im Abendlande der Zahlkörper, die +mehrdimensionalen Räume, die höchst transzendenten Gebilde der +Transformations- und Mengenlehre, die Gruppe der nichteuklidischen +Geometrien, sind nicht mehr von rein verstandesmäßiger Herkunft und +setzen, um in ihren letzten, völlig metaphysischen Gründen durchschaut +zu werden, eine Art visionärer Erleuchtung voraus. Hier handelt es +sich um ein inneres Erlebnis, nicht nur um Erkenntnis. Erst hier +beginnt die +große+ Symbolik der Zahlen. Diese Formen, wie sie im +Geiste großer Meister im Namen ihrer Kultur, als Ausdruck der letzten +Geheimnisse ihres Weltgefühls entstehen, offenbaren dem Eingeweihten +etwas wie den Urgrund seines Daseins. Diese Schöpfungen muß man wie +das Innere eines Domes, wie die Verse der Engel im Faustprolog oder +eine Kantate von Bach auf sich wirken lassen, wozu es glücklicher und +seltener Stunden bedarf. Nur wer dies vermag, und es wird immer nur +eine sehr kleine Zahl reifer Geister sein, begreift Plato, wenn er die +ewigen Ideen seines Kosmos „+die Zahlen+“ nannte. + + +5 + +Als man im Kreise der Pythagoräer um 540 zu der Einsicht kam, daß ++das Wesen aller Dinge die Zahl+ sei, da wurde nicht „in der +Entwicklung der Mathematik ein Schritt vorwärts getan“, sondern es +wurde eine ganz neue Mathematik aus der Tiefe des antiken Seelentums +geboren, als selbstbewußte Theorie, nachdem sie in metaphysischen +Problemen und künstlerischen Formtendenzen sich längst angekündigt +hatte. Eine neue Mathematik, wie die stets ungeschrieben gebliebene +der ägyptischen und wie die algebraisch-astronomisch gestaltete der +babylonischen Kultur mit ihren ekliptischen Koordinatensystemen, die +beide in einer großen Stunde der Geschichte einmal geboren worden und +damals längst erloschen waren. Die zur Römerzeit schon greisenhafte +antike Mathematik verschwand aus dem lebendigen Werden trotz ihres +noch heute währenden Scheindaseins in unsrer Bezeichnungsweise, +um viel später und in einer entfernten Landschaft der arabischen +Platz zu machen; auf diese längst erstorbene folgte nach langer +Zwischenzeit, wieder als eine ganz neue Schöpfung eines neuen +Bodens, die abendländische, +unsere+ Mathematik, die wir in +seltsamer Verblendung als die Mathematik, den Gipfel und das Ziel +einer zweitausendjährigen Entwicklung ansehen und deren heute fast +abgelaufene Jahrhunderte ebenso streng bemessen sind. + +Jener Ausspruch, daß die Zahl das Wesen aller +sinnlich greifbaren+ +Dinge darstelle, ist der wertvollste der antiken Mathematik geblieben. +Mit ihm ist die Zahl als +Maß+ definiert. Darin liegt das ganze +Weltgefühl einer dem +Jetzt und Hier+ leidenschaftlich zugewendeten +Seele. Messen in diesem Sinne heißt etwas Nahes und Körperhaftes +messen. Denken wir an den Inbegriff des antiken Kunstwerkes, die +freistehende Bildsäule eines nackten Menschen: Hier ist alles +Wesentliche und Bedeutsame des Daseins, sein ganzes Ethos, erschöpfend +durch Flächen, Maße und die sinnlichen Verhältnisse der Teile gegeben. +Der pythagoräische Begriff der Harmonie der Zahlen, obwohl vielleicht +aus der -- monophonen -- Musik abgeleitet, scheint durchaus für das +Ideal dieser Plastik geprägt zu sein. Der behandelte Stein ist nur +insofern ein Etwas, als er abgewogene Grenzen und gemessene Form +besitzt, als das, was er unter dem Meißel des Künstlers +geworden+ ist. +Abgesehen davon ist er ein +Chaos+, etwas noch nicht Verwirklichtes, +vorläufig also ein Nichts. Dies Gefühl, ins Große übertragen, schafft +als Gegensatz zum Chaos den +Kosmos+, die Außenwelt der antiken Seele, +die harmonische Ordnung aller wohlbegrenzten und greifbar gegenwärtigen +Einzeldinge. Die Summe dieser Dinge ist bereits die +ganze Welt+. Der +Abstand zwischen ihnen, +unser+ mit dem ganzen Pathos eines großen +Symbols erfüllter Weltraum, ist nichts, τὸ μὴ ὄν. Ausdehnung heißt für +den antiken Menschen Körperlichkeit, für uns Raum, als dessen Funktion +die Dinge „erscheinen“. Von hier aus rückwärts blickend enträtseln wir +vielleicht den tiefsten Begriff der antiken Metaphysik, das ἄπειρον +Anaximanders, das sich in keine Sprache des Abendlandes übersetzen +läßt: es ist das, was keine „Zahl“ im pythagoräischen Sinne besitzt, +keine gemessene Größe und Grenze, kein Wesen also; das Maßlose, die +Unform, eine Statue, die noch nicht aus dem Blocke herausgemeißelt ist. +Dies ist die ἀρχή, das optisch Grenzen- und Formlose, das erst durch +Grenzen, sinnliche Vereinzelung ein Etwas, die Welt nämlich, wird. Es +ist das, was der antiken Erkenntnis als Form a priori zugrunde liegt, +Körperlichkeit an sich, und an dessen Stelle im kantischen Weltbilde +genau entsprechend der absolute Raum erscheint, aus dem Kant sich +angeblich „alle Dinge fortdenken konnte“. + +Man wird jetzt begreifen, was eine Mathematik von der andern, was +insbesondere die antike von der abendländischen scheidet. Das reife +antike Denken konnte seinem ganzen Weltgefühl nach in der Mathematik +nur die Lehre von den Größen-, Maß- und Gestaltverhältnissen +leibhafter Körper sehen. Wenn Pythagoras aus diesem Gefühl heraus +die entscheidende Formel aussprach, so war eben für ihn die Zahl ein ++optisches+ Symbol, nicht Form überhaupt oder abstrakte Beziehung, +sondern das Grenzzeichen des Gewordnen, insofern dieses in sinnlich +übersehbaren Einzelheiten auftritt. Zahlen werden von der gesamten +Antike ohne Ausnahme, als Maßeinheiten, als Größen, Strecken, Flächen +aufgefaßt. Eine andre Art Ausdehnung ist ihr nicht vorstellbar. Alle +antike Mathematik ist im letzten Grunde +Stereometrie+. Euklid, +der im 3. Jahrhundert ihr System abschloß, meint, wenn er von einem +Dreieck spricht, mit innerster Notwendigkeit die Grenzfläche eines +Körpers, niemals ein System dreier sich schneidender Geraden oder eine +Gruppe dreier Punkte im Raume von drei Dimensionen. Er bezeichnet die +Linie als „Länge ohne Breite“ (μῆκος ἀπλατές). In unserm Munde wäre +diese Definition kläglich gewesen. Innerhalb der antiken Mathematik ist +sie ausgezeichnet. + +Auch die abendländische Zahl ist nicht, wie Kant und selbst Helmholtz +dachten, aus der „apriorischen Anschauungsform der Zeit“ entwickelt, +sondern als Ordnung gleichartiger Einheiten etwas spezifisch +Räumliches. Die Zeit hat, wie sich immer deutlicher zeigen wird, mit +mathematischen Dingen nicht das Geringste zu tun. Zahlen gehören +ausschließlich in die Sphäre des Ausgedehnten. Aber es gibt so viele +Möglichkeiten und also Notwendigkeiten, Ausgedehntes geordnet +vorzustellen, als es Kulturen gibt. Die antike Zahl ist nicht ein +Denken räumlicher Beziehungen, sondern +für das leibliche Auge+ +abgegrenzter, greifbarer Einheiten. Die Antike kennt deshalb -- das +folgt mit Notwendigkeit -- nur die „+natürlichen+“ (+positiven +ganzen+) Zahlen, die unter den vielen, höchst abstrakten Zahlenarten +der abendländischen Mathematik, den komplexen, hyperkomplexen, +nichtarchimedischen u. a. Systemen eine durch nichts ausgezeichnete +Rolle spielen. + +Deshalb ist die Vorstellung irrationaler Zahlen, in unsrer Schreibweise +also unendlicher Dezimalbrüche, dem griechischen. Geiste unvollziehbar +geblieben. Euklid sagt -- und man hätte ihn besser verstehen sollen +--, daß inkommensurable Strecken sich „+nicht wie Zahlen+“ +verhalten. In der Tat liegt im vollzogenen Begriff der irrationalen +Zahl die völlige Trennung des +Zahlbegriffs+ vom Begriff der ++Größe+ und zwar deshalb, weil eine solche Zahl, π z. B., niemals +abgegrenzt oder exakt durch eine Strecke dargestellt werden kann. +Daraus folgt aber, daß in der Vorstellung z. B. des Verhältnisses der +Quadratseite zur Diagonale die antike Zahl, die eben +sinnliche+ +Grenze, +abgeschlossene Größe+ und nichts andres ist, eine +ganz andre Zahlidee berührt, die dem antiken Weltgefühl im tiefsten +Innern fremd und darum unheimlich ist, als sei man nahe daran, ein +gefährliches Geheimnis des eignen Daseins aufzudecken. Dies verrät +ein seltsamer spätgriechischer Mythus, wonach derjenige, welcher +zuerst die Betrachtung des Irrationalen aus dem Verborgnen an die +Öffentlichkeit brachte, durch einen Schiffbruch umgekommen sei, „weil +das Unaussprechliche und Bildlose immer verborgen bleiben solle“. +Wer die Angst fühlt, welche diesem Mythus zugrunde liegt -- es ist +dieselbe, welche den Griechen der reifsten Zeit vor der Ausdehnung +seiner winzigen Stadtstaaten zu politisch organisierten Landschaften, +vor der Anlage weiter Straßenfluchten und Alleen mit Fernblicken +und berechneten Abschlüssen, vor der babylonischen Astronomie mit +ihrer Durchdringung endloser Sternenräume und vor dem Verlassen des +Mittelmeeres auf Bahnen, welche die Schiffe der Ägypter und Phöniker +längst erschlossen hatten, immer wieder zurückschrecken ließ, die tiefe +metaphysische Angst vor der Auflösung des Greifbar-Sinnlichen und +Gegenwärtigen, mit dem sich das antike Dasein wie mit einer Schutzmauer +umgeben hatte, hinter der etwas Unheimliches, ein Abgrund und Urgrund +dieses gewissermaßen künstlich geschaffenen und behaupteten Kosmos +schlief --, wer dies Gefühl begreift, der hat auch den letzten Sinn +der antiken Zahl, +des Maßes im Gegensatz zum Unermeßlichen+ und +das hohe religiöse Ethos in ihrer Beschränkung begriffen. Goethe, +als Künstler, hat es sich wenigstens in seinen Naturstudien mit +Leidenschaft zu eigen gemacht -- daher seine fast ängstliche Polemik +gegen die Mathematik, die sich in Wirklichkeit, was noch niemand recht +verstanden hat, instinktiv durchaus gegen die +nichtantike+ +Mathematik, die der Naturlehre seiner Zeit zugrunde liegende +Infinitesimalrechnung richtete. + +Die antike Religiosität sammelt sich mit steigender Ausdrücklichkeit in +sinnlich gegenwärtigen -- +ortsgebundenen+ -- Kulten, die allein +jenes bildhafte, immernahe Göttertum repräsentieren. Abstrakte, in den +heimatlosen Räumen des Denkens verschwebende +Dogmen+ sind ihm +immer fern geblieben. Kult und Dogma verhalten sich wie die Statue zur +Orgel im Dom. Es haftet der euklidischen Mathematik zweifellos etwas +Kultisches an. Man denke an die Lehre von den regelmäßigen Polyedern +und ihre Bedeutung für die Esoterik des platonischen Kreises. Dem +entspricht andrerseits eine tiefe Verwandtschaft der Analysis des +Unendlichen von Descartes an mit der gleichzeitigen Dogmatik in ihrem +Fortschreiten zu einem reinen, von allen sinnlichen Bezügen gelösten +Deismus. Voltaire, Lagrange und d’Alembert sind Zeitgenossen. Man +empfand aus dem antiken Seelentum heraus das Prinzip des Irrationalen, +also die Zerstörung der statuarischen Reihe der ganzen Zahlen, der +Repräsentanten einer in sich vollkommenen Weltordnung, als einen Frevel +gegen das Göttliche selbst. Bei Plato, im Timäus, ist dies Gefühl +unverkennbar. Mit der Verwandlung der diskontinuierlichen Zahlenreihe +in ein Kontinuum wird in der Tat nicht nur der antike Zahlbegriff, +sondern der Begriff der antiken Welt selbst in Frage gestellt. Man +begreift nun, daß nicht einmal die uns ohne Schwierigkeit vorstellbaren ++negativen+ Zahlen, geschweige denn die +Null als Zahl+ -- +welche für die indische Seele, die sie zuerst konzipiert hat, einen +ganz entscheidenden metaphysischen Akzent besitzt -- in der antiken +Mathematik möglich sind. Negative +Größen+ gibt es nicht. Der +Ausdruck -2. -3 = +6 ist weder anschaulich noch eine Größenvorstellung. +Mit +1 ist die Größenreihe zu Ende. In der graphischen Darstellung +negativer Zahlen + + (+3 +2 +1 0 -1 -2 -3) + (.---.---.---.---.---.---) + +werden von Null an die Strecken plötzlich +positive Symbole+ von +etwas Negativem. Sie +bedeuten+ etwas, sie +sind+ nichts mehr. +Negative Zahlen sind nicht Größen, sondern etwas, das durch Größen nur +angedeutet werden kann. Die Vollziehung dieses Aktes lag aber nicht in +der Richtung des antiken Zahlendenkens. + +Alles aus antikem Geist Geborene ist also allein durch plastische +Begrenztheit zum Range eines Wirklichen erhoben worden. Was sich nicht +zeichnen läßt, ist nicht „Zahl“. Plato, Archytas und Eudoxos reden +von Flächen- und Körperzahlen, wenn sie unsere zweiten und dritten +Potenzen meinen, und es versteht sich von selbst, daß der Begriff +höherer ganzzahliger Potenzen für sie nicht vorhanden ist. Eine Potenz +vierten Grades würde aus dem plastischen Grundgefühl, das sofort eine +vierdimensionale Ausgedehntheit substituiert, Unsinn sein. Ein Ausdruck +gar wie e^{-ix}, der in unsern Formeln ständig erscheint, oder auch nur +die schon im 14. Jahrhundert von Oresme verwandte Bezeichnung 5^{1/2} +wären ihnen völlig absurd erschienen. Euklid nennt die Faktoren eines +Produkts Seiten (πλευραί). Man rechnet mit Brüchen -- endlichen, wie +sich versteht --, indem man das ganzzahlige Verhältnis zweier Strecken +untersucht. Eben deshalb kann die Idee der Zahl Null gar nicht in +Erscheinung treten, denn sie hat zeichnerisch keinen Sinn. Man wende +nicht von der Gewöhnung unseres anders angelegten Denkens her ein, daß +dies eben die „Urstufe“ in der Entwicklung „der“ Mathematik sei. Die +antike Mathematik ist innerhalb der Welt, welche die antike Welt um +sich herum schuf, etwas Vollkommenes. Sie ist es nur nicht +für uns+. +Die babylonische und die indische Mathematik hatten das für das antike +Zahlengefühl Unsinnige längst zu wesentlichen Bestandteilen +ihrer+ +Zahlenwelten gemacht, und mancher griechische Denker wußte darum. Die +Mathematik, es sei noch einmal gesagt, ist eine Illusion. Wirklich +ist, was dem eignen Seelentum adäquat und symbolisch bedeutend ist. +Dies allein ist „denknotwendig“, das andre ist unmöglich, verfehlt, +unsinnig, oder, wie wir mit dem Hochmut historischer Geister zu sagen +vorziehen, „primitiv“. Die moderne Mathematik, ein Meisterstück des +abendländischen Geistes -- „wahr“ allerdings nur für ihn --, wäre +Plato als lächerliche und mühselige Verirrung auf dem Wege erschienen, +der +wahren+ Mathematik, der antiken natürlich, beizukommen; und wir +machen uns sicherlich kaum eine Vorstellung davon, was alles an großen +Konzeptionen fremder Kulturen wir haben untergehen lassen, weil wir +es aus +unserem+ Denken und dessen Grenzen heraus nicht assimilieren +konnten oder, was dasselbe ist, weil wir es als falsch, überflüssig und +sinnlos empfanden. + + +6 + +Die antike Mathematik als Lehre von anschaulichen Größen will +ausschließlich die Tatsachen des Gegenwärtigen deuten, und sie +beschränkt also ihre Forschung wie ihren Geltungsbereich auf +Gegenstände der Nähe und des Kleinen. Dieser Konsequenz gegenüber +ergibt sich etwas sehr Unlogisches im praktischen Verhalten der +abendländischen Mathematik, was eigentlich erst seit Entdeckung der +nichteuklidischen Geometrien recht erkannt worden ist. Zahlen sind +reine Formen des erkennenden Geistes. Ihre exakte Anwendbarkeit auf +die reale Anschauung ist also ein Problem für sich. Die Kongruenz +mathematischer Systeme mit der Empirie ist nichts weniger als +selbstverständlich. Trotz des Laienvorurteils von der unmittelbaren +mathematischen Evidenz der Anschauung, wie es sich bei Schopenhauer +findet, stimmt die euklidische Geometrie, welche mit der populären +Geometrie aller Zeiten eine oberflächliche Identität besitzt, nur in +sehr engen Grenzen („auf dem Papier“) mit der Anschauung annähernd +überein. Wie es bei großen Entfernungen steht, lehrt die einfache +Tatsache, daß Parallelen sich am Horizont berühren. Die gesamte +malerische Perspektive beruht auf ihr. Trotzdem ging Kant, der +für einen abendländischen Denker in unverzeihlicher Weise vor der +„Mathematik der Fernen“ auswich und sich stets, ganz „antik“, auf +winzige Figuren berief, an denen gerade ihrer Kleinheit wegen das +spezifisch abendländische, das infinitesimale Raumproblem gar nicht +in Erscheinung treten konnte, von einer naiven Größenvergleichung +aus. Euklid vermied es ebenfalls, aber für einen antiken Denker mit +Recht, sich für die anschauliche Gewißheit seiner Axiome etwa auf ein +Dreieck zu berufen, dessen Punkte durch den Standort des Beobachters +und zwei Fixsterne gebildet werden, das also weder gezeichnet noch +„angeschaut“ werden kann. Es war hier dasselbe Gefühl wirksam, das +vor dem Irrationalen zurückschreckte und das Nichts nicht als Null, +als Zahl, zu begreifen wagte, das also auch im Anschauen kosmischer +Verhältnisse dem Unermeßlichen aus dem Wege ging, um das Symbol des +Maßes zu bewahren. + +Aristarch von Samos, der um 270 das Weltsystem entwarf, welches bei +seiner Wiederentdeckung durch Kopernikus die metaphysische Leidenschaft +des Abendlandes im tiefsten erregte -- man denke an Giordano Bruno +--, das eine Erfüllung gewaltiger Ahnungen und eine Bestätigung jenes +faustischen, gotischen Weltgefühls war, das schon in der Architektur +seiner Kathedralen der Idee des unendlichen Raumes ein Opfer +dargebracht hatte, wurde mit seinem Gedanken von der Antike völlig +gleichgültig aufgenommen und bald -- man möchte sagen absichtlich -- +vergessen. In der Tat ist das aristarchische Weltsystem für +diese+ +Kultur seelisch belanglos. Es wäre ihrer Grundidee sogar gefährlich +geworden. Und doch war es im Unterschiede von dem des Kopernikus +-- diese entscheidende Tatsache ist immer unbeachtet geblieben -- +durch eine besondere Fassung dem antiken Weltgefühl genau angepaßt. +Aristarch nahm als +Abschluß+ des Kosmos eine körperlich durchaus +begrenzte, optisch zu beherrschende +Hohlkugel+ an, in deren Mitte +das kopernikanisch gedachte Planetensystem sich befindet. Damit war +das Prinzip des Unendlichen, das den sinnlich-antiken Grenzbegriff +gefährdet hätte, überwunden. Kein Gedanke an einen grenzenlosen +Weltraum taucht auf, der hier schon unvermeidlich erscheint und +dessen Konzeption dem babylonischen Denken längst gelungen war. +Im Gegenteil. Archimedes beweist in seiner berühmten Schrift von +der „Sandzahl“ -- wie schon das Wort verrät, der Widerlegung aller +infinitesimalen Tendenzen, obwohl sie immer wieder als erster +Schritt auf dem Wege zum modernen Integrationskalkül betrachtet +wird --, daß dieser stereometrische Körper, denn etwas anderes ist +der aristarchische Kosmos nicht, mit Atomen (Sand) erfüllt, zu +sehr +großen+, aber +nicht zu unendlichen+ Resultaten führe. Das heißt aber +gerade alles, was +uns+ die Analysis bedeutet, verneinen. Das Weltall +unsrer Physik ist, wie die immer wieder scheiternden und sich dem +Geiste von neuem aufdrängenden Hypothesen über den stofflich, d. h. +mittelbar anschaulich gedachten Weltäther beweisen, die strengste +Verleugnung aller materiellen Begrenztheit. Plato, Apollonius und +Archimedes, sicherlich die feinsten und kühnsten Mathematiker der +Antike, haben eine +rein optische+ Analysis des Gewordnen auf der +Grundlage des plastisch-antiken Grenzwertes vollkommen durchgeführt. +Sie gebrauchen tiefdurchdachte und uns schwer zugängliche Methoden +einer Integralrechnung, die selbst mit der Methode des bestimmten +Integrals von Leibniz nur scheinbare Ähnlichkeit besitzt, und sie +wenden geometrische Örter und Koordinaten an, die durchaus benannte +Maßzahlen und Strecken und nicht wie bei Fermat und vor allem bei +Descartes unbenannte räumliche Beziehungen, Werte von Punkten in +bezug auf ihre Lage im Raum sind. Hierher gehört vor allem die +Exhaustionsmethode des Archimedes in seiner kürzlich entdeckten Schrift +an Eratosthenes, wo er z. B. die Quadratur des Parabelsegments auf der +Berechnung eingeschriebener Rechtecke (nicht mehr ähnlicher Polygone) +begründet. Aber gerade die geistreiche, unendlich verwickelte Art, +wie er in Anlehnung an gewisse geometrische Ideen Platos zum Resultat +kommt, macht den ungeheuren Gegensatz zwischen dieser Intuition und der +oberflächlich ähnlichen Pascals etwa fühlbar. Es gibt keinen schärferen +Gegensatz hierzu -- wenn man vom Riemannschen Integralbegriff ganz +absieht -- als die leider heute noch sogenannten Quadraturen, bei +denen die „Fläche“ als durch eine Funktion begrenzt bezeichnet wird +und von einer zeichnerischen Handhabe keine Rede mehr ist. Nirgends +kommen beide Mathematiken einander so nahe und nirgends läßt sich +die unüberschreitbare Kluft zweier Seelen, deren Ausdruck sie sind, +gewisser fühlen. + +Die reinen Zahlen, deren Phänomen die Ägypter im Stil ihrer +Tempelhallen, Pyramiden und Statuenreihen mit einer tiefen Furcht vor +ihrem Ursprung gleichsam verbargen, waren auch für die Hellenen der +Schlüssel zum Sinn des Gewordenen, +Starren und also Vergänglichen+. +Die mathematische Zahl als formales Grundprinzip der ausgedehnten +Welt, die nur +aus+ dem wachen menschlichen Bewußtsein und für dieses +da ist, steht durch das Medium der kausalen Notwendigkeit zum +Tode+ +in Beziehung, wie die chronologische Zahl zum Werden, zum Leben, zur +Notwendigkeit des Schicksals. Dieser Zusammenhang der mathematischen +Form mit dem +Ende+ des organischen Seins, mit der Erscheinung seines +anorganischen Restes, des Leichnams, wird sich immer deutlicher als +der Ursprung aller großen Kunst enthüllen. Wir bemerkten schon die +Entwicklung der frühen Ornamentik aus dem Bestattungskult. +Zahlen sind +Symbole des Vergänglichen.+ Starre Formen verneinen das Leben. Formeln +und Gesetze breiten Starrheit über das Bild der Natur. Zahlen töten. Es +sind die Mütter Fausts, die hehr in Einsamkeit thronen, „in der Gebilde +losgebundne Reiche + + Gestaltung, Umgestaltung, + Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung, + Umschwebt von Bildern aller Kreatur.“ + +Hier berühren sich Goethe und Plato im Ahnen eines letzten +Geheimnisses. Die Mütter, das Unzugängliche -- Platos Ideen -- +bezeichnen die +Möglichkeiten+ eines Seelentums, seine ungeborenen +Formen, welche sich in der sichtbaren, aus der Idee dieses Seelentums +heraus mit innerster Notwendigkeit geordneten Welt als tätige und +geschaffene Kultur, als Kunst, Gedanke, Staat, Religion verwirklicht +haben. Hierauf beruht die Verwandtschaft des Zahlensystems einer Kultur +mit deren Weltidee, eine Beziehung, die es über das bloße Wissen und +Erkennen zur Bedeutung einer Weltanschauung erhebt und die bewirkt, +daß es so viele Mathematiken -- Zahlenwelten -- gibt als es hohe +Kulturen gibt. So allein wird es begreiflich und +notwendig+, daß +die größten mathematischen Denker, bildende Künstler im Reiche der +Zahlen, aus tief religiöser Intuition zur Auffindung der entscheidenden +mathematischen Probleme ihrer Kultur gelangt sind. So hat man sich +die Schöpfung der antiken, apollinischen Zahl durch Pythagoras, +den +Stifter einer Religion+, zu denken. Dies Urgefühl hat +Nicolaus Cusanus, den großen Bischof von Brixen, geleitet, als er +um 1450 von der Betrachtung der Unendlichkeit Gottes in der Natur +ausgehend die Grundzüge der Infinitesimalrechnung fand. Leibniz, der +ihre Idee zwei Jahrhunderte später vollendete, hat selbst aus rein +metaphysischen Betrachtungen über das göttliche Prinzip und seine +Beziehung zum unendlichen Ausgedehnten die _analysis situs_ +entwickelt, vielleicht die genialste Interpretation des reinen, von +allem Sinnlichen befreiten Raumes, deren reiche Möglichkeiten erst +im 19. Jahrhundert durch Graßmann in seiner Ausdehnungslehre und +Riemann in seiner Symbolik der zweiseitigen Flächen, welche die Natur +von Gleichungen repräsentieren, entfaltet worden sind. Descartes, +ein tiefer Christ aus dem Kreise von Port Royal, hat, einem innern +Bedürfnis folgend, anläßlich seiner philosophisch-mathematischen +Unterweisung die Pfalzgräfin Elisabeth und Gustav Adolfs Tochter, +Königin Christine von Schweden, wieder zum Katholizismus bekehrt. Und +Kepler wie Newton, beide streng religiöse Naturen, blieben sich, wie +Plato, durchaus bewußt, gerade durch das Medium der Zahlen das Wesen +einer göttlichen Weltordnung intuitiv erfaßt zu haben. + + +7 + +Erst Diophant hat, wie man immer hört, die antike Arithmetik aus ihrer +sinnlichen Gebundenheit befreit, sie erweitert und fortgeführt und +die Algebra als die Lehre von den unbestimmten Größen geschaffen. +Das ist allerdings nicht eine Bereicherung, sondern eine vollkommene +Überwindung des antiken Weltgefühls, und allein dies hätte beweisen +sollen, daß Diophant der antiken Kultur innerlich nicht mehr angehörte. +Ein neues Zahlengefühl oder sagen wir Grenzgefühl dem Wirklichen, +Gewordnen gegenüber ist in ihm tätig, nicht mehr jenes hellenische, aus +dessen sinnlich-gegenwärtigen Grenzwerten sich neben der euklidischen +Geometrie der greifbaren Körper auch die sie nachbildende Plastik +der nackten Statue entwickelt hatte. Einzelheiten der Ausbildung +dieser +neuen+ Mathematik kennen wir nicht. Bei Diophant taucht +unter der +Absicht+ euklidischer Gedankengänge jenes neue +Grenzgefühl auf -- ich nenne es das +magische+ --, das sich seiner +Gegensätzlichkeit zu der angestrebten antiken Fassung gar nicht +bewußt ist. Die Idee der +Zahl als Größe+ wird nicht erweitert, +sondern unvermerkt aufgelöst. Was eine +unbestimmte+ Zahl a und +was eine +unbenannte+ Zahl 3 ist -- beides weder Größe noch Maß +noch Strecke -- hätte ein Grieche gar nicht angeben können. Das neue, +in diesen Zahlenarten inkarnierte Grenzgefühl liegt den diophantischen +Betrachtungen wenigstens zugrunde; die uns geläufige Buchstabenrechnung +selbst, in deren Gewande sich die inzwischen nochmals ganz umgedeutete +Algebra heute darstellt, ist erst in fühlbarer, aber unbewußter +Opposition gegen die antikisierende Renaissancerechnung 1591 durch +Vieta eingeführt worden. + +Diophant lebte um 250 n. Chr., +also im dritten Jahrhundert der +arabischen Kultur+, deren geschichtlicher Organismus bisher unter +den Oberflächenformen der römischen Kaiserzeit und des „Mittelalters“ +verschüttet lag[26] und der alles angehört, was seit Beginn unserer +Zeitrechnung in der Landschaft des kommenden Islam entstanden ist. +Gerade damals erblich vor dem neuen Raumgefühl der Basiliken, Mosaiken +und Sarkophagreliefs altchristlich-syrischen Stils der letzte Schatten +der attischen Statuenplastik. Damals gab es wieder eine +archaische +Kunst+ und ein streng geometrisches Ornament. Damals gerade +vollendete Diokletian den +Khalifat+ des nur noch scheinbar +römischen Reiches. 500 Jahre liegen zwischen Euklid und Diophant, +zwischen Plato und Plotin, dem letzten, abschließenden Denker -- dem ++Kant+ -- einer vollendeten und dem ersten mystischen Geiste -- +dem +Dante+ -- einer eben erwachten Kultur. + +Hier berühren wir zum ersten Male das bisher unbekannte Phänomen +jener großen Individuen, deren Werden, Wachsen und Welken unter einer +tausendfarbigen verwirrenden Oberfläche die +eigentliche Substanz der +Weltgeschichte+ bildet. Das im römischen Geiste dahinschwindende +antike Seelentum, dessen „Leib“ die historische Wirklichkeit der +antiken Kultur mit ihren Werken, Gedanken, Taten und Trümmern ist, +war um 1100 v. Chr. aus der Landschaft des ägäischen Meeres geboren +worden. Die seit Augustus im Osten unter der Decke antiker Zivilisation +keimende arabische Kultur entstammt durchaus dem Schoße der Landschaft +zwischen Nil und Euphrat, Kairo und Bagdad. Als Ausdruck dieser neuen +Seele hat man fast die gesamte „spätantike“ Kunst der Kaiserzeit, die +sämtlichen, von einer jungen Glut erfüllten Kulte des Ostens, die des +Mithras, Serapis, Horus, der Isis, der syrischen Baale von Emesa und +Palmyra, das Christentum und den Neuplatonismus, die kaiserlichen Fora +in Rom und das dort von einem Syrer erbaute Pantheon, +die früheste +aller Moscheen+, zu betrachten. + +Daß man damals griechisch schrieb und griechisch zu denken glaubte, +wiegt nicht schwerer als die Tatsache, daß die Wissenschaft des +Abendlandes bis zu Kant hinauf die lateinische Sprache vorzog und daß +Karl der Große das römische Reich „erneuerte“. + +Bei Diophant ist die Zahl nicht mehr das Maß und Wesen von ++plastischen Dingen+. Auf den ravennatischen Mosaiken ist der +Mensch nicht mehr +Körper+. Unvermerkt haben die griechischen +Bezeichnungen ihren ursprünglichen Gehalt verloren. Wir verlassen die +Sphäre der attischen καλοκἀγαθία, der stoischen ἀταραξία und γαλήνη. +Zwar kennt Diophant die Null und die negativen Zahlen noch nicht, aber +die plastischen Einheiten pythagoräischer Zahlen kennt er +nicht +mehr+. Andrerseits ist die Unbestimmtheit der unbenannten arabischen +Zahlen doch auch etwas ganz andres als die gesetzmäßige Variabilität +der spätem abendländischen Zahl, der +Funktion+. + +Die +magische+ Mathematik, die Algebra, hat sich, ohne daß uns +Einzelheiten bekannt wären, über Diophant hinaus -- der schon eine +gewisse Entwicklung voraussetzt -- logisch und in großer Linie bis +zur Vollendung in der Abassidenzeit des 9. Jahrhunderts entwickelt, +wie der Stand der Kenntnisse bei Alchwarizmi und Alsidschzi beweist. +Dann erst beginnt, wieder ein halbes Jahrtausend später und in einer +neuen, entfernten Landschaft der großartige Prozeß der Umdeutung +dieser magischen, uns durch die spanischen Araber überlieferten +Zahlenwelt in die funktionale Westeuropas, der mächtige Kampf gegen ein +sich andrängendes fremdes Weltgefühl mit seiner innerlich gereiften +Raumdeutung, welche die junge, gotische Seele abwehren und brechen +mußte, um ihr Eigenstes nicht verkümmern zu lassen, ein heimliches +Ringen in allen Architekturen, jeder Fassade, jedem Ornament, jedem +Symbol, jedem metaphysischen und mathematischen Problem, das in seiner +stummen Erhabenheit noch nie gefühlt worden ist. + +Was neben der euklidischen Geometrie die attische Plastik -- die +gleiche Formensprache in andrem Gewande -- was neben der Analysis des +Raumes der fugierte Stil der Instrumentalmusik, das bedeutet neben +dieser Algebra die magische Kunst der Mosaiken, der vom Sassanidenreich +und später von Byzanz aus immer reicher entwickelten Arabeske mit +ihrem sinnlich-unsinnlichen Verschweben organischer Formmotive und das +Hochrelief konstantinischen Stils mit dem ungewissen Tiefendunkel des +zwischen frei herausgearbeiteten Figuren ausgesparten Hintergrundes. +Wie die Algebra zur antiken Arithmetik und zur abendländischen +Analysis, so verhält sich die Kuppelbasilika zum dorischen Tempel und +zum gotischen Dom. + +Nicht als ob Diophant ein großer Mathematiker gewesen wäre. Das meiste, +woran man bei seinem Namen erinnert wird, steht nicht in seinen +Schriften und was darin steht, ist sicherlich nicht ganz sein Eigentum. +Seine zufällige Bedeutung liegt darin, daß -- nach unsrem Wissen -- bei +ihm als dem ersten das neue Zahlengefühl unverkennbar vorhanden ist. +Man wird, Meistern gegenüber, die eine Mathematik +abschließen+, +wie Apollonius und Archimedes die antike und ihnen entsprechend +Gauß, Cauchy, Riemann die abendländische, bei Diophant und Menelaos +etwas Primitives finden, das bisher gern als Dekadence angesprochen +wurde. Man wird es künftig -- nach dem Vorbilde der Umwertung der +vermeintlich spätantiken, bisher geradezu verachteten Kunst zur +tastenden Äußerung des eben erwachenden früharabischen Weltgefühls -- +begreifen und schätzen lernen. Ebenso archaisch, primitiv und suchend +wirkt die Mathematik des Nikolas von Oresme, Bischofs von Lisieux +(1323 bis 1382), der zum ersten Mal im Abendlande eine freie Art von +Koordinaten und sogar Potenzen mit gebrochnen Exponenten verwandte, die +ein Zahlengefühl voraussetzen, unklar noch, aber doch unverkennbar, +das gänzlich unantik, aber auch nicht mehr arabisch ist. Man erinnere +sich neben Diophant an frühchristliche Sarkophage der römischen +Sammlungen und neben Oresme an gotische Gewandstatuen deutscher Dome, +und man wird auch in den mathematischen Gedankengängen, die bei beiden +die +gleiche+ frühe Stufe des Intellekts darstellen, etwas +Verwandtes bemerken. Das stereometrische Grenzgefühl in der letzten +Verfeinerung und Eleganz eines Archimedes war verloren gegangen. Man +war dumpf, sehnsüchtig, mystisch, nicht mehr attisch hell und frei +gestimmt. Man war der erdgeborne Mensch einer frühen Landschaft, nicht +Großstädter, wie Euklid und d’Alembert.[27] Man verstand die tiefen +und komplizierten Gebilde des antiken Denkens nicht mehr und besaß +verworrene, neue, deren klare städtisch-intellektuelle Fassung noch +nicht gefunden werden konnte. Dies ist der +gotische+ Zustand +aller jungen Kulturen, den die Antike selbst in ihrer frühdorischen +Zeit durchschritten hatte, von welcher außer den Grabvasen des +Dipylonstils nichts geblieben ist. Erst in Bagdad, im 9. und 10. +Jahrhundert, sind die Konzeptionen der Epoche Diophants von reifen +Meistern, die Plato und Gauß nicht nachstehen, durchgeführt und +abgeschlossen worden. + + +8 + +Die entscheidende Tat des Descartes, dessen Geometrie 1637 erschien, +bestand +nicht+ in der Einführung einer neuen Methode oder +Anschauung auf dem Gebiete der überlieferten Geometrie, wie dies immer +wieder ausgesprochen wird, sondern in der endgültigen Konzeption +einer +neuen Zahlenidee+, die sich in der Lösung der Geometrie +von der optischen Handhabe der Konstruktion, von der gemessenen und +meßbaren Strecke überhaupt aussprach. Damit war die Analysis des +Unendlichen Tatsache geworden. Das starre, sogenannte kartesische +Koordinatensystem, der ideale Repräsentant von meßbaren Größen in +halbeuklidischem Sinne, das in der vorhergehenden Periode, bei Oresme +z. B., Bedeutung hat, wurde durch Descartes, wenn man in die Tiefe +seiner Erwägungen dringt, nicht vollendet, sondern überwunden. Sein +Zeitgenosse Fermat war sein letzter klassischer Vertreter. + +An Stelle des sinnlichen Elements der konkreten Strecke und Fläche +-- dem spezifischen Ausdruck +antiken+ Grenzgefühls -- tritt +das abstrakt-räumliche, mithin unantike Element des +Punktes+, +der von nun an als Gruppe zugeordneter reiner Zahlen charakterisiert +wird. Descartes hat den literarisch ererbten Begriff der Größe, +der sinnlichen Dimension, zerstört und durch den veränderlichen +Beziehungswert der Lagen im Raume ersetzt. Daß dies aber eine ++Beseitigung der Geometrie überhaupt+ war, die von nun an +innerhalb der Zahlenwelt der Analysis nur noch ein durch antike +Reminiszenzen verschleiertes Scheindasein führt, hat man übersehen. +Das Wort Geometrie hat einen nicht zu beseitigenden apollinischen +Sinn. Von Descartes an ist die vermeintlich „neuere Geometrie“ +entweder ein synthetischer Prozeß, welcher die +Lage von Punkten+ +in einem nicht mehr notwendig dreidimensionalen Raume (einer +„Punktmannigfaltigkeit“) durch Zahlen, oder ein analytischer, welcher +Zahlen durch die Lage von Punkten bestimmt. Strecken durch Lagen +ersetzen heißt den Begriff der Ausdehnung rein räumlich, nicht mehr +körperhaft fassen. + +Das klassische Beispiel für diese Zerstörung der als Erbschaft +überkommenen optisch-endlichen Geometrie scheint mir die Umkehrung der +Winkelfunktionen -- welche in einem uns kaum erreichbaren Sinne Zahlen +der indischen Mathematik gewesen waren -- in cyklometrische Funktionen +und weiterhin deren Auflösung in Reihen zu sein, die im unendlichen +Zahlenbereich der algebraischen Analysis auch die leiseste Erinnerung +an geometrische Gebilde im Stile Euklids verloren haben. Die Kreiszahl +π erzeugt wie die Basis der natürlichen Logarithmen e in +diesem ganzen Zahlenbereich, überall auftauchend, Beziehungen, die alle +Grenzen der ehemaligen Geometrie, Trigonometrie, Algebra auslöschen, +die weder arithmetischer noch geometrischer Natur sind -- und bei +denen niemand mehr an wirklich gezeichnete Kreise oder zu berechnende +Potenzen denkt. + + +9 + +Während die antike Seele durch Pythagoras um 540 zur Konzeption ++ihrer+, der apollinischen Zahl als einer meßbaren Größe +gelangt war, fand die Seele des Abendlandes durch Descartes und +seine Generation (Pascal, Fermat, Desargues) im genau entsprechenden +Zeitpunkte die Idee einer Zahl, die aus dem leidenschaftlichen ++faustischen+ Hange zum Unendlichen geboren war. Die Zahl +als +reine Größe+, die sich an die körperliche Gegenwart des +Einzeldinges heftet, findet ihr Gegenstück in der Zahl als +reiner +Beziehung+. Darf die antike Welt, der Kosmos, aus jenem tiefen +Bedürfnis nach sichtbarer Begrenztheit als abzählbare Summe von +stofflichen Dingen definiert werden, so hat sich +unser+ +Weltgefühl im Bilde eines unendlichen Raumes verwirklicht, in dem +alles Sichtbare als etwas Bedingtes dem Unbedingten gegenüber, beinahe +als eine Wirklichkeit zweiten Ranges empfunden wird. +Sein+ +Symbol ist der entscheidende, in keiner andern Kultur angedeutete +Begriff der +Funktion+. Die Funktion ist nichts weniger als +die Erweiterung irgendeines vorhandenen Zahlbegriffs; sie ist deren +völlige Überwindung. Nicht nur die euklidische, d. h. die allgemein +menschliche, populäre Geometrie, sondern auch die archimedische +Sphäre des elementaren Rechnens, die Arithmetik, hört damit auf, für +die wirklich +bedeutende+ Mathematik Westeuropas zu existieren. +Es gibt nur noch eine abstrakte Analysis. Für den antiken Menschen +waren Geometrie und Arithmetik wissenschaftliche Komplexe vom +höchsten Range, beide anschaulich, beide mit Größen zeichnerisch +oder rechnerisch verfahrend; für uns sind sie nur noch praktische +Hilfsmittel des alltäglichen Lebens. Addition und Multiplikation, +die beiden antiken Methoden der Größenrechnung und Schwestern der +zeichnerischen Konstruktion, verschwinden völlig in der Unendlichkeit +funktionaler Prozesse. Gerade die Potenz, die zunächst prinzipiell +nur ein Zahlzeichen für eine bestimmte Gruppe von Multiplikationen +(für Produkte gleicher Größen) ist, wird durch das neue Symbol des +Exponenten (Logarithmus) und seine Anwendung in komplexen, negativen, +gebrochnen Formen vom Größenbegriff gänzlich abgelöst und in eine +transzendente Beziehungswelt überführt, die den Griechen, welche nur +zwei positive, ganzzahlige Potenzen als Repräsentanten von Flächen und +Körpern kannten, unzugänglich bleiben mußte (man denke an Ausdrücke wie +e^{-x}, [π]√̅x, a^{1/i}). + +Jede der tiefsinnigen Schöpfungen, welche von der Renaissance an +rasch aufeinander folgen, die der imaginären und komplexen Zahlen, +welche Cardanus schon 1550 einführt, die der unendlichen Reihen, +welche durch Newtons große Entdeckung des Binomialsatzes 1666 +theoretisch sicher begründet werden, die der Logarithmen um 1610, der +Differentialgeometrie, des bestimmten Integrals durch Leibniz, der +Menge als neuer Zahleneinheit, von Descartes schon angedeutet, die +neuen Prozesse wie die unbestimmte Integration, die Entwicklung der +Funktionen in Reihen, sogar in unendliche Reihen andrer Funktionen, +sind ebenso viele Siege über das populär-sinnliche Zahlengefühl in +uns, das aus dem Geiste der neuen Mathematik heraus, die ein neues +Weltgefühl zu verwirklichen hatte, überwunden werden mußte. Es gab +bisher keine zweite Kultur, welche den Leistungen einer andern, längst +erloschenen, soviel Verehrung entgegentrug und wissenschaftlich so +viel Einfluß gestattete, wie die abendländische gerade der antiken. Es +dauerte lange, bevor wir den Mut fanden, unser eignes Denken zu denken. +Auf dem Grunde lag der beständige Wunsch, es der Antike gleichzutun. +Trotzdem war jeder Schritt in diesem Sinne eine tatsächliche +Entfernung von dem erstrebten Ideal. Deshalb ist die Geschichte des +abendländischen Wissens die einer +fortschreitenden Emanzipation+ +von Fremdem, einer Befreiung, die nicht einmal gewollt, die in den +Tiefen des Unbewußten erzwungen wurde. +So gestaltete sich die +Entwicklung der neuen Mathematik zu einem heimlichen, langen, endlich +siegreichen Kampf gegen den Größenbegriff.+ + + +10 + +Antikisierende Vorurteile haben uns gehindert, die eigentlich +abendländische Zahl als solche in neuer Weise zu bezeichnen. Die +gegenwärtige Zeichensprache der Mathematik fälscht den Tatbestand und ++ihr+ ist es vor allem zuzuschreiben, daß noch heute auch unter +Mathematikern der Glaube herrscht, Zahlen seien Größen -- auf dieser +Voraussetzung ruht allerdings unsre schriftliche Bezeichnungsweise. + +Aber nicht die zum Ausdruck der Funktion dienenden einzelnen Zeichen +(x, π, 5), +die Funktion selbst+ als Einheit, als Element, die +variable, in optische Grenzen nicht mehr einzuschließende Beziehung ist +die neue Zahl. Für sie wäre, eine neue, in ihrer Struktur nicht von +antiken Anschauungen beeinflußte Symbolik nötig gewesen. + +Man vergegenwärtige sich den Unterschied zweier Gleichungen -- selbst +dies Wort sollte nicht so heterogene Dinge zusammenfassen -- wie +3^x + 4^x = 5^x und x^n + y^n = z^n (die Gleichung des Fermatschen +Satzes). Die erste besteht aus mehreren „antiken Zahlen“ (Größen), +die zweite +ist eine+ Zahl von einer andern Art, was durch die +identische Schreibweise, deren Zeichensprache sich unter dem Eindruck +euklidisch-archimedischer Vorstellungen entwickelt hat, verdeckt +wird. Im ersten Fall ist das Gleichheitszeichen die Feststellung +einer starren Verknüpfung bestimmter, greifbarer Größen; im zweiten +repräsentiert es eine Beziehung, die innerhalb einer Gruppe variabler +Gebilde besteht, derart, daß gewisse Veränderungen gewisse andere +notwendig zur Folge haben. Die erste Gleichung bezweckt die Bestimmung +(Messung) einer konkreten Größe, dem „Resultat“, die zweite hat +überhaupt kein Resultat, sondern ist nur Abbild und Zeichen einer +Beziehung, die für n > 2 -- das ist das berühmte Fermatproblem -- ++wahrscheinlich nachweisbar+ ganzzahlige Werte ausschließt. +Ein griechischer Mathematiker würde nicht verstanden haben, was man +mit Operationen dieser Art, deren Endzweck kein „Ausrechnen“ ist, +eigentlich wollte. + +Der Begriff der Unbekannten führt vollständig irre, wenn man ihn auf +die Buchstaben der Fermatschen Gleichung anwendet. In der ersten, der +„antiken“, ist x eine Größe, eine bestimmte und meßbare, die man nur +erst zu ermitteln hat. In der zweiten hat für x, y, z, n das Wort +„bestimmen“ gar keinen Sinn, folglich will man den „Wert“ dieser +Symbole nicht ermitteln, folglich sind sie überhaupt keine Zahlen +im plastischen Sinne, sondern Zeichen für einen Zusammenhang, dem +die Merkmale der Größe, Gestalt und Eindeutigkeit fehlen, für eine +Unendlichkeit möglicher Lagen von gleichem Charakter, die als Einheit +begriffen erst die Zahl sind. Die +ganze+ Gleichung ist, in einer +Zeichenschrift, die leider viele und irreführende Zeichen verwendet, +tatsächlich +eine+ einzige Zahl und x, y, z sind es so wenig, als ++ und = Zahlen sind. + +Denn schon mit dem Begriff der irrationalen, der ganz eigentlich +antihellenischen Zahlen ist im tiefsten Grunde der Begriff der +konkreten, bestimmten Zahl aufgelöst worden. Von nun an bilden +diese Zahlen nicht mehr eine übersehbare Reihe ansteigender, +diskreter, plastischer Größen, sondern ein zunächst eindimensionales ++Kontinuum+, in welchem jeder Schnitt (im Sinne Dedekinds) eine +„Zahl“ repräsentiert, die kaum die alte Bezeichnung führen sollte. +Für den antiken Geist gibt es zwischen 1 und 3 nur +eine+ Zahl, +für den abendländischen eine unendliche Menge. Mit der Einführung der +imaginären (√̅-̅1 = i) und komplexen Zahlen (von der allgemeinen +Form a + bi) endlich, welche das lineare Kontinuum zu dem höchst +transzendenten Gebilde eines Zahlkörpers (des Inbegriffs einer Menge +gleichartiger Elemente) erweitern, in dem nun jeder Schnitt eine +Zahlebene -- eine unendliche Menge von geringerer „Mächtigkeit“, etwa +den Inbegriff aller reellen Zahlen -- repräsentiert, ist jeder Rest +antik-populärer Greifbarkeit zerstört worden. Diese Zahlenebenen, die +in der Funktionentheorie seit Cauchy und Gauß eine wichtige Rolle +spielen, sind +reine Gedankengebilde+. Selbst die positive +irrationale Zahl wie √̅2 konnte aus dem antiken Zahlendenken +gewissermaßen wenigstens negativ konzipiert werden, indem man sie +als Zahl +ausschloß+ -- als ἄῥῤητος und ἄλογος; Ausdrücke von +der Form x + yi liegen aber jenseits aller Möglichkeiten des antiken +Denkens. Auf der Ausdehnung der arithmetischen Gesetze auf das ganze +Gebiet des Komplexen, innerhalb dessen sie ständig anwendbar bleiben, +beruht die Funktionentheorie, welche nun endlich die abendländische +Mathematik in ihrer Reinheit darstellt, indem sie alle Einzelgebiete +in sich begreift und auflöst. Erst damit wird diese Mathematik auf das +Bild der gleichzeitig sich entwickelnden +dynamischen+ Physik +des Abendlandes vollkommen anwendbar, während die antike Mathematik +das genaue Korrelat jener Welt plastischer Einzeldinge darstellt, +welche die +statische+ Physik des Aristoteles, die exakt +wissenschaftliche Interpretation des antiken Kosmos schildert. + +Das klassische Jahrhundert dieser +Barockmathematik+ -- im +Gegensatz zu der +ionischen Stils+ -- ist das 18., das von +den entscheidenden Entdeckungen Newtons und Leibnizens über Euler, +Lagrange, Laplace, d’Alembert zu Gauß führt. Die Entfaltung dieser +mächtigen geistigen Schöpfung geschah wie ein Wunder. Man wagte kaum +zu glauben, was man sah. Man fand Wahrheiten über Wahrheiten, die +den feinen Geistern eines skeptisch gestimmten Zeitalters unmöglich +erschienen. Das Wort d’Alemberts gehört hierher: _Allez en avant +et la foi vous viendra._ Es bezog sich auf die Theorie des +Differentialquotienten. Die Logik selbst schien Einspruch zu erheben, +alle Annahmen auf Fehlern zu beruhen, und man kam doch zum Ziel. + +Dies Jahrhundert eines sublimen Rausches in durchgeistigten, dem +leiblichen Auge entrückten Formen -- denn neben jenen Meistern der +Analysis stehen Bach, Gluck, Haydn, Mozart --, in dem ein kleiner +Kreis gewählter und tiefer Geister in den raffiniertesten Entdeckungen +und Formspielen schwelgte, von denen Goethe und Kant ausgeschlossen +blieben, entspricht seinem Gehalte nach genau dem reifsten Jahrhundert +der Ionik, dem des Plato, Archytas und Eudoxos (450-350) -- man +muß wieder hinzufügen des Phidias, Polyklet, Alkamenes und der +Akropolisbauten --, in welchem die Formenwelt der antiken Mathematik +und Plastik in der ganzen Fülle ihrer Möglichkeiten aufblühte und zu +Ende kam. + +Jetzt erst läßt sich der elementare Gegensatz antiken und +abendländischen Seelentums übersehen. Es gibt innerhalb des +Gesamtbildes der Geschichte des höheren Menschentums nichts innerlich +Fremderes. Und eben deshalb, weil Gegensätze sich berühren, weil sie +auf ein vielleicht Gemeinsames in der letzten Tiefe der Existenz +verweisen, finden wir in der abendländischen, faustischen Seele jenes +sehnsüchtige Suchen nach dem Ideal der apollinischen, die sie allein +von allen andern begriffen und um die Kraft ihrer Hingabe an die +sinnlich-reine Gegenwart beneidet hat. + +Diesen seelischen, nicht weiter in Worte zu fassenden Gegensatz +verwirklichen in der Außenwelt des Gewordnen, Begrenzten, +Vergänglichen die +historischen Einheiten der antiken und +abendländischen Kultur+, von denen die eine in spät-mykenischer +Zeit, die andre zur Zeit der Sachsenkaiser aufblühte und die in +Aristoteles und Kant, Plato und Goethe, Phidias und Beethoven, +Alexander und Napoleon ihre Entwicklung zu Ende führten. + +Erst jetzt wird auch das ganze Gewicht einer Symbolik fühlbar, die in +der Zahlenwelt beider Mathematiken vielleicht ihren unmittelbarsten +Ausdruck gefunden hat, deren Bereich aber weit darüber hinausgeht. +Es zeigt sich, daß eine Mathematik mit allen sie begleitenden +Künsten, mit allen Schöpfungen des tätigen Lebens überhaupt die +gleiche Sprache redet, eine Formensprache, in der sich die letzten +Möglichkeiten des Seelischen ebenso offenbaren wie verhüllen. Am +engsten sind der Mathematik jene mystischen Architekturen aller +Frühzeiten verschwistert, die dorische, gotische, frühchristliche wie +die ägyptische des Alten Reiches. Hier, in der ägyptischen Kultur, +haben beide Formenwelten sich nie getrennt. Die Architektur der großen +Pyramidentempel ist eine schweigende Mathematik, wie denn auch die +antike Seele eine Scheidung ihrer statuarischen und geometrischen +Symbolik nie streng vollzogen hat. Aber auch die Analysis ist +eine Architektur größten Stils geblieben und wir begreifen jetzt, +warum zwei Zahlensysteme, von denen die eine die Grenzwerte des ++Augenscheins+ ebenso leidenschaftlich bejaht, wie die andere sie +verneint, als Schwesterkünste die ionische Plastik und die deutsche +Musik, die sinnlichste und die unsinnlichste aller Möglichkeiten +künstlerischer Gestaltungskraft, an ihrer Seite finden mußten. + + +11 + +Es war bemerkt worden, daß im Urmenschen wie im Kinde ein inneres +Erlebnis, die Geburt des Ich, eintritt, mit dem beide das Phänomen der +Zahl begreifen, mithin eine auf das Ich bezogene Umwelt besitzen. + +Sobald vor dem erstaunten Blick des frühen Menschen diese ertagende +Welt des geordneten Ausgedehnten, des sinnvoll Gewordnen sich in +großen Umrissen aus einem Chaos von Eindrücken abhebt und der tief +empfundene unwiderrufliche Gegensatz dieser Außenwelt zur eignen +Seele dem bewußten Leben Richtung und Gestalt gibt, erwacht zugleich +mit allen Möglichkeiten einer neuen Kultur das +Urgefühl der +Sehnsucht+ in dieser sich plötzlich ihrer Einsamkeit bewußten Seele. +Es ist die Sehnsucht nach dem Ziel des Werdens, nach Vollendung und +Verwirklichung alles innerlich Möglichen, nach Entfaltung der Idee des +eigenen Daseins. Es ist die Sehnsucht des Kindes, die als das Gefühl +einer unaufhaltsamen +Richtung+ mit steigender Deutlichkeit +ins Bewußtsein tritt, und später als das +Rätsel der Zeit+ +unheimlich, verlockend, unlösbar vor dem gereiften Geiste steht. Die +Worte Vergangenheit und Zukunft haben plötzlich eine schicksalsvolle +Bedeutung erhalten. + +Aber diese Sehnsucht aus der Überfülle und Seligkeit des innern Werdens +ist in der tiefsten Tiefe einer jeden Seele zugleich +Angst+. +Wie alles Werden sich auf ein Gewordensein richtet, mit dem es ++endet+, so rührt das Urgefühl des Werdens, die Sehnsucht, schon +an das andre des Gewordenseins, die Angst. In der Gegenwart fühlt man +das Verrinnen; in der Vergangenheit liegt die Vergänglichkeit. Hier +ist die Wurzel der ewigen Angst vor dem Unwiderruflichen, Erreichten, +Endgültigen, vor der Vergänglichkeit, vor der Welt selbst als dem +Verwirklichten, in dem mit der Grenze der Geburt zugleich die des +Todes gesetzt ist, die Angst vor dem Augenblicke, wo das Mögliche +verwirklicht, das Leben innerlich erfüllt und vollendet ist, wo +das Bewußtsein am +Ziele+ steht. Es ist jene tiefe Weltangst +der Kinderseele, welche den höheren Menschen, den Gläubigen, den +Dichter, den Künstler in seiner grenzenlosen Vereinsamung niemals +verläßt, die Angst vor den fremden Mächten, die groß und drohend, in +sinnliche Erscheinungen verkleidet, in die ertagende Welt hineinragen. +Auch die Richtung in allem Werden wird in ihrer Unerbittlichkeit -- ++Nichtumkehrbarkeit+ -- als ein fremdes Element mit innerster +Gewißheit empfunden. Es ist etwas Fremdes, das Zukunft in Vergangenheit +verwandelt, und dies gibt der Zeit im Gegensatz zum Raum jenes +widerspruchsvoll Unheimliche und drückend Zweideutige, dessen sich kein +bedeutender Mensch ganz erwehren kann. + +Die Weltangst ist sicherlich das +Schöpferischste+ aller +Urgefühle. Ihr verdankt ein Mensch die reifsten und tiefsten aller +Formen und Gestalten nicht nur des bewußten Innenlebens, sondern auch +seiner Spiegelung in den zahllosen Bildungen äußerer Kultur. Wie +eine geheime Melodie, nicht jedem vernehmbar, geht die Angst durch +die Formensprache eines jeden wahren Kunstwerkes, jeder innerlichen +Philosophie, jeder bedeutenden Tat und sie liegt, nur den wenigsten +noch fühlbar, den großen Problemen jeder Mathematik zugrunde. Nur +der innerlich erstorbene Mensch der großen späten Städte, des +ptolemäischen Alexandria oder des heutigen Paris und Berlin, nur +der rein intellektuelle Sophist, Sensualist und Darwinist verliert +oder verleugnet sie, indem er eine geheimnislose „wissenschaftliche +Weltanschauung“ zwischen sich und das Fremde stellt. + +Knüpft sich die Sehnsucht an jenes unfaßliche Etwas, dessen tausend +ungreifbare, proteusartig wechselnde Bildungen durch das Wort Zeit +mehr verdeckt als bezeichnet werden, so findet das Urgefühl der Angst +seinen Ausdruck in den geistigen, faßlichen, der Gestaltung fähigen +Symbolen der +Ausdehnung+. So finden sich im wachen Bewußtsein +jeder Kultur, in jeder anders geartet, die Gegenformen der Zeit und +des Raumes, der Richtung und der Ausdehnung, jene dieser zugrunde +liegend, wie das Werden dem Gewordnen -- denn auch die Sehnsucht +liegt der Angst zugrunde; +sie wird+ zur Angst, nicht umgekehrt +-- jene der geistigen Macht entzogen, diese ihr dienend, jene nur zu ++erleben+, diese nur zu +erkennen+. „Gott fürchten +und+ +lieben“ ist der christliche Ausdruck für den Gegensinn beider +Weltgefühle. + +Aus der Seele des gesamten Urmenschentums und also auch der frühesten +Kindheit erhebt sich der Drang, das Element der fremden Mächte, die +in allem Ausgedehnten, im Raume und +durch+ den Raum unerbittlich +gegenwärtig sind, zu bannen, zu zwingen, zu versöhnen -- zu „erkennen“. +Im letzten Grunde ist dies dasselbe. +Gott erkennen+ heißt in der +Mystik aller frühen Zeiten ihn beschwören, ihn sich geneigt machen, ihn +sich innerlich +aneignen+. Das geschieht durch ein Wort, den „Namen“, +mit dem man das _numen_ benennt +anruft+, oder durch die Formen eines +Kultes, denen eine geheime Kraft innewohnt. Die Ideen der deutschen +wie der orientalischen Mystiker, die Entstehung aller antiken Götter, +aller Kulte lassen keinen Zweifel darüber zu. Wirkliche Erkenntnis +ist geistige Einverleibung des Fremden. Diese +Abwehr+ ist die erste +schöpferische Tat jedes erwachten Seelentums. Mit ihr beginnt ganz +eigentlich das höhere Innenleben einer Kultur oder eines Einzelnen. +Erkenntnis, Grenzsetzung durch Begriffe und Zahlen, ist die feinste, +aber auch die mächtigste Form dieser Abwehr. Insofern wird der Mensch +erst durch die +Sprache+ ganz zum Menschen. Die Erkenntnis verwandelt +mit unbezwinglicher Notwendigkeit das Chaos der ursprünglichen, +umgebenden +Eindrücke+ in den Kosmos, den Inbegriff seelischen ++Ausdrucks+, die „Welt an sich“ in die „Welt für uns“.[28] Sie stillt +die Weltangst, indem sie das Fremde, Geheimnisvolle bändigt, es zur +faßlichen, geordneten Wirklichkeit gestaltet, es durch die ehernen +Regeln einer eignen, ihm aufgeprägten intellektuellen Formensprache +fesselt. + +Dies ist die +Idee des „tabu“+, das im Seelenleben aller primitiven +Völker eine entscheidende Rolle spielt, dessen urmenschlicher Gehalt +aber uns so fern liegt, daß das Wort in keine reife Kultursprache mehr +übertragbar ist. Ihm liegt ein ursprüngliches Gefühl, +vor+ allem +Erkennen und Begreifen der Umwelt, ja vor allem klaren, in Seele +und Welt geschiednen Bewußtsein zugrunde, das unter uns Heutigen, +intellektuellen Weltstädtern, nur Kindern und wenigen künstlerischen +Naturen noch zugänglich ist. Ratlose Angst, heilige Scheu, tiefe +Verlassenheit, Schwermut, Haß, dunkle Wünsche nach Annäherung, +Vereinigung, Entfernung, all diese formvollen Gefühle +gereifter+ +Seelen vorschweben in diesem frühen Zustande in einer dumpfen +Unentschiedenheit. Der Doppelsinn des Wortes Beschwören, das bezwingen +und anflehen zugleich bedeutet, kann den Sinn jenes mystischen Aktes +verdeutlichen, durch den der frühe Mensch das Fremde und Gefürchtete +„tabu“ macht. Die ehrfürchtige Scheu vor allem von ihm Unabhängigen, +Gesetzten, Gesetzlichen, den fremden Mächten in der Welt, +ist der +Ursprung aller und jeder elementaren Form+. In Urzeiten verwirklicht +sie sich in hieratischen Ornamenten und peinlichen Zeremonien, strengen +Satzungen einer primitiven Sitte und seltsamen Kulten. Auf der Höhe +großer Kulturen sind diese Gestaltungen, ohne innerlich die Merkmale +ihrer Herkunft, den Charakter einer Bannung und Beschwörung verloren +zu haben, zu den vollendeten Formenwelten der einzelnen Künste, des +religiösen, logischen, mathematischen Denkens, des wirtschaftlichen, +politischen, sozialen, individuellen Daseins aufgewachsen. Ihr +gemeinsames Mittel, das einzige, welches die sich verwirklichende Seele +kennt, ist die +Symbolisierung des Ausgedehnten+, des Raumes oder +der Dinge -- sei es in den Konzeptionen des absoluten Weltraumes der +Physik Newtons, der Innenräume gotischer Dome und maurischer Moscheen, +der atmosphärischen Unendlichkeit der Gemälde Rembrandts und ihrer +Wiederkehr in den dunklen Tonwelten Beethovenscher Quartette, seien +es die regelmäßigen Polyeder Euklids, die Parthenonskulpturen oder +die Pyramiden Altägyptens, das Nirwana Buddhas, die Distanz höfischer +Sitte unter Sesostris, Justinian I. und Ludwig XIV., sei es endlich die +Gottesidee Homers, Plotins, Dantes oder die den Erdball umspannende +Raumenergie der heutigen Technik. + + +12 + +Kehren wir zur Mathematik zurück. Der Ausgangspunkt aller antiken +Formgebung war, wie wir sahen, die Ordnung des Gewordnen, insofern +es sinnlich, gegenwärtig, greifbar, meßbar, zählbar ist. Das +abendländische, gotische Formgefühl, das einer einsamen, in alle Fernen +schweifenden Seele, hat das Zeichen des reinen, unanschaulichen, +grenzenlosen Raumes gewählt. Man täusche sich ja nicht über die +enge +Bedingtheit+ solcher Symbole, die uns leicht als identisch, als +allgemeingültig erscheinen. Unser unendlicher Weltraum, über dessen +Vorhandensein, wie es scheint, kein Wort zu verlieren ist, ist für +den antiken Menschen +nicht+ vorhanden. Er ist ihm nicht einmal +vorstellbar. Der hellenische Kosmos andrerseits, dessen tiefe +Fremdheit für unsre Auffassungsweise nicht so lange hätte unbemerkt +bleiben sollen, ist dem Hellenen +das+ Selbstverständliche. In +der Tat ist der absolute Raum unserer Physik eine Form, die allein +aus +unserm+ Seelentum als dessen Abbild und Ausdruck entstanden +und allein für unsre Art des wachen Daseins wirklich, notwendig und +natürlich ist. Die gesamte Mathematik von Descartes an dient der +theoretischen Interpretation dieses großen, von religiösem Gehalte +erfüllten Symbols. Die Physik will seit Galilei nichts andres. Die +antike Mathematik und Physik +kennen+ dies Objekt überhaupt nicht. + +Auch hier haben antike Namen, die wir aus der literarischen Erbschaft +der Griechen beibehalten haben, den Tatbestand verschleiert. Geometrie +heißt die Kunst des Messens, Arithmetik die des Zählens. Die Mathematik +des Abendlandes hat mit diesen +beiden+ Arten des Begrenzens +nichts mehr zu tun, aber sie hat keinen neuen Namen für sich gefunden. +Das Wort Analysis sagt bei weitem nicht alles. + +Der antike Mensch beginnt und schließt seine Erwägungen mit dem +einzelnen Körper und seinen Grenzflächen. +Wir+ kennen im Grunde nur +das abstrakte Raumelement des Punktes, das, ohne Anschaulichkeit, +ohne die Möglichkeit einer Messung und Benennung, lediglich ein +Beziehungszentrum repräsentiert. Die Gerade ist für den Griechen eine +meßbare Kante, für uns ein unbegrenztes Punktkontinuum. Leibniz führt +als Beispiel für sein Infinitesimalprinzip die Gerade an, die den +Grenzfall eines Kreises mit unendlich großem Radius darstellt, während +der Punkt den andern Grenzfall bildet. +So wurde die Quadratur des +Kreises das klassische Grenzproblem für den Geist antiker Menschen.+ +Das schien ihnen das tiefste aller Geheimnisse der Weltform: krummlinig +begrenzte Flächen bei unveränderter Größe in Rechtecke zu verwandeln +und dadurch +meßbar+ zu machen. Für uns ist daraus das wenig bedeutende +Verfahren geworden, die Zahl π durch algebraische Mittel darzustellen, +ohne daß dabei von geometrischen Gebilden überhaupt die Rede wäre. + +Der antike Mathematiker kennt nur das, was er sieht und greift. Wo die +begrenzte, begrenzende Sichtbarkeit, das Thema seiner Gedankengänge, +aufhört, findet seine Wissenschaft ein Ende. Der abendländische +Mathematiker begibt sich, sobald er von antiken Vorurteilen frei sich +selbst gehört, in die gänzlich abstrakte Region einer unendlichen +Zahlenmannigfaltigkeit von n -- nicht mehr von 3 -- Dimensionen, +innerhalb deren +seine+ sogenannte Geometrie jeder anschaulichen +Hilfe entbehren kann und meistens muß. Greift der antike Mensch +zu künstlerischem Ausdruck seines Formgefühls, so sucht er dem +menschlichen Körper in Tanz und Ringkampf, in Marmor und Bronze +diejenige Haltung zu geben, in der Flächen und Konturen ein Maximum von +Maß und Sinn haben. Der echte Künstler des Abendlandes aber schließt +die Augen und verliert sich in den Bereich einer körperlosen Musik, in +dem Harmonie und Polyphonie zu Bildungen von höchster „Jenseitigkeit“ +führen, die weitab von allen Möglichkeiten optischer Bestimmung +liegen. Man denke daran, was ein athenischer Bildhauer und was ein +nordischer Kontrapunktist unter einer +Figur+ versteht, und man hat den +Gegensatz beider Welten, beider Mathematiken vor sich. Die griechischen +Mathematiker gebrauchen sogar das Wort σῶμα für Körper. Andrerseits +verwendet es die Rechtssprache für Person im Gegensatz zur Sache +(σώματα καὶ πράγματα: personae et res). + +Deshalb sucht das Phänomen der antiken, ganzen, körperlichen Zahl +unwillkürlich eine Beziehung zur Entstehung des leiblichen Menschen, +des σῶμα. Die Zahl 1 wird noch kaum als wirkliche Zahl empfunden. +Sie ist die ἀρχή, der Urstoff der Zahlenreihe, der Ursprung aller +eigentlichen Zahlen und damit aller Größe, allen Maßes, aller +Dinglichkeit. Ihr Zahlzeichen war im Kreise der Pythagoräer, gleichviel +zu welcher Zeit, zugleich das Symbol des Mutterschoßes, des Ursprungs +alles Lebens. Die 2, die erste +eigentliche+ Zahl, welche die 1 +verdoppelt, erhielt deshalb eine Beziehung zum männlichen Prinzip, +und ihr Zeichen war eine Nachbildung des Phallus. Die +heilige +Drei+ der Pythagoräer endlich bezeichnete den Akt der Vereinigung +von Mann und Weib, der Zeugung --, die erotische Deutung der beiden ++einzigen+ der Antike wertvollen Prozesse der Größenvermehrung, +der +Größenzeugung+, Addition und Multiplikation, ist leicht +verständlich -- und ihr Zeichen war die Vereinigung der beiden ersten. +Von hier aus fällt ein neues Licht auf den erwähnten +Mythus+ +vom Frevel der Aufdeckung des Irrationalen. Das Irrationale, in +unsrer Ausdrucksweise die Verwendung der unendlichen Dezimalbrüche, +bedeutete eine Zerstörung der organisch-leiblichen, zeugenden Ordnung, +welche durch die Götter gesetzt war. Es ist kein Zweifel, daß die +pythagoräische Reform der antiken Religion den uralten Demeterkult +wieder zugrunde legte. Demeter ist der Gaia, der mütterlichen Erde +verwandt. Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen ihrer Verehrung und +dieser erhabenen Auffassung der Zahlen. + +So ist die Antike mit innerer Notwendigkeit allmählich die Kultur des ++Kleinen+ geworden. Die apollinische Seele hatte den Sinn des +Gewordnen durch das Prinzip der +übersehbaren+ Grenze zu bannen +gesucht; ihr „tabu“ richtete sich auf die unmittelbare Gegenwart und +Nähe des Fremden. Was weit fort, was nicht sichtbar war, war auch nicht +da. Der Grieche wie der Römer opferte den Göttern der Gegend, in der er +sich aufhielt; alle andern entschwanden seinem Gesichtskreis. Wie die +griechische Sprache +kein Wort für den Raum besaß+ -- wir werden +die gewaltige Symbolik solcher Sprachphänomene immer wieder verfolgen +--, so fehlt dem Griechen auch unser Landschaftsgefühl, das Gefühl für +Horizonte, Ausblicke, Fernen, Wolken, auch der Begriff des Vaterlandes, +das sich weithin erstreckt und eine große Nation umfaßt. +Heimat+ +ist dem antiken Menschen, was er von der Burg seiner Vaterstadt aus +übersehen kann, nicht mehr. Was jenseits dieser optischen Grenze eines +politischen Atoms lag, war fremd, war sogar feindlich. Hier schon +beginnt die Angst des antiken Daseins und dies erklärt die furchtbare +Erbitterung, mit der diese winzigen Städte einander vernichteten. Die +Polis ist die kleinste aller denkbaren Staatsformen und ihre Politik +die ausgesprochene Politik der Nähe, sehr im Gegensatz zu unserer +Kabinettsdiplomatie, der Politik des Grenzenlosen. Der antike Tempel, +mit +einem+ Blick zu umfassen, ist der kleinste aller klassischen +Bautypen. Die Geometrie von Archytas bis auf Euklid beschäftigt sich +-- wie es die unter ihrem Eindruck stehende Schulgeometrie noch heute +tut -- mit kleinen, handlichen Figuren und Körpern und so blieben ihr +die Schwierigkeiten verborgen, welche bei der Zugrundelegung von +Figuren mit astronomischen Dimensionen auftauchen und die Anwendung der +euklidischen Geometrie nicht mehr überall gestatten.[29] Andernfalls +hätte der feine attische Geist vielleicht schon damals etwas von dem +Problem der nichteuklidischen Geometrien geahnt, denn die Einwände +gegen das bekannte Parallelenaxiom,[30] dessen zweifelhafte und doch +nicht zu verbessernde Fassung schon früh Anstoß erregte, rührten nahe +an die entscheidende Entdeckung. So selbstverständlich dem antiken +Sinn die ausschließliche Betrachtung des Nahen und Kleinen, so +selbstverständlich ist dem unsern die des Unendlichen, die Fähigkeiten +des Auges Überschreitenden. Alle mathematischen Ansichten, welche das +Abendland entdeckte oder entlehnte, wurden mit tiefster Notwendigkeit +der Formensprache des Infinitesimalen unterworfen und das, lange +bevor die eigentliche Differentialrechnung entdeckt worden war. +Arabische Algebra, indische Trigonometrie, antike Mechanik werden +ohne weiteres der Analysis einverleibt. Gerade die „evidentesten“ +Sätze des elementaren Rechnens -- daß etwa 2 × 2 = 4 ist -- werden, +aus analytischen Gesichtspunkten betrachtet, zu Problemen, deren +Lösung erst durch Ableitungen aus der Mengenlehre und in vielen +Einzelheiten überhaupt noch nicht gelungen ist, -- was Plato und seiner +Zeit sicherlich als Wahnsinn und Beweis eines völligen Mangels an +mathematischer Begabung erschienen wäre. + +Man kann gewissermaßen die Geometrie algebraisch oder die Algebra +geometrisch behandeln, das heißt das Auge ausschalten oder herrschen +lassen. Das erste haben wir, das andre die Griechen getan. Archimedes, +der in seiner schönen Berechnung der Spirale gewisse allgemeine +Tatsachen berührt, die auch der Methode des bestimmten Integrals bei +Leibniz zugrunde liegen, ordnet sein bei oberflächlicher Betrachtung +höchst modern wirkendes Verfahren sofort stereometrischen Prinzipien +unter; ein Inder hätte im gleichen Falle mit Selbstverständlichkeit +etwa eine trigonometrische Formulierung gefunden. (Was von der uns +bekannten indischen Mathematik altindisch, das heißt vor Buddha +entstanden ist, läßt sich heute nicht mehr feststellen.) + + +13 + +Aus dem fundamentalen Gegensatz antiker und abendländischer Zahlen +entspringt ein ebenso tiefgehender des Verhältnisses, in dem die +Elemente jedes dieser Komplexe untereinander stehen. Das Verhältnis +von +Größen+ heißt +Proportion+, das von +Beziehungen+ ist im Wesen +der +Funktion+ enthalten. Beide Worte haben, über den Bereich der +Mathematik hinausgehend, höchste Bedeutung für die Technik der beiden +zugehörigen Künste, Plastik und Musik. Sieht man ganz von dem Sinn +ab, den das Wort Proportion für die Gliederung der +einzelnen+ Statue +hat, so sind es die typisch antiken Kunstwerke, Statue, Relief und +Fresko, welche eine +Vergrößerung+ und +Verkleinerung+ des Maßstabes +gestatten -- Worte, die für die Musik, die Kunst des Grenzenlosen, +keinen Sinn haben. Man denke an die Kunst der Gemmen, deren Gegenstände +im wesentlichen Verkleinerungen lebensgroßer Plastiken waren. Innerhalb +der Funktionentheorie dagegen ist der Begriff der +Transformation +von Gruppen+ von entscheidender Bedeutung, und der Musiker wird +bestätigen, daß analoge Bildungen einen wesentlichen Teil der neueren +Kompositionslehre ausmachen. Ich erinnere nur an eine der feinsten +instrumentalen Formen des 18. Jahrhunderts, das „tema con variazioni“. + +Jede Proportion setzt die Konstanz, jede Transformation die +Variabilität der Elemente voraus: man vergleiche hier die +Kongruenzsätze bei Euklid, deren Beweis tatsächlich auf dem +vorliegenden Verhältnis 1 : 1 beruht, mit deren moderner Ableitung mit +Hilfe der Winkelfunktionen. + + +14 + +Die +Konstruktion+ -- die im weiteren Sinne alle Methoden der +elementaren Arithmetik einschließt -- ist das A und O der antiken +Mathematik: die Herstellung eines einzelnen und sichtbar vorliegenden +Objekts. Der Zirkel ist der Meißel dieser zweiten bildenden Kunst. +Die Arbeitsweise bei funktionstheoretischen Untersuchungen, deren +Zweck kein Resultat vom Charakter einer Größe, sondern die Diskussion +allgemeiner formaler Möglichkeiten ist, läßt sich als eine Art +Kompositionslehre von naher Verwandtschaft zur musikalischen +bezeichnen. Eine ganze Reihe von Begriffen der Musiktheorie ließe sich +ohne weiteres auf analytische Operationen auch der Physik anwenden -- +Tonart, Phrasierung, Chromatik und andere -- und es ist die Frage, ob +nicht manche Beziehungen dadurch an Übersichtlichkeit gewinnen würden. + +Jede +Konstruktion+ bejaht, jede +Operation+ verneint den Augenschein, +indem jene das optisch Gegebene herausarbeitet, diese es auflöst. So +erscheint ein weiterer Gegensatz in den beiden Arten des mathematischen +Verfahrens: die antike Mathematik des Kleinen betrachtet den +konkreten +Einzelfall+, berechnet die +bestimmte+ Aufgabe, führt die ++einmalige+ Konstruktion aus. Die Mathematik des Unendlichen behandelt ++ganze Klassen+ formaler Möglichkeiten, +Gruppen+ von Funktionen, +Operationen, Gleichungen, Kurven, und zwar überhaupt nicht hinsichtlich +irgendeines Resultates, sondern hinsichtlich ihres Verlaufes. Es ist +so seit zwei Jahrhunderten -- was den Mathematikern der Gegenwart +kaum zum Bewußtsein kommt -- die +Idee einer allgemeinen Morphologie +mathematischer Operationen+ entstanden, welche man als den eigentlichen +Sinn der gesamten neueren Mathematik bezeichnen darf. Es offenbart sich +hier eine umfassende Tendenz abendländischer Geistigkeit überhaupt, +die im folgenden immer deutlicher werden wird, eine Tendenz, die +ausschließlich Eigentum des faustischen Geistes und seiner Kultur ist +und in keiner andern verwandte Absichten findet. Die große Mehrzahl +der Fragen, welche unsere Mathematik als deren eigenste Probleme +beschäftigen -- der Quadratur des Kreises bei den Griechen entsprechend +-- wie die Untersuchung der Konvergenzkriterien unendlicher Reihen +(Cauchy) oder die Umkehrung elliptischer und allgemein algebraischer +Integrale zu mehrfach periodischen Funktionen (Abel, Gauß) wäre +den „Alten“, die einfache bestimmte Größen als Resultate suchten, +vermutlich als eine geistreiche, etwas abstruse Spielerei erschienen -- +was dem populären Urteil weiter Kreise auch heute durchaus entsprechen +würde. Es gibt nichts Unpopuläreres als die moderne Mathematik, +und auch darin liegt ein Stück Symbolik der unendlichen Ferne, der ++Distanz+. +Alle+ großen Werke des Abendlandes von Dante bis zum +Parsifal sind unpopulär, alle antiken von Homer bis zum pergamenischen +Altar sind populär im höchsten Grade. + + +15 + +Und so sammelt sich endlich der ganze Gehalt des abendländischen +Zahlendenkens in +einem+ klassischen Problem, das den Schlüssel zu +jenem schwer zugänglichen Begriff des Unendlichen -- des +faustisch +Unendlichen+ -- bildet, welches von der Unendlichkeit des arabischen +und indischen Weltgefühls weit entfernt bleibt. Es handelt sich um +die +Theorie des Grenzwertes+, möge die Zahl im einzelnen als +unendliche Reihe, Kurve oder Funktion enger gefaßt sein. Dieser +Grenzwert ist das strengste Gegenteil des antiken, bisher nicht so +genannten, der sich in einer starr begrenzten Fläche von meßbarer +Größe darstellt. Bis ins 18. Jahrhundert haben euklidisch-populäre +Vorurteile den Sinn des Differentialprinzips verdunkelt. Mag man den +zunächst naheliegenden Begriff des unendlich Kleinen noch so vorsichtig +anwenden, es haftet ihm ein leises Moment antiker Konstanz an, der ++Anschein+ einer Größe, wenn auch Euklid sie als solche nicht +erkannt, anerkannt haben würde. Die Null ist eine Konstante, eine +ganze Zahl im linearen Kontinuum zwischen +1 und -1; es hat Eulers +analytischen Untersuchungen geschadet, daß er -- wie viele nach ihm +-- die Differentiale für Nullen hielt. Erst der von Cauchy endgültig +aufgeklärte Begriff des +Grenzwertes+ beseitigt diesen Rest +antiken Zahlengefühls und macht die Infinitesimalrechnung zu einem +widerspruchslosen System. Erst der Schritt von der „unendlich kleinen +Größe“ zu dem „untern Grenzwert +jeder möglichen+ endlichen Größe“ +führt zur Konzeption einer veränderlichen Zahl, die unterhalb jeder +von Null verschiedenen endlichen Größe sich bewegt, selbst also nicht +den geringsten Zug einer Größe mehr trägt. Der Grenzwert in dieser +endgültigen Fassung ist überhaupt nicht mehr das, was angenähert ++wird+. Er +stellt die Annäherung -- den Prozeß, die Operation +-- selbst dar. Er ist kein Zustand, sondern ein Verhalten.+ Hier, +im entscheidenden Problem der abendländischen Mathematik, verrät sich +plötzlich, daß unser Seelentum ein +historisch+ angelegtes ist.[31] + + +16 + +Die Geometrie von der Anschauung, die Algebra vom Begriff der Größe zu +befreien und beide jenseits der elementaren Schranken von Konstruktion +und Rechnung zu dem mächtigen Gebäude der Funktionstheorie zu +vereinigen, das war der große Weg des abendländischen Zahlendenkens. +So wurde die antike, konstante Zahl zur veränderlichen aufgelöst. +Die analytisch +gewordene+ Geometrie löste alle konkreten +Formen auf. Sie ersetzt den mathematischen Körper, an dessen starrem +Bilde geometrische Werte gefunden werden, durch abstrakt räumliche +Beziehungen, die zuletzt auf Tatsachen der sinnlich-gegenwärtigen +Anschauungen überhaupt nicht mehr anwendbar sind. Sie ersetzt zunächst +die optischen Gebilde Euklids durch geometrische Örter in bezug auf +ein Koordinatensystem, dessen Anfangspunkt willkürlich gewählt werden +kann, und reduziert das gegenständliche Dasein des geometrischen +Objekts auf die Forderung, daß während der Operation, die sich nicht +mehr auf Messungen, sondern auf Gleichungen richtet, das gewählte +System nicht verändert werden darf. Alsbald werden aber die Koordinaten +nur noch als reine Werte aufgefaßt, welche die Lage der Punkte als +abstrakter Raumelemente nicht sowohl bestimmen, als repräsentieren +und ersetzen. Die Zahl, die Grenze des Gewordnen, wird nicht mehr +durch das Bild einer Figur, sondern durch das Bild einer Gleichung +symbolisch dargestellt. Die „Geometrie“ kehrt ihren Sinn um: das +Koordinatensystem als Bild verschwindet, und der Punkt ist nunmehr eine +vollkommen abstrakte Zahlengruppe. Wie die Architektur der Renaissance +durch die konstruktiven Neuerungen Michelangelos und Vignolas in +die des Barock übergeht -- das ist das genaue Abbild dieser innern +Wandlung der Analysis. An den Palast- und Kirchenfassaden werden die +sinnlich reinen Linien unwirklich. An Stelle der klaren Koordinaten +florentinisch-römischer Säulenstellungen und Geschoßgliederungen +tauchen die „infinitesimalen“ Elemente geschwungener, flutender +Bauteile, Voluten, Kartuschen auf. Die Konstruktion verschwindet in +der Fülle des Dekorativen -- mathematisch gesprochen des Funktionalen; +Säulen und Pilaster, in Gruppen und Bündel zusammengefaßt, durchziehen +ohne Ruhepunkte für das Auge die Fronten, sammeln und zerstreuen +sich; die Flächen der Wände, Decken, Geschosse lösen sich in der Flut +von Stukkaturen und Ornamenten auf, verschwinden und zerfallen unter +farbigen Lichtwirkungen. Das Licht aber, das nun über dieser Formwelt +des reifen Barock spielt -- von Bernini um 1650 an bis zum Rokoko in +Dresden, Wien, Paris --, ist ein rein musikalisches Element geworden. +Der Dresdner Zwinger ist eine +Sinfonie+. Mit der Mathematik hat +sich im 18. Jahrhundert auch die Architektur zu einer Formenwelt von ++musikalischem+ Charakter entwickelt. + + +17 + +Auf dem Wege dieser Mathematik mußte endlich der Augenblick auftreten, +wo nicht nur die Grenzen künstlicher geometrischer Gebilde, sondern +die Grenzen des Sehsinnes überhaupt seitens der Theorie wie der Seele +selbst in ihrem Drange nach rückhaltlosem Ausdruck ihrer innern +Möglichkeiten als Grenzen, als Hindernis empfunden wurden, wo also das +Ideal transzendenter Ausgedehntheit zu den beschränkten Möglichkeiten +des unmittelbaren Augenscheins in grundsätzlichen Widerspruch trat. +Die antike Seele, welche mit der vollen Hingabe der platonischen und +stoischen ἀταραξία das Sinnliche gelten und walten ließ und ihre großen +Symbole, wie es der erotische Hintersinn der pythagoräischen Zahlen +beweist, +eher empfing als gab+, konnte auch das körperliche ++Jetzt+ und +Hier+ niemals überschreiten wollen. Hatte sich +aber die pythagoräische Zahl im Wesen +gegebener+ Einzeldinge in +der +Natur+ offenbart, so war die Zahl des Descartes und der +Mathematiker nach ihm etwas, das +erobert+ und +erzwungen+ +werden mußte, eine herrische abstrakte Beziehung, unabhängig von aller +sinnlichen Gegebenheit und jederzeit bereit, diese Unabhängigkeit +der Natur gegenüber geltend zu machen. Der Wille zur Macht -- um +Nietzsches große Formel zu gebrauchen --, der von der frühesten +Gotik der Edda, der Kathedralen und Kreuzzüge, ja von den erobernden +Wikingern und Goten an das Verhalten der nordischen Seele ihrer Welt +gegenüber bezeichnet, liegt auch in dieser Energie der abendländischen +Zahl gegenüber der Anschauung. +Das+ ist „Dynamik“. In der +apollinischen Mathematik dient der Geist dem Auge, in der faustischen +überwindet er es. + +Der mathematische, „absolute“, so gänzlich unantike Raum selbst war +von Anfang an, was die Mathematik in ihrer Ehrfurcht vor hellenischen +Traditionen nicht zu bemerken wagte, nicht die vage Räumlichkeit +der täglichen Eindrücke, der landläufigen Malerei, der vermeintlich +so eindeutigen und gewissen apriorischen Anschauung Kants, sondern +ein reines Abstraktum, ein ideales und unerfüllbares Postulat einer +Seele, der die Sinnlichkeit als Mittel des Ausdruckes immer weniger +genügte und die sich endlich leidenschaftlich von ihr abwandte. Das ++innere+ Auge erwachte. + +Jetzt erst mußte es tiefen Denkern fühlbar werden, daß die euklidische +Geometrie, die +einzige+ und +richtige+ für den naiven Blick +aller Zeiten, von diesem hohen Standpunkt aus betrachtet nichts als +eine +Hypothese+ ist, deren Alleingültigkeit gegenüber anderen, +auch ganz unanschaulichen Arten von Geometrien, wie wir seit Gauß +bestimmt wissen, sich niemals beweisen läßt, von der vielberufenen +„Übereinstimmung“ mit der Wirklichkeit, diesem Laiendogma, das durch +jeden Blick in die Ferne -- wo alle Parallelen einander berühren -- +widerlegt wird, zu schweigen. Der Kernsatz dieser Geometrie, das +Parallelenaxiom Euklids, ist eine +Behauptung+, die sich durch +andere ersetzen läßt, daß es nämlich durch einen Punkt zu einer Geraden +keine, zwei oder viele Parallelen gibt, Behauptungen, die sämtlich zu +vollkommen widerspruchslosen dreidimensionalen geometrischen Systemen +führen, die in der Physik und vor allem der Astronomie angewendet +werden können und zuweilen den euklidischen vorzuziehen sind. + +Schon die einfache Forderung der Unbegrenztheit des Ausgedehnten -- die +man seit Riemann und dessen Theorie unbegrenzter, aber infolge ihrer +Krümmung nicht unendlicher Räume eben von der Unendlichkeit zu scheiden +hat -- widerspricht dem eigentlichen Charakter aller unmittelbaren +Anschauung, welche von dem Vorhandensein von Lichtwiderständen, also +materiellen Grenzen abhängt. Es sind aber abstrakte Prinzipien der +Grenzsetzung denkbar, die in einem ganz neuen Sinne die Möglichkeiten +optischer Begrenzung überschreiten. Für den Tieferblickenden liegt +schon in der kartesischen Geometrie die Tendenz, über die drei +Dimensionen des +erlebten+ Raumes als einer für die Symbolik +der Zahlen nicht notwendigen Schranke hinauszugehen. Und wenn auch +erst seit 1800 etwa die Vorstellung +mehrdimensionaler+ Räume -- +man hätte das Wort besser durch ein neues ersetzt -- zur erweiterten +Grundlage des analytischen Denkens wurde, so war doch der erste +Schritt dazu in dem Augenblick getan, wo die Potenzen, eigentlicher +die Logarithmen, von ihrer ursprünglichen Beziehung auf sinnlich +realisierbare Flächen und Körper abgelöst und -- unter Verwendung +irrationaler und komplexer Exponenten -- als Beziehungswerte von ganz +allgemeiner Art in das Gebiet des Funktionalen eingeführt wurden. Wer +hier überhaupt folgen kann, wird auch begreifen, daß schon mit dem +Schritt von der Vorstellung a^3, als einem natürlichen Maximum, zu a^n +die Unbedingtheit eines Raumes von drei Dimensionen aufgehoben ist. + +Nachdem einmal das Raumelement des Punktes den immerhin noch optischen +Charakter eines Koordinatenschnittes in einem anschaulich vorstellbaren +System verloren hatte und als Gruppe dreier unabhängiger Zahlen +definiert worden war, lag kein inneres Hindernis mehr vor, die Zahl +3 durch die allgemeine n zu ersetzen. Es tritt eine Umkehrung des +Dimensionsbegriffes ein: Es bezeichnen nicht mehr Maßzahlen optische +Eigenschaften eines Punktes hinsichtlich seiner Lage in einem System, +sondern Dimensionen von unbeschränkter Anzahl stellen vollkommen +abstrakte Eigenschaften einer Zahlengruppe dar. Diese Zahlengruppe +-- von n unabhängigen geordneten Elementen -- ist das +Bild+ +des Punktes; sie +heißt+ ein +Punkt+. Eine daraus logisch +entwickelte Gleichung +heißt Ebene+, ist das +Bild+ einer +Ebene. Der Inbegriff aller Punkte von n Dimensionen +heißt ein+ +n-dimensionaler +Raum+.[32] In diesen transzendenten Raumwelten, +die zu keiner wie immer gearteten Sinnlichkeit mehr in Beziehung +stehen, herrschen die von der Analysis aufzufindenden Beziehungen, +welche sich mit den Ergebnissen der experimentellen Physik in ständiger +Übereinstimmung befinden. Diese Räumlichkeit höheren Ranges ist ein +Symbol, das durchaus Eigentum des abendländischen Geistes bleibt. +Nur dieser Geist hat das Gewordene und Ausgedehnte +in diese+ +Formen zu bannen, das Fremde durch +diese+ Art der Aneignung -- +man erinnere sich des Begriffes „tabu“ -- zu beschwören, zu zwingen, +mithin zu „erkennen“ versucht und verstanden. Erst in dieser Sphäre +des Zahlendenkens, die nur einem sehr kleinen Kreis von Menschen +noch zugänglich ist -- aber das gilt auch von den tiefsten Momenten +unserer Musik, unserer Malerei, unserer Dogmatik --, erhalten selbst +Bildungen wie die Systeme der hyperkomplexen Zahlen (etwa die +Quaternionen der Vektorenrechnung) und zunächst ganz unverständliche +Zeichen wie ∞ⁿ den Charakter von etwas Wirklichem. Man hat +eben zu begreifen, daß Wirklichkeit nicht nur sinnliche Wirklichkeit +ist, daß vielmehr das Seelische seine Idee in noch ganz anderen als +anschaulichen Bildungen verwirklichen kann. + + +18 + +Aus dieser großartigen Intuition symbolischer Raumwelten folgt +die letzte und abschließende Fassung der gesamten abendländischen +Mathematik, die Erweiterung und Vergeistigung der Funktionentheorie +zur +Gruppentheorie+. Gruppen sind Mengen oder Inbegriffe +gleichartiger mathematischer Gebilde, also z. B. die Gesamtheit +aller Differentialgleichungen von einem gewissen Typus, Mengen, die +dem Dedekindschen Zahlenkörper analog gebaut und geordnet sind. Es +handelt sich, wie man fühlt, um Welten ganz neuer Zahlen, die für das ++innere Auge+ des Eingeweihten doch nicht ganz ohne eine gewisse +Sinnlichkeit sind. Es werden nun Untersuchungen gewisser Elemente +dieser ungeheuer abstrakten Formsysteme notwendig, welche in bezug +auf eine einzelne Gruppe von Operationen -- +von Transformationen +des Systems+ -- von deren Wirkungen unabhängig bleiben, Invarianz +besitzen. Die allgemeine Aufgabe dieser Mathematik erhält also (nach +Klein) die Form: „Es ist eine n-dimensionale Mannigfaltigkeit („Raum“) +und eine Gruppe von Transformationen gegeben. Die der Mannigfaltigkeit +angehörigen Gebilde sollen hinsichtlich solcher Eigenschaften +untersucht werden, die durch Transformationen der Gruppe nicht geändert +werden.“ + +Auf diesem höchsten Gipfel schließt nunmehr -- nach Erschöpfung ihrer +sämtlichen inneren Möglichkeiten und nachdem sie ihre Bestimmung, ++Abbild und reinster Ausdruck der Idee des faustischen Seelentums+ +zu sein, erfüllt hat -- Mathematik des Abendlandes ihre Entwicklung +ab, in demselben Sinne, wie es die Mathematik der antiken Kultur im 3. +Jahrhundert tat. Beide Wissenschaften -- es sind die einzigen, deren +organische Struktur sich heute schon historisch durchschauen läßt +-- sind aus der Konzeption einer völlig neuen Zahl durch Pythagoras +und Descartes entstanden, beide haben in prachtvollem Aufschwung +ein Jahrhundert später ihre Reife erlangt und beide vollendeten +nach einer Blüte von drei Jahrhunderten das Gebäude ihrer Ideen, in +derselben Epoche, durch welche die Kultur, der sie angehören, in +eine weltstädtische Zivilisation überging. Dieser tiefbedeutsame +Zusammenhang wird später aufgeklärt werden. Sicher ist, daß für uns +die Zeit der +großen+ Mathematiker vorüber ist. Es ist heute +dieselbe Arbeit des Erhaltens, Abrundens, Verfeinerns, Auswählens, die +talentvolle Kleinarbeit an Stelle der großen Schöpfungen im Gange, +wie sie auch die alexandrinische Mathematik des spätem Hellenismus +kennzeichnet. + +Ein historisches Schema wird dies deutlicher machen: + + +Antike+ +Abendland+ + + 1. +Konzeption einer neuen Zahl.+ + + um 540 um 1630 + Die Zahl der Größe Die Zahl als Beziehung + Die Pythagoräer Descartes, Fermat, Pascal; + (Um 470 Sieg der Plastik Newton, Leibniz (1670) + über die Freskomalerei) (Um 1670 Sieg der Musik + über die Ölmalerei) + + 2. +Höhepunkt der systematischen + Entwicklung.+ + + 450-350 1750-1800 + Archytas, Plato, Eudoxos Euler, Lagrange, Laplace + (Phidias, Praxiteles) (Haydn, Mozart) + + 3. +Innerer Abschluß der Zahlenwelt.+ + + 300-250 nach 1800 + Euklid, Apollonios, Archimedes Gauß, Cauchy, Riemann + (Lysippos, Leochares) (Beethoven) + + +Fußnoten: + +[Footnote 25: Von der periodischen Unterbrechung durch den Schlaf soll +hier abgesehen werden.] + +[Footnote 26: Siehe die vorangehenden Tafeln 1-3.] + +[Footnote 27: Alexandria hört im 2. Jahrhundert n. Chr. auf, Weltstadt +zu sein und wird eine aus der Zeit antiker Zivilisation stehen +gebliebene Häusermasse, in der eine primitiv fühlende, seelisch anders +geartete Bevölkerung haust. Das hier vorliegende Phänomen wird später +behandelt werden.] + +[Footnote 28: Vom „Namenzauber“ der Wilden bis zur modernsten +Wissenschaft, welche sich ihre Objekte +unterwirft+, indem sie +Namen, Begriffe und Definitionen für sie prägt, hat sich der Form nach +nichts geändert.] + +[Footnote 29: In der modernen Astronomie wird die Verwendung nicht +euklidischer Geometrien ernstlich erwogen. Die Annahme eines +unbegrenzten, aber endlichen, gekrümmten Raumes, den das Sternensystem +mit einem Durchmesser von etwa 470 Millionen Erdabständen füllt, würde +zur Annahme eines Gegenbildes der Sonne führen, das uns als Stern +mittlerer Helligkeit erscheint.] + +[Footnote 30: Daß durch einen Punkt zu einer Geraden nur eine Parallele +möglich sei, ein Satz, der sich nicht beweisen läßt.] + +[Footnote 31: „Funktion, recht begriffen, ist das Dasein in Tätigkeit +gedacht“ (Goethe).] + +[Footnote 32: Vom Standpunkt der Mengenlehre aus heißt eine +wohlgeordnete Punktmenge, ohne Rücksicht auf die Dimensionenzahl, ein +Körper, eine Menge von n - 1 Dimensionen also im Verhältnis dazu eine +Fläche. Die „Begrenzung“ (Wand, Kante) einer Punktmenge stellt eine +Punktmenge von geringerer Mächtigkeit dar.] + + + + +ZWEITES KAPITEL + +DAS PROBLEM DER WELTGESCHICHTE + + + + +I + +PHYSIOGNOMIK UND SYSTEMATIK + + +1 + +Es ist jetzt endlich möglich, den entscheidenden Schritt zu tun und +ein Bild der Geschichte zu entwerfen, das nicht mehr vom zufälligen +Standort des Betrachters in irgendeiner -- seiner -- „Gegenwart“ und +von seiner Eigenschaft als interessiertem Gliede einer einzelnen Kultur +abhängig ist, deren religiöse, geistige, politische, soziale Tendenzen +ihn verführen, das historische Material aus einer zeitlich beschränkten +Perspektive anzuordnen und dem Organismus des Geschehens damit eine +willkürliche und an der Oberfläche haftende Form aufzudrängen, die ihm +innerlich fremd ist. + +Was bisher fehlte, war die +Distanz+ vom Objekt. Der Natur gegenüber +war sie längst erreicht. Allerdings war sie hier auch leichter +erreichbar. Der Physiker konstruiert mit Selbstverständlichkeit das +mechanisch-kausale Bild seiner Welt so, als ob er selbst gar nicht da +wäre. + +Aber in der Formenwelt der Historie ist dasselbe möglich. Wir haben +das nur bis jetzt nicht gewußt. Man darf deshalb vielleicht sagen, +und man wird es später einmal tun, daß es an einer wirklichen +Geschichtsschreibung faustischen Stils überhaupt gefehlt hat, einer +solchen nämlich, die Distanz genug besitzt, um im Gesamtbilde der +Weltgeschichte auch die Gegenwart -- die es ja nur in bezug auf eine +einzige von unzähligen menschlichen Generationen ist -- wie etwas +unendlich Fernes und Fremdes zu betrachten, als eine Epoche, die nicht +schwerer wiegt als alle andern, ohne den Maßstab irgendwelcher Ideale, +ohne Bezug auf sich selbst, ohne Wunsch, Sorge und persönliche innere +Beteiligung, wie sie das praktische Leben in Anspruch nimmt; eine +Distanz also, die -- mit Nietzsche zu reden, der bei weitem nicht +genug von ihr besaß -- es erlaubt, das ganze Phänomen der historischen +Menschheit wie mit dem Auge eines Gottes zu überblicken, wie die +Gipfelreihe eines Gebirges am Horizont, als ob man selbst gar nicht zu +ihr gehörte. + +Hier war noch einmal die Tat des Kopernikus zu vollbringen, jener Akt +der Befreiung vom Augenschein im Namen des unendlichen Raumes, den der +abendländische Geist der Natur gegenüber längst vollzogen hatte, als +er vom ptolemäischen Weltsystem zu dem für ihn heute allein gültigen +überging und damit den zufälligen Standort des Betrachters auf einem +einzelnen Planeten als formbestimmend ausschaltete. + +Die Weltgeschichte ist derselben Ablösung von einem zufälligen +Beobachtungsorte -- der jeweiligen „Neuzeit“ -- fähig und bedürftig. +Uns erscheint das 19. Jahrhundert unendlich viel reicher und wichtiger +als etwa das 19. vor Christus, aber auch der Mond erscheint uns +größer als Jupiter und Saturn. Der Physiker hat sich vom Vorurteil +der relativen Entfernung längst befreit, der Historiker nicht. Wir +erlauben uns, die Kultur der Griechen als Altertum, relativ zu +unserer Neuzeit, zu bezeichnen. War sie das auch für die feinen und +historisch hochgebildeten Ägypter am Hofe des großen Thutmosis -- +ein Jahrtausend vor Homer? Für uns füllen die Ereignisse, die sich +1500-1800 auf dem Boden Westeuropas abspielen, das wichtigste Drittel +„der“ Weltgeschichte. Für den chinesischen Historiker, der auf 6000 +Jahre chinesischer Geschichte zurückblickt und von ihr aus urteilt, +sind sie eine kurze und wenig bedeutende Episode, nicht entfernt so +schwerwiegend wie z. B. die Jahrhunderte der Handynastie (206 v. bis +220 n. Chr.), die in +seiner+ Weltgeschichte Epoche machen. + +Die Geschichte also von den persönlichen Vorurteilen des Betrachters +zu lösen, der sie in unserem Falle wesentlich zur Geschichte +eines Fragments des Vergangenen mit dem in Westeuropa fixierten +Zufällig-Gegenwärtigen als Ziel und den augenblicklichen öffentlichen +Idealen und Interessen als Wertmessern für die Entwicklung des +Erreichten und zu Erreichenden macht -- das ist die Absicht alles +Folgenden. + + +2 + +Erinnern wir uns der grundlegenden Tatsache des wachen Bewußtseins, +aus dem heraus ein geordnetes Weltbild im Sinne von Natur oder +Geschichte überhaupt erst möglich wird. Mit den Worten +Seele+ und ++Welt+ war der Urgegensatz bezeichnet worden, dessen Vorhandensein +mit der Tatsache des menschlichen Tagesbewußtseins völlig identisch +ist. Seele und Welt wurden im Hinblick auf die in jedem einzelnen und +in jeder Kultur liegende Idee des Daseins das +Mögliche+ und +das +Wirkliche+ genannt, um das Phänomen des Lebens als +der +Verwirklichung dieses Möglichen+ und das ihm innewohnende Merkmal +der Richtung vor Augen stellen zu können. + +Danach ist für jeden +seine+ Welt verwirklichtes Seelentum, +Ausdruck, Zeichen, Bild der Idee +seines+ individuellen Daseins. +„Jeder spricht nur sich selbst aus, indem er von der Natur spricht“ +(Goethe). Diese Wirklichkeit darf auf der seelischen Stufe des +Urmenschen und des Kindes noch als verschleiert, chaotisch, als noch +nicht entfaltet, als im tieferen Sinne formlos angenommen werden. In +den höheren Zuständen menschlichen Daseins ist sie exakter Fassungen +fähig, deren Skala zwischen den Extremen reinsten Anschauens und +reinsten Erkennens eine unbegrenzte Menge nie sich genau wiederholender +Strukturen zuläßt. „Die Welt“ ist für jeden einzelnen sein eigenstes, +einmaliges, notwendiges und durchaus willenloses Erlebnis. Schopenhauer +nannte es die Welt als Vorstellung, aber er setzte die Konstanz dieser +Vorstellung und ihre Identität für alle Menschen als selbstverständlich +voraus. + ++Natur und Geschichte+: so stehen zwei extreme Arten, die +Wirklichkeit als Weltbild zu ordnen, einander gegenüber. Eine +Wirklichkeit ist Natur, insofern sie alles Werden dem Gewordnen, sie +ist Geschichte, insofern sie alles Gewordne dem Werden einordnet. Eine +Wirklichkeit wird +in ihrer Gestalt erschaut+ -- so entsteht +die Welt Platos, Rembrandts, Goethes, Beethovens -- oder +in ihrem +Element begriffen+ -- dies sind die Welten von Parmenides und +Descartes, Kant und Newton. Erkennen im prägnanten Sinne des Wortes +ist derjenige Erlebnisakt, dessen vollzogenes Resultat „Natur“ heißt. +Erkanntes und Natur sind identisch. Alles Erkannte ist, wie das Symbol +der mathematischen Zahl bewies, gleichbedeutend mit dem mechanisch +Begrenzten, Gesetzten. Natur ist der +Inbegriff des gesetzlich +Notwendigen+. Es gibt nur +Natur+gesetze. Kein Physiker, +der seine Bestimmung begreift, wird über diese Grenze hinausgehen +wollen. Seine Aufgabe ist, die Gesamtheit, das wohlgeordnete System +aller Gesetze festzustellen, die im Bilde der Natur auffindbar +sind, mehr noch, die das Bild der Natur erschöpfend und ohne Rest ++darstellen+. + +Andrerseits: Anschauen -- ich erinnere an das Wort Goethes: „Das +Anschauen ist vom Ansehen sehr zu unterscheiden“ -- ist derjenige +Erlebnisakt, der, als Phänomen, +indem+ er sich vollzieht, +selbst +Geschichte+ ist. Erlebtes ist Geschehenes, ist Geschichte. + +Alles Geschehen ist +einmalig+ und nie sich wiederholend. Es unterliegt +dem Prinzip der Richtung (der „Zeit“), der +Nichtumkehrbarkeit+. Das +Geschehene, als nunmehr Gewordnes dem Werden, als Erstarrtes dem +Lebendigen entgegengesetzt, gehört unwiderruflich der Vergangenheit +an. Das Gefühl hiervon ist die Weltangst. Alles Erkannte aber ist ++zeitlos+, weder vergangen noch zukünftig, von dauernder Gültigkeit. +Dies gehört zur innern Beschaffenheit des Naturgesetzlichen. Das +Gesetz, das Gesetzte, ist +antihistorisch+. Es schließt den +Zufall+ +aus. Naturgesetze sind Formen anorganischer Notwendigkeit. Es wird +klar, weshalb Mathematik als die Ordnung des Gewordnen durch die Zahl +sich +immer+ auf Gesetze und Kausalität und +nur+ auf sie bezieht. + +Das Werden „hat keine Zahl“. Nur Lebloses kann gezählt, gemessen, +zerlegt werden. Das reine Werden, das Leben ist in diesem Sinne +grenzenlos. Es liegt jenseits des Bereiches von Ursache und Wirkung, +Gesetz und Maß. Keine tiefe und echte Geschichtsforschung wird nach +kausaler Gesetzlichkeit forschen; andernfalls hat sie ihr eigentliches +Wesen nicht begriffen. + +Indes: Geschichte ist kein reines Werden; sie ist nur ein Weltbild, +eine vom einzelnen ausstrahlende Weltform, in der das Werden das +Gewordne +beherrscht+. Auf dem Gehalt an Gewordenem beruht die +Möglichkeit, ihr wissenschaftlich etwas abzugewinnen. Und je höher +dieser Gehalt ist, desto mechanischer, desto verstandesmäßiger, desto +kausaler erscheint sie. Auch Goethes „lebendige Natur“, ein völlig +unmathematisches Weltbild, hatte noch so viel Gehalt an Totem und +Starrem, daß er sie wissenschaftlich behandeln konnte. Sinkt dieser +Gehalt +sehr+ tief, ist sie beinahe +nur+ reines Werden, so haben +wir eine echte Vision vor uns, die nur noch Arten +künstlerischer+ +Rezeption gestattet. Was Dante als Welthistorie vor seinem geistigen +Auge sah, hätte er +nicht+ wissenschaftlich realisieren können, +auch Goethe nicht, was er in den Momenten seiner Faustentwürfe sah, +ebensowenig Plotin und Giordano Bruno. Hier liegt die wichtigste +Ursache des Streites um die Struktur der Geschichte. Vor demselben +Objekt, vor demselben Tatsachenmaterial hat doch jeder Betrachter +seiner Anlage nach einen anderen +Eindruck+ des Ganzen, ungreifbar +und nicht mitteilbar, der seiner Denkart zugrunde liegt und ihr die +spezifische persönliche Farbe gibt. Der Grad von Gewordnem wird bei +zwei Menschen immer verschieden sein, Grund genug, daß sie sich +niemals über das Thema und die Methode verständigen können. Jeder +gibt dem Mangel an Denken bei dem andern Schuld, und doch ist das +mit diesem Wort bezeichnete Etwas, worüber niemand Gewalt hat, kein +Schlechtersein, sondern ein notwendiges Anderssein. Dasselbe gilt von +aller Naturwissenschaft. + +Aber man halte fest: Geschichte +wissenschaftlich+ behandeln wollen ist +im letzten Grunde immer etwas Widerspruchsvolles und deshalb ist jede +pragmatische Geschichtsschreibung, sie sei so groß wie sie wolle, ein +Kompromiß. Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über Geschichte +soll man dichten. Alles andere sind unreine Lösungen -- aus denen +allerdings die große Mehrzahl aller Geistesprodukte besteht. + +Auf der andern Seite, dort, wo das Reich der Zahlen und des exakten +Wissens herrschen sollte, hatte Goethe „lebendige Natur“ gerade +das genannt, was ein unmittelbares Anschauen des reinen Werdens +und Sichgestaltens, mithin im hier festgelegten Sinne +Geschichte+ +war. +Seine Welt+ war +zunächst+ ein Organismus, ein Wesen, und +man begreift, daß seine Forschungen, selbst wenn sie ein äußerlich +physikalisches Gepräge tragen, weder Zahlen noch Gesetze noch eine in +Formeln gebannte Kausalität bezwecken, daß sie vielmehr Morphologie im +höchsten Sinne sind und damit das spezifisch abendländische (und sehr +unantike) Mittel aller kausalen Betrachtung, das messende Experiment, +vermeiden, es aber auch nirgends vermissen lassen. Seine Betrachtung +der Erdoberfläche ist stets Geologie, nie Mineralogie (die er die +Wissenschaft von etwas Totem nannte). + +Es sei noch einmal gesagt: Es gibt keine genaue Grenze zwischen beiden +Arten der Weltfassung. So sehr Werden und Gewordnes Gegensätze sind, so +sicher ist in jedem Erlebnisakte beides vorhanden. Geschichte erlebt, +wer beides als werdend, als sich vollendend, anschaut, Natur erkennt, +wer beides als geworden, als vollendet, zergliedert. + +Es liegt eine ursprüngliche Anlage in jedem Menschen, jeder Kultur, +jeder Kulturstufe vor, eine ursprüngliche Neigung und Bestimmung, eine +der beiden Formen als Ideal vorzuziehen. Der Mensch des Abendlandes ist +in hohem Grade historisch gestimmt,[33] der antike Mensch war es um so +weniger. +Wir+ verfolgen alles Gegebene im Hinblick auf Vergangenheit +und Zukunft, die Antike erkannte nur die punktförmige Gegenwart als +seiend an. Der Rest wurde Mythus. Wir haben in jedem Takte unsrer Musik +von Palestrina bis Wagner +auch ein Symbol des Werdens+ vor uns, die +Griechen in jeder ihrer Statuen ein Bild des Momentes. Der Rhythmus +eines Körpers liegt im Augenblick, der Rhythmus einer Fuge im Verlauf. + + +3 + +So treten die Prinzipien der +Gestalt+ und des +Gesetzes+ vor uns +hin als der beiden Grundformen aller Weltbildung. Je entschiedener +ein Weltbild die Züge der Natur trägt, desto unumschränkter gilt +in ihm das Gesetz und die Zahl. Je reiner eine Welt als ein ewig +Werdendes angeschaut wird, desto zahlenfremder ist die ungreifbare +Fülle ihrer Gestaltung. So unterscheidet sich hinsichtlich der Methode +Goethes vielberufene „exakte sinnliche Fantasie“, die das Lebendige +unberührt läßt,[34] von dem exakten, tötenden Verfahren der modernen +Physik. Der Rest des +andern+ Elements, den man immer finden wird, +erscheint in der strengen Naturwissenschaft unter dem Phänomen nie zu +vermeidender +Theorien+ und +Hypothesen+, deren anschaulicher Gehalt +alles starr Zahlenmäßige und Formelhafte füllt und trägt, in der +Geschichtsforschung als +Chronologie+, jenes seltsame und doch nie +als dunkles Rätsel empfundene Phänomen eines Zahlennetzes, das -- als +Kette von Jahreszahlen, als Statistik -- die Gestaltenwelt umspinnt und +durchdringt, ohne mit dem Charakter von mathematischen Zahlen etwas zu +tun zu haben. + +Noch etwas andres ist hier zu bemerken. Da ein Werden immer dem +Gewordnen zugrunde liegt und Geschichte eine Ordnung des Weltbildes +im Sinne des Werdens darstellt, so ist Geschichte die +ursprüngliche+ +und Natur eine +späte+, erst dem Menschen reifer Kulturen vollziehbare +Weltform, nicht umgekehrt, zu welcher Annahme das Vorurteil des +städtischen wissenschaftlichen Verstandes neigt. In der Tat ist die +dunkle, urseelenhafte Umwelt der frühesten Menschheit, wovon heute +noch ihre religiösen Gebräuche und Mythen zeugen, jene Welt voller +Willkür, feindlicher Dämonen und launischer Mächte, durchaus ein +lebendiges, ungreifbares, rätselhaft wogendes und unberechenbares +Ganze. Mag man sie Natur nennen, so ist sie doch nicht unsre Natur, +der starre Reflex eines wissenden Geistes. Diese Urwelt klingt als +ein Stück längst vergangenen Menschentums nur in der Kinderseele +und in den großen Künstlern noch manchmal an, inmitten einer +strengen „Natur“, welche der Geist reifer Kulturen mit tyrannischer +Nachdrücklichkeit um den einzelnen aufbaut. Hierin liegt der Grund für +die gereizte Spannung zwischen wissenschaftlicher („moderner“) und +künstlerischer („unpraktischer“) Weltanschauung, die jede Spätzeit +kennt. Der Tatsachenmensch und der Dichter werden einander nie +verstehen. Hier ist auch der Grund zu suchen, weshalb jede angestrebte +Geschichtsforschung, die immer etwas von Kindheit und Traum, etwas +Goethesches in sich tragen müßte, an der Gefahr vorüberstreift, eine +bloße Physik des öffentlichen Lebens zu werden, „materialistisch“, wie +sie sich selbst ahnungslos genannt hat. + +„Natur“ im exakten Sinne ist die seltnere, auf den Menschen der großen +Städte später Kulturen beschränkte, männliche, vielleicht schon +greisenhafte Art, Wirklichkeit zu besitzen, Geschichte die naive und +jugendliche, auch die unbewußtere, die der +ganzen+ Menschheit eigen +ist. So wenigstens steht die zahlenmäßige, geheimnislose Natur des +Aristoteles und Kant, der Sophisten und Darwinisten, der modernen +Physik, der erlebten, grenzenlosen, gefühlten Natur Homers und der +Edda, des dorischen und gotischen Menschen gegenüber. Es heißt das +Wesen aller Geschichtsbetrachtung verkennen, wenn man dies übersieht. ++Sie+ ist die eigentlich +natürliche+, die exakte, mechanisch geordnete +Natur die +künstliche+ Fassung der Seele ihrer Welt gegenüber. Trotzdem +oder gerade deshalb ist dem modernen Menschen die Naturwissenschaft +leicht, die Geschichtsbetrachtung schwer. + +Regungen eines abstrakten, das heißt eben erzwungenen, künstlichen, +dem naiven Seelentum fremden Denkens, dessen Tendenz ganz und gar +auf mathematische Begrenzung, logische Unterscheidung, auf Gesetz +und Kausalität hinausgeht, tauchen früh genug auf. Man findet sie in +den ersten Jahrhunderten aller Kulturen, noch schwach, vereinzelt, +noch in der Fülle des Trieblebens verschwindend. Ich nenne den Namen +Roger Bacons. Sie nehmen bald einen strengeren Charakter an; es fehlt +ihnen, wie allem geistig Erkämpften und von der menschlichen Natur +ständig Bedrohten, das Herrische und Ausschließende nicht. Unvermerkt +durchdringt das Reich des Räumlich-Begrifflichen -- denn die Begriffe +sind ihrem Wesen nach Zahlen, von rein quantitativer Beschaffenheit -- +die Außenwelt des Einzelnen, bewirkt in, mit und unter den schlichten +Eindrücken der Sinnlichkeit einen mechanischen Zusammenhang kausaler +und zahlengesetzlicher Art und unterwirft zu guter Letzt das wache +Bewußtsein des großstädtischen Kulturmenschen -- sei es im ägyptischen +Theben oder in Babylon, in Benares, Alexandria oder in westeuropäischen +Weltstädten -- einem so anhaltenden Zwange des naturgesetzlichen +Denkens, daß das Vorurteil aller Philosophie und Wissenschaft -- denn +es +ist+ ein Vorurteil -- kaum Widerspruch findet, dieser Zustand sei ++der+ menschliche Geist und sein alter ego, das +mechanische+ Bild +der Umwelt, sei +die+ Welt. Aristoteles und Kant haben das Urteil +sakrosankt gemacht. Plato und Goethe widerlegen es. + + +4 + +Die große Aufgabe der Welterkenntnis, wie sie dem Menschen hoher +Kulturen ein Bedürfnis ist, eine Art Durchdringung seiner Existenz, +die er sich und ihr schuldig zu sein glaubt, mag man ihre Lösung nun +Wissenschaft oder Philosophie nennen, mag man ihre Verwandtschaft +zu künstlerischer Schöpfung und gläubiger Intuition mit innerster +Gewißheit fühlen oder bestreiten -- diese Aufgabe ist sicherlich +in jedem Falle die gleiche: die Formensprache des Weltbildes, das +dem Dasein des einzelnen +vorbestimmt+ ist, das er, solange er +nicht +vergleicht+, für +die+ Welt halten muß, in ihrer Reinheit +darzustellen. Diese +Auflösung+ der uns umgebenden Wirklichkeit in +ihre -- wie wir glauben -- einfachen Elemente empfinden wir als die +Lösung des Rätsels. Wir nennen sie Offenbarung, Entdeckung, Erkenntnis, +Erfahrung und sind gewiß, mit ihr den Inhalt unseres Daseins +bereichert, ein Stück von ihm vollendet zu haben. + +Angesichts der Zweiheit von Natur und Geschichte kann diese Aufgabe +eine doppelte sein. Beide reden ihre eigene, in jedem Betracht +verschiedene Formensprache und in einem Weltbilde von unentschiedenem +Charakter -- wie es die Regel ist -- können beide einander wohl +überlagern und verwirren, sich aber niemals zur Einheit verbinden. + +Richtung und Ausdehnung sind die Merkmale, durch die sich historische +und naturhafte Welteindrücke unterscheiden. Der Mensch ist gar nicht +imstande, beides gleichzeitig, im selben Augenblick entschieden in +Wirkung zu setzen. Das Wort Ferne hat einen bezeichnenden Doppelsinn. +Dort bedeutet es +Zukunft+, hier eine +räumliche Distanz+. Man wird +bemerken, daß der historische Materialist die Zeit mit Notwendigkeit +als Dimension empfindet. Für den geborenen Künstler sind umgekehrt, wie +die Lyrik aller Völker beweist, landschaftliche Fernen, Wolken, der +Horizont, die sinkende Sonne Eindrücke, die sich unbezwinglich mit dem +Gefühl von etwas Künftigem verbinden. Der griechische Dichter verneint +die Zukunft, folglich sieht, folglich besingt er dies alles nicht. Weil +er ganz der Gegenwart angehört, so gehört er auch ganz der Nähe. Der +Naturforscher, der produktive Verstandesmensch im eigentlichen Sinne, +sei er Experimentator wie Faraday, Theoretiker wie Galilei oder Rechner +wie Newton, findet in seiner Welt nur richtungslose +Quantitäten+, die +er mißt, prüft und ordnet. Nur Quantitatives unterliegt der Fassung +durch Zahlen, ist kausal determiniert, kann begrifflich zugänglich +gemacht und gesetzlich formuliert werden. Damit sind die Möglichkeiten +aller reinen Naturerkenntnis erschöpft. Alle Gesetze sind quantitative +Zusammenhänge oder, wie der Physiker es ausdrückt, alle physikalischen +Vorgänge +verlaufen im Raume+. Der antike Physiker würde diesen +Ausdruck im Sinne des antiken raumverneinenden Weltgefühls, ohne die +Tatsache zu ändern, dahin korrigiert haben, daß alle Vorgänge „+unter +Körpern stattfinden+“. + +Historischen Eindrücken ist alles Quantitative fremd. Ihr Organ ist ein +andres. Die beiden Arten von Rezeption, welche der Welt als Natur und +der Welt als Geschichte entsprechen, sind uns wohlbekannt, so wenig +wir uns auch bis jetzt ihres Gegensatzes bewußt gewesen sind. Es gibt ++Naturerkenntnis+ und +Menschenkenntnis+. Es gibt +wissenschaftliche +Erfahrung+ und +Lebenserfahrung+. Man verfolge den Gegensatz bis in +seine letzten Konsequenzen und man wird verstehen, was ich meine. + +Alle Arten, die Welt zu begreifen, dürfen letzten Endes als Morphologie +bezeichnet werden. +Die Morphologie des Mechanischen und Ausgedehnten, +eine Wissenschaft, die Naturgesetze und Kausalbeziehungen entdeckt +und ordnet, heißt Systematik. Die Morphologie des Organischen, der +Geschichte und des Lebens, alles dessen, was Richtung und Schicksal in +sich trägt, heißt Physiognomik.+ + +Je historischer ein Mensch veranlagt ist, desto mehr wird alles, was +er begreift, mitteilt, bildet, physiognomischen Charakter tragen. Der +hellenischen Statuenkunst lag alles Physiognomische fern, nicht weniger +dem attischen Drama. Das hat der Klassizismus Winckelmanns und Lessings +als das „Allgemein Menschliche“ mißverstanden. Goethe war in seiner +Pflanzenlehre wie im Tasso, in seiner Lyrik wie im persönlichen Umgang +ein Meister der Physiognomik. + + +5 + +Diese Art, die Welt zu sehen, hat in den letzten Stadien der +abendländischen Zivilisation ihre große Zeit noch vor sich. In hundert +Jahren werden alle Wissenschaften, die auf diesem Boden dann noch +möglich sind, Bruchstücke einer einzigen ungeheuren Physiognomik alles +Menschlichen sein. +Das bedeutet „Morphologie der Weltgeschichte“.+ +In jeder Wissenschaft, dem Ziel wie dem Stoffe nach, erzählt der +Mensch sich selbst. Wissenschaftliche Erfahrung ist Selbsterkenntnis. +Aus diesem Gesichtspunkte war soeben die Mathematik als Kapitel der +Physiognomik behandelt worden. Nicht was der einzelne Mathematiker ++beabsichtigt+, kam in Betracht. Der Fachmann als solcher mit seinen +Tatsachen und Leistungen scheidet aus. Der Mathematiker als Mensch, +dessen Wirksamkeit einen Teil seiner Erscheinung, dessen Wissen +und Meinen einen Teil seiner Gebärde bildet, ist das +Organ+ einer +Kultur. Durch ihn redet sie von sich. Er gehört als Person, als Geist, +entdeckend, erkennend, formend zu ihrer Physiognomie. + +Jede Mathematik, die als wissenschaftliches System oder, wie im Falle +Ägyptens, in Form einer Architektur die Idee einer Zahl allen sichtbar +zur Erscheinung bringt, ist das Bekenntnis einer Seele. So gewiß ihre +beabsichtigte Leistung nur der historischen Oberfläche angehört, so +gewiß ist ihr Unbewußtes, die Zahl selbst als Urphänomen und der +Stil ihrer Entwicklung zu einer abgeschlossenen Formenwelt, Ausdruck +des Daseins, des Blutes. Ihre Lebensgeschichte, ihr Aufblühen und +Verdorren, ihre tiefe Beziehung zu den bildenden Künsten, zu Mythen +und Kulten derselben Kultur, das alles gehört zu einer noch kaum für +möglich gehaltenen Morphologie der zweiten, der historischen Art. + +Die sichtbare Außenseite aller Historie hat demnach dieselbe Bedeutung +wie die äußere Erscheinung des einzelnen Menschen, Wuchs, Miene, +Haltung, Gang, Sprache, Tätigkeit. Das alles ist für den Menschenkenner +da. Der Leib, das Begrenzte, Gewordne, +Vergängliche+ ist Ausdruck +der Seele. Aber Menschenkenner sein bedeutet auch jene menschlichen +Organismen größten Stils, die ich Kulturen nenne, kennen, ihre Miene, +ihre Sprache, ihre Handlungen begreifen, wie man die eines einzelnen +Menschen begreift. Geschichte als Philosoph schreiben heißt das tun, +was Shakespeare tat, als er seine Tragödien einzelner Menschen schrieb. + +Physiognomik ist die ins Geistige übersetzte Kunst des Porträts. +Don Quijote, Werther, Julian Sorel sind die Porträts einer Epoche. +Faust ist das Porträt einer ganzen Kultur. Der Naturforscher, der +Morphologe als Systematiker, kennt das Porträt der Welt nur als +imitative Aufgabe. Das bedeutet „Naturtreue“, „Ähnlichkeit“ für den +malenden Handwerker, der im Grunde ganz mathematisch zu Werke geht. +Ein echtes Porträt im Sinne Rembrandts ist Physiognomik, ist Historie. +Die Reihe seiner Selbstbildnisse ist nichts andres als eine -- echt +Goethesche -- Selbstbiographie. So soll die Biographie der großen +Kulturen geschrieben werden. Der imitative Teil, die Arbeit des +Fachhistorikers an Daten und Zahlen, ist nur Mittel, nicht Ziel. Zu +den Zügen im Antlitz der Historie gehört alles, was man bis jetzt nur +nach persönlichen Maßstäben, nach Nutzen und Schaden, Gut und Böse, +Gefallen und Mißfallen zu werten verstanden hat, eine Staatsform +wie eine Wirtschaftsform, Schlachten wie Künste, Wissenschaften wie +Götter, Mathematik wie Moral. Alles, was überhaupt +geworden+ ist, +alles, was erscheint, ist Symbol, ist Ausdruck einer Seele. Es will +mit dem Auge des Menschenkenners betrachtet, es will nicht in Gesetze +gebracht, es will in seiner Bedeutung gefühlt werden. Und so erhebt +sich die Untersuchung zu einer letzten und höchsten Gewißheit: +Alles +Vergängliche ist nur ein Gleichnis.+ + +Zur Naturerkenntnis kann man erzogen werden, der Geschichtskenner +wird +geboren+. Er begreift und durchdringt mit einem Schlage, aus +einem Gefühl heraus, das man nicht lernt, das jeder absichtlichen +Einwirkung entzogen ist, das dem Willen nicht unterliegt, das in seinen +höchsten Momenten sich selten genug einstellt. Zerlegen, definieren, +ordnen, nach Ursache und Wirkung abgrenzen kann man, wenn man will. +Das ist eine Arbeit, das andre ist eine Schöpfung. Gestalt und Gesetz, +Gleichnis und Begriff, Symbol und Formel haben ein sehr verschiedenes +Organ. Es ist das Verhältnis von +Leben und Tod+, von Zeugen und +Zerstören, das hier erscheint. Der Verstand, der Begriff tötet, indem +er „erkennt“. Er macht das Erkannte zum starren Gegenstand, der +sich messen und teilen läßt. Das Anschauen beseelt. Es verleibt das +Einzelne einer lebendigen, innerlich gefühlten Einheit ein. Dichten +und Geschichtsforschung sind verwandt, Rechnen und Erkennen sind es +auch. Aber -- wie Hebbel einmal sagt: „Systeme werden nicht erträumt, +Kunstwerke nicht errechnet oder, was dasselbe ist, erdacht.“ Der +Künstler, der echte Historiker schaut, wie etwas wird. Er erlebt das +Werden in den Zügen des Betrachteten noch einmal. Der Systematiker, +sei er Physiker, Darwinist, oder schreibe er pragmatische Historie, +erfährt, was geworden ist. Die Seele eines Künstlers ist wie die Seele +einer Kultur etwas, das sich verwirklichen möchte, etwas vollständiges +und vollkommenes, in der Sprache einer altern Philosophie: Mikrokosmos. +Der Geist des Physikers, eine späte, engere und vorübergehende +Erscheinung, gehört in die reifsten Stadien einer Kultur. Er ist an +das Phänomen der +Städte+ gebunden, in denen sich ihr Leben mehr und +mehr zusammendrängt, und er verschwindet wieder mit ihnen. Antike +Wissenschaft gibt es nur von den Ioniern des 6. Jahrhunderts an bis zur +Römerzeit. Antike Künstler gibt es, solange es eine Antike gibt. + +Ein Schema möge wieder zur Verdeutlichung dienen: + + { +Seele+ +Welt+ + Bewußtsein { Möglichkeit --> Vollendung --> Wirklichkeit + { (+Leben+) | + v + { Werden ------> Gewordenes + Anschauung { Richtung Ausdehnung + und { Organisch Mechanisch + Erkenntnis { Symbol, Bild \ Zahl, Begriff + | \ / | + | X | + V ⬋ \ V + { +Geschichte+ ⬊ +Natur+ + { Gestalt Gesetz + Weltbild { Physiognomik Systematik + { (Religion, Kunst) (Wissenschaft, Praxis) + +Versucht man sich über das Prinzip der +Einheit+ klar zu werden, aus +welcher jede der beiden Welten aufgefaßt wird, so findet man, daß +mathematisch geregelte Erkenntnis, und zwar desto entschiedener, +je reiner sie ist, sich durchaus auf ein beständig +Gegenwärtiges+ +bezieht. Das Bild der Natur, wie es der Physiker betrachtet, ist +das augenblicklich vor seinen Sinnen sich entfaltende. Zu den +meist verschwiegenen, aber um so festeren Voraussetzungen aller +Naturforschung gehört die, daß die Natur für alle und zu allen +Zeiten dieselbe sei. Ein Experiment entscheidet „für immer“. +Wirkliche Geschichte aber beruht auf dem ebenso gewissen innern +Gefühl des Gegenteils. Geschichte setzt als ihr Organ eine schwer zu +beschreibende Art innerer Sinnlichkeit voraus, deren Eindrücke in +unendlicher Wandlung begriffen sind, mithin in einem Zeitpunkte gar +nicht zusammengefaßt werden können. (Von der vermeintlichen „Zeit“ +der Physiker wird später die Rede sein.) Das Bild der Geschichte +-- sei es die der Menschheit, der Organismenwelt, der Erde, der +Fixsternsysteme -- ist ein +Gedächtnisbild+. Und zwar kann man die +frühere Unterscheidung wiederholen und sagen, daß „Natur“ ein Weltbild +sei, in welchem das Gedächtnis der Einheit des unmittelbar Sinnlichen +unterworfen ist, „Geschichte“ dasjenige, in welchem das Gedächtnis die +Eindrücke der Sinne sich einverleibt. Gedächtnis wird hier als ein +höherer Zustand aufgefaßt, der durchaus nicht jeder Seele eigen und +vielen nur in geringem Grade verliehen ist, eine Art Einbildungskraft, +die jeden Augenblick sub specie aeternitatis, in steter Beziehung auf +alles Vergangene und Zukünftige durchlebt werden läßt; es ist die +Voraussetzung jeder Art von reflektierender Beschaulichkeit, von +Selbsterkenntnis und Selbstbekenntnis. In diesem Sinne besitzt der +antike Mensch kein Gedächtnis, mithin keine Geschichte, weder in sich +noch um sich. („Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich +selbst Geschichte erlebt hat.“ Goethe.) Im antiken Weltbewußtsein wird +alles Vergangene im Augenblicklichen aufgesaugt. Man vergleiche die +äußerst „historischen“ Köpfe der Naumburger Domskulpturen, Dürers, +Rembrandts mit denen hellenistischer Bildnisse, etwa der bekannten +Sophoklesstatue. Die einen erzählen die ganze Geschichte einer Seele, +die Züge des andern beschränken sich streng auf den Ausdruck eines +augenblicklichen innern Zustandes. Sie schweigen von allem, was im +Laufe eines Lebens zu diesem Zustande geführt hat -- wenn davon bei +einem echt antiken Menschen, der immer fertig, nie ein Werdender ist, +überhaupt die Rede sein kann. + + +6 + +Und nun ist es möglich, die letzten Elemente der historischen +Formenwelt aufzufinden. Unzählige Gestalten, in endloser Fülle +auftauchend, verschwindend, sich abhebend, wieder verfließend, ein in +tausend Farben und Lichtern blinkendes Gewirr von anscheinend freiester +Zufälligkeit -- das ist zunächst das Bild der Weltgeschichte, wie sie +als Ganzes vor dem anschauenden Geiste sich ausbreitet. Der tiefer ins +Wesenhafte dringende Blick aber hebt aus dieser Willkür reine Formen +hervor, die dicht verhüllt und nur widerwillig sich entschleiernd allem +menschlichen Werden zugrunde liegen. + +Vom Bilde des gesamten Weltwerdens, wie es das faustische Auge umfaßt, +dem Werden der Sternensysteme, der Erdoberfläche, der Lebewesen, +betrachten wir jetzt nur die äußerst kleine morphologische Einheit +der „Weltgeschichte“ im landläufigen Sinne, der von Goethe wenig +geachteten Geschichte des höheren Menschentums, die wenig mehr als +6000 Jahre umfaßt, ohne auf das tiefe Problem der Symmetrie all +dieser Gebilde einzugehen. Was dieser flüchtigen Formenwelt Sinn +und Gehalt gibt und was bis jetzt tief verschüttet unter der kaum +verstandenen Masse handgreiflicher „Daten“ und „Tatsachen“ lag, ist +das +Phänomen der großen Kulturen+. Erst nachdem diese Urformen in +ihrer physiognomischen, organischen Bedeutsamkeit erschaut, gefühlt, +herausgearbeitet worden sind, kann das Wesen der Geschichte -- +gegenüber dem Wesen der Natur -- als verstanden gelten. Erst von +diesem Ein- und Ausblicke an darf von einer Philosophie der Geschichte +ernsthaft die Rede sein. Erst dann ist es möglich, jedes Faktum +im historischen Bilde, jeden Gedanken, jede Kunst, jeden Krieg, +jede Persönlichkeit, jede Epoche ihrem symbolischen Gehalte nach +zu begreifen und die Geschichte selbst nicht mehr als bloße Summe +von Vergangenem ohne eigentliche Ordnung und innere Notwendigkeit +zu begreifen, sondern als einen Organismus von strengstem Bau und +sinnvollster Gliederung, in dessen Entwicklung die zufällige Gegenwart +des Betrachters keinen Abschnitt bezeichnet und die Zukunft nicht mehr +formlos und unbestimmbar erscheint. + ++Kulturen sind Organismen.+ Kulturgeschichte ist ihre Biographie. Die +in historischer Erscheinung -- im Gedächtnisbilde -- uns vorliegende +Geschichte der chinesischen oder antiken Kultur ist morphologisch +das genaue Seitenstück zur Geschichte des einzelnen Menschen, eines +Tieres, eines Baumes oder einer Blume. Will man ihre Struktur kennen +lernen, so hat die vergleichende Morphologie der Pflanzen und Tiere +längst die Methode dazu vorbereitet.[35] Im Phänomen der einzelnen, +aufeinander folgenden, nebeneinander aufwachsenden, sich berührenden, +überschattenden, erdrückenden Kulturen erschöpft sich der Gehalt +aller Historie. Und läßt man ihre Gestalten, die bis jetzt nur allzu +gut unter der Oberfläche einer trivial fortlaufenden „Geschichte +der Menschheit“ verborgen lagen, im Geiste vorüberziehen, so muß +es gelingen, den Typus, die Urgestalt +der+ Kultur, frei von allem +Trübenden und Unbedeutenden, aufzufinden, die allen einzelnen Kulturen +als Formideal zugrunde liegt. + +Ich unterscheide die +Idee+ einer Kultur, ihre inneren Möglichkeiten, +von ihrer sinnlichen +Erscheinung+ im Bilde der Geschichte als der +vollzogenen Verwirklichung. Es ist das Verhältnis der Seele zum +Körper, ihrem +Ausdruck+ im Bereiche des Ausgedehnten und Gewordenen. +Geschichte einer Kultur ist die Verwirklichung ihres Möglichen. Die +Vollendung ist gleichbedeutend mit dem Ende. So verhält sich die +apollinische Seele, deren Idee einige von uns vielleicht noch einmal ++fühlen+ und +nacherleben+ können, zu ihrer räumlichen Entfaltung, +der +wissenschaftlich+ zugänglichen „Antike“, deren Physiognomie der +Archäologe, der Philologe, der Ästhetiker und der Historiker studieren. + +Kultur ist das +Urphänomen+ aller vergangenen und künftigen +Weltgeschichte. Die tiefe und wenig gewürdigte Idee Goethes, die +er in seiner lebendigen Natur fand und seinen morphologischen +Forschungen stets zugrunde gelegt hat, soll hier in ihrem genauesten +Sinne auf all die vollkommen ausgereiften, in der Blüte erstorbenen, +halbentwickelten, im Keim erstickten Bildungen der menschlichen +Geschichte angewendet werden. Hier redet nicht der analysierende +Verstand, sondern das unmittelbare Weltgefühl, das Anschauen. „Das +Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen, und wenn ihn +das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden, ein Höheres +kann es ihm nicht gewähren und ein Weiteres soll er nicht dahinter +suchen: hier ist die Grenze.“ Ein Urphänomen ist dasjenige, in welchem +die Idee des Werdens rein vor Augen liegt. Goethe sah die Idee der ++Urpflanze+ in der Gestalt jeder einzelnen, zufällig entstandenen oder +überhaupt möglichen Pflanze klar vor seinem geistigen Auge. Er fühlte +hier den Sinn des Werdens mit aller Deutlichkeit. Er ging bei seiner +großen Entdeckung des _os intermaxillare_, die allein alle Leistungen +Darwins aufwiegt, vom +Urphänomen des Wirbeltiertypus+, auf anderem +Gebiete von der geologischen Schichtung, vom Blatt als der +Urform+ +aller pflanzlichen Organe, von der Metamorphose der Pflanzen als dem +Urbild alles organischen Werdens aus. „Dasselbe Gesetz wird sich auf +alles übrige Lebendige anwenden lassen“, schrieb er aus Neapel an +Herder, als er ihm seine Entdeckung mitteilte. Das 19. „historische“ +Jahrhundert hat ihn nicht verstanden. + +Das Urphänomen ist, wie Goethe mit Entschiedenheit betont, reine +Anschauung einer Idee, nicht Erkenntnis eines Begriffes. Alle +Geschichtsschreibung aber ist bisher eine durchaus anorganische +Kombination objektiver Tatsachen und Beobachtungen gewesen, die sich +bestenfalls aus einem Erkenntnisprinzip von sozialer oder politischer, +jedenfalls kausaler Formulierung ergab, das man in Wirklichkeit der +Naturforschung und zwar der materialistischen abgelauscht hatte. +Wenn man sich nicht im Stile Hegels und Schellings in Abstrusitäten +verlor, so trieb man Systematik. Der Darwinismus mit seinen möglichst +massiven, möglichst praktischen „Ursachen“ -- die der westeuropäische +Großstadtmensch sonst nicht als Ursachen von Wirkungen begriffen hätte +-- ist tatsächlich die Übertragung parteipolitischer Plattheiten auf +die Erscheinungen der Tierwelt, aber andererseits sind die Prinzipien +der heute so „wirtschaftlich“ gestimmten Geschichtsschreibung +biologische, vom Darwinismus zurückeroberte Plattheiten. Von einer +strengen und klaren Physiognomik, deren exakte Methoden erst noch +zu finden waren, ist niemals die Rede gewesen. Hier liegt die +Aufgabe des 20. Jahrhunderts vor, die Struktur der historischen +Organismen bloßzulegen, das morphologisch Notwendige vom Zufälligen zu +unterscheiden, den Ausdruck aller historischen Züge zu entziffern und +den letzten Sinn dieser stummen Sprache aufzufinden. + +Die bisher abgelaufene Geschichte ist nicht übersichtlich. Als +ganz ausgereifte Gebilde, deren jedes also den Körper eines zur +inneren Vollendung gelangten Seelentums repräsentiert, darf man die +chinesische, babylonische, ägyptische, indische, antike, arabische, +abendländische und die Mayakultur betrachten. Als im Entstehen +begriffen kommt die russische in Betracht. Die Zahl der nicht zur Reife +gelangten Kulturen ist gering; die persische, hettitische und die der +Kitschua befinden sich darunter. Für das Verständnis des Urphänomens +selbst sind sie ohne Bedeutung. + + +7 + +Eine unübersehbare Masse menschlicher Wesen, ein uferloser Strom, +der aus dunkler Vergangenheit hervortritt, dort, wo unser Zeitgefühl +seine ordnende Wirksamkeit verliert und die ruhelose Phantasie -- oder +Angst -- in uns das Bild geologischer Erdperioden hingezaubert hat, um +ein nie zu lösendes Rätsel dahinter zu verbergen, der sich in eine +ebenso dunkle und zeitlose Zukunft verliert: das ist der Untergrund +des Bildes der Menschengeschichte. Der einförmige Wellenschlag +zahlloser Generationen bewegt die weite Fläche. Glitzernde Streifen +breiten sich aus. Flüchtige Lichter ziehen und tanzen darüber hin, +verwirren und trüben den klaren Spiegel, verwandeln sich, blitzen +auf und verschwinden. Wir haben sie Geschlechter, Stämme, Völker, +Rassen genannt. Sie fassen eine Reihe von Generationen in einem +beschränkten Kreise der historischen Oberfläche zusammen. Wenn die +gestaltende Kraft in ihnen erlischt -- und diese Kraft ist eine sehr +verschiedene und bestimmt eine sehr verschiedene Dauer und Plastizität +dieser Phänomene im voraus --, erlöschen auch die physiognomischen, +sprachlichen, geistigen Merkmale und die Erscheinung löst sich wieder +in dem Chaos der Generationen auf. Arier, Mongolen, Germanen, Kelten, +Parther, Franken, Karthager, Berber, Bantu sind Namen für höchst +verschiedenartige Gebilde dieser Ordnung. + +Über diese Fläche hin aber ziehen die großen Kulturen ihre +majestätischen Wellenkreise. Sie tauchen plötzlich auf, verbreiten sich +in prachtvollen Linien, glätten sich, verschwinden und der Spiegel der +Flut liegt wieder einsam und schlafend da. + +Eine Kultur wird in dem Augenblick geboren, wo eine große Seele aus +dem urseelenhaften Zustande ewig-kindlichen Menschentums erwacht, +sich ablöst, eine Gestalt aus dem Gestaltlosen, ein Begrenztes und +Vergängliches aus dem Grenzenlosen und Verharrenden. Sie erblüht auf +dem Boden einer genau abgrenzbaren Landschaft, an die sie pflanzenhaft +gebunden bleibt. Eine Kultur stirbt, wenn diese Seele die volle +Summe ihrer Möglichkeiten in der Gestalt von Völkern, Sprachen, +Glaubenslehren, Künsten, Staaten, Wissenschaften verwirklicht hat und +damit wieder ins Urseelentum zurückkehrt. Ihr lebendiges Dasein aber, +jene Folge großer Epochen, die in strengem Umriß die fortschreitende +Vollendung bezeichnen, ist ein tiefinnerlicher, leidenschaftlicher +Kampf um die Behauptung der Idee gegen die Mächte des Chaos nach außen, +gegen das Unbewußte nach innen, in das sie sich grollend zurückgezogen +haben. Nicht nur der Künstler kämpft gegen den Widerstand der Materie +und gegen die Vernichtung der Idee in sich. Jede Kultur steht in einer +tief symbolischen Beziehung zu Stoff und Raum, in dem, durch den sie +sich realisieren will. Ist das Ziel erreicht und die Idee, die ganze +Fülle innerer Möglichkeiten vollendet und nach außen hin verwirklicht, +so +erstarrt+ die Kultur plötzlich, sie stirbt ab, ihr Blut +gerinnt, ihre Kräfte brechen -- sie wird zur +Zivilisation+. So +kann sie, ein abgestorbener Baumriese im Urwald, noch Jahrhunderte +hindurch die morschen Äste emporstrecken. Wir sehen es an Ägypten, +an China, an Indien, an der Welt des Islam. So ragte die antike +Zivilisation der Kaiserzeit mit einer scheinbaren Jugendkraft und Fülle +riesenhaft auf und nahm der jungen arabischen Kultur des Ostens Luft +und Licht. + +Dies ist der Sinn aller +Untergänge+ in der Geschichte, von denen +der in seinen Umrissen deutlichste als „Untergang der Antike“ vor uns +steht, während wir die frühesten Anzeichen des eignen, eines nach +Verlauf und Dauer jenem völlig kongruenten Ereignisses, das den ersten +Jahrhunderten des nächsten Jahrtausends angehört, den „Untergang des +Abendlandes“, heute schon deutlich in und um uns spüren. + +Jede Kultur durchläuft die Altersstufen des einzelnen Menschen. Jede +hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr Greisentum. +Eine junge, verschüchterte, ahnungsschwere Seele offenbart sich in +der Morgenfrühe der Romanik und Gotik. Sie erfüllt die faustische +Landschaft von der Provence der Troubadoure an bis zum Hildesheimer +Bischof Bernwards. Hier weht Frühlingswind. „Man sieht in den +Werken der altdeutschen Baukunst“, sagt Goethe, „die Blüte eines +außerordentlichen Zustandes. Wem eine solche Blüte unmittelbar +entgegentritt, der kann nichts als anstaunen; wer aber in das geheime +innere Leben der Pflanze hineinsieht, in das Regen der Kräfte und +wie sich die Blüte nach und nach entwickelt, der sieht die Sache +mit ganz andern Augen, der weiß, was er sieht.“ Kindheit spricht +ebenso und in ganz verwandten Lauten aus der frühhomerischen Dorik, +aus der altchristlichen, das heißt früharabischen Kunst und aus +den Werken des mit der 4. Dynastie beginnenden Alten Reiches in +Ägypten. Da ringt ein mythisches Weltbewußtsein mit allem Dunklen und +Dämonischen in sich und in der Natur wie mit einer +Schuld+, um +langsam dem reinen lichtklaren Ausdruck eines endlich gewonnenen +und begriffenen Daseins entgegen zu reifen. Je mehr sich eine Kultur +der Mittagshöhe ihres Daseins nähert, desto männlicher, herber, +beherrschter, gesättigter wird ihre endlich gesicherte Formensprache, +desto gewisser ist sie im Gefühl ihrer Kraft, desto klarer werden ihre +Züge. In der Frühzeit ist das alles noch dumpf, verworren, suchend, +von kindlicher Sehnsucht und Angst zugleich erfüllt. Man betrachte +die Ornamentik romanischer Kirchenportale Sachsens und des südlichen +Frankreichs. Man denke an die Vasen des Dipylonstils. Jetzt, im vollen +Bewußtsein der gereiften Gestaltungskraft, wie sie die Zeitalter +des Sesostris, der Peisistratiden, Justinians I., der spanischen +Weltmacht Karls V. zeigen, erscheint jede Einzelheit des Ausdruckes +gewählt, streng, gemessen, von einer wunderbaren Leichtigkeit und +Selbstverständlichkeit. Hier finden sich überall Momente von einer +leuchtenden Vollkommenheit, Momente, in denen der Kopf Amenemhets +III. (die Hyksossphinx von Tanis), die Wölbung der Hagia Sophia, +die Gemälde Tizians entstanden sind. Noch später, zart, beinahe +zerbrechlich, von der wehen Süßigkeit der letzten Oktobertage sind die +knidische Aphrodite und die Korenhalle des Erechtheion, die Arabesken +an sarazenischen Hufeisenbögen, der Dresdner Zwinger, Watteau und +Mozart. Zuletzt, im Greisentum der anbrechenden Zivilisation, erlischt +das Feuer der Seele. Die abnehmende Kraft wagt sich noch einmal, mit +halbem Erfolge -- im Klassizismus, der keiner erlöschenden Kultur +fremd ist -- an eine große Schöpfung; die Seele denkt noch einmal -- +in der Romantik -- wehmütig an ihre Kindheit zurück. Endlich verliert +sie, müde, verdrossen und kalt, die Lust am Dasein und sehnt sich -- +wie in der Römerzeit -- aus dem tausendjährigen Lichte wieder in das +Dunkel urseelenhafter Mystik, in den Mutterschoß, ins Grab zurück. Das +ist der Zauber, den damals der Isis-, Serapis-, Horus-, Mithraskult +auf das sterbende Römertum ausübten, dieselben Kulte, welche eine eben +ertagende Seele im Osten als den frühesten, träumerischen, ängstlichen +Ausdruck ihres Seins konzipiert und mit einer neuen Innerlichkeit +erfüllt hatte. + + +8 + +Man spricht vom +Habitus+ einer Pflanze und meint damit die ihr +allein zugehörige Art der äußern Erscheinung, den Charakter und Stil +ihres Hervortretens in den Bereich des Gewordnen und Ausgedehnten, +durch den sich jede in jedem ihrer Teile und auf jeder Altersstufe von +den Exemplaren aller andern Gattungen unterscheidet. Ich wende diesen +für die Physiognomik wichtigen Begriff auf die großen Organismen der +Geschichte an und spreche von dem Habitus indischer, ägyptischer, +antiker Kultur, Geschichte oder Geistigkeit. Ein unbestimmtes Gefühl +davon hat immer schon dem +Stilbegriff+ zugrunde gelegen und es +heißt ihn nur verdeutlichen und vertiefen, wenn man vom religiösen, +geistigen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen Stil einer Kultur, +überhaupt vom +Stil einer Seele+ spricht. Dieser Habitus des +bewußten Daseins, der beim einzelnen Menschen sich auf Gesinnungen, +Gedanken, Gebärden, Handlungen erstreckt, umfaßt im Dasein ganzer +Kulturen den gesamten Lebensausdruck höherer Ordnung, wie die Wahl +bestimmter Kunstgattungen (der Rundplastik, des Fresko durch die +Hellenen, des Kontrapunkts, der Ölmalerei im Abendlande), und die +entschiedene Ablehnung anderer (der Plastik durch die Araber), den +Hang zur Esoterik (Indien) oder Popularität (Antike), zur Rede +(Antike) oder Schrift (China, Abendland) als den Formen der geistigen +Mitteilung, den Typus ihrer Staatenbildungen, Geldsysteme, öffentlichen +Sitten. Alle großen Persönlichkeiten der Antike bilden -- ganz +mathematisch betrachtet -- eine Gruppe, deren seelischer Habitus von +dem aller großen Menschen der arabischen oder abendländischen Gruppe +wohl unterschieden ist. Man vergleiche selbst Goethe oder Raffael +mit antiken Menschen und Heraklit, Sophokles, Plato, Alkibiades, +Themistokles, Horaz, Tiberius rücken sofort zu einer einzigen Familie +zusammen. Jede antike Weltstadt, vom Syrakus des Hieron bis zum +kaiserlichen Rom, ist als Verkörperung und Sinnbild eines und desselben +Lebensgefühls, nach Grundriß, Straßenbild, Sprache der privaten und +öffentlichen Architektur, nach dem Typus von Plätzen, Gassen, Höfen, +Fassaden, nach Farbe, Lärm, Gewimmel, nach dem Geist ihrer Nächte +von der Gruppe der indischen, der arabischen, der abendländischen +Weltstädte streng unterschieden. Im eroberten Granada war die ganze +Seele arabischer Städte, Bagdads und Kairos, noch lange fühlbar, +während in dem Madrid Philipps II. schon alle physiognomischen Merkmale +der modernen Stadtbilder von Berlin, London und Paris anzutreffen +sind. Es liegt eine hohe Symbolik in jedem unterscheidenden Moment; +man denke an den abendländischen Hang zu gradlinigen Perspektiven und +Straßenfluchten wie dem mächtigen Zuge der Champs Elysées vom Louvre an +oder dem Platz vor der Peterskirche und dessen Gegensatz in der fast +absichtlichen Verworrenheit und Enge der Via sacra, des Forum Romanum +und der Akropolis mit ihrer unsymmetrischen und unperspektivischen +Ordnung der Teile. Auch der Städtebau wiederholt, ob aus Instinkt wie +in der Gotik oder bewußt wie seit Alexander und Napoleon, das Prinzip +der leibnizschen Mathematik des unendlichen Raumes und der euklidischen +der vereinzelten Körper. + +Zum Habitus einer Gruppe von Organismen gehört aber auch eine bestimmte ++Lebensdauer+ und ein bestimmtes +Tempo+ der Entwicklung. Diese +Begriffe dürfen in einer Strukturlehre der Historie nicht fehlen. Der ++Takt+ des antiken Daseins war ein anderer als der des ägyptischen +oder arabischen. Man darf vom Andante des hellenisch-römischen und +vom Allegro con brio des faustischen Geistes reden. Mit dem Begriff +der Lebensdauer eines Menschen, eines Adlers, einer Schildkröte, +einer Eiche oder Palme verbindet sich, ganz unabhängig von allen +Zufälligkeiten des Einzelschicksals, ein bestimmter Wert. Zehn Jahre +sind im Leben aller Menschen ein annähernd gleichbedeutender Abschnitt, +und die Metamorphose der Insekten knüpft sich in einzelnen Fällen an +eine im voraus genau bekannte Anzahl von Tagen. Die Römer verbanden +mit ihren Begriffen pueritia, adolescentia, juventus, virilitas, +senectus eine geradezu mathematisch genaue Vorstellung. Die Biologie +der Zukunft wird ohne Zweifel die +vorbestimmte+ Lebensdauer der Arten +und Gattungen -- im Gegensatz zum Darwinismus und mit grundsätzlicher +Ausschaltung kausaler Zweckmäßigkeitsmotive für die Entstehung der +Arten -- zum Ausgangspunkt einer ganz neuen Problemstellung machen. +Die Dauer einer Generation -- gleichviel von was für Wesen -- ist ein +Wert von beinahe mystischer Bedeutung. Diese Beziehungen besitzen nun +auch, in einer bisher nie geahnten Weise, für alle Kulturen Geltung. ++Jede Kultur, jede Frühzeit, jeder Aufstieg und Niedergang, jede ihrer +notwendigen Phasen hat eine bestimmte, immer gleiche, immer mit dem +Nachdruck eines Symbols wiederkehrende Dauer.+ In diesem Buche muß +darauf verzichtet werden, diese Welt geheimnisvollster Zusammenhänge +zu erschließen, aber die im folgenden immer wieder aufleuchtenden +Tatsachen werden verraten, was alles hier verborgen liegt. Was bedeutet +die in allen Kulturen herrschende 50jährige Periode im Rhythmus des +politischen, geistigen, künstlerischen Werdens?[36] (Das +seelische +Verhältnis+ des Großvaters zum Enkel liegt hier zugrunde.)[37] Was die +300jährigen Perioden der Gotik, des Barock, der Dorik, der Ionik, der +großen Mathematiken, der attischen Plastik, der Mosaikmalerei, des +Kontrapunkts, der galileischen Mechanik? Was bedeutet die +ideale+ +Lebensdauer von einem Jahrtausend für jede Kultur im Vergleich zu der +des Einzelnen, dessen „Leben 70 Jahre währt“? + +Wie Blätter, Blüten, Zweige, Früchte in Tracht, Form und Haltung +ein Pflanzendasein zum Ausdruck bringen, so tun es die ethischen, +mathematischen, politischen, wirtschaftlichen Bildungen im Dasein +einer Kultur. Was etwa für Goethes Individualität eine Reihe so +verschiedenartiger Äußerungen wie der Faust, die Farbenlehre, der +Reineke Fuchs, Tasso, Werther, die Reise nach Italien, die Liebe zu +Friederike, der Divan und die römischen Elegien waren, das bedeuten für +die Individualität der Antike die Perserkriege, die attische Tragödie, +die Polis, das Dionysische so gut wie die Tyrannis, die ionische +Säule, die Geometrie Euklids, der Garten Epikurs, die römische Legion, +die Gladiatorenkämpfe und das „panem et circenses“ der Kaiserzeit. + +In diesem Sinne wiederholt mit tiefster Notwendigkeit jedes irgendwie +bedeutende Einzeldasein alle Phasen der Kultur, der es angehört. In +jedem von uns erwacht das Innenleben -- in jenem entscheidenden Moment, +von dem an man weiß, daß man ein Ich hat -- dort, wo einst die Seele +der ganzen Kultur erwachte. Jeder von uns Menschen des Abendlandes +erlebt als Kind seine Gotik, seine Dome, Ritterburgen und Heldensagen, +das „_Dieu le veut_“ der Kreuzzüge in wachen Träumen und +Kinderspielen noch einmal. Jeder junge Grieche hatte sein homerisches +Zeitalter und sein Marathon. In Goethes Werther, dem Bild einer Epoche, +die jeder faustische, aber kein antiker Mensch kennt, taucht die +Frühzeit Petrarcas und des Minnesangs noch einmal auf. Als Goethe den +Urfaust entwarf, war er Parzival. Als er den ersten Teil abschloß, +war er Hamlet. Erst mit dem zweiten Teil wurde er der Weltmann des +19. Jahrhunderts, der Byron verstand. Selbst das Greisentum, jene +grillenhaften und unfruchtbaren Jahrhunderte des spätesten Hellenismus, +die „zweite Kindheit“ einer müden, blasierten Intelligenz, ist an +mehr als einem großen Greise des Griechentums zu studieren. In den +Bacchen des Euripides ist viel von der Vitalität, in Platos Timaios +von dem religiösen Synkretismus der Kaiserzeit vorweggenommen. Und +Goethes zweiter Faust, Wagners Parsifal verraten im voraus, welche +Gestalt +unser+ Seelentum in den nächsten, den +letzten+ +Jahrhunderten annehmen wird. + +Als +Homologie der Organe+ bezeichnet die Biologie die +morphologische+ +Gleichwertigkeit im Gegensatz zur +Analogie+ der Organe, die sich +auf die Gleichwertigkeit der +Funktion+ bezieht. Goethe hat diesen +bedeutenden und in der Folge so fruchtbaren Begriff konzipiert, dessen +Verfolgung ihn zur Entdeckung des _os intermaxillare_ beim Menschen +führte; Owen hat ihm eine streng wissenschaftliche Fassung gegeben. Ich +führe auch diesen Begriff in die historische Methode ein. + +Man weiß, daß jedem Teile des menschlichen Kopfskeletts bei jedem +Wirbeltiere bis zu den Fischen herab ein anderer genau entspricht, +daß die Brustflossen der Fische und Füße, Flügel, Hände der +landbewohnenden Wirbeltiere homologe Organe sind, auch wenn sie den +leisesten Anschein von Ähnlichkeit verloren haben. +Homolog+ sind +die Lunge der Landtiere und die Schwimmblase der Fische, +analog+ -- +in bezug auf den Gebrauch -- sind Lunge und Kiemen.[38] Hier äußert +sich eine vertiefte, durch strengste Schulung des Blickes erworbene +morphologische Begabung, die der heutigen Geschichtsforschung mit ihren +oberflächlichen Vergleichen -- zwischen Christus und Buddha, Cäsar +und Wallenstein, der deutschen und der hellenischen Kleinstaaterei +-- völlig fremd ist. Man vergleicht die spätantike Baukunst mit +dem Barock, Archimedes mit Galilei, Weimar mit Florenz. -- Im 18. +Jahrhundert war eine geistreiche Morphologie beliebt, welche den +Löwenschwanz mit einer Fächerpalme, den Hals des Schwans mit einer +keimenden Zwiebel genetisch in Verbindung brachte. Es wird sich im +Verlaufe dieses Buches zeigen, welch ungeheure Perspektiven sich dem +historischen Blick eröffnen, sobald jene vertiefte Methode, historische +Phänomene aufzufassen, verstanden und ausgebildet worden ist. Homologe +Bildungen sind, um hier nur weniges zu nennen, die schon oft erwähnte +griechische Plastik und die nordische Instrumentalmusik, die Pyramiden +der 4. Dynastie und die gotischen Dome, der indische Buddhismus und +der römische Stoizismus (Buddhismus und Christentum sind +nicht einmal +analog+), die Feldzüge Alexanders und Napoleons (+nicht+ die Cäsars), +die Zeit des Perikles und die der Regentschaft (des Kardinals Fleury), +die Epochen Plotins und Dantes. Homolog sind dionysische Strömung +und Renaissance, analog dionysische Strömung und Reformation. Für +uns -- das hat Nietzsche richtig gefühlt -- resümiert Wagner die +Modernität. +Folglich+ muß es für die antike Modernität, für antike +Weltstadtseelen und -nerven etwas Entsprechendes geben. Es ist die +pergamenische Kunst. Die Tafeln am Anfang geben einen vorläufigen +Begriff von der Fruchtbarkeit dieses Aspekts. + +Aus der Homologie historischer Phänomene folgt sogleich ein völlig +neuer Begriff. Ich nenne +gleichzeitig+ zwei geschichtliche +Fakta, die, jedes in seiner Kultur, in genau derselben -- relativen +-- Lage eintreten und also eine genau entsprechende Bedeutung +haben. Es war gezeigt worden, wie die Entwicklung der antiken und +der abendländischen Mathematik in völliger Kongruenz verläuft. Der +Fall ist typisch. Hier hätten also Pythagoras und Descartes, Plato +und Laplace, Archimedes und Gauß als +gleichzeitig+ bezeichnet +werden dürfen. +Gleichzeitig+ vollzieht sich die Entstehung +der Ionik und des Barock. Polygnot und Rembrandt, Polyklet und Bach +sind +Zeitgenossen+. Gleichzeitig erscheint in allen Kulturen +der Moment, wo die Metamorphose zur Zivilisation sich vollzieht. In +der Antike trägt diese Epoche die Namen Philipps und Alexanders, +im Abendlande tritt das +homologe+ Ereignis in Gestalt der +Revolution und Napoleons ein. Betrachtet man -- hier werden +entscheidende Resultate des zweiten Teils vorweggenommen -- die +wirtschaftlich-intellektuelle Stimmung hellenischer Großstädte nach +dem Frieden des Antalkidas (386); sieht man die wüsten Revolutionen +der Besitzlosen, die wie in Argos (370) alle Reichen mit Knütteln in +den Straßen totschlugen, so hat man das Gegenstück zur französischen +Gesellschaft nach dem Pariser Frieden (1763). Voltaire, Rousseau, +Mirabeau, Beaumarchais und Sokrates, Aristophanes, Hippon, Isokrates +sind Zeitgenossen. In beiden Fällen beginnt die Zivilisation. Dieselbe +Aufklärung und Auflösung aller Tradition, dieselben Bastillenstürme, +Massenhinrichtungen, Wohlfahrtsausschüsse, dieselben Staatsutopien bei +Plato, Xenophon, Aristoteles und Rousseau, Kant, Fichte, Saint-Simon, +dieselbe Schwärmerei für Naturrechte, Gesellschaftsvertrag, Freiheit +und Gleichheit bis zu den Forderungen allgemeiner Bodenverteilung und +Gütergemeinschaft (Hippon, Babeuf) und endlich dieselbe Resignation +und Hoffnung auf einen demokratisch fundierten Napoleonismus bei Plato +wie bei Rousseau und Saint-Simon. Napoleons Staatsstreich war nicht +der erste, der geplant und gemacht wurde, nur der erste, der glückte. +Die antiken „Soldatenkaiser“ beginnen schon mit Dionys von Syrakus +(405), Jason von Pherä (374), Maussolos von Halikarnaß (353). Nur +der Erbe ihrer Idee war Philipp von Makedonien. Das 4. Jahrhundert, +das mit Alkibiades -- der viel vom imperialen Ehrgeiz Mirabeaus, +Napoleons und Byrons hat -- beginnt und mit Alexander endet, ist das +genaue Gegenbild der Zeit von 1750 bis 1850, in welcher mit tiefer +Logik der contrat social, Robespierre, Napoleon, die Volksheere und +der Sozialismus aufeinander folgen, während im Hintergrunde +Rom +und Preußen+ sich auf ihre welthistorische Rolle vorbereiten. +Daß Alexander das Perserreich zerstörte, daß Napoleons Kampf gegen +seinen +einzigen+ Gegner, das englische System, mißlang, sind in +gewissem Sinne +Zufälle+, Oberflächenformen der Epoche, Tendenzen +eines großen Privatlebens, unter denen sich das Schicksalhafte und +Notwendige, das in beiden Fällen identisch war, verbarg. Rechnen +wir hundert Jahre weiter, so wiederholt sich die Homologie zweier +„gleichzeitiger“ Epochen. Die eine -- auch hier wird späteren +Ausführungen vorgegriffen -- trägt den Namen +Hannibals+, die +andere den des +Weltkrieges+. Daß im einen Falle ein Mensch, der +gar nicht zur antiken Kultur gehörte, entscheidend eingriff (aber das +ist ja auch der Fall Rußlands im Verhältnis zu „Europa“), gehört zum ++Zufälligen+. Die +Bestimmung+ Hannibals bezieht sich auf +eine innere Vollendung des antiken Gesamtschicksals. Mit der Schlacht +von Zama geht der Schwerpunkt der Antike vom Hellenismus zum Römertum +über. Der +entsprechende+ Sinn der abendländischen Epoche, in +deren Mitte wir heute stehen, wird später dargelegt werden. + +Ich hoffe zu beweisen, daß ohne Ausnahme die sämtlichen großen +Schöpfungen und Formen der Religion, Kunst, Politik, Gesellschaft, +Wirtschaft, Wissenschaft in sämtlichen Kulturen +gleichzeitig+ +entstehen, sich vollenden, erlöschen; daß der inneren Struktur der +einen die aller anderen durchaus entspricht; daß es nicht +eine+ +Erscheinung von tiefer physiognomischer Bedeutung im historischen +Bilde der einen gibt, deren Gegenstück, und zwar in einer streng +bezeichnenden Form und an ganz bestimmter Stelle nicht in den übrigen +aufzufinden wäre. Allerdings bedarf es, um diese morphologische +Identität zweier Phänomene zu begreifen, einer ganz andern Vertiefung +und Unabhängigkeit vom Augenschein des Vordergrundes, als sie unter +Historikern bisher üblich war, die sich nie hätten träumen lassen, daß +der Protestantismus in der dionysischen Bewegung sein Gegenbild findet +und daß der englische Puritanismus im Abendlande dem Islam in der +arabischen Welt entspricht. + +Aus diesem Aspekte ergibt sich eine Möglichkeit, die weit über den +Ehrgeiz aller bisherigen Geschichtsforschung hinausgeht, die sich im +wesentlichen darauf beschränkte, Vergangnes, soweit man es kannte, +sukzessiv zu ordnen: Die Gegenwart als Grenze der Untersuchung zu +überschreiten und auch die +noch nicht+ abgelaufenen Phasen +der Geschichte nach Typus, Tempo, Sinn, Resultat zu bestimmen, aber +auch längst verschollene und unbekannte Epochen, ja ganze Kulturen +der Vergangenheit an der Hand morphologischer Zusammenhänge zu +rekonstruieren (ein Verfahren, das dem der Paläontologie nicht +unähnlich ist, die heute imstande ist, aus einem einzigen aufgefundenen +Schädelfragment weitgehende und sichere Angaben über das Skelett und +die Zugehörigkeit des Exemplars zu einer bestimmten Art zu machen). + +Es ist, den physiognomischen Takt vorausgesetzt, durchaus möglich, +aus zerstreuten Details der Ornamentik, Bauweise, Schrift, aus +vereinzelten Daten politischer, wirtschaftlicher, religiöser Natur +die organischen Grundzüge des Geschichtsbildes ganzer Jahrhunderte +wiederzufinden, aus Einzelheiten der künstlerischen Formensprache +etwa die gleichzeitige Staatsform, aus mathematischen Prinzipien den +Charakter der entsprechenden wirtschaftlichen abzulesen, ein echt +goethesches, auf Goethes Idee vom +Urphänomen+ zurückführendes +Verfahren, das in beschränktem Umfange der vergleichenden Tier- und +Pflanzenkunde geläufig ist, das sich aber in einem nie geahnten Grade +auf den gesamten Bereich der Historie ausdehnen läßt. + + +Fußnoten: + +[Footnote 33: Das Antihistorische als Ausdruck einer entschieden +systematischen Veranlagung ist vom Ahistorischen sehr zu unterscheiden. +Der Anfang des 4. Buches der „Welt als Wille und Vorstellung“ (§ 53) +ist bezeichnend für einen Menschen, der antihistorisch denkt, d. h. aus +theoretischen Gründen das Historische in sich, das +vorhanden+ +ist, unterdrückt und verwirft im Gegensatz zur ahistorischen +hellenischen Natur, die es nicht +hat+ und nicht +kennt+.] + +[Footnote 34: „Es gibt Urphänomene, die wir in ihrer göttlichen Einfalt +nicht stören und beeinträchtigen sollen“ (Goethe).] + +[Footnote 35: Es ist nicht die des zoologischen „Pragmatismus“ der +Darwinisten mit seiner Jagd nach Kausalzusammenhängen, sondern die +intuitive Goethes.] + +[Footnote 36: Ich mache hier nur auf den Abstand der drei punischen +Kriege und auf die ebenfalls rein rhythmisch zu begreifende Reihe +des spanischen Erbfolgekrieges, der Kriege Friedrichs des Großen, +Napoleons, Bismarcks und des Weltkriegs aufmerksam.] + +[Footnote 37: Aus diesem früh gefühlten Zusammenhang stammt die +Überzeugung primitiver Völker, daß die Seele des Großvaters im Enkel +zurückkehre. Daher schreibt sich die allgemeine Sitte, dem Enkel den ++Namen+ des Großvaters zu geben, der mit seiner mystischen Kraft +dessen Seele wieder in die Körperwelt bannt.] + +[Footnote 38: Es ist nicht überflüssig hinzuzufügen, daß diese ++reinen Phänomene+ der lebendigen Natur fernab von allem Kausalen +liegen und daß der Materialismus ihr Bild erst durch die Projektion +utilitarischer Tendenzen verderben mußte, ehe er es zum +System+ +hergerichtet hatte. Goethe, der vom Darwinismus ungefähr so viel +vorweggenommen hat, als in fünfzig Jahren von ihm übrig sein wird, +schaltet das Kausalitätsprinzip +ganz+ aus. Es kennzeichnet das +ursachen- und zwecklose wirkliche Leben, daß die Darwinisten das Fehlen +des Prinzips hier gar nicht bemerkt haben. Der Begriff des Urphänomens +läßt keinerlei kausale Annahmen zu, man müßte ihn denn erst mechanisch +mißverstehen.] + + + + +II + +SCHICKSALSIDEE UND KAUSALITÄTSPRINZIP + + +9 + +Dieser Gedankengang erschließt endlich den Blick auf einen +Gegensatz, der den Schlüssel zu einem der ältesten und mächtigsten +Menschheitsprobleme bildet, das erst durch ihn zugänglich und -- soweit +das Wort überhaupt einen Sinn hat -- lösbar erscheint. Ich meine den +Gegensatz von +Schicksalsidee+ und +Kausalitätsprinzip+, +der niemals bisher als solcher, in seiner tiefen, weltgestaltenden +Notwendigkeit erkannt worden ist. + +Wer überhaupt versteht, inwiefern man die Seele als die +Idee des +Daseins+ bezeichnen kann, der wird auch ahnen, wie nahe verwandt +ihr die +Gewißheit eines Schicksals+ ist und inwiefern das Leben +selbst, das ich die Gestalt nannte, in welcher die Verwirklichung des +Möglichen sich vollzieht, als gerichtet, als schicksalhaft empfunden +werden muß -- dumpf und ängstigend vom Urmenschen, klar und in der +Fassung einer +Weltanschauung+, die allerdings nur durch das +Medium von Kunst und Religion, nicht durch Beweise und Begriffe +mitteilbar ist, vom Menschen hoher Kulturen. + +Jede höhere Sprache hat eine Anzahl Worte, die von einem tiefen +Geheimnis umgeben sind: Geschick, Verhängnis, Zufall, Fügung, +Bestimmung. Keine Hypothese, keine Wissenschaft kann je an das +rühren, was man fühlt, wenn man sich in den Sinn und Klang dieser +Worte versenkt. Es sind Symbole, nicht Begriffe. Hier ist der +Schwerpunkt des Weltbildes, das ich Geschichte im Unterschiede von +Natur genannt habe. Die Schicksalsidee verlangt Lebenserfahrung, +nicht wissenschaftliche Erfahrung, Tiefe, nicht Geist. Es gibt eine ++organische Logik+, eine Logik des Lebens im Gegensatz zu einer ++Logik des Anorganischen+ und Starren. Es gibt eine Logik der +Richtung gegenüber einer Logik des Ausgedehnten. Kein Systematiker, +kein Kant oder Schopenhauer hat mit ihr etwas anzufangen gewußt. +Sie verstehen von Urteil, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung +zu reden, aber sie schweigen von dem, was in den Worten Hoffnung, +Glück, Verzweiflung, Reue, Ergebenheit, Trotz liegt. Wer hier, im +Lebendigen, Gründe und Folgen sucht und wer da glaubt, daß ein inneres +Wissen um den Sinn des Lebens gleichbedeutend mit Fatalismus und +Prädestination sei, der weiß gar nicht, wovon die Rede ist, der hat +schon das Erlebnis mit dem Erkannten und Erkennbaren verwechselt. +Kausalität ist das Verstandesmäßige, Gesetzhafte, Aussprechbare, die +Form äußerer intellektueller Erfahrung. Schicksal ist das Wort für +eine nicht zu beschreibende innere Gewißheit. Man macht das Wesen des +Kausalen deutlich durch ein physikalisches oder erkenntniskritisches +System, durch Zahlen, durch begriffliche Analysen. Man teilt die Idee +eines Schicksals nur als Künstler mit, durch ein Porträt, durch eine +Tragödie, durch Musik. Das eine fordert eine +Zergliederung+, das +andre eine +Schöpfung+. Darin liegt die Beziehung des Schicksals +zum Leben, der Kausalität zum Tode. + +In der Schicksalsidee offenbart sich die Weltsehnsucht einer Seele, ihr +Wunsch nach dem Licht, dem Aufstieg, nach Vollendung und Verwirklichung +ihrer Bestimmung. Sie ist keinem Menschen ganz fremd, und erst der +späte Mensch der großen Städte mit seinem Tatsachensinn und der Macht +seines mechanisierenden Intellekts über das Innenleben verliert +sie aus den Augen, bis sie in einer tiefen Stunde mit furchtbarer, +alle Kausalität der Weltoberfläche zermalmender Deutlichkeit vor +ihm steht. Denn das Kausalitätsprinzip ist spät, selten und nur dem +energischen Intellekt hoher Kulturen ein sichrer, gewissermaßen +künstlicher Besitz. Aus ihm redet schon die Weltangst. In ihm bannt +sie das Dämonische in eine Notwendigkeit von dauernder Geltung, die +starr und +entseelend+ über das physikalische Weltbild gebreitet +ist. Kausalität deckt sich mit dem Begriff des Gesetzes. Es gibt ++nur+ Kausalgesetze. Aber wie im Kausalen nach Kants Feststellung +eine +Notwendigkeit des wachen Denkens+ liegt, die +Form +seiner Rezeptivität der Welt gegenüber+, so bezeichnen die Worte +Schicksal, Fügung, Bestimmung eine +Notwendigkeit des Lebens+. +Wirkliche Geschichte hat Schicksal, aber keine Gesetze. Es gibt keine +Übergänge zwischen +Organismus+ und +Mechanismus+. Darin +liegt die große Schwierigkeit, sich verständlich zu machen. Denn schon +der Versuch, den Unterschied beider Welten sprachlich klarzustellen +-- leitet unvermerkt vom Leben hinüber zur Sphäre des Kausalen. Die +Sprache selbst ist von kausaler Struktur. Sie mechanisiert, indem sie +erklärt. + +Wer das +Element+ der Empfindungswelt zergliedert, indem er es ++erkennt+, durch das Medium der +kausalen Erfahrung+ sich +aneignet, es aus dem Zusammenhange eines mechanischen Ganzen deutet, +wer also alles lebendige Werden dem starr Gewordenen einordnet, wird +mit Notwendigkeit die ganze Summe des Daseins aus der Perspektive +von Ursache und Wirkung übersehen, ohne inneres Gerichtetsein, ohne +Geheimnis. Hier liegt der Machtbereich der „Kategorien des Verstandes“, +die Kant mit Recht für a priori wirksam hielt, Formen des exakten +Erkennens, welche eine Oberflächenwelt, ein +Natursystem+, +einen Reflex des Geistes erzeugen. Wer aber, wie Goethe, wie beinahe +jeder Mensch in gewissen Augenblicken seines Daseins, die Umwelt +als ein Lebendiges anschaut, das Gewordene als Werden nachfühlt, +die Weltmaske der Kausalität lüftet, für den ist die +Zeit+ +plötzlich kein Rätsel mehr, kein Begriff, keine Dimension, sondern +etwas innerlich Gewisses, das Schicksal selbst; ihr Gerichtetsein, +ihre +Nichtumkehrbarkeit+, ihre Lebendigkeit erscheint als der ++Sinn+ des historischen Weltaspekts. +Schicksal und Kausalität +verhalten sich wie Zeit und Raum.+ + +In beiden +möglichen+ Weltbildungen -- wir erinnern uns indessen, +daß sie die Pole einer Skala von unendlich vielen individuellen +„Welten“ darstellen -- in Geschichte und Natur, der +Physiognomie +alles Werdens+ und dem +System alles Gewordenen+, herrschen +also Schicksal +oder+ Kausalität. Zwischen ihnen besteht der +Unterschied eines Lebensgefühls und einer Erkenntnisform. Jedes von +ihnen ist der Ausgangspunkt einer +vollkommenen+ und in sich ++geschlossenen+, nur nicht der +einzigen+ Welt. + +Aber das Werden liegt dem Gewordenen, das innere und gewisse ++Gefühl+ eines Schicksals mithin dem +Begriff+ von Ursache +und Wirkung zugrunde. Kausalität ist -- wenn man sich so ausdrücken +darf -- gewordenes, entorganisiertes, in den Formen des Verstandes +erstarrtes Schicksal. Das Schicksal selbst, an dem alle Erbauer +verstandesmäßiger Weltsysteme wie Kant schweigend vorübergegangen +sind, weil sie das Leben mit ihren Abstraktionen nicht zu berühren +vermochten, steht jenseits und außerhalb aller begriffenen Natur. +Als das Ursprüngliche aber gibt es dem toten und starren Prinzip von +Ursache und Wirkung erst die -- historische -- Möglichkeit, innerhalb +hochentwickelter Kulturen als geistige Weltform aufzutreten. Das +Dasein der antiken Seele ist die +Bedingung+ für die Entstehung +der Physik Demokrits und das der faustischen für die Mechanik +Newtons. Man kann sich sehr wohl denken, daß beide Kulturen ohne eine +Naturwissenschaft eignen Stils geblieben wären, aber man kann sich +beide Systeme nicht ohne den Untergrund jener Kulturen denken. + +Hier liegt ein neuer Beweis für die Richtigkeit des Antagonismus von +Geschichte und Natur vor. Es ist die Art, wie sie -- als Weltbilder +-- einander einschließen und unterordnen. Gesetzt, daß „Geschichte“ +diejenige Art der Weltfassung ist, welche gefühlsmäßig das Gewordene +dem Werden, das Ausgedehnte der Zeit einordnet, so müßte dies auch mit +der Natur der Fall sein. Und in der Tat, für den Blick des historisch +eingestellten Menschen gibt es nur eine +Geschichte+ der ++Physik+. All ihre Systeme erscheinen ihm jetzt nicht richtig oder +unrichtig, sondern historisch, psychologisch, durch den Charakter der +Epoche bedingt und ihn mehr oder weniger vollkommen repräsentierend. +Selbst der geborene Physiker, der in der Einleitung seines Buches +einen flüchtigen historischen Überblick über seine Wissenschaft gibt, +hier also für einen Augenblick die „andre Welt“ heraufruft, fühlt +plötzlich so, daß er unvermerkt das Fundament seiner Wissenschaft, das +Postulat der einen und unveränderlichen Wahrheit, in Frage stellt. +Wäre seine Natur +die+ Natur, so könnte es keine Geschichte der +Systeme geben. Aber der Physiker redet sogar vom +Schicksal+ eines +Problems. Umgekehrt: Ist „Natur“ die Fassung, welche verstandesmäßig +das Werden dem Gewordenen einverleiben möchte, die lebendige Richtung +also der starren Ausdehnung angleicht (dies ist der Ursprung des ++Bewegungsproblems samt dem Grunde seiner Unlösbarkeit+), so darf +die Geschichte bestenfalls in einem Kapitel der Erkenntnistheorie +erscheinen und wirklich, so hätte Kant sie aufgefaßt, wenn er nicht, +was noch bezeichnender ist, sie in seinem Erkenntnissystem vollständig +vergessen hätte. Für ihn wie für jeden geborenen Systematiker war +die Natur +die+ Welt; indem er von der Zeit redete, ohne deren ++Richtung+ und Nichtumkehrbarkeit zu bemerken, verriet er, daß +er von der Natur sprach, ohne die Möglichkeit einer andern Welt, der +historischen -- die +für ihn+ vielleicht wirklich unmöglich war -- +zu ahnen. + ++Aber Kausalität hat mit Zeit gar nichts zu tun.+ Das wirkt +heute als ungeheures Paradoxon, vor einer Welt von Kantianern, die +gar nicht wissen, wie sehr sie es sind. Wie die Doppelgestalt des +seelischen Urgefühls, Weltsehnsucht und Weltangst, eine Bejahung +oder Verneinung des wachen Daseins und der in ihm sich offenbarenden +fremden Mächte bedeutet, wie die Angst ein Widerspruch gegen die +ursprünglichere, kindlichere Form der Sehnsucht ist, +aus ihr+ +erwachsen und +an ihr+ gestaltet und gereift, so hat man den +Gegensatz von Richtung und Ausdehnung -- mit seiner dunklen Beziehung +zu Leben und Tod -- zu verstehen. Im Wesen des Ausgedehnten liegt eine +Verneinung der Richtung. Der Raum widerspricht der Zeit, +obwohl +sie ihm voraufgeht und zugrunde liegt+. Dieselbe Priorität nimmt +das Schicksal in Anspruch. Wir haben zunächst die Idee des Schicksals +und erst +im Widerspruch+ zu ihr, aus der Angst geboren, als den +Versuch des Verstandes, das unentrinnbare Ende, den Tod, zu bannen, +zu überwinden, das Kausalitätsprinzip, durch das die Lebensangst +sich des Schicksals zu +erwehren+ sucht, indem sie ihm zum +Trotz +eine andre Welt gründet+. Indem sie das Gespinst von +Ursache und Wirkung über deren sinnliche Oberfläche breitet, hat +sie ein Bild der +Dauer+ imaginiert. Diese Tendenz liegt in +dem allen reifen Kulturen bekannten Gefühl: Wissen ist Macht. Damit +ist die Macht über das Schicksal gemeint. Der abstrakte Gelehrte, +der Naturforscher, der Denker in Systemen, dessen ganze geistige +Existenz sich auf das Kausalitätsprinzip gründet, ist eine späte +Erscheinung des +Hasses+ gegen die Mächte des Schicksals, des +Unbegreiflichen. Die „reine Vernunft“ leugnet alle Möglichkeiten außer +sich. Hier liegt das strenge Denken mit der großen Kunst ewig im +Streite. Das eine lehnt sich auf, die andre gibt sich hin. Ein Mann +wie Kant wird sich Beethoven immer überlegen fühlen wie der Mann dem +Kinde, aber er wird Beethoven nicht hindern, die „Kritik der reinen +Vernunft“ als eine armselige Art von Weltbetrachtung abzulehnen. Der +Mißbegriff der +Teleologie+, dieser Unsinn allen Unsinns innerhalb +der reinen Wissenschaft, bedeutet nichts anderes als den Versuch, +den +lebendigen+ Gehalt aller naturhaften Erkenntnis -- denn +zum Erkennen gehört auch ein Erkennender; und ist der +Inhalt+ +dieses Denkens „Natur“, so ist der +Akt+ des Denkens Geschichte +-- und mit ihm das Leben selbst durch das mechanistische Prinzip +einer umgekehrten Kausalität zu bannen, zu +assimilieren+. Die +Teleologie ist eine Karikatur der Schicksalsidee. Was Dante als ++Bestimmung+ fühlt, verwandelt der Verstand in einen +Zweck+ +des Lebens. Dies ist die eigentliche und tiefste Tendenz des +Darwinismus, einer großstädtisch intellektuellen Weltfassung in der +abstraktesten aller Zivilisationen und der aus +einer+ Wurzel +mit ihm entspringenden, ebenfalls alles Organische und Schicksalhafte +tötenden materialistischen Geschichtsauffassung. Deshalb ist das +morphologische Element des Kausalen ein +Prinzip+, das des +Schicksals aber eine +Idee+ -- die sich nicht „erkennen“, +beschreiben, definieren, die sich nur fühlen und innerlich erleben +läßt, die man entweder niemals begreift oder deren man völlig +gewiß ist, wie der frühe Mensch und unter den späten alle wahrhaft +bedeutenden, der Gläubige, der Liebende, der Künstler, der Dichter. + +Und so erscheint das Schicksal als die eigentliche Daseinsart des ++Urphänomens+, in dem vor dem geistigen Auge sich die lebendige Idee +des Werdens unmittelbar entfaltet. So beherrscht die Schicksalsidee +das gesamte Weltbild der Geschichte, während alle Kausalität, welche +die Daseinsart von +Gegenständen+ bezeichnet, welche den gegenwärtigen +Empfindungsinhalt zu wohlunterschiedenen und abgegrenzten +Dingen+, ++Eigenschaften+, +Verhältnissen+ prägt, als Form des Verstandes dessen +alter ego, die gewordene Natur bildet. + +Organismen lassen sich als werdend oder als geworden betrachten. +Ich darf von Gesetzen, von Ursache und Wirkung im erfahrungsmäßig +erkennbaren Bau von Pflanzen und Tieren reden, solange ich sie nämlich +als Elemente im sinnlich-augenblicklichen Ganzen der mechanischen +Umwelt erfasse. Dann ist sogar das Goethe so verhaßte Experiment +logisch und zulässig. Aber die Anatomie und Physiologie mit der +stofflichen Natur als Objekt berühren nichts von der +andern+ Welt, +von den Schicksalen der einzelnen Pflanzen und Tiere, ihrer Gattungen +und ganzer Klassen und Reiche. Hier handelt es sich nicht darum, +was sie sind, sondern was aus ihnen wird. Jeder Grashalm, jedes +Insekt hat nicht nur eine Natur, sondern auch eine Geschichte. Hier +darf ich, vor einem Weltbilde andrer Ordnung, von einem Schicksal +sogar in der Physik reden. Es liegt ein großer Sinn in dem Worte vom +„Schicksal einer wissenschaftlichen Entdeckung“, etwa der mechanischen +Wärmetheorie. Ein Blitzschlag bleibt im Zusammenhang der Historie +immer ein Schicksalsmoment wie jener, der im Leben Luthers die +entscheidende Wendung herbeiführte, mag er als nicht individuelles +Ereignis, sondern als prinzipiell beständig möglicher Vorgang ebenso +notwendig auch dem Mechanismus des elektrodynamischen Naturbildes +angehören. Den antiken Menschen +vorausgesetzt+, kann man seine +„Natur“, die für ihn allein vorhandene und wahre Natur, analysieren. +Das hat Demokrit getan. Aber eben in dieser Voraussetzung liegt das +Schicksalsmoment, von dem das Dasein einer Natur, eines Weltbildes +abhängig ist. Es ist Schicksal, daß durch Newton sich eine dynamische +Weltfassung aus der Struktur des abendländischen Geistes entwickelt +hat. Dieser in sich geschlossene, höchst überzeugende Komplex +„unumstößlicher Wahrheiten“ ist in einem sehr bedeutsamen Sinne von dem +Entwicklungsgang, den allgemeinen, nationalen und privaten Schicksalen, +der Lebensdauer dieser nordischen Seele abhängig, nicht umgekehrt. +Jeder große Physiker, der als Persönlichkeit seinen Entdeckungen doch +immer eine eigene Richtung und Farbe gibt, jede Hypothese, die ohne +einen individuellen Beigeschmack ganz unmöglich ist, jedes Problem, +das in die Hände gerade dieses und keines andern Forschers geriet, +bedeuten ebenso viele Schicksalsfügungen für die Gestalt, welche +die Lehre zuletzt erhalten hat. Wer das bestreitet, der ahnt nicht, +wieviel Bedingtes in den absoluten Momenten der Mechanik steckt. +Der berühmte musikalische Streit der Gluckisten und Piccinisten ist +das genaue Seitenstück der großen Kontroversen auf dem Gebiete der +optischen und elektrodynamischen Theorien (Newton und Huygens, J. +R. Mayer und Thomson). Es handelt sich um Stilfragen, das heißt um ++Alles+, um das gesamte Naturbild. Es gibt physikalische Systeme, wie +es Tragödien und Sinfonien gibt. Es gibt hier Schulen, Traditionen, +Manieren, Konventionen wie in der Malerei. Man kann sich das Moment des +Schicksals aus dem lebendigen Weltwerden nicht fortdenken, mag es sich +um einen Schmetterling oder eine Kultur handeln. Leben, Sein und ein +Schicksal haben -- das fließt zusammen. Aber man fühlt das Zwingende +der Vorstellung, daß jede aus dem Kausalprinzip konstruierte Welt, +jede +Natur+ -- und jede reifgewordene Kultur hat da ihre +eigne+ und +sogar „allein richtige“ -- irgendwie nur im Geiste und für den Geist +da ist, der sie als +seine+ ihm angemessene und komplementäre Form +der Sinnlichkeit dem Gewordnen, Ausgedehnten, Begrenzten auferlegt. +Die dunkle Frage nach den Grenzen der Gültigkeit der Kausalität +oder was nunmehr dasselbe ist, nach den Schicksalen des einzelnen +Naturbildes, erscheint noch rätselhafter, wenn wir zu dem bestimmten +Gefühl gelangen, daß, wie alle seelischen und symbolischen Äußerungen +bestätigen, für den frühen Menschen eine streng kausal geordnete Umwelt +gar nicht existiert und daß wir, späte Menschen, die im wachen Zustande +unter der beständigen Tyrannei eines mechanisierenden Verstandes +stehen, in allen Momenten strenger Aufmerksamkeit -- auch jetzt noch +den einzigen, wo wir tatsächlich eine kausalgesetzliche Außenwelt +im Stile unserer Physik besitzen -- bestenfalls +behaupten+ können, +meilenweit von jeder Möglichkeit eines Beweises entfernt, daß auch +„damals“, also außerhalb jener für uns bindenden Momente, das Prinzip +der Kausalität geherrscht haben muß -- was nichts anderes heißen will, +als daß wir unser +Gedächtnisbild+ von dem „Weltall“ jener Zeiten +und Menschen dem +Augenblicksbilde+ der gegenwärtigen, +eignen+, +mechanischen Natur unterwerfen. Der frühe Mensch geht keineswegs so +weit, daß er +sein+ Weltbild ganz unpersönlich, gewissermaßen im Namen +der ganzen Menschheit, empfängt, und sein Gefühl ist ohne Zweifel, als +ein historisches, das ursprünglichere und echtere. + + +10 + +Erst aus dem Weltgefühl der Sehnsucht und dessen Verdeutlichung in +der Schicksalsidee wird nunmehr das +Zeitproblem+ zugänglich, dessen +Gehalt, soweit er das Thema des Buches berührt, kurz angedeutet +werden soll. Mit dem Worte Zeit wird immer etwas höchst Persönliches +aufgerufen, das, was anfangs als das +Eigne+ bezeichnet worden war, +insofern es mit innerer Gewißheit als Gegensatz zu etwas +Fremdem+ +empfunden wird, das in, mit und unter den Wirkungen der Sinnenwelt +sich in das Leben einmischt. Das Eigne, das Schicksal, die Zeit sind +alternierende Worte. + +Das Problem der Zeit ist wie das des Schicksals von allen auf die +Systematik des Gewordenen beschränkten Denkern mit vollkommenem +Unverständnis behandelt worden. In Kants berühmter Theorie ist von +dem Merkmal des +Gerichtetseins+ der Zeit mit keinem Worte die +Rede. Man hat Äußerungen darüber nicht einmal vermißt. Aber was ist +das -- Zeit als Strecke, Zeit ohne Richtung? Alles Lebendige besitzt +-- hier kann ich mich nur wiederholen -- „+Leben+“, Richtung, +Streben, Wollen, eine mit der Sehnsucht aufs tiefste verwandte ++Bewegtheit+, die mit der „Bewegung“ des Physikers nicht das +geringste zu tun hat. Das Lebendige ist unteilbar und nicht umkehrbar, +einmalig, nie zu wiederholen und in seinem Verlaufe mechanisch völlig +unbestimmbar: das alles gehört zur Wesenheit des Schicksals. Und „Zeit“ +-- das, was man beim Klang des Wortes wirklich +fühlt+, was Musik +besser verdeutlichen kann als Worte -- hat im Unterschiede vom toten +Raume diesen +organischen+ Charakter. Damit aber verschwindet die +von Kant und allen andern geglaubte Möglichkeit, die Zeit +neben dem +Raume+ einer parallelen erkenntnistheoretischen Erwägung unterwerfen +zu können. Raum ist ein +Begriff+. Zeit ist ein Wort, um etwas +Unbegreifliches anzudeuten, ein Wort, das man völlig mißversteht, +wenn man es ebenfalls als Begriff wissenschaftlich behandelt. Selbst +das Wort Richtung, das sich nicht ersetzen läßt, ist geeignet, durch +seinen optischen Gehalt irrezuführen. Der Vektorbegriff der Physik ist +ein Beweis dafür. + +Dem Urmenschen kann das +Wort+ „Zeit“ nichts bedeuten. Er lebt, +ohne es durch den Gegensatz zu etwas anderem nötig zu haben. Er hat +Zeit, aber er +weiß+ nichts von ihr. Erst der Geist hoher Kulturen +entwirft unter dem mechanisierenden Eindruck einer „Natur“, aus dem +Bewußtsein eines streng geordneten Räumlichen, Meßbaren, Begrifflichen +das Phantom einer Zeit, das seinem Bedürfnis, alles zu begreifen, +zu messen, kausal zu ordnen, genügen soll. Und dieser instinktive +Akt, der in jeder Kultur sehr früh erscheint, ein Zeichen verlorner +Unschuld des Daseins, schafft jenseits des echten Lebensgefühls das, +was alle Kultursprachen Zeit nennen und was dem erkennenden Geiste zu +einer anorganischen ebenso irreführenden als geläufigen Größe geworden +ist. Bedeuten aber die identischen Phänomene der Ausdehnung, Grenze +und Kausalität eine Beschwörung und Bannung der fremden Mächte durch +das Seelentum -- Goethe spricht einmal von „dem Prinzip verständiger +Ordnung, das wir in uns tragen, das wir als Siegel unserer Macht +auf alles prägen möchten, was uns berührt“ -- ist alles Gesetz eine +Fessel, welche die Weltangst dem zudrängenden Sinnlichen anlegt, eine +tiefe Notwehr des Lebens, so ist die Konzeption der Zeit als einer ++Größe+ innerhalb dieses Zusammenhangs ein später Akt derselben +Notwehr, ein Versuch, das quälende innere Rätsel, doppelt quälend für +den zur Herrschaft gelangten Verstand, dem es widerspricht, durch die +Kraft des +Begriffes+ zu bannen. Es liegt immer ein feiner Haß in +dem geistigen Akte, durch den etwas in den Bereich und die Formenwelt +des Maßes und Gesetzes gezwungen wird. Man +tötet+ das Lebendige +durch die Einbeziehung in den Raum, der leblos ist und leblos macht. In +der Geburt liegt der Tod, in der Verwirklichung die Vergänglichkeit. +Dies war der Sinn der eleusinischen Mysterien und ihrer Peripetie von +der Klage zum Jubel, die Äschylus, der aus Eleusis stammte, später +in die attische Tragödie eingeführt hat.[39] Es +stirbt+ etwas +im Weibe, wenn es empfängt. Der ewige, aus der Weltangst geborene +Haß der Geschlechter hat hier seinen Grund. Der Mensch vernichtet in +einem sehr tiefen Sinne, indem er zeugt: durch leibliche Zeugung in +der sinnlichen, durch „+Erkennen+“ in der +geistigen+ Welt. +Dieser Zusammenhang war dem mythischen Gefühl primitiver Zeitalter +nicht unbekannt. Noch bei Luther hat das Wort erkennen den Nebensinn +der geschlechtlichen Zeugung (Adam „erkannte“ sein Weib --). Etwas beim +Namen nennen heißt Macht darüber gewinnen: dies ist ein wesentlicher +Teil urmenschlicher Zauberkünste. Man schwächte oder tötete seinen +Feind, indem man mit dessen Namen gewisse magische Prozeduren vornahm. +Etwas von diesem frühesten Ausdruck der Weltangst hat sich in der +Sucht aller systematischen Philosophie erhalten, das Unfaßliche, dem +Geist Allzumächtige durch Begriffe, wenn es nicht anders ging, durch +bloße Namen abzutun. „Philosophie“, die +Liebe+ zur Weisheit, ist +die Furcht und der +Haß+ gegen das Unbegreifliche. Was benannt, +begriffen, gemessen ist, ist überwältigt, starr, „tabu“ geworden. +Noch einmal: „Wissen ist Macht.“ Hier liegt die tiefste Wurzel des +Unterschiedes idealistischer und realistischer Weltanschauungen. Er +entspricht dem Doppelsinn des Wortes „scheu“. Die einen entspringen +aus der scheuen Ehrfurcht, die anderen aus dem Abscheu vor dem +Unzugänglichen. Die einen schauen an, die anderen wollen unterwerfen, +mechanisieren, unschädlich machen. Plato und Goethe nehmen das +Geheimnis hin, Aristoteles und Kant wollen es vernichten. Das tiefste +Beispiel für diesen Hintersinn alles Realismus bietet das Zeitproblem. +Das Unheimliche der Zeit, das Leben selbst soll hier beschworen, durch +die Magie der Begrifflichkeit vernichtet werden. + +Alles, was in der „wissenschaftlichen“ Philosophie, Psychologie, +Physik über die Zeit gesagt worden ist -- eine vermeintliche Antwort +auf die Frage, die nicht hätte gestellt werden sollen: was nämlich +die Zeit „+ist+“ -- betrifft niemals das Geheimnis selbst, sondern +lediglich ein räumlich gestaltetes, stellvertretendes Phantom, in +dem die Lebendigkeit der Richtung, ihre eigenmächtige Bewegtheit +durch die abstrakte Vorstellung einer +Strecke+ ersetzt worden +ist, ein mechanisches, meßbares, teilbares und umkehrbares Abbild +des in der Tat nicht Abzubildenden; eine Zeit, die mathematisch in +Ausdrücke wie √̅t, t^2, -t gebracht werden kann, welche die Annahme +einer Zeit von der Größe Null oder negativer Zeiten wenigstens nicht +ausschließen. Die moderne Relativitätstheorie, welche im Begriff +steht, die Mechanik Newtons -- im Grunde bedeutet das: seine Fassung +des +Bewegungsproblems+ -- zu stürzen, läßt Fälle zu, in welchen die +Bezeichnungen „früher“ und „später“ sich umkehren; die mathematische +Begründung dieser Theorie (durch Minkowski) wendet +imaginäre+ +Zeiteinheiten zu Maßzwecken an. Ohne Zweifel kommt hier der Bereich +des Lebens, des Schicksals, der lebendigen, +historischen+ Zeit +gar nicht in Frage. Man setze in irgendeinem philosophischen oder +physikalischen Text für Zeit das Wort Schicksal ein und man wird +plötzlich fühlen, wohin sich der Verstand verirrt hat und wie unmöglich +die Gruppe „Raum und Zeit“ ist. Was nicht erlebt und gefühlt, was +nur +gedacht+ wird, nimmt notwendig +räumliche+ Qualitäten an. Die +physikalische und die Kantische Zeit ist eine +Linie+. Ihre organische +Bewegtheit, ihr seelenhafter Gehalt sind in den Formeln und Begriffen +verschwunden. So erklärt es sich, daß kein systematischer Philosoph mit +den Begriffen Vergangenheit und Zukunft etwas hat anfangen können. In +Kants Ausführungen über die Zeit kommen sie gar nicht vor. Man sieht +auch nicht, in welcher Beziehung sie zu dem stehen sollten, was er +dort behandelt. Damit erst wird es möglich, „Raum und Zeit“ als Größen ++derselben Ordnung+ in funktionale Abhängigkeit voneinander zu bringen, +wie dies besonders deutlich die vierdimensionale Vektoranalysis zeigt. +(Die Dimensionen sind _x_, _y_, _z_ und _t_, die in Transformationen +völlig gleichwertig erscheinen.) Schon Lagrange nannte (1813) die +Mechanik ohne weiteres eine vierdimensionale Geometrie und selbst +Newtons vorsichtiger Begriff des _tempus absolutum sive duratio_ +entzieht sich nicht dieser +denknotwendigen+ Verwandlung des Lebendigen +in bloße Ausdehnung. Eine einzige tiefe und ehrfürchtige Bezeichnung +der Zeit habe ich in der älteren Philosophie gefunden. Sie steht bei +Augustinus (Conf. XI, 14): _Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti +explicare velim, nescio._ + +Der Mißgriff, „Raum und Zeit“ als morphologisch gleichartiges +Größenpaar der Betrachtung zu unterwerfen, schließt jedes Verständnis +des wahren Zeitproblems aus. Schon wenn neuere Philosophen -- sie tun +es alle -- sich der Wendung bedienen, daß die Dinge „+in der Zeit+“ +wie im Raume sind und nichts „außerhalb“ ihrer „gedacht“ werden +könne, imaginieren sie lediglich eine zweite Räumlichkeit neben der +gewöhnlichen. Man könnte mit gleichem Rechte zwei „Kräfte“ wie den +Magnetismus und die Hoffnung gemeinsam abhandeln wollen. Es hätte +Kant, als er von den „beiden Formen“ der Anschauung sprach, doch +nicht entgehen sollen, daß man sich wissenschaftlich bequem über +den Raum verständigen kann -- wenn auch nicht ihn im landläufigen +Sinne +erklären+, was jenseits des wissenschaftlich Möglichen liegt +-- während eine Betrachtung in demselben Stil der Zeit gegenüber +völlig versagt. Der Leser der „Kritik der reinen Vernunft“ und der +„Prolegomena“ wird bemerken, daß Kant für den Zusammenhang von Raum +und Geometrie einen sorgfältigen Beweis liefert, es aber peinlich +vermeidet, dasselbe für Zeit und Arithmetik zu tun. Hier bleibt +es bei der +Behauptung+, und die ständig wiederholte Analogie der +Begriffe täuscht über die Lücke hinweg, deren +Unausfüllbarkeit+ die +Unhaltbarkeit seines Schemas offenbart hätte. Das begrifflich-exakte +Denken deckt sich durchaus mit dem Bereich des Gewordenen und +Ausgedehnten. Raum, Gegenstand, Zahl, Begriff, Kausalität sind so +eng verschwisterte Formelemente, daß es unmöglich ist, wie unzählige +verfehlte Systeme beweisen, das eine unabhängig vom andern zu +untersuchen. Die Logik ist ein Abbild der jeweiligen Mechanik und +umgekehrt. Das Denkvermögen, dessen Struktur die mechanistische +Psychologie beschreibt, ist ein Abbild der jeweiligen Raumwelt, +wie sie die Physik behandelt. Begriffe -- man beachte die Herkunft +des Wortes von „begreifen“, in die Hand nehmen -- sind körperhafte +Werte; Definitionen, Urteile, Schlüsse, Systeme, Klassifikationen +sind Formelemente einer inneren Räumlichkeit, sind etwas so mit Optik +Gesättigtes, daß der Reiz, den Denkprozeß unmittelbar graphisch und +tabellarisch, d. h. +räumlich+ darzustellen -- man denke an Kants +und Aristoteles’ Kategorientafeln -- gerade den abstrakten Denker +immer wieder überwältigt hat. Wo es am Schema fehlt, da fehlt es an +Philosophie -- das ist das uneingestandene Vorurteil aller zünftigen +Systematiker gegenüber den „Anschauenden“, denen sie sich innerlich +weit überlegen fühlen. Deshalb nannte Kant den Stil des platonischen +Denkens ärgerlich „die Kunst, wortreich zu schwatzen“ und deshalb +schweigt der Kathederphilosoph noch heute über Goethes Philosophie. +Jede logische Operation läßt sich +zeichnen+. Jedes System ist eine ++geometrische Art+, Gedanken zu handhaben. Deshalb hat die Zeit in +einem abstrakten System keinen Platz oder sie fällt seiner Methode zum +Opfer. + +Damit ist auch das allverbreitete populäre Mißverständnis widerlegt, +welches die Zeit mit der Arithmetik, den Raum mit der Geometrie in eine +höchst triviale Verbindung bringt, ein Irrtum, dem Kant nicht hätte +erliegen sollen, wenn man auch von Schopenhauers Verständnislosigkeit +für Mathematik kaum etwas anderes erwartet. Weil der lebendige Akt +des +Zählens+ mit der Zeit irgendwie in Berührung steht, hat man +immer wieder -- auf ein Schema versessen -- Zahl und Zeit vermengt. +Aber Zählen ist keine Zahl, so wenig Zeichnen eine Zeichnung ist. +Zählen und Zeichnen sind ein Werden, Zahlen und Figuren sind Gewordnes. +Kant und die andern haben dort den lebendigen Akt (das Zählen), hier +dessen Resultat (die formalen Verhältnisse der fertigen Figur) ins Auge +gefaßt. Das eine gehört in den Bereich des Lebens und der Richtung, +das andre in den der Ausdehnung und Kausalität. Die +gesamte+ +Mathematik, populär gesprochen also Arithmetik +und+ Geometrie, +beantworten das +Was+, also die Frage nach der +natürlichen+ +Ordnung der Dinge. Im Gegensatz dazu steht die Frage nach dem ++Wann+ der Dinge, die spezifisch +historische+ Frage, die +Frage nach dem Schicksal, der Zukunft, der Vergangenheit. All das liegt +in dem Worte +Zeitrechnung+, das der naive Mensch vollkommen +richtig versteht. Kausalität ist durchaus mit der Zahlenwelt verbunden, +sei es durch das Prinzip der +Funktion+ im Abendlande oder das der ++Größe+ in der Antike. Physik und Mathematik verfließen ineinander +(in der reinen Mechanik). Zeit, Schicksal, Geschichte stehen diesem +Kreise völlig fern. Zu ihnen gehört die Chronologie. + +Es gibt keinen Gegensatz von Arithmetik und Geometrie.[40] Jede Idee +einer Zahl -- das wird das erste Kapitel hinlänglich gezeigt haben -- +gehört im vollen Umfange dem Bereich des Ausgedehnten und Gewordnen an, +sei es als euklidische Größe, sei es als analytische Funktion. Und in +welches der beiden Gebiete sollten denn die zyklometrischen Funktionen, +der Binomialsatz, die Riemannschen Flächen, die Gruppentheorie gehören? +Kants Schema war durch Euler und d’Alembert schon widerlegt, bevor er +es konzipiert hatte und nur die Unvertrautheit der Philosophen nach +ihm mit der Mathematik ihrer Zeit -- sehr im Gegensatz zu Descartes, +Pascal und Leibniz, welche die Mathematik +ihrer+ Zeit aus den +Tiefen ihrer Philosophie heraus selbst geschaffen haben -- hat es +verschuldet, daß diese teilweise recht schülerhaften Ansichten von +der Beziehung von „Raum und Zeit“ zu „Geometrie und Arithmetik“ sich +kaum angefochten weiter vererbten. Aber es gibt keine Berührung des +Werdens mit irgendeinem Gebiete der Mathematik. Nicht einmal die tief +begründete Annahme Newtons, in dem ein tüchtiger Philosoph steckte, +daß er im Prinzip seiner Differentialrechnung (Fluxionsrechnung) das +Problem des Werdens, das Zeitproblem also -- übrigens in einer viel +feineren als der kantischen Fassung -- unmittelbar in Händen habe, +ließ sich aufrechterhalten, so sehr sie unter Philosophen heute noch +Mode ist. Bei der Entstehung von Newtons Fluxionslehre hatte das +metaphysische Bewegungsproblem eine entscheidende Rolle gespielt. Seit +Weierstraß indessen bewiesen hat, daß es stetige Funktionen gibt, die +nur teilweise oder gar nicht differentiiert werden können, ist dieser +tiefste jemals unternommene Versuch, dem Zeitproblem mathematisch nahe +zu kommen, abgetan. + + +11 + +Die Zeit ist ein +Gegenbegriff+. Hier wird zum ersten Male +eine Eigentümlichkeit der logischen Produktivität berührt, die von +höchster Bedeutung ist. Der Intellekt, unfähig, das Schicksalsgefühl +seiner Formenwelt einzugliedern, hat vom Raume aus als dessen ++logisches+ Seitenstück einen Begriff „Zeit“ („Nicht-raum“) +konstruiert. Wir würden weder das Wort noch dessen uns als ständig +denkenden Wesen geläufigen, völlig verfehlten Inhalt besitzen, wenn +nicht der mächtige Drang zum Begreifen (in optische Grenzen bannen) die +Seele verführt hätte. Es folgt daraus, daß der antike Geist, welcher +das Ausgedehnte, wie wir sehen werden, einer ganz andern Symbolik +unterwarf als wir, dementsprechend auch als Zeit sich etwas andres +vorstellte. Aber es läßt sich auf keine Weise begreiflich machen, was +an Stelle unsrer „Zeit“ in analogen Fällen dem apollinischen Menschen +vorschwebte. + +Das Raumproblem ist also die +einzige+ Aufgabe aller exakten +Wissenschaft, die sich ausschließlich mit dem Gewordnen beschäftigt, +um dessen immanente Notwendigkeit in Gestalt des mathematisch zu +behandelnden Kausalitätsprinzips restlos zu zergliedern. Es gibt +in diesem Sinne +nur+ Naturwissenschaften, zu denen Logik und +Erkenntnistheorie gehören. Das gemeinsame Gefühlsmoment der Weltangst +und ein identisches Ziel, die Bannung und Beschwörung des Fremden durch +unumstößliche Gesetze verbinden sie. Die wissenschaftlich unzugängliche +Schicksalsidee, die sich hinter dem Worte Zeit verbirgt, gehört in den +Bereich unmittelbarer Erlebnisse und Intuitionen. + +In jedem Kunstwerk, das den +ganzen+ Menschen, den +ganzen+ +Sinn des Daseins offenbart, liegen Angst und Sehnsucht beieinander. +Die Kunsttheorie hat das wohl gefühlt. Man hat immer wieder als +„+Inhalt+“ dasjenige zu isolieren versucht, was Richtung, +Schicksal, Leben, Sehnsucht, unter „+Form+“ das, was Ausdehnung, +Geist, Grund und Folge, Angst repräsentiert. Das Ausgedehnte, das +gestaltete Material, trägt die elementare Symbolik jeder Kunst. Alles +was Kanon, Schule, Konvention, Technik heißt, alles Begreifliche, +Folgerichtige, Erlernbare, +Zahlenmäßige+ in Linie, Farbe, +Ton, Bau, Ordnung also gehört hierher; die kanonische, von Polyklet +schriftlich niedergelegte Gliederung der nackten Statue, der Innenraum +gotischer Dome und ägyptischer Totentempel, die Kunst der Fuge. Sie +sind alle Arten +einer+ Tektonik. Sie wollen alle etwas Sinnliches +in starre, „+ewige+“, d. h. +zeitlose+ Form bannen. + +Die Architektur großen Stils, die allein von allen Künsten das +Fremde und Angsteinflößende selbst, das unmittelbar Ausgedehnte, den ++Stein+ behandelt, ist deshalb die selbstverständliche Frühkunst +aller Kulturen, die erst Schritt für Schritt den geistigeren Künsten +der Statue, des Gemäldes, der Komposition mit ihren indirekten +Formmitteln den Vorrang abtritt. Michelangelo, der von allen großen +Künstlern des Abendlandes unter dem beständigen Alpdruck der +Weltangst wohl am schwersten gelitten hat, ist darum allein von allen +Meistern der Renaissance vom Architektonischen niemals freigeworden. +Er malte sogar, als ob die Farbflächen Stein, Gewordnes, Starres, ++Gehaßtes+ wären. Seine Arbeitsweise war der erbitterte Kampf +gegen die feindseligen Mächte im Kosmos, die in Gestalt des Materials +ihm entgegentraten, während Lionardos, des +Sehnsüchtigen+, +Farben wie eine +freiwillige+ Inkarnation des Seelischen wirken. +In jedem architektonischen Formproblem kommt aber strengste Logik zum +Vertrag, Mathematik sogar, sei es in den antiken Säulenordnungen das ++euklidische+ Verhältnis von +Träger und Last+, sei es in +den „analistisch“ angelegten Fassaden des Barock das dynamische von ++Kraft und Masse+. Die berühmte Kontroverse Kant-Hume über die +Apriorität des Kausalen, aus welcher die „Kritik der reinen Vernunft“ +hervorging, ist mit mancher über ein künstlerisches Formproblem +innerlich verwandt. Die Symbolik der Richtung, des Schicksals, aber +steht jenseits aller mechanischen „Technik“ der großen Künste und +ist der formalen Ästhetik kaum zugänglich. Sie liegt zum Beispiel +in dem stets gefühlten, aber nie, weder von Lessing noch von Hebbel +klar gedeuteten Widerspruch antiker und abendländischer Tragik, +in der Szenen+folge+ altägyptischer Reliefs, überhaupt der ++reihenweisen+ Ordnung ägyptischer Statuen, Sphinxe, Tempelsäle, +in der Wahl von Diorit und Basalt, durch welche Dauer und Zukunft +bejaht werden, gegenüber dem Holz frühgriechischer Skulpturen, in der +Geste einer Statue des Phidias, deren eminente Gegenwärtigkeit auch +nur den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft abweist, während im +Gegensatz dazu der +Stil+ der Fuge den einzelnen Augenblick im +Unendlichen löst. Wie man sieht, gehört dies alles nicht zur starren +„Technik“, sondern zum „Genie“, nicht zum Können, sondern zum Müssen +des Künstlers, nicht zur mechanischen Form des Geschaffenen, sondern +zum lebendigen Schöpfungsakte selbst. Nicht die Mathematik und das +abstrakte Denken, sondern die Geschichte und die großen Künste -- ich +füge hinzu: der große Mythus -- geben den Schlüssel zum Problem der +Zeit. + + +12 + +Aus dem Sinne, welcher hier der Kultur als einem Urphänomen und dem +Schicksal als der organischen Logik des Daseins gegeben wurde, folgt, +daß notwendig jede Kultur ihre +eigne+ Schicksalsidee besitzen +muß, ja daß in dem Gefühl, jede große Kultur sei nichts anderes als +die Verwirklichung und Gestalt einer einzigen, bestimmten Seele, +diese Folgerung schon eingeschlossen liegt. Was wir Fügung, Zufall, +Verhängnis, Schicksal, der antike Mensch Nemesis, Ananke, Tyche, Fatum, +der Araber Kismet und alle anderen anders nennen, was niemand dem +andern, dessen Leben gerade Ausdruck +seiner+ Idee ist, nachfühlen +kann und was sich in Worten nicht weiter beschreiben läßt, stellt eben +diese einmalige, nie sich wiederholende Fassung der Seele dar, deren +jeder für sich völlig gewiß ist. + +Ich wage es, die antike Fassung der Schicksalsidee +euklidisch+ +zu nennen. In der Tat ist es die sinnlich-wirkliche +Person+ +des Ödipus, sein „empirisches Ich“, mehr noch, sein +σῶμα+, das +vom Schicksal getrieben und gestoßen wird. Ödipus klagt (Rex 242), +daß Kreon seinem +Leibe+ Übles getan habe und (Col. 355), daß +das Orakel seinem +Leibe+ gelte. Und Äschylus spricht in den +Choephoren (704) von Agamemnon als dem „flottenführenden königlichen +Leibe“. Es ist dasselbe Wort σῶμα, das die Mathematiker mehr als +einmal für ihre Körper gebrauchen. König Lears Schicksal aber, ein ++analytisches+, um auch hier an die entsprechende Zahlenwelt +zu erinnern, ruht ganz in dunklen innern Beziehungen: Die Idee des +Vatertums taucht auf; seelische Fäden spinnen sich durch das Drama, +unkörperlich, jenseitig, und werden durch die zweite, kontrapunktisch +gearbeitete Tragödie im Hause Glosters seltsam beleuchtet. Lear ist +zuletzt ein bloßer Name, ein Mittelpunkt für etwas Grenzenloses. ++Diese+ Fassung des Schicksals ist eine „infinitesimale“, in +unendlicher Räumlichkeit und durch endlose Zeiten ausgebreitete; +sie berührt das leibliche, euklidische Dasein gar nicht; sie trifft ++nur+ die Seele. Der wahnsinnige König zwischen dem Narren und +dem Bettler im Sturm auf der Heide -- das ist der Gegensatz zur +Laokoongruppe. Da ist die faustische gegenüber der apollinischen Art +zu leiden. Sophokles hatte auch ein Laokoondrama geschrieben. Ohne +Zweifel war in ihm von +Seelenleid+ nicht die Rede. Und hier +möchte man den Ausdruck „Idee des Daseins“ vorziehen, zumal wenn man +an Hebbels tragische Entwürfe denkt, der in einem gewissen Sinne die +abendländische Tragödie abgeschlossen und ihre letzten Möglichkeiten +erschöpft hat. Wer überhaupt ein großes Drama kosmisch zu durchschauen +und nicht nur in seiner Szenik anzuschauen vermag, der wird die +Verwandtschaft der Konzeptionen des Sophokles mit der antiken Geometrie +und derjenigen Shakespeares, Goethes, Kleists mit der Analysis, also +den Gegensatz von Größe und Beziehung auch in der tiefsten Wurzel des +künstlerischen Schöpfungsaktes fühlen. + +Wir nähern uns damit einem andern Zusammenhang von großer Symbolik. +Man nennt das typische Drama des Abendlandes +Charakterdrama+ und +sollte das griechische dann als +Situationsdrama+ bezeichnen. +Man betont damit, was eigentlich von dem Menschen beider Kulturen +als Grundform seines Lebens empfunden und mithin durch die Tragik, +das Schicksal, in Frage gestellt wird. Sagt man für Richtung +des Lebens +Nichtumkehrbarkeit+, so hat man den Kern jedes +möglichen tragischen Konflikts. Wir haben eine antike Tragödie des ++Augenblicks+ und eine abendländische der historisch-psychischen ++Entwicklung+ vor uns. So empfand eine ahistorische und eine +extrem historische Seele sich selbst. Unsere Tragik entstand aus +dem Gefühl einer +unerbittlichen Logik des Werdens+. +Der +Grieche fühlte das Alogische, das blinde Ungefähr des Moments.+ +Und man begreift nun, weshalb gleichzeitig mit dem abendländischen +Drama eine mächtige Porträtkunst -- mit ihrem Höhepunkt in Rembrandt +-- aufblühte und erlosch, eine Art historischer und psychologischer +Kunst, die +deshalb+ im klassischen Griechenland zur Blütezeit +des attischen Theaters aufs strengste verpönt war; man denke an das +Verbot ikonischer Statuen bei den Weihgeschenken und daran, daß sich -- +seit Lippos -- eine schüchterne Art idealisierender Bildniskunst genau +damals hervorwagte, wo die große Tragödie durch das soziale Typendrama +Menanders in den Hintergrund gedrängt wurde. Im Grunde tragen alle +griechischen Statuen eine stereotype Maske wie die Schauspieler im +Dionysostheater. Alle bringen sie +somatische Situationen+ +in der präzisesten Fassung. Physiognomisch sind sie +stumm+, +körperlich sind sie +notwendig nackt+. „Charakterköpfe“ hat +erst der Hellenismus gebracht. Und wir werden wieder an die beiden +entsprechenden Zahlenwelten erinnert, in deren einer handgreifliche +Resultate errechnet wurden, während in der andern der Charakter +von Beziehungsgruppen von Funktionen, Gleichungen, überhaupt von +Formelementen gleicher Ordnung morphologisch untersucht und +als +solcher+ in gesetzmäßigen Ausdrücken fixiert wird. + + +13 + +Die Fähigkeit, Geschichte zu erleben und die Art, wie sie, wie vor +allem auch das +eigne+ Werden durchlebt wird, ist bei den +einzelnen Menschen sehr verschieden. + +Jede Kultur besitzt schon eine streng individuelle Art, +Natur+ zu +sehen, zu erkennen oder, was dasselbe ist, sie +hat+ ihre eigne +und eigentümliche Natur, die keine andere Art Mensch in genau derselben +Gestalt besitzen kann. Ganz ebenso hat auch jede Kultur und in ihr, mit +Unterschieden geringeren Grades, jeder Einzelne eine durchaus eigne Art +von Geschichte, in deren Bilde, in deren Stil er das allgemeine und +das persönliche, das innere und äußere, das welthistorische und das +biographische Werden unmittelbar anschaut, fühlt und erlebt. So ist +der autobiographische Hang der abendländischen Menschheit der antiken +völlig fremd. Der extremen Bewußtheit der Geschichte Westeuropas steht +die geradezu traumhafte Unbewußtheit der indischen gegenüber. Und was +ist es, das arabische Menschen, Paulus, Plotin oder Mohammed vor sich +sahen, wenn sie das Wort Weltgeschichte aussprachen? Aber wenn es +schon höchst schwierig ist, sich von der Natur, der kausal geordneten +Umwelt andrer eine genaue Vorstellung zu machen, obwohl in ihr das +spezifisch Erkennbare zum +Bilde+ vereinheitlicht ist, so ist +es völlig unmöglich, den historischen Weltaspekt fremder Kulturen, +das aus ganz anders angelegten Seelen gestaltete Bild des Werdens +mit den Kräften der eignen Seele vollkommen zu durchdringen. Hier +wird immer ein unzugänglicher Rest bleiben, um so größer, je geringer +der eigne historische Instinkt, der physiognomische Takt, die eigne +Menschenkenntnis ist. Trotzdem ist die Lösung +dieser+ Aufgabe +eine Voraussetzung alles tiefern Weltverständnisses. Die historische +Umwelt der andern ist ein +Teil ihres Wesens+, und man versteht +niemand, wenn man sein Zeitgefühl, seine Idee vom Schicksal, den Stil +und Bewußtseinsgrad seines Innenlebens nicht kennt. Was hier sich +nicht unmittelbar in Bekenntnissen auffinden läßt, müssen wir also +der Symbolik der äußern Kultur entnehmen. So erst wird das an sich +Unbegreifliche zugänglich und dies gibt dem historischen Stil einer +Kultur und den dazu gehörigen großen Zeitsymbolen ihren unermeßlichen +Wert. + +Als eines dieser kaum je begriffenen Zeichen war schon die +Uhr+ +genannt worden, eine Schöpfung hochentwickelter Kulturen, die immer +geheimnisvoller wird, je mehr man darüber nachdenkt. Die antike +Menschheit verstand sie zu entbehren -- nicht ohne Absichtlichkeit +--, obwohl Uhren in den beiden ältern Welten der babylonischen und +ägyptischen Seele mit ihrer strengen Astronomie und Zeitrechnung, +ihrem tiefen Blick für Vergangenheit und Zukunft und deren Knüpfung +an den Augenblick, ständig (als Sonnenuhren und Wasseruhren) in +Gebrauch waren. Aber das antike Dasein, euklidisch, beziehungslos, +punktförmig, war im gegenwärtigen Moment völlig beschlossen. Nichts +sollte an Vergangnes und Künftiges mahnen. Die Archäologie fehlt der +Antike ebenso wie deren +psychische Umkehrung, die Astrologie+. +Es gab keine Zeitrechnung, denn die Olympiadenrechnung war lediglich +ein literarischer Notbehelf. In antiken Städten erinnert nichts an die +Dauer, an die Vorzeit, an das Bevorstehende, keine pietätvoll gepflegte +Ruine, kein für noch ungeborne Generationen vorgedachtes Werk, kein +trotz technischer Schwierigkeiten mit Bedeutung gewähltes Material. +Der dorische Grieche hat die mykenische Steintechnik unbeachtet +gelassen und baute wieder in Holz und Lehm, trotz des mykenischen +und ägyptischen Vorbildes und trotz des Reichtums seiner Landschaft +an den besten Gesteinen. Der dorische Stil ist ein Holzstil. Noch zur +Zeit des Pausanias sah man am Zeustempel in Olympia die letzte nicht +ausgewechselte Holzsäule. In einer antiken Seele ist das Organ für +Geschichte, das +Gedächtnis+ in dem hier stets vorausgesetzten +Sinne, das den +Organismus+ der persönlichen Vergangenheit, +die +Genesis+ des Innenlebens immer gegenwärtig erhält, nicht +vorhanden. Es gibt keine „Zeit“. Daß Cäsar den Kalender reformierte, +darf man beinahe als einen Akt der Emanzipation vom antiken +Lebensgefühl bezeichnen: Aber Cäsar dachte auch an den Verzicht auf +Rom und an die Verwandlung des Stadtstaates in ein dynastisches, also +dem Symbol der +Dauer+ unterstelltes Reich mit dem Schwerpunkt +in Alexandria, von wo sein Kalender stammt. Seine Ermordung wirkt wie +eine letzte Auflehnung eben dieses, in der Polis, der +Urbs Roma+ +verkörperten, der Dauer feindlichen Lebensgefühls. + +Man erlebte noch damals jede Stunde, jeden Tag für sich. Das gilt vom +einzelnen Hellenen und Römer, von der Stadt, der Nation, der ganzen +Kultur. Die von Kraft und Blut strömenden Feste, Palastorgien und +Zirkuskämpfe unter Nero und Caligula, die Tacitus, ein echter Römer, +allein beschreibt, während er für das Leben der weiten Landschaft des +Imperiums kein Auge, keine Worte hat, sind der letzte prachtvolle +Ausdruck dieses euklidischen, den +Leib+, die +Gegenwart+ vergötternden +Weltgefühls. Die Inder, deren Nirwana auch durch den Mangel an +irgendwelcher Zeitrechnung ausgedrückt ist, besaßen ebenfalls keine +Uhren und +also+ keine Geschichte, keine Lebenserinnerungen, keine +Sorge. Was wir, eminent historisch angelegte Menschen, indische +Geschichte nennen, ist ohne das geringste Bewußtsein seiner selbst +verwirklicht worden. Das Jahrtausend der indischen Kultur von den +Veden bis auf den Buddha herab wirkt auf uns wie die Regungen eines ++Schlafenden+. Hier war das Leben +wirklich+ ein Traum. Nichts steht +diesem Indertum ferner als das Jahrtausend der abendländischen +Kultur. Niemals, auch im alten China nicht, war man wacher, bewußter, +niemals ist die Zeit tiefer gefühlt und mit dem vollen Bewußtsein +ihrer Richtung und schicksalsschweren Bewegtheit erlebt worden. +Die +Geschichte Westeuropas ist gewolltes, die indische ist widerfahrenes +Schicksal.+ Im griechischen Dasein spielen Jahre keine Rolle, im +indischen kaum Jahrzehnte; hier ist die Stunde, die Minute, zuletzt die +Sekunde von Bedeutung. Von der tragischen Spannung historischer Krisen, +wo der Augenblick schon erdrückend wirkt wie in den Augusttagen 1914, +hätte weder ein Grieche noch ein Inder eine Vorstellung haben können. +Aber solche Krisen können tiefe Menschen des Abendlandes auch +in sich+ +erleben, Hellenen +nicht+. Über unsrer Landschaft hallen Tag und Nacht +von Tausenden von Türmen die Glockenschläge, die ständig Zukunft an +Vergangnes knüpfen und den flüchtigen Moment der „antiken“ Gegenwart +in einer ungeheuren Beziehung auflösen. Der Moment, welcher die +Geburt dieser Kultur bezeichnet, die Zeit der Sachsenkaiser, sah auch +schon die Erfindung der Räderuhren.[41] Ohne peinlichste Zeitmessung +-- eine Chronologie des Kommenden, die durchaus unserm ungeheuren +Bedürfnis nach Archäologie, Erhaltung, Ausgrabung, Sammlung alles +Vergangnen entspricht -- ist der abendländische Mensch nicht denkbar. +Die Barockzeit steigerte das gotische Symbol der Turmuhren noch zu dem +grotesken der Taschenuhren, die den Einzelnen begleiten.[42] Und sind +wir es nicht auch, welche die Wägung und Messung des inneren Lebens +zur strengsten Vollendung geführt haben? Ist unsere Kultur nicht die +der Selbstbiographien, Tagebücher, Konfessionen und unerbittlichen +ethischen Selbstprüfungen? Hat je eine andre Art Mensch sich bis zu dem +während der Epoche der Kreuzzüge ausgebildeten Symbol der Ohrenbeichte +erhoben, von der Goethe sagte, daß sie den Menschen nie hätte genommen +werden sollen? Ist nicht unsre ganze große Kunst -- sehr im Gegensatz +zur antiken -- ihrem Gehalte nach Bekenntniskunst? Es wird niemand +über Welt- und Staatengeschichte nachdenken, Geschichte andrer fühlen +und begreifen können, der nicht in sich selbst mit vollem Bewußtsein +Geschichte, Schicksal, Zeit erlebt. Deshalb hat die Antike weder eine +wahre Weltgeschichte, eine Psychologie der Historie, noch eine tiefe +Biographie hervorgebracht. Thukydides und Sokrates bestätigen das. Der +eine kannte nur die jüngste Vergangenheit eines engen Völkerkreises, +der andere nur ephemere Momente der Einkehr. + +Und neben dem Symbol der Uhren steht das andre, ebenso tiefe, ebenso +unverstandne der Bestattungsformen, wie sie alle großen Kulturen +durch Kulte und Kunst geheiligt haben. In der Urzeit gehen die +vielen möglichen Formen noch chaotisch durcheinander, abhängig von +Stammessitte und Zweckmäßigkeit. Jede Kultur aber erhebt alsbald +eine von ihnen zum höchsten symbolischen Range. Hier wählte der +antike Mensch aus tiefstem, unbewußtem Lebensgefühl heraus die ++Totenverbrennung+, einen Akt der Vernichtung, durch den er sein +an das Jetzt und Hier gebundenes euklidisches Dasein zu gewaltigem +Ausdruck brachte. Er +wollte+ keine Geschichte, keine Dauer, +weder Vergangenheit noch Zukunft, weder Sorge noch Auflösung und +er +zerstörte+ deshalb, was keine Gegenwart mehr besaß, den ++Leib+ eines Perikles und Cäsar, Sophokles und Phidias. Keine +zweite Kultur steht dieser darin zur Seite -- mit einer bezeichnenden +Ausnahme, der vedischen Frühzeit Indiens. Und man bemerke wohl: die +dorisch-homerische Frühzeit behandelte diesen Akt mit dem ganzen +Pathos eines eben geschaffenen Symbols, die Ilias vor allem, während +in den Gräbern von Mykene, Tiryns, Orchomenos die Toten, deren +Kämpfe vielleicht gerade den Keim zu jenem Epos gelegt hatten, nach +ägyptischer Art bestattet worden waren. Als in der Kaiserzeit neben die +Aschenurne der Sarkophag trat -- bei Christen +und+ Heiden --, war +ein neues +Zeitgefühl+ erwacht wie damals, als auf die mykenischen +Schachtgräber die homerische Urne folgte. + +Und diese Ägypter, welche ihre Vergangenheit so gewissenhaft im +Gedächtnis, in Stein und Hieroglyphen aufbewahrten, daß wir heute, +nach vier Jahrtausenden, noch die Regierungszahlen ihrer Könige genau +bestimmen können, verewigten auch deren Leib, so daß die großen +Pharaonen -- ein Symbol von schauerlicher Erhabenheit -- heute noch +mit erkennbaren Gesichtszügen in unsern Museen liegen, während von +den Königen der dorischen Zeit nicht einmal die Namen übrig geblieben +sind. Wir kennen Geburts- und Todestag fast aller großen Menschen seit +Dante genau. Das scheint uns selbstverständlich. Aber zur Zeit des +Aristoteles, auf der Höhe antiker Zivilisation, wußte man nicht mehr, +ob Leukippos, der Begründer des Atomismus und Zeitgenosse des Perikles, +kaum ein Jahrhundert vorher, +überhaupt existiert habe+. Dem würde +es entsprechen, wenn wir der Existenz Giordano Brunos nicht sicher +wären und die Renaissance bereits völlig im Reich der Sage läge. + +Und diese Museen selbst, in denen wir die ganze Summe der +sinnlich-körperlich gewordenen Vergangenheit zusammentragen! Sind sie +nicht auch ein Symbol vom höchsten Range? Sollen sie nicht den „Leib“ +der gesamten Kulturhistorie mumienhaft konservieren? Sammeln wir +nicht, wie die unzähligen Daten in Milliarden gedruckter Bücher, so ++alle+ Werke +aller+ toten Kulturen in diesen hunderttausend +Sälen westeuropäischer Städte, wo in der Masse des Vereinigten jedes +einzelne Stück dem flüchtigen Augenblick seines wirklichen Zweckes -- +der einer antiken Seele +allein+ heilig gewesen wäre -- entwendet +und in einer unendlichen Bewegtheit der Zeit gleichsam aufgelöst wird? +Man bedenke, was die +Hellenen+ „Museion“ nannten und welch tiefer +Sinn in diesem Wandel des Wortgebrauchs liegt. + + +14 + +Es ist das +Urgefühl der Sorge+, das die Physiognomie der +abendländischen wie der ägyptischen und chinesischen Kulturgeschichte +beherrscht und auch noch die Symbolik des +Erotischen+ gestaltet, +in dem die Beziehung des gegenwärtigen Menschen zu den folgenden +Generationen sich darstellt. Das punktförmige euklidische Dasein +der Antike empfand auch da ganz somatisch. Es setzte deshalb in den +Mittelpunkt der demetrischen Kulte die Wehen des gebärenden Weibes, +in die antike Welt überhaupt das Symbol des +Phallus+, das +Zeichen einer durchaus dem Augenblick geweihten und Vergangenheit wie +Zukunft in ihm vergessenden Geschlechtlichkeit. Der Mensch fühlte +sich hier als Natur, als Pflanze, als Tier, dem Sinn des Werdens +willenlos hingegeben. Der häusliche Kult galt dem _genius_, +d. h. der Zeugungskraft des Familienhauptes. +Unsre+ tiefe und +nachdenkliche Sorge stellte dem im abendländischen Kult das Zeichen +der +Mutter+ gegenüber, welche das Kind -- die Zukunft -- an der +Brust trägt. Der Marienkult in diesem neuen, faustischen Sinne erblühte +erst in den Jahrhunderten der Gotik. Ihre höchste Verkörperung hat +sie in Raffaels Sixtina gefunden. Das ist +nicht+ christlich +überhaupt, denn das magisch-orientalische Christentum erhob Maria als +Theotokos, als Gebärerin Gottes, zu einem ganz anders empfundenen +magisch-metaphysischen Symbol. Die +stillende+ Mutter ist der +arabischen (byzantinisch-langobardischen) Kunst ebenso fremd wie +der hellenischen; sie ist das reinmenschliche Sinnbild der Sorge, +und sicherlich steht Gretchen im Faust mit dem tiefen Zauber ihrer +unbewußten Mütterlichkeit den gotischen Madonnen näher als alle Marien +byzantinischer und ravennatischer Mosaiken. + +Nichts ist sorgenvoller als der Aspekt der ägyptischen Geschichte, in +der die Fürsorge für alles Vergangene, Tempel, Namen und Mumien der +Vorsorge für alles Kommende entspricht, ein Gefühl, das schon zur Zeit +des Cheops, 3000 v. Chr., zu einem tief durchdachten Staatsorganismus +und später zu einer so meisterhaft angelegten Finanzwirtschaft +geführt hat, daß von Alexander dem Großen an die späten antiken +Staatsgebilde nur durch Übernahme der Praxis der Pharaonen zu +einigermaßen geregelter Verwaltung gelangt sind. So verschieden an +sich Buddhismus und Stoizismus, die Altersstimmungen der indischen +und antiken Seele sind, im Widerspruch gegen das historische Gefühl +der Sorge, in der Verneinung also aller organisatorischen Energie, +Pflichtbewußtheit, Tätigkeit, Weitsicht gegenüber sind sie einig +und deshalb hat in indischen Königreichen und hellenischen Städten +niemand an das Kommende gedacht, weder für seine Person noch für +die Gesamtheit. Das _carpe diem_ des apollinischen Menschen +galt auch für den antiken Staat. Man wirtschaftete von einem Tage +zum andern ohne die Fähigkeit, vorausschauende Pläne zu fassen oder +gar sie auf Generationen hin zu verwirklichen. Der antike Staat -- +obwohl das Vorbild Ägyptens vor Augen stand -- hielt sich allein +durch fortgesetzte Gewaltmaßnahmen, Plünderung der eignen und fremden +Bürger, Münzfälschung, Enteignung, Proskription der Besitzenden; +und verfügte er einmal über Reichtümer, so fand er keine bessere +Verwendung, als sie an den Pöbel zu verschwenden. Man besaß keine +innerlich erworbene Geschichte der Vergangenheit und darum auch kein +Auge für die Notwendigkeiten der Zukunft. Man ließ sie herankommen; +man versuchte nicht auf sie zu wirken. Und deshalb ist heute +der +Sozialismus mit seiner unverkennbaren, wenn auch bisher nicht erkannten +Verwandtschaft zum Ägyptertum die dem Stoizismus der Zeitstufe nach +entsprechende, dem Sinne nach bis zum Äußersten entgegengesetzte +Altersstimmung der abendländischen Seele+, durch und durch +ägyptisch in seiner umfassenden Sorge für dauerhafte wirtschaftliche +Zusammenhänge, für Vorsorge und Fürsorge, die den gegenwärtigen +Zustand aus der historischen Perspektive von Jahrhunderten auffaßt, +die den +Einzelnen+ mit all seinen Lebensäußerungen in die +tausendfachen Beziehungen eines höchst abstrakten Wirtschaftssystems +bindet und verflicht, des genauen Seitenstücks der analytischen +Zahlenwelt, wie es der heutigen Funktionentheorie zugrunde liegt. Die +antike Wirtschaftsgesinnung -- die ἀταραξία und Unbekümmertheit der +Stoiker wiederholend -- +verleugnet+ die Zeit, die Zukunft, die +Dauer, die abendländische +bejaht+ sie, sei es in der flacheren +englisch-jüdischen Fassung von Malthus, Marx, Bentham, sei es in der +tiefen und zukunftsreichen +des preußischen Staatsgedankens+, +dessen von Friedrich Wilhelm I. begründeter Sozialismus noch in +diesem Jahrhundert den andern in sich aufnehmen wird. Das Wort +Friedrichs des Großen: „Ich bin der erste Diener meines Staates“ +drückt diese hohe Sorge um das Kommende, dies +faustische+ +Schicksalsgefühl aus. Es gehört derselben Epoche an wie Rousseaus +_contrat social_, aus dem die englisch-französische Staatsidee, +die parlamentarisch-halbsozialistische des 19. Jahrhunderts, +wesentlich hervorging. Rousseau und Friedrich der Große waren ++Musiker+; Sokrates, ihr „Zeitgenosse“ und Ahnherr der Stoa, +war +Bildhauer+. Beide Wirtschaftsideale, das der Polis und das +des westeuropäischen Staates, sind in der Tiefe ihrer Form mit den +Prinzipien der Plastik und des Kontrapunkts verwandt. So berühren +sich die Ideen von Schicksal, Geschichte, Zeit, Sorge mit den letzten ++künstlerischen+ Ausdrucksformen des Seelentums. + + +15 + +Der alltägliche Mensch aller Kulturen bemerkt von der Physiognomie +alles Werdens, seines eignen und dessen der historischen Welt, nur +den unmittelbar greifbaren +Vordergrund+. Die Summe seiner +Erlebnisse, der inneren wie der äußeren, füllt als bloße Reihenfolge +von Einzelheiten den Lauf seiner Tage. Erst der bedeutende Mensch fühlt +hinter dem populären Zusammenhange der historisch-bewegten Oberfläche +die tiefe Logik des Werdens, die in der Schicksalsidee hervortritt und +die eben jene oberflächlichen bedeutungsarmen Bildungen des Tages als +Zufälligkeiten erscheinen läßt. + +Zwischen Schicksal und Zufall scheint zunächst nur ein Gradunterschied +an Gehalt zu bestehen. Man empfindet es etwa als Zufall, daß Goethe +nach Sesenheim, und als Schicksal, daß er nach Weimar kam. Das eine +scheint Episode, das andre Epoche zu sein. Indessen wird daraus +deutlich, daß die Unterscheidung vom innern Range des Menschen abhängt, +der sie trifft. Der Menge wird selbst das Leben Goethes als eine +Reihe von Zufällen erscheinen; wenige werden mit Erstaunen empfinden, +welche symbolische Notwendigkeit in ihm auch noch dem Unbedeutendsten +innewohnt. + +Hier bleibt das Gebiet der begrifflichen Verständigung weit zurück; +was Schicksal, was Zufall ist, das gehört zu den entscheidenden ++Erlebnissen+ der einzelnen Seele wie der ganzer Kulturen. Es ist +eine Frage der Ethik, nicht der Logik. Hier schweigt alle Erfahrung, +jede abstrakte Erkenntnis, jede Definition; und wer auch nur den +Versuch wagt, beides erkenntnistheoretisch fassen zu wollen, der kennt +es gar nicht. Schicksal und Zufall bilden jedesmal einen Gegensatz, in +den die Seele zu kleiden versucht, was +nur+ Gefühl, +nur+ +Erlebnis und Intuition sein kann und was allein durch die innerlichsten +Schöpfungen von Religion und Kunst denen verdeutlicht wird, die +zur Einsicht +berufen+ sind. Um dies Urgefühl des lebendigen +Daseins, das dem Weltbilde der Geschichte Sinn und Gehalt verleiht, +heraufzurufen -- Name ist Schall und Rauch --, weiß ich nichts Besseres +als einen Vers von Goethe, denselben, der als Motto an der Spitze +dieses Buches dessen Grundgesinnung bezeichnen soll: + + Wenn im Unendlichen dasselbe + Sich wiederholend ewig fließt, + Das tausendfältige Gewölbe + Sich kräftig ineinander schließt; + Strömt Lebenslust aus allen Dingen, + Dem kleinsten wie dem größten Stern, + Und alles Drängen, alles Ringen + Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn. + +Die Unterscheidung dieser letzten Ideen ist Sache des Herzens. Die ++Logik der Geschichte+, der Richtung, die +tragische+ Notwendigkeit +des Seins, die in diesem Kreise waltet, ist nicht die Logik der Natur, +nicht Zahl und Gesetz, Ursache und Wirkung, nichts Greifbares oder +Begreifbares überhaupt. Man spricht von der Logik einer plastischen +Gruppe, eines vollkommenen Gedichtes, einer Melodie, eines Ornamentes. +Es ist die immanente Logik aller Religionen. + +Dies +ist+ Religion, und selbst die große Kunst vermag durch ihre +Symbole dieses letzte Geheimnis jeder Seele nur zu berühren, soweit +sie Religion ist. Insofern ein Kunstwerk im +Künstlersinne+ Form hat, +technische, elementare Form nämlich, die in Schule und Werkstatt +gelehrt werden kann, die die Substanz jeder Tradition und Konvention +bildet, den +Kanon+ der Fuge, den +Kanon+ der Plastik, den +Bau+ der +Tragödie -- insofern ist das Kunstwerk etwas +Gewordnes+, der Welt als +Natur angehörig und seine Logik von einer irgendwie kausal gefärbten +Art. Man wird eine Verwandtschaft der höheren Mathematik dieser +Kultur mit +diesem+ Objekt der Kunstübung nicht verkennen („Form“ als +Gegensatz zum „Stoff“). Wenn aber ein Kunstwerk in seinem Tiefsten noch +darüber hinausgeht, sich aus der Sphäre massenhaft geübter Zeitkunst in +den Kreis der wenigen +begnadeten+ Schöpfungen erhebt, dann teilt es +die Form des Werdens, dann +hat+ es Schicksal und +ist+ es Schicksal +in der Entwicklung einer Kultur, nicht mehr ein Atom im Wellenschlag +der historischen Oberfläche, sondern selbst geschichtsbildend, +epochemachend im wörtlichen Sinne. + +So ist es die +Idee der Gnade+ im abendländischen Christentum, +welche Zufall und Schicksal in der höchsten ethischen Fassung +repräsentiert. Fügung (Erbsünde) und Gnade -- in dieser Polarität, +die immer nur Gestalt des Gefühls, des bewegten Lebens, nie Inhalt +der Erfahrung sein kann, liegt das Dasein jedes wirklich bedeutenden +Menschen dieser Kultur beschlossen. Sie ist, auch für den Protestanten, +auch für den Atheisten, und sei sie noch so gut hinter dem Begriff der +„Entwicklung“ versteckt, der in gerader Linie von ihr abstammt,[43] die +Grundlage jeder Autobiographie, die, geschrieben oder gedacht, deshalb +dem antiken Menschen, dessen Schicksal von andrer Gestalt war, versagt +blieb. Aus ihr ist -- wieder im Gegensatz zu Äschylus und Sophokles +-- der ganze Gehalt der tragischen Schöpfungen von Shakespeare und +Goethe abzuleiten. Sie ist der letzte Sinn der Bildnisse Rembrandts +und der Musik von Bach bis zu Beethoven. Mag man es Fügung, Vorsehung, +innere Entwicklung[44] nennen, was den Lebensläufen aller Menschen des +Abendlandes etwas Verwandtes gibt -- dem Denken bleibt es unzugänglich. +Hier endet jede rationalistische Verfolgung religiöser Ideen beim +Widersinn: der vermeintlichen Überwindung kirchlicher Dogmen durch die +„Resultate der Wissenschaft“. Die Prädestinationslehre bei Calvin und +Pascal -- die beide, aufrichtiger als Luther und Thomas von Aquino, +die Konsequenzen der augustinischen Dialektik zu ziehen wagten -- ist +die +notwendige+ Absurdität, zu welcher die verstandesmäßige +Verfolgung dieser Dinge führt. Sie gerät aus der Logik des Weltgefühls +in die Logik der Begriffe und Gesetze, aus der unmittelbaren Anschauung +des Lebens in ein System von Objekten. Die furchtbaren Seelenkämpfe +Pascals sind die eines tiefinnerlichen Menschen, der zugleich geborner +Mathematiker war und der die letzten und ernstesten Fragen der Seele ++zugleich+ den großen Intuitionen eines inbrünstigen Glaubens +und der abstrakten Präzision einer ebenso großen mathematischen +Anlage unterwerfen wollte. Dies gab der Schicksalsidee, religiös +gesprochen der Vorsehung Gottes, +die schematische Form des +Kausalitätsprinzips+, die Kantische Form der Verstandestätigkeit +also, +denn das bedeutet Prädestination+, in der nun allerdings +die lebendige, freie und stets gegenwärtige Gnade, als allein dem +historischen („+übernatürlichen+“), nicht dem natürlichen +Weltbilde immanent, logisch unmöglich erscheint. Der Zweifel an Gott +ist das Verhängnis des Menschen, in dem ein tiefer Verstand über eine +tiefe Seele siegt. + + +16 + +Wenden wir uns nun der weiteren Verdeutlichung des +Phänomens des +Zufälligen+ zu, so werden wir nicht mehr Gefahr laufen, in ihm eine +Ausnahme oder Durchbrechung des kausalen +Natur+zusammenhanges +zu sehen. „Natur“ ist +nicht+ das Weltbild, in dem das Schicksal +wesenhaft wird. Überall, wo der verinnerlichte Blick sich vom +Sinnlich-Gewordnen löst und, der Vision sich nähernd, die Umwelt +durchdringt, Urphänomene statt Objekte auf sich wirken fühlt, tritt der +große +historische+, der außer- und übernatürliche Aspekt ein: es +ist der Blick Dantes und Wolframs, auch der des Goetheschen Alters, als +dessen Ausdruck vor allem das Ende des zweiten Faust erscheint und, was +man immer verkannt hat, der des Cervantes damals, als er die Gestalt +des Don Quijote fand. Verweilen wir in dieser Welt von Schicksal und +Zufall, so scheint es vielleicht zufällig, daß auf diesem kleinen +Gestirn sich die Episode der „Weltgeschichte“ abspielt; zufällig, daß +Menschen, eine tierähnliche organische Bildung auf der Rinde dieses +Stern, das Phänomen der „Erkenntnis“ und gerade in dieser, von Kant, +Aristoteles und andern so sehr verschieden betriebenen Form besitzen; +zufällig, daß als Wirkung dieser Erkenntnis gerade diese Naturgesetze +in Erscheinung treten („ewig und allgemeingültig“) und das Bild einer +„Natur“ wachrufen, von dem jeder Einzelne glaubt, daß es für alle +dasselbe sei. Die Physik verbannt -- mit Recht -- den Zufall aus ihrem +Bilde, aber es ist doch wieder Zufall, daß sie selbst überhaupt, +irgendwann in der Alluvialperiode der Erdoberfläche, einmal als +geistiges Phänomen auftauchte. + +Wem der Blick für dies +andere+ Weltbild, für Geschichte im +höchsten Sinne -- die Welt als „Divina commedia“, als Schauspiel +für einen Gott -- fehlt wie Kant und den meisten Systematikern des +Denkens, der wird darin nur den sinnlosen Wirrwarr von Zufällen, +diesmal im banalsten Sinne des Wortes, finden.[45] Aber auch die +zünftige, unkünstlerische Geschichtsforschung ist nicht viel mehr als +eine „pragmatische“ Analyse der Oberfläche, eine wenn auch noch so +geistreiche Sanktion des Banal-Zufälligen. + +Umgekehrt liegt dem „astrologischen“ Weltaspekte, selbst dort, wo +er sich wissenschaftlich gebärdet, die Überzeugung zugrunde, daß +das gesamte All, Gestirne wie Menschen, jenseits aller naturhaften +Kausalität, auch noch eine Einheit von ganz andrer Ordnung bildet, +deren immanente Logik eben die eines Schicksals ist. Kepler, der +die mathematischen Gesetze der Planetenbahnen fand, war überzeugter +Astrolog (er hat unter andern das Horoskop Wallensteins gestellt). +Ich sehe in jeder tragischen Dichtung, vorausgesetzt, daß sie einen +entsprechenden Rang einnimmt, den Ausdruck eines astrologischen +Lebensgefühls, selbst wenn der Autor als empirische Person dies in +Abrede gestellt hätte. Für Shakespeare beweisen es nicht nur die +Hexenszenen des Macbeth, welche tatsächlich den kosmischen Sinn des +Stückes tragen, sondern auch eine dunkle Grundstimmung im Lear, im +Wintermärchen, vor allem im Sturm. Hier würde man für Fügung und +Bestimmung vielleicht das Wort +Verhängnis+ wählen. Hier waltet ++nur+ ein Schicksal und Zufall heißt lediglich das, was dem +Einzelnen im Bilde auch seelisch nicht mehr verständlich ist. Von +diesem letzten Standpunkte aus löst sich endlich beides in eine +erhabene Einheit auf und dies ist es, was Christen großen Stils -- +ich erinnere nochmals an Dante -- als „göttliche Weltordnung“ mit +unerschütterlicher Gewißheit empfinden. Nur der Standort unterscheidet +noch Schicksal und Zufall. Nichts ist bezeichnender als Shakespeare, in +dem man den eigentlichen +Tragiker+ des +Zufalls+ noch nie +gesucht und nie vermutet hat. Und doch liegt hier gerade der Kern der +abendländischen Tragik, die zugleich das Abbild der abendländischen +Idee der Historie und der Schlüssel zu dem ist, was das von Kant +nicht verstandene Wort „Zeit“ bedeutet. Es ist recht zufällig, daß +die politische Situation des Hamlet, der Königsmord und die Frage der +Thronfolge, gerade +diesen+ Charakter treffen. Es ist zufällig, +daß Jago, ein alltäglicher Halunke, wie man sie auf allen Straßen +findet, gerade diesen Mann aufs Korn nahm, dessen Person diese durchaus +nicht alltägliche Physiognomie besaß. Und Lear! Ist etwas zufälliger +(und darum „natürlicher“) als die Paarung dieser gebietenden Würde +mit diesen den Töchtern vererbten verhängnisvollen Leidenschaften? +Hebbel wollte seine Menschen konsequenter, weniger zufällig haben -- +er wurde deshalb unnatürlich. Das Gezwungene, Systematische seiner +Konzeptionen, das jeder fühlt, ohne es sich deuten zu können, lag +darin, daß das logisch-kausale Schema seiner seelischen Konflikte dem +historisch-bewegten Weltgefühl und dessen ganz andersartiger Logik +widerspricht. Man fühlt die Gegenwart eines großen Verstandes, aber +nicht die eines tiefen Lebens. + +Und eben diese +abendländische+ Nuance des Zufälligen ist dem +antiken Weltgefühl und mithin dem antiken Drama ganz fremd. Antigone +hat keine zufällige Eigenschaft, welche für ihre Tragik irgendwie in +Betracht käme. Was dem König Ödipus geschah, hätte -- im Gegensatz +zum Schicksale Lears -- jedem andern geschehen können. Dies ist das ++antike+ Schicksal, das „allgemein menschliche“ +Fatum+, das +einem σῶμα überhaupt gilt und vom zufällig Persönlichen in keiner Weise +abhängt. + +Die gewöhnliche Geschichtsschreibung wird +immer+ beim Zufälligen +stehen bleiben. Dies ist -- das Schicksal ihrer Urheber, die geistig +mehr oder weniger innerhalb der Menge bleiben. Vor ihrem Auge fließen +Natur und Geschichte in eine höchste populäre Einheit zusammen und +„Zufall“, sa sacrée Majesté le Hazard, ist für den Mann der Menge das +Verständlichste, was es gibt. Es ist das Geheimnisvoll-Kausale, das +noch nicht Bewiesene, das ihm die Logik der Geschichte, die er nicht +fühlt, ersetzt. Das anekdotenmäßige Vordergrundsbild der Historie, +der Tummelplatz aller wissenschaftlichen Kausalitätenjäger und aller +Roman- und Stückeschreiber gewöhnlichen Schlages, entspricht dem +durchaus. Wie viele Kriege wurden angefangen, weil ein eifersüchtiger +Hofmann einen General von seiner Frau entfernen wollte! (In den Briefen +der Liselotte von Orleans finden sich kleine Kabinettstücke solcher +Aspekte der französischen Geschichte.) Wie viele Schlachten wurden +durch lächerliche Zwischenfälle gewonnen oder verloren! Man denke an +den Fächerschlag des Dei von Algier und ähnliches, das die historische +Szene mit Operettenmotiven belebt. Wie von einem schlechten Dramatiker +angebracht erscheinen der Tod Gustav Adolfs oder Alexanders. Hannibal +ist ein bloßes Intermezzo der antiken Geschichte, in deren Verlauf +er überraschend einfiel. Napoleons „Vorübergang“ entbehrt nicht der +Melodramatik. Konradin, der letzte Staufe, ist der Urstoff aller +Schülerpoesie. Wer die immanente Logik der Geschichte in irgendeiner +kausalen Folge ihrer sichtbaren Einzelereignisse sucht, wird immer, +wenn er aufrichtig ist, eine Komödie von burlesker Sinnlosigkeit +finden und ich möchte glauben, daß die so wenig beachtete Tanzszene +der betrunkenen Triumvirn in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ -- +für mich eine der mächtigsten in diesem unendlich tiefen Werke -- aus +dem Hohn des ersten +historischen+ Tragikers aller Zeiten auf +den pragmatischen Geschichtsaspekt hervorgewachsen ist. Dieser allzu +populäre Aspekt hat von jeher „die Welt“ beherrscht. Er hat den kleinen +Ehrgeizigen Mut und Hoffnung gemacht, in sie einzugreifen. Rousseau, +Ibsen, Nietzsche, Marx glaubten, durch eine Theorie den „Lauf der Welt“ +ändern zu können. Selbst die soziale, wirtschaftliche oder sexuelle +Deutung, zu der als +Maximum+ die Geschichtsbehandlung sich +heute „erhebt“ und die stets, angesichts ihres biologischen Gepräges, +kausaler Aspirationen verdächtig bleibt, ist noch reichlich trivial und +populär. + +Napoleon hatte in bedeutenden Momenten ein starkes Gefühl für die +wahre Logik des Weltwerdens. Er ahnte dann, inwiefern er ein Schicksal +war und inwiefern er eines hatte. „Ich fühle mich gegen ein Ziel +getrieben, das ich nicht kenne. Sobald ich es erreicht haben werde, +sobald ich nicht mehr notwendig sein werde, wird ein Atom genügen, +mich zu zerschmettern. Bis dahin aber werden alle menschlichen Kräfte +nichts gegen mich vermögen“ (1812). Das war +nicht+ pragmatisch +gedacht. Er selbst als empirische Person hätte vielleicht bei Marengo +fallen können. Was er +bedeutete+, wäre dann in andrer Gestalt +verwirklicht worden. Eine Melodie ist in den Händen eines großen +Musikers reicher Variationen fähig; sie kann für den einfachen Hörer +völlig verwandelt sein, ohne in der Tiefe -- in einem ganz andern +Sinne -- sich verändert zu haben. Die Epoche der deutschnationalen +Einigung ist in der Person Bismarcks, die der Freiheitskriege in +breiten und beinahe namenlosen Ereignissen durchgeführt worden. Beide +„Themata“ konnten auch anders „durchfiguriert“ werden. Bismarck hätte +entlassen und die Schlacht bei Leipzig verloren werden können; die +Gruppe der Kriege von 1864, 1866 und 1870 konnte durch diplomatische, +dynastische, revolutionäre oder volkswirtschaftliche Momente -- +„Modulationen“ -- vertreten werden, +obwohl die physiognomische +Prägnanz der abendländischen Geschichte, im Gegensatz zum Stil der +indischen etwa, an entscheidender Stelle starke Akzente, Kriege oder +große Persönlichkeiten, sozusagen kontrapunktisch fordert+. Bismarck +selbst deutet in seinen Erinnerungen an, daß im Frühling 1848 eine +Einigung in weiterem Umfange als 1870 hätte erreicht werden können, +die nur an der Politik des preußischen Königs, richtiger: an seinem +privaten Geschmack scheiterte. Das wäre, auch nach Bismarcks Gefühl, +eine matte Durchführung des Satzes gewesen, die eine Coda („_da capo +e poi la coda_“) notwendig gemacht hätte. Der Sinn der Epoche -- das +Thema -- hätte sich nicht verändert. Goethe konnte -- vielleicht -- in +frühen Jahren sterben, nicht seine Idee. „Faust“ und Tasso wären nicht +geschrieben worden, aber sie wären, ohne ihre poetische Greifbarkeit, +in einem sehr geheimnisvollen Sinne trotzdem „gewesen“. + +Man kann das Phänomen des Zufalls, das dem des Schicksals erst +Vollkommenheit gibt, nur aus der Idee des Urphänomens begreifen. Ich +denke wieder an Bildungen der Pflanzenwelt. Kulturen +sind+ +Pflanzen. Eine Buche, die eben heranwächst, wird im Laufe der Jahre +Blätter, Zweige, einen Stamm, Wipfel erhalten, deren allgemeine +Gestalt sich voraussagen läßt; dies gehört zum +Schicksal+ des +keimenden Organismus. Aber der Same ist vom Winde an irgendeine +Stelle getragen worden und Alter, Gesundheit, Mächtigkeit, Fülle der +Erscheinung werden durch sie wesentlich mitbestimmt. Tausend Umstände +kommen hinzu, um auch das Dasein zweier Nachbarstämme sehr verschieden +zu gestalten. Hier würde ein strenger Christ von einer +Gnade der +Natur+ reden. Zuletzt wird jeder Wipfel des Waldes, jeder Ast, jedes +Blatt von dem andern verschieden geworden sein und in einer Art, die +niemand voraussagen konnte; und dies wird man vor allem als Zufall +empfinden. Man kann dem Planetensystem gegenüber eine Betrachtungsweise +wählen, aus der die Ringe des Saturn und die Existenz der Erde in +dieser +Größe+, mit +dieser+ Form der Gravitation, dieser +geologischen Oberflächengeschichte, in der die Menschheit eine +flüchtige Episode bildet, zwischen diesen Nachbarplaneten, als Gebilde +des Zufalls erscheinen, vorausgesetzt, daß man die Sternenwelt als +ungeheuren Organismus auf sich wirken läßt. Die mathematischen Gesetze, +die einem andern Aspekt angehören, bleiben dabei völlig unberührt und +unangefochten. Und so tragen alle großen Kulturen, in deren Lebenslauf +vieles vorausbestimmbar ist, in ihren Zügen etwas, das dem Urphänomen ++wesentlich+ angehört und das man ihrem Schicksal, etwas, das +niemand ahnen kann und das man dem Zufall, der +Gnade+, zuweisen +kann. In welchem Grade diese Wertung stattfindet, das entscheidet für +das einzelne Geschichtsbild, das immer das eines bestimmten Betrachters +ist, dessen Weltgefühl mit unmittelbarer innerer Gewißheit. + +Die euklidische Seele der Antike konnte ihr an gegenwärtigen +Vordergründen haftendes Dasein indessen nur in der Gestalt von +Zufällen erleben. Darf man für die abendländische Seele das Zufällige +als Schicksal von geringerem Gehalte deuten, so darf umgekehrt das +Schicksal für die antike Seele als gesteigerter Zufall gelten. Das +bedeutet fatum. Beide Worte aber bezeichnen für die apollinische +Seele Momente von ganz andrer Physiognomie. Sie besaß, wie wir +sahen, kein Gedächtnis, keine organische Zukunft und Vergangenheit, +keine wirklich durchlebte Geschichte also und das will heißen: +kein eigentliches Gefühl für eine +Logik+ des Schicksals. Man +lasse sich nicht durch Worte täuschen. Die populärste Göttin des +Hellenismus war Tyche,[46] die man von der Ananke kaum zu scheiden +wußte. Schicksal und Zufall aber werden von +uns+ mit der +ganzen Wucht eines +Gegensatzes+ empfunden, von dem in unsrer +tiefern Existenz alles abhängt. +Unsere+ Geschichte ist die +der großen Zusammenhänge; sie ist kontrapunktisch gesetzt. Die +antike Geschichte, nicht etwa nur ihr Bild bei ihren Historikern +wie Herodot, sondern ihre volle Wirklichkeit ist die der Anekdoten, +das heißt eine Summe statuenhafter Einzelheiten. Anekdotisch ist +der Stil des griechischen Daseins überhaupt wie der jeder einzelnen +Biographie. Das körperlich-greifbare Element repräsentiert den ++ahistorischen+, den +dämonischen+ Zufall. Die Logik des +Geschehens wird mit ihm verdeckt, verleugnet. Alle Fabeln antiker +Meistertragödien +erschöpfen+ sich in +sinnlosen+ Zufällen; +anders läßt sich die Bedeutung des Wortes εἱμαρμένη im Gegensatz zur +shakespearischen Logik, die sich am +antihistorischen+ Zufall +erst entwickelt und verdeutlicht, nicht bezeichnen. Noch einmal: was +dem Ödipus zustößt, ganz von außen, innerlich durch nichts bedingt +und bewirkt, hätte jedem Menschen ohne Ausnahme geschehen können. Das +ist die Form des +Mythus+. Man vergleiche damit die tiefinnere, +durch ein ganzes Dasein und das Verhältnis dieses Daseins zur +Epoche bedingte individuelle Notwendigkeit im Schicksal Othellos, +Don Quijotes, Werthers. Situationstragödie und Charaktertragödie +stehen hier gegeneinander. Aber in der Geschichte selbst wiederholt +sich der Gegensatz. Jede Epoche des Abendlandes hat Charakter, jede +Epoche der Antike stellt eine Situation dar. Das Leben Goethes war +von schicksalsvoller Logik, das Cäsars von mythischer Zufälligkeit. +Hier hat Shakespeare erst die Logik +hineingetragen+. Napoleon +ist ein tragischer +Charakter+; Alkibiades gerät in tragische ++Situationen+. Die Astrologie in der Gestalt, wie sie von der +Gotik bis zum Barock das Weltgefühl selbst ihrer Leugner beherrschte, +wollte sich des +ganzen+ künftigen Lebenslaufes bemächtigen. +Das +Horoskop+ setzte einen +einheitlichen Organismus+ des +gesamten noch zu entwickelnden Daseins voraus. Das +Orakel+, immer +auf +einzelne+ Fälle bezogen, ist ganz eigentlich das Symbol +des Zufalls, der Τύχη, des Augenblicks; es gibt das Punktförmige, +Zusammenhanglose im Weltlauf zu, und in dem, was man in Athen als +Geschichte schrieb und erlebte, waren Orakelsprüche sehr am Platze. +Hat je ein Grieche die Idee einer +historischen Entwicklung+ +zu irgendeinem Ziele besessen? Haben wir je ohne dies Grundgefühl +über Geschichte nachdenken, Geschichte machen können? Vergleicht man +die Geschichte Athens und Frankreichs in den entsprechenden Zeiten +seit Themistokles und Ludwig XIV., so wird man finden, daß Stil des +historischen Fühlens und Stil der Wirklichkeit hier eines sind: hier +ein Extrem von Logik, dort von Unlogik. + +Man wird den letzten Sinn dieses bedeutsamen Faktums jetzt verstehen. +Geschichte ist eben die +Gestalt+ einer Seele, und der gleiche +Stil beherrscht die Geschichte, die man macht und die, welche man +„anschaut“. Die antike Mathematik schließt das Symbol des unendlichen +Raumes aus; die antike Geschichte mithin auch. Fügung und ein +unendlicher Weltraum, Zufall und materielle Nähe und Greifbarkeit von +Körpern -- das gehört zusammen. Nicht umsonst ist die Szene des antiken +Daseins die kleinste von allen: die einzelne Polis. Es fehlen ihm +Horizont und Perspektiven -- trotz der Episode des Alexanderzuges -- +genau wie der Szene des attischen Theaters mit der flach abschließenden +Rückwand. Man denke an die funktionalen und infinitesimalen Faktoren ++unserer+ Politik, die Kabinettsdiplomatie oder „das Kapital“. +Wie die Hellenen in ihrem Kosmos nur Vordergründe der Natur erkannten +und als wirklich anerkannten, unter innerlichster Ablehnung der +babylonischen Astronomie des Sternhimmels, wie sie +nur+ Haus-, +Stadt- und Feldgottheiten, aber keine Gestirngötter besaßen,[47] so ++malten+ sie auch nur Vordergründe. Niemals ist in Korinth, Athen +oder Sikyon eine Landschaft mit Gebirgshorizonten, ziehenden Wolken, +fernen Städten entstanden. Man findet auf allen Vasen nur Figuren von +euklidischer Vereinzelung und Selbstzufriedenheit. Jede Giebelgruppe +eines Tempels ist von additivem, niemals von kontrapunktischem Aufbau. +Aber man erlebte auch nur Vordergründe. Schicksal war das, was einem +plötzlich zustieß, nicht der „Lauf des Lebens“, und so hat Athen neben +dem Fresko Polygnots und der Geometrie der platonischen Akademie +die +Schicksalstragödie+ ganz im berüchtigten Sinne der „Braut +von Messina“ geschaffen. Der vollkommene Unsinn des blinden Fatums, +verkörpert z. B. im Atridenfluch, repräsentierte dem ahistorischen +antiken Seelentum den ganzen Sinn seiner Welt. + + +17 + +Einige gewagte, aber doch nicht mehr mißzuverstehende Beispiele mögen +zur Verdeutlichung dienen. Man denke sich Kolumbus von Frankreich +statt von Spanien unterstützt. Das war eine Zeitlang sogar das +Wahrscheinliche. Franz I. als Herr Amerikas hätte ohne Zweifel die +Kaiserkrone an Stelle des Spaniers Karl V. erhalten. Die frühe +Barockzeit vom Sacco di Roma bis zum westfälischen Frieden, nunmehr in +Religion, Geist, Kunst, Politik, Sitte das +spanische+ Jahrhundert +-- das dem Zeitalter Ludwigs XIV. in allem und jedem zur Grundlage und +Voraussetzung diente -- wäre nicht von Madrid, sondern von Paris aus +in Gestalt gebracht worden. Statt der Namen Philipp, Alba, Cervantes, +Calderon, Velasquez würden wir heute die großer Franzosen nennen, die +nun -- so läßt sich das schwer zu Fassende wohl ausdrücken -- ungeboren +bleiben. Der Stil der Kirche, damals durch den Spanier Ignaz von Loyola +und das von seinem Geist beherrschte Tridentiner Konzil endgültig +bestimmt, der politische Stil, damals durch spanische Kriegskunst, +durch die Kabinettsdiplomatie spanischer Kardinäle und den höfischen +Geist des Escorial bis zum Wiener Kongreß und in wesentlichen Zügen +noch über Bismarck hinaus festgelegt, die Architektur, die große +Malerei, das Zeremoniell, die vornehme Gesellschaft der großen Städte +wären durch andere feine Köpfe in Adel und Geistlichkeit, durch andere +Kriege als die Philipps II., einen anderen Baumeister als Vignola, +einen anderen Hof vertreten worden. Der Zufall wählte die spanische +Geste für die abendländische Spätzeit; die +innere Logik+ des +Zeitalters, das in der großen Revolution -- oder einem Ereignis von +analogem Gehalte -- seine Vollendung finden +mußte+, blieb davon +unberührt. + +Die französische Revolution konnte in der Tat durch ein Ereignis +von anderer Gestalt und an anderer Stelle, in Deutschland etwa, +vertreten werden. Ihre Idee (wie wir später sehen werden), der +Übergang der Kultur in die Zivilisation, der Sieg der anorganischen +Weltstadt über das organische Land, das nun „Provinz“ in geistigem +Sinne wird, war notwendig, und zwar in diesem Augenblick. Hierfür +soll das Wort +Epoche+ im alten heute verwischten (mit Periode +verwechselten) Sinne angewandt werden. Ein historisches Ereignis +macht Epoche: das heißt, es bezeichnet im Organismus einer Kultur +ein notwendiges, schicksalshaftes Stadium. Das Ereignis selbst, ein +Kristallisationsgebilde der historischen Oberfläche, konnte durch +entsprechende andere vertreten werden; die +Epoche+ ist notwendig +und vorbestimmbar. Ob ein Ereignis den Rang einer Epoche oder einer +Episode in bezug auf eine Kultur und deren Gang einnimmt, das hängt, +wie man sieht, mit den Ideen vom Schicksal und Zufall und weiterhin +mit dem Unterschied der epochalen abendländischen und der episodischen +antiken Tragik zusammen. + +Es mögen ferner anonyme und +persönliche+ Epochen unterschieden +werden, je nach ihrem physiognomischen Typus im Geschichtsbilde. Der +erste Teil jener Epoche, die Revolution, 1789-1799, ist durchaus +anonym, der zweite, napoleonische, 1799-1815, im höchsten Grade +persönlich gehalten. Die ungeheure Vehemenz dieser Erscheinung +hatte in einigen Jahren vollendet, was die entsprechende antike +Epoche (386-322), verschwommen und unsicher, in ganzen Jahrzehnten +„unterirdischen Abbaues“ zu leisten hatte. Es gehört zum organischen +Typus aller Kulturen, zum Urphänomen, daß in jedem Stadium zunächst +die gleiche Möglichkeit vorhanden ist, das Notwendige in Gestalt einer +großen Person (Ludwig XIV., Cäsar), eines großen anonymen Faktums +(peloponnesischer und dreißigjähriger Krieg) oder einer morphologisch +undeutlichen Entwicklung (Diadochenzeit, spanischer Erbfolgekrieg) zu +vollziehen. Welche Form die +Wahrscheinlichkeit+ für sich hat, ist +bereits eine Frage des historischen -- tragischen -- Stils. + +Die Geschichte, wie sie vor dem faustischen Auge sich als Weltbild +entrollt, verwirklicht ihre Epochen in persönlicher +oder+ +anonymer Fassung; die Tragödie drängt zur persönlichen als der +symbolisch bedeutenderen hin. Ein Dichter der Revolution würde ihren +Gehalt in eine repräsentative Person, Danton etwa, drängen. Unsere +Dramen sind Dramen einzelner Charaktere. Goethes Wahlverwandtschaften +bilden eine seltene Ausnahme. Ein tragischer Charakter ist der, welcher +Epoche macht, Werther z. B. Antike „Charaktere“ von epochemachender +Bedeutung gibt es also nicht. + +Jede wahre Epoche bedeutet auch eine wahre Tragödie, aber in unserem, +nicht im antiken Sinne. Parzeval, Don Quijote, Hamlet, Faust sind +solche Tragödien, die eine ganze historische Krisis in einem Charakter +resümieren und man darf deshalb jede große Tragödie unserer Kultur im +Gegensatz zu jeder antiken, notwendig ahistorischen und mythischen eine +historische nennen, so frei ihre Fabel erfunden sein mag; andernfalls +ist sie „Genre“ wie bei Schiller und Alfieri. Shakespeares Cäsar stirbt +im dritten Akt. Diese Tragödie gestaltet eine Epoche und der Dichter +fühlte -- ganz unbewußt, wie sich versteht --, daß eine empirische +Person nur Symbol, nur Oberflächengebilde ist.[48] Die Handlung +vollendet sich mithin erst dort, wo die Epoche, nicht wo das sinnliche +Dasein ihres Trägers zu Ende war. Cäsar ist in einem tieferen Sinne +erst bei Philippi gefallen, +in der Gestalt des Brutus nämlich+, +die seine +Mission+ vollendete, während Antonius, sein Erbe im +Sinne des historischen Vordergrundes, in Alexandria eine neue Epoche +einleitete, die bei Philippi zutage trat und im Drama von Actium +schloß. Aber dies ist der Cäsar unseres, +nicht des antiken+ +Weltbildes. Die antike Geschichte ist wie die antike Tragödie in sich +selbst episodisch, nicht epochal angelegt. + +Man nehme die Tragödie Napoleons. Seine Bestimmung war die Vollendung +der abendländischen Zivilisation. Er bedeutet dasselbe wie Philipp +und Alexander, die den Hellenismus an Stelle der hellenischen Kultur +heraufführten, so daß in beiden Fällen die Entscheidungen der +historischen Oberfläche nicht mehr durch Konvent und Guillotine, +durch den Ostrakismos und die Beschlüsse der Agora, nicht durch +journalistische und rhetorische Gesten wie zur Zeit Rousseaus, +Voltaires, des Aristophanes und Sokrates, sondern auf den großen +Schlachtfeldern von ganz Europa und dort auf dem Boden des alten +Perserreiches getroffen wurden. + +Das Tragische seines Lebens -- noch unentdeckt für einen Dichter, +der groß genug wäre, es zu begreifen und zu formen -- liegt darin, +daß er, dessen Dasein im Kampfe gegen die englische Politik, die +vornehmste Repräsentantin des englischen Geistes, aufging, eben durch +diesen Kampf den Sieg dieses Geistes auf dem Kontinent vollendete, +der dann mächtig genug war, in der Gestalt „befreiter Völker“ ihn zu +überwältigen und in St. Helena sterben zu lassen. Nicht er war der +Begründer des Expansionsprinzips. Das stammte aus dem Puritanismus +der Generation Cromwells, der das britische Kolonialsystem ins Leben +gerufen hatte,[49] und es war seit dem Tage von Valmy, den Goethe +allein begriff, wie sein berühmtes Wort am Abend der Schlacht beweist, +unter Vermittlung englisch geschulter Köpfe wie Rousseau und Mirabeau +die Tendenz der Revolutionsheere, die durchaus von den Ideen der +englischen Philosophie vorwärts getrieben wurden. Nicht Napoleon hat +diese Ideen, sie haben ihn geschaffen, und als er den Thron bestieg, +mußte er sie weiter verfolgen, gegen die einzige Macht, England +nämlich, die +dasselbe+ wollte. Sein Empire ist eine Schöpfung von +französischem Blute, aber englischem Stil. In London war durch Locke, +Shaftesbury, Clarke, vor allem Bentham, die Theorie der „europäischen“ +Zivilisation, des Hellenismus des Abendlandes, ausgebildet und von +Bayle, Voltaire, Rousseau nach Paris getragen worden. Im Namen ++dieses+ England des Parlamentarismus, der Geschäftsmoral und +des Journalismus kämpfte man bei Valmy, Marengo, Jena, Smolensk und +Leipzig, und englischer Geist hat in all diesen Schlachten gesiegt -- +über die französische Kultur des Abendlands.[50] Der Erste Konsul hatte +keineswegs den Plan, Westeuropa Frankreich einzuverleiben; er wollte +zunächst -- der Alexandergedanke an der Schwelle jeder Zivilisation! +-- an Stelle des englischen ein französisches Kolonialreich setzen, +durch welches er das politisch-militärische Übergewicht Frankreichs +über das abendländische Kulturgebiet auf eine kaum angreifbare +Basis gestellt hätte. Es wäre das Reich Karls V. gewesen, in dem +die Sonne nicht unterging, trotz Kolumbus und Philipp II. in Paris +konzentriert und nunmehr nicht als ritterlich-kirchliche, sondern als +wirtschaftlich-militärische Einheit organisiert. Soweit -- vielleicht +-- lag Schicksal in seiner Mission. Aber der Pariser Friede von 1763 +hatte die Frage schon +gegen+ Frankreich entschieden und seine +mächtigen Pläne sind jedesmal an winzigen Zufällen gescheitert; zuerst +vor St. Jean d’Acre durch ein paar rechtzeitig von den Engländern +gelandete Geschütze; dann nach dem Frieden von Amiens, als er das +ganze Mississippital bis zu den großen Seen besaß und mit Tippo Sahib, +der damals Ostindien gegen die Engländer verteidigte, Beziehungen +anknüpfte, an einer irrtümlichen Flottenbewegung seines Admirals, die +ihn zum Abbruch einer sorgfältig vorbereiteten Unternehmung zwang; +endlich als er zum Zweck einer neuen Landung im Orient das Adriatische +Meer durch die Besetzung von Dalmatien, Korfu und ganz Italien zu einem +französischen gemacht hatte und mit dem Schah von Persien über eine +Aktion gegen Indien unterhandelte, an Launen des Kaisers Alexander, +der zu Zeiten einen Marsch nach Indien wohl -- und dann mit sicherem +Erfolg -- unternommen hätte. Erst indem er nach dem Scheitern aller +außereuropäischen Kombinationen die Einverleibung von Deutschland +und Spanien als ultima ratio im Kampfe gegen England wählte, Ländern, +in denen sich nun gerade seine englisch-revolutionären Ideen gegen +ihn, ihren Vermittler, erhoben, hatte er den Schritt getan, der ihn +überflüssig machte.[51] + +Ob das weltumfassende Kolonialsystem, einst von spanischem Geiste +entworfen, damals englisch oder französisch umgeprägt wurde, ob die +„Vereinigten Staaten von Europa“, das Seitenstück +damals+ +der Diadochenreiche und nun in Zukunft des Imperium Romanum, durch +ihn als romantische Militärmonarchie auf demokratischer Basis oder +im 21. Jahrhundert durch einen cäsarischen Tatsachenmenschen als +rein wirtschaftliches Faktum Wirklichkeit wurden -- das gehört zum +Zufälligen des Geschichtsbildes. Seine Siege und Niederlagen, in denen +immer ein Sieg Englands, ein Sieg der Zivilisation über die Kultur, +verborgen war, sein Kaisertum, sein Sturz, die _grande nation_, +die episodische Befreiung Italiens, die 1796 wie 1859 nicht viel +mehr als das politische Kostüm eines längst bedeutungslos gewordenen +Volkes änderte, die Zerstörung des Deutschen Reiches, einer gotischen +Ruine, sind Oberflächenbildungen, hinter denen die große Logik der +eigentlichen, unsichtbaren Geschichte steht, und in ihrem Sinne vollzog +damals das Abendland den Abschluß der in französischer Gestalt, im +ancien régime zur Vollendung gelangten Kultur durch die englische +Zivilisation. Als Symbole identischer Phänomene entsprechen also +die Bastille, Valmy, Austerlitz, Waterloo, der Aufschwung Preußens, +den antiken Faktoren der Schlachten von Chäronea und Gaugamela, dem +Königsfrieden, dem Zug nach Indien und der Entwicklung Roms und man +begreift, daß in Kriegen und politischen Katastrophen, der _pièce +de résistance_ unserer Geschichtsschreibung, der Sieg nicht das +Wesentliche eines Kampfes und der Friede nicht das Ziel einer Umwälzung +ist. + +Die durch den Namen Luthers bezeichnete und, wie man zugeben muß, +nicht eben glücklich durchgeführte Epoche ist ein anderes Beispiel. +Hier war eine anonyme Entwicklung -- auf dem Wege von Konzilien -- +sogar naheliegend. Savonarola hatte im Einverständnis mit dem Könige +von Frankreich den Gedanken verfolgt, und seiner Erhebung zum Papste +wären mehrere Kardinäle kaum abgeneigt gewesen. Luthers innere und +äußere Entwicklung hängt mit der zufälligen Dauer des Pontifikats +einiger Mächte, Leos X. vor allem, eng zusammen. Man denke sich +Hadrian VI. an dessen Stelle. Wie der tiefere Sinn aller Schlachten +und Dekrete Napoleons nicht in der von ihm erstrebten oder erreichten +Absicht lag, so waren alle Handlungen Luthers nach ihrer äußeren +Absicht und ihrem realen Erfolge von den tieferen Tendenzen der in +ihm verkörperten Epoche unabhängig. Er hätte als Märtyrer oder Papst +sterben können; beides war möglich. Aber das wäre eher gewesen, was +die Griechen Nemesis nannten, ein bloßes Vordergrundschicksal, das den +Menschen, nicht die Idee berührte. Man konnte den ehrgeizigen Mönch zum +Haupte eines Konzils machen; seine Entwicklung zu einem Reformpapst +von gemäßigten Anschauungen und diplomatischer Konzilianz war nicht +unwahrscheinlich. Luthers ohnehin widerspruchsvolle, von Selbsthaß +und Selbstliebe gefärbte Stimmungen und Entschlüsse waren im hohen +Grade von dem Respekt abhängig, den fürstliche Gönner seiner Person +erwiesen, und anfangs waren seine Ziele von denen anderer, auch denen +des letzten deutschen Papstes, Hadrians VI., nicht allzu verschieden. +Vielleicht haben solche Gedanken ihn gelegentlich bewegt -- denn was +wissen wir von seinen innersten Erlebnissen? Von geringen Varianten +hing damals die ganze sichtbare Fassung der abendländischen Kultur ab +und eine Kirchenspaltung lag zunächst außer aller Wahrscheinlichkeit. +Endlich ist er dann der Brutus der Kirche geworden. Shakespeare hat da +den Typus des Grüblers aufgestellt, dem die +Gnade+ fehlt. Auch +dies ist eine tragische Möglichkeit, eine Epoche durchzuführen: die +Selbstvernichtung dessen, der sie in der wirklichen Welt repräsentiert. +Brutus tötet Cäsar, Luther die Kirche -- im Dienst einer Theorie. +Er +hat+ sie getötet. Sie hat seitdem, zur ständigen Notwehr +gegen den Protestantismus verurteilt, ihre königliche Freiheit, ihre +tiefe, heute nicht mehr verstandene Liberalität eingebüßt. Sie +war naiv gewesen, nun wurde sie peinlich. Und auch das Luthertum +erlebte sein Philippi -- als der katholische Geist in ihm eine neue +Orthodoxie schuf, der gegenüber Luthers Tat immer wieder, im Pietismus, +Rationalismus, Materialismus, Anarchismus, vollzogen wurde. Alles +dies gehört, bei aller Größe der Erscheinung, nur zum Gewande des +Zufällig-Historischen, in welches das Schicksal selbst sich hüllt. + +Wie aber von der Person Luthers feine Fäden sich rückwärts zu der +Heinrichs des Löwen und vorwärts zu der Bismarcks spinnen, zwei anderen +„Zufälligen“ des hohen Nordens, in denen Epochen zum Ausdruck kamen, +die als Triumphe über den Hang zum Süden, zum Sorglosen, zum Rausch +innerlichst verwandt sind -- es liegen in merkwürdiger Deutlichkeit des +Periodischen je 345 Jahre zwischen den symbolischen Akten von Legnano, +Worms und Königgrätz --, das beweist eine physiognomische Prägnanz des +Erlebens, deren nur die abendländische Seele mit ihrem großen Sinn für +den reinen Raum und die Historie fähig war und die nur in dem unsagbar +durchsichtigen und logischen Aufbau der ägyptischen Geschichte -- der +Verwirklichung der ägyptischen Seele -- ein Seitenstück hat. + + +18 + +Wer diese Ideen in sich aufgenommen hat, wird es verstehen, +wie verhängnisvoll das in einer exakten Form erst den späten +Kulturzuständen eigene und dann um so tyrannischer auf das Weltbild +wirkende Kausalitätsprinzip für das Erlebnis echter Geschichte werden +mußte. Kant hatte höchst vorsichtig die Kausalität als notwendige Form +der Erkenntnis festgestellt. Das Wort Notwendigkeit hörte man gern, +aber man überhörte die Einschränkung des Prinzips auf ein einzelnes +Erkenntnisgebiet, die gerade den modernen Historismus ausschloß. Das +ganze 19. Jahrhundert war bemüht, die Grenze von Natur und Geschichte +zugunsten der ersten zu verwischen. Je historischer man denken wollte, +desto mehr vergaß man, wie hier +nicht+ gedacht werden durfte. +Indem man das starre Schema einer optisch-räumlichen Beziehung, Ursache +und Wirkung, gewaltsam auf Lebendiges anwandte, zeichnete man in das +sinnliche Oberflächenbild der Historie die konstruktiven Linien des +Naturbildes ein, und niemand fühlte -- inmitten später, an kausalen +Denkzwang gewöhnter Intelligenzen -- die tiefe Absurdität einer +Wissenschaft, welche Werdendes durch ein methodisches Mißverständnis +als Gewordenes begreifen wollte. +Zweckmäßigkeit+ war das große +Wort, mit dem der zivilisierte Geist die Welt sich assimilierte. Eine +Maschine ist zweckmäßig konstruiert. Sie ist damit nützlich geworden. ++Folglich+ kann die Geschichte nur eine analoge Konstruktion +besitzen: Auf diesem Schlusse beruht der historische Materialismus. +Wollten wir den eigentlichen Schicksalsgedanken recht deutlich erleben, +so müssen wir uns in das Seelenleben unserer Kindheit und dessen Umwelt +versenken. Hier war das Bewußtsein durchaus mit den Eindrücken einer ++lebendigen+ Wirklichkeit erfüllt, dämonisch, verhängnisvoll, +zwecklos im erhabenen Sinne, ein ewiges Weben und Schweben, von +rätselhaftem, außernatürlichem Gehalte. Hier gab es wirklich eine +„Zeit“. Hier herrschte in äußerster Reinheit das Phantasiebild, das +dem späteren, abgeklärten, auch matteren Geschichtsbilde die Züge +vorzeichnete, welch letzteres mehr und mehr dem kausalen Naturbilde des +zivilisierten Menschen erliegt. + +Wissenschaft ist immer Naturwissenschaft. Wissen, Erfahrung gibt es +nur von Gewordenem, Ausgedehntem, Erkanntem. Wie Leben zur Geschichte, +so gehört Wissen zur Natur -- zu der als Element begriffenen, im Raume +betrachteten, nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung gestalteten +gegenwärtigen Sinnlichkeit. Gibt es also überhaupt eine Wissenschaft +der Historie? Erinnern wir uns, wie in jedem persönlichen Weltbilde, +das dem idealen Bilde nur mehr oder weniger nahekommt, etwas von beidem +erscheint, keine Natur ohne lebendige, keine Geschichte ohne kausale +Einklänge ist. Ohne Zweifel gibt es in jedem Geschichtsbilde Züge von +kausaler und naturgesetzlicher Art und sie sind es, auf die aller +Pragmatismus seine Ansprüche stützt. Ohne Zweifel ist auch das Gefühl, +welches einen echten Zufall gegenüber einem Schicksal statuiert, auf +Eindrücke dieser Art begründet. So sonderbar es klingt, der Zufall im +alltäglichen Sinne ist mit dem Kausalitätsprinzip innerlich verwandt. +Das Anorganische, Richtungslose verbindet sie. Aber sie sind beide +etwas Fremdes im Geschichtsbilde; sie gehören der Oberfläche an, deren +sinnliche Plastizität mindestens kausale +Gedächtnismomente+ +weckt. Sicherlich ist das Geschichtsbild eines Menschen -- und +damit der Mensch selbst -- um so flacher, je entschiedener der +handgreifliche Zufall in ihm regiert, und sicherlich ist mithin +eine Geschichtsschreibung um so leerer, je mehr sie ihr Objekt +durch Feststellung kausaler Beziehungen erschöpft. Je tiefer jemand +Geschichte erlebt, desto seltener wird er streng kausale Eindrücke +haben und desto gewisser wird er sie als gänzlich bedeutungslos +empfinden. Man prüfe Goethes naturwissenschaftliche Schriften, und +man wird erstaunt sein, die Darstellung einer lebendigen Natur ohne +Formeln, ohne Gesetze, fast ohne Spuren von Kausalem zu finden. Zeit +ist für ihn keine Distanz, sondern ein Gefühl. Der bloße Gelehrte, der +analysiert, nicht fühlt, besitzt kaum die Gabe, hier das Letzte und +Tiefste zu erleben. Die Geschichte fordert sie aber; und so besteht das +Paradoxon zu Recht, daß ein Geschichtsforscher um so bedeutender ist, +je weniger er der eigentlichen Wissenschaft angehört. + +Ein Schema möge das Gesagte zusammenfassen: + + Seele ---------------------------------> Welt + | | + +----------+-------------------------------+--+ + | | + Leben V + Wirken Wirklichkeit + Richtung Ausdehnung + +Schicksal+ +Kausalität+ + (Form des Erlebens) \ (Form des Erkannten) + ¦ \ / ¦ + ¦ \ / ¦ + ¦ \ / ¦ + V \ / V + Geschichte \ / Natur + Physiognomik \/ Systematik + (Menschenkenntnis) /\ (Wissenschaftliche Erkenntnis) + Urphänomen ⭩ ⭨ Objekt + +Tragödie+, Kunst +Physik+, Logik + (Fügung) (Bewegung) + + +19 + +Darf man irgendeine Gruppe elementarer Phänomene sozialer, +physiologischer, ethischer Natur als Ursache einer andern setzen? Die +pragmatische Geschichtsschreibung kennt im Grunde nichts andres. Das +heißt für sie, die Geschichte begreifen, ihre Erkenntnis vertiefen. +In der Tiefe aber liegt für den zivilisierten Menschen immer der ++praktische Zweck+. Ohne ihn wäre die Welt sinnlos. Allerdings +ist auf diesem Standpunkte die gar nicht physikalische +Freiheit +in der Wahl der Motive+ nicht ohne Komik. Der eine wählt diese, +der andre jene Gruppe als _prima causa_ -- eine unerschöpfliche +Quelle wechselseitiger Polemik -- und alle füllen ihre Werke mit +vermeintlichen Erklärungen des Ganges der Geschichte im Stile +physikalischer Zusammenhänge. Schiller hat dieser Methode, durch +eine seiner unsterblichen Banalitäten, den Vers vom Weltgetriebe, +das sich „nur durch Hunger und durch Liebe“ erhält, den klassischen +Ausdruck gegeben. Das 19. Jahrhundert hat seine Meinung zu kanonischer +Geltung erhoben. Damit war der Kult des Nützlichen an die Spitze +gestellt. Ihm hat Darwin im Namen des Jahrhunderts Goethes Naturlehre +zum Opfer gebracht. Ohne Zweifel, das Leben war eine Entwicklung +zu einem zweckmäßigen Ziele. Der Instinkt, der Intellekt waren die +Mittel dazu. Aber gibt es historische, seelische, gibt es überhaupt +lebendige „+Prozesse+“? Haben historische Bewegungen, die +Zeit der Aufklärung oder die Renaissance etwa, irgend etwas mit +dem +Naturbegriff+ der Bewegung zu tun? Mit dem Worte Prozeß +war das Schicksal allerdings abgetan. Das Geheimnis des Werdens +war „aufgeklärt“. Es gab keine tragische, es gab nur noch eine +mathematische Logik. Der „exakte“ Historiker setzt nunmehr höchst +naiv voraus, daß im Geschichtsbilde eine Folge von Zuständen von +mechanischem Typus vorliegt, daß sie verstandesmäßiger Analyse wie +ein physikalisches Experiment oder eine chemische Reaktion zugänglich +ist und daß mithin die Gründe, Mittel, Wege, Ziele ein greifbar an +der Oberfläche des Sichtbaren liegendes Gewebe bilden müssen. Der +Aspekt ist überraschend vereinfacht. Und man muß zugeben, daß bei +hinreichender Flachheit des Betrachters die Voraussetzung -- für ++seine+ Person und deren Weltbild -- zutrifft. + +Hunger und Liebe -- das sind aus diesem Aspekte mechanische +Ursachen mechanischer Prozesse im „Völkerleben“. Sozialprobleme +und Sexualprobleme -- beide einer Physik oder Chemie des +öffentlichen, allzuöffentlichen Daseins angehörend -- sind mithin +das selbstverständliche Thema utilitarischer Geschichtsbetrachtung +und +also auch+ der ihr entsprechenden Tragödie. Denn das +soziale Drama steht mit Notwendigkeit neben der materialistischen +Geschichtsbetrachtung. Und was in den „Wahlverwandtschaften“ Schicksal +im höchsten Sinne ist, ist in der Frau „vom Meere“ nichts als ein +Sexualproblem. Ibsen und alle Verstandespoeten unsrer großen Städte +sind im Mechanismus der vitalen Oberfläche stecken geblieben. Sie +konstruieren, sie dichten nicht. Sie kennen nur eine mathematische, +keine Logik des Schicksals. Hebbels schwere künstlerische Kämpfe galten +immer nur dem Versuch, dieses Elementare und schlechthin Prosaische +seiner mehr wissenschaftlichen als intuitiven Anlage zu überwinden -- +trotz ihrer ein +Dichter+ zu sein --, daher sein unmäßiger, ganz +ungoethescher Hang zum +Motivieren+ der Begebenheiten. Motivieren +bedeutet hier, bei Hebbel, bei Ibsen, bei +Euripides+, das +Tragische -- das Lebendige also -- +kausal gestalten wollen+. Das +Schicksal wird zum Mechanismus, die Physiognomie zum System. Hebbel +redet gelegentlich vom +Schraubenzug+ in der Motivation eines +Charakters. Die Kasuistik überwindet die innere Bewegtheit. Die in +Worte nicht zu fassende +Idee+, die bei Goethe ein Werk trägt, +erstarrt zu einer praktischen +Tendenz+, zu einer Formel. Das ist +der Wechsel, der sich zwischen Kultur und Zivilisation in der Bedeutung +des Wortes +Problem+ vollzieht. Dem entspricht es, daß Dichter +wie Historiker vom zivilisierten Typus als Politiker im Parteimäßigen +stecken bleiben. Es fehlt an innerer Überlegenheit, an Tiefe, an +Würde. Man prüfe daraufhin den Abstieg von Goethe, in dessen Egmont +die einzigen Szenen von diplomatischer Feinheit stehen, zu Hebbels +abstraktem Raisonnement und weiter zu Ibsens und Shaws Bedürfnis nach +agitatorischem Spektakel. Hier ist es klar: Man ist weit entfernt, in +der Historik eine streng morphologische Aufgabe finden zu wollen, so +wenig man im Drama ein reines Kunstwerk gestalten will. Der Kult des +Nützlichen hat hier wie dort ein ganz andres Ziel festgelegt. Unter +Form versteht man die handgreifliche Wirksamkeit. Die Szene ist wie +das Geschichtswerk ein Mittel dazu. Der Darwinismus hat, so unbewußt +das geschehen sein mag, die Biologie politisch wirksam gemacht. Es +ist irgendwie eine demokratische Rührigkeit in den hypothetischen +Urschleim gekommen, und der Kampf der Regenwürmer ums Dasein erteilt +den zweibeinigen Schlechtweggekommenen eine gute Lehre. + +In diesem Aspekt hat der Intellekt über die Seele gesiegt. In +Weltstädten gibt es kein Innenleben mehr; es gibt nur noch psychische +Prozesse. Die Schickialsidee ist überwunden; es gibt nur noch +mechanische und physiologische Zusammenhänge. Zufall ist das, was man ++noch nicht+ in eine physikalische Formel gebracht hat. Es erscheint +hier der tiefe Gegensatz von Tragik und Experiment (das Goethe so +haßte und das ihm Kleists Manier so verhaßt machte). Kleists, Hebbels, +Ibsens, Strindbergs, Shaws Dramen sind Seelenexperimente, wobei +man unter Seele das spinnenhafte Etwas der modernen Psychologie, +das Assoziationsbündel zu verstehen hat. Zola hat den Begriff des +_roman expérimental_ geschaffen. Auf die _petits faits_ kommt es +an, aus deren Summe man den Menschen +herausrechnet+. Der Intellekt +hat an Stelle frühmenschlicher und auch noch Goethescher Intuition +das sinnlich-bewegte Bild des Lebens nach +seinem+ Bilde, zu einem +Mechanismus nämlich, umgeformt. Das bedeutet ein tragisches Problem +in den Händen dieser Schriftsteller. Tragisch ist das Unzweckmäßige +(Rosmer). Tragisch ist vor allem das Zweckmäßige, wenn es keine +Gelegenheit hat, sich nützlich zu machen (Nora). Aus der Idee der +Erbsünde ist die Vererbungstheorie geworden (Gespenster). Die Idee +der Gnade heißt jetzt das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl. Ein +Problem durch den Fall eines Dramas „lösen“ wollen -- das ist eine +Laboratoriumsarbeit. Wir werden daran erinnert, daß zum Mechanischen +die Mathematik gehört. Jedes gute Ibsen-Drama schließt mit einer ++Formel+. Das Leben durch anatomische und physiologische Untersuchung +von Ganglien, Muskelfibrillen und Eiweißverbindungen begreifen +zu wollen, die biologische Manier und Manie in der Behandlung +gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fragen sind durchaus Schwestern +dieser problematischen Kausalitätspoesie und der auf die gleichen +Oberflächenmotive versessenen Geschichtsschreibung unsrer Tage. An +Stelle des Schicksals -- von dem sie keine Ahnung haben -- geraten sie +ohne Ausnahme auf soziale und sexuelle „Fragen“, die sie an seiner +Stelle „behandeln“. + +Und doch hätten die Historiker gerade von den Vertretern unsrer +reifsten Wissenschaft, der Physik, Vorsicht lernen sollen. Die +kausale Methode zugegeben, so ist es die Flachheit ihrer Anwendung, +die beleidigt. Hier fehlt es an geistiger Disziplin, an der Größe +des Blickes, von der tiefen Skepsis, welche der Art des Gebrauchs +physikalischer Hypothesen innewohnt, ganz zu schweigen. Denn der +Physiker betrachtet seine Atome und Elektronen, Ströme und Kraftfelder, +den Äther und die Masse weitab vom Köhlerglauben des Laien und Monisten +als +Bilder+, deren Formensprache er den abstrakten Beziehungen +seiner Differentialgleichungen unterlegt, ohne in ihnen eine andre +Wirklichkeit als die konventioneller Zeichen zu suchen. Und er weiß, +daß auf diesem, der Wissenschaft allein möglichen Wege nur eine +symbolische Deutung des Mechanismus der verstandesmäßig aufgefaßten +Außenwelt -- +nicht mehr+ -- erreicht werden kann, sicherlich keine +„Erkenntnis“ im hoffnungsvoll populären Sinne aller Darwinisten und +materialistischen Historiker. Die Natur -- Schöpfung und Abbild des +Geistes, sein _alter ego_ im Bereich des Ausgedehnten -- +erkennen+, +bedeutet sich selbst erkennen. + +Eine gleiche Skepsis gegenüber der sinnlich-gedächtnismäßigen +Bildfläche des „organischen Lebens“ und der Menschengeschichte, +die nur ein Teil von ihm ist, wäre am Platze gewesen, aber hier +hat die Selbsterkenntnis, die echte Naivität, die Distanz, die +Uninteressiertheit im großen Sinne gefehlt. Wie die Physik unsre +reifste, so ist die Biologie nach Gehalt und Methode unsre schwächste +Wissenschaft. Was +wirklich+ Geschichtsforschung sei, Physiognomik +nämlich, ist durch nichts deutlicher zu machen als durch den Verlauf +von Goethes Naturstudien. Er treibt Mineralogie: sogleich fügen sich +ihm die Einsichten zum Bilde einer Erdgeschichte zusammen, in dem sein +geliebter Granit das bedeutet, was ich innerhalb der Kulturgeschichte +das Urmenschliche nenne -- und er entdeckt die Eiszeiten. Er untersucht +bekannte Pflanzen und das Phänomen der Metamorphose erschließt sich +ihm, die Urgestalt der +Geschichte+ alles Pflanzendaseins, und er +gelangt weiterhin zu jenen seltsam tiefen Einsichten über die Vertikal- +und Spiraltendenz der Vegetation, die noch heute nicht recht begriffen +worden sind. Seine Knochenstudien, durchaus auf das Anschauen des +Lebendigen gerichtet, führen ihn zur +entscheidenden+ Entdeckung +des _os intermaxillare_ beim Menschen und der Einsicht, daß das +Schädelgerüst der Wirbeltiere sich aus sechs Wirbelknochen entwickelt +hat. Hier ist nicht von Kausalität und Teleologie die Rede. Hier +empfand er die Notwendigkeit des Schicksals, wie er sie in seinen +orphischen Urworten ausgedrückt hat. Der Darwinismus hat diese +großen Ansätze verdorben, nicht vertieft. Überall ist es das reine, +lebendige Werden, das Goethe im sinnlich-gegenwärtigen Bilde anschaut +und nicht ein platter Zusammenhang von Ursache, Wirkung, Nutzen und +Zweck. Die bloße Chemie der Gestirne, die +mathematische+ Seite +physikalischer Beobachtungen, die eigentliche Physiologie kümmern ihn, +den großen Historiker der Natur, nicht, weil sie Systematik, Erfahrung +von Gewordnem, Totem, Starrem sind, und dies liegt seiner Polemik +gegen Newton zugrunde -- ein Fall, in dem beide recht haben: der eine ++erkannte+ in der toten Farbe den exakt gesetzlichen Naturprozeß, +der andre, der Künstler, hatte das intuitiv-sinnliche +Erlebnis+; +hier liegt der Gegensatz beider Welten zutage und ich fasse ihn jetzt +in seiner ganzen Schärfe zusammen. + +Leben, Geschichte trägt das Merkmal des Einmalig-Tatsächlichen, Natur +das des Ständig-Möglichen. Solange ich das Bild der Umwelt daraufhin +beobachte, nach welchen Gesetzen es sich verwirklichen +muß+, ohne +Rücksicht darauf, ob es geschieht oder nur geschehen könnte, zeitlos +also, bin ich Naturforscher, treibe ich eine Wissenschaft. Es macht +für die Notwendigkeit eines Naturgesetzes -- und andere Gesetze gibt +es nicht -- nicht das geringste aus, ob es unendlich oft oder nie +in Erscheinung tritt, d. h. es ist +vom Schicksal unabhängig+. +Tausende chemischer Verbindungen kommen nie vor und werden niemals +hergestellt werden, aber sie sind als möglich bewiesen und also sind +sie da -- für das +System der Natur, nicht für die Geschichte +des Weltalls+. Geschichte aber ist der Inbegriff des einmaligen +wirklichen +Erlebens+. Hier herrscht die Richtung im Werden, nicht +die Ausgedehntheit des Gewordnen, das, was einmal war, nicht das, +was immer möglich ist, das +Wann+, nicht das +Was+. Hier +gibt es nicht Gesetze von Objekten, sondern Ideen, die in Phänomenen +sich symbolisch offenbaren. Es kommt darauf an, was sie bedeuten, +nicht, was sie sind. Man hat die eigne Notwendigkeit dieser Sphäre +bisher nie begriffen und an Naturnotwendigkeiten -- Kausalitäten +angeknüpft. Der Physiker darf versichern, daß es keinen Zufall +gibt. Das bedeutet für ihn: innerhalb des mechanisch-begrifflichen +Natursystems sind Phänomene von historischer Bewegtheit, Ereignisse, +die sich nie wiederholen können, unmöglich; hier herrscht die zeitlose +Kausalität ohne Einschränkung, wenn die Reinheit und Geschlossenheit +des Naturbildes gewahrt bleiben soll. Solange ich mit meiner ganzen +gegenwärtigen Existenz im Weltbilde der Natur bin, frage ich, zu +welcher Gattung diese Blume gehört und welches die Gesetze ihrer +Ernährung, Entwicklung, Fortpflanzung sind, aber nicht, weshalb sie an +dieser Stelle wuchs und ich sie gerade jetzt erblicke. Ich frage nach +den Gesetzen der Spektralanalyse, aber nicht, weshalb die Natriumlinie +dem irdischen Auge gelb erscheint. Ich frage nach den Formeln der +Thermodynamik, aber nicht, weshalb sie im menschlichen Bewußtsein, +dessen Abbild doch die Welt ist, gerade diese und nicht andere sind. +Ich frage nach den Rassemerkmalen der Hellenen und Germanen, aber +nicht, was es bedeutet, daß diese ethnischen Formen gerade dort und +damals entstanden sind. Das eine ist Gesetz, das Gesetzte, über dessen +Sinn und Ursprung die exakte Wissenschaft schweigt; das andre ist +Schicksal. Im einen liegt die Notwendigkeit des Mathematischen, im +andern die des Tragischen. + +In der Wirklichkeit des wachen Daseins verweben sich beide Welten, +die der Beobachtung und die der Hingebung, wie in einem Brabanter +Wandteppich Kette und Einschlag das Bild „wirken“. Jedes Gesetz +muß, um für den Geist überhaupt +vorhanden+ zu sein, einmal durch +eine Schicksalsfügung innerhalb der Geistesgeschichte entdeckt, +d. h. +erlebt+ worden sein, jedes Schicksal erscheint in einer +sinnlichen Verkleidung -- Personen, Taten, Szenen, Gebärden --, in +der Naturgesetze am Werke sind. Das urmenschliche Leben war der +dämonischen Einheit des Schicksalhaften hingegeben; im Bewußtsein +reifer Kulturmenschen kommt der Widerspruch jenes frühen und dieses +späten Weltbildes niemals zum Schweigen; im zivilisierten Menschen +erliegt das tragische Weltgefühl dem mechanisierenden Intellekt. +Geschichte und Natur stehen +in uns+ einander gegenüber wie +Leben+ +und +Tod+, wie die +ewig werdende+ Zeit und der +ewig gewordene Raum+. +Im wachen Bewußtsein ringen Werden und Gewordnes um den Vorrang im +Weltbilde. Die höchste und reifste Form beider Arten der Betrachtung, +wie sie nur großen Kulturen möglich ist, erscheint für die antike Seele +im Gegensatz von Plato und Aristoteles, für die abendländische in dem +von Goethe und Kant: die reine Physiognomik der Welt, erschaut von +der Seele eines ewigen Kindes, und die reine Systematik, erkannt vom +Verstande eines ewigen Greises. + + +20 + +Und hier erblicke ich nunmehr die +letzte+ große Aufgabe des +abendländischen Denkens, die einzige, welche dem alternden Geiste +der faustischen Kultur noch aufgespart ist, die, welche durch eine +jahrhundertelange Entwicklung unseres Seelentums vorbestimmt erscheint. +Es steht keiner Kultur frei, den Weg und die Haltung ihrer Philosophie +zu +wählen+; hier zum ersten Male aber kann eine Kultur voraussehen, +welchen Weg das Schicksal für sie gewählt hat. + +Mir schwebt eine -- spezifisch abendländische -- Art, Geschichte im +höchsten Sinne zu erforschen, vor, die bisher noch nie aufgetaucht +ist und die der antiken und jeder andern Seele fremd bleiben mußte. +Eine umfassende Physiognomik des gesamten Daseins, eine Morphologie +des Werdens +aller+ Menschlichkeit, die auf ihrem Wege bis +zu den höchsten und letzten Ideen vordringt; die Aufgabe, das +Weltgefühl nicht nur der eigenen, sondern das +aller+ Seelen zu +durchdringen, in denen große Möglichkeiten überhaupt bisher erschienen +und deren Verkörperung im Bereiche des Wirklichen die einzelnen +Kulturen sind. Dieser philosophische Aspekt, zu dem die analytische +Mathematik, die kontrapunktische Musik, die perspektivische Malerei +uns das Recht geben, uns erzogen haben, setzt, über die Talente des +Systematikers, die Aufgaben des Rechnens, Ordnens, Zergliederns weit +hinausgehend, das Auge eines Künstlers voraus, und zwar das eines +Künstlers, der die sinnliche und greifbare Welt um sich in eine tiefe +Unendlichkeit geheimnisvoller Beziehungen sich vollkommen auflösen +fühlt. So fühlte Dante, so Goethe. Ein Jahrtausend organischer +Kulturgeschichte als Einheit, als +Person+ aus dem Gewebe des +Weltgeschehens herauszuheben und in ihren innersten seelischen +Bedingungen zu begreifen ist das Ziel. Wie man die bedeutenden Züge +eines Rembrandtschen Bildnisses, einer Cäsarenbüste durchdringt, +so die großen, tragischen, schicksalsvollen Züge im Antlitz einer ++Kultur+, als der menschlichen Individualität höchster Ordnung, +anzuschauen und zu verstehen ist die neue Kunst. +Wie+ es ++in+ einem Dichter, einem Propheten, einem Denker, einem Eroberer +aussieht, das hat man schon zu wissen versucht, aber in die antike, +ägyptische, arabische Seele überhaupt einzugehen, um sie mitzuerleben, +um in ihnen die Geheimnisse des Menschlichen überhaupt zu fühlen, das +ist eine neue Art „Lebenserfahrung“. Jede Epoche, jede große Gestalt, +jede Religion, Staaten, Völker, Künste, alles was je da war und da +sein wird, ist ein physiognomisches Moment von höchster Symbolik, das +ein +Menschenkenner+ in einem ganz neuen Sinne des Wortes zu +deuten hat. Eindrücke von höchster Realität, Sprachen und Schlachten, +Städte und Rassen, die Feiern der Isis und Kybele und die katholische +Messe, Hochofenwerke und Gladiatorenspiele, Derwische und Darwinisten, +Eisenbahnen und Römerstraßen, „Fortschritt“ und Nirwana, Zeitungen, +Sklavenmassen, Geld, Maschinen, alles ist in gleicher Weise, Zeichen +und Symbol im Weltbilde, wie es eine Seele als Ausdruck ihrer Wesenheit +vor sich verwirklicht. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ +Hier liegen Lösungen und Fernblicke verborgen, welche noch nicht +einmal geahnt worden sind. Dunkle Fragen, die den tiefsten aller +menschlichen Urgefühle, aller Angst, aller Sehnsucht, aller Religion +und Metaphysik zugrunde liegen und vom Denken in die Probleme der +Zeit, der Notwendigkeit, des Raumes, der Liebe, des Todes, Gottes +verkleidet worden sind, werden aufgehellt. Es gibt eine ungeheure Musik +der Sphären, die +gehört+ sein will, die einige unsrer tiefsten +Geister hören +werden+. Die Physiognomik des Weltgeschehens wird +zur +letzten, faustischen Philosophie+. + + +Fußnoten: + +[Footnote 39: Die antike Tragödie, eine liturgische Aktion, gestattet +den Umschlag vom Jubel zur Klage so gut wie den von der Klage zum +Jubel. Das letztere ist, wie im δρᾶμα von Eleusis, in Äschylus’ +Eumeniden und Sophokles’ Ödipus in Kolonos der Fall. Nach Aristoteles +war dies sogar die ursprüngliche Form des „Tragischen“.] + +[Footnote 40: Außer in der Elementarmathematik, unter deren Eindruck +allerdings die meisten Philosophen seit Schopenhauer diesen Fragen +nahetreten.] + +[Footnote 41: Ganz ebenso steht an der Schwelle der arabischen Kultur +die Erfindung der christlichen Zeitrechnung. Diesen Akt eines hohen +historischen Weltgefühls hat das späte Arabertum mit der islamischen +Zeitrechnung noch einmal wiederholt.] + +[Footnote 42: Man muß sich in die Gefühle eines Griechen versetzen, der +diese Sitte plötzlich kennen lernt.] + +[Footnote 43: Der Weg von Calvin zu Darwin ist in der englischen +Philosophie leicht nachzuweisen.] + +[Footnote 44: Dies gehört zu den ewigen Streitpunkten abendländischer +Poetik. Die antike, ahistorische, euklidische Seele hat keine +„Entwicklung“; die abendländische erschöpft sich in ihr; sie ist +„Funktion“ in Richtung auf einen Abschluß. Die eine „ist“, die andre +„wird“. Mithin setzt alle antike Tragik die Konstanz der Person voraus, +alle abendländische deren Variabilität. Erst dies ist „Charakter“ in +unserm Sinne, eine Gestalt des Seins, die in unablässiger Bewegtheit +und unendlichem Beziehungsreichtum besteht. +Bei Sophokles adelt +die große Geste das Leid, bei Shakespeare adelt die große Gesinnung +die Tat.+ Weil unsre Ästhetik ihre Beispiele ohne Unterschied aus ++beiden+ Kulturen nahm, konnte sie das grundlegende Problem nur +verfehlen.] + +[Footnote 45: „Plus on vieillit, plus on se persuade, que sa sacrée +Majesté le Hazard fait les trois quarts de la besogne de ce misérable +Univers“ (Friedrich der Große an Voltaire). So empfindet ein echter +Rationalist mit Notwendigkeit.] + +[Footnote 46: Diese Tyche kann auch als die naturwissenschaftliche +Größe aufgefaßt werden, deren heutiges Gegenstück der Determinismus +ist.] + +[Footnote 47: Helios ist nur eine poetische Metapher. Er hatte weder +Tempel noch Statuen noch einen Kult. Noch weniger war Selene eine +Mondgöttin.] + +[Footnote 48: Daran ändert es nichts, daß Shakespeare in Wirklichkeit +ein älteres Drama bearbeitet hat.] + +[Footnote 49: Ich erinnere an das Wort Cannings aus dem Anfang des 19. +Jahrhunderts: „Südamerika frei -- und womöglich englisch!“ Reiner ist +der expansive Instinkt niemals zum Ausdruck gelangt.] + +[Footnote 50: Die reife abendländische Kultur war eine durchaus +französische, die seit Ludwig XIV. aus der spanischen erwachsen war. +Aber schon unter Ludwig XVI. siegte in Paris der englische Park über +den französischen, die Empfindsamkeit über den esprit, Kleidung und +gesellschaftliche Formen von London über die von Versailles, Hogarth +über Watteau, Möbel von Chippendale und Porzellan von Wedgwood über +Reulle und Sarres.] + +[Footnote 51: Hardenberg hat Preußen in streng englischem Geiste +reorganisiert, was ihm Friedrich August v. d. Marwitz zum schweren +Vorwurf machte. Ebenso ist die Heeresreform Scharnhorsts eine Art +„Rückkehr zur Natur“ im Sinne Rousseaus gegenüber den Berufsheeren der +Kabinettskriege zur Zeit Friedrichs des Großen.] + + + + +DRITTES KAPITEL + +MAKROKOSMOS + + + + +I + +DIE SYMBOLIK DES WELTBILDES UND DAS RAUMPROBLEM + + +1 + +Und so erweitert sich der Gedanke einer Weltgeschichte in streng +morphologischem Sinne zur +Idee einer allumfassenden Symbolik+. Die +Geschichtsforschung an sich hat nur den sinnlichen Inbegriff der +lebendigen Wirklichkeit, ihr flüchtiges Bild, zu prüfen und dessen +typische Formen festzustellen. Der Schicksalsgedanke ist der letzte, +bis zu dem sie vordringen kann. Indessen diese Forschung, so neu +und umfassend sie im hier angegebenen Sinne ist, kann dennoch nur +Fragment und Grundlage einer noch umfassenderen Betrachtung sein. +Ihr zur Seite steht eine Naturforschung, ebenso fragmentarisch und +eingeschränkt in ihrem Ideenkreise. Hier aber werden die letzten +Fragen des Seins überhaupt angerührt. Alles, dessen wir uns bewußt +sind, in welcher Gestalt auch immer, als Seele und Welt, Leben und +Wirklichkeit, Geschichte und Natur, Gesetz, Raum, Schicksal, Gott, +Zukunft und Vergangenheit, Gegenwart und Ewigkeit, hat für uns noch +einen tiefsten Sinn -- daß alles so ist und nicht anders -- und das +einzige und äußerste Mittel, dieses Unfaßliche faßlich zu machen, diese +Geheimnisse, die nur gefühlt und in seltenen Momenten mit visionärer +Deutlichkeit erlebt werden können, in einer allerdings dunklen Weise, +aber der einzig möglichen mitzuteilen -- vielleicht nur wenigen und +auserlesenen Geistern --, liegt in einer neuen Art von Metaphysik, für +die +alles+, es sei was es wolle, den Charakter eines +Symbols+ besitzt. + +Symbole sind sinnliche Einheiten, letzte, unteilbare und vor allem +ungewollte Eindrücke von bestimmter Bedeutung. Ein Symbol ist ein +Stück Wirklichkeit, das für das leibliche oder geistige Auge etwas +bezeichnet, das verstandesmäßig nicht mitgeteilt werden kann. Ein +frühdorisches, früharabisches, frühromanisches Ornament z. B. auf +einer Vase, einer Waffe, an einem Portal oder Sarkophag ist der +sinnbildliche Ausdruck eines neuen Weltgefühls, das nur zu Menschen +einer einzigen Kultur redet und diese Menschen aus dem allgemeinen +Menschentum heraushebt und zusammenschließt. Die +gefühlte+ +Einheit einer Kultur beruht auf der gemeinsamen Sprache ihrer +Symbolik. Gesetzt, daß alles, was ist, irgendwie +Ausdruck+ eines +Seelischen ist -- und wir werden uns davon überzeugen --, so ist es +zugleich auch +Eindruck auf+ eine Seele und dieser Zusammenhang, +in dem der Mensch zugleich Subjekt und Objekt ist, repräsentiert das +Wesen des Symbolischen. Es folgt daraus, daß auch der Mensch selbst +Symbol ist, als Person und als Menge, nicht nur der gegenwärtigen +Leiblichkeit nach, mit der er dem Weltbilde der Natur und dem Bereiche +der Kausalität angehört -- eben als Mensch, Familie, Volk, Rasse --, +sondern durch die Gesamtheit seines Seelenlebens, soweit dieses sich +selbst -- im Weltbilde der Geschichte -- als Schicksal, als werdend +begreift und als das Schicksal, das Werden „des andern“ miterlebt +werden kann. + +Es ist dies eine gewagte und schwer zugängliche Betrachtungsweise. +Absolute Standpunkte -- die etwa das Ich, das Denken, die Natur, Gott +als Ausgang und Maßstab setzen --, wie sie die Philosophie um ihrer +Systematik willen liebt und im Grunde nicht entbehren kann, sind hier +selbst noch Symbole, +Objekte+, nicht Richtlinien der Betrachtung. + +Für den abendländischen Menschen auf der Höhe seiner längst +großstädtisch und intellektuell gewordnen Kultur existiert ein +wohlgeordnetes Bild der Historie, dessen Mittelgrund die sechs +Jahrtausende der „Weltgeschichte“ auf einem kleinen Planeten bilden, +während der Horizont sich in astronomische, geologische oder +mythologische Fernen allmählich verliert. Dies Bild, ein wesentliches +Ergebnis unsres wachen Daseins, eine Welt, aus deren Hintergrund +die abendländische Seele sich selbst erst begreift, ist die +uns +notwendige+ Form, alles, was wirklich ist, als sich verwirklichend +geordnet aufzufassen. Vom sicheren Standpunkte des Jetzt und Hier +blicken wir über Vergangenheit und Zukunft hin. Nichts scheint realer +als diese Perspektive. + +Aber dem Urmenschen ist eine solche Anschauung unbekannt. Der antike +und indische Mensch erlebte -- wie wir aus entscheidenden Zeichen +entnehmen -- Verwandtes, aber jedenfalls in schattenhaften Umrissen +und von ganz andrer Farbe. Also ist diese so klare und unzweideutige +„Weltgeschichte“ nur +unser+ Eigentum? Also gibt es keine historische, +für +alle+ Menschen vorhandene und identische Wirklichkeit? Also +ist dies ein bloßer Ausdruck, eine freie Phantasie, Funktion einer ++einzelnen+ Seele? Dies herdenhafte Gewoge menschlicher Generationen +durch Jahrhunderte hin, diese Episode im Werden zahlloser Sonnensysteme +durch Jahrmillionen, diese längst erstorbenen Landschaften einer +Kulturblüte am Nil, Ganges und Ägäischen Meer wären nichts als eine +Vision des faustischen Geistes? Erinnern wir uns, daß alle Philosophie +von jeher das gleiche vom Bilde der +Natur+ behauptete, indem sie es ++Erscheinung+ nannte. Der Mensch war gewiß ein Atom im Weltall, aber +das Weltall war zugleich das Produkt seiner Vernunft. + +Dies ist das große Mysterium des menschlichen Bewußtseins, das man +einfach hinzunehmen hat. Der in ihm hervortretende Widerspruch ist +dem Denken unzugänglich. Idealistische wie realistische Lehren, die +das eine als Tatsache, das andere als Schein bezeichnen, können das +Geheimnis nur schematisch vergewaltigen, aber nicht lösen. + ++Seele und Welt+: in dieser Polarität erschöpft sich das +Wesen unsres Bewußtseins, wie das Phänomen des Magnetismus sich im +wechselseitigen Widerstreben zweier Pole erschöpft. Diese Seele, und +zwar die jedes Einzelnen, welche +in sich+ diese ganze Welt des +historischen Werdens erlebt und +also schafft+, sie zum Ausdruck +ihres So-Seins macht, ist zugleich, aus einem anderen Aspekte, ein +winziges Element, ein flüchtiges Aufleuchten in +ihr+?[52] Was +sind Cäsar, Ramses, Wallenstein anderes als Phänomene im historischen +Weltbilde, wie es eine höhere Seele in sich entwickelt? Sind sie für +das -- ahistorische -- Bewußtsein eines Kindes wirklich vorhanden? +Wären sie „wirklich“, wenn alle Menschen sich heute wieder im +seelischen Urzustande etwa der Weströmer zur Zeit Aurelians befänden? +Alle „andern“ Menschen, so wie sie im Gedächtnisbilde der Historie +erscheinen, sind Ausdruck der Seele des „einen“, seien es die großen +Persönlichkeiten, die in einem früher festgestellten Sinne einmal +Epoche machten, seien es die Menschen der Menge zu irgendeiner Zeit. +Was alles diese Menschen aller Zeiten denken, wollen, tun, sind, die +ganze werdende, schicksalsvolle Welt also, ist Zeichen und Symbol +dessen, der sie erlebt. Das Geheimnis des eignen Schicksals offenbart +sich im Schicksal einer um uns werdenden oder von uns als geworden +erkannten Welt. Die Dämmerseele des Kindes und frühen Menschen ahnt +ihre Welt nur; erst die helle Tagesseele hoher Kulturen, die sich +selbst als wohlgeordnete Einheit, eben als „Seele“ kennt und fühlt, +besitzt auch eine geordnete Welt als ihr +Eigentum+. Sie prägt in +jedem wachen Lebensmomente aus dem Chaos des Sinnlichen einen Kosmos +symbolisch gestalteter Objekte oder Phänomene -- je nachdem dieser +Kosmos die Merkmale der Natur oder der Geschichte trägt. + +Diese Wirksamkeit +nennen wir Leben+. Leben ist die Verwirklichung des +innerlich Möglichen. Jede Seele, die einer Kultur, eines Volkes, eines +Standes so gut wie die eines Einzelnen, hat vom Augenblick ihrer Geburt +in der Welt des Werdens und Schicksals an bis zu ihrem Erlöschen den ++einen+ rastlosen Drang, sich völlig zu verwirklichen, sich +ihre+ +Welt als volle Summe ihres Ausdrucks zu bilden, das, was ich das +Fremde nannte, zu einer bedeutungsvollen Einheit auszuprägen, es durch +begrenzte und gewordne Form zu bannen und +sich+ anzueignen. Eine +vollendete Welt ist die Ausstrahlung, ist der Sieg einer Seele über die +fremden Mächte. + +Es liegt ein und dasselbe Ereignis vor, wenn in einem Momente der +frühesten Kindheit wie mit einem Zauberschlage das Innenleben erwacht, +die Seele sich ihrer selbst bewußt wird, und wenn in einer mit +formloser Menschheit erfüllten Landschaft mit rätselhafter Vehemenz +eine große Kultur ins Dasein tritt. Von hier an beginnt die Vollendung +eines Lebens im höheren Sinne, man darf sagen die Erfüllung eines +vorbestimmten Schicksals. Eine Idee will verwirklicht werden und sie +wird es im Bilde einer Welt; die reine Natur, die reine Geschichte oder +eine der unzähligen Mischungen beider Weltformen sind nur mögliche +Arten, die Gesamtheit des Ausdrucks zu ordnen. + + +2 + +Es wird hier nicht davon die Rede sein, was eine Welt ist, sondern +was sie bedeutet. Physiognomik, nicht Systematik ist die Aufgabe. +Die Wirklichkeit -- man kann sagen die Welt in bezug auf eine Seele +-- ist für jeden einzelnen Menschen und jede einzelne Kultur die +Projektion des Gerichteten in den Bereich des Ausgedehnten; sie ist +eine Inkarnation des innern Seins und Wesens, das Eigne, das sich am +Fremden reflektiert; sie +bedeutet ihn selbst+. Durch einen ebenso +schöpferischen als unbewußten Akt -- nicht „ich“ verwirkliche das +Mögliche, sondern „es“ verwirklicht sich durch mich als empirische +Person -- entsteht plötzlich und mit vollkommenster Notwendigkeit +aus der Totalität sinnlicher und gedächtnismäßiger Elemente „+die+“ +Welt, für mich die +einzige+. Es ist die Notwendigkeit des Schicksals, +nicht der Kausalität, die über dem So-Sein der Seele und mithin ihrer +Verwirklichung im Gewordnen waltet. + +Und deshalb gibt es so viele Welten als es Menschen und Kulturen +gibt, und im Dasein jedes einzelnen ist die vermeintlich einzige, +selbständige und ewige Welt -- die jeder mit dem andern gemein zu haben +glaubt -- ein immer neues, einmaliges, nie sich wiederholendes Erlebnis. + +Unterscheiden wir wieder zwischen Erleben und Erlebtem, Erkennen +und Erkanntem. Die +Akte+ sind einmalig und schicksalhaft; erst das +vollendete Resultat trägt das Merkmal der mechanischen +Identität+ +durch eine Vielheit lebendiger Akte hindurch. + +Erst im stets erneuerten und doch verharrenden Welt+bilde+ -- einem +Wasserfall, der im flüchtigsten Vorübergang der Tropfen in der Ruhe +seiner Erscheinung verweilt -- ist die Sonne täglich und immer dieselbe +und das bewußte Leben ein Ganzes durch die Folge aller Augenblicke +hindurch. Die Identität des Vollendeten liegt in gleicher Weise der +extremen Gegenständlichkeit -- „Natur“ -- wie dem reinen Phänomen -- +„Geschichte“ -- zugrunde. Sie ist die Vorbedingung aller Symbolik, die +ohne eine gewisse +Dauer+ der Bedeutung nicht bestehen kann. + +Eine Skala sich steigernder Bewußtheit führt von den Uranfängen +kindlich-dumpfen Schauens, in denen es noch keine klare Welt für +eine Seele und keine ihrer selbst gewisse Seele inmitten einer Welt +gibt, zu den höchsten Graden durchgeistigter Zustände, deren nur +Menschen ganz reifer Zivilisationen -- nicht Kulturen -- fähig sind, +dem Bewußtsein als Polarität von exaktem Verstand und vollkommen +mechanischer Erfahrungswelt. Diese Steigerung ist zugleich eine +Entwicklung der Symbolik. Nicht nur wenn ich in der Art des Kindes, +des Träumers, des Künstlers die Welt hinnehme; nicht nur, wenn ich +wach bin, ohne sie mit der gespannten Aufmerksamkeit des denkenden +und tätigen Menschen aus einer gewissen Perspektive aufzufassen -- +ein Zustand, der selbst im Bewußtsein des eigentlichen Denkers und +Tatmenschen weit seltener herrscht als man glaubt --, sondern stets und +immer, solange von Bewußtsein, d. h. von Leben überhaupt die Rede sein +kann, verleihe ich dem Außer-mir den Gehalt meines +ganzen+ Selbst, von +den halb träumerischen Eindrücken der Welthaftigkeit bis zur starren +Welt der kausalen Gesetze und Zahlen, die jene überlagert und bindet. +Aber selbst dem Reich der Zahlen fehlt das Persönliche nicht. Es gibt +sehr allgemeine Züge in diesen rein mechanischen Formenwelten; sie +können das Bild bis zur völligen Täuschung beherrschen und man kann +und möchte über dem Allgemeinen das Individuelle und also Symbolische +vergessen -- vorhanden ist es immer. + +Dies ist die +Idee des Makrokosmos, der Wirklichkeit als des +Inbegriffs aller Symbole in bezug auf eine Seele+. Nichts ist von +dieser Eigenschaft des Bedeutsamen ausgenommen. Alles, was ist, ist +auch Symbol. Von der körperlichen Erscheinung an -- Antlitz, Statur, +Geste, Haltung von Einzelnen, von Klassen, von Völkern --, wo man es +immer gewußt hat, bis zu den Formen des politischen, wirtschaftlichen, +gesellschaftlichen Lebens, bis zu den vermeintlich ewigen und +allgemeingültigen Formen der Erkenntnis, Mathematik, Physik spricht +alles vom Wesen einer bestimmten und keiner andern Seele. + +Allein auf der größeren oder geringeren Verwandtschaft der einzelnen +Welten untereinander, soweit sie von Menschen +einer+ Kultur oder +Sphäre erlebt werden, beruht die größere oder geringere Mitteilbarkeit +des Geschauten, Empfundenen, Erkannten, das heißt des im Stil des +eignen Seins Gestalteten durch die Mittel der Sprache und Schrift, +durch Begriffe, Formeln, Zeichen, die ihrerseits selbst Symbole sind. +Zugleich erscheint hier eine ewige und bisher kaum gekannte Grenze, +fremden Individualitäten wirkliche Mitteilungen zu machen oder deren +Lebensäußerungen wirklich zu verstehen. Der Grad der Kongruenz der +beiderseitigen Formenwelten entscheidet darüber, wo das Verständnis in +Selbsttäuschung übergeht. Mit der Möglichkeit, sich in den Makrokosmos +des andern hineinzuversetzen, ist beides zu Ende. Wir können die +indische und ägyptische Seele -- offenbart in ihren Menschen, Sitten, +Schriftzeichen, Ideen, Bauten, Taten -- sicherlich nur höchst +unvollkommen imaginieren. Den Griechen, ahistorisch wie sie waren, +war auch die geringste Ahnung vom Wesen fremden Seelentums versagt. +Man sehe, mit welcher Naivität sie in den Göttern und Kulturen aller +fremden Völker ihre eignen wiederfanden. Aber auch wir unterlegen, wenn +wir bei einem antiken Philosophen das Wort χρόνος mit Zeit übersetzen +und damit in uns einen ganzen, spezifisch faustischen Gedankenkomplex +wachrufen, der fremden Intention das +eigne+ Weltgefühl, aus dem die +Bedeutung unsrer Worte stammt. Wenn wir die Züge einer ägyptischen +Statue interpretieren, nehmen wir ohne Anstand die +eigne+ innere +Erfahrung zu Hilfe. In beiden Fällen täuschen wir uns. Daß die +Meisterwerke der Kunst alter Kulturen für uns noch lebendig -- +„unsterblich“ also -- seien, gehört ebenfalls in den Kreis dieser +Illusionen, die lediglich durch die Tatsache aufrecht erhalten werden, +daß +unser+ Geist hier, zugunsten seines eignen Weltgefühls, aus einem +tiefen Instinkt ständig mißversteht. Darauf beruht zum Beispiel die +Wirkung der Laokoongruppe auf die Kunst der Renaissance und die des +Sophokles auf das klassizistische Drama der Franzosen. + + +3 + +Symbole, als etwas Verwirklichtes, gehören zum Bereich des +Ausgedehnten. Sie sind geworden, nicht werdend -- auch wenn sie ein +Werden bezeichnen, auch wenn sie in bedeutungsvollen Gebräuchen +oder Gesten bestehen -- mithin starr begrenzt und den Gesetzen des +Raumes unterworfen. Es gibt +nur+ sinnlich-räumliche (stoffliche +oder ornamentale) Symbole. Schon das Wort Form bezeichnet etwas +Ausgedehntes. Der Sinn aller Grenzen aber ist +Vergänglichkeit+. Es +gibt keine ewigen Symbole. Auch die überall auftauchenden Zeichen des +Dreiecks, des Hakenkreuzes (swastika), des Ringes sind +als Symbole+ +vergänglich. Sie kommen in vielen Kulturen vor, aber sie sind jedesmal +von andrer Bedeutung und in Hinsicht darauf jedesmal neu geschaffen +und von begrenzter Lebensdauer. Man braucht nur die Schicksale der +antiken Säule zu verfolgen, vom hellenischen Peripteros an, wo sie +mittels des Architravs das Dach trägt, über die früharabische Basilika, +wo sie einen +Innenraum+ gliedert, bis zum Renaissancebau, wo sie als +Teilmotiv +einer Fassade eingefügt+ ist, um zu fühlen, was Umdeutung +eines Symbols heißt, wenn eine neue Kultur es einer alten entlehnt. + +Das seelisch Mögliche, noch zu Vollendende, heißt Zukunft. Das +Vollendete heißt Vergangenheit. Die +Richtung+ (+Nichtumkehrbarkeit+) +des Lebens, durch die Worte Zeit, Schicksal, Wille in den Sprachen +aller Völker angedeutet, verknüpft beides im Phänomen der Gegenwart, +des augenblicklichen Bewußtseins. Die Priorität des Werdens vor dem +Gewordnen war oft betont worden. Sobald das Werden sich vollzogen, das +Mögliche sich verwirklicht hat, ist seine Bestimmung erfüllt. Die sich +nähernde Zukunft wurde zur ruhenden Vergangenheit. +Sie wurde zum Raum+ +und verfiel damit dem organischen Prinzip der Kausalität. Schicksal und +Kausalität, Zeit und Raum, Richtung und Ausdehnung verhalten sich +wie +Leben und Tod+. + +Es besteht ein rätselhafter Zusammenhang zwischen dem +Raum+ und dem ++Tode+, der gerade von frühen Seelen immer tief gefühlt worden ist. +Die religiöse Metaphysik drückt dies so aus, daß Geburt und Tod der +Erscheinungswelt angehören oder daß mit der Verbannung der Seele in das +Reich der (kausalen) Notwendigkeit der Tod gesetzt ist. + +Der Mensch ist das einzige Wesen, welches den Tod kennt. Alle +andern sind rein werdend, von einer durchaus auf die punktförmige +Gegenwart eingeschränkten Bewußtheit, die ihnen endlos erscheinen +muß; sie leben, aber sie wissen nichts vom Leben wie die Kinder in +den frühesten Jahren, wo sie die christliche Weltanschauung noch als +„unschuldig“ betrachtet. Erst der wache Mensch besitzt außer dem +Werden auch Gewordenes, das heißt nicht nur ein Dasein, das sich von +einer Umwelt abhebt, sondern auch ein Gedächtnis für Erlebnisse und +eine Erfahrung von Erkanntem. Für alle andern verläuft das Leben +ohne Ahnung seiner Grenzen, das heißt ohne ein Wissen um Aufgabe, +Sinn, Dauer und Ziel. Erst mit dem vollen Besitz einer räumlichen +Wirklichkeit -- einer Welt als Ausstrahlung einer Seele -- erscheint +auch das große Rätsel des Todes. Mit tiefer und bedeutungsvoller +Identität knüpft sich das Erwachen des Innenlebens in einem Kinde oft +an den Tod eines Verwandten. Es begreift +plötzlich+ den leblosen +Leichnam, der ganz Stoff, ganz Raum geworden ist, und +zugleich+ fühlt +es sich als einzelnes Wesen in einer endlosen, ausgedehnten Welt. „Vom +fünfjährigen Knaben bis zu mir ist nur ein Schritt. Vom Neugeborenen +bis zum fünfjährigen Kinde ist eine schreckliche Entfernung“, hat +Tolstoi einmal gesagt. Hier, in diesem entscheidenden Moment des +Daseins, wo der Mensch zum Menschen wird und seine ungeheure Einsamkeit +im All kennen lernt, enthüllt sich die Weltangst als die +Angst vor +dem Tode+, der Grenze, dem +Raume+. Hier liegt der Ursprung des +höheren Denkens, das zuerst ein Nachdenken über den Tod ist. Jede +Religion, jede Philosophie geht von hier aus. Jede große Symbolik +heftet ihre Formensprache an den Totenkult, die Bestattungsform, den +Schmuck des Grabes. Die ägyptische Kunst beginnt mit den Totentempeln +der Pharaonen, die antike mit der Ornamentik der Grabvasen, die +früharabische mit Katakomben und Sarkophagen, die abendländische +mit den Domen, in denen das Meßopfer, die Wiederholung des Sterbens +Christi, sich täglich vollzieht. Mit einer neuen Idee des Todes erwacht +jede neue Kultur. Als um das Jahr 1000 der Gedanke an das Weltende sich +im Abendland verbreitete, wurde die faustische Seele dieser Landschaft +geboren. + +Der Urmensch, in tiefem Staunen über den Tod, wollte diese Welt des +Ausgedehnten mit den unerbittlichen und stets gegenwärtigen Regeln +ihrer Kausalität, mit ihrer dunklen Allmacht, die ihn ständig mit +dem Ende bedrohte, mit allen Kräften seines Geistes durchdringen und +beschwören. Dieser Akt liegt tief im Unbewußten, aber indem er Seele +und Welt erst eigentlich schuf, trennte, gegeneinander stellte, +bezeichnete er die Schwelle individuellen Daseins. Ichgefühl und +Weltgefühl beginnen zu wirken und alle Kultur, innere und äußere, ist +nur die Steigerung dieses Menschseins überhaupt. Von hier an sind alle +Dinge nicht mehr nur Eindruck, rein animalisch, wie beim neugebornen +Kinde, sondern auch Ausdruck. Zuerst besaßen sie allein ein Verhältnis +zum Menschen, jetzt besitzt der Mensch auch ein Verhältnis zu ihnen. +Sie sind Symbole seines Daseins geworden. So geht der Sinn aller +echten -- +unbewußten und innerlich notwendigen+ -- Symbolik aus dem +Phänomen des Todes hervor, in dem sich das Wesen des Raumes enthüllt. +Alle Symbolik stammt aus der Furcht. Sie bedeutet eine Abwehr. Sie ist +der Ausdruck einer tiefen Scheu im alten Doppelsinne des Wortes: ihre +Formensprache redet zugleich von Feindschaft und Ehrfurcht. + ++Alles Gewordne ist vergänglich.+ Vergänglich sind nicht nur Völker, +Sprachen, Rassen, Kulturen. Es wird in wenigen Jahrhunderten keine +westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen mehr +geben, wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab. Nicht die +Masse menschlicher Generationen war erloschen; die Form eines Volkes, +die eine Anzahl von ihnen zu einer einheitlichen Gebärde zusammengefaßt +hatte, war nicht mehr da. Der _civis Romanus_, eines der stärksten +Symbole antiken Seins, war als Form nur von der Dauer einiger +Jahrhunderte. Alle Kunst ist sterblich, nicht nur die einzelnen Werke, +sondern die Künste selbst. Es wird eines Tages das letzte Bildnis +Rembrandts und der letzte Takt Mozartscher Musik aufgehört haben zu +sein, obwohl eine bemalte Leinwand und ein Notenblatt vielleicht übrig +sind, weil das letzte Auge und Ohr verschwand, das ihrer Formensprache +zugänglich war. Vergänglich ist jeder Gedanke, jedes Dogma, jede +Wissenschaft, sobald die Seelen und Geister erloschen sind, in deren +Welten ihre „ewigen Wahrheiten“ mit Notwendigkeit als wahr erlebt +wurden. Vergänglich sind sogar die Sternenwelten, welche die Astronomen +am Nil und Euphrat betrachteten, denn +unser+ -- ebenso vergängliches +-- mit dem Auge des abendländischen Menschen gesehenes, aus +seinem+ +Gefühl herausgebildetes Weltsystem, dessen Form Kopernikus aufstellte, +ist ein anderes. + +Und so läßt sich der Gedanke des Makrokosmos wieder an das Wort +knüpfen, dem die ganze fernere Darstellung gewidmet sein soll: +Alles +Vergängliche ist nur ein Gleichnis.+ + +So führt diese Idee unvermerkt auf das Raumproblem, allerdings in einem +neuen und überraschenden Sinn. Seine Lösung -- oder bescheidener, seine +Deutung -- erscheint erst in diesem Zusammenhange möglich, so wie das +Zeitproblem erst aus der Schicksalsidee faßlicher wurde. Es sei daran +erinnert, daß, wie „die Zeit“ dem Gefühl der Weltsehnsucht, so der +Raum, insofern dem Makrokosmos eine Absicht auf Bannung der fremden +Mächte mittels der Form zugrunde liegt, dem Urgefühl der Angst nahe +steht. + +„Der Raum“ ist sicherlich zunächst wie „die Welt“ ein kontinuierliches +Erlebnis des einzelnen wachen Menschen, nicht mehr. Schon die +Überzeugung, welche infolge der verhältnismäßigen Gleichartigkeit +der im Einzeldasein aufeinanderfolgenden Raumerlebnisse und der +Unmöglichkeit, sich über das Individuelle im „Raum des andern“ +sprachlich zu verständigen, vorherrscht, daß nämlich dieser +Außenraum konstant und für alle gemeinsam und identisch sei, ist ein +unbeweisbares Vorurteil. Das entsprechende Wort, das in allen Sprachen +nicht nur anders klingt, sondern auch anderes bedeutet, verdeckt +entscheidende Aufklärungen. Ist „der Raum“ ein allgemein menschliches +Erlebnis? Oder das einer einzelnen Kultur? Oder nicht einmal das? + +Das eigentliche Problem im Phänomen des Ausgedehnten knüpft sich an das +Wesen der +Tiefe+ -- der +Ferne+ oder +Entfernung+ -- deren abstraktes +Schema im System der Mathematik neben Länge und Breite als „+dritte +Dimension+“ bezeichnet wird. Diese Dreizahl koordinierter Faktoren ist +von vornherein irreführend. Ohne Zweifel sind im räumlichen Eindruck +diese Elemente +nicht+ gleichwertig, geschweige denn gleichartig. +„Länge und Breite“, sicherlich als Erlebnis eine +Einheit+, keine +Summation, sind, mit Vorsicht gesagt, Form der Empfindung. Sie +repräsentieren den urmenschlichen, rein sinnlichen Eindruck. Die +Tiefe repräsentiert den +Ausdruck+; mit ihr beginnt die „Welt“. Diese +der Mathematik selbstverständlich ganz fremde Unterscheidung in der +Bewertung der dritten Dimension gegenüber den sogenannten beiden +andern liegt auch in der Gegenüberstellung der Begriffe Empfindung +und Anschauung. Die Dehnung in die Tiefe verwandelt die erste in die +letzte. Erst die Tiefe ist die +eigentliche+ Dimension im wörtlichen +Sinne, das +Ausdehnende+. In ihr ist der Geist aktiv, in den andern +streng passiv. Es ist der +symbolische Gehalt einer Ordnung+, und +zwar im Sinne einer einzelnen Kultur, der sich zutiefst in diesem +ursprünglichen und nicht weiter analysierbaren Element ausspricht. +Das Erlebnis der Tiefe ist -- von dieser Einsicht hängt alles Weitere +ab -- und und ebenso vollkommen unbewußter und notwendiger als +vollkommen schöpferischer Akt, durch den das Ich seine Welt, ich möchte +sagen zudiktiert erhält. Er schafft aus dem Chaos von Empfindungen +eine formvolle Einheit, etwas +Gewordnes+, das nunmehr von Gesetzen +beherrscht, dem Kausalprinzip unterworfen und mithin, als Abbild eines +Seelentums, +vergänglich+ ist. + +Es besteht kein Zweifel, obwohl der durch theoretisches Selbstgefühl +voreingenommene Verstand sich dagegen auflehnt, daß das Phänomen +der Dehnung unendlicher Variation fähig ist, nicht nur ein anderes +beim Kind und Manne, beim Naturmenschen und Städter, Chinesen und +Römer, sondern in jedem einzelnen, je nachdem er nachdenklich oder +aufmerksam, tätig oder ruhend seine Welt erlebt. Jeder Künstler hat +noch „+die+“ Natur durch Farbe und Linie wiedergegeben. Jeder Physiker, +der griechische, arabische, germanische hat „+die+“ Natur in letzte +Elemente zergliedert -- warum fanden sie nicht alle dasselbe? Weil +jeder seine eigene Natur hat, obwohl jeder sie mit einer Naivität, +die seinen Lebensgehalt rettet, die +ihn+ rettet, mit dem andern +gemeinsam zu haben glaubt. Natur ist ein Erlebnis, das durch und durch +mit persönlichstem Gehalt gesättigt ist. Natur ist eine Funktion der +jeweiligen Kultur. Und man braucht nur Zeitgenossen wie Holbein, +Dürer und Grünewald hinsichtlich ihrer Behandlung des Bildraums zu +vergleichen, um zu fühlen, daß das Erlebnis der Tiefe, „der Raum“, also +die ganze Natur selbst für sie etwas sehr Verschiedenes ist. + +Nun hat Kant die große Frage, ob dies Element a priori vorhanden +oder durch Erfahrung erworben ist, durch seine berühmte Formel zu +entscheiden geglaubt, daß der Raum die allen Welteindrücken zugrunde +liegende +Form der Anschauung+ sei. Aber die „Welt“ des Urmenschen, +des Kindes und des Träumers besitzt dies Element unzweifelhaft in +chaotischer, schwankender, unentschiedner Art und erst das höhere +Seelentum formt das Chaotische zur geordneten Welt, gibt also dem +Element der Tiefe eine eindeutige, symbolisch bestimmte Fassung. Es ist +keine Frage, daß der Raum, wie ihn Kant mit unbedingter Gewißheit um +sich sah, als er über seine Theorie nachdachte, für seine Vorfahren zur +Karolingerzeit auch nicht annähernd in dieser exakten Gestalt vorhanden +war. Gehen wir noch weiter. Kants Größe beruht auf der Konzeption des +Begriffes einer Form „a priori“, aber nicht auf der Anwendung, die er +ihm gab. Daß die Zeit keine Form der Anschauung ist, daß sie überhaupt +keine „Form“ ist -- es gibt nur extensive Formen -- und offensichtlich +nur als Pendant zum Raume so definiert wurde, sahen wir schon. Es ist +aber nicht nur die Frage, ob gerade das Wort Raum den formalen Gehalt +im Angeschauten genau deckt; es ist auch eine Tatsache, daß die Form +der Anschauung sich mit dem +Grade der Entfernung ändert+: Jedes +entfernte Gebirge wird als reine Fläche -- Kulisse -- „angeschaut“. +Niemand wird behaupten, daß er die Mondscheibe körperhaft sehe. Der +Mond ist für das Auge eine absolute Fläche und erst durch das Fernrohr +stark vergrößert -- also künstlich angenähert -- erhält er mehr und +mehr räumliche Beschaffenheit. Augenscheinlich ist die Form der +Anschauung also eine Funktion der Distanz. Es tritt eine unvermerkte, +aber für den zivilisierten Menschen sehr stark wirksame Abstraktion +hinzu, die über den veränderlichen Charakter dieser Eindrücke täuscht. +Kant hat sich täuschen lassen. Er hätte zwischen Formen der Anschauung +und des Verstandes gar nicht scheiden dürfen, denn sein Begriff Raum +umfaßt bereits beides. Sein Gedanke, daß die unbedingte anschauliche +Gewißheit einfacher geometrischer Tatsachen die Apriorität des exakten +Raumes beweise, beruht auf der schon erwähnten allzu populären Ansicht, +daß Mathematik entweder Geometrie oder Arithmetik -- Konstruktion oder +Rechnen -- sei. + +Nun war schon damals die Mathematik des Abendlandes weit +über dieses naive -- der Antike nachgesprochene -- Schema +hinausgegangen. Wenn die Geometrie statt „des Raumes“ mehrfach +unendliche Zahlenmannigfaltigkeiten zugrunde legt, unter denen die +dreidimensionale ein an sich nicht ausgezeichneter Einzelfall ist, und +innerhalb dieser höchst transzendenten Gruppen funktionale Gebilde +hinsichtlich ihrer Struktur untersucht, so hat jede überhaupt mögliche +Art von sinnlicher Anschauung aufgehört, sich formal mit mathematischen +Tatsachen im Gebiete solcher Extensionen zu berühren, ohne daß die +Evidenz der letzteren dadurch herabgesetzt worden wäre. Die Mathematik +ist von der Form des Angeschauten ganz unabhängig. Es ist nun die +Frage, wie viel von der gerühmten Evidenz der Anschauungsformen, +die doch im Gegensatz zur Mathematik an die vitalen Bedingungen des +Sehsinnes gebunden sind, für sich übrig bleibt, sobald die künstliche +Übereinanderschichtung beider in einer vermeintlichen Erfahrung erkannt +worden ist. + +Wie Kant sich das Zeitproblem dadurch verdarb, daß er es zu der +in ihrem Wesen mißverstandenen Arithmetik in Beziehung brachte +und also von einem Zeitphantom redete, dem die lebendige Richtung +fehlte, das also nur noch ein dimensionales, räumliches Schema war, +so verdarb er sich das Raumproblem durch seine Beziehung auf eine +Allerweltsgeometrie. Der Zufall hat es gewollt, daß wenige Jahre nach +der Vollendung seines Hauptwerkes Gauß die erste der nichteuklidischen +Geometrien entdeckte, durch deren in sich widerspruchslose Existenz +bewiesen wurde, daß es +mehrere+ Arten streng mathematischer Struktur +der dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich „a priori +gewiß“ sind, ohne daß es möglich wäre, +eine+ von ihnen als die +eigentliche „Form der Anschauung“ herauszuheben. + +Es war ein schwerer und für einen Zeitgenossen Eulers und Lagranges +unverzeihlicher Irrtum, die antike Schulgeometrie, denn an sie hat +Kant immer gedacht, in den Formen der erlebten Natur abgebildet finden +zu wollen. In den Augenblicken, wo wir die Natur daraufhin aufmerksam +beobachten, ist in der Nähe des Beobachters und bei hinreichend +kleinen Verhältnissen eine annähernde Übereinstimmung zwischen dem +optischen Eindruck und den Prinzipien der gewöhnlichen euklidischen +Geometrie sicherlich vorhanden. Die von der Philosophie behauptete +absolute Übereinstimmung läßt sich aber weder durch den Augenschein +noch durch Meßinstrumente nachweisen. Beide können eine gewisse, +für die praktische Entscheidung über die Frage z. B., welche der +nichteuklidischen Geometrien die des empirischen Raumes sei, bei weitem +nicht ausreichende Grenze der Genauigkeit niemals überschreiten.[53] +Bei großen Maßstäben und Entfernungen, wo das Tiefenerlebnis das +Anschauungsbild völlig beherrscht -- vor einer weiten Landschaft +etwa statt vor einer Zeichnung -- widerspricht die Anschauungsform +der Mathematik gründlich. Die Fixsterne erscheinen dem Auge an einer +andern Stelle des betrachteten Raumes, als die ist, welche sie im +theoretisch-astronomischen Raume nach mathematischer Feststellung +einnehmen.[54] Wir sehen in jeder Allee, daß Parallelen sich am +Horizonte berühren. Die Perspektive der abendländischen Ölmalerei, +deren tiefer Zusammenhang mit den Grundproblemen der gleichzeitigen +Mathematik hier deutlich fühlbar wird, beruht auf dieser Tatsache, und +ihre schwer aufzufindenden Grundlagen, die von Brunellesco vielfach +verfehlt wurden, beweisen, daß die Geometrie sie durchaus nicht ohne +weiteres hergibt, wie es nach Kants Lehre von ihrer Koinzidenz mit +der Anschauung der Fall sein müßte. Die Anschauungsform ist von der +Mathematik unabhängig. Aber der lebensfremde Verstand, stolz auf +seine abstrakt-geometrische Intuition, sagt nein dazu und der echte +Theoretiker, wie eben Kant, weiß niemals, was er wirklich gesehen hat. + +Kant hat bei seiner Betrachtungsweise, einer angestrengten, auf +das Ziel einer abstrakten Theorie gerichteten Beobachtung, all die +Momente unwillkürlicher, halb bewußter Anschauung, welche das Leben +eigentlich erst ganz erfüllen, beiseite gelassen. In ihnen ist die +„Form“ nichts weniger als streng zahlenmäßig und gleichförmig und +durch den kahlen Begriff des Raumes von drei Dimensionen nicht +annähernd wiederzugeben. Das unmittelbar gewisse Tiefenerlebnis in der +unermeßlichen Fülle seiner Nuancen entzieht sich jeder theoretischen +Bestimmung. Die gesamte Lyrik und Musik, die gesamte ägyptische, +chinesische, abendländische Malerei widersprechen laut der Hypothese +einer konstanten mathematischen Struktur des erlebten und gesehenen +Raumes und nur, weil kein neuerer Philosoph von Malerei das geringste +verstanden hat, konnte ihnen diese Widerlegung unbekannt bleiben. Der ++Horizont+ z. B., in dem und durch den jedes Gesichtsbild +allmählich +in einen Flächenabschluß übergeht+ -- denn auch die Tiefe ist geworden +und also begrenzt -- ist durch keine Art von Mathematik zu behandeln. +Jeder Pinselstrich eines Landschaftsmalers widerlegt die Behauptungen +der Erkenntnistheorie. + +Die „drei Dimensionen“ besitzen als abstrakte mathematische +Einheiten keine natürliche Grenze. Man verwechselt das mit Fläche +und Tiefe des erlebten optischen Eindrucks und so setzt sich der +eine erkenntnistheoretische Irrtum in den andern fort, daß auch die +angeschaute Ausgedehntheit unbegrenzt sei, obwohl unser Blick nur +belichtete Raumfragmente umfaßt, deren Grenze eben die jeweilige +Lichtgrenze bildet, sollte es auch der Fixsternhimmel oder die +atmosphärische Helligkeit sein. Die „gesehene Welt“ ist tatsächlich die +Summe von +Lichtwiderständen+, weil das Sehen an das Vorhandensein von +reflektiertem Licht gebunden ist. Die Griechen blieben, als plastisch +angelegte Naturen, auch dabei stehen. Nur das abendländische Weltgefühl +stellte als Symbol und inneres Postulat des Lebens die +Idee+ eines +grenzenlosen Weltraumes auf mit unendlichen Fixsternensystemen und +Entfernungen, die weit über jede optische Vorstellbarkeit hinausgehen +-- eine Schöpfung des +innern+ Blickes, die sich jeder Verwirklichung +durch das Auge entzieht und Menschen anders fühlender Kulturen selbst +als Idee fremd und unvollziehbar bleibt. + + +4 + +Das Ergebnis der Gaußschen Entdeckung, welche das Wesen der modernen +Mathematik +überhaupt+ änderte,[55] war also nicht nur der Nachweis, +daß es mehrere gleich richtige Geometrien der dreidimensionalen +Ausgedehntheit gibt, von denen der Geist eine wählt, weil er an +sie +glaubt+, sondern der, daß „der Raum“ überhaupt nicht mehr +ein einfaches Faktum ist. Es gibt +mehrere+ Arten exakter, streng +wissenschaftlicher Räumlichkeit von drei Dimensionen und die Frage, +welche von ihnen der wirklichen Anschauung entspricht, beweist, +daß man das Problem gar nicht versteht. Die Mathematik beschäftigt +sich, gleichviel ob sie sich anschaulicher Bilder und Vorstellungen +als +Handhaben+ bedient oder nicht, mit völlig abstrakten Systemen, +Formenwelten von Zahlen, und ihre Evidenz ist identisch mit der +diesen Formenwelten immanenten kausalen Logik. Sie sind Abbilder der ++Verstandesformen+ und mithin in jeder Kultur von anderem Stil. Darauf +beruht ihre exakte Anwendbarkeit auf die verstandesmäßig rezipierte, +mechanische, +tote+ Natur der Physik, die ihrerseits ebenfalls ein +Abbild der Geistesform, nur von anderer Ordnung ist. Neben der Mehrheit +variabler Anschauungsgebilde steht also auch eine Mehrheit von starr +mathematischen Raumwelten, die ihre eignen Rätsel hat, und unter dem +gemeinsamen Worte Raum hat sich nur allzulange die Tatsache verborgen, +daß alle vermutete Konstanz und Identität ein Irrtum ist. + +Damit ist die Illusion des einen, bleibenden, alle Menschen +umgebenden Raumes, über den man sich begrifflich restlos verständigen +könnte, zerstört, ob man ihn nun als den absoluten Weltraum Newtons +ansprechen will, +in+ dem sich alle Dinge befinden, oder als +Kants unveränderliche, allen Menschen aller Zeiten gemeinsame Form +der Anschauung, welche alle Dinge erst +schafft+. So gut jede +persönliche „Welt“ im Strome des historischen Werdens ein nie +vergehendes und nie sich wiederholendes Erlebnis ist, so gut ist +es jeder einem lebenden Menschen angehörende Raum. Und zwar liegt ++alle+ Ausdruckskraft der einzelnen Seele, die ihre Welt gestalten +will, im begreifenden Erlebnis der +Tiefe+ oder +Entfernung+, +durch das die sinnliche Fläche -- das Chaos -- erst Raum, +der Raum +dieser Seele wird+. + +Damit ist die Trennung der lebendigen Anschauung von der mathematischen +Formensprache vollzogen, und das Geheimnis der +Raumwerdung+ tut +sich auf. + +Wie das Werden dem Gewordenen, die ewig lebende Geschichte der +vollendeten und toten Natur zugrunde liegt, das Organische dem +Mechanischen, das Schicksal dem kausalen Gesetz, dem objektiv +Gesetzten, so ist die +Richtung der Ursprung der Ausdehnung. Das +mit dem Worte Zeit berührte Geheimnis des sich vollendenden Lebens +bildet die Grundlage dessen, was als vollendet durch das Wort Raum +weniger verstanden als für ein inneres Gefühl angedeutet wird.+ +Jede wirkliche Ausgedehntheit, wirklich, insofern sie ein vollzogenes +Erlebnis repräsentiert, ist eben durch das Erlebnis der Tiefe erst +vollzogen worden; und eben jene Richtung, Dehnung in die Tiefe und +Ferne -- für das Auge, das Gefühl, das Denken -- der Schritt von der +sinnlich chaotischen Fläche zum kosmisch geordneten Weltbilde mit +der geheimnisvoll in ihr sich andeutenden Bewegtheit ist das, was +rein werdend durch das Wort Zeit bezeichnet wird. Der Mensch fühlt +sich, und das ist der Zustand des wirklichen Wachseins, in einer ihn +rings umgebenden Ausgedehntheit. Man braucht diesen Ureindruck des +Weltmäßigen nur zu verfolgen, um festzustellen, daß es tatsächlich +nur +eine+ wahre Dimension des Raumes gibt, die +Richtung+ +nämlich von sich aus in die Ferne und daß das abstrakte System dreier +Dimensionen eine mechanische Vorstellung, keine Tatsache des Lebens +ist. Das Tiefenerlebnis, die Richtung in die Ferne, +dehnt+ die +Empfindung zur Welt. Das Gerichtetsein des Lebens war mit Bedeutung +als +Nichtumkehrbarkeit+ bezeichnet worden und ein Rest dieses +entscheidenden Merkmals der Zeit liegt in dem Zwang, auch die Tiefe der +Welt stets von sich aus, nie vom Horizont aus zu sich hin empfinden zu +können. + +Wenn man, mit einiger Vorsicht, die Geistesform der Kausalität als ++erstarrtes Schicksal+ bezeichnet, so darf die Raumtiefe, die +Grundlage der Weltform, als +erstarrte Zeit+ bezeichnet werden. +Denn Räume gibt es nur für lebendige Menschen. Mit der Seele ist +auch die Welt zu Ende. Ich hatte nicht umsonst zwischen Erkennen und +Erkanntem, dem lebendigen Akt und seinem toten Resultat unterschieden. +Damit erst wird das Wesen des Raumes zugänglich. + +Hätte Kant sich ein wenig schärfer gefaßt, so hätte er statt von +„zwei Formen der Anschauung“ zu reden, die Zeit die +Form des +Anschauens+, den Raum die +Form des Angeschauten+ genannt, +und dann wäre ihm ein Licht aufgegangen. Wie das Leben zum Tode, +das Anschauen zum Angeschauten führt, so führt die schicksalhafte, +gerichtete Zeit zur räumlichen Tiefe. Es liegt hier ein Mysterium +vor, ein Urphänomen, das sich begrifflich nicht zerlegen läßt und +das man hinzunehmen hat; aber +ahnen+ läßt sich sein Sinn. +Der Physiker, Mathematiker, Erkenntnistheoretiker kennt nur den ++gewordenen+ Raum, das Gegenbild der starren Geistesform. ++Hier+ aber ist angedeutet, wie der Raum +wird+. Der Raum, +in all den verschiedenen Arten, in denen er sich für das einzelne +Selbst verwirklicht, über die einander ganz zu verständigen eine ewige +Unmöglichkeit ist, muß Zeichen und Ausdruck des Lebens selbst sein, ++das ursprünglichste und mächtigste seiner Symbole+. + +Das Gefühl davon soll vielleicht die gewagte Formel: „Der Raum ist +zeitlos“ ausdrücken. Er ist geworden; er steht damit, daß er +ist+, +ein Stück erstorbener Zeit, außerhalb des Zeitphänomens. Wir deuten -- +oder das Leben deutet in uns, durch uns -- mit unbedingter, wahlloser +Notwendigkeit +jedes+ Moment der Tiefe. Von freiem Willen ist nicht +mehr die Rede. Man denke an ein verkehrt gehängtes Bild, das als bloße +Farbfläche wirkt und beim Umdrehen plötzlich ein Erlebnis der Tiefe +hervorruft. In diesem Augenblick erfolgt mit schöpferischer Gewalt der +Akt der Raumwerdung und dieser Augenblick, wo das gestaltlose Chaos +gestaltete +Wirklichkeit+ wird, könnte, wenn man ihn +ganz+ verstünde, +die ungeheure Einsamkeit des Menschen enthüllen, von denen jeder dieses +Bild, diese erst jetzt zum Bilde gewordene Fläche, +für sich+ besitzt. +Denn hier empfindet der antike Mensch mit apriorischer Gewißheit das ++Körperliche+, +wir+ das unendlich +Räumliche+, der Inder, der Ägypter +wieder andere Arten von Form als das +Ideal+ des Ausgedehnten. Worte +reichen nicht aus, um die ganze Vehemenz dieser Unterschiede zu fassen, +die das Weltgefühl der einzelnen Arten höheren Menschentums für immer +trennen, aber die bildenden Künste aller Kulturen, deren Substanz die +Weltform ist, enthüllen sie. + +Diese wahllose Deutung der Tiefe, die mit der Wucht eines elementaren +Ereignisses das wache Bewußtsein beherrscht, ist es, welche ++zugleich mit dem Erwachen des Innenlebens+ beim einzelnen +Menschen die Grenze von Kind und Knabe bezeichnet. Das Erlebnis der +Tiefe ist es, welches dem Kinde fehlt, das nach dem Monde greift, das +noch keine sinnvolle Außenwelt besitzt und gleich der urmenschlichen +Seele in traumhafter Verbundenheit mit allem Empfindungshaften +hindämmert. Nicht als ob ein Kind keine extensive Erfahrung einfachster +Art hätte; aber das +Weltbewußtsein+ ist nicht da, die große ++Einheit des Erlebens+ in einer Welt. Und dieses Bewußtsein +gestaltet sich in einem hellenischen Kinde anders als in einem +indischen oder abendländischen. Mit ihm gehört es einer bestimmten +Kultur an, deren Glieder ein gemeinsames +Weltgefühl+ und aus +ihm eine gemeinsame Weltform besitzen. Eine tiefe Identität verknüpft +beide Akte: Das Erwachen der +Seele+ (des Innenlebens), ihre +Geburt zum hellen Dasein im Namen einer Kultur, und das plötzliche +Begreifen von Ferne und Tiefe, die +Geburt der Außenwelt+ durch +das Symbol der Ausgedehntheit, einer nur dieser einen Seele zugehörigen +Raumart, die von nun an das +Ursymbol dieses Lebens+ bleibt und +ihm seinen Stil, die Gestalt seiner Geschichte als der fortschreitenden +extensiven Verwirklichung intensiver Möglichkeiten gibt. Hier löst +sich eine alte philosophische Frage in nichts auf: +Angeboren+ +ist diese Urgestalt der Welt, insofern sie ursprüngliches Eigentum +des Seelentums (der Kultur) ist, dessen Ausdruck wir selbst durch +die ganze Erscheinung unsres Einzeldaseins sind; +erworben+ +ist sie, insofern jede einzelne Seele jenen Schöpfungsakt für sich +noch einmal wiederholt und das ihrem Dasein vorbestimmte Symbol der +Tiefe in früher Kindheit, wie ein ausschlüpfender Schmetterling +seine Flügel, entfaltet. Das erste Begreifen der Tiefe ist ein ++Geburtsakt+, ein seelischer neben dem leiblichen. Mit ihm wird +eine Kultur aus ihrer Mutterlandschaft geboren, denn die plötzliche +Erscheinung der dorischen, arabischen, gotischen Raumsymbolik verrät +das Dasein einer +neuen Seele+. Es entspricht dies im tiefsten +dem griechischen Mythus der Gaia und dem dunklen Gefühl früher Völker, +wenn sie ihre Toten in Hockergräbern (in Form des Embryo) der Mutter +Erde zurückerstatten. Diese Geburt der ganzen Kultur wird innerhalb +ihres Kreises von jeder einzelnen Seele wiederholt. +Dies+ +nannte Plato, der an einen hellenischen Urglauben anknüpfte, die ++Anamnesis+. Die unbedingte Bestimmtheit der Weltform, die im +Seelischen +plötzlich da ist+, wird aus dem Werden gedeutet, +während Kant, der Systematiker, mit seinem Begriff der apriorischen +Form bei der Deutung +desselben+ Phänomens vom toten Resultat, +nicht vom lebendigen Akt ausgeht. + +Die Art der Ausgedehntheit soll von nun an das +Ursymbol einer Kultur+ +genannt werden. Die gesamte Formensprache ihrer Wirklichkeit, ihre +Physiognomie im Unterschiede von der jeder andern Kultur und vor allem +von der physiognomielosen Umwelt des primitiven Menschen ist aus +ihr abzuleiten. Wie es eine Welt nur in bezug auf eine Seele gibt, +als deren Abbild und Gegenpol im Bewußtsein, wie das Erwachen des +Innenlebens mit einer spontanen und notwendigen Tiefendeutung von ganz +bestimmtem Typus zusammenfällt, so gibt es +Etwas+, das als Formideal +jedem einzelnen Symbol einer Kultur zugrunde liegt. + +Aber das Ursymbol selbst ist nicht realisierbar, auch nicht in +Definitionen. Es ist im Formgefühl jedes Menschen und jeder Zeit +wirksam und diktiert ihnen den Stil sämtlicher Lebensäußerungen. Es +liegt in der Staatsform, in den religiösen Dogmen und Kulten, den +Formen der Malerei, Musik und Plastik, dem Vers, den Grundbegriffen der +Physik und Ethik, aber es wird nicht durch sie dargestellt. Folglich +ist es auch durch Worte nicht exakt darstellbar, denn Sprache und +Erkenntnisformen sind selbst +abgeleitete+ Symbole. Goethe und Plato +haben es -- wiewohl nicht genau in diesem Sinne -- „die Idee“ genannt, +die im Wirklichen unmittelbar angeschaut, aber als eine ewige und +unerreichbare Möglichkeit niemals +erkannt+ wird. Kant und Aristoteles +haben es, mit einem für den Systematiker beinahe notwendigen Irrtum, im +Erkenntnisakt begrifflich isolieren wollen. + +Wenn das Ursymbol der antiken Seele, der antiken +Welt+ fortan als +der stoffliche Einzelkörper, das der abendländischen als der reine, +unendliche Raum bezeichnet wird, so darf nie übersehen werden, daß +Begriffe das nie zu Begreifende nicht darstellen, daß sie nur ein +Gefühl des Verstehens wecken können. Auch die mathematische +Zahl+, +an welcher der Unterschied in der Formensprache der einzelnen +Kulturen zuerst festgestellt wurde und aus der Kant die Qualität der +Tiefendeutung abzuleiten suchte, ist +nicht+ das Ursymbol selbst. Die +Zahl als das Grenzprinzip der Ausdehnung setzt das Tiefenerlebnis schon +voraus und wenn das klassische Grenzproblem der Antike die Quadratur +des Kreises, d. h. die Rückführung krummlinig begrenzter Flächen auf +meßbare Größen, das klassische Problem unsrer Mathematik aber die +Definition des Grenzwertes in der Infinitesimalrechnung ist, so verrät +sich darin der Unterschied zweier Ursymbole mit voller Deutlichkeit, +aber keines von beiden ist das unmittelbare +Objekt+ dieser Probleme. + +Der reine grenzenlose Raum ist das Ideal, welches die abendländische +Seele immer wieder in ihrer Umwelt +gesucht+ hat. Sie wollte es in +ihr unmittelbar verwirklicht sehen und dies erst gibt den unzähligen +Raumtheorien der letzten Jahrhunderte ihre tiefe Bedeutung als +Symptomen eines Weltgefühls, jenseits aller vermeintlichen Resultate. +Ihre gemeinsame Tendenz läßt sich so ausdrücken: Es gibt +Etwas+, +das notwendig gestaltend den Welterlebnissen jedes Einzelnen +zugrunde liegt. Alle haben, Kant mehr oder weniger ähnlich, dieses +begrifflich überhaupt unbestimmbare, sicherlich höchst variable Etwas +dem mathematischen Raumbegriff genau zugeordnet und ohne weiteres +vorausgesetzt, daß eine These dieser Art für +alle+ Menschen gültig +sei. Was bedeutet das +Pathos+ dieser Behauptung? Kaum ein andres +Problem ist so ernsthaft durchdacht worden, und fast hätte man glauben +sollen, es hinge jede andre Weltfrage von dieser einen nach dem Wesen +des Raumes ab. Und ist es nicht in der Tat so? Warum hat denn niemand +bemerkt, daß die gesamte Antike kein Wort darüber verlor, ja daß sie +nicht einmal das Wort besaß, um das Problem genau umschreiben zu +können? Warum schwiegen die großen Vorsokratiker? Übersahen sie etwa in +ihrer Welt gerade das, was uns als das Rätsel aller Rätsel erscheint? +Hätten wir nicht längst einsehen sollen, daß in diesem Schweigen +gerade die Lösung lag? Wie kommt es, daß +unserm+ tiefsten Gefühl nach +„die Welt“ nichts anderes ist als jener durch das Tiefenerlebnis ganz +eigentlich geborne +Weltraum+, dessen reine, erhabene Leere durch die +in ihm verlornen Fixsternsysteme nur bestätigt wird. Hätte man +dies+ +Gefühl einer Welt einem Athener, Plato etwa, begreiflich machen können? +Und hätte die griechische Sprache, in deren Grammatik und Wortschatz +sich doch das antike Tiefenerlebnis ganz unverkennbar spiegelt, dies +erlaubt? Man entdeckt plötzlich, daß dies „ewige Problem“, das Kant +im Namen der Menschheit mit der Leidenschaft eines symbolischen Aktes +behandelte, ein +rein+ abendländisches ist und im Geiste der andern +Kulturen gar nicht existiert. + +Was war es denn, was dem antiken Menschen, dessen Blick in +seine+ +Umwelt sicher ebenso klar war, als das Urproblem des gesamten +Seins erschien? Das der ἀρχή, des stofflichen Ursprungs der +sinnlich-greifbaren Dinge. Begreift man dies, so wird man dem Sinn +der Tatsache nahe kommen -- nicht des Raumes, sondern der Frage, +weshalb das Raumproblem mit schicksalhafter Notwendigkeit das der +abendländischen Seele und dieser allein werden mußte. Die Zahlenwelten, +wie sie sich innerhalb beider Kulturen entfaltet haben, machen +dies völlig deutlich. Die antike Seele gestaltete das Gewordene zu +einer geordneten Welt sinnlich meßbarer +Größen+. Das liegt, bisher +unerkannt, in dem berühmten Parallelenaxiom Euklids,[56] dem einzigen +der antiken mathematischen Sätze, der unbewiesen blieb und der, wie wir +heute wissen, unbeweisbar ist. Gerade +das+ aber macht ihn zum Dogma +gegenüber aller apriorischen Erfahrung und +damit zum metaphysischen +Mittelpunkt+, zum +Träger+ jenes geometrischen Systems. Alles andre, +Axiome wie Postulate, ist nur Vorbereitung oder Folge. Dieser einzige +Satz ist für den antiken Geist notwendig und allgemein gültig -- und ++doch+ nicht ableitbar. Was bedeutet das? + +Daß er ein +Symbol+ ersten Ranges ist. Er repräsentiert das So-Sein, +die vorbestimmte Struktur der antiken Außenwelt, das Ideal ihrer +Ausgedehntheit. Gerade dies theoretisch schwächste -- notwendig +schwächste -- Glied der platonischen Geometrie, gegen das sich schon +in hellenistischer Zeit Widerspruch erhob, offenbart ihre Seele, und +gerade dies der populären Erfahrung selbstverständliche Element war +es, an das sich der Widerspruch des abendländischen Zahlendenkens +knüpfte. Es gehört zu den tiefsten Symptomen +unsres+ Daseins, daß +wir aus unsrem Zahlengefühl heraus der euklidischen Geometrie nicht +etwa +eine+, sondern eine +Mehrzahl+ von andern gegenüberstellen, die +für uns -- +nicht+ für die Erkenntnisweise antiker Menschen -- gleich +wahr, gleich widerspruchslos sind. Die eigentliche Tendenz und Symbolik +dieser als +anti+euklidische Gruppe aufzufassender Geometrien[57] liegt +darin, daß sie das körperlich-greifbare Moment in aller Ausgedehntheit, +das Euklid durch seine Sätze +heilig+ sprach, +verleugneten+, daß sie +unabhängig vom Sinnlichen und unter Überschreitung der Grenze des +Sehvermögens ein neues Ideal schufen, das einer +höheren Räumlichkeit+, +die über eine populär-anschauliche Evidenz erhaben ist, die mithin +auch nicht eine einzige, punktuelle Lösung kennt. Die Frage, welche +der drei nichteuklidischen Geometrien die „richtige“, in der äußeren +Wirklichkeit vorhandene sei -- obwohl selbst von Gauß ernsthaft geprüft +-- ist dem Weltgefühl nach antik, hätte also von einem Denker unserer +Sphäre nicht gestellt werden sollen. Sie verschließt den Einblick in +den wahren Tiefsinn dieses geistigen Phänomens: Nicht in der Realität +der einen oder andern, sondern in der Vielheit +gleichmäßig möglicher+ +Geometrien liegt das spezifisch abendländische Symbol. Erst durch +die +Gruppe+ dieser dreidimensionalen Raumstrukturen, die eine echte +Unendlichkeit des Möglichen darstellt und in deren Fülle die antike +Nuance lediglich eine punktförmige Möglichkeit, einen bloßen Grenzfall +bildet, wird der Rest des Plastisch-Sinnlichen im reinen Raumgefühl +aufgelöst. Dem abstrakten Raum +eine+ Struktur zuzusprechen -- noch +dazu die aus dem optischen Bilde gewohnheitsmäßig erschlossene -- +verrät immer noch eine statuenhafte, nicht kontrapunktische Tendenz; +nur die variable Vielheit einander ausschließender Räume, von denen +keiner gewählt werden +darf+, in ihrer seltsam transzendenten Totalität +leistet uns Genüge. Die neueste geometrische Spekulation ist jenseits +dieser Gruppe zu einer großen Anzahl weiterer, höchst transzendenter, +zum Teil auch nicht entfernt mehr optisch zugänglicher Geometrien +gelangt, die sämtlich in sich widerspruchslos sind und deren „Menge“ +-- im Sinne der Mengenlehre -- eine „Zahl“ bedeutet, die nun allerdings +ein sehr schwer zu fassendes Symbol des abendländischen Weltgefühls +darstellt. + +Hier drückt das Formbewußtsein der abendländischen Mathematik dasselbe +aus, was die Erkenntnistheorie Kants durch die Überzeugung, der Raum +liege a priori der Existenz der Dinge zugrunde, eigentlich hatte +sagen wollen, eine Überzeugung, die den Resultaten der arabischen +und indischen Erkenntnistheorie aufs schärfste widerspricht -- daß +nämlich „der Raum“ der Schöpfer und alles Stofflich-Gegenwärtige +sein Geschöpf sei. Und gerade diese allmächtige Räumlichkeit, welche +die Substanz aller Dinge in sich saugt, aus sich erzeugt, unser +Eigentlichstes und Höchstes im Aspekt +unseres+ Weltalls -- wird +von der antiken Menschheit, +die nicht einmal das Wort und also den +Begriff Raum kennt+,[58] einstimmig als τὸ μὴ ὄν abgetan, als das, +was +nicht da ist+. Man kann das Pathos dieser Negation gar nicht +tief genug fassen. Die ganze Leidenschaft der antiken Seele grenzte +durch sie symbolisch ab, was sie +nicht+ als wirklich empfand, was +nicht Ausdruck +ihres+ Daseins sein durfte. Eine Welt von andrer +Farbe liegt plötzlich vor unsern Augen da. Die attische Marmorstatue +repräsentiert in ihrer sinnlichen Existenz für das antike Auge alles +ohne Rest, was Wirklichkeit hieß. Das Stoffliche, sichtbar Begrenzte, +Greifbare, unmittelbar Gegenwärtige -- damit sind die Merkmale dieser +Art von Gewordnem erschöpft. Dies antike Weltall, der +Kosmos+, die +wohlgeordnete Menge aller nahen und vollkommen übersehbaren Dinge +ist durch die körperliche Himmelskugel abgeschlossen. Es gibt nicht +mehr. Unser Bedürfnis, jenseits dieser Schale wieder „Raum“ zu denken, +fehlte dem antiken Weltgefühl vollständig. Τὸ μὴ ὄν -- das ist der +schärfste Widerspruch gegen das abendländische Gefühl, das eben +diesen reinen, notwendig als grenzenlos empfundenen „absoluten“ Raum +fordert, ihn als +das+ Wirkliche, das eigentlich und einzig Seiende +anerkennt und gerade die antike, plastische, absolute Stofflichkeit +der Objekte anzweifelt. „Stoff“ ist derjenige Empfindungswert, von dem +der abendländische Geist auf jedem Wege, philosophisch, physikalisch, +religiös loskommen will. +Unser+ Göttliches ist der ewige Raum, wie +das von Dante bis Kant und Goethe jeder großen Denkweise zugrunde +liegt. Die Dinge sind +Erscheinung+, nicht mehr, vom Raume bedingt, +fragwürdig -- τὸ μὴ ὄν. Man überzeuge sich, wie im Pantheismus des 18. +Jahrhunderts Gott und der unendliche Raum für das Gefühl schlechthin +identisch geworden sind. Die faustische Allgegenwart Gottes, die von +den Kreuzzügen an mit steigender Klarheit das Weltbild beherrscht, und +die Lehre, daß der Raum die erzeugende Form der objektiven Erscheinung +sei, führen auf dasselbe innere Erlebnis zurück. Wenn man nach einem +Substanzbegriff sucht, der dem antiken diametral entgegengesetzt +ist, so trifft man mit Notwendigkeit den der abendländischen Physik. +Die +Masse+ wird von ihr als das konstante Verhältnis von Kraft und +Beschleunigung definiert. Kann man „unstofflicher“ denken? Den antiken +Begriffen +Stoff und Form+ als den optischen Prinzipien körperhaften +Daseins haben wir die vollkommen unanschaulichen der +Kapazität und +Intensität+ gegenübergestellt, in denen die Energie des reinen Raumes +formal zum Ausdruck kommt. Aus dieser Art, Wirklichkeit aufzufassen, +mußte als herrschende Kunst die Instrumentalmusik der großen Meister +des 18. Jahrhunderts hervorgehen, die einzige von allen Künsten, deren +Formenwelt der Intuition des reinen Raumes innerlich verwandt ist. +In ihr gibt es, den Bildsäulen antiker Tempelbezirke und Marktplätze +gegenüber körperlose Reiche von Tönen, Tonräume, Tonmeere; das +Orchester brandet, schlägt Wellen, verebbt; es malt Fernen, Lichter, +Schatten, Stürme, ziehende Wolken, Blitze, Farben von vollkommener +Jenseitigkeit; man denke an die Landschaften der Instrumentation Glucks +und Beethovens. „Gleichzeitig“ mit dem Kanon Polyklets, jener Schrift, +in welcher der große Bildhauer die strengen Regeln der optischen +Gliederung menschlicher Körper niederlegte, die bis auf Lysipp herab +herrschend blieben, vollendete sich um 1740 der strenge Kanon des +vierteiligen Sonatensatzes, der erst in Beethovens späten Quartetten +und Sinfonien sich lockert, bis endlich in der einsamen, vollkommen +„infinitesimalen“ Tonwelt der Tristanmusik alle irdische Greifbarkeit +sich löst. Dies Urgefühl einer +Lösung+, Erlösung, Auflösung der Seele +im Unendlichen, einer Befreiung von aller stofflichen Schwere, das die +höchsten Momente unsrer Musik stets wachrufen, während die Wirkung +antiker Kunstwerke bindend, einschränkend, das Körpergefühl festigend +ist, wie man in der Poetik des Aristoteles zwischen den Zeilen liest +-- dies Gefühl ist es, das von der Erkenntnistheorie in die trockene +Formel vom Raum als der apriorischen Bedingung der sinnlichen +Erscheinung gekleidet wurde. + +Für den antiken Geist gab es nur ein „zwischen“ den Dingen, dem der +Wirklichkeitsakzent des Wortes Raum fehlt. Erst die neuere Geometrie +(Hilbert, Peano) hat den metaphysischen Gehalt dieses „zwischen“ +bemerkenswert gefunden. Von Archimedes, für den es nur Körper und deren +wechselseitige Abstände gab, hätten wir die verwunderte Frage erlebt, +wie ein leidlich vernünftiger Mensch zu einer solchen +Inkarnation +des Nichts+, wie sie die Annahme eines reinen, die zufälligen Dinge +durchdringenden und hinsichtlich ihrer Realität entwertenden Raumes +doch darstellt, gelangen könne. + + +5 + +So hat es jede der großen Kulturen zu einer geheimen Sprache des +Weltgefühls gebracht, die nur dem ganz vernehmlich ist, dessen Seele +dieser Kultur angehört. Denn täuschen wir uns nicht. Wir können +vielleicht, zufällig, in der antiken Seele ein wenig lesen, deren +Formensprache annähernd die Umkehrung der abendländischen ist; +von der sehr schwierigen Frage, in welchem Grade das möglich und +erreicht worden ist, hat jede Kritik der Renaissance auszugehen. Aber +wenn wir hören, daß wahrscheinlich -- das Umdenken so heterogener +Daseinsäußerungen bleibt unter allen Umständen ein höchst zweifelhafter +Versuch -- die alten Inder Zahlen konzipiert hatten, die nach unsren +Begriffen, weder Wert noch Größe noch Beziehungsqualität besaßen, +die erst durch ihre Stellung, durch gewisse Affixe, zu positiven, +negativen, großen, kleinen Einheiten wurden, so müssen wir zugeben, +daß unserem Denken die Möglichkeit fehlt, das exakt nachzuerleben, +was seelisch diesem Zahlenphänomen zugrunde liegt. 3 ist für uns +immer +Etwas+, sei es positiv oder negativ; für die Griechen war es +unbedingt eine Größe, +3; für die Inder bezeichnet es eine wesenlose +Möglichkeit, für die das Wort „etwas“ +noch nicht gilt+, jenseits von +Sein und Nichtsein, die beide erst akzidentielle Eigenschaften sind. ++3, -3, ⅓ sind emanierende Wirklichkeiten geringeren Grades, die in +der rätselhaften Substanz (3) in einer uns völlig verschlossenen +Art ruhen. Es gehört eine +bramanische+ Seele dazu, diese Zahlen +als selbstverständlich, als ideale Repräsentanten einer in sich +vollkommenen Weltform zu empfinden; uns sind sie so unverständlich wie +das Nirwana des Yogasystems, das jenseits von Leben +und+ Tod, Schlaf ++und+ Bewußtsein, Leiden, Mitleiden +und+ Leidlosigkeit dennoch etwas +Wirkliches ist, für das uns selbst die sprachlichen Möglichkeiten +fehlen. Nur aus diesem Seelentum konnte die großartige Konzeption des ++Nichts+ als einer echten +Zahl+, der +Null+, hervorgehen, und zwar +als indische Null, für die wesenhaft und wesenlos gleich äußerliche +Bezeichnungen sind. Diese Null, die vielleicht eine Ahnung von der ++indischen+ Idee des Ausgedehnten, von jener in den Upanishaden +behandelten, unserem Raumbewußtsein völlig fremden Räumlichkeit der +Welt gibt, fehlte selbstverständlich der Antike. Sie wurde auf dem +Wege über die arabische Mathematik, gänzlich umgedeutet, erst 1544 +durch Stifel bei uns eingeführt, und zwar, was ihr Wesen prinzipiell +veränderte, als die Mitte zwischen +1 und -1, als Schnitt im linearen +Zahlenkontinuum, das heißt, sie wurde in einem gänzlich unindischen +Sinne von der abendländischen Zahlenwelt assimiliert. + +Wenn arabische Denker der reifsten Zeit -- und es waren Köpfe ersten +Ranges wie Alfarabi und Al Kabi darunter -- in ihrer Polemik gegen +die Seinslehre des Aristoteles bewiesen -- +bewiesen+ --, daß der +Körper als solcher den Raum zur Existenz nicht notwendig voraussetze, +und das Wesen dieses Raumes, der +arabischen+ Art der Ausgedehntheit +also, aus dem Merkmal des „an einer Stelle sich Befindens“ herleiten, +so beweist das nicht, daß sie gegen Aristoteles und Kant im Irrtum +waren oder -- wie wir das gern bezeichnen, was nicht in unsre Köpfe +eingeht -- daß sie unklar dachten, sondern daß der arabische Geist +andere Weltkategorien besaß. Sie hätten Kant aus ihrer Begriffssprache +heraus mit derselben Feinheit der Beweisführung widerlegen können, wie +Kant sie, und beide wären von der Richtigkeit ihrer Aspekte überzeugt +geblieben. + +Wenn wir, Menschen der abendländischen Geistessphäre, vom Raume reden, +so denken wir sicherlich in annähernd demselben Stil, so wie wir uns +derselben Sprache und Wortzeichen bedienen, mag es sich um den Raum +der Mathematik, Physik, Malerei oder der „Wirklichkeit“ handeln, +obgleich alles Philosophieren, das an Stelle dieser Verwandtschaft +eine +Identität+ des Empfindens statuieren will (und muß), etwas +höchst Fragwürdiges bleibt. Aber kein Hellene, kein Ägypter, kein +Chinese hätte etwas davon unverändert nachgefühlt und kein Kunstwerk +oder Gedankensystem hätte ihnen zeigen können, was „Raum“ für uns +bedeutet. Die antiken Urbegriffe, aus einem anders gearteten Innenleben +stammend, wie ἀρχή, ὕλη, μορφή, erschöpfen den Gehalt einer anders +angelegten Welt, die uns fremd und fern bleibt. Was wir mit unseren +eigenen Sprachmitteln als Ursprung, Stoff, Form aus dem Griechischen +übersetzen, ist eine flache Anähnlichung, ein matter Versuch, in eine +Gefühlssphäre einzudringen, die in ihrem Feinsten und Tiefsten +doch+ +stumm bleibt; es ist, als wollte man die Parthenonskulpturen für +Streichmusik „setzen“ oder den Gott Voltaires in Bronze gießen. Die +Kategorien des Denkens, Lebens, Weltbewußtseins sind so verschieden wie +die Gesichtszüge der einzelnen Menschen; auch in bezug darauf gibt es +„Rassen“ und „Völker“, Gemeinschaften durch den Besitz einer geistigen +Form oder Idee; und sie wissen so wenig darum wie sie wissen, was „rot“ +oder „gelb“ für den andern ist; die gemeinsame Symbolik vor allem der +Sprache nährt die Illusion eines identischen Innenlebens und einer +identischen Weltform. Die großen Denker der einzelnen Kulturen sind +hierin den Farbenblinden ähnlich, die ihren Zustand nicht kennen und +von denen einer über die Irrtümer des andern lächelt. + +Und nun ziehe ich die Folgerung. Es gibt eine Vielzahl von Ursymbolen. +Das Tiefenerlebnis, durch das die Welt wird, durch das die Empfindung +sich zur Welt +dehnt+, bedeutsam für die Seele, der es angehört, +und für sie allein, anders im Wachen, Träumen, Hinnehmen und +Beobachten, anders bei Kind und Greis, Städter und Bauer, Mann und +Weib, verwirklicht und zwar mit tiefster Notwendigkeit für jede hohe +Kultur eine Möglichkeit der Form, auf der ihr gesamtes Dasein beruht. +Alle Begriffe formaler Einheiten wie Masse, Substanz, Materie, Ding, +Körper, Ausdehnung und die Tausende in den Sprachen andrer Kulturen +aufbewahrten Wortzeichen entsprechender Art sind unbewußte, vom +Schicksal bestimmte Akzente, welche aus der unendlichen Fülle von +Weltmöglichkeiten im Namen der einzelnen Kultur die bezeichnenden +herausheben. Keines ist in die Erkenntnisweise einer andern Kultur +genau übertragbar. Keines dieser Urworte kehrt zweimal wieder. Was +für uns Gegensatz ist, wie etwa das mit den Worten Raum und Materie +Bezeichnete, kann für einen andern Geist identisch sein. Die +Wahl +des Ursymbols+ in jenem Augenblick, wo die Seele einer Kultur in +ihrer Landschaft zum Selbstbewußtsein erwacht, die für jeden, der die +Weltgeschichte so zu betrachten vermag, etwas Erschütterndes hat, +entscheidet alles. Hier erhebt sich das dürftige Raumproblem der +kritischen Philosophie zur Idee des Makrokosmus, in welchem alles +Gewordene für eine einzelne Art Mensch im Unterschied von jeder andern +zu einer Einheit der Form, der Bedeutung verknüpft ist. + +Menschliche Kultur als Inbegriff des sinnlich-gewordenen +Ausdrucks+ +der Seele, als ihr Leib, sterblich, vergänglich, dem Gesetz, der Zahl +und der Kausalität verfallen; Kultur als historisches Phänomen, als +Bild im Weltbilde der Geschichte, als Gleichnis und Gesamtheit von +Symbolen: das ist die Sprache, durch welche allein eine Seele sagen +kann, was sie leidet. + +Überall ist lebendigstes Seelentum, das in ewiger Verwirklichung +begriffen ist, das ursprüngliche. Aber es bleibt unfaßlich und +ungreifbar. Alle Intuition, welcher Art sie auch sei, trifft nur auf +Abbildungen und Symbole, die das Letzte und Tiefste noch dichter +verhüllen, indem sie von ihm reden. Das Ewig-Seelische wird uns immer +verschlossen bleiben; hier ist eine nie zu überschreitende Grenze +gesetzt. Auf dem Wege der Deutung des Makrokosmos erreichen wir nicht +die hypothetische Urseele, sondern lediglich die Gestalt +einzelner+ +Seelen. Das Urphänomen +bleibt+ singulär. Kulturen sind die letzte uns +erreichbare Wirklichkeit. Mag man sie Erscheinungen nennen: es gibt +für uns nichts Wirklicheres. „Die Welt“ als _absolutum_, als Ding an +sich ist ein Vorurteil. Wir gewinnen auf dem Wege der Morphologie nur +Eindrücke von +einzelnen+ Welten, dem Ausdruck +einzelner+ Seelen; der +Glaube, den heute noch der Physiker und Philosoph mit der Menge teilt, +daß seine Welt +die+ Welt sei, wird uns bald an den Glauben des Wilden +erinnern, daß alle Götter schwarz seien. + +Auch der Makrokosmos ist Eigentum einer einzelnen Seele, und wir +werden nie wissen, wie es um den der andern steht. Was -- über alle +Möglichkeiten begrifflicher Erklärung hinausgreifend -- „der Raum“, +diese schöpferische Deutung des Tiefenerlebnisses +durch uns Menschen +des Abendlandes+ und uns allein sagen will, dies rätselhafte Symbol, +das die Griechen das Nichts nannten und wir das All, taucht unsre Welt +in eine Farbe, welche die antike, die indische, die ägyptische Seele +nicht auf ihrer Palette hatten. Die eine Seele spielt das Welterlebnis +in As-Dur, die andere in F-Moll; die eine empfindet es euklidisch, die +andre kontrapunktisch, die dritte magisch. Vom reinsten analytischen +Raume und vom Nirwana bis zur leibhaftigsten attischen Körperlichkeit +führt eine Fülle an sinnlichem Gehalt steigender Seinssymbole, deren +jedes fähig ist, eine vollkommene Weltform aus sich zu bilden. So fern, +seltsam, flüchtig die indische oder babylonische Welt ihrer Struktur +nach für die Menschen der fünf oder sechs ihnen folgenden Kulturen war, +so unbegreiflich wird bald die abendländische Welt für die Menschen +noch ungeborner Kulturen sein. + + +Fußnoten: + +[Footnote 52: Dasselbe drückt auch das Prinzip der abendländischen Zahl +aus: Ist x eine Funktion von y, so ist y eine Funktion von x.] + +[Footnote 53: Gewiß läßt sich ein geometrischer Lehrsatz an einer +Zeichnung beweisen, richtiger demonstrieren. Aber der Lehrsatz erhält +in jeder Art von Geometrie eine andre Fassung und hier entscheidet die +Zeichnung +nichts+ mehr.] + +[Footnote 54: Die Zeit bleibt hier ganz aus dem Spiele. Übrigens +erweist sich gerade in der Astronomie die Anwendung nichteuklidischer +Geometrien zuweilen als vorteilhaft.] + +[Footnote 55: Bekanntlich hat Gauß über seine Entdeckung bis fast +an sein Lebensende geschwiegen, weil er „das Geschrei der Böoter“ +fürchtete.] + +[Footnote 56: Durch einen Punkt ist zu einer Geraden nur eine Parallele +möglich.] + +[Footnote 57: In denen es durch einen Punkt zu einer Geraden keine, +zwei oder unzählige Parallelen gibt.] + +[Footnote 58: Weder im Griechischen noch im Latein; τόπος (= _locus_) +heißt +Ort+, Gegend, auch Stand in sozialem Sinne, χώρα (= _spatium_) ++Abstand+ („zwischen“), Distanz, Rang, auch Grund und +Boden+ (τὰ +ἑκ τῆς χώρας die Feldfrüchte); τὸ κενόν (= _vacuum_) bezeichnet +ganz unzweideutig einen +hohlen Körper+, wobei der Akzent auf der ++Um+schließung liegt. In der späten Literatur bedient man sich +hilfloser Ausdrücke wie ὁρατὸς τόπος („Sinnenwelt“) oder _spatium +inane_ „unendlicher Raum“, aber auch weite +Fläche+; die Wurzel des +Wortes _spatium_ (bedeutet schwellen, fettwerden). In der frühen +Literatur lag das Bedürfnis einer Umschreibung nicht vor, weil die +Vorstellung völlig fehlte.] + + + + +II + +APOLLINISCHE, FAUSTISCHE, MAGISCHE SEELE + + +6 + +Ich will von nun an die Seele der antiken Kultur, welche den +sinnlich-gegenwärtigen Einzelkörper zum Idealtypus des Ausgedehnten +wählte, die +apollinische+ nennen. Seit Nietzsche ist diese Bezeichnung +jedem verständlich. Ihr gegenüber stelle ich die +faustische+ Seele, +deren Ursymbol der reine grenzenlose Raum und deren „Leib“ die +abendländische Kultur ist, wie sie mit der Geburt des romanischen +Stils im 10. Jahrhundert in den nordischen Ebenen zwischen Elbe und +Tajo aufblühte. Apollinisch ist die Bildsäule des nackten Menschen, +faustisch die Kunst der Fuge. Apollinisch sind die mechanische Statik, +die sinnlichen Kulte der olympischen Götter, die politisch vereinzelten +Griechenstädte, das Verhängnis des Ödipus und das Symbol des Phallus, +faustisch die Dynamik Galileis, die katholisch-protestantische +Dogmatik, die großen Dynastien der Barockzeit mit ihrer +Kabinettspolitik, das Schicksal Lears und das Ideal der Madonna von +Dantes Beatrice bis zum Schlusse des zweiten Faust. Apollinisch ist +die Malerei, welche einzelne Körper durch scharfe Linien, Konturen +begrenzt; faustisch ist die, welche durch Licht und Schatten Räume +imaginiert. So unterscheidet sich das Fresko Polygnots vom Ölgemälde +Rembrandts. Apollinisch ist das Dasein des Griechen, der sein Ich +als σῶμα bezeichnet und vom ὄνομα σώματος als dem Namen einer +Persönlichkeit spricht, dem die Idee einer innern Entwicklung und +damit eine wirkliche innere oder äußere Geschichte fehlt; es ist die +euklidische, punktförmige, der Reflexion gänzlich fremde Existenz; +faustisch ist ein Dasein, das mit tiefster Bewußtheit als Innenleben +geführt wird, das sich selbst zusieht, eine eminent persönliche Kultur +der Memoiren, Reflexionen, der Rück- und Ausblicke und des Gewissens. +Stereometrie und Analysis, Sklavenmassen und Dynamomaschinen, stoische +Ataraxie und sozialer Wille zur Macht, Hexameter und gereimte Verse: +das sind Seinssymbole zweier grundverschiedener Welten. Und fernab, +obwohl vermittelnd, Formen entlehnend, umdeutend, vererbend, erscheint +die +magische+ Seele der arabischen Kultur, zur Zeit des Augustus in +der Landschaft zwischen Euphrat und Nil erwachend, mit ihrer Algebra +und Alchymie, ihren Mosaiken und Arabesken, ihren Khalifaten und +Moscheen, ihren sakralen Riten und ihrem „Kismet“. + +Der Raum ist, ich darf jetzt sagen im faustischen Sprachgebrauche, +ein von der augenblicklichen sinnlichen Gegenwart streng gesondertes +Abstraktum, das in einer apollinischen Sprache, im Griechischen und +Lateinischen nicht vertreten sein +durfte+. Ebenso fremd ist der +Raum den apollinischen Künsten. Das antike Relief -- man denke an +die Metopen und Giebel des Parthenon -- ist streng stereometrisch +einer Fläche aufgesetzt. Es gibt ein „zwischen“ den Figuren, aber +keine Tiefe. Eine Landschaft von Lorrain dagegen ist +nur+ Raum. Alle +Einzelheiten sollen hier seiner Verwirklichung dienen. Alle Körper +besitzen nur als Träger von Licht und Schatten eine atmosphärische, +perspektivische Bedeutung. Der Impressionismus ist die Entkörperung +der Welt im Dienste des Raumes. Die faustische Seele mußte aus diesem +Weltgefühl in ihrer Frühzeit zu einem Architekturproblem gelangen, +dessen Schwergewicht in der räumlichen Wölbung mächtiger, vom Portal +zur Tiefe des Chors strebender Dome lag. Das war der Ausdruck +ihres+ +Tiefenerlebnisses. Die antike -- körperhafte -- Architektur ist +demgegenüber ganz eigentlich mit dem Typus des mit +einem+ Blicke zu +umfassenden Peripteros und der eminent stofflichen Tatsache der „drei +Säulenordnungen“ erschöpft. Wir werden überall dasselbe finden. Wo +auch in Kunst, Religion, Politik, Denken, Handeln beide Seelen nach +einem Ausdruck suchen, liegt der erreichten Formensprache jedesmal das +Ursymbol, dort der greifbare Einzelkörper, hier der eine unendliche +Raum als gestaltendes Prinzip zugrunde. + +Die antike Kultur beginnt darum mit einem großartigen +Verzicht+ +auf eine schon vorhandene reiche, malerische, höchst komplizierte +Kunst, die nicht der Ausdruck ihrer neuen Seele sein +durfte+. +Herb und eng, für unser Auge dürftig und ein Rückschritt, steht +die frühdorische Kunst des geometrischen Stils seit 1100 neben der +kretisch-mykenischen. Das homerische Epos beweist es. In ihm stammt +der Achilleusschild mit seiner Bilderfülle, mykenische Arbeit, von +„den Göttern“;[59] den Panzer Agamemnons, streng und einfach, haben ++Menschen+ geschmiedet. Der Hang zum Unendlichen schlummerte tief in +der nordischen Landschaft, lange bevor der erste Christ sie betrat; +und als die faustische Seele erwachte, schuf sie altgermanisches +Heidentum +und+ morgenländisches Christentum gleichmäßig im Sinne ihres +Ursymbols um, gerade damals, als aus den flüchtigen Völkergebilden +der Goten, Franken, Langobarden, Sachsen die physiognomisch streng +charakterisierten Einheiten der deutschen, französischen, englischen, +italienischen Nation hervorgingen. Die Edda hat diesen frühesten +religiösen Ausdruck faustischen Seelentums aufbewahrt. Sie wurde gerade +damals innerlich vollendet, als der Abt Odilo von Cluny die Bewegung +einleitete, welche das +magische+, orientalisch-arabische Christentum +in das +faustische+ der abendländischen Kirche umwandelte. Um das Jahr +1000 waren zwei Möglichkeiten einer faustischen Religion gegeben, +entweder durch Annahme und Umdeutung des magischen Christentums der +Kirchenväter oder durch Ausgestaltung der germanischen Formen. Die Edda +beweist, was +auch+ noch möglich gewesen wäre. Walhall ist unter dem +Eindruck der Klassiker und der Apokalypse entstanden, sicher erst nach +Karl dem Großen. Frigga ist Maria, Sigurd ist der Heliand. Die Verse +der Edda imaginieren den Weltraum. Gewaltiger ist die Durchbrechung +alles Körperlich-Einschränkenden in keiner Poesie ausgedrückt worden. +Das antike äolisch-dorische Epos repräsentiert die unbedingte +Bejahung und Hingabe an die sinnliche Welt der zahllosen einzelnen +Dinge. Der unendliche Raum, der durch sein transzendentes Pathos eine ++Überwindung+ eben dieser naiven Welt forderte, der dem Auge nicht +gegeben ist, sondern erkämpft werden muß, schuf sich eine hohe Poesie +der Kraft, des unbändigen Willens, der Leidenschaft, Widerstände zu +bekämpfen und zu brechen. Sigurd ist die Inkarnation des Sieges dieser +Seele über die Schranken von Stoff und Gegenwart. Es gab nie einen +Rhythmus, der so ungeheure Räume und Fernen um sich breitet wie dieser +nordische: + + Zum Unheil werden -- noch allzulange + Männer und Weiber -- zur Welt geboren + Aber wir beide -- bleiben zusammen + Ich und Sigurd. + +Die Akzente des homerischen Verses sind das leise Zittern eines Blattes +in der Mittagssonne, +Rhythmus der Materie+: der Stabreim -- wie die +potentielle Energie im Weltbilde der modernen Physik -- schafft eine +verhaltene Spannung im Leeren, Grenzenlosen, ferne Gewitter in Nächten +über den höchsten Gipfeln. In seiner wogenden Unbestimmtheit lösen +sich alle Worte und Dinge; das ist sprachliche Dynamik, nicht Statik. +Hier kündigen sich die Farben Rembrandts und die Instrumentation +Beethovens an. +Hier wird die grenzenlose Einsamkeit als die Heimat +der faustischen Seele empfunden.+ Was ist Walhall? Es wurde, den +Germanen der Völkerwanderung und selbst der Merowingerzeit unbekannt, +von der erwachenden faustischen Seele erdacht, sicherlich unter den +Eindrücken des antik-heidnischen und des arabisch-christlichen Mythus +der beiden älteren südlichen Kulturen, die mit ihren klassischen +oder heiligen Schriften, ihren Statuen, Mosaiken, Miniaturen, ihren +Kulten, Riten und Dogmen überall wirksam waren. Und trotzdem schwebt +Walhall jenseits aller fühlbaren Wirklichkeiten, in fernen, dunklen, +faustischen Regionen. Der Olymp ruht auf der wirklichen griechischen +Erde; das Paradies der Kirchenväter wie des Koran ist ein Zaubergarten +irgendwo im magischen Weltall. Walhall ist nirgends. Es erscheint, im +Grenzenlosen verloren, mit seinen ungeselligen Göttern und Recken, als +das ungeheure Symbol der Einsamkeit. Siegfried, Parzeval, Tristan, +Hamlet, Faust sind die einsamsten Helden aller Kulturen. Das gehört zur +abendländischen Seele. Man lese in Wolframs Parzeval die wundervolle +Erzählung vom Erwachen des Innenlebens. Die Waldsehnsucht, das +rätselhafte Mitleid, die unnennbare Verlassenheit: das ist faustisch. +Jeder kennt es. In Goethes Faust kehrt das Motiv in seiner ganzen Tiefe +wieder: + + Ein unbegreiflich holdes Sehnen + Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn, + Und unter tausend heißen Tränen + Fühlt’ ich mir eine Welt erstehn. + +Von diesem Welterlebnis weiß der apollinische und der magische Mensch +nichts, weder Homer noch St. Johannes. Der Höhepunkt der Dichtung +ist jener wunderbare Karfreitagmorgen, wo der mit Gott und sich +zerfallene Held den edlen Gawan trifft. „Wie, wenn bei Gott ich Hilfe +fände?“ Und er pilgert zu Tevrezent. Hier liegt der Kern +der +faustischen Religion+. Man begreift das Wunder der Eucharistie, +das die an ihm Teilnehmenden zu einer mystischen Gemeinschaft, zur +alleinseligmachenden Kirche verbindet. Man begreift aus dem Mythus vom +heiligen Gral und seiner Ritterschaft die innere Notwendigkeit des +germanisch-nordischen Katholizismus. Gegenüber den antiken Opfern, +die jeder Einzelgottheit in ihrem Tempel gebracht wurden, erscheint +hier das +eine, unendliche+ Opfer, das sich überall und täglich +wiederholt. Das ist eine faustische Idee des 9.-12. Jahrhunderts, der +Eddazeit, von den angelsächsischen Missionaren wie Winfried vorgeahnt, +aber erst damals zur Reife gediehen. Der Dom, dessen Hochaltar das +vollzogene Wunder umschließt, ist ihr steingewordener Ausdruck. + +Die Vielheit einzelner Körper, als welche der antike Kosmos sich +darstellt, fordert eine gleichartige Götterwelt: dies ist der +Sinn des antiken Polytheismus. Der +eine+ Weltraum, sei er +magisch-alchymistisch oder dynamisch-faustisch empfunden, fordert +den +einen+ Gott des morgenländischen oder des abendländischen +Christentums (zweier Religionen unter derselben Maske). Zeus ist ein +Mensch, mehr noch, er ist ein Leib. Die attische Plastik erst hat +Athene und Apollon endgültig geformt, wie die Orgelfugen, Kantaten +und Passionen von Schütz, Haßler und Bach den protestantischen Gott +geformt haben. Von der Gestaltenfülle der Edda und der gleichzeitigen +Heiligenlegende an bis auf Goethe vollzieht sich der umgekehrte Prozeß +wie in der Antike. Dort eine immer weitergehende Atomisierung des +Göttlichen, so daß für den Römer die Namen des _Juppiter Latiaris_ +und des _Juppiter Feretrius_ streng verschiedene Einzelnumina +decken, von denen jedes seinen eignen Kult fordert; hier ein Gott, der +mehr und mehr mit dem alleinigen Raume identisch wird. + +Die ganze magische, von der Kirche mit dem vollen Gewicht ihrer +Autorität gedeckte himmlische Hierarchie von den Engeln und Heiligen +an bis zu den Personen der Dreifaltigkeit entkörpert sich, verblaßt +mehr und mehr und unvermerkt verschwindet der Teufel, der grosse +Gegenspieler im Weltdrama, aus den Möglichkeiten des faustischen +Weltgefühls. Er, nach dem noch Luther sein Tintenfaß warf, wird +von den protestantischen Theologen längst mit verlegenem Schweigen +übergangen. Die +Einsamkeit+ der faustischen Seele verträgt +sich nicht mit einem Dualismus der Weltmächte. Gott selbst ist das +All. Im 17. Jahrhundert versagt dieser Religiosität gegenüber die +Formensprache der Malerei und die Instrumentalmusik wird das einzige +und letzte Mittel religiösen Ausdrucks. Man darf sagen, daß der +katholische und der protestantische Glaube sich wie ein Altargemälde +und ein Oratorium verhalten. Schon um die germanischen Götter und +Helden spannen sich abweisende Weiten, rätselhafte Düsternisse; +sie sind in Musik getaucht (nicht gerade die Musik des „Ringes“); +nächtlich, weil das Tageslicht Grenzen für das Auge und also leibhafte +Dinge schafft. Die Nacht entkörpert; der Tag entseelt. Apollon und +Athene haben keine „Seele“. Auf dem Olymp ruht das ewige Licht eines +tiefklaren südlichen Tages. Die apollinische Stunde ist der hohe +Mittag, wenn der große Pan schläft. Walhall ist lichtlos. In der Edda +schon spürt man jene tiefen Mitternächte, in denen Faust in seinem +Studierzimmer brütet, die Rembrandts Radierungen festhalten, in die +Beethovens Tonfarben sich verlieren. Wotan, Baldur, Freya hatten nie +eine „euklidische“ Gestalt. Von ihnen wie von den vedischen Göttern +Indiens läßt sich „kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“. +Diese Unmöglichkeit enthält eine Weihe des ewigen Raumes als des +höchsten Symbols, im Gegensatz zum körperlichen Abbilde, das ihn zur +„Umgebung“ herabsetzt, entheiligt, verneint. Das ist keine Welt für +die Nähe und das Auge. Dies tiefgefühlte Motiv liegt dem Bildersturm +im Islam und in Byzanz -- +beide+ im 8. Jahrhundert -- wie später +dem im protestantischen Norden zugrunde. War nicht auch die Schöpfung +der +antieuklidischen+ Analysis des Raumes durch Descartes ein +Bildersturm? Die antike Geometrie imaginiert eine Zahlenwelt des Tages, +die Funktionentheorie ist die eigentlich nächtliche Mathematik. + +Zur Nacht, und sei es nur die innere, seelische Nacht, gehört das +Gefühl der Verlassenheit. Der antike Mensch, das ζῷον πολιτικόν +nach den Worten des Aristoteles, dessen Leben am Tage und also in +Gesellschaft, auf der Agora seine Höhe erreichte, hat es nie gekannt. +Die indische Seele wurde nie frei von ihm. Das unterscheidet Sokrates +von Buddha und Rousseau. Das Helldunkel Rembrandts, das metaphysisch +diese Einsamkeit, die grenzenlose Verlorenheit der Seele im Weltraume, +bedeutet, hatte in dem schauerlichen Braun und Grau der nordischen +Götterwelt seinen frühesten Anklang, wie es in den Nächten der letzten +Quartette Beethovens mit ihren schmerzlichen Lichtblitzen und der +trostlosen Wehmut der Tristanmusik zum letzten Male auftaucht, um +dann rasch in einer verspäteten, vereinzelten und wenig zugänglichen +Weltstadtlyrik bei Baudelaire, Verlaine, George und Droem zu verblassen. + + +7 + +Was diese Seele durch einen außergewöhnlichen Reichtum an +Ausdrucksmitteln, in Worten, Tönen, Farben, malerischen Perspektiven, +philosophischen Systemen, Legenden und nicht zum wenigsten in den +Räumen gotischer Kathedralen und den Formeln der Funktionentheorie +aussprach, ihr Weltgefühl nämlich, das hat die ägyptische Seele, +fernab von allem theoretischen und literarischen Ehrgeiz, allein +durch die unmittelbare Sprache des +Steins+ -- das stärkste Symbol +des Gewordenen -- ausgedrückt. Statt sich über ihre Form des +Ausgedehnten, ihren „Raum“ und ihre „Zeit“, in Wortspielen zu ergehen, +statt Hypothesen, Zahlensysteme und Dogmen zu bilden, stellte sie +schweigend ihre ungeheuren Symbole in die Landschaft am Nil. Was +für Menschen! Die faustische Seele, das „Fünklein“ Meister Eckarts, +fühlte sich grenzenlos einsam in ungeheuren Weiten -- wie die +Hirtenmelodie am Anfang des dritten Aktes von Tristan und Isolde. +Die apollinische Seele fühlte sich von der blinden είμαρμένη in eine +sinnlose Welt zahlloser Einzeldinge geworfen, gestoßen und zerbrochen +-- König Ödipus, ihr ergreifendstes Abbild. Die ägyptische Seele +sah sich wandernd auf einem engen und unerbittlich vorgeschriebenen ++Lebenspfad+. Das war ihre Schicksalsidee. Das ägyptische Dasein ist +das eines +Wanderers+; die gesamte Formensprache seiner Kultur dient +der Versinnlichung dieses einen Motivs. Sein Ursymbol läßt sich, neben +dem +Raum+ des Nordens und dem +Körper+ der Antike durch das Wort +Weg+ +am ehesten fühlbar machen. Es ist dies eine ganz andere und für uns +äußerst schwierige Art, die Ausdehnung aufzufassen. Dieser Aspekt ist +es, den die Pharaonenkunst von ihrer Geburt bis zu ihrem Erlöschen +verwirklichen wollte. Die feierlich vorwärtsschreitende Statue, die +endlosen, in strenger Folge geordneten Gänge der Pyramidentempel der 4. +Dynastie (2930-2750), die düster, sich immer verengernd durch Hallen +und Höfe zur Grabkammer führen; die Sphinxalleen vor allem der 12. +Dynastie (2000-1788), die Reliefzyklen der Tempelwände, an denen der +Betrachter entlang schreiten muß, die immer in bestimmter Richtung +begleiten und leiten -- all dies repräsentiert das Tiefenerlebnis +eines eigenartigen Menschentums, das ägyptische Schicksal in seiner +ehernen Notwendigkeit, die durch den Granit und Diorit symbolisiert +wurde (man denke an den vielleicht verwandten Sinn, den der Granit für +Goethe und seine Anschauung der Erdgeschichte besaß). Man nehme die +Pyramiden, diese ungeheuren Schöpfungen einer traumschweren Frühzeit +-- sie gehören zur +Gotik+ der ägyptischen Seele -- ja nicht im Sinne +stereometrischer Körper. So empfand sie der +antike+ Betrachter, und +zwar aus seinem Weltgefühl heraus mit zwingender Gewißheit. Für den +Ägypter aber war das über seine Weltform entscheidende Tiefenerlebnis +so streng hinsichtlich der Richtung betont, daß der Raum gewissermaßen +in steter Verwirklichung begriffen blieb. Wir sahen, daß in diesem +Urerlebnis des Menschen, das ihm zugleich ein Innenleben und den +Besitz einer Außenwelt gewährt, die Richtung als das Merkmal des +Lebendigen die sinnliche Empfindung zum Raume vertieft, die Zeit als +Ferne erstarren läßt. Was ich hier mit dem Worte Weg anzudeuten +versuche, ist das Bild dieses im Bewußtsein andauernden weltschaffenden +Aktes. Weg bedeutet zugleich Schicksal und „dritte Dimension“. Die +mächtigen Wandflächen, Reliefs, Säulenreihen, an denen er vorüberführt, +repräsentieren „Länge und Breite“, d. h. die Empfindung, das Fremde, +welches das Leben erst zur Welt +dehnt+. So erlebt der +Wanderer+ den +Raum gewissermaßen in seinen noch unvereinigten Elementen, während +die Antike ihn nicht kannte und er uns in ruhender Unendlichkeit +umgibt. Deshalb will diese Kunst +Flächenwirkung+ und nichts anderes, +auch dort, wo sie sich kubischer Mittel bedient. Für den Ägypter war +die Pyramide über dem Königsgrabe ein +Dreieck+, eine ungeheure, +den Weg abschließende, die Landschaft beherrschende +Fläche+ von +stärkster Kraft des Ausdrucks, von wo aus er auch sich ihr näherte; +die Säulen der inneren Gänge, auf dunklem Hintergrunde, von strengster +Komposition und mit Schmuck überdeckt, wirkten durchaus als vertikale +Flächenstreifen, die den Zug der Priester rhythmisch begleiteten; das +Relief ist peinlich -- und sehr im Gegensatz zum antiken -- in eine +Fläche gebannt, nur seine Gestalten wandern mit. Alles bewegt sich +machtvoll einem Ziele zu. Die Herrschaft der Horizontale, der Vertikale +und des rechten Winkels, das Vermeiden jeder Verkürzung unterstützen +das zweidimensionale Prinzip und isolieren das Erlebnis der Raumtiefe, +die mit der Wegrichtung und dem Ziel -- dem +Grabe+ -- zusammenfällt. +Diese Kunst gestattet keine die Spannung der Seele erleichternde +Ablenkung. + +Ist es nicht dies -- in der erhabensten Sprache ausgedrückt, die +überhaupt gedacht werden kann -- was in all unsern Raumtheorien sich +aussprechen möchte? Auch in der physiologischen, denn das Netzhautbild +des Auges ist flächenhaft und wird durch einen vitalen Akt in eine +räumliche Erfahrung überführt. + +Die +Raumwerdung selbst+, die den Sinn der Außenwelt in sich +schließt, war das symbolische Erlebnis dessen, der vom Torbau des +Pyramidentempels am Nilufer den verdeckten Opferweg entlang schritt, +alle Symbole des Seins in tiefsinnigen Bildern zur Seite. Man +fühlte+ +inmitten dieser Formen die Identität des Raumwerdens mit dem Leben. +Durch die schmale Pforte der mächtigen Pylonenwand -- dem Sinnbilde +der Geburt -- leitete das Schicksal ohne Ausweichen durch stets sich +verengende Räume zur letzten Zelle, die den zur Mumie verewigten Leib +enthielt, der das „Ka“ des toten Pharao an sich fesselte. Dies ist eine +Metaphysik in Stein, neben der die geschriebene -- die Kants -- wie +ein hilfloses Stammeln wirkt. Dies +eine+ Symbol des Weges stellt die +Fassung des +ägyptischen+ Makrokosmos reiner und erschöpfender dar, als +es irgendeines der antiken und indischen vermocht hat. Dies verleiht +der Formensprache des Ägyptertums eine Reinheit und Simplizität, die +von Menschen andrer Kulturen, von uns, nur als Starrheit empfunden +werden konnte. + + +8 + +Jede Kultur besitzt ihre Gotik, ihre Kindheit. Aber auch jeder +einzelne Mensch in ihr durchlebt eine entsprechende Phase. Man ist +auf die innere Verwandtschaft der urmenschlichen und der kindlichen +Kunst längst aufmerksam geworden. Sicherlich ist die ursprüngliche, +selbst unter Tieren vorkommende Freude, etwas nachzuahmen, ein +beständig wirksamer Trieb in aller Kunst. Schon das Kind müht sich +ab, durch Umrißzeichnungen etwas „herauszubringen“ oder Erwachsene +in ihren Bewegungen und Ausdrücken zu imitieren. Wir kennen den +Ursprung der griechischen τραγῳδία, die Bockstänze der Bauern am +Seelenfeste des Dionysos, welche die neuerwachte Zeugungskraft der +Natur versinnbildlichten. Die begabtesten Mimen unter ihnen zogen +tiermäßig ausstaffiert (die „tragische Maske“) auf ihrem Karren (dem +„Thespiskarren“) von Dorf zu Dorf und erregten Gelächter. Dergleichen +kennt jedes Land. Wir haben die gut getroffenen Tierzeichnungen der +Höhlenmenschen und Buschmänner kennen gelernt. Sei dies nun Musik oder +Malerei -- der echte Rationalist wird in der Kunst nie eine andere +Tendenz bemerken. Noch Aristoteles bezeichnet die μίμησις als ihr +Wesen, und von hier stammt der etwas platte Ausdruck Lessings, der +Endzweck aller Kunst sei das +Vergnügen+. + +Andrerseits bricht das Formgefühl einer erwachenden Kultur mit solcher +Macht hervor, daß es Pflanzen, Tiere, menschliche Motive bis zur +Unkenntlichkeit +stilisiert+. Das lehren gleichmäßig der Dipylonstil, +die Romanik, die frühägyptische und früharabische (altchristliche) +Kunst. Hier redet eine neue Seele in einer neuen, nie dagewesenen +und nie sich wiederholenden Sprache. Hier handelt es sich nicht um +eine imitative, sondern eine symbolische Tendenz, nicht um Vergnügen, +sondern um einen dämonischen Drang, der alles andre eher als +Unterhaltsamkeit, Erholung, „Heiterkeit der Künstlerseele“ gestattet. +Diese Kunst ist es, auf welche allein der Begriff des Stils anwendbar +ist, die ihre Macht über +alle+ Formen des äußern Lebens erstreckt und +deren Geist erlischt, sobald die Kultur zur Zivilisation, die Seele zum +Intellekt wird. + +In diesem Gegensatz von Künstlerheiterkeit und Künstlerernst, Spiel +und Zwang, von Nachahmen und Beschwören der Sinnenwelt tauchen wieder +jene +Urgefühle der Weltsehnsucht und Weltangst+ auf, und wir begreifen +mit einem Schlage, inwiefern hiermit alle Kämpfe um Kunstprobleme +zusammenhängen; in allem Gegensatz zwischen apollinisch und dionysisch, +klassisch und romantisch, Form und Gehalt, Regel und Laune, Artistik +und Naturalismus wird irgendwie das Geheimnis berührt, das hier +verborgen liegt. Nur der Systematiker, der Verstandesmensch wird hier +trennen und werten wollen, wo historisch, psychologisch, persönlich nur +ein Ganzes wirksam ist. Aber man muß wissen, daß von +einer Wurzel+ der +Kunst nicht die Rede sein kann. + +Der kindliche Wechsel von tiefstem Entzücken über die ertagende +Welt, über den Seelenfrühling, von unendlicher Sehnsucht nach Reife, +Wachsen, Vollendung -- und tiefster Angst vor dem Unfaßlichen, das +in diesem Aufblühen liegt, vor dem Verhängnis, das mit ihm kam, der +Notwendigkeit eines Endes, dem Geheimnis der Vergänglichkeit, ruft +an der Schwelle einer jeden Kultur den strengen Stil dorischen und +gotischen Charakters, die +große+ Ornamentik und den Hang zu einer +ungeheuren, späten Generationen oft so rätselhaften Baukunst hervor, +deren keine reifgewordene Kultur, weder das Barock noch der Islam noch +das Mittlere Reich Ägyptens mehr fähig gewesen ist. + +Riesenwerke solcher Art sind überhaupt nicht das Produkt einer „Kunst“ +im artistischen Sinne irgendeiner ihrer Mittel und Ziele bewußten, +ihre Aufgabe +wählenden+ Malerei, Skulptur oder Dichtung; sie +entstanden als elementares Naturereignis. Ein Dom ist eine namenlose +und wahllose Schöpfung aus der mütterlichen Landschaft mit ihrem jungen +Menschentum, aus ihrem Schoße geboren, nicht eine persönlich-bewußte +Konzeption aus dem Willen irgendeines Künstlers. Plötzlich, schlechthin +vollkommen, überwältigend in ihrem Ausdruck von Trotz und Qual, voller +süßer Schwermut und Hingabe treten diese Knabenträume einer frühen +Seele allenthalben in die Tageswelt, die große Architektur, der große +Mythus, das Epos, das neue Ornament, die Kriege der Heldenzeit. + +Alle Weltangst, sahen wir, ist Angst vor dem Raume, dem Verwirklichten, +der Grenze -- dem Tode. Im Tiefenerlebnis, durch das die sichtbare Welt ++wird+, hat sie ihren Ursprung. Gestalt, Zahl, Raum und Angst +haben einen gemeinsamen Grund. Und so erscheint die vollzogene, der +starren Ordnung +durch das Ursymbol+ unterworfene und dadurch in +ihrem ganzen Umfange zum Sinnbild einer und nur dieser einen Seele -- +zum Makrokosmos -- erhobene Welt als das feindliche Prinzip, das Reich +der dunklen Mächte, die Inkarnation des Bösen. Im Hinblick darauf ist +die Feindschaft zwischen Seele und Welt der nie ganz unterdrückte +Untergrund alles Weltbewußtseins. Deshalb wird die junge Seele sich +plötzlich ihres einsamen Menschentums inmitten aller Vergänglichkeit +bewußt. Dies ist das Dämonische in aller Natur -- Natur als der Welt +des Ausgedehnten --, das die antike Seele ebenso kennen lernte wie +jede andre. Das faustische wie das magische Christentum, die Orphiker +mit ihrer Formel σῶμα σῆμα und das ägyptische Totenbuch stimmen +darin überein. Tausend mythische Gestalten, Legenden und Bräuche +zeugen davon. Wie das geringste Ornament an einem Schwertgriff, Gefäß +oder Säulenknauf, so ist auch das hellenische Kultdrama ein Mittel, +den Zorn der Götter zu besänftigen. So nennt Livius (VII, 2) die +szenischen Spiele (Tragödien), welche zur Abwendung der Pest in Rom +veranstaltet wurden, _caelestis irae placamina_. Dies erst durch +die Raumwerdung zur Erscheinung gezwungene Dämonische ist es, das die +Seele abwehren, bannen, heiligen will, indem sie es durch den Zauber +eines Symbols bannt. Sie gibt ihm Form, die Bedeutung besitzt, eine +sinnvolle Grenze, einen Namen, das heißt, sie macht es von sich +abhängig.[60] + +Deshalb wendet sich die früheste und elementarste aller Künste an den +Urstoff der Welt, die Inkarnation des Widerstandes, den die Angst +brechen will, den +Stein+. Man wird die gigantische Architektur +der Dome und Pyramiden nie begreifen, wenn man sie nicht als ++Opfer+ auffaßt, das die junge Seele den fremden Mächten bringt. +Ein Opfer bedeutet im Ursinn der Menschheit die Darbringung von etwas, +das teil an der eignen Seele hat. Vor allem ist es das Totemtier, in +dem etwas von der Seele des Clans verweilt oder in das durch einen +Akt der Weihe die Seele des Opfernden eingeht und das nun durch seine +Darbringung eine mystische Vereinigung mit den Mächten bewirkt.[61] + +Ein solches Opfer sind alle frühen Architekturen, das größte, das +je gebracht wurde. Denn in ihnen liegt nicht nur dieser oder jener +symbolische Sinn wie in kultischen Tänzen und Gesängen, in einem +Gemälde, einer Statue oder Sonate, sondern der +ganze+ Geist +einer Kultur, die durch ihr steingewordenes Selbst eine Verbindung +mit dem Weltgrunde sucht. Eine alte Kathedrale ist ein vollkommener +Makrokosmos der faustischen Seele, ein Pyramidentempel der ägyptischen, +einer jener Kuppelbasiliken von Ravenna und Byzanz der magischen. Alle +spätern Kunstwerke sind daneben etwas Partielles. Töne und Farben, +der +durchscheinende+ Marmor, die +gegossene+ Bronze, das +gelesene und gesprochene poetische Wort sind Kunst+mittel+; sie +verleugnen ihr urstoffliches Dasein oder besitzen es nicht. Alles ++bewußte+ Künstlertum ist egoistisch, voller Laune und „Freiheit“. +Es ist nicht mehr die mütterliche Landschaft, aus der seine Werke +wachsen. Die Idee des überpersönlichen Opfers der +ganzen+ Seele +ist mit der Frühzeit untergegangen. + +Diese erste Kunst brauchte das Bewußtsein eines Sieges und so überwand +sie den Stein und zwang ihn, in symbolischen Formen aus der Erde +aufzuwachsen. Weil hier das Leben selbst in Frage stand, knüpften +sich diese Formen unmittelbar an den Gedanken des Todes, in den +Pyramidentempeln, deren innerer Weg zum Königsgrabe führt, wie in den +Domen, deren hochgewölbte Schiffe mit ihren Pfeilerreihen dem Hochaltar +zu geleiten, der das Geheimnis der Eucharistie in sich birgt, durch die +ein menschgewordner Gott sich opfert. Einer solchen Kunst gegenüber +wirken alle andern als Spiel, allzuirdisch, genießerisch. Deshalb +diese Riesenlasten, die eine gläubige Menschheit sich auflud, um den +Bau zu einem wahren Opfer zu machen. Die geistige Kraft, mit welcher +Menschen so früher Stufe technische Aufgaben lösten, sofort, mit +nachtwandlerischer Sicherheit, fast unbewußt, an denen das reife Wissen +später Zeiten zu Schanden wird, erscheint wie ein Wunder. Ich denke an +die riesenhaften Blöcke in den Fundamenten des Sonnentempels[62] von +Baalbek, durch deren uns völlig rätselhafte Bewältigung die arabische +Frühzeit der Idee ihres Daseins, dem Erlebnis +ihres+ Weltraumes +diente, und an die fabelhaften Steinmassen der Dome und Pyramiden, die +von der Erde weg in den Weltenraum emporgetragen wurden. Wie um 1100 +Fürsten, Bürger und Knechte die Karren zogen, um diese Dome inmitten +winziger Städte zu errichten -- der ganze Stolz der Erbauer spricht aus +den Versen des jüngern Titurel -- so muß der Bau der Cheopspyramide +ein Akt der Weihe gewesen sein. Weder das Rokoko noch das Athen des +Perikles noch das Bagdad Harun al Raschids wären -- bei allem Überfluß +an technischen und materiellen Mitteln -- solcher Leistungen fähig +gewesen. Die Akropolis, das Schloß von Versailles, die Alhambra, Werke +eines raffinierten Kunstverstandes, erscheinen daneben klein und +allzumenschlich. + + +9 + +Es sind immer die große Ornamentik und die große Architektur, diese +beiden +Traumkünste+, die verschwistert den Anfang einer neuen +Kulturentwicklung bilden. Wohl sind viele Motive des nordischen +Ornaments urgermanisch, auch keltisch -- auch in der Edda ist manches +Keltische -- von arabischen und antiken Entlehnungen ganz abgesehen, +aber erst im 10. Jahrhundert entsteht die einheitliche und organische +Bildung des +faustischen Ornaments+ in seiner unermeßlichen Tiefe, +wie wir sie an St. Trophîme in Arles, an St. Pierre in Aulnay, an St. +Lazare in Autun, in Poitiers, in Moissac, in Deutschland vornehmlich +an den Domen der Ottonen- und Stauferzeit, an Chorgestühlen, Geräten, +Gewändern, Büchern, Waffen bewundern. Hier hat das neue Ursymbol, der +unendliche Raum, den gesamten Formenschatz zu einer einheitlichen +Sprache ausgeprägt. Gleichzeitig mit den magischen Kuppelräumen der +Basiliken Syriens erwacht die zauberhafte Sprache der +Arabeske+, +die flimmernd, verwirrend, alle Linien aufzehrend seitdem alles +durchgeistigt und entkörpert, was seelischer Besitz der arabischen +Kultur ist, -- bis hinein in die Formenwelten der persischen, +langobardischen, normannischen, der sogenannten „mittelalterlichen“ +Kunst. + +Eine heilige Strenge herrscht in diesen frühen Formen. Die älteste +Dorik trägt nicht ohne Grund die Bezeichnung des geometrischen Stils. +Die altchristlich-spätheidnische Kunst der Sarkophagreliefs und +Bildnisse konstantinischen Stils galt deshalb und gilt heute noch als +eine Kunst des Verfalls. Im Totentempel der Chephren (4. Dyn.) wird +der Gipfel mathematischer Einfalt erreicht: überall rechte Winkel, +Quadrate, rechteckige Pfeiler; keine Verzierung, keine Inschrift, +kein Übergang; das die Spannung mildernde Ornament wagt sich erst +einige Generationen später in die hehre Magie dieser Räume. Ebenso die +edle Romanik Westfalens (Corvey, Minden, Freckenhorst) und Sachsens +(Hildesheim, Gernrode), die mit einer unbeschreiblichen inneren Wucht +und Würde über alle eigentliche Gotik hinaus den ganzen Sinn der Welt +in +eine+ Linie, +ein+ Kapitäl, +einen+ Bogen zu legen vermochte. + +Der Simplizität dieser frühen Seelensprache erscheint nichts unmöglich. +Wir finden in ihr Symbole, deren Charakter als Symbol bisher niemand +auch nur geahnt hat. Die ägyptische Seele mit ihrem strengen Hange zum +Chronologischen, einer unerhörten Gemessenheit und Abgewogenheit des +sozialen Daseins -- das sich in diesem einzigen Falle wirklich „_sub +specie aeternitatis_“ abspielte -- mit ihrer Wahl der härtesten +Gesteine, mit ihrem Verzicht auf alles bloß Literarische, faßte schon +am Anfang das alles mit leidenschaftlichem Ungestüm in einen Höhepunkt +des Ausdrucks zusammen, in einen +Staat+, der den Geist dieser +Kultur schlechthin darstellt. Auch der Staat ist ein Stück Architektur. +Auch seine Formen, als Formen von Gewordnem, Verwirklichtem, +Ausgedehntem, reden vom Ursymbol einer Kultur. Die antike Polis ist +das Seitenstück des dorischen Tempels, ganz euklidischer Körper. Das +abendländische Staatensystem ist eine Dynamik geographischer Räume. +Noch deutlicher spricht die Form des ägyptischen Staates. Seine +Maßnahmen und Institutionen rechnen nach Dynastien; seine Menschen +bilden, sorgfältig geschichtet, wieder eine Pyramide, mit dem Pharao +als Spitze. Jedermann hat ein +Amt+. Das Einzeldasein erschöpft +sich in der Teilnahme an der großen Bewegtheit. Es gibt keine „Genies“, +keine privaten Interessen. Dieser Staat ist das Schicksal; er stellt +den Weg der ägyptischen Menschheit dar; er setzt sich selbst in +Beziehung zur Idee des Todes. Die Pyramide ist das ungeheure Grab des +Königs, dessen Grundsteinlegung den ersten Akt seiner Regierung bildet, +an dem das ganze Volk arbeitet, solange er regiert. Zu ihm, dessen +„Ka“, an der Mumie haftend, alle Dynastien überdauert, führt jene +Prozessionsstraße von Pfeilersälen und Statuenhallen; die Säulenreihen, +Reliefreihen, Statuenreihen wiederholen noch einmal das metaphysische +Motiv der Herrscherreihen, die das Veränderliche im Unveränderlichen, +das Lebendige im Ausgedehnten, im +Staate+ als dem Gewordenen, +darstellen. Was in andern Kulturen in tausendfacher Gestalt vorliegt, +besitzt hier eine einzige. Der Staat ist +die+ Wirklichkeit. Es +gibt keine andere. Das Tiefenerlebnis, im Tempelwege symbolisiert, ist +das des +ganzen+ Ägyptertums, kaum das der partiellen Seelen. +Es gibt in der gesamten organischen Welt nur +ein+ erhabenes +Seitenstück hierzu, an das noch niemand gedacht hat: den Bienenstaat. + +Beide sind der höchste Ausdruck der +Sorge+; man könnte auch +sagen der +Pflicht+. Wenn die kantische Ethik irgendwo ein +Seitenstück hat, nicht in Formeln, sondern in Wirklichkeiten, so ist +es hier. Es ist etwas Preußisches, etwas von Friedrich dem Großen in +dieser Staatsgesinnung des ägyptischen Menschen. Dicht daneben aber +steht die Kultur, welche ein Gefühl für die Zukunft -- die Richtung des +Lebens, den Sinn der Geschichte -- und also eine Sorge nie gekannt hat, +die antike. Deshalb hat sie es nie zu einem wirklichen Staate gebracht, +so wenig als zu einer Früharchitektur großen Stils. + +So erklärt es sich, weshalb man Weltgeschichte immer vornehmlich +als die Geschichte von +Staaten+ aufgefaßt und behandelt hat. +Es liegt tiefste Notwendigkeit in diesem Zusammenhange. Eine Kultur +(Seele), die kein Gefühl für das eigne Werden besitzt -- das ist +Geschichte, Verwirklichung von Möglichem -- besitzt auch keinen Blick +für das zu Vollendende. In einer Staatsidee stellt sich die Geschichte +der Zukunft dar, wie eine Kultur sie +will+. Vergangenheit und +Zukunft sind in gleicher Weise Phänomene der Ferne. Man sorgt um +beide oder keines von beiden, um die Toten +und+ die Ungebornen +oder +nur+ um das Glück der Stunde. Der Sozialismus setzt einen +eminenten Sinn für Geschichte voraus, indem er Kommendes an Vergangenes +knüpft, der Stoizismus ist ahistorisch. Er erinnert sich an nichts +und sorgt um nichts. Der ägyptische Staat ist in gewissem Betrachte +sozialistisch. Die indische Staatengeschichte -- wenn man von einer +solchen reden darf -- hat im Hinblick auf ihre Sorglosigkeit und das +Herankommenlassen der Dinge etwas Antikes. Wer eine innere Entwicklung +-- zu Goethes Zeit nannte man das die Kultur eines Menschen -- +besitzt und sich Rechenschaft über sie ablegt, hat auch eine innere +Zukunft und den Willen zu ihr. Der „Staat“ des innern Menschen ist +sein +Charakter+. Charakterbildung und Staatengeschichte sind +in der Tiefe identisch als biographische Formen des Einzelnen und +seiner Kultur. Shakespeare stellte neben seinen Othello und Macbeth +die Reihe seiner Historien, Goethe neben den Egmont den Tasso, neben +eine äußere eine innere Revolution. Don Quijote, Don Juan, Werther +resümieren auch eine politische Phase und man darf die -- gänzlich +unantike -- psychologische Dialektik in den Romanen von Choderlos de +Laclos, Stendhal und Balzac eine Politik der Seele nennen; insofern +ist Julian Sorel der Zögling Napoleons. Das attische Drama aber ist +unpolitisch -- also mythisch -- und ohne das formale Motiv einer innern +Entwicklung. So wenig Antigone ein Charakter, der sich „im Strome der +Welt bildet“, so wenig war Athen ein Staat im westeuropäischen Sinne. +Beide gehören dem Augenblick, dem blinden Ungefähr mit der ganzen +Summe ihrer Existenz an. Sie sind immer fertig wie ein euklidischer +Körper. Sie haben keine Genesis und kein Ziel ihres Daseins. Beide +Erscheinungen, das Weltbild der Historie und das Phänomen des Staates, ++in dem+ nach Goethes Ausdruck die Idee unmittelbar angeschaut +wird, verhalten sich wie Leben und Erlebtes. Die abendländische +politische Geschichte und das abendländische Staatensystem verhalten +sich wie +Wollen+ und +Erreichtes+, die antike Geschichte und +die lose Menge der πόλεις demgemäß wie ein +Geschehenlassen+ und +dessen +Resultat+. + +Auch der gotische Dom verhält sich zum nordischen Glauben wie das +Erlebte zum Erleben. Der Atem seines Raumes ist der Geist Gottes. Er +symbolisiert den „Weg zu Gott“, zum Hochaltar, der in der geweihten +Hostie das immerwährende Wunder umschließt, das die Teilnehmer an +ihm zur +sichtbaren Kirche+, einer faustischen Gemeinschaft +jenseits aller Grenzen von Raum und Zeit, vereinigt. Dieser Gedanke, +der durchaus Eigentum der abendländischen Seele ist, der im 10. +Jahrhundert konzipiert und 1215 auf dem lateranischen Konzil als Dogma +fixiert wurde, schuf aus der arabischen Basilika des orientalischen +Christentums den +Dom+. Das Raumgefühl des magischen Menschen, +das sich in dem von einem Syrer erbauten Pantheon zu Rom ankündigt +und über die Kuppelbauten von Ravenna und Byzanz zu den großen +Moscheen des Islam führt, hat plötzlich einem neuen Tiefenerlebnis +und folgerichtig einer neuen Architektur und Staatsidee den Rang +abgetreten. Die Palastkapelle Karls des Großen zu Aachen -- dem Geiste +nach eine +Moschee+ -- ahnt hiervon noch nichts. Durch eine ebenso +plötzliche Gedankenschöpfung muß zu Beginn der 4. Dynastie -- um 3000, +wo mit dem Ende der Thinitenzeit die ägyptische Kultur ins Leben tritt +-- zugleich mit dem neuen Weltgefühl die Idee einer Religion, die +Idee des Pharaonenstaates und der sie verkörpernde Baugedanke jener +ungeheuren Totentempel als ein +Ganzes+ entstanden sein. + + +10 + +Man begreift nun, eben aus dem Unterschied von Dom und Pyramide, von +unsichtbarer Kirche und sichtbarem Staat als den repräsentativen Formen +der Seelengemeinschaft, das gewaltige Phänomen der gotischen Seele, +die in prachtvollem Aufschwung über alle Grenzen optisch gebundener +Sinnlichkeit hinausstrebt. Kann etwas dem Sinne des ägyptischen +Staates, dem alle Pharaonen +gedient+ haben, dessen Tendenz man +als einen erhabenen Realismus bezeichnen möchte, fremder sein als der +politische Ehrgeiz der großen Sachsen-, Franken- und Staufenkaiser, +die am Überfliegen aller staatlichen Wirklichkeiten zugrunde gingen? +Die Anerkennung einer Grenze wäre ihnen gleichbedeutend mit der +Herabwürdigung der Idee des Herrschertums gewesen. Hier tritt der +unendliche Raum als Ursymbol in seiner ganzen unbeschreiblichen Macht +in den Umkreis öffentlichen Daseins, und man könnte zu den Gestalten +der Ottonen, Konrads II., Heinrichs VI. und Friedrichs II. die +Normannen, die Eroberer Islands und vor allem die großen Päpste Gregor +VII. und Innocenz III. fügen, die alle die sichtbare Machtsphäre mit +der damals bekannten Welt gleichsetzen wollten. Dies unterscheidet die +homerischen Helden mit ihrem geographisch so genügsamen Gesichtskreis +von den stets im Unendlichen schweifenden Helden der Gral-, Artus- +und Siegfriedsage. Dies unterscheidet auch die Kreuzzüge, zu denen +die Krieger von den Ufern der Elbe und Loire bis zu den Grenzen der +bekannten Welt ausritten, von den Ereignissen, welche der Ilias +zugrunde liegen und auf deren örtliche Enge und Übersehbarkeit man auf +den Stil des antiken Seelentums mit Sicherheit schließen darf. + +Die dorische Seele verwirklichte das Symbol des leibhaft gegenwärtigen +Einzeldinges, indem sie auf alle großen und weitreichenden Schöpfungen +Verzicht leistete. Es hat seinen guten Grund, wenn die erste +nachmykenische Zeit unseren Archäologen nichts hinterlassen hat. Wenn +die ägyptische und faustische Seele in der Sprache einer gewaltigen +Architektur zuerst zum Ausdruck kam, so suchte die antike Seele ihren +Ausdruck in einem ausdrücklichen +Verzicht+ auf sie. Ihr endlich +erreichter Ausdruck ist der dorische Tempel, der nur nach außen, als +massives Gebilde in der Landschaft gelegen, wirkt und den künstlerisch +überhaupt unbeachteten Raum in sich als das μὴ ὄν, das, was gar nicht +da sein sollte, verleugnet. Die ägyptische Säulenreihe trug die Decke +eines Saales. Der Grieche entlehnte das Motiv und wandte es in seinem +Sinne an, indem er den Bautypus wie einen Handschuh umkehrte. Die +äußeren Säulenstellungen sind Reste eines „Innenraums“.[63] + +Demgegenüber ließen die magische und die faustische Seele ihre +steinernen Traumgebilde als Überwölbungen bedeutungsvoller Innenräume +emporsteigen, deren struktive Idee den Geist zweier Mathematiken, +der Algebra und der Analysis, vorwegnimmt. In der von Burgund und +Flandern ausstrahlenden Bauweise bedeuten die Kreuzrippengewölbe mit +ihren Stichkappen und Strebepfeilern eine Auflösung des geschlossenen, +durch sinnlich-greifbare Grenzflächen bestimmten Raumes überhaupt. +Ein Innenraum ist noch immer etwas Körperhaftes. Hier aber wird der +Wille fühlbar, aus ihm ins Grenzenlose zu dringen, wie es später die +in diesen Wölbungen heimische Musik des Kontrapunkts wollte, deren +körperlose Welt immer die der ersten Gotik geblieben ist. Wo auch in +spätesten Zeiten die polyphone Musik zu ihren höchsten Möglichkeiten +emporstieg wie in der Matthäuspassion, der Eroica und Wagners Tristan +und Parzifal, wurde sie mit innerster Notwendigkeit +domhaft+ +und kehrte zu ihrer Heimat, zur steinernen Sprache der Kreuzzugszeit +zurück. Die ganze Wucht einer tiefsinnigen Ornamentik mit ihren seltsam +schauerlichen Umbildungen von Pflanzen, Tier- und Menschenleibern (St. +Pierre in Moissac), welche die Substanz des Gesteins leugnet, welche +alle Linien in Melodien und Figurationen eines Themas, alle Fassaden in +vielstimmige Fugen, die Leiblichkeit der Statuen zu einer Musik der +Gewandfaltung auflöst, mußte zu Hilfe kommen, um jeden antiken Hauch +von Körperlichem zu bannen. Erst dies gibt den riesigen Glasfenstern +der Dome mit ihrer farbigen, +durchleuchteten, also völlig stofflosen +Malerei+ -- eine Kunst, die sich niemals wiederholt und die den +stärksten überhaupt denkbaren Gegensatz zum antiken Fresko bildet +-- ihren tiefen Sinn. Er wird am deutlichsten etwa in der Sainte +Chapelle zu Paris, in der neben dem leuchtenden Glas der Stein beinahe +verschwunden ist. Im Gegensatz zum Fresko, dem mit der Wand körperlich +verwachsenen Gemälde, dessen Farben als Materie wirken, finden wir hier +Farben von der räumlichen Freiheit der Orgeltöne, völlig vom Medium +einer tragenden Fläche gelöst, Gestalten, die frei im Unbegrenzten +schweben. Mit dem faustischen Geiste dieser hochgewölbten, farbig +durchleuchteten, zum Chore strebenden Kirchenschiffe vergleiche man +die Wirkung der arabischen -- also altchristlich-byzantinischen -- +Kuppeln. Auch die über der Basilika oder dem Oktogon scheinbar frei +schwebende Hängekuppel bedeutet eine Überwindung des antiken Prinzips +der natürlichen Schwere, wie sie das Verhältnis von Säule und Architrav +ausdrückt. Auch hier verleugnet sich der Stein. Eine geisterhaft +verwirrende Durchdringung der Formen von Kugel und Polygon, eine +Last auf einem Steinring gewichtlos über dem Boden schwebend, alle +tektonischen Linien verhüllt, kleine Öffnungen im höchsten Gewölbe, +durch die ein Ungewisses Licht hereinfällt, das die Raumgrenzen +noch unwirklicher macht -- so stehen die Meisterwerke dieser Kunst, +San Vitale in Ravenna, die Hagia Sophia in Byzanz, der Felsendom in +Jerusalem vor uns. Statt der ägyptischen Reliefs mit ihrer reinen +Flächenbehandlung, die jede in die Tiefe weisende Verkürzung peinlich +meidet, statt der den äußeren Weltraum einbeziehenden Glasgemälde der +Dome verkleiden hier flimmernde Mosaiken und Arabesken, in denen der +Goldton vorherrscht, alle Wände und versenken das Wirkliche in einen +märchenhaften, ungewissen Schein, der in aller maurischen Kunst für den +nordischen Menschen immer so verlockend geblieben ist. + + +11 + +So stammt das Phänomen des +Stils+ also aus dem hier festgestellten +Wesen des Makrokosmos, aus dem Ursymbol einer Kultur. Man wird, wenn +man den Gehalt des Wortes zu würdigen weiß, die fragmentarischen und +chaotischen Kunstäußerungen des Urmenschentums nicht zu der umfassenden +Bestimmtheit eines Stils in Beziehung bringen. Erst die als Einheit +nach Ausdruck und Bedeutung wirkende Kunst der großen Kulturen -- und +nun nicht mehr die Kunst allein -- hat Stil. + +Wir haben die guten Tierimitationen der Diluvialmenschen und +einiger Naturvölker sowie die sehr hoch stehende mykenische und +Merowingerkunst. Aber gerade das macht den Unterschied evident. Das +ist kein Stil. Das ist alles isoliert, voller Freude am Gestalten +und Nachahmen, voller Sinn für Harmonie und Nuancen, aber ohne ein, +sagen wir ruhig +metaphysisches Formgefühl+, das unbewußt, wo es +auch in Kraft tritt, an Kunstwerken, Bauten, Geräten, Schmuck, auf +ein +Ziel+ zustrebt. +Damit+ erst gibt es Stil, eine +ungewollte und +unausweichliche+ (das soll man heute unterstreichen) Tendenz in +aller+ +Produktion, die von der frühesten Dorik bis zum Römertum, von der +frühesten Romanik bis zum Empire die gleiche bleibt. Man vergleiche +das Aachener Münster mit Bauten, die nur 150 Jahre später entstanden +sind: inzwischen ist ein Stil erwacht. In Aachen ist er noch nicht +da. Der Bau Karls des Großen ist ein Musterbeispiel für eine Kunst ++außerhalb+ und vor einer Stilatmosphäre, außerhalb einer Kultur also! +Da gibt es kein Ursymbol, das hätte verwirklicht werden können und +müssen. Ebenso unterscheiden sich durch eine innere Notwendigkeit +der Form die geometrischen Verzierungen der spätmykenischen und der +frühdorischen Kunst. Erst die Dorik legt eine Tendenz, ein Weltgesetz +hinein. Andrerseits: in der Antike ist mit dem Alexandrinismus, bei uns +um 1800 diese Tendenz +zu Ende+. Die Geschichte des Stils schließt ab. +Die Möglichkeiten des +einen+ Formgedankens haben sich erschöpft. Von +da an macht man nach, erkünstelt, kreiert „Stile“, die alle zehn Jahre +wechseln, mit denen jeder tut, was er will; man wiederholt, kombiniert, +treibt Äußerlichkeiten auf die Spitze, weil das Bedürfnis, Kunst zu +machen, noch fortdauert, während der Stil, d. h. die +notwendige+ Kunst +tot ist. Das ist die Lage von heute. + +Im Stil offenbart sich in und über allem +bewußten+ Künstlertum +-- das immer eine späte und städtische Erscheinung bildet -- das +unbewußt Seelische, das, was ich die Idee des Daseins nannte. Ein Stil +ist ein +Schicksal+. Man hat ihn, aber man erwirbt ihn nicht. +Bewußter, gewollter, gemachter Stil ist erlogener Stil, wie es alle +Spätzeiten, allen voran die Gegenwart, beweisen. Große Künstler und +Kunstwerke sind Naturereignisse. Die +Welt+ -- Natur -- ist +Schöpfung der Seele, das vollkommene Kunstwerk ist es auch: beide +ungewollt, wahllos, notwendig, folglich beide „Natur“. Hierauf beruht +die innere Identität eines Stils und der +zugehörigen+ Mathematik. +Stilformen sind, ohne Ausnahme, extensive Formen. Sie +bannen+ +das im Ausgedehnten als gegenwärtig empfundene Fremde. Von den beiden +urmenschlichen Kunsttrieben, dem imitativen und dem symbolischen, ist +es der letzte, das +ornamentale+ Wollen, das den Stil hervorruft. +Nicht in der Weltsehnsucht, allein in der +Weltangst+ liegt die +letzte erreichbare Wurzel aller elementaren Kunstform. Ein Kunstwerk +besitzt Stil in genau demselben Sinne und Maße, wie eine physikalische +Vorstellung außer theoretisch-bildhaftem auch mathematischen Gehalt +besitzt. + +Um ein Beispiel zu geben, fasse ich das ungeheure Phänomen des +ägyptischen Stils noch einmal zusammen, so wie es seit wenigen Jahren +übersehbar geworden ist. Wenn je, so ist in +diesem+ Stil der Tod +wirklich gebannt worden. Hier ruht Ewigkeit auf jedem Zuge; nicht jene +ergreifende Leidenschaft, die in der Gotik die Flügel entfaltet, um +dem Irdischen zu entrinnen und sich in jenseitige Räume zu verlieren; +nicht der allzu-körperliche und für uns etwas oberflächliche Hang der +Antike, das Behagen des Augenblicks um sich zu breiten und den Rest +zu vergessen. Der ägyptische Stil ist von einem tiefen Realismus. Er +ergreift die ganze Vergänglichkeit; er erkennt -- und er hält sich +deshalb bis in die letzten Epochen an den Stein als Material -- das +Gewordne und Begrenzte an, um es zu +überwinden+. Bei Rembrandt, +Beethoven und Michelangelo redet die Furcht vor dem Raume aus jedem +Zuge; in der Architektur von Memphis und Theben liegt sie weit zurück. + +Um das Jahr 1100 erfolgt gleichzeitig in Frankreich, Oberitalien +und Westdeutschland die Einwölbung des bis dahin flach gedeckten +Mittelschiffes der Dome. Mit einem schöpferischen Akt von gleicher +Unbewußtheit und symbolischer Prägnanz beginnt der ägyptische Stil. Das +Ursymbol des +Weges+ ist plötzlich ins Leben getreten, mit dem +Beginn der 4. Dynastie (2930 v. Chr.). Das weltbildende Tiefenerlebnis +dieser Seele empfängt seinen Gehalt vom Richtungsfaktor selbst: die +Tiefe des Raumes als erstarrte Zeit, die Ferne, der Tod, das Schicksal +selbst beherrscht den Ausdruck; die bloß sinnlichen Dimensionen +der Länge und Breite werden zur begleitenden Fläche, die den Weg +des Schicksals einengt und vorschreibt. Das spezifisch ägyptische +Flachrelief, auf Nahsicht berechnet und in seiner zyklischen Anordnung +den Betrachter zwingend, in vorgeschriebener Richtung die Wandflächen +abzuschreiten, taucht ebenso plötzlich gegen Beginn der 5. Dynastie +auf.[64] Die noch späteren Reihen von Sphinxen und Statuen, die +Felsen- und Terrassentempel, die Bildnisstatuen, die stets vorwärts +schreitend und schauend, nie im Profil gedacht sind, verstärken ständig +die Tendenz auf die einzige Ferne, welche die Welt des ägyptischen +Menschen kennt, das Grab, den Tod. Man bemerke wohl, wie schon die +Säulenreihen der Frühzeit nach Durchmesser und Abstand der mächtigen +Schäfte genau so gegliedert sind, daß sie jeden seitlichen Durchblick ++verdecken+. Dies hat sich in keiner andern Architektur wiederholt. + +Die Größe dieses Stils erscheint uns starr und unveränderlich. Er steht +allerdings jenseits der Leidenschaft, die noch sucht und fürchtet und +dem untergeordneten Detail damit eine rastlose subjektive Bewegtheit +im Lauf der Jahrhunderte erteilt. Diese Seele stellte fast alles uns +Wesentliche in den Elementen ihres Makrokosmos zurück, aber sicherlich +wäre dem Ägypter der ihm so fernliegende faustische Stil -- er bildet +von der frühesten Romanik bis zum Rokoko und Empire ebenfalls eine +Einheit -- in seiner Unruhe und seinem ständigen Suchen nach einem +Etwas viel gleichförmiger erschienen, als wir uns vorstellen können. +Vergessen wir jedenfalls nicht, daß aus dem hier vertretenen Begriff +des Stils folgt, daß Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko nur +Phasen +ein und desselben+ Stils sind, an dem wir naturgemäß vor +allem das Wechselnde, das Auge anders gearteter Menschen das Bleibende +bemerken. In der Tat beweisen zahllose Umbauten romanischer Werke im +Barock-, spätgotischer im Rokokostil, die durch nichts auffallen, +die innere Harmonie der nordischen Renaissance und der Bauernkunst, +in denen Gotik und Barock völlig identisch werden, die Straßen alter +Städte, deren Giebel und Fassaden aller Stilarten einen reinen +Einklang bilden, und die Unmöglichkeit, Romanik und Gotik, Renaissance +und Barock, Barock und Rokoko in einzelnen Fällen überhaupt zu +unterscheiden, daß die „Familienähnlichkeit“ dieser Phasen viel größer +ist, als sie den Angehörigen erscheinen. + +Der ägyptische Stil ist absolut +architektonisch+ bis zum +Erlöschen dieser Seele. Er gestattet keine Abschweifung zu +unterhaltenden Künsten, keine Tafelmalerei, keine Büste, keine +weltliche Musik. In der Antike geht mit der Ionik der Schwerpunkt der +Stilbildung von der Architektur zu einer von ihr unabhängigen Plastik +über, im Barock geht er zur Musik, deren Formensprache ihrerseits die +gesamte Baukunst des 18. Jahrhunderts beherrscht, im Arabertum löst +mit dem Beginn der islamitischen Phase die Ornamentik der Arabeske +alle Formen der Architektur, Malerei und Plastik zu Stileindrücken +auf, die wir heute etwa als kunstgewerblich bezeichnen könnten. In +Ägypten bleibt die Herrschaft der Architektur unangefochten. Sie +mildert lediglich ihre Sprache. In den Hallen der Pyramidentempel der +4. Dynastie (Pyramide des Chephren) stehen schmucklose, scharfkantige +Pfeiler. In den Bauten der 5. Dynastie (Pyramide des Sahu-rê) erscheint +die +Pflanzensäule+. Steingewordne Lotus und Papyrusbündel wachsen +riesenhaft aus dem Fußboden von durchscheinendem Alabaster auf, der +das Wasser bedeutet, eingeschlossen von purpurnen Wänden. Die Decke +ist mit Vögeln und Sternen geschmückt. Der heilige Weg vom Torbau zur +Grabkammer, das Bild des Lebens, ist ein Strom. Es ist der Nil selbst, +der mit dem Ursymbol der Richtung eins wird. Der Geist der mütterlichen +Landschaft vereinigt sich mit der aus ihm entsprungenen Seele. Ganz +ebenso knüpft sich das euklidische Dasein der antiken Kultur in +geheimnisvoller Weise an die vielen kleinen Inseln und Vorgebirge des +ägäischen Meeres und die stets im Unendlichen schweifende Leidenschaft +des Abendlandes an die weiten, fränkischen, burgundischen, sächsischen +Ebenen. + +Der ägyptische Stil ist von einer Erfülltheit des Ausdrucks, die unter +andern Bedingungen schlechthin unerreichbar erscheint. Ich glaube, +daß die +Langeweile+, jene Verdünntheit einzelner Lebensmomente, +die uns so wenig fremd ist wie den Griechen, der ägyptischen Seele +unbekannt war. Leben und +nur+ leben, in jeden Augenblick den +größtmöglichen Gehalt an Wirkung legen, ist aus diesem Weltaspekt, +angesichts der Symbole der Hieroglyphen, Mumien und Pyramidengräber, +eine Notwendigkeit. Man kann das Ethos dieser Art zu sein nur fühlen, +nicht nennen. Nicht unser „Wille“, nicht die antike Sophrosyne, +sondern die mit Worten gar nicht zu beschreibende Fülle des Daseins +ist die Regel. Man schreibt und redet nicht; man bildet und tut. Ein +ungeheures Schweigen -- für uns der erste Eindruck alles Ägyptischen +-- täuscht über die Macht dieser Vitalität. Es gibt keine Kultur +von höherer Seelenkraft. Keine Agora, keine geschwätzig-antike +Öffentlichkeit, keine nordischen Berge von Literatur und Publizistik, +nur sachlich-sichere, selbstverständliche Wirksamkeit. Einzelnes wurde +schon erwähnt. Ägypten besaß eine Mathematik höchsten Ranges, aber +sie äußerte sich durchaus in einer meisterhaften Bautechnik, einem +unvergleichlichen Kanalsystem, einer erstaunlichen astronomischen +Praktik, ohne auch nur ein theoretisches Buch zu hinterlassen (denn +das „Rechenbuch des Ahmes“ wird man nicht ernst nehmen wollen). Schon +das Alte Reich (der deutschen Kaiserzeit entsprechend) besaß eine +selten übertroffene, auf Generationen vorausschauende Sozialökonomie, +aber in Gestalt eines wohlgegliederten, das Geringste bedenkenden +Beamtenstaates. Die Römer mußten sich auf ihn stützen, um ihr Imperium +lebensfähig zu erhalten, ohne daß sie seinen Geist sonderlich begriffen +hätten. Ägypten mußte ihr Reich füttern, bezahlen, verwalten; es wurde +infolge der Mustergültigkeit seiner Institutionen der natürliche +Schwerpunkt und Cäsar war im Begriff, seine Residenz in Alexandria +zu nehmen. Aber es gibt kein ägyptisches Werk von staatsrechtlichem +oder finanzwissenschaftlichem Inhalt. Die späten Römer haben sich +den literarischen Ruhm angeeignet, indem sie einen Schatten dieser +Weisheit in ein System brachten. Ich glaube, daß man heute noch nicht +ahnt, wieviel vom Corpus Juris (dem +Werke+, nicht dem römischen +Rechtsbewußtsein) vom Nil stammt. Die Ägypter waren Philosophen, aber +sie hatten keine „Philosophie“. Überall nicht der geringste Versuch +einer Theorie und eine von wenigen erreichte instinktive Meisterschaft +in der Praxis. + +Und wie jede Wissenschaft am Nil +getan+ und nicht diskutiert +wurde, so entstanden auch die frühen Epen und Idyllen, wie sie jede +Kultur besitzt, nicht in poetischer Wortkunst, sondern in Stein. Die 5. +und 6. Dynastie entspricht hierin der Zeit Homers, des Nibelungenliedes +und des Parzival. Damals entstanden die Reliefreihen der großen Tempel. +Etwas so Lebensprühendes, von einer so kindlichen und köstlichen +Laune Erfülltes wie diese steinernen Idyllen von 2700 v. Chr. mit +ihren Jagden, Fischzügen, Hirtenszenen, mit Zank und Spiel, Festen +und Familienszenen, Spazierfahrten, Bildern von Ackerbau und tätigem +Gewerbe, die das ganze Leben in heiterster Kraft und Fülle, ohne +nachdenkliche -- homerische -- Reflexion, in graziösester Sinnlichkeit +erzählen, ist ohne Beispiel. Man spricht so oft von der Heiterkeit der +Menschen anderer Kulturen und nennt neben Homer Theokrit, neben Walter +von der Vogelweide womöglich Rabelais oder Mozart. Aber dies haben die +Hellenen in ihren höchsten Momenten nicht erreicht, von Florentinern +und Niederländern, Raffael und Rubens zu schweigen. Das ist „Glück“. +Erst +dies+ macht die Symbolik der Pyramidentempel vollkommen. +Neben dem architektonischen Formelement, das die Idee des +Todes+ +begreift und überwindet, steht das lyrische, imitative, welches das ++Leben+ in Gestalt bringt. Im Gotischen hat das eine in den Domen, +das andre in den epischen Dichtungen getrennte Formenwelten geschaffen; +hier ist eine erhabene Einheit durch die Beziehung auf das Symbol des ++Weges+ gewahrt. + +Goethe hat einmal das Glück seiner Existenz in den Ausspruch gefaßt: +„Als ich achtzehn Jahre war, war Deutschland auch erst achtzehn.“ +Unter allen Kulturen ist vielleicht nur die ägyptische sich dieses +Glückes bewußt geworden. Als sie geboren wurde, begann die höhere +Menschlichkeit überhaupt. Diese Idyllen, eine imitative, nicht +symbolische Kunst, entsprangen aus der Weltsehnsucht der jungen Kultur, +aus der reinen Freude am aufsteigenden Leben. Tiefe, klare, durch +keinen Anblick älterer, absterbender Kulturen getrübte Heiterkeit -- +den Griechen stand schon der greisenhafte Orient, uns der Untergang +des „Altertums“ vor Augen -- hellste Geistigkeit, Vollgefühl +eigner Kraft, Beherrschtheit, Gewißheit des Ziels, der erreichten +und +gewohnten+ strengen Ordnung und Disziplin,[65] keine +schwermütigen Träume, keine verflatternden Wünsche, kein ängstliches +stoisches Sichbescheiden, nichts von dem etwas gewollten Lachen der +Renaissance oder der am Entbehren gereiften γαλήνη der perikleischen +Zeit, sondern naives, gefühltes, unreflektiertes Glück -- das alles +liegt in der Sprache dieser Reliefs, die den Weg zur Totenkammer der +Könige schmücken. + + +12 + +Der ägyptische Stil ist der Ausdruck einer +tapferen+ Seele. +Seine Strenge und Wucht ist vom ägyptischen Menschen nie empfunden und +betont worden. Man wagte alles, aber man schwieg darüber. In der Gotik +und im Barock wird die Überwindung des Schweren zum stets bewußten +Motiv der Formensprache. Das Drama Shakespeares redet laut von den +verzweifelten Kämpfen zwischen Wille und Welt. Der antike Mensch war +den „Mächten“ gegenüber schwach. Die κάθαρσισ von Furcht und Mitleid, ++das Aufatmen der apollinischen Seele+ im Augenblick der Peripetie +war nach Aristoteles die Wirkung der attischen Kulttragödie. Indem der +Grieche das Schauspiel vor sich hatte, wie jemand, den er +kannte+ +-- denn jeder kannte den Mythus und lebte mit ihm, in ihm -- und der +vom Geschick sinnlos zertreten wurde, ohne daß ein Widerstand gegen +die Mächte denkbar war, in prachtvoller Haltung, trotzend, heroisch +untergeht, erfolgte tatsächlich in seiner euklidischen Seele eine +wunderbare Erhebung. War das Leben nichts wert, so war es doch die +große +Geste+, mit der man es verlor. Man wollte und wagte nichts, +aber man fand eine berauschende Schönheit im +Ertragen+. Schon die +Gestalt des Odysseus, in viel höherem Grade das Urbild des hellenischen +Menschen als Achill, zeugt davon. Die Moral der Cyniker, der Stoa. +Epikurs, das allgemeine hellenische Ideal der σωφροσύνη und ἀταραξία, +Diogenes in seinem Fasse, der θεωρία huldigend, -- das alles ist +verkappte Feigheit und sehr verschieden von dem Stolz der ägyptischen +Seele; der apollinische Mensch geht dem Leben im Grunde aus dem Wege, +bis zum Selbstmord, der +in dieser Kultur allein+ den Rang eines +positiv ethischen Aktes erhielt und mit der Feierlichkeit eines +sakralen Symbols behandelt wurde; der dionysische Rausch erscheint der +gewaltsamen Übertäubung von etwas verdächtig, das die ägyptische Seele +gar nicht kannte. Die griechische Architektur mit ihrem Gleichmaß von +Stütze und Last und den ihr eigentümlichen kleinen Maßstäben wirkt wie +eine ständige Ausflucht vor schweren tektonischen Problemen, die man +am Nil und später am Rhein mit einer Art von dunklem Pflichtgefühl +geradezu aufsuchte und die man in der mykenischen Zeit gekannt und +sicherlich nicht vermieden hat. Der Ägypter liebte das harte Gestein +massiger Bauten; es entsprach seinem Selbstbewußtsein, nur das Höchste +als Aufgabe zu wählen; der Grieche mied es. Es ist sehr merkwürdig, +wie er als Erbe der hochentwickelten mykenischen Steinbehandlung, +noch dazu in einem felsigen, kaum waldreichen Lande, zur Verwendung +des Holzes zurückkehrte. Die Absicht auf Dauer gehört nicht zu den +Tendenzen seiner Technik. Erst suchte seine Baukunst kleine Aufgaben, +dann hörte sie ganz auf. Vergleicht man sie in ihrem vollen Umfange mit +der Gesamtheit der indischen, ägyptischen oder gar abendländischen, so +ist man über die Geringfügigkeit des Phänomens erstaunt. Mit einigen +Variationen des dorischen Tempeltyps ist sie erschöpft und mit der +Erfindung des korinthischen Kapitäls (um 400) abgeschlossen. Alles +Spätere ist Kombination von Vorhandenem. + +Der Stil -- wie die Handschrift -- verschweigt nichts. Das antike Sein, +mag man noch so sehr an die Überfülle seiner Vitalität glauben, erhält +sich nur durch eine bewunderungswürdige Weisheit der Beschränkung. +Es hatte seelisch nichts zu verschwenden. Es hält sich an das Jetzt +und Hier der Vordergründe des Lebens, ohne die Fernen von Geburt und +Tod, Vergangenheit und Zukunft, deren Assimilation eine ganz andere +Willenskraft und Stärke des Seelischen voraussetzt, in das Bild der +Welt einzubeziehen, Fernen, an die noch der urhellenische Mythus, +dessen letzte lebendige Spuren man bei Äschylus findet, tiefsinnig +angeknüpft hatte. + +Dies liegt in dem apollinischen Prinzip der +Vereinzelung der +Kunstwerke und Lebensformen+. Damit wird die Historie so gut wie +die räumliche Weite abgelehnt. +Ein+ Tempel, +eine+ Statue, ++eine+ Stadt, lauter punktförmige Einheiten, in die das Sein sich +zurückzieht wie die Schnecke in ihr Haus. Jede andre Kultur kennt +politische Fernwirkungen, Kolonien und Kolonialreiche. Aber diese +Hunderte von winzigen Griechenstädten sind ebensoviele politische +Punkte, „wie ein hellenischer Saum -- nach Cicero -- den Landschaften +der Barbaren angewebt“. Jeder Versuch, eine Einwirkung im Sinne der +Ausbildung eines größeren politischen Organismus auf die Pflanzstädte +auszuüben, führte sofort zu wütenden Kriegen (Korinth und Korkyra um +670). Jeder Tempel mit seiner Priesterschaft bildet ein religiöses +Atom. Man ist auf das Groteske dieser Erscheinung kaum recht aufmerksam +geworden. Narren haben darin die „gesunde Abneigung der Hellenen gegen +den Klerikalismus“ gefunden. Obwohl Apollo und Athene dem Namen nach +allgemein hellenische Gottheiten sind, besitzen sie keinen allgemeinen +Kultus. Man lasse sich nicht durch die Dichtung täuschen. Die großen +Götternamen waren bis zu einem gewissen Grade (durchaus nicht ganz) +Gemeingut, aber das mit dem Worte Apollo bezeichnete _numen_ war +an jedem Orte etwas Selbständiges. Die Zeusheiligtümer von Dodona, +Olympia und andern Orten sind ohne jede Verbindung miteinander und +ebenso die Tempel verschiedener Götter in derselben Stadt. Von einer +religiösen Gemeinschaft im Sinne der Priesterschaft des Ra, der +Mithrasreligion, der altpersischen, altchristlichen Gemeinschaften +oder der Sekten des Islam und des Protestantismus ist selbst bei den +Orphikern und im Pythagoräerbunde nicht die Rede. Aber eben das ist +auch der Grundzug der attischen Plastik, der frei im Raum stehenden, +vollkommen beziehungslosen Statue. Und er wiederholt sich in jedem +antiken Stadtbilde. Keine großgedachten Straßenzüge, kein planmäßig +ausgebauter Platz; ein wirres Durcheinander von Gebäuden und Bildwerken +auf der Akropolis wie in den Weihbezirken von Delphi und Olympia, bis +der großstädtische Hellenismus an der Nachahmung orientalischer, von +einem Gesamtgeist +geregelter+ Stadtpläne Geschmack fand. + +Der +Organismus+ historischer Stilfolgen wird nun übersehbar +geworden sein. Stile folgen nicht aufeinander wie Wellen und +Pulsschläge. Mit der Persönlichkeit einzelner Künstler, ihrem Willen +und Bewußtsein haben sie nichts zu schaffen. Im Gegenteil, das +Medium des Stils liegt seinerseits dem Phänomen der künstlerischen +Individualität a priori zugrunde. Der Stil ist wie die Kultur ein +Urphänomen im strengsten Sinne Goethes, sei es der Stil von Künsten, +staatlichen Bildungen, Gedanken, Gefühlen, Ausdrucksformen des +religiösen Bewußtseins oder einer andern Gruppe von Wirklichkeiten. +So gut „Natur“ ein immer neues Erlebnis des Menschen ist, als der +umfassende Ausdruck der augenblicklichen Beschaffenheit seines Werdens, +als sein _alter ego_ und Spiegelbild, so der Stil. Deshalb kann es +im historischen Gesamtbilde einer Kultur nur einen, +den Stil dieser +Kultur+ geben. Es war falsch, bloße Stilphasen, wie Romanik, Gotik, +Barock, Rokoko, Empire als Stile zu unterscheiden und mit Einheiten +von ganz anderem Range wie dem ägyptischen, dorischen oder maurischen +Stil oder gar einem „prähistorischen Stil“ gleichzusetzen. Gotik und +Barock: das ist Jugend und Alter desselben Inbegriffs von Formen, +der reifende und der gereifte Stil des Abendlandes. Es fehlt unsrer +Ästhetik in diesem Punkte an Distanz, an der Unbefangenheit des Blickes +und dem guten Willen zur Abstraktion. Man hat es sich bequem gemacht +und alle stark empfundenen Formdifferenzen unterschiedslos als „Stile“ +aufgereiht. Daß auch hier das Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit den +Blick endgültig verwirrte, braucht kaum erwähnt zu werden. In der Tat +steht selbst ein Meisterwerk der strengsten Renaissance wie der Hof des +Palazzo Farnese, der Vorhalle von St. Patroklus in Soest, dem Innern +des Magdeburger Doms und den Treppenhäusern süddeutscher Schlösser +des 18. Jahrhunderts unendlich viel näher als dem Tempel von Pästum +oder dem Erechtheion. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen Dorik und +Ionik. Deshalb kann die ionische Säule mit dorischen Bauformen eine +ebenso vollkommene Verbindung eingehen wie Spätgotik und frühes Barock +in St. Lorenz zu Nürnberg oder späte Romanik mit spätem Barock in dem +schönen Oberteil des Mainzer Westchores. Deshalb hat unser Auge noch +kaum gelernt, im ägyptischen Stil die der dorisch-gotischen Jugend und +dem ionisch-barocken Alter entsprechenden Elemente des Alten und des +Mittleren Reiches zu unterscheiden, die seit der 12. Dynastie sich +in der Formensprache aller größeren Werke mit vollkommener Harmonie +durchdringen. + + +13 + +Der Kunstgeschichte steht die Aufgabe bevor, die vergleichenden +Biographien der großen Stile zu schreiben. Sie haben alle, als +Organismen derselben Gattung, eine Lebensgeschichte von verwandter +Struktur. + +Am Anfang steht der verzagte, demütige, reine Ausdruck einer eben +erwachenden Seele, die noch nach einem Verhältnis zur Welt sucht, +der sie, obwohl einer eigenen Schöpfung, doch fremd und befremdet +gegenüber steht. Es liegt Kinderangst in den Bauten des Bischofs +Bernward von Hildesheim, in der altchristlichen Katakombenmalerei +und den Pfeilersälen vom Anfang der 4. Dynastie. Ein Vorfrühling +der Kunst, ein tiefes Ahnen künftiger Gestaltenfülle, eine mächtige +verhaltene Spannung liegt über der Landschaft, die sich, noch ganz +bäuerlich, mit den ersten Burgen und kleinen Städten schmückt. Dann +folgt der jauchzende Aufschwung in der hohen Gotik, den Hochreliefs +der konstantinischen Zeit mit ihren Säulenbasiliken und Kuppelkirchen +und den reliefgeschmückten Tempeln der 5. Dynastie. Man begreift das +Sein; der Glanz einer vollkommen gemeisterten wunderbaren Formensprache +breitet sich aus und der Stil reift zu einer majestätischen Symbolik +der Tiefe und des Schicksals heran. Aber der jugendliche Rausch geht +zu Ende. Aus der Seele selbst erhebt sich Widerspruch. Renaissance, +dionysisch-musikalische Feindschaft gegen die apollinische Dorik, der +ägyptisierende Stil im Byzanz von 450 gegenüber der heiter-lässigen +antiochenischen Kunst bedeuten eine Phase der Auflehnung und versuchten +oder erreichten Zerstörung des Erworbenen, deren sehr schwierige +Erörterung hier nicht am Platze ist. + +Damit tritt das Mannesalter des Seelentums in Erscheinung. Die +Kultur wird zum Geiste der großen Städte, die jetzt die Landschaft +beherrschen; sie durchgeistigt auch den Stil. Die erhabene Symbolik +verblaßt; das Ungestüm übermenschlicher Formen geht zu Ende; mildere +weltlichere Künste verdrängen die große Kunst des gewachsenen Steins; +selbst in Ägypten wagen Plastik und Fresko sich etwas leichter zu +bewegen. Der +Künstler+ erscheint. Er „entwirft“ jetzt, was bis +dahin aus dem Boden wuchs. Noch einmal steht das Dasein, das bewußt +gewordne, vom Ländlich-Traumhaften und Mystischen gelöst, fragwürdig +da und ringt nach einem Ausdruck seiner neuen Bestimmung: zu Beginn +des Barock, wo Michelangelo in wildem Unbefriedigtsein und sich gegen +die Schranken seiner Kunst bäumend die Peterskuppel auftürmt, zur Zeit +Justinians I., wo seit 520 die Hagia Sophia und die mosaikgeschmückten +Kuppelbasiliken von Ravenna entstehen, im Ägypten der Zeit vor 2000 +und um 600 in Hellas, wo viel später noch Äschylus verrät, was +eine hellenische Architektur in dieser entscheidenden Epoche hätte +ausdrücken können und müssen. + +Dann erscheinen die leuchtenden Herbsttage des Stils: noch einmal +malt sich in ihm das Glück der Seele, die sich ihrer letzten +Vollkommenheit bewußt wird. Die „Rückkehr zur Natur“, damals schon als +nahe Notwendigkeit von Denkern und Dichtern, von Rousseau, Gorgias +und den „Gleichzeitigen“ der andern Kulturen gefühlt und angekündigt, +verrät sich in der Formenwelt der Künste als empfindsame Sehnsucht und +Ahnung des Endes. Hellste Geistigkeit, heitre Urbanität und Wehmut +eines Abschiednehmens: von diesen letzten farbigen Jahrzehnten der +Kultur hat Talleyrand später gesagt: „_Qui n’a pas vécu avant 1789, +ne connait pas la douceur de vivre._“ So erscheint die freie, +sonnige, raffinierte Kunst zur Zeit der Sesostris und Amenemhet +(nach 2000). Dieselben kurzen Momente gesättigten Glücks tauchen auf, +als unter Perikles die bunte Pracht der Akropolis und die Werke des +Phidias und Praxiteles entstanden. Wir finden sie ein Jahrtausend +später zur Abassidenzeit in der heitern Märchenwelt maurischer Bauten +mit ihren fragilen Säulen und Hufeisenbögen, die sich im Leuchten der +Arabesken und Stalaktiten in die Luft auflösen möchten, und wieder +ein Jahrtausend darauf in der Kammermusik Haydns und Mozarts, den +Schäfergruppen von Meißner Porzellan, den Bildern Watteaus und Guardis +und den Werken deutscher Baumeister in Dresden, Potsdam, Würzburg und +Wien. + +Dann erlischt der Stil. Auf die bis zum äußersten Grade durchgeistigte, +zerbrechliche, der Selbstvernichtung nahe Formensprache des Erechtheion +und des Dresdner Zwingers folgt ein matter und greisenhafter +Klassizismus, in hellenistischen Großstädten ebenso wie im Byzanz von +900 und im Empire des Nordens. Ein Hindämmern in leeren, ererbten, in +archaistischer oder eklektischer Weise vorübergehend wieder belebten +Formen ist das Ende. Gewaltsam in Szene gesetzte „Stile“ und exotische +Entlehnungen sollen den Mangel an Schicksal, an innerer Notwendigkeit +ersetzen. Halber Ernst und fragwürdige Echtheit beherrschen das +Künstlertum. In diesem Falle befinden wir uns heute. Es ist ein +langes Spielen mit toten Formen, an denen man sich die Illusion einer +lebendigen Kunst erhalten möchte. + + +14 + +Erst wenn man sich von der Täuschung jener antiken Kruste befreit hat, +die mit einer solchen archaistischen und eklektischen Fortsetzung +innerlich längst erstorbener Kunstübungen den jungen Orient in der +Kaiserzeit überlagert; wenn man in der altchristlichen Kunst und in +allem, was in der spätrömischen wirklich lebendig ist, die Frühzeit +des +arabischen+ Stils erkannt hat; wenn man in der Epoche +Justinians I. das genaue Seitenstück des spanisch-venezianischen Barock +wiederfindet, wie es unter den großen Habsburgern Karl V. und Philipp +II. Europa beherrschte; in den Palästen von Byzanz mit ihren mächtigen +Schlachtenbildern und Prunkszenen, deren längst untergegangene +Pracht höfische Literaten wie Prokop von Cäsarea in euphuistisch +schwülstigen Reden und Versen feiern, Madrid, Rubens und Tintoretto; +erst dann gewinnt das bisher als Einheit nicht begriffene Phänomen der +arabischen Kunst -- das volle erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung +umfassend -- Gestalt. Da es an entscheidender Stelle im Bilde der +Gesamtkunstgeschichte steht, so hat das bisher waltende Mißverständnis +die Erkenntnis der organischen Zusammenhänge überhaupt verhindert. + +Merkwürdig und für den, der hier einen Blick für bisher unbekannte +Dinge gewonnen hat, ergreifend ist es zu sehen, wie diese junge Seele, +vom Geist der antiken Zivilisation in Fesseln gehalten, unter den +Eindrücken vor allem der politischen Allmacht Roms es nicht wagte, +sich frei zu regen, wie sie demütig sich veralteten und fremden Formen +unterwarf und sich mit griechischer Sprache, griechischen Ideen und +Kunstelementen zu bescheiden suchte. Die inbrünstige Hingabe an die +Mächte der jungen Tageswelt, wie sie die Jugend +jeder+ Kultur +bezeichnet, die Demut des gotischen Menschen in seinen frommen, +hochgewölbten Räumen mit den Pfeilerstatuen und lichterfüllten +Glasgemälden, die hohe Spannung der ägyptischen Seele inmitten ihrer +Welt der Pyramiden, Lotossäulen und Reliefsäle am Nil mischt sich ++hier+ mit einem geistigen Niederknien vor erstorbenen Formen, die +man für ewig hielt. Daß ihre Herübernahme und Weiterbildung trotzdem +nicht gelang, daß wider Willen und unvermerkt, ohne den Stolz der +Gotik auf das Eigne, das man hier, im Syrien der Kaiserzeit, fast +beklagte und als Verfall empfand, eine geschlossene neue Formenwelt +emporstieg und mit ihrem Geiste -- unter der Maske griechisch-römischer +Baugewohnheiten -- selbst Rom erfüllte, wo +syrische+ Meister am +Pantheon und den Kaiserforen arbeiteten, das beweist wie kein zweites +Beispiel die Urkraft eines jungen Seelentums, das seine Welt erst noch +zu erobern hat. + +Die Seelengeschichte dieser Frühzeit erzählt die Basilika, der Typus +der morgenländischen Kirche, von ihrer heute noch rätselhaften +Abkunft aus späthellenistischen Formen bis zu ihrer Vollendung im +Zentralkuppelbau der Hagia Sophia. Sie ist von Anfang an, und darin +liegt das magische Weltgefühl, als +Innenraum+ gedacht. Der +antike Tempel war bis zuletzt ein +Körper+. Aber man kann +diese früharabische Kunst nicht verstehen, wenn man sie, wie es +heute geschieht, durchaus als altchristliche behandelt und auf die +produktiven Grenzen dieser Glaubensgemeinschaft beschränkt. Man müßte +dann auch die Kunst des Mithras-, Isis-, Sonnenkultus, der Synagoge +des Neuplatonismus zunächst für sich, nach Architektur, Symbolik +und Ornament behandeln und dann aus der Gruppe dieser Äußerungen ++eines und desselben+ Kunstwollens das Früharabische als Einheit +destillieren. Aber die Macht der antiken Vormundschaft hat es beinahe +niemals ganz rein hervortreten lassen. Die frühchristlich-spätantike +Kunst zeigt dieselbe ornamentale und figürliche Mischung von ererbtem +Fremden und eben geborenem Eignen wie die karolingisch-frühromanische. +Dort mischt sich Hellenistisches mit Frühmagischem, hier +Maurisch-Byzantinisches mit Faustischem. Der Forscher muß Linie für +Linie, Ornament für Ornament auf das Formgefühl hin untersuchen, um +die beiden Schichten voneinander zu trennen. In jedem Architrav, +jedem Fries, jedem Kapitäl findet ein heimliches Ringen zwischen dem +gewollten alten und den ungewollten, aber siegreichen neuen Formen +statt. Überall wirkt das Sichdurchdringen späthellenistischen und +früharabischen Formgefühls verwirrend, in den Bildnisbüsten der Stadt +Rom, wo oft nur die Haarbehandlung der neuen Formweise angehört, in den +Akanthusranken oft ein und desselben Frieses, wo die Arbeit des Meißels +und des Tiefbohrers nebeneinander stehen, in den Sarkophagen des 2. +Jahrhunderts, wo eine primitive Stimmung in der Art Giottos und Pisanos +sich mit einem gewissen späten großstädtischen Naturalismus, bei dem +man etwa an David oder Carstens denkt, kreuzt, und in Bauten wie dem +von einem Syrer erbauten Pantheon -- der Urmoschee! --, der Basilika +des Maxentius und dem Trajansforum neben manchen noch sehr antik +empfundenen Teilen der Thermen und Kaiserfora, dem Forum des Nerva z. B. + +Trotzdem ist das arabische Seelentum um seine Blüte betrogen worden, +wie ein junger Baum, den ein gestürzter Urwaldstamm im Wachsen hindert +und verkümmern läßt. Hier findet sich keine leuchtende Epoche, die als +solche gefühlt und erlebt wurde wie damals, als mit den Kreuzzügen +zugleich die Holzdecken der Dome sich zu Kreuzgewölben schlossen und +die Idee des unendlichen Raumes durch ihr Inneres verwirklicht und +vollendet wurde. Die politische Schöpfung Diokletians -- des ersten +Kalifen -- wurde durch die Tatsache in ihrer Schönheit gebrochen, daß +es die ganze Masse stadtrömischer Verwaltungspraktiken war, die er, +auf antikem Boden, als gegeben anerkennen mußte und die sein Werk zu +einer bloßen Reform verjährter Zustände herabsetzte. Und doch tritt +mit ihm die Idee des arabischen Staates ans Licht. Erst aus ihm und +dem politischen Typus des eben damals entstandenen Sassanidenreiches +zusammen läßt sich das Ideal ahnen, das hier zur Entfaltung hätte +kommen sollen. Und so war es überall. Man hat bis zum heutigen Tage +als letzte Schöpfungen der Antike bewundert, was sich selbst nicht +anders aufgefaßt wissen wollte: Das Denken Plotins und Mark Aurels, +die Kulte der Isis, des Mithras, des Sonnengottes, die diophantische +Mathematik und die gesamte Kunst, welche die Renaissance nachher unter +Ausscheidung alles echt Griechischen als „antik“ wieder aufleben läßt. + +Dies allein erklärt die ungeheure Vehemenz, mit welcher die durch +den Islam endlich befreite und entfesselte arabische Kultur sich auf +alle Länder warf, die ihr seit Jahrhunderten innerlich zugehörten, +das Zeichen einer Seele, die fühlt, daß sie keine Zeit zu verlieren +hat, die voller Angst die ersten Spuren des Alters bemerkt, bevor sie +eine Jugend hatte. Diese Befreiung des magischen Menschentums ist ohne +Gleichen. Syrien wird 634 erobert, man möchte sagen +erlöst+, +Damaskus 635, Ktesiphon 637. 641 wird Ägypten und Indien erreicht, +647 Karthago, 676 Samarkand, 710 Spanien; 732 stehen die Araber vor +Paris. So drängt sich hier in der Hast weniger Jahre die ganze Summe +aufgesparter Leidenschaft, verspäteter Schöpfungen, zurückgehaltener +Taten zusammen, mit denen andre Kulturen, langsam aufsteigend, die +Geschichte von Jahrhunderten füllen konnten. Die Kreuzfahrer vor +Jerusalem, die Hohenstaufen in Sizilien, die Hansa in der Ostsee, +die Ordensritter im slawischen Osten, die Spanier in Amerika, die +Portugiesen in Ostindien, das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht +unterging, die Anfänge der englischen Kolonialmacht unter Cromwell +-- das alles sammelt sich in der +einen+ Entladung, welche die +Araber nach Spanien, Frankreich, Indien und Turkestan führte. + +Es ist wahr: Alle Kulturen mit Ausnahme der ägyptischen und vielleicht +der chinesischen haben unter der Vormundschaft älterer Kultureindrücke +gestanden; fremde Elemente erscheinen in jeder dieser Formenwelten. +Die faustische Seele der Gotik, schon durch die arabische Herkunft des +Christentums in der Richtung ihrer Ehrfurcht geleitet, griff nach dem +reichen Schatz spätarabischer Kunst. Das Arabeskenwerk einer unleugbar +südlichen, ich möchte sagen +Arabergotik+ umspinnt die Fassaden +der Kathedralen von Burgund und der Provence, beherrscht die Sprache +des Straßburger Münsters mit einer Magie in Stein und führt überall, an +Statuen und Portalen, in Gewebemustern, Schnitzereien, Metallarbeiten, +nicht zum wenigsten in den krausen Figuren des scholastischen Denkens +und einem der höchsten abendländischen Symbole, der Sage vom heiligen +Gral,[66] einen stillen Kampf mit dem nordischen Urgefühl einer ++Wikingergotik+, wie sie im Innern des Magdeburger Domes, der +Spitze des Freiburger Münsters und der Mystik Meister Eckarts herrscht. +Der Spitzbogen droht mehr als einmal seine bindende Linie zu sprengen +und in den Hufeisenbogen maurisch-normannischer Bauten überzugehen. + +Die apollinische Kunst der dorischen Frühzeit, deren erste Intentionen +fast verschollen sind, hat ohne Zweifel ägyptische Formen wie den Typus +der frontalen Statue und das Motiv der Säulenreihe herübergenommen, um +an ihnen zu einer eignen Symbolik zu gelangen. Nur die magische Seele +wagte es nicht, die Mittel sich anzueignen, ohne sich ihnen hinzugeben, +und das macht die Psychologie des arabischen Stils so unendlich +aufschlußreich. + + +15 + +So erwächst aus der Idee des Makrokosmos, die im Stilproblem +vereinfacht und faßlicher vor Augen tritt, eine Fülle von Aufgaben, +deren Behandlung der Zukunft angehört. Die Formenwelt der Künste für +eine Durchdringung des Seelischen nutzbar zu machen, indem man sie +durchaus physiognomisch und symbolisch auffaßt, ist ein Unternehmen, +dessen bisher gewagte Versuche von unverkennbarer Dürftigkeit sind. +Man weiß nichts von einer wirklichen Psychologie der architektonischen +Grundformen. Man ahnt nicht, welche Aufschlüsse in dem Bedeutungswandel +liegen, den eine solche Form bei der Übernahme durch eine andere +Kultur erfährt. Die Seelengeschichte der Säule ist noch nie erzählt +worden. Man hat keinen Begriff von der Tiefe einer Symbolik der +Kunst+mittel+, der Kunstwerkzeuge. Ich deute hier nur einzelnes +an, um diese Fragen einer späteren Erörterung vorzubehalten. + +Da sind die Mosaiken, die in hellenischer Zeit, aus Marmorstücken, +undurchsichtig, leibhaft-euklidisch gebildet, wie die berühmte +Alexanderschlacht in Neapel den Fußboden verzierten, die aber mit dem +Erwachen der arabischen Seele, nunmehr aus Glasstiften zusammengesetzt +und mit einer Unterlage von Goldschmelz, die Wände und Decken der +Kuppelbasiliken gleichsam verhüllen. Diese früharabische, von Syrien +ausgehende Mosaikmalerei entspricht durchaus der Stufe nach den +Glasgemälden gotischer Dome; es sind zwei frühe Künste im Dienste der +religiösen Architektur. Die eine weitet den Kirchenraum durch das +einströmende Licht zum Weltraum, die andere verwandelt ihn in jene +magische Sphäre, deren Goldflimmer aus der irdischen Wirklichkeit +zu den Visionen Plotins, des Origenes, der Manichäer, Gnostiker und +Kirchenväter und der apokalyptischen Dichtungen -- von der des Johannes +bis zu der des Styliten Ephraim im 4. Jahrhundert -- entrückt. + +Da ist das prachtvolle Motiv der +Verbindung des Rundbogens mit +der Säule+, ebenfalls eine +syrische+ Schöpfung des 3. -- +„hochgotischen“ -- Jahrhunderts. Die eminente Bedeutung dieses ++spezifisch magischen+ Motivs, das allgemein als antik gilt und +für die meisten die Antike geradezu repräsentiert, ist bisher nicht im +entferntesten erkannt worden. Der Ägypter hatte seine Pflanzensäulen +ohne tiefere Beziehung zur Decke gelassen. Sie repräsentierten das +Wachstum, nicht die Kraft. Die Antike, für welche die monolithe Säule +das stärkste Symbol euklidischen Daseins war, ganz Körper, ganz +Einheit und Ruhe, verband sie in strengem Gleichmaß von Vertikale +und Horizontale, von Kraft und Last, mit dem Architrav. Hier aber +-- das von der Renaissance mit tragikomischem Irrtum als echt antik ++bevorzugte+ Motiv, das die Antike gar nicht besaß und nicht ++besitzen konnte+! -- wächst unter Verleugnung des stofflichen +Prinzips der Last und Trägheit der lichte Bogen aus schlanken Säulen +auf; die hier verwirklichte Idee der Lösung von aller Erdenschwere +ist mit der gleichzeitigen der frei über dem Boden schwebenden Kuppel +aufs tiefste verwandt, ein magisches Motiv von stärkster Kraft des +Ausdrucks, das seine Vollendung folgerichtig im maurischen „Rokoko“ +der Moscheen, z. B. der von Cordova fand, wo überirdisch zarte Säulen, +oft ohne Basis aus dem Boden wachsend, nur durch einen geheimen +Zauber fähig erscheinen, diese ganze Welt zahlloser gekerbter Bögen, +leuchtender Ornamente, Stalaktiten und farbensatter Gewölbe zu tragen. +Man kann, um die ganze Bedeutung dieser architektonischen Grundform der +arabischen Kunst herauszuheben, die Verbindung von Säule und Architrav +das apollinische, die von Säule und Rundbogen das magische, die von +Pfeiler und Spitzbogen das faustische Leitmotiv nennen. + +Nehmen wir ferner die Geschichte des Akanthusmotivs. In der Form, +wie es z. B. am Lysistratesdenkmal erscheint, ist es eines der +bezeichnendsten der antiken Ornamentik. Es hat Körper. Es bleibt +Einzelding. Es ist mit +einem+ Blick in seiner Struktur zu +erfassen. Schon in der Kunst der römischen Kaiserfora (des Nerva, +des Trajan), am Mars-Ultortempel erscheint es schwerer und reicher. +Die organische Gliederung wird so kompliziert, daß sie in der Regel +studiert sein will. Die Tendenz, die Fläche zu +füllen+, +tritt hervor. In der byzantinischen Kunst -- von deren „latentem +sarazenischem Zuge“ schon A. Riegl spricht, ohne den hier aufgedeckten +Zusammenhang zu ahnen -- wird das Akanthusblatt in ein unendliches +Rankenwerk zerlegt, das wie in der Hagia Sophia völlig unorganisch +ganze Flächen deckt und überzieht. Zu dem antiken Motiv treten +die ursemitischen des Weinlaubs und der Palmette, die schon im +altjüdischen Ornament eine Rolle spielen. Die Flechtbandmuster +„spätrömischer“ Mosaikfußböden und Sarkophagkanten, auch geometrische +Flächenmuster werden aufgenommen und endlich entsteht in Syrien und +dem Sassanidenreich bei steigender Bewegtheit und verwirrender Wirkung +die +Arabeske+. Sie ist, antiplastisch bis zum Äußersten, das +eigentlich magische Motiv. Selbst unkörperlich, entkörpert sie den +Gegenstand, den sie in endloser Fülle überzieht. Ein Meisterwerk dieser +Art, ein Stück Architektur, das völlig der Ornamentik unterworfen ist, +stellt die Fassade des von den Ghazaniden erbauten Wüstenschlosses +M’schatta (jetzt in Berlin) dar. Die über das ganze Abendland +verbreitete und das Karolingerreich völlig beherrschende Kunst +byzantinisch-islamitischen Stils wird größtenteils von orientalischen +Künstlern gepflegt oder als Ware importiert. Ravenna, Lucca, Venedig, +Granada sind die Wirkungszentren dieser damals hochzivilisierten +Formensprache, die in Italien noch um 1000 ausschließlich galt, als im +Norden die Formen einer neuen Kultur schon fertig und gefestigt waren. + +Endlich die veränderte plastische Auffassung des menschlichen Körpers. +Sie erfährt mit dem Siege des arabischen Weltgefühls eine völlige +Umkehrung. Fast in jedem Römerkopfe der vatikanischen Sammlung, der +zwischen 100 und 250 entstanden ist, läßt sich der Gegensatz von +apollinischem und magischem Gefühl, zwischen der Fundamentierung +des Ausdruckes in der Lagerung der Muskelpartien oder im „Blick“ +feststellen. Man arbeitet -- in Rom selbst seit Hadrian -- vielfach +mit dem Steinbohrer, einem Werkzeug, das dem euklidischen Gefühl dem +Stein gegenüber völlig widerspricht. Das Körperhafte, Stoffliche des +Marmorblocks wird durch die Arbeit mit dem Meißel, der die Grenzflächen +heraushebt, bejaht, durch den Bohrer, der die Flächen bricht und damit +Helldunkelwirkungen schafft, verneint. Dementsprechend erlischt, +gleichviel ob bei „heidnischen“ oder christlichen Künstlern, der Sinn +für die Erscheinung des nackten Körpers. Man betrachte die flachen und +leeren Antinousstatuen, die doch entschieden antik gemeint waren. Hier +ist nur der Kopf physiognomisch bemerkenswert, was in der attischen +Plastik nie der Fall ist. Die Gewandung erhält einen ganz neuen Sinn, +der die Erscheinung schlechthin beherrscht. Die Konsularstatuen auf +dem Kapitol sind vorzügliche Beispiele. Durch die gebohrten Pupillen +der ins Weite gerichteten Augen wird der gesamte Ausdruck dem Körper +entzogen und in jenes „pneumatische“, magische Prinzip gelegt, das der +Neuplatonismus und die Beschlüsse der christlichen Konzilien nicht +weniger als die Mithrasreligion und der stadtrömische Isiskult im +Menschen voraussetzen. + + +Fußnoten: + +[Footnote 59: Wir wissen heute, daß der Dichter dieser Iliaspartie +mykenische Kunstwerke vor Augen hatte, deren Sinn er vielfach falsch +verstand.] + +[Footnote 60: So wirkt die Angst noch in späten Zuständen. Alle +furchtsamen Menschen sind konventionell. Alle sozialen Konventionen +repräsentieren die Furcht eines Standes vor dem Unvorhergesehenen.] + +[Footnote 61: Auch die sozialen Konventionen spätester Zeiten haben +den Charakter eines Opfers nicht ganz verloren. In der französischen +Verfassungsgeschichte seit 1789 liegt ein Schatten der Fabel vom Ring +des Polykrates.] + +[Footnote 62: Die syrischen Sonnenkulte gehören wie der Mithras- und +Serapiskult neben dem Urchristentum zu den früharabischen Religionen +magischen Stils. Außer dem Tempel von Baalbek, der trotz völlig antiker +Details mit seinen Innenhöfen als Ganzes einen neuen Baugedanken, ein +neues Weltgefühl ausdrückt, hatten auch das Serapeion zu Milet und die +große Synagoge zu Alexandria eine hohe formale Verwandtschaft mit dem +altchristlichen Basilikentypus.] + +[Footnote 63: Es steht mir außer Zweifel, daß die Griechen, als +sie vom Antentempel zum Peripteros kamen, zur selben Zeit, wo die +Rundplastik sich ebenfalls an unzweifelhaft ägyptischen Vorbildern +vom Reliefmäßigen emanzipierte (Apoll von Tenea), unter dem mächtigen +Eindruck ägyptischer Säulen+reihen+ standen. Das läßt die Tatsache +unberührt, daß das Motiv der antiken Säule und die antike Verwendung +des Reihenprinzips etwas vollkommen Selbständiges sind.] + +[Footnote 64: Die Klarheit in der Anlage der ägyptischen und +abendländischen Geschichte gestattet einen bis ins einzelne gehenden +Vergleich, der wohl einer kunsthistorischen Untersuchung wert wäre. Die +4. Dynastie des strengen Pyramidenstils (2930-2750, Cheops, Chephren) +entspricht der Romanik und Frühgotik (900-1100); die 5. Dynastie +(2750-2625, Sahu-rê) der Hochgotik (1100 bis 1250); die 6. Dynastie, +die Blütezeit der archaischen Bildniskunst (2625 bis 2475, Phiops I. +und II.) der späten Gotik (1250-1400).] + +[Footnote 65: Wie die vornehme Welt des 18. Jahrhunderts die +vollkommene, leichte und selbstverständliche Beherrschung guter Formen +genoß.] + +[Footnote 66: Die Gralssage enthält neben altkeltischen starke +arabische Gefühlsmomente, aber die Gestalt Parzevals, dort, wo Wolfram +von Eschenbach über sein Vorbild Chrestien hinausgeht, ist rein +faustisch.] + + + + +VIERTES KAPITEL + +MUSIK UND PLASTIK + + + + +I + +DIE BILDENDEN KÜNSTE + + +1 + +Am Anfang einer Betrachtung, für die nicht Entstehung und Sinn von +Kunstwerken, sondern von Kunstgattungen Problem ist, wird eine +Andeutung dessen notwendig, was unter Kunstform verstanden werden soll, +insofern es sich nämlich nicht um Mittel und Ziele des persönlichen, +bewußten Kunstwollens, sondern um den Drang ganzer Zeitalter handelt, +der sich in +einer+ Richtung bewegt, die niemand kennt und will +und der jeder Einzelne trotzdem unterworfen ist. Definitionen und +ästhetische Thesen sind hier gleich unzulänglich. Wer auch das Wort +Kunstform gebrauchte, hat nicht hindern können, daß jeder dabei an +etwas anderes dachte. Es gibt ohne Zweifel überall, wo eine lebendige +Kunst ausgeübt wird, eine gewisse Summe formaler Grundsätze, nenne +man sie Kanon, Tradition, Schule, die gelehrt und gelernt werden +kann, deren Beherrschung Meisterschaft verleiht und deren Entwicklung +mancher ausschließlich im Auge hat, wenn er seinem Buche den Titel +Kunstgeschichte gibt. Ästhetik und Philosophie haben sich immer darin +gefallen, dies kommensurable Element in ein System zu bringen. + +Das eigentliche Geheimnis der Form scheint auf diesem Wege aber eher +verfehlt als erreicht. Ein Kunstwerk ist etwas Unendliches. Es enthält +die ganze Welt in sich. Es ist, wenn es überhaupt Bedeutung besitzt und +nicht lediglich ein gewolltes und geleistetes Stück Arbeit darstellt, +ein Mikrokosmos, unerschöpflich im ganzen und begreiflich nur in den +vordersten Einzelheiten. Was man an ihm durch den Verstand erfassen +und also in ein System bringen kann, gehört zur Oberfläche. Wäre es +nicht der eigentliche Sinn der großen Schulen, mit und unter dem Schatz +mitteilbarer Fertigkeiten noch etwas ganz anderes weniger zu vererben +als zu erwecken, so wäre ihre tatsächlich entscheidende Bedeutung -- +denn ohne Konvention gibt es keine Kunst -- kaum verständlich. + +Eine ganz andre Form, Form der Seele, wenn man das Unbeschreibliche so +bezeichnen darf, steckt in dem, was die Leute „Inhalt“ nennen. „Ich +litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens,“ heißt +es im Wilhelm Meister, in den Bekenntnissen einer schönen Seele. Es +gibt, nicht nur im Bereich der Kunst, Form, die aus der Angst, und +Form, die aus der Sehnsucht stammt. Die eine bannt, indem sie Namen +nennt und Regeln auferlegt, die andere offenbart. Für jene ist die +sinnliche Empfindung Substanz, für diese Medium. Es gibt Künstler, die +nur eine von ihnen in der Gewalt haben. Jean Paul ist arm an Form, +sobald man an die denkt, welche Racine mit Meisterschaft handhabt. Bei +Beethoven droht die eine die andre ständig zu vernichten. + +Es gibt eine stets gewordne, also wirkliche, und eine ewig werdende, +also unwirkliche Form.[67] Die erste, starre, bedingt das Dasein alles +schon Vollendeten, alles dessen, was im Bereiche der natürlichen Welt +„ist“. Die Grundregeln einer Fuge oder plastischen Gruppe liegen der ++Erscheinung+ der einzelnen Kunstwerke für das Auge oder Ohr in +genau derselben Art a priori zugrunde, wie Kants Anschauungsformen +und Verstandeskategorien der Erscheinung der natürlichen Dinge. +Diese +elementare+ Gestalt, der „Körper“ des Werkes, kausalen +Prinzipien -- der „künstlerischen Logik“ -- unterworfen, durch die +jedes Kunstwerk der Wirklichkeit, dem Inbegriff alles Begrenzten und +Gesetzten angehört, ist wie alles Wirkliche vergänglich. Es gibt +keine „unsterblichen Meisterwerke“. Die letzte Orgel, die letzte +Stradivariusgeige wird endlich einmal zertrümmert sein. Die ganze +Zauberwelt unsrer Sonaten, Trios, Sinfonien, Arien, deren Formensprache +samt der ganzen Fülle eigens für sie erfundener und nur zur +faustischen Seele redender Instrumente erst vor wenigen Jahrhunderten +entstand, für uns und aus uns heraus, wird wieder verstummen und +verschwinden. Denn was wissen wir von der indischen, der chinesischen +Musik und den seelischen Erschütterungen, die ihre Regeln weckten? Die +höchsten Momente Beethovenscher Melodik und Harmonik, für uns, die +Eingeweihten, wundervoll, sind für alle fremden und kommenden Kulturen +ein törichtes Gekrächz, das mit sonderbaren Instrumenten hervorgerufen +wurde. Von den Fresken Polygnots ist nichts geblieben, und das erspart +uns die Notwendigkeit, sie mißzuverstehen. Die Bauten der Maya, +sicherlich Meisterwerke für die Generationen ihrer Erbauer, sind für +uns Kuriositäten, nicht mehr, und dasselbe werden das Straßburger +Münster, der Palazzo Farnese, Radierung, Kupferstich, Reim und Drama +für spätere Menschen sein. Die Leinwand, auf die Rembrandt und Tizian +ihre tiefsten Schöpfungen malten, geht der Vernichtung entgegen, aber +noch früher vielleicht der Rest von Menschen, für die diese Gemälde +mehr als eben bunte Leinwand sind. Was sind für den Fellachen Ägyptens +und den indischen Kuli die Pyramidentempel und die Veden ihrer +Vorfahren? Was wissen wir von der Wirkung griechischer Verse auf die +Menschen ihrer Zeit? Was da vernichtet wird und vernichtet werden kann, +indem es aufhört, für die Seele irgendeines Menschen noch Wirklichkeit +zu sein und Sinn zu haben, ist +gewordene+ Form. + +Alles dies berührt die andre nicht, die in stetem Werden sich +erschließt, die eigentlich lebendige, die Gestalt der Seele. Auch +ein Kunstwerk hat Seele: es ist das Seelentum überhaupt, jenseits +der Grenze von Raum, Grenze und Zahl. Diese Gestalt bedarf keiner +Wirklichkeit, um zu sein. Sie entsteht und vergeht nicht. Selbst die +verlornen -- aus dem sinnlichen, natürlichen Dasein verschwundenen +-- Tragödien des Äschylus sind noch, nicht in ihrer geschriebenen +oder gesprochnen Form, nicht als körperhafte Werke, nicht für das +Tagesbewußtsein irgendeines Menschen, aber in einer Wesenheit, die +unzerstörbar ist. Es ist dies ein Mysterium, das alle Worte nur +unzulänglich und falsch ausdrücken können. Deshalb haftet, aus einem +sehr tiefen Zusammenhange, an der körperhaften Erscheinung der +größten Kunstwerke etwas Fragmentarisches, ohne daß die Mehrzahl +der Betrachter sich dessen bewußt würde. Nach außen hin, für den +Kunstverstand, für die Sinne, mögen sie vollendet sein, nach innen +sind sie es nie und man fühlt in gewissen Stunden, weshalb es so sein +muß. Das gilt nicht nur von Lionardos Gemälden und Goethes Faust und +Meister; auch Rembrandts Radierungen haben etwas Suchendes, nichts +„Fertiges“; die Musik des Tristan fragt und fragt, ohne zu antworten; +der Hamlet ist nicht weniger Torso als der Sturm und das Wintermärchen; +Kleist hat den Robert Guiskard immer wieder verbrannt und Dostojewski +die Brüder Karamasow und Raskolnikow unvollendet gelassen, im sichren +Bewußtsein der Unzulänglichkeit +jeder+ Verwirklichung der +Idee. Von allen Künstlern und Dichtern, die über ihre Wirksamkeit +Rechenschaft ablegten, wissen und sehen wir, wie vieles Entwurf und +Idee -- innere Gestalt -- blieb, nur weil die Möglichkeit einer +wirklichen, natürlichen, äußeren Form nicht erschien. Fertig zu +werden, vollkommen abgeschlossen und beendet, nicht nur geendet zu +sein, ist das Kennzeichen von Werken geringeren Ranges; eine Sache +der Übung, der Erfahrung, des spezifischen Talents. Diese Form ruft +den Typus des Virtuosen und den des Kenners hervor. Die andre ist +ein mystisches Erlebnis, über das weder der echte Künstler noch der, +für den er schafft, Gewalt hat. Der letztere vollendet +sich+, +der erstere vollendet +seine Werke+. In den Händen des einen +erfahren die technischen Mittel, die sich eine Kultur gewählt hat, ihre +höchste Vervollkommnung; der andre ist selbst Mittel in den Händen des +Schicksals einer Kultur. + +Was Sätze nicht deutlicher sagen können, mag vielleicht so +versinnbildlicht werden: + + { Seele ------------------> Welt + Dasein { Vollendung + { möglich wirklich + | | | + +------+----------------+ | + v v + { Idee (Phänomen) Element (Welt) + { Sehnsucht Angst + Kunst { +Religion+ +Technik+ + { (allgemein) (speziell) + { „+Gestalt des Herzens+“ „+Kunstform+“ + + { Schöpfung, Empfängnis Arbeit, Ordnung + { „Genie“ „Talent“ + Künstler { Gefühl („es“) Verstand („ich“) + { Intuition \ / Konvention + { (Einsamkeit) \ / (Schule) + ¦ \ / ¦ + | \ / | + v \ / v + Jean Paul \ / Racine + Lionardo X Manet + | ⭩ ⭨ | + +-----------+-----------+ + v + Rembrandt, Mozart + + +2 + +Das Weltgefühl des höheren Menschen hat seinen symbolischen Ausdruck, +wenn man von den mathematischen und physikalischen Vorstellungskreisen +absieht, am deutlichsten in den bildenden Künsten gefunden, deren +es unzählige gibt. Auch die Musik gehört dazu und hätte man ihre +sehr verschiedenen Arten in die abstrakten Erwägungen über den +Gang der Kunstgeschichte einbezogen, anstatt sie vom Gebiet der +malerisch-plastischen Künste zu trennen, so wäre man im Verstehen +dessen, um was es sich in dieser Entwicklung auf ein Ziel hin überhaupt +handelt, sehr viel weiter gekommen. Aber man wird den Gestaltungsdrang, +der hier seiner selbst unbewußt am Werke ist, niemals begreifen, wenn +man die Unterscheidung optischer und akustischer Mittel für mehr +als äußerlich hält. Das ist es +nicht+, was Künste voneinander +scheidet. Die Kunst des Auges und Ohres -- damit ist gar nichts gesagt. +Die physiologischen Bedingungen des Ausdrucks, der Empfängnis, der +Vermittlung hat nur das 19. Jahrhundert überschätzen können. So wenig +ein Bild von Lorrain und Watteau sich im eigentlichen Sinne an das +leibliche Auge wendet, so wenig die Musik seit Bach an das leibliche +Ohr. Das antike Verhältnis zwischen Kunstwerk und Sinnesorgan, an das +hier immer, und zwar durchaus nicht in richtiger Weise gedacht wird, +ist ein ganz anderes, viel einfacheres und stofflicheres als das +unsrige. Wir +lesen+ Othello und Faust, wir studieren Partituren, +um den Geist dieser Werke ganz rein auf uns wirken zu lassen. Hier wird +von den äußeren Sinnen immer an den inneren, die Einbildungskraft +appelliert. Der unendliche Szenenwechsel gegenüber der antiken Einheit +des Ortes ist nur so zu verstehen. Im extremen Falle, wie gerade beim +Faust, ist eine den Gehalt des Ganzen erschöpfende, reale Wiedergabe +gar nicht möglich. Aber auch in der Musik, bei Mozart, bei Beethoven, +bei Wagner erleben wir +hinter+ dem sinnlichen Eindruck eine ganze +Welt andrer, in der erst alle Fülle und Tiefe zum Vorschein kommt +und über die sich nur in übertragenen Bildern -- denn die Harmonik +zaubert uns da blonde, braune, düstre, goldige Farben, Dämmerungen, +Gipfelreihen ferner Gebirge, Gewitter, Frühlingslandschaften, +versunkene Städte, seltsame Gesichter hin -- reden läßt. Es ist kein +Zufall, daß Beethoven seine letzten Werke geschrieben hat, als er taub +war. Damit hatte sich gleichsam die letzte Fessel gelöst. Für diese +Musik ist Sehen und Hören +gleichmäßig+ eine Brücke zur Seele, +nicht mehr. Dem Griechen ist diese visionäre Art des Kunstgenießens +ganz fremd. Er +betastet+ den Marmor mit dem Auge. Auge und Ohr +sind für ihn Empfänger des +ganzen+ gewollten Eindrucks. Uns waren +sie es schon in der Gotik nicht mehr. + +In Wirklichkeit sind Töne etwas Zahlenmäßiges so gut wie Linien; +Harmonien, Melodien, Reime, Rhythmen, so gut wie Perspektive, +Proportion, Schatten und Kontur. Der Abstand zwischen zwei Arten +von Malerei kann unendlich viel größer sein als der zwischen einer +gleichzeitigen Malerei und Musik. Gegenüber einer Statue des Myron +gehören eine Landschaft von Rembrandt und die Pastoralsinfonie von +Beethoven zu ein und derselben Kunst. Ihre +innere+ Formensprache +ist in dem Grade identisch, daß der Unterschied optischer und +akustischer Mittel dagegen verschwindet. + +Der Wert, welchen die Kunstwissenschaft von jeher auf eine reinliche +begriffliche Abgrenzung der einzelnen Kunstgebiete gelegt hat, beweist +lediglich, daß man in die Tiefe des Problems nicht eingedrungen ist. +Vor allem hat die Pedanterie der Systematiker und das oberflächliche +Bedürfnis nach bequemer Einteilung den Erfolg kunstphilosophischer +Arbeiten verdorben. Nach den alleräußerlichsten Kunstmitteln das +unendliche Gebiet in vermeintlich stationäre Einzelkünste -- mit +unwandelbaren Formprinzipien! -- aufzulösen, das war immer der erste +Schritt. Man trennte Musik und Malerei, Musik und Drama, Malerei und +Plastik; dann definierte man „die“ Malerei, „die“ Plastik, „die“ +Tragödie. Aber das greifbare Resultat technischer Ausdrucksmittel ist +nicht viel mehr als die +Maske+ des eigentlichen Werkes. Stil ist +nicht, wie der flache Semper -- ein echter Zeitgenosse Darwins und des +Materialismus -- meinte, das Produkt von Material, Technik und Zweck. +Er ist im Gegenteil das, was dem Kunstverstand gar nicht zugänglich +ist, ein Schicksal, eine Atmosphäre des Geistigen. Er hat mit den +materiellen Grenzen der Einzelkünste nicht das geringste zu schaffen. + +Eine Einteilung der Künste nach Konventionen rein technischer Art +zugrunde legen, heißt also, das Problem der Form von vornherein +verderben. Wie konnte man „die Plastik“ a priori als Gattung ansetzen +und aus ihr allgemeine Grundgesetze entwickeln wollen? Was ist +„Plastik?“ Was unterscheidet sie von einem gemalten Relief? +Die+ +Malerei -- das gibt es nicht. Wer nicht fühlt, daß Handzeichnungen von +Raffael und Tizian, von denen der eine mit Umrissen, der andre mit +Licht- und Schattenflecken arbeitet, zu zwei verschiedenen Künsten +gehörten, daß die Kunst Giottos oder Mantegnas und die Vermeers oder +Van Goyens kaum etwas miteinander zu tun haben, daß der eine mit +dem Pinselstreich eine Art Relief, der andre eine Art Musik auf der +farbigen Fläche ins Leben rief, während ein Fresko Polygnots und ein +ravennatisches Mosaikgemälde nicht einmal durch das Werkzeug der +Gattung eingefügt werden können, der wird die tieferen Fragen nie +begreifen. Die Ölmalerei und Instrumentalmusik von 1720 sind der innern +Gestalt, dem Formgefühl nach beinahe identisch. Watteau gehört zu +Couperin und Ph. Em. Bach, nicht zu Raffael. Und was hat eine Radierung +Rembrandts mit der Kunst Fra Angelicos, was ein proto-korinthisches +Vasengemälde mit einem gotischen Domfenster, was ein ägyptisches Relief +mit denen des Parthenon zu tun? + +Wenn eine Kunst Grenzen hat -- Grenzen ihrer Formenwelt --, so sind +es +historische+, nicht technische oder physiologische. Eine +Kunst ist ein Organismus, kein System. Es gibt keine Kunstgattung, +die durch alle Jahrhunderte geht. Selbst wo technische Traditionen +-- wie im Falle der Renaissance -- den Blick zunächst täuschen und +von einer ewigen Gültigkeit antiker Kunstgesetze zu zeugen scheinen, +herrscht in der Tiefe völlige Fremdheit. Es gibt +nichts+ in der +griechisch-römischen Kunst, was mit der Formensprache einer Statue +Donatellos, einem Gemälde Signorellis, einer Fassade Michelangelos +verwandt wäre. +Innerlich+ verwandt mit dem Quattrocento ist +ausschließlich die gleichzeitige Gotik. Kunstgattungen gehen flüchtig +vorüber und kehren nie zurück. Jede Kultur hat ihre eignen, die ++Gruppe+ ihrer eignen, deren Theorie und Technik sogar ein Symbol +ihres Menschentums ist. Es gibt apollinische, magische, faustische +Arten von Künsten, denen gegenüber der Unterschied von Flächen- und +Körperkunst zur Nebensache herabsinkt. Griechische Musik steht der +griechischen Plastik tausendmal näher als der Kunst Palestrinas. +Was man heute farbig nennt -- eine Imagination des Räumlichen durch +Farbentöne -- wäre einem Maler der sikyonischen Schule unverständlich +gewesen. Das Ursymbol zweier Kulturen ist es, das die „gleichzeitigen“ +Gemälde Polygnots und Rembrandts trennt: im Fresko eine statuenhafte +und euklidische Nebeneinanderstellung massiv farbiger Flächen, im +Ölbilde eine kontrapunktische Durchdringung mittels des Pinselstrichs. + +Der Begriff der Form erfährt hier eine mächtige Erweiterung. Nicht +nur das technische Werkzeug, nicht nur der Stoff, +die Wahl der +Kunstgattung selbst+ ist ein Mittel des Ausdrucks. Was für den +einzelnen Künstler die Schöpfung eines Hauptwerkes, für Rembrandt die +Nachtwache, für Wagner die Meistersinger bedeuten, eine Epoche nämlich, +das bedeutet für die Lebensgeschichte einer Kultur die Schöpfung einer +Kunstart, als Ganzes begriffen, wie die der freistehenden griechischen +Statue, des Kontrapunkts, des byzantinischen frontalen Porträts, des +perspektivischen Ölgemäldes. Jede dieser Künste ist ein Organismus +für sich, ohne Vorgänger und Nachfolger, wenn man vom Äußerlichsten +absieht. Alle Theorie, Technik, Konvention gehört zu ihrem Charakter +und besitzt nichts Ewiges und Allgemeingültiges. Wann eine dieser +Künste beginnt, wann sie erlischt, ob sie erlischt, ob sie in eine +andre verwandelt wird, warum die eine oder andre unter den Künsten +einer Kultur fehlt, das alles gehört noch mit zur Form im höchsten +Sinne, ebenso wie jene andre Frage, warum der einzelne Maler oder +Musiker -- ohne sich dessen bewußt zu sein -- auf bestimmte Farbentöne +und Harmonien Verzicht leistet und andre so bevorzugt, daß man ihn +daran erkennt. + +Die Theorie, auch noch die der Gegenwart, hat die Bedeutung dieser +Gruppe von Fragen nicht erkannt. Und trotzdem gibt erst diese Seite +einer Physiognomik der Künste den Schlüssel zu ihrem Verständnis. +Man hat bis jetzt alle Künste -- unter Voraussetzung der erwähnten +„Einteilung“ -- ohne irgendwelche Nachprüfung dieser schwerwiegenden +Frage für möglich gehalten, immer und überall, und wo die eine oder +andre fehlte, schrieb man es dem zufälligen Mangel an schöpferischen +Persönlichkeiten oder an Förderung durch Umstände und Mäcene zu, die +geeignet waren, die Kunst „auf ihrem Wege weiter zu führen“. Das ist +es, was ich die Übertragung des physikalischen Kausalitätsprinzips aus +der Welt des Gewordnen auf die Welt des Werdens nannte. Weil man kein +Auge für die ganz andersartige Logik und Notwendigkeit des Lebendigen, +für das +Schicksal+, hatte, zog man materielle, handgreifliche, +an der Oberfläche liegende Ursachen heran, um eine materielle Folge +von kunsthistorischen Ereignissen zu konstruieren. Aber es gibt keine +Geschichte +der+ Kunst, +der+ Architektur, +der+ Musik, ++des+ Dramas. Die Auswahl der innerhalb einer Kultur möglichen +Künste -- von denen +niemals+ eine auch in einer andern Kultur +möglich ist --, ihr Rang, ihr Umfang, ihre Schicksale: das gehört zur +Symbolik, zur Psychologie der Kultur und +nicht+ zu den Folgen +irgendwelcher Ursachen. + +Es war gleich zu Anfang auf die flache Vorstellung einer linienhaften +Fortentwicklung „der Menschheit“ durch Altertum, Mittelalter und +Neuzeit hingewiesen worden, die uns für das wahre Bild der Historie und +seine Struktur blind gemacht hat. Die Kunstgeschichte ist ein besonders +deutliches Beispiel. Nachdem man das Vorhandensein einer Anzahl +konstanter und wohldefinierter Kunstgebiete als selbstverständlich +angenommen hatte, entwarf man die Geschichte dieser Einzelgebiete +nach dem ebenso selbstverständlichen Schema Altertum -- Mittelalter +-- Neuzeit, wobei z. B. die indische und ostasiatische Kunst keinen +Platz fanden, ohne daß jemandem an dieser Folge die Sinnlosigkeit der +Konstruktion aufgegangen wäre: Dieses Schema wollte und mußte nun mit +Tatsachen um jeden Preis ausgefüllt sein. Man konstatierte unbedenklich +ein sinnloses Auf und Nieder. Man sprach von Zeiten des Stillstandes +als „natürlichen Pausen“, von „Zeiten des Niedergangs“ dort, wo in +Wirklichkeit eine große Kunst starb, von „Zeiten der Wiedergeburt“, +wo für den unbefangenen Blick ganz deutlich eine +andre+ Kunst +in einer andern Landschaft und als Ausdruck eines andern Menschentums +geboren wurde. Man lehrt noch heute, daß die Renaissance eine +Wiedergeburt der Antike gewesen sei. Man folgerte endlich daraus die +Möglichkeit und das Recht, Künste, die man schwach oder schon tot +fand -- die Gegenwart ist da ein wahres Schlachtfeld -- durch bewußte +Neubildungen und Synthesen, durch gewaltsame „Wiederbelebungen“ +neuerdings in Gang zu bringen. + +Aber gerade die Frage, weshalb eine große Kunst -- das attische +Drama mit Euripides, die florentinische Plastik mit Michelangelo, +die Instrumentalmusik mit Liszt und Wagner -- mit einer als Symbol +wirkenden Plötzlichkeit zu enden pflegt, ist geeignet, das Phänomen +dieser Künste zu erleuchten. Man sehe genau zu und man wird sich +überzeugen, daß von der „Wiedergeburt“ auch nur +einer+ +bedeutenden Kunst noch nie die Rede gewesen ist. + +Wir sahen, wie die Formen einer strengen, unter dem Ursymbol des Weges +stehenden Wirklichkeit, Pyramiden, Reliefs, Hieroglyphen, Staat und +Technik, ein peinliches Zeremoniell und ein das gesamte wache Dasein +beherrschender Totenkult die Sprache der ägyptischen Seele waren. Diese +Seele besaß +deshalb+ keine „Literatur“, vor allem kein Drama +großen Stils. Die arabische Seele gestaltet alles sinnlich reicher, +zufälliger, lasziver, aber ohne Form im monumentalen Sinne und deshalb +ebenfalls, obwohl in andrer Weise, höchst abstrakt. Da das magische +Weltgefühl eine Logik des Wirklichen nicht kennt, so verliert die Kunst +der Flächen und Räume die Logik der Linien und Proportionen; Malerei +und Plastik altchristlich-byzantinischen Stils verschwinden langsam und +der Ausdruck wird zuletzt auf die Arabeske, das sarazenische Ornament, +reduziert. + +Die Arabeske ist, worüber man sich leicht täuscht -- der magischen +Schicksalsidee, dem „Kismet“ entsprechend -- das +passivste+ +aller Ornamente. Sie ist, obwohl aus dem im höchsten Grade sprechenden +und bis ins einzelne plastisch geregelten, optisch übersehbaren +antiken Ornament hervorgegangen, ohne positivern Ausdruck. Antike +Motive wie der Mäander oder die Akanthusranke sind euklidisch, in +sich geschlossen, körperhaft isoliert und können also nur wiederholt +und +additiv+ aufgereiht werden. Arabisch-persische Muster +aber lassen sich nach allen Seiten ins Grenzenlose fortsetzen. +Das romanisch-gotische Ornament stellt ein Maximum an Kraft des +Ausdrucks dar, die träumerische Arabeske verneint den Willen. Es +geht von ihr eine suggestive Wirkung aus, die auch in der arabischen +Musik, im arabischen Tanz liegt und die genau dem entspricht, was +das Wort magisch bezeichnen soll. Sie ist, da man im Ornament die +unmittelbare Handschrift eines kulturbildenden Seelentums zu erkennen +hat, das Zeichen einer eigentlich negativen Weltgesinnung, wie die +algebraische Zahl vom euklidischen Standpunkt aus als Negation der +Zahl überhaupt erscheint. Die Arabeske bedeutet, was dem Weltgefühl +des Urchristentums, der Gnosis, des Mithraskultes, des Neuplatonismus, +der Abwendung der ersten Christen vom Staate, dem bis zum Typus +der Styliten gesteigerten morgenländischen Einsiedlertum genau +entspricht, eine ungeheure Entwertung des Wirklichen, dem sie die +eigne Bedeutung abspricht und das sie -- man denke an die Alhambra -- +nur eines lässigen Genusses für wert hält. Der gotische Stil löst das +Stoffliche im Raume auf, die Arabeske läßt beides in einer Ungewissen +Scheinbarkeit verschwimmen. Deshalb sind die Kalifenreiche in Bagdad, +Kairo, Granada -- im Vergleich zum Staat der Pharaonen und zu dem +Ludwigs XIV. und der Hohenzollern -- Negationen eines zielbewußten +Staatsgedankens, denen gegenüber unsre Empfindung des Märchenhaften +durchaus richtig ist; deshalb löst die Arabeskenlyrik die Architektur +der Kuppelbauten von Ravenna zuletzt zur freien Laune der Moschee +von Cordova auf; deshalb verschwinden die Statue und das Mosaik der +Frühzeit und deshalb gibt es kein arabisches Drama. Es besteht eine +Homologie zwischen der maurischen Kunst und dem Rokoko, aber Mozart, +Pöppelmann und Watteau verleihen einer heiteren, späten Sinnlichkeit +trotz aller ätherischen Leichtheit ein Maximum an disziplinierter, +durchgearbeiteter, streng durchdachter Form, die Erbauer des Schlosses +M’schatta und des Alkazar von Sevilla berauben sie des Restes zugunsten +eines phantastischen Spiels. + +Diese Tendenz, die +alle+ andern Künste ausschloß und zuletzt nur +das Ornament zuließ, ist früh nachzuweisen. In der hellenistischen +Zeit erlebt die ideale Bildnisplastik -- vom Typus der Sophoklesstatue +-- allenthalben eine plötzliche Blüte, mit Ausnahme von Antiochia und +Alexandria, obwohl gerade dort die uralte Kunst Babylons und Ägyptens +eine bedeutende Tradition geschaffen hatte. + +Mit Mohammeds Bilderverbot erfolgt auch der Bildersturm im christlichen +Byzanz,[68] obwohl die Bildung menschlicher Gestalten durch die Kunst +damals schon im Erlöschen begriffen war. Dieser symbolische Akt des +christlich-islamischen Weltgefühls wiederholt also lediglich etwas, +das die Formentendenz der magischen Künste durch ihre Auflösung +in die unkörperliche, bildlose Arabeske schon verwirklicht hatte. +Es ist darauf hinzuweisen, daß die bilderstürmerische Bewegung in +den reformierten Niederlanden und im puritanischen England etwas +Ähnliches verrät, daß nämlich +die Musik im Begriff war, die Malerei +zu überwinden+. Die gotisch-florentinische Plastik war im 16. +Jahrhundert zu Ende. Die letzten großen Meister der Ölmalerei starben +am Ende des 17. Jahrhunderts. Hier muß man fühlen, was es bedeutet, +wenn eine Kunst stirbt. Die Weihe des +Raumes+, sei er magisch +oder faustisch, gestattet das „Bild“ nicht länger. Das Ursymbol der +Kultur tritt mit steigender Klarheit hervor. Arabeske und Musik heben +jede Stofflichkeit auf. Man bemerke wohl, was von den Bilderstürmern +als unzulänglich empfunden und verbannt wird: Im Abendlande aller +sinnliche Schmuck, alle Zieraten, alles, was „endlich“ und unräumlich +ist; im Arabischen nur das Bildnis, als eine Herabwürdigung des +Menschen zum Dinge. Es ist dasselbe Weltgefühl, das 449 zur endgültigen +Trennung des monophysitischen Christentums von der morgenländischen +Kirche führte, ein Schisma, dessen landschaftliche Grenze, innerhalb +deren es nicht wieder zu überwinden war, +genau+ die der spätern +islamitischen Kultur zwischen Bagdad und Kairo war und dessen Sinn +als dogmatische Vorform des Islam man noch in keiner Weise gewürdigt +hat. Was damals über das Wesen der Person Christi -- das magische +Problem seiner „zwei Naturen“ -- leidenschaftlich umstritten wurde, +deckt sich durchaus mit den gefühlten oder metaphysisch entwickelten +Einwänden, die seitdem gegen die bildliche Darstellung des Menschen +als des Gefäßes des göttlichen Pneuma erhoben worden sind. Schon die +Plastik und die Mosaikmalerei der späten Kaiserzeit -- arabischen +Ursprungs, wie wir gesehen haben -- wies auf dies Ende hin. Der +magische Ausdruck des konstantinischen Porträts, das den Leib durch +den starren, alles beherrschenden +Blick+ gewissermaßen in seiner +Wesenheit herabsetzte, ihn entkörperte, hatte zu einem großen Stil +geführt, welcher dem gnostischen und plotinischen Weltgefühl entsprach. +Er hatte an Stelle des antiken Prinzips des allseitig freistehenden +Körpers das frontale gesetzt, das eine Beziehung zwischen dem Geiste +des Dargestellten und dem des Betrachters schafft. Es erlosch mit der +arabischen Frühzeit. Aus einem ebenso tiefliegenden Grunde ist die +frühe Plastik des Abendlandes, die der Dome von Bamberg, Naumburg, +Chartres, Reims und die der Renaissance von Florenz und Nürnberg lange +vor Palestrinas und Tizians bester Zeit erloschen. + + +3 + +Der Poseidontempel von Pästum und das Ulmer Münster, Werke der reifsten +Dorik und Gotik, unterscheiden sich wie die euklidische Geometrie +der körperlichen Grenzflächen und die analytische Geometrie der Lage +von Raumpunkten in bezug auf die Raumachsen. Alle antike Baukunst +beginnt von außen, alle abendländische von innen. Die altchristlichen +Basiliken im innern Syrien und in Nordafrika, mit Entschiedenheit sich +vom antiken Baugedanken abwendend, zeigen die magisch geheimnisvollen +Schwingungen eines voll umschlossenen Raumes. Es war der erste starke +Ausdruck einer neuen Seele. Sobald der germanische Geist diesen +basilikalen Typus in Besitz nimmt, beginnt eine wunderbare Veränderung +aller Bauelemente nach Lage und Sinn, die strenge Ausbildung +abgestufter Seitenschiffe und vor allem des für die Symbolik der Dome +unendlich wichtigen Querschiffes, durch das nach dem Maße der Vierung +eine strophische Gliederung des bewegten Rauminnern erzeugt wird. +Hier im faustischen Norden bezieht sich von nun an die äußere Gestalt +des Bauwerkes, und zwar vom Dom bis zum schlichten Wohnhause, auf den +Sinn, in welchem die Gliederung des +Innenraumes+ erfolgt ist. +Die Moschee verschweigt sie, der Tempel kennt sie nicht. Man hat es +wohl nicht genügend beachtet, daß das Motiv der +Fassade+, deren +Architektur das Innere physiognomisch spiegelt und das nicht nur unsere +großen Einzelbauten, sondern das gesamte Bild unsrer Straßen, Plätze, +Städte beherrscht, der Antike ebenso fern liegt wie dem Arabertum. + +Der hellenische Tempel ist als massiver Körper gedacht und gestaltet. +Eine andere Möglichkeit gab es für das hier wirkende Formgefühl nicht. +Deshalb ist die Geschichte der antiken bildenden Kunst die unablässige +Arbeit an der Vollendung eines einzigen Ideals gewesen, der Eroberung +des freistehenden menschlichen Körpers als dem Inbegriff der reinen, +dinglichen Gegenwart. Man hat das Pathos dieser durch Jahrhunderte +verfolgten Tendenz gar nicht verstanden. Denn man hat nie gefühlt, +daß es der rein +stoffliche+, +seelenlose+ Körper, das σῶμα +ist, auf den das archaische Relief, die korinthische Tonmalerei und +das attische Fresko zielen, bis Polyklet und Phidias ihn vollkommen +zu bewältigen gelehrt haben. Man hielt mit einer erstaunlichen +Blindheit diese Art von Plastik für eine allgemein gültige und überall +mögliche, für die Plastik schlechthin, und schrieb ihre Geschichte +und Theorie, in der alle Völker und Zeiten aufgeführt wurden; und +unsre Bildhauer reden unter dem Eindruck ungeprüft hingenommener +Renaissancedogmen noch heute davon, daß der nackte menschliche Körper +der vornehmste und eigentliche Gegenstand der bildenden Kunst sei. +Man hat, wie es scheint, nie bemerkt, wie selten diese Gattung ist, +ein Einzelfall, eine Ausnahme, nichts weniger als eine Regel. In +Wahrheit hat es diese den nackten Leib frei auf die Ebene stellende +und allseitig durchbildende Statuenkunst nur einmal gegeben, eben +in der Antike, und nur dort, weil es nur diese eine Kultur mit +einer vollkommenen Ablehnung der Überschreitung sinnlicher Grenzen +zugunsten des Raumes gab. Die ägyptische Statue war immer auf die +Vorderansicht hin gearbeitet, mithin eine Abart des Flachreliefs, und +die +scheinbar+ antik empfundenen Statuen der Renaissance -- man +ist über ihre geringe Zahl erstaunt, sobald man einmal daran denkt, sie +nachzuzählen[69] -- sind nichts als eine Reminiszenz. + +Diese apollinische Plastik ist das Seitenstück zur euklidischen +Mathematik. Sie leugnen beide den reinen Raum und sehen in der ++körperlichen+ Form das a priori der Anschauung. Diese Plastik +kennt weder in die Ferne weisende Ideen noch Persönlichkeiten noch +historische Ereignisse, sondern nur das auf sich selbst beschränkte +Dasein flächenbegrenzter Leiber. Man erinnere sich hier, daß das Wort +σῶμα von den griechischen Mathematikern für stereometrische Gebilde, +von den Physikern für Substanz, vom sophokleischen Ödipus aber als +Bezeichnung seiner +Person+ gebraucht wird. + +Die Entwicklung dieser +raumlosen+ Kunst _par excellence_ +füllt die drei Jahrhunderte von 650-350, von der Vollendung der +Dorik, die gleichzeitig mit dem Beginn einer Tendenz auf Befreiung +der Figur von der frontalen ägyptischen Gebundenheit erfolgte (Apoll +von Tenea, bald nach 650) bis zum Anbruch des Hellenismus und seiner +Illusionsmalerei, die den großen Stil abschließt. Man wird diese +Plastik nie würdigen können, wenn man sie nicht als letzte und höchste +antike, +aus der Freskomalerei hervorgegangene und sie überwindende +Kunst+ begreift. Gewiß läßt sich der +technische+ Ursprung aus +den Versuchen ableiten, die dorische Holzsäule (Hera des Cheramyes) +und die zur Verkleidung am Holztempel dienende Metallplatte (Artemis +der Nikandre) figürlich zu behandeln. Als +Formideal+ aber folgt +die attische Statue aus der Einzelgestalt des Fresko. Sie hat diese +Herkunft nie verleugnet. Ihre Formensprache ist der Vierfarbenmalerei +Polygnots aufs engste verwandt, ohne sich von deren Prinzipien je +ganz befreit zu haben. Man denke an die polychrome Behandlung des +Marmors -- von der die Renaissance und Goethe nichts wußten und die +sie als barbarisch empfunden haben würden[70] -- an die Statuen aus +Gold und Elfenbein und die Emailverzierung der im natürlichen Goldton +leuchtenden Bronzen. Der Erzguß hat die Verwendung des bemalten Marmors +in der besten Zeit entschieden überragt. + +Die antike Zahl -- die +Größe+, das +Maß+ -- entspricht +zunächst der Formensprache der Tonmalerei rotfigurigen Stils und +dem späteren Fresko. Die Planimetrie insbesondere gehört zum +strengsten Flächenstil Polygnots, der weder Licht noch Schatten noch +perspektivische Verhältnisse kennt. Diese Kunst ist die organische +Vorstufe der Skulptur. Sie steht nicht neben ihr. Noch um 475 gibt +es neben Polygnot keinen ebenbürtigen Bildhauer, wie es um 1650 +neben Rembrandt noch keinen Musiker vom gleichen Range gibt. Erst +das +letzte+ Jahrhundert hat in beiden Kulturen den Sieg der +strengsten Kunst gebracht. Polyklet, der Schüler Polygnots, hat den ++Kanon der nackten Statue+ geschaffen. Um 1740, als die großen +Meister der Ölmalerei alle tot waren und Bach auf der Höhe seiner Kraft +stand, ist der strenge +Kanon des vierteiligen Sonatensatzes+ +vollendet worden. Beide bezeichnen das Maximum an Form, das aus dem +Grunde des Ursymbols -- dort des +Körpers+, hier des +Raumes+ +-- überhaupt zu erreichen war. Beide behaupten ihre Geltung bis +herauf auf Skopas und Beethoven, die, an der Grenze von Kultur und +Zivilisation, dem großen Stil nicht mehr gewachsen sind. Lysippos und +Wagner haben ihn zerstört. + +Die Pythagoräer schufen seit 540 eine Geometrie der Körper; Descartes, +Fermat und Pascal seit 1620 eine Geometrie des Raumes. So steht die +absolute Flächen- und Körperwirkung der attischen Vasengemälde homolog +neben der perspektivischen Raumkunst der Ölmalerei, die Szenen der +Françoisvase (etwa 570) neben den Landschaften Lorrains (1600 bis +1682). Jene gestalten Menschen ohne Hintergründe, diese Hintergründe +ohne Menschen (außer als „Staffage“). Das apollinische Tiefenerlebnis +kennt die Ausdehnung als Körper ohne Raum, das faustische als Raum ohne +Körper. + +Dem Fresko nächstverwandt und darum der Tendenz Rembrandts bis zum +äußersten entgegengesetzt ist das Hochrelief, eine lose Summe, keine +beziehungsreiche Gruppe von Körpern, die durchaus stereometrisch auf +die Rückwand aufgesetzt sind. Auch hier war Ägypten zweifellos das +Vorbild, an dem die Sehnsucht nach Ausdruck eigner Möglichkeiten sich +zur Klarheit der Form entwickelte. Aber die dem ägyptischen Weltgefühl +-- dem Ursymbol des +Weges+ -- entsprechende Kunst war das ++Flachrelief+ gewesen, das durch die bedeutsame Zerlegung des +werdenden Raumes in +Fläche und Tiefe+, in Sinneseindruck und +lebendige Bewegung der Betrachtenden, religiös gesprochen in +Zufall +und Notwendigkeit+, den Wandgemälden nur Länge und Breite zugesteht, +während durch die richtunggebende Gliederung des Bauwerks selbst die +Tiefe, die „dritte Dimension“ repräsentiert wird. Die Folge ist, daß +das Relief mit seinen +fortlaufenden+ Szenen (das antike ist immer ++statisch+) auch die geringste dreidimensionale Körperlichkeit +vermeidet und endlich auf diesem Wege zu der bizarren Form des ++eingesenkten+ Reliefs (_relief en creux_) vor allem der +18. Dynastie gelangt, das -- wenn man von einer einzigen, aber höchst +bezeichnenden Ausnahme in der altchinesischen Kunst absieht -- ohne +Beispiel in der Welt ist und die extremste Form einer unkörperlichen, +zweidimensionalen Plastik darstellt. + +Während die ägyptische Statue an eine Wand gelehnt war und die +gotische, selbst die Donatellos, nur als architektonisches Motiv, +etwa im Einklang mit einem Nischenraum, ganz zu verstehen ist, stand +die hellenische allseitig frei auf der Ebene. Es ist das einzige, +auch von der Renaissance nicht wiederholte Beispiel eines Kunstwerks, +das von +allen+ Seiten, nicht nur von der durch den Künstler +gewählten, betrachtet sein will. So verlangte es der Weltgedanke eines +Kosmos, in dem alle Einzeldinge sichtbar und gleichgeordnet sind, +ohne in ihrer Wesenheit durch irgendwelche (notwendig räumliche) +Beziehungen beschränkt zu sein. Denn einen bestimmten Standort für +den gewollten Eindruck voraussetzen heißt eine räumliche Beziehung +zwischen Betrachter und Werk in dessen Formensprache legen. Die +Geometrie Euklids aber kennt keine „Funktionen“. Auch die Giebelgruppen +hellenischer Tempel stellen, wenn man nicht gewaltsam etwas +hineindeuten will, lediglich die ökonomische Füllung einer Lücke mit +Einzelmotiven dar. + +Damit enthält die Gesamtheit der antiken Künste eine gemeinsame +Tendenz, der mit steigender Reife die Bedeutung, der Umfang und +selbst die weitere Existenz der einzelnen unterliegt. Bei Homer ist +von Götterstatuen keine Rede. Man sieht auch nicht, inwiefern der +frühdorische Dipylonstil mit ihnen vereinbar wäre. Auf den altattischen +Grabvasen erscheinen dann mythische Szenen. Die altionische Tonmalerei +von Milet und Samos kannte Historienbilder und Schlachtenschilderungen +(der Maler Bularchos war berühmt). Dann aber beginnt die Reduktion +der Möglichkeiten. Die große Symbolik der apollinischen Seele +wählt und scheidet aus. Der dorische Peripteros und die Aktstudie +gestatten gleichwenig Variationen. Polygnot erreicht den Gipfel des +malerischen Ausdrucks unter diesen strengen Bedingungen und erschöpft +ihn. Seine Kunst ist rein linienhaft, ohne Übergänge, ohne Licht- +und Schattenwirkungen, ohne Hintergrund. Er stellt auf derselben +Bildfläche eine regellose Menge von Szenen dar, die untereinander +keinerlei Verhältnis im Sinne einer Raumperspektive besitzen. Jeder +Körper steht für sich da. Der Raum zwischen ihnen, die Atmosphäre ist +das „μὴ ὄν“ und deshalb keiner malerischen Repräsentation fähig. Der +Grieche ignoriert die Tatsache, daß ferne Dinge kleiner erscheinen; +er ignoriert die Ferne, den Horizont überhaupt. Die Statue ist der +Inbegriff des +Nahen+, +Raumlosen+, optisch zu Erschöpfenden. +Sie bezeichnet den Schwerpunkt antiker Kunst. Das Drama wurde nach ++ihrem+ Vorbilde zur Kunst der berühmten „drei Einheiten“, der +Einheit des +Ortes+ vor allem, die +ein Prinzip der Statue+ +ist. Die Szenen der antiken Tragödie sind durchaus als Fresken gedacht. +Die hellenische Musik wurde zu einer Plastik von Tönen, ohne Polyphonie +und Harmonie -- die einen +Tonraum+ imaginieren -- und damit +als selbständige Kunst ohne tiefere Möglichkeiten. Während sie im +Abendlande zur ersten aller Künste aufstieg, sank sie in Athen zur +bloßen Begleiterin der andern, des Tanzes und des Dramas herab. + + +4 + +Die entsprechende Phase der abendländischen Kunst füllt die drei +Jahrhunderte von 1500 bis 1800, vom Ende der Spätgotik bis zum Verfall +des Rokoko und damit dem Ende des faustischen Stils überhaupt. In +dieser Zeit hat sich, entsprechend dem immer stärker ins Bewußtsein +tretenden Willen zur räumlichen Transzendenz, die polyphone +Instrumentalmusik zur herrschenden Kunst entwickelt. Die Plastik wird +mit steigender Entschiedenheit aus den tieferen Möglichkeiten dieser +Formenwelt ausgeschieden. + +Was die Malerei vor und nach ihrer Verlagerung von Florenz nach +Venedig, was also die Malerei Raffaels und Tizians als zwei ganz +verschiedene Künste kennzeichnet, ist der plastische Geist in der +einen, der ihre Gemälde neben das Relief, der musikalische Geist in der +andern, der ihre mit sichtbaren Pinselstrichen und Schattenwirkungen +arbeitende Technik neben die Kunst der Fuge stellt. Die Einsicht, daß +hier ein Gegensatz, kein Übergang vorliegt, ist für das Verständnis des ++Organismus+ dieser Künste entscheidend. Hüten wir uns gerade hier +vor der Annahme stationärer „Kunstgebiete“. Malerei ist nur ein Wort. +Die gotische Plastik und Malerei war ein Bestandteil der gotischen +Architektur. Sie diente ihrer strengen Symbolik wie die frühägyptische, +die früharabische, wie jede andre Kunst in diesem Stadium der Sprache +des Steins dient. Man baute Gewandfiguren auf wie Dome. Die Falten +waren ein +Ornament+ von höchster Intensität des Ausdrucks. +Man ist auf falschem Wege, wenn man vom naturalistisch-imitativen +Standpunkt aus ihre „Steifheit“ kritisiert. Die Renaissancemalerei +andrerseits ist ein höchst komplizierter Sonderfall mit antigotischen +Tendenzen auf der Oberfläche der technischen Konvention und sehr anders +gerichteten in der Tiefe. + +Ebenso ist Musik ein vages Wort. Es gab immer und überall Musik, +auch +vor+ aller eigentlichen Kultur. All diese Künste sind an +sich bereits urmenschlich. Es gibt Zeichnungen von Eiszeitmenschen, +szenische Spiele, Dichtungen und Musik von Naturvölkern aller Erdteile. +Sie bilden ein Chaos wirrer Möglichkeiten, bis die Seele einer +erwachenden Kultur hineingreift und mit Ungestüm eine gigantische +Gruppe von Künsten großen Stils -- ausnahmslos Sonderkünste und nie +wiederkehrende Formenwelten von vorübergehendem Dasein, jung, reifend, +alternd, sterbend, voller Konvention und Bedeutsamkeit, sämtlich +in die Farbe eines einzigen Ursymbols getaucht -- entwickelt. Die +antike Musik war, weil sie zum Prinzip der stofflichen Ausdehnung +kein Verhältnis besaß, wesentlich Urmusik geblieben. Hier aber, +in der faustischen Kultur, hebt sich als vollkommenes Novum die ++kontrapunktische Instrumentalmusik+, eine reine, selbständige, +alle Nachbarkünste überschattende, mit steigender Kraft alle andern in +sich auflösende Kunst von der Basis urseelenhafter Möglichkeiten ab. + +Es gibt in der Geschichte wenig Phänomene von so wunderbarer +Durchsichtigkeit wie die Entwicklung der abendländischen Musik. + +Gleichzeitig mit der Geburt des romanischen Stils im 10. Jahrhundert +beginnt die Polyphonie die einstimmigen Parallelfolgen der +„Kirchentöne“ aufzulösen.[71] Man schreibt die Einführung der +Gegenstimme (_dis-cantus_) dem Benediktiner Hucbald zu. Englische +(keltische) Einflüsse erscheinen wesentlich und ich glaube, daß hier +eine bedeutsame Parallele zu der ebenfalls damals erfolgten Vollendung +der Artussagen vorliegt, die einen mächtigen Teil des faustischen +Mythus bilden -- die Sagen von der Tafelrunde, vom Gral, vom Parzeval +und Tristan. Es sind uralte keltische Motive, die von der germanischen +Gefühls- und Gedankenwelt assimiliert werden. Man wird das Musikhafte +dieser Stoffe, das Verschwebende der Gestalten, das Grenzenlose der +Gefühle und Horizonte gegenüber der eng umschriebenen Plastizität der +homerischen Welt nicht verkennen. + +Der strenge Kontrapunkt -- der Name (_punctus contra punctum_) +wird für die „_ars nova_“ etwa seit 1330 gebraucht -- entsteht +infolge der Einführung der Terzen und Sexten seit dem 14. Jahrhundert, +und zwar in +Burgund und den Niederlanden, der Heimat der Ölmalerei +und des gotischen Stils+. Dieser gemeinsame landschaftliche Ursprung +der drei großen faustischen Formenwelten ist von höchster Bedeutung. +Hier rühren wir an ein letztes Geheimnis allen Menschentums: die +Verbundenheit der Seele mit der mütterlichen Erde, aus der alte Mythen +sie hervorgehen und zurückkehren lassen. Weiterhin erschließt sich +die innere Identität dieser Kunstform mit dem zugehörigen Prinzip +der +Zahl+. Die Kunst der Fuge ist das genaue Seitenstück zur +analytischen Geometrie. Die Koordinaten wurden durch Oresme, den +Bischof von Lisieux (1323-1382), gerade zur selben Zeit eingeführt, +als der große Niederländer Heinrich von Zeelandia (etwa 1330-1370) den +fugierten Stil zur sicheren Grundlage einer großen Kunst erhob. Von +hier an erfährt die Sprache des Tonraumes in engster Nachbarschaft zu +der des perspektivischen Bildraumes eine mächtige Entwicklung. Mit +Orlando Lasso (1532-1594) erreicht sie ihre höchsten Möglichkeiten. Sie +wird -- im strengen Gesang, in den Formen der Kantate (Messe, Passion, +Motette) -- fähig, die ganze faustische Seele, ihr ganzes Weltgefühl, +ihr ganzes Schicksal zum Ausdruck zu bringen. + +Als dann Newton und Leibniz -- seit 1660 -- die Infinitesimalrechnung +schufen, siegte die „_sonata_“, die reine Instrumentalmusik, +über die „_cantata_“. Es war der unendliche Raum, der Töne wie +der Funktionen, der den Rest des Greifbaren und Körperhaften -- +hier die menschliche Stimme, dort die linienhaften Koordinaten -- +überwältigte. Die Elemente des Nahen schwinden. Die Ferne siegt. Der +Weg vom Gesang zum körperlosen Orchesterklang entspricht dem Wege von +der geometrischen zur rein funktionalen Analysis. Zuerst entsteht eine +Anzahl kleiner Instrumentalsätze, tanz- und marschartig, alle jene +Gavotten, Gaillarden, Sarabanden, Pavanen, Giguen, Menuetten. Das +„Orchester“ bildet sich. Dann, um 1660, von der Lautenmusik ausgehend, +entsteht als große Form die +Suite+, eine zyklische Gruppe kurzer +Sätze. + +Alle Einzelheiten dieses Aufstieges lassen sich mit Beispielen aus +der gleichzeitigen Mathematik belegen. Die Dehnung des Tonkörpers ins +Unendliche, seine Auflösung vielmehr in einen unendlichen +Raum von +Tönen+, innerhalb dessen der fugierte Stil seine Gebilde wirken +läßt, wird durch die Entwicklung der +Instrumentation+ bezeichnet, +die nach immer neuen Instrumenten greift, das Orchester fortgesetzt +bereichert und differenziert, immer „entferntere“ Klänge, Farben und +Dissonanzen aufsucht. Schon Monteverdi wagte es -- bald nach 1600 +-- den Dominantseptakkord einzuführen. Im _concerto grosso_ +wirkt die Klangmasse des großen Orchesters im _continuo_ der +der _concertino_ (des Streichkörpers) in einer Weise entgegen, +die man beinahe nur durch analoge Vorstellungen der höheren Analysis +anschaulich machen kann. Uns ist diese Kunst natürlich und von +höchster seelischer Deutlichkeit. Ein Grieche würde mit Erstaunen +diese fantastische Ausgeburt eines seltsamen Ausdrucksbedürfnisses +betrachtet haben. Der Tonkörper oder Klangraum ist ein Gebilde von +derselben Transzendenz und +anti-euklidischen+ „Unwirklichkeit“ +wie der optisch unzugängliche Zahlenkörper und die vieldimensionalen +Räume, Mengen und Gruppen der Mengenlehre. Um 1740, als Euler begann, +die endgültige Fassung der funktionalen Analysis festzulegen, entsteht +die +Sonate+, die reifste und höchste Form des instrumentalen +Stils. (Einzelformen sind neben der Sonate für Soloinstrumente die +Sinfonie, das Konzert, Ouvertüre und Quartett.) Ihre vier Sätze, deren +erster die drei Themen in streng geregelter Abwandlung bringt, bilden +ein System von ebenso mächtiger Logik der Form als von absoluter +„Jenseitigkeit“. Ihr Ursprung liegt in den formalen Möglichkeiten +unsrer innigsten und innerlichsten, der Streichmusik (Corelli, +Tartini, Stamitz haben an ihrer Ausbildung teil), und so gewiß die +Geige das edelste aller Instrumente ist, welche die +faustische+ +Musik für sich erfand und ausbildete, so gewiß liegen ihre tiefsten, +ihre heiligen Momente völliger Verklärung im Streichquartett und +den verwandten Kompositionsformen. Hier, in der +Kammermusik+, +erreicht die abendländische Kunst überhaupt ihren Gipfel. Das Symbol +des reinen Raumes, das überirdischste unter allen, ist hier ebenso +vollkommen zum Ausdruck gelangt, wie das rein irdische, das der vollen +Körperlichkeit, in einer attischen Bronzestatue. Wenn eine dieser +unsagbar sehnsüchtigen Geigenmelodien einsam und klagend den Raum +durchirrt, den die Töne des Tutti um sie breiten -- bei Haydn, Mozart, +Beethoven und den großen Italienern -- so befindet man sich +der+ +Kunst gegenüber, die allein der reinsten apollinischen an die Seite zu +stellen ist, wie sie in der Athena Lemnia des Phidias erscheint. + +Damals beherrscht die Musik alle andern Künste. Sie verbannt die +Plastik der Statue und duldet nur die vollkommen musikalische, +raffiniert unantike und renaissancewidrige Kleinkunst des Porzellans, +das erfunden wurde, als die Kammermusik zur entscheidenden Geltung +gelangte. Während die gotische Plastik durchaus architektonisches +Ornament ist, menschliches Rankenwerk, ist die des Rokoko das +merkwürdige Beispiel einer Scheinplastik, die in der Tat der +Formensprache der Musik, ihres Gegensatzes im Kreise der Künste +unterliegt. Hier sieht man, bis zu welchem Grade die den Vordergrund +des Kunstlebens beherrschende Technik dem Geiste der durch sie +geschaffenen Formenwelt widersprechen kann -- zwischen welchen Faktoren +die gewöhnliche Ästhetik das Verhältnis von Ursache und Wirkung +annimmt. Man vergleiche die kauernde Venus des Coyzevox (1686) im +Louvre mit ihrem antiken Vorbilde im Vatikan. Das ist Plastik als +Musik und Plastik in ihrem eignen Namen. Man kann hier die Art der +Bewegtheit, den Fluß der Linien, das Fließende im Wesen des Steines +selbst, der wie das Porzellan gewissermaßen den festen Aggregatzustand +verloren hat, am besten durch musikalische Wendungen: staccato, +accelerando, andante, allegro, beschreiben. Daher das Gefühl, als ob +der körnige Marmor hier nicht am Platze ist. Daher die ganz unantike +Berechnung auf Licht und Schatten hin. Das entspricht dem leitenden +Prinzip der Ölmalerei seit Tizian. Was man im 18. Jahrhundert +Farbigkeit -- einer Radierung, einer Zeichnung, einer plastischen +Gruppe -- nennt, bedeutet Musik. Sie beherrscht die Malerei Watteaus +und Fragonards und die Kunst der Gobelins und Pastelle. Sprechen wir +nicht seitdem von Farbentönen und Tonfarben? Ist damit nicht die +endlich erreichte +Gleichartigkeit+ zweier oberflächlich so +verschiedener Künste anerkannt? Und sind diese Bezeichnungen nicht +angesichts +jeder+ antiken Kunst gegenstandslos? Aber die Musik +schuf auch die Architektur des berninischen Barock in ihrem Geiste um, +zum Rokoko, über dessen transzendenter Ornamentik Lichter -- Töne -- +„spielen“, um Decken, Wände, Bögen, alles Konstruktive und Wirkliche in +Polyphonie und Harmonie aufzulösen, dessen architektonische Triller, +Kadenzen und Passagen die Identität der Formensprache dieser Säle und +Galerien und der für sie erdachten Musik zu Ende führen. Dresden und +Wien sind die Heimat dieser späten und rasch verlöschenden Wunderwelt +der Kammermusik, der geschweiften Möbel, Spiegelzimmer, Schäferpoesien +und Porzellangruppen. Sie ist der letzte, herbsthaft sonnige, +vollkommene Ausdruck der abendländischen Seele. Im Wien der Kongreßzeit +starb sie dahin. + + +5 + +Die Renaissance ist, aus diesem Gesichtspunkt betrachtet -- der sie +bei weitem nicht erschöpft --, eine +Auflehnung gegen den Geist +dieser fugierten, faustischen, wälderhaften Musik+, die sich +eben anschickte, ihre Diktatur über die gesamte Formensprache der +abendländischen Kultur aufzurichten. Sie ging folgerichtig aus der +reifen Gotik hervor, in der dieser Wille unverhüllt hervorgetreten +war. Sie hat diese Abkunft nie verleugnet und ebensowenig +den +Charakter einer bloßen Gegenbewegung+, deren Art notwendig von +den Formen der Urbewegung, deren Rückwirkung auf die zögernde Seele +sie darstellt, abhängig blieb. Sie ist folgerichtig deshalb ohne +wahre Tiefe, und zwar in beiderlei Sinne -- ohne Tiefe der Idee und +ohne Tiefe der Erscheinung. Was das erste betrifft, so braucht man +nur an die entfesselte Leidenschaft zu denken, mit der das gotische +Weltgefühl sich in der ganzen abendländischen Landschaft entlädt, um +zu fühlen, was für eine Bewegung es ist, die um 1420 von einem kleinen +Kreise erlesener Geister, Gelehrter, Künstler, Humanisten ausging. +Dort handelt es sich um Sein oder Nichtsein eines neuen Seelentums, +hier um eine Frage des Geschmacks. Die Gotik ergreift das ganze Leben +bis in seine geheimsten Winkel. Sie hat einen neuen Menschen, eine +neue Welt geschaffen. Sie hat von der Idee des Katholizismus bis zum +Staatsgedanken der deutschen Kaiser, vom ritterlichen Turnier bis zum +Bilde der eben entstehenden Städte, vom Dom bis zur Bauernstube, vom +Bau der Sprache bis zum Brautschmuck der Dorfmädchen, vom Ölgemälde +bis zum Spielmannslied allem die Sprache einer einheitlichen Symbolik +aufgeprägt. Die Renaissance bemächtigte sich einiger Künste und damit +war alles getan. Sie hat die Denkweise Westeuropas, das Lebensgefühl in +nichts verändert. Sie drang bis zum Kostüm und zur Geste vor, nicht bis +zu den Wurzeln des Daseins. Sie hat zwischen Dante und Michelangelo, +die ihre Grenzen schon überschreiten, keine geniale Persönlichkeit +aufzuweisen. Und was das zweite betrifft, so hat sie selbst in Florenz +das Volkstum nicht berührt, in dessen Tiefe -- erst dies macht die +Erscheinung Savonarolas und seine ganz andre Gewalt über die Gemüter +verständlich -- der gotisch-musikalische Unterstrom ruhig dem Barock +zufließt. + +Der Renaissance als einer antigotischen und dem Geiste der +Instrumentalmusik feindlichen Bewegung entspricht in der Antike genau +die dionysische als eine antidorische und dem plastisch-apollinischen +Weltgefühl entgegengesetzte. Sie ist +nicht+ aus dem thrakischen +Dionysoskult hervorgegangen. Sie hat ihn erst als Waffe und Gegensymbol +zur olympischen Religion herangezogen, ganz ebenso wie man in +Florenz den Kult der Antike erst zur Rechtfertigung und Stärkung des +eigenen Gefühls zu Hilfe rief. Die große Auflehnung erfolgte dort +700-600 und +also+ hier 1400-1500. Es handelt sich in beiden +Fällen um einen Seelenkampf, um einen Zwiespalt im Untergrunde der +Kultur, der seinen physiognomischen Ausdruck in einer ganzen Epoche +des Geschichtsbildes, vor allem in deren künstlerischer Formenwelt +gefunden hat, um einen Widerstand der Seele gegen ihr Schicksal, das +sie nunmehr in seinem vollen Umfange begriffen hat. Die innerlich +widerstrebenden Mächte, +Fausts zweite Seele, die sich von der +andern trennen will+, suchen den Sinn der Kultur umzubiegen; die +unausweichliche Notwendigkeit soll verleugnet, aufgehoben, umgangen +werden; es ist Angst vor der Vollendung der historischen Geschicke +durch Ionik und Barock darin. Dort knüpft sie sich an den Dionysoskult +mit seinem +musikalischen, entwirklichenden+, den Körper ++vergeudenden+ Orgiasmus, hier an die literarische Tradition +des „Altertums“ und dessen Kultus der +Plastik+, die beide als +fremde Faktoren herangezogen werden, um durch die suggestive Kraft +ihrer gegensätzlichen Formensprache dem unterdrückten Gefühl einen +Schwerpunkt, ein eigenes Pathos zu verleihen und damit der Strömung in +den Weg zu treten, die dort von Homer und dem geometrischen Stil zu +Phidias, hier von den gotischen Domen über Rembrandt zu Beethoven geht. + +Aus dem Charakter einer Gegenbewegung folgt, daß es ebenso leicht +ist zu definieren, was sie bekämpft, als schwer, was sie erreichen +will. Das ist die Klippe aller Renaissanceforschung. Im Gotischen +(und Dorischen) ist es gerade umgekehrt. Es kämpft +für+, nicht ++gegen+ etwas. Aber Renaissancekunst -- das ist ganz eigentlich +antigotische Kunst. Renaissancemusik ist eine _contradictio in +adjecto_. Soweit ist alles klar. Das Übrige bringt in Verlegenheit. + +Denn die Beurteilung dieses Phänomens ist bezeichnend dafür, wie +sehr man die laut ausgesprochene Absicht mit dem tieferen Sinn einer +Bewegung verwechseln kann. Die Kritik hat seit Burckhardt jede ++einzelne+ Behauptung der führenden Geister über ihre Tendenzen +widerlegt, aber nachdem dies abgetan war, das Wort Renaissance im +alten optimistischen Sinne weiter gebraucht. Gewiß, der Unterschied +im Architektonischen, überhaupt im künstlerischen Gesamtbilde ist +auffallend, sobald man über die Alpen kommt. Aber eben deshalb, weil +diese Empfindung allzu populär ist, hätte man ihr mißtrauen und sich +fragen sollen, ob hier nicht oft der Unterschied von +Nord und +Süd+ innerhalb ein und derselben Formenwelt einen Unterschied von +gotisch und antik vortäuscht. Der Laie wird, wenn man ihn vor die +Frage stellt, ob der große Klosterhof von S. Maria Novella oder die +Fassade des Palazzo Medici zur Gotik gehört, sicherlich falsch raten. +Andernfalls hätte der plötzliche Wandel des Eindrucks nicht jenseits +der Alpen, sondern erst jenseits des Apennins beginnen müssen, denn +Toskana ist eine künstlerische Insel in Italien selbst. Oberitalien +gehört einer byzantinisch gefärbten Gotik, Rom ist bereits die Stadt +des Barock. Die Änderung der Empfindung erfolgt aber gleichzeitig ++mit der des Landschaftsbildes+. + +Tatsächlich hat Italien die Geburt des gotischen Stils nicht miterlebt. +Es stand um 1000 unter der unbedingten Herrschaft morgenländischer +Kunstformen. Erst die reife Gotik hat hier Wurzel gefaßt, aber als +klimatisch gemilderte Fremdheit. Sie assimilierte oder verdrängte nicht +etwa einen angeblichen Nachklang der Antike, sondern ausschließlich +eine byzantinisch-sarazenische Formensprache, die von der Levante +ausstrahlt und der Ravenna, Lucca, Pisa, Venedig, unter den +einflußreichen Bauten das moscheenhafte Pantheon, San Marco, aber auch +der Komposition und dem Geiste nach San Miniato und das Baptisterium in +Florenz angehören. + +Wäre die Renaissance eine Erneuerung des antiken Weltgefühls gewesen +-- aber was heißt das? --, so hätte sie den Kultus des umschlossenen +und rhythmisch gegliederten +Raumes+ durch den des +massiven +Baukörpers+ ersetzen müssen. Aber davon ist nie die Rede gewesen. Im +Gegenteil. Die Renaissance pflegt ganz ausschließlich eine Architektur +des Raumes, den ihr die Gotik vorschrieb, nur daß sein Atem, seine +klare, ausgeglichene Ruhe im Gegensatz zum Sturm und Drang, zur wilden +Bewegtheit des Nordens anders ist, nämlich +südlich+, sonnig, +sorglos, hingegeben. Nur darin liegt der Widerspruch. Man kann diese +Architektur beinahe auf +Fassaden+ und +Höfe+ reduzieren. + +Aber die Konzentration des Baugedankens auf +eine Außenseite+, +welche den Geist der innern Struktur spiegelt, ist spezifisch nordisch +und in einer sehr tiefen Weise +mit der Porträtkunst+ verwandt, +und der Hallenhof ist vom Sonnentempel zu Baalbek bis zum Löwenhof +der Alhambra spezifisch +arabisch+.[72] Der Tempel von Pästum, +ganz Körper, steht inmitten dieser Kunst vollkommen vereinsamt da. +Ebensowenig ist die florentinische Plastik +freie+ Rundplastik +attischer Art. Jede ihrer Statuen fühlt noch eine unsichtbare +Nische oder Wand hinter sich, in welche die gotische Plastik deren ++wirkliche+ Urbilder hineinkomponiert hatte. + +Zieht man von den Vorbildern der Renaissance alles ab, was nach der +augusteischen Zeit entstanden, also der magischen Formenwelt zugehörig +ist, so bleibt buchstäblich nichts übrig. Nicht einmal die meist +von Semiten entworfenen Bauten der Kaiserzeit, die Thermen, Tempel, +Fora, haben wesentlich eingewirkt. Um so stärker wirkte Byzanz. Ich +hatte schon auf die entscheidende Tatsache hingewiesen, daß jenes +Motiv, welches die Renaissance geradezu +beherrscht+ und seiner +Südlichkeit wegen uns als ihr edelstes Kennzeichen gilt, +die +Verbindung von Rundbogen und Säule+, allerdings höchst ungotisch, +im antiken Stil aber gar nicht vorhanden ist, vielmehr das in Syrien +entstandene +Leitmotiv der magischen Architektur+ darstellt. +Als wirklich am Ende des Quattrocento einige Meister begannen, +streng antike Formen zu kopieren und den Inhalt römischer Schriften +in akademische Wirklichkeit umzusetzen, war die Bewegung innerlich +schon zu Ende. Nicht sie hat den Norden unterworfen und das Barock +geschaffen. Der Barockstil, der legitime Erbe des gotischen, hat ihre +Formen als Beute sich angeeignet. + +Alles „Antigotische“, das sie heranzieht, ist demnach byzantinisch +oder sarazenisch; der gesamte Kirchenstil Italiens -- und eine +Kunst ohne Beziehung zur Kirche ist damals kaum denkbar -- stammt +von den Sitzen +arabischen+ Formgefühls. Und gerade jetzt +empfängt man vom Norden die entscheidenden Einwirkungen, welche +im Süden den Schritt von der Gotik zum Barock vollziehen halfen. +In der +flämisch-burgundischen+ Landschaft (dem Gegenpol von +Toskana im Stilwerden!), zwischen Paris,[73] Amsterdam und Köln sind ++gleichzeitig+ um 1400 die Kunst des +Kontrapunkts+ und der ++Ölmalerei+ entwickelt worden, jener durch Heinrich von Zeelandia, +Dufay und Okeghem, diese durch Jan van Eyck und Rogier van der Weyden. +1428 kam Dufay in die päpstliche Kapelle und um 1450 war Rogier in +Italien und übte dort einen kaum zu unterschätzenden Einfluß auf die +florentiner Meister. Antonello da Messina, der um 1470 die Ölmalerei +nach Venedig brachte, war der Schüler eines Flamländers. Wie viel +Niederländisches und wie wenig „Antike“ ist in den Bildern von Filippo +Lippi, Ghirlandajo und Botticelli, vor allem von Pollaiuolo! Was +verdankt die römische und venezianische Schule dem Meister Willaert +aus Brügge (1516 in Rom), dem Erfinder des Madrigals! Aus Flandern und +Brabant dringt in die lombardische Gotik, die eben im Begriffe stand, +durch die Aneignung südöstlicher Formen in Widerspruch zum nordischen +Geist zu treten, eben jenes Element nordischen Unendlichkeitsgefühles, +das den künstlerischen Geist der Renaissance wieder auflösen und durch +die Sprache des Barock in den großen Strom zurückführen sollte. + +Gerade damals führte auch Nikolaus Cusanus, Kardinal und +Bischof von Brixen (1401-1464), das Infinitesimalprinzip, diese ++kontrapunktische+ Methode der Zahlen, in die Mathematik ein, +die er aus der Idee Gottes als des unendlichen Wesens ableitete. +Leibniz verdankt ihm die entscheidende Anregung zur Durchführung der +Differentialrechnung. Aber damit bereits hatte er der dynamischen, der +Barockphysik Newtons die Waffe geschmiedet, mit der sie die statische +Idee einer südlichen Physik, die an Archimedes anknüpfte und noch in +Galilei wirksam war, überwand. + +Die Hochrenaissance ist der Augenblick einer +scheinbaren+ +Verdrängung des Musikalischen aus der faustischen Kunst. In Florenz, +an dem einzigen Punkte, wo die antike und die abendländische +Kulturlandschaft aneinandergrenzen, ist während einiger Jahrzehnte +durch einen großartigen Akt ganz eigentlich metaphysischer Auflehnung +ein Bild der Antike aufrecht erhalten worden, das seine tieferen Züge +ohne Ausnahme der Negation gotischer verdankte und das dennoch seine +Gültigkeit vor unserem Gefühl, wenn auch nicht vor unserer Kritik, über +Goethe hinaus noch heute behauptet. Das Florenz des Lorenzo de Medici +und das Rom Leos X. -- das +ist+ für uns antik; das ist das ewige +Ziel unsrer geheimsten Sehnsucht; +das+ allein erlöst von aller +Schwere, aller Ferne, nur weil es antigotisch ist. So streng ist der +Gegensatz apollinischen und faustischen Seelentums ausgeprägt. + +Aber man täusche sich nicht über den Umfang dieser Illusion. Man +pflegte in Florenz Fresko und Relief, im Widerspruch zum gotischen +Glasgemälde und zum arabischen Goldgrundmosaik. Es war die einzige Zeit +des Abendlandes, wo die Skulptur den Rang einer freien Kunst einnahm. +Im Bilde dominieren die Gruppen, die Körper, die tektonischen Elemente +der Architektur. Die Hintergründe haben keinen eignen Wert und dienen +nur als Folie für die greifbare Gegenwart der Vordergrundgestalten. +Hier stand die Malerei eine Zeitlang unter der Herrschaft der Plastik. +Verrocchio, Pollaiuolo und Botticelli waren Goldschmiede. Aber diese +Fresken haben trotzdem nichts vom Geiste Polygnots. Hier wiederholt +sich, was ich oben für die Architektur bemerkt hatte. Die große Tat +Giottos und Masaccios, die Schöpfung einer Freskomalerei, +scheint+ +nur eine Erneuerung der alten Fühlweise zu sein. Das Tiefenerlebnis, +das Ideal der Ausdehnung, welches ihr zugrunde liegt, ist nicht der +apollinische raumlose, in sich beschlossene Körper, sondern der ++gotische Bildraum+. So sehr die Hintergründe zurücktreten, sie sind +doch da. Aber wieder ist es die Lichtfülle, die Durchsichtigkeit, +die mittägige große Ruhe des Südens, die in Toskana und nur hier den +dynamischen Raum zum statischen macht. Waren es auch +Bildräume+, +die man malte, so erlebte man sie doch nicht als ein unbegrenztes, +musikalisch-webendes Sein, sondern hinsichtlich ihrer sinnlichen ++Begrenztheit+. Man gab ihnen gewissermaßen Körper. Man pflegte, +mit einer wirklichen Nähe zum hellenischen Ideal, die Zeichnung, +die scharfen Konturen, die körperlichen Grenzflächen -- nur daß sie +hier den +einen+ perspektivischen Raum gegen die Dinge, in Athen die +einzelnen Dinge gegen das Nichts abgrenzten --; und in demselben Grade, +als die Woge der Renaissance sich wieder glättete, läßt die +Härte+ +dieser Tendenz nach und das _sfumato_ Lionardos, das Verschwimmen der +Ränder mit dem Hintergrund führt das Ideal einer musikalischen an +Stelle einer reliefmäßigen Malerei herauf. Ebensowenig ist die latente +Dynamik der toskanischen Skulptur zu verkennen. Zur Reiterstatue des +Verrocchio würde man vergebens ein attisches Seitenstück suchen. Diese +Kunst war eine +Maske+, eine Geste, zuweilen eine Komödie, aber nie +ist eine Komödie besser zu Ende gespielt worden. Der unsagbar innigen +Reinheit der Form gegenüber vergißt man, was die Gotik an Urgewalt und +Tiefe voraus hat. Aber es muß noch einmal gesagt werden: die Gotik +ist die +einzige+ Grundlage der Renaissance. Die Renaissance hat die +wirkliche Antike nicht einmal berührt, geschweige denn verstanden +und „wiederbelebt“. Das unter literarischen Eindrücken stehende +Bewußtsein einer sehr kleinen, erlesenen Klasse von Menschen hat den +verführerischen Namen -- Wiedergeburt der Antike -- geprägt, um dem +Negativen der Bewegung eine Wendung ins Positive zu geben. Er beweist, +wie wenig solche Strömungen von sich selbst wissen. Man wird hier +nicht +ein+ großes Werk finden, das die Zeitgenossen des Perikles +oder selbst die Cäsars nicht als völlig fremd abgelehnt hätten. Diese +Palasthöfe sind maurische Höfe; die Rundbögen auf den schlanken Säulen +sind syrischen Ursprungs. Cimabue lehrte sein Jahrhundert, die Kunst +der byzantinischen Mosaiken mit dem Pinsel nachzubilden. Von den beiden +berühmten Kuppelbauten der Renaissance ist die florentiner Domkuppel +Brunellescos ein Meisterwerk der späten Gotik, die von St. Peter +eines des strengen Barock. Und als Michelangelo sich vermaß, hier +„das Pantheon auf die Maxentiusbasilika zu türmen“, wählte er zwei +Bauwerke vom reinsten früharabischen Typus. Und das Ornament -- ja, +gibt es denn überhaupt ein echtes Renaissanceornament? Ich sehe in den +frühflorentinischen Motiven der Majano, Ghiberti, Pisano etwas sehr +Nordisches. Man unterscheide doch an all diesen Kanzeln, Grabmälern, +Nischen, Portalen die äußerliche, übertragbare Form -- als solche ist +die ionische Säule ja selbst ägyptischer Herkunft -- vom Geist der +Formensprache, der sie als Mittel und Zeichen einverleibt wird. Alle +antiken Details sind gleichgültig, solange sie etwas Unantikes durch +die Art ihrer Verwendung ausdrücken. Aber bei Donatello kommen sie auch +kaum vor. Bei allen Meistern einer Zeit sind sie weit seltener als +im hohen Barock. Ein streng antikes Kapitäl wird man überhaupt nicht +finden. + +Und trotzdem ist für Augenblicke etwas Wunderbares erreicht worden, +das durch Musik +nicht+ wiederzugeben ist, ein Gefühl für das Glück +der vollkommenen +Nähe+, für reine, ruhende, +erlösende+ Raumwirkungen +in +einfachen+ Verhältnissen lichter Gliederung, frei von der +leidenschaftlichen Bewegtheit von Gotik und Barock. Das ist nicht +antik; denn die Antike kennt den Raum nicht, aber es ist ein Traum von +antikem Dasein, der einzige, den die faustische Seele träumen, in dem +sie sich vergessen konnte. + + +6 + +Und nun erst, mit dem 16. Jahrhundert, beginnt in der abendländischen +Malerei die entscheidende Phase. Die Vormundschaft der Architektur im +Norden, der Skulptur im Süden erlischt. Die Malerei wird polyphon, ins +Unendliche schweifend. Die Farben werden Töne. Die Kunst des Pinsels +wird dem Stil der Fuge unterworfen. Die Ölfarbentechnik wird zur Basis +einer Kunst, die den +Raum+ imaginieren will, an den die Dinge +sich verlieren. Mit Lionardo beginnt der Impressionismus. + +Im Gemälde vollzieht sich damit eine Umwertung aller Elemente. Der +bis dahin gleichgültig entworfene, als Füllung angesehene, man +möchte sagen als Raum verheimlichte Hintergrund gewinnt Bedeutung. +Eine Entwicklung setzt ein, die in keiner andern Kultur, auch nicht +in der sonst vielfach nahe verwandten chinesischen ihresgleichen +hat: Der Hintergrund als das Zeichen des Unendlichen überwindet den +sinnlich-greifbaren Vordergrund. Es gelingt endlich -- das ist der +malerische im Gegensatz zum zeichnerischen Stil --, das Tiefenerlebnis +der faustischen Seele im Bilderlebnis restlos zu bannen. Der ++Horizont+ taucht im Bilde auf als großes Symbol des ewigen +grenzenlosen Weltraumes, der die sichtbaren Einzeldinge als Zufälle +in sich begreift. Man hat seine Darstellung im Landschaftsgemälde +als so selbstverständlich empfunden, daß man nie die entscheidende +Frage gestellt hat, wo überall er +fehlt+ und was dieses +Fehlen bedeutet. Man wird aber weder im ägyptischen Relief noch im +byzantinischen Mosaik noch auf antiken Vasenbildern und Fresken, nicht +einmal denen des Hellenismus mit ihrer Vordergrundräumlichkeit eine +Andeutung des Horizontes finden. Der Begriff des Hintergrundes ist +demnach auf all diese Künste gar nicht anwendbar. Diese Linie, in deren +unwirklichem Duft Himmel und Erde verschwimmen, der Inbegriff und die +stärkste Potenz des Fernen, enthält das Infinitesimalprinzip. Man +denke auch an die Konvergenz unendlicher Reihen. Die perspektivischen +Fernen sind das spezifisch musikalische Element im Bilde und die +Landschaften Van de Capelles, Van de Veldes, Cuyps, Rembrandts sind +deshalb ganz eigentlich +nur+ Hintergründe, nur Atmosphären, wie +umgekehrt „antimusikalische“ Meister wie Signorelli und vor allem +Mantegna nur Vordergründe -- „Reliefs“ -- malten. In diesem Element +siegt die Musik über die Plastik, die Kapazität der Ausdehnung über +ihre Substanzialität. Man darf sagen, daß es in keinem Gemälde +Rembrandts ein „vorn“ gibt. Im Norden, in der Heimat des Kontrapunkts, +ist ein tiefes Verständnis für den Sinn des Horizontes und hell +belichteter Fernen schon früh zu finden, während im Süden der flach +abschließende Goldgrund arabisch-byzantinischer Bilder noch lange +herrschend bleibt. In Miniaturen und Stundenbüchern (wie dem des +Herzogs von Berry), bei frührheinischen Meistern taucht das reine +Raumgefühl zuerst auf und erobert sich langsam das Tafelbild. + +Denselben symbolischen Sinn haben die Wolken, deren künstlerische +Behandlung der Antike gleichfalls völlig versagt war und die +von den Malern der Renaissance mit einer gewissen spielerischen +Oberflächlichkeit behandelt wurden, während der gotische Norden sehr +früh wundervoll mystische Fernblicke auf und durch Wolkenmassen schafft +und die Venezianer, vor allem Giorgione und Paul Veronese, den vollen +Zauber der Wolkenwelt, der von schwebenden, ziehenden, geballten, +tausendfarbig belichteten Wesen erfüllten Himmelsräume erschlossen und +die Niederländer ihn bis zum Tragischen steigerten. Greco hat die große +Kunst der Wolkensymbolik nach Spanien gebracht. + +In der ebenfalls damals, zugleich mit der Ölmalerei und dem Kontrapunkt +herangereiften +Gartenkunst+ erscheinen dementsprechend die +langgestreckten Teiche, Buchengänge, Alleen, Durchblicke, Galerien, +um auch im Bilde der freien Natur dieselbe Tendenz zum Ausdruck zu +bringen, welche die von den frühen Niederländern als Grundaufgabe +ihrer Kunst empfundene und von Brunellesco theoretisch behandelte +Linearperspektive im Gemälde repräsentiert. Man wird finden, daß sie, +ich möchte sagen als die mathematische Weihe des durch den Rahmen +seitlich abgegrenzten und in die Tiefe mächtig gesteigerten Bildraumes +-- Landschaft oder Interieur -- gerade damals mit einer gewissen +Absichtlichkeit zum Vortrag gebracht wurde. Das Ursymbol kündigt sich +an. Im Unendlichen liegt der Punkt, in dem alle perspektivischen +Linien zusammentreffen. Weil sie ihn vermied, weil sie die Ferne +nicht anerkannte, besaß die antike Malerei keine Perspektive. Ihre +Vasengemälde sind, als Einheit, weder Landschaft noch Innenraum, +sondern +Nichts+, τὸ μὴ ὄν. Nur das einzelne gilt. Die Menschen +sind, jeder für sich, als σώματα, ohne Beziehung auf etwas außer ihnen +dargestellt. Sie bilden eine Summe, keine atmosphärisch zusammengefaßte +Totalität. +Folglich+ ist auch der Park, die bewußte Gestaltung +der Natur im Sinne räumlicher Fernwirkung, innerhalb der antiken Künste +unmöglich. Es gab in Athen und Rom keine perspektivische Gartenkunst. +Erst die Kaiserzeit fand an orientalischen Anlagen Geschmack. + +Das bedeutsamste Element im abendländischen Gartenbilde ist mithin +der _point de vue_ der großen Rokokoparks, auf den sich ihre +Alleen und beschnittenen Laubgänge öffnen und durch den sich der +Blick in weite schwindende Fernen verliert. Er fehlt selbst der +chinesischen Gartenkunst. Aber er hat ein vollkommenes Gegenstück in +gewissen hellen, silbernen „Fernfarben“ der pastoralen Musik des 18. +Jahrhunderts, bei Couperin z. B. Erst der _point de vue_ gibt +den Schlüssel zum Verständnis dieser seltsamen menschlichen Art, die +Natur der symbolischen Formensprache einer Kunst zu unterwerfen. +Die Auflösung endlicher Zahlengebilde in unendliche Reihen ist das +verwandte Prinzip. Wie hier die Formel des Restgliedes den letzten Sinn +der Reihe, so ist es dort der Blick ins Grenzenlose, der dem Auge des +faustischen Menschen den Sinn der Natur erschließt. +Wir+ waren +es und nicht die Hellenen, nicht die Menschen der Hochrenaissance, +welche die unbegrenzten Fernsichten vom Hochgebirge aus schätzten und +suchten. Das ist eine faustische Sehnsucht. Man will +allein+ +mit dem unendlichen Raume sein. Dies Symbol bis zum äußersten zu +steigern war die große Tat der nordfranzösischen Gartenbaumeister, vor +allem Lenôtres. Man vergleiche den Renaissancepark der mediceischen +Zeit mit seiner Übersichtlichkeit, seiner heitren Nähe und Rundung, +dem Kommensurablen seiner Linien, Umrisse und Baumgruppen mit diesem +geheimen Zug in die Ferne, der alle Wasserkünste, Statuenreihen, +Gebüsche, Labyrinthe bewegt, und man findet in diesem Stück +Gartengeschichte das Schicksal der abendländischen Ölmalerei wieder. + +Aber Ferne -- das ist zugleich eine +historische+ Empfindung. ++Der Barockpark ist der Park der späten Jahreszeit+, des nahen +Endes, der fallenden Blätter. Ein Renaissancepark ist für den Sommer +und den Mittag gedacht. Er ist zeitlos. Nichts in seiner Formensprache +erinnert an Vergänglichkeit. Erst die Perspektive ruft die Ahnung von +etwas Vergehendem, Flüchtigem, Letztem wach. + +Schon das bloße Wort „Ferne“ hat in der abendländischen Lyrik +aller Sprachen einen wehmütig herbstlichen Akzent, den man in der +griechischen vergebens sucht. Die moderne Poesie der welkenden Alleen, +der endlosen Straßenzüge unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines +Domes, der Gipfel einer fernen Gebirgskette, verrät noch einmal, daß +das Tiefenerlebnis, das uns den Weltraum schafft, im letzten Grunde +die innere Gewißheit eines Schicksals, einer vorbestimmten Richtung, +der +Zeit+, des Unwiderruflichen ist. Hier, im Erlebnis des +Horizontes als der Zukunft, tritt die Identität der Zeit mit der +„dritten Dimension“ des +erlebten+ Raumes unmittelbar zutage. Es +ist ein eminent historisches Gefühl, eine Richtung der ganzen Seele auf +Ferne und Zukunft, das den großen Parks ihre Gestalt gab. Baudelaire, +Verlaine und Droem haben es in Verse gebracht. Die Ägypter, darin +uns nahe verwandt, legten es ihrer Architektur durch das Prinzip der +zyklischen Wiederholung zugrunde; sie schufen Alleen von Lotossäulen, +Statuen und Sphinxen. Wir haben zuletzt auch das Straßenbild der großen +Städte dieser Grundidee des Versailler Parkes unterworfen und mächtige +geradlinige, in der Ferne schwindende Straßenfluchten angelegt, selbst +unter Aufopferung althistorischer Viertel -- deren Symbolik jetzt die +geringere geworden war --, während antike Weltstädte mit ängstlicher +Sorgfalt das Gewirr krummer Gäßchen vorschoben, damit der apollinische +Mensch sich in ihnen als Körper unter Körpern fühle. Das „praktische +Bedürfnis“ war hier wie immer die Maske eines tiefinnerlichen Zwanges. + +Der Horizont sammelt von nun an die tiefere Form, die metaphysische +Bedeutung des Bildes in sich. Der greifbare und mit Worten +wiederzugebende +Inhalt+ -- nicht Gehalt --, womit die körperliche +Realität gemeint ist, die von der Renaissancemalerei allein betont und +anerkannt worden war, wird nun zum +Mittel+, zum +Träger+ +des Ausdrucks. Bei Mantegna und Signorelli hätte der gezeichnete +Entwurf, auch ohne die koloristische Ausführung, als Bild bestehen +können. In einzelnen Fällen möchte man wünschen, es wäre bei den +Kartons geblieben. In statuenhaften Kompositionen ist die Farbe +lediglich etwas Akzidentielles. Tizian aber mußte von Michelangelo den +Vorwurf hören, daß er nicht zu zeichnen verstünde. Der „Gegenstand“, +eben das, was sich durch Umrißzeichnung festhalten läßt, das Nahe, +Stoffliche, hat, künstlerisch betrachtet, seine Wirklichkeit verloren +und von nun an herrscht in der Ästhetik, die unter den theoretischen +Eindrücken der Renaissance stehen blieb, jener seltsame nie endende +Streit um „Form“ und „Inhalt“ im Kunstwerk. Die Formulierung beruht +auf einem Mißverständnis und hat den sehr bedeutenden Sinn der Frage +verdeckt. Ob die Malerei plastisch oder musikalisch aufgefaßt werden +solle, als Statik von Dingen oder als Dynamik des Raumes -- denn +darin liegt der Gegensatz von Fresko- und Öltechnik --, ist das +erste, der Gegensatz apollinischen und faustischen Formgefühls das +zweite, was zu erwägen war. Umrisse begrenzen Stoffliches, Licht und +Schatten interpretieren den Raum. Aber das eine ist von unmittelbar +sinnlicher Natur. Es +erzählt+. Der Raum ist seinem Wesen nach +transzendent. Er spricht zur Einbildungskraft. Er repräsentiert eine ++Idee+. Für eine Kunst, die unter seiner Symbolik steht, ist das +erzählende Moment eine Herabsetzung und Verdunkelung der tieferen +Tendenz, und ein Theoretiker, der hier ein Mißverhältnis zwischen +Sollen und Wollen fühlt, aber nicht begreift, klammert sich an den +nächstliegenden und trivialen Gegensatz von Inhalt und Form. Das +Problem ist ein rein abendländisches und es enthüllt in einer selten +lehrreichen Weise die vollkommene Umkehrung, die sich in der Bedeutung +der Bildelemente mit dem Abschluß der Renaissance und der Heraufkunft +einer Musik großen Stils vollzogen hat. Mit „Inhalt“ wird immer wieder +der optisch-körperliche Eigenwert der dargestellten Objekte gemeint +(worüber sich die Gegner des Impressionismus zu täuschen pflegen). Dies +ist die +euklidische+ Form der Malerei, welche die Antike und also +auch, im Rahmen der gotischen Formensprache, Florenz gepflegt hatten. +Die Antike konnte mithin ein Problem wie das von Form und Inhalt +gar nicht besitzen. Für eine attische Statue ist beides vollkommen +identisch: der menschliche Leib. Der Fall der Barockmalerei wird noch +verwickelter durch den Widerstreit des +volkstümlichen und des +höheren+ Empfindens. Alles Euklidisch-greifbare ist auch populär +und das „Altertum“ mithin die populäre Kunst _par excellence_. +Dies ist nicht zum wenigsten der unnennbare Reiz, den alles Antike +auf faustische Geister ausübt, die ihren Ausdruck +erkämpfen+, +der Welt abringen müssen. Hier braucht nichts erobert zu werden. Es +gibt sich von selbst. Und etwas Verwandtes hat der antigotische Zug in +Florenz hervorgerufen. Raffael ist populär, Rembrandt kann es nicht +sein. Seit Tizian ist die Malerei immer esoterischer geworden, auch +die Poesie, auch die Musik. Die Gotik -- Dante, Wolfram -- war es von +Anfang an gewesen. Die große Menge der Kirchenbesucher ist gar nicht +imstande, Motetten von Bach und Palestrina zu verstehen. Sie langweilt +sich bei Mozart und Beethoven. Sie läßt Musik lediglich auf die +Stimmung wirken. In Konzerten und Galerien redet man sich nur Interesse +an diesen Dingen ein, seit die Aufklärung die Phrase von der Kunst für +alle geprägt hat. Aber eine faustische Kunst ist nicht für alle. Das +gehört zu ihrem innersten Wesen. Wenn die neuere Malerei sich nur noch +an einen kleinen Kreis von Kennern wendet, der immer enger wird, so +entspricht das der Abwendung vom gemeinverständlichen novellistischen +Gegenstande. Damit ist dem sinnlichen Detail der Eigenwert aberkannt +und die eigentliche Wirklichkeit dem Raume zugesprochen, +durch+ +den -- nach Kant -- erst die Dinge +sind+. Es ist seitdem ein +schwer zugängliches metaphysisches Element in die Malerei gekommen, das +sich dem Laien nicht preisgibt. Aber bei Phidias würde das Wort Laie +keinen Sinn haben. Seine Plastik wendet sich ganz an das leibliche, +nicht das geistige Auge. +Eine raumlose Kunst+ ist +a priori +unphilosophisch+. + + +7 + +Hiermit hängt ein wichtiges Prinzip der +Komposition+ zusammen. +Man kann im Gemälde die einzelnen Dinge unorganisch über-, neben-, +hintereinander stellen, ohne Perspektive und Distanz, d. h. ohne die +Abhängigkeit ihrer Wirklichkeit von der Struktur des Raumes zu betonen, +womit nicht gesagt ist, daß man sie leugnet. So zeichnen Naturmenschen +und Kinder, bevor das Tiefenerlebnis als Ausdruck eines höheren +inneren Seins die sinnlichen Welteindrücke einem ordnenden Prinzip +unterwirft. Aber dies Prinzip ist dem Ursymbol gemäß in jeder Kultur +ein anderes. Die uns selbstverständliche Art perspektivischer Ordnung +ist ein Einzelfall und von keiner anderen Malerei weder anerkannt noch +gewollt. Die ägyptische Kunst wählte grundsätzlich die Darstellung +mehrerer gleichzeitiger Vorgänge in Reihen übereinander. So wurde die +dritte Dimension aus dem Bildeindruck ausgeschaltet. Die apollinische +Kunst legte mehr und mehr Gewicht auf den einzelnen Körper und stellte +isolierte Figuren und Gruppen unter absichtlicher Vermeidung räumlicher +und zeitlicher Beziehungen in die Bildfläche. Polygnots Fresken in der +Lesche von Delphi waren ein berühmtes Beispiel. Ein Hintergrund, der +die einzelnen Szenen verbunden hätte, fehlt. Er würde die Bedeutung +der Dinge als des allein Wirklichen -- gegenüber dem Raum als dem +Nichtseienden -- in Frage gestellt haben. Die Giebel des Tempels von +Ägina und des Parthenon enthalten eine Mehrzahl von Einzelfiguren, +keinen Organismus. Hierin empfand die Renaissance mit Notwendigkeit +gotisch, d. h. räumlich. Erst der Hellenismus -- der Telephosfries +des Altars von Pergamon ist das früheste erhaltene Beispiel -- bringt +das unantike Motiv der fortlaufenden Reihe, das in den Triumphsäulen +der Kaiserzeit seltsame Blüten getrieben hat. Aber das ist bereits ++Verismus+, die spezifisch weltstädtische Art, Kunst zu machen, +rein virtuosenhaft, ohne ein in der Tiefe wirkendes Symbol. Das ist +außerdem +Ägyptizismus+, der in dieser Zivilisation seit 300 eine +ähnliche Rolle spielt wie der Japanismus für das 19. Jahrhundert. Man +entlehnt exotische Formen, um einen Stil und damit die Illusion einer +großen Kunst hervorzubringen. + +Die Barockmalerei ist demgegenüber an der +einen+ Aufgabe zur +Höhe emporgewachsen, den +unendlichen Raum+ mittels der Farbe zu +schaffen. Sie spricht den Dingen nur insofern Wirklichkeit zu, als sie +Träger der Farbe und Zeugen atmosphärischer Lichtwirkungen sind und +dadurch die reine, nichtstoffliche Ausdehnung zum Ausdruck bringen. Der +Gegenstand wird zum +Mittel+, das im Raum symbolisierte Weltgefühl +zum +eigentlichen Inhalt+ des Gemäldes. Deshalb verschwindet +mit dem Ende der Renaissance zugleich mit der Plastik -- als einer +weiterer Entwicklung nicht mehr fähigen Kunst -- auch das Fresko und +das Relief und an die Stelle der figurenreichen Vordergrundszenen, +über die man den Raum vergißt, treten die „heroische Landschaft“ und +das Interieur,[74] die beide dem spezifischen Problem des Raumes den +reinsten Ausdruck gestatten. Die Darstellung von Luft und Licht nimmt +die Darstellung von Szenen lediglich zum Vorwand. + +Und nun folgt vom Ende der Renaissance an, von Orlando Lasso und +Palestrina bis auf Wagner eine ununterbrochene Reihe großer Musiker +und von Tizian bis auf Manet, Marées und Leibl eine Reihe großer Maler +aufeinander, während die Plastik zur völligen Bedeutungslosigkeit +herabsinkt. Ölmalerei und polyphone Musik durchlaufen eine organische +Entwicklung, deren Ziel in der Gotik begriffen und im Barock +erreicht wurde. Beide Künste -- faustisch im höchsten Sinne -- sind +innerhalb dieser Grenzen +Urphänomene+. Sie haben eine Seele, +eine Physiognomie und also eine Geschichte, und zwar sie allein. Die +Bildhauerei beschränkt sich auf ein paar schöne Zufälle im Schatten +der Malerei, Gartenkunst oder Architektur. Aber sie sind im Bilde +der abendländischen Kunst entbehrlich. Es gibt keinen plastischen +Stil mehr, wie es einen malerischen und musikalischen Stil gibt. +Es gibt so wenig eine geschlossene Tradition wie einen notwendigen +Zusammenhang der Werke untereinander. Schon in Lionardo entsteht +allmählich eine starke Verachtung der Bildhauerei. Er läßt höchstens +den Bronzeguß seiner malerischen Qualitäten wegen gelten, im Gegensatz +zu Michelangelo, dessen Element damals der weiße Marmor war. Aber +auch ihm will im hohen Alter keine plastische Arbeit mehr gelingen. +Keiner der späteren Bildhauer ist groß in dem Sinne, wie Rembrandt und +Bach groß sind und man wird zugeben, daß sich wohl eine tüchtige und +geschmackvolle Leistung, aber kein Werk denken läßt, das im Range neben +der Nachtwache oder der Matthäuspassion steht und in gleicher Weise die +Tiefe eines ganzen Menschentums erschöpft. Diese Kunst hat aufgehört, +das Schicksal ihrer Kultur zu sein. Ihre Sprache bedeutet nichts +mehr. Es ist völlig unmöglich, das, was in einem Bildnis Rembrandts +liegt, in einer Büste wiederzugeben. Wenn einmal ein Bildhauer von +einiger Bedeutung auftaucht wie Bernini, Puget oder Schlüter -- es +ist naturgemäß keiner unter ihnen, der über das Dekorative hinaus zu +einer großen Symbolik gelangte --, so erscheint er als verspäteter +Schüler der Renaissance (Thorwaldsen), als verkappter Maler (Houdon), +Architekt (Bernini, Schlüter) oder Dekorateur (Pigalle) und er beweist +durch sein Erscheinen nur noch deutlicher, daß diese eines faustischen +Gehaltes nicht fähige Kunst keine Bedeutung, mithin keine Seele und +keine Geschichte im Sinne einer eigentlichen Stilentwicklung mehr hat. +Dasselbe gilt dementsprechend von der antiken Musik, die in den reifen +Jahrhunderten der Ionik (650-350) den beiden apollinischen Künsten, +Plastik und Freskomalerei, das Feld räumen und mit dem Verzicht +auf Harmonie und Polyphonie auch auf den Rang einer organisch sich +entwickelnden höheren Kunst verzichten mußte. + + +8 + +Die antike Malerei beschränkte ihre Palette auf gelb, rot, schwarz und +weiß. Diese merkwürdige Tatsache ist früh bemerkt worden und hat, da +man andere als oberflächliche und ausgesprochen materialistische Gründe +gar nicht in Betracht zog, zu törichten Hypothesen wie der von einer +angeblichen Farbenblindheit der Griechen geführt. Auch Nietzsche hat +davon geredet (Morgenröte 426). + +Aber aus welchem Grunde vermied diese Malerei in ihrer besten Zeit das +Blau und sogar noch das Blaugrün und ließ erst bei den grüngelben +und bläulichroten Tönen die Skala der erlaubten Nuancen beginnen? +Ohne Zweifel kommt das Ursymbol der euklidischen Seele in dieser +Beschränkung zum Ausdruck. + +Blau und Grün sind die Farben des Himmels, des Meeres, der fruchtbaren +Ebene, der Schatten an südlichen Mittagen, des Abends und der +entfernten Gebirge. Sie sind wesentlich atmosphärische, nicht +gegenständliche Farben. Sie sind +kalt+; sie entkörpern und rufen +die Eindrücke des Weiten, Fernen und Grenzenlosen hervor. + +Deshalb geht, während das Fresko Polygnots sie streng vermeidet, ein +„infinitesimales“ Blau und Grün von den Venezianern an bis ins 19. +Jahrhundert als raumschaffendes Element durch die ganze Geschichte +der perspektivischen Ölmalerei. Und zwar als Grundton von ganz +überwiegendem Range, der den Gesamtsinn der Farbengebung +trägt+, +als Generalbaß, während die warmen gelben und roten Töne erst danach +gestimmt sind. Es ist nicht das satte, freudige, +nahe+ Grün +gemeint, das Raffael oder Dürer bei Gewändern gelegentlich -- und +selten genug -- verwenden, sondern ein unbestimmbares, in tausend +Schattierungen ins Weiße, Graue, Braune spielendes Blaugrün, etwas +spezifisch Musikalisches, in das die ganze Atmosphäre vor allem +auch auf guten Gobelins getaucht ist. Was man im Gegensatz zur +Linearperspektive Luftperspektive genannt hat und im Gegensatz zur +Renaissanceperspektive Barockperspektive hätte nennen können, beruht +fast ausschließlich auf ihm. Man findet es in Italien mit steigender +Kraft der Tiefenwirkung bei Lionardo, Guercino, Albani, in Holland +bei Ruysdael und Hobbema, vor allem aber bei den großen Franzosen, +von Poussin, Lorrain und Watteau an bis zu Corot. Das Blau, ebenfalls +eine perspektivische Farbe, steht immer in Beziehung zum Dunklen, +Lichtlosen, Unwirklichen. Es dringt nicht ein, sondern zieht in die +Ferne. „Ein reizendes Nichts“ hat es Goethe in seiner Farbenlehre +genannt. + +Blau und Grün sind transzendente, unsinnliche Farben. Sie fehlen im +strengen Freskogemälde attischen Stils und +also herrschen sie+ in +der Ölmalerei. Gelb und Rot, die +antiken+ Farben, sind die der +Materie, der Nähe und der animalischen Gefühle. Rot ist die eigentliche +Farbe der Sinnlichkeit; deshalb ist es die einzige, die auf Tiere +wirkt. Sie steht dem Symbol des Phallus -- und also der Statue und der +dorischen Säule -- am nächsten, wie andrerseits ein reines Blau den +Mantel der Madonna verklärt. Diese Beziehung hat sich mit tiefgefühlter +Notwendigkeit in allen großen Schulen von selbst eingestellt. Violett +-- ein Rot, das vom Blau überwunden wird -- ist die Farbe der Frauen, +die nicht mehr fruchtbar sind und der im Zölibat lebenden Priester. + +Gelb und Rot sind die +populären+ Farben, die der Menge, der +Kinder und der Wilden. Bei den Spaniern und Venezianern wählt der +Vornehme -- aus dem unbewußten Gefühl einer abweisenden Distanz -- +ein prächtiges Schwarz oder Blau. Gelb und Rot sind endlich-- als die ++euklidischen, apollinischen+ Farben -- die des Vordergrundes, +auch im geistigen Sinne, die einer lärmenden Geselligkeit, des Marktes, +der Volksfeste, die des naiven Vorsichhinlebens, des antiken Fatums +und des blinden Zufalls, des punktförmigen Daseins. Blau und Grün -- ++faustische+ Farben -- sind die der Einsamkeit, der Sorge, der +Beziehung des Augenblicks auf Vergangenheit und Zukunft, des Schicksals +als der dem Weltall immanenten Fügung. + +Die Beziehung des shakespeareschen Schicksals zum Raume, des +sophokleischen (des sinnlosen) zur Materie war oben festgestellt +worden. Alle Kulturen von tiefer Transzendenz, alle, deren Ursymbol +eine +Überwindung+ des Augenscheins, ein Leben als Kampf, nicht +als Hinnahme von Gegebenem fordert, haben zum Raume wie zum Blau und +Schwarz denselben metaphysischen Hang. Blau ist die Farbe der Trauer +bei den Chinesen; auch die Farbe Werthers war blau. Es besteht für mich +kein Zweifel, daß die attische Bühne gerade diese Farbe vermieden hat. +Sie widerspricht dem Geiste ihrer Tragik. + +Die Symbolik der Farben kann hier nicht weiter entwickelt werden. Tiefe +Beobachtungen über das Verhältnis zwischen der Idee des Raumes und dem +Sinn der Farben finden sich in Goethes Studien über die entoptischen +Farben in der Atmosphäre. Mit der von ihm in der Farbenlehre gegebenen +Symbolik stimmt die hier aus den Ideen von Raum und Schicksal +abgeleitete vollkommen überein. + +Die bedeutendste Verwendung eines düsteren Grün als der Farbe des +Schicksals findet sich bei Grünewald, dessen Nächte von einer +unbeschreiblichen Mächtigkeit des Raumes nur von Rembrandt wieder +erreicht werden. Hier gewinnt man auch den Eindruck, als ob man dies +bläuliche Grün, dieselbe Farbe, in welche das Innere der großen Dome so +oft gehüllt ist, als die spezifisch +katholische+ Farbe bezeichnen +dürfe, vorausgesetzt, daß man allein das durch das lateranische Konzil +von 1215 begründete und im Tridentinum endgültig fixierte nordische +Christentum mit der Eucharistie als Mittelpunkt katholisch nennt. Diese +Farbe steht in ihrer schweigsamen Größe sicherlich dem prunkvollen +Goldgrunde altchristlich-byzantinischer Bildwerke ebenso fern wie +den geschwätzig-heitren, „heidnischen“ Farben bemalter hellenischer +Tempel und Statuen. Man beachte, daß die Wirksamkeit dieser Farbe ++Innenräume+ voraussetzt im Gegensatz zum Gelb und Rot; die antike +Malerei ist eine ebenso entschieden öffentliche wie die abendländische +eine Atelierkunst. Die gesamte große Ölmalerei von Lionardo bis zum +Ende des 18. Jahrhunderts ist nicht für das grelle Tageslicht gedacht. +Hier kehrt der Gegensatz von Kammermusik und freistehender Statue +wieder. Die oberflächliche Begründung dieses Phänomens durch das Klima +wird, wenn es überhaupt nötig wäre, durch das Beispiel der ägyptischen +Malerei widerlegt. + +Die zunächst bizarre Tatsache der hellenischen Vierfarbenmalerei +ist nun erklärt. Da der unendliche Raum für das antike Lebensgefühl +ein vollkommenes Nichts ist, so würden Blau und Grün mit ihrer +entwirklichenden und Fernen schaffenden Kraft die Alleinherrschaft +des Vordergrundes, der vereinzelten Körper und damit den eigentlichen +Sinn apollinischer Kunstwerke in Frage gestellt haben. Dem Auge eines +Atheners wäre ein Gemälde in den Farben Watteaus wesenlos und von einer +schwer in Worte zu fassenden innern Leere und Unwahrheit erschienen. +Durch diese irrealen Farben wird die sinnlich empfundene, das Licht +reflektierende Fläche nicht als Grenze eines Dinges, sondern als die +des umgebenden Raumes gewertet. Deshalb fehlen sie dort und herrschen +sie hier. + + +9 + +Die arabische Kunst hat das magische Weltgefühl durch den ++Goldgrund+ ihrer Mosaiken und Tafelbilder zum Ausdruck +gebracht. Man lernt seine verwirrend märchenhafte Wirkung und +mithin seine symbolische Absicht aus den Mosaiken von Ravenna und +den von lombardisch-byzantinischen Vorbildern noch stark abhängigen +frührheinischen und vor allem norditalienischen Meistern kennen, nicht +zum wenigsten auch durch gotische Buchillustrationen, deren Vorbilder +die byzantinischen Purpurcodices waren. Die Seele dreier Kulturen ist +hier an einer nahe verwandten Aufgabe zu prüfen. Die apollinische +erkannte nur das in Ort und Zeit unmittelbar Gegenwärtige als wirklich +an -- und sie verleugnete den Hintergrund in ihren Bildwerken; die +faustische strebte über alle sinnlichen Schranken ins Unendliche +-- und sie verlegte den Schwerpunkt des Bildgedankens mittels der +Perspektive in die Ferne; die magische empfand alles Gewordene und +Ausgedehnte als die Inkarnation rätselhafter Mächte -- und sie schloß +die Szene durch einen Goldgrund ab, das heißt durch ein Mittel, das +jenseits alles Farbig-Natürlichen steht. Gold ist überhaupt keine +Farbe. Dem Gelb gegenüber entsteht der komplizierte sinnliche Eindruck +durch die metallische diffuse Reflexion eines an der Oberfläche +durchscheinenden Mittels. Farben -- sei es die farbige Substanz der +geglätteten Wandfläche (Fresko) oder das mit dem Pinsel aufgetragene +Pigment -- sind natürlich; der in der Natur so gut wie nie vorkommende +Metallglanz[75] ist übernatürlich. Erinnern wir uns, daß als magische +Naturforschung die +Alchymie+ neben der apollinischen Statik und +der faustischen Dynamik steht. Der Goldgrund ist das Symbol eines +nicht in Regeln zu bannenden Geheimnisses. Man denke an den „Stein der +Weisen“. Die arabische Kultur ist die der +Offenbarungs+religionen +-- des Judentums, des Christentums, des Islam. Dies wunderbare Element +repräsentiert an dieser Stelle im Bilde, inmitten eines farbigen +Ganzen, eine fremde Welt. Vor allem ist der Eindruck ein völlig +abstrakter und unorganischer. Alle wirklichen Körper sind farbig, die +wirkliche Atmosphäre ist es auch. Das leuchtende Gold nimmt also der +Szene, dem Leben, den Körpern ihre ontologische Wirklichkeit. Alles, +was im Kreise Plotins und der Gnostiker über das Wesen der Dinge, +ihre Unabhängigkeit vom Raume, ihre zufälligen Ursachen gelehrt wurde +-- für +unser+ Weltgefühl höchst paradoxe und unverständliche +Ansichten --, liegt in der Symbolik dieses rätselhaften hieratischen +Hintergrundes. Das Wesen der Körper war ein wichtiger Streitpunkt der +Schulen von Bagdad und Basra. Suhrawardi unterschied Ausdehnung als +das primäre Wesen des Körpers von seiner Breite, Höhe und Tiefe als +den Akzidentien. Von Nazzâm werden den Atomen körperliche Substanz +und das Merkmal der Raumerfüllung abgesprochen. Das alles waren +metaphysische Probleme, die von Philo und Paulus an bis auf die +letzten Größen der islamischen Philosophie das arabische Weltgefühl +offenbarten. Sie spielen in den Streitigkeiten der Konzile über das +Wesen Gottes und die Person Christi eine große Rolle. Der Goldgrund +jener Gemälde hat also eine ausgesprochen dogmatische Bedeutung. Er +drückt das Wesen und Walten der Gottheit aus. Er repräsentiert die ++arabische+ Gestalt des christlichen Weltbewußtseins, und es +hängt tief damit zusammen, daß diese Behandlung des Hintergrundes +für Darstellungen aus der christlichen Legende tausend Jahre lang +als die einzige metaphysisch, selbst ethisch mögliche und würdige +erscheint. Als die ersten „wirklichen“ Hintergründe in der frühen +Gotik auftauchen, mit blaugrünem Himmel, weitem Horizont und +Tiefenperspektive, wirken sie zunächst „profan“, weltlich, und man hat +den dogmatischen Wandel, der sich hier verriet, wohl gefühlt, wenn +auch nicht erkannt. Wir sahen, wie gerade damals, als im lateranischen +Konzil das +faustische+ -- germanisch-katholische -- Christentum +zum Bewußtsein seiner selbst gelangt war, eine neue Religion im +alten Gewande, in der Kunst der Franziskaner die perspektivische +und farbige, den Luftraum erobernde Tendenz den ganzen Sinn der +Malerei umgestaltete. Das abendländische Christentum verhält sich +zum morgenländischen wie das Symbol der Perspektive zu dem des +Goldgrundes, und das endgültige Schisma tritt in der Kirche und Kunst +gleichzeitig ein. Man begreift den landschaftlichen Hintergrund der +Bildszene zugleich mit der +dynamischen+ Unendlichkeit Gottes; +und zugleich mit den Goldgründen der kirchlichen Gemälde verschwinden +aus den abendländischen Konzilien jene magischen, ontologischen +Gottheitsprobleme, welche alle orientalischen wie das von Nicäa +leidenschaftlich bewegt hatten. + + +10 + +Die Venezianer haben die Handschrift des +sichtbaren Pinselstrichs+ +entdeckt und als eminent raumschaffendes Motiv in die Ölmalerei +eingeführt. Von den florentiner Meistern war die antikisierende und +doch dem gotischen Formgefühl dienende Manier, durch Glättung aller +Übergänge reine, scharf umrissene, ruhende Farbflächen zu schaffen, +nie angegriffen worden. Ihre Bilder haben etwas +Seiendes+. Erst in +der sichtbar bleibenden, gleichsam nie erstarrenden Arbeit des Pinsels +kommt ein +historisches+ Empfinden zum Vorschein. Man will im Werk des +Malers nicht nur etwas sehen, das +geworden+ ist, sondern auch etwas, +das +wird+. Das hatte die Renaissance vermeiden wollen. Ein Gewandstück +des Perugino erzählt nichts von seiner künstlerischen Entstehung. +Es ist +fertig+, gegeben, schlechthin gegenwärtig. Die einzelnen +Pinselstriche, die man als eine vollkommen neue Formensprache zuerst +in den Alterswerken Tizians trifft, Akzente eines Temperaments, die +unvermittelt nebeneinander stehen, sich kreuzen, decken, verwirren, +bringen eine unendliche Bewegtheit in das farbige Element. Auch die +gleichzeitige geometrische Analysis läßt ihre Objekte werden, nicht +sein. Jedes Gemälde hat eine Geschichte und verschweigt sie nicht. Vor +ihm fühlt der faustische Mensch, daß er eine seelische Entwicklung +hat. Vor jeder großen Landschaft eines Barockmeisters darf man das +Wort „historisch“ aussprechen, um einen Sinn in ihr zu fühlen, der +einer attischen Statue gänzlich fremd ist. Das ewige Werden, die +gerichtete Zeit, das dynamische Weltenschicksal ruht auch in der +Melodik dieser ruhelosen und grenzenlosen Striche. Malerischer und +zeichnerischer Stil: das bedeutet, von dieser Seite gesehen, den +Gegensatz von historischer und ahistorischer Form, von Betonung oder +Verleugnung des genetischen Moments, von Ewigkeit und Augenblick. +Ein antikes Kunstwerk ist ein Ereignis, ein abendländisches eine +Tat. Das eine symbolisiert ein punktförmiges Jetzt, das andere eine +organische Entwicklung. Die Physiognomik der Pinselführung, eine +völlig neue, unendlich reiche und persönliche, keiner andern Kultur +bekannte Art von Ornamentik, ist spezifisch +musikalisch+. Man kann +etwa das _allegro feroce_ des Franz Hals dem _andante con moto_ Van +Dycks gegenüberstellen. Von nun an gehört der Begriff des +Tempo+ +zum malerischen Vortrag und er erinnert daran, daß diese Kunst die +eines Seelentums ist, das im Gegensatz zum antiken nichts vergißt und +vergessen sehen will, was einmal war. + +Das luftige Gewebe der Pinselstriche löst aber zugleich die sinnliche +Oberfläche der Dinge auf. Die Konturen verschwinden im Helldunkel. +Der Betrachter muß weit zurücktreten, um aus farbigen Raumwerten +körperhafte Eindrücke zu gewinnen. Es ist dies buchstäblich die +malerische Fassung der Kantschen Theorie vom Raume als der apriorischen +Anschauungsform, durch welche die Dinge in Erscheinung treten. + +Zugleich erscheint von nun an ein Symbol höchsten Ranges im +abendländischen Gemälde, das „+Atelierbraun+“, und beginnt die +Wirklichkeit aller Farben mehr und mehr zu dämpfen. Die älteren +Florentiner kannten es noch nicht, so wenig wie die alten +niederländischen und rheinischen Meister. Pacher, Dürer, Holbein sind, +so leidenschaftlich ihre Tendenz zur räumlichen Tiefe erscheint, frei +davon. Erst das 16. Jahrhundert gehört ihm. Dies Braun verleugnet +seine Herkunft aus dem „infinitesimalen“ Grün der Hintergründe +Lionardos, Schongauers und Grünewalds nicht, aber es besitzt die +größere Macht über die Dinge. Es führt den Kampf des Raumes gegen das +Stoffliche zu Ende. Es überwindet auch das primitivere Mittel der +Linearperspektive mit ihrem an architektonische Bildmotive gebundenen +Renaissancecharakter. Es steht mit der impressionistischen Technik der +sichtbaren Pinselstriche dauernd in einer geheimnisvollen Verbindung. +Beide lösen das greifbare Dasein der sinnlichen Welt -- der Welt des +Augenblicks und der Vordergründe -- endgültig in atmosphärischen +Schein auf. Die Linie verschwindet aus dem Bilde. Der magische +Goldgrund hatte nur von einem rätselhaften Jenseits geträumt, das die +Gesetzlichkeit der Körperwelt beherrscht und durchbricht; das Braun +dieser Gemälde öffnet den Blick in eine reine formvolle Unendlichkeit. +Im Werden des abendländischen Stils bezeichnet seine Entdeckung einen +Höhepunkt. +Diese Farbe hat im Gegensatz zu dem vorhergehenden Grün +etwas Protestantisches.+ Der nordische abstrakte Pantheismus des 18. +Jahrhunderts, wie ihn die Verse der Erzengel im Prolog von Goethes +Faust ausdrücken, ist in ihm vorweggenommen. Die Atmosphäre des König +Lear und Macbeth ist ihm verwandt. Das gleichzeitige Streben der +instrumentalen Musik nach immer reicheren Dissonanzen, die Einführung +der Sexte, Septime, Undezime, entspricht durchaus der neuen Tendenz in +der Ölmalerei, von den reinen Farben aus durch die Unzahl bräunlicher +Schattierungen und die Kontrastwirkung unvermittelt nebeneinander +gesetzter Farbenstriche eine +malerische Chromatik+ zu schaffen. Beide +Künste breiten nun durch ihre Ton- und Farbenwelten -- Farbentöne und +Tonfarben -- eine Atmosphäre reinster Räumlichkeit aus, die nicht +mehr den Menschen als Gestalt, als Leib, sondern die hüllenlose Seele +selbst umgibt und bedeutet. Eine Innerlichkeit wird erreicht, der in +den tiefsten Werken Rembrandts und Beethovens kein Geheimnis sich mehr +verschließt -- eine Innerlichkeit allerdings, welche der apollinische +Mensch durch seine streng somatische Kunst +abgewehrt+ hatte. + +Die alten Vordergrundfarben, Gelb und Rot -- die antiken Töne -- +werden von nun an seltener und immer als bewußte Kontraste zu +Fernen und Tiefen gebraucht, die sie steigern und betonen sollen +(außer bei Rembrandt vor allem bei Vermeer). Dies der Renaissance +vollkommen fremde atmosphärische Braun ist die unwirklichste Farbe, +die es gibt. Es ist die einzige „Grundfarbe“, +die dem Regenbogen +fehlt+. Es gibt weißes, gelbes, grünes, rotes, blaues Licht von +vollkommenster Reinheit. Ein reines braunes Licht liegt außerhalb +der Möglichkeiten unsrer Natur. Alle die grünlichbraunen, silbrigen, +feuchtbraunen, tiefgoldigen Töne, die bei Giorgione in prachtvollen +Nuancen erscheinen, bei den großen Niederländern immer kühner werden +und sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlieren, entkleiden die +Natur ihrer Realität. Darin liegt beinahe ein religiöses Bekenntnis. +Bei Constable, dem Begründer einer +zivilisierten+ Malweise, ist +es ein andres Wollen, das nach Ausdruck sucht, und dasselbe Braun, das +er bei den Holländern studiert hatte und das damals Schicksal, Gott, +den Sinn des Lebens bedeutete, bedeutet ihm etwas andres, nämlich +bloße Romantik, Empfindsamkeit, Sehnsucht nach etwas Entschwundenem, +Erinnerung an die große Vergangenheit der sterbenden Ölmalerei. Auch +den letzten deutschen Meistern, Lessing, Marées, Spitzweg, Leibl,[76] +deren verspätete Kunst ein Stück Romantik, ein Rückblick und Ausklang +ist, erschien das Braun als das kostbare Erbe der Vergangenheit, +und sie setzten sich in Widerspruch zu den bewußten Tendenzen +ihrer Generation -- dem seelenlosen Freilichtprinzip --, weil sie +innerlich sich von diesem Moment eines großen Stils noch nicht trennen +konnten. In diesem noch heute nicht verstandenen Kampf zwischen dem +Rembrandtbraun der alten und dem Freilicht der neuen Schule erscheint +der hoffnungslose Widerstand der Seele gegen den Intellekt, der Kultur +gegen die Zivilisation, der Gegensatz von symbolisch notwendiger und +weltstädtisch virtuosenhafter Kunst. Von hier aus wird die tiefe +Bedeutung dieses Braun, mit dem eine ganze Kunst stirbt, fühlbar. + +Die innerlichsten unter den großen Malern haben diese Farbe am besten +verstanden, Rembrandt vor allem. Es ist dieses rätselhafte Braun +seiner entscheidenden Werke, das aus dem tiefen Leuchten mancher +gotischen Kirchenfenster, aus der Dämmerung hochgewölbter Dome stammt. +Der satte Goldton der großen Venezianer, Tizians, Veroneses, Palmas, +Giorgiones ist der jener alten, verschollenen Kunst, der nordischen +Glasmalerei, von der sie nichts wußten. Auch hier ist die Renaissance +mit ihrer körperhaften Farbenwahl nur Episode, nur ein Ergebnis der +Oberfläche, des Allzubewußten, nicht des Faustisch-Unbewußten der +abendländischen Seele. In diesem leuchtenden Goldbraun reichen sich +hier, in der venezianischen Malerei, Gotik und Barock, die Kunst jener +frühen Glasgemälde und die dunkle Musik Beethovens die Hand, gerade +damals, als durch Willaert und Gabrieli die Schule von Venedig, die +Begründerin der weltlichen Instrumentalmusik, des Madrigals und Rondos, +ins Leben trat. + +Braun war nunmehr die eigentliche Farbe der Seele, einer historisch +gestimmten Seele geworden. Ich glaube, Nietzsche hat einmal von der +braunen Musik Bizets gesprochen. Aber das Wort gilt eher von der +Musik, die Beethoven für Streichinstrumente[77] geschrieben hat und +noch zuletzt von dem Orchesterklang Bruckners, der so oft den Raum +mit einem bräunlichen Golde füllt. Alle andern Farben sind in eine +dienende Rolle verwiesen, so das helle Gelb und der Zinnober Vermeers, +die mit wahrhaft metaphysischem Nachdruck wie aus einer andern Welt ins +Räumliche hereinragen, und die gelbgrünen und blutroten Lichter, die +bei Rembrandt mit der Symbolik des Raumes beinahe zu spielen scheinen. +Bei Rubens, der ein glänzender Künstler, aber kein Denker war, ist das +Braun fast ideenlos, eine Schattenfarbe. (Das „katholische“ Blaugrün +macht bei ihm und Watteau dem Braun den Rang streitig.) Man sieht, wie +dasselbe Mittel, das in den Händen tiefer Menschen Symbol wird und +dann die ungeheure Transzendenz der Landschaften Rembrandts, in denen +die Entrücktheit reiner Kammermusik beinahe erreicht wird, hervorrufen +kann, daneben großen Meistern als bloße technische Handhabe zu Gebote +steht, daß also, wie wir eben sahen, die künstlerisch-technische +„Form“, als Gegensatz zu einem „Inhalt“ gedacht, nichts mit der wahren +Form großer Werke zu tun hat. + +Ich hatte das Braun eine historische Farbe genannt. Es macht die +Atmosphäre des Bildraumes zu einem Zeichen des endlosen Werdens. Es +übertönt die Sprache des Gewordnen in der Darstellung. Dieser Sinn +erstreckt sich auch auf die andern Farben der Ferne und führt zu einer +weiteren höchst bizarren Bereicherung der abendländischen Symbolik. +Die Hellenen hatten die oft noch vergoldete Bronze als Material ihrer +Statuen vorgezogen, um durch das Strahlende der Erscheinung unter +tiefblauem Himmel die Idee der Einzigkeit alles Körperhaften zum +Ausdruck zu bringen.[78] Die Renaissance grub diese Statuen aus, von +einer vielhundertjährigen Patina überzogen, schwarz und grün; sie genoß +das Historische des Eindrucks voller Ehrfurcht und Sehnsucht -- und +unser Formgefühl hat seitdem dieses „ferne“ Schwarz und Grün heilig +gesprochen. Es ist heute für den Eindruck der Bronze auf +unser+ +Auge unentbehrlich, wie um die Tatsache schalkhaft zu illustrieren, daß +diese ganze Kunstgattung uns nichts mehr angeht. Was bedeutet uns eine +Domkuppel, eine Bronzefigur ohne Patina? Sind wir nicht endlich dahin +gekommen, diese Patina sogar künstlich zu erzeugen? + +Aber in der Erhebung des Edelrostes zu einem Kunstmittel von +selbständiger Bedeutung liegt viel mehr. Man frage sich, ob ein Grieche +die Bildung der Patina nicht als Zerstörung des Kunstwerkes empfunden +hätte. Es ist nicht die Farbe allein, das raumferne Grün, das er aus +seelischen Gründen vermied; die Patina ist Symbol der +Zeit+ und +sie erhält damit eine merkwürdige Beziehung zu den Symbolen der Uhr und +der Bestattungsform. Es war an einer früheren Stelle die Rede von der +Sehnsucht der faustischen Seele nach Ruinen und den Zeugnissen einer +fernen Vergangenheit, einem Hange, wie er im Sammeln von Altertümern, +Handschriften, Münzen, den Pilgerfahrten nach dem Kolosseum, dem +Forum Romanum und Pompeji, in Ausgrabungen und philologischen Studien +schon zur Zeit Petrarkas zutage tritt. Wann wäre es je einem Griechen +eingefallen, sich um die Ruinen von Mykene und Tiryns zu kümmern? Jeder +kannte seine Ilias, aber nicht einem von ihnen kam der Gedanke, den +Hügel von Troja aufzugraben. Die Ruinen des Heidelberger Schlosses und +tausend andre Reste, Burgen, Klöster, Tore, Mauern werden inmitten +unsrer Städte sorgfältig erhalten -- als Ruinen, denn man hat ein +dunkles Gefühl davon, daß bei einem Wiederaufbau etwas schwer in Worte +zu Fassendes verloren gehen würde. Als die Perser Athen zerstört +hatten, warf man alles, Säulen, Statuen, Reliefs, ob zertrümmert +oder nicht, von der Akropolis herunter, um von vorn anzufangen, und +diese Schutthalde ist unsre reichste Fundgrube für die Kunst des 6. +Jahrhunderts geworden. Das war ahistorisch empfunden. Das entsprach +dem Stil einer Kultur, welche die Leichenverbrennung zum Kult erhob +und eine Zeitrechnung nach ägyptischem Muster verschmähte. +Wir+ +haben auch hier das Gegenteil gewählt. Die heroische Landschaft im +Stile Lorrains ist ohne Ruinen nicht denkbar und der englische Park +mit seinen atmosphärischen Stimmungen, der den französischen um 1750 +verdrängte und dessen durchgeistigte Perspektive zugunsten einer +Rousseauschen „Natur“ aufgab, führte noch das Motiv der +künstlichen +Ruine+ ein, die das Landschaftsbild historisch vertieft.[79] +Etwas Bizarreres ist kaum je ersonnen worden. Die ägyptische Kultur +restaurierte die Bauten der Frühzeit, aber sie würde niemals den ++Bau von Ruinen+ als Symbole der Vergangenheit gewagt haben. Uns +erscheinen die Gestalten der mexikanischen Kunst fratzenhaft genug, +aber dieser Gedanke würde einem Inder oder Griechen weit fragwürdiger +erschienen sein. Nur die aufs äußerste gesteigerte historische +Leidenschaft konnte zu solchen Konzeptionen führen. + +Es ist die Symbolik der Vergänglichkeit, welche die Patina uns teuer +macht. Sie hebt an der Statue, dem an sich völlig zeitlosen und rein +gegenwärtigen Kunstwerk, diese Beschränkung auf. Durch die Patina kommt +eine gewisse Ferne, ein Anflug geschichtlicher Bewegtheit, etwas also +vom Gehalte der Ölmalerei und Instrumentalmusik in diejenige Kunst, die +deren strengsten Gegensatz bildet. Erstaunlicher konnte die Energie +und Erfindungskraft der Seele, welche die technischen Bedingungen der +Künste ihrem Willen zum Ausdruck unterwirft, sich gar nicht äußern. +Das Barock liebte, ohne es zu wissen, die Bronzeplastik der Patina +wegen. Ich wage zu behaupten, daß die Reste der antiken Skulptur erst +durch diese +Transposition ins Musikalische+, in die Sprache der +Ferne, uns näher treten konnte. Die grüne Bronze, der geschwärzte +Marmor, die zertrümmerten Glieder einer Figur, allgemein gesprochen das +schwer zu beschreibende Gefühlsmoment im Eindruck des +Torso+, +heben für unser inneres Auge die Schranken der reinen Gegenwart von +Ort und Zeit auf. Man hat das +malerisch+ genannt -- „fertige“ +Statuen, Bauten, +nicht+ verwilderte Parks sind unmalerisch -- und +in der Tat entspricht es der tieferen Bedeutung des Atelierbraun,[80] +aber man meinte im letzten Grunde den Geist der instrumentalen Musik. +Man frage sich, ob der Doryphoros Polyklets, in funkelnder Bronze vor +uns stehend, mit Emailaugen und vergoldetem Haar, dieselbe Wirkung tun +könnte wie der vom Alter geschwärzte, ob mancher Torso -- etwa der +vatikanische des Herakles -- nicht durch eine noch so gute Ergänzung +seinen Zauber einbüßte, ob die Türme und Kuppeln unsrer alten Städte +nicht ihren tiefen metaphysischen Reiz verlören, wenn man sie mit neuem +Kupfer beschlüge. Das Alter adelt für uns wie für die Ägypter alle +Dinge. Für den antiken Menschen entwertet es sie. + +Hiermit hängt endlich die Tatsache zusammen, daß die abendländische +Tragödie „+historische+“, nicht etwa nachweisbar wirkliche oder +mögliche -- das ist nicht der eigentliche Sinn des Wortes --, sondern ++entfernte+, +patinierte+ Stoffe aus demselben Gefühl vorzog: +daß nämlich ein Ereignis von reinem Augenblicksgehalt, ohne Raum- +und Zeitferne, ein antikes tragisches Faktum, ein zeitloser Mythus, +nicht das ausdrücken könne, was die faustische Seele ausdrücken wollte +und mußte. Wir haben also Tragödien der Vergangenheit und Tragödien +der Zukunft -- zu letzteren, in denen der kommende Mensch Träger +der Idee ist, gehören in einem gewissen Sinne Faust, Peer Gynt, die +Götterdämmerung --, aber Tragödien der Gegenwart sind, wenn man von +der künstlerisch belanglosen Sozialdramatik des 19. Jahrhunderts +absieht, äußerst selten. Shakespeare wählte, wenn er einmal in +Gegenwärtigem Bedeutendes ausdrücken wollte, immer fremde Länder, in +denen er nie gewesen war, am liebsten Italien, deutsche Dichter gern +England und Frankreich -- alles das aus einer Abweisung der örtlichen +und zeitlichen +Nähe+, welche das attische Drama selbst im Mythus +noch betonte. + + +Fußnoten: + +[Footnote 67: Vielleicht sollte das Wort Form, weil es Extensives +bezeichnet, hier vermieden werden. Aber man erinnere sich, daß Worte +überhaupt, Worte als etwas Gewordnes und Starres, ein unzulängliches +Mittel sind, etwas aus der Sphäre des Werdens anzudeuten.] + +[Footnote 68: Der eigentliche Bilderstreit dauerte dort von 725-824.] + +[Footnote 69: Donatello ist der Gotik noch nicht entwachsen, +Michelangelo empfindet schon barock, d. h. musikalisch.] + +[Footnote 70: Gerade die entschiedene Vorliebe für den +weißen+ +Stein ist für den +Gegensatz+ von antikem und Renaissanceempfinden +bezeichnend.] + +[Footnote 71: Folgerichtig beginnt im 10. Jahrhundert die Verskunst des ++Reimes+, die ebenfalls rein abendländisch und dem fugierten Stil +aufs engste verwandt ist.] + +[Footnote 72: Ich möchte doch zur Erwägung anheimgeben, ob nicht die +Basilika, deren Ableitung aus irgendeinem antiken Bautypus trotz aller +Kombinationen nicht gelingen will, überhaupt statt aus einem Hause aus +einem säulenumgebenen +Innenhof+ der Idee nach hervorgegangen ist. +Es würde sich um den geschlossenen Vorhof des Tempels handeln, in dem +die Gläubigen während der sakralen Handlung sich aufhalten. Das neue +magische Raumgefühl hätte ihn als „Mittelschiff“ überdeckt, worauf dann +erst die äußerliche Ähnlichkeit mit großstädtischen Zweckgebäuden die +Bezeichnung Basilika in der griechischen Literatur zur Folge hatte. +Der metaphysische Instinkt der Landschaft, in der die Kultbauten aller +Religionen damals etwas innerlich höchst Verwandtes hatten, spricht +sicherlich dafür. Die Anordnung von Atrium, Schiff und Altarraum wäre +demnach als die allgemein semitische von Vorhalle, Vorhof und Tempel +zu denken. Manche Einzelheiten wie die strenge Trennung von Schiff +und Apsis, die Höhenlage der letzteren, zu der Stufen hinauffuhren, +ferner die Orientierung +allein+ des Mittelschiffs auf die +Apsis, während die Seitenschiffe auch jetzt noch als „Umgebung“, als +Nebenhallen wirken und blind endigen, finden nur so ihre natürliche +Erklärung. Man bedenke doch, daß die Schöpfung eines solchen Typus von +höchster Symbolik ganz unbewußt erfolgt. Es ist +psychologisch+ +falsch, hier, in Syrien, so rationalistische Wege anzunehmen, wie sie +die Herleitung aus großstädtischen Markthallen und stadtrömischen +Privatbasiliken voraussetzt. Ein religiöses Weltgefühl kombiniert nicht +so sachlich.] + +[Footnote 73: Paris gehört zu ihr. Man sprach dort noch im 15. +Jahrhundert ebenso viel flämisch als französisch und mit den alten +Teilen seines architektonischen Bildes zählt Paris zu Brügge und Gent, +nicht zu Troyes und Poitiers.] + +[Footnote 74: Eine Halle, wie sie Masaccio, Fra Filippo Lippi oder +Raffael malen, weil sie nur an Bauten ihre Linearperspektive zur +Anwendung bringen können, ist ein architektonischer +Körper+, kein +„Innen“. Ebensowenig sind ihre Kulissen wirkliche Landschaften.] + +[Footnote 75: Eine tiefsymbolische Bedeutung verwandter Art hat auch +die glänzende +Politur+ des Steines in der ägyptischen Kunst. +Sie hält den Blick in einer über die Außenseite der Statue gleitenden +Bewegung und wirkt damit entkörpernd. Umgekehrt ist der hellenische +Weg vom Poros über den naxischen zum durchscheinenden parischen und +pentelischen Marmor ein Zeugnis für die Absicht, den Blick in die +stoffliche Wesenheit des Körpers eindringen zu lassen.] + +[Footnote 76: Sein Bildnis der Frau Gedon, ganz in Braun getaucht, ist +das +letzte altmeisterliche+ Porträt des Abendlandes, vollkommen +im Stile der Vergangenheit gemalt.] + +[Footnote 77: Der Streichkörper repräsentiert im Orchesterklang +die Farben der Ferne. Das bläuliche Grün Watteaus findet sich bei +Mozart und Haydn, das Bräunliche der Holländer bei Beethoven. Auch +die Holzbläser rufen helle Fernen herauf. Gelb und Rot dagegen, die +Farben der Nähe, die +populären+ Nuancen, gehören zum Klang der +Blechinstrumente, der körperhaft bis zum Ordinären wirkt. Der Ton +einer alten Geige ist vollkommen körperlos: Es verdient bemerkt zu +werden, daß die hellenische Musik, so unbedeutend sie ist, von der +dorischen Lyra zur ionischen Flöte überging und daß die strengen Dorer +diese Tendenz zum Weichlichen und Niedrigen noch zur Zeit des Perikles +tadelten.] + +[Footnote 78: Man verwechsle die Tendenz, welche dem Goldglanz eines +auf freiem Platze stehenden Körpers zugrunde liegt, nicht mit der des +flimmernden arabischen Goldgrundes, der in dämmernden Innenräumen +hinter den Figuren abschließt.] + +[Footnote 79: Home, ein englischer Philosoph des 18. Jahrhunderts, +erklärt in einer Betrachtung über englische Parkanlagen, daß gotische +Ruinen +den Triumph der Zeit über die Kraft+, griechische den +der Barbarei über den Geschmack darstellten. Damals erst wurde die +Schönheit des Rheins mit seinen Ruinen entdeckt. Er war von nun an der ++historische+ Strom der Deutschen.] + +[Footnote 80: Das +Nachdunkeln+ alter Gemälde erhöht für unser +Gefühl deren Gehalt, mag der Kunstverstand tausendmal dagegen sprechen. +Hätten die verwendeten Öle die Bilder zufällig blasser werden lassen, +so wäre das als Zerstörung empfunden worden.] + + + + +II + +AKT UND PORTRÄT + + +11 + +Man hat die Antike eine Kultur des Leibes, die nordische eine +des Geistes genannt, nicht ohne den Hintergedanken, damit die +eine zugunsten der andern zu entwerten. So trivial der im +Renaissancegeschmack gehaltene Gegensatz von antik und modern, +heidnisch und christlich zumeist gemeint ist, so hätte er doch zu +entscheidenden Aufschlüssen führen können, vorausgesetzt, daß man +hinter der Formel ihren Ursprung zu finden verstand. + +Eine Kultur ist im historischen Gesamtbilde der Welt, wie wir sahen, +das Phänomen eines +Seelentums+, dessen Sein in der rastlosen +Verwirklichung seiner inneren Möglichkeiten, seiner +Idee+, sich +erschöpft. Die Vollendung der Aufgabe ist mit Vollendung des Lebens +identisch. Unser waches und lebendiges Bewußtsein -- das gereifter +Kulturmenschen -- erscheint als Polarität von Seele und Welt, der Summe +des Möglichen und der des Wirklichen, und zwar in wechselseitiger +Bedingtheit. Nur eine höhere Seele besitzt eine sinnvoll geordnete +Welt als ihr eigenstes Eigentum, und es gibt eine Welt nur in bezug +auf eine Seele. +Wirklichkeit+ -- das ist also der Gesamtausdruck +lebendigen und bewegten Daseins, seine Offenbarung und Spiegelung im +Gewordnen und Ausgedehnten. Insofern hat die Welt die Bedeutung eines ++Makrokosmos+. + +Ist die Welt aber, gleichviel was sie sonst noch ist, der ungeheure +Inbegriff von +Symbolen+, so mußte auch der Mensch, soweit er +dem Gewebe des Wirklichen angehört, soweit er +wirklich ist+, +von dieser Deutung ergriffen werden. Was war es aber, das an der +menschlichen Erscheinung den Rang eines Symbols beanspruchen, sein +Wesen und den Sinn seines Daseins in sich sammeln und greifbar vor +Augen stellen durfte? Die Antwort gibt die Kunst. + +Aber die Antwort mußte in jeder Kultur eine andre sein. Jede hat +einen andern Begriff vom Leben, weil jede anders lebt. Die eine +hatte dem Wirklichen das Prinzip des Körperhaften, die andre das des +reinen, unendlichen Raumes a priori, wieder andre das des Weges, der +magischen Ausdehnung zugrunde gelegt. Das war ein Weltgefühl, aber +das Lebensideal stimmte mit ihm überein. Aus dem einen, dem antiken +Ideal, folgte die rückhaltlose Hinnahme des sinnlichen Augenscheins, +aus dem abendländischen dessen ebenso leidenschaftliche Überwindung. +Das eine bedeutete Hingabe, das andre Kampf. Die apollinische Seele, +euklidisch, punktförmig, empfand den empirischen, sichtbaren Leib +als den vollkommenen Ausdruck ihrer Art zu sein; die faustische, in +allen Fernen schweifend, fand ihn nicht in der Person, sondern der +Persönlichkeit, dem empirischen Ich, dem +Charakter+ oder wie man +es nennen will. „Seele“ -- das war für den echten Hellenen zuletzt +die Form seines leiblichen Daseins. So hat Aristoteles sie definiert. +„Leib“ -- das war für den Menschen des Barock die sinnliche Form, die +Inkarnation der Seele. So empfand Goethe. So hat die Philosophie Kants, +unter zopfigen Formeln versteckt, die Dinge als die Inkarnation des +einen, ewigen Raumes empfunden, der sie in ihrer Erscheinung „bedingt“. + +Wir sahen, wie das eine Lebensgefühl zur Wahl der Plastik, das +andre zur Musik als der +repräsentativen+ Kunst führte. Neben +der Plastik stand die Pflege des Tanzes als einer Kunst von hoher +Ausdruckskraft, die des agonalen Wettkampfes und ein in dieser Form nie +wiederkehrender Kultus der körperlichen Schönheit -- alles das ist in +den Idealen der σωφροσύνη und εὑρυθμία enthalten. + +Man hat diese Ideale von jeher viel zu weit gefaßt. Es ist +nicht+ +die Weihe des Blutes -- das der Mensch der σωφροσύνη nicht zu +verschwenden hatte[81] --, +nicht+, wie Nietzsche meinte, die +orgiastische Freude an Kraft und Mut und überschäumender Leidenschaft. +Das alles würde eher zu den Idealen des germanisch-katholischen und +indischen Rittertums gehören. Was der apollinische Mensch und seine +Kunst für sich allein in Anspruch nehmen dürfen, ist lediglich die +Apotheose der leiblichen +Erscheinung+ im buchstäblichen Sinne, +das rhythmische Ebenmaß des Gliederbaus und die harmonische Ausbildung +der Muskulatur. Das ist +nicht+ heidnisch im Gegensatz zum +Christentum. Das ist jonisch im Gegensatz zum Barock. Erst der Mensch +des Barock, mochte er Christ oder Heide, Rationalist oder Mönch sein, +stand diesem Kultus des σῶμα fern bis zur äußersten körperlichen +Unreinlichkeit, wie sie in der Umgebung Ludwigs XIV. herrschte.[82] Man +warf in Athen den Dorern Unsauberkeit vor; dagegen hatte das Badewesen +der gotischen Städte noch im 15. Jahrhundert in hoher Blüte gestanden, +trotz allen „Jenseitsglaubens“. + +Und so entwickelte sich die antike Plastik, nachdem sie ihr Thema +auf die allseitig freistehende (beziehungslose) menschliche Gestalt +beschränkt hatte, folgerichtig weiter bis zur ausschließlichen +Darstellung des +nackten+ Leibes. Und zwar, im Gegensatz zu jeder +andern Art von Plastik der gesamten Menschheitsgeschichte, durch die ++anatomisch wahre Behandlung seiner Grenzflächen+. Damit ist das +euklidische Weltprinzip bis zum äußersten getrieben. Jede Hülle hätte +noch einen leisen Widerspruch gegen die apollinische Erscheinung, eine +wenn auch noch so zaghafte Andeutung des umgebenden Raumes enthalten. + +Es ist ein streng metaphysisches Motiv, das Bedürfnis nach einem +Lebenssymbol ersten Ranges, das die Hellenen zu dieser Kunst führte, +deren Enge allein durch die Meisterschaft ihrer Leistungen verdeckt +worden ist. Denn es ist nicht wahr, daß diese Aufgabe der Skulptur, +der menschliche Akt, die vollkommenste, natürlichste oder auch nur +nächstliegende sei. Das Gegenteil ist der Fall. Hätte nicht die +Renaissance mit ihrem vollen ästhetischen Pathos und einer gewaltigen +Täuschung über ihre eignen Tendenzen unser Urteil beherrscht, während +uns die Plastik selbst innerlich fremd geworden war, so hätten wir +das Exzeptionelle des attischen Stils längst bemerkt. Der ägyptische +Bildhauer dachte gar nicht daran, die anatomische Wirklichkeit zur +Grundlage des von ihm gewollten Ausdrucks zu machen. Für gotische +Skulpturen kommt die Muskelbildung nirgends in Frage. Die hellenische +Behandlung des Nackten ist der +große Ausnahmefall+, und sie hat +nur dies eine Mal zu einer Kunst von hohem Range geführt. In andern +Landschaften, wie der ägyptischen und japanischen -- um eine besonders +törichte und flache Begründung vorweg zu nehmen -- war der Anblick +nackter Menschen viel alltäglicher als gerade in Athen, wo die Damen in +Hut und Mieder über die nackten Mädchen bei den Spielen der Spartaner +sich höchst entrüstet äußerten, aber das gab nicht im mindesten Anlaß +zur Entwicklung einer Aktplastik. Der heutige japanische Kunstkenner +empfindet die Darstellung nackter Menschen als lächerlich und banal. +Für seine Malerei ist der Akt ein Gegenstand ohne irgendwelche +bedeutende Möglichkeiten. + +Was dem antiken Menschen die vollkommene Durchbildung der körperlichen ++Oberfläche+ bedeutete -- denn das ist der letzte Sinn alles +anatomischen Ehrgeizes der griechischen Künstler: das Wesen der +lebendigen Erscheinung durch die Gestaltung ihrer Grenzflächen zu +erschöpfen --, das wurde für die abendländische Seele folgerichtig das ++Porträt+, der eigentlichste und einzig erschöpfende Ausdruck +einer transzendenten, einer faustischen Existenz. + +Man hat beides, +Akt und Porträt+, noch nie als Gegensatz +empfunden und deshalb beide nicht in der ganzen Tiefe ihrer +kunsthistorischen Erscheinung auffassen können. Und trotzdem offenbart +sich der volle Gegensatz zweier Welten im Widerstreit dieser großen +Formideale. + +Es war gezeigt worden, daß das Erlebnis des Ausgedehnten seinen +Ursprung im Merkmal der +Richtung+ hat, die allem Werden +innewohnt. Die +Richtung+ -- durch die Worte Zeit, Leben, +Schicksal, Ziel angedeutet -- verschmilzt als Tiefe oder Ferne mit der +Fläche oder Breite des Sinnlichen. Die Empfindung als solche dehnt sich +im Akt des Bewußtwerdens zur +Welt+. So trägt alles Gewordene das +Merkmal der +Ausdehnung+, und es gehört zum Geheimnisvollsten im +Wesen aller Kulturen, daß in ihnen -- wie im Kinde -- das Erwachen des +Ich, des Innenlebens mit der spontanen Deutung des Tiefenerlebnisses +im Sinne eines Ursymbols identisch ist. Wir sahen, wie jede Kultur +hier anders fühlt. Der antike Mensch empfand die Welt, wie seine +Mathematik beweist, stereometrisch, mehr noch, planimetrisch. Die Zahl +als Größe oder Maß: das bedeutet die Welt als Summe von Stoffen oder +deren Grenzflächen. Der Hellene kannte nur Dinge, keinen Raum. Deshalb +die reine Flächenwirkung seiner Plastik, das Vermeiden von Licht und +Schatten, die strenge Beschränkung auf den einzelnen beziehungslosen +Fall. War demgegenüber +das Unendliche+ Prinzip und Zeichen +des abendländischen Daseins, so hatte die Ferne einen seelischen +Doppelsinn, je nachdem sie wird oder geworden ist. + +Das Tiefenerlebnis ist ein Werden und bewirkt ein Gewordnes; es +bedeutet Zeit und ruft den Raum hervor; es ist kosmisch und historisch +zugleich. Die lebendige Richtung geht zum +Horizont+ wie zur ++Zukunft+. Unendlichkeit und Ewigkeit fließen vor der Seele +zusammen, und wer die eine nicht besitzt, kennt auch die andre nicht. +Die reine Gegenwärtigkeit des antiken Daseins, symbolisiert in der +nackten Statue, war die des Ortes +und+ der Zeit. Auch das Wort +Gegenwart hat einen doppelten Sinn, je nachdem der Bereich des Werdens +oder des Gewordnen gemeint ist. Die attische Plastik ist eine Kunst der +körperhaften Nähe und also auch des Augenblicks (auf dieser Tatsache +beruhen die verfehlten Ausführungen von Lessings Laokoon). Das Porträt +des 16. und 17. Jahrhunderts aber ist unendlich in +jedem+ Sinne. +Es faßt nicht nur den Menschen als Mittelpunkt des Weltalls, dessen +Erscheinung von seinem Sein Gestalt und Bedeutung empfängt; es faßt +ihn vor allem historisch, d. h. biographisch. Die Statue ist ein Stück +Natur und nichts außerdem. Parzeval, Hamlet, Faust sind stets werdende, +Odysseus, Klytämnestra, Antigone sind gewordne Menschen. Die antike +Dichtung gibt Statuen in Worten, die abendländische psychologische +Analysen. Hier liegt die Wurzel für unser Gefühl, das dem Griechen eine +reine Hingabe an die Natur zuschreibt. Wir werden uns nie ganz von +dem Empfinden befreien, daß der gotische Stil neben dem griechischen ++Unnatur+ ist, nämlich +mehr+ als „Natur“. Nur verhehlen +wir uns, daß darin das Gefühl eines Mangels bei den Griechen zu Worte +kommt. Die abendländische Formensprache ist reicher. Das Porträt +gehört der Natur +und+ der Geschichte an. Ein Porträt Tizians und +Rembrandts ist eine +Biographie+, die Quintessenz eines Lebens; +ein Selbstporträt ist eine +Beichte+. Vergessen wir nicht, daß die +Beichte, von der sich in den Evangelien nicht die geringste Andeutung +findet, erst im 9. Jahrhundert und nur in Westeuropa Laienpflicht +wird -- es war die Zeit der ersten Regungen des romanischen Stils --, +und daß sie erst 1215, zur Zeit der blühenden Gotik, den Rang eines +Sakraments erhielt. Es war gesagt worden, daß die faustische Kultur -- +im Gegensatz zur antiken -- die der Seelenforschung, der Selbstprüfung, +der Historik großen Stils ist. Wenn der Protestant und der Freigeist +sich gegen die Ohrenbeichte auflehnen, so kommt es ihnen nicht zum +Bewußtsein, daß sie nicht die rein abendländische Idee, sondern +nur ihre äußere Fassung ablehnen. Sie weigern sich, dem Priester +zu beichten, aber sie beichten sich selbst, dem Freunde oder der +Menge. Die gesamte nordische Poesie ist Bekenntniskunst. Das Porträt +Rembrandts und die Musik Beethovens sind es auch. Der abendländische +Mensch lebt mit dem Bewußtsein des Werdens, mit dem ständigen Blick auf +Vergangenheit und Zukunft. Der Grieche lebt punktförmig, ahistorisch, +somatisch. Kein Grieche hat Memoiren hinterlassen. Keiner wäre einer +echten Selbstkritik fähig gewesen. Auch das liegt in der Erscheinung +der nackten Statue, dem eminent unhistorischen Abbilde eines Menschen. +Ein Selbstporträt ist das genaue Seitenstück der Selbstbiographie in +der Art des Werther und Tasso, und das eine der Antike so fremd wie das +andre. Es gibt nichts Unpersönlicheres als die griechische Kunst. Daß +Skopas oder Lysippos ein Bildnis von sich selbst gemacht hätten, kann +man sich gar nicht vorstellen. + +Im antiken Akte, der ganz Oberfläche, ganz Vordergrund und Materie, +steingewordnes σῶμα war, ist das Innenleben künstlerisch verneint, +dem Raume als dem Nichtseienden gleichgesetzt. Wenn Plato drei +Seelenvermögen -- εἴδη -- und als deren höchstes das λογιστικόν +unterschied, so war dies Prinzip jedenfalls nur als Logik der +körperlichen Erscheinung in die Plastik gedrungen. Aristoteles hat die +Vollendung des Menschen nach Stoff und Form („Leib“ und „Seele“ in ++antik+ gefühltem Gegensatz) sogar ausdrücklich nach Analogie der +künstlerischen Arbeit beschrieben. + +Man betrachte bei Phidias, bei Polyklet, bei irgendeinem andern Meister +nach den Perserkriegen die Wölbung der Stirn, die Lippen, den Ansatz +der Nase, das blind gehaltene Auge -- wie das alles der Ausdruck einer +ganz unpersönlichen, pflanzenhaften, +seelenlosen+ Vitalität ist. +Man frage sich, ob diese Formensprache imstande wäre, ein inneres +Erlebnis auch nur anzudeuten. Es gab nie eine Kunst, für welche so +ausschließlich nur die optische Oberfläche von Körpern in Betracht +kam. Bei Michelangelo, der sich mit seiner ganzen Leidenschaft dem +Anatomischen ergab, ist trotzdem die leibliche Erscheinung stets der +Ausdruck der Arbeit aller Knochen, Sehnen, Organe +des Innern+; +das Lebendige +unter+ der Haut tritt in Erscheinung, ohne daß es +gewollt war. Es ist eine Physiognomik, keine Systematik der Muskulatur, +die Michelangelo ins Leben rief. Aber damit war bereits das persönliche +Schicksal, nicht der stoffliche Leib der eigentliche Ausgangspunkt des +Formgefühls geworden. Es liegt mehr Psychologie (und weniger „Natur“) +im Arme eines seiner Sklaven als im Kopfe des praxitelischen Hermes. +Beim Diskobolos des Myron ist die äußere Form ganz für sich da ohne +alle Beziehung auf den vitalen Organismus geschweige denn die „Seele“. +Man vergleiche mit den besten Arbeiten dieser Zeit die altägyptischen +Statuen etwa des Dorfschulzen oder des Königs Phiops oder andrerseits +den David des Donatello und man wird verstehen, was es heißt, einen +Körper nur seiner stofflichen Grenze nach anerkennen. Alles, was bei +den Griechen den Kopf als den Ausdruck von etwas Innerlichem und +Geistigem erscheinen lassen könnte, ist peinlich vermieden. Gerade bei +Myron tritt das hervor. Ist man einmal darauf aufmerksam geworden, +so erscheinen die besten Köpfe der Blütezeit, aus der Perspektive +unsres gerade entgegengesetzten Weltgefühls betrachtet, nach einer +Weile dumm und stumpf. Das Biographische fehlt ihnen. Nicht umsonst +waren ikonische Statuen in dieser Zeit streng verpönt. Es gibt bis auf +Lysippos herab nicht einen echten Charakterkopf. Es gibt nur Masken. +Oder man betrachtet die Gestalt im ganzen: mit welcher Meisterschaft +ist da der Eindruck vermieden, als ob der Kopf der bevorzugte Teil des +Leibes sei. Deshalb sind diese Köpfe so klein, so unbedeutend in der +Haltung, so wenig durchmodelliert. Überall sind sie durchaus als Teil +des Körpers, wie Arm und Schenkel, niemals als Sitz und Symbol eines +Ich geformt. Die sich beständig, bis zu staatlichen Verboten steigernde +Abneigung der Griechen dem Porträt gegenüber besitzt in der zunehmenden +Entwertung des Motivs nackter Körperlichkeit in der Ölmalerei von den +Florentinern bis zu Velasquez und Rembrandt ein vollkommenes Gegenstück. + +Man wird endlich sogar finden, daß der weibliche, selbst weibische +Eindruck vieler dieser Köpfe des 5. und mehr noch des 4. +Jahrhunderts[83] das allerdings ungewollte Resultat der Bestrebung +ist, jede geistige Charakteristik gänzlich auszuschließen. Man ist +vielleicht zu dem Schlusse berechtigt, daß der ideale Gesichtstypus +dieser Kunst, der sicherlich nicht der des Volkes war, wie die spätere +naturalistische Bildnisplastik sofort beweist, als Summe von lauter +Negationen, des Individuellen und Psychischen nämlich, also aus +der Beschränkung der Gesichtsbildung auf das rein Euklidische und +Stereometrische entstanden ist. Dies würde das Geschlechtslose und +Unmännliche der Erscheinung zum großen Teil erklären. + +Das Porträt der großen Barockzeit behandelt dagegen durch alle Mittel +des malerischen Kontrapunkts, die wir als Träger räumlicher +und+ +historischer Fernen kennen gelernt haben, durch die in Braun getauchte +Atmosphäre, die Perspektive, den bewegten Pinselstrich, die zitternden +Farbentöne und Lichter, den Leib als etwas an sich Unwirkliches, als +ausdrucksvolle Hülle eines raumbeherrschenden Ich. (Die Freskotechnik, +euklidisch wie sie ist, schließt die Lösung einer solchen Aufgabe +vollkommen aus.) Das ganze Gemälde hat nur das eine Thema: Seele. Man +achte darauf, wie bei Rembrandt (etwa der Radierung des Bürgermeisters +Six oder dem Architektenbildnis in Kassel) und zuletzt noch einmal +bei Marées und Leibl (auf dem Bildnis der Frau Gedon) die Hände und +die Stirn gemalt sind, durchgeistigt bis zur Auflösung der Materie, +visionär, voller Lyrik -- und vergleiche damit die Hand und die Stirn +eines Apollo oder Poseidon aus der Zeit des Perikles. + +Die ägyptische Plastik als der Ausdruck einer dem Unendlichen +gleichfalls hingegebenen Seele -- man erinnere sich der Symbolik +des Weges zur Grabkammer in den Pyramidentempeln -- war ebenso +physiognomisch, ebenso historisch und _sub specie aeternitatis_ +gedacht, mithin ebenfalls eine Kunst des Porträts. Die Königsstatue +bannt das +Ka+, das transzendente Prinzip der Persönlichkeit, +in die Welt des Gewordnen, und zwar durch ihren Porträtcharakter. +Es folgt daraus, daß sie wie die Statuen gotischer Grabdenkmäler +den Leib als Eigenwert verneint: das Abendland durch die ganz +ornamental behandelte Kleidung, deren Physiognomik die Sprache des +Antlitzes und der Hände verstärkt, Ägypten, indem es den Körper -- +wie die Pyramide, den Obelisken -- in einem mathematischen Schema +hält und das Persönliche auf den Kopf, mit einer wenigstens in der +Skulptur nie wieder erreichten Größe der Auffassung beschränkt. Der +Faltenwurf soll in Athen den Sinn des Leibes offenbaren, im Norden +ihn auflösen. Das Gewand wird dort zum Körper, hier zur Musik -- dies +ist der tiefe Gegensatz, der in Werken der Hochrenaissance zu einem +schweigenden Kampf zwischen dem traditionell gewollten und dem unbewußt +hervordringenden Ideal des Künstlers führt, in welchem das erste, +antigotische, oft genug auf der Oberfläche, das zweite, von der Gotik +zum Barock leitende, immer in der Tiefe siegt. + + +12 + +Ich fasse jetzt den Gegensatz von apollinischem und faustischem +Menschheitsideal zusammen. Akt und Porträt verhalten sich wie Körper +und Raum, wie Augenblick und Ewigkeit, Vordergrund und Tiefe, wie die +euklidische zur analytischen Zahl, wie Maß und Beziehung. Die antike +Plastik, für welche die nackte Oberfläche des menschlichen Körpers +beinahe das einzige Ausdrucksmittel geworden war, arbeitete an einer +Inkarnation des vollkommen Gegenwärtigen nach Ort und Zeit. Die +Statue wurzelt im Boden, die Musik -- und das abendländische Porträt ++ist+ Musik, aus Farbentönen gewebte Seele -- durchdringt den +grenzenlosen Raum. Das Freskogemälde ist mit der Wand verbunden, +verwachsen; das Ölgemälde, als Tafelbild, ist frei von den Schranken +eines Ortes. Die apollinische Formensprache offenbart nur Gewordnes, +die faustische vor allem auch ein Werden. + +Deshalb zählt die abendländische Kunst Kinderporträts und +Familienbildnisse zu ihren besten und innerlichsten Leistungen. Der +attischen Plastik waren diese Motive völlig versagt. Das Kind verknüpft +Vergangenheit und Zukunft. Es bezeichnet in jeder menschenbildenden +Kunst, die überhaupt Anspruch auf symbolische Bedeutung erhebt, die +Dauer im Wechselnden der Erscheinung, die Unendlichkeit des Lebens. +Aber das antike Leben erschöpfte sich in der Fülle des Augenblicks +und man verschloß das Auge vor zeitlichen Fernen. Man dachte an die +Menschen gleichen Blutes, die man neben sich sah, aber nicht an die +kommenden Geschlechter. Und deshalb hat es niemals eine Kunst gegeben, +die der Darstellung von Kindern so entschieden aus dem Wege gegangen +ist wie die griechische. Man überdenke die Fülle von Kindergestalten, +welche von der frühen Gotik bis zum sterbenden Rokoko und vor allem +auch in der Renaissance entstanden sind, und suche demgegenüber auch +nur ein antikes Werk von einigem Range bis auf Alexander herab, das mit +Absicht dem ausgebildeten Körper des Mannes oder Weibes den kindlichen +zur Seite stellt, dessen Dasein noch der Zukunft angehört. + +In der +Idee des Muttertums+ ist das unendliche Werden begriffen. +Wie der mystische Akt des Tiefenerlebnisses -- der Zeit, des Schicksals +-- aus dem Sinnlichen das Ausgedehnte und also die +Welt+ schafft, +so entsteht durch die Mutterschaft der leibliche Mensch als einzelnes +Glied dieser Welt. Alle Symbole der Zeit und Ferne sind auch Symbole +des Muttertums. In der Erscheinung der Mutter sammelt sich der Sinn +der Geschlechterfolgen als gewollt und vorbedacht. Die Sorge ist das +Urgefühl der Zukunft und alle Sorge ist mütterlich. Sie spricht sich +in den Bildungen und Ideen von Familie und Staat und dem Prinzip der ++Erblichkeit+, das beiden zugrunde liegt, nicht weniger aus +als in den Reliefreihen und Sphinxalleen der ägyptischen und den +unendlichen Fernsichten und Perspektiven der abendländischen Kunst. +In der Dynastie (dem Adel) verkörpert sich die Sorge, die Zukunft, der +Wille zur Dauer, und einen wahren Staat -- wie den ägyptischen oder +preußischen -- kann es nur geben, wo es ein dynastisches Gefühl im +Menschen gibt. + +Auf dem „Carpe diem“ des antiken Daseins läßt sich weder ein Adel +noch ein Staat aufbauen. Die Polis ist der Ausdruck der Negation von +beidem. Es fehlt an mütterlicher Sorge der Stadt für die Nachkommen +der Lebenden; es fehlt die Ehrfurcht vor dem Erblichen und somit der +Sinn für Dynastien wie für die Familie als Kette von Generationen +und nicht nur als Gruppe von Lebenden. Wie das öffentliche Dasein +ausschließlich auf der Wahrnehmung der augenblicklichen und greifbaren +Vordergrundinteressen beruhte, so stellte sich das apollinische +Lebensgefühl nicht im Prinzip des +Muttertums+, sondern in dem +der +Fruchtbarkeit+ dar. Dies ist der Gegensatz von Raum und +Körper, Porträt und Akt. Der Phallus wurde zum antiken Symbol. Er ist +wie die Statue, die -- zumal in Bronze gegossen oder grell bemalt +und frei aufgestellt -- etwas Phallisches hatte, der Inbegriff des +Beziehungslosen. Die Mutter verweist in die Zukunft, auf Geschlechter; +der Phallus bezeichnet den augenblicklich-geschlechtlichen Akt. Man +wird in der großen griechischen Statuenkunst nicht eine säugende Mutter +finden. Man möchte sie nicht einmal im Stil des Phidias gebildet sehen. +Man fühlt, daß diese Kunstgattung innerlich dem Motiv widerspricht.[84] +In der religiösen Kunst des Abendlandes dagegen gab es keine erhabnere +Aufgabe. Mit der anbrechenden Gotik wurde die orientalische Maria der +Mosaiken zur Mutter Gottes, zur Mutter überhaupt. Im germanischen +Mythus erscheint sie als Frigga und Frau Holle. Wir finden das gleiche +Gefühl in schönen Wendungen der Minnesänger wie Frau Welt, Frau Sonne, +Frau Eve, Frau Minne ausgedrückt. Die +mütterliche+ Geliebte, +Ophelia und Gretchen, steht neben den Madonnen Raffaels. + +Ihr stellte der hellenische Olymp Göttinnen gegenüber, die Amazonen +-- wie Athene -- oder Hetären -- wie Aphrodite -- waren. Das ist der +antike Typus des Weibes, aus der Idee der pflanzenhaften Fruchtbarkeit +erwachsen. Auch hier erschöpft das Wort σῶμα den ganzen Sinn der +Erscheinung. Man denke an das Meisterwerk dieser Art, die drei +mächtigen Frauenkörper im Ostgiebel des Parthenon, und vergleiche +damit die erhabenste Konzeption einer Mutter, die sixtinische Madonna +Raffaels. In ihr ist nichts Körperhaftes mehr. Sie ist ganz Ferne, +ganz Raum. Die Helena der Ilias, an Kriemhild gemessen, ist Hetäre; +Antigone und Klytämnestra sind Amazonen. Es ist auffallend, wie selbst +Äschylus in der Tragödie der Klytämnestra die Tragik der Mutter +vermeidet. Die Gestalt der Medea ist geradezu die mythische Umkehrung +des faustischen Typus der _Mater dolorosa_. In der Plastik +verschwimmen Aphrodite und Athene (für diese Kunst ist Athene nur eine +ältere Aphrodite) endlich zu +einer+ weiblichen Idealgestalt, die +-- wie die knidische Aphrodite -- lediglich ein schöner Gegenstand +ist, kein Charakter, kein Ich, sondern ein Stück Natur. Praxiteles, +der bekanntlich den weiblichen Ganzakt in die attische Bildhauerei +einführte, hat daraus die letzten künstlerischen Konsequenzen gezogen. + +Diese Neuerung fand strengen Tadel, aus dem Gefühl heraus, daß hier +ein Symptom des niedergehenden antiken Weltgefühls vorliege. So sehr +sie der geschlechtlichen Symbolik entsprach, so sehr widersprach sie +der Würde der älteren griechischen Religion. Aber sie bewies zugleich, +daß allenthalben die Strenge und Sicherheit der Formensprache im +Sinken war. Damals entstand die Niobidengruppe, die erste, wenn auch +wenig tiefe Darstellung einer Mutter. Damals entstanden aber auch im +schärfsten Widerspruch zur antiken Staatsform der Polis die Dynastien +der Nachfolger Alexanders, schwächlich zwar im Vergleich mit den +ägyptischen und abendländischen, aber doch gewisse Zeichen einer innern +Würde. Die Kraft der antiken Symbolik erlischt. Die antike Kultur wird +Zivilisation. Jetzt erst wagt sich eine Bildniskunst hervor, die wie +der hellenistische Staat und die jetzt in Mode kommende korinthische +Pflanzensäule deutlich an Ägypten erinnert (man denke daran, wie +dementsprechend das 19. Jahrhundert an griechische und, seit 1860, an +japanische Vorbilder anknüpft). Der Perikleskopf des Kresilas (etwa +430) ist in keinem Sinne Porträt. Die bekannte Sophoklesstatue (um +340) ist es eher. Erst der Demosthenes des Polyeukt (um 280) darf +als Porträt gelten. Wie wenig er es im Sinne der Kunst Rembrandts +oder überhaupt in dem einer transzendenten Kunst ist, hätte aber nie +verkannt werden sollen. Man hat den virtuosenhaften Verismus namentlich +jener spätgriechischen Künstler, welche die Römerbüsten der Kaiserzeit +schufen, mit physiognomischer Tiefe verwechselt. Wer aber glaubt, der +Hellenismus habe je persönliche Seelenbildnisse gewollt oder erreicht +-- beides ist dasselbe --, der vergleiche ein „arabisches“ Porträt wie +die Theodosiusstatue in Barletta, die Köpfe der Helena und Theodora +oder die altägyptischen Bildnisse des Chephren und Sesostris III. +mit irgendeinem griechischen. Sie alle haben eine schwer in Worte +zu fassende Verwandtschaft mit den Bildnissen Tizians, Holbeins und +Rembrandts, die Idealfiguren des Hellenismus haben sie +nicht+. + + +13 + +In der Ölmalerei vom Ende der Renaissance an kann man die Tiefe +eines Künstlers mit Sicherheit an dem Gehalt seiner Porträts messen. +Diese Regel erleidet kaum eine Ausnahme. Alle Gestalten im Bilde, ob +einzeln, ob in Szenen, Gruppen, Massen, sind dem physiognomischen +Grundgefühl nach Porträts, ob sie es sein sollen oder nicht. Das stand +nicht in der Wahl des einzelnen Künstlers. Nichts ist lehrreicher +als zu sehen, wie sich unter den Händen eines wirklich faustischen +Menschen selbst der Akt in eine Porträtstudie verwandelt (man könnte +die hellenistische Bildniskunst als den entgegengesetzten Prozeß +bezeichnen). Man nehme zwei deutsche Meister wie Lukas Kranach und +Tilmann Riemenschneider, die von aller Theorie unberührt blieben und, +im Gegensatz zu Dürer und dessen Hange zu ästhetischen Meditationen und +also zur Nachgiebigkeit fremden Tendenzen gegenüber, mit vollkommener +Naivität arbeiteten. In ihren -- höchst seltenen -- Akten zeigen +sie sich gänzlich außerstande, den Ausdruck ihrer Schöpfung in die +unmittelbar gegenwärtige flächenbegrenzte Körperlichkeit zu legen. Der +Sinn der menschlichen Erscheinung und mithin des ganzen Werkes bleibt +regelmäßig im Kopfe gesammelt, bleibt physiognomisch, nicht anatomisch, +und das gilt trotz des entgegengerichteten Wollens und trotz aller +italischen Studien auch von Dürers Lukrezia. Ein faustischer Akt -- das +ist ein Widerspruch in sich selbst. Daher das peinlich Gezwungene, das +Schwankende und Befremdende solcher Versuche, die sich allzu deutlich +als Opfer vor dem hellenisch-römischen Ideal verraten, Opfer, die +der Kunstverstand, nicht die Seele bringt. Es gibt in der gesamten +Malerei nach Lionardo kein bedeutendes oder bezeichnendes Werk mehr, +dessen Sinn von dem euklidischen Dasein eines nackten Körpers getragen +wird. Wer hier Rubens nennen und dessen unbändige Dynamik schwellender +Leiber in irgendeine Beziehung zur Kunst des Praxiteles und selbst des +Skopas setzen wollte, der versteht ihn nicht. Gerade die prachtvolle +Sinnlichkeit hielt ihn von der toten +Statik+ der Körper +Signorellis fern. Wenn irgendein Künstler in die Schönheit nackter +Leiber ein Maximum von +Werden+, von unhellenischer Ausstrahlung +einer innern Unendlichkeit gelegt hat, so war es Rubens. Man +vergleiche den Pferdekopf aus dem Parthenongiebel mit denen in seiner +Amazonenschlacht und man wird den tiefen metaphysischen Gegensatz in +der Fassung des gleichen Erscheinungselements fühlen. Bei Rubens -- um +wieder an den Gegensatz von faustischer und apollinischer Mathematik +zu erinnern -- ist der Körper nicht Größe, sondern Beziehung; nicht +die sinnvolle Regel seiner äußeren Gliederung, sondern die Fülle des +strömenden Lebens in ihm ist das Motiv, das sich im Jüngsten Gericht, +wo die Leiber zu Flammen werden, mit der Bewegtheit des Weltraumes +verbindet, eine gänzlich unantike Synthese, die auch den Nymphenbildern +Corots nicht fremd ist, deren Gestalten im Begriffe sind, sich in +Farbenflecke, Reflexe des unendlichen Raumes aufzulösen. So ist der +antike Akt +nicht+ gemeint. Man verwechsle das griechische +Formideal -- das eines in sich abgeschlossenen plastischen Daseins -- +auch nicht mit der bloßen virtuosen Darstellung schöner Leiber, wie sie +sich von Giorgione bis auf Boucher immer wieder finden, fleischliche +Stilleben, Genrearbeiten, die lediglich, wie Rubens’ Frau mit dem Pelz, +eine heitre populäre Sinnlichkeit zum Ausdruck bringen und in Hinsicht +auf das symbolische Gewicht der Leistung -- sehr im Gegensatz zu dem +hohen Ethos antiker Akte -- weit zurücktreten.[85] + +Diese -- ausgezeichneten -- Maler haben dementsprechend weder +im Porträt noch in der Darstellung tiefer Welträume vermittelst +der Landschaft das Höchste erreicht. Ihrem Braun und Grün, ihrer +Perspektive fehlt die „Religion“, das Schicksal. Sie sind Meister +allein im Bereiche der +elementaren+ Form, in deren Repräsentation +ihre Kunst sich erschöpft. Sie sind es, deren Schar die eigentliche +Substanz der Entwicklungsgeschichte einer großen +Kunst+ +bildet. Wenn aber ein großer +Künstler+ darüber hinaus zu jener +andern, die ganze Seele und den ganzen Sinn der Welt umfassenden +Form vordringt, so +mußte+ er innerhalb der antiken Kunst zur +Durchbildung eines nackten Körpers schreiten, in der nordischen ++durfte+ er es nicht. Rembrandt hat in jenem Vordergrundssinne nie +einen Akt gemalt; Lionardo, Tizian, Velasquez und unter den letzten +Menzel, Leibl, Marées, Manet jedenfalls selten (und dann immer, ich +möchte sagen Leiber +als Landschaften+). Das Porträt bleibt der +untrügliche Prüfstein.[86] + +Aber man würde Meister wie Signorelli, Mantegna, Botticelli niemals +an dem Range ihrer Porträts messen. Raffaels Bildnisse, deren beste +wie das des Papstes Julius II. unter dem Einflüsse des Venezianers +Sebastian del Piombo entstanden, könnte man bei der Würdigung seines +Schaffens gänzlich außer acht lassen. Erst bei Lionardo sind sie +von höchstem Gewicht. Es besteht ein feiner Widerspruch zwischen +Freskotechnik und Bildnismalerei. In der Tat ist Giovanni Bellinis +Doge Loredan das erste große Ölporträt. Auch hier offenbart sich der +Charakter der Renaissance als einer Auflehnung gegen den faustischen +Geist des Abendlandes. Die Episode von Florenz bedeutet den Versuch, +das Porträt gotischen Stils -- also nicht das spätantike Idealbildnis, +das man vornehmlich durch die Cäsarenbüsten kannte -- als Symbol +des Menschlichen durch den Akt zu ersetzen. Folgerichtig hätten die +physiognomischen Züge der gesamten Renaissancekunst fehlen müssen. +Allein die starke Unterströmung faustischen Kunstwollens, nicht nur +in kleineren Städten und Schulen Mittelitaliens, sondern selbst im +Unbewußten der großen Maler bewahrte eine nie unterbrochene Tradition. +Die Physiognomik gotischer Art unterwarf sich sogar das ihr so fremde +Element des südlich-nackten Körpers. Was man entstehen sah, sind +nicht Körper, die durch die Statik ihrer Grenzflächen zu uns reden; +wir bemerken ein +Mienenspiel+, das sich vom Antlitz über alle +Teile des Körpers verbreitet und für das feinere Auge gerade in die +toskanische +Nacktheit+ eine tiefe Identität mit dem +gotischen +Gewande+ legt. Sie ist eine Hülle, keine Grenze. Vor allem aber +wurde jeder gemalte oder modellierte Kopf von selbst zum Porträt. Alles +was A. Rossellino, Donatello, Benedetto da Majano, Mino da Fiesole im +Porträt geleistet haben, steht dem Geiste der Van Eyck, Memlings und +der frührheinischen Meister oft bis zum Verwechseln nahe. Ich behaupte, +daß es überhaupt kein eigentliches Renaissanceporträt gibt und geben +kann, wenn man darunter die in einem Antlitz gesammelte künstlerische +Gesinnung versteht, welche den Hof des Palazzo Strozzi von der Loggia +dei Lanzi und Perugino von Cimabue trennt. Im Architektonischen war +eine antigotische Konzeption möglich, so wenig von apollinischem Geiste +sie auch besaß; im Bildnis, das schon als Gattung ein faustisches +Phänomen war, nicht. Michelangelo ging der Aufgabe aus dem Wege. +In seiner leidenschaftlichen Verfolgung eines plastischen Ideals +hätte er die Beschäftigung mit ihr als ein Herabsteigen empfunden. +Seine Brutusbüste ist so wenig ein Porträt wie sein Giuliano de +Medici, dessen Porträt von Botticelli ein wirkliches, mithin eine +ausgesprochen gotische Schöpfung ist. Michelangelos Köpfe sind +Allegorien im Geschmack des anbrechenden Barock und selbst mit gewissen +hellenistischen Arbeiten nur oberflächlich vergleichbar. Man mag den +Wert der Uzzanobüste des Donatello, vielleicht der bedeutendsten +Leistung dieser Epoche, noch so hoch bemessen; man wird zugeben, daß +sie neben den Bildnissen der Venezianer kaum in Betracht kommt. + +Es verdient bemerkt zu werden, daß diese wenigstens ersehnte +Überwindung des gotischen Porträts durch den vermeintlich antiken +Akt -- einer rein historischen und biographischen Form durch eine +vollkommen ahistorische eines punktförmigen Daseins -- mit einem +gleichzeitigen Niedergang der Fähigkeit zur innern Selbstprüfung und +zur künstlerischen Konfession im Goetheschen Sinne verschwistert +erscheint. Kein echter Renaissancemensch kennt eine seelische +Entwicklung. Er vermochte ganz nach außen zu leben. Darin lag das hohe +Glück des Quattrocento. Zwischen Dantes Vita nuova und Michelangelos +Sonetten ist keine poetische Beichte, kein Selbstporträt von +einigem Range entstanden. Der Renaissancekünstler ist im Abendlande +der einzige, für den Einsamkeit ein leeres Wort bleibt. Darf man +hinzufügen, daß +also auch+ jenes andre Symbol der historischen +Ferne, der Sorge, Dauer und Nachdenklichkeit, der +Staat+, von +Dante bis auf Michelangelo aus der Sphäre der Renaissance verschwindet? +Im „wankelmütigen Florenz“, das all seine großen Bürger bitter +gescholten haben und dessen Unfähigkeit zu tüchtigen politischen +Bildungen am gewöhnlichen Niveau abendländischer Staatsformen gemessen +ans Bizarre streift, und überall dort, wo der antigotische -- nach +dieser Seite hin betrachtet also +antidynastische+ -- Geist eine +lebendige Wirksamkeit in Kunst und Öffentlichkeit entfaltet, machte der +Staat in Gestalt der Medici, Sforza, Borgia, Malatesta und lächerlicher +Republiken einer wahrhaft hellenischen Jämmerlichkeit im Stile des +peloponnesischen Krieges Platz. Nur dort, wo die Plastik +keine+ +Stätte fand, wo die südliche Musik zu Hause war, wo Gotik und Barock in +der Ölmalerei des Giovanni Bellini sich berührten und die Renaissance +ein Gegenstand gelegentlicher Liebhaberei blieb, gab es neben dem +Porträt -- der Seelengeschichte _in nuce_ -- eine feine Diplomatie +und den Willen zur politischen Dauer: in Venedig. + + +14 + +Die Renaissance war aus dem Trotz geboren. Es fehlt ihr darum an +Tiefe, Umfang und Sicherheit der formbildenden Instinkte. Sie ist +die einzige Epoche, die einer theoretischen Unterstützung bedurfte. +Sie war auch, sehr im Gegensatz zu Gotik und Barock, die einzige, wo +das theoretisch formulierte Wollen dem Können voranging und es oft +genug überragte. Aber die erzwungene Gruppierung der einzelnen Künste +um eine antikisierende Plastik konnte diese Künste in den letzten +Wurzeln ihres Wesens nicht umwandeln. Sie bewirkte nur eine Verarmung +der innern Möglichkeiten. Für Naturen von mittlerem Umfang war das +geistig-künstlerische Medium der Renaissance zureichend. Es kommt ihnen +infolge der Simplizität der oberflächlicheren Konvention sogar entgegen +und man vermißt deshalb das gotische Ringen mit dem Element, das die +rheinischen und niederländischen Schulen auszeichnet. Die wundervolle +und verführerische Leichtigkeit und Klarheit beruht nicht zum wenigsten +auf dem Umgehen des tieferen Widerstandes vermittelst einer allzu +schlichten Regel. Die Renaissancekunst kennt keine Probleme. Für +Menschen von der Innerlichkeit Memlings und der Gewalt Grünewalds, die +im Bereich dieser toskanischen Formenwelt geboren wurden, mußte sie +zum Verhängnis werden. Sie konnten nicht in ihr und durch sie, nur +gegen sie zur Entfaltung ihrer Seele kommen. Wir sind geneigt, das +Menschliche der Renaissancemaler zu überschätzen, nur weil wir keine +Schwäche in der Form entdecken. Aber im Gotischen und im Barock erfüllt +ein ganz großer Künstler seine Mission, indem er ihre Sprache vertieft +und vollendet; in der Renaissance mußte er sie zerstören. + +Dies ist der Fall Lionardos, Raffaels und Michelangelos, der einzigen +großen Menschen Italiens, seit den Tagen der Gotik. Ist es nicht +seltsam, daß zwischen den Meistern der Gotik, die nichts als Arbeiter +in ihrer Kunst waren und doch das Größte im Dienste dieser Konvention +und innerhalb ihrer Schranken leisteten, und den Venezianern und +Holländern, die wieder nichts als Maler, Arbeiter waren, diese drei +stehen, nicht nur Maler, nicht Bildhauer, sondern Denker, und zwar +Denker aus Not, die sich außer mit allen möglichen Arten künstlerischen +Ausdrucks auch noch mit tausend andern Dingen beschäftigten, ewig +unruhig und unbefriedigt, um dem Wesen und dem Ziel ihrer Existenz +auf den Grund zu kommen -- die sie in den seelischen Bedingungen der +Renaissance also nicht fanden? Diese drei Großen haben, jeder in +seiner Weise, jeder in einem eignen tragischen Irrgang, versucht, +antik im Sinne der mediceischen Theorie zu sein und jeder hat nach +einer andern Seite hin diese Illusion zerstört. Raffael die große +Linie, Lionardo die Fläche, Michelangelo den Körper. In ihnen kehrt die +verirrte Seele zu ihrem faustischen Ausgang zurück. Sie +wollten+ +das Maß statt der Beziehung, die Zeichnung statt der Wirkung von Licht +und Schatten, den euklidischen Leib statt des reinen Raumes. Aber eine +euklidisch-statische Plastik hat es damals überhaupt nicht gegeben. +Sie war nur einmal möglich: in Athen. Eine latente Musik ist immer und +überall fühlbar. All ihre Gestalten haben Bewegtheit und eine Tendenz +in die Ferne und Tiefe. Sie sind alle auf dem Wege zu Palestrina statt +zu Phidias, wie sie alle von der schweigenden Musik der Kathedralen +statt von den römischen Ruinen kommen. Raffael löste das florentinische +Fresko auf, Michelangelo die Statue, Lionardo träumte schon von der +Kunst Rembrandts und Bachs. Je ernster man die Aufgabe nimmt, das Ideal +der Zeit zu verwirklichen, desto ungreifbarer wird es. Es gibt keinen +Palast in dieser Epoche, von dem Kenner nicht geurteilt haben, daß er +noch gotische oder schon barocke Elemente aufweise. + +Mithin sind Gotik und Barock etwas, das +da+ ist. Renaissance +ist ein ideales Postulat, das über dem Wollen einer Zeit schwebt, +unerfüllbar wie alle Postulate. Giotto ist ein gotischer und Tizian +ein Barockkünstler. Michelangelo +wollte+ ein Renaissancekünstler +sein, aber es gelang ihm nicht. Schon daß -- trotz aller plastischen +Ambitionen und aller Literatur -- die Malerei unbestritten überwog, +und zwar mit den räumlich-perspektivischen Voraussetzungen des +Nordens, beweist den Widerspruch zwischen Verstand und Seele, zwischen +Sehnsucht und Erfüllung. Das schöne Maß, die abgeklärte Regel, das +gewollt Antike also, wurde schon um 1520 als trocken und formelhaft +empfunden. Michelangelo und andre mit ihm waren der Meinung, daß sein +Kranzgesims am Palazzo Farnese, durch das er die Fassade Sangallos +vom Renaissancestandpunkt aus verdarb, die Leistungen der Griechen +und Römer weit übertraf. Das Antigotische fand keine Liebhaber mehr. +Man hatte es satt. Erst von jetzt an werden römische Ruinen, wie das +Kolosseum und Septizonium, als Steinbrüche für Barockbauten benutzt. + +Wie Petrarca der erste, so war Michelangelo der letzte leidenschaftlich +für die Antike empfindende Mensch von Florenz, aber er war es nicht +mehr ganz. Das franziskanische Christentum Fra Angelicos, von feiner +Milde, versonnen, still ergeben, dem die südliche Abgeklärtheit reifer +Renaissancewerke weit mehr zu verdanken hat als man glaubt,[87] ging +zu Ende. Der majestätische Geist der Gegenreformation, schwer, bewegt +und prächtig, lebt schon in Michelangelos Werken. Es gibt etwas, das +man damals antik nannte und das nur eine edle Form des christlichen +Weltgefühls war; der syrischen Herkunft des florentinischen +Lieblingsmotivs, der Verbindung von Rundbogen und Säule, war schon +gedacht. Aber man vergleiche auch die pseudo-korinthischen Kapitäle +des 15. Jahrhunderts mit denen römischer Ruinen, die man doch kannte. +Michelangelo war der einzige, der hier kein äußeres Abkommen ertrug. +Er wollte Klarheit. Für ihn war die Frage der Form eine religiöse +Frage. Es handelt sich bei ihm und ihm allein um alles oder nichts. So +erklärt sich das einsame, furchtbare Ringen dieses wohl unglücklichsten +Menschen innerhalb unsrer Kunst, das Fragmentarische, Gequälte, +Unersättliche, das _terribile_ seiner Formen, das die Zeitgenossen +ängstigte. Der eine Teil seines Wesens zog ihn zum Altertum und also +zur Plastik. Man weiß, wie die eben gefundene Laokoongruppe auf ihn +wirkte. Ehrlicher als er hat niemand versucht, durch die Kunst des +Meißels den Weg zu einer verschütteten Welt zu finden. Alles was +er geschaffen hat, war plastisch in diesem, +von ihm allein+ +vertretenen Sinne gemeint. „Die Welt, vorgestellt im großen Pan“, +das, was Goethe im zweiten Teil des Faust hatte geben wollen, als +er die Helena einführte, die apollinische Welt in ihrer mächtigen, +sinnlichen und körperlichen Gegenwart -- das hat kein andrer so mit +allen Kräften in ein künstlerisches Dasein bannen wollen, als er, +damals als er die Decke der Sixtinischen Kapelle malte. Alle Mittel +des Fresko, die großen Konturen, die mächtigen Flächen, die drängende +Nähe nackter Gestalten, das Stoffliche der Farbe sind hier zum letzten +Male bis zum äußersten angespannt, um das Heidentum in ihm -- im +höchsten Renaissancesinne -- zu befreien. Aber seine zweite Seele, die +gotisch-christliche Dantes und der Musik weiter Räume, die deutlich +genug aus der metaphysischen Anordnung des Entwurfs redet, leistete +Widerstand. + +Er hat zum letzten Male versucht, immer und immer wieder, die +ganze Fülle seiner Persönlichkeit in die Sprache des Marmors, des +euklidischen Materials zu legen, das ihm den Dienst versagte. Denn er +stand dem Stein anders gegenüber als ein Grieche. Die gemeißelte Statue +widerspricht schon durch die Art ihres Daseins einem Weltgefühl, das in +Kunstwerken etwas +sucht+, nicht in ihnen etwas +besitzen+ +will. Für +Phidias+ ist der Marmor der kosmische Stoff, der +sich nach Form sehnt. Die Pygmalionsage erschließt das ganze Wesen +dieser apollinischen Kunst. Für Michelangelo war er der Feind, den +er unterwarf, der Kerker, aus dem er seine Idee erlösen mußte, wie +Siegfried Brunhilde befreit. Man kennt seine leidenschaftliche Art, +den rohen Block anzugreifen. Er näherte ihn nicht Schritt für Schritt +der gewollten Gestalt an. Er meißelte in den Stein wie in einen Raum +hinein und brachte eine Figur zustande, indem er zum Beispiel von dem +Block, an der Stirnseite beginnend, schichtweise das Material fortnahm +und in die Tiefe drang, während die Gliedmaßen sich langsam aus der +Masse entwickelten. Die Weltangst von dem Gewordnen, dem Element, dem +Tode, den man durch eine bewegte Form zu bannen sucht, kann nicht +deutlicher ausgedrückt werden. Kein Künstler des Abendlandes besitzt +ein so innerliches und zugleich gewaltsames Verhältnis zum Stein als +dem Symbol des Todes, zu dem feindlichen Prinzip in ihm, das seine +dämonische Natur immer wieder bezwingen wollte, ob er nun seine Statuen +heraushieb oder seine mächtigen Bauten aus ihm auftürmte.[88] Er +ist der einzige Bildhauer seiner Zeit, für den +nur+ der Marmor +in Frage kam. Der Bronzeguß, der einen Ausgleich mit malerischen +Tendenzen gestattete und dem er deshalb fern stand, lag den andern +Renaissancekünstlern und den weicheren Griechen viel näher. + +Aber der antike Bildhauer fesselte einen augenblicklichen leiblichen +Zustand in Stein. Dessen ist der faustische Mensch gar nicht fähig. +Wie er in der Liebe nicht zuerst den Naturtrieb, den sinnlichen Akt +der Vereinigung von Mann und Weib findet, sondern die große Liebe +Dantes und darüber hinaus die Idee der sorgenden Mutter, so hier. +Michelangelos Erotik -- die Beethovens -- war so unantik als möglich; +sie stand unter dem Aspekt der Ewigkeit und Ferne, nicht der Sinne und +des flüchtigen Augenblicks. In Michelangelos Akten -- einem Opfer an +sein hellenisches Idol -- verneint und übertönt die Seele die sichtbare +Form. Die eine will Unendlichkeit, die andre Maß und Regel, die eine +will Vergangenheit und Zukunft verknüpfen, die andre in der Gegenwart +beschlossen sein. Das antike Auge saugt die plastische Form in sich +auf. Michelangelo aber sah mit dem geistigen Auge und durchbrach +die Vordergrundsprache der unmittelbaren Sinnlichkeit. Und endlich +vernichtete er die Bedingungen dieser Kunst. Der Marmor wurde seinem +Formwollen zu gering. Michelangelo hört auf Bildhauer zu sein und geht +zur Architektur über. Im hohen Alter, als er nur noch wilde Fragmente +wie die Madonna Rondanini zustande brachte und seine Gestalten kaum +mehr aus dem Rohen herausmeißelte, brach die +musikalische+ +Tendenz seines Künstlertums durch. Endlich ließ sich der Wille zu +einer kontrapunktischen Form nicht mehr bändigen und aus tiefstem +Ungenügen an der Kunst, an welche er sein Leben verschwendet hatte, +zerbrach sein ewig ungestilltes Ausdrucksbedürfnis die architektonische +Regel der Renaissance und schuf das römische Barock. An die Stelle +des Verhältnisses von Stoff und Form setzt er den Kampf von Kraft +und Masse. Er faßt die Säulen in Bündel zusammen oder drängt sie in +Nischen; er durchbricht die Geschosse mit mächtigen Pilastern; die +Fassade erhält etwas Wogendes und Drängendes; das Maß weicht der +Melodie, die Statik der Dynamik. Die faustische Musik hatte sich die +erste unter den andern Künsten dienstbar gemacht. + +Mit Michelangelo ist die Geschichte der abendländischen Plastik zu +Ende. Was nach ihm kommt, sind Mißverständnisse und Reminiszenzen. Sein +legitimer Erbe ist +Palestrina+. + +Lionardo redet eine andre Sprache als seine Zeitgenossen. In +wesentlichen Dingen reichte sein Geist in das nächste Jahrhundert und +nichts band ihn wie Michelangelo mit allen Fasern seines Herzens an das +toskanische Formideal. Er allein hatte weder den Ehrgeiz, Bildhauer, +noch den, Architekt zu sein. Er trieb seine anatomischen Studien -- +ein seltsamer Irrweg der Renaissance, dem hellenischen Lebensgefühl +und dessen Kultus der körperlichen Außenfläche nahe zu kommen! -- +nicht mehr wie Michelangelo der Plastik wegen; er trieb nicht mehr ++topographische+ Vordergrund- und Oberflächenanatomie, sondern ++Physiologie+, um der innern Geheimnisse willen. Michelangelo +wollte den ganzen Sinn der menschlichen Existenz in die Sprache des +sichtbaren Leibes zwingen, Lionardos Skizzen und Entwürfe zeigen das +Gegenteil. Sein vielbewundertes _sfumato_ ist das erste Zeichen +einer Verleugnung der Körpergrenzen um des +Raumes+ willen. Von +hier geht der Impressionismus aus. Lionardo beginnt mit dem Innern, +dem Räumlich-Seelenhaften, nicht mit abgewognen Umrißlinien und legt +zuletzt -- wenn er es überhaupt tut und das Bild nicht unvollendet +läßt -- die farbige Substanz wie einen Hauch über die eigentliche, +körperlose, ganz unbeschreibliche Fassung des Bildes. Raffaels Gemälde +zerfallen in „Pläne“, in denen wohlgeordnet Gruppen verteilt sind, und +ein Hintergrund schließt das Ganze maßvoll ab. Lionardo kennt nur den +einen, weiten, ewigen Raum, in dem seine Gestalten gleichsam schweben. +Der eine gibt innerhalb des Bildrahmens eine Summe einzelner und naher +Dinge, der andre einen Ausschnitt aus dem Unendlichen. + ++Lionardo hat den Blutkreislauf entdeckt.+ Was ihn dahin führte, +war kein Renaissancegefühl. Seine Gedankengänge heben ihn aus der +ganzen Sphäre seiner Zeitgenossen heraus. Weder Michelangelo noch +Raffael wären dahingekommen, denn die Maleranatomie sah nur auf Form +und Lage, nicht auf die Funktion der Teile. Sie war, mathematisch +gesprochen, stereometrisch, nicht analytisch. Hat man nicht das Studium +von +Leichen+ zureichend befunden, um die großen Gemäldeszenen +figürlich auszuführen? Aber das hieß das Werden zugunsten des +Gewordenen unterdrücken. Man rief die Toten zu Hilfe, um die antike +ἀταραξία der nordischen Gestaltungskraft zugänglich zu machen. +Aber Lionardo sucht das +Leben+ wie Rubens, nicht den Körper +an sich wie Signorelli. Es liegt in seiner Entdeckung eine tiefe +Verwandtschaft mit der fast gleichzeitigen des Kolumbus; es ist der +Sieg des Unendlichen als des faustischen Symbols über die stoffliche +Begrenztheit des Gegenwärtigen und Greifbaren. Wann hätte je ein +Grieche an solchen Dingen Geschmack gefunden? Er fragte nach dem Innern +seines Organismus so wenig als nach den Quellen des Nils. Beides hätte +die euklidische Fassung seines Daseins in Frage gestellt. Das Barock +ist demgegenüber +die eigentliche Zeit der großen Entdeckungen+. +Schon das Wort kündigt etwas schroff Unantikes an. Der antike Mensch +hütete sich, von irgend etwas Kosmischem die Decke, die körperliche +Bindung fortzunehmen oder fortzudenken. Aber gerade das ist der +eigentliche Trieb einer faustischen Natur. Beinahe gleichzeitig und +in der Tiefe völlig gleichbedeutend erfolgte die Entdeckung der +neuen Welt, des Blutkreislaufs und des kopernikanischen Weltsystems, +etwas früher die des Schießpulvers, also der Fernwaffe, und des +Buchdrucks, der im Gegensatz zur antiken Rhetorik und der ihr dienenden +Schriftrolle die Verbreitung der Gedanken ins Unendliche sichert. + +Lionardo war ganz und gar Entdecker. Darin erschöpft sich seine Natur. +Pinsel, Meißel, Seziermesser, Rechenstift, Zirkel hatten für ihn ein +und dieselbe Bedeutung -- die, welche der Kompaß für Kolumbus hatte. +Wenn Raffael einen in scharfen Umrissen gezeichneten Entwurf farbig +ausführte, so bejahte jeder Pinselstrich die körperliche Erscheinung. +Man betrachte aber Lionardos Rötelskizzen und Hintergründe: hier +entdeckt er mit jedem Zuge atmosphärische Geheimnisse. Er war der +erste, der über Flugversuche angestrengt nachdachte. Fliegen, sich von +der Erde befreien, sich in die Weite des Weltraumes verlieren: das +ist faustisch im höchsten Grade. Das erfüllt selbst unsere Träume. +Hat man nie bemerkt, wie die evangelische Legende in der Malerei des +Abendlandes zu einer wunderbaren Verklärung dieses Motivs wurde? All +diese gemalten Himmelfahrten und Höllenstürze, das Schweben über +den Wolken, die selige Entrücktheit der Engel und Heiligen, die +eindringlich gestaltete Freiheit von aller Erdenschwere sind Sinnbilder +des faustischen Seelenfluges und dem byzantinischen Stil gänzlich +fremd. Dem Griechen, wie die Ikarussage beweist, erscheint dies als der +Gipfel allen Frevels. Der bloße Gedanke daran stellt ihr euklidisches +Weltgefühl in Frage. Ent-decken, die Decke aufheben, das heißt die +Dinge durchschauen, ihre Bedingtheit bemerken, ihre Grenzen auflösen. +Lionardos Malerei löst das Stoffliche auf. Antike Menschen kennen eine +tiefe Furcht vor dem Geheimnis, das unter der sinnlichen Fläche der +Welt schläft. Ihr Fresko +verleugnet+ den Hintergrund, und zwar +mit dem Pathos eines großen Symbols. Renaissancemenschen allerdings +fühlen hier keine Tiefe. Ihre Hintergründe sind bloße Abschlüsse. Aber +den Menschen des Barock erfüllt die unersättliche Leidenschaft für die +Wikingerfahrten der Seele. Er +braucht+ Geheimnisse, um sie zu +überwinden. Er braucht Weiten für die innere Musik seiner Seele. Hier, +im Schaffen Lionardos, reift, was die Gotik geahnt hatte. + + +15 + +Die Verwandlung des Freskogemäldes der Renaissance in das Ölbild ist +ein Stück +Seelengeschichte+, die noch niemand beschrieben hat. +Hier hängen alle Einblicke von den zartesten und verborgensten Zügen +ab. Fast in jedem Bilde ringt das Freskenhafte mit der andringenden +neuen Form. Raffaels malerische Entwicklung während seiner Arbeit in +den Stanzen des Vatikan ist fast das einzige übersichtliche Beispiel. +Das florentinische Fresko sucht die Wirklichkeit in einzelnen Dingen +und gibt innerhalb der architektonischen Umrahmung eine Summe von +ihnen. Das Ölbild erkennt mit steigender Sicherheit des Ausdrucks +nur die Ausgedehntheit als Ganzes an und jeden Gegenstand nur als +ihren Repräsentanten. Das faustische Weltgefühl schuf die neue +Technik für sich. Es verwarf den zeichnerischen Stil, wie es die +Koordinatengeometrie aus der Zeit des Oresme verwarf. Es verwandelte +die an Architekturmotive gebundene Linearperspektive in eine rein +atmosphärische Perspektive, die mit unwägbaren Tondifferenzen arbeitet. +Das entspricht der reinen Analysis seit Descartes. Aber die ganze +künstliche Lage der Renaissancekunst, ihr Nichtverstehen der eignen +Tendenz, die Unmöglichkeit, das antigotische Prinzip völlig zu +realisieren, erschwerte und verdunkelte den Übergang. Jeder Künstler +hat ihn auf andre Weise versucht. Der eine malt mit Ölfarben auf die +nasse Wand. Lionardos Abendmahl ist bekanntlich deshalb der Zerstörung +anheimgefallen. Andre malen Tafelbilder, als ob sie Fresken wären. Das +ist der Fall Michelangelos. Kühne Schritte, Ahnungen, Niederlagen, +Verzichte finden sich. Der Kampf zwischen der Hand und der Seele, +zwischen Auge und Werkzeug, der vom Künstler und der von der Zeit +gewollten Form ist immer derselbe -- der zwischen Plastik und Musik. + +Hier verstehen wir endlich Lionardos riesenhaft gedachten Entwurf +zur Anbetung der heiligen drei Könige in den Uffizien, das größte +malerische Wagnis der Renaissance. Bis auf Rembrandt ist ähnliches nie +auch nur geahnt worden. Über alles optische Maß hinaus, über alles, +was man damals Zeichnung, Kontur, Komposition, Gruppe nannte, will er +zur Anbetung des ewigen Raumes vordringen, in dem alles Körperliche +schwebt wie die Planeten im kopernikanischen System, wie die Töne +einer Bachschen Orgelfuge in der Dämmerung alter Kathedralen, ein Bild +von einer solchen Dynamik der Ferne, daß es innerhalb der technischen +Möglichkeiten dieser Zeit Torso bleiben mußte. + +In der sixtinischen Madonna resümiert Raffael die gesamte Renaissance +durch die kolossale Linie des Umrisses, die den ganzen Gehalt +des Werkes in sich saugt. Es ist die +letzte große Linie+ +der abendländischen Kunst. Ihre gewaltige Innerlichkeit, die den +Widerspruch mit der Konvention bis zur äußersten Spannung treibt, macht +Raffael zu dem am wenigsten verstandenen Künstler der Renaissance. +Er kämpfte nicht mit Problemen. Er ahnte sie nicht einmal. Aber er +führte die Kunst bis an deren Schwelle, wo der Entscheidung nicht mehr +ausgewichen werden konnte. Er starb, als er innerhalb ihrer Formenwelt +das letzte vollendet hatte. Der Menge erscheint er flach. Sie wird +niemals empfinden, was in seinen Entwürfen vor sich geht. Aber hat man +wohl die Morgenwölkchen bemerkt, die, sich in Kinderköpfe verwandelnd, +die ragende Gestalt umgeben? Es sind die Scharen der Ungebornen, +welche die Madonna ins Leben zieht. Diese lichten Wolken erscheinen +im gleichen Sinne auch in der mystischen Schlußszene des zweiten +Faust. Gerade das Abweisende, die Unpopularität im höchsten Sinne +schließt hier die innere Überwindung des Renaissancegefühls in sich. +Perugino versteht man beim ersten Blick; bei Raffael glaubt man es nur. +Obwohl zunächst gerade die plastische Linie, das zeichnerische Moment +eine antike Tendenz ankündigt, ist sie doch im Raum verschwebend, +überirdisch, beethovenartig. Raffael ist in diesem Werke verschlossener +als jeder andre, viel mehr selbst als Michelangelo, dessen Intentionen +durch das Fragmentarische seiner Arbeiten deutlich werden. Seine +innersten Geheimnisse scheint kein Zeitgenosse gekannt zu haben. Fra +Bartolommeo hatte die stoffliche Umrißlinie noch ganz in seiner Gewalt; +sie ist ganz Vordergrund, sie redet allein, ihr Sinn erschöpft sich +in der Abgrenzung von Körpern. Bei Raffael schweigt sie, wartet sie, +verhüllt sie sich. Sie steht, bei äußerster Spannung, unmittelbar vor +ihrer Auflösung im Unendlichen, in Raum und Musik. + +Lionardo steht jenseits der Grenze. Der Entwurf zur Anbetung der drei +Könige ist schon Musik. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Umstande, +daß er hier wie bei seinem Hieronymus bei der braunen Untermalung +stehen blieb, dem „Rembrandtstadium“, dem atmosphärischen Braun des +nächsten Jahrhunderts. Für ihn war in diesem Zustande die äußerste +Vollkommenheit und Deutlichkeit der Intention erreicht. Jeder Schritt +weiter in eine Farbenbehandlung, deren Geist damals noch in den +metaphysischen Bedingungen des Freskostils befangen war, hätte die +Seele des Entwurfs zerstört. Gerade weil er die Symbolik der Ölmalerei +in ihrer ganzen Tiefe vorfühlte, fürchtete er das Freskenhafte der +„Fertigmaler“, das seine Idee verflachen mußte. Die Studien zu dem +Gemälde beweisen, wie sehr ihm die +Radierung+ in der Art +Rembrandts gelegen hätte, eine Kunst aus der Heimat des Kontrapunkts, +die man in Florenz nicht kannte. Erst die Venezianer, außerhalb der +florentinischen Konvention stehend, haben erreicht, was er hier suchte; +eine Farbenwelt, die dem Raume, nicht den Dingen dient. + +Aus demselben Grunde hat Lionardo -- nach unendlichen Versuchen -- +den Christuskopf des Abendmahls unvollendet gelassen. Auch für ein +Porträt in der großen Auffassung Rembrandts für eine aus bewegten +Pinselstrichen, Lichtern und Tönen aufgebaute Seelengeschichte war +der Mensch dieser Zeit nicht reif. Aber nur Lionardo war groß genug, +um diese Schranke als tragisches Geschick zu erleben. Die andern +hatten nur den Kopf geben wollen, wie ihn die Schule vorschrieb. +Lionardo, der hier zum ersten Male auch die +Hände+ sprechen +ließ, und zwar mit einer physiognomischen Meisterschaft, die später +zuweilen erreicht, aber nie übertroffen worden ist, wollte unendlich +viel mehr. Seine Seele war weit in die Zukunft verloren, aber sein +Menschliches, sein Auge, seine Hand gehorchten dem Geiste seiner Zeit. +Sicherlich war er in einer verhängnisvollen Weise der Freieste von +den drei Großen. Vieles von dem, womit Michelangelos mächtige Natur +vergebens rang, hat ihn gar nicht mehr berührt. Probleme der Chemie, +der geometrischen Analysis, der Physiologie -- Goethes „lebendige +Natur“ war auch die seine -- der Fernwaffentechnik sind ihm vertraut. +Er hat die Maschinentechnik antizipiert. Seine Intuitionen machen ihn +zum Ahnherrn von Leibniz und Goethe; er empfand den Raum wie der erste +und den Organismus wie der zweite. Tiefer als Dürer, kühner als Tizian, +umfassender als irgendein Mensch der Zeit, ist er der fragmentarische +Künstler _par excellence_ geblieben,[89] aber aus einem andern +Grunde als Michelangelo, der verspätete Plastiker, und im Gegensatz zu +Goethe, für den alles schon zurücklag, was dem Schöpfer des Abendmahls +unerreichbar blieb. Michelangelo wollte eine erstorbene Formenwelt noch +einmal zum Leben zwingen, Lionardo fühlte eine neue in der Zukunft, +Goethe ahnte, daß es keine mehr gab. Zwischen ihnen liegen die drei +reifen Jahrhunderte faustischer Kunst. + + +16 + +Es ist noch übrig, das Sterben der abendländischen Kunst in seinen +großen Zügen zu verfolgen. Die innerste Notwendigkeit alles +historischen Werdens ist hier am Werke. Wir haben gelernt, Künste als +Urphänomene zu begreifen. Wir suchen nicht mehr nach Ursachen und +Wirkungen im physikalischen Sinne, um ihrer Geschichte Zusammenhang +zu geben. Wir haben den Begriff des Schicksals einer Kunst in sein +Recht eingesetzt. Wir haben endlich Künste als +Organismen+ +erkannt, die in dem größeren Organismus einer Kultur ihre bestimmte +Stellung einnehmen, geboren werden, reifen, altern und +für immer+ +absterben. Das griechische Fresko, das byzantinische Mosaik, das +gotische Glasgemälde, das perspektivische Ölbild sind nicht Phasen ++einer+ allgemein menschlichen Kunst. Es sind Formideale +einzelner, wohlbegrenzter und voneinander innerlich unabhängiger +Künste, von denen jede ihre eigne Biographie besitzt. Die Gotik war, +wie die Dorik, wie der Stil des Alten Reiches von Memphis, ein Suchen +der jungen Seele nach Formen, um die Welt zu erfassen, an sich zu +ziehen, sich einzuverleiben. Ihre Sprache, zaghaft, voller Schauder +vor dem Unbegriffenen, nach einem noch unbekannten Ziele tastend, +kündigt eine große Entwicklung erst an. Hier finden wir die Fehlgriffe, +die Ratlosigkeit, das Irren aller Jugend. Mit dem Abschluß der +Renaissanceepisode -- der letzten Verirrung -- ist die abendländische +Seele zum reifen Bewußtsein ihrer Kräfte und Möglichkeiten gelangt. +Sie hat ihre Künste +gewählt+. Eine Spätzeit, das Barock wie +die Ionik, weiß, was die Formensprache der Kunst zu bedeuten hat. +Sie war bis dahin eine philosophische Religion, jetzt wird sie eine +religiöse Philosophie. Die gewordne Außenwelt, oder was dasselbe ist, +die Wirklichkeit, die erlebte Natur, und zwar die von jeder einzelnen +Seele, der faustischen, apollinischen, magischen für sich erlebte, +geschaffene, zu ihrem Abbilde gestaltete Natur wird in den Mikrokosmos +eines Kunstwerkes zusammengezogen, auf ein Symbol räumlich-sinnlicher +Art, eine Formel der innern Existenz gebracht. Es erscheint auf der +Höhe einer jeden Kultur das Phänomen einer prachtvollen +Gruppe +großer Künste+, wohlgeordnet und durch das zugrunde liegende +Ursymbol zu einer Einheit verknüpft. + +Wenn man die „bildenden“ Künste, zu denen auch die Musik gehört, +überhaupt gruppieren will, so findet sich ein natürlicher Unterschied, +je nachdem man das Tiefenerlebnis durch +unmittelbare+ Behandlung +des Ausgedehnten wiedergibt oder indem man auf einer Fläche den ++Eindruck+ des Ausgedehnten erweckt. Das letztere ist „Malerei“. Die +unmittelbare Nachahmung könnte sich auf den reinen, unendlichen Raum +beziehen -- das war der polyphonen Instrumentalmusik möglich, oder +auf das Ideal des einzelnen stofflichen Körpers -- das geschah durch +eine Skulptur, die ihr Werk allseitig frei und durchgebildet auf den +Boden stellte. Dem entsprechen nun aber sehr verschiedene Arten von +Malerei, vielmehr von Künsten, die außer dem Namen nichts gemein haben. +Zur Kunst des Raumes gehört eine Behandlung der Fläche, welche den +Eindruck reiner Tiefe wachruft und das selbständige Dasein der Körper +zuletzt +verneint+. Das erste geschieht durch die +Perspektive+, das +zweite heißt +Impressionismus+. Andererseits gehört zur Rundplastik +eine Malerei, die +nur+ Körper kennt, das heißt, die nur +Konturen+ +gibt und den Hintergrund verleugnet. Das hier wirksame +Prinzip+ der +Auswahl entscheidet mit der Notwendigkeit eines +Schicksals+ über das +Dasein, den Rang und das Ende einzelner Künste innerhalb einer Kultur. +So entsteht, und ich setze dies der heute gültigen Anschauung über die +Struktur der Kunstgeschichte entgegen, die +historische Gruppe+ von +Künsten. + +Die +apollinische Gruppe+, zu der die Vasenmalerei, das Fresko, das +Relief, die Architektur der Säulenordnungen, das attische Drama, +der Tanz gehören, hat die Skulptur der nackten Statue zur Mitte. +Die +faustische+ Gruppe bildet sich um das Ideal reiner räumlicher +Unendlichkeit. Ihren Mittelpunkt bildet die kontrapunktische Musik. +Von ihr aus spinnen sich feine Fäden in alle geistigen Formenwelten +hinüber und verweben die infinitesimale Mathematik, die dynamische +Physik, den Katholizismus des Jesuitenordens und den Protestantismus +der Aufklärung, die moderne Maschinentechnik, das Kreditsystem und die +dynastisch-soziale Staatsorganisation zu einer ungeheuren Totalität +seelischen Ausdrucks. Mit dem innern Rhythmus der Dome beginnend, +mit Wagners Tristan und Parsival endend, erreicht die künstlerische +Bewältigung des unendlichen Raums ihre vollkommene Ausbildung um +1550. Die Plastik erlischt mit Michelangelo, gerade damals, als die +Planimetrie, die bis dahin die Mathematik beherrscht hatte, ihr +unwesentlichster Teil wird. Mit der Musik fugierten Stils, die eben +jetzt durch Orlando Lasso ein Kunstmittel von ungeheuren Möglichkeiten +geworden war, beginnt ihre Schwester, die Infinitesimalrechnung +hervorzutreten. + +Ölmalerei und Instrumentalmusik, die Künste des Raumes, treten ihre +Herrschaft an. In der Antike waren es +folglich+ die Künste +des stofflich-euklidischen Prinzips, das streng flächenhafte Fresko +und die freistehende Statue, die gleichzeitig -- um 600 -- in den +Vordergrund treten. Damit ist die faustische und die apollinische +Gruppe reifer Künste -- der auch zwei mächtige, in Shakespeare und +Äschylus gipfelnde tragische Künste angehören -- im Umriß bestimmt. Und +zwar sind es die beiden Arten von Malerei, die, in ihrer Formensprache +gemäßigter, zugänglicher, zuerst heranreifen. Dem Ölgemälde gehört +die Zeit von 1550-1650 ebenso unbestritten wie das 6. Jahrhundert +der Tonmalerei. Die Symbolik von Raum und Körper, ausgedrückt durch +das Kunstmittel der +Perspektive+ und der +Proportion+, +erscheint in der mittelbaren Sprache des Gemäldes nur angedeutet. +Diese Künste, welche Raum oder Körper, also Möglichkeiten des +Ausgedehnten, in der Bildfläche nur vorzutäuschen vermögen, konnten +das antike und abendländische Ideal wohl bezeichnen und heraufrufen, +aber nicht vollenden. Auf dem Wege des großen Stils erscheinen sie als +Vorstufen der letzten Höhe. Je mehr die Kulturen sich ihrer Vollendung +näherten, desto entschiedener wurde der Drang nach einer Kunst von +unerbittlicher Klarheit der Symbolik. Die Malerei genügte nicht mehr. +Die Gruppe der Künste wurde weiterhin vereinfacht. Um 1670, gerade +damals als Newton und Leibniz die Differentialrechnung entdeckten, +war die Ölmalerei an der Grenze ihrer Möglichkeiten angelangt. Die +letzten großen Meister starben, Velasquez 1660, Poussin 1665, Hals +1666, Rembrandt 1669, Vermeer 1675, Ruysdael und Lorrain 1682. Man +braucht nur die wenigen Nachfolger von Bedeutung, Watteau, Hogarth, +Tiepolo zu nennen, um den Abstieg, um das Ende einer Kunst fühlen zu +lassen. Eben jetzt, um 1650, hatte sich nun die Instrumentalmusik +in den großen Formen der Suite, des Concerto grosso und der Sonate +für Soloinstrumente von dem Rest des Körperlichen im Klange der +menschlichen Stimme befreit. Auch Heinrich Schütz (1672) und Carissimi +(1674), die letzten Meister der Vokalmusik, starben damals. 1685 werden +Bach und Händel geboren und mit ihnen wachsen Stamitz, Kuhnau, Corelli, +Tartini, die beiden Scarlatti heran. Von nun an ist die Musik, und zwar +die rein instrumentale, nicht die vokale, +die+ faustische Kunst. +Die entsprechende Krisis findet sich um 470 in der Antike, wo der +letzte der großen Freskomaler, Polygnot, seinem Schüler Polyklet und +damit der Statuenplastik endgültig den Vorrang abtritt. + +Mit dieser Musik und dieser Plastik ist das Ziel erreicht. Eine +reine Symbolik von mathematischer Strenge ist möglich geworden: das +bedeutet der Kanon, jene Schrift Polyklets über die Proportionen des +menschlichen Körpers, und als Gegenstück der kontrapunktische Kanon +seines „Zeitgenossen“ Bach. Diese Künste leisten das Äußerste und +Letzte an Deutlichkeit und Intensität der reinen Form. Man vergleiche +doch den Tonkörper der faustischen Instrumentalmusik und in ihm wieder +den Streichkörper und bei Bach auch noch den als Einheit wirkenden +Körper der Blasinstrumente mit dem Körper attischer Statuen; man +vergleiche, was Haydn und was Praxiteles eine +Figur+ nannten, +nämlich die eines Themas oder die eines Athleten, eine Bezeichnung, +welche der Mathematik entnommen ist und verrät, daß dieses jetzt +endlich erreichte Ziel das einer Vereinigung künstlerischen und +mathematischen Geistes ist, denn zugleich mit Musik und Plastik +haben die Analysis des Unendlichen und die euklidische Geometrie +ihre Aufgabe, ihr spezifisches Zahlenproblem mit voller Deutlichkeit +begriffen. Ihre größten Meister leben gleichzeitig mit denen jener +durch und durch mathematischen Künste. Man erinnert sich, wie an einer +frühern Stelle die Mathematik eine Kunst und der große Mathematiker ein +Künstler und Visionär genannt worden war. Hier liegt die Erklärung. +Die Mathematik des Schönen und die Schönheit des Mathematischen sind +nicht mehr zu trennen. Der unendliche Raum der Töne und der reine +Körper von Marmor oder Bronze sind eine unmittelbare Interpretation +des Ausgedehnten und Gewordnen. Sie gehören zu der Zahl als Beziehung +und der Zahl als Maß. Im Fresko wie im Ölbilde wird man, in den +Gesetzen von Proportion und Perspektive, nur +Andeutungen+ von +Mathematischem finden. Diese beiden letzten und strengsten Künste ++sind+ Mathematik. Der Kontrapunkt wie der Statuenkanon sind +absolute Zahlenwelten. Hier herrschen Gesetze und Formeln. Auf diesem +Gipfel erscheint die faustische wie die apollinische Kunst vollkommen. + +Mit dem Ende der Fresko- und Ölmalerei als herrschenden Künsten beginnt +die dichte Reihe der großen Meister der Plastik und Musik. Auf Polyklet +folgen Phidias, Skopas, Praxiteles, Lysippos, auf Bach und Händel +Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven. Jetzt erscheint die Menge wunderbarer, +heute längst verschollener Instrumente, eine ganze Zauberwelt +abendländischen Entdecker- und Erfindergeistes, um immer neue Klänge +und Tonfarben für den Dienst und die Steigerung des Ausdrucks +heranzuziehen. Jetzt die Fülle großer, feierlicher, zierlicher, +leichter, spöttischer, lachender, schluchzender Formen von strengstem +Bau, auf die sich heute niemand mehr versteht; es gab damals, vor allem +im Deutschland des 18. Jahrhunderts, eine wirkliche +Kultur der +Musik+, die das ganze Leben durchdrang und erfüllte, deren Typus +Hoffmanns Kapellmeister Kreisler wurde -- der ebenbürtig neben Goethes +Faust, dem deutschen Denker, als die tiefste poetische Konzeption des +deutschen Musikers steht -- und von der uns kaum die Erinnerung mehr +geblieben ist. + +Endlich, gegen 1800, stirbt auch die Architektur. Sie löst sich, sie +ertrinkt in der Musik des Rokoko. Alles, was man an dieser letzten +wundervollen, fragilen Blüte der abendländischen Baukunst getadelt +hat -- weil man ihre Entstehung aus dem Geiste des Kontrapunktes +nicht verstand --, das Maßlose, Formlose, Verschwebende, Wogende, +Funkelnde, die Zerstörung der Fläche und Gliederung für das Auge -- +alles das ist ja nur der Sieg der Töne und Melodien über Linien und +Körper, der Triumph des reinen Raumes über den Stoff, des absoluten +Werdens über das Gewordne. Es sind nicht mehr Baukörper, diese Abteien, +Schlösser, Kirchen mit ihren geschwungenen Fassaden, Portalen, Höfen +mit Muschelinkrustation, mächtigen Treppenhäusern, Galerien, Sälen, +Kabinetten, sondern steingewordne Sonaten, Menuette, Madrigale, +Präludien; Kammermusik in Stuck, Marmor, Elfenbein und edlen Hölzern, +Kantilenen von Voluten und Kartuschen, Kadenzen von Freitreppen und +Firsten. Der Dresdner Zwinger ist das vollkommenste Stück Musik in der +gesamten Weltarchitektur, ein allegro fugitivo für kleines Orchester. + +Deutschland hat die großen Musiker und +also auch+ die großen +Baumeister -- Pöppelmann, Schlüter, Bähr, Neumann, Fischer von Erlach, +Dinzenhofer -- dieses Jahrhunderts hervorgebracht. In der Ölmalerei +spielt es keine, in der Instrumentalmusik die entscheidende Rolle. + + +17 + +Ein Wort, das erst zur Zeit Manets in Aufnahme kam -- zuerst ein +Spottname wie Barock und Rokoko --, faßt die Eigenart des faustischen +Kunstvortrags, wie er sich aus den Voraussetzungen der Ölmalerei +allmählich entwickelt hat, sehr glücklich zusammen. Man spricht vom +Impressionismus, ohne Umfang und tieferen Sinn des Begriffes, wie er +hätte gefaßt werden sollen, zu ahnen. Man leitete ihn aus der letzten +Nachblüte einer Kunst ab, die ganz und gar zu ihm gehört. Was ist +Impressionismus? „Eindruckskunst?“ Etwas rein Abendländisches ohne +Zweifel, etwas, das mit der Idee des Barock, selbst schon der der +gotischen Architektur verwandt und den Absichten der Renaissance +entgegengesetzt ist. Ist es nicht die geistige Kraft, den reinen +unendlichen Raum als die unbedingte Wirklichkeit und alle sinnlichen +Gebilde in ihm als sekundär und bedingt zu empfinden, und zwar mit +innerster Notwendigkeit? Eine geistige Kraft, die in künstlerischen +Schöpfungen hervortreten kann, die aber tausend andre Möglichkeiten +kennt, um sich zu offenbaren? „Der Raum ist die apriorische Form +der Anschauung“, die Formel Kants -- ist das nicht ein Programm +dieser Bewegung, die mit Lionardo anhebt? Der Impressionismus ist +die Umkehrung des euklidischen Weltgefühls. Er sucht sich von der +Sprache des Plastischen soweit als möglich zu entfernen und der +des Musikalischen zu nähern. Man läßt die belichteten, das Licht +zurückstrahlenden Dinge nicht auf sich wirken, weil sie da sind, +sondern als ob sie „an sich“ nicht da wären. Man empfängt und gibt +den +Eindruck+ von Gegenständen, die man innerlich als bloße +Funktion einer optisch nicht mehr erreichbaren Ausgedehntheit wertet. +Man durchdringt die Körper mit dem innern Auge, man löst den Zauber +ihrer stofflichen Grenzen, man opfert sie der Majestät des Raumes. +Und man fühlt mit und unter diesem irrealen Eindruck eine unendliche ++Bewegtheit+ des sinnlichen Elementes, die zu der statuenhaften +ἀταραξία des Fresko den stärksten Gegensatz bildet. Deshalb gibt es +keinen hellenischen Impressionismus. Deshalb ist die antike Skulptur +die Kunst, welche ihn _a limine_ ausschließt. + +Der Impressionismus ist der umfassende Ausdruck eines Weltgefühls und +es versteht sich, daß er die gesamte Physiognomik unsrer späten Kultur +durchdringt. Es gibt eine impressionistische, die optischen Grenzen +mit Absicht und Nachdruck überschreitende Mathematik. Wir kennen +sie. Es ist die Analysis seit Newton und Leibniz. Zu ihr gehören die +visionären Gebilde der Zahlkörper, Mengen, Transformationsgruppen, +mehrdimensionalen Geometrien. Ihr liegt das Prinzip der funktionalen +Zahl mit ihrer unfixierbaren Bewegtheit zugrunde. Es gibt eine +impressionistische Physik -- wir werden sie noch kennen lernen --, die +an Stelle von Körpern Systeme von Massenpunkten „sieht“, Einheiten, +die lediglich als das konstante Verhältnis variabler Wirksamkeiten +erscheinen, mit Grenzflächen, die als wohlgeordnete Mengen von +Zahlenmannigfaltigkeiten bestimmter Art definiert werden. Es gibt eine +impressionistische Ethik, Tragik, Logik. + +Malerisch genommen handelt es sich um die Kunst, mit drei Strichen und +Flecken ein Bild, einen Mikrokosmos für das Auge eines faustischen +Menschen zu schaffen, das heißt die Wirklichkeit des Weltraumes durch +die flüchtigste, körperloseste Andeutung von etwas Sichtbarem, das +ihn gleichsam in die Sphäre der Erscheinung bannt, zu imaginieren. +Es ist eine nie wieder gewagte Kunst der Bewegung des Unbeweglichen. +Von Tizian bis hinab auf Corot und Menzel zittert und fließt die +duftige Materie unter der geheimen Wirkung des Pinselstriches und der +gebrochenen Farben. Das hatte schon der Fassadenstil Michelangelos +und Vignolas gewollt. Deshalb war seitdem eine Kunst nach der andern +erloschen, weil sie +vor+ diesem letzten Ziel die Grenze ihrer +Möglichkeiten erreicht hatte. Der Impressionismus ist die Methode +subtiler künstlerischer +Entdeckungen+. Er wiederholt die Taten +des Kolumbus und Kopernikus. Es gibt keine zweite Formensprache, in +der jeder Fleck und Strich so überraschende Reize aufzudecken, der +Einbildungskraft so ganz neue Elemente von raumschaffender Energie +zuzuführen vermag. Das Fresko bejaht die Sinnenwirkung als schlechthin +gegeben. Die neue Technik ist skeptisch; sie seziert die Empfindung bis +zu ihrer Auflösung, wie es die Physik derselben Zeit tat. Man verfolge +das Schicksal der menschlichen Einzelgestalt in dieser Malerei. Zuerst +jede streng für sich, klar begrenzt, mit allen Kenntnissen der Anatomie +gezeichnet, gemeißelt, durchgearbeitet, klare, wohl abgewogene Gruppen, +die sich scharf von einem Hintergrunde abheben -- bei Raffael. Dann +bei Lionardo die Entdeckung der Übergänge von Licht und Dunkel, weiche +Ränder, mit der Tiefe verschwimmende Umrisse, Gruppen und Massen von +Licht und Schatten, aus denen sich einzelne Gestalten nicht mehr lösen +lassen. Die Linearperspektive wird zur Kunst der Atmosphäre -- dem +eigentlichen Thema des Bildes. Die verharrende Linie hatte Körper +begrenzt, das atmosphärische Licht mit seinen Ungewissen Tönungen +begrenzt den Raum. Endlich, bei Rembrandt, verfließen die Gestalten zu +bloßen farbigen Eindrücken; sie verlieren das spezifisch Menschliche; +sie wirken als Strich und Farbenfleck bei ihm wie bei Lorrain und +Vermeer; es ist das Schicksal des einzelnen Tones in der Musik von +Palestrina bis Wagner. In einem Minimum von Substanz -- von Farbe +oder Ton -- ein Maximum von physiognomischer Bedeutung zu bannen, +mit einem Hauch den prägnanten Eindruck eines ganz bestimmten, nie +wiederkehrenden Welterlebnisses zu geben, ist die Fähigkeit, welche +man jetzt malerisch nennt. Man kann demnach den Impressionismus als +Porträtkunst im umfassendsten Sinne betrachten. Wie ein Selbstbildnis +Rembrandts nicht die anatomische Wirklichkeit des Kopfes, sondern das ++zweite Gesicht+ in ihr anerkennt, wie es nicht das Auge, sondern +den Blick, nicht die Stirn, sondern das Erlebnis, nicht die Lippen, +sondern die Sinnlichkeit durch das Ornament der Pinselstriche bannt, +so zeigt das impressionistische Gemälde überhaupt nicht die Natur +des Vordergrundes, sondern auch da ein zweites Antlitz, die Seele +der Landschaft. Mag es sich um die katholisch-heroische Landschaft +Lorrains, den _paysage intime_ Corots, um das Meer, die Flußränder +und Dörfer Cuyps und Van Goyens handeln, es entsteht immer ein Porträt +im physiognomischen Sinne, etwas Einmaliges, Unvorhergesehenes und zum +ersten und letzten Male ans Licht Gezogenes. Gerade die Vorliebe für +die Landschaft -- die physiognomische, die Charakterlandschaft --, +für das Motiv also, das im Freskostil gar nicht denkbar ist und der +Antike vollkommen unzugänglich blieb, erweitert die Porträtkunst vom +unmittelbar Menschlichen zum mittelbaren, zur Darstellung der Welt als +eines Teils des Ich, der Welt, in der der Künstler sich gibt und der +Betrachter sich wiederfindet. Denn in diesen Weiten der sich in die +Ferne dehnenden Natur spiegelt sich die Seele, das Schicksal. Es gibt +in dieser Kunst tragische, dämonische, lachende, klagende Landschaften, +etwas, wovon der Mensch andrer Kulturen keine Vorstellung und wofür +er kein Organ hat. Aus dieser Gesinnung ist der +Park+ der +Barockzeit, als Spiegel großen Menschentums, entstanden. + +Aber es gibt eine Kultur, weit entfernt von der faustischen, die auch +eine impressionistische Kunst besaß, die chinesische. +Wir+ wissen +wenig von ihr; wir wissen nicht einmal, wo ihre zeitlichen Grenzen im +Geschichtsbilde liegen. Sicher ist, daß Konfuzius lange nach ihrer +Vollendung lebte und bereits das zivilisierte Stadium repräsentiert. +Aber nach allem, was hier bisher vom Sinn der Kulturen festgestellt +wurde, erscheint das Eine klar: wenn überhaupt eine andre Kultur +und ihre Kunst zu einem so verwandten Symbol gelangte, mußte ihre +Seele in +jedem+ Betracht der unseren ähnlich sein. Gewiß, von +Identität ist nirgends die Rede; die unendlich feinen und bedeutsamen +Differenzen beider Seelen aufzufinden müßte eine der reizvollsten +Aufgaben einer künftigen Psychologie sein. Das Tiefenerlebnis, der +Sinn der Zukunft, des Horizontes, des Raumes, des Todes ist hier +und dort nicht derselbe. Das Ursymbol der chinesischen Seele, ihr +Weltgefühl ist trotz aller Nähe +nicht+ das faustische und deshalb +vielleicht gerade für uns schwer bestimmbar. Die alte ostasiatische +Malerei sucht nicht die flüchtigen Wunder, die _petits faits_ +der Atmosphäre, nicht das +Einmalige eines Raumerlebnisses+ auf. +Sie wendet sich vom Wirklichen ab und dem wachen Traume zu. Ihre +Meisterschaft liegt im Hinzaubern von Dingen, die +Erinnerungen+ +wecken, +ohne zu sein, was sie scheinen+. Ohne Zweifel ist +diese tiefe Form historischer Transzendenz nicht die Watteaus oder +Haydns. Das zarte chinesische Gefühl für Zeit, Leben, Schicksal, +Vergangenheit ist uns sehr fremd. Aber trotzdem, welche Leidenschaft +der Seele zum Grenzenlosen und Ewigen! Wie nahe rücken sich beide Arten +des Menschentums, sobald man sie mit der antiken vergleicht! Eine +Landschaft über das Thema „Abendglocken eines fernen Tempels“, wo der ++Klang+ und die Welt ferner Erinnerungen, die er im Innern weckt, +in wenige Striche und Farbflecke gebannt erscheinen -- ist das nicht +trotzdem im Geiste Mozarts? Wir wundern uns nicht, daß diese Kultur +den abendländischen Hang zur Astronomie und Geschichtsforschung, zur +Sorge und Selbstbetrachtung besaß. Beide Kulturen erfanden, jede für +sich, das Pulver, den Buchdruck, den Holzschnitt, den Kompaß, das +Porzellan. Beide waren im Besitz einer hochentwickelten Gartenkunst +und Musik. Beiden fehlte deshalb -- in dem hier vorausgesetzten +strengen Sinne -- eine Plastik, während das Porträt (die altchinesische +Porträtkunst war eine Leistung allerhöchsten Ranges) und die damit +innerlich verwandte Charakterlandschaft die Malerei beherrschen. So +ist die Wahlverwandtschaft zu erklären, die das 18. Jahrhundert zu +China, das 19. zu Japan zog. Wir kannten damals alle fremden Kulturen, +die indische, ägyptische, arabische; sie lagen uns alle näher; aber +nur von dieser übernahmen wir, über den halben Erdball hinweg, nicht +etwa einzelne Motive und Ideen, sondern den +Gehalt+ ihrer +künstlerischen Formensprache. Das unterscheidet das Verhältnis des +Rokoko zur chinesischen Kunst sehr wesentlich von dem der Renaissance +zur griechisch-römischen. Die Resorption ägyptischer Details um 1800 +durch den Empirestil war eine flache Spielerei; die Übernahme der +japanischen Malerei um 1860 ist eine Metamorphose, die Tiefe besitzt. + + +18 + +Ich sagte, daß die Ölmalerei am Ende des 17. Jahrhunderts, wo +alle großen Meister kurz nacheinander starben, erlosch. Aber der +Impressionismus im engern Sinne ist ja eine Schöpfung des 19. +Jahrhunderts? Die Malerei hat also 200 Jahre länger geblüht oder +dauert heute noch fort? Man täusche sich nicht. Zwischen Rembrandt +und Delacroix oder Constable liegt eine tote Strecke und was bei +dem letzten beginnt, ist trotz aller Zusammenhänge in Hinsicht auf +Technik und Vortrag sehr verschieden von dem, was mit dem ersten +endete. Hier, wo von einer lebendigen Kunst von größter Symbolik die +Rede ist, zählen die rein dekorativen Künstler des 18. Jahrhunderts +nicht mit. Watteau möchte man in allem, wo er tief ist, der Musik +seiner Zeit zurechnen. Täuschen wir uns auch nicht über den Charakter +der neuen malerischen Episode, die jenseits von 1800, der Grenze +von Kultur und Zivilisation, noch einmal vorübergehend die Illusion +einer großen Kultur der Malerei erwecken konnte. Sie selbst hat ihr +eigentliches Thema als Pleinairismus bezeichnet und damit den Sinn +ihrer flüchtigen Erscheinung deutlich genug enthüllt. +Freilicht+ +-- das ist die bewußte, intellektuelle und brutale Abwendung von dem, +was man plötzlich „die braune Sauce“ nannte und was, wie wir sahen, in +den Bildern der großen Meister das eigentlich metaphysische Fluidum +war. Auf ihm baute sich die Malkultur der Schulen, vor allem der +niederländischen auf, die im Rokoko rettungslos dahinschwand. Dies +Braun, das Symbol räumlicher Unendlichkeit, das für den faustischen +Menschen aus dem Gemälde ein seelenhaftes Etwas schuf, empfand man +plötzlich als Unnatur. Was war geschehen? Beweist das Faktum nicht, +daß eben die +Seele+ sich fortgestohlen hatte, für welche diese +verklärte Farbe etwas Religiöses, ein Zeichen der Sehnsucht, der +ganze Sinn einer lebendigen Natur gewesen war? Der Materialismus der +westeuropäischen Weltstädte blies in die Asche und rief diese seltsame +und kurze Nachblüte von zwei Malergenerationen hervor -- denn mit +der Generation Manets war alles schon wieder zu Ende. Ich hatte das +erhabene Grün Grünewalds, Lorrains, Giorgiones als die katholische +Farbe des Raumes bezeichnet und das transzendente Braun Rembrandts +als die Farbe des protestantischen Weltgefühls. Das Freilicht, das +jetzt eine neue Farbenskala entfaltet, bezeichnet demgegenüber den +Atheismus.[90] Der Impressionismus ist aus den Sphären Beethovenscher +Musik und Kantischer Sternenräume auf die Erdoberfläche zurückgekehrt. +Dieser Raum ist ein intellektuelles, kein seelisches Faktum; er ist +erkannt, errechnet, nicht erlebt; es ist das mechanische Objekt +der Physik und nicht die gefühlte Welt der pastoralen Musik, was +Courbet und Manet in ihre Landschaften bringen. Was Rousseau mit +tragisch treffendem Ausdruck als Rückkehr zur Natur prophezeit hatte, +vollzieht sich in dieser sterbenden Kunst. So kehrt ein Greis von +Tag zu Tag „zur Natur zurück“. Der neue Künstler ist Arbeiter, nicht +Schöpfer. Man stellt ungebrochene Spektralfarben nebeneinander. Die +feine Handschrift, der Tanz des Pinselstriches macht mechanischen +Gewohnheiten Platz: Punkte, Quadrate, breite anorganische Massen +werden aufgetragen, vermengt, verbreitet. Neben dem breiten, flachen +Pinsel erscheint der Spachtel als Werkzeug. Der Ölgrund der Leinwand +wird in die Wirkung einbezogen und bleibt stellenweise frei. Eine +gefährliche Kunst, peinlich, kalt, krank, für überfeinerte Nerven, +aber wissenschaftlich bis zum äußersten, energisch in allem, was die +Bewältigung technischer Widerstände angeht, programmatisch zugespitzt; +es ist das Satyrspiel zur großen Ölmalerei von Lionardo bis Rembrandt. +Sie konnte nur in dem Paris Baudelaires zu Hause sein. Corots silberne +Landschaften in ihren grüngrauen und braunen Tönen träumten noch von +dem +Seelischen+ der alten Meister. Courbet und Manet eroberten +den kahlen physikalischen Raum, den Raum als „Tatsache“. Der versonnene +Entdecker Lionardo macht dem malenden Experimentator Platz. Corot, +das ewige Kind, Franzose, nicht Pariser, fand seine Landschaften +überall. Er hat noch einmal, im romantischen Sinne, etwas von der +kontrapunktischen Kunst altholländischer Gemälde verwirklicht, so wie +Novalis in seinen Marienliedern noch einmal das altprotestantische +Kirchenlied erweckte. Aber Th. Rousseau, Courbet, Manet, Cézanne +porträtieren ein und dieselbe Landschaft immer wieder, peinlich, +mühsam, arm an Seele, den Wald von Fontainebleau oder die Seineufer +bei Argenteuil oder jenes merkwürdige Tal bei Arles. Rembrandts +mächtige Landschaften liegen durchaus im Weltraume, die Manets in +der Nähe einer Bahnstation. Die Freilichtmaler, echte Großstädter, +nahmen von den kühlsten Spaniern und Holländern, Velasquez, Goya, +Hobbema und Franz Hals, die Musik des Raumes, um sie -- mit Hilfe der +englischen Landschafter und später der Japaner, intellektueller und +hochzivilisierter Köpfe, -- ins Empirische und Naturwissenschaftliche +zu übersetzen. Das ist eine planmäßige Synthese, die sich vollkommen +auf der Ebene der elementaren Form hält und die innere Gestalt, die +Form der Seele aus dem Spiele läßt. Constable hat auf die Schule von +Barbizon ebenso gewirkt wie Locke auf Voltaire. Um jenes Wort Goethes +noch einmal zu gebrauchen: Rembrandt schaute, Manet sah die Natur an. +Es ist der Unterschied von Naturerlebnis und Naturwissenschaft, von +Herz und Kopf, von Glauben und Wissen. + +Anders in Deutschland. In Frankreich war eine große Malerei +abzuschließen, hier war sie nachzuholen. Denn der malerische Stil um +1860 setzt, als Schlußakt, alle Glieder der Entwicklung voraus; sie +liegen dem Technischen zugrunde und wo auch eine Schule diesen neuen +Stil, den der großstädtischen Zivilisation, pflegen will, bedarf sie +einer geschlossenen inneren Tradition. Hierin beruht die Schwäche +und Stärke der letzten deutschen Malerei. Die Franzosen besaßen eine +eigne Überlieferung vom frühen Barock bis auf Chardin und Corot +herab. Zwischen Lorrain und Corot, Rubens und Delacroix besteht +ein lebendiger Zusammenhang. Aber alle großen Deutschen waren, als +Künstler, Musiker geworden. Wenn die deutschen Maler jetzt nach Paris +gingen, so taten sie dasselbe wie alle Komponisten andrer Länder, +wenn sie Bach, Haydn, Mozart und Beethoven studierten. Sie nahmen +von außen, was ihnen an innerer Tradition fehlte. Aber indem sie, +wie Manet und die Maler seines Kreises, auch die alten Meister von +1670 studierten und kopierten, empfingen sie ganz neue, ganz andre +Wirkungen, während die Franzosen nur Erinnerungen an etwas fühlten, +das längst in ihre Kunst eingegangen war. Und so ist die deutsche +bildende Kunst außerhalb der Musik -- seit 1800 -- eine verspätete +Erscheinung, hastig, ängstlich, verworren, um Mittel und Ziel verlegen. +Es war keine Zeit zu verlieren. Was die deutsche Musik und die +französische Malerei in Jahrhunderten geworden waren, sollte durch +eine oder zwei Malergenerationen eingeholt werden. Die erlöschende +Kunst drängte nach der letzten, weltstädtischen Fassung, die ein +traumhaftes Durchfliegen der ganzen Vergangenheit notwendig machte. So +erscheinen hier wunderlich faustische Naturen, wie Marées und Böcklin, +von einer Ungewißheit in allem Formalen, die in unsrer Musik mit ihrer +sicheren Tradition -- man denke an Bruckner -- ganz unmöglich war. +Die programmatisch klare und innerlich um so ärmere Kunst der großen +französischen Impressionisten -- Manet, Monet, Degas, Pissarro, Renoir +-- kennt diese Tragik ebensowenig. Das gleiche gilt von der deutschen +Literatur, die zur Goethezeit in jedem großen Werk etwas begründen +wollte +und+ etwas abschließen mußte. Wie die Maler nach Paris +gingen, so die Dichter nach dem London der elisabethanischen Zeit. Wie +Kleist Shakespeare und Stendhal +zugleich+ in sich fühlte und +mit verzweifeltem Bemühen, in ewigem Ungenügen ändernd und zerstörend +zweihundert Jahre psychologischer Kunst zur Einheit schmieden wollte, +wie Hebbel die Problematik von Hamlet bis Rosmersholm in +einen+ +dramatischen Typus preßte, so haben Menzel, Leibl, Marées die alten und +neuen Vorbilder: Rembrandt, Lorrain, van Goyen, Watteau, Delacroix, +Courbet und Manet in eine einzige Form zu drängen versucht. Während +die kleinen frühen Interieurs von Menzel die besten Tatsachen des +Manetkreises vorwegnehmen und Leibl manches ausführt, woran Courbet +scheiterte, ist andrerseits in ihren Bildern das metaphysische Braun +und Grün der alten Meister noch der volle Ausdruck eines inneren +Erlebnisses. Menzel hat +wirklich+ ein Stück preußisches Rokoko, +Marées etwas von Rubens, Leibl in seinem Bild der Frau Gedon etwas von +Rembrandts Porträtkunst nacherlebt und wiedergeweckt. Das Atelierbraun +des 17. Jahrhunderts hatte eine Kunst von höchstem faustischem +Gehalt zur Seite gehabt, die Radierung. Rembrandt ist in beidem der +erste Meister aller Zeiten gewesen. Auch die Radierung hat etwas +Protestantisches und sie liegt den südlicheren, katholischen Malern der +grünblauen Atmosphäre und der Gobelins nicht. Leibl war, wie der letzte +Braunmaler, so auch der letzte große Radierer, dessen Blätter von jener +rembrandthaften Unendlichkeit sind, die den Betrachter immer wieder +neue Geheimnisse entdecken läßt. Marées endlich besaß die mächtige +Intuition des großen Barockstils, die Guéricault und Daumier noch eben +in eine geschlossene Form bannen konnten, die sich aber in seinem +Falle, eben +ohne+ die Stärke der westlichen Tradition, nicht in +die Welt der malerischen Erscheinung zwingen ließ. + + +19 + +Im Tristan stirbt die letzte der faustischen Künste. Dies Werk ist der +riesenhafte Schlußstein der abendländischen Musik. Die Malerei hat es +nicht zu einem so mächtigen Finale gebracht. Manet und Leibl, in deren +Freiheitsstudien die Ölmalerei alten Stils noch einmal wie aus dem +Grabe hervorkommt, wirken klein dagegen. + +Die apollinische Kunst ging mit der pergamenischen Plastik zu +Ende. +Pergamon ist das Seitenstück von Bayreuth.+ In der +Illusionsmalerei der asiatischen und sikyonischen Schule erscheint +daneben ebenfalls eine malerische Episode, die der von Barbizon und +dem Kreise Manets durchaus entspricht. Die strenge Vierfarbentechnik +Polygnots mit ihrer Vermeidung von Licht und Schatten wurde damals +aus demselben metaphysischen Grunde aufgelöst wie jetzt das Braun der +niederländischen Malerei. Es gibt von Eupompos Aussprüche, die auch +in Paris möglich gewesen wären. Dieselben Skandale, welche das 19. +Jahrhundert im Leben Manets, Cézannes und manches andern verzeichnet, +wurden auch von diesen revolutionären Malern in Athen erregt. Plato hat +sie streng getadelt. + +Die pergamenische Kunst entspricht der Musik von Berlioz, Liszt und +Wagner. Der berühmte Altar von Pergamon selbst ist ein späteres und +vielleicht nicht das bedeutendste Werk der Gattung. Man muß (etwa +330-220) eine lange, verschollene Entwicklung voraussetzen. Aber alles, +was Nietzsche gegen Wagner und Bayreuth, den Ring und den Parsifal +vorbrachte, läßt sich, unter Gebrauch ganz derselben Ausdrücke wie +Decadence und Schauspielerei, auf diese Plastik anwenden, von der +uns im Gigantenfries des großen Altars -- auch einem „Ring“ -- ein +Meisterwerk erhalten ist. Dieselbe Theatralik, dieselbe Anlehnung an +alte, mythische, nicht mehr geglaubte Motive, dieselbe rücksichtslose +Massenwirkung auf die Nerven, aber auch dieselbe sehr bewußte Wucht, +Größe, Erhabenheit, die dennoch einen Mangel an innerer Kraft nicht +ganz zu verbergen weiß. Das ältere Vorbild des Laokoon stammte +sicherlich aus diesem Kreise. Man könnte sich einen Philosophen, aus +der Nähe Epikurs, denken, der in attischen Aphorismen gegen diese +Kunst im Namen der alten, echten Plastik Polyklets loszog. Hier stand +Nietzsche ganz nahe vor der Lösung des Problems, das seine eigentliche +Bestimmung zu sein schien, des Problems der Zivilisation. Der „Fall +Wagner“ war auch der Fall der damaligen antiken Plastik, der einer +jeden Kunst, welche die vollendete Kultur repräsentiert und mit dem +Übergang zur Zivilisation stirbt. Er gebrauchte das Wort Decadence. +Dasselbe, nur umfassender, nur von dem heute vorliegenden Fall zu +einem allgemein historischen Typus von Epoche erweitert und aus der +Vogelperspektive einer Philosophie des Werdens betrachtet, bedeutet in +diesem Buche das Wort Untergang des Abendlandes. + +Was die sinkende Gestaltungskraft kennzeichnet, ist das Form- und +Maßlose, dessen der Künstler bedarf, um noch etwas Rundes und Ganzes +hervorzubringen. Maßlos, überschwellend, subjektiv, das heißt hier +die Kultur, die strenge Konvention von Jahrhunderten zerbrechend. Es +war die überpersönliche Regel, die absolute Mathematik der Form, das ++Schicksal+ einer Form, hier wie dort, was man nicht mehr ertrug. +Lysipp steht darin hinter Polyklet und die Schöpfer der Galliergruppen +hinter Lysipp zurück. Das entspricht dem Wege von Bach über Beethoven +zu Wagner. Die frühen Künstler fühlen sich als Meister der großen Form, +die späten als deren Sklaven. Was Praxiteles und Haydn innerhalb der +strengsten Konvention in vollkommener Freiheit und Heiterkeit zu sagen +vermochten, brachten Lysipp und Beethoven nur unter Vergewaltigungen +zustande. Das Zeichen aller lebendigen Kunst, die reine Harmonie +zwischen Wollen, Müssen und Können, das Selbstverständliche des +Ziels, das Unbewußte in der Verwirklichung, die Einheit von Kunst und +Kultur, alles das ist vorüber. Noch Corot und Tiepolo, noch Mozart und +Cimarosa konnten, was sie wollten, was sie wollen mußten. Freiheit +und Notwendigkeit waren identisch. In der Zeit Rembrandts und Bachs +ist das uns allzubekannte Phänomen: „an seiner Aufgabe zu scheitern“, +gar nicht denkbar. Das Schicksal der Form lag in der Rasse, in der +Epoche, nicht in privaten Tendenzen des Einzelnen. In der Sphäre einer +großen Tradition gelingt selbst dem kleinen Künstler das Vollkommene, +weil die lebendige Kunst ihn und die Aufgabe zusammenführt. Heute +müssen diese Künstler wollen, was sie nicht mehr können, und dort mit +dem Kunstverstand arbeiten, rechnen, kombinieren, wo der Instinkt +erloschen ist. Das haben sie alle erlebt. Marées ist mit keinem seiner +großen Pläne fertig geworden. Leibl wagte es nicht, seine letzten +Bilder aus der Hand zu geben, bis sie unter der endlosen Überarbeitung +kalt und hart geworden waren. Cézanne und Renoir ließen vieles vom +Besten unvollendet, weil sie bei aller Kraft und Mühe nicht weiter +konnten. Manet war erschöpft, als er dreißig Bilder gemalt hatte, +und trotz der ungeheuren Mühsal, die aus jedem Zuge des Gemäldes +und der Skizzen spricht, hat er mit seiner „Erschießung des Kaisers +Maximilian“ kaum erreicht, was Goya in dem Vorbilde, der Erschießung +des Grafen Pio, mühelos zustande brachte. Bach, Haydn, Mozart und die +tausend namenlosen Musiker des 18. Jahrhunderts konnten in schnell +hingeworfenen Augenblickskompositionen Vollkommenstes leisten. Wagner +wußte, daß er nur dort die Höhe erreichte, wo er seine ganze Energie +zusammennahm und aufs peinlichste die besten Augenblicke seiner +künstlerischen Begabung ausnützte. + +Zwischen Wagner und Manet besteht eine tiefe Verwandtschaft, die +wenigen fühlbar sein wird, die aber ein Kenner alles Dekadenten wie +Baudelaire schon früh herausfand. Aus farbigen Strichen und Flecken +eine Welt im Raume hervorzuzaubern, das war die letzte, sublimste +Kunst der Impressionisten. Wagner leistet das mit drei Takten, in +denen sich eine ganze Welt von Seele zusammendrängt. Die Farben +der sternhellen Mitternacht, der ziehenden Wolken, des Herbstes, +der schaurig-wehmütigen Morgenfrühe, überraschende Blicke auf +sonnenbelichtete Fernen, die Weltangst, das nahe Verhängnis, das +Verzagen, das verzweifelte Durchbrechen, die jähe Hoffnung, Momente, +die vorher kein Musiker für erreichbar gehalten hätte, malt er in +vollkommener Deutlichkeit mit ein paar Tönen eines Motivs. Hier ist der +äußerste Gegensatz zur griechischen Plastik erreicht. Alles versinkt +in körperlose Unendlichkeit; selbst eine linienhafte Melodie ringt +sich nicht mehr aus den vagen Tonmassen los, die in seltsamem Wogen +einen imaginären Raum heraufrufen. Das Motiv taucht aus dunkler und +furchtbarer Tiefe auf, flüchtig von einem grellen Licht überstrahlt; +plötzlich steht es in schrecklicher Nähe; es lächelt, es schmeichelt, +es droht; bald ist es im Reiche der Streichinstrumente verschwunden, +bald nähert es sich wieder aus endlosen Fernen, von einer einzelnen +Oboe leise variiert, mit einer immer neuen Fülle seelischer Farben. +Der Kenner der Funktionentheorie wird in diesen Tonräumen etwas +Verwandtes mit seinen Zahlenmannigfaltigkeiten finden, in denen Gruppen +transzendenter Gebilde Verwandlungen erleiden, welche die Invarianz +gewisser Formelemente hervortreten lassen. + +Wagner löst die Melodie auf wie Manet und sein Kreis die Grenzen +der sichtbaren Gegenstände oder, um es von einer andern Seite, +psychologisch, zu nehmen, sie wurden ohne das Talent dazu geboren, +weil Zeichnung und Melodie, Reste des Körperhaften, von der Symbolik +der Zeit nicht mehr ertragen wurden. Sie arbeiten beide mit Details, +die für das Auge und Ohr von Décadents, um in Nietzsches Sprechweise +zu bleiben, wundervoll sind, antieuklidisch bis zum äußersten, mit +kleinen Motiven und Farbenspielen, deren Sättigung mit einem ganz +subjektiven, eminent physiognomischen Gehalt vorher niemand für möglich +gehalten hätte; sie sind beide, neben Beethoven und Delacroix, brutal, +barbarisch, und verdienen den Namen des Malers und Musikers nicht, +wenn man von ihnen ein Gemälde oder eine Komposition strengen Stils +erwartet. Aber worin sie Meisterschaft besitzen und was für uns der +letzte Genuß und der höchste Reiz innerhalb dieser Formenwelten bleibt, +ist das +Charakteristische+ in Ton, Klang und Farbe. Alles, was +Nietzsche von Wagner gesagt hat, gilt auch von Manet. Man muß nur die +Beziehung verstehen. Scheinbar eine Rückkehr zum Elementarischen, zur +Natur gegenüber der Inhaltsmalerei und der absoluten Musik, bedeutet +ihre Kunst ein Nachgeben vor der Barbarei der großen Städte, der +beginnenden Auflösung, wie sie sich im Sinnlichen in einem Gemisch +von Brutalität und Raffinement äußert, einen Schritt, der notwendig +der letzte sein mußte. Eine künstliche Kunst ist keiner organischen +Fortentwicklung fähig. Sie bezeichnet das Ende. + +Daraus folgt -- ein bitteres Eingeständnis --, daß es mit der +abendländischen bildenden Kunst unwiderruflich zu Ende ist. Die Krisis +des 19. Jahrhunderts war der Todeskampf. Die faustische Kunst stirbt, +wie die antike, die ägyptische, wie jede andere an Altersschwäche, +nachdem sie ihre innern Möglichkeiten verwirklicht, nachdem sie im +Lebenslauf ihrer Kultur ihre Bestimmung erfüllt hat. + +Was heute als Kunst betrieben wird, ist Ohnmacht und Lüge, die Musik +nach Wagner so gut wie die Malerei nach Manet, Cézanne, Leibl und +Menzel. + +Man suche doch die großen Persönlichkeiten, welche die Behauptung, +daß es noch eine Kunst von schicksalhafter Notwendigkeit gebe, +rechtfertigen. Man suche nach der +selbstverständlichen und +notwendigen+ Aufgabe, die auf sie wartet. Man gehe durch alle +Ausstellungen, Konzerte, Theater und man wird nur betriebsame Macher +und lärmende Narren finden, die sich darin gefallen, etwas -- innerlich +längst als überflüssig Empfundenes -- für den Markt herzurichten. +Auf was für einem Niveau steht heute alles, was Kunst und Künstler +heißt! In der Generalversammlung irgendeiner Aktiengesellschaft oder +unter den Ingenieuren der erstbesten Maschinenfabrik wird man mehr +Intelligenz, Geschmack, Charakter und Können bemerken als in der +gesamten Malerei und Musik des gegenwärtigen Europa. Es hat immer +auf einen großen Künstler hundert überflüssige gegeben, die Kunst +machten. Aber solange es eine große Konvention und +also+ eine +echte Kunst gab, machten auch sie etwas Tüchtiges. Man konnte diesen +Hundert ihre Existenz verzeihen, weil sie schließlich, im +Ganzen+ +der Tradition, der Boden waren, der den einen trug. Aber heute sind +nur diese -- Zehntausend am Werke, „um zu leben“ -- wovon man die +Notwendigkeit nicht einsieht -- und so viel ist gewiß: man könnte +heute alle Kunstanstalten schließen, ohne daß die +Kunst+ davon +irgendwie berührt würde. Wir dürfen uns nur in das Alexandria des +Jahres 200 -- als die Römer nach Mazedonien kamen -- versetzen, um den +Kunstlärm kennen zu lernen, mit dem eine weltstädtische Zivilisation +sich über den Tod ihrer Kunst zu täuschen versteht. Dort, wie heute +in den Weltstädten Westeuropas, eine Jagd nach den Illusionen der +künstlerischen Fortentwicklung, der persönlichen Eigenart, des „neuen +Stils“, der „ungeahnten Möglichkeiten“, ein theoretisches Geschwätz, +eine anspruchsvolle Haltung tonangebender Künstler wie die von +Akrobaten, die mit Zentnergewichten von Pappe hantieren („hodlern“), +der Literat statt des Dichters, die Malerei als Kunstgewerbe. Auch +Alexandria hatte seine Problemdramatiker, die man Sophokles vorzog, und +seine Maler, die neue Richtungen erfanden und ihr Publikum verblüfften. +Was besitzen wir heute unter dem Namen „Kunst“? Eine erlogene Musik +voll von künstlichem Lärm massenhafter Instrumente, eine erlogene +Malerei voller idiotischer, exotischer und Plakateffekte, eine erlogene +Architektur, die auf dem Formenschatz vergangener Jahrtausende alle +zehn Jahre einen neuen Stil „begründet“, in dessen Zeichen jeder +tut, was er will, eine erlogene Plastik, die Assyrien, Ägypten und +Mexiko bestiehlt. Und trotzdem kommt dies allein, der Geschmack von +Weltleuten, als Ausdruck und Zeichen der Zeit in Betracht. Alles +übrige, das demgegenüber an den alten Idealen „festhält“, ist eine +bloße Angelegenheit von Provinzialen. + +Die antike und ägyptische Zivilisation können uns über die letzten +Phasen unterrichten. Die chronologischen Stufen sind folgende: + + Abendland Antike Ägypten + + I. +Stadium der Zivilisation+. + + 1800-2000 350-150 1780-1580 + „Europ. Zivilisation“ Hellenismus Hyksoszeit + + II. +Stadium+. + + 150 v.–100 n. Chr. 1580-1350 + Von den Gracchen bis Nerva 18. Dynastie + (Cäsar) (Thutmosis III.) + + III. +Stadium+. + + 100-300 1350-1205 + Von Trajan bis Konstantin 19. Dynastie + (Trajan, Hadrian) (Sethos I., Ramses II.) + +Das überpersönliche Formgefühl, das Gefühl für den religiösen Sinn +der absoluten Form ist längst zu Ende. Der heimliche Alexandrinismus +der gesamten Kunst des 19. Jahrhunderts unterliegt keinem Zweifel. +Statt der lebendigen Kunst wird ihre Mumie, ihre Hinterlassenschaft an +fertigen Formen verwertet, gemengt, vollkommen anorganisch kombiniert. +Jede Modernität hält Abwechslung für Entwicklung. Die Wiederbelebungen +und Verschmelzungen alter Stile treten an die Stelle wirklichen +Werdens. Auch Alexandria hatte seine präraffaelitischen Hanswurste mit +Vasen, Stühlen, Bildern und Theorien, seine Symbolisten, Naturalisten +und Expressionisten. In Rom gibt man sich bald gräkoasiatisch, +bald gräkoägyptisch, bald archaisch, bald -- nach Praxiteles -- +neuattisch. Das Relief der 19. Dynastie, der ägyptischen Modernität, +das massenhaft, sinnlos, anorganisch Wände, Statue, Säulen überzieht, +wirkt wie eine Parodie auf die tiefe Kunst des Alten Reiches. Man +muß für diese Modernität in Luxor und Karnak nur Augen haben. +Der ptolemäische Horustempel in Edfu endlich ist in der Leerheit +willkürlich gehäufter Formen nicht mehr zu überbieten. Das ist der +prahlerische und aufdringliche Stil[91] unsrer Straßen, monumentalen +Plätze und Ausstellungen, obwohl wir uns erst am Anfang dieser +Entwicklung befinden. Das Massenhafte muß die Tiefe, die riesenhaften +Dimensionen die Innerlichkeit der Form ersetzen. Darin entspricht der +Tempel Sethos I. in Abydos durchaus dem Forum Trajans. Die Ruinen von +Luxor und Karnak, wo vor allem Ramses II. baute, bedeuten für das Ende +des ägyptischen Formgefühls, das Ende der ägyptischen Seele genau +das, was die Trümmer des Palatin und der Kaiserfora, das Kolosseum +nicht zu vergessen, für das vollkommene Erlöschen der antiken Seele. +Welche Roheit im Detail! Welche Verschwendung von unverstandenen +Motiven! Was für Kapitäle! Was für sinnlose Verschmelzungen strenger +alter, bedeutungsschwerer Ornamente, welche die Seele längst +vergangener Zeiten symbolisieren und hier plump, negerhaft, „vornehm“, +„geschmackvoll“ dekorativen Absichten geopfert werden! + +Endlich erlischt selbst die Kraft, etwas anderes auch nur zu wollen. +Schon der große Ramses eignete sich Bauten seiner Vorgänger an, indem +er in Inschriften und Reliefszenen die Namen ausmeißeln und durch den +eigenen ersetzen ließ. Es ist dasselbe Eingeständnis künstlerischer +Ohnmacht, das Konstantin veranlaßte, seinen Triumphbogen in Rom mit +Skulpturen zu schmücken, die von andern Bauwerken abgenommen waren. +Viel früher, seit 150 v. Chr., beginnt im Bereich der antiken Kunst +die Technik der Kopien nach hellenischen Meisterwerken, nicht, weil +man diese noch irgend verstanden hätte, sondern weil man nicht +einmal mehr unbedeutende Originale selbständig hervorzubringen +verstand. Denn man bemerke wohl: diese Kopisten waren +die +Künstler+ der Zeit. Ihre Arbeiten bezeichnen das Maximum der damals +vorhandenen Gestaltungskraft. In diesen Nachahmungen erschöpft sich +die Ausdrucksfähigkeit spätrömischer Zeiten. Sämtliche römischen +Bildnisstatuen, ob männlich oder weiblich, gehen nicht auf die Natur, +sondern auf eine ganz kleine Zahl hellenischer Werke zurück, die für +den Torso mehr oder weniger frei kopiert werden, während der Kopf eine +virtuose, nichts weniger als tiefe Behandlung in naturalistischem, +beinahe photographischem Sinne erfährt. Man gestattete sich, je nach +der augenblicklichen Stilrichtung Haartracht, Kleidung und Stellung +des Vorbildes zu ändern -- soweit ging das „schöpferische Genie“. Die +berühmte Panzerstatue des Augustus z. B. ist nach dem Doryphoros des +Polyklet gearbeitet, während ihre Geste schon auf einer in Arkadien +gefundenen Ehrensäule des Polybius vorhanden ist. So etwa verhält +sich -- um die ersten Vorzeichen des entsprechenden Stadiums im +Abendlande zu nennen -- Lenbach zu Rembrandt und Makart zu Rubens. +1500 Jahre lang, von Ahmose I. bis auf Kleopatra herab, hat der tote +Ägyptizismus in derselben Weise Bildwerke auf Bildwerke gehäuft. Es +war, wie wir heute endlich begreifen lernen, ein am Oberflächlichsten +haftendes Nachahmen des Alten. An Stelle des Stils war der wechselnde +Modegeschmack für die Wiederbelebung bald dieser, bald jener alten +Stilphase getreten. Die erdrückende Masse des so Entstandenen, das +man bisher vom Echten und Alten nicht zu unterscheiden wußte, ist +die Ursache der monotonen Gesamtwirkung der ägyptischen Kunst. In +beiden Fällen, die sich noch durch die Beispiele der indischen und +chinesischen Kunst erweitern ließen, haben wir ein Bild der eigenen +Zukunft, der wir unweigerlich entgegengehen. + + +Fußnoten: + +[Footnote 81: Man braucht da nur griechische Künstler neben Rubens und +Rabelais zu stellen.] + +[Footnote 82: Von dem eine seiner Geliebten klagte, _qu’il puait +comme une charogne_. Übrigens haben gerade Musiker immer im Rufe der +Unreinlichkeit gestanden.] + +[Footnote 83: Der Apollo mit der Kithara in München wurde von +Winckelmann und seiner Zeit als Muse bewundert und gepriesen. Ein +Athenakopf nach Phidias in Bologna galt noch vor kurzem als der eines +Feldherrn. In einer physiognomischen Kunst wie der des Barocks wären +solche Irrungen völlig unmöglich.] + +[Footnote 84: Und umgekehrt empfindet der höhere Mensch des Abendlandes +eine gemalte Begattungsszene wie bei Correggio als flach und würdelos.] + +[Footnote 85: Nichts kann das Absterben der abendländischen Kunst seit +der Mitte des 19. Jahrhunderts deutlicher kennzeichnen als die alberne, +massenhafte Aktmalerei; der tiefere Sinn des Aktstudiums und der +Bedeutung des Motivs ist vollkommen verloren gegangen.] + +[Footnote 86: Rubens und unter den Neueren vor allem Böcklin und +Feuerbach verlieren, Goya, Daumier, in Deutschland vor allem Oldach, +Wasmann, Rayski und viele andre fast vergessene Künstler aus dem Anfang +des 19. Jahrhunderts gewinnen dabei. Marées tritt in die Reihe der +allergrößten.] + +[Footnote 87: Es ist dieselbe „edle Einfalt und stille Größe“, um mit +deutschen Klassizisten zu reden, welche auch die romanischen Bauten +von Hildesheim, Gernrode, Paulinzella, Hersfeld so antikisch wirken +läßt. Gerade die Klosterruine von Paulinzella besitzt viel von dem, +was Brunellesco in seinen Palasthöfen erst erreichen wollte. Aber das +schöpferische Grundgefühl, das diese Bauten herausbildete, haben wir +erst in unsre Vorstellung von antikem Sein übertragen und nicht etwa +von dort erhalten. Ein +unendlicher+ Friede, eine +Weite+ des +Gefühls der Ruhe in Gott, wie sie alles Florentinische auszeichnet, +soweit es nicht den gotischen Trotz Verrocchios hervorkehrt, ist in +keiner Weise mit der σωφροσύνη Athens verwandt.] + +[Footnote 88: Man hat nie darauf geachtet, wie trivial das Verhältnis +der wenigen Bildhauer nach ihm zum Marmor blieb. Man fühlt es +erst, wenn man das tiefinnerliche Verhältnis großer Musiker zu +ihren Lieblingsinstrumenten damit vergleicht. Ich erinnere an die +Geschichte von Tartinis Geige, die beim Tode des Meisters zerspringt. +Es gibt hundert ähnliche. Sie sind das faustische Gegenstück zum +Pygmalionmythus. Es sei auch auf Hoffmanns geniale Gestalt des +Kapellmeisters Kreisler aufmerksam gemacht, die ebenbürtig neben Faust, +Werther und Don Juan steht. Um ihren symbolischen Rang und ihre innere +Notwendigkeit zu fühlen, vergleiche man sie mit den theatralischen +Malergestalten der gleichzeitigen Romantiker, die zur Idee der Malerei +in keinerlei Beziehung stehen. Ein Maler +kann gar nicht+, und das +spricht das Urteil über die Künstlerromane des 19. Jahrhunderts, das +Schicksal der faustischen Kunst repräsentieren.] + +[Footnote 89: In Renaissancewerken wirkt das Allzufertige oft genug +peinlich. Wir fühlen da einen Mangel an „Unendlichkeit“. Es gibt in +ihnen keine Geheimnisse und Entdeckungen.] + +[Footnote 90: Es ist deshalb ganz unmöglich, vom Freilichtprinzip aus +zu einer echt religiösen Malerei zu kommen. Das in dieser Malerei +liegende Weltgefühl ist bis zu dem Grade irreligiös und nur für eine +„Vernunftreligion“ gültig, daß jeder der zahlreichen, ehrlich gemeinten +Versuche hohl und unwahr wirkt (Uhde, Puvis de Chavannes). Ein einziges +Freilichtbild „verweltlicht“ sofort das Innere einer Kirche.] + +[Footnote 91: Eine besonders aufdringliche Art ist das Prunken mit +Schlichtheit im neuesten deutschen Stil.] + + + + +FÜNFTES KAPITEL + +SEELENBILD UND LEBENSGEFÜHL + + + + +I + +ZUR FORM DER SEELE + + +1 + +Jeder Philosoph von Beruf ist gezwungen, ohne ernstliche Nachprüfung +an das Dasein eines Objekts zu glauben, das sich in seinem Sinne +verstandesmäßig behandeln läßt. Denn seine ganze geistige Existenz +hängt von dieser Möglichkeit ab. Es gibt deshalb für jeden noch +so skeptischen Logiker und Psychologen einen Punkt, wo die Kritik +schweigt und der Glaube beginnt, wo selbst der strengste Analytiker +aufhört, seine Methode -- gegen sich selbst nämlich und auf die +Frage der Lösbarkeit, selbst des Vorhandenseins seiner Aufgabe -- +anzuwenden. Den Satz: Es ist möglich, durch das Denken die Formen des +Denkens festzustellen, hat Kant nicht bezweifelt, so zweifelhaft er +dem Nichtphilosophen erscheinen mag. Den Satz: Es gibt eine Seele, +deren Struktur wissenschaftlich zerlegbar ist; was ich durch kritische +Beobachtung meiner bewußten Daseinsakte in Gestalt von psychischen +Elementen, Funktionen, Komplexen isoliere, das +ist+ meine Seele +-- hat noch kein Psychologe bezweifelt. Gleichwohl hätten die stärksten +Zweifel sich hier einstellen sollen. Ist eine abstrakte Wissenschaft +vom Seelischen überhaupt möglich? Ist, was man auf diesem Wege findet, +identisch mit dem, was man sucht? Warum ist alle Psychologie, nicht +als Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, sondern als Wissenschaft +genommen, von jeher die flachste und wertloseste der philosophischen +Disziplinen geblieben, in ihrer jämmerlichen Leerheit ausschließlich +der Jagdgrund mittelmäßiger Köpfe und unfruchtbarer Systematiker? +Der Grund ist leicht zu finden. Die empirische Psychologie hat das +Unglück, nicht einmal ein Objekt im Sinne wissenschaftlicher Technik +zu besitzen. Ihr Suchen und Überwinden von Problemen ist ein Kampf +mit Schatten und Gespenstern. Was ist das -- Seele? Könnte der +bloße Verstand eine Antwort geben, so wäre die Wissenschaft bereits +überflüssig. + +Keiner der tausend Psychologen unsrer Tage hat eine wirkliche Analyse +oder Definition der Phänomene des Willens, der Reue, der Angst, der +Eifersucht, der Laune, der künstlerischen Intuition geben können. +Natürlich nicht, denn man definiert nur optisch-räumliche Einheiten und +man unterscheidet nur Begriffe. Alle Feinheiten des geistigen Spiels +mit begrifflichen Distinktionen, alle vermeintlichen Beobachtungen +vom Zusammenhang sinnlich-körperlicher Befunde mit „innern Vorgängen“ +berühren aber nichts von dem, was hier in Frage steht. Wille -- das ist +gar kein Begriff, sondern ein Name, ein Urwort wie Gott, ein Zeichen +für etwas, dessen wir innerlich unmittelbar gewiß sind, ohne es jemals +beschreiben zu können. Wir sind uns doch darüber klar -- oder sollten +es sein --, daß Seele mit Raum, Gegenstand, Distanz, Zahl, Grenze, +Kausalität und also auch mit Begriff und System nichts zu tun hat. + +Dasjenige, was hier gemeint ist, bleibt dem taghellen Geiste, dem +Verstande, der empirischen Tatsachenforschung für immer unzugänglich. +Nicht umsonst warnt jede Sprache mit ihren tausendfach sich +verwirrenden Bezeichnungen davor, Seelisches theoretisch zergliedern, +es systematisch ordnen zu wollen. Hier ist nichts zu ordnen. Logische +Methoden sind Raumdinge. Wirklichkeiten sind nicht mehr Möglichkeiten. +Eher ließe sich ein Thema von Beethoven mit Seziermesser oder Säure +zerlegen, als die Seele durch die Mittel des abstrakten Denkens. Von +der Seele kann nicht einmal sie selbst etwas „wissen“. Alles was sie +weiß, ist eben, daß sie in diesem Sinne niemals etwas wissen wird. +Naturerkenntnis und Menschenkenntnis haben in Ziel, Weg und Methode +nichts gemeinsam. Rembrandt kann denen, die ihm innerlich verwandt +sind, durch ein Selbstbildnis oder eine Landschaft etwas von seiner +Seele mitteilen und Goethe gab es ein Gott zu sagen, was er leide. Man +kann von gewissen Seelenregungen, die völlig unbeschreiblich sind, +andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, +eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von +Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als +poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als +Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie. + +Das Wort Seele gibt dem höheren Menschen ein Gefühl seines innern +Daseins, abgetrennt von allem Wirklichen und Gewordnen, ein sehr +bestimmtes Gefühl von den geheimsten und eigensten Möglichkeiten +seines Lebens, seines Schicksals, seiner Geschichte. Es ist in den +Sprachen aller Kulturen von früh an ein Zeichen, in dem zusammengefaßt +wird, was +nicht+ Welt ist. Verstandesmäßig aufgefaßt, im +alltäglich-rationalen Sprachgebrauch, gehört „Seele“ zu den ++Gegenbegriffen+. Der Sinn dieses Wortes ergab sich an einer +früheren Stelle. Es war gezeigt worden, wie „die Zeit“ aus dem Gefühl +der Richtung des ewig bewegten Lebens, aus der innern Gewißheit eines +Schicksals heraus vom reifen Geiste des Kulturmenschen als Gegenbegriff +konzipiert wurde, +zum Raume nämlich+, als theoretisches Negativ +zu einer positiven Größe, als Inkarnation dessen, was +nicht +Ausdehnung+ ist, und daß sämtliche „Eigenschaften“ der Zeit, durch +deren abstrakte Analyse die Philosophen das Zeitproblem lösen zu +können glauben, als Umkehrung der Eigenschaften des Baumes im Geiste +allmählich fixiert und geordnet worden sind. Genau auf demselben Wege +ist der Seelenbegriff -- der mit dem Seelenbewußtsein des Kindes, des +Urmenschen, des naiven Menschen noch in späten Zuständen nichts zu +tun hat -- als Umkehrung und +Negativ des Weltbegriffs+ unter +Zuhilfenahme der räumlichen Polarität „außen -- innen“ und durch +entsprechende Umdeutung der Attribute herauskristallisiert. + +Der späte, städtische Trieb, +abstrakt zu denken+, alles ohne +Ausnahme in die Sphäre der „Natur“ des Ausgedehnten, des Begriffs +also zu ziehen, zwingt zu fortgesetztem Nachdenken auch über das +Seelische, das +Nicht+-Ausgedehnte, das +Nicht+-Welthafte +-- und in jedem Moment dieses Nachdenkens taucht vor dem Geiste des +Kulturmenschen ein Phantom, ein imaginäres Raumgebilde auf im Stile +seiner Außenwelt, eine ätherische Vision, über deren Charakter als +einer Fata Morgana er sich täuscht. Er glaubt in ihr die Struktur +der Seele unmittelbar beobachten zu können. Die Worte, welche stets +gewählt werden, um derlei „Erkenntnisse“ mitzuteilen, verraten alles. +Da ist von Funktionen, Gefühlskomplexen, Triebfedern, Prozessen, +Bewußtseinsschwellen, von Verlauf, Breite, Intensität, Parallelismus +die Rede. Aber all diese Worte stammen aus der Vorstellungsweise der +Naturwissenschaft. Das Objekt der Psychologie, mit dem sie die Seele +in Händen zu haben glaubt, ist in der Tat ein Stück verkappter Physik. +„Der Wille bezieht sich auf Gegenstände“ -- das ist doch ein Raumbild. +Bewußtes und Unbewußtes -- da liegt allzu deutlich das Schema von +überirdisch und unterirdisch zugrunde. In den modernen Theorien des +Willens wird man die ganze Formensprache der Dynamik finden. Wir reden +von Willensfunktionen und Denkfunktionen in genau demselben Sinne wie +von der Funktion einer Maschine. Ein Gefühl analysieren heißt ein +raumartiges Schattenbild an seiner Stelle mathematisch behandeln, es +abgrenzen, teilen und messen. Jede Seelenforschung dieses Stils, sie +mag sich über Gehirnanatomie noch so erhaben dünken, ist voll von +mechanischen Lokalisationen und bedient sich, ohne es zu wissen, eines +eingebildeten Koordinatensystems in einem eingebildeten Seelenraum. Der +Psychologe merkt gar nicht, daß er den Physiker spielt. Kein Wunder, +daß sein Verfahren mit den albernsten Methoden der experimentellen +Psychologie so verzweifelt gut übereinstimmt. Gehirnbahnen und +Assoziationsfasern entsprechen der Vorstellungsweise nach durchaus +dem optischen Schema: „Willens-“ oder „Gefühlsverlauf“; sie behandeln +beide verwandte, nämlich +räumliche+ Phantome. Es ist prinzipiell +kein großer Unterschied, ob ich ein psychisches Vermögen begrifflich +oder eine entsprechende Region der Großhirnrinde graphisch abgrenze. +Die wissenschaftliche Psychologie hat ein geschlossenes System von +optischen Fiktionen herausgearbeitet und bewegt sich mit vollkommener +Selbstverständlichkeit in ihm. Man prüfe jede einzelne Aussage jedes +einzelnen Psychologen und man wird nur Variationen dieses Systems im +Stile der jeweiligen Außenwelt finden. + +Das klare Denken setzt den Geist einer Kultursprache als Medium voraus, +die, vom Seelentum einer Kultur als Teil und Träger ihres Ausdrucks +geschaffen,[92] nun die logische Sphäre bildet, innerhalb deren die +abstrakten Gedanken, Begriffe, Schlüsse -- Abbilder von Kausalität, +Zahl, Bewegung -- ihr mechanisch bestimmtes Dasein führen. Das +jeweilige Bild der Seele ist also ein Etwas, das abhängig vom Geiste +der +zugehörigen Sprache+ ist. Die abendländischen -- faustischen +-- Kultursprachen besitzen sämtlich den Begriff „Wille“ -- eine Größe, +die übrigens auch der Syntax all dieser Sprachen im Gegensatz zu den +antiken immanent ist; sie besitzen ihn, weil das faustische Sein +dies Zeichen fordert. Mithin erscheint, von der Sprache bestimmt, im +wissenschaftlichen Seelenbilde aller abendländischen Psychologien die +greifbare Gestalt des Willens als eines wohlumgrenzten Vermögens, +das man in den einzelnen Schulen wohl verschieden bestimmt, dessen +Vorhandensein an sich aber keiner Kritik unterworfen ist. + + +2 + +Ich behaupte also, daß die eigentliche Psychologie, weit entfernt das +Wesen der Seele aufzudecken -- es ist hier hinzuzufügen, daß jeder +von uns, ohne es zu wissen, Psychologie dieser Art treibt, wenn er +sich eigne oder fremde Seelenregungen „vorzustellen“ sucht --, zu +allen Symbolen, die den Makrokosmos des Kulturmenschen ausmachen, noch +eins hinzufügt. So erklärt sich die merkwürdige Tatsache, daß nie +bemerkt worden ist, daß das +Seelenbild+, wie es dem Psychologen +und überhaupt dem Menschen, der über sein Inneres nachdenkt, im +buchstäblichen Sinne des Wortes +vorschwebt+, ein wirkliches Bild, +etwas Gewordnes und Ruhendes nämlich ist, von deutlichem Raumcharakter +-- wie etwa der Dedekindsche Zahlenkörper und die gedankliche +Impression mehrdimensionaler Zahlenmannigfaltigkeiten -- kausaler +Verknüpfung nicht fremd und den Prinzipien der Begrenzung (Distinktion, +Disposition) unterworfen. Wie alles Vollendete, nicht sich Vollendende, +stellt es einen +Mechanismus+ an Stelle eines +Organismus+ +dar. Man vermißt im Bilde, was unser Lebensgefühl erfüllt und was doch +gerade „Seele“ sein sollte: das Schicksalhafte, die wahllose Richtung +des Daseins, das Mögliche, welches das Leben in seinem bewußten Ablauf +verwirklicht. Ich glaube nicht, daß in irgend einem psychologischen +System das Wort Schicksal vorkommt oder eine reiche Lebenserfahrung zu +uns redet. Assoziationen, Apperzeptionen, Affekte, Triebfedern, Denken, +Fühlen, Wollen -- all das sind optische Größen, tote Mechanismen, deren +Topographie den belanglosen Inhalt der Seelenwissenschaft bildet. +Man wollte das Leben finden und traf auf eine Ornamentik. Die Seele +blieb, was sie war, das was weder gedacht, noch vorgestellt werden +kann, +das+ Geheimnis, +das+ ewig Werdende, +das+ reine +Erlebnis. + +Dieser +imaginäre Seelenkörper+ -- das sei hier zum ersten Male +ausgesprochen -- ist niemals etwas andres als das getreue Spiegelbild +der Gestalt, in welcher der gereifte Kulturmensch, der ja allein über +das Seelische objektiv nachzudenken vermag, die +äußere Welt+ +auffaßt. Der Urmensch und das Kind besitzen, wie wir sahen, noch keine +Welt, sondern nur eine ideell ungeordnete Masse sinnlicher Eindrücke, +ein Chaos, keinen Kosmos, und darum besitzen sie auch noch kein ++Bild+ ihrer oder einer fremden Seele, sondern ebenfalls nur eine +Masse undeutlicher und unbegreiflicher Bildelemente. Jede primitive +Mythologie kennt außer einem Reich dämonischer Naturmächte, unter deren +Namen die _numina_ der Außenwelt in dunklen Umrissen ergriffen +werden, einen genau entsprechenden +Seelenglauben+ und Seelenkult, +der das den Leib bewohnende _numen_ zu beschwören sucht, vor +allem, wenn es nach dem Tode frei geworden ist. Im Griechentum liegt +dort der Ursprung des Apollinischen, hier der des Dionysischen. Die +„Innenwelt“ ist eine Funktion der Außenwelt, die empirische Seele +ihrer Gestalt nach das _alter ego_, der Reflex der empirischen +Natur. Deshalb allein ist so oft von einem inneren Sinn, einem inneren +Auge und Blick die Rede, eine Analogie, die viel tiefer geht, als sie +eigentlich soll. Vom Erwachen des Innenlebens, jenem geheimnisvoll +plötzlichen und entscheidenden Moment, der Kindheit und Jugend im +Dasein jedes höheren Menschen trennt, ist oft gesprochen worden. Hier +wird endlich der ganze Sinn dieses Icherlebnisses offenbar. Durch ++einen+ mystischen Akt sondern sich aus dem dumpfen Bewußtsein +Seele +und+ Welt als klare bildhafte Pole des Daseins, in strengem +Gegensatz und zugleich in vollkommener Harmonie. + +Das Tiefenerlebnis verwirklicht, schafft mit einem Schlage die +ausgedehnte Welt, es ordnet mit schicksalhafter Notwendigkeit die +Masse der Empfindungen (Breite) durch die lebendige Richtung (Tiefe). +Dies Erlebnis ist identisch mit dem Bewußtwerden der eignen Seele. Ein +Reflex des Tiefenerlebnisses liegt vor. Zur Welt gehört die Spiegelung +einer +Gegenwelt+. Auch die empirische Seele hat ihren Raum, +ihre Tiefe, ihre Weite. Ein „inneres Auge“ sieht, ein „inneres Ohr“ +hört. Es gibt eine deutliche Empfindung von einer inneren Ordnung, die +wie die äußere das Merkmal der Notwendigkeit trägt -- hier entsteht +das ethische Grundproblem von Freiheit und Notwendigkeit. Ihm liegt +der Widerspruch zwischen der Seele zugrunde, die wir haben, fühlen, +erleben, und der, welcher wir uns verstandesmäßig bewußt sind. Erst +das Denken, die mechanisierende Erkenntnis weckt hier unlösbare +Zweifel, und zwar die gleichen, welche das Bild der +äußeren+ +Historie verwirren. Materialistische Geschichtsauffassung und ethischer +Determinismus beruhen auf dem gleichen Mißgriff, der dem Intellekt +natürlichen Verwechslung von Schicksal und Kausalität. Was wir ++erkennen+, ist nur das Seelenbild, gleichsam eine Landschaft +im reflektierten Lichte des Tagesbewußtseins. In bedeutenden, ganz +innerlichen Momenten des Lebens -- in denen z. B. alle wahren lyrischen +Gedichte entstehen -- ist es verschwunden und der Mensch ist sich +seiner Seele +und seiner „Freiheit“ unmittelbar+ bewußt. + +Und damit ergibt sich nach allem, was in diesem Buche über die +Erscheinung des höheren Menschentums schon gesagt worden ist, eine +ungeheure Erweiterung und Bereicherung der Seelenforschung. Alles, was +von Psychologen heute gesagt und geschrieben wird -- es ist nicht mehr +von bloßer Wissenschaft, sondern von Menschenkenntnis im weitesten +Sinne die Rede --, bezieht sich auf das +gegenwärtige+ Stadium der ++abendländischen+ Seele, während die bisher selbstverständliche +Meinung, diese Erfahrungen seien für die „menschliche Seele“ überhaupt +gültig, ohne Prüfung hingenommen worden ist. + +Das Seelenbild ist immer nur das Bild einer ganz +bestimmten+ +Seele und kann nie etwas andres, etwas Allgemeines sein. Der Forscher +mag noch so objektiv vorgehen, er wird nie aus seinem Kreise +herauskommen; was er auch „erkennen“ möge, jeder dieser Erkenntnisakte +ist bereits ein Ausdruck seiner Seele und sein ganzes Wissen von +ihr ein Zeugnis seines -- faustischen, magischen oder apollinischen +-- Daseins. Glaubt er antike, indische, arabische Seelenregungen zu +erkennen, nicht an ihren Wirkungen, sondern an sich selbst, so sieht er +sie durch das Medium der eignen, in Gestalt der eignen; er assimiliert +sie einem +vorhandnen+ Bilde und es ist kein Wunder, daß er dann +überall ein und dieselben Formen zu finden glaubt. + +In der Tat gibt es keine allgemein menschliche Gestalt der Seele, +so wenig es -- das war früher nachgewiesen worden -- eine einzige, +im Lauf der Weltgeschichte sich entwickelnde Mathematik gibt. Wir +finden so viele Mathematiken, Logiken, Physiken, als es große Kulturen +gibt. Jede von ihnen, das heißt jedes Zahlenbild, Denkbild, Naturbild +ist Ausdruck einer einzelnen Kultur und dem organischen Dasein, +der Gestalt, Lebensdauer und Entfaltung nach von dieser bestimmt. +Dasselbe gilt vom +Seelenbilde+, dem einzigen Seelenelement, +wovon wir -- wie von der Natur -- +Erfahrung+ haben können. Es +ist eine Illusion, anzunehmen, daß eine Struktur dieses, ich möchte +sagen Oberflächlich-Seelischen vorhanden sei, die für alle Menschen +gilt. Jede Kultur, jede Epoche einer Kultur sogar schuf ihr eignes +Seelenbild, in dem sie dann allerdings das der Menschheit zu erblicken +glaubte. Seine Züge sind der symbolische Ausdruck dessen, was ich +die Idee des Daseins genannt hatte. Der faustische Mensch mit seinem +leidenschaftlichen Hange zum Grenzenlosen und Ewigen befindet sich +in einem steten Widerspruch gegen die sinnlichen Vordergründe des +Daseins, die er zu überwinden sucht, um den Sinn seiner Existenz, ihre +Bestimmung zu erfüllen. Im empirischen Bilde seiner Seele erscheint ++deshalb+ ein Symbol, das diese Seite unsres Lebensgefühls +repräsentiert. Wir sprechen vom menschlichen +Willen+ wie von +einem Wesen, empfinden ihn als ein an sich selbst existierendes Etwas +und sind überzeugt, daß er in jeder Menschenseele zu finden sei. Die +Griechen fanden ihn aber dort nicht. Obwohl gute Menschenkenner, +lassen sie in ihrer Psychologie jede Andeutung davon vermissen. Ihr +Lebensgefühl, ihre Art zu sein, forderte andre Symbole im Seelenbilde. + +Eine wissenschaftliche Psychologie, selbst auf der Höhe einer +Zivilisation, tut dasselbe wie der Urmensch, nur geistiger, nur +klarer, nur bedeutsamer. Wir sahen, wie alle frühe Kunst hinsichtlich +ihrer ornamentalen Formensprache eine Beschwörung des Fremden, der +Dämonen war, wie sie das Gewordne „tabu“ zu machen sucht, indem sie +es in eine Gestalt, Ausdruck und Abbild des eignen Seins, bannt. +Auch der Psycholog -- und hier ahnt man, weshalb jeder Kulturmensch +das tiefe Bedürfnis hat, es zu sein -- beschwört das „Seelchen“; +er macht es tabu wie der primitive Mensch, nicht durch elementare, +sondern durch geistige Formen, nicht durch Riten und Fetische, +sondern durch Vorstellungen und begriffliche Distinktionen. Das ist ++seine+ Art, sich gegen das Unheimliche und Unergründliche zu +wehren, das im Seelischen schläft. Alle theoretische Psychologie ist +ein +Namenzauber+, eine Sublimation desselben Aktes, durch den +der Wilde seinen Feind, sei es ein Mensch oder eine Gottheit, in seine +Gewalt bringt. Das Seelenbild, vermeintlich ein untrügliches Resultat +objektiven Denkens, ist ein Stück später Mythologie; es gehört zu den +Schöpfungen, gegen welche der Spruch sich richtet: Du sollst dir kein +Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen. + +So ergibt sich eine neue Stellung und Richtung der Seelenforschung. +Ich komme auf die Unterscheidung der beiden Welten zurück, die dem +höheren Menschen möglich sind: Natur und Geschichte. Im Hinblick auf +die morphologische Betrachtung entspricht ihnen der Gegensatz von +Systematik und Physiognomik. Die alte, systematische Psychologie +betrachtete das Seelenbild wie ein Stück Natur, gesetzlich ein für +allemal fixiert, zeitlos als das, was ist, und sie wurde so zu einer +Art Topographie, die räumlich und kausal geordnete Einzelheiten +festzustellen versuchte; die neue wird es als ein sich beständig +wandelndes +historisches Phänomen+ betrachten, und zwar jedes +einzelne der bisher erschienenen Seelenbilder hinsichtlich dessen, was +es +bedeutet+. Physiognomik treiben -- das heißt die jeweilige +menschliche Erscheinung als symbolischen Ausdruck eines inneren Seins +auffassen. Zu dieser Erscheinung gehören aber nicht nur Gesichtszüge, +Haltung, Geste, Tracht, sondern auch die Idee einer Zahl, das Bild der +Natur und ihm genau entsprechend das Bild der Seele, wie es der Mensch +einer Kultur mit wahlloser Notwendigkeit besitzt. + +Nach allem wird man über die hohe Bedeutung der einzelnen, in der +Weltgeschichte auftauchenden Seelenbilder nicht mehr im Zweifel sein. +Der antike -- apollinische, dem punktförmigen, euklidischen Sein +hingegebene -- Mensch blickte auf seine Seele wie auf einen zur Gruppe +schöner Teile geordneten Kosmos. Plato nannte sie νοῦς, θυμός, ἐπιθυμία +und verglich sie mit Mensch, Tier und Pflanze, einmal sogar mit dem +südlichen, nördlichen und hellenischen Menschen. Was hier nachgebildet +ist, ist die Natur, wie sie sich vor den Blicken antiker Menschen +entfaltet: eine wohlgeordnete Summe greifbarer Dinge, denen gegenüber +der Raum als das Nichtseiende empfunden wird. Wo findet sich in diesem +Bilde der „Wille“? Wo die Vorstellung funktionaler Zusammenhänge? Wo +sind die übrigen Schöpfungen +unserer+ Psychologie? Glaubt man, +daß Plato und Aristoteles sich auf die Analyse schlechter verstanden +haben und etwas nicht sahen, was sich uns geradezu aufdrängt? Oder +fehlt hier der Wille, wie in der antiken Mathematik der Raum, in der +Physik die Kraft fehlt? + +Dagegen nehme man unter den abendländischen Psychologien, welche man +will. Man wird immer eine +funktionale+, keine stereometrische +Analyse finden; y = f(x): das ist die Urgestalt aller Eindrücke, +die wir von unserm Innern empfangen. Denken, Fühlen, Wollen -- aus +dieser Dreiheit kommt kein westeuropäischer Psychologe heraus, so +gern er möchte -- sind nicht Teile eines körperhaften Ganzen, sondern +transzendente Beziehungskomplexe, Funktionszentren. Assoziationen, +Apperzeptionen, Willensvorgänge und wie die Bildelemente sonst heißen +mögen, sind ohne Ausnahme vom Typus mathematischer Funktionen und der +Form nach gänzlich unantik. + +Das faustische und das apollinische Seelenbild stehen einander schroff +gegenüber. Alle früheren Gegensätze tauchen wieder auf. Man darf +die imaginäre Einheit, auf welche psychologische Überlegungen sich +beziehen, hier als +Seelenkörper+, dort als +Seelenraum+ +bezeichnen. Der Körper besitzt Teile, im Raum verlaufen Prozesse. +Der antike Mensch empfindet seine Psyche plastisch. So weilt sie im +Hades, schattenhaft, aber ein wohl erkennbares Abbild des Körpers. +So sieht sie auch der Philosoph. Ihre drei schön geordneten Teile -- +λογιστικόν, ἐπιθυμητικόν, θυμοειδές -- erinnern an die Gruppe des +Laokoon. Wir stehen unter einer musikalischen Imagination; die Sonate +des innern Lebens hat den Willen als Hauptthema; Denken und Fühlen +sind die Nebenthemen; der Satz unterliegt den strengen Regeln eines +seelischen Kontrapunkts, die zu finden Aufgabe der Psychologie ist. Die +einfachsten Elemente unterscheiden sich wie antike und abendländische +Zahlen: dort sind sie Größen, hier Beziehungen. Der seelischen ++Statik+ des apollinischen Daseins -- dem stereometrischen Ideal +der σωφροσύνη und ἀταραξία -- steht die +Seelendynamik+ des +faustischen -- des tätigen Lebens -- gegenüber. + +Deshalb besaß der hellenische Mensch nicht jenes faustische Gedächtnis, +jenes historische Grundgefühl, in dem die gesamte innere Vergangenheit +stets gegenwärtig ist und den Augenblick in eine werdende Unendlichkeit +taucht. Dies Gedächtnis, die Grundlage aller Selbstbetrachtung, Sorge +und Pietät gegen die eigne Geschichte, entspricht dem Seelenraum mit +seinen unendlichen Perspektiven. Auch dieser +innere+ Raum ist +für den echten Hellenen τὸ μὴ ὄν; er lebt punktförmig, völlig im Jetzt +aufgehend; seine Erinnerungen sind eine Anzahl zufällig behaltener +Daten, nicht mehr, vor allem nichts, was auf die Gegenwart noch +wirken könnte. In keiner griechischen Tragödie spielt das Innenleben +eine Rolle, wie es im Othello, im König Lear, im Tasso der Fall ist. +Der Stil der griechischen Seele ist anekdotisch-mythisch, der der +nordischen genetisch-historisch. Das ist der Unterschied zwischen +psychischer Plastik und Musik. + +Das apollinische Seelenbild -- Platos Zweigespann mit dem νοῦς als +Lenker -- verflüchtigt sich sofort mit der Annäherung an das magische +Seelentum der arabischen Kultur. Es verblaßt schon in der späteren +Stoa, deren Schulhäupter vorwiegend Semiten waren. In der früheren +Kaiserzeit ist es selbst in der stadtrömischen Literatur nur als +Reminiszenz anzutreffen. + +Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen +Dualismus +zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele+. Zwischen ihnen +herrscht weder das antike, statische, noch das abendländische, +funktionale Verhältnis, sondern wieder ein völlig anders gestaltetes, +das sich eben nur als magisch bezeichnen läßt. Man denke im Gegensatz +zur Physik Demokrits und zu der Galileis an die Alchymie und den +Stein der Weisen. Dies spezifisch morgenländische Seelenbild liegt +mit innerer Notwendigkeit allen psychologischen, vor allem auch +theologischen Betrachtungen zugrunde, welche die „gotische“ Frühzeit +der arabischen Kultur (0-300) erfüllen. Das Johannesevangelium zählt +nicht weniger dazu wie die Schriften der Gnostiker und Kirchenväter und +die sich ganz religiös äußernde Altersstimmung des Imperium Romanum, +die das wenige Lebendige in ihrem Philosophieren dem jungen Orient, +Syrien und Alexandria, entnahm. Schon der große Poseidonios, trotz +der antiken Außenseite seines ungeheuren Wissens ein echter Semit und +von früharabischem Geiste, empfand im innerlichsten Gegensatz zum +apollinischen Lebensgefühl diese magische Struktur der Seele als die +wahre. Ein den Körper belebendes Prinzip befindet sich in deutlichem +Wertunterschiede gegen ein andres, das abstrakte, göttliche πνεῦμα, +das allein die Anschauung Gottes gestattet. Dieser „Geist“ ist es, der +die höhere Welt hervorruft, durch deren Erzeugung er über das bloße +Leben, die vitale Seele, die Natur triumphiert. Es ist dies das Urbild, +das, bald religiös, bald philosophisch, bald künstlerisch gefaßt -- +ich erinnere an das Porträt der konstantinischen Zeit mit den starr +ins Unendliche blickenden Augen; +dieser Blick repräsentiert das+ +πνεῦμα --, allem Ichgefühl zugrunde liegt. Plotin und Origines haben +so empfunden. Paulus unterscheidet (z. B. 1. Kor. 15, 44) zwischen +σῶμα ψυχικόν und σῶμα πνευματικόν. Der Gnosis war die Vorstellung +einer doppelten, leiblichen oder geistigen Ekstase und die Einteilung +der Menschen in niedere und höhere, Psychiker und Pneumatiker, +geläufig. Plutarch hat die in der spätantiken Literatur verbreitete +Psychologie, den Dualismus von νοῦς und ψυχή, orientalischen Vorbildern +nachgeschrieben. Man setzte ihn alsbald zu dem Gegensatz von christlich +und heidnisch, Geist und Natur in Beziehung, aus dem dann das noch +heute nicht überwundene Schema der Weltgeschichte, die Einteilung +in Altertum, Mittelalter und die erst von der abendländischen +Wissenschaft hinzugefügte, immer wieder hinausgeschobene Neuzeit damals +hervorgegangen ist. + +Seine streng wissenschaftliche Vollendung erfährt das magische +Seelenbild in den Schulen von Bagdad und Basra. Alfarabi und Alkindi +haben die verwickelten und uns wenig zugänglichen Probleme dieser +magischen Psychologie eingehend behandelt. Ihr Einfluß auf die junge +Seelenlehre (weniger das Ichgefühl) des Abendlandes darf nicht +unterschätzt werden. Scholastische und mystische Psychologie haben +von Bagdad denselben Einfluß empfangen wie die gotische Kunst. +Man vergesse nicht, daß das Arabertum die Kultur der gestifteten +Offenbarungsreligionen ist. In ihrer Frühzeit rief sie das Christentum, +den Neuplatonismus und den Manichäismus, drei magische Systeme, ins +Leben, gar nicht zu reden von den vermeintlich spätantiken Kulten; +in ihrer Spätzeit den Islam und, was gleichfalls bisher kaum bemerkt +worden ist, die religiöse Fassung des heutigen Judentums, das seine +Verwandtschaft mit maurischem Geiste nirgends verleugnet. Man denke an +die Kabbala und den Anteil jüdischer Philosophen an der sogenannten +Philosophie des Mittelalters, d. h. zuerst des späten Arabertums +und dann der frühen Gotik. Ich nenne nur ein merkwürdiges, völlig +unbeachtet gebliebenes Beispiel: Spinoza. Aus dem Ghetto stammend ist +er, neben seinem Zeitgenossen Schirazi, der letzte verspätete Vertreter +des magischen und ein Fremder in der Formenwelt des faustischen +Weltgefühls. Er hat als kluger Schüler der Barockzeit seinem System +die Farbe abendländischen Denkens zu geben gewußt; in der Tiefe +steht er völlig unter dem Aspekt des arabischen Dualismus zweier +Seelensubstanzen. +Dies ist der wahre, innere Grund, weshalb ihm der +Kraftbegriff Galileis und Descartes’ fehlt.+ Dieser Begriff ist +der Schwerpunkt eines dynamischen Universums und damit dem magischen +Weltgefühl fremd. Zwischen der Idee vom Stein der Weisen -- die in +Spinozas Idee der Gottheit als _causa sui_ versteckt liegt -- und +der kausalen Notwendigkeit +unsres+ Naturbildes gibt es keine +Vermittlung. Deshalb ist sein Willensdeterminismus genau der, welcher +von der Orthodoxie in Bagdad verteidigt wurde -- „Kismet“ -- und dort +hat man die Heimat des Verfahrens „_more geometrico_“ zu suchen, +das in seiner Ethik innerhalb +unsrer+ Philosophie ein groteskes +Unikum bildet. + +Noch einmal hat dann die deutsche Romantik dies magische Seelenbild +flüchtig heraufbeschworen. Man fand an Magie und Astrologie ebenso wie +an der Schwärmerei für maurische Kunst und neuplatonische Visionen +Gefallen, ohne von diesen entlegenen Dingen eben viel zu verstehen. +Schelling und sein Kreis gefielen sich in unfruchtbaren Spekulationen +in arabisch-jüdischem Stil, die man mit deutlichem Behagen als dunkel, +als „tief“ empfand, was sie für die Orientalen +nicht+ gewesen +waren, die man wohl zum Teil selbst nicht begriff und von denen +man hoffte, daß sie auch vom Hörer nicht begriffen werden würden. +Bemerkenswert ist an dieser Episode nur der Reiz des Dunklen, den diese +Gedankenkreise ausübten. Man darf den Schluß wagen, daß die klarsten +und zugänglichsten Fassungen faustischer Gedanken, wie man sie etwa bei +Descartes und in den Prolegomena von Kant findet, auf einen arabischen +Metaphysiker denselben Eindruck des Nebelhaften und Abstrusen gemacht +haben würden. Was für uns wahr ist, ist für sie falsch und umgekehrt: +das gilt vom Seelenbilde der einzelnen Kulturen wie von jedem andern +Resultat wissenschaftlichen Nachdenkens. + + +3 + +Die Kultur -- ein Urphänomen im goetheschen Sinne -- war als +Verwirklichung des seelisch Möglichen bezeichnet worden. Die junge, +ertagende, die gotische und dorische Seele ahnt nur die Gestalt ihres +Seins; sie sucht nach Ausdruck; sie möchte sich und alles andere +begreifen; sie sehnt sich hinaus zur Klarheit des späten Zustandes. +Die Außenwelt liegt noch in derselben Ungewissen Dämmerung wie die +innere. In diesem Stadium beginnt die Klärung des Seelenbildes, von +dem gezeigt worden war, daß es in jedem Augenblick das Abbild und +Komplement des Naturbildes ist. Die Zukunft wird sich an die schwierige +Aufgabe wagen müssen, in dem krausen Wust der Philosophie gotischen +Stiles, der Scholastik und Mystik, die gleiche Sonderung der letzten +Elemente vorzunehmen wie in der Ornamentik der Kathedralen und in der +primitiven damaligen Malerei, die zwischen dem flachen Goldgrund und +weiträumigen landschaftlichen Hintergründen -- der magischen und der +faustischen Art, Gott in der Natur zu sehen -- noch keine Entscheidung +zu treffen wagt. Es vermischen sich im frühen Seelenbilde, wie es +in dieser Philosophie zum Vorschein kommt, in zaghafter Unreife die +Züge christlich-arabischer Metaphysik, des Dualismus von Geist und +Seele, mit nordischen Ahnungen von funktionalen Seelenkräften, die man +sich noch nicht eingesteht. Dieser Zwiespalt liegt dem Streit um den +Primat des Willens oder der Vernunft zugrunde, dem +Grundproblem +der gotischen Philosophie+, das man bald im alten arabischen, +bald im neuen abendländischen Sinne zu lösen sucht. Man kann die +frühe Philosophie Westeuropas, ihren Kern, nur aus diesem großen +Zusammenhange begreifen. Es ist dasselbe Thema, das in stets sich +ändernder Fassung den Gang unserer gesamten Philosophie bestimmt und +diese von jeder anderen scharf unterscheidet. Schopenhauer, ihr letzter +großer Systematiker, hat es auf die Formel „Die Welt als Wille und +Vorstellung“ gebracht und seine +Ethik+ ist es, die +gegen+ +den Willen entscheidet. + +Hier tritt der geheimste Grund und Sinn alles Philosophierens innerhalb +einer Kultur unmittelbar zutage. Denn es ist die +faustische +Seele+, die in vielhundertjährigem Mühen ein visionäres Bild von +sich zu formen versucht, ein Bild, das zugleich mit dem Bilde der Welt +einen tiefgefühlten Einklang aufweist. Die gotische Philosophie mit +ihrem Dilemma von Vernunft und Wille ist in der Tat ein Ausdruck des ++Lebensgefühls+ jener Menschen der Kreuzzüge, der Staufenzeit +und der Dombauten. +Man sah die Seele so, weil man so war.+ Und +als Schopenhauer den Gegensatz noch einmal, in seiner schärfsten, +zivilisierten Form hinstellte, bewies er nur, daß sich in dem, was +diese faustische Seele von jeder andern unterscheidet, nichts geändert +hatte. + ++Wollen und Denken im Seelenbilde -- das ist Richtung und Ausdehnung, +Historie und Natur im Bilde der äußern Welt.+ Daß unser Ursymbol +die unendliche Ausgedehntheit ist, tritt in diesen Grundzügen beider +Aspekte zutage. Der Wille knüpft die Zukunft an die Gegenwart, das +Denken -- das faustische, nicht das apollinische -- das Grenzenlose an +das Hier. +Die historische Zukunft ist die werdende, der unendliche +Welthorizont die gewordene Ferne+: dies ist der Sinn des faustischen +Tiefenerlebnisses. Das Richtungsgefühl wird als „Wille“, das Raumgefühl +als „Verstand“ wesenhaft, beinahe mythisch vorgestellt: so entsteht das +Bild, welches unsre Psychologen mit Notwendigkeit aus dem Innenleben +abstrahieren. + +Daß die faustische Kultur +Willenskultur+ ist, ist nur ein +andrer Ausdruck für ihren eminent historischen Charakter. Der Wille +ist der psychische Repräsentant der „Welt als Geschichte“. Der +antike Mensch ist ahistorisch, rein gegenwärtig, ohne jenes das +Weltbild beherrschende, die Sinneseindrücke zum unendlichen Raum +dehnende Richtungsgefühl: er ist „willenlos“. Darüber läßt die +antike Schicksalsidee, das Fatum, keinen Zweifel, noch weniger der +architektonische Typus der dorischen Säule und die nackte Statue mit +ihrer stereotypen Maske. +Folglich+ kann auch das apollinische +Seelenbild keinen Richtungsfaktor, keinen „Willen“ also, enthalten. +Neben dem Denken (νοῦς), das von den großen Philosophen sehr +bezeichnend Zeus genannt wird, stehen die ahistorischen Komplexe +der animalischen und vegetativen Triebe (θυμός und ἐπιθυμία), ganz +somatisch, ganz ohne einen bewußten Zug und Drang zu einem Ziel. Nichts +deutet auf ein Unendlichkeitsbedürfnis hin. + +Um die Entwicklung des „Seelenraumes“, jener transzendenten +Unendlichkeit, die unser inneres Auge überblickt und in Momenten der +Reflexion durchdringt, deutlich zu machen, wüßte ich nichts Besseres +als an die Reihe der Porträts von Jan van Eyck bis auf Velasquez +und Rembrandt herab zu erinnern, deren Ausdruck im Gegensatz zu dem +ägyptischer und byzantinischer Bildnisse mit wachsender Bestimmtheit +das fühlen läßt, was die wissenschaftliche Psychologie unterdes in ein +System hatte bringen wollen. Der Widerstreit von Wollen und Denken +ist das geheime Thema dieser Köpfe und ihrer Physiognomik, sehr im +Gegensatz zu den hellenistischen Idealbildnissen des Euripides, Plato, +Demosthenes, die ein ganz anderes Ichgefühl vortragen. + +Der „Wille“ ist das symbolische Etwas, welches das faustische +Seelenbild von jedem andern unterscheidet. Der Wille wird sich so wenig +jemals begrifflich fassen lassen wie der letzte Sinn der Worte Gott, +Kraft, Raum. Er ist ein +Urwort+ wie sie, das man erlebt, erfühlt, +nicht erkennt. Das gesamte Dasein des abendländischen Menschen -- Leben +als Verwirklichung des innerlich Möglichen gedacht -- steht unter +seinem Aspekt. +Seelenbild und Lebensgefühl gehören zusammen.+ + +Wie man das faustische Prinzip bezeichnen will, das uns und nur uns +angehört, ist gleichgültig. Name ist Schall und Rauch. Auch Raum ist +ein Wort, das in tausend Nuancen im Munde des Mathematikers, Denkers, +Dichters, Malers ein und dasselbe Unbeschreibliche ausdrücken möchte, +das anscheinend der ganzen Menschheit angehört und in Wahrheit nur +innerhalb der abendländischen Kultur die Geltung hat, die wir ihm +mit innerer Notwendigkeit zuschreiben. Nicht das angebliche Vermögen +„Wille“, sondern der Umstand, daß es für uns dies Wort überhaupt gibt, +während +die Griechen es gar nicht kannten+, hat die Bedeutung +eines großen Symbols. Im letzten Grunde besteht zwischen Raum und Wille +kein Unterschied mehr. Den antiken Sprachen fehlt die Bezeichnung +für das eine und +also auch+ für das andere.[93] Der reine Raum +des faustischen Weltbildes ist eine ganz besondere Idee, nicht bloße +Extension, sondern Ausdehnung als Wirksamkeit, als Überwindung des +Nur-Sinnlichen, als Spannung und Tendenz, als Wille zur Macht. Ich weiß +wohl, wie unzulänglich diese Umschreibungen sind. Es ist vollständig +unmöglich, durch exakte Begriffe den Unterschied anzugeben zwischen +dem, was wir und was die Menschen der arabischen oder indischen Kultur +Raum nennen und bei diesem Worte denken, empfinden, vorstellen. Daß +es etwas durchaus Verschiedenes ist, beweisen die sehr verschiedenen +Grundanschauungen der jeweiligen Mathematik und bildenden Kunst, vor +allem die unmittelbaren Äußerungen des +Lebens+. Wir werden sehen, +wie die Identität von Raum und Wille in den Taten des Kopernikus +und Kolumbus so gut wie in denen der Hohenstaufen und Napoleons zum +Ausdruck kommt -- Beherrschung des Weltraums --, aber sie liegt in +andrer Weise auch in den physikalischen Begriffen der Raumenergie +(Energie der Lage, Spannung) und des Potentials, die man keinem +Griechen hätte verständlich machen können. Raum als die Form _a +priori_ der Anschauung, die Formel, in der Kant endgültig aussprach, +was die Barockphilosophie unablässig gesucht hatte -- das bedeutet +einen +Herrschaftsanspruch+ der Seele über das Fremde. Das Ich +regiert vermittelst der Form die Welt.[94] + ++Das+ bringt die Tiefenperspektive der Ölmalerei zum Ausdruck, die +den unendlich gedachten Bildraum vom Betrachter abhängig macht, der ihn +von der gewählten Entfernung aus im wörtlichen Sinne +beherrscht+. +Es ist jener Zug in die Ferne, der zum Typus der +heroischen, +historisch empfundenen+ Landschaft im Gemälde wie im Park führt, +dasselbe, was der mathematisch-physikalische Begriff des Vektors zum +Ausdruck bringt. Jahrhunderte hindurch hat die Malerei leidenschaftlich +nach diesem großen Symbol gestrebt, in dem alles liegt, was die +Worte Raum, Wille, Kraft ausdrücken möchten. Ihm entspricht die +ständige Tendenz der Metaphysik, durch Distinktionen wie die von +Form der Erscheinung und Ding an sich, Wille und Vorstellung, Ich +und Nicht-Ich, die sämtlich von rein dynamischem Gehalte sind, sehr +im Gegensatz zur Lehre des Protagoras vom Menschen als dem +Maß, +also nicht dem Schöpfer+ aller Dinge, die funktionale Abhängigkeit +der Dinge vom Geiste zu formulieren. Der antiken Metaphysik gilt +der Mensch als Körper unter Körpern, und Erkennen ist hier eine Art +von +Berührung+. Die optischen Theorien des Anaxagoras und +Demokrit sind weit entfernt, dem Menschen eine Aktivität in der +Sinneswahrnehmung zuzugestehen. Plato empfindet das Ich niemals als +Mittelpunkt einer transzendenten Wirkungssphäre, wie es Kant ein +inneres Bedürfnis war. Die Gefangenen in seiner berühmten Höhle sind +wirklich Gefangene, Sklaven äußerer Eindrücke, nicht ihre Herren, von +der allgemeinen Sonne beschienen, nicht selbst Sonnen, die das All +durchleuchten. + +Der physikalische Begriff der Raumenergie -- die gänzlich unantike +Vorstellung, daß bereits die +räumliche Distanz+ eine Energieform, +sogar die Urform aller Energie ist -- denn das ist die Grundlage +der Begriffe Kapazität und Intensität -- beleuchtet das Verhältnis +des Willens zum imaginären Seelenraum. Wir fühlen, daß beides, das +dynamische Weltbild Galileis und Newtons und das dynamische Seelenbild +mit dem Willen als Schwerpunkt und Beziehungszentrum, ein und dasselbe +bedeuten. Sie sind beide Barockphänomene, Symbole der zur vollen Reife +gelangten faustischen Kultur. + +Man tut unrecht, wie es oft geschieht, die Willenspsychologie, wenn +nicht für allgemein menschlich, so doch für allgemein christlich +zu halten und sie aus orientalischen Theorien abzuleiten. Dieser +Zusammenhang gehört lediglich der historischen Oberfläche an, und es +war wiederholt darauf hingewiesen worden, daß unter dem Namen und +der äußeren Form des magischen Christentums auf westeuropäischem +Boden eine neue Religion entstanden ist. Aber das gleiche gilt von +allen philosophischen Begriffen. Wenn arabische Psychologen, Murtada +z. B., von der Möglichkeit mehrerer Willen reden, von einem Willen, +der mit dem Tun zusammenhängt, von einem andern, der ihm selbständig +voraufgeht, von einem Willen, der überhaupt keine Beziehung zur Tat +hat, der das Wollen erst erzeugt usw., so haben wir offenbar ein +Seelenbild vor uns, das der Struktur nach von dem faustischen gänzlich +verschieden ist. + +Bei Augustinus erscheint ein dem unsern entfernt verwandter +Willensbegriff, und zwar in Verbindung mit einem entsprechenden +Gottesbegriff. Auch dieser Zusammenhang ist von tiefer Notwendigkeit. +Die Seelenelemente sind für jeden Menschen, welcher Kultur er auch +angehört, die Gottheiten eines innern Kosmos. Was Zeus für den äußeren +Olymp ist, das ist für den der inneren Welt, für jeden Griechen +mit absoluter Deutlichkeit vorhanden, der νοῦς. Was für uns „Gott“ +ist, Gott als Weltatem, als die Allkraft, als die allgegenwärtige +Wirkung und Vorsehung, das ist, aus dem Weltraum in den imaginären +Seelenraum zurückgespiegelt und von uns mit Notwendigkeit als wirklich +vorhanden empfunden, „Wille“. Zum psychischen Dualismus der magischen +Kultur, zu πνεῦμα und ψυχή, gehört mit Notwendigkeit der kosmische +Gegensatz von Gott und Luzifer, dem absolut Guten und dem absolut +Bösen, und man wird bemerken, daß im abendländischen Weltgefühl beide +Gegensätze +zugleich+ verblassen. In demselben Grade, wie der +Wille sich als Mitte eines psychischen Monotheismus herausbildet, +entschwindet die Gestalt des Teufels aus der wirklichen Welt. Der +Pantheismus der äußeren Welt hat einen innern unmittelbar zur Folge +und was -- in welcher Bedeutung auch -- das Wort „Gott“ +der Natur +gegenüber+ bezeichnen soll, das bezeichnet jedesmal das Wort +Wille gegenüber der Seele: den Herrscher in seinem Reich.[95] Das +Gefühl, welches der faustische Mensch, sei es Pascal oder Goethe oder +Beethoven, von Gott hat, erschöpft sich in dem Ausdruck Weltwille. +Der Darwinismus ist nichts anderes als eine außergewöhnlich flache +Fassung dieses Gefühls. Kein Grieche würde das Wort Natur im Sinne +einer absoluten und planmäßigen Aktivität so gebraucht haben, wie +die moderne Biologie es tut. Der „Wille Gottes“ ist für uns ein +Pleonasmus. Gott (oder „die Natur“) ist nichts als Wille. So gut der +Gottesbegriff seit der Renaissance unmerklich mit dem Begriff des +unendlichen Weltraums identisch wird und die sinnlichen, persönlichen +Züge verliert -- Allgegenwart und Allmacht sind beinahe mathematische +Begriffe geworden --, so gut wird er zum unanschaulichen Weltwillen. +Die reine Instrumentalmusik überwindet mit Bach die Malerei, als das +einzige und letzte Mittel, dies Gefühl von Gott zu verdeutlichen. +Der Prozeß einer symbolischen Klärung, der die Geistesgeschichte des +Barock ausfüllt, offenbart sich in der dichten Folge metaphysischer +Systeme, die sämtlich das Grundgefühl, welches Goethe in Verse und +Bach und Beethoven in Musik brachten, in ein abstraktes System zu +fassen versuchten. Giordano Bruno ist der erste, Hegel der letzte +in dieser Reihe. Demgegenüber denke man an die Götter Homers. Zeus +besitzt durchaus nicht die Macht über die Welt; selbst auf dem Olymp +ist er -- wie es das apollinische Weltgefühl fordert -- _primus +inter pares_, Körper unter Körpern. Die Notwendigkeit, die ἀνάγκη, +welche das antike Denken im Kosmos statuiert, ist keineswegs von ihm +abhängig. Im Gegenteil: die Götter sind ihr unterworfen. Das wird +nicht ausgesprochen, aber man fühlt es bei Homer im +Streit+ der +Götter und an jener entscheidenden Stelle, wo Zeus die Schicksalswage +hebt, um das Los Hektors nicht zu fällen, sondern zu erfahren. Also +stellt sich die antike Seele mit ihren Teilen und Eigenschaften als ein +Olymp kleiner Götter dar, die in friedlichem Einvernehmen zu halten +das Ideal hellenischer Lebensführung, die σωφροσύνη und ἀταραξία ist. +Mehr als ein Philosoph verrät den Zusammenhang, indem er den höchsten +Seelenteil, den νοῦς, als Zeus bezeichnet. Aristoteles schreibt seiner +Gottheit als einzige Funktion die θεωρία, die Beschaulichkeit zu; es +ist das Ideal des Diogenes: eine zur Vollkommenheit gereifte Statik des +Lebens gegenüber der ebenso vollkommenen Dynamik im Lebensideal des 18. +Jahrhunderts. + +Das rätselhafte Etwas, welches das Wort Wille bezeichnet, die +Leidenschaft der dritten Dimension, ist also ganz eigentlich eine +Schöpfung des Barock, wie die Perspektive der Ölmalerei, wie +der Kraftbegriff der neuern Physik, wie die Tonwelt der reinen +Instrumentalmusik. In allen Fällen hatte die Gotik vorgedeutet, was +diese Jahrhunderte der Durchgeistigung zur Reife brachten. Halten +wir hier, wo es sich um den Charakter, den Stil des faustischen +Lebens im Gegensatz zu jedem andern handelt, daran fest, daß Wille, +Kraft, Raum, Gott Symbole sind, struktive Prinzipien großer, einander +verwandter Formenwelten, in denen dieses Sein sich zum Ausdruck +bringt. Man war bisher darauf aus, hier objektive Fakta, an sich +seiende, konkrete, letzte Einheiten festzustellen, die irgendwann auf +dem Wege analysierender Forschung einmal völlig isoliert, „erkannt“ +werden könnten. Diese Illusion der exakten Naturwissenschaft war in +gleicher Weise die der Psychologie und Erkenntnistheorie. Die Einsicht, +daß diese vermeintlich rein menschlichen Gegebenheiten lediglich +Barockphänomene sind, Ausdrucksformen von vergänglicher Bedeutung, +einige Jahrhunderte hindurch und nur für den westeuropäischen Menschen +„wahr“, verändert den ganzen Sinn dieser Wissenschaften, die nicht +mehr Subjekt, sondern selbst, als historische Phänomene, Objekte einer +höheren Betrachtung sind. + +Die Architektur des Barock begann, wie wir sahen, als Michelangelo +die tektonischen Prinzipien der Renaissance, Stütze und Last, +durch die dynamischen: Kraft und Masse ersetzte. Brunellescos +Pazzikapelle drückt eine heitere Gelassenheit aus; die Fassade von +Il Gesù ist +steingewordner Wille+. Man hat den neuen Stil in +seiner kirchlichen Prägung Jesuitenstil genannt, vor allem nach der +Vollendung, die er durch Vignola und Della Porta erfuhr, und in der +Tat besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Gründung des Ignaz +von Loyola, dessen Orden den reinen, abstrakten Willen der Kirche,[96] +einer transzendenten Gemeinschaft, in vollkommen spiritueller Weise +repräsentiert, dessen verborgene, ins Unendliche sich erstreckende +Wirksamkeit das Seitenstück zur Analysis und zur Potentialtheorie ist, +und der künstlerischen Formensprache der Epoche. Damals war es, wo die +Parkanlagen jenen strengen Ausdruck annahmen, der in geradlinigen +Buchengängen, Alleen und Durchblicken (dem _point de vue_) +die Absicht kundgibt, auch die Natur dem Willen und seinem Symbol, +der räumlichen Tiefe unterzuordnen. Der chinesisch-japanische Park +kennt, der Bilderperspektive entsprechend, dies gestaltende Prinzip ++nicht+. + +Es wird nun nicht mehr als Paradoxon empfunden werden, wenn künftig +vom +Barockstil+, ja vom +Jesuitenstil in der Psychologie, +Mathematik und theoretischen Physik+ die Rede ist. Die Formensprache +der Dynamik, welche den energischen Gegensatz von Kapazität und +Intensität an Stelle des somatisch-willenlosen von Stoff und Form +setzt, ist allen geistigen Schöpfungen dieser Jahrhunderte gemeinsam. + + +4 + +Es ist nun die Frage, inwiefern der Mensch dieser Kultur selbst +erfüllt, was das von ihm konzipierte Seelenbild erwarten läßt. +Darf man das Thema der neuern Physik jetzt ganz allgemein als den +wirkenden Raum bezeichnen, so ist damit auch die Daseinsart, der +Daseins+inhalt+ des gleichzeitigen Menschen bestimmt. Wir, +faustische Naturen, sind gewöhnt, den einzelnen hinsichtlich seiner ++wirkenden+, nicht seiner plastisch-ruhenden Erscheinung ins Ganze +unsrer Lebenserfahrungen aufzunehmen. Was der Mensch ist, ermessen wir +an seiner +Tätigkeit+, die nach innen wie nach außen gewendet +sein kann, und alle einzelnen Vorsätze, Gründe, Kräfte, Überzeugungen, +Gewohnheiten werten wir durchaus nach dieser Richtung. Das Wort, in +dem wir diesen Aspekt zusammenfassen, heißt +Charakter+. Wir +sprechen von Charakterköpfen, von Charakterlandschaften; der Charakter +von bewegten Ornamenten, Pinselstrichen, Architekturmotiven, von +Schriftzügen, von Gleichungen und Funktionen: das sind uns geläufige +Wendungen. Die Musik ist die eigentliche Kunst des Charakteristischen, +was von Melodie und Instrumentation gleichmäßig gilt. Auch dies Wort +bezeichnet etwas Unbeschreibliches, etwas, das die faustische Kultur +aus allen andern heraushebt. Und zwar ist die tiefe Verwandtschaft +des Begriffs mit dem des Willens unverkennbar: Was der Wille im +Seelenbilde, ist der Charakter im Bilde des Lebens, wie es uns und ++nur+ uns Westeuropäern mit Selbstverständlichkeit vorschwebt. + +Daß der Mensch Charakter habe, ist der Grundanspruch all unsrer +ethischen Systeme, so verschieden ihre metaphysischen oder praktischen +Formeln sonst sein mögen. Der Charakter -- der sich im +Strome +der Welt+ bildet, das Verhältnis des Lebens zur Tat -- ist eine +faustische Impression, und es besteht eine sehr feine Ähnlichkeit mit +dem physikalischen Weltbilde darin, daß der vektorielle Kraftbegriff +mit seiner Richtungstendenz sich von dem der Bewegung trotz schärfster +theoretischer Untersuchungen nicht hat isolieren lassen. Ebenso +unmöglich ist die strenge Scheidung von Wille und Seele, Charakter und +Leben. Wir empfinden auf der Höhe dieser Kultur, sicher seit dem 17. +Jahrhundert, das Wort Leben als schlechthin gleichbedeutend mit Wollen. +Ausdrücke wie Lebenskraft, Lebenswille, tätige Energie füllen als etwas +Selbstverständliches unsre ethische Literatur, während sie in das +Griechisch der Zeit des Perikles nicht einmal übersetzbar wären. + +Man bemerkt -- was der Anspruch aller Moralen auf zeitliche und +räumliche Allgemeingültigkeit bisher verdeckt hat --, daß jede einzelne +Kultur als einheitliches Wesen höherer Ordnung im historischen +Gesamtbilde ihre eigne moralische Fassung besitzt. Es gibt so viele +Moralen, als es Kulturen gibt. Nietzsche, der als erster eine +Ahnung davon hatte, ist trotzdem von einer objektiven Morphologie +der Moral -- jenseits von Gut und Böse -- weit entfernt geblieben. +Er kam über Geschmacks-, bestenfalls über Nützlichkeitswertungen +gegenüber der antiken, indischen, Renaissancemoral nicht hinaus. +Aber gerade unserm historischen Sinne hätte das +Urphänomen der +Moral+ als solches nicht entgehen sollen. Uns ist, und zwar schon +seit den Tagen Petrarkas, die Vorstellung der Menschheit als eines +tätigen, kämpfenden, fortschreitenden Ganzen so notwendig, daß es uns +schwer wird, einzusehen, daß dies eine ausschließlich abendländische +Betrachtungsweise von vorübergehender Geltung und Lebensdauer ist. +Dem antiken Geiste erscheint die Menschheit als stationäre Masse, und +dem entspricht eine ganz anders geartete Moral, deren Dasein sich von +der homerischen Frühzeit bis zur Kaiserzeit verfolgen läßt. Überhaupt +wird man finden, daß dem im höchsten Grade aktiven Lebensgefühl der +faustischen Kultur die chinesische, babylonische und ägyptische, dem +streng passiven der Antike die indische und arabische näherstehen. Dies +äußert sich, um nur ein Beispiel zu nennen, darin, daß jene Kulturen +hochorganisierte Staatsformen kannten, deren politisch-soziale Akte +auf die Dauer und Zukunft hin orientiert waren, diese dagegen unter +dem Namen Staat politische Zufallsbildungen -- wie die Polis und den +Khalifat -- ohne historisch-formalen Gehalt und ohne Richtungsenergie +besaßen. + +Wenn je ein Volk einen Kampf ums Dasein beständig vor Augen hatte, +so war es das hellenische, wo alle die Städte und Städtchen einander +bis zur Vernichtung bekämpften, ohne Plan, ohne Sinn, ohne Gnade, +aus einem vollkommen animalischen, ahistorischen Instinkt. Aber die +griechische Ethik war, trotz Heraklit, weit entfernt, den Kampf zu +einem ethischen Prinzip zu machen. Die Überwindung von Widerständen +ist vielmehr der typische Akt der abendländischen Seele. Aktivität, +Entschlossenheit, Selbstbehauptung werden gefordert; der Kampf gegen +die Eindrücke des Augenblicks, der Vordergründe des Lebens, des Nahen, +Greifbaren, Euklidischen, die Durchsetzung dessen, was Allgemeinheit +und Dauer hat, was Vergangenheit und Zukunft seelisch aneinanderknüpft, +ist der Inhalt aller faustischen Imperative von den frühesten Tagen +der Gotik, der Dombauten und Kreuzzüge, bis zu Kant und Napoleon und +weit darüber hinaus zu den ungeheuren Macht- und Willensäußerungen +unsrer Waffen, unsrer Verkehrsmittel und unsrer Technik. Das _Carpe +diem_, der antike Standpunkt, ist der vollkommene Widerspruch gegen +das, was Goethe, Kant, Pascal, was die Kirche wie das Freidenkertum als +allein wertvoll empfanden, das +tätige+ Sein. Auch das Prinzip +der bildenden Künste Westeuropas war die Überwindung des Augenscheins +zugunsten des ewigen, reinen Raumes. Man fühlt, wie nahe diese +energische Ethik an die Formenwelt der aus demselben Gefühl gestalteten +theoretischen Physik streift. Auch da ist es die Überwindung von +Widerständen, die in Gesetze gebracht wird.[97] + +Wie alle Formen der Dynamik -- die malerische, musikalische, +physikalische, soziale, politische -- unendliche Zusammenhänge zur +Geltung bringen, und nicht wie die antike Physik den Einzelfall +und deren Summe, sondern den typischen Fall und dessen funktionale +Regel betrachten, so hat man unter Charakter das grundsätzlich +Gleichbleibende in der Genesis des Lebens zu verstehen. Andernfalls +spricht man von Charakterlosigkeit. Charakter ist, als Form einer +bewegten Existenz, in der mit größtmöglicher Variabilität im einzelnen +die höchste Konstanz im Prinzipiellen erreicht wird, das, was eine +echte Biographie wie Goethes „Wahrheit und Dichtung“ überhaupt möglich +macht. Plutarchs typisch antike Biographien sind demgegenüber nur +chronologisch, nicht organisch-genetisch geordnete Anekdotensammlungen, +und man wird zugeben, daß von Alkibiades, Perikles oder überhaupt +einem rein apollinischen Menschen nur die zweite, nicht die erste +Art von Biographie denkbar ist. Ihren Erlebnissen fehlt nicht die +Masse, sondern die Beziehung; sie haben etwas Atomistisches. Auf +das physikalische Weltbild bezogen: der Grieche hat nicht etwa ++vergessen+, in der Summe seiner Erfahrungen allgemeine Gesetze +zu suchen; er konnte sie in seinem Kosmos gar nicht +finden+. +Denn darin besteht der Unterschied apollinischer und faustischer +Lebensläufe, daß die einen ahistorisch-mythisch, die andern +historisch-genetisch angelegt sind, daß die einen in jedem Augenblick +ein Sein, die andern ein Werden vor Augen führen, daß im Gegensatz zum +antiken Menschsein für uns Charakter und Biographie sich wie Mögliches +zu Wirklichem, physikalisch ausgedrückt wie potentielle zu kinetischer +Energie verhalten. + +Es folgt daraus, daß charakterologische Wissenschaften, vor allem +Physiognomik und Graphologie, innerhalb der Antike höchst mager +ausgefallen sein würden. An Stelle der Handschrift, die wir nicht +kennen, beweist es das antike Ornament, das gegenüber dem gotischen +-- man denke z. B. an den Mäander und die Akanthusranke -- von +einer unglaublichen Simplizität und Schwäche des charakteristischen +Ausdrucks, dafür von einem nie wieder erreichten Ausgeglichensein in +zeitlosem Sinne ist. + +Es versteht sich von selbst, daß wir, dem antiken Weltgefühl +zugewendet, dort ein Grundelement der ethischen Wertung finden müssen, +das dem Charakter ebenso entgegengesetzt ist wie die Statue der Fuge, +die euklidische Geometrie der Analysis, der Körper dem Raume. Es ist +die +Geste+. Damit ist das Grundprinzip einer seelischen +Statik+ +gegeben, und das Wort, welches an Stelle unsrer „Persönlichkeit“ in den +antiken Sprachen steht, heißt πρόσωπον, _persona_ (von _personare_, +hindurchtönen), nämlich +Rolle+, +Maske+. Im spätgriechisch-römischen +Sprachgebrauch bezeichnet es die +öffentliche Erscheinung+ und damit +den eigentlichen +Wesenskern des antiken Menschen+. Man sagte von +einem Redner, daß er als priesterliches, als soldatisches πρόσωπον +spreche. Der Sklave war ἀπρόσωπος, aber nicht ἀσώματος, d. h. er +hatte +keine Bedeutung+, aber eine „+Seele+“. Daß das Schicksal +jemandem die Rolle eines Königs oder Feldherrn zuerteilt habe, gibt +der Römer durch _persona regis, imperatoris_.[98] Damit verrät sich +der apollinische Stil des Lebens. Es handelt sich nicht um konsequente +Entfaltung innerer Möglichkeiten durch tätiges +Streben+, sondern um +die jederzeit geschlossene +Haltung+ und strengste Anpassung an ein +sozusagen plastisches Seelenideal. Nur in der antiken Ethik spielt der +Begriff Schönheit eine Rolle. Mag man dies Ideal σωφροσύνη, καλοκἀγαθία +oder ἀταραξία nennen, es ist immer die wohlgeordnete Gruppe sinnlich +greifbarer, durchaus öffentlich erscheinender, für die andern, nicht +für das eigene Ich bestimmter Vorzüge. Der Akzent liegt auf dem Sein, +nicht auf dem Wirken. Man war Objekt, nicht Subjekt des Lebens. Das +rein Gegenwärtige, Mythisch-Zeitlose, Augenblickliche, der Vordergrund +wurde nicht überwunden, sondern herausgearbeitet. Alle antiken Ethiken, +nicht nur die Stoa, predigen die willenlose Passivität, die schöne +Hingabe an die punktförmige Gegenwart, den Menschen als Statue. Noch +einmal: Innenleben ist in diesem Zusammenhange ein unmöglicher Begriff. +Das unübersetzbare, stets im westeuropäischen Sinne mißverstandene +ζῷον πολιτικόν des Aristoteles bezieht sich auf Menschen, die einzeln, +einsam, nichts sind, die nur als Mehrzahl etwas bedeuten -- was für +eine groteske Vorstellung ist ein Athener in der Rolle des Robinson! +--, auf der ἀγορά, dem _forum_, wo jeder sich an andern spiegelt +und dadurch erst eigentlich Wirklichkeit erhält. Dies alles liegt +in dem Ausdruck σώματα πόλεως: die Bürger der Stadt. Man begreift, +daß das Porträt, das Probestück der Barockkunst, mit der Darstellung +des Menschen identisch ist, insoweit er +Charakter+ hat, und daß +andrerseits in der ionischen Periode die Darstellung des Menschen +hinsichtlich seiner +Attitüde+, des Menschen als „_persona_“, mit dem +Formideal der attischen Aktstudie enden mußte. + + +5 + +Dieser Gegensatz hat zu zwei in jedem Betrachte grundverschiedenen +Formen der Tragödie geführt. Die faustische, das +Charakterdrama+, +und die apollinische, das +Drama der erhabenen Geste+, haben in +der Tat nicht mehr als den Namen gemeinsam. + +Die Barockzeit machte, bezeichnenderweise ausschließlich von Seneka +und nicht von Äschylus und Sophokles ausgehend, mit steigender +Entschiedenheit an Stelle der Ereignisse den Charakter zum +Schwerpunkt des Ganzen, zur Mitte gewissermaßen eines seelischen +Koordinatensystems, das allen szenischen Tatsachen in bezug auf sich +Lage, Bedeutung und Wert zuweist; es entsteht eine Tragik des Wollens, +der wirkenden Kräfte, der +innern+, nicht notwendig in Sichtbares +umgesetzten Bewegtheit, während Sophokles das unvermeidliche Minimum +an Geschehen vor allem durch das Kunstmittel des Botenberichts hinter +die Szene verlegt. Die antike Tragik bezieht sich auf allgemeine Fälle, +nicht auf Persönlichkeiten; Aristoteles bezeichnet sie ausdrücklich als +μίμησις οὐκ ἀνθρώπων ἀλλὰ πράξεως καὶ βίου. Was er in seiner Poetik, +sicherlich dem für unsere Dichtung verhängnisvollsten Buche, ἦθος +nennt, nämlich die ideale Haltung eines ideal hellenischen Menschen +in einer schmerzlichen Lage, hat mit unserm Begriff von Charakter +als einer die Farbe der Ereignisse bestimmenden Beschaffenheit des +Ich so wenig zu tun, wie eine Fläche in Euklids Geometrie mit dem +gleichnamigen Gebilde etwa in Riemanns Theorie der algebraischen +Gleichungen. Daß man ἦθος mit Charakter übersetzte, statt das kaum +exakt Wiederzugebende durch Rolle, Haltung, Geste zu umschreiben, daß +man μῦθος, die +zeitlose Begebenheit+, durch Handlung gab, ist für +Jahrhunderte ebenso verderblich geworden wie die Ableitung des Wortes +δρᾶμα von Tun. Othello, Don Quijote, der Misanthrop, Werther sind +Charaktere. Das Tragische liegt im +bloßen Dasein+ so gearteter +Menschen inmitten der Welt. Ob gegen diese Welt, gegen sich, gegen +andre: der Kampf wird durch den Charakter, nicht durch etwas von außen +Kommendes aufgezwungen. Es ist +Fügung+, die Einfügung einer +Seele in einen Zusammenhang widersprechender Beziehungen, die keine +reine Auflösung gestattet. Antike Bühnengestalten aber sind Rollen, +keine Charaktere. Auf der Szene erscheinen immer dieselben Figuren, +der Greis, der Heros, die Jungfrau, dieselben schwer beweglichen, auf +dem Kothurn schreitenden, maskierten Puppen. Deshalb war die Maske +im antiken Drama auch der Spätzeit eine +innere Notwendigkeit+, +während wir ohne das Mienenspiel der Darsteller nicht auskommen. +Man wende ja nicht die Größe der griechischen Theater ein: auch die +Gelegenheitsmimen trugen Masken, und wäre das tiefere Bedürfnis nach +intimen Räumen dagewesen, so hätte sich die architektonische Form von +selbst gefunden. + +Die in bezug auf einen Charakter tragischen Begebenheiten folgen aus +einer langen innern Entwicklung. In den tragischen Fällen des Ajax, des +Philoktet, der Antigone und Elektra aber ist eine innere Vorgeschichte +-- selbst wenn sie in einem antiken Menschen anzutreffen wäre -- für +die Folgen gleichgültig. Das entscheidende Ereignis überfällt sie, +unvermittelt, ganz zufällig und äußerlich, und hätte an ihrer Stelle +jeden andern und mit der gleichen Wirkung überfallen können. Es +brauchte nicht einmal ein Mensch desselben Geschlechtes zu sein. + +Es bezeichnet den Gegensatz antiker und westeuropäischer Tragik noch +nicht scharf genug, wenn man nur von Handlung oder Ereignis redet. +Die faustische Tragödie ist +biographisch+, die apollinische ist ++anekdotisch+, d. h. jene umfaßt die Genesis eines ganzen Lebens, diese +den für sich stehenden gegenwärtigen Augenblick; denn welche Beziehung +hat die gesamte +innere+ Vergangenheit des Ödipus oder Orest zu dem +vernichtenden Ereignis? Der Anekdote antiken Stils gegenüber kennen +wir den Typus der +charakteristischen+, antimythischen Anekdote -- es +ist die +Novelle+ deren Meister Cervantes, Kleist, Hoffmann, Storm +sind --, die um so bedeutender ist, je mehr man fühlt, daß ihr Motiv ++nur einmal+ und nur zu +dieser+ Zeit und unter +diesen+ Menschen +möglich war, während der Rang der mythischen Anekdote -- der +Fabel+ +-- durch die Reinheit der gegenteiligen Qualitäten bestimmt wird. Wir +haben da also ein Schicksal, das wie der Blitz trifft, gleichgültig +wen, und ein andres, das sich wie ein unsichtbarer Faden durch ein +Leben spinnt und dieses eine vor allen andern auszeichnet. Es gibt im +vergangenen Dasein Othellos, dieses Meisterstücks einer psychologischen +Analyse, nicht einen, nicht den geringsten Zug, der ohne Beziehung zur +Katastrophe wäre. Der Rassenhaß, das Alleinstehen des Emporkömmlings +unter den Patriziern, der Mohr als Soldat, als Naturmensch, als +der vereinsamte ältere Mann -- nichts von diesen Momenten ist ohne +Bedeutung. Man versuche doch, die Exposition des Hamlet, des Lear im +Vergleich zu der sophokleischer Stücke zu entwickeln. Sie ist durchaus +psychologisch, nicht eine Summe äußerer Daten. Von dem, was wir +heute einen Psychologen nennen, was für uns beinahe mit dem Begriff +eines Dichters identisch ist, hatten die Griechen keine Ahnung. So +wenig sie Analytiker in der Mathematik waren, so wenig waren sie es +im Seelischen, und antiken Seelen gegenüber konnte es nicht wohl +anders sein. „Psychologie“ -- das ist das eigentliche Wort für die ++abendländische+ Art von Menschengestaltung. Das paßt auf ein Porträt +Rembrandts so gut wie auf die Tristanmusik, auf Flauberts Madame +Bovary wie auf Dantes Vita Nuova. Keine andre Kultur kennt Ähnliches. +Gerade das ist es, was von der Gruppe antiker Künste mit Strenge +ausgeschlossen wurde. Psychologie ist die Form, in welcher der +Wille+, +der Mensch als verkörperter Wille, nicht der Mensch als σῶμα kunstfähig +wird. Wer hier Euripides nennt, der weiß gar nicht, was Psychologie +ist. Welche Fülle des Charakteristischen liegt schon in der nordischen +Mythologie mit ihren schlauen Zwergen, tölpischen Riesen, neckischen +Elben, mit Loki, Baldr und den andern Gestalten, und wie typisch +allgemein wirkt daneben der Olymp. Zeus, Apollo, Poseidon sind einfach +„Männer“, Hermes ist „der Jüngling“, Athene eine reifere Aphrodite, +die kleineren Götter -- wie auch die spätere Plastik beweist -- nur +dem Namen nach unterscheidbar. Das gilt im vollen Umfange auch von den +Gestalten der attischen Szene. Bei Wolfram von Eschenbach, Cervantes, +Shakespeare, Goethe entwickelt sich das Tragische von innen heraus, +dynamisch, funktional, bei den drei großen Tragikern Athens kommt es +von außen, statisch, euklidisch. Man denke an den Geschlechterfluch im +Hause der Atriden. Um eine früher auf die Weltgeschichte angewandte +Bezeichnung zu wiederholen: das vernichtende Ereignis macht dort ++Epoche+, hier bewirkt es eine +Episode+. Selbst der tödliche +Ausgang ist nur die letzte Episode eines aus lauter Zufälligkeiten +zusammengesetzten Daseins. + +Eine Barocktragödie ist nichts als der führende Charakter noch einmal, +nur im realen Raume zur Entfaltung gebracht, als Kurve statt als +Gleichung, kinetische statt potentieller Energie. Die sichtbare Person +ist der mögliche, die Handlung der sich verwirklichende Charakter. +Dies ist der ganze Sinn unsrer noch heute unter antiken Reminiszenzen +und Mißverständnissen verschütteten Dramaturgie. Der tragische Mensch +der Antike ist ein euklidischer Körper, der in seiner Lage, die er +nicht gewählt hat und nicht ändern kann, von der Moira getroffen wird, +der sich in der Belichtung seiner Flächen durch die äußern Vorfälle +unveränderlich zeigt. Das ist die +Geste+, das πρόσωπον als +ethisches Ideal. In diesem Sinne ist in den Choephoren von Agamemnon +als dem „flottenführenden königlichen Leibe“ die Rede und sagt Ödipus +in Kolonos, daß das Orakel „seinem Leibe“ gelte. Man wird bei allen +bedeutenden Menschen der griechischen Geschichte bis auf Alexander +hinab eine merkwürdige Unbildsamkeit finden. Ich wüßte keinen, der in +den Kämpfen des Lebens eine innere Umwandlung vollzogen hätte, wie wir +sie von Luther und Ignaz von Loyola kennen. Was man allzu flüchtig bei +den Griechen Charakterzeichnung nennt, die Kunst, deren Meisterstücke +noch im 19. Jahrhundert die Wahlverwandtschaften und Stendhals Julian +Sorel sind, ist nichts als der Reflex der Ereignisse auf das ἦθος des +Helden, niemals der Reflex einer Persönlichkeit auf die Ereignisse. + +Und so verstehen wir faustischen Menschen das Drama mit innerster +Notwendigkeit als ein Maximum an Aktivität, die Griechen mit +derselben Notwendigkeit als ein Maximum an Passivität. Die attische +Tragödie enthält überhaupt keine „Handlung“. Die antiken Mysterien +-- und Äschylus, der aus Eleusis stammte, hat das höhere Drama durch +Übertragung der Mysterienform mit ihrer Peripetie erst geschaffen -- +waren sämtlich δράματα, d. h. liturgische Aktionen in der Art unserer +Passionen und Oratorien. Aristoteles bezeichnet die Tragödie als +Nachahmung eines Geschehens. Das, die Nachahmung, ist identisch mit +der vielberufenen +Profanation der Mysterien+, und man weiß, +daß Äschylus, der auch die sakrale Tracht der Eleusispriester für +immer als das Kostüm der attischen Bühne eingeführt hat, deshalb +angeklagt wurde.[99] Denn das eigentliche δρᾶμα mit seiner Peripetie +von der Klage zum Jubel lag gar nicht in der Fabel, die erzählt +wurde, sondern in der dahinter stehenden, vom Zuschauer im tiefsten +Sinne aufgefaßten und nachgefühlten Kulthandlung. Es war sicherlich +gewagt, den Vorgang dieser heiligen Erschütterung mit einer Burleske +zu verbinden. Der uralte Bockgesang der τράγοι, der als Böcke +verkleideten, von Dorf zu Dorf ziehenden Schauspieler, hatte mit +seiner Beziehung auf die wieder erwachende Zeugungskraft der Natur +Gelächter erregt. Das war volksmäßig. Nun aber hebt die Kalokagathie +dies künstlerische Element zu sich empor. Äschylus als der Vertreter +des aristokratisch-homerischen Prinzips führt den zweiten Schauspieler +und damit die Wechselrede ein und so wächst aus der Harlekinade, die in +das Satyrspiel am Schluß zurückgedrängt wird, die eigentliche antike +Tragödie empor. In ihr siegt der +Geist der Plastik+ über den +Orgiasmus, Apollo über Dionysos. Hier am Seelenfeste des Dionysos im +Frühling berühren sich Leben und Tod, das Phallische und die Klage um +das Vergängliche. Dionysos ist der Herr der abgeschiedenen Seelen. Auch +in Eleusis war das Umschlagen der Klage um den Tod zum Jubel über die +Rettung der Kore Inhalt der heiligen Messe. + +Die Tragödie wuchs aus dem θρῆνος (_naenia_), der +feierlichen+ +Klage am Totenfeste, hervor. Aber der apollinische, plastische Geist +gestaltet die ursprünglich allgemeine Klage zur besonderen. Es ist +der Heros der Stadt, über dessen Leiden der Chor die große Klage +anstimmt. Denn das erst hat die Tragödie vollendet: Der Klage als dem ++gegebenen+ Thema wird die Gestaltung eines großen menschlichen Leidens +als Motiv unterlegt. Äschylus führt die Heldensage in seinen 70 Dramen +als die Vordergrundfabel (μῦθος) der Szene ein. Der Zuschauer, der +den Sinn des Tages kannte, fühlte in den pathetischen Worten sich und +seine Ahnen gemeint. In +ihm+ vollzieht sich die Peripetie, die der +eigentliche Zweck der heiligen Handlung ist. Die liturgische Klage +über den Jammer des Menschengeschlechts ist immer, von Berichten +und Erzählungen umgeben, der Schwerpunkt des Ganzen geblieben. Man +sieht es am deutlichsten im Prometheus, Agamemnon und König Ödipus. +Aber hoch über die Klage hinaus erhebt sich die Größe des Dulders, +seine erhabene Attitüde, sein ἦθος, das in mächtigen Szenen zwischen +den Chorpartien vorgeführt wird. Nicht der heroische Täter, dessen +Willenskraft, dessen Lebenstendenz am Widerstand fremder Mächte +oder an den Dämonen in der eignen Brust wächst und bricht, sondern +der willenlos Leidende, dessen euklidisches, somatisches Dasein -- +ohne tiefern Grund, wie man hinzufügen muß -- zerstört wird, ist das +Thema. Die Prometheustrilogie des Äschylus beginnt gerade dort, wo +Goethe sie vermutlich hätte enden lassen. Der Wahnsinn Lears ist die +notwendige Folge höchst komplizierter psychischer Voraussetzungen, in +deren Gewebe keine Masche fehlen darf. Der Ajax des Sophokles wird +von Athene wahnsinnig +gemacht, bevor+ das Drama beginnt. Das ist +der Unterschied zwischen einem Charakter und einer szenischen Figur. +In der Tat, Furcht und Mitleid sind, wie es Aristoteles beschreibt, +die notwendige Wirkung antiker Tragödien auf antike, und nur auf +antike Zuschauer. Das wird sofort klar, wenn man sieht, welche Szenen +von ihm als die wirksamsten bezeichnet werden -- man hat das bisher +übersehen --, nämlich jähe Glückswechsel und Erkennungsszenen. Zu +den ersten gehört vor allem der Eindruck des φόβος (Grauen), zu den +zweiten der des ἔλεος (Rührung). Der Gedanke der Katharsis ist nur +aus dem streng euklidischen Seinsideal der Ataraxie nachzuerleben. +Die antike „Seele“ ist reine Gegenwart, reines σῶμα, unbewegtes +punktförmiges Sein. Dies in Frage gestellt zu sehen, durch den Neid +der Götter, das blinde Ungefähr, das wahllos, blitzartig über jeden +hereinbrechen kann, ist das furchtbarste. Es greift an die Wurzeln der +antiken Existenz, während es den faustischen, alles wagenden Menschen +erst lebendig werden läßt. Und nun -- das sich lösen zu sehen, wie +wenn Gewitterwolken sich in dunklen Bänken am Horizont lagern und die +Sonne wieder durchbricht, das tiefe Gefühl der Freude an der geliebten +großen Geste, das Aufatmen der gequälten mythischen Seele, die Lust +am wiedergewonnenen Gleichgewicht -- das ist Katharsis. Das setzt +aber auch eine Psychologie voraus, die uns vollkommen fremd ist. Das +Wort ist in unsre Sprachen und Empfindungen kaum zu übersetzen. Die +ganze ästhetische Mühe und Willkür des Barock und des Klassizismus mit +der rückhaltlosen Ehrfurcht vor antiken Büchern im Hintergrunde, war +notwendig, um uns dies seelische Fundament auch für unsre Tragödie +aufzureden -- angesichts der Tatsache, daß ihre Wirkung gerade die +entgegengesetzte ist, daß sie nicht von passiven, statischen Affekten +erlöst, sondern aktive, dynamische hervorruft, reizt und auf die +Spitze treibt, daß sie die Urgefühle eines energischen Menschseins, +die Grausamkeit, die Freude an Spannung, Gefahr, Gewalttat, Sieg, +Verbrechen, das Glücksgefühl des Überwinders und Vernichters +weckt, Gefühle, die seit der Wikingerzeit, den Hohenstaufentaten +und Kreuzzügen in den Tiefen der nordischen Seele schlafen. +Das+ +ist die Wirkung Shakespeares. Ein Grieche hätte den Macbeth gar +nicht ausgehalten; er hätte vor allem den Sinn dieser mächtigen +biographischen Kunst mit ihrer Richtungstendenz nicht begriffen. Daß +Gestalten wie Richard III., Don Juan, Faust, Michael Kohlhaas, Golo, +unantik vom Scheitel bis zur Sohle, nicht Mitleid, sondern einen +tiefen seltsamen Neid, nicht Furcht, sondern eine rätselhafte Lust an +Qualen, einen verzehrenden Wunsch nach einem ganz andern Mit–Leiden +wecken, verraten uns heute, wie die faustische Tragödie auch in ihrer +spätesten, der deutschen Form endgültig abgestorben ist, die ständigen +Motive der weltstädtischen Literatur Westeuropas, die man mit den +entsprechenden alexandrinischen vergleiche: In den „nervenspannenden“ +Abenteurer- und Detektivgeschichten und ganz zuletzt im Kinodrama, das +durchaus den spätantiken Mimus vertritt, ist ein Rest der unbändigen +faustischen Überwinder- und Entdeckersehnsucht fühlbar. + +Dem entspricht genau das apollinische und das faustische Bühnenbild, +das zur Vollständigkeit des Kunstwerkes gehört, wie es vom Dichter +gedacht worden war. Das antike Drama ist ein Stück Plastik, eine +Gruppe pathetischer Szenen von reliefmäßigem Charakter, eine Schau +riesenhafter Marionetten vor der flach abschließenden Rückwand +des Theaters. Es ist ausschließlich groß empfundene Geste, Ethos, +während die spärlichen Begebenheiten der Fabel feierlich vorgetragen, +dicht vorgeführt werden. Das Gegenteil will die Technik des +abendländischen Dramas: Ununterbrochene Bewegtheit und strenge +Ausschaltung handlungsarmer, statischer Momente. Die berühmten drei +Einheiten des Ortes, der Zeit und des Vorgangs +formulieren den +Typus der attischen Marmorstatue+. Und unvermerkt bezeichnen sie +das Lebensideal des antiken, an die Polis, die reine Gegenwart, +die Geste gebundenen Menschen. Die Einheiten haben sämtlich den +Sinn von +Negationen+: man verleugnet den Raum, man verneint +Vergangenheit und Zukunft, man lehnt alle seelischen Beziehungen +in die Ferne ab. Die drei Einheiten, ahistorisch, antimusikalisch, +schränken die Wirklichkeit auf den Vordergrund, die unmittelbare +Nähe und Gegenwart ein. Alles andre ist „τὸ μὴ ὄν“. Sie enthalten +zugleich das Ideal der euklidischen, der stoischen Ethik. Ἀταραξία -- +in dem Worte könnte man sie zusammenfassen. Man verwechsle diese Form +ja nicht mit der oberflächlich ähnlichen im Drama der romanischen +Völker. Das spanische Theater des 16. Jahrhunderts hat sich dem Zwang +antiker Regeln unterworfen, aber man begreift, daß die kastilianische +Würde der Zeit Philipps II. sich davon angesprochen fühlte, ohne den +ursprünglichen Geist dieser Regeln zu kennen oder auch nur kennen zu +wollen. Islamisches Schicksalsgefühl vermittelte hier zwischen antikem +_fatum_ und spanischem Katholizismus, ohne daß man sich der innern +Distanz bewußt geworden wäre. Tirso de Molina erneuerte die Theorie von +den Einheiten, die Corneille, der kluge Zögling spanischer Grandezza, +in seiner berühmten Abhandlung von ihm entlehnte. Damit begann das +Verhängnis. Die florentinische Nachahmung der maßlos bewunderten +antiken Plastik, die niemand in ihren letzten Bedingungen begriff, +konnte nichts verderben, denn es gab damals keine nordische Plastik +mehr, die hätte verdorben werden können. Aber es gab die Möglichkeit +einer mächtigen, rein faustischen Tragödie von ungeahnten Formen und +Kühnheiten und daß sie, so groß Shakespeare ist, niemals den Bann einer +mißverstandenen Konvention ganz überwunden hat, das hat der Glaube +an die Poetik des Aristoteles verschuldet. Was hätte aus dem Drama +des Barock unter den Eindrücken der ritterlichen Epik, des Tristan +und Parzeval, und in Nachbarschaft zu den Oratorien und Passionen der +Kirche werden können, wenn man niemals etwas vom griechischen Theater +gehört hätte! Eine Tragödie aus dem Geiste der kontrapunktischen Musik, +ohne die Fesseln einer für sie sinnlosen plastischen Gebundenheit, +eine Bühnendichtung, die sich von Orlando Lasso und Palestrina an und +neben Heinrich Schütz, Bach, Händel, Gluck, Beethoven vollkommen frei +zu einer eignen und reinen Form entwickelt hätte -- das wäre möglich +gewesen. Nur dem glücklichen Umstande, daß die gesamte hellenische +Freskomalerei verloren ging, verdanken wir die Rettung, die innere +Freiheit der Ölmalerei. + +Unsere tragischen Konzeptionen sind von faustischem Gehalt, aber der +dramatische Körper spanischen, französischen oder elisabethanischen +Stils, das fünfaktige Blankversdrama z. B., ist ein Kompromiß ohne +Tiefe. Was ohne die Kenntnis apollinischer Formen hätte entstehen +können, läßt allein der Faust ahnen, die einzige auch im Szenischen +unabhängige (wegen des Mangels an einer großen Tradition allerdings +fragmentarische) Schöpfung: was sie zerstört haben, lehrt Racine, +dessen mächtige Gestaltungskraft sich im Kampfe mit einem Schema +erschöpft hat, das niemand anzutasten wagte. + + +6 + +Mit den drei Einheiten war es nicht genug. Das attische Drama forderte +statt des Mienenspiels die starre Maske mit den wulstigen, weit +geöffneten Lippen -- es verbot also die seelische Charakteristik, wie +man die Aufstellung ikonischer Statuen verboten hatte. Es forderte +den Kothurn und die überlebensgroße, rings bis zur Unbeweglichkeit +gepolsterte Figur mit dem schleppenden Gewande -- und beseitigte damit +die Individualität der Erscheinung. Es forderte endlich den aus einem +röhrenartigen Mundstück monoton erschallenden Sprechgesang, dessen +für das Ohr nicht wahrnehmbare Kadenzen für das Auge durch Senken +eines Stäbchens bezeichnet wurden. Das Statuenhafte, Euklidische des +Szenenbildes war damit auf die Spitze getrieben. Nichts durfte in +Sprache und Erscheinung das Gefühl von Raumfernen, Seelenhorizonten und +zeitlichen Perspektiven heraufrufen. + +Die faustische Tragik war die Ausschweifung einer Seele, die an einem +unbändigen, unersättlichen Willen litt, eine Rettung ins Poetische, +welche die Griechen, die an ganz andern Dingen litten, nicht nötig +hatten und nicht verstanden haben würden. Der „Neid der Götter“, der +das pflanzenhaft-euklidische Sein in seiner +Ruhe+ bedrohte, trieb +sie zur Verzweiflung. „Nie geboren zu sein, nie den Tag erblickt zu +haben und sein flammenhufiges Gespann“ -- das ist +ihre+ Klage, +und daneben und doch wieder eins und dasselbe steht die Klage des +Achilleus, der lieber der ärmste Tagelöhner sein als im Reiche der +Schatten weilen möchte. Deshalb klammerten sie sich mit nie endender +Angst an den Vordergrund der Dinge und schlossen die Augen vor dem +Fernen, das sie das Nichtseiende nannten. Deshalb umstellte der +Grieche sein Leben mit allen Symbolen der Nähe und des Körperlichen, +des tatenarmen, stoischen, richtungslosen Seins. Das trieb ihn zur +Geselligkeit, zum Leben eines ζῷον πολιτικόν, eines Menschen der Nähe +und Mehrzahl, als dessen leibhaftes Symbol der +Chor+ auf der +Szene weilt. Nichts steht dem ferner als das +Monologische+ der +faustischen Seele, ihre ungeheure Einsamkeit und Verlorenheit im All, +die sich durch die gesamte abendländische Kunst wie eine unendliche +Melodie hinzieht. Nichts ist einsamer als ein Bildnis Rembrandts, +als eine Fuge von Bach, ein Quartett von Beethoven. Wir haben das +attische Drama in seiner grandiosen Einseitigkeit und Unnatur gar nicht +verstanden. Der bloße Text, wie wir ihn heute +lesen+ -- nicht +ohne unvermerkt den Geist Goethes und Shakespeares und unsre ganze +Kraft perspektivischen Sehens hineinzutragen -- kann von dem tiefern +Sinn dieses Dramas +nichts+ geben. Antike Kunstwerke sind nur +für das antike Auge, und zwar das leibliche Auge geschaffen. Erst die +sinnliche Form der Darstellung schließt die eigentlichen Geheimnisse +auf. Ein Drama des Äschylus ist eine viel komplexere Einheit, als wir, +an das einsame Studium von Lesedramen gewöhnt -- und an eine „innere +Bühne“ also voller schrankenloser, die reale Darstellbarkeit weit +überschreitender Möglichkeiten --, meist annehmen. Der antike Mensch +war Zuschauer, nicht Leser, mit dem Leibe eher dabei als mit der +„Seele“, und der Verlust beinahe aller Meisterdramen des Äschylus und +Sophokles beweist, wie wenig ihm das Aufgeschriebene an sich, ohne die +Szene, bedeutet hat. Euripides, dessen Werke eher sozialphilosophische +Traktate sind, macht eine bezeichnende Ausnahme. + +Die antike Seele, die nichts ist als die verwirklichte +Form des +antiken Leibes+ -- Aristoteles hat da, in seiner Lehre von der +Entelechie, das apollinische Lebensgefühl vollkommen richtig formuliert +--, weiß nichts von einer nachschaffenden Phantasie. Sie war an die +Szene mit der den Hintergrund schroff abschließenden Bühnenwand +gebunden. Mit dem wirklichen, von der südlichen Sonne überstrahlten +Vorgang war das Kunstwerk des Sophokles erschöpft. Führen wir, deren +Leib ein physiognomischer Ausdruck der faustischen Seele ist, wie +die Porträtkunst lehrt, aber heute ein Drama von ihm auf, so ist es +kein antikes Drama mehr. Wir sehen mit andern Augen und nicht nur mit +den leiblichen Augen und bemerken nun freilich den Gespensterschritt +starrer Puppen nicht mehr, der ein Sinnbild jenes uns so fremden +Lebensgefühls war. Wir sind geneigt, über derlei „Äußerlichkeiten“ +hinwegzusehen und vergessen, daß die antike Kultur nur Äußerliches +als wirklich anerkennt, daß die Tiefe dieses Seelentums nur im +Sinnlich-Nahen liegt. Nichts kann das euklidische Lebensgefühl +deutlicher machen als eben das Element des Chores. Der Chor ist +die griechische +Urtragödie+, die Urklage über den Jammer des +menschlichen Seins und der Dialog in den Chorpausen -- feierlich und +keineswegs „dem Leben abgelauscht“ -- eine späte Zutat. Dieser Chor +als Menge, als der ideale Gegensatz zum einsamen, zum innerlichen +Menschen, zum Monolog der abendländischen Szene, dieser Chor, der immer +anwesend bleibt, vor dem sich alle „Selbstgespräche“ abspielen, der +die Angst vor dem Grenzenlosen, Leeren auch im Bühnenbilde vertreibt +-- das ist apollinisch. Die Selbstbetrachtung als +öffentliche+ +Tätigkeit, die prunkvolle öffentliche Klage statt des Schmerzes im +einsamen Kämmerlein (-- „wer nie die kummervollen Nächte auf seinem +Bette weinend saß“ --), das tränenreiche Jammergeschrei, das eine ganze +Reihe von Dramen wie den Philoktet und die Trachinierinnen füllt, die +Unmöglichkeit, allein zu bleiben, der Sinn der Polis, all das Weibliche +dieser Kultur, wie es der Idealtypus des Apoll von Belvedere verrät, +offenbart sich im Symbol des Chores. Dieser Art von Drama gegenüber +ist das Shakespeares ein einziger Monolog. Selbst die Zwiegespräche, +selbst die Gruppenszenen lassen die ungeheure +innere+ Distanz +dieser Menschen empfinden, von denen jeder im Grunde nur mit sich +selbst spricht. Nichts vermag diese seelische Ferne zu durchbrechen. +Man fühlt sie im Hamlet wie im Tasso, im Don Quijote wie im Werther, +aber sie ist schon im Parzeval in ihrer ganzen Unendlichkeit Gestalt +geworden; sie unterscheidet die gesamte abendländische Poesie von der +gesamten antiken. Unsre ganze Lyrik, von Walther von der Vogelweide +bis auf Goethe, bis auf die Lyrik der sterbenden Weltstädte herab ist +monologisch, die antike Lyrik ist eine Lyrik im Chor, eine Lyrik vor +Zeugen. Die eine wird innerlich aufgenommen, im wortlosen Lesen, als +unhörbare Musik, die andre wird öffentlich rezitiert. Die eine gehört +dem schweigenden Raume -- als Buch, das überall zu Hause ist --, die +andre dem Platz, an dem sie erklingt. + +Die Kunst des Thespis entwickelt sich deshalb, obwohl die Mysterien +von Eleusis und die thrakischen Feste der Epiphanie des Dionysos +nächtlich gewesen waren, mit innerster Notwendigkeit zu einer Szene +des Vormittags und des vollen Sonnenlichts. Aus den abendländischen +Volks- und Passionsspielen dagegen, die aus der Predigt mit verteilten +Rollen hervorgegangen sind und erst von Klerikern in der Kirche, später +von Laien auf dem freien Platz davor, und zwar an den Vormittagen +der hohen Kirchenfeste (Kirmessen) vorgetragen wurden, entstand +unvermerkt eine Kunst des Abends und der Nacht. Schon zu Shakespeares +Zeiten spielte man am Spätnachmittag und dieser mystische Zug, der +das Kunstwerk der ihm zugehörigen Helligkeit annähern will, hatte zur +Zeit Goethes sein Ziel erreicht. Jede Kunst, jede Kultur überhaupt +hat ihre bedeutsame Tagesstunde. Die kontrapunktische Musik ist die +Kunst der Dunkelheit, wo das innere Auge erwacht, die attische Plastik +die des vollen Lichtes. Wie tief diese Beziehung reicht, beweisen, +die gotische Plastik mit der sie umhüllenden ewigen Dämmerung und die +ionische Flöte, das Instrument des hohen Mittags. Die Kerze bejaht, +das Sonnenlicht verneint den Raum gegenüber den Dingen. In den Nächten +siegt der Weltraum über die Materie, im Lichte des Mittags verleugnen +die Dinge den Raum. So unterscheiden sich das attische Fresko und die +nordische Ölmalerei. So wurden Helios und Pan antike, der Sternenhimmel +und die Abendröte faustische Symbole. Auch die Seelen der Toten +gehen mitternachts um, vor allem in den zwölf langen Nächten nach +Weihnachten. Die antiken Seelen gehörten dem Tage. Noch die alte Kirche +hatte vom δωδεκαήμερον, den zwölf geweihten Tagen, geredet; mit dem +Erwachen der abendländischen Kultur wurde die „Zwölftnacht“ daraus. + +Die antike Vasen- und Freskomalerei -- man hat das noch nie bemerkt -- +kennt keine Tageszeit. Kein Schatten zeigt den Stand der Sonne, kein +Himmel die Gestirne an; es herrscht reine, +zeitlose Helligkeit+. +Das Atelierbraun der klassischen Ölmalerei entwickelte sich mit +gleicher Selbstverständlichkeit zum Gegenteil, einer imaginären, von +der Stunde unabhängigen Dunkelheit, der eigentlichen Atmosphäre des +faustischen Seelenraumes. Stete Helle und stete Dämmerung trennen in +der Tat antike und westeuropäische Malerei, antike und westeuropäische +Bühne voneinander. Und darf man nicht auch die euklidische Geometrie +eine Mathematik des Tages, die Analysis eine der Nacht nennen? + +Man wird die Beziehung jener plastischen Geometrie zum Szenenbild des +Dionysostheaters -- mit Chor, Maske, Kothurn und den drei Einheiten -- +nicht verkennen und ebensowenig die der Analysis zum unkörperlichen +Szenenbilde unsres Dramas, dem umrahmten Bühnenausschnitt in +künstlichem Lichte und mit perspektivischem Horizont, der den Weltraum +bedeutet. Gerade die raumfeindliche euklidische Körperlehre macht das +Prinzip der „Einheit des Ortes“ begreiflich. Jeder Szenenwechsel, +der die Phantasie zu einer Einheit höherer, nicht sinnlicher Ordnung +heraufruft, sprengt die rein stoffliche Gegenwart, bezieht den Weltraum +ein, wirkt perspektivisch, richtunggebend, musikalisch und zerstört den +stereometrischen, statuenhaften Aspekt, in dem alle Bedeutung für den +antiken Zuschauer beschlossen liegt. + +Für die Griechen sicherlich eine Art profanen Frevels, ist der +Szenenwechsel für uns beinahe ein religiöses Bedürfnis, eine Forderung +der innern Wahrheit. In der gleichbleibenden Szene des Tasso liegt +etwas Heidnisches. Wir empfinden das als Unnatur. Wir brauchen +innerlich ein Drama voller Perspektiven und weiter Hintergründe, +eine Bühne, die alle sinnlichen Schranken aufhebt und die ganze Welt +in sich zieht. Shakespeare, der geboren wurde, als Michelangelo +starb, und zu dichten aufhörte, als Rembrandt zur Welt kam, hat +das Maximum von Unendlichkeit, von leidenschaftlicher Überwindung +aller statischen Gebundenheit erreicht. Seine Wälder, Meere, Gassen, +Gärten, Schlachtfelder liegen im Fernen, Grenzenlosen. Jahre fliehen +in Minuten vorüber. Der wahnsinnige Lear zwischen dem Narren und +dem tollen Bettler im Sturm auf der nächtlichen Heide, das Ich +in tiefster Einsamkeit im Raume verloren -- das ist faustisches +Lebensgefühl. Man wird bemerken, daß -- wie im Ölgemälde, dessen +infinitesimaler Geist mit dem der tragischen Szene völlig identisch +ist -- auch im Szenenbilde die charakteristische Landschaft eine +vorwiegende Rolle spielt, und auch das schlägt die Brücke hinüber zu +den innerlich gesehenen, erfühlten Landschaften der Musik, daß die +Bühne der elisabethanischen Zeit das alles +nur bezeichnet+, +während das geistige Auge sich aus spärlichen Andeutungen ein Bild +der Welt entwirft, in welcher die Szenen sich abspielen und die eine +Illusionsbühne niemals hätte verifizieren können. Der Renaissance +gegenüber entsteht ein Trieb nach dem Freien, Unbegrenzten, +Nichtoptischen, in dem für uns der tiefere Sinn aller Natur liegt, und +wo umschlossene Räume notwendig werden, weist eine offene Halle oder +ein Fenster in die Ferne. Die griechische Szene ist niemals Landschaft; +sie ist überhaupt nichts. Man darf sie höchstens als die Basis +wandelnder Statuen bezeichnen. Die Figuren sind alles, auf dem Theater +wie im Fresko. Hier erinnere man sich der viel bemerkten, aber nie +wirklich aufgeklärten Tatsache, daß „der antike Mensch kein Naturgefühl +in unserm Sinne“ besitzt. Hier ist der Grund. Das apollinische +Tiefenerlebnis, das Ursymbol des σῶμα, hat einen andern +Begriff von +Natur+ zur Folge. Das faustische Naturgefühl ist ein Gefühl des +Unendlichen, das durch und über den Dingen sich manifestiert, der Natur +als Raum. Dies Gefühl hat die echte Szene Goethes und Shakespeares +geschaffen und würde darüber weit hinausgeführt haben, hätte das antike +Vorbild den Willen dazu nicht gelähmt. Die Natur des Griechen war etwas +andres, uns so fremd, daß wir sie als solche nicht erkannt haben und +das Gefühl von +ihr+ ist es, das sich, uns kaum verständlich, in +der Bindung des Sinnlichen durch die drei Einheiten äußert. + + +7 + +Alles Sinnliche aber ist gemeinverständlich. Damit wurde unter allen +Kulturen, die es bisher gab, die antike in den Äußerungen ihres +Lebensgefühls am meisten, die abendländische am wenigsten populär. +Gemeinverständlichkeit ist das Gegenteil von Esoterik. Es ist das +Merkmal einer Schöpfung, die sich jedem Betrachter auf den ersten Blick +mit all ihren Geheimnissen preisgibt; einer Schöpfung, deren Sinn sich +in der Außenseite und Oberfläche verkörpert. Gemeinverständlich ist +in jeder Kultur das, was von urmenschlichen Zuständen und Bildungen +her unverändert geblieben ist, was der Mann von den Tagen der Kindheit +an fortschreitend begreift, ohne eine ganz neue Betrachtungsweise ++erkämpfen+ zu müssen, überhaupt das, was +nicht+ erkämpft +werden muß, was sich von selbst gibt, was im sinnlich Gegebenen +unmittelbar zutage liegt, nicht durch dasselbe nur angedeutet ist und +nur -- von wenigen, unter Umständen von ganz vereinzelten -- gefunden +werden kann. Es gibt volkstümliche Ansichten, Werke, Menschen. Jede +Kultur hat ihren ganz bestimmten Grad von Esoterik oder Popularität, +der ihren gesamten Leistungen innewohnt, soweit sie symbolische +Bedeutung haben. Das Gemeinverständliche hebt den Unterschied zwischen +den Menschen auf, hinsichtlich des Umfangs und der Tiefe ihres +Seelischen. Die Esoterik betont ihn, verstärkt ihn. Endlich, auf das +ursprüngliche Tiefenerlebnis des zum Selbstbewußtsein erwachenden +Menschen angewendet und damit auf das Ursymbol seines Daseins und den +Stil seiner Umwelt bezogen: zum Ursymbol des Körperhaften gehört die +rein populäre, „+naive+“, zum Symbol des unendlichen Raumes die +ausgesprochen unpopuläre Beziehung zwischen Kulturschöpfungen und +den dazu gehörigen Kulturmenschen. Populär ist die Helle und Nähe, +der Vordergrund, das Augenblickliche und Gegenwärtige, in dem die +unmittelbare Sinnesempfindung über den Raum siegt. Populär ist jede +Wissenschaft, welche die nächsten und greifbarsten Motive aufsucht +und ihrer innern Struktur nach sich in ihnen erschöpft und erschöpfen ++kann+. Die Ferne weist ab; sie legt Raum zwischen sich und die +Menschen; sie fordert Überwindung, Willen, Kraft; sie wird damit den +wenigsten zugänglich. Die Nähe bietet sich jedermann an. + +Die antike Geometrie ist die des Kindes, die eines jeden Laien. +Euklids Elemente der Geometrie werden noch heute in England als +Schulbuch gebraucht. Der Alltagsverstand wird sie stets für die einzig +richtige und wahre halten. Alle andern Arten natürlicher Geometrie, +die möglich sind und die -- in angestrengtester Überwindung des +populären Augenscheins -- von uns gefunden wurden, sind nur einem +Kreise berufener Mathematiker verständlich. Die berühmten vier +Elemente des Empedokles sind die jedes naiven Menschen und seiner +„angebornen Physik“. Was Sophokles und Euripides schrieben, begriff +jeder Zuschauer. Ihre Tragik ist die der Orakel, die des Volksglaubens +an Wahrsagung und des _deus ex machina_, die uns -- man denke an +die Braut von Messina und ähnliches -- unerträglich ist. Für wie viel +Menschen aber sind Wolframs Parzeval, der Sturm, der Tasso wirklich +geschrieben? + +Alles Antike ist -- dem pflanzenhaften Lebensgefühl entsprechend -- +mit +einem+ Blick zu umfassen, sei es der dorische Tempel, die +Statue, die Polis, der Götterkult; es gibt keine Hintergründe und +Geheimnisse. Aber man vergleiche daraufhin eine gotische Domfassade +mit den Propyläen, eine Radierung mit einem Vasengemälde, die Politik +des athenischen Volkes mit der modernen Kabinettspolitik. Man bedenke, +wie jedes unsrer epochemachenden Werke der Poesie, der Politik, der +Wissenschaft eine ganze Literatur von Erklärungen hervorgerufen +hat, mit sehr zweifelhaftem Erfolge dazu. Die Parthenonskulpturen +des Phidias waren für jeden Hellenen da, die Musik Bachs und seiner +Zeitgenossen war eine Musik für Musiker. Wir haben den Typus des +Rembrandtkenners, des Dantekenners, des Kenners der kontrapunktischen +Musik und es ist -- mit Recht -- ein Einwand gegen Wagner, daß der +Kreis der Wagnerianer allzu weit geworden ist, daß allzu wenig von +seiner Musik +nur+ dem gewiegten Musiker vorbehalten bleibt. +Aber eine Gruppe von Phidiaskennern? Oder gar Homerkennern? Hier +wird eine Reihe von Phänomenen verständlich, als Symptomen des +abendländischen Lebensgefühls, die man bisher geneigt war, als +allgemein menschliche Beschränktheiten moralphilosophisch oder wohl +richtiger melodramatisch aufzufassen. Der „unverstandene Künstler“, der +„verhungernde Poet“, der „verhöhnte Erfinder“, der Denker, „der erst +in Jahrhunderten begriffen wird“ -- das sind Typen einer exklusiven +und esoterischen Kultur. Das Pathos der Distanz, in dem sich der Hang +zum Unendlichen und also der Wille zur Macht verbirgt, liegt diesen +Phänomenen zugrunde. Sie sind im Umkreise faustischen Menschentums, und +zwar von der Gotik bis zur Gegenwart ebenso notwendig, als sie unter +apollinischen Menschen undenkbar sind. + +Alle hohen Schöpfer des Abendlandes waren von Anfang bis zu Ende in +ihren eigentlichen Absichten nur einem kleinen Kreise zugänglich. +Michelangelo hat gesagt, daß sein Stil dazu berufen sei, Narren +zu züchten. Gauß hat dreißig Jahre lang seine Entdeckung der +nichteuklidischen Geometrie verschwiegen, weil er das „Geschrei der +Böoter“ fürchtete. Aber das gilt von jedem Maler, jedem Staatsmann, +jedem Philosophen. Man vergleiche doch Denker beider Kulturen, +Anaximander, Heraklit, Protagoras mit Giordano Bruno, Leibniz oder +Kant. Man denke daran, daß -- außer Schiller -- kein deutscher Dichter, +der überhaupt Erwähnung verdient, von Durchschnittsmenschen verstanden +werden kann und daß es in keiner abendländischen Sprache ein Werk von +dem Range und zugleich der Simplizität Homers gibt. Das Nibelungenlied +ist eine spröde und verschlossene Dichtung, und Dante zu verstehen +ist wenigstens in Deutschland selten mehr als eine literarische Pose. +Was es in der Antike nie gab, hat es im Abendlande immer gegeben: die +exklusive Form. Ganze Zeitalter wie die der provencalischen Kultur +und des Rokoko sind im höchsten Grade gewählt und abweisend. Ihre +Ideen, ihre Formensprache sind nur für eine wenig zahlreiche Klasse +von höheren Menschen vorhanden. Gerade daß die Renaissance, diese +vermeintliche Wiedergeburt der -- so gar nicht exklusiven, in ihrem +Publikum so gar nicht wählerischen -- Antike keine Ausnahme macht, +daß sie durch und durch die Schöpfung der Medici und +einzelner+ +erlesener Geister war, ein Geschmack, der die Menge von vornherein +abwies, daß im Gegenteil das Volk von Florenz gleichgültig, erstaunt +oder unwillig zusah und gelegentlich, wie im Falle Savonarolas, mit +Vergnügen die Meisterwerke zerschlug und verbrannte, beweist, wie tief +diese Seelenferne geht. Denn die attische Kultur besaß jeder Bürger. +Sie schloß keinen aus und sie kannte deshalb den +Unterschied von +tief und flach+, der für die faustische Sphäre von entscheidender +Bedeutung ist, überhaupt nicht. Populär und flach sind für uns +Wechselbegriffe, in der Kunst wie in der Wissenschaft; für antike +Menschen sind sie es nicht. „Oberflächlich aus Tiefe“ hat Nietzsche die +Griechen einmal genannt. + +Man betrachte daraufhin unsre Wissenschaften, die alle, ohne Ausnahme, +neben elementaren Anfangsgründen „höhere“, dem Laien unverständliche +Gebiete haben -- auch dies ein Symbol des Unendlichen und der +Richtungsenergie. Es gibt bestenfalls tausend Menschen auf der +Welt, für welche heute die letzten Kapitel der theoretischen Physik +geschrieben werden. Gewisse Probleme der modernen Mathematik sind +nur einem noch viel engern Kreise zugänglich. Alle volkstümlichen +Wissenschaften sind heute von vornherein wertlose, verfehlte, +verfälschte Wissenschaften. Wir haben nicht nur eine Kunst für Künstler +(_l’art pour l’art_), sondern auch eine Mathematik für Mathematiker, +eine Politik für Politiker -- von der das _profanum vulgus_ der +Zeitungsleser keine Ahnung hat,[100] während die antike Politik niemals +über den geistigen Horizont der ἀγορά hinausging -- und eine Poesie +für Philosophen. Man kann den beginnenden Verfall der abendländischen +Wissenschaft, der schon deutlich fühlbar ist, allein an dem Bedürfnis +nach einer Wirkung ins Breite ermessen; daß die strenge Esoterik der +Barockzeit als drückend empfunden wird, verrät die sinkende Kraft, die +Abnahme des Distanzgefühls, das diese Schranke ehrfürchtig +anerkennt+. +Die wenigen Wissenschaften, die heute noch ihre ganze Feinheit, Eleganz +und Energie des Schließens und Folgerns bewahrt haben und nicht +vom Feuilletonismus angegriffen sind -- es sind nicht mehr viele: +die theoretische Physik, die Mathematik, die katholische Dogmatik, +vielleicht noch die Jurisprudenz --, wenden sich an einen engen, +gewählten Kreis von Kennern. +Der Kenner aber ist es, der mit seinem +Gegensatz, dem Laien, der Antike fehlt, wo jeder alles kennt.+ Für uns +hat diese +Polarität+ von Kenner und Laie den Rang eines großen Symbols +und wo die Spannung dieser Distanz nachzulassen beginnt, da erlischt +das faustische Lebensgefühl. + +Dieser Zusammenhang gestattet für die letzten Stadien der +abendländischen Geistigkeit -- also für die nächsten zwei, vielleicht +nicht einmal zwei Jahrhunderte -- den Schluß, daß, je höher die +weltstädtische Leere und Trivialität der öffentlich und „praktisch“ +gewordenen Künste und Wissenschaften steigt, desto strenger sich der +posthume Geist der Kultur in sehr enge Kreise zurückziehen und dort +ohne Zusammenhang mit der Öffentlichkeit an Gedanken und Formen wirken +wird, die nur einer äußerst geringen Anzahl von bevorzugten Menschen +etwas bedeuten können. + + +8 + +Kein antikes Kunstwerk sucht eine Beziehung zum Betrachter. Das +hieße den unendlichen Raum, in dem das einzelne Werk sich verliert, +durch dessen Formensprache bejahen, ihn in die Wirkung einbeziehen. +Eine attische Statue ist vollkommen euklidischer Körper, zeitlos und +beziehungslos, durchaus in sich abgeschlossen. Sie schweigt. Sie +hat keinen Blick. +Sie weiß nichts vom Zuschauer.+ Wie sie im +Gegensatz zu den plastischen Gebilden aller andern Kulturen ganz für +sich steht und sich in keine größere architektonische Ordnung einfügt, +so steht sie unabhängig neben dem antiken Menschen, Körper neben +Körper. Er empfindet ihre bloße +Nähe+, ihre ruhende Form, nicht +ihre Macht, keine den Raum durchdringende Wirkung. So äußert sich das +apollinische Lebensgefühl. + +Die erwachende magische Kunst kehrte alsbald den Sinn dieser Formen +um. Das Auge der Statuen und Porträts konstantinischen Stils richtet +sich groß und starr auf den Betrachter. Es repräsentiert die höhere +der beiden Seelensubstanzen, das Pneuma. Die Antike hatte das Auge +blind gebildet; jetzt wird die Pupille gebohrt, das Auge wendet sich, +unnatürlich vergrößert, in den Raum hinein, den es in der attischen +Kunst nicht als seiend anerkannt hatte. Im antiken Freskogemälde waren +die Köpfe einander zugewendet; jetzt, in den Mosaiken von Ravenna und +schon in den Reliefs der altchristlich-spätrömischen Sarkophage, wenden +sie sich sämtlich dem Betrachter zu und heften den durchgeistigten +Blick auf ihn. Eine geheimnisvoll eindringliche Fernwirkung geht, +höchst unantik, von der Welt im Kunstwerk in die Sphäre des Zuschauers +hinüber. Noch in den frühflorentinischen und frührheinischen Bildern +auf Goldgrund ist etwas von dieser Magie zu spüren. + +Und nun betrachte man die abendländische Malerei, von Lionardo an, wo +sie zum vollen Bewußtsein ihrer Bestimmung gelangt ist. Wie begreift +sie den +einen+ unendlichen Raum, dem das Werk +und+ der Zuschauer, +beide bloße Schwerpunkte dynamischer Seelenkräfte, angehören? Das +volle faustische Lebensgefühl, die Leidenschaft der dritten Dimension, +ergreift die Form des „Bildes“, der einfachen, farbig behandelten +Fläche, und gestaltet sie in unerhörter Weise um. Das Gemälde bleibt +nicht für sich, es richtet sich nicht auf den Zuschauer; +es nimmt ihn +in seine Sphäre auf+. Der durch den Bildrahmen begrenzte Ausschnitt +-- das Guckkastenbild, das getreue Seitenstück des Bühnenbildes +-- repräsentiert den Weltraum selbst. Vordergrund und Hintergrund +verlieren ihre stofflich-nahe Tendenz und schließen auf, statt +abzugrenzen. Ferne Horizonte vertiefen das Bild ins Unendliche; die +farbige Behandlung der Nähe löst die ideale vordere Scheidewand der +Bildfläche auf und erweitert den Bildraum so, daß der Betrachter in +ihm weilt. Die Überschneidungen durch den Rahmen, die seit 1500 immer +häufiger und kühner werden, entwerten auch die seitliche Grenze. Der +hellenische Betrachter eines polygnotischen Fresko stand +vor+ dem +Bilde. Wir „versenken“ uns in ein Bild von Rubens und Lorrain, d. h. +wir werden durch die Gewalt der Raumbehandlung in das Bild gezogen. +Damit ist die Einheit des Weltraumes hergestellt. In dieser durch +das Bild imaginierten Unendlichkeit herrscht nun die abendländische +Perspektive. + +Das Problem der Perspektive ist ein metaphysisches. Was das +Tiefenerlebnis für den seelisch erwachenden Kulturmenschen bedeutet, +das plötzliche Werden einer ihm allein zugehörigen Welt, das wiederholt +sich in jeder dieser großen Künste, die auf einer +Fläche+ ein +Stück Welt, ein Ausgedehntes von bedeutsamem Typus geben wollen. +Es gibt eine Vielzahl möglicher Perspektiven, deren jede eine +Weltanschauung repräsentiert, und die Wahl, welche die Malerei einer +Kultur hier mit unbedingter Notwendigkeit trifft, hat den Rang eines +Symbols. + +Betrachtet man Ölgemälde der abendländischen, Vasenbilder der antiken, +Reliefs der ägyptischen, Mosaiken der arabischen und Bildrollen +der chinesischen Kultur, so findet man, daß das ganz Einzige der +faustischen Seele das Bedürfnis eines +idealen Mittelpunktes+ +im Unendlichen, eines dynamischen Zentrums ist. Dies ist der Sinn +der westeuropäischen Perspektive in Bild, Bühne und Park, des +Durchblicks vom Portal zum Hochaltar der Dome, des Anfangspunktes +mathematischer und physikalischer Kraftsysteme. Diese Perspektive +wählt einen +Konvergenzpunkt+, der nun seinerseits das Ich zum +funktionalen Schwerpunkt der Welt macht. Das ist Richtungsenergie, +Wille zur Macht. Dergleichen hat keine andre Kultur gekannt. Das ist +es, was die solipsistische Philosophie des Barock stets gesucht hat. +Ob sie die Welt zur Vorstellung macht, zur Erscheinung des Dinges +an sich durch die Form der geistigen Rezeption, ob sie das Problem +realistisch oder idealistisch faßt, immer ist es das Ich, ohne das +die Welt nicht möglich erscheint. Das Problem ist unlösbar, ein ++inneres+ Postulat des abendländischen Seelentums. Alle Denker +verloren sich darüber in Widersprüche und Unmöglichkeiten. Nur das +Fundament blieb unerschüttert, das Lebensgefühl, das die +einsame+ +Seele zum schöpferischen Mittelpunkt des Alls macht. Der Grieche ist +Atom in seinem Kosmos, der Chinese fühlt sein Selbst irgendwo im +weiten Ausgedehnten, wo er sich eine friedliche Insel sucht; nur das +faustische Ich ist Herrscher im Raume, auch im Raume des Gemäldes, das +sich in den vom Blickpunkt aus geordneten Hintergrund verliert und ihn +umschließt. + +Man hat es noch nicht genügend bemerkt, wie zu Beginn der arabischen +Kultur und zwar zugleich in der heidnischen und christlichen Kunst die +antike Bildperspektive -- die von unserm Standpunkt aus nur Mangel an +Perspektive, d. h. an Beherrschung eines ausgedehnten Ganzen durch +ein ordnendes Prinzip ist, da hier jeder einzelne Körper +seine +eigne Orientierung+ besitzt -- sich plötzlich umwandelt, das +wunderbare Zeichen eines neuen Weltgefühls, welches das Tiefenerlebnis +vollkommen anders deutet. Am klarsten wird die magische „umgekehrte“ +Perspektive unter den erhaltenen Beispielen am Theodosius-Obelisken +in Konstantinopel: am größten ist die vom Betrachter entfernteste +Figur, am kleinsten die nächste -- weil die Gestalt des Kaisers +den Raum beherrscht und von ihm aus die Ordnung empfunden wird. +Die chinesisch-japanische Malerei verdeutlicht das Welterlebnis +einer wieder ganz anders angelegten Seele, der faustischen zwar in +manchem verwandt und auch einem grenzenlosen Ausgedehnten hingegeben, +aber ohne den ordnenden Machtanspruch des Ich. Die chinesische +Philosophie, Konfucius z. B., unterscheidet sich in diesem Punkte +durchaus und in derselben Richtung von der abendländischen. Wie die +fortlaufenden Darstellungen der Rollbilder zeigen, empfindet der +Betrachter das Räumliche vom Mittelgrunde aus, in dem er zwanglos, +selbst im Raume verloren statt ihn bildend (Kant), die Tiefe und +Nähe durchstreift, ohne daß auf die Ferne das uns notwendige und +selbstverständliche Schwergewicht gelegt wird. Daher die ostasiatische ++Parallelperspektive+ (alle Parallelen werden als solche +gezeichnet) im Gegensatz zur faustischen Konvergenzperspektive. Man +faßt das einzelne einzeln auf, nicht das Ganze als eine vom Blick +beherrschte Einheit. Die chinesische Seele fühlt darin der ägyptischen +nicht unähnlich. Auch die auf starke Nahsicht berechneten Reliefs des +Alten Reiches, welche das Hintereinander durch Übereinanderordnung +geben, wollen im Entlangschreiten der Reihe nach aufgefaßt werden -- +hier wie dort liegt ein Symbol des +Lebensweges+ der elementaren +Anordnung zugrunde. + +Die chinesische Landschaft ist also entweder Nah- oder Fernbild, je +nachdem der Mittelgrund, von dem die Bedeutung des Ganzen gleichsam +ausstrahlt, nah oder fern vom Betrachter angenommen worden ist. +Unsere Landschaften, in die wir durch den Rahmen hineinblicken, sind +beides zugleich, unendliche Ferne und unendliche Nähe, durch das +Konvergenzprinzip zusammengefaßt.[101] „Die Ferne ist die Seele der +Landschaft“ -- dieser altchinesische Meisterspruch rührt aber dennoch +an den Geist Rembrandts. Erinnern wir uns, daß Landschaften in der +raumverneinenden antiken Kunst undenkbar sind, auch das am Unendlichen +haftende Naturgefühl. Es sind nur diese zwei Kulturen, einander so fern +gelegen, die beide die reine, in die Ferne sich dehnende Landschaft zum +Thema einer großen Kunst erhoben. Es folgt daraus, daß sie +allein +eine Gartenkunst großen Stiles besaßen+; die abendländische +wiederholt in ihr das Prinzip der Konvergenzperspektive -- der _point +de vue_ der großen Rokokoparks --, die chinesische mit gleicher +Eindringlichkeit der Formensprache das der Parallelperspektive. Ich +möchte hier auch an schöne altdeutsche Rechts- und Gelöbnisformeln +erinnern, die das gleiche Unendlichkeitsgefühl, in starkem Gegensatz +zur plastischen Gegenwärtigkeit des römischen Rechts und der +griechischen Kunst zum Ausdruck bringen. „Immer und ewiglich, dieweil +Grund und Grat stehet“; „so weit die Sonne scheint“; „solange als der +Wind die Wolken treibt“; „so weit gehen als der Wind weht und der Hahn +kräht“; „so weit sich das Blaue am Himmel erstreckt“: dies Gefühl ist +es, dem die westeuropäische Landschaftsmalerei eine große Form gegeben +hat. + +Wie tief die Esoterik der faustischen Seele geht, in wie hohem Grade +sie alles und jedes in ihrem Ausdruck erkämpfen mußte, während der +antiken Seele ihre populären Symbole geschenkt wurden, beweist +auch die Geschichte der Perspektive. Unter allen, die bisher als +Ausdruck eines Welterlebnisses in historische Erscheinung traten, +fordert die abendländische den höchsten Grad von Abstraktion, die +peinlichste Strenge der Formgebung. Das Bedürfnis nach ihr taucht +in den Niederlanden zugleich mit der Entstehung des Kontrapunkts +auf, unmittelbar nach Vollendung des gotischen Bausystems. Der +Drang nach diesem Prinzip von höchstem symbolischen Gehalt und die +Kraft, es zu verwirklichen, waren keineswegs gleich. Brunellesco +fand um 1430 wenigstens eine annähernde mathematische Lösung der +Zentralperspektive, sicherlich die einfachste, aber in ihrer +schematischen Enge wenig befriedigend. In der Tat war sie, an Körpern +haftend, nicht durch Luftbehandlung realisierbar, wohl für die +architektonischen Bildkulissen südlicher, nicht aber für die freien +Landschaften nordischer Meister brauchbar. Diese im Grunde plastische +Linienperspektive besitzt eine +antigotische+ Tendenz und bestimmt +den allgemeinen Stil der Renaissancemalerei ebenso wie die Wahl ihrer +Entwürfe. Sie bildet den Raum durch seine +körperhaften+ Grenzen, +nicht den Raum an sich. Das entspricht durchaus dem florentinischen, +aber schon nicht mehr dem venezianischen Formgefühl. Die deutschen +Meister haben immer mehrere Konvergenzpunkte, wodurch sie den Schein +einer unkörperlichen Freiheit bewahren. Im Grunde hat man eine +mathematische Präzision, die ein Verkennen des tiefern Sinnes der +Malerei bedeuten würde, nie erstrebt. Wie schwer aber selbst die +Zentralperspektive zu verwirklichen ist, beweist die Tatsache, daß +Maler und Bildhauer der Frührenaissance sich den perspektivischen +Grundriß ihrer Bilder und Reliefs von andern einzeichnen ließen. So +hat Brunellesco das für Masaccio und Donatello getan. Die Ölmalerei +ging dann mit steigender Entschiedenheit von der linearen zur +atmosphärischen Perspektive über, mathematisch gesprochen und an einem +gleichzeitigen Phänomen verdeutlicht von der Koordinatengeometrie zur +reinen funktionalen Analysis, denn die reine Landschaftsperspektive +wird nur durch die Funktionen der Farbentöne verwirklicht. Es ist der +Schritt vom zeichnerischen zum malerischen Stil, und in diesem Sinne +hat die faustische Konvergenzperspektive ihre letzte Fassung, die jeden +Rest linearer, d. h. renaissancemäßiger Tiefenbehandlung ausschloß, in +der Freilichtmalerei des 19. Jahrhunderts erhalten. + + +9 + +Das faustische Lebensgefühl knüpft nun das perspektivische Rahmenbild +an ein astronomisches Weltbild von einer ungeheuren Leidenschaft im +Durchdringen unendlicher Raumfernen. + +Der apollinische Mensch hatte den Weltraum nie bemerken +wollen+; +seine philosophischen Systeme schweigen sämtlich von ihm. Sie kennen +nur Probleme der greifbar wirklichen Dinge, und dem „zwischen den +Dingen“ haftet nichts irgendwie Positives und Bedeutsames an. Sie +nehmen die Erde, auf der sie stehen, als die schlechthin gegebene +ganze Welt und nichts wirkt für den, der hier noch die innersten und +geheimsten Gründe zu sehen vermag, grotesker als die immer wiederholten +Versuche, das Himmelsgewölbe der Erde theoretisch so zuzuordnen, +daß deren symbolischer Vorrang in keiner Weise angetastet wird. +Eine Art metaphysischer Angst trieb hier zu Entwürfen, wie sie der +Gestaltungskraft der antiken Seele -- man denke an den Mythus und +seine immer höchst stofflichen Bildungen -- sonst ganz fern liegen. +Wir haben das Schauspiel großartiger Astronomien in der ägyptischen, +babylonischen, arabischen Kultur und mitten unter ihnen den antiken +Menschen, der gleichgültig oder besorgt um sein euklidisches Weltbild +zusieht. Wie dürftig sind die wenigen nacherzählten Angaben in seiner +Philosophie und wo wäre der Denker im Athen des Perikles, der sich +eine Sternwarte erbaut und +eigne+ Gedanken über ein Weltsystem +gehabt hätte! Es sei noch einmal erwähnt, daß gerade damals in Athen +ein Volksbeschluß durchging, der die Verbreitung astronomischer +Theorien mit den schwersten Strafen bedrohte. Daß die Erde Kugelgestalt +besitzt, das heißt, daß sie in einem gewaltigen Raume schwebt, war +ihnen wiederholt bewiesen worden. Pythagoras wußte es schon. Aber man +ließ den Gedanken nicht ins Innere der Seele dringen und hielt das +Weltgefühl unabhängig davon. Man vergaß ihn immer wieder, weil man ihn +vergessen +wollte+. + +Und damit vergleiche man die erschütternde Vehemenz, mit welcher die +Entdeckung des Kopernikus, dieses „Zeitgenossen“ des Pythagoras, die +Seele des Abendlandes durchdrang, und die tiefe Inbrunst, mit welcher +Kepler die Gesetze der Planetenbahnen entdeckte, die ihm als eine +unmittelbare Offenbarung Gottes erschienen; er wagte bekanntlich +nicht an ihrer kreisförmigen Gestalt zu zweifeln, weil jede andre ihm +ein Symbol von zu geringer Würde darzustellen schien. Hier kam das +altnordische Lebensgefühl, die Wikingersehnsucht nach dem Grenzenlosen, +zu ihrem Rechte. Dies gibt der echt faustischen Erfindung des Fernrohrs +einen tiefen Sinn. Indem es in Räume eindringt, die dem bloßen Auge +verschlossen bleiben, an denen der Wille zur Macht über den Weltraum +eine Grenze findet, +erweitert+ es das All, das wir „besitzen“. +Das wahrhaft religiöse Gefühl, das den heutigen Menschen ergreift, +der zum erstenmal diesen Blick in den Sternenraum tun darf, ein +Machtgefühl, dasselbe, das Shakespeares größte Tragödien erwecken +wollen, wäre einem Sophokles als der Frevel aller Frevel erschienen. + +Das Pathos des kopernikanischen Weltbewußtseins, das ausschließlich +unsrer Kultur angehört und -- ich wage hier eine Behauptung, die +heute noch ungeheuer paradox erscheinen wird -- in ein +gewaltsames +Vergessen der Entdeckung+ umschlagen würde und wird, sobald sie der +Seele einer künftigen Kultur bedrohlich erscheint, dies Pathos beruht +auf der Gewißheit, daß nunmehr dem Kosmos das Körperlich-Statische, das +sinnbildliche Übergewicht des plastischen +Erdkörpers+, genommen +ist. Bis dahin befand sich der Himmel, der ebenfalls als substanzielle +Größe gedacht oder mindestens empfunden war, im metaphysischen, +polaren Gleichgewicht zur Erde. Jetzt ist es der +Raum+, der +das All beherrscht; „Welt“ bedeutet Raum und die Gestirne sind kaum +mehr als mathematische Punkte, deren Stoffliches das Weltgefühl +nicht mehr berührt. Demokrit, der im Namen der apollinischen Kultur +hier eine Körpergrenze schaffen wollte und mußte, hatte sich eine +Schicht hakenförmiger Atome gedacht, die wie eine Haut den Kosmos +abschließt. Demgegenüber steht unser nie gestillter Hunger nach immer +neuen Weltfernen. Das System des Kopernikus hat, zuerst durch Giordano +Bruno, in den Jahrhunderten des Barock eine unermeßliche Erweiterung +erfahren. Wir wissen heute, daß die Summe aller Sonnensysteme -- +etwa 35 Millionen -- ein geschlossenes Sternensystem bildet, das +nachweisbar endlich ist[102] und die Gestalt eines Rotationsellipsoids +besitzt, dessen Äquator mit dem Bande der Milchstraße annähernd +zusammenfällt. Schwärme von Sonnensystemen durchziehen wie Züge von +wandernden Vögeln mit gleicher Richtung und Geschwindigkeit diesen +Raum. Eine solche Schar bildet unsre Sonne mit den hellen Sternen +Capella, Wega, Atair und Beteigeuze. Die Achse des ungeheuren Systems, +dessen Mitte unsre Sonne gegenwärtig nicht sehr fern steht, wird 470 +Millionen mal so groß als der Abstand von Sonne und Erde angenommen. +Der nächtliche Sternenhimmel gibt uns gleichzeitig Eindrücke, deren +zeitlicher Ursprung bis zu 3700 Jahren auseinanderliegt; so viel +beträgt der Lichtweg von der äußersten Grenze bis zur Erde. Im Bilde +der Historie, das sich vor unsren Augen entfaltet, entspricht das einer +Dauer über die gesamte antike und arabische Kultur zurück bis zum +Höhepunkt der ägyptischen, zur Zeit der 12. Dynastie. Dieser Aspekt +ist für den faustischen Geist erhaben,[103] für den apollinischen +wäre er grauenvoll gewesen, eine vollkommene Vernichtung der tiefsten +Bedingungen seines Daseins. Daß eine endgültige Grenze des für uns +Gewordnen und Vorhandnen mit dem Rande des Sternenkörpers statuiert +wird, wäre ihm als Erlösung erschienen. Wir aber haben mit innerster +Notwendigkeit die unausweichliche neue Frage: Gibt es +außerhalb+ +dieses Systems etwas? Gibt es +Mengen+ solcher Systeme in +Entfernungen, denen gegenüber die hier festgestellten Dimensionen +außerordentlich klein sind? Für die sinnliche Erfahrung erscheint +eine absolute Grenze erreicht; durch diese massenleeren Räume. die +eine bloße +Denknotwendigkeit+ für uns sind, kann weder das +Licht noch die Gravitation ein Existenzzeichen geben. Die seelische +Leidenschaft, das Bedürfnis nach restloser Verwirklichung unsrer +Daseinsidee in Symbolen aber +leidet+ unter dieser Grenze unsrer +Sinnesempfindungen. + + +10 + +Deshalb haben die Germanen, in deren urmenschlicher Seele das +Faustische sich bereits zu regen begann, in grauer Vorzeit die ++Segelschiffahrt+ erfunden, die sie vom Festland befreite. Die Ägypter +standen ihr nahe, aber sie zogen nur den Vorteil der Arbeitsersparnis +daraus. Sie fuhren wie früher mit ihren Ruderschiffen die Küste entlang +nach Punt und Syrien, ohne die +Idee+ der Hochseefahrt, das Befreiende +und Symbolische in ihr zu empfinden. Denn die Segelschiffahrt +überwindet den +euklidischen+ Begriff des Landes. Im Anfang des 14. +Jahrhunderts erfolgt beinahe gleichzeitig -- und gleichzeitig mit +der Erfindung der Ölmalerei und des Kontrapunkts! -- die Erfindung +des +Schießpulvers und des Kompasses+, also der +Fernwaffen+ und des ++Fernverkehrs+, die beide mit tiefer Notwendigkeit auch innerhalb +der chinesischen Kultur erfunden worden sind. Es war der Geist der +Wikinger, der Hansa, der Geist jener Urvölker, welche die Hünengräber +als die Male einsamer Seelen auf weiter Ebene aufschütteten -- statt +der häuslichen Aschenurne der Hellenen --, die ihre toten Könige auf +brennendem Schiffe in die hohe See treiben ließen, ein erschütterndes +Zeichen jener dunklen Sehnsucht nach dem Grenzenlosen, die sie trieb, +auf ihren winzigen Kähnen um 900, als die Geburt der abendländischen +Kultur sich ankündigte, die Küste Amerikas zu erreichen, während die +von Ägyptern und Karthagern bereits ausgeführte Umschiffung Afrikas +die antike Menschheit völlig gleichgültig ließ. Wie statuenhaft ihr +Dasein auch hinsichtlich des Verkehrs war, bezeugt die Tatsache, +daß die Nachricht vom ersten punischen Kriege (264-241), einem der +gewaltigsten der antiken Geschichte, nur wie ein dunkles Gerücht von +Sizilien nach Athen drang. + +Selbst die Seelen der Griechen waren im Hades versammelt, ohne sich zu +regen, als Schattenbilder (εἴδωλα), ohne Kraft, Wunsch und Empfindung. +Die nordischen Seelen gesellten sich dem „wütenden Heere“ zu, das +rastlos durch die Lüfte schweift und „wiederkehrt“. Der Geist des +Patroklos aber -- in jener wundervollen Szene am Schluß der Ilias -- +will nur Ruhe finden und fleht deshalb den Freund an, die Bestattung zu +beschleunigen. + +Auf der gleichen Kulturstufe wie die Entdeckungen der Spanier und +Portugiesen erfolgte die große hellenische Kolonisation (1500 +und 750-600). Aber während jene von der Abenteurersehnsucht nach +ungemessenen Fernen und allem Unbekannten und Gefahrvollen besessen +waren, ging der Grieche Punkt für Punkt vorsichtig hinter den bekannten +Spuren der Phöniker und Karthager her, und seine Neugier erstreckte +sich nicht im geringsten auf das, was jenseits der Säulen des Herkules +oder des Roten Meeres lag, so leicht erreichbar es ihm gewesen wäre. +Man hörte in Athen von dem Weg in die Nordsee, nach dem Kongo, nach +Sansibar, nach Indien reden; zur Zeit des Heron war die Lage der +Südspitze Indiens und der Sundainseln bekannt; aber man verschloß +sich dem so gut wie dem astronomischen Wissen des alten Ostens. Die +Kolumbussehnsucht blieb der apollinischen Seele ebenso fremd wie +die Sehnsucht des Kopernikus. Diese auf den Gewinn so versessenen +hellenischen Kaufleute hatten eine tiefe metaphysische Scheu vor der +Ausdehnung des geographischen Horizontes. Auch da hielt man sich +an Nähe und Vordergrund. Das Dasein der Polis, jenes merkwürdige +Ideal des Staates als Statue, war ja nichts als eine Zuflucht vor +der „weiten Welt“ der Germanen. Und dabei ist die Antike unter allen +bisher erschienenen Kulturen die einzige, deren Mutterland nicht auf +der Fläche eines Kontinents, sondern um die Küsten eines Inselmeeres +gelagert war und ein Meer als eigentlichen Schwerpunkt umschloß. +Trotzdem hat nicht einmal der Hellenismus mit seiner intellektuellen +Vorliebe für Technisches sich vom Gebrauche der Ruder befreit, welche +die Schiffe an der Küste hielten. Die Schiffbaukunst konstruierte +damals -- in Alexandria -- Riesenschiffe von 80 m Länge, und man hatte +wieder einmal das Dampfschiff im Prinzip erfunden. Aber es gibt -- wir +werden das später sehen -- Entdeckungen von dem Pathos eines großen +und +notwendigen+ Symbols, die etwas sehr Innerliches offenbaren, +und solche, die lediglich ein Spiel des Geistes sind. Das Dampfschiff +ist für den apollinischen Menschen das letzte, für den faustischen das +erste. Erst der Rang im Ganzen des Makrokosmos gibt einer Erfindung und +ihrer Anwendung Tiefe oder Oberflächlichkeit. + +Die Entdeckungen des Kolumbus und Vasco da Gama erweiterten den +geographischen Horizont ins Ungemessene: Das +Weltmeer+ trat +dem Lande gegenüber in das gleiche Verhältnis wie der Weltraum zur +Erde. Jetzt erst entlud sich die politische Spannung des faustischen +Weltbewußtseins. Für den Griechen war und blieb Hellas das wesentliche +Stück der Erdfläche; mit der Entdeckung Amerikas wurde das Abendland +zur Provinz in einem riesenhaften Ganzen. Von hier an trägt die +Geschichte der nordischen Kultur +planetarischen+ Charakter. + +Jede Kultur besitzt ihren +eignen+ Begriff von Heimat und +Vaterland, schwer greifbar, kaum in Worte zu fassen, voller dunkler +metaphysischer Beziehungen, aber trotzdem von unzweideutiger Tendenz. +Das antike Heimatgefühl, das den einzelnen ganz leibhaft und +euklidisch an die Polis band, steht hier jenem rätselhaften Heimweh +des Nordländers gegenüber, das etwas Musikhaftes, Schweifendes und +Unirdisches hat. Der antike Mensch empfindet als Heimat nur, was er +von der Burg seiner Vaterstadt aus übersehen kann. Wo der Horizont +von Athen endet, beginnt die Fremde, der Feind, das „Vaterland“ der +andern. Der Römer selbst der letzten republikanischen Zeit hat unter +_patria_ niemals Italien, auch nicht Latium, stets nur die _Urbs +Roma_ verstanden. Die antike Welt löst sich mit steigender Reife in +eine Unzahl vaterländischer Punkte auf, unter denen ein körperliches +Absonderungsbedürfnis in Gestalt eines Hasses besteht, der den Barbaren +gegenüber nie in dieser Stärke zum Vorschein kommt; und nichts kann das +endgültige Erlöschen des antiken und den Sieg des magischen Weltgefühls +nach dieser Seite hin schärfer kennzeichnen als die Verleihung des +römischen Bürgerrechts an alle Provinzialen durch Caracalla (212). +Damit war der antike, statuenhafte Begriff des Bürgers aufgehoben. Es +gab ein „Reich“, es gab folglich auch eine neue Art von Zugehörigkeit. +Bezeichnend ist der entsprechende römische Begriff des Heeres. Es +gab kein „römisches Heer“, wie man vom preußischen Heere spricht; +es gab nur +Heere+, d. h. durch Ernennung eines Legaten als +solche, als begrenzte und sichtbar-gegenwärtige Körper bestimmte +Truppenteile („Truppenkörper“), einen _exercitus Scipionis_, +_Crassi_, aber keinen _exercitus Romanus_. Ein verwandter +Unterschied läßt sich zwischen Napoleons _Grande Armée_ und +dem abstrakten, Zeit und Raum überschreitenden Begriff der _armée +française_ feststellen. Erst Caracalla, der durch den erwähnten +Akt den Begriff des _civis Romanus_ tatsächlich aufhob, der +die römische Staatsreligion durch Gleichsetzung der städtischen +Gottheiten mit allen fremden auslöschte, hat auch den -- unantiken, ++magischen+ -- Begriff des +kaiserlichen Heeres+ geschaffen, +das durch die einzelnen Legionen +in Erscheinung tritt+, während +altrömische Heere nichts +bedeuten+, sondern ausschließlich etwas ++sind+. Von nun an ändert sich auf den Inschriften der Ausdruck +_fides exercituum_ in _fides exercitus_: an Stelle körperlich +empfundener Einzelgottheiten (der Treue, des Glücks der Legion), denen +der Legat opferte, war ein allgemein geistiges Prinzip getreten. Dieser +Bedeutungswandel hat sich auch im Vaterlandsgefühl des Menschen der +Kaiserzeit -- +nicht nur des Christen+ -- vollzogen. Heimat ist +dem apollinischen Menschen, solange ein Rest seines Weltgefühls wirksam +ist, im ganz eigentlichen, körperhaften Sinne der Boden, auf dem seine +Stadt erbaut ist. Man wird sich hier der „Einheit des Ortes“ attischer +Tragödien und Statuen erinnern. Dem magischen Menschen, dem Christen, +dem Neuplatoniker, dem Mohammedaner, dem Juden ist sie nichts, was +mit geographischen Wirklichkeiten zusammenhängt. +Uns+ ist sie +eine ungreifbare Einheit von Natur, Sprache, Klima, Sitte, Geschichte; +nicht Erde, sondern „Land“, nicht punktförmige Gegenwart, sondern +Vergangenheit und Zukunft, nicht eine Einheit von Menschen, Göttern und +Häusern, sondern eine +Idee+, die sich mit rastloser Wanderschaft, +mit tiefster Einsamkeit und mit jener urdeutschen Sehnsucht nach dem +Süden verträgt, an der von den Sachsenkaisern bis auf Hölderlin die +Besten gestorben sind. + +Die faustische Kultur war deshalb im stärksten Maße erobernd; sie +überwand alle geographisch-stofflichen Schranken; sie hat zuletzt +die Erdoberfläche in ein einziges Kolonialgebiet verwandelt. Was +von Meister Eckart bis auf Kant alle Denker wollten, die Welt „als +Erscheinung“ den Machtansprüchen des erkennenden Ich unterwerfen, das +taten von Otto dem Großen bis auf Napoleon alle Führer. Das Grenzenlose +war das +eigentliche+ Ziel ihres Ehrgeizes, die Weltmonarchie +der großen Salier und Staufen, die Pläne Gregors VII. und Innozenz +III., jenes Reich der spanischen Habsburger, „in dem die Sonne nicht +unterging“, und der Imperialismus, um den heute der Weltkrieg geführt +wird. Der antike Mensch konnte aus einem inneren Grunde kein Eroberer +sein, trotz des Alexanderzuges, der als romantische Ausnahme und mehr +noch durch den inneren Widerstand der Begleiter lediglich die Regel +bestätigt. Sein pflanzenhaftes Seelentum verbot ihm das Schweifen +in die Ferne. In den Zwergen, Nixen und Kobolden hat die nordische +Seele Wesen geschaffen, die mit einer unstillbaren Sehnsucht aus dem +bindenden Element erlöst sein wollen, einer Sehnsucht nach Fernem +und Freiem, die den griechischen Dryaden und Oreaden unbekannt ist. +Die Griechen gründeten Hunderte von Pflanzstädten am Küstensaum des +Mittelmeeres, aber man findet nicht den geringsten Versuch, erobernd +ins Hinterland zu dringen. Sich fern der Küste ansiedeln hieße die +Heimat aus den Augen verlieren, sich +allein+ niederlassen, +liegt völlig außerhalb der Möglichkeiten des antiken Menschentums. +Ein Phänomen wie die Auswanderung nach Amerika -- jeder einzelne +auf eigene Faust und mit einem tiefen Bedürfnis, allein zu bleiben +--, der Strom der kalifornischen Goldsucher, der Trapper in den +Prärien, der unbändige Wunsch nach Freiheit, Einsamkeit, ungemessener +Selbständigkeit, diese gigantische Verneinung eines noch irgendwie +begrenzten Heimatgefühls ist allein faustisch. Das kennt keine andre +Kultur, auch die chinesische nicht. + +Der hellenische Auswandrer gleicht dem Kinde, das sich an der Mutter +Schürze hält: aus der alten Stadt in eine neue ziehen, die samt +Mitbürgern, Göttern und Gebräuchen das genaue Ebenbild der alten +ist, das gemeinsam befahrene Meer immer vor Augen; dort auf der +Agora die gewohnte Existenz des ζῷον πολιτικόν weiterführen -- +darüber hinaus durfte der Szenenwechsel eines apollinischen Daseins +nicht getrieben werden. Uns, die wir Freizügigkeit wenigstens als +Menschenrecht und Ideal nicht vermissen können, würde das die ärgste +aller Sklavereien bedeutet haben. Unter diesem Gesichtspunkt hat +man die leicht mißzuverstehende römische Expansion aufzufassen, die +von einer Ausdehnung des +Vaterlandes+ weit entfernt ist. Sie +hält sich genau innerhalb des Bereiches, das von Kulturmenschen +schon in Besitz genommen war und jetzt ihnen als Beute zufiel. Von +dynamischen Weltmachtplänen im Hohenstaufen- oder Habsburgerstil, von +einem mit der Gegenwart vergleichbaren Imperialismus ist nie die Rede +gewesen. Die Römer haben keinen Versuch gemacht, ins innere Afrika zu +dringen. Sie haben ihre spätern Kriege nur geführt, um ihren Besitz ++sicherzustellen+, ohne Ehrgeiz, ohne einen symbolischen Drang +nach Ausbreitung, und sie haben Germanien und Mesopotamien ohne +Bedauern wieder aufgegeben. + +Fassen wir all dies zusammen, den Aspekt der Sternenräume, zu dem +sich das Weltbild des Kopernikus erweitert hat, die Beherrschung der +Erdoberfläche durch den abendländischen Menschen (das „Bleichgesicht“) +im Gefolge der Entdeckung des Kolumbus, die Perspektive der Ölmalerei +und der tragischen Szene und das durchgeistigte Heimatgefühl; fügen wir +die zivilisierte Leidenschaft des schnellen Verkehrs, die Beherrschung +der Luft, die Nordpolfahrten und die Ersteigung kaum zugänglicher +Berggipfel hinzu, so taucht aus allem das Ursymbol der faustischen +Seele, der grenzenlose Raum auf, als dessen Ableitungen wir die +besonderen, in dieser Form rein westeuropäischen Phänomene des Willens, +der Kraft, der Tat aufzufassen haben. + + +Fußnoten: + +[Footnote 92: Ursprachen bilden keine Unterlage für abstrakte +Gedankengänge. Am Anfang jeder Kultur erfolgt eine innere Wandlung +der vorhandenen Sprachkörper, die sie zu den höchsten symbolischen +Aufgaben der Kulturentwicklung fähig macht. So entstehen +zugleich +mit dem romanischen Stil+ das Deutsche aus den germanischen Sprachen +der Frankenzeit und das Französische, Italienische, Spanische aus +der _lingua rustica_ der ehemaligen Römerprovinzen, trotz so +verschiedener Herkunft Sprachen von +identischem+ metaphysischem +Gehalt.] + +[Footnote 93: ἐθέλω und βούλομαι heißen die Absicht, den Wunsch haben, +geneigt sein; βουλή heißt +Rat+, +Plan+; zu ἐθέλω gibt es +überhaupt kein Hauptwort. _Voluntas_ ist kein psychologischer +Begriff, sondern in echt römischem Tatsachensinne wie _potestas_ +und _virtus_ eine Bezeichnung für praktische, äußere, sichtbar +ausgeübte Begabung. Wir gebrauchen in diesem Falle das Fremdwort +Energie. Der Wille Napoleons und die Energie Napoleons -- das ist +etwas sehr Verschiedenes. Man verwechsle die nach außen gerichtete +Intelligenz, die den Römer als zivilisierten Menschen vor dem +hellenischen Kulturmenschen auszeichnet, nicht mit dem, was hier +Wille genannt ist. Cäsar ist +nicht+ Willensmensch im Sinne +Napoleons. Bezeichnend ist der Sprachgebrauch im römischen Recht, +das der Poesie gegenüber das Grundgefühl der römischen Seele viel +ursprünglicher darstellt. Die Absicht heißt hier _animus_ +(_animus occidendi_), der Wille, der sich auf Strafbares +richtet, _dolus_ im Gegensatz zur ungewollten Rechtsverletzung +(_culpa_). _Voluntas_ kommt als technischer Ausdruck gar +nicht vor. „Willensfreiheit“ wird in der spätlateinischen Literatur +durch _liberum arbitrium_ nur sehr annäherungsweise gegeben.] + +[Footnote 94: Die chinesische Seele „wandelt in der Welt“: dies ist +der Sinn der ostasiatischen Malerperspektive, deren Konvergenzpunkt in +der +Bildmitte+, nicht in der Tiefe liegt. Es sei daran erinnert, +daß die antike Malerei eine Perspektive überhaupt nicht kennt. Man +versteht jetzt: dies, die antike Verneinung des Hintergrundes, bedeutet +den Mangel an Richtungsgefühl, an Willen, an Herrschaftsansprüchen +über das „Nicht-Ich“. Durch die Perspektive werden die Dinge dem Ich, +das sie ordnend auffaßt, unterworfen. Und zwar möchte ich, gegenüber +dem mächtigen Zug in die Tiefe, der +unsre+ Landschaftsmalerei +auszeichnet, von einer +konfucianischen+ Perspektive der +Ostasiaten reden, womit ein im Bilde wirkendes, nicht mißzuverstehendes ++Weltgefühl+ angedeutet ist.] + +[Footnote 95: Es versteht sich, daß der Atheismus keine Ausnahme +bildet. Wenn der Materialist oder Darwinist der Gegenwart von „der +Natur“ redet, die etwas zweckmäßig anordnet, die eine Auslese trifft, +die etwas hervorbringt oder vernichtet, so hat er dem Deismus des +18. Jahrhunderts gegenüber nur ein Wort verändert und das Weltgefühl +unverändert bewahrt.] + +[Footnote 96: Der große Anteil, den gelehrte Jesuiten an der +Entwicklung der theoretischen Physik haben, darf nicht übersehen +werden. Der Pater Boscovich war der erste, der über Newton hinausgehend +ein System der Zentralkräfte schuf (1759). Im Jesuitismus ist die +Identifikation Gottes mit dem reinen Raume fühlbarer noch als im +Kreise der Jansenisten von Port Royal, dem die Mathematiker Pascal und +Descartes nahestanden.] + +[Footnote 97: Luther hat, und dies ist einer der wesentlichsten Gründe +für die Wirkung des Protestantismus gerade auf tiefere Naturen, die +praktische Tätigkeit -- was Goethe die Forderung des Tages nannte -- +in den Mittelpunkt der Moral gestellt. Die „frommen Werke“, denen die +Richtungsenergie im hier angegebenen Sinne fehlt, treten unbedingt +zurück. In ihrer Hochschätzung wirkte, wie in der Renaissance, ein +Rest von +südlichem+ Gefühl. Hier findet man den tiefen ethischen +Grund für die steigende Mißachtung, die das Klosterwesen von nun an +trifft. In der Gotik war der Eintritt ins Kloster, der Verzicht auf die +Sorge, die Tat, das +Wollen+ ein +Akt+ von höchster ethischer +Dignität. Es war das höchste denkbare Opfer: das des +Lebens+. +Im Barock empfinden selbst Katholiken nicht mehr so. Die Stätte nicht +der Entsagung, sondern des untätigen Genießens fiel dem Geist der +Aufklärung zum Opfer.] + +[Footnote 98: Πρόσωπον heißt im älteren Griechisch Gesicht, später in +Athen Maske. Aristoteles hat das Wort in der Bedeutung „Persönlichkeit“ +noch nicht gekannt. Erst der juristische Ausdruck _persona_, der +ursprünglich die Theatermaske bedeutet, hat in der Kaiserzeit auch dem +griechischen πρόσωπον den prägnanten römischen Sinn gegeben.] + +[Footnote 99: Die eleusinischen Mysterien enthielten durchaus keine +Geheimnisse. Jeder wußte, was dort vorging. Aber sie wirkten mit einer +geheimnisvollen Erschütterung auf die Gläubigen und man „verriet“, man +entweihte sie, wenn man ihre heiligen Formen außerhalb der Tempelstätte +nachahmte.] + +[Footnote 100: Die große Masse der Sozialisten würde sofort aufhören es +zu sein, wenn sie den Sozialismus der neun oder zehn Menschen, die ihn +heute in seinen äußersten historischen Konsequenzen begreifen, auch nur +von fern verstehen könnte.] + +[Footnote 101: Mit dem vom Maler gewählten Standort des Betrachters vor +dem Bilde ist der Konvergenzpunkt im Bilde +notwendig+ bestimmt. +Für die chinesische Perspektive besteht dieser Zusammenhang nicht.] + +[Footnote 102: Nach dem Rande zu nimmt bei wachsender Stärke des +Fernrohres die Zahl der neuerscheinenden Sterne rasch zu.] + +[Footnote 103: Das Berauschende großer Zahlen ist ein bezeichnendes +Erlebnis, das nur der Mensch des Abendlandes kennt. In der +gegenwärtigen Zivilisation spielt gerade dies Symbol, die Leidenschaft +für Riesensummen, für unendlich große und unendlich kleine Messungen, +für Rekorde und Statistiken eine ungewöhnliche Rolle.] + + + + +II + +BUDDHISMUS, STOIZISMUS, SOZIALISMUS + + +11 + +Damit ist endlich das +Phänomen der Moral+ -- als der Interpretation +des Lebens durch sich selbst -- verständlich geworden. Hier ist die +Höhe erreicht, von der aus ein freier Umblick über dies weiteste und +bedenklichste aller Gebiete menschlichen Nachdenkens möglich ist. Aber +gerade hier tut eine Objektivität not, zu der sich bisher niemand +ernstlich verstanden hat. Mag Moral zunächst sein, was sie will; ihre ++Analyse+ darf nicht selbst der Teil einer Moral sein. Nicht was wir +tun, was wir erstreben, wie wir werten +sollen+, führt auf das Problem, +sondern die Einsicht, daß diese Fragestellung ihrer Form nach bereits +ein Symptom ausschließlich des abendländischen Weltgefühls ist. + +Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluß einer +ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle +fordern+ +etwas von den andern. Ein „Du sollst“ wird ausgesprochen in der +Überzeugung, daß hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne verändert, +gestaltet, geordnet werden könne und müsse. Der Glaube daran und an +das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen und Gehorsam +verlangt. Das erst +heißt+ uns Moral. Im Ethischen des Abendlandes +ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung in die Ferne. +In diesem Punkte sind Luther und Nietzsche, Päpste und Darwinisten, +Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich. Ihre Moral tritt mit +dem Anspruch auf allgemeine und dauernde Gültigkeit auf. Das gehört +zu den Notwendigkeiten faustischen Seins. Wer anders denkt, fühlt, +will, ist schlecht, abtrünnig, ein +Feind+. Man bekämpft ihn ohne +Gnade. Der Mensch soll. Der Staat soll. Die Gesellschaft soll. Diese ++Form+ der Moral ist uns selbstverständlich; sie repräsentiert uns +den eigentlichen und einzigen Sinn aller Moral. Aber das ist ja weder +in Indien noch in Hellas so gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild, +Epikur erteilte einen guten Rat. Auch das sind Grundformen hoher -- +statischer, willensfreier -- Moralen. + +Wir haben das Exzeptionelle einer moralischen +Dynamik+ gar nicht +bemerkt. Gesetzt, daß der Sozialismus, ethisch, nicht wirtschaftlich +verstanden, das Weltgefühl ist, welches die eigne Meinung im Namen +aller verfolgt, so sind wir ohne Ausnahme Sozialisten, ob wir es wissen +und wollen oder nicht. Selbst der leidenschaftlichste Gegner aller +„Herdenmoral“, Nietzsche, ist gar nicht fähig, in antikem Sinne seinen +Eifer auf sich selbst zu beschränken. Er denkt nur an „die Menschheit“. +Er greift jeden an, der es anders meint. Aber Epikur war es herzlich +gleichgültig, was andre meinten und taten. Eine Umgestaltung der +Menschheit -- daran hat er keinen Gedanken verschwendet. Er und +seine Freunde waren zufrieden, daß +sie+ so und nicht anders +waren. Das antike Lebensideal war die Interesselosigkeit (ἀπάθεια) +am Lauf der Welt, gerade an dem, dessen Beherrschung dem faustischen +Menschen der ganze Lebensinhalt ist. Der wichtige Begriff der ἀδιάφορα +gehört hierher. Es gibt auch einen +moralischen+ Polytheismus +in Hellas. Aber der ganze Zarathustra -- angeblich jenseits von Gut +und Böse stehend -- atmet die Pein, die Menschen so zu sehen, wie man +sie nicht haben will, und die tiefe, so ganz unantike Leidenschaft, +das Leben auf ihre Änderung, im eignen, einzigen Sinne natürlich, +zu verwenden. Und eben das, die +allgemeine+ Umwertung, ist ++ethischer Monotheismus+, ist Sozialismus. Alle Weltverbesserer +sind Sozialisten. Folglich gibt es keine antiken Weltverbesserer. + +Der moralische Imperativ als Form der Moral ist faustisch und nur +faustisch. Es ist völlig belanglos, ob Schopenhauer theoretisch den +Willen zum Leben verneint oder ob Nietzsche ihn bejaht sehen will. +Diese Distinktionen liegen an der Oberfläche. Sie bezeichnen einen +Geschmack, ein Temperament. Wesentlich ist, daß auch Schopenhauer die +ganze Welt als Willen +fühlt+, als Bewegung, Kraft, Richtung; +darin ist er der Ahnherr der gesamten ethischen Modernität. Dies +Grundgefühl +ist+ bereits unsre ganze Ethik. Alles andre sind +Nuancen. Was wir Tat, nicht nur Tätigkeit nennen,[104] ist ein durch +und durch historischer, von Richtungsenergie gesättigter Begriff. Es +ist die Daseinsbestätigung, die Daseinsweihe einer Art Mensch, dessen +Seele die Tendenz auf Zukünftiges besitzt, der die Gegenwart nicht +als Punkt an sich, sondern stets als +Epoche+ in einem großen +Zusammenhange des Werdens empfindet, und zwar sowohl im persönlichen +Sein als im Sein der gesamten Geschichte. Die Stärke und Deutlichkeit +dieses Bewußtseins bestimmt den Rang eines faustischen Menschen, aber +selbst der unbedeutendste besitzt etwas davon, das seine geringsten +Lebensakte nach Art und Gehalt von denen +jedes+ antiken Menschen +unterscheidet. Es ist der Unterschied von Charakter und Attitüde, von +bewußtem Werden und einfach hingenommenem statuenhaften Gewordensein, +von tragischem Wollen und tragischem Dulden. + +Vor den Augen des faustischen Menschen, in seiner Welt ist alles +Bewegtheit einem Ziele zu. Er selbst +lebt+ unter dieser +Bedingung. Leben heißt für ihn kämpfen, sich durchsetzen. Der Kampf +ums Dasein als ideale Form des Daseins gehört schon der gotischen +Zeit an und liegt ihrer Architektur deutlich genug zugrunde. Das 19. +Jahrhundert hat ihm nur eine mechanistisch-utilitarische Fassung +gegeben. In der Welt des apollinischen, mythischen, ahistorischen +Menschen gibt es keine zielvolle „Bewegung“ -- das Werden Heraklits, +ein absicht- und zielloses Spiel, ἡ ὁδὸς ἄνω κάτω, kommt hier nicht in +Frage --, keinen „Protestantismus“, keinen „Sturm und Drang“, keine +ethische, geistige, künstlerische „Umwälzung“, die das Bestehende +bekämpfen und vernichten will. Der ionische und korinthische Stil +treten ohne den Anspruch auf Alleingeltung neben den dorischen. So +findet man sie auf der Akropolis und an Römerbauten verschwistert. +Aber selbst die sich so antik gebärdende Renaissance wurde im Kreise +Brunellescos als energische und ausschließende Bewegung eingeleitet, +in offener Feindschaft gegen die Gotik (die kein einziger der +Gründer je in sich überwunden hat). Das Barock hat die Renaissance, +der Klassizismus das Barock angefeindet. Selbst das Mönchtum des +Abendlandes, wie es Franziskaner und Dominikaner darstellen, erscheint +in Gestalt einer Ordens+bewegung+, sehr im Gegensatz zur +frühchristlichen, einsiedlerischen Form der Askese. + +Es ist dem faustischen Menschen gar nicht möglich, diese Grundgestalt +seines Daseins zu verleugnen, geschweige zu ändern. Jede Auflehnung +dagegen setzt sie schon voraus. Wer den „Fortschritt“ bekämpft, hält +diese Wirksamkeit doch selbst für einen Fortschritt. Wer für eine +„Umkehr“ agitiert, meint damit eine Weiterentwicklung. „Immoral“ +-- das ist nur eine neue Moral, und zwar mit dem gleichen Anspruch +des Vorrangs vor allen andern. Der Wille zur Macht ist intolerant. +Alles Faustische will Alleinherrschaft. Für das apollinische +Weltgefühl -- das Nebeneinander vieler Einzeldinge -- ist Toleranz +selbstverständlich. Sie gehört zum Stil der willensfremden Ataraxia. +Für die abendländische Welt -- den +einen+ grenzenlosen +Seelenraum, den Raum als Spannung -- ist sie Selbsttäuschung oder ein +Zeichen des Erlöschens. Der faustische Instinkt, tätig, willensstark, +in die Ferne und Zukunft gerichtet, fordert Duldung, d. h. +Raum+ +für die eigne Wirksamkeit, aber +nur+ für sie. Man bedenke etwa, +welches Maß davon die großstädtische Demokratie der Kirche gegenüber in +deren Handhabung religiöser Machtmittel anzuwenden willens ist, während +sie für sich schrankenlose Anwendung der eignen fordert und, wenn sie +kann, die „allgemeine“ Gesetzgebung daraufhin stimmt. Jede „Bewegung“ +will siegen; jede antike „Haltung“ will nur da sein und kümmert sich +wenig um das Ethos der andern. Für oder gegen die Zeitströmung kämpfen, +Reform oder Umkehr betreiben, aufbauen, umwerten oder zertrümmern -- +das ist gleichmäßig unantik (und unindisch). Und gerade das ist der +Unterschied der sophokleischen und shakespeareschen Tragik, der Tragik +des Menschen, der nur da sein, und des Menschen, der siegen will. + +Es ist falsch, das Christentum mit dem moralischen Imperativ in +Verbindung zu bringen. Nicht das Christentum hat den faustischen +Menschen, er hat das Christentum umgeformt. Der Wille zur Macht auch +im Moralischen, die Leidenschaft, seine Moral zur allgemeinen zu +erheben, sie der Menschheit aufzwingen, alle andersgearteten umdeuten, +überwinden, vernichten zu wollen, ist unser eigenstes Eigentum. In +diesem Sinne ist -- ein tiefer und noch nie begriffener Vorgang -- +die Moral Jesu ein passiv-geistiges, aus dem magischen Weltgefühl +heraus als heilkräftig empfohlenes Verhalten, dessen Kenntnis als eine +besondere Gnade verliehen wird, +in der gotischen Frühzeit innerlich +in eine befehlende umgeprägt worden+.[105] + +Ethik -- das ist endlich das unmittelbare, zur Formel erhobene +Gefühl der Seele vom +Schicksal+, innerlichste, wahllose +Deutung der eignen Existenz. Im Urseelentum primitiver Völker regen +sich nur dumpfe, dunkle Fragen, aber jede Kultur, jedes erwachende +Seelentum gibt dem Leben einen +Sinn+. Im wachen Bewußtsein des +Kulturmenschen haben sich Seele und Welt, Mögliches und Wirkliches als +Pole gesondert. Das Schicksalsproblem (das +Rätsel der Zeit+) +taucht auf und der ganze Makrokosmos, die Welt als +Ausdruck+ der +Seele, ist die Antwort der Seele auf die Frage nach dem Sinn ihres +Seins. + +Die antike Seele empfand ihr Schicksal als Moira, blindes, +augenblickliches, beziehungsloses Ungefähr. Die Tragödie vernichtete +den einzelnen Menschen; die Polis verfügte über ihn nach ihrer +jeweiligen Laune. Das Los des Ödipus, Ajas, Herakles war das +allgemeine. Die stoische Ethik ist die Antwort darauf: dem Leben Größe +im Dulden, einen passiven Heroismus, Leidenschaftslosigkeit (ἀπάθεια), +Bedürfnislosigkeit zu geben, ist das Ziel. So ist der Sinn des +apollinischen Seins kein Tun, sondern eine Haltung. + +Das faustische Schicksal ist +Fügung+. Es stellt den Charakter +vor Entscheidungen. Die Seele antwortet durch eine Ethik, deren +Elemente Tat, Person und Wollen sind, die sich nicht auf die Gebärde +des Augenblicks, sondern auf das Leben als Ganzes bezieht. Der „Wille +Gottes“, im Gegensatz zum griechischen Neid der Götter -- in dieser +Vorstellung liegt das Grundgefühl einer +historischen Logik+ +des Weltganzen, die sich auch auf die einzelne Biographie erstreckt. +Es war gezeigt worden, wie in gleichzeitigen Epochen beider Kulturen +Polyklet und Bach ihren Kanon abfaßten, die reine, strenge Theorie der +plastischen und der kontrapunktischen Form. Nun wohl: was wir Moral +nennen, die Struktur des bewußten eigenen Lebens, sein Stil, unterliegt +den Prinzipien dieses Kanons. Alle Moralsysteme des Abendlandes von den +Franziskanern und den Idealen des Rittertums an bis auf die Sozialethik +und „Herrenmoral“ unserer Tage, so verschieden sie dem Wortlaut nach +sein mögen, sind kontrapunktische Gebilde des bewegten, strebenden, +im Raume sich verbreitenden, alle antiken Moralen sind Theorien des +plastischen, auf die Gegenwart eingeschränkten, ruhenden Lebens. + +Aber jede Ethik gehört damit in die Nachbarschaft der großen Künste. +Sie ist +ganz Form+, +ganz+ Ausdruck und Symbol und kann +ihrem innersten Wesen nach nie erschöpfend in Begriffen ausgesprochen, +am wenigsten in ein System gebracht werden. Das Bedeutendste aller +Ethik liegt im Unbewußten. Sie offenbart sich in den schlichtesten +Lebensäußerungen, in den unmittelbarsten philosophischen Intuitionen, +in der Erscheinung großer, für ihre Kultur bezeichnender Menschen, +im tragischen Stil, selbst im Ornament. Der Mäander z. B. ist ein +stoisches Motiv; in der dorischen Säule verkörpert sich geradezu das +antike Lebensideal. Sie ist +deshalb+ die einzige der antiken +Säulenformen, welche der Barockstil unbedingt ausschließen mußte. +Man wird sie aus einem sehr tiefliegenden seelischen Grunde auch in +der gesamten Renaissancekunst vermieden finden. Sie widerspricht der +immanenten Ethik +aller+ nordischen Bauweisen. Wer das verstanden +hat, wird auch das subtile Phänomen der in Begriffe gekleideten +Moraltheorien -- notwendig unvollkommener Formen, die in ehrlichster +Meinung oft genug das Gegenteil von dem sagen, was sie sagen wollten +oder sollten -- als Symbole zweiter Ordnung begreifen und deuten können. + + +12 + +Jetzt lösen sich uralte Rätsel und Verlegenheiten. Es gibt so viel +Moralen, als es Kulturen gibt, nicht mehr und nicht weniger. Niemand +hat hier eine freie Wahl. So gewiß es für jeden Maler und Musiker etwas +gibt, das ihm gar nicht zum Bewußtsein kommt, das die Formensprache +seiner Werke von vornherein beherrscht und sie von den künstlerischen +Leistungen +aller+ anderen Kulturen unterscheidet, so gewiß +hat +jede+ Lebensäußerung eines Kulturmenschen von vornherein, +a priori in Kants strengstem Sinne, eine Beschaffenheit, die noch +tiefer liegt als alles bewußte Urteilen und Streben und die ihren ++Stil+ als den einer bestimmten Kultur erkennen läßt. Der einzelne +kann moralisch oder antimoralisch handeln, „gut“ oder „schlecht“ aus +dem Urgefühl seiner Kultur heraus, aber die Form seines Handelns ist +schlechthin gegeben. Jede Kultur hat ihren eigenen ethischen Maßstab, +dessen Gültigkeit mit ihr beginnt und endet. Es gibt keine allgemein +menschliche Ethik. + +Es gibt also im tiefsten Sinne auch keine wahre Mission und kann +keine geben. Jede Moral ist ein Urphänomen, die zum Gesetz gewordne +Idee eines Daseins. Sie ist innerhalb einer physiognomisch wohl +unterschiedenen Menschenart einfach vorhanden. Man kann sie wecken und +theoretisch in eine Lehre fassen, ihren geistigen Ausdruck verändern +und verdeutlichen; erzeugen kann man sie nicht. So wenig wir imstande +sind, unser Weltgefühl zu ändern -- so wenig, daß selbst der Versuch +einer Änderung schon in seinem Stile verläuft und es bestätigt, statt +es zu überwinden --, so wenig haben wir Gewalt über die ethische +Grundform unsres Daseins. Man hat in den Worten einen gewissen +Unterschied gemacht und die Ethik eine Wissenschaft, die Moral eine +Aufgabe genannt. Es gibt in diesem Sinne keine Aufgabe. So wenig die +Renaissance fähig war, die Antike wieder heraufzurufen, und so sehr sie +mit jedem antiken Detail nur das Gegenteil apollinischen Weltgefühls +zum Ausdruck brachte, eine versüdlichte, eine „antigotische Gotik“ +nämlich. so unmöglich ist die Bekehrung eines Menschen zu einer seiner +Kultur fremden Moral. Mag man heute von einer Umwertung aller Werte +reden, mag man als moderner Großstädter zum Buddhismus, zum Heidentum +oder zu einem romantischen Katholizismus „zurückkehren“, der Anarchist +für individualistische, der Sozialist für Gesellschaftsethik schwärmen, +man tut, will, fühlt dasselbe. Die Bekehrung zur Theosophie oder +zum Freidenkertum, die heutigen Übergänge von einem vermeintlichen +Christentum zu einem vermeintlichen Atheismus, sind eine Veränderung +der Worte und Begriffe, der religiösen oder intellektuellen Oberfläche, +nicht mehr. Keine unsrer „Bewegungen“ hat den +Menschen+ verändert. + +Die +innere Form+ einer Moral ist das Wesentliche. Ihr programmatischer +Inhalt, ihre religiöse, philosophische, wissenschaftliche Farbe, +der Wortlaut ihrer Sätze und Bekenntnisse, oft genug mißverstandene +Überlieferung, noch häufiger bloße Theorie und leerer Schall, ist +Maske. Nur diese äußere Form tritt in jeder Kultur in tausend Arten +auf, um die man streiten, zu denen man bekehren, die man annehmen oder +„überwinden“ kann. Die eigentliche und +unveränderliche+ Struktur des +gesamten faustischen Seins ist eben jenes Unbeschreibliche, das als +Kraft, Wille, unendlicher Raum, Streben, Ferne im westeuropäischen +Dasein und ihm allein in Erscheinung tritt. Alle Sätze und Formeln der +einzelnen Denker, Kirchen, Strömungen, Systeme sind nur Variationen +über ein schlechthin gegebenes Thema. + +Es ist klar: Das Wort Seele bezeichnet hier jedesmal etwas andres, +sobald von einer andern Kultur die Rede ist. Jene apollinische, in +ihrer spätesten Fassung stoische Moral ist die einer Seele, welche ihr +eigenes Bild im Freskostil entwarf, als eine plastische Gruppe schön +geordneter Teile, wie sie Plato beschreibt, ohne Hintergrund (welcher +Zukunft, Ferne, Wirksamkeit bedeutet hätte), voller Linie, Nähe und +Klarheit. Die faustische, in ihrer Ausgangsform sozialistische Ethik +entspricht jenem perspektivischen Seelenbilde aller abendländischen +Psychologien, dessen Schwerpunkt in dem unendlichen Horizonte liegt +(im Bild „Wille“ genannt), während die anderen psychischen Elemente +-- nicht Teile, sondern Beziehungskomplexe -- „Denken“ und „Fühlen“, +sich wie Licht und Schatten der Perspektive einordnen. Eine theoretisch +fixierte Moral ist lediglich der +Kommentar+ des zugehörigen +Seelenbildes. + +Eine strenge Morphologie aller Moralen ist die Aufgabe der Zukunft. +Nietzsche hat auch hier das Wesentliche, den ersten Schritt, getan. +Aber seine Forderung an den Denker, sich jenseits von Gut und Böse +zu stellen, hat er selbst nicht erfüllt. Er wollte Skeptiker und +Prophet, Moralkritiker und Moralverkündiger zugleich sein. Das verträgt +sich nicht. Man ist nicht Psycholog ersten Ranges, solange man noch +Romantiker ist. Und so ist er hier, wie in all seinen entscheidenden +Einsichten, bis zur Pforte gelangt, aber vor ihr stehen geblieben. +Indes hat es noch niemand besser gemacht. Wir waren bisher blind für +den unermeßlichen Reichtum der moralischen Formensprache. Wir haben ihn +weder übersehen noch begriffen. Selbst der Skeptiker verstand seine +Aufgabe nicht; er erhob im letzten Grunde die eigene, durch persönliche +Anlage, durch den privaten Geschmack bestimmte Fassung der Moral zur +Norm und maß danach die andern. Die modernsten Revolutionäre, Stirner, +Ibsen, Strindberg, Shaw, haben nichts andres getan. Sie verstanden es +nur, diese Tatsache -- auch vor sich selbst -- hinter neuen Formeln und +Schlagworten zu verstecken. + +Aber eine Moral ist wie eine Plastik, Musik oder Malerei eine in +sich geschlossene Formenwelt, die ein Lebensgefühl zum Ausdruck +bringt, schlechthin gegeben, in der Tiefe unveränderlich, von innerer +Notwendigkeit. Sie ist innerhalb ihrer historischen Sphäre immer +wahr, außerhalb immer unwahr. Es war gezeigt worden, daß, wie für den +einzelnen Dichter, Maler, Musiker seine einzelnen Werke, so für die +großen Individuen der Kulturen die Kunst+gattungen+ als organische +Einheit, die +ganze+ Ölmalerei, die +ganze+ Aktplastik, die +kontrapunktische Musik, die Reimlyrik Epoche machen und den Rang großer +Lebenssymbole einnehmen. In beiden Fällen, in der Geschichte einer +Kultur wie im Einzeldasein, handelt es sich um die Verwirklichung von +Möglichem. Das innerlich Seelische wird zum +Stil einer Welt+. +Neben diesen großen Formeinheiten, deren Werden, Vollendung und +Abschluß eine vorbestimmte Reihe menschlicher Generationen umfaßt +und die nach einer Dauer von wenigen Jahrhunderten unwiderruflich +dem Tode verfallen, steht die Gruppe der faustischen, die Summe +der apollinischen Moralen, ebenfalls als Einheit höherer Ordnung +aufgefaßt. Ihr Vorhandensein ist +Schicksal+, das man hinzunehmen +hat; nur die bewußte Fassung ist das Resultat einer Offenbarung oder +wissenschaftlichen Einsicht. + +Für den, welcher hier sehen gelernt hat, sind deshalb die Formensprache +einer Moral und die der zugehörigen Mathematik im tiefsten Grunde +identisch. Sie offenbaren beide ein Seelentum, sie verwirklichen beide +unbewußte Möglichkeiten, sie gestalten beide etwas Gesetztes, ein +„Gesetz“ -- von dem religiösen Gehalt der Zahlen war schon die Rede +--, mögen sie im einzelnen in religiöser, künstlerischer, praktischer +Verkleidung in Erscheinung treten. Die antike Zahl, die +Größe+, +hat Maß und Haltung. Das entspricht der Kalokagathia, dem Ethos des +antiken Menschen. Die abendländische Zahl, die +Funktion+, wird +nicht nach ihrem sinnlichen Sein (als Kurve), sondern nach Charakter +und Wirkung gewertet. Das ist der Sinn der Analysis. Darin wiederholt +sich das Lebensideal des nordischen Menschen, dessen Sein Wirksamkeit +ist. Es hat sich wohl noch niemand träumen lassen, daß, was in der +heutigen Politik Fortschritt heißt, identisch ist mit dem, was die +Physik Prozeß, die Analysis Funktion, der Darwinismus Evolution, +die Kirche Rechtfertigung durch die guten Werke, die Psychologie +Wille, die Malerei Tiefenperspektive nennt, daß nichts von alledem +in irgendeiner andren Kultur vorkommt und daß es sich also lediglich +um eine Gruppe von Symbolen eines Seins handelt, das einmal und für +einige Jahrhunderte im Bilde der Historie auftaucht und +mit+ +diesen Symbolen in kurzer Zeit verschwunden sein wird. Dürfen wir +also von einer euklidischen und einer analytischen Ethik reden? +Wie wir von einer euklidischen und analytischen Form der Tragödie +gesprochen hatten? Der tragische Stil, wie ihn beide Kulturen +entwickeln, dringt tiefer in die seelischen Geheimnisse ein als +irgendeine +geschriebene+ Ethik, in deren Fassung tausend fremde +Motive durcheinanderwirken. Die tragische Attitüde ist der Kern des +apollinischen, das tragische Wollen des faustischen Szenenbildes, das +unmittelbar den ersehnten Aspekt des Lebens gibt. Hier finden wir zwei +entgegengesetzte Arten von Heroismus und jede andere Kultur, sofern +sie überhaupt eine Tragödie in die Gruppe der ihr möglichen und also +notwendigen Künste eingefügt hat, wie die indische und chinesische, +stellt ihnen eine andre zur Seite. + +Jede antike Ethik ist also eine Ethik der Gebärde, jede abendländische +eine Ethik der Tat. Dem euklidisch-beschaulichen Lebensgefühl steht das +analytisch-aktive gegenüber. Das entspricht den mathematischen Symbolen +des greifbaren Einzelkörpers und des reinen Raumes, der Wirklichkeit, +welche den Sinnen gegeben ist, und der, welche ihnen abgerungen werden +muß. Das antike Ideal ist die Hingabe an den Vordergrund in jedem +Sinne, an das Jetzt und Hier, an den Leib und die einzelne Stunde; das +faustische Ideal ist zu alledem der stärkste Gegensatz. Ihm ist nichts +gegeben. Es ist Kampf und Überwindung ohne Ausnahme. Man erinnere sich +jener Szene im Faust, in welcher der Sinn eines ganzen Jahrtausends +liegt, wo der zur Höhe gereifte Geist dieser Kultur das „Im Anfang +war das Wort“ des Evangeliums verdeutscht: „Im Anfang war die Tat.“ ++Das ist die Umdeutung des frühen Christentums aus dem Magischen ins +Nordische.+ + + +13 + +Jede denkbare antike Ethik gestaltet den +einzelnen+ Menschen, +als Leib, als Atom unter Atomen. Alle Wertungen des Abendlandes +beziehen sich auf den Menschen, sofern er Wirkungszentrum einer +unendlichen Allgemeinheit ist. Ethischer Sozialismus -- das ist +die Gesinnung der Tat, die durch den Raum in die Ferne wirkt, das +Pathos der dritten Dimension, als deren Zeichen das Urgefühl der +Sorge, für die Mitlebenden wie für die Kommenden, über dieser ganzen +Kultur schwebt. So kommt es, daß im Aspekt der ägyptischen Kultur für +uns etwas Sozialistisches, etwas Preußisches liegt. Auf der andern +Seite erinnert die Tendenz auf Attitüde, Wunschlosigkeit, statische +Abgeschlossenheit des einzelnen für sich an die indische Ethik und +den von ihr gestalteten Menschen. Man denke an die sitzenden, „ihren +Nabel beschauenden“ Buddhastatuen, denen Zenons Ataraxia nicht so +ganz fremd ist. Das ethische Ideal des antiken Menschen war das, zu +welchem die Tragödie hinleitete. Die +Katharsis+, die Entladung +der apollinischen Seele von dem, was +nicht+ apollinisch, nicht +frei von „Ferne“ und Richtung war, offenbart hier ihren tiefsten Sinn. +Man versteht sie nur, wenn man den Stoizismus als ihre reife Form +erkennt. Was das Drama in einer feierlichen Stunde bewirkte, wünschte +die Stoa über das ganze Leben zu verbreiten: die statuenhafte Ruhe, +das willensfreie Ethos. Und weiter: Eben jenes buddhistische Ideal des +Nirwana, eine sehr späte Formel, aber ganz indisch und schon von den +vedischen Zeiten an zu verfolgen: ist das nicht der Katharsis nahe +verwandt? Rücken vor diesem Begriff der ideale antike und der ideale +indische Mensch nicht nahe zusammen, sobald man sie mit dem faustischen +Menschen vergleicht, dessen Ethik sich ebenso deutlich aus der Tragödie +Shakespeares und ihrem dynamischen Schwung begreifen läßt? In der Tat: +Sokrates, Epikur und vor allem Diogenes am Ganges -- das wäre sehr wohl +vorstellbar. Diogenes in einer der westeuropäischen Weltstädte wäre ein +bedeutungsloser Narr. Und andrerseits, Friedrich Wilhelm I., das Urbild +eines Sozialisten in großem Sinne, ist in dem Staat am Nil immerhin +denkbar. Im perikleischen Athen ist er es nicht. + +Hätte Nietzsche etwas vorurteilsfreier und weniger von einer +romantischen Schwärmerei für ethische Schöpfungen bestimmt seine +Zeit beobachtet, so würde er bemerkt haben, daß eine, vermeintlich +spezifisch christliche Mitleidsmoral auf dem Boden Westeuropas +tatsächlich gar nicht besteht. Man muß sich durch den Wortlaut humaner +Formeln nicht über ihre faktische Bedeutung täuschen lassen. Zwischen +der Moral, die man hat, und der, die man zu haben glaubt, besteht ein +sehr schwer aufzufindendes und höchst variables Verhältnis. Gerade +hier wäre eine subtile Psychologie am Platze gewesen. Mitleid ist ein +gefährliches Wort. Es fehlt noch an einer Untersuchung darüber, was man +zu verschiedenen Zeiten darunter verstanden und darunter +gelebt+ +hat. Man darf heute sagen, daß Nietzsche sich hier jedesmal vergriffen +hat. Die christliche Moral zur Zeit des Origenes ist etwas ganz +anderes als die zur Zeit des Franz von Assisi. Es ist hier nicht der +Ort zu untersuchen, was +faustisches+ Mitleid als sakraler oder +rationaler Begriff und als wirksames Lebensgefühl im Unterschiede von +orientalisch-christlichem, fatalistischem, laszivem Mitleid bedeutet, +inwiefern es als Wirkung in die Ferne, als +praktische Dynamik+ +aufzufassen ist und andrerseits als Opfer einer stolzen Seele in naher +Verwandtschaft mit der Gesinnung gotischer Dombauten oder wieder +als Äußerung eines überlegenen Distanzgefühls. Der unveränderliche +Schatz ethischer Wendungen, wie ihn das Abendland seit der Renaissance +besitzt, hat eine unermeßliche Fülle verschiedener Gesinnungen von +sehr verschiedenem Gehalt zu decken. Der Oberflächensinn, an den +man glaubt, das bloße Wissen um Ideale ist unter so historisch und +retrospektiv angelegten Menschen, wie wir es sind, ein Ausdruck der +Ehrfurcht vor Vergangenem, in diesem Falle der religiösen Tradition. +Aber Überzeugungen sind nie der Maßstab für ein Sein. Sie sind immer +etwas volkstümlicher und bleiben weit hinter der Tiefe der seelischen +Wirklichkeit zurück. Die theoretische Verehrung neutestamentlicher +Satzungen steht in der Tat mit der theoretischen Hochschätzung der +antiken Kunst durch die Renaissance und den Klassizismus auf einer +Stufe. Die eine hat so wenig den Menschen, wie die andre den Geist +der Werke umgewandelt. Die stets genannten Beispiele der Bettelorden, +der Herrnhuter, der Heilsarmee beweisen schon durch ihre geringe +Zahl, noch mehr durch ihr geringes Gewicht, daß sie den Ausnahmefall +von etwas ganz anderm, der +eigentlich faustisch-christlichen+ +Moral nämlich, darstellen. Man wird ihre Formulierung allerdings bei +Luther und im Tridentinum vergeblich suchen, aber alle Christen großen +Stils, Innozenz III. und Luther, Loyola und Savonarola, trugen sie im +Widerspruch zu ihren Lehrmeinungen in sich, ohne daß sie das je bemerkt +hätten. + +Man braucht nur den rein abendländischen Begriff jener männlichen +Tugend, der durch Nietzsches „moralinfreie“ _virtù_ recht gut +bezeichnet ist, mit jener sehr weiblichen ἀρετή des hellenischen Ideals +zu vergleichen, als deren Praxis immer die Genußfähigkeit (ἡδονή), +Gemütsruhe (γαλήνη, ἀπάθεια), Bedürfnislosigkeit und vor allem immer +wieder die ἀταραξία zum Vorschein kommt. Was Nietzsche die blonde +Bestie nannte und was er in dem von ihm sehr überschätzten Typus des +Renaissancemenschen verkörpert fand (der nur ein raubkatzenhafter +Nachklang der großen Deutschen der Staufenzeit war) -- ja, das ist +doch das strengste Gegenteil des Typus, den ohne Ausnahme alle antiken +Ethiken gewünscht und alle antiken Menschen von Bedeutung verkörpert +haben. Dahin gehören die Menschen von Granit, von denen die faustische +Kultur eine lange Reihe vorüberziehen sah, die antike nicht einen +einzigen. Denn Perikles und Themistokles waren weiche Naturen im Sinne +attischer Kalokagathie, Alexander war ein Schwärmer, der nie aufgewacht +ist, Cäsar war ein kluger Rechner; Hannibal, der Fremde, der Semit, war +der einzige „Mann“ unter ihnen. Die Menschen der Frühzeit, auf die man +aus Homer schließen darf, diese Odysseus und Ajax hätten sich neben der +Ritterschaft der Kreuzzüge sehr merkwürdig ausgenommen. Es gibt auch +eine Brutalität als Rückschlag sehr femininer Naturen. Hier im Norden +aber erscheinen an der Schwelle der Frühzeit die großen Sachsen-, +Franken- und Staufenkaiser, umgeben von einer Schar riesenhafter +Menschen wie Heinrich dem Löwen und Gregor VII. Es folgen die Menschen +der Renaissance, der Hugenottenkriege, die spanischen Konquistadoren, +die preußischen Kurfürsten und Könige, Napoleon, Bismarck. Wo gab es +eine zweite Kultur, die dem etwas an die Seite zu setzen hätte? Wo +besitzt die ganze hellenische Geschichte eine Szene von der Mächtigkeit +jener von Legnano, wo der Zwist zwischen Staufen und Welfen zum +Ausbruch kam? Die germanischen Recken der Völkerwanderung, spanische +Ritterlichkeit, preußische Disziplin, napoleonische Energie -- das +alles hat wenig Antikes. Und wo findet sich auf den Höhen faustischen +Menschentums von den Kreuzzügen bis zum Weltkrieg jene „Sklavenmoral“, +jene weiche Entsagung, jene Caritas im Betschwesternsinne? In den +Worten, die man achtet, nirgends sonst. Ich denke da auch an die +Typen des faustischen Priestertums, an jene prachtvollen Bischöfe der +Kaiserzeit, die hoch zu Roß in wilden Schlachten ihre Leute anführten, +an die Päpste, denen Heinrich IV. und Friedrich II. unterlagen, an den +Deutschritterorden in den Ostmarken, an den Luthertrotz, in dem sich +altnordisches Heidentum gegen altrömisches aufbäumte, an die großen +Kardinäle Richelieu, Mazarin und Fleury, die Frankreich geschaffen +haben. +Das+ ist faustische Moral. Man muß blind sein, um diese +unbändige Lebenskraft nicht im gesamten Bilde der westeuropäischen +Geschichte wirksam zu finden. Und man denke auch, auf einem ganz +andern Gebiete, an die Energie riesenhafter Konzeptionen bei Dante, +Wolfram, Shakespeare, Bach, Beethoven, an die technischen, in diesem +Umfange nur in Ägypten wiederkehrenden Probleme, welche die gotischen +Baumeister sich gestellt haben und an die, welche sich ihre Nachfolger, +die modernen Ingenieure, zu stellen wagen, denen die Antike nichts zu +vergleichen hat. Das sind nicht Ausnahmen, das ist der Geist dieser +Kultur, ihre +praktische+ Lebensgesinnung, neben der sich die +vielbewunderte attische Lebendigkeit mit ihren vorsichtigen Idealen von +Maß und Haltung etwas schattenhaft ausnimmt. + +Das ist der Grund, weshalb die „Mitleidsmoral“ im faustischen Norden +immer respektiert, zuweilen von Denkern angezweifelt, zuweilen +gewünscht, aber niemals realisiert worden ist. Kant hat sie mit +Entschiedenheit abgelehnt. In der Tat steht sie in innerstem +Widerspruch zum kategorischen Imperativ, der den Sinn des Lebens +in der Tat, nicht im Fühlen sieht. Die Beweisführung Nietzsches +ist noch deutlicher, allerdings sehr gegen seine Absicht. Was er +Sklavenmoral nennt und unter welcher ganz unzutreffenden Bezeichnung +er „das Christentum“ in Bausch und Bogen kritisiert, ist ein Phantom. ++Seine Herrenmoral ist eine Realität.+ Sie brauchte nicht erst +entworfen zu werden; sie ist vorhanden. Nimmt man die romantische +Borgiamaske hinweg und jene nebelhaften Visionen vom Übermenschen, so +bleibt der faustische Mensch selbst übrig, wie er heute existiert, +als Typus einer energischen, imperativischen, hochintellektuellen +Zivilisation. Wir haben da ganz einfach den Realpolitiker, den +Geldmagnaten, den großen Ingenieur und Organisator. „Eine höhere Art +Menschen, welche sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, +Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen als ihres +gefügigsten und beweglichsten Werkzeuges, um die Schicksale der Erde +in die Hand zu bekommen, um am ‚Menschen‘ selbst als Künstler zu +gestalten. Genug, die Zeit kommt, da man über Politik umlernen wird.“ +So heißt es in einer der Nachlaßaufzeichnungen, die viel konkreter +sind als die ausgeführten Werke. „Wir müssen entweder politische +Fähigkeiten züchten oder durch die Demokratie zugrunde gehen, die uns +die mißglückten älteren Alternativen aufgezwungen haben“, heißt es bei +Shaw (Mensch und Übermensch). Shaw, der vor Nietzsche die praktische +Schulung und den geringern Grad von Ideologie voraus hat, so beschränkt +sein philosophischer Horizont erscheint, hat in „Major Barbara“ in +der Gestalt des Milliardärs Undershaft das Übermenschenideal in die +unromantische Sprache der neuern Zeit übertragen, aus der es, auf dem +Umweg über Malthus und Darwin, auch bei Nietzsche wirklich stammt. +Diese Tatsachenmenschen großen Stils sind es, welche heute den Willen +zur Macht und damit die faustische Ethik überhaupt repräsentieren. +Der Schluß des zweiten Teils vom Faust erschließt den tieferen +Zusammenhang. Diese früheste dichterische Konzeption des zivilisierten +Europäers ist noch heute nicht wieder erreicht worden. Hier findet sich ++nichts+ Negatives. Tat, Wille, Überwindung ist alles. Es gibt +einen Punkt, wo Philanthropie abgeschmackt wird. Menschen dieser Art +werfen ihre Millionen nicht zur Befriedigung eines uferlosen Wohltuns +hinaus, für die Träumer, „Künstler“, Schwachen, Schlechtweggekommenen; +sie verwenden sie für die, welche als Material für die Zukunft +mitzählen. Sie verfolgen mit ihm ein Ziel. Sie schaffen ein dynamisches +Zentrum, das die Grenzen des persönlichen Daseins überdauert. Auch das +Geld kann Ideen entwickeln und Geschichte machen. So hat Rhodes, in dem +sich ein sehr bedeutungsvoller Typus des 21. Jahrhunderts ankündigt, +sein Vermögen testamentarisch angelegt. Es ist flach und beweist +die Unfähigkeit, Geschichte innerlich zu begreifen, wenn man das +literarische Geschwätz populärer Sozialethiker und Humanitätsapostel +nicht von den wahren ethischen Instinkten der westeuropäischen +Zivilisation zu unterscheiden weiß. + +Der Sozialismus -- in seinem höchsten Sinne, nicht in dem der +Gasse -- ist wie alles Faustische ein exklusives Ideal, das seine +Volkstümlichkeit nur einem vollkommenen Mißverständnis (auch unter +den Wortführern) verdankt, daß er nämlich ein Inbegriff von Rechten, +nicht von Pflichten, daß er eine Beseitigung, nicht eine Verschärfung +des kantischen Imperativs, ein Nachlassen, nicht ein Höherspannen der +Richtungsenergie sei. Jene triviale Oberflächentendenz auf Fürsorge, +Wohlfahrt, „Freiheit“, Humanität, das Glück der Meisten enthält nur +das Negative der Idee, sehr im Gegensatz zum antiken Epikuräismus, dem +der glückselige Zustand tatsächlich Kern und Summe alles Ethischen +war. Gerade hier liegen äußerlich sehr verwandte Stimmungen vor, die +im einen Falle nichts, im andern alles bedeuten. Man kann aus diesem +Gesichtspunkt den Inhalt der antiken Ethik ebenfalls als Philanthropie +bezeichnen, die der einzelne sich selbst, seinem σῶμα, angedeihen +läßt. Hier hat man die Autorität des Aristoteles auf seiner Seite, +der genau in diesem Sinne das Wort φιλάνθρωπος gebraucht, an dem +sich die besten Köpfe der klassizistischen Zeit, Lessing vor allem, +abgemüht haben. Aristoteles bezeichnet die Wirkung der attischen +Tragödie auf attische Zuschauer als philanthropisch. Ihre Peripetie +erlöst ihn vom Mitleid mit sich selbst. Was bedeutet für +uns+ +das +populäre+ Wohltun? Ein faustisches Mitleid mit aller Welt +befriedigen, eine ins Weite gehende Erregung des Gemütes stillen, kurz: ++Katharsis+. +Das+ ist Nietzsches Sklavenmoral, nämlich +eine Moral mit negativen, antidynamischen Tendenzen. Eine Theorie +von Herren- und Sklavenmoral gab es auch im frühen Hellenismus, bei +Kallikles z. B., wie sich versteht in streng leiblich-euklidischem +Sinne. Das Ideal der ersten ist Alkibiades, der genau das tat, was ihm +augenblicklich für seine Person zweckmäßig erschien, Landesverrat, +Betrug, Verleumdung nicht ausgeschlossen, eine Lebenshaltung, für die +es seinen Zeitgenossen am Talent, sicher nicht am guten Willen fehlte. +Man hat ihn als Typus antiker Kalokagathie empfunden und bewundert. +Odysseus, die epische Inkarnation des griechischen Menschen, ist ihm +ähnlich. Protagoras ist noch deutlicher in seinem berühmten, ganz +ethisch gemeinten Satze, daß der Mensch -- jeder einzelne für sich -- +das Maß der Dinge sei. Das ist die Herrenmoral einer statuenhaften +Seele. + +Für die abendländische Seele kann jene hedonistische Tendenz -- denn +der Philanthrop faustischen Stils, der Allerweltssozialist, ist +Hedonist für „die andern“ -- bestenfalls den Sinn einer Befreiung +zugunsten ernsterer Notwendigkeiten haben, der Befreiung von +trivialleiblichen und sachlichen Beschränkungen der wirtschaftlichen +und sozialen Zustände nämlich, insofern sie einer ins Unendliche und +Abstrakte greifenden Wirksamkeit im Wege sind. Dies ist der tiefste +und von ihrem Urheber nicht entfernt begriffene Sinn der Phrase, +daß Eigentum Diebstahl ist. Eigentum -- damit war der Besitz im ++populären+ Sinne, das Greifbare und Nahe gemeint, das auch der +Grieche und Römer als solches, als χρῆμα und _res_ empfunden hat, +ein Begriff von statischem Gehalt, der in der Tat vom abendländischen +Wirtschaftsleben mehr und mehr und +unvermerkt+ verneint +wird. Damit ist das antieuklidische und funktionale Weltgefühl zum +schärfsten Ausdruck gelangt.[106] Daß mit dem endlichen Verfall und +Erstarren unsres Seelentums -- nach einem Höhepunkt intellektueller, +sozialistischer Daseinsgestaltung, von deren Schroffheit nach Form +und Tendenz, von deren Tyrannei, mit welcher der +allgemeine+ +Wille zur Macht auf jedem einzelnen lastet, sich schwerlich heute +jemand einen Begriff macht -- zuletzt +doch+ die negative Seite +allein übrig bleiben und Europa, wie Goethe fürchtete, als „Lazarett +von Medizinern“ in Erscheinung treten wird, ist unwahrscheinlich. Der +Endzustand der dynamischen Entwicklung wird ein äußerst positiver +Ägyptizismus, ein auf die Spitze getriebenes Mandarinentum sein, +in dem jeder Sklave, Beamter, ein funktionales Element ist, eine +politisch-geistige Form, auf welche die seelische Verwandtschaft der +faustischen zur ägyptischen und chinesischen Kultur schließen läßt, +etwas Starres, Unfruchtbares, voller Plan und Ziel, aber nichts weniger +als „human“ oder „liberal“ im heutigen hoffnungsvollen Sinne. + +Das Phänomen der Ethik steht, ganz morphologisch betrachtet, dem der +Logik gegenüber. Das sind die +zwei möglichen Arten+, ein Weltgefühl +geistig zu realisieren, sich zur Welt in Beziehung zu setzen. Erinnern +wir uns des letzten und äußersten Gegensatzes im wachen menschlichen +Bewußtsein, der am Anfang durch die Urworte +Werden+ und +Gewordnes+ +bezeichnet war. Von ihm aus begreift man das Verhältnis von Ethik und +Logik. Ethisch ist die Form des Werdens, des Lebens, logisch die des +Gewordnen, des Erkannten. Das Merkmal der Richtung, wie es durch die +Worte Zeit, Schicksal, Zukunft angedeutet wird, liegt allem Ethischen +zugrunde, das Merkmal der Ausdehnung -- mittels der Ursymbole des +Raumes, des Körpers -- dem Logischen. Die tiefe Beziehung, ja Identität +von Denken und Ausdehnung oder, wenn man will, von Geist und Objekt +ist niemals zweifelhaft gewesen. Eine gleiche besteht zwischen Leben +und Richtung. Ethik und Logik verhalten sich +wie das Mögliche zum +Wirklichen, wie das Leben zum Tode+. Die Logik ist starr. Sie macht +erstarren. Sie gilt nur im Bereich des Erstarrten. Man nennt das ihre +ewigen Gesetze. Die Ethik +hat+ keine Gesetze. Sie lebt. Sie gestaltet +das Leben. In dieser Klarheit ist der Gegensatz zweier Formenwelten, +welche das gesamte bewußte Sein ohne Rest unter sich verteilen, nur im +höhern Menschentum vorhanden. Der Urmensch bleibt in dunklen Gebräuchen +und Vorstellungen befangen. Sein Logisches, sein Denken, Erkennen, +Verstehen bewegt sich in ebenso ungeordneten Bahnen, wie seine Sitte +in bruchstückhaften Andeutungen einer ornamentalen -- zeremoniellen -- +Struktur. Erst innerhalb reifer, durchgeistigter Kulturen erhält das +Leben wie das Denken einen ganz bestimmten und innerlich notwendigen +Stil. Das große Rätsel des Lebens, das gefühlte Gerichtetsein, die Idee +eines Schicksals kleidet sich in ein Moralproblem und gleichzeitig +das Rätsel der Erkenntnis, des Begreifens der äußern Welt im Sinne +des Tiefenerlebnisses in ein erkenntnistheoretisch-logisches. Aus +diesem Grunde unterschied Kant eine praktische und eine theoretische +Vernunft, womit er den Geltungsbereich von Schicksal und Kausalität, +von Lebendigem und Starrem, also das formspendende Prinzip des Werdens +und des Gewordnen meinte. Er gelangt dort zum kategorischen Imperativ, +der Grundform aller faustischen Moralen, hier zur Idee des Raumes als +der Form a priori unsrer schöpferischen Anschauung, womit, wie wir +sahen, das faustische Ursymbol, das Welterlebnis des westeuropäischen +Menschen bezeichnet war. Was beiden Gedanken gemeinsam ist und was +ihnen ihre unbezwingliche Gewalt über den modernen Geist verleiht, ist +das in ihnen ruhende Grundgefühl des Willens zur Macht, der ethisch +wie logisch der Welt seine Gestalt aufzuprägen entschlossen ist. + +Man fühlt, wie eine Logik nicht ohne System sein kann, mehr noch, daß +sie durch und durch System ist und nichts außerdem, denn Erkanntes und +Ausgedehntes sind identisch und Zahlen wie Begriffe besitzen streng +extensiven Charakter. Anderseits hat die Wortverbindung „ethisches +System“ etwas Widersinniges und Unnatürliches. So gewiß alles +Logische räumlich, starr, mechanisch, so gewiß ist alles Ethische +reine, lebendige Gestalt. Man kann sie physiognomisch schildern, +dramatisch, musikalisch, aber man kann sie nicht in ein Schema bringen. +Das unterscheidet Menschenkenntnis von Naturerkenntnis. Die große +Kunst und +nicht+ die Wissenschaft wird immer die untrügliche +Offenbarung der ethischen Gestalt einer Seele sein. Dies ist der +Grund, weshalb Theorien moralischen Inhalts immer ein unzulängliches +Bild der Moral geben und weshalb sie auf die lebendige Erscheinung +alles Menschlichen ohne Einfluß sind. Eine Ethik als Lehrmeinung +vortragen heißt das Wesen der Ethik mißverstehen. Sie bildet nicht, +sie ist nur der Ausdruck einer Bildung. Sie ist nicht Vorbild und +Ziel, sondern Form und Art des sich entwickelnden Seins. Ich erinnere +wieder an den Gegensatz zweier Welten, der Geschichte und der Natur, +in deren Bilde das Werden +oder+ das Gewordne vorwaltet. Die +Geschichte, +das sich Vollendende+, besitzt eine ethische, die +Natur, +das Vollendete+, eine logische Struktur. Ethik und Logik: +so stehen sich Organisches und Mechanisches, Schicksal und Kausalität, +Physiognomik und Systematik, Lebenserfahrung und wissenschaftliche +Erfahrung gegenüber. Gut und böse -- das ist die gestaltende Polarität +des Lebensgefühls; wahr und falsch ist die des Weltbewußtseins. In +seinen ethischen Instinkten, die sich im Stil des äußern Lebens, im +Tragischen, selbst in der leiblichen Erscheinung, am unvollkommensten +sicherlich in Begriffen und Thesen offenbaren, berührt der Mensch das ++Mögliche+ in sich, das nach Gestaltung drängt, die ewige Zukunft; +in der Logik formt er das +Wirkliche+, das sich geistig gestaltet ++hat+, das Fremde, dem Leben bereits entfremdete, die ewige +Vergangenheit. + +Es ist die Gefahr des gebornen Denkers wie Kant und Aristoteles, die ++Ethik zu logisieren+, sie aus Begriffen, Schlüssen, Gesetzen +aufzubauen, ebenso wie er die lebendige Geschichte -- zugunsten eines +Systems -- mechanisiert. In keiner systematischen Philosophie findet +die wirkliche Geschichte Platz. Das haben hundert mißglückte Versuche, +noch zuletzt der gewaltigste von allen, der Hegels, bewiesen. Die +Gefahr des Dichters wie Plato, Goethe, Schelling, der kein System +konstruiert, sondern Lebendiges nachbildet, ist es, die Logik zu +ethisieren, wie er die Natur in ein phantastisches Wesen auflöst +und Begriffe durch Bilder verdrängt. Diese letzte, die ethische +Durchdringung der Natur, bezeichnet auch den Geist jugendlicher +Kulturen, die von Leben überströmen wie die Zeiten Plotins und Dantes. +Das erste, der Trieb nämlich, die Ethik logisch, die Geschichte +mechanisch, beide also künstlich und verstandesmäßig, als tote Objekte +zu gestalten, ist ein Symptom sterbender, in zivilisierter Form +erstarrender Kulturen. Wir werden sehen, daß Stoizismus und Sozialismus +im +engern+ Sinne logisierte, aus einem Mangel, nicht aus der +Fülle erwachsene Ethiken sind, nicht Lebensformen, die man hat, sondern +solche, die man braucht. Sie entstehen in der Nachbarschaft zahlloser +Tendenzen, die auch das Historische, den Staat-- „Gesellschaftsordnung“ +ist ein bezeichnendes Wort dafür -- künstlich in Szene setzen, ++konstruieren+ wollen. Leben und Konstruktion aber schließen sich +aus. Logisch, anorganisch, mechanisch ist das Gewordene, das nicht mehr +Lebende, der Tod. Ethische Probleme, die wirklich als Probleme, als +Fragen und Verlegenheiten, aufgestellt und empfunden werden, verraten, +daß das Leben selbst fraglich geworden ist. + +Die Weltsehnsucht der abendländischen Seele knüpft sich an das +Bild des raumbeherrschenden Willens, wie die der hellenischen an +das Ideal vollkommener, ruhender Leiblichkeit. Deshalb wurde das ++Problem der Willensfreiheit+,[107] das in dieser energischen +Fassung nur der faustische Mensch in sich trägt und in dem sich +seine ganze metaphysische Leidenschaft nach dem Grenzenlosen, nach +Überwindung alles Nur-Sinnlichen, nach Verneinung aller Schranken +seines Machtgefühls, nach Geltung und Wirksamkeit ans Licht des +wachen Bewußtseins drängt, unser ethisches Hauptproblem, um das +sich alle einzelnen Systeme kristallisieren. Es liegt, wenn auch +noch so tief verhüllt, jedem unsrer ethischen Weltaspekte, auch den +Charaktertragödien Shakespeares im Gegensatz zum Attitüdendrama des +Sophokles, auch der sozialistischen Gegenwartsstimmung, die ganz in +eine individualistische Farbe getaucht ist, zugrunde. Die innere +Gewißheit eines freien Willens ist der gesamten Porträtmalerei seit +Lionardo wesenhaft. Rembrandt hat sein ganzes Leben an dies große +Mysterium gewandt, und schon Michelangelos Sklaven vom Juliusgrabmal +lassen es ahnen. Die Musik Bachs und Beethovens ist die der fromm +geglaubten und der düster bezweifelten Willensfreiheit. Der attischen +Plastik nackter Leiber ist dieser Wesenskern des faustischen Menschen +völlig fremd. Hier gibt es keinen Willen. Hier gibt es also auch kein +Bedürfnis, ihm ideelle oder wirkliche Schranken aus dem Wege zu räumen. +Die Polis ist +nicht+ das politische Ideal von Menschen, denen +dies Problem das schwerste von allen ist. Der freie Wille als „Form der +inneren Anschauung“, mit Kant zu reden, steht in einer tiefen Beziehung +zur +Einsamkeit+ des faustischen Ich, zum +Monologischen+ +seines Daseins und seiner gesamten künstlerischen Äußerungen, wovon die +apollinische Seele nichts besitzt. + + +14 + +Als Nietzsche das Wort „Umwertung aller Werte“ zum ersten Male +niederschrieb, hatte endlich die seelische Bewegung dieser +Jahrhunderte, in deren Mitte wir leben, ihre Formel gefunden. +Umwertung aller Werte -- das ist der innerste Charakter +jeder+ +Zivilisation. Sie beginnt damit, alle Formen der voraufgegangenen +Kultur umzuprägen, anders zu verstehen, anders zu handhaben. Sie +erzeugt nicht mehr, sie deutet nur um. Darin liegt das Negative aller +Zeitalter dieser Art. Sie setzen den eigentlichen Schöpfungsakt voraus. +Sie treten nur eine Erbschaft von großen Wirklichkeiten an. Blicken +wir auf die späte Antike und prüfen wir dort, wo das entsprechende +Ereignis liegt: es hat sich innerhalb des hellenistisch-römischen +Stoizismus, innerhalb des langen Todeskampfes der apollinischen Seele +also zugetragen. Gehen wir von Epiktet und Mark Aurel zurück auf +Sokrates, den geistigen Vater der Stoa, in dem zuerst die Verarmung des +antiken, großstädtisch und intellektuell gewordnen Lebens ans Licht +trat: zwischen ihnen liegt die Umwertung aller antiken Seinsideale. +Blicken wir auf Indien. Als König Asoka lebte, um 300 v. Chr., war +die Umwertung des brahmanischen Lebens vollzogen; man vergleiche die +vor und nach Buddha niedergeschriebenen Teile des Vedanta. Und wir? +Innerhalb des ethischen Sozialismus in dem hier festgelegten Sinne, +als der Grundstimmung der erlöschenden faustischen Seele, ist diese +Umwertung eben heute im Gange. +Rousseau ist der Ahnherr dieses +Sozialismus. Rousseau steht neben Sokrates und Buddha, den anderen +ethischen Wortführern großer Zivilisationen.+ Seine Ablehnung +aller großen Kulturformen, aller bedeutungsvollen Konventionen, seine +berühmte „Rückkehr zur Natur“, sein praktischer Rationalismus gestatten +keinen Zweifel. Jeder von ihnen hat eine tausendjährige Innerlichkeit +zu Grabe getragen. Sie predigen das Evangelium der Menschlichkeit, +aber es ist die Menschlichkeit des intelligenten Stadtmenschen, der +die Stadt und mit ihr die Kultur satt hat, dessen „reine“ Vernunft +nach einer Erlösung von ihr und ihrer gebietenden Form, von ihren +Härten, von ihrer innerlich nicht mehr erlebten und deshalb verhaßten +Symbolik sucht. Die Kultur wird dialektisch vernichtet. Lassen wir +die großen Namen des 19. Jahrhunderts vorüberziehen, an die sich für +uns dies mächtige Phänomen knüpft: Schopenhauer, Hebbel, Wagner, +Nietzsche, Ibsen, Strindberg, so überblicken wir das, was Nietzsche in +dem fragmentarischen Vorwort zu seinem unvollendeten Hauptwerk beim +Namen nannte, die +Heraufkunft des Nihilismus+. Sie ist keiner +der großen Kulturen fremd. Sie gehört mit innerster Notwendigkeit zum +Greisenalter dieser mächtigen Organismen. Sokrates war Nihilist, Buddha +war es. Es gibt eine ägyptische, arabische, chinesische so gut wie +eine westeuropäische Decadence. Es handelt sich nicht um politische +und wirtschaftliche, nicht einmal um religiöse oder künstlerische +Verwandlungen an sich. Es handelt sich überhaupt nicht um Greifbares, +nicht um materielle Fakta, sondern um das Wesen einer Seele, die ihre +Möglichkeiten restlos verwirklicht hat. Man wende nicht die großen +Leistungen gerade des Hellenismus und der westeuropäischen Modernität +ein. Sklavenwirtschaft und Maschinenindustrie, „Fortschritt“ und +Ataraxia, Alexandrinismus und moderne Wissenschaft, Pergamon und +Bayreuth, soziale Zustände, wie sie die Politeia des Aristoteles +und das Kapital von Marx voraussetzen, sind lediglich Symptome im +historischen Oberflächenbilde. Es handelt sich nicht um das äußere +Leben, um Lebenshaltung, Institutionen, Sitten, sondern um die Tiefe, +um den +innern+ Tod. Für die Antike trat er zur Römerzeit ein. Für +uns gehört er der Zeit um 2000 an. + +Kultur und Zivilisation -- das ist der lebendige Leib eines Seelentums +und seine Mumie. So unterscheidet sich das westeuropäische Dasein vor +1800 und nach 1800, das Leben in Fülle und Selbstverständlichkeit, +dessen Gestalt von innen heraus gewachsen und geworden ist, und zwar +in +einem+ mächtigen Zuge von den Kindertagen der Gotik an bis +zu Goethe und Napoleon, und jenes späte, künstliche, wurzellose Leben +unsrer großen Städte, dessen Formen der Intellekt konstruiert. Kultur +und Zivilisation -- das ist ein aus der Landschaft geborener Organismus +und der aus seiner Erstarrung hervorgegangene Mechanismus. Hier +erscheint wieder der Unterschied von Werden und Gewordensein, von Seele +und Gehirn, von Ethischem und Logischem, endlich von gefühlter Historie +-- das ist die Ehrfurcht vor Satzung und Tradition -- und erkannter +Natur -- das ist die vermeintliche Natur, die reine, gleichmachende, +vom Bann der großen Form erlösende, zu welcher man zurückkehren +will. Buddha verneint den historischen Unterschied von Brahmanen +und Tschandala, die Stoiker den von Hellenen, Sklaven und Barbaren, +Rousseau den von Privilegierten und Leibeignen. Der Kulturmensch lebt +nach innen, der zivilisierte Mensch nach außen, im Raume, unter Körpern +und „Tatsachen“. Was der eine als Schicksal empfindet, erscheint dem +andern als Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Man ist von nun an +Materialist in einem, nur für die Zivilisation gültigen Sinne, ob man +es will oder nicht, und ob buddhistische, stoische, sozialistische +Lehren sich idealistisch geben oder nicht. + +Dem gotischen und dorischen Menschen, dem Menschen der Ionik und des +Barock wird die ganze ungeheure Formenwelt von Kunst, Religion, Sitte, +Staat, Wissen, Gesellschaft leicht. Er trägt und verwirklicht sie, +ohne sie zu kennen. Er besitzt dem Symbolischen der Kultur gegenüber +dieselbe ungezwungene Meisterschaft, wie sie Mozart in seiner Kunst +besaß. Kultur ist das Selbstverständliche. Das Gefühl einer Fremdheit +unter diesen Formen, das einer Last, welche die Freiheit des Schaffens +aufhebt, die Nötigung, das Vorhandene rationalistisch zu prüfen, der +Zwang des feindseligen Nachdenkens sind die ersten Symptome einer +ermattenden Seele. Erst der Kranke fühlt seine Glieder. Daß man eine +„natürliche“ Religion konstruiert und sich gegen Kulte und Dogmen +auflehnt, daß ein Naturrecht den historischen Rechten entgegengestellt +wird, daß man in der Kunst Stile „entwirft“, weil +der+ Stil +nicht mehr ertragen und gemeistert wird, daß man den Staat als +„Gesellschaftsordnung“, als Mechanismus sieht, den man ändern könne, +sogar ändern müsse (und neben Rousseaus _contrat social_ stehen +völlig gleichbedeutende Erzeugnisse der Zeit des Aristoteles), das +alles beweist, daß etwas endgültig zerfallen ist. Die Weltstadt selbst +steht als Extrem von Anorganischem inmitten der Kulturlandschaft da, +deren Menschentum sie von seinen Wurzeln löst, an sich zieht und +verbraucht. + +Wissenschaftliche Welten sind oberflächliche Welten, praktische, +seelenlose, rein extensive Welten. Sie liegen den Anschauungen des +Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus zugrunde.[108] Das Leben nicht +mehr mit kaum bewußter, wahlloser Selbstverständlichkeit leben, es als +gottgewolltes Schicksal hinnehmen, sondern es problematisch finden, es +auf Grund intellektueller Einsichten in Szene setzen, „zweckmäßig“, +„vernunftgemäß“ -- das ist in allen drei Fällen der Hintergrund. +Das Gehirn regiert, weil die Seele abdankte. Kulturmenschen leben +unbewußt, Tatsachenmenschen leben bewußt. Das Leben selbst ist eine +„Tatsache“. Das im Boden wurzelnde Bauerntum vor den Toren der großen +Städte, die jetzt -- skeptisch, praktisch, künstlich -- +allein+ +die Zivilisation repräsentieren, zählt nicht mehr mit. „Volk“ -- das +ist jetzt Stadtvolk, anorganische Masse, etwas Fluktuierendes. Der +Bauer ist +nicht+ Demokrat -- denn auch dieser Begriff gehört zum +mechanischen, städtischen Dasein --, folglich übersieht, belächelt, +verachtet, haßt man ihn. Er ist nach dem Schwinden der alten Stände, +Adel und Priestertum, der einzige +organische+ Mensch, eine +übriggebliebene Reminiszenz der Kultur. Er findet weder im stoischen +noch im sozialistischen Denken einen Platz. + +So ruft der Faust des ersten Teils der Tragödie, der leidenschaftliche +Forscher in einsamen Mitternächten, folgerichtig den des zweiten Teils +und des neuen Jahrhunderts hervor, den Typus einer rein praktischen, +weitschauenden, nach außen gerichteten Tätigkeit. Hier hat Goethe +psychologisch die ganze Zukunft Westeuropas vorweggenommen. Das ist +Zivilisation an Stelle von Kultur, der äußere Mechanismus statt des +innern Organismus, der Intellekt als das seelische Petrefakt an Stelle +der erloschenen Seele selbst. So wie Faust am Anfang und Ende der +Dichtung, stehen sich innerhalb der Antike der Hellene zur Zeit des +Perikles und der Römer zur Zeit Cäsars gegenüber. + + +15 + +Solange der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur einfach vor +sich hin lebt, natürlich und selbstverständlich, hat sein Leben eine +wahllose Haltung. Das ist seine +instinktive+ Moral, die sich in +tausend umstrittene Formeln verkleiden mag, die man aber selbst nicht +bestreitet, weil man sie +hat+. Sobald das Leben ermüdet, sobald +man -- auf dem künstlichen Boden großer Städte, die jetzt geistige +Welten für sich sind -- eine Theorie braucht, um es zweckmäßig in Szene +zu setzen, sobald das Leben Objekt der Betrachtung geworden ist, wird +die Moral zum +Problem+. Kulturmoral ist die Moral, welche man +hat, zivilisierte die, welche man sucht. Die eine ist zu tief, um auf +logischem Wege erschöpft zu werden, die andre ist eine +Funktion+ +der Logik. Noch bei Kant und Plato ist die Ethik bloße Dialektik, ein +Spiel mit Begriffen, die Abrundung eines metaphysischen Systems. Man +hätte sie nicht nötig gehabt. Der kategorische Imperativ ist lediglich +die abstrakte Fassung dessen, was für Kant gar nicht in Frage stand. +Von Zenon und Schopenhauer an gilt das nicht mehr. Da mußte als Regel +des Seins gefunden, erfunden, erzwungen werden, was instinktiv nicht +mehr gesichert war. An dieser Stelle beginnt die zivilisierte Ethik, +die nicht der Reflex des Lebens auf die Erkenntnis, sondern der +Reflex der Erkenntnis auf das Leben ist. Man fühlt etwas Künstliches, +Seelenloses und Halbwahres in all diesen +erdachten+ Systemen, +welche Epochen dieser Art füllen. Das sind nicht mehr innerlichste, +beinahe überirdische Schöpfungen, die ebenbürtig neben den großen +Künsten stehen. Jetzt verschwindet alle Metaphysik großen Stils, +alle reine Intuition vor dem einen, was plötzlich nottut, vor der +Konzeption einer +praktischen+ Moral, die das Leben regeln soll, +weil es sich selbst nicht mehr regeln kann. Die Philosophie war bis +auf Kant, Aristoteles und den Vedanta eine Folge mächtiger Weltsysteme +gewesen, in denen die +formale+ Ethik einen bescheidnen Platz +fand. Sie wird jetzt Moralphilosophie, mit einer Metaphysik als +Folie. Die erkenntnistheoretische Leidenschaft tritt den Vorrang an +die praktische Notdurft ab: Sozialismus, Stoizismus, Buddhismus sind +Philosophien dieses Stils. Damit ist die Zivilisation eingeleitet. +Das Leben war rein organisch gewesen, notwendigster und erfüllter +Ausdruck einer Seele; es wird jetzt anorganisch, +seelenlos+ +unter der Vormundschaft des Verstandes. Man hat dies -- und darin +liegt der typische Irrtum im Selbstgefühl aller Zivilisationen -- als +wachsende Vollendung empfunden. Aber dieser Geist des weltstädtischen +Menschentums stellt keine Erhöhung des Seelischen dar, sondern den +Rest, der hervortritt, nachdem die ganze organische Fülle des Übrigen +erstorben und zerfallen ist. + +Die Welt statt aus der Höhe, wie Äschylus, Plato, Dante, Goethe, +unter dem Gesichtspunkt der alltäglichen Notdurft und andrängenden +Wirklichkeit betrachten, das nenne ich +die Vogelperspektive des +Lebens mit der Froschperspektive vertauschen+. Und eben das ist +der Abstieg von der Kultur, zur Zivilisation. Jede Ethik formuliert +den Blick der Seele auf ihr Schicksal: heroisch oder praktisch, +groß oder gemein, männlich oder greisenhaft. Und so unterscheide ich +eine +tragische+ und eine +Plebejermoral+. Die tragische +Moral einer Kultur kennt und begreift die Schwere des Seins, aber +sie zieht daraus das Gefühl des Stolzes, es zu tragen. So empfanden +Äschylus, Shakespeare und die Denker der brahmanischen Philosophie, +so Dante und der germanische Katholizismus. Das liegt in dem wilden +Schlachtchoral des Luthertums: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ und +das klingt selbst noch in der Marseillaise nach. Die Plebejermoral des +Epikur und der Stoa, der Sekten der Buddhazeit, des 19. Jahrhunderts +macht einen Schlachtplan zurecht, das Schicksal zu umgehen. Sie +sieht in der Welt nicht Gott, sondern einen Inbegriff von Tatsachen. +Schicksal -- das ist für sie der vom Gehirn zu ermittelnde Nexus +von Ursache und Wirkung. Was sie unter Geschichte begreift, lehrt +dementsprechend die materialistische Geschichtsauffassung. Es ist +eine höchst zweckmäßige Lebensauffassung, welche von nun an die +große Vergangenheit unpraktisch findet, sie verhöhnt und belächelt. +Darin hatte Nietzsche sicher recht: die attische Tragödie entsprang +der Überfülle des Lebens. Das Unvermeidliche mit Würde tragen, dem +Schicksal, den Göttern gegenüber Mann und Held bleiben -- das war +apollinisch gefühlt. Hier hätte er weiter gehen und die Zeiten +vergleichen sollen. Was Äschylus groß tat, das tat die Stoa klein. +Das war nicht mehr Fülle, sondern Armut, Kälte und Leere des Lebens +und die Römer haben diese intellektuelle Kälte und Leere nur zum +Großartigen gesteigert. Und dasselbe Verhältnis besteht zwischen +dem ethischen Pathos der großen Meister des Barock, Shakespeare, +Bach, Kant, Goethe, dem männlichen Willen, +innerlich+ Herr der +natürlichen Dinge zu sein, weil man sie tief unter sich weiß, und +dem greisenhaften Willen der europäischen Modernität, sie sich -- in +Gestalt der Fürsorge, der Humanität, des Weltfriedens, der Technik, +des Zwangsstaates, des Glückes der meisten -- +äußerlich+ aus dem +Wege zu schaffen, weil man sich mit ihnen auf derselben Ebene weiß. +Auch das ist Wille zur Macht im Gegensatz zur antiken Duldung des +Unabwendbaren; auch darin liegt Leidenschaft und Hang zum Unendlichen, +aber es ist ein Unterschied zwischen metaphysischer und materieller +Größe im Überwinden. Die Tiefe fehlt, das, was der frühere Mensch +Gott nannte. Das bedeutet der Niedergang der westeuropäischen +Poesie von der Gestaltung letzter Weltgeheimnisse zur Tendenzpoesie +dieser Tage mit ihren ephemeren Lösungen sozialer und sexueller +Oberflächenprobleme, die das Maximum dessen darstellen, was man noch +begreift. Das faustische Weltgefühl der +Tat+, wie es von den +Staufen und Welfen bis auf Friedrich den Großen, Goethe und Napoleon +in jedem großen Menschen wirksam war, verflachte zu einer Philosophie +der +Arbeit+, wobei es für das seelische Niveau gleichgültig +ist, ob man sie verteidigt oder verurteilt. Der Kulturbegriff der Tat +und der zivilisierte -- seelenlose -- Begriff der Arbeit verhalten +sich genau so wie die Haltung des äschyleischen Prometheus zu der +des Diogenes. Der eine ist ein Dulder, der andere ist faul. Galilei, +Kepler, Newton brachten es zu Taten, der moderne Physiker +leistet +eine Arbeit+. Plebejermoral, triviale Wirklichkeitsmoral auf der +Basis des alltäglichen Daseins und des „gesunden Menschenverstandes“ +ist es, was trotz aller großen Worte von Schopenhauer bis zu Shaw +jeder Lebensbetrachtung zugrunde liegt. Hebbel und Nietzsche, die +dem zu widersprechen scheinen, sind nicht Offenbarungen einer echten +tragischen Moral; sie wollen es nur sein. Eine Sache verteidigen oder +bekämpfen -- das sind nur verschiedene Ausdrucksformen derselben innern +Bedingungen. Wer heute die Philosophie der Arbeit verneint, ist kein +verspäteter Mediceer, sondern ein Snob. Wer das schrankenlose Recht des +einzelnen auf den Schild hebt, gibt dem Sozialismus nur eine pikante +Wendung. Auch Nietzsche ist ein Dekadent, ein Sozialist, ein Arbeiter. +Er hat selbst keinen Zweifel darüber gelassen. Seine Lehre (die von +seiner persönlichen Haltung sehr verschieden ist) ist Gegensatz und +Umkehrung von etwas anderm, das dennoch zu Recht besteht, nichts +innerlich Ursprüngliches. Sein aristokratischer Geschmack, der durch +seine darwinistisch-physiologischen Neigungen jeden Augenblick in Frage +gestellt wird, ist nichts weniger als wahllos und selbstverständlich, +ist vielmehr das gewaltsame Pathos eines verspäteten Faust auf +südlichen Bergen, der mit aller Leidenschaft des Nordens sein Schicksal +verleugnen, der vom Plebejertum loskommen will, das er in allen +Gliedern spürt. + + +16 + +Der Abstieg von der Vogel- zur Froschperspektive in den großen Fragen +des Lebens verkleidet sich in die Maske jener berühmten „Rückkehr +zur Natur“, die +jede+ Kultur in einer eignen Gestalt kennt und +deren faustische Fassung Rousseau gegeben hat. Man braucht nicht +notwendig an soziale Wandlungen zu denken, auch die Kunst vollzieht +eine Rückkehr zur Natur. Man vergegenwärtige sich, wie dem Auftreten +der ionischen neben der dorischen Säulenordnung -- dem Übergang +von heroischer Größe zu bürgerlicher Anmut, von der antiken Gotik +zum antiken Rokoko -- der weitere Abstieg zur korinthischen Säule, +der +zivilisierten+ Erfindung des Kallimachos, folgt. Auch +das ist Rückkehr zur Natur, die das unverhüllte Motiv der Pflanze +wieder heraufrief als Zeichen pflanzenhaften Daseins, zugleich ein +Symptom sinkender Gestaltungskraft, die diesen letzten schöpferischen +Geschmack der Antike neben die klassizistische Baukunst der Goethezeit, +das Empire, stellt. Die groß gesehene, groß empfundene Natur, das +Weltbild, das durch und durch von Seele erfüllt ist, beginnt der +„natürlichen“, brutalen, begriffenen Natur zu weichen. Was die Antike +durch die historische Folge der drei Säulenordnungen mit seltener +Klarheit gestaltete, ist der Weg von früher zu später Kultur und von +da zur Zivilisation, der Weg von der Kunst als Religion zur Kunst als +Wissenschaft. + +Wenn im Bereiche der Kunst irgendwo der Begriff Natur auftaucht, so +stellt er jedesmal einen +Gegenbegriff+ im eigentlichsten Sinne +dar, die geistige Negation von etwas, wogegen das Leben sich auflehnt, +eine Größe, die der +Widerspruch+ geprägt und gestaltet hat. Die +„Natur“ der Empfindsamen bedeutete eine schüchterne Auflehnung gegen +den großen Stil, den man nicht mehr ertrug. Die Natur Rousseaus ist +bereits ein Bild, das als Negation der Kultur überhaupt konzipiert ist. +Was die große Stadt, die vornehme Gesellschaft, der absolute Staat, +die Metaphysik, die formstrenge Kunst +nicht+ sind -- +das +ist Natur+. „Kultur“ erscheint jetzt als die große Krankheit des +natürlichen Menschen. Der Philosoph, der Politiker, der Künstler hassen +sie, und weil die Jahrhunderte hoher Kultur Geschichte im höchsten +Sinne, +die+ eigentliche Geschichte des Menschen sind, so +empfindet man diese eingebildete Natur als das +Antihistorische+, +als das, was die Gehirne von dem Alpdruck der großen Vergangenheit +befreit. Folgerichtig gehört zu ihr neben der träumerischen Sehnsucht +nach Alpengipfeln, Urwäldern und Wüsten jener antihistorische +Naturmensch, der den _contrat social_ voraussetzt und der von der +städtisch-rationalistischen Einbildungskraft als die fleischgewordene +Plebejermoral aus lauter Negationen der tragischen Moral konzipiert +wurde. Ob man es will oder nicht, die Vorstellung dieses Menschen +liegt der gesamten praktischen Philosophie der ethischen Periode +zugrunde. Er ist der geheime Held aller Sozialdramatik von Hebbel bis +Ibsen, die mit ihren sozialen und sexuellen Problemen die eigentliche +Negation des wahrhaft Tragischen ist. Er ist auch der Held jeder +politischen und wirtschaftlichen „Gesellschaftsordnung“, die an Stelle +historischer Staatsgebilde in zivilisierten Köpfen spukt. Es ist ein +und dasselbe, was die Sophisten in Athen, die Sankhyaphilosophen am +Ganges, die Sensualisten in London und Paris innerhalb ihrer Epoche +zur Erscheinung bringen. Man empfand die große, allumfassende, den +ganzen Reichtum der Seele spiegelnde Form als Last. Man predigte -- in +allen drei Fällen -- die „natürlichen Rechte“ des Menschen gegenüber +der Tradition, das heißt gegenüber der nicht mehr zu ertragenden +Größe seiner Vergangenheit, das Recht auf die Froschperspektive in +Lebensfragen gegenüber der Vogelperspektive der Vorfahren. Daher +jener tiefe, rationalistische Haß gegen Autorität und Satzung, jene +revolutionäre Sucht -- auch bei Nietzsche, auch bei Buddha -- sozial, +politisch, künstlerisch +Gewachsenes+ zu vermeiden, zu verachten +oder zu vernichten und die anorganischen Resultate wissenschaftlicher +Analyse an seine Stelle zu setzen, was man in wunderlicher Verdrehung +der Fakta als den Ersatz von Künstlichem durch Natürliches bezeichnete, +kurz die innere Auflehnung +gegen den Makrokosmos+, den Inbegriff +der Kultur, den der „letzte Mensch“ nicht mehr als eigen empfindet und +deshalb in seinen äußeren historischen Resten haßt. Darin liegt die +Identität der faustischen „Umwertung aller Werte“ mit dem apollinischen +Ideal des Diogenes, die sich lediglich als eine streng dynamische und +streng statische Fassung des Nihilismus unterscheiden. + + +17 + +Jede Kultur hat also +ihre eigene Art zu sterben+ und +nur+ +die eine, die aus ihrem ganzen Leben mit tiefster Notwendigkeit +folgt. Deshalb sind Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus morphologisch +gleichwertige Phänomene. + +Auch der Buddhismus, dessen letzten Sinn man bisher immer mißverstanden +hat. Das ist +keine+ puritanische Bewegung wie der Islam und der +Jansenismus, keine Reformation wie die dionysische Strömung gegenüber +dem Apollinismus und das Luthertum dem Katholizismus gegenüber, +keine neue Religion, überhaupt keine Religion wie die der Veden +und des Apostels Paulus,[109] sondern eine letzte rein praktische +Weltstimmung müder Großstadtmenschen, die eine abgeschlossene Kultur +im Rücken und keine Zukunft vor sich haben; er ist das Grundgefühl der +indischen Zivilisation und deshalb mit dem Stoizismus und Sozialismus +„gleichzeitig“ und gleichwertig. Die Quintessenz dieser durchaus +weltlichen, nicht metaphysischen Gesinnung findet sich in der berühmten +Predigt von Benares „Die vier heiligen Wahrheiten vom Leiden“, durch +welche der philosophierende Prinz seine ersten Anhänger gewann. Ihre +Wurzeln liegen in der rationalistisch-atheistischen Sankhyaphilosophie, +deren Theorie stillschweigend vorausgesetzt wird, ganz wie die +Sozialethik des 19. Jahrhunderts aus dem Sensualismus und Materialismus +des 18. und die Stoa trotz ihrer flachen Verwertung Heraklits von +Demokrit, Protagoras und den Sophisten stammt. Die Allmacht der +Vernunft ist in jedem Falle der Ausgangspunkt der moralischen +Überlegung. Von Religion ist keine Rede. Nichts kann religionsfremder +sein als diese Systeme in ihrer ursprünglichen Gestalt. Was aus ihnen +in den letzten Stadien der Zivilisation wird, steht hier nicht in Frage. + +Der Buddhismus lehnt alles Nachdenken über Gott und die kosmischen +Probleme ab. Nur das Selbst, nur die Einrichtung des wirklichen +Lebens ist ihm wichtig. Auch eine Seele wird nicht anerkannt. Wie +der westeuropäische Psychologe der Gegenwart -- und mit ihm der +Sozialist -- den innern Menschen als Empfindungsbündel, als Häufung +chemo-elektrischer Energien abtut, so der indische der Buddhazeit. +Der Lehrer Nagasena beweist dem König Milinda, daß die Teile des +Wagens, auf dem er fährt, nicht der Wagen selbst und „Wagen“ nur ein +Wort ist -- ebenso stehe es mit der Seele. Die seelischen Phänomene +werden als Skandhas, Haufen, bezeichnet, die vergänglich sind. Das +entspricht durchaus den Vorstellungen der Assoziationspsychologie. +Es ist viel Materialismus in der Lehre Buddhas. (Es versteht sich, +daß jede Kultur ihre eigne, durch ihr gesamtes Weltgefühl in allen +Einzelheiten bedingte Art von Materialismus besitzt.) Wie sich der +Stoiker den heraklitischen Begriff des Logos aneignet, um ihn materiell +zu verflachen, wie der Sozialismus in seinen darwinistischen Grundlagen +Goethes tiefen Begriff der Entwicklung (durch Hegels Vermittlung) +mechanisch veräußerlicht, so der Buddhismus den brahmanischen Begriff +des Karma, des unsrer Denkweise kaum zugänglichen Seinsprinzips, das +man oft genug ganz materialistisch als Weltstoff behandelt findet. +Noch ein andres Element ist in ihm fühlbar, obwohl man es nie darin +gefunden hat: das, was Sokrates und die deutschen Romantiker als Ironie +bezeichnen, jene seltsame feine Blüte einer Dialektik, die ihrer selbst +müde ist und die bestürzt und schmerzlich lächelnd ihr Werk, das +zertrümmerte Weltbild betrachtet. + ++Wir haben drei Formen des Nihilismus vor uns.+ Die Ideale von +gestern, die großen religiösen, künstlerischen, staatlichen Formen +sind abgetan, nur daß selbst dieser letzte Akt der Kultur, ihre +Selbstverneinung, noch einmal das Ursymbol ihres ganzen Daseins +zum Ausdruck bringt. Der faustische Nihilist, Ibsen wie Nietzsche, +Marx wie Wagner, zertrümmert die Ideale, der apollinische, Epikur +wie Antisthenes und Zenon, läßt sie vor seinen Augen zerfallen, der +indische zieht sich vor ihnen in sich selbst zurück. Der Stoizismus +ist auf ein +Sichverhalten des einzelnen+ gerichtet, auf sein +statuenhaftes, rein gegenwärtiges Sein, ohne Beziehung auf Zukunft +und Vergangenheit oder auf andre. Der Sozialismus ist die dynamische +Behandlung des gleichen Themas: dieselbe pessimistische Tendenz nicht +auf die Größe, sondern die praktische Not des Lebens, aber mit einem +mächtigen Zug ins Ferne auf die gesamte Zukunft und die gesamte Masse +der Menschen erstreckt, die dem Prinzip unterworfen werden sollen; der +Buddhismus, den nur ein religionspsychologischer Dilettant mit dem +Christentum vergleichen kann,[110] ist durch die Worte abendländischer +Sprachen kaum wiederzugeben. Es ist erlaubt, von einem stoischen +Nirwana zu reden und auf die Gestalt des Diogenes zu verweisen; auch +der Begriff eines sozialistischen Nirwana ist zu rechtfertigen, +sofern man die Flucht vor dem Kampf ums Dasein ins Auge faßt, wie die +europäische Müdigkeit sie in die Schlagworte Weltfrieden, Humanität +und Verbrüderung aller Menschen kleidet. Aber nichts von dem reicht +an den unheimlich tiefen Begriff des buddhistischen Nirwana heran, +der in unserm Denkvermögen nicht zu realisieren ist. Es scheint, daß +die Seele alter Kulturen in ihren letzten Verfeinerungen und sterbend +wie eifersüchtig auf ihr eigenstes Eigentum, ihren Gehalt an Form, +auf das mit ihr geborene Ursymbol ist. Es gibt nichts im Buddhismus, +das „christlich“ sein könnte, nichts im Stoizismus, das im Islam +von 1000 n. Chr. vorkommt, nichts was Konfuzius mit dem Sozialismus +gemein hätte. Der Satz: _si duo faciunt idem, non est idem_, +der an der Spitze jeder historischen Betrachtung stehen sollte, die +es mit lebendigem, nie sich wiederholendem Werden und nicht mit +logisch, kausal und zahlenmäßig ergreifbarem Gewordnen zu tun hat, +gilt ganz besonders von diesen, eine Kulturbewegung abschließenden +Äußerungen. In allen Zivilisationen wird ein durchseeltes Sein von +einem durchgeistigten abgelöst, aber dieser Geist ist in jedem +einzelnen Falle von andrer Struktur und der Formensprache einer andern +Symbolik unterworfen. Gerade bei aller Einzigkeit des Seins, das in +der Tiefe, im Unbewußten wirkend diese späten Gebilde der historischen +Oberfläche schafft, ist deren Verwandtschaft der historischen ++Stufe+ nach von entscheidender Bedeutung. Was sie zum Ausdruck +bringen, ist verschieden, daß sie es +so+ zum Ausdruck bringen, +kennzeichnet sie als „gleichzeitige“ Phänomene. Stoisch wirkt der +Verzicht Buddhas, buddhistisch der stoische Verzicht auf das volle +resolute Leben. Auf das Verhältnis der Katharsis des attischen Dramas +zur Idee des Nirwana war schon hingewiesen worden. Man hat das +Gefühl, als sei der Sozialismus, obwohl ein ganzes Jahrhundert sich +schon seiner ethischen Durchbildung widmete, noch heute nicht in der +klaren, harten, resignierten Fassung, die seine endgültige sein wird. +Vielleicht werden die ersten Jahrzehnte nach dem großen Kriege ihm die +reife Formel geben, wie sie Chrysipp der Stoa gab. Aber stoisch wirkt +schon heute -- in den höheren Sphären -- seine Tendenz zur Selbstzucht +und Entsagung aus dem Bewußtsein einer großen Bestimmung heraus, das +römisch-preußische, höchst unpopuläre Element in ihm, und buddhistisch +seine Geringschätzung eines augenblicklichen Behagens (des „_carpe +diem_“); epikuräisch erscheint sicherlich das populäre Ideal, dem er +ausschließlich die Wirksamkeit nach unten verdankt, jener Kultus der +ἡδονή, nicht des einzelnen für sich, sondern der Ganzheit. + +Gemeinsam ist die Lebensgestaltung aus dem Bewußtsein statt aus dem +Unbewußten. Jetzt liegt das verinnerlichte Leben weit zurück, das mit +dem wahllosen Ausdruck eines Weltgefühls zusammenfiel. Hier ist kein +Ausdruck mehr nötig und möglich, denn die Seele hat sich erschöpft und +das in ihr liegende Mögliche ist restlos Wirklichkeit geworden. Aber +der Trieb besteht fort und ergreift das durchgeistigte Bewußtsein und +so entstehen Formen einer ganz andren Art von menschlichem Dasein, +ein Leben voller Kausalität statt von einem Schicksal getragen, nach +Grundsätzen der Zweckmäßigkeit geregelt statt von innerer Notwendigkeit +gestaltet, erkannt statt gefühlt. Es gibt keinen größeren Gegensatz als +den zwischen einem zivilisierten und einem Kulturmenschen. Selbst der +primitive Mensch ist dem der dorischen und gotischen Zeit innerlich +nicht so fremd. + +Jede Seele hat Religion. Das ist nur ein andres Wort für ihr Dasein. +Alle lebendigen Formen, in denen sie sich ausspricht, alle Künste, +Dogmen, Kulte, metaphysische, mathematische Formenwelten, jedes +Ornament, jede Säule, jeder Vers, jede Idee ist im Tiefsten religiös +und +muß+ es sein. Von nun an +kann+ es das nicht mehr sein. +Das Wesen aller Kultur ist Religion, +folglich ist das Wesen aller +Zivilisation Irreligion+. Auch das sind zwei Worte für ein und +dieselbe Erscheinung. Wer das nicht im Schaffen Manets gegen Velasquez, +Wagners gegen Gluck, Lysipps gegen Phidias, Theokrits gegen Pindar +herausfühlt, der weiß nichts vom Besten der Kunst. Religiös ist noch +die Baukunst des Rokoko selbst in ihren „weltlichsten“ Schöpfungen. +Irreligiös sind die Römerbauten, auch die Tempel der Götter. Mit dem +Pantheon, der Urmoschee mit dem eindringlich magischen Gottgefühl +ihres Innenraums, ist das einzige Stück religiöser Baukunst in das +alte Rom geraten. Die Weltstädte selbst sind den alten Kulturstädten +gegenüber, Alexandria gegen Athen, Berlin gegen Nürnberg, in allen +Einzelheiten bis in das Straßenbild, die Sprache, den trocken +intelligenten Zug der Gesichter[111] hinein irreligiös (was man nicht +mit antireligiös zu verwechseln hat). Und irreligiös, seelenlos sind +demnach auch diese ethischen Weltstimmungen, die durchaus in die +Formenwelt der Weltstadtphänomene gehören. Der Sozialismus ist das +irreligiös gewordene faustische Lebensgefühl; das besagt auch das +vermeintliche („wahre“) Christentum, das der Sozialist so gern im Munde +führt und unter dem er etwas wie eine „dogmenlose Moral“ versteht. +Irreligiös sind Stoizismus und Buddhismus im Verhältnis zur homerischen +und vedischen Religion und es ist ganz Nebensache, ob der römische +Stoiker den Kaiserkult billigt und ausübt, der spätere Buddhist seinen +Atheismus mit Überzeugung bestreitet, der Sozialist sich freireligiös +nennt oder auch „weiterhin an Gott glaubt“. + +Dies Erlöschen der lebendigen inneren Religiosität, welche auch den +unbedeutendsten Zug des Daseins gestaltet und erfüllt, ist es, was im +historischen Weltbilde als die Wendung der Kultur zur Zivilisation +erscheint, als das +Klimakterium der Kultur+, wie ich es früher +nannte, als der Moment, wo die seelische Fruchtbarkeit einer Art von +Mensch für immer erschöpft ist und die Konstruktion an Stelle der +Zeugung tritt. Faßt man das Wort Unfruchtbarkeit in seiner vollen +ursprünglichen Schwere, so bezeichnet es das +ganze+ Schicksal +des weltstädtischen Gehirnmenschen und es gehört zum Bedeutsamsten +der geschichtlichen Symbolik, daß diese Wendung sich nicht nur im +Erlöschen der großen Kunst, der großen Denksysteme, des großen Stils, +sondern auch ganz materiell in der Kinderlosigkeit und dem Rassentod +der zivilisierten, vom Lande abgelösten Schichten ausspricht, ein +Phänomen, das in der römischen Kaiserzeit viel bemerkt und beklagt, +aber notwendigerweise nicht gemildert werden konnte. Dieses Faktum +und seine Folgen für die Geschlechter der Nachgeborenen auszudrücken +ist die Aufgabe und der Sinn aller „modernen“ Philosophien seit +Buddha, Zenon und Schopenhauer. Und daraus folgt weiter: Wie jede +Zivilisation eine +eigne+ ethische Fassung ihrer Existenz besitzt, +so hat sie auch +nur+ die eine. Es ist die verstandesmäßige und +zweckmäßige, aus der Not, nicht der Fülle geborene Fassung dessen, +was bisher im Unbewußten wirksam gewesen war. Das Heraufheben des +Unbewußten -- Schicksalhaften, Tragischen -- an das Licht des +geistigen Bewußtseins, wo es zum logischen und kausalen Mechanismus +erstarrt: das ist innerhalb einer jeden Philosophie (deren Geschichte +jedesmal die Biographie eines Organismus mit Geburt, Jugend, Alter +und Tod ist) der Abschluß der metaphysischen und der Anbruch der +weltstädtisch-ethischen Periode. Wie ein und dasselbe Weltgefühl +sich in der brahmanischen, ionischen, Barockmetaphysik in vielfachen +realistischen und idealistischen Konzeptionen offenbart, ohne daß die +einzelnen Denker etwas in der Tiefe wirklich Verschiedenes hätten +ausdrücken wollen und können, so ist es ein und dasselbe Ideal des +bewußten Lebens, das die gesamte Geistigkeit einer Zivilisation +in tausend Verkleidungen beschäftigt. Man muß den Stoizismus als +Lehrmeinung und als allgemeinen Geist der Zeit unterscheiden. Im +letzten Falle schließt er auch Epikur, die Akademiker, Skeptiker und +Zyniker ein. Das Ideal des abgeklärten, mit sich allein beschäftigten +Weisen ist ihnen gemeinsam. Es sind lediglich Unterschiede des +persönlichen Geschmacks und Temperaments innerhalb der antiken +Menschlichkeit, die es so oder so formulieren. Und dasselbe gilt im +Abendlande. Schopenhauer und Nietzsche, Mitleidsmoral und Herrenmoral, +der verneinte und bejahte Wille zum Leben: das ist im tiefsten dasselbe +und nur im gedanklichen Stil verschieden. Die Tendenz zum Anarchismus, +wie man sie etwa bei Stirner und Ibsen findet, ist lediglich eine +Nuance des allgemeinen Sozialismus. Es gehört zu den Unterschieden +des privaten Charakters, ob man das faustische Weltgefühl, den +Weltanspruch des Ich, das sich mit dem Unendlichen eins weiß, vom Ich +oder vom Unendlichen aus, subjektiv oder objektiv, idealistisch oder +realistisch also, in eine wissenschaftliche Ordnung bringt. Das erste +führt zu einer anarchistischen (individualistischen), das andre zu +einer sozialistischen (kollektivistischen) Grundstimmung in Fragen des +äußeren Lebens. Die Beschaffenheit des Lebens selbst wird dadurch nicht +berührt. + + +18 + +Mit dem Anbruch einer Zivilisation ist das Sittliche also aus einer +Gestalt des Herzens zu einem Prinzip des Kopfes geworden, aus einem +schlechthin vorhandenen Phänomen zu einem Mittel und Objekt, das man +handhabt. Es +offenbart+ sich nicht mehr durch jeden Zug des +Lebens, es wird begründet und befolgt. + +Angesichts dieser neuen intellektuellen Bildungen darf man über ihr +lebendiges Substrat nicht im Zweifel sein, den „neuen Menschen“ +nämlich, als der er hoffnungsvoll von allen Niedergangszeiten empfunden +worden ist. Es ist der formlos in den großen Städten fluktuierende +Pöbel an Stelle des Volkes, die wurzellose städtische Masse, οἱ πολλοί, +wie man in Athen sagte, an Stelle des mit der Natur verwachsenen, +selbst auf dem Boden der Städte noch bäuerlichen Menschentums +einer Kulturlandschaft. Es ist der Agorabesucher Alexandrias und +Roms und sein „Zeitgenosse“, der heutige Zeitungsleser; es ist der +„Gebildete“, jenes Kunstprodukt einer nivellierenden städtischen +Erziehung durch Schule und Öffentlichkeit, damals wie heute; es ist +der antike und abendländische Mensch der Theater und Vergnügungsorte, +des Sports und der Literatur des Tages. Diese spät erscheinende +Masse und +nicht+ „die Menschheit“ ist Objekt der stoischen +und sozialistischen Propaganda, und man könnte ihr gleichbedeutende +Erscheinungen des ägyptischen Neuen Reiches, des buddhistischen Indien, +des konfuzianischen China zur Seite stellen. + +Dem entspricht eine charakteristische Form der öffentlichen +Wirksamkeit, die +Diatribe+. Zuerst als spätantike Erscheinung +betrachtet, gehört sie zu den Wirkungsformen +jeder+ Zivilisation. +Durch und durch dialektisch, praktisch, plebejisch, ersetzt sie +die bedeutsame, weithin wirkende Gestalt großer Menschen durch +schrankenlose Agitation der Kleinen, aber Klugen, Ideen durch Zwecke, +Symbole durch Programme. Das Expansive jeder Zivilisation, der +imperialistische Ersatz der Zeit durch den Raum, kennzeichnet auch sie: +die Quantität ersetzt die Qualität, die Verbreitung die Vertiefung. Man +verwechsle diese hastige Aktivität nicht mit dem faustischen Willen zur +Macht. Sie verrät nur, daß ein schöpferisches Innenleben zu Ende und +eine geistige Existenz nur nach außen, im Raume, nur materiell aufrecht +zu erhalten ist. Die Diatribe gehört notwendig zur „Religion der +Irreligiösen“; sie ist deren „Seelsorge“. Sie erscheint als indische +Predigt, als antike Rhetorik, als abendländischer Journalismus. Sie +wendet sich an die Meisten, nicht an die Besten. Sie wertet ihre Mittel +nach der +Zahl+ der Erfolge. Sie setzt anstelle des Denkertums +alter Zeiten die +intellektuelle männliche Prostitution+ in Rede +und Schrift, wie sie alle Säle und Plätze der Weltstädte füllt und +beherrscht. Rhetorisch ist die gesamte Philosophie des Hellenismus, +journalistisch der Roman Zolas wie das Drama Ibsens. Man verwechsle +diese geistige Prostitution nicht mit dem ursprünglichen Auftreten des +Christentums. Die christliche Mission ist in ihrem Wesenskern beinahe +immer mißverstanden worden. Aber das Urchristentum, die +magische+ +Religion des Stifters, dessen Seele dieser brutalen Aktivität ohne Takt +und Tiefe gar nicht fähig war, ist erst durch die hellenistische Praxis +des Paulus -- bekanntlich unter schroffstem Widerspruch der Urgemeinde +-- in die lärmende städtische demagogische Öffentlichkeit des Imperium +Romanum hineingezogen worden. Mag seine hellenistische Bildung noch so +oberflächlich gewesen sein (er war und blieb Jude, nicht Stoiker), sie +hat ihn nach außen zu einem Gliede der antiken Zivilisation gemacht. +Paulus hat nur die Richtung, +nicht die Form+ seiner Wirksamkeit +gewechselt: das bedeutet der Tag von Damaskus. Das „Gehet hin in alle +Welt und lehret alle Völker“, gleichviel wem die Worte in den Mund +gelegt sind, ist ein Satz von spätantikem, stoischem, zivilisiertem +Gepräge, der nicht, wie das früheste Christentum in seiner abgelegenen +primitiven Landschaft, eine ertagende Kultur, sondern eine über +formlosen Menschenmassen verscheidende Zivilisation kennzeichnet, und +der damals als praktische Maxime in alle Zeitreligionen, Isis- und +Mithraskult, Neuplatonismus und Manichäismus eingedrungen war, sobald +sie aus ihrer östlichen Heimat auf antiken Boden traten. Nicht das +Christentum hat sich mittels der Diatribe der antiken Welt bemächtigt, +die Antike hat es durch sie sich angeeignet. „Alle Völker“, -- damit +war durchaus nicht die bäuerliche Bevölkerung des flachen Landes +gemeint, die in keiner Zivilisation mitzählt. Christus hatte Fischer +und Bauern an sich gezogen, Paulus hielt sich an die Agora der großen +Städte und also an die großstädtische Form der Propaganda. Das Wort +Heide (_paganus_) verrät noch heute, auf wen sie +zuletzt+ +wirkte. Wie verschieden ist Paulus von Bonifacius! Der tief germanische +Bonifaciustyp bedeutet in seiner faustischen Leidenschaft, in Wäldern +und einsamen Tälern, etwas streng Entgegengesetztes und ebenso die +heitren Zisterzienser mit ihrem Landbau und die Deutschordensritter +im slawischen Osten. Das war wieder Jugend, Aufblühen, Sehnsucht +inmitten einer bäuerlichen Landschaft. Erst im 19. Jahrhundert +erscheint die Diatribe auf diesem mittlerweile gealterten Boden mit +allem, was ihr wesenhaft ist, mit der großen Stadt als Basis und der +Masse als Publikum. Das echte Bauerntum fällt für den Sozialismus so +wenig in den Kreis der Betrachtung wie für Buddha und die Stoa. Erst +hier, in den Städten des europäischen Westens, findet der Paulustyp +wieder seinesgleichen, mag es sich nun um sektenhafte christliche oder +antikirchliche, soziale oder biologische Interessen, um Freidenkertum +oder ephemere Religionsstiftereien handeln. + +Zenon und Buddha in Ehren. Auch König Asoka und Mark Aurel, mit denen +nach Jahrhunderten die letzte Weltstimmung auf den Thron gelangte, +gehören zu den posthumen Menschen von innerer Kultur. Aber wir +haben auch in beiden Fällen das Bild der Wirkung ins Breite, eben +jene buddhistische und stoische Propaganda mit den Scharen platter, +schmutziger, zudringlicher Salonphilosophen und Wanderredner, den +Massen seichter Flugschriften und Volksbücher, den schlechten Manieren, +der gewöhnlichen Gesinnung, den journalistischen Tiraden. Bei Lukian +findet man die berühmte Satire, die Wort für Wort auf Indien und die +Gegenwart paßt. + +Alle antike Philosophie nach Plato und Aristoteles ist Rhetorik. +Aller Sozialismus im weitesten Sinne, von Schopenhauers Aufsätzen +bis zu Shaws Essais, Nietzsche nicht ausgenommen, ist nach Form und +Absicht Journalismus. Die gesamte soziale Dramatik, die Schillers +sittliche Leidenschaft ins Leben gerufen hat (die „Schaubühne +als moralische Anstalt“ bis auf Ibsen und Strindberg herab), die +populäre Naturwissenschaft mit ihren sozialethischen, in die Tierwelt +projizierten Hinterabsichten, der sich rasch in humane Stimmungen +auflösende Rest von protestantischem Christentum ist es. Der Dichter +wird Journalist, der Priester wird Journalist, der Gelehrte wird +Journalist. Wie tief diese Form einer jeden zivilisierten Ethik +begründet ist, beweist Nietzsche, dem die Zarathustragestalt unter den +Händen zu einem Wanderprediger geriet. + +Nichts ist für diese entschiedene Wendung zum äußeren Leben, das allein +übrig geblieben ist, dem biologischen Faktum, dem das Schicksal nur +noch in der Form von objektiven Tatsachen und Kausalitätsbeziehungen +erscheint, bezeichnender als das ethische Pathos, mit dem man sich nun +einer Philosophie der Verdauung, der Ernährung, der Hygiene zuwendet, +Alkoholfragen und Vegetarismus werden mit religiösem Ernste behandelt, +augenscheinlich das Gewichtigste an Problemen, zu dem der „neue +Mensch“ sich aufschwingen kann. So entspricht es der Froschperspektive +dieser Generationen. Religionen, die an der Schwelle großer Kulturen +entstehen wie die homerische und vedische, das Christentum Jesu und +das faustische der ritterlichen Germanen hätten es unter ihrer Würde +befunden, zu Fragen der Art herabzusteigen. Jetzt steigt man zu ihnen +hinauf. Der Buddhismus ist ohne dergleichen nicht denkbar. Im Kreise +der Sophisten, des Antisthenes, der Stoiker und Skeptiker gewinnt +es große Bedeutung. Schon Aristoteles hat über die Alkoholfrage +geschrieben, eine ganze Reihe von Philosophen über den Vegetarismus +und es besteht zwischen der apollinischen und der faustischen Farce +nur der Unterschied, daß der Zyniker die eigne Verdauung, Shaw die +Verdauung „aller Menschen“ in sein theoretisches Interesse zieht. Der +eine entsagt, der andere verbietet. Man weiß, wie Nietzsche sich noch +im Ecce homo darin gefällt, in Fragen dieser Art zu dilettieren. + + +19 + +Überblicken wir noch einmal den Sozialismus als das faustische +Beispiel einer zivilisierten, einer intellektuellen, logisierten, von +Kausalitäten statt vom Schicksal erfüllten Ethik. Was seine Freunde +und Feinde von ihm sagen, daß er die Gestalt der Zukunft oder daß er +ein Zeichen des Niederganges sei, ist gleich richtig. Wir alle sind +Sozialisten, ohne es zu wissen. Wir tragen ihn als Lebensgefühl in uns, +ob wir wollen oder nicht. Und selbst der Widerstand gegen ihn trägt +seine Form. + +Alle antiken Menschen der späten Zeit waren Stoiker, ohne es zu +wissen. Das ganze römische Volk, als Körper, als Individualität, +hat eine stoische Seele; als Zenon lebte, war der populus Romanus, +dies Volk von Soldaten und Beamten mit einer Götterwelt, in der es +nur Götter+pflichten+, nüchterne, praktische, keine göttlichen +Abenteuer gibt, eben in der Bildung begriffen. Der echte Römer, gerade +der, welcher es am entschiedensten bestritten hätte, ist in einem +strengeren Grade Stoiker, als es je ein Grieche hätte sein können: er +lebte noch in einer Art ursprünglicher Barbarei, als das antike Dasein +sich ihr wieder näherte; ihm fehlt der innere Rest von Kultur, der die +Reinheit des zivilisierten Typus verdunkelt. Die lateinische Sprache, +durch und durch praktisch und prosaisch, ist die mächtigste Schöpfung +des Stoizismus geblieben.[112] + +Erinnern wir uns des allgemeinen Grundgedankens, daß Geschichte und +Natur Gegensätze sind, daß wir, als Ausdruck und Verwirklichung unsres +Seelischen zwei Welten als Möglichkeiten besitzen, die eine die Natur, +vom Gewordnen und Erkannten aus gestaltet, von Gesetz, Zahl, Grenze, +Logik, gesättigt, durch und durch System, Mechanismus, Ursache und +Wirkung, die andre die Geschichte, unmittelbarer Ausdruck des Werdens +und Lebens, erschaut, nicht erkannt, von einer andern Logik und +Notwendigkeit, die nicht in Worte zu fassen ist, der des Schicksals. +Beide stehen einander gegenüber wie Leben und Tod, Richtung und +Ausdehnung, ewige Zukunft und ewige Vergangenheit. + +Der Zivilisation liegt das Gefühl der Natur, der schon gewordnen, +abgeschlossenen, erkannten, toten Welt zugrunde. Der Schritt von einer +Kultur zur Zivilisation läßt sich als die Metamorphose der Historie +in naturhafte Formen bezeichnen. Dies ist der geheimste Sinn jener +„Rückkehr zur Natur“, zur starren, vernunftmäßigen, gesetzmäßigen +Natur nämlich, der Wendung vom Schicksal zum Kausalen. Der faustische +Mensch des zivilisierten Stadiums, dessen Welt sich als ein Unendliches +kausaler Zusammenhänge repräsentiert, für den sich in Ursache und +Wirkung, Mittel und Zweck ihr Wesen erschöpft, +ist+ Sozialist. +Das ist die Form seiner geistigen Existenz. + ++Der Sozialismus ist das überhaupt erreichbare Maximum eines +Lebensgefühls unter dem Aspekt von Zwecken.+ Denn die bewegte +Richtung des Seins, in den Worten Zeit und Schicksal fühlbar, bildet +sich, sobald sie starr, bewußt, erkannt ist, in den Mechanismus von +Mittel und Zweck um. Richtung ist das Lebendige, Zweck das Tote. +Faustisch ist die Leidenschaft des Vordringens, sozialistisch der +mechanische Rest, der „Fortschritt“. Sie verhalten sich wie der Leib +zum Skelett. Dies ist zugleich der Unterschied des Sozialismus vom +Buddhismus und Stoizismus, die mit den Idealen des Nirwana und der +Ataraxia ebenso mechanisch gestimmt sind, aber nicht die dynamische +Leidenschaft der dritten Dimension, den Willen zum Unendlichen, das +Pathos der Ausdehnung kennen. + +Der Sozialismus ist -- trotz seiner oberflächlichen Illusionen -- kein +System des Mitleids, der Humanität, des Friedens und der Fürsorge, +sondern des Willens zur Macht. Alles andere ist Selbsttäuschung. Das +Ziel ist durchaus imperialistisch: Wohlfahrt, aber im expansiven Sinne, +nicht der Kranken, sondern der Tatkräftigen, denen man die Freiheit des +Wirkens geben will, ungehemmt durch die Widerstände des Besitzes, der +Geburt, der Tradition. Gefühlsmoral, Moral auf den Nutzen hin ist bei +uns nie der letzte Instinkt, so oft es sich die Träger dieser Instinkte +einbilden. Man wird immer an die Spitze der moralischen Modernität +Kant, in diesem Falle den Schüler Rousseaus stellen müssen, dessen +Ethik das Motiv des Mitleids ablehnt und den Satz prägt: „+Handle +so+, daß --“. Alle Ethik dieses Stils will Ausdruck des Willens zum +Unendlichen sein und dieser Wille fordert Überwindung des Augenblicks, +der Gegenwart, der Vordergründe des Lebens. An Stelle der sokratischen +Formel: „Wissen ist Tugend“ setzte schon Bacon den Spruch: „Wissen ist +Macht“. Der Stoiker nimmt die Welt, wie sie ist: Der Sozialist will sie +der Form, dem Gehalte nach organisieren, umprägen, mit +seinem+ +Geiste erfüllen. Der Stoiker paßt sich an. Der Sozialist befiehlt. +Die ganze Welt soll die Form +seiner+ Anschauung tragen -- so +läßt sich die Idee der „Kritik der reinen Vernunft“ ins Ethische +umsetzen. Das ist der letzte Sinn des kategorischen Imperativs, den +er aufs Politische, Soziale, Wirtschaftliche anwendet: Handle so, als +ob die Maxime deines Handelns +durch deinen Willen zum allgemeinen +Naturgesetz werden sollte+. Und diese tyrannische Tendenz ist selbst +den flachsten Erscheinungen der Zeit nicht fremd. + +Der Sozialismus ist zweitens eine seelische Dynamik. Nicht die Haltung +und Gebärde, die +Wirksamkeit+ soll gestaltet werden. Das Leben +kommt nur in Betracht, insofern es Tat ist. Und erst so, durch die +Mechanisierung des organischen Prinzips der Tat, entsteht die Idee ++der Arbeit als der zivilisierten Form faustischen Wirkens+. +Diese Moral, der Drang, dem Leben die denkbar aktivste Form zu geben, +ist stärker als die Vernunft, deren Moralprogramme, sie mögen noch +so geheiligt, inbrünstig geglaubt, leidenschaftlich verteidigt sein, +nur insoweit wirken, als sie in der Richtung dieses Dranges liegen +oder in ihr mißverstanden werden. Im übrigen bleiben sie Worte. Man +unterscheide in aller Modernität wohl die populäre (antik empfundene, +statische) Seite, das süße Nichtstun, die Sorge um Gesundheit, +Glück, Sorglosigkeit, den allgemeinen Frieden, kurz das vermeintlich +Christliche von dem höheren Ethos, das nur die Tat wertet, das den +Massen -- wie alles Faustische -- weder verständlich noch erwünscht +ist, die großartige +Idealisierung des Zweckes und also der +Arbeit+. Will man dem römischen „_Panem et circenses_“, dem +letzten epikuräisch-stoischen Lebenssymbol, das entsprechende Symbol +des Nordens zur Seite stellen, so muß es das +Recht auf Arbeit+ +sein, das schon dem durch und durch preußisch empfundenen, heute +europäisch gewordnen Staatssozialismus Fichtes zugrunde liegt und das +in den letzten, furchtbarsten Stadien dieser Entwicklung in der Pflicht +zur Arbeit gipfeln wird. + +Endlich das Napoleonische in ihm, das _aere perennius_, der Wille +zur Dauer, der Zukunft. Der ahistorische apollinische Mensch sah auf +ein goldenes Zeitalter +zurück+; das enthob ihn des Nachdenkens +über das Kommende. Der Sozialist -- der sterbende Faust -- ist der +Mensch der historischen Sorge, des Künftigen, das er als Aufgabe und +Ziel empfindet, demgegenüber das Glück des Augenblicks verächtlich +wird. Der antike Geist mit seinen Orakeln und Vogelzeichen will die +Zukunft nur +wissen+, der abendländische will sie +schaffen+. +Das +dritte Reich+ ist das germanische Ideal, ein ewiges Morgen, +an das alle großen Menschen von Dante bis Nietzsche und Ibsen -- Pfeile +der Sehnsucht nach dem andern Ufer, wie es im Zarathustra heißt -- +ihr Leben knüpften. Alexanders Leben war ein wundervoller Rausch, ein +Traum, in dem das homerische Zeitalter noch einmal heraufbeschworen +wurde; Napoleons Leben war eine ungeheure Arbeit, nicht für sich, nicht +für Frankreich, sondern für die Zukunft überhaupt. + +An dieser Stelle greife ich zurück und erinnere noch einmal +daran, wie verschieden die großen Kulturen sich das Wesen der ++Weltgeschichte+ vorgestellt haben: Der antike Mensch sah nur +sich, seine Geschicke als ruhende Nähe und fragte nicht nach dem +Woher und Wohin. Universalhistorie ist ihm ein unmöglicher Begriff. +Das ist die statische Geschichtsauffassung. Der magische Mensch +sieht Geschichte als das große Weltdrama zwischen Schöpfung und +Untergang, das Ringen zwischen Seele und Geist, Gut und Böse, Gott +und Teufel, eine streng begrenzte Aktion mit einer +einmaligen+ +Katastrophe als Höhepunkt: der Erscheinung des Erlösers. Der faustische +Mensch sieht in der Geschichte eine gespannte Entwicklung auf ein ++Ziel+. Die Reihe: Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit ist eine ++dynamische+ Idee. Er +kann+ sich Geschichte gar nicht anders +vorstellen, und wenn dies nicht Weltgeschichte an sich und überhaupt, +sondern das Bild einer Weltgeschichte faustischen Stils ist, das mit +der westeuropäischen Kultur beginnt und aufhört, wahr und vorhanden zu +sein, so ist der Sozialismus die logische, praktische Krönung dieser +Vorstellung. In ihm erhält das Bild den von der Gotik an vorbereiteten +Abschluß. + +Und hier wird der Sozialismus -- im Gegensatz zum Stoizismus und +Buddhismus -- tragisch. Es ist bedeutsam, daß Nietzsche von höchster +Klarheit ist, sobald es sich um die Frage handelt, was zertrümmert, was +umgewertet werden soll; er verliert sich in nebelhafte Allgemeinheiten, +sobald das Wozu, das Ziel in Rede steht. Seine Kritik der Dekadence +ist tief, seine Übermenschenlehre ist eine Marotte. Und dasselbe gilt +von Ibsen -- von Brand und Rosmersholm, Julian Apostata und Baumeister +Solneß --, von Hebbel, von Wagner, von allen. Und darin liegt eine +tiefe Notwendigkeit, denn von Rousseau an gibt es für den faustischen +Menschen nichts mehr zu hoffen. Hier ist etwas zu Ende. Die nordische +Seele hat ihre innern Möglichkeiten erschöpft und es blieb nur noch +der dynamische Sturm und Drang, wie er sich in welthistorischen +Zukunftsvisionen äußert, die mit Jahrtausenden messen, der Trieb, +die schöpferische Leidenschaft, eine geistige Daseinsform ohne +Inhalt. Diese Seele war Wille, Kraft und nichts andres; sie brauchte +ein Ziel für ihre Kolumbussehnsucht; sie +mußte+ einen Gehalt +ihrer Wirksamkeit sich wenigstens vortäuschen, und so findet der +feinere Beobachter einen Zug von Hjalmar Ekdal in aller Modernität, +auch in ihren höchsten Erscheinungen. Ibsen hat es die Lebenslüge +genannt. Nun, etwas von ihr liegt in der gesamten Geistigkeit der +westeuropäischen Zivilisation, insoweit sie auf eine religiöse, +künstlerische, philosophische Zukunft, ein immaterielles Ziel, ein +drittes Reich sich richtet, während in der tiefsten Tiefe ein dumpfes +Gefühl nicht schweigen will, daß diese ganze Wirksamkeit Schein, +die verzweifelte Selbsttäuschung einer historischen Seele ist. Aus +dieser tragischen Situation -- der Umkehrung des Hamletmotivs -- ist +Nietzsches gewaltsame Konzeption der Ewigen Wiederkunft hervorgegangen, +an die er niemals mit gutem Gewissen geglaubt hat, die er aber trotzdem +festhielt, um seine Verkünderrolle zu retten. Auf dieser Lebenslüge +ruht +Bayreuth+, das etwas sein +wollte+ im Gegensatz zu +Pergamon, das etwas +war+. Und ein Zug dieser Lüge haftet dem +gesamten politischen, wirtschaftlichen, ethischen Sozialismus an, +der gewaltsam über den +vernichtenden+ Ernst seiner Resultate +schweigt, um die Illusion eines letzten Glückszustandes zu retten. + + +20 + +Es bleibt noch ein Wort über die Geschichte der Philosophie zu sagen, +deren Morphologie ein Problem darstellt, das nicht einmal entdeckt, +geschweige denn gelöst worden ist. + +Es gibt keine Philosophie überhaupt; jede Kultur hat ihre eigne; +sie ist ein Teil ihres symbolischen Gesamtausdruckes, ein Stück +verwirklichten Seelentums. Sie entspricht als Phänomen den Formenwelten +der Mathematik und der großen Künste. Ihre Konzeptionen stehen neben +den entscheidenden Werken der Kunst, der Divina Comedia, dem Parzeval, +den Tragödien des Äschylus. Ihre Systeme haben Stil. Sie sind trotz der +äußeren Verknüpfung mit wissenschaftlicher Erfahrung freie Geburten +schöpferischer Geister. Jede Kultur hat aber auch ihre Philosophie des +Aufstiegs und des Niedergangs, eine metaphysische Periode, wo das Leben +noch Chaos in sich hat und aus einer Überfülle heraus weltgestaltend +wirkt, und eine ethische, wo das erschöpfte Leben auf sich selbst +Bedacht nehmen und den Rest von Gestaltungskraft auf die Fragen des +Tages verwenden muß. Die erste gehört zu den höheren Wirkungen einer +Kultur: die brahmanische, ionische, Barockphilosophie. Die zweite ist +zivilisierter Natur und beschränkt ihre Gültigkeit auf den Bannkreis +der großen Städte und die Wesensform des intellektuellen Menschen. In +der einen +offenbart+ sich das Leben, die andre nimmt das Leben +-- von außen -- zum Objekt. In der ersten finden wir von Anaximander +bis auf Plato und von Descartes bis auf Kant herab eine dichte Reihe +großer Gestalter. In ihnen durchdringt das apollinische und faustische +Seelentum das All und sucht sich seiner Geheimnisse zu bemächtigen. +So sehr die Logik mit ihren feinsten Mitteln zur Anwendung kommt, all +diesen Schöpfungen von tiefster Selbstverständlichkeit liegt eine ++Intuition+ zugrunde, der sich alles fügt. Noch das kantische +System ist in seinen letzten Zügen +geschaut+ und +danach+ +erst durch logische und systematische Prinzipien fixiert und geordnet +worden. + +Ein Beweis ist das Verhältnis zur Mathematik, deren Sinn als einer +unmittelbaren Intuition des Gewordnen -- durch die Konzeption der Idee +einer Zahl, deren Typus immer nur einer einzigen Kultur wesenhaft ist +-- hier zum erstenmal festgestellt wurde. Wer nicht in die Formenwelt +der Zahlen eingedrungen ist, wer sie nicht als Symbole in sich erlebt, +ist kein Metaphysiker. In der Tat waren es die großen Philosophen +des Barock, Descartes, Pascal, Hobbes, Leibniz, welche die Analysis +geschaffen haben, und das Entsprechende gilt von den Vorsokratikern und +Plato. Leibniz ist neben Newton und Gauß, Plato und Pythagoras sind +neben Archimedes Gipfel der mathematischen Entwicklung. Aber schon Kant +ist als Mathematiker ohne Bedeutung. Er ist in die letzten Feinheiten +der damaligen Infinitesimalrechnung so wenig eingedrungen, als er +Leibnizens Axiomatik begriffen hat. Darin ist er seinem „Zeitgenossen“ +Aristoteles gleich, der ebenfalls Dilettant _in mathematicis_ war, +und von nun an zählt kein Philosoph in der Mathematik mehr mit. Kant +ist sehr unglücklich in der Heranziehung von geometrischen Beweisen +für seine Erkenntnistheorie, und die Kritik der reinen Vernunft +verrät, daß ihm nur die Elementarmathematik wirklich lebendig ist, +zum großen Schaden seiner Raum- und Zeittheorie, die eine Prüfung +durch die schwersten Fragen der Infinitesimalrechnung erfordert hätte. +Fichte, Hegel, Schelling endlich sind völlig unmathematisch, so gut +wie Zenon und Epikur. Schopenhauer ist schwach bis zur Borniertheit, +von Nietzsches gelegentlichen seltsamen Leistungen ganz zu schweigen. +Aber auch das ist „Rückkehr zur Natur“. Mit der Formenwelt der Zahlen +ging eine große Konvention verloren. Seitdem fehlt es nicht nur an +einer Tektonik der Systeme, es fehlt auch an dem, was man den +großen +Stil+ des Denkens nennen darf. Schopenhauer hat sich selbst +einen Gelegenheitsdenker genannt. Man erinnere sich der Beziehung +der Mathematik zur Plastik und Musik. Kant und Plato bezeichnen +die Schwelle. Die „Philosophie ohne Mathematik“ beginnt. Die Ethik +ist im Begriff, über ihren Rang als Teil einer abstrakten Theorie +hinauszuwachsen. Von nun an ist die Ethik +die+ Philosophie, +welche die andern Gebiete sich einverleibt, das heißt: nicht der +Makrokosmos, sondern das praktische Leben rückt in den Mittelpunkt +der Betrachtung. Der Horizont ist eng geworden. Die Leidenschaft des +reinen Denkens sinkt. Die Metaphysik, Herrin von gestern, wird zur +Dienerin von heute. Sie hat nur noch das Fundament zu bilden, das eine +praktische Gesinnung trägt. Und das Fundament wird immer überflüssiger. +Man vernachlässigt, man verspottet das Metaphysische, das Unpraktische, +die „Steine statt des Brotes“. Bei Schopenhauer ist es das vierte +Buch, um dessentwillen die drei ersten da sind. Kant glaubte nur, +daß es bei ihm so wäre. In der Tat ist ihm noch die reine, nicht die +praktische Vernunft Mittelpunkt der Schöpfung. Genau so scheidet +sich die antike Philosophie vor und nach Aristoteles: dort ein groß +aufgefaßter Kosmos, kaum bereichert durch eine formale Ethik, hier +die Ethik selbst, als Programm, als Not, auf der Basis einer nebenher +und flüchtig konzipierten Metaphysik. Und man fühlt, daß die logische +Gewissenlosigkeit, mit der zum Beispiel Nietzsche derlei Theorien +schnell hinwirft, gar nicht imstande ist, den Wert seiner eigentlichen +Philosophie herabzusetzen. + +Bekanntlich ist Schopenhauer (Neue Paralipomena § 656) nicht von seiner +Metaphysik zum Pessimismus, sondern vom Pessimismus, der ihn in seinem +17. Jahre überfiel, zur Konstruktion seines Systems gekommen. Shaw, +ein sehr merkwürdiger Zeuge, macht im Ibsenbrevier darauf aufmerksam, +daß man bei Schopenhauer -- wie er sich ausdrückt -- sehr wohl seine +Philosophie annehmen kann, während man seine Metaphysik ablehnt. Damit +ist instinktiv das gesondert, wodurch er der erste Denker der neuen +Zeit war, und das, was einer veralteten Tradition nach damals zu einer +vollständigen Philosophie gehörte. Niemand würde diese Trennung bei +Kant vornehmen. Sie würde auch nicht gelingen. Bei Nietzsche aber läßt +sich leicht feststellen, daß seine „Philosophie“ durchaus ein inneres, +sehr frühes Erlebnis war, während er seinen Bedarf an Metaphysik an +der Hand einiger Bücher schnell und mangelhaft genug herstellte und +nicht einmal seine ethische Lehre exakt darzustellen vermochte. Genau +dieselbe Überlagerung einer lebendigen, zeitgemäßen und einer von der +Gewohnheit geforderten metaphysischen Gedankenschicht läßt sich bei +Epikur und den Stoikern nachweisen. Diese Erscheinung gestattet über +das Wesen einer zivilisierten Philosophie keinen Zweifel. + +Die Metaphysik hat ihre Möglichkeiten erschöpft. Die Weltstadt hat +das Land endgültig überwunden und ihr Geist bildet sich jetzt eine +eigne, notwendigerweise nach außen gerichtete, mechanistische, +seelenlose Theorie. Mit einem gewissen Rechte sagt man von nun an +Gehirn statt Seele. Und da im westeuropäischen Gehirn der Wille zur +Macht, die tyrannische Richtung auf die Zukunft, auf Organisation +der Gesamtheit nach praktischem Ausdruck verlangt, so nimmt die +Ethik, je mehr sie ihre metaphysische Vergangenheit aus den Augen +verliert, +nationalökonomischen+ Charakter an. Die von Hegel und +Schopenhauer ausgehende Philosophie der Gegenwart, soweit sie den Geist +der Zeit repräsentiert -- was Lotze und Herbart z. B. nicht tun -- ist ++Gesellschaftskritik+. + +Die Aufmerksamkeit, welche der Stoiker dem eigenen Körper, dem σῶμα, +zuwendet, widmet der abendländische Mensch dem Gesellschaftskörper. +Es ist kein Zufall, daß aus der Schule Hegels der Sozialismus (Marx, +Engels), der Anarchismus (Stirner) und die Problematik des sozialen +Dramas (Hebbel) hervorgingen. Der Sozialismus ist die ins Ethische, +und zwar ins +Imperativische+ umgewandte Nationalökonomie. +Solange es eine Metaphysik großen Stils gab, bis auf Kant, blieb +die Nationalökonomie eine +Wissenschaft+. Sobald „Philosophie“ +gleichbedeutend mit praktischer Ethik wurde, trat sie an Stelle der +Mathematik als +Normativ des Weltdenkens+. + +Es steht dem Philosophen nicht frei, seine Stoffe zu wählen, so wenig +die Philosophie immer und überall dieselben Stoffe hat. Es gibt +keine ewigen Fragen, es gibt nur Fragen, die aus dem Dasein eines +historisch-individuellen Menschentums, einer +einzelnen+ Kultur +heraus gefühlt und gestellt werden. „Alles Vergängliche ist nur ein +Gleichnis“ -- das gilt auch von jeder echten Philosophie als dem +geistigen Ausdruck dieses Daseins, als der Verwirklichung seelischer +Möglichkeiten in einer Formenwelt von Begriffen, Gedanken, Intuitionen, +zusammengefaßt in der lebendigen Erscheinung ihres Urhebers. Eine +jede ist vom ersten bis zum letzten Wort, vom abstraktesten Thema +bis zum persönlichsten Charakterzuge ein Gewordnes, aus der Seele in +die Welt, aus dem Reiche der Freiheit in das der Notwendigkeit, aus +dem unmittelbar Lebendigen ins Räumlich-Logische projiziert, reines +Symbol einer historisch begrenzten Art des Menschlichen und mithin +vergänglich, von bestimmtem Tempo, von bestimmter Lebensdauer. Deshalb +liegt eine strenge Notwendigkeit in der Wahl des Themas. Jede Epoche +hat ihr eignes, das für sie und keine andre bedeutend ist. Hier sich +nicht zu vergreifen, kennzeichnet den gebornen Philosophen. Der Rest +der philosophischen Produktion ist belanglos, bloße Fachwissenschaft, +langweilige Häufung systematischer und stofflicher Subtilitäten. + +Und deshalb ist die Philosophie des 19. Jahrhunderts +nur+ Ethik, +nur Gesellschaftskritik in produktivem Sinne und nichts außerdem. +Deshalb sind, von Praktikern abgesehen, +Dramatiker+ -- das +entspricht der faustischen Aktivität -- ihre bedeutendsten Vertreter, +neben denen kein einziger Kathederphilosoph mit seiner Logik, +Psychologie oder Systematik in Betracht kommt. Nur dem Umstande, daß +diese Unbedeutenden, bloße Gelehrte, immer auch die Geschichte der +Philosophie -- und was für eine Geschichte! Eine Summation von Personen +und „Ergebnissen“ -- geschrieben haben, verdankt man es, daß niemand +heute weiß, was Geschichte der Philosophie ist und was sie sein könnte. + +Die tiefe organische Einheit im Denken dieser Epoche ist deshalb noch +nie durchschaut worden. Man kann ihren philosophischen Kern dadurch auf +eine Formel bringen, daß man sich fragt, inwiefern Shaw der Schüler +und Vollender Nietzsches ist. Diese Beziehung ist zunächst durchaus +nicht ironisch gemeint. Unter einem Denker verstehe ich den, der seine +Zeit repräsentiert, indem er ihren lebendigen Inhalt (der mit dem +aktuellen wenig oder nichts zu tun hat) in endgültige geistige Formen +bringt. In seiner Analyse des Griechentums ist Nietzsche nur insoweit +Denker und nicht Philologe oder Plauderer, als er unter dieser Maske +sein Problem der Decadence gestaltet. In seinen Komödien ist Shaw nur +insoweit Denker und nicht bloß Nationalökonom und Journalist, als +seine Probleme auch in antiker Fassung hätten erscheinen können. Man +muß nur ihr Wesentliches von ihrer äußern Tendenz zu unterscheiden +wissen. Shaw ist der einzige Denker von Bedeutung, der konsequent in +der Richtung des echten Nietzsche fortgeschritten ist, als produktiver +Kritiker der abendländischen Moral nämlich, wie er andrerseits als +Dichter die letzten Konsequenzen Ibsens zog und den Rest künstlerischer +Gestaltung in seinen Stücken zugunsten praktischer Diskussionen aufgab, +wobei „Denker“ und „Dichter“ bei diesem letzten und schon ein wenig +epigonenhaften Glied der Reihe nun doch mit der nötigen Ironie gesagt +wird, selbst wenn man die Differenz zwischen deutschem und englischem +Geist, zwischen dem Ausklang einer posthumen, fast unterirdischen +Kultur, die eben in Nietzsche überraschend ans Licht trat, und einer +in sich vollendeten, rein gehirnlichen Zivilisation, zwischen einer +Vogelperspektive, zu der immer wieder der Flug genommen, und der +Froschperspektive, die mit borniertem Behagen eingehalten wird, vorher +subtrahiert hat. + +Nietzsche ist in allem und jedem, soweit nicht der verspätete +Romantiker in ihm Stil, Klang und Haltung seiner Philosophie bestimmt +hat, ein Schüler materialistischer Jahrzehnte gewesen. Was ihn an +Schopenhauer leidenschaftlich anzog, ohne daß es ihm oder irgendjemand +anders bis zum heutigen Tage zum Bewußtsein gekommen wäre, ist +dasjenige Element seiner Lehre, durch welches er die Metaphysik +großen Stils zerstörte, durch das er seinen Meister Kant unfreiwillig +parodiert hat, die Wendung aller tiefen Begriffe des Barock ins +massiv Greifbare und Mechanistische. Kant redet in unzulänglichen +Worten, hinter denen sich eine gewaltige, schwer zugängliche Intuition +verbirgt, von der Welt als Erscheinung; Schopenhauer nennt das die Welt +als Gehirnphänomen. In ihm vollzieht sich die Wendung der tragischen +Philosophie zum philosophischen Plebejertum. Es genügt, eine Stelle +zu zitieren. In der „Welt als Wille und Vorstellung“ (II, Kapitel +19) heißt es: „Der Wille, als das Ding an sich, macht das innere, +wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus: an sich selbst ist er +jedoch bewußtlos. Denn das Bewußtsein ist bedingt durch den Intellekt, +und dieser ist ein bloßes Akzidens unseres Wesens; denn er ist eine +Funktion des Gehirns, welches, nebst den ihm anhängenden Nerven und +Rückenmark, eine bloße Frucht, ein Produkt, ja insofern ein Parasit +des übrigen Organismus ist, als es nicht direkt eingreift in dessen +inneres Getriebe, sondern dem Zweck der Selbsterhaltung bloß dadurch +dient, daß es die Verhältnisse desselben zur Außenwelt reguliert.“ +Das ist genau das Grundprinzip des seichtesten Materialismus. Nicht +umsonst war Schopenhauer, wie einst Rousseau, zu den englischen +Sensualisten in die Lehre gegangen. Dort lernte er Kant im Geiste der +großstädtischen, aufs Zweckmäßige gerichteten Modernität mißverstehen. +Der Intellekt als Werkzeug des Willens zum Leben,[113] als Waffe im +Kampf ums Dasein, das, was Shaw in eine groteske dramatische Form und +Bergson in ein epigonenhaftes, aus deutschen Denkern zusammengestelltes +System gebracht hat, dieser Weltaspekt Schopenhauers war es, der +ihn beim Erscheinen von Darwins Hauptwerk (1859) mit einem Schlage +zum Modephilosophen machte. Er war im Gegensatz zu Schelling, Hegel +und Fichte der einzige, dessen metaphysische Formeln dem geistigen +Mittelstand ohne Schwierigkeit eingingen. Seine Klarheit, auf die er +stolz war, ist in jedem Augenblick in Gefahr, sich als Trivialität +zu enthüllen. Hier konnte man, ohne auf Formeln zu verzichten, die +eine Atmosphäre von Tiefsinn und Exklusivität um sich breiteten, +die gesamte zivilisierte Weltanschauung sich zu eigen machen. Sein +System ist +antizipierter Darwinismus+, dem die Sprache Kants und +die Begriffe der Inder nur zur Verkleidung dienten. In seinem Buche +„Über den Willen in der Natur“ (1835) finden wir schon den Kampf um +die Selbstbehauptung in der Natur, den menschlichen Intellekt als +die wirksamste Waffe in ihm, die Geschlechtsliebe als die unbewußte +Wahl[114] aus biologischem Interesse. + +Es ist die gesamte Lehre, die Darwin auf dem Umweg über Hegel +und Malthus mit sensationellem Erfolge in das Bild der Tierwelt +hineininterpretierte. Die nationalökonomische Herkunft des Darwinismus +-- die man erst künftig verstehen wird, wenn die Menschen nicht mehr +Darwinisten aus Instinkt sind, bevor die „Entstehung der Arten“ sie +zu solchen aus Überzeugung macht -- wird glänzend bewiesen durch die +Tatsache, daß dieses System, von der Menschenähnlichkeit höherer +Tiere aus gedacht, schon auf die Pflanzenwelt nicht mehr paßt und +in Albernheiten ausartet, wenn man es mit seiner Willenstendenz +(Zuchtwahl, _mimicry_) auch auf primitive organische Formen +anwenden will. Beweisen nennt der abendländische Biologe, eine Auswahl +von Tatsachen so ordnen und bildhaft so erklären, daß sie seinem +historisch-dynamischen Grundgefühl „Entwicklung“ entspricht. Der +„Darwinismus“, d. h. jene Summe sehr verschiedenartiger und einander +widersprechender Ansichten, deren Gemeinsames lediglich die Anwendung +des Kausalprinzips auf Lebendiges, +also Methode, nicht Resultat+ +ist, war schon im 18. Jahrhundert in allen Einzelheiten bekannt. Die +Affentheorie verteidigt Rousseau schon 1754. Von Darwin stammt nur +das manchesterliche System, dessen Popularität sich aus dem latenten +politischen Gehalt erklärt. + +Hier offenbart sich die geistige Einheit des Jahrhunderts. Von +Schopenhauer bis zu Shaw haben alle, ohne es zu ahnen, dasselbe +Prinzip in Form gebracht. Sie werden alle vom Entwicklungsgedanken +geleitet, auch die, welche wie Hebbel nichts von Darwin wußten, +und zwar nicht in seiner tiefen Goetheschen, sondern in seiner +flachen zivilisierten Fassung, mag sie nun nationalökonomisches oder +biologisches Gepräge tragen. Auch innerhalb der Entwicklungsidee, +die durch und durch faustisch ist, die im strengsten Gegensatz zur +zeitlosen aristotelischen Entelechie einen leidenschaftlichen Drang +der unendlichen Zukunft entgegen offenbart, einen +Willen+, ein ++Ziel+, die a priori die +Form+ unserer Naturanschauung +darstellt und als Gesetz gar nicht erst entdeckt zu werden brauchte, +weil sie dem faustischen Geiste -- und ihm allein -- immanent ist, +vollzog sich die Wandlung der Kultur zur Zivilisation. Bei Goethe, der +darin zum Barock gehört, ist sie erhaben, bei Darwin flach, bei Goethe +organisch, bei Darwin mechanisch, bei jenem Erlebnis und Intuition, +bei diesem Erkenntnis und Gesetz. Dort heißt sie innere Vollendung, +hier „Fortschritt“. Darwins Kampf ums Dasein, den er in die Natur +hinein, nicht aus ihr herauslas, ist nur die plebejische Fassung jenes +Urgefühls, das in Shakespeares Tragödien die großen Wirklichkeiten +gegeneinander bewegt. Was dort als Schicksal innerlich angeschaut, +gefühlt und in Gestalten verwirklicht wurde, das wurde hier als +Kausalnexus begriffen und in ein utilitarisches Oberflächensystem +gebracht. Und dies System, nicht jenes Urgefühl, liegt den Reden +Zarathustras, der Tragik der „Gespenster“, der Problematik des +Nibelungenringes zugrunde. Nur daß Schopenhauer, an den Wagner sich +hielt, als der erste der Reihe seine eigne Erkenntnis entsetzt wahrnahm +-- dies ist die Wurzel seines Pessimismus, der in der Tristanmusik den +höchsten Ausdruck fand --, während die Späteren, Nietzsche voran, sich +an ihr, etwas gewaltsam zuweilen, begeisterten. + +In Nietzsches Bruch mit Wagner, diesem letzten Ereignis des deutschen +Geistes, über dem Größe liegt, verbirgt sich sein Wechsel des +Lehrmeisters, sein Schritt von Schopenhauer zu Darwin, von der +metaphysischen zur physiologischen Formulierung desselben Weltgefühls, +von der Verneinung zur Bejahung des Aspekts, den +beide+ +anerkennen, nämlich des Willens zum Leben, der mit dem Kampf ums Dasein +identisch ist. In „Schopenhauer als Erzieher“ bedeutet Entwicklung +noch inneres Reifen; der Übermensch ist das Produkt einer mechanischen +„Evolution“. So ist der Zarathustra +ethisch+ aus einem unbewußten +Widerspruch gegen den Parsifal, +künstlerisch+ durchaus von +diesem bestimmt, aus der Eifersucht eines Verkünders auf den andern, +entstanden. + +Aber Nietzsche war auch Sozialist, ohne es zu wissen. Nicht seine +Schlagworte, seine Instinkte waren sozialistisch, imperativisch, +praktisch, auf das physiologische „Heil der Menschheit“ gerichtet, +woran Goethe und Kant nie gedacht hatten. Materialismus, Sozialismus, +Darwinismus sind nur künstlich und an der Oberfläche trennbar. So war +es möglich, daß Shaw den Tendenzen der Herrenmoral und der Züchtung +des Übermenschen nur eine kleine und sogar konsequente Wendung zu +geben brauchte, um im dritten Akte von „Mensch und Übermensch“, einem +der wichtigsten und bezeichnendsten Werke am Ausgang der Epoche, die +eigentliche Maxime +seines+ Sozialismus zu erhalten. Shaw hat da +nur ausgesprochen, aber rücksichtslos, klar, mit dem vollen Bewußtsein +einer Trivialität, was ursprünglich, mit aller Theatralik Wagners und +aller Verschwommenheit der Romantik, in den nicht ausgeführten Teilen +des Zarathustra gesagt werden sollte. Man muß nur die notwendigen ++praktischen+, aus der Struktur des gegenwärtigen öffentlichen +Lebens folgenden Voraussetzungen und Konsequenzen der Gedankengänge +Nietzsches zu finden wissen. Er bewegt sich in unbestimmten Wendungen +wie „neue Werte“, „Übermensch“, „Sinn der Erde“ und hütet oder fürchtet +sich, das genauer zu fassen. Shaw tut es. Nietzsche bemerkt, daß +die darwinistische Idee des Übermenschen den Begriff der Züchtung +heraufruft, aber er bleibt bei der klangvollen Phrase stehen. Shaw +fragt weiter -- denn es hat keinen Zweck, darüber zu reden, wenn man +nichts +tun+ will --, wie das zu geschehen hat, und er kommt dazu, +die Verwandlung der Menschheit in ein Gestüt zu verlangen. Aber das +ist lediglich die Konsequenz Zarathustras, zu der er selbst nur nicht +den Mut, sei es auch den Mut der Geschmacklosigkeit, hatte. Wenn man +von Züchtung redet, einem extrem materialistischen und utilitarischen +Begriff, der die Ehe zu einer sexuellen Institution im Interesse einer +Gesamtheit und im Hinblick auf ein physiologisches Ziel macht, so ist +man eine Antwort darauf schuldig, wer zu züchten hat, wen, wo und +wie. Allein Nietzsches romantische Abneigung, die höchst prosaischen +sozialen Konsequenzen zu ziehen, seine Furcht, poetische Utopien +durch Konfrontierung mit tatsächlichen Verhältnissen einer Kraftprobe +auszusetzen, ließen ihn darüber schweigen, daß seine ganze positive +Lehre, wie sie aus dem Darwinismus stammt, auch den Sozialismus, und +zwar den sozialistischen Zwangsstaat als +Mittel+ voraussetzt, daß +jeder systematischen Züchtung einer Klasse höherer Menschen eine streng +sozialistische Gesellschaftsordnung voraufgehen muß und daß diese +„dionysische“ Idee, da es sich um eine gemeinsame Aktion und nicht um +eine Privatangelegenheit abseits lebender Denker handelt, demokratisch +ist, mag man sie wenden, wie man will. Damit hat die ethische Dynamik +des „Du sollst“ ihren Gipfel erreicht: um der Welt die Form seines +Willens aufzuerlegen, opfert der faustische Mensch sich selbst. + +Schon Schopenhauer hatte vom Herdenmenschen als der Fabrikware der +Natur gesprochen. Die Züchtung des Übermenschen folgt aus dem Begriff +der Zuchtwahl. Nietzsche war, seit er Aphorismen schrieb, ein Schüler +Darwins, aber Darwin selbst hatte den Entwicklungsgedanken des 18. +Jahrhunderts durch nationalökonomische Tendenzen umgeprägt, die er von +seinem Lehrer Malthus nahm und in das höhere Tierreich projizierte. +Der Darwinismus ist eine sozialpolitische Konzeption. Malthus hatte +die Fabrikindustrie von Lancaster studiert, und man findet das ganze +System, statt auf Tiere auf Menschen angewendet, schon in Buckles +Geschichte der englischen Zivilisation (1857). + +Und so stammt die „Herrenmoral“ dieses letzten Romantikers auf einem +merkwürdigen, aber für den Sinn der Zeit höchst bezeichnenden Wege +aus der Quelle aller intellektuellen Modernität, der Atmosphäre der +englischen Maschinenindustrie. Der Macchiavellismus, den Nietzsche als +Renaissancephänomen etwas zu oft pries und dessen Verwandtschaft mit +Darwins Begriff des _mimicry_ man nicht übersehen sollte, war +damals tatsächlich der im „Kapital“ von Marx -- dem andern berühmten +Jünger von Malthus -- behandelte und die Vorstufe dieses seit 1867 +erscheinenden Grundbuches des politischen (nicht des ethischen) +Sozialismus, die Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, +erschien gleichzeitig mit Darwins Hauptwerk. Das ist die Genealogie +der Herrenmoral. Der „Wille zur Macht“, ins Reale, Politische, +Nationalökonomische übersetzt, findet seinen stärksten Ausdruck in +Shaws „Major Barbara“. Sicherlich ist Nietzsche als Persönlichkeit +der Gipfel dieser Reihe von Ethikern, aber hier reicht Shaw, der +Parteipolitiker, als Denker an ihn heran. Der Wille zur Macht ist heute +durch die beiden Pole des öffentlichen Lebens, die Arbeiterklasse und +die großen Geld- und Gehirnmenschen, viel entschiedener vertreten +als je durch einen Borgia. Der Milliardär Undershaft in dieser +besten Komödie Shaws +ist+ Übermensch. Nur hätte Nietzsche, der +Romantiker, sein Ideal nicht wieder erkannt. Er sprach stets von einer +Umwertung, einer Philosophie der Zukunft, also doch zunächst der +westeuropäischen und nicht chinesischen oder afrikanischen Zukunft, +aber wenn seine immer in dionysischer Ferne verschwimmenden Gedanken +sich wirklich einmal zu greifbaren Gebilden verdichteten, so erschien +ihm der Wille zur Macht unter dem Bilde von Dolch und Gift und nicht +von Streiks und der Energie des Geldes. Trotzdem hat er erzählt, daß +die Idee ihm zuerst im Kriege von 1870 und beim Anblick preußischer +Regimenter, die zur Schlacht marschierten, aufgegangen sei. + +Die gesamte Dramatik dieser Epoche ist nicht mehr Dichtung im +alten, im Kultursinne, sondern praktische Konstruktion, Debatte und +Beweisführung: die Schaubühne wurde durchaus als „moralische Anstalt +betrachtet“. Selbst Nietzsche neigte wiederholt zu dramatischer Fassung +seiner Gedanken. Richard Wagner hat in seiner Nibelungendichtung, vor +allem in der frühesten Fassung um 1850, seine sozialrevolutionären +Ideen niedergelegt, und Siegfried ist auf dem Umwege über künstlerische +und außerkünstlerische Einwirkungen noch im vollendeten „Ring“ eine +Inkarnation des „vierten Standes“, der Fafnirhort des Kapitalismus, +Brünhilde des „freien Weibes“ geblieben. Die Musik zur geschlechtlichen +Zuchtwahl, deren Theorie, die „Abstammung der Arten“, 1859 erschien, +findet sich eben damals im dritten Akte des Siegfried und im Tristan. +Es ist kein Zufall, daß Wagner, Hebbel und Ibsen beinahe gleichzeitig +die Dramatisierung des Nibelungenstoffes unternahmen. Hebbel, als +er in Paris Schriften von Fr. Engels kennen lernt, drückt sein +Erstaunen darüber aus (Brief vom 2. April 1844), daß er das soziale +Prinzip der Zeit, wie er es damals in einem Drama „Zu irgendeiner +Zeit“ darstellen wollte, ganz ebenso aufgefaßt habe wie der Verfasser +des kommunistischen Manifestes, und bei seiner ersten Bekanntschaft +mit Schopenhauer (Brief vom 29. März 1857) überrascht ihn auch die +Verwandtschaft der „Welt als Wille und Vorstellung“ mit wichtigen +Tendenzen, die er seinem Holofernes und „Herodes und Mariamne“ +zugrunde gelegt hatte. Hebbels Tagebücher, deren wichtigster Teil +zwischen 1835 und 1845 niedergeschrieben wurde, sind eine der tiefsten +philosophischen Leistungen des Jahrhunderts, ohne daß er sich dessen +bewußt gewesen wäre. Man würde nicht erstaunt sein, ganze Sätze von ihm +wörtlich bei Nietzsche zu finden, der ihn nie gekannt und nur in seinen +besten Momenten erreicht hat. + +Ich gebe hier eine Übersicht über die +wirkliche+ Philosophie +des 19. Jahrhunderts, deren einziges und eigenstes Thema die +Konzeption des Willens zur Macht in einer zivilisiert-intellektuellen +Gestalt, als Wille zum Leben, Lebenskraft, als praktisch-dynamisches +Prinzip, als Begriff oder dramatische Gestalt ist. Die mit Shaw ++abgeschlossene+ Epoche repräsentiert das Klimakterium der +abendländischen Geistigkeit und entspricht darin der antiken +zwischen 350 und 250. Der Rest ist, mit Schopenhauer zu reden, +Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren. + +1819 Schopenhauer „Welt als Wille und Vorstellung“: der Wille zum Leben +zum erstenmal als einzige Realität („Urkraft“) in den Mittelpunkt +gestellt, aber noch unter dem Eindruck des voraufgegangenen Idealismus +zur Verneinung empfohlen. + +1836 Schopenhauer „Über den Willen in der Natur“: Antizipation des +Darwinismus, metaphysisch verkleidet. + +1840 Proudhon „Qu’est-ce que la Propriété!“ (Grundlage des Anarchismus). + +1841 Hebbel „Judith“: erste dramatische Konzeption des „neuen Weibes“ +und des Übermenschen (Holofernes). -- Feuerbach, Wesen des Christentums. + +1844 Engels „Umriß der Kritik einer Nationalökonomie“: Grundlage der +materialistischen Geschichtsauffassung. -- Hebbel „Maria Magdalena“: +das erste soziale Drama. + +1847 Marx „Misère de la Philosophie“ (Synthese von Hegel und Malthus). +Diese Jahre die entscheidende Epoche, mit welcher die Nationalökonomie +die Sozialethik und Biologie zu beherrschen beginnt. + +1848 Wagner „Siegfrieds Tod“: Siegfried als sozialethischer +Revolutionär, der Fafnirhort als Symbol des Kapitalismus. + +1850 Wagner „Kunst und Klima“: das Sexualproblem. + +1850-58 Wagners, Hebbels und Ibsens Nibelungendichtungen. + +1859 ein symbolisches Zusammentreffen: Darwin „Entstehung der Arten +durch natürliche Zuchtwahl“ (Anwendung der Nationalökonomie auf die +Biologie) und „Tristan und Isolde“. -- Marx „Zur Kritik der politischen +Ökonomie“. + +1865 Dühring „Wert des Lebens“, selten genannt, aber von höchstem +Einfluß auf die nächste Generation. + +1867 Ibsen „Brand“ und das „Kapital“ von Marx. + +1878 Wagner „Parsifal“: erste Auflösung des Materialismus in +Mystizismus. + +1879 Ibsen „Nora“. + +1881 Nietzsche „Morgenröte“: Übergang von Schopenhauer zu Darwin, die +Moral als biologisches Phänomen. + +1883 der „Zarathustra“: der Wille zur Macht, aber +romantisch-philologisch verkleidet. + +1886 „Rosmersholm“ (die „Adelsmenschen“) und „Jenseits von Gut und +Böse“. + +1887/88 Strindberg „Vater“ und „Fräulein Julie“. + +1890 der nahende Abschluß der Epoche: die religiösen Werke Strindbergs, +die symbolistischen Ibsens. + +1896 Ibsen „John Gabriel Borkman“. + +1898 Strindberg „Nach Damaskus“. + +Seit 1900 die letzten Erscheinungen. + +1903 Weininger „Geschlecht und Charakter“: der einzige ernste Versuch, +Kant durch Beziehung auf Wagner und Ibsen innerhalb dieser Epoche +wiederzubeleben. + +1903 Shaw „Mensch und Übermensch“: letzte Synthese von Darwin und +Nietzsche. + +1905 Shaw „Major Barbara“: der Typus des Übermenschen auf seinen +wirtschaftspolitischen Ursprung zurückgeführt. + +Damit hat sich, nach der metaphysischen Periode, auch die ethische +erschöpft. Der ethische Sozialismus, von Fichte, Hegel, Humboldt +vorbereitet, hatte die Zeit seiner leidenschaftlichen Größe um die +Mitte des 19. Jahrhunderts. An dessen Ende war er schon im Stadium +der Wiederholungen angelangt und das 20. Jahrhundert hat, unter +Beibehaltung des +Wortes+ Sozialismus, an Stelle einer ethischen +Philosophie, die nur Epigonen als unvollendet erscheint, eine Praxis +wirtschaftlicher Tagesfragen gesetzt. Die Weltstimmung des Abendlandes +wird eine sozialistische bleiben, aber ihre Theorie hat aufgehört +Problem zu sein. Es besteht die Möglichkeit einer dritten und letzten +Art westeuropäischer Philosophie: die eines historisch-psychologischen +Skeptizismus. Das Geheimnis der Welt erscheint nacheinander als +Erkenntnisproblem, Wertproblem, Formproblem. Kant sah die Ethik als +Erkenntnisgegenstand, das 19. Jahrhundert sah die Erkenntnis als +Gegenstand einer Wertung. Der Skeptiker würde beide lediglich als +historische Phänomene betrachten. + + +Fußnoten: + +[Footnote 104: Nach dem, was über das Fehlen prägnanter Worte für +„Wille“ und „Raum“ in den antiken Sprachen und die tiefere Bedeutung +dieser Lücken bemerkt worden ist, wird es nicht auffallen, daß auch der +Unterschied von Tat und Tätigkeit (Handlung, Geschehen) sich weder im +Griechischen noch im Lateinischen exakt wiedergeben läßt.] + +[Footnote 105: „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ -- darin liegt +kein Machtanspruch. So hat die abendländische Kirche ihre Mission ++nicht+ aufgefaßt. Die „Heilsbotschaft“ Jesu, die des Mani, der +Mithrasreligion, der Neuplatoniker und all der benachbarten +spätantik-syrischen Kulte sind geheimnisvolle Wohltaten, die man ++erweist+, nicht aufdrängt. Das junge Christentum ahmte, nachdem +es in die antike Welt eingeströmt war, lediglich die Mission der +späten Stoa nach. Man mag Paulus zudringlich finden und man hat die +stoischen Wanderprediger so gefunden, wie die Zeitliteratur beweist; ++gebieterisch+ treten sie nicht auf. Man kann ein entlegenes Beispiel +hinzufügen und die Ärzte der magischen Art, die ihre geheimnisvollen +Arkana anpriesen, den abendländischen gegenüberstellen, die ihrem +Wissen +Gesetzeszwang verliehen+ (Impfzwang, Trichinenschau usw.).] + +[Footnote 106: Im Zarathustra heißt es („Von der schenkenden Tugend“): +Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein +Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: „Alles für mich.“ +Diese Stelle ist rein sozialistisch und darwinistisch, aber gewiß nicht +hellenisch -- „dionysisch -- gedacht.“] + +[Footnote 107: Dies ist die Formel der Barockphilosophie von Descartes +bis Kant. Die gotische Philosophie gestaltete das gleiche Gefühl zur +Frage nach dem Primat des Willens oder der Vernunft. Duns Scotus hat +hier im Namen des nordischen, des dynamischen Lebensgefühls, den +Satz „_Voluntas est superior intellectu_“ der magisch-augustinischen +Meinung des Thomas von Aquino entgegengestellt. Schon hier kündigt sich +die Konzeption Schopenhauers von der Welt als Wille und Vorstellung +oder der Welt als Lebenskraft und dem Intellekt als deren Werkzeug +(Schelling, Nietzsche) an.] + +[Footnote 108: Der erste beruht auf dem atheistischen System des +Sankhya, der zweite durch Sokrates’ Vermittlung auf der Sophistik, der +dritte auf dem englischen Sensualismus.] + +[Footnote 109: Erst nach Jahrhunderten hat man aus der buddhistischen +Lebensbetrachtung, die weder einen Gott noch eine Metaphysik anerkennt, +durch Zurückgreifen auf die längst erstarrte brahmanische Theologie das +Surrogat einer Religion gemacht.] + +[Footnote 110: Und es müßte erst gesagt werden, ob mit dem Christentum +der Kirchenväter oder mit dem der Kreuzzüge, denn dies sind zwei +verschiedene Religionen unter derselben dogmatisch-kultischen +Gewandung. Der gleiche Mangel an historisch-psychologischem Feingefühl +tritt in dem beliebten Vergleich des heutigen Sozialismus mit dem +Urchristentum zutage.] + +[Footnote 111: Man beachte die auffallende Ähnlichkeit vieler +Römerköpfe mit denen heutiger Tatsachenmenschen amerikanischen Stils +und, wenn auch nicht so deutlich, mit manchen ägyptischen Porträtköpfen +des Neuen Reichs.] + +[Footnote 112: Das Latein des 3. Jahrhunderts v. Chr. war noch eine +bewegliche farbenreiche Bauernsprache.] + +[Footnote 113: Auch die äußerst moderne Idee, daß die unbewußten, +instinkthaften Lebensakte Vollkommenes bewirken, während der Intellekt +es nur zu stümperhaften Leistungen bringt, findet sich bei ihm (Band +II, Kap. 20).] + +[Footnote 114: Im Kapitel „Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe“ (II, +44) ist der Gedanke der Zuchtwahl als des Mittels zur Erhaltung der +Gattung in vollem Umfang vorweggenommen.] + + + + +SECHSTES KAPITEL + +FAUSTISCHE UND APOLLINISCHE NATURERKENNTNIS + + +1 + +In einer berühmt gewordnen Rede sagte Helmholtz 1869: „Das Endziel +der Naturwissenschaft ist, die allen Veränderungen zugrunde liegenden +Bewegungen und deren Triebkräfte zu finden, also sich in Mechanik +aufzulösen.“ In Mechanik, das bedeutet die Zurückführung aller +qualitativen Eindrücke auf unveränderliche quantitative Grundwerte, +auf +Ausgedehntes+ also und dessen +Ortsveränderung+; das bedeutet +weiterhin, wenn man sich des Gegensatzes von Werden und Gewordnem, +Erlebtem und Erkanntem, von Gestalt und Gesetz, Bild und Begriff +erinnert, die Zurückführung des Naturbildes auf eine einheitliche, +zahlenmäßige Ordnung von meßbarer Struktur. Die eigentliche Tendenz +aller Mechanik geht auf eine geistige Besitzergreifung durch +Messung+; +sie ist deshalb genötigt, das Wesen der Erscheinung in einem System +konstanter, der Messung restlos zugänglicher Elemente zu suchen, deren +wichtigster nach der Definition von Helmholtz mit dem -- der Sphäre des +Lebens entnommenen -- Worte +Bewegung+ bezeichnet wird. + +Dem Physiker erscheint diese Definition unzweideutig und erschöpfend; +dem Skeptiker, der die Psychologie dieser wissenschaftlichen +Überzeugung verfolgt, nicht. Dem einen ist die gegenwärtige Mechanik +ein folgerichtiges System von klaren eindeutigen Begriffen und ebenso +einfachen als notwendigen Beziehungen, dem andern ist sie eine die +Struktur des westeuropäischen Geistes bezeichnende Illusion, allerdings +von höchster Konsequenz des Aufbaus und stärkster intellektueller +Wirksamkeit. Daß durch alle praktischen Resultate und Entdeckungen +nichts für die absolute Geltung der Theorie bewiesen wird, versteht +sich von selbst. Den meisten erscheint „die“ Mechanik allerdings als +die selbstverständliche Fassung von Natureindrücken, aber sie scheint +es nur. Denn was ist Bewegung? Daß alles Qualitative auf die Bewegung +unveränderlicher, gleichartiger Massenpunkte zurückführbar sei -- +ist das nicht schon ein rein faustisches, kein allgemein menschliches +Postulat? Archimedes z. B. fühlte durchaus nicht das Bedürfnis, +mechanische Einsichten auf Bewegung zu reduzieren. Ist Bewegung +überhaupt eine rein mechanische Größe? Ist sie ein Wort für eine Art +von Anschauung oder ein abstrakter Begriff? Und wenn es der Physik +wirklich eines Tages gelänge, ihr vermeintliches Ziel zu erreichen +und alles sinnlich Erfaßbare in ein lückenloses System gesetzmäßig +fixierter Bewegungen und der in ihnen wirksamen Energien zu bringen, +wäre sie damit in der Erkenntnis auch nur um einen Schritt vorwärts +gekommen? Ist die Formensprache der Mechanik darum weniger dogmatisch? +Enthält sie nicht vielmehr die Symbolik der halbmystischen Urworte, +welche die Erfahrung beherrschen statt aus ihr hervorzugehen, gerade +in ihrer schärfsten Fassung? Was ist Kraft? Was ist eine Ursache? Was +ist ein Prozeß? Ja -- hat die Physik überhaupt, selbst auf Grund ihrer +eigenen Definitionen, eine eigentliche Aufgabe? Besitzt sie ein durch +alle Jahrhunderte gültiges Endziel? Besitzt sie, um ihre Resultate +auszusprechen, auch nur eine unanfechtbare Gedankengröße? + +Die Antwort kann vorweggenommen werden. Die heutige Physik, als bloße +Wissenschaft, an sich und vom Standpunkt des Forschers aus betrachtet, +mag ein genau bestimmbares Thema haben; als historisches Phänomen +ist die Physik nach Aufgabe, Methode und Resultat Ausdruck und +Verwirklichung eines einzelnen Seelentums, Element eines Makrokosmos, +jedes ihrer Ergebnisse ein Symbol. Was die Physik, die ja lediglich +im Geiste einzelner Kulturmenschen existiert, durch diese zu finden +vermeint, lag der Art und Weise ihres Suchens schon zugrunde. Ihre +Entdeckungen sind dem eigentlichen Gehalte nach, außerhalb der +Formeln, selbst im Kopfe so vorsichtiger Forscher, wie es J. R. Mayer, +Faraday und Hertz waren, rein intuitiver Natur. Angesichts aller +physikalischen Exaktheit unterscheide man in einem Naturgesetz wohl +zwischen unbenannten Zahlen und deren Benennung, zwischen einer bloßen +Formel und deren theoretischem Sinn. Die Formeln zwar stellen allgemein +logische Werte dar, reine Zahlen, objektive Raum- und Grenzmomente +also, aber Formeln sind stumm. Der Ausdruck s = (gt^2)/2 bedeutet +gar nichts, solange ich bei den Buchstaben nicht an bestimmte Worte +und deren Bildsinn denke. Kleide ich die toten Zeichen aber in Worte, +gebe ich ihnen Fleisch, Körper, Leben, eine sinnliche Weltbedeutung +überhaupt, so habe ich die Schranken einer +bloßen Ordnung+ +überschritten. Θεωρία heißt Bild, Vision. Erst sie macht aus einer +mathematischen Formel ein wirkliches Naturgesetz. Alles Exakte an sich +ist +sinnlos+; der Sinn gehört nicht mehr dem Erkennen, sondern +dem unmittelbaren Lebensgefühl. Und eben die Theorien, nicht die reinen +Zahlen sind die Quintessenz aller Naturerkenntnis. Die unbewußte +Sehnsucht jeder echten Wissenschaft, die -- es sei noch einmal gesagt +-- lediglich im Geiste von Kulturmenschen existiert, richtet sich +auf das Begreifen, das Durchdringen und Umfassen des naturhaften +Weltganzen, nicht auf die messende Tätigkeit an sich, die immer nur +eine Freude unbedeutender Köpfe gewesen ist. Zahlen sollten stets nur +der Schlüssel zum Geheimnis sein. Um der Zahlen selbst willen hätte +kein bedeutender Mensch jemals Opfer gebracht. + +Zwar sagt Kant an einer bekannten Stelle: „Ich behaupte, daß in jeder +besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen +werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist.“ Gemeint ist die +reine Grenzsetzung in der Sphäre des Gewordnen, insofern sie als +Gesetz, Formel, Zahl, System erscheint, aber ein Gesetz ohne Worte, +eine Zahlenreihe als bloße Ablesung der Angaben von Meßinstrumenten +ist ohne Sinn, ist als geistiger Akt in vollkommener Reinheit nicht +einmal vollziehbar. Jedes Experiment, jede Beobachtung wächst aus einer +mehr als mathematischen Gesamtanschauung hervor. Jede Erfahrung ist, +sie mag sonst sein was sie will, auch ein schöpferischer Akt. Alle +benannten Gesetze sind belebte, durchseelte Ordnungen, vom innersten +Gehalte einer und nur einer Kultur erfüllt. Will man von Notwendigkeit +reden, da sie eine Forderung aller exakten Forschung ist, so liegt eine +doppelte vor: eine Notwendigkeit im Seelischen und Schöpferischen, +insofern aller symbolische Gehalt, jede Wissenschaft als historische +Erscheinung ein +Schicksal+ ist, und eine Notwendigkeit im +Gewordnen, für die uns Westeuropäern der Name +Kausalität+ +geläufig ist. Mögen die reinen Zahlen einer physikalischen Formel eine +logische Notwendigkeit darstellen, das Vorhandensein, die Entstehung, +die Lebensdauer einer Theorie ist ein Schicksal. + +Jede Tatsache, selbst die einfachste, enthält bereits eine Theorie. +Eine Tatsache ist ein Vorgang des wachen Bewußtseins, und alles +hängt davon ab, ob es ein Mensch der Antike oder des Abendlandes, +der Gotik oder des Barock ist, für den sie „vorliegt“. Der Physiker +von heute vergißt zu leicht, daß schon Worte wie Größe, Lage, +Prozeß, Zustandsänderung, Körper spezifisch abendländische Bilder +darstellen, die dem antiken oder arabischen Denken und Weltgefühl +gänzlich fremd sind, die aber den Charakter der wissenschaftlichen +Tatsachen als solcher, die Art des Erkanntwerdens vollkommen +beherrschen, ganz zu schweigen von komplexen Begriffen wie Arbeit, +Spannung, Wirkungsquantum, Wärmemenge, Wahrscheinlichkeit,[115] +welche jeder für sich eine physikalische Gesamtanschauung _in +nuce_ enthalten. Wir empfinden derartige gedankliche Bildungen +als Resultate einer vorurteilsfreien Forschung, unter Umständen als +endgültige. Ein feiner Kopf aus der Zeit des Archimedes würde nach +gründlichem Studium der modernen theoretischen Physik versichert +haben, es sei ihm unbegreiflich, wie jemand so willkürliche, groteske +und verworrene Vorstellungen als Wissenschaft und noch dazu als +notwendige Konsequenzen der vorliegenden Tatsachen ansprechen könne. +Wissenschaftlich gerechtfertigte Folgerungen seien vielmehr -- und er +würde seinerseits auf Grund derselben „Tatsachen“, der mit seinem Auge +gesehenen und in seinem Geiste gestalteten Tatsachen nämlich, Theorien +entwickelt haben, denen unsre Physiker mit erstauntem Lächeln zugehört +hätten. + +Welches sind denn die Grundvorstellungen, die sich im Gesamtbilde +der heutigen Physik mit innerer Folgerichtigkeit entwickelt haben? +Polarisierte Lichtstrahlen, wandernde Ionen, die fliehenden und +geschleuderten Gasteilchen der kinetischen Gastheorie (die heute den +Schwerpunkt der mechanischen Naturanschauung darstellt), magnetische +Kraftfelder, elektrische Ströme und Wellen -- sind das nicht sämtlich +faustische Visionen, faustische Symbole von engster Verwandtschaft mit +der romanischen Ornamentik, der gotischen Tektonik, den Wikingerfahrten +in unbekannte Meere, der Sehnsucht des Kolumbus und Kopernikus nach +dem Unendlichen? Ist diese Formen- und Bilderwelt nicht in tiefster +Kongruenz mit den gleichzeitigen Künsten, der perspektivischen +Ölmalerei und der kontrapunktischen Instrumentalmusik erwachsen? Ist +das nicht unsre seelische Dynamik, der Wille zur Macht, der das eigne +innere Seinsgefühl visionär in das vorgestellte Leben der Umwelt +projiziert hat? + + +2 + +Und insofern behaupte ich, daß allem „Wissen“ von der Natur, auch +dem exaktesten, ein religiöser Glaube zugrunde liegt. Die reine +Mechanik, auf welche die Natur zurückzuführen die Physik als ihr +Endziel bezeichnet, ein Ziel, dem diese Bildersprache dient, +setzt ein Dogma voraus, durch welches sie geistiges Eigentum der +abendländischen Kulturmenschheit und nur dieser ist. Es gibt keine +Wissenschaft ohne unbewußte Voraussetzungen, über welche der Forscher +keine Macht besitzt, und zwar Voraussetzungen, welche sich bis in die +frühesten Tage der erwachenden Kultur zurückführen lassen. Es +gibt +keine Naturwissenschaft ohne eine voraufgegangene Religion+. In +diesem Punkte besteht kein Unterschied zwischen katholischer und +materialistischer Naturanschauung: sie sagen dasselbe mit andern +Worten. Auch die atheistische Wissenschaft hat Religion; die moderne +Mechanik ist Stück für Stück ein Abbild christlicher Dogmen. + +Keine Wissenschaft ist +nur+ System, nur Gesetz, Zahl und +Ordnung; jede ist als historisches Phänomen ein lebendiger, in +denkenden Menschen sich verwirklichender, vom Schicksal einer Kultur +bestimmter Organismus. In der modernen Physik liegt nicht nur eine +logische, sondern auch eine historische Notwendigkeit. Sie ist nicht +nur Sache der Intelligenz, sondern auch der Rasse. Diese Notwendigkeit +im Werden und Vergehen, welche die individuelle Formensprache, das +spezifisch Faustische nach Gehalt und Bedeutung bestimmt, ist wohl zu +unterscheiden von der Gruppe unbedingter Verstandesbegriffe a priori, +die nach Kants Ansicht die bloße sinnliche Wahrnehmung zu einer +allgemeingültigen Erfahrung machen. Die Allgemeingültigkeit in diesem +Umfange, über alle einzelnen Kulturen hinaus, ist eine Illusion. Es +gibt gerade in diesen tiefsten Vorbedingungen der Naturerkenntnis +etwas, das der einzelnen Kultur als solcher zukommt. „Natur“ ist eine +Funktion der jeweiligen Kultur. + +Ich betrachte demnach ein physikalisches Weltbild als die Nachwirkung, +den Ausdruck einer Religion, den zivilisiertesten, seelenlosesten +ohne Zweifel, den spätesten von allen, insofern die Frühzeit jeder +Kultur, die Dorik, das Zeitalter des Plotin und Origenes, die Gotik +von dieser kühlen, streng intellektuellen Fassung weit entfernt +ist und in der homerischen, der frühchristlich-orientalischen, +der katholisch-germanischen Weltidee das ausgebildet hat, dessen +letzte Gestalt in der abstrakten Formenwelt der jeweiligen +naturwissenschaftlichen Systeme erscheint. Jede Physik -- das Wort in +einem freiem Sinne genommen -- setzt nicht nur eine bestimmte Religion +voraus, sie ist in jedem Zuge von ihr abhängig und bedingt; sie ist ihr +letztes Lebenszeichen. + +Das Vorurteil des auf die Höhe der Ionik und des Barock gelangten +städtischen Menschen bringt das Phänomen der exakten Wissenschaft +in einen hochmütigen Gegensatz zur voraufgehenden Religion, als +die überlegene Stellung zu den Dingen, im Alleinbesitz der wahren +Erkenntnismethoden und am Ende berechtigt, die Religion selbst (ihre +„Vorstufe“) empirisch und psychologisch zu erklären, zu „überwinden“. +Nun zeigt die Geschichte, daß „Wissenschaft“ ein spätes und +vorübergehendes Phänomen ist, dem Herbst und Winter großer Kulturen +angehörend, im antiken, wie im indischen, chinesischen, arabischen +Seelentum von der Lebensdauer weniger Jahrhunderte, innerhalb deren +sich ihre Möglichkeiten erschöpfen. Die antike Wissenschaft ist +zwischen den Schlachten von Cannä und Actium erloschen. Danach +ist es möglich, das Ende der abendländischen Naturwissenschaft +vorauszuberechnen. + +Nichts berechtigt dazu, dieser geistigen Formenwelt den Vorrang vor +andern zu geben. Jede Wissenschaft ruht wie jeder Mythus, jeder +religiöse Glaube überhaupt auf einer Innern Gewißheit; ihre Bildungen +sind von anderm Bau und Klang, ohne prinzipiell verschieden zu sein. +Alle Einwände, welche die Naturwissenschaft gegen die Religion richtet, +treffen sie selbst. Es ist ein großes Vorurteil, jemals an Stelle +„anthropomorpher“ Vorstellungen „die Wahrheit“ setzen zu können. Andre +als anthropomorphe Vorstellungen gibt es überhaupt nicht. „Der Mensch +schuf Gott nach seinem Bilde“ -- so gewiß das von jeder historischen +Religion gilt, so gewiß gilt es von jeder physikalischen, vermeintlich +noch so gut begründeten Theorie. Eine jede ist selbst Mythus und +in jedem ihrer Züge anthropomorph präformiert. Es gibt keine reine +Naturwissenschaft, es gibt nicht einmal +eine+ Naturwissenschaft, +die als allgemein menschlich bezeichnet werden könnte. + +Jede Kultur hat sich eine eigne gebildet, die für sie allein wahr +ist und es nur so lange bleibt, als die Kultur lebendig und im +Verwirklichen ihrer innern Möglichkeiten begriffen ist. Ist eine +Kultur zu Ende und damit das schöpferische Element, die Bildkraft, +die Symbolik erloschen, so bleiben „leere“ Formeln, Gerippe von +toten Systemen übrig, die ganz buchstäblich als sinnlos und wertlos +empfunden, mechanisch beibehalten oder verachtet und vergessen werden. +Man denke an die Wissenschaften des spätesten Altertums. Zahlen, +Formeln, Gesetze +bedeuten+ nichts, +sind+ nichts. Sie müssen +einen Leib haben, den ihnen ein +lebendes+ Menschentum verleiht, +indem es in ihnen und durch sie lebt, sich zum Ausdruck bringt, sie +innerlich in Besitz nimmt. Und deshalb gibt es keine absolute Physik, +nur einzelne, auftauchende und schwindende Physiken innerhalb einzelner +Kulturen. + +Physik ist die intellektuelle Formulierung des Naturgefühls, das +jeder Kulturmensch besitzt. Ein Naturgefühl -- das hatten wir den +Griechen abgestritten, weil das ihre so anders geartet war, daß wir +es als solches nicht erkannten. Unser Naturgefühl, in Malerei, Musik +und Lyrik immer wieder ausgesprochen, eine mächtige Leidenschaft +für Fernen und Horizonte und nur insofern für Landschaften, Himmel, +Wolken, Wälder, Gebirge, Meere, als sie Träger und Ausdruck eines +Unendlichen sind, ist der strenge Gegensatz zum antiken, das sich an +schöne nackte Einzelformen, an das Nahe, Greifbare, Gegenwärtige hält +und gerade darum das Auge vor dem Grenzenlosen der freien Landschaft +verschließt. Die „Natur“ des antiken Menschen fand ihr höchstes Symbol +in der nackten menschlichen Statue, nicht im Landschaftsgemälde; aus +ihr erwuchs folgerichtig die +mechanische Statik+, die Physik der +Nähe; aus der unsren die +mechanische Dynamik+, die Physik der +Ferne: zur apollinischen Natur gehören die Vorstellungen von Stoff und +Form und die Entelechie des Aristoteles, zur faustischen die Bilder der +Fernkräfte, der Kraftfelder, des Potentials. + +Die Grundworte der antiken Naturphilosophie, ἄπειρον, ἀρχή, μορφή, +ὕλη u. a. sind sämtlich in abendländischen Sprachen unübersetzbar und +darum geistig nicht genau nachzuerleben. Wir haben ganz andre Worte, +in deren elementarem Gehalt unser Weltgefühl kristallisiert, und +mithin eine ganz andre „Natur“. Das πάντα ῥεῖ Heraklits (wobei man an +den Leib eines Tanzenden denken sollte, dessen Erscheinung „im Fluß“ +ist) mit Bewegung, die ἀρχή mit Urstoff oder Ursprung übersetzen heißt +das wirklich Apollinische daraus beseitigen und den leeren Rest, das +Wort, mit einem fremden, abendländischen Sinn ausfüllen. Man denke +über den Unterschied des πάντα ῥεῖ eines antiken Grundgefühls, vom +„Prozeß“ (von _procedere_, vorschreiten) unserer Dynamik nach. +Die antike Ethik ging auf eine vollkommene Haltung, die faustische +auf Tat, intellektualisiert als „Fortschritt“, materialisiert als +Arbeit, öffentlich geworden als Sozialismus. Das kehrt hier im +physikalischen Bilde wieder. Unsre Idee der Bewegung hat eine Tendenz, +eine Richtung zum Unendlichen, ein Ziel; der antike Sinn der Bewegung +ist lediglich ἀλλοίωσις, Veränderung. Unser Lebensgefühl hat den +Willen zur Macht, ein Extrem von Aktivität, zum Mittelpunkt. Das ist +der Sinn der Gottesidee von den Tagen der Gotik an, im Gegensatz +zum Gotte des arabischen Christentums. Das mußte mithin der Ausgang +aller physikalischen Theorie werden. Wie Schicksal zur Kausalität, +wie Organisches zum Mechanischen, so verhält sich das Machtgefühl der +faustischen Seele, ihr Wille, ihr Gott, zum +Kraftbegriff ihrer +Physik+, den sie als +ihr+ Symbol geschaffen hat und der mit +ihr erlöschen wird. + +Man hatte den historischen Zusammenhang bisher so formuliert, daß „bei +den Griechen“ sich die Anfänge der wissenschaftlichen Physik fänden, +daß „im Mittelalter“ alles verschüttet gewesen sei und nur die Araber +einiges für die Chemie getan hätten, bis „in der Neuzeit“ endlich ein +Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes erfolgte. + +In der Tat hatte der antike Geist seine äußere Welt in einer Statik +greifbarer Körper geordnet. Das war die +Physik als Plastik+. +Der arabische Geist suchte in seiner Welt, wie sie dem Isis- und +Mithrasglauben, dem Neuplatonismus und der Gnosis, dem frühen +Christentum der Apokalypse, des Origenes und des Konzils von Nicäa +zugrunde liegt, die magische Substanz dieser Körper zu ergründen +und der „Stein der Weisen“ war ein Jahrtausend hindurch das Symbol +einer ganz anders gearteten, aber in sich geschlossenen und durchaus +folgerichtigen Naturwissenschaft. Die euklidische Geometrie verhält +sich zur arabischen Algebra wie die Physik, für welche Empedokles +seine berühmten vier Elemente aufstellte, die nichts andres waren +als die vier möglichen, sichtbaren, greifbaren, rein gegenwärtigen +Zustände von Einzeldingen,[116] zur Alchymie der orientalischen +Landschaft, die demgegenüber das Bild des +chemischen+ Elementes +schuf, jene Art magischer Stoffe, die aus den Dingen erscheinen und +wieder in ihnen verschwinden, die sogar den Einflüssen der Gestirne +unterliegen. Die Alchymie enthält den tiefen wissenschaftlichen Zweifel +an der plastischen Wirklichkeit der Dinge, der σώματα griechischer +Mathematiker, Physiker und Dichter, die sie auflöst, zerstört, um das +Geheimnis ihres Wesens zu finden. Ein tiefer Unglaube an die Gestalt, +in welcher die Natur erscheint, die Gestalt, welche den Griechen +Inbegriff aller Wirklichkeit war, offenbart sich. Der Streit um die +Person Christi auf allen frühen Konzilen, der zu den arianischen +und monophysitischen Spaltungen führte, ist ein +alchymistisches +Problem+. Es wäre keinem antiken Physiker eingefallen, die Dinge zu +erforschen, indem er ihre anschauliche Form verneinte oder vernichtete. +Es gibt deshalb keine antike Chemie, so wenig es eine antike Theorie +über das Göttliche in der substantiellen Erscheinung des Apollo oder +der Aphrodite gab. + +Die chemische Methode ist das Zeichen eines neuen Weltgefühls. +Ihre Erfindung knüpft sich an den Namen jenes rätselhaften Hermes +Trismegistos, der in Alexandria +gleichzeitig mit Plotin und +Diophant+, dem Begründer der Algebra, gelebt hat. Mit einem Schlage +ist die mechanische Statik, die apollinische Naturwissenschaft zu +Ende. Und wieder gleichzeitig mit der endgültigen Emanzipation der +faustischen Mathematik durch Newton und Leibniz befreite sich auch +die abendländische Chemie von ihrer arabischen, magischen Form durch +Stahl (1660-1734) und dessen Phlogistontheorie. Die eine wie die andre +wird reine Analysis. Schon Paracelsus (1493-1541) hatte die magische +Tendenz, Gold zu machen, in eine arzneiwissenschaftliche umgewandelt. +Man spürt darin ein verändertes Weltgefühl. Robert Boyle (1626-1691) +hat dann die analytische Methode und damit den westeuropäischen Begriff +des Elements geschaffen. Aber man täusche sich darüber nicht: Was man +die Begründung der modernen Chemie nennt, deren Epochen durch die +Namen Stahl und Lavoisier bezeichnet werden, ist nichts weniger als +eine Ausbildung chemischer Gedanken, sofern man darunter arabische, +alchymistische Naturanschauungen versteht. Sie ist das +Ende+ +der eigentlichen Chemie, ihre Auflösung in das umfassende System der +Dynamik, ihre Einordnung in diejenige mechanische Naturanschauung, +welche das Barock durch Galilei und Newton begründet hatte. Die +Elemente des Empedokles bezeichnen ein äußeres Sichverhalten, die +Elemente der Akademie von Cordova ein geheimnisvolles Wunder, die +Elemente der Verbrennungstheorie Lavoisiers (1777), die der Entdeckung +des Sauerstoffs (1771) folgte, eine +dem menschlichen Willen +unterworfene+ Formeinheit. Durch unsere Analysen und Synthesen wird +die Natur nicht befragt oder überredet, sondern bezwungen. Die moderne +Chemie ist ein Kapitel der modernen +Physik der Tat+. + +Was wir Statik, Chemie, Dynamik nennen, historische Bezeichnungen +ohne tieferen Sinn für die heutige Naturwissenschaft, sind die drei +physikalischen Systeme der apollinischen, magischen und faustischen +Seele, jedes in seiner Kultur erwachsen, jedes in seiner Geltung +auf eine Kultur beschränkt. Dem entsprechen die Mathematiken der +euklidischen Geometrie, der Algebra, der Analysis und die Künste der +Statue, der Arabeske, der Fuge. Will man die drei Arten der Physik -- +denen jede andre Kultur wieder eine andre zur Seite setzen könnte und +müßte -- ihrer Methode nach unterscheiden, so hat man eine mechanische +Ordnung von Zuständen, von geheimen Kräften, von Prozessen. + + +3 + +Nun hat die Tendenz des menschlichen Geistes, das Naturbild auf +möglichst einfache quantitative Formeinheiten zurückzuführen, welche +vergleichende Urteile, Messungen, Zählungen, kurz mechanische Wertungen +gestatten, in der antiken und abendländischen Physik jedesmal zu einer +Atomlehre geführt (von der höchst komplizierten arabischen, wie sie +einen Streitpunkt der Schulen von Bagdad und Basra bildete, soll hier +abgesehen werden). Der tiefsymbolische Unterschied beider Theorien ist +aber unbeachtet geblieben. + +Die antiken Atome sind +Miniaturformen+, die abendländischen sind ++Minimalquanta+, d. h. dort ist die Anschaulichkeit, die Nähe +Grundbedingung des Bildes, hier ist sie es nicht. Die atomistischen +Vorstellungen der modernen Physik, zu denen auch die Elektronentheorie +und die Quantenhypothese der Thermodynamik gehören, setzen mehr und +mehr jene -- rein faustische -- +innere+ Anschauung voraus, +die auch auf manchen Gebieten der höheren Mathematik wie den +nichteuklidischen Geometrien oder der Gruppentheorie gefordert wird +und die dem Laien nicht zur Verfügung steht. In der Tat ist heute die +Atomvorstellung um so flacher und falscher, je populärer sie auftritt, +wie in den dilettantischen Büchern der Häckelschule, die vom Gehalte +moderner physikalischer Theorien nicht das mindeste begriffen hat. Ein +Quantum ist ein Ausgedehntes, abgesehen vom sinnlichen Augenschein, +eine Abstraktion, welche die Beziehung auf Auge und Tastgefühl meidet, +für die das Wort Gestalt keinen Sinn besitzt, eine Art Form also, +die einem Griechen, einem geborenen Plastiker, gar nicht vorstellbar +war. Der antike Physiker prüft das Aussehen, der abendländische die +Wirksamkeit dieser letzten Elemente des Gewordnen. Das bedeuten die +polaren Begriffe dort von +Stoff und Form+, hier von +Kapazität +und Intensität+. + +Ich hatte hervorgehoben, daß Erkenntnis ein Gewordensein für den Geist +ist, daß ferner Erkennen sich als ein Begrenzen (Abgrenzen, Einfassen, +Einteilen) darstellt. Nun, die Begrenzung in einem bestimmten Sinne bis +zum äußersten getrieben führt immer und im Naturdenken +jeder+ +Kultur auf „Atome“, ein _Non plus ultra_ der Begrenztheit, ihren +Inbegriff und ihr Optimum. Die Atome der Logik sind die Begriffe, +die Atome der Mathematik sind die Zahlen (Größen in der antiken, +Beziehungen in der abendländischen Mathematik). + +Es folgt daraus, daß in diesen letzten Möglichkeiten sich die Symbolik +der einzelnen Kultur, des einzelnen Geistes mit voller Schärfe +herausstellt. Die Atome des Leukippos und Demokrit (σχήματα) sind +ausschließlich nach Gestalt und Größe verschieden, rein plastische +Einheiten und nur in diesem Sinne, wie der Name sagt, „unteilbar“. +Die Atome der Barockphysik, deren „Unteilbarkeit“ einen ganz andern, +höchst immateriellen Sinn angenommen hat, sind, was jeder philosophisch +geschulte Physiker zugeben wird, den Monaden Leibnizens wesensverwandt, +letzte, in infinitesimaler Weise theoretisch begrenzte +Einheiten von +Wirkung+, abstrakte Kraftpunkte also. Es ist gesagt worden, daß ein +Atom, wie es der moderne Physiker sich vorstellt, ein komplizierteres +Gebilde als eine Dynamomaschine ist. + +Gäbe es eine literarisch und theoretisch entwickelte indische oder +ägyptische Physik, so würden sie mit Notwendigkeit einen ganz andern +Atomtypus hervorgebracht haben, dessen Geltung für sie allein zwingend +gewesen wäre. + +Die Atome der Ionik und des Barock, der hellenistischen und der +heutigen westeuropäischen Physik unterscheiden sich wie Plastik und +Musik, wie die Kunst der extremen Körperlichkeit und der extremen +körperlosen Bewegtheit. Die Statue ist ganz Leib, Ruhe und Nähe, +die Fuge, wie das Wort verrät, Flucht, Bewegtheit, Raum, Ferne. Der +apollinische Mensch empfand den Kosmos als den Inbegriff leibhafter, +mit dem Auge zu beherrschender Dinge -- ob in Ruhe oder Bewegung, eine +zweite Frage. Für das Weltsystem des faustischen Menschen aber ist +sie die erste und dann erst kommt die Frage, was bewegt wird. Deshalb +ist -- das muß mit Entschiedenheit festgestellt werden -- „Masse“ ein +spezifisch abendländischer Begriff, der erst +als Komplement zu +dem metaphysischen Hauptbegriff der Kraft+ entsteht. So oft der +Massebegriff seinen Inhalt geändert hat, es geschah immer nur, weil +der Kraftbegriff anders definiert worden war. Der Begriff des Äthers +verdankt seine Entstehung nur der modernen Energievorstellung. Masse +ist, was die Kraft zu ihrer Wirksamkeit -- logisch oder im Bilde -- +braucht, während im πάντα ῥεῖ der Heraklit und den entsprechenden +andern Vorstellungen des antiken Weltgefühls das Substrat den +unbedingten Vorrang hat. Die Materie ist dem antiken Auge nicht Träger +der Bewegung, sondern die Bewegung eine Eigenschaft der Materie. Das +Primäre ist dort die +Form+, hier die +Kraft+. Ich erinnere +an den Gegensatz des apollinischen und faustischen Ursymbols, das dem +gesamten Makrokosmos zugrunde liegt: den Gegensatz von Körper und +unendlichem Raum. So gewiß der antike Mensch das „zwischen den Dingen“ +als das Nichtseiende empfand, so gewiß liegt der modernen Physik das +Gefühl zugrunde, daß eben das greifbar Körperliche das Nichtseiende ist +und durch die Theorie aufgelöst, nicht bestätigt werden muß. + +So wurde endlich die kinetische Gastheorie zum Schwerpunkt der +atomistischen Vorstellungen. Von ihr aus erfolgte die Anwendung +der dynamischen Atomistik, eine unvermerkte Annäherung an Leibniz, +auf die Gebiete der physikalischen Chemie, der strahlenden Wärme, +der Radioaktivität und endlich ihre Umgestaltung zur Ionen- und +Elektronentheorie. + ++Es gibt einen Stoizismus und einen Sozialismus der Atome.+ +Das ist die Definition der statisch-plastischen und der +dynamisch-kontrapunktischen Atomistik, die ihrer Verwandtschaft +zu den Gebilden der zugehörigen Ethik in jedem Gesetze, in jeder +Definition Rechnung trägt. Die Menge der verworrenen Atome, duldend, +vom Schicksal, vom blinden Zufall gestoßen -- wie Ödipus -- und im +Gegensatz dazu die als Einheit wirkenden Atomsysteme, aggressiv, den +Raum energetisch (als „Feld“) beherrschend, Widerstände überwindend +-- wie Macbeth --, aus diesem Grundgefühl sind beide mechanische +Naturbilder entstanden. Nach Leukippos fliegen die Atome „von selbst“ +im Leeren herum; Demokrit statuiert lediglich Stoß und Gegenstoß als +Form der Ortsveränderung; Aristoteles erklärt die Einzelbewegungen +für zufällig; bei Empedokles findet sich die Bezeichnung Liebe und +Haß, bei Anaxagoras Zusammentreten und Auseinandertreten. Das alles +sind auch Elemente der antiken Tragik. So verhalten sich die Figuren +(σώματα) auf der Szene des attischen Theaters. Das sind +also +auch+ Daseinsformen der antiken Politik. Da finden wir diese +winzigen Städte, politische Atome, in langer Reihe auf Inseln und an +Küsten dahingelagert, jede eifersüchtig für sich bestehend und ewig +der Anlehnung bedürftig, abgeschlossen und launisch bis zur Karikatur, +von den planlosen, ordnungslosen Ereignissen der antiken Geschichte +hin und her gestoßen, heute gehoben, morgen vernichtet -- und ihnen +gegenüber die dynastischen Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts, +politische Kraftfelder, von den Wirkungszentren der Kabinette und +großen Diplomaten aus weitschauend, planmäßig gelenkt und beherrscht. +Man versteht den Geist der antiken und abendländischen Geschichte nur +aus diesem Gegensatz zweier Seelen; man versteht auch das atomistische +Fundament beider Physiken nur aus diesem Vergleich. Galilei, der den +Kraftbegriff, und die Milesier, die den Begriff der ἀρχή konzipierten, +Demokrit und Leibniz, Archimedes und Helmholtz sind „Zeitgenossen“, +Glieder derselben geistigen Stufe verschiedener Kulturen. + +Aber die innere Verwandtschaft und Atomistik und Ethik geht weiter. Ich +hatte gezeigt, wie die faustische Seele, deren Sein Überwindung des +Augenscheins, deren Gefühl Einsamkeit, deren Sehnsucht Unendlichkeit +ist, dies Bedürfnis nach Alleinsein, Ferne, Absonderung in all +ihre Wirklichkeiten legt, in all ihre öffentlichen, geistigen, +künstlerischen Formenwelten. Nietzsche hatte es das Pathos der Distanz +genannt, nicht ohne eine tiefe Einsicht durch eine falsche Anwendung +zu verderben. Das Pathos der Distanz ist gerade der Antike fremd, +in der alles Menschliche der Nähe, Anlehnung, Gemeinsamkeit bedarf. +Es unterscheidet den Geist des Barock von dem der Ionik, die Kultur +des _ancien régime_ von der des perikleischen Athen. Pathos +der Distanz ist in Shakespeare, in Rembrandt, in Bach, in Napoleon, +nicht in Sophokles, Phidias oder Alexander. Und dies Pathos, das den +heroischen Täter vom heroischen Dulder unterscheidet, erscheint im +Bilde der abendländischen Physik wieder: +als Spannung+. Das ist +es, was in der Anschauung Demokrits nicht enthalten war. Das Prinzip +von Stoß und Gegenstoß enthält die Negation einer raumbeherrschenden, +mit dem Raume identischen Kraft. Im Bilde der antiken Seele fehlt +dementsprechend das Element des Willens. Zwischen antiken Menschen, +Staaten, Weltanschauungen besteht keine innere Spannung, trotz +Zank, Neid und Haß, kein tiefes Bedürfnis nach Abstand, Alleinsein, +Überlegenheit -- folglich besteht sie auch nicht zwischen den Atomen +des antiken Kosmos. Das Prinzip der Spannung -- entwickelt in der +Potentialtheorie --, in antike Sprachen und also Gedanken vollkommen +unübertragbar, ist für die moderne Physik grundlegend geworden. Es +enthält eine Interpretation des Begriffs der Energie (des Willens zur +Macht im Weltall) und ist deshalb für uns ebenso notwendig als für +antike Menschen unmöglich. + + +4 + +Die Atomlehre ist demnach ein Dogma, keine Erfahrung. In sie hat +die Kultur, durch den Geist ihrer großen Physiker, ihr Wesen, sich +selbst gelegt. Daß es eine Ausgedehntheit an sich gibt, unabhängig vom +spezifischen Formgefühl des Erkennenden, ist eine Illusion. Man glaubt +das Leben ausschalten zu können; man vergißt, daß eine Erkenntnis nicht +nur ein Inhalt, sondern auch ein lebendiger Akt ist. + +Die entscheidende Bedeutung des +Tiefenerlebnisses+, das mit dem +Erwachen einer Seele und also mit der Schöpfung der ihr zugehörigen +äußeren Welt identisch ist, war an einer früheren Stelle nachgewiesen +worden. Danach liegt in der bloßen Sinnesempfindung nur Länge und +Breite; durch den lebendigen, mit innerster Notwendigkeit sich +vollziehenden Akt der Deutung, der wie alles Lebendige Richtung, +Bewegtheit, Nichtumkehrbarkeit besitzt -- das Bewußtsein davon macht +den eigentlichen Gehalt des Wortes Zeit aus --, wird die +Tiefe+ +hinzugefügt und somit die Wirklichkeit, die Welt geschaffen. Das Leben +selbst geht als dritte Dimension in das Erlebte ein. Der Doppelsinn des +Wortes Ferne, als Zukunft und als Horizont, verrät den tiefern Sinn +dieser Dimension, welche erst die Ausdehnung als solche hervorruft. Das +erstarrte Werden ist das Gewordene, das erstarrte Leben die Raumtiefe +des Erkannten. Descartes und Parmenides stimmen darin überein, daß +Denken und Sein (Ausdehnung) identisch sind. _Cogito, ergo sum_ +ist lediglich eine Formulierung des Tiefenerlebnisses. Hier kommt das +Ursymbol der einzelnen Kultur zur Geltung. Die vollzogene Ausdehnung +ist danach im antiken Bewußtsein von sinnlicher, körperhafter +Gegenwart, im abendländischen von steigender räumlicher Transzendenz, +so daß nach und nach die ganz unsinnliche Polarität von Kapazität und +Intensität im Unterschied von der antik-optischen: Stoff und Form +herausgearbeitet wird. + +Aber daraus folgt, daß innerhalb des Erkannten und Gewordenen die +lebendige Zeit nicht noch einmal erscheinen kann. Das Gewordene ist +ein Mechanismus, in anorganische Form verwandeltes Organische. Die +physikalische, gedachte, meßbare Zeit, eine bloße Dimension, ist ein +Mißgriff. Es fragt sich nur, ob er zu vermeiden ist oder nicht. Man +setze in irgendeinem physikalischen Gesetz dafür das Wort Schicksal ein +und man wird fühlen, daß innerhalb der reinen „Natur“ von Zeit nicht +die Rede ist. Die Formenwelt der Physik reicht genau so weit wie die +verwandten der Zahlen und der Begriffe, und wir hatten gesehen, daß, +trotz Kant, zwischen mathematischer Zahl und Zeit nicht die geringste, +wie immer geartete Beziehung besteht. + +Und hier wird die Physik zum zweitenmal dogmatisch. In den Worten +Zeit und Schicksal ist für den, der sie instinktiv gebraucht, das +Leben selbst in seiner tiefsten Tiefe berührt, das +ganze+ +Leben, das vom Erlebten nicht zu trennen ist. Die Physik aber, der +Verstand, +muß+ sie trennen. Das Erlebte an sich, losgelöst vom +lebendigen Akt des Betrachters, Objekt geworden, tot, anorganisch, +starr -- das ist jetzt die Natur als Mechanismus, das heißt als etwas +mathematisch zu Erschöpfendes. In diesem Sinne ist Naturerkenntnis eine ++messende+ Tätigkeit. + +Folglich kennt sie die Zeit nur als Strecke; folglich ist sie +gezwungen, die Bewegung als eine mathematisch fixierbare Größe, als +Benennung zu den im Experiment gewonnenen und in Formeln niedergelegten +reinen Zahlen aufzufassen. „Die Physik ist die vollständige und +einfache Beschreibung der Bewegungen“ (Kirchhoff). Das ist immer ihre +Absicht gewesen. Aber eine Bewegung innerhalb der verstandesmäßig +aufgefaßten Natur ist nichts anderes als jenes metaphysische Etwas, +in dem das Erleben des Beobachters selbst, durch welches erst +das Bewußtsein eines kontinuierlichen Nacheinander entsteht, zum +Vorschein kommt. Der momentane Erkenntnisakt an sich bewirkt einen +zeitlosen und also bewegungsfremden Zustand. +Das+ bedeutet +„Gewordensein“. Aus der +organischen Reihe+ dieser Akte erst +ergibt sich die Impression einer Bewegung. Der Gehalt dieses Wortes +berührt den Physiker nicht als Intellekt, sondern als +ganzen+ +Menschen, dessen ständige vitale Funktion nicht die „Natur“, sondern +die +ganze+ Welt ist. Dies ist die ewige Verlegenheit aller +Physik als des Ausdrucks einer Seele. Alle Physik ist Behandlung des +Bewegungsproblems, in dem das Problem des Lebens selbst liegt, nicht +als ob es eines Tages lösbar wäre, sondern obwohl es unlösbar ist. + +Gesetzt, daß Naturerkenntnis eine feine Art Selbsterkenntnis ist -- +die Natur als Bild, als Spiegel des Geistes verstanden --, so ist der +Versuch, das Bewegungsproblem zu lösen, der Versuch der Erkenntnis, +ihrem eigenen Geheimnis, ihrem Werden auf die Spur zu kommen. + + +5 + +Das vollkommene System der mechanischen Naturanschauung ist eben nicht +Physiognomik, sondern +System+, d. h. reine Ausgedehntheit, +logisch und zahlenmäßig geordnet, nichts Lebendiges, sondern etwas +Gewordenes und Totes. Dem widerspricht aber die Idee der Bewegung. +Sie stammt unmittelbar aus dem Lebensgefühl, sie ist Zeit, Richtung, +Schicksal, und so dringt sie als Fremdkörper in die Einheit eines +mechanischen Systems, dessen zeitlos starre Folgerichtigkeit sie +zerstört. + +Die Bewegung gehört, wie das Wort sagt, in das Reich der lebendigen +Phänomene, der Gestalten, der Geschichte, nicht der begriffenen +anorganischen Natur. Sie ist ein Eindruck von unmittelbar innerer +Gewißheit des Gefühls, kein physikalischer Begriff, der jemals +erschöpfend definiert werden könnte. +Anschauen+ kann sich die +Bewegung; das war Goethes Art, die „lebendige Natur“ fühlend zu +erleben; gerade sie führte zu den Phänomenen des bewegten Daseins, +zur Physiognomik und blieb dem Bereich des Mathematischen vollkommen +fern. Die Folge ist sein Ausspruch: „Die Natur hat kein System, sie +hat, sie ist Leben und Folge aus einem unbekannten Zentrum, zu einer +nicht erkennbaren Grenze.“ Für den, der Natur nicht erlebt, sondern +erkennt, +hat+ sie aber System, ist sie System und nichts weiter, +und folglich Bewegung in ihr ein Widerspruch. Sie kann ihn durch eine +künstliche Formulierung zudecken, aber in den Grundbegriffen lebt er +fort. + +Der Eindruck einer Bewegung folgt aus einem Kontinuum von +Vorstellungen, aber nicht insofern sie Vorgestelltes sind, sondern +indem sie eben jetzt vorgestellt werden. Eine Reihe von Erkenntnissen +als Einheit erleben setzt Gedächtnis voraus, und zwar historisches +Gedächtnis. Das ist kein ordnender, sondern ein lebendig schöpferischer +Akt, kein mechanischer, sondern ein organischer Zusammenhang. +Angenommen, wir hätten kein Gedächtnis, so daß jeder Moment für sich, +ohne Verknüpfung mit dem vorhergegangenen aufgenommen würde -- dann +würde uns das Weltbild der Geschichte und +also auch+ der Begriff +der Bewegung fehlen. Hier liegt die schwache Stelle der exakten +Wissenschaft von der Natur. Hier dringt die Historie in ihr Bild. Die +Bewegung ist nicht im Betrachteten, sondern im Betrachter, nicht im +Objekt der Physik, sondern im Physiker als historischer Person. + +Weil es keine Physik gibt ohne eine Seele, deren +historischer +Ausdruck+ sie ist, ohne einen Menschen einer einzelnen Kultur, +der sie in sich und durch sie verwirklicht, deshalb ist eine reine, +der Form nach fehlerlose Physik unmöglich. Die Bewegung ist der +unvermeidliche Faktor, der sie notwendig zerstört. Die Gewohnheiten +unsres Denkens hindern uns, das einzusehen. Ich hatte gesagt, daß man +für Zeit das Wort Schicksal einsetzen solle, um sich bewußt zu werden, +daß die Physik mit dem wahren Gehalt des Wortes nichts zu schaffen +hat. Man sage gleichfalls für Bewegung eines physikalischen Systems +dessen +Älterwerden+ -- es altert wirklich, als Erlebnis eines +Beobachters nämlich, in dessen Geist seine ganze Realität enthalten +ist -- und man wird das Verhängnisvolle des Wortes Bewegung mit seinem +unzerstörbaren organischen Gehalt deutlich fühlen. Die Mechanik +sollte mit Altern und folglich mit Bewegung nichts zu tun haben. +Also -- denn ohne das zentrale Bewegungsproblem ist überhaupt keine +Naturwissenschaft denkbar -- kann es gar keine lückenlos geschlossene +Mechanik geben; irgendwo ist der organische Ausgangspunkt des Systems, +dort wo das unvermittelte Leben hereinragt -- die Nabelschnur, mit der +das Geisteskind am mütterlichen Leben, das Gedachte am Denkenden hängt. + +Wir lernen hier die Entstehung der faustischen und apollinischen +Naturerkenntnis von einer ganz anderen Seite kennen. Es gibt keine ++reine+ Natur. Etwas vom Wesen der Historie liegt in jeder. Ist +der Mensch ahistorisch wie der Grieche, dessen gesamte Welteindrücke +in einer reinen, punktförmigen Gegenwart aufgesaugt werden, so +wird das Naturbild +statisch+, in jedem einzelnen Augenblick +in sich selbst abgeschlossen. In der griechischen Physik kommt +die Zeit als Größe ebensowenig vor wie im Entelechiebegriff des +Aristoteles. Ist der Mensch historisch fühlend, weil das Werden, +das den einzelnen Augenblick in eine Richtung, in Vergangenheit und +Zukunft auflöst, sich ins Licht des erkennenden Geistes drängt, so +entsteht ein +dynamisches+ Bild. Die Zahl, der Grenzwert des +Gewordnen, wird im ahistorischen Falle +Maß und Größe+, im +historischen +Funktion+. Man +mißt+ nur Gegenwärtiges und +man +verfolgt+ nur etwas, das Vergangenheit und Zukunft hat, in +seinem Verlauf. Dieser Unterschied ist es, der den innern Widerspruch +im Bewegungsproblem in der antiken Mechanik verdeckt, in der +abendländischen heraustreibt. + +Die Geschichte ist ewiges Werden, +ewige Zukunft+ und Bewegtheit +also; die Natur ist geworden, also +ewige Vergangenheit+. +Folglich hat hier eine seltsame Umkehrung stattgefunden; die +Priorität des Werdens vor dem Gewordnen erscheint aufgehoben. Der aus ++seiner+ Sphäre, dem Gewordnen, rückschauende Geist kehrt den +Aspekt des Lebens um; aus der +Idee des Schicksals+, die Ziel +und Zukunft in sich hat, wird das mechanisch-extensive +Prinzip von +Ursache und Wirkung+, dessen Schwerpunkt im Vergangenen liegt. +Der Geist vertauscht dem Range nach das Leben (Zeit) und das Erlebte +(Raum) und versetzt die Zeit als Strecke in ein räumliches Weltsystem. +Er hat hier die ungeheuerste Verkehrung im wachen Bewußtsein +vollzogen: während aus der Richtung die Ausdehnung, aus dem Leben das +Räumliche als Erlebnis, weltbildendes Erlebnis folgt, setzt er den +schematisierten „Lebensprozeß“ +in seinen starren, vorgestellten Raum +hinein+ -- +das ist+ physikalische Bewegung, leblos, teilbar, +tot, den Regeln der Mathematik unterworfen. Dem Leben ist der Raum +etwas, das als Funktion zum Leben gehört, dem Geiste ist Leben etwas im +Raume. Goethes lebendige Anschauung +erlebt+ die Ausdehnung, die +Welt als ewig werdend, der geborne Physiker +erkennt+ das Leben +als mathematische Bewegung im Raume. Alles Mechanische, das heißt alles +Gedachte ist eine prinzipielle Umkehrung von Organischem. Schicksal +bedeutet ein Wohin, Kausalität bedeutet ein Woher. Künstlerische +Anschauung, Intuition besitzt die Notwendigkeit eines Schicksals. +Wissenschaftliches Denken ist, nicht als historisches Phänomen, sondern +inhaltlich von kausaler Notwendigkeit. Wissenschaftlich begründen +heißt vom Gewordnen und Verwirklichten aus nach „Gründen“ suchen, +indem man den mechanisch aufgefaßten „Weg“ -- das Werden als Strecke +-- rückwärts verfolgt. Aber es läßt sich nicht rückwärts leben, nur +rückwärts denken. Nicht die Zeit, nicht das Schicksal ist umkehrbar, +nur was der Physiker Zeit nennt, was er als teilbare, womöglich +negative oder imaginäre „Größe“ in seine Formeln eingehen läßt. +Insofern ist das Bewegungsproblem eine Umkehrung des Lebensgefühls und +als solche von vornherein unlösbar, wenn man unter Lösung die restlose +begrifflich-mathematische Formulierung versteht. + +Die Verlegenheit ist immer wieder gefühlt, wenn auch ihrem Ursprung und +ihrer Notwendigkeit nach nie begriffen worden. Das dunkle Bewußtsein +der Naturerkenntnis, hier an einer Grenze ihrer Möglichkeit zu stehen, +sie vielmehr schon überschritten zu haben, war zu allen Zeiten +wach. Innerhalb der antiken Naturforschung stellten die Eleaten der +Notwendigkeit, die Natur in Bewegungen zu denken, die logische Einsicht +entgegen, daß Denken ein Sein, mithin Erkanntes und Ausgedehntes +identisch und also Erkenntnis und Werden unvereinbar seien. Ihre +Einwände sind nie widerlegt worden und unwiderlegbar, aber sie haben +die Entwicklung der antiken Physik, die als Ausdruck der apollinischen +Seele unentbehrlich und also über logische Widersprüche erhaben war, +nicht gehindert. Innerhalb der von Galilei und Newton begründeten +klassischen Mechanik des Barock ist eine einwandfreie Lösung in +dynamischem Sinne immer wieder versucht worden. Die Geschichte des +Kraftbegriffs, dessen immer neue Definitionen die Leidenschaft des +Denkens kennzeichnen, das durch diese Schwierigkeit sich selbst in +Frage gestellt sah, ist nichts als die Geschichte der Versuche, die +Bewegung mathematisch und begrifflich restlos zu fixieren. Der letzte +bedeutende Versuch, der wie alle früheren mit Notwendigkeit mißlang, +liegt in der Mechanik von H. Hertz vor. + +Hertz hat, ohne die eigentliche Quelle aller Verlegenheit zu finden -- +das ist noch keinem Physiker gelungen --, versucht, den Begriff der +Kraft ganz auszuschalten, mit dem richtigen Gefühl, daß der Fehler +aller mechanischen Systeme in einem der Grundbegriffe zu suchen sei. Er +wollte das Bild der Physik allein aus den Größen der Zeit, des Raumes +und der Masse aufbauen, aber er bemerkte nicht, daß eben die Zeit +selbst, die als Richtungsfaktor in den Begriff der Kraft eingegangen +ist, das organische Element war, ohne das eine dynamische Theorie sich +nicht aussprechen läßt und mit dem eine reine Lösung nicht gelingt. +Und abgesehen davon bilden die Begriffe Kraft, Masse und Bewegung eine +dogmatische Einheit. Sie bedingen einander so, daß die Anwendung des +einen die unvermerkte der beiden andern schon einschließt. Im πάντα +ῥεῖ Heraklits ist die ganze apollinische, im Kraftbegriff die ganze +abendländische Fassung des Bewegungsproblems enthalten. Der Begriff +der Masse ist nur das Komplement zum Kraftbegriff. Newton -- eine tief +religiöse Natur -- brachte lediglich das faustische Weltgefühl zum +Ausdruck, als er, um den Sinn der Worte Kraft und Bewegung verständlich +zu machen, von Massen als Angriffspunkten der Kraft und Trägern der +Bewegung sprach. So hatten die Mystiker des 13. Jahrhunderts Gott und +sein Verhältnis zur Welt aufgefaßt. Newton hatte mit seinem berühmten +„_hypotheses non fingo_“ das metaphysische Element abgelehnt, +aber seine Konzeption einer Mechanik ist durch und durch metaphysisch. +Die Kraft ist im mechanischen Naturbilde des abendländischen Menschen, +was der Wille in seinem Seelenbilde und die unendliche Gottheit in +seinem Weltbilde ist. Die Grundgedanken seiner Physik standen fest, +lange bevor der erste Physiker geboren wurde; sie lagen im frühesten +religiösen Weltbewußtsein dieser Kultur. + + +6 + +Damit offenbart sich nun auch der religiöse Gehalt des physikalischen +Begriffs der +Notwendigkeit+. Es handelt sich um die mechanische +Notwendigkeit in dem, was wir als Natur geistig besitzen, und man hat +nicht zu vergessen, daß dieser Notwendigkeit eine andre, organische, +schicksalhafte im Leben selbst zugrunde liegt. Die letzte gestaltet, +die erste schränkt ein; die eine folgt aus einer inneren Gewißheit, +die andere aus Beweisen: das ist der Unterschied von tragischer und +technischer, historischer und physikalischer Logik. + +Innerhalb der von der Naturwissenschaft geforderten und vorausgesetzten +Notwendigkeit bestehen nun weitere Unterschiede, die sich bis jetzt +jeder Aufmerksamkeit entzogen haben. Es handelt sich hier um sehr +schwierige Einsichten von unabsehbarer Bedeutung. Eine Naturerkenntnis +ist die Funktion eines Verstandes von bestimmter Art, gleichviel +wie dieser Zusammenhang von der Philosophie definiert wird. Eine +Naturnotwendigkeit steht demnach in Beziehung zur Struktur des ++zugehörigen+ Geistes, in dessen Tätigkeit sie sich realisiert, +und hier beginnen die historisch-morphologischen Unterschiede. Man kann +eine strenge Notwendigkeit in der Natur erblicken, ohne daß sie sich in +Naturgesetze formulieren ließe. Das letzte, für uns selbstverständlich, +für Menschen andrer Kulturen indessen durchaus nicht, setzt eine ganz +besondere und für den faustischen Geist bezeichnende Form des Denkens +und mithin des Naturerkennens voraus. An sich liegt die Möglichkeit +vor, daß die mechanische Notwendigkeit eine Gestalt annimmt, in der +jeder einzelne Fall morphologisch für sich besteht, keiner sich exakt +wiederholt und Erkenntnisse also nicht als ständig gültige Formeln +erscheinen können. Es würde da die Natur in einem Bilde erscheinen, +das sich etwa nach Analogie unendlicher, aber nicht periodischer +Dezimalbrüche im Unterschiede von rein periodischen vorstellen +ließe. So empfand die Antike. Das Gefühl davon liegt schon ihren +physikalischen Urbegriffen zugrunde. Die Eigenbewegung der Atome bei +Demokrit z. B. erscheint so, daß ein gesetzmäßiger Bewegungstypus nicht +statuiert wird. + +Naturgesetze sind Formen des Geistes, in welchen ein Inbegriff von +Fällen sich zu einer Einheit höheren Grades zusammenschließt. Aber +darin liegt Wille zur Macht; das ist faustisch: der Geist spricht +in diesen Formen seine Herrschaft über die Natur aus. Die Welt ist ++seine+ Vorstellung, eine Funktion des eignen Ich. Der antike +Mensch war, nach Protagoras, nur das Maß, nicht der Schöpfer der Dinge. + +Hier zeigt sich, daß das Kausalitätsprinzip in der Form, wie sie für +uns selbstverständlich und notwendig ist, wie sie von der Mathematik, +Physik und Erkenntnistheorie übereinstimmend als Grundwahrheit +behandelt wird, ein abendländisches, genauer ein Barockphänomen +ist. Sie kann nicht bewiesen werden, denn jeder Beweis in einer +abendländischen Sprache und jede Erfahrung eines abendländischen +Menschen setzt sie schon voraus. Es ist kein Zweifel, daß im Begriff +der Kraft, der Funktion, des Natur+gesetzes+ überhaupt diese +besondere Art von Notwendigkeit schon enthalten ist. Die antike +Art, die Natur zu sehen -- das _alter ego_ der antiken Art zu ++sein+ --, enthält sie aber +nicht+, ohne daß dadurch eine +logische Schwäche in den naturwissenschaftlichen Feststellungen zum +Vorschein käme. Denkt man die Aussagen des Demokrit, Anaxagoras und +Aristoteles, in denen die ganze Summe antiker Naturanschauungen +enthalten ist, genau durch, prüft man vor allem den Gehalt von so +entscheidenden Begriffen wie ἀλλοίωσις, ἀνάγκη oder ἐντελέχεια, so +sieht man mit Erstaunen in ein völlig anders geartetes, in sich +geschlossenes und also für eine bestimmte Art Mensch unbedingt wahres +Weltbild, in dem von Kausalität in unserem Sinne nicht die Rede ist. +Der Alchimist der arabischen Kultur, der seine magischen Operationen +und Betrachtungen aus seinem Weltgefühl gleichfalls „exakt“ durchführt, +setzt ebenso eine immanente Notwendigkeit seines Universums voraus, die +von dynamischer Kausalität ganz und gar verschieden ist. + +Es ist sehr schwierig, sich über diesen Punkt verständlich zu +machen. Vielleicht führt die Idee des Tragischen in das Wesen der +Unterschiede ein. Das Wort Schicksal bezeichnet ein Urgefühl von etwas +Unbeschreiblichem und Unfaßlichem in der Seele ganzer Kulturen, und +in jeder ein anderes. Wir sahen, wie es sich in der anekdotischen +Tragödie des Sophokles und der biographischen Tragödie Shakespeares +offenbart, im gesamten Stil des apollinischen und faustischen Daseins, +in der politischen und wirtschaftlichen Geschichte beider Kulturen und +der Art der Entwicklung, der Anlage, des Verlaufs ihrer Epochen. Die +Beziehung der jeweiligen Schicksalsidee zur antiken Kalokagathia und +zum nordischen Willen wurde nachgewiesen. So erscheint sie, vom Geiste +mechanisch gefaßt, ins Ausgedehnte, in die sinnliche Wirklichkeit +umgedeutet, als Logik des Gewordnen, als ordnendes Urprinzip im +Reiche der Zahlen, Dimensionen und Begriffe. Wie der tragische Stil +der attischen und nordischen Szene, wie aristotelische und kantische +Logik, so unterscheiden sich die antike und abendländische Art +der physikalischen Notwendigkeit. Die Kausalität, welche Kant als +die vornehmste Kategorie des Verstandes anerkannte und die +bei +Aristoteles fehlt+, gehört zur Dynamik. Eine Kausalkette ist +eine Art von erstarrtem biographischem Nacheinander, etwas, das man +jedenfalls als den Gegensatz zum Anekdotisch-Punktförmigen empfinden +wird. Die Anschauungen der materialistischen Geschichtsauffassung +lassen den Zusammenhang übersehen: nur eine +historisch+ +empfindende Art Mensch konnte die Naturnotwendigkeit in dieser Form +eines +Verlaufs+ perzipieren. In der Statik und Alchimie, beide +als vollkommene Arten mechanischer Naturanschauung betrachtet, würde +dies dem dogmatischen Grundgefühl widersprechen. Der Neid der Götter, +der Geschlechterfluch, das blinde Fatum, das den Heros der attischen +Tragödie vernichtet, trifft auf eine momentane Situation, nicht auf +ein Ganzes von Leben und Tat. Es fehlt am „zureichenden Grunde“, und +das stimmt damit überein, daß es nicht +Kräfte+ sind, die hier an +einer Aufgabe scheitern. Kausalität und ἀνάγκη, beides Prinzipien des +logischen Zwanges, unterscheiden sich wie Tun und Leiden, wie die Zahl +als Funktion und die Zahl als Größe, wie kontrapunktische Musik und +attische Plastik. + +Die Zahl als Funktion steht mit dem gedanklichen Prinzip von Ursache +und Wirkung in tiefer Beziehung. Beide sind Schöpfungen desselben +Geistes, Ausdrucksformen desselben Seelentums, bildende Grundlagen +derselben objektgewordnen Natur. In der Tat unterscheidet sich die +Physik Demokrits von der Newtons, indem die eine das optisch Gegebene, +die andere die sich aus ihm entwickelnden abstrakten Beziehungen zum +Ausgangspunkt wählt. Die eine ist populär im höchsten Grade; sie +bleibt bei der Oberfläche, dem Augenschein stehen; die andre ist +ebenso unpopulär, dem Handgreiflichen widerstrebend. Die „Tatsachen“ +der apollinischen Naturerkenntnis sind +Dinge+, für sich +bestehende und sinnlich aufzufassende Einzelheiten; die „Tatsachen“ der +faustischen Naturerkenntnis sind +Beziehungen+, die dem Auge des +Laien überhaupt nicht zugänglich sind, die geistig erst erobert sein +wollen und endlich zu ihrer Mitteilung einer Geheimsprache bedürfen, +die nur dem +Kenner+ der Naturwissenschaft vollkommen verständlich +ist. Die antike Notwendigkeit liegt in den wechselnden Erscheinungen +der Einzeldinge unmittelbar zutage; das Kausalitätsprinzip waltet +jenseits der Dinge, indem es ihre sinnlich isolierte Tatsächlichkeit +abschwächt oder aufhebt. Man frage sich, welche Bedeutung sich unter +Voraussetzung der gesamten heutigen Theorie mit dem Worte „ein Magnet“ +verbindet. + +Das Prinzip der Erhaltung der Energie, das man seit seiner Formulierung +durch J. R. Mayer, Joule und Helmholtz in vollem Ernst als eine bloße +Denknotwendigkeit angesehen hat, ist in der Tat eine Umschreibung des +Kausalitätsprinzips -- der logischen Form des faustischen Weltgefühls +-- mittelst des physikalischen Begriffes der Kraft. Die Berufung +auf die Erfahrung und der Streit, ob eine Einsicht denknotwendig +oder empirisch, ob sie nach Kants Bezeichnung -- der sich über die +verschwimmende Grenze zwischen beiden sehr täuschte -- a priori oder +a posteriori gewiß sei, ist für die Form des abendländischen Denkens +charakteristisch. Nichts erscheint uns selbstverständlicher und +eindeutiger als die Erfahrung als Quelle der exakten Wissenschaft. Das +nur in Westeuropa zur vollen Meisterschaft ausgebildete Experiment ist +nichts als die systematische und erschöpfende Handhabung der Erfahrung. +Aber man hat nie bemerkt, daß in diesem höchst dogmatischen Begriff +das Dynamische, das Kausale, also ein ganz spezieller Naturaspekt +schon vorausgesetzt ist, daß Erfahrung für uns immer +kausale+ +Erfahrung, Einsicht in +funktionale+ Zusammenhänge ist und +somit in diesem Sinne und dieser Art für das antike Naturgefühl gar +nicht existiert, mithin auch für das antike Denken eine unmögliche +Konzeption ist. Wenn wir uns weigern, die wissenschaftlichen Resultate +des Anaxagoras oder Demokrit als Resultate echter Erfahrungen +anzuerkennen, so heißt das nicht, daß diese antiken Menschen sich +auf die Interpretation ihrer Anschauungen nicht verstanden, daß +sie bloße Phantasien entworfen hätten, sondern daß wir in ihren +Verallgemeinerungen das kausale Element vermissen, das für uns den +Sinn des Wortes Erfahrung erst ausmacht. Offenbar hat man nie genügend +über die Exklusivität dieses rein faustischen Begriffes nachgedacht. +Nicht der an der Oberfläche liegende Gegensatz zum Glauben ist für ihn +bezeichnend. Die exakte sinnlich-geistige Erfahrung ist im Gegenteil +ihrer Struktur nach dem vollkommen kongruent, was tief religiöse +Naturen des Abendlandes, Pascal zum Beispiel, der Mathematiker und +Jansenist aus der +gleichen+ innern Notwendigkeit war, wohl +als Erfahrung des Herzens, als Erleuchtung in bedeutenden Momenten +ihres Daseins kennen gelernt haben. Erfahrung bezeichnet eine ++Aktivität+ des Geistes, die sich nicht auf die augenblicklichen +und rein gegenwärtigen Eindrücke beschränkt, sie als solche hinnimmt, +anerkennt, ordnet, sondern sie aufsucht und hervorruft, um sie in +ihrer sinnlichen Individualität zu überwinden, sie in eine grenzenlose +Einheit zu bringen, durch welche ihre handgreifliche Vereinzelung +aufgelöst wird. Was wir Erfahrung nennen, besitzt die Tendenz +vom +Einzelnen zum Unendlichen+. Diese Aktivität, die Willen, Energie, +ein Ziel, einen Machtanspruch in sich schließt, widerspricht dem +antiken Naturgefühl. Demokrit würde die „Anschauung“ der modernen +Mechanik, wonach Bewegungen als kontinuierliche Transformationsgruppen +in einer n-dimensionalen Punktmannigfaltigkeit erscheinen, nicht mehr +als Interpretation irgendeiner „Natur“ anerkannt haben. Anschauung +-- das war dem Griechen, dem Plastiker, das unmittelbare Erlebnis +des Auges. Uns ist sie etwa das, was der Kenner des Kontrapunktes +vor dem innern Blick sich geisterhaft und doch nicht ganz unsinnlich +entfalten sieht, wenn er eine Partitur liest. +Das+ bedeutet uns +„Erfahrung“. Deshalb besitzt der antike Mensch, für den im Augenschein +das ganze Wesen der Welt liegt, eine Physik von unbestreitbarer Logik +und Notwendigkeit des formalen Gehaltes, aber nach unserem Maßstabe +„ohne Erfahrung“, d. h. ohne die kausale, funktionale Zersetzung der +Einheit des Handgreiflichen. Unser Weg, Erfahrungen zu gewinnen, ist +für ihn der Weg, sie zu verlieren. Deshalb bleibt er der gewaltsamen +Methode des Experiments fern, das seinem Sinne nach dynamisch, nicht +statisch ist. (Das magische Experiment der Alchimie ist ein Typus +von ganz anderer Bedeutung; er setzt ein anderes Naturgefühl voraus +und ruft als Resultat eine andere intuitiv-geistige Vorstellungswelt +hervor.) Deshalb besaß man unter dem Namen einer Physik statt eines +mächtigen Systems erarbeiteter abstrakter Gesetze und Formeln, +das die sinnliche Gegebenheit vergewaltigt und unterwirft -- nur +dies Wissen ist Macht! --, eine Summe wohlgeordneter, durch Bilder +sinnlich verstärkter, nicht etwa aufgelöster Eindrücke, welche die +Natur in ihrem in sich vollendeten Dasein unberührt ließ. Unsre +exakte Naturwissenschaft ist imperativisch, die antike ist θεωρία im +buchstäblichen Sinne, passive Beschaulichkeit. + + +7 + +Es ist nun kein Zweifel mehr: die Identität der Physik mit der +Mathematik, der Religion, der großen Kunst ist in den letzten Gründen +der Form eine vollkommene. Ein tiefer Mathematiker -- nicht ein +meisterhafter Rechner, der mit dem alle Methoden beherrschenden +Experimentator und dem technischen Virtuosen des Orchesterklangs und +des Pinselstrichs auf einer Stufe steht, sondern einer, der den Geist +der Zahlen in sich lebendig fühlt -- begreift, daß er damit „Gott +kennt“. Pythagoras und Plato haben das so gut gewußt wie Pascal und +Leibniz. Terentius Varro in seinen Cäsar gewidmeten Untersuchungen +über die altrömische Religion unterscheidet mit römischer Prägnanz +die _theologia civilis_, die Summe des öffentlich anerkannten +Glaubens, von der _theologia mythica_, der Vorstellungswelt +der Dichter und Künstler, und der _theologia physica_, der +philosophischen Spekulation. Wendet man dies auf die faustische Kultur +an, so gehören zur ersten, was Thomas von Aquino und Luther, Calvin und +Ignaz von Loyola lehren, zur zweiten Dante und Goethe, zur dritten aber +die wissenschaftliche Physik selbst, soweit sie ihren Formeln Bilder +unterlegt. + +Auch der Wilde und das Kind haben ein Gefühl für das „Andre“ in ihrer +Außenwelt, im höchsten Fall eine Ahnung von dem, was das Wort „Gott“ in +allen frühen Sprachen bezeichnet, also ein Bewußtsein von einer Natur, ++ihrer+ Natur, in der sie leben und weben, mit der sie eins sind, +die sie gleichzeitig bilden und von der sie gebildet werden. Aber mit +dem Erwachen einer Kultur erwachen die großen seelischen Formen. Jetzt +wächst das Gefühl von Gott zu einer großen Bestimmtheit auf, die einen +übermächtigen Ausdruck in Mythen, Bauten und Ideen sucht, und das wache +Bewußtsein prägt danach einen +Begriff+ von Gott. Aus dem einen +folgt das +Naturgefühl+, aus dem andern die +Naturerkenntnis+. + +Seit den Tagen der Spätrenaissance wird die Vorstellung von Gott im +Geist aller bedeutenden Menschen der Idee des reinen, unendlichen +Raumes immer ähnlicher. Der Gott der Exercitia spiritualia des Ignaz +von Loyola ist auch der des großen Lutherliedes „Ein feste Burg“, der +Bachschen Kantaten, der heitren Hallenkirchen des Barock. Er ist nicht +mehr der +Vater+ des heiligen Franz von Assisi, wie die Maler +der Gotik, wie Giotto und Stephan Lochner ihn empfanden, leibhaft +gegenwärtig, sondern ein unpersönliches Prinzip, unvorstellbar, +ungreifbar, geheimnisvoll im Unendlichen wirkend. Jeder Rest von +Persönlichkeit löst sich in unanschaulicher Abstraktheit auf, eine Idee +von Gott, der zuletzt nur noch die Instrumentalmusik großen Stils +gewachsen ist, während die Malerei des 18. Jahrhunderts versagt und +demnach in den Hintergrund tritt. +Dies Gefühl von Gott+ hat das +naturwissenschaftliche Weltbild des Abendlandes, unsere Natur, unsere +„Erfahrung“ und mithin unsere Resultate und Hypothesen im Gegensatz +zu denen des antiken Menschen gestaltet. Die Kraft, welche die Masse +bewegt: das ist es, was Michelangelo an die Decke der sixtinischen +Kapelle gemalt hat, was seit dem Vorbilde von Il Gesù die Domfassaden +zu dem gewaltsamen Ausdruck bei Della Porta und Maderna und seit +Orlando Lasso den fugierten Stil zu den kolossalen Tonmassen der +Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts gesteigert hat, was als Weltgeschehen +in Shakespeares Tragödien die ins Unendliche erweiterte Szene füllt und +was endlich Galilei und Newton in Formeln und Begriffe gebannt haben. + +Das Wort Gott klingt anders unter den Wölbungen gotischer Dome +und in den Klosterhöfen von Maulbronn und Sankt Gallen als in den +Basiliken Syriens und den Tempeln des republikanischen Rom. In dem ++Wälderhaften+ der Dome, der mächtigen Erhöhung des Mittelschiffes +über die Seitenschiffe gegenüber der flachgedeckten Basilika, von deren +Typus der abendländische Kirchenbau ausging, in der Verwandlung der +Säulen, die durch Basis und Kapitäl als abgeschlossene Einzeldinge in +den Raum gestellt wurden, zu Pfeilern und Pfeilerbündeln, die aus dem +Boden wachsen und deren Äste und Linien sich über dem Scheitel ins +Unendliche verlieren und verschlingen, während von den Riesenfenstern, +welche die Wand aufgelöst haben, ein ungewisses Licht durch den Raum +fließt, liegt die architektonische Verwirklichung eines Weltgefühls, +das im +Hochwald+ der nordischen Ebenen sein ursprünglichstes +Symbol gefunden hatte. Und zwar im Laubwalde mit dem geheimnisvollen +Gewirr seiner Äste und dem Raunen der ewig bewegten Blättermassen über +dem Haupte des Betrachters, hoch über der Erde, von der die Wipfel +durch den Stamm sich zu lösen versuchen. Man denke wieder an die +romanische Ornamentik und ihre tiefe Beziehung zum Sinn der Wälder. +Der unendliche, einsame, dämmernde Wald ist die geheime Sehnsucht +aller abendländischen Bauformen geblieben. Deshalb löst sich, sobald +die Formenenergie des Stils ermattet, in der späten Gotik (im +_style flamboyant_, in Troyes, im Prager Dom) ganz ebenso wie +im ausgehenden Barock die beherrschte abstrakte Liniensprache wieder +unmittelbar in naturalistisches Astwerk, Ranken, Zweige, Blätter auf. +Die Zypresse und Pinie wirken körperhaft, euklidisch; sie hätten +niemals Symbole des unendlichen Raumes werden können. Die Eiche, +Buche, Linde mit den irrenden Lichtflecken in ihren schattenerfüllten +Räumen wirken körperlos, grenzenlos, geistig. Der Stamm einer Zypresse +findet in der klaren Säule ihrer Nadelmasse den vollkommenen Abschluß +seiner senkrechten Tendenz, der einer Eiche wirkt wie ein unerfülltes +rastloses Streben über den Wipfel hinaus. In der Esche scheint der +Sieg der aufstrebenden Äste über den Zusammenhalt der Krone eben zu +gelingen. Ihr Anblick hat etwas Aufgelöstes, den Anschein einer freien +Verbreitung im Raum, und vielleicht wurde die Weltesche deshalb ein +Symbol der nordischen Mythologie. Das Waldesrauschen, dessen Zauber +kein antiker Dichter je empfunden hat, das jenseits der Möglichkeiten +des apollinischen Naturgefühls liegt, steht mit seiner geheimen Frage +nach dem Woher und Wohin, seinem Versinken des Augenblicks im Ewigen +in einer tiefen Beziehung zum Schicksal, zum Gefühl für Geschichte und +Dauer, zur faustischen schwermütig-sorgenvollen Richtung der Seele in +eine unendliche ferne Zukunft. Deshalb wurde die Orgel, deren tiefes +und helles Brausen unsere Kirchen füllt, deren Klang im Gegensatz zum +klaren, pastosen Ton der antiken Lyra und Flöte etwas Grenzenloses +und Ungemessenes besitzt, das Organ der abendländischen Andacht. Dom +und Orgel bilden eine symbolische Einheit wie Tempel und Statue. Die +Geschichte des Orgelbaus, eines der tiefsinnigsten und rührendsten +Kapitel der Musikgeschichte, ist eine Geschichte der Sehnsucht nach dem +Walde, nach der Sprache dieses eigentlichen Tempels der abendländischen +Gottesverehrung. Von dem Versklang Wolframs von Eschenbach bis zur +Musik des Tristan ist diese Sehnsucht unveränderlich fruchtbar +geblieben. Das Streben des Orchesterklanges im 18. Jahrhundert ging +unablässig dahin, dem Orgelklang immer verwandter zu werden. Das Wort +„schwebend“, sinnlos antiken Dingen gegenüber, ist gleich wichtig +in der Theorie der Musik, der Architektur, der Physik, der Dynamik +des Barock. Wenn man in einem hohen Walde mächtiger Stämme steht und +den Sturm über sich wühlen hört, begreift man plötzlich den Sinn des +Gedankens von der Kraft, welche die Masse bewegt. + +So entsteht aus dem Urgefühl des bewußten Daseins eine immer +bestimmtere Vorstellung des göttlichen Prinzips. Erkenntnis ist +ein Gewordensein. Der Erkennende selbst aber empfängt durch das +Kontinuum der lebendigen Erkenntnisakte den Eindruck einer Bewegung +in der äußeren Natur. Er fühlt um sich ein schwer zu beschreibendes ++fremdes+ Leben unbekannter Mächte. Er führt den Ursprung dieser +Wirkungen auf _numina_ nach römischer Bezeichnungsweise zurück, +auf das „andre“, Nichteigne, insofern es ebenfalls Leben besitzt. Ein +_numen_ ist gestaltetes, durchseeltes Weltgefühl. Aus der Bewegung +entspringen also Religion und Physik. Sie enthalten die Deutung der +lebendigen und der toten Natur oder des Bildes der Umwelt durch die +Seele und durch den Verstand. Die „himmlischen Mächte“ sind zugleich +erster Gegenstand der Verehrung und der Forschung. Es gibt eine Lebens- +und eine wissenschaftliche Erfahrung. + +Nun beachte man wohl, auf welche Weise das Bewußtsein der einzelnen +Kulturen die ursprünglichen _numina_ geistig verdichtet. Es belegt +sie mit bedeutungsvollen Worten, mit +Namen+, und bannt -- begreift, +begrenzt -- sie auf diese Art. Damit unterliegen sie der geistigen +Macht des Menschen, der den Namen in seiner Gewalt hat. Und es +war schon gesagt worden, daß die ganze Philosophie, die ganze +Naturwissenschaft, alles, was zum „Erkennen“ in irgendeiner Beziehung +steht, im tiefsten Grunde nichts ist als die unendlich verfeinerte +Art, +den Namenzauber des primitiven Menschen auf das „Fremde“ +anzuwenden+. Das Aussprechen des richtigen Namens (in der Physik des +richtigen Begriffes) ist eine Beschwörung. So entstehen Gottheiten und +wissenschaftliche Grundbegriffe zuerst als Namen, die man anruft und +an die sich eine sinnlich immer bestimmtere Vorstellung knüpft. Aus +dem _numen_ wird ein _deus_, aus dem Begriff eine Theorie. Was für +ein befreiender Zauber liegt für die Mehrzahl der gelehrten Menschen +in der bloßen Nennung der Worte „Ding an sich“, „Atom“, „Energie“, +„Schwerkraft“, „Ursache“, „Entwicklung“! Es ist der gleiche, der +den latinischen Bauern bei den Worten Ceres, Consus, Janus, Vesta +ergriff.[117] + +Indes, der Namenzauber tut mehr. Er hebt nicht nur heraus, grenzt +aus der Fülle bewegter Eindrücke ab, er macht auch das „Fremde“ der +Gestaltungskraft des eignen Ursymbols erreichbar. Aus Worten -- denn in +der Sprache liegt der +ganze+ Mensch -- werden Gottheiten, aber +was für Unterschiede! Antike Gottheiten als wohlunterschiedene σώματα, +klar umrissen, hell beleuchtet schon bei Homer. Indische Gottheiten, +unzählige ineinander verschwimmende, maßlose Wesen, vag, phantastisch +wie Wolken und Nebelfetzen. Abendländische Gottheiten auf dem Wege von +der Gotik zum Barock zu +einer+ unsichtbaren Macht sich einend. +Man achte wohl auf die Unterschiede des apollinischen und vedischen +Polytheismus. Von dort geht ein Weg zur euklidischen Körpergeometrie +und den Elementen des Empedokles, von hier zur Null, zum Nirwana, zur +Seelenwanderung. Aus dem Verhältnis des Olymps zur Atomistik Demokrits, +der katholischen Dogmatik zu Newton ermessen wir, was eine indische +Physik an Grundbegriffen hätte enthalten müssen. + +Dem antiken Weltgefühl war, dem Tiefenerlebnis und dessen Symbolik +gemäß, der einzelne Körper +das+ Sein. Folgerichtig empfand man +dessen äußere +Gestalt+ als das Wesenhafte, als den eigentlichen +Sinn des Wortes „Sein“. Was nicht Gestalt hat, Gestalt ist, ist +überhaupt nicht. Von diesem Grundgefühl aus, das man sich nicht mächtig +genug denken kann, konzipierte der antike Geist als +Gegenbegriff+ +(in der hier neu eingeführten Bedeutung) zur Gestalt das „andre“, die +Ungestalt, den Stoff, die ἀρχή oder ὕλη, das, was an sich kein Sein +besitzt und lediglich als Komplement zum wirklich Seienden für das +Weltgefühl eine ergänzende, sekundäre Notwendigkeit. Man begreift, +wie die antike Götterwelt sich bilden mußte. Sie ist neben dem +Menschen eine höhere Menschlichkeit; es sind vollkommener gestaltete +Körper, erhabenste Möglichkeiten leibhaft-gegenwärtiger Form -- im +Unwesentlichen, dem Stoffe nach, nicht unterschieden, mithin derselben +kosmischen und tragischen Notwendigkeit unterworfen. + +Das faustische Weltgefühl aber erlebte die Tiefe anders. Hier erscheint +als Inbegriff des Seins der reine unendliche Raum. Er ist +das+ +Sein schlechthin. Hier wirkt der sinnliche Empfindungsinhalt, der +mit einer höchst bezeichnenden Wendung, die ihm den Rang anweist, +das Raumerfüllende genannt wird, als Tatsache zweiter Ordnung und +im Hinblick auf den Akt der Naturerkenntnis als das Fragwürdige, +als Schein und Widerstand, der überwunden werden muß, wenn man als +Philosoph oder Physiker den eigentlichen Gehalt des Seins erschließen +will. Die abendländische Skepsis hat sich niemals gegen den Raum, +immer gegen die greifbaren Dinge gewandt. Raum ist der primäre Begriff +-- Kraft ist nur ein weniger abstrakter Ausdruck dafür -- und erst +als sein Gegenbegriff erscheint die Masse, das, was im Raume ist. +Sie ist logisch wie physikalisch von ihm abhängig. Der modernen +Konzeption einer elektrodynamischen Energie folgte notwendig die einer +zugehörigen Masse, des Lichtäthers. Eine Definition der Masse folgt +mit allen ihr zugeschriebenen Eigenschaften aus der einer Kraft, +nicht umgekehrt -- und zwar mit der Notwendigkeit eines Symbols. +-- Alle antiken Substanzbegriffe, sie mögen noch so individuell, +idealistisch oder realistisch gefaßt sein, bezeichnen +das zu +Gestaltende+, eine Negation also, die ihre näheren Bestimmungen in +jedem Falle aus dem Grundbegriff der Gestalt herübernehmen muß. Alle +abendländischen Substanzbegriffe bezeichnen +das zu Bewegende+, +ohne Zweifel ebenfalls eine Negation, aber die einer andern Einheit. ++Gestalt und Ungestalt, Kraft und Nichtkraft+ -- so wird die +dem Welteindruck beider Kulturen zugrunde liegende und seine Formen +restlos erschöpfende Polarität am deutlichsten wiederzugeben sein. Was +die vergleichende Philosophie bis jetzt ungenau und verwirrend mit +dem einen Worte Stoff wiedergab, bedeutet in einem Fall das Substrat +der Gestalt, im andern das der Kraft. Es gibt nichts Verschiedeneres. +Hier spricht das Gefühl von Gott, ein +Wertgefühl+. Die Gestalt, +die Kraft sind die Inkarnationen des Göttlichen im Weltbilde. Die +antike Gottheit ist höchste Gestalt, die faustische höchste Kraft. Das +„andre“ ist das Ungöttliche, dem die Würde des Seins vom Geiste nicht +zugesprochen werden kann. Ungöttlich ist dem apollinischen Weltgefühl +die gestaltlose Leere, das „zwischen den Körpern“, dem faustischen ++also+ das passive Einzelding. + +So erfolgte aus der Idee des +einen+ unendlichen Raumes die +abendländische Vorstellung des +einen+ Gottes. Man begreift +nun den Ursprung von Monotheismus und Polytheismus. Gott -- das ist +für unser Gefühl der Raum, Kraft, Wille, Tat. Welt, als Gegensatz +zu ihm, ist also die Nichtkraft, die Masse, das Objekt. Man hat von +Dante bis Goethe tausendmal die Worte gewechselt und das Weltbild +religiös oder wissenschaftlich, intuitiv oder mechanistisch zu deuten +versucht; das Grundgefühl ist unverändert geblieben. Es gehört zu +den seelischen Bedingungen, über die niemand Gewalt hat. Es ist eine +Selbsttäuschung, wenn jemand sagt, er sei Atheist geworden, oder „zu +Gott zurückgekehrt“. Er verwechselt lediglich begriffliche Konventionen +der Oberfläche -- neue Namen -- mit dem Gehalt der Welteindrücke +selbst. Wer für Gott und Welt Wille und Vorstellung oder Kraft und +Stoff sagt, kennzeichnet damit nur seine bewußte Individualität, seinen +intellektuellen Geschmack, nicht seine Kultur. Wenn ein Darwinist oder +Positivist, Nietzsche einbegriffen, eine Ansicht über den Weltverlauf +ausdrücken will, so redet er davon, daß „die Natur“ dies so organisiert +hat, jenes so will, irgend etwas bezweckt, zuläßt, schafft. So hätte +kein Grieche gesprochen. So spricht die katholische Kirche, nur daß +sie das Wort Gott für Natur gebraucht und das Kausalitätsprinzip +vorsichtiger formuliert. Es ist dem heutigen Naturforscher so wenig wie +dem irgendeiner andern Kultur möglich, von dieser Disposition seines +produktiven Bewußtseins loszukommen. Seine Grundbegriffe, scheinbar +Resultate einer strengen und voraussetzungslosen Analyse, waren schon +in den Gottvorstellungen seiner Vorfahren enthalten. + + +8 + +Es ist ein wissenschaftliches Vorurteil, daß Mythen und +Göttervorstellungen eine Schöpfung des primitiven Menschen seien und +daß mit fortschreitender Kultur der Seele die mythenbildende Kraft +verloren gehe. Das Gegenteil ist der Fall. Wäre nicht die Morphologie +der Geschichte bis zum heutigen Tage ein unentdecktes Problem +geblieben, so hätte man längst die vermeintlich allgemein verbreitete +mythologische Produktivität auf einzelne Epochen beschränkt gefunden +und endlich begriffen, daß diese Kraft einer Seele, ihre Welt mit +Gestalten, Zügen und Symbolen, und zwar von einheitlichstem Charakter +zu erfüllen, +gerade+ den Frühzeiten der großen Kulturen angehört. +Jeder Mythus großen Stils steht am Anfang eines erwachenden Seelentums. +Er ist seine erste geistige Tat. Man findet ihn nur dort und nirgend +anders, dort aber auch mit Notwendigkeit. Die bedeutendsten Motive +der Edda sind genau gleichzeitig mit der romanischen Ornamentik und +der gotischen Bauweise entstanden. Der olympische Götterkreis, wie +wir ihn aus Homer kennen, entstand gleichzeitig mit dem frühdorischen +geometrischen Stil. + +Ich setze voraus, daß das, was Urvölker wie die Germanen zur Zeit +Cäsars an religiösen Vorstellungen besitzen, noch kein höherer +Mythus, d. h. wohl eine Summe zerstreuter personifizierender Züge, +an Namen haftender Kulte, fragmentarischer Sagenbildungen, aber noch +keine Götter+ordnung+, kein mythischer +Organismus+, kein +geschlossener Sagenkreis von einheitlicher Physiognomie ist, so wenig +ich die vage Ornamentik dieser Stufe eine Kunst nenne. Übrigens sind +die größten Bedenken Symbolen und Sagen gegenüber angebracht, die +heute oder auch seit Jahrhunderten unter scheinbar primitiven Völkern +geläufig sind, nachdem seit Jahrtausenden keine Landschaft der Erde von +der Einwirkung fremder Hochkulturen ganz unberührt geblieben ist. + +Es gibt deshalb so viele Formenwelten des Mythus, als es Kulturen, +als es Architekturen gibt. Was ihnen zeitlich vorausliegt, das Chaos +unfertiger Phantasiegebilde, in das die moderne Mythenforschung ohne +ein leitendes Prinzip sich verliert, kommt unter diesen Voraussetzungen +nicht in Betracht; andrerseits zählen Bildungen dazu, von denen es +noch niemand vermutet hat. In der homerischen Zeit, 1100-800, und der +entsprechenden ritterlich-germanischen, 900-1300 -- den +epischen+ +Zeitaltern --, nicht früher, nicht später, sind die großen Sagenwelten +entstanden. Ihnen entspricht in Indien die vedische und in Ägypten +die Pyramidenzeit, man wird eines Tages entdecken, daß die ägyptische +Mythologie in der Tat gerade während der dritten und vierten Dynastie +zur +Tiefe+ herangereift ist. + +Nur so ist der unermeßliche Reichtum religiös-intuitiver Schöpfungen zu +verstehen, der die drei Jahrhunderte der deutschen Kaiserzeit füllt. Es +ist die +faustische Mythologie+, die hier entstand. Man war bisher +blind für den Umfang und die Einheit dieser Formenwelt, weil religiöse +und gelehrte Vorurteile zu einer fragmentarischen Behandlung entweder +der katholischen oder der nordisch-heidnischen Bestandteile drängten. +Aber es besteht hier kein Unterschied. Der tiefe Bedeutungswandel +innerhalb der christlichen Vorstellungskreise ist als schöpferischer +Akt identisch mit der Zusammenfassung altheidnischer Kulte zu einem +Ganzen. Es gehören hierher die sämtlichen westeuropäischen Volkssagen, +die damals ihre symbolische Durchbildung erhalten haben, mögen sie auch +der Substanz nach viel früher entstanden und viel später noch an neue +äußere Erlebnisse angeknüpft und durch bewußtere Züge bereichert worden +sein. Es gehören dazu die großen in der Edda erhaltenen Göttersagen +und eine Anzahl Motive aus den Evangeliendichtungen gelehrter Mönche. +Dazu kommt die deutsche Heldensage des Siegfried-, Gudrun-, Dietrich-, +Wielandkreises mit ihrem Gipfel im Nibelungenlied und neben ihr die +ungeheuer reiche, aus altkeltischen Märchen abgeleitete und auf +französischem Boden eben damals vollendete Rittersage: vom König +Artus und der Tafelrunde, vom heiligen Gral, von Tristan, Parzeval +und Roland. Und endlich ist außer der unvermerkten, aber um so +tieferen psychologischen Umdeutung aller Züge der Passionsgeschichte +der ganze Reichtum der katholischen Heiligenlegenden hinzuzurechnen, +deren Blütezeit das 10. und 11. Jahrhundert füllt. Damals sind die +Marienleben, die Geschichten des hl. Rochus, Sebald, Severin, Franz, +Bernhard und der Odilia entstanden. Um 1250 wurde die Legenda aurea +verfaßt; es war die Blütezeit der höfischen Epik und der isländischen +Skaldenpoesie. Den großen Walhallgöttern im Norden entsprechen die +„vierzehn Nothelfer“, die gleichzeitig im südlichen Deutschland als +mythische Gruppe konzipiert worden sind. Auf altgermanischen Ideen, +welche Dante vielleicht während eines Aufenthaltes in Oxford kennen +lernte, beruhen die mächtigen Raumvisionen der Göttlichen Komödie, die +Ringe des Höllentrichters. Neben der Schilderung von Ragnarök, der +Götterdämmerung, in der Völuspa steht eine christliche Fassung in den +süddeutschen Muspilli. + +Nichts ist für den letzten Sinn dieser religiösen Schöpfungen +bezeichnender als die Tatsache, daß die Götterwelt von Walhall nicht +altgermanischen Ursprungs ist und den Stämmen der Völkerwanderung +noch gar nicht bekannt war, sondern daß sie erst jetzt und mit einem +Schlage, aus innerster Notwendigkeit im Bewußtsein der auf dem Boden +des Abendlandes neu entstandenen Völker sich bildete, „gleichzeitig“ +also mit der olympischen, die wir aus der homerischen Epik kennen und +die ebensowenig urhellenischer Herkunft ist. Die kretisch-mykenische +Menschheit, welche Namen ihre verschollenen Völker auch getragen +haben mögen, kann die olympischen Motive nicht gekannt haben. Das ist +psychologisch unmöglich. Und der kretisch-mykenischen Zeit entspricht +der religiösen Lage nach, als Vorstufe einer noch ungebornen Kultur, +die merowingisch-karolingische. Als die Araber um 730 mitten im +fränkischen Reich, an der Loire standen und Musa verkündete, er wolle +über die Pyrenäen und Alpen nach Rom ziehen und Mohameds Namen vor +dem Vatikan ausrufen lassen, war das Christentum des Westens dem +seelischen Gehalte, der Symbolik nach noch wenig vom Islam verschieden. +Man prüfe den Geist der fränkisch-langobardischen Kirchenkunst. Es +war noch derselbe Ausdruck des magischen Weltgefühls, wie er auf +den morgenländischen Konzilien der ersten Jahrhunderte zu Worte +gekommen war. So wenig damals die Welt von Walhall schon entstanden +und innerlich auch nur möglich war, so wenig war von dem späteren, +dem germanischen, dem faustischen Christentum schon vorhanden. +Erst das große Schisma offenbart nach dieser Seite hin das Dasein +einer jungen abendländischen neben einer alternden morgenländischen +Seele. Als Karl der Große, der Herrscher von „Frankistan“, seine +Palastkapelle zu Aachen baute, entstand aus antiken Säulen und +Bauteilen, die man von Italien bezog, eine Art Moschee. Das ist +ein welthistorisches Symbol. Das Aachener Münster wird immer das +merkwürdigste Beispiel einer Architektur +vor+ der Geburt eines +Stils bleiben. Es steht außerhalb aller Stile, weil es außerhalb aller +Kulturen steht. Aber dasselbe gilt von allem, was an christlichen und +heidnischen Gottvorstellungen damals wirkliches geistiges Eigentum des +westeuropäischen Menschen war. + +Man hat die organische Einheit dieser faustischen Götter- und Sagenwelt +und ihre in allen Kreisen identische Symbolik bei weitem nicht genügend +beachtet. Siegfried, Baldur, Roland, der Heliand sind verschiedene +Namen für ein und dieselbe Gestalt. Walhall und die Gefilde der +Seligen Avalun, König Artus’ Tafelrunde und das Mahl der Einherier, +Maria, Frigga und Frau Holle bedeuten dasselbe. Demgegenüber ist die +äußere Abstammung der stofflichen Motive und Elemente, auf welche die +Mythenforschung ein Übermaß von Eifer verwendet hat, lediglich ein +Phänomen der historischen Oberfläche und ohne psychologische Bedeutung. +Für den +Sinn+ eines Mythus beweist die Herkunft +nichts+. +Das _numen_ selbst, die Urgestalt des Weltgefühls, ist reine +wahllose und unbewußte Schöpfung und unübertragbar. Was ein Volk +durch Bekehrung oder bewundernde Annahme von einem andern erhält, +ist Name, Kleid und Maske für ein eignes Gefühl, niemals ein Gefühl +selbst. Man hat die primitiven altkeltischen und altgermanischen +Mythenmotive so gut wie den Formenschatz des antiken und des +christlich-morgenländischen Glaubens als den Stoff zu betrachten, aus +dem die faustische Seele in diesen Jahrhunderten eine eigne mythische +Architektur erschuf. Es ist auf dieser Stufe eines eben erwachenden +Seelentums ganz belanglos, ob diejenigen, durch deren Geist und +Mund dieser Mythus ins Leben tritt, „einzelne“ Skalden, Missionäre, +Troubadours, fahrende Sänger, Priester oder „das Volk“ sind. Es +ist, wie man sieht, für die innere Selbständigkeit des Entstandenen +auch belanglos, daß die christlichen Kultelemente die Formgebung +entscheidend beherrscht haben. + +Zu dieser Fülle von Mythen, die sämtlich das gleiche, das faustische +Weltbild beseelen, dieselbe faustische Natur, die so viel später das +Objekt der Dynamik und ihrer Theorien wurde und damit eine neue, +geistigere, bewußtere, aber nicht weniger mythische Fassung erhielt, +hat jede Landschaft beigesteuert, der Norden Walhall, der deutsche +Süden Siegfried und Etzel, England den König Artus, Frankreich +Parzeval, die Provence den Gral, Italien die Heiligenlegenden. + +Bei allem Anschein eines farbig-sinnlichen Polytheismus aber, der eine +Fortsetzung des antiken vortäuscht und in der Tat das Auge immer wieder +verführt hat, hebt sich das Urgefühl des +einen+ unendlichen +Raumes heraus, eine mächtige Tendenz zur Ferne, eine Wendung an den +innern Blick, nicht den des Leibes, was weder die Rittersage noch die +Heldensage gänzlich verhehlt. Man vergesse nicht, daß das lateranische +Konzil von 1215 die +dogmatische+ Fassung des Weltgefühls +festlegte, dessen mythische Gestaltung in der +Gesamtheit+ dieser +Götter- und Heldenvorstellungen vorliegt. + +Wir haben, jedesmal in der Frühzeit der antiken, arabischen, +abendländischen Kultur, einen Mythus statischen, magischen, dynamischen +Stils vor uns. Man prüfe jede Einzelheit der Form, wie dort eine +Haltung, hier eine Tat, dort die Geste, hier der Wille zugrunde liegen, +wie in der Antike das leibhaft Greifbare, das sinnlich Gesättigte +vorwaltet, das eben deshalb, was die Form der Verehrung anbelangt, +seinen Schwerpunkt in einem sinnlich eindrucksvollen +Kultus+ +hat, während im Norden der Raum, die Kraft und mithin eine vorwiegend ++dogmatisch+ gefärbte Religiosität herrschen. Schon in diesen +frühesten Ansätzen läßt sich die Verwandtschaft des homerischen Mythus +zur Statue, des Eddamythus zur kontrapunktischen Musik bemerken. Man +hat wohl zwischen dem seiner selbst vollkommen sicheren +Gefühl+, +das sich in diesen mythischen Formen hervorwagt, und den oft sehr davon +verschiedenen Zügen, Gebräuchen und Bildern zu unterscheiden, welche +die junge Seele aus der Tradition älterer Kulturen herübernimmt, um für +ihre stammelnde Sehnsucht eine Sprache zu finden. Die antiken Kulte, +welche das Arabertum, und die Lehren der christlichen Kirche, welche +das germanische Abendland aufnahm, waren Maske und Stoff; das junge +Gefühl fügte sich in die alte Gestalt. Geradeso wurde die Basilika +zum Dom umgeschaffen. So hatte der antike Mensch kretisch-ägyptische, +phönikische und babylonische Motive in seine Ideen von Gott und seine +Kulte verwebt. Die Minos-, Herakles- und Dionysossage beweisen es. +So führt ein wesentlicher Teil der deutschen Volkssagen, selbst die, +welche im Volksempfinden am tiefsten wurzeln, auf antike Gestalten +zurück, als deren Vermittlerin vielfach die Kirche anzunehmen ist. + +Es gab keinen altgermanischen Götterhimmel. Walhall ist eine unbewußte +Nachbildung des Olymp, aber hier ist alles ins Ungewisse, Schwebende, +ins Grenzenlose geweitet und liegt jenseits aller sinnlichen Plastik +und Gegenwart. Es gab auch keine allgemein germanischen Götter. +Jeder der wandernden Stämme hatte seine eignen, wenig bildhaften +Vorstellungen. Erst christliche Einwirkung hat den Gestalten Odins und +Baldurs, des Vaters und des Sohnes, ihre mythische Deutlichkeit und +Vertiefung gegeben. + +Die arabische Seele hatte in den Jahrhunderten zwischen Cäsar und +Konstantin ihren Mythus ausgebildet, jene phantastische Masse von +Kulten, Visionen und Legenden, die noch heute kaum übersehbar ist, +Kulte wie die der Isis und des Mithras (der auf syrischem Boden völlig +umgeschaffen wurde), Evangelien und Apokalypsen in erstaunlicher +Zahl, die christlichen, neuplatonischen, manichäischen Legenden, +die himmlischen Engel- und Geisterordnungen der Kirchenväter und +Gnostiker. In der Christusgestalt der Evangelien sehen wir den Heros +der früharabischen Epik neben Achilleus, Siegfried und Parzeval. Die +Szenen von Gethsemane und Golgatha stehen neben den höchsten Momenten +der hellenischen und germanischen Sage. Diese magischen Konzeptionen +erwuchsen ohne Ausnahme unter dem Eindruck der sterbenden Antike, die +ihnen der Natur der Sache nach niemals den Gehalt, um so öfter die Form +lieh. Es ist kaum zu überschätzen, wieviel Apollinisches umgedeutet +werden mußte, bevor der altchristliche Mythus die feste Gestalt +angenommen hatte, die er zur Zeit des Augustinus besaß. + +Dasselbe Schauspiel wiederholt die Gotik. Wäre in dieser Epoche das +magische Christentum nicht schon als fertige Formenwelt in das Fühlen +der jungen Seele gedrungen, so wäre ohne Zweifel ein völlig neuartiger +Mythus von strenger Einheit entstanden. Die gotische Architektur weist +auf die Möglichkeit einer faustischen Götterwelt von gigantischem +Wurf hin. Indessen wäre es verfehlt, die Edda als Zeichen für das zu +nehmen, +was+ sich unter Umständen damals hätte bilden können. +Dies Fragment einer nichtchristlichen abendländischen Religion ist +dem Christentum +nicht+ voraufgegangen. Das Christentum hat ++keine+ Götterwelt vernichtet; es hat deren Entstehung verhindert. +Es war da, bevor die Geburt eines spezifisch abendländischen Mythus +möglich und also notwendig geworden war. Die Gestalten der Edda sind +erst in seinem Schatten gereift. Das religiöse Empfinden war keineswegs +in dieser Richtung festgelegt. Tristan, Roland, Parzeval, christliche +Heroen, besitzen ebensoviel Symbolik und innere Wahrheit wie Siegfried, +Odin und Loki, die neben ihnen, nicht vor ihnen entstanden. Wenn die +Götter- und Heldensage eher unter antik-heidnischen Eindrücken Wesen +gewann, so wird die Rittersage in einem erheblich höheren Grade von +magischen, christlich-neuplatonischen und sogar islamischen Einflüssen +beherrscht. Es ist also keine Vermutung darüber möglich, welche Farbe +und Gestalt der faustische Mythus unabhängig vom Christentum angenommen +haben würde. + + +9 + +Der antike Polytheismus besitzt nach allem einen Charakter, der ihn von +jeder andern, äußerlich verwandten Fixierung eines Weltgefühls streng +abhebt. Diese Art, Götter, keine Gottheit zu besitzen, war nun einmal +da, eben in der einzigen Kultur, welche die Statue des nackten Menschen +als den Inbegriff aller Kunst empfand. + +Die Natur, wie sie der antike Mensch um sich fühlte und erkannte, +konnte in keiner andern Form beseelt, vergöttlicht werden. Der +Römer fand in dem Anspruch Jehovas, allein zu existieren, etwas +Atheistisches. +Ein+ Gott war für ihn kein Gott. Von hierher +schreibt sich die starke Abneigung des gesamten griechisch-römischen +Volksbewußtseins gegen die Philosophen, soweit sie Pantheisten, +mithin gottlos waren. Götter sind σώματα der vollkommensten Art und +zum σῶμα im mathematischen wie im physikalischen, rechtlichen und +dichterischen Sprachgebrauch gehört die Vielzahl. Der Begriff des ζῷον +πολιτικόν gilt auch von Göttern; nichts ist ihnen so fremd wie die +Einsamkeit, das Allein- und Fürsichsein. Man muß hier mathematisch +und zwar antik-mathematisch denken, um zu begreifen. Es sei noch +einmal betont: die unzähligen, leibhaften, gegenwärtigen Götter der +antiken Natur -- das sind die zahllosen möglichen, wohl begrenzten +Körper der euklidischen Geometrie. Der +eine+ Gott des Abendlandes, +der die faustische Natur durchdringt, ist der +eine+ grenzenlose Raum +der analytischen Geometrie. Pythagoras, der in seiner religiösen +Reform den uralten Demeterkult zu Kroton wieder zu Ehren brachte und +in diesem Symbol die Heiligung des +Leibes+ aussprach, begründet +zugleich die Mathematik der Körper, die Idee der Zahl als +Größe+, als ++Maß+. Pascal, der in den _Pensées_ den strengsten Jansenismus, eine +reine transzendente Idee von Gott und der Erbsünde aufbaute, begründet +zugleich die Geometrie der reinen Beziehungen: die Projektionslehre. + +Es ist von höchster Bedeutung, daß gerade in Hellas die Gestirngötter, +als _numina_ der Ferne, fehlen. Helios hatte nur auf dem +orientalisierten Rhodos, Selene überhaupt nie einen Kult. Beide sind +lediglich, wie schon in der höfischen Poesie Homers, künstlerische +Ausdrucksmittel, nach römischer Bezeichnung Elemente des _genus +mythicum_, nicht des _genus civile_. Sie besaßen weder Tempel +noch Statuen und das, obgleich in Ägypten (Ra) und Babylon (Marduk), +denen der Hellene so viel entlehnte, der Sonnen- und Gestirndienst +den Mittelpunkt des Kultus bildete. Die altrömische Religion, in der +das antike Weltgefühl in besonderer Reinheit zum Ausdruck kommt, +kennt weder Sonne noch Mond, weder Sturm noch Wolken als Gottheiten. +Waldesrauschen und Waldeinsamkeit, Gewitter und Meeresbrandung, die +das Naturgefühl des faustischen Menschen, schon das des Kelten und +Germanen, völlig beherrschen und seinen mythischen Schöpfungen den +eigentümlichen Charakter geben, lassen das des antiken Menschen +unberührt. Nur Konkreta, Herd und Tür, der +einzelne+ Wald und +das +einzelne+ Feld, dieser Fluß und jener Berg, verdichten +sich ihm zu Wesen. Man bemerkt, daß alles, was Ferne hat, alles, was +grenzenlos und unkörperlich wirkt und deshalb den Raum als seiend, als +göttlich in die gefühlte Natur ziehen würde, vom Mythus ausgeschlossen +bleibt, wie auch Wolken und Horizonte, die dem Landschaftsgemälde des +Barock geradezu Sinn und Seele geben, im antiken hintergrundlosen +Fresko fehlen. Die unbegrenzte Menge antiker Götter -- jeder Baum, +jede Quelle, jedes Haus, jeder Teil des Hauses sogar ist Gott -- +bedeutet, daß jedes greifbare Ding, deren Summe eben Kosmos heißt, +zugleich für sich bestehendes Wesen, keines also dem andern funktional +untergeordnet ist. Die Idee der Moira bringt das selbst den höchsten +Göttern gegenüber zum Ausdruck. Nicht das Schicksal ist die Gottheit, +was die attische Tragödie mit unzweifelhafter Deutlichkeit erkennen +läßt. Da alles Gott ist, so ist das Schicksal die Notwendigkeit, der +ohne Ausnahme alle Götter unterliegen. Auch Zeus kann dem Verhängnis +nicht entrinnen, heißt es bei Äschylos. Man erinnere sich der Atome +Demokrits und der Ananke, die sie planlos durcheinanderwirbelt. Erst +aus diesem Urgefühl ist das Bild der Olympier entstanden, indem das +apollinische Bewußtsein aus der Unsumme von Göttern eine plastische +Gruppe von sinnlich scharf umrissener Individualität heraushob, während +das abendländische Gefühl den umgekehrten Weg ging und von der farbigen +Fülle des Mythus, wie ihn die Zeit der Kreuzzüge geschaffen hatte, zu +der strengen Abstraktheit der protestantischen und tridentinischen +Gottesvorstellung gelangte, die reine Kraft, reiner Wille ist und sich +jeder Möglichkeit malerischer Darstellung entzieht. + +Dem apollinischen und dem faustischen Naturbilde liegen überall die +entgegengesetzten Symbole des Dinges und des Raumes zugrunde. Olymp +und Unterwelt sind von scharfer sinnlicher Bestimmtheit; die Reiche +der Zwerge, Elben, Kobolde, Walhall und Niflheim -- das alles ist +irgendwo im Weltraum verloren. In der altrömischen Religion ist +Tellus mater nicht die „Urmutter“, sondern der handgreifliche Acker +selbst. Faunus ist +der+ Wald, Volturnus +der+ Fluß, die +Saat +heißt+ Ceres, die Ernte +heißt+ Consus. _Sub Jove +frigido_ heißt bei Horaz echt römisch unter kaltem Himmel. Hier wird +nicht einmal der Versuch einer bildlichen Wiedergabe an der Stätte +der Verehrung gemacht, denn das hieße den Gott verdoppeln. Noch sehr +spät lehnt sich der römische Instinkt gegen +Götterbilder+ auf. +Daß dem Griechen ein entsprechendes Gefühl nicht fremd war, beweisen +der immer profaner werdenden Plastik gegenüber der Volksglaube und +die Philosophie. Im Hause ist Janus die Tür als Gott, Vesta der +Herd als Göttin; die beiden Funktionen des Hauses sind in ihrem +Gegenstand Wesen, Gott geworden. Hellenische Flußgötter wie Acheloos, +der als Stier erscheint, sind deutlich als der Fluß selbst, nicht +etwa als im Flusse wohnend bezeichnet. Die Pane und Satyrn sind die +als Wesen empfundenen einzelnen, wohlbegrenzten Felder und Triften. +Dryaden und Hamadryaden +sind+ Bäume. An vielen Stellen wurden +einzelne, besonders wohlgewachsene Bäume an sich, ohne Namengebung +verehrt, indem man sie mit Binden und Weihgeschenken schmückte (ein +Motiv der hellenistischen Landschaftsmalerei). Dagegen besitzen die +Mahre, Wichte, Zwerge, Hexen, Valkyren und die ihnen verwandten, +schweifenden Heere der abgeschiedenen Seelen, die nachts „umgehen“, +nichts von dieser ortsgebundenen Stofflichkeit. Najaden +sind+ +Quellen. Nixen und Alrunen aber, Holzgeister und Elben sind Seelen, +die in Quellen, Bäume, Häuser nur +gebannt+ sind und erlöst sein, +wieder frei herumschweifen wollen. Das ist das vollkommene Gegenteil +einer plastischen, euklidischen Naturempfindung. Die Dinge werden +hier nur als Räume andrer Art erlebt. Eine Nymphe, eine Quelle also, +nimmt wohl menschliche Gestalt an, wenn sie einen schönen Hirten +besuchen will; eine Nixe aber ist eine verwunschene Prinzessin, mit +Wasserrosen im Haar, die in Mitternächten aus dem See steigt, in dessen +Tiefe sie wohnt. Kaiser Rotbart sitzt im Kyffhäuser und Frau Venus im +Hörselberg. Es ist, als ob es nichts Stoffliches, Undurchdringliches +im faustischen Weltall gäbe. In den Dingen ahnt man andre Welten; ihre +Dichte, ihre Härte ist Schein und -- ein Zug, der im antiken Mythus +gar nicht vorkommen könnte, der ihn aufheben würde -- bevorzugten +Sterblichen wird die Gabe verliehen, durch Felsen und Berge in die +Tiefe zu schauen. Aber ist das nicht auch die geheime Meinung unsrer +physikalischen Theorie? Ist eine neue Hypothese nicht immer eine Art +Springwurzel? Keine andre Kultur kennt so viele Sagen von Schätzen, +die tief in Bergen und Seen ruhen, von geheimnisvollen unterirdischen +Reichen, Palästen, Gärten, in denen andre Wesen wohnen. Die ganze +Substanz der sichtbaren Welt wird vom faustischen Naturgefühl +verleugnet. Es gibt nichts Erdhaftes mehr, nur der Raum ist wirklich. +Das Märchen löst die Materie der Natur auf, wie der gotische Stil die +steinerne Masse seiner Dome, die in einer Fülle von Formen und Linien +geisterhaft verschwebt, denen keine Schwere mehr anhaftet, die keine +Grenze mehr kennen. + +All diese Geschöpfe sind durch einen +Namen+ gebannte, abgehobene, +gestaltete Mächte der Natur. Sie stellen dem Gläubigen, der sie als +gegenwärtig empfindet, deren Wesen dar; sie geben die Beziehungen +zwischen Natur und Mensch in ihrem freundlichen oder feindlichen +Verhältnis wieder. Was der unbewußte Mensch in der Natur verehrt, +zu erforschen, zu gewinnen sucht, das Fremde, erscheint in diesen +Gebilden leibhaft, göttlich vor seinem Auge. Aber vergessen wir nicht, +daß diese Natur selbst eine Schöpfung des höheren Menschen und die +Spiegelung seines Selbst ist, daß es eine Natur als geschautes Ganzes, +als Makrokosmos, als +Einheit+ des Ausdruckes nur in bezug auf +einen Kulturmenschen gibt, und daß weder der Wilde noch das Kind eine +sinnvolle, wohlgeordnete Natur in sich und um sich erleben, jede Kultur +aber ihre eigne. + +Insofern sind diese Wesen vom Fleisch und Blut des Menschen, für den +sie Wirklichkeit besitzen, reine Schöpfungen seines Herzens, nicht +seines Verstandes, der erst in den Spätzeiten wie im Barock und +in der Ionik das wache Bewußtsein und dessen Projektionen auf das +„Fremde“ beherrscht. Der Mythus ist ein ländliches, die Physik +das +entsprechende städtische+ Phänomen. Sie verwandelt eine durchseelte +Welt in ein intellektuelles System, Symbole in Begriffe, Gottheiten in +Theorien, Ahnungen in Hypothesen. + +Der mit steigendem Nachdruck auf somatische Vereinzelung gerichtete +antike Polytheismus verdeutlicht sich besonders in der Haltung „fremden +Göttern“ gegenüber. Für den antiken Menschen waren die Götter der +Ägypter, Phöniker, Germanen, soweit sich mit ihnen eine bildhafte +Vorstellung verbinden ließ, ebenfalls wirkliche Götter. Die Rede, +daß sie „nicht existierten“, hat innerhalb dieses Weltgefühls keinen +logischen Sinn. Der Grieche verehrt sie, wenn er mit ihrem Lande in +Berührung kommt. Die Götter sind wie eine Statue, eine Polis, ein +euklidischer Körper an den Ort gebunden. Sie sind Wesen der Nähe, +nicht des allgemeinen Raumes. So gut Zeus und Apollo zurücktreten, +wenn man sich etwa in Babylon aufhält, so gut hat man die dort +heimischen Götter nun +besonders+ zu achten. Diese Bedeutung +haben die Altäre mit der Aufschrift „Den unbekannten Göttern“ -- der +Paulus in der Apostelgeschichte eine so bezeichnend mißverständliche, +magisch-monotheistische Deutung gibt. Es sind die Götter, welche der +Grieche dem Namen nach nicht kennt, die aber von den Fremden in den +großen Häfen, im Piräus oder in Korinth etwa, verehrt werden und denen +er deshalb Achtung zollt. Mit klassischer Deutlichkeit offenbart dies +das römische Sakralrecht und die streng bewahrten Anrufungsformeln +z. B. der _generalis invocatio_. Da das Universum die Summe der +Dinge ist und Dinge Götter sind, so werden auch alle Götter als solche +anerkannt, mit denen der Römer praktisch-historisch noch nicht in +Beziehungen getreten ist. Er kennt sie nicht oder sie sind die Götter +seiner Feinde, aber sie +sind+ Götter, weil das Gegenteil nicht +vorstellbar ist. Das ist der Sinn jener sakralen Wendung bei Livius +(VIII, 9, 6): _di quibus est potestas nostrorum hostiumque_. +Das römische Volk gesteht, daß der Kreis +seiner+ Götter nur +augenblicklich begrenzt ist und will durch diese Formeln am Ende des +Gebets, nachdem die eigenen Götter mit Namen aufgezählt sind, den +Rechten der andern nicht zu nahe treten. Nach dem Sakralrecht geht +mit der Besitzergreifung fremden Landes die ganze Summe religiöser +Verpflichtungen, die an diesem Gebiete und dessen Gottheiten haftet, +auf die Stadt Rom über -- das ist die logische Konsequenz des ++additiven+ antiken Gottgefühls. Daß mit der Anerkennung der +Gottheit die der Formen ihres Kultus durchaus nicht gleichbedeutend +war, beweist der Fall der Magna Mater von Pessinus, die im zweiten +punischen Kriege auf Grund einer sibyllinischen Weissagung in Rom +rezipiert wurde, während ihr höchst unantik gefärbter Kultus -- der von +miteingewanderten Priestern aus ihrer Heimat ausgeübt wurde -- unter +strenger polizeilicher Aufsicht stand, und nicht nur römischen Bürgern, +sondern selbst deren Sklaven der Eintritt in die Priesterschaft bei +Strafe untersagt war. Mit der Aufnahme der Göttin war dem antiken +Weltgefühl Genüge getan, mit der persönlichen Ausübung ihres dem Römer +verächtlichen Kultus wäre es aber verletzt worden. Das Verhalten +des Senats ist in solchen Fällen entscheidend, während das Volk bei +der zunehmenden Vermischung mit östlichen, namentlich semitischen +Völkerschaften an diesen Kulten Geschmack fand und die römischen +Heere der Kaiserzeit infolge ihrer Zusammensetzung sogar einer der +wichtigsten Träger des magischen Weltgefühls geworden sind. + +Von hier aus wird der Kult vergötterter Menschen als ein ++notwendiges+ Element innerhalb dieser religiösen Formenwelt +verständlich. Aber man hat scharf zwischen antiken und den +oberflächlich ähnlichen orientalischen Erscheinungen zu unterscheiden. +Der römische Kaiserkult, d. h. die Verehrung des Genius des lebenden +Prinzips und die der verstorbenen Vorgänger als Divi, ist bisher +mit der zeremoniellen Verehrung des Herrschers in vorderasiatischen +Reichen, vor allem in Persien,[118] und noch mehr mit der späteren ganz +anders gemeinten Vergötterung der Khalifen, die schon bei Diokletian +und Konstantin in voller Ausbildung erscheint, vermengt worden. In der +Tat handelt es sich hier um sehr verschiedene Dinge. Mag im Osten die +Verschmelzung dieser symbolischen Formen dreier Kulturen einen hohen +Grad erreicht haben, in Rom ist der antike Typus unzweideutig und rein +verwirklicht worden. Schon einige Griechen wie Sophokles und Lysander, +vor allem Alexander, wurden nicht nur von Schmeichlern als Götter +ausgerufen, sondern vom Volkstum in einem ganz bestimmten Sinne als +solche empfunden. Von der Göttlichkeit eines Dinges, eines Hains, einer +Quelle, endlich einer Statue, die den Gott repräsentiert -- man denke +an die tiefe Wirkung des Hermokopidenfrevels auf das athenische Volk +und auf den Ausgang des Peloponnesischen Krieges -- bis zu der eines +hervorragenden Menschen, der erst Heros und dann Gott wird, ist nur ein +Schritt. Man verehrte im einen wie im andern die vollkommene Gestalt, +in der die Weltsubstanz, das an sich Nichtgöttliche, sich verwirklicht +hatte. Hier ist an den attischen Begriff der Kalokagathia zu denken. +Die schöne, sichtbar vollendete Gestalt war das Göttliche, also war es +in der machtvollen Erscheinung des Cäsar für das Auge des Römers im +höchsten Maße unmittelbar gegenwärtig. Bestand in jedem Hause ein Kult +des _genius_, der Zeugungskraft des Hausherrn, so verehrte man +hier, im _genius principis_, die Lebenskraft der Stadt als eines +Gesamtkörpers. Eine Vorstufe war der Konsul am Tage seines Triumphes. +Er trug hier die Rüstung des kapitolinischen Juppiter, und in der +älteren Zeit waren Gesicht und Arme mit roter Farbe bestrichen, um die +Ähnlichkeit mit der Terrakottastatue des Gottes, dessen _numen_ +sich in diesem Augenblick in ihm verkörperte, zu erhöhen. + +Äußerst charakteristisch ist für das hier waltende Urgefühl der +bizarre Gegensatz zur Vergöttlichung des Cäsars (die im Grunde eine +Einbeziehung der Götter als Personen in die römische Menschheit +bedeutet); die im römischen Recht stets aufrecht erhaltene ++Strafbarkeit der Tiere+ (nicht ihrer Besitzer) für Vergehen, +welche bei Menschen strafbar sind. Als Körper, σώματα, gehören die +Tiere also ebenso wie die Götter der Gemeinschaft lebender Körper, +dargestellt im Staate, an. Man kann sagen, daß in dieser Skala der +Heros, der Cäsar als Übergang nach oben, der Sklave als der nach unten +empfunden wurde. Zwischen ihnen liegt der Bereich des ζῷον πολιτιχόν, +des eigentlichen antiken Menschen, der Rechte +und+ Pflichten +hat. Der Sklave hat keine +Rechte+ mehr. Er ist, griechisch +gesprochen, ἀπρόσωπος, keine Person, obwohl nicht ἀσώματος. Er besitzt +einen Leib, aber keine Bedeutung. Er ist nicht Bürger. Der Heros ist +es auch nicht mehr, aber insofern er über +Pflichten+ erhaben +ist. Hier liegen die Grenzen der Polis hinsichtlich der ihr aktiv +zugehörenden Körper (σώματα πόλεως). Erst so begreift man, was der +antike Mensch +Staat+ nennt. Folgerichtig ist -- was für die +Haltung der Christen wesentlich wurde -- das Majestätsverbrechen eine +Art Gottfrevel, das Verbrechen gegen den Sklaven eines andern eine Art +Sachbeschädigung. + ++Der Kaiserkult ist die letzte religiöse Schöpfung des antiken +Volkstums+, soweit es nicht durch östliche Elemente in seinen +Instinkten gebrochen war. Man hat die Echtheit dieses Gottgefühls +sehr ernst zu nehmen. Daß die römischen Massen die Abstammung Julius +Cäsars, eines tiefen Skeptikers, von der Venus als etwas Wesentliches +empfanden, hat auf die Throngeschichte des julisch-claudischen Hauses +entscheidend eingewirkt. Der Kult des Genius Augusti mit einem streng +geregelten Opferdienst, während gleichzeitig der Princeps selbst +innerhalb der Mauern Roms beinahe das Dasein einer distinguierten +Privatperson führte, ist nur aus dem Weltgefühl der apollinischen +Seele zu begreifen. Sein intellektueller Gegensatz ist der ++gelehrte+, dem Gehalt nach durchaus irreligiöse Stoizismus als +die Weltanschauung der patrizischen Elemente, wie etwa jenes Scaevola, +der als höchster Priester Roms die Götterverehrung nur aus Gründen der +Staatsraison brauchbar befand. Hier steht Instinkt gegen Intellekt, +Glaube gegen Wissen, und zwar in politischer Verkleidung als Demokratie +und Aristokratie. Die beiden ewigen Inkarnationen des antiken Seins, +Athen und Sparta, Tyrannis und Oligarchie, Plebs und Senat, Cäsar und +Pompeius, Prinzipat und Republik, stehen hier zum letzten Male einander +gegenüber im Kult des Divus Julius und dem aus Opposition dagegen +gepflegten, von Lucanus in seiner Pharsalia angedeuteten Kult Catos, +des vornehmen Republikaners. Die gesamte blutige Geschichte der frühen +Kaiserzeit findet hier ihre Deutung. Man hat den Kult Cäsars von der +geflissentlichen Verehrung seines Mörders, des +Patriziers+ Brutus +oder der Catos wohl zu unterscheiden. Jener ist eine +Religion+, +die letzte der antiken Kultur, die damals starb; diese ist eine +theoretische, tendenziöse, nichts weniger als religiöse Schwärmerei +der gebildeten Kreise. Tacitus hat als ihr Mitglied, als verkappter +Stoiker, den Prinzipat der Cäsaren beurteilt. Je schärfer er richtet, +desto populärer war der Verurteilte. Nero ist der Abgott des Volkes auf +Generationen hinaus gewesen. Jeder Angriff auf den Princeps und seinen +Kult traf den religiösen Instinkt der Massen. + +An früherer Stelle war das paulinische Christentum als die Herübernahme +einer früharabischen Religion in die antike Form der stoischen +Diatribe bezeichnet worden. Daraus erklärt sich das Phänomen der -- +auf die Stadt Rom beschränkten -- Christenverfolgungen durch Nero +und Domitian. Sie richten sich in Wahrheit +gegen die Stoa+ als +den intellektuellen Ausgangspunkt aller Verschwörungen zum Sturz des +Prinzipates. +Weil+ Paulus das Christentum in den weltstädtischen +Stoizismus hineingeleitet hatte, der, allerdings in einer exklusiven, +katonischen Gestalt, die Weltanschauung des Patriziats geworden war, +weil seine Ablehnung des Divuskultes mit der aus ganz anderen Gründen +erfolgten der Senatspartei zusammenfiel, war das antike Empfinden des +Demos in der einzigen Form der Götterverehrung verletzt, die in ihm +noch lebendig war. Mochte Tacitus als Philosoph das Christentum mit den +übrigen orientalischen Kulten als _foeda superstitio_ verachten, +so sind doch die Philosophen Helvidius Priscus und Thrasea von Nero aus +dem gleichen Motiv wie die Christen hingerichtet worden. + +In dem welthistorischen Worte: Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist und +Gott, was Gottes ist, das dem Christus der Evangelien in den Mund +gelegt ist, treten antikes und arabisches Gottbewußtsein in vollster +Schärfe und mit der Notwendigkeit gegenseitigen Mißverstehens einander +gegenüber. Ein Ausgleich zwischen dem streng euklidischen, beinahe +posthumen Divuskult und dem ganz jungen, magisch-monotheistischen +Christentum war aber schon durch die Kulturstufe, die beide +voraussetzen, dort ein Ende, hier ein Anfang, unmöglich. + + +10 + +In den ersten Generationen der Kaiserzeit löst sich der antike +Polytheismus, ohne daß in vielen Fällen an der äußeren, kultischen +oder sakralrechtlichen Form etwas geändert worden wäre, in den +magischen Monotheismus auf. Eine neue Seele war erschienen und sie +erlebte die verjährten Formen anders. Die Namen bestanden fort, aber +sie deckten andre _numina_. Alle sogenannten spätantiken Kulte +der Isis und Kybele, des Mithras, Sol, Serapis, Hermes sind nicht +mehr die Verehrungen ortsgebundener, plastisch greifbarer Wesen. Der +attische Hermes war der Gott einer Stadt gewesen, in der seine Statue +als Zeichen seines Wohnsitzes stand; der Hermes des alexandrinischen +Kultes ist ein geistiges Prinzip, das vom Euphrat bis zum Rhein überall +angerufen werden konnte. Der Zeus der Perikleszeit war in jeder Stadt, +wo er einen Tempel besaß, ein andrer. Der Zeus von Dodona war mit +dem Zeus von Olympia nicht identisch. So wenig sich diese Auffassung +logisch exakt darstellen läßt, so logisch wirkte sie dennoch auf den +religiösen Instinkt. Man war in Rom weit entfernt, den Juppiter Omnium +Maximus mit einem der andern, etwa dem Juppiter Victor oder Feretrius +zu vermengen, aber die vielen sehr verschiedenartigen Gottheiten der +frühchristlichen Zeit wurden als ein und dasselbe Wesen empfunden, +nur daß jeder Anhänger eines einzelnen Kultes überzeugt war, es in +seiner wahren Gestalt zu kennen. In diesem Sinne sprach man von der +„millionennamigen Isis“. Bis dahin waren die Namen Bezeichnungen +ebensovieler körperhafter Götter gewesen, jetzt sind sie +Titel+ +des einen, den jeder meint. + +Der magische Monotheismus offenbart sich in allen religiösen +Schöpfungen, die vom Osten aus das Imperium erfüllen, in den Kulten +der alexandrinischen Isis, des von Aurelian bevorzugten Sonnengottes +(des Baal von Palmyra), des von Diokletian beschützten Mithras, +dessen persische Gestalt in Syrien völlig umgeprägt worden war, der +von Septimius Severus verehrten Baalath von Karthago (Tanith, Dea +caelestis), die sämtlich nicht mehr in antiker Weise die Zahl der +konkreten Götter additiv vermehren, sondern sie im Gegenteil in einer +der bildhaften Darstellung sich mehr und mehr entziehenden Weise in +sich aufnehmen. Das ist Alchymie an Stelle der Statik. Dem entspricht +es, daß an Stelle des Bildes gewisse Symbole, der Stier, das Lamm, der +Fisch, das Dreieck, das Kreuz in den Vordergrund treten. „_In hoc +signo vinces_“ -- das klingt nicht mehr antik. Hier bereitet sich +die Abkehr von der menschendarstellenden Kunst vor, die später im Islam +und in Byzanz zum Bilderverbot führte. Die namentlich in der bildenden +Kunst und der höheren Poesie Roms beliebte, niemals ins Volksbewußtsein +gedrungene Angleichung antiker Gottheiten wie die von Aphrodite und +Venus, von Neptunus und Poseidon, die naive Art, fremde Götter durch +Gleichsetzung mit heimischen sich verständlich zu machen (so den +germanischen Donar mit Herkules), hat mit dieser +spirituellen+ +Verschmelzung von Gottheiten nichts zu tun. Was die Religionsforschung +heute als Synkretismus bezeichnet, ein Phänomen, das sich deutlich als +Auflösung des statisch-plastischen Gottgefühls, also negativ abhebt, +ist positiv gefaßt nichts als die Heraufkunft des magischen Gefühls. +Es ist das einem anderen +Naturbilde+ zugrunde liegende Prinzip, +das auch die Mächte dieser Natur anders faßt. Der arabische Mensch +erlebt +die+ eigene und einzige, das All erschöpfende Gottheit +als die primäre Substanz; alle andern besitzen nur als ihre Namen oder +Erscheinungsformen Geltung. + +Bis auf Trajan herab, als auf griechischem Boden längst der letzte +Hauch apollinischen Weltgefühls verschwunden war, besaß der römische +Staatskult die Kraft, die additive Tendenz während der fortgesetzten +Vermehrung der Götterwelt zu wahren. Die Gottheiten der unterworfenen +Länder und Völker erhalten in Rom eine anerkannte Kultstätte, +Priesterschaft und Ritual, während sie selbst als genau abgegrenzte +Individuen neben die Götter der Vergangenheit treten. Von da an siegt +auch an dieser Stelle, trotz eines ehrwürdigen Widerstandes, der seinen +Sitz in der kleinen Zahl uralter Patrizierfamilien hat, der magische +Geist; die Göttergestalten schwinden als solche, als Körper, aus dem +Bewußtsein, um einem transzendenten Gottgefühl Platz zu machen, das +nicht mehr auf dem unmittelbaren Zeugnis der Sinne beruht, und die +Bräuche, Feste und Legenden verfließen ineinander. Als Caracalla 217 +den sakralrechtlichen Unterschied zwischen römischen und fremden +Gottheiten aufhob (wie er auch durch Erteilung des Bürgerrechtes an +alle Reichsbewohner die antike Idee der Polis endgültig beseitigte), +womit tatsächlich Isis die erste, alle älteren _numina_ umfassende +Gottheit Roms und damit die gefährlichste Feindin des Christentums +wurde, die sich den Todhaß der Kirchenväter zuzog, war Rom ein Stück +Orient, eine religiöse Dependenz Syriens geworden. Damals beginnen +die Baale von Doliche, Petra, Palmyra, Emesa zum Monotheismus des Sol +zu verschmelzen, der später als Gott des Reiches in seinem Vertreter +Licinius von Konstantin besiegt wurde. Es handelt sich damals nicht +mehr um antik oder magisch -- das Christentum konnte den hellenischen +Göttern sogar eine Art ungefährlicher Sympathie entgegenbringen --, +sondern darum, welche der magischen Religionen der damaligen Welt +die geistige Form geben sollte. Man findet diesen Prozeß der Abnahme +des plastischen Empfindens sehr deutlich in den Entwicklungsstufen +des Kaiserkultes, wo zuerst der verstorbene Kaiser als Divus durch +Senatsbeschluß in den Kreis der Staatsgötter aufgenommen wird -- als +erster der Divus Julius 42 v. Chr. -- und eine eigne Priesterschaft +erhält, so daß von nun an sein Bild bei Familienfesten nicht mehr unter +den Ahnenbildern vorangetragen wird; wo dann von Mark Aurel an keine +neue Priesterschaft mehr für den Dienst konsekrierter Kaiser entsteht, +bald darauf auch kein neuer Tempel mehr geweiht wird, weil ein +allgemeines _templum divorum_ dem religiösen Gefühl hinreichend +erscheint und die Bezeichnung Divus endlich sich in einen +Titel+ +der Mitglieder des Kaiserhauses verwandelt. Dieser Ausgang bezeichnet +den Sieg des magischen Gefühls. Man wird finden, daß die Häufung von +Namen in Weihinschriften, etwa Isis-Magna Mater-Juno-Astarte-Bellona +oder Mithras-Sol invictus-Helios schon längst den Charakter des Titels +einer alleinexistierenden durchgeistigten Gottheit angenommen hat.[119] + + +11 + +Das Problem des Atheismus ist für den Psychologen einstweilen noch +_terra incognita_. Soviel über +den+ Atheismus schlechtweg, +d. h. ein in seinen letzten Gründen und seelisch-historischen +Bedingungen gar nicht verstandenes Phänomen geschrieben und räsoniert +worden ist, gleichviel ob im Stile des „vorgeschrittenen“ Menschen, +im idealen Falle des freigeistigen Märtyrers, oder im Stile des +Kulturmenschen, im äußersten Falle des gläubigen Zeloten: von Nuancen +des Atheismus, von der Analyse einer +einzelnen, bestimmten+ +Erscheinungsform des Atheismus in ihrer Fülle und Notwendigkeit, ihrer +starken Symbolik, ihrer zeitlichen Beschränktheit hat man nie gehört. + +Der Atheismus -- ist er eine apriorische Struktur des Weltbewußtseins +oder eine wahlfreie Vorstellung? Und zieht das Gefühl von einem +entgötterten Kosmos auch das Wissen davon, daß „der große Pan tot +ist“, nach sich? Gibt es einen unbewußten Atheismus? Gibt es frühe +Atheisten, etwa in der dorischen oder gotischen Zeit? Gibt es jemand, +der sich mit Leidenschaft, aber mit Unrecht als Atheisten bezeichnet? +Und kann es zivilisierte Menschen geben, die es +nicht+ sind, +nicht ganz wenigstens? + +Daß zum Wesen des Atheismus, wie schon die Wortbildung in sämtlichen +Sprachen verrät, der Charakter der Negation gehört, daß er den Verzicht +auf eine seelische Bildung, die ihm also voraufgeht, bedeutet und nicht +etwa den positiven Akt einer ungebrochenen Gestaltungskraft, steht +fest. Aber was wird da verneint? In welcher Weise? Und von wem? + +Ohne Zweifel ist der Atheismus, richtig verstanden, der notwendige +Ausdruck eines in sich vollendeten, in seinen religiösen Möglichkeiten +erschöpften, dem Anorganischen verfallenden Seelentums. Er verträgt +sich sehr wohl mit dem lebhaften und sehnsüchtigen Bedürfnis nach +echter Religiosität[120] -- darin aller Romantik verwandt, die +ebenfalls etwas unwiderruflich Verlornes, die Kultur nämlich, wieder +heranziehen möchte -- und er kann seinem Träger sehr wohl unbewußt +sein, eine Gestalt seines Fühlens, die nie in die Konventionen seines +Denkens eingreift, die seiner Überzeugung sogar widerspricht. Man +begreift das, wenn man einsieht, weshalb der fromme Haydn Beethoven +einen Atheisten nannte, nachdem er Musik von ihm gehört hatte. Die +Notwendigkeit für Beethoven, die große musikalische Form des Barock zu +verletzen, um innerlich wahr zu sein, der tiefe Widerspruch zwischen +seinem persönlichen Wollen und dem der bereits hinter ihm liegenden +Kultur besagt dasselbe. Beethoven war Romantiker und romantische +Religiosität ist, in Alexandria wie im Kreise der Schlegel und Tieck, +die feinste Form eines heimlichen Atheismus. Man darf sagen, daß ein +faustischer Mathematiker, der nicht „fromm“ ist, wie Pascal, Leibniz, +Newton, Gauß waren, ein ausgezeichneter Organisator der Materie seiner +Wissenschaft und Entdecker wichtigster Sätze sein kann, daß er aber +zur Vertiefung der +Idee+ der analytischen Zahl nichts beitragen +wird, weil er sie nicht in sich fühlt, sondern nur außer sich erkennt, +sie nur als Element einer Ordnung, nicht einer Schöpfung besitzt. Der +Atheismus gehört zum zivilisierten Menschen, insofern eine Zivilisation +der „Erdenrest“ einer erloschenen Kultur ist. Wir werden das noch +kennen lernen. Er gehört zur großen Stadt; er gehört zum „Gebildeten“ +der großen Städte, der sich mechanisch aneignet, was seine Vorfahren, +die Schöpfer seiner Kultur, organisch erlebt haben. Aristoteles +ist, vom antiken Gottgefühl aus, Atheist, ohne es zu wissen. Der +hellenistisch-römische Stoizismus ist es so gut wie der Sozialismus und +Buddhismus der westeuropäischen und indischen Modernität. Ein typisch +atheistischer Zustand ist es, aus dem heute die „freireligiösen“ +humanen Bewegungen hervorgehen, die einen großen Teil des städtischen +Protestantismus umfassen -- beim ehrlichsten Gebrauch des Wortes „Gott“. + +Bedeutet dies späte und abschließende Phänomen aber die Verneinung des +religiösen Moments in uns, so ist es in jeder Zivilisation von andrer +Struktur. Es gibt keine Religiosität ohne eine ihr +allein+ zugehörige, +gegen sie +allein+ gerichtete atheistische Auflehnung. Es gibt einen +antiken, arabischen, abendländischen Atheismus, die untereinander nach +Sinn und Gehalt völlig verschieden sind. Nietzsche hat den einen, den +dynamischen -- etwas post festum --, dahin formuliert, daß „Gott tot +ist“. Ein antiker Philosoph hätte den andern, statisch-euklidischen, +damit bezeichnet, daß „die Götter tot sind“. Das eine bedeutet die +Entgötterung des unendlichen Raumes, das andre die der unzähligen +Dinge. Sie waren bis dahin -- man denke an das Tiefenerlebnis und +seine Bedeutung für das Erwachen des Innenlebens -- Symbole gewesen, +letzte Formelemente einer +lebendigen+ Natur; sie sind jetzt bloße +Tatsachen der mechanischen Ausgedehntheit. Der +tote+ Raum und die ++toten+ Dinge sind die Objekte der verstandesmäßigen Physik. Mit einem +richtigen Gefühl pflegt der Sprachgebrauch Weisheit und Intelligenz +zu unterscheiden, als einen frühen und späten, bäuerlichen und +großstädtischen Zustand des Geistes. Intelligenz ist das Komplement zu +einer mechanischen Weltanschauung. Niemand würde Heraklit oder Meister +Eckart eine Intelligenz nennen, aber Sokrates und Rousseau sind +intelligent, nicht „weise“. In diesem Worte liegt etwas Anorganisches; +es verrät den Beigeschmack von Atheismus. Nur vom Standpunkte des +Stoikers und Sozialisten, des typisch irreligiösen Menschen, ist der +Mangel an Intelligenz etwas Verächtliches. + +Der apollinische Mensch kann +die+ Götter leugnen, der faustische +und der magische Mensch leugnet Gott. Aber dieser Akt vollzieht sich +in sehr verschiedenen Formen. Er kann in bewußtem und unbewußtem +Verhalten, im Zweifel und in der Verzweiflung, im theoretischen Angriff +und praktischem Aus-dem-Wege-gehen liegen. Das sinnlich-euklidische +Göttertum, durch das die einzelnen Dinge geheiligt sind, verleugnet man +schon durch die Neigung zum monotheistischen Isis- oder Mithraskult. +Noch einmal: Ein Gott ist für das antike Empfinden kein Gott. Dem Römer +galten alle südarabischen Religionen samt dem Christentum -- mit ihrer +gemeinsamen, wenn auch kultisch noch so verhüllten Formel „Allah il +Allah“ -- als atheistisch dem antiken Gottgefühl gegenüber und er hat +sie verfolgt. Hier ist das Wesen der Toleranz verständlich zu machen. + +Solange man diese Erscheinung vom Standpunkte des Für und Wider +betrachtet, wird man für das Wesentliche blind sein. Einfältige +Leute lieben es, die antike Toleranz gegen die christliche Toleranz +auszuspielen. Aber das Wort Toleranz besagt an sich gar nichts. Erst +das Warum, Wogegen und Wofür entscheidet alles. Wer z. B. die hinter +dem Worte Liberalismus schlecht verhehlte +Gleichgültigkeit+ gegen +religiöse Dinge, die dem einen nichts mehr bedeuten und die deshalb +auch dem andern nichts bedeuten sollten, für Toleranz nimmt und mit +jenem tiefsymbolischen Akte der Aufnahme der _di peregrini_ +in den römischen Staatskult gleichsetzt, verdient als gelehrter +Flachkopf keine Widerlegung. Im wesentlichen ist niemand tolerant, +sofern man darunter einen wirklichen Verzicht, nicht eine positive +Äußerung religiöser Gestaltungskraft versteht. Eben darauf beruht das +Symbolische jeder Toleranz, die allein von gläubigen Menschen, nie +von der „Intelligenz“, von einer Kultur, nicht von einer Zivilisation +ausgeht. + +Der antike Kosmos als Summe leibhafter, gleichmäßig göttlicher Dinge +forderte nicht nur die Duldung, sondern die tätige Anerkennung +sämtlicher fremden Götter, soweit sie überhaupt als Dinge in höherem +Sinne gelten konnten. Solange man Jehova, Christus und Mithras +als Tagesgestalten von der Substanz eines Apollo oder Mars nahm, +glaubte man an sie. Alexander Severus hatte die Bilder von Osiris, +Christus, Abraham, Alexander dem Großen und Orpheus in seiner +Privatkapelle aufgestellt. Als abstrakte Geister mit dem Anspruch auf +Alleingültigkeit reizten sie zu Verachtung und Zorn. Und hier hatte die +antike Duldung ein Ende. Hier stand das eigene Gottgefühl in Frage. + +Der Logos der stoischen Lehre, so gewiß er im Verlaufe der +vorsokratischen Philosophie sich aus der Tiefe des apollinischen +Götterbewußtseins herausgebildet hatte, war unter den Händen der +sophistischen Intelligenz zuletzt die +Inkarnation des antiken +Atheismus+, der formgewordne Widerspruch gegen die plastische +Götterwelt geworden. Es entstand wie in jeder andern Kultur eine +Todfeindschaft zwischen der Religion der Väter und der kühlen, +weltbürgerlichen, das All entseelenden Philosophie der Modernität. Es +ist kein Zufall, daß an diese Idee vom einen Logos alle früharabischen +Spekulationen, allen voran die des Johannesevangeliums und die Plotins, +angeknüpft haben. Was dem antiken Menschen der Inbegriff des Atheismus +war, das bezeichnete gerade den Geltungsbereich des Göttlichen im +magischen Weltbewußtsein. + +Aber ebenso besteht zwischen dem Deismus des 18. Jahrhunderts, dem +Voltaires, Goethes, Kants, und dem Atheismus des 19. kein Gegensatz und +nicht einmal eine wesentliche Distanz. Der faustische Gott gleicht dem +Symbol des einen absoluten Raumes. Die Intelligenz der Zeit Rousseaus +schloß folgerichtig, nicht daß die Götter der andern Völker ebenfalls +von unanfechtbarer Existenz seien, sondern daß jedermann, unter welcher +Form auch immer, sei es auch unter einer polytheistischen, ja nur den +einen, abstrakten, faustischen Gott meinen und verehren könne. Das +ist der Gegensatz von kultischer und dogmatischer Religiosität. Der +antike, ahistorische Mensch übt die Kulte der fremden Götter aus, der +abendländische, der geborne Historiker, ist Psycholog: er „versteht“ +die Überzeugung des andern. Hier ist die Quelle einer ganz anders +gearteten Toleranz, die ihren höchsten Ausdruck in Lessings Nathan +gefunden hat, tief und vornehm, solange sie wie bei Goethe noch aus +einem lebendigen Gottgefühl hervorging, eine Farce, wenn sie nichts als +die moderne Irreligion decken sollte. Aber je bewußter diese Idee von +Gott gefaßt wurde, desto ähnlicher mußte sie dem zugehörigen Atheismus +werden. Die Sublimierung der Idee in den großen romantischen Systemen +ist in der Tat, ohne daß es Hegel, Fichte und den andern je zum +Bewußtsein gekommen wäre, das Verschwinden des letzten Unterschiedes +zwischen Gott und Raum, das völlige Verschwinden des lebendigen +Gehaltes aus der abstrakten Idee. Pantheismus und Atheismus sind +zuletzt nur noch Wortdifferenzen. Schopenhauer war +bewußter+ +Atheist, aber Oken hat mit der ganzen Bizarrerie eines Romantikers (man +denke an Ähnliches bei Novalis) Gott = ±0 gesetzt, und er empfand das +durchaus als den Ausdruck eines echten Gottgefühls. + +Diese Zusammenhänge sind unendlich wichtig, denn sie erklären die +Heraufkunft der Physik am Ende einer Kultur und ihre wachsende Tyrannei +über den späten, städtischen Geist -- das groteske Phänomen einer +„naturwissenschaftlichen Weltanschauung“. Sie erklären aber auch den +vorbestimmten Entwicklungsgang einer jeden Physik, die auf dem Wege zur +reinen archimedischen Statik oder reinen modernen Dynamik immer weniger +seelenhaft, immer intellektueller, immer atheistischer wird. Insofern +besteht eine natürliche Verwandtschaft zwischen jeder gereiften Physik +und der Religion, aus deren intuitiver Weltform sie ursprünglich +hervorgegangen ist. Jede „moderne Weltanschauung“ ist Physik, in Zahlen +und Begriffe gebrachter Pantheismus. Wie stark der mythenbildende Trieb +selbst einer späten Seele ist, sieht man an ihrer letzten Schöpfung, +der physikalischen Mythologie, wo der wissenschaftliche Geist ihrem +Zwecke dienstbar gemacht wird. Jede Atomlehre ist ein Mythus, die +kinetische Gastheorie ist es so gut wie die Edda. Ob ein Skalde oder +ein Gelehrter das Medium ist, ist eine Frage des +Stadiums+. + +Jedes lebendige Seelentum ist religiös, hat Religion, ob es sich dessen +bewußt ist oder nicht. Daß es überhaupt da ist, daß es wird, sich +entwickelt, sich erfüllt, +ist+ seine Religion. Es steht ihm nicht +frei, irreligiös zu sein. Es ist ihm nur möglich, wie im mediceischen +Florenz mit dem Gedanken daran zu spielen. Der Mensch der Weltstädte +aber ist irreligiös. Das gehört zu seinem Wesen, das bezeichnet seine +historische Erscheinung. Er mag aus der schmerzlichen Empfindung +einer inneren Leere und Armut noch so ernstlich religiös sein wollen, +er kann es nicht. Alle weltstädtische Religiosität beruht auf +Selbsttäuschung. Daß in der späten Kaiserzeit eine echte Religiosität +sich in Rom verbreitete, beweist, daß unter der Kruste der erloschenen +Antike bereits ein neues Menschentum lebendig war. Der Römer zur Zeit +Aurels, nur rechtlich und sprachlich, nicht seelisch mehr Ausdruck des +antiken Seins, lebte in der Riesenstadt, als sei sie Land. Rom war nur +scheinbar, materiell noch Weltstadt; innerlich gewogen war es eine +altgewordne, entseelte Häusermasse, in der eine fremde Bevölkerung +bäuerlich-dumpf und in primitiven Lebensformen hauste. Dem entsprach +eine durchaus frühmenschlich-naive Religiosität. + +Inzwischen hatte sich die +Form+ der Religiosität verwandelt. Für +den apollinischen Menschen offenbarte sich das Wesen seiner Religion im +sinnlich-plastischen Kultus. Er besaß weder mystische Geheimnisse noch +ein bindendes Dogma. Die eleusinischen Mysterien waren kein Geheimkult. +Was den Eingeweihten verboten war -- und schließlich war jeder +eingeweiht, der es wünschte --, war die +Profanation+ der heiligen +Handlungen, also eben die Entweihung des +sinnlichen+ Elements. +Äschylus wurde angeklagt, weil er die Tracht der Eleusispriester +zum Kostüm der attischen Szene gemacht hatte. Der faustischen +Seele aber war das transzendente Dogma wesentlich, nicht der Kult. +Gottlos war für sie die Auflehnung gegen eine Lehre; hier begann der +Begriff der Ketzerei. Diese Religion konnte ihrer Natur nach keine ++Gewissensfreiheit+ gestatten -- das widerspricht der Dynamik, +dem Machtwillen über die Seelen. Darin macht auch das Freidenkertum +keine Ausnahme. Auf den Scheiterhaufen folgte die Guillotine, auf das +Verbrennen der Bücher ihr Totschweigen. Es gibt unter uns keine Partei +ohne Neigung zur Inquisition in irgendeiner Form. Gottlos aber war für +die Antike eine Verachtung des Kultus -- ἀσέβεια im wörtlichen Sinne +-- und hier duldete die apollinische Religion keine +Freiheit des +Verhaltens+. Damit war in beiden Fällen eine Grenze der Toleranz +gezogen, welche das Gottgefühl forderte und welche es verbot. + +In diesem Punkte nun stand die spätantike Philosophie die +sophistisch-stoische Theorie (nicht die stoische Weltstimmung) dem +religiösen Empfinden entgegen, und hier war das Volk von Athen -- +desselben Athens, das auch noch den „unbekannten Göttern“ Altäre baute +-- von der Unerbittlichkeit der spanischen Inquisition. Man hat nur +die lange Reihe antiker Denker und historischer Persönlichkeiten zu +mustern, die der Heilighaltung des Kultus geopfert wurden. Sokrates +und Diagoras wurden der Asebeia wegen hingerichtet; Anaxagoras, +Protagoras, Aristoteles, Alkibiades konnten sich nur durch Flucht +retten. Die Zahl der wegen Kultfrevels Hingerichteten zählt allein in +Athen und nur während der Jahrzehnte des Peloponnesischen Krieges nach +Tausenden. Nach der Verurteilung des Protagoras wurden seine Schriften +von Haus zu Haus gesucht und verbrannt. In Rom beginnen die historisch +noch erkennbaren Akte dieser Art mit der 181 vom Senat angeordneten +öffentlichen Verbrennung der pythagoräischen „Bücher des Numa“, und von +da an folgen ohne Unterbrechung Ausweisungen einzelner Philosophen und +ganzer Schulen, späterhin Hinrichtungen und die feierliche Verbrennung +von Schriften, die der Religion gefährlich werden konnten. Hierher +gehört die Tatsache, daß allein zur Zeit der Diktatur Cäsars die +Stätten des Isiskultes von den Konsuln viermal zerstört worden sind, +und daß Tiberius das Bild der Göttin in die Tiber werfen ließ. Die +Nichtbegehung des Geburtstages des Cäsar war unter Strafe gestellt. +Die Verweigerung des Divusopfers war unzweifelhaft eine Auflehnung +gegen das antike Religionsempfinden. In allen Fällen handelt es sich +um „Atheismus“, wie er sich aus dem +antiken+ Gottgefühl ergab +und wie er sich als theoretische oder praktische Mißachtung des Kultus +manifestierte. Wer in diesen Dingen nicht das eigne, abendländische +Empfinden aus dem Spiele lassen kann, wird nie in das Wesen der hier +zugrunde liegenden seelischen Phänomene eindringen. Dichter und +Philosophen durften Mythen erfinden und Göttergestalten umbilden, +soviel sie wollten. Die dogmatische Deutung des sinnlich Gegebenen +stand in jedermanns Belieben. Man konnte die Götter in Satyrspielen +und Komödien nach Herzenslust lächerlich machen -- selbst das griff +nicht an ihre euklidische Existenz --, aber an den Kultus, die +plastische Gestaltung der Götterverehrung, durfte nicht gerührt werden. +Hier fand die Duldung des antiken Menschen ein Ende. Hier war das +eigentliche Wesen seiner Religion angetastet. Cäsar, ein vollkommener +Skeptiker, hat für die Wiederherstellung alter Kulte peinlichst Sorge +getragen. Man mißversteht die feinen Geister der ersten Kaiserzeit, +wenn man es als Heuchelei nimmt, daß sie, ohne irgendeinen Mythus noch +ernst zu nehmen, alle Verpflichtungen des Staatskultus, vor allem des +allenthalben tief empfundenen Kaiserkultes auf sich nahmen. Umgekehrt +stand es dem Dichter und Denker der gereiften faustischen Kultur frei, +„nicht zur Kirche zu gehen“, die Beichte zu meiden, bei Prozessionen +daheim zu bleiben, in protestantischer Umgebung ohne alle Verbindung +mit kirchlichen Institutionen zu leben, nicht aber an dogmatische +Einzelheiten zu rühren. Das war innerhalb aller Konfessionen und Sekten +(das Freidenkertum nochmals ausdrücklich einbegriffen) gefährlich. +Das Beispiel des stoischen Römers, der ohne Glauben an die Mythologie +die sakralen Formen pietätvoll beobachtet, findet sein Gegenstück an +Menschen der Aufklärungszeit wie Lessing und Goethe, die, ohne die +kirchlichen Gebräuche zu erfüllen, doch niemals an den „Grundwahrheiten +des Glaubens“ zweifeln. + + +12 + +Kehren wir vom gestaltgewordnen Naturgefühl zur systemgewordnen +Naturerkenntnis zurück, so kennen wir Gott oder die Götter als den +Ursprung der Gebilde, durch welche der Geist reifer Kulturen sich +der Umwelt begrifflich zu bemächtigen sucht. Die starke Religiosität +der Mechanik Newtons und die fast vollkommen atheistisch formulierte +moderne Dynamik sind von gleicher Farbe, Position und Negation +desselben Urgefühls. Ein physikalisches System trägt mit Notwendigkeit +alle Züge der Seele, zu deren Formenwelt es gehört. Zur antiken Statik +und euklidischen Geometrie gehört der olympische Polytheismus. Zur +Dynamik und analytischen Geometrie gehört der Deismus des Barock. Seine +drei Grundprinzipien Gott, Freiheit und Unsterblichkeit heißen in der +Sprache der Mechanik das Prinzip der Trägheit (Galilei), das Prinzip +der kleinsten Wirkung (d’Alembert) und das Prinzip der Erhaltung der +Energie (Mayer). + +Was wir heute ganz allgemein Physik nennen, ist in der Tat ein +Barockphänomen. Es wird nicht mehr als paradox empfunden werden, +wenn ich insbesondere diejenige Vorstellungsweise, welche auf der +Annahme von Fernkräften und den der naiv-antiken Anschauung völlig +fremden Fernwirkungen, der Attraktion und Repulsion von Massen +beruht, in Erinnerung an die gleichzeitige Epoche der Architektur +(Vignola) als den Jesuitenstil in der Physik bezeichne, wie mir ganz +ebenso die Infinitesimalrechnung, die nur im Abendlande und gerade +damals entstand und nur dort entstehen konnte, den Barockstil, +den Jesuitenstil in der Mathematik darzustellen scheint. Wer die +Physik für eine ewige Wissenschaft hält, die sich in Jahrtausenden +fortschreitend vervollkommnet und sich „der“ Wahrheit mehr und mehr +nähert, hat das Bedingte in ihr, die Gewißheit, von späteren Kulturen +und deren andersgeartetem Naturgefühl völlig mißverstanden, verachtet +und wieder vergessen zu werden, und damit ihren tieferen Sinn nicht +begriffen. Symbole vergehen, und die Formenwelt einer Physik ist ein +Symbol. Die gesamte moderne Naturwissenschaft ist Teil des Ausdrucks +der faustischen Seele, und damit sind Anfang, Ende und Umfang ihres +historisch-lebendigen Daseins unwiderruflich festgelegt. + +Die abendländische Physik ist ihrem Typus nach dogmatisch, nicht +kultisch. Ihr Inhalt ist das +Dogma von der Kraft+, die mit dem +Raume, der Distanz identisch ist, das von der unendlichen Wirkung in +die Ferne, von der +Tat+, nicht der +Haltung+. Ihre Tendenz +ist demnach die fortschreitende Überwindung des Augenscheins. Von +einer noch sehr „antiken“ Einteilung in eine Physik des Auges (Optik), +Ohres (Akustik) und Hautsinnes (Wärmelehre) ausgehend hat sie die +Sinnesempfindungen allmählich ganz ausgeschaltet und durch abstrakte +Beziehungssysteme ersetzt, so daß z. B. die strahlende Wärme infolge +der Vorstellungen von den Bewegungen des Äthers heute in der Optik +behandelt wird. + +„Kraft“ ist ein Urbegriff, der nicht vom Geiste konstruiert worden +ist, der im Gegenteil die Struktur des westeuropäischen Geistes +ausbilden half.[121] + +Es ist das Gefühl von Gott, das logisch in Erscheinung tritt: Aus +der instinktiven Polarität von Gott und Welt wird die intellektuelle +von Kraft und Masse. Indem man ein Etwas im Naturbilde Kraft nannte, +hatte man die erkannte, nicht die erlebte, die geistig, nicht seelisch +erfüllte Natur einer Symbolik unterworfen. Eine physikalische Theorie +ist ein intellektueller Mythus. + +Daß diese Kraft oder Energie in der Tat eine zum Begriff erstarrte Idee +und nicht entfernt ein reines Resultat wissenschaftlicher Forschung +ist, wird durch die oft übersehene Tatsache bestätigt, daß das +Grundprinzip der Dynamik, der bekannte erste Hauptsatz der mechanischen +Wärmetheorie, überhaupt nichts über das Wesen der Energie aussagt. Daß +die „Erhaltung der Energie“ in ihm fixiert sei, ist eigentlich ein +falscher, aber psychologisch sehr bezeichnender Ausdruck. Die Dynamik +kann ihrer Natur nach nur Relatives, nur Energie+differenzen+ +feststellen, und ihre Gesetze beziehen sich allein darauf. Es bleibt +jedesmal, wie man sich ausdrückt, eine additive Konstante unbestimmt, +d. h. man sucht das mit dem inneren Auge aufgefaßte Bild einer Kraft +festzuhalten, obwohl die wissenschaftliche Praxis nichts damit zu tun +hat. + +Aus dieser Genesis des Kraftbegriffs folgt, daß er, über die +Möglichkeiten der strengen Logik hinausgreifend, nicht etwa von ihr +geprägt, ebensowenig genau definierbar ist wie die ebenfalls in den +antiken Sprachen fehlenden Begriffe des Willens und des Raumes. Es ist +unmöglich, das Gefühl von Gott exakt in eine extensiv-begriffliche +Form zu bringen. Es bleibt ein gefühlter, geschauter Rest, der jede +tatsächlich erfolgte Definition zu einem Bekenntnis ihres Urhebers +macht. Jeder Denker, Mathematiker und Physiker des Barock hat hier ein +inneres Erlebnis, das er in Worte kleidet. Man denke an Goethe, der +seinen Begriff einer Weltkraft nicht hätte definieren können und mögen, +aber seiner gewiß war. Kant nannte die Kraft die Erscheinung eines an +sich Seienden („Die Substanz im Raume, den Körper, kennen wir nur durch +Kräfte“). Laplace nannte sie eine Unbekannte, deren Wirkungen wir nur +erkennen; Newton hatte an immaterielle Fernkräfte gedacht. Leibniz +sprach von der _vis viva_ als einem Quantum, das mit der Materie +zusammen die Einheit der Monade bildet. Descartes war ebensowenig wie +einzelne Denker des 18. Jahrhunderts (Lagrange) gewillt, Bewegung von +Bewegtem prinzipiell zu sondern. Neben _potentia_, _impetus_, _virtus_ +finden sich Umschreibungen mit _conatus_ und _nisus_, wo offenbar die +Kraft von der auslösenden Ursache nicht gesondert worden ist (der +„Wille Gottes“). Es ist sehr wohl möglich, katholische, protestantische +und atheistische Kraftbegriffe zu unterscheiden. Spinoza, als Jude, +seelisch also noch der magischen Kultur zugehörig, vermochte den +faustischen Kraftbegriff überhaupt nicht zu rezipieren. Er fehlt in +seinem System. Und es ist ein erstaunliches Zeichen für die Intensität +der Urbegriffe, daß H. Hertz, der einzige Jude unter den großen +Physikern der Jetztzeit, auch der einzige ist, der den Versuch gemacht +hat, das Dilemma der Mechanik durch +Ausschaltung+ des Kraftbegriffs zu +lösen. + +Das Dogma von der Kraft ist das +einzige+ Thema der faustischen +Physik. Was unter dem Namen Statik als Teil der Naturwissenschaft +durch alle Systeme und Jahrhunderte geschleppt wurde, ist eine +Fiktion. Es steht mit einer „modernen Statik“ nicht anders als mit +der „Arithmetik“ und „Geometrie“, wörtlich den Lehren vom Zählen und +Messen, die innerhalb der neueren Analysis ebenfalls, wenn man mit den +Worten überhaupt noch den ursprünglichen Sinn verbindet, leere Namen, +literarische Reste antiker Wissenschaften sind, die zu beseitigen oder +auch nur als Scheingebilde zu erkennen uns die Ehrfurcht vor allem +Antiken nicht gestattet hat. Es gibt keine abendländische Statik, d. h. +keine dem abendländischen Geist natürliche Art der Interpretation +mechanischer Tatsachen, welche die Begriffe Gestalt und Substanz +(allenfalls Raum und Masse) statt Raum, Zeit, Masse und Kraft zugrunde +legt. Man kann das auf jedem einzelnen Gebiet nachprüfen. Selbst die +„Temperatur“, die doch am ehesten den antik-statischen Eindruck einer +passiven Größe macht, läßt sich diesem System erst einordnen, wenn sie +im Bild einer Kraft erfaßt wird: Die Wärmemenge als Inbegriff der sehr +schnellen, feinen, unregelmäßigen Bewegungen der Atome eines Körpers, +seine Temperatur als die mittlere lebendige Kraft dieser Atome. + +Die Renaissance hatte die archimedische Statik wiederzuerwecken +geglaubt, ebenso wie sie die hellenische Plastik fortzusetzen glaubte. +In beiden Fällen hat sie die endgültigen Konzeptionen des Barock, und +zwar aus dem Geiste der Gotik, nur vorbereitet. Mantegna gehört zur +Statik der Bildmotive, auch Raffael, dessen Geste man später steif und +kalt gefunden hat; mit Lionardo beginnt die Dynamik, und Rubens ist +ein Maximum der Bewegtheit schwellender Leiber. Das hintergrundlose +Fresko ist eine statische, das perspektivische Ölgemälde eine +dynamische Gattung. Das Fresko malt körperhafte Grenzen, das Ölbild +löst sie auf. Der Impressionismus endlich stellt eine reine Dynamik der +Farben dar; Körpergrenzen gegen den Raum bedeuten ihm nicht mehr wie +der Elektrodynamik, in deren Kraftfeldern sie mathematisch von ganz +untergeordneter Bedeutung sind. + +Im Sinne der Renaissancephysik hat noch 1629 Nicolaus Cabeo aus +Ferrara, ein Jesuit, eine Theorie des Magnetismus im Stile der +aristotelischen Weltauffassung entwickelt, die ebenso wie die +florentinische Freskotechnik keine Folgen haben konnte, nicht weil sie +„falsch“ gewesen wäre, sondern weil sie dem faustischen Naturgefühl +widersprach, das durch die Renaissance eben aus der arabisch-magischen +Vormundschaft befreit worden war und das nun eigene Formen für den +Ausdruck seiner Welterkenntnis brauchte. Cabeo verzichtet auf die +Begriffe Kraft und Masse und beschränkt sich auf die klassischen: +Stoff und Gestalt, das heißt, er geht vom Geiste der Architektur des +alternden Michelangelo und des Vignola auf den Michelozzos und Raffaels +zurück und entwirft so ein vollkommen in sich geschlossenes, aber für +die Zukunft belangloses System. Der Magnetismus als Zustand einzelner +Körper, nicht als Kraft im grenzenlosen Raume -- das konnte das innere +Auge des westeuropäischen Menschen nicht befriedigen. Wir brauchten +eine Theorie der Ferne, nicht der Nähe. Ein andrer Jesuit, Boscovich, +hat dann Newtons mathematisch-mechanische Prinzipien als erster zu +einer umfassenden eigentlichen Dynamik ausgestaltet (1758). + +Galilei stand noch unter dem Eindruck starker Reminiszenzen des +Renaissancegefühls, dem die Antithese von Kraft und Masse, aus der im +architektonischen, malerischen und physikalischen Stil das Element der ++großen Bewegung+ folgt, fremd war. Er beschränkt die Vorstellung +der Kraft noch auf Berührungskräfte (Stoß) und formuliert lediglich +eine Erhaltung der Quantität der Bewegung. Damit hält er am älteren +Prinzip der Bewegung unter Ausschluß eines räumlichen +Pathos+ +fest, und erst Leibniz entwickelte, gegen ihn polemisierend, die Idee +der eigentlichen, im unendlichen Raume wirksamen, +freien+ Kräfte +(lebendige Kraft, _activum thema_), die er dann im Zusammenhange +mit seinen mathematischen Entdeckungen vollkommen durchführte. An +Stelle der Erhaltung der Bewegungsquantität trat die Erhaltung der +lebendigen Kräfte. Das entspricht dem Ersatz der Zahl als Größe durch +die Zahl als Funktion. + +Der Begriff der Masse wurde erst etwas später, als Gegenbegriff zur +Kraft, deutlich ausgebildet. Bei Galilei und Kepler erscheint an +seiner Stelle das Volumen, und erst Newton hat ihn mit Bestimmtheit ++funktional+ gefaßt (die Welt als Funktion Gottes). Es ist dem +Renaissanceempfinden völlig widersprechend, daß die Masse -- heute +definiert als das konstante Verhältnis von Kraft und Beschleunigung +in bezug auf ein System materieller Punkte -- dem Volumen keineswegs +proportional ist, wofür die Planeten ein wichtiges Beispiel gaben. + +Aber Galilei mußte doch schon nach +Ursachen+ der Bewegung fragen. +Diese Frage hatte innerhalb einer eigentlichen, auf die Begriffe Stoff +und Form beschränkten Statik keinen Sinn. Für Archimedes war die +Ortsveränderung neben der Gestalt als dem eigentlichen Wesen alles +extensiven Daseins belanglos; was hätte auf die Körper wirken sollen +-- von außen --, da der Raum „nicht ist“? Die Dinge bewegen sich, sie +werden nicht bewegt. Erst Newton schuf in völliger Unabhängigkeit von +der Fühlweise der Renaissance den Begriff der +Fernkräfte+, der +Anziehung und Abstoßung von Massen durch den Raum hindurch. Diese Idee +hat nichts sinnlich Greifbares mehr, und Newton selbst empfand vor ihr +einiges Unbehagen. Sie hatte ihn, nicht er sie ergriffen. Es ist der +dem unendlichen Raume zugewandte Geist des Barock selbst, der diese ++kontrapunktische, gänzlich unplastische+ Konzeption hervorgerufen +hat. Und zwar mit einem inneren Widerspruch. Man hat diese Fernkräfte +niemals hinreichend definieren können. Kein Mensch hat je begriffen, +was eigentlich Zentrifugalkraft ist. Ist die Kraft der sich um ihre +Achse drehenden Erde die Ursache dieser Bewegung oder umgekehrt? Oder +sind beide identisch? Wenn eine Bewegung in Erscheinung tritt -- +ist sie dann Wirkung einer Ursache, und ist diese Ursache, logisch +isoliert, eine Kraft oder eine andere Bewegung? Wie unterscheiden +sich Kraft und Bewegung? Die Veränderungen im Planetensystem sollen +Wirkungen einer Zentrifugalkraft sein. Aber dann müßten die Körper +aus ihrer Bahn geschleudert werden, und da dies nicht der Fall ist, +nimmt man auch noch eine Zentripetalkraft an. Aber was bedeuten diese +Worte? Die Unmöglichkeit, hier Ordnung und Klarheit zu schaffen, hatte +Heinrich Hertz bewogen, auf den Kraftbegriff überhaupt wieder zu +verzichten und sein System der Mechanik durch die äußerst künstliche +Annahme von festen Koppelungen zwischen Lagen und Geschwindigkeiten +auf das Prinzip der Berührung (Stoß) zurückzuführen. Aber damit sind +die Verlegenheiten nur verdeckt, nicht behoben. Sie sind spezifisch +faustischer Natur und wurzeln im tiefsten Wesen der Dynamik. „Dürfen +wir von Kräften reden, welche erst durch Bewegung entstehen?“ Gewiß +nicht. Aber können wir auf die dem abendländischen Geiste eingebornen +Urbegriffe verzichten, weil sie undefinierbar sind? Hertz selbst hat +keinen Versuch gemacht, sein System praktisch in Anwendung zu bringen. + +„Die Erscheinung -- sagt Goethe -- ist vom Beobachter nicht losgelöst, +vielmehr in dessen Individualität verschlungen und verwickelt.“ Gerade +die letzten, vermeintlich objektivsten Begriffe der Naturerkenntnis +sind Symbole, sind aus einem Gefühl entsprungen, das in dieser Gestalt +nur der Seele einer bestimmten, der apollinischen, magischen, +faustischen Seele eigen ist. So gering der organische Rest in ihnen +sein mag, er läßt sich nicht überwinden, denn der Physiker arbeitet +nicht nur als Intellekt, sondern als Mensch, als der er Ausdruck und +Organ seiner Kultur ist. Jede Erkenntnis ist nicht nur ein Resultat, +sondern auch ein Akt. + +Man erinnere sich nochmals, daß nicht die bloßen geschriebenen oder +gesprochenen Formeln, sondern die den toten Ziffern unterlegten +Bilder, die ihnen erst Blut und Seele geben, das +Wesen+ der +Physik ausmachen. Die Kraft ist ein solches Bild. Die beiden möglichen +Natureindrücke des Kulturmenschen, die lebendige Goethesche und +die tote Newtonische Natur sind einander verwandt. Und zwar folgt +die zweite aus der ersten. Das Werden, in den Worten Leben, Zeit, +Schicksal, Richtung, Gott sich offenbarend liegt dem Gewordnen, das mit +dem Erkannten identisch ist, zugrunde. Die physikalische Phantasie des +faustischen Menschen drängt stets zur Imagination unendlich bewegter +Scharen von kleinsten Elementen. Dies Prinzip, dem die Mathematik +in der Gruppentheorie, der Mengenlehre Rechnung getragen hat, kehrt +in der kinetischen Gastheorie, der Vorstellung von Kraftfeldern, +Ionen, Elektronen wieder. Aber es ist dasselbe, was das Weltgefühl +der früheren Jahrhunderte längst in seinen Kobolden, Zwergen und +Wichten, in dem „stillen Volk“ in Wiesen und Bergen, den Elfen, die +im Laub, im Sonnenlichte „weben“, den in imaginären Räumen liegenden +Reichen von elbischen winzigen rastlosen Wesen verkörpert hat, und +hier haben wir den Ursprung dessen zu suchen, was die Worte Kraft und +Bewegung enthalten und was über alle Möglichkeiten logischer Fixierung +hinausgeht. + +Diese immanente Verlegenheit der modernen Mechanik wird durch die +von Faraday begründete Potentialtheorie -- nachdem der Schwerpunkt +des physikalischen Denkens aus der Dynamik der Materie in die +Elektrodynamik des Äthers gerückt war -- keineswegs beseitigt. Der +berühmte Experimentator, der durchaus Visionär und unter allen Meistern +der neuern Physik der einzige Nichtmathematiker war, bemerkte 1846: +„Ich nehme in irgendeinem Teil des Raumes, mag er nach dem gewöhnlichen +Sprachgebrauch leer oder von Materie erfüllt sein, nichts wahr als +Kräfte und die Linien, in denen sie ausgeübt werden.“ In dieser +Definition tritt die ihrem Gehalte nach organische, das Erlebnis des +Erkennenden bezeichnende, spezifisch historische Richtungstendenz +-- der Wille zur Macht -- deutlich hervor; damit knüpft Faraday +metaphysisch an Newton an, dessen Fernkräfte ein immaterielles Prinzip +darstellen, dessen Kritik der fromme Physiker ausdrücklich ablehnte. +Der zweite noch mögliche Weg, zu einem eindeutigen Begriff der Kraft +zu gelangen -- von der „Welt“, nicht von „Gott“, vom Objekt, nicht vom +Subjekt des natürlichen Bewegtseins aus --, führte eben damals zur +Konzeption des Begriffs der +Energie+, die im Unterschiede von der +Kraft ein Quantum, keine Richtung darstellt und insofern an Leibniz +und an dessen Idee der lebendigen Kraft mit ihrer unveränderlichen +Quantität anknüpft; man sieht, daß hier wesentliche Merkmale des +Massebegriffs herübergenommen worden sind, derart, daß sogar der +bizarre Gedanke einer atomistischen Struktur der Energie in Erwägung +gezogen worden ist. + +Indessen ist mit dieser Neuordnung der Eigenschaften das Grundgefühl +vom Vorhandensein einer Weltkraft und ihres Substrats nicht verändert +und damit die Unlösbarkeit des Bewegungsproblems nicht widerlegt worden. + +Man wird sich erinnern, daß im vorigen Kapitel der Abstieg von der +tragischen zur Plebejermoral, von der Kultur zur Zivilisation des +westeuropäischen Menschen durch den Übergang vom ethischen Grundprinzip +der +Tat+ zu dem der +Arbeit+ charakterisiert wurde. Der +große Mensch der Vergangenheit von den Hohenstaufen bis zu Napoleon ++verrichtete Taten+, der moderne Gehirnmensch, sei er Feldherr +oder Experimentator, +arbeitet+. Wir sind alle Arbeiter, und +der Unterschied besteht nur noch zwischen geistiger und ungeistiger +Arbeit. Es ist überaus bezeichnend, daß sich genau derselbe +Begriffswechsel in der physikalischen Formensprache vollzieht. Das +Naturbild Brunos, Newtons, Goethes imaginiert ein göttliches Prinzip, +das sich in Taten auswirkt. Die zivilisierte, atheistische Physik +setzt den Begriff auf ein intellektuelles Niveau herab: die Natur +„+leistet Arbeit+“. Unter diesem Eindruck steht die heutige +Mechanik. Die entscheidende Entdeckung J. R. Mayers fällt mit der +Geburt der sozialistischen Theorie zusammen. Gleichzeitig vollzieht +sich der sehr tiefliegende Begriffswechsel von der Kraft zur Energie +(einem +Quantum+). Man wird ferner die strenge Kongruenz dieser +Formenwelt mit der gleichzeitig ausgebildeten der Nationalökonomie +bemerken. Nationalökonomie -- das war, wie wir sahen, die notwendige +Fassung der praktischen Dynamik eines willensstarken Menschentums, das +nach Dauer, Zukunft, Macht, Tat strebt. Auch die nationalökonomischen +Systeme operieren mit denselben Begriffen; seit Adam Smith wird das +Wertproblem mit dem +Arbeitsquantum+ in Beziehung gesetzt; das ist +Quesney und Turgot gegenüber der Schritt von einer organischen zu einer +mechanischen Struktur des Wirtschaftsbildes. Was hier als „Arbeit“ +der Theorie zugrunde liegt, ist rein dynamisch gemeint. Man könnte +die genauen Analoga der Prinzipien von der Erhaltung der Energie, +der Entropie, der kleinsten Wirkung auffinden. Man vergleiche diese +parallele Entwicklung mit jener der antiken -- volkswirtschaftlichen ++und+ physikalischen -- Statik, und man wird einsehen, in welchem +Grade die vermeintliche „Erfahrung“ von der geistigen Gestaltungskraft +vorausbestimmt wird. + +Betrachtet man demnach die Stadien, welche der zentrale Begriff der +Kraft seit seiner Geburt im frühen Barock durchlaufen hat, und zwar +in genauester Verwandtschaft mit den Formenwelten der großen Künste +und der Mathematik, so findet man drei: Im 17. Jahrhundert (Galilei, +Newton, Leibniz) trat er bildhaft ausgeprägt neben die große Ölmalerei, +die um 1680 erlosch; im 18., dem der klassischen Mechanik (Laplace, +Lagrange), stand er neben der Musik Bachs und empfing den intuitiven +Charakter des kontrapunktischen Stils; im 19., wo die Künste zu Ende +sind und die zivilisierte Intelligenz das Seelenhafte überwältigt, +erscheint er in der Sphäre der reinen Analysis, und zwar insbesondere +der Theorie der Funktionen von mehreren komplexen Variablen, ohne die +er sich in seiner modernsten Bedeutung kaum mehr verständlich machen +läßt. + + +13 + +Damit aber ist -- darüber täusche sich niemand -- die westeuropäische +Physik an der Grenze ihrer inneren Möglichkeiten angelangt. Der Sinn +ihrer Erscheinung war, das faustische Naturgefühl in Erkenntnis, die +Gestalten eines frühzeitlichen Glaubens in mechanische Formen eines +exakten Wissens zu verwandeln. Daß die einstweilen noch zunehmende +Gewinnung praktischer oder auch nur gelehrtenhafter Ergebnisse -- ein +Oberflächenphänomen der Wissenschaftsgeschichte -- mit der raschen +Zersetzung ihres Wesenskerns nichts zu tun hat, braucht kaum gesagt zu +werden. Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts erfolgen alle Schritte +in der Richtung einer inneren Vollendung, einer wachsenden Reinheit, +Schärfe und Fülle des dynamischen Naturbildes; von da an, wo ein +Optimum von Deutlichkeit im Theoretischen erreicht ist, beginnen sie +plötzlich auflösend zu wirken. Das geschieht nicht absichtlich; das +kommt den hohen Intelligenzen der modernen Physik nicht einmal zum +Bewußtsein. Darin liegt eine unabwendbare historische Notwendigkeit. +Die antike Physik hatte sich in demselben Stadium, um 200 v. Chr., +innerlich vollendet. Die Analysis kam mit Gauß, Cauchy und Riemann zum +Ziele und füllt heute nur noch die Lücken ihres Gebäudes aus. + +Daher erheben sich plötzlich vernichtende Zweifel an Dingen, die +noch gestern das unbestrittene Fundament der physikalischen Theorie +bildeten, am Sinne des Energieprinzips, am Begriff der Masse, des +Raumes, der absoluten Zeit, des kausalen Naturgesetzes überhaupt. +Das sind nicht mehr jene schöpferischen Zweifel des frühen Barock, +die einem Erkenntnisziele entgegenführen; diese Zweifel gelten der +Möglichkeit einer Naturwissenschaft überhaupt. Welche tiefe und von +ihren Urhebern offenbar gar nicht gewürdigte Skepsis liegt allein in +der rasch zunehmenden Benützung abzählender, statistischer Methoden, +die nur eine Wahrscheinlichkeit der Ergebnisse bezwecken und die +absolute Exaktheit der Naturgesetze, wie man sie früher hoffnungsvoll +verstand, ganz aus dem Spiele lassen! + +Wir nähern uns dem Augenblick, wo man die Möglichkeit einer +geschlossenen und in sich widerspruchslosen Mechanik endgültig +aufgibt. Ich hatte gezeigt, wie jede Physik an dem Bewegungsproblem +scheitern muß, in welchem die lebendige Person des Erkennenden in die +anorganische Formenwelt der vollzogenen Erkenntniselemente hereinragt. +Aber alle neuesten Hypothesen enthalten diese Verlegenheit in einer +nach dreihundertjähriger Denkarbeit erzielten äußersten Zuspitzung, +die keine Täuschung mehr zuläßt. Die Gravitationstheorie, seit Newton +eine unumstößliche Wahrheit, ist als eine zeitlich beschränkte +und schwankende Annahme erkannt worden. Das Prinzip der Erhaltung +der Energie hat keinen Sinn, wenn die Energie unendlich in einem +unendlichen Raume gedacht wird. Die Annahme des Prinzips läßt sich +mit keiner Art von dreidimensionaler Struktur des Weltraums, weder +der unendlichen euklidischen, noch (unter den nichteuklidischen +Geometrien) der sphärischen mit ihrem unbegrenzten, aber endlichen +Volumen vereinen. Seine Gültigkeit wird also auf ein „nach außen +abgeschlossenes System von Körpern“ beschränkt, eine künstliche +Begrenzung, die es in Wirklichkeit nicht gibt und nicht geben kann. +Man wird zugeben, daß das Weltgefühl des faustischen Menschen, aus +dem diese grundlegende Vorstellung -- +die Unsterblichkeit der +Weltseele+, mechanistisch und extensiv umgedacht -- hervorging, +gerade die symbolische Unendlichkeit hatte ausdrücken wollen. So ++fühlt+ man, aber der Intellekt vermochte das in seiner Sphäre +nicht zu verifizieren. Es war ferner der Lichtäther ein ideales +Postulat der modernen Naturerkenntnis, die zu jeder Bewegung die +Vorstellung eines Bewegten forderte. Aber jede denkbare Hypothese +über die Beschaffenheit des Äthers wurde sofort durch innere +Widersprüche widerlegt. Insbesondere hat Lord Kelvin mathematisch +nachgewiesen, daß es eine einwandfreie Struktur dieses Lichtträgers +nicht gibt. Da Lichtwellen nach der Interpretation der Versuche +Fresnels transversal sind, müßte der Äther ein fester Körper (mit +wahrhaft grotesken Eigenschaften) sein, aber in diesem Falle +würden die Elastizitätsgesetze für ihn gelten, und die Lichtwellen +wären demnach longitudinal. Die Maxwell-Hertzschen Gleichungen der +elektromagnetischen Lichttheorie, die in der Tat reine, unbenannte +Zahlen von unzweifelhafter Gültigkeit sind, schließen jede Deutung +durch irgendeine Mechanik des Äthers aus. Man hat nun den Äther, vor +allem unter dem Eindruck der Folgerungen aus der Relativitätstheorie, +als das reine Vakuum definiert, was doch nicht viel andres als eine +Zerstörung des dynamischen Urbildes bedeutet. + +Seit Newton besaß die Annahme einer konstanten Masse -- des +Gegenstückes der konstanten Kraft -- unbestrittene Gültigkeit. Moderne +Hypothesen, die auf Grund von experimentellen Erfahrungen notwendig +geworden waren, haben diese Annahme zerstört. Jedes abgeschlossene +System besitzt neben der kinetischen Energie noch die Energie der +strahlenden Wärme, die nicht von ihr trennbar und deshalb durch den +Begriff der Masse nicht rein darstellbar ist. Denn wird die Masse +durch die lebendige Energie definiert, so ist sie im Hinblick auf +den thermodynamischen Zustand nicht mehr konstant. Aber weit über +diese partiellen Zweifel hinaus greift das Relativitätsprinzip, die +revolutionäre Theorie vom Beginn des 20. Jahrhunderts, in den Kern der +Dynamik ein. + +Bekanntlich hat der Begriff Bewegung im leeren Raume keinen Sinn. +Das wissenschaftliche Denken kennt nur Lageveränderungen mehrerer +Körper relativ zueinander. In diesem Falle aber wendet das +antike+ +Weltgefühl greifbare, +absolute Maße+ an, um absolute Bewegungsgrößen +zu messen. Hier liegt also ein Rest von plastischem, statuenhaftem +Empfinden (sinnlicher Konstanz) vor, den das faustische Naturdenken +noch aufzulösen hatte. + +Gibt es absolute Maße? Nimmt man in kosmischen Verhältnissen den +Abstand der Erde von der Sonne als Maßeinheit, so ist der Lichtweg +zu messen; es gibt keine andere Möglichkeit. Das Licht aber braucht +Zeit, und damit tritt ein organischer, historischer Faktor in den Akt +der messenden Vergleichung ein. Abstände werden durch Lichtsignale +abgegrenzt, und es fragt sich, in welcher Zeit das Licht (bei +gleichbleibender Geschwindigkeit) von der Sonne her die Erde erreicht. +Wir kennen die Bewegung der Erde relativ zur Sonne, nicht aber +die absolute Bewegung des Sonnensystems im Raume, die etwa in der +Richtung von der Erde zur Sonne oder umgekehrt stattfinden könnte. +Aber in diesen Fällen wird der tatsächliche Lichtweg abgekürzt oder +verlängert, da der Beobachter dem Licht entgegenkommt oder sich von +ihm entfernt, und damit verliert die Lichtzeit die Eigenschaft einer +absoluten Größe, weil nach dem berühmten Versuch von Michelson die +Geschwindigkeit des Lichtes von der Bewegung der durchdrungenen Körper +unberührt bleibt. Daraus ergeben sich unabsehbare Folgerungen. So gut +wir eine Bewegung nur als Lageveränderungen eines Körpers relativ zu +einem andern auffassen können -- die ägyptischen Pyramiden, die relativ +zur Erde ruhen, bewegen sich doch relativ zur Sonne mit gewaltiger +Geschwindigkeit durch den Weltraum --, so gut ist eine Zeit nur in +bezug auf den Standort eines Beobachters eindeutig meßbar; man kann +Fälle annehmen, wo für zwei Beobachter in bezug auf zwei Ereignisse die +Begriffe früher und später sich umkehren. +Damit aber ist auch die +Konstanz aller physikalischen Größen aufgehoben, in deren Definition +die Zeit eingegangen ist+, und die westeuropäische Dynamik besitzt +im Gegensatz zur antiken Statik nur solche Größen. Eine Strecke messe +ich durch Vergleich der relativen Lage der Endpunkte, und dieser +Vergleich beansprucht Zeit. Man weiß, daß Fixsterne, deren Standort +durch das auf der Erde ankommende Licht bestimmt wird, an einer anderen +Stelle des Himmels erscheinen als der, die sie „wirklich“ einnehmen. +Dieselbe Strecke kann für verschiedene Beobachter je nach deren +„Bewegungszustand“ verschieden groß sein. Ein Körper, der für den +irdischen Beobachter eine Kugel ist, kann in bezug auf einen andern +ein Rotationsellipsoid sein. Starre Körper gibt es nur in bezug auf +ein bestimmtes System. Absolute Längen- und Zeitmaße gibt es überhaupt +nicht mehr. Damit fällt auch die Möglichkeit absoluter quantitativer +Bestimmungen und somit der übliche Begriff der Masse, denn die Masse +war als Funktion der Bewegung, als das konstante Verhältnis von Kraft +und Beschleunigung definiert worden. Es ist für die Elektronen bereits +nachgewiesen worden, daß deren Masse sich mit der Geschwindigkeit +ändert. In andern Fällen ist der Nachweis schwierig, denn Körper an der +Erdoberfläche, z. B. die Objekte beinahe aller physikalischen Versuche, +bewegen sich annähernd mit Erdgeschwindigkeit -- die Elektronen aber +nicht, und diese Abweichung kommt in Gestalt einer Variabilität +ihrer Masse zum Vorschein. Die „Erhaltung der Masse“ im Weltraum ist +also ein Begriff ohne Sinn. Wie man sieht, ist hier das unantike, +funktionale Empfinden der faustischen Seele zum denkbar schärfsten +Ausdruck gelangt. Von den Faktoren des sinnlichen Augenscheins ist +nichts geblieben, nicht einmal die angeblich a priori vorhandenen +und konstanten Formen der Anschauung, Raum und Zeit, im Sinne Kants. +Es gibt nichts Greifbares und Plastisches mehr, das ein ruhendes Sein +spiegelt, keine Gestalt, keine Größe, kein Maß. Die Grundwerte des +newtonischen Weltbildes, ohnehin Elemente von höchst abstrakter Natur, +sind in das unendliche Gewebe von variablen Beziehungen aufgelöst, das +nunmehr die letzte Form der faustischen Natur, eine Gestalt von äußerst +unpopulärem und esoterischem Charakter, vor Augen führt. + + +14 + +In den Kreis dieser Symbole des Niedergangs gehört nun vor allem +die Entropie, bekanntlich das Thema des zweiten Hauptsatzes der +Thermodynamik. Der erste Hauptsatz, das Prinzip von der Erhaltung der +Energie, formuliert einfach das Wesen der Dynamik, um nicht zu sagen +die Struktur des westeuropäischen Geistes, dem allein die Natur mit +Notwendigkeit in der Form einer kontrapunktisch-dynamischen Kausalität +im Gegensatz zu der statisch-plastischen des Aristoteles erscheint. Das +Grundelement des faustischen Weltbildes ist nicht die +Haltung+, +sondern die +Tat+, mechanisch gesprochen der +Prozeß+, und +dieser Satz fixiert lediglich den mathematischen Charakter dieser +Prozesse in Form von Variablen und Konstanten. Der zweite Satz aber +greift tiefer und stellt eine einseitige Tendenz des Naturgeschehens +fest, welche durch die begrifflichen Grundlagen der Dynamik in keiner +Weise a priori bedingt war. + +Die Entropie wird mathematisch durch eine Größe repräsentiert, die +durch den augenblicklichen Zustand eines in sich abgeschlossenen +Systems von Körpern bestimmt ist und die bei allen überhaupt möglichen +Änderungen physikalischer oder chemischer Art nur zunehmen, niemals +abnehmen kann. Im günstigsten Falle bleibt sie unverändert. Die +Entropie ist wie die Kraft und der Wille etwas, das jedem, der +überhaupt in das Wesen dieser Formenwelt einzudringen vermag, innerlich +vollkommen klar und deutlich ist, das aber von jedem anders und +offenbar unzulänglich formuliert wird. Auch hier versagt der Geist vor +dem Ausdrucksbedürfnis des Weltgefühls. + +Man hat, je nachdem die Entropie sich vermehrt oder nicht, die +Gesamtheit der Naturprozesse in nichtumkehrbare und umkehrbare +eingeteilt. Bei jedem Prozeß der ersten Art wird freie Energie +in gebundene verwandelt; soll diese tote Energie in lebendige +zurückverwandelt werden, so kann es nur dadurch geschehen, daß +gleichzeitig in einem damit verbundenen zweiten Prozeß ein Quantum +lebendiger Energie gebunden wird. Das bekannteste Beispiel ist die +Verbrennung von Kohle, d. h. die Umwandlung der in ihr aufgespeicherten +lebendigen Energie in die durch die Gasform der Kohlensäure gebundene +Wärme, wenn die latente Energie des Wassers in Dampfspannung und +weiterhin in Bewegung umgesetzt werden soll. Daraus folgt, daß die +Entropie im Weltganzen beständig zunimmt, so daß das dynamische +System sich offenbar einem wie immer gearteten Endzustande nähert. +Zu den nichtumkehrbaren Prozessen gehören Wärmeleitung, Diffusion, +Reibung, Lichtemission, chemische Reaktionen, zu den umkehrbaren +die Gravitation, elektrische Schwingungen, elektromagnetische und +Schallwellen. + +Was bisher nie empfunden worden ist, und weshalb ich in dem Satz von +der Entropie den Anfang der Vernichtung dieses Meisterstückes der +westeuropäischen Intelligenz, der Physik dynamischen Stils sehe, +ist der tiefe Gegensatz zwischen Theorie und Wirklichkeit, der hier +zum ersten Male ausdrücklich in die Theorie selbst hineingetragen +worden ist. Nachdem der erste Satz das strenge Bild eines kausalen +Naturgeschehens gezeichnet hatte, bringt der zweite durch das Phänomen +der Nichtumkehrbarkeit eine dem unmittelbaren Leben angehörende Tendenz +zum Vorschein, die dem Wesen des Mechanischen und Logischen prinzipiell +widerspricht. + +Verfolgt man die Konsequenzen der Entropielehre, so ergibt sich +erstens, daß theoretisch alle Prozesse umkehrbar sein +müssen+. +Das gehört zu den Grundforderungen der Dynamik. Das fordert noch einmal +in aller Schärfe der erste Hauptsatz. Es ergibt sich aber zweitens, +daß +in Wirklichkeit+ sämtliche Naturvorgänge nichtumkehrbar ++sind+. Nicht einmal unter den künstlichen Bedingungen des +experimentellen Verfahrens kann der einfachste Prozeß exakt umgekehrt, +d. h. ein einmal überschrittener Zustand wiederhergestellt werden. +Nichts ist bezeichnender für die Lage des gegenwärtigen Systems als +die Einführung der Hypothese der „elementaren Unordnung“, um den +Widerspruch zwischen geistiger Forderung und wirklichem Erlebnis +auszugleichen: Die „kleinsten Teilchen“ der Körper -- ein Bild, nicht +mehr -- führen durchweg umkehrbare Prozesse aus; in den wirklichen +Dingen befinden die kleinsten Teilchen sich in Unordnung und stören +einander; infolgedessen ist mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit der +natürliche, allein vom Beobachter erlebte, nichtumkehrbare Prozeß mit +einer Zunahme der Entropie verbunden. So wird die Theorie zu einem +Kapitel der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und statt seiner exakten +Methode tritt die statistische in Wirksamkeit. + +Man hat augenscheinlich nicht bemerkt, was das bedeutet. Die Statistik +gehört zur Sphäre des Organischen, zum wechselnd bewegten Leben, zum +Schicksal und Zufall und nicht zur Welt der exakten Gesetze und der +zeitlos-ewigen Mechanik. Man weiß, daß sie vor allem zur Charakteristik +politischer und wirtschaftlicher, also historischer Phänomene dient. +In der klassischen Mechanik Galileis und Newtons wäre für sie kein +Platz gewesen. Was hier plötzlich statistisch erfaßt und erfaßbar +wird, mit Wahrscheinlichkeit statt mit jener apriorischen Exaktheit, +die alle Denker des Barock einstimmig gefordert hatten, ist der Mensch +selbst, der diese Natur erkennend durchlebt, der in ihr sich selbst +durchlebt; es ist nicht mehr ein reiner Intellekt, der seine starre +Form objektiviert. Was die +Theorie+ mit innerer Notwendigkeit +hinstellt, jene in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen umkehrbaren +Prozesse, repräsentiert den Rest einer streng-geistigen Form, den Rest +der großen Barocktradition, welche die Schwester des kontrapunktischen +Stils war. Die Zuflucht zur Statistik offenbart die Erschöpfung der +in dieser Tradition wirksam gewesenen ordnenden Kraft. Werden und +Gewordnes, Schicksal und Kausalität, historische und natürliche +Elemente beginnen zu verschwimmen. Formelemente des Lebens: das +Wachstum, das Altern, die Lebensdauer, die Richtung, der Tod drängen +herauf. + +Das hat in diesem Aspekte die Nichtumkehrbarkeit der Weltprozesse +zu bedeuten. Sie ist, im Gegensatz zu dem physikalischen Zeichen t, +Ausdruck der echten, +historischen+, innerlich erlebten Zeit, die +mit dem +Schicksal+ identisch ist. + +Das ist keine Vervollkommnung der Dynamik, das ist ein Symptom ihrer +Zersetzung. Gerade so hatte die Musik Beethovens die große Form der +Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts zerstört, weil in ihr die +barbarische Fülle einer weltstädtischen, modernen Seele nicht mehr zu +bändigen war. Ich hatte an einer früheren Stelle die Polarität von +Geschichte und Natur (oder, was dasselbe ist, von lebendiger und toter +Natur) durch den Unterschied des morphologischen Verfahrens bestimmt, +das dort Physiognomik, hier Systematik ist. Nun, die Physik des Barock +war durch und durch strenge Systematik, solange Theorien wie diese +noch nicht an ihrem Bau rütteln durften, solange in ihrem Bilde nichts +anzutreffen war, was den Zufall und die bloße Wahrscheinlichkeit +zum Ausdruck brachte. Mit dieser Theorie aber ist sie Physiognomik +geworden. Der „Lauf der Welt“ wird verfolgt. Die +Idee des +Weltendes+ erscheint in der Verkleidung von Formeln, die im Grunde +ihres Wesens keine Formeln mehr sind. Es kommt damit etwas Goethesches +in die Physik, und man wird das ganze Gewicht dieser Tatsache ermessen, +wenn man sich klar macht, was zuletzt die leidenschaftliche Polemik +Goethes gegen Newton in der Farbenlehre bedeutete. Hier argumentierte +die Intuition gegen den Verstand, das Leben gegen den Tod, die +schöpferische Gestalt gegen das ordnende Gesetz. Die Formenwelt der +Natur+erkenntnis+ war aus dem Natur+gefühl+, dem Gottgefühl +hervorgegangen. Hier hat sie den Gipfel der Distanz erreicht, und sie +kehrt zum Ursprung zurück. + +Und so beschwört die in der Dynamik wirksame Einbildungskraft noch +einmal die großen Symbole der historischen Leidenschaft des faustischen +Menschen herauf, die ewige Sorge, den Hang zu den fernsten Fernen +von Vergangenheit und Zukunft, die rückschauende Forschung, den +vorausschauenden Staat, die Biographien und Selbstbetrachtungen, die +Uhren, die über Westeuropa weithinhallenden, das Leben messenden +Glockenschläge. Das Ethos des Wortes Zeit, wie nur wir es empfinden, +wie es die kontrapunktische Musik im Gegensatz zur Statuenplastik +erfüllt, richtet sich auf ein +Ziel+. Das war in allen Lebensidealen +des Abendlandes als drittes Reich, als neues Zeitalter, als Aufgabe der +Menschheit, als Ausgang einer Entwicklung verkörpert worden. Und das +bedeutet für das Gesamtdasein der faustischen Natur die Entropie. + +Der antike Kosmos ist ahistorisch. Die Statik formuliert einen Zustand, +der immer derselbe und in jedem Augenblicke vollkommen enthalten +ist. In gewissem Sinne behauptet das die Dynamik auch, insoweit sie +Systematik ist. Sie bringt zwar das +Geschehen+, nicht das Sein in +Form, aber unter der Voraussetzung, daß diese Form von zeitloser +Allgemeingültigkeit sei. Darunter ist aber eine physiognomische Tendenz +wirksam, welche eine +Biographie+ des Weltwerdens zum Ziele hat, die, +bisher latent, jetzt in mächtigen physikalischen Visionen hervorbricht. +Der Kosmos Demokrits gestattet keine biographische Betrachtung. +Was man dort Veränderung nennt, ist eine Laune, keine Entwicklung, +kosmische Episode, nicht Epoche, ein Spiel ohne Sinn. Heraklit hat es +mit dem Spiel eines Knaben verglichen, der Sandhaufen auftürmt und +wieder zerstört. Aristoteles schuf den Begriff der Entelechie, der +von den Faktoren der Zeit und der Kraft ganz unberührten Entwicklung +des einzelnen Dinges von der in ihm ruhenden möglichen zur sinnlich +verwirklichten Gestalt. + +Goethe aber entdeckt, seiner Idee einer Entwicklung folgend, den +Zwischenknochen beim Menschen, die Metamorphose der Pflanzen und (nach +Lionardos Vorgang) die Eiszeiten, sämtlich Phänomene einer +zeitlich+ +vorschreitenden, dynamischen, historischen Weltvollendung. + +Schon in dem halbmystischen Begriff der Kraft, der dogmatischen +Voraussetzung dieser ganzen Formenwelt, liegt stillschweigend ein +Richtungsgefühl, eine Beziehung auf Vergangenes und Künftiges; noch +deutlicher wird sie in der Bezeichnung der Naturvorgänge als Prozesse. +Ich behaupte also, daß die Entropielehre als die intellektuelle Form, +in welcher die unendliche Summe aller Naturereignisse als historische +und physiognomische Einheit zusammengefaßt wird, allen physikalischen +Begriffsbildungen von Anfang an unbewußt zugrunde lag, und daß sie +eines Tages als „Entdeckung“ auf dem Wege wissenschaftlicher Induktion +zum Vorschein kommen und dann durch die übrigen theoretischen Elemente +des Systems durchaus bestätigt werden mußte. Je mehr die Dynamik sich +durch Erschöpfung ihrer inneren Möglichkeiten dem Ziele nähert, desto +entschiedener dringen die historischen Momente vor, desto stärker +machen sich neben der anorganischen Notwendigkeit des Kausalen die +organische des Schicksals, neben den Faktoren der reinen Ausgedehntheit +-- Kapazität und Intensität -- die der Richtung geltend. Es geschieht +dies durch eine ganze Reihe neuer Hypothesen von gleichem Stil, +die durch die experimentellen Befunde gefordert werden, richtiger +ausgedrückt, durch eine Reihe innerlich verwandter Produkte einer +intellektuell geregelten Phantasie, die sämtlich durch das Weltgefühl +und die Mythologie schon der Gotik antizipiert waren. + +Dahin gehört vor allem auch die bizarre Hypothese des Atomzerfalls, +welche die radioaktiven Erscheinungen deutet -- nach welcher Uratome, +die Jahrmillionen hindurch trotz äußerer Einwirkungen ihr Wesen +unverändert bewahrt haben, plötzlich und ohne nachweisbaren Anlaß +explodieren und ihre kleinsten Teile mit einer Geschwindigkeit, die +Tausende von Kilometern in der Sekunde beträgt, im Weltraum verbreiten. +Dies +Schicksal+ trifft unter einer Menge radioaktiver Atome immer +nur einzelne, während die benachbarten davon ganz unberührt bleiben. +Auch dieses Bild ist Historie, nicht Natur, und wenn sich auch hier die +Anwendung der Statistik als notwendig erweist, so möchte man beinahe +vom Ersatz der mathematischen durch die chronologische Zahl reden. + +Mit diesen Vorstellungen kehrt die mythische Gestaltungskraft der +faustischen Seele zum Ausgang zurück. Gerade damals, als zu Beginn +der Gotik die ersten mechanischen Uhren konstruiert wurden, Symbole +eines historischen Weltgefühls, entstand der Mythus von Ragnarök, dem +Weltende, der Götterdämmerung. Mag diese Konzeption, wie wir sie in +der Völuspa und in christlicher Fassung in den Muspilli besitzen, wie +alle vermeintlich urgermanischen Mythen nicht ohne Einwirkung antiker +und vor allem christlich-apokalyptischer Motive entstanden sein, sie +ist in dieser Gestalt Ausdruck und Symbol der faustischen und keiner +andren Seele. Die olympische Götterwelt ist ahistorisch. Sie kennt kein +Werden, keine Richtung, kein Ziel. So wenig die antiken Stadtstaaten +bewußte oder unbewußte Aufgaben und Endziele hatten, so wenig hat sie +das Dasein des Kosmos, die ewig gleiche Summe schöner Dinge. Der +abendländische Geist aber gestaltet aus der Leidenschaft der Ferne +heraus, sei es den Staat, das Bild der Natur oder das einzelne Leben. +Die Kraft, der Wille hat ein Ziel, und wo es ein Ziel gibt, gibt es +auch ein Ende. Was die Perspektive der großen Ölmalerei durch den +Konvergenzpunkt, was der Rokokopark durch den Point de vue, was die +Analysis durch das Restglied der unendlichen Reihen symbolisierte, den +Abschluß einer gewollten Richtung, tritt hier in streng geistiger Form +hervor. Der Faust des zweiten Teils der Tragödie stirbt, weil er sein +Ziel +erreicht+ hat. Mag aus den älteren Kulturen noch so viel +mythologische Substanz herübergenommen sein, lebendig wurde sie erst +durch Umprägung in einem neuen, im dynamischen Sinne. Das Weltende +als Vollendung einer innerlich notwendigen Entwicklung -- das ist die +Götterdämmerung; das bedeutet also, als letzte, als irreligiöse Fassung +des Mythus, die Lehre von der Entropie. + + +15 + +Es bleibt noch übrig, den Ausgang der abendländischen Wissenschaft +überhaupt zu zeichnen, der heute, wo der Weg sich bereits abwärts +senkt, mit Sicherheit übersehen werden kann. + +Auch das, die Voraussicht des unabwendbaren Schicksals, gehört zur +Mitgift des historischen Blickes, den +nur+ der faustische +Geist besitzt. Auch die Antike starb, aber sie wußte nichts davon. +Sie glaubte an ein ewiges Sein. Sie hat noch ihre letzten Tage mit +rückhaltlosem Glück, jeden für sich, als Geschenk der Götter durchlebt. +Wir kennen unsere Geschichte. Wir werden mit Bewußtsein sterben und +alle Stadien der eignen Auflösung mit dem Scharfblick des erfahrenen +Arztes verfolgen. + +Es steht uns noch eine letzte geistige Krisis bevor, welche das ++ganze+ Abendland ergreifen wird. Ihren Verlauf erzählt der späte +Hellenismus. Die Tyrannei des Verstandes, die wir nicht empfinden, weil +die heutigen Generationen ihr Maximum darstellen, ist in jeder Kultur +eine Epoche zwischen Mann und Greis, nicht mehr. Ihr deutlichster +Ausdruck ist der Kultus der exakten Wissenschaften, der Dialektik, des +Beweises, der Erfahrung, der Kausalität. Die Ionik und das Barock +zeigen seinen Aufschwung; es fragt sich, in welcher Gestalt er zu Ende +geht. + +Auch hier darf noch einmal an früher Gesagtes erinnert werden: wie +jeder höhere Mensch in sich, in der Entfaltung seiner individuellen +Seele die Epochen seiner Kultur noch einmal durchlebt, wie der +mystische Akt des Tiefenerlebnisses, durch welchen um das Jahr 1000 die +faustische Seele in der westeuropäischen Landschaft geboren wurde, in +jedem Kinde noch einmal das Erwachen des so und nicht anders, faustisch +nämlich gearteten Innenlebens anzeigt, so erlebt jeder bedeutende +wissenschaftliche Mensch persönlich, was seine Wissenschaft im Verlaufe +ihres organischen Werdens erlebte. Da ist ein Jugendstadium des +schrankenlosen Optimismus, der gewiß ist, daß alles erkannt werden kann +und einmal erkannt werden wird. Damit beginnen nach der gotischen und +dorischen Frühzeit die leidenschaftlichen Visionen Lionardos, Galileis, +Brunos, Huttens und dementsprechend die der großen Vorsokratiker. +Das ist die Morgenröte der reinen Geistigkeit. Die Gotik ersehnte +sie, das Barock errang sie, die -- westeuropäische und hellenistische +-- Zivilisation besitzt sie, um zu erfahren, wie fragwürdig dieser +Besitz ist. Man muß viel wissen, ehe man so weise ist, daß man am +Sinn und Wert des Wissens zu zweifeln anfängt. Das _de omnibus +dubitandum_ des Descartes erstreckte sich hierauf +nicht+. Sein +Zweifel war nur die Maske einer siegesgewissen Zuversicht. Der reine +Gehirnmensch, für den die Welt restlose Beute seiner intellektuellen +Fähigkeiten ist, erscheint erst mit dem 3. und 19. Jahrhundert. Aber +es beginnt endlich ein Kampf gegen die Wissenschaftlichkeit, an deren +Rechten man zweifelt, deren Herrschaft einen leisen Ekel einzuflößen +beginnt, zuerst mit der feinen Skepsis Pyrrhons und Nietzsches, +während die mittleren Geister noch mit ihren „wissenschaftlichen +Errungenschaften“ einen gewaltigen Lärm machen. Indessen braucht man +nur die Bücher unserer tiefsten Physiker aufzuschlagen -- und die +Physik ist das Meisterstück des faustischen Geistes --, um zu sehen, +wie die Resignation, die Bescheidung in Hinsicht auf Ziele, Erfolge und +Möglichkeiten täglich zunimmt. + +Ich sage es voraus: noch in diesem Jahrhundert, dem Zeitalter des +wissenschaftlich-kritischen Alexandrinismus, wird sie den Willen zum +Siege der Wissenschaft überwinden. Die europäische Wissenschaft geht +der Selbstvernichtung durch Verfeinerung des Intellekts entgegen. Man +hatte zuerst ihre Mittel geprüft -- im 18. Jahrhundert, dann ihre +Macht -- im 19.; man durchschaut endlich ihre historische Rolle. +Von der Skepsis führt ein Weg zur „zweiten Religiosität“, jener der +sterbenden Weltstädte, jener kranken Innerlichkeit, die nicht vor, +sondern nach einer Kultur kommt, die greisen Seelen wärmend, wie es die +morgenländischen Kulte im späten Rom taten. + +Der Einzelne leistet Verzicht, indem er die Bücher weglegt. +Eine +Kultur+ verzichtet, indem sie aufhört, sich in hohen +wissenschaftlichen Intelligenzen zu offenbaren; aber Wissenschaft +existiert nur im lebendigen Dasein großer Gelehrtengenerationen, und +Bücher sind nichts, wenn sie nicht in Menschen, die ihnen gewachsen +sind, lebendig und wirksam werden. Wissenschaftliche Resultate sind +keine objektive Materie, wie der typische Gelehrte glaubt; sie +sind lediglich Elemente einer geistigen Tradition. Der Tod einer +Wissenschaft besteht darin, daß sie niemandem mehr innerstes Ereignis +wird. Ihr Vorhandensein ist von dem Vorhandensein verwandter Geister +abhängig. + +An die Müdigkeit des Geistes glaubt heute niemand, so sehr wir sie +schon in allen Gliedern spüren. Aber zweihundert Jahre Zivilisation +und Orgien der Wissenschaftlichkeit -- dann hat man es satt. Nicht +der Einzelne, die Seele der Kultur hat es satt. Sie drückt das aus, +indem sie ihre Forscher, die sie in die historische Welt des Tages +hinaufsendet, immer kleiner, enger, unfruchtbarer wählt. Das große +Jahrhundert der antiken Wissenschaft war das dritte, nach dem Tode des +Aristoteles. Als die Römer kamen, als Archimedes starb, war es schon +zu Ende. Unser klassisches Jahrhundert ist das neunzehnte. Gelehrte +im Stile von Gauß, Humboldt, Helmholtz waren schon um 1900 nicht mehr +da; in der Physik, wie in der Chemie, der Biologie wie der Mathematik +sind die großen Meister tot, und wir erleben heute das Decrescendo der +Nachzügler, die ordnen, sammeln und abschließen wie die Alexandriner +der Römerzeit. Es ist das ein +allgemeines+ Symptom. Nach Lysipp +ist kein großer Plastiker mehr gekommen, dessen Erscheinung ein +Schicksal gewesen wäre, nach Rembrandt und Velasquez kein Maler, nach +Beethoven kein Musiker mehr. Man beachte wohl, weshalb Goethe, im +Vergleich mit Shakespeare, sich einen Dilettanten nannte, und weshalb +Nietzsche Wagner den Namen eines Musikers absprach. Was war zur Zeit +Cäsars die Tragödiendichtung oder die Physik? Eine Angelegenheit von +vorgestern, ein Thema für die Überflüssigen. Auf Eratosthenes und +Archimedes, die eigentlichen Schöpfer, folgen Poseidonios und Plinius, +die mit Geschmack sammeln, und endlich Ptolemäus und Galen, die nur +noch abschreiben. Wie die Ölmalerei und die kontrapunktische Musik ihre +Möglichkeiten in einer kleinen Zahl von Jahrhunderten einer organischen +Entwicklung erschöpft haben, so ist die Dynamik, deren Formenwelt um +1600 aufblüht, ein Gebilde, das heute im Erlöschen begriffen ist. + +Zuvor aber erwächst dem faustischen, eminent historischen Geiste eine +noch nie gestellte, noch nie als möglich geahnte Aufgabe. Eines Tages +wird eine +Morphologie der exakten Wissenschaften+ geschrieben +werden, die untersucht, wie alle Gesetze, Begriffe, Theorien als Formen +innerlich zusammenhängen und was sie als solche historisch bedeuten. +Die theoretische Physik, Chemie, Mathematik als Inbegriff von Symbolen +betrachtet -- das ist die endgültige Überwindung des mechanischen +Weltaspektes durch die intuitive, wiederum religiöse Weltidee. Das +ist das letzte Meisterstück einer Physiognomik, welche auch noch die +Systematik als Objekt in sich auflöst. Wir werden künftig nicht mehr +fragen, welche allgemein gültigen Gesetze der chemischen Affinität +oder dem Diamagnetismus zugrunde liegen -- eine Dogmatik, die das 19. +Jahrhundert ausschließlich beschäftigt hat -- wir werden sogar erstaunt +sein, daß verhältnismäßig primitive Fragen wie diese, Köpfe von solchem +Range völlig beherrschen konnten. Wir werden untersuchen, woher diese +der faustischen Intelligenz vorbestimmten Formen kommen, warum sie uns +Menschen einer einzelnen Kultur im Unterschiede von jeder andern kommen +mußten, welcher tiefere Sinn darin liegt, daß die gewonnenen Zahlen +gerade in dieser bildhaften Verkleidung in Erscheinung treten. Und +dabei ahnen wir heute kaum, was alles von den vermeintlich objektiven +Werten und Erfahrungen nur Verkleidung, nur Bild und Ausdruck ist. + +Die einzelnen Wissenschaften, Erkenntnistheorie, Physik, Chemie, +Mathematik, Astronomie nähern sich mit wachsender Geschwindigkeit. +Wir gehen einer vollkommenen Identität der Resultate und damit +einer Verschmelzung der Formenwelten entgegen, die einerseits ein +auf wenige Grundformeln reduziertes System von Zahlen (funktionaler +Natur) darstellt, andrerseits als deren Benennung eine kleine Gruppe +von Theorien und bildhaften Anschauungen bringt, die endlich als +verschleierter Mythus wieder erkannt und ebenfalls auf einige Typen, +aber von durchaus vitaler, physiognomischer Bedeutung zurückgeführt +werden können und müssen. Man hat diese Konvergenz nicht bemerkt, weil +seit Kant und eigentlich schon seit Leibniz kein Gelehrter mehr die +Problematik +aller+ exakten Wissenschaften beherrschte. + +Noch vor hundert Jahren waren Physik und Chemie einander fremd; heute +sind sie einzeln nicht mehr zu behandeln. Man denke an die Gebiete der +Spektralanalyse, der Radioaktivität, an die kinetische Gastheorie. Vor +fünfzig Jahren war das Wesentliche der Chemie noch fast ohne Mathematik +darstellbar; heute sind die chemischen Elemente im Begriff, sich in +mathematische Konstanten variabler Beziehungskomplexe zu verflüchtigen. +Die Elemente aber waren in ihrer sinnlichen Faßlichkeit die letzte +antik-plastisch anmutende Größe der Naturwissenschaft gewesen. Die +Molekulartheorie ist längst ein Gebiet der reinen Mathematik geworden. +Die Physiologie steht im Begriff, ein Kapitel der organischen Chemie +zu werden und sich der Mittel der Infinitesimalrechnung zu bedienen. +Die nach Sinnesorganen wohlunterschiedenen Teile der älteren Physik, +Akustik, Optik, Wärmelehre sind aufgelöst und zu einer Dynamik +der Materie und einer Dynamik des Äthers verschmolzen, deren rein +mathematische Grenze sich bereits nicht mehr aufrecht erhalten läßt. +Heute vereinigen sich die letzten Betrachtungen der Erkenntnistheorie +mit solchen der Analysis und der Physik (vor allem der Optik) zu einem +sehr schwer zugänglichen Gebiete, dem z. B. die Relativitätstheorie +gehört. Die Emanationstheorie der radioaktiven Strahlengruppen wird +durch eine Zeichensprache dargestellt, der nichts Anschauliches mehr +anhaftet. + +Die Chemie ist im Begriff, statt der schärfsten anschaulichen +Bestimmung der Qualitäten der Elemente (Wertigkeit, Gewicht, +Affinität, Reagibilität) diese sinnlichen Momente vielmehr zu +beseitigen. Daß die Elemente je nach ihrer „Abstammung“ aus +Verbindungen verschieden charakterisiert sind, daß sie Komplexe +diskreter Einheiten darstellen, die zwar experimentell („wirklich“) +als Einheit höherer Ordnung wirken und mithin praktisch nicht +trennbar sind, daß sie aber hinsichtlich ihrer Radioaktivität tiefe +Verschiedenheiten aufweisen, daß durch die Emanation von strahlender +Energie ein Abbau stattfindet und man also von einer +Lebensdauer+ +der Elemente reden darf, was offenbar dem ursprünglichen Begriff des +Elements und damit dem Geiste der von Lavoisier geschaffenen modernen +Chemie völlig widerspricht -- all das rückt diese Vorstellungen in die +Nähe der Entropielehre mit ihrem bedenklichen Gegensatz von Kausalität +und Schicksal, Erkenntnis und Erlebnis, Natur und Historie und +kennzeichnet den Weg der westeuropäischen Wissenschaft einerseits zur +Aufdeckung der Identität ihrer formalen, logischen oder zahlenmäßigen +Resultate mit der Struktur des Verstandes selbst, andrerseits zu der +Erkenntnis, daß die gesamte, diese Zahlen und Begriffe einkleidende +Theorie lediglich den symbolischen Ausdruck des faustischen Lebens +darstellt. + +Die Tatsache, daß Radium sich unter gewissen Bedingungen in Helium, +ein Element sich also in ein anderes verwandelt, greift die Grundlagen +der chemischen Theorie an. Die Relativitätstheorie beweist zum +mindesten, daß die absolute Größe einer Strecke eine Vorstellung +ist, die ernstlich angezweifelt werden darf. Diese Vorstellung aber +ist die Voraussetzung der messenden Physik. Die Vielzahl der in sich +widerspruchslosen Geometrien, deren Einführung in die Physik und +Astronomie neben der bisher allein verwandten euklidischen sich aus +methodischen Gründen heute vollzieht, widerspricht zwar sicherlich +gewissen bisher nie angezweifelten Sätzen der Erkenntnistheorie, vor +allem derjenigen Kants, beweist aber damit nur, daß auch hier geistige +Konventionen vorliegen, an denen Zweifel möglich oder angebracht sind. +An dieser Stelle ist endlich als eines der wichtigsten Fermente des +gesamten Formenkomplexes die echt faustische Mengenlehre zu nennen, +die im schärfsten Gegensatz zur antiken Mathematik nicht mehr die +singulären Größen, sondern den +Inbegriff+ irgendwie morphologisch +gleichartiger Größen (etwa die Gesamtheit aller Quadratzahlen, aller +Differentialgleichungen von bestimmtem Typus) als neue Einheit, als +neue +Zahl+ höherer Ordnung auffaßt und neuartigen, früher +ganz unbekannten Überlegungen bezüglich ihrer Mächtigkeit, Ordnung, +Gleichwertigkeit, Abzählbarkeit[122] unterwirft. Man charakterisiert +die endlichen (abzählbaren, begrenzten) Mengen hinsichtlich ihrer +Mächtigkeit als „Kardinalzahlen“, hinsichtlich ihrer Ordnung als +„Ordinalzahlen“ und stellt die Gesetze und Rechnungsarten derselben +auf. So ist eine letzte Erweiterung der Funktionentheorie, die ihrer +Formensprache nach und nach die gesamte Mathematik einverleibt hatte, +in Verwirklichung begriffen, wonach sie in bezug auf den Charakter +der Funktionen nach Prinzipien der Gruppentheorie, in bezug auf den +Wert der Variablen nach mengentheoretischen Grundsätzen verfährt. Die +Mathematik ist sich dabei der Tatsache vollkommen bewußt, daß hier +die letzten Erwägungen über das Wesen der Zahl mit denen der reinen +Logik zusammenfließen, und man spricht von einer Algebra der Logik. +Die moderne geometrische Axiomatik ist vollkommen ein Kapitel der +Erkenntnistheorie geworden. + +Das unvermerkte Ziel, dem dies alles zustrebt und das insbesondere +jeder echte Naturforscher als Trieb in sich empfindet, ist das +Herausarbeiten einer reinen, zahlenmäßigen Transzendenz, die +vollkommene und restlose Überwindung des Augenscheins und dessen +Ersatz durch eine dem Laien unverständliche und unvollziehbare +Bildersprache, der das große faustische Symbol +des unendlichen +Raumes+ innere Notwendigkeit verleiht. Der Kreislauf der +Naturerkenntnis des Abendlandes vollendet sich. Mit dem tiefen +Skeptizismus dieser letzten Einsichten knüpft der Geist wieder an die +Formen frühgotischer Religiosität an. Die anorganische, erkannte, +zergliederte Umwelt, die Welt als Natur, als System ist zu einer +reinen Sphäre funktionaler Zahlen vertieft worden. Wir hatten die Zahl +als eines der ursprünglichsten Symbole jeder Kultur erkannt, und so +folgt, daß der Weg zur reinen Zahl die Rückkehr des Geistes zu seinem +eignen Geheimnis, die Offenbarung seiner eignen formalen Notwendigkeit +ist. Die faustische Zahl war nicht sinnliche Größe, sondern abstrakte +Beziehung. Am Ziele angelangt, enthüllt sich endlich das ungeheure, +immer unsinnlicher, immer durchscheinender gewordene Gewebe, das die +gesamte Naturwissenschaft umspinnt: Es ist nichts andres als die innere +Struktur des Geistes, der sie zu gestalten glaubte. Darunter aber +erscheint wieder das Früheste und Tiefste, der Mythus, das unmittelbare +Werden, das Leben. Je weniger anthropomorph die Naturforschung zu +sein glaubt, desto mehr ist sie es. Sie beseitigt nach und nach +die einzelnen menschlichen Züge des Naturbildes, um endlich als +die vermeintliche reine Natur die Menschlichkeit selbst, rein und +ganz, die unmittelbare Form des Verstandes, in Händen zu halten. +Aus dem religiösen Seelentum der Gotik ging der das ursprüngliche +Weltgefühl überschattende städtische Intellekt, das _alter ego_ +der irreligiösen Naturerkenntnis hervor. Heute, in der Abendröte der +wissenschaftlichen Epoche, im Stadium des siegenden Skeptizismus, +lösen sich die Wolken, und die Landschaft des Morgens ruht wieder in +vollkommener Deutlichkeit. Die Natur als starrer Inbegriff funktionaler +Gesetze, ganz abstrakt, ganz infinitesimal -- das ist nichts als das +mechanische Bild des faustischen Geistes, das sich vom organischen +Grunde ablöst. Den Grund aber hatten schon die romanische Ornamentik +und die gotischen Dome offenbart. + +Der letzte Schluß faustischer Weisheit, wenn auch nur in ihren höchsten +Momenten, ist die Auflösung des gesamten Wissens in ein ungeheures +System morphologisch-historischer Verwandtschaften. Dynamik und +Analysis sind dem Sinne, der Formensprache, der Substanz nach identisch +mit den Bildungen der gotischen Architektur und des dynastischen +Staates, den Tendenzen unsres mehr und mehr sozialistischen +Wirtschaftslebens und unserer impressionistischen Ölmalerei, der +Instrumentalmusik und der christlich-germanischen Dogmatik. Ein und +dasselbe Weltgefühl redet aus allen. Sie sind mit der faustischen Seele +geboren und alt geworden. Sie stellen ihre +Kultur+ als historisches +Phänomen in der Welt des Tages und des Raumes dar. Die Vereinigung der +einzelnen wissenschaftlichen Aspekte zum Ganzen wird alle Züge der +großen Kunst des Kontrapunkts tragen. +Eine infinitesimale Musik des +grenzenlosen Weltraums+ -- das ist immer die tiefe Sehnsucht dieser +Seele im Gegensatz zur antiken mit ihrem plastisch-euklidischen Kosmos +gewesen. Das ist, als Denknotwendigkeit des faustischen Weltverstandes +auf die Formel einer dynamisch-imperativischen Kausalität gebracht, zu +einer diktatorischen Naturwissenschaft gestaltet, ihr großes Testament +für den Geist kommender Kulturen -- ein Vermächtnis von Formen +gewaltigster Transzendenz, das vielleicht niemals eröffnet werden wird. +Damit kehrt eines Tages die abendländische Wissenschaft, ihres Strebens +müde, in ihre seelische Heimat zurück. + + +Fußnoten: + +[Footnote 115: Etwa im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in der +Fassung Boltzmanns: „Der Logarithmus der Wahrscheinlichkeit eines +Zustandes ist proportional der Entropie dieses Zustandes.“ Hier +repräsentiert jedes Wort eine vollständige Naturanschauung.] + +[Footnote 116: Das Feuer gehört für das antike Auge dazu. Es ist der +stärkste optische Natureindruck, den es gibt und gestattet deshalb dem +antiken Geiste keinen Zweifel an seiner Körperlichkeit. Erde, Wasser +und Luft bedeuten den festen, flüssigen und gasförmigen Aggregatzustand +der physikalischen σώματα, ein rein sinnliches Sichverhalten. Man +vergleiche das mit dem Begriff des ἦθος in der Tragödie.] + +[Footnote 117: Und man darf behaupten, daß der populäre Glaube, den +z. B. Haeckel mit den Namen Atom, Materie, Energie verbindet, von dem +Fetischismus des Neandertalmenschen nicht wesentlich verschieden ist.] + +[Footnote 118: In Ägypten hat erst Ptolemäus Philadelphus den +Herrscherkult eingeführt. Die Verehrung der Pharaonen hatte eine ganz +andre Bedeutung.] + +[Footnote 119: Die symbolische Bedeutung des Titels und seine Beziehung +zu Begriff und Idee der Person kann hier nicht gegeben werden. Es sei +nur darauf aufmerksam gemacht, daß die antike Kultur als einzige von +allen niemals einen Titel gekannt hat. Das würde dem streng Somatischen +ihrer Bezeichnungen widersprochen haben. Außer Eigen- und Beinamen +besaß sie nur die technischen Namen tatsächlich ausgeübter Ämter. +„Augustus“ wird sofort Eigenname, Cäsar sehr bald Amtsbezeichnung. +Aber man kann das Vordringen des magischen Gefühls daran verfolgen, +wie in der spätrömischen Beamtenschaft höfliche Wendungen wie _vir +clarissimus_ feststehende +Titulaturen+ werden, die verliehen +und entzogen werden können. Genau so sind die Namen fremder und älterer +Götter jetzt zu Titeln der anerkannten exklusiven Gottheit geworden. +„Heiland“ (Asklepios) und „Guter Hirte“ (Orpheus) sind Titel Christi. +In antiker Zeit aber waren sogar die Beinamen römischer Gottheiten +allmählich zu selbständigen Göttern geworden.] + +[Footnote 120: Diagoras, der seiner „gottlosen“ Schriften wegen +in Athen zum Tode verurteilt wurde, hat tief fromme Dithyramben +hinterlassen. Man lese daraufhin Hebbels Tagebücher und seine Briefe an +Elise. Er „glaubte nicht an Gott“, aber er betete.] + +[Footnote 121: Auch unsere Sprachen setzen ihn oder vielmehr das hinter +dem Wort stehende _numen_ schon voraus. Wir sagen, daß eine +Industrie „sich Absatzgebiete erschließt“ und daß der Rationalismus +„zur Herrschaft gelangt“. Das sind dynamische Wendungen. Keine antike +Sprache gestattet solche Ausdrücke. Hier liegt auch ein wesentlicher +Unterschied zwischen den Bildern der antiken und modernen Poesie.] + +[Footnote 122: Die „Menge“ der rationalen Zahlen ist abzählbar, die +der reellen nicht. Die Menge der komplexen Zahlen ist zweidimensional; +daraus folgt der Begriff der n-dimensionalen Menge, welcher auch die +geometrischen Gebiete in die Mengenlehre einordnet.] + + +Ende des ersten Bandes. + + + + +Inhalt des zweiten Bandes: + +Welthistorische Perspektiven. + + + I. Grundformen der Geschichte. + + 1. Ursprung und Landschaft. Die Gruppe der hohen Kulturen. + Völkerformen und Sprachen. + + 2. Die Geschichte einer Kultur als Ablauf eines organischen + Prozesses. Urvölker, Kulturvölker, Fellachenvölker. Beispiel: Die + Kultur der Maya. + + II. Das Problem der Zivilisation. + + 1. Kultur und Zivilisation. Land und Stadt. Instinkt und Intellekt. + Bauerntum und Bürgertum. Beispiel: Der Aufbau der ägyptischen + Kultur. + + 2. Weltstadt und Provinz. Zur Psychologie der Modernität. + + 3. Der Imperialismus. Das chinesische Reich; das Imperium Romanum. + Die westeuropäische Zukunft. + + III. Probleme der arabischen Kultur. + + 1. Historische Pseudomorphosen: Die römische Kaiserzeit. + + 2. Der Puritanismus: Pythagoras, Mohammed, Cromwell. + + 3. Das Judentum. + + IV. Der Staat. + + 1. Die indische Kultur und das Problem der Stände. + + 2. Antike und abendländische Staatsidee: Polis und Dynastie. + + 3. Stadien der politischen Form. Parlamentarismus; Cäsarismus. + + V. Das Geld. + + Münze und Kredit. Idee des Eigentums. Morphologie der + Wirtschaftsgeschichte. + + VI. Die Symbolik der Maschine. + + Sklaventum und Maschinenindustrie. Zur Psychologie der + westeuropäischen Technik: Sinn, Entwicklung und Lebensdauer. Der + Erfinder als faustischer Typus. + + VII. Das Russentum und die Zukunft. Schluß. + + + + +OSWALD SPENGLER + +PREUSSENTUM UND SOZIALISMUS + +_21. bis 33. Tausend_ + +Preis M 6.-- + + +Inhalt+: Einleitung -- Die deutsche Revolution -- Sozialismus als + Lebensform -- Engländer und Preußen -- Marx -- Die Internationale + +„Ich halte dies Buch für ‚aktueller‘ als die Enthüllungen, Prozesse, +Steuerprojekte alle, die uns sonst beschäftigen müssen: sie sind +Papier, +dies Buch ist Leben+ ... Ein Büchlein von 100 Seiten nur +und doch zu groß, um seine Linien so nachzeichnen zu können, wie man +es möchte.“ +Fritz Endres+ (München-Augsburger Abendzeitung). -- +„Dieses Buch ist eine Bejahung des Preußentums, die gehört werden +wird, denn der sie ausspricht, ist ein Philosoph von Geblüt.“ ++Willy Pastor+ (Tägliche Rundschau). --„Gleichviel, ob ihr Gehalt +im historischen Sinne ‚richtig‘, ob ihr Ziel das wahrhaft zu +erstrebende ist -- die Broschüre „Preußentum und Sozialismus“ war im +Augenblick ihres Erscheinens sofort eine Kraft, und sie ist selbst +eine gegenwartgestaltende Macht geworden. Mit diesem Auge müssen wir +sie sehen, nicht bloß als eine „Meinung“, an der man Kritik übt und +die man schließlich anfechtbar findet.“ +Eduard Spranger+ (Dresdner +Anzeiger). --„Oswald Spengler, der Verfasser des „Untergangs des +Abendlandes“, des bedeutendsten und universellsten Buches der letzten +zwanzig Jahre, hat unter dem Titel „Preußentum und Sozialismus“ ein +Werk der Öffentlichkeit übergeben, das -- man mag zu Spenglers Skepsis +und Kulturtheorien stehen, wie man will! -- in geradezu hervorragender +Klarheit und Wahrheit sowohl die heutige Lage psychologisch analysiert, +als auch unseren schicksalhaften Weg ihrer Überwindung zum Aufbau +hin darstellt. Auf nur 99 Seiten gibt Spengler eine derartige Fülle +von Gedanken, daß es nicht möglich ist, sie auch nur andeutungsweise +anzugeben, man müßte denn das ganze Buch nachschreiben. Jeder, dem des +Vaterlandes Not im Herzen brennt, sollte das Buch zur Hand nehmen!“ ++Ernst Buske+ (Wandervogel). + +Alle hier angegebenen Preise sind wegen der stets steigenden Kosten +unverbindlich. + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + + + +=Der Untergang des Abendlandes und der Christ= Von =A. ALBERS=. M 1.50. +Soeben erschienen. + +Idealisten wenden sich mit Ingrimm gegen den Relativismus Spenglers +und suchen in dem dichten Netze seiner Gedanken irgendwo eine +Lücke zu finden, durch die sie seinem schrecklichen Relativismus +entfliehen könnten. Der Christ fürchtet diesen nicht, ja er sieht +in ihm eine Förderung seines geistigen Lebens. Er weiß einen Punkt, +der ihn außerhalb aller Relativität stellt. Von ihm aus kann er den +Spenglerschen Kosmos ruhevoll betrachten: sein Weltbild birgt noch +tiefere Geheimnisse für alles Denken und Schauen. Mit Ernst ist in +diesem Aufsatz gezeigt, wie Spenglers Buch seine zahlreichen Leser in +der Richtung zum Christlichen vorwärts bringen kann. + + +=Der deutsche Geist und die Form= Gedanken und Betrachtungen von =MAX +ZOBEL von ZABELTITZ=. M 6.--. Soeben erschienen. + +Die Schrift eröffnet im Hinblick auf die letzten politischen Schicksale +der Deutschen tiefe und heilsame Einsichten in das Wesen und die +Geistesart unseres Volkes; sie zeigt, wie überraschend tief bei ihm +der Zusammenhang zwischen politischem und geistigem Leben ist, so tief +nämlich, daß auch für die bekannten und so oft entgegengehaltenen +Widersprüche: Weimar -- Potsdam, Weltbürgertum -- Nationalstaat nur ein +und dieselbe Wurzel in der deutschen Seele nachweisbar ist. Hier liegen +bedeutsame Erkenntnisse, welche eine Erklärung für viele Erscheinungen +in der deutschen Politik und im deutschen Geistesleben bieten. Aus der +Mannigfaltigkeit und dem Ueberreichtum der deutschen Seele ergibt sich +dem Verfasser als erste Notwendigkeit und einzige Aussicht für das +deutsche Volk der Wille zur Form -- staatlich wie geistig genommen. ++Die gedankenreiche, glänzende Schrift ist ein Sammelruf in der +allgemeinen Zersplitterung an das geistige Deutschland.+ + + +=Von der innern Not unseres Zeitalters= Ein Ausblick auf Fausts +künftigen Weg. Von =ROBERT SAITSCHICK=. 2. Auflage. Gebunden M 4.50 + +„Faust ist auch in Saitschicks Betrachtung nur der Name für den inneren +Menschen unserer Tage. Und wie Goethe, so setzt auch Saitschick sich +mit ihm selbständig auseinander. Nur sieht er schärfer; denn Faust ist +inzwischen ein Jahrhundert seinen Weg weiter gegangen.“ +Hochland.+ + + +=Der Staat und was mehr ist als er= Von =ROBERT SAITSCHICK=. Gebunden M +12.-- + ++Inhalt+: Einleitung -- Was ist der Staat? -- Staat und Individuum -- +Macht und Recht -- Staat und Sittlichkeit -- Nation -- Patriotismus +-- Der Staat und die tragischen Widersprüche des Menschen -- Vom +Weltfrieden -- Völkergemeinschaft. + + +=Laotse / Tao Teh King= Vom Geist und seiner Tugend. Übertragen von +=H. FEDERMANN=. In Pappband gebunden M 8.--, in Javapapier gebunden M +12.--. Soeben erschienen. + +Diese neue Uebertragung der tiefsinnigen Sprüche des Laotse ist +in direkter Fühlung mit dem chinesischen Urtext entstanden. Der +Uebersetzer, der selbst eine der Lyrik und Musik offene Seele besitzt, +konnte dem schwierigen Text und dem Geist der Sprüche allseitig gerecht +werden. + + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + + + +Soeben ist erschienen: + ++Immermann+ + +Der Mann und sein Werk im Rahmen der Literaturgeschichte + +von + +Harry Maync + +Gebunden M 60.-- + + +Dieses Werk bildet einen neuen Band der angesehenen und +weitverbreiteten Sammlung von Dichterbiographien unseres Verlags. +Es ist einem Autor gewidmet, dessen zwei Hauptwerke, „Die Epigonen“ +und der „Münchhausen“ (mit der in ihm eingeflochtenen herrlichen +Dorfgeschichte „Der Oberhof“), in der Entwicklung des deutschen +Romans epochemachend geworden sind, der aber gleichwohl dem heutigen +Geschlechte weniger bekannt ist, als er nach der Vielseitigkeit seiner +literarischen Betätigung -- Immermann ist durch seine dramaturgische +Tätigkeit zumal auch für das deutsche Theater von Bedeutung geworden +-- und vor allem nach dem Gewicht seiner aufrechten und männlichen +Persönlichkeit verdiente. -- Die Zeitspanne von den Freiheitskriegen +bis zum Jahre 1840, in die Immermanns Schaffen fällt, war eine ganz +unpolitische, wesentlich aufs Literarische und Geistige gerichtete +Epoche; sie mutet uns Heutige nach dem politischen Schiffbruch, +den wir soeben erleiden mußten, wie ein schönes Traumland an. Als +in jenen Jahren der bekannte englische Staatsmann und vielgelesene +Schriftsteller Sir Ed. Bulwer in der berühmt gewordenen Widmung +seines „Ernest Maltravers“ „das große deutsche Volk“ als „das Volk +der Dichter und Denker“ ansprach, wollte dieser Titel gleichwohl +diesem nicht recht gefallen. Heute, wo wir Deutsche am Grabe unserer +politischen Hoffnungen stehen, ist es wie wenn jene Bezeichnung neue +Geltung erhalten sollte. Das Leben Immermanns, eines der literarischen +Hauptvertreter jener Epoche, gewinnt daher sicherlich heute ein +verstärktes Interesse für uns Deutsche, freilich auch in dem Sinne, +daß es uns lehrt, daß ein seiner Kräfte bewußtes Volk von bloßer +Geistigkeit nicht leben kann, sondern mit innerer Notwendigkeit +auf politische Betätigung hingetrieben wird. Harry Maync legt in +seiner fesselnden Darstellung mit Recht starken Nachdruck auf die +Herausarbeitung des zeitlichen Milieus. Das bedeutende und anregende +Buch darf den weitesten Kreisen zum Studium und zur Lektüre wärmstens +empfohlen werden und wird niemand enttäuschen. + + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + + + +JOHANNES VOLKELT: + + +=Das ästhetische Bewußtsein= Prinzipienfragen der Ästhetik. Geheftet M +28.- (Soeben erschienen.) + ++Inhalt+: I. Ästhetische Gegenständlichkeit. -- II. Der Tatbestand +der ästhetischen Einfühlung. -- III. Zur Theorie der ästhetischen +Einfühlung. -- IV. Ursprung der Einfühlung überhaupt. -- V. Illusion +und ästhetische Wirklichkeit. -- VI. Mit-Wahrnehmung und Phantasie im +ästhetischen Betrachten. -- VII. Der Gebild-Charakter des ästhetischen +Verhaltens. -- Sachregister. + +Diese Untersuchungen können als Phänomenologie des ästhetischen +Bewußtseins bezeichnet werden. Das dem ästhetischen Anschauen +hingegebene Bewußtsein wird in seiner wesenhaften Verfassung +beschrieben, wobei die Beziehung von Bewußtheit und Gegenständlichkeit +in den Mittelpunkt gerückt ist. Das Buch bildet eine Ergänzung der +großen Ästhetik Volkelts. + + +=Gewißheit und Wahrheit= Untersuchung der Geltungsfragen als +Grundlegung der Erkenntnistheorie. Geheftet M 26.--, gebunden M 40.-- + +„Wir zweifeln nicht, daß das gediegene, glänzend geschriebene Werk +auf die erkenntnistheoretische Auseinandersetzung und Fragestellung +einen nachhaltigen, tiefgehenden Einfluß üben wird.“ +Geisteskampf der +Gegenwart.+ + + +=System der Ästhetik= Drei Bände. Gebunden M 105.-- + +„Das Werk Volkelts ist durchgängig erfüllt mit ästhetischem Vollgehalt; +es gibt keine leeren Fächer darin, keine abstrakten Nieten, keine +überflüssigen Spitzfindigkeiten ... Ein auf allen ästhetischen Gebieten +erfahrener, wohlorientierter, gebildeter Geist waltet über dem Ganzen.“ +Professor Dr. +O. Liebmann+ (Frankfurter Zeitung). + + +=Ästhetik des Tragischen= Dritte, neubearbeitete Auflage. Gebunden +M 30.-- + +„Nicht bloß der Forschung im engeren Sinn, auch der Kritik und vor +allem dem Unterricht hat Volkelts Werk unschätzbare Dienste geleistet, +hat Unzähligen für die feinsten Abschattungen tragischen Erlebens und +Gestaltens die Augen geöffnet und uns klärend und vertiefend zu den +letzten Fragen hingeleitet.“ Prof. Dr. +Rob. Petsch+ (Neue Jahrbücher +für das klassische Altertum). + + +=Kunst und Volkserziehung= Betrachtungen über Kulturfragen der +Gegenwart. Zweiter Abdruck. Gebunden M 2.80 und 75% Teuerungszuschlag. + +„Das Anziehende des Buches bildet die konsequente Ablehnung jeder +moralisierenden Tendenz für die Kunst und das warm begeisterte +Eintreten für eine in ihrem tiefsten Wesen begründete Sittlichkeit, +die eins mit ihr wird. So begegnen sich Ästhetik und Ethik hier in +harmonischer Verschmelzung.“ +A. Brausewetter+ (Der Tag). + + +=Festschrift Johannes Volkelt= zum 70. Geburtstag dargebracht. VII, 428 +Seiten. Lex. 8^o. Geheftet M 25.-- + +Mit Beiträgen von Wilhelm Wundt, Jonas Cohn, Bruno Bauch, Albert +Köster, Georg Witkowski, Hermann Schwarz, Walther Schmied-Kowarzik, Max +Frischeisen-Köhler, Otto Klemm, Hermann Schneider, Richard Falckenberg, +Max Dessoir, Ernst Bergmann, Felix Krueger, Wilhelm Wirth, F. R. +Lipsius, Eduard Spranger, Paul Barth. + + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + +=Platon= Sein Leben, seine Schriften, seine Lehre. Von =CONSTANTIN +RITTER=. +Erster Band+: Platons Leben und Persönlichkeit, Philosophie +nach den Schriften der ersten sprachlichen Periode. XV, 588 Seiten 8^o. +Geheftet M 8.--*, gebunden M 9.--* + + +=Platon und die Aristotelische Ethik= Von =Dr. HANS MEYER=, Professor +der Philosophie in München. 1919. VI, 300 Seiten 8^o. Geheftet M 16.-- + + +=Geschichte der griechischen Literatur= von =WILH. v. CHRIST=. Unter +Mitwirkung von Professor Dr. OTTO STÄHLIN (Erlangen) neubearbeitet von +Professor Dr. WILHELM SCHMID (Tübingen). + +(_Handbuch der klassischen Altertumswissensschaft VII. Band_) + + I. Teil: =Die klassische Periode der griechischen Literatur=. 6. + Auflage. 1912. 50 Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 23.50, gebunden M 41.50 + + II. Teil, 1. Hälfte: =Die nachklassische Literatur= von 320 v. Chr. + bis 100 n. Chr. 6. Auflage. 1920. 42-1/2 Bogen Lex. 8^o. Geheftet M + 35.--, geb. M 55.--. (Soeben erschienen.) + + II. Teil, 2. Hälfte: =Die nachklassische Periode der + griechischen Literatur= von 100 bis 530 n. Chr. 5. Auflage. + 1913. Mit alphabetischem Sachregister und einem Anhang von 45 + Porträtdarstellungen, ausgewählt und erläutert von J. +Sieveking+. + 50⅝ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 25.50, gebunden M 43.50 + + +=Geschichte der römischen Literatur= bis zum Gesetzgebungswerk des +Kaisers Justinian. Von =MARTIN von SCHANZ=. + +(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft VIII. Band_) + + I. Teil, 1. Hälfte: =Von den Anfängen der Literatur bis zum Ausgang + des Bundesgenossenkrieges.= Mit Register. 3. Auflage. 23 Bogen Lex. + 8^o. Geh. M 12.25, geb. M 26.25 + + I. Teil, 2. Hälfte: =Bis zum Ende der Republik=. Mit Register. 3. + Auflage. 33⅞ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50 + + II. Teil, 1. Hälfte: =Die augustische Zeit=. Mit Register. 3. + Auflage. 38½ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50 + + II. Teil, 2. Hälfte: =Vom Tode des Augustus bis zur Regierung + Hadrians=. Mit Register. 3. Auflage. 38½ Bogen Lex. 8^o. Geheftet + M 17.50, gebunden M 33.50 + + III. Teil: =Die römische Literatur von Hadrian bis auf Constantin + (324 n. Chr.)=. Mit Register. 2. Auflage. Vergriffen. + + IV. Teil, 1. Hälfte: =Die Literatur des 4. Jahrhunderts=. Mit + Register. 2., vermehrte Auflage. 36¾ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M + 17.50, gebunden M 33.50. Die zweite Hälfte (die Literatur des 5. und + 6. Jahrhunderts) erscheint Herbst 1920. + + +=Griechische Staatskunde= Von =Dr. GEORG BUSOLT=, ord. Professor an +der Universität Göttingen. 3., neugestaltete Auflage der Griechischen +Staats- und Rechtsaltertümer. 1. Hauptteil: Allgemeine Darstellung des +griechischen Staates. 41 Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 30.--, gebunden M +50.--. (Soeben erschienen.) + +(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft IV. Band, 1. +Abteilung, 1. Hälfte_) + + +=Griechische Kultusaltertümer= Von =Dr. P. STENGEL=, Professor am +Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. 3., neubearbeitete Auflage. +17½ Bogen Lex. 8^o. Mit 6 Tafeln. Geheftet M 20.--, gebunden M +35.--. (Soeben erschienen.) + +(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band. 3. Abteilung_) + + +=Geschichte der antiken Philosophie= Von =WILHELM WINDELBAND=. 3. +Auflage bearbeitet von Dr. ADOLF BONHÖFFER. Geh. M 10.50, geb. M 24.50 + +(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band, 1. Abteilung, +1. Teil_) + + +Zu den mit * versehenen Preisen kommt noch ein Teuerungszuschlag des +Verlages von 75%. + + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + +=Geschichte der deutschen Literatur= bis zum Ausgang des Mittelalters. +Von Professor =Dr. G. EHRISMANN=. 1. Teil: Die althochdeutsche +Literatur. (Soeben erschienen.) Geheftet M 22.50, gebunden M 30.-- + + +=Die deutschen Dichter des lateinischen Mittelalters= in deutschen +Versen von =PAUL von WINTERFELD=. Herausgegeben von HERMANN REICH. In +Halbleinen gebunden M 16.-- + + +=Deutsche Altertumskunde= von Professor =Dr. FR. KAUFFMANN=. 1. Hälfte: +Von der Urzeit bis zur Völkerwanderung. Geheftet M 17.50, in Leinwand +gebunden M 24.-- + + +=Deutsches Sagenbuch= Herausgegeben von Professor =Dr. FRIEDRICH v. +d. LEYEN=. 1. Teil: Die Götter und Göttersagen der Germanen. Von +Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. 2. Auflage. VIII, 278 Seiten 8^o. In +Pappband M 22.--. (Soeben erschienen.) -- 2. Teil. Die deutschen +Heldensagen. Von Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. VIII, 352 Seiten 8^o. +In Pappband M 11.--. -- 3. Teil: Die deutschen Sagen des Mittelalters. +Von K. WEHRHAN. 1. Hälfte: Kaiser und Herren. VIII, 210 Seiten 8^o. +In Pappband M 11.--. 2. Hälfte: Stämme und Landschaften, Ritter und +Sänger. X, 254 Seiten 8^o. In Pappband M 17.--. (Soeben erschienen.) -- +4. Teil: Die deutschen Volkssagen. Von Dr. FR. RANKE. XVII, 294 Seiten +8^o. In Pappband M 11.-- + + +=Die Germanen= Eine Erklärung der Überlieferung über Bedeutung, +Herkunft des Völkernamens. Von =TH. BIRT=. M 4.50 + + +=Deutsche Geschichte= Von =OSKAR JÄGER=. 5. Auflage (14. bis 16. +Tausend) +Erster Band+: Bis zum westfälischen Frieden. 43 Bogen mit 112 +Abbildungen und 7 Karten. / +Zweiter Band+: Bis zur Gegenwart. 43 Bogen +mit 108 Abbildungen und 8 Karten. Gebunden M 45.-- + + +=Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender= + +=Kriegsjahrgänge 1914, 1915 und 1917= + + Neue Folge. =30. Jahrgang 1914= (der ganzen Reihe LV. Band). + Herausgegeben von =WILHELM STAHL=. In zwei Hälften. XXXII und 1248 + Seiten. M 45.-- + + Neue Folge. =31. Jahrgang 1915= (der ganzen Reihe LVI. Band). + Herausgegeben von =ERNST JÄCKH= und =KARL HÖNN=. In zwei Hälften. LI, + 1454 Seiten. M 60.-- + + Neue Folge. =32. Jahrgang 1916.= Im Druck. + + Neue Folge. =33. Jahrgang 1917= (der ganzen Reihe LVIII. Band). + Herausgegeben von =WILHELM STAHL=. In zwei Hälften. 1. Hälfte: + IV, 1048 Seiten. 2. Hälfte: XXXV, 1067 Seiten. M 100.--. Soeben + erschienen. + + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + +=Goethe= Sein Leben und seine Werke. Von =ALBERT BIELSCHOWSKY=. 38. und +39. Auflage. Zwei Bände mit zwei Porträtgravüren. In Halbleinenband M +70.-- + + +=Schiller= Sein Leben und seine Werke. Von =KARL BERGER=. 11. und 12. +Auflage (34. bis 39. Tausend). Zwei Bände mit zwei Porträtgravüren. In +Halbleinenband M 65.-- + + +=Herder= Sein Leben und seine Werke. Von =EUGEN KÜHNEMANN=. 2., +neubearbeitete Auflage. Mit Porträtgravüre. In Halbleinenband M 24.-- + + +=Schiller= Von =EUGEN KÜHNEMANN=. Sechste Auflage (16. bis 19. Taus.). +In Halbleinenband M 40.--. (Soeben erschienen.) + + +=Theodor Fontane= von =CONRAD WANDREY=. Geb. M 20.-- + + „Das kluge, gediegene und liebevolle, dabei in seiner Rede die + richtige Tonhöhe wahrende und in kritischen Einzelheiten sehr feine + Buch will, wie es im Vorwort heißt, das Fontanebild dieser Gegenwart + einfangen, und das heißt, es dient in der Hauptsache und fast + ausschließlich dem Epiker, denn dieser ist es, der lebt und gilt + .... Es ist eine Glanzleistung, die, wie wir glauben möchten, mit + ihrem Gegenstande durch die Zeiten ehrenvoll verbunden bleiben wird.“ + +Thomas Mann+ (Berliner Tageblatt). + + +=Goethes Faust= Nach Entstehung und Inhalt erklärt. Von =ERNST +TRAUMANN=. Zweite Auflage. +Erster Band+: Der Tragödie erster Teil. ++Zweiter Band+: Der Tragödie zweiter Teil. In Halbleinenband M 45.-- + + „Unsere Literatur über unsere Literatur ist nicht allzu reich an + solchen wahrhaft ins Herz der Dichtung führenden Werken.“ Professor + Dr. J. +Hofmiller+ (Süddeutsche Monatshefte). -- „Wir werden + an dem Werk die ausführlichste, wissenschaftlich zuverlässigste und + gründlichste Erklärung des Faust haben.“ +Pädagogische Blätter.+ + + +=Bausteine zu einer Ästhetik der innern Form= Von =FRIEDRICH LIPPOLD=. +XXIV, 400 Seiten. In Halbleinenband M 20.-- + + Nicht nur die Wissenschaft der Ästhetik, sondern die deutsche + Literatur wird mit diesem Buche um einen Denker und Schriftsteller + seltener Art bereichert. Bis zu +seiner+ Tiefe hat wohl niemand + bisher die Schönheiten der ersten Züricherseestrophe Klopstocks oder + von Goethes „Euphrosyne“ und „Auf Miedings Tod“ ausgekostet und von + diesen Erlebnissen im Reiche des Schönen Kunde gegeben. Lippold war + eine Persönlichkeit in der Art F. Th. Vischers und Wilh. Diltheys + und wird in unserer traurigen Gegenwart wie ein Klang aus dem alten + Deutschland vor 1870 wirken, das der Welt so viele Denker und Lehrer + gegeben hat. + + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + + + +Soeben ist erschienen: + +ERNST DROEM + ++GESÄNGE+ + +EINGEFÜHRT VON + +OSWALD SPENGLER + + Geheftet M 10.-- Gebunden M 14.-- + + +In Oswald Spenglers Werk „Der Untergang des Abendlandes“ 3.-15. Auflage +Seite 331 ist in bedeutungsvoller Weise auf den Dichter hingewiesen mit +den Worten: + + „_Die moderne Poesie der welkenden Alleen, der endlosen Straßenzüge + unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines Domes, der Gipfel einer + fernen Gebirgskette ..... Baudelaire, Verlaine und X haben diese + Gefühle in Verse gebracht._“ + +Mit der Veröffentlichung der „GESÄNGE“ von ERNST DROEM wird +der literarischen Welt dieses X nun aufgelöst. Eine bedeutende +Dichterpersönlichkeit, von kosmischen Visionen gleich Goya und Daumier +bestürmt, ein Meister der Sprache und der modernsten Form, tritt +hier -- was bei Dichtern sonst selten ist -- aus sorgsam gehüteter +Verborgenheit hervor mit der reifen Frucht ihres Geistes und ihrer +Kunst. + +OSWALD SPENGLER hat der ersten Gabe dieses Dichters eine Einleitung +über die Lyrik der Gegenwart vorangeschickt, die ganz neue Gedanken und +Gesichtspunkte bietet. + + +C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München + + +C. H. Beck’sche Buchdruckerei in Nördlingen + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77042 *** diff --git a/77042-h/77042-h.htm b/77042-h/77042-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b3036a6 --- /dev/null +++ b/77042-h/77042-h.htm @@ -0,0 +1,25980 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Der Untergang des Abendlandes, Erster Band | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin-left: 15%; + margin-right: 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2,h3,h4 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +h3,.s3 {font-size: 125%;} +h4,.s4 {font-size: 110%;} +.s5 {font-size: 90%;} +.s5a {font-size: 80%;} +.s6 {font-size: 70%;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; 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Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p> + +<p class="p0">Fußnoten wurden am Ende des jeweiligen Abschnitts +zusammengefasst.</p> + +<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe32 x-ebookmaker-drop" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> + <figcaption class="caption"><span class="u">Original-Bucheinband</span></figcaption> +</figure> + +<p class="s3 center padtop3 break-before">DER UNTERGANG DES ABENDLANDES</p> + +<p class="s4 center mbot3">ERSTER BAND: GESTALT UND WIRKLICHKEIT</p> + +<div class="chapter"> + +<h1 class="mtop3">DER UNTERGANG<br> +DES ABENDLANDES</h1> + +<p class="s3 center"><span class="s4">UMRISSE EINER MORPHOLOGIE<br> +DER WELTGESCHICHTE</span></p> + +<p class="s4 center mtop1 mbot1">VON</p> + +<p class="s2 center">OSWALD SPENGLER</p> + +<p class="s4 center mtop2">ERSTER BAND</p> + +<p class="s3 center">GESTALT UND WIRKLICHKEIT</p> + +<p class="center mtop3">23.–32., UNVERÄNDERTE AUFLAGE</p> + +<p class="s5a center">37.–50. TAUSEND</p> + +<figure class="figcenter illowe4 padtop3" id="signet"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet"> +</figure> + +<div class="s4 center mtop3"><span class="btd"> C. H. BECK’SCHE +VERLAGSBUCHHANDLUNG </span></div> + +<div class="s4 center">OSKAR BECK <span class="mleft7">MÜNCHEN 1920</span></div> + +</div> + +<p class="s5a center padtop5 break-before">Copr. München 1919. C. H. Beck’sche +Verlagsbuchhandlung</p> + +<p class="s5a center">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, +vorbehalten</p> + +<div class="chapter"> + +<div class="poetry-container s5 padtop5"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wenn im Unendlichen dasselbe</div> + <div class="verse indent0">Sich wiederholend ewig fließt,</div> + <div class="verse indent0">Das tausendfältige Gewölbe</div> + <div class="verse indent0">Sich kräftig ineinander schließt;</div> + <div class="verse indent0">Strömt Lebenslust aus allen Dingen,</div> + <div class="verse indent0">Dem kleinsten wie dem größten Stern,</div> + <div class="verse indent0">Und alles Drängen, alles Ringen</div> + <div class="verse indent0">Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent20"><em class="gesperrt">Goethe</em></div> + </div> +</div> +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="VORWORT">VORWORT</h2> + +</div> + +<p class="p0 mtop2"><span class="initial">D</span>ies Buch, das Ergebnis dreier Jahre, war in der ersten Niederschrift +vollendet, als der große Krieg ausbrach. Es ist bis zum Frühling +1917 noch einmal durchgearbeitet und in Einzelheiten ergänzt und +verdeutlicht worden. Die außerordentlichen Verhältnisse haben sein +Erscheinen weiterhin verzögert.</p> + +<p>Obwohl mit einer allgemeinen Philosophie der Geschichte beschäftigt, +bildet es doch in tieferem Sinne einen Kommentar zu der großen Epoche, +unter deren Vorzeichen die leitenden Ideen sich gestaltet haben.</p> + +<p>Der Titel, seit 1912 feststehend, bezeichnet in strengster +Wortbedeutung und im Hinblick auf den Untergang der Antike eine +welthistorische Phase vom Umfang mehrerer Jahrhunderte, in deren Anfang +wir gegenwärtig stehen.</p> + +<p>Die Ereignisse haben vieles bestätigt und nichts widerlegt. Es +zeigte sich, daß diese Gedanken eben jetzt und zwar in Deutschland +hervortreten mußten, daß der Krieg selbst aber noch zu den +Voraussetzungen gehörte, unter welchen die letzten Züge des neuen +Weltbildes bestimmt werden konnten.</p> + +<p>Denn es handelt sich nach meiner Überzeugung nicht um eine neben +andern mögliche und nur logisch gerechtfertigte, sondern um die, +gewissermaßen natürliche, von allen dunkel vorgefühlte Philosophie +der Zeit. Das darf ohne Anmaßung gesagt werden. Ein Gedanke von +historischer Notwendigkeit, ein Gedanke also, der nicht in eine Epoche +fällt, sondern der Epoche macht, ist nur in beschränktem Sinne das +Eigentum dessen, dem seine Urheberschaft zuteil wird. Er gehört der<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span> +ganzen Zeit; er ist im Denken aller unbewußt wirksam und allein die +zufällige private Fassung, ohne die es keine Philosophie gibt, ist mit +ihren Schwächen und Vorzügen das Schicksal — und das Glück — eines +Einzelnen.</p> + +<p>Ich habe nur den Wunsch beizufügen, daß dies Buch neben den +militärischen Leistungen Deutschlands nicht ganz unwürdig dastehen möge.</p> + +<p class="mtop1">München, im Dezember 1917</p> + +<p class="s4 right mright2">Oswald Spengler</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="INHALT">INHALT</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s5a vat"> +   + </td> + <td class="s5a vab"> + <p class="right">Seite</p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>Vorwort</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#VORWORT">VII</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>Inhaltsverzeichnis</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#INHALT">IX</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>Einleitung</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#EINLEITUNG">1</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Das Thema. Voraus­bestimmung der Geschichte. Der + historische Vergleich. <em class="gesperrt">Morphologie der + Welt­geschichte</em> — eine neue Philosophie. <em class="gesperrt">Für + wen</em> gibt es Geschichte? Der antike Mensch ahistorisch. Sein + Verhältnis zur Chronologie und Astronomie. Das Weltbild des indischen + und ägyptischen Menschen. Mumie und Toten­verbrennung als Zeitsymbole. + Der west­europäische Mensch extrem historisch veranlagt.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Die Form der Welt­geschichte.</em> + „Altertum-Mittelalter-Neuzeit.“ Flachheit des Schemas, Mangel an + Proportion. Das Linien­förmige. Herkunft aus dem Orient; Addition einer + „Neuzeit“ im Abendlande. Zunehmende Zersetzung des Bildes. Westeuropa + kein Schwerpunkt. Vollkommener Relativismus. Goethes Methode die einzig + historische. „Welt­geschichte“ als Geschichte einer Gruppe hoher + Kulturen. Kulturen als Organismen.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Das Römertum als Schlüssel + zum Verständnis der west­europäischen Zukunft.</em> Unser bisheriges + Verhältnis zur Antike ideologisch oder materialistisch (Nietzsche und + Mommsen). Enge <em class="gesperrt">beider</em> Standpunkte. + „<em class="gesperrt">Untergang des Abendlandes</em>“: + <em class="gesperrt">Das Problem der Zivilisation.</em> Zivilisation als + das Ende jeder Kultur. Griechentum und Römertum: Kultur und Zivilisation. + Weltstadt und Provinz. Das Imperium Romanum: der normale Endzustand + jeder Zivilisation. Gegenwart und Imperialismus.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Notwendigkeit des Grundgedankens. Seine Tragweite. + Verhältnis zur Philosophie. Inferiorität des heutigen Philoso­phierens: + kein lebendiges Verhältnis zur Zeit. Gibt es noch eine echte Möglichkeit? + Nach der systematischen und der ethischen Periode eine letzte, + skeptische (historisch-relativistische). Statt des Erkenntnis- und des + Wertproblems das Formproblem als Schwerpunkt. Erweiterung der + historischen Morphologie zu einer universellen Symbolik.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Entstehung des Buches. Anlaß. Inhalt. Ordnung.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>Tafeln zur vergleichenden Morphologie der + Welt­geschichte</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#TAFELN_ZUR_VERGLEICHENDEN_MORPHOLOGIE_DER_GESCHICHTE">73</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0"><b>I. Kapitel: Vom Sinn der Zahlen</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#ERSTES_KAPITEL">75</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Grund­begriffe. <em class="gesperrt">Richtung und + Ausdehnung: chronologische und mathematische Zahl.</em> Die Zahl als + Prinzip der Grenzsetzung.<span class="pagenum" id="Seite_x"><span class="s4">[S. x]</span></span> + Keine „Zahl an sich“. Mehrere Mathematiken. Kants Begriff des a priori. + Die Form des Erkennens weder konstant noch allgemein­gültig: eine + Funktion der jeweiligen Kultur. Stile des Erkennens. Innere + Verwandtschaft jeder Mathematik mit der Formen­sprache der gleich­zeitigen + Künste: euklidische Geometrie und Statuen­plastik, Analysis und + Kontrapunkt.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Die antike Zahl als Größe (Maß). + </em> Körperliche, nicht räumliche Ausge­dehnt­heit. Fehlen irrationaler + und negativer Zahlen. Weltsystem des Aristarch. Mathematik und Religion. + Zahl und Tod. Diophant und die arabische Zahl (Algebra). Descartes und + die Analysis des Unendlichen. <em class="gesperrt">Die abend­ländische + Zahl als Funktion.</em> Die Geschichte der abend­ländischen Mathematik + eine fort­schreitende Emanzipation vom Größenbegriff. Das Irrationale + antihellenisch.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Weltangst und Weltsehnsucht. + Ursprung der mathematischen, religiösen, künstlerischen Formensprache: + Ausdruck der Angst vor dem Unbekannten.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Geometrie und Arithmetik (Messung und Zählung) + veraltete Namen. <em class="gesperrt">Die Quadratur des Kreises das + klassische antike Grenzproblem.</em> Die Mathematik des Kleinen (der + antike Staat). Konstruktion und Operation. <em class="gesperrt">Das + klassische abend­ländische Grenzproblem: der Grenzwert der + Infini­tesi­mal­rechnung</em> (Beziehung zum Barockstil). Über­schreitung + der Grenze des Sehsinnes durch die Analysis. Das antike Parallelen­axiom + und die nicht­eukli­dischen Geometrien. Mehr­dimensio­nale Räume + (Punkt­mannig­faltig­keiten). Letzte Fassung des faustischen Zahlendenkens: + Transfor­mations- und Invarianten­lehre. Erschöpfung der formalen + Möglichkeiten und Ende der west­europäischen Mathematik.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0"><b>II. Kapitel: Das Problem der Weltgeschichte</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#ZWEITES_KAPITEL">133</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>I. Physiognomik und Systematik</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Zweites_Kapitel_I">135</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Notwen­digkeit einer neuen historischen Methode. + Ausschaltung der Ideale und Moralen als Wertmesser der Entwicklung. + <em class="gesperrt">Geschichte und Natur = Gestalt und Gesetz = + Richtung und Ausdehnung.</em> Physio­gnomik und Systematik als die beiden + Arten morpho­lo­gischer Welt­be­trach­tung.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Was ist eine Kultur?</em> + Aufbau der höheren Geschichte. Goethes Urphänomen. Tempo, Lebensdauer, + Stil, Tod hoher Kulturen. Wiederholung des Kulturganges im zugehörigen + Einzeldasein. Begriff der Homologie von Epochen. Gleichartiger Bau aller + Kulturen. Möglichkeit morpho­lo­gischer Voraus­be­stimmung und Rekon­struktion + historischer Perioden.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>II. Schicksalsidee und Kausalitätsprinzip</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Zweites_Kapitel_II">164</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Zwei Formen kosmischer Notwen­digkeit: + <em class="gesperrt">organische und anor­ganische Logik = Schicksal und + Kausalität</em> (Lebensgefühl und Erkennt­nis­form). Beziehung zu + Weltsehn­sucht und Weltangst.<span class="pagenum" id="Seite_xi"><span class="s4">[S. xi]</span></span> + Die kausale Weltform als Versuch des Verstandes, das Schicksal zu + überwinden. Schicksal als Daseinsart des Urphänomens.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Das Zeitproblem.</em> + Miß­ver­ständ­nisse der Systematiker: „Zeit und Raum“. + <em class="gesperrt">Zeit (Nicht­umkehr­barkeit) als Schicksal.</em> + Zeit kein Begriff, wissen­schaftlich nicht zugänglich. Raumrechnung und + Zeitrechnung (das Was und das Wann): die naturhafte und die + historische Weltfrage. Mathematik und Chronologie.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Zeit, Schicksal und Tragödie. Euklidische und + analytische Tragik (Situations- und Ent­wick­lungs­tragik). + <em class="gesperrt">Jede Kultur eine eigne Schick­sals­idee.</em> Grenzen + der Möglichkeit, die „Welt­geschichte der andern“ zu verstehen. Die + großen Zeitsymbole als einzige Hilfsmittel: Die Uhr. Bestattungs­formen. + Kalender. Erotik. <em class="gesperrt">Staatsform und Zeitgefühl</em>: + der antike, ägyptische und abend­ländische Staatsgedanke. Stoizismus und + Sozialismus: Beziehung zu Plastik und Musik.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Schicksal und Zufall. Kausalität und Prä­des­ti­nation. + Tragik des Zufälligen (Shakespeare). Tyche und der Stil des antiken + Daseins. Astrologie und Orakel. Die antike Schick­sals­tragödie. Logik der + Geschichte: Kolumbus und das spanische Jahrhundert. „Epoche“ und + „Episode“. Anonyme und persönliche Form der Geschichte. Das Schicksal + Napoleons. Luther.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Gibt es eine wirkliche Ges­chichts­wissen­schaft? + Verwechslung physikalisch-kausaler und historisch-physio­gnomischer + Methoden. Geschichte als „Prozeß“. „Hunger und Liebe.“ Das soziale Drama + als Seitenstück zur materia­lis­tischen Ge­schicht­sauf­fassung. Mangel an + Skepsis. Letzte Aufgaben.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0"><b>III. Kapitel: Makrokosmos</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#DRITTES_KAPITEL">221</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>I. Die Symbolik des Weltbildes und das + Raumproblem</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Drittes_Kapitel_I">223</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Was ist ein Symbol? Idee des Makro­kosmos. Die Welt + als Inbegriff von Symbolen in bezug auf eine Seele. Jeder Mensch hat eine + eigne Umwelt. Raum und Tod. „<em class="gesperrt">Alles Vergäng­liche ist + nur ein Gleichnis.</em>“ <em class="gesperrt">Das Raumproblem.</em> Nur + die Tiefe („dritte Dimension“) raumbildend. Kants Theorie. + Unab­hängig­keit der Mathematik von der Anschauung. Varia­bili­tät des + Sehbildes. Mehrzahl möglicher Raumarten. <em class="gesperrt">Raumtiefe + = Richtung (Zeit).</em> <em class="gesperrt">Identität des + Tiefe­ner­leb­nis­ses mit dem Erwachen des Innen­lebens.</em> Idealtypus der + Ausdehnung: jede Kultur besitzt ein eignes Ursymbol. Das abend­ländische + Ursymbol: der <em class="gesperrt">unendliche Raum</em>. Kants Problem + für die Griechen gar nicht vorhanden. Der Parallelen­satz Euklids und die + Vielzahl der Raums­trukturen in der west­europäischen Mathematik. Das + antike Ursymbol: <em class="gesperrt">der stoffliche Einzel­körper</em>.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>II. Apollinische, faustische, magische Seele</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Drittes_Kapitel_II">254</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Olymp und Walhall. Magisches und faustisches + Christentum. Der antike Poly­theismus (Gott als Körper) und der + abend­ländische Mono­theismus (Gott als Raum). Das ägyptische Ursymbol + <em class="gesperrt">der Weg</em>. Sinn der Pyrami­den­archi­tek­tur.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Seite_xii">[S. xii]</span> + <p class="s5 mleft1">Doppelsinn der Kunst: <em class="gesperrt">Imitation + und Symbolik</em> (Welt­sehnsucht und Weltangst). Jede Frühkunst + Architektur: Stein und Ursymbol. Staatsform und Archi­tek­tur­form; + Ausdruck des Willens, der Sorge, der Dauer. Hohen­staufen und Pharaonen. + Außen­archi­tek­tur und Innenräume. <em class="gesperrt">Das Problem des + Stils.</em> Einheit und Lebens­dauer innerhalb einer Kultur. Der + ägyptische Stil als Muster­beispiel einer Stil­geschichte. Koinzidenz + seiner Phasen mit denen des abend­ländischen Stils. + <em class="gesperrt">Stil­einheit von der Romantik bis zum Empire.</em> + Verlagerung des Schwe­punkts der Stil­bildung von der frühen Archi­tektur + in eine der bildenden Künste. Dorik und Ionik, Gotik und Barock als + Jugend- und Alters­phase desselben Stils. Aufgabe der Kunst­wissen­schaft: + ver­gleichende Bio­graphien der großen Stile. Psychologie der Kunst­technik. + Der wahre Umfang der arabischen Kunst: die altchristlich-„spätantike“ + Kunst als Frühzeit, die islamische als Spätzeit. Mosaik­malerei, Arabeske. + Verbindung von Rundbogen und Säule arabische Motive.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0"><b>IV. Kapitel: Musik und Plastik</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#VIERTES_KAPITEL">295</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>I. Die bildenden Künste</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Viertes_Kapitel_I">297</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Unmöglichkeit einer Einteilung der Künste nach + stationären technischen Prinzipien. <em class="gesperrt">Musik eine + bildende Kunst.</em> Auswahl der innerhalb einer Kultur möglichen Künste. + Tendenz aller antiken Künste zur Rundp­lastik (650–350). Beziehung zur + euklidi­schen Geometrie. Die Fresk­omalerei als Vorstufe. Dem­ent­spre­chend + 1500 bis 1800 Ausbildung der Instru­mental­musik. Kontrapunkt und Analysis: + Sieg der Musik über Malerei und Baukunst: Rokoko.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Charakter der Renaissance als + <em class="gesperrt">anti­goti­scher</em> + (<em class="gesperrt">anti­musikali­scher</em>) Bewegung. Fresko und + Statue in Florenz vom gotischen Form­gefühl bestimmt (Bildraum). Linear- + und Luft­per­spek­tive. Der Park. Die historische Landschaft.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Symbolik der Farben.</em> + Farben der Nähe und Ferne. Das hellenische Vier­farben­fresko. Blau und + Grün Raumfarben. Behandlung des Bild­hinter­grun­des: Verneinung im antiken + Fresko, Goldgrund im Mosaik, Tie­fen­per­spek­tive in der Ölmalerei. Der + sichtbare Pinsel­strich der Vene­zianer <em class="gesperrt">als Ausdruck + des histori­schen Gefühls</em>. Das Rem­brandt­braun.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>II. Akt und Porträt</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Viertes_Kapitel_II">297</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Das antike und das abend­ländische Menschen­ideal: + der Körper nach Grenz­flächen oder physio­gnomisch behandelt. Köpfe antiker + Statuen. Faustische Akte ein Widerspruch. Das Porträt in Florenz und + Venedig. Michelangelo und das Ende der abend­ländischen Plastik. Lionardo + frei von Renais­sance­idealen; der Entdecker; Physiologie statt Anatomie. + Raffaels sixtinische Madonna die letzte große Linie in der + abend­ländischen Kunst.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">In jeder Kultur eine Gruppe + großer Künste.</em> In der faustischen die Instru­mental­musik, in der + apolli­nischen die Akt­plastik<span class="pagenum" id="Seite_xiii"><span class="s4">[S. xiii]</span></span> + als Mitte. Gleich­zeitigkeit der Ausbildung; identische Dauer. + <em class="gesperrt">Begriff des Impres­sionis­mus</em>: Physio­gnomik des + Pinsel­strichs. Parallele zur chinesischen Kunst: Park, Musik. + Per­spek­tive. <em class="gesperrt">Das Frei­licht­problem</em>; sein + Gegensatz zum Impres­sio­nis­mus von Lionardo bis Rembrandt: Kultur und + Zivili­sation. Ausgang der west­europäischen Malerei.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Mit Tristan und Parzifal die faustische Musik zu + Ende. <em class="gesperrt">Bayreuth und Pergamon</em>: Ende der antiken + Skulptur. Unmöglich­keit einer organischen Fort­ent­wick­lung. + Alexandri­nismus. Letzte Stadien der ägyptischen und antiken Kunst.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0"><b>V. Kapitel: Seelenbild und Lebensgefühl</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#FUENFTES_KAPITEL">403</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>I. Die Form der Seele</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel_I">405</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Unmöglichkeit einer Wissenschaft von der Seele. + <em class="gesperrt">Das Bild der Seele in jeder Kultur eine Funktion + des Welt­bildes.</em> „Seele­nkörper“ und „Seelen­raum“ der antiken und + abend­ländischen Psycho­logie. <em class="gesperrt">Der „Wille“ als + Reprä­sen­tant des histori­schen Gefühls.</em> Der Wille zur Macht: + seelische Dynamik. Wille und „Charakter“ (Porträt, Biographie). Antik + die „Haltung“ (Statue). Apolli­nische und faustische Tragik: + Attitüden­drama und Charakte­rdrama (anekdotisch und biographisch). Der + Held als Dulder oder Täter. Der Begriff der Katharsis und der Stoizismus. + Die drei Einheiten: Formideal der Statue. Tages- und Nachtkunst.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Popularität und Esoterik, Hingabe und Über­windung. + „Kenner und Laie“ als Ausdruck der Distanz­energie. + <em class="gesperrt">Steigende Esoterik der west­europäischen Geistig­keit.</em> + Verhältnis des Kunstwerkes zum Betrachter: arabische, chinesische, + abend­ländische Mal­per­spe­ktive. Das astro­nomische Wel­tbild. + Raum­erwei­ternde Kraft des Fernrohrs. Segel­schiffahrt. Kolumbus. Die + Antike und die Umschiffung Afrikas. Antikes und nordisches Heimat­gefühl. + <em class="gesperrt">Der apollinische und faustische Staats­gedanke.</em> + Zwei Arten von Koloni­sation. Welt­macht­pläne unantik.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0 mleft1"><b>II. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel_II">465</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">„Du sollst“ die spezifisch + faustische Form der Moral</em> (Wille zur Macht, Tat, Raum). Antik die + Interesse­losig­keit an einer Um­wandlung der Welt (Ataraxia). + <em class="gesperrt">Moral die unver­änderliche Struktur des lebendigen + Seins.</em> Jede Kultur besitzt eine eigne und einzige Grund­form. + Beziehung zur Mathe­matik: „euklidische“ (Haltungs-) und „ana­lyti­sche“ + (Willens-)ethik. Katharsis und Nirwana. Moralische Theorie und Praxis. + Nicht Mitleids-, sondern „Herrenmoral“ faustisch: + <em class="gesperrt">praktische Dynamik</em>. Verhältnis von Ethik und + Logik.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Buddhismus</em>, <em class="gesperrt">Stoizismus</em>, + <em class="gesperrt">Sozialismus</em>. Verwandlung von Kultur in + Zivili­sation. <em class="gesperrt">Buddha, Sokrates, Rousseau die + Wortführer anbrechender Zivili­sationen.</em> Tragische und Ple­bejer­moral: + Äschylus und die Stoa, Shakespeare und die Gegenwart. + <span class="pagenum" id="Seite_xiv">[S. xiv]</span>Der Kultur­begriff + der Tat und der zivili­sierte Begriff der <em class="gesperrt">Arbeit</em>. + „Rückkehr zur Natur“ in allen drei Fällen. Der ursprüngliche Buddhismus + keine Religion, dem Christentum nicht verwandt. Kultur und Religion, + Zivili­sation und Irreligion. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus + <em class="gesperrt">formverwandte praktische Welt­stim­mungen</em>. Die + meta­phy­sisch-syste­ma­ti­sche und die sozial­ethische Periode jeder + Philosophie (Indien, Antike, Abendland). Der Welt­stadt­mensch Objekt der + neuen Denkweise. Rhetorik und Journalismus. Die buddhistische Agitation. + Paulus gegen Bonifacius.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Zwei richtige Auf­fassungen des Sozia­lismus: + <em class="gesperrt">als Form der Zukunft und als Form des Nieder­gangs</em>. + Der unbewußte Sozia­lismus. Alle Römer unbewußte Stoiker. Ausgang des + Sozia­lismus von Kant: der kate­gorische Imperativ auf das Politische, + Soziale, Wirtschaftliche angewandt. Das Recht auf Arbeit als fausti­sches + Gegen­stück des antiken „<i>panem et circenses</i>“. + <em class="gesperrt">Praktische Statik und Dynamik.</em> Der Wille zur + Zukunft und das „dritte Reich“ (Ibsen). Ursprung des abend­ländischen + Bildes der Welt­ge­schichte: Altertum — Mittelalter — Neuzeit: + Rich­tungs­energie.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Geschichte der Philosophie ein morpho­logisches + Problem. <em class="gesperrt">Kultur­philo­sophie und zivili­sierte + Philo­sophie.</em> Die ethische Periode der „Philo­sophie ohne Mathe­matik“. + Wachsende Bedeu­tungs­losig­keit meta­physischer Fragen seit Aristoteles und + Kant. <em class="gesperrt">Der natio­nal­öko­nomische Charakter der + west­europäischen Ethik</em>: die Schule Hegels. Schopenhauers System eine + Antizipation des Darwinismus. Darwins Theorie national­ökono­mischer + Herkunft. Der Über­mensch. Nietzsche und Shaw: die Züch­tungs­idee als + letzte Konsequenz der ethischen Dynamik des „Du sollst“. Gang der + Philo­sophie des 19. Jahr­hunderts. Letzte Möglich­keit: der + historisch-psycho­logische Skep­tizis­mus.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="p0"><b>VI. Kapitel: Faustische und apollinische Naturerkenntnis</b></p> + </td> + <td class="vab"> + <p class="right"><a href="#SECHSTES_KAPITEL">525</a></p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Das Ziel der Natur­wissen­schaft, reine Mechanik zu + werden: eine Illusion. Jedes Natur­gesetz Zahl und Bild. Alle + Grund­begriffe der modernen Physik rein faustischer Natur. Jedes „Wissen“ + von der Natur von einer voraufge­gangenen Religion abhängig. + <em class="gesperrt">Die antike Physik Statik, die arabische Alchymie, + die abend­ländische Dynamik.</em> Alchymie und Chemie. Antike und + west­europäische Atom­theorie: Miniatur­formen und Minimal­quanta + (Gestalt­einheit und Wir­kungs­einheit) Stoizismus und Sozialismus der + Atome; Beziehung zu politi­schen Formen.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Das Bewegungs­problem + Mittel­punkt jeder Physik.</em> Seine Unlös­barkeit. Die Eleaten. Die + Mechanik von Hertz. Der physi­kalische Begriff der Not­wendi­gkeit. + <em class="gesperrt">Kausalität (Natur­gesetz) eine spezifisch + west­europäische Fassung.</em> Andre Möglich­keiten. Das Bedingte in + unserm Begriff der Erfahrung.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Gottgefühl und Natur­erkenntnis. „Kraft und Masse“ + und der<span class="pagenum" id="Seite_xv"><span class="s4">[S. xv]</span></span> + Barock­stil. Die Bewegung Aus­gangs­punkt für Religion + <em class="gesperrt">und</em> Physik. <em class="gesperrt">Die Theorie + als Mythus.</em> „Stoff und Form“ — „Kraft und Masse“: Gott als höchste + Gestalt oder als höchste Kraft. <em class="gesperrt">Ent­stehung des + großen Mythus in der Frühzeit jeder Kultur.</em> Der faustische Mythus + 900–1200 entstanden: Identität katholischer, heidnisch-nordischer und + ritterlich-epischer Vor­stel­lungen. Der olympische Mythus und die + Körper­geometrie. Apolli­nische und faustische Natur­wesen: + <em class="gesperrt">beseelte Dinge</em> (Nymphen) und + <em class="gesperrt">seelen­erfüllte Räume</em> (Elfen). Altrömische + Gottheiten. Der Kaiserkult die letzte religiöse Schöpfung der Antike. Die + spät­antiken Kulte als magischer Mono­theismus: Auflösung aller Gestalten + in ein <em class="gesperrt">Prinzip</em>.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Der Atheismus als Negation einer bestimmten Form von + Religio­sität. Das Christen­tum vom antiken Stand­punkt atheistisch. Antike + Intoleranz gegen Kult­frevel, abend­ländische gegen dogmatische + Ab­weichun­gen (Scheiter­haufen, Guillotine), + <em class="gesperrt">Kult­freiheit und Gewissens­freiheit</em>.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Die faustische Physik als Dogma + von der Kraft.</em> Der Kraft­begriff religiösen Ursprungs. Seine + Ent­wick­lung. Galileis Übergang von der Renais­sance­statik zur Dynamik.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Die moderne Physik an der Grenze ihrer formalen + Mög­lich­kei­ten. Steigende Zweifel an <em class="gesperrt">allen</em> + Grund­begriffen. Bedeutung der Rela­tivi­täts­theorie: + <em class="gesperrt">Zerstörung des newtoni­schen Welt­bildes</em>. Die + Entropie­lehre: Mit dem Phänomen der Nicht­um­kehrbar­keit der Kreis­prozesse + dringt ein histori­sches Motiv in das Natur­bild. Dement­sprechend + Statistik und Wahr­schein­lich­keits­rechnung statt exakter Mathe­matik. + Die Atom­zerfall­hypo­these und die Schick­sals­idee. + <em class="gesperrt">Die Entropie und der Mythus der Götter­dämmerung</em>.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <p class="s5 mleft1">Ausgang der west­europäischen Wissen­schaft: + Selbst­ver­nichtung durch intel­lektu­elle Verfeinerung. Wachsende + Konvergenz von Physik, Chemie, Mathe­matik und Erkennt­nis­theorie. End­ziel: + Auflösung der gesamten wissen­schaft­lichen Substanz in einen Komplex von + Funk­tionen. <em class="gesperrt">Reine Morpho­logie mathe­matisch-logischer + Er­kennt­nis­formen</em>. Rückkehr der Er­kennt­nis zum Aus­gangs­punkt: + Skepti­zismus.</p> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="EINLEITUNG">EINLEITUNG</h2> + +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<h3 id="Einleitung_1">1</h3> + +</div> + +<p>In diesem Buche wird zum ersten Male der Versuch gewagt, Geschichte +vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, +und zwar der einzigen, die heute auf der Erde in Vollendung begriffen +ist, derjenigen Westeuropas, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu +verfolgen.</p> + +<p>Die Möglichkeit, eine Aufgabe von so ungeheurer Tragweite zu lösen, +ist bis heute offenbar nicht ins Auge gefaßt und wenn dies der Fall +war, die Mittel, sie zu behandeln, nicht erkannt oder in unzulänglicher +Weise gehandhabt worden.</p> + +<p>Gibt es eine Logik der Geschichte? Gibt es jenseits von allem +Zufälligen und Unberechenbaren der singulären Ereignisse eine +sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die +von den weithin sichtbaren, populären, geistig-politischen Gebilden +der Oberfläche wesentlich unabhängig ist? Die diese Wirklichkeit +geringeren Ranges vielmehr erst hervorruft? Erscheinen die großen +Momente der Weltgeschichte dem verstehenden Auge vielleicht immer +wieder in einer Gestalt, die Schlüsse zuläßt? Und wenn — wo liegen die +Grenzen derartiger Folgerungen? Ist es möglich, im Leben selbst — denn +menschliche Geschichte ist der Inbegriff von ungeheuren Lebensläufen, +als deren Ich und Person schon der Sprachgebrauch unwillkürlich +Individuen höherer Ordnung wie „die Antike“, „die chinesische Kultur“ +oder „die moderne Zivilisation“ denkend und handelnd einführt — die +Stufen aufzufinden, die durchschritten werden müssen und in einer +Ordnung, die keine Ausnahme zuläßt? Haben die für alles Organische +grundlegenden Begriffe Geburt, Tod, Jugend, Alter, Lebensdauer in +diesem Kreise vielleicht einen strengen Sinn, den noch niemand +erschlossen hat? Liegen, kurz gesagt, allem Historischen allgemeine +biographische Urformen zugrunde?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p> + +<p>Der Untergang des Abendlandes, zunächst ein örtlich und zeitlich +beschränktes Phänomen wie das ihm entsprechende des Unterganges der +Antike, ist, wie man sieht, ein philosophisches Thema, das, in seiner +ganzen Schwere begriffen, alle großen Fragen des Seins in sich schließt.</p> + +<p>Will man erfahren, in welcher Gestalt das Erlöschen der abendländischen +Kultur vor sich geht, so muß man zuvor erkannt haben, was Kultur +ist, in welchem Verhältnis sie zur sichtbaren Geschichte, zum +Leben, zur Seele, zur Natur, zum Geiste steht, unter welchen Formen +sie in Erscheinung tritt und inwiefern diese Formen — Völker, +Sprachen und Epochen, Schlachten und Ideen, Staaten und Götter, +Künste und Kunstwerke, Wissenschaften, Rechte, Wirtschaftsformen und +Weltanschauungen, große Menschen und große Ereignisse — Symbole und +als solche zu deuten sind.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_2">2</h3> + +</div> + +<p>Das Mittel, tote Formen zu begreifen, ist das mathematische Gesetz. Das +Mittel lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie. Auf diese Weise +unterscheiden sich Polarität und Periodizität der Welt.</p> + +<p>Das Bewußtsein davon, daß die Zahl der historischen Erscheinungsformen +eine begrenzte ist, daß Zeitalter, Epochen, Situationen, Personen sich +dem Typus nach wiederholen, war immer vorhanden. Man hat das Auftreten +Napoleons kaum je ohne einen Seitenblick auf Cäsar und Alexander +behandelt, von denen der erste, wie man sehen wird, morphologisch +unzulässig, der zweite richtig war. Napoleon selbst fand die +Verwandtschaft seiner Lage mit der Karls des Großen heraus. Der Konvent +sprach von Karthago, wenn er England meinte, und die Jakobiner nannten +sich Römer. Man hat, mit sehr verschiedenem Recht, Florenz mit Athen, +Buddha mit Christus, das Urchristentum mit dem modernen Sozialismus, +die römischen Finanzgrößen der Zeit Cäsars mit den Yankees verglichen. +Petrarka, der erste leidenschaftliche Archäologe — die Archäologie +ist selbst ein Ausdruck des Gefühls, daß Geschichte sich wiederholt +— dachte in bezug auf sich an Cicero und erst<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> vor kurzem noch Cecil +Rhodes, der Organisator des englischen Südafrika, der die antiken +Cäsarenbiographien in eigens für ihn angefertigten Übersetzungen in +seiner Bibliothek besaß, an Kaiser Hadrian. Es war das Verderben Karls +XII. von Schweden, daß er von Jugend auf das Leben Alexanders von +Curtius Rufus in der Tasche trug und diesen Eroberer kopieren wollte.</p> + +<p>Friedrich der Große bewegt sich in seinen politischen Denkschriften +— wie den Considerations von 1738 — mit vollkommener Sicherheit +in Analogien, um seine Auffassung der weltpolitischen Situation zu +kennzeichnen, so wenn er die Franzosen mit den Makedoniern unter +Philipp den Griechen — Deutschen — gegenüber vergleicht. „Schon sind +die Thermopylen Deutschlands, Elsaß und Lothringen, in Philipps Hand.“ +Damit war die Politik des Kardinals Fleury vorzüglich getroffen. Hier +findet sich weiterhin der Vergleich zwischen der Politik der Häuser +Habsburg und Bourbon und den Proskriptionen des Antonius und Oktavian.</p> + +<p>Aber das alles blieb fragmentarisch und willkürlich und entsprach in +der Regel mehr einem augenblicklichen Hange, sich dichterisch und +geistreich auszudrücken, als einem tieferen historischen Formgefühl.</p> + +<p>So sind die Vergleiche Rankes, eines Meisters der kunstvollen +Analogie, zwischen Kyaxares und Heinrich I., den Einfällen der +Kimmerier und Magyaren morphologisch bedeutungslos, nicht viel weniger +der oft wiederholte zwischen den hellenischen Stadtstaaten und den +Renaissancerepubliken, von tiefer, aber zufälliger Richtigkeit dagegen +der zwischen Alkibiades und Napoleon. Sie sind bei ihm wie bei andern +aus einem plutarchischen, d. h. volkstümlich romantischen Geschmack +vollzogen worden, der lediglich die Ähnlichkeit der Szene auf der +Weltbühne ins Auge faßt, nicht im strengen Sinne des Mathematikers, der +die innere Verwandtschaft zweier Gruppen von Differentialgleichungen +erkennt, an denen der Laie nichts als Differenzen sieht.</p> + +<p>Man bemerkt leicht, daß im Grunde die Laune, nicht eine Idee, nicht +das Gefühl einer Notwendigkeit die Wahl der Bilder bestimmt. Von einer +<em class="gesperrt">Technik</em> des Vergleichens blieben wir<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> weit entfernt. Sie treten, +gerade heute, massenhaft auf, aber planlos und ohne Zusammenhang und +wenn sie einmal in einem tiefen, noch festzustellenden Sinne treffend +sind, so verdankt man es dem Glück, seltener dem Instinkt, nie einem +Prinzip. Noch hat niemand daran gedacht, hier eine <em class="gesperrt">Methode</em> +auszubilden. Man hat nicht im entferntesten geahnt, daß hier eine +Wurzel, und zwar die einzige liegt, aus der eine große Lösung des +Problems der Geschichte hervorgehen kann.</p> + +<p>Die Vergleiche könnten das Glück des historischen Denkens sein, +insofern sie die organische Struktur des Geschehens bloßlegen. Ihre +Technik müßte unter der Einwirkung einer umfassenden Idee und also +bis zur wahllosen Notwendigkeit, bis zur logischen Meisterschaft +ausgebildet werden. Sie waren bisher ein Unglück, weil sie als eine +bloße Angelegenheit des Geschmackes den Historiker der Einsicht und +der Mühe überhoben, die <em class="gesperrt">Formensprache der Geschichte</em> und ihre +Analyse als seine schwerste und nächste, heute noch nicht einmal +begriffene, geschweige denn gelöste Aufgabe zu betrachten. Sie +waren teils oberflächlich, wenn man z. B. Cäsar den Begründer einer +römischen Staatszeitung nannte, oder, noch schlimmer, entlegene, +höchst komplexe und uns innerlich sehr fremde Phänomene des antiken +Daseins mit Modeworten wie Sozialismus, Impressionismus, Kapitalismus, +Klerikalismus belegte, teils von einer bizarren Verkehrtheit wie der +Brutuskult, den man im Jakobinerklub trieb — den jenes Millionärs +und Wucherers Brutus, der als Führer des römischen Uradels unter dem +Beifall des patrizischen Senats den Mann der Demokratie erstach.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_3">3</h3> + +</div> + +<p>Und so erweitert sich die Aufgabe, die ursprünglich ein begrenztes +Problem der modernen Zivilisation umfaßte, zu einer völlig neuen +Philosophie, <em class="gesperrt">der</em> Philosophie der Zukunft, wenn aus dem +metaphysisch erschöpften Boden des Abendlandes überhaupt noch +eine hervorgehen kann, der einzigen, die wenigstens zu den +<em class="gesperrt">Möglichkeiten</em> des westeuropäischen Geistes in seinen<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> letzten +Stadien gehört: zur Idee einer <em class="gesperrt">Morphologie der Weltgeschichte, +der Welt als Geschichte</em>, die im Gegensatz zur Morphologie der +Natur, bisher dem einzigen Thema der Philosophie, alle Gestalten und +Bewegungen der Welt in ihrer tiefsten und letzten Bedeutung noch +einmal, aber in einer ganz andern Ordnung, nicht zum Gesamtbilde alles +Erkannten, sondern zu einem Bilde des Lebens, nicht des Gewordenen, +sondern des Werdens, zusammenfaßt.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em>, aus ihrem Gegensatz, der <em class="gesperrt">Welt als +Natur</em>, begriffen, geschaut, gestaltet — das ist ein neuer Aspekt +des Daseins, der bis heute nie angewandt, vielleicht dunkel gefühlt, +oft geahnt, nie mit allen seinen Konsequenzen gewagt worden ist. Hier +liegen zwei mögliche Arten vor, wie der Mensch seine Umwelt besitzen, +erleben kann. Ich trenne der Form, nicht der Substanz nach mit vollster +Schärfe den organischen vom mechanischen Welteindruck, den Inbegriff +der Gestalten von dem der Gesetze, das Bild und Symbol von der Formel +und dem System, das Einmalig-Wirkliche vom Beständig-Möglichen, das +Ziel der planvoll ordnenden Einbildungskraft von dem der zweckmäßig +zergliedernden Erfahrung oder, um einen noch nie bemerkten, sehr +bedeutungsvollen Gegensatz schon hier zu nennen, den Geltungsbereich +der <em class="gesperrt">chronologischen</em> von dem der <em class="gesperrt">mathematischen</em> Zahl.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> + +<p>Es kann sich demnach in einer Untersuchung wie der vorliegenden nicht +darum handeln, die an der Oberfläche des Tages sichtbar werdenden +Ereignisse geistig-politischer Art als solche hinzunehmen, nach Ursache +und Wirkung zu ordnen und in<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> ihrer scheinbaren, verstandesmäßig +faßlichen Tendenz zu verfolgen. Eine derartige — „pragmatische“ +— Behandlung der Historie würde nichts als ein Stück verkappter +Naturwissenschaft sein, woraus die Anhänger der materialistischen +Geschichtsauffassung kein Hehl machen, während ihre Gegner sich nur +der Identität des beiderseitigen Verfahrens nicht hinreichend bewußt +sind. Es handelt sich nicht um das, was die greifbaren Tatsachen +der Geschichte an und für sich, als Erscheinungen zu irgend einer +Zeit <em class="gesperrt">sind</em>, sondern um das, was sie <em class="gesperrt">durch ihre Erscheinung +bedeuten, andeuten</em>. Die Historiker der Gegenwart glauben +ein übriges zu tun, wenn sie religiöse, soziale und allenfalls +kunsthistorische Einzelheiten heranziehen, um den politischen Sinn +einer Epoche zu „illustrieren“. Aber sie vergessen das Entscheidende +— entscheidend nämlich, insofern sichtliche Geschichte Ausdruck, +Zeichen, formgewordenes Seelentum ist. Ich habe noch keinen gefunden, +der mit dem Studium dieser <em class="gesperrt">morphologischen Verwandtschaften</em> +Ernst gemacht hätte, der über den Bereich politischer Tatsachen +hinaus die letzten und tiefsten Gedanken der Mathematik der Hellenen, +Araber, Inder, Westeuropäer, den Sinn ihrer frühen Ornamentik, ihrer +architektonischen, metaphysischen, dramatischen, lyrischen Urformen, +die Auswahl und Richtung ihrer großen Künste, die Einzelheiten ihrer +künstlerischen Technik und Stoffwahl eingehend gekannt, geschweige denn +in ihrer entscheidenden Bedeutung für die Formprobleme des Historischen +erkannt hätte. Wer weiß es, daß zwischen der Differentialrechnung +und dem dynastischen Staatsprinzip der Zeit Ludwigs XIV., zwischen +der antiken Staatsform der Polis und der euklidischen Geometrie, +zwischen der Raumperspektive der abendländischen Ölmalerei +und der Überwindung des Raumes durch Bahnen, Fernsprecher und +Fernwaffen, zwischen der kontrapunktischen Instrumentalmusik und +dem wirtschaftlichen Kreditsystem ein tiefer Zusammenhang der Form +besteht? Selbst die realsten Faktoren der Politik nehmen, aus dieser +Perspektive betrachtet, einen höchst transzendenten Charakter an und +es geschieht vielleicht zum ersten Male, daß Dinge wie das ägyptische +Verwaltungssystem, das antike Münzwesen, die analytische Geometrie, +der Scheck,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> der Suezkanal, der chinesische Buchdruck, das preußische +Heer und die römische Straßenbautechnik <em class="gesperrt">gleichmäßig</em> als Symbole +aufgefaßt und als solche gedeutet werden.</p> + +<p>An diesem Punkte stellt es sich heraus, daß es eine spezifisch +historische Art des Erkennens noch gar nicht gibt. Was man so nennt, +zieht seine Methoden fast ausschließlich aus dem Gebiete des Wissens, +auf welchem allein Methoden der Erkenntnis zur strengen Ausbildung +gelangt sind, aus der Physik. Man glaubt Geschichtsforschung zu +treiben, wenn man den gegenständlichen Zusammenhang von Ursache und +Wirkung verfolgt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Philosophie +alten Stils an eine andre Möglichkeit der Beziehung des Geistes auf +die Welt nie gedacht hat. Kant, der in seinem Hauptwerk die formalen +Regeln der Erkenntnis feststellte, zog, ohne daß weder er noch irgend +ein anderer es bemerkt hätte, allein die <em class="gesperrt">Natur</em> als Objekt der +Verstandestätigkeit in Betracht. Wissen ist für ihn mathematisches +Wissen. Wenn er von angebornen Formen der Anschauung und Kategorien +des Verstandes spricht, so denkt er nie an das ganz andersgeartete +Begreifen historischer Phänomene, und Schopenhauer, der von Kants +Kategorien bezeichnenderweise nur die der Kausalität gelten läßt, redet +nur mit Verachtung von der Geschichte.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Daß außer der Notwendigkeit +von Ursache und Wirkung — ich möchte sie die <em class="gesperrt">Logik des Raumes</em> +nennen — im Leben auch noch die organische Notwendigkeit <em class="gesperrt">des +Schicksals</em> — <em class="gesperrt">die Logik der Zeit</em> — eine Tatsache von +tiefster innerster Gewißheit ist, eine Tatsache, welche das gesamte +mythologische, religiöse und künstlerische Denken ausfüllt, die das +Wesen und den Kern aller Geschichte im Gegensatz zur Natur ausmacht, +die aber den Erkenntnisformen, welche die „Kritik der reinen Vernunft“ +untersucht, unzugänglich ist, das ist noch nicht in den Bereich +intellektueller Formulierung gedrungen. Die Philosophie ist,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> wie +Galilei an einer berühmten Stelle seines Saggiatore sagt, im großen +Buche der Natur „<i>scritta in lingua matematica</i>“. Aber wir warten +heute noch auf die Antwort eines Philosophen, in welcher Sprache die +Geschichte geschrieben und wie diese zu lesen ist.</p> + +<p>Die Mathematik und das Kausalitätsprinzip führen zu einer naturhaften, +die Chronologie und die Schicksalsidee zu einer historischen Ordnung +der Erscheinung. Beide Ordnungen umfassen die <em class="gesperrt">ganze</em> Welt. Nur +das Auge, in dem und durch das sich diese Welt verwirklicht, ist ein +anderes.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_4">4</h3> + +</div> + +<p>Natur ist die Gestalt, unter welcher der Mensch hoher Kulturen den +unmittelbaren Eindrücken seiner Sinne Einheit und Bedeutung gibt. +Geschichte ist diejenige, aus welcher seine Einbildungskraft das +lebendige Dasein der Welt in bezug auf das eigene Leben zu begreifen +und diesem damit eine vertiefte Wirklichkeit zu verleihen sucht. Ob +er dieser Gestaltungen fähig ist und welche von ihnen sein waches +Bewußtsein beherrscht, das ist eine Urfrage aller menschlichen Existenz.</p> + +<p>Hier liegen zwei <em class="gesperrt">Möglichkeiten</em> der Weltbildung durch den +Menschen vor. Damit ist schon gesagt, daß es nicht notwendig +<em class="gesperrt">Wirklichkeiten</em> sind. Fragen wir also im folgenden nach dem +Sinn aller Geschichte, so ist zuerst eine Frage zu erledigen, die +bisher nie gestellt worden ist. <em class="gesperrt">Für wen</em> gibt es Geschichte? +Eine paradoxe Frage, wie es scheint. Ohne Zweifel für jeden, insofern +jeder Glied und Element der Geschichte ist. Aber man bedenke, daß +die Gesamtheit der Geschichte wie das Ganze der Natur — das eine +wie das andere ein Erscheinungsbild — einen Geist voraussetzt, in +dem und durch den es Wirklichkeit ist. Ohne Subjekt gibt es kein +Objekt. Sehen wir von aller Theorie ab, der die Philosophen tausend +Fassungen gegeben haben, so steht es doch fest, daß Erde und Sonne, +die Natur, der Raum, das Weltall ein persönliches Erlebnis und in +ihrem So-und-nicht-anders-sein abhängig vom menschlichen Bewußtsein +sind. Aber dasselbe gilt vom<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Weltbilde der Geschichte, dem werdenden, +nicht dem ruhenden All, und selbst wenn man wüßte, <em class="gesperrt">was</em> sie +ist, so weiß man noch nicht, für <em class="gesperrt">wen</em> sie es ist. Sicher nicht +für „die Menschheit“. Das ist unsre, die westeuropäische Empfindung, +aber wir sind nicht die „Menschheit“. Sicherlich gab es nicht nur für +den Urmenschen, sondern auch für den Menschen gewisser hoher Kulturen +keine Weltgeschichte, keine <em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em>. Wir wissen +alle, daß in unserem kindlichen Weltbewußtsein zunächst nur naturhafte +und kausale Züge und erst sehr viel später solche historischer Art, +z. B. ein bestimmtes Zeitgefühl, hervortreten. Das Wort Ferne gewinnt +für uns viel eher einen greifbaren Inhalt als das Wort Zukunft. Aber +wie, wenn eine <em class="gesperrt">ganze Kultur</em>, ein hohes Seelentum auf diesem +ahistorischen Geiste beruht? Wie muß ihr die Wirklichkeit erscheinen? +Die Welt? Das Leben? Bedenken wir, daß sich im Weltbewußtsein der +Hellenen alles Erlebte, nicht nur die eigne persönliche, sondern die +allgemeine Vergangenheit sofort in Mythus, d. h. in Natur, in zeitlose, +unbewegliche, entwicklungslose Gegenwart verwandelte, dergestalt, daß +die Geschichte Alexanders des Großen noch vor seinem Tode für das +antike Gefühl mit der Dionysoslegende zu verschwimmen begann und daß +Cäsar seine Abstammung von Venus mindestens nicht als widersinnig +empfand, so müssen wir zugestehen, daß uns Menschen des Abendlandes +mit dem starken Gefühl für zeitliche Distanzen ein Nacherleben solcher +Seelenzustände beinahe unmöglich ist, daß wir aber nicht das Recht +haben, dem Problem der Geschichte gegenüber von dieser Tatsache einfach +abzusehen.</p> + +<p>Was Tagebücher, Selbstbiographien, Bekenntnisse für den einzelnen, +das bedeutet Geschichtsforschung im weitesten Umfange, wo sie auch +alle Arten psychologischer Analyse fremder Völker, Zeiten, Sitten +einschließt, für die Seele ganzer Kulturen. Aber die antike Kultur +besaß kein <em class="gesperrt">Gedächtnis</em> in diesem spezifischen Sinne, kein +historisches Organ. Das Gedächtnis des antiken Menschen — wobei wir +allerdings einen aus unserem seelischen Habitus abgeleiteten Begriff +ohne weiteres einer fremden Seele aufprägen — ist etwas ganz anderes, +weil hier Vergangenheit und Zukunft als ordnende<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Perspektiven im +Bewußtsein fehlen und die reine „Gegenwart“, die Goethe an allen +Äußerungen antiken Lebens, an der Plastik insbesondere so oft +bewunderte, es mit einer uns ganz unbekannten Mächtigkeit ausfüllt. +Diese reine Gegenwart, deren größtes Symbol die dorische Säule ist, +stellt in der Tat eine <em class="gesperrt">Verneinung der Zeit</em> (der Richtung) dar. +Für Herodot und Sophokles wie für Themistokles und für einen römischen +Konsul verflüchtigt sich die Vergangenheit alsbald in einen zeitlos +ruhenden Eindruck von <em class="gesperrt">polarer, nicht periodischer</em> Struktur, +— denn das ist der letzte Sinn durchgeistigter Mythenbildung — +während sie für unser Weltgefühl und inneres Auge ein periodisch klar +gegliederter, zielvoll gerichteter Organismus von Jahrhunderten oder +Jahrtausenden ist. Dieser Hintergrund aber gibt dem Leben, dem antiken +wie dem abendländischen, erst seine besondere Farbe. Was der Grieche +Kosmos nannte, war das Bild einer Welt, die nicht <em class="gesperrt">wird</em>, sondern +<em class="gesperrt">ist</em>. <em class="gesperrt">Folglich</em> war der Grieche selbst ein Mensch, der +niemals <em class="gesperrt">wurde</em>, sondern immer <em class="gesperrt">war</em>.</p> + +<p>Deshalb hat der antike Mensch, obwohl er die strenge Chronologie, die +Kalenderrechnung und damit das starke, in großartiger Beobachtung +der Gestirne und in der exakten Messung gewaltiger Zeiträume sich +offenbarende Gefühl für die Ewigkeit und die Nichtigkeit des +gegenwärtigen Augenblicks in der babylonischen und ägyptischen Kultur +sehr wohl kannte, sich innerlich nichts davon zu eigen gemacht. Was +seine Philosophen gelegentlich erwähnen, haben sie nur gehört, nicht +geprüft. Weder Plato noch Aristoteles besaßen eine Sternwarte. In +den letzten Jahren des Perikles wurde in Athen ein Volksbeschluß +gefaßt, der jeden mit der schweren Klageform der Eisangelie bedrohte, +der astronomische Theorien verbreitete. Es war ein Akt von tiefster +Symbolik, in dem sich der Wille der antiken Seele aussprach, die Ferne +in jedem Sinne aus ihrem Weltbewußtsein zu streichen.</p> + +<p>Deshalb begannen die Hellenen erst dann — in der Person des Thukydides +— ernsthaft über ihre Geschichte nachzudenken, als sie innerlich so +gut wie abgeschlossen war. Aber selbst Thukydides, dessen methodische +Grundsätze in der Einleitung seines Werkes sich sehr westeuropäisch +ausnehmen,<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> faßte sie doch so auf, daß er geschichtliche Einzelheiten +erdichtet, sobald es ihm angemessen erscheint. Das wirkt bei ihm als +künstlerisches Prinzip, aber gerade das nennen wir Mythenbildung. Von +einem echten Sinn für die Bedeutung chronologischer Zahlen ist nicht +die Rede. Im 3. Jahrhundert schrieben Manetho und Berossos — also +Nichtgriechen — gründliche Quellenwerke über Ägypten und Babylon, +zwei Länder, die sich auf Astronomie und <em class="gesperrt">also auch</em> auf Historie +verstanden. Aber der gebildete Grieche und Römer kümmerte sich wenig +darum und zog weiterhin die romanhaften Phantastereien eines Hekataios +und Ktesias vor.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p> + +<p>Infolgedessen ist die antike Geschichte bis auf die Perserkriege herab, +aber auch noch die Struktur sehr viel späterer Perioden das Produkt +wesentlich mythischen Denkens. Die Verfassungsgeschichte Spartas — +Lykurg, dessen Biographie mit allen Einzelheiten erzählt wird, war +vermutlich eine unbedeutende Waldgottheit des Taygetos — ist eine +Dichtung der hellenistischen Zeit und die Erfindung der römischen +Geschichte vor Hannibal war noch zur Zeit Cäsars nicht zum Stillstand +gekommen. Es kennzeichnet den antiken Sinn des Wortes Geschichte, daß +die alexandrinische Romanliteratur stofflich den stärksten Einfluß auf +die ernsthafte politische und religiöse Historik ausübte. Man dachte +gar nicht daran, ihren Inhalt von aktenmäßigen Daten grundsätzlich +zu unterscheiden. Als Varro<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> gegen Ende der Republik daran ging, die +aus dem Bewußtsein des Volkes rasch schwindende römische Religion +zu fixieren, teilte er die Gottheiten, deren Dienst <em class="gesperrt">vom Staate +aufs peinlichste ausgeübt wurde</em>, in <i>di certi</i> und <i>di +incerti</i> ein — solche, von denen man noch etwas wußte, und solche, +von denen trotz des fortdauernden öffentlichen Kultes nur der Name +geblieben war. In der Tat war die Religion der römischen Gesellschaft +seiner Zeit — wie sie nicht nur Goethe, sondern selbst Nietzsche +ohne Argwohn aus den römischen Dichtern hinnahmen — größtenteils ein +Erzeugnis der hellenisierenden Literatur und fast ohne Zusammenhang mit +dem alten Kultus, den niemand mehr verstand.</p> + +<p>Mommsen hat den westeuropäischen Standpunkt klar formuliert, als er +die römischen Historiker — Tacitus ist vor allem gemeint — Leute +nannte, „die das sagen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das +verschweigen, was notwendig war zu sagen“.</p> + +<p>Die indische Kultur, deren Idee vom (bramanischen) Nirwana der +entschiedenste Ausdruck einer vollkommen ahistorischen Seele ist, +den es geben kann, hat nie das geringste Gefühl für das „Wann“ in +irgend einem Sinne besessen. Es gibt keine indische Astronomie, +keinen indischen Kalender, keine indische Historie also, insofern +man darunter das Bewußtsein einer lebendigen Entwicklung versteht. +Wir wissen vom sichtbaren Verlaufe dieser Kultur, deren organischer +Teil vor der Entstehung des Buddhismus abgeschlossen war, noch viel +weniger, als von der antiken, sicherlich an großen Ereignissen reichen +Geschichte zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert. Beide sind lediglich +in traumhaft-mythischer Gestalt konserviert worden. Erst ein volles +Jahrtausend nach Buddha, um 500 n. Chr., entstand auf Ceylon im +„Mahavansa“ etwas, das entfernt an Geschichtsschreibung erinnert.</p> + +<p>Das Bewußtsein des indischen Menschen war so ahistorisch angelegt, +daß er nicht einmal das Phänomen des von einem Autor verfaßten Buches +als zeitlich fixiertes Ereignis kannte. Statt einer organischen Reihe +persönlich abgegrenzter Schriften entstand allmählich eine vage +Textmasse, in die jeder hineinschrieb, was er wollte, ohne daß die +Begriffe des individuellen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> geistigen Eigentums, der Entwicklung eines +Gedankens, der geistigen Epoche eine Rolle gespielt hätten. In dieser +<em class="gesperrt">anonymen</em> Gestalt — der der gesamten indischen Geschichte +— liegt uns die indische Philosophie vor. Mit ihr vergleiche +man die durch Bücher und Personen physiognomisch aufs schärfste +herausgearbeitete Philosophiegeschichte des Abendlandes.</p> + +<p>Der indische Mensch vergaß alles, der ägyptische konnte <em class="gesperrt">nichts</em> +vergessen. Eine indische Kunst des Porträts — der Biographie <i>in +nuce</i> — hat es nie gegeben; die ägyptische Plastik kannte kaum ein +anderes Thema.</p> + +<p>Die ägyptische Seele, eminent historisch veranlagt und mit urweltlicher +Leidenschaft nach dem Unendlichen drängend, empfand die Vergangenheit +und Zukunft als ihre <em class="gesperrt">ganze</em> Welt und die Gegenwart, die mit +dem wachen Bewußtsein identisch ist, erschien ihr lediglich als die +schmale Grenze zwischen zwei unermeßlichen Fernen. Die ägyptische +Kultur ist eine <em class="gesperrt">Inkarnation der Sorge</em> — dem seelischen Korrelat +der Ferne — der Sorge um das Künftige, wie sie sich in der Wahl von +Granit und Basalt als plastischem Material,<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> in den gemeißelten +Urkunden, in der Ausbildung eines meisterhaften Verwaltungssystems und +dem Netz von Bewässerungsanlagen ausspricht,<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> <em class="gesperrt">und der notwendig +damit verknüpften</em> Sorge um das Vergangene. Die ägyptische Mumie +ist ein Symbol höchsten Ranges. Man <em class="gesperrt">verewigte</em> den Leib der +Toten, wie man deren Persönlichkeit, dem „Ka“, durch die oft in +vielen Exemplaren ausgeführten Bildnisstatuen, an deren in einem sehr +hohen Sinne aufgefaßte Ähnlichkeit sie gebunden<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> war, ewige Dauer +verlieh. Bekanntlich waren in der besten Zeit der griechischen Plastik +Bildnisstatuen ausdrücklich verpönt.</p> + +<p>Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen dem Verhalten gegen die +historische Vergangenheit und der Auffassung des Todes, wie sie sich in +der <em class="gesperrt">Form der Bestattung</em> ausspricht. Der Ägypter <em class="gesperrt">verneint</em> +die Vergänglichkeit, der antike Mensch <em class="gesperrt">bejaht</em> sie durch die +gesamte Formensprache seiner Kultur. Die Ägypter konservierten auch +die Mumie ihrer Geschichte: die chronologischen Daten und Zahlen. +Während von der vorsolonischen Geschichte der Griechen nichts +überliefert ist, keine Jahreszahl, kein echter Name, kein greifbares +Ereignis — was dem uns allein bekannten Rest einen übertriebenen +Akzent gibt — kennen wir aus dem 3. Jahrtausend beinahe alle Namen +und Regierungszahlen der ägyptischen Könige und die späteren Ägypter +kannten sie natürlich ohne Ausnahme. Als ein grauenvolles Symbol dieses +Willens zur Dauer liegen noch heute die Körper der großen Pharaonen +mit kenntlichen Gesichtszügen in unseren Museen. Auf der leuchtend +polierten Granitspitze der Pyramide Amenemhets III. liest man noch +jetzt die Worte: „Amenemhet schaut die Schönheit der Sonne“ und auf der +andern Seite: „Höher ist die Seele Amenemhets als die Höhe des Orion +und sie verbindet sich mit der Unterwelt.“ Das ist Überwindung der +Vergänglichkeit, der Gegenwart und unantik im höchsten Maße.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_5">5</h3> + +</div> + +<p>Gegenüber dieser mächtigen Gruppe ägyptischer Lebenssymbole erscheint +an der Schwelle der antiken Kultur, der Vergessenheit<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> entsprechend, +die sie über jedes Stück ihrer äußern und innern Vergangenheit breitet, +die <em class="gesperrt">Verbrennung der Toten</em>. Der mykenischen Zeit war die sakrale +Heraushebung dieser Bestattungsform aus den übrigen, die von primitiven +Völkern in der Regel nebeneinander ausgeübt werden, durchaus fremd. +Die Königsgräber sprechen sogar für den Vorrang der Erdbestattung. +Aber in der homerischen Zeit so gut wie in der vedischen erfolgt der +plötzliche, materiell nicht zu motivierende Schritt vom Begräbnis zur +Verbrennung, die, wie die Ilias zeigt, mit dem vollen Pathos eines +sinnbildlichen Aktes — der feierlichen Vernichtung, der Verneinung der +historischen Dauer — vollzogen wurde.</p> + +<p>Von diesem Augenblick an ist auch die Plastizität der individuellen +seelischen Entwicklung zu Ende. So wenig das antike Drama echt +historische Motive gestattet, so wenig läßt es das Thema der innern +Entwicklung zu und man weiß, wie entschieden sich der hellenische +Instinkt gegen das Porträt in der bildenden Kunst auflehnte. Bis in +die Kaiserzeit kennt die antike Kunst nur einen ihr gewissermaßen +natürlichen Stoff: den Mythus.<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> Auch die idealen Bildnisse der +hellenistischen Plastik sind mythisch, so gut es die typischen +Biographien von der Art Plutarchs sind. Kein großer Grieche hat je +Erinnerungen niedergeschrieben, die eine überwundene Epoche vor +seinem geistigen Auge fixiert hätten. Nicht einmal Sokrates hat +über sein Innenleben etwas in unserm Sinne Bedeutendes gesagt. Es +fragt sich, ob in einer antiken Seele dergleichen überhaupt möglich +war, wie es der Entwurf des Parzeval, Hamlet, Werther voraussetzt. +Wir vermissen bei Plato jedes Bewußtsein einer Entwicklung seiner +Lehre. Seine einzelnen Schriften sind lediglich<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Formulierungen sehr +verschiedener Standpunkte, die er zu verschiedenen Zeiten einnahm. Ihr +genetischer Zusammenhang war kein Gegenstand seiner Reflexion. Der +einzige — flache — Versuch einer Selbstanalyse, der antiken Kultur +kaum noch angehörend, findet sich in Ciceros Brutus. Aber schon am +Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht ein Stück tiefster +Selbsterforschung, Dantes Vita Nuova. Allein daraus folgt, wie wenig +Antikes, d. h. rein Gegenwärtiges, Goethe in sich hatte, der nichts +vergaß, dessen Werke seinen eigenen Worten nach nur Bruchstücke +<em class="gesperrt">einer</em> großen Konfession waren.</p> + +<p>Nach der Zerstörung Athens durch die Perser warf man alle Werke +der älteren Kunst in den Schutt — aus dem wir sie heute wieder +hervorziehen — und man hat nie gehört, daß jemand in Hellas sich +um die Ruinen von Mykene oder Phaistos gekümmert hätte. Man las +seinen Homer, aber man dachte nicht daran, wie Schliemann den Hügel +von Troja aufzugraben. Man wollte den Mythus, nicht die Geschichte. +Von den Werken des Aischylos und der vorsokratischen Philosophen +war schon in hellenistischer Zeit ein Teil verloren gegangen. Aber +schon Petrarca sammelte Altertümer, Münzen, Manuskripte mit einer nur +dieser Kultur eigenen Pietät und Innerlichkeit der Betrachtung, als +historisch fühlender, auf entlegene Welten zurückschauender, nach dem +Fernen sich sehnender Mensch — er war der erste, der die Besteigung +eines Alpengipfels unternahm —, der im Grunde ein Fremder in seiner +Zeit war. Erst aus dieser Verknüpfung mit dem Zeitproblem entwickelt +sich die Psychologie des <em class="gesperrt">Sammlers</em>. Man fühlt, weshalb dieser +<em class="gesperrt">Kultus des Vergangenen</em>, der ihm Unvergänglichkeit erteilen +möchte, dem antiken Menschen völlig unbekannt bleiben mußte, während +die ägyptische Landschaft sich schon zur Zeit des großen Thutmosis in +ein einziges ungeheures Museum von Tradition und Architektur verwandelt +hatte.</p> + +<p>Unter den Völkern des Abendlandes waren es die Deutschen, welche die +mechanischen <em class="gesperrt">Uhren</em> erfanden, schauerliche Symbole der rinnenden +Zeit, deren Tag und Nacht von zahllosen Türmen über Westeuropa hin +hallende Schläge vielleicht der ungeheuerste Ausdruck sind, dessen ein +historisches<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Weltgefühl überhaupt fähig ist.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Nichts davon begegnet +uns in den <em class="gesperrt">zeitlosen</em> antiken Landschaften und Städten. In +Babylon und Ägypten waren die Wasser- und Sonnenuhren erfunden worden, +aber erst Plato führte die Klepsydra — wiederum erst gegen Ende des +blühenden Griechentums — in Athen ein und noch später übernahm man die +Sonnenuhren, lediglich als unwesentliches Gerät des Alltags, ohne daß +sie das antike <em class="gesperrt">Lebensgefühl</em> im geringsten verändert hätten.</p> + +<p>Hier ist noch der entsprechende, sehr tiefe und nie hinreichend +gewürdigte Unterschied zwischen antiker und abendländischer Mathematik +zu erwähnen. Das antike Zahlendenken faßt die Dinge auf, <em class="gesperrt">wie sie +sind</em>, als <em class="gesperrt">Größen</em>, zeitlos, rein gegenwärtig. Das führte zur +euklidischen Geometrie, zur mathematischen Statik und zum Abschluß des +geistigen Systems durch die Lehre von den Kegelschnitten. Wir fassen +die Dinge auf, wie sie <em class="gesperrt">werden</em> und <em class="gesperrt">sich verhalten</em>, als +<em class="gesperrt">Funktionen</em>. Das führte zur Dynamik, zur analytischen Geometrie +und von ihr zur Differentialrechnung.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> Die moderne Funktionentheorie +ist die riesenhafte Ordnung dieser ganzen Gedankenmasse. Es ist eine +bizarre, aber seelisch streng begründete Tatsache, daß die griechische +Physik — als Statik im Gegensatz zur Dynamik — den Gebrauch der Uhr +nicht kennt und nicht vermissen läßt und, während wir mit Tausendsteln +von Sekunden rechnen, von Zeitmessungen vollständig absieht. Die +Entelechie des Aristoteles ist der einzige zeitlose — ahistorische — +Entwicklungsbegriff, den es gibt.</p> + +<p>Damit ist unsere Aufgabe festgelegt, insofern Leben die Verwirklichung +von seelisch Möglichem ist und der neue Begriff<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> des <em class="gesperrt">seelisch +Unmöglichen</em> den Aspekt der Dinge anders gestaltet. Wir Menschen der +westeuropäischen Kultur — einem genau abgrenzbaren Phänomen zwischen +1000 und 2000 n. Chr. — sind die Ausnahme und nicht die Regel. +„Weltgeschichte“ ist <em class="gesperrt">unser</em> Weltbild, nicht das „der Menschheit“. +Für den indischen und den antiken Menschen gab es kein Bild der +werdenden Welt als Art und Form der Anschauung und vielleicht wird es, +wenn die Zivilisation des Abendlandes, deren Träger wir Heutigen sind, +erloschen ist, nie wieder eine Kultur und also einen menschlichen Typus +geben, für den „Weltgeschichte“ eine Form, ein Inhalt des kosmischen +Bewußtseins ist.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_6">6</h3> + +</div> + +<p>Ja — was ist Weltgeschichte? Eine geistige Möglichkeit, ein inneres +Postulat, der Ausdruck eines Formgefühls, gewiß. Aber ein noch so +bestimmtes Gefühl ist keine vollendete Form, und so sicher wir alle +Weltgeschichte fühlen, erleben, mit vollster Gewißheit ihrer Gestalt +nach zu übersehen glauben, so sicher ist es, daß wir noch heute Formen +von ihr, aber nicht <em class="gesperrt">die</em> Form kennen.</p> + +<p>Sicherlich wird jeder, den man fragt, überzeugt sein, daß er die +periodische Struktur der Geschichte klar und deutlich durchschaut. +Diese Illusion beruht darauf, daß niemand ernsthaft über sie +nachgedacht hat und daß man noch viel weniger an seinem Wissen +zweifelt, weil niemand ahnt, an was allem hier gezweifelt werden +könnte. In der Tat ist die <em class="gesperrt">Gestalt</em> der Weltgeschichte ein +<em class="gesperrt">ungeprüfter geistiger Besitz</em>, der sich, auch unter Historikern +von Beruf, von Generation zu Generation unberührt vererbt und dem +ein kleiner Teil der Skepsis, welche seit Galilei das uns angeborne +Naturbild zergliedert und vertieft hat, sehr not täte.</p> + +<p><em class="gesperrt">Altertum</em> — <em class="gesperrt">Mittelalter</em> — <em class="gesperrt">Neuzeit</em>: das ist das +unglaubwürdig dürftige und <em class="gesperrt">sinnlose</em> Schema, dessen absolute +Herrschaft über unser historisches Bewußtsein uns immer wieder +gehindert hat, die eigentliche Stellung der kleinen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Teilwelt, wie +sie sich seit der deutschen Kaiserzeit auf dem Boden des westlichen +Europa entfaltet hat, in ihrem Verhältnis zur Weltgeschichte — zur +Gesamtgeschichte des höhern Menschentums also — nach ihrem Range, +ihrer Gestalt, ihrer Lebensdauer vor allem richtig aufzufassen. Es wird +künftigen Kulturen kaum glaublich erscheinen, daß dieser Grundriß mit +seinem einfältigen geradlinigen Ablauf, seinen unsinnigen Proportionen, +der von Jahrhundert zu Jahrhundert sinnloser wird und eine natürliche +Eingliederung der neu in das Licht unsres historischen Bewußtseins +tretenden Gebiete gar nicht zuläßt, gleichwohl in seiner Gültigkeit +niemals angezweifelt worden ist. Selbst die Kritik, die an ihm geübt, +und die weitgehenden Modifikationen, denen er notgedrungen unterworfen +wurde — z. B. die Verlagerung des Anfangspunktes der „Neuzeit“ +von den Kreuzzügen zur Renaissance und von dort zum Anfang des 19. +Jahrhunderts —, beweisen nur, daß man ihn selbst für unerschütterlich, +beinahe für das Resultat einer göttlichen Erleuchtung, mindestens für +selbstverständlich hielt, sozusagen für eine apriorische Form der +historischen Anschauung, wie sie Kant beschreibt.</p> + +<p>Aber diese schlechthin geltende Form ließ keinerlei Vertiefung zu, +und da man auf sie nicht verzichtete, so verzichtete man auf ein +<em class="gesperrt">eigentliches</em> Begreifen weltgeschichtlicher Zusammenhänge. Ihr +hat man es zu verdanken, daß die großen morphologischen Probleme der +Geschichte gar nicht in Erscheinung treten konnten. <em class="gesperrt">Sie</em> hat die +formale Betrachtung der Historie auf einem Niveau gehalten, dessen man +sich in andern Wissenschaften geschämt hätte.</p> + +<p>Es genügt, darauf hinzuweisen, daß dieser Grundriß einen +oberflächlichen Anfang und ein Ende dort setzt, wo in tieferem +Sinne von Anfang und Ende nicht die Rede sein kann. Hier bildet die +Landschaft des westlichen Europa<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> den ruhenden<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Pol (mathematisch +gesprochen einen singulären Punkt auf einer Kugeloberfläche) — +man weiß nicht warum, wenn nicht dies der Grund ist, daß wir, die +Konstruktoren dieses Geschichtsbildes, gerade hier zu Hause sind +— um den sich Jahrtausende gewaltigster Geschichte und fernab +gelagerte ungeheure Kulturen in aller Bescheidenheit drehen. Das +ist ein Planetensystem von höchst eigenartiger Erfindung. Man wählt +einen einzelnen Fleck zum Schwerpunkt eines historischen Systems. +Hier ist die Zentralsonne. Von hier aus erhalten die Ereignisse +der Geschichte das rechte Licht. Von hier aus wird ihre Bedeutung +<em class="gesperrt">perspektivisch</em> abgemessen. Aber hier redet in Wirklichkeit +die durch keine Skepsis gezügelte Eitelkeit des westeuropäischen +Menschen, in dessen Geiste sich dies Phantom „Weltgeschichte“ entrollt. +Ihr verdankt man die uns längst zur Gewohnheit gewordene ungeheure +optische Täuschung, wonach der historische Stoff von Jahrtausenden +in einiger Entfernung, etwa in Altägypten und China, zu Miniaturen +zusammenschrumpft, während die Jahrzehnte in der Nähe des eignen +Standortes, seit Luther und besonders seit<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Napoleon, gespensterhaft +anschwellen. Wir wissen, daß nur scheinbar eine Wolke um so langsamer +wandert, je höher sie steht und ein Zug durch eine ferne Landschaft +nur scheinbar schleicht, aber wir glauben, daß das Tempo der frühen +indischen, babylonischen, ägyptischen Geschichte wirklich langsamer war +als das unsrer nächsten Vergangenheit. Und wir finden ihre Substanz +dünner, ihre Formen gedämpfter und gestreckter, weil wir nicht gelernt +haben, die — innere und äußere — Entfernung in Rechnung zu stellen. +Nirgends wird der Mangel an geistiger Freiheit, an Selbstkritik, der +die historische Methode heute von jeder andern zu ihrem Nachteil +unterscheidet, deutlicher als hier.</p> + +<p>Daß für die Kultur des Abendlandes, die — sagen wir seit Napoleon +— für absehbare Zeit der Welt wenigstens oberflächlich ihre Formen +aufprägt, das Dasein von Athen, Florenz, Paris wichtiger ist als vieles +andre, versteht sich von selbst. Aber diesen Umstand, weil gerade wir +im Zusammenhange dieser Kultur leben, zum struktiven Prinzip einer +Universalgeschichte zu machen, verrät den Horizont eines Provinzialen. +Es würde den chinesischen Historiker berechtigen, seinerseits eine +Weltgeschichte zu entwerfen, in der die Kreuzzüge und die Renaissance, +Cäsar und Friedrich der Große als belanglos mit Stillschweigen +übergangen werden. Es steht dem Tagespolitiker und dem Sozialkritiker +frei, in der Bewertung andrer Zeiten seinen privaten Geschmack +walten zu lassen, so wie es dem chemischen Techniker freisteht, +praktisch das Gebiet der Benzolderivate als das wichtigste Kapitel der +Naturwissenschaften zu behandeln und etwa die Elektrodynamik unbeachtet +zu lassen, aber der <em class="gesperrt">Denker</em> hat seine Person aus seinen +Kombinationen auszuschalten. Warum ist, morphologisch betrachtet, +das 18. Jahrhundert wichtiger zu nehmen als eins der sechzig +voraufgehenden? Ist es nicht lächerlich, eine „Neuzeit“ vom Umfang +einiger Jahrhunderte, noch dazu wesentlich in Westeuropa lokalisiert, +einem „Altertum“ gegenüberzustellen, das ebensoviel Jahrtausende umfaßt +und dem die Masse aller vorgriechischen Kulturen ohne den Versuch +einer tiefern Gliederung einfach als Anhang zugerechnet wird? Hat +man nicht, um das verjährte Schema zu retten, Ägypten und Babylon, +deren in sich geschlossene Historien, jede für sich, allein die +angebliche<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> „Weltgeschichte“ von Karl dem Großen bis zum Weltkriege +und weit darüber hinaus aufwiegt, als Vorspiel zur Antike abgetan, die +mächtigen Komplexe der indischen und chinesischen mit einer Miene der +Verlegenheit in eine Anmerkung verwiesen und die großen amerikanischen +Kulturen, weil ihnen der „Zusammenhang“ (womit?) fehlt, überhaupt +ignoriert? Das ist unsre „Weltgeschichte“. So denkt der Neger, der die +Welt in sein Dorf, seinen Stamm und den „Rest“ einteilt und der den +Mond für viel kleiner ansieht als die Wolken, die ihn verschlingen.</p> + +<p>Ich nenne dies dem Westeuropäer geläufige Schema, in dem die hohen +Kulturen ihre Bahnen <em class="gesperrt">um uns</em> als den vermeintlichen Mittelpunkt +alles Weltgeschehens ziehen, das <em class="gesperrt">ptolemäische System</em> +der Geschichte und ich betrachte es als die <em class="gesperrt">kopernikanische +Entdeckung</em> im Bereich der Historie, daß in diesem Buche ein neues +System, das System an seine Stelle tritt, in dem als wechselnde +Erscheinungen und Ausdrücke des <em class="gesperrt">einen</em>, in der Mitte ruhenden +Lebens Antike und Abendland neben Indien, Babylon, China, Ägypten, +dem Arabertum und der Mayakultur — Einzelwelten des Werdens, die im +Gesamtbilde der Geschichte ebenso schwer wiegen, die an Großartigkeit +der seelischen Konzeption, an Gewalt des Aufstiegs das Hellenentum +vielfach übertreffen — eine in keiner Weise bevorzugte Stellung +einnehmen.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_7">7</h3> + +</div> + +<p>Das Schema Altertum — Mittelalter — Neuzeit ist eine durch die Kirche +übermittelte Schöpfung der Gnosis — also des semitischen, insbesondere +syrisch-jüdischen Weltgefühls während der römischen Kaiserzeit.</p> + +<p>Innerhalb der sehr engen Grenzen, welche die geistige Voraussetzung +dieser bedeutenden Konzeption bilden, bestand sie durchaus zu Recht. +Hier fällt weder die indische noch selbst die ägyptische Geschichte +in den Kreis der Betrachtung. Das Wort Weltgeschichte bezeichnet im +Munde dieser Denker einen einmaligen, höchst dramatischen Akt, dessen +Schauplatz die Landschaft<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> zwischen Hellas und Persien war. In ihm +gelangt das streng dualistische Weltgefühl des Morgenländers zum +Ausdruck, nicht polar wie in der gleichzeitigen Metaphysik durch den +Gegensatz von Seele und Geist, sondern periodisch,<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> als Katastrophe +gesehen, als Wende zweier Zeitalter zwischen Weltschöpfung und +Weltuntergang, unter Absehen von allen Elementen, die nicht einerseits +durch die antike Literatur, andrerseits durch die Bibel fixiert waren. +In diesem Weltbilde erscheint als „Altertum“ und „Neuzeit“ der damals +handgreifliche Gegensatz von heidnisch und christlich, antik und +orientalisch, Statue und Dogma, Natur und Geist in <em class="gesperrt">zeitlicher</em> +Fassung, als Prozeß der Überwindung des einen durch das andre. Der +historische Übergang trägt die religiösen Merkmale einer Erlösung. Ohne +Zweifel ein auf engen, durchaus provinzialen Ansichten beruhender, +aber logischer und in sich vollkommener Aspekt, der indessen an dieser +Landschaft und diesem Menschentum haftete und keiner <em class="gesperrt">natürlichen</em> +Erweiterung fähig war.</p> + +<p>Erst durch die additive Hinzufügung eines dritten Zeitalters — +<em class="gesperrt">unsrer</em> „Neuzeit“ — auf abendländischem Boden ist in das +Bild eine Bewegungstendenz gekommen. Das orientalische Gegenbild +war <em class="gesperrt">ruhend</em>, eine geschlossene, im Gleichgewicht verharrende +Antithese, mit einer einmaligen göttlichen Aktion als Mitte. Das +so sterilisierte Fragment der Geschichte, von einer ganz neuen Art +Mensch aufgenommen und getragen, wurde nun plötzlich, ohne daß man +sich des Bizarren einer solchen Änderung bewußt worden wäre, in +Gestalt einer <em class="gesperrt">Linie</em> fortgesponnen, die von Homer oder Adam — +die Möglichkeiten sind heute durch die Indogermanen, die Steinzeit +und den Affenmenschen bereichert — über Jerusalem, Rom, Florenz und +Paris hinauf oder hinab führte, je nach dem persönlichen Geschmack +des Historikers, Denkers oder Künstlers, der das dreiteilige Bild mit +schrankenloser Freiheit interpretierte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<p>Man fügte also den <em class="gesperrt">komplementären</em> Begriffen Heidentum +und Christentum — beide sukzessiv, als Weltalter gefaßt — den +<em class="gesperrt">abschließenden</em> einer „Neuzeit“ hinzu, die scherzhafterweise +ihrerseits eine Fortsetzung des Verfahrens nicht gestattet und, nachdem +sie seit den Kreuzzügen wiederholt „gestreckt“ worden ist, einer +weiteren Dehnung nicht fähig erscheint. Man war, ohne es auszusprechen, +der Meinung, daß hier jenseits von Altertum und Mittelalter etwas +Endgültiges beginne, ein drittes Reich, in dem irgendwie eine +Erfüllung lag, ein Höhepunkt, ein Ziel, das erkannt zu haben von +den Scholastikern an bis zu den Sozialisten unserer Tage jeder sich +allein zuschrieb. Es war das eine ebenso bequeme als für ihren Urheber +schmeichelhafte Einsicht in den Lauf der Dinge. Man hatte ganz einfach +den Geist des Abendlandes mit dem Sinn der Welt verwechselt. Aus +einer geistigen Not haben dann große Denker eine metaphysische Tugend +gemacht, indem sie das durch den <i>consensus omnium</i> geheiligte +Schema, ohne es einer ernsthaften Kritik zu unterwerfen, zur Basis +einer Philosophie machten und als Urheber ihres jeweiligen „Weltplanes“ +Gott bemühten. Die mystische Dreizahl der Weltalter hatte für den +metaphysischen Geschmack ohnehin etwas höchst Verführerisches. Herder +nannte die Geschichte eine Erziehung des Menschengeschlechts, Kant eine +Entwicklung des Begriffs der Freiheit, Hegel eine Selbstentfaltung +des Weltgeistes, andre anders. In Entwürfen dieser Art hat sich die +historische Gestaltungskraft aber bereits erschöpft.</p> + +<p>Die Idee eines dritten Reiches kannte schon der Abt Joachim von Floris +(† 1202), der die drei Phasen mit den Symbolen des Vaters, des Sohnes +und des Heiligen Geistes in Verbindung brachte. Lessing, der seine Zeit +im Hinblick auf die Antike mehrmals geradezu als Nachwelt bezeichnet, +hat den Gedanken für seine „Erziehung des Menschengeschlechts“ (mit den +Stufen des Kindes, Jünglings und Mannes) aus den Lehren der Mystiker +des 14. Jahrhunderts übernommen, und Ibsen, der ihn in seinem Drama +„Kaiser und Galiläer“ (wo das gnostische Weltdenken in der Gestalt +des Zauberers Maximos unmittelbar hineinragt) gründlich behandelte, +ist in seiner bekannten<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Stockholmer Rede von 1887 keinen Schritt +darüber hinausgekommen. Augenscheinlich ist es eine Forderung des +westeuropäischen Selbstgefühls, mit der eignen Erscheinung eine Art +Abschluß zu statuieren.</p> + +<p>Aber es ist eine völlig unhaltbare Manier, Weltgeschichte zu deuten, +indem man seiner politischen, religiösen oder sozialen Oberzeugung +die Zügel schießen und den drei Phasen, an denen man nicht zu rütteln +wagt, eine Richtung angedeihen läßt, die genau dem eignen Standort +zuführt, und je nachdem die Reife des Verstandes, die Humanität, das +Glück der Meisten, die wirtschaftliche Evolution, die Aufklärung, die +Freiheit der Völker, die Unterwerfung der Natur, die wissenschaftliche +Weltanschauung und dergleichen als absoluten Maßstab an Jahrtausende +anlegt, von denen man beweist, daß sie das Richtige nicht begriffen +oder nicht erreicht haben, während sie in Wirklichkeit nur etwas andres +wollten als wir. „Es kommt offenbar im Leben aufs Leben und nicht auf +ein Resultat desselben an“ — das ist ein Wort Goethes, das man allen +törichten Versuchen, das Geheimnis der historischen Form durch ein +<em class="gesperrt">Programm</em> zu enträtseln, entgegenstellen sollte.</p> + +<p>Das gleiche Bild wird von den Historikern jeder einzelnen Kunst und +Wissenschaft, Nationalökonomie und Philosophie nicht zu vergessen, +gezeichnet. Da sehen wir „die“ Malerei von den Ägyptern (oder den +Höhlenmenschen) bis zu den Impressionisten, „die“ Musik vom blinden +Sänger Homers bis nach Bayreuth, „die“ Gesellschaftsordnung von +den Pfahlbaubewohnern bis zum Sozialismus in linienhaftem Aufstieg +begriffen, dem irgendeine gleichbleibende Tendenz zugrunde gelegt +wird, ohne daß man die Möglichkeit ins Auge faßt, daß Künste eine +gemessene Lebensdauer besitzen, daß sie an eine Landschaft und eine +bestimmte Art Mensch als dessen Ausdruck gebunden sind, daß also diese +Gesamtgeschichten lediglich eine äußerliche Summierung einer Anzahl von +Einzelphänomenen, von Sonderkünsten sind, die nichts als den Namen und +einiges der handwerklichen Technik gemein haben.</p> + +<p>Dieser Weltblick ist nicht ohne Komik. Auf jedem andern Gebiete der +lebendigen Natur nehmen wir das Recht in Anspruch, aus der Erscheinung +selbst, sei es durch Erfahrung, sei<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> es durch intuitives Erfassen des +innern Wesens, die Gestalt abzuleiten, welche ihrem Dasein zugrunde +liegt. Wir wissen, daß die Lebensphänomene eines Tieres, einer Pflanze +auf die der verwandten Arten schließen lassen, daß alles Lebende +eine geheimnisvolle Ordnung, die mit Gesetz, Kausalität, Zahl nichts +zu tun hat, in sich trägt und wir ziehen daraus die morphologischen +Folgerungen. Nur hier, wo es sich um den Menschen selbst handelt, +lassen wir die historische Form seines Daseins, die irgendwann +einmal behauptet worden ist, ohne Nachprüfung gelten und zwingen die +Tatsachen, so gut oder schlecht es geht, in das vorgefaßte Schema. +Geht es nicht — um so schlimmer für die Tatsachen. Wir behandeln +sie mit Verachtung wie die Geschichte der Chinesen oder würdigen sie +überhaupt keines Blickes wie die Kultur der Maya. Sie haben „zum Bau +der Weltgeschichte nichts beigetragen“ — ein köstlicher Ausspruch.</p> + +<p>Von jedem Organismus wissen wir, daß Tempo, Gestalt und Dauer seines +Lebens und jeder einzelnen Lebensäußerung bestimmt sind. Niemand +wird von einer tausendjährigen Eiche erwarten, daß sie eben jetzt im +Begriff ist, mit dem eigentlichen Lauf ihrer Entwicklung zu beginnen. +Niemand erwartet von einer Raupe, die er täglich wachsen sieht, daß +sie möglicherweise ein paar Jahre damit fortfährt. Hier hat jeder +mit unbedingter Gewißheit das Gefühl einer <em class="gesperrt">Grenze</em>, das mit +einem Gefühl für organische Formen identisch ist. Der Geschichte des +höhern Menschentums gegenüber aber herrscht ein grenzenlos trivialer +Optimismus in bezug auf die Zukunft. Hier schweigt alle psychologische +und physiologische Erfahrung, so daß jedermann im zufällig +Gegenwärtigen die „Ansätze“ zu einer ganz besonders hervorragenden +linienhaften „Weiterentwicklung“ feststellt, weil er sie wünscht. Hier +wird mit schrankenlosen Möglichkeiten — nie mit einem natürlichen Ende +— gerechnet und aus der Lage jedes Augenblicks heraus eine höchst +naive Konstruktion der Fortsetzung entworfen.</p> + +<p>Aber „die Menschheit“ hat kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so +wenig die Gattung der Schmetterlinge oder der Orchideen ein Ziel hat. +„Die Menschheit“ ist ein leeres Wort. Man lasse dies Phantom aus dem +Umkreis der historischen Formprobleme<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> schwinden und man wird einen +überraschenden Reichtum <em class="gesperrt">wirklicher</em> Formen auftauchen sehen. Hier +ist eine unermeßliche Fülle, Tiefe und Bewegtheit des Lebendigen, die +bis jetzt durch eine Phrase, durch ein dürres Schema, durch persönliche +„Ideale“ verdeckt wurde. Ich sehe statt des monotonen Bildes einer +linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrecht erhält, wenn +man vor der überwiegenden Zahl der Tatsachen das Auge schließt, das +Phänomen einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft +aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen im +ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von denen +jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Form aufprägt, von +denen jede ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Idee, ihre <em class="gesperrt">eignen</em> Leidenschaften, +ihr <em class="gesperrt">eignes</em> Leben, Wollen, Fühlen, ihren <em class="gesperrt">eignen</em> Tod hat. +Hier gibt es Farben, Lichter, Bewegungen, die noch kein geistiges +Auge entdeckt hat. Es gibt aufblühende und alternde Kulturen, Völker, +Sprachen, Wahrheiten, Götter, Landschaften, wie es junge und alte +Eichen und Pinien, Blüten, Zweige, Blätter gibt, aber es gibt keine +alternde „Menschheit“. Jede Kultur hat ihre eignen Möglichkeiten des +Ausdrucks, die erscheinen, reifen, verwelken und nie wiederkehren. +Es gibt viele, im tiefsten Wesen völlig voneinander verschiedene +Plastiken, Malereien, Mathematiken, Physiken, jede von begrenzter +Lebensdauer, jede in sich selbst geschlossen, wie jede Pflanzenart +ihre eignen Blüten und Früchte, ihren eignen Typus von Wachstum und +Niedergang hat. Diese Kulturen, Lebewesen höchsten Ranges, wachsen in +einer erhabenen Zwecklosigkeit auf, wie die Blumen auf dem Felde. Sie +gehören, wie Pflanzen und Tiere, der lebendigen Natur Goethes, nicht +der toten Natur Newtons an. Ich sehe in der Weltgeschichte das Bild +einer ewigen Gestaltung und Umgestaltung, eines wunderbaren Werdens und +Vergehens organischer Formen. Der zünftige Historiker aber sieht sie in +der Gestalt eines Bandwurms, der unermüdlich Epochen „ansetzt“.</p> + +<p>Indessen hat die Kombination „Altertum — Mittelalter — Neuzeit“ +endlich ihre Wirkung erschöpft. So winkelhaft eng und flach sie +war, so stellte sie doch die einzige nicht ganz unphilosophische +Fassung dar, die wir besaßen, und was als Weltgeschichte<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> literarisch +geordnet wurde, hat ihr den Rest von philosophischem Gehalt zu +verdanken; aber die Zahl von Jahrhunderten, die durch dies Schema +<em class="gesperrt">höchstens</em> zusammengehalten werden konnte, ist längst +erreicht. Das traditionelle Bild beginnt sich bei rascher Zunahme +des historischen Stoffes, namentlich des außerhalb dieser Ordnung +liegenden, in ein unübersehbares Chaos aufzulösen. Jeder nicht +ganz blinde Historiker weiß und fühlt das und nur um nicht ganz zu +versinken, hält er um jeden Preis das einzige ihm bekannte Schema +fest. Das Wort Mittelalter, 1667 von Professor Horn in Leyden geprägt, +muß heute eine formlose, sich beständig ausdehnende Masse decken, die +rein negativ durch das begrenzt wird, was sich unter keinem Vorwand +den beiden andern, leidlich geordneten Komplexen zurechnen läßt. Die +unsichere Behandlung und Wertung der neupersischen, arabischen und +russischen Geschichte sind Beispiele dafür. Vor allem läßt sich der +Umstand nicht länger verhehlen, daß diese angebliche Geschichte der +Welt sich anfangs tatsächlich auf die Region des östlichen Mittelmeeres +und später, seit der Völkerwanderung, einem nur für uns wichtigen und +deshalb stark vergrößerten, in Wirklichkeit rein lokalen Ereignis, +das schon die arabische Kultur nichts angeht, mit einem plötzlichen +Wechsel des Schauplatzes auf das mittlere Westeuropa beschränkt. +Hegel hatte in aller Naivität erklärt, daß er die Völker, die in sein +System der Geschichte nicht paßten, ignorieren werde. Aber das war nur +ein ehrliches Eingeständnis von methodischen Voraussetzungen, ohne +die <em class="gesperrt">kein</em> Historiker zum Ziele kam. Man kann die Disposition +sämtlicher Geschichtswerke daraufhin prüfen. Es ist heute in der Tat +eine Frage des wissenschaftlichen Taktes, welche der historischen +Phänomene man <em class="gesperrt">ernsthaft</em> mitzählt und welche nicht. Ranke ist ein +gutes Beispiel dafür.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_8">8</h3> + +</div> + +<p>Wir denken heute in Erdteilen. Nur unsere Philosophen und Historiker +haben das noch nicht gelernt. Was können uns da Gedanken und +Perspektiven bedeuten, die mit dem Anspruch<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> auf universale Gültigkeit +hervortreten und deren Horizont über die geistige Atmosphäre des +westeuropäischen Menschen nicht hinausreicht?</p> + +<p>Man sehe sich daraufhin unsre besten Bücher an. Wenn Plato von der +Menschheit redet, so meint er den Hellenen im Gegensatz zum Barbaren. +Das entspricht durchaus dem ahistorischen Stil des antiken Lebens +und Denkens und führt unter dieser Voraussetzung zu folgerichtigen +Resultaten. Wenn aber Kant philosophiert, über ethische Ideale zum +Beispiel, so behauptet er die Gültigkeit seiner Sätze für die Menschen +aller Arten und Zeiten. Er spricht das nur nicht aus, weil es für +ihn und seine Leser allzu selbstverständlich ist. Er formuliert +in seiner Ästhetik nicht das Prinzip der Kunst des Phidias oder +der Kunst Rembrandts, sondern gleich das der Kunst überhaupt. Aber +was er an notwendigen Formen des Denkens feststellt, sind doch nur +die notwendigen Formen des abendländischen Denkens. Ein Blick auf +Aristoteles und dessen wesentlich andre Resultate hätte lehren sollen, +daß hier nicht ein weniger klarer, sondern ein anders angelegter Geist +über sich reflektiert. Russischen Philosophen wie Solovjeff ist der +kosmische Solipsismus,<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> der Kants Vernunftkritik zugrunde liegt +(jede noch so abstrakte Theorie ist der Ausdruck eines Weltgefühls) und +sie für den westeuropäischen Menschen zum wahrsten aller Systeme macht, +unverständlich und für den modernen Chinesen und Araber mit ihren ganz +anders gearteten Intellekten hat die Lehre Kants lediglich den Wert +einer Kuriosität.</p> + +<p>Das ist es, was dem abendländischen Denker fehlt und <em class="gesperrt">gerade ihm</em> +nicht fehlen sollte: die Einsicht in den <em class="gesperrt">historisch-relativen</em> +Charakter seiner Resultate, die selbst Ausdruck <em class="gesperrt">eines und nur dieses +einen</em> Daseins sind, das Wissen um die notwendigen Grenzen der +Gültigkeit, die Überzeugung, daß seine „unumstößlichen Wahrheiten“ und +„ewigen Einsichten“ eben nur für ihn wahr und in seinem Weltaspekte +ewig sind und daß es Pflicht ist, darüber hinaus nach denen zu +suchen, die der Mensch anderer Kulturen mit derselben<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Gewißheit aus +sich heraus ausgesprochen hat. Das gehört zur <em class="gesperrt">Vollständigkeit</em> +einer Philosophie der Zukunft. Das erst heißt die Formensprache +der Geschichte, der <em class="gesperrt">lebendigen</em> Welt verstehen. Es gibt hier +nichts Bleibendes und Allgemeines. Man rede nicht mehr von den Formen +<em class="gesperrt">des</em> Denkens, dem Prinzip <em class="gesperrt">des</em> Tragischen, der Aufgabe +<em class="gesperrt">des</em> Staates. Allgemeingültigkeit ist immer der Fehlschluß von +sich auf andre.</p> + +<p>Sehr viel bedenklicher wird das Bild, wenn wir uns den Denkern der +westeuropäischen Modernität von Schopenhauer an zuwenden, dort, wo der +Schwerpunkt des Philosophierens aus dem Abstrakt-Systematischen ins +Praktisch-Ethische rückt und an Stelle des Problems der Erkenntnis +das Problem des Lebens (des Willens zum Leben, zur Macht, zur Tat) +tritt. Hier wird nicht mehr das ideale Abstraktum „Mensch“ wie bei +Kant, sondern der wirkliche Mensch, wie er in historischer Zeit, +als primitiver oder als Kulturmensch völkerhaft gruppiert, die +Erdoberfläche bewohnt, der Betrachtung unterworfen, und es ist +lächerlich, wenn auch da noch das Format der höchsten Begriffe durch +das Schema Altertum — Mittelalter — Neuzeit und die damit verbundene +örtliche Beschränkung bestimmt wird. Aber das ist der Fall.</p> + +<p>Betrachten wir den historischen Horizont Nietzsches. Seine Begriffe der +Dekadence, des Nihilismus, der Umwertung aller Werte, Konzeptionen, die +tief im Wesen der abendländischen Zivilisation begründet liegen und für +ihre Analyse schlechthin entscheidend sind — welches war die Basis +ihrer Formulierung? Römer und Griechen, Renaissance und europäische +Gegenwart, einen flüchtigen Seitenblick auf die (mißverstandene) +indische Philosophie eingerechnet, kurz: Altertum — Mittelalter — +Neuzeit. Darüber ist er, streng genommen, nie hinausgegangen und die +andern Denker der Epoche so wenig wie er. Aber ist das die Grundlage +einer Philosophie der <em class="gesperrt">Welt</em>? Heißt das, menschliche Geschichte +<em class="gesperrt">überhaupt</em> betrachten? Ist es ein Wunder, daß Nietzsche, wenn +er, ohne von Ägypten und Babylon, Rußland und China etwas zu wissen, +von einzelnen Beobachtungen zu allgemeinen Zusammenfassungen übergeht +— hierher gehören die Gedanken über die Herrenmoral,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> die blonde +Bestie, den Übermenschen — alsbald zu summarischen, vermeintlich +weltumfassenden Konstruktionen gelangt, die in Wirklichkeit recht +provinzial, völlig willkürlich, zuletzt komisch sind?</p> + +<p>In welcher Beziehung steht denn sein Begriff des Dionysischen — +zum Innenleben der hochzivilisierten Chinesen aus der Zeit des +Konfucius oder eines modernen Amerikaners? Was bedeutet der Typus des +Übermenschen — für die Welt des Islam? Oder was sollen die Begriffe +Natur und Geist, heidnisch und christlich, antik und modern als +gestaltende Antithese im Seelentum des Inders und Russen bedeuten? Was +hat Tolstoi, der aus seiner tiefsten Menschlichkeit heraus die ganze +Ideenwelt des Westens als etwas Fremdes und Fernes ablehnte, mit dem +„Mittelalter“, mit Dante, mit Luther, was hat ein Japaner mit dem +Parzifal und dem Zarathustra, was ein Inder mit Sophokles zu schaffen? +Und ist die Gedankenwelt Schopenhauers, Comtes, Feuerbachs, Hebbels, +Strindbergs etwa weiträumiger? Ist ihre gesamte Psychologie trotz aller +kosmischen Aspirationen nicht von rein abendländischer Bedeutung? Wie +komisch wirken Ibsens Frauenprobleme, die ebenfalls mit dem Anspruch +auf die Aufmerksamkeit der ganzen „Menschheit“ auftreten, wenn man an +Stelle der berühmten Nora, einer nordwesteuropäischen Großstadtdame, +deren Gesichtskreis etwa einer Mietwohnung von 2000 bis 6000 Mark und +einer protestantischen Erziehung entspricht, Cäsars Frau, Madame de +Sévigné, eine Japanerin oder eine Tiroler Bäuerin setzt? Aber Ibsen +selbst besitzt den Gesichtskreis der großstädtischen Mittelklasse von +gestern und heute. Seine Konflikte, deren psychische Voraussetzungen +etwa seit 1850 vorhanden sind und 1950 kaum überdauern werden, sind +bereits nicht mehr die der großen Welt und der untern Masse, geschweige +denn die von Städten mit nichteuropäischer Bevölkerung.</p> + +<p>Alles das sind episodische und lokale, meist sogar auf die +augenblickliche Intelligenz der Großstädte von westeuropäischem Typus +beschränkte, nichts weniger als welthistorische und ewige Werte, und +wenn sie der Generation Ibsens und Nietzsches noch so wesentlich +sind, so heißt es eben doch den Sinn des Wortes Weltgeschichte — die +keine Auswahl, sondern eine Totalität<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> darstellt — mißverstehen, +wenn man die außerhalb des modernen Interesses liegenden Faktoren ihm +unterordnet, sie unterschätzt oder übersieht. Und das ist in einem +ungewöhnlich hohen Grade der Fall. Was im Abendlande bisher über die +Probleme des Raumes, der Zeit, der Bewegung, der Zahl, des Willens, der +Ehe, des Eigentums, des Tragischen, der Wissenschaft gesagt und gedacht +worden ist, blieb eng und zweifelhaft, weil man immer darauf aus war, +<em class="gesperrt">die</em> Lösung <em class="gesperrt">der</em> Frage zu finden, statt einzusehen, daß zu +vielen Fragenden viele Antworten gehören, daß eine philosophische Frage +nur der verhüllte Wunsch ist, eine bestimmte Antwort zu erhalten, die +in der Frage schon beschlossen liegt, daß man die großen Fragen einer +Zeit gar nicht ephemer genug fassen kann und daß demnach eine <em class="gesperrt">Gruppe +historisch bedingter Lösungen</em> angenommen werden muß, deren +<em class="gesperrt">Übersicht</em> erst — unter Ausschaltung aller eignen Überzeugungen +— die letzten Geheimnisse aufschließt. Für den Denker — den echten — +gibt es keine absolut richtigen oder falschen Standpunkte. Es genügt +nicht, angesichts so schwerer Probleme wie dem der Zeit oder der Ehe +die persönliche Erfahrung, die innere Stimme, die Vernunft, die Meinung +der Vorgänger oder Zeitgenossen zu befragen. So erfährt man, was für +einen selbst, für die eigne Zeit wahr ist, aber das ist nicht alles. +Die Erscheinung anderer Kulturen redet eine andre Sprache. Für andre +Menschen gibt es andre Wahrheiten. Für den Denker sind sie alle gültig +oder keine.</p> + +<p>Man begreift, welcher Erweiterung und Vertiefung die abendländische +Weltkritik fähig ist und was alles über den harmlosen Relativismus +Nietzsches und seiner Generation hinaus in den Kreis der Betrachtung +gezogen, welche Feinheit des Formgefühls, welcher Grad von Psychologie, +welche Entsagung und Unabhängigkeit von praktischen Interessen, welche +Unumschränktheit des Horizonts erreicht werden muß, bevor man sagen +darf, man habe die Weltgeschichte, die <em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em>, +verstanden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_9">9</h3> + +</div> + +<p>Diesem allem, den willkürlichen, engen, von außen gekommenen, vom +eignen Interesse diktierten, der Historie aufgezwungenen<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Formen stelle +ich die natürliche, die „kopernikanische“ Gestalt des Weltgeschehens +entgegen, die ihm in der Tiefe innewohnt und sich nur dem nicht +voreingenommenen Blick offenbart.</p> + +<p>Ich erinnere an Goethe. Was er die <em class="gesperrt">lebendige Natur</em> genannt +hat, ist genau das, was hier Weltgeschichte im weitesten Umfange, +<em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em> genannt wird. Goethe, der als Künstler +wieder und immer wieder das Leben, die Entwicklung seiner Gestalten, +das Werden, nicht das Gewordene, herausbildet, wie es der Wilhelm +Meister und Wahrheit und Dichtung zeigen, haßte die Mathematik. Hier +stand die Welt als Mechanismus der Welt als Organismus, die tote der +lebendigen Natur, das Gesetz der Gestalt gegenüber. Jede Zeile, die er +als Naturforscher schrieb, sollte die Gestalt des Werdenden, „geprägte +Form, die lebend sich entwickelt,“ vor Augen stellen. Nachfühlen, +Anschauen, Vergleichen, die unmittelbare innere Gewißheit, die exakte +sinnliche Phantasie — das waren seine Mittel, den Geheimnissen der +bewegten Erscheinung nahe zu kommen. <em class="gesperrt">Und das sind die Mittel der +Geschichtsforschung überhaupt.</em> Es gibt keine andern. Dieser +<em class="gesperrt">göttliche</em> Blick ließ ihn am Abend der Schlacht von Valmy am +Lagerfeuer jenes Wort aussprechen: „Von hier und heute geht eine neue +Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei +gewesen.“ Kein Heerführer, kein Diplomat, von Philosophen zu schweigen, +hat Geschichte so unmittelbar werden gefühlt. Es ist das tiefste +Urteil, das je über einen großen Akt der Geschichte in dem Augenblick +ausgesprochen wurde, wo er sich vollzog.</p> + +<p>Und so wie er die Entwicklung der Pflanzenform aus dem Blatt, die +Entstehung des Wirbeltiertypus, das Werden der geologischen Schichten +verfolgte — <em class="gesperrt">das Schicksal der Natur, nicht ihre Kausalität</em> — +soll hier die Formensprache der menschlichen Historie, ihre periodische +Struktur, der Atem der Geschichte aus der Fülle aller sinnfälligen +Einzelheiten entwickelt werden.</p> + +<p>Man hat sonst den Menschen den Organismen der Erdoberfläche zugerechnet +und mit Grund. Sein Körperbau, seine natürlichen Funktionen, seine +ganze sinnliche Erscheinung, alles<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> gehört einer umfassenderen +Einheit an. Nur hier macht man eine Ausnahme, trotz der tiefgefühlten +Verwandtschaft des Pflanzenschicksals mit dem Menschenschicksal +— einem ewigen Thema aller Lyrik — trotz der Ähnlichkeit aller +menschlichen Geschichte mit der jeder andern Gruppe höherer Lebewesen — +einem Thema unzähliger Märchen, Sagen und Fabeln. <em class="gesperrt">Hier</em> +vergleiche man, indem man die Welt menschlicher Kulturen rein und +tief auf die Einbildungskraft wirken läßt, nicht indem man sie in ein +vorgefaßtes Schema zwängt; man sehe in den Worten Jugend, Aufstieg, +Blütezeit, Verfall, die bis jetzt regelmäßig und heute mehr denn je der +Ausdruck subjektiver Wertschätzungen und allerpersönlichster Interessen +sozialer, moralischer, ästhetischer Art waren, endlich objektive +Bezeichnungen organischer Zustände; man stelle die antike Kultur als +in sich abgeschlossenes Phänomen, als Körper und Ausdruck der antiken +Seele, neben die ägyptische, indische, babylonische, chinesische, +abendländische und suche das Typische in den wechselnden Geschicken +dieser großen Individuen, das Notwendige in der unbändigen Fülle des +Zufälligen und man wird endlich das Bild der Weltgeschichte sich +entfalten sehen, das uns, den Menschen des Abendlandes, und uns allein +natürlich ist.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_10">10</h3> + +</div> + +<p>Kehren wir zum engeren Thema zurück, so ist aus diesem Weltblick die +Struktur der Gegenwart, zunächst zwischen 1800 und 2000, morphologisch +zu bestimmen. Das Wann dieser Epoche innerhalb der abendländischen +Gesamtkultur, ihr Sinn als biographischer Abschnitt, der in irgendeiner +Gestalt mit Notwendigkeit in jeder Kultur anzutreffen ist, die +organische und symbolische Bedeutung der ihr angehörenden politischen, +künstlerischen, geistigen, sozialen Form komplexe soll festgestellt +werden.</p> + +<p>An diesem Punkte ergibt sich die Identität der Periode mit dem +Hellenismus, und zwar im besonderen die ihres augenblicklichen +Höhepunktes — bezeichnet durch den Weltkrieg — mit dem Übergang der +hellenistischen in die Römerzeit. Das <em class="gesperrt">Römertum</em>, von strengstem +Tatsachensinn, ungenial, barbarisch,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> diszipliniert, praktisch, +protestantisch, <em class="gesperrt">preußisch</em>, wird uns, die wir auf Vergleiche +angewiesen sind, immer den Schlüssel zum Verständnis der eigenen +Zukunft bieten. <em class="gesperrt">Griechen und Römer — damit scheidet sich auch das +Schicksal, das sich für uns schon vollzogen hat und das, welches uns +bevorsteht.</em> Denn man hätte längst im „Altertum“ eine Entwicklung +finden können und sollen, die ein vollkommenes Gegenstück zur +eignen, westeuropäischen, bildet, in jeder Einzelheit der Oberfläche +verschieden, aber völlig gleich in dem innern Drang, der den großen +Organismus seiner Vollendung entgegentreibt. Wir hätten Zug um Zug vom +„trojanischen Krieg“ und den Kreuzzügen, Homer und dem Nibelungenlied +an über Dorik und Gotik, dionysischer Bewegung und Renaissance, +Polyklet und Sebastian Bach, Athen und Paris, Aristoteles und Kant, +Alexander und Napoleon bis zum Weltstadtstadium und Imperialismus +beider Kulturen hier ein beständiges <i>alter ego</i> der eignen +Wirklichkeit gefunden.</p> + +<p>Aber die Interpretation des antiken Geschichtsbildes, die hier +Vorbedingung war — wie einseitig ist sie immer angegriffen worden! +wie äußerlich! wie parteiisch! wie wenig umfassend! Weil wir uns +„den Alten“ allzu verwandt fühlten, haben wir uns die Aufgabe allzu +leicht gemacht. In der <em class="gesperrt">flachen</em> Ähnlichkeit liegt die Gefahr, +der die gesamte Altertumsforschung erlegen ist. Es ist ein ewiges +Vorurteil, das wir endlich überwinden sollten, daß die Antike uns +innerlich nahesteht, weil wir vermeintlich ihre Schüler und Nachkommen, +weil wir tatsächlich nur ihre Anbeter gewesen sind. Die ganze +religionsphilosophische, kunsthistorische, sozialkritische Arbeit +des 19. Jahrhunderts war nötig, nicht um uns endlich die Dramen des +Äschylus, die Lehre Platos, Apollo und Dionysos, den athenischen Staat, +den Cäsarismus verstehen zu lehren — davon sind wir weit entfernt —, +sondern um uns endlich fühlen zu lassen, wie unermeßlich fremd und fern +uns das alles innerlich ist, fremder vielleicht als die mexikanischen +Götter und die indische Architektur.</p> + +<p>Unsere Meinungen von der griechisch-römischen Kultur haben sich immer +zwischen zwei Extremen bewegt, wobei ohne Ausnahme das Schema Altertum +— Mittelalter — Neuzeit die Perspektive aller „Standpunkte“ von +vornherein bestimmt hat.<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Die einen, Männer des öffentlichen Lebens +vor allem, Nationalökonomen, Politiker, Juristen, finden die „heutige +Menschheit“ im besten Fortschreiten, schätzen sie sehr hoch ein und +messen an ihr alles Frühere. Es gibt keine moderne Partei, nach deren +Grundsätzen Kleon, Marius, Themistokles, Catilina und die Gracchen +nicht schon „gewürdigt“ worden sind. Die andern, Künstler, Dichter, +Philologen und Philosophen, fühlen sich in besagter Gegenwart nicht +zu Hause, nehmen darum in irgendeiner Vergangenheit einen ebenso +absoluten Standpunkt ein und verurteilen von ihm aus ebenso dogmatisch +das Heute. Die einen sehen im Griechentum ein „Noch nicht“, die andern +in der Modernität ein „Nicht mehr“, immer unter der Suggestion eines +Geschichtsbildes, das beide Phänomene linienförmig aneinander knüpft.</p> + +<p>Es sind die zwei Seelen Fausts, die sich in diesem Gegensatz +verwirklicht haben. Die Gefahr der einen ist die intelligente +Oberflächlichkeit. Es bleibt von allem, was antike Kultur, was Abglanz +der antiken Seele gewesen war, zuletzt nichts in ihren Händen als +soziale, wirtschaftliche, rechtliche, politische, physiologische +„Tatsachen“. Der Rest nimmt den Charakter von „sekundären Folgen“, +„Reflexen“, „Begleiterscheinungen“ an. Von der mythischen Wucht der +Chöre des Äschylus, von der kolossalen Erdkraft der ältesten Plastik, +der dorischen Säule, von der Glut der apollinischen Kulte, von der +Tiefe selbst noch des römischen Kaiserkultes ist in ihren Büchern +nichts zu spüren. Die andern, verspätete Romantiker vor allem, wie +noch zuletzt die drei Basler Professoren Bachofen, Burckhardt und +Nietzsche, erliegen der Gefahr aller Ideologie. Sie verlieren sich in +den Wolkenregionen eines Altertums, das lediglich ein Spiegelbild ihrer +philologisch geregelten Empfindsamkeit ist. Sie verlassen sich auf die +Reste der alten Literatur, das einzige Zeugnis, das ihnen edel genug +ist — aber noch nie ist eine Kultur durch ihre großen Schriftsteller +unvollkommener repräsentiert worden.<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> Die andern stützen sich +vorwiegend auf<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> das prosaische Quellenmaterial der Rechtsurkunden, +Inschriften und Münzen, das insbesondere Burckhardt und Nietzsche +sehr zu ihrem Schaden verachtet hatten, und ordnen ihm die erhaltene +Literatur mit ihrem oft minimalen Wahrheits- und Tatsachensinn unter. +So nahm man sich gegenseitig schon der kritischen Grundlagen wegen +nicht ernst. Ich wüßte nicht, daß Nietzsche und Mommsen einander die +geringste Beachtung geschenkt hätten.</p> + +<p>Aber keiner von beiden hat die Höhe der Betrachtung erreicht, aus +welcher dieser Gegensatz in nichts zerfällt und die trotzdem möglich +gewesen wäre. Hier rächte sich die Herübernahme des Kausalprinzips aus +der Naturwissenschaft in die Geschichtsforschung. Man kam zu einem das +Weltbild der Physik oberflächlich nachmalenden Pragmatismus, der die +ganz andersartige Formensprache der Historie verdeckt und verwirrt, +nicht erschließt. Man wußte allerseits nichts Besseres, um die Masse +historischen Materials einer vertieften und ordnenden Auffassung +zu unterwerfen, als einen Komplex von Erscheinungen als primär, +als Ursache anzusetzen und die übrigen demgemäß als sekundär, als +Folgen oder Wirkungen zu behandeln. Nicht nur die Praktiker, auch die +Romantiker haben dazu gegriffen, weil die Historie ihre <em class="gesperrt">eigne</em> +Logik auch ihrem beschränkten Blick nicht offenbart hat und das +Bedürfnis nach Feststellung einer immanenten Notwendigkeit, deren +Vorhandensein man <em class="gesperrt">fühlte</em>, viel zu stark war, wenn man nicht wie +Schopenhauer der Geschichte überhaupt mißmutig den Rücken kehren wollte.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_11">11</h3> + +</div> + +<p>Reden wir ohne weiteres von einer materialistischen und einer +ideologischen Art, die Antike zu sehen. Dort erklärt man, daß das +Sinken der einen Wagschale seine Ursache im Steigen der andern hat. +Man beweist, daß dies ohne Ausnahme der<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Fall ist — zweifellos ein +schlagender Beweis. Hier haben wir also Ursache und Wirkung, und zwar +stellen — selbstverständlich — die sozialen und sexuellen, allenfalls +die rein politischen Phänomene die Ursachen, die religiösen, geistigen, +künstlerischen die Wirkungen dar (soweit der Materialist für die +letzteren die Bezeichnung Tatsachen duldet). Die Ideologen beweisen +umgekehrt, daß das Steigen der einen Schale aus dem Sinken der andern +folgt, und sie beweisen es mit derselben Exaktheit. Sie versenken +sich in Kulte, Mysterien, Bräuche, in die Geheimnisse des Verses und +der Linie und würdigen das banausische Alltagsleben, eine peinliche +Folge der irdischen Unvollkommenheit, kaum eines Seitenblicks. Beide +beweisen, den Kausalnexus deutlich vor Augen, daß die andern den +wahren Zusammenhang der Dinge offenbar nicht sehen oder sehen wollen +und enden damit, daß sie einander blind, flach, dumm, absurd oder +frivol, kuriose Käuze oder platte Philister schelten. Der Ideologe ist +entsetzt, wenn jemand Finanzprobleme unter Hellenen ernst nimmt und +z. B. statt von den tiefsinnigen Sprüchen des delphischen Orakels von +den weitreichenden Geldoperationen redet, welche die Orakelpriester mit +den dort deponierten Summen vornahmen. Der Politikus aber lächelt weise +über den, der seine Begeisterung an sakrale Formeln und die Tracht +attischer Epheben verschwendet, statt über antike Klassenkämpfe ein mit +vielen modernen Schlagworten gespicktes Buch zu schreiben.</p> + +<p>Der eine Typus ist schon in Petrarka vorgebildet. Er hat Florenz +und Weimar, den Begriff der Renaissance und den abendländischen +Klassizismus geschaffen. Den andern findet man seit der Mitte +des 18. Jahrhunderts, mit dem Beginn einer zivilisierten, +wirtschaftlich-großstädtischen Politik, also zuerst in England (Grote). +Im Grunde stehen sich hier die Auffassung des kultivierten und des +zivilisierten Menschen gegenüber, ein Gegensatz, der zu tief, zu +menschlich ist, um die Inferiorität <em class="gesperrt">beider</em> Standpunkte empfinden +oder gar überwinden zu lassen.</p> + +<p>Auch der Materialismus verfährt in diesem Punkte idealistisch. Auch +er hat, ohne es zu wissen und zu wollen, seine Einsichten von inneren +Wünschen abhängig gemacht. In der Tat haben sich unsere besten Geister +ohne Ausnahme vor dem Bilde der Antike in Ehrfurcht gebeugt und in +diesem einen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Falle der schrankenlosen Kritik entsagt. Die Analyse +des Altertums ist immer durch eine gewisse Scheu verdunkelt worden. +Es gibt in der gesamten Geschichte kein zweites Beispiel für einen so +leidenschaftlichen Kultus, den eine Kultur mit dem Gedächtnis einer +andern treibt. Daß wir Altertum und Neuzeit durch ein „Mittelalter“ +idealisch verknüpften, über ein Jahrtausend gering gewerteter, fast +verachteter Historie hinweg, ist nur ein einzelner Ausdruck dieser +unwillkürlichen Devotion. Wir Westeuropäer haben „den Alten“ die +Reinheit und Selbständigkeit unserer Kunst zum Opfer gebracht, indem +wir nur mit einem Seitenblick auf das hehre „Vorbild“ zu schaffen +wagten; wir haben in unser Bild von den Griechen und Römern jedesmal +das hineingelegt, <em class="gesperrt">hineingefühlt</em>, was wir in der Tiefe der +eigenen Seele entbehrten oder erhofften. Eines Tages wird uns ein +geistreicher Psychologe die Geschichte unserer verhängnisvollsten +Illusion, die Geschichte dessen, was wir jedesmal als antik verehrten, +erzählen. Es gibt wenige Aufgaben, die für die intime Kenntnis der +abendländischen Seele von Kaiser Otto III., dem ersten, bis zu +Nietzsche, dem letzten Opfer des Südens, lehrreicher wären.</p> + +<p>Goethe redet auf seiner italienischen Reise mit Begeisterung von den +Bauten Palladios, deren frostiger Akademik wir heute höchst skeptisch +gegenüberstehen. Er sieht dann Pompeji und spricht mit unverhohlenem +Mißvergnügen von dem „wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck“. +Was er von den Tempeln von Pästum und Segesta, Meisterstücken +hellenischer Kunst, sagt, ist verlegen und unbedeutend. Offenbar hat +er das Altertum, als es ihm einmal leibhaft in seiner vollen Kraft +entgegentrat, nicht wiedererkannt. Das bezeichnet den historischen +Sinn unserer Seelen: sie wollen nicht Eindrücke von Fremdem, sondern +Ausdruck von Eignem. <em class="gesperrt">Ihr</em> „Altertum“ war jedesmal der Horizont +eines historischen Gesamtbildes, das sie geschaffen und mit ihrem +besten Blute genährt haben, ein Gefäß für das eigne Weltgefühl, ein +Phantom, ein Idol. Man begeistert sich in Denkerstuben und poetischen +Zirkeln an den verwegenen Schilderungen antiken Großstadttreibens +bei Aristophanes, Juvenal und Petronius, an südlichem Schmutz und +Pöbel, Lärm und Gewalttat, Lustknaben und Phrynen, am Phalluskult und +cäsarischen Orgien<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> — aber demselben Stück Wirklichkeit in heutigen +Weltstädten geht man klagend und naserümpfend aus dem Wege. „In den +Städten ist schlecht zu leben: da gibt es zu viele der Brünstigen.“ +Also sprach Zarathustra. Sie rühmen die Staatsgesinnung der Römer +und verachten den, der heute nicht jede Berührung mit öffentlichen +Angelegenheiten meidet. Es gibt eine Klasse von Kennern, für welche +der Unterschied von Toga und Gehrock, von byzantinischem Zirkus und +englischem Sportplatz, von antiken Alpenstraßen und transkontinentalen +Eisenbahnen, Trieren und Schnelldampfern, römischen Lanzen und +preußischen Bajonetten, zuletzt sogar vom Suezkanal, je nachdem ihn ein +Pharao oder ein moderner Ingenieur gebaut hat, eine magische Gewalt +besitzt, die jeden freien Blick mit Sicherheit einschläfert. Sie würden +eine Dampfmaschine als Symbol menschlicher Leidenschaft und Ausdruck +vitaler Energie erst dann gelten lassen, wenn Heron von Alexandria sie +erfunden hätte. Es gilt ihnen als Blasphemie, wenn man statt vom Kult +der Großen Mutter vom Berge Pessinus, von römischer Zentralheizung und +Buchführung spricht. Trotzdem war das griechische Wort für Kapital +ἀφορμή, Ausgangspunkt, und Thukydides lobt die Athener seiner Zeit +(I, 70), daß sie keine anderen Feste kannten, als ihre Geschäfte zu +betreiben.<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a></p> + +<p>Aber die andern sehen <em class="gesperrt">nichts</em> als dies. Sie glauben das Wesen +dieser uns so fremden Kultur zu erschöpfen, indem sie die Griechen +ohne weiteres als ihresgleichen behandeln und sie bewegen sich, wenn +sie psychologische Schlüsse ziehen, in einem System von Identitäten, +das die antike <em class="gesperrt">Seele</em> überhaupt nicht berührt. Sie ahnen gar +nicht, daß Worte wie Republik, Freiheit, Eigentum dort und hier Dinge +bezeichnen, die innerlich auch nicht die leiseste Verwandtschaft +besitzen. Sie spötteln über Historiker der Goethezeit, wenn sie ihre +politischen Ideale ausdrücken, indem sie eine Geschichte des Altertums +verfassen und mit den Namen Lykurg, Brutus, Cato, Cicero, Augustus +durch deren Rettungen oder Verurteilungen das eigene Programm<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> oder +eine persönliche Schwärmerei decken, aber sie selbst können kein +Kapitel schreiben, ohne zu verraten, welcher Parteirichtung ihre +Morgenzeitung angehört.</p> + +<p>Aber es ist gleichviel, ob man die Vergangenheit mit den Augen Don +Quijotes oder Sancho Pansas betrachtet. Beide Wege führen nicht zum +Ziel. Schließlich hat sich jeder von ihnen erlaubt, das Stück der +Antike in den Vordergrund zu stellen, das den eignen Intentionen +zufällig am besten entsprach, Nietzsche das vorsokratische Athen, +Nationalökonomen die hellenistische Periode, Politiker das +republikanische Rom und Dichter die Kaiserzeit.</p> + +<p>Nicht als ob religiöse oder künstlerische Erscheinungen ursprünglicher +wären als soziale und wirtschaftliche. Es ist weder so noch umgekehrt. +Es gibt für den, der hier die unbedingte Freiheit des Blickes erworben +hat, jenseits <em class="gesperrt">aller</em> persönlichen Interessen welcher Art auch +immer, überhaupt keine Art von Abhängigkeit, keine Priorität, keine +Ursache und Wirkung, keinen Unterschied des Wertes und der Wichtigkeit. +Was den einzelnen Phänomenen ihren Rang gibt, ist lediglich die größere +oder geringere Reinheit und Kraft ihrer Formensprache, die Stärke ihrer +Symbolik — abseits von gut und böse, hoch und niedrig, Nutzen und +Ideal.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_12">12</h3> + +</div> + +<p>Der Untergang des Abendlandes, so betrachtet, bedeutet nichts +Geringeres als das <em class="gesperrt">Problem der Zivilisation</em>. Eine der +Grundfragen aller Historie liegt hier vor. Was ist Zivilisation, als +logische Folge, als Vollendung und Ausgang einer Kultur begriffen?</p> + +<p>Denn jede Kultur hat ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Zivilisation. Zum ersten +Male werden hier die beiden Worte, die bisher einen vagen ethischen +Unterschied persönlicher Art zu bezeichnen hatten, in periodischem +Sinne, als Ausdrücke für ein strenges und notwendiges <em class="gesperrt">organisches +Nacheinander</em> gefaßt. Die Zivilisation ist das unausweichliche +<em class="gesperrt">Schicksal</em> einer Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem +aus die letzten und schwersten Fragen der historischen Morphologie +lösbar werden.<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Zivilisation sind die <em class="gesperrt">äußersten</em> und +<em class="gesperrt">künstlichsten</em> Zustände, deren eine höhere Art Menschen fähig +ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene, +dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit, dem Lande +und der seelischen Kindheit, wie sie Dorik und Gotik zeigen, als das +geistige Greisentum und die steinerne, versteinernde Weltstadt. Sie +sind ein <em class="gesperrt">Ende</em>, unwiderruflich, aber sie sind mit innerster +Notwendigkeit immer wieder erreicht worden.</p> + +<p>Damit erst wird man den Römer als den Nachfolger des Hellenen +verstehen. Erst so rückt die späte Antike in das Licht, das ihre +tiefsten Geheimnisse preisgibt. Denn was hat es zu bedeuten — was +man nur mit leeren Worten bestreiten kann —, daß die Römer Barbaren +gewesen sind, Barbaren, die einem großen Aufschwung nicht vorangehen, +sondern ihn beschließen? Seelenlos, unphilosophisch, ohne Kunst, +animalisch bis zum Brutalen, rücksichtslos auf materielle Erfolge +haltend, stehen sie zwischen der hellenischen Kultur und dem Nichts. +Ihre nur auf das Praktische gerichtete Einbildungskraft — sie +besaßen ein sakrales Recht, das die Beziehungen zwischen Göttern +und Menschen wie zwischen Privatpersonen regelte, aber keine Spur +eines Mythus — ist eine Anlage, die man in Athen überhaupt nicht +antrifft. Griechische Seele und römischer Intellekt — das ist es. +So unterscheiden sich Kultur und Zivilisation. Das gilt nicht nur +von der Antike. Immer wieder taucht dieser Typus starkgeistiger, +vollkommen unmetaphysischer Menschen auf. In ihren Händen liegt das +geistige und materielle Geschick einer jeden Spätzeit. Sie haben +den babylonischen, ägyptischen, indischen, chinesischen, römischen +Imperialismus durchgeführt. In solchen Perioden sind der Buddhismus, +Stoizismus und Sozialismus zu endgültigen Weltstimmungen herangereift, +die ein erlöschendes Menschentum in seiner ganzen Substanz noch einmal +zu ergreifen und umzugestalten vermögen. Die <em class="gesperrt">reine</em> Zivilisation +als historischer Prozeß besteht in einem stufenweisen <em class="gesperrt">Abbau</em> +anorganisch gewordener, erstorbener Formen.</p> + +<p>Der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht sich in der +Antike im 4., im Abendlande im 19. Jahrhundert. Von da an fallen die +großen geistigen Entscheidungen nicht<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> mehr wie zur Zeit der orphischen +Bewegung und der Reformation in der „ganzen Welt“, in der schließlich +kein Dorf ganz unwichtig ist, sondern in drei oder vier Weltstädten, +die allen Gehalt der Historie in sich aufgesogen haben und denen +gegenüber die gesamte Landschaft der Kultur zum Range der Provinz +herabsinkt, die ihrerseits nur noch die Weltstädte mit den Resten +ihres höheren Menschentums zu nähren hat. <em class="gesperrt">Weltstadt und Provinz</em> +— mit diesen Grundbegriffen aller Zivilisation tritt ein ganz neues +Formproblem der Geschichte hervor, das wir Heutigen gerade durchleben, +ohne es in seiner ganzen Tragweite auch nur entfernt begriffen zu +haben. Statt einer Welt eine <em class="gesperrt">Stadt</em>, ein <em class="gesperrt">Punkt</em>, in dem +sich das ganze Leben weiter Länder sammelt, während der Rest verdorrt; +statt eines formvollen, mit der Erde verwachsenen Volkes ein neuer +Nomade, ein Parasit, der Großstadtbewohner, der reine, traditionslose, +in formlos fluktuierender Masse auftretende Tatsachenmensch, +irreligiös, intelligent, unfruchtbar, mit einer tiefen Abneigung +gegen das Bauerntum (und dessen höchste Form, den Landadel), also ein +ungeheurer Schritt zum Anorganischen, zum Ende — was bedeutet das? +Frankreich und England haben diesen Schritt vollzogen und Deutschland +ist im Begriff, ihn zu tun. Auf Syrakus, Athen, Alexandria folgt Rom. +Auf Madrid, Paris, London folgt Berlin. Provinz zu werden ist das +Schicksal ganzer Länder, die nicht im Strahlenkreise einer dieser +Städte liegen wie damals Kreta und Makedonien, heute der skandinavische +Norden.<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a></p> + +<p>Ehemals spielte sich der Kampf um die ideelle Fassung der Epoche +auf dem Boden metaphysischer, kultisch oder dogmatisch geprägter +Weltprobleme zwischen dem erdhaften Geiste des Bauerntums (Adel und +Priestertum) und dem „weltlichen“ patrizischen Geiste der alten, +kleinen, berühmten Städte der dorischen und gotischen Frühzeit ab. +Dergestalt waren die<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Kämpfe um die Dionysosreligion — z. B. unter +dem Tyrannen Kleisthenes von Sikyon<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> — und um die Reformation +in den deutschen Reichsstädten und in den Hugenottenkriegen. Aber +wie diese Städte zuletzt das Land überwanden — ein rein städtisches +Weltbewußtsein begegnet schon bei Parmenides und Descartes — so +überwindet die Weltstadt sie. Das ist der geistige Prozeß aller +Spätzeiten, der Ionik wie des Barock. Heute wie zur Zeit des +Hellenismus, an dessen Schwelle die Gründung einer künstlichen, also +landfremden Großstadt, Alexandrias, steht, sind diese Kulturstädte — +Florenz, Nürnberg, Salamanca, Brügge, Prag — Provinzstädte geworden, +die gegen den Geist der Weltstädte einen hoffnungslosen intellektuellen +Widerstand leisten. Die Weltstadt bedeutet den Kosmopolitismus an +Stelle der „Heimat“,<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> den kühlen Tatsachensinn an Stelle der +Ehrfurcht vor dem Überlieferten und Gewachsenen, die wissenschaftliche +Irreligion als Petrefakt der voraufgegangenen Religion des Herzens, +die „Gesellschaft“ an Stelle des Staates, die natürlichen statt der +erworbenen Rechte. Das <em class="gesperrt">Geld</em> als anorganischen abstrakten Faktor, +von allen Beziehungen zum Sinne des fruchtbaren Bodens, zu den Werten +einer ursprünglichen Lebenshaltung gelöst — das haben die Römer vor +den Griechen voraus. Von hier an ist eine vornehme Weltanschauung +<em class="gesperrt">auch eine Geldfrage</em>. Nicht der griechische Stoizismus des +Chrysipp, aber der spätrömische des Cato und Seneka setzt als Grundlage +ein Vermögen voraus<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> und nicht die sozialethische Gesinnung des 18. +Jahrhunderts, aber die des 20. ist, wenn sie über eine berufsmäßige +— einträgliche — Agitation hinaus Tat werden will, eine Sache für +Millionäre. Zur Weltstadt gehört nicht ein Volk, sondern eine Masse. +Ihr Unverständnis für alles Überlieferte, in dem man die <em class="gesperrt">Kultur</em> +bekämpft (den Adel, die Kirche, die Privilegien, die Dynastie, in +der Kunst die Konventionen, in<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> der Wissenschaft die Grenzen der +Erkenntnismöglichkeit), ihre der bäuerlichen Klugheit überlegene +scharfe und kühle Intelligenz, ihr Naturalismus in einem ganz neuen +Sinne, der über Sokrates und Rousseau weit zurück in bezug auf alles +Sexuelle und Soziale an urmenschliche Instinkte und Zustände anknüpft, +das <i>panem et circenses</i>, das heute wieder in der Verkleidung +von Lohnkampf und Sportplatz erscheint — alles das bezeichnet der +endgültig abgeschlossenen Kultur, der Provinz gegenüber eine ganz neue, +späte und zukunftslose, aber unvermeidliche Form menschlicher Existenz.</p> + +<p>Das ist es, was <em class="gesperrt">gesehen</em> sein will, nicht mit den Augen des +Parteimannes, des Ideologen, des zeitgemäßen Moralisten, aus dem Winkel +irgendeines „Standpunktes“ heraus, sondern aus zeitloser Höhe, den +Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden gerichtet — +wenn man wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will.</p> + +<p>Ich sehe Symbole ersten Ranges darin, daß in Rom, wo um 60 v. Chr. +der Triumvir Crassus der erste Bauplatzspekulant war, das auf allen +Inschriften prangende römische Volk, vor dem Gallier, Griechen, +Parther, Syrer in der Ferne zitterten, in ungeheurem Elend in den +vielstöckigen Mietskasernen lichtloser Vorstädte<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a> hauste und die +Erfolge der militärischen Expansion mit Gleichgültigkeit oder einer Art +von sportlichem Interesse aufnahm; daß manche der großen Familien des +Uradels, Nachkommen der Sieger über die Kelten, Samniten und Hannibal, +weil sie sich an der wüsten Spekulation nicht beteiligten, ihre +Stammhäuser aufgeben und armselige Mietwohnungen beziehen mußten; daß, +während sich längs der Via Appia die noch heute bewunderten Grabmäler +der Finanzgrößen Roms erhoben, die Leichen des Volkes zusammen mit +Tierkadavern und Großstadtkehricht in ein grauenhaftes Massengrab +geworfen wurden, bis man unter Augustus, um Seuchen zu verhüten, +die Stelle zuschüttete,<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> auf der Mäcenas dann seinen berühmten Park +anlegte; daß man in dem entvölkerten Athen, das von Fremdenbesuch +und den Stiftungen reicher Ausländer (wie des Judenkönigs Herodes) +lebte, der Reisepöbel allzu rasch reich gewordener Römer die Werke der +perikleischen Zeit begaffte, von denen er so wenig verstand wie die +amerikanischen Besucher der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo, +nachdem man alle beweglichen Kunstwerke fortgeschleppt oder zu +phantastischen Modepreisen angekauft und dafür kolossale und anmaßende +Römerbauten neben die tiefen und bescheidenen Werke der alten Zeit +gesetzt hatte. In diesen Dingen, die der Historiker nicht zu loben oder +tadeln, sondern morphologisch abzuwägen hat, liegt für den, welcher zu +sehen gelernt hat, eine <em class="gesperrt">Idee</em> unmittelbar zutage.</p> + +<p>Es ist heute wie damals nicht die Frage, ob man von Geburt Germane oder +Romane, Hellene oder Römer, sondern ob man von Erziehung Weltstädter +oder Provinzler ist. Das entscheidet über alles Tatsächliche. Hier +finden wir einen neuen, in seiner Art vollkommenen Weltblick als +Ausdruck eines neuen Lebensstils. Eine höchst bezeichnende und in allen +bisher vorliegenden Fällen identische Metamorphose vollzieht sich. +Es ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb man in dem wirren Bilde +der historischen Oberfläche die eigentliche Struktur der Historie +nicht aufgefunden hat, daß man es nicht verstand, die Formkomplexe des +kultivierten und des zivilisierten Daseins aus ihrer wechselseitigen +Durchdringung zu lösen. Eine Kritik der Gegenwart steht hier vor ihrer +schwersten Aufgabe.</p> + +<p>Denn es wird sich zeigen, daß von diesem Augenblicke an alle großen +Konflikte der Weltanschauung, der Politik, der Kunst, des Wissens, +des Gefühls im Zeichen dieses einen Gegensatzes stehen. Was ist +zivilisierte Politik von morgen im Gegensatz zur kultivierten von +gestern? In der Antike Rhetorik, im Abendlande Journalismus, und +zwar im Dienste jenes Abstraktums, das die Macht der Zivilisation +repräsentiert, des <em class="gesperrt">Geldes</em>. Sein Geist ist es, der unvermerkt +die historischen Formen des Völkerdaseins durchdringt, oft ohne sie im +geringsten zu ändern oder zu zerstören. Der römische Staatsmechanismus +ist vom älteren Scipio Africanus bis auf Augustus in viel höherem Grade +stationär geblieben, als dies in der Regel<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> angenommen wird. Aber +die großen Parteien, Vehikel einer veralteten Form des politischen +Lebens, sind zur Zeit der Gracchen wie im 20. Jahrhundert nur noch +scheinbar Mittelpunkte der entscheidenden Aktionen. In Wirklichkeit +ist es dem Forum Romanum gegenüber gleichgültig, wie auf dem Forum von +Pompeji geredet, beschlossen und gewählt wird, und die drei oder vier +Weltblätter werden in unsrer Zukunft die Meinung der Provinzzeitungen +und damit den „Willen des Volkes“ bestimmen. Es ist eine kleine Anzahl +überlegener Gehirne, deren Namen in diesem Augenblick vielleicht nicht +die bekanntesten sind, die alles entscheidet, während die große Masse +der Politiker zweiten Ranges, Rhetoren und Tribunen, Abgeordnete +und Journalisten, eine Auswahl nach Provinzhorizonten, nach unten +die Illusion einer Selbstbestimmung des Volkes aufrecht erhält. Und +die Kunst? Die Philosophie? Die Ideale der platonischen und der +kantischen Zeit galten einem höhern Menschentum überhaupt, die des +Hellenismus und der Gegenwart, vor allem der Sozialismus, der ihm +genetisch nahe verwandte Darwinismus mit seinen so ganz ungoetheschen +Formeln vom Kampf ums Dasein und der Zuchtwahl, die damit wiederum +verwandten Frauen- und Eheprobleme bei Ibsen, Strindberg und Shaw, die +impressionistischen Neigungen einer anarchischen Sinnlichkeit, das +ganze Bündel moderner Sehnsüchte, Reize und Schmerzen, deren Ausdruck +die Lyrik Baudelaires und die Musik Wagners ist, sind nicht für das +Weltgefühl des dörflichen und überhaupt des natürlichen Menschen, +sondern ausschließlich für den weltstädtischen Gehirnmenschen da. Je +kleiner die Stadt, desto sinnloser die Beschäftigung mit dieser Malerei +und Musik. Zur Kultur gehört die Gymnastik, das Turnier, der Agon, zur +Zivilisation der <em class="gesperrt">Sport</em>. Auch das unterscheidet die hellenische +Palästra vom römischen Zirkus.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> Die Kunst selbst wird Sport — +das bedeutet <i>l’art pour l’art</i> — vor einem hochintelligenten +Publikum von Kennern und Käufern, mag es sich um die Bewältigung +absurder instrumentaler Tonmassen oder harmonischer<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Hindernisse, +mag es sich um das „Nehmen“ eines Farbenproblems handeln. Eine neue +Tatsachenphilosophie erscheint, die für metaphysische Spekulationen +nur ein Lächeln übrig hat, eine neue Literatur, dem Intellekt, +dem Geschmack und den Nerven des Großstädters ein Bedürfnis, dem +Provinzialen unverständlich und verhaßt.<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> Weder die alexandrinische +Poesie, noch die Freilichtmalerei gehen das „Volk“ etwas an. Der +Übergang wird damals wie heute durch eine Reihe nur in dieser Epoche +anzutreffender Skandale bezeichnet. Die Entrüstung der Athener über +Euripides und die revolutionären Malweisen z. B. des Apollodor, +wiederholt sich in der Auflehnung gegen Wagner, Manet, Ibsen und +Nietzsche.</p> + +<p>Man kann die Griechen verstehen, ohne von ihren wirtschaftlichen +Verhältnissen zu reden. Die Römer versteht man <em class="gesperrt">nur</em> durch +sie. Bei Chäronea und bei Leipzig wurde zum letzten Male um eine +Idee gekämpft. Im ersten punischen Kriege und bei Sedan sind die +wirtschaftlichen Momente nicht mehr zu übersehen. Erst die Römer mit +ihrer praktischen Energie haben der Sklavenarbeit und dem Sklavenhandel +jenen riesenhaften Stil gegeben, der für viele den Typus der antiken +Lebenshaltung überhaupt entscheidend bestimmt. Erst die germanischen, +nicht die romanischen Völker Westeuropas haben dementsprechend aus +der Dampfmaschine eine das Bild der Länder verändernde Großindustrie +entwickelt. Man wird die Beziehung beider tiefsymbolischen Phänomene +zum Stoizismus und zum Sozialismus nicht übersehen. Erst der römische, +durch C. Flaminius angekündigte, in Marius zum ersten Male Gestalt +gewordene Cäsarismus hat innerhalb der antiken Welt die <em class="gesperrt">Erhabenheit +des Geldes</em> — in der Hand starkgeistiger, groß angelegter +Tatsachenmenschen — kennen gelehrt. Ohne <em class="gesperrt">das</em> ist weder Cäsar +noch das Römertum überhaupt verständlich. Jeder Grieche hat einen Zug +von Don Quijote, jeder Römer von Sancho Pansa — was sie sonst noch +waren, tritt dahinter zurück.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<h3 id="Einleitung_13">13</h3> + +</div> + +<p>Was die römische Weltherrschaft betrifft, so ist sie ein +<em class="gesperrt">negatives</em> Phänomen, nicht das Resultat eines Überschusses von +Kraft auf der einen — den hatten die Römer nach Zama nicht mehr —, +sondern das eines Mangels an Widerstand auf der andern Seite. Die Römer +haben die Welt gar nicht erobert. Sie haben nur in Besitz genommen, +was als Beute für jedermann dalag. Das Imperium Romanum ist nicht +durch die äußerste Anspannung aller militärischen und finanziellen +Hilfsmittel, wie es einst Karthago gegenüber der Fall war, sondern +durch den Verzicht des alten Ostens auf äußere Selbstbestimmung +entstanden. Man lasse sich nicht durch den Schein glänzender +soldatischer Erfolge täuschen. Mit ein paar schlecht geübten, schlecht +geführten, übel gelaunten Legionen haben Lukullus und Pompejus ganze +Reiche unterworfen, woran zur Zeit der Schlacht bei Issus nicht zu +denken gewesen wäre. Die mithridatische Gefahr, eine wirkliche Gefahr +für dies nie ernstlich geprüfte System materieller Kräfte, hätte als +solche für die Besieger Hannibals niemals bestanden. Die Römer haben +nach Zama keinen Krieg gegen eine große Militärmacht mehr geführt und +hätten keinen führen können.<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> Ihre <em class="gesperrt">klassischen</em> Kriege waren +die gegen die Samniten, gegen Pyrrhus und Karthago. Ihre große Stunde +war Cannä. Es gibt kein Volk, das Jahrhunderte hindurch auf dem Kothurn +steht. Das preußisch-deutsche, das die mächtigen Augenblicke von 1813, +1870 und 1914 hatte, besitzt deren mehr als andere.</p> + +<p>Ich lehre hier den <em class="gesperrt">Imperialismus</em>, als dessen Petrefakt Reiche +wie das ägyptische, chinesische, römische, die indische Welt, die Welt +des Islam noch Jahrhunderte und Jahrtausende stehen bleiben und aus +einer Erobererfaust in die andre gehen können — tote Körper, amorphe, +entseelte Menschenmassen, verbrauchter Stoff einer großen Geschichte +— als das typische Symbol des Ausgangs begreifen. Imperialismus ist +reine Zivilisation.<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> In dieser Erscheinungsform liegt unwiderruflich +das Schicksal des Abendlandes. Der kultivierte Mensch hat seine +Energie nach innen, der zivilisierte nach außen. Deshalb sehe ich +in Cecil Rhodes den ersten Mann einer neuen Zeit. Er repräsentiert +den politischen Stil einer ferneren, abendländischen, germanischen, +insbesondere deutschen Zukunft. Sein Wort „Ausdehnung ist alles“ +enthält in dieser napoleonischen Fassung die eigentlichste Tendenz +einer <em class="gesperrt">jeden</em> ausgereiften Zivilisation. Das gilt von den Römern, +den Arabern, den Chinesen. Hier gibt es keine Wahl. Hier entscheidet +nicht einmal der bewußte Wille des einzelnen oder ganzer Klassen und +Völker. Die expansive Tendenz ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches und +Ungeheures, das den späten Menschen des Weltstadtstadiums packt, in +seinen Dienst zwingt und verbraucht, ob er will oder nicht, ob er es +weiß oder nicht.<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> Leben ist die Verwirklichung von Möglichem, und +für den Gehirnmenschen <em class="gesperrt">gibt es nur extensive Möglichkeiten</em>.<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> +So sehr der heutige, noch wenig entwickelte Sozialismus sich gegen +die Expansion auflehnt, er wird eines Tages mit der Vehemenz eines +Schicksals ihr vornehmster Träger sein. Hier rührt die Formensprache +der Politik — als unmittelbarer intellektueller Ausdruck einer Art von +Menschentum — an ein tiefes metaphysisches Problem: an die durch die +unbedingte Gültigkeit des Kausalitätsprinzips bestätigte Tatsache, daß +<em class="gesperrt">der Geist das Komplement der Ausdehnung ist</em>.</p> + +<p>Rhodes erscheint als der erste Vorläufer eines abendländischen +Cäsarentypus, für den die Zeit noch lange nicht gekommen ist. Er +steht in der Mitte zwischen Napoleon und den Gewaltmenschen des +nächsten Jahrhunderts, wie jener Flaminius, der seit 232 die Römer +zur Unterwerfung der cisalpinen Gallier — und damit zum Beginn +ihrer kolonialen Ausdehnungspolitik drängte, zwischen Alexander und +Cäsar. Flaminius war Demagoge,<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> streng genommen ein Privatmann von +staatsbeherrschendem Einfluß in einer Zeit, wo der Staatsgedanke +der Gewalt wirtschaftlicher Faktoren erliegt, in Rom sicherlich der +erste vom cäsarischen Oppositionstypus. Mit ihm endet der organische +Machtwille des Patriziats, der von einer <em class="gesperrt">Idee</em> getragen ist, +und es beginnt die rein materialistische, unethische, schrankenlose +Expansion. Alexander und Napoleon waren Romantiker, an der Schwelle +der Zivilisation und schon von ihrer kalten und klaren Luft angeweht; +aber der eine gefiel sich in der Rolle des Achilleus und der andere las +den Werther. Cäsar war lediglich ein Tatsachenmensch von ungeheurem +Verstande.</p> + +<p>Aber schon Rhodes verstand unter erfolgreicher Politik einzig den +territorialen und finanziellen Erfolg. Das ist das Römische an ihm, +dessen er sich sehr bewußt war. In dieser Energie und Reinheit hatte +sich die westeuropäische Zivilisation noch nicht verkörpert. Nur vor +seinen Landkarten konnte er in eine Art dichterischer Ekstase geraten, +er, der als Sohn eines puritanischen Pfarrhauses mittellos nach +Südafrika gekommen war und ein Riesenvermögen als Machtmittel für seine +politischen Ziele erworben hatte. Sein Gedanke einer transafrikanischen +Bahn vom Kap nach Kairo, sein Entwurf eines südafrikanischen Reiches, +seine geistige Gewalt über die Minenmagnaten, eiserne Geldmenschen, +die er zwang, ihr Vermögen in den Dienst seiner Ideen zu stellen, +seine Hauptstadt Buluwayo, die er, der allmächtige Staatsmann ohne +ein definierbares Verhältnis zum Staate, als künftige Residenz in +königlichem Maßstabe anlegte, seine Kriege, diplomatischen Aktionen, +Straßensysteme, Syndikate, Heere, sein Begriff von der „großen Pflicht +des Gehirnmenschen gegenüber der Zivilisation“ — alles das ist, groß +und vornehm, das Vorspiel einer uns noch vorbehaltenen Zukunft, mit der +die Geschichte des westeuropäischen Menschen endgültig <em class="gesperrt">schließen</em> +wird.</p> + +<p>Wer nicht begreift, daß sich an diesem Ausgang nichts ändern läßt, daß +man <em class="gesperrt">dies</em> wollen muß oder gar nichts, daß man dies Schicksal +lieben oder an der Zukunft, am Leben verzweifeln muß, wer das +Großartige nicht empfindet, das auch in dieser Wirksamkeit höchster +Intelligenzen, dieser Energie und Disziplin metallharter Naturen, +diesem Kampf mit den kältesten,<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> abstraktesten Mitteln liegt, wer +mit dem Idealismus eines Provinzialen herumgeht und den Lebensstil +verflossener Zeiten sucht, der muß es aufgeben, Geschichte verstehen, +Geschichte durchleben, Geschichte schaffen zu wollen.</p> + +<p>So erscheint das Imperium Romanum nicht mehr als ein einmaliges +Phänomen, sondern als normales Produkt einer strengen und energischen, +weltstädtischen, eminent praktischen Geistigkeit und als typischer +Endzustand, der schon einige Male dagewesen, aber bisher nicht +identifiziert worden ist. Begreifen wir endlich, daß das Geheimnis +der historischen Form nicht an der Oberfläche liegt und nicht durch +Ähnlichkeiten des Kostüms oder der Szene zu fassen ist, daß es in +der menschlichen so gut wie in der Tier- und Pflanzengeschichte +Erscheinungen von täuschender Ähnlichkeit gibt, die innerlich nichts +Verwandtes besitzen — Karl der Große und Harun al Raschid, Alexander +und Cäsar, die Germanenkriege gegen Rom und die Mongolenstürme gegen +Westeuropa — und andre, die bei größter äußerer Verschiedenheit +Identisches zum Ausdruck bringen wie Trajan und Ramses II., die +Bourbonen und der attische Demos, Mohammed und Pythagoras. Kommen +wir zur Einsicht, daß das 19. und 20. Jahrhundert, vermeintlich der +Gipfel einer geradlinig ansteigenden Weltgeschichte, als Phänomen +tatsächlich in jeder bis zum Ende gereiften Kultur nachzuweisen ist, +nicht mit Sozialisten, Impressionisten, elektrischen Bahnen, Torpedos +und Differentialgleichungen, die nur zum Körper der Zeit gehören, +sondern mit seiner zivilisierten Geistigkeit, die auch ganz andere +Möglichkeiten äußerer Gestaltung besitzt, daß die Gegenwart also +ein Durchgangsstadium darstellt, das unter gewissen Bedingungen mit +Sicherheit eintritt, daß es mithin auch ganz bestimmte <em class="gesperrt">spätere</em> +Zustände als die modernen westeuropäischen gibt, daß sie in der +abgelaufenen Geschichte schon mehr als einmal dagewesen sind und daß +damit die Zukunft des Abendlandes nicht ein uferloses Hinauf und +Vorwärts in der Richtung unserer augenblicklichen Ideale und mit +phantastischen Zeiträumen ist, sondern <em class="gesperrt">ein in Hinsicht auf Form und +Dauer streng begrenztes und unausweichlich bestimmtes Einzelphänomen +der Historie vom Umfange weniger Jahrhunderte, das aus den vorliegenden +Beispielen<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> übersehen und in wesentlichen Zügen berechnet werden +kann</em>.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_14">14</h3> + +</div> + +<p>Hat man diese Höhe der Betrachtung erreicht, so fallen einem alle +Früchte von selbst zu. An den <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken schließen sich, mit +ihm lösen sich zwanglos alle Einzelprobleme, welche auf den Gebieten +der Religionsforschung, der Kunstgeschichte, der Erkenntniskritik, +der Ethik, der Politik, der Nationalökonomie den modernen Geist +seit Jahrzehnten und leidenschaftlich, aber ohne den letzten Erfolg +beschäftigt haben.</p> + +<p>Dieser Gedanke gehört zu den Wahrheiten, die nicht mehr bestritten +werden, sobald sie einmal in voller Deutlichkeit ausgesprochen sind. +Er gehört zu den innern Notwendigkeiten der Kultur Westeuropas und +ihres Weltgefühls. Er ist geeignet, die Lebensanschauung derjenigen +von Grund aus zu ändern, die ihn völlig begriffen, das heißt ihn sich +innerlich zu eigen gemacht haben. Es bedeutet eine große Vertiefung des +uns natürlichen und notwendigen Weltbildes, daß wir die welthistorische +Entwicklung, in der wir stehen und die wir bis jetzt rückwärts als +ein organisches Ganze zu betrachten gelernt haben, nun auch vorwärts +in großen Umrissen verfolgen können. Dergleichen hat sich bisher nur +der Physiker bei seinen Berechnungen träumen lassen. Es bedeutet, +ich wiederhole es noch einmal, auch im Historischen den Ersatz des +ptolemäischen durch einen kopernikanischen Aspekt, das heißt eine +unermeßliche Erweiterung des Lebenshorizontes.</p> + +<p>Es stand bis jetzt frei, von der Zukunft zu hoffen, was man wollte. +Wo es keine Tatsachen gibt, regiert das Gefühl. Künftig wird es jedem +Pflicht sein, vom Kommenden zu erfahren, was geschehen <em class="gesperrt">kann</em> +und also geschehen <em class="gesperrt">wird</em>, mit der unabänderlichen Notwendigkeit +eines Schicksals, und was von unsern persönlichen oder den Zeitidealen +ganz unabhängig ist. Gebrauchen wir das bedenkliche Wort Freiheit, +so steht es uns nicht mehr frei, dieses oder jenes zu verwirklichen, +sondern <em class="gesperrt">das Notwendige oder nichts</em>. Dies als „gut“ zu empfinden +ist im Grunde das Kennzeichen des Realisten. Es bedauern und tadeln +heißt aber nicht es ändern. Zur Geburt gehört<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> der Tod, zur Jugend das +Alter, zum Leben überhaupt seine Gestalt und die vorbestimmten Grenzen +seiner Dauer. Die Gegenwart ist eine zivilisierte, keine kultivierte +Phase. Damit scheidet eine ganze Reihe von Lebensinhalten als unmöglich +aus. Man kann das bedauern und dies Bedauern in eine pessimistische +Philosophie und Lyrik kleiden — und man wird das künftig tun —, aber +man kann es nicht ändern. Es wird nicht mehr erlaubt sein, im Heute +und Morgen mit aller Selbstsicherheit die Geburt oder Blüte von dem +anzunehmen, was man wünscht, wenn auch die historische Erfahrung laut +genug dagegen redet.</p> + +<p>Ich bin auf den Einwand gefaßt, daß ein solcher Weltaspekt, der über +die allgemeinen Direktiven der Zukunft Gewißheit gibt und weitgehende +Hoffnungen abschneidet, lebensfeindlich und für viele ein Verhängnis +sein würde, falls er einmal mehr als bloße Theorie, falls er die +praktische Weltanschauung der für die Gestaltung der Zukunft wirklich +in Betracht kommenden Gruppe von Persönlichkeiten sein würde.</p> + +<p>Ich bin nicht der Meinung. Wir sind zivilisierte Menschen, nicht +Menschen der Gotik und des Rokoko; wir haben mit den harten und kalten +Tatsachen eines <em class="gesperrt">späten</em> Lebens zu rechnen, dessen Parallele +nicht im perikleischen Athen, sondern im cäsarischen Rom liegt. Von +einer großen Malerei und Musik wird für den westeuropäischen Menschen +nicht mehr die Rede sein. Seine architektonischen Möglichkeiten sind +seit hundert Jahren erschöpft. Ihm sind nur extensive Möglichkeiten +geblieben. Aber ich sehe den Nachteil nicht, der entstehen könnte, wenn +eine tüchtige und von unbegrenzten Hoffnungen geschwellte Generation +beizeiten erfährt, daß ein Teil dieser Hoffnungen zu Fehlschlägen +führen muß. Mögen es die teuersten sein; wer etwas wert ist, wird das +überwinden. Es ist wahr, daß es für einzelne tragisch ausgehen kann, +wenn sich ihrer in den entscheidenden Jahren die Gewißheit bemächtigt, +daß im Bereiche der Architektur, des Dramas, der Malerei <em class="gesperrt">für +sie</em> nichts mehr zu erobern ist. Mögen sie zugrunde gehen. Man war +sich bisher einig darüber, hier keinerlei Schranken anzuerkennen; +man glaubte, daß jede Zeit auf jedem Gebiete auch ihre Aufgabe habe; +man fand sie, wenn es sein mußte, mit Gewalt und bösem Gewissen, und +jedenfalls stellte es sich erst nach dem Tode<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> heraus, ob der Glaube +einen Grund hatte und ob die Arbeit eines Lebens <em class="gesperrt">notwendig oder +überflüssig</em> gewesen war. Aber jeder, der nicht bloßer Romantiker +ist, wird diese Ausflucht ablehnen. Das ist nicht der Stolz, der die +Römer auszeichnete. Was liegt an denen, die es vorziehen, wenn man +vor einer erschöpften Erzgrube ihnen sagt: Hier wird morgen eine neue +Ader angeschlagen werden — wie es die augenblickliche Kunst mit ihren +durch und durch unwahren Stilbildungen tut —, statt sie auf das +reiche Tonlager zu verweisen, das unerschlossen daneben liegt? — Ich +betrachte diese Lehre als eine Wohltat für die kommende Generation, +weil sie ihr zeigt, was möglich und also notwendig ist und was nicht zu +den innern Möglichkeiten der Zeit gehört. Es ist bisher eine Unsumme +von Geist und Kraft auf falschen Wegen verschwendet worden. Der +westeuropäische Mensch, so historisch er denkt und fühlt, ist in einem +gewissen Lebensalter sich nie seiner eigentlichen Richtung bewußt. Er +tastet und sucht und verirrt sich, wenn die äußern Anlässe ihm nicht +günstig sind. Hier endlich hat die Arbeit von Jahrhunderten ihm die +Möglichkeit gegeben, die Lage seines Lebens im Zusammenhang mit der +Gesamtkultur zu übersehen und zu prüfen, was er kann und soll. Wenn +unter dem Eindruck dieses Buches sich Menschen der neuen Generation +der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik +statt der Erkenntniskritik zuwenden, so tun sie, was ich wünsche, und +man kann ihnen nichts Besseres wünschen.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_15">15</h3> + +</div> + +<p>Es bleibt noch das Verhältnis einer Morphologie der Weltgeschichte zur +Philosophie festzustellen. Jede echte Geschichtsbetrachtung ist echte +Philosophie — oder bloße Ameisenarbeit. Aber der Philosoph älteren +Stils bewegt sich in einem schweren Irrtum. Er glaubt nicht an das +Wandelbare seiner Bestimmung. Er meint, daß das höhere Denken einen +ewigen und unveränderlichen Gegenstand besitze, daß die großen Fragen +zu allen Zeiten dieselben seien und daß sie endlich einmal beantwortet +werden könnten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>Aber Frage und Antwort sind hier eins, und jede große Frage, der das +leidenschaftliche Verlangen nach einer ganz bestimmten Antwort schon +zugrunde liegt, hat lediglich die Bedeutung eines Lebenssymbols. Es +gibt keine ewigen Wahrheiten. Jede Philosophie ist ein Ausdruck ihrer +und <em class="gesperrt">nur</em> ihrer Zeit, und es gibt nicht zwei Zeitalter, welche die +gleichen philosophischen Intentionen besäßen, sobald von wirklicher +Philosophie und nicht von irgendwelchen akademischen Belanglosigkeiten +über Urteilsformen oder Gefühlskategorien die Rede sein soll. Der +Unterschied liegt nicht zwischen unsterblichen und vergänglichen +Lehren, sondern zwischen Lehren, welche eine Zeitlang oder niemals +lebendig sind. Unvergänglichkeit gewordener Gedanken ist eine Illusion. +Das Wesentliche ist, was für ein Mensch in ihnen Gestalt gewinnt. Je +größer der Mensch, um so wahrer die Philosophie — im Sinne der inneren +Wahrheit eines großen Kunstwerkes nämlich, was von der Beweisbarkeit +und selbst Widerspruchslosigkeit der einzelnen Sätze unabhängig ist. +Im höchsten Falle kann sie den ganzen Gehalt einer Zeit erschöpfen, in +sich verwirklichen und ihn so, formgeworden, in Persönlichkeit und Idee +verkörpert, der ferneren Entwicklung übergeben. Das wissenschaftliche +Kostüm, die gelehrte Maske einer Philosophie entscheidet hier nichts. +Nichts ist einfacher, als an Stelle von Gedanken, die man nicht hat, +ein System zu begründen. Aber selbst ein guter Gedanke ist wenig +wert, wenn er von einem Flachkopf ausgesprochen wird. Allein die +Notwendigkeit für das Leben entscheidet über den Rang einer Lehre.</p> + +<p>Deshalb sehe ich den Prüfstein für den Wert eines Denkers in seinem +Blick für die großen Tatsachen seiner Zeit. Erst hier entscheidet es +sich, ob jemand nur ein geschickter Konstrukteur von Systemen und +Prinzipien ist, ob er sich nur mit Gewandtheit und Belesenheit in +Definitionen und Analysen bewegt — oder ob es die Seele der Zeit +selbst ist, die aus seinen Werken und Intuitionen redet. Ein Philosoph, +der nicht auch die Wirklichkeit ergreift und beherrscht, wird niemals +ersten Ranges sein. Die Vorsokratiker waren Kaufleute und Politiker +großen Stils. Plato kostete es fast das Leben, daß er in Syrakus seine +politischen Gedanken hatte verwirklichen wollen. Derselbe Plato<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> hat +jene Reihe geometrischer Sätze gefunden, die es Euklid erst möglich +machte, das System der antiken Mathematik aufzubauen. Pascal, den +Nietzsche nur als den „gebrochenen Christen“ kennt, Descartes, Leibniz +waren die ersten Mathematiker und Techniker ihrer Zeit.</p> + +<p>Und hier finde ich einen starken Einwand gegen alle Philosophen der +jüngsten Vergangenheit. Was ihnen fehlt, ist der entscheidende Rang +im wirklichen Leben. Keiner von ihnen hat in die hohe Politik, in die +Entwicklung der modernen Technik, des Verkehrs, der Volkswirtschaft, +in irgendeine Art von <em class="gesperrt">großer</em> Wirklichkeit auch nur mit einer +Tat, einem mächtigen Gedanken entscheidend eingegriffen. Keiner zählt +in der Mathematik, der Physik, der Staatswissenschaft im geringsten +mit, wie es noch mit Kant der Fall war. Was das bedeutet, lehrt ein +Blick auf andere Zeiten. Aristoteles hat in seiner Schrift über den +Staat der Athener für die sozialpolitische Situation des anbrechenden +Hellenismus das feinste Verständnis bewiesen. Er hätte sehr wohl — +wie Sophokles — die Finanzverwaltung von Athen führen können. Goethe, +dessen ministerielle Amtsführung mustergültig war und dem leider ein +großer Staat als Wirkungskreis gefehlt hat, wandte sein Interesse +dem Bau des Suez- und Panamakanals, den er innerhalb einer genau +eingetroffenen Frist voraussah, und deren kommerzieller Wirkung zu. Das +amerikanische Wirtschaftsleben, seine Rückwirkung auf das alte Europa +und die eben im Aufstieg begriffene Maschinenindustrie haben ihn immer +wieder beschäftigt. Hobbes war einer der Väter des großen Planes, +Südamerika für England zu erwerben, und wenn es auch damals bei der +Besetzung von Jamaika blieb, so hat er doch den Ruhm, ein Mitbegründer +des englischen Kolonialreiches zu sein. Leibniz, sicherlich der +mächtigste Geist in der westeuropäischen Philosophie, der Begründer +der Differentialrechnung und der <i>analysis situs</i>, hat in +einer zum Zweck der politischen Entlastung Deutschlands entworfenen +Denkschrift an Ludwig XIV. die Bedeutung Ägyptens für die französische +Weltpolitik dargelegt. Seine Gedanken waren der Zeit (1672) so weit +vorausgeschritten, daß man später überzeugt war, Napoleon habe sie +bei seiner Expedition nach dem Orient benützt. Leibniz stellte schon +damals<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> fest, was Napoleon seit Wagram immer deutlicher begriff, daß +Erwerbungen am Rhein und in Belgien die Position Frankreichs nicht +dauernd verbessern könnten und daß die Landenge von Suez eines Tages +der Schlüssel zur Weltherrschaft sein werde. Ohne Zweifel war der König +den tiefen politischen und strategischen Ausführungen des Philosophen +nicht gewachsen.</p> + +<p>Ein Blick von Menschen solchen Formats auf heutige Philosophen ist +beschämend. Welche Geringfügigkeit der Person! Welche Alltäglichkeit +des geistigen und praktischen Horizontes! Wie kommt es, daß die +bloße Vorstellung, einer von ihnen solle seinen geistigen Rang +als Staatsmann, als Diplomat, als Organisator großen Stils, als +Leiter irgendeines mächtigen kolonialen, kaufmännischen oder +Verkehrsunternehmens beweisen, geradezu Mitleid erregt? Aber das ist +kein Zeichen von Innerlichkeit, sondern von Mangel an Gewicht. Ich sehe +mich vergebens um, wo einer von ihnen auch nur durch <em class="gesperrt">ein</em> tiefes +und vorauseilendes Urteil in einer entscheidenden Zeitfrage sich einen +Namen gemacht hätte. Ich finde nichts als Provinzmeinungen, wie sie +jeder hat. Ich frage mich, wenn ich das Buch eines modernen Denkers zur +Hand nehme, was er — außer professoralem oder windigem Parteigerede +vom Niveau eines mittleren Journalisten, wie man es bei Guyau, Bergson, +Spencer, Dühring, Eucken findet — vom Tatsächlichen der Weltpolitik, +von den großen Problemen der Weltstädte, des Kapitalismus, der +Zukunft des Staates, des Verhältnisses der Technik zum Ausgang der +Zivilisation, des Russentums, der Wissenschaft überhaupt ahnt. Goethe +hätte das alles verstanden und geliebt. Von lebenden Philosophen +übersieht es nicht einer. Das ist, ich wiederhole es, nicht Inhalt +der Philosophie, aber ein unzweifelhaftes Symptom ihrer inneren +Notwendigkeit, ihrer Fruchtbarkeit und ihres symbolischen Ranges.</p> + +<p>Über die Tragweite dieses negativen Resultates sollte man sich keiner +Täuschung hingeben. Offenbar hat man den letzten Sinn philosophischer +Wirksamkeit aus den Augen verloren. Man verwechselt sie mit Predigt, +Agitation, Feuilleton oder Fachwissenschaft. Man ist von der +Vogelperspektive zur Froschperspektive herabgekommen. Es handelt sich +um nichts Geringeres als um die Frage, ob eine echte Philosophie +heute oder morgen<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> überhaupt <em class="gesperrt">möglich</em> ist. Im andern Fall wäre +es besser, Pflanzer oder Ingenieur zu werden, irgend etwas Wahres +und Wirkliches, statt verbrauchte Themen unter dem Vorwande eines +„neuerlichen Aufschwungs des philosophischen Denkens“ wiederzukäuen +und lieber einen Flugmotor zu konstruieren als eine neue und ebenso +überflüssige Theorie der Apperzeption. Es ist wahrhaftig ein armseliger +Lebensinhalt, die Ansichten über den Begriff des Willens und den +psychophysischen Parallelismus noch einmal und etwas anders zu +formulieren, als es hundert Vorgänger getan haben. Das mag ein „Beruf“ +sein, Philosophie ist es nicht. Was nicht das ganze Leben einer Zeit +bis in die tiefsten Tiefen ergreift und verändert, sollte verschwiegen +bleiben. Und was schon gestern möglich war, ist heute zum mindesten +nicht mehr notwendig.</p> + +<p>Ich liebe die Tiefe und Feinheit mathematischer und physikalischer +Theorien, denen gegenüber der Ästhetiker und Physiolog ein Stümper +ist. Für die prachtvoll klaren, hochintellektuellen Formen eines +Schnelldampfers, eines Stahlwerkes, einer Präzisionsmaschine, die +Subtilität und Eleganz gewisser chemischer und optischer Verfahren +gebe ich den ganzen Stilplunder des heutigen Kunstgewerbes samt +Malerei und Architektur hin. Ich ziehe einen römischen Aquädukt +allen römischen Tempeln und Statuen vor. Ich liebe das Kolosseum und +die Riesengewölbe des Palatin, weil sie heute mit der braunen Masse +ihrer Ziegelkonstruktion das <em class="gesperrt">echte</em> Römertum, den großartigen +Tatsachensinn ihrer Ingenieure vor Augen stellen. Sie würden mir +gleichgültig sein, wenn der leere und anmaßende Marmorprunk der +Cäsaren mit seinen Statuenreihen, Friesen und überladenen Architraven +noch erhalten wäre. Man werfe einen Blick auf eine Rekonstruktion der +Kaiserfora: Man wird das getreue Seitenstück moderner Weltausstellungen +finden, aufdringlich, massenhaft, leer, ein dem perikleischen Griechen +wie dem Menschen des Rokoko ganz fremdes Prahlen mit Material und +Dimensionen, wie es ganz ebenso die Ruinen von Luxor und Karnak aus der +Zeit Ramses II., der ägyptischen Modernität von 1300 v. Chr. zeigen. +Nicht umsonst verachtete der echte Römer den <i>Graeculus histrio</i>, +den „Künstler“, den „Philosophen“ auf dem Boden römischer Zivilisation. +Künste und Philosophie gehörten nicht mehr in diese<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Zeit; sie waren +erschöpft, verbraucht, überflüssig. Das sagte ihm sein Instinkt für +die Realitäten des Lebens. <em class="gesperrt">Ein</em> römisches Gesetz wog schwerer +als alle damalige Lyrik und Metaphysik der Schulen. Und ich behaupte, +daß heute ein besserer Philosoph in manchem Erfinder, Diplomaten und +Finanzmann steckt als in allen denen, welche das platte Handwerk der +experimentellen Psychologie treiben. Das ist eine Lage, wie sie auf +einer gewissen historischen Stufe immer wieder eintritt. Es wäre +sinnlos gewesen, wenn ein Römer von geistigem Range, statt als Konsul +oder Prätor ein Heer zu führen, eine Provinz zu organisieren, Städte +und Straßen zu bauen oder in Rom „der erste zu sein“, in Athen oder +Rhodos irgendeine neue Nuance der nachplatonischen Kathederphilosophie +hätte aushecken wollen. Natürlich hat es auch keiner getan. Das lag +nicht in der Richtung der Zeit und konnte also nur Menschen dritten +Ranges reizen, die immer gerade bis zu dem Zeitgeist von vorgestern +vordringen. Es ist eine sehr ernste Frage, ob dies Stadium für uns +bereits eingetreten ist oder noch nicht.</p> + +<p>Ein Jahrhundert rein extensiver Wirksamkeit unter Ausschluß hoher +künstlerischer und metaphysischer Produktion — sagen wir kurz ein +irreligiöses Zeitalter, was sich mit dem Begriff des Weltstädtischen +durchaus deckt — ist eine Zeit des Niedergangs. Gewiß. Aber wir haben +diese Zeit nicht <em class="gesperrt">gewählt</em>. Wir können es nicht ändern, daß wir +als Menschen des beginnenden Winters der vollen Zivilisation und nicht +auf der Sonnenhöhe einer reifen Kultur zur Zeit des Phidias oder +Mozart geboren sind. Es hängt alles davon ab, daß man sich diese Lage, +dies <em class="gesperrt">Schicksal</em>, klar macht und begreift, daß man sich darüber +belügen, aber nicht hinwegsetzen kann. Wer sich dies nicht eingesteht, +zählt unter den Menschen seiner Generation nicht mit. Er bleibt ein +Narr, ein Charlatan oder ein Pedant.</p> + +<p>Bevor man heute an ein Problem herantritt, hat man sich also zu +fragen — eine Frage, die schon vom Instinkt der wirklich Berufenen +beantwortet wird —, was einem Menschen dieser Tage möglich ist und +was er sich verbieten muß. Es ist immer nur eine ganz kleine Anzahl +metaphysischer Aufgaben, deren Lösung einer Epoche des Denkens +vorbehalten ist. Und es liegt<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> bereits wieder eine ganze Welt zwischen +der Zeit Nietzsches, in der noch ein letzter Zug von Romantik wirksam +war, und der Gegenwart, die von aller Romantik endgültig geschieden ist.</p> + +<p>Die systematische Philosophie war mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts +vollendet. Kant hatte ihre äußersten Möglichkeiten in eine große +und — für den westeuropäischen Geist — vielfach endgültige Form +gebracht. Ihr folgt wie auf Plato und Aristoteles eine spezifisch +großstädtische, nicht spekulative, sondern praktische, irreligiöse, +ethisch-gesellschaftliche Philosophie. Sie beginnt, Zeno und Epikur +entsprechend, mit Schopenhauer, der zuerst den <em class="gesperrt">Willen zum Leben</em> +(„schöpferische Lebenskraft“) in den Mittelpunkt seines Denkens +stellte, aber, was die tiefere Tendenz seiner Lehre verschleiert hat, +die systematischen Velleitäten von der Erscheinung und dem Ding an +sich, von Form und Inhalt der Anschauung, vom Unterschiede zwischen +Verstand und Vernunft unter dem Eindruck einer großen Tradition noch +beibehielt. Es ist derselbe schöpferische Lebenswille, der im Tristan +schopenhauerisch verneint, im Siegfried darwinistisch bejaht wurde, +den Nietzsche im Zarathustra glänzend und theatralisch formulierte, +der durch den Hegelianer Marx der Anlaß einer nationalökonomischen, +durch den Malthusianer Darwin der einer zoologischen Hypothese wurde, +die beide gemeinsam und unvermerkt das Weltgefühl des westeuropäischen +Großstädters verwandelt haben, und der von Hebbels Judith bis zu +Ibsens Epilog eine Reihe tragischer Konzeptionen vom gleichen Typus +hervorrief, damit aber ebenfalls den Umkreis echter philosophischer +Möglichkeiten erschöpft hatte.</p> + +<p>Die systematische Philosophie liegt uns heute unendlich fern; die +ethische ist abgeschlossen. Es bleibt noch <em class="gesperrt">eine dritte, dem +hellenischen Skeptizismus entsprechende Möglichkeit innerhalb der +abendländischen Geistigkeit</em>, die, welche durch die bisher +unbekannte Methode der vergleichenden historischen Morphologie +bezeichnet wird. Eine Möglichkeit, das heißt eine Notwendigkeit. Der +antike Skeptizismus ist ahistorisch: er zweifelt, indem er einfach nein +sagt. Der des Abendlandes muß, wenn er innere Notwendigkeit besitzen, +wenn er ein Symbol unseres dem Ende sich zuneigenden Seelentums sein +soll, durch und durch historisch sein. Er hebt auf, indem er<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> alles +als relativ, als geschichtliches Phänomen versteht. Er verfährt +psychologisch. Die skeptische Philosophie tritt im Hellenismus als +Negation der Philosophie auf — man erklärt sie für zwecklos. Wir +nehmen demgegenüber die <em class="gesperrt">Geschichte</em> der <em class="gesperrt">Philosophie</em> als +letztes ernsthaftes Thema der Philosophie an. Das <em class="gesperrt">ist</em> Skepsis. +Man verzichtet auf absolute Standpunkte, der Grieche, indem er über die +Vergangenheit seines Denkens lächelt, wir, indem wir sie als Organismus +begreifen.</p> + +<p>In diesem Buche liegt der Versuch vor, diese „unphilosophische +Philosophie“ der Zukunft — es würde die letzte Westeuropas sein — zu +skizzieren. Der Skeptizismus ist Ausdruck einer reinen Zivilisation; +er zersetzt das Weltbild der voraufgegangenen Kultur. Hier erfolgt die +Auflösung aller älteren Probleme ins Genetische. Die Überzeugung, daß +alles was <em class="gesperrt">ist</em>, auch <em class="gesperrt">geworden ist</em>, daß allem Naturhaften +und Erkennbaren ein Historisches zugrunde liegt, der Welt als dem +Wirklichen ein Ich als das Mögliche, das sich in ihr verwirklicht +hat, die Einsicht, daß nicht nur im Was, sondern auch im Wann und Wie +lange ein tiefes Geheimnis ruht, führt auf die Tatsache, daß alles, +was immer es sonst sei, auch <em class="gesperrt">Ausdruck eines Lebendigen sein</em> +muß. Im Gewordnen spiegelt sich das Werden. In der alten Formel +<i>esse est percipi</i> drängt sich das Urgefühl hervor, daß alles +Vorhandene in einer entscheidenden Beziehung zum <em class="gesperrt">lebenden</em> +Menschen stehen muß und daß für den toten nichts mehr „da ist“. +Aber hat er die Welt, <em class="gesperrt">seine</em> Welt „verlassen“ oder <em class="gesperrt">hat er +sie durch den Tod aufgehoben</em>? Das ist die Frage. Gerade diese +Beziehung aber ist von den Denkern der systematischen Periode nur in +formaler Hinsicht, naturhaft, zeitlos, <em class="gesperrt">erkenntniskritisch</em> also +untersucht worden. Man dachte an „den Menschen“ schlechthin, nicht an +bestimmte historische Menschen. Für den Denker der ethischen Periode, +schon für Schopenhauer, trat diese Frage in den Hintergrund vor der +andern, idealistisch oder utilitarisch gefaßten nach dem <em class="gesperrt">Werte</em> +dessen, was für den einzelnen oder für alle „da ist“. Aber auch +hier dachte man an „den Menschen“ als Typus, ohne die Berechtigung +so allgemeiner Folgerungen zu prüfen. Hier endlich, im Stadium des +historisch-psychologischen Skeptizismus, wird aus dem unmittelbaren<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> +Lebensgefühl heraus bemerkt, daß das gesamte Bild der Umwelt eine +Funktion des Lebens selbst ist, Spiegel, Ausdruck, <em class="gesperrt">Sinnbild</em> +der lebendigen Seele, und zwar zunächst jeder einzelnen für sich. +Auch Erkenntnisse und Wertungen sind Akte lebender Menschen. Dem +frühen Denken ist die äußere Wirklichkeit Erkenntnisprodukt und Anlaß +ethischer Schätzungen; dem späten ist sie vor allem <em class="gesperrt">Symbol</em>. +<em class="gesperrt">Die Morphologie der Weltgeschichte wird notwendig zu einer +universellen Symbolik.</em></p> + +<p>Damit fällt auch der Anspruch des höheren Denkens, allgemeine und +ewige Wahrheiten aufzufinden. Wahrheiten gibt es nur in bezug auf ein +bestimmtes Menschentum. Diese Philosophie selbst würde demnach Ausdruck +und Spiegelung der abendländischen Seele, im Unterschiede etwa von der +antiken und indischen, und zwar nur in deren zivilisiertem Stadium +sein, womit ihr Gehalt als Weltanschauung, ihre praktische Tragweite +und ihr Geltungsbereich bestimmt sind.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Einleitung_16">16</h3> + +</div> + +<p>Endlich sei eine persönliche Bemerkung gestattet. Im Jahre 1911 hatte +ich die Absicht, über einige politische Erscheinungen der Gegenwart +und die aus ihnen möglichen Schlüsse für die Zukunft etwas aus einem +weiteren Horizont zusammenzustellen. Der Weltkrieg als die bereits +unvermeidlich gewordene äußere Form der historischen Krisis wurde +damals unmittelbar bevorstehend, und es handelte sich darum, ihn +aus dem Geiste der voraufgehenden Jahrhunderte — nicht Jahre — zu +begreifen. Im Verlauf der ursprünglich kleinen Arbeit drängte sich die +Überzeugung auf, daß zu einem wirklichen Verständnis der Epoche der +Umfang der Grundlagen viel weiter gewählt werden müsse, daß es völlig +unmöglich sei, eine Untersuchung dieser Art auf eine einzelne Zeit +und deren politischen Tatsachenkreis zu beschränken, sie im Rahmen +pragmatischer Erwägungen zu halten und selbst auf rein metaphysische, +höchst transzendente Betrachtungen zu verzichten, wenn man nicht auch +auf jede tiefere Notwendigkeit der Resultate Verzicht leisten wollte. +Es wurde deutlich, daß ein politisches Problem<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> nicht von der Politik +selbst aus begriffen werden kann und daß wesentliche Züge, die in der +Tiefe mitwirken, nur auf dem Gebiete der Kunst, sogar nur in der Form +weit entlegener wissenschaftlicher und rein philosophischer Gedanken +greifbar in Erscheinung treten. Selbst eine politisch-soziale Analyse +der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, eines Stadiums gespannter +Ruhe zwischen zwei mächtigen, weithin sichtbaren Ereignissen, +dem einen, das durch die Revolution und Napoleon das Bild der +westeuropäischen Wirklichkeit für hundert Jahre bestimmt hat, und einem +andern von mindestens der gleichen Tragweite, das sich mit steigender +Geschwindigkeit näherte, erwies sich als unausführbar, ohne daß +zuletzt <em class="gesperrt">alle</em> großen Probleme des Seins in ihrem vollen Umfange +einbezogen wurden. Denn es tritt im historischen wie im naturhaften +Weltbilde nicht das geringste hervor, ohne daß in ihm die ganze Summe +aller tiefsten Tendenzen verkörpert wäre. So erfuhr das ursprüngliche +Thema eine ungeheure Erweiterung. Eine Unzahl überraschender, +großenteils ganz neuer Fragen und Zusammenhänge drängte sich auf. +Endlich war es vollkommen klar, daß kein Fragment der Geschichte +vollkommen durchleuchtet werden könne, bevor nicht das Geheimnis +der Weltgeschichte überhaupt, genauer das der Geschichte des höhern +Menschentums als einer organischen Einheit von regelmäßiger Struktur +klargestellt war. Und eben das war bisher nicht entfernt geleistet +worden.</p> + +<p>Von diesem Augenblicke an traten in wachsender Fülle die oft +geahnten, zuweilen berührten, nie begriffenen Beziehungen hervor, +welche die Formen der bildenden Künste mit denen des Krieges und +der Staatsverwaltung verbinden, die tiefe Verwandtschaft zwischen +politischen und mathematischen Gebilden derselben Kultur, zwischen +religiösen und technischen Anschauungen, zwischen Mathematik, +Musik und Plastik, zwischen wirtschaftlichen und Erkenntnisformen. +Die tiefinnerliche Abhängigkeit der modernsten physikalischen und +chemischen Theorien von den mythologischen Vorstellungen unsrer +germanischen Ahnen, die vollkommene Kongruenz im Stil der Tragödie, der +dynamischen Technik und des heutigen Geldverkehrs, die zuerst bizarre, +dann selbstverständliche Tatsache, daß die Perspektive der Ölmalerei, +der Buchdruck, das Kreditsystem, die Fernwaffe,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> die kontrapunktische +Musik einerseits, die nackte Statue, die Polis, die von Griechen +erfundene <em class="gesperrt">Geldmünze</em> andrerseits identische Ausdrücke eines und +desselben seelischen Prinzips sind, wurde unzweifelhaft deutlich, +und weit darüber hinaus rückte die Tatsache ins hellste Licht, daß +diese mächtigen <em class="gesperrt">Gruppen morphologischer Verwandtschaften</em>, von +denen jede eine einzelne Art Mensch im Gesamtbilde der Weltgeschichte +symbolisch darstellt, von streng symmetrischem Aufbau sind. Erst diese +Perspektive legt den wahren Begriff der Historie bloß. Sie läßt sich, +da sie selbst wiederum Symptom und Ausdruck einer Zeit und erst heute +und nur für den westeuropäischen Menschen innerlich möglich und damit +notwendig ist, nur mit gewissen Anschauungen der modernsten Mathematik +auf dem Gebiete der Transformationsgruppen entfernt vergleichen. Es +waren dies Gedanken, die mich seit langen Jahren beschäftigt hatten, +aber dunkel und unbestimmt, bis sie aus diesem Anlaß in greifbarer +Gestalt hervortraten.</p> + +<p>Ich sah die Gegenwart — den sich nähernden Weltkrieg — in einem +ganz andern Licht. Das war nicht mehr eine einmalige Konstellation +zufälliger, von nationalen Stimmungen, persönlichen Einwirkungen und +wirtschaftlichen Tendenzen abhängiger Tatsachen, denen der Historiker +durch irgendein kausales Schema politischer oder sozialer Natur den +Anschein der Einheit und materiellen Notwendigkeit aufprägt; das +war der <em class="gesperrt">Typus eines historischen Aktes</em>, der innerhalb eines +großen historischen Organismus von genau abgrenzbarem Umfange einen +biographisch <em class="gesperrt">seit Jahrhunderten vorbestimmten Platz</em> hat. +Eine Unsumme leidenschaftlichster Fragen und Einsichten, die heute +in tausend Büchern und Meinungen, aber zerstreut, vereinzelt, aus +dem beschränkten Horizont eines Spezialgebietes zutage traten und +deshalb reizen, bedrücken und verwirren, aber nicht befreien konnten, +bezeichnet die große Krisis. Man kennt sie, aber man übersieht +ihre Identität. Ich nenne die in ihrer wahren Bedeutung gar nicht +begriffenen Kunstprobleme, die dem Streit um Form und Inhalt, um Linie +oder Raum, um das Zeichnerische oder Malerische, den Begriff des +Stils, den Sinn des Impressionismus und der Musik Wagners zugrunde +liegen; den Niedergang der<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Kunst, den wachsenden Zweifel am Werte der +Wissenschaft; die schweren Fragen, welche aus dem Sieg der Weltstadt +über das Bauerntum hervorgehen: die Kinderlosigkeit, die Landflucht, +den sozialen Rang des fluktuierenden vierten Standes; die Krisis im +Sozialismus, im Parlamentarismus, im Rationalismus; die Stellung des +Einzelnen zum Staate; das Eigentumsproblem, das davon abhängende +Eheproblem; auf scheinbar ganz anderm Gebiete die massenhaften +völkerpsychologischen Arbeiten über Mythen und Kulte, über die Anfänge +der Kunst, der Religion, des Denkens, die mit einem Male nicht mehr +ideologisch, sondern streng morphologisch behandelt wurden — Fragen, +die alle das <em class="gesperrt">eine</em>, nie mit hinreichender Deutlichkeit ins +Bewußtsein getretene Rätsel der Historie überhaupt zum Ziel hatten. +Hier lagen nicht unzählige, sondern <em class="gesperrt">ein und dieselbe</em> Aufgabe +vor. Hier hatte jeder etwas geahnt, aber keiner von seinem engen +Standpunkte aus die einzige und umfassende Lösung gefunden, die seit +den Tagen Nietzsches in der Luft lag, der alle entscheidenden Probleme +bereits in Händen hielt, ohne als Romantiker es zu wagen, der strengen +Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen.</p> + +<p>Darin liegt aber auch die tiefe Notwendigkeit der abschließenden Lehre, +die kommen mußte und nur zu dieser Zeit kommen konnte. Sie ist kein +Angriff auf das Vorhandene an Ideen und Werken. Sie <em class="gesperrt">bestätigt</em> +vielmehr alles, was seit Generationen gesucht und geleistet wurde. +Dieser Skeptizismus stellt den Kern dessen dar, was auf allen +Einzelgebieten, gleichviel in welcher Absicht, an lebendigen Tendenzen +vorliegt.</p> + +<p>Vor allem aber fand sich endlich der Gegensatz, aus dem allein das +Wesen der Geschichte erfaßt werden kann: der von <em class="gesperrt">Historie und +Natur</em>. Ich wiederhole: der Mensch ist als Element und Träger der +Welt nicht nur Glied der Natur, sondern auch Glied der Geschichte, +eines <em class="gesperrt">zweiten Kosmos</em>, von andrer Ordnung und andrem Gehalte, +der von der gesamten Metaphysik zugunsten des ersten vernachlässigt +worden ist. Was mich zum ersten Nachdenken über diese <em class="gesperrt">Grundfrage</em> +unsres Weltbewußtseins brachte, war die Beobachtung, daß der heutige +Historiker, an den sinnlich greifbaren Ereignissen, dem Gewordenen, +herumtastend, die Geschichte, das Geschehen, das<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> <em class="gesperrt">Werden</em> +selbst bereits ergriffen zu haben glaubt, ein Vorurteil aller nur +verstandesmäßig Erkennenden, nicht auch Schauenden,<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a> das schon die +großen Eleaten stutzig gemacht hatte, als sie behaupteten, daß es, +für den Erkennenden nämlich, kein Werden, nur ein Sein (Gewordensein) +gebe. Mit andern Worten: man sah die Geschichte als Natur, im +Objektsinne des Physikers, und handelte danach. Von hier schreibt +sich der folgenschwere Mißgriff, die Prinzipien der Kausalität, des +Gesetzes, des Systems, also die Struktur des starren Seins in den +Aspekt des Geschehens zu legen. Man verhielt sich, als gebe es eine +menschliche Kultur etwa wie es Elektrizität oder Gravitation gibt, +mit den im wesentlichen gleichen Möglichkeiten der Analyse; man +hatte den Ehrgeiz, die Gewohnheiten des Naturforschers zu kopieren, +so daß man wohl gelegentlich fragte, was denn die Gotik, der Islam, +die antike Polis <em class="gesperrt">sei</em>, nicht aber, warum diese Symbole +eines Lebendigen gerade <em class="gesperrt">damals</em> und <em class="gesperrt">dort</em> auftauchen +<em class="gesperrt">mußten</em>, in <em class="gesperrt">dieser Form</em> und <em class="gesperrt">für diese Dauer</em>. +Man begnügte sich, sobald eine der zahllosen Ähnlichkeiten räumlich +und zeitlich weit getrennter Geschichtsphänomene zutage trat, sie +einfach zu registrieren, mit einigen geistvollen Bemerkungen über +das Wunderbare des Zusammentreffens, über<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Rhodos als das „Venedig +des Altertums“ oder Napoleon als den neuen Alexander, statt gerade +hier, wo das <em class="gesperrt">Schicksalsproblem</em> als das eigentliche Problem +der Historie (das <em class="gesperrt">Problem der Zeit</em> nämlich) hervortritt, den +höchsten Ernst wissenschaftlich geregelter Psychologie einzusetzen +und die Antwort auf die Frage zu finden, welche ganz anders geartete +Notwendigkeit, der kausalen ganz und gar fremd, hier am Werke ist. Daß +jede Erscheinung auch dadurch ein metaphysisches Rätsel aufgibt, daß +sie zu einer <em class="gesperrt">niemals gleichgültigen</em> Zeit auftritt, daß man sich +auch noch fragen muß, was für ein <em class="gesperrt">lebendiger</em> Zusammenhang neben +dem anorganisch-naturgesetzlichen im Weltbilde besteht — das ja die +Ausstrahlung des <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschen und nicht, wie Kant meinte, nur +die des erkennenden ist —, daß eine Erscheinung nicht nur Tatsache +für den Verstand, sondern auch Ausdruck des Seelischen ist, nicht nur +Objekt, sondern auch Symbol, und zwar von den höchsten religiösen +und künstlerischen Schöpfungen an bis zu den Geringfügigkeiten des +Alltagslebens, das war philosophisch etwas Neues.</p> + +<p>Endlich sah ich die Lösung deutlich vor mir, in ungeheuren Umrissen, in +voller innerer Notwendigkeit, eine Lösung, die auf ein einziges Prinzip +zurückführt, das zu finden war und bisher nicht gefunden wurde, etwas, +das mich seit meiner Jugend verfolgt und angezogen hatte und das mich +quälte, weil ich es als vorhanden, als Aufgabe empfand, aber nicht +fassen konnte. So ist aus dem etwas zufälligen Anlaß das vorliegende +Buch entstanden, als der vorläufige Ausdruck eines neuen Weltbildes, +mit allen Fehlern eines ersten Versuchs behaftet, ich weiß es wohl, +unvollständig und sicher nicht ohne Widersprüche. Dennoch enthält +es meiner Überzeugung nach die unwiderlegliche Formulierung eines +Gedankens, der, ich sage es noch einmal, nicht bestritten werden wird, +sobald er einmal ausgesprochen ist.</p> + +<p>Das engere Thema ist also eine Analyse des Unterganges der +westeuropäischen Kultur. Das Ziel aber ist die Entwicklung einer +Philosophie und der ihr eigentümlichen, hier zu prüfenden Methode der +vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte. Die Arbeit zerfällt +naturgemäß in zwei Teile. Der<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> erste, „Gestalt und Wirklichkeit“, der +sich mit den Problemen der Zahl, des Schicksals, der Kausalität, der +Tragödie, der bildenden Künste, der Weltanschauung, des Lebens, der +Naturerkenntnis, des Mythus beschäftigt, enthält die Grundlagen einer +Symbolik. Der zweite, „Welthistorische Perspektiven“, wird eine Anzahl +historischer Phänomene analysieren: die hier in ihrem wahren Umfange +zum ersten Male aufgedeckte arabische Kultur, die Zivilisation, die +Weltstadt, das Imperium Romanum, die Grundformen des Staates, des +Geldes, der Technik, endlich das Russentum. Ich schließe ausdrücklich +hier, wo die eigentliche Geschichte im Vordergrund steht, eine Reihe +weiterer Probleme aus, die zur tiefern Begründung gehören, aber +selbständiger Behandlung vorbehalten bleiben sollen: die Probleme des +Geschlechts, der Familie, der Rassen und Sprachen, der Ehe und des +Eigentums, der Religion, des Verhältnisses von Wissen und Glauben, +Vaterschaft und Künstlertum, Muttertum und Religiosität.</p> + +<p>Die folgenden Tafeln geben einen Überblick über das, was Resultat +der Untersuchung ist. Sie mögen zugleich einen Begriff von der +Fruchtbarkeit und Tragweite der neuen Methode geben.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Es war ein noch heute nicht überwundener Mißgriff +Kants von ungeheurer Tragweite, daß er den äußern und innern +Menschen zunächst mit den vieldeutigen und vor allem <em class="gesperrt">nicht +unveränderlichen</em> Begriffen Raum und Zeit ganz schematisch in +Verbindung brachte und weiterhin damit in vollkommen falscher Weise +Geometrie und Arithmetik verband, an deren Stelle hier der viel tiefere +Gegensatz der mathematischen und chronologischen Zahl wenigstens +genannt sein soll. Arithmetik und Geometrie sind <em class="gesperrt">beides</em> +Raumrechnungen und in ihren höhern Gebieten überhaupt nicht mehr +unterscheidbar. Eine <em class="gesperrt">Zeitrechnung</em>, über deren Begriff der naive +Mensch sich gefühlsmäßig durchaus klar ist, beantwortet die Frage nach +dem <em class="gesperrt">Wann</em>, nicht dem <em class="gesperrt">Was</em> oder <em class="gesperrt">Wieviel</em>.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Man muß es fühlen können, wie sehr die Tiefe der formalen +Kombination und die Energie des Abstrahierens auf dem Gebiete etwa der +Renaissanceforschung oder der Geschichte der Völkerwanderung hinter +dem zurückbleibt, was auf dem Gebiete der Funktionentheorie und der +theoretischen Optik selbstverständlich ist. Neben dem Physiker und +Mathematiker wirkt der Historiker <em class="gesperrt">nachlässig</em>.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Die ohnehin sehr spät einsetzenden Versuche der +Griechen, nach dem Muster Ägyptens etwas wie einen Kalender oder eine +Chronologie zustande zu bringen, sind von höchster Naivität. Die +Olympiadenrechnung ist keine Ära wie etwa die christliche Zeitrechnung +und außerdem nur ein literarischer Notbehelf, nichts dem Volke +Geläufiges. Es gab keinen Nullpunkt, von dem aus man zählen konnte. +Wir besitzen die Inschrift eines Vertrages zwischen Elis und Heräa, +der „<em class="gesperrt">hundert Jahre von diesem Jahre an</em>“ gelten sollte. Welches +Jahr dies war, ließ sich aber nicht angeben. Nach einiger Zeit wird +man also nicht mehr gewußt haben, wie lange der Vertrag bestand, und +offenbar hatte das niemand beachtet. Wahrscheinlich aber werden diese +Gegenwartsmenschen ihn überhaupt bald vergessen haben. Es bezeichnet +den legendenhaft-kindlichen Charakter des antiken Geschichtsbildes, daß +man eine geordnete Datierung der Fakta etwa des „trojanischen Krieges“, +der der Stufe nach doch unsern Kreuzzügen entspricht, geradezu als +stilwidrig empfinden würde.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Demgegenüber ist es ein Symbol ersten Ranges und ohne +Beispiel in der Kunstgeschichte, daß die Hellenen der mykenischen +Vorzeit gegenüber — in einem an Steinmaterial überreichen Lande! — +vom Steinbau zur Verwendung des Holzes <em class="gesperrt">zurückkehrten</em>, woraus +sich das Fehlen architektonischer Reste zwischen 1200 und 600 erklärt. +Die ägyptische Pflanzensäule war von Anfang an Steinsäule, die dorische +Säule war eine Holzsäule. Darin spricht sich die tiefe Feindseligkeit +der antiken Seele gegen die Dauer aus.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Hat je eine hellenische Stadt auch nur <em class="gesperrt">ein</em> +umfassendes Werk ausgeführt, das einen Gedanken an kommende +Generationen verrät? Die Straßen- und Bewässerungssysteme, die man +in mykenischer, d. h. <em class="gesperrt">vorantiker</em> Zeit nachgewiesen hat, sind +seit der Geburt antiker Völker — mit dem Anbruch homerischer Zeit +also — verfallen und vergessen worden. Ebenso wurde Mykene selbst als +<em class="gesperrt">historischer Faktor</em> vollständig vergessen. Wir besitzen Tausende +von Schrifttäfelchen aus mykenischer Zeit, aus homerischer nicht ein +einziges. Aber das ist kein „Rückschritt“, sondern der neue Stil einer +andersgearteten Seele. Das ist „reine Gegenwart“.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Von Homer bis zu den Tragödien Senekas, ein volles +Jahrtausend hindurch, erscheinen die mythischen Gestalten wie Thyest, +Klytämnestra, Herakles trotz ihrer begrenzten Zahl unverändert immer +wieder, während in der Dichtung des Abendlandes der faustische Mensch +zuerst als Parzeval und Tristan, dann im Sinn der Epoche verwandelt als +Hamlet, als Don Quijote, als Don Juan, in einer letzten zeitgemäßen +Verwandlung als Faust und Werther und dann als Held des modernen +weltstädtischen Romans, immer aber in der Atmosphäre und Bedingtheit +eines bestimmten Jahrhunderts auftritt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Abt Gerbert (als Papst Sylvester II.), der Freund Kaiser +Ottos III., hat um 1000, also mit dem Beginn des romanischen Stils +und der Kreuzzugsbewegung, den ersten Symptomen einer neuen Seele, +die Konstruktion der Schlag- und Räderuhren erfunden. In Deutschland +entstanden auch um 1200 die ersten Turmuhren und etwas später die +Taschenuhren. Man bemerke die bedeutsame Verbindung der Zeitmessung mit +dem Gebäude des religiösen Kultus.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Bei Newton heißt sie bezeichnenderweise Fluxionsrechnung +— mit Rücksicht auf gewisse metaphysische Vorstellungen vom Wesen der +Zeit. In der griechischen Mathematik kommt die Zeit gar nicht vor.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Hier steht der Historiker auch unter dem verhängnisvollen +Vorurteil der Geographie (um nicht zu sagen unter der Suggestion +eines Landkartenbildes), die einen <em class="gesperrt">Erdteil</em> Europa annimmt, +worauf er sich verpflichtet fühlt, auch eine entsprechende +<em class="gesperrt">ideelle</em> Abgrenzung gegen Asien vorzunehmen. Das Wort Europa +sollte aus der Geschichte gestrichen werden. Es gibt keinen +„Europäer“ als historischen Typus. Es ist töricht, im Falle der +Hellenen von „europäischem Altertum“ (Homer, Heraklit, Pythagoras +waren also „Asiaten“?) und von ihrer „Mission“ zu reden, Asien und +Europa kulturell anzunähern. Das sind Worte, die aus einer banalen +Interpretation der Landkarte stammen und denen nichts Wirkliches +entspricht. Es war allein das Wort Europa mit dem unter seinem Einfluß +entstandenen Gedankenkomplex, das Rußland mit dem Abendlande in unserm +historischen Bewußtsein zu einer durch nichts gerechtfertigten Einheit +verband. Hier hat, in einer durch Bücher erzogenen Kultur von Lesern, +eine bloße Abstraktion zu ungeheuren realen Konsequenzen geführt. +Sie haben, in der Person Peters des Großen, die historische Tendenz +einer primitiven Völkermasse auf Jahrhunderte gefälscht, obwohl der +russische <em class="gesperrt">Instinkt</em> „Europa“ sehr richtig und tief mit einer in +Tolstoi, Aksakow und Dostojewski verkörperten Feindseligkeit gegen +das „Mütterchen Rußland“ abgrenzt. Orient und Okzident sind Begriffe +von echtem historischen Gehalt. „Europa“ ist leerer Schall. Alles, +was die Antike an großen Schöpfungen hervorbrachte, entstand unter +Negation einer kontinentalen Grenze zwischen Rom und Cypern, Byzanz +und Alexandria. Alles, was europäische Kultur heißt, entstand zwischen +Weichsel, Adria und Guadalquivir. Und gesetzt, daß Griechenland zur +Zeit des Perikles „in Europa lag“, so liegt es heute nicht mehr dort.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Im Neuen Testament ist die polare Fassung mehr durch die +Dialektik des Apostels Paulus, die periodische durch die Apokalypse +vertreten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Er liegt schon in Wolfram von Eschenbachs Parzeval und +Dantes Divina comedia.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Entscheidend ist die Auswahl des Übriggebliebenen, die +nicht allein vom Zufall, sondern ganz wesentlich von einer Tendenz +bestimmt ist. Der Attizismus der Augustuszeit, müde, unfruchtbar, +pedantisch, zurückschauend, hat den Begriff des <em class="gesperrt">Klassischen</em> +geprägt und eine ganz kleine Gruppe griechischer Werke bis auf Plato +herab als klassisch anerkannt. Das übrige, darunter die gesamte reiche +hellenistische Literatur, wurde verworfen und ging fast vollständig +verloren. Jene von einem schulmeisterlichen Geschmack ausgewählte +Gruppe, die größtenteils erhalten blieb, hat dann das imaginäre Bild +des klassischen „Altertums“ in Florenz sowohl wie für Winckelmann, +Hölderlin, Goethe und sogar Nietzsche bestimmt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Das römische <i>otium cum dignitate</i> hat man lediglich +als Kehrseite einer großangelegten und energischen öffentlichen +Wirksamkeit, nicht als privaten lyrischen oder gelehrten Schlendrian +zu verstehen, wie ihn erst sehr spät die Briefe des jüngeren Plinius +beschreiben.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Was man in der Entwicklung Strindbergs und vor allem +Ibsens, der in der zivilisierten Atmosphäre seiner Probleme immer +nur Gast gewesen ist, nicht übersehen wird. Das Motiv von „Brand“ +und „Rosmersholm“ ist eine merkwürdige Mischung von angebornem +Provinzialismus und theoretisch erworbenem Weltstadthorizont. Nora ist +das Urbild einer durch Lektüre aus der Bahn geratenen Provinzlerin.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Der den Kult des Stadtheros Adrastos und den Vortrag der +homerischen Gesänge verbot, um dem dorischen Adel die Wurzeln seines +Seelentums zu nehmen (um 560).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Ein tiefes Wort, das seinen Sinn erhält, sobald der +Barbar zum Kulturmenschen wird, und ihn wieder verliert, sobald der +zivilisierte Mensch das „<i>ubi bene, ibi patria</i>“ akzeptiert.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Deshalb verfielen dem Christentum zuerst die Römer, die +es <em class="gesperrt">sich nicht leisten konnten</em>, Stoiker zu sein.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> In Rom und Byzanz wurden sechs- bis zehnstöckige +Miethäuser — bei höchstens drei Meter Straßenbreite — errichtet, die +bei dem Fehlen aller baupolizeilichen Vorschriften oft genug mit ihren +Bewohnern zusammenbrachen. Ein großer Teil der <i>cives Romani</i>, für +die „<i>panem et circenses</i>“ den ganzen Lebensinhalt bildeten, besaß +nur einen teuer bezahlten Schlafplatz in den ameisenhaft wimmelnden +„<i>insulae</i>“.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Die deutsche Gymnastik ist seit 1813 und den höchst +provinzialen, urwüchsigen Formen, die ihr Jahn damals gab, in rascher +Entwicklung zum Sportmäßigen begriffen. Der Unterschied eines Berliner +Sportplatzes an einem großen Tage von einem römischen Zirkus war schon +1914 sehr gering.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Was sich seit 1880 in Deutschland an literarischen +Kämpfen abspielt, ist nichts als der übrigens unter ganz belanglosen +Leuten geführte Kampf zwischen weltstädtischer und provinzialer Poesie +(Heimatkunst).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Die Eroberung Galliens durch Cäsar war ein +ausgesprochener Kolonialkrieg, d. h. von einseitiger Aktivität. Daß er +trotzdem den Höhepunkt der späteren römischen Kriegsgeschichte bildet, +bestätigt nur deren rasch abnehmenden Gehalt an wirklichen Leistungen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Die modernen Deutschen sind das glänzende Beispiel +eines Volkes, das ohne sein Wissen und Wollen expansiv geworden ist. +Sie waren es schon, als sie noch das Volk Goethes zu sein glaubten. +Bismarck hat diesen tiefern Sinn der durch ihn begründeten Epoche +nicht einmal geahnt. Er glaubte den <em class="gesperrt">Abschluß</em> einer politischen +Entwicklung erreicht zu haben.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> So war vielleicht das bedeutende Wort Napoleons an Goethe +gemeint. „Was will man heute mit dem Schicksal? Die Politik ist das +Schicksal.“</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Die Philosophie dieses Buches verdanke ich der +Philosophie Goethes, der unbekannten, und erst in viel geringerem +Grade der Philosophie Nietzsches. Die Stellung Goethes in der +westeuropäischen Metaphysik ist noch gar nicht verstanden worden. +Man nennt ihn nicht einmal, wenn von Philosophie die Rede ist. +Unglücklicherweise hat er seine Lehre nicht in einem starren System +niedergelegt; deshalb übersehen ihn die Systematiker. Aber er war +Philosoph. Er nimmt Kant gegenüber dieselbe Stellung ein wie Plato +gegenüber Aristoteles, und es ist ebenfalls eine mißliche Sache, Plato +in ein System bringen zu wollen. Plato und Goethe repräsentieren die +Philosophie des Werdens, Aristoteles und Kant die des Gewordnen. Hier +steht Intuition gegen Analyse. Was verstandesmäßig kaum auszusprechen +ist, findet sich in einzelnen Vermerken und Gedichten wie den +Orphischen Urworten, Strophen wie „Wenn im Unendlichen“ und „Sagt +es niemand“, die man als Inkarnationen einer <em class="gesperrt">ganz bestimmten</em> +Metaphysik zu betrachten hat. An folgendem Ausspruch möchte ich nicht +ein Wort geändert wissen: „<em class="gesperrt">Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen, +aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber +nicht im Gewordnen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in +ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu +tun, der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze</em>“ +(zu Eckermann).</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="TAFELN_ZUR_VERGLEICHENDEN_MORPHOLOGIE_DER_GESCHICHTE">TAFELN +ZUR VERGLEICHENDEN MORPHOLOGIE DER GESCHICHTE</h2> + +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<table class="morphologie"> +<caption class="morph_capt"> +I. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ GEISTESEPOCHEN. +</caption> +<colgroup> +<col span="4" class="epoche1"> +</colgroup> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">INDISCHE<br> + seit 1500 v. Chr.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ANTIKE<br> + seit 1100 v. Chr.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ARABISCHE<br> + seit 0</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ABENDLÄNDISCHE KULTUR<br> + seit 900</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>FRÜHLING: Landschaftlich-intuitiv. Mächtige + Schöpfungen einer erwachenden traumschweren Seele. Überpersönliche + Einheit und Fülle.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>1. Geburt eines Mythus großen Stils als Ausdruck + eines neuen Gottgefühls. Weltangst und Weltsehnsucht.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">1500–1200<br> + Mythologie des Veda.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">1100–800<br> + Olympischer Mythos.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">0–300<br> + Urchristentum.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">900–1200<br> + Germanischer Katholizismus<br> + (7 Sakramente) (Heiland).</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Homer.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Orientalische Kulte der Kaiserzeit + (Isis, Mithras).</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Marienkult. Gralsage (Parzeval)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Manichäismus.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Edda. Nibelungen (Baldr, Siegfried).</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Arische Heldensage.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Arische Hellenische.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Evangelien. Apokalypse; Legende.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die abendländische Heiligenlegende.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>2. Früheste mystisch-metaphysische Gestaltung des + neuen Weltblickes.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Im Rigveda und den ältesten Teilen der andern Veden.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Unbekannt.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Plotin 204–269.<br> + Origenes 185–254.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Dante 1265–1321<br> + Thomas v. Aquino 1224–1274.<br> + Eckart (1250–1329).</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> +   + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Nachwirkung in den Kosmogonien.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Neuplatoniker, Gnostiker, Kirchenväter.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Mystik und Scholastik.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>SOMMER: Reifende Bewußtheit. Früheste + städtisch-bürgerliche und kritische Regungen.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>3. „Reformation“: Innerhalb der Religion + volksmäßige Auflehnung gegen die großen Formen der Frühzeit.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Bramanas.<br> + Älteste Elemente der Upanishads.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Dionysosreligion, Orphiker, antihomerische + Strömungen. 7. Jahrh.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Abfall der Monophysiten 449.<br> + Bar Sudaili und die syrische Mystik um 500.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Protestantismus.<br> + Luther, Zwingli, Calvin um 1500.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>SOMMER: Reifende Bewußtheit. Früheste + städtisch-bürgerliche und kritische Regungen.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>4. Beginn einer rein philosophischen Fassung des + Weltgefühls. Gegensatz idealistischer und realistischer Systeme.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">In den Upanishads enthalten.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die großen Vorsokratiker 6./5. Jahrh.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Bisher unerforschte syrische, koptische, neupersische + Literatur des 6./7. Jahrh.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Galilei, Descartes, Bacon, Bruno, Boehme, Leibniz + 16./17. Jahrh.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>5. Bildung einer neuen Mathematik. Konzeption der + Zahl als Abbild und Inbegriff der Weltform.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Verschollen.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die Zahl als Maß (Größe).<br> + (Geometrie, Arithmetik)<br> + Pythagoräer seit 540.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die unbestimmte Zahl.<br> + (Algebra)<br> + Entwicklung unerforscht.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die Zahl als Funktion.<br> + (Analysis)<br> + Descartes, Pascal, Fermat um 1630<br> + Newton, Leibniz um 1670.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>6. „Puritanismus“: Rationalistisch-mystische + Verarmung des Religiösen. Intellektueller Fanatismus.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Spuren in den Upanishads.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Pythagoräischer Bund seit 540.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Mohammed.<br> + Hedschra 622.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Puritaner in England seit 1620.<br> + Jansenisten (Port Royal) in Frankreich seit 1640.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>HERBST: Großstädtische Intelligenz. Höhepunkt + strenggeistiger Gestaltungskraft.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>7. „Aufklärung“: Glaube an die Allmacht des + Verstandes. Kultus der „Natur“. „Vernünftige Religion“.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Sutras; Sankhya.<br> + Jüngere Elemente der Upanishads.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Sophistik 5. Jahrh.<br> + Sokrates 469–399.<br> + Demokrit 460–360.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Mutaziliten 8. Jahrh.<br> + Nazzam, Alkindi um 830.<br> + Alkabi um 900.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Sensualisten (Locke, Shaftesbury).<br> + 17./18. Jahrh.<br> + Rousseau 1712–1778.<br> + Voltaire. Enzyklopädisten<br> + 18. Jahrh.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>8. Höhepunkt des mathematischen Denkens. Abklärung + der Formenwelt der Zahlen.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Verschollen.<br> + (Stellenwert, die Null als Zahl, Winkelfunktionen.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Archytas 430–365.<br> + Plato 426–346.<br> + Eudoxos 408–355.<br> + (Kegelschnitte.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Noch unerforscht.<br> + (Zahlentheorie, spärische Trigonometrie.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Euler 1707–1783.<br> + Lagrange 1736–1813.<br> + Laplace 1749–1827.<br> + (Infinitesimalproblem.)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>9. Die großen abschließenden Systeme.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5" colspan="4"> + <table> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Des Idealismus: Yoga. Vedanta.</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Plato 426–346.</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Al Farabi † 950.</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Goethe</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="3"> + <img class="h3em" src="images/p074c_kl_h3_li.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach links, 3 Zeilen hoch"> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Schelling.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Erkenntnistheorie: Vaiceshika.</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h2em" src="images/p074c_kl_h2_re.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach rechts, 2 Zeilen hoch"> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <div class="center">Aristoteles 384–322.</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h2em" src="images/p074c_kl_h2_li.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach links, 2 Zeilen hoch"> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Aliaf † 850.</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h2em" src="images/p074c_kl_h2_re.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach rechts, 2 Zeilen hoch"> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <div class="center">Kant</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Fichte.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Logik: Nyaya.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Avicenna um 1000.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Hegel.</div> + </td> + </tr> + </table> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>WINTER: Anbruch der weltstädtischen Zivilisation. + Erlöschen der seelischen Gestaltungskraft. Das Leben selbst wird + problematisch. Ethisch-praktische Tendenzen eines irreligiösen und + unmetaphysischen Weltstädtertums.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>10. Materialistische Weltanschauung: Kultus der + praktischen Erfahrung des Nutzens, des Glückes.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Tscharvaka.<br> + (Lokoyata.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Cyniker, Cyrenaiker.<br> + Letzte Sophisten.<br> +  <br> + Pyrrhon 325–275.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Kommunist., atheist., epikur. Sekten der + Abbassidenzeit<br> + 9. Jahrh.<br> + Die „lauteren Brüder“ um 950.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Bentham, Feuerbach, Stirner.<br> + Comte, Spencer, Marx.<br> +  <br> + Darwinisten. Materialisten.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>11. Ethisch-gesellschaftliche Lebensideale: + Epoche der „Philosophie ohne Mathematik“.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Sekten der Buddhazeit.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Epikur 347–270.<br> + Zenon 340–265.<br> + Alexandrinismus.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Tendenzen im frühen Sufismus<br> + Al Gunaid † 910.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Schopenhauer, Nietzsche.<br> + Sozialismus, Anarchismus.<br> + Hebbel, Wagner, Ibsen.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>12. Innere Vollendung der mathematischen + Formenwelt. Die abschließenden Gedanken.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">Verschollen.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Euklid, Apollonios<br> + 4./3. Jahrh.<br> + Eratosthenes, Archimedes<br> + 3. Jahrh.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Alchwarizmi 800, Ibn Kurra 850.<br> + Alkarchi, Albiruni<br> + 10. Jahrh.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Gauß 1777–1855.<br> + Cauchy 1789–1857.<br> + Riemann 1826–1866.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>13. Sinken des abstrakten Denkertums zu einer + fachwissenschaftlichen Kathederphilosophie. Kompendienliteratur.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die „sechs klassischen Systeme“.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Akademie; Peripatos. Stoa; Epikuräer.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Schulen von Bagdad und Basra.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Kantianer, Hegelianer. „Logiker“ und + „Psychologen“.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>14. Das Ende: Ausbreitung einer letzten + Weltstimmung.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Der indische Buddhismus seit 500.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Der hellenistisch-römische Stoizismus seit 200.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Der praktische Fatalismus des Islam seit 1000.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Der ethische Sozialismus seit Ende des 19. + Jahrh. sich verbreitend.</div> + </td> + </tr> +</table> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<table class="morphologie break-before"> +<caption class="morph_capt mtop2"> +II. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ KUNSTEPOCHEN. +</caption> +<colgroup> +<col span="4" class="epoche1"> +</colgroup> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ÄGYPTISCHE</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ANTIKE</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ARABISCHE</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ABENDLÄNDISCHE KULTUR</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>VORZEIT: Chaos urmenschlicher Kunstformen. + Mystische Liniensymbolik und Versuche naiver Imitation.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">THINITENZEIT. + 3400–3000.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">KRETISCH-MYKENISCHE ZEIT. 1600–1100.<br> + (Ägyptischer Einfluß.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ALTSYRISCH-ARABISCHE KUNST. Vor 0.<br> + (Antiker, babylon.-persischer Einfluß.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">MEROWINGER-KAROLINGERZEIT 500–900.<br> + (Maurisch-byzant. Einfluß.)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>„KULTUR“: Lebensgeschichte eines das gesamte + äußere Sein formenden Stils. Formensprache von tiefster symbolischer + Notwendigkeit.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center">I. FRÜHZEIT: <em class="gesperrt">Ornament und + Architektur als elementarer Ausdruck des jungen Weltgefühls („Die + Primitiven“)</em>.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DAS ALTE REICH<br> + 2950–2475.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DORIK.<br> + 1100–650.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ALCHRISTLICH-„SPÄTANTIKE“ KUNST.<br> + 0–500.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">GOTIK.<br> + 900–1500.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>1. Geburt und Aufschwung. Aus dem Geiste der + Landschaft erwachsende, nicht bewußt geschaffene Formen.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">4.–5. Dynastie 2930–2625.<br> + Streng geometrischer Tempelstil.<br> + Flachrelief.<br> + Frontale Bildplastik.<br> + Pyramidentempel.<br> + Pflanzensäulen, Kolonnaden. Reliefzyklen.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Nicht erhaltene Holzarchitektur (Antentempel).<br> + Geometrischer (Dipylon-)stil 11./9. Jahrh.<br> + Die dorische Säule (Holz).<br> +  <br> + Grabvasenmalerei.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Basiliskenstil.<br> + Sarkophag-(Tief-)relief.<br> + Katakombenmalerei.<br> +  <br> + Kuppelbasilika („Moschee“). (Pantheon in Rom).<br> + Säulenbögen. Frontalbildnisse.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Romanik und Frühgotik<br> + Ornament und Dom<br> +  <br> +  <br> + Hochgotik; Gewölbte Dome.<br> + Kathedralplastik, Glasmalerei.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>2. Vollendung der frühen Formensprache. + Erschöpfung der Möglichkeiten und Widerspruch.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">6. Dynastie 2625–2475.<br> + Erlöschen des Pyramidenstils und es episch-idyll. Reliefs.<br> +  <br> + Blüte der archaischen Bildnisplastik.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">800–650.<br> + Wenig bekannt.<br> +  <br> +  <br> + Protokorinth.-altattische Tonmalerei<br> + (Mythische Stoffe).</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">4.–5. Jahrh.<br> + Syrisch-byzantinische Kunst.<br> + Erlöschen des Relief- und Porträtstils.<br> +  <br> + Blüte der Mosaikmalerei. Anfänge der Arabeske.<br> + (Tür von S. Ambrogio in Mailand 386).</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Spätgotik und Renaissance<br> + 14./15. Jahrh.<br> + Erlöschen der gotischen Skulptur (Nürnberg).<br> + Blüte und Ende von Fresko und Renaissanceplastik. Von Giotto und + Donatello (Gotik) bis Michelangelo (Barock).<br> + Das gotische Tafelbild von Van Eick bis Holbein.<br> + Erfindung des Kontrapunkts und der Ölmalerei.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center">II. SPÄTZEIT: <em class="gesperrt">Bildung einer + Gruppe städtisch-bewußter, gewählter, von Einzelnen getragener Künste + („Die großen Meister“)</em>.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DAS MITTLERE REICH<br> + 2200–1800.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">IONIK.<br> + 650–350.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">BYZANTINISCH-ISLAMISCHE KUNST.<br> + 500–800.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">BAROCK.<br> + 1500–1800.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>1. Ausbildung eines reifen Künstlertums.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Infolge späterer Zerstörung wenig bekannte Epoche.<br> + Die Architektur bleibt herrschend.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Herrschaft der Freskomalerei von Butades bis Polygnot + 650–400.<br> + Die ionische Säule.<br> + Vollendung des Tempelbaus.<br> + Aufschwung der Rundplastik.<br> + („Apoll von Tenea“ bis Hageladas.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Herrschaft der Mosaikmalerei 6. Jahrh.<br> +  <br> + Vollendung des Moscheentypus (Zentralkuppelbau, Hagia Sophia 530).<br> + Die Arabeske (Fassade von M’schatta).</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Herrschaft der Ölmalerei von Tizian bis + Rembrandt († 1669).<br> + Der malerische Baustil von Michelangelo bis Bernini († 1680).<br> + Aufschwung der Musik von Orlando Lasso bis Heinrich Schütz. + († 1672): Zeit der Kantate.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>2. Äußere Vollendung einer durchgeistigten + Formensprache.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">12. Dynastie.<br> + 2000–1788<br> + Pylonentempel.<br> + Historische Reliefs.<br> + Charakterbildnisse.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Blüte von Athen.<br> + 480–330.<br> + Herschaft der Plastik von Myron bis Phidias 460–330.<br> + Ausgang der Fresko- und Tonmalerei.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Maurische Kunst.<br> + 7./8. Jahrh.<br> + Vollkommene Herrschaft der Arabeske auch über die Architektur.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Rokoko.<br> + 18. Jahrh.<br> + Herrschaft der Musik von Corelli (geb. 1653) und Bach (1685) bis + Mozart: Zeit der Sonate.<br> + Der musikalische (Rokoko-)Baustil. + Ausgang der Ölmalerei von Watteau bis Goya.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>3. Ermatten der Gestaltungskraft. Auflösung der + großen Form. Ende des Stils.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Anfang der Hyksoszeit.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die korinthische Säule (Genre).<br> + Skopas und Praxiteles (Sentiment und Subjektivismus).<br> + Malerei des Apollodor und Apelles („Natur“).</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Abbassidenzeit.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Empirestil und Biedermeier.<br> + Beethoven.<br> + Hogarth. Gainsburough. Delacroix.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>ZIVILISATION: Das Dasein ohne innere Form. + Weltstadtkunst als Luxus, Sport, Gewohnheit. Wechselnde Stilmoden + (Wiederbelebungen, Mischungen, Erfindungen) ohne symbolischen Gehalt.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>1. „Modernität“. Versuche, die Decadence + künstlerisch zu fassen. Verwandlung von Musik, Baukunst und Malerei in + bloßes Kunstgewerbe.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Hyksoszeit 1788–1580.<br> + Verfall der Reliefkomposition.<br> + Auflösung der plastischen Konvention<br> + Mehrschiffige Säulenhallen.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Hellenismus 300–100.<br> + Ende der strengen Plastik (Lysippos).<br> + Pergamenische Kunst (Theatralik).<br> + Hellenistische Malweisen (Enkaustik, Illustionsmalerei, Rhopographie).<br> + Das Idealorträt.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Seldschuckenzeit nach 1000.<br> + Stationäre „Kunst des Orients“.<br> + In Byzanz „Renaissance des Hellenismus“ (1000).</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">19. und 20. Jahrh.<br> + Ende der Musik: Berlioz, Liszt, Wagner.<br> + Episode des Impressionismus von Constable und Corot bis Manet und + Leibl.<br> + Nazarener, Prärafaeliten.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>2. Ende des Formgefühls. Sinnlose, leere, + erkünstelte, gehäufte Ornamentik. Imitation alter und fremder Motive.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">18. Dynastie 1580–1350.<br> + Verfall der Pflanzensäule.<br> + Naturalismus des Echnaton.<br> + Memnonskolosse<br> + Felsentempel der Hatschepsut.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Römerzeit 100 v. bis 100 n. Chr.<br> + Häufung der 3 Säulenordnungen.<br> + Zeit der Statuenkopisten.<br> + Römerplastik.<br> + Kaiserbauten im oriental. Geschmack.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Mongolenzeit seit 1258.<br> + Auflösung der maurischen Kunst in örtliche Nuancen.<br> + (Von Spanien bis Indien.)</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="4"> + <div class="center"><b>3. Ausgang. Barbarische Massenhaftigkeit; + Kolossalwirkungen. Verrohung der Technik. Übergewicht fremder + Kunstformen.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">19. Dynastie 1350–1205.<br> + (Sethos I. und Ramses II.)<br> + Riesenhallen und Statuenalleen von Luxor, Karnak und Abydos.<br> + Plünderung alter Bauten.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Späte Kaiserzeit<br> +  <br> + Riesenfora, Thermen, Triumphsäulen.<br> + Sieg der früharabischen Kunst im Westen.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + </tr> +</table> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<table class="morphologie break-before"> +<caption class="morph_capt mtop2"> +III. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ POLITISCHER EPOCHEN. +</caption> +<colgroup> +<col span="3" class="epoche2"> +</colgroup> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ÄGYPTISCHE</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ANTIKE</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">ABENDLÄNDISCHE KULTUR</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>VORZEIT: Rein ethnographischer Völkertypus. + Stämme und Häuptlinge. Noch keine „Politik“. Kein „Staat“.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">THINITENZEIT (MENES). + 3400–3000.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">SPÄTKRETISCH-MYKENISCHE ZEIT.<br> + („AGAMEMNON“).<br> + 1600–1200.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">FRANKENZEIT (KARL DER GROSSE).<br> + 500–900.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">VÖLKERNAMEN DIESER STUFE:<br> + UNBEKANNT (DIE GAUVÖLKER).</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DANAER, ACHÄER, ETRUSKER.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">FRANKEN, SACHSEN, LANGOBARDEN.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>KULTUR: Völkergruppe von ausgeprägtem Stil und + einheitlichem Weltgefühl. Wirkung einer immanenten Staatsidee.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">VÖLKER: ÄGYPTER.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DORIER, IONIER, LATINER.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DEUTSCHE, FRANZOSEN, ITALIENER, SPANIER, + ENGLÄNDER.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center">I. FRÜHZEIT: <em class="gesperrt">Organische Struktur + des politischen Daseins. Die beiden frühen Stände: Adel und + Priestertum</em>.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DAS ALTE REICH.<br> + 2900–2400.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DORISCHE ZEIT.<br> + 1100–650.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">GOTISCHE ZEIT.<br> + 900–1500.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>1. Patriarchalische Staatsbildungen. Geist des + bäuerlichen Landes. Die „Stadt“ nur Markt oder Burg. Wechselnde Pfalzen + der Herrscher. Lehnsadel. Ritterlich-religiöse Ideale. Kämpfe der + Vasallen untereinander und gegen den Fürsten.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Lehnsstaat der 4. Dynastie. Macht der Gaufürsten und + der Rê-Priesterschaft. Der Pharao als Inkarnation des Rê.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Homerische Zustände.<br> + Historische Daten unbekannt.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Deutsche Kaiserzeit. Kreuzzüge.<br> + Kaisertum und Papsttum.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>2. Krisis und Auflösung der primitiven + politischen Daseinsformen.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">6. Dynastie. Zerfall des Reiches in erbliche + Fürstentümer. Interregnum. Teilkönige.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Kaum bekannt.<br> + Ursparta um 900.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Verfall der Universalidee. Interregnum.<br> + Macht der Vasallen (Deutsche Fürsten, Renaissancestaaten, Lancaster und + York).</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center">II. SPÄTZEIT: <em class="gesperrt">Verwirklichung der + gereiften Staatsidee. Die Stadt gegen das Land: Entstehung des dritten + Standes (Bürgertum)</em>.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">DAS MITTLERE REICH.<br> + 2200–1800.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">IONISCHE ZEIT.<br> + 650–350.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">BAROCKZEIT.<br> + 1500–1800.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>3. Bildung einer Staatenwelt von strenger Form.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Der zentralisierte Beamtenstaat.<br> + 11. Dynastie (2160–2000): Sturz der Feudalfürsten druch die Herrscher + von Theben.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Der Stadtstaat.<br> + Zeit der Tyrannis (650–500).<br> + Kleisthenes, Periander, Polykrates.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Die dynastische Hausmacht. Ständestaat.<br> + Zeit der Fronde (1550–1650).<br> + Richelieu, Wallenstein, Cromwell.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>4. Höchste Vollendung der Staatsform + („Absolutismus“). Einheit von Stadt und Land („Staat und Gesellschaft“, + die „Drei Stände“).</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">12. Dynastie (2000–1788): Strengste Zentralgewalt. + Mediatisation der Feudalherren. Hofadel und Beamtenschaft.<br> + Erbfolgerevolten.<br> + Amenemhat, Sesostris.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Um 450: Absolutismus des Demos von Athen.<br> + Politik der Agora.<br> + Themistokles, Perikles.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Um 1700: Absolutismus der regierenden Häuser + (Versailles). Hofadel. Kabinettspolitik und Erbfolgekriege.<br> + Ludwig XIV. Friedrich II.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>5. Sprengung der Staatsform (Revolution und + Napoleonismus). Sieg der Stadt über das Land (des „Volkes“ über die + „Privilegierten“, der Intelligenz über die Tradition).</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">1788–1680 Revolutionen und Militärregiment. + Teilkönige, zum Teil aus dem Volke stammend.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">380–350 Soziale Revolutionen (Athen, Argos).<br> + Die „zweite Tyrannis“.<br> + (Dionys v. Syrakus, Jason v. Pherä.)<br> + Pilipp und Alexander.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Ende des 18. Jahrh.: Revolutionen in Frankreich, + Amerika, Genf usw.<br> + Napoleon.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>ZIVILISATION: Auflösung der jetzt wesentlich + städtisch orientierten Volkskörper zu internationalen, praktisch + interessierten Massen. Weltstadt und Provinz: Der vierte Stand („Masse“), + anorganisch, kosmopolitisch.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>1. Stadium: Das Geld. Wirtschaftskomplexe die + Staatsform aufsaugend.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Hyksoszeit 1788–1580.<br> + Fremdherrschaft der Eroberer.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Hellenismus 300–100.<br> + Diadochenreiche von Alexander bis Scipio 300–200.<br> + Die soziale Monarchie.<br> + Die politische Monarachie der Römer von Scipio bis Marius 200–100.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">„Europäische Zivilisation“ 1800–2000.<br> + System der Großmächte von Napoleon bis zum Weltkrieg.<br> + Nationalismus, Parlamentarismus 1800–1900.<br> + Sozialismus und Imperialismus 1900–2000.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>2. Stadium: „Cäsarismus“. Wachsender Naturalismus + der politischen Form. Zerfall der Volksorganismen in amorphe + Menschenmassen; deren Resorption in ein Imperium von allmählich wieder + primitiv-despotischem Charakter.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">18. Dynastie 1580–1350.<br> + Thutmosis III.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Von Sulla bis Domitian 100 v. bis 100 n. Chr.<br> + Cäsar, Tiberius.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">2000–2200.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 padtop0_5" colspan="3"> + <div class="center"><b>3. Stadium: „Ägyptizismus“, „Mandarinentum“, + „Byzantinismus“. Erstarren und Zerfall auch des imperialen Mechanismus: + die Beute junger Völker oder fremder Eroberer. Langsames Heraufdringen + urmenschlicher Zustände (Septimius Severus als „Häuptling“).</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">19. Dynastie 1350–1205.<br> + Sethos I., Ramses II., Echnaton.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Von Trajan bis Aurelian 100–300.<br> + Trajan.<br> + Mark Aurel.</div> + </td> + <td class="s5 vat"> + <div class="center">Nach 2200.</div> + </td> + </tr> +</table> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="ERSTES_KAPITEL"><span class="s6">ERSTES KAPITEL</span><br> +VOM SINN DER ZAHLEN</h2> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_1">1</h3> + +<p>Es ist zunächst notwendig, einige hier in einem strengen und teilweise +neuen Sinne gebrauchte Grundbegriffe zu bestimmen, deren metaphysischer +Gehalt sich im Laufe der Darstellung von selbst ergeben wird, die aber +schon am Anfang unzweideutig erklärt sein müssen.</p> + +<p>Der volkstümliche, auch der Philosophie geläufige Unterschied von +Sein und Werden erscheint ungeeignet, das Wesentliche des mit ihm +bezweckten Gegensatzes wirklich zu treffen. Ein unendliches Werden — +Wirken, „Wirklichkeit“ — wird man immer, wofür etwa die physikalischen +Begriffe der gleichförmigen Geschwindigkeit und des Bewegungszustandes +oder die Grundvorstellung der kinetischen Gastheorie als Beispiele +dienen können, auch als Zustand auffassen und also dem Sein zuordnen +dürfen. Dagegen lassen sich — mit Goethe — als letzte Elemente des +in und mit dem Bewußtsein schlechthin Gegebenen das <em class="gesperrt">Werden</em> und +das <em class="gesperrt">Gewordne</em> unterscheiden. Jedenfalls ist, wenn man an der +Möglichkeit zweifelt, durch abstrakte Begriffsbildungen den letzten +Gründen des Menschlichen nahe zu kommen, das sehr klare und bestimmte +<em class="gesperrt">Gefühl</em>, aus welchem dieser fundamentale, die äußersten Grenzen +des Bewußtseins berührende Gegensatz hervorgeht, das ursprünglichste +Etwas, bis zu dem sich überhaupt gelangen läßt.</p> + +<p>Es folgt daraus mit Notwendigkeit, daß immer ein Werden dem Gewordnen +zugrunde liegt — a priori im Sinne Kants —, nicht umgekehrt.</p> + +<p>Ich unterscheide ferner mit den Bezeichnungen „<em class="gesperrt">das Eigne</em>“ +und „<em class="gesperrt">das Fremde</em>“ zwei Urtatsachen des Bewußtseins, deren +Sinn für jeden wachen Menschen — also nicht für den Träumenden +— mit unmittelbarer innerer Gewißheit feststeht, ohne durch eine +Definition näher bestimmt werden zu können. Zu der<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> durch das Wort +<em class="gesperrt">Sinnlichkeit</em> (Außenwelt, Empfindungsleben) bezeichneten +ursprünglichen Tatsache steht das Element des Fremden immer auf +irgendeine Weise in Beziehung. Die philosophische Gestaltungskraft +großer Denker hat durch halbanschauliche schematische Konzeptionen wie +Erscheinung und Ding an sich, Welt als Wille und Vorstellung, Ich und +Nicht-Ich diese Beziehung immer wieder schärfer zu fassen versucht, +obwohl diese Absicht sicherlich die Möglichkeiten exakter menschlicher +Erkenntnis überschreitet. Ebenso birgt sich in der als Ich (Innenleben, +Person) bezeichneten ursprünglichen Tatsache das Element des Eignen in +einer Weise, deren strenge Fassung den Methoden des abstrakten Denkens +ebenfalls entzogen bleibt.</p> + +<p>Ich bezeichne weiterhin mit den Worten <em class="gesperrt">Seele</em> und <em class="gesperrt">Welt</em> +denjenigen Gegensatz, <em class="gesperrt">dessen Vorhandensein mit der Tatsache des +wachen, rein menschlichen Bewußtseins selbst identisch ist</em>. Es +gibt Grade der Klarheit und Schärfe dieses Gegensatzes, Grade der +Bewußtheit — Geistigkeit — des Lebens also, von dem sich noch kaum +in Pole sondernden mythischen Dämmern der primitiven Menschen und des +Kindes — hierher gehören die in Spätzeiten immer seltener werdenden +Augenblicke der religiösen und künstlerischen Inspiration — bis zur +äußersten Schärfe des Wachseins etwa in den Zuständen des kantischen +und des napoleonischen Denkens. Diese <em class="gesperrt">elementare Struktur</em> des +Bewußtseins ist als eine Tatsache von unmittelbarer innerer Gewißheit +der begrifflichen Zergliederung nicht weiter zugänglich, und ebenso +gewiß ist es, daß jene beiden nur sprachlich und gewissermaßen +künstlich abteilbaren Momente stets miteinander und durcheinander +da sind und durchaus als Einheit, als Totalität hervortreten, ohne +daß das erkenntniskritische Vorurteil des geborenen Idealisten und +Realisten, wonach entweder die Seele der Welt oder die Welt der Seele +als das Primäre — sie sagen „als Ursache“ — zugrunde liegt, in +der reinen Tatsache des Bewußtseins irgendwie begründet wäre. Ob in +einem philosophischen System der Akzent auf dem einen oder andern +liegt, ist lediglich ein Kennzeichen der Persönlichkeit und von rein +biographischer Bedeutung.</p> + +<p>Gibt man den Begriffen des Werdens und des Gewordnen eine Anwendung +auf diese polare Struktur des Bewußtseins, so<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> erhält das Wort +<em class="gesperrt">Leben</em> einen ganz bestimmten, dem des Werdens nahe verwandten +Sinn. Man darf Werden und Gewordnes als die Tatsache und den Gegenstand +des Lebens bezeichnen. Das eigne, fortschreitende, ständig sich +erfüllende Leben ist in jedem seiner Augenblicke mit dem eignen, wachen +Bewußtsein identisch<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> — <em class="gesperrt">diese Tatsache heißt Gegenwart</em> — +und beide besitzen wie alles Werden das geheimnisvolle <em class="gesperrt">Merkmal der +Richtung</em>, ein unaussprechliches Gefühl (Lebensgefühl), das der +Mensch in allen höhern Sprachen durch das Wort <em class="gesperrt">Zeit</em> und die +daran sich knüpfenden Probleme geistig zu bannen und — vergeblich +— zu deuten versucht hat. Es folgt daraus eine tiefe Beziehung des +<em class="gesperrt">Gewordnen (Starren) zum Tode</em>.</p> + +<p>Nennt man die Seele — und zwar unter Betonung des Unbewußten vor dem +Bewußten — das <em class="gesperrt">Mögliche</em>, die Welt dagegen das <em class="gesperrt">Wirkliche</em>, +Ausdrücke, über deren Bedeutung ein inneres Gefühl keinen Zweifel +läßt, so erscheint das Leben als <em class="gesperrt">die Gestalt, in welcher sich die +Verwirklichung des Möglichen vollzieht</em>. Im Hinblick auf das Merkmal +der Richtung heißt das Mögliche <em class="gesperrt">Zukunft</em>, das Verwirklichte +<em class="gesperrt">Vergangenheit</em>. Die Verwirklichung selbst, die Mitte und den +Sinn des Lebens, nennen wir <em class="gesperrt">Gegenwart</em>. „Seele“ ist das zu +Vollendende, „Welt“ das Vollendete, „Leben“ die Vollendung. Die +Ausdrücke Augenblick, Dauer, Entwicklung, Lebensinhalt, Lebensaufgabe, +Bestimmung, Umfang, Ziel, Ende, Fülle und Leere des Lebens erhalten +damit eine bestimmte, für alles Folgende, namentlich für das +Verständnis historischer Phänomene wesentliche Bedeutung.</p> + +<p>Endlich sollen die Worte <em class="gesperrt">Geschichte</em> und <em class="gesperrt">Natur</em>, wie +schon erwähnt, in einem ganz bestimmten, bisher nicht üblichen Sinne +angewandt werden. Es sind darunter <em class="gesperrt">mögliche</em> Arten zu verstehen, +die Gesamtheit des Bewußten, Werden <em class="gesperrt">und</em> Gewordnes, Leben und +Erlebtes, in einem einheitlichen, durchgeistigten, wohlgeordneten +<em class="gesperrt">Weltbilde</em> (Kosmos, Universum, All) aufzufassen, je nachdem das +Werden oder das Gewordne, Richtung oder Ausdehnung („Zeit“ oder „Raum“) +den unteilbaren Eindruck gestaltend beherrschen. Es handelt sich +hier<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> <em class="gesperrt">nicht um eine Alternative</em>, sondern um eine <em class="gesperrt">Skala</em> +von unendlich vielen und sehr verschiedenartigen Möglichkeiten, eine +„Außenwelt“ als Abglanz und Zeugnis des eignen Daseins zu besitzen, +eine Skala, deren Extreme eine rein <em class="gesperrt">organische</em> und eine rein +<em class="gesperrt">mechanische Weltanschauung</em> (im wörtlichen Sinne: <em class="gesperrt">Anschauung +der Welt</em>) sind. Der Urmensch (so wie wir sein Bewußtsein uns +vorstellen) und das Kind (wie wir uns erinnern) besitzen noch keine +dieser Möglichkeiten mit hinreichender Klarheit der struktiven +Durchbildung. Als Bedingung dieses höheren Weltbewußtseins hat +man den Besitz der <em class="gesperrt">Sprache</em> anzusehen, und zwar nicht den +einer menschlichen <em class="gesperrt">Sprache</em> überhaupt, sondern den einer +<em class="gesperrt">Kultursprache</em>, die für den ersten noch nicht vorhanden und +für das andere, obwohl vorhanden, noch nicht zugänglich ist. Beide +besitzen, um dasselbe mit andern Worten zu sagen, noch kein klares und +deutliches Weltdenken, zwar eine Ahnung, aber noch kein wirkliches +Wissen von Geschichte und Natur, in deren Zusammenhang ihr eigenes +Dasein eingegliedert erscheint: <em class="gesperrt">Sie haben keine Kultur.</em></p> + +<p>Damit erhält dies wichtige Wort einen bestimmten, höchst bedeutsamen +Sinn, der in allem Folgenden vorausgesetzt wird. Ich unterscheide +im Hinblick auf die oben gewählten Bezeichnungen der Seele als +des Möglichen und der Welt als des Wirklichen <em class="gesperrt">mögliche</em> +und <em class="gesperrt">wirkliche</em> Kultur, das heißt Kultur als <em class="gesperrt">Idee des — +allgemeinen oder einzelnen — Daseins</em> und Kultur als <em class="gesperrt">Körper</em> +dieser Idee, als die Summe ihres versinnlichten, räumlich und faßlich +gewordenen Ausdrucks: Taten und Gesinnungen. Religion und Staat, +Künste und Wissenschaften, Völker und Städte, wirtschaftliche und +gesellschaftliche Formen, Sprachen, Rechte, Sitten, Charaktere, +Gesichtszüge und Trachten. <em class="gesperrt">Geschichte</em> ist, mit dem Leben, dem +Werden eng verwandt, <em class="gesperrt">die Verwirklichung möglicher Kultur</em>.</p> + +<p>Es muß hinzugefügt werden, daß diese grundlegenden Bestimmungen zum +großen Teil nicht mehr im Bereiche der Mitteilbarkeit durch Begriff, +Definition und Beweis liegen, daß sie vielmehr ihrer tiefsten +Bedeutung nach gefühlt, erlebt, erschaut werden müssen. Es besteht +ein selten gewürdigter Unterschied<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> zwischen <em class="gesperrt">Erleben</em> und +<em class="gesperrt">Erkennen</em> als den Formen der Beziehung zwischen Eignem und +Fremdem („Subjekt und Objekt“). Er wird deutlich in dem Unterschiede +zwischen der unmittelbaren Gewißheit, wie sie die Arten der Intuition +(Erleuchtung, Eingebung, künstlerisches Schauen, Goethes „exakte +sinnliche Phantasie“) gewähren und den Resultaten der verstandesmäßigen +Erfahrung und experimentellen Technik. Der Mitteilung dienen dort +der Vergleich, das Bild, das Symbol, hier die Formel, das Gesetz, +das Schema. Gewordnes wird erkannt oder vielmehr, wie sich zeigen +wird, das Gewordensein für den menschlichen Geist ist mit dem +vollzogenen Erkenntnisakt identisch. Ein Werden kann nur erlebt, +mit tiefem, wortlosem Verstehen gefühlt werden. Hierauf beruht +das, was man Menschenkenntnis nennt. Geschichte verstehen heißt +Menschenkenner im höchsten Sinne sein. Je reiner ein Geschichtsbild, +desto ausschließlicher ist es diesem nicht eigentlich irdischen Blick +zugänglich, der mit den Erkenntnismitteln, welche die „Kritik der +reinen Vernunft“ untersucht, nichts zu schaffen hat. Der Mechanismus +eines reinen Naturbildes, etwa der Welt Newtons und Kants, wird +erkannt, begriffen, zergliedert, in Gesetze und Gleichungen, zuletzt in +ein System gebracht. Der Organismus eines reinen Geschichtsbildes, wie +es die Welt Plotins, Dantes und Brunos war, wird angeschaut, innerlich +erlebt, als Gestalt und Sinnbild aufgefaßt, zuletzt in dichterischen +und künstlerischen Konzeptionen wiedergegeben. — Goethes „lebendige +Natur“ ist ein <em class="gesperrt">historisches</em> Weltbild.</p> + +<p>Erleben und Erkennen sind Bewußtseinsakte einzelner Menschen. Ihr +Resultat, nunmehr ein Stück Vergangenheit, Gedächtnis, Wissen, heißt +<em class="gesperrt">ein Erlebnis</em> oder <em class="gesperrt">eine Erkenntnis</em>. <em class="gesperrt">Etwas verstehen</em> +— historisch oder natürlich — heißt es in die schon vorhandene Summe +von Erlebnissen oder Erkenntnissen harmonisch einordnen können.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_2">2</h3> + +</div> + +<p>Ich wähle als Beispiel für die Art, wie eine Seele sich im Bilde ihrer +Umwelt zu verwirklichen sucht, inwiefern also gewordne Kultur Ausdruck +und Abbild einer Idee menschlichen<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Daseins ist, die <em class="gesperrt">Zahl</em>, die +aller Mathematik als schlechthin gegebenes Element zugrunde liegt. +Und zwar deshalb, weil die Mathematik, in ihrer ganzen Tiefe den +wenigsten erreichbar, einen einzigartigen Rang unter allen Schöpfungen +des Geistes behauptet. Sie ist eine Wissenschaft strengsten Stils wie +die Logik, aber umfassender und bei weitem gehaltvoller; sie ist eine +echte Kunst neben der Plastik und Musik, was die Notwendigkeit einer +leitenden Inspiration und die großen formalen Konventionen in ihrer +Entwicklung angeht; sie ist endlich eine Metaphysik vom höchsten Range, +wie Plato und vor allem Leibniz beweisen. Jede Philosophie ist bisher +in der Verbundenheit mit einer <em class="gesperrt">zugehörigen</em> Mathematik erwachsen. +Die Zahl ist die bildgewordene Idee der <em class="gesperrt">kausalen</em> Notwendigkeit, +wie die Vorstellung von Gott, die jede Kultur aus ihrer tiefsten +Tiefe neu gestaltet, die bildgewordene Idee der Notwendigkeit des +<em class="gesperrt">Schicksals</em> ist. In diesem Sinne darf man das Dasein von Zahlen +ein Mysterium nennen, und das religiöse Denken aller Kulturen hat sich +diesem Eindruck nie entzogen.</p> + +<p>Wie alles Werden das ursprüngliche Merkmal der <em class="gesperrt">Richtung</em> +(Nichtumkehrbarkeit), so trägt alles Gewordne das Merkmal der +<em class="gesperrt">Ausdehnung</em> und zwar so, daß nur eine künstliche Trennung +der Bedeutung dieser Worte möglich erscheint. Das eigentliche +Geheimnis alles Gewordnen und also (räumlich-stofflich) Ausgedehnten +aber verkörpert sich im Geistigen jeder Kultur im Typus der +<em class="gesperrt">mathematischen</em> (starren) im Gegensatz zur <em class="gesperrt">chronologischen</em> +Zahl. Und zwar liegt in ihrem Wesen die Absicht einer <em class="gesperrt">mechanischen +Grenzsetzung</em>. Die Zahl ist darin dem Worte verwandt, das — als +Begriff, „begreifend“, „bezeichnend“ — ebenfalls Welteindrücke +abgrenzt. Das Tiefste ist hier allerdings unfaßlich und +unaussprechlich. Die <em class="gesperrt">wirkliche</em>, zum Ding gewordene Zahl, das +<em class="gesperrt">exakt vorgestellte, gesprochene, geschriebene Zahlzeichen</em> — +Ziffer, Formel, Zeichen, Figur —, das allein der mathematischen +Behandlung unterliegt, ist wie das gedachte, gesprochene, geschriebene +Wort bereits ein optisches Symbol dafür, versinnlicht und mitteilbar, +in welchem die Grenzsetzung abgebildet erscheint. Der Ursprung +der Zahlen gleicht dem Ursprung des Mythus. Der<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Römer erhob die +<i>numina</i>, unbestimmbare Natureindrücke („das Fremde“) zu +Gottheiten, indem er sie durch einen <em class="gesperrt">Namen</em>, sie begrenzend, +bannte. Ebenso sind Zahlen und Worte <em class="gesperrt">gestaltetes, in Form +gebanntes Weltgefühl</em>. Mit ihnen gelangt der Geist („das Eigne“) +zur Macht. Mit ihnen ordnet und zergliedert er die Welt. Alle echten +Erkenntnisakte — nicht Erlebnisakte — als solche an das Vorhandensein +einer Kultursprache gebunden, bezwecken das gleiche. Die Definition, +das Urteil, das Gesetz, das System sind Resultate vollzogener +Grenzsetzungen und die Feststellung eines Kausalverhältnisses, in der +sich das Wesen aller Naturwissenschaft erschöpft, besteht lediglich +in der präzisen Abgrenzung zweier Eindrücke, die im Hinblick auf die +Zahl Ursache und Wirkung, im Hinblick auf das Wort Grund und Folge +heißen. Hierauf beruht die innere Verwandtschaft des Baues einer +hochentwickelten Sprache (Grammatik, Satzbau) mit der zugehörigen +Mathematik. Die Logik ist immer eine Art Mathematik und umgekehrt. +Mithin liegt auch in allen Bewußtseinsakten, welche zur mathematischen +Zahl in Beziehung stehen — messen, zählen, zeichnen, wägen, ordnen, +teilen —, die gemeinsame Tendenz auf Abgrenzung von Gewordnem und +Ausgedehntem und erst durch kaum noch bewußte Akte dieser Art gibt +es für den wachen Menschen objektive Gegenstände, Eigenschaften, +Beziehungen, Einzelnes, Einheit und Mehrheit, kurz die als notwendig +und unerschütterlich empfundene Struktur desjenigen Weltbildes, das er +„Natur“ nennt und als solche „erkennt“. <em class="gesperrt">Natur ist das Zählbare.</em> +Geschichte ist der Inbegriff dessen, was zur Mathematik kein +Verhältnis hat. Daher die mathematische Gewißheit der Naturgesetze, +die staunende Einsicht Galileis, daß die Natur „<i>scritta in lingua +matematica</i>“ sei und die von Kant hervorgehobene Tatsache, daß die +exakte Naturwissenschaft genau so weit reicht wie die Möglichkeit der +Anwendung mathematischer Methoden.</p> + +<p>In der Zahl als dem <em class="gesperrt">Zeichen der vollendeten extensiven +Begrenzung</em> liegt demnach, wie Pythagoras infolge einer großartigen, +durchaus religiösen Intuition mit innerster Gewißheit begriff, das +<em class="gesperrt">Wesen</em> alles Wirklichen, das geworden,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> erkannt, begrenzt +zugleich ist. Indes darf man Mathematik, wenn man darunter den Besitz +einer eingebornen virtuellen Zahlenwelt versteht, nicht mit der viel +engeren wissenschaftlichen Mathematik, der <em class="gesperrt">Lehre</em> von den +Zahlen verwechseln. Das eine ist eine erschöpfende und notwendige +Eigenschaft des Bewußtseins, das andere eine <em class="gesperrt">mögliche</em> Art, +sie geistig zu entwickeln. Die geschriebene Mathematik, ein System +starrer Sätze, repräsentiert so wenig wie die in theoretischen Werken +niedergelegte Philosophie den ganzen Besitz dessen, was im Schoße +einer Kultur an mathematischen und philosophischen Möglichkeiten +vorhanden war. Es gibt noch ganz andere Wege, das den Zahlen zugrunde +liegende Urgefühl zu versinnlichen, das Gewordne und Ausgedehnte, +sei es Stoff oder Raum, einem gestaltenden Prinzip zu unterwerfen. +Am Anfang jeder Kultur steht ein archaischer Stil, den man nicht nur +in der frühhellenischen Kunst hätte geometrisch nennen können. Es +liegt etwas Gemeinsames, ausdrücklich Mathematisches im Dipylonstil +der altgriechischen Grabvasen, im Tempelstil der 4. Dynastie Ägyptens +mit seiner unbedingten Herrschaft der geraden Linie und des rechten +Winkels, im hieratischen Stil der altchristlichen Sarkophagreliefs und +im romanischen Ornament. Jede Linie, jede menschliche oder Tierfigur +mit ihrer gar nicht imitativen Tendenz offenbart hier ein mystisches +Zahlendenken in unmittelbarer Beziehung auf das Geheimnis und den Kult +des Todes (des Starren).</p> + +<p>Gotische Dome und dorische Tempel sind <em class="gesperrt">steingewordne Mathematik</em>. +Gewiß hat Pythagoras die antike Zahl als das Prinzip einer Weltordnung +<em class="gesperrt">greifbarer</em> Dinge, als <em class="gesperrt">Maß oder Größe</em>, wissenschaftlich +erfaßt. Aber sie wurde eben damals, ebenfalls als schöne Ordnung +von sinnlich-körperhaften Einheiten, durch den strengen Kanon der +hellenischen Statue und der dorischen wie ionischen Säulenordnung +zum Ausdruck gebracht. Alle großen Künste sind ebensoviel Arten +zahlenmäßiger bedeutungsvoller Grenzgebung. Man denke an das +Raumproblem in der Malerei. Eine hohe mathematische Begabung kann +auch ohne jede Wissenschaft produktiv sein und zum vollen Bewußtsein +ihrer selbst gelangen. Man wird doch angesichts des gewaltigen +Zahlensinnes, den die Raumgliederung der Pyramidentempel,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> die Bau-, +Bewässerungs- und Verwaltungstechnik, vom ägyptischen Kalender ganz +zu schweigen, schon im Alten Reiche um 2800 v. Chr. voraussetzt, +nicht behaupten wollen, daß das wertlose „Rechenbuch des Ahmes“ aus +dem Neuen Reiche das Niveau der ägyptischen Mathematik bezeichne. Die +Eingebornen Australiens, deren Geist durchaus der Stufe des Urmenschen +angehört, besitzen einen mathematischen Instinkt oder, was dasselbe +ist, einen noch nicht durch Worte und Zeichen bewußt gewordnen Schatz +an Zahlen, der in bezug auf die Interpretation reiner Räumlichkeit +den griechischen bei weitem übertrifft. Sie haben als Waffe den +Bumerang erfunden, dessen Wirkung auf eine gefühlsmäßige Vertrautheit +mit Zahlenarten schließen läßt, die wir der höheren geometrischen +Analysis zuweisen würden. Sie besitzen <em class="gesperrt">dementsprechend</em> — +aus einem später zu erläuternden Zusammenhange — ein äußerst +kompliziertes Zeremoniell und eine so feine sprachliche Abstufung der +Verwandtschaftsgrade, wie sie nirgends, selbst in hohen Kulturen nicht, +wieder beobachtet worden ist. Dem entspricht es, daß die Griechen +in ihrer reifsten Zeit unter Perikles in Analogie zur euklidischen +Mathematik weder einen Sinn für das Zeremoniell des öffentlichen Lebens +noch für die Einsamkeit besaßen, sehr im Gegensatz zum Barock, das +neben der Analysis des Raumes den Hof des Sonnenkönigs und ein auf +dynastischen Verwandtschaften beruhendes Staatensystem entstehen sah.</p> + +<p>Es ist der Stil einer Seele, der in einer Zahlenwelt, aber nicht in +ihrer wissenschaftlichen Fassung allein zum Ausdruck kommt.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_3">3</h3> + +</div> + +<p>Daraus folgt ein entscheidender Umstand, der den Mathematikern selbst +bisher verborgen geblieben ist.</p> + +<p><em class="gesperrt">Eine Zahl an sich gibt es nicht und kann es nicht geben.</em> Es +gibt mehrere Zahlenwelten, weil es mehrere Kulturen gibt. Wir finden +einen indischen, arabischen, antiken, abendländischen Zahlentypus, +jeder von Grund aus etwas Eignes und Einziges, jeder Ausdruck eines +andern Weltgefühls, jeder Symbol von einer auch wissenschaftlich genau +begrenzten Gültigkeit, Prinzip einer Ordnung des Gewordnen, in der sich +das<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> tiefste Wesen einer einzigen und keiner andern Seele spiegelt, +derjenigen, welche Mittelpunkt gerade dieser und keiner andern Kultur +ist. Es gibt demnach mehr als eine Mathematik. Denn ohne Zweifel ist +das architektonische System der euklidischen Geometrie ein ganz andres +als das der kartesischen, die Analysis von Archimedes eine andre als +die von Gauß, nicht nur der Formensprache, der Absicht und den Mitteln +nach, sondern vor allem in der Tiefe, im ursprünglichen Phänomen der +Zahl, dessen wissenschaftliche Entwicklung sie darstellt. Diese im +Geiste und durch den Geist empfangene Zahl, das Grenzerlebnis, das in +ihr mit innerster Notwendigkeit versinnlicht und Form geworden ist, +mithin auch die gesamte Natur, die ausgedehnte Welt, deren Bild durch +diese spontane Grenzgebung entstand und die immer nur der Behandlung +durch eine einzige Art von Mathematik zugänglich ist, das alles spricht +nicht vom allgemeinen, sondern jedesmal von einem ganz bestimmten +Menschentum.</p> + +<p>Es hängt also für den Stil einer entstehenden Mathematik alles +davon ab, in welcher Kultur sie wurzelt, was für Menschen über sie +nachdenken. Denn die Zahl geht dem Geiste vorauf, nicht umgekehrt. +Zahlen sind schöpferische, nicht geschaffene Wesenheiten. Der +Geist kann die in ihnen verborgnen formalen Möglichkeiten zur +wissenschaftlichen Entfaltung bringen, sie handhaben, an ihrer +Behandlung zur höchsten Reife gelangen; sie zu modifizieren ist er +völlig außerstande. In den frühesten Formen des Ornaments und der +Architektur, schon in der dorischen Säule und der Kathedralgotik ist +die Idee der euklidischen Geometrie und der Infinitesimalrechnung +verwirklicht, Jahrhunderte bevor der erste Mathematiker dieser Kulturen +geboren wurde.</p> + +<p>Ein tiefes inneres Erlebnis, das eigentliche <em class="gesperrt">Erwachen des +Ich</em>, welches das Kind zum höhern Menschen, zum Gliede der +ihm angehörigen Kultur macht, bezeichnet den Beginn des Zahlen- +wie des Sprachverständnisses. Erst von hier an gibt es für das +Bewußtsein Gegenstände als etwas in jedem Betrachte Begrenztes und +Wohlunterschiedenes, erst von hier an genau bestimmbare Eigenschaften, +Begriffe, eine kausale Notwendigkeit, ein <em class="gesperrt">System</em> der Umwelt, +eine <em class="gesperrt">Weltform</em>, <em class="gesperrt">Weltgesetze</em><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> — das „Gesetzte“ ist seiner +Natur nach immer das Begrenzte, Starre, den Zahlen Unterworfene — +und ein plötzliches Gefühl dafür, was Zahlen, sei es in Gestalt +einer bildenden Kunst oder einer mathematischen Wissenschaft, +<em class="gesperrt">bedeuten</em>. Man begreift, daß sie dem Urmenschen wie dem Kinde +noch verschlossen sind und daß eine entscheidende — historische oder +biographische — Epoche eintritt, sobald der in seiner Bedeutung +erfaßte Akt des Zählens, Messens, Zeichnens, Formens eine ganz neue +Welt aus einem neu erschlossenen Innenleben hervorgehen läßt. Dies +Erlebnis aber, mit dem der <em class="gesperrt">große Stil</em> beginnt, <em class="gesperrt">trennt</em> +Kulturen, Arten der Seele <em class="gesperrt">als Individuen</em> aus dem primitiv +Menschlichen ab.</p> + +<p>Nun hat Kant den Besitz menschlichen Wissens nach Synthesen a priori +(notwendig und allgemeingültig) und a posteriori (aus Erfahrung +stammend) eingeteilt und die mathematische Erkenntnis den ersteren +zugerechnet. Zweifellos hat er damit ein starkes inneres Gefühl in +eine abstrakte Fassung gebracht. Aber ganz abgesehen davon, daß eine +scharfe Grenze zwischen beiden, wie sie nach der ganzen Herkunft +des Prinzips unbedingt gefordert werden müßte, nicht vorhanden ist +(wofür die moderne höhere Mathematik und Mechanik mehr als hinreichend +Beispiele gibt), erscheint auch das a priori, sicherlich eine der +genialsten Konzeptionen aller Erkenntniskritik, als ein höchst +schwieriger Begriff. Kant setzt mit ihm, ohne sich die Mühe eines +Beweises zu geben — der sich auch gar nicht erbringen läßt —, +sowohl die <em class="gesperrt">Unveränderlichkeit der Form</em> aller Geistestätigkeit +als ihre <em class="gesperrt">Identität für alle Menschen</em> voraus. Infolgedessen +ist ein Umstand von gar nicht zu überschätzender Tragweite völlig +übersehen worden, vor allem deshalb, weil Kant bei der Prüfung seiner +Gedanken nur das geistige Material und den intellektuellen Habitus +seiner Zeit zu Rate zog. Er betrifft den <em class="gesperrt">schwankenden Grad</em> +dieser „Allgemeingültigkeit“. Neben gewissen Faktoren von zweifellos +weitreichender Geltung, die wenigstens scheinbar unabhängig davon +sind, zu welcher Kultur, in welches Jahrhundert der Erkennende gehört, +liegt allem Denken auch noch eine ganz andere Notwendigkeit der Form +zugrunde, welcher der Mensch eben als Glied <em class="gesperrt">einer bestimmten und +keiner anderen</em><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Kultur unterworfen ist. Das sind nun zwei sehr +verschiedene Arten des apriorischen Gehaltes und es ist eine nie zu +beantwortende, weil jenseits aller Erkenntnismöglichkeiten liegende +Frage, welches die Grenze zwischen ihnen ist und ob es eine solche +überhaupt gibt. Daß die bisher als selbstverständlich geltende Konstanz +der geistigen Formen eine Illusion ist, daß es innerhalb der uns +vorliegenden Geschichte mehr als einen <em class="gesperrt">Stil des Erkennens</em> gibt, +hat man bisher nicht anzunehmen gewagt. Aber es sei daran erinnert, +daß der consensus omnium nicht nur eine allgemeine Wahrheit, sondern +auch einen allgemeinen Irrtum beweisen kann. Ein dunkler Zweifel +war allenfalls immer da und man hätte das Richtige schon aus der +Nichtübereinstimmung sämtlicher Denker erschließen sollen. Aber daß +diese nicht auf eine Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, auf +ein „Noch nicht“ einer endgültigen Erkenntnis zurückgeht, kein Mangel, +sondern eine schicksalhafte historische Notwendigkeit ist — das ist +eine <em class="gesperrt">Entdeckung</em>. Das Tiefste und Letzte kann nicht aus der +Konstanz, sondern allein aus der <em class="gesperrt">Verschiedenheit</em> und nur aus +der <em class="gesperrt">organischen Periodizität</em> dieser Verschiedenheit erschlossen +werden. Die <em class="gesperrt">vergleichende Morphologie der Erkenntnisformen</em> ist +eine Aufgabe, die dem abendländischen Denken noch vorbehalten ist.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_4">4</h3> + +</div> + +<p>Wäre Mathematik eine bloße Wissenschaft wie die Astronomie oder +Mineralogie, so würde man ihren Gegenstand definieren können. Man kann +es nicht und hat es nicht gekonnt. Mögen wir Westeuropäer auch den +eignen wissenschaftlichen Zahlbegriff gewaltsam auf das anwenden, was +die Mathematiker in Athen und Bagdad beschäftigte, so viel ist sicher, +daß Thema, Absicht und Methode der gleichnamigen Wissenschaft dort ganz +andre waren. <em class="gesperrt">Es gibt keine Mathematik, es gibt nur Mathematiken.</em> +Was wir Geschichte „der“ Mathematik nennen, vermeintlich die +fortschreitende Verifikation eines einzigen und unveränderlichen +Ideals, ist in der Tat, sobald man das täuschende Bild der historischen +Oberfläche beseitigt, eine <em class="gesperrt">Mehrzahl</em> in sich geschlossener, +unabhängiger<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Prozesse, eine wiederholte Geburt neuer, ein Aneignen, +Umbilden und Abstreifen fremder Formenwelten, ein rein organisches, an +eine bestimmte <em class="gesperrt">Dauer</em> gebundenes Aufblühen, Reifen, Welken und +Sterben. Man lasse sich nicht täuschen. Der ahistorische griechische +Geist schuf seine Mathematik aus dem Nichts; der historisch angelegte +Geist des Abendlandes, der die <em class="gesperrt">angelernte</em> antike Wissenschaft +schon besaß — äußerlich, nicht innerlich —, mußte die eigne durch ein +scheinbares Ändern und Verbessern, durch ein tatsächliches Vernichten +der ihm inadäquaten euklidischen gewinnen. Das eine geschah durch +Pythagoras, das andere durch Descartes. Beide Akte sind in der Tiefe +<em class="gesperrt">identisch</em>.</p> + +<p>Die Verwandtschaft der Formensprache einer Mathematik mit der der +benachbarten großen Künste wird demnach keinem Zweifel unterliegen. +Das Ziel jeder Mathematik ist ein in sich vollendetes System von +Sätzen, das die synthetische Ordnung a priori des starren Ausgedehnten +repräsentiert, dieselbe unablässig erstrebte Synthese, welche auch im +Formproblem, jeder bildenden Kunst und in dem Ringen jedes einzelnen +Künstlers um die technische Meisterschaft auf seinem Gebiete zutage +tritt. Das Formgefühl des Bildhauers, Malers, Tondichters ist ein +wesentlich mathematisches. In der geometrischen Analysis und der +projektiven Geometrie des 17. Jahrhunderts offenbart sich dieselbe +Ordnung, welche die gleichzeitige Instrumentalmusik fugierten Stils +durch die Regeln des Kontrapunktes, dieser Geometrie des Tonraumes, +welche die ihr verschwisterte Ölmalerei durch das Prinzip einer <em class="gesperrt">nur +dem Abendlande</em> bekannten Perspektive, der gefühlten Geometrie des +Bildraumes, ins Leben rufen, ergreifen, durchdringen möchte. Sie ist +das, was Goethe <em class="gesperrt">die Idee</em> nannte, <em class="gesperrt">deren Gestalt im Sinnlichen +unmittelbar angeschaut werde</em>, während die bloße Wissenschaft nicht +anschaue, sondern nur beobachte und zergliedere. Aber die Mathematik +geht über Beobachten und Zergliedern hinaus. Sie verfährt in ihren +höchsten Augenblicken intuitiv, nicht abstrahierend. Von Goethe stammt +das tiefe Wort, daß der Mathematiker nur insofern vollkommen sei, +als er das <em class="gesperrt">Schöne des Wahren</em> in sich empfinde. Hier wird man +fühlen, wie nahe das Geheimnis im Phänomen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> der Zahl dem Geheimnis +der Kunstform liegt, die ebenfalls in einer bedeutsamen Grenzgebung, +im schönen Maß, in der abgewogenen Größe, der strengen Beziehung, der +Harmonie, kurz in einer vollkommenen Ordnung von Sinnlichem ihr Ziel +findet. Damit tritt der geborene Mathematiker neben die großen Meister +der Fuge, des Meißels und des Pinsels, die ebenfalls jene große Ordnung +aller Dinge, die der bloße Mitmensch ihrer Kultur in sich trägt, ohne +sie wirklich zu besitzen, in Symbole kleiden, verwirklichen, mitteilen +wollen. Damit wird das Reich der Zahlen zum intuitiven Abbild der +Weltform neben dem Reich der Töne, Linien und Farben. Deshalb bedeutet +das Wort „schöpferisch“ im Mathematischen mehr als in den bloßen +Wissenschaften. Newton, Gauß, Riemann waren künstlerische Naturen. Man +lese nach, wie ihre großen Konzeptionen sie plötzlich überfielen. „Ein +Mathematiker,“ meinte der alte Weierstraß, „der nicht zugleich ein +Stück von einem Poeten ist, wird niemals ein vollkommener Mathematiker +sein.“</p> + +<p>Mathematik ist also <em class="gesperrt">auch eine Kunst</em>. Sie hat ihre Stile und +Stilperioden. Sie ist nicht, wie der Laie meint — auch der Philosoph, +insofern er hier als Laie urteilt —, der Substanz nach unveränderlich, +sondern wie jede Kunst von Epoche zu Epoche unvermerkten Wandlungen +unterworfen. Man sollte die Entwicklung der großen Künste nie +behandeln, ohne auf die gleichzeitige Mathematik einen gewiß nicht +unfruchtbaren Seitenblick zu werfen. Einzelheiten in den sehr tiefen +Beziehungen zwischen den Tendenzen der Musiktheorie von Orlando Lasso +an und den Entwicklungsphasen der Funktionentheorie sind niemals +untersucht worden, obwohl die Ästhetik mehr daraus hätte lernen können +als aus aller „Psychologie“. Alle ganz großen Mathematiker seit +Fermat, Pascal und Descartes (1630) sind transzendente Analytiker, +alle antiken von Pythagoras an (540) anschaulich-körperhaft denkende +Naturen gewesen. Soll ich noch einmal auf die enge Verwandtschaft +dieser Begabungen mit der anbrechenden Blütezeit dort der reinen +Instrumentalmusik, hier der ionischen Marmorskulptur hinweisen? Die +antike Mathematik, ursprünglich beinahe rein planimetrisch, zeigt +in der Entwicklung<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> von Pythagoras zu Archimedes eine Tendenz zum +stereometrischen Denken <em class="gesperrt">alles</em> Zahlenmäßigen. Dem entspricht +die Tendenz der Flächenmalerei attisch-korinthischen Stils über das +der Fläche aufgesetzte Relief hinaus zur Rundplastik. Die Statue ging +teils aus der figürlich — reliefmäßig — behandelten Säule (Hera des +Cheramyes), teils aus der zur Wandverkleidung dienenden Holz- oder +Erztafel (Artemis der Nikandre) hervor. Sowohl das Holz wie der Poros +wurden mit dem Schnitzmesser bearbeitet und erst die Behandlung des +Marmors mit dem Meißel entsprach ganz dem künstlerischen Gefühl der +Schöpfung eines <em class="gesperrt">Körpers</em>. Aber das Entsprechende geschieht im +Abendlande. Während die auch weiterhin so genannte Geometrie sich zur +Analysis des <em class="gesperrt">reinen Raumes</em> umbildet, aus der Schritt für Schritt +das unmittelbar Optische beseitigt wird — man beachte, wie weit schon +der Koordinatenbegriff von Descartes über den von Fermat hinausgeht —, +gewinnt die Instrumentalmusik ihre neuen Ausdrucksmittel. Seit 1520 +beginnt die in Oberitalien erfundene Geige die Laute zu verdrängen. +Das Fagott ist seit 1525 bekannt. In Deutschland hat sich während +des 16. und 17. Jahrhunderts die Orgel zum <em class="gesperrt">raumbeherrschenden</em> +Instrument entwickelt. Monteverdi (1567–1643), der mit der Einführung +des Dominantseptakkordes die eigentliche Chromatik begründet, besaß +das erste wirkliche Orchester und um 1630 erscheint mit Frescobaldi +der erste große Orgelvirtuose. Und neben der analysis situs, dieser +Meisterschöpfung von Leibniz, steht die mächtige Raumsymbolik der +letzten Werke Rembrandts, der 1669 starb — die des Selbstbildnisses in +München, des Darmstädter Christus und des Evangelisten Matthäus.</p> + +<p>Sicherlich unterscheidet auch dies das Formwollen jeder Mathematik +von den rein wissenschaftlichen Absichten aller Physik und Chemie +und rückt sie in die Nähe der bildenden Künste, daß ihr Element, die +starren Zahlen, seien sie nun optisch oder transzendent aufgefaßt, +keine empirischen Wirklichkeiten sind, sondern reine Formen des +Ausgedehnten wie ornamentale Linien und musikalische Harmonien, +ihr Verfahren also, mit Kant zu reden, synthetisch, künstlerisch +gesprochen <em class="gesperrt">Komposition</em> ist, in welcher der echte Künstler einem +<em class="gesperrt">höheren<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Zwange — dem „a priori“ Kants</em> — unterliegt. Das +mag in den populären Teilen einer Mathematik weniger hervortreten, +aber die Zahlengebilde höherer Ordnung, zu denen jede von ihnen und +im Unterschiede von jeder andern alsbald aufsteigt, wie das indische +Dezimalsystem, die antiken Gruppen der Kegelschnitte, der Primzahlen +und der regelmäßigen Polyeder, im Abendlande der Zahlkörper, die +mehrdimensionalen Räume, die höchst transzendenten Gebilde der +Transformations- und Mengenlehre, die Gruppe der nichteuklidischen +Geometrien, sind nicht mehr von rein verstandesmäßiger Herkunft und +setzen, um in ihren letzten, völlig metaphysischen Gründen durchschaut +zu werden, eine Art visionärer Erleuchtung voraus. Hier handelt es +sich um ein inneres Erlebnis, nicht nur um Erkenntnis. Erst hier +beginnt die <em class="gesperrt">große</em> Symbolik der Zahlen. Diese Formen, wie sie im +Geiste großer Meister im Namen ihrer Kultur, als Ausdruck der letzten +Geheimnisse ihres Weltgefühls entstehen, offenbaren dem Eingeweihten +etwas wie den Urgrund seines Daseins. Diese Schöpfungen muß man wie +das Innere eines Domes, wie die Verse der Engel im Faustprolog oder +eine Kantate von Bach auf sich wirken lassen, wozu es glücklicher und +seltener Stunden bedarf. Nur wer dies vermag, und es wird immer nur +eine sehr kleine Zahl reifer Geister sein, begreift Plato, wenn er die +ewigen Ideen seines Kosmos „<em class="gesperrt">die Zahlen</em>“ nannte.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_5">5</h3> + +</div> + +<p>Als man im Kreise der Pythagoräer um 540 zu der Einsicht kam, daß +<em class="gesperrt">das Wesen aller Dinge die Zahl</em> sei, da wurde nicht „in der +Entwicklung der Mathematik ein Schritt vorwärts getan“, sondern es +wurde eine ganz neue Mathematik aus der Tiefe des antiken Seelentums +geboren, als selbstbewußte Theorie, nachdem sie in metaphysischen +Problemen und künstlerischen Formtendenzen sich längst angekündigt +hatte. Eine neue Mathematik, wie die stets ungeschrieben gebliebene +der ägyptischen und wie die algebraisch-astronomisch gestaltete der +babylonischen Kultur mit ihren ekliptischen Koordinatensystemen, die +beide in einer großen Stunde der Geschichte einmal geboren worden und +damals längst erloschen waren. Die zur Römerzeit<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> schon greisenhafte +antike Mathematik verschwand aus dem lebendigen Werden trotz ihres +noch heute währenden Scheindaseins in unsrer Bezeichnungsweise, +um viel später und in einer entfernten Landschaft der arabischen +Platz zu machen; auf diese längst erstorbene folgte nach langer +Zwischenzeit, wieder als eine ganz neue Schöpfung eines neuen +Bodens, die abendländische, <em class="gesperrt">unsere</em> Mathematik, die wir in +seltsamer Verblendung als die Mathematik, den Gipfel und das Ziel +einer zweitausendjährigen Entwicklung ansehen und deren heute fast +abgelaufene Jahrhunderte ebenso streng bemessen sind.</p> + +<p>Jener Ausspruch, daß die Zahl das Wesen aller <em class="gesperrt">sinnlich +greifbaren</em> Dinge darstelle, ist der wertvollste der antiken +Mathematik geblieben. Mit ihm ist die Zahl als <em class="gesperrt">Maß</em> definiert. +Darin liegt das ganze Weltgefühl einer dem <em class="gesperrt">Jetzt und Hier</em> +leidenschaftlich zugewendeten Seele. Messen in diesem Sinne heißt etwas +Nahes und Körperhaftes messen. Denken wir an den Inbegriff des antiken +Kunstwerkes, die freistehende Bildsäule eines nackten Menschen: Hier +ist alles Wesentliche und Bedeutsame des Daseins, sein ganzes Ethos, +erschöpfend durch Flächen, Maße und die sinnlichen Verhältnisse der +Teile gegeben. Der pythagoräische Begriff der Harmonie der Zahlen, +obwohl vielleicht aus der — monophonen — Musik abgeleitet, scheint +durchaus für das Ideal dieser Plastik geprägt zu sein. Der behandelte +Stein ist nur insofern ein Etwas, als er abgewogene Grenzen und +gemessene Form besitzt, als das, was er unter dem Meißel des Künstlers +<em class="gesperrt">geworden</em> ist. Abgesehen davon ist er ein <em class="gesperrt">Chaos</em>, etwas +noch nicht Verwirklichtes, vorläufig also ein Nichts. Dies Gefühl, ins +Große übertragen, schafft als Gegensatz zum Chaos den <em class="gesperrt">Kosmos</em>, +die Außenwelt der antiken Seele, die harmonische Ordnung aller +wohlbegrenzten und greifbar gegenwärtigen Einzeldinge. Die Summe +dieser Dinge ist bereits die <em class="gesperrt">ganze Welt</em>. Der Abstand zwischen +ihnen, <em class="gesperrt">unser</em> mit dem ganzen Pathos eines großen Symbols +erfüllter Weltraum, ist nichts, τὸ μὴ ὄν. Ausdehnung heißt für den +antiken Menschen Körperlichkeit, für uns Raum, als dessen Funktion die +Dinge „erscheinen“. Von hier aus rückwärts blickend enträtseln wir +vielleicht den tiefsten Begriff der antiken Metaphysik, das ἄπειρον +Anaximanders, das sich in keine Sprache<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> des Abendlandes übersetzen +läßt: es ist das, was keine „Zahl“ im pythagoräischen Sinne besitzt, +keine gemessene Größe und Grenze, kein Wesen also; das Maßlose, die +Unform, eine Statue, die noch nicht aus dem Blocke herausgemeißelt ist. +Dies ist die ἀρχή, das optisch Grenzen- und Formlose, das erst durch +Grenzen, sinnliche Vereinzelung ein Etwas, die Welt nämlich, wird. Es +ist das, was der antiken Erkenntnis als Form a priori zugrunde liegt, +Körperlichkeit an sich, und an dessen Stelle im kantischen Weltbilde +genau entsprechend der absolute Raum erscheint, aus dem Kant sich +angeblich „alle Dinge fortdenken konnte“.</p> + +<p>Man wird jetzt begreifen, was eine Mathematik von der andern, was +insbesondere die antike von der abendländischen scheidet. Das reife +antike Denken konnte seinem ganzen Weltgefühl nach in der Mathematik +nur die Lehre von den Größen-, Maß- und Gestaltverhältnissen +leibhafter Körper sehen. Wenn Pythagoras aus diesem Gefühl heraus +die entscheidende Formel aussprach, so war eben für ihn die Zahl ein +<em class="gesperrt">optisches</em> Symbol, nicht Form überhaupt oder abstrakte Beziehung, +sondern das Grenzzeichen des Gewordnen, insofern dieses in sinnlich +übersehbaren Einzelheiten auftritt. Zahlen werden von der gesamten +Antike ohne Ausnahme, als Maßeinheiten, als Größen, Strecken, Flächen +aufgefaßt. Eine andre Art Ausdehnung ist ihr nicht vorstellbar. Alle +antike Mathematik ist im letzten Grunde <em class="gesperrt">Stereometrie</em>. Euklid, +der im 3. Jahrhundert ihr System abschloß, meint, wenn er von einem +Dreieck spricht, mit innerster Notwendigkeit die Grenzfläche eines +Körpers, niemals ein System dreier sich schneidender Geraden oder eine +Gruppe dreier Punkte im Raume von drei Dimensionen. Er bezeichnet die +Linie als „Länge ohne Breite“ (μῆκος ἀπλατές). In unserm Munde wäre +diese Definition kläglich gewesen. Innerhalb der antiken Mathematik ist +sie ausgezeichnet.</p> + +<p>Auch die abendländische Zahl ist nicht, wie Kant und selbst Helmholtz +dachten, aus der „apriorischen Anschauungsform der Zeit“ entwickelt, +sondern als Ordnung gleichartiger Einheiten etwas spezifisch +Räumliches. Die Zeit hat, wie sich immer deutlicher zeigen wird, mit +mathematischen Dingen nicht das Geringste zu tun. Zahlen gehören +ausschließlich in die Sphäre des Ausgedehnten. Aber es gibt so viele +Möglichkeiten und<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> also Notwendigkeiten, Ausgedehntes geordnet +vorzustellen, als es Kulturen gibt. Die antike Zahl ist nicht ein +Denken räumlicher Beziehungen, sondern <em class="gesperrt">für das leibliche Auge</em> +abgegrenzter, greifbarer Einheiten. Die Antike kennt deshalb — das +folgt mit Notwendigkeit — nur die „<em class="gesperrt">natürlichen</em>“ (<em class="gesperrt">positiven +ganzen</em>) Zahlen, die unter den vielen, höchst abstrakten Zahlenarten +der abendländischen Mathematik, den komplexen, hyperkomplexen, +nichtarchimedischen u. a. Systemen eine durch nichts ausgezeichnete +Rolle spielen.</p> + +<p>Deshalb ist die Vorstellung irrationaler Zahlen, in unsrer Schreibweise +also unendlicher Dezimalbrüche, dem griechischen. Geiste unvollziehbar +geblieben. Euklid sagt — und man hätte ihn besser verstehen sollen +—, daß inkommensurable Strecken sich „<em class="gesperrt">nicht wie Zahlen</em>“ +verhalten. In der Tat liegt im vollzogenen Begriff der irrationalen +Zahl die völlige Trennung des <em class="gesperrt">Zahlbegriffs</em> vom Begriff der +<em class="gesperrt">Größe</em> und zwar deshalb, weil eine solche Zahl, π z. B., niemals +abgegrenzt oder exakt durch eine Strecke dargestellt werden kann. +Daraus folgt aber, daß in der Vorstellung z. B. des Verhältnisses der +Quadratseite zur Diagonale die antike Zahl, die eben <em class="gesperrt">sinnliche</em> +Grenze, <em class="gesperrt">abgeschlossene Größe</em> und nichts andres ist, eine +ganz andre Zahlidee berührt, die dem antiken Weltgefühl im tiefsten +Innern fremd und darum unheimlich ist, als sei man nahe daran, ein +gefährliches Geheimnis des eignen Daseins aufzudecken. Dies verrät +ein seltsamer spätgriechischer Mythus, wonach derjenige, welcher +zuerst die Betrachtung des Irrationalen aus dem Verborgnen an die +Öffentlichkeit brachte, durch einen Schiffbruch umgekommen sei, „weil +das Unaussprechliche und Bildlose immer verborgen bleiben solle“. +Wer die Angst fühlt, welche diesem Mythus zugrunde liegt — es ist +dieselbe, welche den Griechen der reifsten Zeit vor der Ausdehnung +seiner winzigen Stadtstaaten zu politisch organisierten Landschaften, +vor der Anlage weiter Straßenfluchten und Alleen mit Fernblicken +und berechneten Abschlüssen, vor der babylonischen Astronomie mit +ihrer Durchdringung endloser Sternenräume und vor dem Verlassen des +Mittelmeeres auf Bahnen, welche die Schiffe der Ägypter und Phöniker +längst erschlossen hatten, immer wieder zurückschrecken ließ, die tiefe +metaphysische Angst vor der<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Auflösung des Greifbar-Sinnlichen und +Gegenwärtigen, mit dem sich das antike Dasein wie mit einer Schutzmauer +umgeben hatte, hinter der etwas Unheimliches, ein Abgrund und Urgrund +dieses gewissermaßen künstlich geschaffenen und behaupteten Kosmos +schlief —, wer dies Gefühl begreift, der hat auch den letzten Sinn +der antiken Zahl, <em class="gesperrt">des Maßes im Gegensatz zum Unermeßlichen</em> und +das hohe religiöse Ethos in ihrer Beschränkung begriffen. Goethe, +als Künstler, hat es sich wenigstens in seinen Naturstudien mit +Leidenschaft zu eigen gemacht — daher seine fast ängstliche Polemik +gegen die Mathematik, die sich in Wirklichkeit, was noch niemand recht +verstanden hat, instinktiv durchaus gegen die <em class="gesperrt">nichtantike</em> +Mathematik, die der Naturlehre seiner Zeit zugrunde liegende +Infinitesimalrechnung richtete.</p> + +<p>Die antike Religiosität sammelt sich mit steigender Ausdrücklichkeit in +sinnlich gegenwärtigen — <em class="gesperrt">ortsgebundenen</em> — Kulten, die allein +jenes bildhafte, immernahe Göttertum repräsentieren. Abstrakte, in den +heimatlosen Räumen des Denkens verschwebende <em class="gesperrt">Dogmen</em> sind ihm +immer fern geblieben. Kult und Dogma verhalten sich wie die Statue zur +Orgel im Dom. Es haftet der euklidischen Mathematik zweifellos etwas +Kultisches an. Man denke an die Lehre von den regelmäßigen Polyedern +und ihre Bedeutung für die Esoterik des platonischen Kreises. Dem +entspricht andrerseits eine tiefe Verwandtschaft der Analysis des +Unendlichen von Descartes an mit der gleichzeitigen Dogmatik in ihrem +Fortschreiten zu einem reinen, von allen sinnlichen Bezügen gelösten +Deismus. Voltaire, Lagrange und d’Alembert sind Zeitgenossen. Man +empfand aus dem antiken Seelentum heraus das Prinzip des Irrationalen, +also die Zerstörung der statuarischen Reihe der ganzen Zahlen, der +Repräsentanten einer in sich vollkommenen Weltordnung, als einen Frevel +gegen das Göttliche selbst. Bei Plato, im Timäus, ist dies Gefühl +unverkennbar. Mit der Verwandlung der diskontinuierlichen Zahlenreihe +in ein Kontinuum wird in der Tat nicht nur der antike Zahlbegriff, +sondern der Begriff der antiken Welt selbst in Frage gestellt. Man +begreift nun, daß nicht einmal die uns ohne Schwierigkeit vorstellbaren +<em class="gesperrt">negativen</em> Zahlen, geschweige denn die <em class="gesperrt">Null als Zahl</em> — +welche für die indische<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Seele, die sie zuerst konzipiert hat, einen +ganz entscheidenden metaphysischen Akzent besitzt — in der antiken +Mathematik möglich sind. Negative <em class="gesperrt">Größen</em> gibt es nicht. Der +Ausdruck −2 . −3 = +6 ist weder anschaulich noch eine Größenvorstellung. +Mit +1 ist die Größenreihe zu Ende. In der graphischen Darstellung +negativer Zahlen <img class="h1_2em vam" src="images/pg097_reihe.jpg" alt="Zahlenreihe, von plus 3 bis minus 3"> +werden von Null an die Strecken plötzlich <em class="gesperrt">positive Symbole</em> von +etwas Negativem. Sie <em class="gesperrt">bedeuten</em> etwas, sie <em class="gesperrt">sind</em> nichts +mehr. Negative Zahlen sind nicht Größen, sondern etwas, das durch +Größen nur angedeutet werden kann. Die Vollziehung dieses Aktes lag +aber nicht in der Richtung des antiken Zahlendenkens.</p> + +<p>Alles aus antikem Geist Geborene ist also allein durch plastische +Begrenztheit zum Range eines Wirklichen erhoben worden. Was sich nicht +zeichnen läßt, ist nicht „Zahl“. Plato, Archytas und Eudoxos reden +von Flächen- und Körperzahlen, wenn sie unsere zweiten und dritten +Potenzen meinen, und es versteht sich von selbst, daß der Begriff +höherer ganzzahliger Potenzen für sie nicht vorhanden ist. Eine Potenz +vierten Grades würde aus dem plastischen Grundgefühl, das sofort eine +vierdimensionale Ausgedehntheit substituiert, Unsinn sein. Ein Ausdruck +gar wie e<sup>-ix</sup>, der in unsern Formeln ständig erscheint, oder auch nur +die schon im 14. Jahrhundert von Oresme verwandte Bezeichnung 5<sup>½</sup> +wären ihnen völlig absurd erschienen. Euklid nennt die Faktoren eines +Produkts Seiten (πλευραί). Man rechnet mit Brüchen — endlichen, wie +sich versteht —, indem man das ganzzahlige Verhältnis zweier Strecken +untersucht. Eben deshalb kann die Idee der Zahl Null gar nicht in +Erscheinung treten, denn sie hat zeichnerisch keinen Sinn. Man wende +nicht von der Gewöhnung unseres anders angelegten Denkens her ein, +daß dies eben die „Urstufe“ in der Entwicklung „der“ Mathematik sei. +Die antike Mathematik ist innerhalb der Welt, welche die antike Welt +um sich herum schuf, etwas Vollkommenes. Sie ist es nur nicht <em class="gesperrt">für +uns</em>. Die babylonische und die indische Mathematik hatten das für +das antike Zahlengefühl Unsinnige längst zu wesentlichen Bestandteilen +<em class="gesperrt">ihrer</em> Zahlenwelten gemacht, und mancher griechische Denker wußte +darum. Die Mathematik, es sei noch einmal gesagt, ist<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> eine Illusion. +Wirklich ist, was dem eignen Seelentum adäquat und symbolisch bedeutend +ist. Dies allein ist „denknotwendig“, das andre ist unmöglich, +verfehlt, unsinnig, oder, wie wir mit dem Hochmut historischer +Geister zu sagen vorziehen, „primitiv“. Die moderne Mathematik, ein +Meisterstück des abendländischen Geistes — „wahr“ allerdings nur für +ihn —, wäre Plato als lächerliche und mühselige Verirrung auf dem +Wege erschienen, der <em class="gesperrt">wahren</em> Mathematik, der antiken natürlich, +beizukommen; und wir machen uns sicherlich kaum eine Vorstellung davon, +was alles an großen Konzeptionen fremder Kulturen wir haben untergehen +lassen, weil wir es aus <em class="gesperrt">unserem</em> Denken und dessen Grenzen heraus +nicht assimilieren konnten oder, was dasselbe ist, weil wir es als +falsch, überflüssig und sinnlos empfanden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_6">6</h3> + +</div> + +<p>Die antike Mathematik als Lehre von anschaulichen Größen will +ausschließlich die Tatsachen des Gegenwärtigen deuten, und sie +beschränkt also ihre Forschung wie ihren Geltungsbereich auf +Gegenstände der Nähe und des Kleinen. Dieser Konsequenz gegenüber +ergibt sich etwas sehr Unlogisches im praktischen Verhalten der +abendländischen Mathematik, was eigentlich erst seit Entdeckung der +nichteuklidischen Geometrien recht erkannt worden ist. Zahlen sind +reine Formen des erkennenden Geistes. Ihre exakte Anwendbarkeit auf +die reale Anschauung ist also ein Problem für sich. Die Kongruenz +mathematischer Systeme mit der Empirie ist nichts weniger als +selbstverständlich. Trotz des Laienvorurteils von der unmittelbaren +mathematischen Evidenz der Anschauung, wie es sich bei Schopenhauer +findet, stimmt die euklidische Geometrie, welche mit der populären +Geometrie aller Zeiten eine oberflächliche Identität besitzt, nur in +sehr engen Grenzen („auf dem Papier“) mit der Anschauung annähernd +überein. Wie es bei großen Entfernungen steht, lehrt die einfache +Tatsache, daß Parallelen sich am Horizont berühren. Die gesamte +malerische Perspektive beruht auf ihr. Trotzdem ging Kant, der +für einen abendländischen Denker in unverzeihlicher Weise vor der +„Mathematik der Fernen“ auswich und sich stets, ganz „antik“, auf +winzige Figuren berief, an denen gerade ihrer<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Kleinheit wegen das +spezifisch abendländische, das infinitesimale Raumproblem gar nicht +in Erscheinung treten konnte, von einer naiven Größenvergleichung +aus. Euklid vermied es ebenfalls, aber für einen antiken Denker mit +Recht, sich für die anschauliche Gewißheit seiner Axiome etwa auf ein +Dreieck zu berufen, dessen Punkte durch den Standort des Beobachters +und zwei Fixsterne gebildet werden, das also weder gezeichnet noch +„angeschaut“ werden kann. Es war hier dasselbe Gefühl wirksam, das +vor dem Irrationalen zurückschreckte und das Nichts nicht als Null, +als Zahl, zu begreifen wagte, das also auch im Anschauen kosmischer +Verhältnisse dem Unermeßlichen aus dem Wege ging, um das Symbol des +Maßes zu bewahren.</p> + +<p>Aristarch von Samos, der um 270 das Weltsystem entwarf, welches +bei seiner Wiederentdeckung durch Kopernikus die metaphysische +Leidenschaft des Abendlandes im tiefsten erregte — man denke an +Giordano Bruno —, das eine Erfüllung gewaltiger Ahnungen und eine +Bestätigung jenes faustischen, gotischen Weltgefühls war, das schon +in der Architektur seiner Kathedralen der Idee des unendlichen +Raumes ein Opfer dargebracht hatte, wurde mit seinem Gedanken von +der Antike völlig gleichgültig aufgenommen und bald — man möchte +sagen absichtlich — vergessen. In der Tat ist das aristarchische +Weltsystem für <em class="gesperrt">diese</em> Kultur seelisch belanglos. Es wäre ihrer +Grundidee sogar gefährlich geworden. Und doch war es im Unterschiede +von dem des Kopernikus — diese entscheidende Tatsache ist immer +unbeachtet geblieben — durch eine besondere Fassung dem antiken +Weltgefühl genau angepaßt. Aristarch nahm als <em class="gesperrt">Abschluß</em> des +Kosmos eine körperlich durchaus begrenzte, optisch zu beherrschende +<em class="gesperrt">Hohlkugel</em> an, in deren Mitte das kopernikanisch gedachte +Planetensystem sich befindet. Damit war das Prinzip des Unendlichen, +das den sinnlich-antiken Grenzbegriff gefährdet hätte, überwunden. +Kein Gedanke an einen grenzenlosen Weltraum taucht auf, der hier +schon unvermeidlich erscheint und dessen Konzeption dem babylonischen +Denken längst gelungen war. Im Gegenteil. Archimedes beweist in seiner +berühmten Schrift von der „Sandzahl“ — wie schon das Wort verrät, der +Widerlegung aller infinitesimalen Tendenzen, obwohl sie immer wieder +als erster Schritt<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> auf dem Wege zum modernen Integrationskalkül +betrachtet wird —, daß dieser stereometrische Körper, denn etwas +anderes ist der aristarchische Kosmos nicht, mit Atomen (Sand) +erfüllt, zu <em class="gesperrt">sehr großen</em>, aber <em class="gesperrt">nicht zu unendlichen</em> +Resultaten führe. Das heißt aber gerade alles, was <em class="gesperrt">uns</em> die +Analysis bedeutet, verneinen. Das Weltall unsrer Physik ist, wie die +immer wieder scheiternden und sich dem Geiste von neuem aufdrängenden +Hypothesen über den stofflich, d. h. mittelbar anschaulich gedachten +Weltäther beweisen, die strengste Verleugnung aller materiellen +Begrenztheit. Plato, Apollonius und Archimedes, sicherlich die feinsten +und kühnsten Mathematiker der Antike, haben eine <em class="gesperrt">rein optische</em> +Analysis des Gewordnen auf der Grundlage des plastisch-antiken +Grenzwertes vollkommen durchgeführt. Sie gebrauchen tiefdurchdachte +und uns schwer zugängliche Methoden einer Integralrechnung, die selbst +mit der Methode des bestimmten Integrals von Leibniz nur scheinbare +Ähnlichkeit besitzt, und sie wenden geometrische Örter und Koordinaten +an, die durchaus benannte Maßzahlen und Strecken und nicht wie bei +Fermat und vor allem bei Descartes unbenannte räumliche Beziehungen, +Werte von Punkten in bezug auf ihre Lage im Raum sind. Hierher gehört +vor allem die Exhaustionsmethode des Archimedes in seiner kürzlich +entdeckten Schrift an Eratosthenes, wo er z. B. die Quadratur des +Parabelsegments auf der Berechnung eingeschriebener Rechtecke (nicht +mehr ähnlicher Polygone) begründet. Aber gerade die geistreiche, +unendlich verwickelte Art, wie er in Anlehnung an gewisse geometrische +Ideen Platos zum Resultat kommt, macht den ungeheuren Gegensatz +zwischen dieser Intuition und der oberflächlich ähnlichen Pascals etwa +fühlbar. Es gibt keinen schärferen Gegensatz hierzu — wenn man vom +Riemannschen Integralbegriff ganz absieht — als die leider heute noch +sogenannten Quadraturen, bei denen die „Fläche“ als durch eine Funktion +begrenzt bezeichnet wird und von einer zeichnerischen Handhabe keine +Rede mehr ist. Nirgends kommen beide Mathematiken einander so nahe und +nirgends läßt sich die unüberschreitbare Kluft zweier Seelen, deren +Ausdruck sie sind, gewisser fühlen.</p> + +<p>Die reinen Zahlen, deren Phänomen die Ägypter im Stil ihrer +Tempelhallen, Pyramiden und Statuenreihen mit einer<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> tiefen +Furcht vor ihrem Ursprung gleichsam verbargen, waren auch für die +Hellenen der Schlüssel zum Sinn des Gewordenen, <em class="gesperrt">Starren und also +Vergänglichen</em>. Die mathematische Zahl als formales Grundprinzip +der ausgedehnten Welt, die nur <em class="gesperrt">aus</em> dem wachen menschlichen +Bewußtsein und für dieses da ist, steht durch das Medium der kausalen +Notwendigkeit zum <em class="gesperrt">Tode</em> in Beziehung, wie die chronologische +Zahl zum Werden, zum Leben, zur Notwendigkeit des Schicksals. +Dieser Zusammenhang der mathematischen Form mit dem <em class="gesperrt">Ende</em> des +organischen Seins, mit der Erscheinung seines anorganischen Restes, +des Leichnams, wird sich immer deutlicher als der Ursprung aller +großen Kunst enthüllen. Wir bemerkten schon die Entwicklung der +frühen Ornamentik aus dem Bestattungskult. <em class="gesperrt">Zahlen sind Symbole des +Vergänglichen.</em> Starre Formen verneinen das Leben. Formeln und +Gesetze breiten Starrheit über das Bild der Natur. Zahlen töten. Es +sind die Mütter Fausts, die hehr in Einsamkeit thronen, „in der Gebilde +losgebundne Reiche</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Gestaltung, Umgestaltung,</div> + <div class="verse indent0">Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung,</div> + <div class="verse indent0">Umschwebt von Bildern aller Kreatur.“</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Hier berühren sich Goethe und Plato im Ahnen eines letzten +Geheimnisses. Die Mütter, das Unzugängliche — Platos Ideen — +bezeichnen die <em class="gesperrt">Möglichkeiten</em> eines Seelentums, seine ungeborenen +Formen, welche sich in der sichtbaren, aus der Idee dieses Seelentums +heraus mit innerster Notwendigkeit geordneten Welt als tätige und +geschaffene Kultur, als Kunst, Gedanke, Staat, Religion verwirklicht +haben. Hierauf beruht die Verwandtschaft des Zahlensystems einer Kultur +mit deren Weltidee, eine Beziehung, die es über das bloße Wissen und +Erkennen zur Bedeutung einer Weltanschauung erhebt und die bewirkt, +daß es so viele Mathematiken — Zahlenwelten — gibt als es hohe +Kulturen gibt. So allein wird es begreiflich und <em class="gesperrt">notwendig</em>, daß +die größten mathematischen Denker, bildende Künstler im Reiche der +Zahlen, aus tief religiöser Intuition zur Auffindung der entscheidenden +mathematischen Probleme ihrer Kultur gelangt sind. So hat man sich +die Schöpfung der antiken, apollinischen Zahl durch Pythagoras, +den <em class="gesperrt">Stifter einer Religion</em>, zu denken. Dies Urgefühl hat +Nicolaus Cusanus, den<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> großen Bischof von Brixen, geleitet, als er +um 1450 von der Betrachtung der Unendlichkeit Gottes in der Natur +ausgehend die Grundzüge der Infinitesimalrechnung fand. Leibniz, der +ihre Idee zwei Jahrhunderte später vollendete, hat selbst aus rein +metaphysischen Betrachtungen über das göttliche Prinzip und seine +Beziehung zum unendlichen Ausgedehnten die <i>analysis situs</i> +entwickelt, vielleicht die genialste Interpretation des reinen, von +allem Sinnlichen befreiten Raumes, deren reiche Möglichkeiten erst +im 19. Jahrhundert durch Graßmann in seiner Ausdehnungslehre und +Riemann in seiner Symbolik der zweiseitigen Flächen, welche die Natur +von Gleichungen repräsentieren, entfaltet worden sind. Descartes, +ein tiefer Christ aus dem Kreise von Port Royal, hat, einem innern +Bedürfnis folgend, anläßlich seiner philosophisch-mathematischen +Unterweisung die Pfalzgräfin Elisabeth und Gustav Adolfs Tochter, +Königin Christine von Schweden, wieder zum Katholizismus bekehrt. Und +Kepler wie Newton, beide streng religiöse Naturen, blieben sich, wie +Plato, durchaus bewußt, gerade durch das Medium der Zahlen das Wesen +einer göttlichen Weltordnung intuitiv erfaßt zu haben.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_7">7</h3> + +</div> + +<p>Erst Diophant hat, wie man immer hört, die antike Arithmetik aus ihrer +sinnlichen Gebundenheit befreit, sie erweitert und fortgeführt und +die Algebra als die Lehre von den unbestimmten Größen geschaffen. +Das ist allerdings nicht eine Bereicherung, sondern eine vollkommene +Überwindung des antiken Weltgefühls, und allein dies hätte beweisen +sollen, daß Diophant der antiken Kultur innerlich nicht mehr angehörte. +Ein neues Zahlengefühl oder sagen wir Grenzgefühl dem Wirklichen, +Gewordnen gegenüber ist in ihm tätig, nicht mehr jenes hellenische, aus +dessen sinnlich-gegenwärtigen Grenzwerten sich neben der euklidischen +Geometrie der greifbaren Körper auch die sie nachbildende Plastik +der nackten Statue entwickelt hatte. Einzelheiten der Ausbildung +dieser <em class="gesperrt">neuen</em> Mathematik kennen wir nicht. Bei Diophant taucht +unter der <em class="gesperrt">Absicht</em> euklidischer Gedankengänge jenes neue +Grenzgefühl auf — ich nenne es das <em class="gesperrt">magische</em> —, das sich seiner +Gegensätzlichkeit zu der<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> angestrebten antiken Fassung gar nicht +bewußt ist. Die Idee der <em class="gesperrt">Zahl als Größe</em> wird nicht erweitert, +sondern unvermerkt aufgelöst. Was eine <em class="gesperrt">unbestimmte</em> Zahl a und +was eine <em class="gesperrt">unbenannte</em> Zahl 3 ist — beides weder Größe noch Maß +noch Strecke — hätte ein Grieche gar nicht angeben können. Das neue, +in diesen Zahlenarten inkarnierte Grenzgefühl liegt den diophantischen +Betrachtungen wenigstens zugrunde; die uns geläufige Buchstabenrechnung +selbst, in deren Gewande sich die inzwischen nochmals ganz umgedeutete +Algebra heute darstellt, ist erst in fühlbarer, aber unbewußter +Opposition gegen die antikisierende Renaissancerechnung 1591 durch +Vieta eingeführt worden.</p> + +<p>Diophant lebte um 250 n. Chr., <em class="gesperrt">also im dritten Jahrhundert der +arabischen Kultur</em>, deren geschichtlicher Organismus bisher unter +den Oberflächenformen der römischen Kaiserzeit und des „Mittelalters“ +verschüttet lag<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> und der alles angehört, was seit Beginn unserer +Zeitrechnung in der Landschaft des kommenden Islam entstanden ist. +Gerade damals erblich vor dem neuen Raumgefühl der Basiliken, Mosaiken +und Sarkophagreliefs altchristlich-syrischen Stils der letzte Schatten +der attischen Statuenplastik. Damals gab es wieder eine <em class="gesperrt">archaische +Kunst</em> und ein streng geometrisches Ornament. Damals gerade +vollendete Diokletian den <em class="gesperrt">Khalifat</em> des nur noch scheinbar +römischen Reiches. 500 Jahre liegen zwischen Euklid und Diophant, +zwischen Plato und Plotin, dem letzten, abschließenden Denker — dem +<em class="gesperrt">Kant</em> — einer vollendeten und dem ersten mystischen Geiste — +dem <em class="gesperrt">Dante</em> — einer eben erwachten Kultur.</p> + +<p>Hier berühren wir zum ersten Male das bisher unbekannte Phänomen +jener großen Individuen, deren Werden, Wachsen und Welken unter einer +tausendfarbigen verwirrenden Oberfläche die <em class="gesperrt">eigentliche Substanz der +Weltgeschichte</em> bildet. Das im römischen Geiste dahinschwindende +antike Seelentum, dessen „Leib“ die historische Wirklichkeit der +antiken Kultur mit ihren Werken, Gedanken, Taten und Trümmern ist, +war um 1100 v. Chr. aus der Landschaft des ägäischen Meeres geboren<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> +worden. Die seit Augustus im Osten unter der Decke antiker Zivilisation +keimende arabische Kultur entstammt durchaus dem Schoße der Landschaft +zwischen Nil und Euphrat, Kairo und Bagdad. Als Ausdruck dieser neuen +Seele hat man fast die gesamte „spätantike“ Kunst der Kaiserzeit, die +sämtlichen, von einer jungen Glut erfüllten Kulte des Ostens, die des +Mithras, Serapis, Horus, der Isis, der syrischen Baale von Emesa und +Palmyra, das Christentum und den Neuplatonismus, die kaiserlichen Fora +in Rom und das dort von einem Syrer erbaute Pantheon, <em class="gesperrt">die früheste +aller Moscheen</em>, zu betrachten.</p> + +<p>Daß man damals griechisch schrieb und griechisch zu denken glaubte, +wiegt nicht schwerer als die Tatsache, daß die Wissenschaft des +Abendlandes bis zu Kant hinauf die lateinische Sprache vorzog und daß +Karl der Große das römische Reich „erneuerte“.</p> + +<p>Bei Diophant ist die Zahl nicht mehr das Maß und Wesen von +<em class="gesperrt">plastischen Dingen</em>. Auf den ravennatischen Mosaiken ist der +Mensch nicht mehr <em class="gesperrt">Körper</em>. Unvermerkt haben die griechischen +Bezeichnungen ihren ursprünglichen Gehalt verloren. Wir verlassen die +Sphäre der attischen καλοκἀγαθία, der stoischen ἀταραξία und γαλήνη. +Zwar kennt Diophant die Null und die negativen Zahlen noch nicht, aber +die plastischen Einheiten pythagoräischer Zahlen kennt er <em class="gesperrt">nicht +mehr</em>. Andrerseits ist die Unbestimmtheit der unbenannten arabischen +Zahlen doch auch etwas ganz andres als die gesetzmäßige Variabilität +der spätem abendländischen Zahl, der <em class="gesperrt">Funktion</em>.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">magische</em> Mathematik, die Algebra, hat sich, ohne daß uns +Einzelheiten bekannt wären, über Diophant hinaus — der schon eine +gewisse Entwicklung voraussetzt — logisch und in großer Linie bis +zur Vollendung in der Abassidenzeit des 9. Jahrhunderts entwickelt, +wie der Stand der Kenntnisse bei Alchwarizmi und Alsidschzi beweist. +Dann erst beginnt, wieder ein halbes Jahrtausend später und in einer +neuen, entfernten Landschaft der großartige Prozeß der Umdeutung +dieser magischen, uns durch die spanischen Araber überlieferten +Zahlenwelt in die funktionale Westeuropas, der mächtige Kampf gegen ein +sich andrängendes fremdes Weltgefühl mit seiner innerlich gereiften +Raumdeutung, welche die junge, gotische Seele abwehren<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> und brechen +mußte, um ihr Eigenstes nicht verkümmern zu lassen, ein heimliches +Ringen in allen Architekturen, jeder Fassade, jedem Ornament, jedem +Symbol, jedem metaphysischen und mathematischen Problem, das in seiner +stummen Erhabenheit noch nie gefühlt worden ist.</p> + +<p>Was neben der euklidischen Geometrie die attische Plastik — die +gleiche Formensprache in andrem Gewande — was neben der Analysis des +Raumes der fugierte Stil der Instrumentalmusik, das bedeutet neben +dieser Algebra die magische Kunst der Mosaiken, der vom Sassanidenreich +und später von Byzanz aus immer reicher entwickelten Arabeske mit +ihrem sinnlich-unsinnlichen Verschweben organischer Formmotive und das +Hochrelief konstantinischen Stils mit dem ungewissen Tiefendunkel des +zwischen frei herausgearbeiteten Figuren ausgesparten Hintergrundes. +Wie die Algebra zur antiken Arithmetik und zur abendländischen +Analysis, so verhält sich die Kuppelbasilika zum dorischen Tempel und +zum gotischen Dom.</p> + +<p>Nicht als ob Diophant ein großer Mathematiker gewesen wäre. Das meiste, +woran man bei seinem Namen erinnert wird, steht nicht in seinen +Schriften und was darin steht, ist sicherlich nicht ganz sein Eigentum. +Seine zufällige Bedeutung liegt darin, daß — nach unsrem Wissen — bei +ihm als dem ersten das neue Zahlengefühl unverkennbar vorhanden ist. +Man wird, Meistern gegenüber, die eine Mathematik <em class="gesperrt">abschließen</em>, +wie Apollonius und Archimedes die antike und ihnen entsprechend +Gauß, Cauchy, Riemann die abendländische, bei Diophant und Menelaos +etwas Primitives finden, das bisher gern als Dekadence angesprochen +wurde. Man wird es künftig — nach dem Vorbilde der Umwertung der +vermeintlich spätantiken, bisher geradezu verachteten Kunst zur +tastenden Äußerung des eben erwachenden früharabischen Weltgefühls — +begreifen und schätzen lernen. Ebenso archaisch, primitiv und suchend +wirkt die Mathematik des Nikolas von Oresme, Bischofs von Lisieux +(1323 bis 1382), der zum ersten Mal im Abendlande eine freie Art von +Koordinaten und sogar Potenzen mit gebrochnen Exponenten verwandte, die +ein Zahlengefühl voraussetzen, unklar noch, aber doch unverkennbar, +das gänzlich unantik, aber auch nicht mehr arabisch ist. Man erinnere +sich neben Diophant an frühchristliche<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Sarkophage der römischen +Sammlungen und neben Oresme an gotische Gewandstatuen deutscher Dome, +und man wird auch in den mathematischen Gedankengängen, die bei beiden +die <em class="gesperrt">gleiche</em> frühe Stufe des Intellekts darstellen, etwas +Verwandtes bemerken. Das stereometrische Grenzgefühl in der letzten +Verfeinerung und Eleganz eines Archimedes war verloren gegangen. Man +war dumpf, sehnsüchtig, mystisch, nicht mehr attisch hell und frei +gestimmt. Man war der erdgeborne Mensch einer frühen Landschaft, nicht +Großstädter, wie Euklid und d’Alembert.<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> Man verstand die tiefen +und komplizierten Gebilde des antiken Denkens nicht mehr und besaß +verworrene, neue, deren klare städtisch-intellektuelle Fassung noch +nicht gefunden werden konnte. Dies ist der <em class="gesperrt">gotische</em> Zustand +aller jungen Kulturen, den die Antike selbst in ihrer frühdorischen +Zeit durchschritten hatte, von welcher außer den Grabvasen des +Dipylonstils nichts geblieben ist. Erst in Bagdad, im 9. und 10. +Jahrhundert, sind die Konzeptionen der Epoche Diophants von reifen +Meistern, die Plato und Gauß nicht nachstehen, durchgeführt und +abgeschlossen worden.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_8">8</h3> + +</div> + +<p>Die entscheidende Tat des Descartes, dessen Geometrie 1637 erschien, +bestand <em class="gesperrt">nicht</em> in der Einführung einer neuen Methode oder +Anschauung auf dem Gebiete der überlieferten Geometrie, wie dies immer +wieder ausgesprochen wird, sondern in der endgültigen Konzeption +einer <em class="gesperrt">neuen Zahlenidee</em>, die sich in der Lösung der Geometrie +von der optischen Handhabe der Konstruktion, von der gemessenen und +meßbaren Strecke überhaupt aussprach. Damit war die Analysis des +Unendlichen Tatsache geworden. Das starre, sogenannte kartesische +Koordinatensystem, der ideale Repräsentant von meßbaren Größen in +halbeuklidischem Sinne, das in der vorhergehenden Periode, bei Oresme +z. B., Bedeutung hat, wurde durch Descartes, wenn<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> man in die Tiefe +seiner Erwägungen dringt, nicht vollendet, sondern überwunden. Sein +Zeitgenosse Fermat war sein letzter klassischer Vertreter.</p> + +<p>An Stelle des sinnlichen Elements der konkreten Strecke und Fläche +— dem spezifischen Ausdruck <em class="gesperrt">antiken</em> Grenzgefühls — tritt +das abstrakt-räumliche, mithin unantike Element des <em class="gesperrt">Punktes</em>, +der von nun an als Gruppe zugeordneter reiner Zahlen charakterisiert +wird. Descartes hat den literarisch ererbten Begriff der Größe, +der sinnlichen Dimension, zerstört und durch den veränderlichen +Beziehungswert der Lagen im Raume ersetzt. Daß dies aber eine +<em class="gesperrt">Beseitigung der Geometrie überhaupt</em> war, die von nun an +innerhalb der Zahlenwelt der Analysis nur noch ein durch antike +Reminiszenzen verschleiertes Scheindasein führt, hat man übersehen. +Das Wort Geometrie hat einen nicht zu beseitigenden apollinischen +Sinn. Von Descartes an ist die vermeintlich „neuere Geometrie“ +entweder ein synthetischer Prozeß, welcher die <em class="gesperrt">Lage von Punkten</em> +in einem nicht mehr notwendig dreidimensionalen Raume (einer +„Punktmannigfaltigkeit“) durch Zahlen, oder ein analytischer, welcher +Zahlen durch die Lage von Punkten bestimmt. Strecken durch Lagen +ersetzen heißt den Begriff der Ausdehnung rein räumlich, nicht mehr +körperhaft fassen.</p> + +<p>Das klassische Beispiel für diese Zerstörung der als Erbschaft +überkommenen optisch-endlichen Geometrie scheint mir die Umkehrung der +Winkelfunktionen — welche in einem uns kaum erreichbaren Sinne Zahlen +der indischen Mathematik gewesen waren — in cyklometrische Funktionen +und weiterhin deren Auflösung in Reihen zu sein, die im unendlichen +Zahlenbereich der algebraischen Analysis auch die leiseste Erinnerung +an geometrische Gebilde im Stile Euklids verloren haben. Die Kreiszahl +π erzeugt wie die Basis der natürlichen Logarithmen e in +diesem ganzen Zahlenbereich, überall auftauchend, Beziehungen, die alle +Grenzen der ehemaligen Geometrie, Trigonometrie, Algebra auslöschen, +die weder arithmetischer noch geometrischer Natur sind — und bei +denen niemand mehr an wirklich gezeichnete Kreise oder zu berechnende +Potenzen denkt.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_9">9</h3> + +</div> + +<p>Während die antike Seele durch Pythagoras um 540 zur Konzeption +<em class="gesperrt">ihrer</em>, der apollinischen Zahl als einer meßbaren Größe +gelangt war, fand die Seele des Abendlandes durch Descartes und +seine Generation (Pascal, Fermat, Desargues) im genau entsprechenden +Zeitpunkte die Idee einer Zahl, die aus dem leidenschaftlichen +<em class="gesperrt">faustischen</em> Hange zum Unendlichen geboren war. Die Zahl +als <em class="gesperrt">reine Größe</em>, die sich an die körperliche Gegenwart des +Einzeldinges heftet, findet ihr Gegenstück in der Zahl als <em class="gesperrt">reiner +Beziehung</em>. Darf die antike Welt, der Kosmos, aus jenem tiefen +Bedürfnis nach sichtbarer Begrenztheit als abzählbare Summe von +stofflichen Dingen definiert werden, so hat sich <em class="gesperrt">unser</em> +Weltgefühl im Bilde eines unendlichen Raumes verwirklicht, in dem +alles Sichtbare als etwas Bedingtes dem Unbedingten gegenüber, beinahe +als eine Wirklichkeit zweiten Ranges empfunden wird. <em class="gesperrt">Sein</em> +Symbol ist der entscheidende, in keiner andern Kultur angedeutete +Begriff der <em class="gesperrt">Funktion</em>. Die Funktion ist nichts weniger als +die Erweiterung irgendeines vorhandenen Zahlbegriffs; sie ist deren +völlige Überwindung. Nicht nur die euklidische, d. h. die allgemein +menschliche, populäre Geometrie, sondern auch die archimedische +Sphäre des elementaren Rechnens, die Arithmetik, hört damit auf, für +die wirklich <em class="gesperrt">bedeutende</em> Mathematik Westeuropas zu existieren. +Es gibt nur noch eine abstrakte Analysis. Für den antiken Menschen +waren Geometrie und Arithmetik wissenschaftliche Komplexe vom +höchsten Range, beide anschaulich, beide mit Größen zeichnerisch +oder rechnerisch verfahrend; für uns sind sie nur noch praktische +Hilfsmittel des alltäglichen Lebens. Addition und Multiplikation, +die beiden antiken Methoden der Größenrechnung und Schwestern der +zeichnerischen Konstruktion, verschwinden völlig in der Unendlichkeit +funktionaler Prozesse. Gerade die Potenz, die zunächst prinzipiell +nur ein Zahlzeichen für eine bestimmte Gruppe von Multiplikationen +(für Produkte gleicher Größen) ist, wird durch das neue Symbol des +Exponenten (Logarithmus) und seine Anwendung in komplexen, negativen, +gebrochnen Formen vom Größenbegriff gänzlich abgelöst und in eine +transzendente Beziehungswelt überführt, die<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> den Griechen, welche nur +zwei positive, ganzzahlige Potenzen als Repräsentanten von Flächen und +Körpern kannten, unzugänglich bleiben mußte (man denke an Ausdrücke wie +e<sup>-x</sup>, <span class="exp">π</span>√<span class="btt">x</span>, +a<span class="super"><span class="hfrac"><span class="numerator s5a">1</span><span class="denominator s5a">i</span></span></span>.</p> + +<p>Jede der tiefsinnigen Schöpfungen, welche von der Renaissance an +rasch aufeinander folgen, die der imaginären und komplexen Zahlen, +welche Cardanus schon 1550 einführt, die der unendlichen Reihen, +welche durch Newtons große Entdeckung des Binomialsatzes 1666 +theoretisch sicher begründet werden, die der Logarithmen um 1610, der +Differentialgeometrie, des bestimmten Integrals durch Leibniz, der +Menge als neuer Zahleneinheit, von Descartes schon angedeutet, die +neuen Prozesse wie die unbestimmte Integration, die Entwicklung der +Funktionen in Reihen, sogar in unendliche Reihen andrer Funktionen, +sind ebenso viele Siege über das populär-sinnliche Zahlengefühl in +uns, das aus dem Geiste der neuen Mathematik heraus, die ein neues +Weltgefühl zu verwirklichen hatte, überwunden werden mußte. Es gab +bisher keine zweite Kultur, welche den Leistungen einer andern, längst +erloschenen, soviel Verehrung entgegentrug und wissenschaftlich so +viel Einfluß gestattete, wie die abendländische gerade der antiken. Es +dauerte lange, bevor wir den Mut fanden, unser eignes Denken zu denken. +Auf dem Grunde lag der beständige Wunsch, es der Antike gleichzutun. +Trotzdem war jeder Schritt in diesem Sinne eine tatsächliche +Entfernung von dem erstrebten Ideal. Deshalb ist die Geschichte des +abendländischen Wissens die einer <em class="gesperrt">fortschreitenden Emanzipation</em> +von Fremdem, einer Befreiung, die nicht einmal gewollt, die in den +Tiefen des Unbewußten erzwungen wurde. <em class="gesperrt">So gestaltete sich die +Entwicklung der neuen Mathematik zu einem heimlichen, langen, endlich +siegreichen Kampf gegen den Größenbegriff.</em></p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_10">10</h3> + +</div> + +<p>Antikisierende Vorurteile haben uns gehindert, die eigentlich +abendländische Zahl als solche in neuer Weise zu bezeichnen. Die +gegenwärtige Zeichensprache der Mathematik fälscht den<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> Tatbestand und +<em class="gesperrt">ihr</em> ist es vor allem zuzuschreiben, daß noch heute auch unter +Mathematikern der Glaube herrscht, Zahlen seien Größen — auf dieser +Voraussetzung ruht allerdings unsre schriftliche Bezeichnungsweise.</p> + +<p>Aber nicht die zum Ausdruck der Funktion dienenden einzelnen Zeichen +(x, π, 5), <em class="gesperrt">die Funktion selbst</em> als Einheit, als Element, die +variable, in optische Grenzen nicht mehr einzuschließende Beziehung ist +die neue Zahl. Für sie wäre, eine neue, in ihrer Struktur nicht von +antiken Anschauungen beeinflußte Symbolik nötig gewesen.</p> + +<p>Man vergegenwärtige sich den Unterschied zweier Gleichungen — selbst +dies Wort sollte nicht so heterogene Dinge zusammenfassen — wie +3<sup>x</sup> + 4<sup>x</sup> = 5<sup>x</sup> und +x<sup>n</sup> + y<sup>n</sup> = z<sup>n</sup> (die Gleichung des Fermatschen +Satzes). Die erste besteht aus mehreren „antiken Zahlen“ (Größen), +die zweite <em class="gesperrt">ist eine</em> Zahl von einer andern Art, was durch die +identische Schreibweise, deren Zeichensprache sich unter dem Eindruck +euklidisch-archimedischer Vorstellungen entwickelt hat, verdeckt +wird. Im ersten Fall ist das Gleichheitszeichen die Feststellung +einer starren Verknüpfung bestimmter, greifbarer Größen; im zweiten +repräsentiert es eine Beziehung, die innerhalb einer Gruppe variabler +Gebilde besteht, derart, daß gewisse Veränderungen gewisse andere +notwendig zur Folge haben. Die erste Gleichung bezweckt die Bestimmung +(Messung) einer konkreten Größe, dem „Resultat“, die zweite hat +überhaupt kein Resultat, sondern ist nur Abbild und Zeichen einer +Beziehung, die für n > 2 — das ist das berühmte Fermatproblem — +<em class="gesperrt">wahrscheinlich nachweisbar</em> ganzzahlige Werte ausschließt. +Ein griechischer Mathematiker würde nicht verstanden haben, was man +mit Operationen dieser Art, deren Endzweck kein „Ausrechnen“ ist, +eigentlich wollte.</p> + +<p>Der Begriff der Unbekannten führt vollständig irre, wenn man ihn auf +die Buchstaben der Fermatschen Gleichung anwendet. In der ersten, der +„antiken“, ist x eine Größe, eine bestimmte und meßbare, die man nur +erst zu ermitteln hat. In der zweiten hat für x, y, z, n das Wort +„bestimmen“ gar keinen Sinn, folglich will man den „Wert“ dieser +Symbole nicht ermitteln, folglich sind sie überhaupt keine Zahlen +im plastischen Sinne, sondern Zeichen für einen Zusammenhang, dem +die<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Merkmale der Größe, Gestalt und Eindeutigkeit fehlen, für eine +Unendlichkeit möglicher Lagen von gleichem Charakter, die als Einheit +begriffen erst die Zahl sind. Die <em class="gesperrt">ganze</em> Gleichung ist, in einer +Zeichenschrift, die leider viele und irreführende Zeichen verwendet, +tatsächlich <em class="gesperrt">eine</em> einzige Zahl und x, y, z sind es so wenig, als ++ und = Zahlen sind.</p> + +<p>Denn schon mit dem Begriff der irrationalen, der ganz eigentlich +antihellenischen Zahlen ist im tiefsten Grunde der Begriff der +konkreten, bestimmten Zahl aufgelöst worden. Von nun an bilden +diese Zahlen nicht mehr eine übersehbare Reihe ansteigender, +diskreter, plastischer Größen, sondern ein zunächst eindimensionales +<em class="gesperrt">Kontinuum</em>, in welchem jeder Schnitt (im Sinne Dedekinds) eine +„Zahl“ repräsentiert, die kaum die alte Bezeichnung führen sollte. +Für den antiken Geist gibt es zwischen 1 und 3 nur <em class="gesperrt">eine</em> Zahl, +für den abendländischen eine unendliche Menge. Mit der Einführung der +imaginären (√<span class="btt">−1</span>=i) und komplexen Zahlen (von der allgemeinen +Form a + bi) endlich, welche das lineare Kontinuum zu dem höchst +transzendenten Gebilde eines Zahlkörpers (des Inbegriffs einer Menge +gleichartiger Elemente) erweitern, in dem nun jeder Schnitt eine +Zahlebene — eine unendliche Menge von geringerer „Mächtigkeit“, etwa +den Inbegriff aller reellen Zahlen — repräsentiert, ist jeder Rest +antik-populärer Greifbarkeit zerstört worden. Diese Zahlenebenen, die +in der Funktionentheorie seit Cauchy und Gauß eine wichtige Rolle +spielen, sind <em class="gesperrt">reine Gedankengebilde</em>. Selbst die positive +irrationale Zahl wie √<span class="btt">2</span> konnte aus dem antiken Zahlendenken +gewissermaßen wenigstens negativ konzipiert werden, indem man sie +als Zahl <em class="gesperrt">ausschloß</em> — als ἄῥῤητος und ἄλογος; Ausdrücke von +der Form x + yi liegen aber jenseits aller Möglichkeiten des antiken +Denkens. Auf der Ausdehnung der arithmetischen Gesetze auf das ganze +Gebiet des Komplexen, innerhalb dessen sie ständig anwendbar bleiben, +beruht die Funktionentheorie, welche nun endlich die abendländische +Mathematik in ihrer Reinheit darstellt, indem sie alle Einzelgebiete +in sich begreift und auflöst. Erst damit wird diese Mathematik auf das +Bild der gleichzeitig sich entwickelnden <em class="gesperrt">dynamischen</em> Physik +des Abendlandes vollkommen anwendbar, während die antike Mathematik +das genaue Korrelat jener Welt plastischer<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Einzeldinge darstellt, +welche die <em class="gesperrt">statische</em> Physik des Aristoteles, die exakt +wissenschaftliche Interpretation des antiken Kosmos schildert.</p> + +<p>Das klassische Jahrhundert dieser <em class="gesperrt">Barockmathematik</em> — im +Gegensatz zu der <em class="gesperrt">ionischen Stils</em> — ist das 18., das von +den entscheidenden Entdeckungen Newtons und Leibnizens über Euler, +Lagrange, Laplace, d’Alembert zu Gauß führt. Die Entfaltung dieser +mächtigen geistigen Schöpfung geschah wie ein Wunder. Man wagte kaum +zu glauben, was man sah. Man fand Wahrheiten über Wahrheiten, die +den feinen Geistern eines skeptisch gestimmten Zeitalters unmöglich +erschienen. Das Wort d’Alemberts gehört hierher: <i>Allez en avant +et la foi vous viendra.</i> Es bezog sich auf die Theorie des +Differentialquotienten. Die Logik selbst schien Einspruch zu erheben, +alle Annahmen auf Fehlern zu beruhen, und man kam doch zum Ziel.</p> + +<p>Dies Jahrhundert eines sublimen Rausches in durchgeistigten, dem +leiblichen Auge entrückten Formen — denn neben jenen Meistern der +Analysis stehen Bach, Gluck, Haydn, Mozart —, in dem ein kleiner +Kreis gewählter und tiefer Geister in den raffiniertesten Entdeckungen +und Formspielen schwelgte, von denen Goethe und Kant ausgeschlossen +blieben, entspricht seinem Gehalte nach genau dem reifsten Jahrhundert +der Ionik, dem des Plato, Archytas und Eudoxos (450–350) — man +muß wieder hinzufügen des Phidias, Polyklet, Alkamenes und der +Akropolisbauten —, in welchem die Formenwelt der antiken Mathematik +und Plastik in der ganzen Fülle ihrer Möglichkeiten aufblühte und zu +Ende kam.</p> + +<p>Jetzt erst läßt sich der elementare Gegensatz antiken und +abendländischen Seelentums übersehen. Es gibt innerhalb des +Gesamtbildes der Geschichte des höheren Menschentums nichts innerlich +Fremderes. Und eben deshalb, weil Gegensätze sich berühren, weil sie +auf ein vielleicht Gemeinsames in der letzten Tiefe der Existenz +verweisen, finden wir in der abendländischen, faustischen Seele jenes +sehnsüchtige Suchen nach dem Ideal der apollinischen, die sie allein +von allen andern begriffen und um die Kraft ihrer Hingabe an die +sinnlich-reine Gegenwart beneidet hat.</p> + +<p>Diesen seelischen, nicht weiter in Worte zu fassenden Gegensatz +verwirklichen in der Außenwelt des Gewordnen, Begrenzten,<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> +Vergänglichen die <em class="gesperrt">historischen Einheiten der antiken und +abendländischen Kultur</em>, von denen die eine in spät-mykenischer +Zeit, die andre zur Zeit der Sachsenkaiser aufblühte und die in +Aristoteles und Kant, Plato und Goethe, Phidias und Beethoven, +Alexander und Napoleon ihre Entwicklung zu Ende führten.</p> + +<p>Erst jetzt wird auch das ganze Gewicht einer Symbolik fühlbar, die in +der Zahlenwelt beider Mathematiken vielleicht ihren unmittelbarsten +Ausdruck gefunden hat, deren Bereich aber weit darüber hinausgeht. +Es zeigt sich, daß eine Mathematik mit allen sie begleitenden +Künsten, mit allen Schöpfungen des tätigen Lebens überhaupt die +gleiche Sprache redet, eine Formensprache, in der sich die letzten +Möglichkeiten des Seelischen ebenso offenbaren wie verhüllen. Am +engsten sind der Mathematik jene mystischen Architekturen aller +Frühzeiten verschwistert, die dorische, gotische, frühchristliche wie +die ägyptische des Alten Reiches. Hier, in der ägyptischen Kultur, +haben beide Formenwelten sich nie getrennt. Die Architektur der großen +Pyramidentempel ist eine schweigende Mathematik, wie denn auch die +antike Seele eine Scheidung ihrer statuarischen und geometrischen +Symbolik nie streng vollzogen hat. Aber auch die Analysis ist +eine Architektur größten Stils geblieben und wir begreifen jetzt, +warum zwei Zahlensysteme, von denen die eine die Grenzwerte des +<em class="gesperrt">Augenscheins</em> ebenso leidenschaftlich bejaht, wie die andere sie +verneint, als Schwesterkünste die ionische Plastik und die deutsche +Musik, die sinnlichste und die unsinnlichste aller Möglichkeiten +künstlerischer Gestaltungskraft, an ihrer Seite finden mußten.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_11">11</h3> + +</div> + +<p>Es war bemerkt worden, daß im Urmenschen wie im Kinde ein inneres +Erlebnis, die Geburt des Ich, eintritt, mit dem beide das Phänomen der +Zahl begreifen, mithin eine auf das Ich bezogene Umwelt besitzen.</p> + +<p>Sobald vor dem erstaunten Blick des frühen Menschen diese ertagende +Welt des geordneten Ausgedehnten, des sinnvoll Gewordnen sich in +großen Umrissen aus einem Chaos von Eindrücken<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> abhebt und der tief +empfundene unwiderrufliche Gegensatz dieser Außenwelt zur eignen +Seele dem bewußten Leben Richtung und Gestalt gibt, erwacht zugleich +mit allen Möglichkeiten einer neuen Kultur das <em class="gesperrt">Urgefühl der +Sehnsucht</em> in dieser sich plötzlich ihrer Einsamkeit bewußten Seele. +Es ist die Sehnsucht nach dem Ziel des Werdens, nach Vollendung und +Verwirklichung alles innerlich Möglichen, nach Entfaltung der Idee des +eigenen Daseins. Es ist die Sehnsucht des Kindes, die als das Gefühl +einer unaufhaltsamen <em class="gesperrt">Richtung</em> mit steigender Deutlichkeit +ins Bewußtsein tritt, und später als das <em class="gesperrt">Rätsel der Zeit</em> +unheimlich, verlockend, unlösbar vor dem gereiften Geiste steht. Die +Worte Vergangenheit und Zukunft haben plötzlich eine schicksalsvolle +Bedeutung erhalten.</p> + +<p>Aber diese Sehnsucht aus der Überfülle und Seligkeit des innern Werdens +ist in der tiefsten Tiefe einer jeden Seele zugleich <em class="gesperrt">Angst</em>. +Wie alles Werden sich auf ein Gewordensein richtet, mit dem es +<em class="gesperrt">endet</em>, so rührt das Urgefühl des Werdens, die Sehnsucht, schon +an das andre des Gewordenseins, die Angst. In der Gegenwart fühlt man +das Verrinnen; in der Vergangenheit liegt die Vergänglichkeit. Hier +ist die Wurzel der ewigen Angst vor dem Unwiderruflichen, Erreichten, +Endgültigen, vor der Vergänglichkeit, vor der Welt selbst als dem +Verwirklichten, in dem mit der Grenze der Geburt zugleich die des +Todes gesetzt ist, die Angst vor dem Augenblicke, wo das Mögliche +verwirklicht, das Leben innerlich erfüllt und vollendet ist, wo +das Bewußtsein am <em class="gesperrt">Ziele</em> steht. Es ist jene tiefe Weltangst +der Kinderseele, welche den höheren Menschen, den Gläubigen, den +Dichter, den Künstler in seiner grenzenlosen Vereinsamung niemals +verläßt, die Angst vor den fremden Mächten, die groß und drohend, in +sinnliche Erscheinungen verkleidet, in die ertagende Welt hineinragen. +Auch die Richtung in allem Werden wird in ihrer Unerbittlichkeit — +<em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em> — als ein fremdes Element mit innerster +Gewißheit empfunden. Es ist etwas Fremdes, das Zukunft in Vergangenheit +verwandelt, und dies gibt der Zeit im Gegensatz zum Raum jenes +widerspruchsvoll Unheimliche und drückend Zweideutige, dessen sich kein +bedeutender Mensch ganz erwehren kann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<p>Die Weltangst ist sicherlich das <em class="gesperrt">Schöpferischste</em> aller +Urgefühle. Ihr verdankt ein Mensch die reifsten und tiefsten aller +Formen und Gestalten nicht nur des bewußten Innenlebens, sondern auch +seiner Spiegelung in den zahllosen Bildungen äußerer Kultur. Wie +eine geheime Melodie, nicht jedem vernehmbar, geht die Angst durch +die Formensprache eines jeden wahren Kunstwerkes, jeder innerlichen +Philosophie, jeder bedeutenden Tat und sie liegt, nur den wenigsten +noch fühlbar, den großen Problemen jeder Mathematik zugrunde. Nur +der innerlich erstorbene Mensch der großen späten Städte, des +ptolemäischen Alexandria oder des heutigen Paris und Berlin, nur +der rein intellektuelle Sophist, Sensualist und Darwinist verliert +oder verleugnet sie, indem er eine geheimnislose „wissenschaftliche +Weltanschauung“ zwischen sich und das Fremde stellt.</p> + +<p>Knüpft sich die Sehnsucht an jenes unfaßliche Etwas, dessen tausend +ungreifbare, proteusartig wechselnde Bildungen durch das Wort Zeit +mehr verdeckt als bezeichnet werden, so findet das Urgefühl der Angst +seinen Ausdruck in den geistigen, faßlichen, der Gestaltung fähigen +Symbolen der <em class="gesperrt">Ausdehnung</em>. So finden sich im wachen Bewußtsein +jeder Kultur, in jeder anders geartet, die Gegenformen der Zeit und +des Raumes, der Richtung und der Ausdehnung, jene dieser zugrunde +liegend, wie das Werden dem Gewordnen — denn auch die Sehnsucht +liegt der Angst zugrunde; <em class="gesperrt">sie wird</em> zur Angst, nicht umgekehrt +— jene der geistigen Macht entzogen, diese ihr dienend, jene nur zu +<em class="gesperrt">erleben</em>, diese nur zu <em class="gesperrt">erkennen</em>. „Gott fürchten <em class="gesperrt">und</em> +lieben“ ist der christliche Ausdruck für den Gegensinn beider +Weltgefühle.</p> + +<p>Aus der Seele des gesamten Urmenschentums und also auch der frühesten +Kindheit erhebt sich der Drang, das Element der fremden Mächte, die in +allem Ausgedehnten, im Raume und <em class="gesperrt">durch</em> den Raum unerbittlich +gegenwärtig sind, zu bannen, zu zwingen, zu versöhnen — zu „erkennen“. +Im letzten Grunde ist dies dasselbe. <em class="gesperrt">Gott erkennen</em> heißt in der +Mystik aller frühen Zeiten ihn beschwören, ihn sich geneigt machen, +ihn sich innerlich <em class="gesperrt">aneignen</em>. Das geschieht durch ein Wort, den +„Namen“, mit dem man das <i>numen</i> benennt<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> <em class="gesperrt">anruft</em>, oder +durch die Formen eines Kultes, denen eine geheime Kraft innewohnt. Die +Ideen der deutschen wie der orientalischen Mystiker, die Entstehung +aller antiken Götter, aller Kulte lassen keinen Zweifel darüber +zu. Wirkliche Erkenntnis ist geistige Einverleibung des Fremden. +Diese <em class="gesperrt">Abwehr</em> ist die erste schöpferische Tat jedes erwachten +Seelentums. Mit ihr beginnt ganz eigentlich das höhere Innenleben +einer Kultur oder eines Einzelnen. Erkenntnis, Grenzsetzung durch +Begriffe und Zahlen, ist die feinste, aber auch die mächtigste Form +dieser Abwehr. Insofern wird der Mensch erst durch die <em class="gesperrt">Sprache</em> +ganz zum Menschen. Die Erkenntnis verwandelt mit unbezwinglicher +Notwendigkeit das Chaos der ursprünglichen, umgebenden <em class="gesperrt">Eindrücke</em> +in den Kosmos, den Inbegriff seelischen <em class="gesperrt">Ausdrucks</em>, die „Welt +an sich“ in die „Welt für uns“.<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> Sie stillt die Weltangst, indem +sie das Fremde, Geheimnisvolle bändigt, es zur faßlichen, geordneten +Wirklichkeit gestaltet, es durch die ehernen Regeln einer eignen, ihm +aufgeprägten intellektuellen Formensprache fesselt.</p> + +<p>Dies ist die <em class="gesperrt">Idee des „tabu“</em>, das im Seelenleben aller +primitiven Völker eine entscheidende Rolle spielt, dessen +urmenschlicher Gehalt aber uns so fern liegt, daß das Wort in keine +reife Kultursprache mehr übertragbar ist. Ihm liegt ein ursprüngliches +Gefühl, <em class="gesperrt">vor</em> allem Erkennen und Begreifen der Umwelt, ja vor +allem klaren, in Seele und Welt geschiednen Bewußtsein zugrunde, das +unter uns Heutigen, intellektuellen Weltstädtern, nur Kindern und +wenigen künstlerischen Naturen noch zugänglich ist. Ratlose Angst, +heilige Scheu, tiefe Verlassenheit, Schwermut, Haß, dunkle Wünsche +nach Annäherung, Vereinigung, Entfernung, all diese formvollen Gefühle +<em class="gesperrt">gereifter</em> Seelen vorschweben in diesem frühen Zustande in einer +dumpfen Unentschiedenheit. Der Doppelsinn des Wortes Beschwören, +das bezwingen und anflehen zugleich bedeutet, kann den Sinn jenes +mystischen Aktes verdeutlichen, durch den der frühe Mensch das Fremde +und Gefürchtete „tabu“ macht. Die ehrfürchtige Scheu vor allem von +ihm Unabhängigen, Gesetzten,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Gesetzlichen, den fremden Mächten in +der Welt, <em class="gesperrt">ist der Ursprung aller und jeder elementaren Form</em>. +In Urzeiten verwirklicht sie sich in hieratischen Ornamenten und +peinlichen Zeremonien, strengen Satzungen einer primitiven Sitte und +seltsamen Kulten. Auf der Höhe großer Kulturen sind diese Gestaltungen, +ohne innerlich die Merkmale ihrer Herkunft, den Charakter einer Bannung +und Beschwörung verloren zu haben, zu den vollendeten Formenwelten +der einzelnen Künste, des religiösen, logischen, mathematischen +Denkens, des wirtschaftlichen, politischen, sozialen, individuellen +Daseins aufgewachsen. Ihr gemeinsames Mittel, das einzige, welches +die sich verwirklichende Seele kennt, ist die <em class="gesperrt">Symbolisierung +des Ausgedehnten</em>, des Raumes oder der Dinge — sei es in den +Konzeptionen des absoluten Weltraumes der Physik Newtons, der +Innenräume gotischer Dome und maurischer Moscheen, der atmosphärischen +Unendlichkeit der Gemälde Rembrandts und ihrer Wiederkehr in den +dunklen Tonwelten Beethovenscher Quartette, seien es die regelmäßigen +Polyeder Euklids, die Parthenonskulpturen oder die Pyramiden +Altägyptens, das Nirwana Buddhas, die Distanz höfischer Sitte unter +Sesostris, Justinian I. und Ludwig XIV., sei es endlich die Gottesidee +Homers, Plotins, Dantes oder die den Erdball umspannende Raumenergie +der heutigen Technik.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_12">12</h3> + +</div> + +<p>Kehren wir zur Mathematik zurück. Der Ausgangspunkt aller antiken +Formgebung war, wie wir sahen, die Ordnung des Gewordnen, insofern +es sinnlich, gegenwärtig, greifbar, meßbar, zählbar ist. Das +abendländische, gotische Formgefühl, das einer einsamen, in alle Fernen +schweifenden Seele, hat das Zeichen des reinen, unanschaulichen, +grenzenlosen Raumes gewählt. Man täusche sich ja nicht über die <em class="gesperrt">enge +Bedingtheit</em> solcher Symbole, die uns leicht als identisch, als +allgemeingültig erscheinen. Unser unendlicher Weltraum, über dessen +Vorhandensein, wie es scheint, kein Wort zu verlieren ist, ist für +den antiken Menschen <em class="gesperrt">nicht</em> vorhanden. Er ist ihm nicht einmal +vorstellbar. Der hellenische Kosmos andrerseits, dessen tiefe<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> +Fremdheit für unsre Auffassungsweise nicht so lange hätte unbemerkt +bleiben sollen, ist dem Hellenen <em class="gesperrt">das</em> Selbstverständliche. In +der Tat ist der absolute Raum unserer Physik eine Form, die allein +aus <em class="gesperrt">unserm</em> Seelentum als dessen Abbild und Ausdruck entstanden +und allein für unsre Art des wachen Daseins wirklich, notwendig und +natürlich ist. Die gesamte Mathematik von Descartes an dient der +theoretischen Interpretation dieses großen, von religiösem Gehalte +erfüllten Symbols. Die Physik will seit Galilei nichts andres. Die +antike Mathematik und Physik <em class="gesperrt">kennen</em> dies Objekt überhaupt nicht.</p> + +<p>Auch hier haben antike Namen, die wir aus der literarischen Erbschaft +der Griechen beibehalten haben, den Tatbestand verschleiert. Geometrie +heißt die Kunst des Messens, Arithmetik die des Zählens. Die Mathematik +des Abendlandes hat mit diesen <em class="gesperrt">beiden</em> Arten des Begrenzens +nichts mehr zu tun, aber sie hat keinen neuen Namen für sich gefunden. +Das Wort Analysis sagt bei weitem nicht alles.</p> + +<p>Der antike Mensch beginnt und schließt seine Erwägungen mit dem +einzelnen Körper und seinen Grenzflächen. <em class="gesperrt">Wir</em> kennen im Grunde +nur das abstrakte Raumelement des Punktes, das, ohne Anschaulichkeit, +ohne die Möglichkeit einer Messung und Benennung, lediglich ein +Beziehungszentrum repräsentiert. Die Gerade ist für den Griechen eine +meßbare Kante, für uns ein unbegrenztes Punktkontinuum. Leibniz führt +als Beispiel für sein Infinitesimalprinzip die Gerade an, die den +Grenzfall eines Kreises mit unendlich großem Radius darstellt, während +der Punkt den andern Grenzfall bildet. <em class="gesperrt">So wurde die Quadratur des +Kreises das klassische Grenzproblem für den Geist antiker Menschen.</em> +Das schien ihnen das tiefste aller Geheimnisse der Weltform: krummlinig +begrenzte Flächen bei unveränderter Größe in Rechtecke zu verwandeln +und dadurch <em class="gesperrt">meßbar</em> zu machen. Für uns ist daraus das wenig +bedeutende Verfahren geworden, die Zahl π durch algebraische Mittel +darzustellen, ohne daß dabei von geometrischen Gebilden überhaupt die +Rede wäre.</p> + +<p>Der antike Mathematiker kennt nur das, was er sieht und greift. Wo die +begrenzte, begrenzende Sichtbarkeit, das Thema seiner Gedankengänge, +aufhört, findet seine Wissenschaft ein<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Ende. Der abendländische +Mathematiker begibt sich, sobald er von antiken Vorurteilen frei sich +selbst gehört, in die gänzlich abstrakte Region einer unendlichen +Zahlenmannigfaltigkeit von n — nicht mehr von 3 — Dimensionen, +innerhalb deren <em class="gesperrt">seine</em> sogenannte Geometrie jeder anschaulichen +Hilfe entbehren kann und meistens muß. Greift der antike Mensch +zu künstlerischem Ausdruck seines Formgefühls, so sucht er dem +menschlichen Körper in Tanz und Ringkampf, in Marmor und Bronze +diejenige Haltung zu geben, in der Flächen und Konturen ein Maximum von +Maß und Sinn haben. Der echte Künstler des Abendlandes aber schließt +die Augen und verliert sich in den Bereich einer körperlosen Musik, in +dem Harmonie und Polyphonie zu Bildungen von höchster „Jenseitigkeit“ +führen, die weitab von allen Möglichkeiten optischer Bestimmung liegen. +Man denke daran, was ein athenischer Bildhauer und was ein nordischer +Kontrapunktist unter einer <em class="gesperrt">Figur</em> versteht, und man hat den +Gegensatz beider Welten, beider Mathematiken vor sich. Die griechischen +Mathematiker gebrauchen sogar das Wort σῶμα für Körper. Andrerseits +verwendet es die Rechtssprache für Person im Gegensatz zur Sache +(σώματα καὶ πράγματα: personae et res).</p> + +<p>Deshalb sucht das Phänomen der antiken, ganzen, körperlichen Zahl +unwillkürlich eine Beziehung zur Entstehung des leiblichen Menschen, +des σῶμα. Die Zahl 1 wird noch kaum als wirkliche Zahl empfunden. +Sie ist die ἀρχή, der Urstoff der Zahlenreihe, der Ursprung aller +eigentlichen Zahlen und damit aller Größe, allen Maßes, aller +Dinglichkeit. Ihr Zahlzeichen war im Kreise der Pythagoräer, gleichviel +zu welcher Zeit, zugleich das Symbol des Mutterschoßes, des Ursprungs +alles Lebens. Die 2, die erste <em class="gesperrt">eigentliche</em> Zahl, welche die 1 +verdoppelt, erhielt deshalb eine Beziehung zum männlichen Prinzip, +und ihr Zeichen war eine Nachbildung des Phallus. Die <em class="gesperrt">heilige +Drei</em> der Pythagoräer endlich bezeichnete den Akt der Vereinigung +von Mann und Weib, der Zeugung —, die erotische Deutung der beiden +<em class="gesperrt">einzigen</em> der Antike wertvollen Prozesse der Größenvermehrung, +der <em class="gesperrt">Größenzeugung</em>, Addition und Multiplikation, ist leicht +verständlich — und ihr Zeichen war die Vereinigung der beiden ersten. +Von hier aus fällt ein neues<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Licht auf den erwähnten <em class="gesperrt">Mythus</em> +vom Frevel der Aufdeckung des Irrationalen. Das Irrationale, in +unsrer Ausdrucksweise die Verwendung der unendlichen Dezimalbrüche, +bedeutete eine Zerstörung der organisch-leiblichen, zeugenden Ordnung, +welche durch die Götter gesetzt war. Es ist kein Zweifel, daß die +pythagoräische Reform der antiken Religion den uralten Demeterkult +wieder zugrunde legte. Demeter ist der Gaia, der mütterlichen Erde +verwandt. Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen ihrer Verehrung und +dieser erhabenen Auffassung der Zahlen.</p> + +<p>So ist die Antike mit innerer Notwendigkeit allmählich die Kultur des +<em class="gesperrt">Kleinen</em> geworden. Die apollinische Seele hatte den Sinn des +Gewordnen durch das Prinzip der <em class="gesperrt">übersehbaren</em> Grenze zu bannen +gesucht; ihr „tabu“ richtete sich auf die unmittelbare Gegenwart und +Nähe des Fremden. Was weit fort, was nicht sichtbar war, war auch nicht +da. Der Grieche wie der Römer opferte den Göttern der Gegend, in der er +sich aufhielt; alle andern entschwanden seinem Gesichtskreis. Wie die +griechische Sprache <em class="gesperrt">kein Wort für den Raum besaß</em> — wir werden +die gewaltige Symbolik solcher Sprachphänomene immer wieder verfolgen +—, so fehlt dem Griechen auch unser Landschaftsgefühl, das Gefühl für +Horizonte, Ausblicke, Fernen, Wolken, auch der Begriff des Vaterlandes, +das sich weithin erstreckt und eine große Nation umfaßt. <em class="gesperrt">Heimat</em> +ist dem antiken Menschen, was er von der Burg seiner Vaterstadt aus +übersehen kann, nicht mehr. Was jenseits dieser optischen Grenze eines +politischen Atoms lag, war fremd, war sogar feindlich. Hier schon +beginnt die Angst des antiken Daseins und dies erklärt die furchtbare +Erbitterung, mit der diese winzigen Städte einander vernichteten. Die +Polis ist die kleinste aller denkbaren Staatsformen und ihre Politik +die ausgesprochene Politik der Nähe, sehr im Gegensatz zu unserer +Kabinettsdiplomatie, der Politik des Grenzenlosen. Der antike Tempel, +mit <em class="gesperrt">einem</em> Blick zu umfassen, ist der kleinste aller klassischen +Bautypen. Die Geometrie von Archytas bis auf Euklid beschäftigt sich +— wie es die unter ihrem Eindruck stehende Schulgeometrie noch heute +tut — mit kleinen, handlichen Figuren und Körpern und so blieben ihr +die Schwierigkeiten verborgen,<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> welche bei der Zugrundelegung von +Figuren mit astronomischen Dimensionen auftauchen und die Anwendung der +euklidischen Geometrie nicht mehr überall gestatten.<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> Andernfalls +hätte der feine attische Geist vielleicht schon damals etwas von dem +Problem der nichteuklidischen Geometrien geahnt, denn die Einwände +gegen das bekannte Parallelenaxiom,<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a> dessen zweifelhafte und doch +nicht zu verbessernde Fassung schon früh Anstoß erregte, rührten nahe +an die entscheidende Entdeckung. So selbstverständlich dem antiken +Sinn die ausschließliche Betrachtung des Nahen und Kleinen, so +selbstverständlich ist dem unsern die des Unendlichen, die Fähigkeiten +des Auges Überschreitenden. Alle mathematischen Ansichten, welche das +Abendland entdeckte oder entlehnte, wurden mit tiefster Notwendigkeit +der Formensprache des Infinitesimalen unterworfen und das, lange +bevor die eigentliche Differentialrechnung entdeckt worden war. +Arabische Algebra, indische Trigonometrie, antike Mechanik werden +ohne weiteres der Analysis einverleibt. Gerade die „evidentesten“ +Sätze des elementaren Rechnens — daß etwa 2 × 2 = 4 ist — werden, +aus analytischen Gesichtspunkten betrachtet, zu Problemen, deren +Lösung erst durch Ableitungen aus der Mengenlehre und in vielen +Einzelheiten überhaupt noch nicht gelungen ist, — was Plato und seiner +Zeit sicherlich als Wahnsinn und Beweis eines völligen Mangels an +mathematischer Begabung erschienen wäre.</p> + +<p>Man kann gewissermaßen die Geometrie algebraisch oder die Algebra +geometrisch behandeln, das heißt das Auge ausschalten oder herrschen +lassen. Das erste haben wir, das andre die Griechen getan. Archimedes, +der in seiner schönen Berechnung der Spirale gewisse allgemeine +Tatsachen berührt, die auch der Methode des bestimmten Integrals bei +Leibniz zugrunde liegen, ordnet sein bei oberflächlicher Betrachtung +höchst<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> modern wirkendes Verfahren sofort stereometrischen Prinzipien +unter; ein Inder hätte im gleichen Falle mit Selbstverständlichkeit +etwa eine trigonometrische Formulierung gefunden. (Was von der uns +bekannten indischen Mathematik altindisch, das heißt vor Buddha +entstanden ist, läßt sich heute nicht mehr feststellen.)</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_13">13</h3> + +</div> + +<p>Aus dem fundamentalen Gegensatz antiker und abendländischer Zahlen +entspringt ein ebenso tiefgehender des Verhältnisses, in dem die +Elemente jedes dieser Komplexe untereinander stehen. Das Verhältnis +von <em class="gesperrt">Größen</em> heißt <em class="gesperrt">Proportion</em>, das von <em class="gesperrt">Beziehungen</em> +ist im Wesen der <em class="gesperrt">Funktion</em> enthalten. Beide Worte haben, über +den Bereich der Mathematik hinausgehend, höchste Bedeutung für die +Technik der beiden zugehörigen Künste, Plastik und Musik. Sieht man +ganz von dem Sinn ab, den das Wort Proportion für die Gliederung der +<em class="gesperrt">einzelnen</em> Statue hat, so sind es die typisch antiken Kunstwerke, +Statue, Relief und Fresko, welche eine <em class="gesperrt">Vergrößerung</em> und +<em class="gesperrt">Verkleinerung</em> des Maßstabes gestatten — Worte, die für die +Musik, die Kunst des Grenzenlosen, keinen Sinn haben. Man denke an die +Kunst der Gemmen, deren Gegenstände im wesentlichen Verkleinerungen +lebensgroßer Plastiken waren. Innerhalb der Funktionentheorie +dagegen ist der Begriff der <em class="gesperrt">Transformation von Gruppen</em> von +entscheidender Bedeutung, und der Musiker wird bestätigen, daß analoge +Bildungen einen wesentlichen Teil der neueren Kompositionslehre +ausmachen. Ich erinnere nur an eine der feinsten instrumentalen Formen +des 18. Jahrhunderts, das „tema con variazioni“.</p> + +<p>Jede Proportion setzt die Konstanz, jede Transformation die +Variabilität der Elemente voraus: man vergleiche hier die +Kongruenzsätze bei Euklid, deren Beweis tatsächlich auf dem +vorliegenden Verhältnis 1 : 1 beruht, mit deren moderner Ableitung mit +Hilfe der Winkelfunktionen.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_14">14</h3> + +</div> + +<p>Die <em class="gesperrt">Konstruktion</em> — die im weiteren Sinne alle Methoden der +elementaren Arithmetik einschließt — ist das A und<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> O der antiken +Mathematik: die Herstellung eines einzelnen und sichtbar vorliegenden +Objekts. Der Zirkel ist der Meißel dieser zweiten bildenden Kunst. +Die Arbeitsweise bei funktionstheoretischen Untersuchungen, deren +Zweck kein Resultat vom Charakter einer Größe, sondern die Diskussion +allgemeiner formaler Möglichkeiten ist, läßt sich als eine Art +Kompositionslehre von naher Verwandtschaft zur musikalischen +bezeichnen. Eine ganze Reihe von Begriffen der Musiktheorie ließe sich +ohne weiteres auf analytische Operationen auch der Physik anwenden — +Tonart, Phrasierung, Chromatik und andere — und es ist die Frage, ob +nicht manche Beziehungen dadurch an Übersichtlichkeit gewinnen würden.</p> + +<p>Jede <em class="gesperrt">Konstruktion</em> bejaht, jede <em class="gesperrt">Operation</em> verneint den +Augenschein, indem jene das optisch Gegebene herausarbeitet, diese es +auflöst. So erscheint ein weiterer Gegensatz in den beiden Arten des +mathematischen Verfahrens: die antike Mathematik des Kleinen betrachtet +den konkreten <em class="gesperrt">Einzelfall</em>, berechnet die <em class="gesperrt">bestimmte</em> +Aufgabe, führt die <em class="gesperrt">einmalige</em> Konstruktion aus. Die Mathematik +des Unendlichen behandelt <em class="gesperrt">ganze Klassen</em> formaler Möglichkeiten, +<em class="gesperrt">Gruppen</em> von Funktionen, Operationen, Gleichungen, Kurven, und +zwar überhaupt nicht hinsichtlich irgendeines Resultates, sondern +hinsichtlich ihres Verlaufes. Es ist so seit zwei Jahrhunderten — +was den Mathematikern der Gegenwart kaum zum Bewußtsein kommt — die +<em class="gesperrt">Idee einer allgemeinen Morphologie mathematischer Operationen</em> +entstanden, welche man als den eigentlichen Sinn der gesamten neueren +Mathematik bezeichnen darf. Es offenbart sich hier eine umfassende +Tendenz abendländischer Geistigkeit überhaupt, die im folgenden immer +deutlicher werden wird, eine Tendenz, die ausschließlich Eigentum +des faustischen Geistes und seiner Kultur ist und in keiner andern +verwandte Absichten findet. Die große Mehrzahl der Fragen, welche +unsere Mathematik als deren eigenste Probleme beschäftigen — der +Quadratur des Kreises bei den Griechen entsprechend — wie die +Untersuchung der Konvergenzkriterien unendlicher Reihen (Cauchy) oder +die Umkehrung elliptischer und allgemein algebraischer Integrale zu +mehrfach periodischen Funktionen (Abel, Gauß) wäre den „Alten“, die +einfache bestimmte Größen als<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Resultate suchten, vermutlich als eine +geistreiche, etwas abstruse Spielerei erschienen — was dem populären +Urteil weiter Kreise auch heute durchaus entsprechen würde. Es gibt +nichts Unpopuläreres als die moderne Mathematik, und auch darin +liegt ein Stück Symbolik der unendlichen Ferne, der <em class="gesperrt">Distanz</em>. +<em class="gesperrt">Alle</em> großen Werke des Abendlandes von Dante bis zum Parsifal +sind unpopulär, alle antiken von Homer bis zum pergamenischen Altar +sind populär im höchsten Grade.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_15">15</h3> + +</div> + +<p>Und so sammelt sich endlich der ganze Gehalt des abendländischen +Zahlendenkens in <em class="gesperrt">einem</em> klassischen Problem, das den Schlüssel zu +jenem schwer zugänglichen Begriff des Unendlichen — des <em class="gesperrt">faustisch +Unendlichen</em> — bildet, welches von der Unendlichkeit des arabischen +und indischen Weltgefühls weit entfernt bleibt. Es handelt sich um +die <em class="gesperrt">Theorie des Grenzwertes</em>, möge die Zahl im einzelnen als +unendliche Reihe, Kurve oder Funktion enger gefaßt sein. Dieser +Grenzwert ist das strengste Gegenteil des antiken, bisher nicht so +genannten, der sich in einer starr begrenzten Fläche von meßbarer +Größe darstellt. Bis ins 18. Jahrhundert haben euklidisch-populäre +Vorurteile den Sinn des Differentialprinzips verdunkelt. Mag man den +zunächst naheliegenden Begriff des unendlich Kleinen noch so vorsichtig +anwenden, es haftet ihm ein leises Moment antiker Konstanz an, der +<em class="gesperrt">Anschein</em> einer Größe, wenn auch Euklid sie als solche nicht +erkannt, anerkannt haben würde. Die Null ist eine Konstante, eine +ganze Zahl im linearen Kontinuum zwischen +1 und −1; es hat Eulers +analytischen Untersuchungen geschadet, daß er — wie viele nach ihm +— die Differentiale für Nullen hielt. Erst der von Cauchy endgültig +aufgeklärte Begriff des <em class="gesperrt">Grenzwertes</em> beseitigt diesen Rest +antiken Zahlengefühls und macht die Infinitesimalrechnung zu einem +widerspruchslosen System. Erst der Schritt von der „unendlich kleinen +Größe“ zu dem „untern Grenzwert <em class="gesperrt">jeder möglichen</em> endlichen Größe“ +führt zur Konzeption einer veränderlichen Zahl, die unterhalb jeder +von Null verschiedenen endlichen Größe sich bewegt, selbst also nicht +den geringsten<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Zug einer Größe mehr trägt. Der Grenzwert in dieser +endgültigen Fassung ist überhaupt nicht mehr das, was angenähert +<em class="gesperrt">wird</em>. Er <em class="gesperrt">stellt die Annäherung — den Prozeß, die Operation +— selbst dar. Er ist kein Zustand, sondern ein Verhalten.</em> Hier, +im entscheidenden Problem der abendländischen Mathematik, verrät sich +plötzlich, daß unser Seelentum ein <em class="gesperrt">historisch</em> angelegtes ist.<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a></p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_16">16</h3> + +</div> + +<p>Die Geometrie von der Anschauung, die Algebra vom Begriff der Größe zu +befreien und beide jenseits der elementaren Schranken von Konstruktion +und Rechnung zu dem mächtigen Gebäude der Funktionstheorie zu +vereinigen, das war der große Weg des abendländischen Zahlendenkens. +So wurde die antike, konstante Zahl zur veränderlichen aufgelöst. +Die analytisch <em class="gesperrt">gewordene</em> Geometrie löste alle konkreten +Formen auf. Sie ersetzt den mathematischen Körper, an dessen starrem +Bilde geometrische Werte gefunden werden, durch abstrakt räumliche +Beziehungen, die zuletzt auf Tatsachen der sinnlich-gegenwärtigen +Anschauungen überhaupt nicht mehr anwendbar sind. Sie ersetzt zunächst +die optischen Gebilde Euklids durch geometrische Örter in bezug auf +ein Koordinatensystem, dessen Anfangspunkt willkürlich gewählt werden +kann, und reduziert das gegenständliche Dasein des geometrischen +Objekts auf die Forderung, daß während der Operation, die sich nicht +mehr auf Messungen, sondern auf Gleichungen richtet, das gewählte +System nicht verändert werden darf. Alsbald werden aber die Koordinaten +nur noch als reine Werte aufgefaßt, welche die Lage der Punkte als +abstrakter Raumelemente nicht sowohl bestimmen, als repräsentieren +und ersetzen. Die Zahl, die Grenze des Gewordnen, wird nicht mehr +durch das Bild einer Figur, sondern durch das Bild einer Gleichung +symbolisch dargestellt. Die „Geometrie“ kehrt ihren Sinn um: das +Koordinatensystem als Bild verschwindet, und der Punkt ist nunmehr eine +vollkommen abstrakte Zahlengruppe. Wie die Architektur der<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Renaissance +durch die konstruktiven Neuerungen Michelangelos und Vignolas in +die des Barock übergeht — das ist das genaue Abbild dieser innern +Wandlung der Analysis. An den Palast- und Kirchenfassaden werden die +sinnlich reinen Linien unwirklich. An Stelle der klaren Koordinaten +florentinisch-römischer Säulenstellungen und Geschoßgliederungen +tauchen die „infinitesimalen“ Elemente geschwungener, flutender +Bauteile, Voluten, Kartuschen auf. Die Konstruktion verschwindet in +der Fülle des Dekorativen — mathematisch gesprochen des Funktionalen; +Säulen und Pilaster, in Gruppen und Bündel zusammengefaßt, durchziehen +ohne Ruhepunkte für das Auge die Fronten, sammeln und zerstreuen +sich; die Flächen der Wände, Decken, Geschosse lösen sich in der Flut +von Stukkaturen und Ornamenten auf, verschwinden und zerfallen unter +farbigen Lichtwirkungen. Das Licht aber, das nun über dieser Formwelt +des reifen Barock spielt — von Bernini um 1650 an bis zum Rokoko in +Dresden, Wien, Paris —, ist ein rein musikalisches Element geworden. +Der Dresdner Zwinger ist eine <em class="gesperrt">Sinfonie</em>. Mit der Mathematik hat +sich im 18. Jahrhundert auch die Architektur zu einer Formenwelt von +<em class="gesperrt">musikalischem</em> Charakter entwickelt.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_17">17</h3> + +</div> + +<p>Auf dem Wege dieser Mathematik mußte endlich der Augenblick auftreten, +wo nicht nur die Grenzen künstlicher geometrischer Gebilde, sondern +die Grenzen des Sehsinnes überhaupt seitens der Theorie wie der Seele +selbst in ihrem Drange nach rückhaltlosem Ausdruck ihrer innern +Möglichkeiten als Grenzen, als Hindernis empfunden wurden, wo also das +Ideal transzendenter Ausgedehntheit zu den beschränkten Möglichkeiten +des unmittelbaren Augenscheins in grundsätzlichen Widerspruch trat. +Die antike Seele, welche mit der vollen Hingabe der platonischen und +stoischen ἀταραξία das Sinnliche gelten und walten ließ und ihre großen +Symbole, wie es der erotische Hintersinn der pythagoräischen Zahlen +beweist, <em class="gesperrt">eher empfing als gab</em>, konnte auch das körperliche +<em class="gesperrt">Jetzt</em> und <em class="gesperrt">Hier</em> niemals überschreiten wollen. Hatte sich +aber die pythagoräische Zahl im Wesen <em class="gesperrt">gegebener</em> Einzeldinge in +der <em class="gesperrt">Natur</em> offenbart, so<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> war die Zahl des Descartes und der +Mathematiker nach ihm etwas, das <em class="gesperrt">erobert</em> und <em class="gesperrt">erzwungen</em> +werden mußte, eine herrische abstrakte Beziehung, unabhängig von aller +sinnlichen Gegebenheit und jederzeit bereit, diese Unabhängigkeit +der Natur gegenüber geltend zu machen. Der Wille zur Macht — um +Nietzsches große Formel zu gebrauchen —, der von der frühesten +Gotik der Edda, der Kathedralen und Kreuzzüge, ja von den erobernden +Wikingern und Goten an das Verhalten der nordischen Seele ihrer Welt +gegenüber bezeichnet, liegt auch in dieser Energie der abendländischen +Zahl gegenüber der Anschauung. <em class="gesperrt">Das</em> ist „Dynamik“. In der +apollinischen Mathematik dient der Geist dem Auge, in der faustischen +überwindet er es.</p> + +<p>Der mathematische, „absolute“, so gänzlich unantike Raum selbst war +von Anfang an, was die Mathematik in ihrer Ehrfurcht vor hellenischen +Traditionen nicht zu bemerken wagte, nicht die vage Räumlichkeit +der täglichen Eindrücke, der landläufigen Malerei, der vermeintlich +so eindeutigen und gewissen apriorischen Anschauung Kants, sondern +ein reines Abstraktum, ein ideales und unerfüllbares Postulat einer +Seele, der die Sinnlichkeit als Mittel des Ausdruckes immer weniger +genügte und die sich endlich leidenschaftlich von ihr abwandte. Das +<em class="gesperrt">innere</em> Auge erwachte.</p> + +<p>Jetzt erst mußte es tiefen Denkern fühlbar werden, daß die euklidische +Geometrie, die <em class="gesperrt">einzige</em> und <em class="gesperrt">richtige</em> für den naiven Blick +aller Zeiten, von diesem hohen Standpunkt aus betrachtet nichts als +eine <em class="gesperrt">Hypothese</em> ist, deren Alleingültigkeit gegenüber anderen, +auch ganz unanschaulichen Arten von Geometrien, wie wir seit Gauß +bestimmt wissen, sich niemals beweisen läßt, von der vielberufenen +„Übereinstimmung“ mit der Wirklichkeit, diesem Laiendogma, das durch +jeden Blick in die Ferne — wo alle Parallelen einander berühren — +widerlegt wird, zu schweigen. Der Kernsatz dieser Geometrie, das +Parallelenaxiom Euklids, ist eine <em class="gesperrt">Behauptung</em>, die sich durch +andere ersetzen läßt, daß es nämlich durch einen Punkt zu einer Geraden +keine, zwei oder viele Parallelen gibt, Behauptungen, die sämtlich zu +vollkommen widerspruchslosen dreidimensionalen geometrischen Systemen +führen, die in der Physik<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> und vor allem der Astronomie angewendet +werden können und zuweilen den euklidischen vorzuziehen sind.</p> + +<p>Schon die einfache Forderung der Unbegrenztheit des Ausgedehnten — die +man seit Riemann und dessen Theorie unbegrenzter, aber infolge ihrer +Krümmung nicht unendlicher Räume eben von der Unendlichkeit zu scheiden +hat — widerspricht dem eigentlichen Charakter aller unmittelbaren +Anschauung, welche von dem Vorhandensein von Lichtwiderständen, also +materiellen Grenzen abhängt. Es sind aber abstrakte Prinzipien der +Grenzsetzung denkbar, die in einem ganz neuen Sinne die Möglichkeiten +optischer Begrenzung überschreiten. Für den Tieferblickenden liegt +schon in der kartesischen Geometrie die Tendenz, über die drei +Dimensionen des <em class="gesperrt">erlebten</em> Raumes als einer für die Symbolik +der Zahlen nicht notwendigen Schranke hinauszugehen. Und wenn auch +erst seit 1800 etwa die Vorstellung <em class="gesperrt">mehrdimensionaler</em> Räume — +man hätte das Wort besser durch ein neues ersetzt — zur erweiterten +Grundlage des analytischen Denkens wurde, so war doch der erste +Schritt dazu in dem Augenblick getan, wo die Potenzen, eigentlicher +die Logarithmen, von ihrer ursprünglichen Beziehung auf sinnlich +realisierbare Flächen und Körper abgelöst und — unter Verwendung +irrationaler und komplexer Exponenten — als Beziehungswerte von ganz +allgemeiner Art in das Gebiet des Funktionalen eingeführt wurden. Wer +hier überhaupt folgen kann, wird auch begreifen, daß schon mit dem +Schritt von der Vorstellung a<sup>3</sup>, als einem natürlichen Maximum, zu +a<sup>n</sup> die Unbedingtheit eines Raumes von drei Dimensionen aufgehoben ist.</p> + +<p>Nachdem einmal das Raumelement des Punktes den immerhin noch optischen +Charakter eines Koordinatenschnittes in einem anschaulich vorstellbaren +System verloren hatte und als Gruppe dreier unabhängiger Zahlen +definiert worden war, lag kein inneres Hindernis mehr vor, die Zahl +3 durch die allgemeine n zu ersetzen. Es tritt eine Umkehrung des +Dimensionsbegriffes ein: Es bezeichnen nicht mehr Maßzahlen optische +Eigenschaften eines Punktes hinsichtlich seiner Lage in einem System, +sondern Dimensionen von unbeschränkter Anzahl stellen vollkommen +abstrakte Eigenschaften einer Zahlengruppe dar. Diese Zahlengruppe +— von n unabhängigen geordneten Elementen —<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> ist das <em class="gesperrt">Bild</em> +des Punktes; sie <em class="gesperrt">heißt</em> ein <em class="gesperrt">Punkt</em>. Eine daraus logisch +entwickelte Gleichung <em class="gesperrt">heißt Ebene</em>, ist das <em class="gesperrt">Bild</em> einer +Ebene. Der Inbegriff aller Punkte von n Dimensionen <em class="gesperrt">heißt ein</em> +n-dimensionaler <em class="gesperrt">Raum</em>.<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> In diesen transzendenten Raumwelten, +die zu keiner wie immer gearteten Sinnlichkeit mehr in Beziehung +stehen, herrschen die von der Analysis aufzufindenden Beziehungen, +welche sich mit den Ergebnissen der experimentellen Physik in ständiger +Übereinstimmung befinden. Diese Räumlichkeit höheren Ranges ist ein +Symbol, das durchaus Eigentum des abendländischen Geistes bleibt. +Nur dieser Geist hat das Gewordene und Ausgedehnte <em class="gesperrt">in diese</em> +Formen zu bannen, das Fremde durch <em class="gesperrt">diese</em> Art der Aneignung — +man erinnere sich des Begriffes „tabu“ — zu beschwören, zu zwingen, +mithin zu „erkennen“ versucht und verstanden. Erst in dieser Sphäre +des Zahlendenkens, die nur einem sehr kleinen Kreis von Menschen +noch zugänglich ist — aber das gilt auch von den tiefsten Momenten +unserer Musik, unserer Malerei, unserer Dogmatik —, erhalten selbst +Bildungen wie die Systeme der hyperkomplexen Zahlen (etwa die +Quaternionen der Vektorenrechnung) und zunächst ganz unverständliche +Zeichen wie ∞<sup>n</sup> den Charakter von etwas Wirklichem. Man hat +eben zu begreifen, daß Wirklichkeit nicht nur sinnliche Wirklichkeit +ist, daß vielmehr das Seelische seine Idee in noch ganz anderen als +anschaulichen Bildungen verwirklichen kann.</p> + +<div class="section"> + +<h3 id="Erstes_Kapitel_18">18</h3> + +</div> + +<p>Aus dieser großartigen Intuition symbolischer Raumwelten folgt +die letzte und abschließende Fassung der gesamten abendländischen +Mathematik, die Erweiterung und Vergeistigung der Funktionentheorie +zur <em class="gesperrt">Gruppentheorie</em>. Gruppen sind Mengen oder Inbegriffe +gleichartiger mathematischer Gebilde, also z. B. die Gesamtheit +aller Differentialgleichungen von einem gewissen<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Typus, Mengen, die +dem Dedekindschen Zahlenkörper analog gebaut und geordnet sind. Es +handelt sich, wie man fühlt, um Welten ganz neuer Zahlen, die für das +<em class="gesperrt">innere Auge</em> des Eingeweihten doch nicht ganz ohne eine gewisse +Sinnlichkeit sind. Es werden nun Untersuchungen gewisser Elemente +dieser ungeheuer abstrakten Formsysteme notwendig, welche in bezug +auf eine einzelne Gruppe von Operationen — <em class="gesperrt">von Transformationen +des Systems</em> — von deren Wirkungen unabhängig bleiben, Invarianz +besitzen. Die allgemeine Aufgabe dieser Mathematik erhält also (nach +Klein) die Form: „Es ist eine n-dimensionale Mannigfaltigkeit („Raum“) +und eine Gruppe von Transformationen gegeben. Die der Mannigfaltigkeit +angehörigen Gebilde sollen hinsichtlich solcher Eigenschaften +untersucht werden, die durch Transformationen der Gruppe nicht geändert +werden.“</p> + +<p>Auf diesem höchsten Gipfel schließt nunmehr — nach Erschöpfung ihrer +sämtlichen inneren Möglichkeiten und nachdem sie ihre Bestimmung, +<em class="gesperrt">Abbild und reinster Ausdruck der Idee des faustischen Seelentums</em> +zu sein, erfüllt hat — Mathematik des Abendlandes ihre Entwicklung +ab, in demselben Sinne, wie es die Mathematik der antiken Kultur im 3. +Jahrhundert tat. Beide Wissenschaften — es sind die einzigen, deren +organische Struktur sich heute schon historisch durchschauen läßt +— sind aus der Konzeption einer völlig neuen Zahl durch Pythagoras +und Descartes entstanden, beide haben in prachtvollem Aufschwung +ein Jahrhundert später ihre Reife erlangt und beide vollendeten +nach einer Blüte von drei Jahrhunderten das Gebäude ihrer Ideen, in +derselben Epoche, durch welche die Kultur, der sie angehören, in +eine weltstädtische Zivilisation überging. Dieser tiefbedeutsame +Zusammenhang wird später aufgeklärt werden. Sicher ist, daß für uns +die Zeit der <em class="gesperrt">großen</em> Mathematiker vorüber ist. Es ist heute +dieselbe Arbeit des Erhaltens, Abrundens, Verfeinerns, Auswählens, die +talentvolle Kleinarbeit an Stelle der großen Schöpfungen im Gange, +wie sie auch die alexandrinische Mathematik des spätem Hellenismus +kennzeichnet.</p> + +<p>Ein historisches Schema wird dies deutlicher machen:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<table> + <tr> + <td> + <div class="center"><em class="gesperrt">Antike</em></div> + </td> + <td> + <div class="center"><em class="gesperrt">Abendland</em></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="center">1. <em class="gesperrt">Konzeption einer neuen + Zahl.</em></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">um 540<br> + Die Zahl als Größe<br> + Die Pythagoräer<br> + (Um 470 Sieg der Plastik über die Freskomalerei)</div> + </td> + <td> + <div class="center">um 1630<br> + Die Zahl als Beziehung<br> + Descartes, Fermat, Pascal; + Newton, Leibniz (1670)<br> + (Um 1670 Sieg der Musik über die Ölmalerei)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="center">2. <em class="gesperrt">Höhepunkt der + systematischen Entwicklung.</em></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">430–350<br> + Archytas, Plato, Eudoxos<br> + (Phidias, Praxiteles)</div> + </td> + <td> + <div class="center">1750–1800<br> + Euler, Lagrange, Laplace<br> + (Haydn, Mozart)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="center">3. <em class="gesperrt">Innerer Abschluß der + Zahlenwelt.</em></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">300–250<br> + Euklid, Apollonius, Archimedes<br> + (Lysippos, Leochares)</div> + </td> + <td> + <div class="center">nach 1800<br> + Gauß, Cauchy, Riemann<br> + (Beethoven)</div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Von der periodischen Unterbrechung durch den Schlaf soll +hier abgesehen werden.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Siehe die vorangehenden <a href="#TAFELN_ZUR_VERGLEICHENDEN_MORPHOLOGIE_DER_GESCHICHTE">Tafeln 1–3</a>.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Alexandria hört im 2. Jahrhundert n. Chr. auf, Weltstadt +zu sein und wird eine aus der Zeit antiker Zivilisation stehen +gebliebene Häusermasse, in der eine primitiv fühlende, seelisch anders +geartete Bevölkerung haust. Das hier vorliegende Phänomen wird später +behandelt werden.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Vom „Namenzauber“ der Wilden bis zur modernsten +Wissenschaft, welche sich ihre Objekte <em class="gesperrt">unterwirft</em>, indem sie +Namen, Begriffe und Definitionen für sie prägt, hat sich der Form nach +nichts geändert.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> In der modernen Astronomie wird die Verwendung nicht +euklidischer Geometrien ernstlich erwogen. Die Annahme eines +unbegrenzten, aber endlichen, gekrümmten Raumes, den das Sternensystem +mit einem Durchmesser von etwa 470 Millionen Erdabständen füllt, würde +zur Annahme eines Gegenbildes der Sonne führen, das uns als Stern +mittlerer Helligkeit erscheint.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Daß durch einen Punkt zu einer Geraden nur eine Parallele +möglich sei, ein Satz, der sich nicht beweisen läßt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> „Funktion, recht begriffen, ist das Dasein in Tätigkeit +gedacht“ (Goethe).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Vom Standpunkt der Mengenlehre aus heißt eine +wohlgeordnete Punktmenge, ohne Rücksicht auf die Dimensionenzahl, ein +Körper, eine Menge von n - 1 Dimensionen also im Verhältnis dazu eine +Fläche. Die „Begrenzung“ (Wand, Kante) einer Punktmenge stellt eine +Punktmenge von geringerer Mächtigkeit dar.</p> + +</div> + +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="ZWEITES_KAPITEL"><span class="s6">ZWEITES KAPITEL</span><br> +DAS PROBLEM DER WELTGESCHICHTE</h2> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<h3 id="Zweites_Kapitel_I">I<br> +PHYSIOGNOMIK UND SYSTEMATIK</h3> + +<h4 id="Physiognomik_1">1</h4> + +<p>Es ist jetzt endlich möglich, den entscheidenden Schritt zu tun und +ein Bild der Geschichte zu entwerfen, das nicht mehr vom zufälligen +Standort des Betrachters in irgendeiner — seiner — „Gegenwart“ und +von seiner Eigenschaft als interessiertem Gliede einer einzelnen Kultur +abhängig ist, deren religiöse, geistige, politische, soziale Tendenzen +ihn verführen, das historische Material aus einer zeitlich beschränkten +Perspektive anzuordnen und dem Organismus des Geschehens damit eine +willkürliche und an der Oberfläche haftende Form aufzudrängen, die ihm +innerlich fremd ist.</p> + +<p>Was bisher fehlte, war die <em class="gesperrt">Distanz</em> vom Objekt. Der +Natur gegenüber war sie längst erreicht. Allerdings war sie +hier auch leichter erreichbar. Der Physiker konstruiert mit +Selbstverständlichkeit das mechanisch-kausale Bild seiner Welt so, als +ob er selbst gar nicht da wäre.</p> + +<p>Aber in der Formenwelt der Historie ist dasselbe möglich. Wir haben +das nur bis jetzt nicht gewußt. Man darf deshalb vielleicht sagen, +und man wird es später einmal tun, daß es an einer wirklichen +Geschichtsschreibung faustischen Stils überhaupt gefehlt hat, einer +solchen nämlich, die Distanz genug besitzt, um im Gesamtbilde der +Weltgeschichte auch die Gegenwart — die es ja nur in bezug auf eine +einzige von unzähligen menschlichen Generationen ist — wie etwas +unendlich Fernes und Fremdes zu betrachten, als eine Epoche, die nicht +schwerer wiegt als alle andern, ohne den Maßstab irgendwelcher Ideale, +ohne Bezug auf sich selbst, ohne Wunsch, Sorge und persönliche innere +Beteiligung, wie sie das praktische Leben in<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Anspruch nimmt; eine +Distanz also, die — mit Nietzsche zu reden, der bei weitem nicht +genug von ihr besaß — es erlaubt, das ganze Phänomen der historischen +Menschheit wie mit dem Auge eines Gottes zu überblicken, wie die +Gipfelreihe eines Gebirges am Horizont, als ob man selbst gar nicht zu +ihr gehörte.</p> + +<p>Hier war noch einmal die Tat des Kopernikus zu vollbringen, jener Akt +der Befreiung vom Augenschein im Namen des unendlichen Raumes, den der +abendländische Geist der Natur gegenüber längst vollzogen hatte, als +er vom ptolemäischen Weltsystem zu dem für ihn heute allein gültigen +überging und damit den zufälligen Standort des Betrachters auf einem +einzelnen Planeten als formbestimmend ausschaltete.</p> + +<p>Die Weltgeschichte ist derselben Ablösung von einem zufälligen +Beobachtungsorte — der jeweiligen „Neuzeit“ — fähig und bedürftig. +Uns erscheint das 19. Jahrhundert unendlich viel reicher und wichtiger +als etwa das 19. vor Christus, aber auch der Mond erscheint uns +größer als Jupiter und Saturn. Der Physiker hat sich vom Vorurteil +der relativen Entfernung längst befreit, der Historiker nicht. Wir +erlauben uns, die Kultur der Griechen als Altertum, relativ zu +unserer Neuzeit, zu bezeichnen. War sie das auch für die feinen und +historisch hochgebildeten Ägypter am Hofe des großen Thutmosis — +ein Jahrtausend vor Homer? Für uns füllen die Ereignisse, die sich +1500–1800 auf dem Boden Westeuropas abspielen, das wichtigste Drittel +„der“ Weltgeschichte. Für den chinesischen Historiker, der auf 6000 +Jahre chinesischer Geschichte zurückblickt und von ihr aus urteilt, +sind sie eine kurze und wenig bedeutende Episode, nicht entfernt so +schwerwiegend wie z. B. die Jahrhunderte der Handynastie (206 v. bis +220 n. Chr.), die in <em class="gesperrt">seiner</em> Weltgeschichte Epoche machen.</p> + +<p>Die Geschichte also von den persönlichen Vorurteilen des Betrachters +zu lösen, der sie in unserem Falle wesentlich zur Geschichte +eines Fragments des Vergangenen mit dem in Westeuropa fixierten +Zufällig-Gegenwärtigen als Ziel und den augenblicklichen öffentlichen +Idealen und Interessen als Wertmessern für die Entwicklung des +Erreichten und zu Erreichenden macht — das ist die Absicht alles +Folgenden.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> + +<h4 id="Physiognomik_2">2</h4> + +</div> + +<p>Erinnern wir uns der grundlegenden Tatsache des wachen Bewußtseins, +aus dem heraus ein geordnetes Weltbild im Sinne von Natur oder +Geschichte überhaupt erst möglich wird. Mit den Worten <em class="gesperrt">Seele</em> und +<em class="gesperrt">Welt</em> war der Urgegensatz bezeichnet worden, dessen Vorhandensein +mit der Tatsache des menschlichen Tagesbewußtseins völlig identisch +ist. Seele und Welt wurden im Hinblick auf die in jedem einzelnen und +in jeder Kultur liegende Idee des Daseins das <em class="gesperrt">Mögliche</em> und +das <em class="gesperrt">Wirkliche</em> genannt, um das Phänomen des Lebens als <em class="gesperrt">der +Verwirklichung dieses Möglichen</em> und das ihm innewohnende Merkmal +der Richtung vor Augen stellen zu können.</p> + +<p>Danach ist für jeden <em class="gesperrt">seine</em> Welt verwirklichtes Seelentum, +Ausdruck, Zeichen, Bild der Idee <em class="gesperrt">seines</em> individuellen Daseins. +„Jeder spricht nur sich selbst aus, indem er von der Natur spricht“ +(Goethe). Diese Wirklichkeit darf auf der seelischen Stufe des +Urmenschen und des Kindes noch als verschleiert, chaotisch, als noch +nicht entfaltet, als im tieferen Sinne formlos angenommen werden. In +den höheren Zuständen menschlichen Daseins ist sie exakter Fassungen +fähig, deren Skala zwischen den Extremen reinsten Anschauens und +reinsten Erkennens eine unbegrenzte Menge nie sich genau wiederholender +Strukturen zuläßt. „Die Welt“ ist für jeden einzelnen sein eigenstes, +einmaliges, notwendiges und durchaus willenloses Erlebnis. Schopenhauer +nannte es die Welt als Vorstellung, aber er setzte die Konstanz dieser +Vorstellung und ihre Identität für alle Menschen als selbstverständlich +voraus.</p> + +<p><em class="gesperrt">Natur und Geschichte</em>: so stehen zwei extreme Arten, die +Wirklichkeit als Weltbild zu ordnen, einander gegenüber. Eine +Wirklichkeit ist Natur, insofern sie alles Werden dem Gewordnen, sie +ist Geschichte, insofern sie alles Gewordne dem Werden einordnet. Eine +Wirklichkeit wird <em class="gesperrt">in ihrer Gestalt erschaut</em> — so entsteht +die Welt Platos, Rembrandts, Goethes, Beethovens — oder <em class="gesperrt">in ihrem +Element begriffen</em> — dies sind die Welten von Parmenides und +Descartes, Kant und Newton. Erkennen im prägnanten Sinne des Wortes +ist derjenige Erlebnisakt, dessen vollzogenes Resultat „Natur“ heißt. +Erkanntes<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> und Natur sind identisch. Alles Erkannte ist, wie das Symbol +der mathematischen Zahl bewies, gleichbedeutend mit dem mechanisch +Begrenzten, Gesetzten. Natur ist der <em class="gesperrt">Inbegriff des gesetzlich +Notwendigen</em>. Es gibt nur <em class="gesperrt">Natur</em>gesetze. Kein Physiker, +der seine Bestimmung begreift, wird über diese Grenze hinausgehen +wollen. Seine Aufgabe ist, die Gesamtheit, das wohlgeordnete System +aller Gesetze festzustellen, die im Bilde der Natur auffindbar +sind, mehr noch, die das Bild der Natur erschöpfend und ohne Rest +<em class="gesperrt">darstellen</em>.</p> + +<p>Andrerseits: Anschauen — ich erinnere an das Wort Goethes: „Das +Anschauen ist vom Ansehen sehr zu unterscheiden“ — ist derjenige +Erlebnisakt, der, als Phänomen, <em class="gesperrt">indem</em> er sich vollzieht, +<em class="gesperrt">selbst Geschichte</em> ist. Erlebtes ist Geschehenes, ist Geschichte.</p> + +<p>Alles Geschehen ist <em class="gesperrt">einmalig</em> und nie sich wiederholend. +Es unterliegt dem Prinzip der Richtung (der „Zeit“), der +<em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>. Das Geschehene, als nunmehr Gewordnes +dem Werden, als Erstarrtes dem Lebendigen entgegengesetzt, gehört +unwiderruflich der Vergangenheit an. Das Gefühl hiervon ist die +Weltangst. Alles Erkannte aber ist <em class="gesperrt">zeitlos</em>, weder vergangen +noch zukünftig, von dauernder Gültigkeit. Dies gehört zur innern +Beschaffenheit des Naturgesetzlichen. Das Gesetz, das Gesetzte, +ist <em class="gesperrt">antihistorisch</em>. Es schließt den <em class="gesperrt">Zufall</em> aus. +Naturgesetze sind Formen anorganischer Notwendigkeit. Es wird klar, +weshalb Mathematik als die Ordnung des Gewordnen durch die Zahl sich +<em class="gesperrt">immer</em> auf Gesetze und Kausalität und <em class="gesperrt">nur</em> auf sie bezieht.</p> + +<p>Das Werden „hat keine Zahl“. Nur Lebloses kann gezählt, gemessen, +zerlegt werden. Das reine Werden, das Leben ist in diesem Sinne +grenzenlos. Es liegt jenseits des Bereiches von Ursache und Wirkung, +Gesetz und Maß. Keine tiefe und echte Geschichtsforschung wird nach +kausaler Gesetzlichkeit forschen; andernfalls hat sie ihr eigentliches +Wesen nicht begriffen.</p> + +<p>Indes: Geschichte ist kein reines Werden; sie ist nur ein Weltbild, +eine vom einzelnen ausstrahlende Weltform, in der das Werden das +Gewordne <em class="gesperrt">beherrscht</em>. Auf dem Gehalt an Gewordenem beruht die +Möglichkeit, ihr wissenschaftlich etwas abzugewinnen. Und je höher +dieser Gehalt ist, desto<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> mechanischer, desto verstandesmäßiger, +desto kausaler erscheint sie. Auch Goethes „lebendige Natur“, ein +völlig unmathematisches Weltbild, hatte noch so viel Gehalt an Totem +und Starrem, daß er sie wissenschaftlich behandeln konnte. Sinkt +dieser Gehalt <em class="gesperrt">sehr</em> tief, ist sie beinahe <em class="gesperrt">nur</em> reines +Werden, so haben wir eine echte Vision vor uns, die nur noch Arten +<em class="gesperrt">künstlerischer</em> Rezeption gestattet. Was Dante als Welthistorie +vor seinem geistigen Auge sah, hätte er <em class="gesperrt">nicht</em> wissenschaftlich +realisieren können, auch Goethe nicht, was er in den Momenten seiner +Faustentwürfe sah, ebensowenig Plotin und Giordano Bruno. Hier liegt +die wichtigste Ursache des Streites um die Struktur der Geschichte. +Vor demselben Objekt, vor demselben Tatsachenmaterial hat doch jeder +Betrachter seiner Anlage nach einen anderen <em class="gesperrt">Eindruck</em> des Ganzen, +ungreifbar und nicht mitteilbar, der seiner Denkart zugrunde liegt und +ihr die spezifische persönliche Farbe gibt. Der Grad von Gewordnem +wird bei zwei Menschen immer verschieden sein, Grund genug, daß sie +sich niemals über das Thema und die Methode verständigen können. Jeder +gibt dem Mangel an Denken bei dem andern Schuld, und doch ist das +mit diesem Wort bezeichnete Etwas, worüber niemand Gewalt hat, kein +Schlechtersein, sondern ein notwendiges Anderssein. Dasselbe gilt von +aller Naturwissenschaft.</p> + +<p>Aber man halte fest: Geschichte <em class="gesperrt">wissenschaftlich</em> behandeln +wollen ist im letzten Grunde immer etwas Widerspruchsvolles und deshalb +ist jede pragmatische Geschichtsschreibung, sie sei so groß wie sie +wolle, ein Kompromiß. Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über +Geschichte soll man dichten. Alles andere sind unreine Lösungen — aus +denen allerdings die große Mehrzahl aller Geistesprodukte besteht.</p> + +<p>Auf der andern Seite, dort, wo das Reich der Zahlen und des exakten +Wissens herrschen sollte, hatte Goethe „lebendige Natur“ gerade das +genannt, was ein unmittelbares Anschauen des reinen Werdens und +Sichgestaltens, mithin im hier festgelegten Sinne <em class="gesperrt">Geschichte</em> +war. <em class="gesperrt">Seine Welt</em> war <em class="gesperrt">zunächst</em> ein Organismus, ein Wesen, +und man begreift, daß seine Forschungen, selbst wenn sie ein äußerlich +physikalisches Gepräge tragen, weder Zahlen noch Gesetze noch eine in +Formeln gebannte<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Kausalität bezwecken, daß sie vielmehr Morphologie im +höchsten Sinne sind und damit das spezifisch abendländische (und sehr +unantike) Mittel aller kausalen Betrachtung, das messende Experiment, +vermeiden, es aber auch nirgends vermissen lassen. Seine Betrachtung +der Erdoberfläche ist stets Geologie, nie Mineralogie (die er die +Wissenschaft von etwas Totem nannte).</p> + +<p>Es sei noch einmal gesagt: Es gibt keine genaue Grenze zwischen beiden +Arten der Weltfassung. So sehr Werden und Gewordnes Gegensätze sind, so +sicher ist in jedem Erlebnisakte beides vorhanden. Geschichte erlebt, +wer beides als werdend, als sich vollendend, anschaut, Natur erkennt, +wer beides als geworden, als vollendet, zergliedert.</p> + +<p>Es liegt eine ursprüngliche Anlage in jedem Menschen, jeder Kultur, +jeder Kulturstufe vor, eine ursprüngliche Neigung und Bestimmung, eine +der beiden Formen als Ideal vorzuziehen. Der Mensch des Abendlandes +ist in hohem Grade historisch gestimmt,<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a> der antike Mensch war es +um so weniger. <em class="gesperrt">Wir</em> verfolgen alles Gegebene im Hinblick auf +Vergangenheit und Zukunft, die Antike erkannte nur die punktförmige +Gegenwart als seiend an. Der Rest wurde Mythus. Wir haben in jedem +Takte unsrer Musik von Palestrina bis Wagner <em class="gesperrt">auch ein Symbol des +Werdens</em> vor uns, die Griechen in jeder ihrer Statuen ein Bild des +Momentes. Der Rhythmus eines Körpers liegt im Augenblick, der Rhythmus +einer Fuge im Verlauf.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Physiognomik_3">3</h4> + +</div> + +<p>So treten die Prinzipien der <em class="gesperrt">Gestalt</em> und des <em class="gesperrt">Gesetzes</em> vor +uns hin als der beiden Grundformen aller Weltbildung. Je entschiedener +ein Weltbild die Züge der Natur trägt, desto unumschränkter gilt in ihm +das Gesetz und die Zahl. Je reiner<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> eine Welt als ein ewig Werdendes +angeschaut wird, desto zahlenfremder ist die ungreifbare Fülle ihrer +Gestaltung. So unterscheidet sich hinsichtlich der Methode Goethes +vielberufene „exakte sinnliche Fantasie“, die das Lebendige unberührt +läßt,<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> von dem exakten, tötenden Verfahren der modernen Physik. +Der Rest des <em class="gesperrt">andern</em> Elements, den man immer finden wird, +erscheint in der strengen Naturwissenschaft unter dem Phänomen nie zu +vermeidender <em class="gesperrt">Theorien</em> und <em class="gesperrt">Hypothesen</em>, deren anschaulicher +Gehalt alles starr Zahlenmäßige und Formelhafte füllt und trägt, in der +Geschichtsforschung als <em class="gesperrt">Chronologie</em>, jenes seltsame und doch nie +als dunkles Rätsel empfundene Phänomen eines Zahlennetzes, das — als +Kette von Jahreszahlen, als Statistik — die Gestaltenwelt umspinnt und +durchdringt, ohne mit dem Charakter von mathematischen Zahlen etwas zu +tun zu haben.</p> + +<p>Noch etwas andres ist hier zu bemerken. Da ein Werden immer dem +Gewordnen zugrunde liegt und Geschichte eine Ordnung des Weltbildes im +Sinne des Werdens darstellt, so ist Geschichte die <em class="gesperrt">ursprüngliche</em> +und Natur eine <em class="gesperrt">späte</em>, erst dem Menschen reifer Kulturen +vollziehbare Weltform, nicht umgekehrt, zu welcher Annahme das +Vorurteil des städtischen wissenschaftlichen Verstandes neigt. In der +Tat ist die dunkle, urseelenhafte Umwelt der frühesten Menschheit, +wovon heute noch ihre religiösen Gebräuche und Mythen zeugen, jene Welt +voller Willkür, feindlicher Dämonen und launischer Mächte, durchaus +ein lebendiges, ungreifbares, rätselhaft wogendes und unberechenbares +Ganze. Mag man sie Natur nennen, so ist sie doch nicht unsre Natur, +der starre Reflex eines wissenden Geistes. Diese Urwelt klingt als +ein Stück längst vergangenen Menschentums nur in der Kinderseele +und in den großen Künstlern noch manchmal an, inmitten einer +strengen „Natur“, welche der Geist reifer Kulturen mit tyrannischer +Nachdrücklichkeit um den einzelnen aufbaut. Hierin liegt der Grund für +die gereizte Spannung zwischen wissenschaftlicher („moderner“) und +künstlerischer („unpraktischer“) Weltanschauung, die jede Spätzeit +kennt. Der Tatsachenmensch<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> und der Dichter werden einander nie +verstehen. Hier ist auch der Grund zu suchen, weshalb jede angestrebte +Geschichtsforschung, die immer etwas von Kindheit und Traum, etwas +Goethesches in sich tragen müßte, an der Gefahr vorüberstreift, eine +bloße Physik des öffentlichen Lebens zu werden, „materialistisch“, wie +sie sich selbst ahnungslos genannt hat.</p> + +<p>„Natur“ im exakten Sinne ist die seltnere, auf den Menschen der großen +Städte später Kulturen beschränkte, männliche, vielleicht schon +greisenhafte Art, Wirklichkeit zu besitzen, Geschichte die naive und +jugendliche, auch die unbewußtere, die der <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschheit +eigen ist. So wenigstens steht die zahlenmäßige, geheimnislose Natur +des Aristoteles und Kant, der Sophisten und Darwinisten, der modernen +Physik, der erlebten, grenzenlosen, gefühlten Natur Homers und der +Edda, des dorischen und gotischen Menschen gegenüber. Es heißt das +Wesen aller Geschichtsbetrachtung verkennen, wenn man dies übersieht. +<em class="gesperrt">Sie</em> ist die eigentlich <em class="gesperrt">natürliche</em>, die exakte, mechanisch +geordnete Natur die <em class="gesperrt">künstliche</em> Fassung der Seele ihrer Welt +gegenüber. Trotzdem oder gerade deshalb ist dem modernen Menschen die +Naturwissenschaft leicht, die Geschichtsbetrachtung schwer.</p> + +<p>Regungen eines abstrakten, das heißt eben erzwungenen, künstlichen, +dem naiven Seelentum fremden Denkens, dessen Tendenz ganz und gar +auf mathematische Begrenzung, logische Unterscheidung, auf Gesetz +und Kausalität hinausgeht, tauchen früh genug auf. Man findet sie in +den ersten Jahrhunderten aller Kulturen, noch schwach, vereinzelt, +noch in der Fülle des Trieblebens verschwindend. Ich nenne den Namen +Roger Bacons. Sie nehmen bald einen strengeren Charakter an; es fehlt +ihnen, wie allem geistig Erkämpften und von der menschlichen Natur +ständig Bedrohten, das Herrische und Ausschließende nicht. Unvermerkt +durchdringt das Reich des Räumlich-Begrifflichen — denn die Begriffe +sind ihrem Wesen nach Zahlen, von rein quantitativer Beschaffenheit — +die Außenwelt des Einzelnen, bewirkt in, mit und unter den schlichten +Eindrücken der Sinnlichkeit einen mechanischen Zusammenhang kausaler +und zahlengesetzlicher Art und unterwirft zu guter Letzt das wache +Bewußtsein des großstädtischen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Kulturmenschen — sei es im ägyptischen +Theben oder in Babylon, in Benares, Alexandria oder in westeuropäischen +Weltstädten — einem so anhaltenden Zwange des naturgesetzlichen +Denkens, daß das Vorurteil aller Philosophie und Wissenschaft — +denn es <em class="gesperrt">ist</em> ein Vorurteil — kaum Widerspruch findet, dieser +Zustand sei <em class="gesperrt">der</em> menschliche Geist und sein alter ego, das +<em class="gesperrt">mechanische</em> Bild der Umwelt, sei <em class="gesperrt">die</em> Welt. Aristoteles +und Kant haben das Urteil sakrosankt gemacht. Plato und Goethe +widerlegen es.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Physiognomik_4">4</h4> + +</div> + +<p>Die große Aufgabe der Welterkenntnis, wie sie dem Menschen hoher +Kulturen ein Bedürfnis ist, eine Art Durchdringung seiner Existenz, +die er sich und ihr schuldig zu sein glaubt, mag man ihre Lösung nun +Wissenschaft oder Philosophie nennen, mag man ihre Verwandtschaft +zu künstlerischer Schöpfung und gläubiger Intuition mit innerster +Gewißheit fühlen oder bestreiten — diese Aufgabe ist sicherlich in +jedem Falle die gleiche: die Formensprache des Weltbildes, das dem +Dasein des einzelnen <em class="gesperrt">vorbestimmt</em> ist, das er, solange er nicht +<em class="gesperrt">vergleicht</em>, für <em class="gesperrt">die</em> Welt halten muß, in ihrer Reinheit +darzustellen. Diese <em class="gesperrt">Auflösung</em> der uns umgebenden Wirklichkeit +in ihre — wie wir glauben — einfachen Elemente empfinden wir als die +Lösung des Rätsels. Wir nennen sie Offenbarung, Entdeckung, Erkenntnis, +Erfahrung und sind gewiß, mit ihr den Inhalt unseres Daseins +bereichert, ein Stück von ihm vollendet zu haben.</p> + +<p>Angesichts der Zweiheit von Natur und Geschichte kann diese Aufgabe +eine doppelte sein. Beide reden ihre eigene, in jedem Betracht +verschiedene Formensprache und in einem Weltbilde von unentschiedenem +Charakter — wie es die Regel ist — können beide einander wohl +überlagern und verwirren, sich aber niemals zur Einheit verbinden.</p> + +<p>Richtung und Ausdehnung sind die Merkmale, durch die sich historische +und naturhafte Welteindrücke unterscheiden. Der Mensch ist gar nicht +imstande, beides gleichzeitig, im selben Augenblick entschieden in +Wirkung zu setzen. Das Wort Ferne hat einen bezeichnenden Doppelsinn. +Dort bedeutet es <em class="gesperrt">Zukunft</em>,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> hier eine <em class="gesperrt">räumliche Distanz</em>. +Man wird bemerken, daß der historische Materialist die Zeit mit +Notwendigkeit als Dimension empfindet. Für den geborenen Künstler +sind umgekehrt, wie die Lyrik aller Völker beweist, landschaftliche +Fernen, Wolken, der Horizont, die sinkende Sonne Eindrücke, die sich +unbezwinglich mit dem Gefühl von etwas Künftigem verbinden. Der +griechische Dichter verneint die Zukunft, folglich sieht, folglich +besingt er dies alles nicht. Weil er ganz der Gegenwart angehört, +so gehört er auch ganz der Nähe. Der Naturforscher, der produktive +Verstandesmensch im eigentlichen Sinne, sei er Experimentator wie +Faraday, Theoretiker wie Galilei oder Rechner wie Newton, findet in +seiner Welt nur richtungslose <em class="gesperrt">Quantitäten</em>, die er mißt, prüft +und ordnet. Nur Quantitatives unterliegt der Fassung durch Zahlen, +ist kausal determiniert, kann begrifflich zugänglich gemacht und +gesetzlich formuliert werden. Damit sind die Möglichkeiten aller reinen +Naturerkenntnis erschöpft. Alle Gesetze sind quantitative Zusammenhänge +oder, wie der Physiker es ausdrückt, alle physikalischen Vorgänge +<em class="gesperrt">verlaufen im Raume</em>. Der antike Physiker würde diesen Ausdruck +im Sinne des antiken raumverneinenden Weltgefühls, ohne die Tatsache +zu ändern, dahin korrigiert haben, daß alle Vorgänge „<em class="gesperrt">unter Körpern +stattfinden</em>“.</p> + +<p>Historischen Eindrücken ist alles Quantitative fremd. Ihr Organ ist +ein andres. Die beiden Arten von Rezeption, welche der Welt als Natur +und der Welt als Geschichte entsprechen, sind uns wohlbekannt, so +wenig wir uns auch bis jetzt ihres Gegensatzes bewußt gewesen sind. +Es gibt <em class="gesperrt">Naturerkenntnis</em> und <em class="gesperrt">Menschenkenntnis</em>. Es gibt +<em class="gesperrt">wissenschaftliche Erfahrung</em> und <em class="gesperrt">Lebenserfahrung</em>. Man +verfolge den Gegensatz bis in seine letzten Konsequenzen und man wird +verstehen, was ich meine.</p> + +<p>Alle Arten, die Welt zu begreifen, dürfen letzten Endes als +Morphologie bezeichnet werden. <em class="gesperrt">Die Morphologie des Mechanischen und +Ausgedehnten, eine Wissenschaft, die Naturgesetze und Kausalbeziehungen +entdeckt und ordnet, heißt Systematik. Die Morphologie des Organischen, +der Geschichte und des Lebens, alles dessen,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> was Richtung und +Schicksal in sich trägt, heißt Physiognomik.</em></p> + +<p>Je historischer ein Mensch veranlagt ist, desto mehr wird alles, was +er begreift, mitteilt, bildet, physiognomischen Charakter tragen. Der +hellenischen Statuenkunst lag alles Physiognomische fern, nicht weniger +dem attischen Drama. Das hat der Klassizismus Winckelmanns und Lessings +als das „Allgemein Menschliche“ mißverstanden. Goethe war in seiner +Pflanzenlehre wie im Tasso, in seiner Lyrik wie im persönlichen Umgang +ein Meister der Physiognomik.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Physiognomik_5">5</h4> + +</div> + +<p>Diese Art, die Welt zu sehen, hat in den letzten Stadien der +abendländischen Zivilisation ihre große Zeit noch vor sich. In +hundert Jahren werden alle Wissenschaften, die auf diesem Boden +dann noch möglich sind, Bruchstücke einer einzigen ungeheuren +Physiognomik alles Menschlichen sein. <em class="gesperrt">Das bedeutet „Morphologie +der Weltgeschichte“.</em> In jeder Wissenschaft, dem Ziel wie dem +Stoffe nach, erzählt der Mensch sich selbst. Wissenschaftliche +Erfahrung ist Selbsterkenntnis. Aus diesem Gesichtspunkte war soeben +die Mathematik als Kapitel der Physiognomik behandelt worden. Nicht +was der einzelne Mathematiker <em class="gesperrt">beabsichtigt</em>, kam in Betracht. +Der Fachmann als solcher mit seinen Tatsachen und Leistungen scheidet +aus. Der Mathematiker als Mensch, dessen Wirksamkeit einen Teil seiner +Erscheinung, dessen Wissen und Meinen einen Teil seiner Gebärde bildet, +ist das <em class="gesperrt">Organ</em> einer Kultur. Durch ihn redet sie von sich. Er +gehört als Person, als Geist, entdeckend, erkennend, formend zu ihrer +Physiognomie.</p> + +<p>Jede Mathematik, die als wissenschaftliches System oder, wie im Falle +Ägyptens, in Form einer Architektur die Idee einer Zahl allen sichtbar +zur Erscheinung bringt, ist das Bekenntnis einer Seele. So gewiß ihre +beabsichtigte Leistung nur der historischen Oberfläche angehört, so +gewiß ist ihr Unbewußtes, die Zahl selbst als Urphänomen und der +Stil ihrer Entwicklung zu einer abgeschlossenen Formenwelt, Ausdruck +des Daseins, des Blutes. Ihre Lebensgeschichte, ihr Aufblühen<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> und +Verdorren, ihre tiefe Beziehung zu den bildenden Künsten, zu Mythen +und Kulten derselben Kultur, das alles gehört zu einer noch kaum für +möglich gehaltenen Morphologie der zweiten, der historischen Art.</p> + +<p>Die sichtbare Außenseite aller Historie hat demnach dieselbe Bedeutung +wie die äußere Erscheinung des einzelnen Menschen, Wuchs, Miene, +Haltung, Gang, Sprache, Tätigkeit. Das alles ist für den Menschenkenner +da. Der Leib, das Begrenzte, Gewordne, <em class="gesperrt">Vergängliche</em> ist Ausdruck +der Seele. Aber Menschenkenner sein bedeutet auch jene menschlichen +Organismen größten Stils, die ich Kulturen nenne, kennen, ihre Miene, +ihre Sprache, ihre Handlungen begreifen, wie man die eines einzelnen +Menschen begreift. Geschichte als Philosoph schreiben heißt das tun, +was Shakespeare tat, als er seine Tragödien einzelner Menschen schrieb.</p> + +<p>Physiognomik ist die ins Geistige übersetzte Kunst des Porträts. +Don Quijote, Werther, Julian Sorel sind die Porträts einer Epoche. +Faust ist das Porträt einer ganzen Kultur. Der Naturforscher, der +Morphologe als Systematiker, kennt das Porträt der Welt nur als +imitative Aufgabe. Das bedeutet „Naturtreue“, „Ähnlichkeit“ für den +malenden Handwerker, der im Grunde ganz mathematisch zu Werke geht. +Ein echtes Porträt im Sinne Rembrandts ist Physiognomik, ist Historie. +Die Reihe seiner Selbstbildnisse ist nichts andres als eine — echt +Goethesche — Selbstbiographie. So soll die Biographie der großen +Kulturen geschrieben werden. Der imitative Teil, die Arbeit des +Fachhistorikers an Daten und Zahlen, ist nur Mittel, nicht Ziel. Zu +den Zügen im Antlitz der Historie gehört alles, was man bis jetzt nur +nach persönlichen Maßstäben, nach Nutzen und Schaden, Gut und Böse, +Gefallen und Mißfallen zu werten verstanden hat, eine Staatsform +wie eine Wirtschaftsform, Schlachten wie Künste, Wissenschaften wie +Götter, Mathematik wie Moral. Alles, was überhaupt <em class="gesperrt">geworden</em> ist, +alles, was erscheint, ist Symbol, ist Ausdruck einer Seele. Es will +mit dem Auge des Menschenkenners betrachtet, es will nicht in Gesetze +gebracht, es will in seiner Bedeutung gefühlt werden. Und so erhebt +sich die Untersuchung zu einer letzten und höchsten Gewißheit: <em class="gesperrt">Alles +Vergängliche ist nur ein Gleichnis.</em></p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> + +<p>Zur Naturerkenntnis kann man erzogen werden, der Geschichtskenner +wird <em class="gesperrt">geboren</em>. Er begreift und durchdringt mit einem Schlage, +aus einem Gefühl heraus, das man nicht lernt, das jeder absichtlichen +Einwirkung entzogen ist, das dem Willen nicht unterliegt, das in seinen +höchsten Momenten sich selten genug einstellt. Zerlegen, definieren, +ordnen, nach Ursache und Wirkung abgrenzen kann man, wenn man will. +Das ist eine Arbeit, das andre ist eine Schöpfung. Gestalt und Gesetz, +Gleichnis und Begriff, Symbol und Formel haben ein sehr verschiedenes +Organ. Es ist das Verhältnis von <em class="gesperrt">Leben und Tod</em>, von Zeugen +und Zerstören, das hier erscheint. Der Verstand, der Begriff tötet, +indem er „erkennt“. Er macht das Erkannte zum starren Gegenstand, der +sich messen und teilen läßt. Das Anschauen beseelt. Es verleibt das +Einzelne einer lebendigen, innerlich gefühlten Einheit ein. Dichten +und Geschichtsforschung sind verwandt, Rechnen und Erkennen sind es +auch. Aber — wie Hebbel einmal sagt: „Systeme werden nicht erträumt, +Kunstwerke nicht errechnet oder, was dasselbe ist, erdacht.“ Der +Künstler, der echte Historiker schaut, wie etwas wird. Er erlebt das +Werden in den Zügen des Betrachteten noch einmal. Der Systematiker, +sei er Physiker, Darwinist, oder schreibe er pragmatische Historie, +erfährt, was geworden ist. Die Seele eines Künstlers ist wie die Seele +einer Kultur etwas, das sich verwirklichen möchte, etwas vollständiges +und vollkommenes, in der Sprache einer altern Philosophie: Mikrokosmos. +Der Geist des Physikers, eine späte, engere und vorübergehende +Erscheinung, gehört in die reifsten Stadien einer Kultur. Er ist an +das Phänomen der <em class="gesperrt">Städte</em> gebunden, in denen sich ihr Leben mehr +und mehr zusammendrängt, und er verschwindet wieder mit ihnen. Antike +Wissenschaft gibt es nur von den Ioniern des 6. Jahrhunderts an bis zur +Römerzeit. Antike Künstler gibt es, solange es eine Antike gibt.</p> + +<p>Ein Schema möge wieder zur Verdeutlichung dienen:</p> + +<figure class="figcenter illowe30" id="p147_schema"> + <img class="w100" src="images/p147_schema.jpg" alt="Schema zur Einheit von + Bewusstsein, Erkenntnis und Weltbild"> +</figure> + +<p>Versucht man sich über das Prinzip der <em class="gesperrt">Einheit</em> klar zu +werden, aus welcher jede der beiden Welten aufgefaßt wird, so +findet man, daß mathematisch geregelte Erkenntnis, und zwar desto +entschiedener, je reiner sie ist, sich durchaus auf ein beständig +<em class="gesperrt">Gegenwärtiges</em> bezieht. Das Bild der Natur, wie es der Physiker +betrachtet, ist das augenblicklich vor seinen Sinnen sich entfaltende. +Zu den meist verschwiegenen, aber um so festeren Voraussetzungen +aller Naturforschung gehört die, daß die Natur für alle und zu +allen Zeiten dieselbe sei. Ein Experiment entscheidet „für immer“. +Wirkliche Geschichte aber beruht auf dem ebenso gewissen innern +Gefühl des Gegenteils. Geschichte setzt als ihr Organ eine schwer zu +beschreibende Art innerer Sinnlichkeit voraus, deren Eindrücke in +unendlicher Wandlung begriffen sind, mithin in einem Zeitpunkte gar +nicht zusammengefaßt werden können. (Von der vermeintlichen „Zeit“ der +Physiker wird später die Rede sein.) Das Bild der Geschichte — sei es +die der Menschheit, der Organismenwelt, der Erde, der Fixsternsysteme +— ist ein <em class="gesperrt">Gedächtnisbild</em>. Und zwar kann man die frühere +Unterscheidung wiederholen und sagen, daß „Natur“ ein Weltbild sei, +in welchem das Gedächtnis der Einheit des unmittelbar Sinnlichen +unterworfen ist, „Geschichte“ dasjenige, in welchem das Gedächtnis die +Eindrücke der Sinne sich einverleibt. Gedächtnis wird hier als ein +höherer Zustand aufgefaßt, der durchaus nicht jeder Seele eigen und +vielen nur in geringem Grade verliehen ist, eine Art Einbildungskraft, +die jeden Augenblick sub specie aeternitatis, in steter Beziehung auf +alles Vergangene und Zukünftige durchlebt werden läßt; es ist die +Voraussetzung jeder<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Art von reflektierender Beschaulichkeit, von +Selbsterkenntnis und Selbstbekenntnis. In diesem Sinne besitzt der +antike Mensch kein Gedächtnis, mithin keine Geschichte, weder in sich +noch um sich. („Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich +selbst Geschichte erlebt hat.“ Goethe.) Im antiken Weltbewußtsein wird +alles Vergangene im Augenblicklichen aufgesaugt. Man vergleiche die +äußerst „historischen“ Köpfe der Naumburger Domskulpturen, Dürers, +Rembrandts mit denen hellenistischer Bildnisse, etwa der bekannten +Sophoklesstatue. Die einen erzählen die ganze Geschichte einer Seele, +die Züge des andern beschränken sich streng auf den Ausdruck eines +augenblicklichen innern Zustandes. Sie schweigen von allem, was im +Laufe eines Lebens zu diesem Zustande geführt hat — wenn davon bei +einem echt antiken Menschen, der immer fertig, nie ein Werdender ist, +überhaupt die Rede sein kann.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Physiognomik_6">6</h4> + +</div> + +<p>Und nun ist es möglich, die letzten Elemente der historischen +Formenwelt aufzufinden. Unzählige Gestalten, in endloser Fülle +auftauchend, verschwindend, sich abhebend, wieder verfließend, ein in +tausend Farben und Lichtern blinkendes Gewirr von anscheinend freiester +Zufälligkeit — das ist zunächst das Bild der Weltgeschichte, wie sie +als Ganzes vor dem anschauenden Geiste sich ausbreitet. Der tiefer ins +Wesenhafte dringende Blick aber hebt aus dieser Willkür reine Formen +hervor, die dicht verhüllt und nur widerwillig sich entschleiernd allem +menschlichen Werden zugrunde liegen.</p> + +<p>Vom Bilde des gesamten Weltwerdens, wie es das faustische Auge umfaßt, +dem Werden der Sternensysteme, der Erdoberfläche, der Lebewesen, +betrachten wir jetzt nur die äußerst kleine morphologische Einheit +der „Weltgeschichte“ im landläufigen Sinne, der von Goethe wenig +geachteten Geschichte des höheren Menschentums, die wenig mehr als +6000 Jahre umfaßt, ohne auf das tiefe Problem der Symmetrie all +dieser Gebilde einzugehen. Was dieser flüchtigen Formenwelt Sinn +und Gehalt gibt und was bis jetzt tief verschüttet unter der kaum +verstandenen Masse handgreiflicher „Daten“ und „Tatsachen“ lag, ist +das<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> <em class="gesperrt">Phänomen der großen Kulturen</em>. Erst nachdem diese Urformen +in ihrer physiognomischen, organischen Bedeutsamkeit erschaut, +gefühlt, herausgearbeitet worden sind, kann das Wesen der Geschichte +— gegenüber dem Wesen der Natur — als verstanden gelten. Erst von +diesem Ein- und Ausblicke an darf von einer Philosophie der Geschichte +ernsthaft die Rede sein. Erst dann ist es möglich, jedes Faktum +im historischen Bilde, jeden Gedanken, jede Kunst, jeden Krieg, +jede Persönlichkeit, jede Epoche ihrem symbolischen Gehalte nach +zu begreifen und die Geschichte selbst nicht mehr als bloße Summe +von Vergangenem ohne eigentliche Ordnung und innere Notwendigkeit +zu begreifen, sondern als einen Organismus von strengstem Bau und +sinnvollster Gliederung, in dessen Entwicklung die zufällige Gegenwart +des Betrachters keinen Abschnitt bezeichnet und die Zukunft nicht mehr +formlos und unbestimmbar erscheint.</p> + +<p><em class="gesperrt">Kulturen sind Organismen.</em> Kulturgeschichte ist ihre Biographie. +Die in historischer Erscheinung — im Gedächtnisbilde — uns +vorliegende Geschichte der chinesischen oder antiken Kultur ist +morphologisch das genaue Seitenstück zur Geschichte des einzelnen +Menschen, eines Tieres, eines Baumes oder einer Blume. Will man ihre +Struktur kennen lernen, so hat die vergleichende Morphologie der +Pflanzen und Tiere längst die Methode dazu vorbereitet.<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a> Im Phänomen +der einzelnen, aufeinander folgenden, nebeneinander aufwachsenden, sich +berührenden, überschattenden, erdrückenden Kulturen erschöpft sich der +Gehalt aller Historie. Und läßt man ihre Gestalten, die bis jetzt nur +allzu gut unter der Oberfläche einer trivial fortlaufenden „Geschichte +der Menschheit“ verborgen lagen, im Geiste vorüberziehen, so muß es +gelingen, den Typus, die Urgestalt <em class="gesperrt">der</em> Kultur, frei von allem +Trübenden und Unbedeutenden, aufzufinden, die allen einzelnen Kulturen +als Formideal zugrunde liegt.</p> + +<p>Ich unterscheide die <em class="gesperrt">Idee</em> einer Kultur, ihre inneren +Möglichkeiten, von ihrer sinnlichen <em class="gesperrt">Erscheinung</em> im Bilde +der Geschichte als der vollzogenen Verwirklichung. Es ist das +Verhältnis der Seele zum Körper, ihrem <em class="gesperrt">Ausdruck</em> im Bereiche<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> +des Ausgedehnten und Gewordenen. Geschichte einer Kultur ist die +Verwirklichung ihres Möglichen. Die Vollendung ist gleichbedeutend mit +dem Ende. So verhält sich die apollinische Seele, deren Idee einige +von uns vielleicht noch einmal <em class="gesperrt">fühlen</em> und <em class="gesperrt">nacherleben</em> +können, zu ihrer räumlichen Entfaltung, der <em class="gesperrt">wissenschaftlich</em> +zugänglichen „Antike“, deren Physiognomie der Archäologe, der +Philologe, der Ästhetiker und der Historiker studieren.</p> + +<p>Kultur ist das <em class="gesperrt">Urphänomen</em> aller vergangenen und künftigen +Weltgeschichte. Die tiefe und wenig gewürdigte Idee Goethes, die +er in seiner lebendigen Natur fand und seinen morphologischen +Forschungen stets zugrunde gelegt hat, soll hier in ihrem genauesten +Sinne auf all die vollkommen ausgereiften, in der Blüte erstorbenen, +halbentwickelten, im Keim erstickten Bildungen der menschlichen +Geschichte angewendet werden. Hier redet nicht der analysierende +Verstand, sondern das unmittelbare Weltgefühl, das Anschauen. „Das +Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen, und wenn ihn +das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden, ein Höheres +kann es ihm nicht gewähren und ein Weiteres soll er nicht dahinter +suchen: hier ist die Grenze.“ Ein Urphänomen ist dasjenige, in welchem +die Idee des Werdens rein vor Augen liegt. Goethe sah die Idee der +<em class="gesperrt">Urpflanze</em> in der Gestalt jeder einzelnen, zufällig entstandenen +oder überhaupt möglichen Pflanze klar vor seinem geistigen Auge. Er +fühlte hier den Sinn des Werdens mit aller Deutlichkeit. Er ging bei +seiner großen Entdeckung des <i>os intermaxillare</i>, die allein alle +Leistungen Darwins aufwiegt, vom <em class="gesperrt">Urphänomen des Wirbeltiertypus</em>, +auf anderem Gebiete von der geologischen Schichtung, vom Blatt als +der <em class="gesperrt">Urform</em> aller pflanzlichen Organe, von der Metamorphose der +Pflanzen als dem Urbild alles organischen Werdens aus. „Dasselbe Gesetz +wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen“, schrieb er +aus Neapel an Herder, als er ihm seine Entdeckung mitteilte. Das 19. +„historische“ Jahrhundert hat ihn nicht verstanden.</p> + +<p>Das Urphänomen ist, wie Goethe mit Entschiedenheit betont, reine +Anschauung einer Idee, nicht Erkenntnis eines Begriffes. Alle +Geschichtsschreibung aber ist bisher eine durchaus<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> anorganische +Kombination objektiver Tatsachen und Beobachtungen gewesen, die sich +bestenfalls aus einem Erkenntnisprinzip von sozialer oder politischer, +jedenfalls kausaler Formulierung ergab, das man in Wirklichkeit der +Naturforschung und zwar der materialistischen abgelauscht hatte. +Wenn man sich nicht im Stile Hegels und Schellings in Abstrusitäten +verlor, so trieb man Systematik. Der Darwinismus mit seinen möglichst +massiven, möglichst praktischen „Ursachen“ — die der westeuropäische +Großstadtmensch sonst nicht als Ursachen von Wirkungen begriffen hätte +— ist tatsächlich die Übertragung parteipolitischer Plattheiten auf +die Erscheinungen der Tierwelt, aber andererseits sind die Prinzipien +der heute so „wirtschaftlich“ gestimmten Geschichtsschreibung +biologische, vom Darwinismus zurückeroberte Plattheiten. Von einer +strengen und klaren Physiognomik, deren exakte Methoden erst noch +zu finden waren, ist niemals die Rede gewesen. Hier liegt die +Aufgabe des 20. Jahrhunderts vor, die Struktur der historischen +Organismen bloßzulegen, das morphologisch Notwendige vom Zufälligen zu +unterscheiden, den Ausdruck aller historischen Züge zu entziffern und +den letzten Sinn dieser stummen Sprache aufzufinden.</p> + +<p>Die bisher abgelaufene Geschichte ist nicht übersichtlich. Als +ganz ausgereifte Gebilde, deren jedes also den Körper eines zur +inneren Vollendung gelangten Seelentums repräsentiert, darf man die +chinesische, babylonische, ägyptische, indische, antike, arabische, +abendländische und die Mayakultur betrachten. Als im Entstehen +begriffen kommt die russische in Betracht. Die Zahl der nicht zur Reife +gelangten Kulturen ist gering; die persische, hettitische und die der +Kitschua befinden sich darunter. Für das Verständnis des Urphänomens +selbst sind sie ohne Bedeutung.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Physiognomik_7">7</h4> + +</div> + +<p>Eine unübersehbare Masse menschlicher Wesen, ein uferloser Strom, +der aus dunkler Vergangenheit hervortritt, dort, wo unser Zeitgefühl +seine ordnende Wirksamkeit verliert und die ruhelose Phantasie — oder +Angst — in uns das Bild geologischer Erdperioden hingezaubert hat, um +ein nie zu lösendes<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Rätsel dahinter zu verbergen, der sich in eine +ebenso dunkle und zeitlose Zukunft verliert: das ist der Untergrund +des Bildes der Menschengeschichte. Der einförmige Wellenschlag +zahlloser Generationen bewegt die weite Fläche. Glitzernde Streifen +breiten sich aus. Flüchtige Lichter ziehen und tanzen darüber hin, +verwirren und trüben den klaren Spiegel, verwandeln sich, blitzen +auf und verschwinden. Wir haben sie Geschlechter, Stämme, Völker, +Rassen genannt. Sie fassen eine Reihe von Generationen in einem +beschränkten Kreise der historischen Oberfläche zusammen. Wenn die +gestaltende Kraft in ihnen erlischt — und diese Kraft ist eine sehr +verschiedene und bestimmt eine sehr verschiedene Dauer und Plastizität +dieser Phänomene im voraus —, erlöschen auch die physiognomischen, +sprachlichen, geistigen Merkmale und die Erscheinung löst sich wieder +in dem Chaos der Generationen auf. Arier, Mongolen, Germanen, Kelten, +Parther, Franken, Karthager, Berber, Bantu sind Namen für höchst +verschiedenartige Gebilde dieser Ordnung.</p> + +<p>Über diese Fläche hin aber ziehen die großen Kulturen ihre +majestätischen Wellenkreise. Sie tauchen plötzlich auf, verbreiten sich +in prachtvollen Linien, glätten sich, verschwinden und der Spiegel der +Flut liegt wieder einsam und schlafend da.</p> + +<p>Eine Kultur wird in dem Augenblick geboren, wo eine große Seele aus +dem urseelenhaften Zustande ewig-kindlichen Menschentums erwacht, +sich ablöst, eine Gestalt aus dem Gestaltlosen, ein Begrenztes und +Vergängliches aus dem Grenzenlosen und Verharrenden. Sie erblüht auf +dem Boden einer genau abgrenzbaren Landschaft, an die sie pflanzenhaft +gebunden bleibt. Eine Kultur stirbt, wenn diese Seele die volle +Summe ihrer Möglichkeiten in der Gestalt von Völkern, Sprachen, +Glaubenslehren, Künsten, Staaten, Wissenschaften verwirklicht hat und +damit wieder ins Urseelentum zurückkehrt. Ihr lebendiges Dasein aber, +jene Folge großer Epochen, die in strengem Umriß die fortschreitende +Vollendung bezeichnen, ist ein tiefinnerlicher, leidenschaftlicher +Kampf um die Behauptung der Idee gegen die Mächte des Chaos nach außen, +gegen das Unbewußte nach innen, in das sie sich grollend zurückgezogen +haben. Nicht nur der Künstler kämpft gegen den Widerstand der Materie +und gegen die Vernichtung der Idee in sich. Jede<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Kultur steht in einer +tief symbolischen Beziehung zu Stoff und Raum, in dem, durch den sie +sich realisieren will. Ist das Ziel erreicht und die Idee, die ganze +Fülle innerer Möglichkeiten vollendet und nach außen hin verwirklicht, +so <em class="gesperrt">erstarrt</em> die Kultur plötzlich, sie stirbt ab, ihr Blut +gerinnt, ihre Kräfte brechen — sie wird zur <em class="gesperrt">Zivilisation</em>. So +kann sie, ein abgestorbener Baumriese im Urwald, noch Jahrhunderte +hindurch die morschen Äste emporstrecken. Wir sehen es an Ägypten, +an China, an Indien, an der Welt des Islam. So ragte die antike +Zivilisation der Kaiserzeit mit einer scheinbaren Jugendkraft und Fülle +riesenhaft auf und nahm der jungen arabischen Kultur des Ostens Luft +und Licht.</p> + +<p>Dies ist der Sinn aller <em class="gesperrt">Untergänge</em> in der Geschichte, von denen +der in seinen Umrissen deutlichste als „Untergang der Antike“ vor uns +steht, während wir die frühesten Anzeichen des eignen, eines nach +Verlauf und Dauer jenem völlig kongruenten Ereignisses, das den ersten +Jahrhunderten des nächsten Jahrtausends angehört, den „Untergang des +Abendlandes“, heute schon deutlich in und um uns spüren.</p> + +<p>Jede Kultur durchläuft die Altersstufen des einzelnen Menschen. Jede +hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr Greisentum. +Eine junge, verschüchterte, ahnungsschwere Seele offenbart sich in +der Morgenfrühe der Romanik und Gotik. Sie erfüllt die faustische +Landschaft von der Provence der Troubadoure an bis zum Hildesheimer +Bischof Bernwards. Hier weht Frühlingswind. „Man sieht in den +Werken der altdeutschen Baukunst“, sagt Goethe, „die Blüte eines +außerordentlichen Zustandes. Wem eine solche Blüte unmittelbar +entgegentritt, der kann nichts als anstaunen; wer aber in das geheime +innere Leben der Pflanze hineinsieht, in das Regen der Kräfte und +wie sich die Blüte nach und nach entwickelt, der sieht die Sache +mit ganz andern Augen, der weiß, was er sieht.“ Kindheit spricht +ebenso und in ganz verwandten Lauten aus der frühhomerischen Dorik, +aus der altchristlichen, das heißt früharabischen Kunst und aus +den Werken des mit der 4. Dynastie beginnenden Alten Reiches in +Ägypten. Da ringt ein mythisches Weltbewußtsein mit allem Dunklen und +Dämonischen in sich und in der Natur wie mit einer <em class="gesperrt">Schuld</em>, um +langsam dem<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> reinen lichtklaren Ausdruck eines endlich gewonnenen +und begriffenen Daseins entgegen zu reifen. Je mehr sich eine Kultur +der Mittagshöhe ihres Daseins nähert, desto männlicher, herber, +beherrschter, gesättigter wird ihre endlich gesicherte Formensprache, +desto gewisser ist sie im Gefühl ihrer Kraft, desto klarer werden ihre +Züge. In der Frühzeit ist das alles noch dumpf, verworren, suchend, +von kindlicher Sehnsucht und Angst zugleich erfüllt. Man betrachte +die Ornamentik romanischer Kirchenportale Sachsens und des südlichen +Frankreichs. Man denke an die Vasen des Dipylonstils. Jetzt, im vollen +Bewußtsein der gereiften Gestaltungskraft, wie sie die Zeitalter +des Sesostris, der Peisistratiden, Justinians I., der spanischen +Weltmacht Karls V. zeigen, erscheint jede Einzelheit des Ausdruckes +gewählt, streng, gemessen, von einer wunderbaren Leichtigkeit und +Selbstverständlichkeit. Hier finden sich überall Momente von einer +leuchtenden Vollkommenheit, Momente, in denen der Kopf Amenemhets +III. (die Hyksossphinx von Tanis), die Wölbung der Hagia Sophia, +die Gemälde Tizians entstanden sind. Noch später, zart, beinahe +zerbrechlich, von der wehen Süßigkeit der letzten Oktobertage sind die +knidische Aphrodite und die Korenhalle des Erechtheion, die Arabesken +an sarazenischen Hufeisenbögen, der Dresdner Zwinger, Watteau und +Mozart. Zuletzt, im Greisentum der anbrechenden Zivilisation, erlischt +das Feuer der Seele. Die abnehmende Kraft wagt sich noch einmal, mit +halbem Erfolge — im Klassizismus, der keiner erlöschenden Kultur +fremd ist — an eine große Schöpfung; die Seele denkt noch einmal — +in der Romantik — wehmütig an ihre Kindheit zurück. Endlich verliert +sie, müde, verdrossen und kalt, die Lust am Dasein und sehnt sich — +wie in der Römerzeit — aus dem tausendjährigen Lichte wieder in das +Dunkel urseelenhafter Mystik, in den Mutterschoß, ins Grab zurück. Das +ist der Zauber, den damals der Isis-, Serapis-, Horus-, Mithraskult +auf das sterbende Römertum ausübten, dieselben Kulte, welche eine eben +ertagende Seele im Osten als den frühesten, träumerischen, ängstlichen +Ausdruck ihres Seins konzipiert und mit einer neuen Innerlichkeit +erfüllt hatte.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> + +<h4 id="Physiognomik_8">8</h4> + +</div> + +<p>Man spricht vom <em class="gesperrt">Habitus</em> einer Pflanze und meint damit die ihr +allein zugehörige Art der äußern Erscheinung, den Charakter und Stil +ihres Hervortretens in den Bereich des Gewordnen und Ausgedehnten, +durch den sich jede in jedem ihrer Teile und auf jeder Altersstufe von +den Exemplaren aller andern Gattungen unterscheidet. Ich wende diesen +für die Physiognomik wichtigen Begriff auf die großen Organismen der +Geschichte an und spreche von dem Habitus indischer, ägyptischer, +antiker Kultur, Geschichte oder Geistigkeit. Ein unbestimmtes Gefühl +davon hat immer schon dem <em class="gesperrt">Stilbegriff</em> zugrunde gelegen und es +heißt ihn nur verdeutlichen und vertiefen, wenn man vom religiösen, +geistigen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen Stil einer Kultur, +überhaupt vom <em class="gesperrt">Stil einer Seele</em> spricht. Dieser Habitus des +bewußten Daseins, der beim einzelnen Menschen sich auf Gesinnungen, +Gedanken, Gebärden, Handlungen erstreckt, umfaßt im Dasein ganzer +Kulturen den gesamten Lebensausdruck höherer Ordnung, wie die Wahl +bestimmter Kunstgattungen (der Rundplastik, des Fresko durch die +Hellenen, des Kontrapunkts, der Ölmalerei im Abendlande), und die +entschiedene Ablehnung anderer (der Plastik durch die Araber), den +Hang zur Esoterik (Indien) oder Popularität (Antike), zur Rede +(Antike) oder Schrift (China, Abendland) als den Formen der geistigen +Mitteilung, den Typus ihrer Staatenbildungen, Geldsysteme, öffentlichen +Sitten. Alle großen Persönlichkeiten der Antike bilden — ganz +mathematisch betrachtet — eine Gruppe, deren seelischer Habitus von +dem aller großen Menschen der arabischen oder abendländischen Gruppe +wohl unterschieden ist. Man vergleiche selbst Goethe oder Raffael +mit antiken Menschen und Heraklit, Sophokles, Plato, Alkibiades, +Themistokles, Horaz, Tiberius rücken sofort zu einer einzigen Familie +zusammen. Jede antike Weltstadt, vom Syrakus des Hieron bis zum +kaiserlichen Rom, ist als Verkörperung und Sinnbild eines und desselben +Lebensgefühls, nach Grundriß, Straßenbild, Sprache der privaten und +öffentlichen Architektur, nach dem Typus von Plätzen, Gassen, Höfen, +Fassaden, nach Farbe, Lärm, Gewimmel, nach dem Geist ihrer<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Nächte +von der Gruppe der indischen, der arabischen, der abendländischen +Weltstädte streng unterschieden. Im eroberten Granada war die ganze +Seele arabischer Städte, Bagdads und Kairos, noch lange fühlbar, +während in dem Madrid Philipps II. schon alle physiognomischen Merkmale +der modernen Stadtbilder von Berlin, London und Paris anzutreffen +sind. Es liegt eine hohe Symbolik in jedem unterscheidenden Moment; +man denke an den abendländischen Hang zu gradlinigen Perspektiven und +Straßenfluchten wie dem mächtigen Zuge der Champs Elysées vom Louvre an +oder dem Platz vor der Peterskirche und dessen Gegensatz in der fast +absichtlichen Verworrenheit und Enge der Via sacra, des Forum Romanum +und der Akropolis mit ihrer unsymmetrischen und unperspektivischen +Ordnung der Teile. Auch der Städtebau wiederholt, ob aus Instinkt wie +in der Gotik oder bewußt wie seit Alexander und Napoleon, das Prinzip +der leibnizschen Mathematik des unendlichen Raumes und der euklidischen +der vereinzelten Körper.</p> + +<p>Zum Habitus einer Gruppe von Organismen gehört aber auch eine +bestimmte <em class="gesperrt">Lebensdauer</em> und ein bestimmtes <em class="gesperrt">Tempo</em> der +Entwicklung. Diese Begriffe dürfen in einer Strukturlehre der +Historie nicht fehlen. Der <em class="gesperrt">Takt</em> des antiken Daseins war ein +anderer als der des ägyptischen oder arabischen. Man darf vom Andante +des hellenisch-römischen und vom Allegro con brio des faustischen +Geistes reden. Mit dem Begriff der Lebensdauer eines Menschen, eines +Adlers, einer Schildkröte, einer Eiche oder Palme verbindet sich, +ganz unabhängig von allen Zufälligkeiten des Einzelschicksals, +ein bestimmter Wert. Zehn Jahre sind im Leben aller Menschen ein +annähernd gleichbedeutender Abschnitt, und die Metamorphose der +Insekten knüpft sich in einzelnen Fällen an eine im voraus genau +bekannte Anzahl von Tagen. Die Römer verbanden mit ihren Begriffen +pueritia, adolescentia, juventus, virilitas, senectus eine geradezu +mathematisch genaue Vorstellung. Die Biologie der Zukunft wird ohne +Zweifel die <em class="gesperrt">vorbestimmte</em> Lebensdauer der Arten und Gattungen +— im Gegensatz zum Darwinismus und mit grundsätzlicher Ausschaltung +kausaler Zweckmäßigkeitsmotive für die Entstehung der Arten — zum +Ausgangspunkt einer ganz neuen Problemstellung machen. Die Dauer<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> +einer Generation — gleichviel von was für Wesen — ist ein Wert von +beinahe mystischer Bedeutung. Diese Beziehungen besitzen nun auch, in +einer bisher nie geahnten Weise, für alle Kulturen Geltung. <em class="gesperrt">Jede +Kultur, jede Frühzeit, jeder Aufstieg und Niedergang, jede ihrer +notwendigen Phasen hat eine bestimmte, immer gleiche, immer mit dem +Nachdruck eines Symbols wiederkehrende Dauer.</em> In diesem Buche muß +darauf verzichtet werden, diese Welt geheimnisvollster Zusammenhänge +zu erschließen, aber die im folgenden immer wieder aufleuchtenden +Tatsachen werden verraten, was alles hier verborgen liegt. Was bedeutet +die in allen Kulturen herrschende 50jährige Periode im Rhythmus des +politischen, geistigen, künstlerischen Werdens?<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> (Das <em class="gesperrt">seelische +Verhältnis</em> des Großvaters zum Enkel liegt hier zugrunde.)<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a> Was +die 300jährigen Perioden der Gotik, des Barock, der Dorik, der Ionik, +der großen Mathematiken, der attischen Plastik, der Mosaikmalerei, des +Kontrapunkts, der galileischen Mechanik? Was bedeutet die <em class="gesperrt">ideale</em> +Lebensdauer von einem Jahrtausend für jede Kultur im Vergleich zu der +des Einzelnen, dessen „Leben 70 Jahre währt“?</p> + +<p>Wie Blätter, Blüten, Zweige, Früchte in Tracht, Form und Haltung +ein Pflanzendasein zum Ausdruck bringen, so tun es die ethischen, +mathematischen, politischen, wirtschaftlichen Bildungen im Dasein +einer Kultur. Was etwa für Goethes Individualität eine Reihe so +verschiedenartiger Äußerungen wie der Faust, die Farbenlehre, der +Reineke Fuchs, Tasso, Werther, die Reise nach Italien, die Liebe zu +Friederike, der Divan und die römischen Elegien waren, das bedeuten für +die Individualität der Antike die Perserkriege, die attische Tragödie, +die Polis, das Dionysische so gut wie die Tyrannis, die ionische +Säule,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> die Geometrie Euklids, der Garten Epikurs, die römische Legion, +die Gladiatorenkämpfe und das „panem et circenses“ der Kaiserzeit.</p> + +<p>In diesem Sinne wiederholt mit tiefster Notwendigkeit jedes irgendwie +bedeutende Einzeldasein alle Phasen der Kultur, der es angehört. In +jedem von uns erwacht das Innenleben — in jenem entscheidenden Moment, +von dem an man weiß, daß man ein Ich hat — dort, wo einst die Seele +der ganzen Kultur erwachte. Jeder von uns Menschen des Abendlandes +erlebt als Kind seine Gotik, seine Dome, Ritterburgen und Heldensagen, +das „<i>Dieu le veut</i>“ der Kreuzzüge in wachen Träumen und +Kinderspielen noch einmal. Jeder junge Grieche hatte sein homerisches +Zeitalter und sein Marathon. In Goethes Werther, dem Bild einer Epoche, +die jeder faustische, aber kein antiker Mensch kennt, taucht die +Frühzeit Petrarcas und des Minnesangs noch einmal auf. Als Goethe den +Urfaust entwarf, war er Parzival. Als er den ersten Teil abschloß, +war er Hamlet. Erst mit dem zweiten Teil wurde er der Weltmann des +19. Jahrhunderts, der Byron verstand. Selbst das Greisentum, jene +grillenhaften und unfruchtbaren Jahrhunderte des spätesten Hellenismus, +die „zweite Kindheit“ einer müden, blasierten Intelligenz, ist an +mehr als einem großen Greise des Griechentums zu studieren. In den +Bacchen des Euripides ist viel von der Vitalität, in Platos Timaios +von dem religiösen Synkretismus der Kaiserzeit vorweggenommen. Und +Goethes zweiter Faust, Wagners Parsifal verraten im voraus, welche +Gestalt <em class="gesperrt">unser</em> Seelentum in den nächsten, den <em class="gesperrt">letzten</em> +Jahrhunderten annehmen wird.</p> + +<p>Als <em class="gesperrt">Homologie der Organe</em> bezeichnet die Biologie die +<em class="gesperrt">morphologische</em> Gleichwertigkeit im Gegensatz zur <em class="gesperrt">Analogie</em> +der Organe, die sich auf die Gleichwertigkeit der <em class="gesperrt">Funktion</em> +bezieht. Goethe hat diesen bedeutenden und in der Folge so fruchtbaren +Begriff konzipiert, dessen Verfolgung ihn zur Entdeckung des <i>os +intermaxillare</i> beim Menschen führte; Owen hat ihm eine streng +wissenschaftliche Fassung gegeben. Ich führe auch diesen Begriff in die +historische Methode ein.</p> + +<p>Man weiß, daß jedem Teile des menschlichen Kopfskeletts bei jedem +Wirbeltiere bis zu den Fischen herab ein anderer genau entspricht, +daß die Brustflossen der Fische und Füße,<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Flügel, Hände der +landbewohnenden Wirbeltiere homologe Organe sind, auch wenn sie den +leisesten Anschein von Ähnlichkeit verloren haben. <em class="gesperrt">Homolog</em> sind +die Lunge der Landtiere und die Schwimmblase der Fische, <em class="gesperrt">analog</em> +— in bezug auf den Gebrauch — sind Lunge und Kiemen.<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a> Hier äußert +sich eine vertiefte, durch strengste Schulung des Blickes erworbene +morphologische Begabung, die der heutigen Geschichtsforschung mit ihren +oberflächlichen Vergleichen — zwischen Christus und Buddha, Cäsar +und Wallenstein, der deutschen und der hellenischen Kleinstaaterei +— völlig fremd ist. Man vergleicht die spätantike Baukunst mit +dem Barock, Archimedes mit Galilei, Weimar mit Florenz. — Im 18. +Jahrhundert war eine geistreiche Morphologie beliebt, welche den +Löwenschwanz mit einer Fächerpalme, den Hals des Schwans mit einer +keimenden Zwiebel genetisch in Verbindung brachte. Es wird sich im +Verlaufe dieses Buches zeigen, welch ungeheure Perspektiven sich dem +historischen Blick eröffnen, sobald jene vertiefte Methode, historische +Phänomene aufzufassen, verstanden und ausgebildet worden ist. Homologe +Bildungen sind, um hier nur weniges zu nennen, die schon oft erwähnte +griechische Plastik und die nordische Instrumentalmusik, die Pyramiden +der 4. Dynastie und die gotischen Dome, der indische Buddhismus und der +römische Stoizismus (Buddhismus und Christentum sind <em class="gesperrt">nicht einmal +analog</em>), die Feldzüge Alexanders und Napoleons (<em class="gesperrt">nicht</em> die +Cäsars), die Zeit des Perikles und die der Regentschaft (des Kardinals +Fleury), die Epochen Plotins und Dantes. Homolog sind dionysische +Strömung und Renaissance, analog dionysische Strömung und Reformation. +Für uns — das hat Nietzsche richtig gefühlt — resümiert Wagner die +Modernität. <em class="gesperrt">Folglich</em> muß es für die antike Modernität, für +antike Weltstadtseelen<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> und -nerven etwas Entsprechendes geben. Es ist +die pergamenische Kunst. Die Tafeln am Anfang geben einen vorläufigen +Begriff von der Fruchtbarkeit dieses Aspekts.</p> + +<p>Aus der Homologie historischer Phänomene folgt sogleich ein völlig +neuer Begriff. Ich nenne <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> zwei geschichtliche +Fakta, die, jedes in seiner Kultur, in genau derselben — relativen +— Lage eintreten und also eine genau entsprechende Bedeutung +haben. Es war gezeigt worden, wie die Entwicklung der antiken und +der abendländischen Mathematik in völliger Kongruenz verläuft. Der +Fall ist typisch. Hier hätten also Pythagoras und Descartes, Plato +und Laplace, Archimedes und Gauß als <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> bezeichnet +werden dürfen. <em class="gesperrt">Gleichzeitig</em> vollzieht sich die Entstehung +der Ionik und des Barock. Polygnot und Rembrandt, Polyklet und Bach +sind <em class="gesperrt">Zeitgenossen</em>. Gleichzeitig erscheint in allen Kulturen +der Moment, wo die Metamorphose zur Zivilisation sich vollzieht. In +der Antike trägt diese Epoche die Namen Philipps und Alexanders, +im Abendlande tritt das <em class="gesperrt">homologe</em> Ereignis in Gestalt der +Revolution und Napoleons ein. Betrachtet man — hier werden +entscheidende Resultate des zweiten Teils vorweggenommen — die +wirtschaftlich-intellektuelle Stimmung hellenischer Großstädte nach +dem Frieden des Antalkidas (386); sieht man die wüsten Revolutionen +der Besitzlosen, die wie in Argos (370) alle Reichen mit Knütteln in +den Straßen totschlugen, so hat man das Gegenstück zur französischen +Gesellschaft nach dem Pariser Frieden (1763). Voltaire, Rousseau, +Mirabeau, Beaumarchais und Sokrates, Aristophanes, Hippon, Isokrates +sind Zeitgenossen. In beiden Fällen beginnt die Zivilisation. Dieselbe +Aufklärung und Auflösung aller Tradition, dieselben Bastillenstürme, +Massenhinrichtungen, Wohlfahrtsausschüsse, dieselben Staatsutopien bei +Plato, Xenophon, Aristoteles und Rousseau, Kant, Fichte, Saint-Simon, +dieselbe Schwärmerei für Naturrechte, Gesellschaftsvertrag, Freiheit +und Gleichheit bis zu den Forderungen allgemeiner Bodenverteilung und +Gütergemeinschaft (Hippon, Babeuf) und endlich dieselbe Resignation +und Hoffnung auf einen demokratisch fundierten Napoleonismus bei Plato +wie bei Rousseau und Saint-Simon. Napoleons Staatsstreich war nicht +der erste, der geplant und gemacht wurde, nur der erste, der<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> glückte. +Die antiken „Soldatenkaiser“ beginnen schon mit Dionys von Syrakus +(405), Jason von Pherä (374), Maussolos von Halikarnaß (353). Nur +der Erbe ihrer Idee war Philipp von Makedonien. Das 4. Jahrhundert, +das mit Alkibiades — der viel vom imperialen Ehrgeiz Mirabeaus, +Napoleons und Byrons hat — beginnt und mit Alexander endet, ist das +genaue Gegenbild der Zeit von 1750 bis 1850, in welcher mit tiefer +Logik der contrat social, Robespierre, Napoleon, die Volksheere und +der Sozialismus aufeinander folgen, während im Hintergrunde <em class="gesperrt">Rom +und Preußen</em> sich auf ihre welthistorische Rolle vorbereiten. +Daß Alexander das Perserreich zerstörte, daß Napoleons Kampf gegen +seinen <em class="gesperrt">einzigen</em> Gegner, das englische System, mißlang, sind in +gewissem Sinne <em class="gesperrt">Zufälle</em>, Oberflächenformen der Epoche, Tendenzen +eines großen Privatlebens, unter denen sich das Schicksalhafte und +Notwendige, das in beiden Fällen identisch war, verbarg. Rechnen +wir hundert Jahre weiter, so wiederholt sich die Homologie zweier +„gleichzeitiger“ Epochen. Die eine — auch hier wird späteren +Ausführungen vorgegriffen — trägt den Namen <em class="gesperrt">Hannibals</em>, die +andere den des <em class="gesperrt">Weltkrieges</em>. Daß im einen Falle ein Mensch, der +gar nicht zur antiken Kultur gehörte, entscheidend eingriff (aber das +ist ja auch der Fall Rußlands im Verhältnis zu „Europa“), gehört zum +<em class="gesperrt">Zufälligen</em>. Die <em class="gesperrt">Bestimmung</em> Hannibals bezieht sich auf +eine innere Vollendung des antiken Gesamtschicksals. Mit der Schlacht +von Zama geht der Schwerpunkt der Antike vom Hellenismus zum Römertum +über. Der <em class="gesperrt">entsprechende</em> Sinn der abendländischen Epoche, in +deren Mitte wir heute stehen, wird später dargelegt werden.</p> + +<p>Ich hoffe zu beweisen, daß ohne Ausnahme die sämtlichen großen +Schöpfungen und Formen der Religion, Kunst, Politik, Gesellschaft, +Wirtschaft, Wissenschaft in sämtlichen Kulturen <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> +entstehen, sich vollenden, erlöschen; daß der inneren Struktur der +einen die aller anderen durchaus entspricht; daß es nicht <em class="gesperrt">eine</em> +Erscheinung von tiefer physiognomischer Bedeutung im historischen +Bilde der einen gibt, deren Gegenstück, und zwar in einer streng +bezeichnenden Form und an ganz bestimmter Stelle nicht in den übrigen +aufzufinden wäre. Allerdings bedarf es, um diese morphologische +Identität zweier<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Phänomene zu begreifen, einer ganz andern Vertiefung +und Unabhängigkeit vom Augenschein des Vordergrundes, als sie unter +Historikern bisher üblich war, die sich nie hätten träumen lassen, daß +der Protestantismus in der dionysischen Bewegung sein Gegenbild findet +und daß der englische Puritanismus im Abendlande dem Islam in der +arabischen Welt entspricht.</p> + +<p>Aus diesem Aspekte ergibt sich eine Möglichkeit, die weit über den +Ehrgeiz aller bisherigen Geschichtsforschung hinausgeht, die sich im +wesentlichen darauf beschränkte, Vergangnes, soweit man es kannte, +sukzessiv zu ordnen: Die Gegenwart als Grenze der Untersuchung zu +überschreiten und auch die <em class="gesperrt">noch nicht</em> abgelaufenen Phasen +der Geschichte nach Typus, Tempo, Sinn, Resultat zu bestimmen, aber +auch längst verschollene und unbekannte Epochen, ja ganze Kulturen +der Vergangenheit an der Hand morphologischer Zusammenhänge zu +rekonstruieren (ein Verfahren, das dem der Paläontologie nicht +unähnlich ist, die heute imstande ist, aus einem einzigen aufgefundenen +Schädelfragment weitgehende und sichere Angaben über das Skelett und +die Zugehörigkeit des Exemplars zu einer bestimmten Art zu machen).</p> + +<p>Es ist, den physiognomischen Takt vorausgesetzt, durchaus möglich, +aus zerstreuten Details der Ornamentik, Bauweise, Schrift, aus +vereinzelten Daten politischer, wirtschaftlicher, religiöser Natur +die organischen Grundzüge des Geschichtsbildes ganzer Jahrhunderte +wiederzufinden, aus Einzelheiten der künstlerischen Formensprache +etwa die gleichzeitige Staatsform, aus mathematischen Prinzipien den +Charakter der entsprechenden wirtschaftlichen abzulesen, ein echt +goethesches, auf Goethes Idee vom <em class="gesperrt">Urphänomen</em> zurückführendes +Verfahren, das in beschränktem Umfange der vergleichenden Tier- und +Pflanzenkunde geläufig ist, das sich aber in einem nie geahnten Grade +auf den gesamten Bereich der Historie ausdehnen läßt.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Das Antihistorische als Ausdruck einer entschieden +systematischen Veranlagung ist vom Ahistorischen sehr zu unterscheiden. +Der Anfang des 4. Buches der „Welt als Wille und Vorstellung“ (§ 53) +ist bezeichnend für einen Menschen, der antihistorisch denkt, d. h. aus +theoretischen Gründen das Historische in sich, das <em class="gesperrt">vorhanden</em> +ist, unterdrückt und verwirft im Gegensatz zur ahistorischen +hellenischen Natur, die es nicht <em class="gesperrt">hat</em> und nicht <em class="gesperrt">kennt</em>.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> „Es gibt Urphänomene, die wir in ihrer göttlichen Einfalt +nicht stören und beeinträchtigen sollen“ (Goethe).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Es ist nicht die des zoologischen „Pragmatismus“ der +Darwinisten mit seiner Jagd nach Kausalzusammenhängen, sondern die +intuitive Goethes.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Ich mache hier nur auf den Abstand der drei punischen +Kriege und auf die ebenfalls rein rhythmisch zu begreifende Reihe +des spanischen Erbfolgekrieges, der Kriege Friedrichs des Großen, +Napoleons, Bismarcks und des Weltkriegs aufmerksam.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Aus diesem früh gefühlten Zusammenhang stammt die +Überzeugung primitiver Völker, daß die Seele des Großvaters im Enkel +zurückkehre. Daher schreibt sich die allgemeine Sitte, dem Enkel den +<em class="gesperrt">Namen</em> des Großvaters zu geben, der mit seiner mystischen Kraft +dessen Seele wieder in die Körperwelt bannt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Es ist nicht überflüssig hinzuzufügen, daß diese +<em class="gesperrt">reinen Phänomene</em> der lebendigen Natur fernab von allem Kausalen +liegen und daß der Materialismus ihr Bild erst durch die Projektion +utilitarischer Tendenzen verderben mußte, ehe er es zum <em class="gesperrt">System</em> +hergerichtet hatte. Goethe, der vom Darwinismus ungefähr so viel +vorweggenommen hat, als in fünfzig Jahren von ihm übrig sein wird, +schaltet das Kausalitätsprinzip <em class="gesperrt">ganz</em> aus. Es kennzeichnet das +ursachen- und zwecklose wirkliche Leben, daß die Darwinisten das Fehlen +des Prinzips hier gar nicht bemerkt haben. Der Begriff des Urphänomens +läßt keinerlei kausale Annahmen zu, man müßte ihn denn erst mechanisch +mißverstehen.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Zweites_Kapitel_II">II<br> +SCHICKSALSIDEE UND KAUSALITÄTSPRINZIP</h3> + +</div> + +<h4 id="Schicksalsidee_9">9</h4> + +<p>Dieser Gedankengang erschließt endlich den Blick auf einen +Gegensatz, der den Schlüssel zu einem der ältesten und mächtigsten +Menschheitsprobleme bildet, das erst durch ihn zugänglich und — soweit +das Wort überhaupt einen Sinn hat — lösbar erscheint. Ich meine den +Gegensatz von <em class="gesperrt">Schicksalsidee</em> und <em class="gesperrt">Kausalitätsprinzip</em>, +der niemals bisher als solcher, in seiner tiefen, weltgestaltenden +Notwendigkeit erkannt worden ist.</p> + +<p>Wer überhaupt versteht, inwiefern man die Seele als die <em class="gesperrt">Idee des +Daseins</em> bezeichnen kann, der wird auch ahnen, wie nahe verwandt +ihr die <em class="gesperrt">Gewißheit eines Schicksals</em> ist und inwiefern das Leben +selbst, das ich die Gestalt nannte, in welcher die Verwirklichung des +Möglichen sich vollzieht, als gerichtet, als schicksalhaft empfunden +werden muß — dumpf und ängstigend vom Urmenschen, klar und in der +Fassung einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>, die allerdings nur durch das +Medium von Kunst und Religion, nicht durch Beweise und Begriffe +mitteilbar ist, vom Menschen hoher Kulturen.</p> + +<p>Jede höhere Sprache hat eine Anzahl Worte, die von einem tiefen +Geheimnis umgeben sind: Geschick, Verhängnis, Zufall, Fügung, +Bestimmung. Keine Hypothese, keine Wissenschaft kann je an das +rühren, was man fühlt, wenn man sich in den Sinn und Klang dieser +Worte versenkt. Es sind Symbole, nicht Begriffe. Hier ist der +Schwerpunkt des Weltbildes, das ich Geschichte im Unterschiede von +Natur genannt habe. Die Schicksalsidee verlangt Lebenserfahrung, +nicht wissenschaftliche Erfahrung, Tiefe, nicht Geist. Es gibt eine +<em class="gesperrt">organische Logik</em>, eine Logik des Lebens im Gegensatz zu einer +<em class="gesperrt">Logik des Anorganischen</em> und Starren. Es gibt eine Logik der +Richtung gegenüber einer Logik des Ausgedehnten. Kein Systematiker,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> +kein Kant oder Schopenhauer hat mit ihr etwas anzufangen gewußt. +Sie verstehen von Urteil, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung +zu reden, aber sie schweigen von dem, was in den Worten Hoffnung, +Glück, Verzweiflung, Reue, Ergebenheit, Trotz liegt. Wer hier, im +Lebendigen, Gründe und Folgen sucht und wer da glaubt, daß ein inneres +Wissen um den Sinn des Lebens gleichbedeutend mit Fatalismus und +Prädestination sei, der weiß gar nicht, wovon die Rede ist, der hat +schon das Erlebnis mit dem Erkannten und Erkennbaren verwechselt. +Kausalität ist das Verstandesmäßige, Gesetzhafte, Aussprechbare, die +Form äußerer intellektueller Erfahrung. Schicksal ist das Wort für +eine nicht zu beschreibende innere Gewißheit. Man macht das Wesen des +Kausalen deutlich durch ein physikalisches oder erkenntniskritisches +System, durch Zahlen, durch begriffliche Analysen. Man teilt die Idee +eines Schicksals nur als Künstler mit, durch ein Porträt, durch eine +Tragödie, durch Musik. Das eine fordert eine <em class="gesperrt">Zergliederung</em>, das +andre eine <em class="gesperrt">Schöpfung</em>. Darin liegt die Beziehung des Schicksals +zum Leben, der Kausalität zum Tode.</p> + +<p>In der Schicksalsidee offenbart sich die Weltsehnsucht einer Seele, ihr +Wunsch nach dem Licht, dem Aufstieg, nach Vollendung und Verwirklichung +ihrer Bestimmung. Sie ist keinem Menschen ganz fremd, und erst der +späte Mensch der großen Städte mit seinem Tatsachensinn und der Macht +seines mechanisierenden Intellekts über das Innenleben verliert +sie aus den Augen, bis sie in einer tiefen Stunde mit furchtbarer, +alle Kausalität der Weltoberfläche zermalmender Deutlichkeit vor +ihm steht. Denn das Kausalitätsprinzip ist spät, selten und nur dem +energischen Intellekt hoher Kulturen ein sichrer, gewissermaßen +künstlicher Besitz. Aus ihm redet schon die Weltangst. In ihm bannt +sie das Dämonische in eine Notwendigkeit von dauernder Geltung, die +starr und <em class="gesperrt">entseelend</em> über das physikalische Weltbild gebreitet +ist. Kausalität deckt sich mit dem Begriff des Gesetzes. Es gibt +<em class="gesperrt">nur</em> Kausalgesetze. Aber wie im Kausalen nach Kants Feststellung +eine <em class="gesperrt">Notwendigkeit des wachen Denkens</em> liegt, die <em class="gesperrt">Form +seiner Rezeptivität der Welt gegenüber</em>, so bezeichnen die Worte +Schicksal, Fügung, Bestimmung eine <em class="gesperrt">Notwendigkeit des Lebens</em>. +Wirkliche<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Geschichte hat Schicksal, aber keine Gesetze. Es gibt keine +Übergänge zwischen <em class="gesperrt">Organismus</em> und <em class="gesperrt">Mechanismus</em>. Darin +liegt die große Schwierigkeit, sich verständlich zu machen. Denn schon +der Versuch, den Unterschied beider Welten sprachlich klarzustellen +— leitet unvermerkt vom Leben hinüber zur Sphäre des Kausalen. Die +Sprache selbst ist von kausaler Struktur. Sie mechanisiert, indem sie +erklärt.</p> + +<p>Wer das <em class="gesperrt">Element</em> der Empfindungswelt zergliedert, indem er es +<em class="gesperrt">erkennt</em>, durch das Medium der <em class="gesperrt">kausalen Erfahrung</em> sich +aneignet, es aus dem Zusammenhange eines mechanischen Ganzen deutet, +wer also alles lebendige Werden dem starr Gewordenen einordnet, wird +mit Notwendigkeit die ganze Summe des Daseins aus der Perspektive +von Ursache und Wirkung übersehen, ohne inneres Gerichtetsein, ohne +Geheimnis. Hier liegt der Machtbereich der „Kategorien des Verstandes“, +die Kant mit Recht für a priori wirksam hielt, Formen des exakten +Erkennens, welche eine Oberflächenwelt, ein <em class="gesperrt">Natursystem</em>, +einen Reflex des Geistes erzeugen. Wer aber, wie Goethe, wie beinahe +jeder Mensch in gewissen Augenblicken seines Daseins, die Umwelt +als ein Lebendiges anschaut, das Gewordene als Werden nachfühlt, +die Weltmaske der Kausalität lüftet, für den ist die <em class="gesperrt">Zeit</em> +plötzlich kein Rätsel mehr, kein Begriff, keine Dimension, sondern +etwas innerlich Gewisses, das Schicksal selbst; ihr Gerichtetsein, +ihre <em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>, ihre Lebendigkeit erscheint als der +<em class="gesperrt">Sinn</em> des historischen Weltaspekts. <em class="gesperrt">Schicksal und Kausalität +verhalten sich wie Zeit und Raum.</em></p> + +<p>In beiden <em class="gesperrt">möglichen</em> Weltbildungen — wir erinnern uns indessen, +daß sie die Pole einer Skala von unendlich vielen individuellen +„Welten“ darstellen — in Geschichte und Natur, der <em class="gesperrt">Physiognomie +alles Werdens</em> und dem <em class="gesperrt">System alles Gewordenen</em>, herrschen +also Schicksal <em class="gesperrt">oder</em> Kausalität. Zwischen ihnen besteht der +Unterschied eines Lebensgefühls und einer Erkenntnisform. Jedes von +ihnen ist der Ausgangspunkt einer <em class="gesperrt">vollkommenen</em> und in sich +<em class="gesperrt">geschlossenen</em>, nur nicht der <em class="gesperrt">einzigen</em> Welt.</p> + +<p>Aber das Werden liegt dem Gewordenen, das innere und gewisse +<em class="gesperrt">Gefühl</em> eines Schicksals mithin dem <em class="gesperrt">Begriff</em> von Ursache<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> +und Wirkung zugrunde. Kausalität ist — wenn man sich so ausdrücken +darf — gewordenes, entorganisiertes, in den Formen des Verstandes +erstarrtes Schicksal. Das Schicksal selbst, an dem alle Erbauer +verstandesmäßiger Weltsysteme wie Kant schweigend vorübergegangen +sind, weil sie das Leben mit ihren Abstraktionen nicht zu berühren +vermochten, steht jenseits und außerhalb aller begriffenen Natur. +Als das Ursprüngliche aber gibt es dem toten und starren Prinzip von +Ursache und Wirkung erst die — historische — Möglichkeit, innerhalb +hochentwickelter Kulturen als geistige Weltform aufzutreten. Das +Dasein der antiken Seele ist die <em class="gesperrt">Bedingung</em> für die Entstehung +der Physik Demokrits und das der faustischen für die Mechanik +Newtons. Man kann sich sehr wohl denken, daß beide Kulturen ohne eine +Naturwissenschaft eignen Stils geblieben wären, aber man kann sich +beide Systeme nicht ohne den Untergrund jener Kulturen denken.</p> + +<p>Hier liegt ein neuer Beweis für die Richtigkeit des Antagonismus von +Geschichte und Natur vor. Es ist die Art, wie sie — als Weltbilder +— einander einschließen und unterordnen. Gesetzt, daß „Geschichte“ +diejenige Art der Weltfassung ist, welche gefühlsmäßig das Gewordene +dem Werden, das Ausgedehnte der Zeit einordnet, so müßte dies auch mit +der Natur der Fall sein. Und in der Tat, für den Blick des historisch +eingestellten Menschen gibt es nur eine <em class="gesperrt">Geschichte</em> der +<em class="gesperrt">Physik</em>. All ihre Systeme erscheinen ihm jetzt nicht richtig oder +unrichtig, sondern historisch, psychologisch, durch den Charakter der +Epoche bedingt und ihn mehr oder weniger vollkommen repräsentierend. +Selbst der geborene Physiker, der in der Einleitung seines Buches +einen flüchtigen historischen Überblick über seine Wissenschaft gibt, +hier also für einen Augenblick die „andre Welt“ heraufruft, fühlt +plötzlich so, daß er unvermerkt das Fundament seiner Wissenschaft, das +Postulat der einen und unveränderlichen Wahrheit, in Frage stellt. +Wäre seine Natur <em class="gesperrt">die</em> Natur, so könnte es keine Geschichte der +Systeme geben. Aber der Physiker redet sogar vom <em class="gesperrt">Schicksal</em> eines +Problems. Umgekehrt: Ist „Natur“ die Fassung, welche verstandesmäßig +das Werden dem Gewordenen einverleiben möchte, die lebendige Richtung +also der starren Ausdehnung<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> angleicht (dies ist der Ursprung des +<em class="gesperrt">Bewegungsproblems samt dem Grunde seiner Unlösbarkeit</em>), so darf +die Geschichte bestenfalls in einem Kapitel der Erkenntnistheorie +erscheinen und wirklich, so hätte Kant sie aufgefaßt, wenn er nicht, +was noch bezeichnender ist, sie in seinem Erkenntnissystem vollständig +vergessen hätte. Für ihn wie für jeden geborenen Systematiker war +die Natur <em class="gesperrt">die</em> Welt; indem er von der Zeit redete, ohne deren +<em class="gesperrt">Richtung</em> und Nichtumkehrbarkeit zu bemerken, verriet er, daß +er von der Natur sprach, ohne die Möglichkeit einer andern Welt, der +historischen — die <em class="gesperrt">für ihn</em> vielleicht wirklich unmöglich war — +zu ahnen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Aber Kausalität hat mit Zeit gar nichts zu tun.</em> Das wirkt +heute als ungeheures Paradoxon, vor einer Welt von Kantianern, die +gar nicht wissen, wie sehr sie es sind. Wie die Doppelgestalt des +seelischen Urgefühls, Weltsehnsucht und Weltangst, eine Bejahung +oder Verneinung des wachen Daseins und der in ihm sich offenbarenden +fremden Mächte bedeutet, wie die Angst ein Widerspruch gegen die +ursprünglichere, kindlichere Form der Sehnsucht ist, <em class="gesperrt">aus ihr</em> +erwachsen und <em class="gesperrt">an ihr</em> gestaltet und gereift, so hat man den +Gegensatz von Richtung und Ausdehnung — mit seiner dunklen Beziehung +zu Leben und Tod — zu verstehen. Im Wesen des Ausgedehnten liegt eine +Verneinung der Richtung. Der Raum widerspricht der Zeit, <em class="gesperrt">obwohl +sie ihm voraufgeht und zugrunde liegt</em>. Dieselbe Priorität nimmt +das Schicksal in Anspruch. Wir haben zunächst die Idee des Schicksals +und erst <em class="gesperrt">im Widerspruch</em> zu ihr, aus der Angst geboren, als den +Versuch des Verstandes, das unentrinnbare Ende, den Tod, zu bannen, +zu überwinden, das Kausalitätsprinzip, durch das die Lebensangst +sich des Schicksals zu <em class="gesperrt">erwehren</em> sucht, indem sie ihm zum +Trotz <em class="gesperrt">eine andre Welt gründet</em>. Indem sie das Gespinst von +Ursache und Wirkung über deren sinnliche Oberfläche breitet, hat +sie ein Bild der <em class="gesperrt">Dauer</em> imaginiert. Diese Tendenz liegt in +dem allen reifen Kulturen bekannten Gefühl: Wissen ist Macht. Damit +ist die Macht über das Schicksal gemeint. Der abstrakte Gelehrte, +der Naturforscher, der Denker in Systemen, dessen ganze geistige +Existenz sich auf das Kausalitätsprinzip gründet, ist eine späte +Erscheinung des <em class="gesperrt">Hasses</em> gegen die Mächte des<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Schicksals, des +Unbegreiflichen. Die „reine Vernunft“ leugnet alle Möglichkeiten außer +sich. Hier liegt das strenge Denken mit der großen Kunst ewig im +Streite. Das eine lehnt sich auf, die andre gibt sich hin. Ein Mann +wie Kant wird sich Beethoven immer überlegen fühlen wie der Mann dem +Kinde, aber er wird Beethoven nicht hindern, die „Kritik der reinen +Vernunft“ als eine armselige Art von Weltbetrachtung abzulehnen. Der +Mißbegriff der <em class="gesperrt">Teleologie</em>, dieser Unsinn allen Unsinns innerhalb +der reinen Wissenschaft, bedeutet nichts anderes als den Versuch, +den <em class="gesperrt">lebendigen</em> Gehalt aller naturhaften Erkenntnis — denn +zum Erkennen gehört auch ein Erkennender; und ist der <em class="gesperrt">Inhalt</em> +dieses Denkens „Natur“, so ist der <em class="gesperrt">Akt</em> des Denkens Geschichte +— und mit ihm das Leben selbst durch das mechanistische Prinzip +einer umgekehrten Kausalität zu bannen, zu <em class="gesperrt">assimilieren</em>. Die +Teleologie ist eine Karikatur der Schicksalsidee. Was Dante als +<em class="gesperrt">Bestimmung</em> fühlt, verwandelt der Verstand in einen <em class="gesperrt">Zweck</em> +des Lebens. Dies ist die eigentliche und tiefste Tendenz des +Darwinismus, einer großstädtisch intellektuellen Weltfassung in der +abstraktesten aller Zivilisationen und der aus <em class="gesperrt">einer</em> Wurzel +mit ihm entspringenden, ebenfalls alles Organische und Schicksalhafte +tötenden materialistischen Geschichtsauffassung. Deshalb ist das +morphologische Element des Kausalen ein <em class="gesperrt">Prinzip</em>, das des +Schicksals aber eine <em class="gesperrt">Idee</em> — die sich nicht „erkennen“, +beschreiben, definieren, die sich nur fühlen und innerlich erleben +läßt, die man entweder niemals begreift oder deren man völlig +gewiß ist, wie der frühe Mensch und unter den späten alle wahrhaft +bedeutenden, der Gläubige, der Liebende, der Künstler, der Dichter.</p> + +<p>Und so erscheint das Schicksal als die eigentliche Daseinsart +des <em class="gesperrt">Urphänomens</em>, in dem vor dem geistigen Auge sich die +lebendige Idee des Werdens unmittelbar entfaltet. So beherrscht die +Schicksalsidee das gesamte Weltbild der Geschichte, während alle +Kausalität, welche die Daseinsart von <em class="gesperrt">Gegenständen</em> bezeichnet, +welche den gegenwärtigen Empfindungsinhalt zu wohlunterschiedenen und +abgegrenzten <em class="gesperrt">Dingen</em>, <em class="gesperrt">Eigenschaften</em>, <em class="gesperrt">Verhältnissen</em> +prägt, als Form des Verstandes dessen alter ego, die gewordene Natur +bildet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> + +<p>Organismen lassen sich als werdend oder als geworden betrachten. +Ich darf von Gesetzen, von Ursache und Wirkung im erfahrungsmäßig +erkennbaren Bau von Pflanzen und Tieren reden, solange ich sie nämlich +als Elemente im sinnlich-augenblicklichen Ganzen der mechanischen +Umwelt erfasse. Dann ist sogar das Goethe so verhaßte Experiment +logisch und zulässig. Aber die Anatomie und Physiologie mit der +stofflichen Natur als Objekt berühren nichts von der <em class="gesperrt">andern</em> +Welt, von den Schicksalen der einzelnen Pflanzen und Tiere, ihrer +Gattungen und ganzer Klassen und Reiche. Hier handelt es sich nicht +darum, was sie sind, sondern was aus ihnen wird. Jeder Grashalm, jedes +Insekt hat nicht nur eine Natur, sondern auch eine Geschichte. Hier +darf ich, vor einem Weltbilde andrer Ordnung, von einem Schicksal +sogar in der Physik reden. Es liegt ein großer Sinn in dem Worte vom +„Schicksal einer wissenschaftlichen Entdeckung“, etwa der mechanischen +Wärmetheorie. Ein Blitzschlag bleibt im Zusammenhang der Historie immer +ein Schicksalsmoment wie jener, der im Leben Luthers die entscheidende +Wendung herbeiführte, mag er als nicht individuelles Ereignis, sondern +als prinzipiell beständig möglicher Vorgang ebenso notwendig auch dem +Mechanismus des elektrodynamischen Naturbildes angehören. Den antiken +Menschen <em class="gesperrt">vorausgesetzt</em>, kann man seine „Natur“, die für ihn +allein vorhandene und wahre Natur, analysieren. Das hat Demokrit +getan. Aber eben in dieser Voraussetzung liegt das Schicksalsmoment, +von dem das Dasein einer Natur, eines Weltbildes abhängig ist. Es ist +Schicksal, daß durch Newton sich eine dynamische Weltfassung aus der +Struktur des abendländischen Geistes entwickelt hat. Dieser in sich +geschlossene, höchst überzeugende Komplex „unumstößlicher Wahrheiten“ +ist in einem sehr bedeutsamen Sinne von dem Entwicklungsgang, den +allgemeinen, nationalen und privaten Schicksalen, der Lebensdauer +dieser nordischen Seele abhängig, nicht umgekehrt. Jeder große +Physiker, der als Persönlichkeit seinen Entdeckungen doch immer +eine eigene Richtung und Farbe gibt, jede Hypothese, die ohne einen +individuellen Beigeschmack ganz unmöglich ist, jedes Problem, das in +die Hände gerade dieses und keines andern Forschers geriet, bedeuten +ebenso viele Schicksalsfügungen für die Gestalt,<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> welche die Lehre +zuletzt erhalten hat. Wer das bestreitet, der ahnt nicht, wieviel +Bedingtes in den absoluten Momenten der Mechanik steckt. Der berühmte +musikalische Streit der Gluckisten und Piccinisten ist das genaue +Seitenstück der großen Kontroversen auf dem Gebiete der optischen +und elektrodynamischen Theorien (Newton und Huygens, J. R. Mayer und +Thomson). Es handelt sich um Stilfragen, das heißt um <em class="gesperrt">Alles</em>, +um das gesamte Naturbild. Es gibt physikalische Systeme, wie es +Tragödien und Sinfonien gibt. Es gibt hier Schulen, Traditionen, +Manieren, Konventionen wie in der Malerei. Man kann sich das Moment +des Schicksals aus dem lebendigen Weltwerden nicht fortdenken, mag +es sich um einen Schmetterling oder eine Kultur handeln. Leben, Sein +und ein Schicksal haben — das fließt zusammen. Aber man fühlt das +Zwingende der Vorstellung, daß jede aus dem Kausalprinzip konstruierte +Welt, jede <em class="gesperrt">Natur</em> — und jede reifgewordene Kultur hat da ihre +<em class="gesperrt">eigne</em> und sogar „allein richtige“ — irgendwie nur im Geiste +und für den Geist da ist, der sie als <em class="gesperrt">seine</em> ihm angemessene +und komplementäre Form der Sinnlichkeit dem Gewordnen, Ausgedehnten, +Begrenzten auferlegt. Die dunkle Frage nach den Grenzen der Gültigkeit +der Kausalität oder was nunmehr dasselbe ist, nach den Schicksalen +des einzelnen Naturbildes, erscheint noch rätselhafter, wenn wir +zu dem bestimmten Gefühl gelangen, daß, wie alle seelischen und +symbolischen Äußerungen bestätigen, für den frühen Menschen eine +streng kausal geordnete Umwelt gar nicht existiert und daß wir, späte +Menschen, die im wachen Zustande unter der beständigen Tyrannei +eines mechanisierenden Verstandes stehen, in allen Momenten strenger +Aufmerksamkeit — auch jetzt noch den einzigen, wo wir tatsächlich +eine kausalgesetzliche Außenwelt im Stile unserer Physik besitzen — +bestenfalls <em class="gesperrt">behaupten</em> können, meilenweit von jeder Möglichkeit +eines Beweises entfernt, daß auch „damals“, also außerhalb jener +für uns bindenden Momente, das Prinzip der Kausalität geherrscht +haben muß — was nichts anderes heißen will, als daß wir unser +<em class="gesperrt">Gedächtnisbild</em> von dem „Weltall“ jener Zeiten und Menschen dem +<em class="gesperrt">Augenblicksbilde</em> der gegenwärtigen, <em class="gesperrt">eignen</em>, mechanischen +Natur unterwerfen. Der frühe Mensch geht keineswegs so weit, daß er +<em class="gesperrt">sein</em> Weltbild ganz unpersönlich, gewissermaßen im Namen<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> der +ganzen Menschheit, empfängt, und sein Gefühl ist ohne Zweifel, als ein +historisches, das ursprünglichere und echtere.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_10">10</h4> + +</div> + +<p>Erst aus dem Weltgefühl der Sehnsucht und dessen Verdeutlichung in +der Schicksalsidee wird nunmehr das <em class="gesperrt">Zeitproblem</em> zugänglich, +dessen Gehalt, soweit er das Thema des Buches berührt, kurz angedeutet +werden soll. Mit dem Worte Zeit wird immer etwas höchst Persönliches +aufgerufen, das, was anfangs als das <em class="gesperrt">Eigne</em> bezeichnet worden +war, insofern es mit innerer Gewißheit als Gegensatz zu etwas +<em class="gesperrt">Fremdem</em> empfunden wird, das in, mit und unter den Wirkungen der +Sinnenwelt sich in das Leben einmischt. Das Eigne, das Schicksal, die +Zeit sind alternierende Worte.</p> + +<p>Das Problem der Zeit ist wie das des Schicksals von allen auf die +Systematik des Gewordenen beschränkten Denkern mit vollkommenem +Unverständnis behandelt worden. In Kants berühmter Theorie ist von +dem Merkmal des <em class="gesperrt">Gerichtetseins</em> der Zeit mit keinem Worte die +Rede. Man hat Äußerungen darüber nicht einmal vermißt. Aber was ist +das — Zeit als Strecke, Zeit ohne Richtung? Alles Lebendige besitzt +— hier kann ich mich nur wiederholen — „<em class="gesperrt">Leben</em>“, Richtung, +Streben, Wollen, eine mit der Sehnsucht aufs tiefste verwandte +<em class="gesperrt">Bewegtheit</em>, die mit der „Bewegung“ des Physikers nicht das +geringste zu tun hat. Das Lebendige ist unteilbar und nicht umkehrbar, +einmalig, nie zu wiederholen und in seinem Verlaufe mechanisch völlig +unbestimmbar: das alles gehört zur Wesenheit des Schicksals. Und „Zeit“ +— das, was man beim Klang des Wortes wirklich <em class="gesperrt">fühlt</em>, was Musik +besser verdeutlichen kann als Worte — hat im Unterschiede vom toten +Raume diesen <em class="gesperrt">organischen</em> Charakter. Damit aber verschwindet die +von Kant und allen andern geglaubte Möglichkeit, die Zeit <em class="gesperrt">neben dem +Raume</em> einer parallelen erkenntnistheoretischen Erwägung unterwerfen +zu können. Raum ist ein <em class="gesperrt">Begriff</em>. Zeit ist ein Wort, um etwas +Unbegreifliches anzudeuten, ein Wort, das man völlig mißversteht, +wenn man es ebenfalls als Begriff wissenschaftlich behandelt. Selbst +das Wort Richtung, das sich<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> nicht ersetzen läßt, ist geeignet, durch +seinen optischen Gehalt irrezuführen. Der Vektorbegriff der Physik ist +ein Beweis dafür.</p> + +<p>Dem Urmenschen kann das <em class="gesperrt">Wort</em> „Zeit“ nichts bedeuten. Er lebt, +ohne es durch den Gegensatz zu etwas anderem nötig zu haben. Er hat +Zeit, aber er <em class="gesperrt">weiß</em> nichts von ihr. Erst der Geist hoher Kulturen +entwirft unter dem mechanisierenden Eindruck einer „Natur“, aus dem +Bewußtsein eines streng geordneten Räumlichen, Meßbaren, Begrifflichen +das Phantom einer Zeit, das seinem Bedürfnis, alles zu begreifen, +zu messen, kausal zu ordnen, genügen soll. Und dieser instinktive +Akt, der in jeder Kultur sehr früh erscheint, ein Zeichen verlorner +Unschuld des Daseins, schafft jenseits des echten Lebensgefühls das, +was alle Kultursprachen Zeit nennen und was dem erkennenden Geiste zu +einer anorganischen ebenso irreführenden als geläufigen Größe geworden +ist. Bedeuten aber die identischen Phänomene der Ausdehnung, Grenze +und Kausalität eine Beschwörung und Bannung der fremden Mächte durch +das Seelentum — Goethe spricht einmal von „dem Prinzip verständiger +Ordnung, das wir in uns tragen, das wir als Siegel unserer Macht +auf alles prägen möchten, was uns berührt“ — ist alles Gesetz eine +Fessel, welche die Weltangst dem zudrängenden Sinnlichen anlegt, eine +tiefe Notwehr des Lebens, so ist die Konzeption der Zeit als einer +<em class="gesperrt">Größe</em> innerhalb dieses Zusammenhangs ein später Akt derselben +Notwehr, ein Versuch, das quälende innere Rätsel, doppelt quälend für +den zur Herrschaft gelangten Verstand, dem es widerspricht, durch die +Kraft des <em class="gesperrt">Begriffes</em> zu bannen. Es liegt immer ein feiner Haß in +dem geistigen Akte, durch den etwas in den Bereich und die Formenwelt +des Maßes und Gesetzes gezwungen wird. Man <em class="gesperrt">tötet</em> das Lebendige +durch die Einbeziehung in den Raum, der leblos ist und leblos macht. In +der Geburt liegt der Tod, in der Verwirklichung die Vergänglichkeit. +Dies war der Sinn der eleusinischen Mysterien und ihrer Peripetie von +der Klage zum Jubel, die Äschylus, der aus Eleusis stammte, später +in die attische Tragödie eingeführt hat.<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> Es <em class="gesperrt">stirbt</em> etwas +im Weibe, wenn es empfängt. Der ewige,<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> aus der Weltangst geborene +Haß der Geschlechter hat hier seinen Grund. Der Mensch vernichtet in +einem sehr tiefen Sinne, indem er zeugt: durch leibliche Zeugung in +der sinnlichen, durch „<em class="gesperrt">Erkennen</em>“ in der <em class="gesperrt">geistigen</em> Welt. +Dieser Zusammenhang war dem mythischen Gefühl primitiver Zeitalter +nicht unbekannt. Noch bei Luther hat das Wort erkennen den Nebensinn +der geschlechtlichen Zeugung (Adam „erkannte“ sein Weib —). Etwas beim +Namen nennen heißt Macht darüber gewinnen: dies ist ein wesentlicher +Teil urmenschlicher Zauberkünste. Man schwächte oder tötete seinen +Feind, indem man mit dessen Namen gewisse magische Prozeduren vornahm. +Etwas von diesem frühesten Ausdruck der Weltangst hat sich in der +Sucht aller systematischen Philosophie erhalten, das Unfaßliche, dem +Geist Allzumächtige durch Begriffe, wenn es nicht anders ging, durch +bloße Namen abzutun. „Philosophie“, die <em class="gesperrt">Liebe</em> zur Weisheit, ist +die Furcht und der <em class="gesperrt">Haß</em> gegen das Unbegreifliche. Was benannt, +begriffen, gemessen ist, ist überwältigt, starr, „tabu“ geworden. +Noch einmal: „Wissen ist Macht.“ Hier liegt die tiefste Wurzel des +Unterschiedes idealistischer und realistischer Weltanschauungen. Er +entspricht dem Doppelsinn des Wortes „scheu“. Die einen entspringen +aus der scheuen Ehrfurcht, die anderen aus dem Abscheu vor dem +Unzugänglichen. Die einen schauen an, die anderen wollen unterwerfen, +mechanisieren, unschädlich machen. Plato und Goethe nehmen das +Geheimnis hin, Aristoteles und Kant wollen es vernichten. Das tiefste +Beispiel für diesen Hintersinn alles Realismus bietet das Zeitproblem. +Das Unheimliche der Zeit, das Leben selbst soll hier beschworen, durch +die Magie der Begrifflichkeit vernichtet werden.</p> + +<p>Alles, was in der „wissenschaftlichen“ Philosophie, Psychologie, +Physik über die Zeit gesagt worden ist — eine vermeintliche Antwort +auf die Frage, die nicht hätte gestellt werden sollen: was nämlich die +Zeit „<em class="gesperrt">ist</em>“ — betrifft niemals das Geheimnis selbst, sondern +lediglich ein räumlich gestaltetes, stellvertretendes Phantom, in +dem die Lebendigkeit der Richtung,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> ihre eigenmächtige Bewegtheit +durch die abstrakte Vorstellung einer <em class="gesperrt">Strecke</em> ersetzt worden +ist, ein mechanisches, meßbares, teilbares und umkehrbares Abbild +des in der Tat nicht Abzubildenden; eine Zeit, die mathematisch in +Ausdrücke wie √̅t, t<sup>2</sup>, -t gebracht werden kann, welche die Annahme +einer Zeit von der Größe Null oder negativer Zeiten wenigstens nicht +ausschließen. Die moderne Relativitätstheorie, welche im Begriff steht, +die Mechanik Newtons — im Grunde bedeutet das: seine Fassung des +<em class="gesperrt">Bewegungsproblems</em> — zu stürzen, läßt Fälle zu, in welchen die +Bezeichnungen „früher“ und „später“ sich umkehren; die mathematische +Begründung dieser Theorie (durch Minkowski) wendet <em class="gesperrt">imaginäre</em> +Zeiteinheiten zu Maßzwecken an. Ohne Zweifel kommt hier der Bereich +des Lebens, des Schicksals, der lebendigen, <em class="gesperrt">historischen</em> Zeit +gar nicht in Frage. Man setze in irgendeinem philosophischen oder +physikalischen Text für Zeit das Wort Schicksal ein und man wird +plötzlich fühlen, wohin sich der Verstand verirrt hat und wie unmöglich +die Gruppe „Raum und Zeit“ ist. Was nicht erlebt und gefühlt, was nur +<em class="gesperrt">gedacht</em> wird, nimmt notwendig <em class="gesperrt">räumliche</em> Qualitäten an. +Die physikalische und die Kantische Zeit ist eine <em class="gesperrt">Linie</em>. Ihre +organische Bewegtheit, ihr seelenhafter Gehalt sind in den Formeln und +Begriffen verschwunden. So erklärt es sich, daß kein systematischer +Philosoph mit den Begriffen Vergangenheit und Zukunft etwas hat +anfangen können. In Kants Ausführungen über die Zeit kommen sie gar +nicht vor. Man sieht auch nicht, in welcher Beziehung sie zu dem +stehen sollten, was er dort behandelt. Damit erst wird es möglich, +„Raum und Zeit“ als Größen <em class="gesperrt">derselben Ordnung</em> in funktionale +Abhängigkeit voneinander zu bringen, wie dies besonders deutlich die +vierdimensionale Vektoranalysis zeigt. (Die Dimensionen sind <i>x</i>, +<i>y</i>, <i>z</i> und <i>t</i>, die in Transformationen völlig +gleichwertig erscheinen.) Schon Lagrange nannte (1813) die Mechanik +ohne weiteres eine vierdimensionale Geometrie und selbst Newtons +vorsichtiger Begriff des <i>tempus absolutum sive duratio</i> entzieht +sich nicht dieser <em class="gesperrt">denknotwendigen</em> Verwandlung des Lebendigen +in bloße Ausdehnung. Eine einzige tiefe und ehrfürchtige Bezeichnung +der Zeit habe ich in der älteren Philosophie gefunden. Sie steht +bei Augustinus (Conf.<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> XI, 14): <i>Si nemo ex me quaerat, scio; si +quaerenti explicare velim, nescio.</i></p> + +<p>Der Mißgriff, „Raum und Zeit“ als morphologisch gleichartiges +Größenpaar der Betrachtung zu unterwerfen, schließt jedes Verständnis +des wahren Zeitproblems aus. Schon wenn neuere Philosophen — sie +tun es alle — sich der Wendung bedienen, daß die Dinge „<em class="gesperrt">in der +Zeit</em>“ wie im Raume sind und nichts „außerhalb“ ihrer „gedacht“ +werden könne, imaginieren sie lediglich eine zweite Räumlichkeit +neben der gewöhnlichen. Man könnte mit gleichem Rechte zwei „Kräfte“ +wie den Magnetismus und die Hoffnung gemeinsam abhandeln wollen. Es +hätte Kant, als er von den „beiden Formen“ der Anschauung sprach, doch +nicht entgehen sollen, daß man sich wissenschaftlich bequem über den +Raum verständigen kann — wenn auch nicht ihn im landläufigen Sinne +<em class="gesperrt">erklären</em>, was jenseits des wissenschaftlich Möglichen liegt +— während eine Betrachtung in demselben Stil der Zeit gegenüber +völlig versagt. Der Leser der „Kritik der reinen Vernunft“ und der +„Prolegomena“ wird bemerken, daß Kant für den Zusammenhang von Raum +und Geometrie einen sorgfältigen Beweis liefert, es aber peinlich +vermeidet, dasselbe für Zeit und Arithmetik zu tun. Hier bleibt es +bei der <em class="gesperrt">Behauptung</em>, und die ständig wiederholte Analogie der +Begriffe täuscht über die Lücke hinweg, deren <em class="gesperrt">Unausfüllbarkeit</em> +die Unhaltbarkeit seines Schemas offenbart hätte. Das +begrifflich-exakte Denken deckt sich durchaus mit dem Bereich des +Gewordenen und Ausgedehnten. Raum, Gegenstand, Zahl, Begriff, +Kausalität sind so eng verschwisterte Formelemente, daß es unmöglich +ist, wie unzählige verfehlte Systeme beweisen, das eine unabhängig vom +andern zu untersuchen. Die Logik ist ein Abbild der jeweiligen Mechanik +und umgekehrt. Das Denkvermögen, dessen Struktur die mechanistische +Psychologie beschreibt, ist ein Abbild der jeweiligen Raumwelt, +wie sie die Physik behandelt. Begriffe — man beachte die Herkunft +des Wortes von „begreifen“, in die Hand nehmen — sind körperhafte +Werte; Definitionen, Urteile, Schlüsse, Systeme, Klassifikationen +sind Formelemente einer inneren Räumlichkeit, sind etwas so mit Optik +Gesättigtes, daß der Reiz, den Denkprozeß unmittelbar graphisch und +tabellarisch, d. h. <em class="gesperrt">räumlich</em> darzustellen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> — man denke an Kants +und Aristoteles’ Kategorientafeln — gerade den abstrakten Denker +immer wieder überwältigt hat. Wo es am Schema fehlt, da fehlt es an +Philosophie — das ist das uneingestandene Vorurteil aller zünftigen +Systematiker gegenüber den „Anschauenden“, denen sie sich innerlich +weit überlegen fühlen. Deshalb nannte Kant den Stil des platonischen +Denkens ärgerlich „die Kunst, wortreich zu schwatzen“ und deshalb +schweigt der Kathederphilosoph noch heute über Goethes Philosophie. +Jede logische Operation läßt sich <em class="gesperrt">zeichnen</em>. Jedes System ist +eine <em class="gesperrt">geometrische Art</em>, Gedanken zu handhaben. Deshalb hat die +Zeit in einem abstrakten System keinen Platz oder sie fällt seiner +Methode zum Opfer.</p> + +<p>Damit ist auch das allverbreitete populäre Mißverständnis widerlegt, +welches die Zeit mit der Arithmetik, den Raum mit der Geometrie in eine +höchst triviale Verbindung bringt, ein Irrtum, dem Kant nicht hätte +erliegen sollen, wenn man auch von Schopenhauers Verständnislosigkeit +für Mathematik kaum etwas anderes erwartet. Weil der lebendige Akt +des <em class="gesperrt">Zählens</em> mit der Zeit irgendwie in Berührung steht, hat man +immer wieder — auf ein Schema versessen — Zahl und Zeit vermengt. +Aber Zählen ist keine Zahl, so wenig Zeichnen eine Zeichnung ist. +Zählen und Zeichnen sind ein Werden, Zahlen und Figuren sind Gewordnes. +Kant und die andern haben dort den lebendigen Akt (das Zählen), hier +dessen Resultat (die formalen Verhältnisse der fertigen Figur) ins Auge +gefaßt. Das eine gehört in den Bereich des Lebens und der Richtung, +das andre in den der Ausdehnung und Kausalität. Die <em class="gesperrt">gesamte</em> +Mathematik, populär gesprochen also Arithmetik <em class="gesperrt">und</em> Geometrie, +beantworten das <em class="gesperrt">Was</em>, also die Frage nach der <em class="gesperrt">natürlichen</em> +Ordnung der Dinge. Im Gegensatz dazu steht die Frage nach dem +<em class="gesperrt">Wann</em> der Dinge, die spezifisch <em class="gesperrt">historische</em> Frage, die +Frage nach dem Schicksal, der Zukunft, der Vergangenheit. All das liegt +in dem Worte <em class="gesperrt">Zeitrechnung</em>, das der naive Mensch vollkommen +richtig versteht. Kausalität ist durchaus mit der Zahlenwelt verbunden, +sei es durch das Prinzip der <em class="gesperrt">Funktion</em> im Abendlande oder das der +<em class="gesperrt">Größe</em> in der Antike. Physik und Mathematik verfließen ineinander +(in der reinen Mechanik). Zeit, Schicksal, Geschichte stehen diesem +Kreise völlig fern. Zu ihnen gehört die Chronologie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p> + +<p>Es gibt keinen Gegensatz von Arithmetik und Geometrie.<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a> Jede Idee +einer Zahl — das wird das erste Kapitel hinlänglich gezeigt haben — +gehört im vollen Umfange dem Bereich des Ausgedehnten und Gewordnen an, +sei es als euklidische Größe, sei es als analytische Funktion. Und in +welches der beiden Gebiete sollten denn die zyklometrischen Funktionen, +der Binomialsatz, die Riemannschen Flächen, die Gruppentheorie gehören? +Kants Schema war durch Euler und d’Alembert schon widerlegt, bevor er +es konzipiert hatte und nur die Unvertrautheit der Philosophen nach +ihm mit der Mathematik ihrer Zeit — sehr im Gegensatz zu Descartes, +Pascal und Leibniz, welche die Mathematik <em class="gesperrt">ihrer</em> Zeit aus den +Tiefen ihrer Philosophie heraus selbst geschaffen haben — hat es +verschuldet, daß diese teilweise recht schülerhaften Ansichten von +der Beziehung von „Raum und Zeit“ zu „Geometrie und Arithmetik“ sich +kaum angefochten weiter vererbten. Aber es gibt keine Berührung des +Werdens mit irgendeinem Gebiete der Mathematik. Nicht einmal die tief +begründete Annahme Newtons, in dem ein tüchtiger Philosoph steckte, +daß er im Prinzip seiner Differentialrechnung (Fluxionsrechnung) das +Problem des Werdens, das Zeitproblem also — übrigens in einer viel +feineren als der kantischen Fassung — unmittelbar in Händen habe, +ließ sich aufrechterhalten, so sehr sie unter Philosophen heute noch +Mode ist. Bei der Entstehung von Newtons Fluxionslehre hatte das +metaphysische Bewegungsproblem eine entscheidende Rolle gespielt. Seit +Weierstraß indessen bewiesen hat, daß es stetige Funktionen gibt, die +nur teilweise oder gar nicht differentiiert werden können, ist dieser +tiefste jemals unternommene Versuch, dem Zeitproblem mathematisch nahe +zu kommen, abgetan.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_11">11</h4> + +</div> + +<p>Die Zeit ist ein <em class="gesperrt">Gegenbegriff</em>. Hier wird zum ersten Male +eine Eigentümlichkeit der logischen Produktivität berührt, die von +höchster Bedeutung ist. Der Intellekt, unfähig, das Schicksalsgefühl +seiner Formenwelt einzugliedern, hat vom Raume<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> aus als dessen +<em class="gesperrt">logisches</em> Seitenstück einen Begriff „Zeit“ („Nicht-raum“) +konstruiert. Wir würden weder das Wort noch dessen uns als ständig +denkenden Wesen geläufigen, völlig verfehlten Inhalt besitzen, wenn +nicht der mächtige Drang zum Begreifen (in optische Grenzen bannen) die +Seele verführt hätte. Es folgt daraus, daß der antike Geist, welcher +das Ausgedehnte, wie wir sehen werden, einer ganz andern Symbolik +unterwarf als wir, dementsprechend auch als Zeit sich etwas andres +vorstellte. Aber es läßt sich auf keine Weise begreiflich machen, was +an Stelle unsrer „Zeit“ in analogen Fällen dem apollinischen Menschen +vorschwebte.</p> + +<p>Das Raumproblem ist also die <em class="gesperrt">einzige</em> Aufgabe aller exakten +Wissenschaft, die sich ausschließlich mit dem Gewordnen beschäftigt, +um dessen immanente Notwendigkeit in Gestalt des mathematisch zu +behandelnden Kausalitätsprinzips restlos zu zergliedern. Es gibt +in diesem Sinne <em class="gesperrt">nur</em> Naturwissenschaften, zu denen Logik und +Erkenntnistheorie gehören. Das gemeinsame Gefühlsmoment der Weltangst +und ein identisches Ziel, die Bannung und Beschwörung des Fremden durch +unumstößliche Gesetze verbinden sie. Die wissenschaftlich unzugängliche +Schicksalsidee, die sich hinter dem Worte Zeit verbirgt, gehört in den +Bereich unmittelbarer Erlebnisse und Intuitionen.</p> + +<p>In jedem Kunstwerk, das den <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschen, den <em class="gesperrt">ganzen</em> +Sinn des Daseins offenbart, liegen Angst und Sehnsucht beieinander. +Die Kunsttheorie hat das wohl gefühlt. Man hat immer wieder als +„<em class="gesperrt">Inhalt</em>“ dasjenige zu isolieren versucht, was Richtung, +Schicksal, Leben, Sehnsucht, unter „<em class="gesperrt">Form</em>“ das, was Ausdehnung, +Geist, Grund und Folge, Angst repräsentiert. Das Ausgedehnte, das +gestaltete Material, trägt die elementare Symbolik jeder Kunst. Alles +was Kanon, Schule, Konvention, Technik heißt, alles Begreifliche, +Folgerichtige, Erlernbare, <em class="gesperrt">Zahlenmäßige</em> in Linie, Farbe, +Ton, Bau, Ordnung also gehört hierher; die kanonische, von Polyklet +schriftlich niedergelegte Gliederung der nackten Statue, der Innenraum +gotischer Dome und ägyptischer Totentempel, die Kunst der Fuge. Sie +sind alle Arten <em class="gesperrt">einer</em> Tektonik. Sie wollen alle etwas Sinnliches +in starre, „<em class="gesperrt">ewige</em>“, d. h. <em class="gesperrt">zeitlose</em> Form bannen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Die Architektur großen Stils, die allein von allen Künsten das +Fremde und Angsteinflößende selbst, das unmittelbar Ausgedehnte, den +<em class="gesperrt">Stein</em> behandelt, ist deshalb die selbstverständliche Frühkunst +aller Kulturen, die erst Schritt für Schritt den geistigeren Künsten +der Statue, des Gemäldes, der Komposition mit ihren indirekten +Formmitteln den Vorrang abtritt. Michelangelo, der von allen großen +Künstlern des Abendlandes unter dem beständigen Alpdruck der +Weltangst wohl am schwersten gelitten hat, ist darum allein von allen +Meistern der Renaissance vom Architektonischen niemals freigeworden. +Er malte sogar, als ob die Farbflächen Stein, Gewordnes, Starres, +<em class="gesperrt">Gehaßtes</em> wären. Seine Arbeitsweise war der erbitterte Kampf +gegen die feindseligen Mächte im Kosmos, die in Gestalt des Materials +ihm entgegentraten, während Lionardos, des <em class="gesperrt">Sehnsüchtigen</em>, +Farben wie eine <em class="gesperrt">freiwillige</em> Inkarnation des Seelischen wirken. +In jedem architektonischen Formproblem kommt aber strengste Logik zum +Vertrag, Mathematik sogar, sei es in den antiken Säulenordnungen das +<em class="gesperrt">euklidische</em> Verhältnis von <em class="gesperrt">Träger und Last</em>, sei es in +den „analistisch“ angelegten Fassaden des Barock das dynamische von +<em class="gesperrt">Kraft und Masse</em>. Die berühmte Kontroverse Kant-Hume über die +Apriorität des Kausalen, aus welcher die „Kritik der reinen Vernunft“ +hervorging, ist mit mancher über ein künstlerisches Formproblem +innerlich verwandt. Die Symbolik der Richtung, des Schicksals, aber +steht jenseits aller mechanischen „Technik“ der großen Künste und +ist der formalen Ästhetik kaum zugänglich. Sie liegt zum Beispiel +in dem stets gefühlten, aber nie, weder von Lessing noch von Hebbel +klar gedeuteten Widerspruch antiker und abendländischer Tragik, +in der Szenen<em class="gesperrt">folge</em> altägyptischer Reliefs, überhaupt der +<em class="gesperrt">reihenweisen</em> Ordnung ägyptischer Statuen, Sphinxe, Tempelsäle, +in der Wahl von Diorit und Basalt, durch welche Dauer und Zukunft +bejaht werden, gegenüber dem Holz frühgriechischer Skulpturen, in der +Geste einer Statue des Phidias, deren eminente Gegenwärtigkeit auch +nur den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft abweist, während im +Gegensatz dazu der <em class="gesperrt">Stil</em> der Fuge den einzelnen Augenblick im +Unendlichen löst. Wie man sieht, gehört dies alles nicht zur starren +„Technik“, sondern zum „Genie“, nicht zum Können, sondern zum Müssen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +des Künstlers, nicht zur mechanischen Form des Geschaffenen, sondern +zum lebendigen Schöpfungsakte selbst. Nicht die Mathematik und das +abstrakte Denken, sondern die Geschichte und die großen Künste — ich +füge hinzu: der große Mythus — geben den Schlüssel zum Problem der +Zeit.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_12">12</h4> + +</div> + +<p>Aus dem Sinne, welcher hier der Kultur als einem Urphänomen und dem +Schicksal als der organischen Logik des Daseins gegeben wurde, folgt, +daß notwendig jede Kultur ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Schicksalsidee besitzen +muß, ja daß in dem Gefühl, jede große Kultur sei nichts anderes als +die Verwirklichung und Gestalt einer einzigen, bestimmten Seele, +diese Folgerung schon eingeschlossen liegt. Was wir Fügung, Zufall, +Verhängnis, Schicksal, der antike Mensch Nemesis, Ananke, Tyche, Fatum, +der Araber Kismet und alle anderen anders nennen, was niemand dem +andern, dessen Leben gerade Ausdruck <em class="gesperrt">seiner</em> Idee ist, nachfühlen +kann und was sich in Worten nicht weiter beschreiben läßt, stellt eben +diese einmalige, nie sich wiederholende Fassung der Seele dar, deren +jeder für sich völlig gewiß ist.</p> + +<p>Ich wage es, die antike Fassung der Schicksalsidee <em class="gesperrt">euklidisch</em> +zu nennen. In der Tat ist es die sinnlich-wirkliche <em class="gesperrt">Person</em> +des Ödipus, sein „empirisches Ich“, mehr noch, sein <em class="gesperrt">σῶμα</em>, das +vom Schicksal getrieben und gestoßen wird. Ödipus klagt (Rex 242), +daß Kreon seinem <em class="gesperrt">Leibe</em> Übles getan habe und (Col. 355), daß +das Orakel seinem <em class="gesperrt">Leibe</em> gelte. Und Äschylus spricht in den +Choephoren (704) von Agamemnon als dem „flottenführenden königlichen +Leibe“. Es ist dasselbe Wort σῶμα, das die Mathematiker mehr als +einmal für ihre Körper gebrauchen. König Lears Schicksal aber, ein +<em class="gesperrt">analytisches</em>, um auch hier an die entsprechende Zahlenwelt +zu erinnern, ruht ganz in dunklen innern Beziehungen: Die Idee des +Vatertums taucht auf; seelische Fäden spinnen sich durch das Drama, +unkörperlich, jenseitig, und werden durch die zweite, kontrapunktisch +gearbeitete Tragödie im Hause Glosters seltsam beleuchtet. Lear ist +zuletzt ein bloßer Name, ein Mittelpunkt für<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> etwas Grenzenloses. +<em class="gesperrt">Diese</em> Fassung des Schicksals ist eine „infinitesimale“, in +unendlicher Räumlichkeit und durch endlose Zeiten ausgebreitete; +sie berührt das leibliche, euklidische Dasein gar nicht; sie trifft +<em class="gesperrt">nur</em> die Seele. Der wahnsinnige König zwischen dem Narren und +dem Bettler im Sturm auf der Heide — das ist der Gegensatz zur +Laokoongruppe. Da ist die faustische gegenüber der apollinischen Art +zu leiden. Sophokles hatte auch ein Laokoondrama geschrieben. Ohne +Zweifel war in ihm von <em class="gesperrt">Seelenleid</em> nicht die Rede. Und hier +möchte man den Ausdruck „Idee des Daseins“ vorziehen, zumal wenn man +an Hebbels tragische Entwürfe denkt, der in einem gewissen Sinne die +abendländische Tragödie abgeschlossen und ihre letzten Möglichkeiten +erschöpft hat. Wer überhaupt ein großes Drama kosmisch zu durchschauen +und nicht nur in seiner Szenik anzuschauen vermag, der wird die +Verwandtschaft der Konzeptionen des Sophokles mit der antiken Geometrie +und derjenigen Shakespeares, Goethes, Kleists mit der Analysis, also +den Gegensatz von Größe und Beziehung auch in der tiefsten Wurzel des +künstlerischen Schöpfungsaktes fühlen.</p> + +<p>Wir nähern uns damit einem andern Zusammenhang von großer Symbolik. +Man nennt das typische Drama des Abendlandes <em class="gesperrt">Charakterdrama</em> und +sollte das griechische dann als <em class="gesperrt">Situationsdrama</em> bezeichnen. +Man betont damit, was eigentlich von dem Menschen beider Kulturen +als Grundform seines Lebens empfunden und mithin durch die Tragik, +das Schicksal, in Frage gestellt wird. Sagt man für Richtung +des Lebens <em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>, so hat man den Kern jedes +möglichen tragischen Konflikts. Wir haben eine antike Tragödie des +<em class="gesperrt">Augenblicks</em> und eine abendländische der historisch-psychischen +<em class="gesperrt">Entwicklung</em> vor uns. So empfand eine ahistorische und eine +extrem historische Seele sich selbst. Unsere Tragik entstand aus +dem Gefühl einer <em class="gesperrt">unerbittlichen Logik des Werdens</em>. <em class="gesperrt">Der +Grieche fühlte das Alogische, das blinde Ungefähr des Moments.</em> +Und man begreift nun, weshalb gleichzeitig mit dem abendländischen +Drama eine mächtige Porträtkunst — mit ihrem Höhepunkt in Rembrandt +— aufblühte und erlosch, eine Art historischer und psychologischer +Kunst, die <em class="gesperrt">deshalb</em> im klassischen Griechenland zur Blütezeit +des attischen Theaters aufs<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> strengste verpönt war; man denke an das +Verbot ikonischer Statuen bei den Weihgeschenken und daran, daß sich — +seit Lippos — eine schüchterne Art idealisierender Bildniskunst genau +damals hervorwagte, wo die große Tragödie durch das soziale Typendrama +Menanders in den Hintergrund gedrängt wurde. Im Grunde tragen alle +griechischen Statuen eine stereotype Maske wie die Schauspieler im +Dionysostheater. Alle bringen sie <em class="gesperrt">somatische Situationen</em> +in der präzisesten Fassung. Physiognomisch sind sie <em class="gesperrt">stumm</em>, +körperlich sind sie <em class="gesperrt">notwendig nackt</em>. „Charakterköpfe“ hat +erst der Hellenismus gebracht. Und wir werden wieder an die beiden +entsprechenden Zahlenwelten erinnert, in deren einer handgreifliche +Resultate errechnet wurden, während in der andern der Charakter +von Beziehungsgruppen von Funktionen, Gleichungen, überhaupt von +Formelementen gleicher Ordnung morphologisch untersucht und <em class="gesperrt">als +solcher</em> in gesetzmäßigen Ausdrücken fixiert wird.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_13">13</h4> + +</div> + +<p>Die Fähigkeit, Geschichte zu erleben und die Art, wie sie, wie vor +allem auch das <em class="gesperrt">eigne</em> Werden durchlebt wird, ist bei den +einzelnen Menschen sehr verschieden.</p> + +<p>Jede Kultur besitzt schon eine streng individuelle Art, <em class="gesperrt">Natur</em> zu +sehen, zu erkennen oder, was dasselbe ist, sie <em class="gesperrt">hat</em> ihre eigne +und eigentümliche Natur, die keine andere Art Mensch in genau derselben +Gestalt besitzen kann. Ganz ebenso hat auch jede Kultur und in ihr, mit +Unterschieden geringeren Grades, jeder Einzelne eine durchaus eigne Art +von Geschichte, in deren Bilde, in deren Stil er das allgemeine und +das persönliche, das innere und äußere, das welthistorische und das +biographische Werden unmittelbar anschaut, fühlt und erlebt. So ist +der autobiographische Hang der abendländischen Menschheit der antiken +völlig fremd. Der extremen Bewußtheit der Geschichte Westeuropas steht +die geradezu traumhafte Unbewußtheit der indischen gegenüber. Und was +ist es, das arabische Menschen, Paulus, Plotin oder Mohammed vor sich +sahen, wenn sie das Wort Weltgeschichte aussprachen? Aber wenn es +schon höchst schwierig ist, sich von der Natur, der kausal geordneten<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> +Umwelt andrer eine genaue Vorstellung zu machen, obwohl in ihr das +spezifisch Erkennbare zum <em class="gesperrt">Bilde</em> vereinheitlicht ist, so ist +es völlig unmöglich, den historischen Weltaspekt fremder Kulturen, +das aus ganz anders angelegten Seelen gestaltete Bild des Werdens +mit den Kräften der eignen Seele vollkommen zu durchdringen. Hier +wird immer ein unzugänglicher Rest bleiben, um so größer, je geringer +der eigne historische Instinkt, der physiognomische Takt, die eigne +Menschenkenntnis ist. Trotzdem ist die Lösung <em class="gesperrt">dieser</em> Aufgabe +eine Voraussetzung alles tiefern Weltverständnisses. Die historische +Umwelt der andern ist ein <em class="gesperrt">Teil ihres Wesens</em>, und man versteht +niemand, wenn man sein Zeitgefühl, seine Idee vom Schicksal, den Stil +und Bewußtseinsgrad seines Innenlebens nicht kennt. Was hier sich +nicht unmittelbar in Bekenntnissen auffinden läßt, müssen wir also +der Symbolik der äußern Kultur entnehmen. So erst wird das an sich +Unbegreifliche zugänglich und dies gibt dem historischen Stil einer +Kultur und den dazu gehörigen großen Zeitsymbolen ihren unermeßlichen +Wert.</p> + +<p>Als eines dieser kaum je begriffenen Zeichen war schon die <em class="gesperrt">Uhr</em> +genannt worden, eine Schöpfung hochentwickelter Kulturen, die immer +geheimnisvoller wird, je mehr man darüber nachdenkt. Die antike +Menschheit verstand sie zu entbehren — nicht ohne Absichtlichkeit +—, obwohl Uhren in den beiden ältern Welten der babylonischen und +ägyptischen Seele mit ihrer strengen Astronomie und Zeitrechnung, +ihrem tiefen Blick für Vergangenheit und Zukunft und deren Knüpfung +an den Augenblick, ständig (als Sonnenuhren und Wasseruhren) in +Gebrauch waren. Aber das antike Dasein, euklidisch, beziehungslos, +punktförmig, war im gegenwärtigen Moment völlig beschlossen. Nichts +sollte an Vergangnes und Künftiges mahnen. Die Archäologie fehlt der +Antike ebenso wie deren <em class="gesperrt">psychische Umkehrung, die Astrologie</em>. +Es gab keine Zeitrechnung, denn die Olympiadenrechnung war lediglich +ein literarischer Notbehelf. In antiken Städten erinnert nichts an die +Dauer, an die Vorzeit, an das Bevorstehende, keine pietätvoll gepflegte +Ruine, kein für noch ungeborne Generationen vorgedachtes Werk, kein +trotz technischer Schwierigkeiten mit Bedeutung gewähltes Material. +Der dorische Grieche hat die mykenische Steintechnik unbeachtet +gelassen und baute wieder in Holz und Lehm, trotz<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> des mykenischen +und ägyptischen Vorbildes und trotz des Reichtums seiner Landschaft +an den besten Gesteinen. Der dorische Stil ist ein Holzstil. Noch zur +Zeit des Pausanias sah man am Zeustempel in Olympia die letzte nicht +ausgewechselte Holzsäule. In einer antiken Seele ist das Organ für +Geschichte, das <em class="gesperrt">Gedächtnis</em> in dem hier stets vorausgesetzten +Sinne, das den <em class="gesperrt">Organismus</em> der persönlichen Vergangenheit, +die <em class="gesperrt">Genesis</em> des Innenlebens immer gegenwärtig erhält, nicht +vorhanden. Es gibt keine „Zeit“. Daß Cäsar den Kalender reformierte, +darf man beinahe als einen Akt der Emanzipation vom antiken +Lebensgefühl bezeichnen: Aber Cäsar dachte auch an den Verzicht auf +Rom und an die Verwandlung des Stadtstaates in ein dynastisches, also +dem Symbol der <em class="gesperrt">Dauer</em> unterstelltes Reich mit dem Schwerpunkt +in Alexandria, von wo sein Kalender stammt. Seine Ermordung wirkt wie +eine letzte Auflehnung eben dieses, in der Polis, der <em class="gesperrt">Urbs Roma</em> +verkörperten, der Dauer feindlichen Lebensgefühls.</p> + +<p>Man erlebte noch damals jede Stunde, jeden Tag für sich. Das gilt vom +einzelnen Hellenen und Römer, von der Stadt, der Nation, der ganzen +Kultur. Die von Kraft und Blut strömenden Feste, Palastorgien und +Zirkuskämpfe unter Nero und Caligula, die Tacitus, ein echter Römer, +allein beschreibt, während er für das Leben der weiten Landschaft des +Imperiums kein Auge, keine Worte hat, sind der letzte prachtvolle +Ausdruck dieses euklidischen, den <em class="gesperrt">Leib</em>, die <em class="gesperrt">Gegenwart</em> +vergötternden Weltgefühls. Die Inder, deren Nirwana auch durch den +Mangel an irgendwelcher Zeitrechnung ausgedrückt ist, besaßen ebenfalls +keine Uhren und <em class="gesperrt">also</em> keine Geschichte, keine Lebenserinnerungen, +keine Sorge. Was wir, eminent historisch angelegte Menschen, indische +Geschichte nennen, ist ohne das geringste Bewußtsein seiner selbst +verwirklicht worden. Das Jahrtausend der indischen Kultur von den +Veden bis auf den Buddha herab wirkt auf uns wie die Regungen +eines <em class="gesperrt">Schlafenden</em>. Hier war das Leben <em class="gesperrt">wirklich</em> ein +Traum. Nichts steht diesem Indertum ferner als das Jahrtausend der +abendländischen Kultur. Niemals, auch im alten China nicht, war man +wacher, bewußter, niemals ist die Zeit tiefer gefühlt und mit dem +vollen Bewußtsein ihrer Richtung und schicksalsschweren<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Bewegtheit +erlebt worden. <em class="gesperrt">Die Geschichte Westeuropas ist gewolltes, die +indische ist widerfahrenes Schicksal.</em> Im griechischen Dasein +spielen Jahre keine Rolle, im indischen kaum Jahrzehnte; hier ist +die Stunde, die Minute, zuletzt die Sekunde von Bedeutung. Von der +tragischen Spannung historischer Krisen, wo der Augenblick schon +erdrückend wirkt wie in den Augusttagen 1914, hätte weder ein Grieche +noch ein Inder eine Vorstellung haben können. Aber solche Krisen +können tiefe Menschen des Abendlandes auch <em class="gesperrt">in sich</em> erleben, +Hellenen <em class="gesperrt">nicht</em>. Über unsrer Landschaft hallen Tag und Nacht +von Tausenden von Türmen die Glockenschläge, die ständig Zukunft an +Vergangnes knüpfen und den flüchtigen Moment der „antiken“ Gegenwart +in einer ungeheuren Beziehung auflösen. Der Moment, welcher die +Geburt dieser Kultur bezeichnet, die Zeit der Sachsenkaiser, sah auch +schon die Erfindung der Räderuhren.<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> Ohne peinlichste Zeitmessung +— eine Chronologie des Kommenden, die durchaus unserm ungeheuren +Bedürfnis nach Archäologie, Erhaltung, Ausgrabung, Sammlung alles +Vergangnen entspricht — ist der abendländische Mensch nicht denkbar. +Die Barockzeit steigerte das gotische Symbol der Turmuhren noch zu dem +grotesken der Taschenuhren, die den Einzelnen begleiten.<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a> Und sind +wir es nicht auch, welche die Wägung und Messung des inneren Lebens +zur strengsten Vollendung geführt haben? Ist unsere Kultur nicht die +der Selbstbiographien, Tagebücher, Konfessionen und unerbittlichen +ethischen Selbstprüfungen? Hat je eine andre Art Mensch sich bis zu dem +während der Epoche der Kreuzzüge ausgebildeten Symbol der Ohrenbeichte +erhoben, von der Goethe sagte, daß sie den Menschen nie hätte genommen +werden sollen? Ist nicht unsre ganze große Kunst — sehr im Gegensatz +zur antiken — ihrem Gehalte nach Bekenntniskunst? Es wird niemand +über Welt- und Staatengeschichte nachdenken, Geschichte andrer<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> fühlen +und begreifen können, der nicht in sich selbst mit vollem Bewußtsein +Geschichte, Schicksal, Zeit erlebt. Deshalb hat die Antike weder eine +wahre Weltgeschichte, eine Psychologie der Historie, noch eine tiefe +Biographie hervorgebracht. Thukydides und Sokrates bestätigen das. Der +eine kannte nur die jüngste Vergangenheit eines engen Völkerkreises, +der andere nur ephemere Momente der Einkehr.</p> + +<p>Und neben dem Symbol der Uhren steht das andre, ebenso tiefe, ebenso +unverstandne der Bestattungsformen, wie sie alle großen Kulturen +durch Kulte und Kunst geheiligt haben. In der Urzeit gehen die +vielen möglichen Formen noch chaotisch durcheinander, abhängig von +Stammessitte und Zweckmäßigkeit. Jede Kultur aber erhebt alsbald +eine von ihnen zum höchsten symbolischen Range. Hier wählte der +antike Mensch aus tiefstem, unbewußtem Lebensgefühl heraus die +<em class="gesperrt">Totenverbrennung</em>, einen Akt der Vernichtung, durch den er sein +an das Jetzt und Hier gebundenes euklidisches Dasein zu gewaltigem +Ausdruck brachte. Er <em class="gesperrt">wollte</em> keine Geschichte, keine Dauer, +weder Vergangenheit noch Zukunft, weder Sorge noch Auflösung und +er <em class="gesperrt">zerstörte</em> deshalb, was keine Gegenwart mehr besaß, den +<em class="gesperrt">Leib</em> eines Perikles und Cäsar, Sophokles und Phidias. Keine +zweite Kultur steht dieser darin zur Seite — mit einer bezeichnenden +Ausnahme, der vedischen Frühzeit Indiens. Und man bemerke wohl: die +dorisch-homerische Frühzeit behandelte diesen Akt mit dem ganzen +Pathos eines eben geschaffenen Symbols, die Ilias vor allem, während +in den Gräbern von Mykene, Tiryns, Orchomenos die Toten, deren +Kämpfe vielleicht gerade den Keim zu jenem Epos gelegt hatten, nach +ägyptischer Art bestattet worden waren. Als in der Kaiserzeit neben die +Aschenurne der Sarkophag trat — bei Christen <em class="gesperrt">und</em> Heiden —, war +ein neues <em class="gesperrt">Zeitgefühl</em> erwacht wie damals, als auf die mykenischen +Schachtgräber die homerische Urne folgte.</p> + +<p>Und diese Ägypter, welche ihre Vergangenheit so gewissenhaft im +Gedächtnis, in Stein und Hieroglyphen aufbewahrten, daß wir heute, +nach vier Jahrtausenden, noch die Regierungszahlen ihrer Könige genau +bestimmen können, verewigten auch deren Leib, so daß die großen +Pharaonen — ein Symbol von schauerlicher Erhabenheit — heute noch +mit erkennbaren Gesichtszügen<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> in unsern Museen liegen, während von +den Königen der dorischen Zeit nicht einmal die Namen übrig geblieben +sind. Wir kennen Geburts- und Todestag fast aller großen Menschen seit +Dante genau. Das scheint uns selbstverständlich. Aber zur Zeit des +Aristoteles, auf der Höhe antiker Zivilisation, wußte man nicht mehr, +ob Leukippos, der Begründer des Atomismus und Zeitgenosse des Perikles, +kaum ein Jahrhundert vorher, <em class="gesperrt">überhaupt existiert habe</em>. Dem würde +es entsprechen, wenn wir der Existenz Giordano Brunos nicht sicher +wären und die Renaissance bereits völlig im Reich der Sage läge.</p> + +<p>Und diese Museen selbst, in denen wir die ganze Summe der +sinnlich-körperlich gewordenen Vergangenheit zusammentragen! Sind sie +nicht auch ein Symbol vom höchsten Range? Sollen sie nicht den „Leib“ +der gesamten Kulturhistorie mumienhaft konservieren? Sammeln wir +nicht, wie die unzähligen Daten in Milliarden gedruckter Bücher, so +<em class="gesperrt">alle</em> Werke <em class="gesperrt">aller</em> toten Kulturen in diesen hunderttausend +Sälen westeuropäischer Städte, wo in der Masse des Vereinigten jedes +einzelne Stück dem flüchtigen Augenblick seines wirklichen Zweckes — +der einer antiken Seele <em class="gesperrt">allein</em> heilig gewesen wäre — entwendet +und in einer unendlichen Bewegtheit der Zeit gleichsam aufgelöst wird? +Man bedenke, was die <em class="gesperrt">Hellenen</em> „Museion“ nannten und welch tiefer +Sinn in diesem Wandel des Wortgebrauchs liegt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_14">14</h4> + +</div> + +<p>Es ist das <em class="gesperrt">Urgefühl der Sorge</em>, das die Physiognomie der +abendländischen wie der ägyptischen und chinesischen Kulturgeschichte +beherrscht und auch noch die Symbolik des <em class="gesperrt">Erotischen</em> gestaltet, +in dem die Beziehung des gegenwärtigen Menschen zu den folgenden +Generationen sich darstellt. Das punktförmige euklidische Dasein +der Antike empfand auch da ganz somatisch. Es setzte deshalb in den +Mittelpunkt der demetrischen Kulte die Wehen des gebärenden Weibes, +in die antike Welt überhaupt das Symbol des <em class="gesperrt">Phallus</em>, das +Zeichen einer durchaus dem Augenblick geweihten und Vergangenheit wie +Zukunft in ihm vergessenden Geschlechtlichkeit. Der Mensch fühlte +sich hier als Natur, als Pflanze, als Tier, dem<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> Sinn des Werdens +willenlos hingegeben. Der häusliche Kult galt dem <i>genius</i>, +d. h. der Zeugungskraft des Familienhauptes. <em class="gesperrt">Unsre</em> tiefe und +nachdenkliche Sorge stellte dem im abendländischen Kult das Zeichen +der <em class="gesperrt">Mutter</em> gegenüber, welche das Kind — die Zukunft — an der +Brust trägt. Der Marienkult in diesem neuen, faustischen Sinne erblühte +erst in den Jahrhunderten der Gotik. Ihre höchste Verkörperung hat +sie in Raffaels Sixtina gefunden. Das ist <em class="gesperrt">nicht</em> christlich +überhaupt, denn das magisch-orientalische Christentum erhob Maria als +Theotokos, als Gebärerin Gottes, zu einem ganz anders empfundenen +magisch-metaphysischen Symbol. Die <em class="gesperrt">stillende</em> Mutter ist der +arabischen (byzantinisch-langobardischen) Kunst ebenso fremd wie +der hellenischen; sie ist das reinmenschliche Sinnbild der Sorge, +und sicherlich steht Gretchen im Faust mit dem tiefen Zauber ihrer +unbewußten Mütterlichkeit den gotischen Madonnen näher als alle Marien +byzantinischer und ravennatischer Mosaiken.</p> + +<p>Nichts ist sorgenvoller als der Aspekt der ägyptischen Geschichte, in +der die Fürsorge für alles Vergangene, Tempel, Namen und Mumien der +Vorsorge für alles Kommende entspricht, ein Gefühl, das schon zur Zeit +des Cheops, 3000 v. Chr., zu einem tief durchdachten Staatsorganismus +und später zu einer so meisterhaft angelegten Finanzwirtschaft +geführt hat, daß von Alexander dem Großen an die späten antiken +Staatsgebilde nur durch Übernahme der Praxis der Pharaonen zu +einigermaßen geregelter Verwaltung gelangt sind. So verschieden an +sich Buddhismus und Stoizismus, die Altersstimmungen der indischen +und antiken Seele sind, im Widerspruch gegen das historische Gefühl +der Sorge, in der Verneinung also aller organisatorischen Energie, +Pflichtbewußtheit, Tätigkeit, Weitsicht gegenüber sind sie einig +und deshalb hat in indischen Königreichen und hellenischen Städten +niemand an das Kommende gedacht, weder für seine Person noch für +die Gesamtheit. Das <i>carpe diem</i> des apollinischen Menschen +galt auch für den antiken Staat. Man wirtschaftete von einem Tage +zum andern ohne die Fähigkeit, vorausschauende Pläne zu fassen oder +gar sie auf Generationen hin zu verwirklichen. Der antike Staat — +obwohl das Vorbild Ägyptens vor Augen stand — hielt sich<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> allein +durch fortgesetzte Gewaltmaßnahmen, Plünderung der eignen und fremden +Bürger, Münzfälschung, Enteignung, Proskription der Besitzenden; +und verfügte er einmal über Reichtümer, so fand er keine bessere +Verwendung, als sie an den Pöbel zu verschwenden. Man besaß keine +innerlich erworbene Geschichte der Vergangenheit und darum auch kein +Auge für die Notwendigkeiten der Zukunft. Man ließ sie herankommen; +man versuchte nicht auf sie zu wirken. Und deshalb ist heute <em class="gesperrt">der +Sozialismus mit seiner unverkennbaren, wenn auch bisher nicht erkannten +Verwandtschaft zum Ägyptertum die dem Stoizismus der Zeitstufe nach +entsprechende, dem Sinne nach bis zum Äußersten entgegengesetzte +Altersstimmung der abendländischen Seele</em>, durch und durch +ägyptisch in seiner umfassenden Sorge für dauerhafte wirtschaftliche +Zusammenhänge, für Vorsorge und Fürsorge, die den gegenwärtigen +Zustand aus der historischen Perspektive von Jahrhunderten auffaßt, +die den <em class="gesperrt">Einzelnen</em> mit all seinen Lebensäußerungen in die +tausendfachen Beziehungen eines höchst abstrakten Wirtschaftssystems +bindet und verflicht, des genauen Seitenstücks der analytischen +Zahlenwelt, wie es der heutigen Funktionentheorie zugrunde liegt. Die +antike Wirtschaftsgesinnung — die ἀταραξία und Unbekümmertheit der +Stoiker wiederholend — <em class="gesperrt">verleugnet</em> die Zeit, die Zukunft, die +Dauer, die abendländische <em class="gesperrt">bejaht</em> sie, sei es in der flacheren +englisch-jüdischen Fassung von Malthus, Marx, Bentham, sei es in der +tiefen und zukunftsreichen <em class="gesperrt">des preußischen Staatsgedankens</em>, +dessen von Friedrich Wilhelm I. begründeter Sozialismus noch in +diesem Jahrhundert den andern in sich aufnehmen wird. Das Wort +Friedrichs des Großen: „Ich bin der erste Diener meines Staates“ +drückt diese hohe Sorge um das Kommende, dies <em class="gesperrt">faustische</em> +Schicksalsgefühl aus. Es gehört derselben Epoche an wie Rousseaus +<i>contrat social</i>, aus dem die englisch-französische Staatsidee, +die parlamentarisch-halbsozialistische des 19. Jahrhunderts, +wesentlich hervorging. Rousseau und Friedrich der Große waren +<em class="gesperrt">Musiker</em>; Sokrates, ihr „Zeitgenosse“ und Ahnherr der Stoa, +war <em class="gesperrt">Bildhauer</em>. Beide Wirtschaftsideale, das der Polis und das +des westeuropäischen Staates, sind in der Tiefe ihrer Form mit den +Prinzipien<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> der Plastik und des Kontrapunkts verwandt. So berühren +sich die Ideen von Schicksal, Geschichte, Zeit, Sorge mit den letzten +<em class="gesperrt">künstlerischen</em> Ausdrucksformen des Seelentums.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_15">15</h4> + +</div> + +<p>Der alltägliche Mensch aller Kulturen bemerkt von der Physiognomie +alles Werdens, seines eignen und dessen der historischen Welt, nur +den unmittelbar greifbaren <em class="gesperrt">Vordergrund</em>. Die Summe seiner +Erlebnisse, der inneren wie der äußeren, füllt als bloße Reihenfolge +von Einzelheiten den Lauf seiner Tage. Erst der bedeutende Mensch fühlt +hinter dem populären Zusammenhange der historisch-bewegten Oberfläche +die tiefe Logik des Werdens, die in der Schicksalsidee hervortritt und +die eben jene oberflächlichen bedeutungsarmen Bildungen des Tages als +Zufälligkeiten erscheinen läßt.</p> + +<p>Zwischen Schicksal und Zufall scheint zunächst nur ein Gradunterschied +an Gehalt zu bestehen. Man empfindet es etwa als Zufall, daß Goethe +nach Sesenheim, und als Schicksal, daß er nach Weimar kam. Das eine +scheint Episode, das andre Epoche zu sein. Indessen wird daraus +deutlich, daß die Unterscheidung vom innern Range des Menschen abhängt, +der sie trifft. Der Menge wird selbst das Leben Goethes als eine +Reihe von Zufällen erscheinen; wenige werden mit Erstaunen empfinden, +welche symbolische Notwendigkeit in ihm auch noch dem Unbedeutendsten +innewohnt.</p> + +<p>Hier bleibt das Gebiet der begrifflichen Verständigung weit zurück; +was Schicksal, was Zufall ist, das gehört zu den entscheidenden +<em class="gesperrt">Erlebnissen</em> der einzelnen Seele wie der ganzer Kulturen. Es ist +eine Frage der Ethik, nicht der Logik. Hier schweigt alle Erfahrung, +jede abstrakte Erkenntnis, jede Definition; und wer auch nur den +Versuch wagt, beides erkenntnistheoretisch fassen zu wollen, der kennt +es gar nicht. Schicksal und Zufall bilden jedesmal einen Gegensatz, in +den die Seele zu kleiden versucht, was <em class="gesperrt">nur</em> Gefühl, <em class="gesperrt">nur</em> +Erlebnis und Intuition sein kann und was allein durch die innerlichsten +Schöpfungen von Religion und Kunst denen verdeutlicht wird, die +zur Einsicht <em class="gesperrt">berufen</em> sind. Um dies Urgefühl des lebendigen +Daseins,<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> das dem Weltbilde der Geschichte Sinn und Gehalt verleiht, +heraufzurufen — Name ist Schall und Rauch —, weiß ich nichts Besseres +als einen Vers von Goethe, denselben, der als Motto an der Spitze +dieses Buches dessen Grundgesinnung bezeichnen soll:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wenn im Unendlichen dasselbe</div> + <div class="verse indent0">Sich wiederholend ewig fließt,</div> + <div class="verse indent0">Das tausendfältige Gewölbe</div> + <div class="verse indent0">Sich kräftig ineinander schließt;</div> + <div class="verse indent0">Strömt Lebenslust aus allen Dingen,</div> + <div class="verse indent0">Dem kleinsten wie dem größten Stern,</div> + <div class="verse indent0">Und alles Drängen, alles Ringen</div> + <div class="verse indent0">Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Die Unterscheidung dieser letzten Ideen ist Sache des Herzens. Die +<em class="gesperrt">Logik der Geschichte</em>, der Richtung, die <em class="gesperrt">tragische</em> +Notwendigkeit des Seins, die in diesem Kreise waltet, ist nicht die +Logik der Natur, nicht Zahl und Gesetz, Ursache und Wirkung, nichts +Greifbares oder Begreifbares überhaupt. Man spricht von der Logik einer +plastischen Gruppe, eines vollkommenen Gedichtes, einer Melodie, eines +Ornamentes. Es ist die immanente Logik aller Religionen.</p> + +<p>Dies <em class="gesperrt">ist</em> Religion, und selbst die große Kunst vermag durch ihre +Symbole dieses letzte Geheimnis jeder Seele nur zu berühren, soweit +sie Religion ist. Insofern ein Kunstwerk im <em class="gesperrt">Künstlersinne</em> +Form hat, technische, elementare Form nämlich, die in Schule und +Werkstatt gelehrt werden kann, die die Substanz jeder Tradition und +Konvention bildet, den <em class="gesperrt">Kanon</em> der Fuge, den <em class="gesperrt">Kanon</em> der +Plastik, den <em class="gesperrt">Bau</em> der Tragödie — insofern ist das Kunstwerk +etwas <em class="gesperrt">Gewordnes</em>, der Welt als Natur angehörig und seine Logik +von einer irgendwie kausal gefärbten Art. Man wird eine Verwandtschaft +der höheren Mathematik dieser Kultur mit <em class="gesperrt">diesem</em> Objekt der +Kunstübung nicht verkennen („Form“ als Gegensatz zum „Stoff“). Wenn +aber ein Kunstwerk in seinem Tiefsten noch darüber hinausgeht, sich +aus der Sphäre massenhaft geübter Zeitkunst in den Kreis der wenigen +<em class="gesperrt">begnadeten</em> Schöpfungen erhebt, dann teilt es die Form des +Werdens, dann <em class="gesperrt">hat</em> es Schicksal und <em class="gesperrt">ist</em> es Schicksal in +der Entwicklung einer Kultur, nicht mehr ein Atom im Wellenschlag +der historischen Oberfläche,<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> sondern selbst geschichtsbildend, +epochemachend im wörtlichen Sinne.</p> + +<p>So ist es die <em class="gesperrt">Idee der Gnade</em> im abendländischen Christentum, +welche Zufall und Schicksal in der höchsten ethischen Fassung +repräsentiert. Fügung (Erbsünde) und Gnade — in dieser Polarität, +die immer nur Gestalt des Gefühls, des bewegten Lebens, nie Inhalt +der Erfahrung sein kann, liegt das Dasein jedes wirklich bedeutenden +Menschen dieser Kultur beschlossen. Sie ist, auch für den Protestanten, +auch für den Atheisten, und sei sie noch so gut hinter dem Begriff der +„Entwicklung“ versteckt, der in gerader Linie von ihr abstammt,<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a> die +Grundlage jeder Autobiographie, die, geschrieben oder gedacht, deshalb +dem antiken Menschen, dessen Schicksal von andrer Gestalt war, versagt +blieb. Aus ihr ist — wieder im Gegensatz zu Äschylus und Sophokles +— der ganze Gehalt der tragischen Schöpfungen von Shakespeare und +Goethe abzuleiten. Sie ist der letzte Sinn der Bildnisse Rembrandts +und der Musik von Bach bis zu Beethoven. Mag man es Fügung, Vorsehung, +innere Entwicklung<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a> nennen, was den Lebensläufen aller Menschen des +Abendlandes etwas Verwandtes gibt — dem Denken bleibt es unzugänglich. +Hier endet jede rationalistische Verfolgung religiöser Ideen beim +Widersinn: der vermeintlichen Überwindung kirchlicher Dogmen durch die +„Resultate der Wissenschaft“. Die Prädestinationslehre bei Calvin und +Pascal — die beide, aufrichtiger als Luther und Thomas von Aquino, +die Konsequenzen der augustinischen Dialektik zu ziehen wagten — ist +die <em class="gesperrt">notwendige</em> Absurdität, zu welcher die verstandesmäßige<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> +Verfolgung dieser Dinge führt. Sie gerät aus der Logik des Weltgefühls +in die Logik der Begriffe und Gesetze, aus der unmittelbaren Anschauung +des Lebens in ein System von Objekten. Die furchtbaren Seelenkämpfe +Pascals sind die eines tiefinnerlichen Menschen, der zugleich geborner +Mathematiker war und der die letzten und ernstesten Fragen der Seele +<em class="gesperrt">zugleich</em> den großen Intuitionen eines inbrünstigen Glaubens +und der abstrakten Präzision einer ebenso großen mathematischen +Anlage unterwerfen wollte. Dies gab der Schicksalsidee, religiös +gesprochen der Vorsehung Gottes, <em class="gesperrt">die schematische Form des +Kausalitätsprinzips</em>, die Kantische Form der Verstandestätigkeit +also, <em class="gesperrt">denn das bedeutet Prädestination</em>, in der nun allerdings +die lebendige, freie und stets gegenwärtige Gnade, als allein dem +historischen („<em class="gesperrt">übernatürlichen</em>“), nicht dem natürlichen +Weltbilde immanent, logisch unmöglich erscheint. Der Zweifel an Gott +ist das Verhängnis des Menschen, in dem ein tiefer Verstand über eine +tiefe Seele siegt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_16">16</h4> + +</div> + +<p>Wenden wir uns nun der weiteren Verdeutlichung des <em class="gesperrt">Phänomens des +Zufälligen</em> zu, so werden wir nicht mehr Gefahr laufen, in ihm eine +Ausnahme oder Durchbrechung des kausalen <em class="gesperrt">Natur</em>zusammenhanges +zu sehen. „Natur“ ist <em class="gesperrt">nicht</em> das Weltbild, in dem das Schicksal +wesenhaft wird. Überall, wo der verinnerlichte Blick sich vom +Sinnlich-Gewordnen löst und, der Vision sich nähernd, die Umwelt +durchdringt, Urphänomene statt Objekte auf sich wirken fühlt, tritt der +große <em class="gesperrt">historische</em>, der außer- und übernatürliche Aspekt ein: es +ist der Blick Dantes und Wolframs, auch der des Goetheschen Alters, als +dessen Ausdruck vor allem das Ende des zweiten Faust erscheint und, was +man immer verkannt hat, der des Cervantes damals, als er die Gestalt +des Don Quijote fand. Verweilen wir in dieser Welt von Schicksal und +Zufall, so scheint es vielleicht zufällig, daß auf diesem kleinen +Gestirn sich die Episode der „Weltgeschichte“ abspielt; zufällig, daß +Menschen, eine tierähnliche organische Bildung auf der Rinde dieses +Stern, das Phänomen der „Erkenntnis“ und gerade in<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> dieser, von Kant, +Aristoteles und andern so sehr verschieden betriebenen Form besitzen; +zufällig, daß als Wirkung dieser Erkenntnis gerade diese Naturgesetze +in Erscheinung treten („ewig und allgemeingültig“) und das Bild einer +„Natur“ wachrufen, von dem jeder Einzelne glaubt, daß es für alle +dasselbe sei. Die Physik verbannt — mit Recht — den Zufall aus ihrem +Bilde, aber es ist doch wieder Zufall, daß sie selbst überhaupt, +irgendwann in der Alluvialperiode der Erdoberfläche, einmal als +geistiges Phänomen auftauchte.</p> + +<p>Wem der Blick für dies <em class="gesperrt">andere</em> Weltbild, für Geschichte im +höchsten Sinne — die Welt als „Divina commedia“, als Schauspiel +für einen Gott — fehlt wie Kant und den meisten Systematikern des +Denkens, der wird darin nur den sinnlosen Wirrwarr von Zufällen, +diesmal im banalsten Sinne des Wortes, finden.<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a> Aber auch die +zünftige, unkünstlerische Geschichtsforschung ist nicht viel mehr als +eine „pragmatische“ Analyse der Oberfläche, eine wenn auch noch so +geistreiche Sanktion des Banal-Zufälligen.</p> + +<p>Umgekehrt liegt dem „astrologischen“ Weltaspekte, selbst dort, wo +er sich wissenschaftlich gebärdet, die Überzeugung zugrunde, daß +das gesamte All, Gestirne wie Menschen, jenseits aller naturhaften +Kausalität, auch noch eine Einheit von ganz andrer Ordnung bildet, +deren immanente Logik eben die eines Schicksals ist. Kepler, der +die mathematischen Gesetze der Planetenbahnen fand, war überzeugter +Astrolog (er hat unter andern das Horoskop Wallensteins gestellt). +Ich sehe in jeder tragischen Dichtung, vorausgesetzt, daß sie einen +entsprechenden Rang einnimmt, den Ausdruck eines astrologischen +Lebensgefühls, selbst wenn der Autor als empirische Person dies in +Abrede gestellt hätte. Für Shakespeare beweisen es nicht nur die +Hexenszenen des Macbeth, welche tatsächlich den kosmischen Sinn des +Stückes tragen, sondern auch eine dunkle Grundstimmung im Lear, im +Wintermärchen, vor allem im Sturm. Hier würde man für Fügung und +Bestimmung vielleicht das Wort <em class="gesperrt">Verhängnis</em> wählen. Hier waltet +<em class="gesperrt">nur</em> ein Schicksal<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> und Zufall heißt lediglich das, was dem +Einzelnen im Bilde auch seelisch nicht mehr verständlich ist. Von +diesem letzten Standpunkte aus löst sich endlich beides in eine +erhabene Einheit auf und dies ist es, was Christen großen Stils — +ich erinnere nochmals an Dante — als „göttliche Weltordnung“ mit +unerschütterlicher Gewißheit empfinden. Nur der Standort unterscheidet +noch Schicksal und Zufall. Nichts ist bezeichnender als Shakespeare, in +dem man den eigentlichen <em class="gesperrt">Tragiker</em> des <em class="gesperrt">Zufalls</em> noch nie +gesucht und nie vermutet hat. Und doch liegt hier gerade der Kern der +abendländischen Tragik, die zugleich das Abbild der abendländischen +Idee der Historie und der Schlüssel zu dem ist, was das von Kant +nicht verstandene Wort „Zeit“ bedeutet. Es ist recht zufällig, daß +die politische Situation des Hamlet, der Königsmord und die Frage der +Thronfolge, gerade <em class="gesperrt">diesen</em> Charakter treffen. Es ist zufällig, +daß Jago, ein alltäglicher Halunke, wie man sie auf allen Straßen +findet, gerade diesen Mann aufs Korn nahm, dessen Person diese durchaus +nicht alltägliche Physiognomie besaß. Und Lear! Ist etwas zufälliger +(und darum „natürlicher“) als die Paarung dieser gebietenden Würde +mit diesen den Töchtern vererbten verhängnisvollen Leidenschaften? +Hebbel wollte seine Menschen konsequenter, weniger zufällig haben — +er wurde deshalb unnatürlich. Das Gezwungene, Systematische seiner +Konzeptionen, das jeder fühlt, ohne es sich deuten zu können, lag +darin, daß das logisch-kausale Schema seiner seelischen Konflikte dem +historisch-bewegten Weltgefühl und dessen ganz andersartiger Logik +widerspricht. Man fühlt die Gegenwart eines großen Verstandes, aber +nicht die eines tiefen Lebens.</p> + +<p>Und eben diese <em class="gesperrt">abendländische</em> Nuance des Zufälligen ist dem +antiken Weltgefühl und mithin dem antiken Drama ganz fremd. Antigone +hat keine zufällige Eigenschaft, welche für ihre Tragik irgendwie in +Betracht käme. Was dem König Ödipus geschah, hätte — im Gegensatz +zum Schicksale Lears — jedem andern geschehen können. Dies ist das +<em class="gesperrt">antike</em> Schicksal, das „allgemein menschliche“ <em class="gesperrt">Fatum</em>, das +einem σῶμα überhaupt gilt und vom zufällig Persönlichen in keiner Weise +abhängt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>Die gewöhnliche Geschichtsschreibung wird <em class="gesperrt">immer</em> beim Zufälligen +stehen bleiben. Dies ist — das Schicksal ihrer Urheber, die geistig +mehr oder weniger innerhalb der Menge bleiben. Vor ihrem Auge fließen +Natur und Geschichte in eine höchste populäre Einheit zusammen und +„Zufall“, sa sacrée Majesté le Hazard, ist für den Mann der Menge das +Verständlichste, was es gibt. Es ist das Geheimnisvoll-Kausale, das +noch nicht Bewiesene, das ihm die Logik der Geschichte, die er nicht +fühlt, ersetzt. Das anekdotenmäßige Vordergrundsbild der Historie, +der Tummelplatz aller wissenschaftlichen Kausalitätenjäger und aller +Roman- und Stückeschreiber gewöhnlichen Schlages, entspricht dem +durchaus. Wie viele Kriege wurden angefangen, weil ein eifersüchtiger +Hofmann einen General von seiner Frau entfernen wollte! (In den Briefen +der Liselotte von Orleans finden sich kleine Kabinettstücke solcher +Aspekte der französischen Geschichte.) Wie viele Schlachten wurden +durch lächerliche Zwischenfälle gewonnen oder verloren! Man denke an +den Fächerschlag des Dei von Algier und ähnliches, das die historische +Szene mit Operettenmotiven belebt. Wie von einem schlechten Dramatiker +angebracht erscheinen der Tod Gustav Adolfs oder Alexanders. Hannibal +ist ein bloßes Intermezzo der antiken Geschichte, in deren Verlauf +er überraschend einfiel. Napoleons „Vorübergang“ entbehrt nicht der +Melodramatik. Konradin, der letzte Staufe, ist der Urstoff aller +Schülerpoesie. Wer die immanente Logik der Geschichte in irgendeiner +kausalen Folge ihrer sichtbaren Einzelereignisse sucht, wird immer, +wenn er aufrichtig ist, eine Komödie von burlesker Sinnlosigkeit +finden und ich möchte glauben, daß die so wenig beachtete Tanzszene +der betrunkenen Triumvirn in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ — +für mich eine der mächtigsten in diesem unendlich tiefen Werke — aus +dem Hohn des ersten <em class="gesperrt">historischen</em> Tragikers aller Zeiten auf +den pragmatischen Geschichtsaspekt hervorgewachsen ist. Dieser allzu +populäre Aspekt hat von jeher „die Welt“ beherrscht. Er hat den kleinen +Ehrgeizigen Mut und Hoffnung gemacht, in sie einzugreifen. Rousseau, +Ibsen, Nietzsche, Marx glaubten, durch eine Theorie den „Lauf der Welt“ +ändern zu können. Selbst die soziale, wirtschaftliche oder sexuelle +Deutung, zu der als<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> <em class="gesperrt">Maximum</em> die Geschichtsbehandlung sich +heute „erhebt“ und die stets, angesichts ihres biologischen Gepräges, +kausaler Aspirationen verdächtig bleibt, ist noch reichlich trivial und +populär.</p> + +<p>Napoleon hatte in bedeutenden Momenten ein starkes Gefühl für die +wahre Logik des Weltwerdens. Er ahnte dann, inwiefern er ein Schicksal +war und inwiefern er eines hatte. „Ich fühle mich gegen ein Ziel +getrieben, das ich nicht kenne. Sobald ich es erreicht haben werde, +sobald ich nicht mehr notwendig sein werde, wird ein Atom genügen, +mich zu zerschmettern. Bis dahin aber werden alle menschlichen Kräfte +nichts gegen mich vermögen“ (1812). Das war <em class="gesperrt">nicht</em> pragmatisch +gedacht. Er selbst als empirische Person hätte vielleicht bei Marengo +fallen können. Was er <em class="gesperrt">bedeutete</em>, wäre dann in andrer Gestalt +verwirklicht worden. Eine Melodie ist in den Händen eines großen +Musikers reicher Variationen fähig; sie kann für den einfachen Hörer +völlig verwandelt sein, ohne in der Tiefe — in einem ganz andern +Sinne — sich verändert zu haben. Die Epoche der deutschnationalen +Einigung ist in der Person Bismarcks, die der Freiheitskriege in +breiten und beinahe namenlosen Ereignissen durchgeführt worden. Beide +„Themata“ konnten auch anders „durchfiguriert“ werden. Bismarck hätte +entlassen und die Schlacht bei Leipzig verloren werden können; die +Gruppe der Kriege von 1864, 1866 und 1870 konnte durch diplomatische, +dynastische, revolutionäre oder volkswirtschaftliche Momente — +„Modulationen“ — vertreten werden, <em class="gesperrt">obwohl die physiognomische +Prägnanz der abendländischen Geschichte, im Gegensatz zum Stil der +indischen etwa, an entscheidender Stelle starke Akzente, Kriege oder +große Persönlichkeiten, sozusagen kontrapunktisch fordert</em>. Bismarck +selbst deutet in seinen Erinnerungen an, daß im Frühling 1848 eine +Einigung in weiterem Umfange als 1870 hätte erreicht werden können, +die nur an der Politik des preußischen Königs, richtiger: an seinem +privaten Geschmack scheiterte. Das wäre, auch nach Bismarcks Gefühl, +eine matte Durchführung des Satzes gewesen, die eine Coda („<i>da capo +e poi la coda</i>“) notwendig gemacht hätte. Der Sinn der Epoche — das +Thema — hätte sich nicht verändert. Goethe konnte — vielleicht — in +frühen Jahren<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> sterben, nicht seine Idee. „Faust“ und Tasso wären nicht +geschrieben worden, aber sie wären, ohne ihre poetische Greifbarkeit, +in einem sehr geheimnisvollen Sinne trotzdem „gewesen“.</p> + +<p>Man kann das Phänomen des Zufalls, das dem des Schicksals erst +Vollkommenheit gibt, nur aus der Idee des Urphänomens begreifen. Ich +denke wieder an Bildungen der Pflanzenwelt. Kulturen <em class="gesperrt">sind</em> +Pflanzen. Eine Buche, die eben heranwächst, wird im Laufe der Jahre +Blätter, Zweige, einen Stamm, Wipfel erhalten, deren allgemeine +Gestalt sich voraussagen läßt; dies gehört zum <em class="gesperrt">Schicksal</em> des +keimenden Organismus. Aber der Same ist vom Winde an irgendeine +Stelle getragen worden und Alter, Gesundheit, Mächtigkeit, Fülle der +Erscheinung werden durch sie wesentlich mitbestimmt. Tausend Umstände +kommen hinzu, um auch das Dasein zweier Nachbarstämme sehr verschieden +zu gestalten. Hier würde ein strenger Christ von einer <em class="gesperrt">Gnade der +Natur</em> reden. Zuletzt wird jeder Wipfel des Waldes, jeder Ast, jedes +Blatt von dem andern verschieden geworden sein und in einer Art, die +niemand voraussagen konnte; und dies wird man vor allem als Zufall +empfinden. Man kann dem Planetensystem gegenüber eine Betrachtungsweise +wählen, aus der die Ringe des Saturn und die Existenz der Erde in +dieser <em class="gesperrt">Größe</em>, mit <em class="gesperrt">dieser</em> Form der Gravitation, dieser +geologischen Oberflächengeschichte, in der die Menschheit eine +flüchtige Episode bildet, zwischen diesen Nachbarplaneten, als Gebilde +des Zufalls erscheinen, vorausgesetzt, daß man die Sternenwelt als +ungeheuren Organismus auf sich wirken läßt. Die mathematischen Gesetze, +die einem andern Aspekt angehören, bleiben dabei völlig unberührt und +unangefochten. Und so tragen alle großen Kulturen, in deren Lebenslauf +vieles vorausbestimmbar ist, in ihren Zügen etwas, das dem Urphänomen +<em class="gesperrt">wesentlich</em> angehört und das man ihrem Schicksal, etwas, das +niemand ahnen kann und das man dem Zufall, der <em class="gesperrt">Gnade</em>, zuweisen +kann. In welchem Grade diese Wertung stattfindet, das entscheidet für +das einzelne Geschichtsbild, das immer das eines bestimmten Betrachters +ist, dessen Weltgefühl mit unmittelbarer innerer Gewißheit.</p> + +<p>Die euklidische Seele der Antike konnte ihr an gegenwärtigen +Vordergründen haftendes Dasein indessen nur in der Gestalt<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> von +Zufällen erleben. Darf man für die abendländische Seele das Zufällige +als Schicksal von geringerem Gehalte deuten, so darf umgekehrt das +Schicksal für die antike Seele als gesteigerter Zufall gelten. Das +bedeutet fatum. Beide Worte aber bezeichnen für die apollinische +Seele Momente von ganz andrer Physiognomie. Sie besaß, wie wir +sahen, kein Gedächtnis, keine organische Zukunft und Vergangenheit, +keine wirklich durchlebte Geschichte also und das will heißen: +kein eigentliches Gefühl für eine <em class="gesperrt">Logik</em> des Schicksals. Man +lasse sich nicht durch Worte täuschen. Die populärste Göttin des +Hellenismus war Tyche,<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a> die man von der Ananke kaum zu scheiden +wußte. Schicksal und Zufall aber werden von <em class="gesperrt">uns</em> mit der +ganzen Wucht eines <em class="gesperrt">Gegensatzes</em> empfunden, von dem in unsrer +tiefern Existenz alles abhängt. <em class="gesperrt">Unsere</em> Geschichte ist die +der großen Zusammenhänge; sie ist kontrapunktisch gesetzt. Die +antike Geschichte, nicht etwa nur ihr Bild bei ihren Historikern +wie Herodot, sondern ihre volle Wirklichkeit ist die der Anekdoten, +das heißt eine Summe statuenhafter Einzelheiten. Anekdotisch ist +der Stil des griechischen Daseins überhaupt wie der jeder einzelnen +Biographie. Das körperlich-greifbare Element repräsentiert den +<em class="gesperrt">ahistorischen</em>, den <em class="gesperrt">dämonischen</em> Zufall. Die Logik des +Geschehens wird mit ihm verdeckt, verleugnet. Alle Fabeln antiker +Meistertragödien <em class="gesperrt">erschöpfen</em> sich in <em class="gesperrt">sinnlosen</em> Zufällen; +anders läßt sich die Bedeutung des Wortes εἱμαρμένη im Gegensatz zur +shakespearischen Logik, die sich am <em class="gesperrt">antihistorischen</em> Zufall +erst entwickelt und verdeutlicht, nicht bezeichnen. Noch einmal: was +dem Ödipus zustößt, ganz von außen, innerlich durch nichts bedingt +und bewirkt, hätte jedem Menschen ohne Ausnahme geschehen können. Das +ist die Form des <em class="gesperrt">Mythus</em>. Man vergleiche damit die tiefinnere, +durch ein ganzes Dasein und das Verhältnis dieses Daseins zur +Epoche bedingte individuelle Notwendigkeit im Schicksal Othellos, +Don Quijotes, Werthers. Situationstragödie und Charaktertragödie +stehen hier gegeneinander. Aber in der Geschichte selbst wiederholt +sich der Gegensatz. Jede Epoche des Abendlandes hat Charakter, jede +Epoche der Antike stellt eine Situation dar. Das Leben Goethes<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> war +von schicksalsvoller Logik, das Cäsars von mythischer Zufälligkeit. +Hier hat Shakespeare erst die Logik <em class="gesperrt">hineingetragen</em>. Napoleon +ist ein tragischer <em class="gesperrt">Charakter</em>; Alkibiades gerät in tragische +<em class="gesperrt">Situationen</em>. Die Astrologie in der Gestalt, wie sie von der +Gotik bis zum Barock das Weltgefühl selbst ihrer Leugner beherrschte, +wollte sich des <em class="gesperrt">ganzen</em> künftigen Lebenslaufes bemächtigen. +Das <em class="gesperrt">Horoskop</em> setzte einen <em class="gesperrt">einheitlichen Organismus</em> des +gesamten noch zu entwickelnden Daseins voraus. Das <em class="gesperrt">Orakel</em>, immer +auf <em class="gesperrt">einzelne</em> Fälle bezogen, ist ganz eigentlich das Symbol +des Zufalls, der Τύχη, des Augenblicks; es gibt das Punktförmige, +Zusammenhanglose im Weltlauf zu, und in dem, was man in Athen als +Geschichte schrieb und erlebte, waren Orakelsprüche sehr am Platze. +Hat je ein Grieche die Idee einer <em class="gesperrt">historischen Entwicklung</em> +zu irgendeinem Ziele besessen? Haben wir je ohne dies Grundgefühl +über Geschichte nachdenken, Geschichte machen können? Vergleicht man +die Geschichte Athens und Frankreichs in den entsprechenden Zeiten +seit Themistokles und Ludwig XIV., so wird man finden, daß Stil des +historischen Fühlens und Stil der Wirklichkeit hier eines sind: hier +ein Extrem von Logik, dort von Unlogik.</p> + +<p>Man wird den letzten Sinn dieses bedeutsamen Faktums jetzt verstehen. +Geschichte ist eben die <em class="gesperrt">Gestalt</em> einer Seele, und der gleiche +Stil beherrscht die Geschichte, die man macht und die, welche man +„anschaut“. Die antike Mathematik schließt das Symbol des unendlichen +Raumes aus; die antike Geschichte mithin auch. Fügung und ein +unendlicher Weltraum, Zufall und materielle Nähe und Greifbarkeit von +Körpern — das gehört zusammen. Nicht umsonst ist die Szene des antiken +Daseins die kleinste von allen: die einzelne Polis. Es fehlen ihm +Horizont und Perspektiven — trotz der Episode des Alexanderzuges — +genau wie der Szene des attischen Theaters mit der flach abschließenden +Rückwand. Man denke an die funktionalen und infinitesimalen Faktoren +<em class="gesperrt">unserer</em> Politik, die Kabinettsdiplomatie oder „das Kapital“. +Wie die Hellenen in ihrem Kosmos nur Vordergründe der Natur erkannten +und als wirklich anerkannten, unter innerlichster Ablehnung der +babylonischen Astronomie des Sternhimmels, wie sie <em class="gesperrt">nur</em> Haus-, +Stadt- und Feldgottheiten,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> aber keine Gestirngötter besaßen,<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a> so +<em class="gesperrt">malten</em> sie auch nur Vordergründe. Niemals ist in Korinth, Athen +oder Sikyon eine Landschaft mit Gebirgshorizonten, ziehenden Wolken, +fernen Städten entstanden. Man findet auf allen Vasen nur Figuren von +euklidischer Vereinzelung und Selbstzufriedenheit. Jede Giebelgruppe +eines Tempels ist von additivem, niemals von kontrapunktischem Aufbau. +Aber man erlebte auch nur Vordergründe. Schicksal war das, was einem +plötzlich zustieß, nicht der „Lauf des Lebens“, und so hat Athen neben +dem Fresko Polygnots und der Geometrie der platonischen Akademie +die <em class="gesperrt">Schicksalstragödie</em> ganz im berüchtigten Sinne der „Braut +von Messina“ geschaffen. Der vollkommene Unsinn des blinden Fatums, +verkörpert z. B. im Atridenfluch, repräsentierte dem ahistorischen +antiken Seelentum den ganzen Sinn seiner Welt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_17">17</h4> + +</div> + +<p>Einige gewagte, aber doch nicht mehr mißzuverstehende Beispiele mögen +zur Verdeutlichung dienen. Man denke sich Kolumbus von Frankreich +statt von Spanien unterstützt. Das war eine Zeitlang sogar das +Wahrscheinliche. Franz I. als Herr Amerikas hätte ohne Zweifel die +Kaiserkrone an Stelle des Spaniers Karl V. erhalten. Die frühe +Barockzeit vom Sacco di Roma bis zum westfälischen Frieden, nunmehr in +Religion, Geist, Kunst, Politik, Sitte das <em class="gesperrt">spanische</em> Jahrhundert +— das dem Zeitalter Ludwigs XIV. in allem und jedem zur Grundlage und +Voraussetzung diente — wäre nicht von Madrid, sondern von Paris aus +in Gestalt gebracht worden. Statt der Namen Philipp, Alba, Cervantes, +Calderon, Velasquez würden wir heute die großer Franzosen nennen, die +nun — so läßt sich das schwer zu Fassende wohl ausdrücken — ungeboren +bleiben. Der Stil der Kirche, damals durch den Spanier Ignaz von Loyola +und das von seinem Geist beherrschte Tridentiner Konzil endgültig +bestimmt, der politische Stil, damals durch spanische Kriegskunst, +durch die Kabinettsdiplomatie spanischer Kardinäle und den höfischen +Geist des Escorial bis zum Wiener Kongreß und<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> in wesentlichen Zügen +noch über Bismarck hinaus festgelegt, die Architektur, die große +Malerei, das Zeremoniell, die vornehme Gesellschaft der großen Städte +wären durch andere feine Köpfe in Adel und Geistlichkeit, durch andere +Kriege als die Philipps II., einen anderen Baumeister als Vignola, +einen anderen Hof vertreten worden. Der Zufall wählte die spanische +Geste für die abendländische Spätzeit; die <em class="gesperrt">innere Logik</em> des +Zeitalters, das in der großen Revolution — oder einem Ereignis von +analogem Gehalte — seine Vollendung finden <em class="gesperrt">mußte</em>, blieb davon +unberührt.</p> + +<p>Die französische Revolution konnte in der Tat durch ein Ereignis +von anderer Gestalt und an anderer Stelle, in Deutschland etwa, +vertreten werden. Ihre Idee (wie wir später sehen werden), der +Übergang der Kultur in die Zivilisation, der Sieg der anorganischen +Weltstadt über das organische Land, das nun „Provinz“ in geistigem +Sinne wird, war notwendig, und zwar in diesem Augenblick. Hierfür +soll das Wort <em class="gesperrt">Epoche</em> im alten heute verwischten (mit Periode +verwechselten) Sinne angewandt werden. Ein historisches Ereignis +macht Epoche: das heißt, es bezeichnet im Organismus einer Kultur +ein notwendiges, schicksalshaftes Stadium. Das Ereignis selbst, ein +Kristallisationsgebilde der historischen Oberfläche, konnte durch +entsprechende andere vertreten werden; die <em class="gesperrt">Epoche</em> ist notwendig +und vorbestimmbar. Ob ein Ereignis den Rang einer Epoche oder einer +Episode in bezug auf eine Kultur und deren Gang einnimmt, das hängt, +wie man sieht, mit den Ideen vom Schicksal und Zufall und weiterhin +mit dem Unterschied der epochalen abendländischen und der episodischen +antiken Tragik zusammen.</p> + +<p>Es mögen ferner anonyme und <em class="gesperrt">persönliche</em> Epochen unterschieden +werden, je nach ihrem physiognomischen Typus im Geschichtsbilde. Der +erste Teil jener Epoche, die Revolution, 1789–1799, ist durchaus +anonym, der zweite, napoleonische, 1799–1815, im höchsten Grade +persönlich gehalten. Die ungeheure Vehemenz dieser Erscheinung +hatte in einigen Jahren vollendet, was die entsprechende antike +Epoche (386–322), verschwommen und unsicher, in ganzen Jahrzehnten +„unterirdischen Abbaues“ zu leisten hatte. Es gehört zum organischen +Typus aller Kulturen, zum Urphänomen, daß in jedem Stadium<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> zunächst +die gleiche Möglichkeit vorhanden ist, das Notwendige in Gestalt einer +großen Person (Ludwig XIV., Cäsar), eines großen anonymen Faktums +(peloponnesischer und dreißigjähriger Krieg) oder einer morphologisch +undeutlichen Entwicklung (Diadochenzeit, spanischer Erbfolgekrieg) zu +vollziehen. Welche Form die <em class="gesperrt">Wahrscheinlichkeit</em> für sich hat, ist +bereits eine Frage des historischen — tragischen — Stils.</p> + +<p>Die Geschichte, wie sie vor dem faustischen Auge sich als Weltbild +entrollt, verwirklicht ihre Epochen in persönlicher <em class="gesperrt">oder</em> +anonymer Fassung; die Tragödie drängt zur persönlichen als der +symbolisch bedeutenderen hin. Ein Dichter der Revolution würde ihren +Gehalt in eine repräsentative Person, Danton etwa, drängen. Unsere +Dramen sind Dramen einzelner Charaktere. Goethes Wahlverwandtschaften +bilden eine seltene Ausnahme. Ein tragischer Charakter ist der, welcher +Epoche macht, Werther z. B. Antike „Charaktere“ von epochemachender +Bedeutung gibt es also nicht.</p> + +<p>Jede wahre Epoche bedeutet auch eine wahre Tragödie, aber in unserem, +nicht im antiken Sinne. Parzeval, Don Quijote, Hamlet, Faust sind +solche Tragödien, die eine ganze historische Krisis in einem Charakter +resümieren und man darf deshalb jede große Tragödie unserer Kultur im +Gegensatz zu jeder antiken, notwendig ahistorischen und mythischen eine +historische nennen, so frei ihre Fabel erfunden sein mag; andernfalls +ist sie „Genre“ wie bei Schiller und Alfieri. Shakespeares Cäsar stirbt +im dritten Akt. Diese Tragödie gestaltet eine Epoche und der Dichter +fühlte — ganz unbewußt, wie sich versteht —, daß eine empirische +Person nur Symbol, nur Oberflächengebilde ist.<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a> Die Handlung +vollendet sich mithin erst dort, wo die Epoche, nicht wo das sinnliche +Dasein ihres Trägers zu Ende war. Cäsar ist in einem tieferen Sinne +erst bei Philippi gefallen, <em class="gesperrt">in der Gestalt des Brutus nämlich</em>, +die seine <em class="gesperrt">Mission</em> vollendete, während Antonius, sein Erbe im +Sinne des historischen Vordergrundes, in Alexandria eine neue Epoche +einleitete, die bei Philippi zutage trat und im Drama von Actium +schloß. Aber dies ist der Cäsar unseres, <em class="gesperrt">nicht des antiken</em> +Weltbildes. Die<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> antike Geschichte ist wie die antike Tragödie in sich +selbst episodisch, nicht epochal angelegt.</p> + +<p>Man nehme die Tragödie Napoleons. Seine Bestimmung war die Vollendung +der abendländischen Zivilisation. Er bedeutet dasselbe wie Philipp +und Alexander, die den Hellenismus an Stelle der hellenischen Kultur +heraufführten, so daß in beiden Fällen die Entscheidungen der +historischen Oberfläche nicht mehr durch Konvent und Guillotine, +durch den Ostrakismos und die Beschlüsse der Agora, nicht durch +journalistische und rhetorische Gesten wie zur Zeit Rousseaus, +Voltaires, des Aristophanes und Sokrates, sondern auf den großen +Schlachtfeldern von ganz Europa und dort auf dem Boden des alten +Perserreiches getroffen wurden.</p> + +<p>Das Tragische seines Lebens — noch unentdeckt für einen Dichter, +der groß genug wäre, es zu begreifen und zu formen — liegt darin, +daß er, dessen Dasein im Kampfe gegen die englische Politik, die +vornehmste Repräsentantin des englischen Geistes, aufging, eben durch +diesen Kampf den Sieg dieses Geistes auf dem Kontinent vollendete, +der dann mächtig genug war, in der Gestalt „befreiter Völker“ ihn zu +überwältigen und in St. Helena sterben zu lassen. Nicht er war der +Begründer des Expansionsprinzips. Das stammte aus dem Puritanismus +der Generation Cromwells, der das britische Kolonialsystem ins Leben +gerufen hatte,<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a> und es war seit dem Tage von Valmy, den Goethe +allein begriff, wie sein berühmtes Wort am Abend der Schlacht beweist, +unter Vermittlung englisch geschulter Köpfe wie Rousseau und Mirabeau +die Tendenz der Revolutionsheere, die durchaus von den Ideen der +englischen Philosophie vorwärts getrieben wurden. Nicht Napoleon hat +diese Ideen, sie haben ihn geschaffen, und als er den Thron bestieg, +mußte er sie weiter verfolgen, gegen die einzige Macht, England +nämlich, die <em class="gesperrt">dasselbe</em> wollte. Sein Empire ist eine Schöpfung von +französischem Blute, aber englischem Stil. In London war durch Locke, +Shaftesbury, Clarke, vor allem Bentham, die Theorie der „europäischen“ +Zivilisation, des Hellenismus des Abendlandes, ausgebildet und von +Bayle, Voltaire,<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Rousseau nach Paris getragen worden. Im Namen +<em class="gesperrt">dieses</em> England des Parlamentarismus, der Geschäftsmoral und +des Journalismus kämpfte man bei Valmy, Marengo, Jena, Smolensk und +Leipzig, und englischer Geist hat in all diesen Schlachten gesiegt — +über die französische Kultur des Abendlands.<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a> Der Erste Konsul hatte +keineswegs den Plan, Westeuropa Frankreich einzuverleiben; er wollte +zunächst — der Alexandergedanke an der Schwelle jeder Zivilisation! +— an Stelle des englischen ein französisches Kolonialreich setzen, +durch welches er das politisch-militärische Übergewicht Frankreichs +über das abendländische Kulturgebiet auf eine kaum angreifbare +Basis gestellt hätte. Es wäre das Reich Karls V. gewesen, in dem +die Sonne nicht unterging, trotz Kolumbus und Philipp II. in Paris +konzentriert und nunmehr nicht als ritterlich-kirchliche, sondern als +wirtschaftlich-militärische Einheit organisiert. Soweit — vielleicht +— lag Schicksal in seiner Mission. Aber der Pariser Friede von 1763 +hatte die Frage schon <em class="gesperrt">gegen</em> Frankreich entschieden und seine +mächtigen Pläne sind jedesmal an winzigen Zufällen gescheitert; zuerst +vor St. Jean d’Acre durch ein paar rechtzeitig von den Engländern +gelandete Geschütze; dann nach dem Frieden von Amiens, als er das +ganze Mississippital bis zu den großen Seen besaß und mit Tippo Sahib, +der damals Ostindien gegen die Engländer verteidigte, Beziehungen +anknüpfte, an einer irrtümlichen Flottenbewegung seines Admirals, die +ihn zum Abbruch einer sorgfältig vorbereiteten Unternehmung zwang; +endlich als er zum Zweck einer neuen Landung im Orient das Adriatische +Meer durch die Besetzung von Dalmatien, Korfu und ganz Italien zu einem +französischen gemacht hatte und mit dem Schah von Persien über eine +Aktion gegen Indien unterhandelte, an Launen des Kaisers Alexander, +der zu Zeiten einen Marsch nach Indien wohl — und dann mit sicherem +Erfolg — unternommen hätte. Erst indem er nach dem Scheitern aller +außereuropäischen<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Kombinationen die Einverleibung von Deutschland +und Spanien als ultima ratio im Kampfe gegen England wählte, Ländern, +in denen sich nun gerade seine englisch-revolutionären Ideen gegen +ihn, ihren Vermittler, erhoben, hatte er den Schritt getan, der ihn +überflüssig machte.<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a></p> + +<p>Ob das weltumfassende Kolonialsystem, einst von spanischem Geiste +entworfen, damals englisch oder französisch umgeprägt wurde, ob die +„Vereinigten Staaten von Europa“, das Seitenstück <em class="gesperrt">damals</em> +der Diadochenreiche und nun in Zukunft des Imperium Romanum, durch +ihn als romantische Militärmonarchie auf demokratischer Basis oder +im 21. Jahrhundert durch einen cäsarischen Tatsachenmenschen als +rein wirtschaftliches Faktum Wirklichkeit wurden — das gehört zum +Zufälligen des Geschichtsbildes. Seine Siege und Niederlagen, in denen +immer ein Sieg Englands, ein Sieg der Zivilisation über die Kultur, +verborgen war, sein Kaisertum, sein Sturz, die <i>grande nation</i>, +die episodische Befreiung Italiens, die 1796 wie 1859 nicht viel +mehr als das politische Kostüm eines längst bedeutungslos gewordenen +Volkes änderte, die Zerstörung des Deutschen Reiches, einer gotischen +Ruine, sind Oberflächenbildungen, hinter denen die große Logik der +eigentlichen, unsichtbaren Geschichte steht, und in ihrem Sinne vollzog +damals das Abendland den Abschluß der in französischer Gestalt, im +ancien régime zur Vollendung gelangten Kultur durch die englische +Zivilisation. Als Symbole identischer Phänomene entsprechen also +die Bastille, Valmy, Austerlitz, Waterloo, der Aufschwung Preußens, +den antiken Faktoren der Schlachten von Chäronea und Gaugamela, dem +Königsfrieden, dem Zug nach Indien und der Entwicklung Roms und man +begreift, daß in Kriegen und politischen Katastrophen, der <i>pièce +de résistance</i> unserer Geschichtsschreibung, der Sieg nicht das +Wesentliche eines Kampfes und der Friede nicht das Ziel einer Umwälzung +ist.</p> + +<p>Die durch den Namen Luthers bezeichnete und, wie man<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> zugeben muß, +nicht eben glücklich durchgeführte Epoche ist ein anderes Beispiel. +Hier war eine anonyme Entwicklung — auf dem Wege von Konzilien — +sogar naheliegend. Savonarola hatte im Einverständnis mit dem Könige +von Frankreich den Gedanken verfolgt, und seiner Erhebung zum Papste +wären mehrere Kardinäle kaum abgeneigt gewesen. Luthers innere und +äußere Entwicklung hängt mit der zufälligen Dauer des Pontifikats +einiger Mächte, Leos X. vor allem, eng zusammen. Man denke sich +Hadrian VI. an dessen Stelle. Wie der tiefere Sinn aller Schlachten +und Dekrete Napoleons nicht in der von ihm erstrebten oder erreichten +Absicht lag, so waren alle Handlungen Luthers nach ihrer äußeren +Absicht und ihrem realen Erfolge von den tieferen Tendenzen der in +ihm verkörperten Epoche unabhängig. Er hätte als Märtyrer oder Papst +sterben können; beides war möglich. Aber das wäre eher gewesen, was +die Griechen Nemesis nannten, ein bloßes Vordergrundschicksal, das den +Menschen, nicht die Idee berührte. Man konnte den ehrgeizigen Mönch zum +Haupte eines Konzils machen; seine Entwicklung zu einem Reformpapst +von gemäßigten Anschauungen und diplomatischer Konzilianz war nicht +unwahrscheinlich. Luthers ohnehin widerspruchsvolle, von Selbsthaß +und Selbstliebe gefärbte Stimmungen und Entschlüsse waren im hohen +Grade von dem Respekt abhängig, den fürstliche Gönner seiner Person +erwiesen, und anfangs waren seine Ziele von denen anderer, auch denen +des letzten deutschen Papstes, Hadrians VI., nicht allzu verschieden. +Vielleicht haben solche Gedanken ihn gelegentlich bewegt — denn was +wissen wir von seinen innersten Erlebnissen? Von geringen Varianten +hing damals die ganze sichtbare Fassung der abendländischen Kultur ab +und eine Kirchenspaltung lag zunächst außer aller Wahrscheinlichkeit. +Endlich ist er dann der Brutus der Kirche geworden. Shakespeare hat da +den Typus des Grüblers aufgestellt, dem die <em class="gesperrt">Gnade</em> fehlt. Auch +dies ist eine tragische Möglichkeit, eine Epoche durchzuführen: die +Selbstvernichtung dessen, der sie in der wirklichen Welt repräsentiert. +Brutus tötet Cäsar, Luther die Kirche — im Dienst einer Theorie. +Er <em class="gesperrt">hat</em> sie getötet. Sie hat seitdem, zur ständigen Notwehr +gegen den Protestantismus verurteilt, ihre königliche Freiheit, ihre +tiefe, heute<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> nicht mehr verstandene Liberalität eingebüßt. Sie +war naiv gewesen, nun wurde sie peinlich. Und auch das Luthertum +erlebte sein Philippi — als der katholische Geist in ihm eine neue +Orthodoxie schuf, der gegenüber Luthers Tat immer wieder, im Pietismus, +Rationalismus, Materialismus, Anarchismus, vollzogen wurde. Alles +dies gehört, bei aller Größe der Erscheinung, nur zum Gewande des +Zufällig-Historischen, in welches das Schicksal selbst sich hüllt.</p> + +<p>Wie aber von der Person Luthers feine Fäden sich rückwärts zu der +Heinrichs des Löwen und vorwärts zu der Bismarcks spinnen, zwei anderen +„Zufälligen“ des hohen Nordens, in denen Epochen zum Ausdruck kamen, +die als Triumphe über den Hang zum Süden, zum Sorglosen, zum Rausch +innerlichst verwandt sind — es liegen in merkwürdiger Deutlichkeit des +Periodischen je 345 Jahre zwischen den symbolischen Akten von Legnano, +Worms und Königgrätz —, das beweist eine physiognomische Prägnanz des +Erlebens, deren nur die abendländische Seele mit ihrem großen Sinn für +den reinen Raum und die Historie fähig war und die nur in dem unsagbar +durchsichtigen und logischen Aufbau der ägyptischen Geschichte — der +Verwirklichung der ägyptischen Seele — ein Seitenstück hat.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_18">18</h4> + +</div> + +<p>Wer diese Ideen in sich aufgenommen hat, wird es verstehen, +wie verhängnisvoll das in einer exakten Form erst den späten +Kulturzuständen eigene und dann um so tyrannischer auf das Weltbild +wirkende Kausalitätsprinzip für das Erlebnis echter Geschichte werden +mußte. Kant hatte höchst vorsichtig die Kausalität als notwendige Form +der Erkenntnis festgestellt. Das Wort Notwendigkeit hörte man gern, +aber man überhörte die Einschränkung des Prinzips auf ein einzelnes +Erkenntnisgebiet, die gerade den modernen Historismus ausschloß. Das +ganze 19. Jahrhundert war bemüht, die Grenze von Natur und Geschichte +zugunsten der ersten zu verwischen. Je historischer man denken wollte, +desto mehr vergaß man, wie hier <em class="gesperrt">nicht</em> gedacht werden durfte. +Indem man das starre Schema einer optisch-räumlichen Beziehung, Ursache +und Wirkung, gewaltsam<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> auf Lebendiges anwandte, zeichnete man in das +sinnliche Oberflächenbild der Historie die konstruktiven Linien des +Naturbildes ein, und niemand fühlte — inmitten später, an kausalen +Denkzwang gewöhnter Intelligenzen — die tiefe Absurdität einer +Wissenschaft, welche Werdendes durch ein methodisches Mißverständnis +als Gewordenes begreifen wollte. <em class="gesperrt">Zweckmäßigkeit</em> war das große +Wort, mit dem der zivilisierte Geist die Welt sich assimilierte. Eine +Maschine ist zweckmäßig konstruiert. Sie ist damit nützlich geworden. +<em class="gesperrt">Folglich</em> kann die Geschichte nur eine analoge Konstruktion +besitzen: Auf diesem Schlusse beruht der historische Materialismus. +Wollten wir den eigentlichen Schicksalsgedanken recht deutlich erleben, +so müssen wir uns in das Seelenleben unserer Kindheit und dessen Umwelt +versenken. Hier war das Bewußtsein durchaus mit den Eindrücken einer +<em class="gesperrt">lebendigen</em> Wirklichkeit erfüllt, dämonisch, verhängnisvoll, +zwecklos im erhabenen Sinne, ein ewiges Weben und Schweben, von +rätselhaftem, außernatürlichem Gehalte. Hier gab es wirklich eine +„Zeit“. Hier herrschte in äußerster Reinheit das Phantasiebild, das +dem späteren, abgeklärten, auch matteren Geschichtsbilde die Züge +vorzeichnete, welch letzteres mehr und mehr dem kausalen Naturbilde des +zivilisierten Menschen erliegt.</p> + +<p>Wissenschaft ist immer Naturwissenschaft. Wissen, Erfahrung gibt es +nur von Gewordenem, Ausgedehntem, Erkanntem. Wie Leben zur Geschichte, +so gehört Wissen zur Natur — zu der als Element begriffenen, im Raume +betrachteten, nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung gestalteten +gegenwärtigen Sinnlichkeit. Gibt es also überhaupt eine Wissenschaft +der Historie? Erinnern wir uns, wie in jedem persönlichen Weltbilde, +das dem idealen Bilde nur mehr oder weniger nahekommt, etwas von beidem +erscheint, keine Natur ohne lebendige, keine Geschichte ohne kausale +Einklänge ist. Ohne Zweifel gibt es in jedem Geschichtsbilde Züge von +kausaler und naturgesetzlicher Art und sie sind es, auf die aller +Pragmatismus seine Ansprüche stützt. Ohne Zweifel ist auch das Gefühl, +welches einen echten Zufall gegenüber einem Schicksal statuiert, auf +Eindrücke dieser Art begründet. So sonderbar es klingt, der Zufall im +alltäglichen Sinne ist mit dem Kausalitätsprinzip<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> innerlich verwandt. +Das Anorganische, Richtungslose verbindet sie. Aber sie sind beide +etwas Fremdes im Geschichtsbilde; sie gehören der Oberfläche an, deren +sinnliche Plastizität mindestens kausale <em class="gesperrt">Gedächtnismomente</em> +weckt. Sicherlich ist das Geschichtsbild eines Menschen — und +damit der Mensch selbst — um so flacher, je entschiedener der +handgreifliche Zufall in ihm regiert, und sicherlich ist mithin +eine Geschichtsschreibung um so leerer, je mehr sie ihr Objekt +durch Feststellung kausaler Beziehungen erschöpft. Je tiefer jemand +Geschichte erlebt, desto seltener wird er streng kausale Eindrücke +haben und desto gewisser wird er sie als gänzlich bedeutungslos +empfinden. Man prüfe Goethes naturwissenschaftliche Schriften, und +man wird erstaunt sein, die Darstellung einer lebendigen Natur ohne +Formeln, ohne Gesetze, fast ohne Spuren von Kausalem zu finden. Zeit +ist für ihn keine Distanz, sondern ein Gefühl. Der bloße Gelehrte, der +analysiert, nicht fühlt, besitzt kaum die Gabe, hier das Letzte und +Tiefste zu erleben. Die Geschichte fordert sie aber; und so besteht das +Paradoxon zu Recht, daß ein Geschichtsforscher um so bedeutender ist, +je weniger er der eigentlichen Wissenschaft angehört.</p> + +<p>Ein Schema möge das Gesagte zusammenfassen:</p> + +<figure class="figcenter illowe25" id="p211_schema"> + <img class="w100" src="images/p211_schema.jpg" alt="Schema zum Zusammenhang + von Seele und Welt mit dem Leben und der Wirklichkeit"> +</figure> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> + +<h4 id="Schicksalsidee_19">19</h4> + +</div> + +<p>Darf man irgendeine Gruppe elementarer Phänomene sozialer, +physiologischer, ethischer Natur als Ursache einer andern setzen? Die +pragmatische Geschichtsschreibung kennt im Grunde nichts andres. Das +heißt für sie, die Geschichte begreifen, ihre Erkenntnis vertiefen. +In der Tiefe aber liegt für den zivilisierten Menschen immer der +<em class="gesperrt">praktische Zweck</em>. Ohne ihn wäre die Welt sinnlos. Allerdings +ist auf diesem Standpunkte die gar nicht physikalische <em class="gesperrt">Freiheit +in der Wahl der Motive</em> nicht ohne Komik. Der eine wählt diese, +der andre jene Gruppe als <i>prima causa</i> — eine unerschöpfliche +Quelle wechselseitiger Polemik — und alle füllen ihre Werke mit +vermeintlichen Erklärungen des Ganges der Geschichte im Stile +physikalischer Zusammenhänge. Schiller hat dieser Methode, durch +eine seiner unsterblichen Banalitäten, den Vers vom Weltgetriebe, +das sich „nur durch Hunger und durch Liebe“ erhält, den klassischen +Ausdruck gegeben. Das 19. Jahrhundert hat seine Meinung zu kanonischer +Geltung erhoben. Damit war der Kult des Nützlichen an die Spitze +gestellt. Ihm hat Darwin im Namen des Jahrhunderts Goethes Naturlehre +zum Opfer gebracht. Ohne Zweifel, das Leben war eine Entwicklung +zu einem zweckmäßigen Ziele. Der Instinkt, der Intellekt waren die +Mittel dazu. Aber gibt es historische, seelische, gibt es überhaupt +lebendige „<em class="gesperrt">Prozesse</em>“? Haben historische Bewegungen, die +Zeit der Aufklärung oder die Renaissance etwa, irgend etwas mit +dem <em class="gesperrt">Naturbegriff</em> der Bewegung zu tun? Mit dem Worte Prozeß +war das Schicksal allerdings abgetan. Das Geheimnis des Werdens +war „aufgeklärt“. Es gab keine tragische, es gab nur noch eine +mathematische Logik. Der „exakte“ Historiker setzt nunmehr höchst +naiv voraus, daß im Geschichtsbilde eine Folge von Zuständen von +mechanischem Typus vorliegt, daß sie verstandesmäßiger Analyse wie +ein physikalisches Experiment oder eine chemische Reaktion zugänglich +ist und daß mithin die Gründe, Mittel, Wege, Ziele ein greifbar an +der Oberfläche des Sichtbaren liegendes Gewebe bilden müssen. Der +Aspekt ist überraschend vereinfacht. Und man muß zugeben, daß bei +hinreichender Flachheit des Betrachters die<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Voraussetzung — für +<em class="gesperrt">seine</em> Person und deren Weltbild — zutrifft.</p> + +<p>Hunger und Liebe — das sind aus diesem Aspekte mechanische +Ursachen mechanischer Prozesse im „Völkerleben“. Sozialprobleme +und Sexualprobleme — beide einer Physik oder Chemie des +öffentlichen, allzuöffentlichen Daseins angehörend — sind mithin +das selbstverständliche Thema utilitarischer Geschichtsbetrachtung +und <em class="gesperrt">also auch</em> der ihr entsprechenden Tragödie. Denn das +soziale Drama steht mit Notwendigkeit neben der materialistischen +Geschichtsbetrachtung. Und was in den „Wahlverwandtschaften“ Schicksal +im höchsten Sinne ist, ist in der Frau „vom Meere“ nichts als ein +Sexualproblem. Ibsen und alle Verstandespoeten unsrer großen Städte +sind im Mechanismus der vitalen Oberfläche stecken geblieben. Sie +konstruieren, sie dichten nicht. Sie kennen nur eine mathematische, +keine Logik des Schicksals. Hebbels schwere künstlerische Kämpfe galten +immer nur dem Versuch, dieses Elementare und schlechthin Prosaische +seiner mehr wissenschaftlichen als intuitiven Anlage zu überwinden — +trotz ihrer ein <em class="gesperrt">Dichter</em> zu sein —, daher sein unmäßiger, ganz +ungoethescher Hang zum <em class="gesperrt">Motivieren</em> der Begebenheiten. Motivieren +bedeutet hier, bei Hebbel, bei Ibsen, bei <em class="gesperrt">Euripides</em>, das +Tragische — das Lebendige also — <em class="gesperrt">kausal gestalten wollen</em>. Das +Schicksal wird zum Mechanismus, die Physiognomie zum System. Hebbel +redet gelegentlich vom <em class="gesperrt">Schraubenzug</em> in der Motivation eines +Charakters. Die Kasuistik überwindet die innere Bewegtheit. Die in +Worte nicht zu fassende <em class="gesperrt">Idee</em>, die bei Goethe ein Werk trägt, +erstarrt zu einer praktischen <em class="gesperrt">Tendenz</em>, zu einer Formel. Das ist +der Wechsel, der sich zwischen Kultur und Zivilisation in der Bedeutung +des Wortes <em class="gesperrt">Problem</em> vollzieht. Dem entspricht es, daß Dichter +wie Historiker vom zivilisierten Typus als Politiker im Parteimäßigen +stecken bleiben. Es fehlt an innerer Überlegenheit, an Tiefe, an +Würde. Man prüfe daraufhin den Abstieg von Goethe, in dessen Egmont +die einzigen Szenen von diplomatischer Feinheit stehen, zu Hebbels +abstraktem Raisonnement und weiter zu Ibsens und Shaws Bedürfnis nach +agitatorischem Spektakel. Hier ist es klar: Man ist weit entfernt, in +der Historik eine streng morphologische Aufgabe finden<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> zu wollen, so +wenig man im Drama ein reines Kunstwerk gestalten will. Der Kult des +Nützlichen hat hier wie dort ein ganz andres Ziel festgelegt. Unter +Form versteht man die handgreifliche Wirksamkeit. Die Szene ist wie +das Geschichtswerk ein Mittel dazu. Der Darwinismus hat, so unbewußt +das geschehen sein mag, die Biologie politisch wirksam gemacht. Es +ist irgendwie eine demokratische Rührigkeit in den hypothetischen +Urschleim gekommen, und der Kampf der Regenwürmer ums Dasein erteilt +den zweibeinigen Schlechtweggekommenen eine gute Lehre.</p> + +<p>In diesem Aspekt hat der Intellekt über die Seele gesiegt. In +Weltstädten gibt es kein Innenleben mehr; es gibt nur noch psychische +Prozesse. Die Schickialsidee ist überwunden; es gibt nur noch +mechanische und physiologische Zusammenhänge. Zufall ist das, was +man <em class="gesperrt">noch nicht</em> in eine physikalische Formel gebracht hat. Es +erscheint hier der tiefe Gegensatz von Tragik und Experiment (das +Goethe so haßte und das ihm Kleists Manier so verhaßt machte). Kleists, +Hebbels, Ibsens, Strindbergs, Shaws Dramen sind Seelenexperimente, +wobei man unter Seele das spinnenhafte Etwas der modernen Psychologie, +das Assoziationsbündel zu verstehen hat. Zola hat den Begriff des +<i>roman expérimental</i> geschaffen. Auf die <i>petits faits</i> +kommt es an, aus deren Summe man den Menschen <em class="gesperrt">herausrechnet</em>. +Der Intellekt hat an Stelle frühmenschlicher und auch noch Goethescher +Intuition das sinnlich-bewegte Bild des Lebens nach <em class="gesperrt">seinem</em> +Bilde, zu einem Mechanismus nämlich, umgeformt. Das bedeutet ein +tragisches Problem in den Händen dieser Schriftsteller. Tragisch ist +das Unzweckmäßige (Rosmer). Tragisch ist vor allem das Zweckmäßige, +wenn es keine Gelegenheit hat, sich nützlich zu machen (Nora). Aus der +Idee der Erbsünde ist die Vererbungstheorie geworden (Gespenster). Die +Idee der Gnade heißt jetzt das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl. Ein +Problem durch den Fall eines Dramas „lösen“ wollen — das ist eine +Laboratoriumsarbeit. Wir werden daran erinnert, daß zum Mechanischen +die Mathematik gehört. Jedes gute Ibsen-Drama schließt mit einer +<em class="gesperrt">Formel</em>. Das Leben durch anatomische und physiologische +Untersuchung von Ganglien, Muskelfibrillen und Eiweißverbindungen +begreifen zu wollen, die biologische Manier<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> und Manie in der +Behandlung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fragen sind durchaus +Schwestern dieser problematischen Kausalitätspoesie und der auf die +gleichen Oberflächenmotive versessenen Geschichtsschreibung unsrer +Tage. An Stelle des Schicksals — von dem sie keine Ahnung haben — +geraten sie ohne Ausnahme auf soziale und sexuelle „Fragen“, die sie an +seiner Stelle „behandeln“.</p> + +<p>Und doch hätten die Historiker gerade von den Vertretern unsrer +reifsten Wissenschaft, der Physik, Vorsicht lernen sollen. Die +kausale Methode zugegeben, so ist es die Flachheit ihrer Anwendung, +die beleidigt. Hier fehlt es an geistiger Disziplin, an der Größe +des Blickes, von der tiefen Skepsis, welche der Art des Gebrauchs +physikalischer Hypothesen innewohnt, ganz zu schweigen. Denn der +Physiker betrachtet seine Atome und Elektronen, Ströme und Kraftfelder, +den Äther und die Masse weitab vom Köhlerglauben des Laien und Monisten +als <em class="gesperrt">Bilder</em>, deren Formensprache er den abstrakten Beziehungen +seiner Differentialgleichungen unterlegt, ohne in ihnen eine andre +Wirklichkeit als die konventioneller Zeichen zu suchen. Und er weiß, +daß auf diesem, der Wissenschaft allein möglichen Wege nur eine +symbolische Deutung des Mechanismus der verstandesmäßig aufgefaßten +Außenwelt — <em class="gesperrt">nicht mehr</em> — erreicht werden kann, sicherlich +keine „Erkenntnis“ im hoffnungsvoll populären Sinne aller Darwinisten +und materialistischen Historiker. Die Natur — Schöpfung und Abbild +des Geistes, sein <i>alter ego</i> im Bereich des Ausgedehnten — +<em class="gesperrt">erkennen</em>, bedeutet sich selbst erkennen.</p> + +<p>Eine gleiche Skepsis gegenüber der sinnlich-gedächtnismäßigen +Bildfläche des „organischen Lebens“ und der Menschengeschichte, +die nur ein Teil von ihm ist, wäre am Platze gewesen, aber hier +hat die Selbsterkenntnis, die echte Naivität, die Distanz, die +Uninteressiertheit im großen Sinne gefehlt. Wie die Physik unsre +reifste, so ist die Biologie nach Gehalt und Methode unsre schwächste +Wissenschaft. Was <em class="gesperrt">wirklich</em> Geschichtsforschung sei, Physiognomik +nämlich, ist durch nichts deutlicher zu machen als durch den Verlauf +von Goethes Naturstudien. Er treibt Mineralogie: sogleich fügen sich +ihm die Einsichten zum Bilde einer Erdgeschichte zusammen, in dem sein<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> +geliebter Granit das bedeutet, was ich innerhalb der Kulturgeschichte +das Urmenschliche nenne — und er entdeckt die Eiszeiten. Er untersucht +bekannte Pflanzen und das Phänomen der Metamorphose erschließt sich +ihm, die Urgestalt der <em class="gesperrt">Geschichte</em> alles Pflanzendaseins, und er +gelangt weiterhin zu jenen seltsam tiefen Einsichten über die Vertikal- +und Spiraltendenz der Vegetation, die noch heute nicht recht begriffen +worden sind. Seine Knochenstudien, durchaus auf das Anschauen des +Lebendigen gerichtet, führen ihn zur <em class="gesperrt">entscheidenden</em> Entdeckung +des <i>os intermaxillare</i> beim Menschen und der Einsicht, daß das +Schädelgerüst der Wirbeltiere sich aus sechs Wirbelknochen entwickelt +hat. Hier ist nicht von Kausalität und Teleologie die Rede. Hier +empfand er die Notwendigkeit des Schicksals, wie er sie in seinen +orphischen Urworten ausgedrückt hat. Der Darwinismus hat diese +großen Ansätze verdorben, nicht vertieft. Überall ist es das reine, +lebendige Werden, das Goethe im sinnlich-gegenwärtigen Bilde anschaut +und nicht ein platter Zusammenhang von Ursache, Wirkung, Nutzen und +Zweck. Die bloße Chemie der Gestirne, die <em class="gesperrt">mathematische</em> Seite +physikalischer Beobachtungen, die eigentliche Physiologie kümmern ihn, +den großen Historiker der Natur, nicht, weil sie Systematik, Erfahrung +von Gewordnem, Totem, Starrem sind, und dies liegt seiner Polemik +gegen Newton zugrunde — ein Fall, in dem beide recht haben: der eine +<em class="gesperrt">erkannte</em> in der toten Farbe den exakt gesetzlichen Naturprozeß, +der andre, der Künstler, hatte das intuitiv-sinnliche <em class="gesperrt">Erlebnis</em>; +hier liegt der Gegensatz beider Welten zutage und ich fasse ihn jetzt +in seiner ganzen Schärfe zusammen.</p> + +<p>Leben, Geschichte trägt das Merkmal des Einmalig-Tatsächlichen, Natur +das des Ständig-Möglichen. Solange ich das Bild der Umwelt daraufhin +beobachte, nach welchen Gesetzen es sich verwirklichen <em class="gesperrt">muß</em>, ohne +Rücksicht darauf, ob es geschieht oder nur geschehen könnte, zeitlos +also, bin ich Naturforscher, treibe ich eine Wissenschaft. Es macht +für die Notwendigkeit eines Naturgesetzes — und andere Gesetze gibt +es nicht — nicht das geringste aus, ob es unendlich oft oder nie +in Erscheinung tritt, d. h. es ist <em class="gesperrt">vom Schicksal unabhängig</em>. +Tausende chemischer Verbindungen kommen nie vor<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> und werden niemals +hergestellt werden, aber sie sind als möglich bewiesen und also sind +sie da — für das <em class="gesperrt">System der Natur, nicht für die Geschichte +des Weltalls</em>. Geschichte aber ist der Inbegriff des einmaligen +wirklichen <em class="gesperrt">Erlebens</em>. Hier herrscht die Richtung im Werden, nicht +die Ausgedehntheit des Gewordnen, das, was einmal war, nicht das, +was immer möglich ist, das <em class="gesperrt">Wann</em>, nicht das <em class="gesperrt">Was</em>. Hier +gibt es nicht Gesetze von Objekten, sondern Ideen, die in Phänomenen +sich symbolisch offenbaren. Es kommt darauf an, was sie bedeuten, +nicht, was sie sind. Man hat die eigne Notwendigkeit dieser Sphäre +bisher nie begriffen und an Naturnotwendigkeiten — Kausalitäten +angeknüpft. Der Physiker darf versichern, daß es keinen Zufall +gibt. Das bedeutet für ihn: innerhalb des mechanisch-begrifflichen +Natursystems sind Phänomene von historischer Bewegtheit, Ereignisse, +die sich nie wiederholen können, unmöglich; hier herrscht die zeitlose +Kausalität ohne Einschränkung, wenn die Reinheit und Geschlossenheit +des Naturbildes gewahrt bleiben soll. Solange ich mit meiner ganzen +gegenwärtigen Existenz im Weltbilde der Natur bin, frage ich, zu +welcher Gattung diese Blume gehört und welches die Gesetze ihrer +Ernährung, Entwicklung, Fortpflanzung sind, aber nicht, weshalb sie an +dieser Stelle wuchs und ich sie gerade jetzt erblicke. Ich frage nach +den Gesetzen der Spektralanalyse, aber nicht, weshalb die Natriumlinie +dem irdischen Auge gelb erscheint. Ich frage nach den Formeln der +Thermodynamik, aber nicht, weshalb sie im menschlichen Bewußtsein, +dessen Abbild doch die Welt ist, gerade diese und nicht andere sind. +Ich frage nach den Rassemerkmalen der Hellenen und Germanen, aber +nicht, was es bedeutet, daß diese ethnischen Formen gerade dort und +damals entstanden sind. Das eine ist Gesetz, das Gesetzte, über dessen +Sinn und Ursprung die exakte Wissenschaft schweigt; das andre ist +Schicksal. Im einen liegt die Notwendigkeit des Mathematischen, im +andern die des Tragischen.</p> + +<p>In der Wirklichkeit des wachen Daseins verweben sich beide Welten, +die der Beobachtung und die der Hingebung, wie in einem Brabanter +Wandteppich Kette und Einschlag das Bild „wirken“. Jedes Gesetz muß, +um für den Geist überhaupt <em class="gesperrt">vorhanden</em> zu sein, einmal durch +eine Schicksalsfügung innerhalb<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> der Geistesgeschichte entdeckt, +d. h. <em class="gesperrt">erlebt</em> worden sein, jedes Schicksal erscheint in einer +sinnlichen Verkleidung — Personen, Taten, Szenen, Gebärden —, in der +Naturgesetze am Werke sind. Das urmenschliche Leben war der dämonischen +Einheit des Schicksalhaften hingegeben; im Bewußtsein reifer +Kulturmenschen kommt der Widerspruch jenes frühen und dieses späten +Weltbildes niemals zum Schweigen; im zivilisierten Menschen erliegt +das tragische Weltgefühl dem mechanisierenden Intellekt. Geschichte +und Natur stehen <em class="gesperrt">in uns</em> einander gegenüber wie <em class="gesperrt">Leben</em> +und <em class="gesperrt">Tod</em>, wie die <em class="gesperrt">ewig werdende</em> Zeit und der <em class="gesperrt">ewig +gewordene Raum</em>. Im wachen Bewußtsein ringen Werden und Gewordnes +um den Vorrang im Weltbilde. Die höchste und reifste Form beider Arten +der Betrachtung, wie sie nur großen Kulturen möglich ist, erscheint +für die antike Seele im Gegensatz von Plato und Aristoteles, für die +abendländische in dem von Goethe und Kant: die reine Physiognomik +der Welt, erschaut von der Seele eines ewigen Kindes, und die reine +Systematik, erkannt vom Verstande eines ewigen Greises.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Schicksalsidee_20">20</h4> + +</div> + +<p>Und hier erblicke ich nunmehr die <em class="gesperrt">letzte</em> große Aufgabe des +abendländischen Denkens, die einzige, welche dem alternden Geiste +der faustischen Kultur noch aufgespart ist, die, welche durch eine +jahrhundertelange Entwicklung unseres Seelentums vorbestimmt erscheint. +Es steht keiner Kultur frei, den Weg und die Haltung ihrer Philosophie +zu <em class="gesperrt">wählen</em>; hier zum ersten Male aber kann eine Kultur +voraussehen, welchen Weg das Schicksal für sie gewählt hat.</p> + +<p>Mir schwebt eine — spezifisch abendländische — Art, Geschichte im +höchsten Sinne zu erforschen, vor, die bisher noch nie aufgetaucht +ist und die der antiken und jeder andern Seele fremd bleiben mußte. +Eine umfassende Physiognomik des gesamten Daseins, eine Morphologie +des Werdens <em class="gesperrt">aller</em> Menschlichkeit, die auf ihrem Wege bis +zu den höchsten und letzten Ideen vordringt; die Aufgabe, das +Weltgefühl nicht nur der eigenen, sondern das <em class="gesperrt">aller</em> Seelen zu +durchdringen, in denen große Möglichkeiten überhaupt bisher erschienen +und deren<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Verkörperung im Bereiche des Wirklichen die einzelnen +Kulturen sind. Dieser philosophische Aspekt, zu dem die analytische +Mathematik, die kontrapunktische Musik, die perspektivische Malerei +uns das Recht geben, uns erzogen haben, setzt, über die Talente des +Systematikers, die Aufgaben des Rechnens, Ordnens, Zergliederns weit +hinausgehend, das Auge eines Künstlers voraus, und zwar das eines +Künstlers, der die sinnliche und greifbare Welt um sich in eine tiefe +Unendlichkeit geheimnisvoller Beziehungen sich vollkommen auflösen +fühlt. So fühlte Dante, so Goethe. Ein Jahrtausend organischer +Kulturgeschichte als Einheit, als <em class="gesperrt">Person</em> aus dem Gewebe des +Weltgeschehens herauszuheben und in ihren innersten seelischen +Bedingungen zu begreifen ist das Ziel. Wie man die bedeutenden Züge +eines Rembrandtschen Bildnisses, einer Cäsarenbüste durchdringt, +so die großen, tragischen, schicksalsvollen Züge im Antlitz einer +<em class="gesperrt">Kultur</em>, als der menschlichen Individualität höchster Ordnung, +anzuschauen und zu verstehen ist die neue Kunst. <em class="gesperrt">Wie</em> es +<em class="gesperrt">in</em> einem Dichter, einem Propheten, einem Denker, einem Eroberer +aussieht, das hat man schon zu wissen versucht, aber in die antike, +ägyptische, arabische Seele überhaupt einzugehen, um sie mitzuerleben, +um in ihnen die Geheimnisse des Menschlichen überhaupt zu fühlen, das +ist eine neue Art „Lebenserfahrung“. Jede Epoche, jede große Gestalt, +jede Religion, Staaten, Völker, Künste, alles was je da war und da +sein wird, ist ein physiognomisches Moment von höchster Symbolik, das +ein <em class="gesperrt">Menschenkenner</em> in einem ganz neuen Sinne des Wortes zu +deuten hat. Eindrücke von höchster Realität, Sprachen und Schlachten, +Städte und Rassen, die Feiern der Isis und Kybele und die katholische +Messe, Hochofenwerke und Gladiatorenspiele, Derwische und Darwinisten, +Eisenbahnen und Römerstraßen, „Fortschritt“ und Nirwana, Zeitungen, +Sklavenmassen, Geld, Maschinen, alles ist in gleicher Weise, Zeichen +und Symbol im Weltbilde, wie es eine Seele als Ausdruck ihrer Wesenheit +vor sich verwirklicht. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ +Hier liegen Lösungen und Fernblicke verborgen, welche noch nicht +einmal geahnt worden sind. Dunkle Fragen, die den tiefsten aller +menschlichen Urgefühle, aller Angst, aller Sehnsucht, aller Religion +und Metaphysik zugrunde liegen und vom Denken in<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> die Probleme der +Zeit, der Notwendigkeit, des Raumes, der Liebe, des Todes, Gottes +verkleidet worden sind, werden aufgehellt. Es gibt eine ungeheure Musik +der Sphären, die <em class="gesperrt">gehört</em> sein will, die einige unsrer tiefsten +Geister hören <em class="gesperrt">werden</em>. Die Physiognomik des Weltgeschehens wird +zur <em class="gesperrt">letzten, faustischen Philosophie</em>.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Die antike Tragödie, eine liturgische Aktion, gestattet +den Umschlag vom Jubel zur Klage so gut wie den von der Klage zum +Jubel. Das letztere ist, wie im δρᾶμα von Eleusis, in Äschylus’ +Eumeniden und Sophokles’ Ödipus in Kolonos der Fall. Nach Aristoteles +war dies sogar die ursprüngliche Form des „Tragischen“.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Außer in der Elementarmathematik, unter deren Eindruck +allerdings die meisten Philosophen seit Schopenhauer diesen Fragen +nahetreten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Ganz ebenso steht an der Schwelle der arabischen Kultur +die Erfindung der christlichen Zeitrechnung. Diesen Akt eines hohen +historischen Weltgefühls hat das späte Arabertum mit der islamischen +Zeitrechnung noch einmal wiederholt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Man muß sich in die Gefühle eines Griechen versetzen, der +diese Sitte plötzlich kennen lernt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Der Weg von Calvin zu Darwin ist in der englischen +Philosophie leicht nachzuweisen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Dies gehört zu den ewigen Streitpunkten abendländischer +Poetik. Die antike, ahistorische, euklidische Seele hat keine +„Entwicklung“; die abendländische erschöpft sich in ihr; sie ist +„Funktion“ in Richtung auf einen Abschluß. Die eine „ist“, die andre +„wird“. Mithin setzt alle antike Tragik die Konstanz der Person voraus, +alle abendländische deren Variabilität. Erst dies ist „Charakter“ in +unserm Sinne, eine Gestalt des Seins, die in unablässiger Bewegtheit +und unendlichem Beziehungsreichtum besteht. <em class="gesperrt">Bei Sophokles adelt +die große Geste das Leid, bei Shakespeare adelt die große Gesinnung +die Tat.</em> Weil unsre Ästhetik ihre Beispiele ohne Unterschied aus +<em class="gesperrt">beiden</em> Kulturen nahm, konnte sie das grundlegende Problem nur +verfehlen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> „Plus on vieillit, plus on se persuade, que sa sacrée +Majesté le Hazard fait les trois quarts de la besogne de ce misérable +Univers“ (Friedrich der Große an Voltaire). So empfindet ein echter +Rationalist mit Notwendigkeit.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Diese Tyche kann auch als die naturwissenschaftliche +Größe aufgefaßt werden, deren heutiges Gegenstück der Determinismus +ist.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Helios ist nur eine poetische Metapher. Er hatte weder +Tempel noch Statuen noch einen Kult. Noch weniger war Selene eine +Mondgöttin.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Daran ändert es nichts, daß Shakespeare in Wirklichkeit +ein älteres Drama bearbeitet hat.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Ich erinnere an das Wort Cannings aus dem Anfang des 19. +Jahrhunderts: „Südamerika frei — und womöglich englisch!“ Reiner ist +der expansive Instinkt niemals zum Ausdruck gelangt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Die reife abendländische Kultur war eine durchaus +französische, die seit Ludwig XIV. aus der spanischen erwachsen war. +Aber schon unter Ludwig XVI. siegte in Paris der englische Park über +den französischen, die Empfindsamkeit über den esprit, Kleidung und +gesellschaftliche Formen von London über die von Versailles, Hogarth +über Watteau, Möbel von Chippendale und Porzellan von Wedgwood über +Reulle und Sarres.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Hardenberg hat Preußen in streng englischem Geiste +reorganisiert, was ihm Friedrich August v. d. Marwitz zum schweren +Vorwurf machte. Ebenso ist die Heeresreform Scharnhorsts eine Art +„Rückkehr zur Natur“ im Sinne Rousseaus gegenüber den Berufsheeren der +Kabinettskriege zur Zeit Friedrichs des Großen.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="DRITTES_KAPITEL"><span class="s6">DRITTES KAPITEL</span><br> +MAKROKOSMOS</h2> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> + +<h3 id="Drittes_Kapitel_I">I<br> +DIE SYMBOLIK DES WELTBILDES UND DAS RAUMPROBLEM</h3> + +<h4 id="Symbolik_1">1</h4> + +<p>Und so erweitert sich der Gedanke einer Weltgeschichte in streng +morphologischem Sinne zur <em class="gesperrt">Idee einer allumfassenden Symbolik</em>. +Die Geschichtsforschung an sich hat nur den sinnlichen Inbegriff der +lebendigen Wirklichkeit, ihr flüchtiges Bild, zu prüfen und dessen +typische Formen festzustellen. Der Schicksalsgedanke ist der letzte, +bis zu dem sie vordringen kann. Indessen diese Forschung, so neu +und umfassend sie im hier angegebenen Sinne ist, kann dennoch nur +Fragment und Grundlage einer noch umfassenderen Betrachtung sein. +Ihr zur Seite steht eine Naturforschung, ebenso fragmentarisch und +eingeschränkt in ihrem Ideenkreise. Hier aber werden die letzten +Fragen des Seins überhaupt angerührt. Alles, dessen wir uns bewußt +sind, in welcher Gestalt auch immer, als Seele und Welt, Leben und +Wirklichkeit, Geschichte und Natur, Gesetz, Raum, Schicksal, Gott, +Zukunft und Vergangenheit, Gegenwart und Ewigkeit, hat für uns noch +einen tiefsten Sinn — daß alles so ist und nicht anders — und das +einzige und äußerste Mittel, dieses Unfaßliche faßlich zu machen, diese +Geheimnisse, die nur gefühlt und in seltenen Momenten mit visionärer +Deutlichkeit erlebt werden können, in einer allerdings dunklen Weise, +aber der einzig möglichen mitzuteilen — vielleicht nur wenigen und +auserlesenen Geistern —, liegt in einer neuen Art von Metaphysik, +für die <em class="gesperrt">alles</em>, es sei was es wolle, den Charakter eines +<em class="gesperrt">Symbols</em> besitzt.</p> + +<p>Symbole sind sinnliche Einheiten, letzte, unteilbare und vor allem +ungewollte Eindrücke von bestimmter Bedeutung. Ein Symbol ist ein +Stück Wirklichkeit, das für das leibliche oder geistige Auge etwas +bezeichnet, das verstandesmäßig nicht mitgeteilt werden kann. Ein +frühdorisches, früharabisches, frühromanisches<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Ornament z. B. auf +einer Vase, einer Waffe, an einem Portal oder Sarkophag ist der +sinnbildliche Ausdruck eines neuen Weltgefühls, das nur zu Menschen +einer einzigen Kultur redet und diese Menschen aus dem allgemeinen +Menschentum heraushebt und zusammenschließt. Die <em class="gesperrt">gefühlte</em> +Einheit einer Kultur beruht auf der gemeinsamen Sprache ihrer +Symbolik. Gesetzt, daß alles, was ist, irgendwie <em class="gesperrt">Ausdruck</em> eines +Seelischen ist — und wir werden uns davon überzeugen —, so ist es +zugleich auch <em class="gesperrt">Eindruck auf</em> eine Seele und dieser Zusammenhang, +in dem der Mensch zugleich Subjekt und Objekt ist, repräsentiert das +Wesen des Symbolischen. Es folgt daraus, daß auch der Mensch selbst +Symbol ist, als Person und als Menge, nicht nur der gegenwärtigen +Leiblichkeit nach, mit der er dem Weltbilde der Natur und dem Bereiche +der Kausalität angehört — eben als Mensch, Familie, Volk, Rasse —, +sondern durch die Gesamtheit seines Seelenlebens, soweit dieses sich +selbst — im Weltbilde der Geschichte — als Schicksal, als werdend +begreift und als das Schicksal, das Werden „des andern“ miterlebt +werden kann.</p> + +<p>Es ist dies eine gewagte und schwer zugängliche Betrachtungsweise. +Absolute Standpunkte — die etwa das Ich, das Denken, die Natur, Gott +als Ausgang und Maßstab setzen —, wie sie die Philosophie um ihrer +Systematik willen liebt und im Grunde nicht entbehren kann, sind hier +selbst noch Symbole, <em class="gesperrt">Objekte</em>, nicht Richtlinien der Betrachtung.</p> + +<p>Für den abendländischen Menschen auf der Höhe seiner längst +großstädtisch und intellektuell gewordnen Kultur existiert ein +wohlgeordnetes Bild der Historie, dessen Mittelgrund die sechs +Jahrtausende der „Weltgeschichte“ auf einem kleinen Planeten bilden, +während der Horizont sich in astronomische, geologische oder +mythologische Fernen allmählich verliert. Dies Bild, ein wesentliches +Ergebnis unsres wachen Daseins, eine Welt, aus deren Hintergrund +die abendländische Seele sich selbst erst begreift, ist die <em class="gesperrt">uns +notwendige</em> Form, alles, was wirklich ist, als sich verwirklichend +geordnet aufzufassen. Vom sicheren Standpunkte des Jetzt und Hier +blicken wir über Vergangenheit und Zukunft hin. Nichts scheint realer +als diese Perspektive.</p> + +<p>Aber dem Urmenschen ist eine solche Anschauung unbekannt. Der antike +und indische Mensch erlebte — wie wir aus entscheidenden<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Zeichen +entnehmen — Verwandtes, aber jedenfalls in schattenhaften Umrissen +und von ganz andrer Farbe. Also ist diese so klare und unzweideutige +„Weltgeschichte“ nur <em class="gesperrt">unser</em> Eigentum? Also gibt es keine +historische, für <em class="gesperrt">alle</em> Menschen vorhandene und identische +Wirklichkeit? Also ist dies ein bloßer Ausdruck, eine freie Phantasie, +Funktion einer <em class="gesperrt">einzelnen</em> Seele? Dies herdenhafte Gewoge +menschlicher Generationen durch Jahrhunderte hin, diese Episode im +Werden zahlloser Sonnensysteme durch Jahrmillionen, diese längst +erstorbenen Landschaften einer Kulturblüte am Nil, Ganges und Ägäischen +Meer wären nichts als eine Vision des faustischen Geistes? Erinnern +wir uns, daß alle Philosophie von jeher das gleiche vom Bilde der +<em class="gesperrt">Natur</em> behauptete, indem sie es <em class="gesperrt">Erscheinung</em> nannte. Der +Mensch war gewiß ein Atom im Weltall, aber das Weltall war zugleich das +Produkt seiner Vernunft.</p> + +<p>Dies ist das große Mysterium des menschlichen Bewußtseins, das man +einfach hinzunehmen hat. Der in ihm hervortretende Widerspruch ist +dem Denken unzugänglich. Idealistische wie realistische Lehren, die +das eine als Tatsache, das andere als Schein bezeichnen, können das +Geheimnis nur schematisch vergewaltigen, aber nicht lösen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Seele und Welt</em>: in dieser Polarität erschöpft sich das +Wesen unsres Bewußtseins, wie das Phänomen des Magnetismus sich im +wechselseitigen Widerstreben zweier Pole erschöpft. Diese Seele, und +zwar die jedes Einzelnen, welche <em class="gesperrt">in sich</em> diese ganze Welt des +historischen Werdens erlebt und <em class="gesperrt">also schafft</em>, sie zum Ausdruck +ihres So-Seins macht, ist zugleich, aus einem anderen Aspekte, ein +winziges Element, ein flüchtiges Aufleuchten in <em class="gesperrt">ihr</em>?<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a> Was +sind Cäsar, Ramses, Wallenstein anderes als Phänomene im historischen +Weltbilde, wie es eine höhere Seele in sich entwickelt? Sind sie für +das — ahistorische — Bewußtsein eines Kindes wirklich vorhanden? +Wären sie „wirklich“, wenn alle Menschen sich heute wieder im +seelischen Urzustande etwa der Weströmer zur Zeit Aurelians befänden? +Alle „andern“ Menschen, so wie sie im Gedächtnisbilde der Historie +erscheinen, sind Ausdruck der Seele des „einen“, seien es die großen +Persönlichkeiten,<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> die in einem früher festgestellten Sinne einmal +Epoche machten, seien es die Menschen der Menge zu irgendeiner Zeit. +Was alles diese Menschen aller Zeiten denken, wollen, tun, sind, die +ganze werdende, schicksalsvolle Welt also, ist Zeichen und Symbol +dessen, der sie erlebt. Das Geheimnis des eignen Schicksals offenbart +sich im Schicksal einer um uns werdenden oder von uns als geworden +erkannten Welt. Die Dämmerseele des Kindes und frühen Menschen ahnt +ihre Welt nur; erst die helle Tagesseele hoher Kulturen, die sich +selbst als wohlgeordnete Einheit, eben als „Seele“ kennt und fühlt, +besitzt auch eine geordnete Welt als ihr <em class="gesperrt">Eigentum</em>. Sie prägt in +jedem wachen Lebensmomente aus dem Chaos des Sinnlichen einen Kosmos +symbolisch gestalteter Objekte oder Phänomene — je nachdem dieser +Kosmos die Merkmale der Natur oder der Geschichte trägt.</p> + +<p>Diese Wirksamkeit <em class="gesperrt">nennen wir Leben</em>. Leben ist die Verwirklichung +des innerlich Möglichen. Jede Seele, die einer Kultur, eines Volkes, +eines Standes so gut wie die eines Einzelnen, hat vom Augenblick ihrer +Geburt in der Welt des Werdens und Schicksals an bis zu ihrem Erlöschen +den <em class="gesperrt">einen</em> rastlosen Drang, sich völlig zu verwirklichen, sich +<em class="gesperrt">ihre</em> Welt als volle Summe ihres Ausdrucks zu bilden, das, was +ich das Fremde nannte, zu einer bedeutungsvollen Einheit auszuprägen, +es durch begrenzte und gewordne Form zu bannen und <em class="gesperrt">sich</em> +anzueignen. Eine vollendete Welt ist die Ausstrahlung, ist der Sieg +einer Seele über die fremden Mächte.</p> + +<p>Es liegt ein und dasselbe Ereignis vor, wenn in einem Momente der +frühesten Kindheit wie mit einem Zauberschlage das Innenleben erwacht, +die Seele sich ihrer selbst bewußt wird, und wenn in einer mit +formloser Menschheit erfüllten Landschaft mit rätselhafter Vehemenz +eine große Kultur ins Dasein tritt. Von hier an beginnt die Vollendung +eines Lebens im höheren Sinne, man darf sagen die Erfüllung eines +vorbestimmten Schicksals. Eine Idee will verwirklicht werden und sie +wird es im Bilde einer Welt; die reine Natur, die reine Geschichte oder +eine der unzähligen Mischungen beider Weltformen sind nur mögliche +Arten, die Gesamtheit des Ausdrucks zu ordnen.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<h4 id="Symbolik_2">2</h4> + +</div> + +<p>Es wird hier nicht davon die Rede sein, was eine Welt ist, sondern +was sie bedeutet. Physiognomik, nicht Systematik ist die Aufgabe. +Die Wirklichkeit — man kann sagen die Welt in bezug auf eine Seele +— ist für jeden einzelnen Menschen und jede einzelne Kultur die +Projektion des Gerichteten in den Bereich des Ausgedehnten; sie ist +eine Inkarnation des innern Seins und Wesens, das Eigne, das sich +am Fremden reflektiert; sie <em class="gesperrt">bedeutet ihn selbst</em>. Durch einen +ebenso schöpferischen als unbewußten Akt — nicht „ich“ verwirkliche +das Mögliche, sondern „es“ verwirklicht sich durch mich als empirische +Person — entsteht plötzlich und mit vollkommenster Notwendigkeit aus +der Totalität sinnlicher und gedächtnismäßiger Elemente „<em class="gesperrt">die</em>“ +Welt, für mich die <em class="gesperrt">einzige</em>. Es ist die Notwendigkeit des +Schicksals, nicht der Kausalität, die über dem So-Sein der Seele und +mithin ihrer Verwirklichung im Gewordnen waltet.</p> + +<p>Und deshalb gibt es so viele Welten als es Menschen und Kulturen +gibt, und im Dasein jedes einzelnen ist die vermeintlich einzige, +selbständige und ewige Welt — die jeder mit dem andern gemein zu haben +glaubt — ein immer neues, einmaliges, nie sich wiederholendes Erlebnis.</p> + +<p>Unterscheiden wir wieder zwischen Erleben und Erlebtem, Erkennen und +Erkanntem. Die <em class="gesperrt">Akte</em> sind einmalig und schicksalhaft; erst das +vollendete Resultat trägt das Merkmal der mechanischen <em class="gesperrt">Identität</em> +durch eine Vielheit lebendiger Akte hindurch.</p> + +<p>Erst im stets erneuerten und doch verharrenden Welt<em class="gesperrt">bilde</em> — +einem Wasserfall, der im flüchtigsten Vorübergang der Tropfen in der +Ruhe seiner Erscheinung verweilt — ist die Sonne täglich und immer +dieselbe und das bewußte Leben ein Ganzes durch die Folge aller +Augenblicke hindurch. Die Identität des Vollendeten liegt in gleicher +Weise der extremen Gegenständlichkeit — „Natur“ — wie dem reinen +Phänomen — „Geschichte“ — zugrunde. Sie ist die Vorbedingung aller +Symbolik, die ohne eine gewisse <em class="gesperrt">Dauer</em> der Bedeutung nicht +bestehen kann.</p> + +<p>Eine Skala sich steigernder Bewußtheit führt von den Uranfängen +kindlich-dumpfen Schauens, in denen es noch keine klare Welt für +eine Seele und keine ihrer selbst gewisse Seele<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> inmitten einer Welt +gibt, zu den höchsten Graden durchgeistigter Zustände, deren nur +Menschen ganz reifer Zivilisationen — nicht Kulturen — fähig sind, +dem Bewußtsein als Polarität von exaktem Verstand und vollkommen +mechanischer Erfahrungswelt. Diese Steigerung ist zugleich eine +Entwicklung der Symbolik. Nicht nur wenn ich in der Art des Kindes, +des Träumers, des Künstlers die Welt hinnehme; nicht nur, wenn ich +wach bin, ohne sie mit der gespannten Aufmerksamkeit des denkenden +und tätigen Menschen aus einer gewissen Perspektive aufzufassen +— ein Zustand, der selbst im Bewußtsein des eigentlichen Denkers +und Tatmenschen weit seltener herrscht als man glaubt —, sondern +stets und immer, solange von Bewußtsein, d. h. von Leben überhaupt +die Rede sein kann, verleihe ich dem Außer-mir den Gehalt meines +<em class="gesperrt">ganzen</em> Selbst, von den halb träumerischen Eindrücken der +Welthaftigkeit bis zur starren Welt der kausalen Gesetze und Zahlen, +die jene überlagert und bindet. Aber selbst dem Reich der Zahlen +fehlt das Persönliche nicht. Es gibt sehr allgemeine Züge in diesen +rein mechanischen Formenwelten; sie können das Bild bis zur völligen +Täuschung beherrschen und man kann und möchte über dem Allgemeinen das +Individuelle und also Symbolische vergessen — vorhanden ist es immer.</p> + +<p>Dies ist die <em class="gesperrt">Idee des Makrokosmos, der Wirklichkeit als des +Inbegriffs aller Symbole in bezug auf eine Seele</em>. Nichts ist von +dieser Eigenschaft des Bedeutsamen ausgenommen. Alles, was ist, ist +auch Symbol. Von der körperlichen Erscheinung an — Antlitz, Statur, +Geste, Haltung von Einzelnen, von Klassen, von Völkern —, wo man es +immer gewußt hat, bis zu den Formen des politischen, wirtschaftlichen, +gesellschaftlichen Lebens, bis zu den vermeintlich ewigen und +allgemeingültigen Formen der Erkenntnis, Mathematik, Physik spricht +alles vom Wesen einer bestimmten und keiner andern Seele.</p> + +<p>Allein auf der größeren oder geringeren Verwandtschaft der einzelnen +Welten untereinander, soweit sie von Menschen <em class="gesperrt">einer</em> Kultur oder +Sphäre erlebt werden, beruht die größere oder geringere Mitteilbarkeit +des Geschauten, Empfundenen, Erkannten, das heißt des im Stil des +eignen Seins Gestalteten durch die Mittel der Sprache und Schrift, +durch Begriffe, Formeln, Zeichen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> die ihrerseits selbst Symbole sind. +Zugleich erscheint hier eine ewige und bisher kaum gekannte Grenze, +fremden Individualitäten wirkliche Mitteilungen zu machen oder deren +Lebensäußerungen wirklich zu verstehen. Der Grad der Kongruenz der +beiderseitigen Formenwelten entscheidet darüber, wo das Verständnis in +Selbsttäuschung übergeht. Mit der Möglichkeit, sich in den Makrokosmos +des andern hineinzuversetzen, ist beides zu Ende. Wir können die +indische und ägyptische Seele — offenbart in ihren Menschen, Sitten, +Schriftzeichen, Ideen, Bauten, Taten — sicherlich nur höchst +unvollkommen imaginieren. Den Griechen, ahistorisch wie sie waren, +war auch die geringste Ahnung vom Wesen fremden Seelentums versagt. +Man sehe, mit welcher Naivität sie in den Göttern und Kulturen aller +fremden Völker ihre eignen wiederfanden. Aber auch wir unterlegen, wenn +wir bei einem antiken Philosophen das Wort χρόνος mit Zeit übersetzen +und damit in uns einen ganzen, spezifisch faustischen Gedankenkomplex +wachrufen, der fremden Intention das <em class="gesperrt">eigne</em> Weltgefühl, aus dem +die Bedeutung unsrer Worte stammt. Wenn wir die Züge einer ägyptischen +Statue interpretieren, nehmen wir ohne Anstand die <em class="gesperrt">eigne</em> +innere Erfahrung zu Hilfe. In beiden Fällen täuschen wir uns. Daß +die Meisterwerke der Kunst alter Kulturen für uns noch lebendig — +„unsterblich“ also — seien, gehört ebenfalls in den Kreis dieser +Illusionen, die lediglich durch die Tatsache aufrecht erhalten werden, +daß <em class="gesperrt">unser</em> Geist hier, zugunsten seines eignen Weltgefühls, aus +einem tiefen Instinkt ständig mißversteht. Darauf beruht zum Beispiel +die Wirkung der Laokoongruppe auf die Kunst der Renaissance und die des +Sophokles auf das klassizistische Drama der Franzosen.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Symbolik_3">3</h4> + +</div> + +<p>Symbole, als etwas Verwirklichtes, gehören zum Bereich des +Ausgedehnten. Sie sind geworden, nicht werdend — auch wenn sie ein +Werden bezeichnen, auch wenn sie in bedeutungsvollen Gebräuchen +oder Gesten bestehen — mithin starr begrenzt und den Gesetzen des +Raumes unterworfen. Es gibt <em class="gesperrt">nur</em> sinnlich-räumliche (stoffliche +oder ornamentale) Symbole.<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> Schon das Wort Form bezeichnet etwas +Ausgedehntes. Der Sinn aller Grenzen aber ist <em class="gesperrt">Vergänglichkeit</em>. +Es gibt keine ewigen Symbole. Auch die überall auftauchenden Zeichen +des Dreiecks, des Hakenkreuzes (swastika), des Ringes sind <em class="gesperrt">als +Symbole</em> vergänglich. Sie kommen in vielen Kulturen vor, aber sie +sind jedesmal von andrer Bedeutung und in Hinsicht darauf jedesmal +neu geschaffen und von begrenzter Lebensdauer. Man braucht nur +die Schicksale der antiken Säule zu verfolgen, vom hellenischen +Peripteros an, wo sie mittels des Architravs das Dach trägt, über die +früharabische Basilika, wo sie einen <em class="gesperrt">Innenraum</em> gliedert, bis zum +Renaissancebau, wo sie als Teilmotiv <em class="gesperrt">einer Fassade eingefügt</em> +ist, um zu fühlen, was Umdeutung eines Symbols heißt, wenn eine neue +Kultur es einer alten entlehnt.</p> + +<p>Das seelisch Mögliche, noch zu Vollendende, heißt Zukunft. +Das Vollendete heißt Vergangenheit. Die <em class="gesperrt">Richtung</em> +(<em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>) des Lebens, durch die Worte Zeit, +Schicksal, Wille in den Sprachen aller Völker angedeutet, verknüpft +beides im Phänomen der Gegenwart, des augenblicklichen Bewußtseins. +Die Priorität des Werdens vor dem Gewordnen war oft betont worden. +Sobald das Werden sich vollzogen, das Mögliche sich verwirklicht hat, +ist seine Bestimmung erfüllt. Die sich nähernde Zukunft wurde zur +ruhenden Vergangenheit. <em class="gesperrt">Sie wurde zum Raum</em> und verfiel damit dem +organischen Prinzip der Kausalität. Schicksal und Kausalität, Zeit und +Raum, Richtung und Ausdehnung verhalten sich <em class="gesperrt">wie Leben und Tod</em>.</p> + +<p>Es besteht ein rätselhafter Zusammenhang zwischen dem <em class="gesperrt">Raum</em> und +dem <em class="gesperrt">Tode</em>, der gerade von frühen Seelen immer tief gefühlt worden +ist. Die religiöse Metaphysik drückt dies so aus, daß Geburt und Tod +der Erscheinungswelt angehören oder daß mit der Verbannung der Seele in +das Reich der (kausalen) Notwendigkeit der Tod gesetzt ist.</p> + +<p>Der Mensch ist das einzige Wesen, welches den Tod kennt. Alle andern +sind rein werdend, von einer durchaus auf die punktförmige Gegenwart +eingeschränkten Bewußtheit, die ihnen endlos erscheinen muß; sie leben, +aber sie wissen nichts vom Leben wie die Kinder in den frühesten +Jahren, wo sie die christliche Weltanschauung noch als „unschuldig“ +betrachtet.<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Erst der wache Mensch besitzt außer dem Werden auch +Gewordenes, das heißt nicht nur ein Dasein, das sich von einer Umwelt +abhebt, sondern auch ein Gedächtnis für Erlebnisse und eine Erfahrung +von Erkanntem. Für alle andern verläuft das Leben ohne Ahnung seiner +Grenzen, das heißt ohne ein Wissen um Aufgabe, Sinn, Dauer und Ziel. +Erst mit dem vollen Besitz einer räumlichen Wirklichkeit — einer +Welt als Ausstrahlung einer Seele — erscheint auch das große Rätsel +des Todes. Mit tiefer und bedeutungsvoller Identität knüpft sich +das Erwachen des Innenlebens in einem Kinde oft an den Tod eines +Verwandten. Es begreift <em class="gesperrt">plötzlich</em> den leblosen Leichnam, der +ganz Stoff, ganz Raum geworden ist, und <em class="gesperrt">zugleich</em> fühlt es +sich als einzelnes Wesen in einer endlosen, ausgedehnten Welt. „Vom +fünfjährigen Knaben bis zu mir ist nur ein Schritt. Vom Neugeborenen +bis zum fünfjährigen Kinde ist eine schreckliche Entfernung“, hat +Tolstoi einmal gesagt. Hier, in diesem entscheidenden Moment des +Daseins, wo der Mensch zum Menschen wird und seine ungeheure Einsamkeit +im All kennen lernt, enthüllt sich die Weltangst als die <em class="gesperrt">Angst vor +dem Tode</em>, der Grenze, dem <em class="gesperrt">Raume</em>. Hier liegt der Ursprung +des höheren Denkens, das zuerst ein Nachdenken über den Tod ist. Jede +Religion, jede Philosophie geht von hier aus. Jede große Symbolik +heftet ihre Formensprache an den Totenkult, die Bestattungsform, den +Schmuck des Grabes. Die ägyptische Kunst beginnt mit den Totentempeln +der Pharaonen, die antike mit der Ornamentik der Grabvasen, die +früharabische mit Katakomben und Sarkophagen, die abendländische +mit den Domen, in denen das Meßopfer, die Wiederholung des Sterbens +Christi, sich täglich vollzieht. Mit einer neuen Idee des Todes erwacht +jede neue Kultur. Als um das Jahr 1000 der Gedanke an das Weltende sich +im Abendland verbreitete, wurde die faustische Seele dieser Landschaft +geboren.</p> + +<p>Der Urmensch, in tiefem Staunen über den Tod, wollte diese Welt des +Ausgedehnten mit den unerbittlichen und stets gegenwärtigen Regeln +ihrer Kausalität, mit ihrer dunklen Allmacht, die ihn ständig mit +dem Ende bedrohte, mit allen Kräften seines Geistes durchdringen und +beschwören. Dieser Akt liegt tief im Unbewußten, aber indem er Seele +und Welt erst eigentlich<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> schuf, trennte, gegeneinander stellte, +bezeichnete er die Schwelle individuellen Daseins. Ichgefühl und +Weltgefühl beginnen zu wirken und alle Kultur, innere und äußere, ist +nur die Steigerung dieses Menschseins überhaupt. Von hier an sind alle +Dinge nicht mehr nur Eindruck, rein animalisch, wie beim neugebornen +Kinde, sondern auch Ausdruck. Zuerst besaßen sie allein ein Verhältnis +zum Menschen, jetzt besitzt der Mensch auch ein Verhältnis zu ihnen. +Sie sind Symbole seines Daseins geworden. So geht der Sinn aller echten +— <em class="gesperrt">unbewußten und innerlich notwendigen</em> — Symbolik aus dem +Phänomen des Todes hervor, in dem sich das Wesen des Raumes enthüllt. +Alle Symbolik stammt aus der Furcht. Sie bedeutet eine Abwehr. Sie ist +der Ausdruck einer tiefen Scheu im alten Doppelsinne des Wortes: ihre +Formensprache redet zugleich von Feindschaft und Ehrfurcht.</p> + +<p><em class="gesperrt">Alles Gewordne ist vergänglich.</em> Vergänglich sind nicht nur +Völker, Sprachen, Rassen, Kulturen. Es wird in wenigen Jahrhunderten +keine westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen +mehr geben, wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab. Nicht die +Masse menschlicher Generationen war erloschen; die Form eines Volkes, +die eine Anzahl von ihnen zu einer einheitlichen Gebärde zusammengefaßt +hatte, war nicht mehr da. Der <i>civis Romanus</i>, eines der stärksten +Symbole antiken Seins, war als Form nur von der Dauer einiger +Jahrhunderte. Alle Kunst ist sterblich, nicht nur die einzelnen Werke, +sondern die Künste selbst. Es wird eines Tages das letzte Bildnis +Rembrandts und der letzte Takt Mozartscher Musik aufgehört haben zu +sein, obwohl eine bemalte Leinwand und ein Notenblatt vielleicht +übrig sind, weil das letzte Auge und Ohr verschwand, das ihrer +Formensprache zugänglich war. Vergänglich ist jeder Gedanke, jedes +Dogma, jede Wissenschaft, sobald die Seelen und Geister erloschen sind, +in deren Welten ihre „ewigen Wahrheiten“ mit Notwendigkeit als wahr +erlebt wurden. Vergänglich sind sogar die Sternenwelten, welche die +Astronomen am Nil und Euphrat betrachteten, denn <em class="gesperrt">unser</em> — ebenso +vergängliches — mit dem Auge des abendländischen Menschen gesehenes, +aus <em class="gesperrt">seinem</em> Gefühl herausgebildetes Weltsystem, dessen Form +Kopernikus aufstellte, ist ein anderes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<p>Und so läßt sich der Gedanke des Makrokosmos wieder an das Wort +knüpfen, dem die ganze fernere Darstellung gewidmet sein soll: <em class="gesperrt">Alles +Vergängliche ist nur ein Gleichnis.</em></p> + +<p>So führt diese Idee unvermerkt auf das Raumproblem, allerdings in einem +neuen und überraschenden Sinn. Seine Lösung — oder bescheidener, seine +Deutung — erscheint erst in diesem Zusammenhange möglich, so wie das +Zeitproblem erst aus der Schicksalsidee faßlicher wurde. Es sei daran +erinnert, daß, wie „die Zeit“ dem Gefühl der Weltsehnsucht, so der +Raum, insofern dem Makrokosmos eine Absicht auf Bannung der fremden +Mächte mittels der Form zugrunde liegt, dem Urgefühl der Angst nahe +steht.</p> + +<p>„Der Raum“ ist sicherlich zunächst wie „die Welt“ ein kontinuierliches +Erlebnis des einzelnen wachen Menschen, nicht mehr. Schon die +Überzeugung, welche infolge der verhältnismäßigen Gleichartigkeit +der im Einzeldasein aufeinanderfolgenden Raumerlebnisse und der +Unmöglichkeit, sich über das Individuelle im „Raum des andern“ +sprachlich zu verständigen, vorherrscht, daß nämlich dieser +Außenraum konstant und für alle gemeinsam und identisch sei, ist ein +unbeweisbares Vorurteil. Das entsprechende Wort, das in allen Sprachen +nicht nur anders klingt, sondern auch anderes bedeutet, verdeckt +entscheidende Aufklärungen. Ist „der Raum“ ein allgemein menschliches +Erlebnis? Oder das einer einzelnen Kultur? Oder nicht einmal das?</p> + +<p>Das eigentliche Problem im Phänomen des Ausgedehnten knüpft sich an +das Wesen der <em class="gesperrt">Tiefe</em> — der <em class="gesperrt">Ferne</em> oder <em class="gesperrt">Entfernung</em> +— deren abstraktes Schema im System der Mathematik neben Länge +und Breite als „<em class="gesperrt">dritte Dimension</em>“ bezeichnet wird. Diese +Dreizahl koordinierter Faktoren ist von vornherein irreführend. Ohne +Zweifel sind im räumlichen Eindruck diese Elemente <em class="gesperrt">nicht</em> +gleichwertig, geschweige denn gleichartig. „Länge und Breite“, +sicherlich als Erlebnis eine <em class="gesperrt">Einheit</em>, keine Summation, sind, +mit Vorsicht gesagt, Form der Empfindung. Sie repräsentieren den +urmenschlichen, rein sinnlichen Eindruck. Die Tiefe repräsentiert den +<em class="gesperrt">Ausdruck</em>; mit ihr beginnt die „Welt“. Diese der Mathematik +selbstverständlich ganz fremde Unterscheidung in der Bewertung der<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> +dritten Dimension gegenüber den sogenannten beiden andern liegt auch +in der Gegenüberstellung der Begriffe Empfindung und Anschauung. +Die Dehnung in die Tiefe verwandelt die erste in die letzte. Erst +die Tiefe ist die <em class="gesperrt">eigentliche</em> Dimension im wörtlichen Sinne, +das <em class="gesperrt">Ausdehnende</em>. In ihr ist der Geist aktiv, in den andern +streng passiv. Es ist der <em class="gesperrt">symbolische Gehalt einer Ordnung</em>, +und zwar im Sinne einer einzelnen Kultur, der sich zutiefst in diesem +ursprünglichen und nicht weiter analysierbaren Element ausspricht. Das +Erlebnis der Tiefe ist — von dieser Einsicht hängt alles Weitere ab +— und und ebenso vollkommen unbewußter und notwendiger als vollkommen +schöpferischer Akt, durch den das Ich seine Welt, ich möchte sagen +zudiktiert erhält. Er schafft aus dem Chaos von Empfindungen eine +formvolle Einheit, etwas <em class="gesperrt">Gewordnes</em>, das nunmehr von Gesetzen +beherrscht, dem Kausalprinzip unterworfen und mithin, als Abbild eines +Seelentums, <em class="gesperrt">vergänglich</em> ist.</p> + +<p>Es besteht kein Zweifel, obwohl der durch theoretisches Selbstgefühl +voreingenommene Verstand sich dagegen auflehnt, daß das Phänomen der +Dehnung unendlicher Variation fähig ist, nicht nur ein anderes beim +Kind und Manne, beim Naturmenschen und Städter, Chinesen und Römer, +sondern in jedem einzelnen, je nachdem er nachdenklich oder aufmerksam, +tätig oder ruhend seine Welt erlebt. Jeder Künstler hat noch +„<em class="gesperrt">die</em>“ Natur durch Farbe und Linie wiedergegeben. Jeder Physiker, +der griechische, arabische, germanische hat „<em class="gesperrt">die</em>“ Natur in +letzte Elemente zergliedert — warum fanden sie nicht alle dasselbe? +Weil jeder seine eigene Natur hat, obwohl jeder sie mit einer Naivität, +die seinen Lebensgehalt rettet, die <em class="gesperrt">ihn</em> rettet, mit dem andern +gemeinsam zu haben glaubt. Natur ist ein Erlebnis, das durch und durch +mit persönlichstem Gehalt gesättigt ist. Natur ist eine Funktion der +jeweiligen Kultur. Und man braucht nur Zeitgenossen wie Holbein, +Dürer und Grünewald hinsichtlich ihrer Behandlung des Bildraums zu +vergleichen, um zu fühlen, daß das Erlebnis der Tiefe, „der Raum“, also +die ganze Natur selbst für sie etwas sehr Verschiedenes ist.</p> + +<p>Nun hat Kant die große Frage, ob dies Element a priori vorhanden +oder durch Erfahrung erworben ist, durch seine berühmte<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Formel +zu entscheiden geglaubt, daß der Raum die allen Welteindrücken +zugrunde liegende <em class="gesperrt">Form der Anschauung</em> sei. Aber die „Welt“ +des Urmenschen, des Kindes und des Träumers besitzt dies Element +unzweifelhaft in chaotischer, schwankender, unentschiedner Art und +erst das höhere Seelentum formt das Chaotische zur geordneten Welt, +gibt also dem Element der Tiefe eine eindeutige, symbolisch bestimmte +Fassung. Es ist keine Frage, daß der Raum, wie ihn Kant mit unbedingter +Gewißheit um sich sah, als er über seine Theorie nachdachte, für seine +Vorfahren zur Karolingerzeit auch nicht annähernd in dieser exakten +Gestalt vorhanden war. Gehen wir noch weiter. Kants Größe beruht auf +der Konzeption des Begriffes einer Form „a priori“, aber nicht auf der +Anwendung, die er ihm gab. Daß die Zeit keine Form der Anschauung ist, +daß sie überhaupt keine „Form“ ist — es gibt nur extensive Formen — +und offensichtlich nur als Pendant zum Raume so definiert wurde, sahen +wir schon. Es ist aber nicht nur die Frage, ob gerade das Wort Raum den +formalen Gehalt im Angeschauten genau deckt; es ist auch eine Tatsache, +daß die Form der Anschauung sich mit dem <em class="gesperrt">Grade der Entfernung +ändert</em>: Jedes entfernte Gebirge wird als reine Fläche — Kulisse — +„angeschaut“. Niemand wird behaupten, daß er die Mondscheibe körperhaft +sehe. Der Mond ist für das Auge eine absolute Fläche und erst durch +das Fernrohr stark vergrößert — also künstlich angenähert — erhält +er mehr und mehr räumliche Beschaffenheit. Augenscheinlich ist die +Form der Anschauung also eine Funktion der Distanz. Es tritt eine +unvermerkte, aber für den zivilisierten Menschen sehr stark wirksame +Abstraktion hinzu, die über den veränderlichen Charakter dieser +Eindrücke täuscht. Kant hat sich täuschen lassen. Er hätte zwischen +Formen der Anschauung und des Verstandes gar nicht scheiden dürfen, +denn sein Begriff Raum umfaßt bereits beides. Sein Gedanke, daß die +unbedingte anschauliche Gewißheit einfacher geometrischer Tatsachen die +Apriorität des exakten Raumes beweise, beruht auf der schon erwähnten +allzu populären Ansicht, daß Mathematik entweder Geometrie oder +Arithmetik — Konstruktion oder Rechnen — sei.</p> + +<p>Nun war schon damals die Mathematik des Abendlandes weit +über dieses naive — der Antike nachgesprochene — Schema<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> +hinausgegangen. Wenn die Geometrie statt „des Raumes“ mehrfach +unendliche Zahlenmannigfaltigkeiten zugrunde legt, unter denen die +dreidimensionale ein an sich nicht ausgezeichneter Einzelfall ist, und +innerhalb dieser höchst transzendenten Gruppen funktionale Gebilde +hinsichtlich ihrer Struktur untersucht, so hat jede überhaupt mögliche +Art von sinnlicher Anschauung aufgehört, sich formal mit mathematischen +Tatsachen im Gebiete solcher Extensionen zu berühren, ohne daß die +Evidenz der letzteren dadurch herabgesetzt worden wäre. Die Mathematik +ist von der Form des Angeschauten ganz unabhängig. Es ist nun die +Frage, wie viel von der gerühmten Evidenz der Anschauungsformen, +die doch im Gegensatz zur Mathematik an die vitalen Bedingungen des +Sehsinnes gebunden sind, für sich übrig bleibt, sobald die künstliche +Übereinanderschichtung beider in einer vermeintlichen Erfahrung erkannt +worden ist.</p> + +<p>Wie Kant sich das Zeitproblem dadurch verdarb, daß er es zu der +in ihrem Wesen mißverstandenen Arithmetik in Beziehung brachte +und also von einem Zeitphantom redete, dem die lebendige Richtung +fehlte, das also nur noch ein dimensionales, räumliches Schema war, +so verdarb er sich das Raumproblem durch seine Beziehung auf eine +Allerweltsgeometrie. Der Zufall hat es gewollt, daß wenige Jahre nach +der Vollendung seines Hauptwerkes Gauß die erste der nichteuklidischen +Geometrien entdeckte, durch deren in sich widerspruchslose Existenz +bewiesen wurde, daß es <em class="gesperrt">mehrere</em> Arten streng mathematischer +Struktur der dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich „a +priori gewiß“ sind, ohne daß es möglich wäre, <em class="gesperrt">eine</em> von ihnen als +die eigentliche „Form der Anschauung“ herauszuheben.</p> + +<p>Es war ein schwerer und für einen Zeitgenossen Eulers und Lagranges +unverzeihlicher Irrtum, die antike Schulgeometrie, denn an sie hat +Kant immer gedacht, in den Formen der erlebten Natur abgebildet finden +zu wollen. In den Augenblicken, wo wir die Natur daraufhin aufmerksam +beobachten, ist in der Nähe des Beobachters und bei hinreichend +kleinen Verhältnissen eine annähernde Übereinstimmung zwischen dem +optischen Eindruck und den Prinzipien der gewöhnlichen euklidischen +Geometrie sicherlich vorhanden. Die von der Philosophie behauptete +absolute Übereinstimmung läßt sich aber weder durch den Augenschein<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> +noch durch Meßinstrumente nachweisen. Beide können eine gewisse, +für die praktische Entscheidung über die Frage z. B., welche der +nichteuklidischen Geometrien die des empirischen Raumes sei, bei weitem +nicht ausreichende Grenze der Genauigkeit niemals überschreiten.<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a> +Bei großen Maßstäben und Entfernungen, wo das Tiefenerlebnis das +Anschauungsbild völlig beherrscht — vor einer weiten Landschaft +etwa statt vor einer Zeichnung — widerspricht die Anschauungsform +der Mathematik gründlich. Die Fixsterne erscheinen dem Auge an einer +andern Stelle des betrachteten Raumes, als die ist, welche sie im +theoretisch-astronomischen Raume nach mathematischer Feststellung +einnehmen.<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a> Wir sehen in jeder Allee, daß Parallelen sich am +Horizonte berühren. Die Perspektive der abendländischen Ölmalerei, +deren tiefer Zusammenhang mit den Grundproblemen der gleichzeitigen +Mathematik hier deutlich fühlbar wird, beruht auf dieser Tatsache, und +ihre schwer aufzufindenden Grundlagen, die von Brunellesco vielfach +verfehlt wurden, beweisen, daß die Geometrie sie durchaus nicht ohne +weiteres hergibt, wie es nach Kants Lehre von ihrer Koinzidenz mit +der Anschauung der Fall sein müßte. Die Anschauungsform ist von der +Mathematik unabhängig. Aber der lebensfremde Verstand, stolz auf +seine abstrakt-geometrische Intuition, sagt nein dazu und der echte +Theoretiker, wie eben Kant, weiß niemals, was er wirklich gesehen hat.</p> + +<p>Kant hat bei seiner Betrachtungsweise, einer angestrengten, auf +das Ziel einer abstrakten Theorie gerichteten Beobachtung, all die +Momente unwillkürlicher, halb bewußter Anschauung, welche das Leben +eigentlich erst ganz erfüllen, beiseite gelassen. In ihnen ist die +„Form“ nichts weniger als streng zahlenmäßig und gleichförmig und +durch den kahlen Begriff des Raumes von drei Dimensionen nicht +annähernd wiederzugeben. Das unmittelbar gewisse Tiefenerlebnis in der +unermeßlichen Fülle<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> seiner Nuancen entzieht sich jeder theoretischen +Bestimmung. Die gesamte Lyrik und Musik, die gesamte ägyptische, +chinesische, abendländische Malerei widersprechen laut der Hypothese +einer konstanten mathematischen Struktur des erlebten und gesehenen +Raumes und nur, weil kein neuerer Philosoph von Malerei das geringste +verstanden hat, konnte ihnen diese Widerlegung unbekannt bleiben. +Der <em class="gesperrt">Horizont</em> z. B., in dem und durch den jedes Gesichtsbild +<em class="gesperrt">allmählich in einen Flächenabschluß übergeht</em> — denn auch +die Tiefe ist geworden und also begrenzt — ist durch keine Art von +Mathematik zu behandeln. Jeder Pinselstrich eines Landschaftsmalers +widerlegt die Behauptungen der Erkenntnistheorie.</p> + +<p>Die „drei Dimensionen“ besitzen als abstrakte mathematische +Einheiten keine natürliche Grenze. Man verwechselt das mit Fläche +und Tiefe des erlebten optischen Eindrucks und so setzt sich der +eine erkenntnistheoretische Irrtum in den andern fort, daß auch die +angeschaute Ausgedehntheit unbegrenzt sei, obwohl unser Blick nur +belichtete Raumfragmente umfaßt, deren Grenze eben die jeweilige +Lichtgrenze bildet, sollte es auch der Fixsternhimmel oder die +atmosphärische Helligkeit sein. Die „gesehene Welt“ ist tatsächlich +die Summe von <em class="gesperrt">Lichtwiderständen</em>, weil das Sehen an das +Vorhandensein von reflektiertem Licht gebunden ist. Die Griechen +blieben, als plastisch angelegte Naturen, auch dabei stehen. Nur das +abendländische Weltgefühl stellte als Symbol und inneres Postulat +des Lebens die <em class="gesperrt">Idee</em> eines grenzenlosen Weltraumes auf mit +unendlichen Fixsternensystemen und Entfernungen, die weit über +jede optische Vorstellbarkeit hinausgehen — eine Schöpfung des +<em class="gesperrt">innern</em> Blickes, die sich jeder Verwirklichung durch das Auge +entzieht und Menschen anders fühlender Kulturen selbst als Idee fremd +und unvollziehbar bleibt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Symbolik_4">4</h4> + +</div> + +<p>Das Ergebnis der Gaußschen Entdeckung, welche das Wesen der +modernen Mathematik <em class="gesperrt">überhaupt</em> änderte,<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a> war also nicht +nur der Nachweis, daß es mehrere gleich richtige Geometrien<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> der +dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, von denen der Geist eine wählt, +weil er an sie <em class="gesperrt">glaubt</em>, sondern der, daß „der Raum“ überhaupt +nicht mehr ein einfaches Faktum ist. Es gibt <em class="gesperrt">mehrere</em> Arten +exakter, streng wissenschaftlicher Räumlichkeit von drei Dimensionen +und die Frage, welche von ihnen der wirklichen Anschauung entspricht, +beweist, daß man das Problem gar nicht versteht. Die Mathematik +beschäftigt sich, gleichviel ob sie sich anschaulicher Bilder und +Vorstellungen als <em class="gesperrt">Handhaben</em> bedient oder nicht, mit völlig +abstrakten Systemen, Formenwelten von Zahlen, und ihre Evidenz ist +identisch mit der diesen Formenwelten immanenten kausalen Logik. Sie +sind Abbilder der <em class="gesperrt">Verstandesformen</em> und mithin in jeder Kultur +von anderem Stil. Darauf beruht ihre exakte Anwendbarkeit auf die +verstandesmäßig rezipierte, mechanische, <em class="gesperrt">tote</em> Natur der Physik, +die ihrerseits ebenfalls ein Abbild der Geistesform, nur von anderer +Ordnung ist. Neben der Mehrheit variabler Anschauungsgebilde steht +also auch eine Mehrheit von starr mathematischen Raumwelten, die ihre +eignen Rätsel hat, und unter dem gemeinsamen Worte Raum hat sich nur +allzulange die Tatsache verborgen, daß alle vermutete Konstanz und +Identität ein Irrtum ist.</p> + +<p>Damit ist die Illusion des einen, bleibenden, alle Menschen +umgebenden Raumes, über den man sich begrifflich restlos verständigen +könnte, zerstört, ob man ihn nun als den absoluten Weltraum Newtons +ansprechen will, <em class="gesperrt">in</em> dem sich alle Dinge befinden, oder als +Kants unveränderliche, allen Menschen aller Zeiten gemeinsame Form +der Anschauung, welche alle Dinge erst <em class="gesperrt">schafft</em>. So gut jede +persönliche „Welt“ im Strome des historischen Werdens ein nie +vergehendes und nie sich wiederholendes Erlebnis ist, so gut ist +es jeder einem lebenden Menschen angehörende Raum. Und zwar liegt +<em class="gesperrt">alle</em> Ausdruckskraft der einzelnen Seele, die ihre Welt gestalten +will, im begreifenden Erlebnis der <em class="gesperrt">Tiefe</em> oder <em class="gesperrt">Entfernung</em>, +durch das die sinnliche Fläche — das Chaos — erst Raum, <em class="gesperrt">der Raum +dieser Seele wird</em>.</p> + +<p>Damit ist die Trennung der lebendigen Anschauung von der mathematischen +Formensprache vollzogen, und das Geheimnis der <em class="gesperrt">Raumwerdung</em> tut +sich auf.</p> + +<p>Wie das Werden dem Gewordenen, die ewig lebende Geschichte der +vollendeten und toten Natur zugrunde liegt, das<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Organische dem +Mechanischen, das Schicksal dem kausalen Gesetz, dem objektiv +Gesetzten, so ist die <em class="gesperrt">Richtung der Ursprung der Ausdehnung. Das +mit dem Worte Zeit berührte Geheimnis des sich vollendenden Lebens +bildet die Grundlage dessen, was als vollendet durch das Wort Raum +weniger verstanden als für ein inneres Gefühl angedeutet wird.</em> +Jede wirkliche Ausgedehntheit, wirklich, insofern sie ein vollzogenes +Erlebnis repräsentiert, ist eben durch das Erlebnis der Tiefe erst +vollzogen worden; und eben jene Richtung, Dehnung in die Tiefe und +Ferne — für das Auge, das Gefühl, das Denken — der Schritt von der +sinnlich chaotischen Fläche zum kosmisch geordneten Weltbilde mit +der geheimnisvoll in ihr sich andeutenden Bewegtheit ist das, was +rein werdend durch das Wort Zeit bezeichnet wird. Der Mensch fühlt +sich, und das ist der Zustand des wirklichen Wachseins, in einer ihn +rings umgebenden Ausgedehntheit. Man braucht diesen Ureindruck des +Weltmäßigen nur zu verfolgen, um festzustellen, daß es tatsächlich +nur <em class="gesperrt">eine</em> wahre Dimension des Raumes gibt, die <em class="gesperrt">Richtung</em> +nämlich von sich aus in die Ferne und daß das abstrakte System dreier +Dimensionen eine mechanische Vorstellung, keine Tatsache des Lebens +ist. Das Tiefenerlebnis, die Richtung in die Ferne, <em class="gesperrt">dehnt</em> die +Empfindung zur Welt. Das Gerichtetsein des Lebens war mit Bedeutung +als <em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em> bezeichnet worden und ein Rest dieses +entscheidenden Merkmals der Zeit liegt in dem Zwang, auch die Tiefe der +Welt stets von sich aus, nie vom Horizont aus zu sich hin empfinden zu +können.</p> + +<p>Wenn man, mit einiger Vorsicht, die Geistesform der Kausalität als +<em class="gesperrt">erstarrtes Schicksal</em> bezeichnet, so darf die Raumtiefe, die +Grundlage der Weltform, als <em class="gesperrt">erstarrte Zeit</em> bezeichnet werden. +Denn Räume gibt es nur für lebendige Menschen. Mit der Seele ist +auch die Welt zu Ende. Ich hatte nicht umsonst zwischen Erkennen und +Erkanntem, dem lebendigen Akt und seinem toten Resultat unterschieden. +Damit erst wird das Wesen des Raumes zugänglich.</p> + +<p>Hätte Kant sich ein wenig schärfer gefaßt, so hätte er statt von +„zwei Formen der Anschauung“ zu reden, die Zeit die <em class="gesperrt">Form des +Anschauens</em>, den Raum die <em class="gesperrt">Form des Angeschauten</em><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> genannt, +und dann wäre ihm ein Licht aufgegangen. Wie das Leben zum Tode, +das Anschauen zum Angeschauten führt, so führt die schicksalhafte, +gerichtete Zeit zur räumlichen Tiefe. Es liegt hier ein Mysterium +vor, ein Urphänomen, das sich begrifflich nicht zerlegen läßt und +das man hinzunehmen hat; aber <em class="gesperrt">ahnen</em> läßt sich sein Sinn. +Der Physiker, Mathematiker, Erkenntnistheoretiker kennt nur den +<em class="gesperrt">gewordenen</em> Raum, das Gegenbild der starren Geistesform. +<em class="gesperrt">Hier</em> aber ist angedeutet, wie der Raum <em class="gesperrt">wird</em>. Der Raum, +in all den verschiedenen Arten, in denen er sich für das einzelne +Selbst verwirklicht, über die einander ganz zu verständigen eine ewige +Unmöglichkeit ist, muß Zeichen und Ausdruck des Lebens selbst sein, +<em class="gesperrt">das ursprünglichste und mächtigste seiner Symbole</em>.</p> + +<p>Das Gefühl davon soll vielleicht die gewagte Formel: „Der Raum +ist zeitlos“ ausdrücken. Er ist geworden; er steht damit, daß er +<em class="gesperrt">ist</em>, ein Stück erstorbener Zeit, außerhalb des Zeitphänomens. +Wir deuten — oder das Leben deutet in uns, durch uns — mit +unbedingter, wahlloser Notwendigkeit <em class="gesperrt">jedes</em> Moment der Tiefe. +Von freiem Willen ist nicht mehr die Rede. Man denke an ein verkehrt +gehängtes Bild, das als bloße Farbfläche wirkt und beim Umdrehen +plötzlich ein Erlebnis der Tiefe hervorruft. In diesem Augenblick +erfolgt mit schöpferischer Gewalt der Akt der Raumwerdung und dieser +Augenblick, wo das gestaltlose Chaos gestaltete <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> +wird, könnte, wenn man ihn <em class="gesperrt">ganz</em> verstünde, die ungeheure +Einsamkeit des Menschen enthüllen, von denen jeder dieses Bild, diese +erst jetzt zum Bilde gewordene Fläche, <em class="gesperrt">für sich</em> besitzt. Denn +hier empfindet der antike Mensch mit apriorischer Gewißheit das +<em class="gesperrt">Körperliche</em>, <em class="gesperrt">wir</em> das unendlich <em class="gesperrt">Räumliche</em>, der +Inder, der Ägypter wieder andere Arten von Form als das <em class="gesperrt">Ideal</em> +des Ausgedehnten. Worte reichen nicht aus, um die ganze Vehemenz +dieser Unterschiede zu fassen, die das Weltgefühl der einzelnen Arten +höheren Menschentums für immer trennen, aber die bildenden Künste aller +Kulturen, deren Substanz die Weltform ist, enthüllen sie.</p> + +<p>Diese wahllose Deutung der Tiefe, die mit der Wucht eines elementaren +Ereignisses das wache Bewußtsein beherrscht, ist<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> es, welche +<em class="gesperrt">zugleich mit dem Erwachen des Innenlebens</em> beim einzelnen +Menschen die Grenze von Kind und Knabe bezeichnet. Das Erlebnis der +Tiefe ist es, welches dem Kinde fehlt, das nach dem Monde greift, das +noch keine sinnvolle Außenwelt besitzt und gleich der urmenschlichen +Seele in traumhafter Verbundenheit mit allem Empfindungshaften +hindämmert. Nicht als ob ein Kind keine extensive Erfahrung einfachster +Art hätte; aber das <em class="gesperrt">Weltbewußtsein</em> ist nicht da, die große +<em class="gesperrt">Einheit des Erlebens</em> in einer Welt. Und dieses Bewußtsein +gestaltet sich in einem hellenischen Kinde anders als in einem +indischen oder abendländischen. Mit ihm gehört es einer bestimmten +Kultur an, deren Glieder ein gemeinsames <em class="gesperrt">Weltgefühl</em> und aus +ihm eine gemeinsame Weltform besitzen. Eine tiefe Identität verknüpft +beide Akte: Das Erwachen der <em class="gesperrt">Seele</em> (des Innenlebens), ihre +Geburt zum hellen Dasein im Namen einer Kultur, und das plötzliche +Begreifen von Ferne und Tiefe, die <em class="gesperrt">Geburt der Außenwelt</em> durch +das Symbol der Ausgedehntheit, einer nur dieser einen Seele zugehörigen +Raumart, die von nun an das <em class="gesperrt">Ursymbol dieses Lebens</em> bleibt und +ihm seinen Stil, die Gestalt seiner Geschichte als der fortschreitenden +extensiven Verwirklichung intensiver Möglichkeiten gibt. Hier löst +sich eine alte philosophische Frage in nichts auf: <em class="gesperrt">Angeboren</em> +ist diese Urgestalt der Welt, insofern sie ursprüngliches Eigentum +des Seelentums (der Kultur) ist, dessen Ausdruck wir selbst durch +die ganze Erscheinung unsres Einzeldaseins sind; <em class="gesperrt">erworben</em> +ist sie, insofern jede einzelne Seele jenen Schöpfungsakt für sich +noch einmal wiederholt und das ihrem Dasein vorbestimmte Symbol der +Tiefe in früher Kindheit, wie ein ausschlüpfender Schmetterling +seine Flügel, entfaltet. Das erste Begreifen der Tiefe ist ein +<em class="gesperrt">Geburtsakt</em>, ein seelischer neben dem leiblichen. Mit ihm wird +eine Kultur aus ihrer Mutterlandschaft geboren, denn die plötzliche +Erscheinung der dorischen, arabischen, gotischen Raumsymbolik verrät +das Dasein einer <em class="gesperrt">neuen Seele</em>. Es entspricht dies im tiefsten +dem griechischen Mythus der Gaia und dem dunklen Gefühl früher Völker, +wenn sie ihre Toten in Hockergräbern (in Form des Embryo) der Mutter +Erde zurückerstatten. Diese Geburt der ganzen Kultur wird innerhalb +ihres Kreises von jeder einzelnen<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Seele wiederholt. <em class="gesperrt">Dies</em> +nannte Plato, der an einen hellenischen Urglauben anknüpfte, die +<em class="gesperrt">Anamnesis</em>. Die unbedingte Bestimmtheit der Weltform, die im +Seelischen <em class="gesperrt">plötzlich da ist</em>, wird aus dem Werden gedeutet, +während Kant, der Systematiker, mit seinem Begriff der apriorischen +Form bei der Deutung <em class="gesperrt">desselben</em> Phänomens vom toten Resultat, +nicht vom lebendigen Akt ausgeht.</p> + +<p>Die Art der Ausgedehntheit soll von nun an das <em class="gesperrt">Ursymbol einer +Kultur</em> genannt werden. Die gesamte Formensprache ihrer +Wirklichkeit, ihre Physiognomie im Unterschiede von der jeder andern +Kultur und vor allem von der physiognomielosen Umwelt des primitiven +Menschen ist aus ihr abzuleiten. Wie es eine Welt nur in bezug auf +eine Seele gibt, als deren Abbild und Gegenpol im Bewußtsein, wie +das Erwachen des Innenlebens mit einer spontanen und notwendigen +Tiefendeutung von ganz bestimmtem Typus zusammenfällt, so gibt es +<em class="gesperrt">Etwas</em>, das als Formideal jedem einzelnen Symbol einer Kultur +zugrunde liegt.</p> + +<p>Aber das Ursymbol selbst ist nicht realisierbar, auch nicht in +Definitionen. Es ist im Formgefühl jedes Menschen und jeder Zeit +wirksam und diktiert ihnen den Stil sämtlicher Lebensäußerungen. Es +liegt in der Staatsform, in den religiösen Dogmen und Kulten, den +Formen der Malerei, Musik und Plastik, dem Vers, den Grundbegriffen +der Physik und Ethik, aber es wird nicht durch sie dargestellt. +Folglich ist es auch durch Worte nicht exakt darstellbar, denn Sprache +und Erkenntnisformen sind selbst <em class="gesperrt">abgeleitete</em> Symbole. Goethe +und Plato haben es — wiewohl nicht genau in diesem Sinne — „die +Idee“ genannt, die im Wirklichen unmittelbar angeschaut, aber als +eine ewige und unerreichbare Möglichkeit niemals <em class="gesperrt">erkannt</em> wird. +Kant und Aristoteles haben es, mit einem für den Systematiker beinahe +notwendigen Irrtum, im Erkenntnisakt begrifflich isolieren wollen.</p> + +<p>Wenn das Ursymbol der antiken Seele, der antiken <em class="gesperrt">Welt</em> fortan +als der stoffliche Einzelkörper, das der abendländischen als der +reine, unendliche Raum bezeichnet wird, so darf nie übersehen werden, +daß Begriffe das nie zu Begreifende nicht darstellen, daß sie nur +ein Gefühl des Verstehens wecken können.<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Auch die mathematische +<em class="gesperrt">Zahl</em>, an welcher der Unterschied in der Formensprache der +einzelnen Kulturen zuerst festgestellt wurde und aus der Kant die +Qualität der Tiefendeutung abzuleiten suchte, ist <em class="gesperrt">nicht</em> das +Ursymbol selbst. Die Zahl als das Grenzprinzip der Ausdehnung setzt +das Tiefenerlebnis schon voraus und wenn das klassische Grenzproblem +der Antike die Quadratur des Kreises, d. h. die Rückführung +krummlinig begrenzter Flächen auf meßbare Größen, das klassische +Problem unsrer Mathematik aber die Definition des Grenzwertes in der +Infinitesimalrechnung ist, so verrät sich darin der Unterschied zweier +Ursymbole mit voller Deutlichkeit, aber keines von beiden ist das +unmittelbare <em class="gesperrt">Objekt</em> dieser Probleme.</p> + +<p>Der reine grenzenlose Raum ist das Ideal, welches die abendländische +Seele immer wieder in ihrer Umwelt <em class="gesperrt">gesucht</em> hat. Sie wollte +es in ihr unmittelbar verwirklicht sehen und dies erst gibt den +unzähligen Raumtheorien der letzten Jahrhunderte ihre tiefe Bedeutung +als Symptomen eines Weltgefühls, jenseits aller vermeintlichen +Resultate. Ihre gemeinsame Tendenz läßt sich so ausdrücken: Es gibt +<em class="gesperrt">Etwas</em>, das notwendig gestaltend den Welterlebnissen jedes +Einzelnen zugrunde liegt. Alle haben, Kant mehr oder weniger ähnlich, +dieses begrifflich überhaupt unbestimmbare, sicherlich höchst variable +Etwas dem mathematischen Raumbegriff genau zugeordnet und ohne weiteres +vorausgesetzt, daß eine These dieser Art für <em class="gesperrt">alle</em> Menschen +gültig sei. Was bedeutet das <em class="gesperrt">Pathos</em> dieser Behauptung? Kaum ein +andres Problem ist so ernsthaft durchdacht worden, und fast hätte man +glauben sollen, es hinge jede andre Weltfrage von dieser einen nach dem +Wesen des Raumes ab. Und ist es nicht in der Tat so? Warum hat denn +niemand bemerkt, daß die gesamte Antike kein Wort darüber verlor, ja +daß sie nicht einmal das Wort besaß, um das Problem genau umschreiben +zu können? Warum schwiegen die großen Vorsokratiker? Übersahen sie +etwa in ihrer Welt gerade das, was uns als das Rätsel aller Rätsel +erscheint? Hätten wir nicht längst einsehen sollen, daß in diesem +Schweigen gerade die Lösung lag? Wie kommt es, daß <em class="gesperrt">unserm</em> +tiefsten Gefühl nach „die Welt“ nichts anderes ist als jener durch +das Tiefenerlebnis ganz eigentlich geborne <em class="gesperrt">Weltraum</em>, dessen +reine, erhabene Leere durch die in ihm verlornen<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> Fixsternsysteme +nur bestätigt wird. Hätte man <em class="gesperrt">dies</em> Gefühl einer Welt einem +Athener, Plato etwa, begreiflich machen können? Und hätte die +griechische Sprache, in deren Grammatik und Wortschatz sich doch das +antike Tiefenerlebnis ganz unverkennbar spiegelt, dies erlaubt? Man +entdeckt plötzlich, daß dies „ewige Problem“, das Kant im Namen der +Menschheit mit der Leidenschaft eines symbolischen Aktes behandelte, +ein <em class="gesperrt">rein</em> abendländisches ist und im Geiste der andern Kulturen +gar nicht existiert.</p> + +<p>Was war es denn, was dem antiken Menschen, dessen Blick in +<em class="gesperrt">seine</em> Umwelt sicher ebenso klar war, als das Urproblem des +gesamten Seins erschien? Das der ἀρχή, des stofflichen Ursprungs der +sinnlich-greifbaren Dinge. Begreift man dies, so wird man dem Sinn +der Tatsache nahe kommen — nicht des Raumes, sondern der Frage, +weshalb das Raumproblem mit schicksalhafter Notwendigkeit das der +abendländischen Seele und dieser allein werden mußte. Die Zahlenwelten, +wie sie sich innerhalb beider Kulturen entfaltet haben, machen dies +völlig deutlich. Die antike Seele gestaltete das Gewordene zu einer +geordneten Welt sinnlich meßbarer <em class="gesperrt">Größen</em>. Das liegt, bisher +unerkannt, in dem berühmten Parallelenaxiom Euklids,<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a> dem einzigen +der antiken mathematischen Sätze, der unbewiesen blieb und der, wie +wir heute wissen, unbeweisbar ist. Gerade <em class="gesperrt">das</em> aber macht ihn +zum Dogma gegenüber aller apriorischen Erfahrung und <em class="gesperrt">damit zum +metaphysischen Mittelpunkt</em>, zum <em class="gesperrt">Träger</em> jenes geometrischen +Systems. Alles andre, Axiome wie Postulate, ist nur Vorbereitung oder +Folge. Dieser einzige Satz ist für den antiken Geist notwendig und +allgemein gültig — und <em class="gesperrt">doch</em> nicht ableitbar. Was bedeutet das?</p> + +<p>Daß er ein <em class="gesperrt">Symbol</em> ersten Ranges ist. Er repräsentiert das +So-Sein, die vorbestimmte Struktur der antiken Außenwelt, das Ideal +ihrer Ausgedehntheit. Gerade dies theoretisch schwächste — notwendig +schwächste — Glied der platonischen Geometrie, gegen das sich schon +in hellenistischer Zeit Widerspruch erhob, offenbart ihre Seele, und +gerade dies der populären Erfahrung selbstverständliche Element war es, +an das sich<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> der Widerspruch des abendländischen Zahlendenkens knüpfte. +Es gehört zu den tiefsten Symptomen <em class="gesperrt">unsres</em> Daseins, daß wir +aus unsrem Zahlengefühl heraus der euklidischen Geometrie nicht etwa +<em class="gesperrt">eine</em>, sondern eine <em class="gesperrt">Mehrzahl</em> von andern gegenüberstellen, +die für uns — <em class="gesperrt">nicht</em> für die Erkenntnisweise antiker Menschen +— gleich wahr, gleich widerspruchslos sind. Die eigentliche Tendenz +und Symbolik dieser als <em class="gesperrt">anti</em>euklidische Gruppe aufzufassender +Geometrien<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a> liegt darin, daß sie das körperlich-greifbare Moment +in aller Ausgedehntheit, das Euklid durch seine Sätze <em class="gesperrt">heilig</em> +sprach, <em class="gesperrt">verleugneten</em>, daß sie unabhängig vom Sinnlichen +und unter Überschreitung der Grenze des Sehvermögens ein neues +Ideal schufen, das einer <em class="gesperrt">höheren Räumlichkeit</em>, die über +eine populär-anschauliche Evidenz erhaben ist, die mithin auch +nicht eine einzige, punktuelle Lösung kennt. Die Frage, welche der +drei nichteuklidischen Geometrien die „richtige“, in der äußeren +Wirklichkeit vorhandene sei — obwohl selbst von Gauß ernsthaft geprüft +— ist dem Weltgefühl nach antik, hätte also von einem Denker unserer +Sphäre nicht gestellt werden sollen. Sie verschließt den Einblick +in den wahren Tiefsinn dieses geistigen Phänomens: Nicht in der +Realität der einen oder andern, sondern in der Vielheit <em class="gesperrt">gleichmäßig +möglicher</em> Geometrien liegt das spezifisch abendländische Symbol. +Erst durch die <em class="gesperrt">Gruppe</em> dieser dreidimensionalen Raumstrukturen, +die eine echte Unendlichkeit des Möglichen darstellt und in deren +Fülle die antike Nuance lediglich eine punktförmige Möglichkeit, +einen bloßen Grenzfall bildet, wird der Rest des Plastisch-Sinnlichen +im reinen Raumgefühl aufgelöst. Dem abstrakten Raum <em class="gesperrt">eine</em> +Struktur zuzusprechen — noch dazu die aus dem optischen Bilde +gewohnheitsmäßig erschlossene — verrät immer noch eine statuenhafte, +nicht kontrapunktische Tendenz; nur die variable Vielheit einander +ausschließender Räume, von denen keiner gewählt werden <em class="gesperrt">darf</em>, in +ihrer seltsam transzendenten Totalität leistet uns Genüge. Die neueste +geometrische Spekulation ist jenseits dieser Gruppe zu einer großen +Anzahl weiterer, höchst transzendenter, zum Teil auch nicht entfernt +mehr optisch zugänglicher Geometrien gelangt, die sämtlich in sich +widerspruchslos<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> sind und deren „Menge“ — im Sinne der Mengenlehre — +eine „Zahl“ bedeutet, die nun allerdings ein sehr schwer zu fassendes +Symbol des abendländischen Weltgefühls darstellt.</p> + +<p>Hier drückt das Formbewußtsein der abendländischen Mathematik dasselbe +aus, was die Erkenntnistheorie Kants durch die Überzeugung, der Raum +liege a priori der Existenz der Dinge zugrunde, eigentlich hatte +sagen wollen, eine Überzeugung, die den Resultaten der arabischen und +indischen Erkenntnistheorie aufs schärfste widerspricht — daß nämlich +„der Raum“ der Schöpfer und alles Stofflich-Gegenwärtige sein Geschöpf +sei. Und gerade diese allmächtige Räumlichkeit, welche die Substanz +aller Dinge in sich saugt, aus sich erzeugt, unser Eigentlichstes und +Höchstes im Aspekt <em class="gesperrt">unseres</em> Weltalls — wird von der antiken +Menschheit, <em class="gesperrt">die nicht einmal das Wort und also den Begriff Raum +kennt</em>,<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a> einstimmig als τὸ μὴ ὄν abgetan, als das, was <em class="gesperrt">nicht +da ist</em>. Man kann das Pathos dieser Negation gar nicht tief genug +fassen. Die ganze Leidenschaft der antiken Seele grenzte durch sie +symbolisch ab, was sie <em class="gesperrt">nicht</em> als wirklich empfand, was nicht +Ausdruck <em class="gesperrt">ihres</em> Daseins sein durfte. Eine Welt von andrer +Farbe liegt plötzlich vor unsern Augen da. Die attische Marmorstatue +repräsentiert in ihrer sinnlichen Existenz für das antike Auge alles +ohne Rest, was Wirklichkeit hieß. Das Stoffliche, sichtbar Begrenzte, +Greifbare, unmittelbar Gegenwärtige — damit sind die Merkmale dieser +Art von Gewordnem erschöpft. Dies antike Weltall, der <em class="gesperrt">Kosmos</em>, +die wohlgeordnete Menge aller nahen und vollkommen übersehbaren Dinge +ist durch die körperliche Himmelskugel abgeschlossen. Es gibt nicht +mehr. Unser Bedürfnis, jenseits dieser Schale wieder „Raum“ zu denken, +fehlte dem antiken Weltgefühl vollständig. Τὸ μὴ ὄν — das ist der +schärfste Widerspruch<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> gegen das abendländische Gefühl, das eben diesen +reinen, notwendig als grenzenlos empfundenen „absoluten“ Raum fordert, +ihn als <em class="gesperrt">das</em> Wirkliche, das eigentlich und einzig Seiende +anerkennt und gerade die antike, plastische, absolute Stofflichkeit +der Objekte anzweifelt. „Stoff“ ist derjenige Empfindungswert, +von dem der abendländische Geist auf jedem Wege, philosophisch, +physikalisch, religiös loskommen will. <em class="gesperrt">Unser</em> Göttliches ist +der ewige Raum, wie das von Dante bis Kant und Goethe jeder großen +Denkweise zugrunde liegt. Die Dinge sind <em class="gesperrt">Erscheinung</em>, nicht +mehr, vom Raume bedingt, fragwürdig — τὸ μὴ ὄν. Man überzeuge sich, +wie im Pantheismus des 18. Jahrhunderts Gott und der unendliche Raum +für das Gefühl schlechthin identisch geworden sind. Die faustische +Allgegenwart Gottes, die von den Kreuzzügen an mit steigender Klarheit +das Weltbild beherrscht, und die Lehre, daß der Raum die erzeugende +Form der objektiven Erscheinung sei, führen auf dasselbe innere +Erlebnis zurück. Wenn man nach einem Substanzbegriff sucht, der dem +antiken diametral entgegengesetzt ist, so trifft man mit Notwendigkeit +den der abendländischen Physik. Die <em class="gesperrt">Masse</em> wird von ihr als das +konstante Verhältnis von Kraft und Beschleunigung definiert. Kann man +„unstofflicher“ denken? Den antiken Begriffen <em class="gesperrt">Stoff und Form</em> als +den optischen Prinzipien körperhaften Daseins haben wir die vollkommen +unanschaulichen der <em class="gesperrt">Kapazität und Intensität</em> gegenübergestellt, +in denen die Energie des reinen Raumes formal zum Ausdruck kommt. Aus +dieser Art, Wirklichkeit aufzufassen, mußte als herrschende Kunst die +Instrumentalmusik der großen Meister des 18. Jahrhunderts hervorgehen, +die einzige von allen Künsten, deren Formenwelt der Intuition des +reinen Raumes innerlich verwandt ist. In ihr gibt es, den Bildsäulen +antiker Tempelbezirke und Marktplätze gegenüber körperlose Reiche von +Tönen, Tonräume, Tonmeere; das Orchester brandet, schlägt Wellen, +verebbt; es malt Fernen, Lichter, Schatten, Stürme, ziehende Wolken, +Blitze, Farben von vollkommener Jenseitigkeit; man denke an die +Landschaften der Instrumentation Glucks und Beethovens. „Gleichzeitig“ +mit dem Kanon Polyklets, jener Schrift, in welcher der große Bildhauer +die strengen Regeln der optischen Gliederung menschlicher Körper +niederlegte, die bis auf Lysipp herab<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> herrschend blieben, vollendete +sich um 1740 der strenge Kanon des vierteiligen Sonatensatzes, der +erst in Beethovens späten Quartetten und Sinfonien sich lockert, bis +endlich in der einsamen, vollkommen „infinitesimalen“ Tonwelt der +Tristanmusik alle irdische Greifbarkeit sich löst. Dies Urgefühl einer +<em class="gesperrt">Lösung</em>, Erlösung, Auflösung der Seele im Unendlichen, einer +Befreiung von aller stofflichen Schwere, das die höchsten Momente +unsrer Musik stets wachrufen, während die Wirkung antiker Kunstwerke +bindend, einschränkend, das Körpergefühl festigend ist, wie man in der +Poetik des Aristoteles zwischen den Zeilen liest — dies Gefühl ist es, +das von der Erkenntnistheorie in die trockene Formel vom Raum als der +apriorischen Bedingung der sinnlichen Erscheinung gekleidet wurde.</p> + +<p>Für den antiken Geist gab es nur ein „zwischen“ den Dingen, dem der +Wirklichkeitsakzent des Wortes Raum fehlt. Erst die neuere Geometrie +(Hilbert, Peano) hat den metaphysischen Gehalt dieses „zwischen“ +bemerkenswert gefunden. Von Archimedes, für den es nur Körper und deren +wechselseitige Abstände gab, hätten wir die verwunderte Frage erlebt, +wie ein leidlich vernünftiger Mensch zu einer solchen <em class="gesperrt">Inkarnation +des Nichts</em>, wie sie die Annahme eines reinen, die zufälligen Dinge +durchdringenden und hinsichtlich ihrer Realität entwertenden Raumes +doch darstellt, gelangen könne.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Symbolik_5">5</h4> + +</div> + +<p>So hat es jede der großen Kulturen zu einer geheimen Sprache des +Weltgefühls gebracht, die nur dem ganz vernehmlich ist, dessen Seele +dieser Kultur angehört. Denn täuschen wir uns nicht. Wir können +vielleicht, zufällig, in der antiken Seele ein wenig lesen, deren +Formensprache annähernd die Umkehrung der abendländischen ist; +von der sehr schwierigen Frage, in welchem Grade das möglich und +erreicht worden ist, hat jede Kritik der Renaissance auszugehen. Aber +wenn wir hören, daß wahrscheinlich — das Umdenken so heterogener +Daseinsäußerungen bleibt unter allen Umständen ein höchst zweifelhafter +Versuch — die alten Inder Zahlen konzipiert hatten, die nach unsren +Begriffen, weder Wert noch Größe noch<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> Beziehungsqualität besaßen, +die erst durch ihre Stellung, durch gewisse Affixe, zu positiven, +negativen, großen, kleinen Einheiten wurden, so müssen wir zugeben, +daß unserem Denken die Möglichkeit fehlt, das exakt nachzuerleben, was +seelisch diesem Zahlenphänomen zugrunde liegt. 3 ist für uns immer +<em class="gesperrt">Etwas</em>, sei es positiv oder negativ; für die Griechen war es +unbedingt eine Größe, +3; für die Inder bezeichnet es eine wesenlose +Möglichkeit, für die das Wort „etwas“ <em class="gesperrt">noch nicht gilt</em>, jenseits +von Sein und Nichtsein, die beide erst akzidentielle Eigenschaften +sind. +3, −3, ⅓ sind emanierende Wirklichkeiten geringeren +Grades, die in der rätselhaften Substanz (3) in einer uns völlig +verschlossenen Art ruhen. Es gehört eine <em class="gesperrt">bramanische</em> Seele +dazu, diese Zahlen als selbstverständlich, als ideale Repräsentanten +einer in sich vollkommenen Weltform zu empfinden; uns sind sie so +unverständlich wie das Nirwana des Yogasystems, das jenseits von +Leben <em class="gesperrt">und</em> Tod, Schlaf <em class="gesperrt">und</em> Bewußtsein, Leiden, Mitleiden +<em class="gesperrt">und</em> Leidlosigkeit dennoch etwas Wirkliches ist, für das uns +selbst die sprachlichen Möglichkeiten fehlen. Nur aus diesem Seelentum +konnte die großartige Konzeption des <em class="gesperrt">Nichts</em> als einer echten +<em class="gesperrt">Zahl</em>, der <em class="gesperrt">Null</em>, hervorgehen, und zwar als indische +Null, für die wesenhaft und wesenlos gleich äußerliche Bezeichnungen +sind. Diese Null, die vielleicht eine Ahnung von der <em class="gesperrt">indischen</em> +Idee des Ausgedehnten, von jener in den Upanishaden behandelten, +unserem Raumbewußtsein völlig fremden Räumlichkeit der Welt gibt, +fehlte selbstverständlich der Antike. Sie wurde auf dem Wege über die +arabische Mathematik, gänzlich umgedeutet, erst 1544 durch Stifel bei +uns eingeführt, und zwar, was ihr Wesen prinzipiell veränderte, als +die Mitte zwischen +1 und −1, als Schnitt im linearen Zahlenkontinuum, +das heißt, sie wurde in einem gänzlich unindischen Sinne von der +abendländischen Zahlenwelt assimiliert.</p> + +<p>Wenn arabische Denker der reifsten Zeit — und es waren Köpfe ersten +Ranges wie Alfarabi und Al Kabi darunter — in ihrer Polemik gegen +die Seinslehre des Aristoteles bewiesen — <em class="gesperrt">bewiesen</em> —, +daß der Körper als solcher den Raum zur Existenz nicht notwendig +voraussetze, und das Wesen dieses Raumes, der <em class="gesperrt">arabischen</em> Art +der Ausgedehntheit also, aus<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> dem Merkmal des „an einer Stelle sich +Befindens“ herleiten, so beweist das nicht, daß sie gegen Aristoteles +und Kant im Irrtum waren oder — wie wir das gern bezeichnen, was +nicht in unsre Köpfe eingeht — daß sie unklar dachten, sondern daß +der arabische Geist andere Weltkategorien besaß. Sie hätten Kant aus +ihrer Begriffssprache heraus mit derselben Feinheit der Beweisführung +widerlegen können, wie Kant sie, und beide wären von der Richtigkeit +ihrer Aspekte überzeugt geblieben.</p> + +<p>Wenn wir, Menschen der abendländischen Geistessphäre, vom Raume reden, +so denken wir sicherlich in annähernd demselben Stil, so wie wir uns +derselben Sprache und Wortzeichen bedienen, mag es sich um den Raum +der Mathematik, Physik, Malerei oder der „Wirklichkeit“ handeln, +obgleich alles Philosophieren, das an Stelle dieser Verwandtschaft +eine <em class="gesperrt">Identität</em> des Empfindens statuieren will (und muß), +etwas höchst Fragwürdiges bleibt. Aber kein Hellene, kein Ägypter, +kein Chinese hätte etwas davon unverändert nachgefühlt und kein +Kunstwerk oder Gedankensystem hätte ihnen zeigen können, was „Raum“ +für uns bedeutet. Die antiken Urbegriffe, aus einem anders gearteten +Innenleben stammend, wie ἀρχή, ὕλη, μορφή, erschöpfen den Gehalt +einer anders angelegten Welt, die uns fremd und fern bleibt. Was wir +mit unseren eigenen Sprachmitteln als Ursprung, Stoff, Form aus dem +Griechischen übersetzen, ist eine flache Anähnlichung, ein matter +Versuch, in eine Gefühlssphäre einzudringen, die in ihrem Feinsten +und Tiefsten <em class="gesperrt">doch</em> stumm bleibt; es ist, als wollte man die +Parthenonskulpturen für Streichmusik „setzen“ oder den Gott Voltaires +in Bronze gießen. Die Kategorien des Denkens, Lebens, Weltbewußtseins +sind so verschieden wie die Gesichtszüge der einzelnen Menschen; auch +in bezug darauf gibt es „Rassen“ und „Völker“, Gemeinschaften durch +den Besitz einer geistigen Form oder Idee; und sie wissen so wenig +darum wie sie wissen, was „rot“ oder „gelb“ für den andern ist; die +gemeinsame Symbolik vor allem der Sprache nährt die Illusion eines +identischen Innenlebens und einer identischen Weltform. Die großen +Denker der einzelnen Kulturen sind hierin den Farbenblinden ähnlich, +die ihren Zustand nicht kennen und von denen einer über die Irrtümer +des andern lächelt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p> + +<p>Und nun ziehe ich die Folgerung. Es gibt eine Vielzahl von Ursymbolen. +Das Tiefenerlebnis, durch das die Welt wird, durch das die Empfindung +sich zur Welt <em class="gesperrt">dehnt</em>, bedeutsam für die Seele, der es angehört, +und für sie allein, anders im Wachen, Träumen, Hinnehmen und +Beobachten, anders bei Kind und Greis, Städter und Bauer, Mann und +Weib, verwirklicht und zwar mit tiefster Notwendigkeit für jede hohe +Kultur eine Möglichkeit der Form, auf der ihr gesamtes Dasein beruht. +Alle Begriffe formaler Einheiten wie Masse, Substanz, Materie, Ding, +Körper, Ausdehnung und die Tausende in den Sprachen andrer Kulturen +aufbewahrten Wortzeichen entsprechender Art sind unbewußte, vom +Schicksal bestimmte Akzente, welche aus der unendlichen Fülle von +Weltmöglichkeiten im Namen der einzelnen Kultur die bezeichnenden +herausheben. Keines ist in die Erkenntnisweise einer andern Kultur +genau übertragbar. Keines dieser Urworte kehrt zweimal wieder. Was +für uns Gegensatz ist, wie etwa das mit den Worten Raum und Materie +Bezeichnete, kann für einen andern Geist identisch sein. Die <em class="gesperrt">Wahl +des Ursymbols</em> in jenem Augenblick, wo die Seele einer Kultur in +ihrer Landschaft zum Selbstbewußtsein erwacht, die für jeden, der die +Weltgeschichte so zu betrachten vermag, etwas Erschütterndes hat, +entscheidet alles. Hier erhebt sich das dürftige Raumproblem der +kritischen Philosophie zur Idee des Makrokosmus, in welchem alles +Gewordene für eine einzelne Art Mensch im Unterschied von jeder andern +zu einer Einheit der Form, der Bedeutung verknüpft ist.</p> + +<p>Menschliche Kultur als Inbegriff des sinnlich-gewordenen +<em class="gesperrt">Ausdrucks</em> der Seele, als ihr Leib, sterblich, vergänglich, dem +Gesetz, der Zahl und der Kausalität verfallen; Kultur als historisches +Phänomen, als Bild im Weltbilde der Geschichte, als Gleichnis und +Gesamtheit von Symbolen: das ist die Sprache, durch welche allein eine +Seele sagen kann, was sie leidet.</p> + +<p>Überall ist lebendigstes Seelentum, das in ewiger Verwirklichung +begriffen ist, das ursprüngliche. Aber es bleibt unfaßlich und +ungreifbar. Alle Intuition, welcher Art sie auch sei, trifft nur auf +Abbildungen und Symbole, die das Letzte und Tiefste noch dichter +verhüllen, indem sie von ihm reden. Das Ewig-Seelische wird uns +immer verschlossen bleiben; hier ist<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> eine nie zu überschreitende +Grenze gesetzt. Auf dem Wege der Deutung des Makrokosmos erreichen +wir nicht die hypothetische Urseele, sondern lediglich die Gestalt +<em class="gesperrt">einzelner</em> Seelen. Das Urphänomen <em class="gesperrt">bleibt</em> singulär. +Kulturen sind die letzte uns erreichbare Wirklichkeit. Mag man sie +Erscheinungen nennen: es gibt für uns nichts Wirklicheres. „Die Welt“ +als <i>absolutum</i>, als Ding an sich ist ein Vorurteil. Wir gewinnen +auf dem Wege der Morphologie nur Eindrücke von <em class="gesperrt">einzelnen</em> Welten, +dem Ausdruck <em class="gesperrt">einzelner</em> Seelen; der Glaube, den heute noch der +Physiker und Philosoph mit der Menge teilt, daß seine Welt <em class="gesperrt">die</em> +Welt sei, wird uns bald an den Glauben des Wilden erinnern, daß alle +Götter schwarz seien.</p> + +<p>Auch der Makrokosmos ist Eigentum einer einzelnen Seele, und wir +werden nie wissen, wie es um den der andern steht. Was — über alle +Möglichkeiten begrifflicher Erklärung hinausgreifend — „der Raum“, +diese schöpferische Deutung des Tiefenerlebnisses <em class="gesperrt">durch uns Menschen +des Abendlandes</em> und uns allein sagen will, dies rätselhafte Symbol, +das die Griechen das Nichts nannten und wir das All, taucht unsre Welt +in eine Farbe, welche die antike, die indische, die ägyptische Seele +nicht auf ihrer Palette hatten. Die eine Seele spielt das Welterlebnis +in As-Dur, die andere in F-Moll; die eine empfindet es euklidisch, die +andre kontrapunktisch, die dritte magisch. Vom reinsten analytischen +Raume und vom Nirwana bis zur leibhaftigsten attischen Körperlichkeit +führt eine Fülle an sinnlichem Gehalt steigender Seinssymbole, deren +jedes fähig ist, eine vollkommene Weltform aus sich zu bilden. So fern, +seltsam, flüchtig die indische oder babylonische Welt ihrer Struktur +nach für die Menschen der fünf oder sechs ihnen folgenden Kulturen war, +so unbegreiflich wird bald die abendländische Welt für die Menschen +noch ungeborner Kulturen sein.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> Dasselbe drückt auch das Prinzip der abendländischen Zahl +aus: Ist x eine Funktion von y, so ist y eine Funktion von x.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Gewiß läßt sich ein geometrischer Lehrsatz an einer +Zeichnung beweisen, richtiger demonstrieren. Aber der Lehrsatz erhält +in jeder Art von Geometrie eine andre Fassung und hier entscheidet die +Zeichnung <em class="gesperrt">nichts</em> mehr.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Die Zeit bleibt hier ganz aus dem Spiele. Übrigens +erweist sich gerade in der Astronomie die Anwendung nichteuklidischer +Geometrien zuweilen als vorteilhaft.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Bekanntlich hat Gauß über seine Entdeckung bis fast +an sein Lebensende geschwiegen, weil er „das Geschrei der Böoter“ +fürchtete.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Durch einen Punkt ist zu einer Geraden nur eine Parallele +möglich.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> In denen es durch einen Punkt zu einer Geraden keine, +zwei oder unzählige Parallelen gibt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Weder im Griechischen noch im Latein; τόπος (= +<i>locus</i>) heißt <em class="gesperrt">Ort</em>, Gegend, auch Stand in sozialem Sinne, +χώρα (= <i>spatium</i>) <em class="gesperrt">Abstand</em> („zwischen“), Distanz, Rang, +auch Grund und <em class="gesperrt">Boden</em> (τὰ ἑκ τῆς χώρας die Feldfrüchte); τὸ +κενόν (= <i>vacuum</i>) bezeichnet ganz unzweideutig einen <em class="gesperrt">hohlen +Körper</em>, wobei der Akzent auf der <em class="gesperrt">Um</em>schließung liegt. In der +späten Literatur bedient man sich hilfloser Ausdrücke wie ὁρατὸς τόπος +(„Sinnenwelt“) oder <i>spatium inane</i> „unendlicher Raum“, aber auch +weite <em class="gesperrt">Fläche</em>; die Wurzel des Wortes <i>spatium</i> (bedeutet +schwellen, fettwerden). In der frühen Literatur lag das Bedürfnis einer +Umschreibung nicht vor, weil die Vorstellung völlig fehlte.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Drittes_Kapitel_II">II<br> +APOLLINISCHE, FAUSTISCHE, MAGISCHE SEELE</h3> + +</div> + +<h4 id="Seele_6">6</h4> + +<p>Ich will von nun an die Seele der antiken Kultur, welche den +sinnlich-gegenwärtigen Einzelkörper zum Idealtypus des Ausgedehnten +wählte, die <em class="gesperrt">apollinische</em> nennen. Seit Nietzsche ist diese +Bezeichnung jedem verständlich. Ihr gegenüber stelle ich die +<em class="gesperrt">faustische</em> Seele, deren Ursymbol der reine grenzenlose Raum und +deren „Leib“ die abendländische Kultur ist, wie sie mit der Geburt +des romanischen Stils im 10. Jahrhundert in den nordischen Ebenen +zwischen Elbe und Tajo aufblühte. Apollinisch ist die Bildsäule +des nackten Menschen, faustisch die Kunst der Fuge. Apollinisch +sind die mechanische Statik, die sinnlichen Kulte der olympischen +Götter, die politisch vereinzelten Griechenstädte, das Verhängnis des +Ödipus und das Symbol des Phallus, faustisch die Dynamik Galileis, +die katholisch-protestantische Dogmatik, die großen Dynastien der +Barockzeit mit ihrer Kabinettspolitik, das Schicksal Lears und das +Ideal der Madonna von Dantes Beatrice bis zum Schlusse des zweiten +Faust. Apollinisch ist die Malerei, welche einzelne Körper durch +scharfe Linien, Konturen begrenzt; faustisch ist die, welche durch +Licht und Schatten Räume imaginiert. So unterscheidet sich das Fresko +Polygnots vom Ölgemälde Rembrandts. Apollinisch ist das Dasein des +Griechen, der sein Ich als σῶμα bezeichnet und vom ὄνομα σώματος als +dem Namen einer Persönlichkeit spricht, dem die Idee einer innern +Entwicklung und damit eine wirkliche innere oder äußere Geschichte +fehlt; es ist die euklidische, punktförmige, der Reflexion gänzlich +fremde Existenz; faustisch ist ein Dasein, das mit tiefster Bewußtheit +als Innenleben geführt wird, das sich selbst zusieht, eine eminent +persönliche Kultur der Memoiren, Reflexionen, der Rück-<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> und +Ausblicke und des Gewissens. Stereometrie und Analysis, Sklavenmassen +und Dynamomaschinen, stoische Ataraxie und sozialer Wille zur +Macht, Hexameter und gereimte Verse: das sind Seinssymbole zweier +grundverschiedener Welten. Und fernab, obwohl vermittelnd, Formen +entlehnend, umdeutend, vererbend, erscheint die <em class="gesperrt">magische</em> Seele +der arabischen Kultur, zur Zeit des Augustus in der Landschaft zwischen +Euphrat und Nil erwachend, mit ihrer Algebra und Alchymie, ihren +Mosaiken und Arabesken, ihren Khalifaten und Moscheen, ihren sakralen +Riten und ihrem „Kismet“.</p> + +<p>Der Raum ist, ich darf jetzt sagen im faustischen Sprachgebrauche, +ein von der augenblicklichen sinnlichen Gegenwart streng gesondertes +Abstraktum, das in einer apollinischen Sprache, im Griechischen und +Lateinischen nicht vertreten sein <em class="gesperrt">durfte</em>. Ebenso fremd ist der +Raum den apollinischen Künsten. Das antike Relief — man denke an die +Metopen und Giebel des Parthenon — ist streng stereometrisch einer +Fläche aufgesetzt. Es gibt ein „zwischen“ den Figuren, aber keine +Tiefe. Eine Landschaft von Lorrain dagegen ist <em class="gesperrt">nur</em> Raum. Alle +Einzelheiten sollen hier seiner Verwirklichung dienen. Alle Körper +besitzen nur als Träger von Licht und Schatten eine atmosphärische, +perspektivische Bedeutung. Der Impressionismus ist die Entkörperung +der Welt im Dienste des Raumes. Die faustische Seele mußte aus +diesem Weltgefühl in ihrer Frühzeit zu einem Architekturproblem +gelangen, dessen Schwergewicht in der räumlichen Wölbung mächtiger, +vom Portal zur Tiefe des Chors strebender Dome lag. Das war der +Ausdruck <em class="gesperrt">ihres</em> Tiefenerlebnisses. Die antike — körperhafte +— Architektur ist demgegenüber ganz eigentlich mit dem Typus des +mit <em class="gesperrt">einem</em> Blicke zu umfassenden Peripteros und der eminent +stofflichen Tatsache der „drei Säulenordnungen“ erschöpft. Wir werden +überall dasselbe finden. Wo auch in Kunst, Religion, Politik, Denken, +Handeln beide Seelen nach einem Ausdruck suchen, liegt der erreichten +Formensprache jedesmal das Ursymbol, dort der greifbare Einzelkörper, +hier der eine unendliche Raum als gestaltendes Prinzip zugrunde.</p> + +<p>Die antike Kultur beginnt darum mit einem großartigen <em class="gesperrt">Verzicht</em> +auf eine schon vorhandene reiche, malerische, höchst komplizierte +Kunst, die nicht der Ausdruck ihrer neuen Seele<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> sein <em class="gesperrt">durfte</em>. +Herb und eng, für unser Auge dürftig und ein Rückschritt, steht +die frühdorische Kunst des geometrischen Stils seit 1100 neben der +kretisch-mykenischen. Das homerische Epos beweist es. In ihm stammt +der Achilleusschild mit seiner Bilderfülle, mykenische Arbeit, von +„den Göttern“;<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a> den Panzer Agamemnons, streng und einfach, haben +<em class="gesperrt">Menschen</em> geschmiedet. Der Hang zum Unendlichen schlummerte +tief in der nordischen Landschaft, lange bevor der erste Christ +sie betrat; und als die faustische Seele erwachte, schuf sie +altgermanisches Heidentum <em class="gesperrt">und</em> morgenländisches Christentum +gleichmäßig im Sinne ihres Ursymbols um, gerade damals, als aus den +flüchtigen Völkergebilden der Goten, Franken, Langobarden, Sachsen +die physiognomisch streng charakterisierten Einheiten der deutschen, +französischen, englischen, italienischen Nation hervorgingen. Die +Edda hat diesen frühesten religiösen Ausdruck faustischen Seelentums +aufbewahrt. Sie wurde gerade damals innerlich vollendet, als der Abt +Odilo von Cluny die Bewegung einleitete, welche das <em class="gesperrt">magische</em>, +orientalisch-arabische Christentum in das <em class="gesperrt">faustische</em> der +abendländischen Kirche umwandelte. Um das Jahr 1000 waren zwei +Möglichkeiten einer faustischen Religion gegeben, entweder durch +Annahme und Umdeutung des magischen Christentums der Kirchenväter oder +durch Ausgestaltung der germanischen Formen. Die Edda beweist, was +<em class="gesperrt">auch</em> noch möglich gewesen wäre. Walhall ist unter dem Eindruck +der Klassiker und der Apokalypse entstanden, sicher erst nach Karl +dem Großen. Frigga ist Maria, Sigurd ist der Heliand. Die Verse der +Edda imaginieren den Weltraum. Gewaltiger ist die Durchbrechung alles +Körperlich-Einschränkenden in keiner Poesie ausgedrückt worden. Das +antike äolisch-dorische Epos repräsentiert die unbedingte Bejahung +und Hingabe an die sinnliche Welt der zahllosen einzelnen Dinge. +Der unendliche Raum, der durch sein transzendentes Pathos eine +<em class="gesperrt">Überwindung</em> eben dieser naiven Welt forderte, der dem Auge nicht +gegeben ist, sondern erkämpft werden muß, schuf sich eine hohe Poesie +der Kraft, des unbändigen Willens, der Leidenschaft, Widerstände zu +bekämpfen und zu brechen. Sigurd ist<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> die Inkarnation des Sieges dieser +Seele über die Schranken von Stoff und Gegenwart. Es gab nie einen +Rhythmus, der so ungeheure Räume und Fernen um sich breitet wie dieser +nordische:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zum Unheil werden — noch allzulange</div> + <div class="verse indent0">Männer und Weiber — zur Welt geboren</div> + <div class="verse indent0">Aber wir beide — bleiben zusammen</div> + <div class="verse indent0">Ich und Sigurd.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Die Akzente des homerischen Verses sind das leise Zittern eines +Blattes in der Mittagssonne, <em class="gesperrt">Rhythmus der Materie</em>: der Stabreim +— wie die potentielle Energie im Weltbilde der modernen Physik — +schafft eine verhaltene Spannung im Leeren, Grenzenlosen, ferne +Gewitter in Nächten über den höchsten Gipfeln. In seiner wogenden +Unbestimmtheit lösen sich alle Worte und Dinge; das ist sprachliche +Dynamik, nicht Statik. Hier kündigen sich die Farben Rembrandts und +die Instrumentation Beethovens an. <em class="gesperrt">Hier wird die grenzenlose +Einsamkeit als die Heimat der faustischen Seele empfunden.</em> Was +ist Walhall? Es wurde, den Germanen der Völkerwanderung und selbst +der Merowingerzeit unbekannt, von der erwachenden faustischen Seele +erdacht, sicherlich unter den Eindrücken des antik-heidnischen +und des arabisch-christlichen Mythus der beiden älteren südlichen +Kulturen, die mit ihren klassischen oder heiligen Schriften, ihren +Statuen, Mosaiken, Miniaturen, ihren Kulten, Riten und Dogmen +überall wirksam waren. Und trotzdem schwebt Walhall jenseits aller +fühlbaren Wirklichkeiten, in fernen, dunklen, faustischen Regionen. +Der Olymp ruht auf der wirklichen griechischen Erde; das Paradies der +Kirchenväter wie des Koran ist ein Zaubergarten irgendwo im magischen +Weltall. Walhall ist nirgends. Es erscheint, im Grenzenlosen verloren, +mit seinen ungeselligen Göttern und Recken, als das ungeheure Symbol +der Einsamkeit. Siegfried, Parzeval, Tristan, Hamlet, Faust sind die +einsamsten Helden aller Kulturen. Das gehört zur abendländischen Seele. +Man lese in Wolframs Parzeval die wundervolle Erzählung vom Erwachen +des Innenlebens. Die Waldsehnsucht, das rätselhafte Mitleid, die +unnennbare Verlassenheit: das ist faustisch. Jeder kennt es. In Goethes +Faust kehrt das Motiv in seiner ganzen Tiefe wieder:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein unbegreiflich holdes Sehnen</div> + <div class="verse indent0">Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,</div> + <div class="verse indent0">Und unter tausend heißen Tränen</div> + <div class="verse indent0">Fühlt’ ich mir eine Welt erstehn.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Von diesem Welterlebnis weiß der apollinische und der magische Mensch +nichts, weder Homer noch St. Johannes. Der Höhepunkt der Dichtung +ist jener wunderbare Karfreitagmorgen, wo der mit Gott und sich +zerfallene Held den edlen Gawan trifft. „Wie, wenn bei Gott ich Hilfe +fände?“ Und er pilgert zu Tevrezent. Hier liegt der Kern <em class="gesperrt">der +faustischen Religion</em>. Man begreift das Wunder der Eucharistie, +das die an ihm Teilnehmenden zu einer mystischen Gemeinschaft, zur +alleinseligmachenden Kirche verbindet. Man begreift aus dem Mythus vom +heiligen Gral und seiner Ritterschaft die innere Notwendigkeit des +germanisch-nordischen Katholizismus. Gegenüber den antiken Opfern, +die jeder Einzelgottheit in ihrem Tempel gebracht wurden, erscheint +hier das <em class="gesperrt">eine, unendliche</em> Opfer, das sich überall und täglich +wiederholt. Das ist eine faustische Idee des 9.–12. Jahrhunderts, der +Eddazeit, von den angelsächsischen Missionaren wie Winfried vorgeahnt, +aber erst damals zur Reife gediehen. Der Dom, dessen Hochaltar das +vollzogene Wunder umschließt, ist ihr steingewordener Ausdruck.</p> + +<p>Die Vielheit einzelner Körper, als welche der antike Kosmos sich +darstellt, fordert eine gleichartige Götterwelt: dies ist der +Sinn des antiken Polytheismus. Der <em class="gesperrt">eine</em> Weltraum, sei er +magisch-alchymistisch oder dynamisch-faustisch empfunden, fordert +den <em class="gesperrt">einen</em> Gott des morgenländischen oder des abendländischen +Christentums (zweier Religionen unter derselben Maske). Zeus ist ein +Mensch, mehr noch, er ist ein Leib. Die attische Plastik erst hat +Athene und Apollon endgültig geformt, wie die Orgelfugen, Kantaten +und Passionen von Schütz, Haßler und Bach den protestantischen Gott +geformt haben. Von der Gestaltenfülle der Edda und der gleichzeitigen +Heiligenlegende an bis auf Goethe vollzieht sich der umgekehrte Prozeß +wie in der Antike. Dort eine immer weitergehende Atomisierung des +Göttlichen, so daß für den Römer die Namen des <i>Juppiter Latiaris</i> +und des <i>Juppiter Feretrius</i> streng verschiedene Einzelnumina<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> +decken, von denen jedes seinen eignen Kult fordert; hier ein Gott, der +mehr und mehr mit dem alleinigen Raume identisch wird.</p> + +<p>Die ganze magische, von der Kirche mit dem vollen Gewicht ihrer +Autorität gedeckte himmlische Hierarchie von den Engeln und Heiligen +an bis zu den Personen der Dreifaltigkeit entkörpert sich, verblaßt +mehr und mehr und unvermerkt verschwindet der Teufel, der grosse +Gegenspieler im Weltdrama, aus den Möglichkeiten des faustischen +Weltgefühls. Er, nach dem noch Luther sein Tintenfaß warf, wird +von den protestantischen Theologen längst mit verlegenem Schweigen +übergangen. Die <em class="gesperrt">Einsamkeit</em> der faustischen Seele verträgt +sich nicht mit einem Dualismus der Weltmächte. Gott selbst ist das +All. Im 17. Jahrhundert versagt dieser Religiosität gegenüber die +Formensprache der Malerei und die Instrumentalmusik wird das einzige +und letzte Mittel religiösen Ausdrucks. Man darf sagen, daß der +katholische und der protestantische Glaube sich wie ein Altargemälde +und ein Oratorium verhalten. Schon um die germanischen Götter und +Helden spannen sich abweisende Weiten, rätselhafte Düsternisse; +sie sind in Musik getaucht (nicht gerade die Musik des „Ringes“); +nächtlich, weil das Tageslicht Grenzen für das Auge und also leibhafte +Dinge schafft. Die Nacht entkörpert; der Tag entseelt. Apollon und +Athene haben keine „Seele“. Auf dem Olymp ruht das ewige Licht eines +tiefklaren südlichen Tages. Die apollinische Stunde ist der hohe +Mittag, wenn der große Pan schläft. Walhall ist lichtlos. In der Edda +schon spürt man jene tiefen Mitternächte, in denen Faust in seinem +Studierzimmer brütet, die Rembrandts Radierungen festhalten, in die +Beethovens Tonfarben sich verlieren. Wotan, Baldur, Freya hatten nie +eine „euklidische“ Gestalt. Von ihnen wie von den vedischen Göttern +Indiens läßt sich „kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“. +Diese Unmöglichkeit enthält eine Weihe des ewigen Raumes als des +höchsten Symbols, im Gegensatz zum körperlichen Abbilde, das ihn zur +„Umgebung“ herabsetzt, entheiligt, verneint. Das ist keine Welt für +die Nähe und das Auge. Dies tiefgefühlte Motiv liegt dem Bildersturm +im Islam und in Byzanz — <em class="gesperrt">beide</em> im 8. Jahrhundert — wie später +dem im protestantischen Norden<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> zugrunde. War nicht auch die Schöpfung +der <em class="gesperrt">antieuklidischen</em> Analysis des Raumes durch Descartes ein +Bildersturm? Die antike Geometrie imaginiert eine Zahlenwelt des Tages, +die Funktionentheorie ist die eigentlich nächtliche Mathematik.</p> + +<p>Zur Nacht, und sei es nur die innere, seelische Nacht, gehört das +Gefühl der Verlassenheit. Der antike Mensch, das ζῷον πολιτικόν +nach den Worten des Aristoteles, dessen Leben am Tage und also in +Gesellschaft, auf der Agora seine Höhe erreichte, hat es nie gekannt. +Die indische Seele wurde nie frei von ihm. Das unterscheidet Sokrates +von Buddha und Rousseau. Das Helldunkel Rembrandts, das metaphysisch +diese Einsamkeit, die grenzenlose Verlorenheit der Seele im Weltraume, +bedeutet, hatte in dem schauerlichen Braun und Grau der nordischen +Götterwelt seinen frühesten Anklang, wie es in den Nächten der letzten +Quartette Beethovens mit ihren schmerzlichen Lichtblitzen und der +trostlosen Wehmut der Tristanmusik zum letzten Male auftaucht, um +dann rasch in einer verspäteten, vereinzelten und wenig zugänglichen +Weltstadtlyrik bei Baudelaire, Verlaine, George und Droem zu verblassen.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_7">7</h4> + +</div> + +<p>Was diese Seele durch einen außergewöhnlichen Reichtum an +Ausdrucksmitteln, in Worten, Tönen, Farben, malerischen Perspektiven, +philosophischen Systemen, Legenden und nicht zum wenigsten in den +Räumen gotischer Kathedralen und den Formeln der Funktionentheorie +aussprach, ihr Weltgefühl nämlich, das hat die ägyptische Seele, +fernab von allem theoretischen und literarischen Ehrgeiz, allein +durch die unmittelbare Sprache des <em class="gesperrt">Steins</em> — das stärkste +Symbol des Gewordenen — ausgedrückt. Statt sich über ihre Form +des Ausgedehnten, ihren „Raum“ und ihre „Zeit“, in Wortspielen zu +ergehen, statt Hypothesen, Zahlensysteme und Dogmen zu bilden, +stellte sie schweigend ihre ungeheuren Symbole in die Landschaft am +Nil. Was für Menschen! Die faustische Seele, das „Fünklein“ Meister +Eckarts, fühlte sich grenzenlos einsam in ungeheuren Weiten — wie die +Hirtenmelodie am Anfang des<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> dritten Aktes von Tristan und Isolde. +Die apollinische Seele fühlte sich von der blinden είμαρμένη in eine +sinnlose Welt zahlloser Einzeldinge geworfen, gestoßen und zerbrochen +— König Ödipus, ihr ergreifendstes Abbild. Die ägyptische Seele +sah sich wandernd auf einem engen und unerbittlich vorgeschriebenen +<em class="gesperrt">Lebenspfad</em>. Das war ihre Schicksalsidee. Das ägyptische Dasein +ist das eines <em class="gesperrt">Wanderers</em>; die gesamte Formensprache seiner +Kultur dient der Versinnlichung dieses einen Motivs. Sein Ursymbol +läßt sich, neben dem <em class="gesperrt">Raum</em> des Nordens und dem <em class="gesperrt">Körper</em> +der Antike durch das Wort <em class="gesperrt">Weg</em> am ehesten fühlbar machen. Es +ist dies eine ganz andere und für uns äußerst schwierige Art, die +Ausdehnung aufzufassen. Dieser Aspekt ist es, den die Pharaonenkunst +von ihrer Geburt bis zu ihrem Erlöschen verwirklichen wollte. Die +feierlich vorwärtsschreitende Statue, die endlosen, in strenger Folge +geordneten Gänge der Pyramidentempel der 4. Dynastie (2930–2750), die +düster, sich immer verengernd durch Hallen und Höfe zur Grabkammer +führen; die Sphinxalleen vor allem der 12. Dynastie (2000–1788), +die Reliefzyklen der Tempelwände, an denen der Betrachter entlang +schreiten muß, die immer in bestimmter Richtung begleiten und leiten +— all dies repräsentiert das Tiefenerlebnis eines eigenartigen +Menschentums, das ägyptische Schicksal in seiner ehernen Notwendigkeit, +die durch den Granit und Diorit symbolisiert wurde (man denke an +den vielleicht verwandten Sinn, den der Granit für Goethe und seine +Anschauung der Erdgeschichte besaß). Man nehme die Pyramiden, +diese ungeheuren Schöpfungen einer traumschweren Frühzeit — sie +gehören zur <em class="gesperrt">Gotik</em> der ägyptischen Seele — ja nicht im Sinne +stereometrischer Körper. So empfand sie der <em class="gesperrt">antike</em> Betrachter, +und zwar aus seinem Weltgefühl heraus mit zwingender Gewißheit. +Für den Ägypter aber war das über seine Weltform entscheidende +Tiefenerlebnis so streng hinsichtlich der Richtung betont, daß der +Raum gewissermaßen in steter Verwirklichung begriffen blieb. Wir +sahen, daß in diesem Urerlebnis des Menschen, das ihm zugleich ein +Innenleben und den Besitz einer Außenwelt gewährt, die Richtung als das +Merkmal des Lebendigen die sinnliche Empfindung zum Raume vertieft, +die Zeit als Ferne erstarren läßt. Was ich hier mit dem Worte<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Weg +anzudeuten versuche, ist das Bild dieses im Bewußtsein andauernden +weltschaffenden Aktes. Weg bedeutet zugleich Schicksal und „dritte +Dimension“. Die mächtigen Wandflächen, Reliefs, Säulenreihen, an +denen er vorüberführt, repräsentieren „Länge und Breite“, d. h. die +Empfindung, das Fremde, welches das Leben erst zur Welt <em class="gesperrt">dehnt</em>. +So erlebt der <em class="gesperrt">Wanderer</em> den Raum gewissermaßen in seinen noch +unvereinigten Elementen, während die Antike ihn nicht kannte und +er uns in ruhender Unendlichkeit umgibt. Deshalb will diese Kunst +<em class="gesperrt">Flächenwirkung</em> und nichts anderes, auch dort, wo sie sich +kubischer Mittel bedient. Für den Ägypter war die Pyramide über dem +Königsgrabe ein <em class="gesperrt">Dreieck</em>, eine ungeheure, den Weg abschließende, +die Landschaft beherrschende <em class="gesperrt">Fläche</em> von stärkster Kraft des +Ausdrucks, von wo aus er auch sich ihr näherte; die Säulen der inneren +Gänge, auf dunklem Hintergrunde, von strengster Komposition und mit +Schmuck überdeckt, wirkten durchaus als vertikale Flächenstreifen, die +den Zug der Priester rhythmisch begleiteten; das Relief ist peinlich — +und sehr im Gegensatz zum antiken — in eine Fläche gebannt, nur seine +Gestalten wandern mit. Alles bewegt sich machtvoll einem Ziele zu. Die +Herrschaft der Horizontale, der Vertikale und des rechten Winkels, das +Vermeiden jeder Verkürzung unterstützen das zweidimensionale Prinzip +und isolieren das Erlebnis der Raumtiefe, die mit der Wegrichtung und +dem Ziel — dem <em class="gesperrt">Grabe</em> — zusammenfällt. Diese Kunst gestattet +keine die Spannung der Seele erleichternde Ablenkung.</p> + +<p>Ist es nicht dies — in der erhabensten Sprache ausgedrückt, die +überhaupt gedacht werden kann — was in all unsern Raumtheorien sich +aussprechen möchte? Auch in der physiologischen, denn das Netzhautbild +des Auges ist flächenhaft und wird durch einen vitalen Akt in eine +räumliche Erfahrung überführt.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">Raumwerdung selbst</em>, die den Sinn der Außenwelt in sich +schließt, war das symbolische Erlebnis dessen, der vom Torbau des +Pyramidentempels am Nilufer den verdeckten Opferweg entlang schritt, +alle Symbole des Seins in tiefsinnigen Bildern zur Seite. Man +<em class="gesperrt">fühlte</em> inmitten dieser Formen die Identität des Raumwerdens +mit dem Leben. Durch die schmale<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Pforte der mächtigen Pylonenwand +— dem Sinnbilde der Geburt — leitete das Schicksal ohne Ausweichen +durch stets sich verengende Räume zur letzten Zelle, die den zur +Mumie verewigten Leib enthielt, der das „Ka“ des toten Pharao an sich +fesselte. Dies ist eine Metaphysik in Stein, neben der die geschriebene +— die Kants — wie ein hilfloses Stammeln wirkt. Dies <em class="gesperrt">eine</em> +Symbol des Weges stellt die Fassung des <em class="gesperrt">ägyptischen</em> Makrokosmos +reiner und erschöpfender dar, als es irgendeines der antiken und +indischen vermocht hat. Dies verleiht der Formensprache des Ägyptertums +eine Reinheit und Simplizität, die von Menschen andrer Kulturen, von +uns, nur als Starrheit empfunden werden konnte.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_8">8</h4> + +</div> + +<p>Jede Kultur besitzt ihre Gotik, ihre Kindheit. Aber auch jeder +einzelne Mensch in ihr durchlebt eine entsprechende Phase. Man ist +auf die innere Verwandtschaft der urmenschlichen und der kindlichen +Kunst längst aufmerksam geworden. Sicherlich ist die ursprüngliche, +selbst unter Tieren vorkommende Freude, etwas nachzuahmen, ein +beständig wirksamer Trieb in aller Kunst. Schon das Kind müht sich +ab, durch Umrißzeichnungen etwas „herauszubringen“ oder Erwachsene +in ihren Bewegungen und Ausdrücken zu imitieren. Wir kennen den +Ursprung der griechischen τραγῳδία, die Bockstänze der Bauern am +Seelenfeste des Dionysos, welche die neuerwachte Zeugungskraft der +Natur versinnbildlichten. Die begabtesten Mimen unter ihnen zogen +tiermäßig ausstaffiert (die „tragische Maske“) auf ihrem Karren (dem +„Thespiskarren“) von Dorf zu Dorf und erregten Gelächter. Dergleichen +kennt jedes Land. Wir haben die gut getroffenen Tierzeichnungen der +Höhlenmenschen und Buschmänner kennen gelernt. Sei dies nun Musik oder +Malerei — der echte Rationalist wird in der Kunst nie eine andere +Tendenz bemerken. Noch Aristoteles bezeichnet die μίμησις als ihr +Wesen, und von hier stammt der etwas platte Ausdruck Lessings, der +Endzweck aller Kunst sei das <em class="gesperrt">Vergnügen</em>.</p> + +<p>Andrerseits bricht das Formgefühl einer erwachenden Kultur mit +solcher Macht hervor, daß es Pflanzen, Tiere, menschliche<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Motive +bis zur Unkenntlichkeit <em class="gesperrt">stilisiert</em>. Das lehren gleichmäßig +der Dipylonstil, die Romanik, die frühägyptische und früharabische +(altchristliche) Kunst. Hier redet eine neue Seele in einer neuen, nie +dagewesenen und nie sich wiederholenden Sprache. Hier handelt es sich +nicht um eine imitative, sondern eine symbolische Tendenz, nicht um +Vergnügen, sondern um einen dämonischen Drang, der alles andre eher als +Unterhaltsamkeit, Erholung, „Heiterkeit der Künstlerseele“ gestattet. +Diese Kunst ist es, auf welche allein der Begriff des Stils anwendbar +ist, die ihre Macht über <em class="gesperrt">alle</em> Formen des äußern Lebens erstreckt +und deren Geist erlischt, sobald die Kultur zur Zivilisation, die Seele +zum Intellekt wird.</p> + +<p>In diesem Gegensatz von Künstlerheiterkeit und Künstlerernst, Spiel und +Zwang, von Nachahmen und Beschwören der Sinnenwelt tauchen wieder jene +<em class="gesperrt">Urgefühle der Weltsehnsucht und Weltangst</em> auf, und wir begreifen +mit einem Schlage, inwiefern hiermit alle Kämpfe um Kunstprobleme +zusammenhängen; in allem Gegensatz zwischen apollinisch und dionysisch, +klassisch und romantisch, Form und Gehalt, Regel und Laune, Artistik +und Naturalismus wird irgendwie das Geheimnis berührt, das hier +verborgen liegt. Nur der Systematiker, der Verstandesmensch wird hier +trennen und werten wollen, wo historisch, psychologisch, persönlich +nur ein Ganzes wirksam ist. Aber man muß wissen, daß von <em class="gesperrt">einer +Wurzel</em> der Kunst nicht die Rede sein kann.</p> + +<p>Der kindliche Wechsel von tiefstem Entzücken über die ertagende +Welt, über den Seelenfrühling, von unendlicher Sehnsucht nach Reife, +Wachsen, Vollendung — und tiefster Angst vor dem Unfaßlichen, das +in diesem Aufblühen liegt, vor dem Verhängnis, das mit ihm kam, der +Notwendigkeit eines Endes, dem Geheimnis der Vergänglichkeit, ruft +an der Schwelle einer jeden Kultur den strengen Stil dorischen und +gotischen Charakters, die <em class="gesperrt">große</em> Ornamentik und den Hang zu einer +ungeheuren, späten Generationen oft so rätselhaften Baukunst hervor, +deren keine reifgewordene Kultur, weder das Barock noch der Islam noch +das Mittlere Reich Ägyptens mehr fähig gewesen ist.</p> + +<p>Riesenwerke solcher Art sind überhaupt nicht das Produkt einer „Kunst“ +im artistischen Sinne irgendeiner ihrer Mittel<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> und Ziele bewußten, +ihre Aufgabe <em class="gesperrt">wählenden</em> Malerei, Skulptur oder Dichtung; sie +entstanden als elementares Naturereignis. Ein Dom ist eine namenlose +und wahllose Schöpfung aus der mütterlichen Landschaft mit ihrem jungen +Menschentum, aus ihrem Schoße geboren, nicht eine persönlich-bewußte +Konzeption aus dem Willen irgendeines Künstlers. Plötzlich, schlechthin +vollkommen, überwältigend in ihrem Ausdruck von Trotz und Qual, voller +süßer Schwermut und Hingabe treten diese Knabenträume einer frühen +Seele allenthalben in die Tageswelt, die große Architektur, der große +Mythus, das Epos, das neue Ornament, die Kriege der Heldenzeit.</p> + +<p>Alle Weltangst, sahen wir, ist Angst vor dem Raume, dem Verwirklichten, +der Grenze — dem Tode. Im Tiefenerlebnis, durch das die sichtbare Welt +<em class="gesperrt">wird</em>, hat sie ihren Ursprung. Gestalt, Zahl, Raum und Angst +haben einen gemeinsamen Grund. Und so erscheint die vollzogene, der +starren Ordnung <em class="gesperrt">durch das Ursymbol</em> unterworfene und dadurch in +ihrem ganzen Umfange zum Sinnbild einer und nur dieser einen Seele — +zum Makrokosmos — erhobene Welt als das feindliche Prinzip, das Reich +der dunklen Mächte, die Inkarnation des Bösen. Im Hinblick darauf ist +die Feindschaft zwischen Seele und Welt der nie ganz unterdrückte +Untergrund alles Weltbewußtseins. Deshalb wird die junge Seele sich +plötzlich ihres einsamen Menschentums inmitten aller Vergänglichkeit +bewußt. Dies ist das Dämonische in aller Natur — Natur als der Welt +des Ausgedehnten —, das die antike Seele ebenso kennen lernte wie +jede andre. Das faustische wie das magische Christentum, die Orphiker +mit ihrer Formel σῶμα σῆμα und das ägyptische Totenbuch stimmen +darin überein. Tausend mythische Gestalten, Legenden und Bräuche +zeugen davon. Wie das geringste Ornament an einem Schwertgriff, Gefäß +oder Säulenknauf, so ist auch das hellenische Kultdrama ein Mittel, +den Zorn der Götter zu besänftigen. So nennt Livius (VII, 2) die +szenischen Spiele (Tragödien), welche zur Abwendung der Pest in Rom +veranstaltet wurden, <i>caelestis irae placamina</i>. Dies erst durch +die Raumwerdung zur Erscheinung gezwungene Dämonische ist es, das die +Seele abwehren, bannen, heiligen will, indem sie es durch den Zauber +eines Symbols bannt. Sie gibt ihm Form, die Bedeutung besitzt, eine +sinnvolle<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Grenze, einen Namen, das heißt, sie macht es von sich +abhängig.<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a></p> + +<p>Deshalb wendet sich die früheste und elementarste aller Künste an den +Urstoff der Welt, die Inkarnation des Widerstandes, den die Angst +brechen will, den <em class="gesperrt">Stein</em>. Man wird die gigantische Architektur +der Dome und Pyramiden nie begreifen, wenn man sie nicht als +<em class="gesperrt">Opfer</em> auffaßt, das die junge Seele den fremden Mächten bringt. +Ein Opfer bedeutet im Ursinn der Menschheit die Darbringung von etwas, +das teil an der eignen Seele hat. Vor allem ist es das Totemtier, in +dem etwas von der Seele des Clans verweilt oder in das durch einen +Akt der Weihe die Seele des Opfernden eingeht und das nun durch seine +Darbringung eine mystische Vereinigung mit den Mächten bewirkt.<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a></p> + +<p>Ein solches Opfer sind alle frühen Architekturen, das größte, das +je gebracht wurde. Denn in ihnen liegt nicht nur dieser oder jener +symbolische Sinn wie in kultischen Tänzen und Gesängen, in einem +Gemälde, einer Statue oder Sonate, sondern der <em class="gesperrt">ganze</em> Geist +einer Kultur, die durch ihr steingewordenes Selbst eine Verbindung +mit dem Weltgrunde sucht. Eine alte Kathedrale ist ein vollkommener +Makrokosmos der faustischen Seele, ein Pyramidentempel der ägyptischen, +einer jener Kuppelbasiliken von Ravenna und Byzanz der magischen. Alle +spätern Kunstwerke sind daneben etwas Partielles. Töne und Farben, +der <em class="gesperrt">durchscheinende</em> Marmor, die <em class="gesperrt">gegossene</em> Bronze, das +gelesene und gesprochene poetische Wort sind Kunst<em class="gesperrt">mittel</em>; sie +verleugnen ihr urstoffliches Dasein oder besitzen es nicht. Alles +<em class="gesperrt">bewußte</em> Künstlertum ist egoistisch, voller Laune und „Freiheit“. +Es ist nicht mehr die mütterliche Landschaft, aus der seine Werke +wachsen. Die Idee des überpersönlichen Opfers der <em class="gesperrt">ganzen</em> Seele +ist mit der Frühzeit untergegangen.</p> + +<p>Diese erste Kunst brauchte das Bewußtsein eines Sieges und so überwand +sie den Stein und zwang ihn, in symbolischen<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Formen aus der Erde +aufzuwachsen. Weil hier das Leben selbst in Frage stand, knüpften +sich diese Formen unmittelbar an den Gedanken des Todes, in den +Pyramidentempeln, deren innerer Weg zum Königsgrabe führt, wie in den +Domen, deren hochgewölbte Schiffe mit ihren Pfeilerreihen dem Hochaltar +zu geleiten, der das Geheimnis der Eucharistie in sich birgt, durch die +ein menschgewordner Gott sich opfert. Einer solchen Kunst gegenüber +wirken alle andern als Spiel, allzuirdisch, genießerisch. Deshalb +diese Riesenlasten, die eine gläubige Menschheit sich auflud, um den +Bau zu einem wahren Opfer zu machen. Die geistige Kraft, mit welcher +Menschen so früher Stufe technische Aufgaben lösten, sofort, mit +nachtwandlerischer Sicherheit, fast unbewußt, an denen das reife Wissen +später Zeiten zu Schanden wird, erscheint wie ein Wunder. Ich denke an +die riesenhaften Blöcke in den Fundamenten des Sonnentempels<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a> von +Baalbek, durch deren uns völlig rätselhafte Bewältigung die arabische +Frühzeit der Idee ihres Daseins, dem Erlebnis <em class="gesperrt">ihres</em> Weltraumes +diente, und an die fabelhaften Steinmassen der Dome und Pyramiden, die +von der Erde weg in den Weltenraum emporgetragen wurden. Wie um 1100 +Fürsten, Bürger und Knechte die Karren zogen, um diese Dome inmitten +winziger Städte zu errichten — der ganze Stolz der Erbauer spricht aus +den Versen des jüngern Titurel — so muß der Bau der Cheopspyramide +ein Akt der Weihe gewesen sein. Weder das Rokoko noch das Athen des +Perikles noch das Bagdad Harun al Raschids wären — bei allem Überfluß +an technischen und materiellen Mitteln — solcher Leistungen fähig +gewesen. Die Akropolis, das Schloß von Versailles, die Alhambra, Werke +eines raffinierten Kunstverstandes, erscheinen daneben klein und +allzumenschlich.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_9">9</h4> + +</div> + +<p>Es sind immer die große Ornamentik und die große Architektur, diese +beiden <em class="gesperrt">Traumkünste</em>, die verschwistert den<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Anfang einer neuen +Kulturentwicklung bilden. Wohl sind viele Motive des nordischen +Ornaments urgermanisch, auch keltisch — auch in der Edda ist manches +Keltische — von arabischen und antiken Entlehnungen ganz abgesehen, +aber erst im 10. Jahrhundert entsteht die einheitliche und organische +Bildung des <em class="gesperrt">faustischen Ornaments</em> in seiner unermeßlichen Tiefe, +wie wir sie an St. Trophîme in Arles, an St. Pierre in Aulnay, an St. +Lazare in Autun, in Poitiers, in Moissac, in Deutschland vornehmlich +an den Domen der Ottonen- und Stauferzeit, an Chorgestühlen, Geräten, +Gewändern, Büchern, Waffen bewundern. Hier hat das neue Ursymbol, der +unendliche Raum, den gesamten Formenschatz zu einer einheitlichen +Sprache ausgeprägt. Gleichzeitig mit den magischen Kuppelräumen der +Basiliken Syriens erwacht die zauberhafte Sprache der <em class="gesperrt">Arabeske</em>, +die flimmernd, verwirrend, alle Linien aufzehrend seitdem alles +durchgeistigt und entkörpert, was seelischer Besitz der arabischen +Kultur ist, — bis hinein in die Formenwelten der persischen, +langobardischen, normannischen, der sogenannten „mittelalterlichen“ +Kunst.</p> + +<p>Eine heilige Strenge herrscht in diesen frühen Formen. Die älteste +Dorik trägt nicht ohne Grund die Bezeichnung des geometrischen Stils. +Die altchristlich-spätheidnische Kunst der Sarkophagreliefs und +Bildnisse konstantinischen Stils galt deshalb und gilt heute noch als +eine Kunst des Verfalls. Im Totentempel der Chephren (4. Dyn.) wird +der Gipfel mathematischer Einfalt erreicht: überall rechte Winkel, +Quadrate, rechteckige Pfeiler; keine Verzierung, keine Inschrift, +kein Übergang; das die Spannung mildernde Ornament wagt sich erst +einige Generationen später in die hehre Magie dieser Räume. Ebenso die +edle Romanik Westfalens (Corvey, Minden, Freckenhorst) und Sachsens +(Hildesheim, Gernrode), die mit einer unbeschreiblichen inneren Wucht +und Würde über alle eigentliche Gotik hinaus den ganzen Sinn der Welt +in <em class="gesperrt">eine</em> Linie, <em class="gesperrt">ein</em> Kapitäl, <em class="gesperrt">einen</em> Bogen zu legen +vermochte.</p> + +<p>Der Simplizität dieser frühen Seelensprache erscheint nichts unmöglich. +Wir finden in ihr Symbole, deren Charakter als<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Symbol bisher niemand +auch nur geahnt hat. Die ägyptische Seele mit ihrem strengen Hange zum +Chronologischen, einer unerhörten Gemessenheit und Abgewogenheit des +sozialen Daseins — das sich in diesem einzigen Falle wirklich „<i>sub +specie aeternitatis</i>“ abspielte — mit ihrer Wahl der härtesten +Gesteine, mit ihrem Verzicht auf alles bloß Literarische, faßte schon +am Anfang das alles mit leidenschaftlichem Ungestüm in einen Höhepunkt +des Ausdrucks zusammen, in einen <em class="gesperrt">Staat</em>, der den Geist dieser +Kultur schlechthin darstellt. Auch der Staat ist ein Stück Architektur. +Auch seine Formen, als Formen von Gewordnem, Verwirklichtem, +Ausgedehntem, reden vom Ursymbol einer Kultur. Die antike Polis ist +das Seitenstück des dorischen Tempels, ganz euklidischer Körper. Das +abendländische Staatensystem ist eine Dynamik geographischer Räume. +Noch deutlicher spricht die Form des ägyptischen Staates. Seine +Maßnahmen und Institutionen rechnen nach Dynastien; seine Menschen +bilden, sorgfältig geschichtet, wieder eine Pyramide, mit dem Pharao +als Spitze. Jedermann hat ein <em class="gesperrt">Amt</em>. Das Einzeldasein erschöpft +sich in der Teilnahme an der großen Bewegtheit. Es gibt keine „Genies“, +keine privaten Interessen. Dieser Staat ist das Schicksal; er stellt +den Weg der ägyptischen Menschheit dar; er setzt sich selbst in +Beziehung zur Idee des Todes. Die Pyramide ist das ungeheure Grab des +Königs, dessen Grundsteinlegung den ersten Akt seiner Regierung bildet, +an dem das ganze Volk arbeitet, solange er regiert. Zu ihm, dessen +„Ka“, an der Mumie haftend, alle Dynastien überdauert, führt jene +Prozessionsstraße von Pfeilersälen und Statuenhallen; die Säulenreihen, +Reliefreihen, Statuenreihen wiederholen noch einmal das metaphysische +Motiv der Herrscherreihen, die das Veränderliche im Unveränderlichen, +das Lebendige im Ausgedehnten, im <em class="gesperrt">Staate</em> als dem Gewordenen, +darstellen. Was in andern Kulturen in tausendfacher Gestalt vorliegt, +besitzt hier eine einzige. Der Staat ist <em class="gesperrt">die</em> Wirklichkeit. Es +gibt keine andere. Das Tiefenerlebnis, im Tempelwege symbolisiert, ist +das des <em class="gesperrt">ganzen</em> Ägyptertums, kaum das der partiellen Seelen. +Es gibt in der gesamten organischen Welt nur <em class="gesperrt">ein</em> erhabenes +Seitenstück hierzu, an das noch niemand gedacht hat: den Bienenstaat.</p> + +<p>Beide sind der höchste Ausdruck der <em class="gesperrt">Sorge</em>; man könnte<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> auch +sagen der <em class="gesperrt">Pflicht</em>. Wenn die kantische Ethik irgendwo ein +Seitenstück hat, nicht in Formeln, sondern in Wirklichkeiten, so ist +es hier. Es ist etwas Preußisches, etwas von Friedrich dem Großen in +dieser Staatsgesinnung des ägyptischen Menschen. Dicht daneben aber +steht die Kultur, welche ein Gefühl für die Zukunft — die Richtung des +Lebens, den Sinn der Geschichte — und also eine Sorge nie gekannt hat, +die antike. Deshalb hat sie es nie zu einem wirklichen Staate gebracht, +so wenig als zu einer Früharchitektur großen Stils.</p> + +<p>So erklärt es sich, weshalb man Weltgeschichte immer vornehmlich +als die Geschichte von <em class="gesperrt">Staaten</em> aufgefaßt und behandelt hat. +Es liegt tiefste Notwendigkeit in diesem Zusammenhange. Eine Kultur +(Seele), die kein Gefühl für das eigne Werden besitzt — das ist +Geschichte, Verwirklichung von Möglichem — besitzt auch keinen Blick +für das zu Vollendende. In einer Staatsidee stellt sich die Geschichte +der Zukunft dar, wie eine Kultur sie <em class="gesperrt">will</em>. Vergangenheit und +Zukunft sind in gleicher Weise Phänomene der Ferne. Man sorgt um +beide oder keines von beiden, um die Toten <em class="gesperrt">und</em> die Ungebornen +oder <em class="gesperrt">nur</em> um das Glück der Stunde. Der Sozialismus setzt einen +eminenten Sinn für Geschichte voraus, indem er Kommendes an Vergangenes +knüpft, der Stoizismus ist ahistorisch. Er erinnert sich an nichts +und sorgt um nichts. Der ägyptische Staat ist in gewissem Betrachte +sozialistisch. Die indische Staatengeschichte — wenn man von einer +solchen reden darf — hat im Hinblick auf ihre Sorglosigkeit und das +Herankommenlassen der Dinge etwas Antikes. Wer eine innere Entwicklung +— zu Goethes Zeit nannte man das die Kultur eines Menschen — +besitzt und sich Rechenschaft über sie ablegt, hat auch eine innere +Zukunft und den Willen zu ihr. Der „Staat“ des innern Menschen ist +sein <em class="gesperrt">Charakter</em>. Charakterbildung und Staatengeschichte sind +in der Tiefe identisch als biographische Formen des Einzelnen und +seiner Kultur. Shakespeare stellte neben seinen Othello und Macbeth +die Reihe seiner Historien, Goethe neben den Egmont den Tasso, neben +eine äußere eine innere Revolution. Don Quijote, Don Juan, Werther +resümieren auch eine politische Phase und man darf die — gänzlich +unantike — psychologische Dialektik in den Romanen von Choderlos de<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> +Laclos, Stendhal und Balzac eine Politik der Seele nennen; insofern +ist Julian Sorel der Zögling Napoleons. Das attische Drama aber ist +unpolitisch — also mythisch — und ohne das formale Motiv einer innern +Entwicklung. So wenig Antigone ein Charakter, der sich „im Strome der +Welt bildet“, so wenig war Athen ein Staat im westeuropäischen Sinne. +Beide gehören dem Augenblick, dem blinden Ungefähr mit der ganzen +Summe ihrer Existenz an. Sie sind immer fertig wie ein euklidischer +Körper. Sie haben keine Genesis und kein Ziel ihres Daseins. Beide +Erscheinungen, das Weltbild der Historie und das Phänomen des Staates, +<em class="gesperrt">in dem</em> nach Goethes Ausdruck die Idee unmittelbar angeschaut +wird, verhalten sich wie Leben und Erlebtes. Die abendländische +politische Geschichte und das abendländische Staatensystem verhalten +sich wie <em class="gesperrt">Wollen</em> und <em class="gesperrt">Erreichtes</em>, die antike Geschichte und +die lose Menge der πόλεις demgemäß wie ein <em class="gesperrt">Geschehenlassen</em> und +dessen <em class="gesperrt">Resultat</em>.</p> + +<p>Auch der gotische Dom verhält sich zum nordischen Glauben wie das +Erlebte zum Erleben. Der Atem seines Raumes ist der Geist Gottes. Er +symbolisiert den „Weg zu Gott“, zum Hochaltar, der in der geweihten +Hostie das immerwährende Wunder umschließt, das die Teilnehmer an +ihm zur <em class="gesperrt">sichtbaren Kirche</em>, einer faustischen Gemeinschaft +jenseits aller Grenzen von Raum und Zeit, vereinigt. Dieser Gedanke, +der durchaus Eigentum der abendländischen Seele ist, der im 10. +Jahrhundert konzipiert und 1215 auf dem lateranischen Konzil als Dogma +fixiert wurde, schuf aus der arabischen Basilika des orientalischen +Christentums den <em class="gesperrt">Dom</em>. Das Raumgefühl des magischen Menschen, +das sich in dem von einem Syrer erbauten Pantheon zu Rom ankündigt +und über die Kuppelbauten von Ravenna und Byzanz zu den großen +Moscheen des Islam führt, hat plötzlich einem neuen Tiefenerlebnis +und folgerichtig einer neuen Architektur und Staatsidee den Rang +abgetreten. Die Palastkapelle Karls des Großen zu Aachen — dem Geiste +nach eine <em class="gesperrt">Moschee</em> — ahnt hiervon noch nichts. Durch eine ebenso +plötzliche Gedankenschöpfung muß zu Beginn der 4. Dynastie — um 3000, +wo mit dem Ende der Thinitenzeit die ägyptische Kultur ins Leben tritt +— zugleich mit dem neuen Weltgefühl die Idee einer Religion, die +Idee des Pharaonenstaates und der sie verkörpernde<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Baugedanke jener +ungeheuren Totentempel als ein <em class="gesperrt">Ganzes</em> entstanden sein.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_10">10</h4> + +</div> + +<p>Man begreift nun, eben aus dem Unterschied von Dom und Pyramide, von +unsichtbarer Kirche und sichtbarem Staat als den repräsentativen Formen +der Seelengemeinschaft, das gewaltige Phänomen der gotischen Seele, +die in prachtvollem Aufschwung über alle Grenzen optisch gebundener +Sinnlichkeit hinausstrebt. Kann etwas dem Sinne des ägyptischen +Staates, dem alle Pharaonen <em class="gesperrt">gedient</em> haben, dessen Tendenz man +als einen erhabenen Realismus bezeichnen möchte, fremder sein als der +politische Ehrgeiz der großen Sachsen-, Franken- und Staufenkaiser, +die am Überfliegen aller staatlichen Wirklichkeiten zugrunde gingen? +Die Anerkennung einer Grenze wäre ihnen gleichbedeutend mit der +Herabwürdigung der Idee des Herrschertums gewesen. Hier tritt der +unendliche Raum als Ursymbol in seiner ganzen unbeschreiblichen Macht +in den Umkreis öffentlichen Daseins, und man könnte zu den Gestalten +der Ottonen, Konrads II., Heinrichs VI. und Friedrichs II. die +Normannen, die Eroberer Islands und vor allem die großen Päpste Gregor +VII. und Innocenz III. fügen, die alle die sichtbare Machtsphäre mit +der damals bekannten Welt gleichsetzen wollten. Dies unterscheidet die +homerischen Helden mit ihrem geographisch so genügsamen Gesichtskreis +von den stets im Unendlichen schweifenden Helden der Gral-, Artus- +und Siegfriedsage. Dies unterscheidet auch die Kreuzzüge, zu denen +die Krieger von den Ufern der Elbe und Loire bis zu den Grenzen der +bekannten Welt ausritten, von den Ereignissen, welche der Ilias +zugrunde liegen und auf deren örtliche Enge und Übersehbarkeit man auf +den Stil des antiken Seelentums mit Sicherheit schließen darf.</p> + +<p>Die dorische Seele verwirklichte das Symbol des leibhaft gegenwärtigen +Einzeldinges, indem sie auf alle großen und weitreichenden Schöpfungen +Verzicht leistete. Es hat seinen guten Grund, wenn die erste +nachmykenische Zeit unseren Archäologen nichts hinterlassen hat. Wenn +die ägyptische und faustische Seele in der Sprache einer gewaltigen +Architektur zuerst zum Ausdruck kam, so suchte die antike Seele ihren +Ausdruck in<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> einem ausdrücklichen <em class="gesperrt">Verzicht</em> auf sie. Ihr endlich +erreichter Ausdruck ist der dorische Tempel, der nur nach außen, als +massives Gebilde in der Landschaft gelegen, wirkt und den künstlerisch +überhaupt unbeachteten Raum in sich als das μὴ ὄν, das, was gar nicht +da sein sollte, verleugnet. Die ägyptische Säulenreihe trug die Decke +eines Saales. Der Grieche entlehnte das Motiv und wandte es in seinem +Sinne an, indem er den Bautypus wie einen Handschuh umkehrte. Die +äußeren Säulenstellungen sind Reste eines „Innenraums“.<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a></p> + +<p>Demgegenüber ließen die magische und die faustische Seele ihre +steinernen Traumgebilde als Überwölbungen bedeutungsvoller Innenräume +emporsteigen, deren struktive Idee den Geist zweier Mathematiken, +der Algebra und der Analysis, vorwegnimmt. In der von Burgund und +Flandern ausstrahlenden Bauweise bedeuten die Kreuzrippengewölbe mit +ihren Stichkappen und Strebepfeilern eine Auflösung des geschlossenen, +durch sinnlich-greifbare Grenzflächen bestimmten Raumes überhaupt. +Ein Innenraum ist noch immer etwas Körperhaftes. Hier aber wird der +Wille fühlbar, aus ihm ins Grenzenlose zu dringen, wie es später die +in diesen Wölbungen heimische Musik des Kontrapunkts wollte, deren +körperlose Welt immer die der ersten Gotik geblieben ist. Wo auch in +spätesten Zeiten die polyphone Musik zu ihren höchsten Möglichkeiten +emporstieg wie in der Matthäuspassion, der Eroica und Wagners Tristan +und Parzifal, wurde sie mit innerster Notwendigkeit <em class="gesperrt">domhaft</em> +und kehrte zu ihrer Heimat, zur steinernen Sprache der Kreuzzugszeit +zurück. Die ganze Wucht einer tiefsinnigen Ornamentik mit ihren seltsam +schauerlichen Umbildungen von Pflanzen, Tier- und Menschenleibern (St. +Pierre in Moissac), welche die Substanz des Gesteins leugnet, welche +alle Linien in Melodien und Figurationen eines Themas, alle Fassaden in +vielstimmige Fugen, die Leiblichkeit<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> der Statuen zu einer Musik der +Gewandfaltung auflöst, mußte zu Hilfe kommen, um jeden antiken Hauch +von Körperlichem zu bannen. Erst dies gibt den riesigen Glasfenstern +der Dome mit ihrer farbigen, <em class="gesperrt">durchleuchteten, also völlig stofflosen +Malerei</em> — eine Kunst, die sich niemals wiederholt und die den +stärksten überhaupt denkbaren Gegensatz zum antiken Fresko bildet +— ihren tiefen Sinn. Er wird am deutlichsten etwa in der Sainte +Chapelle zu Paris, in der neben dem leuchtenden Glas der Stein beinahe +verschwunden ist. Im Gegensatz zum Fresko, dem mit der Wand körperlich +verwachsenen Gemälde, dessen Farben als Materie wirken, finden wir hier +Farben von der räumlichen Freiheit der Orgeltöne, völlig vom Medium +einer tragenden Fläche gelöst, Gestalten, die frei im Unbegrenzten +schweben. Mit dem faustischen Geiste dieser hochgewölbten, farbig +durchleuchteten, zum Chore strebenden Kirchenschiffe vergleiche man +die Wirkung der arabischen — also altchristlich-byzantinischen — +Kuppeln. Auch die über der Basilika oder dem Oktogon scheinbar frei +schwebende Hängekuppel bedeutet eine Überwindung des antiken Prinzips +der natürlichen Schwere, wie sie das Verhältnis von Säule und Architrav +ausdrückt. Auch hier verleugnet sich der Stein. Eine geisterhaft +verwirrende Durchdringung der Formen von Kugel und Polygon, eine +Last auf einem Steinring gewichtlos über dem Boden schwebend, alle +tektonischen Linien verhüllt, kleine Öffnungen im höchsten Gewölbe, +durch die ein Ungewisses Licht hereinfällt, das die Raumgrenzen +noch unwirklicher macht — so stehen die Meisterwerke dieser Kunst, +San Vitale in Ravenna, die Hagia Sophia in Byzanz, der Felsendom in +Jerusalem vor uns. Statt der ägyptischen Reliefs mit ihrer reinen +Flächenbehandlung, die jede in die Tiefe weisende Verkürzung peinlich +meidet, statt der den äußeren Weltraum einbeziehenden Glasgemälde der +Dome verkleiden hier flimmernde Mosaiken und Arabesken, in denen der +Goldton vorherrscht, alle Wände und versenken das Wirkliche in einen +märchenhaften, ungewissen Schein, der in aller maurischen Kunst für den +nordischen Menschen immer so verlockend geblieben ist.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> + +<h4 id="Seele_11">11</h4> + +</div> + +<p>So stammt das Phänomen des <em class="gesperrt">Stils</em> also aus dem hier +festgestellten Wesen des Makrokosmos, aus dem Ursymbol einer Kultur. +Man wird, wenn man den Gehalt des Wortes zu würdigen weiß, die +fragmentarischen und chaotischen Kunstäußerungen des Urmenschentums +nicht zu der umfassenden Bestimmtheit eines Stils in Beziehung bringen. +Erst die als Einheit nach Ausdruck und Bedeutung wirkende Kunst der +großen Kulturen — und nun nicht mehr die Kunst allein — hat Stil.</p> + +<p>Wir haben die guten Tierimitationen der Diluvialmenschen und +einiger Naturvölker sowie die sehr hoch stehende mykenische und +Merowingerkunst. Aber gerade das macht den Unterschied evident. Das +ist kein Stil. Das ist alles isoliert, voller Freude am Gestalten +und Nachahmen, voller Sinn für Harmonie und Nuancen, aber ohne ein, +sagen wir ruhig <em class="gesperrt">metaphysisches Formgefühl</em>, das unbewußt, wo +es auch in Kraft tritt, an Kunstwerken, Bauten, Geräten, Schmuck, +auf ein <em class="gesperrt">Ziel</em> zustrebt. <em class="gesperrt">Damit</em> erst gibt es Stil, +eine <em class="gesperrt">ungewollte und unausweichliche</em> (das soll man heute +unterstreichen) Tendenz in <em class="gesperrt">aller</em> Produktion, die von der +frühesten Dorik bis zum Römertum, von der frühesten Romanik bis zum +Empire die gleiche bleibt. Man vergleiche das Aachener Münster mit +Bauten, die nur 150 Jahre später entstanden sind: inzwischen ist ein +Stil erwacht. In Aachen ist er noch nicht da. Der Bau Karls des Großen +ist ein Musterbeispiel für eine Kunst <em class="gesperrt">außerhalb</em> und vor einer +Stilatmosphäre, außerhalb einer Kultur also! Da gibt es kein Ursymbol, +das hätte verwirklicht werden können und müssen. Ebenso unterscheiden +sich durch eine innere Notwendigkeit der Form die geometrischen +Verzierungen der spätmykenischen und der frühdorischen Kunst. Erst +die Dorik legt eine Tendenz, ein Weltgesetz hinein. Andrerseits: in +der Antike ist mit dem Alexandrinismus, bei uns um 1800 diese Tendenz +<em class="gesperrt">zu Ende</em>. Die Geschichte des Stils schließt ab. Die Möglichkeiten +des <em class="gesperrt">einen</em> Formgedankens haben sich erschöpft. Von da an macht +man nach, erkünstelt, kreiert „Stile“, die alle zehn Jahre wechseln, +mit denen jeder tut, was er will; man wiederholt, kombiniert, treibt +Äußerlichkeiten auf die Spitze, weil das Bedürfnis,<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Kunst zu machen, +noch fortdauert, während der Stil, d. h. die <em class="gesperrt">notwendige</em> Kunst +tot ist. Das ist die Lage von heute.</p> + +<p>Im Stil offenbart sich in und über allem <em class="gesperrt">bewußten</em> Künstlertum +— das immer eine späte und städtische Erscheinung bildet — das +unbewußt Seelische, das, was ich die Idee des Daseins nannte. Ein Stil +ist ein <em class="gesperrt">Schicksal</em>. Man hat ihn, aber man erwirbt ihn nicht. +Bewußter, gewollter, gemachter Stil ist erlogener Stil, wie es alle +Spätzeiten, allen voran die Gegenwart, beweisen. Große Künstler und +Kunstwerke sind Naturereignisse. Die <em class="gesperrt">Welt</em> — Natur — ist +Schöpfung der Seele, das vollkommene Kunstwerk ist es auch: beide +ungewollt, wahllos, notwendig, folglich beide „Natur“. Hierauf beruht +die innere Identität eines Stils und der <em class="gesperrt">zugehörigen</em> Mathematik. +Stilformen sind, ohne Ausnahme, extensive Formen. Sie <em class="gesperrt">bannen</em> +das im Ausgedehnten als gegenwärtig empfundene Fremde. Von den beiden +urmenschlichen Kunsttrieben, dem imitativen und dem symbolischen, ist +es der letzte, das <em class="gesperrt">ornamentale</em> Wollen, das den Stil hervorruft. +Nicht in der Weltsehnsucht, allein in der <em class="gesperrt">Weltangst</em> liegt die +letzte erreichbare Wurzel aller elementaren Kunstform. Ein Kunstwerk +besitzt Stil in genau demselben Sinne und Maße, wie eine physikalische +Vorstellung außer theoretisch-bildhaftem auch mathematischen Gehalt +besitzt.</p> + +<p>Um ein Beispiel zu geben, fasse ich das ungeheure Phänomen des +ägyptischen Stils noch einmal zusammen, so wie es seit wenigen Jahren +übersehbar geworden ist. Wenn je, so ist in <em class="gesperrt">diesem</em> Stil der Tod +wirklich gebannt worden. Hier ruht Ewigkeit auf jedem Zuge; nicht jene +ergreifende Leidenschaft, die in der Gotik die Flügel entfaltet, um +dem Irdischen zu entrinnen und sich in jenseitige Räume zu verlieren; +nicht der allzu-körperliche und für uns etwas oberflächliche Hang der +Antike, das Behagen des Augenblicks um sich zu breiten und den Rest +zu vergessen. Der ägyptische Stil ist von einem tiefen Realismus. Er +ergreift die ganze Vergänglichkeit; er erkennt — und er hält sich +deshalb bis in die letzten Epochen an den Stein als Material — das +Gewordne und Begrenzte an, um es zu <em class="gesperrt">überwinden</em>. Bei Rembrandt, +Beethoven und Michelangelo redet die Furcht vor dem Raume aus jedem +Zuge; in der Architektur von Memphis und Theben liegt sie weit zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p> + +<p>Um das Jahr 1100 erfolgt gleichzeitig in Frankreich, Oberitalien +und Westdeutschland die Einwölbung des bis dahin flach gedeckten +Mittelschiffes der Dome. Mit einem schöpferischen Akt von gleicher +Unbewußtheit und symbolischer Prägnanz beginnt der ägyptische Stil. Das +Ursymbol des <em class="gesperrt">Weges</em> ist plötzlich ins Leben getreten, mit dem +Beginn der 4. Dynastie (2930 v. Chr.). Das weltbildende Tiefenerlebnis +dieser Seele empfängt seinen Gehalt vom Richtungsfaktor selbst: die +Tiefe des Raumes als erstarrte Zeit, die Ferne, der Tod, das Schicksal +selbst beherrscht den Ausdruck; die bloß sinnlichen Dimensionen +der Länge und Breite werden zur begleitenden Fläche, die den Weg +des Schicksals einengt und vorschreibt. Das spezifisch ägyptische +Flachrelief, auf Nahsicht berechnet und in seiner zyklischen Anordnung +den Betrachter zwingend, in vorgeschriebener Richtung die Wandflächen +abzuschreiten, taucht ebenso plötzlich gegen Beginn der 5. Dynastie +auf.<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a> Die noch späteren Reihen von Sphinxen und Statuen, die +Felsen- und Terrassentempel, die Bildnisstatuen, die stets vorwärts +schreitend und schauend, nie im Profil gedacht sind, verstärken ständig +die Tendenz auf die einzige Ferne, welche die Welt des ägyptischen +Menschen kennt, das Grab, den Tod. Man bemerke wohl, wie schon die +Säulenreihen der Frühzeit nach Durchmesser und Abstand der mächtigen +Schäfte genau so gegliedert sind, daß sie jeden seitlichen Durchblick +<em class="gesperrt">verdecken</em>. Dies hat sich in keiner andern Architektur wiederholt.</p> + +<p>Die Größe dieses Stils erscheint uns starr und unveränderlich. Er steht +allerdings jenseits der Leidenschaft, die noch sucht und fürchtet und +dem untergeordneten Detail damit eine rastlose subjektive Bewegtheit +im Lauf der Jahrhunderte erteilt. Diese Seele stellte fast alles uns +Wesentliche in den Elementen ihres Makrokosmos zurück, aber sicherlich +wäre dem<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> Ägypter der ihm so fernliegende faustische Stil — er bildet +von der frühesten Romanik bis zum Rokoko und Empire ebenfalls eine +Einheit — in seiner Unruhe und seinem ständigen Suchen nach einem +Etwas viel gleichförmiger erschienen, als wir uns vorstellen können. +Vergessen wir jedenfalls nicht, daß aus dem hier vertretenen Begriff +des Stils folgt, daß Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko nur +Phasen <em class="gesperrt">ein und desselben</em> Stils sind, an dem wir naturgemäß vor +allem das Wechselnde, das Auge anders gearteter Menschen das Bleibende +bemerken. In der Tat beweisen zahllose Umbauten romanischer Werke im +Barock-, spätgotischer im Rokokostil, die durch nichts auffallen, +die innere Harmonie der nordischen Renaissance und der Bauernkunst, +in denen Gotik und Barock völlig identisch werden, die Straßen alter +Städte, deren Giebel und Fassaden aller Stilarten einen reinen +Einklang bilden, und die Unmöglichkeit, Romanik und Gotik, Renaissance +und Barock, Barock und Rokoko in einzelnen Fällen überhaupt zu +unterscheiden, daß die „Familienähnlichkeit“ dieser Phasen viel größer +ist, als sie den Angehörigen erscheinen.</p> + +<p>Der ägyptische Stil ist absolut <em class="gesperrt">architektonisch</em> bis zum +Erlöschen dieser Seele. Er gestattet keine Abschweifung zu +unterhaltenden Künsten, keine Tafelmalerei, keine Büste, keine +weltliche Musik. In der Antike geht mit der Ionik der Schwerpunkt der +Stilbildung von der Architektur zu einer von ihr unabhängigen Plastik +über, im Barock geht er zur Musik, deren Formensprache ihrerseits die +gesamte Baukunst des 18. Jahrhunderts beherrscht, im Arabertum löst +mit dem Beginn der islamitischen Phase die Ornamentik der Arabeske +alle Formen der Architektur, Malerei und Plastik zu Stileindrücken +auf, die wir heute etwa als kunstgewerblich bezeichnen könnten. In +Ägypten bleibt die Herrschaft der Architektur unangefochten. Sie +mildert lediglich ihre Sprache. In den Hallen der Pyramidentempel der +4. Dynastie (Pyramide des Chephren) stehen schmucklose, scharfkantige +Pfeiler. In den Bauten der 5. Dynastie (Pyramide des Sahu-rê) erscheint +die <em class="gesperrt">Pflanzensäule</em>. Steingewordne Lotus und Papyrusbündel wachsen +riesenhaft aus dem Fußboden von durchscheinendem Alabaster auf, der +das Wasser bedeutet, eingeschlossen von purpurnen Wänden. Die Decke +ist mit Vögeln<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> und Sternen geschmückt. Der heilige Weg vom Torbau zur +Grabkammer, das Bild des Lebens, ist ein Strom. Es ist der Nil selbst, +der mit dem Ursymbol der Richtung eins wird. Der Geist der mütterlichen +Landschaft vereinigt sich mit der aus ihm entsprungenen Seele. Ganz +ebenso knüpft sich das euklidische Dasein der antiken Kultur in +geheimnisvoller Weise an die vielen kleinen Inseln und Vorgebirge des +ägäischen Meeres und die stets im Unendlichen schweifende Leidenschaft +des Abendlandes an die weiten, fränkischen, burgundischen, sächsischen +Ebenen.</p> + +<p>Der ägyptische Stil ist von einer Erfülltheit des Ausdrucks, die unter +andern Bedingungen schlechthin unerreichbar erscheint. Ich glaube, +daß die <em class="gesperrt">Langeweile</em>, jene Verdünntheit einzelner Lebensmomente, +die uns so wenig fremd ist wie den Griechen, der ägyptischen Seele +unbekannt war. Leben und <em class="gesperrt">nur</em> leben, in jeden Augenblick den +größtmöglichen Gehalt an Wirkung legen, ist aus diesem Weltaspekt, +angesichts der Symbole der Hieroglyphen, Mumien und Pyramidengräber, +eine Notwendigkeit. Man kann das Ethos dieser Art zu sein nur fühlen, +nicht nennen. Nicht unser „Wille“, nicht die antike Sophrosyne, +sondern die mit Worten gar nicht zu beschreibende Fülle des Daseins +ist die Regel. Man schreibt und redet nicht; man bildet und tut. Ein +ungeheures Schweigen — für uns der erste Eindruck alles Ägyptischen +— täuscht über die Macht dieser Vitalität. Es gibt keine Kultur +von höherer Seelenkraft. Keine Agora, keine geschwätzig-antike +Öffentlichkeit, keine nordischen Berge von Literatur und Publizistik, +nur sachlich-sichere, selbstverständliche Wirksamkeit. Einzelnes wurde +schon erwähnt. Ägypten besaß eine Mathematik höchsten Ranges, aber +sie äußerte sich durchaus in einer meisterhaften Bautechnik, einem +unvergleichlichen Kanalsystem, einer erstaunlichen astronomischen +Praktik, ohne auch nur ein theoretisches Buch zu hinterlassen (denn +das „Rechenbuch des Ahmes“ wird man nicht ernst nehmen wollen). Schon +das Alte Reich (der deutschen Kaiserzeit entsprechend) besaß eine +selten übertroffene, auf Generationen vorausschauende Sozialökonomie, +aber in Gestalt eines wohlgegliederten, das Geringste bedenkenden +Beamtenstaates. Die Römer mußten sich auf ihn stützen, um ihr Imperium<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> +lebensfähig zu erhalten, ohne daß sie seinen Geist sonderlich begriffen +hätten. Ägypten mußte ihr Reich füttern, bezahlen, verwalten; es wurde +infolge der Mustergültigkeit seiner Institutionen der natürliche +Schwerpunkt und Cäsar war im Begriff, seine Residenz in Alexandria +zu nehmen. Aber es gibt kein ägyptisches Werk von staatsrechtlichem +oder finanzwissenschaftlichem Inhalt. Die späten Römer haben sich +den literarischen Ruhm angeeignet, indem sie einen Schatten dieser +Weisheit in ein System brachten. Ich glaube, daß man heute noch nicht +ahnt, wieviel vom Corpus Juris (dem <em class="gesperrt">Werke</em>, nicht dem römischen +Rechtsbewußtsein) vom Nil stammt. Die Ägypter waren Philosophen, aber +sie hatten keine „Philosophie“. Überall nicht der geringste Versuch +einer Theorie und eine von wenigen erreichte instinktive Meisterschaft +in der Praxis.</p> + +<p>Und wie jede Wissenschaft am Nil <em class="gesperrt">getan</em> und nicht diskutiert +wurde, so entstanden auch die frühen Epen und Idyllen, wie sie jede +Kultur besitzt, nicht in poetischer Wortkunst, sondern in Stein. Die 5. +und 6. Dynastie entspricht hierin der Zeit Homers, des Nibelungenliedes +und des Parzival. Damals entstanden die Reliefreihen der großen Tempel. +Etwas so Lebensprühendes, von einer so kindlichen und köstlichen +Laune Erfülltes wie diese steinernen Idyllen von 2700 v. Chr. mit +ihren Jagden, Fischzügen, Hirtenszenen, mit Zank und Spiel, Festen +und Familienszenen, Spazierfahrten, Bildern von Ackerbau und tätigem +Gewerbe, die das ganze Leben in heiterster Kraft und Fülle, ohne +nachdenkliche — homerische — Reflexion, in graziösester Sinnlichkeit +erzählen, ist ohne Beispiel. Man spricht so oft von der Heiterkeit der +Menschen anderer Kulturen und nennt neben Homer Theokrit, neben Walter +von der Vogelweide womöglich Rabelais oder Mozart. Aber dies haben die +Hellenen in ihren höchsten Momenten nicht erreicht, von Florentinern +und Niederländern, Raffael und Rubens zu schweigen. Das ist „Glück“. +Erst <em class="gesperrt">dies</em> macht die Symbolik der Pyramidentempel vollkommen. +Neben dem architektonischen Formelement, das die Idee des <em class="gesperrt">Todes</em> +begreift und überwindet, steht das lyrische, imitative, welches das +<em class="gesperrt">Leben</em> in Gestalt bringt. Im Gotischen hat das eine in den Domen, +das andre in den epischen Dichtungen getrennte Formenwelten geschaffen; +hier ist eine erhabene<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> Einheit durch die Beziehung auf das Symbol des +<em class="gesperrt">Weges</em> gewahrt.</p> + +<p>Goethe hat einmal das Glück seiner Existenz in den Ausspruch gefaßt: +„Als ich achtzehn Jahre war, war Deutschland auch erst achtzehn.“ +Unter allen Kulturen ist vielleicht nur die ägyptische sich dieses +Glückes bewußt geworden. Als sie geboren wurde, begann die höhere +Menschlichkeit überhaupt. Diese Idyllen, eine imitative, nicht +symbolische Kunst, entsprangen aus der Weltsehnsucht der jungen Kultur, +aus der reinen Freude am aufsteigenden Leben. Tiefe, klare, durch +keinen Anblick älterer, absterbender Kulturen getrübte Heiterkeit — +den Griechen stand schon der greisenhafte Orient, uns der Untergang +des „Altertums“ vor Augen — hellste Geistigkeit, Vollgefühl +eigner Kraft, Beherrschtheit, Gewißheit des Ziels, der erreichten +und <em class="gesperrt">gewohnten</em> strengen Ordnung und Disziplin,<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a> keine +schwermütigen Träume, keine verflatternden Wünsche, kein ängstliches +stoisches Sichbescheiden, nichts von dem etwas gewollten Lachen der +Renaissance oder der am Entbehren gereiften γαλήνη der perikleischen +Zeit, sondern naives, gefühltes, unreflektiertes Glück — das alles +liegt in der Sprache dieser Reliefs, die den Weg zur Totenkammer der +Könige schmücken.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_12">12</h4> + +</div> + +<p>Der ägyptische Stil ist der Ausdruck einer <em class="gesperrt">tapferen</em> Seele. +Seine Strenge und Wucht ist vom ägyptischen Menschen nie empfunden und +betont worden. Man wagte alles, aber man schwieg darüber. In der Gotik +und im Barock wird die Überwindung des Schweren zum stets bewußten +Motiv der Formensprache. Das Drama Shakespeares redet laut von den +verzweifelten Kämpfen zwischen Wille und Welt. Der antike Mensch war +den „Mächten“ gegenüber schwach. Die κάθαρσισ von Furcht und Mitleid, +<em class="gesperrt">das Aufatmen der apollinischen Seele</em> im Augenblick der Peripetie +war nach Aristoteles die Wirkung der attischen Kulttragödie. Indem der +Grieche das Schauspiel vor sich hatte, wie jemand, den er <em class="gesperrt">kannte</em> +— denn jeder kannte den<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> Mythus und lebte mit ihm, in ihm — und der +vom Geschick sinnlos zertreten wurde, ohne daß ein Widerstand gegen +die Mächte denkbar war, in prachtvoller Haltung, trotzend, heroisch +untergeht, erfolgte tatsächlich in seiner euklidischen Seele eine +wunderbare Erhebung. War das Leben nichts wert, so war es doch die +große <em class="gesperrt">Geste</em>, mit der man es verlor. Man wollte und wagte nichts, +aber man fand eine berauschende Schönheit im <em class="gesperrt">Ertragen</em>. Schon die +Gestalt des Odysseus, in viel höherem Grade das Urbild des hellenischen +Menschen als Achill, zeugt davon. Die Moral der Cyniker, der Stoa. +Epikurs, das allgemeine hellenische Ideal der σωφροσύνη und ἀταραξία, +Diogenes in seinem Fasse, der θεωρία huldigend, — das alles ist +verkappte Feigheit und sehr verschieden von dem Stolz der ägyptischen +Seele; der apollinische Mensch geht dem Leben im Grunde aus dem Wege, +bis zum Selbstmord, der <em class="gesperrt">in dieser Kultur allein</em> den Rang eines +positiv ethischen Aktes erhielt und mit der Feierlichkeit eines +sakralen Symbols behandelt wurde; der dionysische Rausch erscheint der +gewaltsamen Übertäubung von etwas verdächtig, das die ägyptische Seele +gar nicht kannte. Die griechische Architektur mit ihrem Gleichmaß von +Stütze und Last und den ihr eigentümlichen kleinen Maßstäben wirkt wie +eine ständige Ausflucht vor schweren tektonischen Problemen, die man +am Nil und später am Rhein mit einer Art von dunklem Pflichtgefühl +geradezu aufsuchte und die man in der mykenischen Zeit gekannt und +sicherlich nicht vermieden hat. Der Ägypter liebte das harte Gestein +massiger Bauten; es entsprach seinem Selbstbewußtsein, nur das Höchste +als Aufgabe zu wählen; der Grieche mied es. Es ist sehr merkwürdig, +wie er als Erbe der hochentwickelten mykenischen Steinbehandlung, +noch dazu in einem felsigen, kaum waldreichen Lande, zur Verwendung +des Holzes zurückkehrte. Die Absicht auf Dauer gehört nicht zu den +Tendenzen seiner Technik. Erst suchte seine Baukunst kleine Aufgaben, +dann hörte sie ganz auf. Vergleicht man sie in ihrem vollen Umfange mit +der Gesamtheit der indischen, ägyptischen oder gar abendländischen, so +ist man über die Geringfügigkeit des Phänomens erstaunt. Mit einigen +Variationen des dorischen Tempeltyps ist sie erschöpft und mit der +Erfindung des korinthischen Kapitäls (um 400) abgeschlossen. Alles +Spätere ist Kombination von Vorhandenem.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p> + +<p>Der Stil — wie die Handschrift — verschweigt nichts. Das antike Sein, +mag man noch so sehr an die Überfülle seiner Vitalität glauben, erhält +sich nur durch eine bewunderungswürdige Weisheit der Beschränkung. +Es hatte seelisch nichts zu verschwenden. Es hält sich an das Jetzt +und Hier der Vordergründe des Lebens, ohne die Fernen von Geburt und +Tod, Vergangenheit und Zukunft, deren Assimilation eine ganz andere +Willenskraft und Stärke des Seelischen voraussetzt, in das Bild der +Welt einzubeziehen, Fernen, an die noch der urhellenische Mythus, +dessen letzte lebendige Spuren man bei Äschylus findet, tiefsinnig +angeknüpft hatte.</p> + +<p>Dies liegt in dem apollinischen Prinzip der <em class="gesperrt">Vereinzelung der +Kunstwerke und Lebensformen</em>. Damit wird die Historie so gut wie +die räumliche Weite abgelehnt. <em class="gesperrt">Ein</em> Tempel, <em class="gesperrt">eine</em> Statue, +<em class="gesperrt">eine</em> Stadt, lauter punktförmige Einheiten, in die das Sein sich +zurückzieht wie die Schnecke in ihr Haus. Jede andre Kultur kennt +politische Fernwirkungen, Kolonien und Kolonialreiche. Aber diese +Hunderte von winzigen Griechenstädten sind ebensoviele politische +Punkte, „wie ein hellenischer Saum — nach Cicero — den Landschaften +der Barbaren angewebt“. Jeder Versuch, eine Einwirkung im Sinne der +Ausbildung eines größeren politischen Organismus auf die Pflanzstädte +auszuüben, führte sofort zu wütenden Kriegen (Korinth und Korkyra um +670). Jeder Tempel mit seiner Priesterschaft bildet ein religiöses +Atom. Man ist auf das Groteske dieser Erscheinung kaum recht aufmerksam +geworden. Narren haben darin die „gesunde Abneigung der Hellenen gegen +den Klerikalismus“ gefunden. Obwohl Apollo und Athene dem Namen nach +allgemein hellenische Gottheiten sind, besitzen sie keinen allgemeinen +Kultus. Man lasse sich nicht durch die Dichtung täuschen. Die großen +Götternamen waren bis zu einem gewissen Grade (durchaus nicht ganz) +Gemeingut, aber das mit dem Worte Apollo bezeichnete <i>numen</i> war +an jedem Orte etwas Selbständiges. Die Zeusheiligtümer von Dodona, +Olympia und andern Orten sind ohne jede Verbindung miteinander und +ebenso die Tempel verschiedener Götter in derselben Stadt. Von einer +religiösen Gemeinschaft im Sinne der Priesterschaft des Ra, der +Mithrasreligion, der altpersischen, altchristlichen Gemeinschaften +oder der Sekten<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> des Islam und des Protestantismus ist selbst bei den +Orphikern und im Pythagoräerbunde nicht die Rede. Aber eben das ist +auch der Grundzug der attischen Plastik, der frei im Raum stehenden, +vollkommen beziehungslosen Statue. Und er wiederholt sich in jedem +antiken Stadtbilde. Keine großgedachten Straßenzüge, kein planmäßig +ausgebauter Platz; ein wirres Durcheinander von Gebäuden und Bildwerken +auf der Akropolis wie in den Weihbezirken von Delphi und Olympia, bis +der großstädtische Hellenismus an der Nachahmung orientalischer, von +einem Gesamtgeist <em class="gesperrt">geregelter</em> Stadtpläne Geschmack fand.</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">Organismus</em> historischer Stilfolgen wird nun übersehbar +geworden sein. Stile folgen nicht aufeinander wie Wellen und +Pulsschläge. Mit der Persönlichkeit einzelner Künstler, ihrem Willen +und Bewußtsein haben sie nichts zu schaffen. Im Gegenteil, das +Medium des Stils liegt seinerseits dem Phänomen der künstlerischen +Individualität a priori zugrunde. Der Stil ist wie die Kultur ein +Urphänomen im strengsten Sinne Goethes, sei es der Stil von Künsten, +staatlichen Bildungen, Gedanken, Gefühlen, Ausdrucksformen des +religiösen Bewußtseins oder einer andern Gruppe von Wirklichkeiten. +So gut „Natur“ ein immer neues Erlebnis des Menschen ist, als der +umfassende Ausdruck der augenblicklichen Beschaffenheit seines Werdens, +als sein <i>alter ego</i> und Spiegelbild, so der Stil. Deshalb kann es +im historischen Gesamtbilde einer Kultur nur einen, <em class="gesperrt">den Stil dieser +Kultur</em> geben. Es war falsch, bloße Stilphasen, wie Romanik, Gotik, +Barock, Rokoko, Empire als Stile zu unterscheiden und mit Einheiten +von ganz anderem Range wie dem ägyptischen, dorischen oder maurischen +Stil oder gar einem „prähistorischen Stil“ gleichzusetzen. Gotik und +Barock: das ist Jugend und Alter desselben Inbegriffs von Formen, +der reifende und der gereifte Stil des Abendlandes. Es fehlt unsrer +Ästhetik in diesem Punkte an Distanz, an der Unbefangenheit des Blickes +und dem guten Willen zur Abstraktion. Man hat es sich bequem gemacht +und alle stark empfundenen Formdifferenzen unterschiedslos als „Stile“ +aufgereiht. Daß auch hier das Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit den +Blick endgültig verwirrte, braucht kaum erwähnt zu werden. In der Tat +steht selbst ein Meisterwerk der strengsten Renaissance wie der Hof des +Palazzo Farnese, der<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> Vorhalle von St. Patroklus in Soest, dem Innern +des Magdeburger Doms und den Treppenhäusern süddeutscher Schlösser +des 18. Jahrhunderts unendlich viel näher als dem Tempel von Pästum +oder dem Erechtheion. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen Dorik und +Ionik. Deshalb kann die ionische Säule mit dorischen Bauformen eine +ebenso vollkommene Verbindung eingehen wie Spätgotik und frühes Barock +in St. Lorenz zu Nürnberg oder späte Romanik mit spätem Barock in dem +schönen Oberteil des Mainzer Westchores. Deshalb hat unser Auge noch +kaum gelernt, im ägyptischen Stil die der dorisch-gotischen Jugend und +dem ionisch-barocken Alter entsprechenden Elemente des Alten und des +Mittleren Reiches zu unterscheiden, die seit der 12. Dynastie sich +in der Formensprache aller größeren Werke mit vollkommener Harmonie +durchdringen.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_13">13</h4> + +</div> + +<p>Der Kunstgeschichte steht die Aufgabe bevor, die vergleichenden +Biographien der großen Stile zu schreiben. Sie haben alle, als +Organismen derselben Gattung, eine Lebensgeschichte von verwandter +Struktur.</p> + +<p>Am Anfang steht der verzagte, demütige, reine Ausdruck einer eben +erwachenden Seele, die noch nach einem Verhältnis zur Welt sucht, +der sie, obwohl einer eigenen Schöpfung, doch fremd und befremdet +gegenüber steht. Es liegt Kinderangst in den Bauten des Bischofs +Bernward von Hildesheim, in der altchristlichen Katakombenmalerei +und den Pfeilersälen vom Anfang der 4. Dynastie. Ein Vorfrühling +der Kunst, ein tiefes Ahnen künftiger Gestaltenfülle, eine mächtige +verhaltene Spannung liegt über der Landschaft, die sich, noch ganz +bäuerlich, mit den ersten Burgen und kleinen Städten schmückt. Dann +folgt der jauchzende Aufschwung in der hohen Gotik, den Hochreliefs +der konstantinischen Zeit mit ihren Säulenbasiliken und Kuppelkirchen +und den reliefgeschmückten Tempeln der 5. Dynastie. Man begreift das +Sein; der Glanz einer vollkommen gemeisterten wunderbaren Formensprache +breitet sich aus und der Stil reift zu einer majestätischen Symbolik +der Tiefe und des Schicksals heran. Aber der jugendliche Rausch geht +zu<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Ende. Aus der Seele selbst erhebt sich Widerspruch. Renaissance, +dionysisch-musikalische Feindschaft gegen die apollinische Dorik, der +ägyptisierende Stil im Byzanz von 450 gegenüber der heiter-lässigen +antiochenischen Kunst bedeuten eine Phase der Auflehnung und versuchten +oder erreichten Zerstörung des Erworbenen, deren sehr schwierige +Erörterung hier nicht am Platze ist.</p> + +<p>Damit tritt das Mannesalter des Seelentums in Erscheinung. Die +Kultur wird zum Geiste der großen Städte, die jetzt die Landschaft +beherrschen; sie durchgeistigt auch den Stil. Die erhabene Symbolik +verblaßt; das Ungestüm übermenschlicher Formen geht zu Ende; mildere +weltlichere Künste verdrängen die große Kunst des gewachsenen Steins; +selbst in Ägypten wagen Plastik und Fresko sich etwas leichter zu +bewegen. Der <em class="gesperrt">Künstler</em> erscheint. Er „entwirft“ jetzt, was bis +dahin aus dem Boden wuchs. Noch einmal steht das Dasein, das bewußt +gewordne, vom Ländlich-Traumhaften und Mystischen gelöst, fragwürdig +da und ringt nach einem Ausdruck seiner neuen Bestimmung: zu Beginn +des Barock, wo Michelangelo in wildem Unbefriedigtsein und sich gegen +die Schranken seiner Kunst bäumend die Peterskuppel auftürmt, zur Zeit +Justinians I., wo seit 520 die Hagia Sophia und die mosaikgeschmückten +Kuppelbasiliken von Ravenna entstehen, im Ägypten der Zeit vor 2000 +und um 600 in Hellas, wo viel später noch Äschylus verrät, was +eine hellenische Architektur in dieser entscheidenden Epoche hätte +ausdrücken können und müssen.</p> + +<p>Dann erscheinen die leuchtenden Herbsttage des Stils: noch einmal +malt sich in ihm das Glück der Seele, die sich ihrer letzten +Vollkommenheit bewußt wird. Die „Rückkehr zur Natur“, damals schon als +nahe Notwendigkeit von Denkern und Dichtern, von Rousseau, Gorgias +und den „Gleichzeitigen“ der andern Kulturen gefühlt und angekündigt, +verrät sich in der Formenwelt der Künste als empfindsame Sehnsucht und +Ahnung des Endes. Hellste Geistigkeit, heitre Urbanität und Wehmut +eines Abschiednehmens: von diesen letzten farbigen Jahrzehnten der +Kultur hat Talleyrand später gesagt: „<i>Qui n’a pas vécu avant 1789, +ne connait pas la douceur de vivre.</i>“ So erscheint die freie, +sonnige, raffinierte Kunst zur Zeit der Sesostris und<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Amenemhet +(nach 2000). Dieselben kurzen Momente gesättigten Glücks tauchen auf, +als unter Perikles die bunte Pracht der Akropolis und die Werke des +Phidias und Praxiteles entstanden. Wir finden sie ein Jahrtausend +später zur Abassidenzeit in der heitern Märchenwelt maurischer Bauten +mit ihren fragilen Säulen und Hufeisenbögen, die sich im Leuchten der +Arabesken und Stalaktiten in die Luft auflösen möchten, und wieder +ein Jahrtausend darauf in der Kammermusik Haydns und Mozarts, den +Schäfergruppen von Meißner Porzellan, den Bildern Watteaus und Guardis +und den Werken deutscher Baumeister in Dresden, Potsdam, Würzburg und +Wien.</p> + +<p>Dann erlischt der Stil. Auf die bis zum äußersten Grade durchgeistigte, +zerbrechliche, der Selbstvernichtung nahe Formensprache des Erechtheion +und des Dresdner Zwingers folgt ein matter und greisenhafter +Klassizismus, in hellenistischen Großstädten ebenso wie im Byzanz von +900 und im Empire des Nordens. Ein Hindämmern in leeren, ererbten, in +archaistischer oder eklektischer Weise vorübergehend wieder belebten +Formen ist das Ende. Gewaltsam in Szene gesetzte „Stile“ und exotische +Entlehnungen sollen den Mangel an Schicksal, an innerer Notwendigkeit +ersetzen. Halber Ernst und fragwürdige Echtheit beherrschen das +Künstlertum. In diesem Falle befinden wir uns heute. Es ist ein +langes Spielen mit toten Formen, an denen man sich die Illusion einer +lebendigen Kunst erhalten möchte.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_14">14</h4> + +</div> + +<p>Erst wenn man sich von der Täuschung jener antiken Kruste befreit hat, +die mit einer solchen archaistischen und eklektischen Fortsetzung +innerlich längst erstorbener Kunstübungen den jungen Orient in der +Kaiserzeit überlagert; wenn man in der altchristlichen Kunst und in +allem, was in der spätrömischen wirklich lebendig ist, die Frühzeit +des <em class="gesperrt">arabischen</em> Stils erkannt hat; wenn man in der Epoche +Justinians I. das genaue Seitenstück des spanisch-venezianischen Barock +wiederfindet, wie es unter den großen Habsburgern Karl V. und Philipp +II. Europa beherrschte; in den Palästen von Byzanz mit ihren mächtigen +Schlachtenbildern und Prunkszenen, deren längst<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> untergegangene +Pracht höfische Literaten wie Prokop von Cäsarea in euphuistisch +schwülstigen Reden und Versen feiern, Madrid, Rubens und Tintoretto; +erst dann gewinnt das bisher als Einheit nicht begriffene Phänomen der +arabischen Kunst — das volle erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung +umfassend — Gestalt. Da es an entscheidender Stelle im Bilde der +Gesamtkunstgeschichte steht, so hat das bisher waltende Mißverständnis +die Erkenntnis der organischen Zusammenhänge überhaupt verhindert.</p> + +<p>Merkwürdig und für den, der hier einen Blick für bisher unbekannte +Dinge gewonnen hat, ergreifend ist es zu sehen, wie diese junge Seele, +vom Geist der antiken Zivilisation in Fesseln gehalten, unter den +Eindrücken vor allem der politischen Allmacht Roms es nicht wagte, +sich frei zu regen, wie sie demütig sich veralteten und fremden Formen +unterwarf und sich mit griechischer Sprache, griechischen Ideen und +Kunstelementen zu bescheiden suchte. Die inbrünstige Hingabe an die +Mächte der jungen Tageswelt, wie sie die Jugend <em class="gesperrt">jeder</em> Kultur +bezeichnet, die Demut des gotischen Menschen in seinen frommen, +hochgewölbten Räumen mit den Pfeilerstatuen und lichterfüllten +Glasgemälden, die hohe Spannung der ägyptischen Seele inmitten ihrer +Welt der Pyramiden, Lotossäulen und Reliefsäle am Nil mischt sich +<em class="gesperrt">hier</em> mit einem geistigen Niederknien vor erstorbenen Formen, die +man für ewig hielt. Daß ihre Herübernahme und Weiterbildung trotzdem +nicht gelang, daß wider Willen und unvermerkt, ohne den Stolz der +Gotik auf das Eigne, das man hier, im Syrien der Kaiserzeit, fast +beklagte und als Verfall empfand, eine geschlossene neue Formenwelt +emporstieg und mit ihrem Geiste — unter der Maske griechisch-römischer +Baugewohnheiten — selbst Rom erfüllte, wo <em class="gesperrt">syrische</em> Meister am +Pantheon und den Kaiserforen arbeiteten, das beweist wie kein zweites +Beispiel die Urkraft eines jungen Seelentums, das seine Welt erst noch +zu erobern hat.</p> + +<p>Die Seelengeschichte dieser Frühzeit erzählt die Basilika, der Typus +der morgenländischen Kirche, von ihrer heute noch rätselhaften +Abkunft aus späthellenistischen Formen bis zu ihrer Vollendung im +Zentralkuppelbau der Hagia Sophia. Sie ist von Anfang an, und darin +liegt das magische Weltgefühl, als <em class="gesperrt">Innenraum</em><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> gedacht. Der +antike Tempel war bis zuletzt ein <em class="gesperrt">Körper</em>. Aber man kann +diese früharabische Kunst nicht verstehen, wenn man sie, wie es +heute geschieht, durchaus als altchristliche behandelt und auf die +produktiven Grenzen dieser Glaubensgemeinschaft beschränkt. Man müßte +dann auch die Kunst des Mithras-, Isis-, Sonnenkultus, der Synagoge +des Neuplatonismus zunächst für sich, nach Architektur, Symbolik +und Ornament behandeln und dann aus der Gruppe dieser Äußerungen +<em class="gesperrt">eines und desselben</em> Kunstwollens das Früharabische als Einheit +destillieren. Aber die Macht der antiken Vormundschaft hat es beinahe +niemals ganz rein hervortreten lassen. Die frühchristlich-spätantike +Kunst zeigt dieselbe ornamentale und figürliche Mischung von ererbtem +Fremden und eben geborenem Eignen wie die karolingisch-frühromanische. +Dort mischt sich Hellenistisches mit Frühmagischem, hier +Maurisch-Byzantinisches mit Faustischem. Der Forscher muß Linie für +Linie, Ornament für Ornament auf das Formgefühl hin untersuchen, um +die beiden Schichten voneinander zu trennen. In jedem Architrav, +jedem Fries, jedem Kapitäl findet ein heimliches Ringen zwischen dem +gewollten alten und den ungewollten, aber siegreichen neuen Formen +statt. Überall wirkt das Sichdurchdringen späthellenistischen und +früharabischen Formgefühls verwirrend, in den Bildnisbüsten der Stadt +Rom, wo oft nur die Haarbehandlung der neuen Formweise angehört, in den +Akanthusranken oft ein und desselben Frieses, wo die Arbeit des Meißels +und des Tiefbohrers nebeneinander stehen, in den Sarkophagen des 2. +Jahrhunderts, wo eine primitive Stimmung in der Art Giottos und Pisanos +sich mit einem gewissen späten großstädtischen Naturalismus, bei dem +man etwa an David oder Carstens denkt, kreuzt, und in Bauten wie dem +von einem Syrer erbauten Pantheon — der Urmoschee! —, der Basilika +des Maxentius und dem Trajansforum neben manchen noch sehr antik +empfundenen Teilen der Thermen und Kaiserfora, dem Forum des Nerva z. B.</p> + +<p>Trotzdem ist das arabische Seelentum um seine Blüte betrogen worden, +wie ein junger Baum, den ein gestürzter Urwaldstamm im Wachsen hindert +und verkümmern läßt. Hier findet sich keine leuchtende Epoche, die als +solche gefühlt und erlebt wurde wie damals, als mit den Kreuzzügen +zugleich die<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Holzdecken der Dome sich zu Kreuzgewölben schlossen und +die Idee des unendlichen Raumes durch ihr Inneres verwirklicht und +vollendet wurde. Die politische Schöpfung Diokletians — des ersten +Kalifen — wurde durch die Tatsache in ihrer Schönheit gebrochen, daß +es die ganze Masse stadtrömischer Verwaltungspraktiken war, die er, +auf antikem Boden, als gegeben anerkennen mußte und die sein Werk zu +einer bloßen Reform verjährter Zustände herabsetzte. Und doch tritt +mit ihm die Idee des arabischen Staates ans Licht. Erst aus ihm und +dem politischen Typus des eben damals entstandenen Sassanidenreiches +zusammen läßt sich das Ideal ahnen, das hier zur Entfaltung hätte +kommen sollen. Und so war es überall. Man hat bis zum heutigen Tage +als letzte Schöpfungen der Antike bewundert, was sich selbst nicht +anders aufgefaßt wissen wollte: Das Denken Plotins und Mark Aurels, +die Kulte der Isis, des Mithras, des Sonnengottes, die diophantische +Mathematik und die gesamte Kunst, welche die Renaissance nachher unter +Ausscheidung alles echt Griechischen als „antik“ wieder aufleben läßt.</p> + +<p>Dies allein erklärt die ungeheure Vehemenz, mit welcher die durch +den Islam endlich befreite und entfesselte arabische Kultur sich auf +alle Länder warf, die ihr seit Jahrhunderten innerlich zugehörten, +das Zeichen einer Seele, die fühlt, daß sie keine Zeit zu verlieren +hat, die voller Angst die ersten Spuren des Alters bemerkt, bevor sie +eine Jugend hatte. Diese Befreiung des magischen Menschentums ist ohne +Gleichen. Syrien wird 634 erobert, man möchte sagen <em class="gesperrt">erlöst</em>, +Damaskus 635, Ktesiphon 637. 641 wird Ägypten und Indien erreicht, +647 Karthago, 676 Samarkand, 710 Spanien; 732 stehen die Araber vor +Paris. So drängt sich hier in der Hast weniger Jahre die ganze Summe +aufgesparter Leidenschaft, verspäteter Schöpfungen, zurückgehaltener +Taten zusammen, mit denen andre Kulturen, langsam aufsteigend, die +Geschichte von Jahrhunderten füllen konnten. Die Kreuzfahrer vor +Jerusalem, die Hohenstaufen in Sizilien, die Hansa in der Ostsee, +die Ordensritter im slawischen Osten, die Spanier in Amerika, die +Portugiesen in Ostindien, das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht +unterging, die Anfänge der englischen Kolonialmacht unter Cromwell +— das alles sammelt<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> sich in der <em class="gesperrt">einen</em> Entladung, welche die +Araber nach Spanien, Frankreich, Indien und Turkestan führte.</p> + +<p>Es ist wahr: Alle Kulturen mit Ausnahme der ägyptischen und vielleicht +der chinesischen haben unter der Vormundschaft älterer Kultureindrücke +gestanden; fremde Elemente erscheinen in jeder dieser Formenwelten. +Die faustische Seele der Gotik, schon durch die arabische Herkunft des +Christentums in der Richtung ihrer Ehrfurcht geleitet, griff nach dem +reichen Schatz spätarabischer Kunst. Das Arabeskenwerk einer unleugbar +südlichen, ich möchte sagen <em class="gesperrt">Arabergotik</em> umspinnt die Fassaden +der Kathedralen von Burgund und der Provence, beherrscht die Sprache +des Straßburger Münsters mit einer Magie in Stein und führt überall, an +Statuen und Portalen, in Gewebemustern, Schnitzereien, Metallarbeiten, +nicht zum wenigsten in den krausen Figuren des scholastischen Denkens +und einem der höchsten abendländischen Symbole, der Sage vom heiligen +Gral,<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a> einen stillen Kampf mit dem nordischen Urgefühl einer +<em class="gesperrt">Wikingergotik</em>, wie sie im Innern des Magdeburger Domes, der +Spitze des Freiburger Münsters und der Mystik Meister Eckarts herrscht. +Der Spitzbogen droht mehr als einmal seine bindende Linie zu sprengen +und in den Hufeisenbogen maurisch-normannischer Bauten überzugehen.</p> + +<p>Die apollinische Kunst der dorischen Frühzeit, deren erste Intentionen +fast verschollen sind, hat ohne Zweifel ägyptische Formen wie den Typus +der frontalen Statue und das Motiv der Säulenreihe herübergenommen, um +an ihnen zu einer eignen Symbolik zu gelangen. Nur die magische Seele +wagte es nicht, die Mittel sich anzueignen, ohne sich ihnen hinzugeben, +und das macht die Psychologie des arabischen Stils so unendlich +aufschlußreich.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Seele_15">15</h4> + +</div> + +<p>So erwächst aus der Idee des Makrokosmos, die im Stilproblem +vereinfacht und faßlicher vor Augen tritt, eine Fülle von Aufgaben, +deren Behandlung der Zukunft angehört. Die<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> Formenwelt der Künste für +eine Durchdringung des Seelischen nutzbar zu machen, indem man sie +durchaus physiognomisch und symbolisch auffaßt, ist ein Unternehmen, +dessen bisher gewagte Versuche von unverkennbarer Dürftigkeit sind. +Man weiß nichts von einer wirklichen Psychologie der architektonischen +Grundformen. Man ahnt nicht, welche Aufschlüsse in dem Bedeutungswandel +liegen, den eine solche Form bei der Übernahme durch eine andere +Kultur erfährt. Die Seelengeschichte der Säule ist noch nie erzählt +worden. Man hat keinen Begriff von der Tiefe einer Symbolik der +Kunst<em class="gesperrt">mittel</em>, der Kunstwerkzeuge. Ich deute hier nur einzelnes +an, um diese Fragen einer späteren Erörterung vorzubehalten.</p> + +<p>Da sind die Mosaiken, die in hellenischer Zeit, aus Marmorstücken, +undurchsichtig, leibhaft-euklidisch gebildet, wie die berühmte +Alexanderschlacht in Neapel den Fußboden verzierten, die aber mit dem +Erwachen der arabischen Seele, nunmehr aus Glasstiften zusammengesetzt +und mit einer Unterlage von Goldschmelz, die Wände und Decken der +Kuppelbasiliken gleichsam verhüllen. Diese früharabische, von Syrien +ausgehende Mosaikmalerei entspricht durchaus der Stufe nach den +Glasgemälden gotischer Dome; es sind zwei frühe Künste im Dienste der +religiösen Architektur. Die eine weitet den Kirchenraum durch das +einströmende Licht zum Weltraum, die andere verwandelt ihn in jene +magische Sphäre, deren Goldflimmer aus der irdischen Wirklichkeit +zu den Visionen Plotins, des Origenes, der Manichäer, Gnostiker und +Kirchenväter und der apokalyptischen Dichtungen — von der des Johannes +bis zu der des Styliten Ephraim im 4. Jahrhundert — entrückt.</p> + +<p>Da ist das prachtvolle Motiv der <em class="gesperrt">Verbindung des Rundbogens mit +der Säule</em>, ebenfalls eine <em class="gesperrt">syrische</em> Schöpfung des 3. — +„hochgotischen“ — Jahrhunderts. Die eminente Bedeutung dieses +<em class="gesperrt">spezifisch magischen</em> Motivs, das allgemein als antik gilt und +für die meisten die Antike geradezu repräsentiert, ist bisher nicht im +entferntesten erkannt worden. Der Ägypter hatte seine Pflanzensäulen +ohne tiefere Beziehung zur Decke gelassen. Sie repräsentierten das +Wachstum, nicht die Kraft. Die Antike, für welche die monolithe Säule +das stärkste Symbol euklidischen Daseins war, ganz Körper, ganz +Einheit und Ruhe, verband sie in strengem Gleichmaß von Vertikale +und Horizontale, von Kraft und Last, mit dem Architrav. Hier<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> aber +— das von der Renaissance mit tragikomischem Irrtum als echt antik +<em class="gesperrt">bevorzugte</em> Motiv, das die Antike gar nicht besaß und nicht +<em class="gesperrt">besitzen konnte</em>! — wächst unter Verleugnung des stofflichen +Prinzips der Last und Trägheit der lichte Bogen aus schlanken Säulen +auf; die hier verwirklichte Idee der Lösung von aller Erdenschwere +ist mit der gleichzeitigen der frei über dem Boden schwebenden Kuppel +aufs tiefste verwandt, ein magisches Motiv von stärkster Kraft des +Ausdrucks, das seine Vollendung folgerichtig im maurischen „Rokoko“ +der Moscheen, z. B. der von Cordova fand, wo überirdisch zarte Säulen, +oft ohne Basis aus dem Boden wachsend, nur durch einen geheimen +Zauber fähig erscheinen, diese ganze Welt zahlloser gekerbter Bögen, +leuchtender Ornamente, Stalaktiten und farbensatter Gewölbe zu tragen. +Man kann, um die ganze Bedeutung dieser architektonischen Grundform der +arabischen Kunst herauszuheben, die Verbindung von Säule und Architrav +das apollinische, die von Säule und Rundbogen das magische, die von +Pfeiler und Spitzbogen das faustische Leitmotiv nennen.</p> + +<p>Nehmen wir ferner die Geschichte des Akanthusmotivs. In der Form, +wie es z. B. am Lysistratesdenkmal erscheint, ist es eines der +bezeichnendsten der antiken Ornamentik. Es hat Körper. Es bleibt +Einzelding. Es ist mit <em class="gesperrt">einem</em> Blick in seiner Struktur zu +erfassen. Schon in der Kunst der römischen Kaiserfora (des Nerva, +des Trajan), am Mars-Ultortempel erscheint es schwerer und reicher. +Die organische Gliederung wird so kompliziert, daß sie in der Regel +studiert sein will. Die Tendenz, die Fläche zu <em class="gesperrt">füllen</em>, +tritt hervor. In der byzantinischen Kunst — von deren „latentem +sarazenischem Zuge“ schon A. Riegl spricht, ohne den hier aufgedeckten +Zusammenhang zu ahnen — wird das Akanthusblatt in ein unendliches +Rankenwerk zerlegt, das wie in der Hagia Sophia völlig unorganisch +ganze Flächen deckt und überzieht. Zu dem antiken Motiv treten +die ursemitischen des Weinlaubs und der Palmette, die schon im +altjüdischen Ornament eine Rolle spielen. Die Flechtbandmuster +„spätrömischer“ Mosaikfußböden und Sarkophagkanten, auch geometrische +Flächenmuster werden aufgenommen und endlich entsteht in Syrien und +dem Sassanidenreich bei steigender Bewegtheit und verwirrender Wirkung +die <em class="gesperrt">Arabeske</em>. Sie ist, antiplastisch<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> bis zum Äußersten, das +eigentlich magische Motiv. Selbst unkörperlich, entkörpert sie den +Gegenstand, den sie in endloser Fülle überzieht. Ein Meisterwerk dieser +Art, ein Stück Architektur, das völlig der Ornamentik unterworfen ist, +stellt die Fassade des von den Ghazaniden erbauten Wüstenschlosses +M’schatta (jetzt in Berlin) dar. Die über das ganze Abendland +verbreitete und das Karolingerreich völlig beherrschende Kunst +byzantinisch-islamitischen Stils wird größtenteils von orientalischen +Künstlern gepflegt oder als Ware importiert. Ravenna, Lucca, Venedig, +Granada sind die Wirkungszentren dieser damals hochzivilisierten +Formensprache, die in Italien noch um 1000 ausschließlich galt, als im +Norden die Formen einer neuen Kultur schon fertig und gefestigt waren.</p> + +<p>Endlich die veränderte plastische Auffassung des menschlichen Körpers. +Sie erfährt mit dem Siege des arabischen Weltgefühls eine völlige +Umkehrung. Fast in jedem Römerkopfe der vatikanischen Sammlung, der +zwischen 100 und 250 entstanden ist, läßt sich der Gegensatz von +apollinischem und magischem Gefühl, zwischen der Fundamentierung +des Ausdruckes in der Lagerung der Muskelpartien oder im „Blick“ +feststellen. Man arbeitet — in Rom selbst seit Hadrian — vielfach +mit dem Steinbohrer, einem Werkzeug, das dem euklidischen Gefühl dem +Stein gegenüber völlig widerspricht. Das Körperhafte, Stoffliche des +Marmorblocks wird durch die Arbeit mit dem Meißel, der die Grenzflächen +heraushebt, bejaht, durch den Bohrer, der die Flächen bricht und damit +Helldunkelwirkungen schafft, verneint. Dementsprechend erlischt, +gleichviel ob bei „heidnischen“ oder christlichen Künstlern, der Sinn +für die Erscheinung des nackten Körpers. Man betrachte die flachen und +leeren Antinousstatuen, die doch entschieden antik gemeint waren. Hier +ist nur der Kopf physiognomisch bemerkenswert, was in der attischen +Plastik nie der Fall ist. Die Gewandung erhält einen ganz neuen Sinn, +der die Erscheinung schlechthin beherrscht. Die Konsularstatuen auf +dem Kapitol sind vorzügliche Beispiele. Durch die gebohrten Pupillen +der ins Weite gerichteten Augen wird der gesamte Ausdruck dem Körper +entzogen und in jenes „pneumatische“, magische Prinzip gelegt, das der +Neuplatonismus und die Beschlüsse der christlichen Konzilien nicht +weniger als die Mithrasreligion und der stadtrömische Isiskult im +Menschen voraussetzen.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> Wir wissen heute, daß der Dichter dieser Iliaspartie +mykenische Kunstwerke vor Augen hatte, deren Sinn er vielfach falsch +verstand.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> So wirkt die Angst noch in späten Zuständen. Alle +furchtsamen Menschen sind konventionell. Alle sozialen Konventionen +repräsentieren die Furcht eines Standes vor dem Unvorhergesehenen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Auch die sozialen Konventionen spätester Zeiten haben +den Charakter eines Opfers nicht ganz verloren. In der französischen +Verfassungsgeschichte seit 1789 liegt ein Schatten der Fabel vom Ring +des Polykrates.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> Die syrischen Sonnenkulte gehören wie der Mithras- und +Serapiskult neben dem Urchristentum zu den früharabischen Religionen +magischen Stils. Außer dem Tempel von Baalbek, der trotz völlig antiker +Details mit seinen Innenhöfen als Ganzes einen neuen Baugedanken, ein +neues Weltgefühl ausdrückt, hatten auch das Serapeion zu Milet und die +große Synagoge zu Alexandria eine hohe formale Verwandtschaft mit dem +altchristlichen Basilikentypus.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> Es steht mir außer Zweifel, daß die Griechen, als +sie vom Antentempel zum Peripteros kamen, zur selben Zeit, wo die +Rundplastik sich ebenfalls an unzweifelhaft ägyptischen Vorbildern +vom Reliefmäßigen emanzipierte (Apoll von Tenea), unter dem mächtigen +Eindruck ägyptischer Säulen<em class="gesperrt">reihen</em> standen. Das läßt die Tatsache +unberührt, daß das Motiv der antiken Säule und die antike Verwendung +des Reihenprinzips etwas vollkommen Selbständiges sind.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Die Klarheit in der Anlage der ägyptischen und +abendländischen Geschichte gestattet einen bis ins einzelne gehenden +Vergleich, der wohl einer kunsthistorischen Untersuchung wert wäre. Die +4. Dynastie des strengen Pyramidenstils (2930–2750, Cheops, Chephren) +entspricht der Romanik und Frühgotik (900–1100); die 5. Dynastie +(2750–2625, Sahu-rê) der Hochgotik (1100 bis 1250); die 6. Dynastie, +die Blütezeit der archaischen Bildniskunst (2625 bis 2475, Phiops I. +und II.) der späten Gotik (1250–1400).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> Wie die vornehme Welt des 18. Jahrhunderts die +vollkommene, leichte und selbstverständliche Beherrschung guter Formen +genoß.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> Die Gralssage enthält neben altkeltischen starke +arabische Gefühlsmomente, aber die Gestalt Parzevals, dort, wo Wolfram +von Eschenbach über sein Vorbild Chrestien hinausgeht, ist rein +faustisch.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="VIERTES_KAPITEL"><span class="s6">VIERTES KAPITEL</span><br> +MUSIK UND PLASTIK</h2> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> + +<h3 id="Viertes_Kapitel_I">I<br> +DIE BILDENDEN KÜNSTE</h3> + +<h4 id="Kuenste_1">1</h4> + +<p>Am Anfang einer Betrachtung, für die nicht Entstehung und Sinn von +Kunstwerken, sondern von Kunstgattungen Problem ist, wird eine +Andeutung dessen notwendig, was unter Kunstform verstanden werden soll, +insofern es sich nämlich nicht um Mittel und Ziele des persönlichen, +bewußten Kunstwollens, sondern um den Drang ganzer Zeitalter handelt, +der sich in <em class="gesperrt">einer</em> Richtung bewegt, die niemand kennt und will +und der jeder Einzelne trotzdem unterworfen ist. Definitionen und +ästhetische Thesen sind hier gleich unzulänglich. Wer auch das Wort +Kunstform gebrauchte, hat nicht hindern können, daß jeder dabei an +etwas anderes dachte. Es gibt ohne Zweifel überall, wo eine lebendige +Kunst ausgeübt wird, eine gewisse Summe formaler Grundsätze, nenne +man sie Kanon, Tradition, Schule, die gelehrt und gelernt werden +kann, deren Beherrschung Meisterschaft verleiht und deren Entwicklung +mancher ausschließlich im Auge hat, wenn er seinem Buche den Titel +Kunstgeschichte gibt. Ästhetik und Philosophie haben sich immer darin +gefallen, dies kommensurable Element in ein System zu bringen.</p> + +<p>Das eigentliche Geheimnis der Form scheint auf diesem Wege aber eher +verfehlt als erreicht. Ein Kunstwerk ist etwas Unendliches. Es enthält +die ganze Welt in sich. Es ist, wenn es überhaupt Bedeutung besitzt und +nicht lediglich ein gewolltes und geleistetes Stück Arbeit darstellt, +ein Mikrokosmos, unerschöpflich im ganzen und begreiflich nur in den +vordersten Einzelheiten. Was man an ihm durch den Verstand erfassen +und also in ein System bringen kann, gehört zur Oberfläche.<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> Wäre es +nicht der eigentliche Sinn der großen Schulen, mit und unter dem Schatz +mitteilbarer Fertigkeiten noch etwas ganz anderes weniger zu vererben +als zu erwecken, so wäre ihre tatsächlich entscheidende Bedeutung — +denn ohne Konvention gibt es keine Kunst — kaum verständlich.</p> + +<p>Eine ganz andre Form, Form der Seele, wenn man das Unbeschreibliche so +bezeichnen darf, steckt in dem, was die Leute „Inhalt“ nennen. „Ich +litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens,“ heißt +es im Wilhelm Meister, in den Bekenntnissen einer schönen Seele. Es +gibt, nicht nur im Bereich der Kunst, Form, die aus der Angst, und +Form, die aus der Sehnsucht stammt. Die eine bannt, indem sie Namen +nennt und Regeln auferlegt, die andere offenbart. Für jene ist die +sinnliche Empfindung Substanz, für diese Medium. Es gibt Künstler, die +nur eine von ihnen in der Gewalt haben. Jean Paul ist arm an Form, +sobald man an die denkt, welche Racine mit Meisterschaft handhabt. Bei +Beethoven droht die eine die andre ständig zu vernichten.</p> + +<p>Es gibt eine stets gewordne, also wirkliche, und eine ewig werdende, +also unwirkliche Form.<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a> Die erste, starre, bedingt das Dasein alles +schon Vollendeten, alles dessen, was im Bereiche der natürlichen Welt +„ist“. Die Grundregeln einer Fuge oder plastischen Gruppe liegen der +<em class="gesperrt">Erscheinung</em> der einzelnen Kunstwerke für das Auge oder Ohr in +genau derselben Art a priori zugrunde, wie Kants Anschauungsformen +und Verstandeskategorien der Erscheinung der natürlichen Dinge. +Diese <em class="gesperrt">elementare</em> Gestalt, der „Körper“ des Werkes, kausalen +Prinzipien — der „künstlerischen Logik“ — unterworfen, durch die +jedes Kunstwerk der Wirklichkeit, dem Inbegriff alles Begrenzten und +Gesetzten angehört, ist wie alles Wirkliche vergänglich. Es gibt +keine „unsterblichen Meisterwerke“. Die letzte Orgel, die letzte +Stradivariusgeige wird endlich einmal zertrümmert sein. Die ganze +Zauberwelt unsrer Sonaten, Trios, Sinfonien, Arien, deren Formensprache +samt der ganzen Fülle eigens für sie erfundener<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> und nur zur +faustischen Seele redender Instrumente erst vor wenigen Jahrhunderten +entstand, für uns und aus uns heraus, wird wieder verstummen und +verschwinden. Denn was wissen wir von der indischen, der chinesischen +Musik und den seelischen Erschütterungen, die ihre Regeln weckten? Die +höchsten Momente Beethovenscher Melodik und Harmonik, für uns, die +Eingeweihten, wundervoll, sind für alle fremden und kommenden Kulturen +ein törichtes Gekrächz, das mit sonderbaren Instrumenten hervorgerufen +wurde. Von den Fresken Polygnots ist nichts geblieben, und das erspart +uns die Notwendigkeit, sie mißzuverstehen. Die Bauten der Maya, +sicherlich Meisterwerke für die Generationen ihrer Erbauer, sind für +uns Kuriositäten, nicht mehr, und dasselbe werden das Straßburger +Münster, der Palazzo Farnese, Radierung, Kupferstich, Reim und Drama +für spätere Menschen sein. Die Leinwand, auf die Rembrandt und Tizian +ihre tiefsten Schöpfungen malten, geht der Vernichtung entgegen, aber +noch früher vielleicht der Rest von Menschen, für die diese Gemälde +mehr als eben bunte Leinwand sind. Was sind für den Fellachen Ägyptens +und den indischen Kuli die Pyramidentempel und die Veden ihrer +Vorfahren? Was wissen wir von der Wirkung griechischer Verse auf die +Menschen ihrer Zeit? Was da vernichtet wird und vernichtet werden kann, +indem es aufhört, für die Seele irgendeines Menschen noch Wirklichkeit +zu sein und Sinn zu haben, ist <em class="gesperrt">gewordene</em> Form.</p> + +<p>Alles dies berührt die andre nicht, die in stetem Werden sich +erschließt, die eigentlich lebendige, die Gestalt der Seele. Auch +ein Kunstwerk hat Seele: es ist das Seelentum überhaupt, jenseits +der Grenze von Raum, Grenze und Zahl. Diese Gestalt bedarf keiner +Wirklichkeit, um zu sein. Sie entsteht und vergeht nicht. Selbst die +verlornen — aus dem sinnlichen, natürlichen Dasein verschwundenen +— Tragödien des Äschylus sind noch, nicht in ihrer geschriebenen +oder gesprochnen Form, nicht als körperhafte Werke, nicht für das +Tagesbewußtsein irgendeines Menschen, aber in einer Wesenheit, die +unzerstörbar ist. Es ist dies ein Mysterium, das alle Worte nur +unzulänglich und falsch ausdrücken können. Deshalb haftet, aus einem +sehr tiefen Zusammenhange, an der körperhaften Erscheinung der +größten Kunstwerke etwas Fragmentarisches, ohne daß die Mehrzahl +der<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Betrachter sich dessen bewußt würde. Nach außen hin, für den +Kunstverstand, für die Sinne, mögen sie vollendet sein, nach innen +sind sie es nie und man fühlt in gewissen Stunden, weshalb es so sein +muß. Das gilt nicht nur von Lionardos Gemälden und Goethes Faust und +Meister; auch Rembrandts Radierungen haben etwas Suchendes, nichts +„Fertiges“; die Musik des Tristan fragt und fragt, ohne zu antworten; +der Hamlet ist nicht weniger Torso als der Sturm und das Wintermärchen; +Kleist hat den Robert Guiskard immer wieder verbrannt und Dostojewski +die Brüder Karamasow und Raskolnikow unvollendet gelassen, im sichren +Bewußtsein der Unzulänglichkeit <em class="gesperrt">jeder</em> Verwirklichung der +Idee. Von allen Künstlern und Dichtern, die über ihre Wirksamkeit +Rechenschaft ablegten, wissen und sehen wir, wie vieles Entwurf und +Idee — innere Gestalt — blieb, nur weil die Möglichkeit einer +wirklichen, natürlichen, äußeren Form nicht erschien. Fertig zu +werden, vollkommen abgeschlossen und beendet, nicht nur geendet zu +sein, ist das Kennzeichen von Werken geringeren Ranges; eine Sache +der Übung, der Erfahrung, des spezifischen Talents. Diese Form ruft +den Typus des Virtuosen und den des Kenners hervor. Die andre ist +ein mystisches Erlebnis, über das weder der echte Künstler noch der, +für den er schafft, Gewalt hat. Der letztere vollendet <em class="gesperrt">sich</em>, +der erstere vollendet <em class="gesperrt">seine Werke</em>. In den Händen des einen +erfahren die technischen Mittel, die sich eine Kultur gewählt hat, ihre +höchste Vervollkommnung; der andre ist selbst Mittel in den Händen des +Schicksals einer Kultur.</p> + +<p>Was Sätze nicht deutlicher sagen können, mag vielleicht so +versinnbildlicht werden:</p> + +<figure class="figcenter illowe30" id="p301_schema"> + <img class="w100" src="images/p301_schema.jpg" alt="Schema zur Einheit von + Dasein, Kunst und Künstler"> +</figure> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_2">2</h4> + +</div> + +<p>Das Weltgefühl des höheren Menschen hat seinen symbolischen Ausdruck, +wenn man von den mathematischen und physikalischen Vorstellungskreisen +absieht, am deutlichsten in den bildenden Künsten gefunden, deren +es unzählige gibt. Auch die Musik gehört dazu und hätte man ihre +sehr verschiedenen Arten in die abstrakten Erwägungen über den +Gang der Kunstgeschichte einbezogen, anstatt sie vom Gebiet der +malerisch-plastischen Künste zu trennen, so wäre man im Verstehen +dessen, um was es sich in dieser Entwicklung auf ein Ziel hin überhaupt +handelt, sehr viel weiter gekommen. Aber man wird den Gestaltungsdrang, +der hier seiner selbst unbewußt am Werke ist, niemals begreifen, wenn +man die Unterscheidung optischer und akustischer Mittel für mehr +als äußerlich hält. Das ist es <em class="gesperrt">nicht</em>, was Künste voneinander +scheidet. Die Kunst des Auges und Ohres — damit ist gar nichts gesagt. +Die physiologischen Bedingungen des Ausdrucks, der Empfängnis, der +Vermittlung hat nur das 19. Jahrhundert überschätzen können. So wenig +ein Bild von Lorrain und Watteau sich im eigentlichen Sinne an das +leibliche Auge wendet, so wenig die Musik seit Bach an das leibliche +Ohr. Das antike Verhältnis zwischen Kunstwerk und Sinnesorgan, an das +hier immer, und zwar durchaus nicht in richtiger Weise gedacht wird, +ist ein ganz anderes, viel einfacheres und stofflicheres als das +unsrige. Wir <em class="gesperrt">lesen</em> Othello und Faust, wir studieren Partituren, +um den Geist dieser Werke ganz rein auf uns wirken zu lassen. Hier wird +von den äußeren<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Sinnen immer an den inneren, die Einbildungskraft +appelliert. Der unendliche Szenenwechsel gegenüber der antiken Einheit +des Ortes ist nur so zu verstehen. Im extremen Falle, wie gerade beim +Faust, ist eine den Gehalt des Ganzen erschöpfende, reale Wiedergabe +gar nicht möglich. Aber auch in der Musik, bei Mozart, bei Beethoven, +bei Wagner erleben wir <em class="gesperrt">hinter</em> dem sinnlichen Eindruck eine ganze +Welt andrer, in der erst alle Fülle und Tiefe zum Vorschein kommt +und über die sich nur in übertragenen Bildern — denn die Harmonik +zaubert uns da blonde, braune, düstre, goldige Farben, Dämmerungen, +Gipfelreihen ferner Gebirge, Gewitter, Frühlingslandschaften, +versunkene Städte, seltsame Gesichter hin — reden läßt. Es ist kein +Zufall, daß Beethoven seine letzten Werke geschrieben hat, als er taub +war. Damit hatte sich gleichsam die letzte Fessel gelöst. Für diese +Musik ist Sehen und Hören <em class="gesperrt">gleichmäßig</em> eine Brücke zur Seele, +nicht mehr. Dem Griechen ist diese visionäre Art des Kunstgenießens +ganz fremd. Er <em class="gesperrt">betastet</em> den Marmor mit dem Auge. Auge und Ohr +sind für ihn Empfänger des <em class="gesperrt">ganzen</em> gewollten Eindrucks. Uns waren +sie es schon in der Gotik nicht mehr.</p> + +<p>In Wirklichkeit sind Töne etwas Zahlenmäßiges so gut wie Linien; +Harmonien, Melodien, Reime, Rhythmen, so gut wie Perspektive, +Proportion, Schatten und Kontur. Der Abstand zwischen zwei Arten +von Malerei kann unendlich viel größer sein als der zwischen einer +gleichzeitigen Malerei und Musik. Gegenüber einer Statue des Myron +gehören eine Landschaft von Rembrandt und die Pastoralsinfonie von +Beethoven zu ein und derselben Kunst. Ihre <em class="gesperrt">innere</em> Formensprache +ist in dem Grade identisch, daß der Unterschied optischer und +akustischer Mittel dagegen verschwindet.</p> + +<p>Der Wert, welchen die Kunstwissenschaft von jeher auf eine reinliche +begriffliche Abgrenzung der einzelnen Kunstgebiete gelegt hat, beweist +lediglich, daß man in die Tiefe des Problems nicht eingedrungen ist. +Vor allem hat die Pedanterie der Systematiker und das oberflächliche +Bedürfnis nach bequemer Einteilung den Erfolg kunstphilosophischer +Arbeiten verdorben. Nach den alleräußerlichsten Kunstmitteln das +unendliche Gebiet in vermeintlich stationäre Einzelkünste — mit +unwandelbaren<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> Formprinzipien! — aufzulösen, das war immer der erste +Schritt. Man trennte Musik und Malerei, Musik und Drama, Malerei und +Plastik; dann definierte man „die“ Malerei, „die“ Plastik, „die“ +Tragödie. Aber das greifbare Resultat technischer Ausdrucksmittel ist +nicht viel mehr als die <em class="gesperrt">Maske</em> des eigentlichen Werkes. Stil ist +nicht, wie der flache Semper — ein echter Zeitgenosse Darwins und des +Materialismus — meinte, das Produkt von Material, Technik und Zweck. +Er ist im Gegenteil das, was dem Kunstverstand gar nicht zugänglich +ist, ein Schicksal, eine Atmosphäre des Geistigen. Er hat mit den +materiellen Grenzen der Einzelkünste nicht das geringste zu schaffen.</p> + +<p>Eine Einteilung der Künste nach Konventionen rein technischer Art +zugrunde legen, heißt also, das Problem der Form von vornherein +verderben. Wie konnte man „die Plastik“ a priori als Gattung ansetzen +und aus ihr allgemeine Grundgesetze entwickeln wollen? Was ist +„Plastik?“ Was unterscheidet sie von einem gemalten Relief? <em class="gesperrt">Die</em> +Malerei — das gibt es nicht. Wer nicht fühlt, daß Handzeichnungen von +Raffael und Tizian, von denen der eine mit Umrissen, der andre mit +Licht- und Schattenflecken arbeitet, zu zwei verschiedenen Künsten +gehörten, daß die Kunst Giottos oder Mantegnas und die Vermeers oder +Van Goyens kaum etwas miteinander zu tun haben, daß der eine mit +dem Pinselstreich eine Art Relief, der andre eine Art Musik auf der +farbigen Fläche ins Leben rief, während ein Fresko Polygnots und ein +ravennatisches Mosaikgemälde nicht einmal durch das Werkzeug der +Gattung eingefügt werden können, der wird die tieferen Fragen nie +begreifen. Die Ölmalerei und Instrumentalmusik von 1720 sind der innern +Gestalt, dem Formgefühl nach beinahe identisch. Watteau gehört zu +Couperin und Ph. Em. Bach, nicht zu Raffael. Und was hat eine Radierung +Rembrandts mit der Kunst Fra Angelicos, was ein proto-korinthisches +Vasengemälde mit einem gotischen Domfenster, was ein ägyptisches Relief +mit denen des Parthenon zu tun?</p> + +<p>Wenn eine Kunst Grenzen hat — Grenzen ihrer Formenwelt —, so sind +es <em class="gesperrt">historische</em>, nicht technische oder physiologische. Eine +Kunst ist ein Organismus, kein System. Es gibt keine Kunstgattung, +die durch alle Jahrhunderte geht. Selbst wo technische Traditionen +— wie im Falle der Renaissance —<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> den Blick zunächst täuschen und +von einer ewigen Gültigkeit antiker Kunstgesetze zu zeugen scheinen, +herrscht in der Tiefe völlige Fremdheit. Es gibt <em class="gesperrt">nichts</em> in der +griechisch-römischen Kunst, was mit der Formensprache einer Statue +Donatellos, einem Gemälde Signorellis, einer Fassade Michelangelos +verwandt wäre. <em class="gesperrt">Innerlich</em> verwandt mit dem Quattrocento ist +ausschließlich die gleichzeitige Gotik. Kunstgattungen gehen flüchtig +vorüber und kehren nie zurück. Jede Kultur hat ihre eignen, die +<em class="gesperrt">Gruppe</em> ihrer eignen, deren Theorie und Technik sogar ein Symbol +ihres Menschentums ist. Es gibt apollinische, magische, faustische +Arten von Künsten, denen gegenüber der Unterschied von Flächen- und +Körperkunst zur Nebensache herabsinkt. Griechische Musik steht der +griechischen Plastik tausendmal näher als der Kunst Palestrinas. +Was man heute farbig nennt — eine Imagination des Räumlichen durch +Farbentöne — wäre einem Maler der sikyonischen Schule unverständlich +gewesen. Das Ursymbol zweier Kulturen ist es, das die „gleichzeitigen“ +Gemälde Polygnots und Rembrandts trennt: im Fresko eine statuenhafte +und euklidische Nebeneinanderstellung massiv farbiger Flächen, im +Ölbilde eine kontrapunktische Durchdringung mittels des Pinselstrichs.</p> + +<p>Der Begriff der Form erfährt hier eine mächtige Erweiterung. Nicht +nur das technische Werkzeug, nicht nur der Stoff, <em class="gesperrt">die Wahl der +Kunstgattung selbst</em> ist ein Mittel des Ausdrucks. Was für den +einzelnen Künstler die Schöpfung eines Hauptwerkes, für Rembrandt die +Nachtwache, für Wagner die Meistersinger bedeuten, eine Epoche nämlich, +das bedeutet für die Lebensgeschichte einer Kultur die Schöpfung einer +Kunstart, als Ganzes begriffen, wie die der freistehenden griechischen +Statue, des Kontrapunkts, des byzantinischen frontalen Porträts, des +perspektivischen Ölgemäldes. Jede dieser Künste ist ein Organismus +für sich, ohne Vorgänger und Nachfolger, wenn man vom Äußerlichsten +absieht. Alle Theorie, Technik, Konvention gehört zu ihrem Charakter +und besitzt nichts Ewiges und Allgemeingültiges. Wann eine dieser +Künste beginnt, wann sie erlischt, ob sie erlischt, ob sie in eine +andre verwandelt wird, warum die eine oder andre unter den Künsten +einer Kultur fehlt, das alles gehört noch mit zur Form im höchsten +Sinne,<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> ebenso wie jene andre Frage, warum der einzelne Maler oder +Musiker — ohne sich dessen bewußt zu sein — auf bestimmte Farbentöne +und Harmonien Verzicht leistet und andre so bevorzugt, daß man ihn +daran erkennt.</p> + +<p>Die Theorie, auch noch die der Gegenwart, hat die Bedeutung dieser +Gruppe von Fragen nicht erkannt. Und trotzdem gibt erst diese Seite +einer Physiognomik der Künste den Schlüssel zu ihrem Verständnis. +Man hat bis jetzt alle Künste — unter Voraussetzung der erwähnten +„Einteilung“ — ohne irgendwelche Nachprüfung dieser schwerwiegenden +Frage für möglich gehalten, immer und überall, und wo die eine oder +andre fehlte, schrieb man es dem zufälligen Mangel an schöpferischen +Persönlichkeiten oder an Förderung durch Umstände und Mäcene zu, die +geeignet waren, die Kunst „auf ihrem Wege weiter zu führen“. Das ist +es, was ich die Übertragung des physikalischen Kausalitätsprinzips aus +der Welt des Gewordnen auf die Welt des Werdens nannte. Weil man kein +Auge für die ganz andersartige Logik und Notwendigkeit des Lebendigen, +für das <em class="gesperrt">Schicksal</em>, hatte, zog man materielle, handgreifliche, +an der Oberfläche liegende Ursachen heran, um eine materielle Folge +von kunsthistorischen Ereignissen zu konstruieren. Aber es gibt keine +Geschichte <em class="gesperrt">der</em> Kunst, <em class="gesperrt">der</em> Architektur, <em class="gesperrt">der</em> Musik, +<em class="gesperrt">des</em> Dramas. Die Auswahl der innerhalb einer Kultur möglichen +Künste — von denen <em class="gesperrt">niemals</em> eine auch in einer andern Kultur +möglich ist —, ihr Rang, ihr Umfang, ihre Schicksale: das gehört zur +Symbolik, zur Psychologie der Kultur und <em class="gesperrt">nicht</em> zu den Folgen +irgendwelcher Ursachen.</p> + +<p>Es war gleich zu Anfang auf die flache Vorstellung einer linienhaften +Fortentwicklung „der Menschheit“ durch Altertum, Mittelalter und +Neuzeit hingewiesen worden, die uns für das wahre Bild der Historie und +seine Struktur blind gemacht hat. Die Kunstgeschichte ist ein besonders +deutliches Beispiel. Nachdem man das Vorhandensein einer Anzahl +konstanter und wohldefinierter Kunstgebiete als selbstverständlich +angenommen hatte, entwarf man die Geschichte dieser Einzelgebiete +nach dem ebenso selbstverständlichen Schema Altertum — Mittelalter +— Neuzeit, wobei z. B. die indische und ostasiatische Kunst keinen +Platz fanden, ohne daß jemandem an dieser Folge die Sinnlosigkeit<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> der +Konstruktion aufgegangen wäre: Dieses Schema wollte und mußte nun mit +Tatsachen um jeden Preis ausgefüllt sein. Man konstatierte unbedenklich +ein sinnloses Auf und Nieder. Man sprach von Zeiten des Stillstandes +als „natürlichen Pausen“, von „Zeiten des Niedergangs“ dort, wo in +Wirklichkeit eine große Kunst starb, von „Zeiten der Wiedergeburt“, +wo für den unbefangenen Blick ganz deutlich eine <em class="gesperrt">andre</em> Kunst +in einer andern Landschaft und als Ausdruck eines andern Menschentums +geboren wurde. Man lehrt noch heute, daß die Renaissance eine +Wiedergeburt der Antike gewesen sei. Man folgerte endlich daraus die +Möglichkeit und das Recht, Künste, die man schwach oder schon tot +fand — die Gegenwart ist da ein wahres Schlachtfeld — durch bewußte +Neubildungen und Synthesen, durch gewaltsame „Wiederbelebungen“ +neuerdings in Gang zu bringen.</p> + +<p>Aber gerade die Frage, weshalb eine große Kunst — das attische +Drama mit Euripides, die florentinische Plastik mit Michelangelo, +die Instrumentalmusik mit Liszt und Wagner — mit einer als Symbol +wirkenden Plötzlichkeit zu enden pflegt, ist geeignet, das Phänomen +dieser Künste zu erleuchten. Man sehe genau zu und man wird sich +überzeugen, daß von der „Wiedergeburt“ auch nur <em class="gesperrt">einer</em> +bedeutenden Kunst noch nie die Rede gewesen ist.</p> + +<p>Wir sahen, wie die Formen einer strengen, unter dem Ursymbol des Weges +stehenden Wirklichkeit, Pyramiden, Reliefs, Hieroglyphen, Staat und +Technik, ein peinliches Zeremoniell und ein das gesamte wache Dasein +beherrschender Totenkult die Sprache der ägyptischen Seele waren. Diese +Seele besaß <em class="gesperrt">deshalb</em> keine „Literatur“, vor allem kein Drama +großen Stils. Die arabische Seele gestaltet alles sinnlich reicher, +zufälliger, lasziver, aber ohne Form im monumentalen Sinne und deshalb +ebenfalls, obwohl in andrer Weise, höchst abstrakt. Da das magische +Weltgefühl eine Logik des Wirklichen nicht kennt, so verliert die Kunst +der Flächen und Räume die Logik der Linien und Proportionen; Malerei +und Plastik altchristlich-byzantinischen Stils verschwinden langsam und +der Ausdruck wird zuletzt auf die Arabeske, das sarazenische Ornament, +reduziert.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p> + +<p>Die Arabeske ist, worüber man sich leicht täuscht — der magischen +Schicksalsidee, dem „Kismet“ entsprechend — das <em class="gesperrt">passivste</em> +aller Ornamente. Sie ist, obwohl aus dem im höchsten Grade sprechenden +und bis ins einzelne plastisch geregelten, optisch übersehbaren +antiken Ornament hervorgegangen, ohne positivern Ausdruck. Antike +Motive wie der Mäander oder die Akanthusranke sind euklidisch, in +sich geschlossen, körperhaft isoliert und können also nur wiederholt +und <em class="gesperrt">additiv</em> aufgereiht werden. Arabisch-persische Muster +aber lassen sich nach allen Seiten ins Grenzenlose fortsetzen. +Das romanisch-gotische Ornament stellt ein Maximum an Kraft des +Ausdrucks dar, die träumerische Arabeske verneint den Willen. Es +geht von ihr eine suggestive Wirkung aus, die auch in der arabischen +Musik, im arabischen Tanz liegt und die genau dem entspricht, was +das Wort magisch bezeichnen soll. Sie ist, da man im Ornament die +unmittelbare Handschrift eines kulturbildenden Seelentums zu erkennen +hat, das Zeichen einer eigentlich negativen Weltgesinnung, wie die +algebraische Zahl vom euklidischen Standpunkt aus als Negation der +Zahl überhaupt erscheint. Die Arabeske bedeutet, was dem Weltgefühl +des Urchristentums, der Gnosis, des Mithraskultes, des Neuplatonismus, +der Abwendung der ersten Christen vom Staate, dem bis zum Typus +der Styliten gesteigerten morgenländischen Einsiedlertum genau +entspricht, eine ungeheure Entwertung des Wirklichen, dem sie die +eigne Bedeutung abspricht und das sie — man denke an die Alhambra — +nur eines lässigen Genusses für wert hält. Der gotische Stil löst das +Stoffliche im Raume auf, die Arabeske läßt beides in einer Ungewissen +Scheinbarkeit verschwimmen. Deshalb sind die Kalifenreiche in Bagdad, +Kairo, Granada — im Vergleich zum Staat der Pharaonen und zu dem +Ludwigs XIV. und der Hohenzollern — Negationen eines zielbewußten +Staatsgedankens, denen gegenüber unsre Empfindung des Märchenhaften +durchaus richtig ist; deshalb löst die Arabeskenlyrik die Architektur +der Kuppelbauten von Ravenna zuletzt zur freien Laune der Moschee +von Cordova auf; deshalb verschwinden die Statue und das Mosaik der +Frühzeit und deshalb gibt es kein arabisches Drama. Es besteht eine +Homologie zwischen der maurischen Kunst und dem Rokoko, aber Mozart, +Pöppelmann<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> und Watteau verleihen einer heiteren, späten Sinnlichkeit +trotz aller ätherischen Leichtheit ein Maximum an disziplinierter, +durchgearbeiteter, streng durchdachter Form, die Erbauer des Schlosses +M’schatta und des Alkazar von Sevilla berauben sie des Restes zugunsten +eines phantastischen Spiels.</p> + +<p>Diese Tendenz, die <em class="gesperrt">alle</em> andern Künste ausschloß und zuletzt nur +das Ornament zuließ, ist früh nachzuweisen. In der hellenistischen +Zeit erlebt die ideale Bildnisplastik — vom Typus der Sophoklesstatue +— allenthalben eine plötzliche Blüte, mit Ausnahme von Antiochia und +Alexandria, obwohl gerade dort die uralte Kunst Babylons und Ägyptens +eine bedeutende Tradition geschaffen hatte.</p> + +<p>Mit Mohammeds Bilderverbot erfolgt auch der Bildersturm im christlichen +Byzanz,<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[68]</a> obwohl die Bildung menschlicher Gestalten durch die Kunst +damals schon im Erlöschen begriffen war. Dieser symbolische Akt des +christlich-islamischen Weltgefühls wiederholt also lediglich etwas, +das die Formentendenz der magischen Künste durch ihre Auflösung +in die unkörperliche, bildlose Arabeske schon verwirklicht hatte. +Es ist darauf hinzuweisen, daß die bilderstürmerische Bewegung in +den reformierten Niederlanden und im puritanischen England etwas +Ähnliches verrät, daß nämlich <em class="gesperrt">die Musik im Begriff war, die Malerei +zu überwinden</em>. Die gotisch-florentinische Plastik war im 16. +Jahrhundert zu Ende. Die letzten großen Meister der Ölmalerei starben +am Ende des 17. Jahrhunderts. Hier muß man fühlen, was es bedeutet, +wenn eine Kunst stirbt. Die Weihe des <em class="gesperrt">Raumes</em>, sei er magisch +oder faustisch, gestattet das „Bild“ nicht länger. Das Ursymbol der +Kultur tritt mit steigender Klarheit hervor. Arabeske und Musik heben +jede Stofflichkeit auf. Man bemerke wohl, was von den Bilderstürmern +als unzulänglich empfunden und verbannt wird: Im Abendlande aller +sinnliche Schmuck, alle Zieraten, alles, was „endlich“ und unräumlich +ist; im Arabischen nur das Bildnis, als eine Herabwürdigung des +Menschen zum Dinge. Es ist dasselbe Weltgefühl, das 449 zur endgültigen +Trennung des monophysitischen Christentums von der morgenländischen +Kirche führte, ein<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> Schisma, dessen landschaftliche Grenze, innerhalb +deren es nicht wieder zu überwinden war, <em class="gesperrt">genau</em> die der spätern +islamitischen Kultur zwischen Bagdad und Kairo war und dessen Sinn +als dogmatische Vorform des Islam man noch in keiner Weise gewürdigt +hat. Was damals über das Wesen der Person Christi — das magische +Problem seiner „zwei Naturen“ — leidenschaftlich umstritten wurde, +deckt sich durchaus mit den gefühlten oder metaphysisch entwickelten +Einwänden, die seitdem gegen die bildliche Darstellung des Menschen +als des Gefäßes des göttlichen Pneuma erhoben worden sind. Schon die +Plastik und die Mosaikmalerei der späten Kaiserzeit — arabischen +Ursprungs, wie wir gesehen haben — wies auf dies Ende hin. Der +magische Ausdruck des konstantinischen Porträts, das den Leib durch +den starren, alles beherrschenden <em class="gesperrt">Blick</em> gewissermaßen in seiner +Wesenheit herabsetzte, ihn entkörperte, hatte zu einem großen Stil +geführt, welcher dem gnostischen und plotinischen Weltgefühl entsprach. +Er hatte an Stelle des antiken Prinzips des allseitig freistehenden +Körpers das frontale gesetzt, das eine Beziehung zwischen dem Geiste +des Dargestellten und dem des Betrachters schafft. Es erlosch mit der +arabischen Frühzeit. Aus einem ebenso tiefliegenden Grunde ist die +frühe Plastik des Abendlandes, die der Dome von Bamberg, Naumburg, +Chartres, Reims und die der Renaissance von Florenz und Nürnberg lange +vor Palestrinas und Tizians bester Zeit erloschen.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_3">3</h4> + +</div> + +<p>Der Poseidontempel von Pästum und das Ulmer Münster, Werke der reifsten +Dorik und Gotik, unterscheiden sich wie die euklidische Geometrie +der körperlichen Grenzflächen und die analytische Geometrie der Lage +von Raumpunkten in bezug auf die Raumachsen. Alle antike Baukunst +beginnt von außen, alle abendländische von innen. Die altchristlichen +Basiliken im innern Syrien und in Nordafrika, mit Entschiedenheit sich +vom antiken Baugedanken abwendend, zeigen die magisch geheimnisvollen +Schwingungen eines voll umschlossenen Raumes. Es war der erste starke +Ausdruck einer neuen Seele. Sobald der germanische Geist diesen +basilikalen Typus in Besitz nimmt, beginnt<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> eine wunderbare Veränderung +aller Bauelemente nach Lage und Sinn, die strenge Ausbildung +abgestufter Seitenschiffe und vor allem des für die Symbolik der Dome +unendlich wichtigen Querschiffes, durch das nach dem Maße der Vierung +eine strophische Gliederung des bewegten Rauminnern erzeugt wird. +Hier im faustischen Norden bezieht sich von nun an die äußere Gestalt +des Bauwerkes, und zwar vom Dom bis zum schlichten Wohnhause, auf den +Sinn, in welchem die Gliederung des <em class="gesperrt">Innenraumes</em> erfolgt ist. +Die Moschee verschweigt sie, der Tempel kennt sie nicht. Man hat es +wohl nicht genügend beachtet, daß das Motiv der <em class="gesperrt">Fassade</em>, deren +Architektur das Innere physiognomisch spiegelt und das nicht nur unsere +großen Einzelbauten, sondern das gesamte Bild unsrer Straßen, Plätze, +Städte beherrscht, der Antike ebenso fern liegt wie dem Arabertum.</p> + +<p>Der hellenische Tempel ist als massiver Körper gedacht und gestaltet. +Eine andere Möglichkeit gab es für das hier wirkende Formgefühl nicht. +Deshalb ist die Geschichte der antiken bildenden Kunst die unablässige +Arbeit an der Vollendung eines einzigen Ideals gewesen, der Eroberung +des freistehenden menschlichen Körpers als dem Inbegriff der reinen, +dinglichen Gegenwart. Man hat das Pathos dieser durch Jahrhunderte +verfolgten Tendenz gar nicht verstanden. Denn man hat nie gefühlt, +daß es der rein <em class="gesperrt">stoffliche</em>, <em class="gesperrt">seelenlose</em> Körper, das σῶμα +ist, auf den das archaische Relief, die korinthische Tonmalerei und +das attische Fresko zielen, bis Polyklet und Phidias ihn vollkommen +zu bewältigen gelehrt haben. Man hielt mit einer erstaunlichen +Blindheit diese Art von Plastik für eine allgemein gültige und überall +mögliche, für die Plastik schlechthin, und schrieb ihre Geschichte +und Theorie, in der alle Völker und Zeiten aufgeführt wurden; und +unsre Bildhauer reden unter dem Eindruck ungeprüft hingenommener +Renaissancedogmen noch heute davon, daß der nackte menschliche Körper +der vornehmste und eigentliche Gegenstand der bildenden Kunst sei. +Man hat, wie es scheint, nie bemerkt, wie selten diese Gattung ist, +ein Einzelfall, eine Ausnahme, nichts weniger als eine Regel. In +Wahrheit hat es diese den nackten Leib frei auf die Ebene stellende +und allseitig durchbildende Statuenkunst nur einmal gegeben, eben +in der Antike, und nur dort, weil es nur diese<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> eine Kultur mit +einer vollkommenen Ablehnung der Überschreitung sinnlicher Grenzen +zugunsten des Raumes gab. Die ägyptische Statue war immer auf die +Vorderansicht hin gearbeitet, mithin eine Abart des Flachreliefs, und +die <em class="gesperrt">scheinbar</em> antik empfundenen Statuen der Renaissance — man +ist über ihre geringe Zahl erstaunt, sobald man einmal daran denkt, sie +nachzuzählen<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[69]</a> — sind nichts als eine Reminiszenz.</p> + +<p>Diese apollinische Plastik ist das Seitenstück zur euklidischen +Mathematik. Sie leugnen beide den reinen Raum und sehen in der +<em class="gesperrt">körperlichen</em> Form das a priori der Anschauung. Diese Plastik +kennt weder in die Ferne weisende Ideen noch Persönlichkeiten noch +historische Ereignisse, sondern nur das auf sich selbst beschränkte +Dasein flächenbegrenzter Leiber. Man erinnere sich hier, daß das Wort +σῶμα von den griechischen Mathematikern für stereometrische Gebilde, +von den Physikern für Substanz, vom sophokleischen Ödipus aber als +Bezeichnung seiner <em class="gesperrt">Person</em> gebraucht wird.</p> + +<p>Die Entwicklung dieser <em class="gesperrt">raumlosen</em> Kunst <i>par excellence</i> +füllt die drei Jahrhunderte von 650–350, von der Vollendung der +Dorik, die gleichzeitig mit dem Beginn einer Tendenz auf Befreiung +der Figur von der frontalen ägyptischen Gebundenheit erfolgte (Apoll +von Tenea, bald nach 650) bis zum Anbruch des Hellenismus und seiner +Illusionsmalerei, die den großen Stil abschließt. Man wird diese +Plastik nie würdigen können, wenn man sie nicht als letzte und höchste +antike, <em class="gesperrt">aus der Freskomalerei hervorgegangene und sie überwindende +Kunst</em> begreift. Gewiß läßt sich der <em class="gesperrt">technische</em> Ursprung aus +den Versuchen ableiten, die dorische Holzsäule (Hera des Cheramyes) +und die zur Verkleidung am Holztempel dienende Metallplatte (Artemis +der Nikandre) figürlich zu behandeln. Als <em class="gesperrt">Formideal</em> aber folgt +die attische Statue aus der Einzelgestalt des Fresko. Sie hat diese +Herkunft nie verleugnet. Ihre Formensprache ist der Vierfarbenmalerei +Polygnots aufs engste verwandt, ohne sich von deren Prinzipien je +ganz befreit zu haben. Man denke an die polychrome Behandlung des +Marmors — von der die Renaissance und Goethe nichts wußten und die +sie als barbarisch<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> empfunden haben würden<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[70]</a> — an die Statuen aus +Gold und Elfenbein und die Emailverzierung der im natürlichen Goldton +leuchtenden Bronzen. Der Erzguß hat die Verwendung des bemalten Marmors +in der besten Zeit entschieden überragt.</p> + +<p>Die antike Zahl — die <em class="gesperrt">Größe</em>, das <em class="gesperrt">Maß</em> — entspricht +zunächst der Formensprache der Tonmalerei rotfigurigen Stils und +dem späteren Fresko. Die Planimetrie insbesondere gehört zum +strengsten Flächenstil Polygnots, der weder Licht noch Schatten noch +perspektivische Verhältnisse kennt. Diese Kunst ist die organische +Vorstufe der Skulptur. Sie steht nicht neben ihr. Noch um 475 gibt +es neben Polygnot keinen ebenbürtigen Bildhauer, wie es um 1650 +neben Rembrandt noch keinen Musiker vom gleichen Range gibt. Erst +das <em class="gesperrt">letzte</em> Jahrhundert hat in beiden Kulturen den Sieg der +strengsten Kunst gebracht. Polyklet, der Schüler Polygnots, hat den +<em class="gesperrt">Kanon der nackten Statue</em> geschaffen. Um 1740, als die großen +Meister der Ölmalerei alle tot waren und Bach auf der Höhe seiner Kraft +stand, ist der strenge <em class="gesperrt">Kanon des vierteiligen Sonatensatzes</em> +vollendet worden. Beide bezeichnen das Maximum an Form, das aus dem +Grunde des Ursymbols — dort des <em class="gesperrt">Körpers</em>, hier des <em class="gesperrt">Raumes</em> +— überhaupt zu erreichen war. Beide behaupten ihre Geltung bis +herauf auf Skopas und Beethoven, die, an der Grenze von Kultur und +Zivilisation, dem großen Stil nicht mehr gewachsen sind. Lysippos und +Wagner haben ihn zerstört.</p> + +<p>Die Pythagoräer schufen seit 540 eine Geometrie der Körper; Descartes, +Fermat und Pascal seit 1620 eine Geometrie des Raumes. So steht die +absolute Flächen- und Körperwirkung der attischen Vasengemälde homolog +neben der perspektivischen Raumkunst der Ölmalerei, die Szenen der +Françoisvase (etwa 570) neben den Landschaften Lorrains (1600 bis +1682). Jene gestalten Menschen ohne Hintergründe, diese Hintergründe +ohne Menschen (außer als „Staffage“). Das apollinische Tiefenerlebnis +kennt die Ausdehnung als Körper ohne Raum, das faustische als Raum ohne +Körper.</p> + +<p>Dem Fresko nächstverwandt und darum der Tendenz Rembrandts bis zum +äußersten entgegengesetzt ist das Hochrelief,<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> eine lose Summe, keine +beziehungsreiche Gruppe von Körpern, die durchaus stereometrisch auf +die Rückwand aufgesetzt sind. Auch hier war Ägypten zweifellos das +Vorbild, an dem die Sehnsucht nach Ausdruck eigner Möglichkeiten sich +zur Klarheit der Form entwickelte. Aber die dem ägyptischen Weltgefühl +— dem Ursymbol des <em class="gesperrt">Weges</em> — entsprechende Kunst war das +<em class="gesperrt">Flachrelief</em> gewesen, das durch die bedeutsame Zerlegung des +werdenden Raumes in <em class="gesperrt">Fläche und Tiefe</em>, in Sinneseindruck und +lebendige Bewegung der Betrachtenden, religiös gesprochen in <em class="gesperrt">Zufall +und Notwendigkeit</em>, den Wandgemälden nur Länge und Breite zugesteht, +während durch die richtunggebende Gliederung des Bauwerks selbst die +Tiefe, die „dritte Dimension“ repräsentiert wird. Die Folge ist, daß +das Relief mit seinen <em class="gesperrt">fortlaufenden</em> Szenen (das antike ist immer +<em class="gesperrt">statisch</em>) auch die geringste dreidimensionale Körperlichkeit +vermeidet und endlich auf diesem Wege zu der bizarren Form des +<em class="gesperrt">eingesenkten</em> Reliefs (<i>relief en creux</i>) vor allem der +18. Dynastie gelangt, das — wenn man von einer einzigen, aber höchst +bezeichnenden Ausnahme in der altchinesischen Kunst absieht — ohne +Beispiel in der Welt ist und die extremste Form einer unkörperlichen, +zweidimensionalen Plastik darstellt.</p> + +<p>Während die ägyptische Statue an eine Wand gelehnt war und die +gotische, selbst die Donatellos, nur als architektonisches Motiv, +etwa im Einklang mit einem Nischenraum, ganz zu verstehen ist, stand +die hellenische allseitig frei auf der Ebene. Es ist das einzige, +auch von der Renaissance nicht wiederholte Beispiel eines Kunstwerks, +das von <em class="gesperrt">allen</em> Seiten, nicht nur von der durch den Künstler +gewählten, betrachtet sein will. So verlangte es der Weltgedanke eines +Kosmos, in dem alle Einzeldinge sichtbar und gleichgeordnet sind, +ohne in ihrer Wesenheit durch irgendwelche (notwendig räumliche) +Beziehungen beschränkt zu sein. Denn einen bestimmten Standort für +den gewollten Eindruck voraussetzen heißt eine räumliche Beziehung +zwischen Betrachter und Werk in dessen Formensprache legen. Die +Geometrie Euklids aber kennt keine „Funktionen“. Auch die Giebelgruppen +hellenischer Tempel stellen, wenn man nicht gewaltsam etwas +hineindeuten will, lediglich die ökonomische Füllung einer Lücke mit +Einzelmotiven dar.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p> + +<p>Damit enthält die Gesamtheit der antiken Künste eine gemeinsame +Tendenz, der mit steigender Reife die Bedeutung, der Umfang und +selbst die weitere Existenz der einzelnen unterliegt. Bei Homer ist +von Götterstatuen keine Rede. Man sieht auch nicht, inwiefern der +frühdorische Dipylonstil mit ihnen vereinbar wäre. Auf den altattischen +Grabvasen erscheinen dann mythische Szenen. Die altionische Tonmalerei +von Milet und Samos kannte Historienbilder und Schlachtenschilderungen +(der Maler Bularchos war berühmt). Dann aber beginnt die Reduktion +der Möglichkeiten. Die große Symbolik der apollinischen Seele +wählt und scheidet aus. Der dorische Peripteros und die Aktstudie +gestatten gleichwenig Variationen. Polygnot erreicht den Gipfel des +malerischen Ausdrucks unter diesen strengen Bedingungen und erschöpft +ihn. Seine Kunst ist rein linienhaft, ohne Übergänge, ohne Licht- +und Schattenwirkungen, ohne Hintergrund. Er stellt auf derselben +Bildfläche eine regellose Menge von Szenen dar, die untereinander +keinerlei Verhältnis im Sinne einer Raumperspektive besitzen. Jeder +Körper steht für sich da. Der Raum zwischen ihnen, die Atmosphäre ist +das „μὴ ὄν“ und deshalb keiner malerischen Repräsentation fähig. Der +Grieche ignoriert die Tatsache, daß ferne Dinge kleiner erscheinen; +er ignoriert die Ferne, den Horizont überhaupt. Die Statue ist der +Inbegriff des <em class="gesperrt">Nahen</em>, <em class="gesperrt">Raumlosen</em>, optisch zu Erschöpfenden. +Sie bezeichnet den Schwerpunkt antiker Kunst. Das Drama wurde nach +<em class="gesperrt">ihrem</em> Vorbilde zur Kunst der berühmten „drei Einheiten“, der +Einheit des <em class="gesperrt">Ortes</em> vor allem, die <em class="gesperrt">ein Prinzip der Statue</em> +ist. Die Szenen der antiken Tragödie sind durchaus als Fresken gedacht. +Die hellenische Musik wurde zu einer Plastik von Tönen, ohne Polyphonie +und Harmonie — die einen <em class="gesperrt">Tonraum</em> imaginieren — und damit +als selbständige Kunst ohne tiefere Möglichkeiten. Während sie im +Abendlande zur ersten aller Künste aufstieg, sank sie in Athen zur +bloßen Begleiterin der andern, des Tanzes und des Dramas herab.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_4">4</h4> + +</div> + +<p>Die entsprechende Phase der abendländischen Kunst füllt die drei +Jahrhunderte von 1500 bis 1800, vom Ende der Spätgotik<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> bis zum Verfall +des Rokoko und damit dem Ende des faustischen Stils überhaupt. In +dieser Zeit hat sich, entsprechend dem immer stärker ins Bewußtsein +tretenden Willen zur räumlichen Transzendenz, die polyphone +Instrumentalmusik zur herrschenden Kunst entwickelt. Die Plastik wird +mit steigender Entschiedenheit aus den tieferen Möglichkeiten dieser +Formenwelt ausgeschieden.</p> + +<p>Was die Malerei vor und nach ihrer Verlagerung von Florenz nach +Venedig, was also die Malerei Raffaels und Tizians als zwei ganz +verschiedene Künste kennzeichnet, ist der plastische Geist in der +einen, der ihre Gemälde neben das Relief, der musikalische Geist in der +andern, der ihre mit sichtbaren Pinselstrichen und Schattenwirkungen +arbeitende Technik neben die Kunst der Fuge stellt. Die Einsicht, daß +hier ein Gegensatz, kein Übergang vorliegt, ist für das Verständnis des +<em class="gesperrt">Organismus</em> dieser Künste entscheidend. Hüten wir uns gerade hier +vor der Annahme stationärer „Kunstgebiete“. Malerei ist nur ein Wort. +Die gotische Plastik und Malerei war ein Bestandteil der gotischen +Architektur. Sie diente ihrer strengen Symbolik wie die frühägyptische, +die früharabische, wie jede andre Kunst in diesem Stadium der Sprache +des Steins dient. Man baute Gewandfiguren auf wie Dome. Die Falten +waren ein <em class="gesperrt">Ornament</em> von höchster Intensität des Ausdrucks. +Man ist auf falschem Wege, wenn man vom naturalistisch-imitativen +Standpunkt aus ihre „Steifheit“ kritisiert. Die Renaissancemalerei +andrerseits ist ein höchst komplizierter Sonderfall mit antigotischen +Tendenzen auf der Oberfläche der technischen Konvention und sehr anders +gerichteten in der Tiefe.</p> + +<p>Ebenso ist Musik ein vages Wort. Es gab immer und überall Musik, +auch <em class="gesperrt">vor</em> aller eigentlichen Kultur. All diese Künste sind an +sich bereits urmenschlich. Es gibt Zeichnungen von Eiszeitmenschen, +szenische Spiele, Dichtungen und Musik von Naturvölkern aller Erdteile. +Sie bilden ein Chaos wirrer Möglichkeiten, bis die Seele einer +erwachenden Kultur hineingreift und mit Ungestüm eine gigantische +Gruppe von Künsten großen Stils — ausnahmslos Sonderkünste und nie +wiederkehrende Formenwelten von vorübergehendem Dasein, jung, reifend, +alternd, sterbend, voller Konvention und Bedeutsamkeit, sämtlich +in die<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> Farbe eines einzigen Ursymbols getaucht — entwickelt. Die +antike Musik war, weil sie zum Prinzip der stofflichen Ausdehnung +kein Verhältnis besaß, wesentlich Urmusik geblieben. Hier aber, +in der faustischen Kultur, hebt sich als vollkommenes Novum die +<em class="gesperrt">kontrapunktische Instrumentalmusik</em>, eine reine, selbständige, +alle Nachbarkünste überschattende, mit steigender Kraft alle andern in +sich auflösende Kunst von der Basis urseelenhafter Möglichkeiten ab.</p> + +<p>Es gibt in der Geschichte wenig Phänomene von so wunderbarer +Durchsichtigkeit wie die Entwicklung der abendländischen Musik.</p> + +<p>Gleichzeitig mit der Geburt des romanischen Stils im 10. Jahrhundert +beginnt die Polyphonie die einstimmigen Parallelfolgen der +„Kirchentöne“ aufzulösen.<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor">[71]</a> Man schreibt die Einführung der +Gegenstimme (<i>dis-cantus</i>) dem Benediktiner Hucbald zu. Englische +(keltische) Einflüsse erscheinen wesentlich und ich glaube, daß hier +eine bedeutsame Parallele zu der ebenfalls damals erfolgten Vollendung +der Artussagen vorliegt, die einen mächtigen Teil des faustischen +Mythus bilden — die Sagen von der Tafelrunde, vom Gral, vom Parzeval +und Tristan. Es sind uralte keltische Motive, die von der germanischen +Gefühls- und Gedankenwelt assimiliert werden. Man wird das Musikhafte +dieser Stoffe, das Verschwebende der Gestalten, das Grenzenlose der +Gefühle und Horizonte gegenüber der eng umschriebenen Plastizität der +homerischen Welt nicht verkennen.</p> + +<p>Der strenge Kontrapunkt — der Name (<i>punctus contra punctum</i>) +wird für die „<i>ars nova</i>“ etwa seit 1330 gebraucht — entsteht +infolge der Einführung der Terzen und Sexten seit dem 14. Jahrhundert, +und zwar in <em class="gesperrt">Burgund und den Niederlanden, der Heimat der Ölmalerei +und des gotischen Stils</em>. Dieser gemeinsame landschaftliche Ursprung +der drei großen faustischen Formenwelten ist von höchster Bedeutung. +Hier rühren wir an ein letztes Geheimnis allen Menschentums: die +Verbundenheit der Seele mit der mütterlichen Erde, aus der alte Mythen +sie hervorgehen und zurückkehren lassen. Weiterhin<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> erschließt sich +die innere Identität dieser Kunstform mit dem zugehörigen Prinzip +der <em class="gesperrt">Zahl</em>. Die Kunst der Fuge ist das genaue Seitenstück zur +analytischen Geometrie. Die Koordinaten wurden durch Oresme, den +Bischof von Lisieux (1323–1382), gerade zur selben Zeit eingeführt, +als der große Niederländer Heinrich von Zeelandia (etwa 1330–1370) den +fugierten Stil zur sicheren Grundlage einer großen Kunst erhob. Von +hier an erfährt die Sprache des Tonraumes in engster Nachbarschaft zu +der des perspektivischen Bildraumes eine mächtige Entwicklung. Mit +Orlando Lasso (1532–1594) erreicht sie ihre höchsten Möglichkeiten. Sie +wird — im strengen Gesang, in den Formen der Kantate (Messe, Passion, +Motette) — fähig, die ganze faustische Seele, ihr ganzes Weltgefühl, +ihr ganzes Schicksal zum Ausdruck zu bringen.</p> + +<p>Als dann Newton und Leibniz — seit 1660 — die Infinitesimalrechnung +schufen, siegte die „<i>sonata</i>“, die reine Instrumentalmusik, +über die „<i>cantata</i>“. Es war der unendliche Raum, der Töne wie +der Funktionen, der den Rest des Greifbaren und Körperhaften — +hier die menschliche Stimme, dort die linienhaften Koordinaten — +überwältigte. Die Elemente des Nahen schwinden. Die Ferne siegt. Der +Weg vom Gesang zum körperlosen Orchesterklang entspricht dem Wege von +der geometrischen zur rein funktionalen Analysis. Zuerst entsteht eine +Anzahl kleiner Instrumentalsätze, tanz- und marschartig, alle jene +Gavotten, Gaillarden, Sarabanden, Pavanen, Giguen, Menuetten. Das +„Orchester“ bildet sich. Dann, um 1660, von der Lautenmusik ausgehend, +entsteht als große Form die <em class="gesperrt">Suite</em>, eine zyklische Gruppe kurzer +Sätze.</p> + +<p>Alle Einzelheiten dieses Aufstieges lassen sich mit Beispielen aus +der gleichzeitigen Mathematik belegen. Die Dehnung des Tonkörpers ins +Unendliche, seine Auflösung vielmehr in einen unendlichen <em class="gesperrt">Raum von +Tönen</em>, innerhalb dessen der fugierte Stil seine Gebilde wirken +läßt, wird durch die Entwicklung der <em class="gesperrt">Instrumentation</em> bezeichnet, +die nach immer neuen Instrumenten greift, das Orchester fortgesetzt +bereichert und differenziert, immer „entferntere“ Klänge, Farben und +Dissonanzen aufsucht. Schon Monteverdi wagte es — bald nach 1600 +— den Dominantseptakkord einzuführen. Im <i>concerto grosso</i> +wirkt die<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> Klangmasse des großen Orchesters im <i>continuo</i> der +der <i>concertino</i> (des Streichkörpers) in einer Weise entgegen, +die man beinahe nur durch analoge Vorstellungen der höheren Analysis +anschaulich machen kann. Uns ist diese Kunst natürlich und von +höchster seelischer Deutlichkeit. Ein Grieche würde mit Erstaunen +diese fantastische Ausgeburt eines seltsamen Ausdrucksbedürfnisses +betrachtet haben. Der Tonkörper oder Klangraum ist ein Gebilde von +derselben Transzendenz und <em class="gesperrt">anti-euklidischen</em> „Unwirklichkeit“ +wie der optisch unzugängliche Zahlenkörper und die vieldimensionalen +Räume, Mengen und Gruppen der Mengenlehre. Um 1740, als Euler begann, +die endgültige Fassung der funktionalen Analysis festzulegen, entsteht +die <em class="gesperrt">Sonate</em>, die reifste und höchste Form des instrumentalen +Stils. (Einzelformen sind neben der Sonate für Soloinstrumente die +Sinfonie, das Konzert, Ouvertüre und Quartett.) Ihre vier Sätze, deren +erster die drei Themen in streng geregelter Abwandlung bringt, bilden +ein System von ebenso mächtiger Logik der Form als von absoluter +„Jenseitigkeit“. Ihr Ursprung liegt in den formalen Möglichkeiten +unsrer innigsten und innerlichsten, der Streichmusik (Corelli, +Tartini, Stamitz haben an ihrer Ausbildung teil), und so gewiß die +Geige das edelste aller Instrumente ist, welche die <em class="gesperrt">faustische</em> +Musik für sich erfand und ausbildete, so gewiß liegen ihre tiefsten, +ihre heiligen Momente völliger Verklärung im Streichquartett und +den verwandten Kompositionsformen. Hier, in der <em class="gesperrt">Kammermusik</em>, +erreicht die abendländische Kunst überhaupt ihren Gipfel. Das Symbol +des reinen Raumes, das überirdischste unter allen, ist hier ebenso +vollkommen zum Ausdruck gelangt, wie das rein irdische, das der vollen +Körperlichkeit, in einer attischen Bronzestatue. Wenn eine dieser +unsagbar sehnsüchtigen Geigenmelodien einsam und klagend den Raum +durchirrt, den die Töne des Tutti um sie breiten — bei Haydn, Mozart, +Beethoven und den großen Italienern — so befindet man sich <em class="gesperrt">der</em> +Kunst gegenüber, die allein der reinsten apollinischen an die Seite zu +stellen ist, wie sie in der Athena Lemnia des Phidias erscheint.</p> + +<p>Damals beherrscht die Musik alle andern Künste. Sie verbannt die +Plastik der Statue und duldet nur die vollkommen musikalische, +raffiniert unantike und renaissancewidrige Kleinkunst<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> des Porzellans, +das erfunden wurde, als die Kammermusik zur entscheidenden Geltung +gelangte. Während die gotische Plastik durchaus architektonisches +Ornament ist, menschliches Rankenwerk, ist die des Rokoko das +merkwürdige Beispiel einer Scheinplastik, die in der Tat der +Formensprache der Musik, ihres Gegensatzes im Kreise der Künste +unterliegt. Hier sieht man, bis zu welchem Grade die den Vordergrund +des Kunstlebens beherrschende Technik dem Geiste der durch sie +geschaffenen Formenwelt widersprechen kann — zwischen welchen Faktoren +die gewöhnliche Ästhetik das Verhältnis von Ursache und Wirkung +annimmt. Man vergleiche die kauernde Venus des Coyzevox (1686) im +Louvre mit ihrem antiken Vorbilde im Vatikan. Das ist Plastik als +Musik und Plastik in ihrem eignen Namen. Man kann hier die Art der +Bewegtheit, den Fluß der Linien, das Fließende im Wesen des Steines +selbst, der wie das Porzellan gewissermaßen den festen Aggregatzustand +verloren hat, am besten durch musikalische Wendungen: staccato, +accelerando, andante, allegro, beschreiben. Daher das Gefühl, als ob +der körnige Marmor hier nicht am Platze ist. Daher die ganz unantike +Berechnung auf Licht und Schatten hin. Das entspricht dem leitenden +Prinzip der Ölmalerei seit Tizian. Was man im 18. Jahrhundert +Farbigkeit — einer Radierung, einer Zeichnung, einer plastischen +Gruppe — nennt, bedeutet Musik. Sie beherrscht die Malerei Watteaus +und Fragonards und die Kunst der Gobelins und Pastelle. Sprechen wir +nicht seitdem von Farbentönen und Tonfarben? Ist damit nicht die +endlich erreichte <em class="gesperrt">Gleichartigkeit</em> zweier oberflächlich so +verschiedener Künste anerkannt? Und sind diese Bezeichnungen nicht +angesichts <em class="gesperrt">jeder</em> antiken Kunst gegenstandslos? Aber die Musik +schuf auch die Architektur des berninischen Barock in ihrem Geiste um, +zum Rokoko, über dessen transzendenter Ornamentik Lichter — Töne — +„spielen“, um Decken, Wände, Bögen, alles Konstruktive und Wirkliche in +Polyphonie und Harmonie aufzulösen, dessen architektonische Triller, +Kadenzen und Passagen die Identität der Formensprache dieser Säle und +Galerien und der für sie erdachten Musik zu Ende führen. Dresden und +Wien sind die Heimat dieser späten und rasch verlöschenden Wunderwelt +der Kammermusik, der geschweiften Möbel, Spiegelzimmer,<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> Schäferpoesien +und Porzellangruppen. Sie ist der letzte, herbsthaft sonnige, +vollkommene Ausdruck der abendländischen Seele. Im Wien der Kongreßzeit +starb sie dahin.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_5">5</h4> + +</div> + +<p>Die Renaissance ist, aus diesem Gesichtspunkt betrachtet — der sie +bei weitem nicht erschöpft —, eine <em class="gesperrt">Auflehnung gegen den Geist +dieser fugierten, faustischen, wälderhaften Musik</em>, die sich +eben anschickte, ihre Diktatur über die gesamte Formensprache der +abendländischen Kultur aufzurichten. Sie ging folgerichtig aus der +reifen Gotik hervor, in der dieser Wille unverhüllt hervorgetreten +war. Sie hat diese Abkunft nie verleugnet und ebensowenig <em class="gesperrt">den +Charakter einer bloßen Gegenbewegung</em>, deren Art notwendig von +den Formen der Urbewegung, deren Rückwirkung auf die zögernde Seele +sie darstellt, abhängig blieb. Sie ist folgerichtig deshalb ohne +wahre Tiefe, und zwar in beiderlei Sinne — ohne Tiefe der Idee und +ohne Tiefe der Erscheinung. Was das erste betrifft, so braucht man +nur an die entfesselte Leidenschaft zu denken, mit der das gotische +Weltgefühl sich in der ganzen abendländischen Landschaft entlädt, um +zu fühlen, was für eine Bewegung es ist, die um 1420 von einem kleinen +Kreise erlesener Geister, Gelehrter, Künstler, Humanisten ausging. +Dort handelt es sich um Sein oder Nichtsein eines neuen Seelentums, +hier um eine Frage des Geschmacks. Die Gotik ergreift das ganze Leben +bis in seine geheimsten Winkel. Sie hat einen neuen Menschen, eine +neue Welt geschaffen. Sie hat von der Idee des Katholizismus bis zum +Staatsgedanken der deutschen Kaiser, vom ritterlichen Turnier bis zum +Bilde der eben entstehenden Städte, vom Dom bis zur Bauernstube, vom +Bau der Sprache bis zum Brautschmuck der Dorfmädchen, vom Ölgemälde +bis zum Spielmannslied allem die Sprache einer einheitlichen Symbolik +aufgeprägt. Die Renaissance bemächtigte sich einiger Künste und damit +war alles getan. Sie hat die Denkweise Westeuropas, das Lebensgefühl in +nichts verändert. Sie drang bis zum Kostüm und zur Geste vor, nicht bis +zu den Wurzeln des Daseins. Sie hat zwischen Dante und Michelangelo, +die ihre Grenzen schon überschreiten,<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> keine geniale Persönlichkeit +aufzuweisen. Und was das zweite betrifft, so hat sie selbst in Florenz +das Volkstum nicht berührt, in dessen Tiefe — erst dies macht die +Erscheinung Savonarolas und seine ganz andre Gewalt über die Gemüter +verständlich — der gotisch-musikalische Unterstrom ruhig dem Barock +zufließt.</p> + +<p>Der Renaissance als einer antigotischen und dem Geiste der +Instrumentalmusik feindlichen Bewegung entspricht in der Antike genau +die dionysische als eine antidorische und dem plastisch-apollinischen +Weltgefühl entgegengesetzte. Sie ist <em class="gesperrt">nicht</em> aus dem thrakischen +Dionysoskult hervorgegangen. Sie hat ihn erst als Waffe und Gegensymbol +zur olympischen Religion herangezogen, ganz ebenso wie man in +Florenz den Kult der Antike erst zur Rechtfertigung und Stärkung des +eigenen Gefühls zu Hilfe rief. Die große Auflehnung erfolgte dort +700–600 und <em class="gesperrt">also</em> hier 1400–1500. Es handelt sich in beiden +Fällen um einen Seelenkampf, um einen Zwiespalt im Untergrunde der +Kultur, der seinen physiognomischen Ausdruck in einer ganzen Epoche +des Geschichtsbildes, vor allem in deren künstlerischer Formenwelt +gefunden hat, um einen Widerstand der Seele gegen ihr Schicksal, das +sie nunmehr in seinem vollen Umfange begriffen hat. Die innerlich +widerstrebenden Mächte, <em class="gesperrt">Fausts zweite Seele, die sich von der +andern trennen will</em>, suchen den Sinn der Kultur umzubiegen; die +unausweichliche Notwendigkeit soll verleugnet, aufgehoben, umgangen +werden; es ist Angst vor der Vollendung der historischen Geschicke +durch Ionik und Barock darin. Dort knüpft sie sich an den Dionysoskult +mit seinem <em class="gesperrt">musikalischen, entwirklichenden</em>, den Körper +<em class="gesperrt">vergeudenden</em> Orgiasmus, hier an die literarische Tradition +des „Altertums“ und dessen Kultus der <em class="gesperrt">Plastik</em>, die beide als +fremde Faktoren herangezogen werden, um durch die suggestive Kraft +ihrer gegensätzlichen Formensprache dem unterdrückten Gefühl einen +Schwerpunkt, ein eigenes Pathos zu verleihen und damit der Strömung in +den Weg zu treten, die dort von Homer und dem geometrischen Stil zu +Phidias, hier von den gotischen Domen über Rembrandt zu Beethoven geht.</p> + +<p>Aus dem Charakter einer Gegenbewegung folgt, daß es ebenso leicht +ist zu definieren, was sie bekämpft, als schwer, was sie erreichen +will. Das ist die Klippe aller Renaissanceforschung.<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> Im Gotischen +(und Dorischen) ist es gerade umgekehrt. Es kämpft <em class="gesperrt">für</em>, nicht +<em class="gesperrt">gegen</em> etwas. Aber Renaissancekunst — das ist ganz eigentlich +antigotische Kunst. Renaissancemusik ist eine <i>contradictio in +adjecto</i>. Soweit ist alles klar. Das Übrige bringt in Verlegenheit.</p> + +<p>Denn die Beurteilung dieses Phänomens ist bezeichnend dafür, wie +sehr man die laut ausgesprochene Absicht mit dem tieferen Sinn einer +Bewegung verwechseln kann. Die Kritik hat seit Burckhardt jede +<em class="gesperrt">einzelne</em> Behauptung der führenden Geister über ihre Tendenzen +widerlegt, aber nachdem dies abgetan war, das Wort Renaissance im +alten optimistischen Sinne weiter gebraucht. Gewiß, der Unterschied +im Architektonischen, überhaupt im künstlerischen Gesamtbilde ist +auffallend, sobald man über die Alpen kommt. Aber eben deshalb, weil +diese Empfindung allzu populär ist, hätte man ihr mißtrauen und sich +fragen sollen, ob hier nicht oft der Unterschied von <em class="gesperrt">Nord und +Süd</em> innerhalb ein und derselben Formenwelt einen Unterschied von +gotisch und antik vortäuscht. Der Laie wird, wenn man ihn vor die +Frage stellt, ob der große Klosterhof von S. Maria Novella oder die +Fassade des Palazzo Medici zur Gotik gehört, sicherlich falsch raten. +Andernfalls hätte der plötzliche Wandel des Eindrucks nicht jenseits +der Alpen, sondern erst jenseits des Apennins beginnen müssen, denn +Toskana ist eine künstlerische Insel in Italien selbst. Oberitalien +gehört einer byzantinisch gefärbten Gotik, Rom ist bereits die Stadt +des Barock. Die Änderung der Empfindung erfolgt aber gleichzeitig +<em class="gesperrt">mit der des Landschaftsbildes</em>.</p> + +<p>Tatsächlich hat Italien die Geburt des gotischen Stils nicht miterlebt. +Es stand um 1000 unter der unbedingten Herrschaft morgenländischer +Kunstformen. Erst die reife Gotik hat hier Wurzel gefaßt, aber als +klimatisch gemilderte Fremdheit. Sie assimilierte oder verdrängte nicht +etwa einen angeblichen Nachklang der Antike, sondern ausschließlich +eine byzantinisch-sarazenische Formensprache, die von der Levante +ausstrahlt und der Ravenna, Lucca, Pisa, Venedig, unter den +einflußreichen Bauten das moscheenhafte Pantheon, San Marco, aber auch +der Komposition und dem Geiste nach San Miniato und das Baptisterium in +Florenz angehören.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p> + +<p>Wäre die Renaissance eine Erneuerung des antiken Weltgefühls gewesen +— aber was heißt das? —, so hätte sie den Kultus des umschlossenen +und rhythmisch gegliederten <em class="gesperrt">Raumes</em> durch den des <em class="gesperrt">massiven +Baukörpers</em> ersetzen müssen. Aber davon ist nie die Rede gewesen. Im +Gegenteil. Die Renaissance pflegt ganz ausschließlich eine Architektur +des Raumes, den ihr die Gotik vorschrieb, nur daß sein Atem, seine +klare, ausgeglichene Ruhe im Gegensatz zum Sturm und Drang, zur wilden +Bewegtheit des Nordens anders ist, nämlich <em class="gesperrt">südlich</em>, sonnig, +sorglos, hingegeben. Nur darin liegt der Widerspruch. Man kann diese +Architektur beinahe auf <em class="gesperrt">Fassaden</em> und <em class="gesperrt">Höfe</em> reduzieren.</p> + +<p>Aber die Konzentration des Baugedankens auf <em class="gesperrt">eine Außenseite</em>, +welche den Geist der innern Struktur spiegelt, ist spezifisch nordisch +und in einer sehr tiefen Weise <em class="gesperrt">mit der Porträtkunst</em> verwandt, +und der Hallenhof ist vom Sonnentempel zu Baalbek bis zum Löwenhof +der Alhambra spezifisch <em class="gesperrt">arabisch</em>.<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[72]</a> Der Tempel von Pästum, +ganz Körper, steht inmitten dieser Kunst vollkommen vereinsamt da. +Ebensowenig ist die florentinische Plastik <em class="gesperrt">freie</em> Rundplastik +attischer Art. Jede ihrer<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> Statuen fühlt noch eine unsichtbare +Nische oder Wand hinter sich, in welche die gotische Plastik deren +<em class="gesperrt">wirkliche</em> Urbilder hineinkomponiert hatte.</p> + +<p>Zieht man von den Vorbildern der Renaissance alles ab, was nach der +augusteischen Zeit entstanden, also der magischen Formenwelt zugehörig +ist, so bleibt buchstäblich nichts übrig. Nicht einmal die meist +von Semiten entworfenen Bauten der Kaiserzeit, die Thermen, Tempel, +Fora, haben wesentlich eingewirkt. Um so stärker wirkte Byzanz. Ich +hatte schon auf die entscheidende Tatsache hingewiesen, daß jenes +Motiv, welches die Renaissance geradezu <em class="gesperrt">beherrscht</em> und seiner +Südlichkeit wegen uns als ihr edelstes Kennzeichen gilt, <em class="gesperrt">die +Verbindung von Rundbogen und Säule</em>, allerdings höchst ungotisch, +im antiken Stil aber gar nicht vorhanden ist, vielmehr das in Syrien +entstandene <em class="gesperrt">Leitmotiv der magischen Architektur</em> darstellt. +Als wirklich am Ende des Quattrocento einige Meister begannen, +streng antike Formen zu kopieren und den Inhalt römischer Schriften +in akademische Wirklichkeit umzusetzen, war die Bewegung innerlich +schon zu Ende. Nicht sie hat den Norden unterworfen und das Barock +geschaffen. Der Barockstil, der legitime Erbe des gotischen, hat ihre +Formen als Beute sich angeeignet.</p> + +<p>Alles „Antigotische“, das sie heranzieht, ist demnach byzantinisch +oder sarazenisch; der gesamte Kirchenstil Italiens — und eine +Kunst ohne Beziehung zur Kirche ist damals kaum denkbar — stammt +von den Sitzen <em class="gesperrt">arabischen</em> Formgefühls. Und gerade jetzt +empfängt man vom Norden die entscheidenden Einwirkungen, welche +im Süden den Schritt von der Gotik zum Barock vollziehen halfen. +In der <em class="gesperrt">flämisch-burgundischen</em> Landschaft (dem Gegenpol von +Toskana im Stilwerden!), zwischen Paris,<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[73]</a> Amsterdam und Köln sind +<em class="gesperrt">gleichzeitig</em> um 1400 die Kunst des <em class="gesperrt">Kontrapunkts</em> und der +<em class="gesperrt">Ölmalerei</em> entwickelt worden, jener durch Heinrich von Zeelandia, +Dufay und Okeghem, diese durch Jan van Eyck und Rogier van der Weyden. +1428 kam Dufay in die päpstliche Kapelle und um 1450 war Rogier in<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> +Italien und übte dort einen kaum zu unterschätzenden Einfluß auf die +florentiner Meister. Antonello da Messina, der um 1470 die Ölmalerei +nach Venedig brachte, war der Schüler eines Flamländers. Wie viel +Niederländisches und wie wenig „Antike“ ist in den Bildern von Filippo +Lippi, Ghirlandajo und Botticelli, vor allem von Pollaiuolo! Was +verdankt die römische und venezianische Schule dem Meister Willaert +aus Brügge (1516 in Rom), dem Erfinder des Madrigals! Aus Flandern und +Brabant dringt in die lombardische Gotik, die eben im Begriffe stand, +durch die Aneignung südöstlicher Formen in Widerspruch zum nordischen +Geist zu treten, eben jenes Element nordischen Unendlichkeitsgefühles, +das den künstlerischen Geist der Renaissance wieder auflösen und durch +die Sprache des Barock in den großen Strom zurückführen sollte.</p> + +<p>Gerade damals führte auch Nikolaus Cusanus, Kardinal und +Bischof von Brixen (1401–1464), das Infinitesimalprinzip, diese +<em class="gesperrt">kontrapunktische</em> Methode der Zahlen, in die Mathematik ein, +die er aus der Idee Gottes als des unendlichen Wesens ableitete. +Leibniz verdankt ihm die entscheidende Anregung zur Durchführung der +Differentialrechnung. Aber damit bereits hatte er der dynamischen, der +Barockphysik Newtons die Waffe geschmiedet, mit der sie die statische +Idee einer südlichen Physik, die an Archimedes anknüpfte und noch in +Galilei wirksam war, überwand.</p> + +<p>Die Hochrenaissance ist der Augenblick einer <em class="gesperrt">scheinbaren</em> +Verdrängung des Musikalischen aus der faustischen Kunst. In Florenz, +an dem einzigen Punkte, wo die antike und die abendländische +Kulturlandschaft aneinandergrenzen, ist während einiger Jahrzehnte +durch einen großartigen Akt ganz eigentlich metaphysischer Auflehnung +ein Bild der Antike aufrecht erhalten worden, das seine tieferen Züge +ohne Ausnahme der Negation gotischer verdankte und das dennoch seine +Gültigkeit vor unserem Gefühl, wenn auch nicht vor unserer Kritik, über +Goethe hinaus noch heute behauptet. Das Florenz des Lorenzo de Medici +und das Rom Leos X. — das <em class="gesperrt">ist</em> für uns antik; das ist das ewige +Ziel unsrer geheimsten Sehnsucht; <em class="gesperrt">das</em> allein erlöst von aller +Schwere, aller Ferne, nur weil es antigotisch ist. So streng ist der +Gegensatz apollinischen und faustischen Seelentums ausgeprägt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p> + +<p>Aber man täusche sich nicht über den Umfang dieser Illusion. Man +pflegte in Florenz Fresko und Relief, im Widerspruch zum gotischen +Glasgemälde und zum arabischen Goldgrundmosaik. Es war die einzige Zeit +des Abendlandes, wo die Skulptur den Rang einer freien Kunst einnahm. +Im Bilde dominieren die Gruppen, die Körper, die tektonischen Elemente +der Architektur. Die Hintergründe haben keinen eignen Wert und dienen +nur als Folie für die greifbare Gegenwart der Vordergrundgestalten. +Hier stand die Malerei eine Zeitlang unter der Herrschaft der +Plastik. Verrocchio, Pollaiuolo und Botticelli waren Goldschmiede. +Aber diese Fresken haben trotzdem nichts vom Geiste Polygnots. Hier +wiederholt sich, was ich oben für die Architektur bemerkt hatte. Die +große Tat Giottos und Masaccios, die Schöpfung einer Freskomalerei, +<em class="gesperrt">scheint</em> nur eine Erneuerung der alten Fühlweise zu sein. Das +Tiefenerlebnis, das Ideal der Ausdehnung, welches ihr zugrunde liegt, +ist nicht der apollinische raumlose, in sich beschlossene Körper, +sondern der <em class="gesperrt">gotische Bildraum</em>. So sehr die Hintergründe +zurücktreten, sie sind doch da. Aber wieder ist es die Lichtfülle, die +Durchsichtigkeit, die mittägige große Ruhe des Südens, die in Toskana +und nur hier den dynamischen Raum zum statischen macht. Waren es auch +<em class="gesperrt">Bildräume</em>, die man malte, so erlebte man sie doch nicht als ein +unbegrenztes, musikalisch-webendes Sein, sondern hinsichtlich ihrer +sinnlichen <em class="gesperrt">Begrenztheit</em>. Man gab ihnen gewissermaßen Körper. +Man pflegte, mit einer wirklichen Nähe zum hellenischen Ideal, die +Zeichnung, die scharfen Konturen, die körperlichen Grenzflächen — nur +daß sie hier den <em class="gesperrt">einen</em> perspektivischen Raum gegen die Dinge, +in Athen die einzelnen Dinge gegen das Nichts abgrenzten —; und in +demselben Grade, als die Woge der Renaissance sich wieder glättete, +läßt die <em class="gesperrt">Härte</em> dieser Tendenz nach und das <i>sfumato</i> +Lionardos, das Verschwimmen der Ränder mit dem Hintergrund führt +das Ideal einer musikalischen an Stelle einer reliefmäßigen Malerei +herauf. Ebensowenig ist die latente Dynamik der toskanischen Skulptur +zu verkennen. Zur Reiterstatue des Verrocchio würde man vergebens ein +attisches Seitenstück suchen. Diese Kunst war eine <em class="gesperrt">Maske</em>, eine +Geste, zuweilen eine Komödie, aber nie ist eine Komödie besser zu Ende +gespielt worden. Der unsagbar innigen<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Reinheit der Form gegenüber +vergißt man, was die Gotik an Urgewalt und Tiefe voraus hat. Aber +es muß noch einmal gesagt werden: die Gotik ist die <em class="gesperrt">einzige</em> +Grundlage der Renaissance. Die Renaissance hat die wirkliche Antike +nicht einmal berührt, geschweige denn verstanden und „wiederbelebt“. +Das unter literarischen Eindrücken stehende Bewußtsein einer sehr +kleinen, erlesenen Klasse von Menschen hat den verführerischen Namen — +Wiedergeburt der Antike — geprägt, um dem Negativen der Bewegung eine +Wendung ins Positive zu geben. Er beweist, wie wenig solche Strömungen +von sich selbst wissen. Man wird hier nicht <em class="gesperrt">ein</em> großes Werk +finden, das die Zeitgenossen des Perikles oder selbst die Cäsars nicht +als völlig fremd abgelehnt hätten. Diese Palasthöfe sind maurische +Höfe; die Rundbögen auf den schlanken Säulen sind syrischen Ursprungs. +Cimabue lehrte sein Jahrhundert, die Kunst der byzantinischen Mosaiken +mit dem Pinsel nachzubilden. Von den beiden berühmten Kuppelbauten der +Renaissance ist die florentiner Domkuppel Brunellescos ein Meisterwerk +der späten Gotik, die von St. Peter eines des strengen Barock. Und als +Michelangelo sich vermaß, hier „das Pantheon auf die Maxentiusbasilika +zu türmen“, wählte er zwei Bauwerke vom reinsten früharabischen +Typus. Und das Ornament — ja, gibt es denn überhaupt ein echtes +Renaissanceornament? Ich sehe in den frühflorentinischen Motiven der +Majano, Ghiberti, Pisano etwas sehr Nordisches. Man unterscheide doch +an all diesen Kanzeln, Grabmälern, Nischen, Portalen die äußerliche, +übertragbare Form — als solche ist die ionische Säule ja selbst +ägyptischer Herkunft — vom Geist der Formensprache, der sie als Mittel +und Zeichen einverleibt wird. Alle antiken Details sind gleichgültig, +solange sie etwas Unantikes durch die Art ihrer Verwendung ausdrücken. +Aber bei Donatello kommen sie auch kaum vor. Bei allen Meistern einer +Zeit sind sie weit seltener als im hohen Barock. Ein streng antikes +Kapitäl wird man überhaupt nicht finden.</p> + +<p>Und trotzdem ist für Augenblicke etwas Wunderbares erreicht worden, das +durch Musik <em class="gesperrt">nicht</em> wiederzugeben ist, ein Gefühl für das Glück +der vollkommenen <em class="gesperrt">Nähe</em>, für reine, ruhende, <em class="gesperrt">erlösende</em> +Raumwirkungen in <em class="gesperrt">einfachen</em> Verhältnissen lichter<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> Gliederung, +frei von der leidenschaftlichen Bewegtheit von Gotik und Barock. Das +ist nicht antik; denn die Antike kennt den Raum nicht, aber es ist +ein Traum von antikem Dasein, der einzige, den die faustische Seele +träumen, in dem sie sich vergessen konnte.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_6">6</h4> + +</div> + +<p>Und nun erst, mit dem 16. Jahrhundert, beginnt in der abendländischen +Malerei die entscheidende Phase. Die Vormundschaft der Architektur im +Norden, der Skulptur im Süden erlischt. Die Malerei wird polyphon, ins +Unendliche schweifend. Die Farben werden Töne. Die Kunst des Pinsels +wird dem Stil der Fuge unterworfen. Die Ölfarbentechnik wird zur Basis +einer Kunst, die den <em class="gesperrt">Raum</em> imaginieren will, an den die Dinge +sich verlieren. Mit Lionardo beginnt der Impressionismus.</p> + +<p>Im Gemälde vollzieht sich damit eine Umwertung aller Elemente. Der +bis dahin gleichgültig entworfene, als Füllung angesehene, man +möchte sagen als Raum verheimlichte Hintergrund gewinnt Bedeutung. +Eine Entwicklung setzt ein, die in keiner andern Kultur, auch nicht +in der sonst vielfach nahe verwandten chinesischen ihresgleichen +hat: Der Hintergrund als das Zeichen des Unendlichen überwindet den +sinnlich-greifbaren Vordergrund. Es gelingt endlich — das ist der +malerische im Gegensatz zum zeichnerischen Stil —, das Tiefenerlebnis +der faustischen Seele im Bilderlebnis restlos zu bannen. Der +<em class="gesperrt">Horizont</em> taucht im Bilde auf als großes Symbol des ewigen +grenzenlosen Weltraumes, der die sichtbaren Einzeldinge als Zufälle +in sich begreift. Man hat seine Darstellung im Landschaftsgemälde +als so selbstverständlich empfunden, daß man nie die entscheidende +Frage gestellt hat, wo überall er <em class="gesperrt">fehlt</em> und was dieses +Fehlen bedeutet. Man wird aber weder im ägyptischen Relief noch im +byzantinischen Mosaik noch auf antiken Vasenbildern und Fresken, nicht +einmal denen des Hellenismus mit ihrer Vordergrundräumlichkeit eine +Andeutung des Horizontes finden. Der Begriff des Hintergrundes ist +demnach auf all diese Künste gar nicht anwendbar. Diese Linie, in deren +unwirklichem Duft Himmel und Erde verschwimmen, der Inbegriff und die +stärkste<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> Potenz des Fernen, enthält das Infinitesimalprinzip. Man +denke auch an die Konvergenz unendlicher Reihen. Die perspektivischen +Fernen sind das spezifisch musikalische Element im Bilde und die +Landschaften Van de Capelles, Van de Veldes, Cuyps, Rembrandts sind +deshalb ganz eigentlich <em class="gesperrt">nur</em> Hintergründe, nur Atmosphären, wie +umgekehrt „antimusikalische“ Meister wie Signorelli und vor allem +Mantegna nur Vordergründe — „Reliefs“ — malten. In diesem Element +siegt die Musik über die Plastik, die Kapazität der Ausdehnung über +ihre Substanzialität. Man darf sagen, daß es in keinem Gemälde +Rembrandts ein „vorn“ gibt. Im Norden, in der Heimat des Kontrapunkts, +ist ein tiefes Verständnis für den Sinn des Horizontes und hell +belichteter Fernen schon früh zu finden, während im Süden der flach +abschließende Goldgrund arabisch-byzantinischer Bilder noch lange +herrschend bleibt. In Miniaturen und Stundenbüchern (wie dem des +Herzogs von Berry), bei frührheinischen Meistern taucht das reine +Raumgefühl zuerst auf und erobert sich langsam das Tafelbild.</p> + +<p>Denselben symbolischen Sinn haben die Wolken, deren künstlerische +Behandlung der Antike gleichfalls völlig versagt war und die +von den Malern der Renaissance mit einer gewissen spielerischen +Oberflächlichkeit behandelt wurden, während der gotische Norden sehr +früh wundervoll mystische Fernblicke auf und durch Wolkenmassen schafft +und die Venezianer, vor allem Giorgione und Paul Veronese, den vollen +Zauber der Wolkenwelt, der von schwebenden, ziehenden, geballten, +tausendfarbig belichteten Wesen erfüllten Himmelsräume erschlossen und +die Niederländer ihn bis zum Tragischen steigerten. Greco hat die große +Kunst der Wolkensymbolik nach Spanien gebracht.</p> + +<p>In der ebenfalls damals, zugleich mit der Ölmalerei und dem Kontrapunkt +herangereiften <em class="gesperrt">Gartenkunst</em> erscheinen dementsprechend die +langgestreckten Teiche, Buchengänge, Alleen, Durchblicke, Galerien, +um auch im Bilde der freien Natur dieselbe Tendenz zum Ausdruck zu +bringen, welche die von den frühen Niederländern als Grundaufgabe +ihrer Kunst empfundene und von Brunellesco theoretisch behandelte +Linearperspektive im Gemälde repräsentiert. Man wird finden, daß sie, +ich möchte<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> sagen als die mathematische Weihe des durch den Rahmen +seitlich abgegrenzten und in die Tiefe mächtig gesteigerten Bildraumes +— Landschaft oder Interieur — gerade damals mit einer gewissen +Absichtlichkeit zum Vortrag gebracht wurde. Das Ursymbol kündigt sich +an. Im Unendlichen liegt der Punkt, in dem alle perspektivischen +Linien zusammentreffen. Weil sie ihn vermied, weil sie die Ferne +nicht anerkannte, besaß die antike Malerei keine Perspektive. Ihre +Vasengemälde sind, als Einheit, weder Landschaft noch Innenraum, +sondern <em class="gesperrt">Nichts</em>, τὸ μὴ ὄν. Nur das einzelne gilt. Die Menschen +sind, jeder für sich, als σώματα, ohne Beziehung auf etwas außer ihnen +dargestellt. Sie bilden eine Summe, keine atmosphärisch zusammengefaßte +Totalität. <em class="gesperrt">Folglich</em> ist auch der Park, die bewußte Gestaltung +der Natur im Sinne räumlicher Fernwirkung, innerhalb der antiken Künste +unmöglich. Es gab in Athen und Rom keine perspektivische Gartenkunst. +Erst die Kaiserzeit fand an orientalischen Anlagen Geschmack.</p> + +<p>Das bedeutsamste Element im abendländischen Gartenbilde ist mithin +der <i>point de vue</i> der großen Rokokoparks, auf den sich ihre +Alleen und beschnittenen Laubgänge öffnen und durch den sich der +Blick in weite schwindende Fernen verliert. Er fehlt selbst der +chinesischen Gartenkunst. Aber er hat ein vollkommenes Gegenstück in +gewissen hellen, silbernen „Fernfarben“ der pastoralen Musik des 18. +Jahrhunderts, bei Couperin z. B. Erst der <i>point de vue</i> gibt +den Schlüssel zum Verständnis dieser seltsamen menschlichen Art, die +Natur der symbolischen Formensprache einer Kunst zu unterwerfen. +Die Auflösung endlicher Zahlengebilde in unendliche Reihen ist das +verwandte Prinzip. Wie hier die Formel des Restgliedes den letzten Sinn +der Reihe, so ist es dort der Blick ins Grenzenlose, der dem Auge des +faustischen Menschen den Sinn der Natur erschließt. <em class="gesperrt">Wir</em> waren +es und nicht die Hellenen, nicht die Menschen der Hochrenaissance, +welche die unbegrenzten Fernsichten vom Hochgebirge aus schätzten und +suchten. Das ist eine faustische Sehnsucht. Man will <em class="gesperrt">allein</em> +mit dem unendlichen Raume sein. Dies Symbol bis zum äußersten zu +steigern war die große Tat der nordfranzösischen Gartenbaumeister, vor +allem Lenôtres. Man vergleiche den Renaissancepark der mediceischen +Zeit mit<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> seiner Übersichtlichkeit, seiner heitren Nähe und Rundung, +dem Kommensurablen seiner Linien, Umrisse und Baumgruppen mit diesem +geheimen Zug in die Ferne, der alle Wasserkünste, Statuenreihen, +Gebüsche, Labyrinthe bewegt, und man findet in diesem Stück +Gartengeschichte das Schicksal der abendländischen Ölmalerei wieder.</p> + +<p>Aber Ferne — das ist zugleich eine <em class="gesperrt">historische</em> Empfindung. +<em class="gesperrt">Der Barockpark ist der Park der späten Jahreszeit</em>, des nahen +Endes, der fallenden Blätter. Ein Renaissancepark ist für den Sommer +und den Mittag gedacht. Er ist zeitlos. Nichts in seiner Formensprache +erinnert an Vergänglichkeit. Erst die Perspektive ruft die Ahnung von +etwas Vergehendem, Flüchtigem, Letztem wach.</p> + +<p>Schon das bloße Wort „Ferne“ hat in der abendländischen Lyrik +aller Sprachen einen wehmütig herbstlichen Akzent, den man in der +griechischen vergebens sucht. Die moderne Poesie der welkenden Alleen, +der endlosen Straßenzüge unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines +Domes, der Gipfel einer fernen Gebirgskette, verrät noch einmal, daß +das Tiefenerlebnis, das uns den Weltraum schafft, im letzten Grunde +die innere Gewißheit eines Schicksals, einer vorbestimmten Richtung, +der <em class="gesperrt">Zeit</em>, des Unwiderruflichen ist. Hier, im Erlebnis des +Horizontes als der Zukunft, tritt die Identität der Zeit mit der +„dritten Dimension“ des <em class="gesperrt">erlebten</em> Raumes unmittelbar zutage. Es +ist ein eminent historisches Gefühl, eine Richtung der ganzen Seele auf +Ferne und Zukunft, das den großen Parks ihre Gestalt gab. Baudelaire, +Verlaine und Droem haben es in Verse gebracht. Die Ägypter, darin +uns nahe verwandt, legten es ihrer Architektur durch das Prinzip der +zyklischen Wiederholung zugrunde; sie schufen Alleen von Lotossäulen, +Statuen und Sphinxen. Wir haben zuletzt auch das Straßenbild der großen +Städte dieser Grundidee des Versailler Parkes unterworfen und mächtige +geradlinige, in der Ferne schwindende Straßenfluchten angelegt, selbst +unter Aufopferung althistorischer Viertel — deren Symbolik jetzt die +geringere geworden war —, während antike Weltstädte mit ängstlicher +Sorgfalt das Gewirr krummer Gäßchen vorschoben, damit der apollinische +Mensch sich in ihnen als Körper unter Körpern fühle. Das „praktische<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> +Bedürfnis“ war hier wie immer die Maske eines tiefinnerlichen Zwanges.</p> + +<p>Der Horizont sammelt von nun an die tiefere Form, die metaphysische +Bedeutung des Bildes in sich. Der greifbare und mit Worten +wiederzugebende <em class="gesperrt">Inhalt</em> — nicht Gehalt —, womit die körperliche +Realität gemeint ist, die von der Renaissancemalerei allein betont und +anerkannt worden war, wird nun zum <em class="gesperrt">Mittel</em>, zum <em class="gesperrt">Träger</em> +des Ausdrucks. Bei Mantegna und Signorelli hätte der gezeichnete +Entwurf, auch ohne die koloristische Ausführung, als Bild bestehen +können. In einzelnen Fällen möchte man wünschen, es wäre bei den +Kartons geblieben. In statuenhaften Kompositionen ist die Farbe +lediglich etwas Akzidentielles. Tizian aber mußte von Michelangelo den +Vorwurf hören, daß er nicht zu zeichnen verstünde. Der „Gegenstand“, +eben das, was sich durch Umrißzeichnung festhalten läßt, das Nahe, +Stoffliche, hat, künstlerisch betrachtet, seine Wirklichkeit verloren +und von nun an herrscht in der Ästhetik, die unter den theoretischen +Eindrücken der Renaissance stehen blieb, jener seltsame nie endende +Streit um „Form“ und „Inhalt“ im Kunstwerk. Die Formulierung beruht +auf einem Mißverständnis und hat den sehr bedeutenden Sinn der Frage +verdeckt. Ob die Malerei plastisch oder musikalisch aufgefaßt werden +solle, als Statik von Dingen oder als Dynamik des Raumes — denn +darin liegt der Gegensatz von Fresko- und Öltechnik —, ist das +erste, der Gegensatz apollinischen und faustischen Formgefühls das +zweite, was zu erwägen war. Umrisse begrenzen Stoffliches, Licht und +Schatten interpretieren den Raum. Aber das eine ist von unmittelbar +sinnlicher Natur. Es <em class="gesperrt">erzählt</em>. Der Raum ist seinem Wesen nach +transzendent. Er spricht zur Einbildungskraft. Er repräsentiert eine +<em class="gesperrt">Idee</em>. Für eine Kunst, die unter seiner Symbolik steht, ist das +erzählende Moment eine Herabsetzung und Verdunkelung der tieferen +Tendenz, und ein Theoretiker, der hier ein Mißverhältnis zwischen +Sollen und Wollen fühlt, aber nicht begreift, klammert sich an den +nächstliegenden und trivialen Gegensatz von Inhalt und Form. Das +Problem ist ein rein abendländisches und es enthüllt in einer selten +lehrreichen Weise die vollkommene Umkehrung, die sich in der Bedeutung +der Bildelemente mit dem Abschluß der Renaissance und der Heraufkunft<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> +einer Musik großen Stils vollzogen hat. Mit „Inhalt“ wird immer wieder +der optisch-körperliche Eigenwert der dargestellten Objekte gemeint +(worüber sich die Gegner des Impressionismus zu täuschen pflegen). Dies +ist die <em class="gesperrt">euklidische</em> Form der Malerei, welche die Antike und also +auch, im Rahmen der gotischen Formensprache, Florenz gepflegt hatten. +Die Antike konnte mithin ein Problem wie das von Form und Inhalt +gar nicht besitzen. Für eine attische Statue ist beides vollkommen +identisch: der menschliche Leib. Der Fall der Barockmalerei wird noch +verwickelter durch den Widerstreit des <em class="gesperrt">volkstümlichen und des +höheren</em> Empfindens. Alles Euklidisch-greifbare ist auch populär +und das „Altertum“ mithin die populäre Kunst <i>par excellence</i>. +Dies ist nicht zum wenigsten der unnennbare Reiz, den alles Antike +auf faustische Geister ausübt, die ihren Ausdruck <em class="gesperrt">erkämpfen</em>, +der Welt abringen müssen. Hier braucht nichts erobert zu werden. Es +gibt sich von selbst. Und etwas Verwandtes hat der antigotische Zug in +Florenz hervorgerufen. Raffael ist populär, Rembrandt kann es nicht +sein. Seit Tizian ist die Malerei immer esoterischer geworden, auch +die Poesie, auch die Musik. Die Gotik — Dante, Wolfram — war es von +Anfang an gewesen. Die große Menge der Kirchenbesucher ist gar nicht +imstande, Motetten von Bach und Palestrina zu verstehen. Sie langweilt +sich bei Mozart und Beethoven. Sie läßt Musik lediglich auf die +Stimmung wirken. In Konzerten und Galerien redet man sich nur Interesse +an diesen Dingen ein, seit die Aufklärung die Phrase von der Kunst für +alle geprägt hat. Aber eine faustische Kunst ist nicht für alle. Das +gehört zu ihrem innersten Wesen. Wenn die neuere Malerei sich nur noch +an einen kleinen Kreis von Kennern wendet, der immer enger wird, so +entspricht das der Abwendung vom gemeinverständlichen novellistischen +Gegenstande. Damit ist dem sinnlichen Detail der Eigenwert aberkannt +und die eigentliche Wirklichkeit dem Raume zugesprochen, <em class="gesperrt">durch</em> +den — nach Kant — erst die Dinge <em class="gesperrt">sind</em>. Es ist seitdem ein +schwer zugängliches metaphysisches Element in die Malerei gekommen, das +sich dem Laien nicht preisgibt. Aber bei Phidias würde das Wort Laie +keinen Sinn haben. Seine Plastik wendet sich ganz an das leibliche, +nicht das geistige Auge. <em class="gesperrt">Eine raumlose Kunst</em> ist <em class="gesperrt">a priori +unphilosophisch</em>.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> + +<h4 id="Kuenste_7">7</h4> + +</div> + +<p>Hiermit hängt ein wichtiges Prinzip der <em class="gesperrt">Komposition</em> zusammen. +Man kann im Gemälde die einzelnen Dinge unorganisch über-, neben-, +hintereinander stellen, ohne Perspektive und Distanz, d. h. ohne die +Abhängigkeit ihrer Wirklichkeit von der Struktur des Raumes zu betonen, +womit nicht gesagt ist, daß man sie leugnet. So zeichnen Naturmenschen +und Kinder, bevor das Tiefenerlebnis als Ausdruck eines höheren +inneren Seins die sinnlichen Welteindrücke einem ordnenden Prinzip +unterwirft. Aber dies Prinzip ist dem Ursymbol gemäß in jeder Kultur +ein anderes. Die uns selbstverständliche Art perspektivischer Ordnung +ist ein Einzelfall und von keiner anderen Malerei weder anerkannt noch +gewollt. Die ägyptische Kunst wählte grundsätzlich die Darstellung +mehrerer gleichzeitiger Vorgänge in Reihen übereinander. So wurde die +dritte Dimension aus dem Bildeindruck ausgeschaltet. Die apollinische +Kunst legte mehr und mehr Gewicht auf den einzelnen Körper und stellte +isolierte Figuren und Gruppen unter absichtlicher Vermeidung räumlicher +und zeitlicher Beziehungen in die Bildfläche. Polygnots Fresken in der +Lesche von Delphi waren ein berühmtes Beispiel. Ein Hintergrund, der +die einzelnen Szenen verbunden hätte, fehlt. Er würde die Bedeutung +der Dinge als des allein Wirklichen — gegenüber dem Raum als dem +Nichtseienden — in Frage gestellt haben. Die Giebel des Tempels von +Ägina und des Parthenon enthalten eine Mehrzahl von Einzelfiguren, +keinen Organismus. Hierin empfand die Renaissance mit Notwendigkeit +gotisch, d. h. räumlich. Erst der Hellenismus — der Telephosfries +des Altars von Pergamon ist das früheste erhaltene Beispiel — bringt +das unantike Motiv der fortlaufenden Reihe, das in den Triumphsäulen +der Kaiserzeit seltsame Blüten getrieben hat. Aber das ist bereits +<em class="gesperrt">Verismus</em>, die spezifisch weltstädtische Art, Kunst zu machen, +rein virtuosenhaft, ohne ein in der Tiefe wirkendes Symbol. Das ist +außerdem <em class="gesperrt">Ägyptizismus</em>, der in dieser Zivilisation seit 300 eine +ähnliche Rolle spielt wie der Japanismus für das 19. Jahrhundert. Man +entlehnt exotische Formen, um einen Stil und damit die Illusion einer +großen Kunst hervorzubringen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p> + +<p>Die Barockmalerei ist demgegenüber an der <em class="gesperrt">einen</em> Aufgabe zur +Höhe emporgewachsen, den <em class="gesperrt">unendlichen Raum</em> mittels der Farbe zu +schaffen. Sie spricht den Dingen nur insofern Wirklichkeit zu, als sie +Träger der Farbe und Zeugen atmosphärischer Lichtwirkungen sind und +dadurch die reine, nichtstoffliche Ausdehnung zum Ausdruck bringen. Der +Gegenstand wird zum <em class="gesperrt">Mittel</em>, das im Raum symbolisierte Weltgefühl +zum <em class="gesperrt">eigentlichen Inhalt</em> des Gemäldes. Deshalb verschwindet +mit dem Ende der Renaissance zugleich mit der Plastik — als einer +weiterer Entwicklung nicht mehr fähigen Kunst — auch das Fresko und +das Relief und an die Stelle der figurenreichen Vordergrundszenen, +über die man den Raum vergißt, treten die „heroische Landschaft“ und +das Interieur,<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[74]</a> die beide dem spezifischen Problem des Raumes den +reinsten Ausdruck gestatten. Die Darstellung von Luft und Licht nimmt +die Darstellung von Szenen lediglich zum Vorwand.</p> + +<p>Und nun folgt vom Ende der Renaissance an, von Orlando Lasso und +Palestrina bis auf Wagner eine ununterbrochene Reihe großer Musiker +und von Tizian bis auf Manet, Marées und Leibl eine Reihe großer Maler +aufeinander, während die Plastik zur völligen Bedeutungslosigkeit +herabsinkt. Ölmalerei und polyphone Musik durchlaufen eine organische +Entwicklung, deren Ziel in der Gotik begriffen und im Barock +erreicht wurde. Beide Künste — faustisch im höchsten Sinne — sind +innerhalb dieser Grenzen <em class="gesperrt">Urphänomene</em>. Sie haben eine Seele, +eine Physiognomie und also eine Geschichte, und zwar sie allein. Die +Bildhauerei beschränkt sich auf ein paar schöne Zufälle im Schatten +der Malerei, Gartenkunst oder Architektur. Aber sie sind im Bilde +der abendländischen Kunst entbehrlich. Es gibt keinen plastischen +Stil mehr, wie es einen malerischen und musikalischen Stil gibt. +Es gibt so wenig eine geschlossene Tradition wie einen notwendigen +Zusammenhang der Werke untereinander. Schon in Lionardo entsteht +allmählich eine starke Verachtung der Bildhauerei. Er läßt höchstens +den Bronzeguß seiner malerischen<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Qualitäten wegen gelten, im Gegensatz +zu Michelangelo, dessen Element damals der weiße Marmor war. Aber +auch ihm will im hohen Alter keine plastische Arbeit mehr gelingen. +Keiner der späteren Bildhauer ist groß in dem Sinne, wie Rembrandt und +Bach groß sind und man wird zugeben, daß sich wohl eine tüchtige und +geschmackvolle Leistung, aber kein Werk denken läßt, das im Range neben +der Nachtwache oder der Matthäuspassion steht und in gleicher Weise die +Tiefe eines ganzen Menschentums erschöpft. Diese Kunst hat aufgehört, +das Schicksal ihrer Kultur zu sein. Ihre Sprache bedeutet nichts +mehr. Es ist völlig unmöglich, das, was in einem Bildnis Rembrandts +liegt, in einer Büste wiederzugeben. Wenn einmal ein Bildhauer von +einiger Bedeutung auftaucht wie Bernini, Puget oder Schlüter — es +ist naturgemäß keiner unter ihnen, der über das Dekorative hinaus zu +einer großen Symbolik gelangte —, so erscheint er als verspäteter +Schüler der Renaissance (Thorwaldsen), als verkappter Maler (Houdon), +Architekt (Bernini, Schlüter) oder Dekorateur (Pigalle) und er beweist +durch sein Erscheinen nur noch deutlicher, daß diese eines faustischen +Gehaltes nicht fähige Kunst keine Bedeutung, mithin keine Seele und +keine Geschichte im Sinne einer eigentlichen Stilentwicklung mehr hat. +Dasselbe gilt dementsprechend von der antiken Musik, die in den reifen +Jahrhunderten der Ionik (650–350) den beiden apollinischen Künsten, +Plastik und Freskomalerei, das Feld räumen und mit dem Verzicht +auf Harmonie und Polyphonie auch auf den Rang einer organisch sich +entwickelnden höheren Kunst verzichten mußte.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_8">8</h4> + +</div> + +<p>Die antike Malerei beschränkte ihre Palette auf gelb, rot, schwarz und +weiß. Diese merkwürdige Tatsache ist früh bemerkt worden und hat, da +man andere als oberflächliche und ausgesprochen materialistische Gründe +gar nicht in Betracht zog, zu törichten Hypothesen wie der von einer +angeblichen Farbenblindheit der Griechen geführt. Auch Nietzsche hat +davon geredet (Morgenröte 426).</p> + +<p>Aber aus welchem Grunde vermied diese Malerei in ihrer besten Zeit das +Blau und sogar noch das Blaugrün und ließ<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> erst bei den grüngelben +und bläulichroten Tönen die Skala der erlaubten Nuancen beginnen? +Ohne Zweifel kommt das Ursymbol der euklidischen Seele in dieser +Beschränkung zum Ausdruck.</p> + +<p>Blau und Grün sind die Farben des Himmels, des Meeres, der fruchtbaren +Ebene, der Schatten an südlichen Mittagen, des Abends und der +entfernten Gebirge. Sie sind wesentlich atmosphärische, nicht +gegenständliche Farben. Sie sind <em class="gesperrt">kalt</em>; sie entkörpern und rufen +die Eindrücke des Weiten, Fernen und Grenzenlosen hervor.</p> + +<p>Deshalb geht, während das Fresko Polygnots sie streng vermeidet, ein +„infinitesimales“ Blau und Grün von den Venezianern an bis ins 19. +Jahrhundert als raumschaffendes Element durch die ganze Geschichte +der perspektivischen Ölmalerei. Und zwar als Grundton von ganz +überwiegendem Range, der den Gesamtsinn der Farbengebung <em class="gesperrt">trägt</em>, +als Generalbaß, während die warmen gelben und roten Töne erst danach +gestimmt sind. Es ist nicht das satte, freudige, <em class="gesperrt">nahe</em> Grün +gemeint, das Raffael oder Dürer bei Gewändern gelegentlich — und +selten genug — verwenden, sondern ein unbestimmbares, in tausend +Schattierungen ins Weiße, Graue, Braune spielendes Blaugrün, etwas +spezifisch Musikalisches, in das die ganze Atmosphäre vor allem +auch auf guten Gobelins getaucht ist. Was man im Gegensatz zur +Linearperspektive Luftperspektive genannt hat und im Gegensatz zur +Renaissanceperspektive Barockperspektive hätte nennen können, beruht +fast ausschließlich auf ihm. Man findet es in Italien mit steigender +Kraft der Tiefenwirkung bei Lionardo, Guercino, Albani, in Holland +bei Ruysdael und Hobbema, vor allem aber bei den großen Franzosen, +von Poussin, Lorrain und Watteau an bis zu Corot. Das Blau, ebenfalls +eine perspektivische Farbe, steht immer in Beziehung zum Dunklen, +Lichtlosen, Unwirklichen. Es dringt nicht ein, sondern zieht in die +Ferne. „Ein reizendes Nichts“ hat es Goethe in seiner Farbenlehre +genannt.</p> + +<p>Blau und Grün sind transzendente, unsinnliche Farben. Sie fehlen im +strengen Freskogemälde attischen Stils und <em class="gesperrt">also herrschen sie</em> in +der Ölmalerei. Gelb und Rot, die <em class="gesperrt">antiken</em> Farben, sind die der +Materie, der Nähe und der animalischen Gefühle. Rot ist die eigentliche +Farbe der Sinnlichkeit; deshalb<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> ist es die einzige, die auf Tiere +wirkt. Sie steht dem Symbol des Phallus — und also der Statue und der +dorischen Säule — am nächsten, wie andrerseits ein reines Blau den +Mantel der Madonna verklärt. Diese Beziehung hat sich mit tiefgefühlter +Notwendigkeit in allen großen Schulen von selbst eingestellt. Violett +— ein Rot, das vom Blau überwunden wird — ist die Farbe der Frauen, +die nicht mehr fruchtbar sind und der im Zölibat lebenden Priester.</p> + +<p>Gelb und Rot sind die <em class="gesperrt">populären</em> Farben, die der Menge, der +Kinder und der Wilden. Bei den Spaniern und Venezianern wählt der +Vornehme — aus dem unbewußten Gefühl einer abweisenden Distanz — +ein prächtiges Schwarz oder Blau. Gelb und Rot sind endlich— als die +<em class="gesperrt">euklidischen, apollinischen</em> Farben — die des Vordergrundes, +auch im geistigen Sinne, die einer lärmenden Geselligkeit, des Marktes, +der Volksfeste, die des naiven Vorsichhinlebens, des antiken Fatums +und des blinden Zufalls, des punktförmigen Daseins. Blau und Grün — +<em class="gesperrt">faustische</em> Farben — sind die der Einsamkeit, der Sorge, der +Beziehung des Augenblicks auf Vergangenheit und Zukunft, des Schicksals +als der dem Weltall immanenten Fügung.</p> + +<p>Die Beziehung des shakespeareschen Schicksals zum Raume, des +sophokleischen (des sinnlosen) zur Materie war oben festgestellt +worden. Alle Kulturen von tiefer Transzendenz, alle, deren Ursymbol +eine <em class="gesperrt">Überwindung</em> des Augenscheins, ein Leben als Kampf, nicht +als Hinnahme von Gegebenem fordert, haben zum Raume wie zum Blau und +Schwarz denselben metaphysischen Hang. Blau ist die Farbe der Trauer +bei den Chinesen; auch die Farbe Werthers war blau. Es besteht für mich +kein Zweifel, daß die attische Bühne gerade diese Farbe vermieden hat. +Sie widerspricht dem Geiste ihrer Tragik.</p> + +<p>Die Symbolik der Farben kann hier nicht weiter entwickelt werden. Tiefe +Beobachtungen über das Verhältnis zwischen der Idee des Raumes und dem +Sinn der Farben finden sich in Goethes Studien über die entoptischen +Farben in der Atmosphäre. Mit der von ihm in der Farbenlehre gegebenen +Symbolik stimmt die hier aus den Ideen von Raum und Schicksal +abgeleitete vollkommen überein.</p> + +<p>Die bedeutendste Verwendung eines düsteren Grün als der Farbe des +Schicksals findet sich bei Grünewald, dessen Nächte von einer +unbeschreiblichen Mächtigkeit des Raumes nur von<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> Rembrandt wieder +erreicht werden. Hier gewinnt man auch den Eindruck, als ob man dies +bläuliche Grün, dieselbe Farbe, in welche das Innere der großen Dome so +oft gehüllt ist, als die spezifisch <em class="gesperrt">katholische</em> Farbe bezeichnen +dürfe, vorausgesetzt, daß man allein das durch das lateranische Konzil +von 1215 begründete und im Tridentinum endgültig fixierte nordische +Christentum mit der Eucharistie als Mittelpunkt katholisch nennt. Diese +Farbe steht in ihrer schweigsamen Größe sicherlich dem prunkvollen +Goldgrunde altchristlich-byzantinischer Bildwerke ebenso fern wie +den geschwätzig-heitren, „heidnischen“ Farben bemalter hellenischer +Tempel und Statuen. Man beachte, daß die Wirksamkeit dieser Farbe +<em class="gesperrt">Innenräume</em> voraussetzt im Gegensatz zum Gelb und Rot; die antike +Malerei ist eine ebenso entschieden öffentliche wie die abendländische +eine Atelierkunst. Die gesamte große Ölmalerei von Lionardo bis zum +Ende des 18. Jahrhunderts ist nicht für das grelle Tageslicht gedacht. +Hier kehrt der Gegensatz von Kammermusik und freistehender Statue +wieder. Die oberflächliche Begründung dieses Phänomens durch das Klima +wird, wenn es überhaupt nötig wäre, durch das Beispiel der ägyptischen +Malerei widerlegt.</p> + +<p>Die zunächst bizarre Tatsache der hellenischen Vierfarbenmalerei +ist nun erklärt. Da der unendliche Raum für das antike Lebensgefühl +ein vollkommenes Nichts ist, so würden Blau und Grün mit ihrer +entwirklichenden und Fernen schaffenden Kraft die Alleinherrschaft +des Vordergrundes, der vereinzelten Körper und damit den eigentlichen +Sinn apollinischer Kunstwerke in Frage gestellt haben. Dem Auge eines +Atheners wäre ein Gemälde in den Farben Watteaus wesenlos und von einer +schwer in Worte zu fassenden innern Leere und Unwahrheit erschienen. +Durch diese irrealen Farben wird die sinnlich empfundene, das Licht +reflektierende Fläche nicht als Grenze eines Dinges, sondern als die +des umgebenden Raumes gewertet. Deshalb fehlen sie dort und herrschen +sie hier.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_9">9</h4> + +</div> + +<p>Die arabische Kunst hat das magische Weltgefühl durch den +<em class="gesperrt">Goldgrund</em> ihrer Mosaiken und Tafelbilder zum Ausdruck<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> +gebracht. Man lernt seine verwirrend märchenhafte Wirkung und +mithin seine symbolische Absicht aus den Mosaiken von Ravenna und +den von lombardisch-byzantinischen Vorbildern noch stark abhängigen +frührheinischen und vor allem norditalienischen Meistern kennen, nicht +zum wenigsten auch durch gotische Buchillustrationen, deren Vorbilder +die byzantinischen Purpurcodices waren. Die Seele dreier Kulturen ist +hier an einer nahe verwandten Aufgabe zu prüfen. Die apollinische +erkannte nur das in Ort und Zeit unmittelbar Gegenwärtige als wirklich +an — und sie verleugnete den Hintergrund in ihren Bildwerken; die +faustische strebte über alle sinnlichen Schranken ins Unendliche +— und sie verlegte den Schwerpunkt des Bildgedankens mittels der +Perspektive in die Ferne; die magische empfand alles Gewordene und +Ausgedehnte als die Inkarnation rätselhafter Mächte — und sie schloß +die Szene durch einen Goldgrund ab, das heißt durch ein Mittel, das +jenseits alles Farbig-Natürlichen steht. Gold ist überhaupt keine +Farbe. Dem Gelb gegenüber entsteht der komplizierte sinnliche Eindruck +durch die metallische diffuse Reflexion eines an der Oberfläche +durchscheinenden Mittels. Farben — sei es die farbige Substanz der +geglätteten Wandfläche (Fresko) oder das mit dem Pinsel aufgetragene +Pigment — sind natürlich; der in der Natur so gut wie nie vorkommende +Metallglanz<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[75]</a> ist übernatürlich. Erinnern wir uns, daß als magische +Naturforschung die <em class="gesperrt">Alchymie</em> neben der apollinischen Statik und +der faustischen Dynamik steht. Der Goldgrund ist das Symbol eines +nicht in Regeln zu bannenden Geheimnisses. Man denke an den „Stein der +Weisen“. Die arabische Kultur ist die der <em class="gesperrt">Offenbarungs</em>religionen +— des Judentums, des Christentums, des Islam. Dies wunderbare Element +repräsentiert an dieser Stelle im Bilde, inmitten eines farbigen +Ganzen, eine fremde Welt. Vor allem ist der Eindruck<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> ein völlig +abstrakter und unorganischer. Alle wirklichen Körper sind farbig, die +wirkliche Atmosphäre ist es auch. Das leuchtende Gold nimmt also der +Szene, dem Leben, den Körpern ihre ontologische Wirklichkeit. Alles, +was im Kreise Plotins und der Gnostiker über das Wesen der Dinge, +ihre Unabhängigkeit vom Raume, ihre zufälligen Ursachen gelehrt wurde +— für <em class="gesperrt">unser</em> Weltgefühl höchst paradoxe und unverständliche +Ansichten —, liegt in der Symbolik dieses rätselhaften hieratischen +Hintergrundes. Das Wesen der Körper war ein wichtiger Streitpunkt der +Schulen von Bagdad und Basra. Suhrawardi unterschied Ausdehnung als +das primäre Wesen des Körpers von seiner Breite, Höhe und Tiefe als +den Akzidentien. Von Nazzâm werden den Atomen körperliche Substanz +und das Merkmal der Raumerfüllung abgesprochen. Das alles waren +metaphysische Probleme, die von Philo und Paulus an bis auf die +letzten Größen der islamischen Philosophie das arabische Weltgefühl +offenbarten. Sie spielen in den Streitigkeiten der Konzile über das +Wesen Gottes und die Person Christi eine große Rolle. Der Goldgrund +jener Gemälde hat also eine ausgesprochen dogmatische Bedeutung. Er +drückt das Wesen und Walten der Gottheit aus. Er repräsentiert die +<em class="gesperrt">arabische</em> Gestalt des christlichen Weltbewußtseins, und es +hängt tief damit zusammen, daß diese Behandlung des Hintergrundes +für Darstellungen aus der christlichen Legende tausend Jahre lang +als die einzige metaphysisch, selbst ethisch mögliche und würdige +erscheint. Als die ersten „wirklichen“ Hintergründe in der frühen +Gotik auftauchen, mit blaugrünem Himmel, weitem Horizont und +Tiefenperspektive, wirken sie zunächst „profan“, weltlich, und man hat +den dogmatischen Wandel, der sich hier verriet, wohl gefühlt, wenn +auch nicht erkannt. Wir sahen, wie gerade damals, als im lateranischen +Konzil das <em class="gesperrt">faustische</em> — germanisch-katholische — Christentum +zum Bewußtsein seiner selbst gelangt war, eine neue Religion im +alten Gewande, in der Kunst der Franziskaner die perspektivische +und farbige, den Luftraum erobernde Tendenz den ganzen Sinn der +Malerei umgestaltete. Das abendländische Christentum verhält sich +zum morgenländischen wie das Symbol der Perspektive zu dem des +Goldgrundes, und das endgültige Schisma tritt in der Kirche und Kunst +gleichzeitig<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> ein. Man begreift den landschaftlichen Hintergrund der +Bildszene zugleich mit der <em class="gesperrt">dynamischen</em> Unendlichkeit Gottes; +und zugleich mit den Goldgründen der kirchlichen Gemälde verschwinden +aus den abendländischen Konzilien jene magischen, ontologischen +Gottheitsprobleme, welche alle orientalischen wie das von Nicäa +leidenschaftlich bewegt hatten.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Kuenste_10">10</h4> + +</div> + +<p>Die Venezianer haben die Handschrift des <em class="gesperrt">sichtbaren +Pinselstrichs</em> entdeckt und als eminent raumschaffendes Motiv +in die Ölmalerei eingeführt. Von den florentiner Meistern war die +antikisierende und doch dem gotischen Formgefühl dienende Manier, +durch Glättung aller Übergänge reine, scharf umrissene, ruhende +Farbflächen zu schaffen, nie angegriffen worden. Ihre Bilder haben +etwas <em class="gesperrt">Seiendes</em>. Erst in der sichtbar bleibenden, gleichsam nie +erstarrenden Arbeit des Pinsels kommt ein <em class="gesperrt">historisches</em> Empfinden +zum Vorschein. Man will im Werk des Malers nicht nur etwas sehen, das +<em class="gesperrt">geworden</em> ist, sondern auch etwas, das <em class="gesperrt">wird</em>. Das hatte +die Renaissance vermeiden wollen. Ein Gewandstück des Perugino erzählt +nichts von seiner künstlerischen Entstehung. Es ist <em class="gesperrt">fertig</em>, +gegeben, schlechthin gegenwärtig. Die einzelnen Pinselstriche, die +man als eine vollkommen neue Formensprache zuerst in den Alterswerken +Tizians trifft, Akzente eines Temperaments, die unvermittelt +nebeneinander stehen, sich kreuzen, decken, verwirren, bringen eine +unendliche Bewegtheit in das farbige Element. Auch die gleichzeitige +geometrische Analysis läßt ihre Objekte werden, nicht sein. Jedes +Gemälde hat eine Geschichte und verschweigt sie nicht. Vor ihm fühlt +der faustische Mensch, daß er eine seelische Entwicklung hat. Vor jeder +großen Landschaft eines Barockmeisters darf man das Wort „historisch“ +aussprechen, um einen Sinn in ihr zu fühlen, der einer attischen +Statue gänzlich fremd ist. Das ewige Werden, die gerichtete Zeit, das +dynamische Weltenschicksal ruht auch in der Melodik dieser ruhelosen +und grenzenlosen Striche. Malerischer und zeichnerischer Stil: das +bedeutet, von dieser Seite gesehen, den Gegensatz von historischer und +ahistorischer Form, von Betonung oder Verleugnung des genetischen<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> +Moments, von Ewigkeit und Augenblick. Ein antikes Kunstwerk ist ein +Ereignis, ein abendländisches eine Tat. Das eine symbolisiert ein +punktförmiges Jetzt, das andere eine organische Entwicklung. Die +Physiognomik der Pinselführung, eine völlig neue, unendlich reiche und +persönliche, keiner andern Kultur bekannte Art von Ornamentik, ist +spezifisch <em class="gesperrt">musikalisch</em>. Man kann etwa das <i>allegro feroce</i> +des Franz Hals dem <i>andante con moto</i> Van Dycks gegenüberstellen. +Von nun an gehört der Begriff des <em class="gesperrt">Tempo</em> zum malerischen Vortrag +und er erinnert daran, daß diese Kunst die eines Seelentums ist, das +im Gegensatz zum antiken nichts vergißt und vergessen sehen will, was +einmal war.</p> + +<p>Das luftige Gewebe der Pinselstriche löst aber zugleich die sinnliche +Oberfläche der Dinge auf. Die Konturen verschwinden im Helldunkel. +Der Betrachter muß weit zurücktreten, um aus farbigen Raumwerten +körperhafte Eindrücke zu gewinnen. Es ist dies buchstäblich die +malerische Fassung der Kantschen Theorie vom Raume als der apriorischen +Anschauungsform, durch welche die Dinge in Erscheinung treten.</p> + +<p>Zugleich erscheint von nun an ein Symbol höchsten Ranges im +abendländischen Gemälde, das „<em class="gesperrt">Atelierbraun</em>“, und beginnt +die Wirklichkeit aller Farben mehr und mehr zu dämpfen. Die +älteren Florentiner kannten es noch nicht, so wenig wie die alten +niederländischen und rheinischen Meister. Pacher, Dürer, Holbein sind, +so leidenschaftlich ihre Tendenz zur räumlichen Tiefe erscheint, frei +davon. Erst das 16. Jahrhundert gehört ihm. Dies Braun verleugnet +seine Herkunft aus dem „infinitesimalen“ Grün der Hintergründe +Lionardos, Schongauers und Grünewalds nicht, aber es besitzt die +größere Macht über die Dinge. Es führt den Kampf des Raumes gegen das +Stoffliche zu Ende. Es überwindet auch das primitivere Mittel der +Linearperspektive mit ihrem an architektonische Bildmotive gebundenen +Renaissancecharakter. Es steht mit der impressionistischen Technik der +sichtbaren Pinselstriche dauernd in einer geheimnisvollen Verbindung. +Beide lösen das greifbare Dasein der sinnlichen Welt — der Welt des +Augenblicks und der Vordergründe — endgültig in atmosphärischen Schein +auf. Die Linie verschwindet aus dem Bilde. Der magische Goldgrund hatte +nur von einem rätselhaften<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> Jenseits geträumt, das die Gesetzlichkeit +der Körperwelt beherrscht und durchbricht; das Braun dieser Gemälde +öffnet den Blick in eine reine formvolle Unendlichkeit. Im Werden des +abendländischen Stils bezeichnet seine Entdeckung einen Höhepunkt. +<em class="gesperrt">Diese Farbe hat im Gegensatz zu dem vorhergehenden Grün etwas +Protestantisches.</em> Der nordische abstrakte Pantheismus des 18. +Jahrhunderts, wie ihn die Verse der Erzengel im Prolog von Goethes +Faust ausdrücken, ist in ihm vorweggenommen. Die Atmosphäre des König +Lear und Macbeth ist ihm verwandt. Das gleichzeitige Streben der +instrumentalen Musik nach immer reicheren Dissonanzen, die Einführung +der Sexte, Septime, Undezime, entspricht durchaus der neuen Tendenz in +der Ölmalerei, von den reinen Farben aus durch die Unzahl bräunlicher +Schattierungen und die Kontrastwirkung unvermittelt nebeneinander +gesetzter Farbenstriche eine <em class="gesperrt">malerische Chromatik</em> zu schaffen. +Beide Künste breiten nun durch ihre Ton- und Farbenwelten — Farbentöne +und Tonfarben — eine Atmosphäre reinster Räumlichkeit aus, die nicht +mehr den Menschen als Gestalt, als Leib, sondern die hüllenlose Seele +selbst umgibt und bedeutet. Eine Innerlichkeit wird erreicht, der in +den tiefsten Werken Rembrandts und Beethovens kein Geheimnis sich mehr +verschließt — eine Innerlichkeit allerdings, welche der apollinische +Mensch durch seine streng somatische Kunst <em class="gesperrt">abgewehrt</em> hatte.</p> + +<p>Die alten Vordergrundfarben, Gelb und Rot — die antiken Töne — +werden von nun an seltener und immer als bewußte Kontraste zu +Fernen und Tiefen gebraucht, die sie steigern und betonen sollen +(außer bei Rembrandt vor allem bei Vermeer). Dies der Renaissance +vollkommen fremde atmosphärische Braun ist die unwirklichste Farbe, +die es gibt. Es ist die einzige „Grundfarbe“, <em class="gesperrt">die dem Regenbogen +fehlt</em>. Es gibt weißes, gelbes, grünes, rotes, blaues Licht von +vollkommenster Reinheit. Ein reines braunes Licht liegt außerhalb +der Möglichkeiten unsrer Natur. Alle die grünlichbraunen, silbrigen, +feuchtbraunen, tiefgoldigen Töne, die bei Giorgione in prachtvollen +Nuancen erscheinen, bei den großen Niederländern immer kühner werden +und sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlieren, entkleiden die +Natur ihrer Realität. Darin liegt beinahe ein religiöses Bekenntnis.<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> +Bei Constable, dem Begründer einer <em class="gesperrt">zivilisierten</em> Malweise, ist +es ein andres Wollen, das nach Ausdruck sucht, und dasselbe Braun, das +er bei den Holländern studiert hatte und das damals Schicksal, Gott, +den Sinn des Lebens bedeutete, bedeutet ihm etwas andres, nämlich +bloße Romantik, Empfindsamkeit, Sehnsucht nach etwas Entschwundenem, +Erinnerung an die große Vergangenheit der sterbenden Ölmalerei. Auch +den letzten deutschen Meistern, Lessing, Marées, Spitzweg, Leibl,<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[76]</a> +deren verspätete Kunst ein Stück Romantik, ein Rückblick und Ausklang +ist, erschien das Braun als das kostbare Erbe der Vergangenheit, +und sie setzten sich in Widerspruch zu den bewußten Tendenzen +ihrer Generation — dem seelenlosen Freilichtprinzip —, weil sie +innerlich sich von diesem Moment eines großen Stils noch nicht trennen +konnten. In diesem noch heute nicht verstandenen Kampf zwischen dem +Rembrandtbraun der alten und dem Freilicht der neuen Schule erscheint +der hoffnungslose Widerstand der Seele gegen den Intellekt, der Kultur +gegen die Zivilisation, der Gegensatz von symbolisch notwendiger und +weltstädtisch virtuosenhafter Kunst. Von hier aus wird die tiefe +Bedeutung dieses Braun, mit dem eine ganze Kunst stirbt, fühlbar.</p> + +<p>Die innerlichsten unter den großen Malern haben diese Farbe am besten +verstanden, Rembrandt vor allem. Es ist dieses rätselhafte Braun +seiner entscheidenden Werke, das aus dem tiefen Leuchten mancher +gotischen Kirchenfenster, aus der Dämmerung hochgewölbter Dome stammt. +Der satte Goldton der großen Venezianer, Tizians, Veroneses, Palmas, +Giorgiones ist der jener alten, verschollenen Kunst, der nordischen +Glasmalerei, von der sie nichts wußten. Auch hier ist die Renaissance +mit ihrer körperhaften Farbenwahl nur Episode, nur ein Ergebnis der +Oberfläche, des Allzubewußten, nicht des Faustisch-Unbewußten der +abendländischen Seele. In diesem leuchtenden Goldbraun reichen sich +hier, in der venezianischen Malerei, Gotik und Barock, die Kunst jener +frühen Glasgemälde und die dunkle Musik Beethovens die Hand, gerade +damals, als durch Willaert<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> und Gabrieli die Schule von Venedig, die +Begründerin der weltlichen Instrumentalmusik, des Madrigals und Rondos, +ins Leben trat.</p> + +<p>Braun war nunmehr die eigentliche Farbe der Seele, einer historisch +gestimmten Seele geworden. Ich glaube, Nietzsche hat einmal von der +braunen Musik Bizets gesprochen. Aber das Wort gilt eher von der +Musik, die Beethoven für Streichinstrumente<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[77]</a> geschrieben hat und +noch zuletzt von dem Orchesterklang Bruckners, der so oft den Raum +mit einem bräunlichen Golde füllt. Alle andern Farben sind in eine +dienende Rolle verwiesen, so das helle Gelb und der Zinnober Vermeers, +die mit wahrhaft metaphysischem Nachdruck wie aus einer andern Welt ins +Räumliche hereinragen, und die gelbgrünen und blutroten Lichter, die +bei Rembrandt mit der Symbolik des Raumes beinahe zu spielen scheinen. +Bei Rubens, der ein glänzender Künstler, aber kein Denker war, ist das +Braun fast ideenlos, eine Schattenfarbe. (Das „katholische“ Blaugrün +macht bei ihm und Watteau dem Braun den Rang streitig.) Man sieht, wie +dasselbe Mittel, das in den Händen tiefer Menschen Symbol wird und +dann die ungeheure Transzendenz der Landschaften Rembrandts, in denen +die Entrücktheit reiner Kammermusik beinahe erreicht wird, hervorrufen +kann, daneben großen Meistern als bloße technische Handhabe zu Gebote +steht, daß also, wie wir eben sahen, die künstlerisch-technische +„Form“, als Gegensatz zu einem „Inhalt“ gedacht, nichts mit der wahren +Form großer Werke zu tun hat.</p> + +<p>Ich hatte das Braun eine historische Farbe genannt. Es macht die +Atmosphäre des Bildraumes zu einem Zeichen des endlosen Werdens. Es +übertönt die Sprache des Gewordnen in der Darstellung. Dieser Sinn +erstreckt sich auch auf die andern<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Farben der Ferne und führt zu einer +weiteren höchst bizarren Bereicherung der abendländischen Symbolik. +Die Hellenen hatten die oft noch vergoldete Bronze als Material ihrer +Statuen vorgezogen, um durch das Strahlende der Erscheinung unter +tiefblauem Himmel die Idee der Einzigkeit alles Körperhaften zum +Ausdruck zu bringen.<a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[78]</a> Die Renaissance grub diese Statuen aus, von +einer vielhundertjährigen Patina überzogen, schwarz und grün; sie genoß +das Historische des Eindrucks voller Ehrfurcht und Sehnsucht — und +unser Formgefühl hat seitdem dieses „ferne“ Schwarz und Grün heilig +gesprochen. Es ist heute für den Eindruck der Bronze auf <em class="gesperrt">unser</em> +Auge unentbehrlich, wie um die Tatsache schalkhaft zu illustrieren, daß +diese ganze Kunstgattung uns nichts mehr angeht. Was bedeutet uns eine +Domkuppel, eine Bronzefigur ohne Patina? Sind wir nicht endlich dahin +gekommen, diese Patina sogar künstlich zu erzeugen?</p> + +<p>Aber in der Erhebung des Edelrostes zu einem Kunstmittel von +selbständiger Bedeutung liegt viel mehr. Man frage sich, ob ein Grieche +die Bildung der Patina nicht als Zerstörung des Kunstwerkes empfunden +hätte. Es ist nicht die Farbe allein, das raumferne Grün, das er aus +seelischen Gründen vermied; die Patina ist Symbol der <em class="gesperrt">Zeit</em> und +sie erhält damit eine merkwürdige Beziehung zu den Symbolen der Uhr und +der Bestattungsform. Es war an einer früheren Stelle die Rede von der +Sehnsucht der faustischen Seele nach Ruinen und den Zeugnissen einer +fernen Vergangenheit, einem Hange, wie er im Sammeln von Altertümern, +Handschriften, Münzen, den Pilgerfahrten nach dem Kolosseum, dem +Forum Romanum und Pompeji, in Ausgrabungen und philologischen Studien +schon zur Zeit Petrarkas zutage tritt. Wann wäre es je einem Griechen +eingefallen, sich um die Ruinen von Mykene und Tiryns zu kümmern? Jeder +kannte seine Ilias, aber nicht einem von ihnen kam der Gedanke, den +Hügel von Troja aufzugraben. Die Ruinen des Heidelberger Schlosses und +tausend andre Reste, Burgen, Klöster, Tore, Mauern werden inmitten +unsrer Städte<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> sorgfältig erhalten — als Ruinen, denn man hat ein +dunkles Gefühl davon, daß bei einem Wiederaufbau etwas schwer in Worte +zu Fassendes verloren gehen würde. Als die Perser Athen zerstört +hatten, warf man alles, Säulen, Statuen, Reliefs, ob zertrümmert +oder nicht, von der Akropolis herunter, um von vorn anzufangen, und +diese Schutthalde ist unsre reichste Fundgrube für die Kunst des 6. +Jahrhunderts geworden. Das war ahistorisch empfunden. Das entsprach +dem Stil einer Kultur, welche die Leichenverbrennung zum Kult erhob +und eine Zeitrechnung nach ägyptischem Muster verschmähte. <em class="gesperrt">Wir</em> +haben auch hier das Gegenteil gewählt. Die heroische Landschaft im +Stile Lorrains ist ohne Ruinen nicht denkbar und der englische Park +mit seinen atmosphärischen Stimmungen, der den französischen um 1750 +verdrängte und dessen durchgeistigte Perspektive zugunsten einer +Rousseauschen „Natur“ aufgab, führte noch das Motiv der <em class="gesperrt">künstlichen +Ruine</em> ein, die das Landschaftsbild historisch vertieft.<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[79]</a> +Etwas Bizarreres ist kaum je ersonnen worden. Die ägyptische Kultur +restaurierte die Bauten der Frühzeit, aber sie würde niemals den +<em class="gesperrt">Bau von Ruinen</em> als Symbole der Vergangenheit gewagt haben. Uns +erscheinen die Gestalten der mexikanischen Kunst fratzenhaft genug, +aber dieser Gedanke würde einem Inder oder Griechen weit fragwürdiger +erschienen sein. Nur die aufs äußerste gesteigerte historische +Leidenschaft konnte zu solchen Konzeptionen führen.</p> + +<p>Es ist die Symbolik der Vergänglichkeit, welche die Patina uns teuer +macht. Sie hebt an der Statue, dem an sich völlig zeitlosen und rein +gegenwärtigen Kunstwerk, diese Beschränkung auf. Durch die Patina kommt +eine gewisse Ferne, ein Anflug geschichtlicher Bewegtheit, etwas also +vom Gehalte der Ölmalerei und Instrumentalmusik in diejenige Kunst, die +deren strengsten Gegensatz bildet. Erstaunlicher konnte die Energie +und Erfindungskraft der Seele, welche die technischen Bedingungen der +Künste ihrem Willen zum Ausdruck unterwirft,<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> sich gar nicht äußern. +Das Barock liebte, ohne es zu wissen, die Bronzeplastik der Patina +wegen. Ich wage zu behaupten, daß die Reste der antiken Skulptur erst +durch diese <em class="gesperrt">Transposition ins Musikalische</em>, in die Sprache der +Ferne, uns näher treten konnte. Die grüne Bronze, der geschwärzte +Marmor, die zertrümmerten Glieder einer Figur, allgemein gesprochen das +schwer zu beschreibende Gefühlsmoment im Eindruck des <em class="gesperrt">Torso</em>, +heben für unser inneres Auge die Schranken der reinen Gegenwart von +Ort und Zeit auf. Man hat das <em class="gesperrt">malerisch</em> genannt — „fertige“ +Statuen, Bauten, <em class="gesperrt">nicht</em> verwilderte Parks sind unmalerisch — und +in der Tat entspricht es der tieferen Bedeutung des Atelierbraun,<a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[80]</a> +aber man meinte im letzten Grunde den Geist der instrumentalen Musik. +Man frage sich, ob der Doryphoros Polyklets, in funkelnder Bronze vor +uns stehend, mit Emailaugen und vergoldetem Haar, dieselbe Wirkung tun +könnte wie der vom Alter geschwärzte, ob mancher Torso — etwa der +vatikanische des Herakles — nicht durch eine noch so gute Ergänzung +seinen Zauber einbüßte, ob die Türme und Kuppeln unsrer alten Städte +nicht ihren tiefen metaphysischen Reiz verlören, wenn man sie mit neuem +Kupfer beschlüge. Das Alter adelt für uns wie für die Ägypter alle +Dinge. Für den antiken Menschen entwertet es sie.</p> + +<p>Hiermit hängt endlich die Tatsache zusammen, daß die abendländische +Tragödie „<em class="gesperrt">historische</em>“, nicht etwa nachweisbar wirkliche oder +mögliche — das ist nicht der eigentliche Sinn des Wortes —, sondern +<em class="gesperrt">entfernte</em>, <em class="gesperrt">patinierte</em> Stoffe aus demselben Gefühl vorzog: +daß nämlich ein Ereignis von reinem Augenblicksgehalt, ohne Raum- +und Zeitferne, ein antikes tragisches Faktum, ein zeitloser Mythus, +nicht das ausdrücken könne, was die faustische Seele ausdrücken wollte +und mußte. Wir haben also Tragödien der Vergangenheit und Tragödien +der Zukunft — zu letzteren, in denen der kommende Mensch Träger +der Idee ist, gehören in einem gewissen Sinne Faust, Peer Gynt, die +Götterdämmerung —, aber Tragödien der Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> sind, wenn man von +der künstlerisch belanglosen Sozialdramatik des 19. Jahrhunderts +absieht, äußerst selten. Shakespeare wählte, wenn er einmal in +Gegenwärtigem Bedeutendes ausdrücken wollte, immer fremde Länder, in +denen er nie gewesen war, am liebsten Italien, deutsche Dichter gern +England und Frankreich — alles das aus einer Abweisung der örtlichen +und zeitlichen <em class="gesperrt">Nähe</em>, welche das attische Drama selbst im Mythus +noch betonte.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Vielleicht sollte das Wort Form, weil es Extensives +bezeichnet, hier vermieden werden. Aber man erinnere sich, daß Worte +überhaupt, Worte als etwas Gewordnes und Starres, ein unzulängliches +Mittel sind, etwas aus der Sphäre des Werdens anzudeuten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[68]</a> Der eigentliche Bilderstreit dauerte dort von 725–824.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[69]</a> Donatello ist der Gotik noch nicht entwachsen, +Michelangelo empfindet schon barock, d. h. musikalisch.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[70]</a> Gerade die entschiedene Vorliebe für den <em class="gesperrt">weißen</em> +Stein ist für den <em class="gesperrt">Gegensatz</em> von antikem und Renaissanceempfinden +bezeichnend.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[71]</a> Folgerichtig beginnt im 10. Jahrhundert die Verskunst des +<em class="gesperrt">Reimes</em>, die ebenfalls rein abendländisch und dem fugierten Stil +aufs engste verwandt ist.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[72]</a> Ich möchte doch zur Erwägung anheimgeben, ob nicht die +Basilika, deren Ableitung aus irgendeinem antiken Bautypus trotz aller +Kombinationen nicht gelingen will, überhaupt statt aus einem Hause aus +einem säulenumgebenen <em class="gesperrt">Innenhof</em> der Idee nach hervorgegangen ist. +Es würde sich um den geschlossenen Vorhof des Tempels handeln, in dem +die Gläubigen während der sakralen Handlung sich aufhalten. Das neue +magische Raumgefühl hätte ihn als „Mittelschiff“ überdeckt, worauf dann +erst die äußerliche Ähnlichkeit mit großstädtischen Zweckgebäuden die +Bezeichnung Basilika in der griechischen Literatur zur Folge hatte. +Der metaphysische Instinkt der Landschaft, in der die Kultbauten aller +Religionen damals etwas innerlich höchst Verwandtes hatten, spricht +sicherlich dafür. Die Anordnung von Atrium, Schiff und Altarraum wäre +demnach als die allgemein semitische von Vorhalle, Vorhof und Tempel +zu denken. Manche Einzelheiten wie die strenge Trennung von Schiff +und Apsis, die Höhenlage der letzteren, zu der Stufen hinauffuhren, +ferner die Orientierung <em class="gesperrt">allein</em> des Mittelschiffs auf die +Apsis, während die Seitenschiffe auch jetzt noch als „Umgebung“, als +Nebenhallen wirken und blind endigen, finden nur so ihre natürliche +Erklärung. Man bedenke doch, daß die Schöpfung eines solchen Typus von +höchster Symbolik ganz unbewußt erfolgt. Es ist <em class="gesperrt">psychologisch</em> +falsch, hier, in Syrien, so rationalistische Wege anzunehmen, wie sie +die Herleitung aus großstädtischen Markthallen und stadtrömischen +Privatbasiliken voraussetzt. Ein religiöses Weltgefühl kombiniert nicht +so sachlich.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[73]</a> Paris gehört zu ihr. Man sprach dort noch im 15. +Jahrhundert ebenso viel flämisch als französisch und mit den alten +Teilen seines architektonischen Bildes zählt Paris zu Brügge und Gent, +nicht zu Troyes und Poitiers.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[74]</a> Eine Halle, wie sie Masaccio, Fra Filippo Lippi oder +Raffael malen, weil sie nur an Bauten ihre Linearperspektive zur +Anwendung bringen können, ist ein architektonischer <em class="gesperrt">Körper</em>, kein +„Innen“. Ebensowenig sind ihre Kulissen wirkliche Landschaften.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[75]</a> Eine tiefsymbolische Bedeutung verwandter Art hat auch +die glänzende <em class="gesperrt">Politur</em> des Steines in der ägyptischen Kunst. +Sie hält den Blick in einer über die Außenseite der Statue gleitenden +Bewegung und wirkt damit entkörpernd. Umgekehrt ist der hellenische +Weg vom Poros über den naxischen zum durchscheinenden parischen und +pentelischen Marmor ein Zeugnis für die Absicht, den Blick in die +stoffliche Wesenheit des Körpers eindringen zu lassen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[76]</a> Sein Bildnis der Frau Gedon, ganz in Braun getaucht, ist +das <em class="gesperrt">letzte altmeisterliche</em> Porträt des Abendlandes, vollkommen +im Stile der Vergangenheit gemalt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[77]</a> Der Streichkörper repräsentiert im Orchesterklang +die Farben der Ferne. Das bläuliche Grün Watteaus findet sich bei +Mozart und Haydn, das Bräunliche der Holländer bei Beethoven. Auch +die Holzbläser rufen helle Fernen herauf. Gelb und Rot dagegen, die +Farben der Nähe, die <em class="gesperrt">populären</em> Nuancen, gehören zum Klang der +Blechinstrumente, der körperhaft bis zum Ordinären wirkt. Der Ton +einer alten Geige ist vollkommen körperlos: Es verdient bemerkt zu +werden, daß die hellenische Musik, so unbedeutend sie ist, von der +dorischen Lyra zur ionischen Flöte überging und daß die strengen Dorer +diese Tendenz zum Weichlichen und Niedrigen noch zur Zeit des Perikles +tadelten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[78]</a> Man verwechsle die Tendenz, welche dem Goldglanz eines +auf freiem Platze stehenden Körpers zugrunde liegt, nicht mit der des +flimmernden arabischen Goldgrundes, der in dämmernden Innenräumen +hinter den Figuren abschließt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[79]</a> Home, ein englischer Philosoph des 18. Jahrhunderts, +erklärt in einer Betrachtung über englische Parkanlagen, daß gotische +Ruinen <em class="gesperrt">den Triumph der Zeit über die Kraft</em>, griechische den +der Barbarei über den Geschmack darstellten. Damals erst wurde die +Schönheit des Rheins mit seinen Ruinen entdeckt. Er war von nun an der +<em class="gesperrt">historische</em> Strom der Deutschen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[80]</a> Das <em class="gesperrt">Nachdunkeln</em> alter Gemälde erhöht für unser +Gefühl deren Gehalt, mag der Kunstverstand tausendmal dagegen sprechen. +Hätten die verwendeten Öle die Bilder zufällig blasser werden lassen, +so wäre das als Zerstörung empfunden worden.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Viertes_Kapitel_II">II<br> +AKT UND PORTRÄT</h3> + +</div> + +<h4 id="Akt_11">11</h4> + +<p>Man hat die Antike eine Kultur des Leibes, die nordische eine +des Geistes genannt, nicht ohne den Hintergedanken, damit die +eine zugunsten der andern zu entwerten. So trivial der im +Renaissancegeschmack gehaltene Gegensatz von antik und modern, +heidnisch und christlich zumeist gemeint ist, so hätte er doch zu +entscheidenden Aufschlüssen führen können, vorausgesetzt, daß man +hinter der Formel ihren Ursprung zu finden verstand.</p> + +<p>Eine Kultur ist im historischen Gesamtbilde der Welt, wie wir sahen, +das Phänomen eines <em class="gesperrt">Seelentums</em>, dessen Sein in der rastlosen +Verwirklichung seiner inneren Möglichkeiten, seiner <em class="gesperrt">Idee</em>, sich +erschöpft. Die Vollendung der Aufgabe ist mit Vollendung des Lebens +identisch. Unser waches und lebendiges Bewußtsein — das gereifter +Kulturmenschen — erscheint als Polarität von Seele und Welt, der Summe +des Möglichen und der des Wirklichen, und zwar in wechselseitiger +Bedingtheit. Nur eine höhere Seele besitzt eine sinnvoll geordnete +Welt als ihr eigenstes Eigentum, und es gibt eine Welt nur in bezug +auf eine Seele. <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> — das ist also der Gesamtausdruck +lebendigen und bewegten Daseins, seine Offenbarung und Spiegelung im +Gewordnen und Ausgedehnten. Insofern hat die Welt die Bedeutung eines +<em class="gesperrt">Makrokosmos</em>.</p> + +<p>Ist die Welt aber, gleichviel was sie sonst noch ist, der ungeheure +Inbegriff von <em class="gesperrt">Symbolen</em>, so mußte auch der Mensch, soweit er +dem Gewebe des Wirklichen angehört, soweit er <em class="gesperrt">wirklich ist</em>, +von dieser Deutung ergriffen werden. Was war es aber, das an der +menschlichen Erscheinung den Rang eines Symbols beanspruchen, sein +Wesen und den Sinn seines Daseins in sich sammeln und greifbar vor +Augen stellen durfte? Die Antwort gibt die Kunst.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p> + +<p>Aber die Antwort mußte in jeder Kultur eine andre sein. Jede hat +einen andern Begriff vom Leben, weil jede anders lebt. Die eine +hatte dem Wirklichen das Prinzip des Körperhaften, die andre das des +reinen, unendlichen Raumes a priori, wieder andre das des Weges, der +magischen Ausdehnung zugrunde gelegt. Das war ein Weltgefühl, aber +das Lebensideal stimmte mit ihm überein. Aus dem einen, dem antiken +Ideal, folgte die rückhaltlose Hinnahme des sinnlichen Augenscheins, +aus dem abendländischen dessen ebenso leidenschaftliche Überwindung. +Das eine bedeutete Hingabe, das andre Kampf. Die apollinische Seele, +euklidisch, punktförmig, empfand den empirischen, sichtbaren Leib +als den vollkommenen Ausdruck ihrer Art zu sein; die faustische, in +allen Fernen schweifend, fand ihn nicht in der Person, sondern der +Persönlichkeit, dem empirischen Ich, dem <em class="gesperrt">Charakter</em> oder wie man +es nennen will. „Seele“ — das war für den echten Hellenen zuletzt +die Form seines leiblichen Daseins. So hat Aristoteles sie definiert. +„Leib“ — das war für den Menschen des Barock die sinnliche Form, die +Inkarnation der Seele. So empfand Goethe. So hat die Philosophie Kants, +unter zopfigen Formeln versteckt, die Dinge als die Inkarnation des +einen, ewigen Raumes empfunden, der sie in ihrer Erscheinung „bedingt“.</p> + +<p>Wir sahen, wie das eine Lebensgefühl zur Wahl der Plastik, das +andre zur Musik als der <em class="gesperrt">repräsentativen</em> Kunst führte. Neben +der Plastik stand die Pflege des Tanzes als einer Kunst von hoher +Ausdruckskraft, die des agonalen Wettkampfes und ein in dieser Form nie +wiederkehrender Kultus der körperlichen Schönheit — alles das ist in +den Idealen der σωφροσύνη und εὑρυθμία enthalten.</p> + +<p>Man hat diese Ideale von jeher viel zu weit gefaßt. Es ist <em class="gesperrt">nicht</em> +die Weihe des Blutes — das der Mensch der σωφροσύνη nicht zu +verschwenden hatte<a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[81]</a> —, <em class="gesperrt">nicht</em>, wie Nietzsche meinte, die +orgiastische Freude an Kraft und Mut und überschäumender Leidenschaft. +Das alles würde eher zu den Idealen des germanisch-katholischen und +indischen Rittertums gehören. Was der apollinische Mensch und seine +Kunst für sich allein in Anspruch<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> nehmen dürfen, ist lediglich die +Apotheose der leiblichen <em class="gesperrt">Erscheinung</em> im buchstäblichen Sinne, +das rhythmische Ebenmaß des Gliederbaus und die harmonische Ausbildung +der Muskulatur. Das ist <em class="gesperrt">nicht</em> heidnisch im Gegensatz zum +Christentum. Das ist jonisch im Gegensatz zum Barock. Erst der Mensch +des Barock, mochte er Christ oder Heide, Rationalist oder Mönch sein, +stand diesem Kultus des σῶμα fern bis zur äußersten körperlichen +Unreinlichkeit, wie sie in der Umgebung Ludwigs XIV. herrschte.<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[82]</a> Man +warf in Athen den Dorern Unsauberkeit vor; dagegen hatte das Badewesen +der gotischen Städte noch im 15. Jahrhundert in hoher Blüte gestanden, +trotz allen „Jenseitsglaubens“.</p> + +<p>Und so entwickelte sich die antike Plastik, nachdem sie ihr Thema +auf die allseitig freistehende (beziehungslose) menschliche Gestalt +beschränkt hatte, folgerichtig weiter bis zur ausschließlichen +Darstellung des <em class="gesperrt">nackten</em> Leibes. Und zwar, im Gegensatz zu jeder +andern Art von Plastik der gesamten Menschheitsgeschichte, durch die +<em class="gesperrt">anatomisch wahre Behandlung seiner Grenzflächen</em>. Damit ist das +euklidische Weltprinzip bis zum äußersten getrieben. Jede Hülle hätte +noch einen leisen Widerspruch gegen die apollinische Erscheinung, eine +wenn auch noch so zaghafte Andeutung des umgebenden Raumes enthalten.</p> + +<p>Es ist ein streng metaphysisches Motiv, das Bedürfnis nach einem +Lebenssymbol ersten Ranges, das die Hellenen zu dieser Kunst führte, +deren Enge allein durch die Meisterschaft ihrer Leistungen verdeckt +worden ist. Denn es ist nicht wahr, daß diese Aufgabe der Skulptur, +der menschliche Akt, die vollkommenste, natürlichste oder auch nur +nächstliegende sei. Das Gegenteil ist der Fall. Hätte nicht die +Renaissance mit ihrem vollen ästhetischen Pathos und einer gewaltigen +Täuschung über ihre eignen Tendenzen unser Urteil beherrscht, während +uns die Plastik selbst innerlich fremd geworden war, so hätten wir +das Exzeptionelle des attischen Stils längst bemerkt. Der ägyptische +Bildhauer dachte gar nicht daran, die anatomische Wirklichkeit zur +Grundlage des von ihm gewollten Ausdrucks zu<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> machen. Für gotische +Skulpturen kommt die Muskelbildung nirgends in Frage. Die hellenische +Behandlung des Nackten ist der <em class="gesperrt">große Ausnahmefall</em>, und sie hat +nur dies eine Mal zu einer Kunst von hohem Range geführt. In andern +Landschaften, wie der ägyptischen und japanischen — um eine besonders +törichte und flache Begründung vorweg zu nehmen — war der Anblick +nackter Menschen viel alltäglicher als gerade in Athen, wo die Damen in +Hut und Mieder über die nackten Mädchen bei den Spielen der Spartaner +sich höchst entrüstet äußerten, aber das gab nicht im mindesten Anlaß +zur Entwicklung einer Aktplastik. Der heutige japanische Kunstkenner +empfindet die Darstellung nackter Menschen als lächerlich und banal. +Für seine Malerei ist der Akt ein Gegenstand ohne irgendwelche +bedeutende Möglichkeiten.</p> + +<p>Was dem antiken Menschen die vollkommene Durchbildung der körperlichen +<em class="gesperrt">Oberfläche</em> bedeutete — denn das ist der letzte Sinn alles +anatomischen Ehrgeizes der griechischen Künstler: das Wesen der +lebendigen Erscheinung durch die Gestaltung ihrer Grenzflächen zu +erschöpfen —, das wurde für die abendländische Seele folgerichtig das +<em class="gesperrt">Porträt</em>, der eigentlichste und einzig erschöpfende Ausdruck +einer transzendenten, einer faustischen Existenz.</p> + +<p>Man hat beides, <em class="gesperrt">Akt und Porträt</em>, noch nie als Gegensatz +empfunden und deshalb beide nicht in der ganzen Tiefe ihrer +kunsthistorischen Erscheinung auffassen können. Und trotzdem offenbart +sich der volle Gegensatz zweier Welten im Widerstreit dieser großen +Formideale.</p> + +<p>Es war gezeigt worden, daß das Erlebnis des Ausgedehnten seinen +Ursprung im Merkmal der <em class="gesperrt">Richtung</em> hat, die allem Werden +innewohnt. Die <em class="gesperrt">Richtung</em> — durch die Worte Zeit, Leben, +Schicksal, Ziel angedeutet — verschmilzt als Tiefe oder Ferne mit der +Fläche oder Breite des Sinnlichen. Die Empfindung als solche dehnt sich +im Akt des Bewußtwerdens zur <em class="gesperrt">Welt</em>. So trägt alles Gewordene das +Merkmal der <em class="gesperrt">Ausdehnung</em>, und es gehört zum Geheimnisvollsten im +Wesen aller Kulturen, daß in ihnen — wie im Kinde — das Erwachen des +Ich, des Innenlebens mit der spontanen Deutung des Tiefenerlebnisses +im Sinne eines Ursymbols identisch ist. Wir sahen, wie jede Kultur +hier<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> anders fühlt. Der antike Mensch empfand die Welt, wie seine +Mathematik beweist, stereometrisch, mehr noch, planimetrisch. Die Zahl +als Größe oder Maß: das bedeutet die Welt als Summe von Stoffen oder +deren Grenzflächen. Der Hellene kannte nur Dinge, keinen Raum. Deshalb +die reine Flächenwirkung seiner Plastik, das Vermeiden von Licht und +Schatten, die strenge Beschränkung auf den einzelnen beziehungslosen +Fall. War demgegenüber <em class="gesperrt">das Unendliche</em> Prinzip und Zeichen +des abendländischen Daseins, so hatte die Ferne einen seelischen +Doppelsinn, je nachdem sie wird oder geworden ist.</p> + +<p>Das Tiefenerlebnis ist ein Werden und bewirkt ein Gewordnes; es +bedeutet Zeit und ruft den Raum hervor; es ist kosmisch und historisch +zugleich. Die lebendige Richtung geht zum <em class="gesperrt">Horizont</em> wie zur +<em class="gesperrt">Zukunft</em>. Unendlichkeit und Ewigkeit fließen vor der Seele +zusammen, und wer die eine nicht besitzt, kennt auch die andre nicht. +Die reine Gegenwärtigkeit des antiken Daseins, symbolisiert in der +nackten Statue, war die des Ortes <em class="gesperrt">und</em> der Zeit. Auch das Wort +Gegenwart hat einen doppelten Sinn, je nachdem der Bereich des Werdens +oder des Gewordnen gemeint ist. Die attische Plastik ist eine Kunst der +körperhaften Nähe und also auch des Augenblicks (auf dieser Tatsache +beruhen die verfehlten Ausführungen von Lessings Laokoon). Das Porträt +des 16. und 17. Jahrhunderts aber ist unendlich in <em class="gesperrt">jedem</em> Sinne. +Es faßt nicht nur den Menschen als Mittelpunkt des Weltalls, dessen +Erscheinung von seinem Sein Gestalt und Bedeutung empfängt; es faßt +ihn vor allem historisch, d. h. biographisch. Die Statue ist ein Stück +Natur und nichts außerdem. Parzeval, Hamlet, Faust sind stets werdende, +Odysseus, Klytämnestra, Antigone sind gewordne Menschen. Die antike +Dichtung gibt Statuen in Worten, die abendländische psychologische +Analysen. Hier liegt die Wurzel für unser Gefühl, das dem Griechen eine +reine Hingabe an die Natur zuschreibt. Wir werden uns nie ganz von +dem Empfinden befreien, daß der gotische Stil neben dem griechischen +<em class="gesperrt">Unnatur</em> ist, nämlich <em class="gesperrt">mehr</em> als „Natur“. Nur verhehlen +wir uns, daß darin das Gefühl eines Mangels bei den Griechen zu Worte +kommt. Die abendländische Formensprache ist reicher. Das Porträt +gehört der Natur <em class="gesperrt">und</em> der Geschichte an. Ein Porträt Tizians und +Rembrandts ist eine<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> <em class="gesperrt">Biographie</em>, die Quintessenz eines Lebens; +ein Selbstporträt ist eine <em class="gesperrt">Beichte</em>. Vergessen wir nicht, daß die +Beichte, von der sich in den Evangelien nicht die geringste Andeutung +findet, erst im 9. Jahrhundert und nur in Westeuropa Laienpflicht +wird — es war die Zeit der ersten Regungen des romanischen Stils —, +und daß sie erst 1215, zur Zeit der blühenden Gotik, den Rang eines +Sakraments erhielt. Es war gesagt worden, daß die faustische Kultur — +im Gegensatz zur antiken — die der Seelenforschung, der Selbstprüfung, +der Historik großen Stils ist. Wenn der Protestant und der Freigeist +sich gegen die Ohrenbeichte auflehnen, so kommt es ihnen nicht zum +Bewußtsein, daß sie nicht die rein abendländische Idee, sondern +nur ihre äußere Fassung ablehnen. Sie weigern sich, dem Priester +zu beichten, aber sie beichten sich selbst, dem Freunde oder der +Menge. Die gesamte nordische Poesie ist Bekenntniskunst. Das Porträt +Rembrandts und die Musik Beethovens sind es auch. Der abendländische +Mensch lebt mit dem Bewußtsein des Werdens, mit dem ständigen Blick auf +Vergangenheit und Zukunft. Der Grieche lebt punktförmig, ahistorisch, +somatisch. Kein Grieche hat Memoiren hinterlassen. Keiner wäre einer +echten Selbstkritik fähig gewesen. Auch das liegt in der Erscheinung +der nackten Statue, dem eminent unhistorischen Abbilde eines Menschen. +Ein Selbstporträt ist das genaue Seitenstück der Selbstbiographie in +der Art des Werther und Tasso, und das eine der Antike so fremd wie das +andre. Es gibt nichts Unpersönlicheres als die griechische Kunst. Daß +Skopas oder Lysippos ein Bildnis von sich selbst gemacht hätten, kann +man sich gar nicht vorstellen.</p> + +<p>Im antiken Akte, der ganz Oberfläche, ganz Vordergrund und Materie, +steingewordnes σῶμα war, ist das Innenleben künstlerisch verneint, +dem Raume als dem Nichtseienden gleichgesetzt. Wenn Plato drei +Seelenvermögen — εἴδη — und als deren höchstes das λογιστικόν +unterschied, so war dies Prinzip jedenfalls nur als Logik der +körperlichen Erscheinung in die Plastik gedrungen. Aristoteles hat die +Vollendung des Menschen nach Stoff und Form („Leib“ und „Seele“ in +<em class="gesperrt">antik</em> gefühltem Gegensatz) sogar ausdrücklich nach Analogie der +künstlerischen Arbeit beschrieben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p> + +<p>Man betrachte bei Phidias, bei Polyklet, bei irgendeinem andern Meister +nach den Perserkriegen die Wölbung der Stirn, die Lippen, den Ansatz +der Nase, das blind gehaltene Auge — wie das alles der Ausdruck einer +ganz unpersönlichen, pflanzenhaften, <em class="gesperrt">seelenlosen</em> Vitalität ist. +Man frage sich, ob diese Formensprache imstande wäre, ein inneres +Erlebnis auch nur anzudeuten. Es gab nie eine Kunst, für welche so +ausschließlich nur die optische Oberfläche von Körpern in Betracht +kam. Bei Michelangelo, der sich mit seiner ganzen Leidenschaft dem +Anatomischen ergab, ist trotzdem die leibliche Erscheinung stets der +Ausdruck der Arbeit aller Knochen, Sehnen, Organe <em class="gesperrt">des Innern</em>; +das Lebendige <em class="gesperrt">unter</em> der Haut tritt in Erscheinung, ohne daß es +gewollt war. Es ist eine Physiognomik, keine Systematik der Muskulatur, +die Michelangelo ins Leben rief. Aber damit war bereits das persönliche +Schicksal, nicht der stoffliche Leib der eigentliche Ausgangspunkt des +Formgefühls geworden. Es liegt mehr Psychologie (und weniger „Natur“) +im Arme eines seiner Sklaven als im Kopfe des praxitelischen Hermes. +Beim Diskobolos des Myron ist die äußere Form ganz für sich da ohne +alle Beziehung auf den vitalen Organismus geschweige denn die „Seele“. +Man vergleiche mit den besten Arbeiten dieser Zeit die altägyptischen +Statuen etwa des Dorfschulzen oder des Königs Phiops oder andrerseits +den David des Donatello und man wird verstehen, was es heißt, einen +Körper nur seiner stofflichen Grenze nach anerkennen. Alles, was bei +den Griechen den Kopf als den Ausdruck von etwas Innerlichem und +Geistigem erscheinen lassen könnte, ist peinlich vermieden. Gerade bei +Myron tritt das hervor. Ist man einmal darauf aufmerksam geworden, +so erscheinen die besten Köpfe der Blütezeit, aus der Perspektive +unsres gerade entgegengesetzten Weltgefühls betrachtet, nach einer +Weile dumm und stumpf. Das Biographische fehlt ihnen. Nicht umsonst +waren ikonische Statuen in dieser Zeit streng verpönt. Es gibt bis auf +Lysippos herab nicht einen echten Charakterkopf. Es gibt nur Masken. +Oder man betrachtet die Gestalt im ganzen: mit welcher Meisterschaft +ist da der Eindruck vermieden, als ob der Kopf der bevorzugte Teil des +Leibes sei. Deshalb sind diese Köpfe so klein, so unbedeutend in der +Haltung, so wenig durchmodelliert.<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> Überall sind sie durchaus als Teil +des Körpers, wie Arm und Schenkel, niemals als Sitz und Symbol eines +Ich geformt. Die sich beständig, bis zu staatlichen Verboten steigernde +Abneigung der Griechen dem Porträt gegenüber besitzt in der zunehmenden +Entwertung des Motivs nackter Körperlichkeit in der Ölmalerei von den +Florentinern bis zu Velasquez und Rembrandt ein vollkommenes Gegenstück.</p> + +<p>Man wird endlich sogar finden, daß der weibliche, selbst weibische +Eindruck vieler dieser Köpfe des 5. und mehr noch des 4. +Jahrhunderts<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[83]</a> das allerdings ungewollte Resultat der Bestrebung +ist, jede geistige Charakteristik gänzlich auszuschließen. Man ist +vielleicht zu dem Schlusse berechtigt, daß der ideale Gesichtstypus +dieser Kunst, der sicherlich nicht der des Volkes war, wie die spätere +naturalistische Bildnisplastik sofort beweist, als Summe von lauter +Negationen, des Individuellen und Psychischen nämlich, also aus +der Beschränkung der Gesichtsbildung auf das rein Euklidische und +Stereometrische entstanden ist. Dies würde das Geschlechtslose und +Unmännliche der Erscheinung zum großen Teil erklären.</p> + +<p>Das Porträt der großen Barockzeit behandelt dagegen durch alle Mittel +des malerischen Kontrapunkts, die wir als Träger räumlicher <em class="gesperrt">und</em> +historischer Fernen kennen gelernt haben, durch die in Braun getauchte +Atmosphäre, die Perspektive, den bewegten Pinselstrich, die zitternden +Farbentöne und Lichter, den Leib als etwas an sich Unwirkliches, als +ausdrucksvolle Hülle eines raumbeherrschenden Ich. (Die Freskotechnik, +euklidisch wie sie ist, schließt die Lösung einer solchen Aufgabe +vollkommen aus.) Das ganze Gemälde hat nur das eine Thema: Seele. Man +achte darauf, wie bei Rembrandt (etwa der Radierung des Bürgermeisters +Six oder dem Architektenbildnis in Kassel) und zuletzt noch einmal +bei Marées und Leibl (auf dem Bildnis der Frau Gedon) die Hände und +die Stirn gemalt sind, durchgeistigt bis zur Auflösung der Materie, +visionär,<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> voller Lyrik — und vergleiche damit die Hand und die Stirn +eines Apollo oder Poseidon aus der Zeit des Perikles.</p> + +<p>Die ägyptische Plastik als der Ausdruck einer dem Unendlichen +gleichfalls hingegebenen Seele — man erinnere sich der Symbolik +des Weges zur Grabkammer in den Pyramidentempeln — war ebenso +physiognomisch, ebenso historisch und <i>sub specie aeternitatis</i> +gedacht, mithin ebenfalls eine Kunst des Porträts. Die Königsstatue +bannt das <em class="gesperrt">Ka</em>, das transzendente Prinzip der Persönlichkeit, +in die Welt des Gewordnen, und zwar durch ihren Porträtcharakter. +Es folgt daraus, daß sie wie die Statuen gotischer Grabdenkmäler +den Leib als Eigenwert verneint: das Abendland durch die ganz +ornamental behandelte Kleidung, deren Physiognomik die Sprache des +Antlitzes und der Hände verstärkt, Ägypten, indem es den Körper — +wie die Pyramide, den Obelisken — in einem mathematischen Schema +hält und das Persönliche auf den Kopf, mit einer wenigstens in der +Skulptur nie wieder erreichten Größe der Auffassung beschränkt. Der +Faltenwurf soll in Athen den Sinn des Leibes offenbaren, im Norden +ihn auflösen. Das Gewand wird dort zum Körper, hier zur Musik — dies +ist der tiefe Gegensatz, der in Werken der Hochrenaissance zu einem +schweigenden Kampf zwischen dem traditionell gewollten und dem unbewußt +hervordringenden Ideal des Künstlers führt, in welchem das erste, +antigotische, oft genug auf der Oberfläche, das zweite, von der Gotik +zum Barock leitende, immer in der Tiefe siegt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_12">12</h4> + +</div> + +<p>Ich fasse jetzt den Gegensatz von apollinischem und faustischem +Menschheitsideal zusammen. Akt und Porträt verhalten sich wie Körper +und Raum, wie Augenblick und Ewigkeit, Vordergrund und Tiefe, wie die +euklidische zur analytischen Zahl, wie Maß und Beziehung. Die antike +Plastik, für welche die nackte Oberfläche des menschlichen Körpers +beinahe das einzige Ausdrucksmittel geworden war, arbeitete an einer +Inkarnation des vollkommen Gegenwärtigen nach Ort und Zeit. Die +Statue wurzelt im Boden, die Musik — und das abendländische Porträt +<em class="gesperrt">ist</em> Musik, aus Farbentönen gewebte Seele —<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> durchdringt den +grenzenlosen Raum. Das Freskogemälde ist mit der Wand verbunden, +verwachsen; das Ölgemälde, als Tafelbild, ist frei von den Schranken +eines Ortes. Die apollinische Formensprache offenbart nur Gewordnes, +die faustische vor allem auch ein Werden.</p> + +<p>Deshalb zählt die abendländische Kunst Kinderporträts und +Familienbildnisse zu ihren besten und innerlichsten Leistungen. Der +attischen Plastik waren diese Motive völlig versagt. Das Kind verknüpft +Vergangenheit und Zukunft. Es bezeichnet in jeder menschenbildenden +Kunst, die überhaupt Anspruch auf symbolische Bedeutung erhebt, die +Dauer im Wechselnden der Erscheinung, die Unendlichkeit des Lebens. +Aber das antike Leben erschöpfte sich in der Fülle des Augenblicks +und man verschloß das Auge vor zeitlichen Fernen. Man dachte an die +Menschen gleichen Blutes, die man neben sich sah, aber nicht an die +kommenden Geschlechter. Und deshalb hat es niemals eine Kunst gegeben, +die der Darstellung von Kindern so entschieden aus dem Wege gegangen +ist wie die griechische. Man überdenke die Fülle von Kindergestalten, +welche von der frühen Gotik bis zum sterbenden Rokoko und vor allem +auch in der Renaissance entstanden sind, und suche demgegenüber auch +nur ein antikes Werk von einigem Range bis auf Alexander herab, das mit +Absicht dem ausgebildeten Körper des Mannes oder Weibes den kindlichen +zur Seite stellt, dessen Dasein noch der Zukunft angehört.</p> + +<p>In der <em class="gesperrt">Idee des Muttertums</em> ist das unendliche Werden begriffen. +Wie der mystische Akt des Tiefenerlebnisses — der Zeit, des Schicksals +— aus dem Sinnlichen das Ausgedehnte und also die <em class="gesperrt">Welt</em> schafft, +so entsteht durch die Mutterschaft der leibliche Mensch als einzelnes +Glied dieser Welt. Alle Symbole der Zeit und Ferne sind auch Symbole +des Muttertums. In der Erscheinung der Mutter sammelt sich der Sinn +der Geschlechterfolgen als gewollt und vorbedacht. Die Sorge ist das +Urgefühl der Zukunft und alle Sorge ist mütterlich. Sie spricht sich +in den Bildungen und Ideen von Familie und Staat und dem Prinzip der +<em class="gesperrt">Erblichkeit</em>, das beiden zugrunde liegt, nicht weniger aus +als in den Reliefreihen und Sphinxalleen der ägyptischen und den +unendlichen Fernsichten und<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> Perspektiven der abendländischen Kunst. +In der Dynastie (dem Adel) verkörpert sich die Sorge, die Zukunft, der +Wille zur Dauer, und einen wahren Staat — wie den ägyptischen oder +preußischen — kann es nur geben, wo es ein dynastisches Gefühl im +Menschen gibt.</p> + +<p>Auf dem „Carpe diem“ des antiken Daseins läßt sich weder ein Adel +noch ein Staat aufbauen. Die Polis ist der Ausdruck der Negation von +beidem. Es fehlt an mütterlicher Sorge der Stadt für die Nachkommen +der Lebenden; es fehlt die Ehrfurcht vor dem Erblichen und somit der +Sinn für Dynastien wie für die Familie als Kette von Generationen +und nicht nur als Gruppe von Lebenden. Wie das öffentliche Dasein +ausschließlich auf der Wahrnehmung der augenblicklichen und greifbaren +Vordergrundinteressen beruhte, so stellte sich das apollinische +Lebensgefühl nicht im Prinzip des <em class="gesperrt">Muttertums</em>, sondern in dem +der <em class="gesperrt">Fruchtbarkeit</em> dar. Dies ist der Gegensatz von Raum und +Körper, Porträt und Akt. Der Phallus wurde zum antiken Symbol. Er ist +wie die Statue, die — zumal in Bronze gegossen oder grell bemalt +und frei aufgestellt — etwas Phallisches hatte, der Inbegriff des +Beziehungslosen. Die Mutter verweist in die Zukunft, auf Geschlechter; +der Phallus bezeichnet den augenblicklich-geschlechtlichen Akt. Man +wird in der großen griechischen Statuenkunst nicht eine säugende Mutter +finden. Man möchte sie nicht einmal im Stil des Phidias gebildet sehen. +Man fühlt, daß diese Kunstgattung innerlich dem Motiv widerspricht.<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[84]</a> +In der religiösen Kunst des Abendlandes dagegen gab es keine erhabnere +Aufgabe. Mit der anbrechenden Gotik wurde die orientalische Maria der +Mosaiken zur Mutter Gottes, zur Mutter überhaupt. Im germanischen +Mythus erscheint sie als Frigga und Frau Holle. Wir finden das gleiche +Gefühl in schönen Wendungen der Minnesänger wie Frau Welt, Frau Sonne, +Frau Eve, Frau Minne ausgedrückt. Die <em class="gesperrt">mütterliche</em> Geliebte, +Ophelia und Gretchen, steht neben den Madonnen Raffaels.</p> + +<p>Ihr stellte der hellenische Olymp Göttinnen gegenüber, die Amazonen +— wie Athene — oder Hetären — wie Aphrodite —<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> waren. Das ist der +antike Typus des Weibes, aus der Idee der pflanzenhaften Fruchtbarkeit +erwachsen. Auch hier erschöpft das Wort σῶμα den ganzen Sinn der +Erscheinung. Man denke an das Meisterwerk dieser Art, die drei +mächtigen Frauenkörper im Ostgiebel des Parthenon, und vergleiche +damit die erhabenste Konzeption einer Mutter, die sixtinische Madonna +Raffaels. In ihr ist nichts Körperhaftes mehr. Sie ist ganz Ferne, +ganz Raum. Die Helena der Ilias, an Kriemhild gemessen, ist Hetäre; +Antigone und Klytämnestra sind Amazonen. Es ist auffallend, wie selbst +Äschylus in der Tragödie der Klytämnestra die Tragik der Mutter +vermeidet. Die Gestalt der Medea ist geradezu die mythische Umkehrung +des faustischen Typus der <i>Mater dolorosa</i>. In der Plastik +verschwimmen Aphrodite und Athene (für diese Kunst ist Athene nur eine +ältere Aphrodite) endlich zu <em class="gesperrt">einer</em> weiblichen Idealgestalt, die +— wie die knidische Aphrodite — lediglich ein schöner Gegenstand +ist, kein Charakter, kein Ich, sondern ein Stück Natur. Praxiteles, +der bekanntlich den weiblichen Ganzakt in die attische Bildhauerei +einführte, hat daraus die letzten künstlerischen Konsequenzen gezogen.</p> + +<p>Diese Neuerung fand strengen Tadel, aus dem Gefühl heraus, daß hier +ein Symptom des niedergehenden antiken Weltgefühls vorliege. So sehr +sie der geschlechtlichen Symbolik entsprach, so sehr widersprach sie +der Würde der älteren griechischen Religion. Aber sie bewies zugleich, +daß allenthalben die Strenge und Sicherheit der Formensprache im +Sinken war. Damals entstand die Niobidengruppe, die erste, wenn auch +wenig tiefe Darstellung einer Mutter. Damals entstanden aber auch im +schärfsten Widerspruch zur antiken Staatsform der Polis die Dynastien +der Nachfolger Alexanders, schwächlich zwar im Vergleich mit den +ägyptischen und abendländischen, aber doch gewisse Zeichen einer innern +Würde. Die Kraft der antiken Symbolik erlischt. Die antike Kultur wird +Zivilisation. Jetzt erst wagt sich eine Bildniskunst hervor, die wie +der hellenistische Staat und die jetzt in Mode kommende korinthische +Pflanzensäule deutlich an Ägypten erinnert (man denke daran, wie +dementsprechend das 19. Jahrhundert an griechische und, seit 1860, an +japanische Vorbilder anknüpft). Der Perikleskopf des Kresilas<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> (etwa +430) ist in keinem Sinne Porträt. Die bekannte Sophoklesstatue (um +340) ist es eher. Erst der Demosthenes des Polyeukt (um 280) darf +als Porträt gelten. Wie wenig er es im Sinne der Kunst Rembrandts +oder überhaupt in dem einer transzendenten Kunst ist, hätte aber nie +verkannt werden sollen. Man hat den virtuosenhaften Verismus namentlich +jener spätgriechischen Künstler, welche die Römerbüsten der Kaiserzeit +schufen, mit physiognomischer Tiefe verwechselt. Wer aber glaubt, der +Hellenismus habe je persönliche Seelenbildnisse gewollt oder erreicht +— beides ist dasselbe —, der vergleiche ein „arabisches“ Porträt wie +die Theodosiusstatue in Barletta, die Köpfe der Helena und Theodora +oder die altägyptischen Bildnisse des Chephren und Sesostris III. +mit irgendeinem griechischen. Sie alle haben eine schwer in Worte +zu fassende Verwandtschaft mit den Bildnissen Tizians, Holbeins und +Rembrandts, die Idealfiguren des Hellenismus haben sie <em class="gesperrt">nicht</em>.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_13">13</h4> + +</div> + +<p>In der Ölmalerei vom Ende der Renaissance an kann man die Tiefe +eines Künstlers mit Sicherheit an dem Gehalt seiner Porträts messen. +Diese Regel erleidet kaum eine Ausnahme. Alle Gestalten im Bilde, ob +einzeln, ob in Szenen, Gruppen, Massen, sind dem physiognomischen +Grundgefühl nach Porträts, ob sie es sein sollen oder nicht. Das stand +nicht in der Wahl des einzelnen Künstlers. Nichts ist lehrreicher +als zu sehen, wie sich unter den Händen eines wirklich faustischen +Menschen selbst der Akt in eine Porträtstudie verwandelt (man könnte +die hellenistische Bildniskunst als den entgegengesetzten Prozeß +bezeichnen). Man nehme zwei deutsche Meister wie Lukas Kranach und +Tilmann Riemenschneider, die von aller Theorie unberührt blieben und, +im Gegensatz zu Dürer und dessen Hange zu ästhetischen Meditationen und +also zur Nachgiebigkeit fremden Tendenzen gegenüber, mit vollkommener +Naivität arbeiteten. In ihren — höchst seltenen — Akten zeigen +sie sich gänzlich außerstande, den Ausdruck ihrer Schöpfung in die +unmittelbar gegenwärtige flächenbegrenzte Körperlichkeit zu legen. Der +Sinn der menschlichen Erscheinung und mithin<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> des ganzen Werkes bleibt +regelmäßig im Kopfe gesammelt, bleibt physiognomisch, nicht anatomisch, +und das gilt trotz des entgegengerichteten Wollens und trotz aller +italischen Studien auch von Dürers Lukrezia. Ein faustischer Akt — das +ist ein Widerspruch in sich selbst. Daher das peinlich Gezwungene, das +Schwankende und Befremdende solcher Versuche, die sich allzu deutlich +als Opfer vor dem hellenisch-römischen Ideal verraten, Opfer, die +der Kunstverstand, nicht die Seele bringt. Es gibt in der gesamten +Malerei nach Lionardo kein bedeutendes oder bezeichnendes Werk mehr, +dessen Sinn von dem euklidischen Dasein eines nackten Körpers getragen +wird. Wer hier Rubens nennen und dessen unbändige Dynamik schwellender +Leiber in irgendeine Beziehung zur Kunst des Praxiteles und selbst des +Skopas setzen wollte, der versteht ihn nicht. Gerade die prachtvolle +Sinnlichkeit hielt ihn von der toten <em class="gesperrt">Statik</em> der Körper +Signorellis fern. Wenn irgendein Künstler in die Schönheit nackter +Leiber ein Maximum von <em class="gesperrt">Werden</em>, von unhellenischer Ausstrahlung +einer innern Unendlichkeit gelegt hat, so war es Rubens. Man +vergleiche den Pferdekopf aus dem Parthenongiebel mit denen in seiner +Amazonenschlacht und man wird den tiefen metaphysischen Gegensatz in +der Fassung des gleichen Erscheinungselements fühlen. Bei Rubens — um +wieder an den Gegensatz von faustischer und apollinischer Mathematik +zu erinnern — ist der Körper nicht Größe, sondern Beziehung; nicht +die sinnvolle Regel seiner äußeren Gliederung, sondern die Fülle des +strömenden Lebens in ihm ist das Motiv, das sich im Jüngsten Gericht, +wo die Leiber zu Flammen werden, mit der Bewegtheit des Weltraumes +verbindet, eine gänzlich unantike Synthese, die auch den Nymphenbildern +Corots nicht fremd ist, deren Gestalten im Begriffe sind, sich in +Farbenflecke, Reflexe des unendlichen Raumes aufzulösen. So ist der +antike Akt <em class="gesperrt">nicht</em> gemeint. Man verwechsle das griechische +Formideal — das eines in sich abgeschlossenen plastischen Daseins — +auch nicht mit der bloßen virtuosen Darstellung schöner Leiber, wie sie +sich von Giorgione bis auf Boucher immer wieder finden, fleischliche +Stilleben, Genrearbeiten, die lediglich, wie Rubens’ Frau mit dem Pelz, +eine heitre populäre Sinnlichkeit zum Ausdruck bringen und in Hinsicht +auf das symbolische Gewicht der<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> Leistung — sehr im Gegensatz zu dem +hohen Ethos antiker Akte — weit zurücktreten.<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[85]</a></p> + +<p>Diese — ausgezeichneten — Maler haben dementsprechend weder +im Porträt noch in der Darstellung tiefer Welträume vermittelst +der Landschaft das Höchste erreicht. Ihrem Braun und Grün, ihrer +Perspektive fehlt die „Religion“, das Schicksal. Sie sind Meister +allein im Bereiche der <em class="gesperrt">elementaren</em> Form, in deren Repräsentation +ihre Kunst sich erschöpft. Sie sind es, deren Schar die eigentliche +Substanz der Entwicklungsgeschichte einer großen <em class="gesperrt">Kunst</em> +bildet. Wenn aber ein großer <em class="gesperrt">Künstler</em> darüber hinaus zu jener +andern, die ganze Seele und den ganzen Sinn der Welt umfassenden +Form vordringt, so <em class="gesperrt">mußte</em> er innerhalb der antiken Kunst zur +Durchbildung eines nackten Körpers schreiten, in der nordischen +<em class="gesperrt">durfte</em> er es nicht. Rembrandt hat in jenem Vordergrundssinne nie +einen Akt gemalt; Lionardo, Tizian, Velasquez und unter den letzten +Menzel, Leibl, Marées, Manet jedenfalls selten (und dann immer, ich +möchte sagen Leiber <em class="gesperrt">als Landschaften</em>). Das Porträt bleibt der +untrügliche Prüfstein.<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[86]</a></p> + +<p>Aber man würde Meister wie Signorelli, Mantegna, Botticelli niemals +an dem Range ihrer Porträts messen. Raffaels Bildnisse, deren beste +wie das des Papstes Julius II. unter dem Einflüsse des Venezianers +Sebastian del Piombo entstanden, könnte man bei der Würdigung seines +Schaffens gänzlich außer acht lassen. Erst bei Lionardo sind sie +von höchstem Gewicht. Es besteht ein feiner Widerspruch zwischen +Freskotechnik und Bildnismalerei. In der Tat ist Giovanni Bellinis +Doge Loredan das erste große Ölporträt. Auch hier offenbart sich der +Charakter der Renaissance als einer Auflehnung gegen den faustischen +Geist des Abendlandes. Die Episode von Florenz bedeutet den Versuch, +das Porträt gotischen Stils — also nicht<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> das spätantike Idealbildnis, +das man vornehmlich durch die Cäsarenbüsten kannte — als Symbol +des Menschlichen durch den Akt zu ersetzen. Folgerichtig hätten die +physiognomischen Züge der gesamten Renaissancekunst fehlen müssen. +Allein die starke Unterströmung faustischen Kunstwollens, nicht nur +in kleineren Städten und Schulen Mittelitaliens, sondern selbst im +Unbewußten der großen Maler bewahrte eine nie unterbrochene Tradition. +Die Physiognomik gotischer Art unterwarf sich sogar das ihr so fremde +Element des südlich-nackten Körpers. Was man entstehen sah, sind +nicht Körper, die durch die Statik ihrer Grenzflächen zu uns reden; +wir bemerken ein <em class="gesperrt">Mienenspiel</em>, das sich vom Antlitz über alle +Teile des Körpers verbreitet und für das feinere Auge gerade in die +toskanische <em class="gesperrt">Nacktheit</em> eine tiefe Identität mit dem <em class="gesperrt">gotischen +Gewande</em> legt. Sie ist eine Hülle, keine Grenze. Vor allem aber +wurde jeder gemalte oder modellierte Kopf von selbst zum Porträt. Alles +was A. Rossellino, Donatello, Benedetto da Majano, Mino da Fiesole im +Porträt geleistet haben, steht dem Geiste der Van Eyck, Memlings und +der frührheinischen Meister oft bis zum Verwechseln nahe. Ich behaupte, +daß es überhaupt kein eigentliches Renaissanceporträt gibt und geben +kann, wenn man darunter die in einem Antlitz gesammelte künstlerische +Gesinnung versteht, welche den Hof des Palazzo Strozzi von der Loggia +dei Lanzi und Perugino von Cimabue trennt. Im Architektonischen war +eine antigotische Konzeption möglich, so wenig von apollinischem Geiste +sie auch besaß; im Bildnis, das schon als Gattung ein faustisches +Phänomen war, nicht. Michelangelo ging der Aufgabe aus dem Wege. +In seiner leidenschaftlichen Verfolgung eines plastischen Ideals +hätte er die Beschäftigung mit ihr als ein Herabsteigen empfunden. +Seine Brutusbüste ist so wenig ein Porträt wie sein Giuliano de +Medici, dessen Porträt von Botticelli ein wirkliches, mithin eine +ausgesprochen gotische Schöpfung ist. Michelangelos Köpfe sind +Allegorien im Geschmack des anbrechenden Barock und selbst mit gewissen +hellenistischen Arbeiten nur oberflächlich vergleichbar. Man mag den +Wert der Uzzanobüste des Donatello, vielleicht der bedeutendsten +Leistung dieser Epoche, noch so hoch bemessen; man wird zugeben, daß +sie neben den Bildnissen der Venezianer kaum in Betracht kommt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span></p> + +<p>Es verdient bemerkt zu werden, daß diese wenigstens ersehnte +Überwindung des gotischen Porträts durch den vermeintlich antiken +Akt — einer rein historischen und biographischen Form durch eine +vollkommen ahistorische eines punktförmigen Daseins — mit einem +gleichzeitigen Niedergang der Fähigkeit zur innern Selbstprüfung und +zur künstlerischen Konfession im Goetheschen Sinne verschwistert +erscheint. Kein echter Renaissancemensch kennt eine seelische +Entwicklung. Er vermochte ganz nach außen zu leben. Darin lag das hohe +Glück des Quattrocento. Zwischen Dantes Vita nuova und Michelangelos +Sonetten ist keine poetische Beichte, kein Selbstporträt von +einigem Range entstanden. Der Renaissancekünstler ist im Abendlande +der einzige, für den Einsamkeit ein leeres Wort bleibt. Darf man +hinzufügen, daß <em class="gesperrt">also auch</em> jenes andre Symbol der historischen +Ferne, der Sorge, Dauer und Nachdenklichkeit, der <em class="gesperrt">Staat</em>, von +Dante bis auf Michelangelo aus der Sphäre der Renaissance verschwindet? +Im „wankelmütigen Florenz“, das all seine großen Bürger bitter +gescholten haben und dessen Unfähigkeit zu tüchtigen politischen +Bildungen am gewöhnlichen Niveau abendländischer Staatsformen gemessen +ans Bizarre streift, und überall dort, wo der antigotische — nach +dieser Seite hin betrachtet also <em class="gesperrt">antidynastische</em> — Geist eine +lebendige Wirksamkeit in Kunst und Öffentlichkeit entfaltet, machte der +Staat in Gestalt der Medici, Sforza, Borgia, Malatesta und lächerlicher +Republiken einer wahrhaft hellenischen Jämmerlichkeit im Stile des +peloponnesischen Krieges Platz. Nur dort, wo die Plastik <em class="gesperrt">keine</em> +Stätte fand, wo die südliche Musik zu Hause war, wo Gotik und Barock in +der Ölmalerei des Giovanni Bellini sich berührten und die Renaissance +ein Gegenstand gelegentlicher Liebhaberei blieb, gab es neben dem +Porträt — der Seelengeschichte <i>in nuce</i> — eine feine Diplomatie +und den Willen zur politischen Dauer: in Venedig.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_14">14</h4> + +</div> + +<p>Die Renaissance war aus dem Trotz geboren. Es fehlt ihr darum an +Tiefe, Umfang und Sicherheit der formbildenden Instinkte. Sie ist +die einzige Epoche, die einer theoretischen Unterstützung<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> bedurfte. +Sie war auch, sehr im Gegensatz zu Gotik und Barock, die einzige, wo +das theoretisch formulierte Wollen dem Können voranging und es oft +genug überragte. Aber die erzwungene Gruppierung der einzelnen Künste +um eine antikisierende Plastik konnte diese Künste in den letzten +Wurzeln ihres Wesens nicht umwandeln. Sie bewirkte nur eine Verarmung +der innern Möglichkeiten. Für Naturen von mittlerem Umfang war das +geistig-künstlerische Medium der Renaissance zureichend. Es kommt ihnen +infolge der Simplizität der oberflächlicheren Konvention sogar entgegen +und man vermißt deshalb das gotische Ringen mit dem Element, das die +rheinischen und niederländischen Schulen auszeichnet. Die wundervolle +und verführerische Leichtigkeit und Klarheit beruht nicht zum wenigsten +auf dem Umgehen des tieferen Widerstandes vermittelst einer allzu +schlichten Regel. Die Renaissancekunst kennt keine Probleme. Für +Menschen von der Innerlichkeit Memlings und der Gewalt Grünewalds, die +im Bereich dieser toskanischen Formenwelt geboren wurden, mußte sie +zum Verhängnis werden. Sie konnten nicht in ihr und durch sie, nur +gegen sie zur Entfaltung ihrer Seele kommen. Wir sind geneigt, das +Menschliche der Renaissancemaler zu überschätzen, nur weil wir keine +Schwäche in der Form entdecken. Aber im Gotischen und im Barock erfüllt +ein ganz großer Künstler seine Mission, indem er ihre Sprache vertieft +und vollendet; in der Renaissance mußte er sie zerstören.</p> + +<p>Dies ist der Fall Lionardos, Raffaels und Michelangelos, der einzigen +großen Menschen Italiens, seit den Tagen der Gotik. Ist es nicht +seltsam, daß zwischen den Meistern der Gotik, die nichts als Arbeiter +in ihrer Kunst waren und doch das Größte im Dienste dieser Konvention +und innerhalb ihrer Schranken leisteten, und den Venezianern und +Holländern, die wieder nichts als Maler, Arbeiter waren, diese drei +stehen, nicht nur Maler, nicht Bildhauer, sondern Denker, und zwar +Denker aus Not, die sich außer mit allen möglichen Arten künstlerischen +Ausdrucks auch noch mit tausend andern Dingen beschäftigten, ewig +unruhig und unbefriedigt, um dem Wesen und dem Ziel ihrer Existenz +auf den Grund zu kommen — die sie in den seelischen Bedingungen der +Renaissance also nicht fanden?<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> Diese drei Großen haben, jeder in +seiner Weise, jeder in einem eignen tragischen Irrgang, versucht, +antik im Sinne der mediceischen Theorie zu sein und jeder hat nach +einer andern Seite hin diese Illusion zerstört. Raffael die große +Linie, Lionardo die Fläche, Michelangelo den Körper. In ihnen kehrt die +verirrte Seele zu ihrem faustischen Ausgang zurück. Sie <em class="gesperrt">wollten</em> +das Maß statt der Beziehung, die Zeichnung statt der Wirkung von Licht +und Schatten, den euklidischen Leib statt des reinen Raumes. Aber eine +euklidisch-statische Plastik hat es damals überhaupt nicht gegeben. +Sie war nur einmal möglich: in Athen. Eine latente Musik ist immer und +überall fühlbar. All ihre Gestalten haben Bewegtheit und eine Tendenz +in die Ferne und Tiefe. Sie sind alle auf dem Wege zu Palestrina statt +zu Phidias, wie sie alle von der schweigenden Musik der Kathedralen +statt von den römischen Ruinen kommen. Raffael löste das florentinische +Fresko auf, Michelangelo die Statue, Lionardo träumte schon von der +Kunst Rembrandts und Bachs. Je ernster man die Aufgabe nimmt, das Ideal +der Zeit zu verwirklichen, desto ungreifbarer wird es. Es gibt keinen +Palast in dieser Epoche, von dem Kenner nicht geurteilt haben, daß er +noch gotische oder schon barocke Elemente aufweise.</p> + +<p>Mithin sind Gotik und Barock etwas, das <em class="gesperrt">da</em> ist. Renaissance +ist ein ideales Postulat, das über dem Wollen einer Zeit schwebt, +unerfüllbar wie alle Postulate. Giotto ist ein gotischer und Tizian +ein Barockkünstler. Michelangelo <em class="gesperrt">wollte</em> ein Renaissancekünstler +sein, aber es gelang ihm nicht. Schon daß — trotz aller plastischen +Ambitionen und aller Literatur — die Malerei unbestritten überwog, +und zwar mit den räumlich-perspektivischen Voraussetzungen des +Nordens, beweist den Widerspruch zwischen Verstand und Seele, zwischen +Sehnsucht und Erfüllung. Das schöne Maß, die abgeklärte Regel, das +gewollt Antike also, wurde schon um 1520 als trocken und formelhaft +empfunden. Michelangelo und andre mit ihm waren der Meinung, daß sein +Kranzgesims am Palazzo Farnese, durch das er die Fassade Sangallos +vom Renaissancestandpunkt aus verdarb, die Leistungen der Griechen +und Römer weit übertraf. Das Antigotische fand keine Liebhaber mehr. +Man hatte es satt. Erst von jetzt an werden römische Ruinen, wie das<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> +Kolosseum und Septizonium, als Steinbrüche für Barockbauten benutzt.</p> + +<p>Wie Petrarca der erste, so war Michelangelo der letzte leidenschaftlich +für die Antike empfindende Mensch von Florenz, aber er war es nicht +mehr ganz. Das franziskanische Christentum Fra Angelicos, von feiner +Milde, versonnen, still ergeben, dem die südliche Abgeklärtheit reifer +Renaissancewerke weit mehr zu verdanken hat als man glaubt,<a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[87]</a> ging +zu Ende. Der majestätische Geist der Gegenreformation, schwer, bewegt +und prächtig, lebt schon in Michelangelos Werken. Es gibt etwas, das +man damals antik nannte und das nur eine edle Form des christlichen +Weltgefühls war; der syrischen Herkunft des florentinischen +Lieblingsmotivs, der Verbindung von Rundbogen und Säule, war schon +gedacht. Aber man vergleiche auch die pseudo-korinthischen Kapitäle +des 15. Jahrhunderts mit denen römischer Ruinen, die man doch kannte. +Michelangelo war der einzige, der hier kein äußeres Abkommen ertrug. +Er wollte Klarheit. Für ihn war die Frage der Form eine religiöse +Frage. Es handelt sich bei ihm und ihm allein um alles oder nichts. So +erklärt sich das einsame, furchtbare Ringen dieses wohl unglücklichsten +Menschen innerhalb unsrer Kunst, das Fragmentarische, Gequälte, +Unersättliche, das <i>terribile</i> seiner Formen, das die Zeitgenossen +ängstigte. Der eine Teil seines Wesens zog ihn zum Altertum und also +zur Plastik. Man weiß, wie die eben gefundene Laokoongruppe auf ihn +wirkte. Ehrlicher als er hat niemand versucht, durch die Kunst des +Meißels den Weg zu einer verschütteten Welt zu finden. Alles was +er geschaffen hat, war plastisch in diesem, <em class="gesperrt">von ihm allein</em> +vertretenen Sinne gemeint. „Die Welt, vorgestellt im großen Pan“,<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> +das, was Goethe im zweiten Teil des Faust hatte geben wollen, als +er die Helena einführte, die apollinische Welt in ihrer mächtigen, +sinnlichen und körperlichen Gegenwart — das hat kein andrer so mit +allen Kräften in ein künstlerisches Dasein bannen wollen, als er, +damals als er die Decke der Sixtinischen Kapelle malte. Alle Mittel +des Fresko, die großen Konturen, die mächtigen Flächen, die drängende +Nähe nackter Gestalten, das Stoffliche der Farbe sind hier zum letzten +Male bis zum äußersten angespannt, um das Heidentum in ihm — im +höchsten Renaissancesinne — zu befreien. Aber seine zweite Seele, die +gotisch-christliche Dantes und der Musik weiter Räume, die deutlich +genug aus der metaphysischen Anordnung des Entwurfs redet, leistete +Widerstand.</p> + +<p>Er hat zum letzten Male versucht, immer und immer wieder, die +ganze Fülle seiner Persönlichkeit in die Sprache des Marmors, des +euklidischen Materials zu legen, das ihm den Dienst versagte. Denn er +stand dem Stein anders gegenüber als ein Grieche. Die gemeißelte Statue +widerspricht schon durch die Art ihres Daseins einem Weltgefühl, das in +Kunstwerken etwas <em class="gesperrt">sucht</em>, nicht in ihnen etwas <em class="gesperrt">besitzen</em> +will. Für <em class="gesperrt">Phidias</em> ist der Marmor der kosmische Stoff, der +sich nach Form sehnt. Die Pygmalionsage erschließt das ganze Wesen +dieser apollinischen Kunst. Für Michelangelo war er der Feind, den +er unterwarf, der Kerker, aus dem er seine Idee erlösen mußte, wie +Siegfried Brunhilde befreit. Man kennt seine leidenschaftliche Art, +den rohen Block anzugreifen. Er näherte ihn nicht Schritt für Schritt +der gewollten Gestalt an. Er meißelte in den Stein wie in einen Raum +hinein und brachte eine Figur zustande, indem er zum Beispiel von dem +Block, an der Stirnseite beginnend, schichtweise das Material fortnahm +und in die Tiefe drang, während die Gliedmaßen sich langsam aus der +Masse entwickelten. Die Weltangst von dem Gewordnen, dem Element, dem +Tode, den man durch eine bewegte Form zu bannen sucht, kann nicht +deutlicher ausgedrückt werden. Kein Künstler des Abendlandes besitzt +ein so innerliches und zugleich gewaltsames Verhältnis zum Stein als +dem Symbol des Todes, zu dem feindlichen Prinzip in ihm, das seine +dämonische Natur immer wieder bezwingen wollte, ob er nun seine Statuen +heraushieb<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> oder seine mächtigen Bauten aus ihm auftürmte.<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[88]</a> Er +ist der einzige Bildhauer seiner Zeit, für den <em class="gesperrt">nur</em> der Marmor +in Frage kam. Der Bronzeguß, der einen Ausgleich mit malerischen +Tendenzen gestattete und dem er deshalb fern stand, lag den andern +Renaissancekünstlern und den weicheren Griechen viel näher.</p> + +<p>Aber der antike Bildhauer fesselte einen augenblicklichen leiblichen +Zustand in Stein. Dessen ist der faustische Mensch gar nicht fähig. +Wie er in der Liebe nicht zuerst den Naturtrieb, den sinnlichen Akt +der Vereinigung von Mann und Weib findet, sondern die große Liebe +Dantes und darüber hinaus die Idee der sorgenden Mutter, so hier. +Michelangelos Erotik — die Beethovens — war so unantik als möglich; +sie stand unter dem Aspekt der Ewigkeit und Ferne, nicht der Sinne und +des flüchtigen Augenblicks. In Michelangelos Akten — einem Opfer an +sein hellenisches Idol — verneint und übertönt die Seele die sichtbare +Form. Die eine will Unendlichkeit, die andre Maß und Regel, die eine +will Vergangenheit und Zukunft verknüpfen, die andre in der Gegenwart +beschlossen sein. Das antike Auge saugt die plastische Form in sich +auf. Michelangelo aber sah mit dem geistigen Auge und durchbrach +die Vordergrundsprache der unmittelbaren Sinnlichkeit. Und endlich +vernichtete er die Bedingungen dieser Kunst. Der Marmor wurde seinem +Formwollen zu gering. Michelangelo hört auf Bildhauer zu sein und geht +zur Architektur über. Im hohen Alter, als er nur noch wilde Fragmente +wie die Madonna Rondanini zustande brachte<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> und seine Gestalten kaum +mehr aus dem Rohen herausmeißelte, brach die <em class="gesperrt">musikalische</em> +Tendenz seines Künstlertums durch. Endlich ließ sich der Wille zu +einer kontrapunktischen Form nicht mehr bändigen und aus tiefstem +Ungenügen an der Kunst, an welche er sein Leben verschwendet hatte, +zerbrach sein ewig ungestilltes Ausdrucksbedürfnis die architektonische +Regel der Renaissance und schuf das römische Barock. An die Stelle +des Verhältnisses von Stoff und Form setzt er den Kampf von Kraft +und Masse. Er faßt die Säulen in Bündel zusammen oder drängt sie in +Nischen; er durchbricht die Geschosse mit mächtigen Pilastern; die +Fassade erhält etwas Wogendes und Drängendes; das Maß weicht der +Melodie, die Statik der Dynamik. Die faustische Musik hatte sich die +erste unter den andern Künsten dienstbar gemacht.</p> + +<p>Mit Michelangelo ist die Geschichte der abendländischen Plastik zu +Ende. Was nach ihm kommt, sind Mißverständnisse und Reminiszenzen. Sein +legitimer Erbe ist <em class="gesperrt">Palestrina</em>.</p> + +<p>Lionardo redet eine andre Sprache als seine Zeitgenossen. In +wesentlichen Dingen reichte sein Geist in das nächste Jahrhundert und +nichts band ihn wie Michelangelo mit allen Fasern seines Herzens an das +toskanische Formideal. Er allein hatte weder den Ehrgeiz, Bildhauer, +noch den, Architekt zu sein. Er trieb seine anatomischen Studien — +ein seltsamer Irrweg der Renaissance, dem hellenischen Lebensgefühl +und dessen Kultus der körperlichen Außenfläche nahe zu kommen! — +nicht mehr wie Michelangelo der Plastik wegen; er trieb nicht mehr +<em class="gesperrt">topographische</em> Vordergrund- und Oberflächenanatomie, sondern +<em class="gesperrt">Physiologie</em>, um der innern Geheimnisse willen. Michelangelo +wollte den ganzen Sinn der menschlichen Existenz in die Sprache des +sichtbaren Leibes zwingen, Lionardos Skizzen und Entwürfe zeigen das +Gegenteil. Sein vielbewundertes <i>sfumato</i> ist das erste Zeichen +einer Verleugnung der Körpergrenzen um des <em class="gesperrt">Raumes</em> willen. Von +hier geht der Impressionismus aus. Lionardo beginnt mit dem Innern, +dem Räumlich-Seelenhaften, nicht mit abgewognen Umrißlinien und legt +zuletzt — wenn er es überhaupt tut und das Bild nicht unvollendet +läßt — die farbige Substanz wie einen Hauch über die eigentliche, +körperlose, ganz unbeschreibliche Fassung des Bildes. Raffaels Gemälde +zerfallen<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> in „Pläne“, in denen wohlgeordnet Gruppen verteilt sind, und +ein Hintergrund schließt das Ganze maßvoll ab. Lionardo kennt nur den +einen, weiten, ewigen Raum, in dem seine Gestalten gleichsam schweben. +Der eine gibt innerhalb des Bildrahmens eine Summe einzelner und naher +Dinge, der andre einen Ausschnitt aus dem Unendlichen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Lionardo hat den Blutkreislauf entdeckt.</em> Was ihn dahin führte, +war kein Renaissancegefühl. Seine Gedankengänge heben ihn aus der +ganzen Sphäre seiner Zeitgenossen heraus. Weder Michelangelo noch +Raffael wären dahingekommen, denn die Maleranatomie sah nur auf Form +und Lage, nicht auf die Funktion der Teile. Sie war, mathematisch +gesprochen, stereometrisch, nicht analytisch. Hat man nicht das Studium +von <em class="gesperrt">Leichen</em> zureichend befunden, um die großen Gemäldeszenen +figürlich auszuführen? Aber das hieß das Werden zugunsten des +Gewordenen unterdrücken. Man rief die Toten zu Hilfe, um die antike +ἀταραξία der nordischen Gestaltungskraft zugänglich zu machen. +Aber Lionardo sucht das <em class="gesperrt">Leben</em> wie Rubens, nicht den Körper +an sich wie Signorelli. Es liegt in seiner Entdeckung eine tiefe +Verwandtschaft mit der fast gleichzeitigen des Kolumbus; es ist der +Sieg des Unendlichen als des faustischen Symbols über die stoffliche +Begrenztheit des Gegenwärtigen und Greifbaren. Wann hätte je ein +Grieche an solchen Dingen Geschmack gefunden? Er fragte nach dem Innern +seines Organismus so wenig als nach den Quellen des Nils. Beides hätte +die euklidische Fassung seines Daseins in Frage gestellt. Das Barock +ist demgegenüber <em class="gesperrt">die eigentliche Zeit der großen Entdeckungen</em>. +Schon das Wort kündigt etwas schroff Unantikes an. Der antike Mensch +hütete sich, von irgend etwas Kosmischem die Decke, die körperliche +Bindung fortzunehmen oder fortzudenken. Aber gerade das ist der +eigentliche Trieb einer faustischen Natur. Beinahe gleichzeitig und +in der Tiefe völlig gleichbedeutend erfolgte die Entdeckung der +neuen Welt, des Blutkreislaufs und des kopernikanischen Weltsystems, +etwas früher die des Schießpulvers, also der Fernwaffe, und des +Buchdrucks, der im Gegensatz zur antiken Rhetorik und der ihr dienenden +Schriftrolle die Verbreitung der Gedanken ins Unendliche sichert.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span></p> + +<p>Lionardo war ganz und gar Entdecker. Darin erschöpft sich seine Natur. +Pinsel, Meißel, Seziermesser, Rechenstift, Zirkel hatten für ihn ein +und dieselbe Bedeutung — die, welche der Kompaß für Kolumbus hatte. +Wenn Raffael einen in scharfen Umrissen gezeichneten Entwurf farbig +ausführte, so bejahte jeder Pinselstrich die körperliche Erscheinung. +Man betrachte aber Lionardos Rötelskizzen und Hintergründe: hier +entdeckt er mit jedem Zuge atmosphärische Geheimnisse. Er war der +erste, der über Flugversuche angestrengt nachdachte. Fliegen, sich von +der Erde befreien, sich in die Weite des Weltraumes verlieren: das +ist faustisch im höchsten Grade. Das erfüllt selbst unsere Träume. +Hat man nie bemerkt, wie die evangelische Legende in der Malerei des +Abendlandes zu einer wunderbaren Verklärung dieses Motivs wurde? All +diese gemalten Himmelfahrten und Höllenstürze, das Schweben über +den Wolken, die selige Entrücktheit der Engel und Heiligen, die +eindringlich gestaltete Freiheit von aller Erdenschwere sind Sinnbilder +des faustischen Seelenfluges und dem byzantinischen Stil gänzlich +fremd. Dem Griechen, wie die Ikarussage beweist, erscheint dies als der +Gipfel allen Frevels. Der bloße Gedanke daran stellt ihr euklidisches +Weltgefühl in Frage. Ent-decken, die Decke aufheben, das heißt die +Dinge durchschauen, ihre Bedingtheit bemerken, ihre Grenzen auflösen. +Lionardos Malerei löst das Stoffliche auf. Antike Menschen kennen eine +tiefe Furcht vor dem Geheimnis, das unter der sinnlichen Fläche der +Welt schläft. Ihr Fresko <em class="gesperrt">verleugnet</em> den Hintergrund, und zwar +mit dem Pathos eines großen Symbols. Renaissancemenschen allerdings +fühlen hier keine Tiefe. Ihre Hintergründe sind bloße Abschlüsse. Aber +den Menschen des Barock erfüllt die unersättliche Leidenschaft für die +Wikingerfahrten der Seele. Er <em class="gesperrt">braucht</em> Geheimnisse, um sie zu +überwinden. Er braucht Weiten für die innere Musik seiner Seele. Hier, +im Schaffen Lionardos, reift, was die Gotik geahnt hatte.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_15">15</h4> + +</div> + +<p>Die Verwandlung des Freskogemäldes der Renaissance in das Ölbild ist +ein Stück <em class="gesperrt">Seelengeschichte</em>, die noch niemand beschrieben hat. +Hier hängen alle Einblicke von den zartesten<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> und verborgensten Zügen +ab. Fast in jedem Bilde ringt das Freskenhafte mit der andringenden +neuen Form. Raffaels malerische Entwicklung während seiner Arbeit in +den Stanzen des Vatikan ist fast das einzige übersichtliche Beispiel. +Das florentinische Fresko sucht die Wirklichkeit in einzelnen Dingen +und gibt innerhalb der architektonischen Umrahmung eine Summe von +ihnen. Das Ölbild erkennt mit steigender Sicherheit des Ausdrucks +nur die Ausgedehntheit als Ganzes an und jeden Gegenstand nur als +ihren Repräsentanten. Das faustische Weltgefühl schuf die neue +Technik für sich. Es verwarf den zeichnerischen Stil, wie es die +Koordinatengeometrie aus der Zeit des Oresme verwarf. Es verwandelte +die an Architekturmotive gebundene Linearperspektive in eine rein +atmosphärische Perspektive, die mit unwägbaren Tondifferenzen arbeitet. +Das entspricht der reinen Analysis seit Descartes. Aber die ganze +künstliche Lage der Renaissancekunst, ihr Nichtverstehen der eignen +Tendenz, die Unmöglichkeit, das antigotische Prinzip völlig zu +realisieren, erschwerte und verdunkelte den Übergang. Jeder Künstler +hat ihn auf andre Weise versucht. Der eine malt mit Ölfarben auf die +nasse Wand. Lionardos Abendmahl ist bekanntlich deshalb der Zerstörung +anheimgefallen. Andre malen Tafelbilder, als ob sie Fresken wären. Das +ist der Fall Michelangelos. Kühne Schritte, Ahnungen, Niederlagen, +Verzichte finden sich. Der Kampf zwischen der Hand und der Seele, +zwischen Auge und Werkzeug, der vom Künstler und der von der Zeit +gewollten Form ist immer derselbe — der zwischen Plastik und Musik.</p> + +<p>Hier verstehen wir endlich Lionardos riesenhaft gedachten Entwurf +zur Anbetung der heiligen drei Könige in den Uffizien, das größte +malerische Wagnis der Renaissance. Bis auf Rembrandt ist ähnliches nie +auch nur geahnt worden. Über alles optische Maß hinaus, über alles, +was man damals Zeichnung, Kontur, Komposition, Gruppe nannte, will er +zur Anbetung des ewigen Raumes vordringen, in dem alles Körperliche +schwebt wie die Planeten im kopernikanischen System, wie die Töne +einer Bachschen Orgelfuge in der Dämmerung alter Kathedralen, ein Bild +von einer solchen Dynamik der Ferne, daß es innerhalb der technischen +Möglichkeiten dieser Zeit Torso bleiben mußte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p> + +<p>In der sixtinischen Madonna resümiert Raffael die gesamte Renaissance +durch die kolossale Linie des Umrisses, die den ganzen Gehalt +des Werkes in sich saugt. Es ist die <em class="gesperrt">letzte große Linie</em> +der abendländischen Kunst. Ihre gewaltige Innerlichkeit, die den +Widerspruch mit der Konvention bis zur äußersten Spannung treibt, macht +Raffael zu dem am wenigsten verstandenen Künstler der Renaissance. +Er kämpfte nicht mit Problemen. Er ahnte sie nicht einmal. Aber er +führte die Kunst bis an deren Schwelle, wo der Entscheidung nicht mehr +ausgewichen werden konnte. Er starb, als er innerhalb ihrer Formenwelt +das letzte vollendet hatte. Der Menge erscheint er flach. Sie wird +niemals empfinden, was in seinen Entwürfen vor sich geht. Aber hat man +wohl die Morgenwölkchen bemerkt, die, sich in Kinderköpfe verwandelnd, +die ragende Gestalt umgeben? Es sind die Scharen der Ungebornen, +welche die Madonna ins Leben zieht. Diese lichten Wolken erscheinen +im gleichen Sinne auch in der mystischen Schlußszene des zweiten +Faust. Gerade das Abweisende, die Unpopularität im höchsten Sinne +schließt hier die innere Überwindung des Renaissancegefühls in sich. +Perugino versteht man beim ersten Blick; bei Raffael glaubt man es nur. +Obwohl zunächst gerade die plastische Linie, das zeichnerische Moment +eine antike Tendenz ankündigt, ist sie doch im Raum verschwebend, +überirdisch, beethovenartig. Raffael ist in diesem Werke verschlossener +als jeder andre, viel mehr selbst als Michelangelo, dessen Intentionen +durch das Fragmentarische seiner Arbeiten deutlich werden. Seine +innersten Geheimnisse scheint kein Zeitgenosse gekannt zu haben. Fra +Bartolommeo hatte die stoffliche Umrißlinie noch ganz in seiner Gewalt; +sie ist ganz Vordergrund, sie redet allein, ihr Sinn erschöpft sich +in der Abgrenzung von Körpern. Bei Raffael schweigt sie, wartet sie, +verhüllt sie sich. Sie steht, bei äußerster Spannung, unmittelbar vor +ihrer Auflösung im Unendlichen, in Raum und Musik.</p> + +<p>Lionardo steht jenseits der Grenze. Der Entwurf zur Anbetung der drei +Könige ist schon Musik. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Umstande, +daß er hier wie bei seinem Hieronymus bei der braunen Untermalung +stehen blieb, dem „Rembrandtstadium“, dem atmosphärischen Braun des +nächsten Jahrhunderts. Für ihn war in diesem Zustande die äußerste +Vollkommenheit<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> und Deutlichkeit der Intention erreicht. Jeder Schritt +weiter in eine Farbenbehandlung, deren Geist damals noch in den +metaphysischen Bedingungen des Freskostils befangen war, hätte die +Seele des Entwurfs zerstört. Gerade weil er die Symbolik der Ölmalerei +in ihrer ganzen Tiefe vorfühlte, fürchtete er das Freskenhafte der +„Fertigmaler“, das seine Idee verflachen mußte. Die Studien zu dem +Gemälde beweisen, wie sehr ihm die <em class="gesperrt">Radierung</em> in der Art +Rembrandts gelegen hätte, eine Kunst aus der Heimat des Kontrapunkts, +die man in Florenz nicht kannte. Erst die Venezianer, außerhalb der +florentinischen Konvention stehend, haben erreicht, was er hier suchte; +eine Farbenwelt, die dem Raume, nicht den Dingen dient.</p> + +<p>Aus demselben Grunde hat Lionardo — nach unendlichen Versuchen — +den Christuskopf des Abendmahls unvollendet gelassen. Auch für ein +Porträt in der großen Auffassung Rembrandts für eine aus bewegten +Pinselstrichen, Lichtern und Tönen aufgebaute Seelengeschichte war +der Mensch dieser Zeit nicht reif. Aber nur Lionardo war groß genug, +um diese Schranke als tragisches Geschick zu erleben. Die andern +hatten nur den Kopf geben wollen, wie ihn die Schule vorschrieb. +Lionardo, der hier zum ersten Male auch die <em class="gesperrt">Hände</em> sprechen +ließ, und zwar mit einer physiognomischen Meisterschaft, die später +zuweilen erreicht, aber nie übertroffen worden ist, wollte unendlich +viel mehr. Seine Seele war weit in die Zukunft verloren, aber sein +Menschliches, sein Auge, seine Hand gehorchten dem Geiste seiner Zeit. +Sicherlich war er in einer verhängnisvollen Weise der Freieste von +den drei Großen. Vieles von dem, womit Michelangelos mächtige Natur +vergebens rang, hat ihn gar nicht mehr berührt. Probleme der Chemie, +der geometrischen Analysis, der Physiologie — Goethes „lebendige +Natur“ war auch die seine — der Fernwaffentechnik sind ihm vertraut. +Er hat die Maschinentechnik antizipiert. Seine Intuitionen machen ihn +zum Ahnherrn von Leibniz und Goethe; er empfand den Raum wie der erste +und den Organismus wie der zweite. Tiefer als Dürer, kühner als Tizian, +umfassender als irgendein Mensch der Zeit, ist er der fragmentarische +Künstler <i>par excellence</i> geblieben,<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[89]</a> aber aus<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> einem andern +Grunde als Michelangelo, der verspätete Plastiker, und im Gegensatz zu +Goethe, für den alles schon zurücklag, was dem Schöpfer des Abendmahls +unerreichbar blieb. Michelangelo wollte eine erstorbene Formenwelt noch +einmal zum Leben zwingen, Lionardo fühlte eine neue in der Zukunft, +Goethe ahnte, daß es keine mehr gab. Zwischen ihnen liegen die drei +reifen Jahrhunderte faustischer Kunst.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_16">16</h4> + +</div> + +<p>Es ist noch übrig, das Sterben der abendländischen Kunst in seinen +großen Zügen zu verfolgen. Die innerste Notwendigkeit alles +historischen Werdens ist hier am Werke. Wir haben gelernt, Künste als +Urphänomene zu begreifen. Wir suchen nicht mehr nach Ursachen und +Wirkungen im physikalischen Sinne, um ihrer Geschichte Zusammenhang +zu geben. Wir haben den Begriff des Schicksals einer Kunst in sein +Recht eingesetzt. Wir haben endlich Künste als <em class="gesperrt">Organismen</em> +erkannt, die in dem größeren Organismus einer Kultur ihre bestimmte +Stellung einnehmen, geboren werden, reifen, altern und <em class="gesperrt">für immer</em> +absterben. Das griechische Fresko, das byzantinische Mosaik, das +gotische Glasgemälde, das perspektivische Ölbild sind nicht Phasen +<em class="gesperrt">einer</em> allgemein menschlichen Kunst. Es sind Formideale +einzelner, wohlbegrenzter und voneinander innerlich unabhängiger +Künste, von denen jede ihre eigne Biographie besitzt. Die Gotik war, +wie die Dorik, wie der Stil des Alten Reiches von Memphis, ein Suchen +der jungen Seele nach Formen, um die Welt zu erfassen, an sich zu +ziehen, sich einzuverleiben. Ihre Sprache, zaghaft, voller Schauder +vor dem Unbegriffenen, nach einem noch unbekannten Ziele tastend, +kündigt eine große Entwicklung erst an. Hier finden wir die Fehlgriffe, +die Ratlosigkeit, das Irren aller Jugend. Mit dem Abschluß der +Renaissanceepisode — der letzten Verirrung — ist die abendländische +Seele zum reifen Bewußtsein ihrer Kräfte und Möglichkeiten gelangt. +Sie hat ihre Künste <em class="gesperrt">gewählt</em>. Eine Spätzeit, das Barock wie +die Ionik, weiß, was die Formensprache der Kunst zu bedeuten hat. +Sie war bis dahin eine philosophische Religion, jetzt wird sie eine +religiöse Philosophie. Die gewordne Außenwelt, oder was dasselbe ist,<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> +die Wirklichkeit, die erlebte Natur, und zwar die von jeder einzelnen +Seele, der faustischen, apollinischen, magischen für sich erlebte, +geschaffene, zu ihrem Abbilde gestaltete Natur wird in den Mikrokosmos +eines Kunstwerkes zusammengezogen, auf ein Symbol räumlich-sinnlicher +Art, eine Formel der innern Existenz gebracht. Es erscheint auf der +Höhe einer jeden Kultur das Phänomen einer prachtvollen <em class="gesperrt">Gruppe +großer Künste</em>, wohlgeordnet und durch das zugrunde liegende +Ursymbol zu einer Einheit verknüpft.</p> + +<p>Wenn man die „bildenden“ Künste, zu denen auch die Musik gehört, +überhaupt gruppieren will, so findet sich ein natürlicher Unterschied, +je nachdem man das Tiefenerlebnis durch <em class="gesperrt">unmittelbare</em> Behandlung +des Ausgedehnten wiedergibt oder indem man auf einer Fläche den +<em class="gesperrt">Eindruck</em> des Ausgedehnten erweckt. Das letztere ist „Malerei“. +Die unmittelbare Nachahmung könnte sich auf den reinen, unendlichen +Raum beziehen — das war der polyphonen Instrumentalmusik möglich, +oder auf das Ideal des einzelnen stofflichen Körpers — das geschah +durch eine Skulptur, die ihr Werk allseitig frei und durchgebildet +auf den Boden stellte. Dem entsprechen nun aber sehr verschiedene +Arten von Malerei, vielmehr von Künsten, die außer dem Namen nichts +gemein haben. Zur Kunst des Raumes gehört eine Behandlung der Fläche, +welche den Eindruck reiner Tiefe wachruft und das selbständige +Dasein der Körper zuletzt <em class="gesperrt">verneint</em>. Das erste geschieht durch +die <em class="gesperrt">Perspektive</em>, das zweite heißt <em class="gesperrt">Impressionismus</em>. +Andererseits gehört zur Rundplastik eine Malerei, die <em class="gesperrt">nur</em> Körper +kennt, das heißt, die nur <em class="gesperrt">Konturen</em> gibt und den Hintergrund +verleugnet. Das hier wirksame <em class="gesperrt">Prinzip</em> der Auswahl entscheidet +mit der Notwendigkeit eines <em class="gesperrt">Schicksals</em> über das Dasein, den Rang +und das Ende einzelner Künste innerhalb einer Kultur. So entsteht, und +ich setze dies der heute gültigen Anschauung über die Struktur der +Kunstgeschichte entgegen, die <em class="gesperrt">historische Gruppe</em> von Künsten.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">apollinische Gruppe</em>, zu der die Vasenmalerei, das Fresko, +das Relief, die Architektur der Säulenordnungen, das attische Drama, +der Tanz gehören, hat die Skulptur der nackten Statue zur Mitte. Die +<em class="gesperrt">faustische</em> Gruppe bildet sich um das<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> Ideal reiner räumlicher +Unendlichkeit. Ihren Mittelpunkt bildet die kontrapunktische Musik. +Von ihr aus spinnen sich feine Fäden in alle geistigen Formenwelten +hinüber und verweben die infinitesimale Mathematik, die dynamische +Physik, den Katholizismus des Jesuitenordens und den Protestantismus +der Aufklärung, die moderne Maschinentechnik, das Kreditsystem und die +dynastisch-soziale Staatsorganisation zu einer ungeheuren Totalität +seelischen Ausdrucks. Mit dem innern Rhythmus der Dome beginnend, +mit Wagners Tristan und Parsival endend, erreicht die künstlerische +Bewältigung des unendlichen Raums ihre vollkommene Ausbildung um +1550. Die Plastik erlischt mit Michelangelo, gerade damals, als die +Planimetrie, die bis dahin die Mathematik beherrscht hatte, ihr +unwesentlichster Teil wird. Mit der Musik fugierten Stils, die eben +jetzt durch Orlando Lasso ein Kunstmittel von ungeheuren Möglichkeiten +geworden war, beginnt ihre Schwester, die Infinitesimalrechnung +hervorzutreten.</p> + +<p>Ölmalerei und Instrumentalmusik, die Künste des Raumes, treten ihre +Herrschaft an. In der Antike waren es <em class="gesperrt">folglich</em> die Künste +des stofflich-euklidischen Prinzips, das streng flächenhafte Fresko +und die freistehende Statue, die gleichzeitig — um 600 — in den +Vordergrund treten. Damit ist die faustische und die apollinische +Gruppe reifer Künste — der auch zwei mächtige, in Shakespeare und +Äschylus gipfelnde tragische Künste angehören — im Umriß bestimmt. Und +zwar sind es die beiden Arten von Malerei, die, in ihrer Formensprache +gemäßigter, zugänglicher, zuerst heranreifen. Dem Ölgemälde gehört +die Zeit von 1550–1650 ebenso unbestritten wie das 6. Jahrhundert +der Tonmalerei. Die Symbolik von Raum und Körper, ausgedrückt durch +das Kunstmittel der <em class="gesperrt">Perspektive</em> und der <em class="gesperrt">Proportion</em>, +erscheint in der mittelbaren Sprache des Gemäldes nur angedeutet. +Diese Künste, welche Raum oder Körper, also Möglichkeiten des +Ausgedehnten, in der Bildfläche nur vorzutäuschen vermögen, konnten +das antike und abendländische Ideal wohl bezeichnen und heraufrufen, +aber nicht vollenden. Auf dem Wege des großen Stils erscheinen sie als +Vorstufen der letzten Höhe. Je mehr die Kulturen sich ihrer Vollendung +näherten, desto entschiedener wurde der Drang nach einer Kunst von +unerbittlicher<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> Klarheit der Symbolik. Die Malerei genügte nicht mehr. +Die Gruppe der Künste wurde weiterhin vereinfacht. Um 1670, gerade +damals als Newton und Leibniz die Differentialrechnung entdeckten, +war die Ölmalerei an der Grenze ihrer Möglichkeiten angelangt. Die +letzten großen Meister starben, Velasquez 1660, Poussin 1665, Hals +1666, Rembrandt 1669, Vermeer 1675, Ruysdael und Lorrain 1682. Man +braucht nur die wenigen Nachfolger von Bedeutung, Watteau, Hogarth, +Tiepolo zu nennen, um den Abstieg, um das Ende einer Kunst fühlen zu +lassen. Eben jetzt, um 1650, hatte sich nun die Instrumentalmusik +in den großen Formen der Suite, des Concerto grosso und der Sonate +für Soloinstrumente von dem Rest des Körperlichen im Klange der +menschlichen Stimme befreit. Auch Heinrich Schütz (1672) und Carissimi +(1674), die letzten Meister der Vokalmusik, starben damals. 1685 werden +Bach und Händel geboren und mit ihnen wachsen Stamitz, Kuhnau, Corelli, +Tartini, die beiden Scarlatti heran. Von nun an ist die Musik, und zwar +die rein instrumentale, nicht die vokale, <em class="gesperrt">die</em> faustische Kunst. +Die entsprechende Krisis findet sich um 470 in der Antike, wo der +letzte der großen Freskomaler, Polygnot, seinem Schüler Polyklet und +damit der Statuenplastik endgültig den Vorrang abtritt.</p> + +<p>Mit dieser Musik und dieser Plastik ist das Ziel erreicht. Eine +reine Symbolik von mathematischer Strenge ist möglich geworden: das +bedeutet der Kanon, jene Schrift Polyklets über die Proportionen des +menschlichen Körpers, und als Gegenstück der kontrapunktische Kanon +seines „Zeitgenossen“ Bach. Diese Künste leisten das Äußerste und +Letzte an Deutlichkeit und Intensität der reinen Form. Man vergleiche +doch den Tonkörper der faustischen Instrumentalmusik und in ihm wieder +den Streichkörper und bei Bach auch noch den als Einheit wirkenden +Körper der Blasinstrumente mit dem Körper attischer Statuen; man +vergleiche, was Haydn und was Praxiteles eine <em class="gesperrt">Figur</em> nannten, +nämlich die eines Themas oder die eines Athleten, eine Bezeichnung, +welche der Mathematik entnommen ist und verrät, daß dieses jetzt +endlich erreichte Ziel das einer Vereinigung künstlerischen und +mathematischen Geistes ist, denn zugleich mit Musik und Plastik +haben die Analysis des Unendlichen und<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> die euklidische Geometrie +ihre Aufgabe, ihr spezifisches Zahlenproblem mit voller Deutlichkeit +begriffen. Ihre größten Meister leben gleichzeitig mit denen jener +durch und durch mathematischen Künste. Man erinnert sich, wie an einer +frühern Stelle die Mathematik eine Kunst und der große Mathematiker ein +Künstler und Visionär genannt worden war. Hier liegt die Erklärung. +Die Mathematik des Schönen und die Schönheit des Mathematischen sind +nicht mehr zu trennen. Der unendliche Raum der Töne und der reine +Körper von Marmor oder Bronze sind eine unmittelbare Interpretation +des Ausgedehnten und Gewordnen. Sie gehören zu der Zahl als Beziehung +und der Zahl als Maß. Im Fresko wie im Ölbilde wird man, in den +Gesetzen von Proportion und Perspektive, nur <em class="gesperrt">Andeutungen</em> von +Mathematischem finden. Diese beiden letzten und strengsten Künste +<em class="gesperrt">sind</em> Mathematik. Der Kontrapunkt wie der Statuenkanon sind +absolute Zahlenwelten. Hier herrschen Gesetze und Formeln. Auf diesem +Gipfel erscheint die faustische wie die apollinische Kunst vollkommen.</p> + +<p>Mit dem Ende der Fresko- und Ölmalerei als herrschenden Künsten beginnt +die dichte Reihe der großen Meister der Plastik und Musik. Auf Polyklet +folgen Phidias, Skopas, Praxiteles, Lysippos, auf Bach und Händel +Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven. Jetzt erscheint die Menge wunderbarer, +heute längst verschollener Instrumente, eine ganze Zauberwelt +abendländischen Entdecker- und Erfindergeistes, um immer neue Klänge +und Tonfarben für den Dienst und die Steigerung des Ausdrucks +heranzuziehen. Jetzt die Fülle großer, feierlicher, zierlicher, +leichter, spöttischer, lachender, schluchzender Formen von strengstem +Bau, auf die sich heute niemand mehr versteht; es gab damals, vor allem +im Deutschland des 18. Jahrhunderts, eine wirkliche <em class="gesperrt">Kultur der +Musik</em>, die das ganze Leben durchdrang und erfüllte, deren Typus +Hoffmanns Kapellmeister Kreisler wurde — der ebenbürtig neben Goethes +Faust, dem deutschen Denker, als die tiefste poetische Konzeption des +deutschen Musikers steht — und von der uns kaum die Erinnerung mehr +geblieben ist.</p> + +<p>Endlich, gegen 1800, stirbt auch die Architektur. Sie löst sich, sie +ertrinkt in der Musik des Rokoko. Alles, was man an<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> dieser letzten +wundervollen, fragilen Blüte der abendländischen Baukunst getadelt +hat — weil man ihre Entstehung aus dem Geiste des Kontrapunktes +nicht verstand —, das Maßlose, Formlose, Verschwebende, Wogende, +Funkelnde, die Zerstörung der Fläche und Gliederung für das Auge — +alles das ist ja nur der Sieg der Töne und Melodien über Linien und +Körper, der Triumph des reinen Raumes über den Stoff, des absoluten +Werdens über das Gewordne. Es sind nicht mehr Baukörper, diese Abteien, +Schlösser, Kirchen mit ihren geschwungenen Fassaden, Portalen, Höfen +mit Muschelinkrustation, mächtigen Treppenhäusern, Galerien, Sälen, +Kabinetten, sondern steingewordne Sonaten, Menuette, Madrigale, +Präludien; Kammermusik in Stuck, Marmor, Elfenbein und edlen Hölzern, +Kantilenen von Voluten und Kartuschen, Kadenzen von Freitreppen und +Firsten. Der Dresdner Zwinger ist das vollkommenste Stück Musik in der +gesamten Weltarchitektur, ein allegro fugitivo für kleines Orchester.</p> + +<p>Deutschland hat die großen Musiker und <em class="gesperrt">also auch</em> die großen +Baumeister — Pöppelmann, Schlüter, Bähr, Neumann, Fischer von Erlach, +Dinzenhofer — dieses Jahrhunderts hervorgebracht. In der Ölmalerei +spielt es keine, in der Instrumentalmusik die entscheidende Rolle.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_17">17</h4> + +</div> + +<p>Ein Wort, das erst zur Zeit Manets in Aufnahme kam — zuerst ein +Spottname wie Barock und Rokoko —, faßt die Eigenart des faustischen +Kunstvortrags, wie er sich aus den Voraussetzungen der Ölmalerei +allmählich entwickelt hat, sehr glücklich zusammen. Man spricht vom +Impressionismus, ohne Umfang und tieferen Sinn des Begriffes, wie er +hätte gefaßt werden sollen, zu ahnen. Man leitete ihn aus der letzten +Nachblüte einer Kunst ab, die ganz und gar zu ihm gehört. Was ist +Impressionismus? „Eindruckskunst?“ Etwas rein Abendländisches ohne +Zweifel, etwas, das mit der Idee des Barock, selbst schon der der +gotischen Architektur verwandt und den Absichten der Renaissance +entgegengesetzt ist. Ist es nicht die geistige Kraft, den reinen +unendlichen Raum als die unbedingte<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> Wirklichkeit und alle sinnlichen +Gebilde in ihm als sekundär und bedingt zu empfinden, und zwar mit +innerster Notwendigkeit? Eine geistige Kraft, die in künstlerischen +Schöpfungen hervortreten kann, die aber tausend andre Möglichkeiten +kennt, um sich zu offenbaren? „Der Raum ist die apriorische Form +der Anschauung“, die Formel Kants — ist das nicht ein Programm +dieser Bewegung, die mit Lionardo anhebt? Der Impressionismus ist +die Umkehrung des euklidischen Weltgefühls. Er sucht sich von der +Sprache des Plastischen soweit als möglich zu entfernen und der +des Musikalischen zu nähern. Man läßt die belichteten, das Licht +zurückstrahlenden Dinge nicht auf sich wirken, weil sie da sind, +sondern als ob sie „an sich“ nicht da wären. Man empfängt und gibt +den <em class="gesperrt">Eindruck</em> von Gegenständen, die man innerlich als bloße +Funktion einer optisch nicht mehr erreichbaren Ausgedehntheit wertet. +Man durchdringt die Körper mit dem innern Auge, man löst den Zauber +ihrer stofflichen Grenzen, man opfert sie der Majestät des Raumes. +Und man fühlt mit und unter diesem irrealen Eindruck eine unendliche +<em class="gesperrt">Bewegtheit</em> des sinnlichen Elementes, die zu der statuenhaften +ἀταραξία des Fresko den stärksten Gegensatz bildet. Deshalb gibt es +keinen hellenischen Impressionismus. Deshalb ist die antike Skulptur +die Kunst, welche ihn <i>a limine</i> ausschließt.</p> + +<p>Der Impressionismus ist der umfassende Ausdruck eines Weltgefühls und +es versteht sich, daß er die gesamte Physiognomik unsrer späten Kultur +durchdringt. Es gibt eine impressionistische, die optischen Grenzen +mit Absicht und Nachdruck überschreitende Mathematik. Wir kennen +sie. Es ist die Analysis seit Newton und Leibniz. Zu ihr gehören die +visionären Gebilde der Zahlkörper, Mengen, Transformationsgruppen, +mehrdimensionalen Geometrien. Ihr liegt das Prinzip der funktionalen +Zahl mit ihrer unfixierbaren Bewegtheit zugrunde. Es gibt eine +impressionistische Physik — wir werden sie noch kennen lernen —, die +an Stelle von Körpern Systeme von Massenpunkten „sieht“, Einheiten, +die lediglich als das konstante Verhältnis variabler Wirksamkeiten +erscheinen, mit Grenzflächen, die als wohlgeordnete Mengen von +Zahlenmannigfaltigkeiten bestimmter Art definiert werden. Es gibt eine +impressionistische Ethik, Tragik, Logik.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span></p> + +<p>Malerisch genommen handelt es sich um die Kunst, mit drei Strichen und +Flecken ein Bild, einen Mikrokosmos für das Auge eines faustischen +Menschen zu schaffen, das heißt die Wirklichkeit des Weltraumes durch +die flüchtigste, körperloseste Andeutung von etwas Sichtbarem, das +ihn gleichsam in die Sphäre der Erscheinung bannt, zu imaginieren. +Es ist eine nie wieder gewagte Kunst der Bewegung des Unbeweglichen. +Von Tizian bis hinab auf Corot und Menzel zittert und fließt die +duftige Materie unter der geheimen Wirkung des Pinselstriches und der +gebrochenen Farben. Das hatte schon der Fassadenstil Michelangelos +und Vignolas gewollt. Deshalb war seitdem eine Kunst nach der andern +erloschen, weil sie <em class="gesperrt">vor</em> diesem letzten Ziel die Grenze ihrer +Möglichkeiten erreicht hatte. Der Impressionismus ist die Methode +subtiler künstlerischer <em class="gesperrt">Entdeckungen</em>. Er wiederholt die Taten +des Kolumbus und Kopernikus. Es gibt keine zweite Formensprache, in +der jeder Fleck und Strich so überraschende Reize aufzudecken, der +Einbildungskraft so ganz neue Elemente von raumschaffender Energie +zuzuführen vermag. Das Fresko bejaht die Sinnenwirkung als schlechthin +gegeben. Die neue Technik ist skeptisch; sie seziert die Empfindung bis +zu ihrer Auflösung, wie es die Physik derselben Zeit tat. Man verfolge +das Schicksal der menschlichen Einzelgestalt in dieser Malerei. Zuerst +jede streng für sich, klar begrenzt, mit allen Kenntnissen der Anatomie +gezeichnet, gemeißelt, durchgearbeitet, klare, wohl abgewogene Gruppen, +die sich scharf von einem Hintergrunde abheben — bei Raffael. Dann +bei Lionardo die Entdeckung der Übergänge von Licht und Dunkel, weiche +Ränder, mit der Tiefe verschwimmende Umrisse, Gruppen und Massen von +Licht und Schatten, aus denen sich einzelne Gestalten nicht mehr lösen +lassen. Die Linearperspektive wird zur Kunst der Atmosphäre — dem +eigentlichen Thema des Bildes. Die verharrende Linie hatte Körper +begrenzt, das atmosphärische Licht mit seinen Ungewissen Tönungen +begrenzt den Raum. Endlich, bei Rembrandt, verfließen die Gestalten zu +bloßen farbigen Eindrücken; sie verlieren das spezifisch Menschliche; +sie wirken als Strich und Farbenfleck bei ihm wie bei Lorrain und +Vermeer; es ist das Schicksal des einzelnen Tones in der Musik von +Palestrina bis Wagner. In einem Minimum von Substanz — von<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> Farbe +oder Ton — ein Maximum von physiognomischer Bedeutung zu bannen, +mit einem Hauch den prägnanten Eindruck eines ganz bestimmten, nie +wiederkehrenden Welterlebnisses zu geben, ist die Fähigkeit, welche +man jetzt malerisch nennt. Man kann demnach den Impressionismus als +Porträtkunst im umfassendsten Sinne betrachten. Wie ein Selbstbildnis +Rembrandts nicht die anatomische Wirklichkeit des Kopfes, sondern das +<em class="gesperrt">zweite Gesicht</em> in ihr anerkennt, wie es nicht das Auge, sondern +den Blick, nicht die Stirn, sondern das Erlebnis, nicht die Lippen, +sondern die Sinnlichkeit durch das Ornament der Pinselstriche bannt, +so zeigt das impressionistische Gemälde überhaupt nicht die Natur +des Vordergrundes, sondern auch da ein zweites Antlitz, die Seele +der Landschaft. Mag es sich um die katholisch-heroische Landschaft +Lorrains, den <i>paysage intime</i> Corots, um das Meer, die Flußränder +und Dörfer Cuyps und Van Goyens handeln, es entsteht immer ein Porträt +im physiognomischen Sinne, etwas Einmaliges, Unvorhergesehenes und zum +ersten und letzten Male ans Licht Gezogenes. Gerade die Vorliebe für +die Landschaft — die physiognomische, die Charakterlandschaft —, +für das Motiv also, das im Freskostil gar nicht denkbar ist und der +Antike vollkommen unzugänglich blieb, erweitert die Porträtkunst vom +unmittelbar Menschlichen zum mittelbaren, zur Darstellung der Welt als +eines Teils des Ich, der Welt, in der der Künstler sich gibt und der +Betrachter sich wiederfindet. Denn in diesen Weiten der sich in die +Ferne dehnenden Natur spiegelt sich die Seele, das Schicksal. Es gibt +in dieser Kunst tragische, dämonische, lachende, klagende Landschaften, +etwas, wovon der Mensch andrer Kulturen keine Vorstellung und wofür +er kein Organ hat. Aus dieser Gesinnung ist der <em class="gesperrt">Park</em> der +Barockzeit, als Spiegel großen Menschentums, entstanden.</p> + +<p>Aber es gibt eine Kultur, weit entfernt von der faustischen, die auch +eine impressionistische Kunst besaß, die chinesische. <em class="gesperrt">Wir</em> wissen +wenig von ihr; wir wissen nicht einmal, wo ihre zeitlichen Grenzen im +Geschichtsbilde liegen. Sicher ist, daß Konfuzius lange nach ihrer +Vollendung lebte und bereits das zivilisierte Stadium repräsentiert. +Aber nach allem, was hier bisher vom Sinn der Kulturen festgestellt +wurde, erscheint das<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span> Eine klar: wenn überhaupt eine andre Kultur +und ihre Kunst zu einem so verwandten Symbol gelangte, mußte ihre +Seele in <em class="gesperrt">jedem</em> Betracht der unseren ähnlich sein. Gewiß, von +Identität ist nirgends die Rede; die unendlich feinen und bedeutsamen +Differenzen beider Seelen aufzufinden müßte eine der reizvollsten +Aufgaben einer künftigen Psychologie sein. Das Tiefenerlebnis, der +Sinn der Zukunft, des Horizontes, des Raumes, des Todes ist hier +und dort nicht derselbe. Das Ursymbol der chinesischen Seele, ihr +Weltgefühl ist trotz aller Nähe <em class="gesperrt">nicht</em> das faustische und deshalb +vielleicht gerade für uns schwer bestimmbar. Die alte ostasiatische +Malerei sucht nicht die flüchtigen Wunder, die <i>petits faits</i> +der Atmosphäre, nicht das <em class="gesperrt">Einmalige eines Raumerlebnisses</em> auf. +Sie wendet sich vom Wirklichen ab und dem wachen Traume zu. Ihre +Meisterschaft liegt im Hinzaubern von Dingen, die <em class="gesperrt">Erinnerungen</em> +wecken, <em class="gesperrt">ohne zu sein, was sie scheinen</em>. Ohne Zweifel ist +diese tiefe Form historischer Transzendenz nicht die Watteaus oder +Haydns. Das zarte chinesische Gefühl für Zeit, Leben, Schicksal, +Vergangenheit ist uns sehr fremd. Aber trotzdem, welche Leidenschaft +der Seele zum Grenzenlosen und Ewigen! Wie nahe rücken sich beide Arten +des Menschentums, sobald man sie mit der antiken vergleicht! Eine +Landschaft über das Thema „Abendglocken eines fernen Tempels“, wo der +<em class="gesperrt">Klang</em> und die Welt ferner Erinnerungen, die er im Innern weckt, +in wenige Striche und Farbflecke gebannt erscheinen — ist das nicht +trotzdem im Geiste Mozarts? Wir wundern uns nicht, daß diese Kultur +den abendländischen Hang zur Astronomie und Geschichtsforschung, zur +Sorge und Selbstbetrachtung besaß. Beide Kulturen erfanden, jede für +sich, das Pulver, den Buchdruck, den Holzschnitt, den Kompaß, das +Porzellan. Beide waren im Besitz einer hochentwickelten Gartenkunst +und Musik. Beiden fehlte deshalb — in dem hier vorausgesetzten +strengen Sinne — eine Plastik, während das Porträt (die altchinesische +Porträtkunst war eine Leistung allerhöchsten Ranges) und die damit +innerlich verwandte Charakterlandschaft die Malerei beherrschen. So +ist die Wahlverwandtschaft zu erklären, die das 18. Jahrhundert zu +China, das 19. zu Japan zog. Wir kannten damals alle fremden Kulturen, +die indische, ägyptische, arabische; sie lagen uns alle näher; aber +nur von dieser<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> übernahmen wir, über den halben Erdball hinweg, nicht +etwa einzelne Motive und Ideen, sondern den <em class="gesperrt">Gehalt</em> ihrer +künstlerischen Formensprache. Das unterscheidet das Verhältnis des +Rokoko zur chinesischen Kunst sehr wesentlich von dem der Renaissance +zur griechisch-römischen. Die Resorption ägyptischer Details um 1800 +durch den Empirestil war eine flache Spielerei; die Übernahme der +japanischen Malerei um 1860 ist eine Metamorphose, die Tiefe besitzt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_18">18</h4> + +</div> + +<p>Ich sagte, daß die Ölmalerei am Ende des 17. Jahrhunderts, wo +alle großen Meister kurz nacheinander starben, erlosch. Aber der +Impressionismus im engern Sinne ist ja eine Schöpfung des 19. +Jahrhunderts? Die Malerei hat also 200 Jahre länger geblüht oder +dauert heute noch fort? Man täusche sich nicht. Zwischen Rembrandt +und Delacroix oder Constable liegt eine tote Strecke und was bei +dem letzten beginnt, ist trotz aller Zusammenhänge in Hinsicht auf +Technik und Vortrag sehr verschieden von dem, was mit dem ersten +endete. Hier, wo von einer lebendigen Kunst von größter Symbolik die +Rede ist, zählen die rein dekorativen Künstler des 18. Jahrhunderts +nicht mit. Watteau möchte man in allem, wo er tief ist, der Musik +seiner Zeit zurechnen. Täuschen wir uns auch nicht über den Charakter +der neuen malerischen Episode, die jenseits von 1800, der Grenze +von Kultur und Zivilisation, noch einmal vorübergehend die Illusion +einer großen Kultur der Malerei erwecken konnte. Sie selbst hat ihr +eigentliches Thema als Pleinairismus bezeichnet und damit den Sinn +ihrer flüchtigen Erscheinung deutlich genug enthüllt. <em class="gesperrt">Freilicht</em> +— das ist die bewußte, intellektuelle und brutale Abwendung von dem, +was man plötzlich „die braune Sauce“ nannte und was, wie wir sahen, in +den Bildern der großen Meister das eigentlich metaphysische Fluidum +war. Auf ihm baute sich die Malkultur der Schulen, vor allem der +niederländischen auf, die im Rokoko rettungslos dahinschwand. Dies +Braun, das Symbol räumlicher Unendlichkeit, das für den faustischen +Menschen aus dem Gemälde ein seelenhaftes Etwas schuf, empfand man +plötzlich als Unnatur. Was war geschehen? Beweist das Faktum nicht, +daß eben die <em class="gesperrt">Seele</em> sich fortgestohlen<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> hatte, für welche diese +verklärte Farbe etwas Religiöses, ein Zeichen der Sehnsucht, der +ganze Sinn einer lebendigen Natur gewesen war? Der Materialismus der +westeuropäischen Weltstädte blies in die Asche und rief diese seltsame +und kurze Nachblüte von zwei Malergenerationen hervor — denn mit +der Generation Manets war alles schon wieder zu Ende. Ich hatte das +erhabene Grün Grünewalds, Lorrains, Giorgiones als die katholische +Farbe des Raumes bezeichnet und das transzendente Braun Rembrandts +als die Farbe des protestantischen Weltgefühls. Das Freilicht, das +jetzt eine neue Farbenskala entfaltet, bezeichnet demgegenüber den +Atheismus.<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[90]</a> Der Impressionismus ist aus den Sphären Beethovenscher +Musik und Kantischer Sternenräume auf die Erdoberfläche zurückgekehrt. +Dieser Raum ist ein intellektuelles, kein seelisches Faktum; er ist +erkannt, errechnet, nicht erlebt; es ist das mechanische Objekt +der Physik und nicht die gefühlte Welt der pastoralen Musik, was +Courbet und Manet in ihre Landschaften bringen. Was Rousseau mit +tragisch treffendem Ausdruck als Rückkehr zur Natur prophezeit hatte, +vollzieht sich in dieser sterbenden Kunst. So kehrt ein Greis von +Tag zu Tag „zur Natur zurück“. Der neue Künstler ist Arbeiter, nicht +Schöpfer. Man stellt ungebrochene Spektralfarben nebeneinander. Die +feine Handschrift, der Tanz des Pinselstriches macht mechanischen +Gewohnheiten Platz: Punkte, Quadrate, breite anorganische Massen +werden aufgetragen, vermengt, verbreitet. Neben dem breiten, flachen +Pinsel erscheint der Spachtel als Werkzeug. Der Ölgrund der Leinwand +wird in die Wirkung einbezogen und bleibt stellenweise frei. Eine +gefährliche Kunst, peinlich, kalt, krank, für überfeinerte Nerven, +aber wissenschaftlich bis zum äußersten, energisch in allem, was die +Bewältigung technischer Widerstände angeht, programmatisch zugespitzt; +es ist das Satyrspiel zur großen Ölmalerei von Lionardo bis Rembrandt. +Sie konnte nur in dem Paris Baudelaires zu Hause sein.<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> Corots silberne +Landschaften in ihren grüngrauen und braunen Tönen träumten noch von +dem <em class="gesperrt">Seelischen</em> der alten Meister. Courbet und Manet eroberten +den kahlen physikalischen Raum, den Raum als „Tatsache“. Der versonnene +Entdecker Lionardo macht dem malenden Experimentator Platz. Corot, +das ewige Kind, Franzose, nicht Pariser, fand seine Landschaften +überall. Er hat noch einmal, im romantischen Sinne, etwas von der +kontrapunktischen Kunst altholländischer Gemälde verwirklicht, so wie +Novalis in seinen Marienliedern noch einmal das altprotestantische +Kirchenlied erweckte. Aber Th. Rousseau, Courbet, Manet, Cézanne +porträtieren ein und dieselbe Landschaft immer wieder, peinlich, +mühsam, arm an Seele, den Wald von Fontainebleau oder die Seineufer +bei Argenteuil oder jenes merkwürdige Tal bei Arles. Rembrandts +mächtige Landschaften liegen durchaus im Weltraume, die Manets in +der Nähe einer Bahnstation. Die Freilichtmaler, echte Großstädter, +nahmen von den kühlsten Spaniern und Holländern, Velasquez, Goya, +Hobbema und Franz Hals, die Musik des Raumes, um sie — mit Hilfe der +englischen Landschafter und später der Japaner, intellektueller und +hochzivilisierter Köpfe, — ins Empirische und Naturwissenschaftliche +zu übersetzen. Das ist eine planmäßige Synthese, die sich vollkommen +auf der Ebene der elementaren Form hält und die innere Gestalt, die +Form der Seele aus dem Spiele läßt. Constable hat auf die Schule von +Barbizon ebenso gewirkt wie Locke auf Voltaire. Um jenes Wort Goethes +noch einmal zu gebrauchen: Rembrandt schaute, Manet sah die Natur an. +Es ist der Unterschied von Naturerlebnis und Naturwissenschaft, von +Herz und Kopf, von Glauben und Wissen.</p> + +<p>Anders in Deutschland. In Frankreich war eine große Malerei +abzuschließen, hier war sie nachzuholen. Denn der malerische Stil um +1860 setzt, als Schlußakt, alle Glieder der Entwicklung voraus; sie +liegen dem Technischen zugrunde und wo auch eine Schule diesen neuen +Stil, den der großstädtischen Zivilisation, pflegen will, bedarf sie +einer geschlossenen inneren Tradition. Hierin beruht die Schwäche +und Stärke der letzten deutschen Malerei. Die Franzosen besaßen eine +eigne Überlieferung vom frühen Barock bis auf Chardin und Corot +herab. Zwischen Lorrain und Corot, Rubens und Delacroix besteht +ein<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> lebendiger Zusammenhang. Aber alle großen Deutschen waren, als +Künstler, Musiker geworden. Wenn die deutschen Maler jetzt nach Paris +gingen, so taten sie dasselbe wie alle Komponisten andrer Länder, +wenn sie Bach, Haydn, Mozart und Beethoven studierten. Sie nahmen +von außen, was ihnen an innerer Tradition fehlte. Aber indem sie, +wie Manet und die Maler seines Kreises, auch die alten Meister von +1670 studierten und kopierten, empfingen sie ganz neue, ganz andre +Wirkungen, während die Franzosen nur Erinnerungen an etwas fühlten, +das längst in ihre Kunst eingegangen war. Und so ist die deutsche +bildende Kunst außerhalb der Musik — seit 1800 — eine verspätete +Erscheinung, hastig, ängstlich, verworren, um Mittel und Ziel verlegen. +Es war keine Zeit zu verlieren. Was die deutsche Musik und die +französische Malerei in Jahrhunderten geworden waren, sollte durch +eine oder zwei Malergenerationen eingeholt werden. Die erlöschende +Kunst drängte nach der letzten, weltstädtischen Fassung, die ein +traumhaftes Durchfliegen der ganzen Vergangenheit notwendig machte. So +erscheinen hier wunderlich faustische Naturen, wie Marées und Böcklin, +von einer Ungewißheit in allem Formalen, die in unsrer Musik mit ihrer +sicheren Tradition — man denke an Bruckner — ganz unmöglich war. +Die programmatisch klare und innerlich um so ärmere Kunst der großen +französischen Impressionisten — Manet, Monet, Degas, Pissarro, Renoir +— kennt diese Tragik ebensowenig. Das gleiche gilt von der deutschen +Literatur, die zur Goethezeit in jedem großen Werk etwas begründen +wollte <em class="gesperrt">und</em> etwas abschließen mußte. Wie die Maler nach Paris +gingen, so die Dichter nach dem London der elisabethanischen Zeit. Wie +Kleist Shakespeare und Stendhal <em class="gesperrt">zugleich</em> in sich fühlte und +mit verzweifeltem Bemühen, in ewigem Ungenügen ändernd und zerstörend +zweihundert Jahre psychologischer Kunst zur Einheit schmieden wollte, +wie Hebbel die Problematik von Hamlet bis Rosmersholm in <em class="gesperrt">einen</em> +dramatischen Typus preßte, so haben Menzel, Leibl, Marées die alten und +neuen Vorbilder: Rembrandt, Lorrain, van Goyen, Watteau, Delacroix, +Courbet und Manet in eine einzige Form zu drängen versucht. Während +die kleinen frühen Interieurs von Menzel die besten Tatsachen des +Manetkreises vorwegnehmen und Leibl<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> manches ausführt, woran Courbet +scheiterte, ist andrerseits in ihren Bildern das metaphysische Braun +und Grün der alten Meister noch der volle Ausdruck eines inneren +Erlebnisses. Menzel hat <em class="gesperrt">wirklich</em> ein Stück preußisches Rokoko, +Marées etwas von Rubens, Leibl in seinem Bild der Frau Gedon etwas von +Rembrandts Porträtkunst nacherlebt und wiedergeweckt. Das Atelierbraun +des 17. Jahrhunderts hatte eine Kunst von höchstem faustischem +Gehalt zur Seite gehabt, die Radierung. Rembrandt ist in beidem der +erste Meister aller Zeiten gewesen. Auch die Radierung hat etwas +Protestantisches und sie liegt den südlicheren, katholischen Malern der +grünblauen Atmosphäre und der Gobelins nicht. Leibl war, wie der letzte +Braunmaler, so auch der letzte große Radierer, dessen Blätter von jener +rembrandthaften Unendlichkeit sind, die den Betrachter immer wieder +neue Geheimnisse entdecken läßt. Marées endlich besaß die mächtige +Intuition des großen Barockstils, die Guéricault und Daumier noch eben +in eine geschlossene Form bannen konnten, die sich aber in seinem +Falle, eben <em class="gesperrt">ohne</em> die Stärke der westlichen Tradition, nicht in +die Welt der malerischen Erscheinung zwingen ließ.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Akt_19">19</h4> + +</div> + +<p>Im Tristan stirbt die letzte der faustischen Künste. Dies Werk ist der +riesenhafte Schlußstein der abendländischen Musik. Die Malerei hat es +nicht zu einem so mächtigen Finale gebracht. Manet und Leibl, in deren +Freiheitsstudien die Ölmalerei alten Stils noch einmal wie aus dem +Grabe hervorkommt, wirken klein dagegen.</p> + +<p>Die apollinische Kunst ging mit der pergamenischen Plastik zu +Ende. <em class="gesperrt">Pergamon ist das Seitenstück von Bayreuth.</em> In der +Illusionsmalerei der asiatischen und sikyonischen Schule erscheint +daneben ebenfalls eine malerische Episode, die der von Barbizon und +dem Kreise Manets durchaus entspricht. Die strenge Vierfarbentechnik +Polygnots mit ihrer Vermeidung von Licht und Schatten wurde damals +aus demselben metaphysischen Grunde aufgelöst wie jetzt das Braun der +niederländischen Malerei. Es gibt von Eupompos Aussprüche, die auch +in Paris möglich gewesen wären. Dieselben Skandale, welche das 19. +Jahrhundert<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> im Leben Manets, Cézannes und manches andern verzeichnet, +wurden auch von diesen revolutionären Malern in Athen erregt. Plato hat +sie streng getadelt.</p> + +<p>Die pergamenische Kunst entspricht der Musik von Berlioz, Liszt und +Wagner. Der berühmte Altar von Pergamon selbst ist ein späteres und +vielleicht nicht das bedeutendste Werk der Gattung. Man muß (etwa +330–220) eine lange, verschollene Entwicklung voraussetzen. Aber alles, +was Nietzsche gegen Wagner und Bayreuth, den Ring und den Parsifal +vorbrachte, läßt sich, unter Gebrauch ganz derselben Ausdrücke wie +Decadence und Schauspielerei, auf diese Plastik anwenden, von der +uns im Gigantenfries des großen Altars — auch einem „Ring“ — ein +Meisterwerk erhalten ist. Dieselbe Theatralik, dieselbe Anlehnung an +alte, mythische, nicht mehr geglaubte Motive, dieselbe rücksichtslose +Massenwirkung auf die Nerven, aber auch dieselbe sehr bewußte Wucht, +Größe, Erhabenheit, die dennoch einen Mangel an innerer Kraft nicht +ganz zu verbergen weiß. Das ältere Vorbild des Laokoon stammte +sicherlich aus diesem Kreise. Man könnte sich einen Philosophen, aus +der Nähe Epikurs, denken, der in attischen Aphorismen gegen diese +Kunst im Namen der alten, echten Plastik Polyklets loszog. Hier stand +Nietzsche ganz nahe vor der Lösung des Problems, das seine eigentliche +Bestimmung zu sein schien, des Problems der Zivilisation. Der „Fall +Wagner“ war auch der Fall der damaligen antiken Plastik, der einer +jeden Kunst, welche die vollendete Kultur repräsentiert und mit dem +Übergang zur Zivilisation stirbt. Er gebrauchte das Wort Decadence. +Dasselbe, nur umfassender, nur von dem heute vorliegenden Fall zu +einem allgemein historischen Typus von Epoche erweitert und aus der +Vogelperspektive einer Philosophie des Werdens betrachtet, bedeutet in +diesem Buche das Wort Untergang des Abendlandes.</p> + +<p>Was die sinkende Gestaltungskraft kennzeichnet, ist das Form- und +Maßlose, dessen der Künstler bedarf, um noch etwas Rundes und Ganzes +hervorzubringen. Maßlos, überschwellend, subjektiv, das heißt hier +die Kultur, die strenge Konvention von Jahrhunderten zerbrechend. Es +war die überpersönliche Regel, die absolute Mathematik der Form, das +<em class="gesperrt">Schicksal</em> einer<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> Form, hier wie dort, was man nicht mehr ertrug. +Lysipp steht darin hinter Polyklet und die Schöpfer der Galliergruppen +hinter Lysipp zurück. Das entspricht dem Wege von Bach über Beethoven +zu Wagner. Die frühen Künstler fühlen sich als Meister der großen Form, +die späten als deren Sklaven. Was Praxiteles und Haydn innerhalb der +strengsten Konvention in vollkommener Freiheit und Heiterkeit zu sagen +vermochten, brachten Lysipp und Beethoven nur unter Vergewaltigungen +zustande. Das Zeichen aller lebendigen Kunst, die reine Harmonie +zwischen Wollen, Müssen und Können, das Selbstverständliche des +Ziels, das Unbewußte in der Verwirklichung, die Einheit von Kunst und +Kultur, alles das ist vorüber. Noch Corot und Tiepolo, noch Mozart und +Cimarosa konnten, was sie wollten, was sie wollen mußten. Freiheit +und Notwendigkeit waren identisch. In der Zeit Rembrandts und Bachs +ist das uns allzubekannte Phänomen: „an seiner Aufgabe zu scheitern“, +gar nicht denkbar. Das Schicksal der Form lag in der Rasse, in der +Epoche, nicht in privaten Tendenzen des Einzelnen. In der Sphäre einer +großen Tradition gelingt selbst dem kleinen Künstler das Vollkommene, +weil die lebendige Kunst ihn und die Aufgabe zusammenführt. Heute +müssen diese Künstler wollen, was sie nicht mehr können, und dort mit +dem Kunstverstand arbeiten, rechnen, kombinieren, wo der Instinkt +erloschen ist. Das haben sie alle erlebt. Marées ist mit keinem seiner +großen Pläne fertig geworden. Leibl wagte es nicht, seine letzten +Bilder aus der Hand zu geben, bis sie unter der endlosen Überarbeitung +kalt und hart geworden waren. Cézanne und Renoir ließen vieles vom +Besten unvollendet, weil sie bei aller Kraft und Mühe nicht weiter +konnten. Manet war erschöpft, als er dreißig Bilder gemalt hatte, +und trotz der ungeheuren Mühsal, die aus jedem Zuge des Gemäldes +und der Skizzen spricht, hat er mit seiner „Erschießung des Kaisers +Maximilian“ kaum erreicht, was Goya in dem Vorbilde, der Erschießung +des Grafen Pio, mühelos zustande brachte. Bach, Haydn, Mozart und die +tausend namenlosen Musiker des 18. Jahrhunderts konnten in schnell +hingeworfenen Augenblickskompositionen Vollkommenstes leisten. Wagner +wußte, daß er nur dort die Höhe erreichte, wo er seine ganze Energie +zusammennahm und aufs<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> peinlichste die besten Augenblicke seiner +künstlerischen Begabung ausnützte.</p> + +<p>Zwischen Wagner und Manet besteht eine tiefe Verwandtschaft, die +wenigen fühlbar sein wird, die aber ein Kenner alles Dekadenten wie +Baudelaire schon früh herausfand. Aus farbigen Strichen und Flecken +eine Welt im Raume hervorzuzaubern, das war die letzte, sublimste +Kunst der Impressionisten. Wagner leistet das mit drei Takten, in +denen sich eine ganze Welt von Seele zusammendrängt. Die Farben +der sternhellen Mitternacht, der ziehenden Wolken, des Herbstes, +der schaurig-wehmütigen Morgenfrühe, überraschende Blicke auf +sonnenbelichtete Fernen, die Weltangst, das nahe Verhängnis, das +Verzagen, das verzweifelte Durchbrechen, die jähe Hoffnung, Momente, +die vorher kein Musiker für erreichbar gehalten hätte, malt er in +vollkommener Deutlichkeit mit ein paar Tönen eines Motivs. Hier ist der +äußerste Gegensatz zur griechischen Plastik erreicht. Alles versinkt +in körperlose Unendlichkeit; selbst eine linienhafte Melodie ringt +sich nicht mehr aus den vagen Tonmassen los, die in seltsamem Wogen +einen imaginären Raum heraufrufen. Das Motiv taucht aus dunkler und +furchtbarer Tiefe auf, flüchtig von einem grellen Licht überstrahlt; +plötzlich steht es in schrecklicher Nähe; es lächelt, es schmeichelt, +es droht; bald ist es im Reiche der Streichinstrumente verschwunden, +bald nähert es sich wieder aus endlosen Fernen, von einer einzelnen +Oboe leise variiert, mit einer immer neuen Fülle seelischer Farben. +Der Kenner der Funktionentheorie wird in diesen Tonräumen etwas +Verwandtes mit seinen Zahlenmannigfaltigkeiten finden, in denen Gruppen +transzendenter Gebilde Verwandlungen erleiden, welche die Invarianz +gewisser Formelemente hervortreten lassen.</p> + +<p>Wagner löst die Melodie auf wie Manet und sein Kreis die Grenzen +der sichtbaren Gegenstände oder, um es von einer andern Seite, +psychologisch, zu nehmen, sie wurden ohne das Talent dazu geboren, +weil Zeichnung und Melodie, Reste des Körperhaften, von der Symbolik +der Zeit nicht mehr ertragen wurden. Sie arbeiten beide mit Details, +die für das Auge und Ohr von Décadents, um in Nietzsches Sprechweise +zu bleiben, wundervoll sind, antieuklidisch bis zum äußersten, mit +kleinen<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> Motiven und Farbenspielen, deren Sättigung mit einem ganz +subjektiven, eminent physiognomischen Gehalt vorher niemand für möglich +gehalten hätte; sie sind beide, neben Beethoven und Delacroix, brutal, +barbarisch, und verdienen den Namen des Malers und Musikers nicht, +wenn man von ihnen ein Gemälde oder eine Komposition strengen Stils +erwartet. Aber worin sie Meisterschaft besitzen und was für uns der +letzte Genuß und der höchste Reiz innerhalb dieser Formenwelten bleibt, +ist das <em class="gesperrt">Charakteristische</em> in Ton, Klang und Farbe. Alles, was +Nietzsche von Wagner gesagt hat, gilt auch von Manet. Man muß nur die +Beziehung verstehen. Scheinbar eine Rückkehr zum Elementarischen, zur +Natur gegenüber der Inhaltsmalerei und der absoluten Musik, bedeutet +ihre Kunst ein Nachgeben vor der Barbarei der großen Städte, der +beginnenden Auflösung, wie sie sich im Sinnlichen in einem Gemisch +von Brutalität und Raffinement äußert, einen Schritt, der notwendig +der letzte sein mußte. Eine künstliche Kunst ist keiner organischen +Fortentwicklung fähig. Sie bezeichnet das Ende.</p> + +<p>Daraus folgt — ein bitteres Eingeständnis —, daß es mit der +abendländischen bildenden Kunst unwiderruflich zu Ende ist. Die Krisis +des 19. Jahrhunderts war der Todeskampf. Die faustische Kunst stirbt, +wie die antike, die ägyptische, wie jede andere an Altersschwäche, +nachdem sie ihre innern Möglichkeiten verwirklicht, nachdem sie im +Lebenslauf ihrer Kultur ihre Bestimmung erfüllt hat.</p> + +<p>Was heute als Kunst betrieben wird, ist Ohnmacht und Lüge, die Musik +nach Wagner so gut wie die Malerei nach Manet, Cézanne, Leibl und +Menzel.</p> + +<p>Man suche doch die großen Persönlichkeiten, welche die Behauptung, +daß es noch eine Kunst von schicksalhafter Notwendigkeit gebe, +rechtfertigen. Man suche nach der <em class="gesperrt">selbstverständlichen und +notwendigen</em> Aufgabe, die auf sie wartet. Man gehe durch alle +Ausstellungen, Konzerte, Theater und man wird nur betriebsame Macher +und lärmende Narren finden, die sich darin gefallen, etwas — innerlich +längst als überflüssig Empfundenes — für den Markt herzurichten. +Auf was für einem Niveau steht heute alles, was Kunst und Künstler +heißt! In der Generalversammlung irgendeiner Aktiengesellschaft<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 498]</span> oder +unter den Ingenieuren der erstbesten Maschinenfabrik wird man mehr +Intelligenz, Geschmack, Charakter und Können bemerken als in der +gesamten Malerei und Musik des gegenwärtigen Europa. Es hat immer +auf einen großen Künstler hundert überflüssige gegeben, die Kunst +machten. Aber solange es eine große Konvention und <em class="gesperrt">also</em> eine +echte Kunst gab, machten auch sie etwas Tüchtiges. Man konnte diesen +Hundert ihre Existenz verzeihen, weil sie schließlich, im <em class="gesperrt">Ganzen</em> +der Tradition, der Boden waren, der den einen trug. Aber heute sind +nur diese — Zehntausend am Werke, „um zu leben“ — wovon man die +Notwendigkeit nicht einsieht — und so viel ist gewiß: man könnte +heute alle Kunstanstalten schließen, ohne daß die <em class="gesperrt">Kunst</em> davon +irgendwie berührt würde. Wir dürfen uns nur in das Alexandria des +Jahres 200 — als die Römer nach Mazedonien kamen — versetzen, um den +Kunstlärm kennen zu lernen, mit dem eine weltstädtische Zivilisation +sich über den Tod ihrer Kunst zu täuschen versteht. Dort, wie heute +in den Weltstädten Westeuropas, eine Jagd nach den Illusionen der +künstlerischen Fortentwicklung, der persönlichen Eigenart, des „neuen +Stils“, der „ungeahnten Möglichkeiten“, ein theoretisches Geschwätz, +eine anspruchsvolle Haltung tonangebender Künstler wie die von +Akrobaten, die mit Zentnergewichten von Pappe hantieren („hodlern“), +der Literat statt des Dichters, die Malerei als Kunstgewerbe. Auch +Alexandria hatte seine Problemdramatiker, die man Sophokles vorzog, und +seine Maler, die neue Richtungen erfanden und ihr Publikum verblüfften. +Was besitzen wir heute unter dem Namen „Kunst“? Eine erlogene Musik +voll von künstlichem Lärm massenhafter Instrumente, eine erlogene +Malerei voller idiotischer, exotischer und Plakateffekte, eine erlogene +Architektur, die auf dem Formenschatz vergangener Jahrtausende alle +zehn Jahre einen neuen Stil „begründet“, in dessen Zeichen jeder +tut, was er will, eine erlogene Plastik, die Assyrien, Ägypten und +Mexiko bestiehlt. Und trotzdem kommt dies allein, der Geschmack von +Weltleuten, als Ausdruck und Zeichen der Zeit in Betracht. Alles +übrige, das demgegenüber an den alten Idealen „festhält“, ist eine +bloße Angelegenheit von Provinzialen.</p> + +<p>Die antike und ägyptische Zivilisation können uns über<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> die letzten +Phasen unterrichten. Die chronologischen Stufen sind folgende:</p> + +<table> + <tr> + <td> + <div class="center">Abendland</div> + </td> + <td> + <div class="center">Antike</div> + </td> + <td> + <div class="center">Ägypten</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="left">  I. <em class="gesperrt">Stadium der + Zivilisation</em>.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1800–2000</div> + </td> + <td> + <div class="center">350–150</div> + </td> + <td> + <div class="center">1780–1580</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„Europ. Zivilisation“</div> + </td> + <td> + <div class="center">Hellenismus</div> + </td> + <td> + <div class="center">Hyksoszeit</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="left">  II. <em class="gesperrt">Stadium</em>.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">150 v.–1000 n. Chr.</div> + </td> + <td> + <div class="center">1580–1350</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">Von den Gracchen bis Nerva</div> + </td> + <td> + <div class="center">18. Dynastie</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">(Cäsar)</div> + </td> + <td> + <div class="center">(Thutmosis III.)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="left">  III. <em class="gesperrt">Stadium</em>.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">100–300</div> + </td> + <td> + <div class="center">1350–1205</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">Von Trajan bis Konstantin</div> + </td> + <td> + <div class="center">19. Dynastie</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">(Trajan, Hadrian)</div> + </td> + <td> + <div class="center">(Sethos I., Ramses II.)</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p>Das überpersönliche Formgefühl, das Gefühl für den religiösen Sinn +der absoluten Form ist längst zu Ende. Der heimliche Alexandrinismus +der gesamten Kunst des 19. Jahrhunderts unterliegt keinem Zweifel. +Statt der lebendigen Kunst wird ihre Mumie, ihre Hinterlassenschaft an +fertigen Formen verwertet, gemengt, vollkommen anorganisch kombiniert. +Jede Modernität hält Abwechslung für Entwicklung. Die Wiederbelebungen +und Verschmelzungen alter Stile treten an die Stelle wirklichen +Werdens. Auch Alexandria hatte seine präraffaelitischen Hanswurste mit +Vasen, Stühlen, Bildern und Theorien, seine Symbolisten, Naturalisten +und Expressionisten. In Rom gibt man sich bald gräkoasiatisch, +bald gräkoägyptisch, bald archaisch, bald — nach Praxiteles — +neuattisch. Das Relief der 19. Dynastie, der ägyptischen Modernität, +das massenhaft, sinnlos, anorganisch Wände, Statue, Säulen überzieht, +wirkt wie eine Parodie auf die tiefe Kunst des Alten Reiches. Man +muß für diese Modernität in Luxor und Karnak nur Augen haben. +Der ptolemäische Horustempel in Edfu endlich ist in der Leerheit +willkürlich gehäufter Formen nicht mehr zu überbieten. Das ist der +prahlerische und aufdringliche Stil<a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[91]</a> unsrer Straßen, monumentalen +Plätze und Ausstellungen, obwohl wir uns erst am Anfang dieser +Entwicklung befinden. Das Massenhafte muß die Tiefe, die riesenhaften<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span> +Dimensionen die Innerlichkeit der Form ersetzen. Darin entspricht der +Tempel Sethos I. in Abydos durchaus dem Forum Trajans. Die Ruinen von +Luxor und Karnak, wo vor allem Ramses II. baute, bedeuten für das Ende +des ägyptischen Formgefühls, das Ende der ägyptischen Seele genau +das, was die Trümmer des Palatin und der Kaiserfora, das Kolosseum +nicht zu vergessen, für das vollkommene Erlöschen der antiken Seele. +Welche Roheit im Detail! Welche Verschwendung von unverstandenen +Motiven! Was für Kapitäle! Was für sinnlose Verschmelzungen strenger +alter, bedeutungsschwerer Ornamente, welche die Seele längst +vergangener Zeiten symbolisieren und hier plump, negerhaft, „vornehm“, +„geschmackvoll“ dekorativen Absichten geopfert werden!</p> + +<p>Endlich erlischt selbst die Kraft, etwas anderes auch nur zu wollen. +Schon der große Ramses eignete sich Bauten seiner Vorgänger an, indem +er in Inschriften und Reliefszenen die Namen ausmeißeln und durch den +eigenen ersetzen ließ. Es ist dasselbe Eingeständnis künstlerischer +Ohnmacht, das Konstantin veranlaßte, seinen Triumphbogen in Rom mit +Skulpturen zu schmücken, die von andern Bauwerken abgenommen waren. +Viel früher, seit 150 v. Chr., beginnt im Bereich der antiken Kunst +die Technik der Kopien nach hellenischen Meisterwerken, nicht, weil +man diese noch irgend verstanden hätte, sondern weil man nicht +einmal mehr unbedeutende Originale selbständig hervorzubringen +verstand. Denn man bemerke wohl: diese Kopisten waren <em class="gesperrt">die +Künstler</em> der Zeit. Ihre Arbeiten bezeichnen das Maximum der damals +vorhandenen Gestaltungskraft. In diesen Nachahmungen erschöpft sich +die Ausdrucksfähigkeit spätrömischer Zeiten. Sämtliche römischen +Bildnisstatuen, ob männlich oder weiblich, gehen nicht auf die Natur, +sondern auf eine ganz kleine Zahl hellenischer Werke zurück, die für +den Torso mehr oder weniger frei kopiert werden, während der Kopf eine +virtuose, nichts weniger als tiefe Behandlung in naturalistischem, +beinahe photographischem Sinne erfährt. Man gestattete sich, je nach +der augenblicklichen Stilrichtung Haartracht, Kleidung und Stellung +des Vorbildes zu ändern — soweit ging das „schöpferische Genie“. Die +berühmte Panzerstatue des Augustus z. B. ist nach dem Doryphoros des +Polyklet gearbeitet, während ihre<span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span> Geste schon auf einer in Arkadien +gefundenen Ehrensäule des Polybius vorhanden ist. So etwa verhält +sich — um die ersten Vorzeichen des entsprechenden Stadiums im +Abendlande zu nennen — Lenbach zu Rembrandt und Makart zu Rubens. +1500 Jahre lang, von Ahmose I. bis auf Kleopatra herab, hat der tote +Ägyptizismus in derselben Weise Bildwerke auf Bildwerke gehäuft. Es +war, wie wir heute endlich begreifen lernen, ein am Oberflächlichsten +haftendes Nachahmen des Alten. An Stelle des Stils war der wechselnde +Modegeschmack für die Wiederbelebung bald dieser, bald jener alten +Stilphase getreten. Die erdrückende Masse des so Entstandenen, das +man bisher vom Echten und Alten nicht zu unterscheiden wußte, ist +die Ursache der monotonen Gesamtwirkung der ägyptischen Kunst. In +beiden Fällen, die sich noch durch die Beispiele der indischen und +chinesischen Kunst erweitern ließen, haben wir ein Bild der eigenen +Zukunft, der wir unweigerlich entgegengehen.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[81]</a> Man braucht da nur griechische Künstler neben Rubens und +Rabelais zu stellen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[82]</a> Von dem eine seiner Geliebten klagte, <i>qu’il puait +comme une charogne</i>. Übrigens haben gerade Musiker immer im Rufe der +Unreinlichkeit gestanden.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[83]</a> Der Apollo mit der Kithara in München wurde von +Winckelmann und seiner Zeit als Muse bewundert und gepriesen. Ein +Athenakopf nach Phidias in Bologna galt noch vor kurzem als der eines +Feldherrn. In einer physiognomischen Kunst wie der des Barocks wären +solche Irrungen völlig unmöglich.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[84]</a> Und umgekehrt empfindet der höhere Mensch des Abendlandes +eine gemalte Begattungsszene wie bei Correggio als flach und würdelos.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[85]</a> Nichts kann das Absterben der abendländischen Kunst seit +der Mitte des 19. Jahrhunderts deutlicher kennzeichnen als die alberne, +massenhafte Aktmalerei; der tiefere Sinn des Aktstudiums und der +Bedeutung des Motivs ist vollkommen verloren gegangen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[86]</a> Rubens und unter den Neueren vor allem Böcklin und +Feuerbach verlieren, Goya, Daumier, in Deutschland vor allem Oldach, +Wasmann, Rayski und viele andre fast vergessene Künstler aus dem Anfang +des 19. Jahrhunderts gewinnen dabei. Marées tritt in die Reihe der +allergrößten.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[87]</a> Es ist dieselbe „edle Einfalt und stille Größe“, um mit +deutschen Klassizisten zu reden, welche auch die romanischen Bauten +von Hildesheim, Gernrode, Paulinzella, Hersfeld so antikisch wirken +läßt. Gerade die Klosterruine von Paulinzella besitzt viel von dem, +was Brunellesco in seinen Palasthöfen erst erreichen wollte. Aber das +schöpferische Grundgefühl, das diese Bauten herausbildete, haben wir +erst in unsre Vorstellung von antikem Sein übertragen und nicht etwa +von dort erhalten. Ein <em class="gesperrt">unendlicher</em> Friede, eine <em class="gesperrt">Weite</em> des +Gefühls der Ruhe in Gott, wie sie alles Florentinische auszeichnet, +soweit es nicht den gotischen Trotz Verrocchios hervorkehrt, ist in +keiner Weise mit der σωφροσύνη Athens verwandt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[88]</a> Man hat nie darauf geachtet, wie trivial das Verhältnis +der wenigen Bildhauer nach ihm zum Marmor blieb. Man fühlt es +erst, wenn man das tiefinnerliche Verhältnis großer Musiker zu +ihren Lieblingsinstrumenten damit vergleicht. Ich erinnere an die +Geschichte von Tartinis Geige, die beim Tode des Meisters zerspringt. +Es gibt hundert ähnliche. Sie sind das faustische Gegenstück zum +Pygmalionmythus. Es sei auch auf Hoffmanns geniale Gestalt des +Kapellmeisters Kreisler aufmerksam gemacht, die ebenbürtig neben Faust, +Werther und Don Juan steht. Um ihren symbolischen Rang und ihre innere +Notwendigkeit zu fühlen, vergleiche man sie mit den theatralischen +Malergestalten der gleichzeitigen Romantiker, die zur Idee der Malerei +in keinerlei Beziehung stehen. Ein Maler <em class="gesperrt">kann gar nicht</em>, und das +spricht das Urteil über die Künstlerromane des 19. Jahrhunderts, das +Schicksal der faustischen Kunst repräsentieren.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[89]</a> In Renaissancewerken wirkt das Allzufertige oft genug +peinlich. Wir fühlen da einen Mangel an „Unendlichkeit“. Es gibt in +ihnen keine Geheimnisse und Entdeckungen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[90]</a> Es ist deshalb ganz unmöglich, vom Freilichtprinzip aus +zu einer echt religiösen Malerei zu kommen. Das in dieser Malerei +liegende Weltgefühl ist bis zu dem Grade irreligiös und nur für eine +„Vernunftreligion“ gültig, daß jeder der zahlreichen, ehrlich gemeinten +Versuche hohl und unwahr wirkt (Uhde, Puvis de Chavannes). Ein einziges +Freilichtbild „verweltlicht“ sofort das Innere einer Kirche.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[91]</a> Eine besonders aufdringliche Art ist das Prunken mit +Schlichtheit im neuesten deutschen Stil.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="FUENFTES_KAPITEL"><span class="s6">FÜNFTES KAPITEL</span><br> +SEELENBILD UND LEBENSGEFÜHL</h2> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span></p> + +<h3 id="Fuenftes_Kapitel_I">I<br> +ZUR FORM DER SEELE</h3> + +<h4 id="Form_der_Seele_1">1</h4> + +<p>Jeder Philosoph von Beruf ist gezwungen, ohne ernstliche Nachprüfung +an das Dasein eines Objekts zu glauben, das sich in seinem Sinne +verstandesmäßig behandeln läßt. Denn seine ganze geistige Existenz +hängt von dieser Möglichkeit ab. Es gibt deshalb für jeden noch +so skeptischen Logiker und Psychologen einen Punkt, wo die Kritik +schweigt und der Glaube beginnt, wo selbst der strengste Analytiker +aufhört, seine Methode — gegen sich selbst nämlich und auf die +Frage der Lösbarkeit, selbst des Vorhandenseins seiner Aufgabe — +anzuwenden. Den Satz: Es ist möglich, durch das Denken die Formen des +Denkens festzustellen, hat Kant nicht bezweifelt, so zweifelhaft er +dem Nichtphilosophen erscheinen mag. Den Satz: Es gibt eine Seele, +deren Struktur wissenschaftlich zerlegbar ist; was ich durch kritische +Beobachtung meiner bewußten Daseinsakte in Gestalt von psychischen +Elementen, Funktionen, Komplexen isoliere, das <em class="gesperrt">ist</em> meine Seele +— hat noch kein Psychologe bezweifelt. Gleichwohl hätten die stärksten +Zweifel sich hier einstellen sollen. Ist eine abstrakte Wissenschaft +vom Seelischen überhaupt möglich? Ist, was man auf diesem Wege findet, +identisch mit dem, was man sucht? Warum ist alle Psychologie, nicht +als Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, sondern als Wissenschaft +genommen, von jeher die flachste und wertloseste der philosophischen +Disziplinen geblieben, in ihrer jämmerlichen Leerheit ausschließlich +der Jagdgrund mittelmäßiger Köpfe und unfruchtbarer Systematiker? +Der Grund ist leicht zu finden. Die empirische Psychologie hat das +Unglück, nicht einmal ein Objekt im Sinne wissenschaftlicher Technik +zu besitzen. Ihr Suchen und Überwinden von Problemen ist ein Kampf +mit Schatten und Gespenstern. Was<span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span> ist das — Seele? Könnte der +bloße Verstand eine Antwort geben, so wäre die Wissenschaft bereits +überflüssig.</p> + +<p>Keiner der tausend Psychologen unsrer Tage hat eine wirkliche Analyse +oder Definition der Phänomene des Willens, der Reue, der Angst, der +Eifersucht, der Laune, der künstlerischen Intuition geben können. +Natürlich nicht, denn man definiert nur optisch-räumliche Einheiten und +man unterscheidet nur Begriffe. Alle Feinheiten des geistigen Spiels +mit begrifflichen Distinktionen, alle vermeintlichen Beobachtungen +vom Zusammenhang sinnlich-körperlicher Befunde mit „innern Vorgängen“ +berühren aber nichts von dem, was hier in Frage steht. Wille — das ist +gar kein Begriff, sondern ein Name, ein Urwort wie Gott, ein Zeichen +für etwas, dessen wir innerlich unmittelbar gewiß sind, ohne es jemals +beschreiben zu können. Wir sind uns doch darüber klar — oder sollten +es sein —, daß Seele mit Raum, Gegenstand, Distanz, Zahl, Grenze, +Kausalität und also auch mit Begriff und System nichts zu tun hat.</p> + +<p>Dasjenige, was hier gemeint ist, bleibt dem taghellen Geiste, dem +Verstande, der empirischen Tatsachenforschung für immer unzugänglich. +Nicht umsonst warnt jede Sprache mit ihren tausendfach sich +verwirrenden Bezeichnungen davor, Seelisches theoretisch zergliedern, +es systematisch ordnen zu wollen. Hier ist nichts zu ordnen. Logische +Methoden sind Raumdinge. Wirklichkeiten sind nicht mehr Möglichkeiten. +Eher ließe sich ein Thema von Beethoven mit Seziermesser oder Säure +zerlegen, als die Seele durch die Mittel des abstrakten Denkens. Von +der Seele kann nicht einmal sie selbst etwas „wissen“. Alles was sie +weiß, ist eben, daß sie in diesem Sinne niemals etwas wissen wird. +Naturerkenntnis und Menschenkenntnis haben in Ziel, Weg und Methode +nichts gemeinsam. Rembrandt kann denen, die ihm innerlich verwandt +sind, durch ein Selbstbildnis oder eine Landschaft etwas von seiner +Seele mitteilen und Goethe gab es ein Gott zu sagen, was er leide. Man +kann von gewissen Seelenregungen, die völlig unbeschreiblich sind, +andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, +eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von +Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als +poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen,<span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span> das Wort als +Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie.</p> + +<p>Das Wort Seele gibt dem höheren Menschen ein Gefühl seines innern +Daseins, abgetrennt von allem Wirklichen und Gewordnen, ein sehr +bestimmtes Gefühl von den geheimsten und eigensten Möglichkeiten +seines Lebens, seines Schicksals, seiner Geschichte. Es ist in den +Sprachen aller Kulturen von früh an ein Zeichen, in dem zusammengefaßt +wird, was <em class="gesperrt">nicht</em> Welt ist. Verstandesmäßig aufgefaßt, im +alltäglich-rationalen Sprachgebrauch, gehört „Seele“ zu den +<em class="gesperrt">Gegenbegriffen</em>. Der Sinn dieses Wortes ergab sich an einer +früheren Stelle. Es war gezeigt worden, wie „die Zeit“ aus dem Gefühl +der Richtung des ewig bewegten Lebens, aus der innern Gewißheit eines +Schicksals heraus vom reifen Geiste des Kulturmenschen als Gegenbegriff +konzipiert wurde, <em class="gesperrt">zum Raume nämlich</em>, als theoretisches Negativ +zu einer positiven Größe, als Inkarnation dessen, was <em class="gesperrt">nicht +Ausdehnung</em> ist, und daß sämtliche „Eigenschaften“ der Zeit, durch +deren abstrakte Analyse die Philosophen das Zeitproblem lösen zu +können glauben, als Umkehrung der Eigenschaften des Baumes im Geiste +allmählich fixiert und geordnet worden sind. Genau auf demselben Wege +ist der Seelenbegriff — der mit dem Seelenbewußtsein des Kindes, des +Urmenschen, des naiven Menschen noch in späten Zuständen nichts zu +tun hat — als Umkehrung und <em class="gesperrt">Negativ des Weltbegriffs</em> unter +Zuhilfenahme der räumlichen Polarität „außen — innen“ und durch +entsprechende Umdeutung der Attribute herauskristallisiert.</p> + +<p>Der späte, städtische Trieb, <em class="gesperrt">abstrakt zu denken</em>, alles ohne +Ausnahme in die Sphäre der „Natur“ des Ausgedehnten, des Begriffs +also zu ziehen, zwingt zu fortgesetztem Nachdenken auch über das +Seelische, das <em class="gesperrt">Nicht</em>-Ausgedehnte, das <em class="gesperrt">Nicht</em>-Welthafte +— und in jedem Moment dieses Nachdenkens taucht vor dem Geiste des +Kulturmenschen ein Phantom, ein imaginäres Raumgebilde auf im Stile +seiner Außenwelt, eine ätherische Vision, über deren Charakter als +einer Fata Morgana er sich täuscht. Er glaubt in ihr die Struktur +der Seele unmittelbar beobachten zu können. Die Worte, welche stets +gewählt werden, um derlei „Erkenntnisse“ mitzuteilen, verraten alles. +Da ist von<span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span> Funktionen, Gefühlskomplexen, Triebfedern, Prozessen, +Bewußtseinsschwellen, von Verlauf, Breite, Intensität, Parallelismus +die Rede. Aber all diese Worte stammen aus der Vorstellungsweise der +Naturwissenschaft. Das Objekt der Psychologie, mit dem sie die Seele +in Händen zu haben glaubt, ist in der Tat ein Stück verkappter Physik. +„Der Wille bezieht sich auf Gegenstände“ — das ist doch ein Raumbild. +Bewußtes und Unbewußtes — da liegt allzu deutlich das Schema von +überirdisch und unterirdisch zugrunde. In den modernen Theorien des +Willens wird man die ganze Formensprache der Dynamik finden. Wir reden +von Willensfunktionen und Denkfunktionen in genau demselben Sinne wie +von der Funktion einer Maschine. Ein Gefühl analysieren heißt ein +raumartiges Schattenbild an seiner Stelle mathematisch behandeln, es +abgrenzen, teilen und messen. Jede Seelenforschung dieses Stils, sie +mag sich über Gehirnanatomie noch so erhaben dünken, ist voll von +mechanischen Lokalisationen und bedient sich, ohne es zu wissen, eines +eingebildeten Koordinatensystems in einem eingebildeten Seelenraum. Der +Psychologe merkt gar nicht, daß er den Physiker spielt. Kein Wunder, +daß sein Verfahren mit den albernsten Methoden der experimentellen +Psychologie so verzweifelt gut übereinstimmt. Gehirnbahnen und +Assoziationsfasern entsprechen der Vorstellungsweise nach durchaus +dem optischen Schema: „Willens-“ oder „Gefühlsverlauf“; sie behandeln +beide verwandte, nämlich <em class="gesperrt">räumliche</em> Phantome. Es ist prinzipiell +kein großer Unterschied, ob ich ein psychisches Vermögen begrifflich +oder eine entsprechende Region der Großhirnrinde graphisch abgrenze. +Die wissenschaftliche Psychologie hat ein geschlossenes System von +optischen Fiktionen herausgearbeitet und bewegt sich mit vollkommener +Selbstverständlichkeit in ihm. Man prüfe jede einzelne Aussage jedes +einzelnen Psychologen und man wird nur Variationen dieses Systems im +Stile der jeweiligen Außenwelt finden.</p> + +<p>Das klare Denken setzt den Geist einer Kultursprache als Medium voraus, +die, vom Seelentum einer Kultur als Teil und Träger ihres Ausdrucks +geschaffen,<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[92]</a> nun die logische Sphäre<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> bildet, innerhalb deren die +abstrakten Gedanken, Begriffe, Schlüsse — Abbilder von Kausalität, +Zahl, Bewegung — ihr mechanisch bestimmtes Dasein führen. Das +jeweilige Bild der Seele ist also ein Etwas, das abhängig vom Geiste +der <em class="gesperrt">zugehörigen Sprache</em> ist. Die abendländischen — faustischen +— Kultursprachen besitzen sämtlich den Begriff „Wille“ — eine Größe, +die übrigens auch der Syntax all dieser Sprachen im Gegensatz zu den +antiken immanent ist; sie besitzen ihn, weil das faustische Sein +dies Zeichen fordert. Mithin erscheint, von der Sprache bestimmt, im +wissenschaftlichen Seelenbilde aller abendländischen Psychologien die +greifbare Gestalt des Willens als eines wohlumgrenzten Vermögens, +das man in den einzelnen Schulen wohl verschieden bestimmt, dessen +Vorhandensein an sich aber keiner Kritik unterworfen ist.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_2">2</h4> + +</div> + +<p>Ich behaupte also, daß die eigentliche Psychologie, weit entfernt das +Wesen der Seele aufzudecken — es ist hier hinzuzufügen, daß jeder +von uns, ohne es zu wissen, Psychologie dieser Art treibt, wenn er +sich eigne oder fremde Seelenregungen „vorzustellen“ sucht —, zu +allen Symbolen, die den Makrokosmos des Kulturmenschen ausmachen, noch +eins hinzufügt. So erklärt sich die merkwürdige Tatsache, daß nie +bemerkt worden ist, daß das <em class="gesperrt">Seelenbild</em>, wie es dem Psychologen +und überhaupt dem Menschen, der über sein Inneres nachdenkt, im +buchstäblichen Sinne des Wortes <em class="gesperrt">vorschwebt</em>, ein wirkliches Bild, +etwas Gewordnes und Ruhendes nämlich ist, von deutlichem Raumcharakter +— wie etwa der Dedekindsche Zahlenkörper und die gedankliche +Impression mehrdimensionaler Zahlenmannigfaltigkeiten — kausaler +Verknüpfung nicht fremd und den Prinzipien der Begrenzung (Distinktion, +Disposition) unterworfen. Wie alles Vollendete, nicht sich Vollendende, +stellt es einen <em class="gesperrt">Mechanismus</em> an Stelle eines <em class="gesperrt">Organismus</em> +dar. Man vermißt<span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span> im Bilde, was unser Lebensgefühl erfüllt und was doch +gerade „Seele“ sein sollte: das Schicksalhafte, die wahllose Richtung +des Daseins, das Mögliche, welches das Leben in seinem bewußten Ablauf +verwirklicht. Ich glaube nicht, daß in irgend einem psychologischen +System das Wort Schicksal vorkommt oder eine reiche Lebenserfahrung zu +uns redet. Assoziationen, Apperzeptionen, Affekte, Triebfedern, Denken, +Fühlen, Wollen — all das sind optische Größen, tote Mechanismen, deren +Topographie den belanglosen Inhalt der Seelenwissenschaft bildet. +Man wollte das Leben finden und traf auf eine Ornamentik. Die Seele +blieb, was sie war, das was weder gedacht, noch vorgestellt werden +kann, <em class="gesperrt">das</em> Geheimnis, <em class="gesperrt">das</em> ewig Werdende, <em class="gesperrt">das</em> reine +Erlebnis.</p> + +<p>Dieser <em class="gesperrt">imaginäre Seelenkörper</em> — das sei hier zum ersten Male +ausgesprochen — ist niemals etwas andres als das getreue Spiegelbild +der Gestalt, in welcher der gereifte Kulturmensch, der ja allein über +das Seelische objektiv nachzudenken vermag, die <em class="gesperrt">äußere Welt</em> +auffaßt. Der Urmensch und das Kind besitzen, wie wir sahen, noch keine +Welt, sondern nur eine ideell ungeordnete Masse sinnlicher Eindrücke, +ein Chaos, keinen Kosmos, und darum besitzen sie auch noch kein +<em class="gesperrt">Bild</em> ihrer oder einer fremden Seele, sondern ebenfalls nur eine +Masse undeutlicher und unbegreiflicher Bildelemente. Jede primitive +Mythologie kennt außer einem Reich dämonischer Naturmächte, unter deren +Namen die <i>numina</i> der Außenwelt in dunklen Umrissen ergriffen +werden, einen genau entsprechenden <em class="gesperrt">Seelenglauben</em> und Seelenkult, +der das den Leib bewohnende <i>numen</i> zu beschwören sucht, vor +allem, wenn es nach dem Tode frei geworden ist. Im Griechentum liegt +dort der Ursprung des Apollinischen, hier der des Dionysischen. Die +„Innenwelt“ ist eine Funktion der Außenwelt, die empirische Seele +ihrer Gestalt nach das <i>alter ego</i>, der Reflex der empirischen +Natur. Deshalb allein ist so oft von einem inneren Sinn, einem inneren +Auge und Blick die Rede, eine Analogie, die viel tiefer geht, als sie +eigentlich soll. Vom Erwachen des Innenlebens, jenem geheimnisvoll +plötzlichen und entscheidenden Moment, der Kindheit und Jugend im +Dasein jedes höheren Menschen trennt, ist oft gesprochen worden. Hier +wird endlich der ganze Sinn dieses<span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span> Icherlebnisses offenbar. Durch +<em class="gesperrt">einen</em> mystischen Akt sondern sich aus dem dumpfen Bewußtsein +Seele <em class="gesperrt">und</em> Welt als klare bildhafte Pole des Daseins, in strengem +Gegensatz und zugleich in vollkommener Harmonie.</p> + +<p>Das Tiefenerlebnis verwirklicht, schafft mit einem Schlage die +ausgedehnte Welt, es ordnet mit schicksalhafter Notwendigkeit die +Masse der Empfindungen (Breite) durch die lebendige Richtung (Tiefe). +Dies Erlebnis ist identisch mit dem Bewußtwerden der eignen Seele. Ein +Reflex des Tiefenerlebnisses liegt vor. Zur Welt gehört die Spiegelung +einer <em class="gesperrt">Gegenwelt</em>. Auch die empirische Seele hat ihren Raum, +ihre Tiefe, ihre Weite. Ein „inneres Auge“ sieht, ein „inneres Ohr“ +hört. Es gibt eine deutliche Empfindung von einer inneren Ordnung, die +wie die äußere das Merkmal der Notwendigkeit trägt — hier entsteht +das ethische Grundproblem von Freiheit und Notwendigkeit. Ihm liegt +der Widerspruch zwischen der Seele zugrunde, die wir haben, fühlen, +erleben, und der, welcher wir uns verstandesmäßig bewußt sind. Erst +das Denken, die mechanisierende Erkenntnis weckt hier unlösbare +Zweifel, und zwar die gleichen, welche das Bild der <em class="gesperrt">äußeren</em> +Historie verwirren. Materialistische Geschichtsauffassung und ethischer +Determinismus beruhen auf dem gleichen Mißgriff, der dem Intellekt +natürlichen Verwechslung von Schicksal und Kausalität. Was wir +<em class="gesperrt">erkennen</em>, ist nur das Seelenbild, gleichsam eine Landschaft +im reflektierten Lichte des Tagesbewußtseins. In bedeutenden, ganz +innerlichen Momenten des Lebens — in denen z. B. alle wahren lyrischen +Gedichte entstehen — ist es verschwunden und der Mensch ist sich +seiner Seele <em class="gesperrt">und seiner „Freiheit“ unmittelbar</em> bewußt.</p> + +<p>Und damit ergibt sich nach allem, was in diesem Buche über die +Erscheinung des höheren Menschentums schon gesagt worden ist, eine +ungeheure Erweiterung und Bereicherung der Seelenforschung. Alles, was +von Psychologen heute gesagt und geschrieben wird — es ist nicht mehr +von bloßer Wissenschaft, sondern von Menschenkenntnis im weitesten +Sinne die Rede —, bezieht sich auf das <em class="gesperrt">gegenwärtige</em> Stadium der +<em class="gesperrt">abendländischen</em> Seele, während die bisher selbstverständliche +Meinung, diese Erfahrungen seien für die „menschliche Seele“ überhaupt +gültig, ohne Prüfung hingenommen worden ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span></p> + +<p>Das Seelenbild ist immer nur das Bild einer ganz <em class="gesperrt">bestimmten</em> +Seele und kann nie etwas andres, etwas Allgemeines sein. Der Forscher +mag noch so objektiv vorgehen, er wird nie aus seinem Kreise +herauskommen; was er auch „erkennen“ möge, jeder dieser Erkenntnisakte +ist bereits ein Ausdruck seiner Seele und sein ganzes Wissen von +ihr ein Zeugnis seines — faustischen, magischen oder apollinischen +— Daseins. Glaubt er antike, indische, arabische Seelenregungen zu +erkennen, nicht an ihren Wirkungen, sondern an sich selbst, so sieht er +sie durch das Medium der eignen, in Gestalt der eignen; er assimiliert +sie einem <em class="gesperrt">vorhandnen</em> Bilde und es ist kein Wunder, daß er dann +überall ein und dieselben Formen zu finden glaubt.</p> + +<p>In der Tat gibt es keine allgemein menschliche Gestalt der Seele, +so wenig es — das war früher nachgewiesen worden — eine einzige, +im Lauf der Weltgeschichte sich entwickelnde Mathematik gibt. Wir +finden so viele Mathematiken, Logiken, Physiken, als es große Kulturen +gibt. Jede von ihnen, das heißt jedes Zahlenbild, Denkbild, Naturbild +ist Ausdruck einer einzelnen Kultur und dem organischen Dasein, +der Gestalt, Lebensdauer und Entfaltung nach von dieser bestimmt. +Dasselbe gilt vom <em class="gesperrt">Seelenbilde</em>, dem einzigen Seelenelement, +wovon wir — wie von der Natur — <em class="gesperrt">Erfahrung</em> haben können. Es +ist eine Illusion, anzunehmen, daß eine Struktur dieses, ich möchte +sagen Oberflächlich-Seelischen vorhanden sei, die für alle Menschen +gilt. Jede Kultur, jede Epoche einer Kultur sogar schuf ihr eignes +Seelenbild, in dem sie dann allerdings das der Menschheit zu erblicken +glaubte. Seine Züge sind der symbolische Ausdruck dessen, was ich +die Idee des Daseins genannt hatte. Der faustische Mensch mit seinem +leidenschaftlichen Hange zum Grenzenlosen und Ewigen befindet sich +in einem steten Widerspruch gegen die sinnlichen Vordergründe des +Daseins, die er zu überwinden sucht, um den Sinn seiner Existenz, ihre +Bestimmung zu erfüllen. Im empirischen Bilde seiner Seele erscheint +<em class="gesperrt">deshalb</em> ein Symbol, das diese Seite unsres Lebensgefühls +repräsentiert. Wir sprechen vom menschlichen <em class="gesperrt">Willen</em> wie von +einem Wesen, empfinden ihn als ein an sich selbst existierendes Etwas +und sind überzeugt, daß er in jeder Menschenseele zu finden sei. Die +Griechen fanden ihn aber dort nicht.<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> Obwohl gute Menschenkenner, +lassen sie in ihrer Psychologie jede Andeutung davon vermissen. Ihr +Lebensgefühl, ihre Art zu sein, forderte andre Symbole im Seelenbilde.</p> + +<p>Eine wissenschaftliche Psychologie, selbst auf der Höhe einer +Zivilisation, tut dasselbe wie der Urmensch, nur geistiger, nur +klarer, nur bedeutsamer. Wir sahen, wie alle frühe Kunst hinsichtlich +ihrer ornamentalen Formensprache eine Beschwörung des Fremden, der +Dämonen war, wie sie das Gewordne „tabu“ zu machen sucht, indem sie +es in eine Gestalt, Ausdruck und Abbild des eignen Seins, bannt. +Auch der Psycholog — und hier ahnt man, weshalb jeder Kulturmensch +das tiefe Bedürfnis hat, es zu sein — beschwört das „Seelchen“; +er macht es tabu wie der primitive Mensch, nicht durch elementare, +sondern durch geistige Formen, nicht durch Riten und Fetische, +sondern durch Vorstellungen und begriffliche Distinktionen. Das ist +<em class="gesperrt">seine</em> Art, sich gegen das Unheimliche und Unergründliche zu +wehren, das im Seelischen schläft. Alle theoretische Psychologie ist +ein <em class="gesperrt">Namenzauber</em>, eine Sublimation desselben Aktes, durch den +der Wilde seinen Feind, sei es ein Mensch oder eine Gottheit, in seine +Gewalt bringt. Das Seelenbild, vermeintlich ein untrügliches Resultat +objektiven Denkens, ist ein Stück später Mythologie; es gehört zu den +Schöpfungen, gegen welche der Spruch sich richtet: Du sollst dir kein +Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen.</p> + +<p>So ergibt sich eine neue Stellung und Richtung der Seelenforschung. +Ich komme auf die Unterscheidung der beiden Welten zurück, die dem +höheren Menschen möglich sind: Natur und Geschichte. Im Hinblick auf +die morphologische Betrachtung entspricht ihnen der Gegensatz von +Systematik und Physiognomik. Die alte, systematische Psychologie +betrachtete das Seelenbild wie ein Stück Natur, gesetzlich ein für +allemal fixiert, zeitlos als das, was ist, und sie wurde so zu einer +Art Topographie, die räumlich und kausal geordnete Einzelheiten +festzustellen versuchte; die neue wird es als ein sich beständig +wandelndes <em class="gesperrt">historisches Phänomen</em> betrachten, und zwar jedes +einzelne der bisher erschienenen Seelenbilder hinsichtlich dessen, was +es <em class="gesperrt">bedeutet</em>. Physiognomik treiben — das heißt die jeweilige +menschliche Erscheinung als symbolischen Ausdruck<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> eines inneren Seins +auffassen. Zu dieser Erscheinung gehören aber nicht nur Gesichtszüge, +Haltung, Geste, Tracht, sondern auch die Idee einer Zahl, das Bild der +Natur und ihm genau entsprechend das Bild der Seele, wie es der Mensch +einer Kultur mit wahlloser Notwendigkeit besitzt.</p> + +<p>Nach allem wird man über die hohe Bedeutung der einzelnen, in der +Weltgeschichte auftauchenden Seelenbilder nicht mehr im Zweifel sein. +Der antike — apollinische, dem punktförmigen, euklidischen Sein +hingegebene — Mensch blickte auf seine Seele wie auf einen zur Gruppe +schöner Teile geordneten Kosmos. Plato nannte sie νοῦς, θυμός, ἐπιθυμία +und verglich sie mit Mensch, Tier und Pflanze, einmal sogar mit dem +südlichen, nördlichen und hellenischen Menschen. Was hier nachgebildet +ist, ist die Natur, wie sie sich vor den Blicken antiker Menschen +entfaltet: eine wohlgeordnete Summe greifbarer Dinge, denen gegenüber +der Raum als das Nichtseiende empfunden wird. Wo findet sich in diesem +Bilde der „Wille“? Wo die Vorstellung funktionaler Zusammenhänge? Wo +sind die übrigen Schöpfungen <em class="gesperrt">unserer</em> Psychologie? Glaubt man, +daß Plato und Aristoteles sich auf die Analyse schlechter verstanden +haben und etwas nicht sahen, was sich uns geradezu aufdrängt? Oder +fehlt hier der Wille, wie in der antiken Mathematik der Raum, in der +Physik die Kraft fehlt?</p> + +<p>Dagegen nehme man unter den abendländischen Psychologien, welche man +will. Man wird immer eine <em class="gesperrt">funktionale</em>, keine stereometrische +Analyse finden; y = f(x): das ist die Urgestalt aller Eindrücke, +die wir von unserm Innern empfangen. Denken, Fühlen, Wollen — aus +dieser Dreiheit kommt kein westeuropäischer Psychologe heraus, so +gern er möchte — sind nicht Teile eines körperhaften Ganzen, sondern +transzendente Beziehungskomplexe, Funktionszentren. Assoziationen, +Apperzeptionen, Willensvorgänge und wie die Bildelemente sonst heißen +mögen, sind ohne Ausnahme vom Typus mathematischer Funktionen und der +Form nach gänzlich unantik.</p> + +<p>Das faustische und das apollinische Seelenbild stehen einander schroff +gegenüber. Alle früheren Gegensätze tauchen wieder auf. Man darf +die imaginäre Einheit, auf welche psychologische Überlegungen sich +beziehen, hier als <em class="gesperrt">Seelenkörper</em>,<span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span> dort als <em class="gesperrt">Seelenraum</em> +bezeichnen. Der Körper besitzt Teile, im Raum verlaufen Prozesse. +Der antike Mensch empfindet seine Psyche plastisch. So weilt sie im +Hades, schattenhaft, aber ein wohl erkennbares Abbild des Körpers. +So sieht sie auch der Philosoph. Ihre drei schön geordneten Teile — +λογιστικόν, ἐπιθυμητικόν, θυμοειδές — erinnern an die Gruppe des +Laokoon. Wir stehen unter einer musikalischen Imagination; die Sonate +des innern Lebens hat den Willen als Hauptthema; Denken und Fühlen +sind die Nebenthemen; der Satz unterliegt den strengen Regeln eines +seelischen Kontrapunkts, die zu finden Aufgabe der Psychologie ist. Die +einfachsten Elemente unterscheiden sich wie antike und abendländische +Zahlen: dort sind sie Größen, hier Beziehungen. Der seelischen +<em class="gesperrt">Statik</em> des apollinischen Daseins — dem stereometrischen Ideal +der σωφροσύνη und ἀταραξία — steht die <em class="gesperrt">Seelendynamik</em> des +faustischen — des tätigen Lebens — gegenüber.</p> + +<p>Deshalb besaß der hellenische Mensch nicht jenes faustische Gedächtnis, +jenes historische Grundgefühl, in dem die gesamte innere Vergangenheit +stets gegenwärtig ist und den Augenblick in eine werdende Unendlichkeit +taucht. Dies Gedächtnis, die Grundlage aller Selbstbetrachtung, Sorge +und Pietät gegen die eigne Geschichte, entspricht dem Seelenraum mit +seinen unendlichen Perspektiven. Auch dieser <em class="gesperrt">innere</em> Raum ist +für den echten Hellenen τὸ μὴ ὄν; er lebt punktförmig, völlig im Jetzt +aufgehend; seine Erinnerungen sind eine Anzahl zufällig behaltener +Daten, nicht mehr, vor allem nichts, was auf die Gegenwart noch +wirken könnte. In keiner griechischen Tragödie spielt das Innenleben +eine Rolle, wie es im Othello, im König Lear, im Tasso der Fall ist. +Der Stil der griechischen Seele ist anekdotisch-mythisch, der der +nordischen genetisch-historisch. Das ist der Unterschied zwischen +psychischer Plastik und Musik.</p> + +<p>Das apollinische Seelenbild — Platos Zweigespann mit dem νοῦς als +Lenker — verflüchtigt sich sofort mit der Annäherung an das magische +Seelentum der arabischen Kultur. Es verblaßt schon in der späteren +Stoa, deren Schulhäupter vorwiegend Semiten waren. In der früheren +Kaiserzeit ist es selbst in der stadtrömischen Literatur nur als +Reminiszenz anzutreffen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span></p> + +<p>Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen <em class="gesperrt">Dualismus +zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele</em>. Zwischen ihnen +herrscht weder das antike, statische, noch das abendländische, +funktionale Verhältnis, sondern wieder ein völlig anders gestaltetes, +das sich eben nur als magisch bezeichnen läßt. Man denke im Gegensatz +zur Physik Demokrits und zu der Galileis an die Alchymie und den +Stein der Weisen. Dies spezifisch morgenländische Seelenbild liegt +mit innerer Notwendigkeit allen psychologischen, vor allem auch +theologischen Betrachtungen zugrunde, welche die „gotische“ Frühzeit +der arabischen Kultur (0–300) erfüllen. Das Johannesevangelium zählt +nicht weniger dazu wie die Schriften der Gnostiker und Kirchenväter und +die sich ganz religiös äußernde Altersstimmung des Imperium Romanum, +die das wenige Lebendige in ihrem Philosophieren dem jungen Orient, +Syrien und Alexandria, entnahm. Schon der große Poseidonios, trotz +der antiken Außenseite seines ungeheuren Wissens ein echter Semit und +von früharabischem Geiste, empfand im innerlichsten Gegensatz zum +apollinischen Lebensgefühl diese magische Struktur der Seele als die +wahre. Ein den Körper belebendes Prinzip befindet sich in deutlichem +Wertunterschiede gegen ein andres, das abstrakte, göttliche πνεῦμα, +das allein die Anschauung Gottes gestattet. Dieser „Geist“ ist es, der +die höhere Welt hervorruft, durch deren Erzeugung er über das bloße +Leben, die vitale Seele, die Natur triumphiert. Es ist dies das Urbild, +das, bald religiös, bald philosophisch, bald künstlerisch gefaßt — +ich erinnere an das Porträt der konstantinischen Zeit mit den starr +ins Unendliche blickenden Augen; <em class="gesperrt">dieser Blick repräsentiert das</em> +πνεῦμα —, allem Ichgefühl zugrunde liegt. Plotin und Origines haben +so empfunden. Paulus unterscheidet (z. B. 1. Kor. 15, 44) zwischen +σῶμα ψυχικόν und σῶμα πνευματικόν. Der Gnosis war die Vorstellung +einer doppelten, leiblichen oder geistigen Ekstase und die Einteilung +der Menschen in niedere und höhere, Psychiker und Pneumatiker, +geläufig. Plutarch hat die in der spätantiken Literatur verbreitete +Psychologie, den Dualismus von νοῦς und ψυχή, orientalischen Vorbildern +nachgeschrieben. Man setzte ihn alsbald zu dem Gegensatz von christlich +und heidnisch, Geist und Natur in Beziehung, aus dem<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> dann das noch +heute nicht überwundene Schema der Weltgeschichte, die Einteilung +in Altertum, Mittelalter und die erst von der abendländischen +Wissenschaft hinzugefügte, immer wieder hinausgeschobene Neuzeit damals +hervorgegangen ist.</p> + +<p>Seine streng wissenschaftliche Vollendung erfährt das magische +Seelenbild in den Schulen von Bagdad und Basra. Alfarabi und Alkindi +haben die verwickelten und uns wenig zugänglichen Probleme dieser +magischen Psychologie eingehend behandelt. Ihr Einfluß auf die junge +Seelenlehre (weniger das Ichgefühl) des Abendlandes darf nicht +unterschätzt werden. Scholastische und mystische Psychologie haben +von Bagdad denselben Einfluß empfangen wie die gotische Kunst. +Man vergesse nicht, daß das Arabertum die Kultur der gestifteten +Offenbarungsreligionen ist. In ihrer Frühzeit rief sie das Christentum, +den Neuplatonismus und den Manichäismus, drei magische Systeme, ins +Leben, gar nicht zu reden von den vermeintlich spätantiken Kulten; +in ihrer Spätzeit den Islam und, was gleichfalls bisher kaum bemerkt +worden ist, die religiöse Fassung des heutigen Judentums, das seine +Verwandtschaft mit maurischem Geiste nirgends verleugnet. Man denke an +die Kabbala und den Anteil jüdischer Philosophen an der sogenannten +Philosophie des Mittelalters, d. h. zuerst des späten Arabertums +und dann der frühen Gotik. Ich nenne nur ein merkwürdiges, völlig +unbeachtet gebliebenes Beispiel: Spinoza. Aus dem Ghetto stammend ist +er, neben seinem Zeitgenossen Schirazi, der letzte verspätete Vertreter +des magischen und ein Fremder in der Formenwelt des faustischen +Weltgefühls. Er hat als kluger Schüler der Barockzeit seinem System +die Farbe abendländischen Denkens zu geben gewußt; in der Tiefe +steht er völlig unter dem Aspekt des arabischen Dualismus zweier +Seelensubstanzen. <em class="gesperrt">Dies ist der wahre, innere Grund, weshalb ihm der +Kraftbegriff Galileis und Descartes’ fehlt.</em> Dieser Begriff ist +der Schwerpunkt eines dynamischen Universums und damit dem magischen +Weltgefühl fremd. Zwischen der Idee vom Stein der Weisen — die in +Spinozas Idee der Gottheit als <i>causa sui</i> versteckt liegt — und +der kausalen Notwendigkeit <em class="gesperrt">unsres</em> Naturbildes gibt es keine +Vermittlung. Deshalb ist sein Willensdeterminismus genau der, welcher +von der Orthodoxie in Bagdad verteidigt wurde<span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span> — „Kismet“ — und dort +hat man die Heimat des Verfahrens „<i>more geometrico</i>“ zu suchen, +das in seiner Ethik innerhalb <em class="gesperrt">unsrer</em> Philosophie ein groteskes +Unikum bildet.</p> + +<p>Noch einmal hat dann die deutsche Romantik dies magische Seelenbild +flüchtig heraufbeschworen. Man fand an Magie und Astrologie ebenso wie +an der Schwärmerei für maurische Kunst und neuplatonische Visionen +Gefallen, ohne von diesen entlegenen Dingen eben viel zu verstehen. +Schelling und sein Kreis gefielen sich in unfruchtbaren Spekulationen +in arabisch-jüdischem Stil, die man mit deutlichem Behagen als dunkel, +als „tief“ empfand, was sie für die Orientalen <em class="gesperrt">nicht</em> gewesen +waren, die man wohl zum Teil selbst nicht begriff und von denen +man hoffte, daß sie auch vom Hörer nicht begriffen werden würden. +Bemerkenswert ist an dieser Episode nur der Reiz des Dunklen, den diese +Gedankenkreise ausübten. Man darf den Schluß wagen, daß die klarsten +und zugänglichsten Fassungen faustischer Gedanken, wie man sie etwa bei +Descartes und in den Prolegomena von Kant findet, auf einen arabischen +Metaphysiker denselben Eindruck des Nebelhaften und Abstrusen gemacht +haben würden. Was für uns wahr ist, ist für sie falsch und umgekehrt: +das gilt vom Seelenbilde der einzelnen Kulturen wie von jedem andern +Resultat wissenschaftlichen Nachdenkens.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_3">3</h4> + +</div> + +<p>Die Kultur — ein Urphänomen im goetheschen Sinne — war als +Verwirklichung des seelisch Möglichen bezeichnet worden. Die junge, +ertagende, die gotische und dorische Seele ahnt nur die Gestalt ihres +Seins; sie sucht nach Ausdruck; sie möchte sich und alles andere +begreifen; sie sehnt sich hinaus zur Klarheit des späten Zustandes. +Die Außenwelt liegt noch in derselben Ungewissen Dämmerung wie die +innere. In diesem Stadium beginnt die Klärung des Seelenbildes, von +dem gezeigt worden war, daß es in jedem Augenblick das Abbild und +Komplement des Naturbildes ist. Die Zukunft wird sich an die schwierige +Aufgabe wagen müssen, in dem krausen Wust der Philosophie gotischen +Stiles, der Scholastik und Mystik, die gleiche Sonderung der letzten +Elemente vorzunehmen wie in der Ornamentik der<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> Kathedralen und in der +primitiven damaligen Malerei, die zwischen dem flachen Goldgrund und +weiträumigen landschaftlichen Hintergründen — der magischen und der +faustischen Art, Gott in der Natur zu sehen — noch keine Entscheidung +zu treffen wagt. Es vermischen sich im frühen Seelenbilde, wie es +in dieser Philosophie zum Vorschein kommt, in zaghafter Unreife die +Züge christlich-arabischer Metaphysik, des Dualismus von Geist und +Seele, mit nordischen Ahnungen von funktionalen Seelenkräften, die man +sich noch nicht eingesteht. Dieser Zwiespalt liegt dem Streit um den +Primat des Willens oder der Vernunft zugrunde, dem <em class="gesperrt">Grundproblem +der gotischen Philosophie</em>, das man bald im alten arabischen, +bald im neuen abendländischen Sinne zu lösen sucht. Man kann die +frühe Philosophie Westeuropas, ihren Kern, nur aus diesem großen +Zusammenhange begreifen. Es ist dasselbe Thema, das in stets sich +ändernder Fassung den Gang unserer gesamten Philosophie bestimmt und +diese von jeder anderen scharf unterscheidet. Schopenhauer, ihr letzter +großer Systematiker, hat es auf die Formel „Die Welt als Wille und +Vorstellung“ gebracht und seine <em class="gesperrt">Ethik</em> ist es, die <em class="gesperrt">gegen</em> +den Willen entscheidet.</p> + +<p>Hier tritt der geheimste Grund und Sinn alles Philosophierens innerhalb +einer Kultur unmittelbar zutage. Denn es ist die <em class="gesperrt">faustische +Seele</em>, die in vielhundertjährigem Mühen ein visionäres Bild von +sich zu formen versucht, ein Bild, das zugleich mit dem Bilde der Welt +einen tiefgefühlten Einklang aufweist. Die gotische Philosophie mit +ihrem Dilemma von Vernunft und Wille ist in der Tat ein Ausdruck des +<em class="gesperrt">Lebensgefühls</em> jener Menschen der Kreuzzüge, der Staufenzeit +und der Dombauten. <em class="gesperrt">Man sah die Seele so, weil man so war.</em> Und +als Schopenhauer den Gegensatz noch einmal, in seiner schärfsten, +zivilisierten Form hinstellte, bewies er nur, daß sich in dem, was +diese faustische Seele von jeder andern unterscheidet, nichts geändert +hatte.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wollen und Denken im Seelenbilde — das ist Richtung und Ausdehnung, +Historie und Natur im Bilde der äußern Welt.</em> Daß unser Ursymbol +die unendliche Ausgedehntheit ist, tritt in diesen Grundzügen beider +Aspekte zutage. Der Wille knüpft die Zukunft an die Gegenwart, das +Denken<span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span> — das faustische, nicht das apollinische — das Grenzenlose an +das Hier. <em class="gesperrt">Die historische Zukunft ist die werdende, der unendliche +Welthorizont die gewordene Ferne</em>: dies ist der Sinn des faustischen +Tiefenerlebnisses. Das Richtungsgefühl wird als „Wille“, das Raumgefühl +als „Verstand“ wesenhaft, beinahe mythisch vorgestellt: so entsteht das +Bild, welches unsre Psychologen mit Notwendigkeit aus dem Innenleben +abstrahieren.</p> + +<p>Daß die faustische Kultur <em class="gesperrt">Willenskultur</em> ist, ist nur ein +andrer Ausdruck für ihren eminent historischen Charakter. Der Wille +ist der psychische Repräsentant der „Welt als Geschichte“. Der +antike Mensch ist ahistorisch, rein gegenwärtig, ohne jenes das +Weltbild beherrschende, die Sinneseindrücke zum unendlichen Raum +dehnende Richtungsgefühl: er ist „willenlos“. Darüber läßt die +antike Schicksalsidee, das Fatum, keinen Zweifel, noch weniger der +architektonische Typus der dorischen Säule und die nackte Statue mit +ihrer stereotypen Maske. <em class="gesperrt">Folglich</em> kann auch das apollinische +Seelenbild keinen Richtungsfaktor, keinen „Willen“ also, enthalten. +Neben dem Denken (νοῦς), das von den großen Philosophen sehr +bezeichnend Zeus genannt wird, stehen die ahistorischen Komplexe +der animalischen und vegetativen Triebe (θυμός und ἐπιθυμία), ganz +somatisch, ganz ohne einen bewußten Zug und Drang zu einem Ziel. Nichts +deutet auf ein Unendlichkeitsbedürfnis hin.</p> + +<p>Um die Entwicklung des „Seelenraumes“, jener transzendenten +Unendlichkeit, die unser inneres Auge überblickt und in Momenten der +Reflexion durchdringt, deutlich zu machen, wüßte ich nichts Besseres +als an die Reihe der Porträts von Jan van Eyck bis auf Velasquez +und Rembrandt herab zu erinnern, deren Ausdruck im Gegensatz zu dem +ägyptischer und byzantinischer Bildnisse mit wachsender Bestimmtheit +das fühlen läßt, was die wissenschaftliche Psychologie unterdes in ein +System hatte bringen wollen. Der Widerstreit von Wollen und Denken +ist das geheime Thema dieser Köpfe und ihrer Physiognomik, sehr im +Gegensatz zu den hellenistischen Idealbildnissen des Euripides, Plato, +Demosthenes, die ein ganz anderes Ichgefühl vortragen.</p> + +<p>Der „Wille“ ist das symbolische Etwas, welches das faustische +Seelenbild von jedem andern unterscheidet. Der Wille wird sich so wenig +jemals begrifflich fassen lassen wie der letzte Sinn der Worte<span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span> Gott, +Kraft, Raum. Er ist ein <em class="gesperrt">Urwort</em> wie sie, das man erlebt, erfühlt, +nicht erkennt. Das gesamte Dasein des abendländischen Menschen — Leben +als Verwirklichung des innerlich Möglichen gedacht — steht unter +seinem Aspekt. <em class="gesperrt">Seelenbild und Lebensgefühl gehören zusammen.</em></p> + +<p>Wie man das faustische Prinzip bezeichnen will, das uns und nur uns +angehört, ist gleichgültig. Name ist Schall und Rauch. Auch Raum ist +ein Wort, das in tausend Nuancen im Munde des Mathematikers, Denkers, +Dichters, Malers ein und dasselbe Unbeschreibliche ausdrücken möchte, +das anscheinend der ganzen Menschheit angehört und in Wahrheit nur +innerhalb der abendländischen Kultur die Geltung hat, die wir ihm +mit innerer Notwendigkeit zuschreiben. Nicht das angebliche Vermögen +„Wille“, sondern der Umstand, daß es für uns dies Wort überhaupt gibt, +während <em class="gesperrt">die Griechen es gar nicht kannten</em>, hat die Bedeutung +eines großen Symbols. Im letzten Grunde besteht zwischen Raum und Wille +kein Unterschied mehr. Den antiken Sprachen fehlt die Bezeichnung +für das eine und <em class="gesperrt">also auch</em> für das andere.<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[93]</a> Der reine Raum +des faustischen Weltbildes ist eine ganz besondere Idee, nicht bloße +Extension, sondern Ausdehnung als Wirksamkeit, als Überwindung des +Nur-Sinnlichen, als Spannung und Tendenz, als Wille zur Macht. Ich weiß +wohl, wie unzulänglich diese Umschreibungen sind. Es ist vollständig +unmöglich, durch exakte Begriffe den Unterschied<span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span> anzugeben zwischen +dem, was wir und was die Menschen der arabischen oder indischen Kultur +Raum nennen und bei diesem Worte denken, empfinden, vorstellen. Daß +es etwas durchaus Verschiedenes ist, beweisen die sehr verschiedenen +Grundanschauungen der jeweiligen Mathematik und bildenden Kunst, vor +allem die unmittelbaren Äußerungen des <em class="gesperrt">Lebens</em>. Wir werden sehen, +wie die Identität von Raum und Wille in den Taten des Kopernikus +und Kolumbus so gut wie in denen der Hohenstaufen und Napoleons zum +Ausdruck kommt — Beherrschung des Weltraums —, aber sie liegt in +andrer Weise auch in den physikalischen Begriffen der Raumenergie +(Energie der Lage, Spannung) und des Potentials, die man keinem +Griechen hätte verständlich machen können. Raum als die Form <i>a +priori</i> der Anschauung, die Formel, in der Kant endgültig aussprach, +was die Barockphilosophie unablässig gesucht hatte — das bedeutet +einen <em class="gesperrt">Herrschaftsanspruch</em> der Seele über das Fremde. Das Ich +regiert vermittelst der Form die Welt.<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[94]</a></p> + +<p><em class="gesperrt">Das</em> bringt die Tiefenperspektive der Ölmalerei zum Ausdruck, die +den unendlich gedachten Bildraum vom Betrachter abhängig macht, der ihn +von der gewählten Entfernung aus im wörtlichen Sinne <em class="gesperrt">beherrscht</em>. +Es ist jener Zug in die Ferne, der zum Typus der <em class="gesperrt">heroischen, +historisch empfundenen</em> Landschaft im Gemälde wie im Park führt, +dasselbe, was der mathematisch-physikalische Begriff des Vektors zum +Ausdruck bringt. Jahrhunderte hindurch hat die Malerei leidenschaftlich +nach diesem großen Symbol gestrebt, in dem alles liegt, was die +Worte Raum, Wille, Kraft ausdrücken möchten. Ihm entspricht die +ständige Tendenz der Metaphysik, durch Distinktionen<span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span> wie die von +Form der Erscheinung und Ding an sich, Wille und Vorstellung, Ich +und Nicht-Ich, die sämtlich von rein dynamischem Gehalte sind, sehr +im Gegensatz zur Lehre des Protagoras vom Menschen als dem <em class="gesperrt">Maß, +also nicht dem Schöpfer</em> aller Dinge, die funktionale Abhängigkeit +der Dinge vom Geiste zu formulieren. Der antiken Metaphysik gilt +der Mensch als Körper unter Körpern, und Erkennen ist hier eine Art +von <em class="gesperrt">Berührung</em>. Die optischen Theorien des Anaxagoras und +Demokrit sind weit entfernt, dem Menschen eine Aktivität in der +Sinneswahrnehmung zuzugestehen. Plato empfindet das Ich niemals als +Mittelpunkt einer transzendenten Wirkungssphäre, wie es Kant ein +inneres Bedürfnis war. Die Gefangenen in seiner berühmten Höhle sind +wirklich Gefangene, Sklaven äußerer Eindrücke, nicht ihre Herren, von +der allgemeinen Sonne beschienen, nicht selbst Sonnen, die das All +durchleuchten.</p> + +<p>Der physikalische Begriff der Raumenergie — die gänzlich unantike +Vorstellung, daß bereits die <em class="gesperrt">räumliche Distanz</em> eine Energieform, +sogar die Urform aller Energie ist — denn das ist die Grundlage +der Begriffe Kapazität und Intensität — beleuchtet das Verhältnis +des Willens zum imaginären Seelenraum. Wir fühlen, daß beides, das +dynamische Weltbild Galileis und Newtons und das dynamische Seelenbild +mit dem Willen als Schwerpunkt und Beziehungszentrum, ein und dasselbe +bedeuten. Sie sind beide Barockphänomene, Symbole der zur vollen Reife +gelangten faustischen Kultur.</p> + +<p>Man tut unrecht, wie es oft geschieht, die Willenspsychologie, wenn +nicht für allgemein menschlich, so doch für allgemein christlich +zu halten und sie aus orientalischen Theorien abzuleiten. Dieser +Zusammenhang gehört lediglich der historischen Oberfläche an, und es +war wiederholt darauf hingewiesen worden, daß unter dem Namen und +der äußeren Form des magischen Christentums auf westeuropäischem +Boden eine neue Religion entstanden ist. Aber das gleiche gilt von +allen philosophischen Begriffen. Wenn arabische Psychologen, Murtada +z. B., von der Möglichkeit mehrerer Willen reden, von einem Willen, +der mit dem Tun zusammenhängt, von einem andern, der ihm selbständig +voraufgeht, von einem Willen, der überhaupt keine Beziehung zur Tat +hat, der das Wollen erst erzeugt usw., so haben<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> wir offenbar ein +Seelenbild vor uns, das der Struktur nach von dem faustischen gänzlich +verschieden ist.</p> + +<p>Bei Augustinus erscheint ein dem unsern entfernt verwandter +Willensbegriff, und zwar in Verbindung mit einem entsprechenden +Gottesbegriff. Auch dieser Zusammenhang ist von tiefer Notwendigkeit. +Die Seelenelemente sind für jeden Menschen, welcher Kultur er auch +angehört, die Gottheiten eines innern Kosmos. Was Zeus für den äußeren +Olymp ist, das ist für den der inneren Welt, für jeden Griechen +mit absoluter Deutlichkeit vorhanden, der νοῦς. Was für uns „Gott“ +ist, Gott als Weltatem, als die Allkraft, als die allgegenwärtige +Wirkung und Vorsehung, das ist, aus dem Weltraum in den imaginären +Seelenraum zurückgespiegelt und von uns mit Notwendigkeit als wirklich +vorhanden empfunden, „Wille“. Zum psychischen Dualismus der magischen +Kultur, zu πνεῦμα und ψυχή, gehört mit Notwendigkeit der kosmische +Gegensatz von Gott und Luzifer, dem absolut Guten und dem absolut +Bösen, und man wird bemerken, daß im abendländischen Weltgefühl beide +Gegensätze <em class="gesperrt">zugleich</em> verblassen. In demselben Grade, wie der +Wille sich als Mitte eines psychischen Monotheismus herausbildet, +entschwindet die Gestalt des Teufels aus der wirklichen Welt. Der +Pantheismus der äußeren Welt hat einen innern unmittelbar zur Folge +und was — in welcher Bedeutung auch — das Wort „Gott“ <em class="gesperrt">der Natur +gegenüber</em> bezeichnen soll, das bezeichnet jedesmal das Wort +Wille gegenüber der Seele: den Herrscher in seinem Reich.<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[95]</a> Das +Gefühl, welches der faustische Mensch, sei es Pascal oder Goethe oder +Beethoven, von Gott hat, erschöpft sich in dem Ausdruck Weltwille. +Der Darwinismus ist nichts anderes als eine außergewöhnlich flache +Fassung dieses Gefühls. Kein Grieche würde das Wort Natur im Sinne +einer absoluten und planmäßigen Aktivität so gebraucht haben, wie +die moderne Biologie es tut. Der „Wille Gottes“ ist für uns ein +Pleonasmus. Gott (oder „die Natur“) ist nichts als<span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span> Wille. So gut der +Gottesbegriff seit der Renaissance unmerklich mit dem Begriff des +unendlichen Weltraums identisch wird und die sinnlichen, persönlichen +Züge verliert — Allgegenwart und Allmacht sind beinahe mathematische +Begriffe geworden —, so gut wird er zum unanschaulichen Weltwillen. +Die reine Instrumentalmusik überwindet mit Bach die Malerei, als das +einzige und letzte Mittel, dies Gefühl von Gott zu verdeutlichen. +Der Prozeß einer symbolischen Klärung, der die Geistesgeschichte des +Barock ausfüllt, offenbart sich in der dichten Folge metaphysischer +Systeme, die sämtlich das Grundgefühl, welches Goethe in Verse und +Bach und Beethoven in Musik brachten, in ein abstraktes System zu +fassen versuchten. Giordano Bruno ist der erste, Hegel der letzte +in dieser Reihe. Demgegenüber denke man an die Götter Homers. Zeus +besitzt durchaus nicht die Macht über die Welt; selbst auf dem Olymp +ist er — wie es das apollinische Weltgefühl fordert — <i>primus +inter pares</i>, Körper unter Körpern. Die Notwendigkeit, die ἀνάγκη, +welche das antike Denken im Kosmos statuiert, ist keineswegs von ihm +abhängig. Im Gegenteil: die Götter sind ihr unterworfen. Das wird +nicht ausgesprochen, aber man fühlt es bei Homer im <em class="gesperrt">Streit</em> der +Götter und an jener entscheidenden Stelle, wo Zeus die Schicksalswage +hebt, um das Los Hektors nicht zu fällen, sondern zu erfahren. Also +stellt sich die antike Seele mit ihren Teilen und Eigenschaften als ein +Olymp kleiner Götter dar, die in friedlichem Einvernehmen zu halten +das Ideal hellenischer Lebensführung, die σωφροσύνη und ἀταραξία ist. +Mehr als ein Philosoph verrät den Zusammenhang, indem er den höchsten +Seelenteil, den νοῦς, als Zeus bezeichnet. Aristoteles schreibt seiner +Gottheit als einzige Funktion die θεωρία, die Beschaulichkeit zu; es +ist das Ideal des Diogenes: eine zur Vollkommenheit gereifte Statik des +Lebens gegenüber der ebenso vollkommenen Dynamik im Lebensideal des 18. +Jahrhunderts.</p> + +<p>Das rätselhafte Etwas, welches das Wort Wille bezeichnet, die +Leidenschaft der dritten Dimension, ist also ganz eigentlich eine +Schöpfung des Barock, wie die Perspektive der Ölmalerei, wie +der Kraftbegriff der neuern Physik, wie die Tonwelt der reinen +Instrumentalmusik. In allen Fällen hatte die Gotik vorgedeutet, was +diese Jahrhunderte der Durchgeistigung zur Reife<span class="pagenum" id="Seite_426">[S. 426]</span> brachten. Halten +wir hier, wo es sich um den Charakter, den Stil des faustischen +Lebens im Gegensatz zu jedem andern handelt, daran fest, daß Wille, +Kraft, Raum, Gott Symbole sind, struktive Prinzipien großer, einander +verwandter Formenwelten, in denen dieses Sein sich zum Ausdruck +bringt. Man war bisher darauf aus, hier objektive Fakta, an sich +seiende, konkrete, letzte Einheiten festzustellen, die irgendwann auf +dem Wege analysierender Forschung einmal völlig isoliert, „erkannt“ +werden könnten. Diese Illusion der exakten Naturwissenschaft war in +gleicher Weise die der Psychologie und Erkenntnistheorie. Die Einsicht, +daß diese vermeintlich rein menschlichen Gegebenheiten lediglich +Barockphänomene sind, Ausdrucksformen von vergänglicher Bedeutung, +einige Jahrhunderte hindurch und nur für den westeuropäischen Menschen +„wahr“, verändert den ganzen Sinn dieser Wissenschaften, die nicht +mehr Subjekt, sondern selbst, als historische Phänomene, Objekte einer +höheren Betrachtung sind.</p> + +<p>Die Architektur des Barock begann, wie wir sahen, als Michelangelo +die tektonischen Prinzipien der Renaissance, Stütze und Last, +durch die dynamischen: Kraft und Masse ersetzte. Brunellescos +Pazzikapelle drückt eine heitere Gelassenheit aus; die Fassade von +Il Gesù ist <em class="gesperrt">steingewordner Wille</em>. Man hat den neuen Stil in +seiner kirchlichen Prägung Jesuitenstil genannt, vor allem nach der +Vollendung, die er durch Vignola und Della Porta erfuhr, und in der +Tat besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Gründung des Ignaz +von Loyola, dessen Orden den reinen, abstrakten Willen der Kirche,<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[96]</a> +einer transzendenten Gemeinschaft, in vollkommen spiritueller Weise +repräsentiert, dessen verborgene, ins Unendliche sich erstreckende +Wirksamkeit das Seitenstück zur Analysis und zur Potentialtheorie ist, +und der künstlerischen Formensprache der Epoche. Damals war es, wo die +Parkanlagen jenen strengen<span class="pagenum" id="Seite_427">[S. 427]</span> Ausdruck annahmen, der in geradlinigen +Buchengängen, Alleen und Durchblicken (dem <i>point de vue</i>) +die Absicht kundgibt, auch die Natur dem Willen und seinem Symbol, +der räumlichen Tiefe unterzuordnen. Der chinesisch-japanische Park +kennt, der Bilderperspektive entsprechend, dies gestaltende Prinzip +<em class="gesperrt">nicht</em>.</p> + +<p>Es wird nun nicht mehr als Paradoxon empfunden werden, wenn künftig +vom <em class="gesperrt">Barockstil</em>, ja vom <em class="gesperrt">Jesuitenstil in der Psychologie, +Mathematik und theoretischen Physik</em> die Rede ist. Die Formensprache +der Dynamik, welche den energischen Gegensatz von Kapazität und +Intensität an Stelle des somatisch-willenlosen von Stoff und Form +setzt, ist allen geistigen Schöpfungen dieser Jahrhunderte gemeinsam.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_4">4</h4> + +</div> + +<p>Es ist nun die Frage, inwiefern der Mensch dieser Kultur selbst +erfüllt, was das von ihm konzipierte Seelenbild erwarten läßt. +Darf man das Thema der neuern Physik jetzt ganz allgemein als den +wirkenden Raum bezeichnen, so ist damit auch die Daseinsart, der +Daseins<em class="gesperrt">inhalt</em> des gleichzeitigen Menschen bestimmt. Wir, +faustische Naturen, sind gewöhnt, den einzelnen hinsichtlich seiner +<em class="gesperrt">wirkenden</em>, nicht seiner plastisch-ruhenden Erscheinung ins Ganze +unsrer Lebenserfahrungen aufzunehmen. Was der Mensch ist, ermessen wir +an seiner <em class="gesperrt">Tätigkeit</em>, die nach innen wie nach außen gewendet +sein kann, und alle einzelnen Vorsätze, Gründe, Kräfte, Überzeugungen, +Gewohnheiten werten wir durchaus nach dieser Richtung. Das Wort, in +dem wir diesen Aspekt zusammenfassen, heißt <em class="gesperrt">Charakter</em>. Wir +sprechen von Charakterköpfen, von Charakterlandschaften; der Charakter +von bewegten Ornamenten, Pinselstrichen, Architekturmotiven, von +Schriftzügen, von Gleichungen und Funktionen: das sind uns geläufige +Wendungen. Die Musik ist die eigentliche Kunst des Charakteristischen, +was von Melodie und Instrumentation gleichmäßig gilt. Auch dies Wort +bezeichnet etwas Unbeschreibliches, etwas, das die faustische Kultur +aus allen andern heraushebt. Und zwar ist die tiefe Verwandtschaft +des Begriffs mit dem des Willens unverkennbar: Was der Wille im +Seelenbilde, ist der Charakter im Bilde des<span class="pagenum" id="Seite_428">[S. 428]</span> Lebens, wie es uns und +<em class="gesperrt">nur</em> uns Westeuropäern mit Selbstverständlichkeit vorschwebt.</p> + +<p>Daß der Mensch Charakter habe, ist der Grundanspruch all unsrer +ethischen Systeme, so verschieden ihre metaphysischen oder praktischen +Formeln sonst sein mögen. Der Charakter — der sich im <em class="gesperrt">Strome +der Welt</em> bildet, das Verhältnis des Lebens zur Tat — ist eine +faustische Impression, und es besteht eine sehr feine Ähnlichkeit mit +dem physikalischen Weltbilde darin, daß der vektorielle Kraftbegriff +mit seiner Richtungstendenz sich von dem der Bewegung trotz schärfster +theoretischer Untersuchungen nicht hat isolieren lassen. Ebenso +unmöglich ist die strenge Scheidung von Wille und Seele, Charakter und +Leben. Wir empfinden auf der Höhe dieser Kultur, sicher seit dem 17. +Jahrhundert, das Wort Leben als schlechthin gleichbedeutend mit Wollen. +Ausdrücke wie Lebenskraft, Lebenswille, tätige Energie füllen als etwas +Selbstverständliches unsre ethische Literatur, während sie in das +Griechisch der Zeit des Perikles nicht einmal übersetzbar wären.</p> + +<p>Man bemerkt — was der Anspruch aller Moralen auf zeitliche und +räumliche Allgemeingültigkeit bisher verdeckt hat —, daß jede einzelne +Kultur als einheitliches Wesen höherer Ordnung im historischen +Gesamtbilde ihre eigne moralische Fassung besitzt. Es gibt so viele +Moralen, als es Kulturen gibt. Nietzsche, der als erster eine +Ahnung davon hatte, ist trotzdem von einer objektiven Morphologie +der Moral — jenseits von Gut und Böse — weit entfernt geblieben. +Er kam über Geschmacks-, bestenfalls über Nützlichkeitswertungen +gegenüber der antiken, indischen, Renaissancemoral nicht hinaus. +Aber gerade unserm historischen Sinne hätte das <em class="gesperrt">Urphänomen der +Moral</em> als solches nicht entgehen sollen. Uns ist, und zwar schon +seit den Tagen Petrarkas, die Vorstellung der Menschheit als eines +tätigen, kämpfenden, fortschreitenden Ganzen so notwendig, daß es uns +schwer wird, einzusehen, daß dies eine ausschließlich abendländische +Betrachtungsweise von vorübergehender Geltung und Lebensdauer ist. +Dem antiken Geiste erscheint die Menschheit als stationäre Masse, und +dem entspricht eine ganz anders geartete Moral, deren Dasein sich von +der homerischen Frühzeit bis zur Kaiserzeit verfolgen läßt. Überhaupt +wird man<span class="pagenum" id="Seite_429">[S. 429]</span> finden, daß dem im höchsten Grade aktiven Lebensgefühl der +faustischen Kultur die chinesische, babylonische und ägyptische, dem +streng passiven der Antike die indische und arabische näherstehen. Dies +äußert sich, um nur ein Beispiel zu nennen, darin, daß jene Kulturen +hochorganisierte Staatsformen kannten, deren politisch-soziale Akte +auf die Dauer und Zukunft hin orientiert waren, diese dagegen unter +dem Namen Staat politische Zufallsbildungen — wie die Polis und den +Khalifat — ohne historisch-formalen Gehalt und ohne Richtungsenergie +besaßen.</p> + +<p>Wenn je ein Volk einen Kampf ums Dasein beständig vor Augen hatte, +so war es das hellenische, wo alle die Städte und Städtchen einander +bis zur Vernichtung bekämpften, ohne Plan, ohne Sinn, ohne Gnade, +aus einem vollkommen animalischen, ahistorischen Instinkt. Aber die +griechische Ethik war, trotz Heraklit, weit entfernt, den Kampf zu +einem ethischen Prinzip zu machen. Die Überwindung von Widerständen +ist vielmehr der typische Akt der abendländischen Seele. Aktivität, +Entschlossenheit, Selbstbehauptung werden gefordert; der Kampf gegen +die Eindrücke des Augenblicks, der Vordergründe des Lebens, des Nahen, +Greifbaren, Euklidischen, die Durchsetzung dessen, was Allgemeinheit +und Dauer hat, was Vergangenheit und Zukunft seelisch aneinanderknüpft, +ist der Inhalt aller faustischen Imperative von den frühesten Tagen +der Gotik, der Dombauten und Kreuzzüge, bis zu Kant und Napoleon und +weit darüber hinaus zu den ungeheuren Macht- und Willensäußerungen +unsrer Waffen, unsrer Verkehrsmittel und unsrer Technik. Das <i>Carpe +diem</i>, der antike Standpunkt, ist der vollkommene Widerspruch gegen +das, was Goethe, Kant, Pascal, was die Kirche wie das Freidenkertum als +allein wertvoll empfanden, das <em class="gesperrt">tätige</em> Sein. Auch das Prinzip +der bildenden Künste Westeuropas war die Überwindung des Augenscheins +zugunsten des ewigen, reinen Raumes. Man fühlt, wie nahe diese +energische Ethik an die Formenwelt der aus demselben Gefühl gestalteten +theoretischen Physik streift. Auch da ist es die Überwindung von +Widerständen, die in Gesetze gebracht wird.<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[97]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_430">[S. 430]</span></p> + +<p>Wie alle Formen der Dynamik — die malerische, musikalische, +physikalische, soziale, politische — unendliche Zusammenhänge zur +Geltung bringen, und nicht wie die antike Physik den Einzelfall +und deren Summe, sondern den typischen Fall und dessen funktionale +Regel betrachten, so hat man unter Charakter das grundsätzlich +Gleichbleibende in der Genesis des Lebens zu verstehen. Andernfalls +spricht man von Charakterlosigkeit. Charakter ist, als Form einer +bewegten Existenz, in der mit größtmöglicher Variabilität im einzelnen +die höchste Konstanz im Prinzipiellen erreicht wird, das, was eine +echte Biographie wie Goethes „Wahrheit und Dichtung“ überhaupt möglich +macht. Plutarchs typisch antike Biographien sind demgegenüber nur +chronologisch, nicht organisch-genetisch geordnete Anekdotensammlungen, +und man wird zugeben, daß von Alkibiades, Perikles oder überhaupt +einem rein apollinischen Menschen nur die zweite, nicht die erste +Art von Biographie denkbar ist. Ihren Erlebnissen fehlt nicht die +Masse, sondern die Beziehung; sie haben etwas Atomistisches. Auf +das physikalische Weltbild bezogen: der Grieche hat nicht etwa +<em class="gesperrt">vergessen</em>, in der Summe seiner Erfahrungen allgemeine Gesetze +zu suchen; er konnte sie in seinem Kosmos gar nicht <em class="gesperrt">finden</em>. +Denn darin besteht der Unterschied apollinischer und faustischer +Lebensläufe, daß die einen ahistorisch-mythisch, die andern +historisch-genetisch angelegt sind, daß die einen in jedem Augenblick +ein Sein, die andern ein Werden vor Augen führen, daß im Gegensatz zum +antiken Menschsein für uns Charakter und Biographie sich wie Mögliches +zu Wirklichem, physikalisch ausgedrückt wie potentielle zu kinetischer +Energie verhalten.</p> + +<p>Es folgt daraus, daß charakterologische Wissenschaften,<span class="pagenum" id="Seite_431">[S. 431]</span> vor allem +Physiognomik und Graphologie, innerhalb der Antike höchst mager +ausgefallen sein würden. An Stelle der Handschrift, die wir nicht +kennen, beweist es das antike Ornament, das gegenüber dem gotischen +— man denke z. B. an den Mäander und die Akanthusranke — von +einer unglaublichen Simplizität und Schwäche des charakteristischen +Ausdrucks, dafür von einem nie wieder erreichten Ausgeglichensein in +zeitlosem Sinne ist.</p> + +<p>Es versteht sich von selbst, daß wir, dem antiken Weltgefühl +zugewendet, dort ein Grundelement der ethischen Wertung finden +müssen, das dem Charakter ebenso entgegengesetzt ist wie die Statue +der Fuge, die euklidische Geometrie der Analysis, der Körper dem +Raume. Es ist die <em class="gesperrt">Geste</em>. Damit ist das Grundprinzip einer +seelischen <em class="gesperrt">Statik</em> gegeben, und das Wort, welches an Stelle +unsrer „Persönlichkeit“ in den antiken Sprachen steht, heißt πρόσωπον, +<i>persona</i> (von <i>personare</i>, hindurchtönen), nämlich +<em class="gesperrt">Rolle</em>, <em class="gesperrt">Maske</em>. Im spätgriechisch-römischen Sprachgebrauch +bezeichnet es die <em class="gesperrt">öffentliche Erscheinung</em> und damit den +eigentlichen <em class="gesperrt">Wesenskern des antiken Menschen</em>. Man sagte von +einem Redner, daß er als priesterliches, als soldatisches πρόσωπον +spreche. Der Sklave war ἀπρόσωπος, aber nicht ἀσώματος, d. h. er hatte +<em class="gesperrt">keine Bedeutung</em>, aber eine „<em class="gesperrt">Seele</em>“. Daß das Schicksal +jemandem die Rolle eines Königs oder Feldherrn zuerteilt habe, gibt der +Römer durch <i>persona regis, imperatoris</i>.<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[98]</a> Damit verrät sich +der apollinische Stil des Lebens. Es handelt sich nicht um konsequente +Entfaltung innerer Möglichkeiten durch tätiges <em class="gesperrt">Streben</em>, sondern +um die jederzeit geschlossene <em class="gesperrt">Haltung</em> und strengste Anpassung +an ein sozusagen plastisches Seelenideal. Nur in der antiken Ethik +spielt der Begriff Schönheit eine Rolle. Mag man dies Ideal σωφροσύνη, +καλοκἀγαθία oder ἀταραξία nennen, es ist immer die wohlgeordnete +Gruppe sinnlich greifbarer, durchaus öffentlich erscheinender, +für die andern, nicht für das eigene Ich bestimmter<span class="pagenum" id="Seite_432">[S. 432]</span> Vorzüge. Der +Akzent liegt auf dem Sein, nicht auf dem Wirken. Man war Objekt, +nicht Subjekt des Lebens. Das rein Gegenwärtige, Mythisch-Zeitlose, +Augenblickliche, der Vordergrund wurde nicht überwunden, sondern +herausgearbeitet. Alle antiken Ethiken, nicht nur die Stoa, predigen +die willenlose Passivität, die schöne Hingabe an die punktförmige +Gegenwart, den Menschen als Statue. Noch einmal: Innenleben ist in +diesem Zusammenhange ein unmöglicher Begriff. Das unübersetzbare, +stets im westeuropäischen Sinne mißverstandene ζῷον πολιτικόν des +Aristoteles bezieht sich auf Menschen, die einzeln, einsam, nichts +sind, die nur als Mehrzahl etwas bedeuten — was für eine groteske +Vorstellung ist ein Athener in der Rolle des Robinson! —, auf der +ἀγορά, dem <i>forum</i>, wo jeder sich an andern spiegelt und dadurch +erst eigentlich Wirklichkeit erhält. Dies alles liegt in dem Ausdruck +σώματα πόλεως: die Bürger der Stadt. Man begreift, daß das Porträt, das +Probestück der Barockkunst, mit der Darstellung des Menschen identisch +ist, insoweit er <em class="gesperrt">Charakter</em> hat, und daß andrerseits in der +ionischen Periode die Darstellung des Menschen hinsichtlich seiner +<em class="gesperrt">Attitüde</em>, des Menschen als „<i>persona</i>“, mit dem Formideal +der attischen Aktstudie enden mußte.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_5">5</h4> + +</div> + +<p>Dieser Gegensatz hat zu zwei in jedem Betrachte grundverschiedenen +Formen der Tragödie geführt. Die faustische, das <em class="gesperrt">Charakterdrama</em>, +und die apollinische, das <em class="gesperrt">Drama der erhabenen Geste</em>, haben in +der Tat nicht mehr als den Namen gemeinsam.</p> + +<p>Die Barockzeit machte, bezeichnenderweise ausschließlich von Seneka +und nicht von Äschylus und Sophokles ausgehend, mit steigender +Entschiedenheit an Stelle der Ereignisse den Charakter zum +Schwerpunkt des Ganzen, zur Mitte gewissermaßen eines seelischen +Koordinatensystems, das allen szenischen Tatsachen in bezug auf sich +Lage, Bedeutung und Wert zuweist; es entsteht eine Tragik des Wollens, +der wirkenden Kräfte, der <em class="gesperrt">innern</em>, nicht notwendig in Sichtbares +umgesetzten Bewegtheit, während Sophokles das unvermeidliche Minimum +an Geschehen<span class="pagenum" id="Seite_433">[S. 433]</span> vor allem durch das Kunstmittel des Botenberichts hinter +die Szene verlegt. Die antike Tragik bezieht sich auf allgemeine Fälle, +nicht auf Persönlichkeiten; Aristoteles bezeichnet sie ausdrücklich als +μίμησις οὐκ ἀνθρώπων ἀλλὰ πράξεως καὶ βίου. Was er in seiner Poetik, +sicherlich dem für unsere Dichtung verhängnisvollsten Buche, ἦθος +nennt, nämlich die ideale Haltung eines ideal hellenischen Menschen +in einer schmerzlichen Lage, hat mit unserm Begriff von Charakter +als einer die Farbe der Ereignisse bestimmenden Beschaffenheit des +Ich so wenig zu tun, wie eine Fläche in Euklids Geometrie mit dem +gleichnamigen Gebilde etwa in Riemanns Theorie der algebraischen +Gleichungen. Daß man ἦθος mit Charakter übersetzte, statt das kaum +exakt Wiederzugebende durch Rolle, Haltung, Geste zu umschreiben, daß +man μῦθος, die <em class="gesperrt">zeitlose Begebenheit</em>, durch Handlung gab, ist für +Jahrhunderte ebenso verderblich geworden wie die Ableitung des Wortes +δρᾶμα von Tun. Othello, Don Quijote, der Misanthrop, Werther sind +Charaktere. Das Tragische liegt im <em class="gesperrt">bloßen Dasein</em> so gearteter +Menschen inmitten der Welt. Ob gegen diese Welt, gegen sich, gegen +andre: der Kampf wird durch den Charakter, nicht durch etwas von außen +Kommendes aufgezwungen. Es ist <em class="gesperrt">Fügung</em>, die Einfügung einer +Seele in einen Zusammenhang widersprechender Beziehungen, die keine +reine Auflösung gestattet. Antike Bühnengestalten aber sind Rollen, +keine Charaktere. Auf der Szene erscheinen immer dieselben Figuren, +der Greis, der Heros, die Jungfrau, dieselben schwer beweglichen, auf +dem Kothurn schreitenden, maskierten Puppen. Deshalb war die Maske +im antiken Drama auch der Spätzeit eine <em class="gesperrt">innere Notwendigkeit</em>, +während wir ohne das Mienenspiel der Darsteller nicht auskommen. +Man wende ja nicht die Größe der griechischen Theater ein: auch die +Gelegenheitsmimen trugen Masken, und wäre das tiefere Bedürfnis nach +intimen Räumen dagewesen, so hätte sich die architektonische Form von +selbst gefunden.</p> + +<p>Die in bezug auf einen Charakter tragischen Begebenheiten folgen aus +einer langen innern Entwicklung. In den tragischen Fällen des Ajax, des +Philoktet, der Antigone und Elektra aber ist eine innere Vorgeschichte +— selbst wenn sie in einem antiken Menschen anzutreffen wäre — für +die Folgen gleichgültig.<span class="pagenum" id="Seite_434">[S. 434]</span> Das entscheidende Ereignis überfällt sie, +unvermittelt, ganz zufällig und äußerlich, und hätte an ihrer Stelle +jeden andern und mit der gleichen Wirkung überfallen können. Es +brauchte nicht einmal ein Mensch desselben Geschlechtes zu sein.</p> + +<p>Es bezeichnet den Gegensatz antiker und westeuropäischer Tragik noch +nicht scharf genug, wenn man nur von Handlung oder Ereignis redet. +Die faustische Tragödie ist <em class="gesperrt">biographisch</em>, die apollinische +ist <em class="gesperrt">anekdotisch</em>, d. h. jene umfaßt die Genesis eines ganzen +Lebens, diese den für sich stehenden gegenwärtigen Augenblick; denn +welche Beziehung hat die gesamte <em class="gesperrt">innere</em> Vergangenheit des +Ödipus oder Orest zu dem vernichtenden Ereignis? Der Anekdote antiken +Stils gegenüber kennen wir den Typus der <em class="gesperrt">charakteristischen</em>, +antimythischen Anekdote — es ist die <em class="gesperrt">Novelle</em> deren Meister +Cervantes, Kleist, Hoffmann, Storm sind —, die um so bedeutender +ist, je mehr man fühlt, daß ihr Motiv <em class="gesperrt">nur einmal</em> und nur zu +<em class="gesperrt">dieser</em> Zeit und unter <em class="gesperrt">diesen</em> Menschen möglich war, +während der Rang der mythischen Anekdote — der <em class="gesperrt">Fabel</em> — durch +die Reinheit der gegenteiligen Qualitäten bestimmt wird. Wir haben +da also ein Schicksal, das wie der Blitz trifft, gleichgültig wen, +und ein andres, das sich wie ein unsichtbarer Faden durch ein Leben +spinnt und dieses eine vor allen andern auszeichnet. Es gibt im +vergangenen Dasein Othellos, dieses Meisterstücks einer psychologischen +Analyse, nicht einen, nicht den geringsten Zug, der ohne Beziehung zur +Katastrophe wäre. Der Rassenhaß, das Alleinstehen des Emporkömmlings +unter den Patriziern, der Mohr als Soldat, als Naturmensch, als +der vereinsamte ältere Mann — nichts von diesen Momenten ist ohne +Bedeutung. Man versuche doch, die Exposition des Hamlet, des Lear im +Vergleich zu der sophokleischer Stücke zu entwickeln. Sie ist durchaus +psychologisch, nicht eine Summe äußerer Daten. Von dem, was wir +heute einen Psychologen nennen, was für uns beinahe mit dem Begriff +eines Dichters identisch ist, hatten die Griechen keine Ahnung. So +wenig sie Analytiker in der Mathematik waren, so wenig waren sie es +im Seelischen, und antiken Seelen gegenüber konnte es nicht wohl +anders sein. „Psychologie“ — das ist das eigentliche Wort für die +<em class="gesperrt">abendländische</em> Art von Menschengestaltung. Das paßt auf ein +Porträt Rembrandts so<span class="pagenum" id="Seite_435">[S. 435]</span> gut wie auf die Tristanmusik, auf Flauberts +Madame Bovary wie auf Dantes Vita Nuova. Keine andre Kultur kennt +Ähnliches. Gerade das ist es, was von der Gruppe antiker Künste mit +Strenge ausgeschlossen wurde. Psychologie ist die Form, in welcher der +<em class="gesperrt">Wille</em>, der Mensch als verkörperter Wille, nicht der Mensch als +σῶμα kunstfähig wird. Wer hier Euripides nennt, der weiß gar nicht, +was Psychologie ist. Welche Fülle des Charakteristischen liegt schon +in der nordischen Mythologie mit ihren schlauen Zwergen, tölpischen +Riesen, neckischen Elben, mit Loki, Baldr und den andern Gestalten, +und wie typisch allgemein wirkt daneben der Olymp. Zeus, Apollo, +Poseidon sind einfach „Männer“, Hermes ist „der Jüngling“, Athene +eine reifere Aphrodite, die kleineren Götter — wie auch die spätere +Plastik beweist — nur dem Namen nach unterscheidbar. Das gilt im +vollen Umfange auch von den Gestalten der attischen Szene. Bei Wolfram +von Eschenbach, Cervantes, Shakespeare, Goethe entwickelt sich das +Tragische von innen heraus, dynamisch, funktional, bei den drei großen +Tragikern Athens kommt es von außen, statisch, euklidisch. Man denke +an den Geschlechterfluch im Hause der Atriden. Um eine früher auf die +Weltgeschichte angewandte Bezeichnung zu wiederholen: das vernichtende +Ereignis macht dort <em class="gesperrt">Epoche</em>, hier bewirkt es eine <em class="gesperrt">Episode</em>. +Selbst der tödliche Ausgang ist nur die letzte Episode eines aus lauter +Zufälligkeiten zusammengesetzten Daseins.</p> + +<p>Eine Barocktragödie ist nichts als der führende Charakter noch einmal, +nur im realen Raume zur Entfaltung gebracht, als Kurve statt als +Gleichung, kinetische statt potentieller Energie. Die sichtbare Person +ist der mögliche, die Handlung der sich verwirklichende Charakter. +Dies ist der ganze Sinn unsrer noch heute unter antiken Reminiszenzen +und Mißverständnissen verschütteten Dramaturgie. Der tragische Mensch +der Antike ist ein euklidischer Körper, der in seiner Lage, die er +nicht gewählt hat und nicht ändern kann, von der Moira getroffen wird, +der sich in der Belichtung seiner Flächen durch die äußern Vorfälle +unveränderlich zeigt. Das ist die <em class="gesperrt">Geste</em>, das πρόσωπον als +ethisches Ideal. In diesem Sinne ist in den Choephoren von Agamemnon +als dem „flottenführenden königlichen Leibe“ die Rede und sagt Ödipus +in Kolonos, daß das Orakel „seinem Leibe“<span class="pagenum" id="Seite_436">[S. 436]</span> gelte. Man wird bei allen +bedeutenden Menschen der griechischen Geschichte bis auf Alexander +hinab eine merkwürdige Unbildsamkeit finden. Ich wüßte keinen, der in +den Kämpfen des Lebens eine innere Umwandlung vollzogen hätte, wie wir +sie von Luther und Ignaz von Loyola kennen. Was man allzu flüchtig bei +den Griechen Charakterzeichnung nennt, die Kunst, deren Meisterstücke +noch im 19. Jahrhundert die Wahlverwandtschaften und Stendhals Julian +Sorel sind, ist nichts als der Reflex der Ereignisse auf das ἦθος des +Helden, niemals der Reflex einer Persönlichkeit auf die Ereignisse.</p> + +<p>Und so verstehen wir faustischen Menschen das Drama mit innerster +Notwendigkeit als ein Maximum an Aktivität, die Griechen mit +derselben Notwendigkeit als ein Maximum an Passivität. Die attische +Tragödie enthält überhaupt keine „Handlung“. Die antiken Mysterien +— und Äschylus, der aus Eleusis stammte, hat das höhere Drama durch +Übertragung der Mysterienform mit ihrer Peripetie erst geschaffen — +waren sämtlich δράματα, d. h. liturgische Aktionen in der Art unserer +Passionen und Oratorien. Aristoteles bezeichnet die Tragödie als +Nachahmung eines Geschehens. Das, die Nachahmung, ist identisch mit +der vielberufenen <em class="gesperrt">Profanation der Mysterien</em>, und man weiß, +daß Äschylus, der auch die sakrale Tracht der Eleusispriester für +immer als das Kostüm der attischen Bühne eingeführt hat, deshalb +angeklagt wurde.<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[99]</a> Denn das eigentliche δρᾶμα mit seiner Peripetie +von der Klage zum Jubel lag gar nicht in der Fabel, die erzählt +wurde, sondern in der dahinter stehenden, vom Zuschauer im tiefsten +Sinne aufgefaßten und nachgefühlten Kulthandlung. Es war sicherlich +gewagt, den Vorgang dieser heiligen Erschütterung mit einer Burleske +zu verbinden. Der uralte Bockgesang der τράγοι, der als Böcke +verkleideten, von Dorf zu Dorf ziehenden Schauspieler, hatte mit +seiner Beziehung auf die wieder erwachende Zeugungskraft der Natur +Gelächter erregt. Das war volksmäßig. Nun aber hebt die Kalokagathie +dies künstlerische Element zu sich empor. Äschylus als der<span class="pagenum" id="Seite_437">[S. 437]</span> Vertreter +des aristokratisch-homerischen Prinzips führt den zweiten Schauspieler +und damit die Wechselrede ein und so wächst aus der Harlekinade, die in +das Satyrspiel am Schluß zurückgedrängt wird, die eigentliche antike +Tragödie empor. In ihr siegt der <em class="gesperrt">Geist der Plastik</em> über den +Orgiasmus, Apollo über Dionysos. Hier am Seelenfeste des Dionysos im +Frühling berühren sich Leben und Tod, das Phallische und die Klage um +das Vergängliche. Dionysos ist der Herr der abgeschiedenen Seelen. Auch +in Eleusis war das Umschlagen der Klage um den Tod zum Jubel über die +Rettung der Kore Inhalt der heiligen Messe.</p> + +<p>Die Tragödie wuchs aus dem θρῆνος (<i>naenia</i>), der +<em class="gesperrt">feierlichen</em> Klage am Totenfeste, hervor. Aber der apollinische, +plastische Geist gestaltet die ursprünglich allgemeine Klage zur +besonderen. Es ist der Heros der Stadt, über dessen Leiden der Chor die +große Klage anstimmt. Denn das erst hat die Tragödie vollendet: Der +Klage als dem <em class="gesperrt">gegebenen</em> Thema wird die Gestaltung eines großen +menschlichen Leidens als Motiv unterlegt. Äschylus führt die Heldensage +in seinen 70 Dramen als die Vordergrundfabel (μῦθος) der Szene ein. Der +Zuschauer, der den Sinn des Tages kannte, fühlte in den pathetischen +Worten sich und seine Ahnen gemeint. In <em class="gesperrt">ihm</em> vollzieht sich die +Peripetie, die der eigentliche Zweck der heiligen Handlung ist. Die +liturgische Klage über den Jammer des Menschengeschlechts ist immer, +von Berichten und Erzählungen umgeben, der Schwerpunkt des Ganzen +geblieben. Man sieht es am deutlichsten im Prometheus, Agamemnon und +König Ödipus. Aber hoch über die Klage hinaus erhebt sich die Größe des +Dulders, seine erhabene Attitüde, sein ἦθος, das in mächtigen Szenen +zwischen den Chorpartien vorgeführt wird. Nicht der heroische Täter, +dessen Willenskraft, dessen Lebenstendenz am Widerstand fremder Mächte +oder an den Dämonen in der eignen Brust wächst und bricht, sondern +der willenlos Leidende, dessen euklidisches, somatisches Dasein — +ohne tiefern Grund, wie man hinzufügen muß — zerstört wird, ist das +Thema. Die Prometheustrilogie des Äschylus beginnt gerade dort, wo +Goethe sie vermutlich hätte enden lassen. Der Wahnsinn Lears ist die +notwendige Folge höchst komplizierter psychischer Voraussetzungen, in +deren Gewebe keine Masche fehlen darf. Der Ajax des Sophokles<span class="pagenum" id="Seite_438">[S. 438]</span> wird +von Athene wahnsinnig <em class="gesperrt">gemacht, bevor</em> das Drama beginnt. Das ist +der Unterschied zwischen einem Charakter und einer szenischen Figur. +In der Tat, Furcht und Mitleid sind, wie es Aristoteles beschreibt, +die notwendige Wirkung antiker Tragödien auf antike, und nur auf +antike Zuschauer. Das wird sofort klar, wenn man sieht, welche Szenen +von ihm als die wirksamsten bezeichnet werden — man hat das bisher +übersehen —, nämlich jähe Glückswechsel und Erkennungsszenen. Zu +den ersten gehört vor allem der Eindruck des φόβος (Grauen), zu den +zweiten der des ἔλεος (Rührung). Der Gedanke der Katharsis ist nur +aus dem streng euklidischen Seinsideal der Ataraxie nachzuerleben. +Die antike „Seele“ ist reine Gegenwart, reines σῶμα, unbewegtes +punktförmiges Sein. Dies in Frage gestellt zu sehen, durch den Neid +der Götter, das blinde Ungefähr, das wahllos, blitzartig über jeden +hereinbrechen kann, ist das furchtbarste. Es greift an die Wurzeln der +antiken Existenz, während es den faustischen, alles wagenden Menschen +erst lebendig werden läßt. Und nun — das sich lösen zu sehen, wie +wenn Gewitterwolken sich in dunklen Bänken am Horizont lagern und die +Sonne wieder durchbricht, das tiefe Gefühl der Freude an der geliebten +großen Geste, das Aufatmen der gequälten mythischen Seele, die Lust +am wiedergewonnenen Gleichgewicht — das ist Katharsis. Das setzt +aber auch eine Psychologie voraus, die uns vollkommen fremd ist. Das +Wort ist in unsre Sprachen und Empfindungen kaum zu übersetzen. Die +ganze ästhetische Mühe und Willkür des Barock und des Klassizismus mit +der rückhaltlosen Ehrfurcht vor antiken Büchern im Hintergrunde, war +notwendig, um uns dies seelische Fundament auch für unsre Tragödie +aufzureden — angesichts der Tatsache, daß ihre Wirkung gerade die +entgegengesetzte ist, daß sie nicht von passiven, statischen Affekten +erlöst, sondern aktive, dynamische hervorruft, reizt und auf die +Spitze treibt, daß sie die Urgefühle eines energischen Menschseins, +die Grausamkeit, die Freude an Spannung, Gefahr, Gewalttat, Sieg, +Verbrechen, das Glücksgefühl des Überwinders und Vernichters weckt, +Gefühle, die seit der Wikingerzeit, den Hohenstaufentaten und +Kreuzzügen in den Tiefen der nordischen Seele schlafen. <em class="gesperrt">Das</em> +ist die Wirkung Shakespeares. Ein Grieche hätte den Macbeth gar +nicht ausgehalten;<span class="pagenum" id="Seite_439">[S. 439]</span> er hätte vor allem den Sinn dieser mächtigen +biographischen Kunst mit ihrer Richtungstendenz nicht begriffen. Daß +Gestalten wie Richard III., Don Juan, Faust, Michael Kohlhaas, Golo, +unantik vom Scheitel bis zur Sohle, nicht Mitleid, sondern einen +tiefen seltsamen Neid, nicht Furcht, sondern eine rätselhafte Lust an +Qualen, einen verzehrenden Wunsch nach einem ganz andern Mit–Leiden +wecken, verraten uns heute, wie die faustische Tragödie auch in ihrer +spätesten, der deutschen Form endgültig abgestorben ist, die ständigen +Motive der weltstädtischen Literatur Westeuropas, die man mit den +entsprechenden alexandrinischen vergleiche: In den „nervenspannenden“ +Abenteurer- und Detektivgeschichten und ganz zuletzt im Kinodrama, das +durchaus den spätantiken Mimus vertritt, ist ein Rest der unbändigen +faustischen Überwinder- und Entdeckersehnsucht fühlbar.</p> + +<p>Dem entspricht genau das apollinische und das faustische Bühnenbild, +das zur Vollständigkeit des Kunstwerkes gehört, wie es vom Dichter +gedacht worden war. Das antike Drama ist ein Stück Plastik, eine +Gruppe pathetischer Szenen von reliefmäßigem Charakter, eine Schau +riesenhafter Marionetten vor der flach abschließenden Rückwand +des Theaters. Es ist ausschließlich groß empfundene Geste, Ethos, +während die spärlichen Begebenheiten der Fabel feierlich vorgetragen, +dicht vorgeführt werden. Das Gegenteil will die Technik des +abendländischen Dramas: Ununterbrochene Bewegtheit und strenge +Ausschaltung handlungsarmer, statischer Momente. Die berühmten drei +Einheiten des Ortes, der Zeit und des Vorgangs <em class="gesperrt">formulieren den +Typus der attischen Marmorstatue</em>. Und unvermerkt bezeichnen sie +das Lebensideal des antiken, an die Polis, die reine Gegenwart, +die Geste gebundenen Menschen. Die Einheiten haben sämtlich den +Sinn von <em class="gesperrt">Negationen</em>: man verleugnet den Raum, man verneint +Vergangenheit und Zukunft, man lehnt alle seelischen Beziehungen +in die Ferne ab. Die drei Einheiten, ahistorisch, antimusikalisch, +schränken die Wirklichkeit auf den Vordergrund, die unmittelbare +Nähe und Gegenwart ein. Alles andre ist „τὸ μὴ ὄν“. Sie enthalten +zugleich das Ideal der euklidischen, der stoischen Ethik. Ἀταραξία — +in dem Worte könnte man sie zusammenfassen. Man verwechsle diese Form +ja nicht mit der oberflächlich ähnlichen im Drama der romanischen<span class="pagenum" id="Seite_440">[S. 440]</span> +Völker. Das spanische Theater des 16. Jahrhunderts hat sich dem Zwang +antiker Regeln unterworfen, aber man begreift, daß die kastilianische +Würde der Zeit Philipps II. sich davon angesprochen fühlte, ohne den +ursprünglichen Geist dieser Regeln zu kennen oder auch nur kennen zu +wollen. Islamisches Schicksalsgefühl vermittelte hier zwischen antikem +<i>fatum</i> und spanischem Katholizismus, ohne daß man sich der innern +Distanz bewußt geworden wäre. Tirso de Molina erneuerte die Theorie von +den Einheiten, die Corneille, der kluge Zögling spanischer Grandezza, +in seiner berühmten Abhandlung von ihm entlehnte. Damit begann das +Verhängnis. Die florentinische Nachahmung der maßlos bewunderten +antiken Plastik, die niemand in ihren letzten Bedingungen begriff, +konnte nichts verderben, denn es gab damals keine nordische Plastik +mehr, die hätte verdorben werden können. Aber es gab die Möglichkeit +einer mächtigen, rein faustischen Tragödie von ungeahnten Formen und +Kühnheiten und daß sie, so groß Shakespeare ist, niemals den Bann einer +mißverstandenen Konvention ganz überwunden hat, das hat der Glaube +an die Poetik des Aristoteles verschuldet. Was hätte aus dem Drama +des Barock unter den Eindrücken der ritterlichen Epik, des Tristan +und Parzeval, und in Nachbarschaft zu den Oratorien und Passionen der +Kirche werden können, wenn man niemals etwas vom griechischen Theater +gehört hätte! Eine Tragödie aus dem Geiste der kontrapunktischen Musik, +ohne die Fesseln einer für sie sinnlosen plastischen Gebundenheit, +eine Bühnendichtung, die sich von Orlando Lasso und Palestrina an und +neben Heinrich Schütz, Bach, Händel, Gluck, Beethoven vollkommen frei +zu einer eignen und reinen Form entwickelt hätte — das wäre möglich +gewesen. Nur dem glücklichen Umstande, daß die gesamte hellenische +Freskomalerei verloren ging, verdanken wir die Rettung, die innere +Freiheit der Ölmalerei.</p> + +<p>Unsere tragischen Konzeptionen sind von faustischem Gehalt, aber der +dramatische Körper spanischen, französischen oder elisabethanischen +Stils, das fünfaktige Blankversdrama z. B., ist ein Kompromiß ohne +Tiefe. Was ohne die Kenntnis apollinischer Formen hätte entstehen +können, läßt allein der Faust ahnen, die einzige auch im Szenischen +unabhängige (wegen des Mangels an einer großen Tradition allerdings +fragmentarische) Schöpfung:<span class="pagenum" id="Seite_441">[S. 441]</span> was sie zerstört haben, lehrt Racine, +dessen mächtige Gestaltungskraft sich im Kampfe mit einem Schema +erschöpft hat, das niemand anzutasten wagte.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_6">6</h4> + +</div> + +<p>Mit den drei Einheiten war es nicht genug. Das attische Drama forderte +statt des Mienenspiels die starre Maske mit den wulstigen, weit +geöffneten Lippen — es verbot also die seelische Charakteristik, wie +man die Aufstellung ikonischer Statuen verboten hatte. Es forderte +den Kothurn und die überlebensgroße, rings bis zur Unbeweglichkeit +gepolsterte Figur mit dem schleppenden Gewande — und beseitigte damit +die Individualität der Erscheinung. Es forderte endlich den aus einem +röhrenartigen Mundstück monoton erschallenden Sprechgesang, dessen +für das Ohr nicht wahrnehmbare Kadenzen für das Auge durch Senken +eines Stäbchens bezeichnet wurden. Das Statuenhafte, Euklidische des +Szenenbildes war damit auf die Spitze getrieben. Nichts durfte in +Sprache und Erscheinung das Gefühl von Raumfernen, Seelenhorizonten und +zeitlichen Perspektiven heraufrufen.</p> + +<p>Die faustische Tragik war die Ausschweifung einer Seele, die an einem +unbändigen, unersättlichen Willen litt, eine Rettung ins Poetische, +welche die Griechen, die an ganz andern Dingen litten, nicht nötig +hatten und nicht verstanden haben würden. Der „Neid der Götter“, der +das pflanzenhaft-euklidische Sein in seiner <em class="gesperrt">Ruhe</em> bedrohte, trieb +sie zur Verzweiflung. „Nie geboren zu sein, nie den Tag erblickt zu +haben und sein flammenhufiges Gespann“ — das ist <em class="gesperrt">ihre</em> Klage, +und daneben und doch wieder eins und dasselbe steht die Klage des +Achilleus, der lieber der ärmste Tagelöhner sein als im Reiche der +Schatten weilen möchte. Deshalb klammerten sie sich mit nie endender +Angst an den Vordergrund der Dinge und schlossen die Augen vor dem +Fernen, das sie das Nichtseiende nannten. Deshalb umstellte der +Grieche sein Leben mit allen Symbolen der Nähe und des Körperlichen, +des tatenarmen, stoischen, richtungslosen Seins. Das trieb ihn zur +Geselligkeit, zum Leben eines ζῷον πολιτικόν, eines Menschen der Nähe +und Mehrzahl, als dessen leibhaftes Symbol der <em class="gesperrt">Chor</em> auf der +Szene weilt. Nichts steht dem ferner als das <em class="gesperrt">Monologische</em> der +faustischen Seele, ihre<span class="pagenum" id="Seite_442">[S. 442]</span> ungeheure Einsamkeit und Verlorenheit im All, +die sich durch die gesamte abendländische Kunst wie eine unendliche +Melodie hinzieht. Nichts ist einsamer als ein Bildnis Rembrandts, +als eine Fuge von Bach, ein Quartett von Beethoven. Wir haben das +attische Drama in seiner grandiosen Einseitigkeit und Unnatur gar nicht +verstanden. Der bloße Text, wie wir ihn heute <em class="gesperrt">lesen</em> — nicht +ohne unvermerkt den Geist Goethes und Shakespeares und unsre ganze +Kraft perspektivischen Sehens hineinzutragen — kann von dem tiefern +Sinn dieses Dramas <em class="gesperrt">nichts</em> geben. Antike Kunstwerke sind nur +für das antike Auge, und zwar das leibliche Auge geschaffen. Erst die +sinnliche Form der Darstellung schließt die eigentlichen Geheimnisse +auf. Ein Drama des Äschylus ist eine viel komplexere Einheit, als wir, +an das einsame Studium von Lesedramen gewöhnt — und an eine „innere +Bühne“ also voller schrankenloser, die reale Darstellbarkeit weit +überschreitender Möglichkeiten —, meist annehmen. Der antike Mensch +war Zuschauer, nicht Leser, mit dem Leibe eher dabei als mit der +„Seele“, und der Verlust beinahe aller Meisterdramen des Äschylus und +Sophokles beweist, wie wenig ihm das Aufgeschriebene an sich, ohne die +Szene, bedeutet hat. Euripides, dessen Werke eher sozialphilosophische +Traktate sind, macht eine bezeichnende Ausnahme.</p> + +<p>Die antike Seele, die nichts ist als die verwirklichte <em class="gesperrt">Form des +antiken Leibes</em> — Aristoteles hat da, in seiner Lehre von der +Entelechie, das apollinische Lebensgefühl vollkommen richtig formuliert +—, weiß nichts von einer nachschaffenden Phantasie. Sie war an die +Szene mit der den Hintergrund schroff abschließenden Bühnenwand +gebunden. Mit dem wirklichen, von der südlichen Sonne überstrahlten +Vorgang war das Kunstwerk des Sophokles erschöpft. Führen wir, deren +Leib ein physiognomischer Ausdruck der faustischen Seele ist, wie +die Porträtkunst lehrt, aber heute ein Drama von ihm auf, so ist es +kein antikes Drama mehr. Wir sehen mit andern Augen und nicht nur mit +den leiblichen Augen und bemerken nun freilich den Gespensterschritt +starrer Puppen nicht mehr, der ein Sinnbild jenes uns so fremden +Lebensgefühls war. Wir sind geneigt, über derlei „Äußerlichkeiten“ +hinwegzusehen und vergessen, daß die antike Kultur nur Äußerliches +als wirklich anerkennt,<span class="pagenum" id="Seite_443">[S. 443]</span> daß die Tiefe dieses Seelentums nur im +Sinnlich-Nahen liegt. Nichts kann das euklidische Lebensgefühl +deutlicher machen als eben das Element des Chores. Der Chor ist +die griechische <em class="gesperrt">Urtragödie</em>, die Urklage über den Jammer des +menschlichen Seins und der Dialog in den Chorpausen — feierlich und +keineswegs „dem Leben abgelauscht“ — eine späte Zutat. Dieser Chor +als Menge, als der ideale Gegensatz zum einsamen, zum innerlichen +Menschen, zum Monolog der abendländischen Szene, dieser Chor, der immer +anwesend bleibt, vor dem sich alle „Selbstgespräche“ abspielen, der +die Angst vor dem Grenzenlosen, Leeren auch im Bühnenbilde vertreibt +— das ist apollinisch. Die Selbstbetrachtung als <em class="gesperrt">öffentliche</em> +Tätigkeit, die prunkvolle öffentliche Klage statt des Schmerzes im +einsamen Kämmerlein (— „wer nie die kummervollen Nächte auf seinem +Bette weinend saß“ —), das tränenreiche Jammergeschrei, das eine ganze +Reihe von Dramen wie den Philoktet und die Trachinierinnen füllt, die +Unmöglichkeit, allein zu bleiben, der Sinn der Polis, all das Weibliche +dieser Kultur, wie es der Idealtypus des Apoll von Belvedere verrät, +offenbart sich im Symbol des Chores. Dieser Art von Drama gegenüber +ist das Shakespeares ein einziger Monolog. Selbst die Zwiegespräche, +selbst die Gruppenszenen lassen die ungeheure <em class="gesperrt">innere</em> Distanz +dieser Menschen empfinden, von denen jeder im Grunde nur mit sich +selbst spricht. Nichts vermag diese seelische Ferne zu durchbrechen. +Man fühlt sie im Hamlet wie im Tasso, im Don Quijote wie im Werther, +aber sie ist schon im Parzeval in ihrer ganzen Unendlichkeit Gestalt +geworden; sie unterscheidet die gesamte abendländische Poesie von der +gesamten antiken. Unsre ganze Lyrik, von Walther von der Vogelweide +bis auf Goethe, bis auf die Lyrik der sterbenden Weltstädte herab ist +monologisch, die antike Lyrik ist eine Lyrik im Chor, eine Lyrik vor +Zeugen. Die eine wird innerlich aufgenommen, im wortlosen Lesen, als +unhörbare Musik, die andre wird öffentlich rezitiert. Die eine gehört +dem schweigenden Raume — als Buch, das überall zu Hause ist —, die +andre dem Platz, an dem sie erklingt.</p> + +<p>Die Kunst des Thespis entwickelt sich deshalb, obwohl die Mysterien +von Eleusis und die thrakischen Feste der Epiphanie<span class="pagenum" id="Seite_444">[S. 444]</span> des Dionysos +nächtlich gewesen waren, mit innerster Notwendigkeit zu einer Szene +des Vormittags und des vollen Sonnenlichts. Aus den abendländischen +Volks- und Passionsspielen dagegen, die aus der Predigt mit verteilten +Rollen hervorgegangen sind und erst von Klerikern in der Kirche, später +von Laien auf dem freien Platz davor, und zwar an den Vormittagen +der hohen Kirchenfeste (Kirmessen) vorgetragen wurden, entstand +unvermerkt eine Kunst des Abends und der Nacht. Schon zu Shakespeares +Zeiten spielte man am Spätnachmittag und dieser mystische Zug, der +das Kunstwerk der ihm zugehörigen Helligkeit annähern will, hatte zur +Zeit Goethes sein Ziel erreicht. Jede Kunst, jede Kultur überhaupt +hat ihre bedeutsame Tagesstunde. Die kontrapunktische Musik ist die +Kunst der Dunkelheit, wo das innere Auge erwacht, die attische Plastik +die des vollen Lichtes. Wie tief diese Beziehung reicht, beweisen, +die gotische Plastik mit der sie umhüllenden ewigen Dämmerung und die +ionische Flöte, das Instrument des hohen Mittags. Die Kerze bejaht, +das Sonnenlicht verneint den Raum gegenüber den Dingen. In den Nächten +siegt der Weltraum über die Materie, im Lichte des Mittags verleugnen +die Dinge den Raum. So unterscheiden sich das attische Fresko und die +nordische Ölmalerei. So wurden Helios und Pan antike, der Sternenhimmel +und die Abendröte faustische Symbole. Auch die Seelen der Toten +gehen mitternachts um, vor allem in den zwölf langen Nächten nach +Weihnachten. Die antiken Seelen gehörten dem Tage. Noch die alte Kirche +hatte vom δωδεκαήμερον, den zwölf geweihten Tagen, geredet; mit dem +Erwachen der abendländischen Kultur wurde die „Zwölftnacht“ daraus.</p> + +<p>Die antike Vasen- und Freskomalerei — man hat das noch nie bemerkt — +kennt keine Tageszeit. Kein Schatten zeigt den Stand der Sonne, kein +Himmel die Gestirne an; es herrscht reine, <em class="gesperrt">zeitlose Helligkeit</em>. +Das Atelierbraun der klassischen Ölmalerei entwickelte sich mit +gleicher Selbstverständlichkeit zum Gegenteil, einer imaginären, von +der Stunde unabhängigen Dunkelheit, der eigentlichen Atmosphäre des +faustischen Seelenraumes. Stete Helle und stete Dämmerung trennen in +der Tat antike und westeuropäische Malerei, antike und westeuropäische +Bühne voneinander. Und darf man nicht auch die euklidische<span class="pagenum" id="Seite_445">[S. 445]</span> Geometrie +eine Mathematik des Tages, die Analysis eine der Nacht nennen?</p> + +<p>Man wird die Beziehung jener plastischen Geometrie zum Szenenbild des +Dionysostheaters — mit Chor, Maske, Kothurn und den drei Einheiten — +nicht verkennen und ebensowenig die der Analysis zum unkörperlichen +Szenenbilde unsres Dramas, dem umrahmten Bühnenausschnitt in +künstlichem Lichte und mit perspektivischem Horizont, der den Weltraum +bedeutet. Gerade die raumfeindliche euklidische Körperlehre macht das +Prinzip der „Einheit des Ortes“ begreiflich. Jeder Szenenwechsel, +der die Phantasie zu einer Einheit höherer, nicht sinnlicher Ordnung +heraufruft, sprengt die rein stoffliche Gegenwart, bezieht den Weltraum +ein, wirkt perspektivisch, richtunggebend, musikalisch und zerstört den +stereometrischen, statuenhaften Aspekt, in dem alle Bedeutung für den +antiken Zuschauer beschlossen liegt.</p> + +<p>Für die Griechen sicherlich eine Art profanen Frevels, ist der +Szenenwechsel für uns beinahe ein religiöses Bedürfnis, eine Forderung +der innern Wahrheit. In der gleichbleibenden Szene des Tasso liegt +etwas Heidnisches. Wir empfinden das als Unnatur. Wir brauchen +innerlich ein Drama voller Perspektiven und weiter Hintergründe, +eine Bühne, die alle sinnlichen Schranken aufhebt und die ganze Welt +in sich zieht. Shakespeare, der geboren wurde, als Michelangelo +starb, und zu dichten aufhörte, als Rembrandt zur Welt kam, hat +das Maximum von Unendlichkeit, von leidenschaftlicher Überwindung +aller statischen Gebundenheit erreicht. Seine Wälder, Meere, Gassen, +Gärten, Schlachtfelder liegen im Fernen, Grenzenlosen. Jahre fliehen +in Minuten vorüber. Der wahnsinnige Lear zwischen dem Narren und +dem tollen Bettler im Sturm auf der nächtlichen Heide, das Ich +in tiefster Einsamkeit im Raume verloren — das ist faustisches +Lebensgefühl. Man wird bemerken, daß — wie im Ölgemälde, dessen +infinitesimaler Geist mit dem der tragischen Szene völlig identisch +ist — auch im Szenenbilde die charakteristische Landschaft eine +vorwiegende Rolle spielt, und auch das schlägt die Brücke hinüber zu +den innerlich gesehenen, erfühlten Landschaften der Musik, daß die +Bühne der elisabethanischen Zeit das alles <em class="gesperrt">nur bezeichnet</em>, +während das<span class="pagenum" id="Seite_446">[S. 446]</span> geistige Auge sich aus spärlichen Andeutungen ein Bild +der Welt entwirft, in welcher die Szenen sich abspielen und die eine +Illusionsbühne niemals hätte verifizieren können. Der Renaissance +gegenüber entsteht ein Trieb nach dem Freien, Unbegrenzten, +Nichtoptischen, in dem für uns der tiefere Sinn aller Natur liegt, und +wo umschlossene Räume notwendig werden, weist eine offene Halle oder +ein Fenster in die Ferne. Die griechische Szene ist niemals Landschaft; +sie ist überhaupt nichts. Man darf sie höchstens als die Basis +wandelnder Statuen bezeichnen. Die Figuren sind alles, auf dem Theater +wie im Fresko. Hier erinnere man sich der viel bemerkten, aber nie +wirklich aufgeklärten Tatsache, daß „der antike Mensch kein Naturgefühl +in unserm Sinne“ besitzt. Hier ist der Grund. Das apollinische +Tiefenerlebnis, das Ursymbol des σῶμα, hat einen andern <em class="gesperrt">Begriff von +Natur</em> zur Folge. Das faustische Naturgefühl ist ein Gefühl des +Unendlichen, das durch und über den Dingen sich manifestiert, der Natur +als Raum. Dies Gefühl hat die echte Szene Goethes und Shakespeares +geschaffen und würde darüber weit hinausgeführt haben, hätte das antike +Vorbild den Willen dazu nicht gelähmt. Die Natur des Griechen war etwas +andres, uns so fremd, daß wir sie als solche nicht erkannt haben und +das Gefühl von <em class="gesperrt">ihr</em> ist es, das sich, uns kaum verständlich, in +der Bindung des Sinnlichen durch die drei Einheiten äußert.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_7">7</h4> + +</div> + +<p>Alles Sinnliche aber ist gemeinverständlich. Damit wurde unter allen +Kulturen, die es bisher gab, die antike in den Äußerungen ihres +Lebensgefühls am meisten, die abendländische am wenigsten populär. +Gemeinverständlichkeit ist das Gegenteil von Esoterik. Es ist das +Merkmal einer Schöpfung, die sich jedem Betrachter auf den ersten Blick +mit all ihren Geheimnissen preisgibt; einer Schöpfung, deren Sinn sich +in der Außenseite und Oberfläche verkörpert. Gemeinverständlich ist +in jeder Kultur das, was von urmenschlichen Zuständen und Bildungen +her unverändert geblieben ist, was der Mann von den Tagen der Kindheit +an fortschreitend begreift, ohne eine ganz neue Betrachtungsweise +<em class="gesperrt">erkämpfen</em> zu müssen, überhaupt das, was<span class="pagenum" id="Seite_447">[S. 447]</span> <em class="gesperrt">nicht</em> erkämpft +werden muß, was sich von selbst gibt, was im sinnlich Gegebenen +unmittelbar zutage liegt, nicht durch dasselbe nur angedeutet ist und +nur — von wenigen, unter Umständen von ganz vereinzelten — gefunden +werden kann. Es gibt volkstümliche Ansichten, Werke, Menschen. Jede +Kultur hat ihren ganz bestimmten Grad von Esoterik oder Popularität, +der ihren gesamten Leistungen innewohnt, soweit sie symbolische +Bedeutung haben. Das Gemeinverständliche hebt den Unterschied zwischen +den Menschen auf, hinsichtlich des Umfangs und der Tiefe ihres +Seelischen. Die Esoterik betont ihn, verstärkt ihn. Endlich, auf das +ursprüngliche Tiefenerlebnis des zum Selbstbewußtsein erwachenden +Menschen angewendet und damit auf das Ursymbol seines Daseins und den +Stil seiner Umwelt bezogen: zum Ursymbol des Körperhaften gehört die +rein populäre, „<em class="gesperrt">naive</em>“, zum Symbol des unendlichen Raumes die +ausgesprochen unpopuläre Beziehung zwischen Kulturschöpfungen und +den dazu gehörigen Kulturmenschen. Populär ist die Helle und Nähe, +der Vordergrund, das Augenblickliche und Gegenwärtige, in dem die +unmittelbare Sinnesempfindung über den Raum siegt. Populär ist jede +Wissenschaft, welche die nächsten und greifbarsten Motive aufsucht +und ihrer innern Struktur nach sich in ihnen erschöpft und erschöpfen +<em class="gesperrt">kann</em>. Die Ferne weist ab; sie legt Raum zwischen sich und die +Menschen; sie fordert Überwindung, Willen, Kraft; sie wird damit den +wenigsten zugänglich. Die Nähe bietet sich jedermann an.</p> + +<p>Die antike Geometrie ist die des Kindes, die eines jeden Laien. +Euklids Elemente der Geometrie werden noch heute in England als +Schulbuch gebraucht. Der Alltagsverstand wird sie stets für die einzig +richtige und wahre halten. Alle andern Arten natürlicher Geometrie, +die möglich sind und die — in angestrengtester Überwindung des +populären Augenscheins — von uns gefunden wurden, sind nur einem +Kreise berufener Mathematiker verständlich. Die berühmten vier +Elemente des Empedokles sind die jedes naiven Menschen und seiner +„angebornen Physik“. Was Sophokles und Euripides schrieben, begriff +jeder Zuschauer. Ihre Tragik ist die der Orakel, die des Volksglaubens +an Wahrsagung und des <i>deus ex machina</i>, die uns — man denke an +die Braut von Messina und ähnliches —<span class="pagenum" id="Seite_448">[S. 448]</span> unerträglich ist. Für wie viel +Menschen aber sind Wolframs Parzeval, der Sturm, der Tasso wirklich +geschrieben?</p> + +<p>Alles Antike ist — dem pflanzenhaften Lebensgefühl entsprechend — +mit <em class="gesperrt">einem</em> Blick zu umfassen, sei es der dorische Tempel, die +Statue, die Polis, der Götterkult; es gibt keine Hintergründe und +Geheimnisse. Aber man vergleiche daraufhin eine gotische Domfassade +mit den Propyläen, eine Radierung mit einem Vasengemälde, die Politik +des athenischen Volkes mit der modernen Kabinettspolitik. Man bedenke, +wie jedes unsrer epochemachenden Werke der Poesie, der Politik, der +Wissenschaft eine ganze Literatur von Erklärungen hervorgerufen +hat, mit sehr zweifelhaftem Erfolge dazu. Die Parthenonskulpturen +des Phidias waren für jeden Hellenen da, die Musik Bachs und seiner +Zeitgenossen war eine Musik für Musiker. Wir haben den Typus des +Rembrandtkenners, des Dantekenners, des Kenners der kontrapunktischen +Musik und es ist — mit Recht — ein Einwand gegen Wagner, daß der +Kreis der Wagnerianer allzu weit geworden ist, daß allzu wenig von +seiner Musik <em class="gesperrt">nur</em> dem gewiegten Musiker vorbehalten bleibt. +Aber eine Gruppe von Phidiaskennern? Oder gar Homerkennern? Hier +wird eine Reihe von Phänomenen verständlich, als Symptomen des +abendländischen Lebensgefühls, die man bisher geneigt war, als +allgemein menschliche Beschränktheiten moralphilosophisch oder wohl +richtiger melodramatisch aufzufassen. Der „unverstandene Künstler“, der +„verhungernde Poet“, der „verhöhnte Erfinder“, der Denker, „der erst +in Jahrhunderten begriffen wird“ — das sind Typen einer exklusiven +und esoterischen Kultur. Das Pathos der Distanz, in dem sich der Hang +zum Unendlichen und also der Wille zur Macht verbirgt, liegt diesen +Phänomenen zugrunde. Sie sind im Umkreise faustischen Menschentums, und +zwar von der Gotik bis zur Gegenwart ebenso notwendig, als sie unter +apollinischen Menschen undenkbar sind.</p> + +<p>Alle hohen Schöpfer des Abendlandes waren von Anfang bis zu Ende in +ihren eigentlichen Absichten nur einem kleinen Kreise zugänglich. +Michelangelo hat gesagt, daß sein Stil dazu berufen sei, Narren +zu züchten. Gauß hat dreißig Jahre lang seine Entdeckung der +nichteuklidischen Geometrie verschwiegen,<span class="pagenum" id="Seite_449">[S. 449]</span> weil er das „Geschrei der +Böoter“ fürchtete. Aber das gilt von jedem Maler, jedem Staatsmann, +jedem Philosophen. Man vergleiche doch Denker beider Kulturen, +Anaximander, Heraklit, Protagoras mit Giordano Bruno, Leibniz oder +Kant. Man denke daran, daß — außer Schiller — kein deutscher Dichter, +der überhaupt Erwähnung verdient, von Durchschnittsmenschen verstanden +werden kann und daß es in keiner abendländischen Sprache ein Werk von +dem Range und zugleich der Simplizität Homers gibt. Das Nibelungenlied +ist eine spröde und verschlossene Dichtung, und Dante zu verstehen +ist wenigstens in Deutschland selten mehr als eine literarische Pose. +Was es in der Antike nie gab, hat es im Abendlande immer gegeben: die +exklusive Form. Ganze Zeitalter wie die der provencalischen Kultur +und des Rokoko sind im höchsten Grade gewählt und abweisend. Ihre +Ideen, ihre Formensprache sind nur für eine wenig zahlreiche Klasse +von höheren Menschen vorhanden. Gerade daß die Renaissance, diese +vermeintliche Wiedergeburt der — so gar nicht exklusiven, in ihrem +Publikum so gar nicht wählerischen — Antike keine Ausnahme macht, +daß sie durch und durch die Schöpfung der Medici und <em class="gesperrt">einzelner</em> +erlesener Geister war, ein Geschmack, der die Menge von vornherein +abwies, daß im Gegenteil das Volk von Florenz gleichgültig, erstaunt +oder unwillig zusah und gelegentlich, wie im Falle Savonarolas, mit +Vergnügen die Meisterwerke zerschlug und verbrannte, beweist, wie tief +diese Seelenferne geht. Denn die attische Kultur besaß jeder Bürger. +Sie schloß keinen aus und sie kannte deshalb den <em class="gesperrt">Unterschied von +tief und flach</em>, der für die faustische Sphäre von entscheidender +Bedeutung ist, überhaupt nicht. Populär und flach sind für uns +Wechselbegriffe, in der Kunst wie in der Wissenschaft; für antike +Menschen sind sie es nicht. „Oberflächlich aus Tiefe“ hat Nietzsche die +Griechen einmal genannt.</p> + +<p>Man betrachte daraufhin unsre Wissenschaften, die alle, ohne Ausnahme, +neben elementaren Anfangsgründen „höhere“, dem Laien unverständliche +Gebiete haben — auch dies ein Symbol des Unendlichen und der +Richtungsenergie. Es gibt bestenfalls tausend Menschen auf der +Welt, für welche heute die letzten Kapitel der theoretischen Physik +geschrieben werden. Gewisse<span class="pagenum" id="Seite_450">[S. 450]</span> Probleme der modernen Mathematik sind +nur einem noch viel engern Kreise zugänglich. Alle volkstümlichen +Wissenschaften sind heute von vornherein wertlose, verfehlte, +verfälschte Wissenschaften. Wir haben nicht nur eine Kunst für +Künstler (<i>l’art pour l’art</i>), sondern auch eine Mathematik für +Mathematiker, eine Politik für Politiker — von der das <i>profanum +vulgus</i> der Zeitungsleser keine Ahnung hat,<a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[100]</a> während die antike +Politik niemals über den geistigen Horizont der ἀγορά hinausging — +und und eine Poesie für Philosophen. Man kann den beginnenden Verfall +der abendländischen Wissenschaft, der schon deutlich fühlbar ist, +allein an dem Bedürfnis nach einer Wirkung ins Breite ermessen; daß +die strenge Esoterik der Barockzeit als drückend empfunden wird, +verrät die sinkende Kraft, die Abnahme des Distanzgefühls, das diese +Schranke ehrfürchtig <em class="gesperrt">anerkennt</em>. Die wenigen Wissenschaften, die +heute noch ihre ganze Feinheit, Eleganz und Energie des Schließens und +Folgerns bewahrt haben und nicht vom Feuilletonismus angegriffen sind +— es sind nicht mehr viele: die theoretische Physik, die Mathematik, +die katholische Dogmatik, vielleicht noch die Jurisprudenz —, wenden +sich an einen engen, gewählten Kreis von Kennern. <em class="gesperrt">Der Kenner aber +ist es, der mit seinem Gegensatz, dem Laien, der Antike fehlt, wo jeder +alles kennt.</em> Für uns hat diese <em class="gesperrt">Polarität</em> von Kenner und +Laie den Rang eines großen Symbols und wo die Spannung dieser Distanz +nachzulassen beginnt, da erlischt das faustische Lebensgefühl.</p> + +<p>Dieser Zusammenhang gestattet für die letzten Stadien der +abendländischen Geistigkeit — also für die nächsten zwei, vielleicht +nicht einmal zwei Jahrhunderte — den Schluß, daß, je höher die +weltstädtische Leere und Trivialität der öffentlich und „praktisch“ +gewordenen Künste und Wissenschaften steigt, desto strenger sich der +posthume Geist der Kultur in sehr enge Kreise zurückziehen und dort +ohne Zusammenhang mit der Öffentlichkeit an Gedanken und Formen wirken +wird, die nur einer äußerst geringen Anzahl von bevorzugten Menschen +etwas bedeuten können.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_451">[S. 451]</span></p> + +<h4 id="Form_der_Seele_8">8</h4> + +</div> + +<p>Kein antikes Kunstwerk sucht eine Beziehung zum Betrachter. Das +hieße den unendlichen Raum, in dem das einzelne Werk sich verliert, +durch dessen Formensprache bejahen, ihn in die Wirkung einbeziehen. +Eine attische Statue ist vollkommen euklidischer Körper, zeitlos und +beziehungslos, durchaus in sich abgeschlossen. Sie schweigt. Sie +hat keinen Blick. <em class="gesperrt">Sie weiß nichts vom Zuschauer.</em> Wie sie im +Gegensatz zu den plastischen Gebilden aller andern Kulturen ganz für +sich steht und sich in keine größere architektonische Ordnung einfügt, +so steht sie unabhängig neben dem antiken Menschen, Körper neben +Körper. Er empfindet ihre bloße <em class="gesperrt">Nähe</em>, ihre ruhende Form, nicht +ihre Macht, keine den Raum durchdringende Wirkung. So äußert sich das +apollinische Lebensgefühl.</p> + +<p>Die erwachende magische Kunst kehrte alsbald den Sinn dieser Formen +um. Das Auge der Statuen und Porträts konstantinischen Stils richtet +sich groß und starr auf den Betrachter. Es repräsentiert die höhere +der beiden Seelensubstanzen, das Pneuma. Die Antike hatte das Auge +blind gebildet; jetzt wird die Pupille gebohrt, das Auge wendet sich, +unnatürlich vergrößert, in den Raum hinein, den es in der attischen +Kunst nicht als seiend anerkannt hatte. Im antiken Freskogemälde waren +die Köpfe einander zugewendet; jetzt, in den Mosaiken von Ravenna und +schon in den Reliefs der altchristlich-spätrömischen Sarkophage, wenden +sie sich sämtlich dem Betrachter zu und heften den durchgeistigten +Blick auf ihn. Eine geheimnisvoll eindringliche Fernwirkung geht, +höchst unantik, von der Welt im Kunstwerk in die Sphäre des Zuschauers +hinüber. Noch in den frühflorentinischen und frührheinischen Bildern +auf Goldgrund ist etwas von dieser Magie zu spüren.</p> + +<p>Und nun betrachte man die abendländische Malerei, von Lionardo an, wo +sie zum vollen Bewußtsein ihrer Bestimmung gelangt ist. Wie begreift +sie den <em class="gesperrt">einen</em> unendlichen Raum, dem das Werk <em class="gesperrt">und</em> +der Zuschauer, beide bloße Schwerpunkte dynamischer Seelenkräfte, +angehören? Das volle faustische Lebensgefühl, die Leidenschaft der +dritten Dimension, ergreift die Form des „Bildes“, der einfachen, +farbig behandelten Fläche, und gestaltet<span class="pagenum" id="Seite_452">[S. 452]</span> sie in unerhörter Weise +um. Das Gemälde bleibt nicht für sich, es richtet sich nicht auf den +Zuschauer; <em class="gesperrt">es nimmt ihn in seine Sphäre auf</em>. Der durch den +Bildrahmen begrenzte Ausschnitt — das Guckkastenbild, das getreue +Seitenstück des Bühnenbildes — repräsentiert den Weltraum selbst. +Vordergrund und Hintergrund verlieren ihre stofflich-nahe Tendenz +und schließen auf, statt abzugrenzen. Ferne Horizonte vertiefen +das Bild ins Unendliche; die farbige Behandlung der Nähe löst die +ideale vordere Scheidewand der Bildfläche auf und erweitert den +Bildraum so, daß der Betrachter in ihm weilt. Die Überschneidungen +durch den Rahmen, die seit 1500 immer häufiger und kühner werden, +entwerten auch die seitliche Grenze. Der hellenische Betrachter eines +polygnotischen Fresko stand <em class="gesperrt">vor</em> dem Bilde. Wir „versenken“ +uns in ein Bild von Rubens und Lorrain, d. h. wir werden durch die +Gewalt der Raumbehandlung in das Bild gezogen. Damit ist die Einheit +des Weltraumes hergestellt. In dieser durch das Bild imaginierten +Unendlichkeit herrscht nun die abendländische Perspektive.</p> + +<p>Das Problem der Perspektive ist ein metaphysisches. Was das +Tiefenerlebnis für den seelisch erwachenden Kulturmenschen bedeutet, +das plötzliche Werden einer ihm allein zugehörigen Welt, das wiederholt +sich in jeder dieser großen Künste, die auf einer <em class="gesperrt">Fläche</em> ein +Stück Welt, ein Ausgedehntes von bedeutsamem Typus geben wollen. +Es gibt eine Vielzahl möglicher Perspektiven, deren jede eine +Weltanschauung repräsentiert, und die Wahl, welche die Malerei einer +Kultur hier mit unbedingter Notwendigkeit trifft, hat den Rang eines +Symbols.</p> + +<p>Betrachtet man Ölgemälde der abendländischen, Vasenbilder der antiken, +Reliefs der ägyptischen, Mosaiken der arabischen und Bildrollen +der chinesischen Kultur, so findet man, daß das ganz Einzige der +faustischen Seele das Bedürfnis eines <em class="gesperrt">idealen Mittelpunktes</em> +im Unendlichen, eines dynamischen Zentrums ist. Dies ist der Sinn +der westeuropäischen Perspektive in Bild, Bühne und Park, des +Durchblicks vom Portal zum Hochaltar der Dome, des Anfangspunktes +mathematischer und physikalischer Kraftsysteme. Diese Perspektive +wählt einen <em class="gesperrt">Konvergenzpunkt</em>, der nun seinerseits das Ich zum +funktionalen Schwerpunkt der Welt macht. Das ist Richtungsenergie, +Wille zur Macht.<span class="pagenum" id="Seite_453">[S. 453]</span> Dergleichen hat keine andre Kultur gekannt. Das ist +es, was die solipsistische Philosophie des Barock stets gesucht hat. +Ob sie die Welt zur Vorstellung macht, zur Erscheinung des Dinges +an sich durch die Form der geistigen Rezeption, ob sie das Problem +realistisch oder idealistisch faßt, immer ist es das Ich, ohne das +die Welt nicht möglich erscheint. Das Problem ist unlösbar, ein +<em class="gesperrt">inneres</em> Postulat des abendländischen Seelentums. Alle Denker +verloren sich darüber in Widersprüche und Unmöglichkeiten. Nur das +Fundament blieb unerschüttert, das Lebensgefühl, das die <em class="gesperrt">einsame</em> +Seele zum schöpferischen Mittelpunkt des Alls macht. Der Grieche ist +Atom in seinem Kosmos, der Chinese fühlt sein Selbst irgendwo im +weiten Ausgedehnten, wo er sich eine friedliche Insel sucht; nur das +faustische Ich ist Herrscher im Raume, auch im Raume des Gemäldes, das +sich in den vom Blickpunkt aus geordneten Hintergrund verliert und ihn +umschließt.</p> + +<p>Man hat es noch nicht genügend bemerkt, wie zu Beginn der arabischen +Kultur und zwar zugleich in der heidnischen und christlichen Kunst die +antike Bildperspektive — die von unserm Standpunkt aus nur Mangel an +Perspektive, d. h. an Beherrschung eines ausgedehnten Ganzen durch +ein ordnendes Prinzip ist, da hier jeder einzelne Körper <em class="gesperrt">seine +eigne Orientierung</em> besitzt — sich plötzlich umwandelt, das +wunderbare Zeichen eines neuen Weltgefühls, welches das Tiefenerlebnis +vollkommen anders deutet. Am klarsten wird die magische „umgekehrte“ +Perspektive unter den erhaltenen Beispielen am Theodosius-Obelisken +in Konstantinopel: am größten ist die vom Betrachter entfernteste +Figur, am kleinsten die nächste — weil die Gestalt des Kaisers +den Raum beherrscht und von ihm aus die Ordnung empfunden wird. +Die chinesisch-japanische Malerei verdeutlicht das Welterlebnis +einer wieder ganz anders angelegten Seele, der faustischen zwar in +manchem verwandt und auch einem grenzenlosen Ausgedehnten hingegeben, +aber ohne den ordnenden Machtanspruch des Ich. Die chinesische +Philosophie, Konfucius z. B., unterscheidet sich in diesem Punkte +durchaus und in derselben Richtung von der abendländischen. Wie die +fortlaufenden Darstellungen der Rollbilder zeigen, empfindet der +Betrachter das Räumliche vom Mittelgrunde aus, in dem er<span class="pagenum" id="Seite_454">[S. 454]</span> zwanglos, +selbst im Raume verloren statt ihn bildend (Kant), die Tiefe und +Nähe durchstreift, ohne daß auf die Ferne das uns notwendige und +selbstverständliche Schwergewicht gelegt wird. Daher die ostasiatische +<em class="gesperrt">Parallelperspektive</em> (alle Parallelen werden als solche +gezeichnet) im Gegensatz zur faustischen Konvergenzperspektive. Man +faßt das einzelne einzeln auf, nicht das Ganze als eine vom Blick +beherrschte Einheit. Die chinesische Seele fühlt darin der ägyptischen +nicht unähnlich. Auch die auf starke Nahsicht berechneten Reliefs des +Alten Reiches, welche das Hintereinander durch Übereinanderordnung +geben, wollen im Entlangschreiten der Reihe nach aufgefaßt werden — +hier wie dort liegt ein Symbol des <em class="gesperrt">Lebensweges</em> der elementaren +Anordnung zugrunde.</p> + +<p>Die chinesische Landschaft ist also entweder Nah- oder Fernbild, je +nachdem der Mittelgrund, von dem die Bedeutung des Ganzen gleichsam +ausstrahlt, nah oder fern vom Betrachter angenommen worden ist. +Unsere Landschaften, in die wir durch den Rahmen hineinblicken, sind +beides zugleich, unendliche Ferne und unendliche Nähe, durch das +Konvergenzprinzip zusammengefaßt.<a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[101]</a> „Die Ferne ist die Seele der +Landschaft“ — dieser altchinesische Meisterspruch rührt aber dennoch +an den Geist Rembrandts. Erinnern wir uns, daß Landschaften in der +raumverneinenden antiken Kunst undenkbar sind, auch das am Unendlichen +haftende Naturgefühl. Es sind nur diese zwei Kulturen, einander so fern +gelegen, die beide die reine, in die Ferne sich dehnende Landschaft zum +Thema einer großen Kunst erhoben. Es folgt daraus, daß sie <em class="gesperrt">allein +eine Gartenkunst großen Stiles besaßen</em>; die abendländische +wiederholt in ihr das Prinzip der Konvergenzperspektive — der <i>point +de vue</i> der großen Rokokoparks —, die chinesische mit gleicher +Eindringlichkeit der Formensprache das der Parallelperspektive. Ich +möchte hier auch an schöne altdeutsche Rechts- und Gelöbnisformeln +erinnern, die das gleiche Unendlichkeitsgefühl, in starkem Gegensatz +zur plastischen Gegenwärtigkeit des römischen Rechts und der +griechischen Kunst zum Ausdruck bringen. „Immer<span class="pagenum" id="Seite_455">[S. 455]</span> und ewiglich, dieweil +Grund und Grat stehet“; „so weit die Sonne scheint“; „solange als der +Wind die Wolken treibt“; „so weit gehen als der Wind weht und der Hahn +kräht“; „so weit sich das Blaue am Himmel erstreckt“: dies Gefühl ist +es, dem die westeuropäische Landschaftsmalerei eine große Form gegeben +hat.</p> + +<p>Wie tief die Esoterik der faustischen Seele geht, in wie hohem Grade +sie alles und jedes in ihrem Ausdruck erkämpfen mußte, während der +antiken Seele ihre populären Symbole geschenkt wurden, beweist +auch die Geschichte der Perspektive. Unter allen, die bisher als +Ausdruck eines Welterlebnisses in historische Erscheinung traten, +fordert die abendländische den höchsten Grad von Abstraktion, die +peinlichste Strenge der Formgebung. Das Bedürfnis nach ihr taucht +in den Niederlanden zugleich mit der Entstehung des Kontrapunkts +auf, unmittelbar nach Vollendung des gotischen Bausystems. Der +Drang nach diesem Prinzip von höchstem symbolischen Gehalt und die +Kraft, es zu verwirklichen, waren keineswegs gleich. Brunellesco +fand um 1430 wenigstens eine annähernde mathematische Lösung der +Zentralperspektive, sicherlich die einfachste, aber in ihrer +schematischen Enge wenig befriedigend. In der Tat war sie, an Körpern +haftend, nicht durch Luftbehandlung realisierbar, wohl für die +architektonischen Bildkulissen südlicher, nicht aber für die freien +Landschaften nordischer Meister brauchbar. Diese im Grunde plastische +Linienperspektive besitzt eine <em class="gesperrt">antigotische</em> Tendenz und bestimmt +den allgemeinen Stil der Renaissancemalerei ebenso wie die Wahl ihrer +Entwürfe. Sie bildet den Raum durch seine <em class="gesperrt">körperhaften</em> Grenzen, +nicht den Raum an sich. Das entspricht durchaus dem florentinischen, +aber schon nicht mehr dem venezianischen Formgefühl. Die deutschen +Meister haben immer mehrere Konvergenzpunkte, wodurch sie den Schein +einer unkörperlichen Freiheit bewahren. Im Grunde hat man eine +mathematische Präzision, die ein Verkennen des tiefern Sinnes der +Malerei bedeuten würde, nie erstrebt. Wie schwer aber selbst die +Zentralperspektive zu verwirklichen ist, beweist die Tatsache, daß +Maler und Bildhauer der Frührenaissance sich den perspektivischen +Grundriß ihrer Bilder und Reliefs von andern einzeichnen ließen. So +hat Brunellesco das für Masaccio<span class="pagenum" id="Seite_456">[S. 456]</span> und Donatello getan. Die Ölmalerei +ging dann mit steigender Entschiedenheit von der linearen zur +atmosphärischen Perspektive über, mathematisch gesprochen und an einem +gleichzeitigen Phänomen verdeutlicht von der Koordinatengeometrie zur +reinen funktionalen Analysis, denn die reine Landschaftsperspektive +wird nur durch die Funktionen der Farbentöne verwirklicht. Es ist der +Schritt vom zeichnerischen zum malerischen Stil, und in diesem Sinne +hat die faustische Konvergenzperspektive ihre letzte Fassung, die jeden +Rest linearer, d. h. renaissancemäßiger Tiefenbehandlung ausschloß, in +der Freilichtmalerei des 19. Jahrhunderts erhalten.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_9">9</h4> + +</div> + +<p>Das faustische Lebensgefühl knüpft nun das perspektivische Rahmenbild +an ein astronomisches Weltbild von einer ungeheuren Leidenschaft im +Durchdringen unendlicher Raumfernen.</p> + +<p>Der apollinische Mensch hatte den Weltraum nie bemerken <em class="gesperrt">wollen</em>; +seine philosophischen Systeme schweigen sämtlich von ihm. Sie kennen +nur Probleme der greifbar wirklichen Dinge, und dem „zwischen den +Dingen“ haftet nichts irgendwie Positives und Bedeutsames an. Sie +nehmen die Erde, auf der sie stehen, als die schlechthin gegebene +ganze Welt und nichts wirkt für den, der hier noch die innersten und +geheimsten Gründe zu sehen vermag, grotesker als die immer wiederholten +Versuche, das Himmelsgewölbe der Erde theoretisch so zuzuordnen, +daß deren symbolischer Vorrang in keiner Weise angetastet wird. +Eine Art metaphysischer Angst trieb hier zu Entwürfen, wie sie der +Gestaltungskraft der antiken Seele — man denke an den Mythus und +seine immer höchst stofflichen Bildungen — sonst ganz fern liegen. +Wir haben das Schauspiel großartiger Astronomien in der ägyptischen, +babylonischen, arabischen Kultur und mitten unter ihnen den antiken +Menschen, der gleichgültig oder besorgt um sein euklidisches Weltbild +zusieht. Wie dürftig sind die wenigen nacherzählten Angaben in seiner +Philosophie und wo wäre der Denker im Athen des Perikles, der sich +eine Sternwarte erbaut und <em class="gesperrt">eigne</em> Gedanken über ein Weltsystem +gehabt hätte! Es sei noch einmal erwähnt, daß gerade damals in Athen +ein Volksbeschluß durchging, der die Verbreitung astronomischer<span class="pagenum" id="Seite_457">[S. 457]</span> +Theorien mit den schwersten Strafen bedrohte. Daß die Erde Kugelgestalt +besitzt, das heißt, daß sie in einem gewaltigen Raume schwebt, war +ihnen wiederholt bewiesen worden. Pythagoras wußte es schon. Aber man +ließ den Gedanken nicht ins Innere der Seele dringen und hielt das +Weltgefühl unabhängig davon. Man vergaß ihn immer wieder, weil man ihn +vergessen <em class="gesperrt">wollte</em>.</p> + +<p>Und damit vergleiche man die erschütternde Vehemenz, mit welcher die +Entdeckung des Kopernikus, dieses „Zeitgenossen“ des Pythagoras, die +Seele des Abendlandes durchdrang, und die tiefe Inbrunst, mit welcher +Kepler die Gesetze der Planetenbahnen entdeckte, die ihm als eine +unmittelbare Offenbarung Gottes erschienen; er wagte bekanntlich +nicht an ihrer kreisförmigen Gestalt zu zweifeln, weil jede andre ihm +ein Symbol von zu geringer Würde darzustellen schien. Hier kam das +altnordische Lebensgefühl, die Wikingersehnsucht nach dem Grenzenlosen, +zu ihrem Rechte. Dies gibt der echt faustischen Erfindung des Fernrohrs +einen tiefen Sinn. Indem es in Räume eindringt, die dem bloßen Auge +verschlossen bleiben, an denen der Wille zur Macht über den Weltraum +eine Grenze findet, <em class="gesperrt">erweitert</em> es das All, das wir „besitzen“. +Das wahrhaft religiöse Gefühl, das den heutigen Menschen ergreift, +der zum erstenmal diesen Blick in den Sternenraum tun darf, ein +Machtgefühl, dasselbe, das Shakespeares größte Tragödien erwecken +wollen, wäre einem Sophokles als der Frevel aller Frevel erschienen.</p> + +<p>Das Pathos des kopernikanischen Weltbewußtseins, das ausschließlich +unsrer Kultur angehört und — ich wage hier eine Behauptung, die +heute noch ungeheuer paradox erscheinen wird — in ein <em class="gesperrt">gewaltsames +Vergessen der Entdeckung</em> umschlagen würde und wird, sobald sie der +Seele einer künftigen Kultur bedrohlich erscheint, dies Pathos beruht +auf der Gewißheit, daß nunmehr dem Kosmos das Körperlich-Statische, das +sinnbildliche Übergewicht des plastischen <em class="gesperrt">Erdkörpers</em>, genommen +ist. Bis dahin befand sich der Himmel, der ebenfalls als substanzielle +Größe gedacht oder mindestens empfunden war, im metaphysischen, +polaren Gleichgewicht zur Erde. Jetzt ist es der <em class="gesperrt">Raum</em>, der +das All beherrscht; „Welt“ bedeutet Raum und die Gestirne sind kaum +mehr als mathematische Punkte, deren Stoffliches<span class="pagenum" id="Seite_458">[S. 458]</span> das Weltgefühl +nicht mehr berührt. Demokrit, der im Namen der apollinischen Kultur +hier eine Körpergrenze schaffen wollte und mußte, hatte sich eine +Schicht hakenförmiger Atome gedacht, die wie eine Haut den Kosmos +abschließt. Demgegenüber steht unser nie gestillter Hunger nach immer +neuen Weltfernen. Das System des Kopernikus hat, zuerst durch Giordano +Bruno, in den Jahrhunderten des Barock eine unermeßliche Erweiterung +erfahren. Wir wissen heute, daß die Summe aller Sonnensysteme — +etwa 35 Millionen — ein geschlossenes Sternensystem bildet, das +nachweisbar endlich ist<a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[102]</a> und die Gestalt eines Rotationsellipsoids +besitzt, dessen Äquator mit dem Bande der Milchstraße annähernd +zusammenfällt. Schwärme von Sonnensystemen durchziehen wie Züge von +wandernden Vögeln mit gleicher Richtung und Geschwindigkeit diesen +Raum. Eine solche Schar bildet unsre Sonne mit den hellen Sternen +Capella, Wega, Atair und Beteigeuze. Die Achse des ungeheuren Systems, +dessen Mitte unsre Sonne gegenwärtig nicht sehr fern steht, wird 470 +Millionen mal so groß als der Abstand von Sonne und Erde angenommen. +Der nächtliche Sternenhimmel gibt uns gleichzeitig Eindrücke, deren +zeitlicher Ursprung bis zu 3700 Jahren auseinanderliegt; so viel +beträgt der Lichtweg von der äußersten Grenze bis zur Erde. Im Bilde +der Historie, das sich vor unsren Augen entfaltet, entspricht das einer +Dauer über die gesamte antike und arabische Kultur zurück bis zum +Höhepunkt der ägyptischen, zur Zeit der 12. Dynastie. Dieser Aspekt +ist für den faustischen Geist erhaben,<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[103]</a> für den apollinischen +wäre er grauenvoll gewesen, eine vollkommene Vernichtung der tiefsten +Bedingungen seines Daseins. Daß eine endgültige Grenze des für uns +Gewordnen und Vorhandnen mit dem Rande des Sternenkörpers statuiert +wird, wäre ihm als Erlösung erschienen. Wir aber haben mit innerster +Notwendigkeit die unausweichliche neue<span class="pagenum" id="Seite_459">[S. 459]</span> Frage: Gibt es <em class="gesperrt">außerhalb</em> +dieses Systems etwas? Gibt es <em class="gesperrt">Mengen</em> solcher Systeme in +Entfernungen, denen gegenüber die hier festgestellten Dimensionen +außerordentlich klein sind? Für die sinnliche Erfahrung erscheint +eine absolute Grenze erreicht; durch diese massenleeren Räume. die +eine bloße <em class="gesperrt">Denknotwendigkeit</em> für uns sind, kann weder das +Licht noch die Gravitation ein Existenzzeichen geben. Die seelische +Leidenschaft, das Bedürfnis nach restloser Verwirklichung unsrer +Daseinsidee in Symbolen aber <em class="gesperrt">leidet</em> unter dieser Grenze unsrer +Sinnesempfindungen.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Form_der_Seele_10">10</h4> + +</div> + +<p>Deshalb haben die Germanen, in deren urmenschlicher Seele das +Faustische sich bereits zu regen begann, in grauer Vorzeit die +<em class="gesperrt">Segelschiffahrt</em> erfunden, die sie vom Festland befreite. +Die Ägypter standen ihr nahe, aber sie zogen nur den Vorteil der +Arbeitsersparnis daraus. Sie fuhren wie früher mit ihren Ruderschiffen +die Küste entlang nach Punt und Syrien, ohne die <em class="gesperrt">Idee</em> der +Hochseefahrt, das Befreiende und Symbolische in ihr zu empfinden. Denn +die Segelschiffahrt überwindet den <em class="gesperrt">euklidischen</em> Begriff des +Landes. Im Anfang des 14. Jahrhunderts erfolgt beinahe gleichzeitig — +und gleichzeitig mit der Erfindung der Ölmalerei und des Kontrapunkts! +— die Erfindung des <em class="gesperrt">Schießpulvers und des Kompasses</em>, also +der <em class="gesperrt">Fernwaffen</em> und des <em class="gesperrt">Fernverkehrs</em>, die beide mit +tiefer Notwendigkeit auch innerhalb der chinesischen Kultur erfunden +worden sind. Es war der Geist der Wikinger, der Hansa, der Geist +jener Urvölker, welche die Hünengräber als die Male einsamer Seelen +auf weiter Ebene aufschütteten — statt der häuslichen Aschenurne der +Hellenen —, die ihre toten Könige auf brennendem Schiffe in die hohe +See treiben ließen, ein erschütterndes Zeichen jener dunklen Sehnsucht +nach dem Grenzenlosen, die sie trieb, auf ihren winzigen Kähnen um +900, als die Geburt der abendländischen Kultur sich ankündigte, die +Küste Amerikas zu erreichen, während die von Ägyptern und Karthagern +bereits ausgeführte Umschiffung Afrikas die antike Menschheit völlig +gleichgültig ließ. Wie statuenhaft ihr Dasein auch hinsichtlich des +Verkehrs war, bezeugt die Tatsache, daß die Nachricht vom<span class="pagenum" id="Seite_460">[S. 460]</span> ersten +punischen Kriege (264–241), einem der gewaltigsten der antiken +Geschichte, nur wie ein dunkles Gerücht von Sizilien nach Athen drang.</p> + +<p>Selbst die Seelen der Griechen waren im Hades versammelt, ohne sich zu +regen, als Schattenbilder (εἴδωλα), ohne Kraft, Wunsch und Empfindung. +Die nordischen Seelen gesellten sich dem „wütenden Heere“ zu, das +rastlos durch die Lüfte schweift und „wiederkehrt“. Der Geist des +Patroklos aber — in jener wundervollen Szene am Schluß der Ilias — +will nur Ruhe finden und fleht deshalb den Freund an, die Bestattung zu +beschleunigen.</p> + +<p>Auf der gleichen Kulturstufe wie die Entdeckungen der Spanier und +Portugiesen erfolgte die große hellenische Kolonisation (1500 +und 750–600). Aber während jene von der Abenteurersehnsucht nach +ungemessenen Fernen und allem Unbekannten und Gefahrvollen besessen +waren, ging der Grieche Punkt für Punkt vorsichtig hinter den bekannten +Spuren der Phöniker und Karthager her, und seine Neugier erstreckte +sich nicht im geringsten auf das, was jenseits der Säulen des Herkules +oder des Roten Meeres lag, so leicht erreichbar es ihm gewesen wäre. +Man hörte in Athen von dem Weg in die Nordsee, nach dem Kongo, nach +Sansibar, nach Indien reden; zur Zeit des Heron war die Lage der +Südspitze Indiens und der Sundainseln bekannt; aber man verschloß +sich dem so gut wie dem astronomischen Wissen des alten Ostens. Die +Kolumbussehnsucht blieb der apollinischen Seele ebenso fremd wie +die Sehnsucht des Kopernikus. Diese auf den Gewinn so versessenen +hellenischen Kaufleute hatten eine tiefe metaphysische Scheu vor der +Ausdehnung des geographischen Horizontes. Auch da hielt man sich +an Nähe und Vordergrund. Das Dasein der Polis, jenes merkwürdige +Ideal des Staates als Statue, war ja nichts als eine Zuflucht vor +der „weiten Welt“ der Germanen. Und dabei ist die Antike unter allen +bisher erschienenen Kulturen die einzige, deren Mutterland nicht auf +der Fläche eines Kontinents, sondern um die Küsten eines Inselmeeres +gelagert war und ein Meer als eigentlichen Schwerpunkt umschloß. +Trotzdem hat nicht einmal der Hellenismus mit seiner intellektuellen +Vorliebe für Technisches sich vom Gebrauche der Ruder befreit, welche +die Schiffe an der Küste hielten. Die Schiffbaukunst konstruierte +damals<span class="pagenum" id="Seite_461">[S. 461]</span> — in Alexandria — Riesenschiffe von 80 m Länge, und man hatte +wieder einmal das Dampfschiff im Prinzip erfunden. Aber es gibt — wir +werden das später sehen — Entdeckungen von dem Pathos eines großen +und <em class="gesperrt">notwendigen</em> Symbols, die etwas sehr Innerliches offenbaren, +und solche, die lediglich ein Spiel des Geistes sind. Das Dampfschiff +ist für den apollinischen Menschen das letzte, für den faustischen das +erste. Erst der Rang im Ganzen des Makrokosmos gibt einer Erfindung und +ihrer Anwendung Tiefe oder Oberflächlichkeit.</p> + +<p>Die Entdeckungen des Kolumbus und Vasco da Gama erweiterten den +geographischen Horizont ins Ungemessene: Das <em class="gesperrt">Weltmeer</em> trat +dem Lande gegenüber in das gleiche Verhältnis wie der Weltraum zur +Erde. Jetzt erst entlud sich die politische Spannung des faustischen +Weltbewußtseins. Für den Griechen war und blieb Hellas das wesentliche +Stück der Erdfläche; mit der Entdeckung Amerikas wurde das Abendland +zur Provinz in einem riesenhaften Ganzen. Von hier an trägt die +Geschichte der nordischen Kultur <em class="gesperrt">planetarischen</em> Charakter.</p> + +<p>Jede Kultur besitzt ihren <em class="gesperrt">eignen</em> Begriff von Heimat und +Vaterland, schwer greifbar, kaum in Worte zu fassen, voller dunkler +metaphysischer Beziehungen, aber trotzdem von unzweideutiger Tendenz. +Das antike Heimatgefühl, das den einzelnen ganz leibhaft und +euklidisch an die Polis band, steht hier jenem rätselhaften Heimweh +des Nordländers gegenüber, das etwas Musikhaftes, Schweifendes und +Unirdisches hat. Der antike Mensch empfindet als Heimat nur, was er +von der Burg seiner Vaterstadt aus übersehen kann. Wo der Horizont +von Athen endet, beginnt die Fremde, der Feind, das „Vaterland“ der +andern. Der Römer selbst der letzten republikanischen Zeit hat unter +<i>patria</i> niemals Italien, auch nicht Latium, stets nur die <i>Urbs +Roma</i> verstanden. Die antike Welt löst sich mit steigender Reife in +eine Unzahl vaterländischer Punkte auf, unter denen ein körperliches +Absonderungsbedürfnis in Gestalt eines Hasses besteht, der den Barbaren +gegenüber nie in dieser Stärke zum Vorschein kommt; und nichts kann das +endgültige Erlöschen des antiken und den Sieg des magischen Weltgefühls +nach dieser Seite hin schärfer kennzeichnen als die Verleihung des +römischen Bürgerrechts an alle Provinzialen durch Caracalla (212). +Damit<span class="pagenum" id="Seite_462">[S. 462]</span> war der antike, statuenhafte Begriff des Bürgers aufgehoben. Es +gab ein „Reich“, es gab folglich auch eine neue Art von Zugehörigkeit. +Bezeichnend ist der entsprechende römische Begriff des Heeres. Es +gab kein „römisches Heer“, wie man vom preußischen Heere spricht; +es gab nur <em class="gesperrt">Heere</em>, d. h. durch Ernennung eines Legaten als +solche, als begrenzte und sichtbar-gegenwärtige Körper bestimmte +Truppenteile („Truppenkörper“), einen <i>exercitus Scipionis</i>, +<i>Crassi</i>, aber keinen <i>exercitus Romanus</i>. Ein verwandter +Unterschied läßt sich zwischen Napoleons <i>Grande Armée</i> und +dem abstrakten, Zeit und Raum überschreitenden Begriff der <i>armée +française</i> feststellen. Erst Caracalla, der durch den erwähnten +Akt den Begriff des <i>civis Romanus</i> tatsächlich aufhob, der +die römische Staatsreligion durch Gleichsetzung der städtischen +Gottheiten mit allen fremden auslöschte, hat auch den — unantiken, +<em class="gesperrt">magischen</em> — Begriff des <em class="gesperrt">kaiserlichen Heeres</em> geschaffen, +das durch die einzelnen Legionen <em class="gesperrt">in Erscheinung tritt</em>, während +altrömische Heere nichts <em class="gesperrt">bedeuten</em>, sondern ausschließlich etwas +<em class="gesperrt">sind</em>. Von nun an ändert sich auf den Inschriften der Ausdruck +<i>fides exercituum</i> in <i>fides exercitus</i>: an Stelle körperlich +empfundener Einzelgottheiten (der Treue, des Glücks der Legion), denen +der Legat opferte, war ein allgemein geistiges Prinzip getreten. Dieser +Bedeutungswandel hat sich auch im Vaterlandsgefühl des Menschen der +Kaiserzeit — <em class="gesperrt">nicht nur des Christen</em> — vollzogen. Heimat ist +dem apollinischen Menschen, solange ein Rest seines Weltgefühls wirksam +ist, im ganz eigentlichen, körperhaften Sinne der Boden, auf dem seine +Stadt erbaut ist. Man wird sich hier der „Einheit des Ortes“ attischer +Tragödien und Statuen erinnern. Dem magischen Menschen, dem Christen, +dem Neuplatoniker, dem Mohammedaner, dem Juden ist sie nichts, was +mit geographischen Wirklichkeiten zusammenhängt. <em class="gesperrt">Uns</em> ist sie +eine ungreifbare Einheit von Natur, Sprache, Klima, Sitte, Geschichte; +nicht Erde, sondern „Land“, nicht punktförmige Gegenwart, sondern +Vergangenheit und Zukunft, nicht eine Einheit von Menschen, Göttern und +Häusern, sondern eine <em class="gesperrt">Idee</em>, die sich mit rastloser Wanderschaft, +mit tiefster Einsamkeit und mit jener urdeutschen Sehnsucht nach dem +Süden verträgt, an der von den Sachsenkaisern bis auf Hölderlin die +Besten gestorben sind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_463">[S. 463]</span></p> + +<p>Die faustische Kultur war deshalb im stärksten Maße erobernd; sie +überwand alle geographisch-stofflichen Schranken; sie hat zuletzt +die Erdoberfläche in ein einziges Kolonialgebiet verwandelt. Was +von Meister Eckart bis auf Kant alle Denker wollten, die Welt „als +Erscheinung“ den Machtansprüchen des erkennenden Ich unterwerfen, das +taten von Otto dem Großen bis auf Napoleon alle Führer. Das Grenzenlose +war das <em class="gesperrt">eigentliche</em> Ziel ihres Ehrgeizes, die Weltmonarchie +der großen Salier und Staufen, die Pläne Gregors VII. und Innozenz +III., jenes Reich der spanischen Habsburger, „in dem die Sonne nicht +unterging“, und der Imperialismus, um den heute der Weltkrieg geführt +wird. Der antike Mensch konnte aus einem inneren Grunde kein Eroberer +sein, trotz des Alexanderzuges, der als romantische Ausnahme und mehr +noch durch den inneren Widerstand der Begleiter lediglich die Regel +bestätigt. Sein pflanzenhaftes Seelentum verbot ihm das Schweifen +in die Ferne. In den Zwergen, Nixen und Kobolden hat die nordische +Seele Wesen geschaffen, die mit einer unstillbaren Sehnsucht aus dem +bindenden Element erlöst sein wollen, einer Sehnsucht nach Fernem +und Freiem, die den griechischen Dryaden und Oreaden unbekannt ist. +Die Griechen gründeten Hunderte von Pflanzstädten am Küstensaum des +Mittelmeeres, aber man findet nicht den geringsten Versuch, erobernd +ins Hinterland zu dringen. Sich fern der Küste ansiedeln hieße die +Heimat aus den Augen verlieren, sich <em class="gesperrt">allein</em> niederlassen, +liegt völlig außerhalb der Möglichkeiten des antiken Menschentums. +Ein Phänomen wie die Auswanderung nach Amerika — jeder einzelne +auf eigene Faust und mit einem tiefen Bedürfnis, allein zu bleiben +—, der Strom der kalifornischen Goldsucher, der Trapper in den +Prärien, der unbändige Wunsch nach Freiheit, Einsamkeit, ungemessener +Selbständigkeit, diese gigantische Verneinung eines noch irgendwie +begrenzten Heimatgefühls ist allein faustisch. Das kennt keine andre +Kultur, auch die chinesische nicht.</p> + +<p>Der hellenische Auswandrer gleicht dem Kinde, das sich an der Mutter +Schürze hält: aus der alten Stadt in eine neue ziehen, die samt +Mitbürgern, Göttern und Gebräuchen das genaue Ebenbild der alten +ist, das gemeinsam befahrene Meer immer vor Augen; dort auf der +Agora die gewohnte Existenz des<span class="pagenum" id="Seite_464">[S. 464]</span> ζῷον πολιτικόν weiterführen — +darüber hinaus durfte der Szenenwechsel eines apollinischen Daseins +nicht getrieben werden. Uns, die wir Freizügigkeit wenigstens als +Menschenrecht und Ideal nicht vermissen können, würde das die ärgste +aller Sklavereien bedeutet haben. Unter diesem Gesichtspunkt hat +man die leicht mißzuverstehende römische Expansion aufzufassen, die +von einer Ausdehnung des <em class="gesperrt">Vaterlandes</em> weit entfernt ist. Sie +hält sich genau innerhalb des Bereiches, das von Kulturmenschen +schon in Besitz genommen war und jetzt ihnen als Beute zufiel. Von +dynamischen Weltmachtplänen im Hohenstaufen- oder Habsburgerstil, von +einem mit der Gegenwart vergleichbaren Imperialismus ist nie die Rede +gewesen. Die Römer haben keinen Versuch gemacht, ins innere Afrika zu +dringen. Sie haben ihre spätern Kriege nur geführt, um ihren Besitz +<em class="gesperrt">sicherzustellen</em>, ohne Ehrgeiz, ohne einen symbolischen Drang +nach Ausbreitung, und sie haben Germanien und Mesopotamien ohne +Bedauern wieder aufgegeben.</p> + +<p>Fassen wir all dies zusammen, den Aspekt der Sternenräume, zu dem +sich das Weltbild des Kopernikus erweitert hat, die Beherrschung der +Erdoberfläche durch den abendländischen Menschen (das „Bleichgesicht“) +im Gefolge der Entdeckung des Kolumbus, die Perspektive der Ölmalerei +und der tragischen Szene und das durchgeistigte Heimatgefühl; fügen wir +die zivilisierte Leidenschaft des schnellen Verkehrs, die Beherrschung +der Luft, die Nordpolfahrten und die Ersteigung kaum zugänglicher +Berggipfel hinzu, so taucht aus allem das Ursymbol der faustischen +Seele, der grenzenlose Raum auf, als dessen Ableitungen wir die +besonderen, in dieser Form rein westeuropäischen Phänomene des Willens, +der Kraft, der Tat aufzufassen haben.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[92]</a> Ursprachen bilden keine Unterlage für abstrakte +Gedankengänge. Am Anfang jeder Kultur erfolgt eine innere Wandlung +der vorhandenen Sprachkörper, die sie zu den höchsten symbolischen +Aufgaben der Kulturentwicklung fähig macht. So entstehen <em class="gesperrt">zugleich +mit dem romanischen Stil</em> das Deutsche aus den germanischen Sprachen +der Frankenzeit und das Französische, Italienische, Spanische aus +der <i>lingua rustica</i> der ehemaligen Römerprovinzen, trotz so +verschiedener Herkunft Sprachen von <em class="gesperrt">identischem</em> metaphysischem +Gehalt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[93]</a> ἐθέλω und βούλομαι heißen die Absicht, den Wunsch haben, +geneigt sein; βουλή heißt <em class="gesperrt">Rat</em>, <em class="gesperrt">Plan</em>; zu ἐθέλω gibt es +überhaupt kein Hauptwort. <i>Voluntas</i> ist kein psychologischer +Begriff, sondern in echt römischem Tatsachensinne wie <i>potestas</i> +und <i>virtus</i> eine Bezeichnung für praktische, äußere, sichtbar +ausgeübte Begabung. Wir gebrauchen in diesem Falle das Fremdwort +Energie. Der Wille Napoleons und die Energie Napoleons — das ist +etwas sehr Verschiedenes. Man verwechsle die nach außen gerichtete +Intelligenz, die den Römer als zivilisierten Menschen vor dem +hellenischen Kulturmenschen auszeichnet, nicht mit dem, was hier +Wille genannt ist. Cäsar ist <em class="gesperrt">nicht</em> Willensmensch im Sinne +Napoleons. Bezeichnend ist der Sprachgebrauch im römischen Recht, +das der Poesie gegenüber das Grundgefühl der römischen Seele viel +ursprünglicher darstellt. Die Absicht heißt hier <i>animus</i> +(<i>animus occidendi</i>), der Wille, der sich auf Strafbares +richtet, <i>dolus</i> im Gegensatz zur ungewollten Rechtsverletzung +(<i>culpa</i>). <i>Voluntas</i> kommt als technischer Ausdruck gar +nicht vor. „Willensfreiheit“ wird in der spätlateinischen Literatur +durch <i>liberum arbitrium</i> nur sehr annäherungsweise gegeben.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[94]</a> Die chinesische Seele „wandelt in der Welt“: dies ist +der Sinn der ostasiatischen Malerperspektive, deren Konvergenzpunkt in +der <em class="gesperrt">Bildmitte</em>, nicht in der Tiefe liegt. Es sei daran erinnert, +daß die antike Malerei eine Perspektive überhaupt nicht kennt. Man +versteht jetzt: dies, die antike Verneinung des Hintergrundes, bedeutet +den Mangel an Richtungsgefühl, an Willen, an Herrschaftsansprüchen +über das „Nicht-Ich“. Durch die Perspektive werden die Dinge dem Ich, +das sie ordnend auffaßt, unterworfen. Und zwar möchte ich, gegenüber +dem mächtigen Zug in die Tiefe, der <em class="gesperrt">unsre</em> Landschaftsmalerei +auszeichnet, von einer <em class="gesperrt">konfucianischen</em> Perspektive der +Ostasiaten reden, womit ein im Bilde wirkendes, nicht mißzuverstehendes +<em class="gesperrt">Weltgefühl</em> angedeutet ist.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[95]</a> Es versteht sich, daß der Atheismus keine Ausnahme +bildet. Wenn der Materialist oder Darwinist der Gegenwart von „der +Natur“ redet, die etwas zweckmäßig anordnet, die eine Auslese trifft, +die etwas hervorbringt oder vernichtet, so hat er dem Deismus des +18. Jahrhunderts gegenüber nur ein Wort verändert und das Weltgefühl +unverändert bewahrt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[96]</a> Der große Anteil, den gelehrte Jesuiten an der +Entwicklung der theoretischen Physik haben, darf nicht übersehen +werden. Der Pater Boscovich war der erste, der über Newton hinausgehend +ein System der Zentralkräfte schuf (1759). Im Jesuitismus ist die +Identifikation Gottes mit dem reinen Raume fühlbarer noch als im +Kreise der Jansenisten von Port Royal, dem die Mathematiker Pascal und +Descartes nahestanden.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[97]</a> Luther hat, und dies ist einer der wesentlichsten Gründe +für die Wirkung des Protestantismus gerade auf tiefere Naturen, die +praktische Tätigkeit — was Goethe die Forderung des Tages nannte — +in den Mittelpunkt der Moral gestellt. Die „frommen Werke“, denen die +Richtungsenergie im hier angegebenen Sinne fehlt, treten unbedingt +zurück. In ihrer Hochschätzung wirkte, wie in der Renaissance, ein +Rest von <em class="gesperrt">südlichem</em> Gefühl. Hier findet man den tiefen ethischen +Grund für die steigende Mißachtung, die das Klosterwesen von nun an +trifft. In der Gotik war der Eintritt ins Kloster, der Verzicht auf die +Sorge, die Tat, das <em class="gesperrt">Wollen</em> ein <em class="gesperrt">Akt</em> von höchster ethischer +Dignität. Es war das höchste denkbare Opfer: das des <em class="gesperrt">Lebens</em>. +Im Barock empfinden selbst Katholiken nicht mehr so. Die Stätte nicht +der Entsagung, sondern des untätigen Genießens fiel dem Geist der +Aufklärung zum Opfer.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[98]</a> Πρόσωπον heißt im älteren Griechisch Gesicht, später in +Athen Maske. Aristoteles hat das Wort in der Bedeutung „Persönlichkeit“ +noch nicht gekannt. Erst der juristische Ausdruck <i>persona</i>, der +ursprünglich die Theatermaske bedeutet, hat in der Kaiserzeit auch dem +griechischen πρόσωπον den prägnanten römischen Sinn gegeben.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[99]</a> Die eleusinischen Mysterien enthielten durchaus keine +Geheimnisse. Jeder wußte, was dort vorging. Aber sie wirkten mit einer +geheimnisvollen Erschütterung auf die Gläubigen und man „verriet“, man +entweihte sie, wenn man ihre heiligen Formen außerhalb der Tempelstätte +nachahmte.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[100]</a> Die große Masse der Sozialisten würde sofort aufhören es +zu sein, wenn sie den Sozialismus der neun oder zehn Menschen, die ihn +heute in seinen äußersten historischen Konsequenzen begreifen, auch nur +von fern verstehen könnte.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[101]</a> Mit dem vom Maler gewählten Standort des Betrachters vor +dem Bilde ist der Konvergenzpunkt im Bilde <em class="gesperrt">notwendig</em> bestimmt. +Für die chinesische Perspektive besteht dieser Zusammenhang nicht.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[102]</a> Nach dem Rande zu nimmt bei wachsender Stärke des +Fernrohres die Zahl der neuerscheinenden Sterne rasch zu.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[103]</a> Das Berauschende großer Zahlen ist ein bezeichnendes +Erlebnis, das nur der Mensch des Abendlandes kennt. In der +gegenwärtigen Zivilisation spielt gerade dies Symbol, die Leidenschaft +für Riesensummen, für unendlich große und unendlich kleine Messungen, +für Rekorde und Statistiken eine ungewöhnliche Rolle.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_465">[S. 465]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Fuenftes_Kapitel_II">II<br> +BUDDHISMUS, STOIZISMUS, SOZIALISMUS</h3> + +</div> + +<h4 id="Buddhismus_11">11</h4> + +<p>Damit ist endlich das <em class="gesperrt">Phänomen der Moral</em> — als der +Interpretation des Lebens durch sich selbst — verständlich geworden. +Hier ist die Höhe erreicht, von der aus ein freier Umblick über dies +weiteste und bedenklichste aller Gebiete menschlichen Nachdenkens +möglich ist. Aber gerade hier tut eine Objektivität not, zu der sich +bisher niemand ernstlich verstanden hat. Mag Moral zunächst sein, +was sie will; ihre <em class="gesperrt">Analyse</em> darf nicht selbst der Teil einer +Moral sein. Nicht was wir tun, was wir erstreben, wie wir werten +<em class="gesperrt">sollen</em>, führt auf das Problem, sondern die Einsicht, daß diese +Fragestellung ihrer Form nach bereits ein Symptom ausschließlich des +abendländischen Weltgefühls ist.</p> + +<p>Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluß einer +ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle +<em class="gesperrt">fordern</em> etwas von den andern. Ein „Du sollst“ wird ausgesprochen +in der Überzeugung, daß hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne +verändert, gestaltet, geordnet werden könne und müsse. Der Glaube +daran und an das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen +und Gehorsam verlangt. Das erst <em class="gesperrt">heißt</em> uns Moral. Im Ethischen +des Abendlandes ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung +in die Ferne. In diesem Punkte sind Luther und Nietzsche, Päpste +und Darwinisten, Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich. +Ihre Moral tritt mit dem Anspruch auf allgemeine und dauernde +Gültigkeit auf. Das gehört zu den Notwendigkeiten faustischen +Seins. Wer anders denkt, fühlt, will, ist schlecht, abtrünnig, ein +<em class="gesperrt">Feind</em>. Man bekämpft ihn ohne Gnade. Der Mensch soll. Der Staat +soll. Die Gesellschaft soll. Diese <em class="gesperrt">Form</em> der Moral<span class="pagenum" id="Seite_466">[S. 466]</span> ist uns +selbstverständlich; sie repräsentiert uns den eigentlichen und einzigen +Sinn aller Moral. Aber das ist ja weder in Indien noch in Hellas so +gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild, Epikur erteilte einen guten +Rat. Auch das sind Grundformen hoher — statischer, willensfreier — +Moralen.</p> + +<p>Wir haben das Exzeptionelle einer moralischen <em class="gesperrt">Dynamik</em> gar nicht +bemerkt. Gesetzt, daß der Sozialismus, ethisch, nicht wirtschaftlich +verstanden, das Weltgefühl ist, welches die eigne Meinung im Namen +aller verfolgt, so sind wir ohne Ausnahme Sozialisten, ob wir es wissen +und wollen oder nicht. Selbst der leidenschaftlichste Gegner aller +„Herdenmoral“, Nietzsche, ist gar nicht fähig, in antikem Sinne seinen +Eifer auf sich selbst zu beschränken. Er denkt nur an „die Menschheit“. +Er greift jeden an, der es anders meint. Aber Epikur war es herzlich +gleichgültig, was andre meinten und taten. Eine Umgestaltung der +Menschheit — daran hat er keinen Gedanken verschwendet. Er und +seine Freunde waren zufrieden, daß <em class="gesperrt">sie</em> so und nicht anders +waren. Das antike Lebensideal war die Interesselosigkeit (ἀπάθεια) +am Lauf der Welt, gerade an dem, dessen Beherrschung dem faustischen +Menschen der ganze Lebensinhalt ist. Der wichtige Begriff der ἀδιάφορα +gehört hierher. Es gibt auch einen <em class="gesperrt">moralischen</em> Polytheismus +in Hellas. Aber der ganze Zarathustra — angeblich jenseits von Gut +und Böse stehend — atmet die Pein, die Menschen so zu sehen, wie man +sie nicht haben will, und die tiefe, so ganz unantike Leidenschaft, +das Leben auf ihre Änderung, im eignen, einzigen Sinne natürlich, +zu verwenden. Und eben das, die <em class="gesperrt">allgemeine</em> Umwertung, ist +<em class="gesperrt">ethischer Monotheismus</em>, ist Sozialismus. Alle Weltverbesserer +sind Sozialisten. Folglich gibt es keine antiken Weltverbesserer.</p> + +<p>Der moralische Imperativ als Form der Moral ist faustisch und nur +faustisch. Es ist völlig belanglos, ob Schopenhauer theoretisch den +Willen zum Leben verneint oder ob Nietzsche ihn bejaht sehen will. +Diese Distinktionen liegen an der Oberfläche. Sie bezeichnen einen +Geschmack, ein Temperament. Wesentlich ist, daß auch Schopenhauer die +ganze Welt als Willen <em class="gesperrt">fühlt</em>, als Bewegung, Kraft, Richtung; +darin ist er der Ahnherr der gesamten ethischen Modernität. Dies +Grundgefühl <em class="gesperrt">ist</em> bereits<span class="pagenum" id="Seite_467">[S. 467]</span> unsre ganze Ethik. Alles andre sind +Nuancen. Was wir Tat, nicht nur Tätigkeit nennen,<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[104]</a> ist ein durch +und durch historischer, von Richtungsenergie gesättigter Begriff. Es +ist die Daseinsbestätigung, die Daseinsweihe einer Art Mensch, dessen +Seele die Tendenz auf Zukünftiges besitzt, der die Gegenwart nicht +als Punkt an sich, sondern stets als <em class="gesperrt">Epoche</em> in einem großen +Zusammenhange des Werdens empfindet, und zwar sowohl im persönlichen +Sein als im Sein der gesamten Geschichte. Die Stärke und Deutlichkeit +dieses Bewußtseins bestimmt den Rang eines faustischen Menschen, aber +selbst der unbedeutendste besitzt etwas davon, das seine geringsten +Lebensakte nach Art und Gehalt von denen <em class="gesperrt">jedes</em> antiken Menschen +unterscheidet. Es ist der Unterschied von Charakter und Attitüde, von +bewußtem Werden und einfach hingenommenem statuenhaften Gewordensein, +von tragischem Wollen und tragischem Dulden.</p> + +<p>Vor den Augen des faustischen Menschen, in seiner Welt ist alles +Bewegtheit einem Ziele zu. Er selbst <em class="gesperrt">lebt</em> unter dieser +Bedingung. Leben heißt für ihn kämpfen, sich durchsetzen. Der Kampf +ums Dasein als ideale Form des Daseins gehört schon der gotischen +Zeit an und liegt ihrer Architektur deutlich genug zugrunde. Das 19. +Jahrhundert hat ihm nur eine mechanistisch-utilitarische Fassung +gegeben. In der Welt des apollinischen, mythischen, ahistorischen +Menschen gibt es keine zielvolle „Bewegung“ — das Werden Heraklits, +ein absicht- und zielloses Spiel, ἡ ὁδὸς ἄνω κάτω, kommt hier nicht in +Frage —, keinen „Protestantismus“, keinen „Sturm und Drang“, keine +ethische, geistige, künstlerische „Umwälzung“, die das Bestehende +bekämpfen und vernichten will. Der ionische und korinthische Stil +treten ohne den Anspruch auf Alleingeltung neben den dorischen. So +findet man sie auf der Akropolis und an Römerbauten verschwistert. +Aber selbst die sich so antik gebärdende Renaissance wurde im Kreise +Brunellescos als energische und ausschließende Bewegung eingeleitet, +in offener Feindschaft gegen<span class="pagenum" id="Seite_468">[S. 468]</span> die Gotik (die kein einziger der +Gründer je in sich überwunden hat). Das Barock hat die Renaissance, +der Klassizismus das Barock angefeindet. Selbst das Mönchtum des +Abendlandes, wie es Franziskaner und Dominikaner darstellen, erscheint +in Gestalt einer Ordens<em class="gesperrt">bewegung</em>, sehr im Gegensatz zur +frühchristlichen, einsiedlerischen Form der Askese.</p> + +<p>Es ist dem faustischen Menschen gar nicht möglich, diese Grundgestalt +seines Daseins zu verleugnen, geschweige zu ändern. Jede Auflehnung +dagegen setzt sie schon voraus. Wer den „Fortschritt“ bekämpft, hält +diese Wirksamkeit doch selbst für einen Fortschritt. Wer für eine +„Umkehr“ agitiert, meint damit eine Weiterentwicklung. „Immoral“ +— das ist nur eine neue Moral, und zwar mit dem gleichen Anspruch +des Vorrangs vor allen andern. Der Wille zur Macht ist intolerant. +Alles Faustische will Alleinherrschaft. Für das apollinische +Weltgefühl — das Nebeneinander vieler Einzeldinge — ist Toleranz +selbstverständlich. Sie gehört zum Stil der willensfremden Ataraxia. +Für die abendländische Welt — den <em class="gesperrt">einen</em> grenzenlosen +Seelenraum, den Raum als Spannung — ist sie Selbsttäuschung oder ein +Zeichen des Erlöschens. Der faustische Instinkt, tätig, willensstark, +in die Ferne und Zukunft gerichtet, fordert Duldung, d. h. <em class="gesperrt">Raum</em> +für die eigne Wirksamkeit, aber <em class="gesperrt">nur</em> für sie. Man bedenke etwa, +welches Maß davon die großstädtische Demokratie der Kirche gegenüber in +deren Handhabung religiöser Machtmittel anzuwenden willens ist, während +sie für sich schrankenlose Anwendung der eignen fordert und, wenn sie +kann, die „allgemeine“ Gesetzgebung daraufhin stimmt. Jede „Bewegung“ +will siegen; jede antike „Haltung“ will nur da sein und kümmert sich +wenig um das Ethos der andern. Für oder gegen die Zeitströmung kämpfen, +Reform oder Umkehr betreiben, aufbauen, umwerten oder zertrümmern — +das ist gleichmäßig unantik (und unindisch). Und gerade das ist der +Unterschied der sophokleischen und shakespeareschen Tragik, der Tragik +des Menschen, der nur da sein, und des Menschen, der siegen will.</p> + +<p>Es ist falsch, das Christentum mit dem moralischen Imperativ in +Verbindung zu bringen. Nicht das Christentum hat den faustischen +Menschen, er hat das Christentum umgeformt. Der Wille zur Macht auch +im Moralischen, die Leidenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_469">[S. 469]</span> seine Moral zur allgemeinen zu +erheben, sie der Menschheit aufzwingen, alle andersgearteten umdeuten, +überwinden, vernichten zu wollen, ist unser eigenstes Eigentum. In +diesem Sinne ist — ein tiefer und noch nie begriffener Vorgang — +die Moral Jesu ein passiv-geistiges, aus dem magischen Weltgefühl +heraus als heilkräftig empfohlenes Verhalten, dessen Kenntnis als eine +besondere Gnade verliehen wird, <em class="gesperrt">in der gotischen Frühzeit innerlich +in eine befehlende umgeprägt worden</em>.<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[105]</a></p> + +<p>Ethik — das ist endlich das unmittelbare, zur Formel erhobene +Gefühl der Seele vom <em class="gesperrt">Schicksal</em>, innerlichste, wahllose +Deutung der eignen Existenz. Im Urseelentum primitiver Völker regen +sich nur dumpfe, dunkle Fragen, aber jede Kultur, jedes erwachende +Seelentum gibt dem Leben einen <em class="gesperrt">Sinn</em>. Im wachen Bewußtsein des +Kulturmenschen haben sich Seele und Welt, Mögliches und Wirkliches als +Pole gesondert. Das Schicksalsproblem (das <em class="gesperrt">Rätsel der Zeit</em>) +taucht auf und der ganze Makrokosmos, die Welt als <em class="gesperrt">Ausdruck</em> der +Seele, ist die Antwort der Seele auf die Frage nach dem Sinn ihres +Seins.</p> + +<p>Die antike Seele empfand ihr Schicksal als Moira, blindes, +augenblickliches, beziehungsloses Ungefähr. Die Tragödie vernichtete +den einzelnen Menschen; die Polis verfügte über ihn nach ihrer +jeweiligen Laune. Das Los des Ödipus, Ajas, Herakles war das +allgemeine. Die stoische Ethik ist die Antwort darauf: dem Leben Größe +im Dulden, einen passiven Heroismus, Leidenschaftslosigkeit (ἀπάθεια), +Bedürfnislosigkeit zu geben, ist das Ziel. So ist der Sinn des +apollinischen Seins kein Tun, sondern eine Haltung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_470">[S. 470]</span></p> + +<p>Das faustische Schicksal ist <em class="gesperrt">Fügung</em>. Es stellt den Charakter +vor Entscheidungen. Die Seele antwortet durch eine Ethik, deren +Elemente Tat, Person und Wollen sind, die sich nicht auf die Gebärde +des Augenblicks, sondern auf das Leben als Ganzes bezieht. Der „Wille +Gottes“, im Gegensatz zum griechischen Neid der Götter — in dieser +Vorstellung liegt das Grundgefühl einer <em class="gesperrt">historischen Logik</em> +des Weltganzen, die sich auch auf die einzelne Biographie erstreckt. +Es war gezeigt worden, wie in gleichzeitigen Epochen beider Kulturen +Polyklet und Bach ihren Kanon abfaßten, die reine, strenge Theorie der +plastischen und der kontrapunktischen Form. Nun wohl: was wir Moral +nennen, die Struktur des bewußten eigenen Lebens, sein Stil, unterliegt +den Prinzipien dieses Kanons. Alle Moralsysteme des Abendlandes von den +Franziskanern und den Idealen des Rittertums an bis auf die Sozialethik +und „Herrenmoral“ unserer Tage, so verschieden sie dem Wortlaut nach +sein mögen, sind kontrapunktische Gebilde des bewegten, strebenden, +im Raume sich verbreitenden, alle antiken Moralen sind Theorien des +plastischen, auf die Gegenwart eingeschränkten, ruhenden Lebens.</p> + +<p>Aber jede Ethik gehört damit in die Nachbarschaft der großen Künste. +Sie ist <em class="gesperrt">ganz Form</em>, <em class="gesperrt">ganz</em> Ausdruck und Symbol und kann +ihrem innersten Wesen nach nie erschöpfend in Begriffen ausgesprochen, +am wenigsten in ein System gebracht werden. Das Bedeutendste aller +Ethik liegt im Unbewußten. Sie offenbart sich in den schlichtesten +Lebensäußerungen, in den unmittelbarsten philosophischen Intuitionen, +in der Erscheinung großer, für ihre Kultur bezeichnender Menschen, +im tragischen Stil, selbst im Ornament. Der Mäander z. B. ist ein +stoisches Motiv; in der dorischen Säule verkörpert sich geradezu das +antike Lebensideal. Sie ist <em class="gesperrt">deshalb</em> die einzige der antiken +Säulenformen, welche der Barockstil unbedingt ausschließen mußte. +Man wird sie aus einem sehr tiefliegenden seelischen Grunde auch in +der gesamten Renaissancekunst vermieden finden. Sie widerspricht der +immanenten Ethik <em class="gesperrt">aller</em> nordischen Bauweisen. Wer das verstanden +hat, wird auch das subtile Phänomen der in Begriffe gekleideten +Moraltheorien — notwendig unvollkommener Formen, die in ehrlichster +Meinung oft genug das Gegenteil von dem<span class="pagenum" id="Seite_471">[S. 471]</span> sagen, was sie sagen wollten +oder sollten — als Symbole zweiter Ordnung begreifen und deuten können.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Buddhismus_12">12</h4> + +</div> + +<p>Jetzt lösen sich uralte Rätsel und Verlegenheiten. Es gibt so viel +Moralen, als es Kulturen gibt, nicht mehr und nicht weniger. Niemand +hat hier eine freie Wahl. So gewiß es für jeden Maler und Musiker etwas +gibt, das ihm gar nicht zum Bewußtsein kommt, das die Formensprache +seiner Werke von vornherein beherrscht und sie von den künstlerischen +Leistungen <em class="gesperrt">aller</em> anderen Kulturen unterscheidet, so gewiß +hat <em class="gesperrt">jede</em> Lebensäußerung eines Kulturmenschen von vornherein, +a priori in Kants strengstem Sinne, eine Beschaffenheit, die noch +tiefer liegt als alles bewußte Urteilen und Streben und die ihren +<em class="gesperrt">Stil</em> als den einer bestimmten Kultur erkennen läßt. Der einzelne +kann moralisch oder antimoralisch handeln, „gut“ oder „schlecht“ aus +dem Urgefühl seiner Kultur heraus, aber die Form seines Handelns ist +schlechthin gegeben. Jede Kultur hat ihren eigenen ethischen Maßstab, +dessen Gültigkeit mit ihr beginnt und endet. Es gibt keine allgemein +menschliche Ethik.</p> + +<p>Es gibt also im tiefsten Sinne auch keine wahre Mission und kann +keine geben. Jede Moral ist ein Urphänomen, die zum Gesetz gewordne +Idee eines Daseins. Sie ist innerhalb einer physiognomisch wohl +unterschiedenen Menschenart einfach vorhanden. Man kann sie wecken und +theoretisch in eine Lehre fassen, ihren geistigen Ausdruck verändern +und verdeutlichen; erzeugen kann man sie nicht. So wenig wir imstande +sind, unser Weltgefühl zu ändern — so wenig, daß selbst der Versuch +einer Änderung schon in seinem Stile verläuft und es bestätigt, statt +es zu überwinden —, so wenig haben wir Gewalt über die ethische +Grundform unsres Daseins. Man hat in den Worten einen gewissen +Unterschied gemacht und die Ethik eine Wissenschaft, die Moral eine +Aufgabe genannt. Es gibt in diesem Sinne keine Aufgabe. So wenig die +Renaissance fähig war, die Antike wieder heraufzurufen, und so sehr sie +mit jedem antiken Detail nur das Gegenteil apollinischen Weltgefühls +zum Ausdruck brachte, eine versüdlichte, eine „antigotische Gotik“ +nämlich.<span class="pagenum" id="Seite_472">[S. 472]</span> so unmöglich ist die Bekehrung eines Menschen zu einer seiner +Kultur fremden Moral. Mag man heute von einer Umwertung aller Werte +reden, mag man als moderner Großstädter zum Buddhismus, zum Heidentum +oder zu einem romantischen Katholizismus „zurückkehren“, der Anarchist +für individualistische, der Sozialist für Gesellschaftsethik schwärmen, +man tut, will, fühlt dasselbe. Die Bekehrung zur Theosophie oder +zum Freidenkertum, die heutigen Übergänge von einem vermeintlichen +Christentum zu einem vermeintlichen Atheismus, sind eine Veränderung +der Worte und Begriffe, der religiösen oder intellektuellen Oberfläche, +nicht mehr. Keine unsrer „Bewegungen“ hat den <em class="gesperrt">Menschen</em> verändert.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">innere Form</em> einer Moral ist das Wesentliche. Ihr +programmatischer Inhalt, ihre religiöse, philosophische, +wissenschaftliche Farbe, der Wortlaut ihrer Sätze und Bekenntnisse, +oft genug mißverstandene Überlieferung, noch häufiger bloße Theorie +und leerer Schall, ist Maske. Nur diese äußere Form tritt in jeder +Kultur in tausend Arten auf, um die man streiten, zu denen man +bekehren, die man annehmen oder „überwinden“ kann. Die eigentliche und +<em class="gesperrt">unveränderliche</em> Struktur des gesamten faustischen Seins ist +eben jenes Unbeschreibliche, das als Kraft, Wille, unendlicher Raum, +Streben, Ferne im westeuropäischen Dasein und ihm allein in Erscheinung +tritt. Alle Sätze und Formeln der einzelnen Denker, Kirchen, +Strömungen, Systeme sind nur Variationen über ein schlechthin gegebenes +Thema.</p> + +<p>Es ist klar: Das Wort Seele bezeichnet hier jedesmal etwas andres, +sobald von einer andern Kultur die Rede ist. Jene apollinische, in +ihrer spätesten Fassung stoische Moral ist die einer Seele, welche ihr +eigenes Bild im Freskostil entwarf, als eine plastische Gruppe schön +geordneter Teile, wie sie Plato beschreibt, ohne Hintergrund (welcher +Zukunft, Ferne, Wirksamkeit bedeutet hätte), voller Linie, Nähe und +Klarheit. Die faustische, in ihrer Ausgangsform sozialistische Ethik +entspricht jenem perspektivischen Seelenbilde aller abendländischen +Psychologien, dessen Schwerpunkt in dem unendlichen Horizonte liegt +(im Bild „Wille“ genannt), während die anderen psychischen Elemente +— nicht Teile, sondern Beziehungskomplexe — „Denken“ und<span class="pagenum" id="Seite_473">[S. 473]</span> „Fühlen“, +sich wie Licht und Schatten der Perspektive einordnen. Eine theoretisch +fixierte Moral ist lediglich der <em class="gesperrt">Kommentar</em> des zugehörigen +Seelenbildes.</p> + +<p>Eine strenge Morphologie aller Moralen ist die Aufgabe der Zukunft. +Nietzsche hat auch hier das Wesentliche, den ersten Schritt, getan. +Aber seine Forderung an den Denker, sich jenseits von Gut und Böse +zu stellen, hat er selbst nicht erfüllt. Er wollte Skeptiker und +Prophet, Moralkritiker und Moralverkündiger zugleich sein. Das verträgt +sich nicht. Man ist nicht Psycholog ersten Ranges, solange man noch +Romantiker ist. Und so ist er hier, wie in all seinen entscheidenden +Einsichten, bis zur Pforte gelangt, aber vor ihr stehen geblieben. +Indes hat es noch niemand besser gemacht. Wir waren bisher blind für +den unermeßlichen Reichtum der moralischen Formensprache. Wir haben ihn +weder übersehen noch begriffen. Selbst der Skeptiker verstand seine +Aufgabe nicht; er erhob im letzten Grunde die eigene, durch persönliche +Anlage, durch den privaten Geschmack bestimmte Fassung der Moral zur +Norm und maß danach die andern. Die modernsten Revolutionäre, Stirner, +Ibsen, Strindberg, Shaw, haben nichts andres getan. Sie verstanden es +nur, diese Tatsache — auch vor sich selbst — hinter neuen Formeln und +Schlagworten zu verstecken.</p> + +<p>Aber eine Moral ist wie eine Plastik, Musik oder Malerei eine in +sich geschlossene Formenwelt, die ein Lebensgefühl zum Ausdruck +bringt, schlechthin gegeben, in der Tiefe unveränderlich, von innerer +Notwendigkeit. Sie ist innerhalb ihrer historischen Sphäre immer +wahr, außerhalb immer unwahr. Es war gezeigt worden, daß, wie für den +einzelnen Dichter, Maler, Musiker seine einzelnen Werke, so für die +großen Individuen der Kulturen die Kunst<em class="gesperrt">gattungen</em> als organische +Einheit, die <em class="gesperrt">ganze</em> Ölmalerei, die <em class="gesperrt">ganze</em> Aktplastik, die +kontrapunktische Musik, die Reimlyrik Epoche machen und den Rang großer +Lebenssymbole einnehmen. In beiden Fällen, in der Geschichte einer +Kultur wie im Einzeldasein, handelt es sich um die Verwirklichung von +Möglichem. Das innerlich Seelische wird zum <em class="gesperrt">Stil einer Welt</em>. +Neben diesen großen Formeinheiten, deren Werden, Vollendung und +Abschluß eine vorbestimmte Reihe menschlicher Generationen umfaßt +und die nach einer Dauer von wenigen Jahrhunderten unwiderruflich<span class="pagenum" id="Seite_474">[S. 474]</span> +dem Tode verfallen, steht die Gruppe der faustischen, die Summe +der apollinischen Moralen, ebenfalls als Einheit höherer Ordnung +aufgefaßt. Ihr Vorhandensein ist <em class="gesperrt">Schicksal</em>, das man hinzunehmen +hat; nur die bewußte Fassung ist das Resultat einer Offenbarung oder +wissenschaftlichen Einsicht.</p> + +<p>Für den, welcher hier sehen gelernt hat, sind deshalb die Formensprache +einer Moral und die der zugehörigen Mathematik im tiefsten Grunde +identisch. Sie offenbaren beide ein Seelentum, sie verwirklichen beide +unbewußte Möglichkeiten, sie gestalten beide etwas Gesetztes, ein +„Gesetz“ — von dem religiösen Gehalt der Zahlen war schon die Rede +—, mögen sie im einzelnen in religiöser, künstlerischer, praktischer +Verkleidung in Erscheinung treten. Die antike Zahl, die <em class="gesperrt">Größe</em>, +hat Maß und Haltung. Das entspricht der Kalokagathia, dem Ethos des +antiken Menschen. Die abendländische Zahl, die <em class="gesperrt">Funktion</em>, wird +nicht nach ihrem sinnlichen Sein (als Kurve), sondern nach Charakter +und Wirkung gewertet. Das ist der Sinn der Analysis. Darin wiederholt +sich das Lebensideal des nordischen Menschen, dessen Sein Wirksamkeit +ist. Es hat sich wohl noch niemand träumen lassen, daß, was in der +heutigen Politik Fortschritt heißt, identisch ist mit dem, was die +Physik Prozeß, die Analysis Funktion, der Darwinismus Evolution, +die Kirche Rechtfertigung durch die guten Werke, die Psychologie +Wille, die Malerei Tiefenperspektive nennt, daß nichts von alledem +in irgendeiner andren Kultur vorkommt und daß es sich also lediglich +um eine Gruppe von Symbolen eines Seins handelt, das einmal und für +einige Jahrhunderte im Bilde der Historie auftaucht und <em class="gesperrt">mit</em> +diesen Symbolen in kurzer Zeit verschwunden sein wird. Dürfen wir +also von einer euklidischen und einer analytischen Ethik reden? +Wie wir von einer euklidischen und analytischen Form der Tragödie +gesprochen hatten? Der tragische Stil, wie ihn beide Kulturen +entwickeln, dringt tiefer in die seelischen Geheimnisse ein als +irgendeine <em class="gesperrt">geschriebene</em> Ethik, in deren Fassung tausend fremde +Motive durcheinanderwirken. Die tragische Attitüde ist der Kern des +apollinischen, das tragische Wollen des faustischen Szenenbildes, das +unmittelbar den ersehnten Aspekt des Lebens gibt. Hier finden wir zwei +entgegengesetzte Arten von Heroismus und jede andere Kultur, sofern +sie überhaupt<span class="pagenum" id="Seite_475">[S. 475]</span> eine Tragödie in die Gruppe der ihr möglichen und also +notwendigen Künste eingefügt hat, wie die indische und chinesische, +stellt ihnen eine andre zur Seite.</p> + +<p>Jede antike Ethik ist also eine Ethik der Gebärde, jede abendländische +eine Ethik der Tat. Dem euklidisch-beschaulichen Lebensgefühl steht das +analytisch-aktive gegenüber. Das entspricht den mathematischen Symbolen +des greifbaren Einzelkörpers und des reinen Raumes, der Wirklichkeit, +welche den Sinnen gegeben ist, und der, welche ihnen abgerungen werden +muß. Das antike Ideal ist die Hingabe an den Vordergrund in jedem +Sinne, an das Jetzt und Hier, an den Leib und die einzelne Stunde; das +faustische Ideal ist zu alledem der stärkste Gegensatz. Ihm ist nichts +gegeben. Es ist Kampf und Überwindung ohne Ausnahme. Man erinnere sich +jener Szene im Faust, in welcher der Sinn eines ganzen Jahrtausends +liegt, wo der zur Höhe gereifte Geist dieser Kultur das „Im Anfang +war das Wort“ des Evangeliums verdeutscht: „Im Anfang war die Tat.“ +<em class="gesperrt">Das ist die Umdeutung des frühen Christentums aus dem Magischen ins +Nordische.</em></p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Buddhismus_13">13</h4> + +</div> + +<p>Jede denkbare antike Ethik gestaltet den <em class="gesperrt">einzelnen</em> Menschen, +als Leib, als Atom unter Atomen. Alle Wertungen des Abendlandes +beziehen sich auf den Menschen, sofern er Wirkungszentrum einer +unendlichen Allgemeinheit ist. Ethischer Sozialismus — das ist +die Gesinnung der Tat, die durch den Raum in die Ferne wirkt, das +Pathos der dritten Dimension, als deren Zeichen das Urgefühl der +Sorge, für die Mitlebenden wie für die Kommenden, über dieser ganzen +Kultur schwebt. So kommt es, daß im Aspekt der ägyptischen Kultur für +uns etwas Sozialistisches, etwas Preußisches liegt. Auf der andern +Seite erinnert die Tendenz auf Attitüde, Wunschlosigkeit, statische +Abgeschlossenheit des einzelnen für sich an die indische Ethik und +den von ihr gestalteten Menschen. Man denke an die sitzenden, „ihren +Nabel beschauenden“ Buddhastatuen, denen Zenons Ataraxia nicht so +ganz fremd ist. Das ethische Ideal des antiken Menschen war das, zu +welchem die Tragödie<span class="pagenum" id="Seite_476">[S. 476]</span> hinleitete. Die <em class="gesperrt">Katharsis</em>, die Entladung +der apollinischen Seele von dem, was <em class="gesperrt">nicht</em> apollinisch, nicht +frei von „Ferne“ und Richtung war, offenbart hier ihren tiefsten Sinn. +Man versteht sie nur, wenn man den Stoizismus als ihre reife Form +erkennt. Was das Drama in einer feierlichen Stunde bewirkte, wünschte +die Stoa über das ganze Leben zu verbreiten: die statuenhafte Ruhe, +das willensfreie Ethos. Und weiter: Eben jenes buddhistische Ideal des +Nirwana, eine sehr späte Formel, aber ganz indisch und schon von den +vedischen Zeiten an zu verfolgen: ist das nicht der Katharsis nahe +verwandt? Rücken vor diesem Begriff der ideale antike und der ideale +indische Mensch nicht nahe zusammen, sobald man sie mit dem faustischen +Menschen vergleicht, dessen Ethik sich ebenso deutlich aus der Tragödie +Shakespeares und ihrem dynamischen Schwung begreifen läßt? In der Tat: +Sokrates, Epikur und vor allem Diogenes am Ganges — das wäre sehr wohl +vorstellbar. Diogenes in einer der westeuropäischen Weltstädte wäre ein +bedeutungsloser Narr. Und andrerseits, Friedrich Wilhelm I., das Urbild +eines Sozialisten in großem Sinne, ist in dem Staat am Nil immerhin +denkbar. Im perikleischen Athen ist er es nicht.</p> + +<p>Hätte Nietzsche etwas vorurteilsfreier und weniger von einer +romantischen Schwärmerei für ethische Schöpfungen bestimmt seine +Zeit beobachtet, so würde er bemerkt haben, daß eine, vermeintlich +spezifisch christliche Mitleidsmoral auf dem Boden Westeuropas +tatsächlich gar nicht besteht. Man muß sich durch den Wortlaut humaner +Formeln nicht über ihre faktische Bedeutung täuschen lassen. Zwischen +der Moral, die man hat, und der, die man zu haben glaubt, besteht ein +sehr schwer aufzufindendes und höchst variables Verhältnis. Gerade +hier wäre eine subtile Psychologie am Platze gewesen. Mitleid ist ein +gefährliches Wort. Es fehlt noch an einer Untersuchung darüber, was man +zu verschiedenen Zeiten darunter verstanden und darunter <em class="gesperrt">gelebt</em> +hat. Man darf heute sagen, daß Nietzsche sich hier jedesmal vergriffen +hat. Die christliche Moral zur Zeit des Origenes ist etwas ganz +anderes als die zur Zeit des Franz von Assisi. Es ist hier nicht der +Ort zu untersuchen, was <em class="gesperrt">faustisches</em> Mitleid als sakraler oder +rationaler Begriff und als wirksames Lebensgefühl im Unterschiede von +orientalisch-christlichem,<span class="pagenum" id="Seite_477">[S. 477]</span> fatalistischem, laszivem Mitleid bedeutet, +inwiefern es als Wirkung in die Ferne, als <em class="gesperrt">praktische Dynamik</em> +aufzufassen ist und andrerseits als Opfer einer stolzen Seele in naher +Verwandtschaft mit der Gesinnung gotischer Dombauten oder wieder +als Äußerung eines überlegenen Distanzgefühls. Der unveränderliche +Schatz ethischer Wendungen, wie ihn das Abendland seit der Renaissance +besitzt, hat eine unermeßliche Fülle verschiedener Gesinnungen von +sehr verschiedenem Gehalt zu decken. Der Oberflächensinn, an den +man glaubt, das bloße Wissen um Ideale ist unter so historisch und +retrospektiv angelegten Menschen, wie wir es sind, ein Ausdruck der +Ehrfurcht vor Vergangenem, in diesem Falle der religiösen Tradition. +Aber Überzeugungen sind nie der Maßstab für ein Sein. Sie sind immer +etwas volkstümlicher und bleiben weit hinter der Tiefe der seelischen +Wirklichkeit zurück. Die theoretische Verehrung neutestamentlicher +Satzungen steht in der Tat mit der theoretischen Hochschätzung der +antiken Kunst durch die Renaissance und den Klassizismus auf einer +Stufe. Die eine hat so wenig den Menschen, wie die andre den Geist +der Werke umgewandelt. Die stets genannten Beispiele der Bettelorden, +der Herrnhuter, der Heilsarmee beweisen schon durch ihre geringe +Zahl, noch mehr durch ihr geringes Gewicht, daß sie den Ausnahmefall +von etwas ganz anderm, der <em class="gesperrt">eigentlich faustisch-christlichen</em> +Moral nämlich, darstellen. Man wird ihre Formulierung allerdings bei +Luther und im Tridentinum vergeblich suchen, aber alle Christen großen +Stils, Innozenz III. und Luther, Loyola und Savonarola, trugen sie im +Widerspruch zu ihren Lehrmeinungen in sich, ohne daß sie das je bemerkt +hätten.</p> + +<p>Man braucht nur den rein abendländischen Begriff jener männlichen +Tugend, der durch Nietzsches „moralinfreie“ <i>virtù</i> recht gut +bezeichnet ist, mit jener sehr weiblichen ἀρετή des hellenischen Ideals +zu vergleichen, als deren Praxis immer die Genußfähigkeit (ἡδονή), +Gemütsruhe (γαλήνη, ἀπάθεια), Bedürfnislosigkeit und vor allem immer +wieder die ἀταραξία zum Vorschein kommt. Was Nietzsche die blonde +Bestie nannte und was er in dem von ihm sehr überschätzten Typus des +Renaissancemenschen verkörpert fand (der nur ein raubkatzenhafter<span class="pagenum" id="Seite_478">[S. 478]</span> +Nachklang der großen Deutschen der Staufenzeit war) — ja, das ist +doch das strengste Gegenteil des Typus, den ohne Ausnahme alle antiken +Ethiken gewünscht und alle antiken Menschen von Bedeutung verkörpert +haben. Dahin gehören die Menschen von Granit, von denen die faustische +Kultur eine lange Reihe vorüberziehen sah, die antike nicht einen +einzigen. Denn Perikles und Themistokles waren weiche Naturen im Sinne +attischer Kalokagathie, Alexander war ein Schwärmer, der nie aufgewacht +ist, Cäsar war ein kluger Rechner; Hannibal, der Fremde, der Semit, war +der einzige „Mann“ unter ihnen. Die Menschen der Frühzeit, auf die man +aus Homer schließen darf, diese Odysseus und Ajax hätten sich neben der +Ritterschaft der Kreuzzüge sehr merkwürdig ausgenommen. Es gibt auch +eine Brutalität als Rückschlag sehr femininer Naturen. Hier im Norden +aber erscheinen an der Schwelle der Frühzeit die großen Sachsen-, +Franken- und Staufenkaiser, umgeben von einer Schar riesenhafter +Menschen wie Heinrich dem Löwen und Gregor VII. Es folgen die Menschen +der Renaissance, der Hugenottenkriege, die spanischen Konquistadoren, +die preußischen Kurfürsten und Könige, Napoleon, Bismarck. Wo gab es +eine zweite Kultur, die dem etwas an die Seite zu setzen hätte? Wo +besitzt die ganze hellenische Geschichte eine Szene von der Mächtigkeit +jener von Legnano, wo der Zwist zwischen Staufen und Welfen zum +Ausbruch kam? Die germanischen Recken der Völkerwanderung, spanische +Ritterlichkeit, preußische Disziplin, napoleonische Energie — das +alles hat wenig Antikes. Und wo findet sich auf den Höhen faustischen +Menschentums von den Kreuzzügen bis zum Weltkrieg jene „Sklavenmoral“, +jene weiche Entsagung, jene Caritas im Betschwesternsinne? In den +Worten, die man achtet, nirgends sonst. Ich denke da auch an die +Typen des faustischen Priestertums, an jene prachtvollen Bischöfe der +Kaiserzeit, die hoch zu Roß in wilden Schlachten ihre Leute anführten, +an die Päpste, denen Heinrich IV. und Friedrich II. unterlagen, an den +Deutschritterorden in den Ostmarken, an den Luthertrotz, in dem sich +altnordisches Heidentum gegen altrömisches aufbäumte, an die großen +Kardinäle Richelieu, Mazarin und Fleury, die Frankreich geschaffen +haben. <em class="gesperrt">Das</em> ist faustische Moral. Man muß blind sein, um<span class="pagenum" id="Seite_479">[S. 479]</span> diese +unbändige Lebenskraft nicht im gesamten Bilde der westeuropäischen +Geschichte wirksam zu finden. Und man denke auch, auf einem ganz +andern Gebiete, an die Energie riesenhafter Konzeptionen bei Dante, +Wolfram, Shakespeare, Bach, Beethoven, an die technischen, in diesem +Umfange nur in Ägypten wiederkehrenden Probleme, welche die gotischen +Baumeister sich gestellt haben und an die, welche sich ihre Nachfolger, +die modernen Ingenieure, zu stellen wagen, denen die Antike nichts zu +vergleichen hat. Das sind nicht Ausnahmen, das ist der Geist dieser +Kultur, ihre <em class="gesperrt">praktische</em> Lebensgesinnung, neben der sich die +vielbewunderte attische Lebendigkeit mit ihren vorsichtigen Idealen von +Maß und Haltung etwas schattenhaft ausnimmt.</p> + +<p>Das ist der Grund, weshalb die „Mitleidsmoral“ im faustischen Norden +immer respektiert, zuweilen von Denkern angezweifelt, zuweilen +gewünscht, aber niemals realisiert worden ist. Kant hat sie mit +Entschiedenheit abgelehnt. In der Tat steht sie in innerstem +Widerspruch zum kategorischen Imperativ, der den Sinn des Lebens +in der Tat, nicht im Fühlen sieht. Die Beweisführung Nietzsches +ist noch deutlicher, allerdings sehr gegen seine Absicht. Was er +Sklavenmoral nennt und unter welcher ganz unzutreffenden Bezeichnung +er „das Christentum“ in Bausch und Bogen kritisiert, ist ein Phantom. +<em class="gesperrt">Seine Herrenmoral ist eine Realität.</em> Sie brauchte nicht erst +entworfen zu werden; sie ist vorhanden. Nimmt man die romantische +Borgiamaske hinweg und jene nebelhaften Visionen vom Übermenschen, so +bleibt der faustische Mensch selbst übrig, wie er heute existiert, +als Typus einer energischen, imperativischen, hochintellektuellen +Zivilisation. Wir haben da ganz einfach den Realpolitiker, den +Geldmagnaten, den großen Ingenieur und Organisator. „Eine höhere Art +Menschen, welche sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, +Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen als ihres +gefügigsten und beweglichsten Werkzeuges, um die Schicksale der Erde +in die Hand zu bekommen, um am ‚Menschen‘ selbst als Künstler zu +gestalten. Genug, die Zeit kommt, da man über Politik umlernen wird.“ +So heißt es in einer der Nachlaßaufzeichnungen, die viel konkreter +sind als die ausgeführten Werke. „Wir<span class="pagenum" id="Seite_480">[S. 480]</span> müssen entweder politische +Fähigkeiten züchten oder durch die Demokratie zugrunde gehen, die uns +die mißglückten älteren Alternativen aufgezwungen haben“, heißt es bei +Shaw (Mensch und Übermensch). Shaw, der vor Nietzsche die praktische +Schulung und den geringern Grad von Ideologie voraus hat, so beschränkt +sein philosophischer Horizont erscheint, hat in „Major Barbara“ in +der Gestalt des Milliardärs Undershaft das Übermenschenideal in die +unromantische Sprache der neuern Zeit übertragen, aus der es, auf dem +Umweg über Malthus und Darwin, auch bei Nietzsche wirklich stammt. +Diese Tatsachenmenschen großen Stils sind es, welche heute den Willen +zur Macht und damit die faustische Ethik überhaupt repräsentieren. +Der Schluß des zweiten Teils vom Faust erschließt den tieferen +Zusammenhang. Diese früheste dichterische Konzeption des zivilisierten +Europäers ist noch heute nicht wieder erreicht worden. Hier findet sich +<em class="gesperrt">nichts</em> Negatives. Tat, Wille, Überwindung ist alles. Es gibt +einen Punkt, wo Philanthropie abgeschmackt wird. Menschen dieser Art +werfen ihre Millionen nicht zur Befriedigung eines uferlosen Wohltuns +hinaus, für die Träumer, „Künstler“, Schwachen, Schlechtweggekommenen; +sie verwenden sie für die, welche als Material für die Zukunft +mitzählen. Sie verfolgen mit ihm ein Ziel. Sie schaffen ein dynamisches +Zentrum, das die Grenzen des persönlichen Daseins überdauert. Auch das +Geld kann Ideen entwickeln und Geschichte machen. So hat Rhodes, in dem +sich ein sehr bedeutungsvoller Typus des 21. Jahrhunderts ankündigt, +sein Vermögen testamentarisch angelegt. Es ist flach und beweist +die Unfähigkeit, Geschichte innerlich zu begreifen, wenn man das +literarische Geschwätz populärer Sozialethiker und Humanitätsapostel +nicht von den wahren ethischen Instinkten der westeuropäischen +Zivilisation zu unterscheiden weiß.</p> + +<p>Der Sozialismus — in seinem höchsten Sinne, nicht in dem der +Gasse — ist wie alles Faustische ein exklusives Ideal, das seine +Volkstümlichkeit nur einem vollkommenen Mißverständnis (auch unter +den Wortführern) verdankt, daß er nämlich ein Inbegriff von Rechten, +nicht von Pflichten, daß er eine Beseitigung, nicht eine Verschärfung +des kantischen Imperativs, ein Nachlassen, nicht ein Höherspannen der +Richtungsenergie<span class="pagenum" id="Seite_481">[S. 481]</span> sei. Jene triviale Oberflächentendenz auf Fürsorge, +Wohlfahrt, „Freiheit“, Humanität, das Glück der Meisten enthält nur +das Negative der Idee, sehr im Gegensatz zum antiken Epikuräismus, dem +der glückselige Zustand tatsächlich Kern und Summe alles Ethischen +war. Gerade hier liegen äußerlich sehr verwandte Stimmungen vor, die +im einen Falle nichts, im andern alles bedeuten. Man kann aus diesem +Gesichtspunkt den Inhalt der antiken Ethik ebenfalls als Philanthropie +bezeichnen, die der einzelne sich selbst, seinem σῶμα, angedeihen +läßt. Hier hat man die Autorität des Aristoteles auf seiner Seite, +der genau in diesem Sinne das Wort φιλάνθρωπος gebraucht, an dem +sich die besten Köpfe der klassizistischen Zeit, Lessing vor allem, +abgemüht haben. Aristoteles bezeichnet die Wirkung der attischen +Tragödie auf attische Zuschauer als philanthropisch. Ihre Peripetie +erlöst ihn vom Mitleid mit sich selbst. Was bedeutet für <em class="gesperrt">uns</em> +das <em class="gesperrt">populäre</em> Wohltun? Ein faustisches Mitleid mit aller Welt +befriedigen, eine ins Weite gehende Erregung des Gemütes stillen, kurz: +<em class="gesperrt">Katharsis</em>. <em class="gesperrt">Das</em> ist Nietzsches Sklavenmoral, nämlich +eine Moral mit negativen, antidynamischen Tendenzen. Eine Theorie +von Herren- und Sklavenmoral gab es auch im frühen Hellenismus, bei +Kallikles z. B., wie sich versteht in streng leiblich-euklidischem +Sinne. Das Ideal der ersten ist Alkibiades, der genau das tat, was ihm +augenblicklich für seine Person zweckmäßig erschien, Landesverrat, +Betrug, Verleumdung nicht ausgeschlossen, eine Lebenshaltung, für die +es seinen Zeitgenossen am Talent, sicher nicht am guten Willen fehlte. +Man hat ihn als Typus antiker Kalokagathie empfunden und bewundert. +Odysseus, die epische Inkarnation des griechischen Menschen, ist ihm +ähnlich. Protagoras ist noch deutlicher in seinem berühmten, ganz +ethisch gemeinten Satze, daß der Mensch — jeder einzelne für sich — +das Maß der Dinge sei. Das ist die Herrenmoral einer statuenhaften +Seele.</p> + +<p>Für die abendländische Seele kann jene hedonistische Tendenz — denn +der Philanthrop faustischen Stils, der Allerweltssozialist, ist +Hedonist für „die andern“ — bestenfalls den Sinn einer Befreiung +zugunsten ernsterer Notwendigkeiten haben, der Befreiung von +trivialleiblichen und sachlichen Beschränkungen<span class="pagenum" id="Seite_482">[S. 482]</span> der wirtschaftlichen +und sozialen Zustände nämlich, insofern sie einer ins Unendliche und +Abstrakte greifenden Wirksamkeit im Wege sind. Dies ist der tiefste +und von ihrem Urheber nicht entfernt begriffene Sinn der Phrase, +daß Eigentum Diebstahl ist. Eigentum — damit war der Besitz im +<em class="gesperrt">populären</em> Sinne, das Greifbare und Nahe gemeint, das auch der +Grieche und Römer als solches, als χρῆμα und <i>res</i> empfunden hat, +ein Begriff von statischem Gehalt, der in der Tat vom abendländischen +Wirtschaftsleben mehr und mehr und <em class="gesperrt">unvermerkt</em> verneint +wird. Damit ist das antieuklidische und funktionale Weltgefühl zum +schärfsten Ausdruck gelangt.<a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[106]</a> Daß mit dem endlichen Verfall und +Erstarren unsres Seelentums — nach einem Höhepunkt intellektueller, +sozialistischer Daseinsgestaltung, von deren Schroffheit nach Form +und Tendenz, von deren Tyrannei, mit welcher der <em class="gesperrt">allgemeine</em> +Wille zur Macht auf jedem einzelnen lastet, sich schwerlich heute +jemand einen Begriff macht — zuletzt <em class="gesperrt">doch</em> die negative Seite +allein übrig bleiben und Europa, wie Goethe fürchtete, als „Lazarett +von Medizinern“ in Erscheinung treten wird, ist unwahrscheinlich. Der +Endzustand der dynamischen Entwicklung wird ein äußerst positiver +Ägyptizismus, ein auf die Spitze getriebenes Mandarinentum sein, +in dem jeder Sklave, Beamter, ein funktionales Element ist, eine +politisch-geistige Form, auf welche die seelische Verwandtschaft der +faustischen zur ägyptischen und chinesischen Kultur schließen läßt, +etwas Starres, Unfruchtbares, voller Plan und Ziel, aber nichts weniger +als „human“ oder „liberal“ im heutigen hoffnungsvollen Sinne.</p> + +<p>Das Phänomen der Ethik steht, ganz morphologisch betrachtet, dem +der Logik gegenüber. Das sind die <em class="gesperrt">zwei möglichen Arten</em>, ein +Weltgefühl geistig zu realisieren, sich zur Welt in Beziehung zu +setzen. Erinnern wir uns des letzten und äußersten Gegensatzes im +wachen menschlichen Bewußtsein, der am Anfang durch die Urworte +<em class="gesperrt">Werden</em> und <em class="gesperrt">Gewordnes</em> bezeichnet<span class="pagenum" id="Seite_483">[S. 483]</span> war. Von ihm aus +begreift man das Verhältnis von Ethik und Logik. Ethisch ist die Form +des Werdens, des Lebens, logisch die des Gewordnen, des Erkannten. +Das Merkmal der Richtung, wie es durch die Worte Zeit, Schicksal, +Zukunft angedeutet wird, liegt allem Ethischen zugrunde, das Merkmal +der Ausdehnung — mittels der Ursymbole des Raumes, des Körpers — dem +Logischen. Die tiefe Beziehung, ja Identität von Denken und Ausdehnung +oder, wenn man will, von Geist und Objekt ist niemals zweifelhaft +gewesen. Eine gleiche besteht zwischen Leben und Richtung. Ethik und +Logik verhalten sich <em class="gesperrt">wie das Mögliche zum Wirklichen, wie das Leben +zum Tode</em>. Die Logik ist starr. Sie macht erstarren. Sie gilt nur +im Bereich des Erstarrten. Man nennt das ihre ewigen Gesetze. Die +Ethik <em class="gesperrt">hat</em> keine Gesetze. Sie lebt. Sie gestaltet das Leben. +In dieser Klarheit ist der Gegensatz zweier Formenwelten, welche das +gesamte bewußte Sein ohne Rest unter sich verteilen, nur im höhern +Menschentum vorhanden. Der Urmensch bleibt in dunklen Gebräuchen +und Vorstellungen befangen. Sein Logisches, sein Denken, Erkennen, +Verstehen bewegt sich in ebenso ungeordneten Bahnen, wie seine Sitte +in bruchstückhaften Andeutungen einer ornamentalen — zeremoniellen — +Struktur. Erst innerhalb reifer, durchgeistigter Kulturen erhält das +Leben wie das Denken einen ganz bestimmten und innerlich notwendigen +Stil. Das große Rätsel des Lebens, das gefühlte Gerichtetsein, die Idee +eines Schicksals kleidet sich in ein Moralproblem und gleichzeitig +das Rätsel der Erkenntnis, des Begreifens der äußern Welt im Sinne +des Tiefenerlebnisses in ein erkenntnistheoretisch-logisches. Aus +diesem Grunde unterschied Kant eine praktische und eine theoretische +Vernunft, womit er den Geltungsbereich von Schicksal und Kausalität, +von Lebendigem und Starrem, also das formspendende Prinzip des Werdens +und des Gewordnen meinte. Er gelangt dort zum kategorischen Imperativ, +der Grundform aller faustischen Moralen, hier zur Idee des Raumes als +der Form a priori unsrer schöpferischen Anschauung, womit, wie wir +sahen, das faustische Ursymbol, das Welterlebnis des westeuropäischen +Menschen bezeichnet war. Was beiden Gedanken gemeinsam ist und was +ihnen ihre unbezwingliche Gewalt über den modernen Geist verleiht, ist +das in ihnen ruhende<span class="pagenum" id="Seite_484">[S. 484]</span> Grundgefühl des Willens zur Macht, der ethisch +wie logisch der Welt seine Gestalt aufzuprägen entschlossen ist.</p> + +<p>Man fühlt, wie eine Logik nicht ohne System sein kann, mehr noch, daß +sie durch und durch System ist und nichts außerdem, denn Erkanntes und +Ausgedehntes sind identisch und Zahlen wie Begriffe besitzen streng +extensiven Charakter. Anderseits hat die Wortverbindung „ethisches +System“ etwas Widersinniges und Unnatürliches. So gewiß alles +Logische räumlich, starr, mechanisch, so gewiß ist alles Ethische +reine, lebendige Gestalt. Man kann sie physiognomisch schildern, +dramatisch, musikalisch, aber man kann sie nicht in ein Schema bringen. +Das unterscheidet Menschenkenntnis von Naturerkenntnis. Die große +Kunst und <em class="gesperrt">nicht</em> die Wissenschaft wird immer die untrügliche +Offenbarung der ethischen Gestalt einer Seele sein. Dies ist der +Grund, weshalb Theorien moralischen Inhalts immer ein unzulängliches +Bild der Moral geben und weshalb sie auf die lebendige Erscheinung +alles Menschlichen ohne Einfluß sind. Eine Ethik als Lehrmeinung +vortragen heißt das Wesen der Ethik mißverstehen. Sie bildet nicht, +sie ist nur der Ausdruck einer Bildung. Sie ist nicht Vorbild und +Ziel, sondern Form und Art des sich entwickelnden Seins. Ich erinnere +wieder an den Gegensatz zweier Welten, der Geschichte und der Natur, +in deren Bilde das Werden <em class="gesperrt">oder</em> das Gewordne vorwaltet. Die +Geschichte, <em class="gesperrt">das sich Vollendende</em>, besitzt eine ethische, die +Natur, <em class="gesperrt">das Vollendete</em>, eine logische Struktur. Ethik und Logik: +so stehen sich Organisches und Mechanisches, Schicksal und Kausalität, +Physiognomik und Systematik, Lebenserfahrung und wissenschaftliche +Erfahrung gegenüber. Gut und böse — das ist die gestaltende Polarität +des Lebensgefühls; wahr und falsch ist die des Weltbewußtseins. In +seinen ethischen Instinkten, die sich im Stil des äußern Lebens, im +Tragischen, selbst in der leiblichen Erscheinung, am unvollkommensten +sicherlich in Begriffen und Thesen offenbaren, berührt der Mensch das +<em class="gesperrt">Mögliche</em> in sich, das nach Gestaltung drängt, die ewige Zukunft; +in der Logik formt er das <em class="gesperrt">Wirkliche</em>, das sich geistig gestaltet +<em class="gesperrt">hat</em>, das Fremde, dem Leben bereits entfremdete, die ewige +Vergangenheit.</p> + +<p>Es ist die Gefahr des gebornen Denkers wie Kant und Aristoteles, die +<em class="gesperrt">Ethik zu logisieren</em>, sie aus Begriffen, Schlüssen,<span class="pagenum" id="Seite_485">[S. 485]</span> Gesetzen +aufzubauen, ebenso wie er die lebendige Geschichte — zugunsten eines +Systems — mechanisiert. In keiner systematischen Philosophie findet +die wirkliche Geschichte Platz. Das haben hundert mißglückte Versuche, +noch zuletzt der gewaltigste von allen, der Hegels, bewiesen. Die +Gefahr des Dichters wie Plato, Goethe, Schelling, der kein System +konstruiert, sondern Lebendiges nachbildet, ist es, die Logik zu +ethisieren, wie er die Natur in ein phantastisches Wesen auflöst +und Begriffe durch Bilder verdrängt. Diese letzte, die ethische +Durchdringung der Natur, bezeichnet auch den Geist jugendlicher +Kulturen, die von Leben überströmen wie die Zeiten Plotins und Dantes. +Das erste, der Trieb nämlich, die Ethik logisch, die Geschichte +mechanisch, beide also künstlich und verstandesmäßig, als tote Objekte +zu gestalten, ist ein Symptom sterbender, in zivilisierter Form +erstarrender Kulturen. Wir werden sehen, daß Stoizismus und Sozialismus +im <em class="gesperrt">engern</em> Sinne logisierte, aus einem Mangel, nicht aus der +Fülle erwachsene Ethiken sind, nicht Lebensformen, die man hat, sondern +solche, die man braucht. Sie entstehen in der Nachbarschaft zahlloser +Tendenzen, die auch das Historische, den Staat— „Gesellschaftsordnung“ +ist ein bezeichnendes Wort dafür — künstlich in Szene setzen, +<em class="gesperrt">konstruieren</em> wollen. Leben und Konstruktion aber schließen sich +aus. Logisch, anorganisch, mechanisch ist das Gewordene, das nicht mehr +Lebende, der Tod. Ethische Probleme, die wirklich als Probleme, als +Fragen und Verlegenheiten, aufgestellt und empfunden werden, verraten, +daß das Leben selbst fraglich geworden ist.</p> + +<p>Die Weltsehnsucht der abendländischen Seele knüpft sich an das +Bild des raumbeherrschenden Willens, wie die der hellenischen an +das Ideal vollkommener, ruhender Leiblichkeit. Deshalb wurde das +<em class="gesperrt">Problem der Willensfreiheit</em>,<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[107]</a> das in dieser energischen +Fassung nur der faustische Mensch in sich<span class="pagenum" id="Seite_486">[S. 486]</span> trägt und in dem sich +seine ganze metaphysische Leidenschaft nach dem Grenzenlosen, nach +Überwindung alles Nur-Sinnlichen, nach Verneinung aller Schranken +seines Machtgefühls, nach Geltung und Wirksamkeit ans Licht des +wachen Bewußtseins drängt, unser ethisches Hauptproblem, um das +sich alle einzelnen Systeme kristallisieren. Es liegt, wenn auch +noch so tief verhüllt, jedem unsrer ethischen Weltaspekte, auch den +Charaktertragödien Shakespeares im Gegensatz zum Attitüdendrama des +Sophokles, auch der sozialistischen Gegenwartsstimmung, die ganz in +eine individualistische Farbe getaucht ist, zugrunde. Die innere +Gewißheit eines freien Willens ist der gesamten Porträtmalerei seit +Lionardo wesenhaft. Rembrandt hat sein ganzes Leben an dies große +Mysterium gewandt, und schon Michelangelos Sklaven vom Juliusgrabmal +lassen es ahnen. Die Musik Bachs und Beethovens ist die der fromm +geglaubten und der düster bezweifelten Willensfreiheit. Der attischen +Plastik nackter Leiber ist dieser Wesenskern des faustischen Menschen +völlig fremd. Hier gibt es keinen Willen. Hier gibt es also auch kein +Bedürfnis, ihm ideelle oder wirkliche Schranken aus dem Wege zu räumen. +Die Polis ist <em class="gesperrt">nicht</em> das politische Ideal von Menschen, denen +dies Problem das schwerste von allen ist. Der freie Wille als „Form der +inneren Anschauung“, mit Kant zu reden, steht in einer tiefen Beziehung +zur <em class="gesperrt">Einsamkeit</em> des faustischen Ich, zum <em class="gesperrt">Monologischen</em> +seines Daseins und seiner gesamten künstlerischen Äußerungen, wovon die +apollinische Seele nichts besitzt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Buddhismus_14">14</h4> + +</div> + +<p>Als Nietzsche das Wort „Umwertung aller Werte“ zum ersten Male +niederschrieb, hatte endlich die seelische Bewegung dieser +Jahrhunderte, in deren Mitte wir leben, ihre Formel gefunden. +Umwertung aller Werte — das ist der innerste Charakter <em class="gesperrt">jeder</em> +Zivilisation. Sie beginnt damit, alle Formen der voraufgegangenen +Kultur umzuprägen, anders zu verstehen, anders zu handhaben. Sie +erzeugt nicht mehr, sie deutet nur um. Darin liegt das Negative aller +Zeitalter dieser Art. Sie setzen den eigentlichen Schöpfungsakt voraus. +Sie treten nur eine Erbschaft<span class="pagenum" id="Seite_487">[S. 487]</span> von großen Wirklichkeiten an. Blicken +wir auf die späte Antike und prüfen wir dort, wo das entsprechende +Ereignis liegt: es hat sich innerhalb des hellenistisch-römischen +Stoizismus, innerhalb des langen Todeskampfes der apollinischen Seele +also zugetragen. Gehen wir von Epiktet und Mark Aurel zurück auf +Sokrates, den geistigen Vater der Stoa, in dem zuerst die Verarmung des +antiken, großstädtisch und intellektuell gewordnen Lebens ans Licht +trat: zwischen ihnen liegt die Umwertung aller antiken Seinsideale. +Blicken wir auf Indien. Als König Asoka lebte, um 300 v. Chr., war +die Umwertung des brahmanischen Lebens vollzogen; man vergleiche die +vor und nach Buddha niedergeschriebenen Teile des Vedanta. Und wir? +Innerhalb des ethischen Sozialismus in dem hier festgelegten Sinne, +als der Grundstimmung der erlöschenden faustischen Seele, ist diese +Umwertung eben heute im Gange. <em class="gesperrt">Rousseau ist der Ahnherr dieses +Sozialismus. Rousseau steht neben Sokrates und Buddha, den anderen +ethischen Wortführern großer Zivilisationen.</em> Seine Ablehnung +aller großen Kulturformen, aller bedeutungsvollen Konventionen, seine +berühmte „Rückkehr zur Natur“, sein praktischer Rationalismus gestatten +keinen Zweifel. Jeder von ihnen hat eine tausendjährige Innerlichkeit +zu Grabe getragen. Sie predigen das Evangelium der Menschlichkeit, +aber es ist die Menschlichkeit des intelligenten Stadtmenschen, der +die Stadt und mit ihr die Kultur satt hat, dessen „reine“ Vernunft +nach einer Erlösung von ihr und ihrer gebietenden Form, von ihren +Härten, von ihrer innerlich nicht mehr erlebten und deshalb verhaßten +Symbolik sucht. Die Kultur wird dialektisch vernichtet. Lassen wir +die großen Namen des 19. Jahrhunderts vorüberziehen, an die sich für +uns dies mächtige Phänomen knüpft: Schopenhauer, Hebbel, Wagner, +Nietzsche, Ibsen, Strindberg, so überblicken wir das, was Nietzsche in +dem fragmentarischen Vorwort zu seinem unvollendeten Hauptwerk beim +Namen nannte, die <em class="gesperrt">Heraufkunft des Nihilismus</em>. Sie ist keiner +der großen Kulturen fremd. Sie gehört mit innerster Notwendigkeit zum +Greisenalter dieser mächtigen Organismen. Sokrates war Nihilist, Buddha +war es. Es gibt eine ägyptische, arabische, chinesische so gut wie +eine westeuropäische Decadence. Es handelt sich nicht um politische +und wirtschaftliche,<span class="pagenum" id="Seite_488">[S. 488]</span> nicht einmal um religiöse oder künstlerische +Verwandlungen an sich. Es handelt sich überhaupt nicht um Greifbares, +nicht um materielle Fakta, sondern um das Wesen einer Seele, die ihre +Möglichkeiten restlos verwirklicht hat. Man wende nicht die großen +Leistungen gerade des Hellenismus und der westeuropäischen Modernität +ein. Sklavenwirtschaft und Maschinenindustrie, „Fortschritt“ und +Ataraxia, Alexandrinismus und moderne Wissenschaft, Pergamon und +Bayreuth, soziale Zustände, wie sie die Politeia des Aristoteles +und das Kapital von Marx voraussetzen, sind lediglich Symptome im +historischen Oberflächenbilde. Es handelt sich nicht um das äußere +Leben, um Lebenshaltung, Institutionen, Sitten, sondern um die Tiefe, +um den <em class="gesperrt">innern</em> Tod. Für die Antike trat er zur Römerzeit ein. Für +uns gehört er der Zeit um 2000 an.</p> + +<p>Kultur und Zivilisation — das ist der lebendige Leib eines Seelentums +und seine Mumie. So unterscheidet sich das westeuropäische Dasein vor +1800 und nach 1800, das Leben in Fülle und Selbstverständlichkeit, +dessen Gestalt von innen heraus gewachsen und geworden ist, und zwar +in <em class="gesperrt">einem</em> mächtigen Zuge von den Kindertagen der Gotik an bis +zu Goethe und Napoleon, und jenes späte, künstliche, wurzellose Leben +unsrer großen Städte, dessen Formen der Intellekt konstruiert. Kultur +und Zivilisation — das ist ein aus der Landschaft geborener Organismus +und der aus seiner Erstarrung hervorgegangene Mechanismus. Hier +erscheint wieder der Unterschied von Werden und Gewordensein, von Seele +und Gehirn, von Ethischem und Logischem, endlich von gefühlter Historie +— das ist die Ehrfurcht vor Satzung und Tradition — und erkannter +Natur — das ist die vermeintliche Natur, die reine, gleichmachende, +vom Bann der großen Form erlösende, zu welcher man zurückkehren +will. Buddha verneint den historischen Unterschied von Brahmanen +und Tschandala, die Stoiker den von Hellenen, Sklaven und Barbaren, +Rousseau den von Privilegierten und Leibeignen. Der Kulturmensch lebt +nach innen, der zivilisierte Mensch nach außen, im Raume, unter Körpern +und „Tatsachen“. Was der eine als Schicksal empfindet, erscheint dem +andern als Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Man ist von nun an +Materialist in einem, nur für die Zivilisation gültigen Sinne, ob<span class="pagenum" id="Seite_489">[S. 489]</span> man +es will oder nicht, und ob buddhistische, stoische, sozialistische +Lehren sich idealistisch geben oder nicht.</p> + +<p>Dem gotischen und dorischen Menschen, dem Menschen der Ionik und des +Barock wird die ganze ungeheure Formenwelt von Kunst, Religion, Sitte, +Staat, Wissen, Gesellschaft leicht. Er trägt und verwirklicht sie, +ohne sie zu kennen. Er besitzt dem Symbolischen der Kultur gegenüber +dieselbe ungezwungene Meisterschaft, wie sie Mozart in seiner Kunst +besaß. Kultur ist das Selbstverständliche. Das Gefühl einer Fremdheit +unter diesen Formen, das einer Last, welche die Freiheit des Schaffens +aufhebt, die Nötigung, das Vorhandene rationalistisch zu prüfen, der +Zwang des feindseligen Nachdenkens sind die ersten Symptome einer +ermattenden Seele. Erst der Kranke fühlt seine Glieder. Daß man eine +„natürliche“ Religion konstruiert und sich gegen Kulte und Dogmen +auflehnt, daß ein Naturrecht den historischen Rechten entgegengestellt +wird, daß man in der Kunst Stile „entwirft“, weil <em class="gesperrt">der</em> Stil +nicht mehr ertragen und gemeistert wird, daß man den Staat als +„Gesellschaftsordnung“, als Mechanismus sieht, den man ändern könne, +sogar ändern müsse (und neben Rousseaus <i>contrat social</i> stehen +völlig gleichbedeutende Erzeugnisse der Zeit des Aristoteles), das +alles beweist, daß etwas endgültig zerfallen ist. Die Weltstadt selbst +steht als Extrem von Anorganischem inmitten der Kulturlandschaft da, +deren Menschentum sie von seinen Wurzeln löst, an sich zieht und +verbraucht.</p> + +<p>Wissenschaftliche Welten sind oberflächliche Welten, praktische, +seelenlose, rein extensive Welten. Sie liegen den Anschauungen des +Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus zugrunde.<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[108]</a> Das Leben nicht +mehr mit kaum bewußter, wahlloser Selbstverständlichkeit leben, es als +gottgewolltes Schicksal hinnehmen, sondern es problematisch finden, es +auf Grund intellektueller Einsichten in Szene setzen, „zweckmäßig“, +„vernunftgemäß“ — das ist in allen drei Fällen der Hintergrund. +Das Gehirn regiert, weil die Seele abdankte. Kulturmenschen leben +unbewußt, Tatsachenmenschen leben bewußt. Das Leben selbst<span class="pagenum" id="Seite_490">[S. 490]</span> ist eine +„Tatsache“. Das im Boden wurzelnde Bauerntum vor den Toren der großen +Städte, die jetzt — skeptisch, praktisch, künstlich — <em class="gesperrt">allein</em> +die Zivilisation repräsentieren, zählt nicht mehr mit. „Volk“ — das +ist jetzt Stadtvolk, anorganische Masse, etwas Fluktuierendes. Der +Bauer ist <em class="gesperrt">nicht</em> Demokrat — denn auch dieser Begriff gehört zum +mechanischen, städtischen Dasein —, folglich übersieht, belächelt, +verachtet, haßt man ihn. Er ist nach dem Schwinden der alten Stände, +Adel und Priestertum, der einzige <em class="gesperrt">organische</em> Mensch, eine +übriggebliebene Reminiszenz der Kultur. Er findet weder im stoischen +noch im sozialistischen Denken einen Platz.</p> + +<p>So ruft der Faust des ersten Teils der Tragödie, der leidenschaftliche +Forscher in einsamen Mitternächten, folgerichtig den des zweiten Teils +und des neuen Jahrhunderts hervor, den Typus einer rein praktischen, +weitschauenden, nach außen gerichteten Tätigkeit. Hier hat Goethe +psychologisch die ganze Zukunft Westeuropas vorweggenommen. Das ist +Zivilisation an Stelle von Kultur, der äußere Mechanismus statt des +innern Organismus, der Intellekt als das seelische Petrefakt an Stelle +der erloschenen Seele selbst. So wie Faust am Anfang und Ende der +Dichtung, stehen sich innerhalb der Antike der Hellene zur Zeit des +Perikles und der Römer zur Zeit Cäsars gegenüber.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Buddhismus_15">15</h4> + +</div> + +<p>Solange der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur einfach vor +sich hin lebt, natürlich und selbstverständlich, hat sein Leben eine +wahllose Haltung. Das ist seine <em class="gesperrt">instinktive</em> Moral, die sich in +tausend umstrittene Formeln verkleiden mag, die man aber selbst nicht +bestreitet, weil man sie <em class="gesperrt">hat</em>. Sobald das Leben ermüdet, sobald +man — auf dem künstlichen Boden großer Städte, die jetzt geistige +Welten für sich sind — eine Theorie braucht, um es zweckmäßig in Szene +zu setzen, sobald das Leben Objekt der Betrachtung geworden ist, wird +die Moral zum <em class="gesperrt">Problem</em>. Kulturmoral ist die Moral, welche man +hat, zivilisierte die, welche man sucht. Die eine ist zu tief, um auf +logischem Wege erschöpft zu werden, die andre ist eine <em class="gesperrt">Funktion</em> +der Logik. Noch bei Kant und Plato ist die Ethik bloße<span class="pagenum" id="Seite_491">[S. 491]</span> Dialektik, ein +Spiel mit Begriffen, die Abrundung eines metaphysischen Systems. Man +hätte sie nicht nötig gehabt. Der kategorische Imperativ ist lediglich +die abstrakte Fassung dessen, was für Kant gar nicht in Frage stand. +Von Zenon und Schopenhauer an gilt das nicht mehr. Da mußte als Regel +des Seins gefunden, erfunden, erzwungen werden, was instinktiv nicht +mehr gesichert war. An dieser Stelle beginnt die zivilisierte Ethik, +die nicht der Reflex des Lebens auf die Erkenntnis, sondern der +Reflex der Erkenntnis auf das Leben ist. Man fühlt etwas Künstliches, +Seelenloses und Halbwahres in all diesen <em class="gesperrt">erdachten</em> Systemen, +welche Epochen dieser Art füllen. Das sind nicht mehr innerlichste, +beinahe überirdische Schöpfungen, die ebenbürtig neben den großen +Künsten stehen. Jetzt verschwindet alle Metaphysik großen Stils, +alle reine Intuition vor dem einen, was plötzlich nottut, vor der +Konzeption einer <em class="gesperrt">praktischen</em> Moral, die das Leben regeln soll, +weil es sich selbst nicht mehr regeln kann. Die Philosophie war bis +auf Kant, Aristoteles und den Vedanta eine Folge mächtiger Weltsysteme +gewesen, in denen die <em class="gesperrt">formale</em> Ethik einen bescheidnen Platz +fand. Sie wird jetzt Moralphilosophie, mit einer Metaphysik als +Folie. Die erkenntnistheoretische Leidenschaft tritt den Vorrang an +die praktische Notdurft ab: Sozialismus, Stoizismus, Buddhismus sind +Philosophien dieses Stils. Damit ist die Zivilisation eingeleitet. +Das Leben war rein organisch gewesen, notwendigster und erfüllter +Ausdruck einer Seele; es wird jetzt anorganisch, <em class="gesperrt">seelenlos</em> +unter der Vormundschaft des Verstandes. Man hat dies — und darin +liegt der typische Irrtum im Selbstgefühl aller Zivilisationen — als +wachsende Vollendung empfunden. Aber dieser Geist des weltstädtischen +Menschentums stellt keine Erhöhung des Seelischen dar, sondern den +Rest, der hervortritt, nachdem die ganze organische Fülle des Übrigen +erstorben und zerfallen ist.</p> + +<p>Die Welt statt aus der Höhe, wie Äschylus, Plato, Dante, Goethe, +unter dem Gesichtspunkt der alltäglichen Notdurft und andrängenden +Wirklichkeit betrachten, das nenne ich <em class="gesperrt">die Vogelperspektive des +Lebens mit der Froschperspektive vertauschen</em>. Und eben das ist +der Abstieg von der Kultur, zur Zivilisation. Jede Ethik formuliert +den Blick der Seele auf ihr<span class="pagenum" id="Seite_492">[S. 492]</span> Schicksal: heroisch oder praktisch, +groß oder gemein, männlich oder greisenhaft. Und so unterscheide ich +eine <em class="gesperrt">tragische</em> und eine <em class="gesperrt">Plebejermoral</em>. Die tragische +Moral einer Kultur kennt und begreift die Schwere des Seins, aber +sie zieht daraus das Gefühl des Stolzes, es zu tragen. So empfanden +Äschylus, Shakespeare und die Denker der brahmanischen Philosophie, +so Dante und der germanische Katholizismus. Das liegt in dem wilden +Schlachtchoral des Luthertums: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ und +das klingt selbst noch in der Marseillaise nach. Die Plebejermoral des +Epikur und der Stoa, der Sekten der Buddhazeit, des 19. Jahrhunderts +macht einen Schlachtplan zurecht, das Schicksal zu umgehen. Sie +sieht in der Welt nicht Gott, sondern einen Inbegriff von Tatsachen. +Schicksal — das ist für sie der vom Gehirn zu ermittelnde Nexus +von Ursache und Wirkung. Was sie unter Geschichte begreift, lehrt +dementsprechend die materialistische Geschichtsauffassung. Es ist +eine höchst zweckmäßige Lebensauffassung, welche von nun an die +große Vergangenheit unpraktisch findet, sie verhöhnt und belächelt. +Darin hatte Nietzsche sicher recht: die attische Tragödie entsprang +der Überfülle des Lebens. Das Unvermeidliche mit Würde tragen, dem +Schicksal, den Göttern gegenüber Mann und Held bleiben — das war +apollinisch gefühlt. Hier hätte er weiter gehen und die Zeiten +vergleichen sollen. Was Äschylus groß tat, das tat die Stoa klein. +Das war nicht mehr Fülle, sondern Armut, Kälte und Leere des Lebens +und die Römer haben diese intellektuelle Kälte und Leere nur zum +Großartigen gesteigert. Und dasselbe Verhältnis besteht zwischen +dem ethischen Pathos der großen Meister des Barock, Shakespeare, +Bach, Kant, Goethe, dem männlichen Willen, <em class="gesperrt">innerlich</em> Herr der +natürlichen Dinge zu sein, weil man sie tief unter sich weiß, und +dem greisenhaften Willen der europäischen Modernität, sie sich — in +Gestalt der Fürsorge, der Humanität, des Weltfriedens, der Technik, +des Zwangsstaates, des Glückes der meisten — <em class="gesperrt">äußerlich</em> aus dem +Wege zu schaffen, weil man sich mit ihnen auf derselben Ebene weiß. +Auch das ist Wille zur Macht im Gegensatz zur antiken Duldung des +Unabwendbaren; auch darin liegt Leidenschaft und Hang zum Unendlichen, +aber es ist ein Unterschied zwischen metaphysischer und materieller +Größe im Überwinden.<span class="pagenum" id="Seite_493">[S. 493]</span> Die Tiefe fehlt, das, was der frühere Mensch +Gott nannte. Das bedeutet der Niedergang der westeuropäischen +Poesie von der Gestaltung letzter Weltgeheimnisse zur Tendenzpoesie +dieser Tage mit ihren ephemeren Lösungen sozialer und sexueller +Oberflächenprobleme, die das Maximum dessen darstellen, was man noch +begreift. Das faustische Weltgefühl der <em class="gesperrt">Tat</em>, wie es von den +Staufen und Welfen bis auf Friedrich den Großen, Goethe und Napoleon +in jedem großen Menschen wirksam war, verflachte zu einer Philosophie +der <em class="gesperrt">Arbeit</em>, wobei es für das seelische Niveau gleichgültig +ist, ob man sie verteidigt oder verurteilt. Der Kulturbegriff der Tat +und der zivilisierte — seelenlose — Begriff der Arbeit verhalten +sich genau so wie die Haltung des äschyleischen Prometheus zu der +des Diogenes. Der eine ist ein Dulder, der andere ist faul. Galilei, +Kepler, Newton brachten es zu Taten, der moderne Physiker <em class="gesperrt">leistet +eine Arbeit</em>. Plebejermoral, triviale Wirklichkeitsmoral auf der +Basis des alltäglichen Daseins und des „gesunden Menschenverstandes“ +ist es, was trotz aller großen Worte von Schopenhauer bis zu Shaw +jeder Lebensbetrachtung zugrunde liegt. Hebbel und Nietzsche, die +dem zu widersprechen scheinen, sind nicht Offenbarungen einer echten +tragischen Moral; sie wollen es nur sein. Eine Sache verteidigen oder +bekämpfen — das sind nur verschiedene Ausdrucksformen derselben innern +Bedingungen. Wer heute die Philosophie der Arbeit verneint, ist kein +verspäteter Mediceer, sondern ein Snob. Wer das schrankenlose Recht des +einzelnen auf den Schild hebt, gibt dem Sozialismus nur eine pikante +Wendung. Auch Nietzsche ist ein Dekadent, ein Sozialist, ein Arbeiter. +Er hat selbst keinen Zweifel darüber gelassen. Seine Lehre (die von +seiner persönlichen Haltung sehr verschieden ist) ist Gegensatz und +Umkehrung von etwas anderm, das dennoch zu Recht besteht, nichts +innerlich Ursprüngliches. Sein aristokratischer Geschmack, der durch +seine darwinistisch-physiologischen Neigungen jeden Augenblick in Frage +gestellt wird, ist nichts weniger als wahllos und selbstverständlich, +ist vielmehr das gewaltsame Pathos eines verspäteten Faust auf +südlichen Bergen, der mit aller Leidenschaft des Nordens sein Schicksal +verleugnen, der vom Plebejertum loskommen will, das er in allen +Gliedern spürt.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_494">[S. 494]</span></p> + +<h4 id="Buddhismus_16">16</h4> + +</div> + +<p>Der Abstieg von der Vogel- zur Froschperspektive in den großen Fragen +des Lebens verkleidet sich in die Maske jener berühmten „Rückkehr +zur Natur“, die <em class="gesperrt">jede</em> Kultur in einer eignen Gestalt kennt und +deren faustische Fassung Rousseau gegeben hat. Man braucht nicht +notwendig an soziale Wandlungen zu denken, auch die Kunst vollzieht +eine Rückkehr zur Natur. Man vergegenwärtige sich, wie dem Auftreten +der ionischen neben der dorischen Säulenordnung — dem Übergang +von heroischer Größe zu bürgerlicher Anmut, von der antiken Gotik +zum antiken Rokoko — der weitere Abstieg zur korinthischen Säule, +der <em class="gesperrt">zivilisierten</em> Erfindung des Kallimachos, folgt. Auch +das ist Rückkehr zur Natur, die das unverhüllte Motiv der Pflanze +wieder heraufrief als Zeichen pflanzenhaften Daseins, zugleich ein +Symptom sinkender Gestaltungskraft, die diesen letzten schöpferischen +Geschmack der Antike neben die klassizistische Baukunst der Goethezeit, +das Empire, stellt. Die groß gesehene, groß empfundene Natur, das +Weltbild, das durch und durch von Seele erfüllt ist, beginnt der +„natürlichen“, brutalen, begriffenen Natur zu weichen. Was die Antike +durch die historische Folge der drei Säulenordnungen mit seltener +Klarheit gestaltete, ist der Weg von früher zu später Kultur und von +da zur Zivilisation, der Weg von der Kunst als Religion zur Kunst als +Wissenschaft.</p> + +<p>Wenn im Bereiche der Kunst irgendwo der Begriff Natur auftaucht, so +stellt er jedesmal einen <em class="gesperrt">Gegenbegriff</em> im eigentlichsten Sinne +dar, die geistige Negation von etwas, wogegen das Leben sich auflehnt, +eine Größe, die der <em class="gesperrt">Widerspruch</em> geprägt und gestaltet hat. Die +„Natur“ der Empfindsamen bedeutete eine schüchterne Auflehnung gegen +den großen Stil, den man nicht mehr ertrug. Die Natur Rousseaus ist +bereits ein Bild, das als Negation der Kultur überhaupt konzipiert ist. +Was die große Stadt, die vornehme Gesellschaft, der absolute Staat, +die Metaphysik, die formstrenge Kunst <em class="gesperrt">nicht</em> sind — <em class="gesperrt">das +ist Natur</em>. „Kultur“ erscheint jetzt als die große Krankheit des +natürlichen Menschen. Der Philosoph, der Politiker, der Künstler hassen +sie, und weil die Jahrhunderte hoher Kultur Geschichte im höchsten +Sinne, <em class="gesperrt">die</em> eigentliche Geschichte des Menschen<span class="pagenum" id="Seite_495">[S. 495]</span> sind, so +empfindet man diese eingebildete Natur als das <em class="gesperrt">Antihistorische</em>, +als das, was die Gehirne von dem Alpdruck der großen Vergangenheit +befreit. Folgerichtig gehört zu ihr neben der träumerischen Sehnsucht +nach Alpengipfeln, Urwäldern und Wüsten jener antihistorische +Naturmensch, der den <i>contrat social</i> voraussetzt und der von der +städtisch-rationalistischen Einbildungskraft als die fleischgewordene +Plebejermoral aus lauter Negationen der tragischen Moral konzipiert +wurde. Ob man es will oder nicht, die Vorstellung dieses Menschen +liegt der gesamten praktischen Philosophie der ethischen Periode +zugrunde. Er ist der geheime Held aller Sozialdramatik von Hebbel bis +Ibsen, die mit ihren sozialen und sexuellen Problemen die eigentliche +Negation des wahrhaft Tragischen ist. Er ist auch der Held jeder +politischen und wirtschaftlichen „Gesellschaftsordnung“, die an Stelle +historischer Staatsgebilde in zivilisierten Köpfen spukt. Es ist ein +und dasselbe, was die Sophisten in Athen, die Sankhyaphilosophen am +Ganges, die Sensualisten in London und Paris innerhalb ihrer Epoche +zur Erscheinung bringen. Man empfand die große, allumfassende, den +ganzen Reichtum der Seele spiegelnde Form als Last. Man predigte — in +allen drei Fällen — die „natürlichen Rechte“ des Menschen gegenüber +der Tradition, das heißt gegenüber der nicht mehr zu ertragenden +Größe seiner Vergangenheit, das Recht auf die Froschperspektive in +Lebensfragen gegenüber der Vogelperspektive der Vorfahren. Daher +jener tiefe, rationalistische Haß gegen Autorität und Satzung, jene +revolutionäre Sucht — auch bei Nietzsche, auch bei Buddha — sozial, +politisch, künstlerisch <em class="gesperrt">Gewachsenes</em> zu vermeiden, zu verachten +oder zu vernichten und die anorganischen Resultate wissenschaftlicher +Analyse an seine Stelle zu setzen, was man in wunderlicher Verdrehung +der Fakta als den Ersatz von Künstlichem durch Natürliches bezeichnete, +kurz die innere Auflehnung <em class="gesperrt">gegen den Makrokosmos</em>, den Inbegriff +der Kultur, den der „letzte Mensch“ nicht mehr als eigen empfindet und +deshalb in seinen äußeren historischen Resten haßt. Darin liegt die +Identität der faustischen „Umwertung aller Werte“ mit dem apollinischen +Ideal des Diogenes, die sich lediglich als eine streng dynamische und +streng statische Fassung des Nihilismus unterscheiden.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_496">[S. 496]</span></p> + +<h4 id="Buddhismus_17">17</h4> + +</div> + +<p>Jede Kultur hat also <em class="gesperrt">ihre eigene Art zu sterben</em> und <em class="gesperrt">nur</em> +die eine, die aus ihrem ganzen Leben mit tiefster Notwendigkeit +folgt. Deshalb sind Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus morphologisch +gleichwertige Phänomene.</p> + +<p>Auch der Buddhismus, dessen letzten Sinn man bisher immer mißverstanden +hat. Das ist <em class="gesperrt">keine</em> puritanische Bewegung wie der Islam und der +Jansenismus, keine Reformation wie die dionysische Strömung gegenüber +dem Apollinismus und das Luthertum dem Katholizismus gegenüber, +keine neue Religion, überhaupt keine Religion wie die der Veden +und des Apostels Paulus,<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[109]</a> sondern eine letzte rein praktische +Weltstimmung müder Großstadtmenschen, die eine abgeschlossene Kultur +im Rücken und keine Zukunft vor sich haben; er ist das Grundgefühl der +indischen Zivilisation und deshalb mit dem Stoizismus und Sozialismus +„gleichzeitig“ und gleichwertig. Die Quintessenz dieser durchaus +weltlichen, nicht metaphysischen Gesinnung findet sich in der berühmten +Predigt von Benares „Die vier heiligen Wahrheiten vom Leiden“, durch +welche der philosophierende Prinz seine ersten Anhänger gewann. Ihre +Wurzeln liegen in der rationalistisch-atheistischen Sankhyaphilosophie, +deren Theorie stillschweigend vorausgesetzt wird, ganz wie die +Sozialethik des 19. Jahrhunderts aus dem Sensualismus und Materialismus +des 18. und die Stoa trotz ihrer flachen Verwertung Heraklits von +Demokrit, Protagoras und den Sophisten stammt. Die Allmacht der +Vernunft ist in jedem Falle der Ausgangspunkt der moralischen +Überlegung. Von Religion ist keine Rede. Nichts kann religionsfremder +sein als diese Systeme in ihrer ursprünglichen Gestalt. Was aus ihnen +in den letzten Stadien der Zivilisation wird, steht hier nicht in Frage.</p> + +<p>Der Buddhismus lehnt alles Nachdenken über Gott und die kosmischen +Probleme ab. Nur das Selbst, nur die Einrichtung des wirklichen +Lebens ist ihm wichtig. Auch eine Seele wird<span class="pagenum" id="Seite_497">[S. 497]</span> nicht anerkannt. Wie +der westeuropäische Psychologe der Gegenwart — und mit ihm der +Sozialist — den innern Menschen als Empfindungsbündel, als Häufung +chemo-elektrischer Energien abtut, so der indische der Buddhazeit. +Der Lehrer Nagasena beweist dem König Milinda, daß die Teile des +Wagens, auf dem er fährt, nicht der Wagen selbst und „Wagen“ nur ein +Wort ist — ebenso stehe es mit der Seele. Die seelischen Phänomene +werden als Skandhas, Haufen, bezeichnet, die vergänglich sind. Das +entspricht durchaus den Vorstellungen der Assoziationspsychologie. +Es ist viel Materialismus in der Lehre Buddhas. (Es versteht sich, +daß jede Kultur ihre eigne, durch ihr gesamtes Weltgefühl in allen +Einzelheiten bedingte Art von Materialismus besitzt.) Wie sich der +Stoiker den heraklitischen Begriff des Logos aneignet, um ihn materiell +zu verflachen, wie der Sozialismus in seinen darwinistischen Grundlagen +Goethes tiefen Begriff der Entwicklung (durch Hegels Vermittlung) +mechanisch veräußerlicht, so der Buddhismus den brahmanischen Begriff +des Karma, des unsrer Denkweise kaum zugänglichen Seinsprinzips, das +man oft genug ganz materialistisch als Weltstoff behandelt findet. +Noch ein andres Element ist in ihm fühlbar, obwohl man es nie darin +gefunden hat: das, was Sokrates und die deutschen Romantiker als Ironie +bezeichnen, jene seltsame feine Blüte einer Dialektik, die ihrer selbst +müde ist und die bestürzt und schmerzlich lächelnd ihr Werk, das +zertrümmerte Weltbild betrachtet.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wir haben drei Formen des Nihilismus vor uns.</em> Die Ideale von +gestern, die großen religiösen, künstlerischen, staatlichen Formen +sind abgetan, nur daß selbst dieser letzte Akt der Kultur, ihre +Selbstverneinung, noch einmal das Ursymbol ihres ganzen Daseins +zum Ausdruck bringt. Der faustische Nihilist, Ibsen wie Nietzsche, +Marx wie Wagner, zertrümmert die Ideale, der apollinische, Epikur +wie Antisthenes und Zenon, läßt sie vor seinen Augen zerfallen, der +indische zieht sich vor ihnen in sich selbst zurück. Der Stoizismus +ist auf ein <em class="gesperrt">Sichverhalten des einzelnen</em> gerichtet, auf sein +statuenhaftes, rein gegenwärtiges Sein, ohne Beziehung auf Zukunft +und Vergangenheit oder auf andre. Der Sozialismus ist die dynamische +Behandlung des gleichen Themas: dieselbe pessimistische Tendenz nicht +auf die Größe, sondern die praktische Not des Lebens, aber mit<span class="pagenum" id="Seite_498">[S. 498]</span> einem +mächtigen Zug ins Ferne auf die gesamte Zukunft und die gesamte Masse +der Menschen erstreckt, die dem Prinzip unterworfen werden sollen; der +Buddhismus, den nur ein religionspsychologischer Dilettant mit dem +Christentum vergleichen kann,<a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[110]</a> ist durch die Worte abendländischer +Sprachen kaum wiederzugeben. Es ist erlaubt, von einem stoischen +Nirwana zu reden und auf die Gestalt des Diogenes zu verweisen; auch +der Begriff eines sozialistischen Nirwana ist zu rechtfertigen, +sofern man die Flucht vor dem Kampf ums Dasein ins Auge faßt, wie die +europäische Müdigkeit sie in die Schlagworte Weltfrieden, Humanität +und Verbrüderung aller Menschen kleidet. Aber nichts von dem reicht +an den unheimlich tiefen Begriff des buddhistischen Nirwana heran, +der in unserm Denkvermögen nicht zu realisieren ist. Es scheint, daß +die Seele alter Kulturen in ihren letzten Verfeinerungen und sterbend +wie eifersüchtig auf ihr eigenstes Eigentum, ihren Gehalt an Form, +auf das mit ihr geborene Ursymbol ist. Es gibt nichts im Buddhismus, +das „christlich“ sein könnte, nichts im Stoizismus, das im Islam +von 1000 n. Chr. vorkommt, nichts was Konfuzius mit dem Sozialismus +gemein hätte. Der Satz: <i>si duo faciunt idem, non est idem</i>, +der an der Spitze jeder historischen Betrachtung stehen sollte, die +es mit lebendigem, nie sich wiederholendem Werden und nicht mit +logisch, kausal und zahlenmäßig ergreifbarem Gewordnen zu tun hat, +gilt ganz besonders von diesen, eine Kulturbewegung abschließenden +Äußerungen. In allen Zivilisationen wird ein durchseeltes Sein von +einem durchgeistigten abgelöst, aber dieser Geist ist in jedem +einzelnen Falle von andrer Struktur und der Formensprache einer andern +Symbolik unterworfen. Gerade bei aller Einzigkeit des Seins, das in +der Tiefe, im Unbewußten wirkend diese späten Gebilde der historischen +Oberfläche schafft, ist deren Verwandtschaft der historischen +<em class="gesperrt">Stufe</em> nach von entscheidender Bedeutung. Was sie zum Ausdruck +bringen, ist verschieden, daß sie es <em class="gesperrt">so</em> zum Ausdruck bringen, +kennzeichnet sie als „gleichzeitige“<span class="pagenum" id="Seite_499">[S. 499]</span> Phänomene. Stoisch wirkt der +Verzicht Buddhas, buddhistisch der stoische Verzicht auf das volle +resolute Leben. Auf das Verhältnis der Katharsis des attischen Dramas +zur Idee des Nirwana war schon hingewiesen worden. Man hat das +Gefühl, als sei der Sozialismus, obwohl ein ganzes Jahrhundert sich +schon seiner ethischen Durchbildung widmete, noch heute nicht in der +klaren, harten, resignierten Fassung, die seine endgültige sein wird. +Vielleicht werden die ersten Jahrzehnte nach dem großen Kriege ihm die +reife Formel geben, wie sie Chrysipp der Stoa gab. Aber stoisch wirkt +schon heute — in den höheren Sphären — seine Tendenz zur Selbstzucht +und Entsagung aus dem Bewußtsein einer großen Bestimmung heraus, das +römisch-preußische, höchst unpopuläre Element in ihm, und buddhistisch +seine Geringschätzung eines augenblicklichen Behagens (des „<i>carpe +diem</i>“); epikuräisch erscheint sicherlich das populäre Ideal, dem er +ausschließlich die Wirksamkeit nach unten verdankt, jener Kultus der +ἡδονή, nicht des einzelnen für sich, sondern der Ganzheit.</p> + +<p>Gemeinsam ist die Lebensgestaltung aus dem Bewußtsein statt aus dem +Unbewußten. Jetzt liegt das verinnerlichte Leben weit zurück, das mit +dem wahllosen Ausdruck eines Weltgefühls zusammenfiel. Hier ist kein +Ausdruck mehr nötig und möglich, denn die Seele hat sich erschöpft und +das in ihr liegende Mögliche ist restlos Wirklichkeit geworden. Aber +der Trieb besteht fort und ergreift das durchgeistigte Bewußtsein und +so entstehen Formen einer ganz andren Art von menschlichem Dasein, +ein Leben voller Kausalität statt von einem Schicksal getragen, nach +Grundsätzen der Zweckmäßigkeit geregelt statt von innerer Notwendigkeit +gestaltet, erkannt statt gefühlt. Es gibt keinen größeren Gegensatz als +den zwischen einem zivilisierten und einem Kulturmenschen. Selbst der +primitive Mensch ist dem der dorischen und gotischen Zeit innerlich +nicht so fremd.</p> + +<p>Jede Seele hat Religion. Das ist nur ein andres Wort für ihr Dasein. +Alle lebendigen Formen, in denen sie sich ausspricht, alle Künste, +Dogmen, Kulte, metaphysische, mathematische Formenwelten, jedes +Ornament, jede Säule, jeder Vers, jede Idee ist im Tiefsten religiös +und <em class="gesperrt">muß</em> es sein. Von nun an <em class="gesperrt">kann</em> es das nicht mehr sein. +Das Wesen aller Kultur ist Religion,<span class="pagenum" id="Seite_500">[S. 500]</span> <em class="gesperrt">folglich ist das Wesen aller +Zivilisation Irreligion</em>. Auch das sind zwei Worte für ein und +dieselbe Erscheinung. Wer das nicht im Schaffen Manets gegen Velasquez, +Wagners gegen Gluck, Lysipps gegen Phidias, Theokrits gegen Pindar +herausfühlt, der weiß nichts vom Besten der Kunst. Religiös ist noch +die Baukunst des Rokoko selbst in ihren „weltlichsten“ Schöpfungen. +Irreligiös sind die Römerbauten, auch die Tempel der Götter. Mit dem +Pantheon, der Urmoschee mit dem eindringlich magischen Gottgefühl +ihres Innenraums, ist das einzige Stück religiöser Baukunst in das +alte Rom geraten. Die Weltstädte selbst sind den alten Kulturstädten +gegenüber, Alexandria gegen Athen, Berlin gegen Nürnberg, in allen +Einzelheiten bis in das Straßenbild, die Sprache, den trocken +intelligenten Zug der Gesichter<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[111]</a> hinein irreligiös (was man nicht +mit antireligiös zu verwechseln hat). Und irreligiös, seelenlos sind +demnach auch diese ethischen Weltstimmungen, die durchaus in die +Formenwelt der Weltstadtphänomene gehören. Der Sozialismus ist das +irreligiös gewordene faustische Lebensgefühl; das besagt auch das +vermeintliche („wahre“) Christentum, das der Sozialist so gern im Munde +führt und unter dem er etwas wie eine „dogmenlose Moral“ versteht. +Irreligiös sind Stoizismus und Buddhismus im Verhältnis zur homerischen +und vedischen Religion und es ist ganz Nebensache, ob der römische +Stoiker den Kaiserkult billigt und ausübt, der spätere Buddhist seinen +Atheismus mit Überzeugung bestreitet, der Sozialist sich freireligiös +nennt oder auch „weiterhin an Gott glaubt“.</p> + +<p>Dies Erlöschen der lebendigen inneren Religiosität, welche auch den +unbedeutendsten Zug des Daseins gestaltet und erfüllt, ist es, was im +historischen Weltbilde als die Wendung der Kultur zur Zivilisation +erscheint, als das <em class="gesperrt">Klimakterium der Kultur</em>, wie ich es früher +nannte, als der Moment, wo die seelische Fruchtbarkeit einer Art von +Mensch für immer erschöpft ist und die Konstruktion an Stelle der +Zeugung tritt. Faßt man das Wort Unfruchtbarkeit in seiner vollen +ursprünglichen Schwere, so bezeichnet es das <em class="gesperrt">ganze</em> Schicksal +des weltstädtischen Gehirnmenschen<span class="pagenum" id="Seite_501">[S. 501]</span> und es gehört zum Bedeutsamsten +der geschichtlichen Symbolik, daß diese Wendung sich nicht nur im +Erlöschen der großen Kunst, der großen Denksysteme, des großen Stils, +sondern auch ganz materiell in der Kinderlosigkeit und dem Rassentod +der zivilisierten, vom Lande abgelösten Schichten ausspricht, ein +Phänomen, das in der römischen Kaiserzeit viel bemerkt und beklagt, +aber notwendigerweise nicht gemildert werden konnte. Dieses Faktum +und seine Folgen für die Geschlechter der Nachgeborenen auszudrücken +ist die Aufgabe und der Sinn aller „modernen“ Philosophien seit +Buddha, Zenon und Schopenhauer. Und daraus folgt weiter: Wie jede +Zivilisation eine <em class="gesperrt">eigne</em> ethische Fassung ihrer Existenz besitzt, +so hat sie auch <em class="gesperrt">nur</em> die eine. Es ist die verstandesmäßige und +zweckmäßige, aus der Not, nicht der Fülle geborene Fassung dessen, +was bisher im Unbewußten wirksam gewesen war. Das Heraufheben des +Unbewußten — Schicksalhaften, Tragischen — an das Licht des +geistigen Bewußtseins, wo es zum logischen und kausalen Mechanismus +erstarrt: das ist innerhalb einer jeden Philosophie (deren Geschichte +jedesmal die Biographie eines Organismus mit Geburt, Jugend, Alter +und Tod ist) der Abschluß der metaphysischen und der Anbruch der +weltstädtisch-ethischen Periode. Wie ein und dasselbe Weltgefühl +sich in der brahmanischen, ionischen, Barockmetaphysik in vielfachen +realistischen und idealistischen Konzeptionen offenbart, ohne daß die +einzelnen Denker etwas in der Tiefe wirklich Verschiedenes hätten +ausdrücken wollen und können, so ist es ein und dasselbe Ideal des +bewußten Lebens, das die gesamte Geistigkeit einer Zivilisation +in tausend Verkleidungen beschäftigt. Man muß den Stoizismus als +Lehrmeinung und als allgemeinen Geist der Zeit unterscheiden. Im +letzten Falle schließt er auch Epikur, die Akademiker, Skeptiker und +Zyniker ein. Das Ideal des abgeklärten, mit sich allein beschäftigten +Weisen ist ihnen gemeinsam. Es sind lediglich Unterschiede des +persönlichen Geschmacks und Temperaments innerhalb der antiken +Menschlichkeit, die es so oder so formulieren. Und dasselbe gilt im +Abendlande. Schopenhauer und Nietzsche, Mitleidsmoral und Herrenmoral, +der verneinte und bejahte Wille zum Leben: das ist im tiefsten dasselbe +und nur im gedanklichen Stil verschieden. Die Tendenz<span class="pagenum" id="Seite_502">[S. 502]</span> zum Anarchismus, +wie man sie etwa bei Stirner und Ibsen findet, ist lediglich eine +Nuance des allgemeinen Sozialismus. Es gehört zu den Unterschieden +des privaten Charakters, ob man das faustische Weltgefühl, den +Weltanspruch des Ich, das sich mit dem Unendlichen eins weiß, vom Ich +oder vom Unendlichen aus, subjektiv oder objektiv, idealistisch oder +realistisch also, in eine wissenschaftliche Ordnung bringt. Das erste +führt zu einer anarchistischen (individualistischen), das andre zu +einer sozialistischen (kollektivistischen) Grundstimmung in Fragen des +äußeren Lebens. Die Beschaffenheit des Lebens selbst wird dadurch nicht +berührt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Buddhismus_18">18</h4> + +</div> + +<p>Mit dem Anbruch einer Zivilisation ist das Sittliche also aus einer +Gestalt des Herzens zu einem Prinzip des Kopfes geworden, aus einem +schlechthin vorhandenen Phänomen zu einem Mittel und Objekt, das man +handhabt. Es <em class="gesperrt">offenbart</em> sich nicht mehr durch jeden Zug des +Lebens, es wird begründet und befolgt.</p> + +<p>Angesichts dieser neuen intellektuellen Bildungen darf man über ihr +lebendiges Substrat nicht im Zweifel sein, den „neuen Menschen“ +nämlich, als der er hoffnungsvoll von allen Niedergangszeiten empfunden +worden ist. Es ist der formlos in den großen Städten fluktuierende +Pöbel an Stelle des Volkes, die wurzellose städtische Masse, οἱ πολλοί, +wie man in Athen sagte, an Stelle des mit der Natur verwachsenen, +selbst auf dem Boden der Städte noch bäuerlichen Menschentums +einer Kulturlandschaft. Es ist der Agorabesucher Alexandrias und +Roms und sein „Zeitgenosse“, der heutige Zeitungsleser; es ist der +„Gebildete“, jenes Kunstprodukt einer nivellierenden städtischen +Erziehung durch Schule und Öffentlichkeit, damals wie heute; es ist +der antike und abendländische Mensch der Theater und Vergnügungsorte, +des Sports und der Literatur des Tages. Diese spät erscheinende +Masse und <em class="gesperrt">nicht</em> „die Menschheit“ ist Objekt der stoischen +und sozialistischen Propaganda, und man könnte ihr gleichbedeutende +Erscheinungen des ägyptischen Neuen Reiches, des buddhistischen Indien, +des konfuzianischen China zur Seite stellen.</p> + +<p>Dem entspricht eine charakteristische Form der öffentlichen +Wirksamkeit, die <em class="gesperrt">Diatribe</em>. Zuerst als spätantike Erscheinung<span class="pagenum" id="Seite_503">[S. 503]</span> +betrachtet, gehört sie zu den Wirkungsformen <em class="gesperrt">jeder</em> Zivilisation. +Durch und durch dialektisch, praktisch, plebejisch, ersetzt sie +die bedeutsame, weithin wirkende Gestalt großer Menschen durch +schrankenlose Agitation der Kleinen, aber Klugen, Ideen durch Zwecke, +Symbole durch Programme. Das Expansive jeder Zivilisation, der +imperialistische Ersatz der Zeit durch den Raum, kennzeichnet auch sie: +die Quantität ersetzt die Qualität, die Verbreitung die Vertiefung. Man +verwechsle diese hastige Aktivität nicht mit dem faustischen Willen zur +Macht. Sie verrät nur, daß ein schöpferisches Innenleben zu Ende und +eine geistige Existenz nur nach außen, im Raume, nur materiell aufrecht +zu erhalten ist. Die Diatribe gehört notwendig zur „Religion der +Irreligiösen“; sie ist deren „Seelsorge“. Sie erscheint als indische +Predigt, als antike Rhetorik, als abendländischer Journalismus. Sie +wendet sich an die Meisten, nicht an die Besten. Sie wertet ihre Mittel +nach der <em class="gesperrt">Zahl</em> der Erfolge. Sie setzt anstelle des Denkertums +alter Zeiten die <em class="gesperrt">intellektuelle männliche Prostitution</em> in Rede +und Schrift, wie sie alle Säle und Plätze der Weltstädte füllt und +beherrscht. Rhetorisch ist die gesamte Philosophie des Hellenismus, +journalistisch der Roman Zolas wie das Drama Ibsens. Man verwechsle +diese geistige Prostitution nicht mit dem ursprünglichen Auftreten des +Christentums. Die christliche Mission ist in ihrem Wesenskern beinahe +immer mißverstanden worden. Aber das Urchristentum, die <em class="gesperrt">magische</em> +Religion des Stifters, dessen Seele dieser brutalen Aktivität ohne Takt +und Tiefe gar nicht fähig war, ist erst durch die hellenistische Praxis +des Paulus — bekanntlich unter schroffstem Widerspruch der Urgemeinde +— in die lärmende städtische demagogische Öffentlichkeit des Imperium +Romanum hineingezogen worden. Mag seine hellenistische Bildung noch so +oberflächlich gewesen sein (er war und blieb Jude, nicht Stoiker), sie +hat ihn nach außen zu einem Gliede der antiken Zivilisation gemacht. +Paulus hat nur die Richtung, <em class="gesperrt">nicht die Form</em> seiner Wirksamkeit +gewechselt: das bedeutet der Tag von Damaskus. Das „Gehet hin in alle +Welt und lehret alle Völker“, gleichviel wem die Worte in den Mund +gelegt sind, ist ein Satz von spätantikem, stoischem, zivilisiertem +Gepräge, der nicht, wie das früheste Christentum in seiner abgelegenen<span class="pagenum" id="Seite_504">[S. 504]</span> +primitiven Landschaft, eine ertagende Kultur, sondern eine über +formlosen Menschenmassen verscheidende Zivilisation kennzeichnet, und +der damals als praktische Maxime in alle Zeitreligionen, Isis- und +Mithraskult, Neuplatonismus und Manichäismus eingedrungen war, sobald +sie aus ihrer östlichen Heimat auf antiken Boden traten. Nicht das +Christentum hat sich mittels der Diatribe der antiken Welt bemächtigt, +die Antike hat es durch sie sich angeeignet. „Alle Völker“, — damit +war durchaus nicht die bäuerliche Bevölkerung des flachen Landes +gemeint, die in keiner Zivilisation mitzählt. Christus hatte Fischer +und Bauern an sich gezogen, Paulus hielt sich an die Agora der großen +Städte und also an die großstädtische Form der Propaganda. Das Wort +Heide (<i>paganus</i>) verrät noch heute, auf wen sie <em class="gesperrt">zuletzt</em> +wirkte. Wie verschieden ist Paulus von Bonifacius! Der tief germanische +Bonifaciustyp bedeutet in seiner faustischen Leidenschaft, in Wäldern +und einsamen Tälern, etwas streng Entgegengesetztes und ebenso die +heitren Zisterzienser mit ihrem Landbau und die Deutschordensritter +im slawischen Osten. Das war wieder Jugend, Aufblühen, Sehnsucht +inmitten einer bäuerlichen Landschaft. Erst im 19. Jahrhundert +erscheint die Diatribe auf diesem mittlerweile gealterten Boden mit +allem, was ihr wesenhaft ist, mit der großen Stadt als Basis und der +Masse als Publikum. Das echte Bauerntum fällt für den Sozialismus so +wenig in den Kreis der Betrachtung wie für Buddha und die Stoa. Erst +hier, in den Städten des europäischen Westens, findet der Paulustyp +wieder seinesgleichen, mag es sich nun um sektenhafte christliche oder +antikirchliche, soziale oder biologische Interessen, um Freidenkertum +oder ephemere Religionsstiftereien handeln.</p> + +<p>Zenon und Buddha in Ehren. Auch König Asoka und Mark Aurel, mit denen +nach Jahrhunderten die letzte Weltstimmung auf den Thron gelangte, +gehören zu den posthumen Menschen von innerer Kultur. Aber wir +haben auch in beiden Fällen das Bild der Wirkung ins Breite, eben +jene buddhistische und stoische Propaganda mit den Scharen platter, +schmutziger, zudringlicher Salonphilosophen und Wanderredner, den +Massen seichter Flugschriften und Volksbücher, den schlechten Manieren, +der gewöhnlichen Gesinnung, den journalistischen Tiraden. Bei<span class="pagenum" id="Seite_505">[S. 505]</span> Lukian +findet man die berühmte Satire, die Wort für Wort auf Indien und die +Gegenwart paßt.</p> + +<p>Alle antike Philosophie nach Plato und Aristoteles ist Rhetorik. +Aller Sozialismus im weitesten Sinne, von Schopenhauers Aufsätzen +bis zu Shaws Essais, Nietzsche nicht ausgenommen, ist nach Form und +Absicht Journalismus. Die gesamte soziale Dramatik, die Schillers +sittliche Leidenschaft ins Leben gerufen hat (die „Schaubühne +als moralische Anstalt“ bis auf Ibsen und Strindberg herab), die +populäre Naturwissenschaft mit ihren sozialethischen, in die Tierwelt +projizierten Hinterabsichten, der sich rasch in humane Stimmungen +auflösende Rest von protestantischem Christentum ist es. Der Dichter +wird Journalist, der Priester wird Journalist, der Gelehrte wird +Journalist. Wie tief diese Form einer jeden zivilisierten Ethik +begründet ist, beweist Nietzsche, dem die Zarathustragestalt unter den +Händen zu einem Wanderprediger geriet.</p> + +<p>Nichts ist für diese entschiedene Wendung zum äußeren Leben, das allein +übrig geblieben ist, dem biologischen Faktum, dem das Schicksal nur +noch in der Form von objektiven Tatsachen und Kausalitätsbeziehungen +erscheint, bezeichnender als das ethische Pathos, mit dem man sich nun +einer Philosophie der Verdauung, der Ernährung, der Hygiene zuwendet, +Alkoholfragen und Vegetarismus werden mit religiösem Ernste behandelt, +augenscheinlich das Gewichtigste an Problemen, zu dem der „neue +Mensch“ sich aufschwingen kann. So entspricht es der Froschperspektive +dieser Generationen. Religionen, die an der Schwelle großer Kulturen +entstehen wie die homerische und vedische, das Christentum Jesu und +das faustische der ritterlichen Germanen hätten es unter ihrer Würde +befunden, zu Fragen der Art herabzusteigen. Jetzt steigt man zu ihnen +hinauf. Der Buddhismus ist ohne dergleichen nicht denkbar. Im Kreise +der Sophisten, des Antisthenes, der Stoiker und Skeptiker gewinnt +es große Bedeutung. Schon Aristoteles hat über die Alkoholfrage +geschrieben, eine ganze Reihe von Philosophen über den Vegetarismus +und es besteht zwischen der apollinischen und der faustischen Farce +nur der Unterschied, daß der Zyniker die eigne Verdauung, Shaw die +Verdauung „aller Menschen“ in sein theoretisches Interesse zieht. Der +eine entsagt, der andere<span class="pagenum" id="Seite_506">[S. 506]</span> verbietet. Man weiß, wie Nietzsche sich noch +im Ecce homo darin gefällt, in Fragen dieser Art zu dilettieren.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Buddhismus_19">19</h4> + +</div> + +<p>Überblicken wir noch einmal den Sozialismus als das faustische +Beispiel einer zivilisierten, einer intellektuellen, logisierten, von +Kausalitäten statt vom Schicksal erfüllten Ethik. Was seine Freunde +und Feinde von ihm sagen, daß er die Gestalt der Zukunft oder daß er +ein Zeichen des Niederganges sei, ist gleich richtig. Wir alle sind +Sozialisten, ohne es zu wissen. Wir tragen ihn als Lebensgefühl in uns, +ob wir wollen oder nicht. Und selbst der Widerstand gegen ihn trägt +seine Form.</p> + +<p>Alle antiken Menschen der späten Zeit waren Stoiker, ohne es zu +wissen. Das ganze römische Volk, als Körper, als Individualität, +hat eine stoische Seele; als Zenon lebte, war der populus Romanus, +dies Volk von Soldaten und Beamten mit einer Götterwelt, in der es +nur Götter<em class="gesperrt">pflichten</em>, nüchterne, praktische, keine göttlichen +Abenteuer gibt, eben in der Bildung begriffen. Der echte Römer, gerade +der, welcher es am entschiedensten bestritten hätte, ist in einem +strengeren Grade Stoiker, als es je ein Grieche hätte sein können: er +lebte noch in einer Art ursprünglicher Barbarei, als das antike Dasein +sich ihr wieder näherte; ihm fehlt der innere Rest von Kultur, der die +Reinheit des zivilisierten Typus verdunkelt. Die lateinische Sprache, +durch und durch praktisch und prosaisch, ist die mächtigste Schöpfung +des Stoizismus geblieben.<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[112]</a></p> + +<p>Erinnern wir uns des allgemeinen Grundgedankens, daß Geschichte und +Natur Gegensätze sind, daß wir, als Ausdruck und Verwirklichung unsres +Seelischen zwei Welten als Möglichkeiten besitzen, die eine die Natur, +vom Gewordnen und Erkannten aus gestaltet, von Gesetz, Zahl, Grenze, +Logik, gesättigt, durch und durch System, Mechanismus, Ursache und +Wirkung, die andre die Geschichte, unmittelbarer Ausdruck des Werdens +und Lebens, erschaut, nicht erkannt, von einer andern Logik und +Notwendigkeit, die nicht in Worte zu fassen<span class="pagenum" id="Seite_507">[S. 507]</span> ist, der des Schicksals. +Beide stehen einander gegenüber wie Leben und Tod, Richtung und +Ausdehnung, ewige Zukunft und ewige Vergangenheit.</p> + +<p>Der Zivilisation liegt das Gefühl der Natur, der schon gewordnen, +abgeschlossenen, erkannten, toten Welt zugrunde. Der Schritt von einer +Kultur zur Zivilisation läßt sich als die Metamorphose der Historie +in naturhafte Formen bezeichnen. Dies ist der geheimste Sinn jener +„Rückkehr zur Natur“, zur starren, vernunftmäßigen, gesetzmäßigen +Natur nämlich, der Wendung vom Schicksal zum Kausalen. Der faustische +Mensch des zivilisierten Stadiums, dessen Welt sich als ein Unendliches +kausaler Zusammenhänge repräsentiert, für den sich in Ursache und +Wirkung, Mittel und Zweck ihr Wesen erschöpft, <em class="gesperrt">ist</em> Sozialist. +Das ist die Form seiner geistigen Existenz.</p> + +<p><em class="gesperrt">Der Sozialismus ist das überhaupt erreichbare Maximum eines +Lebensgefühls unter dem Aspekt von Zwecken.</em> Denn die bewegte +Richtung des Seins, in den Worten Zeit und Schicksal fühlbar, bildet +sich, sobald sie starr, bewußt, erkannt ist, in den Mechanismus von +Mittel und Zweck um. Richtung ist das Lebendige, Zweck das Tote. +Faustisch ist die Leidenschaft des Vordringens, sozialistisch der +mechanische Rest, der „Fortschritt“. Sie verhalten sich wie der Leib +zum Skelett. Dies ist zugleich der Unterschied des Sozialismus vom +Buddhismus und Stoizismus, die mit den Idealen des Nirwana und der +Ataraxia ebenso mechanisch gestimmt sind, aber nicht die dynamische +Leidenschaft der dritten Dimension, den Willen zum Unendlichen, das +Pathos der Ausdehnung kennen.</p> + +<p>Der Sozialismus ist — trotz seiner oberflächlichen Illusionen — kein +System des Mitleids, der Humanität, des Friedens und der Fürsorge, +sondern des Willens zur Macht. Alles andere ist Selbsttäuschung. Das +Ziel ist durchaus imperialistisch: Wohlfahrt, aber im expansiven Sinne, +nicht der Kranken, sondern der Tatkräftigen, denen man die Freiheit des +Wirkens geben will, ungehemmt durch die Widerstände des Besitzes, der +Geburt, der Tradition. Gefühlsmoral, Moral auf den Nutzen hin ist bei +uns nie der letzte Instinkt, so oft es sich die Träger dieser Instinkte +einbilden. Man wird immer an die Spitze der moralischen Modernität +Kant, in diesem Falle den Schüler Rousseaus stellen<span class="pagenum" id="Seite_508">[S. 508]</span> müssen, dessen +Ethik das Motiv des Mitleids ablehnt und den Satz prägt: „<em class="gesperrt">Handle +so</em>, daß —“. Alle Ethik dieses Stils will Ausdruck des Willens zum +Unendlichen sein und dieser Wille fordert Überwindung des Augenblicks, +der Gegenwart, der Vordergründe des Lebens. An Stelle der sokratischen +Formel: „Wissen ist Tugend“ setzte schon Bacon den Spruch: „Wissen ist +Macht“. Der Stoiker nimmt die Welt, wie sie ist: Der Sozialist will sie +der Form, dem Gehalte nach organisieren, umprägen, mit <em class="gesperrt">seinem</em> +Geiste erfüllen. Der Stoiker paßt sich an. Der Sozialist befiehlt. +Die ganze Welt soll die Form <em class="gesperrt">seiner</em> Anschauung tragen — so +läßt sich die Idee der „Kritik der reinen Vernunft“ ins Ethische +umsetzen. Das ist der letzte Sinn des kategorischen Imperativs, den +er aufs Politische, Soziale, Wirtschaftliche anwendet: Handle so, als +ob die Maxime deines Handelns <em class="gesperrt">durch deinen Willen zum allgemeinen +Naturgesetz werden sollte</em>. Und diese tyrannische Tendenz ist selbst +den flachsten Erscheinungen der Zeit nicht fremd.</p> + +<p>Der Sozialismus ist zweitens eine seelische Dynamik. Nicht die Haltung +und Gebärde, die <em class="gesperrt">Wirksamkeit</em> soll gestaltet werden. Das Leben +kommt nur in Betracht, insofern es Tat ist. Und erst so, durch die +Mechanisierung des organischen Prinzips der Tat, entsteht die Idee +<em class="gesperrt">der Arbeit als der zivilisierten Form faustischen Wirkens</em>. +Diese Moral, der Drang, dem Leben die denkbar aktivste Form zu geben, +ist stärker als die Vernunft, deren Moralprogramme, sie mögen noch +so geheiligt, inbrünstig geglaubt, leidenschaftlich verteidigt sein, +nur insoweit wirken, als sie in der Richtung dieses Dranges liegen +oder in ihr mißverstanden werden. Im übrigen bleiben sie Worte. Man +unterscheide in aller Modernität wohl die populäre (antik empfundene, +statische) Seite, das süße Nichtstun, die Sorge um Gesundheit, +Glück, Sorglosigkeit, den allgemeinen Frieden, kurz das vermeintlich +Christliche von dem höheren Ethos, das nur die Tat wertet, das den +Massen — wie alles Faustische — weder verständlich noch erwünscht +ist, die großartige <em class="gesperrt">Idealisierung des Zweckes und also der +Arbeit</em>. Will man dem römischen „<i>Panem et circenses</i>“, dem +letzten epikuräisch-stoischen Lebenssymbol, das entsprechende Symbol +des Nordens zur Seite stellen, so muß es das <em class="gesperrt">Recht auf Arbeit</em> +sein, das schon dem durch und<span class="pagenum" id="Seite_509">[S. 509]</span> durch preußisch empfundenen, heute +europäisch gewordnen Staatssozialismus Fichtes zugrunde liegt und das +in den letzten, furchtbarsten Stadien dieser Entwicklung in der Pflicht +zur Arbeit gipfeln wird.</p> + +<p>Endlich das Napoleonische in ihm, das <i>aere perennius</i>, der Wille +zur Dauer, der Zukunft. Der ahistorische apollinische Mensch sah auf +ein goldenes Zeitalter <em class="gesperrt">zurück</em>; das enthob ihn des Nachdenkens +über das Kommende. Der Sozialist — der sterbende Faust — ist der +Mensch der historischen Sorge, des Künftigen, das er als Aufgabe und +Ziel empfindet, demgegenüber das Glück des Augenblicks verächtlich +wird. Der antike Geist mit seinen Orakeln und Vogelzeichen will die +Zukunft nur <em class="gesperrt">wissen</em>, der abendländische will sie <em class="gesperrt">schaffen</em>. +Das <em class="gesperrt">dritte Reich</em> ist das germanische Ideal, ein ewiges Morgen, +an das alle großen Menschen von Dante bis Nietzsche und Ibsen — Pfeile +der Sehnsucht nach dem andern Ufer, wie es im Zarathustra heißt — +ihr Leben knüpften. Alexanders Leben war ein wundervoller Rausch, ein +Traum, in dem das homerische Zeitalter noch einmal heraufbeschworen +wurde; Napoleons Leben war eine ungeheure Arbeit, nicht für sich, nicht +für Frankreich, sondern für die Zukunft überhaupt.</p> + +<p>An dieser Stelle greife ich zurück und erinnere noch einmal +daran, wie verschieden die großen Kulturen sich das Wesen der +<em class="gesperrt">Weltgeschichte</em> vorgestellt haben: Der antike Mensch sah nur +sich, seine Geschicke als ruhende Nähe und fragte nicht nach dem +Woher und Wohin. Universalhistorie ist ihm ein unmöglicher Begriff. +Das ist die statische Geschichtsauffassung. Der magische Mensch +sieht Geschichte als das große Weltdrama zwischen Schöpfung und +Untergang, das Ringen zwischen Seele und Geist, Gut und Böse, Gott +und Teufel, eine streng begrenzte Aktion mit einer <em class="gesperrt">einmaligen</em> +Katastrophe als Höhepunkt: der Erscheinung des Erlösers. Der faustische +Mensch sieht in der Geschichte eine gespannte Entwicklung auf ein +<em class="gesperrt">Ziel</em>. Die Reihe: Altertum — Mittelalter — Neuzeit ist eine +<em class="gesperrt">dynamische</em> Idee. Er <em class="gesperrt">kann</em> sich Geschichte gar nicht anders +vorstellen, und wenn dies nicht Weltgeschichte an sich und überhaupt, +sondern das Bild einer Weltgeschichte faustischen Stils ist, das mit +der westeuropäischen Kultur beginnt und aufhört, wahr und vorhanden<span class="pagenum" id="Seite_510">[S. 510]</span> zu +sein, so ist der Sozialismus die logische, praktische Krönung dieser +Vorstellung. In ihm erhält das Bild den von der Gotik an vorbereiteten +Abschluß.</p> + +<p>Und hier wird der Sozialismus — im Gegensatz zum Stoizismus und +Buddhismus — tragisch. Es ist bedeutsam, daß Nietzsche von höchster +Klarheit ist, sobald es sich um die Frage handelt, was zertrümmert, was +umgewertet werden soll; er verliert sich in nebelhafte Allgemeinheiten, +sobald das Wozu, das Ziel in Rede steht. Seine Kritik der Dekadence +ist tief, seine Übermenschenlehre ist eine Marotte. Und dasselbe gilt +von Ibsen — von Brand und Rosmersholm, Julian Apostata und Baumeister +Solneß —, von Hebbel, von Wagner, von allen. Und darin liegt eine +tiefe Notwendigkeit, denn von Rousseau an gibt es für den faustischen +Menschen nichts mehr zu hoffen. Hier ist etwas zu Ende. Die nordische +Seele hat ihre innern Möglichkeiten erschöpft und es blieb nur noch +der dynamische Sturm und Drang, wie er sich in welthistorischen +Zukunftsvisionen äußert, die mit Jahrtausenden messen, der Trieb, +die schöpferische Leidenschaft, eine geistige Daseinsform ohne +Inhalt. Diese Seele war Wille, Kraft und nichts andres; sie brauchte +ein Ziel für ihre Kolumbussehnsucht; sie <em class="gesperrt">mußte</em> einen Gehalt +ihrer Wirksamkeit sich wenigstens vortäuschen, und so findet der +feinere Beobachter einen Zug von Hjalmar Ekdal in aller Modernität, +auch in ihren höchsten Erscheinungen. Ibsen hat es die Lebenslüge +genannt. Nun, etwas von ihr liegt in der gesamten Geistigkeit der +westeuropäischen Zivilisation, insoweit sie auf eine religiöse, +künstlerische, philosophische Zukunft, ein immaterielles Ziel, ein +drittes Reich sich richtet, während in der tiefsten Tiefe ein dumpfes +Gefühl nicht schweigen will, daß diese ganze Wirksamkeit Schein, +die verzweifelte Selbsttäuschung einer historischen Seele ist. Aus +dieser tragischen Situation — der Umkehrung des Hamletmotivs — ist +Nietzsches gewaltsame Konzeption der Ewigen Wiederkunft hervorgegangen, +an die er niemals mit gutem Gewissen geglaubt hat, die er aber trotzdem +festhielt, um seine Verkünderrolle zu retten. Auf dieser Lebenslüge +ruht <em class="gesperrt">Bayreuth</em>, das etwas sein <em class="gesperrt">wollte</em> im Gegensatz zu +Pergamon, das etwas <em class="gesperrt">war</em>. Und ein Zug dieser Lüge haftet dem +gesamten politischen, wirtschaftlichen, ethischen Sozialismus an, +der gewaltsam über den <em class="gesperrt">vernichtenden</em><span class="pagenum" id="Seite_511">[S. 511]</span> Ernst seiner Resultate +schweigt, um die Illusion eines letzten Glückszustandes zu retten.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Buddhismus_20">20</h4> + +</div> + +<p>Es bleibt noch ein Wort über die Geschichte der Philosophie zu sagen, +deren Morphologie ein Problem darstellt, das nicht einmal entdeckt, +geschweige denn gelöst worden ist.</p> + +<p>Es gibt keine Philosophie überhaupt; jede Kultur hat ihre eigne; +sie ist ein Teil ihres symbolischen Gesamtausdruckes, ein Stück +verwirklichten Seelentums. Sie entspricht als Phänomen den Formenwelten +der Mathematik und der großen Künste. Ihre Konzeptionen stehen neben +den entscheidenden Werken der Kunst, der Divina Comedia, dem Parzeval, +den Tragödien des Äschylus. Ihre Systeme haben Stil. Sie sind trotz der +äußeren Verknüpfung mit wissenschaftlicher Erfahrung freie Geburten +schöpferischer Geister. Jede Kultur hat aber auch ihre Philosophie des +Aufstiegs und des Niedergangs, eine metaphysische Periode, wo das Leben +noch Chaos in sich hat und aus einer Überfülle heraus weltgestaltend +wirkt, und eine ethische, wo das erschöpfte Leben auf sich selbst +Bedacht nehmen und den Rest von Gestaltungskraft auf die Fragen des +Tages verwenden muß. Die erste gehört zu den höheren Wirkungen einer +Kultur: die brahmanische, ionische, Barockphilosophie. Die zweite ist +zivilisierter Natur und beschränkt ihre Gültigkeit auf den Bannkreis +der großen Städte und die Wesensform des intellektuellen Menschen. In +der einen <em class="gesperrt">offenbart</em> sich das Leben, die andre nimmt das Leben +— von außen — zum Objekt. In der ersten finden wir von Anaximander +bis auf Plato und von Descartes bis auf Kant herab eine dichte Reihe +großer Gestalter. In ihnen durchdringt das apollinische und faustische +Seelentum das All und sucht sich seiner Geheimnisse zu bemächtigen. +So sehr die Logik mit ihren feinsten Mitteln zur Anwendung kommt, all +diesen Schöpfungen von tiefster Selbstverständlichkeit liegt eine +<em class="gesperrt">Intuition</em> zugrunde, der sich alles fügt. Noch das kantische +System ist in seinen letzten Zügen <em class="gesperrt">geschaut</em> und <em class="gesperrt">danach</em> +erst durch logische und systematische Prinzipien fixiert und geordnet +worden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_512">[S. 512]</span></p> + +<p>Ein Beweis ist das Verhältnis zur Mathematik, deren Sinn als einer +unmittelbaren Intuition des Gewordnen — durch die Konzeption der Idee +einer Zahl, deren Typus immer nur einer einzigen Kultur wesenhaft ist +— hier zum erstenmal festgestellt wurde. Wer nicht in die Formenwelt +der Zahlen eingedrungen ist, wer sie nicht als Symbole in sich erlebt, +ist kein Metaphysiker. In der Tat waren es die großen Philosophen +des Barock, Descartes, Pascal, Hobbes, Leibniz, welche die Analysis +geschaffen haben, und das Entsprechende gilt von den Vorsokratikern und +Plato. Leibniz ist neben Newton und Gauß, Plato und Pythagoras sind +neben Archimedes Gipfel der mathematischen Entwicklung. Aber schon Kant +ist als Mathematiker ohne Bedeutung. Er ist in die letzten Feinheiten +der damaligen Infinitesimalrechnung so wenig eingedrungen, als er +Leibnizens Axiomatik begriffen hat. Darin ist er seinem „Zeitgenossen“ +Aristoteles gleich, der ebenfalls Dilettant <i>in mathematicis</i> war, +und von nun an zählt kein Philosoph in der Mathematik mehr mit. Kant +ist sehr unglücklich in der Heranziehung von geometrischen Beweisen +für seine Erkenntnistheorie, und die Kritik der reinen Vernunft +verrät, daß ihm nur die Elementarmathematik wirklich lebendig ist, +zum großen Schaden seiner Raum- und Zeittheorie, die eine Prüfung +durch die schwersten Fragen der Infinitesimalrechnung erfordert hätte. +Fichte, Hegel, Schelling endlich sind völlig unmathematisch, so gut +wie Zenon und Epikur. Schopenhauer ist schwach bis zur Borniertheit, +von Nietzsches gelegentlichen seltsamen Leistungen ganz zu schweigen. +Aber auch das ist „Rückkehr zur Natur“. Mit der Formenwelt der Zahlen +ging eine große Konvention verloren. Seitdem fehlt es nicht nur an +einer Tektonik der Systeme, es fehlt auch an dem, was man den <em class="gesperrt">großen +Stil</em> des Denkens nennen darf. Schopenhauer hat sich selbst +einen Gelegenheitsdenker genannt. Man erinnere sich der Beziehung +der Mathematik zur Plastik und Musik. Kant und Plato bezeichnen +die Schwelle. Die „Philosophie ohne Mathematik“ beginnt. Die Ethik +ist im Begriff, über ihren Rang als Teil einer abstrakten Theorie +hinauszuwachsen. Von nun an ist die Ethik <em class="gesperrt">die</em> Philosophie, +welche die andern Gebiete sich einverleibt, das heißt: nicht der +Makrokosmos, sondern das praktische Leben rückt in den Mittelpunkt +der Betrachtung. Der<span class="pagenum" id="Seite_513">[S. 513]</span> Horizont ist eng geworden. Die Leidenschaft des +reinen Denkens sinkt. Die Metaphysik, Herrin von gestern, wird zur +Dienerin von heute. Sie hat nur noch das Fundament zu bilden, das eine +praktische Gesinnung trägt. Und das Fundament wird immer überflüssiger. +Man vernachlässigt, man verspottet das Metaphysische, das Unpraktische, +die „Steine statt des Brotes“. Bei Schopenhauer ist es das vierte +Buch, um dessentwillen die drei ersten da sind. Kant glaubte nur, +daß es bei ihm so wäre. In der Tat ist ihm noch die reine, nicht die +praktische Vernunft Mittelpunkt der Schöpfung. Genau so scheidet +sich die antike Philosophie vor und nach Aristoteles: dort ein groß +aufgefaßter Kosmos, kaum bereichert durch eine formale Ethik, hier +die Ethik selbst, als Programm, als Not, auf der Basis einer nebenher +und flüchtig konzipierten Metaphysik. Und man fühlt, daß die logische +Gewissenlosigkeit, mit der zum Beispiel Nietzsche derlei Theorien +schnell hinwirft, gar nicht imstande ist, den Wert seiner eigentlichen +Philosophie herabzusetzen.</p> + +<p>Bekanntlich ist Schopenhauer (Neue Paralipomena § 656) nicht von seiner +Metaphysik zum Pessimismus, sondern vom Pessimismus, der ihn in seinem +17. Jahre überfiel, zur Konstruktion seines Systems gekommen. Shaw, +ein sehr merkwürdiger Zeuge, macht im Ibsenbrevier darauf aufmerksam, +daß man bei Schopenhauer — wie er sich ausdrückt — sehr wohl seine +Philosophie annehmen kann, während man seine Metaphysik ablehnt. Damit +ist instinktiv das gesondert, wodurch er der erste Denker der neuen +Zeit war, und das, was einer veralteten Tradition nach damals zu einer +vollständigen Philosophie gehörte. Niemand würde diese Trennung bei +Kant vornehmen. Sie würde auch nicht gelingen. Bei Nietzsche aber läßt +sich leicht feststellen, daß seine „Philosophie“ durchaus ein inneres, +sehr frühes Erlebnis war, während er seinen Bedarf an Metaphysik an +der Hand einiger Bücher schnell und mangelhaft genug herstellte und +nicht einmal seine ethische Lehre exakt darzustellen vermochte. Genau +dieselbe Überlagerung einer lebendigen, zeitgemäßen und einer von der +Gewohnheit geforderten metaphysischen Gedankenschicht läßt sich bei +Epikur und den Stoikern nachweisen. Diese Erscheinung gestattet über +das Wesen einer zivilisierten Philosophie keinen Zweifel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_514">[S. 514]</span></p> + +<p>Die Metaphysik hat ihre Möglichkeiten erschöpft. Die Weltstadt hat +das Land endgültig überwunden und ihr Geist bildet sich jetzt eine +eigne, notwendigerweise nach außen gerichtete, mechanistische, +seelenlose Theorie. Mit einem gewissen Rechte sagt man von nun an +Gehirn statt Seele. Und da im westeuropäischen Gehirn der Wille zur +Macht, die tyrannische Richtung auf die Zukunft, auf Organisation +der Gesamtheit nach praktischem Ausdruck verlangt, so nimmt die +Ethik, je mehr sie ihre metaphysische Vergangenheit aus den Augen +verliert, <em class="gesperrt">nationalökonomischen</em> Charakter an. Die von Hegel und +Schopenhauer ausgehende Philosophie der Gegenwart, soweit sie den Geist +der Zeit repräsentiert — was Lotze und Herbart z. B. nicht tun — ist +<em class="gesperrt">Gesellschaftskritik</em>.</p> + +<p>Die Aufmerksamkeit, welche der Stoiker dem eigenen Körper, dem σῶμα, +zuwendet, widmet der abendländische Mensch dem Gesellschaftskörper. +Es ist kein Zufall, daß aus der Schule Hegels der Sozialismus (Marx, +Engels), der Anarchismus (Stirner) und die Problematik des sozialen +Dramas (Hebbel) hervorgingen. Der Sozialismus ist die ins Ethische, +und zwar ins <em class="gesperrt">Imperativische</em> umgewandte Nationalökonomie. +Solange es eine Metaphysik großen Stils gab, bis auf Kant, blieb +die Nationalökonomie eine <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>. Sobald „Philosophie“ +gleichbedeutend mit praktischer Ethik wurde, trat sie an Stelle der +Mathematik als <em class="gesperrt">Normativ des Weltdenkens</em>.</p> + +<p>Es steht dem Philosophen nicht frei, seine Stoffe zu wählen, so wenig +die Philosophie immer und überall dieselben Stoffe hat. Es gibt +keine ewigen Fragen, es gibt nur Fragen, die aus dem Dasein eines +historisch-individuellen Menschentums, einer <em class="gesperrt">einzelnen</em> Kultur +heraus gefühlt und gestellt werden. „Alles Vergängliche ist nur ein +Gleichnis“ — das gilt auch von jeder echten Philosophie als dem +geistigen Ausdruck dieses Daseins, als der Verwirklichung seelischer +Möglichkeiten in einer Formenwelt von Begriffen, Gedanken, Intuitionen, +zusammengefaßt in der lebendigen Erscheinung ihres Urhebers. Eine +jede ist vom ersten bis zum letzten Wort, vom abstraktesten Thema +bis zum persönlichsten Charakterzuge ein Gewordnes, aus der Seele in +die Welt, aus dem Reiche der Freiheit in das der Notwendigkeit, aus +dem unmittelbar Lebendigen ins Räumlich-Logische<span class="pagenum" id="Seite_515">[S. 515]</span> projiziert, reines +Symbol einer historisch begrenzten Art des Menschlichen und mithin +vergänglich, von bestimmtem Tempo, von bestimmter Lebensdauer. Deshalb +liegt eine strenge Notwendigkeit in der Wahl des Themas. Jede Epoche +hat ihr eignes, das für sie und keine andre bedeutend ist. Hier sich +nicht zu vergreifen, kennzeichnet den gebornen Philosophen. Der Rest +der philosophischen Produktion ist belanglos, bloße Fachwissenschaft, +langweilige Häufung systematischer und stofflicher Subtilitäten.</p> + +<p>Und deshalb ist die Philosophie des 19. Jahrhunderts <em class="gesperrt">nur</em> Ethik, +nur Gesellschaftskritik in produktivem Sinne und nichts außerdem. +Deshalb sind, von Praktikern abgesehen, <em class="gesperrt">Dramatiker</em> — das +entspricht der faustischen Aktivität — ihre bedeutendsten Vertreter, +neben denen kein einziger Kathederphilosoph mit seiner Logik, +Psychologie oder Systematik in Betracht kommt. Nur dem Umstande, daß +diese Unbedeutenden, bloße Gelehrte, immer auch die Geschichte der +Philosophie — und was für eine Geschichte! Eine Summation von Personen +und „Ergebnissen“ — geschrieben haben, verdankt man es, daß niemand +heute weiß, was Geschichte der Philosophie ist und was sie sein könnte.</p> + +<p>Die tiefe organische Einheit im Denken dieser Epoche ist deshalb noch +nie durchschaut worden. Man kann ihren philosophischen Kern dadurch auf +eine Formel bringen, daß man sich fragt, inwiefern Shaw der Schüler +und Vollender Nietzsches ist. Diese Beziehung ist zunächst durchaus +nicht ironisch gemeint. Unter einem Denker verstehe ich den, der seine +Zeit repräsentiert, indem er ihren lebendigen Inhalt (der mit dem +aktuellen wenig oder nichts zu tun hat) in endgültige geistige Formen +bringt. In seiner Analyse des Griechentums ist Nietzsche nur insoweit +Denker und nicht Philologe oder Plauderer, als er unter dieser Maske +sein Problem der Decadence gestaltet. In seinen Komödien ist Shaw nur +insoweit Denker und nicht bloß Nationalökonom und Journalist, als +seine Probleme auch in antiker Fassung hätten erscheinen können. Man +muß nur ihr Wesentliches von ihrer äußern Tendenz zu unterscheiden +wissen. Shaw ist der einzige Denker von Bedeutung, der konsequent in +der Richtung des echten Nietzsche fortgeschritten ist, als produktiver +Kritiker der abendländischen Moral nämlich, wie er andrerseits<span class="pagenum" id="Seite_516">[S. 516]</span> als +Dichter die letzten Konsequenzen Ibsens zog und den Rest künstlerischer +Gestaltung in seinen Stücken zugunsten praktischer Diskussionen aufgab, +wobei „Denker“ und „Dichter“ bei diesem letzten und schon ein wenig +epigonenhaften Glied der Reihe nun doch mit der nötigen Ironie gesagt +wird, selbst wenn man die Differenz zwischen deutschem und englischem +Geist, zwischen dem Ausklang einer posthumen, fast unterirdischen +Kultur, die eben in Nietzsche überraschend ans Licht trat, und einer +in sich vollendeten, rein gehirnlichen Zivilisation, zwischen einer +Vogelperspektive, zu der immer wieder der Flug genommen, und der +Froschperspektive, die mit borniertem Behagen eingehalten wird, vorher +subtrahiert hat.</p> + +<p>Nietzsche ist in allem und jedem, soweit nicht der verspätete +Romantiker in ihm Stil, Klang und Haltung seiner Philosophie bestimmt +hat, ein Schüler materialistischer Jahrzehnte gewesen. Was ihn an +Schopenhauer leidenschaftlich anzog, ohne daß es ihm oder irgendjemand +anders bis zum heutigen Tage zum Bewußtsein gekommen wäre, ist +dasjenige Element seiner Lehre, durch welches er die Metaphysik +großen Stils zerstörte, durch das er seinen Meister Kant unfreiwillig +parodiert hat, die Wendung aller tiefen Begriffe des Barock ins +massiv Greifbare und Mechanistische. Kant redet in unzulänglichen +Worten, hinter denen sich eine gewaltige, schwer zugängliche Intuition +verbirgt, von der Welt als Erscheinung; Schopenhauer nennt das die Welt +als Gehirnphänomen. In ihm vollzieht sich die Wendung der tragischen +Philosophie zum philosophischen Plebejertum. Es genügt, eine Stelle +zu zitieren. In der „Welt als Wille und Vorstellung“ (II, Kapitel +19) heißt es: „Der Wille, als das Ding an sich, macht das innere, +wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus: an sich selbst ist er +jedoch bewußtlos. Denn das Bewußtsein ist bedingt durch den Intellekt, +und dieser ist ein bloßes Akzidens unseres Wesens; denn er ist eine +Funktion des Gehirns, welches, nebst den ihm anhängenden Nerven und +Rückenmark, eine bloße Frucht, ein Produkt, ja insofern ein Parasit +des übrigen Organismus ist, als es nicht direkt eingreift in dessen +inneres Getriebe, sondern dem Zweck der Selbsterhaltung bloß dadurch +dient, daß es die Verhältnisse desselben zur Außenwelt reguliert.“ +Das ist genau das Grundprinzip des<span class="pagenum" id="Seite_517">[S. 517]</span> seichtesten Materialismus. Nicht +umsonst war Schopenhauer, wie einst Rousseau, zu den englischen +Sensualisten in die Lehre gegangen. Dort lernte er Kant im Geiste der +großstädtischen, aufs Zweckmäßige gerichteten Modernität mißverstehen. +Der Intellekt als Werkzeug des Willens zum Leben,<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[113]</a> als Waffe im +Kampf ums Dasein, das, was Shaw in eine groteske dramatische Form und +Bergson in ein epigonenhaftes, aus deutschen Denkern zusammengestelltes +System gebracht hat, dieser Weltaspekt Schopenhauers war es, der +ihn beim Erscheinen von Darwins Hauptwerk (1859) mit einem Schlage +zum Modephilosophen machte. Er war im Gegensatz zu Schelling, Hegel +und Fichte der einzige, dessen metaphysische Formeln dem geistigen +Mittelstand ohne Schwierigkeit eingingen. Seine Klarheit, auf die er +stolz war, ist in jedem Augenblick in Gefahr, sich als Trivialität +zu enthüllen. Hier konnte man, ohne auf Formeln zu verzichten, die +eine Atmosphäre von Tiefsinn und Exklusivität um sich breiteten, +die gesamte zivilisierte Weltanschauung sich zu eigen machen. Sein +System ist <em class="gesperrt">antizipierter Darwinismus</em>, dem die Sprache Kants und +die Begriffe der Inder nur zur Verkleidung dienten. In seinem Buche +„Über den Willen in der Natur“ (1835) finden wir schon den Kampf um +die Selbstbehauptung in der Natur, den menschlichen Intellekt als +die wirksamste Waffe in ihm, die Geschlechtsliebe als die unbewußte +Wahl<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[114]</a> aus biologischem Interesse.</p> + +<p>Es ist die gesamte Lehre, die Darwin auf dem Umweg über Hegel +und Malthus mit sensationellem Erfolge in das Bild der Tierwelt +hineininterpretierte. Die nationalökonomische Herkunft des Darwinismus +— die man erst künftig verstehen wird, wenn die Menschen nicht mehr +Darwinisten aus Instinkt sind, bevor die „Entstehung der Arten“ sie +zu solchen aus Überzeugung macht — wird glänzend bewiesen durch die +Tatsache, daß dieses System, von der Menschenähnlichkeit höherer +Tiere<span class="pagenum" id="Seite_518">[S. 518]</span> aus gedacht, schon auf die Pflanzenwelt nicht mehr paßt und +in Albernheiten ausartet, wenn man es mit seiner Willenstendenz +(Zuchtwahl, <i>mimicry</i>) auch auf primitive organische Formen +anwenden will. Beweisen nennt der abendländische Biologe, eine Auswahl +von Tatsachen so ordnen und bildhaft so erklären, daß sie seinem +historisch-dynamischen Grundgefühl „Entwicklung“ entspricht. Der +„Darwinismus“, d. h. jene Summe sehr verschiedenartiger und einander +widersprechender Ansichten, deren Gemeinsames lediglich die Anwendung +des Kausalprinzips auf Lebendiges, <em class="gesperrt">also Methode, nicht Resultat</em> +ist, war schon im 18. Jahrhundert in allen Einzelheiten bekannt. Die +Affentheorie verteidigt Rousseau schon 1754. Von Darwin stammt nur +das manchesterliche System, dessen Popularität sich aus dem latenten +politischen Gehalt erklärt.</p> + +<p>Hier offenbart sich die geistige Einheit des Jahrhunderts. Von +Schopenhauer bis zu Shaw haben alle, ohne es zu ahnen, dasselbe +Prinzip in Form gebracht. Sie werden alle vom Entwicklungsgedanken +geleitet, auch die, welche wie Hebbel nichts von Darwin wußten, +und zwar nicht in seiner tiefen Goetheschen, sondern in seiner +flachen zivilisierten Fassung, mag sie nun nationalökonomisches oder +biologisches Gepräge tragen. Auch innerhalb der Entwicklungsidee, +die durch und durch faustisch ist, die im strengsten Gegensatz zur +zeitlosen aristotelischen Entelechie einen leidenschaftlichen Drang +der unendlichen Zukunft entgegen offenbart, einen <em class="gesperrt">Willen</em>, ein +<em class="gesperrt">Ziel</em>, die a priori die <em class="gesperrt">Form</em> unserer Naturanschauung +darstellt und als Gesetz gar nicht erst entdeckt zu werden brauchte, +weil sie dem faustischen Geiste — und ihm allein — immanent ist, +vollzog sich die Wandlung der Kultur zur Zivilisation. Bei Goethe, der +darin zum Barock gehört, ist sie erhaben, bei Darwin flach, bei Goethe +organisch, bei Darwin mechanisch, bei jenem Erlebnis und Intuition, +bei diesem Erkenntnis und Gesetz. Dort heißt sie innere Vollendung, +hier „Fortschritt“. Darwins Kampf ums Dasein, den er in die Natur +hinein, nicht aus ihr herauslas, ist nur die plebejische Fassung jenes +Urgefühls, das in Shakespeares Tragödien die großen Wirklichkeiten +gegeneinander bewegt. Was dort als Schicksal innerlich angeschaut, +gefühlt und in Gestalten verwirklicht wurde, das wurde hier als +Kausalnexus<span class="pagenum" id="Seite_519">[S. 519]</span> begriffen und in ein utilitarisches Oberflächensystem +gebracht. Und dies System, nicht jenes Urgefühl, liegt den Reden +Zarathustras, der Tragik der „Gespenster“, der Problematik des +Nibelungenringes zugrunde. Nur daß Schopenhauer, an den Wagner sich +hielt, als der erste der Reihe seine eigne Erkenntnis entsetzt wahrnahm +— dies ist die Wurzel seines Pessimismus, der in der Tristanmusik den +höchsten Ausdruck fand —, während die Späteren, Nietzsche voran, sich +an ihr, etwas gewaltsam zuweilen, begeisterten.</p> + +<p>In Nietzsches Bruch mit Wagner, diesem letzten Ereignis des deutschen +Geistes, über dem Größe liegt, verbirgt sich sein Wechsel des +Lehrmeisters, sein Schritt von Schopenhauer zu Darwin, von der +metaphysischen zur physiologischen Formulierung desselben Weltgefühls, +von der Verneinung zur Bejahung des Aspekts, den <em class="gesperrt">beide</em> +anerkennen, nämlich des Willens zum Leben, der mit dem Kampf ums Dasein +identisch ist. In „Schopenhauer als Erzieher“ bedeutet Entwicklung +noch inneres Reifen; der Übermensch ist das Produkt einer mechanischen +„Evolution“. So ist der Zarathustra <em class="gesperrt">ethisch</em> aus einem unbewußten +Widerspruch gegen den Parsifal, <em class="gesperrt">künstlerisch</em> durchaus von +diesem bestimmt, aus der Eifersucht eines Verkünders auf den andern, +entstanden.</p> + +<p>Aber Nietzsche war auch Sozialist, ohne es zu wissen. Nicht seine +Schlagworte, seine Instinkte waren sozialistisch, imperativisch, +praktisch, auf das physiologische „Heil der Menschheit“ gerichtet, +woran Goethe und Kant nie gedacht hatten. Materialismus, Sozialismus, +Darwinismus sind nur künstlich und an der Oberfläche trennbar. So war +es möglich, daß Shaw den Tendenzen der Herrenmoral und der Züchtung +des Übermenschen nur eine kleine und sogar konsequente Wendung zu +geben brauchte, um im dritten Akte von „Mensch und Übermensch“, einem +der wichtigsten und bezeichnendsten Werke am Ausgang der Epoche, die +eigentliche Maxime <em class="gesperrt">seines</em> Sozialismus zu erhalten. Shaw hat da +nur ausgesprochen, aber rücksichtslos, klar, mit dem vollen Bewußtsein +einer Trivialität, was ursprünglich, mit aller Theatralik Wagners und +aller Verschwommenheit der Romantik, in den nicht ausgeführten Teilen +des Zarathustra gesagt werden sollte. Man muß nur die notwendigen +<em class="gesperrt">praktischen</em>,<span class="pagenum" id="Seite_520">[S. 520]</span> aus der Struktur des gegenwärtigen öffentlichen +Lebens folgenden Voraussetzungen und Konsequenzen der Gedankengänge +Nietzsches zu finden wissen. Er bewegt sich in unbestimmten Wendungen +wie „neue Werte“, „Übermensch“, „Sinn der Erde“ und hütet oder fürchtet +sich, das genauer zu fassen. Shaw tut es. Nietzsche bemerkt, daß +die darwinistische Idee des Übermenschen den Begriff der Züchtung +heraufruft, aber er bleibt bei der klangvollen Phrase stehen. Shaw +fragt weiter — denn es hat keinen Zweck, darüber zu reden, wenn man +nichts <em class="gesperrt">tun</em> will —, wie das zu geschehen hat, und er kommt dazu, +die Verwandlung der Menschheit in ein Gestüt zu verlangen. Aber das +ist lediglich die Konsequenz Zarathustras, zu der er selbst nur nicht +den Mut, sei es auch den Mut der Geschmacklosigkeit, hatte. Wenn man +von Züchtung redet, einem extrem materialistischen und utilitarischen +Begriff, der die Ehe zu einer sexuellen Institution im Interesse einer +Gesamtheit und im Hinblick auf ein physiologisches Ziel macht, so ist +man eine Antwort darauf schuldig, wer zu züchten hat, wen, wo und +wie. Allein Nietzsches romantische Abneigung, die höchst prosaischen +sozialen Konsequenzen zu ziehen, seine Furcht, poetische Utopien +durch Konfrontierung mit tatsächlichen Verhältnissen einer Kraftprobe +auszusetzen, ließen ihn darüber schweigen, daß seine ganze positive +Lehre, wie sie aus dem Darwinismus stammt, auch den Sozialismus, und +zwar den sozialistischen Zwangsstaat als <em class="gesperrt">Mittel</em> voraussetzt, daß +jeder systematischen Züchtung einer Klasse höherer Menschen eine streng +sozialistische Gesellschaftsordnung voraufgehen muß und daß diese +„dionysische“ Idee, da es sich um eine gemeinsame Aktion und nicht um +eine Privatangelegenheit abseits lebender Denker handelt, demokratisch +ist, mag man sie wenden, wie man will. Damit hat die ethische Dynamik +des „Du sollst“ ihren Gipfel erreicht: um der Welt die Form seines +Willens aufzuerlegen, opfert der faustische Mensch sich selbst.</p> + +<p>Schon Schopenhauer hatte vom Herdenmenschen als der Fabrikware der +Natur gesprochen. Die Züchtung des Übermenschen folgt aus dem Begriff +der Zuchtwahl. Nietzsche war, seit er Aphorismen schrieb, ein Schüler +Darwins, aber Darwin selbst hatte den Entwicklungsgedanken des 18. +Jahrhunderts<span class="pagenum" id="Seite_521">[S. 521]</span> durch nationalökonomische Tendenzen umgeprägt, die er von +seinem Lehrer Malthus nahm und in das höhere Tierreich projizierte. +Der Darwinismus ist eine sozialpolitische Konzeption. Malthus hatte +die Fabrikindustrie von Lancaster studiert, und man findet das ganze +System, statt auf Tiere auf Menschen angewendet, schon in Buckles +Geschichte der englischen Zivilisation (1857).</p> + +<p>Und so stammt die „Herrenmoral“ dieses letzten Romantikers auf einem +merkwürdigen, aber für den Sinn der Zeit höchst bezeichnenden Wege +aus der Quelle aller intellektuellen Modernität, der Atmosphäre der +englischen Maschinenindustrie. Der Macchiavellismus, den Nietzsche als +Renaissancephänomen etwas zu oft pries und dessen Verwandtschaft mit +Darwins Begriff des <i>mimicry</i> man nicht übersehen sollte, war +damals tatsächlich der im „Kapital“ von Marx — dem andern berühmten +Jünger von Malthus — behandelte und die Vorstufe dieses seit 1867 +erscheinenden Grundbuches des politischen (nicht des ethischen) +Sozialismus, die Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, +erschien gleichzeitig mit Darwins Hauptwerk. Das ist die Genealogie +der Herrenmoral. Der „Wille zur Macht“, ins Reale, Politische, +Nationalökonomische übersetzt, findet seinen stärksten Ausdruck in +Shaws „Major Barbara“. Sicherlich ist Nietzsche als Persönlichkeit +der Gipfel dieser Reihe von Ethikern, aber hier reicht Shaw, der +Parteipolitiker, als Denker an ihn heran. Der Wille zur Macht ist heute +durch die beiden Pole des öffentlichen Lebens, die Arbeiterklasse und +die großen Geld- und Gehirnmenschen, viel entschiedener vertreten +als je durch einen Borgia. Der Milliardär Undershaft in dieser +besten Komödie Shaws <em class="gesperrt">ist</em> Übermensch. Nur hätte Nietzsche, der +Romantiker, sein Ideal nicht wieder erkannt. Er sprach stets von einer +Umwertung, einer Philosophie der Zukunft, also doch zunächst der +westeuropäischen und nicht chinesischen oder afrikanischen Zukunft, +aber wenn seine immer in dionysischer Ferne verschwimmenden Gedanken +sich wirklich einmal zu greifbaren Gebilden verdichteten, so erschien +ihm der Wille zur Macht unter dem Bilde von Dolch und Gift und nicht +von Streiks und der Energie des Geldes. Trotzdem hat er erzählt, daß +die Idee ihm zuerst im Kriege von 1870 und beim Anblick<span class="pagenum" id="Seite_522">[S. 522]</span> preußischer +Regimenter, die zur Schlacht marschierten, aufgegangen sei.</p> + +<p>Die gesamte Dramatik dieser Epoche ist nicht mehr Dichtung im +alten, im Kultursinne, sondern praktische Konstruktion, Debatte und +Beweisführung: die Schaubühne wurde durchaus als „moralische Anstalt +betrachtet“. Selbst Nietzsche neigte wiederholt zu dramatischer Fassung +seiner Gedanken. Richard Wagner hat in seiner Nibelungendichtung, vor +allem in der frühesten Fassung um 1850, seine sozialrevolutionären +Ideen niedergelegt, und Siegfried ist auf dem Umwege über künstlerische +und außerkünstlerische Einwirkungen noch im vollendeten „Ring“ eine +Inkarnation des „vierten Standes“, der Fafnirhort des Kapitalismus, +Brünhilde des „freien Weibes“ geblieben. Die Musik zur geschlechtlichen +Zuchtwahl, deren Theorie, die „Abstammung der Arten“, 1859 erschien, +findet sich eben damals im dritten Akte des Siegfried und im Tristan. +Es ist kein Zufall, daß Wagner, Hebbel und Ibsen beinahe gleichzeitig +die Dramatisierung des Nibelungenstoffes unternahmen. Hebbel, als +er in Paris Schriften von Fr. Engels kennen lernt, drückt sein +Erstaunen darüber aus (Brief vom 2. April 1844), daß er das soziale +Prinzip der Zeit, wie er es damals in einem Drama „Zu irgendeiner +Zeit“ darstellen wollte, ganz ebenso aufgefaßt habe wie der Verfasser +des kommunistischen Manifestes, und bei seiner ersten Bekanntschaft +mit Schopenhauer (Brief vom 29. März 1857) überrascht ihn auch die +Verwandtschaft der „Welt als Wille und Vorstellung“ mit wichtigen +Tendenzen, die er seinem Holofernes und „Herodes und Mariamne“ +zugrunde gelegt hatte. Hebbels Tagebücher, deren wichtigster Teil +zwischen 1835 und 1845 niedergeschrieben wurde, sind eine der tiefsten +philosophischen Leistungen des Jahrhunderts, ohne daß er sich dessen +bewußt gewesen wäre. Man würde nicht erstaunt sein, ganze Sätze von ihm +wörtlich bei Nietzsche zu finden, der ihn nie gekannt und nur in seinen +besten Momenten erreicht hat.</p> + +<p>Ich gebe hier eine Übersicht über die <em class="gesperrt">wirkliche</em> Philosophie +des 19. Jahrhunderts, deren einziges und eigenstes Thema die +Konzeption des Willens zur Macht in einer zivilisiert-intellektuellen +Gestalt, als Wille zum Leben, Lebenskraft, als praktisch-dynamisches +Prinzip, als Begriff oder dramatische Gestalt ist.<span class="pagenum" id="Seite_523">[S. 523]</span> Die mit Shaw +<em class="gesperrt">abgeschlossene</em> Epoche repräsentiert das Klimakterium der +abendländischen Geistigkeit und entspricht darin der antiken +zwischen 350 und 250. Der Rest ist, mit Schopenhauer zu reden, +Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren.</p> + +<p>1819 Schopenhauer „Welt als Wille und Vorstellung“: der Wille zum Leben +zum erstenmal als einzige Realität („Urkraft“) in den Mittelpunkt +gestellt, aber noch unter dem Eindruck des voraufgegangenen Idealismus +zur Verneinung empfohlen.</p> + +<p>1836 Schopenhauer „Über den Willen in der Natur“: Antizipation des +Darwinismus, metaphysisch verkleidet.</p> + +<p>1840 Proudhon „Qu’est-ce que la Propriété!“ (Grundlage des Anarchismus).</p> + +<p>1841 Hebbel „Judith“: erste dramatische Konzeption des „neuen Weibes“ +und des Übermenschen (Holofernes). — Feuerbach, Wesen des Christentums.</p> + +<p>1844 Engels „Umriß der Kritik einer Nationalökonomie“: Grundlage der +materialistischen Geschichtsauffassung. — Hebbel „Maria Magdalena“: +das erste soziale Drama.</p> + +<p>1847 Marx „Misère de la Philosophie“ (Synthese von Hegel und Malthus). +Diese Jahre die entscheidende Epoche, mit welcher die Nationalökonomie +die Sozialethik und Biologie zu beherrschen beginnt.</p> + +<p>1848 Wagner „Siegfrieds Tod“: Siegfried als sozialethischer +Revolutionär, der Fafnirhort als Symbol des Kapitalismus.</p> + +<p>1850 Wagner „Kunst und Klima“: das Sexualproblem.</p> + +<p>1850–58 Wagners, Hebbels und Ibsens Nibelungendichtungen.</p> + +<p>1859 ein symbolisches Zusammentreffen: Darwin „Entstehung der Arten +durch natürliche Zuchtwahl“ (Anwendung der Nationalökonomie auf die +Biologie) und „Tristan und Isolde“. — Marx „Zur Kritik der politischen +Ökonomie“.</p> + +<p>1865 Dühring „Wert des Lebens“, selten genannt, aber von höchstem +Einfluß auf die nächste Generation.</p> + +<p>1867 Ibsen „Brand“ und das „Kapital“ von Marx.</p> + +<p>1878 Wagner „Parsifal“: erste Auflösung des Materialismus in +Mystizismus.</p> + +<p>1879 Ibsen „Nora“.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_524">[S. 524]</span></p> + +<p>1881 Nietzsche „Morgenröte“: Übergang von Schopenhauer zu Darwin, die +Moral als biologisches Phänomen.</p> + +<p>1883 der „Zarathustra“: der Wille zur Macht, aber +romantisch-philologisch verkleidet.</p> + +<p>1886 „Rosmersholm“ (die „Adelsmenschen“) und „Jenseits von Gut und +Böse“.</p> + +<p>1887/88 Strindberg „Vater“ und „Fräulein Julie“.</p> + +<p>1890 der nahende Abschluß der Epoche: die religiösen Werke Strindbergs, +die symbolistischen Ibsens.</p> + +<p>1896 Ibsen „John Gabriel Borkman“.</p> + +<p>1898 Strindberg „Nach Damaskus“.</p> + +<p>Seit 1900 die letzten Erscheinungen.</p> + +<p>1903 Weininger „Geschlecht und Charakter“: der einzige ernste Versuch, +Kant durch Beziehung auf Wagner und Ibsen innerhalb dieser Epoche +wiederzubeleben.</p> + +<p>1903 Shaw „Mensch und Übermensch“: letzte Synthese von Darwin und +Nietzsche.</p> + +<p>1905 Shaw „Major Barbara“: der Typus des Übermenschen auf seinen +wirtschaftspolitischen Ursprung zurückgeführt.</p> + +<p>Damit hat sich, nach der metaphysischen Periode, auch die ethische +erschöpft. Der ethische Sozialismus, von Fichte, Hegel, Humboldt +vorbereitet, hatte die Zeit seiner leidenschaftlichen Größe um die +Mitte des 19. Jahrhunderts. An dessen Ende war er schon im Stadium +der Wiederholungen angelangt und das 20. Jahrhundert hat, unter +Beibehaltung des <em class="gesperrt">Wortes</em> Sozialismus, an Stelle einer ethischen +Philosophie, die nur Epigonen als unvollendet erscheint, eine Praxis +wirtschaftlicher Tagesfragen gesetzt. Die Weltstimmung des Abendlandes +wird eine sozialistische bleiben, aber ihre Theorie hat aufgehört +Problem zu sein. Es besteht die Möglichkeit einer dritten und letzten +Art westeuropäischer Philosophie: die eines historisch-psychologischen +Skeptizismus. Das Geheimnis der Welt erscheint nacheinander als +Erkenntnisproblem, Wertproblem, Formproblem. Kant sah die Ethik als +Erkenntnisgegenstand, das 19. Jahrhundert sah die Erkenntnis als +Gegenstand einer Wertung. Der Skeptiker würde beide lediglich als +historische Phänomene betrachten.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[104]</a> Nach dem, was über das Fehlen prägnanter Worte für +„Wille“ und „Raum“ in den antiken Sprachen und die tiefere Bedeutung +dieser Lücken bemerkt worden ist, wird es nicht auffallen, daß auch der +Unterschied von Tat und Tätigkeit (Handlung, Geschehen) sich weder im +Griechischen noch im Lateinischen exakt wiedergeben läßt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[105]</a> „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ — darin liegt +kein Machtanspruch. So hat die abendländische Kirche ihre Mission +<em class="gesperrt">nicht</em> aufgefaßt. Die „Heilsbotschaft“ Jesu, die des Mani, +der Mithrasreligion, der Neuplatoniker und all der benachbarten +spätantik-syrischen Kulte sind geheimnisvolle Wohltaten, die man +<em class="gesperrt">erweist</em>, nicht aufdrängt. Das junge Christentum ahmte, nachdem +es in die antike Welt eingeströmt war, lediglich die Mission der +späten Stoa nach. Man mag Paulus zudringlich finden und man hat die +stoischen Wanderprediger so gefunden, wie die Zeitliteratur beweist; +<em class="gesperrt">gebieterisch</em> treten sie nicht auf. Man kann ein entlegenes +Beispiel hinzufügen und die Ärzte der magischen Art, die ihre +geheimnisvollen Arkana anpriesen, den abendländischen gegenüberstellen, +die ihrem Wissen <em class="gesperrt">Gesetzeszwang verliehen</em> (Impfzwang, +Trichinenschau usw.).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[106]</a> Im Zarathustra heißt es („Von der schenkenden Tugend“): +Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein +Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: „Alles für mich.“ +Diese Stelle ist rein sozialistisch und darwinistisch, aber gewiß nicht +hellenisch — „dionysisch — gedacht.“</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[107]</a> Dies ist die Formel der Barockphilosophie von Descartes +bis Kant. Die gotische Philosophie gestaltete das gleiche Gefühl zur +Frage nach dem Primat des Willens oder der Vernunft. Duns Scotus hat +hier im Namen des nordischen, des dynamischen Lebensgefühls, den Satz +„<i>Voluntas est superior intellectu</i>“ der magisch-augustinischen +Meinung des Thomas von Aquino entgegengestellt. Schon hier kündigt sich +die Konzeption Schopenhauers von der Welt als Wille und Vorstellung +oder der Welt als Lebenskraft und dem Intellekt als deren Werkzeug +(Schelling, Nietzsche) an.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[108]</a> Der erste beruht auf dem atheistischen System des +Sankhya, der zweite durch Sokrates’ Vermittlung auf der Sophistik, der +dritte auf dem englischen Sensualismus.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[109]</a> Erst nach Jahrhunderten hat man aus der buddhistischen +Lebensbetrachtung, die weder einen Gott noch eine Metaphysik anerkennt, +durch Zurückgreifen auf die längst erstarrte brahmanische Theologie das +Surrogat einer Religion gemacht.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[110]</a> Und es müßte erst gesagt werden, ob mit dem Christentum +der Kirchenväter oder mit dem der Kreuzzüge, denn dies sind zwei +verschiedene Religionen unter derselben dogmatisch-kultischen +Gewandung. Der gleiche Mangel an historisch-psychologischem Feingefühl +tritt in dem beliebten Vergleich des heutigen Sozialismus mit dem +Urchristentum zutage.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[111]</a> Man beachte die auffallende Ähnlichkeit vieler +Römerköpfe mit denen heutiger Tatsachenmenschen amerikanischen Stils +und, wenn auch nicht so deutlich, mit manchen ägyptischen Porträtköpfen +des Neuen Reichs.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[112]</a> Das Latein des 3. Jahrhunderts v. Chr. war noch eine +bewegliche farbenreiche Bauernsprache.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[113]</a> Auch die äußerst moderne Idee, daß die unbewußten, +instinkthaften Lebensakte Vollkommenes bewirken, während der Intellekt +es nur zu stümperhaften Leistungen bringt, findet sich bei ihm (Band +II, Kap. 20).</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[114]</a> Im Kapitel „Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe“ (II, +44) ist der Gedanke der Zuchtwahl als des Mittels zur Erhaltung der +Gattung in vollem Umfang vorweggenommen.</p> + +</div> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_525">[S. 525]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="SECHSTES_KAPITEL"><span class="s6">SECHSTES KAPITEL</span><br> +FAUSTISCHE UND APOLLINISCHE NATURERKENNTNIS</h2> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_527">[S. 527]</span></p> + +<h4 id="Naturerkenntnis_1">1</h4> + +<p>In einer berühmt gewordnen Rede sagte Helmholtz 1869: „Das Endziel +der Naturwissenschaft ist, die allen Veränderungen zugrunde liegenden +Bewegungen und deren Triebkräfte zu finden, also sich in Mechanik +aufzulösen.“ In Mechanik, das bedeutet die Zurückführung aller +qualitativen Eindrücke auf unveränderliche quantitative Grundwerte, +auf <em class="gesperrt">Ausgedehntes</em> also und dessen <em class="gesperrt">Ortsveränderung</em>; +das bedeutet weiterhin, wenn man sich des Gegensatzes von Werden +und Gewordnem, Erlebtem und Erkanntem, von Gestalt und Gesetz, +Bild und Begriff erinnert, die Zurückführung des Naturbildes auf +eine einheitliche, zahlenmäßige Ordnung von meßbarer Struktur. +Die eigentliche Tendenz aller Mechanik geht auf eine geistige +Besitzergreifung durch <em class="gesperrt">Messung</em>; sie ist deshalb genötigt, das +Wesen der Erscheinung in einem System konstanter, der Messung restlos +zugänglicher Elemente zu suchen, deren wichtigster nach der Definition +von Helmholtz mit dem — der Sphäre des Lebens entnommenen — Worte +<em class="gesperrt">Bewegung</em> bezeichnet wird.</p> + +<p>Dem Physiker erscheint diese Definition unzweideutig und erschöpfend; +dem Skeptiker, der die Psychologie dieser wissenschaftlichen +Überzeugung verfolgt, nicht. Dem einen ist die gegenwärtige Mechanik +ein folgerichtiges System von klaren eindeutigen Begriffen und ebenso +einfachen als notwendigen Beziehungen, dem andern ist sie eine die +Struktur des westeuropäischen Geistes bezeichnende Illusion, allerdings +von höchster Konsequenz des Aufbaus und stärkster intellektueller +Wirksamkeit. Daß durch alle praktischen Resultate und Entdeckungen +nichts für die absolute Geltung der Theorie bewiesen wird, versteht +sich von selbst. Den meisten erscheint „die“ Mechanik allerdings als +die selbstverständliche Fassung von Natureindrücken, aber sie scheint +es nur. Denn was ist Bewegung? Daß alles Qualitative auf die Bewegung +unveränderlicher, gleichartiger<span class="pagenum" id="Seite_528">[S. 528]</span> Massenpunkte zurückführbar sei — +ist das nicht schon ein rein faustisches, kein allgemein menschliches +Postulat? Archimedes z. B. fühlte durchaus nicht das Bedürfnis, +mechanische Einsichten auf Bewegung zu reduzieren. Ist Bewegung +überhaupt eine rein mechanische Größe? Ist sie ein Wort für eine Art +von Anschauung oder ein abstrakter Begriff? Und wenn es der Physik +wirklich eines Tages gelänge, ihr vermeintliches Ziel zu erreichen +und alles sinnlich Erfaßbare in ein lückenloses System gesetzmäßig +fixierter Bewegungen und der in ihnen wirksamen Energien zu bringen, +wäre sie damit in der Erkenntnis auch nur um einen Schritt vorwärts +gekommen? Ist die Formensprache der Mechanik darum weniger dogmatisch? +Enthält sie nicht vielmehr die Symbolik der halbmystischen Urworte, +welche die Erfahrung beherrschen statt aus ihr hervorzugehen, gerade +in ihrer schärfsten Fassung? Was ist Kraft? Was ist eine Ursache? Was +ist ein Prozeß? Ja — hat die Physik überhaupt, selbst auf Grund ihrer +eigenen Definitionen, eine eigentliche Aufgabe? Besitzt sie ein durch +alle Jahrhunderte gültiges Endziel? Besitzt sie, um ihre Resultate +auszusprechen, auch nur eine unanfechtbare Gedankengröße?</p> + +<p>Die Antwort kann vorweggenommen werden. Die heutige Physik, als bloße +Wissenschaft, an sich und vom Standpunkt des Forschers aus betrachtet, +mag ein genau bestimmbares Thema haben; als historisches Phänomen +ist die Physik nach Aufgabe, Methode und Resultat Ausdruck und +Verwirklichung eines einzelnen Seelentums, Element eines Makrokosmos, +jedes ihrer Ergebnisse ein Symbol. Was die Physik, die ja lediglich +im Geiste einzelner Kulturmenschen existiert, durch diese zu finden +vermeint, lag der Art und Weise ihres Suchens schon zugrunde. Ihre +Entdeckungen sind dem eigentlichen Gehalte nach, außerhalb der +Formeln, selbst im Kopfe so vorsichtiger Forscher, wie es J. R. Mayer, +Faraday und Hertz waren, rein intuitiver Natur. Angesichts aller +physikalischen Exaktheit unterscheide man in einem Naturgesetz wohl +zwischen unbenannten Zahlen und deren Benennung, zwischen einer bloßen +Formel und deren theoretischem Sinn. Die Formeln zwar stellen allgemein +logische Werte dar, reine Zahlen, objektive Raum- und Grenzmomente +<span class="pagenum" id="Seite_529">[S. 529]</span>also, aber Formeln sind stumm. Der Ausdruck +s = <span class="hfrac"><span class="numerator">gt<sup>2</sup></span><span class="denominator">2</span></span> +bedeutet gar nichts, solange ich bei den Buchstaben nicht an bestimmte Worte +und deren Bildsinn denke. Kleide ich die toten Zeichen aber in Worte, +gebe ich ihnen Fleisch, Körper, Leben, eine sinnliche Weltbedeutung +überhaupt, so habe ich die Schranken einer <em class="gesperrt">bloßen Ordnung</em> +überschritten. Θεωρία heißt Bild, Vision. Erst sie macht aus einer +mathematischen Formel ein wirkliches Naturgesetz. Alles Exakte an sich +ist <em class="gesperrt">sinnlos</em>; der Sinn gehört nicht mehr dem Erkennen, sondern +dem unmittelbaren Lebensgefühl. Und eben die Theorien, nicht die reinen +Zahlen sind die Quintessenz aller Naturerkenntnis. Die unbewußte +Sehnsucht jeder echten Wissenschaft, die — es sei noch einmal gesagt +— lediglich im Geiste von Kulturmenschen existiert, richtet sich +auf das Begreifen, das Durchdringen und Umfassen des naturhaften +Weltganzen, nicht auf die messende Tätigkeit an sich, die immer nur +eine Freude unbedeutender Köpfe gewesen ist. Zahlen sollten stets nur +der Schlüssel zum Geheimnis sein. Um der Zahlen selbst willen hätte +kein bedeutender Mensch jemals Opfer gebracht.</p> + +<p>Zwar sagt Kant an einer bekannten Stelle: „Ich behaupte, daß in jeder +besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen +werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist.“ Gemeint ist die +reine Grenzsetzung in der Sphäre des Gewordnen, insofern sie als +Gesetz, Formel, Zahl, System erscheint, aber ein Gesetz ohne Worte, +eine Zahlenreihe als bloße Ablesung der Angaben von Meßinstrumenten +ist ohne Sinn, ist als geistiger Akt in vollkommener Reinheit nicht +einmal vollziehbar. Jedes Experiment, jede Beobachtung wächst aus einer +mehr als mathematischen Gesamtanschauung hervor. Jede Erfahrung ist, +sie mag sonst sein was sie will, auch ein schöpferischer Akt. Alle +benannten Gesetze sind belebte, durchseelte Ordnungen, vom innersten +Gehalte einer und nur einer Kultur erfüllt. Will man von Notwendigkeit +reden, da sie eine Forderung aller exakten Forschung ist, so liegt eine +doppelte vor: eine Notwendigkeit im Seelischen und Schöpferischen, +insofern aller symbolische Gehalt, jede Wissenschaft als historische +Erscheinung ein <em class="gesperrt">Schicksal</em> ist, und eine Notwendigkeit im +Gewordnen, für die uns Westeuropäern der Name <em class="gesperrt">Kausalität</em><span class="pagenum" id="Seite_530">[S. 530]</span> +geläufig ist. Mögen die reinen Zahlen einer physikalischen Formel eine +logische Notwendigkeit darstellen, das Vorhandensein, die Entstehung, +die Lebensdauer einer Theorie ist ein Schicksal.</p> + +<p>Jede Tatsache, selbst die einfachste, enthält bereits eine Theorie. +Eine Tatsache ist ein Vorgang des wachen Bewußtseins, und alles +hängt davon ab, ob es ein Mensch der Antike oder des Abendlandes, +der Gotik oder des Barock ist, für den sie „vorliegt“. Der Physiker +von heute vergißt zu leicht, daß schon Worte wie Größe, Lage, +Prozeß, Zustandsänderung, Körper spezifisch abendländische Bilder +darstellen, die dem antiken oder arabischen Denken und Weltgefühl +gänzlich fremd sind, die aber den Charakter der wissenschaftlichen +Tatsachen als solcher, die Art des Erkanntwerdens vollkommen +beherrschen, ganz zu schweigen von komplexen Begriffen wie Arbeit, +Spannung, Wirkungsquantum, Wärmemenge, Wahrscheinlichkeit,<a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[115]</a> +welche jeder für sich eine physikalische Gesamtanschauung <i>in +nuce</i> enthalten. Wir empfinden derartige gedankliche Bildungen +als Resultate einer vorurteilsfreien Forschung, unter Umständen als +endgültige. Ein feiner Kopf aus der Zeit des Archimedes würde nach +gründlichem Studium der modernen theoretischen Physik versichert +haben, es sei ihm unbegreiflich, wie jemand so willkürliche, groteske +und verworrene Vorstellungen als Wissenschaft und noch dazu als +notwendige Konsequenzen der vorliegenden Tatsachen ansprechen könne. +Wissenschaftlich gerechtfertigte Folgerungen seien vielmehr — und er +würde seinerseits auf Grund derselben „Tatsachen“, der mit seinem Auge +gesehenen und in seinem Geiste gestalteten Tatsachen nämlich, Theorien +entwickelt haben, denen unsre Physiker mit erstauntem Lächeln zugehört +hätten.</p> + +<p>Welches sind denn die Grundvorstellungen, die sich im Gesamtbilde +der heutigen Physik mit innerer Folgerichtigkeit entwickelt haben? +Polarisierte Lichtstrahlen, wandernde Ionen, die fliehenden und +geschleuderten Gasteilchen der kinetischen<span class="pagenum" id="Seite_531">[S. 531]</span> Gastheorie (die heute den +Schwerpunkt der mechanischen Naturanschauung darstellt), magnetische +Kraftfelder, elektrische Ströme und Wellen — sind das nicht sämtlich +faustische Visionen, faustische Symbole von engster Verwandtschaft mit +der romanischen Ornamentik, der gotischen Tektonik, den Wikingerfahrten +in unbekannte Meere, der Sehnsucht des Kolumbus und Kopernikus nach +dem Unendlichen? Ist diese Formen- und Bilderwelt nicht in tiefster +Kongruenz mit den gleichzeitigen Künsten, der perspektivischen +Ölmalerei und der kontrapunktischen Instrumentalmusik erwachsen? Ist +das nicht unsre seelische Dynamik, der Wille zur Macht, der das eigne +innere Seinsgefühl visionär in das vorgestellte Leben der Umwelt +projiziert hat?</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_2">2</h4> + +</div> + +<p>Und insofern behaupte ich, daß allem „Wissen“ von der Natur, auch +dem exaktesten, ein religiöser Glaube zugrunde liegt. Die reine +Mechanik, auf welche die Natur zurückzuführen die Physik als ihr +Endziel bezeichnet, ein Ziel, dem diese Bildersprache dient, +setzt ein Dogma voraus, durch welches sie geistiges Eigentum der +abendländischen Kulturmenschheit und nur dieser ist. Es gibt keine +Wissenschaft ohne unbewußte Voraussetzungen, über welche der Forscher +keine Macht besitzt, und zwar Voraussetzungen, welche sich bis in die +frühesten Tage der erwachenden Kultur zurückführen lassen. Es <em class="gesperrt">gibt +keine Naturwissenschaft ohne eine voraufgegangene Religion</em>. In +diesem Punkte besteht kein Unterschied zwischen katholischer und +materialistischer Naturanschauung: sie sagen dasselbe mit andern +Worten. Auch die atheistische Wissenschaft hat Religion; die moderne +Mechanik ist Stück für Stück ein Abbild christlicher Dogmen.</p> + +<p>Keine Wissenschaft ist <em class="gesperrt">nur</em> System, nur Gesetz, Zahl und +Ordnung; jede ist als historisches Phänomen ein lebendiger, in +denkenden Menschen sich verwirklichender, vom Schicksal einer Kultur +bestimmter Organismus. In der modernen Physik liegt nicht nur eine +logische, sondern auch eine historische Notwendigkeit. Sie ist nicht +nur Sache der Intelligenz, sondern auch der Rasse. Diese Notwendigkeit +im Werden und Vergehen,<span class="pagenum" id="Seite_532">[S. 532]</span> welche die individuelle Formensprache, das +spezifisch Faustische nach Gehalt und Bedeutung bestimmt, ist wohl zu +unterscheiden von der Gruppe unbedingter Verstandesbegriffe a priori, +die nach Kants Ansicht die bloße sinnliche Wahrnehmung zu einer +allgemeingültigen Erfahrung machen. Die Allgemeingültigkeit in diesem +Umfange, über alle einzelnen Kulturen hinaus, ist eine Illusion. Es +gibt gerade in diesen tiefsten Vorbedingungen der Naturerkenntnis +etwas, das der einzelnen Kultur als solcher zukommt. „Natur“ ist eine +Funktion der jeweiligen Kultur.</p> + +<p>Ich betrachte demnach ein physikalisches Weltbild als die Nachwirkung, +den Ausdruck einer Religion, den zivilisiertesten, seelenlosesten +ohne Zweifel, den spätesten von allen, insofern die Frühzeit jeder +Kultur, die Dorik, das Zeitalter des Plotin und Origenes, die Gotik +von dieser kühlen, streng intellektuellen Fassung weit entfernt +ist und in der homerischen, der frühchristlich-orientalischen, +der katholisch-germanischen Weltidee das ausgebildet hat, dessen +letzte Gestalt in der abstrakten Formenwelt der jeweiligen +naturwissenschaftlichen Systeme erscheint. Jede Physik — das Wort in +einem freiem Sinne genommen — setzt nicht nur eine bestimmte Religion +voraus, sie ist in jedem Zuge von ihr abhängig und bedingt; sie ist ihr +letztes Lebenszeichen.</p> + +<p>Das Vorurteil des auf die Höhe der Ionik und des Barock gelangten +städtischen Menschen bringt das Phänomen der exakten Wissenschaft +in einen hochmütigen Gegensatz zur voraufgehenden Religion, als +die überlegene Stellung zu den Dingen, im Alleinbesitz der wahren +Erkenntnismethoden und am Ende berechtigt, die Religion selbst (ihre +„Vorstufe“) empirisch und psychologisch zu erklären, zu „überwinden“. +Nun zeigt die Geschichte, daß „Wissenschaft“ ein spätes und +vorübergehendes Phänomen ist, dem Herbst und Winter großer Kulturen +angehörend, im antiken, wie im indischen, chinesischen, arabischen +Seelentum von der Lebensdauer weniger Jahrhunderte, innerhalb deren +sich ihre Möglichkeiten erschöpfen. Die antike Wissenschaft ist +zwischen den Schlachten von Cannä und Actium erloschen. Danach +ist es möglich, das Ende der abendländischen Naturwissenschaft +vorauszuberechnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_533">[S. 533]</span></p> + +<p>Nichts berechtigt dazu, dieser geistigen Formenwelt den Vorrang vor +andern zu geben. Jede Wissenschaft ruht wie jeder Mythus, jeder +religiöse Glaube überhaupt auf einer Innern Gewißheit; ihre Bildungen +sind von anderm Bau und Klang, ohne prinzipiell verschieden zu sein. +Alle Einwände, welche die Naturwissenschaft gegen die Religion richtet, +treffen sie selbst. Es ist ein großes Vorurteil, jemals an Stelle +„anthropomorpher“ Vorstellungen „die Wahrheit“ setzen zu können. Andre +als anthropomorphe Vorstellungen gibt es überhaupt nicht. „Der Mensch +schuf Gott nach seinem Bilde“ — so gewiß das von jeder historischen +Religion gilt, so gewiß gilt es von jeder physikalischen, vermeintlich +noch so gut begründeten Theorie. Eine jede ist selbst Mythus und +in jedem ihrer Züge anthropomorph präformiert. Es gibt keine reine +Naturwissenschaft, es gibt nicht einmal <em class="gesperrt">eine</em> Naturwissenschaft, +die als allgemein menschlich bezeichnet werden könnte.</p> + +<p>Jede Kultur hat sich eine eigne gebildet, die für sie allein wahr +ist und es nur so lange bleibt, als die Kultur lebendig und im +Verwirklichen ihrer innern Möglichkeiten begriffen ist. Ist eine +Kultur zu Ende und damit das schöpferische Element, die Bildkraft, +die Symbolik erloschen, so bleiben „leere“ Formeln, Gerippe von +toten Systemen übrig, die ganz buchstäblich als sinnlos und wertlos +empfunden, mechanisch beibehalten oder verachtet und vergessen werden. +Man denke an die Wissenschaften des spätesten Altertums. Zahlen, +Formeln, Gesetze <em class="gesperrt">bedeuten</em> nichts, <em class="gesperrt">sind</em> nichts. Sie müssen +einen Leib haben, den ihnen ein <em class="gesperrt">lebendes</em> Menschentum verleiht, +indem es in ihnen und durch sie lebt, sich zum Ausdruck bringt, sie +innerlich in Besitz nimmt. Und deshalb gibt es keine absolute Physik, +nur einzelne, auftauchende und schwindende Physiken innerhalb einzelner +Kulturen.</p> + +<p>Physik ist die intellektuelle Formulierung des Naturgefühls, das +jeder Kulturmensch besitzt. Ein Naturgefühl — das hatten wir den +Griechen abgestritten, weil das ihre so anders geartet war, daß wir +es als solches nicht erkannten. Unser Naturgefühl, in Malerei, Musik +und Lyrik immer wieder ausgesprochen, eine mächtige Leidenschaft +für Fernen und Horizonte und nur insofern für Landschaften, Himmel, +Wolken, Wälder, Gebirge,<span class="pagenum" id="Seite_534">[S. 534]</span> Meere, als sie Träger und Ausdruck eines +Unendlichen sind, ist der strenge Gegensatz zum antiken, das sich an +schöne nackte Einzelformen, an das Nahe, Greifbare, Gegenwärtige hält +und gerade darum das Auge vor dem Grenzenlosen der freien Landschaft +verschließt. Die „Natur“ des antiken Menschen fand ihr höchstes Symbol +in der nackten menschlichen Statue, nicht im Landschaftsgemälde; aus +ihr erwuchs folgerichtig die <em class="gesperrt">mechanische Statik</em>, die Physik der +Nähe; aus der unsren die <em class="gesperrt">mechanische Dynamik</em>, die Physik der +Ferne: zur apollinischen Natur gehören die Vorstellungen von Stoff und +Form und die Entelechie des Aristoteles, zur faustischen die Bilder der +Fernkräfte, der Kraftfelder, des Potentials.</p> + +<p>Die Grundworte der antiken Naturphilosophie, ἄπειρον, ἀρχή, μορφή, +ὕλη u. a. sind sämtlich in abendländischen Sprachen unübersetzbar und +darum geistig nicht genau nachzuerleben. Wir haben ganz andre Worte, +in deren elementarem Gehalt unser Weltgefühl kristallisiert, und +mithin eine ganz andre „Natur“. Das πάντα ῥεῖ Heraklits (wobei man an +den Leib eines Tanzenden denken sollte, dessen Erscheinung „im Fluß“ +ist) mit Bewegung, die ἀρχή mit Urstoff oder Ursprung übersetzen heißt +das wirklich Apollinische daraus beseitigen und den leeren Rest, das +Wort, mit einem fremden, abendländischen Sinn ausfüllen. Man denke +über den Unterschied des πάντα ῥεῖ eines antiken Grundgefühls, vom +„Prozeß“ (von <i>procedere</i>, vorschreiten) unserer Dynamik nach. +Die antike Ethik ging auf eine vollkommene Haltung, die faustische +auf Tat, intellektualisiert als „Fortschritt“, materialisiert als +Arbeit, öffentlich geworden als Sozialismus. Das kehrt hier im +physikalischen Bilde wieder. Unsre Idee der Bewegung hat eine Tendenz, +eine Richtung zum Unendlichen, ein Ziel; der antike Sinn der Bewegung +ist lediglich ἀλλοίωσις, Veränderung. Unser Lebensgefühl hat den +Willen zur Macht, ein Extrem von Aktivität, zum Mittelpunkt. Das ist +der Sinn der Gottesidee von den Tagen der Gotik an, im Gegensatz +zum Gotte des arabischen Christentums. Das mußte mithin der Ausgang +aller physikalischen Theorie werden. Wie Schicksal zur Kausalität, +wie Organisches zum Mechanischen, so verhält sich das Machtgefühl der +faustischen Seele, ihr Wille, ihr Gott, zum <em class="gesperrt">Kraftbegriff ihrer<span class="pagenum" id="Seite_535">[S. 535]</span> +Physik</em>, den sie als <em class="gesperrt">ihr</em> Symbol geschaffen hat und der mit +ihr erlöschen wird.</p> + +<p>Man hatte den historischen Zusammenhang bisher so formuliert, daß „bei +den Griechen“ sich die Anfänge der wissenschaftlichen Physik fänden, +daß „im Mittelalter“ alles verschüttet gewesen sei und nur die Araber +einiges für die Chemie getan hätten, bis „in der Neuzeit“ endlich ein +Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes erfolgte.</p> + +<p>In der Tat hatte der antike Geist seine äußere Welt in einer Statik +greifbarer Körper geordnet. Das war die <em class="gesperrt">Physik als Plastik</em>. +Der arabische Geist suchte in seiner Welt, wie sie dem Isis- und +Mithrasglauben, dem Neuplatonismus und der Gnosis, dem frühen +Christentum der Apokalypse, des Origenes und des Konzils von Nicäa +zugrunde liegt, die magische Substanz dieser Körper zu ergründen +und der „Stein der Weisen“ war ein Jahrtausend hindurch das Symbol +einer ganz anders gearteten, aber in sich geschlossenen und durchaus +folgerichtigen Naturwissenschaft. Die euklidische Geometrie verhält +sich zur arabischen Algebra wie die Physik, für welche Empedokles +seine berühmten vier Elemente aufstellte, die nichts andres waren +als die vier möglichen, sichtbaren, greifbaren, rein gegenwärtigen +Zustände von Einzeldingen,<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[116]</a> zur Alchymie der orientalischen +Landschaft, die demgegenüber das Bild des <em class="gesperrt">chemischen</em> Elementes +schuf, jene Art magischer Stoffe, die aus den Dingen erscheinen und +wieder in ihnen verschwinden, die sogar den Einflüssen der Gestirne +unterliegen. Die Alchymie enthält den tiefen wissenschaftlichen Zweifel +an der plastischen Wirklichkeit der Dinge, der σώματα griechischer +Mathematiker, Physiker und Dichter, die sie auflöst, zerstört, um das +Geheimnis ihres Wesens zu finden. Ein tiefer Unglaube an die Gestalt, +in welcher die Natur erscheint, die Gestalt, welche den Griechen +Inbegriff aller Wirklichkeit war, offenbart sich.<span class="pagenum" id="Seite_536">[S. 536]</span> Der Streit um die +Person Christi auf allen frühen Konzilen, der zu den arianischen +und monophysitischen Spaltungen führte, ist ein <em class="gesperrt">alchymistisches +Problem</em>. Es wäre keinem antiken Physiker eingefallen, die Dinge zu +erforschen, indem er ihre anschauliche Form verneinte oder vernichtete. +Es gibt deshalb keine antike Chemie, so wenig es eine antike Theorie +über das Göttliche in der substantiellen Erscheinung des Apollo oder +der Aphrodite gab.</p> + +<p>Die chemische Methode ist das Zeichen eines neuen Weltgefühls. +Ihre Erfindung knüpft sich an den Namen jenes rätselhaften Hermes +Trismegistos, der in Alexandria <em class="gesperrt">gleichzeitig mit Plotin und +Diophant</em>, dem Begründer der Algebra, gelebt hat. Mit einem Schlage +ist die mechanische Statik, die apollinische Naturwissenschaft zu +Ende. Und wieder gleichzeitig mit der endgültigen Emanzipation der +faustischen Mathematik durch Newton und Leibniz befreite sich auch +die abendländische Chemie von ihrer arabischen, magischen Form durch +Stahl (1660–1734) und dessen Phlogistontheorie. Die eine wie die andre +wird reine Analysis. Schon Paracelsus (1493–1541) hatte die magische +Tendenz, Gold zu machen, in eine arzneiwissenschaftliche umgewandelt. +Man spürt darin ein verändertes Weltgefühl. Robert Boyle (1626–1691) +hat dann die analytische Methode und damit den westeuropäischen Begriff +des Elements geschaffen. Aber man täusche sich darüber nicht: Was man +die Begründung der modernen Chemie nennt, deren Epochen durch die +Namen Stahl und Lavoisier bezeichnet werden, ist nichts weniger als +eine Ausbildung chemischer Gedanken, sofern man darunter arabische, +alchymistische Naturanschauungen versteht. Sie ist das <em class="gesperrt">Ende</em> +der eigentlichen Chemie, ihre Auflösung in das umfassende System der +Dynamik, ihre Einordnung in diejenige mechanische Naturanschauung, +welche das Barock durch Galilei und Newton begründet hatte. Die +Elemente des Empedokles bezeichnen ein äußeres Sichverhalten, die +Elemente der Akademie von Cordova ein geheimnisvolles Wunder, die +Elemente der Verbrennungstheorie Lavoisiers (1777), die der Entdeckung +des Sauerstoffs (1771) folgte, eine <em class="gesperrt">dem menschlichen Willen +unterworfene</em> Formeinheit. Durch unsere Analysen und Synthesen wird +die Natur nicht befragt<span class="pagenum" id="Seite_537">[S. 537]</span> oder überredet, sondern bezwungen. Die moderne +Chemie ist ein Kapitel der modernen <em class="gesperrt">Physik der Tat</em>.</p> + +<p>Was wir Statik, Chemie, Dynamik nennen, historische Bezeichnungen +ohne tieferen Sinn für die heutige Naturwissenschaft, sind die drei +physikalischen Systeme der apollinischen, magischen und faustischen +Seele, jedes in seiner Kultur erwachsen, jedes in seiner Geltung +auf eine Kultur beschränkt. Dem entsprechen die Mathematiken der +euklidischen Geometrie, der Algebra, der Analysis und die Künste der +Statue, der Arabeske, der Fuge. Will man die drei Arten der Physik — +denen jede andre Kultur wieder eine andre zur Seite setzen könnte und +müßte — ihrer Methode nach unterscheiden, so hat man eine mechanische +Ordnung von Zuständen, von geheimen Kräften, von Prozessen.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_3">3</h4> + +</div> + +<p>Nun hat die Tendenz des menschlichen Geistes, das Naturbild auf +möglichst einfache quantitative Formeinheiten zurückzuführen, welche +vergleichende Urteile, Messungen, Zählungen, kurz mechanische Wertungen +gestatten, in der antiken und abendländischen Physik jedesmal zu einer +Atomlehre geführt (von der höchst komplizierten arabischen, wie sie +einen Streitpunkt der Schulen von Bagdad und Basra bildete, soll hier +abgesehen werden). Der tiefsymbolische Unterschied beider Theorien ist +aber unbeachtet geblieben.</p> + +<p>Die antiken Atome sind <em class="gesperrt">Miniaturformen</em>, die abendländischen sind +<em class="gesperrt">Minimalquanta</em>, d. h. dort ist die Anschaulichkeit, die Nähe +Grundbedingung des Bildes, hier ist sie es nicht. Die atomistischen +Vorstellungen der modernen Physik, zu denen auch die Elektronentheorie +und die Quantenhypothese der Thermodynamik gehören, setzen mehr und +mehr jene — rein faustische — <em class="gesperrt">innere</em> Anschauung voraus, +die auch auf manchen Gebieten der höheren Mathematik wie den +nichteuklidischen Geometrien oder der Gruppentheorie gefordert wird +und die dem Laien nicht zur Verfügung steht. In der Tat ist heute die +Atomvorstellung um so flacher und falscher, je populärer sie auftritt, +wie in den dilettantischen Büchern der Häckelschule, die vom Gehalte +moderner physikalischer Theorien nicht<span class="pagenum" id="Seite_538">[S. 538]</span> das mindeste begriffen hat. Ein +Quantum ist ein Ausgedehntes, abgesehen vom sinnlichen Augenschein, +eine Abstraktion, welche die Beziehung auf Auge und Tastgefühl meidet, +für die das Wort Gestalt keinen Sinn besitzt, eine Art Form also, +die einem Griechen, einem geborenen Plastiker, gar nicht vorstellbar +war. Der antike Physiker prüft das Aussehen, der abendländische die +Wirksamkeit dieser letzten Elemente des Gewordnen. Das bedeuten die +polaren Begriffe dort von <em class="gesperrt">Stoff und Form</em>, hier von <em class="gesperrt">Kapazität +und Intensität</em>.</p> + +<p>Ich hatte hervorgehoben, daß Erkenntnis ein Gewordensein für den Geist +ist, daß ferner Erkennen sich als ein Begrenzen (Abgrenzen, Einfassen, +Einteilen) darstellt. Nun, die Begrenzung in einem bestimmten Sinne bis +zum äußersten getrieben führt immer und im Naturdenken <em class="gesperrt">jeder</em> +Kultur auf „Atome“, ein <i>Non plus ultra</i> der Begrenztheit, ihren +Inbegriff und ihr Optimum. Die Atome der Logik sind die Begriffe, +die Atome der Mathematik sind die Zahlen (Größen in der antiken, +Beziehungen in der abendländischen Mathematik).</p> + +<p>Es folgt daraus, daß in diesen letzten Möglichkeiten sich die Symbolik +der einzelnen Kultur, des einzelnen Geistes mit voller Schärfe +herausstellt. Die Atome des Leukippos und Demokrit (σχήματα) sind +ausschließlich nach Gestalt und Größe verschieden, rein plastische +Einheiten und nur in diesem Sinne, wie der Name sagt, „unteilbar“. +Die Atome der Barockphysik, deren „Unteilbarkeit“ einen ganz andern, +höchst immateriellen Sinn angenommen hat, sind, was jeder philosophisch +geschulte Physiker zugeben wird, den Monaden Leibnizens wesensverwandt, +letzte, in infinitesimaler Weise theoretisch begrenzte <em class="gesperrt">Einheiten von +Wirkung</em>, abstrakte Kraftpunkte also. Es ist gesagt worden, daß ein +Atom, wie es der moderne Physiker sich vorstellt, ein komplizierteres +Gebilde als eine Dynamomaschine ist.</p> + +<p>Gäbe es eine literarisch und theoretisch entwickelte indische oder +ägyptische Physik, so würden sie mit Notwendigkeit einen ganz andern +Atomtypus hervorgebracht haben, dessen Geltung für sie allein zwingend +gewesen wäre.</p> + +<p>Die Atome der Ionik und des Barock, der hellenistischen und der +heutigen westeuropäischen Physik unterscheiden sich<span class="pagenum" id="Seite_539">[S. 539]</span> wie Plastik und +Musik, wie die Kunst der extremen Körperlichkeit und der extremen +körperlosen Bewegtheit. Die Statue ist ganz Leib, Ruhe und Nähe, +die Fuge, wie das Wort verrät, Flucht, Bewegtheit, Raum, Ferne. Der +apollinische Mensch empfand den Kosmos als den Inbegriff leibhafter, +mit dem Auge zu beherrschender Dinge — ob in Ruhe oder Bewegung, eine +zweite Frage. Für das Weltsystem des faustischen Menschen aber ist +sie die erste und dann erst kommt die Frage, was bewegt wird. Deshalb +ist — das muß mit Entschiedenheit festgestellt werden — „Masse“ ein +spezifisch abendländischer Begriff, der erst <em class="gesperrt">als Komplement zu +dem metaphysischen Hauptbegriff der Kraft</em> entsteht. So oft der +Massebegriff seinen Inhalt geändert hat, es geschah immer nur, weil +der Kraftbegriff anders definiert worden war. Der Begriff des Äthers +verdankt seine Entstehung nur der modernen Energievorstellung. Masse +ist, was die Kraft zu ihrer Wirksamkeit — logisch oder im Bilde — +braucht, während im πάντα ῥεῖ der Heraklit und den entsprechenden +andern Vorstellungen des antiken Weltgefühls das Substrat den +unbedingten Vorrang hat. Die Materie ist dem antiken Auge nicht Träger +der Bewegung, sondern die Bewegung eine Eigenschaft der Materie. Das +Primäre ist dort die <em class="gesperrt">Form</em>, hier die <em class="gesperrt">Kraft</em>. Ich erinnere +an den Gegensatz des apollinischen und faustischen Ursymbols, das dem +gesamten Makrokosmos zugrunde liegt: den Gegensatz von Körper und +unendlichem Raum. So gewiß der antike Mensch das „zwischen den Dingen“ +als das Nichtseiende empfand, so gewiß liegt der modernen Physik das +Gefühl zugrunde, daß eben das greifbar Körperliche das Nichtseiende ist +und durch die Theorie aufgelöst, nicht bestätigt werden muß.</p> + +<p>So wurde endlich die kinetische Gastheorie zum Schwerpunkt der +atomistischen Vorstellungen. Von ihr aus erfolgte die Anwendung +der dynamischen Atomistik, eine unvermerkte Annäherung an Leibniz, +auf die Gebiete der physikalischen Chemie, der strahlenden Wärme, +der Radioaktivität und endlich ihre Umgestaltung zur Ionen- und +Elektronentheorie.</p> + +<p><em class="gesperrt">Es gibt einen Stoizismus und einen Sozialismus der Atome.</em> +Das ist die Definition der statisch-plastischen und der +dynamisch-kontrapunktischen Atomistik, die ihrer Verwandtschaft<span class="pagenum" id="Seite_540">[S. 540]</span> +zu den Gebilden der zugehörigen Ethik in jedem Gesetze, in jeder +Definition Rechnung trägt. Die Menge der verworrenen Atome, duldend, +vom Schicksal, vom blinden Zufall gestoßen — wie Ödipus — und im +Gegensatz dazu die als Einheit wirkenden Atomsysteme, aggressiv, den +Raum energetisch (als „Feld“) beherrschend, Widerstände überwindend +— wie Macbeth —, aus diesem Grundgefühl sind beide mechanische +Naturbilder entstanden. Nach Leukippos fliegen die Atome „von selbst“ +im Leeren herum; Demokrit statuiert lediglich Stoß und Gegenstoß als +Form der Ortsveränderung; Aristoteles erklärt die Einzelbewegungen +für zufällig; bei Empedokles findet sich die Bezeichnung Liebe und +Haß, bei Anaxagoras Zusammentreten und Auseinandertreten. Das alles +sind auch Elemente der antiken Tragik. So verhalten sich die Figuren +(σώματα) auf der Szene des attischen Theaters. Das sind <em class="gesperrt">also +auch</em> Daseinsformen der antiken Politik. Da finden wir diese +winzigen Städte, politische Atome, in langer Reihe auf Inseln und an +Küsten dahingelagert, jede eifersüchtig für sich bestehend und ewig +der Anlehnung bedürftig, abgeschlossen und launisch bis zur Karikatur, +von den planlosen, ordnungslosen Ereignissen der antiken Geschichte +hin und her gestoßen, heute gehoben, morgen vernichtet — und ihnen +gegenüber die dynastischen Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts, +politische Kraftfelder, von den Wirkungszentren der Kabinette und +großen Diplomaten aus weitschauend, planmäßig gelenkt und beherrscht. +Man versteht den Geist der antiken und abendländischen Geschichte nur +aus diesem Gegensatz zweier Seelen; man versteht auch das atomistische +Fundament beider Physiken nur aus diesem Vergleich. Galilei, der den +Kraftbegriff, und die Milesier, die den Begriff der ἀρχή konzipierten, +Demokrit und Leibniz, Archimedes und Helmholtz sind „Zeitgenossen“, +Glieder derselben geistigen Stufe verschiedener Kulturen.</p> + +<p>Aber die innere Verwandtschaft und Atomistik und Ethik geht weiter. Ich +hatte gezeigt, wie die faustische Seele, deren Sein Überwindung des +Augenscheins, deren Gefühl Einsamkeit, deren Sehnsucht Unendlichkeit +ist, dies Bedürfnis nach Alleinsein, Ferne, Absonderung in all +ihre Wirklichkeiten legt, in all ihre öffentlichen, geistigen, +künstlerischen Formenwelten.<span class="pagenum" id="Seite_541">[S. 541]</span> Nietzsche hatte es das Pathos der Distanz +genannt, nicht ohne eine tiefe Einsicht durch eine falsche Anwendung +zu verderben. Das Pathos der Distanz ist gerade der Antike fremd, +in der alles Menschliche der Nähe, Anlehnung, Gemeinsamkeit bedarf. +Es unterscheidet den Geist des Barock von dem der Ionik, die Kultur +des <i>ancien régime</i> von der des perikleischen Athen. Pathos +der Distanz ist in Shakespeare, in Rembrandt, in Bach, in Napoleon, +nicht in Sophokles, Phidias oder Alexander. Und dies Pathos, das den +heroischen Täter vom heroischen Dulder unterscheidet, erscheint im +Bilde der abendländischen Physik wieder: <em class="gesperrt">als Spannung</em>. Das ist +es, was in der Anschauung Demokrits nicht enthalten war. Das Prinzip +von Stoß und Gegenstoß enthält die Negation einer raumbeherrschenden, +mit dem Raume identischen Kraft. Im Bilde der antiken Seele fehlt +dementsprechend das Element des Willens. Zwischen antiken Menschen, +Staaten, Weltanschauungen besteht keine innere Spannung, trotz +Zank, Neid und Haß, kein tiefes Bedürfnis nach Abstand, Alleinsein, +Überlegenheit — folglich besteht sie auch nicht zwischen den Atomen +des antiken Kosmos. Das Prinzip der Spannung — entwickelt in der +Potentialtheorie —, in antike Sprachen und also Gedanken vollkommen +unübertragbar, ist für die moderne Physik grundlegend geworden. Es +enthält eine Interpretation des Begriffs der Energie (des Willens zur +Macht im Weltall) und ist deshalb für uns ebenso notwendig als für +antike Menschen unmöglich.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_4">4</h4> + +</div> + +<p>Die Atomlehre ist demnach ein Dogma, keine Erfahrung. In sie hat +die Kultur, durch den Geist ihrer großen Physiker, ihr Wesen, sich +selbst gelegt. Daß es eine Ausgedehntheit an sich gibt, unabhängig vom +spezifischen Formgefühl des Erkennenden, ist eine Illusion. Man glaubt +das Leben ausschalten zu können; man vergißt, daß eine Erkenntnis nicht +nur ein Inhalt, sondern auch ein lebendiger Akt ist.</p> + +<p>Die entscheidende Bedeutung des <em class="gesperrt">Tiefenerlebnisses</em>, das mit dem +Erwachen einer Seele und also mit der Schöpfung der ihr zugehörigen +äußeren Welt identisch ist, war an einer früheren<span class="pagenum" id="Seite_542">[S. 542]</span> Stelle nachgewiesen +worden. Danach liegt in der bloßen Sinnesempfindung nur Länge und +Breite; durch den lebendigen, mit innerster Notwendigkeit sich +vollziehenden Akt der Deutung, der wie alles Lebendige Richtung, +Bewegtheit, Nichtumkehrbarkeit besitzt — das Bewußtsein davon macht +den eigentlichen Gehalt des Wortes Zeit aus —, wird die <em class="gesperrt">Tiefe</em> +hinzugefügt und somit die Wirklichkeit, die Welt geschaffen. Das Leben +selbst geht als dritte Dimension in das Erlebte ein. Der Doppelsinn des +Wortes Ferne, als Zukunft und als Horizont, verrät den tiefern Sinn +dieser Dimension, welche erst die Ausdehnung als solche hervorruft. Das +erstarrte Werden ist das Gewordene, das erstarrte Leben die Raumtiefe +des Erkannten. Descartes und Parmenides stimmen darin überein, daß +Denken und Sein (Ausdehnung) identisch sind. <i>Cogito, ergo sum</i> +ist lediglich eine Formulierung des Tiefenerlebnisses. Hier kommt das +Ursymbol der einzelnen Kultur zur Geltung. Die vollzogene Ausdehnung +ist danach im antiken Bewußtsein von sinnlicher, körperhafter +Gegenwart, im abendländischen von steigender räumlicher Transzendenz, +so daß nach und nach die ganz unsinnliche Polarität von Kapazität und +Intensität im Unterschied von der antik-optischen: Stoff und Form +herausgearbeitet wird.</p> + +<p>Aber daraus folgt, daß innerhalb des Erkannten und Gewordenen die +lebendige Zeit nicht noch einmal erscheinen kann. Das Gewordene ist +ein Mechanismus, in anorganische Form verwandeltes Organische. Die +physikalische, gedachte, meßbare Zeit, eine bloße Dimension, ist ein +Mißgriff. Es fragt sich nur, ob er zu vermeiden ist oder nicht. Man +setze in irgendeinem physikalischen Gesetz dafür das Wort Schicksal ein +und man wird fühlen, daß innerhalb der reinen „Natur“ von Zeit nicht +die Rede ist. Die Formenwelt der Physik reicht genau so weit wie die +verwandten der Zahlen und der Begriffe, und wir hatten gesehen, daß, +trotz Kant, zwischen mathematischer Zahl und Zeit nicht die geringste, +wie immer geartete Beziehung besteht.</p> + +<p>Und hier wird die Physik zum zweitenmal dogmatisch. In den Worten +Zeit und Schicksal ist für den, der sie instinktiv gebraucht, das +Leben selbst in seiner tiefsten Tiefe berührt, das <em class="gesperrt">ganze</em> +Leben, das vom Erlebten nicht zu trennen ist. Die Physik aber, der +Verstand, <em class="gesperrt">muß</em> sie trennen. Das Erlebte an<span class="pagenum" id="Seite_543">[S. 543]</span> sich, losgelöst vom +lebendigen Akt des Betrachters, Objekt geworden, tot, anorganisch, +starr — das ist jetzt die Natur als Mechanismus, das heißt als etwas +mathematisch zu Erschöpfendes. In diesem Sinne ist Naturerkenntnis eine +<em class="gesperrt">messende</em> Tätigkeit.</p> + +<p>Folglich kennt sie die Zeit nur als Strecke; folglich ist sie +gezwungen, die Bewegung als eine mathematisch fixierbare Größe, als +Benennung zu den im Experiment gewonnenen und in Formeln niedergelegten +reinen Zahlen aufzufassen. „Die Physik ist die vollständige und +einfache Beschreibung der Bewegungen“ (Kirchhoff). Das ist immer ihre +Absicht gewesen. Aber eine Bewegung innerhalb der verstandesmäßig +aufgefaßten Natur ist nichts anderes als jenes metaphysische Etwas, +in dem das Erleben des Beobachters selbst, durch welches erst +das Bewußtsein eines kontinuierlichen Nacheinander entsteht, zum +Vorschein kommt. Der momentane Erkenntnisakt an sich bewirkt einen +zeitlosen und also bewegungsfremden Zustand. <em class="gesperrt">Das</em> bedeutet +„Gewordensein“. Aus der <em class="gesperrt">organischen Reihe</em> dieser Akte erst +ergibt sich die Impression einer Bewegung. Der Gehalt dieses Wortes +berührt den Physiker nicht als Intellekt, sondern als <em class="gesperrt">ganzen</em> +Menschen, dessen ständige vitale Funktion nicht die „Natur“, sondern +die <em class="gesperrt">ganze</em> Welt ist. Dies ist die ewige Verlegenheit aller +Physik als des Ausdrucks einer Seele. Alle Physik ist Behandlung des +Bewegungsproblems, in dem das Problem des Lebens selbst liegt, nicht +als ob es eines Tages lösbar wäre, sondern obwohl es unlösbar ist.</p> + +<p>Gesetzt, daß Naturerkenntnis eine feine Art Selbsterkenntnis ist — +die Natur als Bild, als Spiegel des Geistes verstanden —, so ist der +Versuch, das Bewegungsproblem zu lösen, der Versuch der Erkenntnis, +ihrem eigenen Geheimnis, ihrem Werden auf die Spur zu kommen.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_5">5</h4> + +</div> + +<p>Das vollkommene System der mechanischen Naturanschauung ist eben nicht +Physiognomik, sondern <em class="gesperrt">System</em>, d. h. reine Ausgedehntheit, +logisch und zahlenmäßig geordnet, nichts Lebendiges, sondern etwas +Gewordenes und Totes. Dem widerspricht aber die Idee der Bewegung. +Sie stammt unmittelbar aus dem<span class="pagenum" id="Seite_544">[S. 544]</span> Lebensgefühl, sie ist Zeit, Richtung, +Schicksal, und so dringt sie als Fremdkörper in die Einheit eines +mechanischen Systems, dessen zeitlos starre Folgerichtigkeit sie +zerstört.</p> + +<p>Die Bewegung gehört, wie das Wort sagt, in das Reich der lebendigen +Phänomene, der Gestalten, der Geschichte, nicht der begriffenen +anorganischen Natur. Sie ist ein Eindruck von unmittelbar innerer +Gewißheit des Gefühls, kein physikalischer Begriff, der jemals +erschöpfend definiert werden könnte. <em class="gesperrt">Anschauen</em> kann sich die +Bewegung; das war Goethes Art, die „lebendige Natur“ fühlend zu +erleben; gerade sie führte zu den Phänomenen des bewegten Daseins, +zur Physiognomik und blieb dem Bereich des Mathematischen vollkommen +fern. Die Folge ist sein Ausspruch: „Die Natur hat kein System, sie +hat, sie ist Leben und Folge aus einem unbekannten Zentrum, zu einer +nicht erkennbaren Grenze.“ Für den, der Natur nicht erlebt, sondern +erkennt, <em class="gesperrt">hat</em> sie aber System, ist sie System und nichts weiter, +und folglich Bewegung in ihr ein Widerspruch. Sie kann ihn durch eine +künstliche Formulierung zudecken, aber in den Grundbegriffen lebt er +fort.</p> + +<p>Der Eindruck einer Bewegung folgt aus einem Kontinuum von +Vorstellungen, aber nicht insofern sie Vorgestelltes sind, sondern +indem sie eben jetzt vorgestellt werden. Eine Reihe von Erkenntnissen +als Einheit erleben setzt Gedächtnis voraus, und zwar historisches +Gedächtnis. Das ist kein ordnender, sondern ein lebendig schöpferischer +Akt, kein mechanischer, sondern ein organischer Zusammenhang. +Angenommen, wir hätten kein Gedächtnis, so daß jeder Moment für sich, +ohne Verknüpfung mit dem vorhergegangenen aufgenommen würde — dann +würde uns das Weltbild der Geschichte und <em class="gesperrt">also auch</em> der Begriff +der Bewegung fehlen. Hier liegt die schwache Stelle der exakten +Wissenschaft von der Natur. Hier dringt die Historie in ihr Bild. Die +Bewegung ist nicht im Betrachteten, sondern im Betrachter, nicht im +Objekt der Physik, sondern im Physiker als historischer Person.</p> + +<p>Weil es keine Physik gibt ohne eine Seele, deren <em class="gesperrt">historischer +Ausdruck</em> sie ist, ohne einen Menschen einer einzelnen Kultur, +der sie in sich und durch sie verwirklicht, deshalb ist eine reine, +der Form nach fehlerlose Physik unmöglich. Die<span class="pagenum" id="Seite_545">[S. 545]</span> Bewegung ist der +unvermeidliche Faktor, der sie notwendig zerstört. Die Gewohnheiten +unsres Denkens hindern uns, das einzusehen. Ich hatte gesagt, daß man +für Zeit das Wort Schicksal einsetzen solle, um sich bewußt zu werden, +daß die Physik mit dem wahren Gehalt des Wortes nichts zu schaffen +hat. Man sage gleichfalls für Bewegung eines physikalischen Systems +dessen <em class="gesperrt">Älterwerden</em> — es altert wirklich, als Erlebnis eines +Beobachters nämlich, in dessen Geist seine ganze Realität enthalten +ist — und man wird das Verhängnisvolle des Wortes Bewegung mit seinem +unzerstörbaren organischen Gehalt deutlich fühlen. Die Mechanik +sollte mit Altern und folglich mit Bewegung nichts zu tun haben. +Also — denn ohne das zentrale Bewegungsproblem ist überhaupt keine +Naturwissenschaft denkbar — kann es gar keine lückenlos geschlossene +Mechanik geben; irgendwo ist der organische Ausgangspunkt des Systems, +dort wo das unvermittelte Leben hereinragt — die Nabelschnur, mit der +das Geisteskind am mütterlichen Leben, das Gedachte am Denkenden hängt.</p> + +<p>Wir lernen hier die Entstehung der faustischen und apollinischen +Naturerkenntnis von einer ganz anderen Seite kennen. Es gibt keine +<em class="gesperrt">reine</em> Natur. Etwas vom Wesen der Historie liegt in jeder. Ist +der Mensch ahistorisch wie der Grieche, dessen gesamte Welteindrücke +in einer reinen, punktförmigen Gegenwart aufgesaugt werden, so +wird das Naturbild <em class="gesperrt">statisch</em>, in jedem einzelnen Augenblick +in sich selbst abgeschlossen. In der griechischen Physik kommt +die Zeit als Größe ebensowenig vor wie im Entelechiebegriff des +Aristoteles. Ist der Mensch historisch fühlend, weil das Werden, +das den einzelnen Augenblick in eine Richtung, in Vergangenheit und +Zukunft auflöst, sich ins Licht des erkennenden Geistes drängt, so +entsteht ein <em class="gesperrt">dynamisches</em> Bild. Die Zahl, der Grenzwert des +Gewordnen, wird im ahistorischen Falle <em class="gesperrt">Maß und Größe</em>, im +historischen <em class="gesperrt">Funktion</em>. Man <em class="gesperrt">mißt</em> nur Gegenwärtiges und +man <em class="gesperrt">verfolgt</em> nur etwas, das Vergangenheit und Zukunft hat, in +seinem Verlauf. Dieser Unterschied ist es, der den innern Widerspruch +im Bewegungsproblem in der antiken Mechanik verdeckt, in der +abendländischen heraustreibt.</p> + +<p>Die Geschichte ist ewiges Werden, <em class="gesperrt">ewige Zukunft</em> und Bewegtheit +also; die Natur ist geworden, also <em class="gesperrt">ewige Vergangenheit</em>.<span class="pagenum" id="Seite_546">[S. 546]</span> +Folglich hat hier eine seltsame Umkehrung stattgefunden; die +Priorität des Werdens vor dem Gewordnen erscheint aufgehoben. Der aus +<em class="gesperrt">seiner</em> Sphäre, dem Gewordnen, rückschauende Geist kehrt den +Aspekt des Lebens um; aus der <em class="gesperrt">Idee des Schicksals</em>, die Ziel +und Zukunft in sich hat, wird das mechanisch-extensive <em class="gesperrt">Prinzip von +Ursache und Wirkung</em>, dessen Schwerpunkt im Vergangenen liegt. +Der Geist vertauscht dem Range nach das Leben (Zeit) und das Erlebte +(Raum) und versetzt die Zeit als Strecke in ein räumliches Weltsystem. +Er hat hier die ungeheuerste Verkehrung im wachen Bewußtsein +vollzogen: während aus der Richtung die Ausdehnung, aus dem Leben das +Räumliche als Erlebnis, weltbildendes Erlebnis folgt, setzt er den +schematisierten „Lebensprozeß“ <em class="gesperrt">in seinen starren, vorgestellten Raum +hinein</em> — <em class="gesperrt">das ist</em> physikalische Bewegung, leblos, teilbar, +tot, den Regeln der Mathematik unterworfen. Dem Leben ist der Raum +etwas, das als Funktion zum Leben gehört, dem Geiste ist Leben etwas im +Raume. Goethes lebendige Anschauung <em class="gesperrt">erlebt</em> die Ausdehnung, die +Welt als ewig werdend, der geborne Physiker <em class="gesperrt">erkennt</em> das Leben +als mathematische Bewegung im Raume. Alles Mechanische, das heißt alles +Gedachte ist eine prinzipielle Umkehrung von Organischem. Schicksal +bedeutet ein Wohin, Kausalität bedeutet ein Woher. Künstlerische +Anschauung, Intuition besitzt die Notwendigkeit eines Schicksals. +Wissenschaftliches Denken ist, nicht als historisches Phänomen, sondern +inhaltlich von kausaler Notwendigkeit. Wissenschaftlich begründen +heißt vom Gewordnen und Verwirklichten aus nach „Gründen“ suchen, +indem man den mechanisch aufgefaßten „Weg“ — das Werden als Strecke +— rückwärts verfolgt. Aber es läßt sich nicht rückwärts leben, nur +rückwärts denken. Nicht die Zeit, nicht das Schicksal ist umkehrbar, +nur was der Physiker Zeit nennt, was er als teilbare, womöglich +negative oder imaginäre „Größe“ in seine Formeln eingehen läßt. +Insofern ist das Bewegungsproblem eine Umkehrung des Lebensgefühls und +als solche von vornherein unlösbar, wenn man unter Lösung die restlose +begrifflich-mathematische Formulierung versteht.</p> + +<p>Die Verlegenheit ist immer wieder gefühlt, wenn auch ihrem Ursprung und +ihrer Notwendigkeit nach nie begriffen worden.<span class="pagenum" id="Seite_547">[S. 547]</span> Das dunkle Bewußtsein +der Naturerkenntnis, hier an einer Grenze ihrer Möglichkeit zu stehen, +sie vielmehr schon überschritten zu haben, war zu allen Zeiten +wach. Innerhalb der antiken Naturforschung stellten die Eleaten der +Notwendigkeit, die Natur in Bewegungen zu denken, die logische Einsicht +entgegen, daß Denken ein Sein, mithin Erkanntes und Ausgedehntes +identisch und also Erkenntnis und Werden unvereinbar seien. Ihre +Einwände sind nie widerlegt worden und unwiderlegbar, aber sie haben +die Entwicklung der antiken Physik, die als Ausdruck der apollinischen +Seele unentbehrlich und also über logische Widersprüche erhaben war, +nicht gehindert. Innerhalb der von Galilei und Newton begründeten +klassischen Mechanik des Barock ist eine einwandfreie Lösung in +dynamischem Sinne immer wieder versucht worden. Die Geschichte des +Kraftbegriffs, dessen immer neue Definitionen die Leidenschaft des +Denkens kennzeichnen, das durch diese Schwierigkeit sich selbst in +Frage gestellt sah, ist nichts als die Geschichte der Versuche, die +Bewegung mathematisch und begrifflich restlos zu fixieren. Der letzte +bedeutende Versuch, der wie alle früheren mit Notwendigkeit mißlang, +liegt in der Mechanik von H. Hertz vor.</p> + +<p>Hertz hat, ohne die eigentliche Quelle aller Verlegenheit zu finden — +das ist noch keinem Physiker gelungen —, versucht, den Begriff der +Kraft ganz auszuschalten, mit dem richtigen Gefühl, daß der Fehler +aller mechanischen Systeme in einem der Grundbegriffe zu suchen sei. Er +wollte das Bild der Physik allein aus den Größen der Zeit, des Raumes +und der Masse aufbauen, aber er bemerkte nicht, daß eben die Zeit +selbst, die als Richtungsfaktor in den Begriff der Kraft eingegangen +ist, das organische Element war, ohne das eine dynamische Theorie sich +nicht aussprechen läßt und mit dem eine reine Lösung nicht gelingt. +Und abgesehen davon bilden die Begriffe Kraft, Masse und Bewegung eine +dogmatische Einheit. Sie bedingen einander so, daß die Anwendung des +einen die unvermerkte der beiden andern schon einschließt. Im πάντα +ῥεῖ Heraklits ist die ganze apollinische, im Kraftbegriff die ganze +abendländische Fassung des Bewegungsproblems enthalten. Der Begriff +der Masse ist nur das Komplement zum Kraftbegriff. Newton — eine tief +religiöse Natur — brachte lediglich das<span class="pagenum" id="Seite_548">[S. 548]</span> faustische Weltgefühl zum +Ausdruck, als er, um den Sinn der Worte Kraft und Bewegung verständlich +zu machen, von Massen als Angriffspunkten der Kraft und Trägern der +Bewegung sprach. So hatten die Mystiker des 13. Jahrhunderts Gott und +sein Verhältnis zur Welt aufgefaßt. Newton hatte mit seinem berühmten +„<i>hypotheses non fingo</i>“ das metaphysische Element abgelehnt, +aber seine Konzeption einer Mechanik ist durch und durch metaphysisch. +Die Kraft ist im mechanischen Naturbilde des abendländischen Menschen, +was der Wille in seinem Seelenbilde und die unendliche Gottheit in +seinem Weltbilde ist. Die Grundgedanken seiner Physik standen fest, +lange bevor der erste Physiker geboren wurde; sie lagen im frühesten +religiösen Weltbewußtsein dieser Kultur.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_6">6</h4> + +</div> + +<p>Damit offenbart sich nun auch der religiöse Gehalt des physikalischen +Begriffs der <em class="gesperrt">Notwendigkeit</em>. Es handelt sich um die mechanische +Notwendigkeit in dem, was wir als Natur geistig besitzen, und man hat +nicht zu vergessen, daß dieser Notwendigkeit eine andre, organische, +schicksalhafte im Leben selbst zugrunde liegt. Die letzte gestaltet, +die erste schränkt ein; die eine folgt aus einer inneren Gewißheit, +die andere aus Beweisen: das ist der Unterschied von tragischer und +technischer, historischer und physikalischer Logik.</p> + +<p>Innerhalb der von der Naturwissenschaft geforderten und vorausgesetzten +Notwendigkeit bestehen nun weitere Unterschiede, die sich bis jetzt +jeder Aufmerksamkeit entzogen haben. Es handelt sich hier um sehr +schwierige Einsichten von unabsehbarer Bedeutung. Eine Naturerkenntnis +ist die Funktion eines Verstandes von bestimmter Art, gleichviel +wie dieser Zusammenhang von der Philosophie definiert wird. Eine +Naturnotwendigkeit steht demnach in Beziehung zur Struktur des +<em class="gesperrt">zugehörigen</em> Geistes, in dessen Tätigkeit sie sich realisiert, +und hier beginnen die historisch-morphologischen Unterschiede. Man kann +eine strenge Notwendigkeit in der Natur erblicken, ohne daß sie sich in +Naturgesetze formulieren ließe. Das letzte, für uns selbstverständlich, +für Menschen andrer Kulturen indessen durchaus nicht, setzt eine ganz +besondere und für den<span class="pagenum" id="Seite_549">[S. 549]</span> faustischen Geist bezeichnende Form des Denkens +und mithin des Naturerkennens voraus. An sich liegt die Möglichkeit +vor, daß die mechanische Notwendigkeit eine Gestalt annimmt, in der +jeder einzelne Fall morphologisch für sich besteht, keiner sich exakt +wiederholt und Erkenntnisse also nicht als ständig gültige Formeln +erscheinen können. Es würde da die Natur in einem Bilde erscheinen, +das sich etwa nach Analogie unendlicher, aber nicht periodischer +Dezimalbrüche im Unterschiede von rein periodischen vorstellen +ließe. So empfand die Antike. Das Gefühl davon liegt schon ihren +physikalischen Urbegriffen zugrunde. Die Eigenbewegung der Atome bei +Demokrit z. B. erscheint so, daß ein gesetzmäßiger Bewegungstypus nicht +statuiert wird.</p> + +<p>Naturgesetze sind Formen des Geistes, in welchen ein Inbegriff von +Fällen sich zu einer Einheit höheren Grades zusammenschließt. Aber +darin liegt Wille zur Macht; das ist faustisch: der Geist spricht +in diesen Formen seine Herrschaft über die Natur aus. Die Welt ist +<em class="gesperrt">seine</em> Vorstellung, eine Funktion des eignen Ich. Der antike +Mensch war, nach Protagoras, nur das Maß, nicht der Schöpfer der Dinge.</p> + +<p>Hier zeigt sich, daß das Kausalitätsprinzip in der Form, wie sie für +uns selbstverständlich und notwendig ist, wie sie von der Mathematik, +Physik und Erkenntnistheorie übereinstimmend als Grundwahrheit +behandelt wird, ein abendländisches, genauer ein Barockphänomen +ist. Sie kann nicht bewiesen werden, denn jeder Beweis in einer +abendländischen Sprache und jede Erfahrung eines abendländischen +Menschen setzt sie schon voraus. Es ist kein Zweifel, daß im Begriff +der Kraft, der Funktion, des Natur<em class="gesperrt">gesetzes</em> überhaupt diese +besondere Art von Notwendigkeit schon enthalten ist. Die antike +Art, die Natur zu sehen — das <i>alter ego</i> der antiken Art zu +<em class="gesperrt">sein</em> —, enthält sie aber <em class="gesperrt">nicht</em>, ohne daß dadurch eine +logische Schwäche in den naturwissenschaftlichen Feststellungen zum +Vorschein käme. Denkt man die Aussagen des Demokrit, Anaxagoras und +Aristoteles, in denen die ganze Summe antiker Naturanschauungen +enthalten ist, genau durch, prüft man vor allem den Gehalt von so +entscheidenden Begriffen wie ἀλλοίωσις, ἀνάγκη oder ἐντελέχεια, so +sieht man mit Erstaunen in ein völlig anders geartetes,<span class="pagenum" id="Seite_550">[S. 550]</span> in sich +geschlossenes und also für eine bestimmte Art Mensch unbedingt wahres +Weltbild, in dem von Kausalität in unserem Sinne nicht die Rede ist. +Der Alchimist der arabischen Kultur, der seine magischen Operationen +und Betrachtungen aus seinem Weltgefühl gleichfalls „exakt“ durchführt, +setzt ebenso eine immanente Notwendigkeit seines Universums voraus, die +von dynamischer Kausalität ganz und gar verschieden ist.</p> + +<p>Es ist sehr schwierig, sich über diesen Punkt verständlich zu +machen. Vielleicht führt die Idee des Tragischen in das Wesen der +Unterschiede ein. Das Wort Schicksal bezeichnet ein Urgefühl von etwas +Unbeschreiblichem und Unfaßlichem in der Seele ganzer Kulturen, und +in jeder ein anderes. Wir sahen, wie es sich in der anekdotischen +Tragödie des Sophokles und der biographischen Tragödie Shakespeares +offenbart, im gesamten Stil des apollinischen und faustischen Daseins, +in der politischen und wirtschaftlichen Geschichte beider Kulturen und +der Art der Entwicklung, der Anlage, des Verlaufs ihrer Epochen. Die +Beziehung der jeweiligen Schicksalsidee zur antiken Kalokagathia und +zum nordischen Willen wurde nachgewiesen. So erscheint sie, vom Geiste +mechanisch gefaßt, ins Ausgedehnte, in die sinnliche Wirklichkeit +umgedeutet, als Logik des Gewordnen, als ordnendes Urprinzip im +Reiche der Zahlen, Dimensionen und Begriffe. Wie der tragische Stil +der attischen und nordischen Szene, wie aristotelische und kantische +Logik, so unterscheiden sich die antike und abendländische Art +der physikalischen Notwendigkeit. Die Kausalität, welche Kant als +die vornehmste Kategorie des Verstandes anerkannte und die <em class="gesperrt">bei +Aristoteles fehlt</em>, gehört zur Dynamik. Eine Kausalkette ist +eine Art von erstarrtem biographischem Nacheinander, etwas, das man +jedenfalls als den Gegensatz zum Anekdotisch-Punktförmigen empfinden +wird. Die Anschauungen der materialistischen Geschichtsauffassung +lassen den Zusammenhang übersehen: nur eine <em class="gesperrt">historisch</em> +empfindende Art Mensch konnte die Naturnotwendigkeit in dieser Form +eines <em class="gesperrt">Verlaufs</em> perzipieren. In der Statik und Alchimie, beide +als vollkommene Arten mechanischer Naturanschauung betrachtet, würde +dies dem dogmatischen Grundgefühl widersprechen. Der Neid der Götter, +der Geschlechterfluch, das blinde Fatum, das den Heros<span class="pagenum" id="Seite_551">[S. 551]</span> der attischen +Tragödie vernichtet, trifft auf eine momentane Situation, nicht auf +ein Ganzes von Leben und Tat. Es fehlt am „zureichenden Grunde“, und +das stimmt damit überein, daß es nicht <em class="gesperrt">Kräfte</em> sind, die hier an +einer Aufgabe scheitern. Kausalität und ἀνάγκη, beides Prinzipien des +logischen Zwanges, unterscheiden sich wie Tun und Leiden, wie die Zahl +als Funktion und die Zahl als Größe, wie kontrapunktische Musik und +attische Plastik.</p> + +<p>Die Zahl als Funktion steht mit dem gedanklichen Prinzip von Ursache +und Wirkung in tiefer Beziehung. Beide sind Schöpfungen desselben +Geistes, Ausdrucksformen desselben Seelentums, bildende Grundlagen +derselben objektgewordnen Natur. In der Tat unterscheidet sich die +Physik Demokrits von der Newtons, indem die eine das optisch Gegebene, +die andere die sich aus ihm entwickelnden abstrakten Beziehungen zum +Ausgangspunkt wählt. Die eine ist populär im höchsten Grade; sie +bleibt bei der Oberfläche, dem Augenschein stehen; die andre ist +ebenso unpopulär, dem Handgreiflichen widerstrebend. Die „Tatsachen“ +der apollinischen Naturerkenntnis sind <em class="gesperrt">Dinge</em>, für sich +bestehende und sinnlich aufzufassende Einzelheiten; die „Tatsachen“ der +faustischen Naturerkenntnis sind <em class="gesperrt">Beziehungen</em>, die dem Auge des +Laien überhaupt nicht zugänglich sind, die geistig erst erobert sein +wollen und endlich zu ihrer Mitteilung einer Geheimsprache bedürfen, +die nur dem <em class="gesperrt">Kenner</em> der Naturwissenschaft vollkommen verständlich +ist. Die antike Notwendigkeit liegt in den wechselnden Erscheinungen +der Einzeldinge unmittelbar zutage; das Kausalitätsprinzip waltet +jenseits der Dinge, indem es ihre sinnlich isolierte Tatsächlichkeit +abschwächt oder aufhebt. Man frage sich, welche Bedeutung sich unter +Voraussetzung der gesamten heutigen Theorie mit dem Worte „ein Magnet“ +verbindet.</p> + +<p>Das Prinzip der Erhaltung der Energie, das man seit seiner Formulierung +durch J. R. Mayer, Joule und Helmholtz in vollem Ernst als eine bloße +Denknotwendigkeit angesehen hat, ist in der Tat eine Umschreibung des +Kausalitätsprinzips — der logischen Form des faustischen Weltgefühls +— mittelst des physikalischen Begriffes der Kraft. Die Berufung +auf die Erfahrung und der Streit, ob eine Einsicht denknotwendig +oder empirisch,<span class="pagenum" id="Seite_552">[S. 552]</span> ob sie nach Kants Bezeichnung — der sich über die +verschwimmende Grenze zwischen beiden sehr täuschte — a priori oder +a posteriori gewiß sei, ist für die Form des abendländischen Denkens +charakteristisch. Nichts erscheint uns selbstverständlicher und +eindeutiger als die Erfahrung als Quelle der exakten Wissenschaft. Das +nur in Westeuropa zur vollen Meisterschaft ausgebildete Experiment ist +nichts als die systematische und erschöpfende Handhabung der Erfahrung. +Aber man hat nie bemerkt, daß in diesem höchst dogmatischen Begriff +das Dynamische, das Kausale, also ein ganz spezieller Naturaspekt +schon vorausgesetzt ist, daß Erfahrung für uns immer <em class="gesperrt">kausale</em> +Erfahrung, Einsicht in <em class="gesperrt">funktionale</em> Zusammenhänge ist und +somit in diesem Sinne und dieser Art für das antike Naturgefühl gar +nicht existiert, mithin auch für das antike Denken eine unmögliche +Konzeption ist. Wenn wir uns weigern, die wissenschaftlichen Resultate +des Anaxagoras oder Demokrit als Resultate echter Erfahrungen +anzuerkennen, so heißt das nicht, daß diese antiken Menschen sich +auf die Interpretation ihrer Anschauungen nicht verstanden, daß +sie bloße Phantasien entworfen hätten, sondern daß wir in ihren +Verallgemeinerungen das kausale Element vermissen, das für uns den +Sinn des Wortes Erfahrung erst ausmacht. Offenbar hat man nie genügend +über die Exklusivität dieses rein faustischen Begriffes nachgedacht. +Nicht der an der Oberfläche liegende Gegensatz zum Glauben ist für ihn +bezeichnend. Die exakte sinnlich-geistige Erfahrung ist im Gegenteil +ihrer Struktur nach dem vollkommen kongruent, was tief religiöse +Naturen des Abendlandes, Pascal zum Beispiel, der Mathematiker und +Jansenist aus der <em class="gesperrt">gleichen</em> innern Notwendigkeit war, wohl +als Erfahrung des Herzens, als Erleuchtung in bedeutenden Momenten +ihres Daseins kennen gelernt haben. Erfahrung bezeichnet eine +<em class="gesperrt">Aktivität</em> des Geistes, die sich nicht auf die augenblicklichen +und rein gegenwärtigen Eindrücke beschränkt, sie als solche hinnimmt, +anerkennt, ordnet, sondern sie aufsucht und hervorruft, um sie in +ihrer sinnlichen Individualität zu überwinden, sie in eine grenzenlose +Einheit zu bringen, durch welche ihre handgreifliche Vereinzelung +aufgelöst wird. Was wir Erfahrung nennen, besitzt die Tendenz <em class="gesperrt">vom +Einzelnen zum Unendlichen</em>. Diese Aktivität, die Willen,<span class="pagenum" id="Seite_553">[S. 553]</span> Energie, +ein Ziel, einen Machtanspruch in sich schließt, widerspricht dem +antiken Naturgefühl. Demokrit würde die „Anschauung“ der modernen +Mechanik, wonach Bewegungen als kontinuierliche Transformationsgruppen +in einer n-dimensionalen Punktmannigfaltigkeit erscheinen, nicht mehr +als Interpretation irgendeiner „Natur“ anerkannt haben. Anschauung +— das war dem Griechen, dem Plastiker, das unmittelbare Erlebnis +des Auges. Uns ist sie etwa das, was der Kenner des Kontrapunktes +vor dem innern Blick sich geisterhaft und doch nicht ganz unsinnlich +entfalten sieht, wenn er eine Partitur liest. <em class="gesperrt">Das</em> bedeutet uns +„Erfahrung“. Deshalb besitzt der antike Mensch, für den im Augenschein +das ganze Wesen der Welt liegt, eine Physik von unbestreitbarer Logik +und Notwendigkeit des formalen Gehaltes, aber nach unserem Maßstabe +„ohne Erfahrung“, d. h. ohne die kausale, funktionale Zersetzung der +Einheit des Handgreiflichen. Unser Weg, Erfahrungen zu gewinnen, ist +für ihn der Weg, sie zu verlieren. Deshalb bleibt er der gewaltsamen +Methode des Experiments fern, das seinem Sinne nach dynamisch, nicht +statisch ist. (Das magische Experiment der Alchimie ist ein Typus +von ganz anderer Bedeutung; er setzt ein anderes Naturgefühl voraus +und ruft als Resultat eine andere intuitiv-geistige Vorstellungswelt +hervor.) Deshalb besaß man unter dem Namen einer Physik statt eines +mächtigen Systems erarbeiteter abstrakter Gesetze und Formeln, +das die sinnliche Gegebenheit vergewaltigt und unterwirft — nur +dies Wissen ist Macht! —, eine Summe wohlgeordneter, durch Bilder +sinnlich verstärkter, nicht etwa aufgelöster Eindrücke, welche die +Natur in ihrem in sich vollendeten Dasein unberührt ließ. Unsre +exakte Naturwissenschaft ist imperativisch, die antike ist θεωρία im +buchstäblichen Sinne, passive Beschaulichkeit.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_7">7</h4> + +</div> + +<p>Es ist nun kein Zweifel mehr: die Identität der Physik mit der +Mathematik, der Religion, der großen Kunst ist in den letzten Gründen +der Form eine vollkommene. Ein tiefer Mathematiker — nicht ein +meisterhafter Rechner, der mit dem alle Methoden beherrschenden +Experimentator und dem technischen<span class="pagenum" id="Seite_554">[S. 554]</span> Virtuosen des Orchesterklangs und +des Pinselstrichs auf einer Stufe steht, sondern einer, der den Geist +der Zahlen in sich lebendig fühlt — begreift, daß er damit „Gott +kennt“. Pythagoras und Plato haben das so gut gewußt wie Pascal und +Leibniz. Terentius Varro in seinen Cäsar gewidmeten Untersuchungen +über die altrömische Religion unterscheidet mit römischer Prägnanz +die <i>theologia civilis</i>, die Summe des öffentlich anerkannten +Glaubens, von der <i>theologia mythica</i>, der Vorstellungswelt +der Dichter und Künstler, und der <i>theologia physica</i>, der +philosophischen Spekulation. Wendet man dies auf die faustische Kultur +an, so gehören zur ersten, was Thomas von Aquino und Luther, Calvin und +Ignaz von Loyola lehren, zur zweiten Dante und Goethe, zur dritten aber +die wissenschaftliche Physik selbst, soweit sie ihren Formeln Bilder +unterlegt.</p> + +<p>Auch der Wilde und das Kind haben ein Gefühl für das „Andre“ in ihrer +Außenwelt, im höchsten Fall eine Ahnung von dem, was das Wort „Gott“ in +allen frühen Sprachen bezeichnet, also ein Bewußtsein von einer Natur, +<em class="gesperrt">ihrer</em> Natur, in der sie leben und weben, mit der sie eins sind, +die sie gleichzeitig bilden und von der sie gebildet werden. Aber mit +dem Erwachen einer Kultur erwachen die großen seelischen Formen. Jetzt +wächst das Gefühl von Gott zu einer großen Bestimmtheit auf, die einen +übermächtigen Ausdruck in Mythen, Bauten und Ideen sucht, und das wache +Bewußtsein prägt danach einen <em class="gesperrt">Begriff</em> von Gott. Aus dem einen +folgt das <em class="gesperrt">Naturgefühl</em>, aus dem andern die <em class="gesperrt">Naturerkenntnis</em>.</p> + +<p>Seit den Tagen der Spätrenaissance wird die Vorstellung von Gott im +Geist aller bedeutenden Menschen der Idee des reinen, unendlichen +Raumes immer ähnlicher. Der Gott der Exercitia spiritualia des Ignaz +von Loyola ist auch der des großen Lutherliedes „Ein feste Burg“, der +Bachschen Kantaten, der heitren Hallenkirchen des Barock. Er ist nicht +mehr der <em class="gesperrt">Vater</em> des heiligen Franz von Assisi, wie die Maler +der Gotik, wie Giotto und Stephan Lochner ihn empfanden, leibhaft +gegenwärtig, sondern ein unpersönliches Prinzip, unvorstellbar, +ungreifbar, geheimnisvoll im Unendlichen wirkend. Jeder Rest von +Persönlichkeit löst sich in unanschaulicher Abstraktheit auf, eine Idee +von Gott, der zuletzt nur noch die Instrumentalmusik<span class="pagenum" id="Seite_555">[S. 555]</span> großen Stils +gewachsen ist, während die Malerei des 18. Jahrhunderts versagt und +demnach in den Hintergrund tritt. <em class="gesperrt">Dies Gefühl von Gott</em> hat das +naturwissenschaftliche Weltbild des Abendlandes, unsere Natur, unsere +„Erfahrung“ und mithin unsere Resultate und Hypothesen im Gegensatz +zu denen des antiken Menschen gestaltet. Die Kraft, welche die Masse +bewegt: das ist es, was Michelangelo an die Decke der sixtinischen +Kapelle gemalt hat, was seit dem Vorbilde von Il Gesù die Domfassaden +zu dem gewaltsamen Ausdruck bei Della Porta und Maderna und seit +Orlando Lasso den fugierten Stil zu den kolossalen Tonmassen der +Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts gesteigert hat, was als Weltgeschehen +in Shakespeares Tragödien die ins Unendliche erweiterte Szene füllt und +was endlich Galilei und Newton in Formeln und Begriffe gebannt haben.</p> + +<p>Das Wort Gott klingt anders unter den Wölbungen gotischer Dome +und in den Klosterhöfen von Maulbronn und Sankt Gallen als in den +Basiliken Syriens und den Tempeln des republikanischen Rom. In dem +<em class="gesperrt">Wälderhaften</em> der Dome, der mächtigen Erhöhung des Mittelschiffes +über die Seitenschiffe gegenüber der flachgedeckten Basilika, von deren +Typus der abendländische Kirchenbau ausging, in der Verwandlung der +Säulen, die durch Basis und Kapitäl als abgeschlossene Einzeldinge in +den Raum gestellt wurden, zu Pfeilern und Pfeilerbündeln, die aus dem +Boden wachsen und deren Äste und Linien sich über dem Scheitel ins +Unendliche verlieren und verschlingen, während von den Riesenfenstern, +welche die Wand aufgelöst haben, ein ungewisses Licht durch den Raum +fließt, liegt die architektonische Verwirklichung eines Weltgefühls, +das im <em class="gesperrt">Hochwald</em> der nordischen Ebenen sein ursprünglichstes +Symbol gefunden hatte. Und zwar im Laubwalde mit dem geheimnisvollen +Gewirr seiner Äste und dem Raunen der ewig bewegten Blättermassen über +dem Haupte des Betrachters, hoch über der Erde, von der die Wipfel +durch den Stamm sich zu lösen versuchen. Man denke wieder an die +romanische Ornamentik und ihre tiefe Beziehung zum Sinn der Wälder. +Der unendliche, einsame, dämmernde Wald ist die geheime Sehnsucht +aller abendländischen Bauformen geblieben. Deshalb löst sich, sobald +die Formenenergie<span class="pagenum" id="Seite_556">[S. 556]</span> des Stils ermattet, in der späten Gotik (im +<i>style flamboyant</i>, in Troyes, im Prager Dom) ganz ebenso wie +im ausgehenden Barock die beherrschte abstrakte Liniensprache wieder +unmittelbar in naturalistisches Astwerk, Ranken, Zweige, Blätter auf. +Die Zypresse und Pinie wirken körperhaft, euklidisch; sie hätten +niemals Symbole des unendlichen Raumes werden können. Die Eiche, +Buche, Linde mit den irrenden Lichtflecken in ihren schattenerfüllten +Räumen wirken körperlos, grenzenlos, geistig. Der Stamm einer Zypresse +findet in der klaren Säule ihrer Nadelmasse den vollkommenen Abschluß +seiner senkrechten Tendenz, der einer Eiche wirkt wie ein unerfülltes +rastloses Streben über den Wipfel hinaus. In der Esche scheint der +Sieg der aufstrebenden Äste über den Zusammenhalt der Krone eben zu +gelingen. Ihr Anblick hat etwas Aufgelöstes, den Anschein einer freien +Verbreitung im Raum, und vielleicht wurde die Weltesche deshalb ein +Symbol der nordischen Mythologie. Das Waldesrauschen, dessen Zauber +kein antiker Dichter je empfunden hat, das jenseits der Möglichkeiten +des apollinischen Naturgefühls liegt, steht mit seiner geheimen Frage +nach dem Woher und Wohin, seinem Versinken des Augenblicks im Ewigen +in einer tiefen Beziehung zum Schicksal, zum Gefühl für Geschichte und +Dauer, zur faustischen schwermütig-sorgenvollen Richtung der Seele in +eine unendliche ferne Zukunft. Deshalb wurde die Orgel, deren tiefes +und helles Brausen unsere Kirchen füllt, deren Klang im Gegensatz zum +klaren, pastosen Ton der antiken Lyra und Flöte etwas Grenzenloses +und Ungemessenes besitzt, das Organ der abendländischen Andacht. Dom +und Orgel bilden eine symbolische Einheit wie Tempel und Statue. Die +Geschichte des Orgelbaus, eines der tiefsinnigsten und rührendsten +Kapitel der Musikgeschichte, ist eine Geschichte der Sehnsucht nach dem +Walde, nach der Sprache dieses eigentlichen Tempels der abendländischen +Gottesverehrung. Von dem Versklang Wolframs von Eschenbach bis zur +Musik des Tristan ist diese Sehnsucht unveränderlich fruchtbar +geblieben. Das Streben des Orchesterklanges im 18. Jahrhundert ging +unablässig dahin, dem Orgelklang immer verwandter zu werden. Das Wort +„schwebend“, sinnlos antiken Dingen gegenüber, ist gleich wichtig +in der Theorie der Musik, der Architektur, der Physik, der Dynamik<span class="pagenum" id="Seite_557">[S. 557]</span> +des Barock. Wenn man in einem hohen Walde mächtiger Stämme steht und +den Sturm über sich wühlen hört, begreift man plötzlich den Sinn des +Gedankens von der Kraft, welche die Masse bewegt.</p> + +<p>So entsteht aus dem Urgefühl des bewußten Daseins eine immer +bestimmtere Vorstellung des göttlichen Prinzips. Erkenntnis ist +ein Gewordensein. Der Erkennende selbst aber empfängt durch das +Kontinuum der lebendigen Erkenntnisakte den Eindruck einer Bewegung +in der äußeren Natur. Er fühlt um sich ein schwer zu beschreibendes +<em class="gesperrt">fremdes</em> Leben unbekannter Mächte. Er führt den Ursprung dieser +Wirkungen auf <i>numina</i> nach römischer Bezeichnungsweise zurück, +auf das „andre“, Nichteigne, insofern es ebenfalls Leben besitzt. Ein +<i>numen</i> ist gestaltetes, durchseeltes Weltgefühl. Aus der Bewegung +entspringen also Religion und Physik. Sie enthalten die Deutung der +lebendigen und der toten Natur oder des Bildes der Umwelt durch die +Seele und durch den Verstand. Die „himmlischen Mächte“ sind zugleich +erster Gegenstand der Verehrung und der Forschung. Es gibt eine Lebens- +und eine wissenschaftliche Erfahrung.</p> + +<p>Nun beachte man wohl, auf welche Weise das Bewußtsein der einzelnen +Kulturen die ursprünglichen <i>numina</i> geistig verdichtet. Es +belegt sie mit bedeutungsvollen Worten, mit <em class="gesperrt">Namen</em>, und bannt +— begreift, begrenzt — sie auf diese Art. Damit unterliegen sie der +geistigen Macht des Menschen, der den Namen in seiner Gewalt hat. +Und es war schon gesagt worden, daß die ganze Philosophie, die ganze +Naturwissenschaft, alles, was zum „Erkennen“ in irgendeiner Beziehung +steht, im tiefsten Grunde nichts ist als die unendlich verfeinerte +Art, <em class="gesperrt">den Namenzauber des primitiven Menschen auf das „Fremde“ +anzuwenden</em>. Das Aussprechen des richtigen Namens (in der Physik +des richtigen Begriffes) ist eine Beschwörung. So entstehen Gottheiten +und wissenschaftliche Grundbegriffe zuerst als Namen, die man anruft +und an die sich eine sinnlich immer bestimmtere Vorstellung knüpft. +Aus dem <i>numen</i> wird ein <i>deus</i>, aus dem Begriff eine +Theorie. Was für ein befreiender Zauber liegt für die Mehrzahl der +gelehrten Menschen in der bloßen Nennung der Worte „Ding an sich“, +„Atom“, „Energie“, „Schwerkraft“,<span class="pagenum" id="Seite_558">[S. 558]</span> „Ursache“, „Entwicklung“! Es ist +der gleiche, der den latinischen Bauern bei den Worten Ceres, Consus, +Janus, Vesta ergriff.<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[117]</a></p> + +<p>Indes, der Namenzauber tut mehr. Er hebt nicht nur heraus, grenzt +aus der Fülle bewegter Eindrücke ab, er macht auch das „Fremde“ der +Gestaltungskraft des eignen Ursymbols erreichbar. Aus Worten — denn in +der Sprache liegt der <em class="gesperrt">ganze</em> Mensch — werden Gottheiten, aber +was für Unterschiede! Antike Gottheiten als wohlunterschiedene σώματα, +klar umrissen, hell beleuchtet schon bei Homer. Indische Gottheiten, +unzählige ineinander verschwimmende, maßlose Wesen, vag, phantastisch +wie Wolken und Nebelfetzen. Abendländische Gottheiten auf dem Wege von +der Gotik zum Barock zu <em class="gesperrt">einer</em> unsichtbaren Macht sich einend. +Man achte wohl auf die Unterschiede des apollinischen und vedischen +Polytheismus. Von dort geht ein Weg zur euklidischen Körpergeometrie +und den Elementen des Empedokles, von hier zur Null, zum Nirwana, zur +Seelenwanderung. Aus dem Verhältnis des Olymps zur Atomistik Demokrits, +der katholischen Dogmatik zu Newton ermessen wir, was eine indische +Physik an Grundbegriffen hätte enthalten müssen.</p> + +<p>Dem antiken Weltgefühl war, dem Tiefenerlebnis und dessen Symbolik +gemäß, der einzelne Körper <em class="gesperrt">das</em> Sein. Folgerichtig empfand man +dessen äußere <em class="gesperrt">Gestalt</em> als das Wesenhafte, als den eigentlichen +Sinn des Wortes „Sein“. Was nicht Gestalt hat, Gestalt ist, ist +überhaupt nicht. Von diesem Grundgefühl aus, das man sich nicht mächtig +genug denken kann, konzipierte der antike Geist als <em class="gesperrt">Gegenbegriff</em> +(in der hier neu eingeführten Bedeutung) zur Gestalt das „andre“, die +Ungestalt, den Stoff, die ἀρχή oder ὕλη, das, was an sich kein Sein +besitzt und lediglich als Komplement zum wirklich Seienden für das +Weltgefühl eine ergänzende, sekundäre Notwendigkeit. Man begreift, +wie die antike Götterwelt sich bilden mußte. Sie ist neben dem +Menschen eine höhere Menschlichkeit; es sind vollkommener gestaltete +Körper, erhabenste Möglichkeiten leibhaft-gegenwärtiger Form — im +Unwesentlichen, dem Stoffe nach,<span class="pagenum" id="Seite_559">[S. 559]</span> nicht unterschieden, mithin derselben +kosmischen und tragischen Notwendigkeit unterworfen.</p> + +<p>Das faustische Weltgefühl aber erlebte die Tiefe anders. Hier erscheint +als Inbegriff des Seins der reine unendliche Raum. Er ist <em class="gesperrt">das</em> +Sein schlechthin. Hier wirkt der sinnliche Empfindungsinhalt, der +mit einer höchst bezeichnenden Wendung, die ihm den Rang anweist, +das Raumerfüllende genannt wird, als Tatsache zweiter Ordnung und +im Hinblick auf den Akt der Naturerkenntnis als das Fragwürdige, +als Schein und Widerstand, der überwunden werden muß, wenn man als +Philosoph oder Physiker den eigentlichen Gehalt des Seins erschließen +will. Die abendländische Skepsis hat sich niemals gegen den Raum, +immer gegen die greifbaren Dinge gewandt. Raum ist der primäre Begriff +— Kraft ist nur ein weniger abstrakter Ausdruck dafür — und erst +als sein Gegenbegriff erscheint die Masse, das, was im Raume ist. +Sie ist logisch wie physikalisch von ihm abhängig. Der modernen +Konzeption einer elektrodynamischen Energie folgte notwendig die einer +zugehörigen Masse, des Lichtäthers. Eine Definition der Masse folgt +mit allen ihr zugeschriebenen Eigenschaften aus der einer Kraft, +nicht umgekehrt — und zwar mit der Notwendigkeit eines Symbols. +— Alle antiken Substanzbegriffe, sie mögen noch so individuell, +idealistisch oder realistisch gefaßt sein, bezeichnen <em class="gesperrt">das zu +Gestaltende</em>, eine Negation also, die ihre näheren Bestimmungen in +jedem Falle aus dem Grundbegriff der Gestalt herübernehmen muß. Alle +abendländischen Substanzbegriffe bezeichnen <em class="gesperrt">das zu Bewegende</em>, +ohne Zweifel ebenfalls eine Negation, aber die einer andern Einheit. +<em class="gesperrt">Gestalt und Ungestalt, Kraft und Nichtkraft</em> — so wird die +dem Welteindruck beider Kulturen zugrunde liegende und seine Formen +restlos erschöpfende Polarität am deutlichsten wiederzugeben sein. Was +die vergleichende Philosophie bis jetzt ungenau und verwirrend mit +dem einen Worte Stoff wiedergab, bedeutet in einem Fall das Substrat +der Gestalt, im andern das der Kraft. Es gibt nichts Verschiedeneres. +Hier spricht das Gefühl von Gott, ein <em class="gesperrt">Wertgefühl</em>. Die Gestalt, +die Kraft sind die Inkarnationen des Göttlichen im Weltbilde. Die +antike Gottheit ist höchste Gestalt, die faustische höchste Kraft. Das +„andre“ ist<span class="pagenum" id="Seite_560">[S. 560]</span> das Ungöttliche, dem die Würde des Seins vom Geiste nicht +zugesprochen werden kann. Ungöttlich ist dem apollinischen Weltgefühl +die gestaltlose Leere, das „zwischen den Körpern“, dem faustischen +<em class="gesperrt">also</em> das passive Einzelding.</p> + +<p>So erfolgte aus der Idee des <em class="gesperrt">einen</em> unendlichen Raumes die +abendländische Vorstellung des <em class="gesperrt">einen</em> Gottes. Man begreift +nun den Ursprung von Monotheismus und Polytheismus. Gott — das ist +für unser Gefühl der Raum, Kraft, Wille, Tat. Welt, als Gegensatz +zu ihm, ist also die Nichtkraft, die Masse, das Objekt. Man hat von +Dante bis Goethe tausendmal die Worte gewechselt und das Weltbild +religiös oder wissenschaftlich, intuitiv oder mechanistisch zu deuten +versucht; das Grundgefühl ist unverändert geblieben. Es gehört zu +den seelischen Bedingungen, über die niemand Gewalt hat. Es ist eine +Selbsttäuschung, wenn jemand sagt, er sei Atheist geworden, oder „zu +Gott zurückgekehrt“. Er verwechselt lediglich begriffliche Konventionen +der Oberfläche — neue Namen — mit dem Gehalt der Welteindrücke +selbst. Wer für Gott und Welt Wille und Vorstellung oder Kraft und +Stoff sagt, kennzeichnet damit nur seine bewußte Individualität, seinen +intellektuellen Geschmack, nicht seine Kultur. Wenn ein Darwinist oder +Positivist, Nietzsche einbegriffen, eine Ansicht über den Weltverlauf +ausdrücken will, so redet er davon, daß „die Natur“ dies so organisiert +hat, jenes so will, irgend etwas bezweckt, zuläßt, schafft. So hätte +kein Grieche gesprochen. So spricht die katholische Kirche, nur daß +sie das Wort Gott für Natur gebraucht und das Kausalitätsprinzip +vorsichtiger formuliert. Es ist dem heutigen Naturforscher so wenig wie +dem irgendeiner andern Kultur möglich, von dieser Disposition seines +produktiven Bewußtseins loszukommen. Seine Grundbegriffe, scheinbar +Resultate einer strengen und voraussetzungslosen Analyse, waren schon +in den Gottvorstellungen seiner Vorfahren enthalten.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_8">8</h4> + +</div> + +<p>Es ist ein wissenschaftliches Vorurteil, daß Mythen und +Göttervorstellungen eine Schöpfung des primitiven Menschen seien und +daß mit fortschreitender Kultur der Seele die mythenbildende<span class="pagenum" id="Seite_561">[S. 561]</span> Kraft +verloren gehe. Das Gegenteil ist der Fall. Wäre nicht die Morphologie +der Geschichte bis zum heutigen Tage ein unentdecktes Problem +geblieben, so hätte man längst die vermeintlich allgemein verbreitete +mythologische Produktivität auf einzelne Epochen beschränkt gefunden +und endlich begriffen, daß diese Kraft einer Seele, ihre Welt mit +Gestalten, Zügen und Symbolen, und zwar von einheitlichstem Charakter +zu erfüllen, <em class="gesperrt">gerade</em> den Frühzeiten der großen Kulturen angehört. +Jeder Mythus großen Stils steht am Anfang eines erwachenden Seelentums. +Er ist seine erste geistige Tat. Man findet ihn nur dort und nirgend +anders, dort aber auch mit Notwendigkeit. Die bedeutendsten Motive +der Edda sind genau gleichzeitig mit der romanischen Ornamentik und +der gotischen Bauweise entstanden. Der olympische Götterkreis, wie +wir ihn aus Homer kennen, entstand gleichzeitig mit dem frühdorischen +geometrischen Stil.</p> + +<p>Ich setze voraus, daß das, was Urvölker wie die Germanen zur Zeit +Cäsars an religiösen Vorstellungen besitzen, noch kein höherer +Mythus, d. h. wohl eine Summe zerstreuter personifizierender Züge, +an Namen haftender Kulte, fragmentarischer Sagenbildungen, aber noch +keine Götter<em class="gesperrt">ordnung</em>, kein mythischer <em class="gesperrt">Organismus</em>, kein +geschlossener Sagenkreis von einheitlicher Physiognomie ist, so wenig +ich die vage Ornamentik dieser Stufe eine Kunst nenne. Übrigens sind +die größten Bedenken Symbolen und Sagen gegenüber angebracht, die +heute oder auch seit Jahrhunderten unter scheinbar primitiven Völkern +geläufig sind, nachdem seit Jahrtausenden keine Landschaft der Erde von +der Einwirkung fremder Hochkulturen ganz unberührt geblieben ist.</p> + +<p>Es gibt deshalb so viele Formenwelten des Mythus, als es Kulturen, +als es Architekturen gibt. Was ihnen zeitlich vorausliegt, das Chaos +unfertiger Phantasiegebilde, in das die moderne Mythenforschung ohne +ein leitendes Prinzip sich verliert, kommt unter diesen Voraussetzungen +nicht in Betracht; andrerseits zählen Bildungen dazu, von denen es +noch niemand vermutet hat. In der homerischen Zeit, 1100–800, und der +entsprechenden ritterlich-germanischen, 900–1300 — den <em class="gesperrt">epischen</em> +Zeitaltern —, nicht früher, nicht später, sind die großen Sagenwelten<span class="pagenum" id="Seite_562">[S. 562]</span> +entstanden. Ihnen entspricht in Indien die vedische und in Ägypten +die Pyramidenzeit, man wird eines Tages entdecken, daß die ägyptische +Mythologie in der Tat gerade während der dritten und vierten Dynastie +zur <em class="gesperrt">Tiefe</em> herangereift ist.</p> + +<p>Nur so ist der unermeßliche Reichtum religiös-intuitiver Schöpfungen zu +verstehen, der die drei Jahrhunderte der deutschen Kaiserzeit füllt. Es +ist die <em class="gesperrt">faustische Mythologie</em>, die hier entstand. Man war bisher +blind für den Umfang und die Einheit dieser Formenwelt, weil religiöse +und gelehrte Vorurteile zu einer fragmentarischen Behandlung entweder +der katholischen oder der nordisch-heidnischen Bestandteile drängten. +Aber es besteht hier kein Unterschied. Der tiefe Bedeutungswandel +innerhalb der christlichen Vorstellungskreise ist als schöpferischer +Akt identisch mit der Zusammenfassung altheidnischer Kulte zu einem +Ganzen. Es gehören hierher die sämtlichen westeuropäischen Volkssagen, +die damals ihre symbolische Durchbildung erhalten haben, mögen sie auch +der Substanz nach viel früher entstanden und viel später noch an neue +äußere Erlebnisse angeknüpft und durch bewußtere Züge bereichert worden +sein. Es gehören dazu die großen in der Edda erhaltenen Göttersagen +und eine Anzahl Motive aus den Evangeliendichtungen gelehrter Mönche. +Dazu kommt die deutsche Heldensage des Siegfried-, Gudrun-, Dietrich-, +Wielandkreises mit ihrem Gipfel im Nibelungenlied und neben ihr die +ungeheuer reiche, aus altkeltischen Märchen abgeleitete und auf +französischem Boden eben damals vollendete Rittersage: vom König +Artus und der Tafelrunde, vom heiligen Gral, von Tristan, Parzeval +und Roland. Und endlich ist außer der unvermerkten, aber um so +tieferen psychologischen Umdeutung aller Züge der Passionsgeschichte +der ganze Reichtum der katholischen Heiligenlegenden hinzuzurechnen, +deren Blütezeit das 10. und 11. Jahrhundert füllt. Damals sind die +Marienleben, die Geschichten des hl. Rochus, Sebald, Severin, Franz, +Bernhard und der Odilia entstanden. Um 1250 wurde die Legenda aurea +verfaßt; es war die Blütezeit der höfischen Epik und der isländischen +Skaldenpoesie. Den großen Walhallgöttern im Norden entsprechen die +„vierzehn Nothelfer“, die gleichzeitig im südlichen Deutschland als +mythische Gruppe konzipiert<span class="pagenum" id="Seite_563">[S. 563]</span> worden sind. Auf altgermanischen Ideen, +welche Dante vielleicht während eines Aufenthaltes in Oxford kennen +lernte, beruhen die mächtigen Raumvisionen der Göttlichen Komödie, die +Ringe des Höllentrichters. Neben der Schilderung von Ragnarök, der +Götterdämmerung, in der Völuspa steht eine christliche Fassung in den +süddeutschen Muspilli.</p> + +<p>Nichts ist für den letzten Sinn dieser religiösen Schöpfungen +bezeichnender als die Tatsache, daß die Götterwelt von Walhall nicht +altgermanischen Ursprungs ist und den Stämmen der Völkerwanderung +noch gar nicht bekannt war, sondern daß sie erst jetzt und mit einem +Schlage, aus innerster Notwendigkeit im Bewußtsein der auf dem Boden +des Abendlandes neu entstandenen Völker sich bildete, „gleichzeitig“ +also mit der olympischen, die wir aus der homerischen Epik kennen und +die ebensowenig urhellenischer Herkunft ist. Die kretisch-mykenische +Menschheit, welche Namen ihre verschollenen Völker auch getragen +haben mögen, kann die olympischen Motive nicht gekannt haben. Das ist +psychologisch unmöglich. Und der kretisch-mykenischen Zeit entspricht +der religiösen Lage nach, als Vorstufe einer noch ungebornen Kultur, +die merowingisch-karolingische. Als die Araber um 730 mitten im +fränkischen Reich, an der Loire standen und Musa verkündete, er wolle +über die Pyrenäen und Alpen nach Rom ziehen und Mohameds Namen vor +dem Vatikan ausrufen lassen, war das Christentum des Westens dem +seelischen Gehalte, der Symbolik nach noch wenig vom Islam verschieden. +Man prüfe den Geist der fränkisch-langobardischen Kirchenkunst. Es +war noch derselbe Ausdruck des magischen Weltgefühls, wie er auf +den morgenländischen Konzilien der ersten Jahrhunderte zu Worte +gekommen war. So wenig damals die Welt von Walhall schon entstanden +und innerlich auch nur möglich war, so wenig war von dem späteren, +dem germanischen, dem faustischen Christentum schon vorhanden. +Erst das große Schisma offenbart nach dieser Seite hin das Dasein +einer jungen abendländischen neben einer alternden morgenländischen +Seele. Als Karl der Große, der Herrscher von „Frankistan“, seine +Palastkapelle zu Aachen baute, entstand aus antiken Säulen und +Bauteilen, die man von Italien bezog, eine Art Moschee. Das ist +ein welthistorisches Symbol.<span class="pagenum" id="Seite_564">[S. 564]</span> Das Aachener Münster wird immer das +merkwürdigste Beispiel einer Architektur <em class="gesperrt">vor</em> der Geburt eines +Stils bleiben. Es steht außerhalb aller Stile, weil es außerhalb aller +Kulturen steht. Aber dasselbe gilt von allem, was an christlichen und +heidnischen Gottvorstellungen damals wirkliches geistiges Eigentum des +westeuropäischen Menschen war.</p> + +<p>Man hat die organische Einheit dieser faustischen Götter- und Sagenwelt +und ihre in allen Kreisen identische Symbolik bei weitem nicht genügend +beachtet. Siegfried, Baldur, Roland, der Heliand sind verschiedene +Namen für ein und dieselbe Gestalt. Walhall und die Gefilde der +Seligen Avalun, König Artus’ Tafelrunde und das Mahl der Einherier, +Maria, Frigga und Frau Holle bedeuten dasselbe. Demgegenüber ist die +äußere Abstammung der stofflichen Motive und Elemente, auf welche die +Mythenforschung ein Übermaß von Eifer verwendet hat, lediglich ein +Phänomen der historischen Oberfläche und ohne psychologische Bedeutung. +Für den <em class="gesperrt">Sinn</em> eines Mythus beweist die Herkunft <em class="gesperrt">nichts</em>. +Das <i>numen</i> selbst, die Urgestalt des Weltgefühls, ist reine +wahllose und unbewußte Schöpfung und unübertragbar. Was ein Volk +durch Bekehrung oder bewundernde Annahme von einem andern erhält, +ist Name, Kleid und Maske für ein eignes Gefühl, niemals ein Gefühl +selbst. Man hat die primitiven altkeltischen und altgermanischen +Mythenmotive so gut wie den Formenschatz des antiken und des +christlich-morgenländischen Glaubens als den Stoff zu betrachten, aus +dem die faustische Seele in diesen Jahrhunderten eine eigne mythische +Architektur erschuf. Es ist auf dieser Stufe eines eben erwachenden +Seelentums ganz belanglos, ob diejenigen, durch deren Geist und +Mund dieser Mythus ins Leben tritt, „einzelne“ Skalden, Missionäre, +Troubadours, fahrende Sänger, Priester oder „das Volk“ sind. Es +ist, wie man sieht, für die innere Selbständigkeit des Entstandenen +auch belanglos, daß die christlichen Kultelemente die Formgebung +entscheidend beherrscht haben.</p> + +<p>Zu dieser Fülle von Mythen, die sämtlich das gleiche, das faustische +Weltbild beseelen, dieselbe faustische Natur, die so viel später das +Objekt der Dynamik und ihrer Theorien wurde und damit eine neue, +geistigere, bewußtere, aber nicht weniger<span class="pagenum" id="Seite_565">[S. 565]</span> mythische Fassung erhielt, +hat jede Landschaft beigesteuert, der Norden Walhall, der deutsche +Süden Siegfried und Etzel, England den König Artus, Frankreich +Parzeval, die Provence den Gral, Italien die Heiligenlegenden.</p> + +<p>Bei allem Anschein eines farbig-sinnlichen Polytheismus aber, der eine +Fortsetzung des antiken vortäuscht und in der Tat das Auge immer wieder +verführt hat, hebt sich das Urgefühl des <em class="gesperrt">einen</em> unendlichen +Raumes heraus, eine mächtige Tendenz zur Ferne, eine Wendung an den +innern Blick, nicht den des Leibes, was weder die Rittersage noch die +Heldensage gänzlich verhehlt. Man vergesse nicht, daß das lateranische +Konzil von 1215 die <em class="gesperrt">dogmatische</em> Fassung des Weltgefühls +festlegte, dessen mythische Gestaltung in der <em class="gesperrt">Gesamtheit</em> dieser +Götter- und Heldenvorstellungen vorliegt.</p> + +<p>Wir haben, jedesmal in der Frühzeit der antiken, arabischen, +abendländischen Kultur, einen Mythus statischen, magischen, dynamischen +Stils vor uns. Man prüfe jede Einzelheit der Form, wie dort eine +Haltung, hier eine Tat, dort die Geste, hier der Wille zugrunde liegen, +wie in der Antike das leibhaft Greifbare, das sinnlich Gesättigte +vorwaltet, das eben deshalb, was die Form der Verehrung anbelangt, +seinen Schwerpunkt in einem sinnlich eindrucksvollen <em class="gesperrt">Kultus</em> +hat, während im Norden der Raum, die Kraft und mithin eine vorwiegend +<em class="gesperrt">dogmatisch</em> gefärbte Religiosität herrschen. Schon in diesen +frühesten Ansätzen läßt sich die Verwandtschaft des homerischen Mythus +zur Statue, des Eddamythus zur kontrapunktischen Musik bemerken. Man +hat wohl zwischen dem seiner selbst vollkommen sicheren <em class="gesperrt">Gefühl</em>, +das sich in diesen mythischen Formen hervorwagt, und den oft sehr davon +verschiedenen Zügen, Gebräuchen und Bildern zu unterscheiden, welche +die junge Seele aus der Tradition älterer Kulturen herübernimmt, um für +ihre stammelnde Sehnsucht eine Sprache zu finden. Die antiken Kulte, +welche das Arabertum, und die Lehren der christlichen Kirche, welche +das germanische Abendland aufnahm, waren Maske und Stoff; das junge +Gefühl fügte sich in die alte Gestalt. Geradeso wurde die Basilika +zum Dom umgeschaffen. So hatte der antike Mensch kretisch-ägyptische, +phönikische und babylonische Motive in seine Ideen von Gott<span class="pagenum" id="Seite_566">[S. 566]</span> und seine +Kulte verwebt. Die Minos-, Herakles- und Dionysossage beweisen es. +So führt ein wesentlicher Teil der deutschen Volkssagen, selbst die, +welche im Volksempfinden am tiefsten wurzeln, auf antike Gestalten +zurück, als deren Vermittlerin vielfach die Kirche anzunehmen ist.</p> + +<p>Es gab keinen altgermanischen Götterhimmel. Walhall ist eine unbewußte +Nachbildung des Olymp, aber hier ist alles ins Ungewisse, Schwebende, +ins Grenzenlose geweitet und liegt jenseits aller sinnlichen Plastik +und Gegenwart. Es gab auch keine allgemein germanischen Götter. +Jeder der wandernden Stämme hatte seine eignen, wenig bildhaften +Vorstellungen. Erst christliche Einwirkung hat den Gestalten Odins und +Baldurs, des Vaters und des Sohnes, ihre mythische Deutlichkeit und +Vertiefung gegeben.</p> + +<p>Die arabische Seele hatte in den Jahrhunderten zwischen Cäsar und +Konstantin ihren Mythus ausgebildet, jene phantastische Masse von +Kulten, Visionen und Legenden, die noch heute kaum übersehbar ist, +Kulte wie die der Isis und des Mithras (der auf syrischem Boden völlig +umgeschaffen wurde), Evangelien und Apokalypsen in erstaunlicher +Zahl, die christlichen, neuplatonischen, manichäischen Legenden, +die himmlischen Engel- und Geisterordnungen der Kirchenväter und +Gnostiker. In der Christusgestalt der Evangelien sehen wir den Heros +der früharabischen Epik neben Achilleus, Siegfried und Parzeval. Die +Szenen von Gethsemane und Golgatha stehen neben den höchsten Momenten +der hellenischen und germanischen Sage. Diese magischen Konzeptionen +erwuchsen ohne Ausnahme unter dem Eindruck der sterbenden Antike, die +ihnen der Natur der Sache nach niemals den Gehalt, um so öfter die Form +lieh. Es ist kaum zu überschätzen, wieviel Apollinisches umgedeutet +werden mußte, bevor der altchristliche Mythus die feste Gestalt +angenommen hatte, die er zur Zeit des Augustinus besaß.</p> + +<p>Dasselbe Schauspiel wiederholt die Gotik. Wäre in dieser Epoche das +magische Christentum nicht schon als fertige Formenwelt in das Fühlen +der jungen Seele gedrungen, so wäre ohne Zweifel ein völlig neuartiger +Mythus von strenger Einheit entstanden. Die gotische Architektur weist +auf die Möglichkeit einer faustischen Götterwelt von gigantischem +Wurf hin. Indessen<span class="pagenum" id="Seite_567">[S. 567]</span> wäre es verfehlt, die Edda als Zeichen für das zu +nehmen, <em class="gesperrt">was</em> sich unter Umständen damals hätte bilden können. +Dies Fragment einer nichtchristlichen abendländischen Religion ist +dem Christentum <em class="gesperrt">nicht</em> voraufgegangen. Das Christentum hat +<em class="gesperrt">keine</em> Götterwelt vernichtet; es hat deren Entstehung verhindert. +Es war da, bevor die Geburt eines spezifisch abendländischen Mythus +möglich und also notwendig geworden war. Die Gestalten der Edda sind +erst in seinem Schatten gereift. Das religiöse Empfinden war keineswegs +in dieser Richtung festgelegt. Tristan, Roland, Parzeval, christliche +Heroen, besitzen ebensoviel Symbolik und innere Wahrheit wie Siegfried, +Odin und Loki, die neben ihnen, nicht vor ihnen entstanden. Wenn die +Götter- und Heldensage eher unter antik-heidnischen Eindrücken Wesen +gewann, so wird die Rittersage in einem erheblich höheren Grade von +magischen, christlich-neuplatonischen und sogar islamischen Einflüssen +beherrscht. Es ist also keine Vermutung darüber möglich, welche Farbe +und Gestalt der faustische Mythus unabhängig vom Christentum angenommen +haben würde.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_9">9</h4> + +</div> + +<p>Der antike Polytheismus besitzt nach allem einen Charakter, der ihn von +jeder andern, äußerlich verwandten Fixierung eines Weltgefühls streng +abhebt. Diese Art, Götter, keine Gottheit zu besitzen, war nun einmal +da, eben in der einzigen Kultur, welche die Statue des nackten Menschen +als den Inbegriff aller Kunst empfand.</p> + +<p>Die Natur, wie sie der antike Mensch um sich fühlte und erkannte, +konnte in keiner andern Form beseelt, vergöttlicht werden. Der +Römer fand in dem Anspruch Jehovas, allein zu existieren, etwas +Atheistisches. <em class="gesperrt">Ein</em> Gott war für ihn kein Gott. Von hierher +schreibt sich die starke Abneigung des gesamten griechisch-römischen +Volksbewußtseins gegen die Philosophen, soweit sie Pantheisten, +mithin gottlos waren. Götter sind σώματα der vollkommensten Art und +zum σῶμα im mathematischen wie im physikalischen, rechtlichen und +dichterischen Sprachgebrauch gehört die Vielzahl. Der Begriff des ζῷον +πολιτικόν gilt auch von Göttern; nichts ist ihnen so fremd wie die +Einsamkeit, das Allein-<span class="pagenum" id="Seite_568">[S. 568]</span> und Fürsichsein. Man muß hier mathematisch und +zwar antik-mathematisch denken, um zu begreifen. Es sei noch einmal +betont: die unzähligen, leibhaften, gegenwärtigen Götter der antiken +Natur — das sind die zahllosen möglichen, wohl begrenzten Körper der +euklidischen Geometrie. Der <em class="gesperrt">eine</em> Gott des Abendlandes, der +die faustische Natur durchdringt, ist der <em class="gesperrt">eine</em> grenzenlose +Raum der analytischen Geometrie. Pythagoras, der in seiner religiösen +Reform den uralten Demeterkult zu Kroton wieder zu Ehren brachte und +in diesem Symbol die Heiligung des <em class="gesperrt">Leibes</em> aussprach, begründet +zugleich die Mathematik der Körper, die Idee der Zahl als <em class="gesperrt">Größe</em>, +als <em class="gesperrt">Maß</em>. Pascal, der in den <i>Pensées</i> den strengsten +Jansenismus, eine reine transzendente Idee von Gott und der Erbsünde +aufbaute, begründet zugleich die Geometrie der reinen Beziehungen: die +Projektionslehre.</p> + +<p>Es ist von höchster Bedeutung, daß gerade in Hellas die Gestirngötter, +als <i>numina</i> der Ferne, fehlen. Helios hatte nur auf dem +orientalisierten Rhodos, Selene überhaupt nie einen Kult. Beide sind +lediglich, wie schon in der höfischen Poesie Homers, künstlerische +Ausdrucksmittel, nach römischer Bezeichnung Elemente des <i>genus +mythicum</i>, nicht des <i>genus civile</i>. Sie besaßen weder Tempel +noch Statuen und das, obgleich in Ägypten (Ra) und Babylon (Marduk), +denen der Hellene so viel entlehnte, der Sonnen- und Gestirndienst +den Mittelpunkt des Kultus bildete. Die altrömische Religion, in der +das antike Weltgefühl in besonderer Reinheit zum Ausdruck kommt, +kennt weder Sonne noch Mond, weder Sturm noch Wolken als Gottheiten. +Waldesrauschen und Waldeinsamkeit, Gewitter und Meeresbrandung, die +das Naturgefühl des faustischen Menschen, schon das des Kelten und +Germanen, völlig beherrschen und seinen mythischen Schöpfungen den +eigentümlichen Charakter geben, lassen das des antiken Menschen +unberührt. Nur Konkreta, Herd und Tür, der <em class="gesperrt">einzelne</em> Wald und +das <em class="gesperrt">einzelne</em> Feld, dieser Fluß und jener Berg, verdichten +sich ihm zu Wesen. Man bemerkt, daß alles, was Ferne hat, alles, was +grenzenlos und unkörperlich wirkt und deshalb den Raum als seiend, als +göttlich in die gefühlte Natur ziehen würde, vom Mythus ausgeschlossen +bleibt, wie auch Wolken und Horizonte, die dem Landschaftsgemälde des +Barock geradezu Sinn und Seele geben, im antiken hintergrundlosen<span class="pagenum" id="Seite_569">[S. 569]</span> +Fresko fehlen. Die unbegrenzte Menge antiker Götter — jeder Baum, +jede Quelle, jedes Haus, jeder Teil des Hauses sogar ist Gott — +bedeutet, daß jedes greifbare Ding, deren Summe eben Kosmos heißt, +zugleich für sich bestehendes Wesen, keines also dem andern funktional +untergeordnet ist. Die Idee der Moira bringt das selbst den höchsten +Göttern gegenüber zum Ausdruck. Nicht das Schicksal ist die Gottheit, +was die attische Tragödie mit unzweifelhafter Deutlichkeit erkennen +läßt. Da alles Gott ist, so ist das Schicksal die Notwendigkeit, der +ohne Ausnahme alle Götter unterliegen. Auch Zeus kann dem Verhängnis +nicht entrinnen, heißt es bei Äschylos. Man erinnere sich der Atome +Demokrits und der Ananke, die sie planlos durcheinanderwirbelt. Erst +aus diesem Urgefühl ist das Bild der Olympier entstanden, indem das +apollinische Bewußtsein aus der Unsumme von Göttern eine plastische +Gruppe von sinnlich scharf umrissener Individualität heraushob, während +das abendländische Gefühl den umgekehrten Weg ging und von der farbigen +Fülle des Mythus, wie ihn die Zeit der Kreuzzüge geschaffen hatte, zu +der strengen Abstraktheit der protestantischen und tridentinischen +Gottesvorstellung gelangte, die reine Kraft, reiner Wille ist und sich +jeder Möglichkeit malerischer Darstellung entzieht.</p> + +<p>Dem apollinischen und dem faustischen Naturbilde liegen überall die +entgegengesetzten Symbole des Dinges und des Raumes zugrunde. Olymp +und Unterwelt sind von scharfer sinnlicher Bestimmtheit; die Reiche +der Zwerge, Elben, Kobolde, Walhall und Niflheim — das alles ist +irgendwo im Weltraum verloren. In der altrömischen Religion ist +Tellus mater nicht die „Urmutter“, sondern der handgreifliche Acker +selbst. Faunus ist <em class="gesperrt">der</em> Wald, Volturnus <em class="gesperrt">der</em> Fluß, die +Saat <em class="gesperrt">heißt</em> Ceres, die Ernte <em class="gesperrt">heißt</em> Consus. <i>Sub Jove +frigido</i> heißt bei Horaz echt römisch unter kaltem Himmel. Hier wird +nicht einmal der Versuch einer bildlichen Wiedergabe an der Stätte +der Verehrung gemacht, denn das hieße den Gott verdoppeln. Noch sehr +spät lehnt sich der römische Instinkt gegen <em class="gesperrt">Götterbilder</em> auf. +Daß dem Griechen ein entsprechendes Gefühl nicht fremd war, beweisen +der immer profaner werdenden Plastik gegenüber der Volksglaube und +die Philosophie. Im Hause ist Janus die Tür als Gott, Vesta der +Herd als Göttin; die beiden Funktionen des<span class="pagenum" id="Seite_570">[S. 570]</span> Hauses sind in ihrem +Gegenstand Wesen, Gott geworden. Hellenische Flußgötter wie Acheloos, +der als Stier erscheint, sind deutlich als der Fluß selbst, nicht +etwa als im Flusse wohnend bezeichnet. Die Pane und Satyrn sind die +als Wesen empfundenen einzelnen, wohlbegrenzten Felder und Triften. +Dryaden und Hamadryaden <em class="gesperrt">sind</em> Bäume. An vielen Stellen wurden +einzelne, besonders wohlgewachsene Bäume an sich, ohne Namengebung +verehrt, indem man sie mit Binden und Weihgeschenken schmückte (ein +Motiv der hellenistischen Landschaftsmalerei). Dagegen besitzen die +Mahre, Wichte, Zwerge, Hexen, Valkyren und die ihnen verwandten, +schweifenden Heere der abgeschiedenen Seelen, die nachts „umgehen“, +nichts von dieser ortsgebundenen Stofflichkeit. Najaden <em class="gesperrt">sind</em> +Quellen. Nixen und Alrunen aber, Holzgeister und Elben sind Seelen, +die in Quellen, Bäume, Häuser nur <em class="gesperrt">gebannt</em> sind und erlöst sein, +wieder frei herumschweifen wollen. Das ist das vollkommene Gegenteil +einer plastischen, euklidischen Naturempfindung. Die Dinge werden +hier nur als Räume andrer Art erlebt. Eine Nymphe, eine Quelle also, +nimmt wohl menschliche Gestalt an, wenn sie einen schönen Hirten +besuchen will; eine Nixe aber ist eine verwunschene Prinzessin, mit +Wasserrosen im Haar, die in Mitternächten aus dem See steigt, in dessen +Tiefe sie wohnt. Kaiser Rotbart sitzt im Kyffhäuser und Frau Venus im +Hörselberg. Es ist, als ob es nichts Stoffliches, Undurchdringliches +im faustischen Weltall gäbe. In den Dingen ahnt man andre Welten; ihre +Dichte, ihre Härte ist Schein und — ein Zug, der im antiken Mythus +gar nicht vorkommen könnte, der ihn aufheben würde — bevorzugten +Sterblichen wird die Gabe verliehen, durch Felsen und Berge in die +Tiefe zu schauen. Aber ist das nicht auch die geheime Meinung unsrer +physikalischen Theorie? Ist eine neue Hypothese nicht immer eine Art +Springwurzel? Keine andre Kultur kennt so viele Sagen von Schätzen, +die tief in Bergen und Seen ruhen, von geheimnisvollen unterirdischen +Reichen, Palästen, Gärten, in denen andre Wesen wohnen. Die ganze +Substanz der sichtbaren Welt wird vom faustischen Naturgefühl +verleugnet. Es gibt nichts Erdhaftes mehr, nur der Raum ist wirklich. +Das Märchen löst die Materie der Natur auf, wie der gotische Stil die +steinerne Masse seiner Dome, die in einer Fülle von Formen<span class="pagenum" id="Seite_571">[S. 571]</span> und Linien +geisterhaft verschwebt, denen keine Schwere mehr anhaftet, die keine +Grenze mehr kennen.</p> + +<p>All diese Geschöpfe sind durch einen <em class="gesperrt">Namen</em> gebannte, abgehobene, +gestaltete Mächte der Natur. Sie stellen dem Gläubigen, der sie als +gegenwärtig empfindet, deren Wesen dar; sie geben die Beziehungen +zwischen Natur und Mensch in ihrem freundlichen oder feindlichen +Verhältnis wieder. Was der unbewußte Mensch in der Natur verehrt, +zu erforschen, zu gewinnen sucht, das Fremde, erscheint in diesen +Gebilden leibhaft, göttlich vor seinem Auge. Aber vergessen wir nicht, +daß diese Natur selbst eine Schöpfung des höheren Menschen und die +Spiegelung seines Selbst ist, daß es eine Natur als geschautes Ganzes, +als Makrokosmos, als <em class="gesperrt">Einheit</em> des Ausdruckes nur in bezug auf +einen Kulturmenschen gibt, und daß weder der Wilde noch das Kind eine +sinnvolle, wohlgeordnete Natur in sich und um sich erleben, jede Kultur +aber ihre eigne.</p> + +<p>Insofern sind diese Wesen vom Fleisch und Blut des Menschen, für den +sie Wirklichkeit besitzen, reine Schöpfungen seines Herzens, nicht +seines Verstandes, der erst in den Spätzeiten wie im Barock und +in der Ionik das wache Bewußtsein und dessen Projektionen auf das +„Fremde“ beherrscht. Der Mythus ist ein ländliches, die Physik <em class="gesperrt">das +entsprechende städtische</em> Phänomen. Sie verwandelt eine durchseelte +Welt in ein intellektuelles System, Symbole in Begriffe, Gottheiten in +Theorien, Ahnungen in Hypothesen.</p> + +<p>Der mit steigendem Nachdruck auf somatische Vereinzelung gerichtete +antike Polytheismus verdeutlicht sich besonders in der Haltung „fremden +Göttern“ gegenüber. Für den antiken Menschen waren die Götter der +Ägypter, Phöniker, Germanen, soweit sich mit ihnen eine bildhafte +Vorstellung verbinden ließ, ebenfalls wirkliche Götter. Die Rede, +daß sie „nicht existierten“, hat innerhalb dieses Weltgefühls keinen +logischen Sinn. Der Grieche verehrt sie, wenn er mit ihrem Lande in +Berührung kommt. Die Götter sind wie eine Statue, eine Polis, ein +euklidischer Körper an den Ort gebunden. Sie sind Wesen der Nähe, +nicht des allgemeinen Raumes. So gut Zeus und Apollo zurücktreten, +wenn man sich etwa in Babylon aufhält, so gut hat man die dort +heimischen Götter nun <em class="gesperrt">besonders</em> zu achten. Diese<span class="pagenum" id="Seite_572">[S. 572]</span> Bedeutung +haben die Altäre mit der Aufschrift „Den unbekannten Göttern“ — der +Paulus in der Apostelgeschichte eine so bezeichnend mißverständliche, +magisch-monotheistische Deutung gibt. Es sind die Götter, welche der +Grieche dem Namen nach nicht kennt, die aber von den Fremden in den +großen Häfen, im Piräus oder in Korinth etwa, verehrt werden und denen +er deshalb Achtung zollt. Mit klassischer Deutlichkeit offenbart dies +das römische Sakralrecht und die streng bewahrten Anrufungsformeln +z. B. der <i>generalis invocatio</i>. Da das Universum die Summe der +Dinge ist und Dinge Götter sind, so werden auch alle Götter als solche +anerkannt, mit denen der Römer praktisch-historisch noch nicht in +Beziehungen getreten ist. Er kennt sie nicht oder sie sind die Götter +seiner Feinde, aber sie <em class="gesperrt">sind</em> Götter, weil das Gegenteil nicht +vorstellbar ist. Das ist der Sinn jener sakralen Wendung bei Livius +(VIII, 9, 6): <i>di quibus est potestas nostrorum hostiumque</i>. +Das römische Volk gesteht, daß der Kreis <em class="gesperrt">seiner</em> Götter nur +augenblicklich begrenzt ist und will durch diese Formeln am Ende des +Gebets, nachdem die eigenen Götter mit Namen aufgezählt sind, den +Rechten der andern nicht zu nahe treten. Nach dem Sakralrecht geht +mit der Besitzergreifung fremden Landes die ganze Summe religiöser +Verpflichtungen, die an diesem Gebiete und dessen Gottheiten haftet, +auf die Stadt Rom über — das ist die logische Konsequenz des +<em class="gesperrt">additiven</em> antiken Gottgefühls. Daß mit der Anerkennung der +Gottheit die der Formen ihres Kultus durchaus nicht gleichbedeutend +war, beweist der Fall der Magna Mater von Pessinus, die im zweiten +punischen Kriege auf Grund einer sibyllinischen Weissagung in Rom +rezipiert wurde, während ihr höchst unantik gefärbter Kultus — der von +miteingewanderten Priestern aus ihrer Heimat ausgeübt wurde — unter +strenger polizeilicher Aufsicht stand, und nicht nur römischen Bürgern, +sondern selbst deren Sklaven der Eintritt in die Priesterschaft bei +Strafe untersagt war. Mit der Aufnahme der Göttin war dem antiken +Weltgefühl Genüge getan, mit der persönlichen Ausübung ihres dem Römer +verächtlichen Kultus wäre es aber verletzt worden. Das Verhalten +des Senats ist in solchen Fällen entscheidend, während das Volk bei +der zunehmenden Vermischung mit östlichen, namentlich semitischen +Völkerschaften an diesen<span class="pagenum" id="Seite_573">[S. 573]</span> Kulten Geschmack fand und die römischen +Heere der Kaiserzeit infolge ihrer Zusammensetzung sogar einer der +wichtigsten Träger des magischen Weltgefühls geworden sind.</p> + +<p>Von hier aus wird der Kult vergötterter Menschen als ein +<em class="gesperrt">notwendiges</em> Element innerhalb dieser religiösen Formenwelt +verständlich. Aber man hat scharf zwischen antiken und den +oberflächlich ähnlichen orientalischen Erscheinungen zu unterscheiden. +Der römische Kaiserkult, d. h. die Verehrung des Genius des lebenden +Prinzips und die der verstorbenen Vorgänger als Divi, ist bisher +mit der zeremoniellen Verehrung des Herrschers in vorderasiatischen +Reichen, vor allem in Persien,<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[118]</a> und noch mehr mit der späteren ganz +anders gemeinten Vergötterung der Khalifen, die schon bei Diokletian +und Konstantin in voller Ausbildung erscheint, vermengt worden. In der +Tat handelt es sich hier um sehr verschiedene Dinge. Mag im Osten die +Verschmelzung dieser symbolischen Formen dreier Kulturen einen hohen +Grad erreicht haben, in Rom ist der antike Typus unzweideutig und rein +verwirklicht worden. Schon einige Griechen wie Sophokles und Lysander, +vor allem Alexander, wurden nicht nur von Schmeichlern als Götter +ausgerufen, sondern vom Volkstum in einem ganz bestimmten Sinne als +solche empfunden. Von der Göttlichkeit eines Dinges, eines Hains, einer +Quelle, endlich einer Statue, die den Gott repräsentiert — man denke +an die tiefe Wirkung des Hermokopidenfrevels auf das athenische Volk +und auf den Ausgang des Peloponnesischen Krieges — bis zu der eines +hervorragenden Menschen, der erst Heros und dann Gott wird, ist nur ein +Schritt. Man verehrte im einen wie im andern die vollkommene Gestalt, +in der die Weltsubstanz, das an sich Nichtgöttliche, sich verwirklicht +hatte. Hier ist an den attischen Begriff der Kalokagathia zu denken. +Die schöne, sichtbar vollendete Gestalt war das Göttliche, also war es +in der machtvollen Erscheinung des Cäsar für das Auge des Römers im +höchsten Maße unmittelbar gegenwärtig. Bestand in jedem Hause ein Kult +des <i>genius</i>, der Zeugungskraft des Hausherrn, so verehrte man +hier, im <i>genius principis</i>, die Lebenskraft der Stadt als eines +Gesamtkörpers. Eine Vorstufe war der Konsul am Tage<span class="pagenum" id="Seite_574">[S. 574]</span> seines Triumphes. +Er trug hier die Rüstung des kapitolinischen Juppiter, und in der +älteren Zeit waren Gesicht und Arme mit roter Farbe bestrichen, um die +Ähnlichkeit mit der Terrakottastatue des Gottes, dessen <i>numen</i> +sich in diesem Augenblick in ihm verkörperte, zu erhöhen.</p> + +<p>Äußerst charakteristisch ist für das hier waltende Urgefühl der +bizarre Gegensatz zur Vergöttlichung des Cäsars (die im Grunde eine +Einbeziehung der Götter als Personen in die römische Menschheit +bedeutet); die im römischen Recht stets aufrecht erhaltene +<em class="gesperrt">Strafbarkeit der Tiere</em> (nicht ihrer Besitzer) für Vergehen, +welche bei Menschen strafbar sind. Als Körper, σώματα, gehören die +Tiere also ebenso wie die Götter der Gemeinschaft lebender Körper, +dargestellt im Staate, an. Man kann sagen, daß in dieser Skala der +Heros, der Cäsar als Übergang nach oben, der Sklave als der nach unten +empfunden wurde. Zwischen ihnen liegt der Bereich des ζῷον πολιτιχόν, +des eigentlichen antiken Menschen, der Rechte <em class="gesperrt">und</em> Pflichten +hat. Der Sklave hat keine <em class="gesperrt">Rechte</em> mehr. Er ist, griechisch +gesprochen, ἀπρόσωπος, keine Person, obwohl nicht ἀσώματος. Er besitzt +einen Leib, aber keine Bedeutung. Er ist nicht Bürger. Der Heros ist +es auch nicht mehr, aber insofern er über <em class="gesperrt">Pflichten</em> erhaben +ist. Hier liegen die Grenzen der Polis hinsichtlich der ihr aktiv +zugehörenden Körper (σώματα πόλεως). Erst so begreift man, was der +antike Mensch <em class="gesperrt">Staat</em> nennt. Folgerichtig ist — was für die +Haltung der Christen wesentlich wurde — das Majestätsverbrechen eine +Art Gottfrevel, das Verbrechen gegen den Sklaven eines andern eine Art +Sachbeschädigung.</p> + +<p><em class="gesperrt">Der Kaiserkult ist die letzte religiöse Schöpfung des antiken +Volkstums</em>, soweit es nicht durch östliche Elemente in seinen +Instinkten gebrochen war. Man hat die Echtheit dieses Gottgefühls +sehr ernst zu nehmen. Daß die römischen Massen die Abstammung Julius +Cäsars, eines tiefen Skeptikers, von der Venus als etwas Wesentliches +empfanden, hat auf die Throngeschichte des julisch-claudischen Hauses +entscheidend eingewirkt. Der Kult des Genius Augusti mit einem streng +geregelten Opferdienst, während gleichzeitig der Princeps selbst +innerhalb der Mauern Roms beinahe das Dasein einer distinguierten +Privatperson führte, ist nur aus dem Weltgefühl der<span class="pagenum" id="Seite_575">[S. 575]</span> apollinischen +Seele zu begreifen. Sein intellektueller Gegensatz ist der +<em class="gesperrt">gelehrte</em>, dem Gehalt nach durchaus irreligiöse Stoizismus als +die Weltanschauung der patrizischen Elemente, wie etwa jenes Scaevola, +der als höchster Priester Roms die Götterverehrung nur aus Gründen der +Staatsraison brauchbar befand. Hier steht Instinkt gegen Intellekt, +Glaube gegen Wissen, und zwar in politischer Verkleidung als Demokratie +und Aristokratie. Die beiden ewigen Inkarnationen des antiken Seins, +Athen und Sparta, Tyrannis und Oligarchie, Plebs und Senat, Cäsar und +Pompeius, Prinzipat und Republik, stehen hier zum letzten Male einander +gegenüber im Kult des Divus Julius und dem aus Opposition dagegen +gepflegten, von Lucanus in seiner Pharsalia angedeuteten Kult Catos, +des vornehmen Republikaners. Die gesamte blutige Geschichte der frühen +Kaiserzeit findet hier ihre Deutung. Man hat den Kult Cäsars von der +geflissentlichen Verehrung seines Mörders, des <em class="gesperrt">Patriziers</em> Brutus +oder der Catos wohl zu unterscheiden. Jener ist eine <em class="gesperrt">Religion</em>, +die letzte der antiken Kultur, die damals starb; diese ist eine +theoretische, tendenziöse, nichts weniger als religiöse Schwärmerei +der gebildeten Kreise. Tacitus hat als ihr Mitglied, als verkappter +Stoiker, den Prinzipat der Cäsaren beurteilt. Je schärfer er richtet, +desto populärer war der Verurteilte. Nero ist der Abgott des Volkes auf +Generationen hinaus gewesen. Jeder Angriff auf den Princeps und seinen +Kult traf den religiösen Instinkt der Massen.</p> + +<p>An früherer Stelle war das paulinische Christentum als die Herübernahme +einer früharabischen Religion in die antike Form der stoischen +Diatribe bezeichnet worden. Daraus erklärt sich das Phänomen der — +auf die Stadt Rom beschränkten — Christenverfolgungen durch Nero +und Domitian. Sie richten sich in Wahrheit <em class="gesperrt">gegen die Stoa</em> als +den intellektuellen Ausgangspunkt aller Verschwörungen zum Sturz des +Prinzipates. <em class="gesperrt">Weil</em> Paulus das Christentum in den weltstädtischen +Stoizismus hineingeleitet hatte, der, allerdings in einer exklusiven, +katonischen Gestalt, die Weltanschauung des Patriziats geworden war, +weil seine Ablehnung des Divuskultes mit der aus ganz anderen Gründen +erfolgten der Senatspartei zusammenfiel, war das antike Empfinden des +Demos in der einzigen Form der Götterverehrung<span class="pagenum" id="Seite_576">[S. 576]</span> verletzt, die in ihm +noch lebendig war. Mochte Tacitus als Philosoph das Christentum mit den +übrigen orientalischen Kulten als <i>foeda superstitio</i> verachten, +so sind doch die Philosophen Helvidius Priscus und Thrasea von Nero aus +dem gleichen Motiv wie die Christen hingerichtet worden.</p> + +<p>In dem welthistorischen Worte: Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist und +Gott, was Gottes ist, das dem Christus der Evangelien in den Mund +gelegt ist, treten antikes und arabisches Gottbewußtsein in vollster +Schärfe und mit der Notwendigkeit gegenseitigen Mißverstehens einander +gegenüber. Ein Ausgleich zwischen dem streng euklidischen, beinahe +posthumen Divuskult und dem ganz jungen, magisch-monotheistischen +Christentum war aber schon durch die Kulturstufe, die beide +voraussetzen, dort ein Ende, hier ein Anfang, unmöglich.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_10">10</h4> + +</div> + +<p>In den ersten Generationen der Kaiserzeit löst sich der antike +Polytheismus, ohne daß in vielen Fällen an der äußeren, kultischen +oder sakralrechtlichen Form etwas geändert worden wäre, in den +magischen Monotheismus auf. Eine neue Seele war erschienen und sie +erlebte die verjährten Formen anders. Die Namen bestanden fort, aber +sie deckten andre <i>numina</i>. Alle sogenannten spätantiken Kulte +der Isis und Kybele, des Mithras, Sol, Serapis, Hermes sind nicht +mehr die Verehrungen ortsgebundener, plastisch greifbarer Wesen. Der +attische Hermes war der Gott einer Stadt gewesen, in der seine Statue +als Zeichen seines Wohnsitzes stand; der Hermes des alexandrinischen +Kultes ist ein geistiges Prinzip, das vom Euphrat bis zum Rhein überall +angerufen werden konnte. Der Zeus der Perikleszeit war in jeder Stadt, +wo er einen Tempel besaß, ein andrer. Der Zeus von Dodona war mit +dem Zeus von Olympia nicht identisch. So wenig sich diese Auffassung +logisch exakt darstellen läßt, so logisch wirkte sie dennoch auf den +religiösen Instinkt. Man war in Rom weit entfernt, den Juppiter Omnium +Maximus mit einem der andern, etwa dem Juppiter Victor oder Feretrius +zu vermengen, aber die vielen sehr verschiedenartigen Gottheiten der +frühchristlichen Zeit wurden als ein und dasselbe<span class="pagenum" id="Seite_577">[S. 577]</span> Wesen empfunden, +nur daß jeder Anhänger eines einzelnen Kultes überzeugt war, es in +seiner wahren Gestalt zu kennen. In diesem Sinne sprach man von der +„millionennamigen Isis“. Bis dahin waren die Namen Bezeichnungen +ebensovieler körperhafter Götter gewesen, jetzt sind sie <em class="gesperrt">Titel</em> +des einen, den jeder meint.</p> + +<p>Der magische Monotheismus offenbart sich in allen religiösen +Schöpfungen, die vom Osten aus das Imperium erfüllen, in den Kulten +der alexandrinischen Isis, des von Aurelian bevorzugten Sonnengottes +(des Baal von Palmyra), des von Diokletian beschützten Mithras, +dessen persische Gestalt in Syrien völlig umgeprägt worden war, der +von Septimius Severus verehrten Baalath von Karthago (Tanith, Dea +caelestis), die sämtlich nicht mehr in antiker Weise die Zahl der +konkreten Götter additiv vermehren, sondern sie im Gegenteil in einer +der bildhaften Darstellung sich mehr und mehr entziehenden Weise in +sich aufnehmen. Das ist Alchymie an Stelle der Statik. Dem entspricht +es, daß an Stelle des Bildes gewisse Symbole, der Stier, das Lamm, der +Fisch, das Dreieck, das Kreuz in den Vordergrund treten. „<i>In hoc +signo vinces</i>“ — das klingt nicht mehr antik. Hier bereitet sich +die Abkehr von der menschendarstellenden Kunst vor, die später im Islam +und in Byzanz zum Bilderverbot führte. Die namentlich in der bildenden +Kunst und der höheren Poesie Roms beliebte, niemals ins Volksbewußtsein +gedrungene Angleichung antiker Gottheiten wie die von Aphrodite und +Venus, von Neptunus und Poseidon, die naive Art, fremde Götter durch +Gleichsetzung mit heimischen sich verständlich zu machen (so den +germanischen Donar mit Herkules), hat mit dieser <em class="gesperrt">spirituellen</em> +Verschmelzung von Gottheiten nichts zu tun. Was die Religionsforschung +heute als Synkretismus bezeichnet, ein Phänomen, das sich deutlich als +Auflösung des statisch-plastischen Gottgefühls, also negativ abhebt, +ist positiv gefaßt nichts als die Heraufkunft des magischen Gefühls. +Es ist das einem anderen <em class="gesperrt">Naturbilde</em> zugrunde liegende Prinzip, +das auch die Mächte dieser Natur anders faßt. Der arabische Mensch +erlebt <em class="gesperrt">die</em> eigene und einzige, das All erschöpfende Gottheit +als die primäre Substanz; alle andern besitzen nur als ihre Namen oder +Erscheinungsformen Geltung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_578">[S. 578]</span></p> + +<p>Bis auf Trajan herab, als auf griechischem Boden längst der letzte +Hauch apollinischen Weltgefühls verschwunden war, besaß der römische +Staatskult die Kraft, die additive Tendenz während der fortgesetzten +Vermehrung der Götterwelt zu wahren. Die Gottheiten der unterworfenen +Länder und Völker erhalten in Rom eine anerkannte Kultstätte, +Priesterschaft und Ritual, während sie selbst als genau abgegrenzte +Individuen neben die Götter der Vergangenheit treten. Von da an siegt +auch an dieser Stelle, trotz eines ehrwürdigen Widerstandes, der seinen +Sitz in der kleinen Zahl uralter Patrizierfamilien hat, der magische +Geist; die Göttergestalten schwinden als solche, als Körper, aus dem +Bewußtsein, um einem transzendenten Gottgefühl Platz zu machen, das +nicht mehr auf dem unmittelbaren Zeugnis der Sinne beruht, und die +Bräuche, Feste und Legenden verfließen ineinander. Als Caracalla 217 +den sakralrechtlichen Unterschied zwischen römischen und fremden +Gottheiten aufhob (wie er auch durch Erteilung des Bürgerrechtes an +alle Reichsbewohner die antike Idee der Polis endgültig beseitigte), +womit tatsächlich Isis die erste, alle älteren <i>numina</i> umfassende +Gottheit Roms und damit die gefährlichste Feindin des Christentums +wurde, die sich den Todhaß der Kirchenväter zuzog, war Rom ein Stück +Orient, eine religiöse Dependenz Syriens geworden. Damals beginnen +die Baale von Doliche, Petra, Palmyra, Emesa zum Monotheismus des Sol +zu verschmelzen, der später als Gott des Reiches in seinem Vertreter +Licinius von Konstantin besiegt wurde. Es handelt sich damals nicht +mehr um antik oder magisch — das Christentum konnte den hellenischen +Göttern sogar eine Art ungefährlicher Sympathie entgegenbringen —, +sondern darum, welche der magischen Religionen der damaligen Welt +die geistige Form geben sollte. Man findet diesen Prozeß der Abnahme +des plastischen Empfindens sehr deutlich in den Entwicklungsstufen +des Kaiserkultes, wo zuerst der verstorbene Kaiser als Divus durch +Senatsbeschluß in den Kreis der Staatsgötter aufgenommen wird — als +erster der Divus Julius 42 v. Chr. — und eine eigne Priesterschaft +erhält, so daß von nun an sein Bild bei Familienfesten nicht mehr unter +den Ahnenbildern vorangetragen wird; wo dann von Mark Aurel an keine +neue Priesterschaft mehr für den Dienst konsekrierter Kaiser<span class="pagenum" id="Seite_579">[S. 579]</span> entsteht, +bald darauf auch kein neuer Tempel mehr geweiht wird, weil ein +allgemeines <i>templum divorum</i> dem religiösen Gefühl hinreichend +erscheint und die Bezeichnung Divus endlich sich in einen <em class="gesperrt">Titel</em> +der Mitglieder des Kaiserhauses verwandelt. Dieser Ausgang bezeichnet +den Sieg des magischen Gefühls. Man wird finden, daß die Häufung von +Namen in Weihinschriften, etwa Isis-Magna Mater-Juno-Astarte-Bellona +oder Mithras-Sol invictus-Helios schon längst den Charakter des Titels +einer alleinexistierenden durchgeistigten Gottheit angenommen hat.<a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[119]</a></p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_11">11</h4> + +</div> + +<p>Das Problem des Atheismus ist für den Psychologen einstweilen noch +<i>terra incognita</i>. Soviel über <em class="gesperrt">den</em> Atheismus schlechtweg, +d. h. ein in seinen letzten Gründen und seelisch-historischen +Bedingungen gar nicht verstandenes Phänomen geschrieben und räsoniert +worden ist, gleichviel ob im Stile des „vorgeschrittenen“ Menschen, +im idealen Falle des freigeistigen Märtyrers, oder im Stile des +Kulturmenschen, im äußersten Falle des gläubigen Zeloten: von Nuancen +des Atheismus, von der Analyse einer <em class="gesperrt">einzelnen, bestimmten</em> +Erscheinungsform des Atheismus in ihrer Fülle und Notwendigkeit, ihrer +starken Symbolik, ihrer zeitlichen Beschränktheit hat man nie gehört.</p> + +<p>Der Atheismus — ist er eine apriorische Struktur des Weltbewußtseins +oder eine wahlfreie Vorstellung? Und zieht das Gefühl von einem +entgötterten Kosmos auch das Wissen davon,<span class="pagenum" id="Seite_580">[S. 580]</span> daß „der große Pan tot +ist“, nach sich? Gibt es einen unbewußten Atheismus? Gibt es frühe +Atheisten, etwa in der dorischen oder gotischen Zeit? Gibt es jemand, +der sich mit Leidenschaft, aber mit Unrecht als Atheisten bezeichnet? +Und kann es zivilisierte Menschen geben, die es <em class="gesperrt">nicht</em> sind, +nicht ganz wenigstens?</p> + +<p>Daß zum Wesen des Atheismus, wie schon die Wortbildung in sämtlichen +Sprachen verrät, der Charakter der Negation gehört, daß er den Verzicht +auf eine seelische Bildung, die ihm also voraufgeht, bedeutet und nicht +etwa den positiven Akt einer ungebrochenen Gestaltungskraft, steht +fest. Aber was wird da verneint? In welcher Weise? Und von wem?</p> + +<p>Ohne Zweifel ist der Atheismus, richtig verstanden, der notwendige +Ausdruck eines in sich vollendeten, in seinen religiösen Möglichkeiten +erschöpften, dem Anorganischen verfallenden Seelentums. Er verträgt +sich sehr wohl mit dem lebhaften und sehnsüchtigen Bedürfnis nach +echter Religiosität<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[120]</a> — darin aller Romantik verwandt, die +ebenfalls etwas unwiderruflich Verlornes, die Kultur nämlich, wieder +heranziehen möchte — und er kann seinem Träger sehr wohl unbewußt +sein, eine Gestalt seines Fühlens, die nie in die Konventionen seines +Denkens eingreift, die seiner Überzeugung sogar widerspricht. Man +begreift das, wenn man einsieht, weshalb der fromme Haydn Beethoven +einen Atheisten nannte, nachdem er Musik von ihm gehört hatte. Die +Notwendigkeit für Beethoven, die große musikalische Form des Barock zu +verletzen, um innerlich wahr zu sein, der tiefe Widerspruch zwischen +seinem persönlichen Wollen und dem der bereits hinter ihm liegenden +Kultur besagt dasselbe. Beethoven war Romantiker und romantische +Religiosität ist, in Alexandria wie im Kreise der Schlegel und Tieck, +die feinste Form eines heimlichen Atheismus. Man darf sagen, daß ein +faustischer Mathematiker, der nicht „fromm“ ist, wie Pascal, Leibniz, +Newton, Gauß waren, ein ausgezeichneter Organisator der Materie seiner +Wissenschaft und Entdecker wichtigster Sätze sein kann, daß<span class="pagenum" id="Seite_581">[S. 581]</span> er aber +zur Vertiefung der <em class="gesperrt">Idee</em> der analytischen Zahl nichts beitragen +wird, weil er sie nicht in sich fühlt, sondern nur außer sich erkennt, +sie nur als Element einer Ordnung, nicht einer Schöpfung besitzt. Der +Atheismus gehört zum zivilisierten Menschen, insofern eine Zivilisation +der „Erdenrest“ einer erloschenen Kultur ist. Wir werden das noch +kennen lernen. Er gehört zur großen Stadt; er gehört zum „Gebildeten“ +der großen Städte, der sich mechanisch aneignet, was seine Vorfahren, +die Schöpfer seiner Kultur, organisch erlebt haben. Aristoteles +ist, vom antiken Gottgefühl aus, Atheist, ohne es zu wissen. Der +hellenistisch-römische Stoizismus ist es so gut wie der Sozialismus und +Buddhismus der westeuropäischen und indischen Modernität. Ein typisch +atheistischer Zustand ist es, aus dem heute die „freireligiösen“ +humanen Bewegungen hervorgehen, die einen großen Teil des städtischen +Protestantismus umfassen — beim ehrlichsten Gebrauch des Wortes „Gott“.</p> + +<p>Bedeutet dies späte und abschließende Phänomen aber die Verneinung +des religiösen Moments in uns, so ist es in jeder Zivilisation von +andrer Struktur. Es gibt keine Religiosität ohne eine ihr <em class="gesperrt">allein</em> +zugehörige, gegen sie <em class="gesperrt">allein</em> gerichtete atheistische Auflehnung. +Es gibt einen antiken, arabischen, abendländischen Atheismus, die +untereinander nach Sinn und Gehalt völlig verschieden sind. Nietzsche +hat den einen, den dynamischen — etwas post festum —, dahin +formuliert, daß „Gott tot ist“. Ein antiker Philosoph hätte den andern, +statisch-euklidischen, damit bezeichnet, daß „die Götter tot sind“. +Das eine bedeutet die Entgötterung des unendlichen Raumes, das andre +die der unzähligen Dinge. Sie waren bis dahin — man denke an das +Tiefenerlebnis und seine Bedeutung für das Erwachen des Innenlebens — +Symbole gewesen, letzte Formelemente einer <em class="gesperrt">lebendigen</em> Natur; +sie sind jetzt bloße Tatsachen der mechanischen Ausgedehntheit. Der +<em class="gesperrt">tote</em> Raum und die <em class="gesperrt">toten</em> Dinge sind die Objekte der +verstandesmäßigen Physik. Mit einem richtigen Gefühl pflegt der +Sprachgebrauch Weisheit und Intelligenz zu unterscheiden, als einen +frühen und späten, bäuerlichen und großstädtischen Zustand des Geistes. +Intelligenz ist das Komplement zu einer mechanischen Weltanschauung. +Niemand würde Heraklit oder Meister Eckart eine Intelligenz nennen, +aber Sokrates und<span class="pagenum" id="Seite_582">[S. 582]</span> Rousseau sind intelligent, nicht „weise“. In +diesem Worte liegt etwas Anorganisches; es verrät den Beigeschmack +von Atheismus. Nur vom Standpunkte des Stoikers und Sozialisten, des +typisch irreligiösen Menschen, ist der Mangel an Intelligenz etwas +Verächtliches.</p> + +<p>Der apollinische Mensch kann <em class="gesperrt">die</em> Götter leugnen, der faustische +und der magische Mensch leugnet Gott. Aber dieser Akt vollzieht sich +in sehr verschiedenen Formen. Er kann in bewußtem und unbewußtem +Verhalten, im Zweifel und in der Verzweiflung, im theoretischen Angriff +und praktischem Aus-dem-Wege-gehen liegen. Das sinnlich-euklidische +Göttertum, durch das die einzelnen Dinge geheiligt sind, verleugnet man +schon durch die Neigung zum monotheistischen Isis- oder Mithraskult. +Noch einmal: Ein Gott ist für das antike Empfinden kein Gott. Dem Römer +galten alle südarabischen Religionen samt dem Christentum — mit ihrer +gemeinsamen, wenn auch kultisch noch so verhüllten Formel „Allah il +Allah“ — als atheistisch dem antiken Gottgefühl gegenüber und er hat +sie verfolgt. Hier ist das Wesen der Toleranz verständlich zu machen.</p> + +<p>Solange man diese Erscheinung vom Standpunkte des Für und Wider +betrachtet, wird man für das Wesentliche blind sein. Einfältige +Leute lieben es, die antike Toleranz gegen die christliche Toleranz +auszuspielen. Aber das Wort Toleranz besagt an sich gar nichts. Erst +das Warum, Wogegen und Wofür entscheidet alles. Wer z. B. die hinter +dem Worte Liberalismus schlecht verhehlte <em class="gesperrt">Gleichgültigkeit</em> gegen +religiöse Dinge, die dem einen nichts mehr bedeuten und die deshalb +auch dem andern nichts bedeuten sollten, für Toleranz nimmt und mit +jenem tiefsymbolischen Akte der Aufnahme der <i>di peregrini</i> +in den römischen Staatskult gleichsetzt, verdient als gelehrter +Flachkopf keine Widerlegung. Im wesentlichen ist niemand tolerant, +sofern man darunter einen wirklichen Verzicht, nicht eine positive +Äußerung religiöser Gestaltungskraft versteht. Eben darauf beruht das +Symbolische jeder Toleranz, die allein von gläubigen Menschen, nie +von der „Intelligenz“, von einer Kultur, nicht von einer Zivilisation +ausgeht.</p> + +<p>Der antike Kosmos als Summe leibhafter, gleichmäßig göttlicher Dinge +forderte nicht nur die Duldung, sondern die tätige<span class="pagenum" id="Seite_583">[S. 583]</span> Anerkennung +sämtlicher fremden Götter, soweit sie überhaupt als Dinge in höherem +Sinne gelten konnten. Solange man Jehova, Christus und Mithras +als Tagesgestalten von der Substanz eines Apollo oder Mars nahm, +glaubte man an sie. Alexander Severus hatte die Bilder von Osiris, +Christus, Abraham, Alexander dem Großen und Orpheus in seiner +Privatkapelle aufgestellt. Als abstrakte Geister mit dem Anspruch auf +Alleingültigkeit reizten sie zu Verachtung und Zorn. Und hier hatte die +antike Duldung ein Ende. Hier stand das eigene Gottgefühl in Frage.</p> + +<p>Der Logos der stoischen Lehre, so gewiß er im Verlaufe der +vorsokratischen Philosophie sich aus der Tiefe des apollinischen +Götterbewußtseins herausgebildet hatte, war unter den Händen der +sophistischen Intelligenz zuletzt die <em class="gesperrt">Inkarnation des antiken +Atheismus</em>, der formgewordne Widerspruch gegen die plastische +Götterwelt geworden. Es entstand wie in jeder andern Kultur eine +Todfeindschaft zwischen der Religion der Väter und der kühlen, +weltbürgerlichen, das All entseelenden Philosophie der Modernität. Es +ist kein Zufall, daß an diese Idee vom einen Logos alle früharabischen +Spekulationen, allen voran die des Johannesevangeliums und die Plotins, +angeknüpft haben. Was dem antiken Menschen der Inbegriff des Atheismus +war, das bezeichnete gerade den Geltungsbereich des Göttlichen im +magischen Weltbewußtsein.</p> + +<p>Aber ebenso besteht zwischen dem Deismus des 18. Jahrhunderts, dem +Voltaires, Goethes, Kants, und dem Atheismus des 19. kein Gegensatz und +nicht einmal eine wesentliche Distanz. Der faustische Gott gleicht dem +Symbol des einen absoluten Raumes. Die Intelligenz der Zeit Rousseaus +schloß folgerichtig, nicht daß die Götter der andern Völker ebenfalls +von unanfechtbarer Existenz seien, sondern daß jedermann, unter welcher +Form auch immer, sei es auch unter einer polytheistischen, ja nur den +einen, abstrakten, faustischen Gott meinen und verehren könne. Das +ist der Gegensatz von kultischer und dogmatischer Religiosität. Der +antike, ahistorische Mensch übt die Kulte der fremden Götter aus, der +abendländische, der geborne Historiker, ist Psycholog: er „versteht“ +die Überzeugung des andern. Hier ist die Quelle einer ganz anders +gearteten Toleranz, die ihren höchsten<span class="pagenum" id="Seite_584">[S. 584]</span> Ausdruck in Lessings Nathan +gefunden hat, tief und vornehm, solange sie wie bei Goethe noch aus +einem lebendigen Gottgefühl hervorging, eine Farce, wenn sie nichts als +die moderne Irreligion decken sollte. Aber je bewußter diese Idee von +Gott gefaßt wurde, desto ähnlicher mußte sie dem zugehörigen Atheismus +werden. Die Sublimierung der Idee in den großen romantischen Systemen +ist in der Tat, ohne daß es Hegel, Fichte und den andern je zum +Bewußtsein gekommen wäre, das Verschwinden des letzten Unterschiedes +zwischen Gott und Raum, das völlige Verschwinden des lebendigen +Gehaltes aus der abstrakten Idee. Pantheismus und Atheismus sind +zuletzt nur noch Wortdifferenzen. Schopenhauer war <em class="gesperrt">bewußter</em> +Atheist, aber Oken hat mit der ganzen Bizarrerie eines Romantikers (man +denke an Ähnliches bei Novalis) Gott = ±0 gesetzt, und er empfand das +durchaus als den Ausdruck eines echten Gottgefühls.</p> + +<p>Diese Zusammenhänge sind unendlich wichtig, denn sie erklären die +Heraufkunft der Physik am Ende einer Kultur und ihre wachsende Tyrannei +über den späten, städtischen Geist — das groteske Phänomen einer +„naturwissenschaftlichen Weltanschauung“. Sie erklären aber auch den +vorbestimmten Entwicklungsgang einer jeden Physik, die auf dem Wege zur +reinen archimedischen Statik oder reinen modernen Dynamik immer weniger +seelenhaft, immer intellektueller, immer atheistischer wird. Insofern +besteht eine natürliche Verwandtschaft zwischen jeder gereiften Physik +und der Religion, aus deren intuitiver Weltform sie ursprünglich +hervorgegangen ist. Jede „moderne Weltanschauung“ ist Physik, in Zahlen +und Begriffe gebrachter Pantheismus. Wie stark der mythenbildende Trieb +selbst einer späten Seele ist, sieht man an ihrer letzten Schöpfung, +der physikalischen Mythologie, wo der wissenschaftliche Geist ihrem +Zwecke dienstbar gemacht wird. Jede Atomlehre ist ein Mythus, die +kinetische Gastheorie ist es so gut wie die Edda. Ob ein Skalde oder +ein Gelehrter das Medium ist, ist eine Frage des <em class="gesperrt">Stadiums</em>.</p> + +<p>Jedes lebendige Seelentum ist religiös, hat Religion, ob es sich dessen +bewußt ist oder nicht. Daß es überhaupt da ist, daß es wird, sich +entwickelt, sich erfüllt, <em class="gesperrt">ist</em> seine Religion. Es steht ihm nicht +frei, irreligiös zu sein. Es ist ihm nur möglich,<span class="pagenum" id="Seite_585">[S. 585]</span> wie im mediceischen +Florenz mit dem Gedanken daran zu spielen. Der Mensch der Weltstädte +aber ist irreligiös. Das gehört zu seinem Wesen, das bezeichnet seine +historische Erscheinung. Er mag aus der schmerzlichen Empfindung +einer inneren Leere und Armut noch so ernstlich religiös sein wollen, +er kann es nicht. Alle weltstädtische Religiosität beruht auf +Selbsttäuschung. Daß in der späten Kaiserzeit eine echte Religiosität +sich in Rom verbreitete, beweist, daß unter der Kruste der erloschenen +Antike bereits ein neues Menschentum lebendig war. Der Römer zur Zeit +Aurels, nur rechtlich und sprachlich, nicht seelisch mehr Ausdruck des +antiken Seins, lebte in der Riesenstadt, als sei sie Land. Rom war nur +scheinbar, materiell noch Weltstadt; innerlich gewogen war es eine +altgewordne, entseelte Häusermasse, in der eine fremde Bevölkerung +bäuerlich-dumpf und in primitiven Lebensformen hauste. Dem entsprach +eine durchaus frühmenschlich-naive Religiosität.</p> + +<p>Inzwischen hatte sich die <em class="gesperrt">Form</em> der Religiosität verwandelt. Für +den apollinischen Menschen offenbarte sich das Wesen seiner Religion im +sinnlich-plastischen Kultus. Er besaß weder mystische Geheimnisse noch +ein bindendes Dogma. Die eleusinischen Mysterien waren kein Geheimkult. +Was den Eingeweihten verboten war — und schließlich war jeder +eingeweiht, der es wünschte —, war die <em class="gesperrt">Profanation</em> der heiligen +Handlungen, also eben die Entweihung des <em class="gesperrt">sinnlichen</em> Elements. +Äschylus wurde angeklagt, weil er die Tracht der Eleusispriester +zum Kostüm der attischen Szene gemacht hatte. Der faustischen +Seele aber war das transzendente Dogma wesentlich, nicht der Kult. +Gottlos war für sie die Auflehnung gegen eine Lehre; hier begann der +Begriff der Ketzerei. Diese Religion konnte ihrer Natur nach keine +<em class="gesperrt">Gewissensfreiheit</em> gestatten — das widerspricht der Dynamik, +dem Machtwillen über die Seelen. Darin macht auch das Freidenkertum +keine Ausnahme. Auf den Scheiterhaufen folgte die Guillotine, auf das +Verbrennen der Bücher ihr Totschweigen. Es gibt unter uns keine Partei +ohne Neigung zur Inquisition in irgendeiner Form. Gottlos aber war für +die Antike eine Verachtung des Kultus — ἀσέβεια im wörtlichen Sinne +— und hier duldete die apollinische Religion keine <em class="gesperrt">Freiheit des +Verhaltens</em>. Damit war in beiden Fällen eine Grenze der<span class="pagenum" id="Seite_586">[S. 586]</span> Toleranz +gezogen, welche das Gottgefühl forderte und welche es verbot.</p> + +<p>In diesem Punkte nun stand die spätantike Philosophie die +sophistisch-stoische Theorie (nicht die stoische Weltstimmung) dem +religiösen Empfinden entgegen, und hier war das Volk von Athen — +desselben Athens, das auch noch den „unbekannten Göttern“ Altäre baute +— von der Unerbittlichkeit der spanischen Inquisition. Man hat nur +die lange Reihe antiker Denker und historischer Persönlichkeiten zu +mustern, die der Heilighaltung des Kultus geopfert wurden. Sokrates +und Diagoras wurden der Asebeia wegen hingerichtet; Anaxagoras, +Protagoras, Aristoteles, Alkibiades konnten sich nur durch Flucht +retten. Die Zahl der wegen Kultfrevels Hingerichteten zählt allein in +Athen und nur während der Jahrzehnte des Peloponnesischen Krieges nach +Tausenden. Nach der Verurteilung des Protagoras wurden seine Schriften +von Haus zu Haus gesucht und verbrannt. In Rom beginnen die historisch +noch erkennbaren Akte dieser Art mit der 181 vom Senat angeordneten +öffentlichen Verbrennung der pythagoräischen „Bücher des Numa“, und von +da an folgen ohne Unterbrechung Ausweisungen einzelner Philosophen und +ganzer Schulen, späterhin Hinrichtungen und die feierliche Verbrennung +von Schriften, die der Religion gefährlich werden konnten. Hierher +gehört die Tatsache, daß allein zur Zeit der Diktatur Cäsars die +Stätten des Isiskultes von den Konsuln viermal zerstört worden sind, +und daß Tiberius das Bild der Göttin in die Tiber werfen ließ. Die +Nichtbegehung des Geburtstages des Cäsar war unter Strafe gestellt. +Die Verweigerung des Divusopfers war unzweifelhaft eine Auflehnung +gegen das antike Religionsempfinden. In allen Fällen handelt es sich +um „Atheismus“, wie er sich aus dem <em class="gesperrt">antiken</em> Gottgefühl ergab +und wie er sich als theoretische oder praktische Mißachtung des Kultus +manifestierte. Wer in diesen Dingen nicht das eigne, abendländische +Empfinden aus dem Spiele lassen kann, wird nie in das Wesen der hier +zugrunde liegenden seelischen Phänomene eindringen. Dichter und +Philosophen durften Mythen erfinden und Göttergestalten umbilden, +soviel sie wollten. Die dogmatische Deutung des sinnlich Gegebenen +stand in jedermanns Belieben. Man konnte die Götter in Satyrspielen +und<span class="pagenum" id="Seite_587">[S. 587]</span> Komödien nach Herzenslust lächerlich machen — selbst das griff +nicht an ihre euklidische Existenz —, aber an den Kultus, die +plastische Gestaltung der Götterverehrung, durfte nicht gerührt werden. +Hier fand die Duldung des antiken Menschen ein Ende. Hier war das +eigentliche Wesen seiner Religion angetastet. Cäsar, ein vollkommener +Skeptiker, hat für die Wiederherstellung alter Kulte peinlichst Sorge +getragen. Man mißversteht die feinen Geister der ersten Kaiserzeit, +wenn man es als Heuchelei nimmt, daß sie, ohne irgendeinen Mythus noch +ernst zu nehmen, alle Verpflichtungen des Staatskultus, vor allem des +allenthalben tief empfundenen Kaiserkultes auf sich nahmen. Umgekehrt +stand es dem Dichter und Denker der gereiften faustischen Kultur frei, +„nicht zur Kirche zu gehen“, die Beichte zu meiden, bei Prozessionen +daheim zu bleiben, in protestantischer Umgebung ohne alle Verbindung +mit kirchlichen Institutionen zu leben, nicht aber an dogmatische +Einzelheiten zu rühren. Das war innerhalb aller Konfessionen und Sekten +(das Freidenkertum nochmals ausdrücklich einbegriffen) gefährlich. +Das Beispiel des stoischen Römers, der ohne Glauben an die Mythologie +die sakralen Formen pietätvoll beobachtet, findet sein Gegenstück an +Menschen der Aufklärungszeit wie Lessing und Goethe, die, ohne die +kirchlichen Gebräuche zu erfüllen, doch niemals an den „Grundwahrheiten +des Glaubens“ zweifeln.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_12">12</h4> + +</div> + +<p>Kehren wir vom gestaltgewordnen Naturgefühl zur systemgewordnen +Naturerkenntnis zurück, so kennen wir Gott oder die Götter als den +Ursprung der Gebilde, durch welche der Geist reifer Kulturen sich +der Umwelt begrifflich zu bemächtigen sucht. Die starke Religiosität +der Mechanik Newtons und die fast vollkommen atheistisch formulierte +moderne Dynamik sind von gleicher Farbe, Position und Negation +desselben Urgefühls. Ein physikalisches System trägt mit Notwendigkeit +alle Züge der Seele, zu deren Formenwelt es gehört. Zur antiken Statik +und euklidischen Geometrie gehört der olympische Polytheismus. Zur +Dynamik und analytischen Geometrie gehört der Deismus des Barock. Seine +drei Grundprinzipien Gott, Freiheit und Unsterblichkeit<span class="pagenum" id="Seite_588">[S. 588]</span> heißen in der +Sprache der Mechanik das Prinzip der Trägheit (Galilei), das Prinzip +der kleinsten Wirkung (d’Alembert) und das Prinzip der Erhaltung der +Energie (Mayer).</p> + +<p>Was wir heute ganz allgemein Physik nennen, ist in der Tat ein +Barockphänomen. Es wird nicht mehr als paradox empfunden werden, +wenn ich insbesondere diejenige Vorstellungsweise, welche auf der +Annahme von Fernkräften und den der naiv-antiken Anschauung völlig +fremden Fernwirkungen, der Attraktion und Repulsion von Massen +beruht, in Erinnerung an die gleichzeitige Epoche der Architektur +(Vignola) als den Jesuitenstil in der Physik bezeichne, wie mir ganz +ebenso die Infinitesimalrechnung, die nur im Abendlande und gerade +damals entstand und nur dort entstehen konnte, den Barockstil, +den Jesuitenstil in der Mathematik darzustellen scheint. Wer die +Physik für eine ewige Wissenschaft hält, die sich in Jahrtausenden +fortschreitend vervollkommnet und sich „der“ Wahrheit mehr und mehr +nähert, hat das Bedingte in ihr, die Gewißheit, von späteren Kulturen +und deren andersgeartetem Naturgefühl völlig mißverstanden, verachtet +und wieder vergessen zu werden, und damit ihren tieferen Sinn nicht +begriffen. Symbole vergehen, und die Formenwelt einer Physik ist ein +Symbol. Die gesamte moderne Naturwissenschaft ist Teil des Ausdrucks +der faustischen Seele, und damit sind Anfang, Ende und Umfang ihres +historisch-lebendigen Daseins unwiderruflich festgelegt.</p> + +<p>Die abendländische Physik ist ihrem Typus nach dogmatisch, nicht +kultisch. Ihr Inhalt ist das <em class="gesperrt">Dogma von der Kraft</em>, die mit dem +Raume, der Distanz identisch ist, das von der unendlichen Wirkung in +die Ferne, von der <em class="gesperrt">Tat</em>, nicht der <em class="gesperrt">Haltung</em>. Ihre Tendenz +ist demnach die fortschreitende Überwindung des Augenscheins. Von +einer noch sehr „antiken“ Einteilung in eine Physik des Auges (Optik), +Ohres (Akustik) und Hautsinnes (Wärmelehre) ausgehend hat sie die +Sinnesempfindungen allmählich ganz ausgeschaltet und durch abstrakte +Beziehungssysteme ersetzt, so daß z. B. die strahlende Wärme infolge +der Vorstellungen von den Bewegungen des Äthers heute in der Optik +behandelt wird.</p> + +<p>„Kraft“ ist ein Urbegriff, der nicht vom Geiste konstruiert<span class="pagenum" id="Seite_589">[S. 589]</span> worden +ist, der im Gegenteil die Struktur des westeuropäischen Geistes +ausbilden half.<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[121]</a></p> + +<p>Es ist das Gefühl von Gott, das logisch in Erscheinung tritt: Aus +der instinktiven Polarität von Gott und Welt wird die intellektuelle +von Kraft und Masse. Indem man ein Etwas im Naturbilde Kraft nannte, +hatte man die erkannte, nicht die erlebte, die geistig, nicht seelisch +erfüllte Natur einer Symbolik unterworfen. Eine physikalische Theorie +ist ein intellektueller Mythus.</p> + +<p>Daß diese Kraft oder Energie in der Tat eine zum Begriff erstarrte Idee +und nicht entfernt ein reines Resultat wissenschaftlicher Forschung +ist, wird durch die oft übersehene Tatsache bestätigt, daß das +Grundprinzip der Dynamik, der bekannte erste Hauptsatz der mechanischen +Wärmetheorie, überhaupt nichts über das Wesen der Energie aussagt. Daß +die „Erhaltung der Energie“ in ihm fixiert sei, ist eigentlich ein +falscher, aber psychologisch sehr bezeichnender Ausdruck. Die Dynamik +kann ihrer Natur nach nur Relatives, nur Energie<em class="gesperrt">differenzen</em> +feststellen, und ihre Gesetze beziehen sich allein darauf. Es bleibt +jedesmal, wie man sich ausdrückt, eine additive Konstante unbestimmt, +d. h. man sucht das mit dem inneren Auge aufgefaßte Bild einer Kraft +festzuhalten, obwohl die wissenschaftliche Praxis nichts damit zu tun +hat.</p> + +<p>Aus dieser Genesis des Kraftbegriffs folgt, daß er, über die +Möglichkeiten der strengen Logik hinausgreifend, nicht etwa von ihr +geprägt, ebensowenig genau definierbar ist wie die ebenfalls in den +antiken Sprachen fehlenden Begriffe des Willens und des Raumes. Es ist +unmöglich, das Gefühl von Gott exakt in eine extensiv-begriffliche +Form zu bringen. Es bleibt ein gefühlter, geschauter Rest, der jede +tatsächlich erfolgte Definition zu einem Bekenntnis ihres Urhebers +macht. Jeder Denker, Mathematiker und Physiker des Barock hat hier ein +inneres<span class="pagenum" id="Seite_590">[S. 590]</span> Erlebnis, das er in Worte kleidet. Man denke an Goethe, der +seinen Begriff einer Weltkraft nicht hätte definieren können und mögen, +aber seiner gewiß war. Kant nannte die Kraft die Erscheinung eines an +sich Seienden („Die Substanz im Raume, den Körper, kennen wir nur durch +Kräfte“). Laplace nannte sie eine Unbekannte, deren Wirkungen wir nur +erkennen; Newton hatte an immaterielle Fernkräfte gedacht. Leibniz +sprach von der <i>vis viva</i> als einem Quantum, das mit der Materie +zusammen die Einheit der Monade bildet. Descartes war ebensowenig wie +einzelne Denker des 18. Jahrhunderts (Lagrange) gewillt, Bewegung von +Bewegtem prinzipiell zu sondern. Neben <i>potentia</i>, <i>impetus</i>, +<i>virtus</i> finden sich Umschreibungen mit <i>conatus</i> und +<i>nisus</i>, wo offenbar die Kraft von der auslösenden Ursache +nicht gesondert worden ist (der „Wille Gottes“). Es ist sehr wohl +möglich, katholische, protestantische und atheistische Kraftbegriffe +zu unterscheiden. Spinoza, als Jude, seelisch also noch der magischen +Kultur zugehörig, vermochte den faustischen Kraftbegriff überhaupt +nicht zu rezipieren. Er fehlt in seinem System. Und es ist ein +erstaunliches Zeichen für die Intensität der Urbegriffe, daß H. Hertz, +der einzige Jude unter den großen Physikern der Jetztzeit, auch der +einzige ist, der den Versuch gemacht hat, das Dilemma der Mechanik +durch <em class="gesperrt">Ausschaltung</em> des Kraftbegriffs zu lösen.</p> + +<p>Das Dogma von der Kraft ist das <em class="gesperrt">einzige</em> Thema der faustischen +Physik. Was unter dem Namen Statik als Teil der Naturwissenschaft +durch alle Systeme und Jahrhunderte geschleppt wurde, ist eine +Fiktion. Es steht mit einer „modernen Statik“ nicht anders als mit +der „Arithmetik“ und „Geometrie“, wörtlich den Lehren vom Zählen und +Messen, die innerhalb der neueren Analysis ebenfalls, wenn man mit den +Worten überhaupt noch den ursprünglichen Sinn verbindet, leere Namen, +literarische Reste antiker Wissenschaften sind, die zu beseitigen oder +auch nur als Scheingebilde zu erkennen uns die Ehrfurcht vor allem +Antiken nicht gestattet hat. Es gibt keine abendländische Statik, d. h. +keine dem abendländischen Geist natürliche Art der Interpretation +mechanischer Tatsachen, welche die Begriffe Gestalt und Substanz +(allenfalls Raum und Masse) statt Raum, Zeit, Masse und Kraft zugrunde +legt. Man kann das auf<span class="pagenum" id="Seite_591">[S. 591]</span> jedem einzelnen Gebiet nachprüfen. Selbst die +„Temperatur“, die doch am ehesten den antik-statischen Eindruck einer +passiven Größe macht, läßt sich diesem System erst einordnen, wenn sie +im Bild einer Kraft erfaßt wird: Die Wärmemenge als Inbegriff der sehr +schnellen, feinen, unregelmäßigen Bewegungen der Atome eines Körpers, +seine Temperatur als die mittlere lebendige Kraft dieser Atome.</p> + +<p>Die Renaissance hatte die archimedische Statik wiederzuerwecken +geglaubt, ebenso wie sie die hellenische Plastik fortzusetzen glaubte. +In beiden Fällen hat sie die endgültigen Konzeptionen des Barock, und +zwar aus dem Geiste der Gotik, nur vorbereitet. Mantegna gehört zur +Statik der Bildmotive, auch Raffael, dessen Geste man später steif und +kalt gefunden hat; mit Lionardo beginnt die Dynamik, und Rubens ist +ein Maximum der Bewegtheit schwellender Leiber. Das hintergrundlose +Fresko ist eine statische, das perspektivische Ölgemälde eine +dynamische Gattung. Das Fresko malt körperhafte Grenzen, das Ölbild +löst sie auf. Der Impressionismus endlich stellt eine reine Dynamik der +Farben dar; Körpergrenzen gegen den Raum bedeuten ihm nicht mehr wie +der Elektrodynamik, in deren Kraftfeldern sie mathematisch von ganz +untergeordneter Bedeutung sind.</p> + +<p>Im Sinne der Renaissancephysik hat noch 1629 Nicolaus Cabeo aus +Ferrara, ein Jesuit, eine Theorie des Magnetismus im Stile der +aristotelischen Weltauffassung entwickelt, die ebenso wie die +florentinische Freskotechnik keine Folgen haben konnte, nicht weil sie +„falsch“ gewesen wäre, sondern weil sie dem faustischen Naturgefühl +widersprach, das durch die Renaissance eben aus der arabisch-magischen +Vormundschaft befreit worden war und das nun eigene Formen für den +Ausdruck seiner Welterkenntnis brauchte. Cabeo verzichtet auf die +Begriffe Kraft und Masse und beschränkt sich auf die klassischen: +Stoff und Gestalt, das heißt, er geht vom Geiste der Architektur des +alternden Michelangelo und des Vignola auf den Michelozzos und Raffaels +zurück und entwirft so ein vollkommen in sich geschlossenes, aber für +die Zukunft belangloses System. Der Magnetismus als Zustand einzelner +Körper, nicht als Kraft im grenzenlosen Raume — das konnte das innere +Auge des westeuropäischen<span class="pagenum" id="Seite_592">[S. 592]</span> Menschen nicht befriedigen. Wir brauchten +eine Theorie der Ferne, nicht der Nähe. Ein andrer Jesuit, Boscovich, +hat dann Newtons mathematisch-mechanische Prinzipien als erster zu +einer umfassenden eigentlichen Dynamik ausgestaltet (1758).</p> + +<p>Galilei stand noch unter dem Eindruck starker Reminiszenzen des +Renaissancegefühls, dem die Antithese von Kraft und Masse, aus der im +architektonischen, malerischen und physikalischen Stil das Element der +<em class="gesperrt">großen Bewegung</em> folgt, fremd war. Er beschränkt die Vorstellung +der Kraft noch auf Berührungskräfte (Stoß) und formuliert lediglich +eine Erhaltung der Quantität der Bewegung. Damit hält er am älteren +Prinzip der Bewegung unter Ausschluß eines räumlichen <em class="gesperrt">Pathos</em> +fest, und erst Leibniz entwickelte, gegen ihn polemisierend, die Idee +der eigentlichen, im unendlichen Raume wirksamen, <em class="gesperrt">freien</em> Kräfte +(lebendige Kraft, <i>activum thema</i>), die er dann im Zusammenhange +mit seinen mathematischen Entdeckungen vollkommen durchführte. An +Stelle der Erhaltung der Bewegungsquantität trat die Erhaltung der +lebendigen Kräfte. Das entspricht dem Ersatz der Zahl als Größe durch +die Zahl als Funktion.</p> + +<p>Der Begriff der Masse wurde erst etwas später, als Gegenbegriff zur +Kraft, deutlich ausgebildet. Bei Galilei und Kepler erscheint an +seiner Stelle das Volumen, und erst Newton hat ihn mit Bestimmtheit +<em class="gesperrt">funktional</em> gefaßt (die Welt als Funktion Gottes). Es ist dem +Renaissanceempfinden völlig widersprechend, daß die Masse — heute +definiert als das konstante Verhältnis von Kraft und Beschleunigung +in bezug auf ein System materieller Punkte — dem Volumen keineswegs +proportional ist, wofür die Planeten ein wichtiges Beispiel gaben.</p> + +<p>Aber Galilei mußte doch schon nach <em class="gesperrt">Ursachen</em> der Bewegung fragen. +Diese Frage hatte innerhalb einer eigentlichen, auf die Begriffe Stoff +und Form beschränkten Statik keinen Sinn. Für Archimedes war die +Ortsveränderung neben der Gestalt als dem eigentlichen Wesen alles +extensiven Daseins belanglos; was hätte auf die Körper wirken sollen +— von außen —, da der Raum „nicht ist“? Die Dinge bewegen sich, sie +werden nicht bewegt. Erst Newton schuf in völliger Unabhängigkeit<span class="pagenum" id="Seite_593">[S. 593]</span> von +der Fühlweise der Renaissance den Begriff der <em class="gesperrt">Fernkräfte</em>, der +Anziehung und Abstoßung von Massen durch den Raum hindurch. Diese Idee +hat nichts sinnlich Greifbares mehr, und Newton selbst empfand vor ihr +einiges Unbehagen. Sie hatte ihn, nicht er sie ergriffen. Es ist der +dem unendlichen Raume zugewandte Geist des Barock selbst, der diese +<em class="gesperrt">kontrapunktische, gänzlich unplastische</em> Konzeption hervorgerufen +hat. Und zwar mit einem inneren Widerspruch. Man hat diese Fernkräfte +niemals hinreichend definieren können. Kein Mensch hat je begriffen, +was eigentlich Zentrifugalkraft ist. Ist die Kraft der sich um ihre +Achse drehenden Erde die Ursache dieser Bewegung oder umgekehrt? Oder +sind beide identisch? Wenn eine Bewegung in Erscheinung tritt — +ist sie dann Wirkung einer Ursache, und ist diese Ursache, logisch +isoliert, eine Kraft oder eine andere Bewegung? Wie unterscheiden +sich Kraft und Bewegung? Die Veränderungen im Planetensystem sollen +Wirkungen einer Zentrifugalkraft sein. Aber dann müßten die Körper +aus ihrer Bahn geschleudert werden, und da dies nicht der Fall ist, +nimmt man auch noch eine Zentripetalkraft an. Aber was bedeuten diese +Worte? Die Unmöglichkeit, hier Ordnung und Klarheit zu schaffen, hatte +Heinrich Hertz bewogen, auf den Kraftbegriff überhaupt wieder zu +verzichten und sein System der Mechanik durch die äußerst künstliche +Annahme von festen Koppelungen zwischen Lagen und Geschwindigkeiten +auf das Prinzip der Berührung (Stoß) zurückzuführen. Aber damit sind +die Verlegenheiten nur verdeckt, nicht behoben. Sie sind spezifisch +faustischer Natur und wurzeln im tiefsten Wesen der Dynamik. „Dürfen +wir von Kräften reden, welche erst durch Bewegung entstehen?“ Gewiß +nicht. Aber können wir auf die dem abendländischen Geiste eingebornen +Urbegriffe verzichten, weil sie undefinierbar sind? Hertz selbst hat +keinen Versuch gemacht, sein System praktisch in Anwendung zu bringen.</p> + +<p>„Die Erscheinung — sagt Goethe — ist vom Beobachter nicht losgelöst, +vielmehr in dessen Individualität verschlungen und verwickelt.“ Gerade +die letzten, vermeintlich objektivsten Begriffe der Naturerkenntnis +sind Symbole, sind aus einem Gefühl entsprungen, das in dieser Gestalt +nur der Seele einer<span class="pagenum" id="Seite_594">[S. 594]</span> bestimmten, der apollinischen, magischen, +faustischen Seele eigen ist. So gering der organische Rest in ihnen +sein mag, er läßt sich nicht überwinden, denn der Physiker arbeitet +nicht nur als Intellekt, sondern als Mensch, als der er Ausdruck und +Organ seiner Kultur ist. Jede Erkenntnis ist nicht nur ein Resultat, +sondern auch ein Akt.</p> + +<p>Man erinnere sich nochmals, daß nicht die bloßen geschriebenen oder +gesprochenen Formeln, sondern die den toten Ziffern unterlegten +Bilder, die ihnen erst Blut und Seele geben, das <em class="gesperrt">Wesen</em> der +Physik ausmachen. Die Kraft ist ein solches Bild. Die beiden möglichen +Natureindrücke des Kulturmenschen, die lebendige Goethesche und +die tote Newtonische Natur sind einander verwandt. Und zwar folgt +die zweite aus der ersten. Das Werden, in den Worten Leben, Zeit, +Schicksal, Richtung, Gott sich offenbarend liegt dem Gewordnen, das mit +dem Erkannten identisch ist, zugrunde. Die physikalische Phantasie des +faustischen Menschen drängt stets zur Imagination unendlich bewegter +Scharen von kleinsten Elementen. Dies Prinzip, dem die Mathematik +in der Gruppentheorie, der Mengenlehre Rechnung getragen hat, kehrt +in der kinetischen Gastheorie, der Vorstellung von Kraftfeldern, +Ionen, Elektronen wieder. Aber es ist dasselbe, was das Weltgefühl +der früheren Jahrhunderte längst in seinen Kobolden, Zwergen und +Wichten, in dem „stillen Volk“ in Wiesen und Bergen, den Elfen, die +im Laub, im Sonnenlichte „weben“, den in imaginären Räumen liegenden +Reichen von elbischen winzigen rastlosen Wesen verkörpert hat, und +hier haben wir den Ursprung dessen zu suchen, was die Worte Kraft und +Bewegung enthalten und was über alle Möglichkeiten logischer Fixierung +hinausgeht.</p> + +<p>Diese immanente Verlegenheit der modernen Mechanik wird durch die +von Faraday begründete Potentialtheorie — nachdem der Schwerpunkt +des physikalischen Denkens aus der Dynamik der Materie in die +Elektrodynamik des Äthers gerückt war — keineswegs beseitigt. Der +berühmte Experimentator, der durchaus Visionär und unter allen Meistern +der neuern Physik der einzige Nichtmathematiker war, bemerkte 1846: +„Ich nehme in irgendeinem Teil des Raumes, mag er nach dem gewöhnlichen +Sprachgebrauch leer oder von Materie erfüllt sein, nichts wahr<span class="pagenum" id="Seite_595">[S. 595]</span> als +Kräfte und die Linien, in denen sie ausgeübt werden.“ In dieser +Definition tritt die ihrem Gehalte nach organische, das Erlebnis des +Erkennenden bezeichnende, spezifisch historische Richtungstendenz +— der Wille zur Macht — deutlich hervor; damit knüpft Faraday +metaphysisch an Newton an, dessen Fernkräfte ein immaterielles Prinzip +darstellen, dessen Kritik der fromme Physiker ausdrücklich ablehnte. +Der zweite noch mögliche Weg, zu einem eindeutigen Begriff der Kraft +zu gelangen — von der „Welt“, nicht von „Gott“, vom Objekt, nicht vom +Subjekt des natürlichen Bewegtseins aus —, führte eben damals zur +Konzeption des Begriffs der <em class="gesperrt">Energie</em>, die im Unterschiede von der +Kraft ein Quantum, keine Richtung darstellt und insofern an Leibniz +und an dessen Idee der lebendigen Kraft mit ihrer unveränderlichen +Quantität anknüpft; man sieht, daß hier wesentliche Merkmale des +Massebegriffs herübergenommen worden sind, derart, daß sogar der +bizarre Gedanke einer atomistischen Struktur der Energie in Erwägung +gezogen worden ist.</p> + +<p>Indessen ist mit dieser Neuordnung der Eigenschaften das Grundgefühl +vom Vorhandensein einer Weltkraft und ihres Substrats nicht verändert +und damit die Unlösbarkeit des Bewegungsproblems nicht widerlegt worden.</p> + +<p>Man wird sich erinnern, daß im vorigen Kapitel der Abstieg von der +tragischen zur Plebejermoral, von der Kultur zur Zivilisation des +westeuropäischen Menschen durch den Übergang vom ethischen Grundprinzip +der <em class="gesperrt">Tat</em> zu dem der <em class="gesperrt">Arbeit</em> charakterisiert wurde. Der +große Mensch der Vergangenheit von den Hohenstaufen bis zu Napoleon +<em class="gesperrt">verrichtete Taten</em>, der moderne Gehirnmensch, sei er Feldherr +oder Experimentator, <em class="gesperrt">arbeitet</em>. Wir sind alle Arbeiter, und +der Unterschied besteht nur noch zwischen geistiger und ungeistiger +Arbeit. Es ist überaus bezeichnend, daß sich genau derselbe +Begriffswechsel in der physikalischen Formensprache vollzieht. Das +Naturbild Brunos, Newtons, Goethes imaginiert ein göttliches Prinzip, +das sich in Taten auswirkt. Die zivilisierte, atheistische Physik +setzt den Begriff auf ein intellektuelles Niveau herab: die Natur +„<em class="gesperrt">leistet Arbeit</em>“. Unter diesem Eindruck steht die heutige +Mechanik. Die entscheidende Entdeckung J. R. Mayers fällt mit der +Geburt der sozialistischen Theorie zusammen. Gleichzeitig<span class="pagenum" id="Seite_596">[S. 596]</span> vollzieht +sich der sehr tiefliegende Begriffswechsel von der Kraft zur Energie +(einem <em class="gesperrt">Quantum</em>). Man wird ferner die strenge Kongruenz dieser +Formenwelt mit der gleichzeitig ausgebildeten der Nationalökonomie +bemerken. Nationalökonomie — das war, wie wir sahen, die notwendige +Fassung der praktischen Dynamik eines willensstarken Menschentums, das +nach Dauer, Zukunft, Macht, Tat strebt. Auch die nationalökonomischen +Systeme operieren mit denselben Begriffen; seit Adam Smith wird das +Wertproblem mit dem <em class="gesperrt">Arbeitsquantum</em> in Beziehung gesetzt; das ist +Quesney und Turgot gegenüber der Schritt von einer organischen zu einer +mechanischen Struktur des Wirtschaftsbildes. Was hier als „Arbeit“ +der Theorie zugrunde liegt, ist rein dynamisch gemeint. Man könnte +die genauen Analoga der Prinzipien von der Erhaltung der Energie, +der Entropie, der kleinsten Wirkung auffinden. Man vergleiche diese +parallele Entwicklung mit jener der antiken — volkswirtschaftlichen +<em class="gesperrt">und</em> physikalischen — Statik, und man wird einsehen, in welchem +Grade die vermeintliche „Erfahrung“ von der geistigen Gestaltungskraft +vorausbestimmt wird.</p> + +<p>Betrachtet man demnach die Stadien, welche der zentrale Begriff der +Kraft seit seiner Geburt im frühen Barock durchlaufen hat, und zwar +in genauester Verwandtschaft mit den Formenwelten der großen Künste +und der Mathematik, so findet man drei: Im 17. Jahrhundert (Galilei, +Newton, Leibniz) trat er bildhaft ausgeprägt neben die große Ölmalerei, +die um 1680 erlosch; im 18., dem der klassischen Mechanik (Laplace, +Lagrange), stand er neben der Musik Bachs und empfing den intuitiven +Charakter des kontrapunktischen Stils; im 19., wo die Künste zu Ende +sind und die zivilisierte Intelligenz das Seelenhafte überwältigt, +erscheint er in der Sphäre der reinen Analysis, und zwar insbesondere +der Theorie der Funktionen von mehreren komplexen Variablen, ohne die +er sich in seiner modernsten Bedeutung kaum mehr verständlich machen +läßt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_13">13</h4> + +</div> + +<p>Damit aber ist — darüber täusche sich niemand — die westeuropäische +Physik an der Grenze ihrer inneren Möglichkeiten<span class="pagenum" id="Seite_597">[S. 597]</span> angelangt. Der Sinn +ihrer Erscheinung war, das faustische Naturgefühl in Erkenntnis, die +Gestalten eines frühzeitlichen Glaubens in mechanische Formen eines +exakten Wissens zu verwandeln. Daß die einstweilen noch zunehmende +Gewinnung praktischer oder auch nur gelehrtenhafter Ergebnisse — ein +Oberflächenphänomen der Wissenschaftsgeschichte — mit der raschen +Zersetzung ihres Wesenskerns nichts zu tun hat, braucht kaum gesagt zu +werden. Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts erfolgen alle Schritte +in der Richtung einer inneren Vollendung, einer wachsenden Reinheit, +Schärfe und Fülle des dynamischen Naturbildes; von da an, wo ein +Optimum von Deutlichkeit im Theoretischen erreicht ist, beginnen sie +plötzlich auflösend zu wirken. Das geschieht nicht absichtlich; das +kommt den hohen Intelligenzen der modernen Physik nicht einmal zum +Bewußtsein. Darin liegt eine unabwendbare historische Notwendigkeit. +Die antike Physik hatte sich in demselben Stadium, um 200 v. Chr., +innerlich vollendet. Die Analysis kam mit Gauß, Cauchy und Riemann zum +Ziele und füllt heute nur noch die Lücken ihres Gebäudes aus.</p> + +<p>Daher erheben sich plötzlich vernichtende Zweifel an Dingen, die +noch gestern das unbestrittene Fundament der physikalischen Theorie +bildeten, am Sinne des Energieprinzips, am Begriff der Masse, des +Raumes, der absoluten Zeit, des kausalen Naturgesetzes überhaupt. +Das sind nicht mehr jene schöpferischen Zweifel des frühen Barock, +die einem Erkenntnisziele entgegenführen; diese Zweifel gelten der +Möglichkeit einer Naturwissenschaft überhaupt. Welche tiefe und von +ihren Urhebern offenbar gar nicht gewürdigte Skepsis liegt allein in +der rasch zunehmenden Benützung abzählender, statistischer Methoden, +die nur eine Wahrscheinlichkeit der Ergebnisse bezwecken und die +absolute Exaktheit der Naturgesetze, wie man sie früher hoffnungsvoll +verstand, ganz aus dem Spiele lassen!</p> + +<p>Wir nähern uns dem Augenblick, wo man die Möglichkeit einer +geschlossenen und in sich widerspruchslosen Mechanik endgültig +aufgibt. Ich hatte gezeigt, wie jede Physik an dem Bewegungsproblem +scheitern muß, in welchem die lebendige Person des Erkennenden in die +anorganische Formenwelt der vollzogenen Erkenntniselemente hereinragt. +Aber alle neuesten Hypothesen<span class="pagenum" id="Seite_598">[S. 598]</span> enthalten diese Verlegenheit in einer +nach dreihundertjähriger Denkarbeit erzielten äußersten Zuspitzung, +die keine Täuschung mehr zuläßt. Die Gravitationstheorie, seit Newton +eine unumstößliche Wahrheit, ist als eine zeitlich beschränkte +und schwankende Annahme erkannt worden. Das Prinzip der Erhaltung +der Energie hat keinen Sinn, wenn die Energie unendlich in einem +unendlichen Raume gedacht wird. Die Annahme des Prinzips läßt sich +mit keiner Art von dreidimensionaler Struktur des Weltraums, weder +der unendlichen euklidischen, noch (unter den nichteuklidischen +Geometrien) der sphärischen mit ihrem unbegrenzten, aber endlichen +Volumen vereinen. Seine Gültigkeit wird also auf ein „nach außen +abgeschlossenes System von Körpern“ beschränkt, eine künstliche +Begrenzung, die es in Wirklichkeit nicht gibt und nicht geben kann. +Man wird zugeben, daß das Weltgefühl des faustischen Menschen, aus +dem diese grundlegende Vorstellung — <em class="gesperrt">die Unsterblichkeit der +Weltseele</em>, mechanistisch und extensiv umgedacht — hervorging, +gerade die symbolische Unendlichkeit hatte ausdrücken wollen. So +<em class="gesperrt">fühlt</em> man, aber der Intellekt vermochte das in seiner Sphäre +nicht zu verifizieren. Es war ferner der Lichtäther ein ideales +Postulat der modernen Naturerkenntnis, die zu jeder Bewegung die +Vorstellung eines Bewegten forderte. Aber jede denkbare Hypothese +über die Beschaffenheit des Äthers wurde sofort durch innere +Widersprüche widerlegt. Insbesondere hat Lord Kelvin mathematisch +nachgewiesen, daß es eine einwandfreie Struktur dieses Lichtträgers +nicht gibt. Da Lichtwellen nach der Interpretation der Versuche +Fresnels transversal sind, müßte der Äther ein fester Körper (mit +wahrhaft grotesken Eigenschaften) sein, aber in diesem Falle +würden die Elastizitätsgesetze für ihn gelten, und die Lichtwellen +wären demnach longitudinal. Die Maxwell-Hertzschen Gleichungen der +elektromagnetischen Lichttheorie, die in der Tat reine, unbenannte +Zahlen von unzweifelhafter Gültigkeit sind, schließen jede Deutung +durch irgendeine Mechanik des Äthers aus. Man hat nun den Äther, vor +allem unter dem Eindruck der Folgerungen aus der Relativitätstheorie, +als das reine Vakuum definiert, was doch nicht viel andres als eine +Zerstörung des dynamischen Urbildes bedeutet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_599">[S. 599]</span></p> + +<p>Seit Newton besaß die Annahme einer konstanten Masse — des +Gegenstückes der konstanten Kraft — unbestrittene Gültigkeit. Moderne +Hypothesen, die auf Grund von experimentellen Erfahrungen notwendig +geworden waren, haben diese Annahme zerstört. Jedes abgeschlossene +System besitzt neben der kinetischen Energie noch die Energie der +strahlenden Wärme, die nicht von ihr trennbar und deshalb durch den +Begriff der Masse nicht rein darstellbar ist. Denn wird die Masse +durch die lebendige Energie definiert, so ist sie im Hinblick auf +den thermodynamischen Zustand nicht mehr konstant. Aber weit über +diese partiellen Zweifel hinaus greift das Relativitätsprinzip, die +revolutionäre Theorie vom Beginn des 20. Jahrhunderts, in den Kern der +Dynamik ein.</p> + +<p>Bekanntlich hat der Begriff Bewegung im leeren Raume keinen Sinn. Das +wissenschaftliche Denken kennt nur Lageveränderungen mehrerer Körper +relativ zueinander. In diesem Falle aber wendet das <em class="gesperrt">antike</em> +Weltgefühl greifbare, <em class="gesperrt">absolute Maße</em> an, um absolute +Bewegungsgrößen zu messen. Hier liegt also ein Rest von plastischem, +statuenhaftem Empfinden (sinnlicher Konstanz) vor, den das faustische +Naturdenken noch aufzulösen hatte.</p> + +<p>Gibt es absolute Maße? Nimmt man in kosmischen Verhältnissen den +Abstand der Erde von der Sonne als Maßeinheit, so ist der Lichtweg +zu messen; es gibt keine andere Möglichkeit. Das Licht aber braucht +Zeit, und damit tritt ein organischer, historischer Faktor in den Akt +der messenden Vergleichung ein. Abstände werden durch Lichtsignale +abgegrenzt, und es fragt sich, in welcher Zeit das Licht (bei +gleichbleibender Geschwindigkeit) von der Sonne her die Erde erreicht. +Wir kennen die Bewegung der Erde relativ zur Sonne, nicht aber +die absolute Bewegung des Sonnensystems im Raume, die etwa in der +Richtung von der Erde zur Sonne oder umgekehrt stattfinden könnte. +Aber in diesen Fällen wird der tatsächliche Lichtweg abgekürzt oder +verlängert, da der Beobachter dem Licht entgegenkommt oder sich von +ihm entfernt, und damit verliert die Lichtzeit die Eigenschaft einer +absoluten Größe, weil nach dem berühmten Versuch von Michelson die +Geschwindigkeit des Lichtes von der Bewegung der durchdrungenen Körper +unberührt bleibt. Daraus<span class="pagenum" id="Seite_600">[S. 600]</span> ergeben sich unabsehbare Folgerungen. So gut +wir eine Bewegung nur als Lageveränderungen eines Körpers relativ zu +einem andern auffassen können — die ägyptischen Pyramiden, die relativ +zur Erde ruhen, bewegen sich doch relativ zur Sonne mit gewaltiger +Geschwindigkeit durch den Weltraum —, so gut ist eine Zeit nur in +bezug auf den Standort eines Beobachters eindeutig meßbar; man kann +Fälle annehmen, wo für zwei Beobachter in bezug auf zwei Ereignisse die +Begriffe früher und später sich umkehren. <em class="gesperrt">Damit aber ist auch die +Konstanz aller physikalischen Größen aufgehoben, in deren Definition +die Zeit eingegangen ist</em>, und die westeuropäische Dynamik besitzt +im Gegensatz zur antiken Statik nur solche Größen. Eine Strecke messe +ich durch Vergleich der relativen Lage der Endpunkte, und dieser +Vergleich beansprucht Zeit. Man weiß, daß Fixsterne, deren Standort +durch das auf der Erde ankommende Licht bestimmt wird, an einer anderen +Stelle des Himmels erscheinen als der, die sie „wirklich“ einnehmen. +Dieselbe Strecke kann für verschiedene Beobachter je nach deren +„Bewegungszustand“ verschieden groß sein. Ein Körper, der für den +irdischen Beobachter eine Kugel ist, kann in bezug auf einen andern +ein Rotationsellipsoid sein. Starre Körper gibt es nur in bezug auf +ein bestimmtes System. Absolute Längen- und Zeitmaße gibt es überhaupt +nicht mehr. Damit fällt auch die Möglichkeit absoluter quantitativer +Bestimmungen und somit der übliche Begriff der Masse, denn die Masse +war als Funktion der Bewegung, als das konstante Verhältnis von Kraft +und Beschleunigung definiert worden. Es ist für die Elektronen bereits +nachgewiesen worden, daß deren Masse sich mit der Geschwindigkeit +ändert. In andern Fällen ist der Nachweis schwierig, denn Körper an der +Erdoberfläche, z. B. die Objekte beinahe aller physikalischen Versuche, +bewegen sich annähernd mit Erdgeschwindigkeit — die Elektronen aber +nicht, und diese Abweichung kommt in Gestalt einer Variabilität +ihrer Masse zum Vorschein. Die „Erhaltung der Masse“ im Weltraum ist +also ein Begriff ohne Sinn. Wie man sieht, ist hier das unantike, +funktionale Empfinden der faustischen Seele zum denkbar schärfsten +Ausdruck gelangt. Von den Faktoren des sinnlichen Augenscheins ist +nichts geblieben, nicht einmal die angeblich a priori<span class="pagenum" id="Seite_601">[S. 601]</span> vorhandenen +und konstanten Formen der Anschauung, Raum und Zeit, im Sinne Kants. +Es gibt nichts Greifbares und Plastisches mehr, das ein ruhendes Sein +spiegelt, keine Gestalt, keine Größe, kein Maß. Die Grundwerte des +newtonischen Weltbildes, ohnehin Elemente von höchst abstrakter Natur, +sind in das unendliche Gewebe von variablen Beziehungen aufgelöst, das +nunmehr die letzte Form der faustischen Natur, eine Gestalt von äußerst +unpopulärem und esoterischem Charakter, vor Augen führt.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_14">14</h4> + +</div> + +<p>In den Kreis dieser Symbole des Niedergangs gehört nun vor allem +die Entropie, bekanntlich das Thema des zweiten Hauptsatzes der +Thermodynamik. Der erste Hauptsatz, das Prinzip von der Erhaltung der +Energie, formuliert einfach das Wesen der Dynamik, um nicht zu sagen +die Struktur des westeuropäischen Geistes, dem allein die Natur mit +Notwendigkeit in der Form einer kontrapunktisch-dynamischen Kausalität +im Gegensatz zu der statisch-plastischen des Aristoteles erscheint. Das +Grundelement des faustischen Weltbildes ist nicht die <em class="gesperrt">Haltung</em>, +sondern die <em class="gesperrt">Tat</em>, mechanisch gesprochen der <em class="gesperrt">Prozeß</em>, und +dieser Satz fixiert lediglich den mathematischen Charakter dieser +Prozesse in Form von Variablen und Konstanten. Der zweite Satz aber +greift tiefer und stellt eine einseitige Tendenz des Naturgeschehens +fest, welche durch die begrifflichen Grundlagen der Dynamik in keiner +Weise a priori bedingt war.</p> + +<p>Die Entropie wird mathematisch durch eine Größe repräsentiert, die +durch den augenblicklichen Zustand eines in sich abgeschlossenen +Systems von Körpern bestimmt ist und die bei allen überhaupt möglichen +Änderungen physikalischer oder chemischer Art nur zunehmen, niemals +abnehmen kann. Im günstigsten Falle bleibt sie unverändert. Die +Entropie ist wie die Kraft und der Wille etwas, das jedem, der +überhaupt in das Wesen dieser Formenwelt einzudringen vermag, innerlich +vollkommen klar und deutlich ist, das aber von jedem anders und +offenbar unzulänglich formuliert wird. Auch hier versagt der Geist vor +dem Ausdrucksbedürfnis des Weltgefühls.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_602">[S. 602]</span></p> + +<p>Man hat, je nachdem die Entropie sich vermehrt oder nicht, die +Gesamtheit der Naturprozesse in nichtumkehrbare und umkehrbare +eingeteilt. Bei jedem Prozeß der ersten Art wird freie Energie +in gebundene verwandelt; soll diese tote Energie in lebendige +zurückverwandelt werden, so kann es nur dadurch geschehen, daß +gleichzeitig in einem damit verbundenen zweiten Prozeß ein Quantum +lebendiger Energie gebunden wird. Das bekannteste Beispiel ist die +Verbrennung von Kohle, d. h. die Umwandlung der in ihr aufgespeicherten +lebendigen Energie in die durch die Gasform der Kohlensäure gebundene +Wärme, wenn die latente Energie des Wassers in Dampfspannung und +weiterhin in Bewegung umgesetzt werden soll. Daraus folgt, daß die +Entropie im Weltganzen beständig zunimmt, so daß das dynamische +System sich offenbar einem wie immer gearteten Endzustande nähert. +Zu den nichtumkehrbaren Prozessen gehören Wärmeleitung, Diffusion, +Reibung, Lichtemission, chemische Reaktionen, zu den umkehrbaren +die Gravitation, elektrische Schwingungen, elektromagnetische und +Schallwellen.</p> + +<p>Was bisher nie empfunden worden ist, und weshalb ich in dem Satz von +der Entropie den Anfang der Vernichtung dieses Meisterstückes der +westeuropäischen Intelligenz, der Physik dynamischen Stils sehe, +ist der tiefe Gegensatz zwischen Theorie und Wirklichkeit, der hier +zum ersten Male ausdrücklich in die Theorie selbst hineingetragen +worden ist. Nachdem der erste Satz das strenge Bild eines kausalen +Naturgeschehens gezeichnet hatte, bringt der zweite durch das Phänomen +der Nichtumkehrbarkeit eine dem unmittelbaren Leben angehörende Tendenz +zum Vorschein, die dem Wesen des Mechanischen und Logischen prinzipiell +widerspricht.</p> + +<p>Verfolgt man die Konsequenzen der Entropielehre, so ergibt sich +erstens, daß theoretisch alle Prozesse umkehrbar sein <em class="gesperrt">müssen</em>. +Das gehört zu den Grundforderungen der Dynamik. Das fordert noch einmal +in aller Schärfe der erste Hauptsatz. Es ergibt sich aber zweitens, +daß <em class="gesperrt">in Wirklichkeit</em> sämtliche Naturvorgänge nichtumkehrbar +<em class="gesperrt">sind</em>. Nicht einmal unter den künstlichen Bedingungen des +experimentellen Verfahrens kann der einfachste Prozeß exakt umgekehrt, +d. h. ein einmal überschrittener Zustand wiederhergestellt werden. +Nichts ist bezeichnender<span class="pagenum" id="Seite_603">[S. 603]</span> für die Lage des gegenwärtigen Systems als +die Einführung der Hypothese der „elementaren Unordnung“, um den +Widerspruch zwischen geistiger Forderung und wirklichem Erlebnis +auszugleichen: Die „kleinsten Teilchen“ der Körper — ein Bild, nicht +mehr — führen durchweg umkehrbare Prozesse aus; in den wirklichen +Dingen befinden die kleinsten Teilchen sich in Unordnung und stören +einander; infolgedessen ist mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit der +natürliche, allein vom Beobachter erlebte, nichtumkehrbare Prozeß mit +einer Zunahme der Entropie verbunden. So wird die Theorie zu einem +Kapitel der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und statt seiner exakten +Methode tritt die statistische in Wirksamkeit.</p> + +<p>Man hat augenscheinlich nicht bemerkt, was das bedeutet. Die Statistik +gehört zur Sphäre des Organischen, zum wechselnd bewegten Leben, zum +Schicksal und Zufall und nicht zur Welt der exakten Gesetze und der +zeitlos-ewigen Mechanik. Man weiß, daß sie vor allem zur Charakteristik +politischer und wirtschaftlicher, also historischer Phänomene dient. +In der klassischen Mechanik Galileis und Newtons wäre für sie kein +Platz gewesen. Was hier plötzlich statistisch erfaßt und erfaßbar +wird, mit Wahrscheinlichkeit statt mit jener apriorischen Exaktheit, +die alle Denker des Barock einstimmig gefordert hatten, ist der Mensch +selbst, der diese Natur erkennend durchlebt, der in ihr sich selbst +durchlebt; es ist nicht mehr ein reiner Intellekt, der seine starre +Form objektiviert. Was die <em class="gesperrt">Theorie</em> mit innerer Notwendigkeit +hinstellt, jene in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen umkehrbaren +Prozesse, repräsentiert den Rest einer streng-geistigen Form, den Rest +der großen Barocktradition, welche die Schwester des kontrapunktischen +Stils war. Die Zuflucht zur Statistik offenbart die Erschöpfung der +in dieser Tradition wirksam gewesenen ordnenden Kraft. Werden und +Gewordnes, Schicksal und Kausalität, historische und natürliche +Elemente beginnen zu verschwimmen. Formelemente des Lebens: das +Wachstum, das Altern, die Lebensdauer, die Richtung, der Tod drängen +herauf.</p> + +<p>Das hat in diesem Aspekte die Nichtumkehrbarkeit der Weltprozesse +zu bedeuten. Sie ist, im Gegensatz zu dem physikalischen Zeichen t, +Ausdruck der echten, <em class="gesperrt">historischen</em>, innerlich erlebten Zeit, die +mit dem <em class="gesperrt">Schicksal</em> identisch ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_604">[S. 604]</span></p> + +<p>Das ist keine Vervollkommnung der Dynamik, das ist ein Symptom ihrer +Zersetzung. Gerade so hatte die Musik Beethovens die große Form der +Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts zerstört, weil in ihr die +barbarische Fülle einer weltstädtischen, modernen Seele nicht mehr zu +bändigen war. Ich hatte an einer früheren Stelle die Polarität von +Geschichte und Natur (oder, was dasselbe ist, von lebendiger und toter +Natur) durch den Unterschied des morphologischen Verfahrens bestimmt, +das dort Physiognomik, hier Systematik ist. Nun, die Physik des Barock +war durch und durch strenge Systematik, solange Theorien wie diese +noch nicht an ihrem Bau rütteln durften, solange in ihrem Bilde nichts +anzutreffen war, was den Zufall und die bloße Wahrscheinlichkeit +zum Ausdruck brachte. Mit dieser Theorie aber ist sie Physiognomik +geworden. Der „Lauf der Welt“ wird verfolgt. Die <em class="gesperrt">Idee des +Weltendes</em> erscheint in der Verkleidung von Formeln, die im Grunde +ihres Wesens keine Formeln mehr sind. Es kommt damit etwas Goethesches +in die Physik, und man wird das ganze Gewicht dieser Tatsache ermessen, +wenn man sich klar macht, was zuletzt die leidenschaftliche Polemik +Goethes gegen Newton in der Farbenlehre bedeutete. Hier argumentierte +die Intuition gegen den Verstand, das Leben gegen den Tod, die +schöpferische Gestalt gegen das ordnende Gesetz. Die Formenwelt der +Natur<em class="gesperrt">erkenntnis</em> war aus dem Natur<em class="gesperrt">gefühl</em>, dem Gottgefühl +hervorgegangen. Hier hat sie den Gipfel der Distanz erreicht, und sie +kehrt zum Ursprung zurück.</p> + +<p>Und so beschwört die in der Dynamik wirksame Einbildungskraft noch +einmal die großen Symbole der historischen Leidenschaft des faustischen +Menschen herauf, die ewige Sorge, den Hang zu den fernsten Fernen +von Vergangenheit und Zukunft, die rückschauende Forschung, den +vorausschauenden Staat, die Biographien und Selbstbetrachtungen, die +Uhren, die über Westeuropa weithinhallenden, das Leben messenden +Glockenschläge. Das Ethos des Wortes Zeit, wie nur wir es empfinden, +wie es die kontrapunktische Musik im Gegensatz zur Statuenplastik +erfüllt, richtet sich auf ein <em class="gesperrt">Ziel</em>. Das war in allen +Lebensidealen des Abendlandes als drittes Reich, als neues Zeitalter, +als Aufgabe der Menschheit, als Ausgang einer Entwicklung<span class="pagenum" id="Seite_605">[S. 605]</span> verkörpert +worden. Und das bedeutet für das Gesamtdasein der faustischen Natur die +Entropie.</p> + +<p>Der antike Kosmos ist ahistorisch. Die Statik formuliert einen Zustand, +der immer derselbe und in jedem Augenblicke vollkommen enthalten +ist. In gewissem Sinne behauptet das die Dynamik auch, insoweit sie +Systematik ist. Sie bringt zwar das <em class="gesperrt">Geschehen</em>, nicht das Sein +in Form, aber unter der Voraussetzung, daß diese Form von zeitloser +Allgemeingültigkeit sei. Darunter ist aber eine physiognomische Tendenz +wirksam, welche eine <em class="gesperrt">Biographie</em> des Weltwerdens zum Ziele +hat, die, bisher latent, jetzt in mächtigen physikalischen Visionen +hervorbricht. Der Kosmos Demokrits gestattet keine biographische +Betrachtung. Was man dort Veränderung nennt, ist eine Laune, keine +Entwicklung, kosmische Episode, nicht Epoche, ein Spiel ohne Sinn. +Heraklit hat es mit dem Spiel eines Knaben verglichen, der Sandhaufen +auftürmt und wieder zerstört. Aristoteles schuf den Begriff der +Entelechie, der von den Faktoren der Zeit und der Kraft ganz +unberührten Entwicklung des einzelnen Dinges von der in ihm ruhenden +möglichen zur sinnlich verwirklichten Gestalt.</p> + +<p>Goethe aber entdeckt, seiner Idee einer Entwicklung folgend, den +Zwischenknochen beim Menschen, die Metamorphose der Pflanzen +und (nach Lionardos Vorgang) die Eiszeiten, sämtlich Phänomene +einer <em class="gesperrt">zeitlich</em> vorschreitenden, dynamischen, historischen +Weltvollendung.</p> + +<p>Schon in dem halbmystischen Begriff der Kraft, der dogmatischen +Voraussetzung dieser ganzen Formenwelt, liegt stillschweigend ein +Richtungsgefühl, eine Beziehung auf Vergangenes und Künftiges; noch +deutlicher wird sie in der Bezeichnung der Naturvorgänge als Prozesse. +Ich behaupte also, daß die Entropielehre als die intellektuelle Form, +in welcher die unendliche Summe aller Naturereignisse als historische +und physiognomische Einheit zusammengefaßt wird, allen physikalischen +Begriffsbildungen von Anfang an unbewußt zugrunde lag, und daß sie +eines Tages als „Entdeckung“ auf dem Wege wissenschaftlicher Induktion +zum Vorschein kommen und dann durch die übrigen theoretischen Elemente +des Systems durchaus bestätigt werden mußte. Je mehr die Dynamik sich +durch Erschöpfung ihrer<span class="pagenum" id="Seite_606">[S. 606]</span> inneren Möglichkeiten dem Ziele nähert, desto +entschiedener dringen die historischen Momente vor, desto stärker +machen sich neben der anorganischen Notwendigkeit des Kausalen die +organische des Schicksals, neben den Faktoren der reinen Ausgedehntheit +— Kapazität und Intensität — die der Richtung geltend. Es geschieht +dies durch eine ganze Reihe neuer Hypothesen von gleichem Stil, +die durch die experimentellen Befunde gefordert werden, richtiger +ausgedrückt, durch eine Reihe innerlich verwandter Produkte einer +intellektuell geregelten Phantasie, die sämtlich durch das Weltgefühl +und die Mythologie schon der Gotik antizipiert waren.</p> + +<p>Dahin gehört vor allem auch die bizarre Hypothese des Atomzerfalls, +welche die radioaktiven Erscheinungen deutet — nach welcher Uratome, +die Jahrmillionen hindurch trotz äußerer Einwirkungen ihr Wesen +unverändert bewahrt haben, plötzlich und ohne nachweisbaren Anlaß +explodieren und ihre kleinsten Teile mit einer Geschwindigkeit, die +Tausende von Kilometern in der Sekunde beträgt, im Weltraum verbreiten. +Dies <em class="gesperrt">Schicksal</em> trifft unter einer Menge radioaktiver Atome immer +nur einzelne, während die benachbarten davon ganz unberührt bleiben. +Auch dieses Bild ist Historie, nicht Natur, und wenn sich auch hier die +Anwendung der Statistik als notwendig erweist, so möchte man beinahe +vom Ersatz der mathematischen durch die chronologische Zahl reden.</p> + +<p>Mit diesen Vorstellungen kehrt die mythische Gestaltungskraft der +faustischen Seele zum Ausgang zurück. Gerade damals, als zu Beginn +der Gotik die ersten mechanischen Uhren konstruiert wurden, Symbole +eines historischen Weltgefühls, entstand der Mythus von Ragnarök, dem +Weltende, der Götterdämmerung. Mag diese Konzeption, wie wir sie in +der Völuspa und in christlicher Fassung in den Muspilli besitzen, wie +alle vermeintlich urgermanischen Mythen nicht ohne Einwirkung antiker +und vor allem christlich-apokalyptischer Motive entstanden sein, sie +ist in dieser Gestalt Ausdruck und Symbol der faustischen und keiner +andren Seele. Die olympische Götterwelt ist ahistorisch. Sie kennt kein +Werden, keine Richtung, kein Ziel. So wenig die antiken Stadtstaaten +bewußte oder unbewußte Aufgaben und Endziele hatten, so wenig hat sie +das Dasein des<span class="pagenum" id="Seite_607">[S. 607]</span> Kosmos, die ewig gleiche Summe schöner Dinge. Der +abendländische Geist aber gestaltet aus der Leidenschaft der Ferne +heraus, sei es den Staat, das Bild der Natur oder das einzelne Leben. +Die Kraft, der Wille hat ein Ziel, und wo es ein Ziel gibt, gibt es +auch ein Ende. Was die Perspektive der großen Ölmalerei durch den +Konvergenzpunkt, was der Rokokopark durch den Point de vue, was die +Analysis durch das Restglied der unendlichen Reihen symbolisierte, den +Abschluß einer gewollten Richtung, tritt hier in streng geistiger Form +hervor. Der Faust des zweiten Teils der Tragödie stirbt, weil er sein +Ziel <em class="gesperrt">erreicht</em> hat. Mag aus den älteren Kulturen noch so viel +mythologische Substanz herübergenommen sein, lebendig wurde sie erst +durch Umprägung in einem neuen, im dynamischen Sinne. Das Weltende +als Vollendung einer innerlich notwendigen Entwicklung — das ist die +Götterdämmerung; das bedeutet also, als letzte, als irreligiöse Fassung +des Mythus, die Lehre von der Entropie.</p> + +<div class="section"> + +<h4 id="Naturerkenntnis_15">15</h4> + +</div> + +<p>Es bleibt noch übrig, den Ausgang der abendländischen Wissenschaft +überhaupt zu zeichnen, der heute, wo der Weg sich bereits abwärts +senkt, mit Sicherheit übersehen werden kann.</p> + +<p>Auch das, die Voraussicht des unabwendbaren Schicksals, gehört zur +Mitgift des historischen Blickes, den <em class="gesperrt">nur</em> der faustische +Geist besitzt. Auch die Antike starb, aber sie wußte nichts davon. +Sie glaubte an ein ewiges Sein. Sie hat noch ihre letzten Tage mit +rückhaltlosem Glück, jeden für sich, als Geschenk der Götter durchlebt. +Wir kennen unsere Geschichte. Wir werden mit Bewußtsein sterben und +alle Stadien der eignen Auflösung mit dem Scharfblick des erfahrenen +Arztes verfolgen.</p> + +<p>Es steht uns noch eine letzte geistige Krisis bevor, welche das +<em class="gesperrt">ganze</em> Abendland ergreifen wird. Ihren Verlauf erzählt der späte +Hellenismus. Die Tyrannei des Verstandes, die wir nicht empfinden, weil +die heutigen Generationen ihr Maximum darstellen, ist in jeder Kultur +eine Epoche zwischen Mann und Greis, nicht mehr. Ihr deutlichster +Ausdruck ist der Kultus der exakten Wissenschaften, der Dialektik, des +Beweises, der Erfahrung,<span class="pagenum" id="Seite_608">[S. 608]</span> der Kausalität. Die Ionik und das Barock +zeigen seinen Aufschwung; es fragt sich, in welcher Gestalt er zu Ende +geht.</p> + +<p>Auch hier darf noch einmal an früher Gesagtes erinnert werden: wie +jeder höhere Mensch in sich, in der Entfaltung seiner individuellen +Seele die Epochen seiner Kultur noch einmal durchlebt, wie der +mystische Akt des Tiefenerlebnisses, durch welchen um das Jahr 1000 die +faustische Seele in der westeuropäischen Landschaft geboren wurde, in +jedem Kinde noch einmal das Erwachen des so und nicht anders, faustisch +nämlich gearteten Innenlebens anzeigt, so erlebt jeder bedeutende +wissenschaftliche Mensch persönlich, was seine Wissenschaft im Verlaufe +ihres organischen Werdens erlebte. Da ist ein Jugendstadium des +schrankenlosen Optimismus, der gewiß ist, daß alles erkannt werden kann +und einmal erkannt werden wird. Damit beginnen nach der gotischen und +dorischen Frühzeit die leidenschaftlichen Visionen Lionardos, Galileis, +Brunos, Huttens und dementsprechend die der großen Vorsokratiker. +Das ist die Morgenröte der reinen Geistigkeit. Die Gotik ersehnte +sie, das Barock errang sie, die — westeuropäische und hellenistische +— Zivilisation besitzt sie, um zu erfahren, wie fragwürdig dieser +Besitz ist. Man muß viel wissen, ehe man so weise ist, daß man am +Sinn und Wert des Wissens zu zweifeln anfängt. Das <i>de omnibus +dubitandum</i> des Descartes erstreckte sich hierauf <em class="gesperrt">nicht</em>. Sein +Zweifel war nur die Maske einer siegesgewissen Zuversicht. Der reine +Gehirnmensch, für den die Welt restlose Beute seiner intellektuellen +Fähigkeiten ist, erscheint erst mit dem 3. und 19. Jahrhundert. Aber +es beginnt endlich ein Kampf gegen die Wissenschaftlichkeit, an deren +Rechten man zweifelt, deren Herrschaft einen leisen Ekel einzuflößen +beginnt, zuerst mit der feinen Skepsis Pyrrhons und Nietzsches, +während die mittleren Geister noch mit ihren „wissenschaftlichen +Errungenschaften“ einen gewaltigen Lärm machen. Indessen braucht man +nur die Bücher unserer tiefsten Physiker aufzuschlagen — und die +Physik ist das Meisterstück des faustischen Geistes —, um zu sehen, +wie die Resignation, die Bescheidung in Hinsicht auf Ziele, Erfolge und +Möglichkeiten täglich zunimmt.</p> + +<p>Ich sage es voraus: noch in diesem Jahrhundert, dem Zeitalter des +wissenschaftlich-kritischen Alexandrinismus, wird sie<span class="pagenum" id="Seite_609">[S. 609]</span> den Willen zum +Siege der Wissenschaft überwinden. Die europäische Wissenschaft geht +der Selbstvernichtung durch Verfeinerung des Intellekts entgegen. Man +hatte zuerst ihre Mittel geprüft — im 18. Jahrhundert, dann ihre +Macht — im 19.; man durchschaut endlich ihre historische Rolle. +Von der Skepsis führt ein Weg zur „zweiten Religiosität“, jener der +sterbenden Weltstädte, jener kranken Innerlichkeit, die nicht vor, +sondern nach einer Kultur kommt, die greisen Seelen wärmend, wie es die +morgenländischen Kulte im späten Rom taten.</p> + +<p>Der Einzelne leistet Verzicht, indem er die Bücher weglegt. +Eine <em class="gesperrt">Kultur</em> verzichtet, indem sie aufhört, sich in hohen +wissenschaftlichen Intelligenzen zu offenbaren; aber Wissenschaft +existiert nur im lebendigen Dasein großer Gelehrtengenerationen, und +Bücher sind nichts, wenn sie nicht in Menschen, die ihnen gewachsen +sind, lebendig und wirksam werden. Wissenschaftliche Resultate sind +keine objektive Materie, wie der typische Gelehrte glaubt; sie +sind lediglich Elemente einer geistigen Tradition. Der Tod einer +Wissenschaft besteht darin, daß sie niemandem mehr innerstes Ereignis +wird. Ihr Vorhandensein ist von dem Vorhandensein verwandter Geister +abhängig.</p> + +<p>An die Müdigkeit des Geistes glaubt heute niemand, so sehr wir sie +schon in allen Gliedern spüren. Aber zweihundert Jahre Zivilisation +und Orgien der Wissenschaftlichkeit — dann hat man es satt. Nicht +der Einzelne, die Seele der Kultur hat es satt. Sie drückt das aus, +indem sie ihre Forscher, die sie in die historische Welt des Tages +hinaufsendet, immer kleiner, enger, unfruchtbarer wählt. Das große +Jahrhundert der antiken Wissenschaft war das dritte, nach dem Tode des +Aristoteles. Als die Römer kamen, als Archimedes starb, war es schon +zu Ende. Unser klassisches Jahrhundert ist das neunzehnte. Gelehrte +im Stile von Gauß, Humboldt, Helmholtz waren schon um 1900 nicht mehr +da; in der Physik, wie in der Chemie, der Biologie wie der Mathematik +sind die großen Meister tot, und wir erleben heute das Decrescendo der +Nachzügler, die ordnen, sammeln und abschließen wie die Alexandriner +der Römerzeit. Es ist das ein <em class="gesperrt">allgemeines</em> Symptom. Nach Lysipp +ist kein großer Plastiker mehr gekommen, dessen Erscheinung ein +Schicksal gewesen wäre, nach Rembrandt und Velasquez kein Maler, nach<span class="pagenum" id="Seite_610">[S. 610]</span> +Beethoven kein Musiker mehr. Man beachte wohl, weshalb Goethe, im +Vergleich mit Shakespeare, sich einen Dilettanten nannte, und weshalb +Nietzsche Wagner den Namen eines Musikers absprach. Was war zur Zeit +Cäsars die Tragödiendichtung oder die Physik? Eine Angelegenheit von +vorgestern, ein Thema für die Überflüssigen. Auf Eratosthenes und +Archimedes, die eigentlichen Schöpfer, folgen Poseidonios und Plinius, +die mit Geschmack sammeln, und endlich Ptolemäus und Galen, die nur +noch abschreiben. Wie die Ölmalerei und die kontrapunktische Musik ihre +Möglichkeiten in einer kleinen Zahl von Jahrhunderten einer organischen +Entwicklung erschöpft haben, so ist die Dynamik, deren Formenwelt um +1600 aufblüht, ein Gebilde, das heute im Erlöschen begriffen ist.</p> + +<p>Zuvor aber erwächst dem faustischen, eminent historischen Geiste eine +noch nie gestellte, noch nie als möglich geahnte Aufgabe. Eines Tages +wird eine <em class="gesperrt">Morphologie der exakten Wissenschaften</em> geschrieben +werden, die untersucht, wie alle Gesetze, Begriffe, Theorien als Formen +innerlich zusammenhängen und was sie als solche historisch bedeuten. +Die theoretische Physik, Chemie, Mathematik als Inbegriff von Symbolen +betrachtet — das ist die endgültige Überwindung des mechanischen +Weltaspektes durch die intuitive, wiederum religiöse Weltidee. Das +ist das letzte Meisterstück einer Physiognomik, welche auch noch die +Systematik als Objekt in sich auflöst. Wir werden künftig nicht mehr +fragen, welche allgemein gültigen Gesetze der chemischen Affinität +oder dem Diamagnetismus zugrunde liegen — eine Dogmatik, die das 19. +Jahrhundert ausschließlich beschäftigt hat — wir werden sogar erstaunt +sein, daß verhältnismäßig primitive Fragen wie diese, Köpfe von solchem +Range völlig beherrschen konnten. Wir werden untersuchen, woher diese +der faustischen Intelligenz vorbestimmten Formen kommen, warum sie uns +Menschen einer einzelnen Kultur im Unterschiede von jeder andern kommen +mußten, welcher tiefere Sinn darin liegt, daß die gewonnenen Zahlen +gerade in dieser bildhaften Verkleidung in Erscheinung treten. Und +dabei ahnen wir heute kaum, was alles von den vermeintlich objektiven +Werten und Erfahrungen nur Verkleidung, nur Bild und Ausdruck ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_611">[S. 611]</span></p> + +<p>Die einzelnen Wissenschaften, Erkenntnistheorie, Physik, Chemie, +Mathematik, Astronomie nähern sich mit wachsender Geschwindigkeit. +Wir gehen einer vollkommenen Identität der Resultate und damit +einer Verschmelzung der Formenwelten entgegen, die einerseits ein +auf wenige Grundformeln reduziertes System von Zahlen (funktionaler +Natur) darstellt, andrerseits als deren Benennung eine kleine Gruppe +von Theorien und bildhaften Anschauungen bringt, die endlich als +verschleierter Mythus wieder erkannt und ebenfalls auf einige Typen, +aber von durchaus vitaler, physiognomischer Bedeutung zurückgeführt +werden können und müssen. Man hat diese Konvergenz nicht bemerkt, weil +seit Kant und eigentlich schon seit Leibniz kein Gelehrter mehr die +Problematik <em class="gesperrt">aller</em> exakten Wissenschaften beherrschte.</p> + +<p>Noch vor hundert Jahren waren Physik und Chemie einander fremd; heute +sind sie einzeln nicht mehr zu behandeln. Man denke an die Gebiete der +Spektralanalyse, der Radioaktivität, an die kinetische Gastheorie. Vor +fünfzig Jahren war das Wesentliche der Chemie noch fast ohne Mathematik +darstellbar; heute sind die chemischen Elemente im Begriff, sich in +mathematische Konstanten variabler Beziehungskomplexe zu verflüchtigen. +Die Elemente aber waren in ihrer sinnlichen Faßlichkeit die letzte +antik-plastisch anmutende Größe der Naturwissenschaft gewesen. Die +Molekulartheorie ist längst ein Gebiet der reinen Mathematik geworden. +Die Physiologie steht im Begriff, ein Kapitel der organischen Chemie +zu werden und sich der Mittel der Infinitesimalrechnung zu bedienen. +Die nach Sinnesorganen wohlunterschiedenen Teile der älteren Physik, +Akustik, Optik, Wärmelehre sind aufgelöst und zu einer Dynamik +der Materie und einer Dynamik des Äthers verschmolzen, deren rein +mathematische Grenze sich bereits nicht mehr aufrecht erhalten läßt. +Heute vereinigen sich die letzten Betrachtungen der Erkenntnistheorie +mit solchen der Analysis und der Physik (vor allem der Optik) zu einem +sehr schwer zugänglichen Gebiete, dem z. B. die Relativitätstheorie +gehört. Die Emanationstheorie der radioaktiven Strahlengruppen wird +durch eine Zeichensprache dargestellt, der nichts Anschauliches mehr +anhaftet.</p> + +<p>Die Chemie ist im Begriff, statt der schärfsten anschaulichen +Bestimmung der Qualitäten der Elemente (Wertigkeit, Gewicht,<span class="pagenum" id="Seite_612">[S. 612]</span> +Affinität, Reagibilität) diese sinnlichen Momente vielmehr zu +beseitigen. Daß die Elemente je nach ihrer „Abstammung“ aus +Verbindungen verschieden charakterisiert sind, daß sie Komplexe +diskreter Einheiten darstellen, die zwar experimentell („wirklich“) +als Einheit höherer Ordnung wirken und mithin praktisch nicht +trennbar sind, daß sie aber hinsichtlich ihrer Radioaktivität tiefe +Verschiedenheiten aufweisen, daß durch die Emanation von strahlender +Energie ein Abbau stattfindet und man also von einer <em class="gesperrt">Lebensdauer</em> +der Elemente reden darf, was offenbar dem ursprünglichen Begriff des +Elements und damit dem Geiste der von Lavoisier geschaffenen modernen +Chemie völlig widerspricht — all das rückt diese Vorstellungen in die +Nähe der Entropielehre mit ihrem bedenklichen Gegensatz von Kausalität +und Schicksal, Erkenntnis und Erlebnis, Natur und Historie und +kennzeichnet den Weg der westeuropäischen Wissenschaft einerseits zur +Aufdeckung der Identität ihrer formalen, logischen oder zahlenmäßigen +Resultate mit der Struktur des Verstandes selbst, andrerseits zu der +Erkenntnis, daß die gesamte, diese Zahlen und Begriffe einkleidende +Theorie lediglich den symbolischen Ausdruck des faustischen Lebens +darstellt.</p> + +<p>Die Tatsache, daß Radium sich unter gewissen Bedingungen in Helium, +ein Element sich also in ein anderes verwandelt, greift die Grundlagen +der chemischen Theorie an. Die Relativitätstheorie beweist zum +mindesten, daß die absolute Größe einer Strecke eine Vorstellung +ist, die ernstlich angezweifelt werden darf. Diese Vorstellung aber +ist die Voraussetzung der messenden Physik. Die Vielzahl der in sich +widerspruchslosen Geometrien, deren Einführung in die Physik und +Astronomie neben der bisher allein verwandten euklidischen sich aus +methodischen Gründen heute vollzieht, widerspricht zwar sicherlich +gewissen bisher nie angezweifelten Sätzen der Erkenntnistheorie, vor +allem derjenigen Kants, beweist aber damit nur, daß auch hier geistige +Konventionen vorliegen, an denen Zweifel möglich oder angebracht sind. +An dieser Stelle ist endlich als eines der wichtigsten Fermente des +gesamten Formenkomplexes die echt faustische Mengenlehre zu nennen, +die im schärfsten Gegensatz zur antiken Mathematik nicht mehr die +singulären Größen, sondern den <em class="gesperrt">Inbegriff</em> irgendwie morphologisch +gleichartiger Größen (etwa die Gesamtheit<span class="pagenum" id="Seite_613">[S. 613]</span> aller Quadratzahlen, aller +Differentialgleichungen von bestimmtem Typus) als neue Einheit, als +neue <em class="gesperrt">Zahl</em> höherer Ordnung auffaßt und neuartigen, früher +ganz unbekannten Überlegungen bezüglich ihrer Mächtigkeit, Ordnung, +Gleichwertigkeit, Abzählbarkeit<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[122]</a> unterwirft. Man charakterisiert +die endlichen (abzählbaren, begrenzten) Mengen hinsichtlich ihrer +Mächtigkeit als „Kardinalzahlen“, hinsichtlich ihrer Ordnung als +„Ordinalzahlen“ und stellt die Gesetze und Rechnungsarten derselben +auf. So ist eine letzte Erweiterung der Funktionentheorie, die ihrer +Formensprache nach und nach die gesamte Mathematik einverleibt hatte, +in Verwirklichung begriffen, wonach sie in bezug auf den Charakter +der Funktionen nach Prinzipien der Gruppentheorie, in bezug auf den +Wert der Variablen nach mengentheoretischen Grundsätzen verfährt. Die +Mathematik ist sich dabei der Tatsache vollkommen bewußt, daß hier +die letzten Erwägungen über das Wesen der Zahl mit denen der reinen +Logik zusammenfließen, und man spricht von einer Algebra der Logik. +Die moderne geometrische Axiomatik ist vollkommen ein Kapitel der +Erkenntnistheorie geworden.</p> + +<p>Das unvermerkte Ziel, dem dies alles zustrebt und das insbesondere +jeder echte Naturforscher als Trieb in sich empfindet, ist das +Herausarbeiten einer reinen, zahlenmäßigen Transzendenz, die +vollkommene und restlose Überwindung des Augenscheins und dessen +Ersatz durch eine dem Laien unverständliche und unvollziehbare +Bildersprache, der das große faustische Symbol <em class="gesperrt">des unendlichen +Raumes</em> innere Notwendigkeit verleiht. Der Kreislauf der +Naturerkenntnis des Abendlandes vollendet sich. Mit dem tiefen +Skeptizismus dieser letzten Einsichten knüpft der Geist wieder an die +Formen frühgotischer Religiosität an. Die anorganische, erkannte, +zergliederte Umwelt, die Welt als Natur, als System ist zu einer +reinen Sphäre funktionaler Zahlen vertieft worden. Wir hatten die Zahl +als eines der ursprünglichsten Symbole jeder Kultur erkannt, und so +folgt, daß der Weg zur reinen Zahl die Rückkehr des Geistes zu seinem +eignen<span class="pagenum" id="Seite_614">[S. 614]</span> Geheimnis, die Offenbarung seiner eignen formalen Notwendigkeit +ist. Die faustische Zahl war nicht sinnliche Größe, sondern abstrakte +Beziehung. Am Ziele angelangt, enthüllt sich endlich das ungeheure, +immer unsinnlicher, immer durchscheinender gewordene Gewebe, das die +gesamte Naturwissenschaft umspinnt: Es ist nichts andres als die innere +Struktur des Geistes, der sie zu gestalten glaubte. Darunter aber +erscheint wieder das Früheste und Tiefste, der Mythus, das unmittelbare +Werden, das Leben. Je weniger anthropomorph die Naturforschung zu +sein glaubt, desto mehr ist sie es. Sie beseitigt nach und nach +die einzelnen menschlichen Züge des Naturbildes, um endlich als +die vermeintliche reine Natur die Menschlichkeit selbst, rein und +ganz, die unmittelbare Form des Verstandes, in Händen zu halten. +Aus dem religiösen Seelentum der Gotik ging der das ursprüngliche +Weltgefühl überschattende städtische Intellekt, das <i>alter ego</i> +der irreligiösen Naturerkenntnis hervor. Heute, in der Abendröte der +wissenschaftlichen Epoche, im Stadium des siegenden Skeptizismus, +lösen sich die Wolken, und die Landschaft des Morgens ruht wieder in +vollkommener Deutlichkeit. Die Natur als starrer Inbegriff funktionaler +Gesetze, ganz abstrakt, ganz infinitesimal — das ist nichts als das +mechanische Bild des faustischen Geistes, das sich vom organischen +Grunde ablöst. Den Grund aber hatten schon die romanische Ornamentik +und die gotischen Dome offenbart.</p> + +<p>Der letzte Schluß faustischer Weisheit, wenn auch nur in ihren +höchsten Momenten, ist die Auflösung des gesamten Wissens in ein +ungeheures System morphologisch-historischer Verwandtschaften. +Dynamik und Analysis sind dem Sinne, der Formensprache, der +Substanz nach identisch mit den Bildungen der gotischen Architektur +und des dynastischen Staates, den Tendenzen unsres mehr und mehr +sozialistischen Wirtschaftslebens und unserer impressionistischen +Ölmalerei, der Instrumentalmusik und der christlich-germanischen +Dogmatik. Ein und dasselbe Weltgefühl redet aus allen. Sie sind mit +der faustischen Seele geboren und alt geworden. Sie stellen ihre +<em class="gesperrt">Kultur</em> als historisches Phänomen in der Welt des Tages und +des Raumes dar. Die Vereinigung der einzelnen wissenschaftlichen +Aspekte zum Ganzen wird alle Züge der großen Kunst des Kontrapunkts +tragen. <em class="gesperrt">Eine infinitesimale Musik des grenzenlosen Weltraums</em> +— das<span class="pagenum" id="Seite_615">[S. 615]</span> ist immer die tiefe Sehnsucht dieser Seele im Gegensatz +zur antiken mit ihrem plastisch-euklidischen Kosmos gewesen. Das +ist, als Denknotwendigkeit des faustischen Weltverstandes auf die +Formel einer dynamisch-imperativischen Kausalität gebracht, zu einer +diktatorischen Naturwissenschaft gestaltet, ihr großes Testament für +den Geist kommender Kulturen — ein Vermächtnis von Formen gewaltigster +Transzendenz, das vielleicht niemals eröffnet werden wird. Damit kehrt +eines Tages die abendländische Wissenschaft, ihres Strebens müde, in +ihre seelische Heimat zurück.</p> + +<p class="center mtop3">Ende des ersten Bandes.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[115]</a> Etwa im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in der +Fassung Boltzmanns: „Der Logarithmus der Wahrscheinlichkeit eines +Zustandes ist proportional der Entropie dieses Zustandes.“ Hier +repräsentiert jedes Wort eine vollständige Naturanschauung.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[116]</a> Das Feuer gehört für das antike Auge dazu. Es ist der +stärkste optische Natureindruck, den es gibt und gestattet deshalb dem +antiken Geiste keinen Zweifel an seiner Körperlichkeit. Erde, Wasser +und Luft bedeuten den festen, flüssigen und gasförmigen Aggregatzustand +der physikalischen σώματα, ein rein sinnliches Sichverhalten. Man +vergleiche das mit dem Begriff des ἦθος in der Tragödie.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[117]</a> Und man darf behaupten, daß der populäre Glaube, den +z. B. Haeckel mit den Namen Atom, Materie, Energie verbindet, von dem +Fetischismus des Neandertalmenschen nicht wesentlich verschieden ist.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[118]</a> In Ägypten hat erst Ptolemäus Philadelphus den +Herrscherkult eingeführt. Die Verehrung der Pharaonen hatte eine ganz +andre Bedeutung.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[119]</a> Die symbolische Bedeutung des Titels und seine Beziehung +zu Begriff und Idee der Person kann hier nicht gegeben werden. Es sei +nur darauf aufmerksam gemacht, daß die antike Kultur als einzige von +allen niemals einen Titel gekannt hat. Das würde dem streng Somatischen +ihrer Bezeichnungen widersprochen haben. Außer Eigen- und Beinamen +besaß sie nur die technischen Namen tatsächlich ausgeübter Ämter. +„Augustus“ wird sofort Eigenname, Cäsar sehr bald Amtsbezeichnung. +Aber man kann das Vordringen des magischen Gefühls daran verfolgen, +wie in der spätrömischen Beamtenschaft höfliche Wendungen wie <i>vir +clarissimus</i> feststehende <em class="gesperrt">Titulaturen</em> werden, die verliehen +und entzogen werden können. Genau so sind die Namen fremder und älterer +Götter jetzt zu Titeln der anerkannten exklusiven Gottheit geworden. +„Heiland“ (Asklepios) und „Guter Hirte“ (Orpheus) sind Titel Christi. +In antiker Zeit aber waren sogar die Beinamen römischer Gottheiten +allmählich zu selbständigen Göttern geworden.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[120]</a> Diagoras, der seiner „gottlosen“ Schriften wegen +in Athen zum Tode verurteilt wurde, hat tief fromme Dithyramben +hinterlassen. Man lese daraufhin Hebbels Tagebücher und seine Briefe an +Elise. Er „glaubte nicht an Gott“, aber er betete.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[121]</a> Auch unsere Sprachen setzen ihn oder vielmehr das hinter +dem Wort stehende <i>numen</i> schon voraus. Wir sagen, daß eine +Industrie „sich Absatzgebiete erschließt“ und daß der Rationalismus +„zur Herrschaft gelangt“. Das sind dynamische Wendungen. Keine antike +Sprache gestattet solche Ausdrücke. Hier liegt auch ein wesentlicher +Unterschied zwischen den Bildern der antiken und modernen Poesie.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[122]</a> Die „Menge“ der rationalen Zahlen ist abzählbar, die +der reellen nicht. Die Menge der komplexen Zahlen ist zweidimensional; +daraus folgt der Begriff der n-dimensionalen Menge, welcher auch die +geometrischen Gebiete in die Mengenlehre einordnet.</p> + +</div> + +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<p class="s3 center mtop3">Inhalt des zweiten Bandes:</p> + +</div> + +<p class="s2 center mtop1">Welthistorische Perspektiven.</p> + +<table class="zweiter_band"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Grundformen der Geschichte.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ursprung und Landschaft. Die Gruppe der hohen + Kulturen. Völkerformen und Sprachen.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Geschichte einer Kultur als Ablauf eines + organischen Prozesses. Urvölker, Kulturvölker, Fellachenvölker. + Beispiel: Die Kultur der Maya.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Das Problem der Zivilisation.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kultur und Zivilisation. Land und Stadt. Instinkt und + Intellekt. Bauerntum und Bürgertum. Beispiel: Der Aufbau der ägyptischen + Kultur.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Weltstadt und Provinz. Zur Psychologie der + Modernität.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Imperialismus. Das chinesische Reich; das + Imperium Romanum. Die westeuropäische Zukunft.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">III.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Probleme der arabischen Kultur.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Historische Pseudomorphosen: Die römische + Kaiserzeit.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Puritanismus: Pythagoras, Mohammed, Cromwell.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Judentum.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">IV.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Staat.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Die indische Kultur und das Problem der Stände.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Antike und abendländische Staatsidee: Polis und + Dynastie.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Stadien der politischen Form. Parlamentarismus; + Cäsarismus.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">V.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Das Geld.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Münze und Kredit. Idee des Eigentums. Morphologie der + Wirtschaftsgeschichte.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">VI.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Die Symbolik der Maschine.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Sklaventum und Maschinenindustrie. Zur Psychologie der + westeuropäischen Technik: Sinn, Entwicklung und Lebensdauer. Der + Erfinder als faustischer Typus.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">VII.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Das Russentum und die Zukunft. Schluß</div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<div class="eng mtop3"> + +<hr class="doppel_oben"> + +<p class="s3 center"><b class="s4">OSWALD SPENGLER</b></p> + +<p class="s2 center"><span class="s4">PREUSSENTUM<br> UND SOZIALISMUS</span></p> + +<p class="s4 center"><span class="bb">21. bis 33. Tausend</span></p> + +<p class="s4 center">Preis M 6.—</p> + +<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Einleitung — Die +deutsche Revolution — Sozialismus als Lebensform — Engländer und Preußen — +Marx — Die Internationale</p> + +<p class="p0 mtop1">„Ich halte dies Buch für ‚aktueller‘ als die Enthüllungen, Prozesse, +Steuerprojekte alle, die uns sonst beschäftigen müssen: sie sind +Papier, <em class="gesperrt">dies Buch ist Leben</em> ... Ein Büchlein von 100 Seiten nur +und doch zu groß, um seine Linien so nachzeichnen zu können, wie man +es möchte.“ <em class="gesperrt">Fritz Endres</em> (München-Augsburger Abendzeitung). +— „Dieses Buch ist eine Bejahung des Preußentums, die gehört werden +wird, denn der sie ausspricht, ist ein Philosoph von Geblüt.“ +<em class="gesperrt">Willy Pastor</em> (Tägliche Rundschau). —„Gleichviel, ob ihr +Gehalt im historischen Sinne ‚richtig‘, ob ihr Ziel das wahrhaft zu +erstrebende ist — die Broschüre „Preußentum und Sozialismus“ war im +Augenblick ihres Erscheinens sofort eine Kraft, und sie ist selbst eine +gegenwartgestaltende Macht geworden. Mit diesem Auge müssen wir sie +sehen, nicht bloß als eine „Meinung“, an der man Kritik übt und die +man schließlich anfechtbar findet.“ <em class="gesperrt">Eduard Spranger</em> (Dresdner +Anzeiger). —„Oswald Spengler, der Verfasser des „Untergangs des +Abendlandes“, des bedeutendsten und universellsten Buches der letzten +zwanzig Jahre, hat unter dem Titel „Preußentum und Sozialismus“ ein +Werk der Öffentlichkeit übergeben, das — man mag zu Spenglers Skepsis +und Kulturtheorien stehen, wie man will! — in geradezu hervorragender +Klarheit und Wahrheit sowohl die heutige Lage psychologisch analysiert, +als auch unseren schicksalhaften Weg ihrer Überwindung zum Aufbau +hin darstellt. Auf nur 99 Seiten gibt Spengler eine derartige Fülle +von Gedanken, daß es nicht möglich ist, sie auch nur andeutungsweise +anzugeben, man müßte denn das ganze Buch nachschreiben. Jeder, dem des +Vaterlandes Not im Herzen brennt, sollte das Buch zur Hand nehmen!“ +<em class="gesperrt">Ernst Buske</em> (Wandervogel).</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="center s5a mbot2">Alle hier angegebenen Preise sind wegen der stets steigenden Kosten +unverbindlich.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<div class="mtop3"> + +<hr class="doppel_oben break-before"> + +</div> + +<p class="s3 center"><b>Der Untergang des Abendlandes und der Christ</b><br> +<span class="s5a">Von <b>A. ALBERS</b>. M 1.50. Soeben erschienen.</span></p> + +<p class="p0 s5">Idealisten wenden sich mit Ingrimm gegen den Relativismus Spenglers +und suchen in dem dichten Netze seiner Gedanken irgendwo eine +Lücke zu finden, durch die sie seinem schrecklichen Relativismus +entfliehen könnten. Der Christ fürchtet diesen nicht, ja er sieht +in ihm eine Förderung seines geistigen Lebens. Er weiß einen Punkt, +der ihn außerhalb aller Relativität stellt. Von ihm aus kann er den +Spenglerschen Kosmos ruhevoll betrachten: sein Weltbild birgt noch +tiefere Geheimnisse für alles Denken und Schauen. Mit Ernst ist in +diesem Aufsatz gezeigt, wie Spenglers Buch seine zahlreichen Leser in +der Richtung zum Christlichen vorwärts bringen kann.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Der deutsche Geist und die Form</b><br> +<span class="s5a">Gedanken und Betrachtungen von <b>MAX ZOBEL von +ZABELTITZ</b>. M 6.—. Soeben erschienen.</span></p> + +<p class="p0 s5">Die Schrift eröffnet im Hinblick auf die letzten politischen Schicksale +der Deutschen tiefe und heilsame Einsichten in das Wesen und die +Geistesart unseres Volkes; sie zeigt, wie überraschend tief bei ihm +der Zusammenhang zwischen politischem und geistigem Leben ist, so tief +nämlich, daß auch für die bekannten und so oft entgegengehaltenen +Widersprüche: Weimar — Potsdam, Weltbürgertum — Nationalstaat nur ein +und dieselbe Wurzel in der deutschen Seele nachweisbar ist. Hier liegen +bedeutsame Erkenntnisse, welche eine Erklärung für viele Erscheinungen +in der deutschen Politik und im deutschen Geistesleben bieten. Aus der +Mannigfaltigkeit und dem Ueberreichtum der deutschen Seele ergibt sich +dem Verfasser als erste Notwendigkeit und einzige Aussicht für das +deutsche Volk der Wille zur Form — staatlich wie geistig genommen. +<em class="gesperrt">Die gedankenreiche, glänzende Schrift ist ein Sammelruf in der +allgemeinen Zersplitterung an das geistige Deutschland.</em></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Von der innern Not unseres Zeitalters</b><br> +<span class="s5a">Ein Ausblick auf Fausts künftigen Weg. Von <b>ROBERT +SAITSCHICK</b>. 2. Auflage. Gebunden M 4.50</span></p> + +<p class="p0 s5">„Faust ist auch in Saitschicks Betrachtung nur der Name für den inneren +Menschen unserer Tage. Und wie Goethe, so setzt auch Saitschick sich +mit ihm selbständig auseinander. Nur sieht er schärfer; denn Faust ist +inzwischen ein Jahrhundert seinen Weg weiter gegangen.“ <em class="gesperrt">Hochland.</em></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Der Staat und was mehr ist als er</b><br> +<span class="s5a">Von <b>ROBERT SAITSCHICK</b>. Gebunden M 12.—</span></p> + +<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Einleitung — Was ist der Staat? — Staat und Individuum +— Macht und Recht — Staat und Sittlichkeit — Nation — Patriotismus +— Der Staat und die tragischen Widersprüche des Menschen — Vom +Weltfrieden — Völkergemeinschaft.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Laotse / Tao Teh King</b><br> +<span class="s5a">Vom Geist und seiner Tugend. Übertragen von <b>H. +FEDERMANN</b>. In Pappband gebunden M 8.—, in Javapapier gebunden M 12.—. +Soeben erschienen.</span></p> + +<p class="p0 s5">Diese neue Uebertragung der tiefsinnigen Sprüche des Laotse ist +in direkter Fühlung mit dem chinesischen Urtext entstanden. Der +Uebersetzer, der selbst eine der Lyrik und Musik offene Seele besitzt, +konnte dem schwierigen Text und dem Geist der Sprüche allseitig gerecht +werden.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<div class="mtop3"> + +<hr class="doppel_oben break-before"> + +</div> + +<p class="center mbot1">Soeben ist erschienen:</p> + +<p class="s2 center"><b><em class="gesperrt">Immermann</em></b></p> + +<p class="s3 center">Der Mann und sein Werk<br> +im Rahmen der Literaturgeschichte</p> + +<p class="center">von</p> + +<p class="s3 center"><b>Harry Maync</b></p> + +<p class="center">Gebunden M 60.—</p> + +<p class="p0 s5 mtop2">Dieses Werk bildet einen neuen Band der angesehenen und +weitverbreiteten Sammlung von Dichterbiographien unseres Verlags. +Es ist einem Autor gewidmet, dessen zwei Hauptwerke, „Die Epigonen“ +und der „Münchhausen“ (mit der in ihm eingeflochtenen herrlichen +Dorfgeschichte „Der Oberhof“), in der Entwicklung des deutschen +Romans epochemachend geworden sind, der aber gleichwohl dem heutigen +Geschlechte weniger bekannt ist, als er nach der Vielseitigkeit seiner +literarischen Betätigung — Immermann ist durch seine dramaturgische +Tätigkeit zumal auch für das deutsche Theater von Bedeutung geworden +— und vor allem nach dem Gewicht seiner aufrechten und männlichen +Persönlichkeit verdiente. — Die Zeitspanne von den Freiheitskriegen +bis zum Jahre 1840, in die Immermanns Schaffen fällt, war eine ganz +unpolitische, wesentlich aufs Literarische und Geistige gerichtete +Epoche; sie mutet uns Heutige nach dem politischen Schiffbruch, +den wir soeben erleiden mußten, wie ein schönes Traumland an. Als +in jenen Jahren der bekannte englische Staatsmann und vielgelesene +Schriftsteller Sir Ed. Bulwer in der berühmt gewordenen Widmung +seines „Ernest Maltravers“ „das große deutsche Volk“ als „das Volk +der Dichter und Denker“ ansprach, wollte dieser Titel gleichwohl +diesem nicht recht gefallen. Heute, wo wir Deutsche am Grabe unserer +politischen Hoffnungen stehen, ist es wie wenn jene Bezeichnung neue +Geltung erhalten sollte. Das Leben Immermanns, eines der literarischen +Hauptvertreter jener Epoche, gewinnt daher sicherlich heute ein +verstärktes Interesse für uns Deutsche, freilich auch in dem Sinne, +daß es uns lehrt, daß ein seiner Kräfte bewußtes Volk von bloßer +Geistigkeit nicht leben kann, sondern mit innerer Notwendigkeit +auf politische Betätigung hingetrieben wird. Harry Maync legt in +seiner fesselnden Darstellung mit Recht starken Nachdruck auf die +Herausarbeitung des zeitlichen Milieus. Das bedeutende und anregende +Buch darf den weitesten Kreisen zum Studium und zur Lektüre wärmstens +empfohlen werden und wird niemand enttäuschen.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<div class="mtop3"> + +<hr class="doppel_oben break-before"> + +</div> + +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">JOHANNES VOLKELT:</em></p> + +<p class="s3 center"><b>Das ästhetische Bewußtsein</b><br> +<span class="s5a">Prinzipienfragen der Ästhetik. Geheftet M 28.- (Soeben +erschienen.)</span></p> + +<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: I. Ästhetische Gegenständlichkeit. — II. Der Tatbestand +der ästhetischen Einfühlung. — III. Zur Theorie der ästhetischen +Einfühlung. — IV. Ursprung der Einfühlung überhaupt. — V. Illusion +und ästhetische Wirklichkeit. — VI. Mit-Wahrnehmung und Phantasie im +ästhetischen Betrachten. — VII. Der Gebild-Charakter des ästhetischen +Verhaltens. — Sachregister.</p> + +<p class="p0 s5">Diese Untersuchungen können als Phänomenologie des ästhetischen +Bewußtseins bezeichnet werden. Das dem ästhetischen Anschauen +hingegebene Bewußtsein wird in seiner wesenhaften Verfassung +beschrieben, wobei die Beziehung von Bewußtheit und Gegenständlichkeit +in den Mittelpunkt gerückt ist. Das Buch bildet eine Ergänzung der +großen Ästhetik Volkelts.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Gewißheit und Wahrheit</b><br> +<span class="s5a">Untersuchung der Geltungsfragen als Grundlegung der +Erkenntnistheorie. Geheftet M 26.—, gebunden M 40.—</span></p> + +<p class="p0 s5">„Wir zweifeln nicht, daß das gediegene, glänzend geschriebene Werk auf +die erkenntnistheoretische Auseinandersetzung und Fragestellung einen +nachhaltigen, tiefgehenden Einfluß üben wird.“ <em class="gesperrt">Geisteskampf der +Gegenwart.</em></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>System der Ästhetik</b><br> +<span class="s5a">Drei Bände. Gebunden M 105.—</span></p> + +<p class="p0 s5">„Das Werk Volkelts ist durchgängig erfüllt mit ästhetischem Vollgehalt; +es gibt keine leeren Fächer darin, keine abstrakten Nieten, keine +überflüssigen Spitzfindigkeiten ... Ein auf allen ästhetischen Gebieten +erfahrener, wohlorientierter, gebildeter Geist waltet über dem Ganzen.“ +Professor Dr. <em class="gesperrt">O. Liebmann</em> (Frankfurter Zeitung).</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Ästhetik des Tragischen</b><br> +<span class="s5a">Dritte, neubearbeitete Auflage. Gebunden M 30.—</span></p> + +<p class="p0 s5">„Nicht bloß der Forschung im engeren Sinn, auch der Kritik und vor +allem dem Unterricht hat Volkelts Werk unschätzbare Dienste geleistet, +hat Unzähligen für die feinsten Abschattungen tragischen Erlebens +und Gestaltens die Augen geöffnet und uns klärend und vertiefend zu +den letzten Fragen hingeleitet.“ Prof. Dr. <em class="gesperrt">Rob. Petsch</em> (Neue +Jahrbücher für das klassische Altertum).</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Kunst und Volkserziehung</b><br> +<span class="s5a">Betrachtungen über Kulturfragen der Gegenwart. Zweiter +Abdruck. Gebunden M 2.80 und 75% Teuerungszuschlag.</span></p> + +<p class="p0 s5">„Das Anziehende des Buches bildet die konsequente Ablehnung jeder +moralisierenden Tendenz für die Kunst und das warm begeisterte +Eintreten für eine in ihrem tiefsten Wesen begründete Sittlichkeit, +die eins mit ihr wird. So begegnen sich Ästhetik und Ethik hier in +harmonischer Verschmelzung.“ <em class="gesperrt">A. Brausewetter</em> (Der Tag).</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Festschrift Johannes Volkelt</b><br> +<span class="s5a">zum 70. Geburtstag dargebracht. VII, 428 Seiten. Lex. +8<sup>o</sup>. Geheftet M 25.—</span></p> + +<p class="p0 s5">Mit Beiträgen von Wilhelm Wundt, Jonas Cohn, Bruno Bauch, Albert +Köster, Georg Witkowski, Hermann Schwarz, Walther Schmied-Kowarzik, Max +Frischeisen-Köhler, Otto Klemm, Hermann Schneider, Richard Falckenberg, +Max Dessoir, Ernst Bergmann, Felix Krueger, Wilhelm Wirth, F. R.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<div class="mtop3"> + +<hr class="doppel_oben break-before"> + +</div> + +<p class="s3 center"><b>Platon</b><br> +<span class="s5a">Sein Leben, seine Schriften, seine Lehre. Von +<b>CONSTANTIN RITTER</b>. <em class="gesperrt">Erster Band</em>: Platons Leben +und Persönlichkeit, Philosophie nach den Schriften der ersten sprachlichen +Periode. XV, 588 Seiten 8<sup>o</sup>. Geheftet M 8.—*, gebunden +M 9.—*</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Platon und die Aristotelische Ethik</b><br> +<span class="s5a">Von <b>Dr. HANS MEYER</b>, Professor der Philosophie in +München. 1919. VI, 300 Seiten 8<sup>o</sup>. Geheftet M 16.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Geschichte der griechischen Literatur</b><br> +<span class="s5a">von <b>WILH. v. CHRIST</b>. Unter Mitwirkung von Professor +Dr. OTTO STÄHLIN (Erlangen) neubearbeitet von Professor Dr. WILHELM SCHMID +(Tübingen).</span></p> + +<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissensschaft VII. +Band</i>)</p> + +<table class="s5"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil: <b>Die klassische Periode der griechischen + Literatur</b>. 6. Auflage. 1912. 50 Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet + M 23.50, gebunden M 41.50</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Die nachklassische Literatur</b> + von 320 v. Chr. bis 100 n. Chr. 6. Auflage. 1920. 42½ + Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M 35.—, geb. M 55.—. (Soeben + erschienen.)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil, 2. Hälfte: <b>Die nachklassische Periode der + griechischen Literatur</b> von 100 bis 530 n. Chr. 5. Auflage. + 1913. Mit alphabetischem Sachregister und einem Anhang von 45 + Porträtdarstellungen, ausgewählt und erläutert von J. + <em class="gesperrt">Sieveking</em>. 50⅝ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. + Geheftet M 25.50, gebunden M 43.50</div> + </td> + </tr> +</table> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Geschichte der römischen Literatur</b><br> +<span class="s5a">bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian. Von +<b>MARTIN von SCHANZ</b>.</span></p> + +<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft VIII. +Band</i>)</p> + +<table class="s5"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Von den Anfängen der Literatur bis + zum Ausgang des Bundesgenossenkrieges.</b> Mit Register. 3. Auflage. 23 + Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geh. M 12.25, geb. M 26.25</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">I.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil, 2. Hälfte: <b>Bis zum Ende der Republik</b>. Mit + Register. 3. Auflage. 33⅞ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M 17.50, + gebunden M 33.50</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Die augustische Zeit</b>. Mit + Register. 3. Auflage. 38½ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M + 17.50, gebunden M 33.50</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">II.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil, 2. Hälfte: <b>Vom Tode des Augustus bis zur + Regierung Hadrians</b>. Mit Register. 3. Auflage. 38½ Bogen Lex. + 8<sup>o</sup>. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">III.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil: <b>Die römische Literatur von Hadrian bis auf + Constantin (324 n. Chr.)</b>. Mit Register. 2. Auflage. + Vergriffen.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">IV.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Die Literatur des 4. + Jahrhunderts</b>. Mit Register. 2., vermehrte Auflage. 36¾ Bogen + Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50. Die zweite + Hälfte (die Literatur des 5. und 6. Jahrhunderts) erscheint Herbst + 1920.</div> + </td> + </tr> +</table> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Griechische Staatskunde</b><br> +<span class="s5a">Von <b>Dr. GEORG BUSOLT</b>, ord. +Professor an der Universität Göttingen. 3., neugestaltete Auflage der +Griechischen Staats- und Rechtsaltertümer. 1. Hauptteil: Allgemeine +Darstellung des griechischen Staates. 41 Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M +30.—, gebunden M 50.—. (Soeben erschienen.)</span></p> + +<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft IV. +Band, 1. Abteilung, 1. Hälfte</i>)</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Griechische Kultusaltertümer</b><br> +<span class="s5a">Von <b>Dr. P. +STENGEL</b>, Professor am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. 3., +neubearbeitete Auflage. 17½ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Mit 6 Tafeln. +Geheftet M 20.—, gebunden M 35.—. (Soeben erschienen.)</span></p> + +<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band. 3. +Abteilung</i>)</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Geschichte der antiken Philosophie</b><br> +<span class="s5a">Von <b>WILHELM +WINDELBAND</b>. 3. Auflage bearbeitet von Dr. ADOLF BONHÖFFER. Geh. M +10.50, geb. M 24.50</span></p> + +<p>(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band, 1. +Abteilung, 1. Teil</i>)</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s5a center">Zu den mit * versehenen Preisen kommt noch ein +Teuerungszuschlag des Verlages von 75%.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<div class="mtop3"> + +<hr class="doppel_oben break-before"> + +</div> + +<p class="s3 center"><b>Geschichte der deutschen Literatur</b><br> +<span class="s5a">bis zum Ausgang des +Mittelalters. Von Professor <b>Dr. G. EHRISMANN</b>. 1. Teil: Die +althochdeutsche Literatur. (Soeben erschienen.) Geheftet M 22.50, +gebunden M 30.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Die deutschen Dichter des lateinischen Mittelalters</b><br> +<span class="s5a">in deutschen +Versen von <b>PAUL von WINTERFELD</b>. Herausgegeben von HERMANN REICH. +In Halbleinen gebunden M 16.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Deutsche Altertumskunde</b><br> +<span class="s5a">von Professor <b>Dr. FR. KAUFFMANN</b>. +1. Hälfte: Von der Urzeit bis zur Völkerwanderung. Geheftet M 17.50, in +Leinwand gebunden M 24.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Deutsches Sagenbuch</b><br> +<span class="s5a">Herausgegeben von Professor <b>Dr. FRIEDRICH +v. d. LEYEN</b>.</span></p> + +<p class="p0 s5">1. Teil: Die Götter und Göttersagen der Germanen. +Von Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. 2. Auflage. VIII, 278 Seiten 8<sup>o</sup>. +In Pappband M 22.—. (Soeben erschienen.) — 2. Teil. Die deutschen +Heldensagen. Von Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. VIII, 352 Seiten 8<sup>o</sup>. +In Pappband M 11.—. — 3. Teil: Die deutschen Sagen des Mittelalters. +Von K. WEHRHAN. 1. Hälfte: Kaiser und Herren. VIII, 210 Seiten 8<sup>o</sup>. +In Pappband M 11.—. 2. Hälfte: Stämme und Landschaften, Ritter und +Sänger. X, 254 Seiten 8<sup>o</sup>. In Pappband M 17.—. (Soeben erschienen.) — +4. Teil: Die deutschen Volkssagen. Von Dr. FR. RANKE. XVII, 294 Seiten +8<sup>o</sup>. In Pappband M 11.—</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Die Germanen</b><br> +<span class="s5a">Eine Erklärung der Überlieferung über Bedeutung, +Herkunft des Völkernamens. Von <b>TH. BIRT</b>. M 4.50</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Deutsche Geschichte</b><br> +<span class="s5a">Von <b>OSKAR JÄGER</b>. 5. Auflage (14. bis +16. Tausend) <em class="gesperrt">Erster Band</em>: Bis zum westfälischen Frieden. 43 +Bogen mit 112 Abbildungen und 7 Karten. / <em class="gesperrt">Zweiter Band</em>: Bis zur +Gegenwart. 43 Bogen mit 108 Abbildungen und 8 Karten. Gebunden M 45.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender</b></p> + +<p class="s4 center"><b>Kriegsjahrgänge 1914, 1915 und 1917</b></p> + +<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>30. Jahrgang 1914</b> (der ganzen Reihe LV. Band). +Herausgegeben von <b>WILHELM STAHL</b>. In zwei Hälften. XXXII und +1248 Seiten. M 45.—</p> + +<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>31. Jahrgang 1915</b> (der ganzen Reihe LVI. Band). +Herausgegeben von <b>ERNST JÄCKH</b> und <b>KARL HÖNN</b>. In zwei +Hälften. LI, 1454 Seiten. M 60.—</p> + +<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>32. Jahrgang 1916.</b> Im Druck.</p> + +<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>33. Jahrgang 1917</b> (der ganzen Reihe LVIII. Band). +Herausgegeben von <b>WILHELM STAHL</b>. In zwei Hälften. 1. Hälfte: +IV, 1048 Seiten. 2. Hälfte: XXXV, 1067 Seiten. M 100.—. Soeben +erschienen.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<div class="mtop3"> + +<hr class="doppel_oben break-before"> + +</div> + +<p class="s3 center"><b>Goethe</b><br> +<span class="s5a">Sein Leben und seine Werke. Von <b>ALBERT +BIELSCHOWSKY</b>. 38. und 39. Auflage. Zwei Bände mit zwei +Porträtgravüren. In Halbleinenband M 70.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Schiller</b><br> +<span class="s5a">Sein Leben und seine Werke. Von <b>KARL BERGER</b>. +11. und 12. Auflage (34. bis 39. Tausend). Zwei Bände mit zwei +Porträtgravüren. In Halbleinenband M 65.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Herder</b><br> +<span class="s5a">Sein Leben und seine Werke. Von <b>EUGEN KÜHNEMANN</b>. +2., neubearbeitete Auflage. Mit Porträtgravüre. In Halbleinenband M +24.—</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Schiller</b><br> +<span class="s5a">Von <b>EUGEN KÜHNEMANN</b>. Sechste Auflage (16. bis +19. Taus.). In Halbleinenband M 40.—. (Soeben erschienen.)</span></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Theodor Fontane</b> von <b>CONRAD WANDREY</b>.<br> +<span class="s5a">Geb. M 20.—</span></p> + +<p class="p0 s5">„Das kluge, gediegene und liebevolle, dabei in seiner Rede die +richtige Tonhöhe wahrende und in kritischen Einzelheiten sehr feine +Buch will, wie es im Vorwort heißt, das Fontanebild dieser Gegenwart +einfangen, und das heißt, es dient in der Hauptsache und fast +ausschließlich dem Epiker, denn dieser ist es, der lebt und gilt +.... Es ist eine Glanzleistung, die, wie wir glauben möchten, mit +ihrem Gegenstande durch die Zeiten ehrenvoll verbunden bleiben wird.“ +<em class="gesperrt">Thomas Mann</em> (Berliner Tageblatt).</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Goethes Faust</b><br> +<span class="s5a">Nach Entstehung und Inhalt erklärt. Von <b>ERNST +TRAUMANN</b>. Zweite Auflage. <em class="gesperrt">Erster Band</em>: Der +Tragödie erster Teil. <em class="gesperrt">Zweiter Band</em>: Der Tragödie +zweiter Teil. In Halbleinenband M 45.—</span></p> + +<p class="p0 s5">„Unsere Literatur über unsere Literatur ist nicht allzu reich an +solchen wahrhaft ins Herz der Dichtung führenden Werken.“ Professor +Dr. J. <em class="gesperrt">Hofmiller</em> (Süddeutsche Monatshefte). — „Wir werden +an dem Werk die ausführlichste, wissenschaftlich zuverlässigste und +gründlichste Erklärung des Faust haben.“ <em class="gesperrt">Pädagogische +Blätter.</em></p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s3 center"><b>Bausteine zu einer Ästhetik der innern Form</b><br> +<span class="s5a">Von <b>FRIEDRICH +LIPPOLD</b>. XXIV, 400 Seiten. In Halbleinenband M 20.—</span></p> + +<p class="p0 s5">Nicht nur die Wissenschaft der Ästhetik, sondern die deutsche +Literatur wird mit diesem Buche um einen Denker und Schriftsteller +seltener Art bereichert. Bis zu <em class="gesperrt">seiner</em> Tiefe hat wohl niemand +bisher die Schönheiten der ersten Züricherseestrophe Klopstocks oder +von Goethes „Euphrosyne“ und „Auf Miedings Tod“ ausgekostet und von +diesen Erlebnissen im Reiche des Schönen Kunde gegeben. Lippold war +eine Persönlichkeit in der Art F. Th. Vischers und Wilh. Diltheys +und wird in unserer traurigen Gegenwart wie ein Klang aus dem alten +Deutschland vor 1870 wirken, das der Welt so viele Denker und Lehrer +gegeben hat.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<div class="mtop3"> + +<hr class="doppel_oben break-before"> + +</div> + +<p class="center padtop3">Soeben ist erschienen:</p> + +<p class="s2 center">ERNST DROEM</p> + +<p class="s2 center"><span class="s4"><em class="gesperrt">GESÄNGE</em></span></p> + +<p class="s4 center">EINGEFÜHRT VON</p> + +<p class="s3 center">OSWALD SPENGLER</p> + +<p class="s4 center">Geheftet M 10.— <span class="mleft3">Gebunden M 14.—</span></p> + +<p>In Oswald Spenglers Werk „Der Untergang des Abendlandes“ 3.–15. Auflage +Seite 331 ist in bedeutungsvoller Weise auf den Dichter hingewiesen mit +den Worten:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>„<i>Die moderne Poesie der welkenden Alleen, der endlosen Straßenzüge +unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines Domes, der Gipfel einer +fernen Gebirgskette ..... Baudelaire, Verlaine und X haben diese +Gefühle in Verse gebracht.</i>“</p> +</div> + +<p>Mit der Veröffentlichung der „GESÄNGE“ von ERNST DROEM wird +der literarischen Welt dieses X nun aufgelöst. Eine bedeutende +Dichterpersönlichkeit, von kosmischen Visionen gleich Goya und Daumier +bestürmt, ein Meister der Sprache und der modernsten Form, tritt +hier — was bei Dichtern sonst selten ist — aus sorgsam gehüteter +Verborgenheit hervor mit der reifen Frucht ihres Geistes und ihrer +Kunst.</p> + +<p class="mbot3">OSWALD SPENGLER hat der ersten Gabe dieses Dichters eine Einleitung +über die Lyrik der Gegenwart vorangeschickt, die ganz neue Gedanken und +Gesichtspunkte bietet.</p> + +<hr class="ganz"> + +<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in +München</b></p> + +<hr class="doppel_unten"> + +<p class="s5a center">C. H. Beck’sche Buchdruckerei in Nördlingen</p> + +</div> + +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77042 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/77042-h/images/cover.jpg b/77042-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b7934a8 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/cover.jpg diff --git a/77042-h/images/p074c_kl_h2_li.jpg b/77042-h/images/p074c_kl_h2_li.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d776216 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/p074c_kl_h2_li.jpg diff --git a/77042-h/images/p074c_kl_h2_re.jpg b/77042-h/images/p074c_kl_h2_re.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5035a29 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/p074c_kl_h2_re.jpg diff --git a/77042-h/images/p074c_kl_h3_li.jpg b/77042-h/images/p074c_kl_h3_li.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..741ea43 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/p074c_kl_h3_li.jpg diff --git a/77042-h/images/p147_schema.jpg b/77042-h/images/p147_schema.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..533c5ed --- /dev/null +++ b/77042-h/images/p147_schema.jpg diff --git a/77042-h/images/p211_schema.jpg b/77042-h/images/p211_schema.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cec37d7 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/p211_schema.jpg diff --git a/77042-h/images/p301_schema.jpg b/77042-h/images/p301_schema.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4605970 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/p301_schema.jpg diff --git a/77042-h/images/pg097_reihe.jpg b/77042-h/images/pg097_reihe.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..12e4b60 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/pg097_reihe.jpg diff --git a/77042-h/images/signet.jpg b/77042-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..326e9d7 --- /dev/null +++ b/77042-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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