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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77042 ***
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1920 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Hochgestellten Zeichen wird das Caret-Symbol (^) vorangestellt,
+ mehrfache Zeichen werden dabei durch geschweifte Klammern gruppiert,
+ z.B. e^{-ix}. Die Wurzel mit dem Exponenten Pi wurde als [π]√̅x
+ ausgedrückt.
+
+ Fußnoten wurden am Ende des jeweiligen Abschnitts zusammengefasst.
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ kursiv: _Unterstriche_
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ DER UNTERGANG DES ABENDLANDES
+
+ ERSTER BAND: GESTALT UND WIRKLICHKEIT
+
+
+
+
+ DER UNTERGANG
+ DES ABENDLANDES
+
+ UMRISSE EINER MORPHOLOGIE
+ DER WELTGESCHICHTE
+
+ VON
+
+ OSWALD SPENGLER
+
+ ERSTER BAND
+
+ GESTALT UND WIRKLICHKEIT
+
+ 23.-32., UNVERÄNDERTE AUFLAGE
+ 37.-50. TAUSEND
+
+ [Illustration]
+
+ C. H. BECK’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
+ OSKAR BECK MÜNCHEN 1920
+
+
+
+
+ Copr. München 1919. C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung
+
+ Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+
+
+
+
+ Wenn im Unendlichen dasselbe
+ Sich wiederholend ewig fließt,
+ Das tausendfältige Gewölbe
+ Sich kräftig ineinander schließt;
+ Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
+ Dem kleinsten wie dem größten Stern,
+ Und alles Drängen, alles Ringen
+ Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.
+
+ +Goethe+
+
+
+
+
+VORWORT
+
+
+Dies Buch, das Ergebnis dreier Jahre, war in der ersten Niederschrift
+vollendet, als der große Krieg ausbrach. Es ist bis zum Frühling
+1917 noch einmal durchgearbeitet und in Einzelheiten ergänzt und
+verdeutlicht worden. Die außerordentlichen Verhältnisse haben sein
+Erscheinen weiterhin verzögert.
+
+Obwohl mit einer allgemeinen Philosophie der Geschichte beschäftigt,
+bildet es doch in tieferem Sinne einen Kommentar zu der großen Epoche,
+unter deren Vorzeichen die leitenden Ideen sich gestaltet haben.
+
+Der Titel, seit 1912 feststehend, bezeichnet in strengster
+Wortbedeutung und im Hinblick auf den Untergang der Antike eine
+welthistorische Phase vom Umfang mehrerer Jahrhunderte, in deren Anfang
+wir gegenwärtig stehen.
+
+Die Ereignisse haben vieles bestätigt und nichts widerlegt. Es
+zeigte sich, daß diese Gedanken eben jetzt und zwar in Deutschland
+hervortreten mußten, daß der Krieg selbst aber noch zu den
+Voraussetzungen gehörte, unter welchen die letzten Züge des neuen
+Weltbildes bestimmt werden konnten.
+
+Denn es handelt sich nach meiner Überzeugung nicht um eine neben
+andern mögliche und nur logisch gerechtfertigte, sondern um die,
+gewissermaßen natürliche, von allen dunkel vorgefühlte Philosophie
+der Zeit. Das darf ohne Anmaßung gesagt werden. Ein Gedanke von
+historischer Notwendigkeit, ein Gedanke also, der nicht in eine Epoche
+fällt, sondern der Epoche macht, ist nur in beschränktem Sinne das
+Eigentum dessen, dem seine Urheberschaft zuteil wird. Er gehört der
+ganzen Zeit; er ist im Denken aller unbewußt wirksam und allein die
+zufällige private Fassung, ohne die es keine Philosophie gibt, ist mit
+ihren Schwächen und Vorzügen das Schicksal -- und das Glück -- eines
+Einzelnen.
+
+Ich habe nur den Wunsch beizufügen, daß dies Buch neben den
+militärischen Leistungen Deutschlands nicht ganz unwürdig dastehen möge.
+
+
+München, im Dezember 1917
+
+ Oswald Spengler
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+ Seite
+
+ Vorwort VII
+
+ Inhaltsverzeichnis IX
+
+
+ Einleitung 1
+
+ Das Thema. Vorausbestimmung der Geschichte. Der historische
+ Vergleich. +Morphologie der Weltgeschichte+ -- eine neue
+ Philosophie. +Für wen+ gibt es Geschichte? Der antike Mensch
+ ahistorisch. Sein Verhältnis zur Chronologie und Astronomie.
+ Das Weltbild des indischen und ägyptischen Menschen. Mumie und
+ Totenverbrennung als Zeitsymbole. Der westeuropäische Mensch
+ extrem historisch veranlagt.
+
+ +Die Form der Weltgeschichte.+ „Altertum-Mittelalter-Neuzeit.“
+ Flachheit des Schemas, Mangel an Proportion. Das Linienförmige.
+ Herkunft aus dem Orient; Addition einer „Neuzeit“ im Abendlande.
+ Zunehmende Zersetzung des Bildes. Westeuropa kein Schwerpunkt.
+ Vollkommener Relativismus. Goethes Methode die einzig
+ historische. „Weltgeschichte“ als Geschichte einer Gruppe hoher
+ Kulturen. Kulturen als Organismen.
+
+ +Das Römertum als Schlüssel zum Verständnis der westeuropäischen
+ Zukunft.+ Unser bisheriges Verhältnis zur Antike ideologisch
+ oder materialistisch (Nietzsche und Mommsen). Enge +beider+
+ Standpunkte. „+Untergang des Abendlandes+“: +Das Problem
+ der Zivilisation.+ Zivilisation als das Ende jeder Kultur.
+ Griechentum und Römertum: Kultur und Zivilisation. Weltstadt
+ und Provinz. Das Imperium Romanum: der normale Endzustand jeder
+ Zivilisation. Gegenwart und Imperialismus.
+
+ Notwendigkeit des Grundgedankens. Seine Tragweite. Verhältnis
+ zur Philosophie. Inferiorität des heutigen Philosophierens:
+ kein lebendiges Verhältnis zur Zeit. Gibt es noch eine echte
+ Möglichkeit? Nach der systematischen und der ethischen Periode
+ eine letzte, skeptische (historisch-relativistische). Statt des
+ Erkenntnis- und des Wertproblems das Formproblem als Schwerpunkt.
+ Erweiterung der historischen Morphologie zu einer universellen
+ Symbolik.
+
+ Entstehung des Buches. Anlaß. Inhalt. Ordnung.
+
+ Tafeln zur vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte 73
+
+
+ I. Kapitel: Vom Sinn der Zahlen 75
+
+ Grundbegriffe. +Richtung und Ausdehnung: chronologische und
+ mathematische Zahl.+ Die Zahl als Prinzip der Grenzsetzung.
+ Keine „Zahl an sich“. Mehrere Mathematiken. Kants Begriff
+ des a priori. Die Form des Erkennens weder konstant noch
+ allgemeingültig: eine Funktion der jeweiligen Kultur. Stile
+ des Erkennens. Innere Verwandtschaft jeder Mathematik mit der
+ Formensprache der gleichzeitigen Künste: euklidische Geometrie
+ und Statuenplastik, Analysis und Kontrapunkt.
+
+ +Die antike Zahl als Größe (Maß).+ Körperliche, nicht räumliche
+ Ausgedehntheit. Fehlen irrationaler und negativer Zahlen.
+ Weltsystem des Aristarch. Mathematik und Religion. Zahl und
+ Tod. Diophant und die arabische Zahl (Algebra). Descartes und
+ die Analysis des Unendlichen. +Die abendländische Zahl als
+ Funktion.+ Die Geschichte der abendländischen Mathematik eine
+ fortschreitende Emanzipation vom Größenbegriff. Das Irrationale
+ antihellenisch.
+
+ Weltangst und Weltsehnsucht. Ursprung der mathematischen,
+ religiösen, künstlerischen Formensprache: Ausdruck der Angst vor
+ dem Unbekannten.
+
+ Geometrie und Arithmetik (Messung und Zählung) veraltete Namen.
+ +Die Quadratur des Kreises das klassische antike Grenzproblem.+
+ Die Mathematik des Kleinen (der antike Staat). Konstruktion und
+ Operation. +Das klassische abendländische Grenzproblem: der
+ Grenzwert der Infinitesimalrechnung+ (Beziehung zum Barockstil).
+ Überschreitung der Grenze des Sehsinnes durch die Analysis. Das
+ antike Parallelenaxiom und die nichteuklidischen Geometrien.
+ Mehrdimensionale Räume (Punktmannigfaltigkeiten). Letzte
+ Fassung des faustischen Zahlendenkens: Transformations- und
+ Invariantenlehre. Erschöpfung der formalen Möglichkeiten und Ende
+ der westeuropäischen Mathematik.
+
+
+ II. Kapitel: Das Problem der Weltgeschichte 133
+
+ I. Physiognomik und Systematik 135
+
+ Notwendigkeit einer neuen historischen Methode. Ausschaltung der
+ Ideale und Moralen als Wertmesser der Entwicklung. +Geschichte
+ und Natur = Gestalt und Gesetz = Richtung und Ausdehnung.+
+ Physiognomik und Systematik als die beiden Arten morphologischer
+ Weltbetrachtung.
+
+ +Was ist eine Kultur?+ Aufbau der höheren Geschichte. Goethes
+ Urphänomen. Tempo, Lebensdauer, Stil, Tod hoher Kulturen.
+ Wiederholung des Kulturganges im zugehörigen Einzeldasein.
+ Begriff der Homologie von Epochen. Gleichartiger Bau aller
+ Kulturen. Möglichkeit morphologischer Vorausbestimmung und
+ Rekonstruktion historischer Perioden.
+
+ II. Schicksalsidee und Kausalitätsprinzip 164
+
+ Zwei Formen kosmischer Notwendigkeit: +organische und
+ anorganische Logik = Schicksal und Kausalität+ (Lebensgefühl und
+ Erkenntnisform). Beziehung zu Weltsehnsucht und Weltangst. Die
+ kausale Weltform als Versuch des Verstandes, das Schicksal zu
+ überwinden. Schicksal als Daseinsart des Urphänomens.
+
+ +Das Zeitproblem.+ Mißverständnisse der Systematiker: „Zeit und
+ Raum“. +Zeit (Nichtumkehrbarkeit) als Schicksal.+ Zeit kein
+ Begriff, wissenschaftlich nicht zugänglich. Raumrechnung und
+ Zeitrechnung (das Was und das Wann): die naturhafte und die
+ historische Weltfrage. Mathematik und Chronologie.
+
+ Zeit, Schicksal und Tragödie. Euklidische und analytische Tragik
+ (Situations- und Entwicklungstragik). +Jede Kultur eine eigne
+ Schicksalsidee.+ Grenzen der Möglichkeit, die „Weltgeschichte
+ der andern“ zu verstehen. Die großen Zeitsymbole als einzige
+ Hilfsmittel: Die Uhr. Bestattungsformen. Kalender. Erotik.
+ +Staatsform und Zeitgefühl+: der antike, ägyptische und
+ abendländische Staatsgedanke. Stoizismus und Sozialismus:
+ Beziehung zu Plastik und Musik.
+
+ Schicksal und Zufall. Kausalität und Prädestination. Tragik des
+ Zufälligen (Shakespeare). Tyche und der Stil des antiken Daseins.
+ Astrologie und Orakel. Die antike Schicksalstragödie. Logik der
+ Geschichte: Kolumbus und das spanische Jahrhundert. „Epoche“
+ und „Episode“. Anonyme und persönliche Form der Geschichte. Das
+ Schicksal Napoleons. Luther.
+
+ Gibt es eine wirkliche Geschichtswissenschaft? Verwechslung
+ physikalisch-kausaler und historisch-physiognomischer Methoden.
+ Geschichte als „Prozeß“. „Hunger und Liebe.“ Das soziale Drama
+ als Seitenstück zur materialistischen Geschichtsauffassung.
+ Mangel an Skepsis. Letzte Aufgaben.
+
+
+ III. Kapitel: Makrokosmos 221
+
+ I. Die Symbolik des Weltbildes und das Raumproblem 223
+
+ Was ist ein Symbol? Idee des Makrokosmos. Die Welt als Inbegriff
+ von Symbolen in bezug auf eine Seele. Jeder Mensch hat eine
+ eigne Umwelt. Raum und Tod. „+Alles Vergängliche ist nur
+ ein Gleichnis.+“ +Das Raumproblem.+ Nur die Tiefe („dritte
+ Dimension“) raumbildend. Kants Theorie. Unabhängigkeit der
+ Mathematik von der Anschauung. Variabilität des Sehbildes.
+ Mehrzahl möglicher Raumarten. +Raumtiefe = Richtung (Zeit).+
+ +Identität des Tiefenerlebnisses mit dem Erwachen des
+ Innenlebens.+ Idealtypus der Ausdehnung: jede Kultur besitzt ein
+ eignes Ursymbol. Das abendländische Ursymbol: der +unendliche
+ Raum+. Kants Problem für die Griechen gar nicht vorhanden. Der
+ Parallelensatz Euklids und die Vielzahl der Raumstrukturen in der
+ westeuropäischen Mathematik. Das antike Ursymbol: +der stoffliche
+ Einzelkörper+.
+
+ II. Apollinische, faustische, magische Seele 254
+
+ Olymp und Walhall. Magisches und faustisches Christentum. Der
+ antike Polytheismus (Gott als Körper) und der abendländische
+ Monotheismus (Gott als Raum). Das ägyptische Ursymbol +der Weg+.
+ Sinn der Pyramidenarchitektur.
+
+ Doppelsinn der Kunst: +Imitation und Symbolik+ (Weltsehnsucht
+ und Weltangst). Jede Frühkunst Architektur: Stein und Ursymbol.
+ Staatsform und Architekturform; Ausdruck des Willens, der Sorge,
+ der Dauer. Hohenstaufen und Pharaonen. Außenarchitektur und
+ Innenräume. +Das Problem des Stils.+ Einheit und Lebensdauer
+ innerhalb einer Kultur. Der ägyptische Stil als Musterbeispiel
+ einer Stilgeschichte. Koinzidenz seiner Phasen mit denen des
+ abendländischen Stils. +Stileinheit von der Romantik bis zum
+ Empire.+ Verlagerung des Schwerpunkts der Stilbildung von der
+ frühen Architektur in eine der bildenden Künste. Dorik und Ionik,
+ Gotik und Barock als Jugend- und Altersphase desselben Stils.
+ Aufgabe der Kunstwissenschaft: vergleichende Biographien der
+ großen Stile. Psychologie der Kunsttechnik. Der wahre Umfang
+ der arabischen Kunst: die altchristlich-„spätantike“ Kunst als
+ Frühzeit, die islamische als Spätzeit. Mosaikmalerei, Arabeske.
+ Verbindung von Rundbogen und Säule arabische Motive.
+
+
+ IV. Kapitel: Musik und Plastik 295
+
+ I. Die bildenden Künste 297
+
+ Unmöglichkeit einer Einteilung der Künste nach stationären
+ technischen Prinzipien. +Musik eine bildende Kunst.+ Auswahl der
+ innerhalb einer Kultur möglichen Künste. Tendenz aller antiken
+ Künste zur Rundplastik (650-350). Beziehung zur euklidischen
+ Geometrie. Die Freskomalerei als Vorstufe. Dementsprechend 1500
+ bis 1800 Ausbildung der Instrumentalmusik. Kontrapunkt und
+ Analysis: Sieg der Musik über Malerei und Baukunst: Rokoko.
+
+ Charakter der Renaissance als +antigotischer+
+ (+antimusikalischer+) Bewegung. Fresko und Statue in Florenz
+ vom gotischen Formgefühl bestimmt (Bildraum). Linear- und
+ Luftperspektive. Der Park. Die historische Landschaft.
+
+ +Symbolik der Farben.+ Farben der Nähe und Ferne. Das hellenische
+ Vierfarbenfresko. Blau und Grün Raumfarben. Behandlung des
+ Bildhintergrundes: Verneinung im antiken Fresko, Goldgrund
+ im Mosaik, Tiefenperspektive in der Ölmalerei. Der sichtbare
+ Pinselstrich der Venezianer +als Ausdruck des historischen
+ Gefühls+. Das Rembrandtbraun.
+
+ II. Akt und Porträt 351
+
+ Das antike und das abendländische Menschenideal: der Körper
+ nach Grenzflächen oder physiognomisch behandelt. Köpfe antiker
+ Statuen. Faustische Akte ein Widerspruch. Das Porträt in Florenz
+ und Venedig. Michelangelo und das Ende der abendländischen
+ Plastik. Lionardo frei von Renaissanceidealen; der Entdecker;
+ Physiologie statt Anatomie. Raffaels sixtinische Madonna die
+ letzte große Linie in der abendländischen Kunst.
+
+ +In jeder Kultur eine Gruppe großer Künste.+ In der faustischen
+ die Instrumentalmusik, in der apollinischen die Aktplastik
+ als Mitte. Gleichzeitigkeit der Ausbildung; identische Dauer.
+ +Begriff des Impressionismus+: Physiognomik des Pinselstrichs.
+ Parallele zur chinesischen Kunst: Park, Musik. Perspektive.
+ +Das Freilichtproblem+; sein Gegensatz zum Impressionismus von
+ Lionardo bis Rembrandt: Kultur und Zivilisation. Ausgang der
+ westeuropäischen Malerei.
+
+ Mit Tristan und Parzifal die faustische Musik zu Ende. +Bayreuth
+ und Pergamon+: Ende der antiken Skulptur. Unmöglichkeit einer
+ organischen Fortentwicklung. Alexandrinismus. Letzte Stadien der
+ ägyptischen und antiken Kunst.
+
+
+ V. Kapitel: Seelenbild und Lebensgefühl 403
+
+ I. Die Form der Seele 405
+
+ Unmöglichkeit einer Wissenschaft von der Seele. +Das Bild
+ der Seele in jeder Kultur eine Funktion des Weltbildes.+
+ „Seelenkörper“ und „Seelenraum“ der antiken und abendländischen
+ Psychologie. +Der „Wille“ als Repräsentant des historischen
+ Gefühls.+ Der Wille zur Macht: seelische Dynamik. Wille
+ und „Charakter“ (Porträt, Biographie). Antik die „Haltung“
+ (Statue). Apollinische und faustische Tragik: Attitüdendrama
+ und Charakterdrama (anekdotisch und biographisch). Der Held als
+ Dulder oder Täter. Der Begriff der Katharsis und der Stoizismus.
+ Die drei Einheiten: Formideal der Statue. Tages- und Nachtkunst.
+
+ Popularität und Esoterik, Hingabe und Überwindung. „Kenner und
+ Laie“ als Ausdruck der Distanzenergie. +Steigende Esoterik
+ der westeuropäischen Geistigkeit.+ Verhältnis des Kunstwerkes
+ zum Betrachter: arabische, chinesische, abendländische
+ Malperspektive. Das astronomische Weltbild. Raumerweiternde
+ Kraft des Fernrohrs. Segelschiffahrt. Kolumbus. Die Antike und
+ die Umschiffung Afrikas. Antikes und nordisches Heimatgefühl.
+ +Der apollinische und faustische Staatsgedanke.+ Zwei Arten von
+ Kolonisation. Weltmachtpläne unantik.
+
+ II. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus 465
+
+ +„Du sollst“ die spezifisch faustische Form der Moral+ (Wille
+ zur Macht, Tat, Raum). Antik die Interesselosigkeit an einer
+ Umwandlung der Welt (Ataraxia). +Moral die unveränderliche
+ Struktur des lebendigen Seins.+ Jede Kultur besitzt eine eigne
+ und einzige Grundform. Beziehung zur Mathematik: „euklidische“
+ (Haltungs-) und „analytische“ (Willens-)ethik. Katharsis und
+ Nirwana. Moralische Theorie und Praxis. Nicht Mitleids-, sondern
+ „Herrenmoral“ faustisch: +praktische Dynamik+. Verhältnis von
+ Ethik und Logik.
+
+ +Buddhismus+, +Stoizismus+, +Sozialismus+. Verwandlung von Kultur
+ in Zivilisation. +Buddha, Sokrates, Rousseau die Wortführer
+ anbrechender Zivilisationen.+ Tragische und Plebejermoral:
+ Äschylus und die Stoa, Shakespeare und die Gegenwart. Der
+ Kulturbegriff der Tat und der zivilisierte Begriff der
+ +Arbeit+. „Rückkehr zur Natur“ in allen drei Fällen. Der
+ ursprüngliche Buddhismus keine Religion, dem Christentum nicht
+ verwandt. Kultur und Religion, Zivilisation und Irreligion.
+ Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus +formverwandte praktische
+ Weltstimmungen+. Die metaphysisch-systematische und die
+ sozialethische Periode jeder Philosophie (Indien, Antike,
+ Abendland). Der Weltstadtmensch Objekt der neuen Denkweise.
+ Rhetorik und Journalismus. Die buddhistische Agitation. Paulus
+ gegen Bonifacius.
+
+ Zwei richtige Auffassungen des Sozialismus: +als Form der Zukunft
+ und als Form des Niedergangs+. Der unbewußte Sozialismus.
+ Alle Römer unbewußte Stoiker. Ausgang des Sozialismus von
+ Kant: der kategorische Imperativ auf das Politische, Soziale,
+ Wirtschaftliche angewandt. Das Recht auf Arbeit als faustisches
+ Gegenstück des antiken „_panem et circenses_“. +Praktische Statik
+ und Dynamik.+ Der Wille zur Zukunft und das „dritte Reich“
+ (Ibsen). Ursprung des abendländischen Bildes der Weltgeschichte:
+ Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit: Richtungsenergie.
+
+ Geschichte der Philosophie ein morphologisches Problem.
+ +Kulturphilosophie und zivilisierte Philosophie.+ Die
+ ethische Periode der „Philosophie ohne Mathematik“. Wachsende
+ Bedeutungslosigkeit metaphysischer Fragen seit Aristoteles und
+ Kant. +Der nationalökonomische Charakter der westeuropäischen
+ Ethik+: die Schule Hegels. Schopenhauers System eine Antizipation
+ des Darwinismus. Darwins Theorie nationalökonomischer Herkunft.
+ Der Übermensch. Nietzsche und Shaw: die Züchtungsidee als
+ letzte Konsequenz der ethischen Dynamik des „Du sollst“. Gang
+ der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Letzte Möglichkeit: der
+ historisch-psychologische Skeptizismus.
+
+
+ VI. Kapitel: Faustische und apollinische Naturerkenntnis 525
+
+ Das Ziel der Naturwissenschaft, reine Mechanik zu werden: eine
+ Illusion. Jedes Naturgesetz Zahl und Bild. Alle Grundbegriffe
+ der modernen Physik rein faustischer Natur. Jedes „Wissen“ von
+ der Natur von einer voraufgegangenen Religion abhängig. +Die
+ antike Physik Statik, die arabische Alchymie, die abendländische
+ Dynamik.+ Alchymie und Chemie. Antike und westeuropäische
+ Atomtheorie: Miniaturformen und Minimalquanta (Gestalteinheit und
+ Wirkungseinheit). Stoizismus und Sozialismus der Atome; Beziehung
+ zu politischen Formen.
+
+ +Das Bewegungsproblem Mittelpunkt jeder Physik.+ Seine
+ Unlösbarkeit. Die Eleaten. Die Mechanik von Hertz. Der
+ physikalische Begriff der Notwendigkeit. +Kausalität
+ (Naturgesetz) eine spezifisch westeuropäische Fassung.+ Andre
+ Möglichkeiten. Das Bedingte in unserm Begriff der Erfahrung.
+
+ Gottgefühl und Naturerkenntnis. „Kraft und Masse“ und der
+ Barockstil. Die Bewegung Ausgangspunkt für Religion +und+
+ Physik. +Die Theorie als Mythus.+ „Stoff und Form“ -- „Kraft
+ und Masse“: Gott als höchste Gestalt oder als höchste Kraft.
+ +Entstehung des großen Mythus in der Frühzeit jeder Kultur.+ Der
+ faustische Mythus 900-1200 entstanden: Identität katholischer,
+ heidnisch-nordischer und ritterlich-epischer Vorstellungen.
+ Der olympische Mythus und die Körpergeometrie. Apollinische
+ und faustische Naturwesen: +beseelte Dinge+ (Nymphen) und
+ +seelenerfüllte Räume+ (Elfen). Altrömische Gottheiten. Der
+ Kaiserkult die letzte religiöse Schöpfung der Antike. Die
+ spätantiken Kulte als magischer Monotheismus: Auflösung aller
+ Gestalten in ein +Prinzip+.
+
+ Der Atheismus als Negation einer bestimmten Form von
+ Religiosität. Das Christentum vom antiken Standpunkt
+ atheistisch. Antike Intoleranz gegen Kultfrevel, abendländische
+ gegen dogmatische Abweichungen (Scheiterhaufen, Guillotine),
+ +Kultfreiheit und Gewissensfreiheit+.
+
+ +Die faustische Physik als Dogma von der Kraft.+ Der Kraftbegriff
+ religiösen Ursprungs. Seine Entwicklung. Galileis Übergang von
+ der Renaissancestatik zur Dynamik.
+
+ Die moderne Physik an der Grenze ihrer formalen Möglichkeiten.
+ Steigende Zweifel an +allen+ Grundbegriffen. Bedeutung der
+ Relativitätstheorie: +Zerstörung des newtonischen Weltbildes+.
+ Die Entropielehre: Mit dem Phänomen der Nichtumkehrbarkeit der
+ Kreisprozesse dringt ein historisches Motiv in das Naturbild.
+ Dementsprechend Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung
+ statt exakter Mathematik. Die Atomzerfallhypothese und die
+ Schicksalsidee. +Die Entropie und der Mythus der Götterdämmerung.+
+
+ Ausgang der westeuropäischen Wissenschaft: Selbstvernichtung
+ durch intellektuelle Verfeinerung. Wachsende Konvergenz von
+ Physik, Chemie, Mathematik und Erkenntnistheorie. Endziel:
+ Auflösung der gesamten wissenschaftlichen Substanz in einen
+ Komplex von Funktionen. +Reine Morphologie mathematisch-logischer
+ Erkenntnisformen.+ Rückkehr der Erkenntnis zum Ausgangspunkt:
+ Skeptizismus.
+
+
+
+
+EINLEITUNG
+
+
+1
+
+In diesem Buche wird zum ersten Male der Versuch gewagt, Geschichte
+vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur,
+und zwar der einzigen, die heute auf der Erde in Vollendung begriffen
+ist, derjenigen Westeuropas, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu
+verfolgen.
+
+Die Möglichkeit, eine Aufgabe von so ungeheurer Tragweite zu lösen,
+ist bis heute offenbar nicht ins Auge gefaßt und wenn dies der Fall
+war, die Mittel, sie zu behandeln, nicht erkannt oder in unzulänglicher
+Weise gehandhabt worden.
+
+Gibt es eine Logik der Geschichte? Gibt es jenseits von allem
+Zufälligen und Unberechenbaren der singulären Ereignisse eine
+sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die
+von den weithin sichtbaren, populären, geistig-politischen Gebilden
+der Oberfläche wesentlich unabhängig ist? Die diese Wirklichkeit
+geringeren Ranges vielmehr erst hervorruft? Erscheinen die großen
+Momente der Weltgeschichte dem verstehenden Auge vielleicht immer
+wieder in einer Gestalt, die Schlüsse zuläßt? Und wenn -- wo liegen die
+Grenzen derartiger Folgerungen? Ist es möglich, im Leben selbst -- denn
+menschliche Geschichte ist der Inbegriff von ungeheuren Lebensläufen,
+als deren Ich und Person schon der Sprachgebrauch unwillkürlich
+Individuen höherer Ordnung wie „die Antike“, „die chinesische Kultur“
+oder „die moderne Zivilisation“ denkend und handelnd einführt -- die
+Stufen aufzufinden, die durchschritten werden müssen und in einer
+Ordnung, die keine Ausnahme zuläßt? Haben die für alles Organische
+grundlegenden Begriffe Geburt, Tod, Jugend, Alter, Lebensdauer in
+diesem Kreise vielleicht einen strengen Sinn, den noch niemand
+erschlossen hat? Liegen, kurz gesagt, allem Historischen allgemeine
+biographische Urformen zugrunde?
+
+Der Untergang des Abendlandes, zunächst ein örtlich und zeitlich
+beschränktes Phänomen wie das ihm entsprechende des Unterganges der
+Antike, ist, wie man sieht, ein philosophisches Thema, das, in seiner
+ganzen Schwere begriffen, alle großen Fragen des Seins in sich schließt.
+
+Will man erfahren, in welcher Gestalt das Erlöschen der abendländischen
+Kultur vor sich geht, so muß man zuvor erkannt haben, was Kultur
+ist, in welchem Verhältnis sie zur sichtbaren Geschichte, zum
+Leben, zur Seele, zur Natur, zum Geiste steht, unter welchen Formen
+sie in Erscheinung tritt und inwiefern diese Formen -- Völker,
+Sprachen und Epochen, Schlachten und Ideen, Staaten und Götter,
+Künste und Kunstwerke, Wissenschaften, Rechte, Wirtschaftsformen und
+Weltanschauungen, große Menschen und große Ereignisse -- Symbole und
+als solche zu deuten sind.
+
+
+2
+
+Das Mittel, tote Formen zu begreifen, ist das mathematische Gesetz. Das
+Mittel lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie. Auf diese Weise
+unterscheiden sich Polarität und Periodizität der Welt.
+
+Das Bewußtsein davon, daß die Zahl der historischen Erscheinungsformen
+eine begrenzte ist, daß Zeitalter, Epochen, Situationen, Personen sich
+dem Typus nach wiederholen, war immer vorhanden. Man hat das Auftreten
+Napoleons kaum je ohne einen Seitenblick auf Cäsar und Alexander
+behandelt, von denen der erste, wie man sehen wird, morphologisch
+unzulässig, der zweite richtig war. Napoleon selbst fand die
+Verwandtschaft seiner Lage mit der Karls des Großen heraus. Der Konvent
+sprach von Karthago, wenn er England meinte, und die Jakobiner nannten
+sich Römer. Man hat, mit sehr verschiedenem Recht, Florenz mit Athen,
+Buddha mit Christus, das Urchristentum mit dem modernen Sozialismus,
+die römischen Finanzgrößen der Zeit Cäsars mit den Yankees verglichen.
+Petrarka, der erste leidenschaftliche Archäologe -- die Archäologie
+ist selbst ein Ausdruck des Gefühls, daß Geschichte sich wiederholt
+-- dachte in bezug auf sich an Cicero und erst vor kurzem noch Cecil
+Rhodes, der Organisator des englischen Südafrika, der die antiken
+Cäsarenbiographien in eigens für ihn angefertigten Übersetzungen in
+seiner Bibliothek besaß, an Kaiser Hadrian. Es war das Verderben Karls
+XII. von Schweden, daß er von Jugend auf das Leben Alexanders von
+Curtius Rufus in der Tasche trug und diesen Eroberer kopieren wollte.
+
+Friedrich der Große bewegt sich in seinen politischen Denkschriften
+-- wie den Considerations von 1738 -- mit vollkommener Sicherheit
+in Analogien, um seine Auffassung der weltpolitischen Situation zu
+kennzeichnen, so wenn er die Franzosen mit den Makedoniern unter
+Philipp den Griechen -- Deutschen -- gegenüber vergleicht. „Schon sind
+die Thermopylen Deutschlands, Elsaß und Lothringen, in Philipps Hand.“
+Damit war die Politik des Kardinals Fleury vorzüglich getroffen. Hier
+findet sich weiterhin der Vergleich zwischen der Politik der Häuser
+Habsburg und Bourbon und den Proskriptionen des Antonius und Oktavian.
+
+Aber das alles blieb fragmentarisch und willkürlich und entsprach in
+der Regel mehr einem augenblicklichen Hange, sich dichterisch und
+geistreich auszudrücken, als einem tieferen historischen Formgefühl.
+
+So sind die Vergleiche Rankes, eines Meisters der kunstvollen
+Analogie, zwischen Kyaxares und Heinrich I., den Einfällen der
+Kimmerier und Magyaren morphologisch bedeutungslos, nicht viel weniger
+der oft wiederholte zwischen den hellenischen Stadtstaaten und den
+Renaissancerepubliken, von tiefer, aber zufälliger Richtigkeit dagegen
+der zwischen Alkibiades und Napoleon. Sie sind bei ihm wie bei andern
+aus einem plutarchischen, d. h. volkstümlich romantischen Geschmack
+vollzogen worden, der lediglich die Ähnlichkeit der Szene auf der
+Weltbühne ins Auge faßt, nicht im strengen Sinne des Mathematikers, der
+die innere Verwandtschaft zweier Gruppen von Differentialgleichungen
+erkennt, an denen der Laie nichts als Differenzen sieht.
+
+Man bemerkt leicht, daß im Grunde die Laune, nicht eine Idee, nicht
+das Gefühl einer Notwendigkeit die Wahl der Bilder bestimmt. Von einer
++Technik+ des Vergleichens blieben wir weit entfernt. Sie treten,
+gerade heute, massenhaft auf, aber planlos und ohne Zusammenhang und
+wenn sie einmal in einem tiefen, noch festzustellenden Sinne treffend
+sind, so verdankt man es dem Glück, seltener dem Instinkt, nie einem
+Prinzip. Noch hat niemand daran gedacht, hier eine +Methode+
+auszubilden. Man hat nicht im entferntesten geahnt, daß hier eine
+Wurzel, und zwar die einzige liegt, aus der eine große Lösung des
+Problems der Geschichte hervorgehen kann.
+
+Die Vergleiche könnten das Glück des historischen Denkens sein,
+insofern sie die organische Struktur des Geschehens bloßlegen. Ihre
+Technik müßte unter der Einwirkung einer umfassenden Idee und also
+bis zur wahllosen Notwendigkeit, bis zur logischen Meisterschaft
+ausgebildet werden. Sie waren bisher ein Unglück, weil sie als eine
+bloße Angelegenheit des Geschmackes den Historiker der Einsicht und
+der Mühe überhoben, die +Formensprache der Geschichte+ und ihre
+Analyse als seine schwerste und nächste, heute noch nicht einmal
+begriffene, geschweige denn gelöste Aufgabe zu betrachten. Sie
+waren teils oberflächlich, wenn man z. B. Cäsar den Begründer einer
+römischen Staatszeitung nannte, oder, noch schlimmer, entlegene,
+höchst komplexe und uns innerlich sehr fremde Phänomene des antiken
+Daseins mit Modeworten wie Sozialismus, Impressionismus, Kapitalismus,
+Klerikalismus belegte, teils von einer bizarren Verkehrtheit wie der
+Brutuskult, den man im Jakobinerklub trieb -- den jenes Millionärs
+und Wucherers Brutus, der als Führer des römischen Uradels unter dem
+Beifall des patrizischen Senats den Mann der Demokratie erstach.
+
+
+3
+
+Und so erweitert sich die Aufgabe, die ursprünglich ein begrenztes
+Problem der modernen Zivilisation umfaßte, zu einer völlig neuen
+Philosophie, +der+ Philosophie der Zukunft, wenn aus dem metaphysisch
+erschöpften Boden des Abendlandes überhaupt noch eine hervorgehen
+kann, der einzigen, die wenigstens zu den +Möglichkeiten+ des
+westeuropäischen Geistes in seinen letzten Stadien gehört: zur Idee
+einer +Morphologie der Weltgeschichte, der Welt als Geschichte+, die
+im Gegensatz zur Morphologie der Natur, bisher dem einzigen Thema der
+Philosophie, alle Gestalten und Bewegungen der Welt in ihrer tiefsten
+und letzten Bedeutung noch einmal, aber in einer ganz andern Ordnung,
+nicht zum Gesamtbilde alles Erkannten, sondern zu einem Bilde des
+Lebens, nicht des Gewordenen, sondern des Werdens, zusammenfaßt.
+
+Die +Welt als Geschichte+, aus ihrem Gegensatz, der +Welt als
+Natur+, begriffen, geschaut, gestaltet -- das ist ein neuer Aspekt
+des Daseins, der bis heute nie angewandt, vielleicht dunkel gefühlt,
+oft geahnt, nie mit allen seinen Konsequenzen gewagt worden ist. Hier
+liegen zwei mögliche Arten vor, wie der Mensch seine Umwelt besitzen,
+erleben kann. Ich trenne der Form, nicht der Substanz nach mit vollster
+Schärfe den organischen vom mechanischen Welteindruck, den Inbegriff
+der Gestalten von dem der Gesetze, das Bild und Symbol von der Formel
+und dem System, das Einmalig-Wirkliche vom Beständig-Möglichen, das
+Ziel der planvoll ordnenden Einbildungskraft von dem der zweckmäßig
+zergliedernden Erfahrung oder, um einen noch nie bemerkten, sehr
+bedeutungsvollen Gegensatz schon hier zu nennen, den Geltungsbereich
+der +chronologischen+ von dem der +mathematischen+ Zahl.[1]
+
+Es kann sich demnach in einer Untersuchung wie der vorliegenden
+nicht darum handeln, die an der Oberfläche des Tages sichtbar
+werdenden Ereignisse geistig-politischer Art als solche hinzunehmen,
+nach Ursache und Wirkung zu ordnen und in ihrer scheinbaren,
+verstandesmäßig faßlichen Tendenz zu verfolgen. Eine derartige --
+„pragmatische“ -- Behandlung der Historie würde nichts als ein
+Stück verkappter Naturwissenschaft sein, woraus die Anhänger der
+materialistischen Geschichtsauffassung kein Hehl machen, während
+ihre Gegner sich nur der Identität des beiderseitigen Verfahrens
+nicht hinreichend bewußt sind. Es handelt sich nicht um das, was die
+greifbaren Tatsachen der Geschichte an und für sich, als Erscheinungen
+zu irgend einer Zeit +sind+, sondern um das, was sie +durch ihre
+Erscheinung bedeuten, andeuten+. Die Historiker der Gegenwart glauben
+ein übriges zu tun, wenn sie religiöse, soziale und allenfalls
+kunsthistorische Einzelheiten heranziehen, um den politischen Sinn
+einer Epoche zu „illustrieren“. Aber sie vergessen das Entscheidende
+-- entscheidend nämlich, insofern sichtliche Geschichte Ausdruck,
+Zeichen, formgewordenes Seelentum ist. Ich habe noch keinen gefunden,
+der mit dem Studium dieser +morphologischen Verwandtschaften+ Ernst
+gemacht hätte, der über den Bereich politischer Tatsachen hinaus
+die letzten und tiefsten Gedanken der Mathematik der Hellenen,
+Araber, Inder, Westeuropäer, den Sinn ihrer frühen Ornamentik, ihrer
+architektonischen, metaphysischen, dramatischen, lyrischen Urformen,
+die Auswahl und Richtung ihrer großen Künste, die Einzelheiten ihrer
+künstlerischen Technik und Stoffwahl eingehend gekannt, geschweige denn
+in ihrer entscheidenden Bedeutung für die Formprobleme des Historischen
+erkannt hätte. Wer weiß es, daß zwischen der Differentialrechnung
+und dem dynastischen Staatsprinzip der Zeit Ludwigs XIV., zwischen
+der antiken Staatsform der Polis und der euklidischen Geometrie,
+zwischen der Raumperspektive der abendländischen Ölmalerei
+und der Überwindung des Raumes durch Bahnen, Fernsprecher und
+Fernwaffen, zwischen der kontrapunktischen Instrumentalmusik und
+dem wirtschaftlichen Kreditsystem ein tiefer Zusammenhang der Form
+besteht? Selbst die realsten Faktoren der Politik nehmen, aus dieser
+Perspektive betrachtet, einen höchst transzendenten Charakter an und
+es geschieht vielleicht zum ersten Male, daß Dinge wie das ägyptische
+Verwaltungssystem, das antike Münzwesen, die analytische Geometrie, der
+Scheck, der Suezkanal, der chinesische Buchdruck, das preußische Heer
+und die römische Straßenbautechnik +gleichmäßig+ als Symbole aufgefaßt
+und als solche gedeutet werden.
+
+An diesem Punkte stellt es sich heraus, daß es eine spezifisch
+historische Art des Erkennens noch gar nicht gibt. Was man so nennt,
+zieht seine Methoden fast ausschließlich aus dem Gebiete des Wissens,
+auf welchem allein Methoden der Erkenntnis zur strengen Ausbildung
+gelangt sind, aus der Physik. Man glaubt Geschichtsforschung zu
+treiben, wenn man den gegenständlichen Zusammenhang von Ursache und
+Wirkung verfolgt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Philosophie
+alten Stils an eine andre Möglichkeit der Beziehung des Geistes auf
+die Welt nie gedacht hat. Kant, der in seinem Hauptwerk die formalen
+Regeln der Erkenntnis feststellte, zog, ohne daß weder er noch irgend
+ein anderer es bemerkt hätte, allein die +Natur+ als Objekt der
+Verstandestätigkeit in Betracht. Wissen ist für ihn mathematisches
+Wissen. Wenn er von angebornen Formen der Anschauung und Kategorien
+des Verstandes spricht, so denkt er nie an das ganz andersgeartete
+Begreifen historischer Phänomene, und Schopenhauer, der von Kants
+Kategorien bezeichnenderweise nur die der Kausalität gelten läßt, redet
+nur mit Verachtung von der Geschichte.[2] Daß außer der Notwendigkeit
+von Ursache und Wirkung -- ich möchte sie die +Logik des Raumes+ nennen
+-- im Leben auch noch die organische Notwendigkeit +des Schicksals+
+-- +die Logik der Zeit+ -- eine Tatsache von tiefster innerster
+Gewißheit ist, eine Tatsache, welche das gesamte mythologische,
+religiöse und künstlerische Denken ausfüllt, die das Wesen und den
+Kern aller Geschichte im Gegensatz zur Natur ausmacht, die aber den
+Erkenntnisformen, welche die „Kritik der reinen Vernunft“ untersucht,
+unzugänglich ist, das ist noch nicht in den Bereich intellektueller
+Formulierung gedrungen. Die Philosophie ist, wie Galilei an einer
+berühmten Stelle seines Saggiatore sagt, im großen Buche der Natur
+„_scritta in lingua matematica_“. Aber wir warten heute noch auf
+die Antwort eines Philosophen, in welcher Sprache die Geschichte
+geschrieben und wie diese zu lesen ist.
+
+Die Mathematik und das Kausalitätsprinzip führen zu einer naturhaften,
+die Chronologie und die Schicksalsidee zu einer historischen Ordnung
+der Erscheinung. Beide Ordnungen umfassen die +ganze+ Welt. Nur das
+Auge, in dem und durch das sich diese Welt verwirklicht, ist ein
+anderes.
+
+
+4
+
+Natur ist die Gestalt, unter welcher der Mensch hoher Kulturen den
+unmittelbaren Eindrücken seiner Sinne Einheit und Bedeutung gibt.
+Geschichte ist diejenige, aus welcher seine Einbildungskraft das
+lebendige Dasein der Welt in bezug auf das eigene Leben zu begreifen
+und diesem damit eine vertiefte Wirklichkeit zu verleihen sucht. Ob
+er dieser Gestaltungen fähig ist und welche von ihnen sein waches
+Bewußtsein beherrscht, das ist eine Urfrage aller menschlichen Existenz.
+
+Hier liegen zwei +Möglichkeiten+ der Weltbildung durch den Menschen
+vor. Damit ist schon gesagt, daß es nicht notwendig +Wirklichkeiten+
+sind. Fragen wir also im folgenden nach dem Sinn aller Geschichte, so
+ist zuerst eine Frage zu erledigen, die bisher nie gestellt worden ist.
++Für wen+ gibt es Geschichte? Eine paradoxe Frage, wie es scheint. Ohne
+Zweifel für jeden, insofern jeder Glied und Element der Geschichte
+ist. Aber man bedenke, daß die Gesamtheit der Geschichte wie das
+Ganze der Natur -- das eine wie das andere ein Erscheinungsbild --
+einen Geist voraussetzt, in dem und durch den es Wirklichkeit ist.
+Ohne Subjekt gibt es kein Objekt. Sehen wir von aller Theorie ab,
+der die Philosophen tausend Fassungen gegeben haben, so steht es
+doch fest, daß Erde und Sonne, die Natur, der Raum, das Weltall ein
+persönliches Erlebnis und in ihrem So-und-nicht-anders-sein abhängig
+vom menschlichen Bewußtsein sind. Aber dasselbe gilt vom Weltbilde der
+Geschichte, dem werdenden, nicht dem ruhenden All, und selbst wenn man
+wüßte, +was+ sie ist, so weiß man noch nicht, für +wen+ sie es ist.
+Sicher nicht für „die Menschheit“. Das ist unsre, die westeuropäische
+Empfindung, aber wir sind nicht die „Menschheit“. Sicherlich gab es
+nicht nur für den Urmenschen, sondern auch für den Menschen gewisser
+hoher Kulturen keine Weltgeschichte, keine +Welt als Geschichte+.
+Wir wissen alle, daß in unserem kindlichen Weltbewußtsein zunächst
+nur naturhafte und kausale Züge und erst sehr viel später solche
+historischer Art, z. B. ein bestimmtes Zeitgefühl, hervortreten.
+Das Wort Ferne gewinnt für uns viel eher einen greifbaren Inhalt
+als das Wort Zukunft. Aber wie, wenn eine +ganze Kultur+, ein hohes
+Seelentum auf diesem ahistorischen Geiste beruht? Wie muß ihr die
+Wirklichkeit erscheinen? Die Welt? Das Leben? Bedenken wir, daß sich
+im Weltbewußtsein der Hellenen alles Erlebte, nicht nur die eigne
+persönliche, sondern die allgemeine Vergangenheit sofort in Mythus,
+d. h. in Natur, in zeitlose, unbewegliche, entwicklungslose Gegenwart
+verwandelte, dergestalt, daß die Geschichte Alexanders des Großen
+noch vor seinem Tode für das antike Gefühl mit der Dionysoslegende zu
+verschwimmen begann und daß Cäsar seine Abstammung von Venus mindestens
+nicht als widersinnig empfand, so müssen wir zugestehen, daß uns
+Menschen des Abendlandes mit dem starken Gefühl für zeitliche Distanzen
+ein Nacherleben solcher Seelenzustände beinahe unmöglich ist, daß wir
+aber nicht das Recht haben, dem Problem der Geschichte gegenüber von
+dieser Tatsache einfach abzusehen.
+
+Was Tagebücher, Selbstbiographien, Bekenntnisse für den einzelnen,
+das bedeutet Geschichtsforschung im weitesten Umfange, wo sie auch
+alle Arten psychologischer Analyse fremder Völker, Zeiten, Sitten
+einschließt, für die Seele ganzer Kulturen. Aber die antike Kultur
+besaß kein +Gedächtnis+ in diesem spezifischen Sinne, kein historisches
+Organ. Das Gedächtnis des antiken Menschen -- wobei wir allerdings
+einen aus unserem seelischen Habitus abgeleiteten Begriff ohne weiteres
+einer fremden Seele aufprägen -- ist etwas ganz anderes, weil hier
+Vergangenheit und Zukunft als ordnende Perspektiven im Bewußtsein
+fehlen und die reine „Gegenwart“, die Goethe an allen Äußerungen
+antiken Lebens, an der Plastik insbesondere so oft bewunderte, es mit
+einer uns ganz unbekannten Mächtigkeit ausfüllt. Diese reine Gegenwart,
+deren größtes Symbol die dorische Säule ist, stellt in der Tat eine
++Verneinung der Zeit+ (der Richtung) dar. Für Herodot und Sophokles
+wie für Themistokles und für einen römischen Konsul verflüchtigt sich
+die Vergangenheit alsbald in einen zeitlos ruhenden Eindruck von
++polarer, nicht periodischer+ Struktur, -- denn das ist der letzte Sinn
+durchgeistigter Mythenbildung -- während sie für unser Weltgefühl und
+inneres Auge ein periodisch klar gegliederter, zielvoll gerichteter
+Organismus von Jahrhunderten oder Jahrtausenden ist. Dieser Hintergrund
+aber gibt dem Leben, dem antiken wie dem abendländischen, erst seine
+besondere Farbe. Was der Grieche Kosmos nannte, war das Bild einer
+Welt, die nicht +wird+, sondern +ist+. +Folglich+ war der Grieche
+selbst ein Mensch, der niemals +wurde+, sondern immer +war+.
+
+Deshalb hat der antike Mensch, obwohl er die strenge Chronologie, die
+Kalenderrechnung und damit das starke, in großartiger Beobachtung
+der Gestirne und in der exakten Messung gewaltiger Zeiträume sich
+offenbarende Gefühl für die Ewigkeit und die Nichtigkeit des
+gegenwärtigen Augenblicks in der babylonischen und ägyptischen Kultur
+sehr wohl kannte, sich innerlich nichts davon zu eigen gemacht. Was
+seine Philosophen gelegentlich erwähnen, haben sie nur gehört, nicht
+geprüft. Weder Plato noch Aristoteles besaßen eine Sternwarte. In
+den letzten Jahren des Perikles wurde in Athen ein Volksbeschluß
+gefaßt, der jeden mit der schweren Klageform der Eisangelie bedrohte,
+der astronomische Theorien verbreitete. Es war ein Akt von tiefster
+Symbolik, in dem sich der Wille der antiken Seele aussprach, die Ferne
+in jedem Sinne aus ihrem Weltbewußtsein zu streichen.
+
+Deshalb begannen die Hellenen erst dann -- in der Person des Thukydides
+-- ernsthaft über ihre Geschichte nachzudenken, als sie innerlich so
+gut wie abgeschlossen war. Aber selbst Thukydides, dessen methodische
+Grundsätze in der Einleitung seines Werkes sich sehr westeuropäisch
+ausnehmen, faßte sie doch so auf, daß er geschichtliche Einzelheiten
+erdichtet, sobald es ihm angemessen erscheint. Das wirkt bei ihm als
+künstlerisches Prinzip, aber gerade das nennen wir Mythenbildung. Von
+einem echten Sinn für die Bedeutung chronologischer Zahlen ist nicht
+die Rede. Im 3. Jahrhundert schrieben Manetho und Berossos -- also
+Nichtgriechen -- gründliche Quellenwerke über Ägypten und Babylon,
+zwei Länder, die sich auf Astronomie und +also auch+ auf Historie
+verstanden. Aber der gebildete Grieche und Römer kümmerte sich wenig
+darum und zog weiterhin die romanhaften Phantastereien eines Hekataios
+und Ktesias vor.[3]
+
+Infolgedessen ist die antike Geschichte bis auf die Perserkriege herab,
+aber auch noch die Struktur sehr viel späterer Perioden das Produkt
+wesentlich mythischen Denkens. Die Verfassungsgeschichte Spartas --
+Lykurg, dessen Biographie mit allen Einzelheiten erzählt wird, war
+vermutlich eine unbedeutende Waldgottheit des Taygetos -- ist eine
+Dichtung der hellenistischen Zeit und die Erfindung der römischen
+Geschichte vor Hannibal war noch zur Zeit Cäsars nicht zum Stillstand
+gekommen. Es kennzeichnet den antiken Sinn des Wortes Geschichte, daß
+die alexandrinische Romanliteratur stofflich den stärksten Einfluß auf
+die ernsthafte politische und religiöse Historik ausübte. Man dachte
+gar nicht daran, ihren Inhalt von aktenmäßigen Daten grundsätzlich
+zu unterscheiden. Als Varro gegen Ende der Republik daran ging, die
+aus dem Bewußtsein des Volkes rasch schwindende römische Religion zu
+fixieren, teilte er die Gottheiten, deren Dienst +vom Staate aufs
+peinlichste ausgeübt wurde+, in _di certi_ und _di incerti_ ein --
+solche, von denen man noch etwas wußte, und solche, von denen trotz
+des fortdauernden öffentlichen Kultes nur der Name geblieben war. In
+der Tat war die Religion der römischen Gesellschaft seiner Zeit --
+wie sie nicht nur Goethe, sondern selbst Nietzsche ohne Argwohn aus
+den römischen Dichtern hinnahmen -- größtenteils ein Erzeugnis der
+hellenisierenden Literatur und fast ohne Zusammenhang mit dem alten
+Kultus, den niemand mehr verstand.
+
+Mommsen hat den westeuropäischen Standpunkt klar formuliert, als er
+die römischen Historiker -- Tacitus ist vor allem gemeint -- Leute
+nannte, „die das sagen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das
+verschweigen, was notwendig war zu sagen“.
+
+Die indische Kultur, deren Idee vom (bramanischen) Nirwana der
+entschiedenste Ausdruck einer vollkommen ahistorischen Seele ist,
+den es geben kann, hat nie das geringste Gefühl für das „Wann“ in
+irgend einem Sinne besessen. Es gibt keine indische Astronomie,
+keinen indischen Kalender, keine indische Historie also, insofern
+man darunter das Bewußtsein einer lebendigen Entwicklung versteht.
+Wir wissen vom sichtbaren Verlaufe dieser Kultur, deren organischer
+Teil vor der Entstehung des Buddhismus abgeschlossen war, noch viel
+weniger, als von der antiken, sicherlich an großen Ereignissen reichen
+Geschichte zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert. Beide sind lediglich
+in traumhaft-mythischer Gestalt konserviert worden. Erst ein volles
+Jahrtausend nach Buddha, um 500 n. Chr., entstand auf Ceylon im
+„Mahavansa“ etwas, das entfernt an Geschichtsschreibung erinnert.
+
+Das Bewußtsein des indischen Menschen war so ahistorisch angelegt,
+daß er nicht einmal das Phänomen des von einem Autor verfaßten Buches
+als zeitlich fixiertes Ereignis kannte. Statt einer organischen Reihe
+persönlich abgegrenzter Schriften entstand allmählich eine vage
+Textmasse, in die jeder hineinschrieb, was er wollte, ohne daß die
+Begriffe des individuellen geistigen Eigentums, der Entwicklung eines
+Gedankens, der geistigen Epoche eine Rolle gespielt hätten. In dieser
++anonymen+ Gestalt -- der der gesamten indischen Geschichte -- liegt
+uns die indische Philosophie vor. Mit ihr vergleiche man die durch
+Bücher und Personen physiognomisch aufs schärfste herausgearbeitete
+Philosophiegeschichte des Abendlandes.
+
+Der indische Mensch vergaß alles, der ägyptische konnte +nichts+
+vergessen. Eine indische Kunst des Porträts -- der Biographie _in nuce_
+-- hat es nie gegeben; die ägyptische Plastik kannte kaum ein anderes
+Thema.
+
+Die ägyptische Seele, eminent historisch veranlagt und mit urweltlicher
+Leidenschaft nach dem Unendlichen drängend, empfand die Vergangenheit
+und Zukunft als ihre +ganze+ Welt und die Gegenwart, die mit dem
+wachen Bewußtsein identisch ist, erschien ihr lediglich als die
+schmale Grenze zwischen zwei unermeßlichen Fernen. Die ägyptische
+Kultur ist eine +Inkarnation der Sorge+ -- dem seelischen Korrelat
+der Ferne -- der Sorge um das Künftige, wie sie sich in der Wahl von
+Granit und Basalt als plastischem Material,[4] in den gemeißelten
+Urkunden, in der Ausbildung eines meisterhaften Verwaltungssystems und
+dem Netz von Bewässerungsanlagen ausspricht,[5] +und der notwendig
+damit verknüpften+ Sorge um das Vergangene. Die ägyptische Mumie
+ist ein Symbol höchsten Ranges. Man +verewigte+ den Leib der Toten,
+wie man deren Persönlichkeit, dem „Ka“, durch die oft in vielen
+Exemplaren ausgeführten Bildnisstatuen, an deren in einem sehr hohen
+Sinne aufgefaßte Ähnlichkeit sie gebunden war, ewige Dauer verlieh.
+Bekanntlich waren in der besten Zeit der griechischen Plastik
+Bildnisstatuen ausdrücklich verpönt.
+
+Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen dem Verhalten gegen die
+historische Vergangenheit und der Auffassung des Todes, wie sie sich
+in der +Form der Bestattung+ ausspricht. Der Ägypter +verneint+ die
+Vergänglichkeit, der antike Mensch +bejaht+ sie durch die gesamte
+Formensprache seiner Kultur. Die Ägypter konservierten auch die Mumie
+ihrer Geschichte: die chronologischen Daten und Zahlen. Während
+von der vorsolonischen Geschichte der Griechen nichts überliefert
+ist, keine Jahreszahl, kein echter Name, kein greifbares Ereignis
+-- was dem uns allein bekannten Rest einen übertriebenen Akzent
+gibt -- kennen wir aus dem 3. Jahrtausend beinahe alle Namen und
+Regierungszahlen der ägyptischen Könige und die späteren Ägypter
+kannten sie natürlich ohne Ausnahme. Als ein grauenvolles Symbol dieses
+Willens zur Dauer liegen noch heute die Körper der großen Pharaonen
+mit kenntlichen Gesichtszügen in unseren Museen. Auf der leuchtend
+polierten Granitspitze der Pyramide Amenemhets III. liest man noch
+jetzt die Worte: „Amenemhet schaut die Schönheit der Sonne“ und auf der
+andern Seite: „Höher ist die Seele Amenemhets als die Höhe des Orion
+und sie verbindet sich mit der Unterwelt.“ Das ist Überwindung der
+Vergänglichkeit, der Gegenwart und unantik im höchsten Maße.
+
+
+5
+
+Gegenüber dieser mächtigen Gruppe ägyptischer Lebenssymbole erscheint
+an der Schwelle der antiken Kultur, der Vergessenheit entsprechend,
+die sie über jedes Stück ihrer äußern und innern Vergangenheit breitet,
+die +Verbrennung der Toten+. Der mykenischen Zeit war die sakrale
+Heraushebung dieser Bestattungsform aus den übrigen, die von primitiven
+Völkern in der Regel nebeneinander ausgeübt werden, durchaus fremd.
+Die Königsgräber sprechen sogar für den Vorrang der Erdbestattung.
+Aber in der homerischen Zeit so gut wie in der vedischen erfolgt der
+plötzliche, materiell nicht zu motivierende Schritt vom Begräbnis zur
+Verbrennung, die, wie die Ilias zeigt, mit dem vollen Pathos eines
+sinnbildlichen Aktes -- der feierlichen Vernichtung, der Verneinung der
+historischen Dauer -- vollzogen wurde.
+
+Von diesem Augenblick an ist auch die Plastizität der individuellen
+seelischen Entwicklung zu Ende. So wenig das antike Drama echt
+historische Motive gestattet, so wenig läßt es das Thema der innern
+Entwicklung zu und man weiß, wie entschieden sich der hellenische
+Instinkt gegen das Porträt in der bildenden Kunst auflehnte. Bis in
+die Kaiserzeit kennt die antike Kunst nur einen ihr gewissermaßen
+natürlichen Stoff: den Mythus.[6] Auch die idealen Bildnisse der
+hellenistischen Plastik sind mythisch, so gut es die typischen
+Biographien von der Art Plutarchs sind. Kein großer Grieche hat je
+Erinnerungen niedergeschrieben, die eine überwundene Epoche vor
+seinem geistigen Auge fixiert hätten. Nicht einmal Sokrates hat
+über sein Innenleben etwas in unserm Sinne Bedeutendes gesagt. Es
+fragt sich, ob in einer antiken Seele dergleichen überhaupt möglich
+war, wie es der Entwurf des Parzeval, Hamlet, Werther voraussetzt.
+Wir vermissen bei Plato jedes Bewußtsein einer Entwicklung seiner
+Lehre. Seine einzelnen Schriften sind lediglich Formulierungen sehr
+verschiedener Standpunkte, die er zu verschiedenen Zeiten einnahm. Ihr
+genetischer Zusammenhang war kein Gegenstand seiner Reflexion. Der
+einzige -- flache -- Versuch einer Selbstanalyse, der antiken Kultur
+kaum noch angehörend, findet sich in Ciceros Brutus. Aber schon am
+Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht ein Stück tiefster
+Selbsterforschung, Dantes Vita Nuova. Allein daraus folgt, wie wenig
+Antikes, d. h. rein Gegenwärtiges, Goethe in sich hatte, der nichts
+vergaß, dessen Werke seinen eigenen Worten nach nur Bruchstücke +einer+
+großen Konfession waren.
+
+Nach der Zerstörung Athens durch die Perser warf man alle Werke
+der älteren Kunst in den Schutt -- aus dem wir sie heute wieder
+hervorziehen -- und man hat nie gehört, daß jemand in Hellas sich
+um die Ruinen von Mykene oder Phaistos gekümmert hätte. Man las
+seinen Homer, aber man dachte nicht daran, wie Schliemann den Hügel
+von Troja aufzugraben. Man wollte den Mythus, nicht die Geschichte.
+Von den Werken des Aischylos und der vorsokratischen Philosophen
+war schon in hellenistischer Zeit ein Teil verloren gegangen. Aber
+schon Petrarca sammelte Altertümer, Münzen, Manuskripte mit einer nur
+dieser Kultur eigenen Pietät und Innerlichkeit der Betrachtung, als
+historisch fühlender, auf entlegene Welten zurückschauender, nach dem
+Fernen sich sehnender Mensch -- er war der erste, der die Besteigung
+eines Alpengipfels unternahm --, der im Grunde ein Fremder in seiner
+Zeit war. Erst aus dieser Verknüpfung mit dem Zeitproblem entwickelt
+sich die Psychologie des +Sammlers+. Man fühlt, weshalb dieser
++Kultus des Vergangenen+, der ihm Unvergänglichkeit erteilen
+möchte, dem antiken Menschen völlig unbekannt bleiben mußte, während
+die ägyptische Landschaft sich schon zur Zeit des großen Thutmosis in
+ein einziges ungeheures Museum von Tradition und Architektur verwandelt
+hatte.
+
+Unter den Völkern des Abendlandes waren es die Deutschen, welche die
+mechanischen +Uhren+ erfanden, schauerliche Symbole der rinnenden
+Zeit, deren Tag und Nacht von zahllosen Türmen über Westeuropa hin
+hallende Schläge vielleicht der ungeheuerste Ausdruck sind, dessen
+ein historisches Weltgefühl überhaupt fähig ist.[7] Nichts davon
+begegnet uns in den +zeitlosen+ antiken Landschaften und Städten. In
+Babylon und Ägypten waren die Wasser- und Sonnenuhren erfunden worden,
+aber erst Plato führte die Klepsydra -- wiederum erst gegen Ende des
+blühenden Griechentums -- in Athen ein und noch später übernahm man die
+Sonnenuhren, lediglich als unwesentliches Gerät des Alltags, ohne daß
+sie das antike +Lebensgefühl+ im geringsten verändert hätten.
+
+Hier ist noch der entsprechende, sehr tiefe und nie hinreichend
+gewürdigte Unterschied zwischen antiker und abendländischer Mathematik
+zu erwähnen. Das antike Zahlendenken faßt die Dinge auf, +wie sie
+sind+, als +Größen+, zeitlos, rein gegenwärtig. Das führte zur
+euklidischen Geometrie, zur mathematischen Statik und zum Abschluß
+des geistigen Systems durch die Lehre von den Kegelschnitten. Wir
+fassen die Dinge auf, wie sie +werden+ und +sich verhalten+, als
++Funktionen+. Das führte zur Dynamik, zur analytischen Geometrie und
+von ihr zur Differentialrechnung.[8] Die moderne Funktionentheorie
+ist die riesenhafte Ordnung dieser ganzen Gedankenmasse. Es ist eine
+bizarre, aber seelisch streng begründete Tatsache, daß die griechische
+Physik -- als Statik im Gegensatz zur Dynamik -- den Gebrauch der Uhr
+nicht kennt und nicht vermissen läßt und, während wir mit Tausendsteln
+von Sekunden rechnen, von Zeitmessungen vollständig absieht. Die
+Entelechie des Aristoteles ist der einzige zeitlose -- ahistorische --
+Entwicklungsbegriff, den es gibt.
+
+Damit ist unsere Aufgabe festgelegt, insofern Leben die Verwirklichung
+von seelisch Möglichem ist und der neue Begriff des +seelisch
+Unmöglichen+ den Aspekt der Dinge anders gestaltet. Wir Menschen der
+westeuropäischen Kultur -- einem genau abgrenzbaren Phänomen zwischen
+1000 und 2000 n. Chr. -- sind die Ausnahme und nicht die Regel.
+„Weltgeschichte“ ist +unser+ Weltbild, nicht das „der Menschheit“. Für
+den indischen und den antiken Menschen gab es kein Bild der werdenden
+Welt als Art und Form der Anschauung und vielleicht wird es, wenn
+die Zivilisation des Abendlandes, deren Träger wir Heutigen sind,
+erloschen ist, nie wieder eine Kultur und also einen menschlichen Typus
+geben, für den „Weltgeschichte“ eine Form, ein Inhalt des kosmischen
+Bewußtseins ist.
+
+
+6
+
+Ja -- was ist Weltgeschichte? Eine geistige Möglichkeit, ein inneres
+Postulat, der Ausdruck eines Formgefühls, gewiß. Aber ein noch so
+bestimmtes Gefühl ist keine vollendete Form, und so sicher wir alle
+Weltgeschichte fühlen, erleben, mit vollster Gewißheit ihrer Gestalt
+nach zu übersehen glauben, so sicher ist es, daß wir noch heute Formen
+von ihr, aber nicht +die+ Form kennen.
+
+Sicherlich wird jeder, den man fragt, überzeugt sein, daß er die
+periodische Struktur der Geschichte klar und deutlich durchschaut.
+Diese Illusion beruht darauf, daß niemand ernsthaft über sie
+nachgedacht hat und daß man noch viel weniger an seinem Wissen
+zweifelt, weil niemand ahnt, an was allem hier gezweifelt werden
+könnte. In der Tat ist die +Gestalt+ der Weltgeschichte ein
++ungeprüfter geistiger Besitz+, der sich, auch unter Historikern
+von Beruf, von Generation zu Generation unberührt vererbt und dem
+ein kleiner Teil der Skepsis, welche seit Galilei das uns angeborne
+Naturbild zergliedert und vertieft hat, sehr not täte.
+
++Altertum+ -- +Mittelalter+ -- +Neuzeit+: das ist das unglaubwürdig
+dürftige und +sinnlose+ Schema, dessen absolute Herrschaft über
+unser historisches Bewußtsein uns immer wieder gehindert hat, die
+eigentliche Stellung der kleinen Teilwelt, wie sie sich seit der
+deutschen Kaiserzeit auf dem Boden des westlichen Europa entfaltet
+hat, in ihrem Verhältnis zur Weltgeschichte -- zur Gesamtgeschichte
+des höhern Menschentums also -- nach ihrem Range, ihrer Gestalt,
+ihrer Lebensdauer vor allem richtig aufzufassen. Es wird künftigen
+Kulturen kaum glaublich erscheinen, daß dieser Grundriß mit seinem
+einfältigen geradlinigen Ablauf, seinen unsinnigen Proportionen, der
+von Jahrhundert zu Jahrhundert sinnloser wird und eine natürliche
+Eingliederung der neu in das Licht unsres historischen Bewußtseins
+tretenden Gebiete gar nicht zuläßt, gleichwohl in seiner Gültigkeit
+niemals angezweifelt worden ist. Selbst die Kritik, die an ihm geübt,
+und die weitgehenden Modifikationen, denen er notgedrungen unterworfen
+wurde -- z. B. die Verlagerung des Anfangspunktes der „Neuzeit“
+von den Kreuzzügen zur Renaissance und von dort zum Anfang des 19.
+Jahrhunderts --, beweisen nur, daß man ihn selbst für unerschütterlich,
+beinahe für das Resultat einer göttlichen Erleuchtung, mindestens für
+selbstverständlich hielt, sozusagen für eine apriorische Form der
+historischen Anschauung, wie sie Kant beschreibt.
+
+Aber diese schlechthin geltende Form ließ keinerlei Vertiefung zu,
+und da man auf sie nicht verzichtete, so verzichtete man auf ein
++eigentliches+ Begreifen weltgeschichtlicher Zusammenhänge. Ihr hat man
+es zu verdanken, daß die großen morphologischen Probleme der Geschichte
+gar nicht in Erscheinung treten konnten. +Sie+ hat die formale
+Betrachtung der Historie auf einem Niveau gehalten, dessen man sich in
+andern Wissenschaften geschämt hätte.
+
+Es genügt, darauf hinzuweisen, daß dieser Grundriß einen
+oberflächlichen Anfang und ein Ende dort setzt, wo in tieferem
+Sinne von Anfang und Ende nicht die Rede sein kann. Hier bildet die
+Landschaft des westlichen Europa[9] den ruhenden Pol (mathematisch
+gesprochen einen singulären Punkt auf einer Kugeloberfläche) --
+man weiß nicht warum, wenn nicht dies der Grund ist, daß wir, die
+Konstruktoren dieses Geschichtsbildes, gerade hier zu Hause sind --
+um den sich Jahrtausende gewaltigster Geschichte und fernab gelagerte
+ungeheure Kulturen in aller Bescheidenheit drehen. Das ist ein
+Planetensystem von höchst eigenartiger Erfindung. Man wählt einen
+einzelnen Fleck zum Schwerpunkt eines historischen Systems. Hier ist
+die Zentralsonne. Von hier aus erhalten die Ereignisse der Geschichte
+das rechte Licht. Von hier aus wird ihre Bedeutung +perspektivisch+
+abgemessen. Aber hier redet in Wirklichkeit die durch keine Skepsis
+gezügelte Eitelkeit des westeuropäischen Menschen, in dessen Geiste
+sich dies Phantom „Weltgeschichte“ entrollt. Ihr verdankt man die uns
+längst zur Gewohnheit gewordene ungeheure optische Täuschung, wonach
+der historische Stoff von Jahrtausenden in einiger Entfernung, etwa
+in Altägypten und China, zu Miniaturen zusammenschrumpft, während
+die Jahrzehnte in der Nähe des eignen Standortes, seit Luther und
+besonders seit Napoleon, gespensterhaft anschwellen. Wir wissen, daß
+nur scheinbar eine Wolke um so langsamer wandert, je höher sie steht
+und ein Zug durch eine ferne Landschaft nur scheinbar schleicht,
+aber wir glauben, daß das Tempo der frühen indischen, babylonischen,
+ägyptischen Geschichte wirklich langsamer war als das unsrer nächsten
+Vergangenheit. Und wir finden ihre Substanz dünner, ihre Formen
+gedämpfter und gestreckter, weil wir nicht gelernt haben, die -- innere
+und äußere -- Entfernung in Rechnung zu stellen. Nirgends wird der
+Mangel an geistiger Freiheit, an Selbstkritik, der die historische
+Methode heute von jeder andern zu ihrem Nachteil unterscheidet,
+deutlicher als hier.
+
+Daß für die Kultur des Abendlandes, die -- sagen wir seit Napoleon
+-- für absehbare Zeit der Welt wenigstens oberflächlich ihre Formen
+aufprägt, das Dasein von Athen, Florenz, Paris wichtiger ist als vieles
+andre, versteht sich von selbst. Aber diesen Umstand, weil gerade wir
+im Zusammenhange dieser Kultur leben, zum struktiven Prinzip einer
+Universalgeschichte zu machen, verrät den Horizont eines Provinzialen.
+Es würde den chinesischen Historiker berechtigen, seinerseits eine
+Weltgeschichte zu entwerfen, in der die Kreuzzüge und die Renaissance,
+Cäsar und Friedrich der Große als belanglos mit Stillschweigen
+übergangen werden. Es steht dem Tagespolitiker und dem Sozialkritiker
+frei, in der Bewertung andrer Zeiten seinen privaten Geschmack
+walten zu lassen, so wie es dem chemischen Techniker freisteht,
+praktisch das Gebiet der Benzolderivate als das wichtigste Kapitel
+der Naturwissenschaften zu behandeln und etwa die Elektrodynamik
+unbeachtet zu lassen, aber der +Denker+ hat seine Person aus seinen
+Kombinationen auszuschalten. Warum ist, morphologisch betrachtet,
+das 18. Jahrhundert wichtiger zu nehmen als eins der sechzig
+voraufgehenden? Ist es nicht lächerlich, eine „Neuzeit“ vom Umfang
+einiger Jahrhunderte, noch dazu wesentlich in Westeuropa lokalisiert,
+einem „Altertum“ gegenüberzustellen, das ebensoviel Jahrtausende umfaßt
+und dem die Masse aller vorgriechischen Kulturen ohne den Versuch
+einer tiefern Gliederung einfach als Anhang zugerechnet wird? Hat
+man nicht, um das verjährte Schema zu retten, Ägypten und Babylon,
+deren in sich geschlossene Historien, jede für sich, allein die
+angebliche „Weltgeschichte“ von Karl dem Großen bis zum Weltkriege
+und weit darüber hinaus aufwiegt, als Vorspiel zur Antike abgetan, die
+mächtigen Komplexe der indischen und chinesischen mit einer Miene der
+Verlegenheit in eine Anmerkung verwiesen und die großen amerikanischen
+Kulturen, weil ihnen der „Zusammenhang“ (womit?) fehlt, überhaupt
+ignoriert? Das ist unsre „Weltgeschichte“. So denkt der Neger, der die
+Welt in sein Dorf, seinen Stamm und den „Rest“ einteilt und der den
+Mond für viel kleiner ansieht als die Wolken, die ihn verschlingen.
+
+Ich nenne dies dem Westeuropäer geläufige Schema, in dem die hohen
+Kulturen ihre Bahnen +um uns+ als den vermeintlichen Mittelpunkt alles
+Weltgeschehens ziehen, das +ptolemäische System+ der Geschichte und
+ich betrachte es als die +kopernikanische Entdeckung+ im Bereich der
+Historie, daß in diesem Buche ein neues System, das System an seine
+Stelle tritt, in dem als wechselnde Erscheinungen und Ausdrücke des
++einen+, in der Mitte ruhenden Lebens Antike und Abendland neben
+Indien, Babylon, China, Ägypten, dem Arabertum und der Mayakultur --
+Einzelwelten des Werdens, die im Gesamtbilde der Geschichte ebenso
+schwer wiegen, die an Großartigkeit der seelischen Konzeption, an
+Gewalt des Aufstiegs das Hellenentum vielfach übertreffen -- eine in
+keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen.
+
+
+7
+
+Das Schema Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit ist eine durch die Kirche
+übermittelte Schöpfung der Gnosis -- also des semitischen, insbesondere
+syrisch-jüdischen Weltgefühls während der römischen Kaiserzeit.
+
+Innerhalb der sehr engen Grenzen, welche die geistige Voraussetzung
+dieser bedeutenden Konzeption bilden, bestand sie durchaus zu Recht.
+Hier fällt weder die indische noch selbst die ägyptische Geschichte
+in den Kreis der Betrachtung. Das Wort Weltgeschichte bezeichnet im
+Munde dieser Denker einen einmaligen, höchst dramatischen Akt, dessen
+Schauplatz die Landschaft zwischen Hellas und Persien war. In ihm
+gelangt das streng dualistische Weltgefühl des Morgenländers zum
+Ausdruck, nicht polar wie in der gleichzeitigen Metaphysik durch den
+Gegensatz von Seele und Geist, sondern periodisch,[10] als Katastrophe
+gesehen, als Wende zweier Zeitalter zwischen Weltschöpfung und
+Weltuntergang, unter Absehen von allen Elementen, die nicht einerseits
+durch die antike Literatur, andrerseits durch die Bibel fixiert
+waren. In diesem Weltbilde erscheint als „Altertum“ und „Neuzeit“ der
+damals handgreifliche Gegensatz von heidnisch und christlich, antik
+und orientalisch, Statue und Dogma, Natur und Geist in +zeitlicher+
+Fassung, als Prozeß der Überwindung des einen durch das andre. Der
+historische Übergang trägt die religiösen Merkmale einer Erlösung. Ohne
+Zweifel ein auf engen, durchaus provinzialen Ansichten beruhender,
+aber logischer und in sich vollkommener Aspekt, der indessen an dieser
+Landschaft und diesem Menschentum haftete und keiner +natürlichen+
+Erweiterung fähig war.
+
+Erst durch die additive Hinzufügung eines dritten Zeitalters --
++unsrer+ „Neuzeit“ -- auf abendländischem Boden ist in das Bild eine
+Bewegungstendenz gekommen. Das orientalische Gegenbild war +ruhend+,
+eine geschlossene, im Gleichgewicht verharrende Antithese, mit
+einer einmaligen göttlichen Aktion als Mitte. Das so sterilisierte
+Fragment der Geschichte, von einer ganz neuen Art Mensch aufgenommen
+und getragen, wurde nun plötzlich, ohne daß man sich des Bizarren
+einer solchen Änderung bewußt worden wäre, in Gestalt einer +Linie+
+fortgesponnen, die von Homer oder Adam -- die Möglichkeiten sind
+heute durch die Indogermanen, die Steinzeit und den Affenmenschen
+bereichert -- über Jerusalem, Rom, Florenz und Paris hinauf oder hinab
+führte, je nach dem persönlichen Geschmack des Historikers, Denkers
+oder Künstlers, der das dreiteilige Bild mit schrankenloser Freiheit
+interpretierte.
+
+Man fügte also den +komplementären+ Begriffen Heidentum und Christentum
+-- beide sukzessiv, als Weltalter gefaßt -- den +abschließenden+ einer
+„Neuzeit“ hinzu, die scherzhafterweise ihrerseits eine Fortsetzung
+des Verfahrens nicht gestattet und, nachdem sie seit den Kreuzzügen
+wiederholt „gestreckt“ worden ist, einer weiteren Dehnung nicht fähig
+erscheint. Man war, ohne es auszusprechen, der Meinung, daß hier
+jenseits von Altertum und Mittelalter etwas Endgültiges beginne, ein
+drittes Reich, in dem irgendwie eine Erfüllung lag, ein Höhepunkt,
+ein Ziel, das erkannt zu haben von den Scholastikern an bis zu den
+Sozialisten unserer Tage jeder sich allein zuschrieb. Es war das eine
+ebenso bequeme als für ihren Urheber schmeichelhafte Einsicht in den
+Lauf der Dinge. Man hatte ganz einfach den Geist des Abendlandes mit
+dem Sinn der Welt verwechselt. Aus einer geistigen Not haben dann große
+Denker eine metaphysische Tugend gemacht, indem sie das durch den
+_consensus omnium_ geheiligte Schema, ohne es einer ernsthaften Kritik
+zu unterwerfen, zur Basis einer Philosophie machten und als Urheber
+ihres jeweiligen „Weltplanes“ Gott bemühten. Die mystische Dreizahl
+der Weltalter hatte für den metaphysischen Geschmack ohnehin etwas
+höchst Verführerisches. Herder nannte die Geschichte eine Erziehung des
+Menschengeschlechts, Kant eine Entwicklung des Begriffs der Freiheit,
+Hegel eine Selbstentfaltung des Weltgeistes, andre anders. In Entwürfen
+dieser Art hat sich die historische Gestaltungskraft aber bereits
+erschöpft.
+
+Die Idee eines dritten Reiches kannte schon der Abt Joachim von Floris
+(† 1202), der die drei Phasen mit den Symbolen des Vaters, des Sohnes
+und des Heiligen Geistes in Verbindung brachte. Lessing, der seine Zeit
+im Hinblick auf die Antike mehrmals geradezu als Nachwelt bezeichnet,
+hat den Gedanken für seine „Erziehung des Menschengeschlechts“ (mit den
+Stufen des Kindes, Jünglings und Mannes) aus den Lehren der Mystiker
+des 14. Jahrhunderts übernommen, und Ibsen, der ihn in seinem Drama
+„Kaiser und Galiläer“ (wo das gnostische Weltdenken in der Gestalt
+des Zauberers Maximos unmittelbar hineinragt) gründlich behandelte,
+ist in seiner bekannten Stockholmer Rede von 1887 keinen Schritt
+darüber hinausgekommen. Augenscheinlich ist es eine Forderung des
+westeuropäischen Selbstgefühls, mit der eignen Erscheinung eine Art
+Abschluß zu statuieren.
+
+Aber es ist eine völlig unhaltbare Manier, Weltgeschichte zu deuten,
+indem man seiner politischen, religiösen oder sozialen Oberzeugung
+die Zügel schießen und den drei Phasen, an denen man nicht zu rütteln
+wagt, eine Richtung angedeihen läßt, die genau dem eignen Standort
+zuführt, und je nachdem die Reife des Verstandes, die Humanität, das
+Glück der Meisten, die wirtschaftliche Evolution, die Aufklärung, die
+Freiheit der Völker, die Unterwerfung der Natur, die wissenschaftliche
+Weltanschauung und dergleichen als absoluten Maßstab an Jahrtausende
+anlegt, von denen man beweist, daß sie das Richtige nicht begriffen
+oder nicht erreicht haben, während sie in Wirklichkeit nur etwas andres
+wollten als wir. „Es kommt offenbar im Leben aufs Leben und nicht auf
+ein Resultat desselben an“ -- das ist ein Wort Goethes, das man allen
+törichten Versuchen, das Geheimnis der historischen Form durch ein
++Programm+ zu enträtseln, entgegenstellen sollte.
+
+Das gleiche Bild wird von den Historikern jeder einzelnen Kunst und
+Wissenschaft, Nationalökonomie und Philosophie nicht zu vergessen,
+gezeichnet. Da sehen wir „die“ Malerei von den Ägyptern (oder den
+Höhlenmenschen) bis zu den Impressionisten, „die“ Musik vom blinden
+Sänger Homers bis nach Bayreuth, „die“ Gesellschaftsordnung von
+den Pfahlbaubewohnern bis zum Sozialismus in linienhaftem Aufstieg
+begriffen, dem irgendeine gleichbleibende Tendenz zugrunde gelegt
+wird, ohne daß man die Möglichkeit ins Auge faßt, daß Künste eine
+gemessene Lebensdauer besitzen, daß sie an eine Landschaft und eine
+bestimmte Art Mensch als dessen Ausdruck gebunden sind, daß also diese
+Gesamtgeschichten lediglich eine äußerliche Summierung einer Anzahl von
+Einzelphänomenen, von Sonderkünsten sind, die nichts als den Namen und
+einiges der handwerklichen Technik gemein haben.
+
+Dieser Weltblick ist nicht ohne Komik. Auf jedem andern Gebiete der
+lebendigen Natur nehmen wir das Recht in Anspruch, aus der Erscheinung
+selbst, sei es durch Erfahrung, sei es durch intuitives Erfassen des
+innern Wesens, die Gestalt abzuleiten, welche ihrem Dasein zugrunde
+liegt. Wir wissen, daß die Lebensphänomene eines Tieres, einer Pflanze
+auf die der verwandten Arten schließen lassen, daß alles Lebende
+eine geheimnisvolle Ordnung, die mit Gesetz, Kausalität, Zahl nichts
+zu tun hat, in sich trägt und wir ziehen daraus die morphologischen
+Folgerungen. Nur hier, wo es sich um den Menschen selbst handelt,
+lassen wir die historische Form seines Daseins, die irgendwann
+einmal behauptet worden ist, ohne Nachprüfung gelten und zwingen die
+Tatsachen, so gut oder schlecht es geht, in das vorgefaßte Schema.
+Geht es nicht -- um so schlimmer für die Tatsachen. Wir behandeln
+sie mit Verachtung wie die Geschichte der Chinesen oder würdigen sie
+überhaupt keines Blickes wie die Kultur der Maya. Sie haben „zum Bau
+der Weltgeschichte nichts beigetragen“ -- ein köstlicher Ausspruch.
+
+Von jedem Organismus wissen wir, daß Tempo, Gestalt und Dauer seines
+Lebens und jeder einzelnen Lebensäußerung bestimmt sind. Niemand
+wird von einer tausendjährigen Eiche erwarten, daß sie eben jetzt im
+Begriff ist, mit dem eigentlichen Lauf ihrer Entwicklung zu beginnen.
+Niemand erwartet von einer Raupe, die er täglich wachsen sieht, daß
+sie möglicherweise ein paar Jahre damit fortfährt. Hier hat jeder
+mit unbedingter Gewißheit das Gefühl einer +Grenze+, das mit einem
+Gefühl für organische Formen identisch ist. Der Geschichte des
+höhern Menschentums gegenüber aber herrscht ein grenzenlos trivialer
+Optimismus in bezug auf die Zukunft. Hier schweigt alle psychologische
+und physiologische Erfahrung, so daß jedermann im zufällig
+Gegenwärtigen die „Ansätze“ zu einer ganz besonders hervorragenden
+linienhaften „Weiterentwicklung“ feststellt, weil er sie wünscht. Hier
+wird mit schrankenlosen Möglichkeiten -- nie mit einem natürlichen Ende
+-- gerechnet und aus der Lage jedes Augenblicks heraus eine höchst
+naive Konstruktion der Fortsetzung entworfen.
+
+Aber „die Menschheit“ hat kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so
+wenig die Gattung der Schmetterlinge oder der Orchideen ein Ziel hat.
+„Die Menschheit“ ist ein leeres Wort. Man lasse dies Phantom aus dem
+Umkreis der historischen Formprobleme schwinden und man wird einen
+überraschenden Reichtum +wirklicher+ Formen auftauchen sehen. Hier ist
+eine unermeßliche Fülle, Tiefe und Bewegtheit des Lebendigen, die bis
+jetzt durch eine Phrase, durch ein dürres Schema, durch persönliche
+„Ideale“ verdeckt wurde. Ich sehe statt des monotonen Bildes einer
+linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrecht erhält, wenn
+man vor der überwiegenden Zahl der Tatsachen das Auge schließt, das
+Phänomen einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft
+aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen
+im ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von
+denen jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre +eigne+ Form aufprägt,
+von denen jede ihre +eigne+ Idee, ihre +eignen+ Leidenschaften, ihr
++eignes+ Leben, Wollen, Fühlen, ihren +eignen+ Tod hat. Hier gibt es
+Farben, Lichter, Bewegungen, die noch kein geistiges Auge entdeckt
+hat. Es gibt aufblühende und alternde Kulturen, Völker, Sprachen,
+Wahrheiten, Götter, Landschaften, wie es junge und alte Eichen und
+Pinien, Blüten, Zweige, Blätter gibt, aber es gibt keine alternde
+„Menschheit“. Jede Kultur hat ihre eignen Möglichkeiten des Ausdrucks,
+die erscheinen, reifen, verwelken und nie wiederkehren. Es gibt
+viele, im tiefsten Wesen völlig voneinander verschiedene Plastiken,
+Malereien, Mathematiken, Physiken, jede von begrenzter Lebensdauer,
+jede in sich selbst geschlossen, wie jede Pflanzenart ihre eignen
+Blüten und Früchte, ihren eignen Typus von Wachstum und Niedergang hat.
+Diese Kulturen, Lebewesen höchsten Ranges, wachsen in einer erhabenen
+Zwecklosigkeit auf, wie die Blumen auf dem Felde. Sie gehören, wie
+Pflanzen und Tiere, der lebendigen Natur Goethes, nicht der toten
+Natur Newtons an. Ich sehe in der Weltgeschichte das Bild einer ewigen
+Gestaltung und Umgestaltung, eines wunderbaren Werdens und Vergehens
+organischer Formen. Der zünftige Historiker aber sieht sie in der
+Gestalt eines Bandwurms, der unermüdlich Epochen „ansetzt“.
+
+Indessen hat die Kombination „Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit“
+endlich ihre Wirkung erschöpft. So winkelhaft eng und flach sie
+war, so stellte sie doch die einzige nicht ganz unphilosophische
+Fassung dar, die wir besaßen, und was als Weltgeschichte literarisch
+geordnet wurde, hat ihr den Rest von philosophischem Gehalt zu
+verdanken; aber die Zahl von Jahrhunderten, die durch dies Schema
++höchstens+ zusammengehalten werden konnte, ist längst erreicht. Das
+traditionelle Bild beginnt sich bei rascher Zunahme des historischen
+Stoffes, namentlich des außerhalb dieser Ordnung liegenden, in ein
+unübersehbares Chaos aufzulösen. Jeder nicht ganz blinde Historiker
+weiß und fühlt das und nur um nicht ganz zu versinken, hält er um jeden
+Preis das einzige ihm bekannte Schema fest. Das Wort Mittelalter,
+1667 von Professor Horn in Leyden geprägt, muß heute eine formlose,
+sich beständig ausdehnende Masse decken, die rein negativ durch das
+begrenzt wird, was sich unter keinem Vorwand den beiden andern,
+leidlich geordneten Komplexen zurechnen läßt. Die unsichere Behandlung
+und Wertung der neupersischen, arabischen und russischen Geschichte
+sind Beispiele dafür. Vor allem läßt sich der Umstand nicht länger
+verhehlen, daß diese angebliche Geschichte der Welt sich anfangs
+tatsächlich auf die Region des östlichen Mittelmeeres und später,
+seit der Völkerwanderung, einem nur für uns wichtigen und deshalb
+stark vergrößerten, in Wirklichkeit rein lokalen Ereignis, das schon
+die arabische Kultur nichts angeht, mit einem plötzlichen Wechsel
+des Schauplatzes auf das mittlere Westeuropa beschränkt. Hegel hatte
+in aller Naivität erklärt, daß er die Völker, die in sein System
+der Geschichte nicht paßten, ignorieren werde. Aber das war nur ein
+ehrliches Eingeständnis von methodischen Voraussetzungen, ohne die
++kein+ Historiker zum Ziele kam. Man kann die Disposition sämtlicher
+Geschichtswerke daraufhin prüfen. Es ist heute in der Tat eine Frage
+des wissenschaftlichen Taktes, welche der historischen Phänomene man
++ernsthaft+ mitzählt und welche nicht. Ranke ist ein gutes Beispiel
+dafür.
+
+
+8
+
+Wir denken heute in Erdteilen. Nur unsere Philosophen und Historiker
+haben das noch nicht gelernt. Was können uns da Gedanken und
+Perspektiven bedeuten, die mit dem Anspruch auf universale Gültigkeit
+hervortreten und deren Horizont über die geistige Atmosphäre des
+westeuropäischen Menschen nicht hinausreicht?
+
+Man sehe sich daraufhin unsre besten Bücher an. Wenn Plato von der
+Menschheit redet, so meint er den Hellenen im Gegensatz zum Barbaren.
+Das entspricht durchaus dem ahistorischen Stil des antiken Lebens
+und Denkens und führt unter dieser Voraussetzung zu folgerichtigen
+Resultaten. Wenn aber Kant philosophiert, über ethische Ideale zum
+Beispiel, so behauptet er die Gültigkeit seiner Sätze für die Menschen
+aller Arten und Zeiten. Er spricht das nur nicht aus, weil es für
+ihn und seine Leser allzu selbstverständlich ist. Er formuliert
+in seiner Ästhetik nicht das Prinzip der Kunst des Phidias oder
+der Kunst Rembrandts, sondern gleich das der Kunst überhaupt. Aber
+was er an notwendigen Formen des Denkens feststellt, sind doch nur
+die notwendigen Formen des abendländischen Denkens. Ein Blick auf
+Aristoteles und dessen wesentlich andre Resultate hätte lehren sollen,
+daß hier nicht ein weniger klarer, sondern ein anders angelegter Geist
+über sich reflektiert. Russischen Philosophen wie Solovjeff ist der
+kosmische Solipsismus,[11] der Kants Vernunftkritik zugrunde liegt
+(jede noch so abstrakte Theorie ist der Ausdruck eines Weltgefühls) und
+sie für den westeuropäischen Menschen zum wahrsten aller Systeme macht,
+unverständlich und für den modernen Chinesen und Araber mit ihren ganz
+anders gearteten Intellekten hat die Lehre Kants lediglich den Wert
+einer Kuriosität.
+
+Das ist es, was dem abendländischen Denker fehlt und +gerade ihm+ nicht
+fehlen sollte: die Einsicht in den +historisch-relativen+ Charakter
+seiner Resultate, die selbst Ausdruck +eines und nur dieses einen+
+Daseins sind, das Wissen um die notwendigen Grenzen der Gültigkeit,
+die Überzeugung, daß seine „unumstößlichen Wahrheiten“ und „ewigen
+Einsichten“ eben nur für ihn wahr und in seinem Weltaspekte ewig
+sind und daß es Pflicht ist, darüber hinaus nach denen zu suchen,
+die der Mensch anderer Kulturen mit derselben Gewißheit aus sich
+heraus ausgesprochen hat. Das gehört zur +Vollständigkeit+ einer
+Philosophie der Zukunft. Das erst heißt die Formensprache der
+Geschichte, der +lebendigen+ Welt verstehen. Es gibt hier nichts
+Bleibendes und Allgemeines. Man rede nicht mehr von den Formen +des+
+Denkens, dem Prinzip +des+ Tragischen, der Aufgabe +des+ Staates.
+Allgemeingültigkeit ist immer der Fehlschluß von sich auf andre.
+
+Sehr viel bedenklicher wird das Bild, wenn wir uns den Denkern der
+westeuropäischen Modernität von Schopenhauer an zuwenden, dort, wo der
+Schwerpunkt des Philosophierens aus dem Abstrakt-Systematischen ins
+Praktisch-Ethische rückt und an Stelle des Problems der Erkenntnis
+das Problem des Lebens (des Willens zum Leben, zur Macht, zur Tat)
+tritt. Hier wird nicht mehr das ideale Abstraktum „Mensch“ wie bei
+Kant, sondern der wirkliche Mensch, wie er in historischer Zeit,
+als primitiver oder als Kulturmensch völkerhaft gruppiert, die
+Erdoberfläche bewohnt, der Betrachtung unterworfen, und es ist
+lächerlich, wenn auch da noch das Format der höchsten Begriffe durch
+das Schema Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit und die damit verbundene
+örtliche Beschränkung bestimmt wird. Aber das ist der Fall.
+
+Betrachten wir den historischen Horizont Nietzsches. Seine Begriffe der
+Dekadence, des Nihilismus, der Umwertung aller Werte, Konzeptionen, die
+tief im Wesen der abendländischen Zivilisation begründet liegen und für
+ihre Analyse schlechthin entscheidend sind -- welches war die Basis
+ihrer Formulierung? Römer und Griechen, Renaissance und europäische
+Gegenwart, einen flüchtigen Seitenblick auf die (mißverstandene)
+indische Philosophie eingerechnet, kurz: Altertum -- Mittelalter --
+Neuzeit. Darüber ist er, streng genommen, nie hinausgegangen und die
+andern Denker der Epoche so wenig wie er. Aber ist das die Grundlage
+einer Philosophie der +Welt+? Heißt das, menschliche Geschichte
++überhaupt+ betrachten? Ist es ein Wunder, daß Nietzsche, wenn er,
+ohne von Ägypten und Babylon, Rußland und China etwas zu wissen, von
+einzelnen Beobachtungen zu allgemeinen Zusammenfassungen übergeht
+-- hierher gehören die Gedanken über die Herrenmoral, die blonde
+Bestie, den Übermenschen -- alsbald zu summarischen, vermeintlich
+weltumfassenden Konstruktionen gelangt, die in Wirklichkeit recht
+provinzial, völlig willkürlich, zuletzt komisch sind?
+
+In welcher Beziehung steht denn sein Begriff des Dionysischen --
+zum Innenleben der hochzivilisierten Chinesen aus der Zeit des
+Konfucius oder eines modernen Amerikaners? Was bedeutet der Typus des
+Übermenschen -- für die Welt des Islam? Oder was sollen die Begriffe
+Natur und Geist, heidnisch und christlich, antik und modern als
+gestaltende Antithese im Seelentum des Inders und Russen bedeuten? Was
+hat Tolstoi, der aus seiner tiefsten Menschlichkeit heraus die ganze
+Ideenwelt des Westens als etwas Fremdes und Fernes ablehnte, mit dem
+„Mittelalter“, mit Dante, mit Luther, was hat ein Japaner mit dem
+Parzifal und dem Zarathustra, was ein Inder mit Sophokles zu schaffen?
+Und ist die Gedankenwelt Schopenhauers, Comtes, Feuerbachs, Hebbels,
+Strindbergs etwa weiträumiger? Ist ihre gesamte Psychologie trotz aller
+kosmischen Aspirationen nicht von rein abendländischer Bedeutung? Wie
+komisch wirken Ibsens Frauenprobleme, die ebenfalls mit dem Anspruch
+auf die Aufmerksamkeit der ganzen „Menschheit“ auftreten, wenn man an
+Stelle der berühmten Nora, einer nordwesteuropäischen Großstadtdame,
+deren Gesichtskreis etwa einer Mietwohnung von 2000 bis 6000 Mark und
+einer protestantischen Erziehung entspricht, Cäsars Frau, Madame de
+Sévigné, eine Japanerin oder eine Tiroler Bäuerin setzt? Aber Ibsen
+selbst besitzt den Gesichtskreis der großstädtischen Mittelklasse von
+gestern und heute. Seine Konflikte, deren psychische Voraussetzungen
+etwa seit 1850 vorhanden sind und 1950 kaum überdauern werden, sind
+bereits nicht mehr die der großen Welt und der untern Masse, geschweige
+denn die von Städten mit nichteuropäischer Bevölkerung.
+
+Alles das sind episodische und lokale, meist sogar auf die
+augenblickliche Intelligenz der Großstädte von westeuropäischem Typus
+beschränkte, nichts weniger als welthistorische und ewige Werte, und
+wenn sie der Generation Ibsens und Nietzsches noch so wesentlich
+sind, so heißt es eben doch den Sinn des Wortes Weltgeschichte -- die
+keine Auswahl, sondern eine Totalität darstellt -- mißverstehen,
+wenn man die außerhalb des modernen Interesses liegenden Faktoren ihm
+unterordnet, sie unterschätzt oder übersieht. Und das ist in einem
+ungewöhnlich hohen Grade der Fall. Was im Abendlande bisher über die
+Probleme des Raumes, der Zeit, der Bewegung, der Zahl, des Willens,
+der Ehe, des Eigentums, des Tragischen, der Wissenschaft gesagt und
+gedacht worden ist, blieb eng und zweifelhaft, weil man immer darauf
+aus war, +die+ Lösung +der+ Frage zu finden, statt einzusehen, daß
+zu vielen Fragenden viele Antworten gehören, daß eine philosophische
+Frage nur der verhüllte Wunsch ist, eine bestimmte Antwort zu erhalten,
+die in der Frage schon beschlossen liegt, daß man die großen Fragen
+einer Zeit gar nicht ephemer genug fassen kann und daß demnach eine
++Gruppe historisch bedingter Lösungen+ angenommen werden muß, deren
++Übersicht+ erst -- unter Ausschaltung aller eignen Überzeugungen --
+die letzten Geheimnisse aufschließt. Für den Denker -- den echten --
+gibt es keine absolut richtigen oder falschen Standpunkte. Es genügt
+nicht, angesichts so schwerer Probleme wie dem der Zeit oder der Ehe
+die persönliche Erfahrung, die innere Stimme, die Vernunft, die Meinung
+der Vorgänger oder Zeitgenossen zu befragen. So erfährt man, was für
+einen selbst, für die eigne Zeit wahr ist, aber das ist nicht alles.
+Die Erscheinung anderer Kulturen redet eine andre Sprache. Für andre
+Menschen gibt es andre Wahrheiten. Für den Denker sind sie alle gültig
+oder keine.
+
+Man begreift, welcher Erweiterung und Vertiefung die abendländische
+Weltkritik fähig ist und was alles über den harmlosen Relativismus
+Nietzsches und seiner Generation hinaus in den Kreis der Betrachtung
+gezogen, welche Feinheit des Formgefühls, welcher Grad von Psychologie,
+welche Entsagung und Unabhängigkeit von praktischen Interessen,
+welche Unumschränktheit des Horizonts erreicht werden muß, bevor man
+sagen darf, man habe die Weltgeschichte, die +Welt als Geschichte+,
+verstanden.
+
+
+9
+
+Diesem allem, den willkürlichen, engen, von außen gekommenen, vom
+eignen Interesse diktierten, der Historie aufgezwungenen Formen stelle
+ich die natürliche, die „kopernikanische“ Gestalt des Weltgeschehens
+entgegen, die ihm in der Tiefe innewohnt und sich nur dem nicht
+voreingenommenen Blick offenbart.
+
+Ich erinnere an Goethe. Was er die +lebendige Natur+ genannt hat,
+ist genau das, was hier Weltgeschichte im weitesten Umfange, +Welt
+als Geschichte+ genannt wird. Goethe, der als Künstler wieder und
+immer wieder das Leben, die Entwicklung seiner Gestalten, das Werden,
+nicht das Gewordene, herausbildet, wie es der Wilhelm Meister und
+Wahrheit und Dichtung zeigen, haßte die Mathematik. Hier stand die
+Welt als Mechanismus der Welt als Organismus, die tote der lebendigen
+Natur, das Gesetz der Gestalt gegenüber. Jede Zeile, die er als
+Naturforscher schrieb, sollte die Gestalt des Werdenden, „geprägte
+Form, die lebend sich entwickelt,“ vor Augen stellen. Nachfühlen,
+Anschauen, Vergleichen, die unmittelbare innere Gewißheit, die exakte
+sinnliche Phantasie -- das waren seine Mittel, den Geheimnissen
+der bewegten Erscheinung nahe zu kommen. +Und das sind die Mittel
+der Geschichtsforschung überhaupt.+ Es gibt keine andern. Dieser
++göttliche+ Blick ließ ihn am Abend der Schlacht von Valmy am
+Lagerfeuer jenes Wort aussprechen: „Von hier und heute geht eine neue
+Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei
+gewesen.“ Kein Heerführer, kein Diplomat, von Philosophen zu schweigen,
+hat Geschichte so unmittelbar werden gefühlt. Es ist das tiefste
+Urteil, das je über einen großen Akt der Geschichte in dem Augenblick
+ausgesprochen wurde, wo er sich vollzog.
+
+Und so wie er die Entwicklung der Pflanzenform aus dem Blatt, die
+Entstehung des Wirbeltiertypus, das Werden der geologischen Schichten
+verfolgte -- +das Schicksal der Natur, nicht ihre Kausalität+ -- soll
+hier die Formensprache der menschlichen Historie, ihre periodische
+Struktur, der Atem der Geschichte aus der Fülle aller sinnfälligen
+Einzelheiten entwickelt werden.
+
+Man hat sonst den Menschen den Organismen der Erdoberfläche
+zugerechnet und mit Grund. Sein Körperbau, seine natürlichen
+Funktionen, seine ganze sinnliche Erscheinung, alles gehört einer
+umfassenderen Einheit an. Nur hier macht man eine Ausnahme, trotz
+der tiefgefühlten Verwandtschaft des Pflanzenschicksals mit dem
+Menschenschicksal -- einem ewigen Thema aller Lyrik -- trotz der
+Ähnlichkeit aller menschlichen Geschichte mit der jeder andern
+Gruppe höherer Lebewesen -- einem Thema unzähliger Märchen, Sagen
+und Fabeln. +Hier+ vergleiche man, indem man die Welt menschlicher
+Kulturen rein und tief auf die Einbildungskraft wirken läßt, nicht
+indem man sie in ein vorgefaßtes Schema zwängt; man sehe in den
+Worten Jugend, Aufstieg, Blütezeit, Verfall, die bis jetzt regelmäßig
+und heute mehr denn je der Ausdruck subjektiver Wertschätzungen und
+allerpersönlichster Interessen sozialer, moralischer, ästhetischer
+Art waren, endlich objektive Bezeichnungen organischer Zustände;
+man stelle die antike Kultur als in sich abgeschlossenes Phänomen,
+als Körper und Ausdruck der antiken Seele, neben die ägyptische,
+indische, babylonische, chinesische, abendländische und suche das
+Typische in den wechselnden Geschicken dieser großen Individuen,
+das Notwendige in der unbändigen Fülle des Zufälligen und man wird
+endlich das Bild der Weltgeschichte sich entfalten sehen, das uns,
+den Menschen des Abendlandes, und uns allein natürlich ist.
+
+
+10
+
+Kehren wir zum engeren Thema zurück, so ist aus diesem Weltblick die
+Struktur der Gegenwart, zunächst zwischen 1800 und 2000, morphologisch
+zu bestimmen. Das Wann dieser Epoche innerhalb der abendländischen
+Gesamtkultur, ihr Sinn als biographischer Abschnitt, der in irgendeiner
+Gestalt mit Notwendigkeit in jeder Kultur anzutreffen ist, die
+organische und symbolische Bedeutung der ihr angehörenden politischen,
+künstlerischen, geistigen, sozialen Form komplexe soll festgestellt
+werden.
+
+An diesem Punkte ergibt sich die Identität der Periode mit dem
+Hellenismus, und zwar im besonderen die ihres augenblicklichen
+Höhepunktes -- bezeichnet durch den Weltkrieg -- mit dem Übergang
+der hellenistischen in die Römerzeit. Das +Römertum+, von strengstem
+Tatsachensinn, ungenial, barbarisch, diszipliniert, praktisch,
+protestantisch, +preußisch+, wird uns, die wir auf Vergleiche
+angewiesen sind, immer den Schlüssel zum Verständnis der eigenen
+Zukunft bieten. +Griechen und Römer -- damit scheidet sich auch das
+Schicksal, das sich für uns schon vollzogen hat und das, welches uns
+bevorsteht.+ Denn man hätte längst im „Altertum“ eine Entwicklung
+finden können und sollen, die ein vollkommenes Gegenstück zur
+eignen, westeuropäischen, bildet, in jeder Einzelheit der Oberfläche
+verschieden, aber völlig gleich in dem innern Drang, der den großen
+Organismus seiner Vollendung entgegentreibt. Wir hätten Zug um Zug vom
+„trojanischen Krieg“ und den Kreuzzügen, Homer und dem Nibelungenlied
+an über Dorik und Gotik, dionysischer Bewegung und Renaissance,
+Polyklet und Sebastian Bach, Athen und Paris, Aristoteles und Kant,
+Alexander und Napoleon bis zum Weltstadtstadium und Imperialismus
+beider Kulturen hier ein beständiges _alter ego_ der eignen
+Wirklichkeit gefunden.
+
+Aber die Interpretation des antiken Geschichtsbildes, die hier
+Vorbedingung war -- wie einseitig ist sie immer angegriffen worden!
+wie äußerlich! wie parteiisch! wie wenig umfassend! Weil wir uns „den
+Alten“ allzu verwandt fühlten, haben wir uns die Aufgabe allzu leicht
+gemacht. In der +flachen+ Ähnlichkeit liegt die Gefahr, der die gesamte
+Altertumsforschung erlegen ist. Es ist ein ewiges Vorurteil, das wir
+endlich überwinden sollten, daß die Antike uns innerlich nahesteht,
+weil wir vermeintlich ihre Schüler und Nachkommen, weil wir tatsächlich
+nur ihre Anbeter gewesen sind. Die ganze religionsphilosophische,
+kunsthistorische, sozialkritische Arbeit des 19. Jahrhunderts war
+nötig, nicht um uns endlich die Dramen des Äschylus, die Lehre Platos,
+Apollo und Dionysos, den athenischen Staat, den Cäsarismus verstehen
+zu lehren -- davon sind wir weit entfernt --, sondern um uns endlich
+fühlen zu lassen, wie unermeßlich fremd und fern uns das alles
+innerlich ist, fremder vielleicht als die mexikanischen Götter und die
+indische Architektur.
+
+Unsere Meinungen von der griechisch-römischen Kultur haben sich immer
+zwischen zwei Extremen bewegt, wobei ohne Ausnahme das Schema Altertum
+-- Mittelalter -- Neuzeit die Perspektive aller „Standpunkte“ von
+vornherein bestimmt hat. Die einen, Männer des öffentlichen Lebens
+vor allem, Nationalökonomen, Politiker, Juristen, finden die „heutige
+Menschheit“ im besten Fortschreiten, schätzen sie sehr hoch ein und
+messen an ihr alles Frühere. Es gibt keine moderne Partei, nach deren
+Grundsätzen Kleon, Marius, Themistokles, Catilina und die Gracchen
+nicht schon „gewürdigt“ worden sind. Die andern, Künstler, Dichter,
+Philologen und Philosophen, fühlen sich in besagter Gegenwart nicht
+zu Hause, nehmen darum in irgendeiner Vergangenheit einen ebenso
+absoluten Standpunkt ein und verurteilen von ihm aus ebenso dogmatisch
+das Heute. Die einen sehen im Griechentum ein „Noch nicht“, die andern
+in der Modernität ein „Nicht mehr“, immer unter der Suggestion eines
+Geschichtsbildes, das beide Phänomene linienförmig aneinander knüpft.
+
+Es sind die zwei Seelen Fausts, die sich in diesem Gegensatz
+verwirklicht haben. Die Gefahr der einen ist die intelligente
+Oberflächlichkeit. Es bleibt von allem, was antike Kultur, was Abglanz
+der antiken Seele gewesen war, zuletzt nichts in ihren Händen als
+soziale, wirtschaftliche, rechtliche, politische, physiologische
+„Tatsachen“. Der Rest nimmt den Charakter von „sekundären Folgen“,
+„Reflexen“, „Begleiterscheinungen“ an. Von der mythischen Wucht der
+Chöre des Äschylus, von der kolossalen Erdkraft der ältesten Plastik,
+der dorischen Säule, von der Glut der apollinischen Kulte, von der
+Tiefe selbst noch des römischen Kaiserkultes ist in ihren Büchern
+nichts zu spüren. Die andern, verspätete Romantiker vor allem, wie
+noch zuletzt die drei Basler Professoren Bachofen, Burckhardt und
+Nietzsche, erliegen der Gefahr aller Ideologie. Sie verlieren sich in
+den Wolkenregionen eines Altertums, das lediglich ein Spiegelbild ihrer
+philologisch geregelten Empfindsamkeit ist. Sie verlassen sich auf die
+Reste der alten Literatur, das einzige Zeugnis, das ihnen edel genug
+ist -- aber noch nie ist eine Kultur durch ihre großen Schriftsteller
+unvollkommener repräsentiert worden.[12] Die andern stützen sich
+vorwiegend auf das prosaische Quellenmaterial der Rechtsurkunden,
+Inschriften und Münzen, das insbesondere Burckhardt und Nietzsche
+sehr zu ihrem Schaden verachtet hatten, und ordnen ihm die erhaltene
+Literatur mit ihrem oft minimalen Wahrheits- und Tatsachensinn unter.
+So nahm man sich gegenseitig schon der kritischen Grundlagen wegen
+nicht ernst. Ich wüßte nicht, daß Nietzsche und Mommsen einander die
+geringste Beachtung geschenkt hätten.
+
+Aber keiner von beiden hat die Höhe der Betrachtung erreicht, aus
+welcher dieser Gegensatz in nichts zerfällt und die trotzdem möglich
+gewesen wäre. Hier rächte sich die Herübernahme des Kausalprinzips aus
+der Naturwissenschaft in die Geschichtsforschung. Man kam zu einem das
+Weltbild der Physik oberflächlich nachmalenden Pragmatismus, der die
+ganz andersartige Formensprache der Historie verdeckt und verwirrt,
+nicht erschließt. Man wußte allerseits nichts Besseres, um die Masse
+historischen Materials einer vertieften und ordnenden Auffassung
+zu unterwerfen, als einen Komplex von Erscheinungen als primär,
+als Ursache anzusetzen und die übrigen demgemäß als sekundär, als
+Folgen oder Wirkungen zu behandeln. Nicht nur die Praktiker, auch die
+Romantiker haben dazu gegriffen, weil die Historie ihre +eigne+ Logik
+auch ihrem beschränkten Blick nicht offenbart hat und das Bedürfnis
+nach Feststellung einer immanenten Notwendigkeit, deren Vorhandensein
+man +fühlte+, viel zu stark war, wenn man nicht wie Schopenhauer der
+Geschichte überhaupt mißmutig den Rücken kehren wollte.
+
+
+11
+
+Reden wir ohne weiteres von einer materialistischen und einer
+ideologischen Art, die Antike zu sehen. Dort erklärt man, daß das
+Sinken der einen Wagschale seine Ursache im Steigen der andern hat.
+Man beweist, daß dies ohne Ausnahme der Fall ist -- zweifellos ein
+schlagender Beweis. Hier haben wir also Ursache und Wirkung, und zwar
+stellen -- selbstverständlich -- die sozialen und sexuellen, allenfalls
+die rein politischen Phänomene die Ursachen, die religiösen, geistigen,
+künstlerischen die Wirkungen dar (soweit der Materialist für die
+letzteren die Bezeichnung Tatsachen duldet). Die Ideologen beweisen
+umgekehrt, daß das Steigen der einen Schale aus dem Sinken der andern
+folgt, und sie beweisen es mit derselben Exaktheit. Sie versenken
+sich in Kulte, Mysterien, Bräuche, in die Geheimnisse des Verses und
+der Linie und würdigen das banausische Alltagsleben, eine peinliche
+Folge der irdischen Unvollkommenheit, kaum eines Seitenblicks. Beide
+beweisen, den Kausalnexus deutlich vor Augen, daß die andern den
+wahren Zusammenhang der Dinge offenbar nicht sehen oder sehen wollen
+und enden damit, daß sie einander blind, flach, dumm, absurd oder
+frivol, kuriose Käuze oder platte Philister schelten. Der Ideologe ist
+entsetzt, wenn jemand Finanzprobleme unter Hellenen ernst nimmt und
+z. B. statt von den tiefsinnigen Sprüchen des delphischen Orakels von
+den weitreichenden Geldoperationen redet, welche die Orakelpriester mit
+den dort deponierten Summen vornahmen. Der Politikus aber lächelt weise
+über den, der seine Begeisterung an sakrale Formeln und die Tracht
+attischer Epheben verschwendet, statt über antike Klassenkämpfe ein mit
+vielen modernen Schlagworten gespicktes Buch zu schreiben.
+
+Der eine Typus ist schon in Petrarka vorgebildet. Er hat Florenz
+und Weimar, den Begriff der Renaissance und den abendländischen
+Klassizismus geschaffen. Den andern findet man seit der Mitte
+des 18. Jahrhunderts, mit dem Beginn einer zivilisierten,
+wirtschaftlich-großstädtischen Politik, also zuerst in England (Grote).
+Im Grunde stehen sich hier die Auffassung des kultivierten und des
+zivilisierten Menschen gegenüber, ein Gegensatz, der zu tief, zu
+menschlich ist, um die Inferiorität +beider+ Standpunkte empfinden oder
+gar überwinden zu lassen.
+
+Auch der Materialismus verfährt in diesem Punkte idealistisch. Auch
+er hat, ohne es zu wissen und zu wollen, seine Einsichten von inneren
+Wünschen abhängig gemacht. In der Tat haben sich unsere besten Geister
+ohne Ausnahme vor dem Bilde der Antike in Ehrfurcht gebeugt und in
+diesem einen Falle der schrankenlosen Kritik entsagt. Die Analyse
+des Altertums ist immer durch eine gewisse Scheu verdunkelt worden.
+Es gibt in der gesamten Geschichte kein zweites Beispiel für einen so
+leidenschaftlichen Kultus, den eine Kultur mit dem Gedächtnis einer
+andern treibt. Daß wir Altertum und Neuzeit durch ein „Mittelalter“
+idealisch verknüpften, über ein Jahrtausend gering gewerteter, fast
+verachteter Historie hinweg, ist nur ein einzelner Ausdruck dieser
+unwillkürlichen Devotion. Wir Westeuropäer haben „den Alten“ die
+Reinheit und Selbständigkeit unserer Kunst zum Opfer gebracht, indem
+wir nur mit einem Seitenblick auf das hehre „Vorbild“ zu schaffen
+wagten; wir haben in unser Bild von den Griechen und Römern jedesmal
+das hineingelegt, +hineingefühlt+, was wir in der Tiefe der eigenen
+Seele entbehrten oder erhofften. Eines Tages wird uns ein geistreicher
+Psychologe die Geschichte unserer verhängnisvollsten Illusion, die
+Geschichte dessen, was wir jedesmal als antik verehrten, erzählen. Es
+gibt wenige Aufgaben, die für die intime Kenntnis der abendländischen
+Seele von Kaiser Otto III., dem ersten, bis zu Nietzsche, dem letzten
+Opfer des Südens, lehrreicher wären.
+
+Goethe redet auf seiner italienischen Reise mit Begeisterung von den
+Bauten Palladios, deren frostiger Akademik wir heute höchst skeptisch
+gegenüberstehen. Er sieht dann Pompeji und spricht mit unverhohlenem
+Mißvergnügen von dem „wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck“.
+Was er von den Tempeln von Pästum und Segesta, Meisterstücken
+hellenischer Kunst, sagt, ist verlegen und unbedeutend. Offenbar hat
+er das Altertum, als es ihm einmal leibhaft in seiner vollen Kraft
+entgegentrat, nicht wiedererkannt. Das bezeichnet den historischen
+Sinn unserer Seelen: sie wollen nicht Eindrücke von Fremdem, sondern
+Ausdruck von Eignem. +Ihr+ „Altertum“ war jedesmal der Horizont
+eines historischen Gesamtbildes, das sie geschaffen und mit ihrem
+besten Blute genährt haben, ein Gefäß für das eigne Weltgefühl, ein
+Phantom, ein Idol. Man begeistert sich in Denkerstuben und poetischen
+Zirkeln an den verwegenen Schilderungen antiken Großstadttreibens
+bei Aristophanes, Juvenal und Petronius, an südlichem Schmutz und
+Pöbel, Lärm und Gewalttat, Lustknaben und Phrynen, am Phalluskult und
+cäsarischen Orgien -- aber demselben Stück Wirklichkeit in heutigen
+Weltstädten geht man klagend und naserümpfend aus dem Wege. „In den
+Städten ist schlecht zu leben: da gibt es zu viele der Brünstigen.“
+Also sprach Zarathustra. Sie rühmen die Staatsgesinnung der Römer
+und verachten den, der heute nicht jede Berührung mit öffentlichen
+Angelegenheiten meidet. Es gibt eine Klasse von Kennern, für welche
+der Unterschied von Toga und Gehrock, von byzantinischem Zirkus und
+englischem Sportplatz, von antiken Alpenstraßen und transkontinentalen
+Eisenbahnen, Trieren und Schnelldampfern, römischen Lanzen und
+preußischen Bajonetten, zuletzt sogar vom Suezkanal, je nachdem ihn ein
+Pharao oder ein moderner Ingenieur gebaut hat, eine magische Gewalt
+besitzt, die jeden freien Blick mit Sicherheit einschläfert. Sie würden
+eine Dampfmaschine als Symbol menschlicher Leidenschaft und Ausdruck
+vitaler Energie erst dann gelten lassen, wenn Heron von Alexandria sie
+erfunden hätte. Es gilt ihnen als Blasphemie, wenn man statt vom Kult
+der Großen Mutter vom Berge Pessinus, von römischer Zentralheizung und
+Buchführung spricht. Trotzdem war das griechische Wort für Kapital
+ἀφορμή, Ausgangspunkt, und Thukydides lobt die Athener seiner Zeit
+(I, 70), daß sie keine anderen Feste kannten, als ihre Geschäfte zu
+betreiben.[13]
+
+Aber die andern sehen +nichts+ als dies. Sie glauben das Wesen dieser
+uns so fremden Kultur zu erschöpfen, indem sie die Griechen ohne
+weiteres als ihresgleichen behandeln und sie bewegen sich, wenn sie
+psychologische Schlüsse ziehen, in einem System von Identitäten, das
+die antike +Seele+ überhaupt nicht berührt. Sie ahnen gar nicht, daß
+Worte wie Republik, Freiheit, Eigentum dort und hier Dinge bezeichnen,
+die innerlich auch nicht die leiseste Verwandtschaft besitzen. Sie
+spötteln über Historiker der Goethezeit, wenn sie ihre politischen
+Ideale ausdrücken, indem sie eine Geschichte des Altertums verfassen
+und mit den Namen Lykurg, Brutus, Cato, Cicero, Augustus durch
+deren Rettungen oder Verurteilungen das eigene Programm oder eine
+persönliche Schwärmerei decken, aber sie selbst können kein Kapitel
+schreiben, ohne zu verraten, welcher Parteirichtung ihre Morgenzeitung
+angehört.
+
+Aber es ist gleichviel, ob man die Vergangenheit mit den Augen Don
+Quijotes oder Sancho Pansas betrachtet. Beide Wege führen nicht zum
+Ziel. Schließlich hat sich jeder von ihnen erlaubt, das Stück der
+Antike in den Vordergrund zu stellen, das den eignen Intentionen
+zufällig am besten entsprach, Nietzsche das vorsokratische Athen,
+Nationalökonomen die hellenistische Periode, Politiker das
+republikanische Rom und Dichter die Kaiserzeit.
+
+Nicht als ob religiöse oder künstlerische Erscheinungen ursprünglicher
+wären als soziale und wirtschaftliche. Es ist weder so noch umgekehrt.
+Es gibt für den, der hier die unbedingte Freiheit des Blickes erworben
+hat, jenseits +aller+ persönlichen Interessen welcher Art auch immer,
+überhaupt keine Art von Abhängigkeit, keine Priorität, keine Ursache
+und Wirkung, keinen Unterschied des Wertes und der Wichtigkeit. Was
+den einzelnen Phänomenen ihren Rang gibt, ist lediglich die größere
+oder geringere Reinheit und Kraft ihrer Formensprache, die Stärke ihrer
+Symbolik -- abseits von gut und böse, hoch und niedrig, Nutzen und
+Ideal.
+
+
+12
+
+Der Untergang des Abendlandes, so betrachtet, bedeutet nichts
+Geringeres als das +Problem der Zivilisation+. Eine der Grundfragen
+aller Historie liegt hier vor. Was ist Zivilisation, als logische
+Folge, als Vollendung und Ausgang einer Kultur begriffen?
+
+Denn jede Kultur hat ihre +eigne+ Zivilisation. Zum ersten Male werden
+hier die beiden Worte, die bisher einen vagen ethischen Unterschied
+persönlicher Art zu bezeichnen hatten, in periodischem Sinne, als
+Ausdrücke für ein strenges und notwendiges +organisches Nacheinander+
+gefaßt. Die Zivilisation ist das unausweichliche +Schicksal+ einer
+Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem aus die letzten und
+schwersten Fragen der historischen Morphologie lösbar werden.
+Zivilisation sind die +äußersten+ und +künstlichsten+ Zustände, deren
+eine höhere Art Menschen fähig ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen
+dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung
+als die Starrheit, dem Lande und der seelischen Kindheit, wie sie
+Dorik und Gotik zeigen, als das geistige Greisentum und die steinerne,
+versteinernde Weltstadt. Sie sind ein +Ende+, unwiderruflich, aber sie
+sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden.
+
+Damit erst wird man den Römer als den Nachfolger des Hellenen
+verstehen. Erst so rückt die späte Antike in das Licht, das ihre
+tiefsten Geheimnisse preisgibt. Denn was hat es zu bedeuten -- was
+man nur mit leeren Worten bestreiten kann --, daß die Römer Barbaren
+gewesen sind, Barbaren, die einem großen Aufschwung nicht vorangehen,
+sondern ihn beschließen? Seelenlos, unphilosophisch, ohne Kunst,
+animalisch bis zum Brutalen, rücksichtslos auf materielle Erfolge
+haltend, stehen sie zwischen der hellenischen Kultur und dem Nichts.
+Ihre nur auf das Praktische gerichtete Einbildungskraft -- sie
+besaßen ein sakrales Recht, das die Beziehungen zwischen Göttern
+und Menschen wie zwischen Privatpersonen regelte, aber keine Spur
+eines Mythus -- ist eine Anlage, die man in Athen überhaupt nicht
+antrifft. Griechische Seele und römischer Intellekt -- das ist es.
+So unterscheiden sich Kultur und Zivilisation. Das gilt nicht nur
+von der Antike. Immer wieder taucht dieser Typus starkgeistiger,
+vollkommen unmetaphysischer Menschen auf. In ihren Händen liegt das
+geistige und materielle Geschick einer jeden Spätzeit. Sie haben
+den babylonischen, ägyptischen, indischen, chinesischen, römischen
+Imperialismus durchgeführt. In solchen Perioden sind der Buddhismus,
+Stoizismus und Sozialismus zu endgültigen Weltstimmungen herangereift,
+die ein erlöschendes Menschentum in seiner ganzen Substanz noch einmal
+zu ergreifen und umzugestalten vermögen. Die +reine+ Zivilisation als
+historischer Prozeß besteht in einem stufenweisen +Abbau+ anorganisch
+gewordener, erstorbener Formen.
+
+Der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht sich in der
+Antike im 4., im Abendlande im 19. Jahrhundert. Von da an fallen die
+großen geistigen Entscheidungen nicht mehr wie zur Zeit der orphischen
+Bewegung und der Reformation in der „ganzen Welt“, in der schließlich
+kein Dorf ganz unwichtig ist, sondern in drei oder vier Weltstädten,
+die allen Gehalt der Historie in sich aufgesogen haben und denen
+gegenüber die gesamte Landschaft der Kultur zum Range der Provinz
+herabsinkt, die ihrerseits nur noch die Weltstädte mit den Resten
+ihres höheren Menschentums zu nähren hat. +Weltstadt und Provinz+ --
+mit diesen Grundbegriffen aller Zivilisation tritt ein ganz neues
+Formproblem der Geschichte hervor, das wir Heutigen gerade durchleben,
+ohne es in seiner ganzen Tragweite auch nur entfernt begriffen zu
+haben. Statt einer Welt eine +Stadt+, ein +Punkt+, in dem sich das
+ganze Leben weiter Länder sammelt, während der Rest verdorrt; statt
+eines formvollen, mit der Erde verwachsenen Volkes ein neuer Nomade,
+ein Parasit, der Großstadtbewohner, der reine, traditionslose, in
+formlos fluktuierender Masse auftretende Tatsachenmensch, irreligiös,
+intelligent, unfruchtbar, mit einer tiefen Abneigung gegen das
+Bauerntum (und dessen höchste Form, den Landadel), also ein ungeheurer
+Schritt zum Anorganischen, zum Ende -- was bedeutet das? Frankreich und
+England haben diesen Schritt vollzogen und Deutschland ist im Begriff,
+ihn zu tun. Auf Syrakus, Athen, Alexandria folgt Rom. Auf Madrid,
+Paris, London folgt Berlin. Provinz zu werden ist das Schicksal ganzer
+Länder, die nicht im Strahlenkreise einer dieser Städte liegen wie
+damals Kreta und Makedonien, heute der skandinavische Norden.[14]
+
+Ehemals spielte sich der Kampf um die ideelle Fassung der Epoche
+auf dem Boden metaphysischer, kultisch oder dogmatisch geprägter
+Weltprobleme zwischen dem erdhaften Geiste des Bauerntums (Adel und
+Priestertum) und dem „weltlichen“ patrizischen Geiste der alten,
+kleinen, berühmten Städte der dorischen und gotischen Frühzeit ab.
+Dergestalt waren die Kämpfe um die Dionysosreligion -- z. B. unter
+dem Tyrannen Kleisthenes von Sikyon[15] -- und um die Reformation
+in den deutschen Reichsstädten und in den Hugenottenkriegen. Aber
+wie diese Städte zuletzt das Land überwanden -- ein rein städtisches
+Weltbewußtsein begegnet schon bei Parmenides und Descartes -- so
+überwindet die Weltstadt sie. Das ist der geistige Prozeß aller
+Spätzeiten, der Ionik wie des Barock. Heute wie zur Zeit des
+Hellenismus, an dessen Schwelle die Gründung einer künstlichen, also
+landfremden Großstadt, Alexandrias, steht, sind diese Kulturstädte --
+Florenz, Nürnberg, Salamanca, Brügge, Prag -- Provinzstädte geworden,
+die gegen den Geist der Weltstädte einen hoffnungslosen intellektuellen
+Widerstand leisten. Die Weltstadt bedeutet den Kosmopolitismus an
+Stelle der „Heimat“,[16] den kühlen Tatsachensinn an Stelle der
+Ehrfurcht vor dem Überlieferten und Gewachsenen, die wissenschaftliche
+Irreligion als Petrefakt der voraufgegangenen Religion des Herzens,
+die „Gesellschaft“ an Stelle des Staates, die natürlichen statt der
+erworbenen Rechte. Das +Geld+ als anorganischen abstrakten Faktor,
+von allen Beziehungen zum Sinne des fruchtbaren Bodens, zu den Werten
+einer ursprünglichen Lebenshaltung gelöst -- das haben die Römer vor
+den Griechen voraus. Von hier an ist eine vornehme Weltanschauung +auch
+eine Geldfrage+. Nicht der griechische Stoizismus des Chrysipp, aber
+der spätrömische des Cato und Seneka setzt als Grundlage ein Vermögen
+voraus[17] und nicht die sozialethische Gesinnung des 18. Jahrhunderts,
+aber die des 20. ist, wenn sie über eine berufsmäßige -- einträgliche
+-- Agitation hinaus Tat werden will, eine Sache für Millionäre. Zur
+Weltstadt gehört nicht ein Volk, sondern eine Masse. Ihr Unverständnis
+für alles Überlieferte, in dem man die +Kultur+ bekämpft (den Adel, die
+Kirche, die Privilegien, die Dynastie, in der Kunst die Konventionen,
+in der Wissenschaft die Grenzen der Erkenntnismöglichkeit), ihre der
+bäuerlichen Klugheit überlegene scharfe und kühle Intelligenz, ihr
+Naturalismus in einem ganz neuen Sinne, der über Sokrates und Rousseau
+weit zurück in bezug auf alles Sexuelle und Soziale an urmenschliche
+Instinkte und Zustände anknüpft, das _panem et circenses_, das heute
+wieder in der Verkleidung von Lohnkampf und Sportplatz erscheint --
+alles das bezeichnet der endgültig abgeschlossenen Kultur, der Provinz
+gegenüber eine ganz neue, späte und zukunftslose, aber unvermeidliche
+Form menschlicher Existenz.
+
+Das ist es, was +gesehen+ sein will, nicht mit den Augen des
+Parteimannes, des Ideologen, des zeitgemäßen Moralisten, aus dem Winkel
+irgendeines „Standpunktes“ heraus, sondern aus zeitloser Höhe, den
+Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden gerichtet --
+wenn man wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will.
+
+Ich sehe Symbole ersten Ranges darin, daß in Rom, wo um 60 v. Chr.
+der Triumvir Crassus der erste Bauplatzspekulant war, das auf allen
+Inschriften prangende römische Volk, vor dem Gallier, Griechen,
+Parther, Syrer in der Ferne zitterten, in ungeheurem Elend in den
+vielstöckigen Mietskasernen lichtloser Vorstädte[18] hauste und die
+Erfolge der militärischen Expansion mit Gleichgültigkeit oder einer Art
+von sportlichem Interesse aufnahm; daß manche der großen Familien des
+Uradels, Nachkommen der Sieger über die Kelten, Samniten und Hannibal,
+weil sie sich an der wüsten Spekulation nicht beteiligten, ihre
+Stammhäuser aufgeben und armselige Mietwohnungen beziehen mußten; daß,
+während sich längs der Via Appia die noch heute bewunderten Grabmäler
+der Finanzgrößen Roms erhoben, die Leichen des Volkes zusammen mit
+Tierkadavern und Großstadtkehricht in ein grauenhaftes Massengrab
+geworfen wurden, bis man unter Augustus, um Seuchen zu verhüten,
+die Stelle zuschüttete, auf der Mäcenas dann seinen berühmten Park
+anlegte; daß man in dem entvölkerten Athen, das von Fremdenbesuch
+und den Stiftungen reicher Ausländer (wie des Judenkönigs Herodes)
+lebte, der Reisepöbel allzu rasch reich gewordener Römer die Werke der
+perikleischen Zeit begaffte, von denen er so wenig verstand wie die
+amerikanischen Besucher der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo,
+nachdem man alle beweglichen Kunstwerke fortgeschleppt oder zu
+phantastischen Modepreisen angekauft und dafür kolossale und anmaßende
+Römerbauten neben die tiefen und bescheidenen Werke der alten Zeit
+gesetzt hatte. In diesen Dingen, die der Historiker nicht zu loben oder
+tadeln, sondern morphologisch abzuwägen hat, liegt für den, welcher zu
+sehen gelernt hat, eine +Idee+ unmittelbar zutage.
+
+Es ist heute wie damals nicht die Frage, ob man von Geburt Germane oder
+Romane, Hellene oder Römer, sondern ob man von Erziehung Weltstädter
+oder Provinzler ist. Das entscheidet über alles Tatsächliche. Hier
+finden wir einen neuen, in seiner Art vollkommenen Weltblick als
+Ausdruck eines neuen Lebensstils. Eine höchst bezeichnende und in allen
+bisher vorliegenden Fällen identische Metamorphose vollzieht sich.
+Es ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb man in dem wirren Bilde
+der historischen Oberfläche die eigentliche Struktur der Historie
+nicht aufgefunden hat, daß man es nicht verstand, die Formkomplexe des
+kultivierten und des zivilisierten Daseins aus ihrer wechselseitigen
+Durchdringung zu lösen. Eine Kritik der Gegenwart steht hier vor ihrer
+schwersten Aufgabe.
+
+Denn es wird sich zeigen, daß von diesem Augenblicke an alle großen
+Konflikte der Weltanschauung, der Politik, der Kunst, des Wissens,
+des Gefühls im Zeichen dieses einen Gegensatzes stehen. Was ist
+zivilisierte Politik von morgen im Gegensatz zur kultivierten von
+gestern? In der Antike Rhetorik, im Abendlande Journalismus, und
+zwar im Dienste jenes Abstraktums, das die Macht der Zivilisation
+repräsentiert, des +Geldes+. Sein Geist ist es, der unvermerkt die
+historischen Formen des Völkerdaseins durchdringt, oft ohne sie im
+geringsten zu ändern oder zu zerstören. Der römische Staatsmechanismus
+ist vom älteren Scipio Africanus bis auf Augustus in viel höherem Grade
+stationär geblieben, als dies in der Regel angenommen wird. Aber
+die großen Parteien, Vehikel einer veralteten Form des politischen
+Lebens, sind zur Zeit der Gracchen wie im 20. Jahrhundert nur noch
+scheinbar Mittelpunkte der entscheidenden Aktionen. In Wirklichkeit
+ist es dem Forum Romanum gegenüber gleichgültig, wie auf dem Forum von
+Pompeji geredet, beschlossen und gewählt wird, und die drei oder vier
+Weltblätter werden in unsrer Zukunft die Meinung der Provinzzeitungen
+und damit den „Willen des Volkes“ bestimmen. Es ist eine kleine Anzahl
+überlegener Gehirne, deren Namen in diesem Augenblick vielleicht nicht
+die bekanntesten sind, die alles entscheidet, während die große Masse
+der Politiker zweiten Ranges, Rhetoren und Tribunen, Abgeordnete
+und Journalisten, eine Auswahl nach Provinzhorizonten, nach unten
+die Illusion einer Selbstbestimmung des Volkes aufrecht erhält. Und
+die Kunst? Die Philosophie? Die Ideale der platonischen und der
+kantischen Zeit galten einem höhern Menschentum überhaupt, die des
+Hellenismus und der Gegenwart, vor allem der Sozialismus, der ihm
+genetisch nahe verwandte Darwinismus mit seinen so ganz ungoetheschen
+Formeln vom Kampf ums Dasein und der Zuchtwahl, die damit wiederum
+verwandten Frauen- und Eheprobleme bei Ibsen, Strindberg und Shaw, die
+impressionistischen Neigungen einer anarchischen Sinnlichkeit, das
+ganze Bündel moderner Sehnsüchte, Reize und Schmerzen, deren Ausdruck
+die Lyrik Baudelaires und die Musik Wagners ist, sind nicht für das
+Weltgefühl des dörflichen und überhaupt des natürlichen Menschen,
+sondern ausschließlich für den weltstädtischen Gehirnmenschen da.
+Je kleiner die Stadt, desto sinnloser die Beschäftigung mit dieser
+Malerei und Musik. Zur Kultur gehört die Gymnastik, das Turnier,
+der Agon, zur Zivilisation der +Sport+. Auch das unterscheidet die
+hellenische Palästra vom römischen Zirkus.[19] Die Kunst selbst wird
+Sport -- das bedeutet _l’art pour l’art_ -- vor einem hochintelligenten
+Publikum von Kennern und Käufern, mag es sich um die Bewältigung
+absurder instrumentaler Tonmassen oder harmonischer Hindernisse,
+mag es sich um das „Nehmen“ eines Farbenproblems handeln. Eine neue
+Tatsachenphilosophie erscheint, die für metaphysische Spekulationen
+nur ein Lächeln übrig hat, eine neue Literatur, dem Intellekt,
+dem Geschmack und den Nerven des Großstädters ein Bedürfnis, dem
+Provinzialen unverständlich und verhaßt.[20] Weder die alexandrinische
+Poesie, noch die Freilichtmalerei gehen das „Volk“ etwas an. Der
+Übergang wird damals wie heute durch eine Reihe nur in dieser Epoche
+anzutreffender Skandale bezeichnet. Die Entrüstung der Athener über
+Euripides und die revolutionären Malweisen z. B. des Apollodor,
+wiederholt sich in der Auflehnung gegen Wagner, Manet, Ibsen und
+Nietzsche.
+
+Man kann die Griechen verstehen, ohne von ihren wirtschaftlichen
+Verhältnissen zu reden. Die Römer versteht man +nur+ durch sie. Bei
+Chäronea und bei Leipzig wurde zum letzten Male um eine Idee gekämpft.
+Im ersten punischen Kriege und bei Sedan sind die wirtschaftlichen
+Momente nicht mehr zu übersehen. Erst die Römer mit ihrer praktischen
+Energie haben der Sklavenarbeit und dem Sklavenhandel jenen
+riesenhaften Stil gegeben, der für viele den Typus der antiken
+Lebenshaltung überhaupt entscheidend bestimmt. Erst die germanischen,
+nicht die romanischen Völker Westeuropas haben dementsprechend aus
+der Dampfmaschine eine das Bild der Länder verändernde Großindustrie
+entwickelt. Man wird die Beziehung beider tiefsymbolischen Phänomene
+zum Stoizismus und zum Sozialismus nicht übersehen. Erst der
+römische, durch C. Flaminius angekündigte, in Marius zum ersten Male
+Gestalt gewordene Cäsarismus hat innerhalb der antiken Welt die
++Erhabenheit des Geldes+ -- in der Hand starkgeistiger, groß angelegter
+Tatsachenmenschen -- kennen gelehrt. Ohne +das+ ist weder Cäsar noch
+das Römertum überhaupt verständlich. Jeder Grieche hat einen Zug von
+Don Quijote, jeder Römer von Sancho Pansa -- was sie sonst noch waren,
+tritt dahinter zurück.
+
+
+13
+
+Was die römische Weltherrschaft betrifft, so ist sie ein +negatives+
+Phänomen, nicht das Resultat eines Überschusses von Kraft auf der einen
+-- den hatten die Römer nach Zama nicht mehr --, sondern das eines
+Mangels an Widerstand auf der andern Seite. Die Römer haben die Welt
+gar nicht erobert. Sie haben nur in Besitz genommen, was als Beute für
+jedermann dalag. Das Imperium Romanum ist nicht durch die äußerste
+Anspannung aller militärischen und finanziellen Hilfsmittel, wie es
+einst Karthago gegenüber der Fall war, sondern durch den Verzicht des
+alten Ostens auf äußere Selbstbestimmung entstanden. Man lasse sich
+nicht durch den Schein glänzender soldatischer Erfolge täuschen. Mit
+ein paar schlecht geübten, schlecht geführten, übel gelaunten Legionen
+haben Lukullus und Pompejus ganze Reiche unterworfen, woran zur Zeit
+der Schlacht bei Issus nicht zu denken gewesen wäre. Die mithridatische
+Gefahr, eine wirkliche Gefahr für dies nie ernstlich geprüfte System
+materieller Kräfte, hätte als solche für die Besieger Hannibals
+niemals bestanden. Die Römer haben nach Zama keinen Krieg gegen eine
+große Militärmacht mehr geführt und hätten keinen führen können.[21]
+Ihre +klassischen+ Kriege waren die gegen die Samniten, gegen Pyrrhus
+und Karthago. Ihre große Stunde war Cannä. Es gibt kein Volk, das
+Jahrhunderte hindurch auf dem Kothurn steht. Das preußisch-deutsche,
+das die mächtigen Augenblicke von 1813, 1870 und 1914 hatte, besitzt
+deren mehr als andere.
+
+Ich lehre hier den +Imperialismus+, als dessen Petrefakt Reiche wie
+das ägyptische, chinesische, römische, die indische Welt, die Welt
+des Islam noch Jahrhunderte und Jahrtausende stehen bleiben und aus
+einer Erobererfaust in die andre gehen können -- tote Körper, amorphe,
+entseelte Menschenmassen, verbrauchter Stoff einer großen Geschichte
+-- als das typische Symbol des Ausgangs begreifen. Imperialismus ist
+reine Zivilisation. In dieser Erscheinungsform liegt unwiderruflich
+das Schicksal des Abendlandes. Der kultivierte Mensch hat seine
+Energie nach innen, der zivilisierte nach außen. Deshalb sehe ich
+in Cecil Rhodes den ersten Mann einer neuen Zeit. Er repräsentiert
+den politischen Stil einer ferneren, abendländischen, germanischen,
+insbesondere deutschen Zukunft. Sein Wort „Ausdehnung ist alles“
+enthält in dieser napoleonischen Fassung die eigentlichste Tendenz
+einer +jeden+ ausgereiften Zivilisation. Das gilt von den Römern,
+den Arabern, den Chinesen. Hier gibt es keine Wahl. Hier entscheidet
+nicht einmal der bewußte Wille des einzelnen oder ganzer Klassen und
+Völker. Die expansive Tendenz ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches
+und Ungeheures, das den späten Menschen des Weltstadtstadiums packt,
+in seinen Dienst zwingt und verbraucht, ob er will oder nicht, ob er
+es weiß oder nicht.[22] Leben ist die Verwirklichung von Möglichem,
+und für den Gehirnmenschen +gibt es nur extensive Möglichkeiten+.[23]
+So sehr der heutige, noch wenig entwickelte Sozialismus sich gegen
+die Expansion auflehnt, er wird eines Tages mit der Vehemenz eines
+Schicksals ihr vornehmster Träger sein. Hier rührt die Formensprache
+der Politik -- als unmittelbarer intellektueller Ausdruck einer Art von
+Menschentum -- an ein tiefes metaphysisches Problem: an die durch die
+unbedingte Gültigkeit des Kausalitätsprinzips bestätigte Tatsache, daß
++der Geist das Komplement der Ausdehnung ist+.
+
+Rhodes erscheint als der erste Vorläufer eines abendländischen
+Cäsarentypus, für den die Zeit noch lange nicht gekommen ist. Er
+steht in der Mitte zwischen Napoleon und den Gewaltmenschen des
+nächsten Jahrhunderts, wie jener Flaminius, der seit 232 die Römer
+zur Unterwerfung der cisalpinen Gallier -- und damit zum Beginn
+ihrer kolonialen Ausdehnungspolitik drängte, zwischen Alexander und
+Cäsar. Flaminius war Demagoge, streng genommen ein Privatmann von
+staatsbeherrschendem Einfluß in einer Zeit, wo der Staatsgedanke
+der Gewalt wirtschaftlicher Faktoren erliegt, in Rom sicherlich der
+erste vom cäsarischen Oppositionstypus. Mit ihm endet der organische
+Machtwille des Patriziats, der von einer +Idee+ getragen ist, und
+es beginnt die rein materialistische, unethische, schrankenlose
+Expansion. Alexander und Napoleon waren Romantiker, an der Schwelle
+der Zivilisation und schon von ihrer kalten und klaren Luft angeweht;
+aber der eine gefiel sich in der Rolle des Achilleus und der andere las
+den Werther. Cäsar war lediglich ein Tatsachenmensch von ungeheurem
+Verstande.
+
+Aber schon Rhodes verstand unter erfolgreicher Politik einzig den
+territorialen und finanziellen Erfolg. Das ist das Römische an ihm,
+dessen er sich sehr bewußt war. In dieser Energie und Reinheit hatte
+sich die westeuropäische Zivilisation noch nicht verkörpert. Nur vor
+seinen Landkarten konnte er in eine Art dichterischer Ekstase geraten,
+er, der als Sohn eines puritanischen Pfarrhauses mittellos nach
+Südafrika gekommen war und ein Riesenvermögen als Machtmittel für seine
+politischen Ziele erworben hatte. Sein Gedanke einer transafrikanischen
+Bahn vom Kap nach Kairo, sein Entwurf eines südafrikanischen Reiches,
+seine geistige Gewalt über die Minenmagnaten, eiserne Geldmenschen,
+die er zwang, ihr Vermögen in den Dienst seiner Ideen zu stellen,
+seine Hauptstadt Buluwayo, die er, der allmächtige Staatsmann ohne
+ein definierbares Verhältnis zum Staate, als künftige Residenz in
+königlichem Maßstabe anlegte, seine Kriege, diplomatischen Aktionen,
+Straßensysteme, Syndikate, Heere, sein Begriff von der „großen Pflicht
+des Gehirnmenschen gegenüber der Zivilisation“ -- alles das ist, groß
+und vornehm, das Vorspiel einer uns noch vorbehaltenen Zukunft, mit der
+die Geschichte des westeuropäischen Menschen endgültig +schließen+ wird.
+
+Wer nicht begreift, daß sich an diesem Ausgang nichts ändern läßt, daß
+man +dies+ wollen muß oder gar nichts, daß man dies Schicksal lieben
+oder an der Zukunft, am Leben verzweifeln muß, wer das Großartige nicht
+empfindet, das auch in dieser Wirksamkeit höchster Intelligenzen,
+dieser Energie und Disziplin metallharter Naturen, diesem Kampf mit den
+kältesten, abstraktesten Mitteln liegt, wer mit dem Idealismus eines
+Provinzialen herumgeht und den Lebensstil verflossener Zeiten sucht,
+der muß es aufgeben, Geschichte verstehen, Geschichte durchleben,
+Geschichte schaffen zu wollen.
+
+So erscheint das Imperium Romanum nicht mehr als ein einmaliges
+Phänomen, sondern als normales Produkt einer strengen und energischen,
+weltstädtischen, eminent praktischen Geistigkeit und als typischer
+Endzustand, der schon einige Male dagewesen, aber bisher nicht
+identifiziert worden ist. Begreifen wir endlich, daß das Geheimnis
+der historischen Form nicht an der Oberfläche liegt und nicht durch
+Ähnlichkeiten des Kostüms oder der Szene zu fassen ist, daß es in
+der menschlichen so gut wie in der Tier- und Pflanzengeschichte
+Erscheinungen von täuschender Ähnlichkeit gibt, die innerlich nichts
+Verwandtes besitzen -- Karl der Große und Harun al Raschid, Alexander
+und Cäsar, die Germanenkriege gegen Rom und die Mongolenstürme gegen
+Westeuropa -- und andre, die bei größter äußerer Verschiedenheit
+Identisches zum Ausdruck bringen wie Trajan und Ramses II., die
+Bourbonen und der attische Demos, Mohammed und Pythagoras. Kommen
+wir zur Einsicht, daß das 19. und 20. Jahrhundert, vermeintlich der
+Gipfel einer geradlinig ansteigenden Weltgeschichte, als Phänomen
+tatsächlich in jeder bis zum Ende gereiften Kultur nachzuweisen ist,
+nicht mit Sozialisten, Impressionisten, elektrischen Bahnen, Torpedos
+und Differentialgleichungen, die nur zum Körper der Zeit gehören,
+sondern mit seiner zivilisierten Geistigkeit, die auch ganz andere
+Möglichkeiten äußerer Gestaltung besitzt, daß die Gegenwart also
+ein Durchgangsstadium darstellt, das unter gewissen Bedingungen mit
+Sicherheit eintritt, daß es mithin auch ganz bestimmte +spätere+
+Zustände als die modernen westeuropäischen gibt, daß sie in der
+abgelaufenen Geschichte schon mehr als einmal dagewesen sind und daß
+damit die Zukunft des Abendlandes nicht ein uferloses Hinauf und
+Vorwärts in der Richtung unserer augenblicklichen Ideale und mit
+phantastischen Zeiträumen ist, sondern +ein in Hinsicht auf Form und
+Dauer streng begrenztes und unausweichlich bestimmtes Einzelphänomen
+der Historie vom Umfange weniger Jahrhunderte, das aus den vorliegenden
+Beispielen übersehen und in wesentlichen Zügen berechnet werden kann+.
+
+
+14
+
+Hat man diese Höhe der Betrachtung erreicht, so fallen einem alle
+Früchte von selbst zu. An den +einen+ Gedanken schließen sich, mit
+ihm lösen sich zwanglos alle Einzelprobleme, welche auf den Gebieten
+der Religionsforschung, der Kunstgeschichte, der Erkenntniskritik,
+der Ethik, der Politik, der Nationalökonomie den modernen Geist
+seit Jahrzehnten und leidenschaftlich, aber ohne den letzten Erfolg
+beschäftigt haben.
+
+Dieser Gedanke gehört zu den Wahrheiten, die nicht mehr bestritten
+werden, sobald sie einmal in voller Deutlichkeit ausgesprochen sind.
+Er gehört zu den innern Notwendigkeiten der Kultur Westeuropas und
+ihres Weltgefühls. Er ist geeignet, die Lebensanschauung derjenigen
+von Grund aus zu ändern, die ihn völlig begriffen, das heißt ihn sich
+innerlich zu eigen gemacht haben. Es bedeutet eine große Vertiefung des
+uns natürlichen und notwendigen Weltbildes, daß wir die welthistorische
+Entwicklung, in der wir stehen und die wir bis jetzt rückwärts als
+ein organisches Ganze zu betrachten gelernt haben, nun auch vorwärts
+in großen Umrissen verfolgen können. Dergleichen hat sich bisher nur
+der Physiker bei seinen Berechnungen träumen lassen. Es bedeutet,
+ich wiederhole es noch einmal, auch im Historischen den Ersatz des
+ptolemäischen durch einen kopernikanischen Aspekt, das heißt eine
+unermeßliche Erweiterung des Lebenshorizontes.
+
+Es stand bis jetzt frei, von der Zukunft zu hoffen, was man wollte.
+Wo es keine Tatsachen gibt, regiert das Gefühl. Künftig wird es jedem
+Pflicht sein, vom Kommenden zu erfahren, was geschehen +kann+ und
+also geschehen +wird+, mit der unabänderlichen Notwendigkeit eines
+Schicksals, und was von unsern persönlichen oder den Zeitidealen ganz
+unabhängig ist. Gebrauchen wir das bedenkliche Wort Freiheit, so steht
+es uns nicht mehr frei, dieses oder jenes zu verwirklichen, sondern
++das Notwendige oder nichts+. Dies als „gut“ zu empfinden ist im Grunde
+das Kennzeichen des Realisten. Es bedauern und tadeln heißt aber nicht
+es ändern. Zur Geburt gehört der Tod, zur Jugend das Alter, zum Leben
+überhaupt seine Gestalt und die vorbestimmten Grenzen seiner Dauer.
+Die Gegenwart ist eine zivilisierte, keine kultivierte Phase. Damit
+scheidet eine ganze Reihe von Lebensinhalten als unmöglich aus. Man
+kann das bedauern und dies Bedauern in eine pessimistische Philosophie
+und Lyrik kleiden -- und man wird das künftig tun --, aber man kann es
+nicht ändern. Es wird nicht mehr erlaubt sein, im Heute und Morgen mit
+aller Selbstsicherheit die Geburt oder Blüte von dem anzunehmen, was
+man wünscht, wenn auch die historische Erfahrung laut genug dagegen
+redet.
+
+Ich bin auf den Einwand gefaßt, daß ein solcher Weltaspekt, der über
+die allgemeinen Direktiven der Zukunft Gewißheit gibt und weitgehende
+Hoffnungen abschneidet, lebensfeindlich und für viele ein Verhängnis
+sein würde, falls er einmal mehr als bloße Theorie, falls er die
+praktische Weltanschauung der für die Gestaltung der Zukunft wirklich
+in Betracht kommenden Gruppe von Persönlichkeiten sein würde.
+
+Ich bin nicht der Meinung. Wir sind zivilisierte Menschen, nicht
+Menschen der Gotik und des Rokoko; wir haben mit den harten und kalten
+Tatsachen eines +späten+ Lebens zu rechnen, dessen Parallele nicht im
+perikleischen Athen, sondern im cäsarischen Rom liegt. Von einer großen
+Malerei und Musik wird für den westeuropäischen Menschen nicht mehr
+die Rede sein. Seine architektonischen Möglichkeiten sind seit hundert
+Jahren erschöpft. Ihm sind nur extensive Möglichkeiten geblieben. Aber
+ich sehe den Nachteil nicht, der entstehen könnte, wenn eine tüchtige
+und von unbegrenzten Hoffnungen geschwellte Generation beizeiten
+erfährt, daß ein Teil dieser Hoffnungen zu Fehlschlägen führen muß.
+Mögen es die teuersten sein; wer etwas wert ist, wird das überwinden.
+Es ist wahr, daß es für einzelne tragisch ausgehen kann, wenn sich
+ihrer in den entscheidenden Jahren die Gewißheit bemächtigt, daß im
+Bereiche der Architektur, des Dramas, der Malerei +für sie+ nichts mehr
+zu erobern ist. Mögen sie zugrunde gehen. Man war sich bisher einig
+darüber, hier keinerlei Schranken anzuerkennen; man glaubte, daß jede
+Zeit auf jedem Gebiete auch ihre Aufgabe habe; man fand sie, wenn es
+sein mußte, mit Gewalt und bösem Gewissen, und jedenfalls stellte es
+sich erst nach dem Tode heraus, ob der Glaube einen Grund hatte und
+ob die Arbeit eines Lebens +notwendig oder überflüssig+ gewesen war.
+Aber jeder, der nicht bloßer Romantiker ist, wird diese Ausflucht
+ablehnen. Das ist nicht der Stolz, der die Römer auszeichnete. Was
+liegt an denen, die es vorziehen, wenn man vor einer erschöpften
+Erzgrube ihnen sagt: Hier wird morgen eine neue Ader angeschlagen
+werden -- wie es die augenblickliche Kunst mit ihren durch und durch
+unwahren Stilbildungen tut --, statt sie auf das reiche Tonlager zu
+verweisen, das unerschlossen daneben liegt? -- Ich betrachte diese
+Lehre als eine Wohltat für die kommende Generation, weil sie ihr
+zeigt, was möglich und also notwendig ist und was nicht zu den innern
+Möglichkeiten der Zeit gehört. Es ist bisher eine Unsumme von Geist
+und Kraft auf falschen Wegen verschwendet worden. Der westeuropäische
+Mensch, so historisch er denkt und fühlt, ist in einem gewissen
+Lebensalter sich nie seiner eigentlichen Richtung bewußt. Er tastet
+und sucht und verirrt sich, wenn die äußern Anlässe ihm nicht günstig
+sind. Hier endlich hat die Arbeit von Jahrhunderten ihm die Möglichkeit
+gegeben, die Lage seines Lebens im Zusammenhang mit der Gesamtkultur
+zu übersehen und zu prüfen, was er kann und soll. Wenn unter dem
+Eindruck dieses Buches sich Menschen der neuen Generation der Technik
+statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der
+Erkenntniskritik zuwenden, so tun sie, was ich wünsche, und man kann
+ihnen nichts Besseres wünschen.
+
+
+15
+
+Es bleibt noch das Verhältnis einer Morphologie der Weltgeschichte zur
+Philosophie festzustellen. Jede echte Geschichtsbetrachtung ist echte
+Philosophie -- oder bloße Ameisenarbeit. Aber der Philosoph älteren
+Stils bewegt sich in einem schweren Irrtum. Er glaubt nicht an das
+Wandelbare seiner Bestimmung. Er meint, daß das höhere Denken einen
+ewigen und unveränderlichen Gegenstand besitze, daß die großen Fragen
+zu allen Zeiten dieselben seien und daß sie endlich einmal beantwortet
+werden könnten.
+
+Aber Frage und Antwort sind hier eins, und jede große Frage, der das
+leidenschaftliche Verlangen nach einer ganz bestimmten Antwort schon
+zugrunde liegt, hat lediglich die Bedeutung eines Lebenssymbols. Es
+gibt keine ewigen Wahrheiten. Jede Philosophie ist ein Ausdruck ihrer
+und +nur+ ihrer Zeit, und es gibt nicht zwei Zeitalter, welche die
+gleichen philosophischen Intentionen besäßen, sobald von wirklicher
+Philosophie und nicht von irgendwelchen akademischen Belanglosigkeiten
+über Urteilsformen oder Gefühlskategorien die Rede sein soll. Der
+Unterschied liegt nicht zwischen unsterblichen und vergänglichen
+Lehren, sondern zwischen Lehren, welche eine Zeitlang oder niemals
+lebendig sind. Unvergänglichkeit gewordener Gedanken ist eine Illusion.
+Das Wesentliche ist, was für ein Mensch in ihnen Gestalt gewinnt. Je
+größer der Mensch, um so wahrer die Philosophie -- im Sinne der inneren
+Wahrheit eines großen Kunstwerkes nämlich, was von der Beweisbarkeit
+und selbst Widerspruchslosigkeit der einzelnen Sätze unabhängig ist.
+Im höchsten Falle kann sie den ganzen Gehalt einer Zeit erschöpfen, in
+sich verwirklichen und ihn so, formgeworden, in Persönlichkeit und Idee
+verkörpert, der ferneren Entwicklung übergeben. Das wissenschaftliche
+Kostüm, die gelehrte Maske einer Philosophie entscheidet hier nichts.
+Nichts ist einfacher, als an Stelle von Gedanken, die man nicht hat,
+ein System zu begründen. Aber selbst ein guter Gedanke ist wenig
+wert, wenn er von einem Flachkopf ausgesprochen wird. Allein die
+Notwendigkeit für das Leben entscheidet über den Rang einer Lehre.
+
+Deshalb sehe ich den Prüfstein für den Wert eines Denkers in seinem
+Blick für die großen Tatsachen seiner Zeit. Erst hier entscheidet es
+sich, ob jemand nur ein geschickter Konstrukteur von Systemen und
+Prinzipien ist, ob er sich nur mit Gewandtheit und Belesenheit in
+Definitionen und Analysen bewegt -- oder ob es die Seele der Zeit
+selbst ist, die aus seinen Werken und Intuitionen redet. Ein Philosoph,
+der nicht auch die Wirklichkeit ergreift und beherrscht, wird niemals
+ersten Ranges sein. Die Vorsokratiker waren Kaufleute und Politiker
+großen Stils. Plato kostete es fast das Leben, daß er in Syrakus seine
+politischen Gedanken hatte verwirklichen wollen. Derselbe Plato hat
+jene Reihe geometrischer Sätze gefunden, die es Euklid erst möglich
+machte, das System der antiken Mathematik aufzubauen. Pascal, den
+Nietzsche nur als den „gebrochenen Christen“ kennt, Descartes, Leibniz
+waren die ersten Mathematiker und Techniker ihrer Zeit.
+
+Und hier finde ich einen starken Einwand gegen alle Philosophen der
+jüngsten Vergangenheit. Was ihnen fehlt, ist der entscheidende Rang
+im wirklichen Leben. Keiner von ihnen hat in die hohe Politik, in die
+Entwicklung der modernen Technik, des Verkehrs, der Volkswirtschaft,
+in irgendeine Art von +großer+ Wirklichkeit auch nur mit einer Tat,
+einem mächtigen Gedanken entscheidend eingegriffen. Keiner zählt in
+der Mathematik, der Physik, der Staatswissenschaft im geringsten
+mit, wie es noch mit Kant der Fall war. Was das bedeutet, lehrt ein
+Blick auf andere Zeiten. Aristoteles hat in seiner Schrift über den
+Staat der Athener für die sozialpolitische Situation des anbrechenden
+Hellenismus das feinste Verständnis bewiesen. Er hätte sehr wohl
+-- wie Sophokles -- die Finanzverwaltung von Athen führen können.
+Goethe, dessen ministerielle Amtsführung mustergültig war und dem
+leider ein großer Staat als Wirkungskreis gefehlt hat, wandte sein
+Interesse dem Bau des Suez- und Panamakanals, den er innerhalb einer
+genau eingetroffenen Frist voraussah, und deren kommerzieller Wirkung
+zu. Das amerikanische Wirtschaftsleben, seine Rückwirkung auf das
+alte Europa und die eben im Aufstieg begriffene Maschinenindustrie
+haben ihn immer wieder beschäftigt. Hobbes war einer der Väter des
+großen Planes, Südamerika für England zu erwerben, und wenn es auch
+damals bei der Besetzung von Jamaika blieb, so hat er doch den Ruhm,
+ein Mitbegründer des englischen Kolonialreiches zu sein. Leibniz,
+sicherlich der mächtigste Geist in der westeuropäischen Philosophie,
+der Begründer der Differentialrechnung und der _analysis situs_, hat
+in einer zum Zweck der politischen Entlastung Deutschlands entworfenen
+Denkschrift an Ludwig XIV. die Bedeutung Ägyptens für die französische
+Weltpolitik dargelegt. Seine Gedanken waren der Zeit (1672) so weit
+vorausgeschritten, daß man später überzeugt war, Napoleon habe sie
+bei seiner Expedition nach dem Orient benützt. Leibniz stellte schon
+damals fest, was Napoleon seit Wagram immer deutlicher begriff, daß
+Erwerbungen am Rhein und in Belgien die Position Frankreichs nicht
+dauernd verbessern könnten und daß die Landenge von Suez eines Tages
+der Schlüssel zur Weltherrschaft sein werde. Ohne Zweifel war der König
+den tiefen politischen und strategischen Ausführungen des Philosophen
+nicht gewachsen.
+
+Ein Blick von Menschen solchen Formats auf heutige Philosophen ist
+beschämend. Welche Geringfügigkeit der Person! Welche Alltäglichkeit
+des geistigen und praktischen Horizontes! Wie kommt es, daß die
+bloße Vorstellung, einer von ihnen solle seinen geistigen Rang
+als Staatsmann, als Diplomat, als Organisator großen Stils, als
+Leiter irgendeines mächtigen kolonialen, kaufmännischen oder
+Verkehrsunternehmens beweisen, geradezu Mitleid erregt? Aber das ist
+kein Zeichen von Innerlichkeit, sondern von Mangel an Gewicht. Ich
+sehe mich vergebens um, wo einer von ihnen auch nur durch +ein+ tiefes
+und vorauseilendes Urteil in einer entscheidenden Zeitfrage sich einen
+Namen gemacht hätte. Ich finde nichts als Provinzmeinungen, wie sie
+jeder hat. Ich frage mich, wenn ich das Buch eines modernen Denkers zur
+Hand nehme, was er -- außer professoralem oder windigem Parteigerede
+vom Niveau eines mittleren Journalisten, wie man es bei Guyau, Bergson,
+Spencer, Dühring, Eucken findet -- vom Tatsächlichen der Weltpolitik,
+von den großen Problemen der Weltstädte, des Kapitalismus, der
+Zukunft des Staates, des Verhältnisses der Technik zum Ausgang der
+Zivilisation, des Russentums, der Wissenschaft überhaupt ahnt. Goethe
+hätte das alles verstanden und geliebt. Von lebenden Philosophen
+übersieht es nicht einer. Das ist, ich wiederhole es, nicht Inhalt
+der Philosophie, aber ein unzweifelhaftes Symptom ihrer inneren
+Notwendigkeit, ihrer Fruchtbarkeit und ihres symbolischen Ranges.
+
+Über die Tragweite dieses negativen Resultates sollte man sich keiner
+Täuschung hingeben. Offenbar hat man den letzten Sinn philosophischer
+Wirksamkeit aus den Augen verloren. Man verwechselt sie mit Predigt,
+Agitation, Feuilleton oder Fachwissenschaft. Man ist von der
+Vogelperspektive zur Froschperspektive herabgekommen. Es handelt sich
+um nichts Geringeres als um die Frage, ob eine echte Philosophie heute
+oder morgen überhaupt +möglich+ ist. Im andern Fall wäre es besser,
+Pflanzer oder Ingenieur zu werden, irgend etwas Wahres und Wirkliches,
+statt verbrauchte Themen unter dem Vorwande eines „neuerlichen
+Aufschwungs des philosophischen Denkens“ wiederzukäuen und lieber einen
+Flugmotor zu konstruieren als eine neue und ebenso überflüssige Theorie
+der Apperzeption. Es ist wahrhaftig ein armseliger Lebensinhalt,
+die Ansichten über den Begriff des Willens und den psychophysischen
+Parallelismus noch einmal und etwas anders zu formulieren, als es
+hundert Vorgänger getan haben. Das mag ein „Beruf“ sein, Philosophie
+ist es nicht. Was nicht das ganze Leben einer Zeit bis in die tiefsten
+Tiefen ergreift und verändert, sollte verschwiegen bleiben. Und was
+schon gestern möglich war, ist heute zum mindesten nicht mehr notwendig.
+
+Ich liebe die Tiefe und Feinheit mathematischer und physikalischer
+Theorien, denen gegenüber der Ästhetiker und Physiolog ein Stümper
+ist. Für die prachtvoll klaren, hochintellektuellen Formen eines
+Schnelldampfers, eines Stahlwerkes, einer Präzisionsmaschine, die
+Subtilität und Eleganz gewisser chemischer und optischer Verfahren
+gebe ich den ganzen Stilplunder des heutigen Kunstgewerbes samt
+Malerei und Architektur hin. Ich ziehe einen römischen Aquädukt allen
+römischen Tempeln und Statuen vor. Ich liebe das Kolosseum und die
+Riesengewölbe des Palatin, weil sie heute mit der braunen Masse ihrer
+Ziegelkonstruktion das +echte+ Römertum, den großartigen Tatsachensinn
+ihrer Ingenieure vor Augen stellen. Sie würden mir gleichgültig sein,
+wenn der leere und anmaßende Marmorprunk der Cäsaren mit seinen
+Statuenreihen, Friesen und überladenen Architraven noch erhalten
+wäre. Man werfe einen Blick auf eine Rekonstruktion der Kaiserfora:
+Man wird das getreue Seitenstück moderner Weltausstellungen finden,
+aufdringlich, massenhaft, leer, ein dem perikleischen Griechen wie dem
+Menschen des Rokoko ganz fremdes Prahlen mit Material und Dimensionen,
+wie es ganz ebenso die Ruinen von Luxor und Karnak aus der Zeit Ramses
+II., der ägyptischen Modernität von 1300 v. Chr. zeigen. Nicht umsonst
+verachtete der echte Römer den _Graeculus histrio_, den „Künstler“,
+den „Philosophen“ auf dem Boden römischer Zivilisation. Künste und
+Philosophie gehörten nicht mehr in diese Zeit; sie waren erschöpft,
+verbraucht, überflüssig. Das sagte ihm sein Instinkt für die Realitäten
+des Lebens. +Ein+ römisches Gesetz wog schwerer als alle damalige Lyrik
+und Metaphysik der Schulen. Und ich behaupte, daß heute ein besserer
+Philosoph in manchem Erfinder, Diplomaten und Finanzmann steckt als in
+allen denen, welche das platte Handwerk der experimentellen Psychologie
+treiben. Das ist eine Lage, wie sie auf einer gewissen historischen
+Stufe immer wieder eintritt. Es wäre sinnlos gewesen, wenn ein Römer
+von geistigem Range, statt als Konsul oder Prätor ein Heer zu führen,
+eine Provinz zu organisieren, Städte und Straßen zu bauen oder in Rom
+„der erste zu sein“, in Athen oder Rhodos irgendeine neue Nuance der
+nachplatonischen Kathederphilosophie hätte aushecken wollen. Natürlich
+hat es auch keiner getan. Das lag nicht in der Richtung der Zeit und
+konnte also nur Menschen dritten Ranges reizen, die immer gerade bis zu
+dem Zeitgeist von vorgestern vordringen. Es ist eine sehr ernste Frage,
+ob dies Stadium für uns bereits eingetreten ist oder noch nicht.
+
+Ein Jahrhundert rein extensiver Wirksamkeit unter Ausschluß hoher
+künstlerischer und metaphysischer Produktion -- sagen wir kurz ein
+irreligiöses Zeitalter, was sich mit dem Begriff des Weltstädtischen
+durchaus deckt -- ist eine Zeit des Niedergangs. Gewiß. Aber wir haben
+diese Zeit nicht +gewählt+. Wir können es nicht ändern, daß wir als
+Menschen des beginnenden Winters der vollen Zivilisation und nicht auf
+der Sonnenhöhe einer reifen Kultur zur Zeit des Phidias oder Mozart
+geboren sind. Es hängt alles davon ab, daß man sich diese Lage, dies
++Schicksal+, klar macht und begreift, daß man sich darüber belügen,
+aber nicht hinwegsetzen kann. Wer sich dies nicht eingesteht, zählt
+unter den Menschen seiner Generation nicht mit. Er bleibt ein Narr, ein
+Charlatan oder ein Pedant.
+
+Bevor man heute an ein Problem herantritt, hat man sich also zu
+fragen -- eine Frage, die schon vom Instinkt der wirklich Berufenen
+beantwortet wird --, was einem Menschen dieser Tage möglich ist und
+was er sich verbieten muß. Es ist immer nur eine ganz kleine Anzahl
+metaphysischer Aufgaben, deren Lösung einer Epoche des Denkens
+vorbehalten ist. Und es liegt bereits wieder eine ganze Welt zwischen
+der Zeit Nietzsches, in der noch ein letzter Zug von Romantik wirksam
+war, und der Gegenwart, die von aller Romantik endgültig geschieden ist.
+
+Die systematische Philosophie war mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts
+vollendet. Kant hatte ihre äußersten Möglichkeiten in eine große
+und -- für den westeuropäischen Geist -- vielfach endgültige Form
+gebracht. Ihr folgt wie auf Plato und Aristoteles eine spezifisch
+großstädtische, nicht spekulative, sondern praktische, irreligiöse,
+ethisch-gesellschaftliche Philosophie. Sie beginnt, Zeno und Epikur
+entsprechend, mit Schopenhauer, der zuerst den +Willen zum Leben+
+(„schöpferische Lebenskraft“) in den Mittelpunkt seines Denkens
+stellte, aber, was die tiefere Tendenz seiner Lehre verschleiert hat,
+die systematischen Velleitäten von der Erscheinung und dem Ding an
+sich, von Form und Inhalt der Anschauung, vom Unterschiede zwischen
+Verstand und Vernunft unter dem Eindruck einer großen Tradition noch
+beibehielt. Es ist derselbe schöpferische Lebenswille, der im Tristan
+schopenhauerisch verneint, im Siegfried darwinistisch bejaht wurde,
+den Nietzsche im Zarathustra glänzend und theatralisch formulierte,
+der durch den Hegelianer Marx der Anlaß einer nationalökonomischen,
+durch den Malthusianer Darwin der einer zoologischen Hypothese wurde,
+die beide gemeinsam und unvermerkt das Weltgefühl des westeuropäischen
+Großstädters verwandelt haben, und der von Hebbels Judith bis zu
+Ibsens Epilog eine Reihe tragischer Konzeptionen vom gleichen Typus
+hervorrief, damit aber ebenfalls den Umkreis echter philosophischer
+Möglichkeiten erschöpft hatte.
+
+Die systematische Philosophie liegt uns heute unendlich fern;
+die ethische ist abgeschlossen. Es bleibt noch +eine dritte, dem
+hellenischen Skeptizismus entsprechende Möglichkeit innerhalb der
+abendländischen Geistigkeit+, die, welche durch die bisher unbekannte
+Methode der vergleichenden historischen Morphologie bezeichnet
+wird. Eine Möglichkeit, das heißt eine Notwendigkeit. Der antike
+Skeptizismus ist ahistorisch: er zweifelt, indem er einfach nein
+sagt. Der des Abendlandes muß, wenn er innere Notwendigkeit besitzen,
+wenn er ein Symbol unseres dem Ende sich zuneigenden Seelentums sein
+soll, durch und durch historisch sein. Er hebt auf, indem er alles
+als relativ, als geschichtliches Phänomen versteht. Er verfährt
+psychologisch. Die skeptische Philosophie tritt im Hellenismus als
+Negation der Philosophie auf -- man erklärt sie für zwecklos. Wir
+nehmen demgegenüber die +Geschichte+ der +Philosophie+ als letztes
+ernsthaftes Thema der Philosophie an. Das +ist+ Skepsis. Man verzichtet
+auf absolute Standpunkte, der Grieche, indem er über die Vergangenheit
+seines Denkens lächelt, wir, indem wir sie als Organismus begreifen.
+
+In diesem Buche liegt der Versuch vor, diese „unphilosophische
+Philosophie“ der Zukunft -- es würde die letzte Westeuropas sein -- zu
+skizzieren. Der Skeptizismus ist Ausdruck einer reinen Zivilisation;
+er zersetzt das Weltbild der voraufgegangenen Kultur. Hier erfolgt
+die Auflösung aller älteren Probleme ins Genetische. Die Überzeugung,
+daß alles was +ist+, auch +geworden ist+, daß allem Naturhaften
+und Erkennbaren ein Historisches zugrunde liegt, der Welt als dem
+Wirklichen ein Ich als das Mögliche, das sich in ihr verwirklicht
+hat, die Einsicht, daß nicht nur im Was, sondern auch im Wann und Wie
+lange ein tiefes Geheimnis ruht, führt auf die Tatsache, daß alles,
+was immer es sonst sei, auch +Ausdruck eines Lebendigen sein+ muß.
+Im Gewordnen spiegelt sich das Werden. In der alten Formel _esse est
+percipi_ drängt sich das Urgefühl hervor, daß alles Vorhandene in
+einer entscheidenden Beziehung zum +lebenden+ Menschen stehen muß und
+daß für den toten nichts mehr „da ist“. Aber hat er die Welt, +seine+
+Welt „verlassen“ oder +hat er sie durch den Tod aufgehoben+? Das
+ist die Frage. Gerade diese Beziehung aber ist von den Denkern der
+systematischen Periode nur in formaler Hinsicht, naturhaft, zeitlos,
++erkenntniskritisch+ also untersucht worden. Man dachte an „den
+Menschen“ schlechthin, nicht an bestimmte historische Menschen. Für
+den Denker der ethischen Periode, schon für Schopenhauer, trat diese
+Frage in den Hintergrund vor der andern, idealistisch oder utilitarisch
+gefaßten nach dem +Werte+ dessen, was für den einzelnen oder für alle
+„da ist“. Aber auch hier dachte man an „den Menschen“ als Typus, ohne
+die Berechtigung so allgemeiner Folgerungen zu prüfen. Hier endlich,
+im Stadium des historisch-psychologischen Skeptizismus, wird aus dem
+unmittelbaren Lebensgefühl heraus bemerkt, daß das gesamte Bild
+der Umwelt eine Funktion des Lebens selbst ist, Spiegel, Ausdruck,
++Sinnbild+ der lebendigen Seele, und zwar zunächst jeder einzelnen für
+sich. Auch Erkenntnisse und Wertungen sind Akte lebender Menschen. Dem
+frühen Denken ist die äußere Wirklichkeit Erkenntnisprodukt und Anlaß
+ethischer Schätzungen; dem späten ist sie vor allem +Symbol+. +Die
+Morphologie der Weltgeschichte wird notwendig zu einer universellen
+Symbolik.+
+
+Damit fällt auch der Anspruch des höheren Denkens, allgemeine und
+ewige Wahrheiten aufzufinden. Wahrheiten gibt es nur in bezug auf ein
+bestimmtes Menschentum. Diese Philosophie selbst würde demnach Ausdruck
+und Spiegelung der abendländischen Seele, im Unterschiede etwa von der
+antiken und indischen, und zwar nur in deren zivilisiertem Stadium
+sein, womit ihr Gehalt als Weltanschauung, ihre praktische Tragweite
+und ihr Geltungsbereich bestimmt sind.
+
+
+16
+
+Endlich sei eine persönliche Bemerkung gestattet. Im Jahre 1911 hatte
+ich die Absicht, über einige politische Erscheinungen der Gegenwart
+und die aus ihnen möglichen Schlüsse für die Zukunft etwas aus einem
+weiteren Horizont zusammenzustellen. Der Weltkrieg als die bereits
+unvermeidlich gewordene äußere Form der historischen Krisis wurde
+damals unmittelbar bevorstehend, und es handelte sich darum, ihn
+aus dem Geiste der voraufgehenden Jahrhunderte -- nicht Jahre -- zu
+begreifen. Im Verlauf der ursprünglich kleinen Arbeit drängte sich die
+Überzeugung auf, daß zu einem wirklichen Verständnis der Epoche der
+Umfang der Grundlagen viel weiter gewählt werden müsse, daß es völlig
+unmöglich sei, eine Untersuchung dieser Art auf eine einzelne Zeit
+und deren politischen Tatsachenkreis zu beschränken, sie im Rahmen
+pragmatischer Erwägungen zu halten und selbst auf rein metaphysische,
+höchst transzendente Betrachtungen zu verzichten, wenn man nicht
+auch auf jede tiefere Notwendigkeit der Resultate Verzicht leisten
+wollte. Es wurde deutlich, daß ein politisches Problem nicht von der
+Politik selbst aus begriffen werden kann und daß wesentliche Züge, die
+in der Tiefe mitwirken, nur auf dem Gebiete der Kunst, sogar nur in
+der Form weit entlegener wissenschaftlicher und rein philosophischer
+Gedanken greifbar in Erscheinung treten. Selbst eine politisch-soziale
+Analyse der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, eines Stadiums
+gespannter Ruhe zwischen zwei mächtigen, weithin sichtbaren
+Ereignissen, dem einen, das durch die Revolution und Napoleon das Bild
+der westeuropäischen Wirklichkeit für hundert Jahre bestimmt hat,
+und einem andern von mindestens der gleichen Tragweite, das sich mit
+steigender Geschwindigkeit näherte, erwies sich als unausführbar, ohne
+daß zuletzt +alle+ großen Probleme des Seins in ihrem vollen Umfange
+einbezogen wurden. Denn es tritt im historischen wie im naturhaften
+Weltbilde nicht das geringste hervor, ohne daß in ihm die ganze Summe
+aller tiefsten Tendenzen verkörpert wäre. So erfuhr das ursprüngliche
+Thema eine ungeheure Erweiterung. Eine Unzahl überraschender,
+großenteils ganz neuer Fragen und Zusammenhänge drängte sich auf.
+Endlich war es vollkommen klar, daß kein Fragment der Geschichte
+vollkommen durchleuchtet werden könne, bevor nicht das Geheimnis
+der Weltgeschichte überhaupt, genauer das der Geschichte des höhern
+Menschentums als einer organischen Einheit von regelmäßiger Struktur
+klargestellt war. Und eben das war bisher nicht entfernt geleistet
+worden.
+
+Von diesem Augenblicke an traten in wachsender Fülle die oft
+geahnten, zuweilen berührten, nie begriffenen Beziehungen hervor,
+welche die Formen der bildenden Künste mit denen des Krieges und
+der Staatsverwaltung verbinden, die tiefe Verwandtschaft zwischen
+politischen und mathematischen Gebilden derselben Kultur, zwischen
+religiösen und technischen Anschauungen, zwischen Mathematik,
+Musik und Plastik, zwischen wirtschaftlichen und Erkenntnisformen.
+Die tiefinnerliche Abhängigkeit der modernsten physikalischen und
+chemischen Theorien von den mythologischen Vorstellungen unsrer
+germanischen Ahnen, die vollkommene Kongruenz im Stil der Tragödie, der
+dynamischen Technik und des heutigen Geldverkehrs, die zuerst bizarre,
+dann selbstverständliche Tatsache, daß die Perspektive der Ölmalerei,
+der Buchdruck, das Kreditsystem, die Fernwaffe, die kontrapunktische
+Musik einerseits, die nackte Statue, die Polis, die von Griechen
+erfundene +Geldmünze+ andrerseits identische Ausdrücke eines und
+desselben seelischen Prinzips sind, wurde unzweifelhaft deutlich, und
+weit darüber hinaus rückte die Tatsache ins hellste Licht, daß diese
+mächtigen +Gruppen morphologischer Verwandtschaften+, von denen jede
+eine einzelne Art Mensch im Gesamtbilde der Weltgeschichte symbolisch
+darstellt, von streng symmetrischem Aufbau sind. Erst diese Perspektive
+legt den wahren Begriff der Historie bloß. Sie läßt sich, da sie selbst
+wiederum Symptom und Ausdruck einer Zeit und erst heute und nur für
+den westeuropäischen Menschen innerlich möglich und damit notwendig
+ist, nur mit gewissen Anschauungen der modernsten Mathematik auf dem
+Gebiete der Transformationsgruppen entfernt vergleichen. Es waren
+dies Gedanken, die mich seit langen Jahren beschäftigt hatten, aber
+dunkel und unbestimmt, bis sie aus diesem Anlaß in greifbarer Gestalt
+hervortraten.
+
+Ich sah die Gegenwart -- den sich nähernden Weltkrieg -- in einem
+ganz andern Licht. Das war nicht mehr eine einmalige Konstellation
+zufälliger, von nationalen Stimmungen, persönlichen Einwirkungen und
+wirtschaftlichen Tendenzen abhängiger Tatsachen, denen der Historiker
+durch irgendein kausales Schema politischer oder sozialer Natur
+den Anschein der Einheit und materiellen Notwendigkeit aufprägt;
+das war der +Typus eines historischen Aktes+, der innerhalb eines
+großen historischen Organismus von genau abgrenzbarem Umfange einen
+biographisch +seit Jahrhunderten vorbestimmten Platz+ hat. Eine
+Unsumme leidenschaftlichster Fragen und Einsichten, die heute in
+tausend Büchern und Meinungen, aber zerstreut, vereinzelt, aus
+dem beschränkten Horizont eines Spezialgebietes zutage traten und
+deshalb reizen, bedrücken und verwirren, aber nicht befreien konnten,
+bezeichnet die große Krisis. Man kennt sie, aber man übersieht
+ihre Identität. Ich nenne die in ihrer wahren Bedeutung gar nicht
+begriffenen Kunstprobleme, die dem Streit um Form und Inhalt, um Linie
+oder Raum, um das Zeichnerische oder Malerische, den Begriff des
+Stils, den Sinn des Impressionismus und der Musik Wagners zugrunde
+liegen; den Niedergang der Kunst, den wachsenden Zweifel am Werte der
+Wissenschaft; die schweren Fragen, welche aus dem Sieg der Weltstadt
+über das Bauerntum hervorgehen: die Kinderlosigkeit, die Landflucht,
+den sozialen Rang des fluktuierenden vierten Standes; die Krisis im
+Sozialismus, im Parlamentarismus, im Rationalismus; die Stellung des
+Einzelnen zum Staate; das Eigentumsproblem, das davon abhängende
+Eheproblem; auf scheinbar ganz anderm Gebiete die massenhaften
+völkerpsychologischen Arbeiten über Mythen und Kulte, über die Anfänge
+der Kunst, der Religion, des Denkens, die mit einem Male nicht mehr
+ideologisch, sondern streng morphologisch behandelt wurden -- Fragen,
+die alle das +eine+, nie mit hinreichender Deutlichkeit ins Bewußtsein
+getretene Rätsel der Historie überhaupt zum Ziel hatten. Hier lagen
+nicht unzählige, sondern +ein und dieselbe+ Aufgabe vor. Hier hatte
+jeder etwas geahnt, aber keiner von seinem engen Standpunkte aus die
+einzige und umfassende Lösung gefunden, die seit den Tagen Nietzsches
+in der Luft lag, der alle entscheidenden Probleme bereits in Händen
+hielt, ohne als Romantiker es zu wagen, der strengen Wirklichkeit ins
+Gesicht zu sehen.
+
+Darin liegt aber auch die tiefe Notwendigkeit der abschließenden
+Lehre, die kommen mußte und nur zu dieser Zeit kommen konnte. Sie ist
+kein Angriff auf das Vorhandene an Ideen und Werken. Sie +bestätigt+
+vielmehr alles, was seit Generationen gesucht und geleistet wurde.
+Dieser Skeptizismus stellt den Kern dessen dar, was auf allen
+Einzelgebieten, gleichviel in welcher Absicht, an lebendigen Tendenzen
+vorliegt.
+
+Vor allem aber fand sich endlich der Gegensatz, aus dem allein das
+Wesen der Geschichte erfaßt werden kann: der von +Historie und Natur+.
+Ich wiederhole: der Mensch ist als Element und Träger der Welt nicht
+nur Glied der Natur, sondern auch Glied der Geschichte, eines +zweiten
+Kosmos+, von andrer Ordnung und andrem Gehalte, der von der gesamten
+Metaphysik zugunsten des ersten vernachlässigt worden ist. Was mich
+zum ersten Nachdenken über diese +Grundfrage+ unsres Weltbewußtseins
+brachte, war die Beobachtung, daß der heutige Historiker, an den
+sinnlich greifbaren Ereignissen, dem Gewordenen, herumtastend, die
+Geschichte, das Geschehen, das +Werden+ selbst bereits ergriffen zu
+haben glaubt, ein Vorurteil aller nur verstandesmäßig Erkennenden,
+nicht auch Schauenden,[24] das schon die großen Eleaten stutzig gemacht
+hatte, als sie behaupteten, daß es, für den Erkennenden nämlich,
+kein Werden, nur ein Sein (Gewordensein) gebe. Mit andern Worten:
+man sah die Geschichte als Natur, im Objektsinne des Physikers, und
+handelte danach. Von hier schreibt sich der folgenschwere Mißgriff,
+die Prinzipien der Kausalität, des Gesetzes, des Systems, also die
+Struktur des starren Seins in den Aspekt des Geschehens zu legen.
+Man verhielt sich, als gebe es eine menschliche Kultur etwa wie es
+Elektrizität oder Gravitation gibt, mit den im wesentlichen gleichen
+Möglichkeiten der Analyse; man hatte den Ehrgeiz, die Gewohnheiten
+des Naturforschers zu kopieren, so daß man wohl gelegentlich fragte,
+was denn die Gotik, der Islam, die antike Polis +sei+, nicht aber,
+warum diese Symbole eines Lebendigen gerade +damals+ und +dort+
+auftauchen +mußten+, in +dieser Form+ und +für diese Dauer+. Man
+begnügte sich, sobald eine der zahllosen Ähnlichkeiten räumlich
+und zeitlich weit getrennter Geschichtsphänomene zutage trat, sie
+einfach zu registrieren, mit einigen geistvollen Bemerkungen über
+das Wunderbare des Zusammentreffens, über Rhodos als das „Venedig
+des Altertums“ oder Napoleon als den neuen Alexander, statt gerade
+hier, wo das +Schicksalsproblem+ als das eigentliche Problem der
+Historie (das +Problem der Zeit+ nämlich) hervortritt, den höchsten
+Ernst wissenschaftlich geregelter Psychologie einzusetzen und
+die Antwort auf die Frage zu finden, welche ganz anders geartete
+Notwendigkeit, der kausalen ganz und gar fremd, hier am Werke ist.
+Daß jede Erscheinung auch dadurch ein metaphysisches Rätsel aufgibt,
+daß sie zu einer +niemals gleichgültigen+ Zeit auftritt, daß man sich
+auch noch fragen muß, was für ein +lebendiger+ Zusammenhang neben
+dem anorganisch-naturgesetzlichen im Weltbilde besteht -- das ja die
+Ausstrahlung des +ganzen+ Menschen und nicht, wie Kant meinte, nur
+die des erkennenden ist --, daß eine Erscheinung nicht nur Tatsache
+für den Verstand, sondern auch Ausdruck des Seelischen ist, nicht nur
+Objekt, sondern auch Symbol, und zwar von den höchsten religiösen
+und künstlerischen Schöpfungen an bis zu den Geringfügigkeiten des
+Alltagslebens, das war philosophisch etwas Neues.
+
+Endlich sah ich die Lösung deutlich vor mir, in ungeheuren Umrissen, in
+voller innerer Notwendigkeit, eine Lösung, die auf ein einziges Prinzip
+zurückführt, das zu finden war und bisher nicht gefunden wurde, etwas,
+das mich seit meiner Jugend verfolgt und angezogen hatte und das mich
+quälte, weil ich es als vorhanden, als Aufgabe empfand, aber nicht
+fassen konnte. So ist aus dem etwas zufälligen Anlaß das vorliegende
+Buch entstanden, als der vorläufige Ausdruck eines neuen Weltbildes,
+mit allen Fehlern eines ersten Versuchs behaftet, ich weiß es wohl,
+unvollständig und sicher nicht ohne Widersprüche. Dennoch enthält
+es meiner Überzeugung nach die unwiderlegliche Formulierung eines
+Gedankens, der, ich sage es noch einmal, nicht bestritten werden wird,
+sobald er einmal ausgesprochen ist.
+
+Das engere Thema ist also eine Analyse des Unterganges der
+westeuropäischen Kultur. Das Ziel aber ist die Entwicklung einer
+Philosophie und der ihr eigentümlichen, hier zu prüfenden Methode der
+vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte. Die Arbeit zerfällt
+naturgemäß in zwei Teile. Der erste, „Gestalt und Wirklichkeit“, der
+sich mit den Problemen der Zahl, des Schicksals, der Kausalität, der
+Tragödie, der bildenden Künste, der Weltanschauung, des Lebens, der
+Naturerkenntnis, des Mythus beschäftigt, enthält die Grundlagen einer
+Symbolik. Der zweite, „Welthistorische Perspektiven“, wird eine Anzahl
+historischer Phänomene analysieren: die hier in ihrem wahren Umfange
+zum ersten Male aufgedeckte arabische Kultur, die Zivilisation, die
+Weltstadt, das Imperium Romanum, die Grundformen des Staates, des
+Geldes, der Technik, endlich das Russentum. Ich schließe ausdrücklich
+hier, wo die eigentliche Geschichte im Vordergrund steht, eine Reihe
+weiterer Probleme aus, die zur tiefern Begründung gehören, aber
+selbständiger Behandlung vorbehalten bleiben sollen: die Probleme des
+Geschlechts, der Familie, der Rassen und Sprachen, der Ehe und des
+Eigentums, der Religion, des Verhältnisses von Wissen und Glauben,
+Vaterschaft und Künstlertum, Muttertum und Religiosität.
+
+Die folgenden Tafeln geben einen Überblick über das, was Resultat
+der Untersuchung ist. Sie mögen zugleich einen Begriff von der
+Fruchtbarkeit und Tragweite der neuen Methode geben.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 1: Es war ein noch heute nicht überwundener Mißgriff
+Kants von ungeheurer Tragweite, daß er den äußern und innern
+Menschen zunächst mit den vieldeutigen und vor allem +nicht
+unveränderlichen+ Begriffen Raum und Zeit ganz schematisch in
+Verbindung brachte und weiterhin damit in vollkommen falscher Weise
+Geometrie und Arithmetik verband, an deren Stelle hier der viel tiefere
+Gegensatz der mathematischen und chronologischen Zahl wenigstens
+genannt sein soll. Arithmetik und Geometrie sind +beides+
+Raumrechnungen und in ihren höhern Gebieten überhaupt nicht mehr
+unterscheidbar. Eine +Zeitrechnung+, über deren Begriff der naive
+Mensch sich gefühlsmäßig durchaus klar ist, beantwortet die Frage nach
+dem +Wann+, nicht dem +Was+ oder +Wieviel+.]
+
+[Footnote 2: Man muß es fühlen können, wie sehr die Tiefe der formalen
+Kombination und die Energie des Abstrahierens auf dem Gebiete etwa der
+Renaissanceforschung oder der Geschichte der Völkerwanderung hinter
+dem zurückbleibt, was auf dem Gebiete der Funktionentheorie und der
+theoretischen Optik selbstverständlich ist. Neben dem Physiker und
+Mathematiker wirkt der Historiker +nachlässig+.]
+
+[Footnote 3: Die ohnehin sehr spät einsetzenden Versuche der
+Griechen, nach dem Muster Ägyptens etwas wie einen Kalender oder eine
+Chronologie zustande zu bringen, sind von höchster Naivität. Die
+Olympiadenrechnung ist keine Ära wie etwa die christliche Zeitrechnung
+und außerdem nur ein literarischer Notbehelf, nichts dem Volke
+Geläufiges. Es gab keinen Nullpunkt, von dem aus man zählen konnte.
+Wir besitzen die Inschrift eines Vertrages zwischen Elis und Heräa,
+der „+hundert Jahre von diesem Jahre an+“ gelten sollte. Welches
+Jahr dies war, ließ sich aber nicht angeben. Nach einiger Zeit wird
+man also nicht mehr gewußt haben, wie lange der Vertrag bestand, und
+offenbar hatte das niemand beachtet. Wahrscheinlich aber werden diese
+Gegenwartsmenschen ihn überhaupt bald vergessen haben. Es bezeichnet
+den legendenhaft-kindlichen Charakter des antiken Geschichtsbildes, daß
+man eine geordnete Datierung der Fakta etwa des „trojanischen Krieges“,
+der der Stufe nach doch unsern Kreuzzügen entspricht, geradezu als
+stilwidrig empfinden würde.]
+
+[Footnote 4: Demgegenüber ist es ein Symbol ersten Ranges und ohne
+Beispiel in der Kunstgeschichte, daß die Hellenen der mykenischen
+Vorzeit gegenüber -- in einem an Steinmaterial überreichen Lande! --
+vom Steinbau zur Verwendung des Holzes +zurückkehrten+, woraus
+sich das Fehlen architektonischer Reste zwischen 1200 und 600 erklärt.
+Die ägyptische Pflanzensäule war von Anfang an Steinsäule, die dorische
+Säule war eine Holzsäule. Darin spricht sich die tiefe Feindseligkeit
+der antiken Seele gegen die Dauer aus.]
+
+[Footnote 5: Hat je eine hellenische Stadt auch nur +ein+
+umfassendes Werk ausgeführt, das einen Gedanken an kommende
+Generationen verrät? Die Straßen- und Bewässerungssysteme, die man
+in mykenischer, d. h. +vorantiker+ Zeit nachgewiesen hat, sind
+seit der Geburt antiker Völker -- mit dem Anbruch homerischer Zeit
+also -- verfallen und vergessen worden. Ebenso wurde Mykene selbst als
++historischer Faktor+ vollständig vergessen. Wir besitzen Tausende
+von Schrifttäfelchen aus mykenischer Zeit, aus homerischer nicht ein
+einziges. Aber das ist kein „Rückschritt“, sondern der neue Stil einer
+andersgearteten Seele. Das ist „reine Gegenwart“.]
+
+[Footnote 6: Von Homer bis zu den Tragödien Senekas, ein volles
+Jahrtausend hindurch, erscheinen die mythischen Gestalten wie Thyest,
+Klytämnestra, Herakles trotz ihrer begrenzten Zahl unverändert immer
+wieder, während in der Dichtung des Abendlandes der faustische Mensch
+zuerst als Parzeval und Tristan, dann im Sinn der Epoche verwandelt als
+Hamlet, als Don Quijote, als Don Juan, in einer letzten zeitgemäßen
+Verwandlung als Faust und Werther und dann als Held des modernen
+weltstädtischen Romans, immer aber in der Atmosphäre und Bedingtheit
+eines bestimmten Jahrhunderts auftritt.]
+
+[Footnote 7: Abt Gerbert (als Papst Sylvester II.), der Freund Kaiser
+Ottos III., hat um 1000, also mit dem Beginn des romanischen Stils
+und der Kreuzzugsbewegung, den ersten Symptomen einer neuen Seele,
+die Konstruktion der Schlag- und Räderuhren erfunden. In Deutschland
+entstanden auch um 1200 die ersten Turmuhren und etwas später die
+Taschenuhren. Man bemerke die bedeutsame Verbindung der Zeitmessung mit
+dem Gebäude des religiösen Kultus.]
+
+[Footnote 8: Bei Newton heißt sie bezeichnenderweise Fluxionsrechnung
+-- mit Rücksicht auf gewisse metaphysische Vorstellungen vom Wesen der
+Zeit. In der griechischen Mathematik kommt die Zeit gar nicht vor.]
+
+[Footnote 9: Hier steht der Historiker auch unter dem verhängnisvollen
+Vorurteil der Geographie (um nicht zu sagen unter der Suggestion
+eines Landkartenbildes), die einen +Erdteil+ Europa annimmt,
+worauf er sich verpflichtet fühlt, auch eine entsprechende
++ideelle+ Abgrenzung gegen Asien vorzunehmen. Das Wort Europa
+sollte aus der Geschichte gestrichen werden. Es gibt keinen
+„Europäer“ als historischen Typus. Es ist töricht, im Falle der
+Hellenen von „europäischem Altertum“ (Homer, Heraklit, Pythagoras
+waren also „Asiaten“?) und von ihrer „Mission“ zu reden, Asien und
+Europa kulturell anzunähern. Das sind Worte, die aus einer banalen
+Interpretation der Landkarte stammen und denen nichts Wirkliches
+entspricht. Es war allein das Wort Europa mit dem unter seinem Einfluß
+entstandenen Gedankenkomplex, das Rußland mit dem Abendlande in unserm
+historischen Bewußtsein zu einer durch nichts gerechtfertigten Einheit
+verband. Hier hat, in einer durch Bücher erzogenen Kultur von Lesern,
+eine bloße Abstraktion zu ungeheuren realen Konsequenzen geführt.
+Sie haben, in der Person Peters des Großen, die historische Tendenz
+einer primitiven Völkermasse auf Jahrhunderte gefälscht, obwohl der
+russische +Instinkt+ „Europa“ sehr richtig und tief mit einer in
+Tolstoi, Aksakow und Dostojewski verkörperten Feindseligkeit gegen
+das „Mütterchen Rußland“ abgrenzt. Orient und Okzident sind Begriffe
+von echtem historischen Gehalt. „Europa“ ist leerer Schall. Alles,
+was die Antike an großen Schöpfungen hervorbrachte, entstand unter
+Negation einer kontinentalen Grenze zwischen Rom und Cypern, Byzanz
+und Alexandria. Alles, was europäische Kultur heißt, entstand zwischen
+Weichsel, Adria und Guadalquivir. Und gesetzt, daß Griechenland zur
+Zeit des Perikles „in Europa lag“, so liegt es heute nicht mehr dort.]
+
+[Footnote 10: Im Neuen Testament ist die polare Fassung mehr durch die
+Dialektik des Apostels Paulus, die periodische durch die Apokalypse
+vertreten.]
+
+[Footnote 11: Er liegt schon in Wolfram von Eschenbachs Parzeval und
+Dantes Divina comedia.]
+
+[Footnote 12: Entscheidend ist die Auswahl des Übriggebliebenen, die
+nicht allein vom Zufall, sondern ganz wesentlich von einer Tendenz
+bestimmt ist. Der Attizismus der Augustuszeit, müde, unfruchtbar,
+pedantisch, zurückschauend, hat den Begriff des +Klassischen+
+geprägt und eine ganz kleine Gruppe griechischer Werke bis auf Plato
+herab als klassisch anerkannt. Das übrige, darunter die gesamte reiche
+hellenistische Literatur, wurde verworfen und ging fast vollständig
+verloren. Jene von einem schulmeisterlichen Geschmack ausgewählte
+Gruppe, die größtenteils erhalten blieb, hat dann das imaginäre Bild
+des klassischen „Altertums“ in Florenz sowohl wie für Winckelmann,
+Hölderlin, Goethe und sogar Nietzsche bestimmt.]
+
+[Footnote 13: Das römische _otium cum dignitate_ hat man lediglich
+als Kehrseite einer großangelegten und energischen öffentlichen
+Wirksamkeit, nicht als privaten lyrischen oder gelehrten Schlendrian
+zu verstehen, wie ihn erst sehr spät die Briefe des jüngeren Plinius
+beschreiben.]
+
+[Footnote 14: Was man in der Entwicklung Strindbergs und vor allem
+Ibsens, der in der zivilisierten Atmosphäre seiner Probleme immer
+nur Gast gewesen ist, nicht übersehen wird. Das Motiv von „Brand“
+und „Rosmersholm“ ist eine merkwürdige Mischung von angebornem
+Provinzialismus und theoretisch erworbenem Weltstadthorizont. Nora ist
+das Urbild einer durch Lektüre aus der Bahn geratenen Provinzlerin.]
+
+[Footnote 15: Der den Kult des Stadtheros Adrastos und den Vortrag der
+homerischen Gesänge verbot, um dem dorischen Adel die Wurzeln seines
+Seelentums zu nehmen (um 560).]
+
+[Footnote 16: Ein tiefes Wort, das seinen Sinn erhält, sobald der
+Barbar zum Kulturmenschen wird, und ihn wieder verliert, sobald der
+zivilisierte Mensch das „_ubi bene, ibi patria_“ akzeptiert.]
+
+[Footnote 17: Deshalb verfielen dem Christentum zuerst die Römer, die
+es +sich nicht leisten konnten+, Stoiker zu sein.]
+
+[Footnote 18: In Rom und Byzanz wurden sechs- bis zehnstöckige
+Miethäuser -- bei höchstens drei Meter Straßenbreite -- errichtet, die
+bei dem Fehlen aller baupolizeilichen Vorschriften oft genug mit ihren
+Bewohnern zusammenbrachen. Ein großer Teil der _cives Romani_, für
+die „_panem et circenses_“ den ganzen Lebensinhalt bildeten, besaß
+nur einen teuer bezahlten Schlafplatz in den ameisenhaft wimmelnden
+„_insulae_“.]
+
+[Footnote 19: Die deutsche Gymnastik ist seit 1813 und den höchst
+provinzialen, urwüchsigen Formen, die ihr Jahn damals gab, in rascher
+Entwicklung zum Sportmäßigen begriffen. Der Unterschied eines Berliner
+Sportplatzes an einem großen Tage von einem römischen Zirkus war schon
+1914 sehr gering.]
+
+[Footnote 20: Was sich seit 1880 in Deutschland an literarischen
+Kämpfen abspielt, ist nichts als der übrigens unter ganz belanglosen
+Leuten geführte Kampf zwischen weltstädtischer und provinzialer Poesie
+(Heimatkunst).]
+
+[Footnote 21: Die Eroberung Galliens durch Cäsar war ein
+ausgesprochener Kolonialkrieg, d. h. von einseitiger Aktivität. Daß er
+trotzdem den Höhepunkt der späteren römischen Kriegsgeschichte bildet,
+bestätigt nur deren rasch abnehmenden Gehalt an wirklichen Leistungen.]
+
+[Footnote 22: Die modernen Deutschen sind das glänzende Beispiel
+eines Volkes, das ohne sein Wissen und Wollen expansiv geworden ist.
+Sie waren es schon, als sie noch das Volk Goethes zu sein glaubten.
+Bismarck hat diesen tiefern Sinn der durch ihn begründeten Epoche
+nicht einmal geahnt. Er glaubte den +Abschluß+ einer politischen
+Entwicklung erreicht zu haben.]
+
+[Footnote 23: So war vielleicht das bedeutende Wort Napoleons an Goethe
+gemeint. „Was will man heute mit dem Schicksal? Die Politik ist das
+Schicksal.“]
+
+[Footnote 24: Die Philosophie dieses Buches verdanke ich der
+Philosophie Goethes, der unbekannten, und erst in viel geringerem
+Grade der Philosophie Nietzsches. Die Stellung Goethes in der
+westeuropäischen Metaphysik ist noch gar nicht verstanden worden.
+Man nennt ihn nicht einmal, wenn von Philosophie die Rede ist.
+Unglücklicherweise hat er seine Lehre nicht in einem starren System
+niedergelegt; deshalb übersehen ihn die Systematiker. Aber er war
+Philosoph. Er nimmt Kant gegenüber dieselbe Stellung ein wie Plato
+gegenüber Aristoteles, und es ist ebenfalls eine mißliche Sache, Plato
+in ein System bringen zu wollen. Plato und Goethe repräsentieren die
+Philosophie des Werdens, Aristoteles und Kant die des Gewordnen. Hier
+steht Intuition gegen Analyse. Was verstandesmäßig kaum auszusprechen
+ist, findet sich in einzelnen Vermerken und Gedichten wie den
+Orphischen Urworten, Strophen wie „Wenn im Unendlichen“ und „Sagt
+es niemand“, die man als Inkarnationen einer +ganz bestimmten+
+Metaphysik zu betrachten hat. An folgendem Ausspruch möchte ich nicht
+ein Wort geändert wissen: „+Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen,
+aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber
+nicht im Gewordnen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in
+ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu
+tun, der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze+“
+(zu Eckermann).]
+
+
+
+
+ I. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ GEISTESEPOCHEN.
+
+ INDISCHE ANTIKE ARABISCHE ABENDLÄNDISCHE
+ KULTUR
+ seit 1500 v. Chr. seit 1100 v. Chr. seit 0 seit 900
+
+ FRÜHLING: Landschaftlich-intuitiv. Mächtige Schöpfungen einer
+ erwachenden traumschweren Seele. Überpersönliche Einheit und Fülle.
+
+ 1. Geburt eines Mythus großen Stils als Ausdruck eines neuen
+ Gottgefühls. Weltangst und Weltsehnsucht.
+
+ 1500-1200 1100-800 0-300 900-1200
+ Mythologie des Olympischer Urchristentum. Germanischer
+ Veda. Mythus. Katholizismus
+ (7 Sakramente)
+ (Heliand).
+ Homer. Orientalische Marienkult
+ Kulte der Gralsage
+ Kaiserzeit (Parzeval)
+ (Isis, Edda.
+ Mithras). Nibelungen
+ Manichäismus. (Baldr,
+ Siegfried).
+ Arische Hellenische Evangelien. Die abend-
+ Heldensage. Heldensage. Apokalypse; ländische
+ Legende. Heiligen-
+ legende.
+
+ 2. Früheste mystisch-metaphysische Gestaltung des neuen Weltblickes
+
+ Im Rigveda und den Unbekannt. Plotin 204-269. Dante
+ ältesten Teilen Origenes 1265-1321.
+ der andern Veden 185-254. Thomas v.
+ enthalten. Nachwirkung Neuplatoniker. Aquino
+ in den Gnostiker. 1225-1274.
+ Kosmogonien. Kirchenväter. Eckart
+ 1250-1329.
+ Mystik und
+ Scholastik.
+
+ SOMMER: Reifende Bewußtheit. Früheste städtisch-bürgerliche und
+ kritische Regungen.
+
+ 3. „Reformation“: Innerhalb der Religion volksmäßige Auflehnung gegen
+ die großen Formen der Frühzeit
+
+ Bramanas. Dionysosreligion, Abfall der Protestan-
+ Älteste Elemente Orphiker, Monophysiten tismus.
+ der Upanishads. antihomerische 449. Luther.
+ Strömungen. Bar Sudaili und Zwingli,
+ 7. Jahrh. die syrische Calvin um
+ Mystik um 500. 1500.
+
+ 4. Beginn einer rein philosophischen Fassung des Weltgefühls.
+ Gegensatz idealistischer und realistischer Systeme.
+
+ In den Upanishads Die großen Bisher uner- Galilei,
+ enthalten. Vorsokratiker forschte Descartes,
+ 6./5. Jahrh. syrische, Bacon, Bruno,
+ koptische, Boehme,
+ neupersische Leibniz
+ Literatur des 16./17. Jahrh.
+ 6./7. Jahrh.
+
+ 5. Bildung einer neuen Mathematik. Konzeption der Zahl als Abbild und
+ Inbegriff der Weltform.
+
+ Die Zahl als Maß Die unbestimmte Die Zahl als
+ Verschollen. (Größe). Zahl. (Algebra) Funktion.
+ (Geometrie, Entwicklung (Analysis)
+ Arithmetik) unerforscht. Descartes,
+ Pythagoräer Pascal, Fermat
+ seit 540. um 1630
+ Newton,
+ Leibniz um
+ 1670.
+
+ 6. „Puritanismus“: Rationalistisch-mystische Verarmung des Religiösen.
+ Intellektueller Fanatismus.
+
+ Spuren in den Pythagoräischer Mohammed. Puritaner in
+ Upanishads. Bund England seit
+ seit 540. 1620.
+ Hedschra 622. Jansenisten
+ (Port Royal)
+ in Frankreich
+ seit 1640.
+
+ HERBST: Großstädtische Intelligenz. Höhepunkt strenggeistiger
+ Gestaltungskraft.
+
+ 7. „Aufklärung“: Glaube an die Allmacht des Verstandes. Kultus der
+ „Natur“. „Vernünftige Religion“.
+
+ Sutras; Sankhya. Sophistik 5. Mutaziliten Sensualisten
+ Jüngere Elemente Jahrh. 8. Jahrh. (Locke,
+ der Upanishads. Sokrates Nazzam, Alkindi Shaftesbury)
+ 469-399. um 830. 17./18. Jahrh.
+ Demokrit Alkabi um 900. Rousseau.
+ 460-360. 1712-1778.
+ Voltaire.
+ Enzyklopä-
+ disten
+ 18. Jahrh.
+
+ 8. Höhepunkt des mathematischen Denkens. Abklärung der Formenwelt
+ der Zahlen.
+
+ Verschollen. Archytas 430-365. Noch Euler
+ (Stellenwert, die Plato 426-346. unerforscht. 1707-1783.
+ Null als Zahl, Eudoxos 408-355. (Zahlentheorie, Lagrange
+ Winkelfunktionen.) (Kegelschnitte.) sphärische 1736-1813.
+ Trigonometrie.) Laplace
+ 1749-1827.
+ (Infinitesi-
+ malproblem.)
+
+ 9. Die großen abschließenden Systeme
+
+ Des Idealismus: Plato 426-346. Al Farabi † 950. Goethe {
+ Yoga. Vedanta. {Schelling,
+ Der Erkenntnis- } { Aliaf † 850. } {
+ theorie: } { } { Fichte,
+ Vaiceshika. } { } Kant {
+ Der Logik } { } { Hegel.
+ Nyaya. } Aristoteles { Avicenna } {
+ } 384-322. { um 1000.
+
+ WINTER: Anbruch der weltstädtischen Zivilisation. Erlöschen der
+ seelischen Gestaltungskraft. Das Leben selbst wird problematisch.
+ Ethisch-praktische Tendenzen eines irreligiösen und unmetaphysischen
+ Weltstädtertums.
+
+ 10. Materialistische Weltanschauung: Kultus der praktischen Erfahrung
+ des Nutzens, des Glückes.
+
+ Tscharvaka. Cyniker, Cyrenaiker. Kommunist., atheist., Bentham.
+ (Lokoyata.) Letzte Sophisten. epikur. Sekten der Feuerbach,
+ Abbassidenzeit Stirner. Comte,
+ 9. Jahrh. Spencer, Marx.
+
+ Pyrrhon 325-275. Die „lauteren Brüder“ Darwinisten,
+ um 950. Materialisten.
+
+ 11. Ethisch-gesellschaftliche Lebensideale: Epoche der „Philosophie
+ ohne Mathematik“.
+
+ Sekten der Epikur 347-270. Tendenzen im frühen Schopenhauer,
+ Buddhazeit. Zenon 340-265. Sufismus. Nietzsche.
+ Alexandrinismus. Al Gunaid † 910. Sozialismus,
+ Anarchismus.
+ Hebbel, Wagner,
+ Ibsen.
+
+ 12. Innere Vollendung der mathematischen Formenwelt. Die
+ abschließenden Gedanken.
+
+ Euklid, Alchwarizmi Gauß 1777-1855.
+ Apollonios 800, Ibn Kurra
+ 4./3. Jahrh. 850. Cauchy 1789-1857.
+ Verschollen. Eratosthenes, Alkarchi, Albiruni
+ Archimedes 10. Jahrh. Riemann 1826-1866.
+ 3. Jahrh.
+
+ 13. Sinken des abstrakten Denkertums zu einer fachwissenschaftlichen
+ Kathederphilosophie. Kompendienliteratur.
+
+ Die „sechs Akademie; Peripatos. Schulen von Kantianer,
+ klassischen Bagdad Hegelianer.
+ Systeme“. Stoa; Epikuräer. und Basra. „Logiker“ und
+ „Psychologen“.
+
+ 14. Das Ende: Ausbreitung einer letzten Weltstimmung.
+
+ Der indische Der hellenistisch- Der praktische Der ethische
+ Buddhismus römische Fatalismus Sozialismus seit
+ seit 500. Stoizismus des Islam Ende des 19. Jahrh.
+ seit 200. seit 1000. sich verbreitend.
+
+
+II. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ KUNSTEPOCHEN.
+
+ ÄGYPTISCHE ANTIKE ARABISCHE ABENDLÄNDISCHE
+ KULTUR
+
+ VORZEIT: Chaos urmenschlicher Kunstformen. Mystische Liniensymbolik
+ und Versuche naiver Imitation.
+
+ THINITENZEIT. KRETISCH-MYKENISCHE ALTSYRISCH-ARABISCHE MEROWINGER-
+ 3400-3000. ZEIT. 1600-1100 KUNST. VOR 0. KAROLINGERZEIT
+ 500-900.
+ (Ägyptischer (Antiker, babylon.- (Maurisch-
+ Einfluß.) persischer Einfluß.) byzant.
+ Einfluß.)
+
+ „KULTUR“: Lebensgeschichte eines das gesamte äußere Sein formenden
+ Stils. Formensprache von tiefster symbolischer Notwendigkeit.
+
+ I. FRÜHZEIT: Ornament und Architektur als elementarer Ausdruck des
+ jungen Weltgefühls („Die Primitiven“).
+
+ DAS ALTE REICH DORIK ALTCHRISTLICH- GOTIK
+ „SPÄTANTIKE“ KUNST
+ 2950-2475. 1100-650. 0-500. 900-1500.
+
+ 1. Geburt und Aufschwung. Aus dem Geiste der Landschaft erwachsende,
+ nicht bewußt geschaffene Formen.
+
+ 4.-5. Dynastie Nicht erhaltene Basilikenstil. Romanik und
+ 2930-2625. Holzarchitektur Sarkophag- Frühgotik.
+ Streng (Antentempel). (Tief-)relief. Ornament
+ geometrischer und Dom.
+ Tempelstil. Geometrischer Katakomben-
+ Flachrelief. (Dipylon-)stil malerei.
+ Frontale 11./9. Jahrh. Hochgotik;
+ Bildnisplastik. Kuppelbasilika Gewölbte Dome.
+ Pyramidentempel. Die dorische („Moschee“).
+ Pflanzensäulen, Säule (Holz). Kathedral-
+ Kolonnaden. Grabvasen- plastik.
+ Reliefzyklen. malerei. (Pantheon in Rom). Glasmalerei.
+ Säulenbögen.
+ Frontalbildnisse.
+
+ 2. Vollendung der frühen Formensprache. Erschöpfung der Möglichkeiten
+ und Widerspruch.
+
+ 6. Dynastie 800-650. 4.-5. Jahrh. Spätgotik und
+ 2625-2475. Wenig bekannt. Syrisch- Renaissance
+ Erlöschen des byzantinische 14./15. Jahrh.
+ Pyramidenstils Kunst. Erlöschen der
+ und des Erlöschen des gotischen
+ episch-idyll. Relief- und Skulptur
+ Reliefs. Porträtstils. (Nürnberg).
+ Blüte und Ende
+ von Fresko und
+ Renaissance-
+ plastik. Von
+ Giotto und
+ Donatello
+ (Gotik) bis
+ Michelangelo
+ (Barock).
+ Blüte der Protokorinth. Blüte der Das gotische
+ archaischen -altattische Mosaikmalerei. Tafelbild von
+ Bildnisplastik. Tonmalerei Anfänge der Van Eyck bis.
+ (Mythische Arabeske (Tür Holbein
+ Stoffe). von S. Ambrogio Erfindung des
+ in Mailand 386). Kontrapunkts
+ und der
+ Ölmalerei.
+
+ II. SPÄTZEIT: Bildung einer Gruppe städtisch-bewußter, gewählter, von
+ Einzelnen getragener Künste („Die großen Meister“).
+
+ DAS MITTLERE IONIK BYZANTINISCH- BAROCK
+ REICH ISLAMISCHE KUNST
+ 2200-1800. 650-350. 500-800. 1500-1800.
+
+ 1. Ausbildung eines reifen Künstlertums.
+
+ Infolge Herrschaft Herrschaft der Herrschaft der
+ späterer der Fresko- Mosaikmalerei Ölmalerei von
+ Zerstörung malerei von 6. Jahrh. Tizian bis
+ wenig bekannte Butades bis Rembrandt
+ Epoche. Die Polygnot Vollendung des († 1669).
+ Architektur 650-460. Moscheentypus Der malerische
+ bleibt Die Ionische (Zentralkuppel- Baustil von
+ herrschend. Säule. Voll- bau, Hagia Michelangelo
+ endung des Sophia 530). bis Bernini
+ Tempeltypus. Die Arabeske († 1680).
+ Aufschwun (Fassade von Aufschwung der
+ der Rund- M’schatta). Musik von
+ plastik. Orlando Lasso
+ („Apoll von bis Heinrich
+ Tenea“ bis Schütz
+ Hageladas.) († 1672): Zeit
+ der Kantate.
+
+ 2. Äußere Vollendung einer durchgeistigten Formensprache.
+
+ 12. Dynastie Blüte von Maurische Kunst. Rokoko.
+ 2000-1788. Athen 7./8. Jahrh 18. Jahrh.
+ Pylonentempel. 480-330. Vollkommene Herrschaft der
+ Historische Herrschaft der Herrschaft der Musik von
+ Reliefs. Plastik von Arabeske auch Corelli (geb.
+ Charakter- Myron bis über die 1653) und Bach
+ bildnisse. Phidias Architektur. (1685) bis
+ 460-330. Mozart: Zeit
+ Ausgang der der Sonate.
+ Fresko- und Der musika-
+ Tonmalerei. lische
+ (Rokoko-)
+ Baustil.
+ Ausgang der
+ Ölmalerei von
+ Watteau bis
+ Goya.
+
+ 3. Ermatten der Gestaltungskraft. Auflösung der großen Form. Ende des
+ Stils.
+
+ Anfang der Die korin- Abbassidenzeit. Empirestil und
+ Hyksoszeit. thische Säule Biedermeier.
+ (Genre). Beethoven.
+ Skopas und Hogarth,
+ Praxiteles Gainsborough.
+ (Sentiment Delacroix.
+ und Subjek-
+ tivismus).
+ Malerei des
+ Apollodor
+ und Apelles
+ („Natur“).
+
+ZIVILISATION: Das Dasein ohne innere Form. Weltstadtkunst als Luxus,
+Sport, Gewohnheit. Wechselnde Stilmoden (Wiederbelebungen, Mischungen,
+Erfindungen) ohne symbolischen Gehalt.
+
+ 1. „Modernität“. Versuche, die Decadence künstlerisch zu fassen.
+ Verwandlung von Musik, Baukunst und Malerei in bloßes Kunstgewerbe.
+
+ Hyksoszeit Hellenismus Seldschucken- 19. und 20.
+ 1788-1580. 300-100. zeit nach 1000. Jahrh.
+ Verfall der Ende der Stationäre Ende der
+ Reliefkom- strengen „Kunst des Musik:
+ position. Plastik. Orients“. Berlioz,
+ Auflösung der (Lysippos). In Byzanz Liszt, Wagner.
+ plastischen Pergamenische „Renaissance Episode des
+ Konvention. Kunst des Hellenis- Impressionis-
+ Mehrschiffige (Theatralik). mus“ (1000). mus von
+ Säulenhallen. Hellenistische Constable und
+ Malweisen Corot bis
+ (Enkaustik, Manet und
+ Illusions- Leibl.
+ malerei, Nazarener,
+ Rhopographie). Prärafaeliten.
+ Das Ideal-
+ porträt.
+
+ 2. Ende des Formgefühls. Sinnlose, leere, erkünstelte, gehäufte
+ Ornamentik. Imitation alter und fremder Motive.
+
+ 18. Dynastie Römerzeit Mongolenzeit
+ 1580-1350. 100 v. bis seit 1258.
+ 100 n. Chr.
+ Verfall der Häufung der 3 Auflösung der
+ Pflanzensäule. Säulenordnungen. maurischen Kunst
+ Naturalismus Zeit der in örtliche
+ des Echnaton. Statuenkopisten. Nuancen. (Von
+ Memnonskolosse. Römerplastik. Spanien bis
+ Felsentempel Kaiserbauten Indien.)
+ der Hatchepsut. im oriental.
+ Geschmack.
+
+ 3. Ausgang. Barbarische Massenhaftigkeit; Kolossalwirkungen. Verrohung
+ der Technik. Übergewicht fremder Kunstformen.
+
+ 19. Dynastie Späte
+ 1350-1205. Kaiserzeit.
+ (Sethos I. und
+ Ramses II.) Riesenfora,
+ Riesenhallen Thermen,
+ und Statuen- Triumph-
+ alleen von säulen.
+ Luxor, Karnak Sieg der früh-
+ und Abydos. arabischen
+ Plünderung Kunst im
+ alter Bauten. Westen
+
+
+III. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ POLITISCHER EPOCHEN.
+
+ ÄGYPTISCHE ANTIKE ABENDLÄNDISCHE KULTUR
+
+ VORZEIT: Rein ethnographischer Völkertypus. Stämme und Häuptlinge.
+ Noch keine „Politik“. Kein „Staat“.
+
+ THINITENZEIT (MENES). SPÄTKRETISCH- FRANKENZEIT
+ 3400-3000. MYKENISCHE ZEIT (KARL DER GROSSE).
+ („AGAMEMNON“). 500-900.
+ 1600-1200.
+
+ VÖLKERNAMEN DIESER DANAER, ACHÄER, FRANKEN, SACHSEN,
+ STUFE: UNBEKANNT ETRUSKER. LANGOBARDEN.
+ (DIE GAUVÖLKER).
+
+ KULTUR: Völkergruppe von ausgeprägtem Stil und einheitlichem
+ Weltgefühl. Wirkung einer immanenten Staatsidee.
+
+ VÖLKER: ÄGYPTER. DORER, IONIER, LATINER. DEUTSCHE, FRANZOSEN,
+ ITALIENER, SPANIER,
+ ENGLÄNDER.
+
+ I. FRÜHZEIT. Organische Struktur des politischen Daseins. Die beiden
+ frühen Stände: Adel und Priestertum.
+
+ DAS ALTE REICH. DORISCHE ZEIT. GOTISCHE ZEIT.
+ 2900-2400. 1100-650. 900-1500.
+
+ 1. Patriarchalische Staatsbildungen. Geist des bäuerlichen Landes. Die
+ „Stadt“ nur Markt oder Burg. Wechselnde Pfalzen der Herrscher.
+ Lehnsadel. Ritterlich-religiöse Ideale. Kämpfe der Vasallen
+ untereinander und gegen den Fürsten.
+
+ Lehnsstaat der Homerische Deutsche Kaiserzeit.
+ 4. Dynastie. Macht Zustände Kreuzzüge.
+ der Gaufürsten und Historische Kaisertum und
+ der Rê-Priester- Daten unbekannt. Papsttum.
+ schaft.
+ Der Pharao als
+ Inkarnation des Rê.
+
+ 2. Krisis und Auflösung der primitiven politischen Daseinsformen.
+
+ 6. Dynastie. Kaum bekannt. Verfall der Univer-
+ Zerfall des Reiches Ursparta um 900. salidee. Interregnum.
+ in erbliche Macht der Vasallen
+ Fürstentümer. Inter- (Deutsche Fürsten,
+ regnum. Renaissancestaaten,
+ Teilkönige. Lancaster und York).
+
+ II. SPÄTZEIT. Verwirklichung der gereiften Staatsidee. Die Stadt gegen
+ das Land: Entstehung des dritten Standes (Bürgertum).
+
+ DAS MITTLERE REICH. IONISCHE ZEIT BAROCKZEIT.
+ 2200-1800. 650-350. 1500-1800.
+
+ 3. Bildung einer Staatenwelt von strenger Form.
+
+ Der zentrali- Der Stadtstaat. Die dynastische Haus-
+ sierte Beamtenstaat. Zeit der Tyrannis macht. Ständestaat.
+ 11. Dynastie (650-550). Zeit der Fronde
+ (2160-2000): Sturz Kleisthenes, (1550-1650).
+ der Feudalfürsten Periander, Richelieu,
+ durch die Herrscher Polykrates. Wallenstein,
+ von Theben. Cromwell.
+
+ 4. Höchste Vollendung der Staatsform („Absolutismus“). Einheit von
+ Stadt und Land („Staat und Gesellschaft“, die „Drei Stände“).
+
+ 12. Dynastie Um 450: Absolutismus Um 1700: Absolutis-
+ (2000-1788): des Demos von Athen. mus der regierenden
+ Strengste Zentral- Politik der Agora. Häuser (Versailles).
+ gewalt. Hofadel. Kabinetts-
+ Mediatisation der politik und
+ Feudalherren. Erbfolgekriege.
+ Hofadel und
+ Beamtenschaft.
+ Erbfolgerevolten.
+ Amenemhat, Themistokles, Ludwig XIV.,
+ Sesostris. Perikles. Friedrich II.
+
+ 5. Sprengung der Staatsform (Revolution und Napoleonismus). Sieg der
+ Stadt über das Land (des „Volkes“ über die „Privilegierten“, der
+ Intelligenz über die Tradition).
+
+ 1788-1680 380-350 Soziale Ende des 18. Jahrh.:
+ Revolutionen und Revolutionen Revolutionen in
+ Militärregiment. (Athen, Argos). Frankreich, Amerika,
+ Teilkönige, zum Die „zweite Genf usw.
+ Teil aus dem Tyrannis“.
+ Volk stammend. (Dionys v. Syrakus,
+ Jason v. Pherä.)
+ Philipp und Napoleon.
+ Alexander.
+
+
+ ZIVILISATION: Auflösung der jetzt wesentlich städtisch orientierten
+ Volkskörper zu internationalen, praktisch interessierten Massen.
+ Weltstadt und Provinz: Der vierte Stand („Masse“), anorganisch,
+ kosmopolitisch.
+
+ 1. Stadium: Das Geld. Wirtschaftskomplexe die Staatsform aufsaugend.
+
+ Hyksoszeit Hellenismus „Europäische Zivili-
+ 1788-1580. 300-100. sation“ 1800-2000.
+ Fremdherrschaft. Diadochenreiche von System der Großmächte
+ der Eroberer Alexander bis Scipio von Napoleon bis zum
+ 300-200. Weltkrieg.
+ Die soziale Monarchie. Nationalismus.
+ Der politische Parlamentarismus
+ Stoizismus der Römer 1800-1900.
+ von Scipio bis Marius Sozialismus und
+ 200-100. Imperialismus
+ 1900-2000.
+
+ 2. Stadium: „Cäsarismus“. Wachsender Naturalismus der politischen
+ Form. Zerfall der Volksorganismen in amorphe Menschenmassen; deren
+ Resorption in ein Imperium von allmählich wieder primitiv-
+ despotischem Charakter.
+
+ 18. Dynastie Von Sulla bis Domitian 2000-2200.
+ 1580-1350. 100 v. bis 100 n. Chr.
+ Thutmosis III. Cäsar, Tiberius.
+
+ 3. Stadium: „Ägyptizismus“, „Mandarinentum“, „Byzantinismus“.
+ Erstarren und Zerfall auch des imperialen Mechanismus: die Beute
+ junger Völker oder fremder Eroberer. Langsames Heraufdringen
+ urmenschlicher Zustände (Septimius Severus als „Häuptling“).
+
+ 19. Dynastie Von Trajan bis 0 Nach 2200.
+ 1350-1205. Aurelian 100-30
+ Sethos I., Trajan.
+ Ramses II. Mark Aurel.
+ Echnaton.
+
+
+
+
+ERSTES KAPITEL
+
+VOM SINN DER ZAHLEN
+
+
+1
+
+Es ist zunächst notwendig, einige hier in einem strengen und teilweise
+neuen Sinne gebrauchte Grundbegriffe zu bestimmen, deren metaphysischer
+Gehalt sich im Laufe der Darstellung von selbst ergeben wird, die aber
+schon am Anfang unzweideutig erklärt sein müssen.
+
+Der volkstümliche, auch der Philosophie geläufige Unterschied von
+Sein und Werden erscheint ungeeignet, das Wesentliche des mit ihm
+bezweckten Gegensatzes wirklich zu treffen. Ein unendliches Werden --
+Wirken, „Wirklichkeit“ -- wird man immer, wofür etwa die physikalischen
+Begriffe der gleichförmigen Geschwindigkeit und des Bewegungszustandes
+oder die Grundvorstellung der kinetischen Gastheorie als Beispiele
+dienen können, auch als Zustand auffassen und also dem Sein zuordnen
+dürfen. Dagegen lassen sich -- mit Goethe -- als letzte Elemente des
+in und mit dem Bewußtsein schlechthin Gegebenen das +Werden+ und das
++Gewordne+ unterscheiden. Jedenfalls ist, wenn man an der Möglichkeit
+zweifelt, durch abstrakte Begriffsbildungen den letzten Gründen des
+Menschlichen nahe zu kommen, das sehr klare und bestimmte +Gefühl+,
+aus welchem dieser fundamentale, die äußersten Grenzen des Bewußtseins
+berührende Gegensatz hervorgeht, das ursprünglichste Etwas, bis zu dem
+sich überhaupt gelangen läßt.
+
+Es folgt daraus mit Notwendigkeit, daß immer ein Werden dem Gewordnen
+zugrunde liegt -- a priori im Sinne Kants --, nicht umgekehrt.
+
+Ich unterscheide ferner mit den Bezeichnungen „+das Eigne+“ und „+das
+Fremde+“ zwei Urtatsachen des Bewußtseins, deren Sinn für jeden
+wachen Menschen -- also nicht für den Träumenden -- mit unmittelbarer
+innerer Gewißheit feststeht, ohne durch eine Definition näher
+bestimmt werden zu können. Zu der durch das Wort +Sinnlichkeit+
+(Außenwelt, Empfindungsleben) bezeichneten ursprünglichen Tatsache
+steht das Element des Fremden immer auf irgendeine Weise in
+Beziehung. Die philosophische Gestaltungskraft großer Denker hat
+durch halbanschauliche schematische Konzeptionen wie Erscheinung und
+Ding an sich, Welt als Wille und Vorstellung, Ich und Nicht-Ich diese
+Beziehung immer wieder schärfer zu fassen versucht, obwohl diese
+Absicht sicherlich die Möglichkeiten exakter menschlicher Erkenntnis
+überschreitet. Ebenso birgt sich in der als Ich (Innenleben, Person)
+bezeichneten ursprünglichen Tatsache das Element des Eignen in einer
+Weise, deren strenge Fassung den Methoden des abstrakten Denkens
+ebenfalls entzogen bleibt.
+
+Ich bezeichne weiterhin mit den Worten +Seele+ und +Welt+
+denjenigen Gegensatz, +dessen Vorhandensein mit der Tatsache des
+wachen, rein menschlichen Bewußtseins selbst identisch ist+. Es
+gibt Grade der Klarheit und Schärfe dieses Gegensatzes, Grade der
+Bewußtheit -- Geistigkeit -- des Lebens also, von dem sich noch kaum
+in Pole sondernden mythischen Dämmern der primitiven Menschen und des
+Kindes -- hierher gehören die in Spätzeiten immer seltener werdenden
+Augenblicke der religiösen und künstlerischen Inspiration -- bis zur
+äußersten Schärfe des Wachseins etwa in den Zuständen des kantischen
+und des napoleonischen Denkens. Diese +elementare Struktur+ des
+Bewußtseins ist als eine Tatsache von unmittelbarer innerer Gewißheit
+der begrifflichen Zergliederung nicht weiter zugänglich, und ebenso
+gewiß ist es, daß jene beiden nur sprachlich und gewissermaßen
+künstlich abteilbaren Momente stets miteinander und durcheinander
+da sind und durchaus als Einheit, als Totalität hervortreten, ohne
+daß das erkenntniskritische Vorurteil des geborenen Idealisten und
+Realisten, wonach entweder die Seele der Welt oder die Welt der Seele
+als das Primäre -- sie sagen „als Ursache“ -- zugrunde liegt, in
+der reinen Tatsache des Bewußtseins irgendwie begründet wäre. Ob in
+einem philosophischen System der Akzent auf dem einen oder andern
+liegt, ist lediglich ein Kennzeichen der Persönlichkeit und von rein
+biographischer Bedeutung.
+
+Gibt man den Begriffen des Werdens und des Gewordnen eine Anwendung
+auf diese polare Struktur des Bewußtseins, so erhält das Wort
++Leben+ einen ganz bestimmten, dem des Werdens nahe verwandten
+Sinn. Man darf Werden und Gewordnes als die Tatsache und den Gegenstand
+des Lebens bezeichnen. Das eigne, fortschreitende, ständig sich
+erfüllende Leben ist in jedem seiner Augenblicke mit dem eignen, wachen
+Bewußtsein identisch[25] -- +diese Tatsache heißt Gegenwart+ --
+und beide besitzen wie alles Werden das geheimnisvolle +Merkmal der
+Richtung+, ein unaussprechliches Gefühl (Lebensgefühl), das der
+Mensch in allen höhern Sprachen durch das Wort +Zeit+ und die
+daran sich knüpfenden Probleme geistig zu bannen und -- vergeblich
+-- zu deuten versucht hat. Es folgt daraus eine tiefe Beziehung des
++Gewordnen (Starren) zum Tode+.
+
+Nennt man die Seele -- und zwar unter Betonung des Unbewußten vor
+dem Bewußten -- das +Mögliche+, die Welt dagegen das +Wirkliche+,
+Ausdrücke, über deren Bedeutung ein inneres Gefühl keinen Zweifel
+läßt, so erscheint das Leben als +die Gestalt, in welcher sich
+die Verwirklichung des Möglichen vollzieht+. Im Hinblick auf das
+Merkmal der Richtung heißt das Mögliche +Zukunft+, das Verwirklichte
++Vergangenheit+. Die Verwirklichung selbst, die Mitte und den Sinn des
+Lebens, nennen wir +Gegenwart+. „Seele“ ist das zu Vollendende, „Welt“
+das Vollendete, „Leben“ die Vollendung. Die Ausdrücke Augenblick,
+Dauer, Entwicklung, Lebensinhalt, Lebensaufgabe, Bestimmung, Umfang,
+Ziel, Ende, Fülle und Leere des Lebens erhalten damit eine bestimmte,
+für alles Folgende, namentlich für das Verständnis historischer
+Phänomene wesentliche Bedeutung.
+
+Endlich sollen die Worte +Geschichte+ und +Natur+, wie schon erwähnt,
+in einem ganz bestimmten, bisher nicht üblichen Sinne angewandt
+werden. Es sind darunter +mögliche+ Arten zu verstehen, die Gesamtheit
+des Bewußten, Werden +und+ Gewordnes, Leben und Erlebtes, in einem
+einheitlichen, durchgeistigten, wohlgeordneten +Weltbilde+ (Kosmos,
+Universum, All) aufzufassen, je nachdem das Werden oder das Gewordne,
+Richtung oder Ausdehnung („Zeit“ oder „Raum“) den unteilbaren
+Eindruck gestaltend beherrschen. Es handelt sich hier +nicht um eine
+Alternative+, sondern um eine +Skala+ von unendlich vielen und sehr
+verschiedenartigen Möglichkeiten, eine „Außenwelt“ als Abglanz und
+Zeugnis des eignen Daseins zu besitzen, eine Skala, deren Extreme
+eine rein +organische+ und eine rein +mechanische Weltanschauung+ (im
+wörtlichen Sinne: +Anschauung der Welt+) sind. Der Urmensch (so wie wir
+sein Bewußtsein uns vorstellen) und das Kind (wie wir uns erinnern)
+besitzen noch keine dieser Möglichkeiten mit hinreichender Klarheit der
+struktiven Durchbildung. Als Bedingung dieses höheren Weltbewußtseins
+hat man den Besitz der +Sprache+ anzusehen, und zwar nicht den einer
+menschlichen +Sprache+ überhaupt, sondern den einer +Kultursprache+,
+die für den ersten noch nicht vorhanden und für das andere, obwohl
+vorhanden, noch nicht zugänglich ist. Beide besitzen, um dasselbe mit
+andern Worten zu sagen, noch kein klares und deutliches Weltdenken,
+zwar eine Ahnung, aber noch kein wirkliches Wissen von Geschichte
+und Natur, in deren Zusammenhang ihr eigenes Dasein eingegliedert
+erscheint: +Sie haben keine Kultur.+
+
+Damit erhält dies wichtige Wort einen bestimmten, höchst bedeutsamen
+Sinn, der in allem Folgenden vorausgesetzt wird. Ich unterscheide
+im Hinblick auf die oben gewählten Bezeichnungen der Seele als des
+Möglichen und der Welt als des Wirklichen +mögliche+ und +wirkliche+
+Kultur, das heißt Kultur als +Idee des -- allgemeinen oder einzelnen
+-- Daseins+ und Kultur als +Körper+ dieser Idee, als die Summe ihres
+versinnlichten, räumlich und faßlich gewordenen Ausdrucks: Taten und
+Gesinnungen. Religion und Staat, Künste und Wissenschaften, Völker und
+Städte, wirtschaftliche und gesellschaftliche Formen, Sprachen, Rechte,
+Sitten, Charaktere, Gesichtszüge und Trachten. +Geschichte+ ist, mit
+dem Leben, dem Werden eng verwandt, +die Verwirklichung möglicher
+Kultur+.
+
+Es muß hinzugefügt werden, daß diese grundlegenden Bestimmungen
+zum großen Teil nicht mehr im Bereiche der Mitteilbarkeit durch
+Begriff, Definition und Beweis liegen, daß sie vielmehr ihrer
+tiefsten Bedeutung nach gefühlt, erlebt, erschaut werden müssen.
+Es besteht ein selten gewürdigter Unterschied zwischen +Erleben+
+und +Erkennen+ als den Formen der Beziehung zwischen Eignem und
+Fremdem („Subjekt und Objekt“). Er wird deutlich in dem Unterschiede
+zwischen der unmittelbaren Gewißheit, wie sie die Arten der Intuition
+(Erleuchtung, Eingebung, künstlerisches Schauen, Goethes „exakte
+sinnliche Phantasie“) gewähren und den Resultaten der verstandesmäßigen
+Erfahrung und experimentellen Technik. Der Mitteilung dienen dort
+der Vergleich, das Bild, das Symbol, hier die Formel, das Gesetz,
+das Schema. Gewordnes wird erkannt oder vielmehr, wie sich zeigen
+wird, das Gewordensein für den menschlichen Geist ist mit dem
+vollzogenen Erkenntnisakt identisch. Ein Werden kann nur erlebt,
+mit tiefem, wortlosem Verstehen gefühlt werden. Hierauf beruht
+das, was man Menschenkenntnis nennt. Geschichte verstehen heißt
+Menschenkenner im höchsten Sinne sein. Je reiner ein Geschichtsbild,
+desto ausschließlicher ist es diesem nicht eigentlich irdischen Blick
+zugänglich, der mit den Erkenntnismitteln, welche die „Kritik der
+reinen Vernunft“ untersucht, nichts zu schaffen hat. Der Mechanismus
+eines reinen Naturbildes, etwa der Welt Newtons und Kants, wird
+erkannt, begriffen, zergliedert, in Gesetze und Gleichungen, zuletzt in
+ein System gebracht. Der Organismus eines reinen Geschichtsbildes, wie
+es die Welt Plotins, Dantes und Brunos war, wird angeschaut, innerlich
+erlebt, als Gestalt und Sinnbild aufgefaßt, zuletzt in dichterischen
+und künstlerischen Konzeptionen wiedergegeben. -- Goethes „lebendige
+Natur“ ist ein +historisches+ Weltbild.
+
+Erleben und Erkennen sind Bewußtseinsakte einzelner Menschen. Ihr
+Resultat, nunmehr ein Stück Vergangenheit, Gedächtnis, Wissen,
+heißt +ein Erlebnis+ oder +eine Erkenntnis+. +Etwas verstehen+ --
+historisch oder natürlich -- heißt es in die schon vorhandene Summe von
+Erlebnissen oder Erkenntnissen harmonisch einordnen können.
+
+
+2
+
+Ich wähle als Beispiel für die Art, wie eine Seele sich im Bilde
+ihrer Umwelt zu verwirklichen sucht, inwiefern also gewordne Kultur
+Ausdruck und Abbild einer Idee menschlichen Daseins ist, die +Zahl+,
+die aller Mathematik als schlechthin gegebenes Element zugrunde liegt.
+Und zwar deshalb, weil die Mathematik, in ihrer ganzen Tiefe den
+wenigsten erreichbar, einen einzigartigen Rang unter allen Schöpfungen
+des Geistes behauptet. Sie ist eine Wissenschaft strengsten Stils wie
+die Logik, aber umfassender und bei weitem gehaltvoller; sie ist eine
+echte Kunst neben der Plastik und Musik, was die Notwendigkeit einer
+leitenden Inspiration und die großen formalen Konventionen in ihrer
+Entwicklung angeht; sie ist endlich eine Metaphysik vom höchsten Range,
+wie Plato und vor allem Leibniz beweisen. Jede Philosophie ist bisher
+in der Verbundenheit mit einer +zugehörigen+ Mathematik erwachsen. Die
+Zahl ist die bildgewordene Idee der +kausalen+ Notwendigkeit, wie die
+Vorstellung von Gott, die jede Kultur aus ihrer tiefsten Tiefe neu
+gestaltet, die bildgewordene Idee der Notwendigkeit des +Schicksals+
+ist. In diesem Sinne darf man das Dasein von Zahlen ein Mysterium
+nennen, und das religiöse Denken aller Kulturen hat sich diesem
+Eindruck nie entzogen.
+
+Wie alles Werden das ursprüngliche Merkmal der +Richtung+
+(Nichtumkehrbarkeit), so trägt alles Gewordne das Merkmal der
++Ausdehnung+ und zwar so, daß nur eine künstliche Trennung der
+Bedeutung dieser Worte möglich erscheint. Das eigentliche Geheimnis
+alles Gewordnen und also (räumlich-stofflich) Ausgedehnten aber
+verkörpert sich im Geistigen jeder Kultur im Typus der +mathematischen+
+(starren) im Gegensatz zur +chronologischen+ Zahl. Und zwar liegt
+in ihrem Wesen die Absicht einer +mechanischen Grenzsetzung+. Die
+Zahl ist darin dem Worte verwandt, das -- als Begriff, „begreifend“,
+„bezeichnend“ -- ebenfalls Welteindrücke abgrenzt. Das Tiefste ist
+hier allerdings unfaßlich und unaussprechlich. Die +wirkliche+,
+zum Ding gewordene Zahl, das +exakt vorgestellte, gesprochene,
+geschriebene Zahlzeichen+ -- Ziffer, Formel, Zeichen, Figur --, das
+allein der mathematischen Behandlung unterliegt, ist wie das gedachte,
+gesprochene, geschriebene Wort bereits ein optisches Symbol dafür,
+versinnlicht und mitteilbar, in welchem die Grenzsetzung abgebildet
+erscheint. Der Ursprung der Zahlen gleicht dem Ursprung des Mythus.
+Der Römer erhob die _numina_, unbestimmbare Natureindrücke („das
+Fremde“) zu Gottheiten, indem er sie durch einen +Namen+, sie
+begrenzend, bannte. Ebenso sind Zahlen und Worte +gestaltetes, in
+Form gebanntes Weltgefühl+. Mit ihnen gelangt der Geist („das Eigne“)
+zur Macht. Mit ihnen ordnet und zergliedert er die Welt. Alle echten
+Erkenntnisakte -- nicht Erlebnisakte -- als solche an das Vorhandensein
+einer Kultursprache gebunden, bezwecken das gleiche. Die Definition,
+das Urteil, das Gesetz, das System sind Resultate vollzogener
+Grenzsetzungen und die Feststellung eines Kausalverhältnisses, in der
+sich das Wesen aller Naturwissenschaft erschöpft, besteht lediglich
+in der präzisen Abgrenzung zweier Eindrücke, die im Hinblick auf die
+Zahl Ursache und Wirkung, im Hinblick auf das Wort Grund und Folge
+heißen. Hierauf beruht die innere Verwandtschaft des Baues einer
+hochentwickelten Sprache (Grammatik, Satzbau) mit der zugehörigen
+Mathematik. Die Logik ist immer eine Art Mathematik und umgekehrt.
+Mithin liegt auch in allen Bewußtseinsakten, welche zur mathematischen
+Zahl in Beziehung stehen -- messen, zählen, zeichnen, wägen, ordnen,
+teilen --, die gemeinsame Tendenz auf Abgrenzung von Gewordnem und
+Ausgedehntem und erst durch kaum noch bewußte Akte dieser Art gibt
+es für den wachen Menschen objektive Gegenstände, Eigenschaften,
+Beziehungen, Einzelnes, Einheit und Mehrheit, kurz die als notwendig
+und unerschütterlich empfundene Struktur desjenigen Weltbildes, das
+er „Natur“ nennt und als solche „erkennt“. +Natur ist das Zählbare.+
+Geschichte ist der Inbegriff dessen, was zur Mathematik kein
+Verhältnis hat. Daher die mathematische Gewißheit der Naturgesetze,
+die staunende Einsicht Galileis, daß die Natur „_scritta in lingua
+matematica_“ sei und die von Kant hervorgehobene Tatsache, daß die
+exakte Naturwissenschaft genau so weit reicht wie die Möglichkeit der
+Anwendung mathematischer Methoden.
+
+In der Zahl als dem +Zeichen der vollendeten extensiven Begrenzung+
+liegt demnach, wie Pythagoras infolge einer großartigen, durchaus
+religiösen Intuition mit innerster Gewißheit begriff, das +Wesen+
+alles Wirklichen, das geworden, erkannt, begrenzt zugleich ist.
+Indes darf man Mathematik, wenn man darunter den Besitz einer
+eingebornen virtuellen Zahlenwelt versteht, nicht mit der viel engeren
+wissenschaftlichen Mathematik, der +Lehre+ von den Zahlen verwechseln.
+Das eine ist eine erschöpfende und notwendige Eigenschaft des
+Bewußtseins, das andere eine +mögliche+ Art, sie geistig zu entwickeln.
+Die geschriebene Mathematik, ein System starrer Sätze, repräsentiert
+so wenig wie die in theoretischen Werken niedergelegte Philosophie den
+ganzen Besitz dessen, was im Schoße einer Kultur an mathematischen und
+philosophischen Möglichkeiten vorhanden war. Es gibt noch ganz andere
+Wege, das den Zahlen zugrunde liegende Urgefühl zu versinnlichen, das
+Gewordne und Ausgedehnte, sei es Stoff oder Raum, einem gestaltenden
+Prinzip zu unterwerfen. Am Anfang jeder Kultur steht ein archaischer
+Stil, den man nicht nur in der frühhellenischen Kunst hätte geometrisch
+nennen können. Es liegt etwas Gemeinsames, ausdrücklich Mathematisches
+im Dipylonstil der altgriechischen Grabvasen, im Tempelstil der 4.
+Dynastie Ägyptens mit seiner unbedingten Herrschaft der geraden Linie
+und des rechten Winkels, im hieratischen Stil der altchristlichen
+Sarkophagreliefs und im romanischen Ornament. Jede Linie, jede
+menschliche oder Tierfigur mit ihrer gar nicht imitativen Tendenz
+offenbart hier ein mystisches Zahlendenken in unmittelbarer Beziehung
+auf das Geheimnis und den Kult des Todes (des Starren).
+
+Gotische Dome und dorische Tempel sind +steingewordne Mathematik+.
+Gewiß hat Pythagoras die antike Zahl als das Prinzip einer Weltordnung
++greifbarer+ Dinge, als +Maß oder Größe+, wissenschaftlich erfaßt.
+Aber sie wurde eben damals, ebenfalls als schöne Ordnung von
+sinnlich-körperhaften Einheiten, durch den strengen Kanon der
+hellenischen Statue und der dorischen wie ionischen Säulenordnung
+zum Ausdruck gebracht. Alle großen Künste sind ebensoviel Arten
+zahlenmäßiger bedeutungsvoller Grenzgebung. Man denke an das
+Raumproblem in der Malerei. Eine hohe mathematische Begabung kann auch
+ohne jede Wissenschaft produktiv sein und zum vollen Bewußtsein ihrer
+selbst gelangen. Man wird doch angesichts des gewaltigen Zahlensinnes,
+den die Raumgliederung der Pyramidentempel, die Bau-, Bewässerungs-
+und Verwaltungstechnik, vom ägyptischen Kalender ganz zu schweigen,
+schon im Alten Reiche um 2800 v. Chr. voraussetzt, nicht behaupten
+wollen, daß das wertlose „Rechenbuch des Ahmes“ aus dem Neuen Reiche
+das Niveau der ägyptischen Mathematik bezeichne. Die Eingebornen
+Australiens, deren Geist durchaus der Stufe des Urmenschen angehört,
+besitzen einen mathematischen Instinkt oder, was dasselbe ist,
+einen noch nicht durch Worte und Zeichen bewußt gewordnen Schatz an
+Zahlen, der in bezug auf die Interpretation reiner Räumlichkeit den
+griechischen bei weitem übertrifft. Sie haben als Waffe den Bumerang
+erfunden, dessen Wirkung auf eine gefühlsmäßige Vertrautheit mit
+Zahlenarten schließen läßt, die wir der höheren geometrischen Analysis
+zuweisen würden. Sie besitzen +dementsprechend+ -- aus einem später zu
+erläuternden Zusammenhange -- ein äußerst kompliziertes Zeremoniell
+und eine so feine sprachliche Abstufung der Verwandtschaftsgrade,
+wie sie nirgends, selbst in hohen Kulturen nicht, wieder beobachtet
+worden ist. Dem entspricht es, daß die Griechen in ihrer reifsten
+Zeit unter Perikles in Analogie zur euklidischen Mathematik weder
+einen Sinn für das Zeremoniell des öffentlichen Lebens noch für die
+Einsamkeit besaßen, sehr im Gegensatz zum Barock, das neben der
+Analysis des Raumes den Hof des Sonnenkönigs und ein auf dynastischen
+Verwandtschaften beruhendes Staatensystem entstehen sah.
+
+Es ist der Stil einer Seele, der in einer Zahlenwelt, aber nicht in
+ihrer wissenschaftlichen Fassung allein zum Ausdruck kommt.
+
+
+3
+
+Daraus folgt ein entscheidender Umstand, der den Mathematikern selbst
+bisher verborgen geblieben ist.
+
++Eine Zahl an sich gibt es nicht und kann es nicht geben.+ Es gibt
+mehrere Zahlenwelten, weil es mehrere Kulturen gibt. Wir finden einen
+indischen, arabischen, antiken, abendländischen Zahlentypus, jeder
+von Grund aus etwas Eignes und Einziges, jeder Ausdruck eines andern
+Weltgefühls, jeder Symbol von einer auch wissenschaftlich genau
+begrenzten Gültigkeit, Prinzip einer Ordnung des Gewordnen, in der sich
+das tiefste Wesen einer einzigen und keiner andern Seele spiegelt,
+derjenigen, welche Mittelpunkt gerade dieser und keiner andern Kultur
+ist. Es gibt demnach mehr als eine Mathematik. Denn ohne Zweifel ist
+das architektonische System der euklidischen Geometrie ein ganz andres
+als das der kartesischen, die Analysis von Archimedes eine andre als
+die von Gauß, nicht nur der Formensprache, der Absicht und den Mitteln
+nach, sondern vor allem in der Tiefe, im ursprünglichen Phänomen der
+Zahl, dessen wissenschaftliche Entwicklung sie darstellt. Diese im
+Geiste und durch den Geist empfangene Zahl, das Grenzerlebnis, das in
+ihr mit innerster Notwendigkeit versinnlicht und Form geworden ist,
+mithin auch die gesamte Natur, die ausgedehnte Welt, deren Bild durch
+diese spontane Grenzgebung entstand und die immer nur der Behandlung
+durch eine einzige Art von Mathematik zugänglich ist, das alles spricht
+nicht vom allgemeinen, sondern jedesmal von einem ganz bestimmten
+Menschentum.
+
+Es hängt also für den Stil einer entstehenden Mathematik alles
+davon ab, in welcher Kultur sie wurzelt, was für Menschen über sie
+nachdenken. Denn die Zahl geht dem Geiste vorauf, nicht umgekehrt.
+Zahlen sind schöpferische, nicht geschaffene Wesenheiten. Der
+Geist kann die in ihnen verborgnen formalen Möglichkeiten zur
+wissenschaftlichen Entfaltung bringen, sie handhaben, an ihrer
+Behandlung zur höchsten Reife gelangen; sie zu modifizieren ist er
+völlig außerstande. In den frühesten Formen des Ornaments und der
+Architektur, schon in der dorischen Säule und der Kathedralgotik ist
+die Idee der euklidischen Geometrie und der Infinitesimalrechnung
+verwirklicht, Jahrhunderte bevor der erste Mathematiker dieser Kulturen
+geboren wurde.
+
+Ein tiefes inneres Erlebnis, das eigentliche +Erwachen des
+Ich+, welches das Kind zum höhern Menschen, zum Gliede der
+ihm angehörigen Kultur macht, bezeichnet den Beginn des Zahlen-
+wie des Sprachverständnisses. Erst von hier an gibt es für das
+Bewußtsein Gegenstände als etwas in jedem Betrachte Begrenztes und
+Wohlunterschiedenes, erst von hier an genau bestimmbare Eigenschaften,
+Begriffe, eine kausale Notwendigkeit, ein +System+ der Umwelt,
+eine +Weltform+, +Weltgesetze+ -- das „Gesetzte“ ist seiner
+Natur nach immer das Begrenzte, Starre, den Zahlen Unterworfene --
+und ein plötzliches Gefühl dafür, was Zahlen, sei es in Gestalt
+einer bildenden Kunst oder einer mathematischen Wissenschaft,
++bedeuten+. Man begreift, daß sie dem Urmenschen wie dem Kinde
+noch verschlossen sind und daß eine entscheidende -- historische oder
+biographische -- Epoche eintritt, sobald der in seiner Bedeutung
+erfaßte Akt des Zählens, Messens, Zeichnens, Formens eine ganz neue
+Welt aus einem neu erschlossenen Innenleben hervorgehen läßt. Dies
+Erlebnis aber, mit dem der +große Stil+ beginnt, +trennt+
+Kulturen, Arten der Seele +als Individuen+ aus dem primitiv
+Menschlichen ab.
+
+Nun hat Kant den Besitz menschlichen Wissens nach Synthesen a priori
+(notwendig und allgemeingültig) und a posteriori (aus Erfahrung
+stammend) eingeteilt und die mathematische Erkenntnis den ersteren
+zugerechnet. Zweifellos hat er damit ein starkes inneres Gefühl in
+eine abstrakte Fassung gebracht. Aber ganz abgesehen davon, daß eine
+scharfe Grenze zwischen beiden, wie sie nach der ganzen Herkunft
+des Prinzips unbedingt gefordert werden müßte, nicht vorhanden ist
+(wofür die moderne höhere Mathematik und Mechanik mehr als hinreichend
+Beispiele gibt), erscheint auch das a priori, sicherlich eine der
+genialsten Konzeptionen aller Erkenntniskritik, als ein höchst
+schwieriger Begriff. Kant setzt mit ihm, ohne sich die Mühe eines
+Beweises zu geben -- der sich auch gar nicht erbringen läßt --,
+sowohl die +Unveränderlichkeit der Form+ aller Geistestätigkeit
+als ihre +Identität für alle Menschen+ voraus. Infolgedessen
+ist ein Umstand von gar nicht zu überschätzender Tragweite völlig
+übersehen worden, vor allem deshalb, weil Kant bei der Prüfung seiner
+Gedanken nur das geistige Material und den intellektuellen Habitus
+seiner Zeit zu Rate zog. Er betrifft den +schwankenden Grad+
+dieser „Allgemeingültigkeit“. Neben gewissen Faktoren von zweifellos
+weitreichender Geltung, die wenigstens scheinbar unabhängig davon
+sind, zu welcher Kultur, in welches Jahrhundert der Erkennende gehört,
+liegt allem Denken auch noch eine ganz andere Notwendigkeit der Form
+zugrunde, welcher der Mensch eben als Glied +einer bestimmten und
+keiner anderen+ Kultur unterworfen ist. Das sind nun zwei sehr
+verschiedene Arten des apriorischen Gehaltes und es ist eine nie zu
+beantwortende, weil jenseits aller Erkenntnismöglichkeiten liegende
+Frage, welches die Grenze zwischen ihnen ist und ob es eine solche
+überhaupt gibt. Daß die bisher als selbstverständlich geltende Konstanz
+der geistigen Formen eine Illusion ist, daß es innerhalb der uns
+vorliegenden Geschichte mehr als einen +Stil des Erkennens+ gibt,
+hat man bisher nicht anzunehmen gewagt. Aber es sei daran erinnert,
+daß der consensus omnium nicht nur eine allgemeine Wahrheit, sondern
+auch einen allgemeinen Irrtum beweisen kann. Ein dunkler Zweifel
+war allenfalls immer da und man hätte das Richtige schon aus der
+Nichtübereinstimmung sämtlicher Denker erschließen sollen. Aber daß
+diese nicht auf eine Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, auf
+ein „Noch nicht“ einer endgültigen Erkenntnis zurückgeht, kein Mangel,
+sondern eine schicksalhafte historische Notwendigkeit ist -- das ist
+eine +Entdeckung+. Das Tiefste und Letzte kann nicht aus der
+Konstanz, sondern allein aus der +Verschiedenheit+ und nur aus
+der +organischen Periodizität+ dieser Verschiedenheit erschlossen
+werden. Die +vergleichende Morphologie der Erkenntnisformen+ ist
+eine Aufgabe, die dem abendländischen Denken noch vorbehalten ist.
+
+
+4
+
+Wäre Mathematik eine bloße Wissenschaft wie die Astronomie oder
+Mineralogie, so würde man ihren Gegenstand definieren können. Man kann
+es nicht und hat es nicht gekonnt. Mögen wir Westeuropäer auch den
+eignen wissenschaftlichen Zahlbegriff gewaltsam auf das anwenden, was
+die Mathematiker in Athen und Bagdad beschäftigte, so viel ist sicher,
+daß Thema, Absicht und Methode der gleichnamigen Wissenschaft dort ganz
+andre waren. +Es gibt keine Mathematik, es gibt nur Mathematiken.+
+Was wir Geschichte „der“ Mathematik nennen, vermeintlich die
+fortschreitende Verifikation eines einzigen und unveränderlichen
+Ideals, ist in der Tat, sobald man das täuschende Bild der historischen
+Oberfläche beseitigt, eine +Mehrzahl+ in sich geschlossener,
+unabhängiger Prozesse, eine wiederholte Geburt neuer, ein Aneignen,
+Umbilden und Abstreifen fremder Formenwelten, ein rein organisches, an
+eine bestimmte +Dauer+ gebundenes Aufblühen, Reifen, Welken und
+Sterben. Man lasse sich nicht täuschen. Der ahistorische griechische
+Geist schuf seine Mathematik aus dem Nichts; der historisch angelegte
+Geist des Abendlandes, der die +angelernte+ antike Wissenschaft
+schon besaß -- äußerlich, nicht innerlich --, mußte die eigne durch ein
+scheinbares Ändern und Verbessern, durch ein tatsächliches Vernichten
+der ihm inadäquaten euklidischen gewinnen. Das eine geschah durch
+Pythagoras, das andere durch Descartes. Beide Akte sind in der Tiefe
++identisch+.
+
+Die Verwandtschaft der Formensprache einer Mathematik mit der der
+benachbarten großen Künste wird demnach keinem Zweifel unterliegen.
+Das Ziel jeder Mathematik ist ein in sich vollendetes System von
+Sätzen, das die synthetische Ordnung a priori des starren Ausgedehnten
+repräsentiert, dieselbe unablässig erstrebte Synthese, welche auch im
+Formproblem, jeder bildenden Kunst und in dem Ringen jedes einzelnen
+Künstlers um die technische Meisterschaft auf seinem Gebiete zutage
+tritt. Das Formgefühl des Bildhauers, Malers, Tondichters ist ein
+wesentlich mathematisches. In der geometrischen Analysis und der
+projektiven Geometrie des 17. Jahrhunderts offenbart sich dieselbe
+Ordnung, welche die gleichzeitige Instrumentalmusik fugierten Stils
+durch die Regeln des Kontrapunktes, dieser Geometrie des Tonraumes,
+welche die ihr verschwisterte Ölmalerei durch das Prinzip einer +nur
+dem Abendlande+ bekannten Perspektive, der gefühlten Geometrie des
+Bildraumes, ins Leben rufen, ergreifen, durchdringen möchte. Sie ist
+das, was Goethe +die Idee+ nannte, +deren Gestalt im Sinnlichen
+unmittelbar angeschaut werde+, während die bloße Wissenschaft nicht
+anschaue, sondern nur beobachte und zergliedere. Aber die Mathematik
+geht über Beobachten und Zergliedern hinaus. Sie verfährt in ihren
+höchsten Augenblicken intuitiv, nicht abstrahierend. Von Goethe stammt
+das tiefe Wort, daß der Mathematiker nur insofern vollkommen sei,
+als er das +Schöne des Wahren+ in sich empfinde. Hier wird man
+fühlen, wie nahe das Geheimnis im Phänomen der Zahl dem Geheimnis
+der Kunstform liegt, die ebenfalls in einer bedeutsamen Grenzgebung,
+im schönen Maß, in der abgewogenen Größe, der strengen Beziehung, der
+Harmonie, kurz in einer vollkommenen Ordnung von Sinnlichem ihr Ziel
+findet. Damit tritt der geborene Mathematiker neben die großen Meister
+der Fuge, des Meißels und des Pinsels, die ebenfalls jene große Ordnung
+aller Dinge, die der bloße Mitmensch ihrer Kultur in sich trägt, ohne
+sie wirklich zu besitzen, in Symbole kleiden, verwirklichen, mitteilen
+wollen. Damit wird das Reich der Zahlen zum intuitiven Abbild der
+Weltform neben dem Reich der Töne, Linien und Farben. Deshalb bedeutet
+das Wort „schöpferisch“ im Mathematischen mehr als in den bloßen
+Wissenschaften. Newton, Gauß, Riemann waren künstlerische Naturen. Man
+lese nach, wie ihre großen Konzeptionen sie plötzlich überfielen. „Ein
+Mathematiker,“ meinte der alte Weierstraß, „der nicht zugleich ein
+Stück von einem Poeten ist, wird niemals ein vollkommener Mathematiker
+sein.“
+
+Mathematik ist also +auch eine Kunst+. Sie hat ihre Stile und
+Stilperioden. Sie ist nicht, wie der Laie meint -- auch der Philosoph,
+insofern er hier als Laie urteilt --, der Substanz nach unveränderlich,
+sondern wie jede Kunst von Epoche zu Epoche unvermerkten Wandlungen
+unterworfen. Man sollte die Entwicklung der großen Künste nie
+behandeln, ohne auf die gleichzeitige Mathematik einen gewiß nicht
+unfruchtbaren Seitenblick zu werfen. Einzelheiten in den sehr tiefen
+Beziehungen zwischen den Tendenzen der Musiktheorie von Orlando Lasso
+an und den Entwicklungsphasen der Funktionentheorie sind niemals
+untersucht worden, obwohl die Ästhetik mehr daraus hätte lernen können
+als aus aller „Psychologie“. Alle ganz großen Mathematiker seit
+Fermat, Pascal und Descartes (1630) sind transzendente Analytiker,
+alle antiken von Pythagoras an (540) anschaulich-körperhaft denkende
+Naturen gewesen. Soll ich noch einmal auf die enge Verwandtschaft
+dieser Begabungen mit der anbrechenden Blütezeit dort der reinen
+Instrumentalmusik, hier der ionischen Marmorskulptur hinweisen? Die
+antike Mathematik, ursprünglich beinahe rein planimetrisch, zeigt
+in der Entwicklung von Pythagoras zu Archimedes eine Tendenz zum
+stereometrischen Denken +alles+ Zahlenmäßigen. Dem entspricht
+die Tendenz der Flächenmalerei attisch-korinthischen Stils über das
+der Fläche aufgesetzte Relief hinaus zur Rundplastik. Die Statue ging
+teils aus der figürlich -- reliefmäßig -- behandelten Säule (Hera des
+Cheramyes), teils aus der zur Wandverkleidung dienenden Holz- oder
+Erztafel (Artemis der Nikandre) hervor. Sowohl das Holz wie der Poros
+wurden mit dem Schnitzmesser bearbeitet und erst die Behandlung des
+Marmors mit dem Meißel entsprach ganz dem künstlerischen Gefühl der
+Schöpfung eines +Körpers+. Aber das Entsprechende geschieht im
+Abendlande. Während die auch weiterhin so genannte Geometrie sich zur
+Analysis des +reinen Raumes+ umbildet, aus der Schritt für Schritt
+das unmittelbar Optische beseitigt wird -- man beachte, wie weit schon
+der Koordinatenbegriff von Descartes über den von Fermat hinausgeht --,
+gewinnt die Instrumentalmusik ihre neuen Ausdrucksmittel. Seit 1520
+beginnt die in Oberitalien erfundene Geige die Laute zu verdrängen.
+Das Fagott ist seit 1525 bekannt. In Deutschland hat sich während
+des 16. und 17. Jahrhunderts die Orgel zum +raumbeherrschenden+
+Instrument entwickelt. Monteverdi (1567-1643), der mit der Einführung
+des Dominantseptakkordes die eigentliche Chromatik begründet, besaß
+das erste wirkliche Orchester und um 1630 erscheint mit Frescobaldi
+der erste große Orgelvirtuose. Und neben der analysis situs, dieser
+Meisterschöpfung von Leibniz, steht die mächtige Raumsymbolik der
+letzten Werke Rembrandts, der 1669 starb -- die des Selbstbildnisses in
+München, des Darmstädter Christus und des Evangelisten Matthäus.
+
+Sicherlich unterscheidet auch dies das Formwollen jeder Mathematik
+von den rein wissenschaftlichen Absichten aller Physik und Chemie
+und rückt sie in die Nähe der bildenden Künste, daß ihr Element, die
+starren Zahlen, seien sie nun optisch oder transzendent aufgefaßt,
+keine empirischen Wirklichkeiten sind, sondern reine Formen des
+Ausgedehnten wie ornamentale Linien und musikalische Harmonien,
+ihr Verfahren also, mit Kant zu reden, synthetisch, künstlerisch
+gesprochen +Komposition+ ist, in welcher der echte Künstler einem
++höheren Zwange -- dem „a priori“ Kants+ -- unterliegt. Das
+mag in den populären Teilen einer Mathematik weniger hervortreten,
+aber die Zahlengebilde höherer Ordnung, zu denen jede von ihnen und
+im Unterschiede von jeder andern alsbald aufsteigt, wie das indische
+Dezimalsystem, die antiken Gruppen der Kegelschnitte, der Primzahlen
+und der regelmäßigen Polyeder, im Abendlande der Zahlkörper, die
+mehrdimensionalen Räume, die höchst transzendenten Gebilde der
+Transformations- und Mengenlehre, die Gruppe der nichteuklidischen
+Geometrien, sind nicht mehr von rein verstandesmäßiger Herkunft und
+setzen, um in ihren letzten, völlig metaphysischen Gründen durchschaut
+zu werden, eine Art visionärer Erleuchtung voraus. Hier handelt es
+sich um ein inneres Erlebnis, nicht nur um Erkenntnis. Erst hier
+beginnt die +große+ Symbolik der Zahlen. Diese Formen, wie sie im
+Geiste großer Meister im Namen ihrer Kultur, als Ausdruck der letzten
+Geheimnisse ihres Weltgefühls entstehen, offenbaren dem Eingeweihten
+etwas wie den Urgrund seines Daseins. Diese Schöpfungen muß man wie
+das Innere eines Domes, wie die Verse der Engel im Faustprolog oder
+eine Kantate von Bach auf sich wirken lassen, wozu es glücklicher und
+seltener Stunden bedarf. Nur wer dies vermag, und es wird immer nur
+eine sehr kleine Zahl reifer Geister sein, begreift Plato, wenn er die
+ewigen Ideen seines Kosmos „+die Zahlen+“ nannte.
+
+
+5
+
+Als man im Kreise der Pythagoräer um 540 zu der Einsicht kam, daß
++das Wesen aller Dinge die Zahl+ sei, da wurde nicht „in der
+Entwicklung der Mathematik ein Schritt vorwärts getan“, sondern es
+wurde eine ganz neue Mathematik aus der Tiefe des antiken Seelentums
+geboren, als selbstbewußte Theorie, nachdem sie in metaphysischen
+Problemen und künstlerischen Formtendenzen sich längst angekündigt
+hatte. Eine neue Mathematik, wie die stets ungeschrieben gebliebene
+der ägyptischen und wie die algebraisch-astronomisch gestaltete der
+babylonischen Kultur mit ihren ekliptischen Koordinatensystemen, die
+beide in einer großen Stunde der Geschichte einmal geboren worden und
+damals längst erloschen waren. Die zur Römerzeit schon greisenhafte
+antike Mathematik verschwand aus dem lebendigen Werden trotz ihres
+noch heute währenden Scheindaseins in unsrer Bezeichnungsweise,
+um viel später und in einer entfernten Landschaft der arabischen
+Platz zu machen; auf diese längst erstorbene folgte nach langer
+Zwischenzeit, wieder als eine ganz neue Schöpfung eines neuen
+Bodens, die abendländische, +unsere+ Mathematik, die wir in
+seltsamer Verblendung als die Mathematik, den Gipfel und das Ziel
+einer zweitausendjährigen Entwicklung ansehen und deren heute fast
+abgelaufene Jahrhunderte ebenso streng bemessen sind.
+
+Jener Ausspruch, daß die Zahl das Wesen aller +sinnlich greifbaren+
+Dinge darstelle, ist der wertvollste der antiken Mathematik geblieben.
+Mit ihm ist die Zahl als +Maß+ definiert. Darin liegt das ganze
+Weltgefühl einer dem +Jetzt und Hier+ leidenschaftlich zugewendeten
+Seele. Messen in diesem Sinne heißt etwas Nahes und Körperhaftes
+messen. Denken wir an den Inbegriff des antiken Kunstwerkes, die
+freistehende Bildsäule eines nackten Menschen: Hier ist alles
+Wesentliche und Bedeutsame des Daseins, sein ganzes Ethos, erschöpfend
+durch Flächen, Maße und die sinnlichen Verhältnisse der Teile gegeben.
+Der pythagoräische Begriff der Harmonie der Zahlen, obwohl vielleicht
+aus der -- monophonen -- Musik abgeleitet, scheint durchaus für das
+Ideal dieser Plastik geprägt zu sein. Der behandelte Stein ist nur
+insofern ein Etwas, als er abgewogene Grenzen und gemessene Form
+besitzt, als das, was er unter dem Meißel des Künstlers +geworden+ ist.
+Abgesehen davon ist er ein +Chaos+, etwas noch nicht Verwirklichtes,
+vorläufig also ein Nichts. Dies Gefühl, ins Große übertragen, schafft
+als Gegensatz zum Chaos den +Kosmos+, die Außenwelt der antiken Seele,
+die harmonische Ordnung aller wohlbegrenzten und greifbar gegenwärtigen
+Einzeldinge. Die Summe dieser Dinge ist bereits die +ganze Welt+. Der
+Abstand zwischen ihnen, +unser+ mit dem ganzen Pathos eines großen
+Symbols erfüllter Weltraum, ist nichts, τὸ μὴ ὄν. Ausdehnung heißt für
+den antiken Menschen Körperlichkeit, für uns Raum, als dessen Funktion
+die Dinge „erscheinen“. Von hier aus rückwärts blickend enträtseln wir
+vielleicht den tiefsten Begriff der antiken Metaphysik, das ἄπειρον
+Anaximanders, das sich in keine Sprache des Abendlandes übersetzen
+läßt: es ist das, was keine „Zahl“ im pythagoräischen Sinne besitzt,
+keine gemessene Größe und Grenze, kein Wesen also; das Maßlose, die
+Unform, eine Statue, die noch nicht aus dem Blocke herausgemeißelt ist.
+Dies ist die ἀρχή, das optisch Grenzen- und Formlose, das erst durch
+Grenzen, sinnliche Vereinzelung ein Etwas, die Welt nämlich, wird. Es
+ist das, was der antiken Erkenntnis als Form a priori zugrunde liegt,
+Körperlichkeit an sich, und an dessen Stelle im kantischen Weltbilde
+genau entsprechend der absolute Raum erscheint, aus dem Kant sich
+angeblich „alle Dinge fortdenken konnte“.
+
+Man wird jetzt begreifen, was eine Mathematik von der andern, was
+insbesondere die antike von der abendländischen scheidet. Das reife
+antike Denken konnte seinem ganzen Weltgefühl nach in der Mathematik
+nur die Lehre von den Größen-, Maß- und Gestaltverhältnissen
+leibhafter Körper sehen. Wenn Pythagoras aus diesem Gefühl heraus
+die entscheidende Formel aussprach, so war eben für ihn die Zahl ein
++optisches+ Symbol, nicht Form überhaupt oder abstrakte Beziehung,
+sondern das Grenzzeichen des Gewordnen, insofern dieses in sinnlich
+übersehbaren Einzelheiten auftritt. Zahlen werden von der gesamten
+Antike ohne Ausnahme, als Maßeinheiten, als Größen, Strecken, Flächen
+aufgefaßt. Eine andre Art Ausdehnung ist ihr nicht vorstellbar. Alle
+antike Mathematik ist im letzten Grunde +Stereometrie+. Euklid,
+der im 3. Jahrhundert ihr System abschloß, meint, wenn er von einem
+Dreieck spricht, mit innerster Notwendigkeit die Grenzfläche eines
+Körpers, niemals ein System dreier sich schneidender Geraden oder eine
+Gruppe dreier Punkte im Raume von drei Dimensionen. Er bezeichnet die
+Linie als „Länge ohne Breite“ (μῆκος ἀπλατές). In unserm Munde wäre
+diese Definition kläglich gewesen. Innerhalb der antiken Mathematik ist
+sie ausgezeichnet.
+
+Auch die abendländische Zahl ist nicht, wie Kant und selbst Helmholtz
+dachten, aus der „apriorischen Anschauungsform der Zeit“ entwickelt,
+sondern als Ordnung gleichartiger Einheiten etwas spezifisch
+Räumliches. Die Zeit hat, wie sich immer deutlicher zeigen wird, mit
+mathematischen Dingen nicht das Geringste zu tun. Zahlen gehören
+ausschließlich in die Sphäre des Ausgedehnten. Aber es gibt so viele
+Möglichkeiten und also Notwendigkeiten, Ausgedehntes geordnet
+vorzustellen, als es Kulturen gibt. Die antike Zahl ist nicht ein
+Denken räumlicher Beziehungen, sondern +für das leibliche Auge+
+abgegrenzter, greifbarer Einheiten. Die Antike kennt deshalb -- das
+folgt mit Notwendigkeit -- nur die „+natürlichen+“ (+positiven
+ganzen+) Zahlen, die unter den vielen, höchst abstrakten Zahlenarten
+der abendländischen Mathematik, den komplexen, hyperkomplexen,
+nichtarchimedischen u. a. Systemen eine durch nichts ausgezeichnete
+Rolle spielen.
+
+Deshalb ist die Vorstellung irrationaler Zahlen, in unsrer Schreibweise
+also unendlicher Dezimalbrüche, dem griechischen. Geiste unvollziehbar
+geblieben. Euklid sagt -- und man hätte ihn besser verstehen sollen
+--, daß inkommensurable Strecken sich „+nicht wie Zahlen+“
+verhalten. In der Tat liegt im vollzogenen Begriff der irrationalen
+Zahl die völlige Trennung des +Zahlbegriffs+ vom Begriff der
++Größe+ und zwar deshalb, weil eine solche Zahl, π z. B., niemals
+abgegrenzt oder exakt durch eine Strecke dargestellt werden kann.
+Daraus folgt aber, daß in der Vorstellung z. B. des Verhältnisses der
+Quadratseite zur Diagonale die antike Zahl, die eben +sinnliche+
+Grenze, +abgeschlossene Größe+ und nichts andres ist, eine
+ganz andre Zahlidee berührt, die dem antiken Weltgefühl im tiefsten
+Innern fremd und darum unheimlich ist, als sei man nahe daran, ein
+gefährliches Geheimnis des eignen Daseins aufzudecken. Dies verrät
+ein seltsamer spätgriechischer Mythus, wonach derjenige, welcher
+zuerst die Betrachtung des Irrationalen aus dem Verborgnen an die
+Öffentlichkeit brachte, durch einen Schiffbruch umgekommen sei, „weil
+das Unaussprechliche und Bildlose immer verborgen bleiben solle“.
+Wer die Angst fühlt, welche diesem Mythus zugrunde liegt -- es ist
+dieselbe, welche den Griechen der reifsten Zeit vor der Ausdehnung
+seiner winzigen Stadtstaaten zu politisch organisierten Landschaften,
+vor der Anlage weiter Straßenfluchten und Alleen mit Fernblicken
+und berechneten Abschlüssen, vor der babylonischen Astronomie mit
+ihrer Durchdringung endloser Sternenräume und vor dem Verlassen des
+Mittelmeeres auf Bahnen, welche die Schiffe der Ägypter und Phöniker
+längst erschlossen hatten, immer wieder zurückschrecken ließ, die tiefe
+metaphysische Angst vor der Auflösung des Greifbar-Sinnlichen und
+Gegenwärtigen, mit dem sich das antike Dasein wie mit einer Schutzmauer
+umgeben hatte, hinter der etwas Unheimliches, ein Abgrund und Urgrund
+dieses gewissermaßen künstlich geschaffenen und behaupteten Kosmos
+schlief --, wer dies Gefühl begreift, der hat auch den letzten Sinn
+der antiken Zahl, +des Maßes im Gegensatz zum Unermeßlichen+ und
+das hohe religiöse Ethos in ihrer Beschränkung begriffen. Goethe,
+als Künstler, hat es sich wenigstens in seinen Naturstudien mit
+Leidenschaft zu eigen gemacht -- daher seine fast ängstliche Polemik
+gegen die Mathematik, die sich in Wirklichkeit, was noch niemand recht
+verstanden hat, instinktiv durchaus gegen die +nichtantike+
+Mathematik, die der Naturlehre seiner Zeit zugrunde liegende
+Infinitesimalrechnung richtete.
+
+Die antike Religiosität sammelt sich mit steigender Ausdrücklichkeit in
+sinnlich gegenwärtigen -- +ortsgebundenen+ -- Kulten, die allein
+jenes bildhafte, immernahe Göttertum repräsentieren. Abstrakte, in den
+heimatlosen Räumen des Denkens verschwebende +Dogmen+ sind ihm
+immer fern geblieben. Kult und Dogma verhalten sich wie die Statue zur
+Orgel im Dom. Es haftet der euklidischen Mathematik zweifellos etwas
+Kultisches an. Man denke an die Lehre von den regelmäßigen Polyedern
+und ihre Bedeutung für die Esoterik des platonischen Kreises. Dem
+entspricht andrerseits eine tiefe Verwandtschaft der Analysis des
+Unendlichen von Descartes an mit der gleichzeitigen Dogmatik in ihrem
+Fortschreiten zu einem reinen, von allen sinnlichen Bezügen gelösten
+Deismus. Voltaire, Lagrange und d’Alembert sind Zeitgenossen. Man
+empfand aus dem antiken Seelentum heraus das Prinzip des Irrationalen,
+also die Zerstörung der statuarischen Reihe der ganzen Zahlen, der
+Repräsentanten einer in sich vollkommenen Weltordnung, als einen Frevel
+gegen das Göttliche selbst. Bei Plato, im Timäus, ist dies Gefühl
+unverkennbar. Mit der Verwandlung der diskontinuierlichen Zahlenreihe
+in ein Kontinuum wird in der Tat nicht nur der antike Zahlbegriff,
+sondern der Begriff der antiken Welt selbst in Frage gestellt. Man
+begreift nun, daß nicht einmal die uns ohne Schwierigkeit vorstellbaren
++negativen+ Zahlen, geschweige denn die +Null als Zahl+ --
+welche für die indische Seele, die sie zuerst konzipiert hat, einen
+ganz entscheidenden metaphysischen Akzent besitzt -- in der antiken
+Mathematik möglich sind. Negative +Größen+ gibt es nicht. Der
+Ausdruck -2. -3 = +6 ist weder anschaulich noch eine Größenvorstellung.
+Mit +1 ist die Größenreihe zu Ende. In der graphischen Darstellung
+negativer Zahlen
+
+ (+3 +2 +1 0 -1 -2 -3)
+ (.---.---.---.---.---.---)
+
+werden von Null an die Strecken plötzlich +positive Symbole+ von
+etwas Negativem. Sie +bedeuten+ etwas, sie +sind+ nichts mehr.
+Negative Zahlen sind nicht Größen, sondern etwas, das durch Größen nur
+angedeutet werden kann. Die Vollziehung dieses Aktes lag aber nicht in
+der Richtung des antiken Zahlendenkens.
+
+Alles aus antikem Geist Geborene ist also allein durch plastische
+Begrenztheit zum Range eines Wirklichen erhoben worden. Was sich nicht
+zeichnen läßt, ist nicht „Zahl“. Plato, Archytas und Eudoxos reden
+von Flächen- und Körperzahlen, wenn sie unsere zweiten und dritten
+Potenzen meinen, und es versteht sich von selbst, daß der Begriff
+höherer ganzzahliger Potenzen für sie nicht vorhanden ist. Eine Potenz
+vierten Grades würde aus dem plastischen Grundgefühl, das sofort eine
+vierdimensionale Ausgedehntheit substituiert, Unsinn sein. Ein Ausdruck
+gar wie e^{-ix}, der in unsern Formeln ständig erscheint, oder auch nur
+die schon im 14. Jahrhundert von Oresme verwandte Bezeichnung 5^{1/2}
+wären ihnen völlig absurd erschienen. Euklid nennt die Faktoren eines
+Produkts Seiten (πλευραί). Man rechnet mit Brüchen -- endlichen, wie
+sich versteht --, indem man das ganzzahlige Verhältnis zweier Strecken
+untersucht. Eben deshalb kann die Idee der Zahl Null gar nicht in
+Erscheinung treten, denn sie hat zeichnerisch keinen Sinn. Man wende
+nicht von der Gewöhnung unseres anders angelegten Denkens her ein, daß
+dies eben die „Urstufe“ in der Entwicklung „der“ Mathematik sei. Die
+antike Mathematik ist innerhalb der Welt, welche die antike Welt um
+sich herum schuf, etwas Vollkommenes. Sie ist es nur nicht +für uns+.
+Die babylonische und die indische Mathematik hatten das für das antike
+Zahlengefühl Unsinnige längst zu wesentlichen Bestandteilen +ihrer+
+Zahlenwelten gemacht, und mancher griechische Denker wußte darum. Die
+Mathematik, es sei noch einmal gesagt, ist eine Illusion. Wirklich
+ist, was dem eignen Seelentum adäquat und symbolisch bedeutend ist.
+Dies allein ist „denknotwendig“, das andre ist unmöglich, verfehlt,
+unsinnig, oder, wie wir mit dem Hochmut historischer Geister zu sagen
+vorziehen, „primitiv“. Die moderne Mathematik, ein Meisterstück des
+abendländischen Geistes -- „wahr“ allerdings nur für ihn --, wäre
+Plato als lächerliche und mühselige Verirrung auf dem Wege erschienen,
+der +wahren+ Mathematik, der antiken natürlich, beizukommen; und wir
+machen uns sicherlich kaum eine Vorstellung davon, was alles an großen
+Konzeptionen fremder Kulturen wir haben untergehen lassen, weil wir
+es aus +unserem+ Denken und dessen Grenzen heraus nicht assimilieren
+konnten oder, was dasselbe ist, weil wir es als falsch, überflüssig und
+sinnlos empfanden.
+
+
+6
+
+Die antike Mathematik als Lehre von anschaulichen Größen will
+ausschließlich die Tatsachen des Gegenwärtigen deuten, und sie
+beschränkt also ihre Forschung wie ihren Geltungsbereich auf
+Gegenstände der Nähe und des Kleinen. Dieser Konsequenz gegenüber
+ergibt sich etwas sehr Unlogisches im praktischen Verhalten der
+abendländischen Mathematik, was eigentlich erst seit Entdeckung der
+nichteuklidischen Geometrien recht erkannt worden ist. Zahlen sind
+reine Formen des erkennenden Geistes. Ihre exakte Anwendbarkeit auf
+die reale Anschauung ist also ein Problem für sich. Die Kongruenz
+mathematischer Systeme mit der Empirie ist nichts weniger als
+selbstverständlich. Trotz des Laienvorurteils von der unmittelbaren
+mathematischen Evidenz der Anschauung, wie es sich bei Schopenhauer
+findet, stimmt die euklidische Geometrie, welche mit der populären
+Geometrie aller Zeiten eine oberflächliche Identität besitzt, nur in
+sehr engen Grenzen („auf dem Papier“) mit der Anschauung annähernd
+überein. Wie es bei großen Entfernungen steht, lehrt die einfache
+Tatsache, daß Parallelen sich am Horizont berühren. Die gesamte
+malerische Perspektive beruht auf ihr. Trotzdem ging Kant, der
+für einen abendländischen Denker in unverzeihlicher Weise vor der
+„Mathematik der Fernen“ auswich und sich stets, ganz „antik“, auf
+winzige Figuren berief, an denen gerade ihrer Kleinheit wegen das
+spezifisch abendländische, das infinitesimale Raumproblem gar nicht
+in Erscheinung treten konnte, von einer naiven Größenvergleichung
+aus. Euklid vermied es ebenfalls, aber für einen antiken Denker mit
+Recht, sich für die anschauliche Gewißheit seiner Axiome etwa auf ein
+Dreieck zu berufen, dessen Punkte durch den Standort des Beobachters
+und zwei Fixsterne gebildet werden, das also weder gezeichnet noch
+„angeschaut“ werden kann. Es war hier dasselbe Gefühl wirksam, das
+vor dem Irrationalen zurückschreckte und das Nichts nicht als Null,
+als Zahl, zu begreifen wagte, das also auch im Anschauen kosmischer
+Verhältnisse dem Unermeßlichen aus dem Wege ging, um das Symbol des
+Maßes zu bewahren.
+
+Aristarch von Samos, der um 270 das Weltsystem entwarf, welches bei
+seiner Wiederentdeckung durch Kopernikus die metaphysische Leidenschaft
+des Abendlandes im tiefsten erregte -- man denke an Giordano Bruno
+--, das eine Erfüllung gewaltiger Ahnungen und eine Bestätigung jenes
+faustischen, gotischen Weltgefühls war, das schon in der Architektur
+seiner Kathedralen der Idee des unendlichen Raumes ein Opfer
+dargebracht hatte, wurde mit seinem Gedanken von der Antike völlig
+gleichgültig aufgenommen und bald -- man möchte sagen absichtlich --
+vergessen. In der Tat ist das aristarchische Weltsystem für +diese+
+Kultur seelisch belanglos. Es wäre ihrer Grundidee sogar gefährlich
+geworden. Und doch war es im Unterschiede von dem des Kopernikus
+-- diese entscheidende Tatsache ist immer unbeachtet geblieben --
+durch eine besondere Fassung dem antiken Weltgefühl genau angepaßt.
+Aristarch nahm als +Abschluß+ des Kosmos eine körperlich durchaus
+begrenzte, optisch zu beherrschende +Hohlkugel+ an, in deren Mitte
+das kopernikanisch gedachte Planetensystem sich befindet. Damit war
+das Prinzip des Unendlichen, das den sinnlich-antiken Grenzbegriff
+gefährdet hätte, überwunden. Kein Gedanke an einen grenzenlosen
+Weltraum taucht auf, der hier schon unvermeidlich erscheint und
+dessen Konzeption dem babylonischen Denken längst gelungen war.
+Im Gegenteil. Archimedes beweist in seiner berühmten Schrift von
+der „Sandzahl“ -- wie schon das Wort verrät, der Widerlegung aller
+infinitesimalen Tendenzen, obwohl sie immer wieder als erster
+Schritt auf dem Wege zum modernen Integrationskalkül betrachtet
+wird --, daß dieser stereometrische Körper, denn etwas anderes ist
+der aristarchische Kosmos nicht, mit Atomen (Sand) erfüllt, zu +sehr
+großen+, aber +nicht zu unendlichen+ Resultaten führe. Das heißt aber
+gerade alles, was +uns+ die Analysis bedeutet, verneinen. Das Weltall
+unsrer Physik ist, wie die immer wieder scheiternden und sich dem
+Geiste von neuem aufdrängenden Hypothesen über den stofflich, d. h.
+mittelbar anschaulich gedachten Weltäther beweisen, die strengste
+Verleugnung aller materiellen Begrenztheit. Plato, Apollonius und
+Archimedes, sicherlich die feinsten und kühnsten Mathematiker der
+Antike, haben eine +rein optische+ Analysis des Gewordnen auf der
+Grundlage des plastisch-antiken Grenzwertes vollkommen durchgeführt.
+Sie gebrauchen tiefdurchdachte und uns schwer zugängliche Methoden
+einer Integralrechnung, die selbst mit der Methode des bestimmten
+Integrals von Leibniz nur scheinbare Ähnlichkeit besitzt, und sie
+wenden geometrische Örter und Koordinaten an, die durchaus benannte
+Maßzahlen und Strecken und nicht wie bei Fermat und vor allem bei
+Descartes unbenannte räumliche Beziehungen, Werte von Punkten in
+bezug auf ihre Lage im Raum sind. Hierher gehört vor allem die
+Exhaustionsmethode des Archimedes in seiner kürzlich entdeckten Schrift
+an Eratosthenes, wo er z. B. die Quadratur des Parabelsegments auf der
+Berechnung eingeschriebener Rechtecke (nicht mehr ähnlicher Polygone)
+begründet. Aber gerade die geistreiche, unendlich verwickelte Art,
+wie er in Anlehnung an gewisse geometrische Ideen Platos zum Resultat
+kommt, macht den ungeheuren Gegensatz zwischen dieser Intuition und der
+oberflächlich ähnlichen Pascals etwa fühlbar. Es gibt keinen schärferen
+Gegensatz hierzu -- wenn man vom Riemannschen Integralbegriff ganz
+absieht -- als die leider heute noch sogenannten Quadraturen, bei
+denen die „Fläche“ als durch eine Funktion begrenzt bezeichnet wird
+und von einer zeichnerischen Handhabe keine Rede mehr ist. Nirgends
+kommen beide Mathematiken einander so nahe und nirgends läßt sich
+die unüberschreitbare Kluft zweier Seelen, deren Ausdruck sie sind,
+gewisser fühlen.
+
+Die reinen Zahlen, deren Phänomen die Ägypter im Stil ihrer
+Tempelhallen, Pyramiden und Statuenreihen mit einer tiefen Furcht vor
+ihrem Ursprung gleichsam verbargen, waren auch für die Hellenen der
+Schlüssel zum Sinn des Gewordenen, +Starren und also Vergänglichen+.
+Die mathematische Zahl als formales Grundprinzip der ausgedehnten
+Welt, die nur +aus+ dem wachen menschlichen Bewußtsein und für dieses
+da ist, steht durch das Medium der kausalen Notwendigkeit zum +Tode+
+in Beziehung, wie die chronologische Zahl zum Werden, zum Leben, zur
+Notwendigkeit des Schicksals. Dieser Zusammenhang der mathematischen
+Form mit dem +Ende+ des organischen Seins, mit der Erscheinung seines
+anorganischen Restes, des Leichnams, wird sich immer deutlicher als
+der Ursprung aller großen Kunst enthüllen. Wir bemerkten schon die
+Entwicklung der frühen Ornamentik aus dem Bestattungskult. +Zahlen sind
+Symbole des Vergänglichen.+ Starre Formen verneinen das Leben. Formeln
+und Gesetze breiten Starrheit über das Bild der Natur. Zahlen töten. Es
+sind die Mütter Fausts, die hehr in Einsamkeit thronen, „in der Gebilde
+losgebundne Reiche
+
+ Gestaltung, Umgestaltung,
+ Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung,
+ Umschwebt von Bildern aller Kreatur.“
+
+Hier berühren sich Goethe und Plato im Ahnen eines letzten
+Geheimnisses. Die Mütter, das Unzugängliche -- Platos Ideen --
+bezeichnen die +Möglichkeiten+ eines Seelentums, seine ungeborenen
+Formen, welche sich in der sichtbaren, aus der Idee dieses Seelentums
+heraus mit innerster Notwendigkeit geordneten Welt als tätige und
+geschaffene Kultur, als Kunst, Gedanke, Staat, Religion verwirklicht
+haben. Hierauf beruht die Verwandtschaft des Zahlensystems einer Kultur
+mit deren Weltidee, eine Beziehung, die es über das bloße Wissen und
+Erkennen zur Bedeutung einer Weltanschauung erhebt und die bewirkt,
+daß es so viele Mathematiken -- Zahlenwelten -- gibt als es hohe
+Kulturen gibt. So allein wird es begreiflich und +notwendig+, daß
+die größten mathematischen Denker, bildende Künstler im Reiche der
+Zahlen, aus tief religiöser Intuition zur Auffindung der entscheidenden
+mathematischen Probleme ihrer Kultur gelangt sind. So hat man sich
+die Schöpfung der antiken, apollinischen Zahl durch Pythagoras,
+den +Stifter einer Religion+, zu denken. Dies Urgefühl hat
+Nicolaus Cusanus, den großen Bischof von Brixen, geleitet, als er
+um 1450 von der Betrachtung der Unendlichkeit Gottes in der Natur
+ausgehend die Grundzüge der Infinitesimalrechnung fand. Leibniz, der
+ihre Idee zwei Jahrhunderte später vollendete, hat selbst aus rein
+metaphysischen Betrachtungen über das göttliche Prinzip und seine
+Beziehung zum unendlichen Ausgedehnten die _analysis situs_
+entwickelt, vielleicht die genialste Interpretation des reinen, von
+allem Sinnlichen befreiten Raumes, deren reiche Möglichkeiten erst
+im 19. Jahrhundert durch Graßmann in seiner Ausdehnungslehre und
+Riemann in seiner Symbolik der zweiseitigen Flächen, welche die Natur
+von Gleichungen repräsentieren, entfaltet worden sind. Descartes,
+ein tiefer Christ aus dem Kreise von Port Royal, hat, einem innern
+Bedürfnis folgend, anläßlich seiner philosophisch-mathematischen
+Unterweisung die Pfalzgräfin Elisabeth und Gustav Adolfs Tochter,
+Königin Christine von Schweden, wieder zum Katholizismus bekehrt. Und
+Kepler wie Newton, beide streng religiöse Naturen, blieben sich, wie
+Plato, durchaus bewußt, gerade durch das Medium der Zahlen das Wesen
+einer göttlichen Weltordnung intuitiv erfaßt zu haben.
+
+
+7
+
+Erst Diophant hat, wie man immer hört, die antike Arithmetik aus ihrer
+sinnlichen Gebundenheit befreit, sie erweitert und fortgeführt und
+die Algebra als die Lehre von den unbestimmten Größen geschaffen.
+Das ist allerdings nicht eine Bereicherung, sondern eine vollkommene
+Überwindung des antiken Weltgefühls, und allein dies hätte beweisen
+sollen, daß Diophant der antiken Kultur innerlich nicht mehr angehörte.
+Ein neues Zahlengefühl oder sagen wir Grenzgefühl dem Wirklichen,
+Gewordnen gegenüber ist in ihm tätig, nicht mehr jenes hellenische, aus
+dessen sinnlich-gegenwärtigen Grenzwerten sich neben der euklidischen
+Geometrie der greifbaren Körper auch die sie nachbildende Plastik
+der nackten Statue entwickelt hatte. Einzelheiten der Ausbildung
+dieser +neuen+ Mathematik kennen wir nicht. Bei Diophant taucht
+unter der +Absicht+ euklidischer Gedankengänge jenes neue
+Grenzgefühl auf -- ich nenne es das +magische+ --, das sich seiner
+Gegensätzlichkeit zu der angestrebten antiken Fassung gar nicht
+bewußt ist. Die Idee der +Zahl als Größe+ wird nicht erweitert,
+sondern unvermerkt aufgelöst. Was eine +unbestimmte+ Zahl a und
+was eine +unbenannte+ Zahl 3 ist -- beides weder Größe noch Maß
+noch Strecke -- hätte ein Grieche gar nicht angeben können. Das neue,
+in diesen Zahlenarten inkarnierte Grenzgefühl liegt den diophantischen
+Betrachtungen wenigstens zugrunde; die uns geläufige Buchstabenrechnung
+selbst, in deren Gewande sich die inzwischen nochmals ganz umgedeutete
+Algebra heute darstellt, ist erst in fühlbarer, aber unbewußter
+Opposition gegen die antikisierende Renaissancerechnung 1591 durch
+Vieta eingeführt worden.
+
+Diophant lebte um 250 n. Chr., +also im dritten Jahrhundert der
+arabischen Kultur+, deren geschichtlicher Organismus bisher unter
+den Oberflächenformen der römischen Kaiserzeit und des „Mittelalters“
+verschüttet lag[26] und der alles angehört, was seit Beginn unserer
+Zeitrechnung in der Landschaft des kommenden Islam entstanden ist.
+Gerade damals erblich vor dem neuen Raumgefühl der Basiliken, Mosaiken
+und Sarkophagreliefs altchristlich-syrischen Stils der letzte Schatten
+der attischen Statuenplastik. Damals gab es wieder eine +archaische
+Kunst+ und ein streng geometrisches Ornament. Damals gerade
+vollendete Diokletian den +Khalifat+ des nur noch scheinbar
+römischen Reiches. 500 Jahre liegen zwischen Euklid und Diophant,
+zwischen Plato und Plotin, dem letzten, abschließenden Denker -- dem
++Kant+ -- einer vollendeten und dem ersten mystischen Geiste --
+dem +Dante+ -- einer eben erwachten Kultur.
+
+Hier berühren wir zum ersten Male das bisher unbekannte Phänomen
+jener großen Individuen, deren Werden, Wachsen und Welken unter einer
+tausendfarbigen verwirrenden Oberfläche die +eigentliche Substanz der
+Weltgeschichte+ bildet. Das im römischen Geiste dahinschwindende
+antike Seelentum, dessen „Leib“ die historische Wirklichkeit der
+antiken Kultur mit ihren Werken, Gedanken, Taten und Trümmern ist,
+war um 1100 v. Chr. aus der Landschaft des ägäischen Meeres geboren
+worden. Die seit Augustus im Osten unter der Decke antiker Zivilisation
+keimende arabische Kultur entstammt durchaus dem Schoße der Landschaft
+zwischen Nil und Euphrat, Kairo und Bagdad. Als Ausdruck dieser neuen
+Seele hat man fast die gesamte „spätantike“ Kunst der Kaiserzeit, die
+sämtlichen, von einer jungen Glut erfüllten Kulte des Ostens, die des
+Mithras, Serapis, Horus, der Isis, der syrischen Baale von Emesa und
+Palmyra, das Christentum und den Neuplatonismus, die kaiserlichen Fora
+in Rom und das dort von einem Syrer erbaute Pantheon, +die früheste
+aller Moscheen+, zu betrachten.
+
+Daß man damals griechisch schrieb und griechisch zu denken glaubte,
+wiegt nicht schwerer als die Tatsache, daß die Wissenschaft des
+Abendlandes bis zu Kant hinauf die lateinische Sprache vorzog und daß
+Karl der Große das römische Reich „erneuerte“.
+
+Bei Diophant ist die Zahl nicht mehr das Maß und Wesen von
++plastischen Dingen+. Auf den ravennatischen Mosaiken ist der
+Mensch nicht mehr +Körper+. Unvermerkt haben die griechischen
+Bezeichnungen ihren ursprünglichen Gehalt verloren. Wir verlassen die
+Sphäre der attischen καλοκἀγαθία, der stoischen ἀταραξία und γαλήνη.
+Zwar kennt Diophant die Null und die negativen Zahlen noch nicht, aber
+die plastischen Einheiten pythagoräischer Zahlen kennt er +nicht
+mehr+. Andrerseits ist die Unbestimmtheit der unbenannten arabischen
+Zahlen doch auch etwas ganz andres als die gesetzmäßige Variabilität
+der spätem abendländischen Zahl, der +Funktion+.
+
+Die +magische+ Mathematik, die Algebra, hat sich, ohne daß uns
+Einzelheiten bekannt wären, über Diophant hinaus -- der schon eine
+gewisse Entwicklung voraussetzt -- logisch und in großer Linie bis
+zur Vollendung in der Abassidenzeit des 9. Jahrhunderts entwickelt,
+wie der Stand der Kenntnisse bei Alchwarizmi und Alsidschzi beweist.
+Dann erst beginnt, wieder ein halbes Jahrtausend später und in einer
+neuen, entfernten Landschaft der großartige Prozeß der Umdeutung
+dieser magischen, uns durch die spanischen Araber überlieferten
+Zahlenwelt in die funktionale Westeuropas, der mächtige Kampf gegen ein
+sich andrängendes fremdes Weltgefühl mit seiner innerlich gereiften
+Raumdeutung, welche die junge, gotische Seele abwehren und brechen
+mußte, um ihr Eigenstes nicht verkümmern zu lassen, ein heimliches
+Ringen in allen Architekturen, jeder Fassade, jedem Ornament, jedem
+Symbol, jedem metaphysischen und mathematischen Problem, das in seiner
+stummen Erhabenheit noch nie gefühlt worden ist.
+
+Was neben der euklidischen Geometrie die attische Plastik -- die
+gleiche Formensprache in andrem Gewande -- was neben der Analysis des
+Raumes der fugierte Stil der Instrumentalmusik, das bedeutet neben
+dieser Algebra die magische Kunst der Mosaiken, der vom Sassanidenreich
+und später von Byzanz aus immer reicher entwickelten Arabeske mit
+ihrem sinnlich-unsinnlichen Verschweben organischer Formmotive und das
+Hochrelief konstantinischen Stils mit dem ungewissen Tiefendunkel des
+zwischen frei herausgearbeiteten Figuren ausgesparten Hintergrundes.
+Wie die Algebra zur antiken Arithmetik und zur abendländischen
+Analysis, so verhält sich die Kuppelbasilika zum dorischen Tempel und
+zum gotischen Dom.
+
+Nicht als ob Diophant ein großer Mathematiker gewesen wäre. Das meiste,
+woran man bei seinem Namen erinnert wird, steht nicht in seinen
+Schriften und was darin steht, ist sicherlich nicht ganz sein Eigentum.
+Seine zufällige Bedeutung liegt darin, daß -- nach unsrem Wissen -- bei
+ihm als dem ersten das neue Zahlengefühl unverkennbar vorhanden ist.
+Man wird, Meistern gegenüber, die eine Mathematik +abschließen+,
+wie Apollonius und Archimedes die antike und ihnen entsprechend
+Gauß, Cauchy, Riemann die abendländische, bei Diophant und Menelaos
+etwas Primitives finden, das bisher gern als Dekadence angesprochen
+wurde. Man wird es künftig -- nach dem Vorbilde der Umwertung der
+vermeintlich spätantiken, bisher geradezu verachteten Kunst zur
+tastenden Äußerung des eben erwachenden früharabischen Weltgefühls --
+begreifen und schätzen lernen. Ebenso archaisch, primitiv und suchend
+wirkt die Mathematik des Nikolas von Oresme, Bischofs von Lisieux
+(1323 bis 1382), der zum ersten Mal im Abendlande eine freie Art von
+Koordinaten und sogar Potenzen mit gebrochnen Exponenten verwandte, die
+ein Zahlengefühl voraussetzen, unklar noch, aber doch unverkennbar,
+das gänzlich unantik, aber auch nicht mehr arabisch ist. Man erinnere
+sich neben Diophant an frühchristliche Sarkophage der römischen
+Sammlungen und neben Oresme an gotische Gewandstatuen deutscher Dome,
+und man wird auch in den mathematischen Gedankengängen, die bei beiden
+die +gleiche+ frühe Stufe des Intellekts darstellen, etwas
+Verwandtes bemerken. Das stereometrische Grenzgefühl in der letzten
+Verfeinerung und Eleganz eines Archimedes war verloren gegangen. Man
+war dumpf, sehnsüchtig, mystisch, nicht mehr attisch hell und frei
+gestimmt. Man war der erdgeborne Mensch einer frühen Landschaft, nicht
+Großstädter, wie Euklid und d’Alembert.[27] Man verstand die tiefen
+und komplizierten Gebilde des antiken Denkens nicht mehr und besaß
+verworrene, neue, deren klare städtisch-intellektuelle Fassung noch
+nicht gefunden werden konnte. Dies ist der +gotische+ Zustand
+aller jungen Kulturen, den die Antike selbst in ihrer frühdorischen
+Zeit durchschritten hatte, von welcher außer den Grabvasen des
+Dipylonstils nichts geblieben ist. Erst in Bagdad, im 9. und 10.
+Jahrhundert, sind die Konzeptionen der Epoche Diophants von reifen
+Meistern, die Plato und Gauß nicht nachstehen, durchgeführt und
+abgeschlossen worden.
+
+
+8
+
+Die entscheidende Tat des Descartes, dessen Geometrie 1637 erschien,
+bestand +nicht+ in der Einführung einer neuen Methode oder
+Anschauung auf dem Gebiete der überlieferten Geometrie, wie dies immer
+wieder ausgesprochen wird, sondern in der endgültigen Konzeption
+einer +neuen Zahlenidee+, die sich in der Lösung der Geometrie
+von der optischen Handhabe der Konstruktion, von der gemessenen und
+meßbaren Strecke überhaupt aussprach. Damit war die Analysis des
+Unendlichen Tatsache geworden. Das starre, sogenannte kartesische
+Koordinatensystem, der ideale Repräsentant von meßbaren Größen in
+halbeuklidischem Sinne, das in der vorhergehenden Periode, bei Oresme
+z. B., Bedeutung hat, wurde durch Descartes, wenn man in die Tiefe
+seiner Erwägungen dringt, nicht vollendet, sondern überwunden. Sein
+Zeitgenosse Fermat war sein letzter klassischer Vertreter.
+
+An Stelle des sinnlichen Elements der konkreten Strecke und Fläche
+-- dem spezifischen Ausdruck +antiken+ Grenzgefühls -- tritt
+das abstrakt-räumliche, mithin unantike Element des +Punktes+,
+der von nun an als Gruppe zugeordneter reiner Zahlen charakterisiert
+wird. Descartes hat den literarisch ererbten Begriff der Größe,
+der sinnlichen Dimension, zerstört und durch den veränderlichen
+Beziehungswert der Lagen im Raume ersetzt. Daß dies aber eine
++Beseitigung der Geometrie überhaupt+ war, die von nun an
+innerhalb der Zahlenwelt der Analysis nur noch ein durch antike
+Reminiszenzen verschleiertes Scheindasein führt, hat man übersehen.
+Das Wort Geometrie hat einen nicht zu beseitigenden apollinischen
+Sinn. Von Descartes an ist die vermeintlich „neuere Geometrie“
+entweder ein synthetischer Prozeß, welcher die +Lage von Punkten+
+in einem nicht mehr notwendig dreidimensionalen Raume (einer
+„Punktmannigfaltigkeit“) durch Zahlen, oder ein analytischer, welcher
+Zahlen durch die Lage von Punkten bestimmt. Strecken durch Lagen
+ersetzen heißt den Begriff der Ausdehnung rein räumlich, nicht mehr
+körperhaft fassen.
+
+Das klassische Beispiel für diese Zerstörung der als Erbschaft
+überkommenen optisch-endlichen Geometrie scheint mir die Umkehrung der
+Winkelfunktionen -- welche in einem uns kaum erreichbaren Sinne Zahlen
+der indischen Mathematik gewesen waren -- in cyklometrische Funktionen
+und weiterhin deren Auflösung in Reihen zu sein, die im unendlichen
+Zahlenbereich der algebraischen Analysis auch die leiseste Erinnerung
+an geometrische Gebilde im Stile Euklids verloren haben. Die Kreiszahl
+π erzeugt wie die Basis der natürlichen Logarithmen e in
+diesem ganzen Zahlenbereich, überall auftauchend, Beziehungen, die alle
+Grenzen der ehemaligen Geometrie, Trigonometrie, Algebra auslöschen,
+die weder arithmetischer noch geometrischer Natur sind -- und bei
+denen niemand mehr an wirklich gezeichnete Kreise oder zu berechnende
+Potenzen denkt.
+
+
+9
+
+Während die antike Seele durch Pythagoras um 540 zur Konzeption
++ihrer+, der apollinischen Zahl als einer meßbaren Größe
+gelangt war, fand die Seele des Abendlandes durch Descartes und
+seine Generation (Pascal, Fermat, Desargues) im genau entsprechenden
+Zeitpunkte die Idee einer Zahl, die aus dem leidenschaftlichen
++faustischen+ Hange zum Unendlichen geboren war. Die Zahl
+als +reine Größe+, die sich an die körperliche Gegenwart des
+Einzeldinges heftet, findet ihr Gegenstück in der Zahl als +reiner
+Beziehung+. Darf die antike Welt, der Kosmos, aus jenem tiefen
+Bedürfnis nach sichtbarer Begrenztheit als abzählbare Summe von
+stofflichen Dingen definiert werden, so hat sich +unser+
+Weltgefühl im Bilde eines unendlichen Raumes verwirklicht, in dem
+alles Sichtbare als etwas Bedingtes dem Unbedingten gegenüber, beinahe
+als eine Wirklichkeit zweiten Ranges empfunden wird. +Sein+
+Symbol ist der entscheidende, in keiner andern Kultur angedeutete
+Begriff der +Funktion+. Die Funktion ist nichts weniger als
+die Erweiterung irgendeines vorhandenen Zahlbegriffs; sie ist deren
+völlige Überwindung. Nicht nur die euklidische, d. h. die allgemein
+menschliche, populäre Geometrie, sondern auch die archimedische
+Sphäre des elementaren Rechnens, die Arithmetik, hört damit auf, für
+die wirklich +bedeutende+ Mathematik Westeuropas zu existieren.
+Es gibt nur noch eine abstrakte Analysis. Für den antiken Menschen
+waren Geometrie und Arithmetik wissenschaftliche Komplexe vom
+höchsten Range, beide anschaulich, beide mit Größen zeichnerisch
+oder rechnerisch verfahrend; für uns sind sie nur noch praktische
+Hilfsmittel des alltäglichen Lebens. Addition und Multiplikation,
+die beiden antiken Methoden der Größenrechnung und Schwestern der
+zeichnerischen Konstruktion, verschwinden völlig in der Unendlichkeit
+funktionaler Prozesse. Gerade die Potenz, die zunächst prinzipiell
+nur ein Zahlzeichen für eine bestimmte Gruppe von Multiplikationen
+(für Produkte gleicher Größen) ist, wird durch das neue Symbol des
+Exponenten (Logarithmus) und seine Anwendung in komplexen, negativen,
+gebrochnen Formen vom Größenbegriff gänzlich abgelöst und in eine
+transzendente Beziehungswelt überführt, die den Griechen, welche nur
+zwei positive, ganzzahlige Potenzen als Repräsentanten von Flächen und
+Körpern kannten, unzugänglich bleiben mußte (man denke an Ausdrücke wie
+e^{-x}, [π]√̅x, a^{1/i}).
+
+Jede der tiefsinnigen Schöpfungen, welche von der Renaissance an
+rasch aufeinander folgen, die der imaginären und komplexen Zahlen,
+welche Cardanus schon 1550 einführt, die der unendlichen Reihen,
+welche durch Newtons große Entdeckung des Binomialsatzes 1666
+theoretisch sicher begründet werden, die der Logarithmen um 1610, der
+Differentialgeometrie, des bestimmten Integrals durch Leibniz, der
+Menge als neuer Zahleneinheit, von Descartes schon angedeutet, die
+neuen Prozesse wie die unbestimmte Integration, die Entwicklung der
+Funktionen in Reihen, sogar in unendliche Reihen andrer Funktionen,
+sind ebenso viele Siege über das populär-sinnliche Zahlengefühl in
+uns, das aus dem Geiste der neuen Mathematik heraus, die ein neues
+Weltgefühl zu verwirklichen hatte, überwunden werden mußte. Es gab
+bisher keine zweite Kultur, welche den Leistungen einer andern, längst
+erloschenen, soviel Verehrung entgegentrug und wissenschaftlich so
+viel Einfluß gestattete, wie die abendländische gerade der antiken. Es
+dauerte lange, bevor wir den Mut fanden, unser eignes Denken zu denken.
+Auf dem Grunde lag der beständige Wunsch, es der Antike gleichzutun.
+Trotzdem war jeder Schritt in diesem Sinne eine tatsächliche
+Entfernung von dem erstrebten Ideal. Deshalb ist die Geschichte des
+abendländischen Wissens die einer +fortschreitenden Emanzipation+
+von Fremdem, einer Befreiung, die nicht einmal gewollt, die in den
+Tiefen des Unbewußten erzwungen wurde. +So gestaltete sich die
+Entwicklung der neuen Mathematik zu einem heimlichen, langen, endlich
+siegreichen Kampf gegen den Größenbegriff.+
+
+
+10
+
+Antikisierende Vorurteile haben uns gehindert, die eigentlich
+abendländische Zahl als solche in neuer Weise zu bezeichnen. Die
+gegenwärtige Zeichensprache der Mathematik fälscht den Tatbestand und
++ihr+ ist es vor allem zuzuschreiben, daß noch heute auch unter
+Mathematikern der Glaube herrscht, Zahlen seien Größen -- auf dieser
+Voraussetzung ruht allerdings unsre schriftliche Bezeichnungsweise.
+
+Aber nicht die zum Ausdruck der Funktion dienenden einzelnen Zeichen
+(x, π, 5), +die Funktion selbst+ als Einheit, als Element, die
+variable, in optische Grenzen nicht mehr einzuschließende Beziehung ist
+die neue Zahl. Für sie wäre, eine neue, in ihrer Struktur nicht von
+antiken Anschauungen beeinflußte Symbolik nötig gewesen.
+
+Man vergegenwärtige sich den Unterschied zweier Gleichungen -- selbst
+dies Wort sollte nicht so heterogene Dinge zusammenfassen -- wie
+3^x + 4^x = 5^x und x^n + y^n = z^n (die Gleichung des Fermatschen
+Satzes). Die erste besteht aus mehreren „antiken Zahlen“ (Größen),
+die zweite +ist eine+ Zahl von einer andern Art, was durch die
+identische Schreibweise, deren Zeichensprache sich unter dem Eindruck
+euklidisch-archimedischer Vorstellungen entwickelt hat, verdeckt
+wird. Im ersten Fall ist das Gleichheitszeichen die Feststellung
+einer starren Verknüpfung bestimmter, greifbarer Größen; im zweiten
+repräsentiert es eine Beziehung, die innerhalb einer Gruppe variabler
+Gebilde besteht, derart, daß gewisse Veränderungen gewisse andere
+notwendig zur Folge haben. Die erste Gleichung bezweckt die Bestimmung
+(Messung) einer konkreten Größe, dem „Resultat“, die zweite hat
+überhaupt kein Resultat, sondern ist nur Abbild und Zeichen einer
+Beziehung, die für n > 2 -- das ist das berühmte Fermatproblem --
++wahrscheinlich nachweisbar+ ganzzahlige Werte ausschließt.
+Ein griechischer Mathematiker würde nicht verstanden haben, was man
+mit Operationen dieser Art, deren Endzweck kein „Ausrechnen“ ist,
+eigentlich wollte.
+
+Der Begriff der Unbekannten führt vollständig irre, wenn man ihn auf
+die Buchstaben der Fermatschen Gleichung anwendet. In der ersten, der
+„antiken“, ist x eine Größe, eine bestimmte und meßbare, die man nur
+erst zu ermitteln hat. In der zweiten hat für x, y, z, n das Wort
+„bestimmen“ gar keinen Sinn, folglich will man den „Wert“ dieser
+Symbole nicht ermitteln, folglich sind sie überhaupt keine Zahlen
+im plastischen Sinne, sondern Zeichen für einen Zusammenhang, dem
+die Merkmale der Größe, Gestalt und Eindeutigkeit fehlen, für eine
+Unendlichkeit möglicher Lagen von gleichem Charakter, die als Einheit
+begriffen erst die Zahl sind. Die +ganze+ Gleichung ist, in einer
+Zeichenschrift, die leider viele und irreführende Zeichen verwendet,
+tatsächlich +eine+ einzige Zahl und x, y, z sind es so wenig, als
++ und = Zahlen sind.
+
+Denn schon mit dem Begriff der irrationalen, der ganz eigentlich
+antihellenischen Zahlen ist im tiefsten Grunde der Begriff der
+konkreten, bestimmten Zahl aufgelöst worden. Von nun an bilden
+diese Zahlen nicht mehr eine übersehbare Reihe ansteigender,
+diskreter, plastischer Größen, sondern ein zunächst eindimensionales
++Kontinuum+, in welchem jeder Schnitt (im Sinne Dedekinds) eine
+„Zahl“ repräsentiert, die kaum die alte Bezeichnung führen sollte.
+Für den antiken Geist gibt es zwischen 1 und 3 nur +eine+ Zahl,
+für den abendländischen eine unendliche Menge. Mit der Einführung der
+imaginären (√̅-̅1 = i) und komplexen Zahlen (von der allgemeinen
+Form a + bi) endlich, welche das lineare Kontinuum zu dem höchst
+transzendenten Gebilde eines Zahlkörpers (des Inbegriffs einer Menge
+gleichartiger Elemente) erweitern, in dem nun jeder Schnitt eine
+Zahlebene -- eine unendliche Menge von geringerer „Mächtigkeit“, etwa
+den Inbegriff aller reellen Zahlen -- repräsentiert, ist jeder Rest
+antik-populärer Greifbarkeit zerstört worden. Diese Zahlenebenen, die
+in der Funktionentheorie seit Cauchy und Gauß eine wichtige Rolle
+spielen, sind +reine Gedankengebilde+. Selbst die positive
+irrationale Zahl wie √̅2 konnte aus dem antiken Zahlendenken
+gewissermaßen wenigstens negativ konzipiert werden, indem man sie
+als Zahl +ausschloß+ -- als ἄῥῤητος und ἄλογος; Ausdrücke von
+der Form x + yi liegen aber jenseits aller Möglichkeiten des antiken
+Denkens. Auf der Ausdehnung der arithmetischen Gesetze auf das ganze
+Gebiet des Komplexen, innerhalb dessen sie ständig anwendbar bleiben,
+beruht die Funktionentheorie, welche nun endlich die abendländische
+Mathematik in ihrer Reinheit darstellt, indem sie alle Einzelgebiete
+in sich begreift und auflöst. Erst damit wird diese Mathematik auf das
+Bild der gleichzeitig sich entwickelnden +dynamischen+ Physik
+des Abendlandes vollkommen anwendbar, während die antike Mathematik
+das genaue Korrelat jener Welt plastischer Einzeldinge darstellt,
+welche die +statische+ Physik des Aristoteles, die exakt
+wissenschaftliche Interpretation des antiken Kosmos schildert.
+
+Das klassische Jahrhundert dieser +Barockmathematik+ -- im
+Gegensatz zu der +ionischen Stils+ -- ist das 18., das von
+den entscheidenden Entdeckungen Newtons und Leibnizens über Euler,
+Lagrange, Laplace, d’Alembert zu Gauß führt. Die Entfaltung dieser
+mächtigen geistigen Schöpfung geschah wie ein Wunder. Man wagte kaum
+zu glauben, was man sah. Man fand Wahrheiten über Wahrheiten, die
+den feinen Geistern eines skeptisch gestimmten Zeitalters unmöglich
+erschienen. Das Wort d’Alemberts gehört hierher: _Allez en avant
+et la foi vous viendra._ Es bezog sich auf die Theorie des
+Differentialquotienten. Die Logik selbst schien Einspruch zu erheben,
+alle Annahmen auf Fehlern zu beruhen, und man kam doch zum Ziel.
+
+Dies Jahrhundert eines sublimen Rausches in durchgeistigten, dem
+leiblichen Auge entrückten Formen -- denn neben jenen Meistern der
+Analysis stehen Bach, Gluck, Haydn, Mozart --, in dem ein kleiner
+Kreis gewählter und tiefer Geister in den raffiniertesten Entdeckungen
+und Formspielen schwelgte, von denen Goethe und Kant ausgeschlossen
+blieben, entspricht seinem Gehalte nach genau dem reifsten Jahrhundert
+der Ionik, dem des Plato, Archytas und Eudoxos (450-350) -- man
+muß wieder hinzufügen des Phidias, Polyklet, Alkamenes und der
+Akropolisbauten --, in welchem die Formenwelt der antiken Mathematik
+und Plastik in der ganzen Fülle ihrer Möglichkeiten aufblühte und zu
+Ende kam.
+
+Jetzt erst läßt sich der elementare Gegensatz antiken und
+abendländischen Seelentums übersehen. Es gibt innerhalb des
+Gesamtbildes der Geschichte des höheren Menschentums nichts innerlich
+Fremderes. Und eben deshalb, weil Gegensätze sich berühren, weil sie
+auf ein vielleicht Gemeinsames in der letzten Tiefe der Existenz
+verweisen, finden wir in der abendländischen, faustischen Seele jenes
+sehnsüchtige Suchen nach dem Ideal der apollinischen, die sie allein
+von allen andern begriffen und um die Kraft ihrer Hingabe an die
+sinnlich-reine Gegenwart beneidet hat.
+
+Diesen seelischen, nicht weiter in Worte zu fassenden Gegensatz
+verwirklichen in der Außenwelt des Gewordnen, Begrenzten,
+Vergänglichen die +historischen Einheiten der antiken und
+abendländischen Kultur+, von denen die eine in spät-mykenischer
+Zeit, die andre zur Zeit der Sachsenkaiser aufblühte und die in
+Aristoteles und Kant, Plato und Goethe, Phidias und Beethoven,
+Alexander und Napoleon ihre Entwicklung zu Ende führten.
+
+Erst jetzt wird auch das ganze Gewicht einer Symbolik fühlbar, die in
+der Zahlenwelt beider Mathematiken vielleicht ihren unmittelbarsten
+Ausdruck gefunden hat, deren Bereich aber weit darüber hinausgeht.
+Es zeigt sich, daß eine Mathematik mit allen sie begleitenden
+Künsten, mit allen Schöpfungen des tätigen Lebens überhaupt die
+gleiche Sprache redet, eine Formensprache, in der sich die letzten
+Möglichkeiten des Seelischen ebenso offenbaren wie verhüllen. Am
+engsten sind der Mathematik jene mystischen Architekturen aller
+Frühzeiten verschwistert, die dorische, gotische, frühchristliche wie
+die ägyptische des Alten Reiches. Hier, in der ägyptischen Kultur,
+haben beide Formenwelten sich nie getrennt. Die Architektur der großen
+Pyramidentempel ist eine schweigende Mathematik, wie denn auch die
+antike Seele eine Scheidung ihrer statuarischen und geometrischen
+Symbolik nie streng vollzogen hat. Aber auch die Analysis ist
+eine Architektur größten Stils geblieben und wir begreifen jetzt,
+warum zwei Zahlensysteme, von denen die eine die Grenzwerte des
++Augenscheins+ ebenso leidenschaftlich bejaht, wie die andere sie
+verneint, als Schwesterkünste die ionische Plastik und die deutsche
+Musik, die sinnlichste und die unsinnlichste aller Möglichkeiten
+künstlerischer Gestaltungskraft, an ihrer Seite finden mußten.
+
+
+11
+
+Es war bemerkt worden, daß im Urmenschen wie im Kinde ein inneres
+Erlebnis, die Geburt des Ich, eintritt, mit dem beide das Phänomen der
+Zahl begreifen, mithin eine auf das Ich bezogene Umwelt besitzen.
+
+Sobald vor dem erstaunten Blick des frühen Menschen diese ertagende
+Welt des geordneten Ausgedehnten, des sinnvoll Gewordnen sich in
+großen Umrissen aus einem Chaos von Eindrücken abhebt und der tief
+empfundene unwiderrufliche Gegensatz dieser Außenwelt zur eignen
+Seele dem bewußten Leben Richtung und Gestalt gibt, erwacht zugleich
+mit allen Möglichkeiten einer neuen Kultur das +Urgefühl der
+Sehnsucht+ in dieser sich plötzlich ihrer Einsamkeit bewußten Seele.
+Es ist die Sehnsucht nach dem Ziel des Werdens, nach Vollendung und
+Verwirklichung alles innerlich Möglichen, nach Entfaltung der Idee des
+eigenen Daseins. Es ist die Sehnsucht des Kindes, die als das Gefühl
+einer unaufhaltsamen +Richtung+ mit steigender Deutlichkeit
+ins Bewußtsein tritt, und später als das +Rätsel der Zeit+
+unheimlich, verlockend, unlösbar vor dem gereiften Geiste steht. Die
+Worte Vergangenheit und Zukunft haben plötzlich eine schicksalsvolle
+Bedeutung erhalten.
+
+Aber diese Sehnsucht aus der Überfülle und Seligkeit des innern Werdens
+ist in der tiefsten Tiefe einer jeden Seele zugleich +Angst+.
+Wie alles Werden sich auf ein Gewordensein richtet, mit dem es
++endet+, so rührt das Urgefühl des Werdens, die Sehnsucht, schon
+an das andre des Gewordenseins, die Angst. In der Gegenwart fühlt man
+das Verrinnen; in der Vergangenheit liegt die Vergänglichkeit. Hier
+ist die Wurzel der ewigen Angst vor dem Unwiderruflichen, Erreichten,
+Endgültigen, vor der Vergänglichkeit, vor der Welt selbst als dem
+Verwirklichten, in dem mit der Grenze der Geburt zugleich die des
+Todes gesetzt ist, die Angst vor dem Augenblicke, wo das Mögliche
+verwirklicht, das Leben innerlich erfüllt und vollendet ist, wo
+das Bewußtsein am +Ziele+ steht. Es ist jene tiefe Weltangst
+der Kinderseele, welche den höheren Menschen, den Gläubigen, den
+Dichter, den Künstler in seiner grenzenlosen Vereinsamung niemals
+verläßt, die Angst vor den fremden Mächten, die groß und drohend, in
+sinnliche Erscheinungen verkleidet, in die ertagende Welt hineinragen.
+Auch die Richtung in allem Werden wird in ihrer Unerbittlichkeit --
++Nichtumkehrbarkeit+ -- als ein fremdes Element mit innerster
+Gewißheit empfunden. Es ist etwas Fremdes, das Zukunft in Vergangenheit
+verwandelt, und dies gibt der Zeit im Gegensatz zum Raum jenes
+widerspruchsvoll Unheimliche und drückend Zweideutige, dessen sich kein
+bedeutender Mensch ganz erwehren kann.
+
+Die Weltangst ist sicherlich das +Schöpferischste+ aller
+Urgefühle. Ihr verdankt ein Mensch die reifsten und tiefsten aller
+Formen und Gestalten nicht nur des bewußten Innenlebens, sondern auch
+seiner Spiegelung in den zahllosen Bildungen äußerer Kultur. Wie
+eine geheime Melodie, nicht jedem vernehmbar, geht die Angst durch
+die Formensprache eines jeden wahren Kunstwerkes, jeder innerlichen
+Philosophie, jeder bedeutenden Tat und sie liegt, nur den wenigsten
+noch fühlbar, den großen Problemen jeder Mathematik zugrunde. Nur
+der innerlich erstorbene Mensch der großen späten Städte, des
+ptolemäischen Alexandria oder des heutigen Paris und Berlin, nur
+der rein intellektuelle Sophist, Sensualist und Darwinist verliert
+oder verleugnet sie, indem er eine geheimnislose „wissenschaftliche
+Weltanschauung“ zwischen sich und das Fremde stellt.
+
+Knüpft sich die Sehnsucht an jenes unfaßliche Etwas, dessen tausend
+ungreifbare, proteusartig wechselnde Bildungen durch das Wort Zeit
+mehr verdeckt als bezeichnet werden, so findet das Urgefühl der Angst
+seinen Ausdruck in den geistigen, faßlichen, der Gestaltung fähigen
+Symbolen der +Ausdehnung+. So finden sich im wachen Bewußtsein
+jeder Kultur, in jeder anders geartet, die Gegenformen der Zeit und
+des Raumes, der Richtung und der Ausdehnung, jene dieser zugrunde
+liegend, wie das Werden dem Gewordnen -- denn auch die Sehnsucht
+liegt der Angst zugrunde; +sie wird+ zur Angst, nicht umgekehrt
+-- jene der geistigen Macht entzogen, diese ihr dienend, jene nur zu
++erleben+, diese nur zu +erkennen+. „Gott fürchten +und+
+lieben“ ist der christliche Ausdruck für den Gegensinn beider
+Weltgefühle.
+
+Aus der Seele des gesamten Urmenschentums und also auch der frühesten
+Kindheit erhebt sich der Drang, das Element der fremden Mächte, die
+in allem Ausgedehnten, im Raume und +durch+ den Raum unerbittlich
+gegenwärtig sind, zu bannen, zu zwingen, zu versöhnen -- zu „erkennen“.
+Im letzten Grunde ist dies dasselbe. +Gott erkennen+ heißt in der
+Mystik aller frühen Zeiten ihn beschwören, ihn sich geneigt machen, ihn
+sich innerlich +aneignen+. Das geschieht durch ein Wort, den „Namen“,
+mit dem man das _numen_ benennt +anruft+, oder durch die Formen eines
+Kultes, denen eine geheime Kraft innewohnt. Die Ideen der deutschen
+wie der orientalischen Mystiker, die Entstehung aller antiken Götter,
+aller Kulte lassen keinen Zweifel darüber zu. Wirkliche Erkenntnis
+ist geistige Einverleibung des Fremden. Diese +Abwehr+ ist die erste
+schöpferische Tat jedes erwachten Seelentums. Mit ihr beginnt ganz
+eigentlich das höhere Innenleben einer Kultur oder eines Einzelnen.
+Erkenntnis, Grenzsetzung durch Begriffe und Zahlen, ist die feinste,
+aber auch die mächtigste Form dieser Abwehr. Insofern wird der Mensch
+erst durch die +Sprache+ ganz zum Menschen. Die Erkenntnis verwandelt
+mit unbezwinglicher Notwendigkeit das Chaos der ursprünglichen,
+umgebenden +Eindrücke+ in den Kosmos, den Inbegriff seelischen
++Ausdrucks+, die „Welt an sich“ in die „Welt für uns“.[28] Sie stillt
+die Weltangst, indem sie das Fremde, Geheimnisvolle bändigt, es zur
+faßlichen, geordneten Wirklichkeit gestaltet, es durch die ehernen
+Regeln einer eignen, ihm aufgeprägten intellektuellen Formensprache
+fesselt.
+
+Dies ist die +Idee des „tabu“+, das im Seelenleben aller primitiven
+Völker eine entscheidende Rolle spielt, dessen urmenschlicher Gehalt
+aber uns so fern liegt, daß das Wort in keine reife Kultursprache mehr
+übertragbar ist. Ihm liegt ein ursprüngliches Gefühl, +vor+ allem
+Erkennen und Begreifen der Umwelt, ja vor allem klaren, in Seele
+und Welt geschiednen Bewußtsein zugrunde, das unter uns Heutigen,
+intellektuellen Weltstädtern, nur Kindern und wenigen künstlerischen
+Naturen noch zugänglich ist. Ratlose Angst, heilige Scheu, tiefe
+Verlassenheit, Schwermut, Haß, dunkle Wünsche nach Annäherung,
+Vereinigung, Entfernung, all diese formvollen Gefühle +gereifter+
+Seelen vorschweben in diesem frühen Zustande in einer dumpfen
+Unentschiedenheit. Der Doppelsinn des Wortes Beschwören, das bezwingen
+und anflehen zugleich bedeutet, kann den Sinn jenes mystischen Aktes
+verdeutlichen, durch den der frühe Mensch das Fremde und Gefürchtete
+„tabu“ macht. Die ehrfürchtige Scheu vor allem von ihm Unabhängigen,
+Gesetzten, Gesetzlichen, den fremden Mächten in der Welt, +ist der
+Ursprung aller und jeder elementaren Form+. In Urzeiten verwirklicht
+sie sich in hieratischen Ornamenten und peinlichen Zeremonien, strengen
+Satzungen einer primitiven Sitte und seltsamen Kulten. Auf der Höhe
+großer Kulturen sind diese Gestaltungen, ohne innerlich die Merkmale
+ihrer Herkunft, den Charakter einer Bannung und Beschwörung verloren
+zu haben, zu den vollendeten Formenwelten der einzelnen Künste, des
+religiösen, logischen, mathematischen Denkens, des wirtschaftlichen,
+politischen, sozialen, individuellen Daseins aufgewachsen. Ihr
+gemeinsames Mittel, das einzige, welches die sich verwirklichende Seele
+kennt, ist die +Symbolisierung des Ausgedehnten+, des Raumes oder
+der Dinge -- sei es in den Konzeptionen des absoluten Weltraumes der
+Physik Newtons, der Innenräume gotischer Dome und maurischer Moscheen,
+der atmosphärischen Unendlichkeit der Gemälde Rembrandts und ihrer
+Wiederkehr in den dunklen Tonwelten Beethovenscher Quartette, seien
+es die regelmäßigen Polyeder Euklids, die Parthenonskulpturen oder
+die Pyramiden Altägyptens, das Nirwana Buddhas, die Distanz höfischer
+Sitte unter Sesostris, Justinian I. und Ludwig XIV., sei es endlich die
+Gottesidee Homers, Plotins, Dantes oder die den Erdball umspannende
+Raumenergie der heutigen Technik.
+
+
+12
+
+Kehren wir zur Mathematik zurück. Der Ausgangspunkt aller antiken
+Formgebung war, wie wir sahen, die Ordnung des Gewordnen, insofern
+es sinnlich, gegenwärtig, greifbar, meßbar, zählbar ist. Das
+abendländische, gotische Formgefühl, das einer einsamen, in alle Fernen
+schweifenden Seele, hat das Zeichen des reinen, unanschaulichen,
+grenzenlosen Raumes gewählt. Man täusche sich ja nicht über die +enge
+Bedingtheit+ solcher Symbole, die uns leicht als identisch, als
+allgemeingültig erscheinen. Unser unendlicher Weltraum, über dessen
+Vorhandensein, wie es scheint, kein Wort zu verlieren ist, ist für
+den antiken Menschen +nicht+ vorhanden. Er ist ihm nicht einmal
+vorstellbar. Der hellenische Kosmos andrerseits, dessen tiefe
+Fremdheit für unsre Auffassungsweise nicht so lange hätte unbemerkt
+bleiben sollen, ist dem Hellenen +das+ Selbstverständliche. In
+der Tat ist der absolute Raum unserer Physik eine Form, die allein
+aus +unserm+ Seelentum als dessen Abbild und Ausdruck entstanden
+und allein für unsre Art des wachen Daseins wirklich, notwendig und
+natürlich ist. Die gesamte Mathematik von Descartes an dient der
+theoretischen Interpretation dieses großen, von religiösem Gehalte
+erfüllten Symbols. Die Physik will seit Galilei nichts andres. Die
+antike Mathematik und Physik +kennen+ dies Objekt überhaupt nicht.
+
+Auch hier haben antike Namen, die wir aus der literarischen Erbschaft
+der Griechen beibehalten haben, den Tatbestand verschleiert. Geometrie
+heißt die Kunst des Messens, Arithmetik die des Zählens. Die Mathematik
+des Abendlandes hat mit diesen +beiden+ Arten des Begrenzens
+nichts mehr zu tun, aber sie hat keinen neuen Namen für sich gefunden.
+Das Wort Analysis sagt bei weitem nicht alles.
+
+Der antike Mensch beginnt und schließt seine Erwägungen mit dem
+einzelnen Körper und seinen Grenzflächen. +Wir+ kennen im Grunde nur
+das abstrakte Raumelement des Punktes, das, ohne Anschaulichkeit,
+ohne die Möglichkeit einer Messung und Benennung, lediglich ein
+Beziehungszentrum repräsentiert. Die Gerade ist für den Griechen eine
+meßbare Kante, für uns ein unbegrenztes Punktkontinuum. Leibniz führt
+als Beispiel für sein Infinitesimalprinzip die Gerade an, die den
+Grenzfall eines Kreises mit unendlich großem Radius darstellt, während
+der Punkt den andern Grenzfall bildet. +So wurde die Quadratur des
+Kreises das klassische Grenzproblem für den Geist antiker Menschen.+
+Das schien ihnen das tiefste aller Geheimnisse der Weltform: krummlinig
+begrenzte Flächen bei unveränderter Größe in Rechtecke zu verwandeln
+und dadurch +meßbar+ zu machen. Für uns ist daraus das wenig bedeutende
+Verfahren geworden, die Zahl π durch algebraische Mittel darzustellen,
+ohne daß dabei von geometrischen Gebilden überhaupt die Rede wäre.
+
+Der antike Mathematiker kennt nur das, was er sieht und greift. Wo die
+begrenzte, begrenzende Sichtbarkeit, das Thema seiner Gedankengänge,
+aufhört, findet seine Wissenschaft ein Ende. Der abendländische
+Mathematiker begibt sich, sobald er von antiken Vorurteilen frei sich
+selbst gehört, in die gänzlich abstrakte Region einer unendlichen
+Zahlenmannigfaltigkeit von n -- nicht mehr von 3 -- Dimensionen,
+innerhalb deren +seine+ sogenannte Geometrie jeder anschaulichen
+Hilfe entbehren kann und meistens muß. Greift der antike Mensch
+zu künstlerischem Ausdruck seines Formgefühls, so sucht er dem
+menschlichen Körper in Tanz und Ringkampf, in Marmor und Bronze
+diejenige Haltung zu geben, in der Flächen und Konturen ein Maximum von
+Maß und Sinn haben. Der echte Künstler des Abendlandes aber schließt
+die Augen und verliert sich in den Bereich einer körperlosen Musik, in
+dem Harmonie und Polyphonie zu Bildungen von höchster „Jenseitigkeit“
+führen, die weitab von allen Möglichkeiten optischer Bestimmung
+liegen. Man denke daran, was ein athenischer Bildhauer und was ein
+nordischer Kontrapunktist unter einer +Figur+ versteht, und man hat den
+Gegensatz beider Welten, beider Mathematiken vor sich. Die griechischen
+Mathematiker gebrauchen sogar das Wort σῶμα für Körper. Andrerseits
+verwendet es die Rechtssprache für Person im Gegensatz zur Sache
+(σώματα καὶ πράγματα: personae et res).
+
+Deshalb sucht das Phänomen der antiken, ganzen, körperlichen Zahl
+unwillkürlich eine Beziehung zur Entstehung des leiblichen Menschen,
+des σῶμα. Die Zahl 1 wird noch kaum als wirkliche Zahl empfunden.
+Sie ist die ἀρχή, der Urstoff der Zahlenreihe, der Ursprung aller
+eigentlichen Zahlen und damit aller Größe, allen Maßes, aller
+Dinglichkeit. Ihr Zahlzeichen war im Kreise der Pythagoräer, gleichviel
+zu welcher Zeit, zugleich das Symbol des Mutterschoßes, des Ursprungs
+alles Lebens. Die 2, die erste +eigentliche+ Zahl, welche die 1
+verdoppelt, erhielt deshalb eine Beziehung zum männlichen Prinzip,
+und ihr Zeichen war eine Nachbildung des Phallus. Die +heilige
+Drei+ der Pythagoräer endlich bezeichnete den Akt der Vereinigung
+von Mann und Weib, der Zeugung --, die erotische Deutung der beiden
++einzigen+ der Antike wertvollen Prozesse der Größenvermehrung,
+der +Größenzeugung+, Addition und Multiplikation, ist leicht
+verständlich -- und ihr Zeichen war die Vereinigung der beiden ersten.
+Von hier aus fällt ein neues Licht auf den erwähnten +Mythus+
+vom Frevel der Aufdeckung des Irrationalen. Das Irrationale, in
+unsrer Ausdrucksweise die Verwendung der unendlichen Dezimalbrüche,
+bedeutete eine Zerstörung der organisch-leiblichen, zeugenden Ordnung,
+welche durch die Götter gesetzt war. Es ist kein Zweifel, daß die
+pythagoräische Reform der antiken Religion den uralten Demeterkult
+wieder zugrunde legte. Demeter ist der Gaia, der mütterlichen Erde
+verwandt. Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen ihrer Verehrung und
+dieser erhabenen Auffassung der Zahlen.
+
+So ist die Antike mit innerer Notwendigkeit allmählich die Kultur des
++Kleinen+ geworden. Die apollinische Seele hatte den Sinn des
+Gewordnen durch das Prinzip der +übersehbaren+ Grenze zu bannen
+gesucht; ihr „tabu“ richtete sich auf die unmittelbare Gegenwart und
+Nähe des Fremden. Was weit fort, was nicht sichtbar war, war auch nicht
+da. Der Grieche wie der Römer opferte den Göttern der Gegend, in der er
+sich aufhielt; alle andern entschwanden seinem Gesichtskreis. Wie die
+griechische Sprache +kein Wort für den Raum besaß+ -- wir werden
+die gewaltige Symbolik solcher Sprachphänomene immer wieder verfolgen
+--, so fehlt dem Griechen auch unser Landschaftsgefühl, das Gefühl für
+Horizonte, Ausblicke, Fernen, Wolken, auch der Begriff des Vaterlandes,
+das sich weithin erstreckt und eine große Nation umfaßt. +Heimat+
+ist dem antiken Menschen, was er von der Burg seiner Vaterstadt aus
+übersehen kann, nicht mehr. Was jenseits dieser optischen Grenze eines
+politischen Atoms lag, war fremd, war sogar feindlich. Hier schon
+beginnt die Angst des antiken Daseins und dies erklärt die furchtbare
+Erbitterung, mit der diese winzigen Städte einander vernichteten. Die
+Polis ist die kleinste aller denkbaren Staatsformen und ihre Politik
+die ausgesprochene Politik der Nähe, sehr im Gegensatz zu unserer
+Kabinettsdiplomatie, der Politik des Grenzenlosen. Der antike Tempel,
+mit +einem+ Blick zu umfassen, ist der kleinste aller klassischen
+Bautypen. Die Geometrie von Archytas bis auf Euklid beschäftigt sich
+-- wie es die unter ihrem Eindruck stehende Schulgeometrie noch heute
+tut -- mit kleinen, handlichen Figuren und Körpern und so blieben ihr
+die Schwierigkeiten verborgen, welche bei der Zugrundelegung von
+Figuren mit astronomischen Dimensionen auftauchen und die Anwendung der
+euklidischen Geometrie nicht mehr überall gestatten.[29] Andernfalls
+hätte der feine attische Geist vielleicht schon damals etwas von dem
+Problem der nichteuklidischen Geometrien geahnt, denn die Einwände
+gegen das bekannte Parallelenaxiom,[30] dessen zweifelhafte und doch
+nicht zu verbessernde Fassung schon früh Anstoß erregte, rührten nahe
+an die entscheidende Entdeckung. So selbstverständlich dem antiken
+Sinn die ausschließliche Betrachtung des Nahen und Kleinen, so
+selbstverständlich ist dem unsern die des Unendlichen, die Fähigkeiten
+des Auges Überschreitenden. Alle mathematischen Ansichten, welche das
+Abendland entdeckte oder entlehnte, wurden mit tiefster Notwendigkeit
+der Formensprache des Infinitesimalen unterworfen und das, lange
+bevor die eigentliche Differentialrechnung entdeckt worden war.
+Arabische Algebra, indische Trigonometrie, antike Mechanik werden
+ohne weiteres der Analysis einverleibt. Gerade die „evidentesten“
+Sätze des elementaren Rechnens -- daß etwa 2 × 2 = 4 ist -- werden,
+aus analytischen Gesichtspunkten betrachtet, zu Problemen, deren
+Lösung erst durch Ableitungen aus der Mengenlehre und in vielen
+Einzelheiten überhaupt noch nicht gelungen ist, -- was Plato und seiner
+Zeit sicherlich als Wahnsinn und Beweis eines völligen Mangels an
+mathematischer Begabung erschienen wäre.
+
+Man kann gewissermaßen die Geometrie algebraisch oder die Algebra
+geometrisch behandeln, das heißt das Auge ausschalten oder herrschen
+lassen. Das erste haben wir, das andre die Griechen getan. Archimedes,
+der in seiner schönen Berechnung der Spirale gewisse allgemeine
+Tatsachen berührt, die auch der Methode des bestimmten Integrals bei
+Leibniz zugrunde liegen, ordnet sein bei oberflächlicher Betrachtung
+höchst modern wirkendes Verfahren sofort stereometrischen Prinzipien
+unter; ein Inder hätte im gleichen Falle mit Selbstverständlichkeit
+etwa eine trigonometrische Formulierung gefunden. (Was von der uns
+bekannten indischen Mathematik altindisch, das heißt vor Buddha
+entstanden ist, läßt sich heute nicht mehr feststellen.)
+
+
+13
+
+Aus dem fundamentalen Gegensatz antiker und abendländischer Zahlen
+entspringt ein ebenso tiefgehender des Verhältnisses, in dem die
+Elemente jedes dieser Komplexe untereinander stehen. Das Verhältnis
+von +Größen+ heißt +Proportion+, das von +Beziehungen+ ist im Wesen
+der +Funktion+ enthalten. Beide Worte haben, über den Bereich der
+Mathematik hinausgehend, höchste Bedeutung für die Technik der beiden
+zugehörigen Künste, Plastik und Musik. Sieht man ganz von dem Sinn
+ab, den das Wort Proportion für die Gliederung der +einzelnen+ Statue
+hat, so sind es die typisch antiken Kunstwerke, Statue, Relief und
+Fresko, welche eine +Vergrößerung+ und +Verkleinerung+ des Maßstabes
+gestatten -- Worte, die für die Musik, die Kunst des Grenzenlosen,
+keinen Sinn haben. Man denke an die Kunst der Gemmen, deren Gegenstände
+im wesentlichen Verkleinerungen lebensgroßer Plastiken waren. Innerhalb
+der Funktionentheorie dagegen ist der Begriff der +Transformation
+von Gruppen+ von entscheidender Bedeutung, und der Musiker wird
+bestätigen, daß analoge Bildungen einen wesentlichen Teil der neueren
+Kompositionslehre ausmachen. Ich erinnere nur an eine der feinsten
+instrumentalen Formen des 18. Jahrhunderts, das „tema con variazioni“.
+
+Jede Proportion setzt die Konstanz, jede Transformation die
+Variabilität der Elemente voraus: man vergleiche hier die
+Kongruenzsätze bei Euklid, deren Beweis tatsächlich auf dem
+vorliegenden Verhältnis 1 : 1 beruht, mit deren moderner Ableitung mit
+Hilfe der Winkelfunktionen.
+
+
+14
+
+Die +Konstruktion+ -- die im weiteren Sinne alle Methoden der
+elementaren Arithmetik einschließt -- ist das A und O der antiken
+Mathematik: die Herstellung eines einzelnen und sichtbar vorliegenden
+Objekts. Der Zirkel ist der Meißel dieser zweiten bildenden Kunst.
+Die Arbeitsweise bei funktionstheoretischen Untersuchungen, deren
+Zweck kein Resultat vom Charakter einer Größe, sondern die Diskussion
+allgemeiner formaler Möglichkeiten ist, läßt sich als eine Art
+Kompositionslehre von naher Verwandtschaft zur musikalischen
+bezeichnen. Eine ganze Reihe von Begriffen der Musiktheorie ließe sich
+ohne weiteres auf analytische Operationen auch der Physik anwenden --
+Tonart, Phrasierung, Chromatik und andere -- und es ist die Frage, ob
+nicht manche Beziehungen dadurch an Übersichtlichkeit gewinnen würden.
+
+Jede +Konstruktion+ bejaht, jede +Operation+ verneint den Augenschein,
+indem jene das optisch Gegebene herausarbeitet, diese es auflöst. So
+erscheint ein weiterer Gegensatz in den beiden Arten des mathematischen
+Verfahrens: die antike Mathematik des Kleinen betrachtet den
+konkreten +Einzelfall+, berechnet die +bestimmte+ Aufgabe, führt die
++einmalige+ Konstruktion aus. Die Mathematik des Unendlichen behandelt
++ganze Klassen+ formaler Möglichkeiten, +Gruppen+ von Funktionen,
+Operationen, Gleichungen, Kurven, und zwar überhaupt nicht hinsichtlich
+irgendeines Resultates, sondern hinsichtlich ihres Verlaufes. Es ist
+so seit zwei Jahrhunderten -- was den Mathematikern der Gegenwart
+kaum zum Bewußtsein kommt -- die +Idee einer allgemeinen Morphologie
+mathematischer Operationen+ entstanden, welche man als den eigentlichen
+Sinn der gesamten neueren Mathematik bezeichnen darf. Es offenbart sich
+hier eine umfassende Tendenz abendländischer Geistigkeit überhaupt,
+die im folgenden immer deutlicher werden wird, eine Tendenz, die
+ausschließlich Eigentum des faustischen Geistes und seiner Kultur ist
+und in keiner andern verwandte Absichten findet. Die große Mehrzahl
+der Fragen, welche unsere Mathematik als deren eigenste Probleme
+beschäftigen -- der Quadratur des Kreises bei den Griechen entsprechend
+-- wie die Untersuchung der Konvergenzkriterien unendlicher Reihen
+(Cauchy) oder die Umkehrung elliptischer und allgemein algebraischer
+Integrale zu mehrfach periodischen Funktionen (Abel, Gauß) wäre
+den „Alten“, die einfache bestimmte Größen als Resultate suchten,
+vermutlich als eine geistreiche, etwas abstruse Spielerei erschienen --
+was dem populären Urteil weiter Kreise auch heute durchaus entsprechen
+würde. Es gibt nichts Unpopuläreres als die moderne Mathematik,
+und auch darin liegt ein Stück Symbolik der unendlichen Ferne, der
++Distanz+. +Alle+ großen Werke des Abendlandes von Dante bis zum
+Parsifal sind unpopulär, alle antiken von Homer bis zum pergamenischen
+Altar sind populär im höchsten Grade.
+
+
+15
+
+Und so sammelt sich endlich der ganze Gehalt des abendländischen
+Zahlendenkens in +einem+ klassischen Problem, das den Schlüssel zu
+jenem schwer zugänglichen Begriff des Unendlichen -- des +faustisch
+Unendlichen+ -- bildet, welches von der Unendlichkeit des arabischen
+und indischen Weltgefühls weit entfernt bleibt. Es handelt sich um
+die +Theorie des Grenzwertes+, möge die Zahl im einzelnen als
+unendliche Reihe, Kurve oder Funktion enger gefaßt sein. Dieser
+Grenzwert ist das strengste Gegenteil des antiken, bisher nicht so
+genannten, der sich in einer starr begrenzten Fläche von meßbarer
+Größe darstellt. Bis ins 18. Jahrhundert haben euklidisch-populäre
+Vorurteile den Sinn des Differentialprinzips verdunkelt. Mag man den
+zunächst naheliegenden Begriff des unendlich Kleinen noch so vorsichtig
+anwenden, es haftet ihm ein leises Moment antiker Konstanz an, der
++Anschein+ einer Größe, wenn auch Euklid sie als solche nicht
+erkannt, anerkannt haben würde. Die Null ist eine Konstante, eine
+ganze Zahl im linearen Kontinuum zwischen +1 und -1; es hat Eulers
+analytischen Untersuchungen geschadet, daß er -- wie viele nach ihm
+-- die Differentiale für Nullen hielt. Erst der von Cauchy endgültig
+aufgeklärte Begriff des +Grenzwertes+ beseitigt diesen Rest
+antiken Zahlengefühls und macht die Infinitesimalrechnung zu einem
+widerspruchslosen System. Erst der Schritt von der „unendlich kleinen
+Größe“ zu dem „untern Grenzwert +jeder möglichen+ endlichen Größe“
+führt zur Konzeption einer veränderlichen Zahl, die unterhalb jeder
+von Null verschiedenen endlichen Größe sich bewegt, selbst also nicht
+den geringsten Zug einer Größe mehr trägt. Der Grenzwert in dieser
+endgültigen Fassung ist überhaupt nicht mehr das, was angenähert
++wird+. Er +stellt die Annäherung -- den Prozeß, die Operation
+-- selbst dar. Er ist kein Zustand, sondern ein Verhalten.+ Hier,
+im entscheidenden Problem der abendländischen Mathematik, verrät sich
+plötzlich, daß unser Seelentum ein +historisch+ angelegtes ist.[31]
+
+
+16
+
+Die Geometrie von der Anschauung, die Algebra vom Begriff der Größe zu
+befreien und beide jenseits der elementaren Schranken von Konstruktion
+und Rechnung zu dem mächtigen Gebäude der Funktionstheorie zu
+vereinigen, das war der große Weg des abendländischen Zahlendenkens.
+So wurde die antike, konstante Zahl zur veränderlichen aufgelöst.
+Die analytisch +gewordene+ Geometrie löste alle konkreten
+Formen auf. Sie ersetzt den mathematischen Körper, an dessen starrem
+Bilde geometrische Werte gefunden werden, durch abstrakt räumliche
+Beziehungen, die zuletzt auf Tatsachen der sinnlich-gegenwärtigen
+Anschauungen überhaupt nicht mehr anwendbar sind. Sie ersetzt zunächst
+die optischen Gebilde Euklids durch geometrische Örter in bezug auf
+ein Koordinatensystem, dessen Anfangspunkt willkürlich gewählt werden
+kann, und reduziert das gegenständliche Dasein des geometrischen
+Objekts auf die Forderung, daß während der Operation, die sich nicht
+mehr auf Messungen, sondern auf Gleichungen richtet, das gewählte
+System nicht verändert werden darf. Alsbald werden aber die Koordinaten
+nur noch als reine Werte aufgefaßt, welche die Lage der Punkte als
+abstrakter Raumelemente nicht sowohl bestimmen, als repräsentieren
+und ersetzen. Die Zahl, die Grenze des Gewordnen, wird nicht mehr
+durch das Bild einer Figur, sondern durch das Bild einer Gleichung
+symbolisch dargestellt. Die „Geometrie“ kehrt ihren Sinn um: das
+Koordinatensystem als Bild verschwindet, und der Punkt ist nunmehr eine
+vollkommen abstrakte Zahlengruppe. Wie die Architektur der Renaissance
+durch die konstruktiven Neuerungen Michelangelos und Vignolas in
+die des Barock übergeht -- das ist das genaue Abbild dieser innern
+Wandlung der Analysis. An den Palast- und Kirchenfassaden werden die
+sinnlich reinen Linien unwirklich. An Stelle der klaren Koordinaten
+florentinisch-römischer Säulenstellungen und Geschoßgliederungen
+tauchen die „infinitesimalen“ Elemente geschwungener, flutender
+Bauteile, Voluten, Kartuschen auf. Die Konstruktion verschwindet in
+der Fülle des Dekorativen -- mathematisch gesprochen des Funktionalen;
+Säulen und Pilaster, in Gruppen und Bündel zusammengefaßt, durchziehen
+ohne Ruhepunkte für das Auge die Fronten, sammeln und zerstreuen
+sich; die Flächen der Wände, Decken, Geschosse lösen sich in der Flut
+von Stukkaturen und Ornamenten auf, verschwinden und zerfallen unter
+farbigen Lichtwirkungen. Das Licht aber, das nun über dieser Formwelt
+des reifen Barock spielt -- von Bernini um 1650 an bis zum Rokoko in
+Dresden, Wien, Paris --, ist ein rein musikalisches Element geworden.
+Der Dresdner Zwinger ist eine +Sinfonie+. Mit der Mathematik hat
+sich im 18. Jahrhundert auch die Architektur zu einer Formenwelt von
++musikalischem+ Charakter entwickelt.
+
+
+17
+
+Auf dem Wege dieser Mathematik mußte endlich der Augenblick auftreten,
+wo nicht nur die Grenzen künstlicher geometrischer Gebilde, sondern
+die Grenzen des Sehsinnes überhaupt seitens der Theorie wie der Seele
+selbst in ihrem Drange nach rückhaltlosem Ausdruck ihrer innern
+Möglichkeiten als Grenzen, als Hindernis empfunden wurden, wo also das
+Ideal transzendenter Ausgedehntheit zu den beschränkten Möglichkeiten
+des unmittelbaren Augenscheins in grundsätzlichen Widerspruch trat.
+Die antike Seele, welche mit der vollen Hingabe der platonischen und
+stoischen ἀταραξία das Sinnliche gelten und walten ließ und ihre großen
+Symbole, wie es der erotische Hintersinn der pythagoräischen Zahlen
+beweist, +eher empfing als gab+, konnte auch das körperliche
++Jetzt+ und +Hier+ niemals überschreiten wollen. Hatte sich
+aber die pythagoräische Zahl im Wesen +gegebener+ Einzeldinge in
+der +Natur+ offenbart, so war die Zahl des Descartes und der
+Mathematiker nach ihm etwas, das +erobert+ und +erzwungen+
+werden mußte, eine herrische abstrakte Beziehung, unabhängig von aller
+sinnlichen Gegebenheit und jederzeit bereit, diese Unabhängigkeit
+der Natur gegenüber geltend zu machen. Der Wille zur Macht -- um
+Nietzsches große Formel zu gebrauchen --, der von der frühesten
+Gotik der Edda, der Kathedralen und Kreuzzüge, ja von den erobernden
+Wikingern und Goten an das Verhalten der nordischen Seele ihrer Welt
+gegenüber bezeichnet, liegt auch in dieser Energie der abendländischen
+Zahl gegenüber der Anschauung. +Das+ ist „Dynamik“. In der
+apollinischen Mathematik dient der Geist dem Auge, in der faustischen
+überwindet er es.
+
+Der mathematische, „absolute“, so gänzlich unantike Raum selbst war
+von Anfang an, was die Mathematik in ihrer Ehrfurcht vor hellenischen
+Traditionen nicht zu bemerken wagte, nicht die vage Räumlichkeit
+der täglichen Eindrücke, der landläufigen Malerei, der vermeintlich
+so eindeutigen und gewissen apriorischen Anschauung Kants, sondern
+ein reines Abstraktum, ein ideales und unerfüllbares Postulat einer
+Seele, der die Sinnlichkeit als Mittel des Ausdruckes immer weniger
+genügte und die sich endlich leidenschaftlich von ihr abwandte. Das
++innere+ Auge erwachte.
+
+Jetzt erst mußte es tiefen Denkern fühlbar werden, daß die euklidische
+Geometrie, die +einzige+ und +richtige+ für den naiven Blick
+aller Zeiten, von diesem hohen Standpunkt aus betrachtet nichts als
+eine +Hypothese+ ist, deren Alleingültigkeit gegenüber anderen,
+auch ganz unanschaulichen Arten von Geometrien, wie wir seit Gauß
+bestimmt wissen, sich niemals beweisen läßt, von der vielberufenen
+„Übereinstimmung“ mit der Wirklichkeit, diesem Laiendogma, das durch
+jeden Blick in die Ferne -- wo alle Parallelen einander berühren --
+widerlegt wird, zu schweigen. Der Kernsatz dieser Geometrie, das
+Parallelenaxiom Euklids, ist eine +Behauptung+, die sich durch
+andere ersetzen läßt, daß es nämlich durch einen Punkt zu einer Geraden
+keine, zwei oder viele Parallelen gibt, Behauptungen, die sämtlich zu
+vollkommen widerspruchslosen dreidimensionalen geometrischen Systemen
+führen, die in der Physik und vor allem der Astronomie angewendet
+werden können und zuweilen den euklidischen vorzuziehen sind.
+
+Schon die einfache Forderung der Unbegrenztheit des Ausgedehnten -- die
+man seit Riemann und dessen Theorie unbegrenzter, aber infolge ihrer
+Krümmung nicht unendlicher Räume eben von der Unendlichkeit zu scheiden
+hat -- widerspricht dem eigentlichen Charakter aller unmittelbaren
+Anschauung, welche von dem Vorhandensein von Lichtwiderständen, also
+materiellen Grenzen abhängt. Es sind aber abstrakte Prinzipien der
+Grenzsetzung denkbar, die in einem ganz neuen Sinne die Möglichkeiten
+optischer Begrenzung überschreiten. Für den Tieferblickenden liegt
+schon in der kartesischen Geometrie die Tendenz, über die drei
+Dimensionen des +erlebten+ Raumes als einer für die Symbolik
+der Zahlen nicht notwendigen Schranke hinauszugehen. Und wenn auch
+erst seit 1800 etwa die Vorstellung +mehrdimensionaler+ Räume --
+man hätte das Wort besser durch ein neues ersetzt -- zur erweiterten
+Grundlage des analytischen Denkens wurde, so war doch der erste
+Schritt dazu in dem Augenblick getan, wo die Potenzen, eigentlicher
+die Logarithmen, von ihrer ursprünglichen Beziehung auf sinnlich
+realisierbare Flächen und Körper abgelöst und -- unter Verwendung
+irrationaler und komplexer Exponenten -- als Beziehungswerte von ganz
+allgemeiner Art in das Gebiet des Funktionalen eingeführt wurden. Wer
+hier überhaupt folgen kann, wird auch begreifen, daß schon mit dem
+Schritt von der Vorstellung a^3, als einem natürlichen Maximum, zu a^n
+die Unbedingtheit eines Raumes von drei Dimensionen aufgehoben ist.
+
+Nachdem einmal das Raumelement des Punktes den immerhin noch optischen
+Charakter eines Koordinatenschnittes in einem anschaulich vorstellbaren
+System verloren hatte und als Gruppe dreier unabhängiger Zahlen
+definiert worden war, lag kein inneres Hindernis mehr vor, die Zahl
+3 durch die allgemeine n zu ersetzen. Es tritt eine Umkehrung des
+Dimensionsbegriffes ein: Es bezeichnen nicht mehr Maßzahlen optische
+Eigenschaften eines Punktes hinsichtlich seiner Lage in einem System,
+sondern Dimensionen von unbeschränkter Anzahl stellen vollkommen
+abstrakte Eigenschaften einer Zahlengruppe dar. Diese Zahlengruppe
+-- von n unabhängigen geordneten Elementen -- ist das +Bild+
+des Punktes; sie +heißt+ ein +Punkt+. Eine daraus logisch
+entwickelte Gleichung +heißt Ebene+, ist das +Bild+ einer
+Ebene. Der Inbegriff aller Punkte von n Dimensionen +heißt ein+
+n-dimensionaler +Raum+.[32] In diesen transzendenten Raumwelten,
+die zu keiner wie immer gearteten Sinnlichkeit mehr in Beziehung
+stehen, herrschen die von der Analysis aufzufindenden Beziehungen,
+welche sich mit den Ergebnissen der experimentellen Physik in ständiger
+Übereinstimmung befinden. Diese Räumlichkeit höheren Ranges ist ein
+Symbol, das durchaus Eigentum des abendländischen Geistes bleibt.
+Nur dieser Geist hat das Gewordene und Ausgedehnte +in diese+
+Formen zu bannen, das Fremde durch +diese+ Art der Aneignung --
+man erinnere sich des Begriffes „tabu“ -- zu beschwören, zu zwingen,
+mithin zu „erkennen“ versucht und verstanden. Erst in dieser Sphäre
+des Zahlendenkens, die nur einem sehr kleinen Kreis von Menschen
+noch zugänglich ist -- aber das gilt auch von den tiefsten Momenten
+unserer Musik, unserer Malerei, unserer Dogmatik --, erhalten selbst
+Bildungen wie die Systeme der hyperkomplexen Zahlen (etwa die
+Quaternionen der Vektorenrechnung) und zunächst ganz unverständliche
+Zeichen wie ∞ⁿ den Charakter von etwas Wirklichem. Man hat
+eben zu begreifen, daß Wirklichkeit nicht nur sinnliche Wirklichkeit
+ist, daß vielmehr das Seelische seine Idee in noch ganz anderen als
+anschaulichen Bildungen verwirklichen kann.
+
+
+18
+
+Aus dieser großartigen Intuition symbolischer Raumwelten folgt
+die letzte und abschließende Fassung der gesamten abendländischen
+Mathematik, die Erweiterung und Vergeistigung der Funktionentheorie
+zur +Gruppentheorie+. Gruppen sind Mengen oder Inbegriffe
+gleichartiger mathematischer Gebilde, also z. B. die Gesamtheit
+aller Differentialgleichungen von einem gewissen Typus, Mengen, die
+dem Dedekindschen Zahlenkörper analog gebaut und geordnet sind. Es
+handelt sich, wie man fühlt, um Welten ganz neuer Zahlen, die für das
++innere Auge+ des Eingeweihten doch nicht ganz ohne eine gewisse
+Sinnlichkeit sind. Es werden nun Untersuchungen gewisser Elemente
+dieser ungeheuer abstrakten Formsysteme notwendig, welche in bezug
+auf eine einzelne Gruppe von Operationen -- +von Transformationen
+des Systems+ -- von deren Wirkungen unabhängig bleiben, Invarianz
+besitzen. Die allgemeine Aufgabe dieser Mathematik erhält also (nach
+Klein) die Form: „Es ist eine n-dimensionale Mannigfaltigkeit („Raum“)
+und eine Gruppe von Transformationen gegeben. Die der Mannigfaltigkeit
+angehörigen Gebilde sollen hinsichtlich solcher Eigenschaften
+untersucht werden, die durch Transformationen der Gruppe nicht geändert
+werden.“
+
+Auf diesem höchsten Gipfel schließt nunmehr -- nach Erschöpfung ihrer
+sämtlichen inneren Möglichkeiten und nachdem sie ihre Bestimmung,
++Abbild und reinster Ausdruck der Idee des faustischen Seelentums+
+zu sein, erfüllt hat -- Mathematik des Abendlandes ihre Entwicklung
+ab, in demselben Sinne, wie es die Mathematik der antiken Kultur im 3.
+Jahrhundert tat. Beide Wissenschaften -- es sind die einzigen, deren
+organische Struktur sich heute schon historisch durchschauen läßt
+-- sind aus der Konzeption einer völlig neuen Zahl durch Pythagoras
+und Descartes entstanden, beide haben in prachtvollem Aufschwung
+ein Jahrhundert später ihre Reife erlangt und beide vollendeten
+nach einer Blüte von drei Jahrhunderten das Gebäude ihrer Ideen, in
+derselben Epoche, durch welche die Kultur, der sie angehören, in
+eine weltstädtische Zivilisation überging. Dieser tiefbedeutsame
+Zusammenhang wird später aufgeklärt werden. Sicher ist, daß für uns
+die Zeit der +großen+ Mathematiker vorüber ist. Es ist heute
+dieselbe Arbeit des Erhaltens, Abrundens, Verfeinerns, Auswählens, die
+talentvolle Kleinarbeit an Stelle der großen Schöpfungen im Gange,
+wie sie auch die alexandrinische Mathematik des spätem Hellenismus
+kennzeichnet.
+
+Ein historisches Schema wird dies deutlicher machen:
+
+ +Antike+ +Abendland+
+
+ 1. +Konzeption einer neuen Zahl.+
+
+ um 540 um 1630
+ Die Zahl der Größe Die Zahl als Beziehung
+ Die Pythagoräer Descartes, Fermat, Pascal;
+ (Um 470 Sieg der Plastik Newton, Leibniz (1670)
+ über die Freskomalerei) (Um 1670 Sieg der Musik
+ über die Ölmalerei)
+
+ 2. +Höhepunkt der systematischen
+ Entwicklung.+
+
+ 450-350 1750-1800
+ Archytas, Plato, Eudoxos Euler, Lagrange, Laplace
+ (Phidias, Praxiteles) (Haydn, Mozart)
+
+ 3. +Innerer Abschluß der Zahlenwelt.+
+
+ 300-250 nach 1800
+ Euklid, Apollonios, Archimedes Gauß, Cauchy, Riemann
+ (Lysippos, Leochares) (Beethoven)
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 25: Von der periodischen Unterbrechung durch den Schlaf soll
+hier abgesehen werden.]
+
+[Footnote 26: Siehe die vorangehenden Tafeln 1-3.]
+
+[Footnote 27: Alexandria hört im 2. Jahrhundert n. Chr. auf, Weltstadt
+zu sein und wird eine aus der Zeit antiker Zivilisation stehen
+gebliebene Häusermasse, in der eine primitiv fühlende, seelisch anders
+geartete Bevölkerung haust. Das hier vorliegende Phänomen wird später
+behandelt werden.]
+
+[Footnote 28: Vom „Namenzauber“ der Wilden bis zur modernsten
+Wissenschaft, welche sich ihre Objekte +unterwirft+, indem sie
+Namen, Begriffe und Definitionen für sie prägt, hat sich der Form nach
+nichts geändert.]
+
+[Footnote 29: In der modernen Astronomie wird die Verwendung nicht
+euklidischer Geometrien ernstlich erwogen. Die Annahme eines
+unbegrenzten, aber endlichen, gekrümmten Raumes, den das Sternensystem
+mit einem Durchmesser von etwa 470 Millionen Erdabständen füllt, würde
+zur Annahme eines Gegenbildes der Sonne führen, das uns als Stern
+mittlerer Helligkeit erscheint.]
+
+[Footnote 30: Daß durch einen Punkt zu einer Geraden nur eine Parallele
+möglich sei, ein Satz, der sich nicht beweisen läßt.]
+
+[Footnote 31: „Funktion, recht begriffen, ist das Dasein in Tätigkeit
+gedacht“ (Goethe).]
+
+[Footnote 32: Vom Standpunkt der Mengenlehre aus heißt eine
+wohlgeordnete Punktmenge, ohne Rücksicht auf die Dimensionenzahl, ein
+Körper, eine Menge von n - 1 Dimensionen also im Verhältnis dazu eine
+Fläche. Die „Begrenzung“ (Wand, Kante) einer Punktmenge stellt eine
+Punktmenge von geringerer Mächtigkeit dar.]
+
+
+
+
+ZWEITES KAPITEL
+
+DAS PROBLEM DER WELTGESCHICHTE
+
+
+
+
+I
+
+PHYSIOGNOMIK UND SYSTEMATIK
+
+
+1
+
+Es ist jetzt endlich möglich, den entscheidenden Schritt zu tun und
+ein Bild der Geschichte zu entwerfen, das nicht mehr vom zufälligen
+Standort des Betrachters in irgendeiner -- seiner -- „Gegenwart“ und
+von seiner Eigenschaft als interessiertem Gliede einer einzelnen Kultur
+abhängig ist, deren religiöse, geistige, politische, soziale Tendenzen
+ihn verführen, das historische Material aus einer zeitlich beschränkten
+Perspektive anzuordnen und dem Organismus des Geschehens damit eine
+willkürliche und an der Oberfläche haftende Form aufzudrängen, die ihm
+innerlich fremd ist.
+
+Was bisher fehlte, war die +Distanz+ vom Objekt. Der Natur gegenüber
+war sie längst erreicht. Allerdings war sie hier auch leichter
+erreichbar. Der Physiker konstruiert mit Selbstverständlichkeit das
+mechanisch-kausale Bild seiner Welt so, als ob er selbst gar nicht da
+wäre.
+
+Aber in der Formenwelt der Historie ist dasselbe möglich. Wir haben
+das nur bis jetzt nicht gewußt. Man darf deshalb vielleicht sagen,
+und man wird es später einmal tun, daß es an einer wirklichen
+Geschichtsschreibung faustischen Stils überhaupt gefehlt hat, einer
+solchen nämlich, die Distanz genug besitzt, um im Gesamtbilde der
+Weltgeschichte auch die Gegenwart -- die es ja nur in bezug auf eine
+einzige von unzähligen menschlichen Generationen ist -- wie etwas
+unendlich Fernes und Fremdes zu betrachten, als eine Epoche, die nicht
+schwerer wiegt als alle andern, ohne den Maßstab irgendwelcher Ideale,
+ohne Bezug auf sich selbst, ohne Wunsch, Sorge und persönliche innere
+Beteiligung, wie sie das praktische Leben in Anspruch nimmt; eine
+Distanz also, die -- mit Nietzsche zu reden, der bei weitem nicht
+genug von ihr besaß -- es erlaubt, das ganze Phänomen der historischen
+Menschheit wie mit dem Auge eines Gottes zu überblicken, wie die
+Gipfelreihe eines Gebirges am Horizont, als ob man selbst gar nicht zu
+ihr gehörte.
+
+Hier war noch einmal die Tat des Kopernikus zu vollbringen, jener Akt
+der Befreiung vom Augenschein im Namen des unendlichen Raumes, den der
+abendländische Geist der Natur gegenüber längst vollzogen hatte, als
+er vom ptolemäischen Weltsystem zu dem für ihn heute allein gültigen
+überging und damit den zufälligen Standort des Betrachters auf einem
+einzelnen Planeten als formbestimmend ausschaltete.
+
+Die Weltgeschichte ist derselben Ablösung von einem zufälligen
+Beobachtungsorte -- der jeweiligen „Neuzeit“ -- fähig und bedürftig.
+Uns erscheint das 19. Jahrhundert unendlich viel reicher und wichtiger
+als etwa das 19. vor Christus, aber auch der Mond erscheint uns
+größer als Jupiter und Saturn. Der Physiker hat sich vom Vorurteil
+der relativen Entfernung längst befreit, der Historiker nicht. Wir
+erlauben uns, die Kultur der Griechen als Altertum, relativ zu
+unserer Neuzeit, zu bezeichnen. War sie das auch für die feinen und
+historisch hochgebildeten Ägypter am Hofe des großen Thutmosis --
+ein Jahrtausend vor Homer? Für uns füllen die Ereignisse, die sich
+1500-1800 auf dem Boden Westeuropas abspielen, das wichtigste Drittel
+„der“ Weltgeschichte. Für den chinesischen Historiker, der auf 6000
+Jahre chinesischer Geschichte zurückblickt und von ihr aus urteilt,
+sind sie eine kurze und wenig bedeutende Episode, nicht entfernt so
+schwerwiegend wie z. B. die Jahrhunderte der Handynastie (206 v. bis
+220 n. Chr.), die in +seiner+ Weltgeschichte Epoche machen.
+
+Die Geschichte also von den persönlichen Vorurteilen des Betrachters
+zu lösen, der sie in unserem Falle wesentlich zur Geschichte
+eines Fragments des Vergangenen mit dem in Westeuropa fixierten
+Zufällig-Gegenwärtigen als Ziel und den augenblicklichen öffentlichen
+Idealen und Interessen als Wertmessern für die Entwicklung des
+Erreichten und zu Erreichenden macht -- das ist die Absicht alles
+Folgenden.
+
+
+2
+
+Erinnern wir uns der grundlegenden Tatsache des wachen Bewußtseins,
+aus dem heraus ein geordnetes Weltbild im Sinne von Natur oder
+Geschichte überhaupt erst möglich wird. Mit den Worten +Seele+ und
++Welt+ war der Urgegensatz bezeichnet worden, dessen Vorhandensein
+mit der Tatsache des menschlichen Tagesbewußtseins völlig identisch
+ist. Seele und Welt wurden im Hinblick auf die in jedem einzelnen und
+in jeder Kultur liegende Idee des Daseins das +Mögliche+ und
+das +Wirkliche+ genannt, um das Phänomen des Lebens als +der
+Verwirklichung dieses Möglichen+ und das ihm innewohnende Merkmal
+der Richtung vor Augen stellen zu können.
+
+Danach ist für jeden +seine+ Welt verwirklichtes Seelentum,
+Ausdruck, Zeichen, Bild der Idee +seines+ individuellen Daseins.
+„Jeder spricht nur sich selbst aus, indem er von der Natur spricht“
+(Goethe). Diese Wirklichkeit darf auf der seelischen Stufe des
+Urmenschen und des Kindes noch als verschleiert, chaotisch, als noch
+nicht entfaltet, als im tieferen Sinne formlos angenommen werden. In
+den höheren Zuständen menschlichen Daseins ist sie exakter Fassungen
+fähig, deren Skala zwischen den Extremen reinsten Anschauens und
+reinsten Erkennens eine unbegrenzte Menge nie sich genau wiederholender
+Strukturen zuläßt. „Die Welt“ ist für jeden einzelnen sein eigenstes,
+einmaliges, notwendiges und durchaus willenloses Erlebnis. Schopenhauer
+nannte es die Welt als Vorstellung, aber er setzte die Konstanz dieser
+Vorstellung und ihre Identität für alle Menschen als selbstverständlich
+voraus.
+
++Natur und Geschichte+: so stehen zwei extreme Arten, die
+Wirklichkeit als Weltbild zu ordnen, einander gegenüber. Eine
+Wirklichkeit ist Natur, insofern sie alles Werden dem Gewordnen, sie
+ist Geschichte, insofern sie alles Gewordne dem Werden einordnet. Eine
+Wirklichkeit wird +in ihrer Gestalt erschaut+ -- so entsteht
+die Welt Platos, Rembrandts, Goethes, Beethovens -- oder +in ihrem
+Element begriffen+ -- dies sind die Welten von Parmenides und
+Descartes, Kant und Newton. Erkennen im prägnanten Sinne des Wortes
+ist derjenige Erlebnisakt, dessen vollzogenes Resultat „Natur“ heißt.
+Erkanntes und Natur sind identisch. Alles Erkannte ist, wie das Symbol
+der mathematischen Zahl bewies, gleichbedeutend mit dem mechanisch
+Begrenzten, Gesetzten. Natur ist der +Inbegriff des gesetzlich
+Notwendigen+. Es gibt nur +Natur+gesetze. Kein Physiker,
+der seine Bestimmung begreift, wird über diese Grenze hinausgehen
+wollen. Seine Aufgabe ist, die Gesamtheit, das wohlgeordnete System
+aller Gesetze festzustellen, die im Bilde der Natur auffindbar
+sind, mehr noch, die das Bild der Natur erschöpfend und ohne Rest
++darstellen+.
+
+Andrerseits: Anschauen -- ich erinnere an das Wort Goethes: „Das
+Anschauen ist vom Ansehen sehr zu unterscheiden“ -- ist derjenige
+Erlebnisakt, der, als Phänomen, +indem+ er sich vollzieht, +selbst
+Geschichte+ ist. Erlebtes ist Geschehenes, ist Geschichte.
+
+Alles Geschehen ist +einmalig+ und nie sich wiederholend. Es unterliegt
+dem Prinzip der Richtung (der „Zeit“), der +Nichtumkehrbarkeit+. Das
+Geschehene, als nunmehr Gewordnes dem Werden, als Erstarrtes dem
+Lebendigen entgegengesetzt, gehört unwiderruflich der Vergangenheit
+an. Das Gefühl hiervon ist die Weltangst. Alles Erkannte aber ist
++zeitlos+, weder vergangen noch zukünftig, von dauernder Gültigkeit.
+Dies gehört zur innern Beschaffenheit des Naturgesetzlichen. Das
+Gesetz, das Gesetzte, ist +antihistorisch+. Es schließt den +Zufall+
+aus. Naturgesetze sind Formen anorganischer Notwendigkeit. Es wird
+klar, weshalb Mathematik als die Ordnung des Gewordnen durch die Zahl
+sich +immer+ auf Gesetze und Kausalität und +nur+ auf sie bezieht.
+
+Das Werden „hat keine Zahl“. Nur Lebloses kann gezählt, gemessen,
+zerlegt werden. Das reine Werden, das Leben ist in diesem Sinne
+grenzenlos. Es liegt jenseits des Bereiches von Ursache und Wirkung,
+Gesetz und Maß. Keine tiefe und echte Geschichtsforschung wird nach
+kausaler Gesetzlichkeit forschen; andernfalls hat sie ihr eigentliches
+Wesen nicht begriffen.
+
+Indes: Geschichte ist kein reines Werden; sie ist nur ein Weltbild,
+eine vom einzelnen ausstrahlende Weltform, in der das Werden das
+Gewordne +beherrscht+. Auf dem Gehalt an Gewordenem beruht die
+Möglichkeit, ihr wissenschaftlich etwas abzugewinnen. Und je höher
+dieser Gehalt ist, desto mechanischer, desto verstandesmäßiger, desto
+kausaler erscheint sie. Auch Goethes „lebendige Natur“, ein völlig
+unmathematisches Weltbild, hatte noch so viel Gehalt an Totem und
+Starrem, daß er sie wissenschaftlich behandeln konnte. Sinkt dieser
+Gehalt +sehr+ tief, ist sie beinahe +nur+ reines Werden, so haben
+wir eine echte Vision vor uns, die nur noch Arten +künstlerischer+
+Rezeption gestattet. Was Dante als Welthistorie vor seinem geistigen
+Auge sah, hätte er +nicht+ wissenschaftlich realisieren können,
+auch Goethe nicht, was er in den Momenten seiner Faustentwürfe sah,
+ebensowenig Plotin und Giordano Bruno. Hier liegt die wichtigste
+Ursache des Streites um die Struktur der Geschichte. Vor demselben
+Objekt, vor demselben Tatsachenmaterial hat doch jeder Betrachter
+seiner Anlage nach einen anderen +Eindruck+ des Ganzen, ungreifbar
+und nicht mitteilbar, der seiner Denkart zugrunde liegt und ihr die
+spezifische persönliche Farbe gibt. Der Grad von Gewordnem wird bei
+zwei Menschen immer verschieden sein, Grund genug, daß sie sich
+niemals über das Thema und die Methode verständigen können. Jeder
+gibt dem Mangel an Denken bei dem andern Schuld, und doch ist das
+mit diesem Wort bezeichnete Etwas, worüber niemand Gewalt hat, kein
+Schlechtersein, sondern ein notwendiges Anderssein. Dasselbe gilt von
+aller Naturwissenschaft.
+
+Aber man halte fest: Geschichte +wissenschaftlich+ behandeln wollen ist
+im letzten Grunde immer etwas Widerspruchsvolles und deshalb ist jede
+pragmatische Geschichtsschreibung, sie sei so groß wie sie wolle, ein
+Kompromiß. Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über Geschichte
+soll man dichten. Alles andere sind unreine Lösungen -- aus denen
+allerdings die große Mehrzahl aller Geistesprodukte besteht.
+
+Auf der andern Seite, dort, wo das Reich der Zahlen und des exakten
+Wissens herrschen sollte, hatte Goethe „lebendige Natur“ gerade
+das genannt, was ein unmittelbares Anschauen des reinen Werdens
+und Sichgestaltens, mithin im hier festgelegten Sinne +Geschichte+
+war. +Seine Welt+ war +zunächst+ ein Organismus, ein Wesen, und
+man begreift, daß seine Forschungen, selbst wenn sie ein äußerlich
+physikalisches Gepräge tragen, weder Zahlen noch Gesetze noch eine in
+Formeln gebannte Kausalität bezwecken, daß sie vielmehr Morphologie im
+höchsten Sinne sind und damit das spezifisch abendländische (und sehr
+unantike) Mittel aller kausalen Betrachtung, das messende Experiment,
+vermeiden, es aber auch nirgends vermissen lassen. Seine Betrachtung
+der Erdoberfläche ist stets Geologie, nie Mineralogie (die er die
+Wissenschaft von etwas Totem nannte).
+
+Es sei noch einmal gesagt: Es gibt keine genaue Grenze zwischen beiden
+Arten der Weltfassung. So sehr Werden und Gewordnes Gegensätze sind, so
+sicher ist in jedem Erlebnisakte beides vorhanden. Geschichte erlebt,
+wer beides als werdend, als sich vollendend, anschaut, Natur erkennt,
+wer beides als geworden, als vollendet, zergliedert.
+
+Es liegt eine ursprüngliche Anlage in jedem Menschen, jeder Kultur,
+jeder Kulturstufe vor, eine ursprüngliche Neigung und Bestimmung, eine
+der beiden Formen als Ideal vorzuziehen. Der Mensch des Abendlandes ist
+in hohem Grade historisch gestimmt,[33] der antike Mensch war es um so
+weniger. +Wir+ verfolgen alles Gegebene im Hinblick auf Vergangenheit
+und Zukunft, die Antike erkannte nur die punktförmige Gegenwart als
+seiend an. Der Rest wurde Mythus. Wir haben in jedem Takte unsrer Musik
+von Palestrina bis Wagner +auch ein Symbol des Werdens+ vor uns, die
+Griechen in jeder ihrer Statuen ein Bild des Momentes. Der Rhythmus
+eines Körpers liegt im Augenblick, der Rhythmus einer Fuge im Verlauf.
+
+
+3
+
+So treten die Prinzipien der +Gestalt+ und des +Gesetzes+ vor uns
+hin als der beiden Grundformen aller Weltbildung. Je entschiedener
+ein Weltbild die Züge der Natur trägt, desto unumschränkter gilt
+in ihm das Gesetz und die Zahl. Je reiner eine Welt als ein ewig
+Werdendes angeschaut wird, desto zahlenfremder ist die ungreifbare
+Fülle ihrer Gestaltung. So unterscheidet sich hinsichtlich der Methode
+Goethes vielberufene „exakte sinnliche Fantasie“, die das Lebendige
+unberührt läßt,[34] von dem exakten, tötenden Verfahren der modernen
+Physik. Der Rest des +andern+ Elements, den man immer finden wird,
+erscheint in der strengen Naturwissenschaft unter dem Phänomen nie zu
+vermeidender +Theorien+ und +Hypothesen+, deren anschaulicher Gehalt
+alles starr Zahlenmäßige und Formelhafte füllt und trägt, in der
+Geschichtsforschung als +Chronologie+, jenes seltsame und doch nie
+als dunkles Rätsel empfundene Phänomen eines Zahlennetzes, das -- als
+Kette von Jahreszahlen, als Statistik -- die Gestaltenwelt umspinnt und
+durchdringt, ohne mit dem Charakter von mathematischen Zahlen etwas zu
+tun zu haben.
+
+Noch etwas andres ist hier zu bemerken. Da ein Werden immer dem
+Gewordnen zugrunde liegt und Geschichte eine Ordnung des Weltbildes
+im Sinne des Werdens darstellt, so ist Geschichte die +ursprüngliche+
+und Natur eine +späte+, erst dem Menschen reifer Kulturen vollziehbare
+Weltform, nicht umgekehrt, zu welcher Annahme das Vorurteil des
+städtischen wissenschaftlichen Verstandes neigt. In der Tat ist die
+dunkle, urseelenhafte Umwelt der frühesten Menschheit, wovon heute
+noch ihre religiösen Gebräuche und Mythen zeugen, jene Welt voller
+Willkür, feindlicher Dämonen und launischer Mächte, durchaus ein
+lebendiges, ungreifbares, rätselhaft wogendes und unberechenbares
+Ganze. Mag man sie Natur nennen, so ist sie doch nicht unsre Natur,
+der starre Reflex eines wissenden Geistes. Diese Urwelt klingt als
+ein Stück längst vergangenen Menschentums nur in der Kinderseele
+und in den großen Künstlern noch manchmal an, inmitten einer
+strengen „Natur“, welche der Geist reifer Kulturen mit tyrannischer
+Nachdrücklichkeit um den einzelnen aufbaut. Hierin liegt der Grund für
+die gereizte Spannung zwischen wissenschaftlicher („moderner“) und
+künstlerischer („unpraktischer“) Weltanschauung, die jede Spätzeit
+kennt. Der Tatsachenmensch und der Dichter werden einander nie
+verstehen. Hier ist auch der Grund zu suchen, weshalb jede angestrebte
+Geschichtsforschung, die immer etwas von Kindheit und Traum, etwas
+Goethesches in sich tragen müßte, an der Gefahr vorüberstreift, eine
+bloße Physik des öffentlichen Lebens zu werden, „materialistisch“, wie
+sie sich selbst ahnungslos genannt hat.
+
+„Natur“ im exakten Sinne ist die seltnere, auf den Menschen der großen
+Städte später Kulturen beschränkte, männliche, vielleicht schon
+greisenhafte Art, Wirklichkeit zu besitzen, Geschichte die naive und
+jugendliche, auch die unbewußtere, die der +ganzen+ Menschheit eigen
+ist. So wenigstens steht die zahlenmäßige, geheimnislose Natur des
+Aristoteles und Kant, der Sophisten und Darwinisten, der modernen
+Physik, der erlebten, grenzenlosen, gefühlten Natur Homers und der
+Edda, des dorischen und gotischen Menschen gegenüber. Es heißt das
+Wesen aller Geschichtsbetrachtung verkennen, wenn man dies übersieht.
++Sie+ ist die eigentlich +natürliche+, die exakte, mechanisch geordnete
+Natur die +künstliche+ Fassung der Seele ihrer Welt gegenüber. Trotzdem
+oder gerade deshalb ist dem modernen Menschen die Naturwissenschaft
+leicht, die Geschichtsbetrachtung schwer.
+
+Regungen eines abstrakten, das heißt eben erzwungenen, künstlichen,
+dem naiven Seelentum fremden Denkens, dessen Tendenz ganz und gar
+auf mathematische Begrenzung, logische Unterscheidung, auf Gesetz
+und Kausalität hinausgeht, tauchen früh genug auf. Man findet sie in
+den ersten Jahrhunderten aller Kulturen, noch schwach, vereinzelt,
+noch in der Fülle des Trieblebens verschwindend. Ich nenne den Namen
+Roger Bacons. Sie nehmen bald einen strengeren Charakter an; es fehlt
+ihnen, wie allem geistig Erkämpften und von der menschlichen Natur
+ständig Bedrohten, das Herrische und Ausschließende nicht. Unvermerkt
+durchdringt das Reich des Räumlich-Begrifflichen -- denn die Begriffe
+sind ihrem Wesen nach Zahlen, von rein quantitativer Beschaffenheit --
+die Außenwelt des Einzelnen, bewirkt in, mit und unter den schlichten
+Eindrücken der Sinnlichkeit einen mechanischen Zusammenhang kausaler
+und zahlengesetzlicher Art und unterwirft zu guter Letzt das wache
+Bewußtsein des großstädtischen Kulturmenschen -- sei es im ägyptischen
+Theben oder in Babylon, in Benares, Alexandria oder in westeuropäischen
+Weltstädten -- einem so anhaltenden Zwange des naturgesetzlichen
+Denkens, daß das Vorurteil aller Philosophie und Wissenschaft -- denn
+es +ist+ ein Vorurteil -- kaum Widerspruch findet, dieser Zustand sei
++der+ menschliche Geist und sein alter ego, das +mechanische+ Bild
+der Umwelt, sei +die+ Welt. Aristoteles und Kant haben das Urteil
+sakrosankt gemacht. Plato und Goethe widerlegen es.
+
+
+4
+
+Die große Aufgabe der Welterkenntnis, wie sie dem Menschen hoher
+Kulturen ein Bedürfnis ist, eine Art Durchdringung seiner Existenz,
+die er sich und ihr schuldig zu sein glaubt, mag man ihre Lösung nun
+Wissenschaft oder Philosophie nennen, mag man ihre Verwandtschaft
+zu künstlerischer Schöpfung und gläubiger Intuition mit innerster
+Gewißheit fühlen oder bestreiten -- diese Aufgabe ist sicherlich
+in jedem Falle die gleiche: die Formensprache des Weltbildes, das
+dem Dasein des einzelnen +vorbestimmt+ ist, das er, solange er
+nicht +vergleicht+, für +die+ Welt halten muß, in ihrer Reinheit
+darzustellen. Diese +Auflösung+ der uns umgebenden Wirklichkeit in
+ihre -- wie wir glauben -- einfachen Elemente empfinden wir als die
+Lösung des Rätsels. Wir nennen sie Offenbarung, Entdeckung, Erkenntnis,
+Erfahrung und sind gewiß, mit ihr den Inhalt unseres Daseins
+bereichert, ein Stück von ihm vollendet zu haben.
+
+Angesichts der Zweiheit von Natur und Geschichte kann diese Aufgabe
+eine doppelte sein. Beide reden ihre eigene, in jedem Betracht
+verschiedene Formensprache und in einem Weltbilde von unentschiedenem
+Charakter -- wie es die Regel ist -- können beide einander wohl
+überlagern und verwirren, sich aber niemals zur Einheit verbinden.
+
+Richtung und Ausdehnung sind die Merkmale, durch die sich historische
+und naturhafte Welteindrücke unterscheiden. Der Mensch ist gar nicht
+imstande, beides gleichzeitig, im selben Augenblick entschieden in
+Wirkung zu setzen. Das Wort Ferne hat einen bezeichnenden Doppelsinn.
+Dort bedeutet es +Zukunft+, hier eine +räumliche Distanz+. Man wird
+bemerken, daß der historische Materialist die Zeit mit Notwendigkeit
+als Dimension empfindet. Für den geborenen Künstler sind umgekehrt, wie
+die Lyrik aller Völker beweist, landschaftliche Fernen, Wolken, der
+Horizont, die sinkende Sonne Eindrücke, die sich unbezwinglich mit dem
+Gefühl von etwas Künftigem verbinden. Der griechische Dichter verneint
+die Zukunft, folglich sieht, folglich besingt er dies alles nicht. Weil
+er ganz der Gegenwart angehört, so gehört er auch ganz der Nähe. Der
+Naturforscher, der produktive Verstandesmensch im eigentlichen Sinne,
+sei er Experimentator wie Faraday, Theoretiker wie Galilei oder Rechner
+wie Newton, findet in seiner Welt nur richtungslose +Quantitäten+, die
+er mißt, prüft und ordnet. Nur Quantitatives unterliegt der Fassung
+durch Zahlen, ist kausal determiniert, kann begrifflich zugänglich
+gemacht und gesetzlich formuliert werden. Damit sind die Möglichkeiten
+aller reinen Naturerkenntnis erschöpft. Alle Gesetze sind quantitative
+Zusammenhänge oder, wie der Physiker es ausdrückt, alle physikalischen
+Vorgänge +verlaufen im Raume+. Der antike Physiker würde diesen
+Ausdruck im Sinne des antiken raumverneinenden Weltgefühls, ohne die
+Tatsache zu ändern, dahin korrigiert haben, daß alle Vorgänge „+unter
+Körpern stattfinden+“.
+
+Historischen Eindrücken ist alles Quantitative fremd. Ihr Organ ist ein
+andres. Die beiden Arten von Rezeption, welche der Welt als Natur und
+der Welt als Geschichte entsprechen, sind uns wohlbekannt, so wenig
+wir uns auch bis jetzt ihres Gegensatzes bewußt gewesen sind. Es gibt
++Naturerkenntnis+ und +Menschenkenntnis+. Es gibt +wissenschaftliche
+Erfahrung+ und +Lebenserfahrung+. Man verfolge den Gegensatz bis in
+seine letzten Konsequenzen und man wird verstehen, was ich meine.
+
+Alle Arten, die Welt zu begreifen, dürfen letzten Endes als Morphologie
+bezeichnet werden. +Die Morphologie des Mechanischen und Ausgedehnten,
+eine Wissenschaft, die Naturgesetze und Kausalbeziehungen entdeckt
+und ordnet, heißt Systematik. Die Morphologie des Organischen, der
+Geschichte und des Lebens, alles dessen, was Richtung und Schicksal in
+sich trägt, heißt Physiognomik.+
+
+Je historischer ein Mensch veranlagt ist, desto mehr wird alles, was
+er begreift, mitteilt, bildet, physiognomischen Charakter tragen. Der
+hellenischen Statuenkunst lag alles Physiognomische fern, nicht weniger
+dem attischen Drama. Das hat der Klassizismus Winckelmanns und Lessings
+als das „Allgemein Menschliche“ mißverstanden. Goethe war in seiner
+Pflanzenlehre wie im Tasso, in seiner Lyrik wie im persönlichen Umgang
+ein Meister der Physiognomik.
+
+
+5
+
+Diese Art, die Welt zu sehen, hat in den letzten Stadien der
+abendländischen Zivilisation ihre große Zeit noch vor sich. In hundert
+Jahren werden alle Wissenschaften, die auf diesem Boden dann noch
+möglich sind, Bruchstücke einer einzigen ungeheuren Physiognomik alles
+Menschlichen sein. +Das bedeutet „Morphologie der Weltgeschichte“.+
+In jeder Wissenschaft, dem Ziel wie dem Stoffe nach, erzählt der
+Mensch sich selbst. Wissenschaftliche Erfahrung ist Selbsterkenntnis.
+Aus diesem Gesichtspunkte war soeben die Mathematik als Kapitel der
+Physiognomik behandelt worden. Nicht was der einzelne Mathematiker
++beabsichtigt+, kam in Betracht. Der Fachmann als solcher mit seinen
+Tatsachen und Leistungen scheidet aus. Der Mathematiker als Mensch,
+dessen Wirksamkeit einen Teil seiner Erscheinung, dessen Wissen
+und Meinen einen Teil seiner Gebärde bildet, ist das +Organ+ einer
+Kultur. Durch ihn redet sie von sich. Er gehört als Person, als Geist,
+entdeckend, erkennend, formend zu ihrer Physiognomie.
+
+Jede Mathematik, die als wissenschaftliches System oder, wie im Falle
+Ägyptens, in Form einer Architektur die Idee einer Zahl allen sichtbar
+zur Erscheinung bringt, ist das Bekenntnis einer Seele. So gewiß ihre
+beabsichtigte Leistung nur der historischen Oberfläche angehört, so
+gewiß ist ihr Unbewußtes, die Zahl selbst als Urphänomen und der
+Stil ihrer Entwicklung zu einer abgeschlossenen Formenwelt, Ausdruck
+des Daseins, des Blutes. Ihre Lebensgeschichte, ihr Aufblühen und
+Verdorren, ihre tiefe Beziehung zu den bildenden Künsten, zu Mythen
+und Kulten derselben Kultur, das alles gehört zu einer noch kaum für
+möglich gehaltenen Morphologie der zweiten, der historischen Art.
+
+Die sichtbare Außenseite aller Historie hat demnach dieselbe Bedeutung
+wie die äußere Erscheinung des einzelnen Menschen, Wuchs, Miene,
+Haltung, Gang, Sprache, Tätigkeit. Das alles ist für den Menschenkenner
+da. Der Leib, das Begrenzte, Gewordne, +Vergängliche+ ist Ausdruck
+der Seele. Aber Menschenkenner sein bedeutet auch jene menschlichen
+Organismen größten Stils, die ich Kulturen nenne, kennen, ihre Miene,
+ihre Sprache, ihre Handlungen begreifen, wie man die eines einzelnen
+Menschen begreift. Geschichte als Philosoph schreiben heißt das tun,
+was Shakespeare tat, als er seine Tragödien einzelner Menschen schrieb.
+
+Physiognomik ist die ins Geistige übersetzte Kunst des Porträts.
+Don Quijote, Werther, Julian Sorel sind die Porträts einer Epoche.
+Faust ist das Porträt einer ganzen Kultur. Der Naturforscher, der
+Morphologe als Systematiker, kennt das Porträt der Welt nur als
+imitative Aufgabe. Das bedeutet „Naturtreue“, „Ähnlichkeit“ für den
+malenden Handwerker, der im Grunde ganz mathematisch zu Werke geht.
+Ein echtes Porträt im Sinne Rembrandts ist Physiognomik, ist Historie.
+Die Reihe seiner Selbstbildnisse ist nichts andres als eine -- echt
+Goethesche -- Selbstbiographie. So soll die Biographie der großen
+Kulturen geschrieben werden. Der imitative Teil, die Arbeit des
+Fachhistorikers an Daten und Zahlen, ist nur Mittel, nicht Ziel. Zu
+den Zügen im Antlitz der Historie gehört alles, was man bis jetzt nur
+nach persönlichen Maßstäben, nach Nutzen und Schaden, Gut und Böse,
+Gefallen und Mißfallen zu werten verstanden hat, eine Staatsform
+wie eine Wirtschaftsform, Schlachten wie Künste, Wissenschaften wie
+Götter, Mathematik wie Moral. Alles, was überhaupt +geworden+ ist,
+alles, was erscheint, ist Symbol, ist Ausdruck einer Seele. Es will
+mit dem Auge des Menschenkenners betrachtet, es will nicht in Gesetze
+gebracht, es will in seiner Bedeutung gefühlt werden. Und so erhebt
+sich die Untersuchung zu einer letzten und höchsten Gewißheit: +Alles
+Vergängliche ist nur ein Gleichnis.+
+
+Zur Naturerkenntnis kann man erzogen werden, der Geschichtskenner
+wird +geboren+. Er begreift und durchdringt mit einem Schlage, aus
+einem Gefühl heraus, das man nicht lernt, das jeder absichtlichen
+Einwirkung entzogen ist, das dem Willen nicht unterliegt, das in seinen
+höchsten Momenten sich selten genug einstellt. Zerlegen, definieren,
+ordnen, nach Ursache und Wirkung abgrenzen kann man, wenn man will.
+Das ist eine Arbeit, das andre ist eine Schöpfung. Gestalt und Gesetz,
+Gleichnis und Begriff, Symbol und Formel haben ein sehr verschiedenes
+Organ. Es ist das Verhältnis von +Leben und Tod+, von Zeugen und
+Zerstören, das hier erscheint. Der Verstand, der Begriff tötet, indem
+er „erkennt“. Er macht das Erkannte zum starren Gegenstand, der
+sich messen und teilen läßt. Das Anschauen beseelt. Es verleibt das
+Einzelne einer lebendigen, innerlich gefühlten Einheit ein. Dichten
+und Geschichtsforschung sind verwandt, Rechnen und Erkennen sind es
+auch. Aber -- wie Hebbel einmal sagt: „Systeme werden nicht erträumt,
+Kunstwerke nicht errechnet oder, was dasselbe ist, erdacht.“ Der
+Künstler, der echte Historiker schaut, wie etwas wird. Er erlebt das
+Werden in den Zügen des Betrachteten noch einmal. Der Systematiker,
+sei er Physiker, Darwinist, oder schreibe er pragmatische Historie,
+erfährt, was geworden ist. Die Seele eines Künstlers ist wie die Seele
+einer Kultur etwas, das sich verwirklichen möchte, etwas vollständiges
+und vollkommenes, in der Sprache einer altern Philosophie: Mikrokosmos.
+Der Geist des Physikers, eine späte, engere und vorübergehende
+Erscheinung, gehört in die reifsten Stadien einer Kultur. Er ist an
+das Phänomen der +Städte+ gebunden, in denen sich ihr Leben mehr und
+mehr zusammendrängt, und er verschwindet wieder mit ihnen. Antike
+Wissenschaft gibt es nur von den Ioniern des 6. Jahrhunderts an bis zur
+Römerzeit. Antike Künstler gibt es, solange es eine Antike gibt.
+
+Ein Schema möge wieder zur Verdeutlichung dienen:
+
+ { +Seele+ +Welt+
+ Bewußtsein { Möglichkeit --> Vollendung --> Wirklichkeit
+ { (+Leben+) |
+ v
+ { Werden ------> Gewordenes
+ Anschauung { Richtung Ausdehnung
+ und { Organisch Mechanisch
+ Erkenntnis { Symbol, Bild \ Zahl, Begriff
+ | \ / |
+ | X |
+ V ⬋ \ V
+ { +Geschichte+ ⬊ +Natur+
+ { Gestalt Gesetz
+ Weltbild { Physiognomik Systematik
+ { (Religion, Kunst) (Wissenschaft, Praxis)
+
+Versucht man sich über das Prinzip der +Einheit+ klar zu werden, aus
+welcher jede der beiden Welten aufgefaßt wird, so findet man, daß
+mathematisch geregelte Erkenntnis, und zwar desto entschiedener,
+je reiner sie ist, sich durchaus auf ein beständig +Gegenwärtiges+
+bezieht. Das Bild der Natur, wie es der Physiker betrachtet, ist
+das augenblicklich vor seinen Sinnen sich entfaltende. Zu den
+meist verschwiegenen, aber um so festeren Voraussetzungen aller
+Naturforschung gehört die, daß die Natur für alle und zu allen
+Zeiten dieselbe sei. Ein Experiment entscheidet „für immer“.
+Wirkliche Geschichte aber beruht auf dem ebenso gewissen innern
+Gefühl des Gegenteils. Geschichte setzt als ihr Organ eine schwer zu
+beschreibende Art innerer Sinnlichkeit voraus, deren Eindrücke in
+unendlicher Wandlung begriffen sind, mithin in einem Zeitpunkte gar
+nicht zusammengefaßt werden können. (Von der vermeintlichen „Zeit“
+der Physiker wird später die Rede sein.) Das Bild der Geschichte
+-- sei es die der Menschheit, der Organismenwelt, der Erde, der
+Fixsternsysteme -- ist ein +Gedächtnisbild+. Und zwar kann man die
+frühere Unterscheidung wiederholen und sagen, daß „Natur“ ein Weltbild
+sei, in welchem das Gedächtnis der Einheit des unmittelbar Sinnlichen
+unterworfen ist, „Geschichte“ dasjenige, in welchem das Gedächtnis die
+Eindrücke der Sinne sich einverleibt. Gedächtnis wird hier als ein
+höherer Zustand aufgefaßt, der durchaus nicht jeder Seele eigen und
+vielen nur in geringem Grade verliehen ist, eine Art Einbildungskraft,
+die jeden Augenblick sub specie aeternitatis, in steter Beziehung auf
+alles Vergangene und Zukünftige durchlebt werden läßt; es ist die
+Voraussetzung jeder Art von reflektierender Beschaulichkeit, von
+Selbsterkenntnis und Selbstbekenntnis. In diesem Sinne besitzt der
+antike Mensch kein Gedächtnis, mithin keine Geschichte, weder in sich
+noch um sich. („Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich
+selbst Geschichte erlebt hat.“ Goethe.) Im antiken Weltbewußtsein wird
+alles Vergangene im Augenblicklichen aufgesaugt. Man vergleiche die
+äußerst „historischen“ Köpfe der Naumburger Domskulpturen, Dürers,
+Rembrandts mit denen hellenistischer Bildnisse, etwa der bekannten
+Sophoklesstatue. Die einen erzählen die ganze Geschichte einer Seele,
+die Züge des andern beschränken sich streng auf den Ausdruck eines
+augenblicklichen innern Zustandes. Sie schweigen von allem, was im
+Laufe eines Lebens zu diesem Zustande geführt hat -- wenn davon bei
+einem echt antiken Menschen, der immer fertig, nie ein Werdender ist,
+überhaupt die Rede sein kann.
+
+
+6
+
+Und nun ist es möglich, die letzten Elemente der historischen
+Formenwelt aufzufinden. Unzählige Gestalten, in endloser Fülle
+auftauchend, verschwindend, sich abhebend, wieder verfließend, ein in
+tausend Farben und Lichtern blinkendes Gewirr von anscheinend freiester
+Zufälligkeit -- das ist zunächst das Bild der Weltgeschichte, wie sie
+als Ganzes vor dem anschauenden Geiste sich ausbreitet. Der tiefer ins
+Wesenhafte dringende Blick aber hebt aus dieser Willkür reine Formen
+hervor, die dicht verhüllt und nur widerwillig sich entschleiernd allem
+menschlichen Werden zugrunde liegen.
+
+Vom Bilde des gesamten Weltwerdens, wie es das faustische Auge umfaßt,
+dem Werden der Sternensysteme, der Erdoberfläche, der Lebewesen,
+betrachten wir jetzt nur die äußerst kleine morphologische Einheit
+der „Weltgeschichte“ im landläufigen Sinne, der von Goethe wenig
+geachteten Geschichte des höheren Menschentums, die wenig mehr als
+6000 Jahre umfaßt, ohne auf das tiefe Problem der Symmetrie all
+dieser Gebilde einzugehen. Was dieser flüchtigen Formenwelt Sinn
+und Gehalt gibt und was bis jetzt tief verschüttet unter der kaum
+verstandenen Masse handgreiflicher „Daten“ und „Tatsachen“ lag, ist
+das +Phänomen der großen Kulturen+. Erst nachdem diese Urformen in
+ihrer physiognomischen, organischen Bedeutsamkeit erschaut, gefühlt,
+herausgearbeitet worden sind, kann das Wesen der Geschichte --
+gegenüber dem Wesen der Natur -- als verstanden gelten. Erst von
+diesem Ein- und Ausblicke an darf von einer Philosophie der Geschichte
+ernsthaft die Rede sein. Erst dann ist es möglich, jedes Faktum
+im historischen Bilde, jeden Gedanken, jede Kunst, jeden Krieg,
+jede Persönlichkeit, jede Epoche ihrem symbolischen Gehalte nach
+zu begreifen und die Geschichte selbst nicht mehr als bloße Summe
+von Vergangenem ohne eigentliche Ordnung und innere Notwendigkeit
+zu begreifen, sondern als einen Organismus von strengstem Bau und
+sinnvollster Gliederung, in dessen Entwicklung die zufällige Gegenwart
+des Betrachters keinen Abschnitt bezeichnet und die Zukunft nicht mehr
+formlos und unbestimmbar erscheint.
+
++Kulturen sind Organismen.+ Kulturgeschichte ist ihre Biographie. Die
+in historischer Erscheinung -- im Gedächtnisbilde -- uns vorliegende
+Geschichte der chinesischen oder antiken Kultur ist morphologisch
+das genaue Seitenstück zur Geschichte des einzelnen Menschen, eines
+Tieres, eines Baumes oder einer Blume. Will man ihre Struktur kennen
+lernen, so hat die vergleichende Morphologie der Pflanzen und Tiere
+längst die Methode dazu vorbereitet.[35] Im Phänomen der einzelnen,
+aufeinander folgenden, nebeneinander aufwachsenden, sich berührenden,
+überschattenden, erdrückenden Kulturen erschöpft sich der Gehalt
+aller Historie. Und läßt man ihre Gestalten, die bis jetzt nur allzu
+gut unter der Oberfläche einer trivial fortlaufenden „Geschichte
+der Menschheit“ verborgen lagen, im Geiste vorüberziehen, so muß
+es gelingen, den Typus, die Urgestalt +der+ Kultur, frei von allem
+Trübenden und Unbedeutenden, aufzufinden, die allen einzelnen Kulturen
+als Formideal zugrunde liegt.
+
+Ich unterscheide die +Idee+ einer Kultur, ihre inneren Möglichkeiten,
+von ihrer sinnlichen +Erscheinung+ im Bilde der Geschichte als der
+vollzogenen Verwirklichung. Es ist das Verhältnis der Seele zum
+Körper, ihrem +Ausdruck+ im Bereiche des Ausgedehnten und Gewordenen.
+Geschichte einer Kultur ist die Verwirklichung ihres Möglichen. Die
+Vollendung ist gleichbedeutend mit dem Ende. So verhält sich die
+apollinische Seele, deren Idee einige von uns vielleicht noch einmal
++fühlen+ und +nacherleben+ können, zu ihrer räumlichen Entfaltung,
+der +wissenschaftlich+ zugänglichen „Antike“, deren Physiognomie der
+Archäologe, der Philologe, der Ästhetiker und der Historiker studieren.
+
+Kultur ist das +Urphänomen+ aller vergangenen und künftigen
+Weltgeschichte. Die tiefe und wenig gewürdigte Idee Goethes, die
+er in seiner lebendigen Natur fand und seinen morphologischen
+Forschungen stets zugrunde gelegt hat, soll hier in ihrem genauesten
+Sinne auf all die vollkommen ausgereiften, in der Blüte erstorbenen,
+halbentwickelten, im Keim erstickten Bildungen der menschlichen
+Geschichte angewendet werden. Hier redet nicht der analysierende
+Verstand, sondern das unmittelbare Weltgefühl, das Anschauen. „Das
+Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen, und wenn ihn
+das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden, ein Höheres
+kann es ihm nicht gewähren und ein Weiteres soll er nicht dahinter
+suchen: hier ist die Grenze.“ Ein Urphänomen ist dasjenige, in welchem
+die Idee des Werdens rein vor Augen liegt. Goethe sah die Idee der
++Urpflanze+ in der Gestalt jeder einzelnen, zufällig entstandenen oder
+überhaupt möglichen Pflanze klar vor seinem geistigen Auge. Er fühlte
+hier den Sinn des Werdens mit aller Deutlichkeit. Er ging bei seiner
+großen Entdeckung des _os intermaxillare_, die allein alle Leistungen
+Darwins aufwiegt, vom +Urphänomen des Wirbeltiertypus+, auf anderem
+Gebiete von der geologischen Schichtung, vom Blatt als der +Urform+
+aller pflanzlichen Organe, von der Metamorphose der Pflanzen als dem
+Urbild alles organischen Werdens aus. „Dasselbe Gesetz wird sich auf
+alles übrige Lebendige anwenden lassen“, schrieb er aus Neapel an
+Herder, als er ihm seine Entdeckung mitteilte. Das 19. „historische“
+Jahrhundert hat ihn nicht verstanden.
+
+Das Urphänomen ist, wie Goethe mit Entschiedenheit betont, reine
+Anschauung einer Idee, nicht Erkenntnis eines Begriffes. Alle
+Geschichtsschreibung aber ist bisher eine durchaus anorganische
+Kombination objektiver Tatsachen und Beobachtungen gewesen, die sich
+bestenfalls aus einem Erkenntnisprinzip von sozialer oder politischer,
+jedenfalls kausaler Formulierung ergab, das man in Wirklichkeit der
+Naturforschung und zwar der materialistischen abgelauscht hatte.
+Wenn man sich nicht im Stile Hegels und Schellings in Abstrusitäten
+verlor, so trieb man Systematik. Der Darwinismus mit seinen möglichst
+massiven, möglichst praktischen „Ursachen“ -- die der westeuropäische
+Großstadtmensch sonst nicht als Ursachen von Wirkungen begriffen hätte
+-- ist tatsächlich die Übertragung parteipolitischer Plattheiten auf
+die Erscheinungen der Tierwelt, aber andererseits sind die Prinzipien
+der heute so „wirtschaftlich“ gestimmten Geschichtsschreibung
+biologische, vom Darwinismus zurückeroberte Plattheiten. Von einer
+strengen und klaren Physiognomik, deren exakte Methoden erst noch
+zu finden waren, ist niemals die Rede gewesen. Hier liegt die
+Aufgabe des 20. Jahrhunderts vor, die Struktur der historischen
+Organismen bloßzulegen, das morphologisch Notwendige vom Zufälligen zu
+unterscheiden, den Ausdruck aller historischen Züge zu entziffern und
+den letzten Sinn dieser stummen Sprache aufzufinden.
+
+Die bisher abgelaufene Geschichte ist nicht übersichtlich. Als
+ganz ausgereifte Gebilde, deren jedes also den Körper eines zur
+inneren Vollendung gelangten Seelentums repräsentiert, darf man die
+chinesische, babylonische, ägyptische, indische, antike, arabische,
+abendländische und die Mayakultur betrachten. Als im Entstehen
+begriffen kommt die russische in Betracht. Die Zahl der nicht zur Reife
+gelangten Kulturen ist gering; die persische, hettitische und die der
+Kitschua befinden sich darunter. Für das Verständnis des Urphänomens
+selbst sind sie ohne Bedeutung.
+
+
+7
+
+Eine unübersehbare Masse menschlicher Wesen, ein uferloser Strom,
+der aus dunkler Vergangenheit hervortritt, dort, wo unser Zeitgefühl
+seine ordnende Wirksamkeit verliert und die ruhelose Phantasie -- oder
+Angst -- in uns das Bild geologischer Erdperioden hingezaubert hat, um
+ein nie zu lösendes Rätsel dahinter zu verbergen, der sich in eine
+ebenso dunkle und zeitlose Zukunft verliert: das ist der Untergrund
+des Bildes der Menschengeschichte. Der einförmige Wellenschlag
+zahlloser Generationen bewegt die weite Fläche. Glitzernde Streifen
+breiten sich aus. Flüchtige Lichter ziehen und tanzen darüber hin,
+verwirren und trüben den klaren Spiegel, verwandeln sich, blitzen
+auf und verschwinden. Wir haben sie Geschlechter, Stämme, Völker,
+Rassen genannt. Sie fassen eine Reihe von Generationen in einem
+beschränkten Kreise der historischen Oberfläche zusammen. Wenn die
+gestaltende Kraft in ihnen erlischt -- und diese Kraft ist eine sehr
+verschiedene und bestimmt eine sehr verschiedene Dauer und Plastizität
+dieser Phänomene im voraus --, erlöschen auch die physiognomischen,
+sprachlichen, geistigen Merkmale und die Erscheinung löst sich wieder
+in dem Chaos der Generationen auf. Arier, Mongolen, Germanen, Kelten,
+Parther, Franken, Karthager, Berber, Bantu sind Namen für höchst
+verschiedenartige Gebilde dieser Ordnung.
+
+Über diese Fläche hin aber ziehen die großen Kulturen ihre
+majestätischen Wellenkreise. Sie tauchen plötzlich auf, verbreiten sich
+in prachtvollen Linien, glätten sich, verschwinden und der Spiegel der
+Flut liegt wieder einsam und schlafend da.
+
+Eine Kultur wird in dem Augenblick geboren, wo eine große Seele aus
+dem urseelenhaften Zustande ewig-kindlichen Menschentums erwacht,
+sich ablöst, eine Gestalt aus dem Gestaltlosen, ein Begrenztes und
+Vergängliches aus dem Grenzenlosen und Verharrenden. Sie erblüht auf
+dem Boden einer genau abgrenzbaren Landschaft, an die sie pflanzenhaft
+gebunden bleibt. Eine Kultur stirbt, wenn diese Seele die volle
+Summe ihrer Möglichkeiten in der Gestalt von Völkern, Sprachen,
+Glaubenslehren, Künsten, Staaten, Wissenschaften verwirklicht hat und
+damit wieder ins Urseelentum zurückkehrt. Ihr lebendiges Dasein aber,
+jene Folge großer Epochen, die in strengem Umriß die fortschreitende
+Vollendung bezeichnen, ist ein tiefinnerlicher, leidenschaftlicher
+Kampf um die Behauptung der Idee gegen die Mächte des Chaos nach außen,
+gegen das Unbewußte nach innen, in das sie sich grollend zurückgezogen
+haben. Nicht nur der Künstler kämpft gegen den Widerstand der Materie
+und gegen die Vernichtung der Idee in sich. Jede Kultur steht in einer
+tief symbolischen Beziehung zu Stoff und Raum, in dem, durch den sie
+sich realisieren will. Ist das Ziel erreicht und die Idee, die ganze
+Fülle innerer Möglichkeiten vollendet und nach außen hin verwirklicht,
+so +erstarrt+ die Kultur plötzlich, sie stirbt ab, ihr Blut
+gerinnt, ihre Kräfte brechen -- sie wird zur +Zivilisation+. So
+kann sie, ein abgestorbener Baumriese im Urwald, noch Jahrhunderte
+hindurch die morschen Äste emporstrecken. Wir sehen es an Ägypten,
+an China, an Indien, an der Welt des Islam. So ragte die antike
+Zivilisation der Kaiserzeit mit einer scheinbaren Jugendkraft und Fülle
+riesenhaft auf und nahm der jungen arabischen Kultur des Ostens Luft
+und Licht.
+
+Dies ist der Sinn aller +Untergänge+ in der Geschichte, von denen
+der in seinen Umrissen deutlichste als „Untergang der Antike“ vor uns
+steht, während wir die frühesten Anzeichen des eignen, eines nach
+Verlauf und Dauer jenem völlig kongruenten Ereignisses, das den ersten
+Jahrhunderten des nächsten Jahrtausends angehört, den „Untergang des
+Abendlandes“, heute schon deutlich in und um uns spüren.
+
+Jede Kultur durchläuft die Altersstufen des einzelnen Menschen. Jede
+hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr Greisentum.
+Eine junge, verschüchterte, ahnungsschwere Seele offenbart sich in
+der Morgenfrühe der Romanik und Gotik. Sie erfüllt die faustische
+Landschaft von der Provence der Troubadoure an bis zum Hildesheimer
+Bischof Bernwards. Hier weht Frühlingswind. „Man sieht in den
+Werken der altdeutschen Baukunst“, sagt Goethe, „die Blüte eines
+außerordentlichen Zustandes. Wem eine solche Blüte unmittelbar
+entgegentritt, der kann nichts als anstaunen; wer aber in das geheime
+innere Leben der Pflanze hineinsieht, in das Regen der Kräfte und
+wie sich die Blüte nach und nach entwickelt, der sieht die Sache
+mit ganz andern Augen, der weiß, was er sieht.“ Kindheit spricht
+ebenso und in ganz verwandten Lauten aus der frühhomerischen Dorik,
+aus der altchristlichen, das heißt früharabischen Kunst und aus
+den Werken des mit der 4. Dynastie beginnenden Alten Reiches in
+Ägypten. Da ringt ein mythisches Weltbewußtsein mit allem Dunklen und
+Dämonischen in sich und in der Natur wie mit einer +Schuld+, um
+langsam dem reinen lichtklaren Ausdruck eines endlich gewonnenen
+und begriffenen Daseins entgegen zu reifen. Je mehr sich eine Kultur
+der Mittagshöhe ihres Daseins nähert, desto männlicher, herber,
+beherrschter, gesättigter wird ihre endlich gesicherte Formensprache,
+desto gewisser ist sie im Gefühl ihrer Kraft, desto klarer werden ihre
+Züge. In der Frühzeit ist das alles noch dumpf, verworren, suchend,
+von kindlicher Sehnsucht und Angst zugleich erfüllt. Man betrachte
+die Ornamentik romanischer Kirchenportale Sachsens und des südlichen
+Frankreichs. Man denke an die Vasen des Dipylonstils. Jetzt, im vollen
+Bewußtsein der gereiften Gestaltungskraft, wie sie die Zeitalter
+des Sesostris, der Peisistratiden, Justinians I., der spanischen
+Weltmacht Karls V. zeigen, erscheint jede Einzelheit des Ausdruckes
+gewählt, streng, gemessen, von einer wunderbaren Leichtigkeit und
+Selbstverständlichkeit. Hier finden sich überall Momente von einer
+leuchtenden Vollkommenheit, Momente, in denen der Kopf Amenemhets
+III. (die Hyksossphinx von Tanis), die Wölbung der Hagia Sophia,
+die Gemälde Tizians entstanden sind. Noch später, zart, beinahe
+zerbrechlich, von der wehen Süßigkeit der letzten Oktobertage sind die
+knidische Aphrodite und die Korenhalle des Erechtheion, die Arabesken
+an sarazenischen Hufeisenbögen, der Dresdner Zwinger, Watteau und
+Mozart. Zuletzt, im Greisentum der anbrechenden Zivilisation, erlischt
+das Feuer der Seele. Die abnehmende Kraft wagt sich noch einmal, mit
+halbem Erfolge -- im Klassizismus, der keiner erlöschenden Kultur
+fremd ist -- an eine große Schöpfung; die Seele denkt noch einmal --
+in der Romantik -- wehmütig an ihre Kindheit zurück. Endlich verliert
+sie, müde, verdrossen und kalt, die Lust am Dasein und sehnt sich --
+wie in der Römerzeit -- aus dem tausendjährigen Lichte wieder in das
+Dunkel urseelenhafter Mystik, in den Mutterschoß, ins Grab zurück. Das
+ist der Zauber, den damals der Isis-, Serapis-, Horus-, Mithraskult
+auf das sterbende Römertum ausübten, dieselben Kulte, welche eine eben
+ertagende Seele im Osten als den frühesten, träumerischen, ängstlichen
+Ausdruck ihres Seins konzipiert und mit einer neuen Innerlichkeit
+erfüllt hatte.
+
+
+8
+
+Man spricht vom +Habitus+ einer Pflanze und meint damit die ihr
+allein zugehörige Art der äußern Erscheinung, den Charakter und Stil
+ihres Hervortretens in den Bereich des Gewordnen und Ausgedehnten,
+durch den sich jede in jedem ihrer Teile und auf jeder Altersstufe von
+den Exemplaren aller andern Gattungen unterscheidet. Ich wende diesen
+für die Physiognomik wichtigen Begriff auf die großen Organismen der
+Geschichte an und spreche von dem Habitus indischer, ägyptischer,
+antiker Kultur, Geschichte oder Geistigkeit. Ein unbestimmtes Gefühl
+davon hat immer schon dem +Stilbegriff+ zugrunde gelegen und es
+heißt ihn nur verdeutlichen und vertiefen, wenn man vom religiösen,
+geistigen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen Stil einer Kultur,
+überhaupt vom +Stil einer Seele+ spricht. Dieser Habitus des
+bewußten Daseins, der beim einzelnen Menschen sich auf Gesinnungen,
+Gedanken, Gebärden, Handlungen erstreckt, umfaßt im Dasein ganzer
+Kulturen den gesamten Lebensausdruck höherer Ordnung, wie die Wahl
+bestimmter Kunstgattungen (der Rundplastik, des Fresko durch die
+Hellenen, des Kontrapunkts, der Ölmalerei im Abendlande), und die
+entschiedene Ablehnung anderer (der Plastik durch die Araber), den
+Hang zur Esoterik (Indien) oder Popularität (Antike), zur Rede
+(Antike) oder Schrift (China, Abendland) als den Formen der geistigen
+Mitteilung, den Typus ihrer Staatenbildungen, Geldsysteme, öffentlichen
+Sitten. Alle großen Persönlichkeiten der Antike bilden -- ganz
+mathematisch betrachtet -- eine Gruppe, deren seelischer Habitus von
+dem aller großen Menschen der arabischen oder abendländischen Gruppe
+wohl unterschieden ist. Man vergleiche selbst Goethe oder Raffael
+mit antiken Menschen und Heraklit, Sophokles, Plato, Alkibiades,
+Themistokles, Horaz, Tiberius rücken sofort zu einer einzigen Familie
+zusammen. Jede antike Weltstadt, vom Syrakus des Hieron bis zum
+kaiserlichen Rom, ist als Verkörperung und Sinnbild eines und desselben
+Lebensgefühls, nach Grundriß, Straßenbild, Sprache der privaten und
+öffentlichen Architektur, nach dem Typus von Plätzen, Gassen, Höfen,
+Fassaden, nach Farbe, Lärm, Gewimmel, nach dem Geist ihrer Nächte
+von der Gruppe der indischen, der arabischen, der abendländischen
+Weltstädte streng unterschieden. Im eroberten Granada war die ganze
+Seele arabischer Städte, Bagdads und Kairos, noch lange fühlbar,
+während in dem Madrid Philipps II. schon alle physiognomischen Merkmale
+der modernen Stadtbilder von Berlin, London und Paris anzutreffen
+sind. Es liegt eine hohe Symbolik in jedem unterscheidenden Moment;
+man denke an den abendländischen Hang zu gradlinigen Perspektiven und
+Straßenfluchten wie dem mächtigen Zuge der Champs Elysées vom Louvre an
+oder dem Platz vor der Peterskirche und dessen Gegensatz in der fast
+absichtlichen Verworrenheit und Enge der Via sacra, des Forum Romanum
+und der Akropolis mit ihrer unsymmetrischen und unperspektivischen
+Ordnung der Teile. Auch der Städtebau wiederholt, ob aus Instinkt wie
+in der Gotik oder bewußt wie seit Alexander und Napoleon, das Prinzip
+der leibnizschen Mathematik des unendlichen Raumes und der euklidischen
+der vereinzelten Körper.
+
+Zum Habitus einer Gruppe von Organismen gehört aber auch eine bestimmte
++Lebensdauer+ und ein bestimmtes +Tempo+ der Entwicklung. Diese
+Begriffe dürfen in einer Strukturlehre der Historie nicht fehlen. Der
++Takt+ des antiken Daseins war ein anderer als der des ägyptischen
+oder arabischen. Man darf vom Andante des hellenisch-römischen und
+vom Allegro con brio des faustischen Geistes reden. Mit dem Begriff
+der Lebensdauer eines Menschen, eines Adlers, einer Schildkröte,
+einer Eiche oder Palme verbindet sich, ganz unabhängig von allen
+Zufälligkeiten des Einzelschicksals, ein bestimmter Wert. Zehn Jahre
+sind im Leben aller Menschen ein annähernd gleichbedeutender Abschnitt,
+und die Metamorphose der Insekten knüpft sich in einzelnen Fällen an
+eine im voraus genau bekannte Anzahl von Tagen. Die Römer verbanden
+mit ihren Begriffen pueritia, adolescentia, juventus, virilitas,
+senectus eine geradezu mathematisch genaue Vorstellung. Die Biologie
+der Zukunft wird ohne Zweifel die +vorbestimmte+ Lebensdauer der Arten
+und Gattungen -- im Gegensatz zum Darwinismus und mit grundsätzlicher
+Ausschaltung kausaler Zweckmäßigkeitsmotive für die Entstehung der
+Arten -- zum Ausgangspunkt einer ganz neuen Problemstellung machen.
+Die Dauer einer Generation -- gleichviel von was für Wesen -- ist ein
+Wert von beinahe mystischer Bedeutung. Diese Beziehungen besitzen nun
+auch, in einer bisher nie geahnten Weise, für alle Kulturen Geltung.
++Jede Kultur, jede Frühzeit, jeder Aufstieg und Niedergang, jede ihrer
+notwendigen Phasen hat eine bestimmte, immer gleiche, immer mit dem
+Nachdruck eines Symbols wiederkehrende Dauer.+ In diesem Buche muß
+darauf verzichtet werden, diese Welt geheimnisvollster Zusammenhänge
+zu erschließen, aber die im folgenden immer wieder aufleuchtenden
+Tatsachen werden verraten, was alles hier verborgen liegt. Was bedeutet
+die in allen Kulturen herrschende 50jährige Periode im Rhythmus des
+politischen, geistigen, künstlerischen Werdens?[36] (Das +seelische
+Verhältnis+ des Großvaters zum Enkel liegt hier zugrunde.)[37] Was die
+300jährigen Perioden der Gotik, des Barock, der Dorik, der Ionik, der
+großen Mathematiken, der attischen Plastik, der Mosaikmalerei, des
+Kontrapunkts, der galileischen Mechanik? Was bedeutet die +ideale+
+Lebensdauer von einem Jahrtausend für jede Kultur im Vergleich zu der
+des Einzelnen, dessen „Leben 70 Jahre währt“?
+
+Wie Blätter, Blüten, Zweige, Früchte in Tracht, Form und Haltung
+ein Pflanzendasein zum Ausdruck bringen, so tun es die ethischen,
+mathematischen, politischen, wirtschaftlichen Bildungen im Dasein
+einer Kultur. Was etwa für Goethes Individualität eine Reihe so
+verschiedenartiger Äußerungen wie der Faust, die Farbenlehre, der
+Reineke Fuchs, Tasso, Werther, die Reise nach Italien, die Liebe zu
+Friederike, der Divan und die römischen Elegien waren, das bedeuten für
+die Individualität der Antike die Perserkriege, die attische Tragödie,
+die Polis, das Dionysische so gut wie die Tyrannis, die ionische
+Säule, die Geometrie Euklids, der Garten Epikurs, die römische Legion,
+die Gladiatorenkämpfe und das „panem et circenses“ der Kaiserzeit.
+
+In diesem Sinne wiederholt mit tiefster Notwendigkeit jedes irgendwie
+bedeutende Einzeldasein alle Phasen der Kultur, der es angehört. In
+jedem von uns erwacht das Innenleben -- in jenem entscheidenden Moment,
+von dem an man weiß, daß man ein Ich hat -- dort, wo einst die Seele
+der ganzen Kultur erwachte. Jeder von uns Menschen des Abendlandes
+erlebt als Kind seine Gotik, seine Dome, Ritterburgen und Heldensagen,
+das „_Dieu le veut_“ der Kreuzzüge in wachen Träumen und
+Kinderspielen noch einmal. Jeder junge Grieche hatte sein homerisches
+Zeitalter und sein Marathon. In Goethes Werther, dem Bild einer Epoche,
+die jeder faustische, aber kein antiker Mensch kennt, taucht die
+Frühzeit Petrarcas und des Minnesangs noch einmal auf. Als Goethe den
+Urfaust entwarf, war er Parzival. Als er den ersten Teil abschloß,
+war er Hamlet. Erst mit dem zweiten Teil wurde er der Weltmann des
+19. Jahrhunderts, der Byron verstand. Selbst das Greisentum, jene
+grillenhaften und unfruchtbaren Jahrhunderte des spätesten Hellenismus,
+die „zweite Kindheit“ einer müden, blasierten Intelligenz, ist an
+mehr als einem großen Greise des Griechentums zu studieren. In den
+Bacchen des Euripides ist viel von der Vitalität, in Platos Timaios
+von dem religiösen Synkretismus der Kaiserzeit vorweggenommen. Und
+Goethes zweiter Faust, Wagners Parsifal verraten im voraus, welche
+Gestalt +unser+ Seelentum in den nächsten, den +letzten+
+Jahrhunderten annehmen wird.
+
+Als +Homologie der Organe+ bezeichnet die Biologie die +morphologische+
+Gleichwertigkeit im Gegensatz zur +Analogie+ der Organe, die sich
+auf die Gleichwertigkeit der +Funktion+ bezieht. Goethe hat diesen
+bedeutenden und in der Folge so fruchtbaren Begriff konzipiert, dessen
+Verfolgung ihn zur Entdeckung des _os intermaxillare_ beim Menschen
+führte; Owen hat ihm eine streng wissenschaftliche Fassung gegeben. Ich
+führe auch diesen Begriff in die historische Methode ein.
+
+Man weiß, daß jedem Teile des menschlichen Kopfskeletts bei jedem
+Wirbeltiere bis zu den Fischen herab ein anderer genau entspricht,
+daß die Brustflossen der Fische und Füße, Flügel, Hände der
+landbewohnenden Wirbeltiere homologe Organe sind, auch wenn sie den
+leisesten Anschein von Ähnlichkeit verloren haben. +Homolog+ sind
+die Lunge der Landtiere und die Schwimmblase der Fische, +analog+ --
+in bezug auf den Gebrauch -- sind Lunge und Kiemen.[38] Hier äußert
+sich eine vertiefte, durch strengste Schulung des Blickes erworbene
+morphologische Begabung, die der heutigen Geschichtsforschung mit ihren
+oberflächlichen Vergleichen -- zwischen Christus und Buddha, Cäsar
+und Wallenstein, der deutschen und der hellenischen Kleinstaaterei
+-- völlig fremd ist. Man vergleicht die spätantike Baukunst mit
+dem Barock, Archimedes mit Galilei, Weimar mit Florenz. -- Im 18.
+Jahrhundert war eine geistreiche Morphologie beliebt, welche den
+Löwenschwanz mit einer Fächerpalme, den Hals des Schwans mit einer
+keimenden Zwiebel genetisch in Verbindung brachte. Es wird sich im
+Verlaufe dieses Buches zeigen, welch ungeheure Perspektiven sich dem
+historischen Blick eröffnen, sobald jene vertiefte Methode, historische
+Phänomene aufzufassen, verstanden und ausgebildet worden ist. Homologe
+Bildungen sind, um hier nur weniges zu nennen, die schon oft erwähnte
+griechische Plastik und die nordische Instrumentalmusik, die Pyramiden
+der 4. Dynastie und die gotischen Dome, der indische Buddhismus und
+der römische Stoizismus (Buddhismus und Christentum sind +nicht einmal
+analog+), die Feldzüge Alexanders und Napoleons (+nicht+ die Cäsars),
+die Zeit des Perikles und die der Regentschaft (des Kardinals Fleury),
+die Epochen Plotins und Dantes. Homolog sind dionysische Strömung
+und Renaissance, analog dionysische Strömung und Reformation. Für
+uns -- das hat Nietzsche richtig gefühlt -- resümiert Wagner die
+Modernität. +Folglich+ muß es für die antike Modernität, für antike
+Weltstadtseelen und -nerven etwas Entsprechendes geben. Es ist die
+pergamenische Kunst. Die Tafeln am Anfang geben einen vorläufigen
+Begriff von der Fruchtbarkeit dieses Aspekts.
+
+Aus der Homologie historischer Phänomene folgt sogleich ein völlig
+neuer Begriff. Ich nenne +gleichzeitig+ zwei geschichtliche
+Fakta, die, jedes in seiner Kultur, in genau derselben -- relativen
+-- Lage eintreten und also eine genau entsprechende Bedeutung
+haben. Es war gezeigt worden, wie die Entwicklung der antiken und
+der abendländischen Mathematik in völliger Kongruenz verläuft. Der
+Fall ist typisch. Hier hätten also Pythagoras und Descartes, Plato
+und Laplace, Archimedes und Gauß als +gleichzeitig+ bezeichnet
+werden dürfen. +Gleichzeitig+ vollzieht sich die Entstehung
+der Ionik und des Barock. Polygnot und Rembrandt, Polyklet und Bach
+sind +Zeitgenossen+. Gleichzeitig erscheint in allen Kulturen
+der Moment, wo die Metamorphose zur Zivilisation sich vollzieht. In
+der Antike trägt diese Epoche die Namen Philipps und Alexanders,
+im Abendlande tritt das +homologe+ Ereignis in Gestalt der
+Revolution und Napoleons ein. Betrachtet man -- hier werden
+entscheidende Resultate des zweiten Teils vorweggenommen -- die
+wirtschaftlich-intellektuelle Stimmung hellenischer Großstädte nach
+dem Frieden des Antalkidas (386); sieht man die wüsten Revolutionen
+der Besitzlosen, die wie in Argos (370) alle Reichen mit Knütteln in
+den Straßen totschlugen, so hat man das Gegenstück zur französischen
+Gesellschaft nach dem Pariser Frieden (1763). Voltaire, Rousseau,
+Mirabeau, Beaumarchais und Sokrates, Aristophanes, Hippon, Isokrates
+sind Zeitgenossen. In beiden Fällen beginnt die Zivilisation. Dieselbe
+Aufklärung und Auflösung aller Tradition, dieselben Bastillenstürme,
+Massenhinrichtungen, Wohlfahrtsausschüsse, dieselben Staatsutopien bei
+Plato, Xenophon, Aristoteles und Rousseau, Kant, Fichte, Saint-Simon,
+dieselbe Schwärmerei für Naturrechte, Gesellschaftsvertrag, Freiheit
+und Gleichheit bis zu den Forderungen allgemeiner Bodenverteilung und
+Gütergemeinschaft (Hippon, Babeuf) und endlich dieselbe Resignation
+und Hoffnung auf einen demokratisch fundierten Napoleonismus bei Plato
+wie bei Rousseau und Saint-Simon. Napoleons Staatsstreich war nicht
+der erste, der geplant und gemacht wurde, nur der erste, der glückte.
+Die antiken „Soldatenkaiser“ beginnen schon mit Dionys von Syrakus
+(405), Jason von Pherä (374), Maussolos von Halikarnaß (353). Nur
+der Erbe ihrer Idee war Philipp von Makedonien. Das 4. Jahrhundert,
+das mit Alkibiades -- der viel vom imperialen Ehrgeiz Mirabeaus,
+Napoleons und Byrons hat -- beginnt und mit Alexander endet, ist das
+genaue Gegenbild der Zeit von 1750 bis 1850, in welcher mit tiefer
+Logik der contrat social, Robespierre, Napoleon, die Volksheere und
+der Sozialismus aufeinander folgen, während im Hintergrunde +Rom
+und Preußen+ sich auf ihre welthistorische Rolle vorbereiten.
+Daß Alexander das Perserreich zerstörte, daß Napoleons Kampf gegen
+seinen +einzigen+ Gegner, das englische System, mißlang, sind in
+gewissem Sinne +Zufälle+, Oberflächenformen der Epoche, Tendenzen
+eines großen Privatlebens, unter denen sich das Schicksalhafte und
+Notwendige, das in beiden Fällen identisch war, verbarg. Rechnen
+wir hundert Jahre weiter, so wiederholt sich die Homologie zweier
+„gleichzeitiger“ Epochen. Die eine -- auch hier wird späteren
+Ausführungen vorgegriffen -- trägt den Namen +Hannibals+, die
+andere den des +Weltkrieges+. Daß im einen Falle ein Mensch, der
+gar nicht zur antiken Kultur gehörte, entscheidend eingriff (aber das
+ist ja auch der Fall Rußlands im Verhältnis zu „Europa“), gehört zum
++Zufälligen+. Die +Bestimmung+ Hannibals bezieht sich auf
+eine innere Vollendung des antiken Gesamtschicksals. Mit der Schlacht
+von Zama geht der Schwerpunkt der Antike vom Hellenismus zum Römertum
+über. Der +entsprechende+ Sinn der abendländischen Epoche, in
+deren Mitte wir heute stehen, wird später dargelegt werden.
+
+Ich hoffe zu beweisen, daß ohne Ausnahme die sämtlichen großen
+Schöpfungen und Formen der Religion, Kunst, Politik, Gesellschaft,
+Wirtschaft, Wissenschaft in sämtlichen Kulturen +gleichzeitig+
+entstehen, sich vollenden, erlöschen; daß der inneren Struktur der
+einen die aller anderen durchaus entspricht; daß es nicht +eine+
+Erscheinung von tiefer physiognomischer Bedeutung im historischen
+Bilde der einen gibt, deren Gegenstück, und zwar in einer streng
+bezeichnenden Form und an ganz bestimmter Stelle nicht in den übrigen
+aufzufinden wäre. Allerdings bedarf es, um diese morphologische
+Identität zweier Phänomene zu begreifen, einer ganz andern Vertiefung
+und Unabhängigkeit vom Augenschein des Vordergrundes, als sie unter
+Historikern bisher üblich war, die sich nie hätten träumen lassen, daß
+der Protestantismus in der dionysischen Bewegung sein Gegenbild findet
+und daß der englische Puritanismus im Abendlande dem Islam in der
+arabischen Welt entspricht.
+
+Aus diesem Aspekte ergibt sich eine Möglichkeit, die weit über den
+Ehrgeiz aller bisherigen Geschichtsforschung hinausgeht, die sich im
+wesentlichen darauf beschränkte, Vergangnes, soweit man es kannte,
+sukzessiv zu ordnen: Die Gegenwart als Grenze der Untersuchung zu
+überschreiten und auch die +noch nicht+ abgelaufenen Phasen
+der Geschichte nach Typus, Tempo, Sinn, Resultat zu bestimmen, aber
+auch längst verschollene und unbekannte Epochen, ja ganze Kulturen
+der Vergangenheit an der Hand morphologischer Zusammenhänge zu
+rekonstruieren (ein Verfahren, das dem der Paläontologie nicht
+unähnlich ist, die heute imstande ist, aus einem einzigen aufgefundenen
+Schädelfragment weitgehende und sichere Angaben über das Skelett und
+die Zugehörigkeit des Exemplars zu einer bestimmten Art zu machen).
+
+Es ist, den physiognomischen Takt vorausgesetzt, durchaus möglich,
+aus zerstreuten Details der Ornamentik, Bauweise, Schrift, aus
+vereinzelten Daten politischer, wirtschaftlicher, religiöser Natur
+die organischen Grundzüge des Geschichtsbildes ganzer Jahrhunderte
+wiederzufinden, aus Einzelheiten der künstlerischen Formensprache
+etwa die gleichzeitige Staatsform, aus mathematischen Prinzipien den
+Charakter der entsprechenden wirtschaftlichen abzulesen, ein echt
+goethesches, auf Goethes Idee vom +Urphänomen+ zurückführendes
+Verfahren, das in beschränktem Umfange der vergleichenden Tier- und
+Pflanzenkunde geläufig ist, das sich aber in einem nie geahnten Grade
+auf den gesamten Bereich der Historie ausdehnen läßt.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 33: Das Antihistorische als Ausdruck einer entschieden
+systematischen Veranlagung ist vom Ahistorischen sehr zu unterscheiden.
+Der Anfang des 4. Buches der „Welt als Wille und Vorstellung“ (§ 53)
+ist bezeichnend für einen Menschen, der antihistorisch denkt, d. h. aus
+theoretischen Gründen das Historische in sich, das +vorhanden+
+ist, unterdrückt und verwirft im Gegensatz zur ahistorischen
+hellenischen Natur, die es nicht +hat+ und nicht +kennt+.]
+
+[Footnote 34: „Es gibt Urphänomene, die wir in ihrer göttlichen Einfalt
+nicht stören und beeinträchtigen sollen“ (Goethe).]
+
+[Footnote 35: Es ist nicht die des zoologischen „Pragmatismus“ der
+Darwinisten mit seiner Jagd nach Kausalzusammenhängen, sondern die
+intuitive Goethes.]
+
+[Footnote 36: Ich mache hier nur auf den Abstand der drei punischen
+Kriege und auf die ebenfalls rein rhythmisch zu begreifende Reihe
+des spanischen Erbfolgekrieges, der Kriege Friedrichs des Großen,
+Napoleons, Bismarcks und des Weltkriegs aufmerksam.]
+
+[Footnote 37: Aus diesem früh gefühlten Zusammenhang stammt die
+Überzeugung primitiver Völker, daß die Seele des Großvaters im Enkel
+zurückkehre. Daher schreibt sich die allgemeine Sitte, dem Enkel den
++Namen+ des Großvaters zu geben, der mit seiner mystischen Kraft
+dessen Seele wieder in die Körperwelt bannt.]
+
+[Footnote 38: Es ist nicht überflüssig hinzuzufügen, daß diese
++reinen Phänomene+ der lebendigen Natur fernab von allem Kausalen
+liegen und daß der Materialismus ihr Bild erst durch die Projektion
+utilitarischer Tendenzen verderben mußte, ehe er es zum +System+
+hergerichtet hatte. Goethe, der vom Darwinismus ungefähr so viel
+vorweggenommen hat, als in fünfzig Jahren von ihm übrig sein wird,
+schaltet das Kausalitätsprinzip +ganz+ aus. Es kennzeichnet das
+ursachen- und zwecklose wirkliche Leben, daß die Darwinisten das Fehlen
+des Prinzips hier gar nicht bemerkt haben. Der Begriff des Urphänomens
+läßt keinerlei kausale Annahmen zu, man müßte ihn denn erst mechanisch
+mißverstehen.]
+
+
+
+
+II
+
+SCHICKSALSIDEE UND KAUSALITÄTSPRINZIP
+
+
+9
+
+Dieser Gedankengang erschließt endlich den Blick auf einen
+Gegensatz, der den Schlüssel zu einem der ältesten und mächtigsten
+Menschheitsprobleme bildet, das erst durch ihn zugänglich und -- soweit
+das Wort überhaupt einen Sinn hat -- lösbar erscheint. Ich meine den
+Gegensatz von +Schicksalsidee+ und +Kausalitätsprinzip+,
+der niemals bisher als solcher, in seiner tiefen, weltgestaltenden
+Notwendigkeit erkannt worden ist.
+
+Wer überhaupt versteht, inwiefern man die Seele als die +Idee des
+Daseins+ bezeichnen kann, der wird auch ahnen, wie nahe verwandt
+ihr die +Gewißheit eines Schicksals+ ist und inwiefern das Leben
+selbst, das ich die Gestalt nannte, in welcher die Verwirklichung des
+Möglichen sich vollzieht, als gerichtet, als schicksalhaft empfunden
+werden muß -- dumpf und ängstigend vom Urmenschen, klar und in der
+Fassung einer +Weltanschauung+, die allerdings nur durch das
+Medium von Kunst und Religion, nicht durch Beweise und Begriffe
+mitteilbar ist, vom Menschen hoher Kulturen.
+
+Jede höhere Sprache hat eine Anzahl Worte, die von einem tiefen
+Geheimnis umgeben sind: Geschick, Verhängnis, Zufall, Fügung,
+Bestimmung. Keine Hypothese, keine Wissenschaft kann je an das
+rühren, was man fühlt, wenn man sich in den Sinn und Klang dieser
+Worte versenkt. Es sind Symbole, nicht Begriffe. Hier ist der
+Schwerpunkt des Weltbildes, das ich Geschichte im Unterschiede von
+Natur genannt habe. Die Schicksalsidee verlangt Lebenserfahrung,
+nicht wissenschaftliche Erfahrung, Tiefe, nicht Geist. Es gibt eine
++organische Logik+, eine Logik des Lebens im Gegensatz zu einer
++Logik des Anorganischen+ und Starren. Es gibt eine Logik der
+Richtung gegenüber einer Logik des Ausgedehnten. Kein Systematiker,
+kein Kant oder Schopenhauer hat mit ihr etwas anzufangen gewußt.
+Sie verstehen von Urteil, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung
+zu reden, aber sie schweigen von dem, was in den Worten Hoffnung,
+Glück, Verzweiflung, Reue, Ergebenheit, Trotz liegt. Wer hier, im
+Lebendigen, Gründe und Folgen sucht und wer da glaubt, daß ein inneres
+Wissen um den Sinn des Lebens gleichbedeutend mit Fatalismus und
+Prädestination sei, der weiß gar nicht, wovon die Rede ist, der hat
+schon das Erlebnis mit dem Erkannten und Erkennbaren verwechselt.
+Kausalität ist das Verstandesmäßige, Gesetzhafte, Aussprechbare, die
+Form äußerer intellektueller Erfahrung. Schicksal ist das Wort für
+eine nicht zu beschreibende innere Gewißheit. Man macht das Wesen des
+Kausalen deutlich durch ein physikalisches oder erkenntniskritisches
+System, durch Zahlen, durch begriffliche Analysen. Man teilt die Idee
+eines Schicksals nur als Künstler mit, durch ein Porträt, durch eine
+Tragödie, durch Musik. Das eine fordert eine +Zergliederung+, das
+andre eine +Schöpfung+. Darin liegt die Beziehung des Schicksals
+zum Leben, der Kausalität zum Tode.
+
+In der Schicksalsidee offenbart sich die Weltsehnsucht einer Seele, ihr
+Wunsch nach dem Licht, dem Aufstieg, nach Vollendung und Verwirklichung
+ihrer Bestimmung. Sie ist keinem Menschen ganz fremd, und erst der
+späte Mensch der großen Städte mit seinem Tatsachensinn und der Macht
+seines mechanisierenden Intellekts über das Innenleben verliert
+sie aus den Augen, bis sie in einer tiefen Stunde mit furchtbarer,
+alle Kausalität der Weltoberfläche zermalmender Deutlichkeit vor
+ihm steht. Denn das Kausalitätsprinzip ist spät, selten und nur dem
+energischen Intellekt hoher Kulturen ein sichrer, gewissermaßen
+künstlicher Besitz. Aus ihm redet schon die Weltangst. In ihm bannt
+sie das Dämonische in eine Notwendigkeit von dauernder Geltung, die
+starr und +entseelend+ über das physikalische Weltbild gebreitet
+ist. Kausalität deckt sich mit dem Begriff des Gesetzes. Es gibt
++nur+ Kausalgesetze. Aber wie im Kausalen nach Kants Feststellung
+eine +Notwendigkeit des wachen Denkens+ liegt, die +Form
+seiner Rezeptivität der Welt gegenüber+, so bezeichnen die Worte
+Schicksal, Fügung, Bestimmung eine +Notwendigkeit des Lebens+.
+Wirkliche Geschichte hat Schicksal, aber keine Gesetze. Es gibt keine
+Übergänge zwischen +Organismus+ und +Mechanismus+. Darin
+liegt die große Schwierigkeit, sich verständlich zu machen. Denn schon
+der Versuch, den Unterschied beider Welten sprachlich klarzustellen
+-- leitet unvermerkt vom Leben hinüber zur Sphäre des Kausalen. Die
+Sprache selbst ist von kausaler Struktur. Sie mechanisiert, indem sie
+erklärt.
+
+Wer das +Element+ der Empfindungswelt zergliedert, indem er es
++erkennt+, durch das Medium der +kausalen Erfahrung+ sich
+aneignet, es aus dem Zusammenhange eines mechanischen Ganzen deutet,
+wer also alles lebendige Werden dem starr Gewordenen einordnet, wird
+mit Notwendigkeit die ganze Summe des Daseins aus der Perspektive
+von Ursache und Wirkung übersehen, ohne inneres Gerichtetsein, ohne
+Geheimnis. Hier liegt der Machtbereich der „Kategorien des Verstandes“,
+die Kant mit Recht für a priori wirksam hielt, Formen des exakten
+Erkennens, welche eine Oberflächenwelt, ein +Natursystem+,
+einen Reflex des Geistes erzeugen. Wer aber, wie Goethe, wie beinahe
+jeder Mensch in gewissen Augenblicken seines Daseins, die Umwelt
+als ein Lebendiges anschaut, das Gewordene als Werden nachfühlt,
+die Weltmaske der Kausalität lüftet, für den ist die +Zeit+
+plötzlich kein Rätsel mehr, kein Begriff, keine Dimension, sondern
+etwas innerlich Gewisses, das Schicksal selbst; ihr Gerichtetsein,
+ihre +Nichtumkehrbarkeit+, ihre Lebendigkeit erscheint als der
++Sinn+ des historischen Weltaspekts. +Schicksal und Kausalität
+verhalten sich wie Zeit und Raum.+
+
+In beiden +möglichen+ Weltbildungen -- wir erinnern uns indessen,
+daß sie die Pole einer Skala von unendlich vielen individuellen
+„Welten“ darstellen -- in Geschichte und Natur, der +Physiognomie
+alles Werdens+ und dem +System alles Gewordenen+, herrschen
+also Schicksal +oder+ Kausalität. Zwischen ihnen besteht der
+Unterschied eines Lebensgefühls und einer Erkenntnisform. Jedes von
+ihnen ist der Ausgangspunkt einer +vollkommenen+ und in sich
++geschlossenen+, nur nicht der +einzigen+ Welt.
+
+Aber das Werden liegt dem Gewordenen, das innere und gewisse
++Gefühl+ eines Schicksals mithin dem +Begriff+ von Ursache
+und Wirkung zugrunde. Kausalität ist -- wenn man sich so ausdrücken
+darf -- gewordenes, entorganisiertes, in den Formen des Verstandes
+erstarrtes Schicksal. Das Schicksal selbst, an dem alle Erbauer
+verstandesmäßiger Weltsysteme wie Kant schweigend vorübergegangen
+sind, weil sie das Leben mit ihren Abstraktionen nicht zu berühren
+vermochten, steht jenseits und außerhalb aller begriffenen Natur.
+Als das Ursprüngliche aber gibt es dem toten und starren Prinzip von
+Ursache und Wirkung erst die -- historische -- Möglichkeit, innerhalb
+hochentwickelter Kulturen als geistige Weltform aufzutreten. Das
+Dasein der antiken Seele ist die +Bedingung+ für die Entstehung
+der Physik Demokrits und das der faustischen für die Mechanik
+Newtons. Man kann sich sehr wohl denken, daß beide Kulturen ohne eine
+Naturwissenschaft eignen Stils geblieben wären, aber man kann sich
+beide Systeme nicht ohne den Untergrund jener Kulturen denken.
+
+Hier liegt ein neuer Beweis für die Richtigkeit des Antagonismus von
+Geschichte und Natur vor. Es ist die Art, wie sie -- als Weltbilder
+-- einander einschließen und unterordnen. Gesetzt, daß „Geschichte“
+diejenige Art der Weltfassung ist, welche gefühlsmäßig das Gewordene
+dem Werden, das Ausgedehnte der Zeit einordnet, so müßte dies auch mit
+der Natur der Fall sein. Und in der Tat, für den Blick des historisch
+eingestellten Menschen gibt es nur eine +Geschichte+ der
++Physik+. All ihre Systeme erscheinen ihm jetzt nicht richtig oder
+unrichtig, sondern historisch, psychologisch, durch den Charakter der
+Epoche bedingt und ihn mehr oder weniger vollkommen repräsentierend.
+Selbst der geborene Physiker, der in der Einleitung seines Buches
+einen flüchtigen historischen Überblick über seine Wissenschaft gibt,
+hier also für einen Augenblick die „andre Welt“ heraufruft, fühlt
+plötzlich so, daß er unvermerkt das Fundament seiner Wissenschaft, das
+Postulat der einen und unveränderlichen Wahrheit, in Frage stellt.
+Wäre seine Natur +die+ Natur, so könnte es keine Geschichte der
+Systeme geben. Aber der Physiker redet sogar vom +Schicksal+ eines
+Problems. Umgekehrt: Ist „Natur“ die Fassung, welche verstandesmäßig
+das Werden dem Gewordenen einverleiben möchte, die lebendige Richtung
+also der starren Ausdehnung angleicht (dies ist der Ursprung des
++Bewegungsproblems samt dem Grunde seiner Unlösbarkeit+), so darf
+die Geschichte bestenfalls in einem Kapitel der Erkenntnistheorie
+erscheinen und wirklich, so hätte Kant sie aufgefaßt, wenn er nicht,
+was noch bezeichnender ist, sie in seinem Erkenntnissystem vollständig
+vergessen hätte. Für ihn wie für jeden geborenen Systematiker war
+die Natur +die+ Welt; indem er von der Zeit redete, ohne deren
++Richtung+ und Nichtumkehrbarkeit zu bemerken, verriet er, daß
+er von der Natur sprach, ohne die Möglichkeit einer andern Welt, der
+historischen -- die +für ihn+ vielleicht wirklich unmöglich war --
+zu ahnen.
+
++Aber Kausalität hat mit Zeit gar nichts zu tun.+ Das wirkt
+heute als ungeheures Paradoxon, vor einer Welt von Kantianern, die
+gar nicht wissen, wie sehr sie es sind. Wie die Doppelgestalt des
+seelischen Urgefühls, Weltsehnsucht und Weltangst, eine Bejahung
+oder Verneinung des wachen Daseins und der in ihm sich offenbarenden
+fremden Mächte bedeutet, wie die Angst ein Widerspruch gegen die
+ursprünglichere, kindlichere Form der Sehnsucht ist, +aus ihr+
+erwachsen und +an ihr+ gestaltet und gereift, so hat man den
+Gegensatz von Richtung und Ausdehnung -- mit seiner dunklen Beziehung
+zu Leben und Tod -- zu verstehen. Im Wesen des Ausgedehnten liegt eine
+Verneinung der Richtung. Der Raum widerspricht der Zeit, +obwohl
+sie ihm voraufgeht und zugrunde liegt+. Dieselbe Priorität nimmt
+das Schicksal in Anspruch. Wir haben zunächst die Idee des Schicksals
+und erst +im Widerspruch+ zu ihr, aus der Angst geboren, als den
+Versuch des Verstandes, das unentrinnbare Ende, den Tod, zu bannen,
+zu überwinden, das Kausalitätsprinzip, durch das die Lebensangst
+sich des Schicksals zu +erwehren+ sucht, indem sie ihm zum
+Trotz +eine andre Welt gründet+. Indem sie das Gespinst von
+Ursache und Wirkung über deren sinnliche Oberfläche breitet, hat
+sie ein Bild der +Dauer+ imaginiert. Diese Tendenz liegt in
+dem allen reifen Kulturen bekannten Gefühl: Wissen ist Macht. Damit
+ist die Macht über das Schicksal gemeint. Der abstrakte Gelehrte,
+der Naturforscher, der Denker in Systemen, dessen ganze geistige
+Existenz sich auf das Kausalitätsprinzip gründet, ist eine späte
+Erscheinung des +Hasses+ gegen die Mächte des Schicksals, des
+Unbegreiflichen. Die „reine Vernunft“ leugnet alle Möglichkeiten außer
+sich. Hier liegt das strenge Denken mit der großen Kunst ewig im
+Streite. Das eine lehnt sich auf, die andre gibt sich hin. Ein Mann
+wie Kant wird sich Beethoven immer überlegen fühlen wie der Mann dem
+Kinde, aber er wird Beethoven nicht hindern, die „Kritik der reinen
+Vernunft“ als eine armselige Art von Weltbetrachtung abzulehnen. Der
+Mißbegriff der +Teleologie+, dieser Unsinn allen Unsinns innerhalb
+der reinen Wissenschaft, bedeutet nichts anderes als den Versuch,
+den +lebendigen+ Gehalt aller naturhaften Erkenntnis -- denn
+zum Erkennen gehört auch ein Erkennender; und ist der +Inhalt+
+dieses Denkens „Natur“, so ist der +Akt+ des Denkens Geschichte
+-- und mit ihm das Leben selbst durch das mechanistische Prinzip
+einer umgekehrten Kausalität zu bannen, zu +assimilieren+. Die
+Teleologie ist eine Karikatur der Schicksalsidee. Was Dante als
++Bestimmung+ fühlt, verwandelt der Verstand in einen +Zweck+
+des Lebens. Dies ist die eigentliche und tiefste Tendenz des
+Darwinismus, einer großstädtisch intellektuellen Weltfassung in der
+abstraktesten aller Zivilisationen und der aus +einer+ Wurzel
+mit ihm entspringenden, ebenfalls alles Organische und Schicksalhafte
+tötenden materialistischen Geschichtsauffassung. Deshalb ist das
+morphologische Element des Kausalen ein +Prinzip+, das des
+Schicksals aber eine +Idee+ -- die sich nicht „erkennen“,
+beschreiben, definieren, die sich nur fühlen und innerlich erleben
+läßt, die man entweder niemals begreift oder deren man völlig
+gewiß ist, wie der frühe Mensch und unter den späten alle wahrhaft
+bedeutenden, der Gläubige, der Liebende, der Künstler, der Dichter.
+
+Und so erscheint das Schicksal als die eigentliche Daseinsart des
++Urphänomens+, in dem vor dem geistigen Auge sich die lebendige Idee
+des Werdens unmittelbar entfaltet. So beherrscht die Schicksalsidee
+das gesamte Weltbild der Geschichte, während alle Kausalität, welche
+die Daseinsart von +Gegenständen+ bezeichnet, welche den gegenwärtigen
+Empfindungsinhalt zu wohlunterschiedenen und abgegrenzten +Dingen+,
++Eigenschaften+, +Verhältnissen+ prägt, als Form des Verstandes dessen
+alter ego, die gewordene Natur bildet.
+
+Organismen lassen sich als werdend oder als geworden betrachten.
+Ich darf von Gesetzen, von Ursache und Wirkung im erfahrungsmäßig
+erkennbaren Bau von Pflanzen und Tieren reden, solange ich sie nämlich
+als Elemente im sinnlich-augenblicklichen Ganzen der mechanischen
+Umwelt erfasse. Dann ist sogar das Goethe so verhaßte Experiment
+logisch und zulässig. Aber die Anatomie und Physiologie mit der
+stofflichen Natur als Objekt berühren nichts von der +andern+ Welt,
+von den Schicksalen der einzelnen Pflanzen und Tiere, ihrer Gattungen
+und ganzer Klassen und Reiche. Hier handelt es sich nicht darum,
+was sie sind, sondern was aus ihnen wird. Jeder Grashalm, jedes
+Insekt hat nicht nur eine Natur, sondern auch eine Geschichte. Hier
+darf ich, vor einem Weltbilde andrer Ordnung, von einem Schicksal
+sogar in der Physik reden. Es liegt ein großer Sinn in dem Worte vom
+„Schicksal einer wissenschaftlichen Entdeckung“, etwa der mechanischen
+Wärmetheorie. Ein Blitzschlag bleibt im Zusammenhang der Historie
+immer ein Schicksalsmoment wie jener, der im Leben Luthers die
+entscheidende Wendung herbeiführte, mag er als nicht individuelles
+Ereignis, sondern als prinzipiell beständig möglicher Vorgang ebenso
+notwendig auch dem Mechanismus des elektrodynamischen Naturbildes
+angehören. Den antiken Menschen +vorausgesetzt+, kann man seine
+„Natur“, die für ihn allein vorhandene und wahre Natur, analysieren.
+Das hat Demokrit getan. Aber eben in dieser Voraussetzung liegt das
+Schicksalsmoment, von dem das Dasein einer Natur, eines Weltbildes
+abhängig ist. Es ist Schicksal, daß durch Newton sich eine dynamische
+Weltfassung aus der Struktur des abendländischen Geistes entwickelt
+hat. Dieser in sich geschlossene, höchst überzeugende Komplex
+„unumstößlicher Wahrheiten“ ist in einem sehr bedeutsamen Sinne von dem
+Entwicklungsgang, den allgemeinen, nationalen und privaten Schicksalen,
+der Lebensdauer dieser nordischen Seele abhängig, nicht umgekehrt.
+Jeder große Physiker, der als Persönlichkeit seinen Entdeckungen doch
+immer eine eigene Richtung und Farbe gibt, jede Hypothese, die ohne
+einen individuellen Beigeschmack ganz unmöglich ist, jedes Problem,
+das in die Hände gerade dieses und keines andern Forschers geriet,
+bedeuten ebenso viele Schicksalsfügungen für die Gestalt, welche
+die Lehre zuletzt erhalten hat. Wer das bestreitet, der ahnt nicht,
+wieviel Bedingtes in den absoluten Momenten der Mechanik steckt.
+Der berühmte musikalische Streit der Gluckisten und Piccinisten ist
+das genaue Seitenstück der großen Kontroversen auf dem Gebiete der
+optischen und elektrodynamischen Theorien (Newton und Huygens, J.
+R. Mayer und Thomson). Es handelt sich um Stilfragen, das heißt um
++Alles+, um das gesamte Naturbild. Es gibt physikalische Systeme, wie
+es Tragödien und Sinfonien gibt. Es gibt hier Schulen, Traditionen,
+Manieren, Konventionen wie in der Malerei. Man kann sich das Moment des
+Schicksals aus dem lebendigen Weltwerden nicht fortdenken, mag es sich
+um einen Schmetterling oder eine Kultur handeln. Leben, Sein und ein
+Schicksal haben -- das fließt zusammen. Aber man fühlt das Zwingende
+der Vorstellung, daß jede aus dem Kausalprinzip konstruierte Welt,
+jede +Natur+ -- und jede reifgewordene Kultur hat da ihre +eigne+ und
+sogar „allein richtige“ -- irgendwie nur im Geiste und für den Geist
+da ist, der sie als +seine+ ihm angemessene und komplementäre Form
+der Sinnlichkeit dem Gewordnen, Ausgedehnten, Begrenzten auferlegt.
+Die dunkle Frage nach den Grenzen der Gültigkeit der Kausalität
+oder was nunmehr dasselbe ist, nach den Schicksalen des einzelnen
+Naturbildes, erscheint noch rätselhafter, wenn wir zu dem bestimmten
+Gefühl gelangen, daß, wie alle seelischen und symbolischen Äußerungen
+bestätigen, für den frühen Menschen eine streng kausal geordnete Umwelt
+gar nicht existiert und daß wir, späte Menschen, die im wachen Zustande
+unter der beständigen Tyrannei eines mechanisierenden Verstandes
+stehen, in allen Momenten strenger Aufmerksamkeit -- auch jetzt noch
+den einzigen, wo wir tatsächlich eine kausalgesetzliche Außenwelt
+im Stile unserer Physik besitzen -- bestenfalls +behaupten+ können,
+meilenweit von jeder Möglichkeit eines Beweises entfernt, daß auch
+„damals“, also außerhalb jener für uns bindenden Momente, das Prinzip
+der Kausalität geherrscht haben muß -- was nichts anderes heißen will,
+als daß wir unser +Gedächtnisbild+ von dem „Weltall“ jener Zeiten
+und Menschen dem +Augenblicksbilde+ der gegenwärtigen, +eignen+,
+mechanischen Natur unterwerfen. Der frühe Mensch geht keineswegs so
+weit, daß er +sein+ Weltbild ganz unpersönlich, gewissermaßen im Namen
+der ganzen Menschheit, empfängt, und sein Gefühl ist ohne Zweifel, als
+ein historisches, das ursprünglichere und echtere.
+
+
+10
+
+Erst aus dem Weltgefühl der Sehnsucht und dessen Verdeutlichung in
+der Schicksalsidee wird nunmehr das +Zeitproblem+ zugänglich, dessen
+Gehalt, soweit er das Thema des Buches berührt, kurz angedeutet
+werden soll. Mit dem Worte Zeit wird immer etwas höchst Persönliches
+aufgerufen, das, was anfangs als das +Eigne+ bezeichnet worden war,
+insofern es mit innerer Gewißheit als Gegensatz zu etwas +Fremdem+
+empfunden wird, das in, mit und unter den Wirkungen der Sinnenwelt
+sich in das Leben einmischt. Das Eigne, das Schicksal, die Zeit sind
+alternierende Worte.
+
+Das Problem der Zeit ist wie das des Schicksals von allen auf die
+Systematik des Gewordenen beschränkten Denkern mit vollkommenem
+Unverständnis behandelt worden. In Kants berühmter Theorie ist von
+dem Merkmal des +Gerichtetseins+ der Zeit mit keinem Worte die
+Rede. Man hat Äußerungen darüber nicht einmal vermißt. Aber was ist
+das -- Zeit als Strecke, Zeit ohne Richtung? Alles Lebendige besitzt
+-- hier kann ich mich nur wiederholen -- „+Leben+“, Richtung,
+Streben, Wollen, eine mit der Sehnsucht aufs tiefste verwandte
++Bewegtheit+, die mit der „Bewegung“ des Physikers nicht das
+geringste zu tun hat. Das Lebendige ist unteilbar und nicht umkehrbar,
+einmalig, nie zu wiederholen und in seinem Verlaufe mechanisch völlig
+unbestimmbar: das alles gehört zur Wesenheit des Schicksals. Und „Zeit“
+-- das, was man beim Klang des Wortes wirklich +fühlt+, was Musik
+besser verdeutlichen kann als Worte -- hat im Unterschiede vom toten
+Raume diesen +organischen+ Charakter. Damit aber verschwindet die
+von Kant und allen andern geglaubte Möglichkeit, die Zeit +neben dem
+Raume+ einer parallelen erkenntnistheoretischen Erwägung unterwerfen
+zu können. Raum ist ein +Begriff+. Zeit ist ein Wort, um etwas
+Unbegreifliches anzudeuten, ein Wort, das man völlig mißversteht,
+wenn man es ebenfalls als Begriff wissenschaftlich behandelt. Selbst
+das Wort Richtung, das sich nicht ersetzen läßt, ist geeignet, durch
+seinen optischen Gehalt irrezuführen. Der Vektorbegriff der Physik ist
+ein Beweis dafür.
+
+Dem Urmenschen kann das +Wort+ „Zeit“ nichts bedeuten. Er lebt,
+ohne es durch den Gegensatz zu etwas anderem nötig zu haben. Er hat
+Zeit, aber er +weiß+ nichts von ihr. Erst der Geist hoher Kulturen
+entwirft unter dem mechanisierenden Eindruck einer „Natur“, aus dem
+Bewußtsein eines streng geordneten Räumlichen, Meßbaren, Begrifflichen
+das Phantom einer Zeit, das seinem Bedürfnis, alles zu begreifen,
+zu messen, kausal zu ordnen, genügen soll. Und dieser instinktive
+Akt, der in jeder Kultur sehr früh erscheint, ein Zeichen verlorner
+Unschuld des Daseins, schafft jenseits des echten Lebensgefühls das,
+was alle Kultursprachen Zeit nennen und was dem erkennenden Geiste zu
+einer anorganischen ebenso irreführenden als geläufigen Größe geworden
+ist. Bedeuten aber die identischen Phänomene der Ausdehnung, Grenze
+und Kausalität eine Beschwörung und Bannung der fremden Mächte durch
+das Seelentum -- Goethe spricht einmal von „dem Prinzip verständiger
+Ordnung, das wir in uns tragen, das wir als Siegel unserer Macht
+auf alles prägen möchten, was uns berührt“ -- ist alles Gesetz eine
+Fessel, welche die Weltangst dem zudrängenden Sinnlichen anlegt, eine
+tiefe Notwehr des Lebens, so ist die Konzeption der Zeit als einer
++Größe+ innerhalb dieses Zusammenhangs ein später Akt derselben
+Notwehr, ein Versuch, das quälende innere Rätsel, doppelt quälend für
+den zur Herrschaft gelangten Verstand, dem es widerspricht, durch die
+Kraft des +Begriffes+ zu bannen. Es liegt immer ein feiner Haß in
+dem geistigen Akte, durch den etwas in den Bereich und die Formenwelt
+des Maßes und Gesetzes gezwungen wird. Man +tötet+ das Lebendige
+durch die Einbeziehung in den Raum, der leblos ist und leblos macht. In
+der Geburt liegt der Tod, in der Verwirklichung die Vergänglichkeit.
+Dies war der Sinn der eleusinischen Mysterien und ihrer Peripetie von
+der Klage zum Jubel, die Äschylus, der aus Eleusis stammte, später
+in die attische Tragödie eingeführt hat.[39] Es +stirbt+ etwas
+im Weibe, wenn es empfängt. Der ewige, aus der Weltangst geborene
+Haß der Geschlechter hat hier seinen Grund. Der Mensch vernichtet in
+einem sehr tiefen Sinne, indem er zeugt: durch leibliche Zeugung in
+der sinnlichen, durch „+Erkennen+“ in der +geistigen+ Welt.
+Dieser Zusammenhang war dem mythischen Gefühl primitiver Zeitalter
+nicht unbekannt. Noch bei Luther hat das Wort erkennen den Nebensinn
+der geschlechtlichen Zeugung (Adam „erkannte“ sein Weib --). Etwas beim
+Namen nennen heißt Macht darüber gewinnen: dies ist ein wesentlicher
+Teil urmenschlicher Zauberkünste. Man schwächte oder tötete seinen
+Feind, indem man mit dessen Namen gewisse magische Prozeduren vornahm.
+Etwas von diesem frühesten Ausdruck der Weltangst hat sich in der
+Sucht aller systematischen Philosophie erhalten, das Unfaßliche, dem
+Geist Allzumächtige durch Begriffe, wenn es nicht anders ging, durch
+bloße Namen abzutun. „Philosophie“, die +Liebe+ zur Weisheit, ist
+die Furcht und der +Haß+ gegen das Unbegreifliche. Was benannt,
+begriffen, gemessen ist, ist überwältigt, starr, „tabu“ geworden.
+Noch einmal: „Wissen ist Macht.“ Hier liegt die tiefste Wurzel des
+Unterschiedes idealistischer und realistischer Weltanschauungen. Er
+entspricht dem Doppelsinn des Wortes „scheu“. Die einen entspringen
+aus der scheuen Ehrfurcht, die anderen aus dem Abscheu vor dem
+Unzugänglichen. Die einen schauen an, die anderen wollen unterwerfen,
+mechanisieren, unschädlich machen. Plato und Goethe nehmen das
+Geheimnis hin, Aristoteles und Kant wollen es vernichten. Das tiefste
+Beispiel für diesen Hintersinn alles Realismus bietet das Zeitproblem.
+Das Unheimliche der Zeit, das Leben selbst soll hier beschworen, durch
+die Magie der Begrifflichkeit vernichtet werden.
+
+Alles, was in der „wissenschaftlichen“ Philosophie, Psychologie,
+Physik über die Zeit gesagt worden ist -- eine vermeintliche Antwort
+auf die Frage, die nicht hätte gestellt werden sollen: was nämlich
+die Zeit „+ist+“ -- betrifft niemals das Geheimnis selbst, sondern
+lediglich ein räumlich gestaltetes, stellvertretendes Phantom, in
+dem die Lebendigkeit der Richtung, ihre eigenmächtige Bewegtheit
+durch die abstrakte Vorstellung einer +Strecke+ ersetzt worden
+ist, ein mechanisches, meßbares, teilbares und umkehrbares Abbild
+des in der Tat nicht Abzubildenden; eine Zeit, die mathematisch in
+Ausdrücke wie √̅t, t^2, -t gebracht werden kann, welche die Annahme
+einer Zeit von der Größe Null oder negativer Zeiten wenigstens nicht
+ausschließen. Die moderne Relativitätstheorie, welche im Begriff
+steht, die Mechanik Newtons -- im Grunde bedeutet das: seine Fassung
+des +Bewegungsproblems+ -- zu stürzen, läßt Fälle zu, in welchen die
+Bezeichnungen „früher“ und „später“ sich umkehren; die mathematische
+Begründung dieser Theorie (durch Minkowski) wendet +imaginäre+
+Zeiteinheiten zu Maßzwecken an. Ohne Zweifel kommt hier der Bereich
+des Lebens, des Schicksals, der lebendigen, +historischen+ Zeit
+gar nicht in Frage. Man setze in irgendeinem philosophischen oder
+physikalischen Text für Zeit das Wort Schicksal ein und man wird
+plötzlich fühlen, wohin sich der Verstand verirrt hat und wie unmöglich
+die Gruppe „Raum und Zeit“ ist. Was nicht erlebt und gefühlt, was
+nur +gedacht+ wird, nimmt notwendig +räumliche+ Qualitäten an. Die
+physikalische und die Kantische Zeit ist eine +Linie+. Ihre organische
+Bewegtheit, ihr seelenhafter Gehalt sind in den Formeln und Begriffen
+verschwunden. So erklärt es sich, daß kein systematischer Philosoph mit
+den Begriffen Vergangenheit und Zukunft etwas hat anfangen können. In
+Kants Ausführungen über die Zeit kommen sie gar nicht vor. Man sieht
+auch nicht, in welcher Beziehung sie zu dem stehen sollten, was er
+dort behandelt. Damit erst wird es möglich, „Raum und Zeit“ als Größen
++derselben Ordnung+ in funktionale Abhängigkeit voneinander zu bringen,
+wie dies besonders deutlich die vierdimensionale Vektoranalysis zeigt.
+(Die Dimensionen sind _x_, _y_, _z_ und _t_, die in Transformationen
+völlig gleichwertig erscheinen.) Schon Lagrange nannte (1813) die
+Mechanik ohne weiteres eine vierdimensionale Geometrie und selbst
+Newtons vorsichtiger Begriff des _tempus absolutum sive duratio_
+entzieht sich nicht dieser +denknotwendigen+ Verwandlung des Lebendigen
+in bloße Ausdehnung. Eine einzige tiefe und ehrfürchtige Bezeichnung
+der Zeit habe ich in der älteren Philosophie gefunden. Sie steht bei
+Augustinus (Conf. XI, 14): _Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti
+explicare velim, nescio._
+
+Der Mißgriff, „Raum und Zeit“ als morphologisch gleichartiges
+Größenpaar der Betrachtung zu unterwerfen, schließt jedes Verständnis
+des wahren Zeitproblems aus. Schon wenn neuere Philosophen -- sie tun
+es alle -- sich der Wendung bedienen, daß die Dinge „+in der Zeit+“
+wie im Raume sind und nichts „außerhalb“ ihrer „gedacht“ werden
+könne, imaginieren sie lediglich eine zweite Räumlichkeit neben der
+gewöhnlichen. Man könnte mit gleichem Rechte zwei „Kräfte“ wie den
+Magnetismus und die Hoffnung gemeinsam abhandeln wollen. Es hätte
+Kant, als er von den „beiden Formen“ der Anschauung sprach, doch
+nicht entgehen sollen, daß man sich wissenschaftlich bequem über
+den Raum verständigen kann -- wenn auch nicht ihn im landläufigen
+Sinne +erklären+, was jenseits des wissenschaftlich Möglichen liegt
+-- während eine Betrachtung in demselben Stil der Zeit gegenüber
+völlig versagt. Der Leser der „Kritik der reinen Vernunft“ und der
+„Prolegomena“ wird bemerken, daß Kant für den Zusammenhang von Raum
+und Geometrie einen sorgfältigen Beweis liefert, es aber peinlich
+vermeidet, dasselbe für Zeit und Arithmetik zu tun. Hier bleibt
+es bei der +Behauptung+, und die ständig wiederholte Analogie der
+Begriffe täuscht über die Lücke hinweg, deren +Unausfüllbarkeit+ die
+Unhaltbarkeit seines Schemas offenbart hätte. Das begrifflich-exakte
+Denken deckt sich durchaus mit dem Bereich des Gewordenen und
+Ausgedehnten. Raum, Gegenstand, Zahl, Begriff, Kausalität sind so
+eng verschwisterte Formelemente, daß es unmöglich ist, wie unzählige
+verfehlte Systeme beweisen, das eine unabhängig vom andern zu
+untersuchen. Die Logik ist ein Abbild der jeweiligen Mechanik und
+umgekehrt. Das Denkvermögen, dessen Struktur die mechanistische
+Psychologie beschreibt, ist ein Abbild der jeweiligen Raumwelt,
+wie sie die Physik behandelt. Begriffe -- man beachte die Herkunft
+des Wortes von „begreifen“, in die Hand nehmen -- sind körperhafte
+Werte; Definitionen, Urteile, Schlüsse, Systeme, Klassifikationen
+sind Formelemente einer inneren Räumlichkeit, sind etwas so mit Optik
+Gesättigtes, daß der Reiz, den Denkprozeß unmittelbar graphisch und
+tabellarisch, d. h. +räumlich+ darzustellen -- man denke an Kants
+und Aristoteles’ Kategorientafeln -- gerade den abstrakten Denker
+immer wieder überwältigt hat. Wo es am Schema fehlt, da fehlt es an
+Philosophie -- das ist das uneingestandene Vorurteil aller zünftigen
+Systematiker gegenüber den „Anschauenden“, denen sie sich innerlich
+weit überlegen fühlen. Deshalb nannte Kant den Stil des platonischen
+Denkens ärgerlich „die Kunst, wortreich zu schwatzen“ und deshalb
+schweigt der Kathederphilosoph noch heute über Goethes Philosophie.
+Jede logische Operation läßt sich +zeichnen+. Jedes System ist eine
++geometrische Art+, Gedanken zu handhaben. Deshalb hat die Zeit in
+einem abstrakten System keinen Platz oder sie fällt seiner Methode zum
+Opfer.
+
+Damit ist auch das allverbreitete populäre Mißverständnis widerlegt,
+welches die Zeit mit der Arithmetik, den Raum mit der Geometrie in eine
+höchst triviale Verbindung bringt, ein Irrtum, dem Kant nicht hätte
+erliegen sollen, wenn man auch von Schopenhauers Verständnislosigkeit
+für Mathematik kaum etwas anderes erwartet. Weil der lebendige Akt
+des +Zählens+ mit der Zeit irgendwie in Berührung steht, hat man
+immer wieder -- auf ein Schema versessen -- Zahl und Zeit vermengt.
+Aber Zählen ist keine Zahl, so wenig Zeichnen eine Zeichnung ist.
+Zählen und Zeichnen sind ein Werden, Zahlen und Figuren sind Gewordnes.
+Kant und die andern haben dort den lebendigen Akt (das Zählen), hier
+dessen Resultat (die formalen Verhältnisse der fertigen Figur) ins Auge
+gefaßt. Das eine gehört in den Bereich des Lebens und der Richtung,
+das andre in den der Ausdehnung und Kausalität. Die +gesamte+
+Mathematik, populär gesprochen also Arithmetik +und+ Geometrie,
+beantworten das +Was+, also die Frage nach der +natürlichen+
+Ordnung der Dinge. Im Gegensatz dazu steht die Frage nach dem
++Wann+ der Dinge, die spezifisch +historische+ Frage, die
+Frage nach dem Schicksal, der Zukunft, der Vergangenheit. All das liegt
+in dem Worte +Zeitrechnung+, das der naive Mensch vollkommen
+richtig versteht. Kausalität ist durchaus mit der Zahlenwelt verbunden,
+sei es durch das Prinzip der +Funktion+ im Abendlande oder das der
++Größe+ in der Antike. Physik und Mathematik verfließen ineinander
+(in der reinen Mechanik). Zeit, Schicksal, Geschichte stehen diesem
+Kreise völlig fern. Zu ihnen gehört die Chronologie.
+
+Es gibt keinen Gegensatz von Arithmetik und Geometrie.[40] Jede Idee
+einer Zahl -- das wird das erste Kapitel hinlänglich gezeigt haben --
+gehört im vollen Umfange dem Bereich des Ausgedehnten und Gewordnen an,
+sei es als euklidische Größe, sei es als analytische Funktion. Und in
+welches der beiden Gebiete sollten denn die zyklometrischen Funktionen,
+der Binomialsatz, die Riemannschen Flächen, die Gruppentheorie gehören?
+Kants Schema war durch Euler und d’Alembert schon widerlegt, bevor er
+es konzipiert hatte und nur die Unvertrautheit der Philosophen nach
+ihm mit der Mathematik ihrer Zeit -- sehr im Gegensatz zu Descartes,
+Pascal und Leibniz, welche die Mathematik +ihrer+ Zeit aus den
+Tiefen ihrer Philosophie heraus selbst geschaffen haben -- hat es
+verschuldet, daß diese teilweise recht schülerhaften Ansichten von
+der Beziehung von „Raum und Zeit“ zu „Geometrie und Arithmetik“ sich
+kaum angefochten weiter vererbten. Aber es gibt keine Berührung des
+Werdens mit irgendeinem Gebiete der Mathematik. Nicht einmal die tief
+begründete Annahme Newtons, in dem ein tüchtiger Philosoph steckte,
+daß er im Prinzip seiner Differentialrechnung (Fluxionsrechnung) das
+Problem des Werdens, das Zeitproblem also -- übrigens in einer viel
+feineren als der kantischen Fassung -- unmittelbar in Händen habe,
+ließ sich aufrechterhalten, so sehr sie unter Philosophen heute noch
+Mode ist. Bei der Entstehung von Newtons Fluxionslehre hatte das
+metaphysische Bewegungsproblem eine entscheidende Rolle gespielt. Seit
+Weierstraß indessen bewiesen hat, daß es stetige Funktionen gibt, die
+nur teilweise oder gar nicht differentiiert werden können, ist dieser
+tiefste jemals unternommene Versuch, dem Zeitproblem mathematisch nahe
+zu kommen, abgetan.
+
+
+11
+
+Die Zeit ist ein +Gegenbegriff+. Hier wird zum ersten Male
+eine Eigentümlichkeit der logischen Produktivität berührt, die von
+höchster Bedeutung ist. Der Intellekt, unfähig, das Schicksalsgefühl
+seiner Formenwelt einzugliedern, hat vom Raume aus als dessen
++logisches+ Seitenstück einen Begriff „Zeit“ („Nicht-raum“)
+konstruiert. Wir würden weder das Wort noch dessen uns als ständig
+denkenden Wesen geläufigen, völlig verfehlten Inhalt besitzen, wenn
+nicht der mächtige Drang zum Begreifen (in optische Grenzen bannen) die
+Seele verführt hätte. Es folgt daraus, daß der antike Geist, welcher
+das Ausgedehnte, wie wir sehen werden, einer ganz andern Symbolik
+unterwarf als wir, dementsprechend auch als Zeit sich etwas andres
+vorstellte. Aber es läßt sich auf keine Weise begreiflich machen, was
+an Stelle unsrer „Zeit“ in analogen Fällen dem apollinischen Menschen
+vorschwebte.
+
+Das Raumproblem ist also die +einzige+ Aufgabe aller exakten
+Wissenschaft, die sich ausschließlich mit dem Gewordnen beschäftigt,
+um dessen immanente Notwendigkeit in Gestalt des mathematisch zu
+behandelnden Kausalitätsprinzips restlos zu zergliedern. Es gibt
+in diesem Sinne +nur+ Naturwissenschaften, zu denen Logik und
+Erkenntnistheorie gehören. Das gemeinsame Gefühlsmoment der Weltangst
+und ein identisches Ziel, die Bannung und Beschwörung des Fremden durch
+unumstößliche Gesetze verbinden sie. Die wissenschaftlich unzugängliche
+Schicksalsidee, die sich hinter dem Worte Zeit verbirgt, gehört in den
+Bereich unmittelbarer Erlebnisse und Intuitionen.
+
+In jedem Kunstwerk, das den +ganzen+ Menschen, den +ganzen+
+Sinn des Daseins offenbart, liegen Angst und Sehnsucht beieinander.
+Die Kunsttheorie hat das wohl gefühlt. Man hat immer wieder als
+„+Inhalt+“ dasjenige zu isolieren versucht, was Richtung,
+Schicksal, Leben, Sehnsucht, unter „+Form+“ das, was Ausdehnung,
+Geist, Grund und Folge, Angst repräsentiert. Das Ausgedehnte, das
+gestaltete Material, trägt die elementare Symbolik jeder Kunst. Alles
+was Kanon, Schule, Konvention, Technik heißt, alles Begreifliche,
+Folgerichtige, Erlernbare, +Zahlenmäßige+ in Linie, Farbe,
+Ton, Bau, Ordnung also gehört hierher; die kanonische, von Polyklet
+schriftlich niedergelegte Gliederung der nackten Statue, der Innenraum
+gotischer Dome und ägyptischer Totentempel, die Kunst der Fuge. Sie
+sind alle Arten +einer+ Tektonik. Sie wollen alle etwas Sinnliches
+in starre, „+ewige+“, d. h. +zeitlose+ Form bannen.
+
+Die Architektur großen Stils, die allein von allen Künsten das
+Fremde und Angsteinflößende selbst, das unmittelbar Ausgedehnte, den
++Stein+ behandelt, ist deshalb die selbstverständliche Frühkunst
+aller Kulturen, die erst Schritt für Schritt den geistigeren Künsten
+der Statue, des Gemäldes, der Komposition mit ihren indirekten
+Formmitteln den Vorrang abtritt. Michelangelo, der von allen großen
+Künstlern des Abendlandes unter dem beständigen Alpdruck der
+Weltangst wohl am schwersten gelitten hat, ist darum allein von allen
+Meistern der Renaissance vom Architektonischen niemals freigeworden.
+Er malte sogar, als ob die Farbflächen Stein, Gewordnes, Starres,
++Gehaßtes+ wären. Seine Arbeitsweise war der erbitterte Kampf
+gegen die feindseligen Mächte im Kosmos, die in Gestalt des Materials
+ihm entgegentraten, während Lionardos, des +Sehnsüchtigen+,
+Farben wie eine +freiwillige+ Inkarnation des Seelischen wirken.
+In jedem architektonischen Formproblem kommt aber strengste Logik zum
+Vertrag, Mathematik sogar, sei es in den antiken Säulenordnungen das
++euklidische+ Verhältnis von +Träger und Last+, sei es in
+den „analistisch“ angelegten Fassaden des Barock das dynamische von
++Kraft und Masse+. Die berühmte Kontroverse Kant-Hume über die
+Apriorität des Kausalen, aus welcher die „Kritik der reinen Vernunft“
+hervorging, ist mit mancher über ein künstlerisches Formproblem
+innerlich verwandt. Die Symbolik der Richtung, des Schicksals, aber
+steht jenseits aller mechanischen „Technik“ der großen Künste und
+ist der formalen Ästhetik kaum zugänglich. Sie liegt zum Beispiel
+in dem stets gefühlten, aber nie, weder von Lessing noch von Hebbel
+klar gedeuteten Widerspruch antiker und abendländischer Tragik,
+in der Szenen+folge+ altägyptischer Reliefs, überhaupt der
++reihenweisen+ Ordnung ägyptischer Statuen, Sphinxe, Tempelsäle,
+in der Wahl von Diorit und Basalt, durch welche Dauer und Zukunft
+bejaht werden, gegenüber dem Holz frühgriechischer Skulpturen, in der
+Geste einer Statue des Phidias, deren eminente Gegenwärtigkeit auch
+nur den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft abweist, während im
+Gegensatz dazu der +Stil+ der Fuge den einzelnen Augenblick im
+Unendlichen löst. Wie man sieht, gehört dies alles nicht zur starren
+„Technik“, sondern zum „Genie“, nicht zum Können, sondern zum Müssen
+des Künstlers, nicht zur mechanischen Form des Geschaffenen, sondern
+zum lebendigen Schöpfungsakte selbst. Nicht die Mathematik und das
+abstrakte Denken, sondern die Geschichte und die großen Künste -- ich
+füge hinzu: der große Mythus -- geben den Schlüssel zum Problem der
+Zeit.
+
+
+12
+
+Aus dem Sinne, welcher hier der Kultur als einem Urphänomen und dem
+Schicksal als der organischen Logik des Daseins gegeben wurde, folgt,
+daß notwendig jede Kultur ihre +eigne+ Schicksalsidee besitzen
+muß, ja daß in dem Gefühl, jede große Kultur sei nichts anderes als
+die Verwirklichung und Gestalt einer einzigen, bestimmten Seele,
+diese Folgerung schon eingeschlossen liegt. Was wir Fügung, Zufall,
+Verhängnis, Schicksal, der antike Mensch Nemesis, Ananke, Tyche, Fatum,
+der Araber Kismet und alle anderen anders nennen, was niemand dem
+andern, dessen Leben gerade Ausdruck +seiner+ Idee ist, nachfühlen
+kann und was sich in Worten nicht weiter beschreiben läßt, stellt eben
+diese einmalige, nie sich wiederholende Fassung der Seele dar, deren
+jeder für sich völlig gewiß ist.
+
+Ich wage es, die antike Fassung der Schicksalsidee +euklidisch+
+zu nennen. In der Tat ist es die sinnlich-wirkliche +Person+
+des Ödipus, sein „empirisches Ich“, mehr noch, sein +σῶμα+, das
+vom Schicksal getrieben und gestoßen wird. Ödipus klagt (Rex 242),
+daß Kreon seinem +Leibe+ Übles getan habe und (Col. 355), daß
+das Orakel seinem +Leibe+ gelte. Und Äschylus spricht in den
+Choephoren (704) von Agamemnon als dem „flottenführenden königlichen
+Leibe“. Es ist dasselbe Wort σῶμα, das die Mathematiker mehr als
+einmal für ihre Körper gebrauchen. König Lears Schicksal aber, ein
++analytisches+, um auch hier an die entsprechende Zahlenwelt
+zu erinnern, ruht ganz in dunklen innern Beziehungen: Die Idee des
+Vatertums taucht auf; seelische Fäden spinnen sich durch das Drama,
+unkörperlich, jenseitig, und werden durch die zweite, kontrapunktisch
+gearbeitete Tragödie im Hause Glosters seltsam beleuchtet. Lear ist
+zuletzt ein bloßer Name, ein Mittelpunkt für etwas Grenzenloses.
++Diese+ Fassung des Schicksals ist eine „infinitesimale“, in
+unendlicher Räumlichkeit und durch endlose Zeiten ausgebreitete;
+sie berührt das leibliche, euklidische Dasein gar nicht; sie trifft
++nur+ die Seele. Der wahnsinnige König zwischen dem Narren und
+dem Bettler im Sturm auf der Heide -- das ist der Gegensatz zur
+Laokoongruppe. Da ist die faustische gegenüber der apollinischen Art
+zu leiden. Sophokles hatte auch ein Laokoondrama geschrieben. Ohne
+Zweifel war in ihm von +Seelenleid+ nicht die Rede. Und hier
+möchte man den Ausdruck „Idee des Daseins“ vorziehen, zumal wenn man
+an Hebbels tragische Entwürfe denkt, der in einem gewissen Sinne die
+abendländische Tragödie abgeschlossen und ihre letzten Möglichkeiten
+erschöpft hat. Wer überhaupt ein großes Drama kosmisch zu durchschauen
+und nicht nur in seiner Szenik anzuschauen vermag, der wird die
+Verwandtschaft der Konzeptionen des Sophokles mit der antiken Geometrie
+und derjenigen Shakespeares, Goethes, Kleists mit der Analysis, also
+den Gegensatz von Größe und Beziehung auch in der tiefsten Wurzel des
+künstlerischen Schöpfungsaktes fühlen.
+
+Wir nähern uns damit einem andern Zusammenhang von großer Symbolik.
+Man nennt das typische Drama des Abendlandes +Charakterdrama+ und
+sollte das griechische dann als +Situationsdrama+ bezeichnen.
+Man betont damit, was eigentlich von dem Menschen beider Kulturen
+als Grundform seines Lebens empfunden und mithin durch die Tragik,
+das Schicksal, in Frage gestellt wird. Sagt man für Richtung
+des Lebens +Nichtumkehrbarkeit+, so hat man den Kern jedes
+möglichen tragischen Konflikts. Wir haben eine antike Tragödie des
++Augenblicks+ und eine abendländische der historisch-psychischen
++Entwicklung+ vor uns. So empfand eine ahistorische und eine
+extrem historische Seele sich selbst. Unsere Tragik entstand aus
+dem Gefühl einer +unerbittlichen Logik des Werdens+. +Der
+Grieche fühlte das Alogische, das blinde Ungefähr des Moments.+
+Und man begreift nun, weshalb gleichzeitig mit dem abendländischen
+Drama eine mächtige Porträtkunst -- mit ihrem Höhepunkt in Rembrandt
+-- aufblühte und erlosch, eine Art historischer und psychologischer
+Kunst, die +deshalb+ im klassischen Griechenland zur Blütezeit
+des attischen Theaters aufs strengste verpönt war; man denke an das
+Verbot ikonischer Statuen bei den Weihgeschenken und daran, daß sich --
+seit Lippos -- eine schüchterne Art idealisierender Bildniskunst genau
+damals hervorwagte, wo die große Tragödie durch das soziale Typendrama
+Menanders in den Hintergrund gedrängt wurde. Im Grunde tragen alle
+griechischen Statuen eine stereotype Maske wie die Schauspieler im
+Dionysostheater. Alle bringen sie +somatische Situationen+
+in der präzisesten Fassung. Physiognomisch sind sie +stumm+,
+körperlich sind sie +notwendig nackt+. „Charakterköpfe“ hat
+erst der Hellenismus gebracht. Und wir werden wieder an die beiden
+entsprechenden Zahlenwelten erinnert, in deren einer handgreifliche
+Resultate errechnet wurden, während in der andern der Charakter
+von Beziehungsgruppen von Funktionen, Gleichungen, überhaupt von
+Formelementen gleicher Ordnung morphologisch untersucht und +als
+solcher+ in gesetzmäßigen Ausdrücken fixiert wird.
+
+
+13
+
+Die Fähigkeit, Geschichte zu erleben und die Art, wie sie, wie vor
+allem auch das +eigne+ Werden durchlebt wird, ist bei den
+einzelnen Menschen sehr verschieden.
+
+Jede Kultur besitzt schon eine streng individuelle Art, +Natur+ zu
+sehen, zu erkennen oder, was dasselbe ist, sie +hat+ ihre eigne
+und eigentümliche Natur, die keine andere Art Mensch in genau derselben
+Gestalt besitzen kann. Ganz ebenso hat auch jede Kultur und in ihr, mit
+Unterschieden geringeren Grades, jeder Einzelne eine durchaus eigne Art
+von Geschichte, in deren Bilde, in deren Stil er das allgemeine und
+das persönliche, das innere und äußere, das welthistorische und das
+biographische Werden unmittelbar anschaut, fühlt und erlebt. So ist
+der autobiographische Hang der abendländischen Menschheit der antiken
+völlig fremd. Der extremen Bewußtheit der Geschichte Westeuropas steht
+die geradezu traumhafte Unbewußtheit der indischen gegenüber. Und was
+ist es, das arabische Menschen, Paulus, Plotin oder Mohammed vor sich
+sahen, wenn sie das Wort Weltgeschichte aussprachen? Aber wenn es
+schon höchst schwierig ist, sich von der Natur, der kausal geordneten
+Umwelt andrer eine genaue Vorstellung zu machen, obwohl in ihr das
+spezifisch Erkennbare zum +Bilde+ vereinheitlicht ist, so ist
+es völlig unmöglich, den historischen Weltaspekt fremder Kulturen,
+das aus ganz anders angelegten Seelen gestaltete Bild des Werdens
+mit den Kräften der eignen Seele vollkommen zu durchdringen. Hier
+wird immer ein unzugänglicher Rest bleiben, um so größer, je geringer
+der eigne historische Instinkt, der physiognomische Takt, die eigne
+Menschenkenntnis ist. Trotzdem ist die Lösung +dieser+ Aufgabe
+eine Voraussetzung alles tiefern Weltverständnisses. Die historische
+Umwelt der andern ist ein +Teil ihres Wesens+, und man versteht
+niemand, wenn man sein Zeitgefühl, seine Idee vom Schicksal, den Stil
+und Bewußtseinsgrad seines Innenlebens nicht kennt. Was hier sich
+nicht unmittelbar in Bekenntnissen auffinden läßt, müssen wir also
+der Symbolik der äußern Kultur entnehmen. So erst wird das an sich
+Unbegreifliche zugänglich und dies gibt dem historischen Stil einer
+Kultur und den dazu gehörigen großen Zeitsymbolen ihren unermeßlichen
+Wert.
+
+Als eines dieser kaum je begriffenen Zeichen war schon die +Uhr+
+genannt worden, eine Schöpfung hochentwickelter Kulturen, die immer
+geheimnisvoller wird, je mehr man darüber nachdenkt. Die antike
+Menschheit verstand sie zu entbehren -- nicht ohne Absichtlichkeit
+--, obwohl Uhren in den beiden ältern Welten der babylonischen und
+ägyptischen Seele mit ihrer strengen Astronomie und Zeitrechnung,
+ihrem tiefen Blick für Vergangenheit und Zukunft und deren Knüpfung
+an den Augenblick, ständig (als Sonnenuhren und Wasseruhren) in
+Gebrauch waren. Aber das antike Dasein, euklidisch, beziehungslos,
+punktförmig, war im gegenwärtigen Moment völlig beschlossen. Nichts
+sollte an Vergangnes und Künftiges mahnen. Die Archäologie fehlt der
+Antike ebenso wie deren +psychische Umkehrung, die Astrologie+.
+Es gab keine Zeitrechnung, denn die Olympiadenrechnung war lediglich
+ein literarischer Notbehelf. In antiken Städten erinnert nichts an die
+Dauer, an die Vorzeit, an das Bevorstehende, keine pietätvoll gepflegte
+Ruine, kein für noch ungeborne Generationen vorgedachtes Werk, kein
+trotz technischer Schwierigkeiten mit Bedeutung gewähltes Material.
+Der dorische Grieche hat die mykenische Steintechnik unbeachtet
+gelassen und baute wieder in Holz und Lehm, trotz des mykenischen
+und ägyptischen Vorbildes und trotz des Reichtums seiner Landschaft
+an den besten Gesteinen. Der dorische Stil ist ein Holzstil. Noch zur
+Zeit des Pausanias sah man am Zeustempel in Olympia die letzte nicht
+ausgewechselte Holzsäule. In einer antiken Seele ist das Organ für
+Geschichte, das +Gedächtnis+ in dem hier stets vorausgesetzten
+Sinne, das den +Organismus+ der persönlichen Vergangenheit,
+die +Genesis+ des Innenlebens immer gegenwärtig erhält, nicht
+vorhanden. Es gibt keine „Zeit“. Daß Cäsar den Kalender reformierte,
+darf man beinahe als einen Akt der Emanzipation vom antiken
+Lebensgefühl bezeichnen: Aber Cäsar dachte auch an den Verzicht auf
+Rom und an die Verwandlung des Stadtstaates in ein dynastisches, also
+dem Symbol der +Dauer+ unterstelltes Reich mit dem Schwerpunkt
+in Alexandria, von wo sein Kalender stammt. Seine Ermordung wirkt wie
+eine letzte Auflehnung eben dieses, in der Polis, der +Urbs Roma+
+verkörperten, der Dauer feindlichen Lebensgefühls.
+
+Man erlebte noch damals jede Stunde, jeden Tag für sich. Das gilt vom
+einzelnen Hellenen und Römer, von der Stadt, der Nation, der ganzen
+Kultur. Die von Kraft und Blut strömenden Feste, Palastorgien und
+Zirkuskämpfe unter Nero und Caligula, die Tacitus, ein echter Römer,
+allein beschreibt, während er für das Leben der weiten Landschaft des
+Imperiums kein Auge, keine Worte hat, sind der letzte prachtvolle
+Ausdruck dieses euklidischen, den +Leib+, die +Gegenwart+ vergötternden
+Weltgefühls. Die Inder, deren Nirwana auch durch den Mangel an
+irgendwelcher Zeitrechnung ausgedrückt ist, besaßen ebenfalls keine
+Uhren und +also+ keine Geschichte, keine Lebenserinnerungen, keine
+Sorge. Was wir, eminent historisch angelegte Menschen, indische
+Geschichte nennen, ist ohne das geringste Bewußtsein seiner selbst
+verwirklicht worden. Das Jahrtausend der indischen Kultur von den
+Veden bis auf den Buddha herab wirkt auf uns wie die Regungen eines
++Schlafenden+. Hier war das Leben +wirklich+ ein Traum. Nichts steht
+diesem Indertum ferner als das Jahrtausend der abendländischen
+Kultur. Niemals, auch im alten China nicht, war man wacher, bewußter,
+niemals ist die Zeit tiefer gefühlt und mit dem vollen Bewußtsein
+ihrer Richtung und schicksalsschweren Bewegtheit erlebt worden. +Die
+Geschichte Westeuropas ist gewolltes, die indische ist widerfahrenes
+Schicksal.+ Im griechischen Dasein spielen Jahre keine Rolle, im
+indischen kaum Jahrzehnte; hier ist die Stunde, die Minute, zuletzt die
+Sekunde von Bedeutung. Von der tragischen Spannung historischer Krisen,
+wo der Augenblick schon erdrückend wirkt wie in den Augusttagen 1914,
+hätte weder ein Grieche noch ein Inder eine Vorstellung haben können.
+Aber solche Krisen können tiefe Menschen des Abendlandes auch +in sich+
+erleben, Hellenen +nicht+. Über unsrer Landschaft hallen Tag und Nacht
+von Tausenden von Türmen die Glockenschläge, die ständig Zukunft an
+Vergangnes knüpfen und den flüchtigen Moment der „antiken“ Gegenwart
+in einer ungeheuren Beziehung auflösen. Der Moment, welcher die
+Geburt dieser Kultur bezeichnet, die Zeit der Sachsenkaiser, sah auch
+schon die Erfindung der Räderuhren.[41] Ohne peinlichste Zeitmessung
+-- eine Chronologie des Kommenden, die durchaus unserm ungeheuren
+Bedürfnis nach Archäologie, Erhaltung, Ausgrabung, Sammlung alles
+Vergangnen entspricht -- ist der abendländische Mensch nicht denkbar.
+Die Barockzeit steigerte das gotische Symbol der Turmuhren noch zu dem
+grotesken der Taschenuhren, die den Einzelnen begleiten.[42] Und sind
+wir es nicht auch, welche die Wägung und Messung des inneren Lebens
+zur strengsten Vollendung geführt haben? Ist unsere Kultur nicht die
+der Selbstbiographien, Tagebücher, Konfessionen und unerbittlichen
+ethischen Selbstprüfungen? Hat je eine andre Art Mensch sich bis zu dem
+während der Epoche der Kreuzzüge ausgebildeten Symbol der Ohrenbeichte
+erhoben, von der Goethe sagte, daß sie den Menschen nie hätte genommen
+werden sollen? Ist nicht unsre ganze große Kunst -- sehr im Gegensatz
+zur antiken -- ihrem Gehalte nach Bekenntniskunst? Es wird niemand
+über Welt- und Staatengeschichte nachdenken, Geschichte andrer fühlen
+und begreifen können, der nicht in sich selbst mit vollem Bewußtsein
+Geschichte, Schicksal, Zeit erlebt. Deshalb hat die Antike weder eine
+wahre Weltgeschichte, eine Psychologie der Historie, noch eine tiefe
+Biographie hervorgebracht. Thukydides und Sokrates bestätigen das. Der
+eine kannte nur die jüngste Vergangenheit eines engen Völkerkreises,
+der andere nur ephemere Momente der Einkehr.
+
+Und neben dem Symbol der Uhren steht das andre, ebenso tiefe, ebenso
+unverstandne der Bestattungsformen, wie sie alle großen Kulturen
+durch Kulte und Kunst geheiligt haben. In der Urzeit gehen die
+vielen möglichen Formen noch chaotisch durcheinander, abhängig von
+Stammessitte und Zweckmäßigkeit. Jede Kultur aber erhebt alsbald
+eine von ihnen zum höchsten symbolischen Range. Hier wählte der
+antike Mensch aus tiefstem, unbewußtem Lebensgefühl heraus die
++Totenverbrennung+, einen Akt der Vernichtung, durch den er sein
+an das Jetzt und Hier gebundenes euklidisches Dasein zu gewaltigem
+Ausdruck brachte. Er +wollte+ keine Geschichte, keine Dauer,
+weder Vergangenheit noch Zukunft, weder Sorge noch Auflösung und
+er +zerstörte+ deshalb, was keine Gegenwart mehr besaß, den
++Leib+ eines Perikles und Cäsar, Sophokles und Phidias. Keine
+zweite Kultur steht dieser darin zur Seite -- mit einer bezeichnenden
+Ausnahme, der vedischen Frühzeit Indiens. Und man bemerke wohl: die
+dorisch-homerische Frühzeit behandelte diesen Akt mit dem ganzen
+Pathos eines eben geschaffenen Symbols, die Ilias vor allem, während
+in den Gräbern von Mykene, Tiryns, Orchomenos die Toten, deren
+Kämpfe vielleicht gerade den Keim zu jenem Epos gelegt hatten, nach
+ägyptischer Art bestattet worden waren. Als in der Kaiserzeit neben die
+Aschenurne der Sarkophag trat -- bei Christen +und+ Heiden --, war
+ein neues +Zeitgefühl+ erwacht wie damals, als auf die mykenischen
+Schachtgräber die homerische Urne folgte.
+
+Und diese Ägypter, welche ihre Vergangenheit so gewissenhaft im
+Gedächtnis, in Stein und Hieroglyphen aufbewahrten, daß wir heute,
+nach vier Jahrtausenden, noch die Regierungszahlen ihrer Könige genau
+bestimmen können, verewigten auch deren Leib, so daß die großen
+Pharaonen -- ein Symbol von schauerlicher Erhabenheit -- heute noch
+mit erkennbaren Gesichtszügen in unsern Museen liegen, während von
+den Königen der dorischen Zeit nicht einmal die Namen übrig geblieben
+sind. Wir kennen Geburts- und Todestag fast aller großen Menschen seit
+Dante genau. Das scheint uns selbstverständlich. Aber zur Zeit des
+Aristoteles, auf der Höhe antiker Zivilisation, wußte man nicht mehr,
+ob Leukippos, der Begründer des Atomismus und Zeitgenosse des Perikles,
+kaum ein Jahrhundert vorher, +überhaupt existiert habe+. Dem würde
+es entsprechen, wenn wir der Existenz Giordano Brunos nicht sicher
+wären und die Renaissance bereits völlig im Reich der Sage läge.
+
+Und diese Museen selbst, in denen wir die ganze Summe der
+sinnlich-körperlich gewordenen Vergangenheit zusammentragen! Sind sie
+nicht auch ein Symbol vom höchsten Range? Sollen sie nicht den „Leib“
+der gesamten Kulturhistorie mumienhaft konservieren? Sammeln wir
+nicht, wie die unzähligen Daten in Milliarden gedruckter Bücher, so
++alle+ Werke +aller+ toten Kulturen in diesen hunderttausend
+Sälen westeuropäischer Städte, wo in der Masse des Vereinigten jedes
+einzelne Stück dem flüchtigen Augenblick seines wirklichen Zweckes --
+der einer antiken Seele +allein+ heilig gewesen wäre -- entwendet
+und in einer unendlichen Bewegtheit der Zeit gleichsam aufgelöst wird?
+Man bedenke, was die +Hellenen+ „Museion“ nannten und welch tiefer
+Sinn in diesem Wandel des Wortgebrauchs liegt.
+
+
+14
+
+Es ist das +Urgefühl der Sorge+, das die Physiognomie der
+abendländischen wie der ägyptischen und chinesischen Kulturgeschichte
+beherrscht und auch noch die Symbolik des +Erotischen+ gestaltet,
+in dem die Beziehung des gegenwärtigen Menschen zu den folgenden
+Generationen sich darstellt. Das punktförmige euklidische Dasein
+der Antike empfand auch da ganz somatisch. Es setzte deshalb in den
+Mittelpunkt der demetrischen Kulte die Wehen des gebärenden Weibes,
+in die antike Welt überhaupt das Symbol des +Phallus+, das
+Zeichen einer durchaus dem Augenblick geweihten und Vergangenheit wie
+Zukunft in ihm vergessenden Geschlechtlichkeit. Der Mensch fühlte
+sich hier als Natur, als Pflanze, als Tier, dem Sinn des Werdens
+willenlos hingegeben. Der häusliche Kult galt dem _genius_,
+d. h. der Zeugungskraft des Familienhauptes. +Unsre+ tiefe und
+nachdenkliche Sorge stellte dem im abendländischen Kult das Zeichen
+der +Mutter+ gegenüber, welche das Kind -- die Zukunft -- an der
+Brust trägt. Der Marienkult in diesem neuen, faustischen Sinne erblühte
+erst in den Jahrhunderten der Gotik. Ihre höchste Verkörperung hat
+sie in Raffaels Sixtina gefunden. Das ist +nicht+ christlich
+überhaupt, denn das magisch-orientalische Christentum erhob Maria als
+Theotokos, als Gebärerin Gottes, zu einem ganz anders empfundenen
+magisch-metaphysischen Symbol. Die +stillende+ Mutter ist der
+arabischen (byzantinisch-langobardischen) Kunst ebenso fremd wie
+der hellenischen; sie ist das reinmenschliche Sinnbild der Sorge,
+und sicherlich steht Gretchen im Faust mit dem tiefen Zauber ihrer
+unbewußten Mütterlichkeit den gotischen Madonnen näher als alle Marien
+byzantinischer und ravennatischer Mosaiken.
+
+Nichts ist sorgenvoller als der Aspekt der ägyptischen Geschichte, in
+der die Fürsorge für alles Vergangene, Tempel, Namen und Mumien der
+Vorsorge für alles Kommende entspricht, ein Gefühl, das schon zur Zeit
+des Cheops, 3000 v. Chr., zu einem tief durchdachten Staatsorganismus
+und später zu einer so meisterhaft angelegten Finanzwirtschaft
+geführt hat, daß von Alexander dem Großen an die späten antiken
+Staatsgebilde nur durch Übernahme der Praxis der Pharaonen zu
+einigermaßen geregelter Verwaltung gelangt sind. So verschieden an
+sich Buddhismus und Stoizismus, die Altersstimmungen der indischen
+und antiken Seele sind, im Widerspruch gegen das historische Gefühl
+der Sorge, in der Verneinung also aller organisatorischen Energie,
+Pflichtbewußtheit, Tätigkeit, Weitsicht gegenüber sind sie einig
+und deshalb hat in indischen Königreichen und hellenischen Städten
+niemand an das Kommende gedacht, weder für seine Person noch für
+die Gesamtheit. Das _carpe diem_ des apollinischen Menschen
+galt auch für den antiken Staat. Man wirtschaftete von einem Tage
+zum andern ohne die Fähigkeit, vorausschauende Pläne zu fassen oder
+gar sie auf Generationen hin zu verwirklichen. Der antike Staat --
+obwohl das Vorbild Ägyptens vor Augen stand -- hielt sich allein
+durch fortgesetzte Gewaltmaßnahmen, Plünderung der eignen und fremden
+Bürger, Münzfälschung, Enteignung, Proskription der Besitzenden;
+und verfügte er einmal über Reichtümer, so fand er keine bessere
+Verwendung, als sie an den Pöbel zu verschwenden. Man besaß keine
+innerlich erworbene Geschichte der Vergangenheit und darum auch kein
+Auge für die Notwendigkeiten der Zukunft. Man ließ sie herankommen;
+man versuchte nicht auf sie zu wirken. Und deshalb ist heute +der
+Sozialismus mit seiner unverkennbaren, wenn auch bisher nicht erkannten
+Verwandtschaft zum Ägyptertum die dem Stoizismus der Zeitstufe nach
+entsprechende, dem Sinne nach bis zum Äußersten entgegengesetzte
+Altersstimmung der abendländischen Seele+, durch und durch
+ägyptisch in seiner umfassenden Sorge für dauerhafte wirtschaftliche
+Zusammenhänge, für Vorsorge und Fürsorge, die den gegenwärtigen
+Zustand aus der historischen Perspektive von Jahrhunderten auffaßt,
+die den +Einzelnen+ mit all seinen Lebensäußerungen in die
+tausendfachen Beziehungen eines höchst abstrakten Wirtschaftssystems
+bindet und verflicht, des genauen Seitenstücks der analytischen
+Zahlenwelt, wie es der heutigen Funktionentheorie zugrunde liegt. Die
+antike Wirtschaftsgesinnung -- die ἀταραξία und Unbekümmertheit der
+Stoiker wiederholend -- +verleugnet+ die Zeit, die Zukunft, die
+Dauer, die abendländische +bejaht+ sie, sei es in der flacheren
+englisch-jüdischen Fassung von Malthus, Marx, Bentham, sei es in der
+tiefen und zukunftsreichen +des preußischen Staatsgedankens+,
+dessen von Friedrich Wilhelm I. begründeter Sozialismus noch in
+diesem Jahrhundert den andern in sich aufnehmen wird. Das Wort
+Friedrichs des Großen: „Ich bin der erste Diener meines Staates“
+drückt diese hohe Sorge um das Kommende, dies +faustische+
+Schicksalsgefühl aus. Es gehört derselben Epoche an wie Rousseaus
+_contrat social_, aus dem die englisch-französische Staatsidee,
+die parlamentarisch-halbsozialistische des 19. Jahrhunderts,
+wesentlich hervorging. Rousseau und Friedrich der Große waren
++Musiker+; Sokrates, ihr „Zeitgenosse“ und Ahnherr der Stoa,
+war +Bildhauer+. Beide Wirtschaftsideale, das der Polis und das
+des westeuropäischen Staates, sind in der Tiefe ihrer Form mit den
+Prinzipien der Plastik und des Kontrapunkts verwandt. So berühren
+sich die Ideen von Schicksal, Geschichte, Zeit, Sorge mit den letzten
++künstlerischen+ Ausdrucksformen des Seelentums.
+
+
+15
+
+Der alltägliche Mensch aller Kulturen bemerkt von der Physiognomie
+alles Werdens, seines eignen und dessen der historischen Welt, nur
+den unmittelbar greifbaren +Vordergrund+. Die Summe seiner
+Erlebnisse, der inneren wie der äußeren, füllt als bloße Reihenfolge
+von Einzelheiten den Lauf seiner Tage. Erst der bedeutende Mensch fühlt
+hinter dem populären Zusammenhange der historisch-bewegten Oberfläche
+die tiefe Logik des Werdens, die in der Schicksalsidee hervortritt und
+die eben jene oberflächlichen bedeutungsarmen Bildungen des Tages als
+Zufälligkeiten erscheinen läßt.
+
+Zwischen Schicksal und Zufall scheint zunächst nur ein Gradunterschied
+an Gehalt zu bestehen. Man empfindet es etwa als Zufall, daß Goethe
+nach Sesenheim, und als Schicksal, daß er nach Weimar kam. Das eine
+scheint Episode, das andre Epoche zu sein. Indessen wird daraus
+deutlich, daß die Unterscheidung vom innern Range des Menschen abhängt,
+der sie trifft. Der Menge wird selbst das Leben Goethes als eine
+Reihe von Zufällen erscheinen; wenige werden mit Erstaunen empfinden,
+welche symbolische Notwendigkeit in ihm auch noch dem Unbedeutendsten
+innewohnt.
+
+Hier bleibt das Gebiet der begrifflichen Verständigung weit zurück;
+was Schicksal, was Zufall ist, das gehört zu den entscheidenden
++Erlebnissen+ der einzelnen Seele wie der ganzer Kulturen. Es ist
+eine Frage der Ethik, nicht der Logik. Hier schweigt alle Erfahrung,
+jede abstrakte Erkenntnis, jede Definition; und wer auch nur den
+Versuch wagt, beides erkenntnistheoretisch fassen zu wollen, der kennt
+es gar nicht. Schicksal und Zufall bilden jedesmal einen Gegensatz, in
+den die Seele zu kleiden versucht, was +nur+ Gefühl, +nur+
+Erlebnis und Intuition sein kann und was allein durch die innerlichsten
+Schöpfungen von Religion und Kunst denen verdeutlicht wird, die
+zur Einsicht +berufen+ sind. Um dies Urgefühl des lebendigen
+Daseins, das dem Weltbilde der Geschichte Sinn und Gehalt verleiht,
+heraufzurufen -- Name ist Schall und Rauch --, weiß ich nichts Besseres
+als einen Vers von Goethe, denselben, der als Motto an der Spitze
+dieses Buches dessen Grundgesinnung bezeichnen soll:
+
+ Wenn im Unendlichen dasselbe
+ Sich wiederholend ewig fließt,
+ Das tausendfältige Gewölbe
+ Sich kräftig ineinander schließt;
+ Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
+ Dem kleinsten wie dem größten Stern,
+ Und alles Drängen, alles Ringen
+ Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.
+
+Die Unterscheidung dieser letzten Ideen ist Sache des Herzens. Die
++Logik der Geschichte+, der Richtung, die +tragische+ Notwendigkeit
+des Seins, die in diesem Kreise waltet, ist nicht die Logik der Natur,
+nicht Zahl und Gesetz, Ursache und Wirkung, nichts Greifbares oder
+Begreifbares überhaupt. Man spricht von der Logik einer plastischen
+Gruppe, eines vollkommenen Gedichtes, einer Melodie, eines Ornamentes.
+Es ist die immanente Logik aller Religionen.
+
+Dies +ist+ Religion, und selbst die große Kunst vermag durch ihre
+Symbole dieses letzte Geheimnis jeder Seele nur zu berühren, soweit
+sie Religion ist. Insofern ein Kunstwerk im +Künstlersinne+ Form hat,
+technische, elementare Form nämlich, die in Schule und Werkstatt
+gelehrt werden kann, die die Substanz jeder Tradition und Konvention
+bildet, den +Kanon+ der Fuge, den +Kanon+ der Plastik, den +Bau+ der
+Tragödie -- insofern ist das Kunstwerk etwas +Gewordnes+, der Welt als
+Natur angehörig und seine Logik von einer irgendwie kausal gefärbten
+Art. Man wird eine Verwandtschaft der höheren Mathematik dieser
+Kultur mit +diesem+ Objekt der Kunstübung nicht verkennen („Form“ als
+Gegensatz zum „Stoff“). Wenn aber ein Kunstwerk in seinem Tiefsten noch
+darüber hinausgeht, sich aus der Sphäre massenhaft geübter Zeitkunst in
+den Kreis der wenigen +begnadeten+ Schöpfungen erhebt, dann teilt es
+die Form des Werdens, dann +hat+ es Schicksal und +ist+ es Schicksal
+in der Entwicklung einer Kultur, nicht mehr ein Atom im Wellenschlag
+der historischen Oberfläche, sondern selbst geschichtsbildend,
+epochemachend im wörtlichen Sinne.
+
+So ist es die +Idee der Gnade+ im abendländischen Christentum,
+welche Zufall und Schicksal in der höchsten ethischen Fassung
+repräsentiert. Fügung (Erbsünde) und Gnade -- in dieser Polarität,
+die immer nur Gestalt des Gefühls, des bewegten Lebens, nie Inhalt
+der Erfahrung sein kann, liegt das Dasein jedes wirklich bedeutenden
+Menschen dieser Kultur beschlossen. Sie ist, auch für den Protestanten,
+auch für den Atheisten, und sei sie noch so gut hinter dem Begriff der
+„Entwicklung“ versteckt, der in gerader Linie von ihr abstammt,[43] die
+Grundlage jeder Autobiographie, die, geschrieben oder gedacht, deshalb
+dem antiken Menschen, dessen Schicksal von andrer Gestalt war, versagt
+blieb. Aus ihr ist -- wieder im Gegensatz zu Äschylus und Sophokles
+-- der ganze Gehalt der tragischen Schöpfungen von Shakespeare und
+Goethe abzuleiten. Sie ist der letzte Sinn der Bildnisse Rembrandts
+und der Musik von Bach bis zu Beethoven. Mag man es Fügung, Vorsehung,
+innere Entwicklung[44] nennen, was den Lebensläufen aller Menschen des
+Abendlandes etwas Verwandtes gibt -- dem Denken bleibt es unzugänglich.
+Hier endet jede rationalistische Verfolgung religiöser Ideen beim
+Widersinn: der vermeintlichen Überwindung kirchlicher Dogmen durch die
+„Resultate der Wissenschaft“. Die Prädestinationslehre bei Calvin und
+Pascal -- die beide, aufrichtiger als Luther und Thomas von Aquino,
+die Konsequenzen der augustinischen Dialektik zu ziehen wagten -- ist
+die +notwendige+ Absurdität, zu welcher die verstandesmäßige
+Verfolgung dieser Dinge führt. Sie gerät aus der Logik des Weltgefühls
+in die Logik der Begriffe und Gesetze, aus der unmittelbaren Anschauung
+des Lebens in ein System von Objekten. Die furchtbaren Seelenkämpfe
+Pascals sind die eines tiefinnerlichen Menschen, der zugleich geborner
+Mathematiker war und der die letzten und ernstesten Fragen der Seele
++zugleich+ den großen Intuitionen eines inbrünstigen Glaubens
+und der abstrakten Präzision einer ebenso großen mathematischen
+Anlage unterwerfen wollte. Dies gab der Schicksalsidee, religiös
+gesprochen der Vorsehung Gottes, +die schematische Form des
+Kausalitätsprinzips+, die Kantische Form der Verstandestätigkeit
+also, +denn das bedeutet Prädestination+, in der nun allerdings
+die lebendige, freie und stets gegenwärtige Gnade, als allein dem
+historischen („+übernatürlichen+“), nicht dem natürlichen
+Weltbilde immanent, logisch unmöglich erscheint. Der Zweifel an Gott
+ist das Verhängnis des Menschen, in dem ein tiefer Verstand über eine
+tiefe Seele siegt.
+
+
+16
+
+Wenden wir uns nun der weiteren Verdeutlichung des +Phänomens des
+Zufälligen+ zu, so werden wir nicht mehr Gefahr laufen, in ihm eine
+Ausnahme oder Durchbrechung des kausalen +Natur+zusammenhanges
+zu sehen. „Natur“ ist +nicht+ das Weltbild, in dem das Schicksal
+wesenhaft wird. Überall, wo der verinnerlichte Blick sich vom
+Sinnlich-Gewordnen löst und, der Vision sich nähernd, die Umwelt
+durchdringt, Urphänomene statt Objekte auf sich wirken fühlt, tritt der
+große +historische+, der außer- und übernatürliche Aspekt ein: es
+ist der Blick Dantes und Wolframs, auch der des Goetheschen Alters, als
+dessen Ausdruck vor allem das Ende des zweiten Faust erscheint und, was
+man immer verkannt hat, der des Cervantes damals, als er die Gestalt
+des Don Quijote fand. Verweilen wir in dieser Welt von Schicksal und
+Zufall, so scheint es vielleicht zufällig, daß auf diesem kleinen
+Gestirn sich die Episode der „Weltgeschichte“ abspielt; zufällig, daß
+Menschen, eine tierähnliche organische Bildung auf der Rinde dieses
+Stern, das Phänomen der „Erkenntnis“ und gerade in dieser, von Kant,
+Aristoteles und andern so sehr verschieden betriebenen Form besitzen;
+zufällig, daß als Wirkung dieser Erkenntnis gerade diese Naturgesetze
+in Erscheinung treten („ewig und allgemeingültig“) und das Bild einer
+„Natur“ wachrufen, von dem jeder Einzelne glaubt, daß es für alle
+dasselbe sei. Die Physik verbannt -- mit Recht -- den Zufall aus ihrem
+Bilde, aber es ist doch wieder Zufall, daß sie selbst überhaupt,
+irgendwann in der Alluvialperiode der Erdoberfläche, einmal als
+geistiges Phänomen auftauchte.
+
+Wem der Blick für dies +andere+ Weltbild, für Geschichte im
+höchsten Sinne -- die Welt als „Divina commedia“, als Schauspiel
+für einen Gott -- fehlt wie Kant und den meisten Systematikern des
+Denkens, der wird darin nur den sinnlosen Wirrwarr von Zufällen,
+diesmal im banalsten Sinne des Wortes, finden.[45] Aber auch die
+zünftige, unkünstlerische Geschichtsforschung ist nicht viel mehr als
+eine „pragmatische“ Analyse der Oberfläche, eine wenn auch noch so
+geistreiche Sanktion des Banal-Zufälligen.
+
+Umgekehrt liegt dem „astrologischen“ Weltaspekte, selbst dort, wo
+er sich wissenschaftlich gebärdet, die Überzeugung zugrunde, daß
+das gesamte All, Gestirne wie Menschen, jenseits aller naturhaften
+Kausalität, auch noch eine Einheit von ganz andrer Ordnung bildet,
+deren immanente Logik eben die eines Schicksals ist. Kepler, der
+die mathematischen Gesetze der Planetenbahnen fand, war überzeugter
+Astrolog (er hat unter andern das Horoskop Wallensteins gestellt).
+Ich sehe in jeder tragischen Dichtung, vorausgesetzt, daß sie einen
+entsprechenden Rang einnimmt, den Ausdruck eines astrologischen
+Lebensgefühls, selbst wenn der Autor als empirische Person dies in
+Abrede gestellt hätte. Für Shakespeare beweisen es nicht nur die
+Hexenszenen des Macbeth, welche tatsächlich den kosmischen Sinn des
+Stückes tragen, sondern auch eine dunkle Grundstimmung im Lear, im
+Wintermärchen, vor allem im Sturm. Hier würde man für Fügung und
+Bestimmung vielleicht das Wort +Verhängnis+ wählen. Hier waltet
++nur+ ein Schicksal und Zufall heißt lediglich das, was dem
+Einzelnen im Bilde auch seelisch nicht mehr verständlich ist. Von
+diesem letzten Standpunkte aus löst sich endlich beides in eine
+erhabene Einheit auf und dies ist es, was Christen großen Stils --
+ich erinnere nochmals an Dante -- als „göttliche Weltordnung“ mit
+unerschütterlicher Gewißheit empfinden. Nur der Standort unterscheidet
+noch Schicksal und Zufall. Nichts ist bezeichnender als Shakespeare, in
+dem man den eigentlichen +Tragiker+ des +Zufalls+ noch nie
+gesucht und nie vermutet hat. Und doch liegt hier gerade der Kern der
+abendländischen Tragik, die zugleich das Abbild der abendländischen
+Idee der Historie und der Schlüssel zu dem ist, was das von Kant
+nicht verstandene Wort „Zeit“ bedeutet. Es ist recht zufällig, daß
+die politische Situation des Hamlet, der Königsmord und die Frage der
+Thronfolge, gerade +diesen+ Charakter treffen. Es ist zufällig,
+daß Jago, ein alltäglicher Halunke, wie man sie auf allen Straßen
+findet, gerade diesen Mann aufs Korn nahm, dessen Person diese durchaus
+nicht alltägliche Physiognomie besaß. Und Lear! Ist etwas zufälliger
+(und darum „natürlicher“) als die Paarung dieser gebietenden Würde
+mit diesen den Töchtern vererbten verhängnisvollen Leidenschaften?
+Hebbel wollte seine Menschen konsequenter, weniger zufällig haben --
+er wurde deshalb unnatürlich. Das Gezwungene, Systematische seiner
+Konzeptionen, das jeder fühlt, ohne es sich deuten zu können, lag
+darin, daß das logisch-kausale Schema seiner seelischen Konflikte dem
+historisch-bewegten Weltgefühl und dessen ganz andersartiger Logik
+widerspricht. Man fühlt die Gegenwart eines großen Verstandes, aber
+nicht die eines tiefen Lebens.
+
+Und eben diese +abendländische+ Nuance des Zufälligen ist dem
+antiken Weltgefühl und mithin dem antiken Drama ganz fremd. Antigone
+hat keine zufällige Eigenschaft, welche für ihre Tragik irgendwie in
+Betracht käme. Was dem König Ödipus geschah, hätte -- im Gegensatz
+zum Schicksale Lears -- jedem andern geschehen können. Dies ist das
++antike+ Schicksal, das „allgemein menschliche“ +Fatum+, das
+einem σῶμα überhaupt gilt und vom zufällig Persönlichen in keiner Weise
+abhängt.
+
+Die gewöhnliche Geschichtsschreibung wird +immer+ beim Zufälligen
+stehen bleiben. Dies ist -- das Schicksal ihrer Urheber, die geistig
+mehr oder weniger innerhalb der Menge bleiben. Vor ihrem Auge fließen
+Natur und Geschichte in eine höchste populäre Einheit zusammen und
+„Zufall“, sa sacrée Majesté le Hazard, ist für den Mann der Menge das
+Verständlichste, was es gibt. Es ist das Geheimnisvoll-Kausale, das
+noch nicht Bewiesene, das ihm die Logik der Geschichte, die er nicht
+fühlt, ersetzt. Das anekdotenmäßige Vordergrundsbild der Historie,
+der Tummelplatz aller wissenschaftlichen Kausalitätenjäger und aller
+Roman- und Stückeschreiber gewöhnlichen Schlages, entspricht dem
+durchaus. Wie viele Kriege wurden angefangen, weil ein eifersüchtiger
+Hofmann einen General von seiner Frau entfernen wollte! (In den Briefen
+der Liselotte von Orleans finden sich kleine Kabinettstücke solcher
+Aspekte der französischen Geschichte.) Wie viele Schlachten wurden
+durch lächerliche Zwischenfälle gewonnen oder verloren! Man denke an
+den Fächerschlag des Dei von Algier und ähnliches, das die historische
+Szene mit Operettenmotiven belebt. Wie von einem schlechten Dramatiker
+angebracht erscheinen der Tod Gustav Adolfs oder Alexanders. Hannibal
+ist ein bloßes Intermezzo der antiken Geschichte, in deren Verlauf
+er überraschend einfiel. Napoleons „Vorübergang“ entbehrt nicht der
+Melodramatik. Konradin, der letzte Staufe, ist der Urstoff aller
+Schülerpoesie. Wer die immanente Logik der Geschichte in irgendeiner
+kausalen Folge ihrer sichtbaren Einzelereignisse sucht, wird immer,
+wenn er aufrichtig ist, eine Komödie von burlesker Sinnlosigkeit
+finden und ich möchte glauben, daß die so wenig beachtete Tanzszene
+der betrunkenen Triumvirn in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ --
+für mich eine der mächtigsten in diesem unendlich tiefen Werke -- aus
+dem Hohn des ersten +historischen+ Tragikers aller Zeiten auf
+den pragmatischen Geschichtsaspekt hervorgewachsen ist. Dieser allzu
+populäre Aspekt hat von jeher „die Welt“ beherrscht. Er hat den kleinen
+Ehrgeizigen Mut und Hoffnung gemacht, in sie einzugreifen. Rousseau,
+Ibsen, Nietzsche, Marx glaubten, durch eine Theorie den „Lauf der Welt“
+ändern zu können. Selbst die soziale, wirtschaftliche oder sexuelle
+Deutung, zu der als +Maximum+ die Geschichtsbehandlung sich
+heute „erhebt“ und die stets, angesichts ihres biologischen Gepräges,
+kausaler Aspirationen verdächtig bleibt, ist noch reichlich trivial und
+populär.
+
+Napoleon hatte in bedeutenden Momenten ein starkes Gefühl für die
+wahre Logik des Weltwerdens. Er ahnte dann, inwiefern er ein Schicksal
+war und inwiefern er eines hatte. „Ich fühle mich gegen ein Ziel
+getrieben, das ich nicht kenne. Sobald ich es erreicht haben werde,
+sobald ich nicht mehr notwendig sein werde, wird ein Atom genügen,
+mich zu zerschmettern. Bis dahin aber werden alle menschlichen Kräfte
+nichts gegen mich vermögen“ (1812). Das war +nicht+ pragmatisch
+gedacht. Er selbst als empirische Person hätte vielleicht bei Marengo
+fallen können. Was er +bedeutete+, wäre dann in andrer Gestalt
+verwirklicht worden. Eine Melodie ist in den Händen eines großen
+Musikers reicher Variationen fähig; sie kann für den einfachen Hörer
+völlig verwandelt sein, ohne in der Tiefe -- in einem ganz andern
+Sinne -- sich verändert zu haben. Die Epoche der deutschnationalen
+Einigung ist in der Person Bismarcks, die der Freiheitskriege in
+breiten und beinahe namenlosen Ereignissen durchgeführt worden. Beide
+„Themata“ konnten auch anders „durchfiguriert“ werden. Bismarck hätte
+entlassen und die Schlacht bei Leipzig verloren werden können; die
+Gruppe der Kriege von 1864, 1866 und 1870 konnte durch diplomatische,
+dynastische, revolutionäre oder volkswirtschaftliche Momente --
+„Modulationen“ -- vertreten werden, +obwohl die physiognomische
+Prägnanz der abendländischen Geschichte, im Gegensatz zum Stil der
+indischen etwa, an entscheidender Stelle starke Akzente, Kriege oder
+große Persönlichkeiten, sozusagen kontrapunktisch fordert+. Bismarck
+selbst deutet in seinen Erinnerungen an, daß im Frühling 1848 eine
+Einigung in weiterem Umfange als 1870 hätte erreicht werden können,
+die nur an der Politik des preußischen Königs, richtiger: an seinem
+privaten Geschmack scheiterte. Das wäre, auch nach Bismarcks Gefühl,
+eine matte Durchführung des Satzes gewesen, die eine Coda („_da capo
+e poi la coda_“) notwendig gemacht hätte. Der Sinn der Epoche -- das
+Thema -- hätte sich nicht verändert. Goethe konnte -- vielleicht -- in
+frühen Jahren sterben, nicht seine Idee. „Faust“ und Tasso wären nicht
+geschrieben worden, aber sie wären, ohne ihre poetische Greifbarkeit,
+in einem sehr geheimnisvollen Sinne trotzdem „gewesen“.
+
+Man kann das Phänomen des Zufalls, das dem des Schicksals erst
+Vollkommenheit gibt, nur aus der Idee des Urphänomens begreifen. Ich
+denke wieder an Bildungen der Pflanzenwelt. Kulturen +sind+
+Pflanzen. Eine Buche, die eben heranwächst, wird im Laufe der Jahre
+Blätter, Zweige, einen Stamm, Wipfel erhalten, deren allgemeine
+Gestalt sich voraussagen läßt; dies gehört zum +Schicksal+ des
+keimenden Organismus. Aber der Same ist vom Winde an irgendeine
+Stelle getragen worden und Alter, Gesundheit, Mächtigkeit, Fülle der
+Erscheinung werden durch sie wesentlich mitbestimmt. Tausend Umstände
+kommen hinzu, um auch das Dasein zweier Nachbarstämme sehr verschieden
+zu gestalten. Hier würde ein strenger Christ von einer +Gnade der
+Natur+ reden. Zuletzt wird jeder Wipfel des Waldes, jeder Ast, jedes
+Blatt von dem andern verschieden geworden sein und in einer Art, die
+niemand voraussagen konnte; und dies wird man vor allem als Zufall
+empfinden. Man kann dem Planetensystem gegenüber eine Betrachtungsweise
+wählen, aus der die Ringe des Saturn und die Existenz der Erde in
+dieser +Größe+, mit +dieser+ Form der Gravitation, dieser
+geologischen Oberflächengeschichte, in der die Menschheit eine
+flüchtige Episode bildet, zwischen diesen Nachbarplaneten, als Gebilde
+des Zufalls erscheinen, vorausgesetzt, daß man die Sternenwelt als
+ungeheuren Organismus auf sich wirken läßt. Die mathematischen Gesetze,
+die einem andern Aspekt angehören, bleiben dabei völlig unberührt und
+unangefochten. Und so tragen alle großen Kulturen, in deren Lebenslauf
+vieles vorausbestimmbar ist, in ihren Zügen etwas, das dem Urphänomen
++wesentlich+ angehört und das man ihrem Schicksal, etwas, das
+niemand ahnen kann und das man dem Zufall, der +Gnade+, zuweisen
+kann. In welchem Grade diese Wertung stattfindet, das entscheidet für
+das einzelne Geschichtsbild, das immer das eines bestimmten Betrachters
+ist, dessen Weltgefühl mit unmittelbarer innerer Gewißheit.
+
+Die euklidische Seele der Antike konnte ihr an gegenwärtigen
+Vordergründen haftendes Dasein indessen nur in der Gestalt von
+Zufällen erleben. Darf man für die abendländische Seele das Zufällige
+als Schicksal von geringerem Gehalte deuten, so darf umgekehrt das
+Schicksal für die antike Seele als gesteigerter Zufall gelten. Das
+bedeutet fatum. Beide Worte aber bezeichnen für die apollinische
+Seele Momente von ganz andrer Physiognomie. Sie besaß, wie wir
+sahen, kein Gedächtnis, keine organische Zukunft und Vergangenheit,
+keine wirklich durchlebte Geschichte also und das will heißen:
+kein eigentliches Gefühl für eine +Logik+ des Schicksals. Man
+lasse sich nicht durch Worte täuschen. Die populärste Göttin des
+Hellenismus war Tyche,[46] die man von der Ananke kaum zu scheiden
+wußte. Schicksal und Zufall aber werden von +uns+ mit der
+ganzen Wucht eines +Gegensatzes+ empfunden, von dem in unsrer
+tiefern Existenz alles abhängt. +Unsere+ Geschichte ist die
+der großen Zusammenhänge; sie ist kontrapunktisch gesetzt. Die
+antike Geschichte, nicht etwa nur ihr Bild bei ihren Historikern
+wie Herodot, sondern ihre volle Wirklichkeit ist die der Anekdoten,
+das heißt eine Summe statuenhafter Einzelheiten. Anekdotisch ist
+der Stil des griechischen Daseins überhaupt wie der jeder einzelnen
+Biographie. Das körperlich-greifbare Element repräsentiert den
++ahistorischen+, den +dämonischen+ Zufall. Die Logik des
+Geschehens wird mit ihm verdeckt, verleugnet. Alle Fabeln antiker
+Meistertragödien +erschöpfen+ sich in +sinnlosen+ Zufällen;
+anders läßt sich die Bedeutung des Wortes εἱμαρμένη im Gegensatz zur
+shakespearischen Logik, die sich am +antihistorischen+ Zufall
+erst entwickelt und verdeutlicht, nicht bezeichnen. Noch einmal: was
+dem Ödipus zustößt, ganz von außen, innerlich durch nichts bedingt
+und bewirkt, hätte jedem Menschen ohne Ausnahme geschehen können. Das
+ist die Form des +Mythus+. Man vergleiche damit die tiefinnere,
+durch ein ganzes Dasein und das Verhältnis dieses Daseins zur
+Epoche bedingte individuelle Notwendigkeit im Schicksal Othellos,
+Don Quijotes, Werthers. Situationstragödie und Charaktertragödie
+stehen hier gegeneinander. Aber in der Geschichte selbst wiederholt
+sich der Gegensatz. Jede Epoche des Abendlandes hat Charakter, jede
+Epoche der Antike stellt eine Situation dar. Das Leben Goethes war
+von schicksalsvoller Logik, das Cäsars von mythischer Zufälligkeit.
+Hier hat Shakespeare erst die Logik +hineingetragen+. Napoleon
+ist ein tragischer +Charakter+; Alkibiades gerät in tragische
++Situationen+. Die Astrologie in der Gestalt, wie sie von der
+Gotik bis zum Barock das Weltgefühl selbst ihrer Leugner beherrschte,
+wollte sich des +ganzen+ künftigen Lebenslaufes bemächtigen.
+Das +Horoskop+ setzte einen +einheitlichen Organismus+ des
+gesamten noch zu entwickelnden Daseins voraus. Das +Orakel+, immer
+auf +einzelne+ Fälle bezogen, ist ganz eigentlich das Symbol
+des Zufalls, der Τύχη, des Augenblicks; es gibt das Punktförmige,
+Zusammenhanglose im Weltlauf zu, und in dem, was man in Athen als
+Geschichte schrieb und erlebte, waren Orakelsprüche sehr am Platze.
+Hat je ein Grieche die Idee einer +historischen Entwicklung+
+zu irgendeinem Ziele besessen? Haben wir je ohne dies Grundgefühl
+über Geschichte nachdenken, Geschichte machen können? Vergleicht man
+die Geschichte Athens und Frankreichs in den entsprechenden Zeiten
+seit Themistokles und Ludwig XIV., so wird man finden, daß Stil des
+historischen Fühlens und Stil der Wirklichkeit hier eines sind: hier
+ein Extrem von Logik, dort von Unlogik.
+
+Man wird den letzten Sinn dieses bedeutsamen Faktums jetzt verstehen.
+Geschichte ist eben die +Gestalt+ einer Seele, und der gleiche
+Stil beherrscht die Geschichte, die man macht und die, welche man
+„anschaut“. Die antike Mathematik schließt das Symbol des unendlichen
+Raumes aus; die antike Geschichte mithin auch. Fügung und ein
+unendlicher Weltraum, Zufall und materielle Nähe und Greifbarkeit von
+Körpern -- das gehört zusammen. Nicht umsonst ist die Szene des antiken
+Daseins die kleinste von allen: die einzelne Polis. Es fehlen ihm
+Horizont und Perspektiven -- trotz der Episode des Alexanderzuges --
+genau wie der Szene des attischen Theaters mit der flach abschließenden
+Rückwand. Man denke an die funktionalen und infinitesimalen Faktoren
++unserer+ Politik, die Kabinettsdiplomatie oder „das Kapital“.
+Wie die Hellenen in ihrem Kosmos nur Vordergründe der Natur erkannten
+und als wirklich anerkannten, unter innerlichster Ablehnung der
+babylonischen Astronomie des Sternhimmels, wie sie +nur+ Haus-,
+Stadt- und Feldgottheiten, aber keine Gestirngötter besaßen,[47] so
++malten+ sie auch nur Vordergründe. Niemals ist in Korinth, Athen
+oder Sikyon eine Landschaft mit Gebirgshorizonten, ziehenden Wolken,
+fernen Städten entstanden. Man findet auf allen Vasen nur Figuren von
+euklidischer Vereinzelung und Selbstzufriedenheit. Jede Giebelgruppe
+eines Tempels ist von additivem, niemals von kontrapunktischem Aufbau.
+Aber man erlebte auch nur Vordergründe. Schicksal war das, was einem
+plötzlich zustieß, nicht der „Lauf des Lebens“, und so hat Athen neben
+dem Fresko Polygnots und der Geometrie der platonischen Akademie
+die +Schicksalstragödie+ ganz im berüchtigten Sinne der „Braut
+von Messina“ geschaffen. Der vollkommene Unsinn des blinden Fatums,
+verkörpert z. B. im Atridenfluch, repräsentierte dem ahistorischen
+antiken Seelentum den ganzen Sinn seiner Welt.
+
+
+17
+
+Einige gewagte, aber doch nicht mehr mißzuverstehende Beispiele mögen
+zur Verdeutlichung dienen. Man denke sich Kolumbus von Frankreich
+statt von Spanien unterstützt. Das war eine Zeitlang sogar das
+Wahrscheinliche. Franz I. als Herr Amerikas hätte ohne Zweifel die
+Kaiserkrone an Stelle des Spaniers Karl V. erhalten. Die frühe
+Barockzeit vom Sacco di Roma bis zum westfälischen Frieden, nunmehr in
+Religion, Geist, Kunst, Politik, Sitte das +spanische+ Jahrhundert
+-- das dem Zeitalter Ludwigs XIV. in allem und jedem zur Grundlage und
+Voraussetzung diente -- wäre nicht von Madrid, sondern von Paris aus
+in Gestalt gebracht worden. Statt der Namen Philipp, Alba, Cervantes,
+Calderon, Velasquez würden wir heute die großer Franzosen nennen, die
+nun -- so läßt sich das schwer zu Fassende wohl ausdrücken -- ungeboren
+bleiben. Der Stil der Kirche, damals durch den Spanier Ignaz von Loyola
+und das von seinem Geist beherrschte Tridentiner Konzil endgültig
+bestimmt, der politische Stil, damals durch spanische Kriegskunst,
+durch die Kabinettsdiplomatie spanischer Kardinäle und den höfischen
+Geist des Escorial bis zum Wiener Kongreß und in wesentlichen Zügen
+noch über Bismarck hinaus festgelegt, die Architektur, die große
+Malerei, das Zeremoniell, die vornehme Gesellschaft der großen Städte
+wären durch andere feine Köpfe in Adel und Geistlichkeit, durch andere
+Kriege als die Philipps II., einen anderen Baumeister als Vignola,
+einen anderen Hof vertreten worden. Der Zufall wählte die spanische
+Geste für die abendländische Spätzeit; die +innere Logik+ des
+Zeitalters, das in der großen Revolution -- oder einem Ereignis von
+analogem Gehalte -- seine Vollendung finden +mußte+, blieb davon
+unberührt.
+
+Die französische Revolution konnte in der Tat durch ein Ereignis
+von anderer Gestalt und an anderer Stelle, in Deutschland etwa,
+vertreten werden. Ihre Idee (wie wir später sehen werden), der
+Übergang der Kultur in die Zivilisation, der Sieg der anorganischen
+Weltstadt über das organische Land, das nun „Provinz“ in geistigem
+Sinne wird, war notwendig, und zwar in diesem Augenblick. Hierfür
+soll das Wort +Epoche+ im alten heute verwischten (mit Periode
+verwechselten) Sinne angewandt werden. Ein historisches Ereignis
+macht Epoche: das heißt, es bezeichnet im Organismus einer Kultur
+ein notwendiges, schicksalshaftes Stadium. Das Ereignis selbst, ein
+Kristallisationsgebilde der historischen Oberfläche, konnte durch
+entsprechende andere vertreten werden; die +Epoche+ ist notwendig
+und vorbestimmbar. Ob ein Ereignis den Rang einer Epoche oder einer
+Episode in bezug auf eine Kultur und deren Gang einnimmt, das hängt,
+wie man sieht, mit den Ideen vom Schicksal und Zufall und weiterhin
+mit dem Unterschied der epochalen abendländischen und der episodischen
+antiken Tragik zusammen.
+
+Es mögen ferner anonyme und +persönliche+ Epochen unterschieden
+werden, je nach ihrem physiognomischen Typus im Geschichtsbilde. Der
+erste Teil jener Epoche, die Revolution, 1789-1799, ist durchaus
+anonym, der zweite, napoleonische, 1799-1815, im höchsten Grade
+persönlich gehalten. Die ungeheure Vehemenz dieser Erscheinung
+hatte in einigen Jahren vollendet, was die entsprechende antike
+Epoche (386-322), verschwommen und unsicher, in ganzen Jahrzehnten
+„unterirdischen Abbaues“ zu leisten hatte. Es gehört zum organischen
+Typus aller Kulturen, zum Urphänomen, daß in jedem Stadium zunächst
+die gleiche Möglichkeit vorhanden ist, das Notwendige in Gestalt einer
+großen Person (Ludwig XIV., Cäsar), eines großen anonymen Faktums
+(peloponnesischer und dreißigjähriger Krieg) oder einer morphologisch
+undeutlichen Entwicklung (Diadochenzeit, spanischer Erbfolgekrieg) zu
+vollziehen. Welche Form die +Wahrscheinlichkeit+ für sich hat, ist
+bereits eine Frage des historischen -- tragischen -- Stils.
+
+Die Geschichte, wie sie vor dem faustischen Auge sich als Weltbild
+entrollt, verwirklicht ihre Epochen in persönlicher +oder+
+anonymer Fassung; die Tragödie drängt zur persönlichen als der
+symbolisch bedeutenderen hin. Ein Dichter der Revolution würde ihren
+Gehalt in eine repräsentative Person, Danton etwa, drängen. Unsere
+Dramen sind Dramen einzelner Charaktere. Goethes Wahlverwandtschaften
+bilden eine seltene Ausnahme. Ein tragischer Charakter ist der, welcher
+Epoche macht, Werther z. B. Antike „Charaktere“ von epochemachender
+Bedeutung gibt es also nicht.
+
+Jede wahre Epoche bedeutet auch eine wahre Tragödie, aber in unserem,
+nicht im antiken Sinne. Parzeval, Don Quijote, Hamlet, Faust sind
+solche Tragödien, die eine ganze historische Krisis in einem Charakter
+resümieren und man darf deshalb jede große Tragödie unserer Kultur im
+Gegensatz zu jeder antiken, notwendig ahistorischen und mythischen eine
+historische nennen, so frei ihre Fabel erfunden sein mag; andernfalls
+ist sie „Genre“ wie bei Schiller und Alfieri. Shakespeares Cäsar stirbt
+im dritten Akt. Diese Tragödie gestaltet eine Epoche und der Dichter
+fühlte -- ganz unbewußt, wie sich versteht --, daß eine empirische
+Person nur Symbol, nur Oberflächengebilde ist.[48] Die Handlung
+vollendet sich mithin erst dort, wo die Epoche, nicht wo das sinnliche
+Dasein ihres Trägers zu Ende war. Cäsar ist in einem tieferen Sinne
+erst bei Philippi gefallen, +in der Gestalt des Brutus nämlich+,
+die seine +Mission+ vollendete, während Antonius, sein Erbe im
+Sinne des historischen Vordergrundes, in Alexandria eine neue Epoche
+einleitete, die bei Philippi zutage trat und im Drama von Actium
+schloß. Aber dies ist der Cäsar unseres, +nicht des antiken+
+Weltbildes. Die antike Geschichte ist wie die antike Tragödie in sich
+selbst episodisch, nicht epochal angelegt.
+
+Man nehme die Tragödie Napoleons. Seine Bestimmung war die Vollendung
+der abendländischen Zivilisation. Er bedeutet dasselbe wie Philipp
+und Alexander, die den Hellenismus an Stelle der hellenischen Kultur
+heraufführten, so daß in beiden Fällen die Entscheidungen der
+historischen Oberfläche nicht mehr durch Konvent und Guillotine,
+durch den Ostrakismos und die Beschlüsse der Agora, nicht durch
+journalistische und rhetorische Gesten wie zur Zeit Rousseaus,
+Voltaires, des Aristophanes und Sokrates, sondern auf den großen
+Schlachtfeldern von ganz Europa und dort auf dem Boden des alten
+Perserreiches getroffen wurden.
+
+Das Tragische seines Lebens -- noch unentdeckt für einen Dichter,
+der groß genug wäre, es zu begreifen und zu formen -- liegt darin,
+daß er, dessen Dasein im Kampfe gegen die englische Politik, die
+vornehmste Repräsentantin des englischen Geistes, aufging, eben durch
+diesen Kampf den Sieg dieses Geistes auf dem Kontinent vollendete,
+der dann mächtig genug war, in der Gestalt „befreiter Völker“ ihn zu
+überwältigen und in St. Helena sterben zu lassen. Nicht er war der
+Begründer des Expansionsprinzips. Das stammte aus dem Puritanismus
+der Generation Cromwells, der das britische Kolonialsystem ins Leben
+gerufen hatte,[49] und es war seit dem Tage von Valmy, den Goethe
+allein begriff, wie sein berühmtes Wort am Abend der Schlacht beweist,
+unter Vermittlung englisch geschulter Köpfe wie Rousseau und Mirabeau
+die Tendenz der Revolutionsheere, die durchaus von den Ideen der
+englischen Philosophie vorwärts getrieben wurden. Nicht Napoleon hat
+diese Ideen, sie haben ihn geschaffen, und als er den Thron bestieg,
+mußte er sie weiter verfolgen, gegen die einzige Macht, England
+nämlich, die +dasselbe+ wollte. Sein Empire ist eine Schöpfung von
+französischem Blute, aber englischem Stil. In London war durch Locke,
+Shaftesbury, Clarke, vor allem Bentham, die Theorie der „europäischen“
+Zivilisation, des Hellenismus des Abendlandes, ausgebildet und von
+Bayle, Voltaire, Rousseau nach Paris getragen worden. Im Namen
++dieses+ England des Parlamentarismus, der Geschäftsmoral und
+des Journalismus kämpfte man bei Valmy, Marengo, Jena, Smolensk und
+Leipzig, und englischer Geist hat in all diesen Schlachten gesiegt --
+über die französische Kultur des Abendlands.[50] Der Erste Konsul hatte
+keineswegs den Plan, Westeuropa Frankreich einzuverleiben; er wollte
+zunächst -- der Alexandergedanke an der Schwelle jeder Zivilisation!
+-- an Stelle des englischen ein französisches Kolonialreich setzen,
+durch welches er das politisch-militärische Übergewicht Frankreichs
+über das abendländische Kulturgebiet auf eine kaum angreifbare
+Basis gestellt hätte. Es wäre das Reich Karls V. gewesen, in dem
+die Sonne nicht unterging, trotz Kolumbus und Philipp II. in Paris
+konzentriert und nunmehr nicht als ritterlich-kirchliche, sondern als
+wirtschaftlich-militärische Einheit organisiert. Soweit -- vielleicht
+-- lag Schicksal in seiner Mission. Aber der Pariser Friede von 1763
+hatte die Frage schon +gegen+ Frankreich entschieden und seine
+mächtigen Pläne sind jedesmal an winzigen Zufällen gescheitert; zuerst
+vor St. Jean d’Acre durch ein paar rechtzeitig von den Engländern
+gelandete Geschütze; dann nach dem Frieden von Amiens, als er das
+ganze Mississippital bis zu den großen Seen besaß und mit Tippo Sahib,
+der damals Ostindien gegen die Engländer verteidigte, Beziehungen
+anknüpfte, an einer irrtümlichen Flottenbewegung seines Admirals, die
+ihn zum Abbruch einer sorgfältig vorbereiteten Unternehmung zwang;
+endlich als er zum Zweck einer neuen Landung im Orient das Adriatische
+Meer durch die Besetzung von Dalmatien, Korfu und ganz Italien zu einem
+französischen gemacht hatte und mit dem Schah von Persien über eine
+Aktion gegen Indien unterhandelte, an Launen des Kaisers Alexander,
+der zu Zeiten einen Marsch nach Indien wohl -- und dann mit sicherem
+Erfolg -- unternommen hätte. Erst indem er nach dem Scheitern aller
+außereuropäischen Kombinationen die Einverleibung von Deutschland
+und Spanien als ultima ratio im Kampfe gegen England wählte, Ländern,
+in denen sich nun gerade seine englisch-revolutionären Ideen gegen
+ihn, ihren Vermittler, erhoben, hatte er den Schritt getan, der ihn
+überflüssig machte.[51]
+
+Ob das weltumfassende Kolonialsystem, einst von spanischem Geiste
+entworfen, damals englisch oder französisch umgeprägt wurde, ob die
+„Vereinigten Staaten von Europa“, das Seitenstück +damals+
+der Diadochenreiche und nun in Zukunft des Imperium Romanum, durch
+ihn als romantische Militärmonarchie auf demokratischer Basis oder
+im 21. Jahrhundert durch einen cäsarischen Tatsachenmenschen als
+rein wirtschaftliches Faktum Wirklichkeit wurden -- das gehört zum
+Zufälligen des Geschichtsbildes. Seine Siege und Niederlagen, in denen
+immer ein Sieg Englands, ein Sieg der Zivilisation über die Kultur,
+verborgen war, sein Kaisertum, sein Sturz, die _grande nation_,
+die episodische Befreiung Italiens, die 1796 wie 1859 nicht viel
+mehr als das politische Kostüm eines längst bedeutungslos gewordenen
+Volkes änderte, die Zerstörung des Deutschen Reiches, einer gotischen
+Ruine, sind Oberflächenbildungen, hinter denen die große Logik der
+eigentlichen, unsichtbaren Geschichte steht, und in ihrem Sinne vollzog
+damals das Abendland den Abschluß der in französischer Gestalt, im
+ancien régime zur Vollendung gelangten Kultur durch die englische
+Zivilisation. Als Symbole identischer Phänomene entsprechen also
+die Bastille, Valmy, Austerlitz, Waterloo, der Aufschwung Preußens,
+den antiken Faktoren der Schlachten von Chäronea und Gaugamela, dem
+Königsfrieden, dem Zug nach Indien und der Entwicklung Roms und man
+begreift, daß in Kriegen und politischen Katastrophen, der _pièce
+de résistance_ unserer Geschichtsschreibung, der Sieg nicht das
+Wesentliche eines Kampfes und der Friede nicht das Ziel einer Umwälzung
+ist.
+
+Die durch den Namen Luthers bezeichnete und, wie man zugeben muß,
+nicht eben glücklich durchgeführte Epoche ist ein anderes Beispiel.
+Hier war eine anonyme Entwicklung -- auf dem Wege von Konzilien --
+sogar naheliegend. Savonarola hatte im Einverständnis mit dem Könige
+von Frankreich den Gedanken verfolgt, und seiner Erhebung zum Papste
+wären mehrere Kardinäle kaum abgeneigt gewesen. Luthers innere und
+äußere Entwicklung hängt mit der zufälligen Dauer des Pontifikats
+einiger Mächte, Leos X. vor allem, eng zusammen. Man denke sich
+Hadrian VI. an dessen Stelle. Wie der tiefere Sinn aller Schlachten
+und Dekrete Napoleons nicht in der von ihm erstrebten oder erreichten
+Absicht lag, so waren alle Handlungen Luthers nach ihrer äußeren
+Absicht und ihrem realen Erfolge von den tieferen Tendenzen der in
+ihm verkörperten Epoche unabhängig. Er hätte als Märtyrer oder Papst
+sterben können; beides war möglich. Aber das wäre eher gewesen, was
+die Griechen Nemesis nannten, ein bloßes Vordergrundschicksal, das den
+Menschen, nicht die Idee berührte. Man konnte den ehrgeizigen Mönch zum
+Haupte eines Konzils machen; seine Entwicklung zu einem Reformpapst
+von gemäßigten Anschauungen und diplomatischer Konzilianz war nicht
+unwahrscheinlich. Luthers ohnehin widerspruchsvolle, von Selbsthaß
+und Selbstliebe gefärbte Stimmungen und Entschlüsse waren im hohen
+Grade von dem Respekt abhängig, den fürstliche Gönner seiner Person
+erwiesen, und anfangs waren seine Ziele von denen anderer, auch denen
+des letzten deutschen Papstes, Hadrians VI., nicht allzu verschieden.
+Vielleicht haben solche Gedanken ihn gelegentlich bewegt -- denn was
+wissen wir von seinen innersten Erlebnissen? Von geringen Varianten
+hing damals die ganze sichtbare Fassung der abendländischen Kultur ab
+und eine Kirchenspaltung lag zunächst außer aller Wahrscheinlichkeit.
+Endlich ist er dann der Brutus der Kirche geworden. Shakespeare hat da
+den Typus des Grüblers aufgestellt, dem die +Gnade+ fehlt. Auch
+dies ist eine tragische Möglichkeit, eine Epoche durchzuführen: die
+Selbstvernichtung dessen, der sie in der wirklichen Welt repräsentiert.
+Brutus tötet Cäsar, Luther die Kirche -- im Dienst einer Theorie.
+Er +hat+ sie getötet. Sie hat seitdem, zur ständigen Notwehr
+gegen den Protestantismus verurteilt, ihre königliche Freiheit, ihre
+tiefe, heute nicht mehr verstandene Liberalität eingebüßt. Sie
+war naiv gewesen, nun wurde sie peinlich. Und auch das Luthertum
+erlebte sein Philippi -- als der katholische Geist in ihm eine neue
+Orthodoxie schuf, der gegenüber Luthers Tat immer wieder, im Pietismus,
+Rationalismus, Materialismus, Anarchismus, vollzogen wurde. Alles
+dies gehört, bei aller Größe der Erscheinung, nur zum Gewande des
+Zufällig-Historischen, in welches das Schicksal selbst sich hüllt.
+
+Wie aber von der Person Luthers feine Fäden sich rückwärts zu der
+Heinrichs des Löwen und vorwärts zu der Bismarcks spinnen, zwei anderen
+„Zufälligen“ des hohen Nordens, in denen Epochen zum Ausdruck kamen,
+die als Triumphe über den Hang zum Süden, zum Sorglosen, zum Rausch
+innerlichst verwandt sind -- es liegen in merkwürdiger Deutlichkeit des
+Periodischen je 345 Jahre zwischen den symbolischen Akten von Legnano,
+Worms und Königgrätz --, das beweist eine physiognomische Prägnanz des
+Erlebens, deren nur die abendländische Seele mit ihrem großen Sinn für
+den reinen Raum und die Historie fähig war und die nur in dem unsagbar
+durchsichtigen und logischen Aufbau der ägyptischen Geschichte -- der
+Verwirklichung der ägyptischen Seele -- ein Seitenstück hat.
+
+
+18
+
+Wer diese Ideen in sich aufgenommen hat, wird es verstehen,
+wie verhängnisvoll das in einer exakten Form erst den späten
+Kulturzuständen eigene und dann um so tyrannischer auf das Weltbild
+wirkende Kausalitätsprinzip für das Erlebnis echter Geschichte werden
+mußte. Kant hatte höchst vorsichtig die Kausalität als notwendige Form
+der Erkenntnis festgestellt. Das Wort Notwendigkeit hörte man gern,
+aber man überhörte die Einschränkung des Prinzips auf ein einzelnes
+Erkenntnisgebiet, die gerade den modernen Historismus ausschloß. Das
+ganze 19. Jahrhundert war bemüht, die Grenze von Natur und Geschichte
+zugunsten der ersten zu verwischen. Je historischer man denken wollte,
+desto mehr vergaß man, wie hier +nicht+ gedacht werden durfte.
+Indem man das starre Schema einer optisch-räumlichen Beziehung, Ursache
+und Wirkung, gewaltsam auf Lebendiges anwandte, zeichnete man in das
+sinnliche Oberflächenbild der Historie die konstruktiven Linien des
+Naturbildes ein, und niemand fühlte -- inmitten später, an kausalen
+Denkzwang gewöhnter Intelligenzen -- die tiefe Absurdität einer
+Wissenschaft, welche Werdendes durch ein methodisches Mißverständnis
+als Gewordenes begreifen wollte. +Zweckmäßigkeit+ war das große
+Wort, mit dem der zivilisierte Geist die Welt sich assimilierte. Eine
+Maschine ist zweckmäßig konstruiert. Sie ist damit nützlich geworden.
++Folglich+ kann die Geschichte nur eine analoge Konstruktion
+besitzen: Auf diesem Schlusse beruht der historische Materialismus.
+Wollten wir den eigentlichen Schicksalsgedanken recht deutlich erleben,
+so müssen wir uns in das Seelenleben unserer Kindheit und dessen Umwelt
+versenken. Hier war das Bewußtsein durchaus mit den Eindrücken einer
++lebendigen+ Wirklichkeit erfüllt, dämonisch, verhängnisvoll,
+zwecklos im erhabenen Sinne, ein ewiges Weben und Schweben, von
+rätselhaftem, außernatürlichem Gehalte. Hier gab es wirklich eine
+„Zeit“. Hier herrschte in äußerster Reinheit das Phantasiebild, das
+dem späteren, abgeklärten, auch matteren Geschichtsbilde die Züge
+vorzeichnete, welch letzteres mehr und mehr dem kausalen Naturbilde des
+zivilisierten Menschen erliegt.
+
+Wissenschaft ist immer Naturwissenschaft. Wissen, Erfahrung gibt es
+nur von Gewordenem, Ausgedehntem, Erkanntem. Wie Leben zur Geschichte,
+so gehört Wissen zur Natur -- zu der als Element begriffenen, im Raume
+betrachteten, nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung gestalteten
+gegenwärtigen Sinnlichkeit. Gibt es also überhaupt eine Wissenschaft
+der Historie? Erinnern wir uns, wie in jedem persönlichen Weltbilde,
+das dem idealen Bilde nur mehr oder weniger nahekommt, etwas von beidem
+erscheint, keine Natur ohne lebendige, keine Geschichte ohne kausale
+Einklänge ist. Ohne Zweifel gibt es in jedem Geschichtsbilde Züge von
+kausaler und naturgesetzlicher Art und sie sind es, auf die aller
+Pragmatismus seine Ansprüche stützt. Ohne Zweifel ist auch das Gefühl,
+welches einen echten Zufall gegenüber einem Schicksal statuiert, auf
+Eindrücke dieser Art begründet. So sonderbar es klingt, der Zufall im
+alltäglichen Sinne ist mit dem Kausalitätsprinzip innerlich verwandt.
+Das Anorganische, Richtungslose verbindet sie. Aber sie sind beide
+etwas Fremdes im Geschichtsbilde; sie gehören der Oberfläche an, deren
+sinnliche Plastizität mindestens kausale +Gedächtnismomente+
+weckt. Sicherlich ist das Geschichtsbild eines Menschen -- und
+damit der Mensch selbst -- um so flacher, je entschiedener der
+handgreifliche Zufall in ihm regiert, und sicherlich ist mithin
+eine Geschichtsschreibung um so leerer, je mehr sie ihr Objekt
+durch Feststellung kausaler Beziehungen erschöpft. Je tiefer jemand
+Geschichte erlebt, desto seltener wird er streng kausale Eindrücke
+haben und desto gewisser wird er sie als gänzlich bedeutungslos
+empfinden. Man prüfe Goethes naturwissenschaftliche Schriften, und
+man wird erstaunt sein, die Darstellung einer lebendigen Natur ohne
+Formeln, ohne Gesetze, fast ohne Spuren von Kausalem zu finden. Zeit
+ist für ihn keine Distanz, sondern ein Gefühl. Der bloße Gelehrte, der
+analysiert, nicht fühlt, besitzt kaum die Gabe, hier das Letzte und
+Tiefste zu erleben. Die Geschichte fordert sie aber; und so besteht das
+Paradoxon zu Recht, daß ein Geschichtsforscher um so bedeutender ist,
+je weniger er der eigentlichen Wissenschaft angehört.
+
+Ein Schema möge das Gesagte zusammenfassen:
+
+ Seele ---------------------------------> Welt
+ | |
+ +----------+-------------------------------+--+
+ | |
+ Leben V
+ Wirken Wirklichkeit
+ Richtung Ausdehnung
+ +Schicksal+ +Kausalität+
+ (Form des Erlebens) \ (Form des Erkannten)
+ ¦ \ / ¦
+ ¦ \ / ¦
+ ¦ \ / ¦
+ V \ / V
+ Geschichte \ / Natur
+ Physiognomik \/ Systematik
+ (Menschenkenntnis) /\ (Wissenschaftliche Erkenntnis)
+ Urphänomen ⭩ ⭨ Objekt
+ +Tragödie+, Kunst +Physik+, Logik
+ (Fügung) (Bewegung)
+
+
+19
+
+Darf man irgendeine Gruppe elementarer Phänomene sozialer,
+physiologischer, ethischer Natur als Ursache einer andern setzen? Die
+pragmatische Geschichtsschreibung kennt im Grunde nichts andres. Das
+heißt für sie, die Geschichte begreifen, ihre Erkenntnis vertiefen.
+In der Tiefe aber liegt für den zivilisierten Menschen immer der
++praktische Zweck+. Ohne ihn wäre die Welt sinnlos. Allerdings
+ist auf diesem Standpunkte die gar nicht physikalische +Freiheit
+in der Wahl der Motive+ nicht ohne Komik. Der eine wählt diese,
+der andre jene Gruppe als _prima causa_ -- eine unerschöpfliche
+Quelle wechselseitiger Polemik -- und alle füllen ihre Werke mit
+vermeintlichen Erklärungen des Ganges der Geschichte im Stile
+physikalischer Zusammenhänge. Schiller hat dieser Methode, durch
+eine seiner unsterblichen Banalitäten, den Vers vom Weltgetriebe,
+das sich „nur durch Hunger und durch Liebe“ erhält, den klassischen
+Ausdruck gegeben. Das 19. Jahrhundert hat seine Meinung zu kanonischer
+Geltung erhoben. Damit war der Kult des Nützlichen an die Spitze
+gestellt. Ihm hat Darwin im Namen des Jahrhunderts Goethes Naturlehre
+zum Opfer gebracht. Ohne Zweifel, das Leben war eine Entwicklung
+zu einem zweckmäßigen Ziele. Der Instinkt, der Intellekt waren die
+Mittel dazu. Aber gibt es historische, seelische, gibt es überhaupt
+lebendige „+Prozesse+“? Haben historische Bewegungen, die
+Zeit der Aufklärung oder die Renaissance etwa, irgend etwas mit
+dem +Naturbegriff+ der Bewegung zu tun? Mit dem Worte Prozeß
+war das Schicksal allerdings abgetan. Das Geheimnis des Werdens
+war „aufgeklärt“. Es gab keine tragische, es gab nur noch eine
+mathematische Logik. Der „exakte“ Historiker setzt nunmehr höchst
+naiv voraus, daß im Geschichtsbilde eine Folge von Zuständen von
+mechanischem Typus vorliegt, daß sie verstandesmäßiger Analyse wie
+ein physikalisches Experiment oder eine chemische Reaktion zugänglich
+ist und daß mithin die Gründe, Mittel, Wege, Ziele ein greifbar an
+der Oberfläche des Sichtbaren liegendes Gewebe bilden müssen. Der
+Aspekt ist überraschend vereinfacht. Und man muß zugeben, daß bei
+hinreichender Flachheit des Betrachters die Voraussetzung -- für
++seine+ Person und deren Weltbild -- zutrifft.
+
+Hunger und Liebe -- das sind aus diesem Aspekte mechanische
+Ursachen mechanischer Prozesse im „Völkerleben“. Sozialprobleme
+und Sexualprobleme -- beide einer Physik oder Chemie des
+öffentlichen, allzuöffentlichen Daseins angehörend -- sind mithin
+das selbstverständliche Thema utilitarischer Geschichtsbetrachtung
+und +also auch+ der ihr entsprechenden Tragödie. Denn das
+soziale Drama steht mit Notwendigkeit neben der materialistischen
+Geschichtsbetrachtung. Und was in den „Wahlverwandtschaften“ Schicksal
+im höchsten Sinne ist, ist in der Frau „vom Meere“ nichts als ein
+Sexualproblem. Ibsen und alle Verstandespoeten unsrer großen Städte
+sind im Mechanismus der vitalen Oberfläche stecken geblieben. Sie
+konstruieren, sie dichten nicht. Sie kennen nur eine mathematische,
+keine Logik des Schicksals. Hebbels schwere künstlerische Kämpfe galten
+immer nur dem Versuch, dieses Elementare und schlechthin Prosaische
+seiner mehr wissenschaftlichen als intuitiven Anlage zu überwinden --
+trotz ihrer ein +Dichter+ zu sein --, daher sein unmäßiger, ganz
+ungoethescher Hang zum +Motivieren+ der Begebenheiten. Motivieren
+bedeutet hier, bei Hebbel, bei Ibsen, bei +Euripides+, das
+Tragische -- das Lebendige also -- +kausal gestalten wollen+. Das
+Schicksal wird zum Mechanismus, die Physiognomie zum System. Hebbel
+redet gelegentlich vom +Schraubenzug+ in der Motivation eines
+Charakters. Die Kasuistik überwindet die innere Bewegtheit. Die in
+Worte nicht zu fassende +Idee+, die bei Goethe ein Werk trägt,
+erstarrt zu einer praktischen +Tendenz+, zu einer Formel. Das ist
+der Wechsel, der sich zwischen Kultur und Zivilisation in der Bedeutung
+des Wortes +Problem+ vollzieht. Dem entspricht es, daß Dichter
+wie Historiker vom zivilisierten Typus als Politiker im Parteimäßigen
+stecken bleiben. Es fehlt an innerer Überlegenheit, an Tiefe, an
+Würde. Man prüfe daraufhin den Abstieg von Goethe, in dessen Egmont
+die einzigen Szenen von diplomatischer Feinheit stehen, zu Hebbels
+abstraktem Raisonnement und weiter zu Ibsens und Shaws Bedürfnis nach
+agitatorischem Spektakel. Hier ist es klar: Man ist weit entfernt, in
+der Historik eine streng morphologische Aufgabe finden zu wollen, so
+wenig man im Drama ein reines Kunstwerk gestalten will. Der Kult des
+Nützlichen hat hier wie dort ein ganz andres Ziel festgelegt. Unter
+Form versteht man die handgreifliche Wirksamkeit. Die Szene ist wie
+das Geschichtswerk ein Mittel dazu. Der Darwinismus hat, so unbewußt
+das geschehen sein mag, die Biologie politisch wirksam gemacht. Es
+ist irgendwie eine demokratische Rührigkeit in den hypothetischen
+Urschleim gekommen, und der Kampf der Regenwürmer ums Dasein erteilt
+den zweibeinigen Schlechtweggekommenen eine gute Lehre.
+
+In diesem Aspekt hat der Intellekt über die Seele gesiegt. In
+Weltstädten gibt es kein Innenleben mehr; es gibt nur noch psychische
+Prozesse. Die Schickialsidee ist überwunden; es gibt nur noch
+mechanische und physiologische Zusammenhänge. Zufall ist das, was man
++noch nicht+ in eine physikalische Formel gebracht hat. Es erscheint
+hier der tiefe Gegensatz von Tragik und Experiment (das Goethe so
+haßte und das ihm Kleists Manier so verhaßt machte). Kleists, Hebbels,
+Ibsens, Strindbergs, Shaws Dramen sind Seelenexperimente, wobei
+man unter Seele das spinnenhafte Etwas der modernen Psychologie,
+das Assoziationsbündel zu verstehen hat. Zola hat den Begriff des
+_roman expérimental_ geschaffen. Auf die _petits faits_ kommt es
+an, aus deren Summe man den Menschen +herausrechnet+. Der Intellekt
+hat an Stelle frühmenschlicher und auch noch Goethescher Intuition
+das sinnlich-bewegte Bild des Lebens nach +seinem+ Bilde, zu einem
+Mechanismus nämlich, umgeformt. Das bedeutet ein tragisches Problem
+in den Händen dieser Schriftsteller. Tragisch ist das Unzweckmäßige
+(Rosmer). Tragisch ist vor allem das Zweckmäßige, wenn es keine
+Gelegenheit hat, sich nützlich zu machen (Nora). Aus der Idee der
+Erbsünde ist die Vererbungstheorie geworden (Gespenster). Die Idee
+der Gnade heißt jetzt das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl. Ein
+Problem durch den Fall eines Dramas „lösen“ wollen -- das ist eine
+Laboratoriumsarbeit. Wir werden daran erinnert, daß zum Mechanischen
+die Mathematik gehört. Jedes gute Ibsen-Drama schließt mit einer
++Formel+. Das Leben durch anatomische und physiologische Untersuchung
+von Ganglien, Muskelfibrillen und Eiweißverbindungen begreifen
+zu wollen, die biologische Manier und Manie in der Behandlung
+gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fragen sind durchaus Schwestern
+dieser problematischen Kausalitätspoesie und der auf die gleichen
+Oberflächenmotive versessenen Geschichtsschreibung unsrer Tage. An
+Stelle des Schicksals -- von dem sie keine Ahnung haben -- geraten sie
+ohne Ausnahme auf soziale und sexuelle „Fragen“, die sie an seiner
+Stelle „behandeln“.
+
+Und doch hätten die Historiker gerade von den Vertretern unsrer
+reifsten Wissenschaft, der Physik, Vorsicht lernen sollen. Die
+kausale Methode zugegeben, so ist es die Flachheit ihrer Anwendung,
+die beleidigt. Hier fehlt es an geistiger Disziplin, an der Größe
+des Blickes, von der tiefen Skepsis, welche der Art des Gebrauchs
+physikalischer Hypothesen innewohnt, ganz zu schweigen. Denn der
+Physiker betrachtet seine Atome und Elektronen, Ströme und Kraftfelder,
+den Äther und die Masse weitab vom Köhlerglauben des Laien und Monisten
+als +Bilder+, deren Formensprache er den abstrakten Beziehungen
+seiner Differentialgleichungen unterlegt, ohne in ihnen eine andre
+Wirklichkeit als die konventioneller Zeichen zu suchen. Und er weiß,
+daß auf diesem, der Wissenschaft allein möglichen Wege nur eine
+symbolische Deutung des Mechanismus der verstandesmäßig aufgefaßten
+Außenwelt -- +nicht mehr+ -- erreicht werden kann, sicherlich keine
+„Erkenntnis“ im hoffnungsvoll populären Sinne aller Darwinisten und
+materialistischen Historiker. Die Natur -- Schöpfung und Abbild des
+Geistes, sein _alter ego_ im Bereich des Ausgedehnten -- +erkennen+,
+bedeutet sich selbst erkennen.
+
+Eine gleiche Skepsis gegenüber der sinnlich-gedächtnismäßigen
+Bildfläche des „organischen Lebens“ und der Menschengeschichte,
+die nur ein Teil von ihm ist, wäre am Platze gewesen, aber hier
+hat die Selbsterkenntnis, die echte Naivität, die Distanz, die
+Uninteressiertheit im großen Sinne gefehlt. Wie die Physik unsre
+reifste, so ist die Biologie nach Gehalt und Methode unsre schwächste
+Wissenschaft. Was +wirklich+ Geschichtsforschung sei, Physiognomik
+nämlich, ist durch nichts deutlicher zu machen als durch den Verlauf
+von Goethes Naturstudien. Er treibt Mineralogie: sogleich fügen sich
+ihm die Einsichten zum Bilde einer Erdgeschichte zusammen, in dem sein
+geliebter Granit das bedeutet, was ich innerhalb der Kulturgeschichte
+das Urmenschliche nenne -- und er entdeckt die Eiszeiten. Er untersucht
+bekannte Pflanzen und das Phänomen der Metamorphose erschließt sich
+ihm, die Urgestalt der +Geschichte+ alles Pflanzendaseins, und er
+gelangt weiterhin zu jenen seltsam tiefen Einsichten über die Vertikal-
+und Spiraltendenz der Vegetation, die noch heute nicht recht begriffen
+worden sind. Seine Knochenstudien, durchaus auf das Anschauen des
+Lebendigen gerichtet, führen ihn zur +entscheidenden+ Entdeckung
+des _os intermaxillare_ beim Menschen und der Einsicht, daß das
+Schädelgerüst der Wirbeltiere sich aus sechs Wirbelknochen entwickelt
+hat. Hier ist nicht von Kausalität und Teleologie die Rede. Hier
+empfand er die Notwendigkeit des Schicksals, wie er sie in seinen
+orphischen Urworten ausgedrückt hat. Der Darwinismus hat diese
+großen Ansätze verdorben, nicht vertieft. Überall ist es das reine,
+lebendige Werden, das Goethe im sinnlich-gegenwärtigen Bilde anschaut
+und nicht ein platter Zusammenhang von Ursache, Wirkung, Nutzen und
+Zweck. Die bloße Chemie der Gestirne, die +mathematische+ Seite
+physikalischer Beobachtungen, die eigentliche Physiologie kümmern ihn,
+den großen Historiker der Natur, nicht, weil sie Systematik, Erfahrung
+von Gewordnem, Totem, Starrem sind, und dies liegt seiner Polemik
+gegen Newton zugrunde -- ein Fall, in dem beide recht haben: der eine
++erkannte+ in der toten Farbe den exakt gesetzlichen Naturprozeß,
+der andre, der Künstler, hatte das intuitiv-sinnliche +Erlebnis+;
+hier liegt der Gegensatz beider Welten zutage und ich fasse ihn jetzt
+in seiner ganzen Schärfe zusammen.
+
+Leben, Geschichte trägt das Merkmal des Einmalig-Tatsächlichen, Natur
+das des Ständig-Möglichen. Solange ich das Bild der Umwelt daraufhin
+beobachte, nach welchen Gesetzen es sich verwirklichen +muß+, ohne
+Rücksicht darauf, ob es geschieht oder nur geschehen könnte, zeitlos
+also, bin ich Naturforscher, treibe ich eine Wissenschaft. Es macht
+für die Notwendigkeit eines Naturgesetzes -- und andere Gesetze gibt
+es nicht -- nicht das geringste aus, ob es unendlich oft oder nie
+in Erscheinung tritt, d. h. es ist +vom Schicksal unabhängig+.
+Tausende chemischer Verbindungen kommen nie vor und werden niemals
+hergestellt werden, aber sie sind als möglich bewiesen und also sind
+sie da -- für das +System der Natur, nicht für die Geschichte
+des Weltalls+. Geschichte aber ist der Inbegriff des einmaligen
+wirklichen +Erlebens+. Hier herrscht die Richtung im Werden, nicht
+die Ausgedehntheit des Gewordnen, das, was einmal war, nicht das,
+was immer möglich ist, das +Wann+, nicht das +Was+. Hier
+gibt es nicht Gesetze von Objekten, sondern Ideen, die in Phänomenen
+sich symbolisch offenbaren. Es kommt darauf an, was sie bedeuten,
+nicht, was sie sind. Man hat die eigne Notwendigkeit dieser Sphäre
+bisher nie begriffen und an Naturnotwendigkeiten -- Kausalitäten
+angeknüpft. Der Physiker darf versichern, daß es keinen Zufall
+gibt. Das bedeutet für ihn: innerhalb des mechanisch-begrifflichen
+Natursystems sind Phänomene von historischer Bewegtheit, Ereignisse,
+die sich nie wiederholen können, unmöglich; hier herrscht die zeitlose
+Kausalität ohne Einschränkung, wenn die Reinheit und Geschlossenheit
+des Naturbildes gewahrt bleiben soll. Solange ich mit meiner ganzen
+gegenwärtigen Existenz im Weltbilde der Natur bin, frage ich, zu
+welcher Gattung diese Blume gehört und welches die Gesetze ihrer
+Ernährung, Entwicklung, Fortpflanzung sind, aber nicht, weshalb sie an
+dieser Stelle wuchs und ich sie gerade jetzt erblicke. Ich frage nach
+den Gesetzen der Spektralanalyse, aber nicht, weshalb die Natriumlinie
+dem irdischen Auge gelb erscheint. Ich frage nach den Formeln der
+Thermodynamik, aber nicht, weshalb sie im menschlichen Bewußtsein,
+dessen Abbild doch die Welt ist, gerade diese und nicht andere sind.
+Ich frage nach den Rassemerkmalen der Hellenen und Germanen, aber
+nicht, was es bedeutet, daß diese ethnischen Formen gerade dort und
+damals entstanden sind. Das eine ist Gesetz, das Gesetzte, über dessen
+Sinn und Ursprung die exakte Wissenschaft schweigt; das andre ist
+Schicksal. Im einen liegt die Notwendigkeit des Mathematischen, im
+andern die des Tragischen.
+
+In der Wirklichkeit des wachen Daseins verweben sich beide Welten,
+die der Beobachtung und die der Hingebung, wie in einem Brabanter
+Wandteppich Kette und Einschlag das Bild „wirken“. Jedes Gesetz
+muß, um für den Geist überhaupt +vorhanden+ zu sein, einmal durch
+eine Schicksalsfügung innerhalb der Geistesgeschichte entdeckt,
+d. h. +erlebt+ worden sein, jedes Schicksal erscheint in einer
+sinnlichen Verkleidung -- Personen, Taten, Szenen, Gebärden --, in
+der Naturgesetze am Werke sind. Das urmenschliche Leben war der
+dämonischen Einheit des Schicksalhaften hingegeben; im Bewußtsein
+reifer Kulturmenschen kommt der Widerspruch jenes frühen und dieses
+späten Weltbildes niemals zum Schweigen; im zivilisierten Menschen
+erliegt das tragische Weltgefühl dem mechanisierenden Intellekt.
+Geschichte und Natur stehen +in uns+ einander gegenüber wie +Leben+
+und +Tod+, wie die +ewig werdende+ Zeit und der +ewig gewordene Raum+.
+Im wachen Bewußtsein ringen Werden und Gewordnes um den Vorrang im
+Weltbilde. Die höchste und reifste Form beider Arten der Betrachtung,
+wie sie nur großen Kulturen möglich ist, erscheint für die antike Seele
+im Gegensatz von Plato und Aristoteles, für die abendländische in dem
+von Goethe und Kant: die reine Physiognomik der Welt, erschaut von
+der Seele eines ewigen Kindes, und die reine Systematik, erkannt vom
+Verstande eines ewigen Greises.
+
+
+20
+
+Und hier erblicke ich nunmehr die +letzte+ große Aufgabe des
+abendländischen Denkens, die einzige, welche dem alternden Geiste
+der faustischen Kultur noch aufgespart ist, die, welche durch eine
+jahrhundertelange Entwicklung unseres Seelentums vorbestimmt erscheint.
+Es steht keiner Kultur frei, den Weg und die Haltung ihrer Philosophie
+zu +wählen+; hier zum ersten Male aber kann eine Kultur voraussehen,
+welchen Weg das Schicksal für sie gewählt hat.
+
+Mir schwebt eine -- spezifisch abendländische -- Art, Geschichte im
+höchsten Sinne zu erforschen, vor, die bisher noch nie aufgetaucht
+ist und die der antiken und jeder andern Seele fremd bleiben mußte.
+Eine umfassende Physiognomik des gesamten Daseins, eine Morphologie
+des Werdens +aller+ Menschlichkeit, die auf ihrem Wege bis
+zu den höchsten und letzten Ideen vordringt; die Aufgabe, das
+Weltgefühl nicht nur der eigenen, sondern das +aller+ Seelen zu
+durchdringen, in denen große Möglichkeiten überhaupt bisher erschienen
+und deren Verkörperung im Bereiche des Wirklichen die einzelnen
+Kulturen sind. Dieser philosophische Aspekt, zu dem die analytische
+Mathematik, die kontrapunktische Musik, die perspektivische Malerei
+uns das Recht geben, uns erzogen haben, setzt, über die Talente des
+Systematikers, die Aufgaben des Rechnens, Ordnens, Zergliederns weit
+hinausgehend, das Auge eines Künstlers voraus, und zwar das eines
+Künstlers, der die sinnliche und greifbare Welt um sich in eine tiefe
+Unendlichkeit geheimnisvoller Beziehungen sich vollkommen auflösen
+fühlt. So fühlte Dante, so Goethe. Ein Jahrtausend organischer
+Kulturgeschichte als Einheit, als +Person+ aus dem Gewebe des
+Weltgeschehens herauszuheben und in ihren innersten seelischen
+Bedingungen zu begreifen ist das Ziel. Wie man die bedeutenden Züge
+eines Rembrandtschen Bildnisses, einer Cäsarenbüste durchdringt,
+so die großen, tragischen, schicksalsvollen Züge im Antlitz einer
++Kultur+, als der menschlichen Individualität höchster Ordnung,
+anzuschauen und zu verstehen ist die neue Kunst. +Wie+ es
++in+ einem Dichter, einem Propheten, einem Denker, einem Eroberer
+aussieht, das hat man schon zu wissen versucht, aber in die antike,
+ägyptische, arabische Seele überhaupt einzugehen, um sie mitzuerleben,
+um in ihnen die Geheimnisse des Menschlichen überhaupt zu fühlen, das
+ist eine neue Art „Lebenserfahrung“. Jede Epoche, jede große Gestalt,
+jede Religion, Staaten, Völker, Künste, alles was je da war und da
+sein wird, ist ein physiognomisches Moment von höchster Symbolik, das
+ein +Menschenkenner+ in einem ganz neuen Sinne des Wortes zu
+deuten hat. Eindrücke von höchster Realität, Sprachen und Schlachten,
+Städte und Rassen, die Feiern der Isis und Kybele und die katholische
+Messe, Hochofenwerke und Gladiatorenspiele, Derwische und Darwinisten,
+Eisenbahnen und Römerstraßen, „Fortschritt“ und Nirwana, Zeitungen,
+Sklavenmassen, Geld, Maschinen, alles ist in gleicher Weise, Zeichen
+und Symbol im Weltbilde, wie es eine Seele als Ausdruck ihrer Wesenheit
+vor sich verwirklicht. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“
+Hier liegen Lösungen und Fernblicke verborgen, welche noch nicht
+einmal geahnt worden sind. Dunkle Fragen, die den tiefsten aller
+menschlichen Urgefühle, aller Angst, aller Sehnsucht, aller Religion
+und Metaphysik zugrunde liegen und vom Denken in die Probleme der
+Zeit, der Notwendigkeit, des Raumes, der Liebe, des Todes, Gottes
+verkleidet worden sind, werden aufgehellt. Es gibt eine ungeheure Musik
+der Sphären, die +gehört+ sein will, die einige unsrer tiefsten
+Geister hören +werden+. Die Physiognomik des Weltgeschehens wird
+zur +letzten, faustischen Philosophie+.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 39: Die antike Tragödie, eine liturgische Aktion, gestattet
+den Umschlag vom Jubel zur Klage so gut wie den von der Klage zum
+Jubel. Das letztere ist, wie im δρᾶμα von Eleusis, in Äschylus’
+Eumeniden und Sophokles’ Ödipus in Kolonos der Fall. Nach Aristoteles
+war dies sogar die ursprüngliche Form des „Tragischen“.]
+
+[Footnote 40: Außer in der Elementarmathematik, unter deren Eindruck
+allerdings die meisten Philosophen seit Schopenhauer diesen Fragen
+nahetreten.]
+
+[Footnote 41: Ganz ebenso steht an der Schwelle der arabischen Kultur
+die Erfindung der christlichen Zeitrechnung. Diesen Akt eines hohen
+historischen Weltgefühls hat das späte Arabertum mit der islamischen
+Zeitrechnung noch einmal wiederholt.]
+
+[Footnote 42: Man muß sich in die Gefühle eines Griechen versetzen, der
+diese Sitte plötzlich kennen lernt.]
+
+[Footnote 43: Der Weg von Calvin zu Darwin ist in der englischen
+Philosophie leicht nachzuweisen.]
+
+[Footnote 44: Dies gehört zu den ewigen Streitpunkten abendländischer
+Poetik. Die antike, ahistorische, euklidische Seele hat keine
+„Entwicklung“; die abendländische erschöpft sich in ihr; sie ist
+„Funktion“ in Richtung auf einen Abschluß. Die eine „ist“, die andre
+„wird“. Mithin setzt alle antike Tragik die Konstanz der Person voraus,
+alle abendländische deren Variabilität. Erst dies ist „Charakter“ in
+unserm Sinne, eine Gestalt des Seins, die in unablässiger Bewegtheit
+und unendlichem Beziehungsreichtum besteht. +Bei Sophokles adelt
+die große Geste das Leid, bei Shakespeare adelt die große Gesinnung
+die Tat.+ Weil unsre Ästhetik ihre Beispiele ohne Unterschied aus
++beiden+ Kulturen nahm, konnte sie das grundlegende Problem nur
+verfehlen.]
+
+[Footnote 45: „Plus on vieillit, plus on se persuade, que sa sacrée
+Majesté le Hazard fait les trois quarts de la besogne de ce misérable
+Univers“ (Friedrich der Große an Voltaire). So empfindet ein echter
+Rationalist mit Notwendigkeit.]
+
+[Footnote 46: Diese Tyche kann auch als die naturwissenschaftliche
+Größe aufgefaßt werden, deren heutiges Gegenstück der Determinismus
+ist.]
+
+[Footnote 47: Helios ist nur eine poetische Metapher. Er hatte weder
+Tempel noch Statuen noch einen Kult. Noch weniger war Selene eine
+Mondgöttin.]
+
+[Footnote 48: Daran ändert es nichts, daß Shakespeare in Wirklichkeit
+ein älteres Drama bearbeitet hat.]
+
+[Footnote 49: Ich erinnere an das Wort Cannings aus dem Anfang des 19.
+Jahrhunderts: „Südamerika frei -- und womöglich englisch!“ Reiner ist
+der expansive Instinkt niemals zum Ausdruck gelangt.]
+
+[Footnote 50: Die reife abendländische Kultur war eine durchaus
+französische, die seit Ludwig XIV. aus der spanischen erwachsen war.
+Aber schon unter Ludwig XVI. siegte in Paris der englische Park über
+den französischen, die Empfindsamkeit über den esprit, Kleidung und
+gesellschaftliche Formen von London über die von Versailles, Hogarth
+über Watteau, Möbel von Chippendale und Porzellan von Wedgwood über
+Reulle und Sarres.]
+
+[Footnote 51: Hardenberg hat Preußen in streng englischem Geiste
+reorganisiert, was ihm Friedrich August v. d. Marwitz zum schweren
+Vorwurf machte. Ebenso ist die Heeresreform Scharnhorsts eine Art
+„Rückkehr zur Natur“ im Sinne Rousseaus gegenüber den Berufsheeren der
+Kabinettskriege zur Zeit Friedrichs des Großen.]
+
+
+
+
+DRITTES KAPITEL
+
+MAKROKOSMOS
+
+
+
+
+I
+
+DIE SYMBOLIK DES WELTBILDES UND DAS RAUMPROBLEM
+
+
+1
+
+Und so erweitert sich der Gedanke einer Weltgeschichte in streng
+morphologischem Sinne zur +Idee einer allumfassenden Symbolik+. Die
+Geschichtsforschung an sich hat nur den sinnlichen Inbegriff der
+lebendigen Wirklichkeit, ihr flüchtiges Bild, zu prüfen und dessen
+typische Formen festzustellen. Der Schicksalsgedanke ist der letzte,
+bis zu dem sie vordringen kann. Indessen diese Forschung, so neu
+und umfassend sie im hier angegebenen Sinne ist, kann dennoch nur
+Fragment und Grundlage einer noch umfassenderen Betrachtung sein.
+Ihr zur Seite steht eine Naturforschung, ebenso fragmentarisch und
+eingeschränkt in ihrem Ideenkreise. Hier aber werden die letzten
+Fragen des Seins überhaupt angerührt. Alles, dessen wir uns bewußt
+sind, in welcher Gestalt auch immer, als Seele und Welt, Leben und
+Wirklichkeit, Geschichte und Natur, Gesetz, Raum, Schicksal, Gott,
+Zukunft und Vergangenheit, Gegenwart und Ewigkeit, hat für uns noch
+einen tiefsten Sinn -- daß alles so ist und nicht anders -- und das
+einzige und äußerste Mittel, dieses Unfaßliche faßlich zu machen, diese
+Geheimnisse, die nur gefühlt und in seltenen Momenten mit visionärer
+Deutlichkeit erlebt werden können, in einer allerdings dunklen Weise,
+aber der einzig möglichen mitzuteilen -- vielleicht nur wenigen und
+auserlesenen Geistern --, liegt in einer neuen Art von Metaphysik, für
+die +alles+, es sei was es wolle, den Charakter eines +Symbols+ besitzt.
+
+Symbole sind sinnliche Einheiten, letzte, unteilbare und vor allem
+ungewollte Eindrücke von bestimmter Bedeutung. Ein Symbol ist ein
+Stück Wirklichkeit, das für das leibliche oder geistige Auge etwas
+bezeichnet, das verstandesmäßig nicht mitgeteilt werden kann. Ein
+frühdorisches, früharabisches, frühromanisches Ornament z. B. auf
+einer Vase, einer Waffe, an einem Portal oder Sarkophag ist der
+sinnbildliche Ausdruck eines neuen Weltgefühls, das nur zu Menschen
+einer einzigen Kultur redet und diese Menschen aus dem allgemeinen
+Menschentum heraushebt und zusammenschließt. Die +gefühlte+
+Einheit einer Kultur beruht auf der gemeinsamen Sprache ihrer
+Symbolik. Gesetzt, daß alles, was ist, irgendwie +Ausdruck+ eines
+Seelischen ist -- und wir werden uns davon überzeugen --, so ist es
+zugleich auch +Eindruck auf+ eine Seele und dieser Zusammenhang,
+in dem der Mensch zugleich Subjekt und Objekt ist, repräsentiert das
+Wesen des Symbolischen. Es folgt daraus, daß auch der Mensch selbst
+Symbol ist, als Person und als Menge, nicht nur der gegenwärtigen
+Leiblichkeit nach, mit der er dem Weltbilde der Natur und dem Bereiche
+der Kausalität angehört -- eben als Mensch, Familie, Volk, Rasse --,
+sondern durch die Gesamtheit seines Seelenlebens, soweit dieses sich
+selbst -- im Weltbilde der Geschichte -- als Schicksal, als werdend
+begreift und als das Schicksal, das Werden „des andern“ miterlebt
+werden kann.
+
+Es ist dies eine gewagte und schwer zugängliche Betrachtungsweise.
+Absolute Standpunkte -- die etwa das Ich, das Denken, die Natur, Gott
+als Ausgang und Maßstab setzen --, wie sie die Philosophie um ihrer
+Systematik willen liebt und im Grunde nicht entbehren kann, sind hier
+selbst noch Symbole, +Objekte+, nicht Richtlinien der Betrachtung.
+
+Für den abendländischen Menschen auf der Höhe seiner längst
+großstädtisch und intellektuell gewordnen Kultur existiert ein
+wohlgeordnetes Bild der Historie, dessen Mittelgrund die sechs
+Jahrtausende der „Weltgeschichte“ auf einem kleinen Planeten bilden,
+während der Horizont sich in astronomische, geologische oder
+mythologische Fernen allmählich verliert. Dies Bild, ein wesentliches
+Ergebnis unsres wachen Daseins, eine Welt, aus deren Hintergrund
+die abendländische Seele sich selbst erst begreift, ist die +uns
+notwendige+ Form, alles, was wirklich ist, als sich verwirklichend
+geordnet aufzufassen. Vom sicheren Standpunkte des Jetzt und Hier
+blicken wir über Vergangenheit und Zukunft hin. Nichts scheint realer
+als diese Perspektive.
+
+Aber dem Urmenschen ist eine solche Anschauung unbekannt. Der antike
+und indische Mensch erlebte -- wie wir aus entscheidenden Zeichen
+entnehmen -- Verwandtes, aber jedenfalls in schattenhaften Umrissen
+und von ganz andrer Farbe. Also ist diese so klare und unzweideutige
+„Weltgeschichte“ nur +unser+ Eigentum? Also gibt es keine historische,
+für +alle+ Menschen vorhandene und identische Wirklichkeit? Also
+ist dies ein bloßer Ausdruck, eine freie Phantasie, Funktion einer
++einzelnen+ Seele? Dies herdenhafte Gewoge menschlicher Generationen
+durch Jahrhunderte hin, diese Episode im Werden zahlloser Sonnensysteme
+durch Jahrmillionen, diese längst erstorbenen Landschaften einer
+Kulturblüte am Nil, Ganges und Ägäischen Meer wären nichts als eine
+Vision des faustischen Geistes? Erinnern wir uns, daß alle Philosophie
+von jeher das gleiche vom Bilde der +Natur+ behauptete, indem sie es
++Erscheinung+ nannte. Der Mensch war gewiß ein Atom im Weltall, aber
+das Weltall war zugleich das Produkt seiner Vernunft.
+
+Dies ist das große Mysterium des menschlichen Bewußtseins, das man
+einfach hinzunehmen hat. Der in ihm hervortretende Widerspruch ist
+dem Denken unzugänglich. Idealistische wie realistische Lehren, die
+das eine als Tatsache, das andere als Schein bezeichnen, können das
+Geheimnis nur schematisch vergewaltigen, aber nicht lösen.
+
++Seele und Welt+: in dieser Polarität erschöpft sich das
+Wesen unsres Bewußtseins, wie das Phänomen des Magnetismus sich im
+wechselseitigen Widerstreben zweier Pole erschöpft. Diese Seele, und
+zwar die jedes Einzelnen, welche +in sich+ diese ganze Welt des
+historischen Werdens erlebt und +also schafft+, sie zum Ausdruck
+ihres So-Seins macht, ist zugleich, aus einem anderen Aspekte, ein
+winziges Element, ein flüchtiges Aufleuchten in +ihr+?[52] Was
+sind Cäsar, Ramses, Wallenstein anderes als Phänomene im historischen
+Weltbilde, wie es eine höhere Seele in sich entwickelt? Sind sie für
+das -- ahistorische -- Bewußtsein eines Kindes wirklich vorhanden?
+Wären sie „wirklich“, wenn alle Menschen sich heute wieder im
+seelischen Urzustande etwa der Weströmer zur Zeit Aurelians befänden?
+Alle „andern“ Menschen, so wie sie im Gedächtnisbilde der Historie
+erscheinen, sind Ausdruck der Seele des „einen“, seien es die großen
+Persönlichkeiten, die in einem früher festgestellten Sinne einmal
+Epoche machten, seien es die Menschen der Menge zu irgendeiner Zeit.
+Was alles diese Menschen aller Zeiten denken, wollen, tun, sind, die
+ganze werdende, schicksalsvolle Welt also, ist Zeichen und Symbol
+dessen, der sie erlebt. Das Geheimnis des eignen Schicksals offenbart
+sich im Schicksal einer um uns werdenden oder von uns als geworden
+erkannten Welt. Die Dämmerseele des Kindes und frühen Menschen ahnt
+ihre Welt nur; erst die helle Tagesseele hoher Kulturen, die sich
+selbst als wohlgeordnete Einheit, eben als „Seele“ kennt und fühlt,
+besitzt auch eine geordnete Welt als ihr +Eigentum+. Sie prägt in
+jedem wachen Lebensmomente aus dem Chaos des Sinnlichen einen Kosmos
+symbolisch gestalteter Objekte oder Phänomene -- je nachdem dieser
+Kosmos die Merkmale der Natur oder der Geschichte trägt.
+
+Diese Wirksamkeit +nennen wir Leben+. Leben ist die Verwirklichung des
+innerlich Möglichen. Jede Seele, die einer Kultur, eines Volkes, eines
+Standes so gut wie die eines Einzelnen, hat vom Augenblick ihrer Geburt
+in der Welt des Werdens und Schicksals an bis zu ihrem Erlöschen den
++einen+ rastlosen Drang, sich völlig zu verwirklichen, sich +ihre+
+Welt als volle Summe ihres Ausdrucks zu bilden, das, was ich das
+Fremde nannte, zu einer bedeutungsvollen Einheit auszuprägen, es durch
+begrenzte und gewordne Form zu bannen und +sich+ anzueignen. Eine
+vollendete Welt ist die Ausstrahlung, ist der Sieg einer Seele über die
+fremden Mächte.
+
+Es liegt ein und dasselbe Ereignis vor, wenn in einem Momente der
+frühesten Kindheit wie mit einem Zauberschlage das Innenleben erwacht,
+die Seele sich ihrer selbst bewußt wird, und wenn in einer mit
+formloser Menschheit erfüllten Landschaft mit rätselhafter Vehemenz
+eine große Kultur ins Dasein tritt. Von hier an beginnt die Vollendung
+eines Lebens im höheren Sinne, man darf sagen die Erfüllung eines
+vorbestimmten Schicksals. Eine Idee will verwirklicht werden und sie
+wird es im Bilde einer Welt; die reine Natur, die reine Geschichte oder
+eine der unzähligen Mischungen beider Weltformen sind nur mögliche
+Arten, die Gesamtheit des Ausdrucks zu ordnen.
+
+
+2
+
+Es wird hier nicht davon die Rede sein, was eine Welt ist, sondern
+was sie bedeutet. Physiognomik, nicht Systematik ist die Aufgabe.
+Die Wirklichkeit -- man kann sagen die Welt in bezug auf eine Seele
+-- ist für jeden einzelnen Menschen und jede einzelne Kultur die
+Projektion des Gerichteten in den Bereich des Ausgedehnten; sie ist
+eine Inkarnation des innern Seins und Wesens, das Eigne, das sich am
+Fremden reflektiert; sie +bedeutet ihn selbst+. Durch einen ebenso
+schöpferischen als unbewußten Akt -- nicht „ich“ verwirkliche das
+Mögliche, sondern „es“ verwirklicht sich durch mich als empirische
+Person -- entsteht plötzlich und mit vollkommenster Notwendigkeit
+aus der Totalität sinnlicher und gedächtnismäßiger Elemente „+die+“
+Welt, für mich die +einzige+. Es ist die Notwendigkeit des Schicksals,
+nicht der Kausalität, die über dem So-Sein der Seele und mithin ihrer
+Verwirklichung im Gewordnen waltet.
+
+Und deshalb gibt es so viele Welten als es Menschen und Kulturen
+gibt, und im Dasein jedes einzelnen ist die vermeintlich einzige,
+selbständige und ewige Welt -- die jeder mit dem andern gemein zu haben
+glaubt -- ein immer neues, einmaliges, nie sich wiederholendes Erlebnis.
+
+Unterscheiden wir wieder zwischen Erleben und Erlebtem, Erkennen
+und Erkanntem. Die +Akte+ sind einmalig und schicksalhaft; erst das
+vollendete Resultat trägt das Merkmal der mechanischen +Identität+
+durch eine Vielheit lebendiger Akte hindurch.
+
+Erst im stets erneuerten und doch verharrenden Welt+bilde+ -- einem
+Wasserfall, der im flüchtigsten Vorübergang der Tropfen in der Ruhe
+seiner Erscheinung verweilt -- ist die Sonne täglich und immer dieselbe
+und das bewußte Leben ein Ganzes durch die Folge aller Augenblicke
+hindurch. Die Identität des Vollendeten liegt in gleicher Weise der
+extremen Gegenständlichkeit -- „Natur“ -- wie dem reinen Phänomen --
+„Geschichte“ -- zugrunde. Sie ist die Vorbedingung aller Symbolik, die
+ohne eine gewisse +Dauer+ der Bedeutung nicht bestehen kann.
+
+Eine Skala sich steigernder Bewußtheit führt von den Uranfängen
+kindlich-dumpfen Schauens, in denen es noch keine klare Welt für
+eine Seele und keine ihrer selbst gewisse Seele inmitten einer Welt
+gibt, zu den höchsten Graden durchgeistigter Zustände, deren nur
+Menschen ganz reifer Zivilisationen -- nicht Kulturen -- fähig sind,
+dem Bewußtsein als Polarität von exaktem Verstand und vollkommen
+mechanischer Erfahrungswelt. Diese Steigerung ist zugleich eine
+Entwicklung der Symbolik. Nicht nur wenn ich in der Art des Kindes,
+des Träumers, des Künstlers die Welt hinnehme; nicht nur, wenn ich
+wach bin, ohne sie mit der gespannten Aufmerksamkeit des denkenden
+und tätigen Menschen aus einer gewissen Perspektive aufzufassen --
+ein Zustand, der selbst im Bewußtsein des eigentlichen Denkers und
+Tatmenschen weit seltener herrscht als man glaubt --, sondern stets und
+immer, solange von Bewußtsein, d. h. von Leben überhaupt die Rede sein
+kann, verleihe ich dem Außer-mir den Gehalt meines +ganzen+ Selbst, von
+den halb träumerischen Eindrücken der Welthaftigkeit bis zur starren
+Welt der kausalen Gesetze und Zahlen, die jene überlagert und bindet.
+Aber selbst dem Reich der Zahlen fehlt das Persönliche nicht. Es gibt
+sehr allgemeine Züge in diesen rein mechanischen Formenwelten; sie
+können das Bild bis zur völligen Täuschung beherrschen und man kann
+und möchte über dem Allgemeinen das Individuelle und also Symbolische
+vergessen -- vorhanden ist es immer.
+
+Dies ist die +Idee des Makrokosmos, der Wirklichkeit als des
+Inbegriffs aller Symbole in bezug auf eine Seele+. Nichts ist von
+dieser Eigenschaft des Bedeutsamen ausgenommen. Alles, was ist, ist
+auch Symbol. Von der körperlichen Erscheinung an -- Antlitz, Statur,
+Geste, Haltung von Einzelnen, von Klassen, von Völkern --, wo man es
+immer gewußt hat, bis zu den Formen des politischen, wirtschaftlichen,
+gesellschaftlichen Lebens, bis zu den vermeintlich ewigen und
+allgemeingültigen Formen der Erkenntnis, Mathematik, Physik spricht
+alles vom Wesen einer bestimmten und keiner andern Seele.
+
+Allein auf der größeren oder geringeren Verwandtschaft der einzelnen
+Welten untereinander, soweit sie von Menschen +einer+ Kultur oder
+Sphäre erlebt werden, beruht die größere oder geringere Mitteilbarkeit
+des Geschauten, Empfundenen, Erkannten, das heißt des im Stil des
+eignen Seins Gestalteten durch die Mittel der Sprache und Schrift,
+durch Begriffe, Formeln, Zeichen, die ihrerseits selbst Symbole sind.
+Zugleich erscheint hier eine ewige und bisher kaum gekannte Grenze,
+fremden Individualitäten wirkliche Mitteilungen zu machen oder deren
+Lebensäußerungen wirklich zu verstehen. Der Grad der Kongruenz der
+beiderseitigen Formenwelten entscheidet darüber, wo das Verständnis in
+Selbsttäuschung übergeht. Mit der Möglichkeit, sich in den Makrokosmos
+des andern hineinzuversetzen, ist beides zu Ende. Wir können die
+indische und ägyptische Seele -- offenbart in ihren Menschen, Sitten,
+Schriftzeichen, Ideen, Bauten, Taten -- sicherlich nur höchst
+unvollkommen imaginieren. Den Griechen, ahistorisch wie sie waren,
+war auch die geringste Ahnung vom Wesen fremden Seelentums versagt.
+Man sehe, mit welcher Naivität sie in den Göttern und Kulturen aller
+fremden Völker ihre eignen wiederfanden. Aber auch wir unterlegen, wenn
+wir bei einem antiken Philosophen das Wort χρόνος mit Zeit übersetzen
+und damit in uns einen ganzen, spezifisch faustischen Gedankenkomplex
+wachrufen, der fremden Intention das +eigne+ Weltgefühl, aus dem die
+Bedeutung unsrer Worte stammt. Wenn wir die Züge einer ägyptischen
+Statue interpretieren, nehmen wir ohne Anstand die +eigne+ innere
+Erfahrung zu Hilfe. In beiden Fällen täuschen wir uns. Daß die
+Meisterwerke der Kunst alter Kulturen für uns noch lebendig --
+„unsterblich“ also -- seien, gehört ebenfalls in den Kreis dieser
+Illusionen, die lediglich durch die Tatsache aufrecht erhalten werden,
+daß +unser+ Geist hier, zugunsten seines eignen Weltgefühls, aus einem
+tiefen Instinkt ständig mißversteht. Darauf beruht zum Beispiel die
+Wirkung der Laokoongruppe auf die Kunst der Renaissance und die des
+Sophokles auf das klassizistische Drama der Franzosen.
+
+
+3
+
+Symbole, als etwas Verwirklichtes, gehören zum Bereich des
+Ausgedehnten. Sie sind geworden, nicht werdend -- auch wenn sie ein
+Werden bezeichnen, auch wenn sie in bedeutungsvollen Gebräuchen
+oder Gesten bestehen -- mithin starr begrenzt und den Gesetzen des
+Raumes unterworfen. Es gibt +nur+ sinnlich-räumliche (stoffliche
+oder ornamentale) Symbole. Schon das Wort Form bezeichnet etwas
+Ausgedehntes. Der Sinn aller Grenzen aber ist +Vergänglichkeit+. Es
+gibt keine ewigen Symbole. Auch die überall auftauchenden Zeichen des
+Dreiecks, des Hakenkreuzes (swastika), des Ringes sind +als Symbole+
+vergänglich. Sie kommen in vielen Kulturen vor, aber sie sind jedesmal
+von andrer Bedeutung und in Hinsicht darauf jedesmal neu geschaffen
+und von begrenzter Lebensdauer. Man braucht nur die Schicksale der
+antiken Säule zu verfolgen, vom hellenischen Peripteros an, wo sie
+mittels des Architravs das Dach trägt, über die früharabische Basilika,
+wo sie einen +Innenraum+ gliedert, bis zum Renaissancebau, wo sie als
+Teilmotiv +einer Fassade eingefügt+ ist, um zu fühlen, was Umdeutung
+eines Symbols heißt, wenn eine neue Kultur es einer alten entlehnt.
+
+Das seelisch Mögliche, noch zu Vollendende, heißt Zukunft. Das
+Vollendete heißt Vergangenheit. Die +Richtung+ (+Nichtumkehrbarkeit+)
+des Lebens, durch die Worte Zeit, Schicksal, Wille in den Sprachen
+aller Völker angedeutet, verknüpft beides im Phänomen der Gegenwart,
+des augenblicklichen Bewußtseins. Die Priorität des Werdens vor dem
+Gewordnen war oft betont worden. Sobald das Werden sich vollzogen, das
+Mögliche sich verwirklicht hat, ist seine Bestimmung erfüllt. Die sich
+nähernde Zukunft wurde zur ruhenden Vergangenheit. +Sie wurde zum Raum+
+und verfiel damit dem organischen Prinzip der Kausalität. Schicksal und
+Kausalität, Zeit und Raum, Richtung und Ausdehnung verhalten sich +wie
+Leben und Tod+.
+
+Es besteht ein rätselhafter Zusammenhang zwischen dem +Raum+ und dem
++Tode+, der gerade von frühen Seelen immer tief gefühlt worden ist.
+Die religiöse Metaphysik drückt dies so aus, daß Geburt und Tod der
+Erscheinungswelt angehören oder daß mit der Verbannung der Seele in das
+Reich der (kausalen) Notwendigkeit der Tod gesetzt ist.
+
+Der Mensch ist das einzige Wesen, welches den Tod kennt. Alle
+andern sind rein werdend, von einer durchaus auf die punktförmige
+Gegenwart eingeschränkten Bewußtheit, die ihnen endlos erscheinen
+muß; sie leben, aber sie wissen nichts vom Leben wie die Kinder in
+den frühesten Jahren, wo sie die christliche Weltanschauung noch als
+„unschuldig“ betrachtet. Erst der wache Mensch besitzt außer dem
+Werden auch Gewordenes, das heißt nicht nur ein Dasein, das sich von
+einer Umwelt abhebt, sondern auch ein Gedächtnis für Erlebnisse und
+eine Erfahrung von Erkanntem. Für alle andern verläuft das Leben
+ohne Ahnung seiner Grenzen, das heißt ohne ein Wissen um Aufgabe,
+Sinn, Dauer und Ziel. Erst mit dem vollen Besitz einer räumlichen
+Wirklichkeit -- einer Welt als Ausstrahlung einer Seele -- erscheint
+auch das große Rätsel des Todes. Mit tiefer und bedeutungsvoller
+Identität knüpft sich das Erwachen des Innenlebens in einem Kinde oft
+an den Tod eines Verwandten. Es begreift +plötzlich+ den leblosen
+Leichnam, der ganz Stoff, ganz Raum geworden ist, und +zugleich+ fühlt
+es sich als einzelnes Wesen in einer endlosen, ausgedehnten Welt. „Vom
+fünfjährigen Knaben bis zu mir ist nur ein Schritt. Vom Neugeborenen
+bis zum fünfjährigen Kinde ist eine schreckliche Entfernung“, hat
+Tolstoi einmal gesagt. Hier, in diesem entscheidenden Moment des
+Daseins, wo der Mensch zum Menschen wird und seine ungeheure Einsamkeit
+im All kennen lernt, enthüllt sich die Weltangst als die +Angst vor
+dem Tode+, der Grenze, dem +Raume+. Hier liegt der Ursprung des
+höheren Denkens, das zuerst ein Nachdenken über den Tod ist. Jede
+Religion, jede Philosophie geht von hier aus. Jede große Symbolik
+heftet ihre Formensprache an den Totenkult, die Bestattungsform, den
+Schmuck des Grabes. Die ägyptische Kunst beginnt mit den Totentempeln
+der Pharaonen, die antike mit der Ornamentik der Grabvasen, die
+früharabische mit Katakomben und Sarkophagen, die abendländische
+mit den Domen, in denen das Meßopfer, die Wiederholung des Sterbens
+Christi, sich täglich vollzieht. Mit einer neuen Idee des Todes erwacht
+jede neue Kultur. Als um das Jahr 1000 der Gedanke an das Weltende sich
+im Abendland verbreitete, wurde die faustische Seele dieser Landschaft
+geboren.
+
+Der Urmensch, in tiefem Staunen über den Tod, wollte diese Welt des
+Ausgedehnten mit den unerbittlichen und stets gegenwärtigen Regeln
+ihrer Kausalität, mit ihrer dunklen Allmacht, die ihn ständig mit
+dem Ende bedrohte, mit allen Kräften seines Geistes durchdringen und
+beschwören. Dieser Akt liegt tief im Unbewußten, aber indem er Seele
+und Welt erst eigentlich schuf, trennte, gegeneinander stellte,
+bezeichnete er die Schwelle individuellen Daseins. Ichgefühl und
+Weltgefühl beginnen zu wirken und alle Kultur, innere und äußere, ist
+nur die Steigerung dieses Menschseins überhaupt. Von hier an sind alle
+Dinge nicht mehr nur Eindruck, rein animalisch, wie beim neugebornen
+Kinde, sondern auch Ausdruck. Zuerst besaßen sie allein ein Verhältnis
+zum Menschen, jetzt besitzt der Mensch auch ein Verhältnis zu ihnen.
+Sie sind Symbole seines Daseins geworden. So geht der Sinn aller
+echten -- +unbewußten und innerlich notwendigen+ -- Symbolik aus dem
+Phänomen des Todes hervor, in dem sich das Wesen des Raumes enthüllt.
+Alle Symbolik stammt aus der Furcht. Sie bedeutet eine Abwehr. Sie ist
+der Ausdruck einer tiefen Scheu im alten Doppelsinne des Wortes: ihre
+Formensprache redet zugleich von Feindschaft und Ehrfurcht.
+
++Alles Gewordne ist vergänglich.+ Vergänglich sind nicht nur Völker,
+Sprachen, Rassen, Kulturen. Es wird in wenigen Jahrhunderten keine
+westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen mehr
+geben, wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab. Nicht die
+Masse menschlicher Generationen war erloschen; die Form eines Volkes,
+die eine Anzahl von ihnen zu einer einheitlichen Gebärde zusammengefaßt
+hatte, war nicht mehr da. Der _civis Romanus_, eines der stärksten
+Symbole antiken Seins, war als Form nur von der Dauer einiger
+Jahrhunderte. Alle Kunst ist sterblich, nicht nur die einzelnen Werke,
+sondern die Künste selbst. Es wird eines Tages das letzte Bildnis
+Rembrandts und der letzte Takt Mozartscher Musik aufgehört haben zu
+sein, obwohl eine bemalte Leinwand und ein Notenblatt vielleicht übrig
+sind, weil das letzte Auge und Ohr verschwand, das ihrer Formensprache
+zugänglich war. Vergänglich ist jeder Gedanke, jedes Dogma, jede
+Wissenschaft, sobald die Seelen und Geister erloschen sind, in deren
+Welten ihre „ewigen Wahrheiten“ mit Notwendigkeit als wahr erlebt
+wurden. Vergänglich sind sogar die Sternenwelten, welche die Astronomen
+am Nil und Euphrat betrachteten, denn +unser+ -- ebenso vergängliches
+-- mit dem Auge des abendländischen Menschen gesehenes, aus +seinem+
+Gefühl herausgebildetes Weltsystem, dessen Form Kopernikus aufstellte,
+ist ein anderes.
+
+Und so läßt sich der Gedanke des Makrokosmos wieder an das Wort
+knüpfen, dem die ganze fernere Darstellung gewidmet sein soll: +Alles
+Vergängliche ist nur ein Gleichnis.+
+
+So führt diese Idee unvermerkt auf das Raumproblem, allerdings in einem
+neuen und überraschenden Sinn. Seine Lösung -- oder bescheidener, seine
+Deutung -- erscheint erst in diesem Zusammenhange möglich, so wie das
+Zeitproblem erst aus der Schicksalsidee faßlicher wurde. Es sei daran
+erinnert, daß, wie „die Zeit“ dem Gefühl der Weltsehnsucht, so der
+Raum, insofern dem Makrokosmos eine Absicht auf Bannung der fremden
+Mächte mittels der Form zugrunde liegt, dem Urgefühl der Angst nahe
+steht.
+
+„Der Raum“ ist sicherlich zunächst wie „die Welt“ ein kontinuierliches
+Erlebnis des einzelnen wachen Menschen, nicht mehr. Schon die
+Überzeugung, welche infolge der verhältnismäßigen Gleichartigkeit
+der im Einzeldasein aufeinanderfolgenden Raumerlebnisse und der
+Unmöglichkeit, sich über das Individuelle im „Raum des andern“
+sprachlich zu verständigen, vorherrscht, daß nämlich dieser
+Außenraum konstant und für alle gemeinsam und identisch sei, ist ein
+unbeweisbares Vorurteil. Das entsprechende Wort, das in allen Sprachen
+nicht nur anders klingt, sondern auch anderes bedeutet, verdeckt
+entscheidende Aufklärungen. Ist „der Raum“ ein allgemein menschliches
+Erlebnis? Oder das einer einzelnen Kultur? Oder nicht einmal das?
+
+Das eigentliche Problem im Phänomen des Ausgedehnten knüpft sich an das
+Wesen der +Tiefe+ -- der +Ferne+ oder +Entfernung+ -- deren abstraktes
+Schema im System der Mathematik neben Länge und Breite als „+dritte
+Dimension+“ bezeichnet wird. Diese Dreizahl koordinierter Faktoren ist
+von vornherein irreführend. Ohne Zweifel sind im räumlichen Eindruck
+diese Elemente +nicht+ gleichwertig, geschweige denn gleichartig.
+„Länge und Breite“, sicherlich als Erlebnis eine +Einheit+, keine
+Summation, sind, mit Vorsicht gesagt, Form der Empfindung. Sie
+repräsentieren den urmenschlichen, rein sinnlichen Eindruck. Die
+Tiefe repräsentiert den +Ausdruck+; mit ihr beginnt die „Welt“. Diese
+der Mathematik selbstverständlich ganz fremde Unterscheidung in der
+Bewertung der dritten Dimension gegenüber den sogenannten beiden
+andern liegt auch in der Gegenüberstellung der Begriffe Empfindung
+und Anschauung. Die Dehnung in die Tiefe verwandelt die erste in die
+letzte. Erst die Tiefe ist die +eigentliche+ Dimension im wörtlichen
+Sinne, das +Ausdehnende+. In ihr ist der Geist aktiv, in den andern
+streng passiv. Es ist der +symbolische Gehalt einer Ordnung+, und
+zwar im Sinne einer einzelnen Kultur, der sich zutiefst in diesem
+ursprünglichen und nicht weiter analysierbaren Element ausspricht.
+Das Erlebnis der Tiefe ist -- von dieser Einsicht hängt alles Weitere
+ab -- und und ebenso vollkommen unbewußter und notwendiger als
+vollkommen schöpferischer Akt, durch den das Ich seine Welt, ich möchte
+sagen zudiktiert erhält. Er schafft aus dem Chaos von Empfindungen
+eine formvolle Einheit, etwas +Gewordnes+, das nunmehr von Gesetzen
+beherrscht, dem Kausalprinzip unterworfen und mithin, als Abbild eines
+Seelentums, +vergänglich+ ist.
+
+Es besteht kein Zweifel, obwohl der durch theoretisches Selbstgefühl
+voreingenommene Verstand sich dagegen auflehnt, daß das Phänomen
+der Dehnung unendlicher Variation fähig ist, nicht nur ein anderes
+beim Kind und Manne, beim Naturmenschen und Städter, Chinesen und
+Römer, sondern in jedem einzelnen, je nachdem er nachdenklich oder
+aufmerksam, tätig oder ruhend seine Welt erlebt. Jeder Künstler hat
+noch „+die+“ Natur durch Farbe und Linie wiedergegeben. Jeder Physiker,
+der griechische, arabische, germanische hat „+die+“ Natur in letzte
+Elemente zergliedert -- warum fanden sie nicht alle dasselbe? Weil
+jeder seine eigene Natur hat, obwohl jeder sie mit einer Naivität,
+die seinen Lebensgehalt rettet, die +ihn+ rettet, mit dem andern
+gemeinsam zu haben glaubt. Natur ist ein Erlebnis, das durch und durch
+mit persönlichstem Gehalt gesättigt ist. Natur ist eine Funktion der
+jeweiligen Kultur. Und man braucht nur Zeitgenossen wie Holbein,
+Dürer und Grünewald hinsichtlich ihrer Behandlung des Bildraums zu
+vergleichen, um zu fühlen, daß das Erlebnis der Tiefe, „der Raum“, also
+die ganze Natur selbst für sie etwas sehr Verschiedenes ist.
+
+Nun hat Kant die große Frage, ob dies Element a priori vorhanden
+oder durch Erfahrung erworben ist, durch seine berühmte Formel zu
+entscheiden geglaubt, daß der Raum die allen Welteindrücken zugrunde
+liegende +Form der Anschauung+ sei. Aber die „Welt“ des Urmenschen,
+des Kindes und des Träumers besitzt dies Element unzweifelhaft in
+chaotischer, schwankender, unentschiedner Art und erst das höhere
+Seelentum formt das Chaotische zur geordneten Welt, gibt also dem
+Element der Tiefe eine eindeutige, symbolisch bestimmte Fassung. Es ist
+keine Frage, daß der Raum, wie ihn Kant mit unbedingter Gewißheit um
+sich sah, als er über seine Theorie nachdachte, für seine Vorfahren zur
+Karolingerzeit auch nicht annähernd in dieser exakten Gestalt vorhanden
+war. Gehen wir noch weiter. Kants Größe beruht auf der Konzeption des
+Begriffes einer Form „a priori“, aber nicht auf der Anwendung, die er
+ihm gab. Daß die Zeit keine Form der Anschauung ist, daß sie überhaupt
+keine „Form“ ist -- es gibt nur extensive Formen -- und offensichtlich
+nur als Pendant zum Raume so definiert wurde, sahen wir schon. Es ist
+aber nicht nur die Frage, ob gerade das Wort Raum den formalen Gehalt
+im Angeschauten genau deckt; es ist auch eine Tatsache, daß die Form
+der Anschauung sich mit dem +Grade der Entfernung ändert+: Jedes
+entfernte Gebirge wird als reine Fläche -- Kulisse -- „angeschaut“.
+Niemand wird behaupten, daß er die Mondscheibe körperhaft sehe. Der
+Mond ist für das Auge eine absolute Fläche und erst durch das Fernrohr
+stark vergrößert -- also künstlich angenähert -- erhält er mehr und
+mehr räumliche Beschaffenheit. Augenscheinlich ist die Form der
+Anschauung also eine Funktion der Distanz. Es tritt eine unvermerkte,
+aber für den zivilisierten Menschen sehr stark wirksame Abstraktion
+hinzu, die über den veränderlichen Charakter dieser Eindrücke täuscht.
+Kant hat sich täuschen lassen. Er hätte zwischen Formen der Anschauung
+und des Verstandes gar nicht scheiden dürfen, denn sein Begriff Raum
+umfaßt bereits beides. Sein Gedanke, daß die unbedingte anschauliche
+Gewißheit einfacher geometrischer Tatsachen die Apriorität des exakten
+Raumes beweise, beruht auf der schon erwähnten allzu populären Ansicht,
+daß Mathematik entweder Geometrie oder Arithmetik -- Konstruktion oder
+Rechnen -- sei.
+
+Nun war schon damals die Mathematik des Abendlandes weit
+über dieses naive -- der Antike nachgesprochene -- Schema
+hinausgegangen. Wenn die Geometrie statt „des Raumes“ mehrfach
+unendliche Zahlenmannigfaltigkeiten zugrunde legt, unter denen die
+dreidimensionale ein an sich nicht ausgezeichneter Einzelfall ist, und
+innerhalb dieser höchst transzendenten Gruppen funktionale Gebilde
+hinsichtlich ihrer Struktur untersucht, so hat jede überhaupt mögliche
+Art von sinnlicher Anschauung aufgehört, sich formal mit mathematischen
+Tatsachen im Gebiete solcher Extensionen zu berühren, ohne daß die
+Evidenz der letzteren dadurch herabgesetzt worden wäre. Die Mathematik
+ist von der Form des Angeschauten ganz unabhängig. Es ist nun die
+Frage, wie viel von der gerühmten Evidenz der Anschauungsformen,
+die doch im Gegensatz zur Mathematik an die vitalen Bedingungen des
+Sehsinnes gebunden sind, für sich übrig bleibt, sobald die künstliche
+Übereinanderschichtung beider in einer vermeintlichen Erfahrung erkannt
+worden ist.
+
+Wie Kant sich das Zeitproblem dadurch verdarb, daß er es zu der
+in ihrem Wesen mißverstandenen Arithmetik in Beziehung brachte
+und also von einem Zeitphantom redete, dem die lebendige Richtung
+fehlte, das also nur noch ein dimensionales, räumliches Schema war,
+so verdarb er sich das Raumproblem durch seine Beziehung auf eine
+Allerweltsgeometrie. Der Zufall hat es gewollt, daß wenige Jahre nach
+der Vollendung seines Hauptwerkes Gauß die erste der nichteuklidischen
+Geometrien entdeckte, durch deren in sich widerspruchslose Existenz
+bewiesen wurde, daß es +mehrere+ Arten streng mathematischer Struktur
+der dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich „a priori
+gewiß“ sind, ohne daß es möglich wäre, +eine+ von ihnen als die
+eigentliche „Form der Anschauung“ herauszuheben.
+
+Es war ein schwerer und für einen Zeitgenossen Eulers und Lagranges
+unverzeihlicher Irrtum, die antike Schulgeometrie, denn an sie hat
+Kant immer gedacht, in den Formen der erlebten Natur abgebildet finden
+zu wollen. In den Augenblicken, wo wir die Natur daraufhin aufmerksam
+beobachten, ist in der Nähe des Beobachters und bei hinreichend
+kleinen Verhältnissen eine annähernde Übereinstimmung zwischen dem
+optischen Eindruck und den Prinzipien der gewöhnlichen euklidischen
+Geometrie sicherlich vorhanden. Die von der Philosophie behauptete
+absolute Übereinstimmung läßt sich aber weder durch den Augenschein
+noch durch Meßinstrumente nachweisen. Beide können eine gewisse,
+für die praktische Entscheidung über die Frage z. B., welche der
+nichteuklidischen Geometrien die des empirischen Raumes sei, bei weitem
+nicht ausreichende Grenze der Genauigkeit niemals überschreiten.[53]
+Bei großen Maßstäben und Entfernungen, wo das Tiefenerlebnis das
+Anschauungsbild völlig beherrscht -- vor einer weiten Landschaft
+etwa statt vor einer Zeichnung -- widerspricht die Anschauungsform
+der Mathematik gründlich. Die Fixsterne erscheinen dem Auge an einer
+andern Stelle des betrachteten Raumes, als die ist, welche sie im
+theoretisch-astronomischen Raume nach mathematischer Feststellung
+einnehmen.[54] Wir sehen in jeder Allee, daß Parallelen sich am
+Horizonte berühren. Die Perspektive der abendländischen Ölmalerei,
+deren tiefer Zusammenhang mit den Grundproblemen der gleichzeitigen
+Mathematik hier deutlich fühlbar wird, beruht auf dieser Tatsache, und
+ihre schwer aufzufindenden Grundlagen, die von Brunellesco vielfach
+verfehlt wurden, beweisen, daß die Geometrie sie durchaus nicht ohne
+weiteres hergibt, wie es nach Kants Lehre von ihrer Koinzidenz mit
+der Anschauung der Fall sein müßte. Die Anschauungsform ist von der
+Mathematik unabhängig. Aber der lebensfremde Verstand, stolz auf
+seine abstrakt-geometrische Intuition, sagt nein dazu und der echte
+Theoretiker, wie eben Kant, weiß niemals, was er wirklich gesehen hat.
+
+Kant hat bei seiner Betrachtungsweise, einer angestrengten, auf
+das Ziel einer abstrakten Theorie gerichteten Beobachtung, all die
+Momente unwillkürlicher, halb bewußter Anschauung, welche das Leben
+eigentlich erst ganz erfüllen, beiseite gelassen. In ihnen ist die
+„Form“ nichts weniger als streng zahlenmäßig und gleichförmig und
+durch den kahlen Begriff des Raumes von drei Dimensionen nicht
+annähernd wiederzugeben. Das unmittelbar gewisse Tiefenerlebnis in der
+unermeßlichen Fülle seiner Nuancen entzieht sich jeder theoretischen
+Bestimmung. Die gesamte Lyrik und Musik, die gesamte ägyptische,
+chinesische, abendländische Malerei widersprechen laut der Hypothese
+einer konstanten mathematischen Struktur des erlebten und gesehenen
+Raumes und nur, weil kein neuerer Philosoph von Malerei das geringste
+verstanden hat, konnte ihnen diese Widerlegung unbekannt bleiben. Der
++Horizont+ z. B., in dem und durch den jedes Gesichtsbild +allmählich
+in einen Flächenabschluß übergeht+ -- denn auch die Tiefe ist geworden
+und also begrenzt -- ist durch keine Art von Mathematik zu behandeln.
+Jeder Pinselstrich eines Landschaftsmalers widerlegt die Behauptungen
+der Erkenntnistheorie.
+
+Die „drei Dimensionen“ besitzen als abstrakte mathematische
+Einheiten keine natürliche Grenze. Man verwechselt das mit Fläche
+und Tiefe des erlebten optischen Eindrucks und so setzt sich der
+eine erkenntnistheoretische Irrtum in den andern fort, daß auch die
+angeschaute Ausgedehntheit unbegrenzt sei, obwohl unser Blick nur
+belichtete Raumfragmente umfaßt, deren Grenze eben die jeweilige
+Lichtgrenze bildet, sollte es auch der Fixsternhimmel oder die
+atmosphärische Helligkeit sein. Die „gesehene Welt“ ist tatsächlich die
+Summe von +Lichtwiderständen+, weil das Sehen an das Vorhandensein von
+reflektiertem Licht gebunden ist. Die Griechen blieben, als plastisch
+angelegte Naturen, auch dabei stehen. Nur das abendländische Weltgefühl
+stellte als Symbol und inneres Postulat des Lebens die +Idee+ eines
+grenzenlosen Weltraumes auf mit unendlichen Fixsternensystemen und
+Entfernungen, die weit über jede optische Vorstellbarkeit hinausgehen
+-- eine Schöpfung des +innern+ Blickes, die sich jeder Verwirklichung
+durch das Auge entzieht und Menschen anders fühlender Kulturen selbst
+als Idee fremd und unvollziehbar bleibt.
+
+
+4
+
+Das Ergebnis der Gaußschen Entdeckung, welche das Wesen der modernen
+Mathematik +überhaupt+ änderte,[55] war also nicht nur der Nachweis,
+daß es mehrere gleich richtige Geometrien der dreidimensionalen
+Ausgedehntheit gibt, von denen der Geist eine wählt, weil er an
+sie +glaubt+, sondern der, daß „der Raum“ überhaupt nicht mehr
+ein einfaches Faktum ist. Es gibt +mehrere+ Arten exakter, streng
+wissenschaftlicher Räumlichkeit von drei Dimensionen und die Frage,
+welche von ihnen der wirklichen Anschauung entspricht, beweist,
+daß man das Problem gar nicht versteht. Die Mathematik beschäftigt
+sich, gleichviel ob sie sich anschaulicher Bilder und Vorstellungen
+als +Handhaben+ bedient oder nicht, mit völlig abstrakten Systemen,
+Formenwelten von Zahlen, und ihre Evidenz ist identisch mit der
+diesen Formenwelten immanenten kausalen Logik. Sie sind Abbilder der
++Verstandesformen+ und mithin in jeder Kultur von anderem Stil. Darauf
+beruht ihre exakte Anwendbarkeit auf die verstandesmäßig rezipierte,
+mechanische, +tote+ Natur der Physik, die ihrerseits ebenfalls ein
+Abbild der Geistesform, nur von anderer Ordnung ist. Neben der Mehrheit
+variabler Anschauungsgebilde steht also auch eine Mehrheit von starr
+mathematischen Raumwelten, die ihre eignen Rätsel hat, und unter dem
+gemeinsamen Worte Raum hat sich nur allzulange die Tatsache verborgen,
+daß alle vermutete Konstanz und Identität ein Irrtum ist.
+
+Damit ist die Illusion des einen, bleibenden, alle Menschen
+umgebenden Raumes, über den man sich begrifflich restlos verständigen
+könnte, zerstört, ob man ihn nun als den absoluten Weltraum Newtons
+ansprechen will, +in+ dem sich alle Dinge befinden, oder als
+Kants unveränderliche, allen Menschen aller Zeiten gemeinsame Form
+der Anschauung, welche alle Dinge erst +schafft+. So gut jede
+persönliche „Welt“ im Strome des historischen Werdens ein nie
+vergehendes und nie sich wiederholendes Erlebnis ist, so gut ist
+es jeder einem lebenden Menschen angehörende Raum. Und zwar liegt
++alle+ Ausdruckskraft der einzelnen Seele, die ihre Welt gestalten
+will, im begreifenden Erlebnis der +Tiefe+ oder +Entfernung+,
+durch das die sinnliche Fläche -- das Chaos -- erst Raum, +der Raum
+dieser Seele wird+.
+
+Damit ist die Trennung der lebendigen Anschauung von der mathematischen
+Formensprache vollzogen, und das Geheimnis der +Raumwerdung+ tut
+sich auf.
+
+Wie das Werden dem Gewordenen, die ewig lebende Geschichte der
+vollendeten und toten Natur zugrunde liegt, das Organische dem
+Mechanischen, das Schicksal dem kausalen Gesetz, dem objektiv
+Gesetzten, so ist die +Richtung der Ursprung der Ausdehnung. Das
+mit dem Worte Zeit berührte Geheimnis des sich vollendenden Lebens
+bildet die Grundlage dessen, was als vollendet durch das Wort Raum
+weniger verstanden als für ein inneres Gefühl angedeutet wird.+
+Jede wirkliche Ausgedehntheit, wirklich, insofern sie ein vollzogenes
+Erlebnis repräsentiert, ist eben durch das Erlebnis der Tiefe erst
+vollzogen worden; und eben jene Richtung, Dehnung in die Tiefe und
+Ferne -- für das Auge, das Gefühl, das Denken -- der Schritt von der
+sinnlich chaotischen Fläche zum kosmisch geordneten Weltbilde mit
+der geheimnisvoll in ihr sich andeutenden Bewegtheit ist das, was
+rein werdend durch das Wort Zeit bezeichnet wird. Der Mensch fühlt
+sich, und das ist der Zustand des wirklichen Wachseins, in einer ihn
+rings umgebenden Ausgedehntheit. Man braucht diesen Ureindruck des
+Weltmäßigen nur zu verfolgen, um festzustellen, daß es tatsächlich
+nur +eine+ wahre Dimension des Raumes gibt, die +Richtung+
+nämlich von sich aus in die Ferne und daß das abstrakte System dreier
+Dimensionen eine mechanische Vorstellung, keine Tatsache des Lebens
+ist. Das Tiefenerlebnis, die Richtung in die Ferne, +dehnt+ die
+Empfindung zur Welt. Das Gerichtetsein des Lebens war mit Bedeutung
+als +Nichtumkehrbarkeit+ bezeichnet worden und ein Rest dieses
+entscheidenden Merkmals der Zeit liegt in dem Zwang, auch die Tiefe der
+Welt stets von sich aus, nie vom Horizont aus zu sich hin empfinden zu
+können.
+
+Wenn man, mit einiger Vorsicht, die Geistesform der Kausalität als
++erstarrtes Schicksal+ bezeichnet, so darf die Raumtiefe, die
+Grundlage der Weltform, als +erstarrte Zeit+ bezeichnet werden.
+Denn Räume gibt es nur für lebendige Menschen. Mit der Seele ist
+auch die Welt zu Ende. Ich hatte nicht umsonst zwischen Erkennen und
+Erkanntem, dem lebendigen Akt und seinem toten Resultat unterschieden.
+Damit erst wird das Wesen des Raumes zugänglich.
+
+Hätte Kant sich ein wenig schärfer gefaßt, so hätte er statt von
+„zwei Formen der Anschauung“ zu reden, die Zeit die +Form des
+Anschauens+, den Raum die +Form des Angeschauten+ genannt,
+und dann wäre ihm ein Licht aufgegangen. Wie das Leben zum Tode,
+das Anschauen zum Angeschauten führt, so führt die schicksalhafte,
+gerichtete Zeit zur räumlichen Tiefe. Es liegt hier ein Mysterium
+vor, ein Urphänomen, das sich begrifflich nicht zerlegen läßt und
+das man hinzunehmen hat; aber +ahnen+ läßt sich sein Sinn.
+Der Physiker, Mathematiker, Erkenntnistheoretiker kennt nur den
++gewordenen+ Raum, das Gegenbild der starren Geistesform.
++Hier+ aber ist angedeutet, wie der Raum +wird+. Der Raum,
+in all den verschiedenen Arten, in denen er sich für das einzelne
+Selbst verwirklicht, über die einander ganz zu verständigen eine ewige
+Unmöglichkeit ist, muß Zeichen und Ausdruck des Lebens selbst sein,
++das ursprünglichste und mächtigste seiner Symbole+.
+
+Das Gefühl davon soll vielleicht die gewagte Formel: „Der Raum ist
+zeitlos“ ausdrücken. Er ist geworden; er steht damit, daß er +ist+,
+ein Stück erstorbener Zeit, außerhalb des Zeitphänomens. Wir deuten --
+oder das Leben deutet in uns, durch uns -- mit unbedingter, wahlloser
+Notwendigkeit +jedes+ Moment der Tiefe. Von freiem Willen ist nicht
+mehr die Rede. Man denke an ein verkehrt gehängtes Bild, das als bloße
+Farbfläche wirkt und beim Umdrehen plötzlich ein Erlebnis der Tiefe
+hervorruft. In diesem Augenblick erfolgt mit schöpferischer Gewalt der
+Akt der Raumwerdung und dieser Augenblick, wo das gestaltlose Chaos
+gestaltete +Wirklichkeit+ wird, könnte, wenn man ihn +ganz+ verstünde,
+die ungeheure Einsamkeit des Menschen enthüllen, von denen jeder dieses
+Bild, diese erst jetzt zum Bilde gewordene Fläche, +für sich+ besitzt.
+Denn hier empfindet der antike Mensch mit apriorischer Gewißheit das
++Körperliche+, +wir+ das unendlich +Räumliche+, der Inder, der Ägypter
+wieder andere Arten von Form als das +Ideal+ des Ausgedehnten. Worte
+reichen nicht aus, um die ganze Vehemenz dieser Unterschiede zu fassen,
+die das Weltgefühl der einzelnen Arten höheren Menschentums für immer
+trennen, aber die bildenden Künste aller Kulturen, deren Substanz die
+Weltform ist, enthüllen sie.
+
+Diese wahllose Deutung der Tiefe, die mit der Wucht eines elementaren
+Ereignisses das wache Bewußtsein beherrscht, ist es, welche
++zugleich mit dem Erwachen des Innenlebens+ beim einzelnen
+Menschen die Grenze von Kind und Knabe bezeichnet. Das Erlebnis der
+Tiefe ist es, welches dem Kinde fehlt, das nach dem Monde greift, das
+noch keine sinnvolle Außenwelt besitzt und gleich der urmenschlichen
+Seele in traumhafter Verbundenheit mit allem Empfindungshaften
+hindämmert. Nicht als ob ein Kind keine extensive Erfahrung einfachster
+Art hätte; aber das +Weltbewußtsein+ ist nicht da, die große
++Einheit des Erlebens+ in einer Welt. Und dieses Bewußtsein
+gestaltet sich in einem hellenischen Kinde anders als in einem
+indischen oder abendländischen. Mit ihm gehört es einer bestimmten
+Kultur an, deren Glieder ein gemeinsames +Weltgefühl+ und aus
+ihm eine gemeinsame Weltform besitzen. Eine tiefe Identität verknüpft
+beide Akte: Das Erwachen der +Seele+ (des Innenlebens), ihre
+Geburt zum hellen Dasein im Namen einer Kultur, und das plötzliche
+Begreifen von Ferne und Tiefe, die +Geburt der Außenwelt+ durch
+das Symbol der Ausgedehntheit, einer nur dieser einen Seele zugehörigen
+Raumart, die von nun an das +Ursymbol dieses Lebens+ bleibt und
+ihm seinen Stil, die Gestalt seiner Geschichte als der fortschreitenden
+extensiven Verwirklichung intensiver Möglichkeiten gibt. Hier löst
+sich eine alte philosophische Frage in nichts auf: +Angeboren+
+ist diese Urgestalt der Welt, insofern sie ursprüngliches Eigentum
+des Seelentums (der Kultur) ist, dessen Ausdruck wir selbst durch
+die ganze Erscheinung unsres Einzeldaseins sind; +erworben+
+ist sie, insofern jede einzelne Seele jenen Schöpfungsakt für sich
+noch einmal wiederholt und das ihrem Dasein vorbestimmte Symbol der
+Tiefe in früher Kindheit, wie ein ausschlüpfender Schmetterling
+seine Flügel, entfaltet. Das erste Begreifen der Tiefe ist ein
++Geburtsakt+, ein seelischer neben dem leiblichen. Mit ihm wird
+eine Kultur aus ihrer Mutterlandschaft geboren, denn die plötzliche
+Erscheinung der dorischen, arabischen, gotischen Raumsymbolik verrät
+das Dasein einer +neuen Seele+. Es entspricht dies im tiefsten
+dem griechischen Mythus der Gaia und dem dunklen Gefühl früher Völker,
+wenn sie ihre Toten in Hockergräbern (in Form des Embryo) der Mutter
+Erde zurückerstatten. Diese Geburt der ganzen Kultur wird innerhalb
+ihres Kreises von jeder einzelnen Seele wiederholt. +Dies+
+nannte Plato, der an einen hellenischen Urglauben anknüpfte, die
++Anamnesis+. Die unbedingte Bestimmtheit der Weltform, die im
+Seelischen +plötzlich da ist+, wird aus dem Werden gedeutet,
+während Kant, der Systematiker, mit seinem Begriff der apriorischen
+Form bei der Deutung +desselben+ Phänomens vom toten Resultat,
+nicht vom lebendigen Akt ausgeht.
+
+Die Art der Ausgedehntheit soll von nun an das +Ursymbol einer Kultur+
+genannt werden. Die gesamte Formensprache ihrer Wirklichkeit, ihre
+Physiognomie im Unterschiede von der jeder andern Kultur und vor allem
+von der physiognomielosen Umwelt des primitiven Menschen ist aus
+ihr abzuleiten. Wie es eine Welt nur in bezug auf eine Seele gibt,
+als deren Abbild und Gegenpol im Bewußtsein, wie das Erwachen des
+Innenlebens mit einer spontanen und notwendigen Tiefendeutung von ganz
+bestimmtem Typus zusammenfällt, so gibt es +Etwas+, das als Formideal
+jedem einzelnen Symbol einer Kultur zugrunde liegt.
+
+Aber das Ursymbol selbst ist nicht realisierbar, auch nicht in
+Definitionen. Es ist im Formgefühl jedes Menschen und jeder Zeit
+wirksam und diktiert ihnen den Stil sämtlicher Lebensäußerungen. Es
+liegt in der Staatsform, in den religiösen Dogmen und Kulten, den
+Formen der Malerei, Musik und Plastik, dem Vers, den Grundbegriffen der
+Physik und Ethik, aber es wird nicht durch sie dargestellt. Folglich
+ist es auch durch Worte nicht exakt darstellbar, denn Sprache und
+Erkenntnisformen sind selbst +abgeleitete+ Symbole. Goethe und Plato
+haben es -- wiewohl nicht genau in diesem Sinne -- „die Idee“ genannt,
+die im Wirklichen unmittelbar angeschaut, aber als eine ewige und
+unerreichbare Möglichkeit niemals +erkannt+ wird. Kant und Aristoteles
+haben es, mit einem für den Systematiker beinahe notwendigen Irrtum, im
+Erkenntnisakt begrifflich isolieren wollen.
+
+Wenn das Ursymbol der antiken Seele, der antiken +Welt+ fortan als
+der stoffliche Einzelkörper, das der abendländischen als der reine,
+unendliche Raum bezeichnet wird, so darf nie übersehen werden, daß
+Begriffe das nie zu Begreifende nicht darstellen, daß sie nur ein
+Gefühl des Verstehens wecken können. Auch die mathematische +Zahl+,
+an welcher der Unterschied in der Formensprache der einzelnen
+Kulturen zuerst festgestellt wurde und aus der Kant die Qualität der
+Tiefendeutung abzuleiten suchte, ist +nicht+ das Ursymbol selbst. Die
+Zahl als das Grenzprinzip der Ausdehnung setzt das Tiefenerlebnis schon
+voraus und wenn das klassische Grenzproblem der Antike die Quadratur
+des Kreises, d. h. die Rückführung krummlinig begrenzter Flächen auf
+meßbare Größen, das klassische Problem unsrer Mathematik aber die
+Definition des Grenzwertes in der Infinitesimalrechnung ist, so verrät
+sich darin der Unterschied zweier Ursymbole mit voller Deutlichkeit,
+aber keines von beiden ist das unmittelbare +Objekt+ dieser Probleme.
+
+Der reine grenzenlose Raum ist das Ideal, welches die abendländische
+Seele immer wieder in ihrer Umwelt +gesucht+ hat. Sie wollte es in
+ihr unmittelbar verwirklicht sehen und dies erst gibt den unzähligen
+Raumtheorien der letzten Jahrhunderte ihre tiefe Bedeutung als
+Symptomen eines Weltgefühls, jenseits aller vermeintlichen Resultate.
+Ihre gemeinsame Tendenz läßt sich so ausdrücken: Es gibt +Etwas+,
+das notwendig gestaltend den Welterlebnissen jedes Einzelnen
+zugrunde liegt. Alle haben, Kant mehr oder weniger ähnlich, dieses
+begrifflich überhaupt unbestimmbare, sicherlich höchst variable Etwas
+dem mathematischen Raumbegriff genau zugeordnet und ohne weiteres
+vorausgesetzt, daß eine These dieser Art für +alle+ Menschen gültig
+sei. Was bedeutet das +Pathos+ dieser Behauptung? Kaum ein andres
+Problem ist so ernsthaft durchdacht worden, und fast hätte man glauben
+sollen, es hinge jede andre Weltfrage von dieser einen nach dem Wesen
+des Raumes ab. Und ist es nicht in der Tat so? Warum hat denn niemand
+bemerkt, daß die gesamte Antike kein Wort darüber verlor, ja daß sie
+nicht einmal das Wort besaß, um das Problem genau umschreiben zu
+können? Warum schwiegen die großen Vorsokratiker? Übersahen sie etwa in
+ihrer Welt gerade das, was uns als das Rätsel aller Rätsel erscheint?
+Hätten wir nicht längst einsehen sollen, daß in diesem Schweigen
+gerade die Lösung lag? Wie kommt es, daß +unserm+ tiefsten Gefühl nach
+„die Welt“ nichts anderes ist als jener durch das Tiefenerlebnis ganz
+eigentlich geborne +Weltraum+, dessen reine, erhabene Leere durch die
+in ihm verlornen Fixsternsysteme nur bestätigt wird. Hätte man +dies+
+Gefühl einer Welt einem Athener, Plato etwa, begreiflich machen können?
+Und hätte die griechische Sprache, in deren Grammatik und Wortschatz
+sich doch das antike Tiefenerlebnis ganz unverkennbar spiegelt, dies
+erlaubt? Man entdeckt plötzlich, daß dies „ewige Problem“, das Kant
+im Namen der Menschheit mit der Leidenschaft eines symbolischen Aktes
+behandelte, ein +rein+ abendländisches ist und im Geiste der andern
+Kulturen gar nicht existiert.
+
+Was war es denn, was dem antiken Menschen, dessen Blick in +seine+
+Umwelt sicher ebenso klar war, als das Urproblem des gesamten
+Seins erschien? Das der ἀρχή, des stofflichen Ursprungs der
+sinnlich-greifbaren Dinge. Begreift man dies, so wird man dem Sinn
+der Tatsache nahe kommen -- nicht des Raumes, sondern der Frage,
+weshalb das Raumproblem mit schicksalhafter Notwendigkeit das der
+abendländischen Seele und dieser allein werden mußte. Die Zahlenwelten,
+wie sie sich innerhalb beider Kulturen entfaltet haben, machen
+dies völlig deutlich. Die antike Seele gestaltete das Gewordene zu
+einer geordneten Welt sinnlich meßbarer +Größen+. Das liegt, bisher
+unerkannt, in dem berühmten Parallelenaxiom Euklids,[56] dem einzigen
+der antiken mathematischen Sätze, der unbewiesen blieb und der, wie wir
+heute wissen, unbeweisbar ist. Gerade +das+ aber macht ihn zum Dogma
+gegenüber aller apriorischen Erfahrung und +damit zum metaphysischen
+Mittelpunkt+, zum +Träger+ jenes geometrischen Systems. Alles andre,
+Axiome wie Postulate, ist nur Vorbereitung oder Folge. Dieser einzige
+Satz ist für den antiken Geist notwendig und allgemein gültig -- und
++doch+ nicht ableitbar. Was bedeutet das?
+
+Daß er ein +Symbol+ ersten Ranges ist. Er repräsentiert das So-Sein,
+die vorbestimmte Struktur der antiken Außenwelt, das Ideal ihrer
+Ausgedehntheit. Gerade dies theoretisch schwächste -- notwendig
+schwächste -- Glied der platonischen Geometrie, gegen das sich schon
+in hellenistischer Zeit Widerspruch erhob, offenbart ihre Seele, und
+gerade dies der populären Erfahrung selbstverständliche Element war
+es, an das sich der Widerspruch des abendländischen Zahlendenkens
+knüpfte. Es gehört zu den tiefsten Symptomen +unsres+ Daseins, daß
+wir aus unsrem Zahlengefühl heraus der euklidischen Geometrie nicht
+etwa +eine+, sondern eine +Mehrzahl+ von andern gegenüberstellen, die
+für uns -- +nicht+ für die Erkenntnisweise antiker Menschen -- gleich
+wahr, gleich widerspruchslos sind. Die eigentliche Tendenz und Symbolik
+dieser als +anti+euklidische Gruppe aufzufassender Geometrien[57] liegt
+darin, daß sie das körperlich-greifbare Moment in aller Ausgedehntheit,
+das Euklid durch seine Sätze +heilig+ sprach, +verleugneten+, daß sie
+unabhängig vom Sinnlichen und unter Überschreitung der Grenze des
+Sehvermögens ein neues Ideal schufen, das einer +höheren Räumlichkeit+,
+die über eine populär-anschauliche Evidenz erhaben ist, die mithin
+auch nicht eine einzige, punktuelle Lösung kennt. Die Frage, welche
+der drei nichteuklidischen Geometrien die „richtige“, in der äußeren
+Wirklichkeit vorhandene sei -- obwohl selbst von Gauß ernsthaft geprüft
+-- ist dem Weltgefühl nach antik, hätte also von einem Denker unserer
+Sphäre nicht gestellt werden sollen. Sie verschließt den Einblick in
+den wahren Tiefsinn dieses geistigen Phänomens: Nicht in der Realität
+der einen oder andern, sondern in der Vielheit +gleichmäßig möglicher+
+Geometrien liegt das spezifisch abendländische Symbol. Erst durch
+die +Gruppe+ dieser dreidimensionalen Raumstrukturen, die eine echte
+Unendlichkeit des Möglichen darstellt und in deren Fülle die antike
+Nuance lediglich eine punktförmige Möglichkeit, einen bloßen Grenzfall
+bildet, wird der Rest des Plastisch-Sinnlichen im reinen Raumgefühl
+aufgelöst. Dem abstrakten Raum +eine+ Struktur zuzusprechen -- noch
+dazu die aus dem optischen Bilde gewohnheitsmäßig erschlossene --
+verrät immer noch eine statuenhafte, nicht kontrapunktische Tendenz;
+nur die variable Vielheit einander ausschließender Räume, von denen
+keiner gewählt werden +darf+, in ihrer seltsam transzendenten Totalität
+leistet uns Genüge. Die neueste geometrische Spekulation ist jenseits
+dieser Gruppe zu einer großen Anzahl weiterer, höchst transzendenter,
+zum Teil auch nicht entfernt mehr optisch zugänglicher Geometrien
+gelangt, die sämtlich in sich widerspruchslos sind und deren „Menge“
+-- im Sinne der Mengenlehre -- eine „Zahl“ bedeutet, die nun allerdings
+ein sehr schwer zu fassendes Symbol des abendländischen Weltgefühls
+darstellt.
+
+Hier drückt das Formbewußtsein der abendländischen Mathematik dasselbe
+aus, was die Erkenntnistheorie Kants durch die Überzeugung, der Raum
+liege a priori der Existenz der Dinge zugrunde, eigentlich hatte
+sagen wollen, eine Überzeugung, die den Resultaten der arabischen
+und indischen Erkenntnistheorie aufs schärfste widerspricht -- daß
+nämlich „der Raum“ der Schöpfer und alles Stofflich-Gegenwärtige
+sein Geschöpf sei. Und gerade diese allmächtige Räumlichkeit, welche
+die Substanz aller Dinge in sich saugt, aus sich erzeugt, unser
+Eigentlichstes und Höchstes im Aspekt +unseres+ Weltalls -- wird
+von der antiken Menschheit, +die nicht einmal das Wort und also den
+Begriff Raum kennt+,[58] einstimmig als τὸ μὴ ὄν abgetan, als das,
+was +nicht da ist+. Man kann das Pathos dieser Negation gar nicht
+tief genug fassen. Die ganze Leidenschaft der antiken Seele grenzte
+durch sie symbolisch ab, was sie +nicht+ als wirklich empfand, was
+nicht Ausdruck +ihres+ Daseins sein durfte. Eine Welt von andrer
+Farbe liegt plötzlich vor unsern Augen da. Die attische Marmorstatue
+repräsentiert in ihrer sinnlichen Existenz für das antike Auge alles
+ohne Rest, was Wirklichkeit hieß. Das Stoffliche, sichtbar Begrenzte,
+Greifbare, unmittelbar Gegenwärtige -- damit sind die Merkmale dieser
+Art von Gewordnem erschöpft. Dies antike Weltall, der +Kosmos+, die
+wohlgeordnete Menge aller nahen und vollkommen übersehbaren Dinge
+ist durch die körperliche Himmelskugel abgeschlossen. Es gibt nicht
+mehr. Unser Bedürfnis, jenseits dieser Schale wieder „Raum“ zu denken,
+fehlte dem antiken Weltgefühl vollständig. Τὸ μὴ ὄν -- das ist der
+schärfste Widerspruch gegen das abendländische Gefühl, das eben
+diesen reinen, notwendig als grenzenlos empfundenen „absoluten“ Raum
+fordert, ihn als +das+ Wirkliche, das eigentlich und einzig Seiende
+anerkennt und gerade die antike, plastische, absolute Stofflichkeit
+der Objekte anzweifelt. „Stoff“ ist derjenige Empfindungswert, von dem
+der abendländische Geist auf jedem Wege, philosophisch, physikalisch,
+religiös loskommen will. +Unser+ Göttliches ist der ewige Raum, wie
+das von Dante bis Kant und Goethe jeder großen Denkweise zugrunde
+liegt. Die Dinge sind +Erscheinung+, nicht mehr, vom Raume bedingt,
+fragwürdig -- τὸ μὴ ὄν. Man überzeuge sich, wie im Pantheismus des 18.
+Jahrhunderts Gott und der unendliche Raum für das Gefühl schlechthin
+identisch geworden sind. Die faustische Allgegenwart Gottes, die von
+den Kreuzzügen an mit steigender Klarheit das Weltbild beherrscht, und
+die Lehre, daß der Raum die erzeugende Form der objektiven Erscheinung
+sei, führen auf dasselbe innere Erlebnis zurück. Wenn man nach einem
+Substanzbegriff sucht, der dem antiken diametral entgegengesetzt
+ist, so trifft man mit Notwendigkeit den der abendländischen Physik.
+Die +Masse+ wird von ihr als das konstante Verhältnis von Kraft und
+Beschleunigung definiert. Kann man „unstofflicher“ denken? Den antiken
+Begriffen +Stoff und Form+ als den optischen Prinzipien körperhaften
+Daseins haben wir die vollkommen unanschaulichen der +Kapazität und
+Intensität+ gegenübergestellt, in denen die Energie des reinen Raumes
+formal zum Ausdruck kommt. Aus dieser Art, Wirklichkeit aufzufassen,
+mußte als herrschende Kunst die Instrumentalmusik der großen Meister
+des 18. Jahrhunderts hervorgehen, die einzige von allen Künsten, deren
+Formenwelt der Intuition des reinen Raumes innerlich verwandt ist.
+In ihr gibt es, den Bildsäulen antiker Tempelbezirke und Marktplätze
+gegenüber körperlose Reiche von Tönen, Tonräume, Tonmeere; das
+Orchester brandet, schlägt Wellen, verebbt; es malt Fernen, Lichter,
+Schatten, Stürme, ziehende Wolken, Blitze, Farben von vollkommener
+Jenseitigkeit; man denke an die Landschaften der Instrumentation Glucks
+und Beethovens. „Gleichzeitig“ mit dem Kanon Polyklets, jener Schrift,
+in welcher der große Bildhauer die strengen Regeln der optischen
+Gliederung menschlicher Körper niederlegte, die bis auf Lysipp herab
+herrschend blieben, vollendete sich um 1740 der strenge Kanon des
+vierteiligen Sonatensatzes, der erst in Beethovens späten Quartetten
+und Sinfonien sich lockert, bis endlich in der einsamen, vollkommen
+„infinitesimalen“ Tonwelt der Tristanmusik alle irdische Greifbarkeit
+sich löst. Dies Urgefühl einer +Lösung+, Erlösung, Auflösung der Seele
+im Unendlichen, einer Befreiung von aller stofflichen Schwere, das die
+höchsten Momente unsrer Musik stets wachrufen, während die Wirkung
+antiker Kunstwerke bindend, einschränkend, das Körpergefühl festigend
+ist, wie man in der Poetik des Aristoteles zwischen den Zeilen liest
+-- dies Gefühl ist es, das von der Erkenntnistheorie in die trockene
+Formel vom Raum als der apriorischen Bedingung der sinnlichen
+Erscheinung gekleidet wurde.
+
+Für den antiken Geist gab es nur ein „zwischen“ den Dingen, dem der
+Wirklichkeitsakzent des Wortes Raum fehlt. Erst die neuere Geometrie
+(Hilbert, Peano) hat den metaphysischen Gehalt dieses „zwischen“
+bemerkenswert gefunden. Von Archimedes, für den es nur Körper und deren
+wechselseitige Abstände gab, hätten wir die verwunderte Frage erlebt,
+wie ein leidlich vernünftiger Mensch zu einer solchen +Inkarnation
+des Nichts+, wie sie die Annahme eines reinen, die zufälligen Dinge
+durchdringenden und hinsichtlich ihrer Realität entwertenden Raumes
+doch darstellt, gelangen könne.
+
+
+5
+
+So hat es jede der großen Kulturen zu einer geheimen Sprache des
+Weltgefühls gebracht, die nur dem ganz vernehmlich ist, dessen Seele
+dieser Kultur angehört. Denn täuschen wir uns nicht. Wir können
+vielleicht, zufällig, in der antiken Seele ein wenig lesen, deren
+Formensprache annähernd die Umkehrung der abendländischen ist;
+von der sehr schwierigen Frage, in welchem Grade das möglich und
+erreicht worden ist, hat jede Kritik der Renaissance auszugehen. Aber
+wenn wir hören, daß wahrscheinlich -- das Umdenken so heterogener
+Daseinsäußerungen bleibt unter allen Umständen ein höchst zweifelhafter
+Versuch -- die alten Inder Zahlen konzipiert hatten, die nach unsren
+Begriffen, weder Wert noch Größe noch Beziehungsqualität besaßen,
+die erst durch ihre Stellung, durch gewisse Affixe, zu positiven,
+negativen, großen, kleinen Einheiten wurden, so müssen wir zugeben,
+daß unserem Denken die Möglichkeit fehlt, das exakt nachzuerleben,
+was seelisch diesem Zahlenphänomen zugrunde liegt. 3 ist für uns
+immer +Etwas+, sei es positiv oder negativ; für die Griechen war es
+unbedingt eine Größe, +3; für die Inder bezeichnet es eine wesenlose
+Möglichkeit, für die das Wort „etwas“ +noch nicht gilt+, jenseits von
+Sein und Nichtsein, die beide erst akzidentielle Eigenschaften sind.
++3, -3, ⅓ sind emanierende Wirklichkeiten geringeren Grades, die in
+der rätselhaften Substanz (3) in einer uns völlig verschlossenen
+Art ruhen. Es gehört eine +bramanische+ Seele dazu, diese Zahlen
+als selbstverständlich, als ideale Repräsentanten einer in sich
+vollkommenen Weltform zu empfinden; uns sind sie so unverständlich wie
+das Nirwana des Yogasystems, das jenseits von Leben +und+ Tod, Schlaf
++und+ Bewußtsein, Leiden, Mitleiden +und+ Leidlosigkeit dennoch etwas
+Wirkliches ist, für das uns selbst die sprachlichen Möglichkeiten
+fehlen. Nur aus diesem Seelentum konnte die großartige Konzeption des
++Nichts+ als einer echten +Zahl+, der +Null+, hervorgehen, und zwar
+als indische Null, für die wesenhaft und wesenlos gleich äußerliche
+Bezeichnungen sind. Diese Null, die vielleicht eine Ahnung von der
++indischen+ Idee des Ausgedehnten, von jener in den Upanishaden
+behandelten, unserem Raumbewußtsein völlig fremden Räumlichkeit der
+Welt gibt, fehlte selbstverständlich der Antike. Sie wurde auf dem
+Wege über die arabische Mathematik, gänzlich umgedeutet, erst 1544
+durch Stifel bei uns eingeführt, und zwar, was ihr Wesen prinzipiell
+veränderte, als die Mitte zwischen +1 und -1, als Schnitt im linearen
+Zahlenkontinuum, das heißt, sie wurde in einem gänzlich unindischen
+Sinne von der abendländischen Zahlenwelt assimiliert.
+
+Wenn arabische Denker der reifsten Zeit -- und es waren Köpfe ersten
+Ranges wie Alfarabi und Al Kabi darunter -- in ihrer Polemik gegen
+die Seinslehre des Aristoteles bewiesen -- +bewiesen+ --, daß der
+Körper als solcher den Raum zur Existenz nicht notwendig voraussetze,
+und das Wesen dieses Raumes, der +arabischen+ Art der Ausgedehntheit
+also, aus dem Merkmal des „an einer Stelle sich Befindens“ herleiten,
+so beweist das nicht, daß sie gegen Aristoteles und Kant im Irrtum
+waren oder -- wie wir das gern bezeichnen, was nicht in unsre Köpfe
+eingeht -- daß sie unklar dachten, sondern daß der arabische Geist
+andere Weltkategorien besaß. Sie hätten Kant aus ihrer Begriffssprache
+heraus mit derselben Feinheit der Beweisführung widerlegen können, wie
+Kant sie, und beide wären von der Richtigkeit ihrer Aspekte überzeugt
+geblieben.
+
+Wenn wir, Menschen der abendländischen Geistessphäre, vom Raume reden,
+so denken wir sicherlich in annähernd demselben Stil, so wie wir uns
+derselben Sprache und Wortzeichen bedienen, mag es sich um den Raum
+der Mathematik, Physik, Malerei oder der „Wirklichkeit“ handeln,
+obgleich alles Philosophieren, das an Stelle dieser Verwandtschaft
+eine +Identität+ des Empfindens statuieren will (und muß), etwas
+höchst Fragwürdiges bleibt. Aber kein Hellene, kein Ägypter, kein
+Chinese hätte etwas davon unverändert nachgefühlt und kein Kunstwerk
+oder Gedankensystem hätte ihnen zeigen können, was „Raum“ für uns
+bedeutet. Die antiken Urbegriffe, aus einem anders gearteten Innenleben
+stammend, wie ἀρχή, ὕλη, μορφή, erschöpfen den Gehalt einer anders
+angelegten Welt, die uns fremd und fern bleibt. Was wir mit unseren
+eigenen Sprachmitteln als Ursprung, Stoff, Form aus dem Griechischen
+übersetzen, ist eine flache Anähnlichung, ein matter Versuch, in eine
+Gefühlssphäre einzudringen, die in ihrem Feinsten und Tiefsten +doch+
+stumm bleibt; es ist, als wollte man die Parthenonskulpturen für
+Streichmusik „setzen“ oder den Gott Voltaires in Bronze gießen. Die
+Kategorien des Denkens, Lebens, Weltbewußtseins sind so verschieden wie
+die Gesichtszüge der einzelnen Menschen; auch in bezug darauf gibt es
+„Rassen“ und „Völker“, Gemeinschaften durch den Besitz einer geistigen
+Form oder Idee; und sie wissen so wenig darum wie sie wissen, was „rot“
+oder „gelb“ für den andern ist; die gemeinsame Symbolik vor allem der
+Sprache nährt die Illusion eines identischen Innenlebens und einer
+identischen Weltform. Die großen Denker der einzelnen Kulturen sind
+hierin den Farbenblinden ähnlich, die ihren Zustand nicht kennen und
+von denen einer über die Irrtümer des andern lächelt.
+
+Und nun ziehe ich die Folgerung. Es gibt eine Vielzahl von Ursymbolen.
+Das Tiefenerlebnis, durch das die Welt wird, durch das die Empfindung
+sich zur Welt +dehnt+, bedeutsam für die Seele, der es angehört,
+und für sie allein, anders im Wachen, Träumen, Hinnehmen und
+Beobachten, anders bei Kind und Greis, Städter und Bauer, Mann und
+Weib, verwirklicht und zwar mit tiefster Notwendigkeit für jede hohe
+Kultur eine Möglichkeit der Form, auf der ihr gesamtes Dasein beruht.
+Alle Begriffe formaler Einheiten wie Masse, Substanz, Materie, Ding,
+Körper, Ausdehnung und die Tausende in den Sprachen andrer Kulturen
+aufbewahrten Wortzeichen entsprechender Art sind unbewußte, vom
+Schicksal bestimmte Akzente, welche aus der unendlichen Fülle von
+Weltmöglichkeiten im Namen der einzelnen Kultur die bezeichnenden
+herausheben. Keines ist in die Erkenntnisweise einer andern Kultur
+genau übertragbar. Keines dieser Urworte kehrt zweimal wieder. Was
+für uns Gegensatz ist, wie etwa das mit den Worten Raum und Materie
+Bezeichnete, kann für einen andern Geist identisch sein. Die +Wahl
+des Ursymbols+ in jenem Augenblick, wo die Seele einer Kultur in
+ihrer Landschaft zum Selbstbewußtsein erwacht, die für jeden, der die
+Weltgeschichte so zu betrachten vermag, etwas Erschütterndes hat,
+entscheidet alles. Hier erhebt sich das dürftige Raumproblem der
+kritischen Philosophie zur Idee des Makrokosmus, in welchem alles
+Gewordene für eine einzelne Art Mensch im Unterschied von jeder andern
+zu einer Einheit der Form, der Bedeutung verknüpft ist.
+
+Menschliche Kultur als Inbegriff des sinnlich-gewordenen +Ausdrucks+
+der Seele, als ihr Leib, sterblich, vergänglich, dem Gesetz, der Zahl
+und der Kausalität verfallen; Kultur als historisches Phänomen, als
+Bild im Weltbilde der Geschichte, als Gleichnis und Gesamtheit von
+Symbolen: das ist die Sprache, durch welche allein eine Seele sagen
+kann, was sie leidet.
+
+Überall ist lebendigstes Seelentum, das in ewiger Verwirklichung
+begriffen ist, das ursprüngliche. Aber es bleibt unfaßlich und
+ungreifbar. Alle Intuition, welcher Art sie auch sei, trifft nur auf
+Abbildungen und Symbole, die das Letzte und Tiefste noch dichter
+verhüllen, indem sie von ihm reden. Das Ewig-Seelische wird uns immer
+verschlossen bleiben; hier ist eine nie zu überschreitende Grenze
+gesetzt. Auf dem Wege der Deutung des Makrokosmos erreichen wir nicht
+die hypothetische Urseele, sondern lediglich die Gestalt +einzelner+
+Seelen. Das Urphänomen +bleibt+ singulär. Kulturen sind die letzte uns
+erreichbare Wirklichkeit. Mag man sie Erscheinungen nennen: es gibt
+für uns nichts Wirklicheres. „Die Welt“ als _absolutum_, als Ding an
+sich ist ein Vorurteil. Wir gewinnen auf dem Wege der Morphologie nur
+Eindrücke von +einzelnen+ Welten, dem Ausdruck +einzelner+ Seelen; der
+Glaube, den heute noch der Physiker und Philosoph mit der Menge teilt,
+daß seine Welt +die+ Welt sei, wird uns bald an den Glauben des Wilden
+erinnern, daß alle Götter schwarz seien.
+
+Auch der Makrokosmos ist Eigentum einer einzelnen Seele, und wir
+werden nie wissen, wie es um den der andern steht. Was -- über alle
+Möglichkeiten begrifflicher Erklärung hinausgreifend -- „der Raum“,
+diese schöpferische Deutung des Tiefenerlebnisses +durch uns Menschen
+des Abendlandes+ und uns allein sagen will, dies rätselhafte Symbol,
+das die Griechen das Nichts nannten und wir das All, taucht unsre Welt
+in eine Farbe, welche die antike, die indische, die ägyptische Seele
+nicht auf ihrer Palette hatten. Die eine Seele spielt das Welterlebnis
+in As-Dur, die andere in F-Moll; die eine empfindet es euklidisch, die
+andre kontrapunktisch, die dritte magisch. Vom reinsten analytischen
+Raume und vom Nirwana bis zur leibhaftigsten attischen Körperlichkeit
+führt eine Fülle an sinnlichem Gehalt steigender Seinssymbole, deren
+jedes fähig ist, eine vollkommene Weltform aus sich zu bilden. So fern,
+seltsam, flüchtig die indische oder babylonische Welt ihrer Struktur
+nach für die Menschen der fünf oder sechs ihnen folgenden Kulturen war,
+so unbegreiflich wird bald die abendländische Welt für die Menschen
+noch ungeborner Kulturen sein.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 52: Dasselbe drückt auch das Prinzip der abendländischen Zahl
+aus: Ist x eine Funktion von y, so ist y eine Funktion von x.]
+
+[Footnote 53: Gewiß läßt sich ein geometrischer Lehrsatz an einer
+Zeichnung beweisen, richtiger demonstrieren. Aber der Lehrsatz erhält
+in jeder Art von Geometrie eine andre Fassung und hier entscheidet die
+Zeichnung +nichts+ mehr.]
+
+[Footnote 54: Die Zeit bleibt hier ganz aus dem Spiele. Übrigens
+erweist sich gerade in der Astronomie die Anwendung nichteuklidischer
+Geometrien zuweilen als vorteilhaft.]
+
+[Footnote 55: Bekanntlich hat Gauß über seine Entdeckung bis fast
+an sein Lebensende geschwiegen, weil er „das Geschrei der Böoter“
+fürchtete.]
+
+[Footnote 56: Durch einen Punkt ist zu einer Geraden nur eine Parallele
+möglich.]
+
+[Footnote 57: In denen es durch einen Punkt zu einer Geraden keine,
+zwei oder unzählige Parallelen gibt.]
+
+[Footnote 58: Weder im Griechischen noch im Latein; τόπος (= _locus_)
+heißt +Ort+, Gegend, auch Stand in sozialem Sinne, χώρα (= _spatium_)
++Abstand+ („zwischen“), Distanz, Rang, auch Grund und +Boden+ (τὰ
+ἑκ τῆς χώρας die Feldfrüchte); τὸ κενόν (= _vacuum_) bezeichnet
+ganz unzweideutig einen +hohlen Körper+, wobei der Akzent auf der
++Um+schließung liegt. In der späten Literatur bedient man sich
+hilfloser Ausdrücke wie ὁρατὸς τόπος („Sinnenwelt“) oder _spatium
+inane_ „unendlicher Raum“, aber auch weite +Fläche+; die Wurzel des
+Wortes _spatium_ (bedeutet schwellen, fettwerden). In der frühen
+Literatur lag das Bedürfnis einer Umschreibung nicht vor, weil die
+Vorstellung völlig fehlte.]
+
+
+
+
+II
+
+APOLLINISCHE, FAUSTISCHE, MAGISCHE SEELE
+
+
+6
+
+Ich will von nun an die Seele der antiken Kultur, welche den
+sinnlich-gegenwärtigen Einzelkörper zum Idealtypus des Ausgedehnten
+wählte, die +apollinische+ nennen. Seit Nietzsche ist diese Bezeichnung
+jedem verständlich. Ihr gegenüber stelle ich die +faustische+ Seele,
+deren Ursymbol der reine grenzenlose Raum und deren „Leib“ die
+abendländische Kultur ist, wie sie mit der Geburt des romanischen
+Stils im 10. Jahrhundert in den nordischen Ebenen zwischen Elbe und
+Tajo aufblühte. Apollinisch ist die Bildsäule des nackten Menschen,
+faustisch die Kunst der Fuge. Apollinisch sind die mechanische Statik,
+die sinnlichen Kulte der olympischen Götter, die politisch vereinzelten
+Griechenstädte, das Verhängnis des Ödipus und das Symbol des Phallus,
+faustisch die Dynamik Galileis, die katholisch-protestantische
+Dogmatik, die großen Dynastien der Barockzeit mit ihrer
+Kabinettspolitik, das Schicksal Lears und das Ideal der Madonna von
+Dantes Beatrice bis zum Schlusse des zweiten Faust. Apollinisch ist
+die Malerei, welche einzelne Körper durch scharfe Linien, Konturen
+begrenzt; faustisch ist die, welche durch Licht und Schatten Räume
+imaginiert. So unterscheidet sich das Fresko Polygnots vom Ölgemälde
+Rembrandts. Apollinisch ist das Dasein des Griechen, der sein Ich
+als σῶμα bezeichnet und vom ὄνομα σώματος als dem Namen einer
+Persönlichkeit spricht, dem die Idee einer innern Entwicklung und
+damit eine wirkliche innere oder äußere Geschichte fehlt; es ist die
+euklidische, punktförmige, der Reflexion gänzlich fremde Existenz;
+faustisch ist ein Dasein, das mit tiefster Bewußtheit als Innenleben
+geführt wird, das sich selbst zusieht, eine eminent persönliche Kultur
+der Memoiren, Reflexionen, der Rück- und Ausblicke und des Gewissens.
+Stereometrie und Analysis, Sklavenmassen und Dynamomaschinen, stoische
+Ataraxie und sozialer Wille zur Macht, Hexameter und gereimte Verse:
+das sind Seinssymbole zweier grundverschiedener Welten. Und fernab,
+obwohl vermittelnd, Formen entlehnend, umdeutend, vererbend, erscheint
+die +magische+ Seele der arabischen Kultur, zur Zeit des Augustus in
+der Landschaft zwischen Euphrat und Nil erwachend, mit ihrer Algebra
+und Alchymie, ihren Mosaiken und Arabesken, ihren Khalifaten und
+Moscheen, ihren sakralen Riten und ihrem „Kismet“.
+
+Der Raum ist, ich darf jetzt sagen im faustischen Sprachgebrauche,
+ein von der augenblicklichen sinnlichen Gegenwart streng gesondertes
+Abstraktum, das in einer apollinischen Sprache, im Griechischen und
+Lateinischen nicht vertreten sein +durfte+. Ebenso fremd ist der
+Raum den apollinischen Künsten. Das antike Relief -- man denke an
+die Metopen und Giebel des Parthenon -- ist streng stereometrisch
+einer Fläche aufgesetzt. Es gibt ein „zwischen“ den Figuren, aber
+keine Tiefe. Eine Landschaft von Lorrain dagegen ist +nur+ Raum. Alle
+Einzelheiten sollen hier seiner Verwirklichung dienen. Alle Körper
+besitzen nur als Träger von Licht und Schatten eine atmosphärische,
+perspektivische Bedeutung. Der Impressionismus ist die Entkörperung
+der Welt im Dienste des Raumes. Die faustische Seele mußte aus diesem
+Weltgefühl in ihrer Frühzeit zu einem Architekturproblem gelangen,
+dessen Schwergewicht in der räumlichen Wölbung mächtiger, vom Portal
+zur Tiefe des Chors strebender Dome lag. Das war der Ausdruck +ihres+
+Tiefenerlebnisses. Die antike -- körperhafte -- Architektur ist
+demgegenüber ganz eigentlich mit dem Typus des mit +einem+ Blicke zu
+umfassenden Peripteros und der eminent stofflichen Tatsache der „drei
+Säulenordnungen“ erschöpft. Wir werden überall dasselbe finden. Wo
+auch in Kunst, Religion, Politik, Denken, Handeln beide Seelen nach
+einem Ausdruck suchen, liegt der erreichten Formensprache jedesmal das
+Ursymbol, dort der greifbare Einzelkörper, hier der eine unendliche
+Raum als gestaltendes Prinzip zugrunde.
+
+Die antike Kultur beginnt darum mit einem großartigen +Verzicht+
+auf eine schon vorhandene reiche, malerische, höchst komplizierte
+Kunst, die nicht der Ausdruck ihrer neuen Seele sein +durfte+.
+Herb und eng, für unser Auge dürftig und ein Rückschritt, steht
+die frühdorische Kunst des geometrischen Stils seit 1100 neben der
+kretisch-mykenischen. Das homerische Epos beweist es. In ihm stammt
+der Achilleusschild mit seiner Bilderfülle, mykenische Arbeit, von
+„den Göttern“;[59] den Panzer Agamemnons, streng und einfach, haben
++Menschen+ geschmiedet. Der Hang zum Unendlichen schlummerte tief in
+der nordischen Landschaft, lange bevor der erste Christ sie betrat;
+und als die faustische Seele erwachte, schuf sie altgermanisches
+Heidentum +und+ morgenländisches Christentum gleichmäßig im Sinne ihres
+Ursymbols um, gerade damals, als aus den flüchtigen Völkergebilden
+der Goten, Franken, Langobarden, Sachsen die physiognomisch streng
+charakterisierten Einheiten der deutschen, französischen, englischen,
+italienischen Nation hervorgingen. Die Edda hat diesen frühesten
+religiösen Ausdruck faustischen Seelentums aufbewahrt. Sie wurde gerade
+damals innerlich vollendet, als der Abt Odilo von Cluny die Bewegung
+einleitete, welche das +magische+, orientalisch-arabische Christentum
+in das +faustische+ der abendländischen Kirche umwandelte. Um das Jahr
+1000 waren zwei Möglichkeiten einer faustischen Religion gegeben,
+entweder durch Annahme und Umdeutung des magischen Christentums der
+Kirchenväter oder durch Ausgestaltung der germanischen Formen. Die Edda
+beweist, was +auch+ noch möglich gewesen wäre. Walhall ist unter dem
+Eindruck der Klassiker und der Apokalypse entstanden, sicher erst nach
+Karl dem Großen. Frigga ist Maria, Sigurd ist der Heliand. Die Verse
+der Edda imaginieren den Weltraum. Gewaltiger ist die Durchbrechung
+alles Körperlich-Einschränkenden in keiner Poesie ausgedrückt worden.
+Das antike äolisch-dorische Epos repräsentiert die unbedingte
+Bejahung und Hingabe an die sinnliche Welt der zahllosen einzelnen
+Dinge. Der unendliche Raum, der durch sein transzendentes Pathos eine
++Überwindung+ eben dieser naiven Welt forderte, der dem Auge nicht
+gegeben ist, sondern erkämpft werden muß, schuf sich eine hohe Poesie
+der Kraft, des unbändigen Willens, der Leidenschaft, Widerstände zu
+bekämpfen und zu brechen. Sigurd ist die Inkarnation des Sieges dieser
+Seele über die Schranken von Stoff und Gegenwart. Es gab nie einen
+Rhythmus, der so ungeheure Räume und Fernen um sich breitet wie dieser
+nordische:
+
+ Zum Unheil werden -- noch allzulange
+ Männer und Weiber -- zur Welt geboren
+ Aber wir beide -- bleiben zusammen
+ Ich und Sigurd.
+
+Die Akzente des homerischen Verses sind das leise Zittern eines Blattes
+in der Mittagssonne, +Rhythmus der Materie+: der Stabreim -- wie die
+potentielle Energie im Weltbilde der modernen Physik -- schafft eine
+verhaltene Spannung im Leeren, Grenzenlosen, ferne Gewitter in Nächten
+über den höchsten Gipfeln. In seiner wogenden Unbestimmtheit lösen
+sich alle Worte und Dinge; das ist sprachliche Dynamik, nicht Statik.
+Hier kündigen sich die Farben Rembrandts und die Instrumentation
+Beethovens an. +Hier wird die grenzenlose Einsamkeit als die Heimat
+der faustischen Seele empfunden.+ Was ist Walhall? Es wurde, den
+Germanen der Völkerwanderung und selbst der Merowingerzeit unbekannt,
+von der erwachenden faustischen Seele erdacht, sicherlich unter den
+Eindrücken des antik-heidnischen und des arabisch-christlichen Mythus
+der beiden älteren südlichen Kulturen, die mit ihren klassischen
+oder heiligen Schriften, ihren Statuen, Mosaiken, Miniaturen, ihren
+Kulten, Riten und Dogmen überall wirksam waren. Und trotzdem schwebt
+Walhall jenseits aller fühlbaren Wirklichkeiten, in fernen, dunklen,
+faustischen Regionen. Der Olymp ruht auf der wirklichen griechischen
+Erde; das Paradies der Kirchenväter wie des Koran ist ein Zaubergarten
+irgendwo im magischen Weltall. Walhall ist nirgends. Es erscheint, im
+Grenzenlosen verloren, mit seinen ungeselligen Göttern und Recken, als
+das ungeheure Symbol der Einsamkeit. Siegfried, Parzeval, Tristan,
+Hamlet, Faust sind die einsamsten Helden aller Kulturen. Das gehört zur
+abendländischen Seele. Man lese in Wolframs Parzeval die wundervolle
+Erzählung vom Erwachen des Innenlebens. Die Waldsehnsucht, das
+rätselhafte Mitleid, die unnennbare Verlassenheit: das ist faustisch.
+Jeder kennt es. In Goethes Faust kehrt das Motiv in seiner ganzen Tiefe
+wieder:
+
+ Ein unbegreiflich holdes Sehnen
+ Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,
+ Und unter tausend heißen Tränen
+ Fühlt’ ich mir eine Welt erstehn.
+
+Von diesem Welterlebnis weiß der apollinische und der magische Mensch
+nichts, weder Homer noch St. Johannes. Der Höhepunkt der Dichtung
+ist jener wunderbare Karfreitagmorgen, wo der mit Gott und sich
+zerfallene Held den edlen Gawan trifft. „Wie, wenn bei Gott ich Hilfe
+fände?“ Und er pilgert zu Tevrezent. Hier liegt der Kern +der
+faustischen Religion+. Man begreift das Wunder der Eucharistie,
+das die an ihm Teilnehmenden zu einer mystischen Gemeinschaft, zur
+alleinseligmachenden Kirche verbindet. Man begreift aus dem Mythus vom
+heiligen Gral und seiner Ritterschaft die innere Notwendigkeit des
+germanisch-nordischen Katholizismus. Gegenüber den antiken Opfern,
+die jeder Einzelgottheit in ihrem Tempel gebracht wurden, erscheint
+hier das +eine, unendliche+ Opfer, das sich überall und täglich
+wiederholt. Das ist eine faustische Idee des 9.-12. Jahrhunderts, der
+Eddazeit, von den angelsächsischen Missionaren wie Winfried vorgeahnt,
+aber erst damals zur Reife gediehen. Der Dom, dessen Hochaltar das
+vollzogene Wunder umschließt, ist ihr steingewordener Ausdruck.
+
+Die Vielheit einzelner Körper, als welche der antike Kosmos sich
+darstellt, fordert eine gleichartige Götterwelt: dies ist der
+Sinn des antiken Polytheismus. Der +eine+ Weltraum, sei er
+magisch-alchymistisch oder dynamisch-faustisch empfunden, fordert
+den +einen+ Gott des morgenländischen oder des abendländischen
+Christentums (zweier Religionen unter derselben Maske). Zeus ist ein
+Mensch, mehr noch, er ist ein Leib. Die attische Plastik erst hat
+Athene und Apollon endgültig geformt, wie die Orgelfugen, Kantaten
+und Passionen von Schütz, Haßler und Bach den protestantischen Gott
+geformt haben. Von der Gestaltenfülle der Edda und der gleichzeitigen
+Heiligenlegende an bis auf Goethe vollzieht sich der umgekehrte Prozeß
+wie in der Antike. Dort eine immer weitergehende Atomisierung des
+Göttlichen, so daß für den Römer die Namen des _Juppiter Latiaris_
+und des _Juppiter Feretrius_ streng verschiedene Einzelnumina
+decken, von denen jedes seinen eignen Kult fordert; hier ein Gott, der
+mehr und mehr mit dem alleinigen Raume identisch wird.
+
+Die ganze magische, von der Kirche mit dem vollen Gewicht ihrer
+Autorität gedeckte himmlische Hierarchie von den Engeln und Heiligen
+an bis zu den Personen der Dreifaltigkeit entkörpert sich, verblaßt
+mehr und mehr und unvermerkt verschwindet der Teufel, der grosse
+Gegenspieler im Weltdrama, aus den Möglichkeiten des faustischen
+Weltgefühls. Er, nach dem noch Luther sein Tintenfaß warf, wird
+von den protestantischen Theologen längst mit verlegenem Schweigen
+übergangen. Die +Einsamkeit+ der faustischen Seele verträgt
+sich nicht mit einem Dualismus der Weltmächte. Gott selbst ist das
+All. Im 17. Jahrhundert versagt dieser Religiosität gegenüber die
+Formensprache der Malerei und die Instrumentalmusik wird das einzige
+und letzte Mittel religiösen Ausdrucks. Man darf sagen, daß der
+katholische und der protestantische Glaube sich wie ein Altargemälde
+und ein Oratorium verhalten. Schon um die germanischen Götter und
+Helden spannen sich abweisende Weiten, rätselhafte Düsternisse;
+sie sind in Musik getaucht (nicht gerade die Musik des „Ringes“);
+nächtlich, weil das Tageslicht Grenzen für das Auge und also leibhafte
+Dinge schafft. Die Nacht entkörpert; der Tag entseelt. Apollon und
+Athene haben keine „Seele“. Auf dem Olymp ruht das ewige Licht eines
+tiefklaren südlichen Tages. Die apollinische Stunde ist der hohe
+Mittag, wenn der große Pan schläft. Walhall ist lichtlos. In der Edda
+schon spürt man jene tiefen Mitternächte, in denen Faust in seinem
+Studierzimmer brütet, die Rembrandts Radierungen festhalten, in die
+Beethovens Tonfarben sich verlieren. Wotan, Baldur, Freya hatten nie
+eine „euklidische“ Gestalt. Von ihnen wie von den vedischen Göttern
+Indiens läßt sich „kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“.
+Diese Unmöglichkeit enthält eine Weihe des ewigen Raumes als des
+höchsten Symbols, im Gegensatz zum körperlichen Abbilde, das ihn zur
+„Umgebung“ herabsetzt, entheiligt, verneint. Das ist keine Welt für
+die Nähe und das Auge. Dies tiefgefühlte Motiv liegt dem Bildersturm
+im Islam und in Byzanz -- +beide+ im 8. Jahrhundert -- wie später
+dem im protestantischen Norden zugrunde. War nicht auch die Schöpfung
+der +antieuklidischen+ Analysis des Raumes durch Descartes ein
+Bildersturm? Die antike Geometrie imaginiert eine Zahlenwelt des Tages,
+die Funktionentheorie ist die eigentlich nächtliche Mathematik.
+
+Zur Nacht, und sei es nur die innere, seelische Nacht, gehört das
+Gefühl der Verlassenheit. Der antike Mensch, das ζῷον πολιτικόν
+nach den Worten des Aristoteles, dessen Leben am Tage und also in
+Gesellschaft, auf der Agora seine Höhe erreichte, hat es nie gekannt.
+Die indische Seele wurde nie frei von ihm. Das unterscheidet Sokrates
+von Buddha und Rousseau. Das Helldunkel Rembrandts, das metaphysisch
+diese Einsamkeit, die grenzenlose Verlorenheit der Seele im Weltraume,
+bedeutet, hatte in dem schauerlichen Braun und Grau der nordischen
+Götterwelt seinen frühesten Anklang, wie es in den Nächten der letzten
+Quartette Beethovens mit ihren schmerzlichen Lichtblitzen und der
+trostlosen Wehmut der Tristanmusik zum letzten Male auftaucht, um
+dann rasch in einer verspäteten, vereinzelten und wenig zugänglichen
+Weltstadtlyrik bei Baudelaire, Verlaine, George und Droem zu verblassen.
+
+
+7
+
+Was diese Seele durch einen außergewöhnlichen Reichtum an
+Ausdrucksmitteln, in Worten, Tönen, Farben, malerischen Perspektiven,
+philosophischen Systemen, Legenden und nicht zum wenigsten in den
+Räumen gotischer Kathedralen und den Formeln der Funktionentheorie
+aussprach, ihr Weltgefühl nämlich, das hat die ägyptische Seele,
+fernab von allem theoretischen und literarischen Ehrgeiz, allein
+durch die unmittelbare Sprache des +Steins+ -- das stärkste Symbol
+des Gewordenen -- ausgedrückt. Statt sich über ihre Form des
+Ausgedehnten, ihren „Raum“ und ihre „Zeit“, in Wortspielen zu ergehen,
+statt Hypothesen, Zahlensysteme und Dogmen zu bilden, stellte sie
+schweigend ihre ungeheuren Symbole in die Landschaft am Nil. Was
+für Menschen! Die faustische Seele, das „Fünklein“ Meister Eckarts,
+fühlte sich grenzenlos einsam in ungeheuren Weiten -- wie die
+Hirtenmelodie am Anfang des dritten Aktes von Tristan und Isolde.
+Die apollinische Seele fühlte sich von der blinden είμαρμένη in eine
+sinnlose Welt zahlloser Einzeldinge geworfen, gestoßen und zerbrochen
+-- König Ödipus, ihr ergreifendstes Abbild. Die ägyptische Seele
+sah sich wandernd auf einem engen und unerbittlich vorgeschriebenen
++Lebenspfad+. Das war ihre Schicksalsidee. Das ägyptische Dasein ist
+das eines +Wanderers+; die gesamte Formensprache seiner Kultur dient
+der Versinnlichung dieses einen Motivs. Sein Ursymbol läßt sich, neben
+dem +Raum+ des Nordens und dem +Körper+ der Antike durch das Wort +Weg+
+am ehesten fühlbar machen. Es ist dies eine ganz andere und für uns
+äußerst schwierige Art, die Ausdehnung aufzufassen. Dieser Aspekt ist
+es, den die Pharaonenkunst von ihrer Geburt bis zu ihrem Erlöschen
+verwirklichen wollte. Die feierlich vorwärtsschreitende Statue, die
+endlosen, in strenger Folge geordneten Gänge der Pyramidentempel der 4.
+Dynastie (2930-2750), die düster, sich immer verengernd durch Hallen
+und Höfe zur Grabkammer führen; die Sphinxalleen vor allem der 12.
+Dynastie (2000-1788), die Reliefzyklen der Tempelwände, an denen der
+Betrachter entlang schreiten muß, die immer in bestimmter Richtung
+begleiten und leiten -- all dies repräsentiert das Tiefenerlebnis
+eines eigenartigen Menschentums, das ägyptische Schicksal in seiner
+ehernen Notwendigkeit, die durch den Granit und Diorit symbolisiert
+wurde (man denke an den vielleicht verwandten Sinn, den der Granit für
+Goethe und seine Anschauung der Erdgeschichte besaß). Man nehme die
+Pyramiden, diese ungeheuren Schöpfungen einer traumschweren Frühzeit
+-- sie gehören zur +Gotik+ der ägyptischen Seele -- ja nicht im Sinne
+stereometrischer Körper. So empfand sie der +antike+ Betrachter, und
+zwar aus seinem Weltgefühl heraus mit zwingender Gewißheit. Für den
+Ägypter aber war das über seine Weltform entscheidende Tiefenerlebnis
+so streng hinsichtlich der Richtung betont, daß der Raum gewissermaßen
+in steter Verwirklichung begriffen blieb. Wir sahen, daß in diesem
+Urerlebnis des Menschen, das ihm zugleich ein Innenleben und den
+Besitz einer Außenwelt gewährt, die Richtung als das Merkmal des
+Lebendigen die sinnliche Empfindung zum Raume vertieft, die Zeit als
+Ferne erstarren läßt. Was ich hier mit dem Worte Weg anzudeuten
+versuche, ist das Bild dieses im Bewußtsein andauernden weltschaffenden
+Aktes. Weg bedeutet zugleich Schicksal und „dritte Dimension“. Die
+mächtigen Wandflächen, Reliefs, Säulenreihen, an denen er vorüberführt,
+repräsentieren „Länge und Breite“, d. h. die Empfindung, das Fremde,
+welches das Leben erst zur Welt +dehnt+. So erlebt der +Wanderer+ den
+Raum gewissermaßen in seinen noch unvereinigten Elementen, während
+die Antike ihn nicht kannte und er uns in ruhender Unendlichkeit
+umgibt. Deshalb will diese Kunst +Flächenwirkung+ und nichts anderes,
+auch dort, wo sie sich kubischer Mittel bedient. Für den Ägypter war
+die Pyramide über dem Königsgrabe ein +Dreieck+, eine ungeheure,
+den Weg abschließende, die Landschaft beherrschende +Fläche+ von
+stärkster Kraft des Ausdrucks, von wo aus er auch sich ihr näherte;
+die Säulen der inneren Gänge, auf dunklem Hintergrunde, von strengster
+Komposition und mit Schmuck überdeckt, wirkten durchaus als vertikale
+Flächenstreifen, die den Zug der Priester rhythmisch begleiteten; das
+Relief ist peinlich -- und sehr im Gegensatz zum antiken -- in eine
+Fläche gebannt, nur seine Gestalten wandern mit. Alles bewegt sich
+machtvoll einem Ziele zu. Die Herrschaft der Horizontale, der Vertikale
+und des rechten Winkels, das Vermeiden jeder Verkürzung unterstützen
+das zweidimensionale Prinzip und isolieren das Erlebnis der Raumtiefe,
+die mit der Wegrichtung und dem Ziel -- dem +Grabe+ -- zusammenfällt.
+Diese Kunst gestattet keine die Spannung der Seele erleichternde
+Ablenkung.
+
+Ist es nicht dies -- in der erhabensten Sprache ausgedrückt, die
+überhaupt gedacht werden kann -- was in all unsern Raumtheorien sich
+aussprechen möchte? Auch in der physiologischen, denn das Netzhautbild
+des Auges ist flächenhaft und wird durch einen vitalen Akt in eine
+räumliche Erfahrung überführt.
+
+Die +Raumwerdung selbst+, die den Sinn der Außenwelt in sich
+schließt, war das symbolische Erlebnis dessen, der vom Torbau des
+Pyramidentempels am Nilufer den verdeckten Opferweg entlang schritt,
+alle Symbole des Seins in tiefsinnigen Bildern zur Seite. Man +fühlte+
+inmitten dieser Formen die Identität des Raumwerdens mit dem Leben.
+Durch die schmale Pforte der mächtigen Pylonenwand -- dem Sinnbilde
+der Geburt -- leitete das Schicksal ohne Ausweichen durch stets sich
+verengende Räume zur letzten Zelle, die den zur Mumie verewigten Leib
+enthielt, der das „Ka“ des toten Pharao an sich fesselte. Dies ist eine
+Metaphysik in Stein, neben der die geschriebene -- die Kants -- wie
+ein hilfloses Stammeln wirkt. Dies +eine+ Symbol des Weges stellt die
+Fassung des +ägyptischen+ Makrokosmos reiner und erschöpfender dar, als
+es irgendeines der antiken und indischen vermocht hat. Dies verleiht
+der Formensprache des Ägyptertums eine Reinheit und Simplizität, die
+von Menschen andrer Kulturen, von uns, nur als Starrheit empfunden
+werden konnte.
+
+
+8
+
+Jede Kultur besitzt ihre Gotik, ihre Kindheit. Aber auch jeder
+einzelne Mensch in ihr durchlebt eine entsprechende Phase. Man ist
+auf die innere Verwandtschaft der urmenschlichen und der kindlichen
+Kunst längst aufmerksam geworden. Sicherlich ist die ursprüngliche,
+selbst unter Tieren vorkommende Freude, etwas nachzuahmen, ein
+beständig wirksamer Trieb in aller Kunst. Schon das Kind müht sich
+ab, durch Umrißzeichnungen etwas „herauszubringen“ oder Erwachsene
+in ihren Bewegungen und Ausdrücken zu imitieren. Wir kennen den
+Ursprung der griechischen τραγῳδία, die Bockstänze der Bauern am
+Seelenfeste des Dionysos, welche die neuerwachte Zeugungskraft der
+Natur versinnbildlichten. Die begabtesten Mimen unter ihnen zogen
+tiermäßig ausstaffiert (die „tragische Maske“) auf ihrem Karren (dem
+„Thespiskarren“) von Dorf zu Dorf und erregten Gelächter. Dergleichen
+kennt jedes Land. Wir haben die gut getroffenen Tierzeichnungen der
+Höhlenmenschen und Buschmänner kennen gelernt. Sei dies nun Musik oder
+Malerei -- der echte Rationalist wird in der Kunst nie eine andere
+Tendenz bemerken. Noch Aristoteles bezeichnet die μίμησις als ihr
+Wesen, und von hier stammt der etwas platte Ausdruck Lessings, der
+Endzweck aller Kunst sei das +Vergnügen+.
+
+Andrerseits bricht das Formgefühl einer erwachenden Kultur mit solcher
+Macht hervor, daß es Pflanzen, Tiere, menschliche Motive bis zur
+Unkenntlichkeit +stilisiert+. Das lehren gleichmäßig der Dipylonstil,
+die Romanik, die frühägyptische und früharabische (altchristliche)
+Kunst. Hier redet eine neue Seele in einer neuen, nie dagewesenen
+und nie sich wiederholenden Sprache. Hier handelt es sich nicht um
+eine imitative, sondern eine symbolische Tendenz, nicht um Vergnügen,
+sondern um einen dämonischen Drang, der alles andre eher als
+Unterhaltsamkeit, Erholung, „Heiterkeit der Künstlerseele“ gestattet.
+Diese Kunst ist es, auf welche allein der Begriff des Stils anwendbar
+ist, die ihre Macht über +alle+ Formen des äußern Lebens erstreckt und
+deren Geist erlischt, sobald die Kultur zur Zivilisation, die Seele zum
+Intellekt wird.
+
+In diesem Gegensatz von Künstlerheiterkeit und Künstlerernst, Spiel
+und Zwang, von Nachahmen und Beschwören der Sinnenwelt tauchen wieder
+jene +Urgefühle der Weltsehnsucht und Weltangst+ auf, und wir begreifen
+mit einem Schlage, inwiefern hiermit alle Kämpfe um Kunstprobleme
+zusammenhängen; in allem Gegensatz zwischen apollinisch und dionysisch,
+klassisch und romantisch, Form und Gehalt, Regel und Laune, Artistik
+und Naturalismus wird irgendwie das Geheimnis berührt, das hier
+verborgen liegt. Nur der Systematiker, der Verstandesmensch wird hier
+trennen und werten wollen, wo historisch, psychologisch, persönlich nur
+ein Ganzes wirksam ist. Aber man muß wissen, daß von +einer Wurzel+ der
+Kunst nicht die Rede sein kann.
+
+Der kindliche Wechsel von tiefstem Entzücken über die ertagende
+Welt, über den Seelenfrühling, von unendlicher Sehnsucht nach Reife,
+Wachsen, Vollendung -- und tiefster Angst vor dem Unfaßlichen, das
+in diesem Aufblühen liegt, vor dem Verhängnis, das mit ihm kam, der
+Notwendigkeit eines Endes, dem Geheimnis der Vergänglichkeit, ruft
+an der Schwelle einer jeden Kultur den strengen Stil dorischen und
+gotischen Charakters, die +große+ Ornamentik und den Hang zu einer
+ungeheuren, späten Generationen oft so rätselhaften Baukunst hervor,
+deren keine reifgewordene Kultur, weder das Barock noch der Islam noch
+das Mittlere Reich Ägyptens mehr fähig gewesen ist.
+
+Riesenwerke solcher Art sind überhaupt nicht das Produkt einer „Kunst“
+im artistischen Sinne irgendeiner ihrer Mittel und Ziele bewußten,
+ihre Aufgabe +wählenden+ Malerei, Skulptur oder Dichtung; sie
+entstanden als elementares Naturereignis. Ein Dom ist eine namenlose
+und wahllose Schöpfung aus der mütterlichen Landschaft mit ihrem jungen
+Menschentum, aus ihrem Schoße geboren, nicht eine persönlich-bewußte
+Konzeption aus dem Willen irgendeines Künstlers. Plötzlich, schlechthin
+vollkommen, überwältigend in ihrem Ausdruck von Trotz und Qual, voller
+süßer Schwermut und Hingabe treten diese Knabenträume einer frühen
+Seele allenthalben in die Tageswelt, die große Architektur, der große
+Mythus, das Epos, das neue Ornament, die Kriege der Heldenzeit.
+
+Alle Weltangst, sahen wir, ist Angst vor dem Raume, dem Verwirklichten,
+der Grenze -- dem Tode. Im Tiefenerlebnis, durch das die sichtbare Welt
++wird+, hat sie ihren Ursprung. Gestalt, Zahl, Raum und Angst
+haben einen gemeinsamen Grund. Und so erscheint die vollzogene, der
+starren Ordnung +durch das Ursymbol+ unterworfene und dadurch in
+ihrem ganzen Umfange zum Sinnbild einer und nur dieser einen Seele --
+zum Makrokosmos -- erhobene Welt als das feindliche Prinzip, das Reich
+der dunklen Mächte, die Inkarnation des Bösen. Im Hinblick darauf ist
+die Feindschaft zwischen Seele und Welt der nie ganz unterdrückte
+Untergrund alles Weltbewußtseins. Deshalb wird die junge Seele sich
+plötzlich ihres einsamen Menschentums inmitten aller Vergänglichkeit
+bewußt. Dies ist das Dämonische in aller Natur -- Natur als der Welt
+des Ausgedehnten --, das die antike Seele ebenso kennen lernte wie
+jede andre. Das faustische wie das magische Christentum, die Orphiker
+mit ihrer Formel σῶμα σῆμα und das ägyptische Totenbuch stimmen
+darin überein. Tausend mythische Gestalten, Legenden und Bräuche
+zeugen davon. Wie das geringste Ornament an einem Schwertgriff, Gefäß
+oder Säulenknauf, so ist auch das hellenische Kultdrama ein Mittel,
+den Zorn der Götter zu besänftigen. So nennt Livius (VII, 2) die
+szenischen Spiele (Tragödien), welche zur Abwendung der Pest in Rom
+veranstaltet wurden, _caelestis irae placamina_. Dies erst durch
+die Raumwerdung zur Erscheinung gezwungene Dämonische ist es, das die
+Seele abwehren, bannen, heiligen will, indem sie es durch den Zauber
+eines Symbols bannt. Sie gibt ihm Form, die Bedeutung besitzt, eine
+sinnvolle Grenze, einen Namen, das heißt, sie macht es von sich
+abhängig.[60]
+
+Deshalb wendet sich die früheste und elementarste aller Künste an den
+Urstoff der Welt, die Inkarnation des Widerstandes, den die Angst
+brechen will, den +Stein+. Man wird die gigantische Architektur
+der Dome und Pyramiden nie begreifen, wenn man sie nicht als
++Opfer+ auffaßt, das die junge Seele den fremden Mächten bringt.
+Ein Opfer bedeutet im Ursinn der Menschheit die Darbringung von etwas,
+das teil an der eignen Seele hat. Vor allem ist es das Totemtier, in
+dem etwas von der Seele des Clans verweilt oder in das durch einen
+Akt der Weihe die Seele des Opfernden eingeht und das nun durch seine
+Darbringung eine mystische Vereinigung mit den Mächten bewirkt.[61]
+
+Ein solches Opfer sind alle frühen Architekturen, das größte, das
+je gebracht wurde. Denn in ihnen liegt nicht nur dieser oder jener
+symbolische Sinn wie in kultischen Tänzen und Gesängen, in einem
+Gemälde, einer Statue oder Sonate, sondern der +ganze+ Geist
+einer Kultur, die durch ihr steingewordenes Selbst eine Verbindung
+mit dem Weltgrunde sucht. Eine alte Kathedrale ist ein vollkommener
+Makrokosmos der faustischen Seele, ein Pyramidentempel der ägyptischen,
+einer jener Kuppelbasiliken von Ravenna und Byzanz der magischen. Alle
+spätern Kunstwerke sind daneben etwas Partielles. Töne und Farben,
+der +durchscheinende+ Marmor, die +gegossene+ Bronze, das
+gelesene und gesprochene poetische Wort sind Kunst+mittel+; sie
+verleugnen ihr urstoffliches Dasein oder besitzen es nicht. Alles
++bewußte+ Künstlertum ist egoistisch, voller Laune und „Freiheit“.
+Es ist nicht mehr die mütterliche Landschaft, aus der seine Werke
+wachsen. Die Idee des überpersönlichen Opfers der +ganzen+ Seele
+ist mit der Frühzeit untergegangen.
+
+Diese erste Kunst brauchte das Bewußtsein eines Sieges und so überwand
+sie den Stein und zwang ihn, in symbolischen Formen aus der Erde
+aufzuwachsen. Weil hier das Leben selbst in Frage stand, knüpften
+sich diese Formen unmittelbar an den Gedanken des Todes, in den
+Pyramidentempeln, deren innerer Weg zum Königsgrabe führt, wie in den
+Domen, deren hochgewölbte Schiffe mit ihren Pfeilerreihen dem Hochaltar
+zu geleiten, der das Geheimnis der Eucharistie in sich birgt, durch die
+ein menschgewordner Gott sich opfert. Einer solchen Kunst gegenüber
+wirken alle andern als Spiel, allzuirdisch, genießerisch. Deshalb
+diese Riesenlasten, die eine gläubige Menschheit sich auflud, um den
+Bau zu einem wahren Opfer zu machen. Die geistige Kraft, mit welcher
+Menschen so früher Stufe technische Aufgaben lösten, sofort, mit
+nachtwandlerischer Sicherheit, fast unbewußt, an denen das reife Wissen
+später Zeiten zu Schanden wird, erscheint wie ein Wunder. Ich denke an
+die riesenhaften Blöcke in den Fundamenten des Sonnentempels[62] von
+Baalbek, durch deren uns völlig rätselhafte Bewältigung die arabische
+Frühzeit der Idee ihres Daseins, dem Erlebnis +ihres+ Weltraumes
+diente, und an die fabelhaften Steinmassen der Dome und Pyramiden, die
+von der Erde weg in den Weltenraum emporgetragen wurden. Wie um 1100
+Fürsten, Bürger und Knechte die Karren zogen, um diese Dome inmitten
+winziger Städte zu errichten -- der ganze Stolz der Erbauer spricht aus
+den Versen des jüngern Titurel -- so muß der Bau der Cheopspyramide
+ein Akt der Weihe gewesen sein. Weder das Rokoko noch das Athen des
+Perikles noch das Bagdad Harun al Raschids wären -- bei allem Überfluß
+an technischen und materiellen Mitteln -- solcher Leistungen fähig
+gewesen. Die Akropolis, das Schloß von Versailles, die Alhambra, Werke
+eines raffinierten Kunstverstandes, erscheinen daneben klein und
+allzumenschlich.
+
+
+9
+
+Es sind immer die große Ornamentik und die große Architektur, diese
+beiden +Traumkünste+, die verschwistert den Anfang einer neuen
+Kulturentwicklung bilden. Wohl sind viele Motive des nordischen
+Ornaments urgermanisch, auch keltisch -- auch in der Edda ist manches
+Keltische -- von arabischen und antiken Entlehnungen ganz abgesehen,
+aber erst im 10. Jahrhundert entsteht die einheitliche und organische
+Bildung des +faustischen Ornaments+ in seiner unermeßlichen Tiefe,
+wie wir sie an St. Trophîme in Arles, an St. Pierre in Aulnay, an St.
+Lazare in Autun, in Poitiers, in Moissac, in Deutschland vornehmlich
+an den Domen der Ottonen- und Stauferzeit, an Chorgestühlen, Geräten,
+Gewändern, Büchern, Waffen bewundern. Hier hat das neue Ursymbol, der
+unendliche Raum, den gesamten Formenschatz zu einer einheitlichen
+Sprache ausgeprägt. Gleichzeitig mit den magischen Kuppelräumen der
+Basiliken Syriens erwacht die zauberhafte Sprache der +Arabeske+,
+die flimmernd, verwirrend, alle Linien aufzehrend seitdem alles
+durchgeistigt und entkörpert, was seelischer Besitz der arabischen
+Kultur ist, -- bis hinein in die Formenwelten der persischen,
+langobardischen, normannischen, der sogenannten „mittelalterlichen“
+Kunst.
+
+Eine heilige Strenge herrscht in diesen frühen Formen. Die älteste
+Dorik trägt nicht ohne Grund die Bezeichnung des geometrischen Stils.
+Die altchristlich-spätheidnische Kunst der Sarkophagreliefs und
+Bildnisse konstantinischen Stils galt deshalb und gilt heute noch als
+eine Kunst des Verfalls. Im Totentempel der Chephren (4. Dyn.) wird
+der Gipfel mathematischer Einfalt erreicht: überall rechte Winkel,
+Quadrate, rechteckige Pfeiler; keine Verzierung, keine Inschrift,
+kein Übergang; das die Spannung mildernde Ornament wagt sich erst
+einige Generationen später in die hehre Magie dieser Räume. Ebenso die
+edle Romanik Westfalens (Corvey, Minden, Freckenhorst) und Sachsens
+(Hildesheim, Gernrode), die mit einer unbeschreiblichen inneren Wucht
+und Würde über alle eigentliche Gotik hinaus den ganzen Sinn der Welt
+in +eine+ Linie, +ein+ Kapitäl, +einen+ Bogen zu legen vermochte.
+
+Der Simplizität dieser frühen Seelensprache erscheint nichts unmöglich.
+Wir finden in ihr Symbole, deren Charakter als Symbol bisher niemand
+auch nur geahnt hat. Die ägyptische Seele mit ihrem strengen Hange zum
+Chronologischen, einer unerhörten Gemessenheit und Abgewogenheit des
+sozialen Daseins -- das sich in diesem einzigen Falle wirklich „_sub
+specie aeternitatis_“ abspielte -- mit ihrer Wahl der härtesten
+Gesteine, mit ihrem Verzicht auf alles bloß Literarische, faßte schon
+am Anfang das alles mit leidenschaftlichem Ungestüm in einen Höhepunkt
+des Ausdrucks zusammen, in einen +Staat+, der den Geist dieser
+Kultur schlechthin darstellt. Auch der Staat ist ein Stück Architektur.
+Auch seine Formen, als Formen von Gewordnem, Verwirklichtem,
+Ausgedehntem, reden vom Ursymbol einer Kultur. Die antike Polis ist
+das Seitenstück des dorischen Tempels, ganz euklidischer Körper. Das
+abendländische Staatensystem ist eine Dynamik geographischer Räume.
+Noch deutlicher spricht die Form des ägyptischen Staates. Seine
+Maßnahmen und Institutionen rechnen nach Dynastien; seine Menschen
+bilden, sorgfältig geschichtet, wieder eine Pyramide, mit dem Pharao
+als Spitze. Jedermann hat ein +Amt+. Das Einzeldasein erschöpft
+sich in der Teilnahme an der großen Bewegtheit. Es gibt keine „Genies“,
+keine privaten Interessen. Dieser Staat ist das Schicksal; er stellt
+den Weg der ägyptischen Menschheit dar; er setzt sich selbst in
+Beziehung zur Idee des Todes. Die Pyramide ist das ungeheure Grab des
+Königs, dessen Grundsteinlegung den ersten Akt seiner Regierung bildet,
+an dem das ganze Volk arbeitet, solange er regiert. Zu ihm, dessen
+„Ka“, an der Mumie haftend, alle Dynastien überdauert, führt jene
+Prozessionsstraße von Pfeilersälen und Statuenhallen; die Säulenreihen,
+Reliefreihen, Statuenreihen wiederholen noch einmal das metaphysische
+Motiv der Herrscherreihen, die das Veränderliche im Unveränderlichen,
+das Lebendige im Ausgedehnten, im +Staate+ als dem Gewordenen,
+darstellen. Was in andern Kulturen in tausendfacher Gestalt vorliegt,
+besitzt hier eine einzige. Der Staat ist +die+ Wirklichkeit. Es
+gibt keine andere. Das Tiefenerlebnis, im Tempelwege symbolisiert, ist
+das des +ganzen+ Ägyptertums, kaum das der partiellen Seelen.
+Es gibt in der gesamten organischen Welt nur +ein+ erhabenes
+Seitenstück hierzu, an das noch niemand gedacht hat: den Bienenstaat.
+
+Beide sind der höchste Ausdruck der +Sorge+; man könnte auch
+sagen der +Pflicht+. Wenn die kantische Ethik irgendwo ein
+Seitenstück hat, nicht in Formeln, sondern in Wirklichkeiten, so ist
+es hier. Es ist etwas Preußisches, etwas von Friedrich dem Großen in
+dieser Staatsgesinnung des ägyptischen Menschen. Dicht daneben aber
+steht die Kultur, welche ein Gefühl für die Zukunft -- die Richtung des
+Lebens, den Sinn der Geschichte -- und also eine Sorge nie gekannt hat,
+die antike. Deshalb hat sie es nie zu einem wirklichen Staate gebracht,
+so wenig als zu einer Früharchitektur großen Stils.
+
+So erklärt es sich, weshalb man Weltgeschichte immer vornehmlich
+als die Geschichte von +Staaten+ aufgefaßt und behandelt hat.
+Es liegt tiefste Notwendigkeit in diesem Zusammenhange. Eine Kultur
+(Seele), die kein Gefühl für das eigne Werden besitzt -- das ist
+Geschichte, Verwirklichung von Möglichem -- besitzt auch keinen Blick
+für das zu Vollendende. In einer Staatsidee stellt sich die Geschichte
+der Zukunft dar, wie eine Kultur sie +will+. Vergangenheit und
+Zukunft sind in gleicher Weise Phänomene der Ferne. Man sorgt um
+beide oder keines von beiden, um die Toten +und+ die Ungebornen
+oder +nur+ um das Glück der Stunde. Der Sozialismus setzt einen
+eminenten Sinn für Geschichte voraus, indem er Kommendes an Vergangenes
+knüpft, der Stoizismus ist ahistorisch. Er erinnert sich an nichts
+und sorgt um nichts. Der ägyptische Staat ist in gewissem Betrachte
+sozialistisch. Die indische Staatengeschichte -- wenn man von einer
+solchen reden darf -- hat im Hinblick auf ihre Sorglosigkeit und das
+Herankommenlassen der Dinge etwas Antikes. Wer eine innere Entwicklung
+-- zu Goethes Zeit nannte man das die Kultur eines Menschen --
+besitzt und sich Rechenschaft über sie ablegt, hat auch eine innere
+Zukunft und den Willen zu ihr. Der „Staat“ des innern Menschen ist
+sein +Charakter+. Charakterbildung und Staatengeschichte sind
+in der Tiefe identisch als biographische Formen des Einzelnen und
+seiner Kultur. Shakespeare stellte neben seinen Othello und Macbeth
+die Reihe seiner Historien, Goethe neben den Egmont den Tasso, neben
+eine äußere eine innere Revolution. Don Quijote, Don Juan, Werther
+resümieren auch eine politische Phase und man darf die -- gänzlich
+unantike -- psychologische Dialektik in den Romanen von Choderlos de
+Laclos, Stendhal und Balzac eine Politik der Seele nennen; insofern
+ist Julian Sorel der Zögling Napoleons. Das attische Drama aber ist
+unpolitisch -- also mythisch -- und ohne das formale Motiv einer innern
+Entwicklung. So wenig Antigone ein Charakter, der sich „im Strome der
+Welt bildet“, so wenig war Athen ein Staat im westeuropäischen Sinne.
+Beide gehören dem Augenblick, dem blinden Ungefähr mit der ganzen
+Summe ihrer Existenz an. Sie sind immer fertig wie ein euklidischer
+Körper. Sie haben keine Genesis und kein Ziel ihres Daseins. Beide
+Erscheinungen, das Weltbild der Historie und das Phänomen des Staates,
++in dem+ nach Goethes Ausdruck die Idee unmittelbar angeschaut
+wird, verhalten sich wie Leben und Erlebtes. Die abendländische
+politische Geschichte und das abendländische Staatensystem verhalten
+sich wie +Wollen+ und +Erreichtes+, die antike Geschichte und
+die lose Menge der πόλεις demgemäß wie ein +Geschehenlassen+ und
+dessen +Resultat+.
+
+Auch der gotische Dom verhält sich zum nordischen Glauben wie das
+Erlebte zum Erleben. Der Atem seines Raumes ist der Geist Gottes. Er
+symbolisiert den „Weg zu Gott“, zum Hochaltar, der in der geweihten
+Hostie das immerwährende Wunder umschließt, das die Teilnehmer an
+ihm zur +sichtbaren Kirche+, einer faustischen Gemeinschaft
+jenseits aller Grenzen von Raum und Zeit, vereinigt. Dieser Gedanke,
+der durchaus Eigentum der abendländischen Seele ist, der im 10.
+Jahrhundert konzipiert und 1215 auf dem lateranischen Konzil als Dogma
+fixiert wurde, schuf aus der arabischen Basilika des orientalischen
+Christentums den +Dom+. Das Raumgefühl des magischen Menschen,
+das sich in dem von einem Syrer erbauten Pantheon zu Rom ankündigt
+und über die Kuppelbauten von Ravenna und Byzanz zu den großen
+Moscheen des Islam führt, hat plötzlich einem neuen Tiefenerlebnis
+und folgerichtig einer neuen Architektur und Staatsidee den Rang
+abgetreten. Die Palastkapelle Karls des Großen zu Aachen -- dem Geiste
+nach eine +Moschee+ -- ahnt hiervon noch nichts. Durch eine ebenso
+plötzliche Gedankenschöpfung muß zu Beginn der 4. Dynastie -- um 3000,
+wo mit dem Ende der Thinitenzeit die ägyptische Kultur ins Leben tritt
+-- zugleich mit dem neuen Weltgefühl die Idee einer Religion, die
+Idee des Pharaonenstaates und der sie verkörpernde Baugedanke jener
+ungeheuren Totentempel als ein +Ganzes+ entstanden sein.
+
+
+10
+
+Man begreift nun, eben aus dem Unterschied von Dom und Pyramide, von
+unsichtbarer Kirche und sichtbarem Staat als den repräsentativen Formen
+der Seelengemeinschaft, das gewaltige Phänomen der gotischen Seele,
+die in prachtvollem Aufschwung über alle Grenzen optisch gebundener
+Sinnlichkeit hinausstrebt. Kann etwas dem Sinne des ägyptischen
+Staates, dem alle Pharaonen +gedient+ haben, dessen Tendenz man
+als einen erhabenen Realismus bezeichnen möchte, fremder sein als der
+politische Ehrgeiz der großen Sachsen-, Franken- und Staufenkaiser,
+die am Überfliegen aller staatlichen Wirklichkeiten zugrunde gingen?
+Die Anerkennung einer Grenze wäre ihnen gleichbedeutend mit der
+Herabwürdigung der Idee des Herrschertums gewesen. Hier tritt der
+unendliche Raum als Ursymbol in seiner ganzen unbeschreiblichen Macht
+in den Umkreis öffentlichen Daseins, und man könnte zu den Gestalten
+der Ottonen, Konrads II., Heinrichs VI. und Friedrichs II. die
+Normannen, die Eroberer Islands und vor allem die großen Päpste Gregor
+VII. und Innocenz III. fügen, die alle die sichtbare Machtsphäre mit
+der damals bekannten Welt gleichsetzen wollten. Dies unterscheidet die
+homerischen Helden mit ihrem geographisch so genügsamen Gesichtskreis
+von den stets im Unendlichen schweifenden Helden der Gral-, Artus-
+und Siegfriedsage. Dies unterscheidet auch die Kreuzzüge, zu denen
+die Krieger von den Ufern der Elbe und Loire bis zu den Grenzen der
+bekannten Welt ausritten, von den Ereignissen, welche der Ilias
+zugrunde liegen und auf deren örtliche Enge und Übersehbarkeit man auf
+den Stil des antiken Seelentums mit Sicherheit schließen darf.
+
+Die dorische Seele verwirklichte das Symbol des leibhaft gegenwärtigen
+Einzeldinges, indem sie auf alle großen und weitreichenden Schöpfungen
+Verzicht leistete. Es hat seinen guten Grund, wenn die erste
+nachmykenische Zeit unseren Archäologen nichts hinterlassen hat. Wenn
+die ägyptische und faustische Seele in der Sprache einer gewaltigen
+Architektur zuerst zum Ausdruck kam, so suchte die antike Seele ihren
+Ausdruck in einem ausdrücklichen +Verzicht+ auf sie. Ihr endlich
+erreichter Ausdruck ist der dorische Tempel, der nur nach außen, als
+massives Gebilde in der Landschaft gelegen, wirkt und den künstlerisch
+überhaupt unbeachteten Raum in sich als das μὴ ὄν, das, was gar nicht
+da sein sollte, verleugnet. Die ägyptische Säulenreihe trug die Decke
+eines Saales. Der Grieche entlehnte das Motiv und wandte es in seinem
+Sinne an, indem er den Bautypus wie einen Handschuh umkehrte. Die
+äußeren Säulenstellungen sind Reste eines „Innenraums“.[63]
+
+Demgegenüber ließen die magische und die faustische Seele ihre
+steinernen Traumgebilde als Überwölbungen bedeutungsvoller Innenräume
+emporsteigen, deren struktive Idee den Geist zweier Mathematiken,
+der Algebra und der Analysis, vorwegnimmt. In der von Burgund und
+Flandern ausstrahlenden Bauweise bedeuten die Kreuzrippengewölbe mit
+ihren Stichkappen und Strebepfeilern eine Auflösung des geschlossenen,
+durch sinnlich-greifbare Grenzflächen bestimmten Raumes überhaupt.
+Ein Innenraum ist noch immer etwas Körperhaftes. Hier aber wird der
+Wille fühlbar, aus ihm ins Grenzenlose zu dringen, wie es später die
+in diesen Wölbungen heimische Musik des Kontrapunkts wollte, deren
+körperlose Welt immer die der ersten Gotik geblieben ist. Wo auch in
+spätesten Zeiten die polyphone Musik zu ihren höchsten Möglichkeiten
+emporstieg wie in der Matthäuspassion, der Eroica und Wagners Tristan
+und Parzifal, wurde sie mit innerster Notwendigkeit +domhaft+
+und kehrte zu ihrer Heimat, zur steinernen Sprache der Kreuzzugszeit
+zurück. Die ganze Wucht einer tiefsinnigen Ornamentik mit ihren seltsam
+schauerlichen Umbildungen von Pflanzen, Tier- und Menschenleibern (St.
+Pierre in Moissac), welche die Substanz des Gesteins leugnet, welche
+alle Linien in Melodien und Figurationen eines Themas, alle Fassaden in
+vielstimmige Fugen, die Leiblichkeit der Statuen zu einer Musik der
+Gewandfaltung auflöst, mußte zu Hilfe kommen, um jeden antiken Hauch
+von Körperlichem zu bannen. Erst dies gibt den riesigen Glasfenstern
+der Dome mit ihrer farbigen, +durchleuchteten, also völlig stofflosen
+Malerei+ -- eine Kunst, die sich niemals wiederholt und die den
+stärksten überhaupt denkbaren Gegensatz zum antiken Fresko bildet
+-- ihren tiefen Sinn. Er wird am deutlichsten etwa in der Sainte
+Chapelle zu Paris, in der neben dem leuchtenden Glas der Stein beinahe
+verschwunden ist. Im Gegensatz zum Fresko, dem mit der Wand körperlich
+verwachsenen Gemälde, dessen Farben als Materie wirken, finden wir hier
+Farben von der räumlichen Freiheit der Orgeltöne, völlig vom Medium
+einer tragenden Fläche gelöst, Gestalten, die frei im Unbegrenzten
+schweben. Mit dem faustischen Geiste dieser hochgewölbten, farbig
+durchleuchteten, zum Chore strebenden Kirchenschiffe vergleiche man
+die Wirkung der arabischen -- also altchristlich-byzantinischen --
+Kuppeln. Auch die über der Basilika oder dem Oktogon scheinbar frei
+schwebende Hängekuppel bedeutet eine Überwindung des antiken Prinzips
+der natürlichen Schwere, wie sie das Verhältnis von Säule und Architrav
+ausdrückt. Auch hier verleugnet sich der Stein. Eine geisterhaft
+verwirrende Durchdringung der Formen von Kugel und Polygon, eine
+Last auf einem Steinring gewichtlos über dem Boden schwebend, alle
+tektonischen Linien verhüllt, kleine Öffnungen im höchsten Gewölbe,
+durch die ein Ungewisses Licht hereinfällt, das die Raumgrenzen
+noch unwirklicher macht -- so stehen die Meisterwerke dieser Kunst,
+San Vitale in Ravenna, die Hagia Sophia in Byzanz, der Felsendom in
+Jerusalem vor uns. Statt der ägyptischen Reliefs mit ihrer reinen
+Flächenbehandlung, die jede in die Tiefe weisende Verkürzung peinlich
+meidet, statt der den äußeren Weltraum einbeziehenden Glasgemälde der
+Dome verkleiden hier flimmernde Mosaiken und Arabesken, in denen der
+Goldton vorherrscht, alle Wände und versenken das Wirkliche in einen
+märchenhaften, ungewissen Schein, der in aller maurischen Kunst für den
+nordischen Menschen immer so verlockend geblieben ist.
+
+
+11
+
+So stammt das Phänomen des +Stils+ also aus dem hier festgestellten
+Wesen des Makrokosmos, aus dem Ursymbol einer Kultur. Man wird, wenn
+man den Gehalt des Wortes zu würdigen weiß, die fragmentarischen und
+chaotischen Kunstäußerungen des Urmenschentums nicht zu der umfassenden
+Bestimmtheit eines Stils in Beziehung bringen. Erst die als Einheit
+nach Ausdruck und Bedeutung wirkende Kunst der großen Kulturen -- und
+nun nicht mehr die Kunst allein -- hat Stil.
+
+Wir haben die guten Tierimitationen der Diluvialmenschen und
+einiger Naturvölker sowie die sehr hoch stehende mykenische und
+Merowingerkunst. Aber gerade das macht den Unterschied evident. Das
+ist kein Stil. Das ist alles isoliert, voller Freude am Gestalten
+und Nachahmen, voller Sinn für Harmonie und Nuancen, aber ohne ein,
+sagen wir ruhig +metaphysisches Formgefühl+, das unbewußt, wo es
+auch in Kraft tritt, an Kunstwerken, Bauten, Geräten, Schmuck, auf
+ein +Ziel+ zustrebt. +Damit+ erst gibt es Stil, eine +ungewollte und
+unausweichliche+ (das soll man heute unterstreichen) Tendenz in +aller+
+Produktion, die von der frühesten Dorik bis zum Römertum, von der
+frühesten Romanik bis zum Empire die gleiche bleibt. Man vergleiche
+das Aachener Münster mit Bauten, die nur 150 Jahre später entstanden
+sind: inzwischen ist ein Stil erwacht. In Aachen ist er noch nicht
+da. Der Bau Karls des Großen ist ein Musterbeispiel für eine Kunst
++außerhalb+ und vor einer Stilatmosphäre, außerhalb einer Kultur also!
+Da gibt es kein Ursymbol, das hätte verwirklicht werden können und
+müssen. Ebenso unterscheiden sich durch eine innere Notwendigkeit
+der Form die geometrischen Verzierungen der spätmykenischen und der
+frühdorischen Kunst. Erst die Dorik legt eine Tendenz, ein Weltgesetz
+hinein. Andrerseits: in der Antike ist mit dem Alexandrinismus, bei uns
+um 1800 diese Tendenz +zu Ende+. Die Geschichte des Stils schließt ab.
+Die Möglichkeiten des +einen+ Formgedankens haben sich erschöpft. Von
+da an macht man nach, erkünstelt, kreiert „Stile“, die alle zehn Jahre
+wechseln, mit denen jeder tut, was er will; man wiederholt, kombiniert,
+treibt Äußerlichkeiten auf die Spitze, weil das Bedürfnis, Kunst zu
+machen, noch fortdauert, während der Stil, d. h. die +notwendige+ Kunst
+tot ist. Das ist die Lage von heute.
+
+Im Stil offenbart sich in und über allem +bewußten+ Künstlertum
+-- das immer eine späte und städtische Erscheinung bildet -- das
+unbewußt Seelische, das, was ich die Idee des Daseins nannte. Ein Stil
+ist ein +Schicksal+. Man hat ihn, aber man erwirbt ihn nicht.
+Bewußter, gewollter, gemachter Stil ist erlogener Stil, wie es alle
+Spätzeiten, allen voran die Gegenwart, beweisen. Große Künstler und
+Kunstwerke sind Naturereignisse. Die +Welt+ -- Natur -- ist
+Schöpfung der Seele, das vollkommene Kunstwerk ist es auch: beide
+ungewollt, wahllos, notwendig, folglich beide „Natur“. Hierauf beruht
+die innere Identität eines Stils und der +zugehörigen+ Mathematik.
+Stilformen sind, ohne Ausnahme, extensive Formen. Sie +bannen+
+das im Ausgedehnten als gegenwärtig empfundene Fremde. Von den beiden
+urmenschlichen Kunsttrieben, dem imitativen und dem symbolischen, ist
+es der letzte, das +ornamentale+ Wollen, das den Stil hervorruft.
+Nicht in der Weltsehnsucht, allein in der +Weltangst+ liegt die
+letzte erreichbare Wurzel aller elementaren Kunstform. Ein Kunstwerk
+besitzt Stil in genau demselben Sinne und Maße, wie eine physikalische
+Vorstellung außer theoretisch-bildhaftem auch mathematischen Gehalt
+besitzt.
+
+Um ein Beispiel zu geben, fasse ich das ungeheure Phänomen des
+ägyptischen Stils noch einmal zusammen, so wie es seit wenigen Jahren
+übersehbar geworden ist. Wenn je, so ist in +diesem+ Stil der Tod
+wirklich gebannt worden. Hier ruht Ewigkeit auf jedem Zuge; nicht jene
+ergreifende Leidenschaft, die in der Gotik die Flügel entfaltet, um
+dem Irdischen zu entrinnen und sich in jenseitige Räume zu verlieren;
+nicht der allzu-körperliche und für uns etwas oberflächliche Hang der
+Antike, das Behagen des Augenblicks um sich zu breiten und den Rest
+zu vergessen. Der ägyptische Stil ist von einem tiefen Realismus. Er
+ergreift die ganze Vergänglichkeit; er erkennt -- und er hält sich
+deshalb bis in die letzten Epochen an den Stein als Material -- das
+Gewordne und Begrenzte an, um es zu +überwinden+. Bei Rembrandt,
+Beethoven und Michelangelo redet die Furcht vor dem Raume aus jedem
+Zuge; in der Architektur von Memphis und Theben liegt sie weit zurück.
+
+Um das Jahr 1100 erfolgt gleichzeitig in Frankreich, Oberitalien
+und Westdeutschland die Einwölbung des bis dahin flach gedeckten
+Mittelschiffes der Dome. Mit einem schöpferischen Akt von gleicher
+Unbewußtheit und symbolischer Prägnanz beginnt der ägyptische Stil. Das
+Ursymbol des +Weges+ ist plötzlich ins Leben getreten, mit dem
+Beginn der 4. Dynastie (2930 v. Chr.). Das weltbildende Tiefenerlebnis
+dieser Seele empfängt seinen Gehalt vom Richtungsfaktor selbst: die
+Tiefe des Raumes als erstarrte Zeit, die Ferne, der Tod, das Schicksal
+selbst beherrscht den Ausdruck; die bloß sinnlichen Dimensionen
+der Länge und Breite werden zur begleitenden Fläche, die den Weg
+des Schicksals einengt und vorschreibt. Das spezifisch ägyptische
+Flachrelief, auf Nahsicht berechnet und in seiner zyklischen Anordnung
+den Betrachter zwingend, in vorgeschriebener Richtung die Wandflächen
+abzuschreiten, taucht ebenso plötzlich gegen Beginn der 5. Dynastie
+auf.[64] Die noch späteren Reihen von Sphinxen und Statuen, die
+Felsen- und Terrassentempel, die Bildnisstatuen, die stets vorwärts
+schreitend und schauend, nie im Profil gedacht sind, verstärken ständig
+die Tendenz auf die einzige Ferne, welche die Welt des ägyptischen
+Menschen kennt, das Grab, den Tod. Man bemerke wohl, wie schon die
+Säulenreihen der Frühzeit nach Durchmesser und Abstand der mächtigen
+Schäfte genau so gegliedert sind, daß sie jeden seitlichen Durchblick
++verdecken+. Dies hat sich in keiner andern Architektur wiederholt.
+
+Die Größe dieses Stils erscheint uns starr und unveränderlich. Er steht
+allerdings jenseits der Leidenschaft, die noch sucht und fürchtet und
+dem untergeordneten Detail damit eine rastlose subjektive Bewegtheit
+im Lauf der Jahrhunderte erteilt. Diese Seele stellte fast alles uns
+Wesentliche in den Elementen ihres Makrokosmos zurück, aber sicherlich
+wäre dem Ägypter der ihm so fernliegende faustische Stil -- er bildet
+von der frühesten Romanik bis zum Rokoko und Empire ebenfalls eine
+Einheit -- in seiner Unruhe und seinem ständigen Suchen nach einem
+Etwas viel gleichförmiger erschienen, als wir uns vorstellen können.
+Vergessen wir jedenfalls nicht, daß aus dem hier vertretenen Begriff
+des Stils folgt, daß Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko nur
+Phasen +ein und desselben+ Stils sind, an dem wir naturgemäß vor
+allem das Wechselnde, das Auge anders gearteter Menschen das Bleibende
+bemerken. In der Tat beweisen zahllose Umbauten romanischer Werke im
+Barock-, spätgotischer im Rokokostil, die durch nichts auffallen,
+die innere Harmonie der nordischen Renaissance und der Bauernkunst,
+in denen Gotik und Barock völlig identisch werden, die Straßen alter
+Städte, deren Giebel und Fassaden aller Stilarten einen reinen
+Einklang bilden, und die Unmöglichkeit, Romanik und Gotik, Renaissance
+und Barock, Barock und Rokoko in einzelnen Fällen überhaupt zu
+unterscheiden, daß die „Familienähnlichkeit“ dieser Phasen viel größer
+ist, als sie den Angehörigen erscheinen.
+
+Der ägyptische Stil ist absolut +architektonisch+ bis zum
+Erlöschen dieser Seele. Er gestattet keine Abschweifung zu
+unterhaltenden Künsten, keine Tafelmalerei, keine Büste, keine
+weltliche Musik. In der Antike geht mit der Ionik der Schwerpunkt der
+Stilbildung von der Architektur zu einer von ihr unabhängigen Plastik
+über, im Barock geht er zur Musik, deren Formensprache ihrerseits die
+gesamte Baukunst des 18. Jahrhunderts beherrscht, im Arabertum löst
+mit dem Beginn der islamitischen Phase die Ornamentik der Arabeske
+alle Formen der Architektur, Malerei und Plastik zu Stileindrücken
+auf, die wir heute etwa als kunstgewerblich bezeichnen könnten. In
+Ägypten bleibt die Herrschaft der Architektur unangefochten. Sie
+mildert lediglich ihre Sprache. In den Hallen der Pyramidentempel der
+4. Dynastie (Pyramide des Chephren) stehen schmucklose, scharfkantige
+Pfeiler. In den Bauten der 5. Dynastie (Pyramide des Sahu-rê) erscheint
+die +Pflanzensäule+. Steingewordne Lotus und Papyrusbündel wachsen
+riesenhaft aus dem Fußboden von durchscheinendem Alabaster auf, der
+das Wasser bedeutet, eingeschlossen von purpurnen Wänden. Die Decke
+ist mit Vögeln und Sternen geschmückt. Der heilige Weg vom Torbau zur
+Grabkammer, das Bild des Lebens, ist ein Strom. Es ist der Nil selbst,
+der mit dem Ursymbol der Richtung eins wird. Der Geist der mütterlichen
+Landschaft vereinigt sich mit der aus ihm entsprungenen Seele. Ganz
+ebenso knüpft sich das euklidische Dasein der antiken Kultur in
+geheimnisvoller Weise an die vielen kleinen Inseln und Vorgebirge des
+ägäischen Meeres und die stets im Unendlichen schweifende Leidenschaft
+des Abendlandes an die weiten, fränkischen, burgundischen, sächsischen
+Ebenen.
+
+Der ägyptische Stil ist von einer Erfülltheit des Ausdrucks, die unter
+andern Bedingungen schlechthin unerreichbar erscheint. Ich glaube,
+daß die +Langeweile+, jene Verdünntheit einzelner Lebensmomente,
+die uns so wenig fremd ist wie den Griechen, der ägyptischen Seele
+unbekannt war. Leben und +nur+ leben, in jeden Augenblick den
+größtmöglichen Gehalt an Wirkung legen, ist aus diesem Weltaspekt,
+angesichts der Symbole der Hieroglyphen, Mumien und Pyramidengräber,
+eine Notwendigkeit. Man kann das Ethos dieser Art zu sein nur fühlen,
+nicht nennen. Nicht unser „Wille“, nicht die antike Sophrosyne,
+sondern die mit Worten gar nicht zu beschreibende Fülle des Daseins
+ist die Regel. Man schreibt und redet nicht; man bildet und tut. Ein
+ungeheures Schweigen -- für uns der erste Eindruck alles Ägyptischen
+-- täuscht über die Macht dieser Vitalität. Es gibt keine Kultur
+von höherer Seelenkraft. Keine Agora, keine geschwätzig-antike
+Öffentlichkeit, keine nordischen Berge von Literatur und Publizistik,
+nur sachlich-sichere, selbstverständliche Wirksamkeit. Einzelnes wurde
+schon erwähnt. Ägypten besaß eine Mathematik höchsten Ranges, aber
+sie äußerte sich durchaus in einer meisterhaften Bautechnik, einem
+unvergleichlichen Kanalsystem, einer erstaunlichen astronomischen
+Praktik, ohne auch nur ein theoretisches Buch zu hinterlassen (denn
+das „Rechenbuch des Ahmes“ wird man nicht ernst nehmen wollen). Schon
+das Alte Reich (der deutschen Kaiserzeit entsprechend) besaß eine
+selten übertroffene, auf Generationen vorausschauende Sozialökonomie,
+aber in Gestalt eines wohlgegliederten, das Geringste bedenkenden
+Beamtenstaates. Die Römer mußten sich auf ihn stützen, um ihr Imperium
+lebensfähig zu erhalten, ohne daß sie seinen Geist sonderlich begriffen
+hätten. Ägypten mußte ihr Reich füttern, bezahlen, verwalten; es wurde
+infolge der Mustergültigkeit seiner Institutionen der natürliche
+Schwerpunkt und Cäsar war im Begriff, seine Residenz in Alexandria
+zu nehmen. Aber es gibt kein ägyptisches Werk von staatsrechtlichem
+oder finanzwissenschaftlichem Inhalt. Die späten Römer haben sich
+den literarischen Ruhm angeeignet, indem sie einen Schatten dieser
+Weisheit in ein System brachten. Ich glaube, daß man heute noch nicht
+ahnt, wieviel vom Corpus Juris (dem +Werke+, nicht dem römischen
+Rechtsbewußtsein) vom Nil stammt. Die Ägypter waren Philosophen, aber
+sie hatten keine „Philosophie“. Überall nicht der geringste Versuch
+einer Theorie und eine von wenigen erreichte instinktive Meisterschaft
+in der Praxis.
+
+Und wie jede Wissenschaft am Nil +getan+ und nicht diskutiert
+wurde, so entstanden auch die frühen Epen und Idyllen, wie sie jede
+Kultur besitzt, nicht in poetischer Wortkunst, sondern in Stein. Die 5.
+und 6. Dynastie entspricht hierin der Zeit Homers, des Nibelungenliedes
+und des Parzival. Damals entstanden die Reliefreihen der großen Tempel.
+Etwas so Lebensprühendes, von einer so kindlichen und köstlichen
+Laune Erfülltes wie diese steinernen Idyllen von 2700 v. Chr. mit
+ihren Jagden, Fischzügen, Hirtenszenen, mit Zank und Spiel, Festen
+und Familienszenen, Spazierfahrten, Bildern von Ackerbau und tätigem
+Gewerbe, die das ganze Leben in heiterster Kraft und Fülle, ohne
+nachdenkliche -- homerische -- Reflexion, in graziösester Sinnlichkeit
+erzählen, ist ohne Beispiel. Man spricht so oft von der Heiterkeit der
+Menschen anderer Kulturen und nennt neben Homer Theokrit, neben Walter
+von der Vogelweide womöglich Rabelais oder Mozart. Aber dies haben die
+Hellenen in ihren höchsten Momenten nicht erreicht, von Florentinern
+und Niederländern, Raffael und Rubens zu schweigen. Das ist „Glück“.
+Erst +dies+ macht die Symbolik der Pyramidentempel vollkommen.
+Neben dem architektonischen Formelement, das die Idee des +Todes+
+begreift und überwindet, steht das lyrische, imitative, welches das
++Leben+ in Gestalt bringt. Im Gotischen hat das eine in den Domen,
+das andre in den epischen Dichtungen getrennte Formenwelten geschaffen;
+hier ist eine erhabene Einheit durch die Beziehung auf das Symbol des
++Weges+ gewahrt.
+
+Goethe hat einmal das Glück seiner Existenz in den Ausspruch gefaßt:
+„Als ich achtzehn Jahre war, war Deutschland auch erst achtzehn.“
+Unter allen Kulturen ist vielleicht nur die ägyptische sich dieses
+Glückes bewußt geworden. Als sie geboren wurde, begann die höhere
+Menschlichkeit überhaupt. Diese Idyllen, eine imitative, nicht
+symbolische Kunst, entsprangen aus der Weltsehnsucht der jungen Kultur,
+aus der reinen Freude am aufsteigenden Leben. Tiefe, klare, durch
+keinen Anblick älterer, absterbender Kulturen getrübte Heiterkeit --
+den Griechen stand schon der greisenhafte Orient, uns der Untergang
+des „Altertums“ vor Augen -- hellste Geistigkeit, Vollgefühl
+eigner Kraft, Beherrschtheit, Gewißheit des Ziels, der erreichten
+und +gewohnten+ strengen Ordnung und Disziplin,[65] keine
+schwermütigen Träume, keine verflatternden Wünsche, kein ängstliches
+stoisches Sichbescheiden, nichts von dem etwas gewollten Lachen der
+Renaissance oder der am Entbehren gereiften γαλήνη der perikleischen
+Zeit, sondern naives, gefühltes, unreflektiertes Glück -- das alles
+liegt in der Sprache dieser Reliefs, die den Weg zur Totenkammer der
+Könige schmücken.
+
+
+12
+
+Der ägyptische Stil ist der Ausdruck einer +tapferen+ Seele.
+Seine Strenge und Wucht ist vom ägyptischen Menschen nie empfunden und
+betont worden. Man wagte alles, aber man schwieg darüber. In der Gotik
+und im Barock wird die Überwindung des Schweren zum stets bewußten
+Motiv der Formensprache. Das Drama Shakespeares redet laut von den
+verzweifelten Kämpfen zwischen Wille und Welt. Der antike Mensch war
+den „Mächten“ gegenüber schwach. Die κάθαρσισ von Furcht und Mitleid,
++das Aufatmen der apollinischen Seele+ im Augenblick der Peripetie
+war nach Aristoteles die Wirkung der attischen Kulttragödie. Indem der
+Grieche das Schauspiel vor sich hatte, wie jemand, den er +kannte+
+-- denn jeder kannte den Mythus und lebte mit ihm, in ihm -- und der
+vom Geschick sinnlos zertreten wurde, ohne daß ein Widerstand gegen
+die Mächte denkbar war, in prachtvoller Haltung, trotzend, heroisch
+untergeht, erfolgte tatsächlich in seiner euklidischen Seele eine
+wunderbare Erhebung. War das Leben nichts wert, so war es doch die
+große +Geste+, mit der man es verlor. Man wollte und wagte nichts,
+aber man fand eine berauschende Schönheit im +Ertragen+. Schon die
+Gestalt des Odysseus, in viel höherem Grade das Urbild des hellenischen
+Menschen als Achill, zeugt davon. Die Moral der Cyniker, der Stoa.
+Epikurs, das allgemeine hellenische Ideal der σωφροσύνη und ἀταραξία,
+Diogenes in seinem Fasse, der θεωρία huldigend, -- das alles ist
+verkappte Feigheit und sehr verschieden von dem Stolz der ägyptischen
+Seele; der apollinische Mensch geht dem Leben im Grunde aus dem Wege,
+bis zum Selbstmord, der +in dieser Kultur allein+ den Rang eines
+positiv ethischen Aktes erhielt und mit der Feierlichkeit eines
+sakralen Symbols behandelt wurde; der dionysische Rausch erscheint der
+gewaltsamen Übertäubung von etwas verdächtig, das die ägyptische Seele
+gar nicht kannte. Die griechische Architektur mit ihrem Gleichmaß von
+Stütze und Last und den ihr eigentümlichen kleinen Maßstäben wirkt wie
+eine ständige Ausflucht vor schweren tektonischen Problemen, die man
+am Nil und später am Rhein mit einer Art von dunklem Pflichtgefühl
+geradezu aufsuchte und die man in der mykenischen Zeit gekannt und
+sicherlich nicht vermieden hat. Der Ägypter liebte das harte Gestein
+massiger Bauten; es entsprach seinem Selbstbewußtsein, nur das Höchste
+als Aufgabe zu wählen; der Grieche mied es. Es ist sehr merkwürdig,
+wie er als Erbe der hochentwickelten mykenischen Steinbehandlung,
+noch dazu in einem felsigen, kaum waldreichen Lande, zur Verwendung
+des Holzes zurückkehrte. Die Absicht auf Dauer gehört nicht zu den
+Tendenzen seiner Technik. Erst suchte seine Baukunst kleine Aufgaben,
+dann hörte sie ganz auf. Vergleicht man sie in ihrem vollen Umfange mit
+der Gesamtheit der indischen, ägyptischen oder gar abendländischen, so
+ist man über die Geringfügigkeit des Phänomens erstaunt. Mit einigen
+Variationen des dorischen Tempeltyps ist sie erschöpft und mit der
+Erfindung des korinthischen Kapitäls (um 400) abgeschlossen. Alles
+Spätere ist Kombination von Vorhandenem.
+
+Der Stil -- wie die Handschrift -- verschweigt nichts. Das antike Sein,
+mag man noch so sehr an die Überfülle seiner Vitalität glauben, erhält
+sich nur durch eine bewunderungswürdige Weisheit der Beschränkung.
+Es hatte seelisch nichts zu verschwenden. Es hält sich an das Jetzt
+und Hier der Vordergründe des Lebens, ohne die Fernen von Geburt und
+Tod, Vergangenheit und Zukunft, deren Assimilation eine ganz andere
+Willenskraft und Stärke des Seelischen voraussetzt, in das Bild der
+Welt einzubeziehen, Fernen, an die noch der urhellenische Mythus,
+dessen letzte lebendige Spuren man bei Äschylus findet, tiefsinnig
+angeknüpft hatte.
+
+Dies liegt in dem apollinischen Prinzip der +Vereinzelung der
+Kunstwerke und Lebensformen+. Damit wird die Historie so gut wie
+die räumliche Weite abgelehnt. +Ein+ Tempel, +eine+ Statue,
++eine+ Stadt, lauter punktförmige Einheiten, in die das Sein sich
+zurückzieht wie die Schnecke in ihr Haus. Jede andre Kultur kennt
+politische Fernwirkungen, Kolonien und Kolonialreiche. Aber diese
+Hunderte von winzigen Griechenstädten sind ebensoviele politische
+Punkte, „wie ein hellenischer Saum -- nach Cicero -- den Landschaften
+der Barbaren angewebt“. Jeder Versuch, eine Einwirkung im Sinne der
+Ausbildung eines größeren politischen Organismus auf die Pflanzstädte
+auszuüben, führte sofort zu wütenden Kriegen (Korinth und Korkyra um
+670). Jeder Tempel mit seiner Priesterschaft bildet ein religiöses
+Atom. Man ist auf das Groteske dieser Erscheinung kaum recht aufmerksam
+geworden. Narren haben darin die „gesunde Abneigung der Hellenen gegen
+den Klerikalismus“ gefunden. Obwohl Apollo und Athene dem Namen nach
+allgemein hellenische Gottheiten sind, besitzen sie keinen allgemeinen
+Kultus. Man lasse sich nicht durch die Dichtung täuschen. Die großen
+Götternamen waren bis zu einem gewissen Grade (durchaus nicht ganz)
+Gemeingut, aber das mit dem Worte Apollo bezeichnete _numen_ war
+an jedem Orte etwas Selbständiges. Die Zeusheiligtümer von Dodona,
+Olympia und andern Orten sind ohne jede Verbindung miteinander und
+ebenso die Tempel verschiedener Götter in derselben Stadt. Von einer
+religiösen Gemeinschaft im Sinne der Priesterschaft des Ra, der
+Mithrasreligion, der altpersischen, altchristlichen Gemeinschaften
+oder der Sekten des Islam und des Protestantismus ist selbst bei den
+Orphikern und im Pythagoräerbunde nicht die Rede. Aber eben das ist
+auch der Grundzug der attischen Plastik, der frei im Raum stehenden,
+vollkommen beziehungslosen Statue. Und er wiederholt sich in jedem
+antiken Stadtbilde. Keine großgedachten Straßenzüge, kein planmäßig
+ausgebauter Platz; ein wirres Durcheinander von Gebäuden und Bildwerken
+auf der Akropolis wie in den Weihbezirken von Delphi und Olympia, bis
+der großstädtische Hellenismus an der Nachahmung orientalischer, von
+einem Gesamtgeist +geregelter+ Stadtpläne Geschmack fand.
+
+Der +Organismus+ historischer Stilfolgen wird nun übersehbar
+geworden sein. Stile folgen nicht aufeinander wie Wellen und
+Pulsschläge. Mit der Persönlichkeit einzelner Künstler, ihrem Willen
+und Bewußtsein haben sie nichts zu schaffen. Im Gegenteil, das
+Medium des Stils liegt seinerseits dem Phänomen der künstlerischen
+Individualität a priori zugrunde. Der Stil ist wie die Kultur ein
+Urphänomen im strengsten Sinne Goethes, sei es der Stil von Künsten,
+staatlichen Bildungen, Gedanken, Gefühlen, Ausdrucksformen des
+religiösen Bewußtseins oder einer andern Gruppe von Wirklichkeiten.
+So gut „Natur“ ein immer neues Erlebnis des Menschen ist, als der
+umfassende Ausdruck der augenblicklichen Beschaffenheit seines Werdens,
+als sein _alter ego_ und Spiegelbild, so der Stil. Deshalb kann es
+im historischen Gesamtbilde einer Kultur nur einen, +den Stil dieser
+Kultur+ geben. Es war falsch, bloße Stilphasen, wie Romanik, Gotik,
+Barock, Rokoko, Empire als Stile zu unterscheiden und mit Einheiten
+von ganz anderem Range wie dem ägyptischen, dorischen oder maurischen
+Stil oder gar einem „prähistorischen Stil“ gleichzusetzen. Gotik und
+Barock: das ist Jugend und Alter desselben Inbegriffs von Formen,
+der reifende und der gereifte Stil des Abendlandes. Es fehlt unsrer
+Ästhetik in diesem Punkte an Distanz, an der Unbefangenheit des Blickes
+und dem guten Willen zur Abstraktion. Man hat es sich bequem gemacht
+und alle stark empfundenen Formdifferenzen unterschiedslos als „Stile“
+aufgereiht. Daß auch hier das Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit den
+Blick endgültig verwirrte, braucht kaum erwähnt zu werden. In der Tat
+steht selbst ein Meisterwerk der strengsten Renaissance wie der Hof des
+Palazzo Farnese, der Vorhalle von St. Patroklus in Soest, dem Innern
+des Magdeburger Doms und den Treppenhäusern süddeutscher Schlösser
+des 18. Jahrhunderts unendlich viel näher als dem Tempel von Pästum
+oder dem Erechtheion. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen Dorik und
+Ionik. Deshalb kann die ionische Säule mit dorischen Bauformen eine
+ebenso vollkommene Verbindung eingehen wie Spätgotik und frühes Barock
+in St. Lorenz zu Nürnberg oder späte Romanik mit spätem Barock in dem
+schönen Oberteil des Mainzer Westchores. Deshalb hat unser Auge noch
+kaum gelernt, im ägyptischen Stil die der dorisch-gotischen Jugend und
+dem ionisch-barocken Alter entsprechenden Elemente des Alten und des
+Mittleren Reiches zu unterscheiden, die seit der 12. Dynastie sich
+in der Formensprache aller größeren Werke mit vollkommener Harmonie
+durchdringen.
+
+
+13
+
+Der Kunstgeschichte steht die Aufgabe bevor, die vergleichenden
+Biographien der großen Stile zu schreiben. Sie haben alle, als
+Organismen derselben Gattung, eine Lebensgeschichte von verwandter
+Struktur.
+
+Am Anfang steht der verzagte, demütige, reine Ausdruck einer eben
+erwachenden Seele, die noch nach einem Verhältnis zur Welt sucht,
+der sie, obwohl einer eigenen Schöpfung, doch fremd und befremdet
+gegenüber steht. Es liegt Kinderangst in den Bauten des Bischofs
+Bernward von Hildesheim, in der altchristlichen Katakombenmalerei
+und den Pfeilersälen vom Anfang der 4. Dynastie. Ein Vorfrühling
+der Kunst, ein tiefes Ahnen künftiger Gestaltenfülle, eine mächtige
+verhaltene Spannung liegt über der Landschaft, die sich, noch ganz
+bäuerlich, mit den ersten Burgen und kleinen Städten schmückt. Dann
+folgt der jauchzende Aufschwung in der hohen Gotik, den Hochreliefs
+der konstantinischen Zeit mit ihren Säulenbasiliken und Kuppelkirchen
+und den reliefgeschmückten Tempeln der 5. Dynastie. Man begreift das
+Sein; der Glanz einer vollkommen gemeisterten wunderbaren Formensprache
+breitet sich aus und der Stil reift zu einer majestätischen Symbolik
+der Tiefe und des Schicksals heran. Aber der jugendliche Rausch geht
+zu Ende. Aus der Seele selbst erhebt sich Widerspruch. Renaissance,
+dionysisch-musikalische Feindschaft gegen die apollinische Dorik, der
+ägyptisierende Stil im Byzanz von 450 gegenüber der heiter-lässigen
+antiochenischen Kunst bedeuten eine Phase der Auflehnung und versuchten
+oder erreichten Zerstörung des Erworbenen, deren sehr schwierige
+Erörterung hier nicht am Platze ist.
+
+Damit tritt das Mannesalter des Seelentums in Erscheinung. Die
+Kultur wird zum Geiste der großen Städte, die jetzt die Landschaft
+beherrschen; sie durchgeistigt auch den Stil. Die erhabene Symbolik
+verblaßt; das Ungestüm übermenschlicher Formen geht zu Ende; mildere
+weltlichere Künste verdrängen die große Kunst des gewachsenen Steins;
+selbst in Ägypten wagen Plastik und Fresko sich etwas leichter zu
+bewegen. Der +Künstler+ erscheint. Er „entwirft“ jetzt, was bis
+dahin aus dem Boden wuchs. Noch einmal steht das Dasein, das bewußt
+gewordne, vom Ländlich-Traumhaften und Mystischen gelöst, fragwürdig
+da und ringt nach einem Ausdruck seiner neuen Bestimmung: zu Beginn
+des Barock, wo Michelangelo in wildem Unbefriedigtsein und sich gegen
+die Schranken seiner Kunst bäumend die Peterskuppel auftürmt, zur Zeit
+Justinians I., wo seit 520 die Hagia Sophia und die mosaikgeschmückten
+Kuppelbasiliken von Ravenna entstehen, im Ägypten der Zeit vor 2000
+und um 600 in Hellas, wo viel später noch Äschylus verrät, was
+eine hellenische Architektur in dieser entscheidenden Epoche hätte
+ausdrücken können und müssen.
+
+Dann erscheinen die leuchtenden Herbsttage des Stils: noch einmal
+malt sich in ihm das Glück der Seele, die sich ihrer letzten
+Vollkommenheit bewußt wird. Die „Rückkehr zur Natur“, damals schon als
+nahe Notwendigkeit von Denkern und Dichtern, von Rousseau, Gorgias
+und den „Gleichzeitigen“ der andern Kulturen gefühlt und angekündigt,
+verrät sich in der Formenwelt der Künste als empfindsame Sehnsucht und
+Ahnung des Endes. Hellste Geistigkeit, heitre Urbanität und Wehmut
+eines Abschiednehmens: von diesen letzten farbigen Jahrzehnten der
+Kultur hat Talleyrand später gesagt: „_Qui n’a pas vécu avant 1789,
+ne connait pas la douceur de vivre._“ So erscheint die freie,
+sonnige, raffinierte Kunst zur Zeit der Sesostris und Amenemhet
+(nach 2000). Dieselben kurzen Momente gesättigten Glücks tauchen auf,
+als unter Perikles die bunte Pracht der Akropolis und die Werke des
+Phidias und Praxiteles entstanden. Wir finden sie ein Jahrtausend
+später zur Abassidenzeit in der heitern Märchenwelt maurischer Bauten
+mit ihren fragilen Säulen und Hufeisenbögen, die sich im Leuchten der
+Arabesken und Stalaktiten in die Luft auflösen möchten, und wieder
+ein Jahrtausend darauf in der Kammermusik Haydns und Mozarts, den
+Schäfergruppen von Meißner Porzellan, den Bildern Watteaus und Guardis
+und den Werken deutscher Baumeister in Dresden, Potsdam, Würzburg und
+Wien.
+
+Dann erlischt der Stil. Auf die bis zum äußersten Grade durchgeistigte,
+zerbrechliche, der Selbstvernichtung nahe Formensprache des Erechtheion
+und des Dresdner Zwingers folgt ein matter und greisenhafter
+Klassizismus, in hellenistischen Großstädten ebenso wie im Byzanz von
+900 und im Empire des Nordens. Ein Hindämmern in leeren, ererbten, in
+archaistischer oder eklektischer Weise vorübergehend wieder belebten
+Formen ist das Ende. Gewaltsam in Szene gesetzte „Stile“ und exotische
+Entlehnungen sollen den Mangel an Schicksal, an innerer Notwendigkeit
+ersetzen. Halber Ernst und fragwürdige Echtheit beherrschen das
+Künstlertum. In diesem Falle befinden wir uns heute. Es ist ein
+langes Spielen mit toten Formen, an denen man sich die Illusion einer
+lebendigen Kunst erhalten möchte.
+
+
+14
+
+Erst wenn man sich von der Täuschung jener antiken Kruste befreit hat,
+die mit einer solchen archaistischen und eklektischen Fortsetzung
+innerlich längst erstorbener Kunstübungen den jungen Orient in der
+Kaiserzeit überlagert; wenn man in der altchristlichen Kunst und in
+allem, was in der spätrömischen wirklich lebendig ist, die Frühzeit
+des +arabischen+ Stils erkannt hat; wenn man in der Epoche
+Justinians I. das genaue Seitenstück des spanisch-venezianischen Barock
+wiederfindet, wie es unter den großen Habsburgern Karl V. und Philipp
+II. Europa beherrschte; in den Palästen von Byzanz mit ihren mächtigen
+Schlachtenbildern und Prunkszenen, deren längst untergegangene
+Pracht höfische Literaten wie Prokop von Cäsarea in euphuistisch
+schwülstigen Reden und Versen feiern, Madrid, Rubens und Tintoretto;
+erst dann gewinnt das bisher als Einheit nicht begriffene Phänomen der
+arabischen Kunst -- das volle erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung
+umfassend -- Gestalt. Da es an entscheidender Stelle im Bilde der
+Gesamtkunstgeschichte steht, so hat das bisher waltende Mißverständnis
+die Erkenntnis der organischen Zusammenhänge überhaupt verhindert.
+
+Merkwürdig und für den, der hier einen Blick für bisher unbekannte
+Dinge gewonnen hat, ergreifend ist es zu sehen, wie diese junge Seele,
+vom Geist der antiken Zivilisation in Fesseln gehalten, unter den
+Eindrücken vor allem der politischen Allmacht Roms es nicht wagte,
+sich frei zu regen, wie sie demütig sich veralteten und fremden Formen
+unterwarf und sich mit griechischer Sprache, griechischen Ideen und
+Kunstelementen zu bescheiden suchte. Die inbrünstige Hingabe an die
+Mächte der jungen Tageswelt, wie sie die Jugend +jeder+ Kultur
+bezeichnet, die Demut des gotischen Menschen in seinen frommen,
+hochgewölbten Räumen mit den Pfeilerstatuen und lichterfüllten
+Glasgemälden, die hohe Spannung der ägyptischen Seele inmitten ihrer
+Welt der Pyramiden, Lotossäulen und Reliefsäle am Nil mischt sich
++hier+ mit einem geistigen Niederknien vor erstorbenen Formen, die
+man für ewig hielt. Daß ihre Herübernahme und Weiterbildung trotzdem
+nicht gelang, daß wider Willen und unvermerkt, ohne den Stolz der
+Gotik auf das Eigne, das man hier, im Syrien der Kaiserzeit, fast
+beklagte und als Verfall empfand, eine geschlossene neue Formenwelt
+emporstieg und mit ihrem Geiste -- unter der Maske griechisch-römischer
+Baugewohnheiten -- selbst Rom erfüllte, wo +syrische+ Meister am
+Pantheon und den Kaiserforen arbeiteten, das beweist wie kein zweites
+Beispiel die Urkraft eines jungen Seelentums, das seine Welt erst noch
+zu erobern hat.
+
+Die Seelengeschichte dieser Frühzeit erzählt die Basilika, der Typus
+der morgenländischen Kirche, von ihrer heute noch rätselhaften
+Abkunft aus späthellenistischen Formen bis zu ihrer Vollendung im
+Zentralkuppelbau der Hagia Sophia. Sie ist von Anfang an, und darin
+liegt das magische Weltgefühl, als +Innenraum+ gedacht. Der
+antike Tempel war bis zuletzt ein +Körper+. Aber man kann
+diese früharabische Kunst nicht verstehen, wenn man sie, wie es
+heute geschieht, durchaus als altchristliche behandelt und auf die
+produktiven Grenzen dieser Glaubensgemeinschaft beschränkt. Man müßte
+dann auch die Kunst des Mithras-, Isis-, Sonnenkultus, der Synagoge
+des Neuplatonismus zunächst für sich, nach Architektur, Symbolik
+und Ornament behandeln und dann aus der Gruppe dieser Äußerungen
++eines und desselben+ Kunstwollens das Früharabische als Einheit
+destillieren. Aber die Macht der antiken Vormundschaft hat es beinahe
+niemals ganz rein hervortreten lassen. Die frühchristlich-spätantike
+Kunst zeigt dieselbe ornamentale und figürliche Mischung von ererbtem
+Fremden und eben geborenem Eignen wie die karolingisch-frühromanische.
+Dort mischt sich Hellenistisches mit Frühmagischem, hier
+Maurisch-Byzantinisches mit Faustischem. Der Forscher muß Linie für
+Linie, Ornament für Ornament auf das Formgefühl hin untersuchen, um
+die beiden Schichten voneinander zu trennen. In jedem Architrav,
+jedem Fries, jedem Kapitäl findet ein heimliches Ringen zwischen dem
+gewollten alten und den ungewollten, aber siegreichen neuen Formen
+statt. Überall wirkt das Sichdurchdringen späthellenistischen und
+früharabischen Formgefühls verwirrend, in den Bildnisbüsten der Stadt
+Rom, wo oft nur die Haarbehandlung der neuen Formweise angehört, in den
+Akanthusranken oft ein und desselben Frieses, wo die Arbeit des Meißels
+und des Tiefbohrers nebeneinander stehen, in den Sarkophagen des 2.
+Jahrhunderts, wo eine primitive Stimmung in der Art Giottos und Pisanos
+sich mit einem gewissen späten großstädtischen Naturalismus, bei dem
+man etwa an David oder Carstens denkt, kreuzt, und in Bauten wie dem
+von einem Syrer erbauten Pantheon -- der Urmoschee! --, der Basilika
+des Maxentius und dem Trajansforum neben manchen noch sehr antik
+empfundenen Teilen der Thermen und Kaiserfora, dem Forum des Nerva z. B.
+
+Trotzdem ist das arabische Seelentum um seine Blüte betrogen worden,
+wie ein junger Baum, den ein gestürzter Urwaldstamm im Wachsen hindert
+und verkümmern läßt. Hier findet sich keine leuchtende Epoche, die als
+solche gefühlt und erlebt wurde wie damals, als mit den Kreuzzügen
+zugleich die Holzdecken der Dome sich zu Kreuzgewölben schlossen und
+die Idee des unendlichen Raumes durch ihr Inneres verwirklicht und
+vollendet wurde. Die politische Schöpfung Diokletians -- des ersten
+Kalifen -- wurde durch die Tatsache in ihrer Schönheit gebrochen, daß
+es die ganze Masse stadtrömischer Verwaltungspraktiken war, die er,
+auf antikem Boden, als gegeben anerkennen mußte und die sein Werk zu
+einer bloßen Reform verjährter Zustände herabsetzte. Und doch tritt
+mit ihm die Idee des arabischen Staates ans Licht. Erst aus ihm und
+dem politischen Typus des eben damals entstandenen Sassanidenreiches
+zusammen läßt sich das Ideal ahnen, das hier zur Entfaltung hätte
+kommen sollen. Und so war es überall. Man hat bis zum heutigen Tage
+als letzte Schöpfungen der Antike bewundert, was sich selbst nicht
+anders aufgefaßt wissen wollte: Das Denken Plotins und Mark Aurels,
+die Kulte der Isis, des Mithras, des Sonnengottes, die diophantische
+Mathematik und die gesamte Kunst, welche die Renaissance nachher unter
+Ausscheidung alles echt Griechischen als „antik“ wieder aufleben läßt.
+
+Dies allein erklärt die ungeheure Vehemenz, mit welcher die durch
+den Islam endlich befreite und entfesselte arabische Kultur sich auf
+alle Länder warf, die ihr seit Jahrhunderten innerlich zugehörten,
+das Zeichen einer Seele, die fühlt, daß sie keine Zeit zu verlieren
+hat, die voller Angst die ersten Spuren des Alters bemerkt, bevor sie
+eine Jugend hatte. Diese Befreiung des magischen Menschentums ist ohne
+Gleichen. Syrien wird 634 erobert, man möchte sagen +erlöst+,
+Damaskus 635, Ktesiphon 637. 641 wird Ägypten und Indien erreicht,
+647 Karthago, 676 Samarkand, 710 Spanien; 732 stehen die Araber vor
+Paris. So drängt sich hier in der Hast weniger Jahre die ganze Summe
+aufgesparter Leidenschaft, verspäteter Schöpfungen, zurückgehaltener
+Taten zusammen, mit denen andre Kulturen, langsam aufsteigend, die
+Geschichte von Jahrhunderten füllen konnten. Die Kreuzfahrer vor
+Jerusalem, die Hohenstaufen in Sizilien, die Hansa in der Ostsee,
+die Ordensritter im slawischen Osten, die Spanier in Amerika, die
+Portugiesen in Ostindien, das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht
+unterging, die Anfänge der englischen Kolonialmacht unter Cromwell
+-- das alles sammelt sich in der +einen+ Entladung, welche die
+Araber nach Spanien, Frankreich, Indien und Turkestan führte.
+
+Es ist wahr: Alle Kulturen mit Ausnahme der ägyptischen und vielleicht
+der chinesischen haben unter der Vormundschaft älterer Kultureindrücke
+gestanden; fremde Elemente erscheinen in jeder dieser Formenwelten.
+Die faustische Seele der Gotik, schon durch die arabische Herkunft des
+Christentums in der Richtung ihrer Ehrfurcht geleitet, griff nach dem
+reichen Schatz spätarabischer Kunst. Das Arabeskenwerk einer unleugbar
+südlichen, ich möchte sagen +Arabergotik+ umspinnt die Fassaden
+der Kathedralen von Burgund und der Provence, beherrscht die Sprache
+des Straßburger Münsters mit einer Magie in Stein und führt überall, an
+Statuen und Portalen, in Gewebemustern, Schnitzereien, Metallarbeiten,
+nicht zum wenigsten in den krausen Figuren des scholastischen Denkens
+und einem der höchsten abendländischen Symbole, der Sage vom heiligen
+Gral,[66] einen stillen Kampf mit dem nordischen Urgefühl einer
++Wikingergotik+, wie sie im Innern des Magdeburger Domes, der
+Spitze des Freiburger Münsters und der Mystik Meister Eckarts herrscht.
+Der Spitzbogen droht mehr als einmal seine bindende Linie zu sprengen
+und in den Hufeisenbogen maurisch-normannischer Bauten überzugehen.
+
+Die apollinische Kunst der dorischen Frühzeit, deren erste Intentionen
+fast verschollen sind, hat ohne Zweifel ägyptische Formen wie den Typus
+der frontalen Statue und das Motiv der Säulenreihe herübergenommen, um
+an ihnen zu einer eignen Symbolik zu gelangen. Nur die magische Seele
+wagte es nicht, die Mittel sich anzueignen, ohne sich ihnen hinzugeben,
+und das macht die Psychologie des arabischen Stils so unendlich
+aufschlußreich.
+
+
+15
+
+So erwächst aus der Idee des Makrokosmos, die im Stilproblem
+vereinfacht und faßlicher vor Augen tritt, eine Fülle von Aufgaben,
+deren Behandlung der Zukunft angehört. Die Formenwelt der Künste für
+eine Durchdringung des Seelischen nutzbar zu machen, indem man sie
+durchaus physiognomisch und symbolisch auffaßt, ist ein Unternehmen,
+dessen bisher gewagte Versuche von unverkennbarer Dürftigkeit sind.
+Man weiß nichts von einer wirklichen Psychologie der architektonischen
+Grundformen. Man ahnt nicht, welche Aufschlüsse in dem Bedeutungswandel
+liegen, den eine solche Form bei der Übernahme durch eine andere
+Kultur erfährt. Die Seelengeschichte der Säule ist noch nie erzählt
+worden. Man hat keinen Begriff von der Tiefe einer Symbolik der
+Kunst+mittel+, der Kunstwerkzeuge. Ich deute hier nur einzelnes
+an, um diese Fragen einer späteren Erörterung vorzubehalten.
+
+Da sind die Mosaiken, die in hellenischer Zeit, aus Marmorstücken,
+undurchsichtig, leibhaft-euklidisch gebildet, wie die berühmte
+Alexanderschlacht in Neapel den Fußboden verzierten, die aber mit dem
+Erwachen der arabischen Seele, nunmehr aus Glasstiften zusammengesetzt
+und mit einer Unterlage von Goldschmelz, die Wände und Decken der
+Kuppelbasiliken gleichsam verhüllen. Diese früharabische, von Syrien
+ausgehende Mosaikmalerei entspricht durchaus der Stufe nach den
+Glasgemälden gotischer Dome; es sind zwei frühe Künste im Dienste der
+religiösen Architektur. Die eine weitet den Kirchenraum durch das
+einströmende Licht zum Weltraum, die andere verwandelt ihn in jene
+magische Sphäre, deren Goldflimmer aus der irdischen Wirklichkeit
+zu den Visionen Plotins, des Origenes, der Manichäer, Gnostiker und
+Kirchenväter und der apokalyptischen Dichtungen -- von der des Johannes
+bis zu der des Styliten Ephraim im 4. Jahrhundert -- entrückt.
+
+Da ist das prachtvolle Motiv der +Verbindung des Rundbogens mit
+der Säule+, ebenfalls eine +syrische+ Schöpfung des 3. --
+„hochgotischen“ -- Jahrhunderts. Die eminente Bedeutung dieses
++spezifisch magischen+ Motivs, das allgemein als antik gilt und
+für die meisten die Antike geradezu repräsentiert, ist bisher nicht im
+entferntesten erkannt worden. Der Ägypter hatte seine Pflanzensäulen
+ohne tiefere Beziehung zur Decke gelassen. Sie repräsentierten das
+Wachstum, nicht die Kraft. Die Antike, für welche die monolithe Säule
+das stärkste Symbol euklidischen Daseins war, ganz Körper, ganz
+Einheit und Ruhe, verband sie in strengem Gleichmaß von Vertikale
+und Horizontale, von Kraft und Last, mit dem Architrav. Hier aber
+-- das von der Renaissance mit tragikomischem Irrtum als echt antik
++bevorzugte+ Motiv, das die Antike gar nicht besaß und nicht
++besitzen konnte+! -- wächst unter Verleugnung des stofflichen
+Prinzips der Last und Trägheit der lichte Bogen aus schlanken Säulen
+auf; die hier verwirklichte Idee der Lösung von aller Erdenschwere
+ist mit der gleichzeitigen der frei über dem Boden schwebenden Kuppel
+aufs tiefste verwandt, ein magisches Motiv von stärkster Kraft des
+Ausdrucks, das seine Vollendung folgerichtig im maurischen „Rokoko“
+der Moscheen, z. B. der von Cordova fand, wo überirdisch zarte Säulen,
+oft ohne Basis aus dem Boden wachsend, nur durch einen geheimen
+Zauber fähig erscheinen, diese ganze Welt zahlloser gekerbter Bögen,
+leuchtender Ornamente, Stalaktiten und farbensatter Gewölbe zu tragen.
+Man kann, um die ganze Bedeutung dieser architektonischen Grundform der
+arabischen Kunst herauszuheben, die Verbindung von Säule und Architrav
+das apollinische, die von Säule und Rundbogen das magische, die von
+Pfeiler und Spitzbogen das faustische Leitmotiv nennen.
+
+Nehmen wir ferner die Geschichte des Akanthusmotivs. In der Form,
+wie es z. B. am Lysistratesdenkmal erscheint, ist es eines der
+bezeichnendsten der antiken Ornamentik. Es hat Körper. Es bleibt
+Einzelding. Es ist mit +einem+ Blick in seiner Struktur zu
+erfassen. Schon in der Kunst der römischen Kaiserfora (des Nerva,
+des Trajan), am Mars-Ultortempel erscheint es schwerer und reicher.
+Die organische Gliederung wird so kompliziert, daß sie in der Regel
+studiert sein will. Die Tendenz, die Fläche zu +füllen+,
+tritt hervor. In der byzantinischen Kunst -- von deren „latentem
+sarazenischem Zuge“ schon A. Riegl spricht, ohne den hier aufgedeckten
+Zusammenhang zu ahnen -- wird das Akanthusblatt in ein unendliches
+Rankenwerk zerlegt, das wie in der Hagia Sophia völlig unorganisch
+ganze Flächen deckt und überzieht. Zu dem antiken Motiv treten
+die ursemitischen des Weinlaubs und der Palmette, die schon im
+altjüdischen Ornament eine Rolle spielen. Die Flechtbandmuster
+„spätrömischer“ Mosaikfußböden und Sarkophagkanten, auch geometrische
+Flächenmuster werden aufgenommen und endlich entsteht in Syrien und
+dem Sassanidenreich bei steigender Bewegtheit und verwirrender Wirkung
+die +Arabeske+. Sie ist, antiplastisch bis zum Äußersten, das
+eigentlich magische Motiv. Selbst unkörperlich, entkörpert sie den
+Gegenstand, den sie in endloser Fülle überzieht. Ein Meisterwerk dieser
+Art, ein Stück Architektur, das völlig der Ornamentik unterworfen ist,
+stellt die Fassade des von den Ghazaniden erbauten Wüstenschlosses
+M’schatta (jetzt in Berlin) dar. Die über das ganze Abendland
+verbreitete und das Karolingerreich völlig beherrschende Kunst
+byzantinisch-islamitischen Stils wird größtenteils von orientalischen
+Künstlern gepflegt oder als Ware importiert. Ravenna, Lucca, Venedig,
+Granada sind die Wirkungszentren dieser damals hochzivilisierten
+Formensprache, die in Italien noch um 1000 ausschließlich galt, als im
+Norden die Formen einer neuen Kultur schon fertig und gefestigt waren.
+
+Endlich die veränderte plastische Auffassung des menschlichen Körpers.
+Sie erfährt mit dem Siege des arabischen Weltgefühls eine völlige
+Umkehrung. Fast in jedem Römerkopfe der vatikanischen Sammlung, der
+zwischen 100 und 250 entstanden ist, läßt sich der Gegensatz von
+apollinischem und magischem Gefühl, zwischen der Fundamentierung
+des Ausdruckes in der Lagerung der Muskelpartien oder im „Blick“
+feststellen. Man arbeitet -- in Rom selbst seit Hadrian -- vielfach
+mit dem Steinbohrer, einem Werkzeug, das dem euklidischen Gefühl dem
+Stein gegenüber völlig widerspricht. Das Körperhafte, Stoffliche des
+Marmorblocks wird durch die Arbeit mit dem Meißel, der die Grenzflächen
+heraushebt, bejaht, durch den Bohrer, der die Flächen bricht und damit
+Helldunkelwirkungen schafft, verneint. Dementsprechend erlischt,
+gleichviel ob bei „heidnischen“ oder christlichen Künstlern, der Sinn
+für die Erscheinung des nackten Körpers. Man betrachte die flachen und
+leeren Antinousstatuen, die doch entschieden antik gemeint waren. Hier
+ist nur der Kopf physiognomisch bemerkenswert, was in der attischen
+Plastik nie der Fall ist. Die Gewandung erhält einen ganz neuen Sinn,
+der die Erscheinung schlechthin beherrscht. Die Konsularstatuen auf
+dem Kapitol sind vorzügliche Beispiele. Durch die gebohrten Pupillen
+der ins Weite gerichteten Augen wird der gesamte Ausdruck dem Körper
+entzogen und in jenes „pneumatische“, magische Prinzip gelegt, das der
+Neuplatonismus und die Beschlüsse der christlichen Konzilien nicht
+weniger als die Mithrasreligion und der stadtrömische Isiskult im
+Menschen voraussetzen.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 59: Wir wissen heute, daß der Dichter dieser Iliaspartie
+mykenische Kunstwerke vor Augen hatte, deren Sinn er vielfach falsch
+verstand.]
+
+[Footnote 60: So wirkt die Angst noch in späten Zuständen. Alle
+furchtsamen Menschen sind konventionell. Alle sozialen Konventionen
+repräsentieren die Furcht eines Standes vor dem Unvorhergesehenen.]
+
+[Footnote 61: Auch die sozialen Konventionen spätester Zeiten haben
+den Charakter eines Opfers nicht ganz verloren. In der französischen
+Verfassungsgeschichte seit 1789 liegt ein Schatten der Fabel vom Ring
+des Polykrates.]
+
+[Footnote 62: Die syrischen Sonnenkulte gehören wie der Mithras- und
+Serapiskult neben dem Urchristentum zu den früharabischen Religionen
+magischen Stils. Außer dem Tempel von Baalbek, der trotz völlig antiker
+Details mit seinen Innenhöfen als Ganzes einen neuen Baugedanken, ein
+neues Weltgefühl ausdrückt, hatten auch das Serapeion zu Milet und die
+große Synagoge zu Alexandria eine hohe formale Verwandtschaft mit dem
+altchristlichen Basilikentypus.]
+
+[Footnote 63: Es steht mir außer Zweifel, daß die Griechen, als
+sie vom Antentempel zum Peripteros kamen, zur selben Zeit, wo die
+Rundplastik sich ebenfalls an unzweifelhaft ägyptischen Vorbildern
+vom Reliefmäßigen emanzipierte (Apoll von Tenea), unter dem mächtigen
+Eindruck ägyptischer Säulen+reihen+ standen. Das läßt die Tatsache
+unberührt, daß das Motiv der antiken Säule und die antike Verwendung
+des Reihenprinzips etwas vollkommen Selbständiges sind.]
+
+[Footnote 64: Die Klarheit in der Anlage der ägyptischen und
+abendländischen Geschichte gestattet einen bis ins einzelne gehenden
+Vergleich, der wohl einer kunsthistorischen Untersuchung wert wäre. Die
+4. Dynastie des strengen Pyramidenstils (2930-2750, Cheops, Chephren)
+entspricht der Romanik und Frühgotik (900-1100); die 5. Dynastie
+(2750-2625, Sahu-rê) der Hochgotik (1100 bis 1250); die 6. Dynastie,
+die Blütezeit der archaischen Bildniskunst (2625 bis 2475, Phiops I.
+und II.) der späten Gotik (1250-1400).]
+
+[Footnote 65: Wie die vornehme Welt des 18. Jahrhunderts die
+vollkommene, leichte und selbstverständliche Beherrschung guter Formen
+genoß.]
+
+[Footnote 66: Die Gralssage enthält neben altkeltischen starke
+arabische Gefühlsmomente, aber die Gestalt Parzevals, dort, wo Wolfram
+von Eschenbach über sein Vorbild Chrestien hinausgeht, ist rein
+faustisch.]
+
+
+
+
+VIERTES KAPITEL
+
+MUSIK UND PLASTIK
+
+
+
+
+I
+
+DIE BILDENDEN KÜNSTE
+
+
+1
+
+Am Anfang einer Betrachtung, für die nicht Entstehung und Sinn von
+Kunstwerken, sondern von Kunstgattungen Problem ist, wird eine
+Andeutung dessen notwendig, was unter Kunstform verstanden werden soll,
+insofern es sich nämlich nicht um Mittel und Ziele des persönlichen,
+bewußten Kunstwollens, sondern um den Drang ganzer Zeitalter handelt,
+der sich in +einer+ Richtung bewegt, die niemand kennt und will
+und der jeder Einzelne trotzdem unterworfen ist. Definitionen und
+ästhetische Thesen sind hier gleich unzulänglich. Wer auch das Wort
+Kunstform gebrauchte, hat nicht hindern können, daß jeder dabei an
+etwas anderes dachte. Es gibt ohne Zweifel überall, wo eine lebendige
+Kunst ausgeübt wird, eine gewisse Summe formaler Grundsätze, nenne
+man sie Kanon, Tradition, Schule, die gelehrt und gelernt werden
+kann, deren Beherrschung Meisterschaft verleiht und deren Entwicklung
+mancher ausschließlich im Auge hat, wenn er seinem Buche den Titel
+Kunstgeschichte gibt. Ästhetik und Philosophie haben sich immer darin
+gefallen, dies kommensurable Element in ein System zu bringen.
+
+Das eigentliche Geheimnis der Form scheint auf diesem Wege aber eher
+verfehlt als erreicht. Ein Kunstwerk ist etwas Unendliches. Es enthält
+die ganze Welt in sich. Es ist, wenn es überhaupt Bedeutung besitzt und
+nicht lediglich ein gewolltes und geleistetes Stück Arbeit darstellt,
+ein Mikrokosmos, unerschöpflich im ganzen und begreiflich nur in den
+vordersten Einzelheiten. Was man an ihm durch den Verstand erfassen
+und also in ein System bringen kann, gehört zur Oberfläche. Wäre es
+nicht der eigentliche Sinn der großen Schulen, mit und unter dem Schatz
+mitteilbarer Fertigkeiten noch etwas ganz anderes weniger zu vererben
+als zu erwecken, so wäre ihre tatsächlich entscheidende Bedeutung --
+denn ohne Konvention gibt es keine Kunst -- kaum verständlich.
+
+Eine ganz andre Form, Form der Seele, wenn man das Unbeschreibliche so
+bezeichnen darf, steckt in dem, was die Leute „Inhalt“ nennen. „Ich
+litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens,“ heißt
+es im Wilhelm Meister, in den Bekenntnissen einer schönen Seele. Es
+gibt, nicht nur im Bereich der Kunst, Form, die aus der Angst, und
+Form, die aus der Sehnsucht stammt. Die eine bannt, indem sie Namen
+nennt und Regeln auferlegt, die andere offenbart. Für jene ist die
+sinnliche Empfindung Substanz, für diese Medium. Es gibt Künstler, die
+nur eine von ihnen in der Gewalt haben. Jean Paul ist arm an Form,
+sobald man an die denkt, welche Racine mit Meisterschaft handhabt. Bei
+Beethoven droht die eine die andre ständig zu vernichten.
+
+Es gibt eine stets gewordne, also wirkliche, und eine ewig werdende,
+also unwirkliche Form.[67] Die erste, starre, bedingt das Dasein alles
+schon Vollendeten, alles dessen, was im Bereiche der natürlichen Welt
+„ist“. Die Grundregeln einer Fuge oder plastischen Gruppe liegen der
++Erscheinung+ der einzelnen Kunstwerke für das Auge oder Ohr in
+genau derselben Art a priori zugrunde, wie Kants Anschauungsformen
+und Verstandeskategorien der Erscheinung der natürlichen Dinge.
+Diese +elementare+ Gestalt, der „Körper“ des Werkes, kausalen
+Prinzipien -- der „künstlerischen Logik“ -- unterworfen, durch die
+jedes Kunstwerk der Wirklichkeit, dem Inbegriff alles Begrenzten und
+Gesetzten angehört, ist wie alles Wirkliche vergänglich. Es gibt
+keine „unsterblichen Meisterwerke“. Die letzte Orgel, die letzte
+Stradivariusgeige wird endlich einmal zertrümmert sein. Die ganze
+Zauberwelt unsrer Sonaten, Trios, Sinfonien, Arien, deren Formensprache
+samt der ganzen Fülle eigens für sie erfundener und nur zur
+faustischen Seele redender Instrumente erst vor wenigen Jahrhunderten
+entstand, für uns und aus uns heraus, wird wieder verstummen und
+verschwinden. Denn was wissen wir von der indischen, der chinesischen
+Musik und den seelischen Erschütterungen, die ihre Regeln weckten? Die
+höchsten Momente Beethovenscher Melodik und Harmonik, für uns, die
+Eingeweihten, wundervoll, sind für alle fremden und kommenden Kulturen
+ein törichtes Gekrächz, das mit sonderbaren Instrumenten hervorgerufen
+wurde. Von den Fresken Polygnots ist nichts geblieben, und das erspart
+uns die Notwendigkeit, sie mißzuverstehen. Die Bauten der Maya,
+sicherlich Meisterwerke für die Generationen ihrer Erbauer, sind für
+uns Kuriositäten, nicht mehr, und dasselbe werden das Straßburger
+Münster, der Palazzo Farnese, Radierung, Kupferstich, Reim und Drama
+für spätere Menschen sein. Die Leinwand, auf die Rembrandt und Tizian
+ihre tiefsten Schöpfungen malten, geht der Vernichtung entgegen, aber
+noch früher vielleicht der Rest von Menschen, für die diese Gemälde
+mehr als eben bunte Leinwand sind. Was sind für den Fellachen Ägyptens
+und den indischen Kuli die Pyramidentempel und die Veden ihrer
+Vorfahren? Was wissen wir von der Wirkung griechischer Verse auf die
+Menschen ihrer Zeit? Was da vernichtet wird und vernichtet werden kann,
+indem es aufhört, für die Seele irgendeines Menschen noch Wirklichkeit
+zu sein und Sinn zu haben, ist +gewordene+ Form.
+
+Alles dies berührt die andre nicht, die in stetem Werden sich
+erschließt, die eigentlich lebendige, die Gestalt der Seele. Auch
+ein Kunstwerk hat Seele: es ist das Seelentum überhaupt, jenseits
+der Grenze von Raum, Grenze und Zahl. Diese Gestalt bedarf keiner
+Wirklichkeit, um zu sein. Sie entsteht und vergeht nicht. Selbst die
+verlornen -- aus dem sinnlichen, natürlichen Dasein verschwundenen
+-- Tragödien des Äschylus sind noch, nicht in ihrer geschriebenen
+oder gesprochnen Form, nicht als körperhafte Werke, nicht für das
+Tagesbewußtsein irgendeines Menschen, aber in einer Wesenheit, die
+unzerstörbar ist. Es ist dies ein Mysterium, das alle Worte nur
+unzulänglich und falsch ausdrücken können. Deshalb haftet, aus einem
+sehr tiefen Zusammenhange, an der körperhaften Erscheinung der
+größten Kunstwerke etwas Fragmentarisches, ohne daß die Mehrzahl
+der Betrachter sich dessen bewußt würde. Nach außen hin, für den
+Kunstverstand, für die Sinne, mögen sie vollendet sein, nach innen
+sind sie es nie und man fühlt in gewissen Stunden, weshalb es so sein
+muß. Das gilt nicht nur von Lionardos Gemälden und Goethes Faust und
+Meister; auch Rembrandts Radierungen haben etwas Suchendes, nichts
+„Fertiges“; die Musik des Tristan fragt und fragt, ohne zu antworten;
+der Hamlet ist nicht weniger Torso als der Sturm und das Wintermärchen;
+Kleist hat den Robert Guiskard immer wieder verbrannt und Dostojewski
+die Brüder Karamasow und Raskolnikow unvollendet gelassen, im sichren
+Bewußtsein der Unzulänglichkeit +jeder+ Verwirklichung der
+Idee. Von allen Künstlern und Dichtern, die über ihre Wirksamkeit
+Rechenschaft ablegten, wissen und sehen wir, wie vieles Entwurf und
+Idee -- innere Gestalt -- blieb, nur weil die Möglichkeit einer
+wirklichen, natürlichen, äußeren Form nicht erschien. Fertig zu
+werden, vollkommen abgeschlossen und beendet, nicht nur geendet zu
+sein, ist das Kennzeichen von Werken geringeren Ranges; eine Sache
+der Übung, der Erfahrung, des spezifischen Talents. Diese Form ruft
+den Typus des Virtuosen und den des Kenners hervor. Die andre ist
+ein mystisches Erlebnis, über das weder der echte Künstler noch der,
+für den er schafft, Gewalt hat. Der letztere vollendet +sich+,
+der erstere vollendet +seine Werke+. In den Händen des einen
+erfahren die technischen Mittel, die sich eine Kultur gewählt hat, ihre
+höchste Vervollkommnung; der andre ist selbst Mittel in den Händen des
+Schicksals einer Kultur.
+
+Was Sätze nicht deutlicher sagen können, mag vielleicht so
+versinnbildlicht werden:
+
+ { Seele ------------------> Welt
+ Dasein { Vollendung
+ { möglich wirklich
+ | | |
+ +------+----------------+ |
+ v v
+ { Idee (Phänomen) Element (Welt)
+ { Sehnsucht Angst
+ Kunst { +Religion+ +Technik+
+ { (allgemein) (speziell)
+ { „+Gestalt des Herzens+“ „+Kunstform+“
+
+ { Schöpfung, Empfängnis Arbeit, Ordnung
+ { „Genie“ „Talent“
+ Künstler { Gefühl („es“) Verstand („ich“)
+ { Intuition \ / Konvention
+ { (Einsamkeit) \ / (Schule)
+ ¦ \ / ¦
+ | \ / |
+ v \ / v
+ Jean Paul \ / Racine
+ Lionardo X Manet
+ | ⭩ ⭨ |
+ +-----------+-----------+
+ v
+ Rembrandt, Mozart
+
+
+2
+
+Das Weltgefühl des höheren Menschen hat seinen symbolischen Ausdruck,
+wenn man von den mathematischen und physikalischen Vorstellungskreisen
+absieht, am deutlichsten in den bildenden Künsten gefunden, deren
+es unzählige gibt. Auch die Musik gehört dazu und hätte man ihre
+sehr verschiedenen Arten in die abstrakten Erwägungen über den
+Gang der Kunstgeschichte einbezogen, anstatt sie vom Gebiet der
+malerisch-plastischen Künste zu trennen, so wäre man im Verstehen
+dessen, um was es sich in dieser Entwicklung auf ein Ziel hin überhaupt
+handelt, sehr viel weiter gekommen. Aber man wird den Gestaltungsdrang,
+der hier seiner selbst unbewußt am Werke ist, niemals begreifen, wenn
+man die Unterscheidung optischer und akustischer Mittel für mehr
+als äußerlich hält. Das ist es +nicht+, was Künste voneinander
+scheidet. Die Kunst des Auges und Ohres -- damit ist gar nichts gesagt.
+Die physiologischen Bedingungen des Ausdrucks, der Empfängnis, der
+Vermittlung hat nur das 19. Jahrhundert überschätzen können. So wenig
+ein Bild von Lorrain und Watteau sich im eigentlichen Sinne an das
+leibliche Auge wendet, so wenig die Musik seit Bach an das leibliche
+Ohr. Das antike Verhältnis zwischen Kunstwerk und Sinnesorgan, an das
+hier immer, und zwar durchaus nicht in richtiger Weise gedacht wird,
+ist ein ganz anderes, viel einfacheres und stofflicheres als das
+unsrige. Wir +lesen+ Othello und Faust, wir studieren Partituren,
+um den Geist dieser Werke ganz rein auf uns wirken zu lassen. Hier wird
+von den äußeren Sinnen immer an den inneren, die Einbildungskraft
+appelliert. Der unendliche Szenenwechsel gegenüber der antiken Einheit
+des Ortes ist nur so zu verstehen. Im extremen Falle, wie gerade beim
+Faust, ist eine den Gehalt des Ganzen erschöpfende, reale Wiedergabe
+gar nicht möglich. Aber auch in der Musik, bei Mozart, bei Beethoven,
+bei Wagner erleben wir +hinter+ dem sinnlichen Eindruck eine ganze
+Welt andrer, in der erst alle Fülle und Tiefe zum Vorschein kommt
+und über die sich nur in übertragenen Bildern -- denn die Harmonik
+zaubert uns da blonde, braune, düstre, goldige Farben, Dämmerungen,
+Gipfelreihen ferner Gebirge, Gewitter, Frühlingslandschaften,
+versunkene Städte, seltsame Gesichter hin -- reden läßt. Es ist kein
+Zufall, daß Beethoven seine letzten Werke geschrieben hat, als er taub
+war. Damit hatte sich gleichsam die letzte Fessel gelöst. Für diese
+Musik ist Sehen und Hören +gleichmäßig+ eine Brücke zur Seele,
+nicht mehr. Dem Griechen ist diese visionäre Art des Kunstgenießens
+ganz fremd. Er +betastet+ den Marmor mit dem Auge. Auge und Ohr
+sind für ihn Empfänger des +ganzen+ gewollten Eindrucks. Uns waren
+sie es schon in der Gotik nicht mehr.
+
+In Wirklichkeit sind Töne etwas Zahlenmäßiges so gut wie Linien;
+Harmonien, Melodien, Reime, Rhythmen, so gut wie Perspektive,
+Proportion, Schatten und Kontur. Der Abstand zwischen zwei Arten
+von Malerei kann unendlich viel größer sein als der zwischen einer
+gleichzeitigen Malerei und Musik. Gegenüber einer Statue des Myron
+gehören eine Landschaft von Rembrandt und die Pastoralsinfonie von
+Beethoven zu ein und derselben Kunst. Ihre +innere+ Formensprache
+ist in dem Grade identisch, daß der Unterschied optischer und
+akustischer Mittel dagegen verschwindet.
+
+Der Wert, welchen die Kunstwissenschaft von jeher auf eine reinliche
+begriffliche Abgrenzung der einzelnen Kunstgebiete gelegt hat, beweist
+lediglich, daß man in die Tiefe des Problems nicht eingedrungen ist.
+Vor allem hat die Pedanterie der Systematiker und das oberflächliche
+Bedürfnis nach bequemer Einteilung den Erfolg kunstphilosophischer
+Arbeiten verdorben. Nach den alleräußerlichsten Kunstmitteln das
+unendliche Gebiet in vermeintlich stationäre Einzelkünste -- mit
+unwandelbaren Formprinzipien! -- aufzulösen, das war immer der erste
+Schritt. Man trennte Musik und Malerei, Musik und Drama, Malerei und
+Plastik; dann definierte man „die“ Malerei, „die“ Plastik, „die“
+Tragödie. Aber das greifbare Resultat technischer Ausdrucksmittel ist
+nicht viel mehr als die +Maske+ des eigentlichen Werkes. Stil ist
+nicht, wie der flache Semper -- ein echter Zeitgenosse Darwins und des
+Materialismus -- meinte, das Produkt von Material, Technik und Zweck.
+Er ist im Gegenteil das, was dem Kunstverstand gar nicht zugänglich
+ist, ein Schicksal, eine Atmosphäre des Geistigen. Er hat mit den
+materiellen Grenzen der Einzelkünste nicht das geringste zu schaffen.
+
+Eine Einteilung der Künste nach Konventionen rein technischer Art
+zugrunde legen, heißt also, das Problem der Form von vornherein
+verderben. Wie konnte man „die Plastik“ a priori als Gattung ansetzen
+und aus ihr allgemeine Grundgesetze entwickeln wollen? Was ist
+„Plastik?“ Was unterscheidet sie von einem gemalten Relief? +Die+
+Malerei -- das gibt es nicht. Wer nicht fühlt, daß Handzeichnungen von
+Raffael und Tizian, von denen der eine mit Umrissen, der andre mit
+Licht- und Schattenflecken arbeitet, zu zwei verschiedenen Künsten
+gehörten, daß die Kunst Giottos oder Mantegnas und die Vermeers oder
+Van Goyens kaum etwas miteinander zu tun haben, daß der eine mit
+dem Pinselstreich eine Art Relief, der andre eine Art Musik auf der
+farbigen Fläche ins Leben rief, während ein Fresko Polygnots und ein
+ravennatisches Mosaikgemälde nicht einmal durch das Werkzeug der
+Gattung eingefügt werden können, der wird die tieferen Fragen nie
+begreifen. Die Ölmalerei und Instrumentalmusik von 1720 sind der innern
+Gestalt, dem Formgefühl nach beinahe identisch. Watteau gehört zu
+Couperin und Ph. Em. Bach, nicht zu Raffael. Und was hat eine Radierung
+Rembrandts mit der Kunst Fra Angelicos, was ein proto-korinthisches
+Vasengemälde mit einem gotischen Domfenster, was ein ägyptisches Relief
+mit denen des Parthenon zu tun?
+
+Wenn eine Kunst Grenzen hat -- Grenzen ihrer Formenwelt --, so sind
+es +historische+, nicht technische oder physiologische. Eine
+Kunst ist ein Organismus, kein System. Es gibt keine Kunstgattung,
+die durch alle Jahrhunderte geht. Selbst wo technische Traditionen
+-- wie im Falle der Renaissance -- den Blick zunächst täuschen und
+von einer ewigen Gültigkeit antiker Kunstgesetze zu zeugen scheinen,
+herrscht in der Tiefe völlige Fremdheit. Es gibt +nichts+ in der
+griechisch-römischen Kunst, was mit der Formensprache einer Statue
+Donatellos, einem Gemälde Signorellis, einer Fassade Michelangelos
+verwandt wäre. +Innerlich+ verwandt mit dem Quattrocento ist
+ausschließlich die gleichzeitige Gotik. Kunstgattungen gehen flüchtig
+vorüber und kehren nie zurück. Jede Kultur hat ihre eignen, die
++Gruppe+ ihrer eignen, deren Theorie und Technik sogar ein Symbol
+ihres Menschentums ist. Es gibt apollinische, magische, faustische
+Arten von Künsten, denen gegenüber der Unterschied von Flächen- und
+Körperkunst zur Nebensache herabsinkt. Griechische Musik steht der
+griechischen Plastik tausendmal näher als der Kunst Palestrinas.
+Was man heute farbig nennt -- eine Imagination des Räumlichen durch
+Farbentöne -- wäre einem Maler der sikyonischen Schule unverständlich
+gewesen. Das Ursymbol zweier Kulturen ist es, das die „gleichzeitigen“
+Gemälde Polygnots und Rembrandts trennt: im Fresko eine statuenhafte
+und euklidische Nebeneinanderstellung massiv farbiger Flächen, im
+Ölbilde eine kontrapunktische Durchdringung mittels des Pinselstrichs.
+
+Der Begriff der Form erfährt hier eine mächtige Erweiterung. Nicht
+nur das technische Werkzeug, nicht nur der Stoff, +die Wahl der
+Kunstgattung selbst+ ist ein Mittel des Ausdrucks. Was für den
+einzelnen Künstler die Schöpfung eines Hauptwerkes, für Rembrandt die
+Nachtwache, für Wagner die Meistersinger bedeuten, eine Epoche nämlich,
+das bedeutet für die Lebensgeschichte einer Kultur die Schöpfung einer
+Kunstart, als Ganzes begriffen, wie die der freistehenden griechischen
+Statue, des Kontrapunkts, des byzantinischen frontalen Porträts, des
+perspektivischen Ölgemäldes. Jede dieser Künste ist ein Organismus
+für sich, ohne Vorgänger und Nachfolger, wenn man vom Äußerlichsten
+absieht. Alle Theorie, Technik, Konvention gehört zu ihrem Charakter
+und besitzt nichts Ewiges und Allgemeingültiges. Wann eine dieser
+Künste beginnt, wann sie erlischt, ob sie erlischt, ob sie in eine
+andre verwandelt wird, warum die eine oder andre unter den Künsten
+einer Kultur fehlt, das alles gehört noch mit zur Form im höchsten
+Sinne, ebenso wie jene andre Frage, warum der einzelne Maler oder
+Musiker -- ohne sich dessen bewußt zu sein -- auf bestimmte Farbentöne
+und Harmonien Verzicht leistet und andre so bevorzugt, daß man ihn
+daran erkennt.
+
+Die Theorie, auch noch die der Gegenwart, hat die Bedeutung dieser
+Gruppe von Fragen nicht erkannt. Und trotzdem gibt erst diese Seite
+einer Physiognomik der Künste den Schlüssel zu ihrem Verständnis.
+Man hat bis jetzt alle Künste -- unter Voraussetzung der erwähnten
+„Einteilung“ -- ohne irgendwelche Nachprüfung dieser schwerwiegenden
+Frage für möglich gehalten, immer und überall, und wo die eine oder
+andre fehlte, schrieb man es dem zufälligen Mangel an schöpferischen
+Persönlichkeiten oder an Förderung durch Umstände und Mäcene zu, die
+geeignet waren, die Kunst „auf ihrem Wege weiter zu führen“. Das ist
+es, was ich die Übertragung des physikalischen Kausalitätsprinzips aus
+der Welt des Gewordnen auf die Welt des Werdens nannte. Weil man kein
+Auge für die ganz andersartige Logik und Notwendigkeit des Lebendigen,
+für das +Schicksal+, hatte, zog man materielle, handgreifliche,
+an der Oberfläche liegende Ursachen heran, um eine materielle Folge
+von kunsthistorischen Ereignissen zu konstruieren. Aber es gibt keine
+Geschichte +der+ Kunst, +der+ Architektur, +der+ Musik,
++des+ Dramas. Die Auswahl der innerhalb einer Kultur möglichen
+Künste -- von denen +niemals+ eine auch in einer andern Kultur
+möglich ist --, ihr Rang, ihr Umfang, ihre Schicksale: das gehört zur
+Symbolik, zur Psychologie der Kultur und +nicht+ zu den Folgen
+irgendwelcher Ursachen.
+
+Es war gleich zu Anfang auf die flache Vorstellung einer linienhaften
+Fortentwicklung „der Menschheit“ durch Altertum, Mittelalter und
+Neuzeit hingewiesen worden, die uns für das wahre Bild der Historie und
+seine Struktur blind gemacht hat. Die Kunstgeschichte ist ein besonders
+deutliches Beispiel. Nachdem man das Vorhandensein einer Anzahl
+konstanter und wohldefinierter Kunstgebiete als selbstverständlich
+angenommen hatte, entwarf man die Geschichte dieser Einzelgebiete
+nach dem ebenso selbstverständlichen Schema Altertum -- Mittelalter
+-- Neuzeit, wobei z. B. die indische und ostasiatische Kunst keinen
+Platz fanden, ohne daß jemandem an dieser Folge die Sinnlosigkeit der
+Konstruktion aufgegangen wäre: Dieses Schema wollte und mußte nun mit
+Tatsachen um jeden Preis ausgefüllt sein. Man konstatierte unbedenklich
+ein sinnloses Auf und Nieder. Man sprach von Zeiten des Stillstandes
+als „natürlichen Pausen“, von „Zeiten des Niedergangs“ dort, wo in
+Wirklichkeit eine große Kunst starb, von „Zeiten der Wiedergeburt“,
+wo für den unbefangenen Blick ganz deutlich eine +andre+ Kunst
+in einer andern Landschaft und als Ausdruck eines andern Menschentums
+geboren wurde. Man lehrt noch heute, daß die Renaissance eine
+Wiedergeburt der Antike gewesen sei. Man folgerte endlich daraus die
+Möglichkeit und das Recht, Künste, die man schwach oder schon tot
+fand -- die Gegenwart ist da ein wahres Schlachtfeld -- durch bewußte
+Neubildungen und Synthesen, durch gewaltsame „Wiederbelebungen“
+neuerdings in Gang zu bringen.
+
+Aber gerade die Frage, weshalb eine große Kunst -- das attische
+Drama mit Euripides, die florentinische Plastik mit Michelangelo,
+die Instrumentalmusik mit Liszt und Wagner -- mit einer als Symbol
+wirkenden Plötzlichkeit zu enden pflegt, ist geeignet, das Phänomen
+dieser Künste zu erleuchten. Man sehe genau zu und man wird sich
+überzeugen, daß von der „Wiedergeburt“ auch nur +einer+
+bedeutenden Kunst noch nie die Rede gewesen ist.
+
+Wir sahen, wie die Formen einer strengen, unter dem Ursymbol des Weges
+stehenden Wirklichkeit, Pyramiden, Reliefs, Hieroglyphen, Staat und
+Technik, ein peinliches Zeremoniell und ein das gesamte wache Dasein
+beherrschender Totenkult die Sprache der ägyptischen Seele waren. Diese
+Seele besaß +deshalb+ keine „Literatur“, vor allem kein Drama
+großen Stils. Die arabische Seele gestaltet alles sinnlich reicher,
+zufälliger, lasziver, aber ohne Form im monumentalen Sinne und deshalb
+ebenfalls, obwohl in andrer Weise, höchst abstrakt. Da das magische
+Weltgefühl eine Logik des Wirklichen nicht kennt, so verliert die Kunst
+der Flächen und Räume die Logik der Linien und Proportionen; Malerei
+und Plastik altchristlich-byzantinischen Stils verschwinden langsam und
+der Ausdruck wird zuletzt auf die Arabeske, das sarazenische Ornament,
+reduziert.
+
+Die Arabeske ist, worüber man sich leicht täuscht -- der magischen
+Schicksalsidee, dem „Kismet“ entsprechend -- das +passivste+
+aller Ornamente. Sie ist, obwohl aus dem im höchsten Grade sprechenden
+und bis ins einzelne plastisch geregelten, optisch übersehbaren
+antiken Ornament hervorgegangen, ohne positivern Ausdruck. Antike
+Motive wie der Mäander oder die Akanthusranke sind euklidisch, in
+sich geschlossen, körperhaft isoliert und können also nur wiederholt
+und +additiv+ aufgereiht werden. Arabisch-persische Muster
+aber lassen sich nach allen Seiten ins Grenzenlose fortsetzen.
+Das romanisch-gotische Ornament stellt ein Maximum an Kraft des
+Ausdrucks dar, die träumerische Arabeske verneint den Willen. Es
+geht von ihr eine suggestive Wirkung aus, die auch in der arabischen
+Musik, im arabischen Tanz liegt und die genau dem entspricht, was
+das Wort magisch bezeichnen soll. Sie ist, da man im Ornament die
+unmittelbare Handschrift eines kulturbildenden Seelentums zu erkennen
+hat, das Zeichen einer eigentlich negativen Weltgesinnung, wie die
+algebraische Zahl vom euklidischen Standpunkt aus als Negation der
+Zahl überhaupt erscheint. Die Arabeske bedeutet, was dem Weltgefühl
+des Urchristentums, der Gnosis, des Mithraskultes, des Neuplatonismus,
+der Abwendung der ersten Christen vom Staate, dem bis zum Typus
+der Styliten gesteigerten morgenländischen Einsiedlertum genau
+entspricht, eine ungeheure Entwertung des Wirklichen, dem sie die
+eigne Bedeutung abspricht und das sie -- man denke an die Alhambra --
+nur eines lässigen Genusses für wert hält. Der gotische Stil löst das
+Stoffliche im Raume auf, die Arabeske läßt beides in einer Ungewissen
+Scheinbarkeit verschwimmen. Deshalb sind die Kalifenreiche in Bagdad,
+Kairo, Granada -- im Vergleich zum Staat der Pharaonen und zu dem
+Ludwigs XIV. und der Hohenzollern -- Negationen eines zielbewußten
+Staatsgedankens, denen gegenüber unsre Empfindung des Märchenhaften
+durchaus richtig ist; deshalb löst die Arabeskenlyrik die Architektur
+der Kuppelbauten von Ravenna zuletzt zur freien Laune der Moschee
+von Cordova auf; deshalb verschwinden die Statue und das Mosaik der
+Frühzeit und deshalb gibt es kein arabisches Drama. Es besteht eine
+Homologie zwischen der maurischen Kunst und dem Rokoko, aber Mozart,
+Pöppelmann und Watteau verleihen einer heiteren, späten Sinnlichkeit
+trotz aller ätherischen Leichtheit ein Maximum an disziplinierter,
+durchgearbeiteter, streng durchdachter Form, die Erbauer des Schlosses
+M’schatta und des Alkazar von Sevilla berauben sie des Restes zugunsten
+eines phantastischen Spiels.
+
+Diese Tendenz, die +alle+ andern Künste ausschloß und zuletzt nur
+das Ornament zuließ, ist früh nachzuweisen. In der hellenistischen
+Zeit erlebt die ideale Bildnisplastik -- vom Typus der Sophoklesstatue
+-- allenthalben eine plötzliche Blüte, mit Ausnahme von Antiochia und
+Alexandria, obwohl gerade dort die uralte Kunst Babylons und Ägyptens
+eine bedeutende Tradition geschaffen hatte.
+
+Mit Mohammeds Bilderverbot erfolgt auch der Bildersturm im christlichen
+Byzanz,[68] obwohl die Bildung menschlicher Gestalten durch die Kunst
+damals schon im Erlöschen begriffen war. Dieser symbolische Akt des
+christlich-islamischen Weltgefühls wiederholt also lediglich etwas,
+das die Formentendenz der magischen Künste durch ihre Auflösung
+in die unkörperliche, bildlose Arabeske schon verwirklicht hatte.
+Es ist darauf hinzuweisen, daß die bilderstürmerische Bewegung in
+den reformierten Niederlanden und im puritanischen England etwas
+Ähnliches verrät, daß nämlich +die Musik im Begriff war, die Malerei
+zu überwinden+. Die gotisch-florentinische Plastik war im 16.
+Jahrhundert zu Ende. Die letzten großen Meister der Ölmalerei starben
+am Ende des 17. Jahrhunderts. Hier muß man fühlen, was es bedeutet,
+wenn eine Kunst stirbt. Die Weihe des +Raumes+, sei er magisch
+oder faustisch, gestattet das „Bild“ nicht länger. Das Ursymbol der
+Kultur tritt mit steigender Klarheit hervor. Arabeske und Musik heben
+jede Stofflichkeit auf. Man bemerke wohl, was von den Bilderstürmern
+als unzulänglich empfunden und verbannt wird: Im Abendlande aller
+sinnliche Schmuck, alle Zieraten, alles, was „endlich“ und unräumlich
+ist; im Arabischen nur das Bildnis, als eine Herabwürdigung des
+Menschen zum Dinge. Es ist dasselbe Weltgefühl, das 449 zur endgültigen
+Trennung des monophysitischen Christentums von der morgenländischen
+Kirche führte, ein Schisma, dessen landschaftliche Grenze, innerhalb
+deren es nicht wieder zu überwinden war, +genau+ die der spätern
+islamitischen Kultur zwischen Bagdad und Kairo war und dessen Sinn
+als dogmatische Vorform des Islam man noch in keiner Weise gewürdigt
+hat. Was damals über das Wesen der Person Christi -- das magische
+Problem seiner „zwei Naturen“ -- leidenschaftlich umstritten wurde,
+deckt sich durchaus mit den gefühlten oder metaphysisch entwickelten
+Einwänden, die seitdem gegen die bildliche Darstellung des Menschen
+als des Gefäßes des göttlichen Pneuma erhoben worden sind. Schon die
+Plastik und die Mosaikmalerei der späten Kaiserzeit -- arabischen
+Ursprungs, wie wir gesehen haben -- wies auf dies Ende hin. Der
+magische Ausdruck des konstantinischen Porträts, das den Leib durch
+den starren, alles beherrschenden +Blick+ gewissermaßen in seiner
+Wesenheit herabsetzte, ihn entkörperte, hatte zu einem großen Stil
+geführt, welcher dem gnostischen und plotinischen Weltgefühl entsprach.
+Er hatte an Stelle des antiken Prinzips des allseitig freistehenden
+Körpers das frontale gesetzt, das eine Beziehung zwischen dem Geiste
+des Dargestellten und dem des Betrachters schafft. Es erlosch mit der
+arabischen Frühzeit. Aus einem ebenso tiefliegenden Grunde ist die
+frühe Plastik des Abendlandes, die der Dome von Bamberg, Naumburg,
+Chartres, Reims und die der Renaissance von Florenz und Nürnberg lange
+vor Palestrinas und Tizians bester Zeit erloschen.
+
+
+3
+
+Der Poseidontempel von Pästum und das Ulmer Münster, Werke der reifsten
+Dorik und Gotik, unterscheiden sich wie die euklidische Geometrie
+der körperlichen Grenzflächen und die analytische Geometrie der Lage
+von Raumpunkten in bezug auf die Raumachsen. Alle antike Baukunst
+beginnt von außen, alle abendländische von innen. Die altchristlichen
+Basiliken im innern Syrien und in Nordafrika, mit Entschiedenheit sich
+vom antiken Baugedanken abwendend, zeigen die magisch geheimnisvollen
+Schwingungen eines voll umschlossenen Raumes. Es war der erste starke
+Ausdruck einer neuen Seele. Sobald der germanische Geist diesen
+basilikalen Typus in Besitz nimmt, beginnt eine wunderbare Veränderung
+aller Bauelemente nach Lage und Sinn, die strenge Ausbildung
+abgestufter Seitenschiffe und vor allem des für die Symbolik der Dome
+unendlich wichtigen Querschiffes, durch das nach dem Maße der Vierung
+eine strophische Gliederung des bewegten Rauminnern erzeugt wird.
+Hier im faustischen Norden bezieht sich von nun an die äußere Gestalt
+des Bauwerkes, und zwar vom Dom bis zum schlichten Wohnhause, auf den
+Sinn, in welchem die Gliederung des +Innenraumes+ erfolgt ist.
+Die Moschee verschweigt sie, der Tempel kennt sie nicht. Man hat es
+wohl nicht genügend beachtet, daß das Motiv der +Fassade+, deren
+Architektur das Innere physiognomisch spiegelt und das nicht nur unsere
+großen Einzelbauten, sondern das gesamte Bild unsrer Straßen, Plätze,
+Städte beherrscht, der Antike ebenso fern liegt wie dem Arabertum.
+
+Der hellenische Tempel ist als massiver Körper gedacht und gestaltet.
+Eine andere Möglichkeit gab es für das hier wirkende Formgefühl nicht.
+Deshalb ist die Geschichte der antiken bildenden Kunst die unablässige
+Arbeit an der Vollendung eines einzigen Ideals gewesen, der Eroberung
+des freistehenden menschlichen Körpers als dem Inbegriff der reinen,
+dinglichen Gegenwart. Man hat das Pathos dieser durch Jahrhunderte
+verfolgten Tendenz gar nicht verstanden. Denn man hat nie gefühlt,
+daß es der rein +stoffliche+, +seelenlose+ Körper, das σῶμα
+ist, auf den das archaische Relief, die korinthische Tonmalerei und
+das attische Fresko zielen, bis Polyklet und Phidias ihn vollkommen
+zu bewältigen gelehrt haben. Man hielt mit einer erstaunlichen
+Blindheit diese Art von Plastik für eine allgemein gültige und überall
+mögliche, für die Plastik schlechthin, und schrieb ihre Geschichte
+und Theorie, in der alle Völker und Zeiten aufgeführt wurden; und
+unsre Bildhauer reden unter dem Eindruck ungeprüft hingenommener
+Renaissancedogmen noch heute davon, daß der nackte menschliche Körper
+der vornehmste und eigentliche Gegenstand der bildenden Kunst sei.
+Man hat, wie es scheint, nie bemerkt, wie selten diese Gattung ist,
+ein Einzelfall, eine Ausnahme, nichts weniger als eine Regel. In
+Wahrheit hat es diese den nackten Leib frei auf die Ebene stellende
+und allseitig durchbildende Statuenkunst nur einmal gegeben, eben
+in der Antike, und nur dort, weil es nur diese eine Kultur mit
+einer vollkommenen Ablehnung der Überschreitung sinnlicher Grenzen
+zugunsten des Raumes gab. Die ägyptische Statue war immer auf die
+Vorderansicht hin gearbeitet, mithin eine Abart des Flachreliefs, und
+die +scheinbar+ antik empfundenen Statuen der Renaissance -- man
+ist über ihre geringe Zahl erstaunt, sobald man einmal daran denkt, sie
+nachzuzählen[69] -- sind nichts als eine Reminiszenz.
+
+Diese apollinische Plastik ist das Seitenstück zur euklidischen
+Mathematik. Sie leugnen beide den reinen Raum und sehen in der
++körperlichen+ Form das a priori der Anschauung. Diese Plastik
+kennt weder in die Ferne weisende Ideen noch Persönlichkeiten noch
+historische Ereignisse, sondern nur das auf sich selbst beschränkte
+Dasein flächenbegrenzter Leiber. Man erinnere sich hier, daß das Wort
+σῶμα von den griechischen Mathematikern für stereometrische Gebilde,
+von den Physikern für Substanz, vom sophokleischen Ödipus aber als
+Bezeichnung seiner +Person+ gebraucht wird.
+
+Die Entwicklung dieser +raumlosen+ Kunst _par excellence_
+füllt die drei Jahrhunderte von 650-350, von der Vollendung der
+Dorik, die gleichzeitig mit dem Beginn einer Tendenz auf Befreiung
+der Figur von der frontalen ägyptischen Gebundenheit erfolgte (Apoll
+von Tenea, bald nach 650) bis zum Anbruch des Hellenismus und seiner
+Illusionsmalerei, die den großen Stil abschließt. Man wird diese
+Plastik nie würdigen können, wenn man sie nicht als letzte und höchste
+antike, +aus der Freskomalerei hervorgegangene und sie überwindende
+Kunst+ begreift. Gewiß läßt sich der +technische+ Ursprung aus
+den Versuchen ableiten, die dorische Holzsäule (Hera des Cheramyes)
+und die zur Verkleidung am Holztempel dienende Metallplatte (Artemis
+der Nikandre) figürlich zu behandeln. Als +Formideal+ aber folgt
+die attische Statue aus der Einzelgestalt des Fresko. Sie hat diese
+Herkunft nie verleugnet. Ihre Formensprache ist der Vierfarbenmalerei
+Polygnots aufs engste verwandt, ohne sich von deren Prinzipien je
+ganz befreit zu haben. Man denke an die polychrome Behandlung des
+Marmors -- von der die Renaissance und Goethe nichts wußten und die
+sie als barbarisch empfunden haben würden[70] -- an die Statuen aus
+Gold und Elfenbein und die Emailverzierung der im natürlichen Goldton
+leuchtenden Bronzen. Der Erzguß hat die Verwendung des bemalten Marmors
+in der besten Zeit entschieden überragt.
+
+Die antike Zahl -- die +Größe+, das +Maß+ -- entspricht
+zunächst der Formensprache der Tonmalerei rotfigurigen Stils und
+dem späteren Fresko. Die Planimetrie insbesondere gehört zum
+strengsten Flächenstil Polygnots, der weder Licht noch Schatten noch
+perspektivische Verhältnisse kennt. Diese Kunst ist die organische
+Vorstufe der Skulptur. Sie steht nicht neben ihr. Noch um 475 gibt
+es neben Polygnot keinen ebenbürtigen Bildhauer, wie es um 1650
+neben Rembrandt noch keinen Musiker vom gleichen Range gibt. Erst
+das +letzte+ Jahrhundert hat in beiden Kulturen den Sieg der
+strengsten Kunst gebracht. Polyklet, der Schüler Polygnots, hat den
++Kanon der nackten Statue+ geschaffen. Um 1740, als die großen
+Meister der Ölmalerei alle tot waren und Bach auf der Höhe seiner Kraft
+stand, ist der strenge +Kanon des vierteiligen Sonatensatzes+
+vollendet worden. Beide bezeichnen das Maximum an Form, das aus dem
+Grunde des Ursymbols -- dort des +Körpers+, hier des +Raumes+
+-- überhaupt zu erreichen war. Beide behaupten ihre Geltung bis
+herauf auf Skopas und Beethoven, die, an der Grenze von Kultur und
+Zivilisation, dem großen Stil nicht mehr gewachsen sind. Lysippos und
+Wagner haben ihn zerstört.
+
+Die Pythagoräer schufen seit 540 eine Geometrie der Körper; Descartes,
+Fermat und Pascal seit 1620 eine Geometrie des Raumes. So steht die
+absolute Flächen- und Körperwirkung der attischen Vasengemälde homolog
+neben der perspektivischen Raumkunst der Ölmalerei, die Szenen der
+Françoisvase (etwa 570) neben den Landschaften Lorrains (1600 bis
+1682). Jene gestalten Menschen ohne Hintergründe, diese Hintergründe
+ohne Menschen (außer als „Staffage“). Das apollinische Tiefenerlebnis
+kennt die Ausdehnung als Körper ohne Raum, das faustische als Raum ohne
+Körper.
+
+Dem Fresko nächstverwandt und darum der Tendenz Rembrandts bis zum
+äußersten entgegengesetzt ist das Hochrelief, eine lose Summe, keine
+beziehungsreiche Gruppe von Körpern, die durchaus stereometrisch auf
+die Rückwand aufgesetzt sind. Auch hier war Ägypten zweifellos das
+Vorbild, an dem die Sehnsucht nach Ausdruck eigner Möglichkeiten sich
+zur Klarheit der Form entwickelte. Aber die dem ägyptischen Weltgefühl
+-- dem Ursymbol des +Weges+ -- entsprechende Kunst war das
++Flachrelief+ gewesen, das durch die bedeutsame Zerlegung des
+werdenden Raumes in +Fläche und Tiefe+, in Sinneseindruck und
+lebendige Bewegung der Betrachtenden, religiös gesprochen in +Zufall
+und Notwendigkeit+, den Wandgemälden nur Länge und Breite zugesteht,
+während durch die richtunggebende Gliederung des Bauwerks selbst die
+Tiefe, die „dritte Dimension“ repräsentiert wird. Die Folge ist, daß
+das Relief mit seinen +fortlaufenden+ Szenen (das antike ist immer
++statisch+) auch die geringste dreidimensionale Körperlichkeit
+vermeidet und endlich auf diesem Wege zu der bizarren Form des
++eingesenkten+ Reliefs (_relief en creux_) vor allem der
+18. Dynastie gelangt, das -- wenn man von einer einzigen, aber höchst
+bezeichnenden Ausnahme in der altchinesischen Kunst absieht -- ohne
+Beispiel in der Welt ist und die extremste Form einer unkörperlichen,
+zweidimensionalen Plastik darstellt.
+
+Während die ägyptische Statue an eine Wand gelehnt war und die
+gotische, selbst die Donatellos, nur als architektonisches Motiv,
+etwa im Einklang mit einem Nischenraum, ganz zu verstehen ist, stand
+die hellenische allseitig frei auf der Ebene. Es ist das einzige,
+auch von der Renaissance nicht wiederholte Beispiel eines Kunstwerks,
+das von +allen+ Seiten, nicht nur von der durch den Künstler
+gewählten, betrachtet sein will. So verlangte es der Weltgedanke eines
+Kosmos, in dem alle Einzeldinge sichtbar und gleichgeordnet sind,
+ohne in ihrer Wesenheit durch irgendwelche (notwendig räumliche)
+Beziehungen beschränkt zu sein. Denn einen bestimmten Standort für
+den gewollten Eindruck voraussetzen heißt eine räumliche Beziehung
+zwischen Betrachter und Werk in dessen Formensprache legen. Die
+Geometrie Euklids aber kennt keine „Funktionen“. Auch die Giebelgruppen
+hellenischer Tempel stellen, wenn man nicht gewaltsam etwas
+hineindeuten will, lediglich die ökonomische Füllung einer Lücke mit
+Einzelmotiven dar.
+
+Damit enthält die Gesamtheit der antiken Künste eine gemeinsame
+Tendenz, der mit steigender Reife die Bedeutung, der Umfang und
+selbst die weitere Existenz der einzelnen unterliegt. Bei Homer ist
+von Götterstatuen keine Rede. Man sieht auch nicht, inwiefern der
+frühdorische Dipylonstil mit ihnen vereinbar wäre. Auf den altattischen
+Grabvasen erscheinen dann mythische Szenen. Die altionische Tonmalerei
+von Milet und Samos kannte Historienbilder und Schlachtenschilderungen
+(der Maler Bularchos war berühmt). Dann aber beginnt die Reduktion
+der Möglichkeiten. Die große Symbolik der apollinischen Seele
+wählt und scheidet aus. Der dorische Peripteros und die Aktstudie
+gestatten gleichwenig Variationen. Polygnot erreicht den Gipfel des
+malerischen Ausdrucks unter diesen strengen Bedingungen und erschöpft
+ihn. Seine Kunst ist rein linienhaft, ohne Übergänge, ohne Licht-
+und Schattenwirkungen, ohne Hintergrund. Er stellt auf derselben
+Bildfläche eine regellose Menge von Szenen dar, die untereinander
+keinerlei Verhältnis im Sinne einer Raumperspektive besitzen. Jeder
+Körper steht für sich da. Der Raum zwischen ihnen, die Atmosphäre ist
+das „μὴ ὄν“ und deshalb keiner malerischen Repräsentation fähig. Der
+Grieche ignoriert die Tatsache, daß ferne Dinge kleiner erscheinen;
+er ignoriert die Ferne, den Horizont überhaupt. Die Statue ist der
+Inbegriff des +Nahen+, +Raumlosen+, optisch zu Erschöpfenden.
+Sie bezeichnet den Schwerpunkt antiker Kunst. Das Drama wurde nach
++ihrem+ Vorbilde zur Kunst der berühmten „drei Einheiten“, der
+Einheit des +Ortes+ vor allem, die +ein Prinzip der Statue+
+ist. Die Szenen der antiken Tragödie sind durchaus als Fresken gedacht.
+Die hellenische Musik wurde zu einer Plastik von Tönen, ohne Polyphonie
+und Harmonie -- die einen +Tonraum+ imaginieren -- und damit
+als selbständige Kunst ohne tiefere Möglichkeiten. Während sie im
+Abendlande zur ersten aller Künste aufstieg, sank sie in Athen zur
+bloßen Begleiterin der andern, des Tanzes und des Dramas herab.
+
+
+4
+
+Die entsprechende Phase der abendländischen Kunst füllt die drei
+Jahrhunderte von 1500 bis 1800, vom Ende der Spätgotik bis zum Verfall
+des Rokoko und damit dem Ende des faustischen Stils überhaupt. In
+dieser Zeit hat sich, entsprechend dem immer stärker ins Bewußtsein
+tretenden Willen zur räumlichen Transzendenz, die polyphone
+Instrumentalmusik zur herrschenden Kunst entwickelt. Die Plastik wird
+mit steigender Entschiedenheit aus den tieferen Möglichkeiten dieser
+Formenwelt ausgeschieden.
+
+Was die Malerei vor und nach ihrer Verlagerung von Florenz nach
+Venedig, was also die Malerei Raffaels und Tizians als zwei ganz
+verschiedene Künste kennzeichnet, ist der plastische Geist in der
+einen, der ihre Gemälde neben das Relief, der musikalische Geist in der
+andern, der ihre mit sichtbaren Pinselstrichen und Schattenwirkungen
+arbeitende Technik neben die Kunst der Fuge stellt. Die Einsicht, daß
+hier ein Gegensatz, kein Übergang vorliegt, ist für das Verständnis des
++Organismus+ dieser Künste entscheidend. Hüten wir uns gerade hier
+vor der Annahme stationärer „Kunstgebiete“. Malerei ist nur ein Wort.
+Die gotische Plastik und Malerei war ein Bestandteil der gotischen
+Architektur. Sie diente ihrer strengen Symbolik wie die frühägyptische,
+die früharabische, wie jede andre Kunst in diesem Stadium der Sprache
+des Steins dient. Man baute Gewandfiguren auf wie Dome. Die Falten
+waren ein +Ornament+ von höchster Intensität des Ausdrucks.
+Man ist auf falschem Wege, wenn man vom naturalistisch-imitativen
+Standpunkt aus ihre „Steifheit“ kritisiert. Die Renaissancemalerei
+andrerseits ist ein höchst komplizierter Sonderfall mit antigotischen
+Tendenzen auf der Oberfläche der technischen Konvention und sehr anders
+gerichteten in der Tiefe.
+
+Ebenso ist Musik ein vages Wort. Es gab immer und überall Musik,
+auch +vor+ aller eigentlichen Kultur. All diese Künste sind an
+sich bereits urmenschlich. Es gibt Zeichnungen von Eiszeitmenschen,
+szenische Spiele, Dichtungen und Musik von Naturvölkern aller Erdteile.
+Sie bilden ein Chaos wirrer Möglichkeiten, bis die Seele einer
+erwachenden Kultur hineingreift und mit Ungestüm eine gigantische
+Gruppe von Künsten großen Stils -- ausnahmslos Sonderkünste und nie
+wiederkehrende Formenwelten von vorübergehendem Dasein, jung, reifend,
+alternd, sterbend, voller Konvention und Bedeutsamkeit, sämtlich
+in die Farbe eines einzigen Ursymbols getaucht -- entwickelt. Die
+antike Musik war, weil sie zum Prinzip der stofflichen Ausdehnung
+kein Verhältnis besaß, wesentlich Urmusik geblieben. Hier aber,
+in der faustischen Kultur, hebt sich als vollkommenes Novum die
++kontrapunktische Instrumentalmusik+, eine reine, selbständige,
+alle Nachbarkünste überschattende, mit steigender Kraft alle andern in
+sich auflösende Kunst von der Basis urseelenhafter Möglichkeiten ab.
+
+Es gibt in der Geschichte wenig Phänomene von so wunderbarer
+Durchsichtigkeit wie die Entwicklung der abendländischen Musik.
+
+Gleichzeitig mit der Geburt des romanischen Stils im 10. Jahrhundert
+beginnt die Polyphonie die einstimmigen Parallelfolgen der
+„Kirchentöne“ aufzulösen.[71] Man schreibt die Einführung der
+Gegenstimme (_dis-cantus_) dem Benediktiner Hucbald zu. Englische
+(keltische) Einflüsse erscheinen wesentlich und ich glaube, daß hier
+eine bedeutsame Parallele zu der ebenfalls damals erfolgten Vollendung
+der Artussagen vorliegt, die einen mächtigen Teil des faustischen
+Mythus bilden -- die Sagen von der Tafelrunde, vom Gral, vom Parzeval
+und Tristan. Es sind uralte keltische Motive, die von der germanischen
+Gefühls- und Gedankenwelt assimiliert werden. Man wird das Musikhafte
+dieser Stoffe, das Verschwebende der Gestalten, das Grenzenlose der
+Gefühle und Horizonte gegenüber der eng umschriebenen Plastizität der
+homerischen Welt nicht verkennen.
+
+Der strenge Kontrapunkt -- der Name (_punctus contra punctum_)
+wird für die „_ars nova_“ etwa seit 1330 gebraucht -- entsteht
+infolge der Einführung der Terzen und Sexten seit dem 14. Jahrhundert,
+und zwar in +Burgund und den Niederlanden, der Heimat der Ölmalerei
+und des gotischen Stils+. Dieser gemeinsame landschaftliche Ursprung
+der drei großen faustischen Formenwelten ist von höchster Bedeutung.
+Hier rühren wir an ein letztes Geheimnis allen Menschentums: die
+Verbundenheit der Seele mit der mütterlichen Erde, aus der alte Mythen
+sie hervorgehen und zurückkehren lassen. Weiterhin erschließt sich
+die innere Identität dieser Kunstform mit dem zugehörigen Prinzip
+der +Zahl+. Die Kunst der Fuge ist das genaue Seitenstück zur
+analytischen Geometrie. Die Koordinaten wurden durch Oresme, den
+Bischof von Lisieux (1323-1382), gerade zur selben Zeit eingeführt,
+als der große Niederländer Heinrich von Zeelandia (etwa 1330-1370) den
+fugierten Stil zur sicheren Grundlage einer großen Kunst erhob. Von
+hier an erfährt die Sprache des Tonraumes in engster Nachbarschaft zu
+der des perspektivischen Bildraumes eine mächtige Entwicklung. Mit
+Orlando Lasso (1532-1594) erreicht sie ihre höchsten Möglichkeiten. Sie
+wird -- im strengen Gesang, in den Formen der Kantate (Messe, Passion,
+Motette) -- fähig, die ganze faustische Seele, ihr ganzes Weltgefühl,
+ihr ganzes Schicksal zum Ausdruck zu bringen.
+
+Als dann Newton und Leibniz -- seit 1660 -- die Infinitesimalrechnung
+schufen, siegte die „_sonata_“, die reine Instrumentalmusik,
+über die „_cantata_“. Es war der unendliche Raum, der Töne wie
+der Funktionen, der den Rest des Greifbaren und Körperhaften --
+hier die menschliche Stimme, dort die linienhaften Koordinaten --
+überwältigte. Die Elemente des Nahen schwinden. Die Ferne siegt. Der
+Weg vom Gesang zum körperlosen Orchesterklang entspricht dem Wege von
+der geometrischen zur rein funktionalen Analysis. Zuerst entsteht eine
+Anzahl kleiner Instrumentalsätze, tanz- und marschartig, alle jene
+Gavotten, Gaillarden, Sarabanden, Pavanen, Giguen, Menuetten. Das
+„Orchester“ bildet sich. Dann, um 1660, von der Lautenmusik ausgehend,
+entsteht als große Form die +Suite+, eine zyklische Gruppe kurzer
+Sätze.
+
+Alle Einzelheiten dieses Aufstieges lassen sich mit Beispielen aus
+der gleichzeitigen Mathematik belegen. Die Dehnung des Tonkörpers ins
+Unendliche, seine Auflösung vielmehr in einen unendlichen +Raum von
+Tönen+, innerhalb dessen der fugierte Stil seine Gebilde wirken
+läßt, wird durch die Entwicklung der +Instrumentation+ bezeichnet,
+die nach immer neuen Instrumenten greift, das Orchester fortgesetzt
+bereichert und differenziert, immer „entferntere“ Klänge, Farben und
+Dissonanzen aufsucht. Schon Monteverdi wagte es -- bald nach 1600
+-- den Dominantseptakkord einzuführen. Im _concerto grosso_
+wirkt die Klangmasse des großen Orchesters im _continuo_ der
+der _concertino_ (des Streichkörpers) in einer Weise entgegen,
+die man beinahe nur durch analoge Vorstellungen der höheren Analysis
+anschaulich machen kann. Uns ist diese Kunst natürlich und von
+höchster seelischer Deutlichkeit. Ein Grieche würde mit Erstaunen
+diese fantastische Ausgeburt eines seltsamen Ausdrucksbedürfnisses
+betrachtet haben. Der Tonkörper oder Klangraum ist ein Gebilde von
+derselben Transzendenz und +anti-euklidischen+ „Unwirklichkeit“
+wie der optisch unzugängliche Zahlenkörper und die vieldimensionalen
+Räume, Mengen und Gruppen der Mengenlehre. Um 1740, als Euler begann,
+die endgültige Fassung der funktionalen Analysis festzulegen, entsteht
+die +Sonate+, die reifste und höchste Form des instrumentalen
+Stils. (Einzelformen sind neben der Sonate für Soloinstrumente die
+Sinfonie, das Konzert, Ouvertüre und Quartett.) Ihre vier Sätze, deren
+erster die drei Themen in streng geregelter Abwandlung bringt, bilden
+ein System von ebenso mächtiger Logik der Form als von absoluter
+„Jenseitigkeit“. Ihr Ursprung liegt in den formalen Möglichkeiten
+unsrer innigsten und innerlichsten, der Streichmusik (Corelli,
+Tartini, Stamitz haben an ihrer Ausbildung teil), und so gewiß die
+Geige das edelste aller Instrumente ist, welche die +faustische+
+Musik für sich erfand und ausbildete, so gewiß liegen ihre tiefsten,
+ihre heiligen Momente völliger Verklärung im Streichquartett und
+den verwandten Kompositionsformen. Hier, in der +Kammermusik+,
+erreicht die abendländische Kunst überhaupt ihren Gipfel. Das Symbol
+des reinen Raumes, das überirdischste unter allen, ist hier ebenso
+vollkommen zum Ausdruck gelangt, wie das rein irdische, das der vollen
+Körperlichkeit, in einer attischen Bronzestatue. Wenn eine dieser
+unsagbar sehnsüchtigen Geigenmelodien einsam und klagend den Raum
+durchirrt, den die Töne des Tutti um sie breiten -- bei Haydn, Mozart,
+Beethoven und den großen Italienern -- so befindet man sich +der+
+Kunst gegenüber, die allein der reinsten apollinischen an die Seite zu
+stellen ist, wie sie in der Athena Lemnia des Phidias erscheint.
+
+Damals beherrscht die Musik alle andern Künste. Sie verbannt die
+Plastik der Statue und duldet nur die vollkommen musikalische,
+raffiniert unantike und renaissancewidrige Kleinkunst des Porzellans,
+das erfunden wurde, als die Kammermusik zur entscheidenden Geltung
+gelangte. Während die gotische Plastik durchaus architektonisches
+Ornament ist, menschliches Rankenwerk, ist die des Rokoko das
+merkwürdige Beispiel einer Scheinplastik, die in der Tat der
+Formensprache der Musik, ihres Gegensatzes im Kreise der Künste
+unterliegt. Hier sieht man, bis zu welchem Grade die den Vordergrund
+des Kunstlebens beherrschende Technik dem Geiste der durch sie
+geschaffenen Formenwelt widersprechen kann -- zwischen welchen Faktoren
+die gewöhnliche Ästhetik das Verhältnis von Ursache und Wirkung
+annimmt. Man vergleiche die kauernde Venus des Coyzevox (1686) im
+Louvre mit ihrem antiken Vorbilde im Vatikan. Das ist Plastik als
+Musik und Plastik in ihrem eignen Namen. Man kann hier die Art der
+Bewegtheit, den Fluß der Linien, das Fließende im Wesen des Steines
+selbst, der wie das Porzellan gewissermaßen den festen Aggregatzustand
+verloren hat, am besten durch musikalische Wendungen: staccato,
+accelerando, andante, allegro, beschreiben. Daher das Gefühl, als ob
+der körnige Marmor hier nicht am Platze ist. Daher die ganz unantike
+Berechnung auf Licht und Schatten hin. Das entspricht dem leitenden
+Prinzip der Ölmalerei seit Tizian. Was man im 18. Jahrhundert
+Farbigkeit -- einer Radierung, einer Zeichnung, einer plastischen
+Gruppe -- nennt, bedeutet Musik. Sie beherrscht die Malerei Watteaus
+und Fragonards und die Kunst der Gobelins und Pastelle. Sprechen wir
+nicht seitdem von Farbentönen und Tonfarben? Ist damit nicht die
+endlich erreichte +Gleichartigkeit+ zweier oberflächlich so
+verschiedener Künste anerkannt? Und sind diese Bezeichnungen nicht
+angesichts +jeder+ antiken Kunst gegenstandslos? Aber die Musik
+schuf auch die Architektur des berninischen Barock in ihrem Geiste um,
+zum Rokoko, über dessen transzendenter Ornamentik Lichter -- Töne --
+„spielen“, um Decken, Wände, Bögen, alles Konstruktive und Wirkliche in
+Polyphonie und Harmonie aufzulösen, dessen architektonische Triller,
+Kadenzen und Passagen die Identität der Formensprache dieser Säle und
+Galerien und der für sie erdachten Musik zu Ende führen. Dresden und
+Wien sind die Heimat dieser späten und rasch verlöschenden Wunderwelt
+der Kammermusik, der geschweiften Möbel, Spiegelzimmer, Schäferpoesien
+und Porzellangruppen. Sie ist der letzte, herbsthaft sonnige,
+vollkommene Ausdruck der abendländischen Seele. Im Wien der Kongreßzeit
+starb sie dahin.
+
+
+5
+
+Die Renaissance ist, aus diesem Gesichtspunkt betrachtet -- der sie
+bei weitem nicht erschöpft --, eine +Auflehnung gegen den Geist
+dieser fugierten, faustischen, wälderhaften Musik+, die sich
+eben anschickte, ihre Diktatur über die gesamte Formensprache der
+abendländischen Kultur aufzurichten. Sie ging folgerichtig aus der
+reifen Gotik hervor, in der dieser Wille unverhüllt hervorgetreten
+war. Sie hat diese Abkunft nie verleugnet und ebensowenig +den
+Charakter einer bloßen Gegenbewegung+, deren Art notwendig von
+den Formen der Urbewegung, deren Rückwirkung auf die zögernde Seele
+sie darstellt, abhängig blieb. Sie ist folgerichtig deshalb ohne
+wahre Tiefe, und zwar in beiderlei Sinne -- ohne Tiefe der Idee und
+ohne Tiefe der Erscheinung. Was das erste betrifft, so braucht man
+nur an die entfesselte Leidenschaft zu denken, mit der das gotische
+Weltgefühl sich in der ganzen abendländischen Landschaft entlädt, um
+zu fühlen, was für eine Bewegung es ist, die um 1420 von einem kleinen
+Kreise erlesener Geister, Gelehrter, Künstler, Humanisten ausging.
+Dort handelt es sich um Sein oder Nichtsein eines neuen Seelentums,
+hier um eine Frage des Geschmacks. Die Gotik ergreift das ganze Leben
+bis in seine geheimsten Winkel. Sie hat einen neuen Menschen, eine
+neue Welt geschaffen. Sie hat von der Idee des Katholizismus bis zum
+Staatsgedanken der deutschen Kaiser, vom ritterlichen Turnier bis zum
+Bilde der eben entstehenden Städte, vom Dom bis zur Bauernstube, vom
+Bau der Sprache bis zum Brautschmuck der Dorfmädchen, vom Ölgemälde
+bis zum Spielmannslied allem die Sprache einer einheitlichen Symbolik
+aufgeprägt. Die Renaissance bemächtigte sich einiger Künste und damit
+war alles getan. Sie hat die Denkweise Westeuropas, das Lebensgefühl in
+nichts verändert. Sie drang bis zum Kostüm und zur Geste vor, nicht bis
+zu den Wurzeln des Daseins. Sie hat zwischen Dante und Michelangelo,
+die ihre Grenzen schon überschreiten, keine geniale Persönlichkeit
+aufzuweisen. Und was das zweite betrifft, so hat sie selbst in Florenz
+das Volkstum nicht berührt, in dessen Tiefe -- erst dies macht die
+Erscheinung Savonarolas und seine ganz andre Gewalt über die Gemüter
+verständlich -- der gotisch-musikalische Unterstrom ruhig dem Barock
+zufließt.
+
+Der Renaissance als einer antigotischen und dem Geiste der
+Instrumentalmusik feindlichen Bewegung entspricht in der Antike genau
+die dionysische als eine antidorische und dem plastisch-apollinischen
+Weltgefühl entgegengesetzte. Sie ist +nicht+ aus dem thrakischen
+Dionysoskult hervorgegangen. Sie hat ihn erst als Waffe und Gegensymbol
+zur olympischen Religion herangezogen, ganz ebenso wie man in
+Florenz den Kult der Antike erst zur Rechtfertigung und Stärkung des
+eigenen Gefühls zu Hilfe rief. Die große Auflehnung erfolgte dort
+700-600 und +also+ hier 1400-1500. Es handelt sich in beiden
+Fällen um einen Seelenkampf, um einen Zwiespalt im Untergrunde der
+Kultur, der seinen physiognomischen Ausdruck in einer ganzen Epoche
+des Geschichtsbildes, vor allem in deren künstlerischer Formenwelt
+gefunden hat, um einen Widerstand der Seele gegen ihr Schicksal, das
+sie nunmehr in seinem vollen Umfange begriffen hat. Die innerlich
+widerstrebenden Mächte, +Fausts zweite Seele, die sich von der
+andern trennen will+, suchen den Sinn der Kultur umzubiegen; die
+unausweichliche Notwendigkeit soll verleugnet, aufgehoben, umgangen
+werden; es ist Angst vor der Vollendung der historischen Geschicke
+durch Ionik und Barock darin. Dort knüpft sie sich an den Dionysoskult
+mit seinem +musikalischen, entwirklichenden+, den Körper
++vergeudenden+ Orgiasmus, hier an die literarische Tradition
+des „Altertums“ und dessen Kultus der +Plastik+, die beide als
+fremde Faktoren herangezogen werden, um durch die suggestive Kraft
+ihrer gegensätzlichen Formensprache dem unterdrückten Gefühl einen
+Schwerpunkt, ein eigenes Pathos zu verleihen und damit der Strömung in
+den Weg zu treten, die dort von Homer und dem geometrischen Stil zu
+Phidias, hier von den gotischen Domen über Rembrandt zu Beethoven geht.
+
+Aus dem Charakter einer Gegenbewegung folgt, daß es ebenso leicht
+ist zu definieren, was sie bekämpft, als schwer, was sie erreichen
+will. Das ist die Klippe aller Renaissanceforschung. Im Gotischen
+(und Dorischen) ist es gerade umgekehrt. Es kämpft +für+, nicht
++gegen+ etwas. Aber Renaissancekunst -- das ist ganz eigentlich
+antigotische Kunst. Renaissancemusik ist eine _contradictio in
+adjecto_. Soweit ist alles klar. Das Übrige bringt in Verlegenheit.
+
+Denn die Beurteilung dieses Phänomens ist bezeichnend dafür, wie
+sehr man die laut ausgesprochene Absicht mit dem tieferen Sinn einer
+Bewegung verwechseln kann. Die Kritik hat seit Burckhardt jede
++einzelne+ Behauptung der führenden Geister über ihre Tendenzen
+widerlegt, aber nachdem dies abgetan war, das Wort Renaissance im
+alten optimistischen Sinne weiter gebraucht. Gewiß, der Unterschied
+im Architektonischen, überhaupt im künstlerischen Gesamtbilde ist
+auffallend, sobald man über die Alpen kommt. Aber eben deshalb, weil
+diese Empfindung allzu populär ist, hätte man ihr mißtrauen und sich
+fragen sollen, ob hier nicht oft der Unterschied von +Nord und
+Süd+ innerhalb ein und derselben Formenwelt einen Unterschied von
+gotisch und antik vortäuscht. Der Laie wird, wenn man ihn vor die
+Frage stellt, ob der große Klosterhof von S. Maria Novella oder die
+Fassade des Palazzo Medici zur Gotik gehört, sicherlich falsch raten.
+Andernfalls hätte der plötzliche Wandel des Eindrucks nicht jenseits
+der Alpen, sondern erst jenseits des Apennins beginnen müssen, denn
+Toskana ist eine künstlerische Insel in Italien selbst. Oberitalien
+gehört einer byzantinisch gefärbten Gotik, Rom ist bereits die Stadt
+des Barock. Die Änderung der Empfindung erfolgt aber gleichzeitig
++mit der des Landschaftsbildes+.
+
+Tatsächlich hat Italien die Geburt des gotischen Stils nicht miterlebt.
+Es stand um 1000 unter der unbedingten Herrschaft morgenländischer
+Kunstformen. Erst die reife Gotik hat hier Wurzel gefaßt, aber als
+klimatisch gemilderte Fremdheit. Sie assimilierte oder verdrängte nicht
+etwa einen angeblichen Nachklang der Antike, sondern ausschließlich
+eine byzantinisch-sarazenische Formensprache, die von der Levante
+ausstrahlt und der Ravenna, Lucca, Pisa, Venedig, unter den
+einflußreichen Bauten das moscheenhafte Pantheon, San Marco, aber auch
+der Komposition und dem Geiste nach San Miniato und das Baptisterium in
+Florenz angehören.
+
+Wäre die Renaissance eine Erneuerung des antiken Weltgefühls gewesen
+-- aber was heißt das? --, so hätte sie den Kultus des umschlossenen
+und rhythmisch gegliederten +Raumes+ durch den des +massiven
+Baukörpers+ ersetzen müssen. Aber davon ist nie die Rede gewesen. Im
+Gegenteil. Die Renaissance pflegt ganz ausschließlich eine Architektur
+des Raumes, den ihr die Gotik vorschrieb, nur daß sein Atem, seine
+klare, ausgeglichene Ruhe im Gegensatz zum Sturm und Drang, zur wilden
+Bewegtheit des Nordens anders ist, nämlich +südlich+, sonnig,
+sorglos, hingegeben. Nur darin liegt der Widerspruch. Man kann diese
+Architektur beinahe auf +Fassaden+ und +Höfe+ reduzieren.
+
+Aber die Konzentration des Baugedankens auf +eine Außenseite+,
+welche den Geist der innern Struktur spiegelt, ist spezifisch nordisch
+und in einer sehr tiefen Weise +mit der Porträtkunst+ verwandt,
+und der Hallenhof ist vom Sonnentempel zu Baalbek bis zum Löwenhof
+der Alhambra spezifisch +arabisch+.[72] Der Tempel von Pästum,
+ganz Körper, steht inmitten dieser Kunst vollkommen vereinsamt da.
+Ebensowenig ist die florentinische Plastik +freie+ Rundplastik
+attischer Art. Jede ihrer Statuen fühlt noch eine unsichtbare
+Nische oder Wand hinter sich, in welche die gotische Plastik deren
++wirkliche+ Urbilder hineinkomponiert hatte.
+
+Zieht man von den Vorbildern der Renaissance alles ab, was nach der
+augusteischen Zeit entstanden, also der magischen Formenwelt zugehörig
+ist, so bleibt buchstäblich nichts übrig. Nicht einmal die meist
+von Semiten entworfenen Bauten der Kaiserzeit, die Thermen, Tempel,
+Fora, haben wesentlich eingewirkt. Um so stärker wirkte Byzanz. Ich
+hatte schon auf die entscheidende Tatsache hingewiesen, daß jenes
+Motiv, welches die Renaissance geradezu +beherrscht+ und seiner
+Südlichkeit wegen uns als ihr edelstes Kennzeichen gilt, +die
+Verbindung von Rundbogen und Säule+, allerdings höchst ungotisch,
+im antiken Stil aber gar nicht vorhanden ist, vielmehr das in Syrien
+entstandene +Leitmotiv der magischen Architektur+ darstellt.
+Als wirklich am Ende des Quattrocento einige Meister begannen,
+streng antike Formen zu kopieren und den Inhalt römischer Schriften
+in akademische Wirklichkeit umzusetzen, war die Bewegung innerlich
+schon zu Ende. Nicht sie hat den Norden unterworfen und das Barock
+geschaffen. Der Barockstil, der legitime Erbe des gotischen, hat ihre
+Formen als Beute sich angeeignet.
+
+Alles „Antigotische“, das sie heranzieht, ist demnach byzantinisch
+oder sarazenisch; der gesamte Kirchenstil Italiens -- und eine
+Kunst ohne Beziehung zur Kirche ist damals kaum denkbar -- stammt
+von den Sitzen +arabischen+ Formgefühls. Und gerade jetzt
+empfängt man vom Norden die entscheidenden Einwirkungen, welche
+im Süden den Schritt von der Gotik zum Barock vollziehen halfen.
+In der +flämisch-burgundischen+ Landschaft (dem Gegenpol von
+Toskana im Stilwerden!), zwischen Paris,[73] Amsterdam und Köln sind
++gleichzeitig+ um 1400 die Kunst des +Kontrapunkts+ und der
++Ölmalerei+ entwickelt worden, jener durch Heinrich von Zeelandia,
+Dufay und Okeghem, diese durch Jan van Eyck und Rogier van der Weyden.
+1428 kam Dufay in die päpstliche Kapelle und um 1450 war Rogier in
+Italien und übte dort einen kaum zu unterschätzenden Einfluß auf die
+florentiner Meister. Antonello da Messina, der um 1470 die Ölmalerei
+nach Venedig brachte, war der Schüler eines Flamländers. Wie viel
+Niederländisches und wie wenig „Antike“ ist in den Bildern von Filippo
+Lippi, Ghirlandajo und Botticelli, vor allem von Pollaiuolo! Was
+verdankt die römische und venezianische Schule dem Meister Willaert
+aus Brügge (1516 in Rom), dem Erfinder des Madrigals! Aus Flandern und
+Brabant dringt in die lombardische Gotik, die eben im Begriffe stand,
+durch die Aneignung südöstlicher Formen in Widerspruch zum nordischen
+Geist zu treten, eben jenes Element nordischen Unendlichkeitsgefühles,
+das den künstlerischen Geist der Renaissance wieder auflösen und durch
+die Sprache des Barock in den großen Strom zurückführen sollte.
+
+Gerade damals führte auch Nikolaus Cusanus, Kardinal und
+Bischof von Brixen (1401-1464), das Infinitesimalprinzip, diese
++kontrapunktische+ Methode der Zahlen, in die Mathematik ein,
+die er aus der Idee Gottes als des unendlichen Wesens ableitete.
+Leibniz verdankt ihm die entscheidende Anregung zur Durchführung der
+Differentialrechnung. Aber damit bereits hatte er der dynamischen, der
+Barockphysik Newtons die Waffe geschmiedet, mit der sie die statische
+Idee einer südlichen Physik, die an Archimedes anknüpfte und noch in
+Galilei wirksam war, überwand.
+
+Die Hochrenaissance ist der Augenblick einer +scheinbaren+
+Verdrängung des Musikalischen aus der faustischen Kunst. In Florenz,
+an dem einzigen Punkte, wo die antike und die abendländische
+Kulturlandschaft aneinandergrenzen, ist während einiger Jahrzehnte
+durch einen großartigen Akt ganz eigentlich metaphysischer Auflehnung
+ein Bild der Antike aufrecht erhalten worden, das seine tieferen Züge
+ohne Ausnahme der Negation gotischer verdankte und das dennoch seine
+Gültigkeit vor unserem Gefühl, wenn auch nicht vor unserer Kritik, über
+Goethe hinaus noch heute behauptet. Das Florenz des Lorenzo de Medici
+und das Rom Leos X. -- das +ist+ für uns antik; das ist das ewige
+Ziel unsrer geheimsten Sehnsucht; +das+ allein erlöst von aller
+Schwere, aller Ferne, nur weil es antigotisch ist. So streng ist der
+Gegensatz apollinischen und faustischen Seelentums ausgeprägt.
+
+Aber man täusche sich nicht über den Umfang dieser Illusion. Man
+pflegte in Florenz Fresko und Relief, im Widerspruch zum gotischen
+Glasgemälde und zum arabischen Goldgrundmosaik. Es war die einzige Zeit
+des Abendlandes, wo die Skulptur den Rang einer freien Kunst einnahm.
+Im Bilde dominieren die Gruppen, die Körper, die tektonischen Elemente
+der Architektur. Die Hintergründe haben keinen eignen Wert und dienen
+nur als Folie für die greifbare Gegenwart der Vordergrundgestalten.
+Hier stand die Malerei eine Zeitlang unter der Herrschaft der Plastik.
+Verrocchio, Pollaiuolo und Botticelli waren Goldschmiede. Aber diese
+Fresken haben trotzdem nichts vom Geiste Polygnots. Hier wiederholt
+sich, was ich oben für die Architektur bemerkt hatte. Die große Tat
+Giottos und Masaccios, die Schöpfung einer Freskomalerei, +scheint+
+nur eine Erneuerung der alten Fühlweise zu sein. Das Tiefenerlebnis,
+das Ideal der Ausdehnung, welches ihr zugrunde liegt, ist nicht der
+apollinische raumlose, in sich beschlossene Körper, sondern der
++gotische Bildraum+. So sehr die Hintergründe zurücktreten, sie sind
+doch da. Aber wieder ist es die Lichtfülle, die Durchsichtigkeit,
+die mittägige große Ruhe des Südens, die in Toskana und nur hier den
+dynamischen Raum zum statischen macht. Waren es auch +Bildräume+,
+die man malte, so erlebte man sie doch nicht als ein unbegrenztes,
+musikalisch-webendes Sein, sondern hinsichtlich ihrer sinnlichen
++Begrenztheit+. Man gab ihnen gewissermaßen Körper. Man pflegte,
+mit einer wirklichen Nähe zum hellenischen Ideal, die Zeichnung,
+die scharfen Konturen, die körperlichen Grenzflächen -- nur daß sie
+hier den +einen+ perspektivischen Raum gegen die Dinge, in Athen die
+einzelnen Dinge gegen das Nichts abgrenzten --; und in demselben Grade,
+als die Woge der Renaissance sich wieder glättete, läßt die +Härte+
+dieser Tendenz nach und das _sfumato_ Lionardos, das Verschwimmen der
+Ränder mit dem Hintergrund führt das Ideal einer musikalischen an
+Stelle einer reliefmäßigen Malerei herauf. Ebensowenig ist die latente
+Dynamik der toskanischen Skulptur zu verkennen. Zur Reiterstatue des
+Verrocchio würde man vergebens ein attisches Seitenstück suchen. Diese
+Kunst war eine +Maske+, eine Geste, zuweilen eine Komödie, aber nie
+ist eine Komödie besser zu Ende gespielt worden. Der unsagbar innigen
+Reinheit der Form gegenüber vergißt man, was die Gotik an Urgewalt und
+Tiefe voraus hat. Aber es muß noch einmal gesagt werden: die Gotik
+ist die +einzige+ Grundlage der Renaissance. Die Renaissance hat die
+wirkliche Antike nicht einmal berührt, geschweige denn verstanden
+und „wiederbelebt“. Das unter literarischen Eindrücken stehende
+Bewußtsein einer sehr kleinen, erlesenen Klasse von Menschen hat den
+verführerischen Namen -- Wiedergeburt der Antike -- geprägt, um dem
+Negativen der Bewegung eine Wendung ins Positive zu geben. Er beweist,
+wie wenig solche Strömungen von sich selbst wissen. Man wird hier
+nicht +ein+ großes Werk finden, das die Zeitgenossen des Perikles
+oder selbst die Cäsars nicht als völlig fremd abgelehnt hätten. Diese
+Palasthöfe sind maurische Höfe; die Rundbögen auf den schlanken Säulen
+sind syrischen Ursprungs. Cimabue lehrte sein Jahrhundert, die Kunst
+der byzantinischen Mosaiken mit dem Pinsel nachzubilden. Von den beiden
+berühmten Kuppelbauten der Renaissance ist die florentiner Domkuppel
+Brunellescos ein Meisterwerk der späten Gotik, die von St. Peter
+eines des strengen Barock. Und als Michelangelo sich vermaß, hier
+„das Pantheon auf die Maxentiusbasilika zu türmen“, wählte er zwei
+Bauwerke vom reinsten früharabischen Typus. Und das Ornament -- ja,
+gibt es denn überhaupt ein echtes Renaissanceornament? Ich sehe in den
+frühflorentinischen Motiven der Majano, Ghiberti, Pisano etwas sehr
+Nordisches. Man unterscheide doch an all diesen Kanzeln, Grabmälern,
+Nischen, Portalen die äußerliche, übertragbare Form -- als solche ist
+die ionische Säule ja selbst ägyptischer Herkunft -- vom Geist der
+Formensprache, der sie als Mittel und Zeichen einverleibt wird. Alle
+antiken Details sind gleichgültig, solange sie etwas Unantikes durch
+die Art ihrer Verwendung ausdrücken. Aber bei Donatello kommen sie auch
+kaum vor. Bei allen Meistern einer Zeit sind sie weit seltener als
+im hohen Barock. Ein streng antikes Kapitäl wird man überhaupt nicht
+finden.
+
+Und trotzdem ist für Augenblicke etwas Wunderbares erreicht worden,
+das durch Musik +nicht+ wiederzugeben ist, ein Gefühl für das Glück
+der vollkommenen +Nähe+, für reine, ruhende, +erlösende+ Raumwirkungen
+in +einfachen+ Verhältnissen lichter Gliederung, frei von der
+leidenschaftlichen Bewegtheit von Gotik und Barock. Das ist nicht
+antik; denn die Antike kennt den Raum nicht, aber es ist ein Traum von
+antikem Dasein, der einzige, den die faustische Seele träumen, in dem
+sie sich vergessen konnte.
+
+
+6
+
+Und nun erst, mit dem 16. Jahrhundert, beginnt in der abendländischen
+Malerei die entscheidende Phase. Die Vormundschaft der Architektur im
+Norden, der Skulptur im Süden erlischt. Die Malerei wird polyphon, ins
+Unendliche schweifend. Die Farben werden Töne. Die Kunst des Pinsels
+wird dem Stil der Fuge unterworfen. Die Ölfarbentechnik wird zur Basis
+einer Kunst, die den +Raum+ imaginieren will, an den die Dinge
+sich verlieren. Mit Lionardo beginnt der Impressionismus.
+
+Im Gemälde vollzieht sich damit eine Umwertung aller Elemente. Der
+bis dahin gleichgültig entworfene, als Füllung angesehene, man
+möchte sagen als Raum verheimlichte Hintergrund gewinnt Bedeutung.
+Eine Entwicklung setzt ein, die in keiner andern Kultur, auch nicht
+in der sonst vielfach nahe verwandten chinesischen ihresgleichen
+hat: Der Hintergrund als das Zeichen des Unendlichen überwindet den
+sinnlich-greifbaren Vordergrund. Es gelingt endlich -- das ist der
+malerische im Gegensatz zum zeichnerischen Stil --, das Tiefenerlebnis
+der faustischen Seele im Bilderlebnis restlos zu bannen. Der
++Horizont+ taucht im Bilde auf als großes Symbol des ewigen
+grenzenlosen Weltraumes, der die sichtbaren Einzeldinge als Zufälle
+in sich begreift. Man hat seine Darstellung im Landschaftsgemälde
+als so selbstverständlich empfunden, daß man nie die entscheidende
+Frage gestellt hat, wo überall er +fehlt+ und was dieses
+Fehlen bedeutet. Man wird aber weder im ägyptischen Relief noch im
+byzantinischen Mosaik noch auf antiken Vasenbildern und Fresken, nicht
+einmal denen des Hellenismus mit ihrer Vordergrundräumlichkeit eine
+Andeutung des Horizontes finden. Der Begriff des Hintergrundes ist
+demnach auf all diese Künste gar nicht anwendbar. Diese Linie, in deren
+unwirklichem Duft Himmel und Erde verschwimmen, der Inbegriff und die
+stärkste Potenz des Fernen, enthält das Infinitesimalprinzip. Man
+denke auch an die Konvergenz unendlicher Reihen. Die perspektivischen
+Fernen sind das spezifisch musikalische Element im Bilde und die
+Landschaften Van de Capelles, Van de Veldes, Cuyps, Rembrandts sind
+deshalb ganz eigentlich +nur+ Hintergründe, nur Atmosphären, wie
+umgekehrt „antimusikalische“ Meister wie Signorelli und vor allem
+Mantegna nur Vordergründe -- „Reliefs“ -- malten. In diesem Element
+siegt die Musik über die Plastik, die Kapazität der Ausdehnung über
+ihre Substanzialität. Man darf sagen, daß es in keinem Gemälde
+Rembrandts ein „vorn“ gibt. Im Norden, in der Heimat des Kontrapunkts,
+ist ein tiefes Verständnis für den Sinn des Horizontes und hell
+belichteter Fernen schon früh zu finden, während im Süden der flach
+abschließende Goldgrund arabisch-byzantinischer Bilder noch lange
+herrschend bleibt. In Miniaturen und Stundenbüchern (wie dem des
+Herzogs von Berry), bei frührheinischen Meistern taucht das reine
+Raumgefühl zuerst auf und erobert sich langsam das Tafelbild.
+
+Denselben symbolischen Sinn haben die Wolken, deren künstlerische
+Behandlung der Antike gleichfalls völlig versagt war und die
+von den Malern der Renaissance mit einer gewissen spielerischen
+Oberflächlichkeit behandelt wurden, während der gotische Norden sehr
+früh wundervoll mystische Fernblicke auf und durch Wolkenmassen schafft
+und die Venezianer, vor allem Giorgione und Paul Veronese, den vollen
+Zauber der Wolkenwelt, der von schwebenden, ziehenden, geballten,
+tausendfarbig belichteten Wesen erfüllten Himmelsräume erschlossen und
+die Niederländer ihn bis zum Tragischen steigerten. Greco hat die große
+Kunst der Wolkensymbolik nach Spanien gebracht.
+
+In der ebenfalls damals, zugleich mit der Ölmalerei und dem Kontrapunkt
+herangereiften +Gartenkunst+ erscheinen dementsprechend die
+langgestreckten Teiche, Buchengänge, Alleen, Durchblicke, Galerien,
+um auch im Bilde der freien Natur dieselbe Tendenz zum Ausdruck zu
+bringen, welche die von den frühen Niederländern als Grundaufgabe
+ihrer Kunst empfundene und von Brunellesco theoretisch behandelte
+Linearperspektive im Gemälde repräsentiert. Man wird finden, daß sie,
+ich möchte sagen als die mathematische Weihe des durch den Rahmen
+seitlich abgegrenzten und in die Tiefe mächtig gesteigerten Bildraumes
+-- Landschaft oder Interieur -- gerade damals mit einer gewissen
+Absichtlichkeit zum Vortrag gebracht wurde. Das Ursymbol kündigt sich
+an. Im Unendlichen liegt der Punkt, in dem alle perspektivischen
+Linien zusammentreffen. Weil sie ihn vermied, weil sie die Ferne
+nicht anerkannte, besaß die antike Malerei keine Perspektive. Ihre
+Vasengemälde sind, als Einheit, weder Landschaft noch Innenraum,
+sondern +Nichts+, τὸ μὴ ὄν. Nur das einzelne gilt. Die Menschen
+sind, jeder für sich, als σώματα, ohne Beziehung auf etwas außer ihnen
+dargestellt. Sie bilden eine Summe, keine atmosphärisch zusammengefaßte
+Totalität. +Folglich+ ist auch der Park, die bewußte Gestaltung
+der Natur im Sinne räumlicher Fernwirkung, innerhalb der antiken Künste
+unmöglich. Es gab in Athen und Rom keine perspektivische Gartenkunst.
+Erst die Kaiserzeit fand an orientalischen Anlagen Geschmack.
+
+Das bedeutsamste Element im abendländischen Gartenbilde ist mithin
+der _point de vue_ der großen Rokokoparks, auf den sich ihre
+Alleen und beschnittenen Laubgänge öffnen und durch den sich der
+Blick in weite schwindende Fernen verliert. Er fehlt selbst der
+chinesischen Gartenkunst. Aber er hat ein vollkommenes Gegenstück in
+gewissen hellen, silbernen „Fernfarben“ der pastoralen Musik des 18.
+Jahrhunderts, bei Couperin z. B. Erst der _point de vue_ gibt
+den Schlüssel zum Verständnis dieser seltsamen menschlichen Art, die
+Natur der symbolischen Formensprache einer Kunst zu unterwerfen.
+Die Auflösung endlicher Zahlengebilde in unendliche Reihen ist das
+verwandte Prinzip. Wie hier die Formel des Restgliedes den letzten Sinn
+der Reihe, so ist es dort der Blick ins Grenzenlose, der dem Auge des
+faustischen Menschen den Sinn der Natur erschließt. +Wir+ waren
+es und nicht die Hellenen, nicht die Menschen der Hochrenaissance,
+welche die unbegrenzten Fernsichten vom Hochgebirge aus schätzten und
+suchten. Das ist eine faustische Sehnsucht. Man will +allein+
+mit dem unendlichen Raume sein. Dies Symbol bis zum äußersten zu
+steigern war die große Tat der nordfranzösischen Gartenbaumeister, vor
+allem Lenôtres. Man vergleiche den Renaissancepark der mediceischen
+Zeit mit seiner Übersichtlichkeit, seiner heitren Nähe und Rundung,
+dem Kommensurablen seiner Linien, Umrisse und Baumgruppen mit diesem
+geheimen Zug in die Ferne, der alle Wasserkünste, Statuenreihen,
+Gebüsche, Labyrinthe bewegt, und man findet in diesem Stück
+Gartengeschichte das Schicksal der abendländischen Ölmalerei wieder.
+
+Aber Ferne -- das ist zugleich eine +historische+ Empfindung.
++Der Barockpark ist der Park der späten Jahreszeit+, des nahen
+Endes, der fallenden Blätter. Ein Renaissancepark ist für den Sommer
+und den Mittag gedacht. Er ist zeitlos. Nichts in seiner Formensprache
+erinnert an Vergänglichkeit. Erst die Perspektive ruft die Ahnung von
+etwas Vergehendem, Flüchtigem, Letztem wach.
+
+Schon das bloße Wort „Ferne“ hat in der abendländischen Lyrik
+aller Sprachen einen wehmütig herbstlichen Akzent, den man in der
+griechischen vergebens sucht. Die moderne Poesie der welkenden Alleen,
+der endlosen Straßenzüge unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines
+Domes, der Gipfel einer fernen Gebirgskette, verrät noch einmal, daß
+das Tiefenerlebnis, das uns den Weltraum schafft, im letzten Grunde
+die innere Gewißheit eines Schicksals, einer vorbestimmten Richtung,
+der +Zeit+, des Unwiderruflichen ist. Hier, im Erlebnis des
+Horizontes als der Zukunft, tritt die Identität der Zeit mit der
+„dritten Dimension“ des +erlebten+ Raumes unmittelbar zutage. Es
+ist ein eminent historisches Gefühl, eine Richtung der ganzen Seele auf
+Ferne und Zukunft, das den großen Parks ihre Gestalt gab. Baudelaire,
+Verlaine und Droem haben es in Verse gebracht. Die Ägypter, darin
+uns nahe verwandt, legten es ihrer Architektur durch das Prinzip der
+zyklischen Wiederholung zugrunde; sie schufen Alleen von Lotossäulen,
+Statuen und Sphinxen. Wir haben zuletzt auch das Straßenbild der großen
+Städte dieser Grundidee des Versailler Parkes unterworfen und mächtige
+geradlinige, in der Ferne schwindende Straßenfluchten angelegt, selbst
+unter Aufopferung althistorischer Viertel -- deren Symbolik jetzt die
+geringere geworden war --, während antike Weltstädte mit ängstlicher
+Sorgfalt das Gewirr krummer Gäßchen vorschoben, damit der apollinische
+Mensch sich in ihnen als Körper unter Körpern fühle. Das „praktische
+Bedürfnis“ war hier wie immer die Maske eines tiefinnerlichen Zwanges.
+
+Der Horizont sammelt von nun an die tiefere Form, die metaphysische
+Bedeutung des Bildes in sich. Der greifbare und mit Worten
+wiederzugebende +Inhalt+ -- nicht Gehalt --, womit die körperliche
+Realität gemeint ist, die von der Renaissancemalerei allein betont und
+anerkannt worden war, wird nun zum +Mittel+, zum +Träger+
+des Ausdrucks. Bei Mantegna und Signorelli hätte der gezeichnete
+Entwurf, auch ohne die koloristische Ausführung, als Bild bestehen
+können. In einzelnen Fällen möchte man wünschen, es wäre bei den
+Kartons geblieben. In statuenhaften Kompositionen ist die Farbe
+lediglich etwas Akzidentielles. Tizian aber mußte von Michelangelo den
+Vorwurf hören, daß er nicht zu zeichnen verstünde. Der „Gegenstand“,
+eben das, was sich durch Umrißzeichnung festhalten läßt, das Nahe,
+Stoffliche, hat, künstlerisch betrachtet, seine Wirklichkeit verloren
+und von nun an herrscht in der Ästhetik, die unter den theoretischen
+Eindrücken der Renaissance stehen blieb, jener seltsame nie endende
+Streit um „Form“ und „Inhalt“ im Kunstwerk. Die Formulierung beruht
+auf einem Mißverständnis und hat den sehr bedeutenden Sinn der Frage
+verdeckt. Ob die Malerei plastisch oder musikalisch aufgefaßt werden
+solle, als Statik von Dingen oder als Dynamik des Raumes -- denn
+darin liegt der Gegensatz von Fresko- und Öltechnik --, ist das
+erste, der Gegensatz apollinischen und faustischen Formgefühls das
+zweite, was zu erwägen war. Umrisse begrenzen Stoffliches, Licht und
+Schatten interpretieren den Raum. Aber das eine ist von unmittelbar
+sinnlicher Natur. Es +erzählt+. Der Raum ist seinem Wesen nach
+transzendent. Er spricht zur Einbildungskraft. Er repräsentiert eine
++Idee+. Für eine Kunst, die unter seiner Symbolik steht, ist das
+erzählende Moment eine Herabsetzung und Verdunkelung der tieferen
+Tendenz, und ein Theoretiker, der hier ein Mißverhältnis zwischen
+Sollen und Wollen fühlt, aber nicht begreift, klammert sich an den
+nächstliegenden und trivialen Gegensatz von Inhalt und Form. Das
+Problem ist ein rein abendländisches und es enthüllt in einer selten
+lehrreichen Weise die vollkommene Umkehrung, die sich in der Bedeutung
+der Bildelemente mit dem Abschluß der Renaissance und der Heraufkunft
+einer Musik großen Stils vollzogen hat. Mit „Inhalt“ wird immer wieder
+der optisch-körperliche Eigenwert der dargestellten Objekte gemeint
+(worüber sich die Gegner des Impressionismus zu täuschen pflegen). Dies
+ist die +euklidische+ Form der Malerei, welche die Antike und also
+auch, im Rahmen der gotischen Formensprache, Florenz gepflegt hatten.
+Die Antike konnte mithin ein Problem wie das von Form und Inhalt
+gar nicht besitzen. Für eine attische Statue ist beides vollkommen
+identisch: der menschliche Leib. Der Fall der Barockmalerei wird noch
+verwickelter durch den Widerstreit des +volkstümlichen und des
+höheren+ Empfindens. Alles Euklidisch-greifbare ist auch populär
+und das „Altertum“ mithin die populäre Kunst _par excellence_.
+Dies ist nicht zum wenigsten der unnennbare Reiz, den alles Antike
+auf faustische Geister ausübt, die ihren Ausdruck +erkämpfen+,
+der Welt abringen müssen. Hier braucht nichts erobert zu werden. Es
+gibt sich von selbst. Und etwas Verwandtes hat der antigotische Zug in
+Florenz hervorgerufen. Raffael ist populär, Rembrandt kann es nicht
+sein. Seit Tizian ist die Malerei immer esoterischer geworden, auch
+die Poesie, auch die Musik. Die Gotik -- Dante, Wolfram -- war es von
+Anfang an gewesen. Die große Menge der Kirchenbesucher ist gar nicht
+imstande, Motetten von Bach und Palestrina zu verstehen. Sie langweilt
+sich bei Mozart und Beethoven. Sie läßt Musik lediglich auf die
+Stimmung wirken. In Konzerten und Galerien redet man sich nur Interesse
+an diesen Dingen ein, seit die Aufklärung die Phrase von der Kunst für
+alle geprägt hat. Aber eine faustische Kunst ist nicht für alle. Das
+gehört zu ihrem innersten Wesen. Wenn die neuere Malerei sich nur noch
+an einen kleinen Kreis von Kennern wendet, der immer enger wird, so
+entspricht das der Abwendung vom gemeinverständlichen novellistischen
+Gegenstande. Damit ist dem sinnlichen Detail der Eigenwert aberkannt
+und die eigentliche Wirklichkeit dem Raume zugesprochen, +durch+
+den -- nach Kant -- erst die Dinge +sind+. Es ist seitdem ein
+schwer zugängliches metaphysisches Element in die Malerei gekommen, das
+sich dem Laien nicht preisgibt. Aber bei Phidias würde das Wort Laie
+keinen Sinn haben. Seine Plastik wendet sich ganz an das leibliche,
+nicht das geistige Auge. +Eine raumlose Kunst+ ist +a priori
+unphilosophisch+.
+
+
+7
+
+Hiermit hängt ein wichtiges Prinzip der +Komposition+ zusammen.
+Man kann im Gemälde die einzelnen Dinge unorganisch über-, neben-,
+hintereinander stellen, ohne Perspektive und Distanz, d. h. ohne die
+Abhängigkeit ihrer Wirklichkeit von der Struktur des Raumes zu betonen,
+womit nicht gesagt ist, daß man sie leugnet. So zeichnen Naturmenschen
+und Kinder, bevor das Tiefenerlebnis als Ausdruck eines höheren
+inneren Seins die sinnlichen Welteindrücke einem ordnenden Prinzip
+unterwirft. Aber dies Prinzip ist dem Ursymbol gemäß in jeder Kultur
+ein anderes. Die uns selbstverständliche Art perspektivischer Ordnung
+ist ein Einzelfall und von keiner anderen Malerei weder anerkannt noch
+gewollt. Die ägyptische Kunst wählte grundsätzlich die Darstellung
+mehrerer gleichzeitiger Vorgänge in Reihen übereinander. So wurde die
+dritte Dimension aus dem Bildeindruck ausgeschaltet. Die apollinische
+Kunst legte mehr und mehr Gewicht auf den einzelnen Körper und stellte
+isolierte Figuren und Gruppen unter absichtlicher Vermeidung räumlicher
+und zeitlicher Beziehungen in die Bildfläche. Polygnots Fresken in der
+Lesche von Delphi waren ein berühmtes Beispiel. Ein Hintergrund, der
+die einzelnen Szenen verbunden hätte, fehlt. Er würde die Bedeutung
+der Dinge als des allein Wirklichen -- gegenüber dem Raum als dem
+Nichtseienden -- in Frage gestellt haben. Die Giebel des Tempels von
+Ägina und des Parthenon enthalten eine Mehrzahl von Einzelfiguren,
+keinen Organismus. Hierin empfand die Renaissance mit Notwendigkeit
+gotisch, d. h. räumlich. Erst der Hellenismus -- der Telephosfries
+des Altars von Pergamon ist das früheste erhaltene Beispiel -- bringt
+das unantike Motiv der fortlaufenden Reihe, das in den Triumphsäulen
+der Kaiserzeit seltsame Blüten getrieben hat. Aber das ist bereits
++Verismus+, die spezifisch weltstädtische Art, Kunst zu machen,
+rein virtuosenhaft, ohne ein in der Tiefe wirkendes Symbol. Das ist
+außerdem +Ägyptizismus+, der in dieser Zivilisation seit 300 eine
+ähnliche Rolle spielt wie der Japanismus für das 19. Jahrhundert. Man
+entlehnt exotische Formen, um einen Stil und damit die Illusion einer
+großen Kunst hervorzubringen.
+
+Die Barockmalerei ist demgegenüber an der +einen+ Aufgabe zur
+Höhe emporgewachsen, den +unendlichen Raum+ mittels der Farbe zu
+schaffen. Sie spricht den Dingen nur insofern Wirklichkeit zu, als sie
+Träger der Farbe und Zeugen atmosphärischer Lichtwirkungen sind und
+dadurch die reine, nichtstoffliche Ausdehnung zum Ausdruck bringen. Der
+Gegenstand wird zum +Mittel+, das im Raum symbolisierte Weltgefühl
+zum +eigentlichen Inhalt+ des Gemäldes. Deshalb verschwindet
+mit dem Ende der Renaissance zugleich mit der Plastik -- als einer
+weiterer Entwicklung nicht mehr fähigen Kunst -- auch das Fresko und
+das Relief und an die Stelle der figurenreichen Vordergrundszenen,
+über die man den Raum vergißt, treten die „heroische Landschaft“ und
+das Interieur,[74] die beide dem spezifischen Problem des Raumes den
+reinsten Ausdruck gestatten. Die Darstellung von Luft und Licht nimmt
+die Darstellung von Szenen lediglich zum Vorwand.
+
+Und nun folgt vom Ende der Renaissance an, von Orlando Lasso und
+Palestrina bis auf Wagner eine ununterbrochene Reihe großer Musiker
+und von Tizian bis auf Manet, Marées und Leibl eine Reihe großer Maler
+aufeinander, während die Plastik zur völligen Bedeutungslosigkeit
+herabsinkt. Ölmalerei und polyphone Musik durchlaufen eine organische
+Entwicklung, deren Ziel in der Gotik begriffen und im Barock
+erreicht wurde. Beide Künste -- faustisch im höchsten Sinne -- sind
+innerhalb dieser Grenzen +Urphänomene+. Sie haben eine Seele,
+eine Physiognomie und also eine Geschichte, und zwar sie allein. Die
+Bildhauerei beschränkt sich auf ein paar schöne Zufälle im Schatten
+der Malerei, Gartenkunst oder Architektur. Aber sie sind im Bilde
+der abendländischen Kunst entbehrlich. Es gibt keinen plastischen
+Stil mehr, wie es einen malerischen und musikalischen Stil gibt.
+Es gibt so wenig eine geschlossene Tradition wie einen notwendigen
+Zusammenhang der Werke untereinander. Schon in Lionardo entsteht
+allmählich eine starke Verachtung der Bildhauerei. Er läßt höchstens
+den Bronzeguß seiner malerischen Qualitäten wegen gelten, im Gegensatz
+zu Michelangelo, dessen Element damals der weiße Marmor war. Aber
+auch ihm will im hohen Alter keine plastische Arbeit mehr gelingen.
+Keiner der späteren Bildhauer ist groß in dem Sinne, wie Rembrandt und
+Bach groß sind und man wird zugeben, daß sich wohl eine tüchtige und
+geschmackvolle Leistung, aber kein Werk denken läßt, das im Range neben
+der Nachtwache oder der Matthäuspassion steht und in gleicher Weise die
+Tiefe eines ganzen Menschentums erschöpft. Diese Kunst hat aufgehört,
+das Schicksal ihrer Kultur zu sein. Ihre Sprache bedeutet nichts
+mehr. Es ist völlig unmöglich, das, was in einem Bildnis Rembrandts
+liegt, in einer Büste wiederzugeben. Wenn einmal ein Bildhauer von
+einiger Bedeutung auftaucht wie Bernini, Puget oder Schlüter -- es
+ist naturgemäß keiner unter ihnen, der über das Dekorative hinaus zu
+einer großen Symbolik gelangte --, so erscheint er als verspäteter
+Schüler der Renaissance (Thorwaldsen), als verkappter Maler (Houdon),
+Architekt (Bernini, Schlüter) oder Dekorateur (Pigalle) und er beweist
+durch sein Erscheinen nur noch deutlicher, daß diese eines faustischen
+Gehaltes nicht fähige Kunst keine Bedeutung, mithin keine Seele und
+keine Geschichte im Sinne einer eigentlichen Stilentwicklung mehr hat.
+Dasselbe gilt dementsprechend von der antiken Musik, die in den reifen
+Jahrhunderten der Ionik (650-350) den beiden apollinischen Künsten,
+Plastik und Freskomalerei, das Feld räumen und mit dem Verzicht
+auf Harmonie und Polyphonie auch auf den Rang einer organisch sich
+entwickelnden höheren Kunst verzichten mußte.
+
+
+8
+
+Die antike Malerei beschränkte ihre Palette auf gelb, rot, schwarz und
+weiß. Diese merkwürdige Tatsache ist früh bemerkt worden und hat, da
+man andere als oberflächliche und ausgesprochen materialistische Gründe
+gar nicht in Betracht zog, zu törichten Hypothesen wie der von einer
+angeblichen Farbenblindheit der Griechen geführt. Auch Nietzsche hat
+davon geredet (Morgenröte 426).
+
+Aber aus welchem Grunde vermied diese Malerei in ihrer besten Zeit das
+Blau und sogar noch das Blaugrün und ließ erst bei den grüngelben
+und bläulichroten Tönen die Skala der erlaubten Nuancen beginnen?
+Ohne Zweifel kommt das Ursymbol der euklidischen Seele in dieser
+Beschränkung zum Ausdruck.
+
+Blau und Grün sind die Farben des Himmels, des Meeres, der fruchtbaren
+Ebene, der Schatten an südlichen Mittagen, des Abends und der
+entfernten Gebirge. Sie sind wesentlich atmosphärische, nicht
+gegenständliche Farben. Sie sind +kalt+; sie entkörpern und rufen
+die Eindrücke des Weiten, Fernen und Grenzenlosen hervor.
+
+Deshalb geht, während das Fresko Polygnots sie streng vermeidet, ein
+„infinitesimales“ Blau und Grün von den Venezianern an bis ins 19.
+Jahrhundert als raumschaffendes Element durch die ganze Geschichte
+der perspektivischen Ölmalerei. Und zwar als Grundton von ganz
+überwiegendem Range, der den Gesamtsinn der Farbengebung +trägt+,
+als Generalbaß, während die warmen gelben und roten Töne erst danach
+gestimmt sind. Es ist nicht das satte, freudige, +nahe+ Grün
+gemeint, das Raffael oder Dürer bei Gewändern gelegentlich -- und
+selten genug -- verwenden, sondern ein unbestimmbares, in tausend
+Schattierungen ins Weiße, Graue, Braune spielendes Blaugrün, etwas
+spezifisch Musikalisches, in das die ganze Atmosphäre vor allem
+auch auf guten Gobelins getaucht ist. Was man im Gegensatz zur
+Linearperspektive Luftperspektive genannt hat und im Gegensatz zur
+Renaissanceperspektive Barockperspektive hätte nennen können, beruht
+fast ausschließlich auf ihm. Man findet es in Italien mit steigender
+Kraft der Tiefenwirkung bei Lionardo, Guercino, Albani, in Holland
+bei Ruysdael und Hobbema, vor allem aber bei den großen Franzosen,
+von Poussin, Lorrain und Watteau an bis zu Corot. Das Blau, ebenfalls
+eine perspektivische Farbe, steht immer in Beziehung zum Dunklen,
+Lichtlosen, Unwirklichen. Es dringt nicht ein, sondern zieht in die
+Ferne. „Ein reizendes Nichts“ hat es Goethe in seiner Farbenlehre
+genannt.
+
+Blau und Grün sind transzendente, unsinnliche Farben. Sie fehlen im
+strengen Freskogemälde attischen Stils und +also herrschen sie+ in
+der Ölmalerei. Gelb und Rot, die +antiken+ Farben, sind die der
+Materie, der Nähe und der animalischen Gefühle. Rot ist die eigentliche
+Farbe der Sinnlichkeit; deshalb ist es die einzige, die auf Tiere
+wirkt. Sie steht dem Symbol des Phallus -- und also der Statue und der
+dorischen Säule -- am nächsten, wie andrerseits ein reines Blau den
+Mantel der Madonna verklärt. Diese Beziehung hat sich mit tiefgefühlter
+Notwendigkeit in allen großen Schulen von selbst eingestellt. Violett
+-- ein Rot, das vom Blau überwunden wird -- ist die Farbe der Frauen,
+die nicht mehr fruchtbar sind und der im Zölibat lebenden Priester.
+
+Gelb und Rot sind die +populären+ Farben, die der Menge, der
+Kinder und der Wilden. Bei den Spaniern und Venezianern wählt der
+Vornehme -- aus dem unbewußten Gefühl einer abweisenden Distanz --
+ein prächtiges Schwarz oder Blau. Gelb und Rot sind endlich-- als die
++euklidischen, apollinischen+ Farben -- die des Vordergrundes,
+auch im geistigen Sinne, die einer lärmenden Geselligkeit, des Marktes,
+der Volksfeste, die des naiven Vorsichhinlebens, des antiken Fatums
+und des blinden Zufalls, des punktförmigen Daseins. Blau und Grün --
++faustische+ Farben -- sind die der Einsamkeit, der Sorge, der
+Beziehung des Augenblicks auf Vergangenheit und Zukunft, des Schicksals
+als der dem Weltall immanenten Fügung.
+
+Die Beziehung des shakespeareschen Schicksals zum Raume, des
+sophokleischen (des sinnlosen) zur Materie war oben festgestellt
+worden. Alle Kulturen von tiefer Transzendenz, alle, deren Ursymbol
+eine +Überwindung+ des Augenscheins, ein Leben als Kampf, nicht
+als Hinnahme von Gegebenem fordert, haben zum Raume wie zum Blau und
+Schwarz denselben metaphysischen Hang. Blau ist die Farbe der Trauer
+bei den Chinesen; auch die Farbe Werthers war blau. Es besteht für mich
+kein Zweifel, daß die attische Bühne gerade diese Farbe vermieden hat.
+Sie widerspricht dem Geiste ihrer Tragik.
+
+Die Symbolik der Farben kann hier nicht weiter entwickelt werden. Tiefe
+Beobachtungen über das Verhältnis zwischen der Idee des Raumes und dem
+Sinn der Farben finden sich in Goethes Studien über die entoptischen
+Farben in der Atmosphäre. Mit der von ihm in der Farbenlehre gegebenen
+Symbolik stimmt die hier aus den Ideen von Raum und Schicksal
+abgeleitete vollkommen überein.
+
+Die bedeutendste Verwendung eines düsteren Grün als der Farbe des
+Schicksals findet sich bei Grünewald, dessen Nächte von einer
+unbeschreiblichen Mächtigkeit des Raumes nur von Rembrandt wieder
+erreicht werden. Hier gewinnt man auch den Eindruck, als ob man dies
+bläuliche Grün, dieselbe Farbe, in welche das Innere der großen Dome so
+oft gehüllt ist, als die spezifisch +katholische+ Farbe bezeichnen
+dürfe, vorausgesetzt, daß man allein das durch das lateranische Konzil
+von 1215 begründete und im Tridentinum endgültig fixierte nordische
+Christentum mit der Eucharistie als Mittelpunkt katholisch nennt. Diese
+Farbe steht in ihrer schweigsamen Größe sicherlich dem prunkvollen
+Goldgrunde altchristlich-byzantinischer Bildwerke ebenso fern wie
+den geschwätzig-heitren, „heidnischen“ Farben bemalter hellenischer
+Tempel und Statuen. Man beachte, daß die Wirksamkeit dieser Farbe
++Innenräume+ voraussetzt im Gegensatz zum Gelb und Rot; die antike
+Malerei ist eine ebenso entschieden öffentliche wie die abendländische
+eine Atelierkunst. Die gesamte große Ölmalerei von Lionardo bis zum
+Ende des 18. Jahrhunderts ist nicht für das grelle Tageslicht gedacht.
+Hier kehrt der Gegensatz von Kammermusik und freistehender Statue
+wieder. Die oberflächliche Begründung dieses Phänomens durch das Klima
+wird, wenn es überhaupt nötig wäre, durch das Beispiel der ägyptischen
+Malerei widerlegt.
+
+Die zunächst bizarre Tatsache der hellenischen Vierfarbenmalerei
+ist nun erklärt. Da der unendliche Raum für das antike Lebensgefühl
+ein vollkommenes Nichts ist, so würden Blau und Grün mit ihrer
+entwirklichenden und Fernen schaffenden Kraft die Alleinherrschaft
+des Vordergrundes, der vereinzelten Körper und damit den eigentlichen
+Sinn apollinischer Kunstwerke in Frage gestellt haben. Dem Auge eines
+Atheners wäre ein Gemälde in den Farben Watteaus wesenlos und von einer
+schwer in Worte zu fassenden innern Leere und Unwahrheit erschienen.
+Durch diese irrealen Farben wird die sinnlich empfundene, das Licht
+reflektierende Fläche nicht als Grenze eines Dinges, sondern als die
+des umgebenden Raumes gewertet. Deshalb fehlen sie dort und herrschen
+sie hier.
+
+
+9
+
+Die arabische Kunst hat das magische Weltgefühl durch den
++Goldgrund+ ihrer Mosaiken und Tafelbilder zum Ausdruck
+gebracht. Man lernt seine verwirrend märchenhafte Wirkung und
+mithin seine symbolische Absicht aus den Mosaiken von Ravenna und
+den von lombardisch-byzantinischen Vorbildern noch stark abhängigen
+frührheinischen und vor allem norditalienischen Meistern kennen, nicht
+zum wenigsten auch durch gotische Buchillustrationen, deren Vorbilder
+die byzantinischen Purpurcodices waren. Die Seele dreier Kulturen ist
+hier an einer nahe verwandten Aufgabe zu prüfen. Die apollinische
+erkannte nur das in Ort und Zeit unmittelbar Gegenwärtige als wirklich
+an -- und sie verleugnete den Hintergrund in ihren Bildwerken; die
+faustische strebte über alle sinnlichen Schranken ins Unendliche
+-- und sie verlegte den Schwerpunkt des Bildgedankens mittels der
+Perspektive in die Ferne; die magische empfand alles Gewordene und
+Ausgedehnte als die Inkarnation rätselhafter Mächte -- und sie schloß
+die Szene durch einen Goldgrund ab, das heißt durch ein Mittel, das
+jenseits alles Farbig-Natürlichen steht. Gold ist überhaupt keine
+Farbe. Dem Gelb gegenüber entsteht der komplizierte sinnliche Eindruck
+durch die metallische diffuse Reflexion eines an der Oberfläche
+durchscheinenden Mittels. Farben -- sei es die farbige Substanz der
+geglätteten Wandfläche (Fresko) oder das mit dem Pinsel aufgetragene
+Pigment -- sind natürlich; der in der Natur so gut wie nie vorkommende
+Metallglanz[75] ist übernatürlich. Erinnern wir uns, daß als magische
+Naturforschung die +Alchymie+ neben der apollinischen Statik und
+der faustischen Dynamik steht. Der Goldgrund ist das Symbol eines
+nicht in Regeln zu bannenden Geheimnisses. Man denke an den „Stein der
+Weisen“. Die arabische Kultur ist die der +Offenbarungs+religionen
+-- des Judentums, des Christentums, des Islam. Dies wunderbare Element
+repräsentiert an dieser Stelle im Bilde, inmitten eines farbigen
+Ganzen, eine fremde Welt. Vor allem ist der Eindruck ein völlig
+abstrakter und unorganischer. Alle wirklichen Körper sind farbig, die
+wirkliche Atmosphäre ist es auch. Das leuchtende Gold nimmt also der
+Szene, dem Leben, den Körpern ihre ontologische Wirklichkeit. Alles,
+was im Kreise Plotins und der Gnostiker über das Wesen der Dinge,
+ihre Unabhängigkeit vom Raume, ihre zufälligen Ursachen gelehrt wurde
+-- für +unser+ Weltgefühl höchst paradoxe und unverständliche
+Ansichten --, liegt in der Symbolik dieses rätselhaften hieratischen
+Hintergrundes. Das Wesen der Körper war ein wichtiger Streitpunkt der
+Schulen von Bagdad und Basra. Suhrawardi unterschied Ausdehnung als
+das primäre Wesen des Körpers von seiner Breite, Höhe und Tiefe als
+den Akzidentien. Von Nazzâm werden den Atomen körperliche Substanz
+und das Merkmal der Raumerfüllung abgesprochen. Das alles waren
+metaphysische Probleme, die von Philo und Paulus an bis auf die
+letzten Größen der islamischen Philosophie das arabische Weltgefühl
+offenbarten. Sie spielen in den Streitigkeiten der Konzile über das
+Wesen Gottes und die Person Christi eine große Rolle. Der Goldgrund
+jener Gemälde hat also eine ausgesprochen dogmatische Bedeutung. Er
+drückt das Wesen und Walten der Gottheit aus. Er repräsentiert die
++arabische+ Gestalt des christlichen Weltbewußtseins, und es
+hängt tief damit zusammen, daß diese Behandlung des Hintergrundes
+für Darstellungen aus der christlichen Legende tausend Jahre lang
+als die einzige metaphysisch, selbst ethisch mögliche und würdige
+erscheint. Als die ersten „wirklichen“ Hintergründe in der frühen
+Gotik auftauchen, mit blaugrünem Himmel, weitem Horizont und
+Tiefenperspektive, wirken sie zunächst „profan“, weltlich, und man hat
+den dogmatischen Wandel, der sich hier verriet, wohl gefühlt, wenn
+auch nicht erkannt. Wir sahen, wie gerade damals, als im lateranischen
+Konzil das +faustische+ -- germanisch-katholische -- Christentum
+zum Bewußtsein seiner selbst gelangt war, eine neue Religion im
+alten Gewande, in der Kunst der Franziskaner die perspektivische
+und farbige, den Luftraum erobernde Tendenz den ganzen Sinn der
+Malerei umgestaltete. Das abendländische Christentum verhält sich
+zum morgenländischen wie das Symbol der Perspektive zu dem des
+Goldgrundes, und das endgültige Schisma tritt in der Kirche und Kunst
+gleichzeitig ein. Man begreift den landschaftlichen Hintergrund der
+Bildszene zugleich mit der +dynamischen+ Unendlichkeit Gottes;
+und zugleich mit den Goldgründen der kirchlichen Gemälde verschwinden
+aus den abendländischen Konzilien jene magischen, ontologischen
+Gottheitsprobleme, welche alle orientalischen wie das von Nicäa
+leidenschaftlich bewegt hatten.
+
+
+10
+
+Die Venezianer haben die Handschrift des +sichtbaren Pinselstrichs+
+entdeckt und als eminent raumschaffendes Motiv in die Ölmalerei
+eingeführt. Von den florentiner Meistern war die antikisierende und
+doch dem gotischen Formgefühl dienende Manier, durch Glättung aller
+Übergänge reine, scharf umrissene, ruhende Farbflächen zu schaffen,
+nie angegriffen worden. Ihre Bilder haben etwas +Seiendes+. Erst in
+der sichtbar bleibenden, gleichsam nie erstarrenden Arbeit des Pinsels
+kommt ein +historisches+ Empfinden zum Vorschein. Man will im Werk des
+Malers nicht nur etwas sehen, das +geworden+ ist, sondern auch etwas,
+das +wird+. Das hatte die Renaissance vermeiden wollen. Ein Gewandstück
+des Perugino erzählt nichts von seiner künstlerischen Entstehung.
+Es ist +fertig+, gegeben, schlechthin gegenwärtig. Die einzelnen
+Pinselstriche, die man als eine vollkommen neue Formensprache zuerst
+in den Alterswerken Tizians trifft, Akzente eines Temperaments, die
+unvermittelt nebeneinander stehen, sich kreuzen, decken, verwirren,
+bringen eine unendliche Bewegtheit in das farbige Element. Auch die
+gleichzeitige geometrische Analysis läßt ihre Objekte werden, nicht
+sein. Jedes Gemälde hat eine Geschichte und verschweigt sie nicht. Vor
+ihm fühlt der faustische Mensch, daß er eine seelische Entwicklung
+hat. Vor jeder großen Landschaft eines Barockmeisters darf man das
+Wort „historisch“ aussprechen, um einen Sinn in ihr zu fühlen, der
+einer attischen Statue gänzlich fremd ist. Das ewige Werden, die
+gerichtete Zeit, das dynamische Weltenschicksal ruht auch in der
+Melodik dieser ruhelosen und grenzenlosen Striche. Malerischer und
+zeichnerischer Stil: das bedeutet, von dieser Seite gesehen, den
+Gegensatz von historischer und ahistorischer Form, von Betonung oder
+Verleugnung des genetischen Moments, von Ewigkeit und Augenblick.
+Ein antikes Kunstwerk ist ein Ereignis, ein abendländisches eine
+Tat. Das eine symbolisiert ein punktförmiges Jetzt, das andere eine
+organische Entwicklung. Die Physiognomik der Pinselführung, eine
+völlig neue, unendlich reiche und persönliche, keiner andern Kultur
+bekannte Art von Ornamentik, ist spezifisch +musikalisch+. Man kann
+etwa das _allegro feroce_ des Franz Hals dem _andante con moto_ Van
+Dycks gegenüberstellen. Von nun an gehört der Begriff des +Tempo+
+zum malerischen Vortrag und er erinnert daran, daß diese Kunst die
+eines Seelentums ist, das im Gegensatz zum antiken nichts vergißt und
+vergessen sehen will, was einmal war.
+
+Das luftige Gewebe der Pinselstriche löst aber zugleich die sinnliche
+Oberfläche der Dinge auf. Die Konturen verschwinden im Helldunkel.
+Der Betrachter muß weit zurücktreten, um aus farbigen Raumwerten
+körperhafte Eindrücke zu gewinnen. Es ist dies buchstäblich die
+malerische Fassung der Kantschen Theorie vom Raume als der apriorischen
+Anschauungsform, durch welche die Dinge in Erscheinung treten.
+
+Zugleich erscheint von nun an ein Symbol höchsten Ranges im
+abendländischen Gemälde, das „+Atelierbraun+“, und beginnt die
+Wirklichkeit aller Farben mehr und mehr zu dämpfen. Die älteren
+Florentiner kannten es noch nicht, so wenig wie die alten
+niederländischen und rheinischen Meister. Pacher, Dürer, Holbein sind,
+so leidenschaftlich ihre Tendenz zur räumlichen Tiefe erscheint, frei
+davon. Erst das 16. Jahrhundert gehört ihm. Dies Braun verleugnet
+seine Herkunft aus dem „infinitesimalen“ Grün der Hintergründe
+Lionardos, Schongauers und Grünewalds nicht, aber es besitzt die
+größere Macht über die Dinge. Es führt den Kampf des Raumes gegen das
+Stoffliche zu Ende. Es überwindet auch das primitivere Mittel der
+Linearperspektive mit ihrem an architektonische Bildmotive gebundenen
+Renaissancecharakter. Es steht mit der impressionistischen Technik der
+sichtbaren Pinselstriche dauernd in einer geheimnisvollen Verbindung.
+Beide lösen das greifbare Dasein der sinnlichen Welt -- der Welt des
+Augenblicks und der Vordergründe -- endgültig in atmosphärischen
+Schein auf. Die Linie verschwindet aus dem Bilde. Der magische
+Goldgrund hatte nur von einem rätselhaften Jenseits geträumt, das die
+Gesetzlichkeit der Körperwelt beherrscht und durchbricht; das Braun
+dieser Gemälde öffnet den Blick in eine reine formvolle Unendlichkeit.
+Im Werden des abendländischen Stils bezeichnet seine Entdeckung einen
+Höhepunkt. +Diese Farbe hat im Gegensatz zu dem vorhergehenden Grün
+etwas Protestantisches.+ Der nordische abstrakte Pantheismus des 18.
+Jahrhunderts, wie ihn die Verse der Erzengel im Prolog von Goethes
+Faust ausdrücken, ist in ihm vorweggenommen. Die Atmosphäre des König
+Lear und Macbeth ist ihm verwandt. Das gleichzeitige Streben der
+instrumentalen Musik nach immer reicheren Dissonanzen, die Einführung
+der Sexte, Septime, Undezime, entspricht durchaus der neuen Tendenz in
+der Ölmalerei, von den reinen Farben aus durch die Unzahl bräunlicher
+Schattierungen und die Kontrastwirkung unvermittelt nebeneinander
+gesetzter Farbenstriche eine +malerische Chromatik+ zu schaffen. Beide
+Künste breiten nun durch ihre Ton- und Farbenwelten -- Farbentöne und
+Tonfarben -- eine Atmosphäre reinster Räumlichkeit aus, die nicht
+mehr den Menschen als Gestalt, als Leib, sondern die hüllenlose Seele
+selbst umgibt und bedeutet. Eine Innerlichkeit wird erreicht, der in
+den tiefsten Werken Rembrandts und Beethovens kein Geheimnis sich mehr
+verschließt -- eine Innerlichkeit allerdings, welche der apollinische
+Mensch durch seine streng somatische Kunst +abgewehrt+ hatte.
+
+Die alten Vordergrundfarben, Gelb und Rot -- die antiken Töne --
+werden von nun an seltener und immer als bewußte Kontraste zu
+Fernen und Tiefen gebraucht, die sie steigern und betonen sollen
+(außer bei Rembrandt vor allem bei Vermeer). Dies der Renaissance
+vollkommen fremde atmosphärische Braun ist die unwirklichste Farbe,
+die es gibt. Es ist die einzige „Grundfarbe“, +die dem Regenbogen
+fehlt+. Es gibt weißes, gelbes, grünes, rotes, blaues Licht von
+vollkommenster Reinheit. Ein reines braunes Licht liegt außerhalb
+der Möglichkeiten unsrer Natur. Alle die grünlichbraunen, silbrigen,
+feuchtbraunen, tiefgoldigen Töne, die bei Giorgione in prachtvollen
+Nuancen erscheinen, bei den großen Niederländern immer kühner werden
+und sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlieren, entkleiden die
+Natur ihrer Realität. Darin liegt beinahe ein religiöses Bekenntnis.
+Bei Constable, dem Begründer einer +zivilisierten+ Malweise, ist
+es ein andres Wollen, das nach Ausdruck sucht, und dasselbe Braun, das
+er bei den Holländern studiert hatte und das damals Schicksal, Gott,
+den Sinn des Lebens bedeutete, bedeutet ihm etwas andres, nämlich
+bloße Romantik, Empfindsamkeit, Sehnsucht nach etwas Entschwundenem,
+Erinnerung an die große Vergangenheit der sterbenden Ölmalerei. Auch
+den letzten deutschen Meistern, Lessing, Marées, Spitzweg, Leibl,[76]
+deren verspätete Kunst ein Stück Romantik, ein Rückblick und Ausklang
+ist, erschien das Braun als das kostbare Erbe der Vergangenheit,
+und sie setzten sich in Widerspruch zu den bewußten Tendenzen
+ihrer Generation -- dem seelenlosen Freilichtprinzip --, weil sie
+innerlich sich von diesem Moment eines großen Stils noch nicht trennen
+konnten. In diesem noch heute nicht verstandenen Kampf zwischen dem
+Rembrandtbraun der alten und dem Freilicht der neuen Schule erscheint
+der hoffnungslose Widerstand der Seele gegen den Intellekt, der Kultur
+gegen die Zivilisation, der Gegensatz von symbolisch notwendiger und
+weltstädtisch virtuosenhafter Kunst. Von hier aus wird die tiefe
+Bedeutung dieses Braun, mit dem eine ganze Kunst stirbt, fühlbar.
+
+Die innerlichsten unter den großen Malern haben diese Farbe am besten
+verstanden, Rembrandt vor allem. Es ist dieses rätselhafte Braun
+seiner entscheidenden Werke, das aus dem tiefen Leuchten mancher
+gotischen Kirchenfenster, aus der Dämmerung hochgewölbter Dome stammt.
+Der satte Goldton der großen Venezianer, Tizians, Veroneses, Palmas,
+Giorgiones ist der jener alten, verschollenen Kunst, der nordischen
+Glasmalerei, von der sie nichts wußten. Auch hier ist die Renaissance
+mit ihrer körperhaften Farbenwahl nur Episode, nur ein Ergebnis der
+Oberfläche, des Allzubewußten, nicht des Faustisch-Unbewußten der
+abendländischen Seele. In diesem leuchtenden Goldbraun reichen sich
+hier, in der venezianischen Malerei, Gotik und Barock, die Kunst jener
+frühen Glasgemälde und die dunkle Musik Beethovens die Hand, gerade
+damals, als durch Willaert und Gabrieli die Schule von Venedig, die
+Begründerin der weltlichen Instrumentalmusik, des Madrigals und Rondos,
+ins Leben trat.
+
+Braun war nunmehr die eigentliche Farbe der Seele, einer historisch
+gestimmten Seele geworden. Ich glaube, Nietzsche hat einmal von der
+braunen Musik Bizets gesprochen. Aber das Wort gilt eher von der
+Musik, die Beethoven für Streichinstrumente[77] geschrieben hat und
+noch zuletzt von dem Orchesterklang Bruckners, der so oft den Raum
+mit einem bräunlichen Golde füllt. Alle andern Farben sind in eine
+dienende Rolle verwiesen, so das helle Gelb und der Zinnober Vermeers,
+die mit wahrhaft metaphysischem Nachdruck wie aus einer andern Welt ins
+Räumliche hereinragen, und die gelbgrünen und blutroten Lichter, die
+bei Rembrandt mit der Symbolik des Raumes beinahe zu spielen scheinen.
+Bei Rubens, der ein glänzender Künstler, aber kein Denker war, ist das
+Braun fast ideenlos, eine Schattenfarbe. (Das „katholische“ Blaugrün
+macht bei ihm und Watteau dem Braun den Rang streitig.) Man sieht, wie
+dasselbe Mittel, das in den Händen tiefer Menschen Symbol wird und
+dann die ungeheure Transzendenz der Landschaften Rembrandts, in denen
+die Entrücktheit reiner Kammermusik beinahe erreicht wird, hervorrufen
+kann, daneben großen Meistern als bloße technische Handhabe zu Gebote
+steht, daß also, wie wir eben sahen, die künstlerisch-technische
+„Form“, als Gegensatz zu einem „Inhalt“ gedacht, nichts mit der wahren
+Form großer Werke zu tun hat.
+
+Ich hatte das Braun eine historische Farbe genannt. Es macht die
+Atmosphäre des Bildraumes zu einem Zeichen des endlosen Werdens. Es
+übertönt die Sprache des Gewordnen in der Darstellung. Dieser Sinn
+erstreckt sich auch auf die andern Farben der Ferne und führt zu einer
+weiteren höchst bizarren Bereicherung der abendländischen Symbolik.
+Die Hellenen hatten die oft noch vergoldete Bronze als Material ihrer
+Statuen vorgezogen, um durch das Strahlende der Erscheinung unter
+tiefblauem Himmel die Idee der Einzigkeit alles Körperhaften zum
+Ausdruck zu bringen.[78] Die Renaissance grub diese Statuen aus, von
+einer vielhundertjährigen Patina überzogen, schwarz und grün; sie genoß
+das Historische des Eindrucks voller Ehrfurcht und Sehnsucht -- und
+unser Formgefühl hat seitdem dieses „ferne“ Schwarz und Grün heilig
+gesprochen. Es ist heute für den Eindruck der Bronze auf +unser+
+Auge unentbehrlich, wie um die Tatsache schalkhaft zu illustrieren, daß
+diese ganze Kunstgattung uns nichts mehr angeht. Was bedeutet uns eine
+Domkuppel, eine Bronzefigur ohne Patina? Sind wir nicht endlich dahin
+gekommen, diese Patina sogar künstlich zu erzeugen?
+
+Aber in der Erhebung des Edelrostes zu einem Kunstmittel von
+selbständiger Bedeutung liegt viel mehr. Man frage sich, ob ein Grieche
+die Bildung der Patina nicht als Zerstörung des Kunstwerkes empfunden
+hätte. Es ist nicht die Farbe allein, das raumferne Grün, das er aus
+seelischen Gründen vermied; die Patina ist Symbol der +Zeit+ und
+sie erhält damit eine merkwürdige Beziehung zu den Symbolen der Uhr und
+der Bestattungsform. Es war an einer früheren Stelle die Rede von der
+Sehnsucht der faustischen Seele nach Ruinen und den Zeugnissen einer
+fernen Vergangenheit, einem Hange, wie er im Sammeln von Altertümern,
+Handschriften, Münzen, den Pilgerfahrten nach dem Kolosseum, dem
+Forum Romanum und Pompeji, in Ausgrabungen und philologischen Studien
+schon zur Zeit Petrarkas zutage tritt. Wann wäre es je einem Griechen
+eingefallen, sich um die Ruinen von Mykene und Tiryns zu kümmern? Jeder
+kannte seine Ilias, aber nicht einem von ihnen kam der Gedanke, den
+Hügel von Troja aufzugraben. Die Ruinen des Heidelberger Schlosses und
+tausend andre Reste, Burgen, Klöster, Tore, Mauern werden inmitten
+unsrer Städte sorgfältig erhalten -- als Ruinen, denn man hat ein
+dunkles Gefühl davon, daß bei einem Wiederaufbau etwas schwer in Worte
+zu Fassendes verloren gehen würde. Als die Perser Athen zerstört
+hatten, warf man alles, Säulen, Statuen, Reliefs, ob zertrümmert
+oder nicht, von der Akropolis herunter, um von vorn anzufangen, und
+diese Schutthalde ist unsre reichste Fundgrube für die Kunst des 6.
+Jahrhunderts geworden. Das war ahistorisch empfunden. Das entsprach
+dem Stil einer Kultur, welche die Leichenverbrennung zum Kult erhob
+und eine Zeitrechnung nach ägyptischem Muster verschmähte. +Wir+
+haben auch hier das Gegenteil gewählt. Die heroische Landschaft im
+Stile Lorrains ist ohne Ruinen nicht denkbar und der englische Park
+mit seinen atmosphärischen Stimmungen, der den französischen um 1750
+verdrängte und dessen durchgeistigte Perspektive zugunsten einer
+Rousseauschen „Natur“ aufgab, führte noch das Motiv der +künstlichen
+Ruine+ ein, die das Landschaftsbild historisch vertieft.[79]
+Etwas Bizarreres ist kaum je ersonnen worden. Die ägyptische Kultur
+restaurierte die Bauten der Frühzeit, aber sie würde niemals den
++Bau von Ruinen+ als Symbole der Vergangenheit gewagt haben. Uns
+erscheinen die Gestalten der mexikanischen Kunst fratzenhaft genug,
+aber dieser Gedanke würde einem Inder oder Griechen weit fragwürdiger
+erschienen sein. Nur die aufs äußerste gesteigerte historische
+Leidenschaft konnte zu solchen Konzeptionen führen.
+
+Es ist die Symbolik der Vergänglichkeit, welche die Patina uns teuer
+macht. Sie hebt an der Statue, dem an sich völlig zeitlosen und rein
+gegenwärtigen Kunstwerk, diese Beschränkung auf. Durch die Patina kommt
+eine gewisse Ferne, ein Anflug geschichtlicher Bewegtheit, etwas also
+vom Gehalte der Ölmalerei und Instrumentalmusik in diejenige Kunst, die
+deren strengsten Gegensatz bildet. Erstaunlicher konnte die Energie
+und Erfindungskraft der Seele, welche die technischen Bedingungen der
+Künste ihrem Willen zum Ausdruck unterwirft, sich gar nicht äußern.
+Das Barock liebte, ohne es zu wissen, die Bronzeplastik der Patina
+wegen. Ich wage zu behaupten, daß die Reste der antiken Skulptur erst
+durch diese +Transposition ins Musikalische+, in die Sprache der
+Ferne, uns näher treten konnte. Die grüne Bronze, der geschwärzte
+Marmor, die zertrümmerten Glieder einer Figur, allgemein gesprochen das
+schwer zu beschreibende Gefühlsmoment im Eindruck des +Torso+,
+heben für unser inneres Auge die Schranken der reinen Gegenwart von
+Ort und Zeit auf. Man hat das +malerisch+ genannt -- „fertige“
+Statuen, Bauten, +nicht+ verwilderte Parks sind unmalerisch -- und
+in der Tat entspricht es der tieferen Bedeutung des Atelierbraun,[80]
+aber man meinte im letzten Grunde den Geist der instrumentalen Musik.
+Man frage sich, ob der Doryphoros Polyklets, in funkelnder Bronze vor
+uns stehend, mit Emailaugen und vergoldetem Haar, dieselbe Wirkung tun
+könnte wie der vom Alter geschwärzte, ob mancher Torso -- etwa der
+vatikanische des Herakles -- nicht durch eine noch so gute Ergänzung
+seinen Zauber einbüßte, ob die Türme und Kuppeln unsrer alten Städte
+nicht ihren tiefen metaphysischen Reiz verlören, wenn man sie mit neuem
+Kupfer beschlüge. Das Alter adelt für uns wie für die Ägypter alle
+Dinge. Für den antiken Menschen entwertet es sie.
+
+Hiermit hängt endlich die Tatsache zusammen, daß die abendländische
+Tragödie „+historische+“, nicht etwa nachweisbar wirkliche oder
+mögliche -- das ist nicht der eigentliche Sinn des Wortes --, sondern
++entfernte+, +patinierte+ Stoffe aus demselben Gefühl vorzog:
+daß nämlich ein Ereignis von reinem Augenblicksgehalt, ohne Raum-
+und Zeitferne, ein antikes tragisches Faktum, ein zeitloser Mythus,
+nicht das ausdrücken könne, was die faustische Seele ausdrücken wollte
+und mußte. Wir haben also Tragödien der Vergangenheit und Tragödien
+der Zukunft -- zu letzteren, in denen der kommende Mensch Träger
+der Idee ist, gehören in einem gewissen Sinne Faust, Peer Gynt, die
+Götterdämmerung --, aber Tragödien der Gegenwart sind, wenn man von
+der künstlerisch belanglosen Sozialdramatik des 19. Jahrhunderts
+absieht, äußerst selten. Shakespeare wählte, wenn er einmal in
+Gegenwärtigem Bedeutendes ausdrücken wollte, immer fremde Länder, in
+denen er nie gewesen war, am liebsten Italien, deutsche Dichter gern
+England und Frankreich -- alles das aus einer Abweisung der örtlichen
+und zeitlichen +Nähe+, welche das attische Drama selbst im Mythus
+noch betonte.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 67: Vielleicht sollte das Wort Form, weil es Extensives
+bezeichnet, hier vermieden werden. Aber man erinnere sich, daß Worte
+überhaupt, Worte als etwas Gewordnes und Starres, ein unzulängliches
+Mittel sind, etwas aus der Sphäre des Werdens anzudeuten.]
+
+[Footnote 68: Der eigentliche Bilderstreit dauerte dort von 725-824.]
+
+[Footnote 69: Donatello ist der Gotik noch nicht entwachsen,
+Michelangelo empfindet schon barock, d. h. musikalisch.]
+
+[Footnote 70: Gerade die entschiedene Vorliebe für den +weißen+
+Stein ist für den +Gegensatz+ von antikem und Renaissanceempfinden
+bezeichnend.]
+
+[Footnote 71: Folgerichtig beginnt im 10. Jahrhundert die Verskunst des
++Reimes+, die ebenfalls rein abendländisch und dem fugierten Stil
+aufs engste verwandt ist.]
+
+[Footnote 72: Ich möchte doch zur Erwägung anheimgeben, ob nicht die
+Basilika, deren Ableitung aus irgendeinem antiken Bautypus trotz aller
+Kombinationen nicht gelingen will, überhaupt statt aus einem Hause aus
+einem säulenumgebenen +Innenhof+ der Idee nach hervorgegangen ist.
+Es würde sich um den geschlossenen Vorhof des Tempels handeln, in dem
+die Gläubigen während der sakralen Handlung sich aufhalten. Das neue
+magische Raumgefühl hätte ihn als „Mittelschiff“ überdeckt, worauf dann
+erst die äußerliche Ähnlichkeit mit großstädtischen Zweckgebäuden die
+Bezeichnung Basilika in der griechischen Literatur zur Folge hatte.
+Der metaphysische Instinkt der Landschaft, in der die Kultbauten aller
+Religionen damals etwas innerlich höchst Verwandtes hatten, spricht
+sicherlich dafür. Die Anordnung von Atrium, Schiff und Altarraum wäre
+demnach als die allgemein semitische von Vorhalle, Vorhof und Tempel
+zu denken. Manche Einzelheiten wie die strenge Trennung von Schiff
+und Apsis, die Höhenlage der letzteren, zu der Stufen hinauffuhren,
+ferner die Orientierung +allein+ des Mittelschiffs auf die
+Apsis, während die Seitenschiffe auch jetzt noch als „Umgebung“, als
+Nebenhallen wirken und blind endigen, finden nur so ihre natürliche
+Erklärung. Man bedenke doch, daß die Schöpfung eines solchen Typus von
+höchster Symbolik ganz unbewußt erfolgt. Es ist +psychologisch+
+falsch, hier, in Syrien, so rationalistische Wege anzunehmen, wie sie
+die Herleitung aus großstädtischen Markthallen und stadtrömischen
+Privatbasiliken voraussetzt. Ein religiöses Weltgefühl kombiniert nicht
+so sachlich.]
+
+[Footnote 73: Paris gehört zu ihr. Man sprach dort noch im 15.
+Jahrhundert ebenso viel flämisch als französisch und mit den alten
+Teilen seines architektonischen Bildes zählt Paris zu Brügge und Gent,
+nicht zu Troyes und Poitiers.]
+
+[Footnote 74: Eine Halle, wie sie Masaccio, Fra Filippo Lippi oder
+Raffael malen, weil sie nur an Bauten ihre Linearperspektive zur
+Anwendung bringen können, ist ein architektonischer +Körper+, kein
+„Innen“. Ebensowenig sind ihre Kulissen wirkliche Landschaften.]
+
+[Footnote 75: Eine tiefsymbolische Bedeutung verwandter Art hat auch
+die glänzende +Politur+ des Steines in der ägyptischen Kunst.
+Sie hält den Blick in einer über die Außenseite der Statue gleitenden
+Bewegung und wirkt damit entkörpernd. Umgekehrt ist der hellenische
+Weg vom Poros über den naxischen zum durchscheinenden parischen und
+pentelischen Marmor ein Zeugnis für die Absicht, den Blick in die
+stoffliche Wesenheit des Körpers eindringen zu lassen.]
+
+[Footnote 76: Sein Bildnis der Frau Gedon, ganz in Braun getaucht, ist
+das +letzte altmeisterliche+ Porträt des Abendlandes, vollkommen
+im Stile der Vergangenheit gemalt.]
+
+[Footnote 77: Der Streichkörper repräsentiert im Orchesterklang
+die Farben der Ferne. Das bläuliche Grün Watteaus findet sich bei
+Mozart und Haydn, das Bräunliche der Holländer bei Beethoven. Auch
+die Holzbläser rufen helle Fernen herauf. Gelb und Rot dagegen, die
+Farben der Nähe, die +populären+ Nuancen, gehören zum Klang der
+Blechinstrumente, der körperhaft bis zum Ordinären wirkt. Der Ton
+einer alten Geige ist vollkommen körperlos: Es verdient bemerkt zu
+werden, daß die hellenische Musik, so unbedeutend sie ist, von der
+dorischen Lyra zur ionischen Flöte überging und daß die strengen Dorer
+diese Tendenz zum Weichlichen und Niedrigen noch zur Zeit des Perikles
+tadelten.]
+
+[Footnote 78: Man verwechsle die Tendenz, welche dem Goldglanz eines
+auf freiem Platze stehenden Körpers zugrunde liegt, nicht mit der des
+flimmernden arabischen Goldgrundes, der in dämmernden Innenräumen
+hinter den Figuren abschließt.]
+
+[Footnote 79: Home, ein englischer Philosoph des 18. Jahrhunderts,
+erklärt in einer Betrachtung über englische Parkanlagen, daß gotische
+Ruinen +den Triumph der Zeit über die Kraft+, griechische den
+der Barbarei über den Geschmack darstellten. Damals erst wurde die
+Schönheit des Rheins mit seinen Ruinen entdeckt. Er war von nun an der
++historische+ Strom der Deutschen.]
+
+[Footnote 80: Das +Nachdunkeln+ alter Gemälde erhöht für unser
+Gefühl deren Gehalt, mag der Kunstverstand tausendmal dagegen sprechen.
+Hätten die verwendeten Öle die Bilder zufällig blasser werden lassen,
+so wäre das als Zerstörung empfunden worden.]
+
+
+
+
+II
+
+AKT UND PORTRÄT
+
+
+11
+
+Man hat die Antike eine Kultur des Leibes, die nordische eine
+des Geistes genannt, nicht ohne den Hintergedanken, damit die
+eine zugunsten der andern zu entwerten. So trivial der im
+Renaissancegeschmack gehaltene Gegensatz von antik und modern,
+heidnisch und christlich zumeist gemeint ist, so hätte er doch zu
+entscheidenden Aufschlüssen führen können, vorausgesetzt, daß man
+hinter der Formel ihren Ursprung zu finden verstand.
+
+Eine Kultur ist im historischen Gesamtbilde der Welt, wie wir sahen,
+das Phänomen eines +Seelentums+, dessen Sein in der rastlosen
+Verwirklichung seiner inneren Möglichkeiten, seiner +Idee+, sich
+erschöpft. Die Vollendung der Aufgabe ist mit Vollendung des Lebens
+identisch. Unser waches und lebendiges Bewußtsein -- das gereifter
+Kulturmenschen -- erscheint als Polarität von Seele und Welt, der Summe
+des Möglichen und der des Wirklichen, und zwar in wechselseitiger
+Bedingtheit. Nur eine höhere Seele besitzt eine sinnvoll geordnete
+Welt als ihr eigenstes Eigentum, und es gibt eine Welt nur in bezug
+auf eine Seele. +Wirklichkeit+ -- das ist also der Gesamtausdruck
+lebendigen und bewegten Daseins, seine Offenbarung und Spiegelung im
+Gewordnen und Ausgedehnten. Insofern hat die Welt die Bedeutung eines
++Makrokosmos+.
+
+Ist die Welt aber, gleichviel was sie sonst noch ist, der ungeheure
+Inbegriff von +Symbolen+, so mußte auch der Mensch, soweit er
+dem Gewebe des Wirklichen angehört, soweit er +wirklich ist+,
+von dieser Deutung ergriffen werden. Was war es aber, das an der
+menschlichen Erscheinung den Rang eines Symbols beanspruchen, sein
+Wesen und den Sinn seines Daseins in sich sammeln und greifbar vor
+Augen stellen durfte? Die Antwort gibt die Kunst.
+
+Aber die Antwort mußte in jeder Kultur eine andre sein. Jede hat
+einen andern Begriff vom Leben, weil jede anders lebt. Die eine
+hatte dem Wirklichen das Prinzip des Körperhaften, die andre das des
+reinen, unendlichen Raumes a priori, wieder andre das des Weges, der
+magischen Ausdehnung zugrunde gelegt. Das war ein Weltgefühl, aber
+das Lebensideal stimmte mit ihm überein. Aus dem einen, dem antiken
+Ideal, folgte die rückhaltlose Hinnahme des sinnlichen Augenscheins,
+aus dem abendländischen dessen ebenso leidenschaftliche Überwindung.
+Das eine bedeutete Hingabe, das andre Kampf. Die apollinische Seele,
+euklidisch, punktförmig, empfand den empirischen, sichtbaren Leib
+als den vollkommenen Ausdruck ihrer Art zu sein; die faustische, in
+allen Fernen schweifend, fand ihn nicht in der Person, sondern der
+Persönlichkeit, dem empirischen Ich, dem +Charakter+ oder wie man
+es nennen will. „Seele“ -- das war für den echten Hellenen zuletzt
+die Form seines leiblichen Daseins. So hat Aristoteles sie definiert.
+„Leib“ -- das war für den Menschen des Barock die sinnliche Form, die
+Inkarnation der Seele. So empfand Goethe. So hat die Philosophie Kants,
+unter zopfigen Formeln versteckt, die Dinge als die Inkarnation des
+einen, ewigen Raumes empfunden, der sie in ihrer Erscheinung „bedingt“.
+
+Wir sahen, wie das eine Lebensgefühl zur Wahl der Plastik, das
+andre zur Musik als der +repräsentativen+ Kunst führte. Neben
+der Plastik stand die Pflege des Tanzes als einer Kunst von hoher
+Ausdruckskraft, die des agonalen Wettkampfes und ein in dieser Form nie
+wiederkehrender Kultus der körperlichen Schönheit -- alles das ist in
+den Idealen der σωφροσύνη und εὑρυθμία enthalten.
+
+Man hat diese Ideale von jeher viel zu weit gefaßt. Es ist +nicht+
+die Weihe des Blutes -- das der Mensch der σωφροσύνη nicht zu
+verschwenden hatte[81] --, +nicht+, wie Nietzsche meinte, die
+orgiastische Freude an Kraft und Mut und überschäumender Leidenschaft.
+Das alles würde eher zu den Idealen des germanisch-katholischen und
+indischen Rittertums gehören. Was der apollinische Mensch und seine
+Kunst für sich allein in Anspruch nehmen dürfen, ist lediglich die
+Apotheose der leiblichen +Erscheinung+ im buchstäblichen Sinne,
+das rhythmische Ebenmaß des Gliederbaus und die harmonische Ausbildung
+der Muskulatur. Das ist +nicht+ heidnisch im Gegensatz zum
+Christentum. Das ist jonisch im Gegensatz zum Barock. Erst der Mensch
+des Barock, mochte er Christ oder Heide, Rationalist oder Mönch sein,
+stand diesem Kultus des σῶμα fern bis zur äußersten körperlichen
+Unreinlichkeit, wie sie in der Umgebung Ludwigs XIV. herrschte.[82] Man
+warf in Athen den Dorern Unsauberkeit vor; dagegen hatte das Badewesen
+der gotischen Städte noch im 15. Jahrhundert in hoher Blüte gestanden,
+trotz allen „Jenseitsglaubens“.
+
+Und so entwickelte sich die antike Plastik, nachdem sie ihr Thema
+auf die allseitig freistehende (beziehungslose) menschliche Gestalt
+beschränkt hatte, folgerichtig weiter bis zur ausschließlichen
+Darstellung des +nackten+ Leibes. Und zwar, im Gegensatz zu jeder
+andern Art von Plastik der gesamten Menschheitsgeschichte, durch die
++anatomisch wahre Behandlung seiner Grenzflächen+. Damit ist das
+euklidische Weltprinzip bis zum äußersten getrieben. Jede Hülle hätte
+noch einen leisen Widerspruch gegen die apollinische Erscheinung, eine
+wenn auch noch so zaghafte Andeutung des umgebenden Raumes enthalten.
+
+Es ist ein streng metaphysisches Motiv, das Bedürfnis nach einem
+Lebenssymbol ersten Ranges, das die Hellenen zu dieser Kunst führte,
+deren Enge allein durch die Meisterschaft ihrer Leistungen verdeckt
+worden ist. Denn es ist nicht wahr, daß diese Aufgabe der Skulptur,
+der menschliche Akt, die vollkommenste, natürlichste oder auch nur
+nächstliegende sei. Das Gegenteil ist der Fall. Hätte nicht die
+Renaissance mit ihrem vollen ästhetischen Pathos und einer gewaltigen
+Täuschung über ihre eignen Tendenzen unser Urteil beherrscht, während
+uns die Plastik selbst innerlich fremd geworden war, so hätten wir
+das Exzeptionelle des attischen Stils längst bemerkt. Der ägyptische
+Bildhauer dachte gar nicht daran, die anatomische Wirklichkeit zur
+Grundlage des von ihm gewollten Ausdrucks zu machen. Für gotische
+Skulpturen kommt die Muskelbildung nirgends in Frage. Die hellenische
+Behandlung des Nackten ist der +große Ausnahmefall+, und sie hat
+nur dies eine Mal zu einer Kunst von hohem Range geführt. In andern
+Landschaften, wie der ägyptischen und japanischen -- um eine besonders
+törichte und flache Begründung vorweg zu nehmen -- war der Anblick
+nackter Menschen viel alltäglicher als gerade in Athen, wo die Damen in
+Hut und Mieder über die nackten Mädchen bei den Spielen der Spartaner
+sich höchst entrüstet äußerten, aber das gab nicht im mindesten Anlaß
+zur Entwicklung einer Aktplastik. Der heutige japanische Kunstkenner
+empfindet die Darstellung nackter Menschen als lächerlich und banal.
+Für seine Malerei ist der Akt ein Gegenstand ohne irgendwelche
+bedeutende Möglichkeiten.
+
+Was dem antiken Menschen die vollkommene Durchbildung der körperlichen
++Oberfläche+ bedeutete -- denn das ist der letzte Sinn alles
+anatomischen Ehrgeizes der griechischen Künstler: das Wesen der
+lebendigen Erscheinung durch die Gestaltung ihrer Grenzflächen zu
+erschöpfen --, das wurde für die abendländische Seele folgerichtig das
++Porträt+, der eigentlichste und einzig erschöpfende Ausdruck
+einer transzendenten, einer faustischen Existenz.
+
+Man hat beides, +Akt und Porträt+, noch nie als Gegensatz
+empfunden und deshalb beide nicht in der ganzen Tiefe ihrer
+kunsthistorischen Erscheinung auffassen können. Und trotzdem offenbart
+sich der volle Gegensatz zweier Welten im Widerstreit dieser großen
+Formideale.
+
+Es war gezeigt worden, daß das Erlebnis des Ausgedehnten seinen
+Ursprung im Merkmal der +Richtung+ hat, die allem Werden
+innewohnt. Die +Richtung+ -- durch die Worte Zeit, Leben,
+Schicksal, Ziel angedeutet -- verschmilzt als Tiefe oder Ferne mit der
+Fläche oder Breite des Sinnlichen. Die Empfindung als solche dehnt sich
+im Akt des Bewußtwerdens zur +Welt+. So trägt alles Gewordene das
+Merkmal der +Ausdehnung+, und es gehört zum Geheimnisvollsten im
+Wesen aller Kulturen, daß in ihnen -- wie im Kinde -- das Erwachen des
+Ich, des Innenlebens mit der spontanen Deutung des Tiefenerlebnisses
+im Sinne eines Ursymbols identisch ist. Wir sahen, wie jede Kultur
+hier anders fühlt. Der antike Mensch empfand die Welt, wie seine
+Mathematik beweist, stereometrisch, mehr noch, planimetrisch. Die Zahl
+als Größe oder Maß: das bedeutet die Welt als Summe von Stoffen oder
+deren Grenzflächen. Der Hellene kannte nur Dinge, keinen Raum. Deshalb
+die reine Flächenwirkung seiner Plastik, das Vermeiden von Licht und
+Schatten, die strenge Beschränkung auf den einzelnen beziehungslosen
+Fall. War demgegenüber +das Unendliche+ Prinzip und Zeichen
+des abendländischen Daseins, so hatte die Ferne einen seelischen
+Doppelsinn, je nachdem sie wird oder geworden ist.
+
+Das Tiefenerlebnis ist ein Werden und bewirkt ein Gewordnes; es
+bedeutet Zeit und ruft den Raum hervor; es ist kosmisch und historisch
+zugleich. Die lebendige Richtung geht zum +Horizont+ wie zur
++Zukunft+. Unendlichkeit und Ewigkeit fließen vor der Seele
+zusammen, und wer die eine nicht besitzt, kennt auch die andre nicht.
+Die reine Gegenwärtigkeit des antiken Daseins, symbolisiert in der
+nackten Statue, war die des Ortes +und+ der Zeit. Auch das Wort
+Gegenwart hat einen doppelten Sinn, je nachdem der Bereich des Werdens
+oder des Gewordnen gemeint ist. Die attische Plastik ist eine Kunst der
+körperhaften Nähe und also auch des Augenblicks (auf dieser Tatsache
+beruhen die verfehlten Ausführungen von Lessings Laokoon). Das Porträt
+des 16. und 17. Jahrhunderts aber ist unendlich in +jedem+ Sinne.
+Es faßt nicht nur den Menschen als Mittelpunkt des Weltalls, dessen
+Erscheinung von seinem Sein Gestalt und Bedeutung empfängt; es faßt
+ihn vor allem historisch, d. h. biographisch. Die Statue ist ein Stück
+Natur und nichts außerdem. Parzeval, Hamlet, Faust sind stets werdende,
+Odysseus, Klytämnestra, Antigone sind gewordne Menschen. Die antike
+Dichtung gibt Statuen in Worten, die abendländische psychologische
+Analysen. Hier liegt die Wurzel für unser Gefühl, das dem Griechen eine
+reine Hingabe an die Natur zuschreibt. Wir werden uns nie ganz von
+dem Empfinden befreien, daß der gotische Stil neben dem griechischen
++Unnatur+ ist, nämlich +mehr+ als „Natur“. Nur verhehlen
+wir uns, daß darin das Gefühl eines Mangels bei den Griechen zu Worte
+kommt. Die abendländische Formensprache ist reicher. Das Porträt
+gehört der Natur +und+ der Geschichte an. Ein Porträt Tizians und
+Rembrandts ist eine +Biographie+, die Quintessenz eines Lebens;
+ein Selbstporträt ist eine +Beichte+. Vergessen wir nicht, daß die
+Beichte, von der sich in den Evangelien nicht die geringste Andeutung
+findet, erst im 9. Jahrhundert und nur in Westeuropa Laienpflicht
+wird -- es war die Zeit der ersten Regungen des romanischen Stils --,
+und daß sie erst 1215, zur Zeit der blühenden Gotik, den Rang eines
+Sakraments erhielt. Es war gesagt worden, daß die faustische Kultur --
+im Gegensatz zur antiken -- die der Seelenforschung, der Selbstprüfung,
+der Historik großen Stils ist. Wenn der Protestant und der Freigeist
+sich gegen die Ohrenbeichte auflehnen, so kommt es ihnen nicht zum
+Bewußtsein, daß sie nicht die rein abendländische Idee, sondern
+nur ihre äußere Fassung ablehnen. Sie weigern sich, dem Priester
+zu beichten, aber sie beichten sich selbst, dem Freunde oder der
+Menge. Die gesamte nordische Poesie ist Bekenntniskunst. Das Porträt
+Rembrandts und die Musik Beethovens sind es auch. Der abendländische
+Mensch lebt mit dem Bewußtsein des Werdens, mit dem ständigen Blick auf
+Vergangenheit und Zukunft. Der Grieche lebt punktförmig, ahistorisch,
+somatisch. Kein Grieche hat Memoiren hinterlassen. Keiner wäre einer
+echten Selbstkritik fähig gewesen. Auch das liegt in der Erscheinung
+der nackten Statue, dem eminent unhistorischen Abbilde eines Menschen.
+Ein Selbstporträt ist das genaue Seitenstück der Selbstbiographie in
+der Art des Werther und Tasso, und das eine der Antike so fremd wie das
+andre. Es gibt nichts Unpersönlicheres als die griechische Kunst. Daß
+Skopas oder Lysippos ein Bildnis von sich selbst gemacht hätten, kann
+man sich gar nicht vorstellen.
+
+Im antiken Akte, der ganz Oberfläche, ganz Vordergrund und Materie,
+steingewordnes σῶμα war, ist das Innenleben künstlerisch verneint,
+dem Raume als dem Nichtseienden gleichgesetzt. Wenn Plato drei
+Seelenvermögen -- εἴδη -- und als deren höchstes das λογιστικόν
+unterschied, so war dies Prinzip jedenfalls nur als Logik der
+körperlichen Erscheinung in die Plastik gedrungen. Aristoteles hat die
+Vollendung des Menschen nach Stoff und Form („Leib“ und „Seele“ in
++antik+ gefühltem Gegensatz) sogar ausdrücklich nach Analogie der
+künstlerischen Arbeit beschrieben.
+
+Man betrachte bei Phidias, bei Polyklet, bei irgendeinem andern Meister
+nach den Perserkriegen die Wölbung der Stirn, die Lippen, den Ansatz
+der Nase, das blind gehaltene Auge -- wie das alles der Ausdruck einer
+ganz unpersönlichen, pflanzenhaften, +seelenlosen+ Vitalität ist.
+Man frage sich, ob diese Formensprache imstande wäre, ein inneres
+Erlebnis auch nur anzudeuten. Es gab nie eine Kunst, für welche so
+ausschließlich nur die optische Oberfläche von Körpern in Betracht
+kam. Bei Michelangelo, der sich mit seiner ganzen Leidenschaft dem
+Anatomischen ergab, ist trotzdem die leibliche Erscheinung stets der
+Ausdruck der Arbeit aller Knochen, Sehnen, Organe +des Innern+;
+das Lebendige +unter+ der Haut tritt in Erscheinung, ohne daß es
+gewollt war. Es ist eine Physiognomik, keine Systematik der Muskulatur,
+die Michelangelo ins Leben rief. Aber damit war bereits das persönliche
+Schicksal, nicht der stoffliche Leib der eigentliche Ausgangspunkt des
+Formgefühls geworden. Es liegt mehr Psychologie (und weniger „Natur“)
+im Arme eines seiner Sklaven als im Kopfe des praxitelischen Hermes.
+Beim Diskobolos des Myron ist die äußere Form ganz für sich da ohne
+alle Beziehung auf den vitalen Organismus geschweige denn die „Seele“.
+Man vergleiche mit den besten Arbeiten dieser Zeit die altägyptischen
+Statuen etwa des Dorfschulzen oder des Königs Phiops oder andrerseits
+den David des Donatello und man wird verstehen, was es heißt, einen
+Körper nur seiner stofflichen Grenze nach anerkennen. Alles, was bei
+den Griechen den Kopf als den Ausdruck von etwas Innerlichem und
+Geistigem erscheinen lassen könnte, ist peinlich vermieden. Gerade bei
+Myron tritt das hervor. Ist man einmal darauf aufmerksam geworden,
+so erscheinen die besten Köpfe der Blütezeit, aus der Perspektive
+unsres gerade entgegengesetzten Weltgefühls betrachtet, nach einer
+Weile dumm und stumpf. Das Biographische fehlt ihnen. Nicht umsonst
+waren ikonische Statuen in dieser Zeit streng verpönt. Es gibt bis auf
+Lysippos herab nicht einen echten Charakterkopf. Es gibt nur Masken.
+Oder man betrachtet die Gestalt im ganzen: mit welcher Meisterschaft
+ist da der Eindruck vermieden, als ob der Kopf der bevorzugte Teil des
+Leibes sei. Deshalb sind diese Köpfe so klein, so unbedeutend in der
+Haltung, so wenig durchmodelliert. Überall sind sie durchaus als Teil
+des Körpers, wie Arm und Schenkel, niemals als Sitz und Symbol eines
+Ich geformt. Die sich beständig, bis zu staatlichen Verboten steigernde
+Abneigung der Griechen dem Porträt gegenüber besitzt in der zunehmenden
+Entwertung des Motivs nackter Körperlichkeit in der Ölmalerei von den
+Florentinern bis zu Velasquez und Rembrandt ein vollkommenes Gegenstück.
+
+Man wird endlich sogar finden, daß der weibliche, selbst weibische
+Eindruck vieler dieser Köpfe des 5. und mehr noch des 4.
+Jahrhunderts[83] das allerdings ungewollte Resultat der Bestrebung
+ist, jede geistige Charakteristik gänzlich auszuschließen. Man ist
+vielleicht zu dem Schlusse berechtigt, daß der ideale Gesichtstypus
+dieser Kunst, der sicherlich nicht der des Volkes war, wie die spätere
+naturalistische Bildnisplastik sofort beweist, als Summe von lauter
+Negationen, des Individuellen und Psychischen nämlich, also aus
+der Beschränkung der Gesichtsbildung auf das rein Euklidische und
+Stereometrische entstanden ist. Dies würde das Geschlechtslose und
+Unmännliche der Erscheinung zum großen Teil erklären.
+
+Das Porträt der großen Barockzeit behandelt dagegen durch alle Mittel
+des malerischen Kontrapunkts, die wir als Träger räumlicher +und+
+historischer Fernen kennen gelernt haben, durch die in Braun getauchte
+Atmosphäre, die Perspektive, den bewegten Pinselstrich, die zitternden
+Farbentöne und Lichter, den Leib als etwas an sich Unwirkliches, als
+ausdrucksvolle Hülle eines raumbeherrschenden Ich. (Die Freskotechnik,
+euklidisch wie sie ist, schließt die Lösung einer solchen Aufgabe
+vollkommen aus.) Das ganze Gemälde hat nur das eine Thema: Seele. Man
+achte darauf, wie bei Rembrandt (etwa der Radierung des Bürgermeisters
+Six oder dem Architektenbildnis in Kassel) und zuletzt noch einmal
+bei Marées und Leibl (auf dem Bildnis der Frau Gedon) die Hände und
+die Stirn gemalt sind, durchgeistigt bis zur Auflösung der Materie,
+visionär, voller Lyrik -- und vergleiche damit die Hand und die Stirn
+eines Apollo oder Poseidon aus der Zeit des Perikles.
+
+Die ägyptische Plastik als der Ausdruck einer dem Unendlichen
+gleichfalls hingegebenen Seele -- man erinnere sich der Symbolik
+des Weges zur Grabkammer in den Pyramidentempeln -- war ebenso
+physiognomisch, ebenso historisch und _sub specie aeternitatis_
+gedacht, mithin ebenfalls eine Kunst des Porträts. Die Königsstatue
+bannt das +Ka+, das transzendente Prinzip der Persönlichkeit,
+in die Welt des Gewordnen, und zwar durch ihren Porträtcharakter.
+Es folgt daraus, daß sie wie die Statuen gotischer Grabdenkmäler
+den Leib als Eigenwert verneint: das Abendland durch die ganz
+ornamental behandelte Kleidung, deren Physiognomik die Sprache des
+Antlitzes und der Hände verstärkt, Ägypten, indem es den Körper --
+wie die Pyramide, den Obelisken -- in einem mathematischen Schema
+hält und das Persönliche auf den Kopf, mit einer wenigstens in der
+Skulptur nie wieder erreichten Größe der Auffassung beschränkt. Der
+Faltenwurf soll in Athen den Sinn des Leibes offenbaren, im Norden
+ihn auflösen. Das Gewand wird dort zum Körper, hier zur Musik -- dies
+ist der tiefe Gegensatz, der in Werken der Hochrenaissance zu einem
+schweigenden Kampf zwischen dem traditionell gewollten und dem unbewußt
+hervordringenden Ideal des Künstlers führt, in welchem das erste,
+antigotische, oft genug auf der Oberfläche, das zweite, von der Gotik
+zum Barock leitende, immer in der Tiefe siegt.
+
+
+12
+
+Ich fasse jetzt den Gegensatz von apollinischem und faustischem
+Menschheitsideal zusammen. Akt und Porträt verhalten sich wie Körper
+und Raum, wie Augenblick und Ewigkeit, Vordergrund und Tiefe, wie die
+euklidische zur analytischen Zahl, wie Maß und Beziehung. Die antike
+Plastik, für welche die nackte Oberfläche des menschlichen Körpers
+beinahe das einzige Ausdrucksmittel geworden war, arbeitete an einer
+Inkarnation des vollkommen Gegenwärtigen nach Ort und Zeit. Die
+Statue wurzelt im Boden, die Musik -- und das abendländische Porträt
++ist+ Musik, aus Farbentönen gewebte Seele -- durchdringt den
+grenzenlosen Raum. Das Freskogemälde ist mit der Wand verbunden,
+verwachsen; das Ölgemälde, als Tafelbild, ist frei von den Schranken
+eines Ortes. Die apollinische Formensprache offenbart nur Gewordnes,
+die faustische vor allem auch ein Werden.
+
+Deshalb zählt die abendländische Kunst Kinderporträts und
+Familienbildnisse zu ihren besten und innerlichsten Leistungen. Der
+attischen Plastik waren diese Motive völlig versagt. Das Kind verknüpft
+Vergangenheit und Zukunft. Es bezeichnet in jeder menschenbildenden
+Kunst, die überhaupt Anspruch auf symbolische Bedeutung erhebt, die
+Dauer im Wechselnden der Erscheinung, die Unendlichkeit des Lebens.
+Aber das antike Leben erschöpfte sich in der Fülle des Augenblicks
+und man verschloß das Auge vor zeitlichen Fernen. Man dachte an die
+Menschen gleichen Blutes, die man neben sich sah, aber nicht an die
+kommenden Geschlechter. Und deshalb hat es niemals eine Kunst gegeben,
+die der Darstellung von Kindern so entschieden aus dem Wege gegangen
+ist wie die griechische. Man überdenke die Fülle von Kindergestalten,
+welche von der frühen Gotik bis zum sterbenden Rokoko und vor allem
+auch in der Renaissance entstanden sind, und suche demgegenüber auch
+nur ein antikes Werk von einigem Range bis auf Alexander herab, das mit
+Absicht dem ausgebildeten Körper des Mannes oder Weibes den kindlichen
+zur Seite stellt, dessen Dasein noch der Zukunft angehört.
+
+In der +Idee des Muttertums+ ist das unendliche Werden begriffen.
+Wie der mystische Akt des Tiefenerlebnisses -- der Zeit, des Schicksals
+-- aus dem Sinnlichen das Ausgedehnte und also die +Welt+ schafft,
+so entsteht durch die Mutterschaft der leibliche Mensch als einzelnes
+Glied dieser Welt. Alle Symbole der Zeit und Ferne sind auch Symbole
+des Muttertums. In der Erscheinung der Mutter sammelt sich der Sinn
+der Geschlechterfolgen als gewollt und vorbedacht. Die Sorge ist das
+Urgefühl der Zukunft und alle Sorge ist mütterlich. Sie spricht sich
+in den Bildungen und Ideen von Familie und Staat und dem Prinzip der
++Erblichkeit+, das beiden zugrunde liegt, nicht weniger aus
+als in den Reliefreihen und Sphinxalleen der ägyptischen und den
+unendlichen Fernsichten und Perspektiven der abendländischen Kunst.
+In der Dynastie (dem Adel) verkörpert sich die Sorge, die Zukunft, der
+Wille zur Dauer, und einen wahren Staat -- wie den ägyptischen oder
+preußischen -- kann es nur geben, wo es ein dynastisches Gefühl im
+Menschen gibt.
+
+Auf dem „Carpe diem“ des antiken Daseins läßt sich weder ein Adel
+noch ein Staat aufbauen. Die Polis ist der Ausdruck der Negation von
+beidem. Es fehlt an mütterlicher Sorge der Stadt für die Nachkommen
+der Lebenden; es fehlt die Ehrfurcht vor dem Erblichen und somit der
+Sinn für Dynastien wie für die Familie als Kette von Generationen
+und nicht nur als Gruppe von Lebenden. Wie das öffentliche Dasein
+ausschließlich auf der Wahrnehmung der augenblicklichen und greifbaren
+Vordergrundinteressen beruhte, so stellte sich das apollinische
+Lebensgefühl nicht im Prinzip des +Muttertums+, sondern in dem
+der +Fruchtbarkeit+ dar. Dies ist der Gegensatz von Raum und
+Körper, Porträt und Akt. Der Phallus wurde zum antiken Symbol. Er ist
+wie die Statue, die -- zumal in Bronze gegossen oder grell bemalt
+und frei aufgestellt -- etwas Phallisches hatte, der Inbegriff des
+Beziehungslosen. Die Mutter verweist in die Zukunft, auf Geschlechter;
+der Phallus bezeichnet den augenblicklich-geschlechtlichen Akt. Man
+wird in der großen griechischen Statuenkunst nicht eine säugende Mutter
+finden. Man möchte sie nicht einmal im Stil des Phidias gebildet sehen.
+Man fühlt, daß diese Kunstgattung innerlich dem Motiv widerspricht.[84]
+In der religiösen Kunst des Abendlandes dagegen gab es keine erhabnere
+Aufgabe. Mit der anbrechenden Gotik wurde die orientalische Maria der
+Mosaiken zur Mutter Gottes, zur Mutter überhaupt. Im germanischen
+Mythus erscheint sie als Frigga und Frau Holle. Wir finden das gleiche
+Gefühl in schönen Wendungen der Minnesänger wie Frau Welt, Frau Sonne,
+Frau Eve, Frau Minne ausgedrückt. Die +mütterliche+ Geliebte,
+Ophelia und Gretchen, steht neben den Madonnen Raffaels.
+
+Ihr stellte der hellenische Olymp Göttinnen gegenüber, die Amazonen
+-- wie Athene -- oder Hetären -- wie Aphrodite -- waren. Das ist der
+antike Typus des Weibes, aus der Idee der pflanzenhaften Fruchtbarkeit
+erwachsen. Auch hier erschöpft das Wort σῶμα den ganzen Sinn der
+Erscheinung. Man denke an das Meisterwerk dieser Art, die drei
+mächtigen Frauenkörper im Ostgiebel des Parthenon, und vergleiche
+damit die erhabenste Konzeption einer Mutter, die sixtinische Madonna
+Raffaels. In ihr ist nichts Körperhaftes mehr. Sie ist ganz Ferne,
+ganz Raum. Die Helena der Ilias, an Kriemhild gemessen, ist Hetäre;
+Antigone und Klytämnestra sind Amazonen. Es ist auffallend, wie selbst
+Äschylus in der Tragödie der Klytämnestra die Tragik der Mutter
+vermeidet. Die Gestalt der Medea ist geradezu die mythische Umkehrung
+des faustischen Typus der _Mater dolorosa_. In der Plastik
+verschwimmen Aphrodite und Athene (für diese Kunst ist Athene nur eine
+ältere Aphrodite) endlich zu +einer+ weiblichen Idealgestalt, die
+-- wie die knidische Aphrodite -- lediglich ein schöner Gegenstand
+ist, kein Charakter, kein Ich, sondern ein Stück Natur. Praxiteles,
+der bekanntlich den weiblichen Ganzakt in die attische Bildhauerei
+einführte, hat daraus die letzten künstlerischen Konsequenzen gezogen.
+
+Diese Neuerung fand strengen Tadel, aus dem Gefühl heraus, daß hier
+ein Symptom des niedergehenden antiken Weltgefühls vorliege. So sehr
+sie der geschlechtlichen Symbolik entsprach, so sehr widersprach sie
+der Würde der älteren griechischen Religion. Aber sie bewies zugleich,
+daß allenthalben die Strenge und Sicherheit der Formensprache im
+Sinken war. Damals entstand die Niobidengruppe, die erste, wenn auch
+wenig tiefe Darstellung einer Mutter. Damals entstanden aber auch im
+schärfsten Widerspruch zur antiken Staatsform der Polis die Dynastien
+der Nachfolger Alexanders, schwächlich zwar im Vergleich mit den
+ägyptischen und abendländischen, aber doch gewisse Zeichen einer innern
+Würde. Die Kraft der antiken Symbolik erlischt. Die antike Kultur wird
+Zivilisation. Jetzt erst wagt sich eine Bildniskunst hervor, die wie
+der hellenistische Staat und die jetzt in Mode kommende korinthische
+Pflanzensäule deutlich an Ägypten erinnert (man denke daran, wie
+dementsprechend das 19. Jahrhundert an griechische und, seit 1860, an
+japanische Vorbilder anknüpft). Der Perikleskopf des Kresilas (etwa
+430) ist in keinem Sinne Porträt. Die bekannte Sophoklesstatue (um
+340) ist es eher. Erst der Demosthenes des Polyeukt (um 280) darf
+als Porträt gelten. Wie wenig er es im Sinne der Kunst Rembrandts
+oder überhaupt in dem einer transzendenten Kunst ist, hätte aber nie
+verkannt werden sollen. Man hat den virtuosenhaften Verismus namentlich
+jener spätgriechischen Künstler, welche die Römerbüsten der Kaiserzeit
+schufen, mit physiognomischer Tiefe verwechselt. Wer aber glaubt, der
+Hellenismus habe je persönliche Seelenbildnisse gewollt oder erreicht
+-- beides ist dasselbe --, der vergleiche ein „arabisches“ Porträt wie
+die Theodosiusstatue in Barletta, die Köpfe der Helena und Theodora
+oder die altägyptischen Bildnisse des Chephren und Sesostris III.
+mit irgendeinem griechischen. Sie alle haben eine schwer in Worte
+zu fassende Verwandtschaft mit den Bildnissen Tizians, Holbeins und
+Rembrandts, die Idealfiguren des Hellenismus haben sie +nicht+.
+
+
+13
+
+In der Ölmalerei vom Ende der Renaissance an kann man die Tiefe
+eines Künstlers mit Sicherheit an dem Gehalt seiner Porträts messen.
+Diese Regel erleidet kaum eine Ausnahme. Alle Gestalten im Bilde, ob
+einzeln, ob in Szenen, Gruppen, Massen, sind dem physiognomischen
+Grundgefühl nach Porträts, ob sie es sein sollen oder nicht. Das stand
+nicht in der Wahl des einzelnen Künstlers. Nichts ist lehrreicher
+als zu sehen, wie sich unter den Händen eines wirklich faustischen
+Menschen selbst der Akt in eine Porträtstudie verwandelt (man könnte
+die hellenistische Bildniskunst als den entgegengesetzten Prozeß
+bezeichnen). Man nehme zwei deutsche Meister wie Lukas Kranach und
+Tilmann Riemenschneider, die von aller Theorie unberührt blieben und,
+im Gegensatz zu Dürer und dessen Hange zu ästhetischen Meditationen und
+also zur Nachgiebigkeit fremden Tendenzen gegenüber, mit vollkommener
+Naivität arbeiteten. In ihren -- höchst seltenen -- Akten zeigen
+sie sich gänzlich außerstande, den Ausdruck ihrer Schöpfung in die
+unmittelbar gegenwärtige flächenbegrenzte Körperlichkeit zu legen. Der
+Sinn der menschlichen Erscheinung und mithin des ganzen Werkes bleibt
+regelmäßig im Kopfe gesammelt, bleibt physiognomisch, nicht anatomisch,
+und das gilt trotz des entgegengerichteten Wollens und trotz aller
+italischen Studien auch von Dürers Lukrezia. Ein faustischer Akt -- das
+ist ein Widerspruch in sich selbst. Daher das peinlich Gezwungene, das
+Schwankende und Befremdende solcher Versuche, die sich allzu deutlich
+als Opfer vor dem hellenisch-römischen Ideal verraten, Opfer, die
+der Kunstverstand, nicht die Seele bringt. Es gibt in der gesamten
+Malerei nach Lionardo kein bedeutendes oder bezeichnendes Werk mehr,
+dessen Sinn von dem euklidischen Dasein eines nackten Körpers getragen
+wird. Wer hier Rubens nennen und dessen unbändige Dynamik schwellender
+Leiber in irgendeine Beziehung zur Kunst des Praxiteles und selbst des
+Skopas setzen wollte, der versteht ihn nicht. Gerade die prachtvolle
+Sinnlichkeit hielt ihn von der toten +Statik+ der Körper
+Signorellis fern. Wenn irgendein Künstler in die Schönheit nackter
+Leiber ein Maximum von +Werden+, von unhellenischer Ausstrahlung
+einer innern Unendlichkeit gelegt hat, so war es Rubens. Man
+vergleiche den Pferdekopf aus dem Parthenongiebel mit denen in seiner
+Amazonenschlacht und man wird den tiefen metaphysischen Gegensatz in
+der Fassung des gleichen Erscheinungselements fühlen. Bei Rubens -- um
+wieder an den Gegensatz von faustischer und apollinischer Mathematik
+zu erinnern -- ist der Körper nicht Größe, sondern Beziehung; nicht
+die sinnvolle Regel seiner äußeren Gliederung, sondern die Fülle des
+strömenden Lebens in ihm ist das Motiv, das sich im Jüngsten Gericht,
+wo die Leiber zu Flammen werden, mit der Bewegtheit des Weltraumes
+verbindet, eine gänzlich unantike Synthese, die auch den Nymphenbildern
+Corots nicht fremd ist, deren Gestalten im Begriffe sind, sich in
+Farbenflecke, Reflexe des unendlichen Raumes aufzulösen. So ist der
+antike Akt +nicht+ gemeint. Man verwechsle das griechische
+Formideal -- das eines in sich abgeschlossenen plastischen Daseins --
+auch nicht mit der bloßen virtuosen Darstellung schöner Leiber, wie sie
+sich von Giorgione bis auf Boucher immer wieder finden, fleischliche
+Stilleben, Genrearbeiten, die lediglich, wie Rubens’ Frau mit dem Pelz,
+eine heitre populäre Sinnlichkeit zum Ausdruck bringen und in Hinsicht
+auf das symbolische Gewicht der Leistung -- sehr im Gegensatz zu dem
+hohen Ethos antiker Akte -- weit zurücktreten.[85]
+
+Diese -- ausgezeichneten -- Maler haben dementsprechend weder
+im Porträt noch in der Darstellung tiefer Welträume vermittelst
+der Landschaft das Höchste erreicht. Ihrem Braun und Grün, ihrer
+Perspektive fehlt die „Religion“, das Schicksal. Sie sind Meister
+allein im Bereiche der +elementaren+ Form, in deren Repräsentation
+ihre Kunst sich erschöpft. Sie sind es, deren Schar die eigentliche
+Substanz der Entwicklungsgeschichte einer großen +Kunst+
+bildet. Wenn aber ein großer +Künstler+ darüber hinaus zu jener
+andern, die ganze Seele und den ganzen Sinn der Welt umfassenden
+Form vordringt, so +mußte+ er innerhalb der antiken Kunst zur
+Durchbildung eines nackten Körpers schreiten, in der nordischen
++durfte+ er es nicht. Rembrandt hat in jenem Vordergrundssinne nie
+einen Akt gemalt; Lionardo, Tizian, Velasquez und unter den letzten
+Menzel, Leibl, Marées, Manet jedenfalls selten (und dann immer, ich
+möchte sagen Leiber +als Landschaften+). Das Porträt bleibt der
+untrügliche Prüfstein.[86]
+
+Aber man würde Meister wie Signorelli, Mantegna, Botticelli niemals
+an dem Range ihrer Porträts messen. Raffaels Bildnisse, deren beste
+wie das des Papstes Julius II. unter dem Einflüsse des Venezianers
+Sebastian del Piombo entstanden, könnte man bei der Würdigung seines
+Schaffens gänzlich außer acht lassen. Erst bei Lionardo sind sie
+von höchstem Gewicht. Es besteht ein feiner Widerspruch zwischen
+Freskotechnik und Bildnismalerei. In der Tat ist Giovanni Bellinis
+Doge Loredan das erste große Ölporträt. Auch hier offenbart sich der
+Charakter der Renaissance als einer Auflehnung gegen den faustischen
+Geist des Abendlandes. Die Episode von Florenz bedeutet den Versuch,
+das Porträt gotischen Stils -- also nicht das spätantike Idealbildnis,
+das man vornehmlich durch die Cäsarenbüsten kannte -- als Symbol
+des Menschlichen durch den Akt zu ersetzen. Folgerichtig hätten die
+physiognomischen Züge der gesamten Renaissancekunst fehlen müssen.
+Allein die starke Unterströmung faustischen Kunstwollens, nicht nur
+in kleineren Städten und Schulen Mittelitaliens, sondern selbst im
+Unbewußten der großen Maler bewahrte eine nie unterbrochene Tradition.
+Die Physiognomik gotischer Art unterwarf sich sogar das ihr so fremde
+Element des südlich-nackten Körpers. Was man entstehen sah, sind
+nicht Körper, die durch die Statik ihrer Grenzflächen zu uns reden;
+wir bemerken ein +Mienenspiel+, das sich vom Antlitz über alle
+Teile des Körpers verbreitet und für das feinere Auge gerade in die
+toskanische +Nacktheit+ eine tiefe Identität mit dem +gotischen
+Gewande+ legt. Sie ist eine Hülle, keine Grenze. Vor allem aber
+wurde jeder gemalte oder modellierte Kopf von selbst zum Porträt. Alles
+was A. Rossellino, Donatello, Benedetto da Majano, Mino da Fiesole im
+Porträt geleistet haben, steht dem Geiste der Van Eyck, Memlings und
+der frührheinischen Meister oft bis zum Verwechseln nahe. Ich behaupte,
+daß es überhaupt kein eigentliches Renaissanceporträt gibt und geben
+kann, wenn man darunter die in einem Antlitz gesammelte künstlerische
+Gesinnung versteht, welche den Hof des Palazzo Strozzi von der Loggia
+dei Lanzi und Perugino von Cimabue trennt. Im Architektonischen war
+eine antigotische Konzeption möglich, so wenig von apollinischem Geiste
+sie auch besaß; im Bildnis, das schon als Gattung ein faustisches
+Phänomen war, nicht. Michelangelo ging der Aufgabe aus dem Wege.
+In seiner leidenschaftlichen Verfolgung eines plastischen Ideals
+hätte er die Beschäftigung mit ihr als ein Herabsteigen empfunden.
+Seine Brutusbüste ist so wenig ein Porträt wie sein Giuliano de
+Medici, dessen Porträt von Botticelli ein wirkliches, mithin eine
+ausgesprochen gotische Schöpfung ist. Michelangelos Köpfe sind
+Allegorien im Geschmack des anbrechenden Barock und selbst mit gewissen
+hellenistischen Arbeiten nur oberflächlich vergleichbar. Man mag den
+Wert der Uzzanobüste des Donatello, vielleicht der bedeutendsten
+Leistung dieser Epoche, noch so hoch bemessen; man wird zugeben, daß
+sie neben den Bildnissen der Venezianer kaum in Betracht kommt.
+
+Es verdient bemerkt zu werden, daß diese wenigstens ersehnte
+Überwindung des gotischen Porträts durch den vermeintlich antiken
+Akt -- einer rein historischen und biographischen Form durch eine
+vollkommen ahistorische eines punktförmigen Daseins -- mit einem
+gleichzeitigen Niedergang der Fähigkeit zur innern Selbstprüfung und
+zur künstlerischen Konfession im Goetheschen Sinne verschwistert
+erscheint. Kein echter Renaissancemensch kennt eine seelische
+Entwicklung. Er vermochte ganz nach außen zu leben. Darin lag das hohe
+Glück des Quattrocento. Zwischen Dantes Vita nuova und Michelangelos
+Sonetten ist keine poetische Beichte, kein Selbstporträt von
+einigem Range entstanden. Der Renaissancekünstler ist im Abendlande
+der einzige, für den Einsamkeit ein leeres Wort bleibt. Darf man
+hinzufügen, daß +also auch+ jenes andre Symbol der historischen
+Ferne, der Sorge, Dauer und Nachdenklichkeit, der +Staat+, von
+Dante bis auf Michelangelo aus der Sphäre der Renaissance verschwindet?
+Im „wankelmütigen Florenz“, das all seine großen Bürger bitter
+gescholten haben und dessen Unfähigkeit zu tüchtigen politischen
+Bildungen am gewöhnlichen Niveau abendländischer Staatsformen gemessen
+ans Bizarre streift, und überall dort, wo der antigotische -- nach
+dieser Seite hin betrachtet also +antidynastische+ -- Geist eine
+lebendige Wirksamkeit in Kunst und Öffentlichkeit entfaltet, machte der
+Staat in Gestalt der Medici, Sforza, Borgia, Malatesta und lächerlicher
+Republiken einer wahrhaft hellenischen Jämmerlichkeit im Stile des
+peloponnesischen Krieges Platz. Nur dort, wo die Plastik +keine+
+Stätte fand, wo die südliche Musik zu Hause war, wo Gotik und Barock in
+der Ölmalerei des Giovanni Bellini sich berührten und die Renaissance
+ein Gegenstand gelegentlicher Liebhaberei blieb, gab es neben dem
+Porträt -- der Seelengeschichte _in nuce_ -- eine feine Diplomatie
+und den Willen zur politischen Dauer: in Venedig.
+
+
+14
+
+Die Renaissance war aus dem Trotz geboren. Es fehlt ihr darum an
+Tiefe, Umfang und Sicherheit der formbildenden Instinkte. Sie ist
+die einzige Epoche, die einer theoretischen Unterstützung bedurfte.
+Sie war auch, sehr im Gegensatz zu Gotik und Barock, die einzige, wo
+das theoretisch formulierte Wollen dem Können voranging und es oft
+genug überragte. Aber die erzwungene Gruppierung der einzelnen Künste
+um eine antikisierende Plastik konnte diese Künste in den letzten
+Wurzeln ihres Wesens nicht umwandeln. Sie bewirkte nur eine Verarmung
+der innern Möglichkeiten. Für Naturen von mittlerem Umfang war das
+geistig-künstlerische Medium der Renaissance zureichend. Es kommt ihnen
+infolge der Simplizität der oberflächlicheren Konvention sogar entgegen
+und man vermißt deshalb das gotische Ringen mit dem Element, das die
+rheinischen und niederländischen Schulen auszeichnet. Die wundervolle
+und verführerische Leichtigkeit und Klarheit beruht nicht zum wenigsten
+auf dem Umgehen des tieferen Widerstandes vermittelst einer allzu
+schlichten Regel. Die Renaissancekunst kennt keine Probleme. Für
+Menschen von der Innerlichkeit Memlings und der Gewalt Grünewalds, die
+im Bereich dieser toskanischen Formenwelt geboren wurden, mußte sie
+zum Verhängnis werden. Sie konnten nicht in ihr und durch sie, nur
+gegen sie zur Entfaltung ihrer Seele kommen. Wir sind geneigt, das
+Menschliche der Renaissancemaler zu überschätzen, nur weil wir keine
+Schwäche in der Form entdecken. Aber im Gotischen und im Barock erfüllt
+ein ganz großer Künstler seine Mission, indem er ihre Sprache vertieft
+und vollendet; in der Renaissance mußte er sie zerstören.
+
+Dies ist der Fall Lionardos, Raffaels und Michelangelos, der einzigen
+großen Menschen Italiens, seit den Tagen der Gotik. Ist es nicht
+seltsam, daß zwischen den Meistern der Gotik, die nichts als Arbeiter
+in ihrer Kunst waren und doch das Größte im Dienste dieser Konvention
+und innerhalb ihrer Schranken leisteten, und den Venezianern und
+Holländern, die wieder nichts als Maler, Arbeiter waren, diese drei
+stehen, nicht nur Maler, nicht Bildhauer, sondern Denker, und zwar
+Denker aus Not, die sich außer mit allen möglichen Arten künstlerischen
+Ausdrucks auch noch mit tausend andern Dingen beschäftigten, ewig
+unruhig und unbefriedigt, um dem Wesen und dem Ziel ihrer Existenz
+auf den Grund zu kommen -- die sie in den seelischen Bedingungen der
+Renaissance also nicht fanden? Diese drei Großen haben, jeder in
+seiner Weise, jeder in einem eignen tragischen Irrgang, versucht,
+antik im Sinne der mediceischen Theorie zu sein und jeder hat nach
+einer andern Seite hin diese Illusion zerstört. Raffael die große
+Linie, Lionardo die Fläche, Michelangelo den Körper. In ihnen kehrt die
+verirrte Seele zu ihrem faustischen Ausgang zurück. Sie +wollten+
+das Maß statt der Beziehung, die Zeichnung statt der Wirkung von Licht
+und Schatten, den euklidischen Leib statt des reinen Raumes. Aber eine
+euklidisch-statische Plastik hat es damals überhaupt nicht gegeben.
+Sie war nur einmal möglich: in Athen. Eine latente Musik ist immer und
+überall fühlbar. All ihre Gestalten haben Bewegtheit und eine Tendenz
+in die Ferne und Tiefe. Sie sind alle auf dem Wege zu Palestrina statt
+zu Phidias, wie sie alle von der schweigenden Musik der Kathedralen
+statt von den römischen Ruinen kommen. Raffael löste das florentinische
+Fresko auf, Michelangelo die Statue, Lionardo träumte schon von der
+Kunst Rembrandts und Bachs. Je ernster man die Aufgabe nimmt, das Ideal
+der Zeit zu verwirklichen, desto ungreifbarer wird es. Es gibt keinen
+Palast in dieser Epoche, von dem Kenner nicht geurteilt haben, daß er
+noch gotische oder schon barocke Elemente aufweise.
+
+Mithin sind Gotik und Barock etwas, das +da+ ist. Renaissance
+ist ein ideales Postulat, das über dem Wollen einer Zeit schwebt,
+unerfüllbar wie alle Postulate. Giotto ist ein gotischer und Tizian
+ein Barockkünstler. Michelangelo +wollte+ ein Renaissancekünstler
+sein, aber es gelang ihm nicht. Schon daß -- trotz aller plastischen
+Ambitionen und aller Literatur -- die Malerei unbestritten überwog,
+und zwar mit den räumlich-perspektivischen Voraussetzungen des
+Nordens, beweist den Widerspruch zwischen Verstand und Seele, zwischen
+Sehnsucht und Erfüllung. Das schöne Maß, die abgeklärte Regel, das
+gewollt Antike also, wurde schon um 1520 als trocken und formelhaft
+empfunden. Michelangelo und andre mit ihm waren der Meinung, daß sein
+Kranzgesims am Palazzo Farnese, durch das er die Fassade Sangallos
+vom Renaissancestandpunkt aus verdarb, die Leistungen der Griechen
+und Römer weit übertraf. Das Antigotische fand keine Liebhaber mehr.
+Man hatte es satt. Erst von jetzt an werden römische Ruinen, wie das
+Kolosseum und Septizonium, als Steinbrüche für Barockbauten benutzt.
+
+Wie Petrarca der erste, so war Michelangelo der letzte leidenschaftlich
+für die Antike empfindende Mensch von Florenz, aber er war es nicht
+mehr ganz. Das franziskanische Christentum Fra Angelicos, von feiner
+Milde, versonnen, still ergeben, dem die südliche Abgeklärtheit reifer
+Renaissancewerke weit mehr zu verdanken hat als man glaubt,[87] ging
+zu Ende. Der majestätische Geist der Gegenreformation, schwer, bewegt
+und prächtig, lebt schon in Michelangelos Werken. Es gibt etwas, das
+man damals antik nannte und das nur eine edle Form des christlichen
+Weltgefühls war; der syrischen Herkunft des florentinischen
+Lieblingsmotivs, der Verbindung von Rundbogen und Säule, war schon
+gedacht. Aber man vergleiche auch die pseudo-korinthischen Kapitäle
+des 15. Jahrhunderts mit denen römischer Ruinen, die man doch kannte.
+Michelangelo war der einzige, der hier kein äußeres Abkommen ertrug.
+Er wollte Klarheit. Für ihn war die Frage der Form eine religiöse
+Frage. Es handelt sich bei ihm und ihm allein um alles oder nichts. So
+erklärt sich das einsame, furchtbare Ringen dieses wohl unglücklichsten
+Menschen innerhalb unsrer Kunst, das Fragmentarische, Gequälte,
+Unersättliche, das _terribile_ seiner Formen, das die Zeitgenossen
+ängstigte. Der eine Teil seines Wesens zog ihn zum Altertum und also
+zur Plastik. Man weiß, wie die eben gefundene Laokoongruppe auf ihn
+wirkte. Ehrlicher als er hat niemand versucht, durch die Kunst des
+Meißels den Weg zu einer verschütteten Welt zu finden. Alles was
+er geschaffen hat, war plastisch in diesem, +von ihm allein+
+vertretenen Sinne gemeint. „Die Welt, vorgestellt im großen Pan“,
+das, was Goethe im zweiten Teil des Faust hatte geben wollen, als
+er die Helena einführte, die apollinische Welt in ihrer mächtigen,
+sinnlichen und körperlichen Gegenwart -- das hat kein andrer so mit
+allen Kräften in ein künstlerisches Dasein bannen wollen, als er,
+damals als er die Decke der Sixtinischen Kapelle malte. Alle Mittel
+des Fresko, die großen Konturen, die mächtigen Flächen, die drängende
+Nähe nackter Gestalten, das Stoffliche der Farbe sind hier zum letzten
+Male bis zum äußersten angespannt, um das Heidentum in ihm -- im
+höchsten Renaissancesinne -- zu befreien. Aber seine zweite Seele, die
+gotisch-christliche Dantes und der Musik weiter Räume, die deutlich
+genug aus der metaphysischen Anordnung des Entwurfs redet, leistete
+Widerstand.
+
+Er hat zum letzten Male versucht, immer und immer wieder, die
+ganze Fülle seiner Persönlichkeit in die Sprache des Marmors, des
+euklidischen Materials zu legen, das ihm den Dienst versagte. Denn er
+stand dem Stein anders gegenüber als ein Grieche. Die gemeißelte Statue
+widerspricht schon durch die Art ihres Daseins einem Weltgefühl, das in
+Kunstwerken etwas +sucht+, nicht in ihnen etwas +besitzen+
+will. Für +Phidias+ ist der Marmor der kosmische Stoff, der
+sich nach Form sehnt. Die Pygmalionsage erschließt das ganze Wesen
+dieser apollinischen Kunst. Für Michelangelo war er der Feind, den
+er unterwarf, der Kerker, aus dem er seine Idee erlösen mußte, wie
+Siegfried Brunhilde befreit. Man kennt seine leidenschaftliche Art,
+den rohen Block anzugreifen. Er näherte ihn nicht Schritt für Schritt
+der gewollten Gestalt an. Er meißelte in den Stein wie in einen Raum
+hinein und brachte eine Figur zustande, indem er zum Beispiel von dem
+Block, an der Stirnseite beginnend, schichtweise das Material fortnahm
+und in die Tiefe drang, während die Gliedmaßen sich langsam aus der
+Masse entwickelten. Die Weltangst von dem Gewordnen, dem Element, dem
+Tode, den man durch eine bewegte Form zu bannen sucht, kann nicht
+deutlicher ausgedrückt werden. Kein Künstler des Abendlandes besitzt
+ein so innerliches und zugleich gewaltsames Verhältnis zum Stein als
+dem Symbol des Todes, zu dem feindlichen Prinzip in ihm, das seine
+dämonische Natur immer wieder bezwingen wollte, ob er nun seine Statuen
+heraushieb oder seine mächtigen Bauten aus ihm auftürmte.[88] Er
+ist der einzige Bildhauer seiner Zeit, für den +nur+ der Marmor
+in Frage kam. Der Bronzeguß, der einen Ausgleich mit malerischen
+Tendenzen gestattete und dem er deshalb fern stand, lag den andern
+Renaissancekünstlern und den weicheren Griechen viel näher.
+
+Aber der antike Bildhauer fesselte einen augenblicklichen leiblichen
+Zustand in Stein. Dessen ist der faustische Mensch gar nicht fähig.
+Wie er in der Liebe nicht zuerst den Naturtrieb, den sinnlichen Akt
+der Vereinigung von Mann und Weib findet, sondern die große Liebe
+Dantes und darüber hinaus die Idee der sorgenden Mutter, so hier.
+Michelangelos Erotik -- die Beethovens -- war so unantik als möglich;
+sie stand unter dem Aspekt der Ewigkeit und Ferne, nicht der Sinne und
+des flüchtigen Augenblicks. In Michelangelos Akten -- einem Opfer an
+sein hellenisches Idol -- verneint und übertönt die Seele die sichtbare
+Form. Die eine will Unendlichkeit, die andre Maß und Regel, die eine
+will Vergangenheit und Zukunft verknüpfen, die andre in der Gegenwart
+beschlossen sein. Das antike Auge saugt die plastische Form in sich
+auf. Michelangelo aber sah mit dem geistigen Auge und durchbrach
+die Vordergrundsprache der unmittelbaren Sinnlichkeit. Und endlich
+vernichtete er die Bedingungen dieser Kunst. Der Marmor wurde seinem
+Formwollen zu gering. Michelangelo hört auf Bildhauer zu sein und geht
+zur Architektur über. Im hohen Alter, als er nur noch wilde Fragmente
+wie die Madonna Rondanini zustande brachte und seine Gestalten kaum
+mehr aus dem Rohen herausmeißelte, brach die +musikalische+
+Tendenz seines Künstlertums durch. Endlich ließ sich der Wille zu
+einer kontrapunktischen Form nicht mehr bändigen und aus tiefstem
+Ungenügen an der Kunst, an welche er sein Leben verschwendet hatte,
+zerbrach sein ewig ungestilltes Ausdrucksbedürfnis die architektonische
+Regel der Renaissance und schuf das römische Barock. An die Stelle
+des Verhältnisses von Stoff und Form setzt er den Kampf von Kraft
+und Masse. Er faßt die Säulen in Bündel zusammen oder drängt sie in
+Nischen; er durchbricht die Geschosse mit mächtigen Pilastern; die
+Fassade erhält etwas Wogendes und Drängendes; das Maß weicht der
+Melodie, die Statik der Dynamik. Die faustische Musik hatte sich die
+erste unter den andern Künsten dienstbar gemacht.
+
+Mit Michelangelo ist die Geschichte der abendländischen Plastik zu
+Ende. Was nach ihm kommt, sind Mißverständnisse und Reminiszenzen. Sein
+legitimer Erbe ist +Palestrina+.
+
+Lionardo redet eine andre Sprache als seine Zeitgenossen. In
+wesentlichen Dingen reichte sein Geist in das nächste Jahrhundert und
+nichts band ihn wie Michelangelo mit allen Fasern seines Herzens an das
+toskanische Formideal. Er allein hatte weder den Ehrgeiz, Bildhauer,
+noch den, Architekt zu sein. Er trieb seine anatomischen Studien --
+ein seltsamer Irrweg der Renaissance, dem hellenischen Lebensgefühl
+und dessen Kultus der körperlichen Außenfläche nahe zu kommen! --
+nicht mehr wie Michelangelo der Plastik wegen; er trieb nicht mehr
++topographische+ Vordergrund- und Oberflächenanatomie, sondern
++Physiologie+, um der innern Geheimnisse willen. Michelangelo
+wollte den ganzen Sinn der menschlichen Existenz in die Sprache des
+sichtbaren Leibes zwingen, Lionardos Skizzen und Entwürfe zeigen das
+Gegenteil. Sein vielbewundertes _sfumato_ ist das erste Zeichen
+einer Verleugnung der Körpergrenzen um des +Raumes+ willen. Von
+hier geht der Impressionismus aus. Lionardo beginnt mit dem Innern,
+dem Räumlich-Seelenhaften, nicht mit abgewognen Umrißlinien und legt
+zuletzt -- wenn er es überhaupt tut und das Bild nicht unvollendet
+läßt -- die farbige Substanz wie einen Hauch über die eigentliche,
+körperlose, ganz unbeschreibliche Fassung des Bildes. Raffaels Gemälde
+zerfallen in „Pläne“, in denen wohlgeordnet Gruppen verteilt sind, und
+ein Hintergrund schließt das Ganze maßvoll ab. Lionardo kennt nur den
+einen, weiten, ewigen Raum, in dem seine Gestalten gleichsam schweben.
+Der eine gibt innerhalb des Bildrahmens eine Summe einzelner und naher
+Dinge, der andre einen Ausschnitt aus dem Unendlichen.
+
++Lionardo hat den Blutkreislauf entdeckt.+ Was ihn dahin führte,
+war kein Renaissancegefühl. Seine Gedankengänge heben ihn aus der
+ganzen Sphäre seiner Zeitgenossen heraus. Weder Michelangelo noch
+Raffael wären dahingekommen, denn die Maleranatomie sah nur auf Form
+und Lage, nicht auf die Funktion der Teile. Sie war, mathematisch
+gesprochen, stereometrisch, nicht analytisch. Hat man nicht das Studium
+von +Leichen+ zureichend befunden, um die großen Gemäldeszenen
+figürlich auszuführen? Aber das hieß das Werden zugunsten des
+Gewordenen unterdrücken. Man rief die Toten zu Hilfe, um die antike
+ἀταραξία der nordischen Gestaltungskraft zugänglich zu machen.
+Aber Lionardo sucht das +Leben+ wie Rubens, nicht den Körper
+an sich wie Signorelli. Es liegt in seiner Entdeckung eine tiefe
+Verwandtschaft mit der fast gleichzeitigen des Kolumbus; es ist der
+Sieg des Unendlichen als des faustischen Symbols über die stoffliche
+Begrenztheit des Gegenwärtigen und Greifbaren. Wann hätte je ein
+Grieche an solchen Dingen Geschmack gefunden? Er fragte nach dem Innern
+seines Organismus so wenig als nach den Quellen des Nils. Beides hätte
+die euklidische Fassung seines Daseins in Frage gestellt. Das Barock
+ist demgegenüber +die eigentliche Zeit der großen Entdeckungen+.
+Schon das Wort kündigt etwas schroff Unantikes an. Der antike Mensch
+hütete sich, von irgend etwas Kosmischem die Decke, die körperliche
+Bindung fortzunehmen oder fortzudenken. Aber gerade das ist der
+eigentliche Trieb einer faustischen Natur. Beinahe gleichzeitig und
+in der Tiefe völlig gleichbedeutend erfolgte die Entdeckung der
+neuen Welt, des Blutkreislaufs und des kopernikanischen Weltsystems,
+etwas früher die des Schießpulvers, also der Fernwaffe, und des
+Buchdrucks, der im Gegensatz zur antiken Rhetorik und der ihr dienenden
+Schriftrolle die Verbreitung der Gedanken ins Unendliche sichert.
+
+Lionardo war ganz und gar Entdecker. Darin erschöpft sich seine Natur.
+Pinsel, Meißel, Seziermesser, Rechenstift, Zirkel hatten für ihn ein
+und dieselbe Bedeutung -- die, welche der Kompaß für Kolumbus hatte.
+Wenn Raffael einen in scharfen Umrissen gezeichneten Entwurf farbig
+ausführte, so bejahte jeder Pinselstrich die körperliche Erscheinung.
+Man betrachte aber Lionardos Rötelskizzen und Hintergründe: hier
+entdeckt er mit jedem Zuge atmosphärische Geheimnisse. Er war der
+erste, der über Flugversuche angestrengt nachdachte. Fliegen, sich von
+der Erde befreien, sich in die Weite des Weltraumes verlieren: das
+ist faustisch im höchsten Grade. Das erfüllt selbst unsere Träume.
+Hat man nie bemerkt, wie die evangelische Legende in der Malerei des
+Abendlandes zu einer wunderbaren Verklärung dieses Motivs wurde? All
+diese gemalten Himmelfahrten und Höllenstürze, das Schweben über
+den Wolken, die selige Entrücktheit der Engel und Heiligen, die
+eindringlich gestaltete Freiheit von aller Erdenschwere sind Sinnbilder
+des faustischen Seelenfluges und dem byzantinischen Stil gänzlich
+fremd. Dem Griechen, wie die Ikarussage beweist, erscheint dies als der
+Gipfel allen Frevels. Der bloße Gedanke daran stellt ihr euklidisches
+Weltgefühl in Frage. Ent-decken, die Decke aufheben, das heißt die
+Dinge durchschauen, ihre Bedingtheit bemerken, ihre Grenzen auflösen.
+Lionardos Malerei löst das Stoffliche auf. Antike Menschen kennen eine
+tiefe Furcht vor dem Geheimnis, das unter der sinnlichen Fläche der
+Welt schläft. Ihr Fresko +verleugnet+ den Hintergrund, und zwar
+mit dem Pathos eines großen Symbols. Renaissancemenschen allerdings
+fühlen hier keine Tiefe. Ihre Hintergründe sind bloße Abschlüsse. Aber
+den Menschen des Barock erfüllt die unersättliche Leidenschaft für die
+Wikingerfahrten der Seele. Er +braucht+ Geheimnisse, um sie zu
+überwinden. Er braucht Weiten für die innere Musik seiner Seele. Hier,
+im Schaffen Lionardos, reift, was die Gotik geahnt hatte.
+
+
+15
+
+Die Verwandlung des Freskogemäldes der Renaissance in das Ölbild ist
+ein Stück +Seelengeschichte+, die noch niemand beschrieben hat.
+Hier hängen alle Einblicke von den zartesten und verborgensten Zügen
+ab. Fast in jedem Bilde ringt das Freskenhafte mit der andringenden
+neuen Form. Raffaels malerische Entwicklung während seiner Arbeit in
+den Stanzen des Vatikan ist fast das einzige übersichtliche Beispiel.
+Das florentinische Fresko sucht die Wirklichkeit in einzelnen Dingen
+und gibt innerhalb der architektonischen Umrahmung eine Summe von
+ihnen. Das Ölbild erkennt mit steigender Sicherheit des Ausdrucks
+nur die Ausgedehntheit als Ganzes an und jeden Gegenstand nur als
+ihren Repräsentanten. Das faustische Weltgefühl schuf die neue
+Technik für sich. Es verwarf den zeichnerischen Stil, wie es die
+Koordinatengeometrie aus der Zeit des Oresme verwarf. Es verwandelte
+die an Architekturmotive gebundene Linearperspektive in eine rein
+atmosphärische Perspektive, die mit unwägbaren Tondifferenzen arbeitet.
+Das entspricht der reinen Analysis seit Descartes. Aber die ganze
+künstliche Lage der Renaissancekunst, ihr Nichtverstehen der eignen
+Tendenz, die Unmöglichkeit, das antigotische Prinzip völlig zu
+realisieren, erschwerte und verdunkelte den Übergang. Jeder Künstler
+hat ihn auf andre Weise versucht. Der eine malt mit Ölfarben auf die
+nasse Wand. Lionardos Abendmahl ist bekanntlich deshalb der Zerstörung
+anheimgefallen. Andre malen Tafelbilder, als ob sie Fresken wären. Das
+ist der Fall Michelangelos. Kühne Schritte, Ahnungen, Niederlagen,
+Verzichte finden sich. Der Kampf zwischen der Hand und der Seele,
+zwischen Auge und Werkzeug, der vom Künstler und der von der Zeit
+gewollten Form ist immer derselbe -- der zwischen Plastik und Musik.
+
+Hier verstehen wir endlich Lionardos riesenhaft gedachten Entwurf
+zur Anbetung der heiligen drei Könige in den Uffizien, das größte
+malerische Wagnis der Renaissance. Bis auf Rembrandt ist ähnliches nie
+auch nur geahnt worden. Über alles optische Maß hinaus, über alles,
+was man damals Zeichnung, Kontur, Komposition, Gruppe nannte, will er
+zur Anbetung des ewigen Raumes vordringen, in dem alles Körperliche
+schwebt wie die Planeten im kopernikanischen System, wie die Töne
+einer Bachschen Orgelfuge in der Dämmerung alter Kathedralen, ein Bild
+von einer solchen Dynamik der Ferne, daß es innerhalb der technischen
+Möglichkeiten dieser Zeit Torso bleiben mußte.
+
+In der sixtinischen Madonna resümiert Raffael die gesamte Renaissance
+durch die kolossale Linie des Umrisses, die den ganzen Gehalt
+des Werkes in sich saugt. Es ist die +letzte große Linie+
+der abendländischen Kunst. Ihre gewaltige Innerlichkeit, die den
+Widerspruch mit der Konvention bis zur äußersten Spannung treibt, macht
+Raffael zu dem am wenigsten verstandenen Künstler der Renaissance.
+Er kämpfte nicht mit Problemen. Er ahnte sie nicht einmal. Aber er
+führte die Kunst bis an deren Schwelle, wo der Entscheidung nicht mehr
+ausgewichen werden konnte. Er starb, als er innerhalb ihrer Formenwelt
+das letzte vollendet hatte. Der Menge erscheint er flach. Sie wird
+niemals empfinden, was in seinen Entwürfen vor sich geht. Aber hat man
+wohl die Morgenwölkchen bemerkt, die, sich in Kinderköpfe verwandelnd,
+die ragende Gestalt umgeben? Es sind die Scharen der Ungebornen,
+welche die Madonna ins Leben zieht. Diese lichten Wolken erscheinen
+im gleichen Sinne auch in der mystischen Schlußszene des zweiten
+Faust. Gerade das Abweisende, die Unpopularität im höchsten Sinne
+schließt hier die innere Überwindung des Renaissancegefühls in sich.
+Perugino versteht man beim ersten Blick; bei Raffael glaubt man es nur.
+Obwohl zunächst gerade die plastische Linie, das zeichnerische Moment
+eine antike Tendenz ankündigt, ist sie doch im Raum verschwebend,
+überirdisch, beethovenartig. Raffael ist in diesem Werke verschlossener
+als jeder andre, viel mehr selbst als Michelangelo, dessen Intentionen
+durch das Fragmentarische seiner Arbeiten deutlich werden. Seine
+innersten Geheimnisse scheint kein Zeitgenosse gekannt zu haben. Fra
+Bartolommeo hatte die stoffliche Umrißlinie noch ganz in seiner Gewalt;
+sie ist ganz Vordergrund, sie redet allein, ihr Sinn erschöpft sich
+in der Abgrenzung von Körpern. Bei Raffael schweigt sie, wartet sie,
+verhüllt sie sich. Sie steht, bei äußerster Spannung, unmittelbar vor
+ihrer Auflösung im Unendlichen, in Raum und Musik.
+
+Lionardo steht jenseits der Grenze. Der Entwurf zur Anbetung der drei
+Könige ist schon Musik. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Umstande,
+daß er hier wie bei seinem Hieronymus bei der braunen Untermalung
+stehen blieb, dem „Rembrandtstadium“, dem atmosphärischen Braun des
+nächsten Jahrhunderts. Für ihn war in diesem Zustande die äußerste
+Vollkommenheit und Deutlichkeit der Intention erreicht. Jeder Schritt
+weiter in eine Farbenbehandlung, deren Geist damals noch in den
+metaphysischen Bedingungen des Freskostils befangen war, hätte die
+Seele des Entwurfs zerstört. Gerade weil er die Symbolik der Ölmalerei
+in ihrer ganzen Tiefe vorfühlte, fürchtete er das Freskenhafte der
+„Fertigmaler“, das seine Idee verflachen mußte. Die Studien zu dem
+Gemälde beweisen, wie sehr ihm die +Radierung+ in der Art
+Rembrandts gelegen hätte, eine Kunst aus der Heimat des Kontrapunkts,
+die man in Florenz nicht kannte. Erst die Venezianer, außerhalb der
+florentinischen Konvention stehend, haben erreicht, was er hier suchte;
+eine Farbenwelt, die dem Raume, nicht den Dingen dient.
+
+Aus demselben Grunde hat Lionardo -- nach unendlichen Versuchen --
+den Christuskopf des Abendmahls unvollendet gelassen. Auch für ein
+Porträt in der großen Auffassung Rembrandts für eine aus bewegten
+Pinselstrichen, Lichtern und Tönen aufgebaute Seelengeschichte war
+der Mensch dieser Zeit nicht reif. Aber nur Lionardo war groß genug,
+um diese Schranke als tragisches Geschick zu erleben. Die andern
+hatten nur den Kopf geben wollen, wie ihn die Schule vorschrieb.
+Lionardo, der hier zum ersten Male auch die +Hände+ sprechen
+ließ, und zwar mit einer physiognomischen Meisterschaft, die später
+zuweilen erreicht, aber nie übertroffen worden ist, wollte unendlich
+viel mehr. Seine Seele war weit in die Zukunft verloren, aber sein
+Menschliches, sein Auge, seine Hand gehorchten dem Geiste seiner Zeit.
+Sicherlich war er in einer verhängnisvollen Weise der Freieste von
+den drei Großen. Vieles von dem, womit Michelangelos mächtige Natur
+vergebens rang, hat ihn gar nicht mehr berührt. Probleme der Chemie,
+der geometrischen Analysis, der Physiologie -- Goethes „lebendige
+Natur“ war auch die seine -- der Fernwaffentechnik sind ihm vertraut.
+Er hat die Maschinentechnik antizipiert. Seine Intuitionen machen ihn
+zum Ahnherrn von Leibniz und Goethe; er empfand den Raum wie der erste
+und den Organismus wie der zweite. Tiefer als Dürer, kühner als Tizian,
+umfassender als irgendein Mensch der Zeit, ist er der fragmentarische
+Künstler _par excellence_ geblieben,[89] aber aus einem andern
+Grunde als Michelangelo, der verspätete Plastiker, und im Gegensatz zu
+Goethe, für den alles schon zurücklag, was dem Schöpfer des Abendmahls
+unerreichbar blieb. Michelangelo wollte eine erstorbene Formenwelt noch
+einmal zum Leben zwingen, Lionardo fühlte eine neue in der Zukunft,
+Goethe ahnte, daß es keine mehr gab. Zwischen ihnen liegen die drei
+reifen Jahrhunderte faustischer Kunst.
+
+
+16
+
+Es ist noch übrig, das Sterben der abendländischen Kunst in seinen
+großen Zügen zu verfolgen. Die innerste Notwendigkeit alles
+historischen Werdens ist hier am Werke. Wir haben gelernt, Künste als
+Urphänomene zu begreifen. Wir suchen nicht mehr nach Ursachen und
+Wirkungen im physikalischen Sinne, um ihrer Geschichte Zusammenhang
+zu geben. Wir haben den Begriff des Schicksals einer Kunst in sein
+Recht eingesetzt. Wir haben endlich Künste als +Organismen+
+erkannt, die in dem größeren Organismus einer Kultur ihre bestimmte
+Stellung einnehmen, geboren werden, reifen, altern und +für immer+
+absterben. Das griechische Fresko, das byzantinische Mosaik, das
+gotische Glasgemälde, das perspektivische Ölbild sind nicht Phasen
++einer+ allgemein menschlichen Kunst. Es sind Formideale
+einzelner, wohlbegrenzter und voneinander innerlich unabhängiger
+Künste, von denen jede ihre eigne Biographie besitzt. Die Gotik war,
+wie die Dorik, wie der Stil des Alten Reiches von Memphis, ein Suchen
+der jungen Seele nach Formen, um die Welt zu erfassen, an sich zu
+ziehen, sich einzuverleiben. Ihre Sprache, zaghaft, voller Schauder
+vor dem Unbegriffenen, nach einem noch unbekannten Ziele tastend,
+kündigt eine große Entwicklung erst an. Hier finden wir die Fehlgriffe,
+die Ratlosigkeit, das Irren aller Jugend. Mit dem Abschluß der
+Renaissanceepisode -- der letzten Verirrung -- ist die abendländische
+Seele zum reifen Bewußtsein ihrer Kräfte und Möglichkeiten gelangt.
+Sie hat ihre Künste +gewählt+. Eine Spätzeit, das Barock wie
+die Ionik, weiß, was die Formensprache der Kunst zu bedeuten hat.
+Sie war bis dahin eine philosophische Religion, jetzt wird sie eine
+religiöse Philosophie. Die gewordne Außenwelt, oder was dasselbe ist,
+die Wirklichkeit, die erlebte Natur, und zwar die von jeder einzelnen
+Seele, der faustischen, apollinischen, magischen für sich erlebte,
+geschaffene, zu ihrem Abbilde gestaltete Natur wird in den Mikrokosmos
+eines Kunstwerkes zusammengezogen, auf ein Symbol räumlich-sinnlicher
+Art, eine Formel der innern Existenz gebracht. Es erscheint auf der
+Höhe einer jeden Kultur das Phänomen einer prachtvollen +Gruppe
+großer Künste+, wohlgeordnet und durch das zugrunde liegende
+Ursymbol zu einer Einheit verknüpft.
+
+Wenn man die „bildenden“ Künste, zu denen auch die Musik gehört,
+überhaupt gruppieren will, so findet sich ein natürlicher Unterschied,
+je nachdem man das Tiefenerlebnis durch +unmittelbare+ Behandlung
+des Ausgedehnten wiedergibt oder indem man auf einer Fläche den
++Eindruck+ des Ausgedehnten erweckt. Das letztere ist „Malerei“. Die
+unmittelbare Nachahmung könnte sich auf den reinen, unendlichen Raum
+beziehen -- das war der polyphonen Instrumentalmusik möglich, oder
+auf das Ideal des einzelnen stofflichen Körpers -- das geschah durch
+eine Skulptur, die ihr Werk allseitig frei und durchgebildet auf den
+Boden stellte. Dem entsprechen nun aber sehr verschiedene Arten von
+Malerei, vielmehr von Künsten, die außer dem Namen nichts gemein haben.
+Zur Kunst des Raumes gehört eine Behandlung der Fläche, welche den
+Eindruck reiner Tiefe wachruft und das selbständige Dasein der Körper
+zuletzt +verneint+. Das erste geschieht durch die +Perspektive+, das
+zweite heißt +Impressionismus+. Andererseits gehört zur Rundplastik
+eine Malerei, die +nur+ Körper kennt, das heißt, die nur +Konturen+
+gibt und den Hintergrund verleugnet. Das hier wirksame +Prinzip+ der
+Auswahl entscheidet mit der Notwendigkeit eines +Schicksals+ über das
+Dasein, den Rang und das Ende einzelner Künste innerhalb einer Kultur.
+So entsteht, und ich setze dies der heute gültigen Anschauung über die
+Struktur der Kunstgeschichte entgegen, die +historische Gruppe+ von
+Künsten.
+
+Die +apollinische Gruppe+, zu der die Vasenmalerei, das Fresko, das
+Relief, die Architektur der Säulenordnungen, das attische Drama,
+der Tanz gehören, hat die Skulptur der nackten Statue zur Mitte.
+Die +faustische+ Gruppe bildet sich um das Ideal reiner räumlicher
+Unendlichkeit. Ihren Mittelpunkt bildet die kontrapunktische Musik.
+Von ihr aus spinnen sich feine Fäden in alle geistigen Formenwelten
+hinüber und verweben die infinitesimale Mathematik, die dynamische
+Physik, den Katholizismus des Jesuitenordens und den Protestantismus
+der Aufklärung, die moderne Maschinentechnik, das Kreditsystem und die
+dynastisch-soziale Staatsorganisation zu einer ungeheuren Totalität
+seelischen Ausdrucks. Mit dem innern Rhythmus der Dome beginnend,
+mit Wagners Tristan und Parsival endend, erreicht die künstlerische
+Bewältigung des unendlichen Raums ihre vollkommene Ausbildung um
+1550. Die Plastik erlischt mit Michelangelo, gerade damals, als die
+Planimetrie, die bis dahin die Mathematik beherrscht hatte, ihr
+unwesentlichster Teil wird. Mit der Musik fugierten Stils, die eben
+jetzt durch Orlando Lasso ein Kunstmittel von ungeheuren Möglichkeiten
+geworden war, beginnt ihre Schwester, die Infinitesimalrechnung
+hervorzutreten.
+
+Ölmalerei und Instrumentalmusik, die Künste des Raumes, treten ihre
+Herrschaft an. In der Antike waren es +folglich+ die Künste
+des stofflich-euklidischen Prinzips, das streng flächenhafte Fresko
+und die freistehende Statue, die gleichzeitig -- um 600 -- in den
+Vordergrund treten. Damit ist die faustische und die apollinische
+Gruppe reifer Künste -- der auch zwei mächtige, in Shakespeare und
+Äschylus gipfelnde tragische Künste angehören -- im Umriß bestimmt. Und
+zwar sind es die beiden Arten von Malerei, die, in ihrer Formensprache
+gemäßigter, zugänglicher, zuerst heranreifen. Dem Ölgemälde gehört
+die Zeit von 1550-1650 ebenso unbestritten wie das 6. Jahrhundert
+der Tonmalerei. Die Symbolik von Raum und Körper, ausgedrückt durch
+das Kunstmittel der +Perspektive+ und der +Proportion+,
+erscheint in der mittelbaren Sprache des Gemäldes nur angedeutet.
+Diese Künste, welche Raum oder Körper, also Möglichkeiten des
+Ausgedehnten, in der Bildfläche nur vorzutäuschen vermögen, konnten
+das antike und abendländische Ideal wohl bezeichnen und heraufrufen,
+aber nicht vollenden. Auf dem Wege des großen Stils erscheinen sie als
+Vorstufen der letzten Höhe. Je mehr die Kulturen sich ihrer Vollendung
+näherten, desto entschiedener wurde der Drang nach einer Kunst von
+unerbittlicher Klarheit der Symbolik. Die Malerei genügte nicht mehr.
+Die Gruppe der Künste wurde weiterhin vereinfacht. Um 1670, gerade
+damals als Newton und Leibniz die Differentialrechnung entdeckten,
+war die Ölmalerei an der Grenze ihrer Möglichkeiten angelangt. Die
+letzten großen Meister starben, Velasquez 1660, Poussin 1665, Hals
+1666, Rembrandt 1669, Vermeer 1675, Ruysdael und Lorrain 1682. Man
+braucht nur die wenigen Nachfolger von Bedeutung, Watteau, Hogarth,
+Tiepolo zu nennen, um den Abstieg, um das Ende einer Kunst fühlen zu
+lassen. Eben jetzt, um 1650, hatte sich nun die Instrumentalmusik
+in den großen Formen der Suite, des Concerto grosso und der Sonate
+für Soloinstrumente von dem Rest des Körperlichen im Klange der
+menschlichen Stimme befreit. Auch Heinrich Schütz (1672) und Carissimi
+(1674), die letzten Meister der Vokalmusik, starben damals. 1685 werden
+Bach und Händel geboren und mit ihnen wachsen Stamitz, Kuhnau, Corelli,
+Tartini, die beiden Scarlatti heran. Von nun an ist die Musik, und zwar
+die rein instrumentale, nicht die vokale, +die+ faustische Kunst.
+Die entsprechende Krisis findet sich um 470 in der Antike, wo der
+letzte der großen Freskomaler, Polygnot, seinem Schüler Polyklet und
+damit der Statuenplastik endgültig den Vorrang abtritt.
+
+Mit dieser Musik und dieser Plastik ist das Ziel erreicht. Eine
+reine Symbolik von mathematischer Strenge ist möglich geworden: das
+bedeutet der Kanon, jene Schrift Polyklets über die Proportionen des
+menschlichen Körpers, und als Gegenstück der kontrapunktische Kanon
+seines „Zeitgenossen“ Bach. Diese Künste leisten das Äußerste und
+Letzte an Deutlichkeit und Intensität der reinen Form. Man vergleiche
+doch den Tonkörper der faustischen Instrumentalmusik und in ihm wieder
+den Streichkörper und bei Bach auch noch den als Einheit wirkenden
+Körper der Blasinstrumente mit dem Körper attischer Statuen; man
+vergleiche, was Haydn und was Praxiteles eine +Figur+ nannten,
+nämlich die eines Themas oder die eines Athleten, eine Bezeichnung,
+welche der Mathematik entnommen ist und verrät, daß dieses jetzt
+endlich erreichte Ziel das einer Vereinigung künstlerischen und
+mathematischen Geistes ist, denn zugleich mit Musik und Plastik
+haben die Analysis des Unendlichen und die euklidische Geometrie
+ihre Aufgabe, ihr spezifisches Zahlenproblem mit voller Deutlichkeit
+begriffen. Ihre größten Meister leben gleichzeitig mit denen jener
+durch und durch mathematischen Künste. Man erinnert sich, wie an einer
+frühern Stelle die Mathematik eine Kunst und der große Mathematiker ein
+Künstler und Visionär genannt worden war. Hier liegt die Erklärung.
+Die Mathematik des Schönen und die Schönheit des Mathematischen sind
+nicht mehr zu trennen. Der unendliche Raum der Töne und der reine
+Körper von Marmor oder Bronze sind eine unmittelbare Interpretation
+des Ausgedehnten und Gewordnen. Sie gehören zu der Zahl als Beziehung
+und der Zahl als Maß. Im Fresko wie im Ölbilde wird man, in den
+Gesetzen von Proportion und Perspektive, nur +Andeutungen+ von
+Mathematischem finden. Diese beiden letzten und strengsten Künste
++sind+ Mathematik. Der Kontrapunkt wie der Statuenkanon sind
+absolute Zahlenwelten. Hier herrschen Gesetze und Formeln. Auf diesem
+Gipfel erscheint die faustische wie die apollinische Kunst vollkommen.
+
+Mit dem Ende der Fresko- und Ölmalerei als herrschenden Künsten beginnt
+die dichte Reihe der großen Meister der Plastik und Musik. Auf Polyklet
+folgen Phidias, Skopas, Praxiteles, Lysippos, auf Bach und Händel
+Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven. Jetzt erscheint die Menge wunderbarer,
+heute längst verschollener Instrumente, eine ganze Zauberwelt
+abendländischen Entdecker- und Erfindergeistes, um immer neue Klänge
+und Tonfarben für den Dienst und die Steigerung des Ausdrucks
+heranzuziehen. Jetzt die Fülle großer, feierlicher, zierlicher,
+leichter, spöttischer, lachender, schluchzender Formen von strengstem
+Bau, auf die sich heute niemand mehr versteht; es gab damals, vor allem
+im Deutschland des 18. Jahrhunderts, eine wirkliche +Kultur der
+Musik+, die das ganze Leben durchdrang und erfüllte, deren Typus
+Hoffmanns Kapellmeister Kreisler wurde -- der ebenbürtig neben Goethes
+Faust, dem deutschen Denker, als die tiefste poetische Konzeption des
+deutschen Musikers steht -- und von der uns kaum die Erinnerung mehr
+geblieben ist.
+
+Endlich, gegen 1800, stirbt auch die Architektur. Sie löst sich, sie
+ertrinkt in der Musik des Rokoko. Alles, was man an dieser letzten
+wundervollen, fragilen Blüte der abendländischen Baukunst getadelt
+hat -- weil man ihre Entstehung aus dem Geiste des Kontrapunktes
+nicht verstand --, das Maßlose, Formlose, Verschwebende, Wogende,
+Funkelnde, die Zerstörung der Fläche und Gliederung für das Auge --
+alles das ist ja nur der Sieg der Töne und Melodien über Linien und
+Körper, der Triumph des reinen Raumes über den Stoff, des absoluten
+Werdens über das Gewordne. Es sind nicht mehr Baukörper, diese Abteien,
+Schlösser, Kirchen mit ihren geschwungenen Fassaden, Portalen, Höfen
+mit Muschelinkrustation, mächtigen Treppenhäusern, Galerien, Sälen,
+Kabinetten, sondern steingewordne Sonaten, Menuette, Madrigale,
+Präludien; Kammermusik in Stuck, Marmor, Elfenbein und edlen Hölzern,
+Kantilenen von Voluten und Kartuschen, Kadenzen von Freitreppen und
+Firsten. Der Dresdner Zwinger ist das vollkommenste Stück Musik in der
+gesamten Weltarchitektur, ein allegro fugitivo für kleines Orchester.
+
+Deutschland hat die großen Musiker und +also auch+ die großen
+Baumeister -- Pöppelmann, Schlüter, Bähr, Neumann, Fischer von Erlach,
+Dinzenhofer -- dieses Jahrhunderts hervorgebracht. In der Ölmalerei
+spielt es keine, in der Instrumentalmusik die entscheidende Rolle.
+
+
+17
+
+Ein Wort, das erst zur Zeit Manets in Aufnahme kam -- zuerst ein
+Spottname wie Barock und Rokoko --, faßt die Eigenart des faustischen
+Kunstvortrags, wie er sich aus den Voraussetzungen der Ölmalerei
+allmählich entwickelt hat, sehr glücklich zusammen. Man spricht vom
+Impressionismus, ohne Umfang und tieferen Sinn des Begriffes, wie er
+hätte gefaßt werden sollen, zu ahnen. Man leitete ihn aus der letzten
+Nachblüte einer Kunst ab, die ganz und gar zu ihm gehört. Was ist
+Impressionismus? „Eindruckskunst?“ Etwas rein Abendländisches ohne
+Zweifel, etwas, das mit der Idee des Barock, selbst schon der der
+gotischen Architektur verwandt und den Absichten der Renaissance
+entgegengesetzt ist. Ist es nicht die geistige Kraft, den reinen
+unendlichen Raum als die unbedingte Wirklichkeit und alle sinnlichen
+Gebilde in ihm als sekundär und bedingt zu empfinden, und zwar mit
+innerster Notwendigkeit? Eine geistige Kraft, die in künstlerischen
+Schöpfungen hervortreten kann, die aber tausend andre Möglichkeiten
+kennt, um sich zu offenbaren? „Der Raum ist die apriorische Form
+der Anschauung“, die Formel Kants -- ist das nicht ein Programm
+dieser Bewegung, die mit Lionardo anhebt? Der Impressionismus ist
+die Umkehrung des euklidischen Weltgefühls. Er sucht sich von der
+Sprache des Plastischen soweit als möglich zu entfernen und der
+des Musikalischen zu nähern. Man läßt die belichteten, das Licht
+zurückstrahlenden Dinge nicht auf sich wirken, weil sie da sind,
+sondern als ob sie „an sich“ nicht da wären. Man empfängt und gibt
+den +Eindruck+ von Gegenständen, die man innerlich als bloße
+Funktion einer optisch nicht mehr erreichbaren Ausgedehntheit wertet.
+Man durchdringt die Körper mit dem innern Auge, man löst den Zauber
+ihrer stofflichen Grenzen, man opfert sie der Majestät des Raumes.
+Und man fühlt mit und unter diesem irrealen Eindruck eine unendliche
++Bewegtheit+ des sinnlichen Elementes, die zu der statuenhaften
+ἀταραξία des Fresko den stärksten Gegensatz bildet. Deshalb gibt es
+keinen hellenischen Impressionismus. Deshalb ist die antike Skulptur
+die Kunst, welche ihn _a limine_ ausschließt.
+
+Der Impressionismus ist der umfassende Ausdruck eines Weltgefühls und
+es versteht sich, daß er die gesamte Physiognomik unsrer späten Kultur
+durchdringt. Es gibt eine impressionistische, die optischen Grenzen
+mit Absicht und Nachdruck überschreitende Mathematik. Wir kennen
+sie. Es ist die Analysis seit Newton und Leibniz. Zu ihr gehören die
+visionären Gebilde der Zahlkörper, Mengen, Transformationsgruppen,
+mehrdimensionalen Geometrien. Ihr liegt das Prinzip der funktionalen
+Zahl mit ihrer unfixierbaren Bewegtheit zugrunde. Es gibt eine
+impressionistische Physik -- wir werden sie noch kennen lernen --, die
+an Stelle von Körpern Systeme von Massenpunkten „sieht“, Einheiten,
+die lediglich als das konstante Verhältnis variabler Wirksamkeiten
+erscheinen, mit Grenzflächen, die als wohlgeordnete Mengen von
+Zahlenmannigfaltigkeiten bestimmter Art definiert werden. Es gibt eine
+impressionistische Ethik, Tragik, Logik.
+
+Malerisch genommen handelt es sich um die Kunst, mit drei Strichen und
+Flecken ein Bild, einen Mikrokosmos für das Auge eines faustischen
+Menschen zu schaffen, das heißt die Wirklichkeit des Weltraumes durch
+die flüchtigste, körperloseste Andeutung von etwas Sichtbarem, das
+ihn gleichsam in die Sphäre der Erscheinung bannt, zu imaginieren.
+Es ist eine nie wieder gewagte Kunst der Bewegung des Unbeweglichen.
+Von Tizian bis hinab auf Corot und Menzel zittert und fließt die
+duftige Materie unter der geheimen Wirkung des Pinselstriches und der
+gebrochenen Farben. Das hatte schon der Fassadenstil Michelangelos
+und Vignolas gewollt. Deshalb war seitdem eine Kunst nach der andern
+erloschen, weil sie +vor+ diesem letzten Ziel die Grenze ihrer
+Möglichkeiten erreicht hatte. Der Impressionismus ist die Methode
+subtiler künstlerischer +Entdeckungen+. Er wiederholt die Taten
+des Kolumbus und Kopernikus. Es gibt keine zweite Formensprache, in
+der jeder Fleck und Strich so überraschende Reize aufzudecken, der
+Einbildungskraft so ganz neue Elemente von raumschaffender Energie
+zuzuführen vermag. Das Fresko bejaht die Sinnenwirkung als schlechthin
+gegeben. Die neue Technik ist skeptisch; sie seziert die Empfindung bis
+zu ihrer Auflösung, wie es die Physik derselben Zeit tat. Man verfolge
+das Schicksal der menschlichen Einzelgestalt in dieser Malerei. Zuerst
+jede streng für sich, klar begrenzt, mit allen Kenntnissen der Anatomie
+gezeichnet, gemeißelt, durchgearbeitet, klare, wohl abgewogene Gruppen,
+die sich scharf von einem Hintergrunde abheben -- bei Raffael. Dann
+bei Lionardo die Entdeckung der Übergänge von Licht und Dunkel, weiche
+Ränder, mit der Tiefe verschwimmende Umrisse, Gruppen und Massen von
+Licht und Schatten, aus denen sich einzelne Gestalten nicht mehr lösen
+lassen. Die Linearperspektive wird zur Kunst der Atmosphäre -- dem
+eigentlichen Thema des Bildes. Die verharrende Linie hatte Körper
+begrenzt, das atmosphärische Licht mit seinen Ungewissen Tönungen
+begrenzt den Raum. Endlich, bei Rembrandt, verfließen die Gestalten zu
+bloßen farbigen Eindrücken; sie verlieren das spezifisch Menschliche;
+sie wirken als Strich und Farbenfleck bei ihm wie bei Lorrain und
+Vermeer; es ist das Schicksal des einzelnen Tones in der Musik von
+Palestrina bis Wagner. In einem Minimum von Substanz -- von Farbe
+oder Ton -- ein Maximum von physiognomischer Bedeutung zu bannen,
+mit einem Hauch den prägnanten Eindruck eines ganz bestimmten, nie
+wiederkehrenden Welterlebnisses zu geben, ist die Fähigkeit, welche
+man jetzt malerisch nennt. Man kann demnach den Impressionismus als
+Porträtkunst im umfassendsten Sinne betrachten. Wie ein Selbstbildnis
+Rembrandts nicht die anatomische Wirklichkeit des Kopfes, sondern das
++zweite Gesicht+ in ihr anerkennt, wie es nicht das Auge, sondern
+den Blick, nicht die Stirn, sondern das Erlebnis, nicht die Lippen,
+sondern die Sinnlichkeit durch das Ornament der Pinselstriche bannt,
+so zeigt das impressionistische Gemälde überhaupt nicht die Natur
+des Vordergrundes, sondern auch da ein zweites Antlitz, die Seele
+der Landschaft. Mag es sich um die katholisch-heroische Landschaft
+Lorrains, den _paysage intime_ Corots, um das Meer, die Flußränder
+und Dörfer Cuyps und Van Goyens handeln, es entsteht immer ein Porträt
+im physiognomischen Sinne, etwas Einmaliges, Unvorhergesehenes und zum
+ersten und letzten Male ans Licht Gezogenes. Gerade die Vorliebe für
+die Landschaft -- die physiognomische, die Charakterlandschaft --,
+für das Motiv also, das im Freskostil gar nicht denkbar ist und der
+Antike vollkommen unzugänglich blieb, erweitert die Porträtkunst vom
+unmittelbar Menschlichen zum mittelbaren, zur Darstellung der Welt als
+eines Teils des Ich, der Welt, in der der Künstler sich gibt und der
+Betrachter sich wiederfindet. Denn in diesen Weiten der sich in die
+Ferne dehnenden Natur spiegelt sich die Seele, das Schicksal. Es gibt
+in dieser Kunst tragische, dämonische, lachende, klagende Landschaften,
+etwas, wovon der Mensch andrer Kulturen keine Vorstellung und wofür
+er kein Organ hat. Aus dieser Gesinnung ist der +Park+ der
+Barockzeit, als Spiegel großen Menschentums, entstanden.
+
+Aber es gibt eine Kultur, weit entfernt von der faustischen, die auch
+eine impressionistische Kunst besaß, die chinesische. +Wir+ wissen
+wenig von ihr; wir wissen nicht einmal, wo ihre zeitlichen Grenzen im
+Geschichtsbilde liegen. Sicher ist, daß Konfuzius lange nach ihrer
+Vollendung lebte und bereits das zivilisierte Stadium repräsentiert.
+Aber nach allem, was hier bisher vom Sinn der Kulturen festgestellt
+wurde, erscheint das Eine klar: wenn überhaupt eine andre Kultur
+und ihre Kunst zu einem so verwandten Symbol gelangte, mußte ihre
+Seele in +jedem+ Betracht der unseren ähnlich sein. Gewiß, von
+Identität ist nirgends die Rede; die unendlich feinen und bedeutsamen
+Differenzen beider Seelen aufzufinden müßte eine der reizvollsten
+Aufgaben einer künftigen Psychologie sein. Das Tiefenerlebnis, der
+Sinn der Zukunft, des Horizontes, des Raumes, des Todes ist hier
+und dort nicht derselbe. Das Ursymbol der chinesischen Seele, ihr
+Weltgefühl ist trotz aller Nähe +nicht+ das faustische und deshalb
+vielleicht gerade für uns schwer bestimmbar. Die alte ostasiatische
+Malerei sucht nicht die flüchtigen Wunder, die _petits faits_
+der Atmosphäre, nicht das +Einmalige eines Raumerlebnisses+ auf.
+Sie wendet sich vom Wirklichen ab und dem wachen Traume zu. Ihre
+Meisterschaft liegt im Hinzaubern von Dingen, die +Erinnerungen+
+wecken, +ohne zu sein, was sie scheinen+. Ohne Zweifel ist
+diese tiefe Form historischer Transzendenz nicht die Watteaus oder
+Haydns. Das zarte chinesische Gefühl für Zeit, Leben, Schicksal,
+Vergangenheit ist uns sehr fremd. Aber trotzdem, welche Leidenschaft
+der Seele zum Grenzenlosen und Ewigen! Wie nahe rücken sich beide Arten
+des Menschentums, sobald man sie mit der antiken vergleicht! Eine
+Landschaft über das Thema „Abendglocken eines fernen Tempels“, wo der
++Klang+ und die Welt ferner Erinnerungen, die er im Innern weckt,
+in wenige Striche und Farbflecke gebannt erscheinen -- ist das nicht
+trotzdem im Geiste Mozarts? Wir wundern uns nicht, daß diese Kultur
+den abendländischen Hang zur Astronomie und Geschichtsforschung, zur
+Sorge und Selbstbetrachtung besaß. Beide Kulturen erfanden, jede für
+sich, das Pulver, den Buchdruck, den Holzschnitt, den Kompaß, das
+Porzellan. Beide waren im Besitz einer hochentwickelten Gartenkunst
+und Musik. Beiden fehlte deshalb -- in dem hier vorausgesetzten
+strengen Sinne -- eine Plastik, während das Porträt (die altchinesische
+Porträtkunst war eine Leistung allerhöchsten Ranges) und die damit
+innerlich verwandte Charakterlandschaft die Malerei beherrschen. So
+ist die Wahlverwandtschaft zu erklären, die das 18. Jahrhundert zu
+China, das 19. zu Japan zog. Wir kannten damals alle fremden Kulturen,
+die indische, ägyptische, arabische; sie lagen uns alle näher; aber
+nur von dieser übernahmen wir, über den halben Erdball hinweg, nicht
+etwa einzelne Motive und Ideen, sondern den +Gehalt+ ihrer
+künstlerischen Formensprache. Das unterscheidet das Verhältnis des
+Rokoko zur chinesischen Kunst sehr wesentlich von dem der Renaissance
+zur griechisch-römischen. Die Resorption ägyptischer Details um 1800
+durch den Empirestil war eine flache Spielerei; die Übernahme der
+japanischen Malerei um 1860 ist eine Metamorphose, die Tiefe besitzt.
+
+
+18
+
+Ich sagte, daß die Ölmalerei am Ende des 17. Jahrhunderts, wo
+alle großen Meister kurz nacheinander starben, erlosch. Aber der
+Impressionismus im engern Sinne ist ja eine Schöpfung des 19.
+Jahrhunderts? Die Malerei hat also 200 Jahre länger geblüht oder
+dauert heute noch fort? Man täusche sich nicht. Zwischen Rembrandt
+und Delacroix oder Constable liegt eine tote Strecke und was bei
+dem letzten beginnt, ist trotz aller Zusammenhänge in Hinsicht auf
+Technik und Vortrag sehr verschieden von dem, was mit dem ersten
+endete. Hier, wo von einer lebendigen Kunst von größter Symbolik die
+Rede ist, zählen die rein dekorativen Künstler des 18. Jahrhunderts
+nicht mit. Watteau möchte man in allem, wo er tief ist, der Musik
+seiner Zeit zurechnen. Täuschen wir uns auch nicht über den Charakter
+der neuen malerischen Episode, die jenseits von 1800, der Grenze
+von Kultur und Zivilisation, noch einmal vorübergehend die Illusion
+einer großen Kultur der Malerei erwecken konnte. Sie selbst hat ihr
+eigentliches Thema als Pleinairismus bezeichnet und damit den Sinn
+ihrer flüchtigen Erscheinung deutlich genug enthüllt. +Freilicht+
+-- das ist die bewußte, intellektuelle und brutale Abwendung von dem,
+was man plötzlich „die braune Sauce“ nannte und was, wie wir sahen, in
+den Bildern der großen Meister das eigentlich metaphysische Fluidum
+war. Auf ihm baute sich die Malkultur der Schulen, vor allem der
+niederländischen auf, die im Rokoko rettungslos dahinschwand. Dies
+Braun, das Symbol räumlicher Unendlichkeit, das für den faustischen
+Menschen aus dem Gemälde ein seelenhaftes Etwas schuf, empfand man
+plötzlich als Unnatur. Was war geschehen? Beweist das Faktum nicht,
+daß eben die +Seele+ sich fortgestohlen hatte, für welche diese
+verklärte Farbe etwas Religiöses, ein Zeichen der Sehnsucht, der
+ganze Sinn einer lebendigen Natur gewesen war? Der Materialismus der
+westeuropäischen Weltstädte blies in die Asche und rief diese seltsame
+und kurze Nachblüte von zwei Malergenerationen hervor -- denn mit
+der Generation Manets war alles schon wieder zu Ende. Ich hatte das
+erhabene Grün Grünewalds, Lorrains, Giorgiones als die katholische
+Farbe des Raumes bezeichnet und das transzendente Braun Rembrandts
+als die Farbe des protestantischen Weltgefühls. Das Freilicht, das
+jetzt eine neue Farbenskala entfaltet, bezeichnet demgegenüber den
+Atheismus.[90] Der Impressionismus ist aus den Sphären Beethovenscher
+Musik und Kantischer Sternenräume auf die Erdoberfläche zurückgekehrt.
+Dieser Raum ist ein intellektuelles, kein seelisches Faktum; er ist
+erkannt, errechnet, nicht erlebt; es ist das mechanische Objekt
+der Physik und nicht die gefühlte Welt der pastoralen Musik, was
+Courbet und Manet in ihre Landschaften bringen. Was Rousseau mit
+tragisch treffendem Ausdruck als Rückkehr zur Natur prophezeit hatte,
+vollzieht sich in dieser sterbenden Kunst. So kehrt ein Greis von
+Tag zu Tag „zur Natur zurück“. Der neue Künstler ist Arbeiter, nicht
+Schöpfer. Man stellt ungebrochene Spektralfarben nebeneinander. Die
+feine Handschrift, der Tanz des Pinselstriches macht mechanischen
+Gewohnheiten Platz: Punkte, Quadrate, breite anorganische Massen
+werden aufgetragen, vermengt, verbreitet. Neben dem breiten, flachen
+Pinsel erscheint der Spachtel als Werkzeug. Der Ölgrund der Leinwand
+wird in die Wirkung einbezogen und bleibt stellenweise frei. Eine
+gefährliche Kunst, peinlich, kalt, krank, für überfeinerte Nerven,
+aber wissenschaftlich bis zum äußersten, energisch in allem, was die
+Bewältigung technischer Widerstände angeht, programmatisch zugespitzt;
+es ist das Satyrspiel zur großen Ölmalerei von Lionardo bis Rembrandt.
+Sie konnte nur in dem Paris Baudelaires zu Hause sein. Corots silberne
+Landschaften in ihren grüngrauen und braunen Tönen träumten noch von
+dem +Seelischen+ der alten Meister. Courbet und Manet eroberten
+den kahlen physikalischen Raum, den Raum als „Tatsache“. Der versonnene
+Entdecker Lionardo macht dem malenden Experimentator Platz. Corot,
+das ewige Kind, Franzose, nicht Pariser, fand seine Landschaften
+überall. Er hat noch einmal, im romantischen Sinne, etwas von der
+kontrapunktischen Kunst altholländischer Gemälde verwirklicht, so wie
+Novalis in seinen Marienliedern noch einmal das altprotestantische
+Kirchenlied erweckte. Aber Th. Rousseau, Courbet, Manet, Cézanne
+porträtieren ein und dieselbe Landschaft immer wieder, peinlich,
+mühsam, arm an Seele, den Wald von Fontainebleau oder die Seineufer
+bei Argenteuil oder jenes merkwürdige Tal bei Arles. Rembrandts
+mächtige Landschaften liegen durchaus im Weltraume, die Manets in
+der Nähe einer Bahnstation. Die Freilichtmaler, echte Großstädter,
+nahmen von den kühlsten Spaniern und Holländern, Velasquez, Goya,
+Hobbema und Franz Hals, die Musik des Raumes, um sie -- mit Hilfe der
+englischen Landschafter und später der Japaner, intellektueller und
+hochzivilisierter Köpfe, -- ins Empirische und Naturwissenschaftliche
+zu übersetzen. Das ist eine planmäßige Synthese, die sich vollkommen
+auf der Ebene der elementaren Form hält und die innere Gestalt, die
+Form der Seele aus dem Spiele läßt. Constable hat auf die Schule von
+Barbizon ebenso gewirkt wie Locke auf Voltaire. Um jenes Wort Goethes
+noch einmal zu gebrauchen: Rembrandt schaute, Manet sah die Natur an.
+Es ist der Unterschied von Naturerlebnis und Naturwissenschaft, von
+Herz und Kopf, von Glauben und Wissen.
+
+Anders in Deutschland. In Frankreich war eine große Malerei
+abzuschließen, hier war sie nachzuholen. Denn der malerische Stil um
+1860 setzt, als Schlußakt, alle Glieder der Entwicklung voraus; sie
+liegen dem Technischen zugrunde und wo auch eine Schule diesen neuen
+Stil, den der großstädtischen Zivilisation, pflegen will, bedarf sie
+einer geschlossenen inneren Tradition. Hierin beruht die Schwäche
+und Stärke der letzten deutschen Malerei. Die Franzosen besaßen eine
+eigne Überlieferung vom frühen Barock bis auf Chardin und Corot
+herab. Zwischen Lorrain und Corot, Rubens und Delacroix besteht
+ein lebendiger Zusammenhang. Aber alle großen Deutschen waren, als
+Künstler, Musiker geworden. Wenn die deutschen Maler jetzt nach Paris
+gingen, so taten sie dasselbe wie alle Komponisten andrer Länder,
+wenn sie Bach, Haydn, Mozart und Beethoven studierten. Sie nahmen
+von außen, was ihnen an innerer Tradition fehlte. Aber indem sie,
+wie Manet und die Maler seines Kreises, auch die alten Meister von
+1670 studierten und kopierten, empfingen sie ganz neue, ganz andre
+Wirkungen, während die Franzosen nur Erinnerungen an etwas fühlten,
+das längst in ihre Kunst eingegangen war. Und so ist die deutsche
+bildende Kunst außerhalb der Musik -- seit 1800 -- eine verspätete
+Erscheinung, hastig, ängstlich, verworren, um Mittel und Ziel verlegen.
+Es war keine Zeit zu verlieren. Was die deutsche Musik und die
+französische Malerei in Jahrhunderten geworden waren, sollte durch
+eine oder zwei Malergenerationen eingeholt werden. Die erlöschende
+Kunst drängte nach der letzten, weltstädtischen Fassung, die ein
+traumhaftes Durchfliegen der ganzen Vergangenheit notwendig machte. So
+erscheinen hier wunderlich faustische Naturen, wie Marées und Böcklin,
+von einer Ungewißheit in allem Formalen, die in unsrer Musik mit ihrer
+sicheren Tradition -- man denke an Bruckner -- ganz unmöglich war.
+Die programmatisch klare und innerlich um so ärmere Kunst der großen
+französischen Impressionisten -- Manet, Monet, Degas, Pissarro, Renoir
+-- kennt diese Tragik ebensowenig. Das gleiche gilt von der deutschen
+Literatur, die zur Goethezeit in jedem großen Werk etwas begründen
+wollte +und+ etwas abschließen mußte. Wie die Maler nach Paris
+gingen, so die Dichter nach dem London der elisabethanischen Zeit. Wie
+Kleist Shakespeare und Stendhal +zugleich+ in sich fühlte und
+mit verzweifeltem Bemühen, in ewigem Ungenügen ändernd und zerstörend
+zweihundert Jahre psychologischer Kunst zur Einheit schmieden wollte,
+wie Hebbel die Problematik von Hamlet bis Rosmersholm in +einen+
+dramatischen Typus preßte, so haben Menzel, Leibl, Marées die alten und
+neuen Vorbilder: Rembrandt, Lorrain, van Goyen, Watteau, Delacroix,
+Courbet und Manet in eine einzige Form zu drängen versucht. Während
+die kleinen frühen Interieurs von Menzel die besten Tatsachen des
+Manetkreises vorwegnehmen und Leibl manches ausführt, woran Courbet
+scheiterte, ist andrerseits in ihren Bildern das metaphysische Braun
+und Grün der alten Meister noch der volle Ausdruck eines inneren
+Erlebnisses. Menzel hat +wirklich+ ein Stück preußisches Rokoko,
+Marées etwas von Rubens, Leibl in seinem Bild der Frau Gedon etwas von
+Rembrandts Porträtkunst nacherlebt und wiedergeweckt. Das Atelierbraun
+des 17. Jahrhunderts hatte eine Kunst von höchstem faustischem
+Gehalt zur Seite gehabt, die Radierung. Rembrandt ist in beidem der
+erste Meister aller Zeiten gewesen. Auch die Radierung hat etwas
+Protestantisches und sie liegt den südlicheren, katholischen Malern der
+grünblauen Atmosphäre und der Gobelins nicht. Leibl war, wie der letzte
+Braunmaler, so auch der letzte große Radierer, dessen Blätter von jener
+rembrandthaften Unendlichkeit sind, die den Betrachter immer wieder
+neue Geheimnisse entdecken läßt. Marées endlich besaß die mächtige
+Intuition des großen Barockstils, die Guéricault und Daumier noch eben
+in eine geschlossene Form bannen konnten, die sich aber in seinem
+Falle, eben +ohne+ die Stärke der westlichen Tradition, nicht in
+die Welt der malerischen Erscheinung zwingen ließ.
+
+
+19
+
+Im Tristan stirbt die letzte der faustischen Künste. Dies Werk ist der
+riesenhafte Schlußstein der abendländischen Musik. Die Malerei hat es
+nicht zu einem so mächtigen Finale gebracht. Manet und Leibl, in deren
+Freiheitsstudien die Ölmalerei alten Stils noch einmal wie aus dem
+Grabe hervorkommt, wirken klein dagegen.
+
+Die apollinische Kunst ging mit der pergamenischen Plastik zu
+Ende. +Pergamon ist das Seitenstück von Bayreuth.+ In der
+Illusionsmalerei der asiatischen und sikyonischen Schule erscheint
+daneben ebenfalls eine malerische Episode, die der von Barbizon und
+dem Kreise Manets durchaus entspricht. Die strenge Vierfarbentechnik
+Polygnots mit ihrer Vermeidung von Licht und Schatten wurde damals
+aus demselben metaphysischen Grunde aufgelöst wie jetzt das Braun der
+niederländischen Malerei. Es gibt von Eupompos Aussprüche, die auch
+in Paris möglich gewesen wären. Dieselben Skandale, welche das 19.
+Jahrhundert im Leben Manets, Cézannes und manches andern verzeichnet,
+wurden auch von diesen revolutionären Malern in Athen erregt. Plato hat
+sie streng getadelt.
+
+Die pergamenische Kunst entspricht der Musik von Berlioz, Liszt und
+Wagner. Der berühmte Altar von Pergamon selbst ist ein späteres und
+vielleicht nicht das bedeutendste Werk der Gattung. Man muß (etwa
+330-220) eine lange, verschollene Entwicklung voraussetzen. Aber alles,
+was Nietzsche gegen Wagner und Bayreuth, den Ring und den Parsifal
+vorbrachte, läßt sich, unter Gebrauch ganz derselben Ausdrücke wie
+Decadence und Schauspielerei, auf diese Plastik anwenden, von der
+uns im Gigantenfries des großen Altars -- auch einem „Ring“ -- ein
+Meisterwerk erhalten ist. Dieselbe Theatralik, dieselbe Anlehnung an
+alte, mythische, nicht mehr geglaubte Motive, dieselbe rücksichtslose
+Massenwirkung auf die Nerven, aber auch dieselbe sehr bewußte Wucht,
+Größe, Erhabenheit, die dennoch einen Mangel an innerer Kraft nicht
+ganz zu verbergen weiß. Das ältere Vorbild des Laokoon stammte
+sicherlich aus diesem Kreise. Man könnte sich einen Philosophen, aus
+der Nähe Epikurs, denken, der in attischen Aphorismen gegen diese
+Kunst im Namen der alten, echten Plastik Polyklets loszog. Hier stand
+Nietzsche ganz nahe vor der Lösung des Problems, das seine eigentliche
+Bestimmung zu sein schien, des Problems der Zivilisation. Der „Fall
+Wagner“ war auch der Fall der damaligen antiken Plastik, der einer
+jeden Kunst, welche die vollendete Kultur repräsentiert und mit dem
+Übergang zur Zivilisation stirbt. Er gebrauchte das Wort Decadence.
+Dasselbe, nur umfassender, nur von dem heute vorliegenden Fall zu
+einem allgemein historischen Typus von Epoche erweitert und aus der
+Vogelperspektive einer Philosophie des Werdens betrachtet, bedeutet in
+diesem Buche das Wort Untergang des Abendlandes.
+
+Was die sinkende Gestaltungskraft kennzeichnet, ist das Form- und
+Maßlose, dessen der Künstler bedarf, um noch etwas Rundes und Ganzes
+hervorzubringen. Maßlos, überschwellend, subjektiv, das heißt hier
+die Kultur, die strenge Konvention von Jahrhunderten zerbrechend. Es
+war die überpersönliche Regel, die absolute Mathematik der Form, das
++Schicksal+ einer Form, hier wie dort, was man nicht mehr ertrug.
+Lysipp steht darin hinter Polyklet und die Schöpfer der Galliergruppen
+hinter Lysipp zurück. Das entspricht dem Wege von Bach über Beethoven
+zu Wagner. Die frühen Künstler fühlen sich als Meister der großen Form,
+die späten als deren Sklaven. Was Praxiteles und Haydn innerhalb der
+strengsten Konvention in vollkommener Freiheit und Heiterkeit zu sagen
+vermochten, brachten Lysipp und Beethoven nur unter Vergewaltigungen
+zustande. Das Zeichen aller lebendigen Kunst, die reine Harmonie
+zwischen Wollen, Müssen und Können, das Selbstverständliche des
+Ziels, das Unbewußte in der Verwirklichung, die Einheit von Kunst und
+Kultur, alles das ist vorüber. Noch Corot und Tiepolo, noch Mozart und
+Cimarosa konnten, was sie wollten, was sie wollen mußten. Freiheit
+und Notwendigkeit waren identisch. In der Zeit Rembrandts und Bachs
+ist das uns allzubekannte Phänomen: „an seiner Aufgabe zu scheitern“,
+gar nicht denkbar. Das Schicksal der Form lag in der Rasse, in der
+Epoche, nicht in privaten Tendenzen des Einzelnen. In der Sphäre einer
+großen Tradition gelingt selbst dem kleinen Künstler das Vollkommene,
+weil die lebendige Kunst ihn und die Aufgabe zusammenführt. Heute
+müssen diese Künstler wollen, was sie nicht mehr können, und dort mit
+dem Kunstverstand arbeiten, rechnen, kombinieren, wo der Instinkt
+erloschen ist. Das haben sie alle erlebt. Marées ist mit keinem seiner
+großen Pläne fertig geworden. Leibl wagte es nicht, seine letzten
+Bilder aus der Hand zu geben, bis sie unter der endlosen Überarbeitung
+kalt und hart geworden waren. Cézanne und Renoir ließen vieles vom
+Besten unvollendet, weil sie bei aller Kraft und Mühe nicht weiter
+konnten. Manet war erschöpft, als er dreißig Bilder gemalt hatte,
+und trotz der ungeheuren Mühsal, die aus jedem Zuge des Gemäldes
+und der Skizzen spricht, hat er mit seiner „Erschießung des Kaisers
+Maximilian“ kaum erreicht, was Goya in dem Vorbilde, der Erschießung
+des Grafen Pio, mühelos zustande brachte. Bach, Haydn, Mozart und die
+tausend namenlosen Musiker des 18. Jahrhunderts konnten in schnell
+hingeworfenen Augenblickskompositionen Vollkommenstes leisten. Wagner
+wußte, daß er nur dort die Höhe erreichte, wo er seine ganze Energie
+zusammennahm und aufs peinlichste die besten Augenblicke seiner
+künstlerischen Begabung ausnützte.
+
+Zwischen Wagner und Manet besteht eine tiefe Verwandtschaft, die
+wenigen fühlbar sein wird, die aber ein Kenner alles Dekadenten wie
+Baudelaire schon früh herausfand. Aus farbigen Strichen und Flecken
+eine Welt im Raume hervorzuzaubern, das war die letzte, sublimste
+Kunst der Impressionisten. Wagner leistet das mit drei Takten, in
+denen sich eine ganze Welt von Seele zusammendrängt. Die Farben
+der sternhellen Mitternacht, der ziehenden Wolken, des Herbstes,
+der schaurig-wehmütigen Morgenfrühe, überraschende Blicke auf
+sonnenbelichtete Fernen, die Weltangst, das nahe Verhängnis, das
+Verzagen, das verzweifelte Durchbrechen, die jähe Hoffnung, Momente,
+die vorher kein Musiker für erreichbar gehalten hätte, malt er in
+vollkommener Deutlichkeit mit ein paar Tönen eines Motivs. Hier ist der
+äußerste Gegensatz zur griechischen Plastik erreicht. Alles versinkt
+in körperlose Unendlichkeit; selbst eine linienhafte Melodie ringt
+sich nicht mehr aus den vagen Tonmassen los, die in seltsamem Wogen
+einen imaginären Raum heraufrufen. Das Motiv taucht aus dunkler und
+furchtbarer Tiefe auf, flüchtig von einem grellen Licht überstrahlt;
+plötzlich steht es in schrecklicher Nähe; es lächelt, es schmeichelt,
+es droht; bald ist es im Reiche der Streichinstrumente verschwunden,
+bald nähert es sich wieder aus endlosen Fernen, von einer einzelnen
+Oboe leise variiert, mit einer immer neuen Fülle seelischer Farben.
+Der Kenner der Funktionentheorie wird in diesen Tonräumen etwas
+Verwandtes mit seinen Zahlenmannigfaltigkeiten finden, in denen Gruppen
+transzendenter Gebilde Verwandlungen erleiden, welche die Invarianz
+gewisser Formelemente hervortreten lassen.
+
+Wagner löst die Melodie auf wie Manet und sein Kreis die Grenzen
+der sichtbaren Gegenstände oder, um es von einer andern Seite,
+psychologisch, zu nehmen, sie wurden ohne das Talent dazu geboren,
+weil Zeichnung und Melodie, Reste des Körperhaften, von der Symbolik
+der Zeit nicht mehr ertragen wurden. Sie arbeiten beide mit Details,
+die für das Auge und Ohr von Décadents, um in Nietzsches Sprechweise
+zu bleiben, wundervoll sind, antieuklidisch bis zum äußersten, mit
+kleinen Motiven und Farbenspielen, deren Sättigung mit einem ganz
+subjektiven, eminent physiognomischen Gehalt vorher niemand für möglich
+gehalten hätte; sie sind beide, neben Beethoven und Delacroix, brutal,
+barbarisch, und verdienen den Namen des Malers und Musikers nicht,
+wenn man von ihnen ein Gemälde oder eine Komposition strengen Stils
+erwartet. Aber worin sie Meisterschaft besitzen und was für uns der
+letzte Genuß und der höchste Reiz innerhalb dieser Formenwelten bleibt,
+ist das +Charakteristische+ in Ton, Klang und Farbe. Alles, was
+Nietzsche von Wagner gesagt hat, gilt auch von Manet. Man muß nur die
+Beziehung verstehen. Scheinbar eine Rückkehr zum Elementarischen, zur
+Natur gegenüber der Inhaltsmalerei und der absoluten Musik, bedeutet
+ihre Kunst ein Nachgeben vor der Barbarei der großen Städte, der
+beginnenden Auflösung, wie sie sich im Sinnlichen in einem Gemisch
+von Brutalität und Raffinement äußert, einen Schritt, der notwendig
+der letzte sein mußte. Eine künstliche Kunst ist keiner organischen
+Fortentwicklung fähig. Sie bezeichnet das Ende.
+
+Daraus folgt -- ein bitteres Eingeständnis --, daß es mit der
+abendländischen bildenden Kunst unwiderruflich zu Ende ist. Die Krisis
+des 19. Jahrhunderts war der Todeskampf. Die faustische Kunst stirbt,
+wie die antike, die ägyptische, wie jede andere an Altersschwäche,
+nachdem sie ihre innern Möglichkeiten verwirklicht, nachdem sie im
+Lebenslauf ihrer Kultur ihre Bestimmung erfüllt hat.
+
+Was heute als Kunst betrieben wird, ist Ohnmacht und Lüge, die Musik
+nach Wagner so gut wie die Malerei nach Manet, Cézanne, Leibl und
+Menzel.
+
+Man suche doch die großen Persönlichkeiten, welche die Behauptung,
+daß es noch eine Kunst von schicksalhafter Notwendigkeit gebe,
+rechtfertigen. Man suche nach der +selbstverständlichen und
+notwendigen+ Aufgabe, die auf sie wartet. Man gehe durch alle
+Ausstellungen, Konzerte, Theater und man wird nur betriebsame Macher
+und lärmende Narren finden, die sich darin gefallen, etwas -- innerlich
+längst als überflüssig Empfundenes -- für den Markt herzurichten.
+Auf was für einem Niveau steht heute alles, was Kunst und Künstler
+heißt! In der Generalversammlung irgendeiner Aktiengesellschaft oder
+unter den Ingenieuren der erstbesten Maschinenfabrik wird man mehr
+Intelligenz, Geschmack, Charakter und Können bemerken als in der
+gesamten Malerei und Musik des gegenwärtigen Europa. Es hat immer
+auf einen großen Künstler hundert überflüssige gegeben, die Kunst
+machten. Aber solange es eine große Konvention und +also+ eine
+echte Kunst gab, machten auch sie etwas Tüchtiges. Man konnte diesen
+Hundert ihre Existenz verzeihen, weil sie schließlich, im +Ganzen+
+der Tradition, der Boden waren, der den einen trug. Aber heute sind
+nur diese -- Zehntausend am Werke, „um zu leben“ -- wovon man die
+Notwendigkeit nicht einsieht -- und so viel ist gewiß: man könnte
+heute alle Kunstanstalten schließen, ohne daß die +Kunst+ davon
+irgendwie berührt würde. Wir dürfen uns nur in das Alexandria des
+Jahres 200 -- als die Römer nach Mazedonien kamen -- versetzen, um den
+Kunstlärm kennen zu lernen, mit dem eine weltstädtische Zivilisation
+sich über den Tod ihrer Kunst zu täuschen versteht. Dort, wie heute
+in den Weltstädten Westeuropas, eine Jagd nach den Illusionen der
+künstlerischen Fortentwicklung, der persönlichen Eigenart, des „neuen
+Stils“, der „ungeahnten Möglichkeiten“, ein theoretisches Geschwätz,
+eine anspruchsvolle Haltung tonangebender Künstler wie die von
+Akrobaten, die mit Zentnergewichten von Pappe hantieren („hodlern“),
+der Literat statt des Dichters, die Malerei als Kunstgewerbe. Auch
+Alexandria hatte seine Problemdramatiker, die man Sophokles vorzog, und
+seine Maler, die neue Richtungen erfanden und ihr Publikum verblüfften.
+Was besitzen wir heute unter dem Namen „Kunst“? Eine erlogene Musik
+voll von künstlichem Lärm massenhafter Instrumente, eine erlogene
+Malerei voller idiotischer, exotischer und Plakateffekte, eine erlogene
+Architektur, die auf dem Formenschatz vergangener Jahrtausende alle
+zehn Jahre einen neuen Stil „begründet“, in dessen Zeichen jeder
+tut, was er will, eine erlogene Plastik, die Assyrien, Ägypten und
+Mexiko bestiehlt. Und trotzdem kommt dies allein, der Geschmack von
+Weltleuten, als Ausdruck und Zeichen der Zeit in Betracht. Alles
+übrige, das demgegenüber an den alten Idealen „festhält“, ist eine
+bloße Angelegenheit von Provinzialen.
+
+Die antike und ägyptische Zivilisation können uns über die letzten
+Phasen unterrichten. Die chronologischen Stufen sind folgende:
+
+ Abendland Antike Ägypten
+
+ I. +Stadium der Zivilisation+.
+
+ 1800-2000 350-150 1780-1580
+ „Europ. Zivilisation“ Hellenismus Hyksoszeit
+
+ II. +Stadium+.
+
+ 150 v.–100 n. Chr. 1580-1350
+ Von den Gracchen bis Nerva 18. Dynastie
+ (Cäsar) (Thutmosis III.)
+
+ III. +Stadium+.
+
+ 100-300 1350-1205
+ Von Trajan bis Konstantin 19. Dynastie
+ (Trajan, Hadrian) (Sethos I., Ramses II.)
+
+Das überpersönliche Formgefühl, das Gefühl für den religiösen Sinn
+der absoluten Form ist längst zu Ende. Der heimliche Alexandrinismus
+der gesamten Kunst des 19. Jahrhunderts unterliegt keinem Zweifel.
+Statt der lebendigen Kunst wird ihre Mumie, ihre Hinterlassenschaft an
+fertigen Formen verwertet, gemengt, vollkommen anorganisch kombiniert.
+Jede Modernität hält Abwechslung für Entwicklung. Die Wiederbelebungen
+und Verschmelzungen alter Stile treten an die Stelle wirklichen
+Werdens. Auch Alexandria hatte seine präraffaelitischen Hanswurste mit
+Vasen, Stühlen, Bildern und Theorien, seine Symbolisten, Naturalisten
+und Expressionisten. In Rom gibt man sich bald gräkoasiatisch,
+bald gräkoägyptisch, bald archaisch, bald -- nach Praxiteles --
+neuattisch. Das Relief der 19. Dynastie, der ägyptischen Modernität,
+das massenhaft, sinnlos, anorganisch Wände, Statue, Säulen überzieht,
+wirkt wie eine Parodie auf die tiefe Kunst des Alten Reiches. Man
+muß für diese Modernität in Luxor und Karnak nur Augen haben.
+Der ptolemäische Horustempel in Edfu endlich ist in der Leerheit
+willkürlich gehäufter Formen nicht mehr zu überbieten. Das ist der
+prahlerische und aufdringliche Stil[91] unsrer Straßen, monumentalen
+Plätze und Ausstellungen, obwohl wir uns erst am Anfang dieser
+Entwicklung befinden. Das Massenhafte muß die Tiefe, die riesenhaften
+Dimensionen die Innerlichkeit der Form ersetzen. Darin entspricht der
+Tempel Sethos I. in Abydos durchaus dem Forum Trajans. Die Ruinen von
+Luxor und Karnak, wo vor allem Ramses II. baute, bedeuten für das Ende
+des ägyptischen Formgefühls, das Ende der ägyptischen Seele genau
+das, was die Trümmer des Palatin und der Kaiserfora, das Kolosseum
+nicht zu vergessen, für das vollkommene Erlöschen der antiken Seele.
+Welche Roheit im Detail! Welche Verschwendung von unverstandenen
+Motiven! Was für Kapitäle! Was für sinnlose Verschmelzungen strenger
+alter, bedeutungsschwerer Ornamente, welche die Seele längst
+vergangener Zeiten symbolisieren und hier plump, negerhaft, „vornehm“,
+„geschmackvoll“ dekorativen Absichten geopfert werden!
+
+Endlich erlischt selbst die Kraft, etwas anderes auch nur zu wollen.
+Schon der große Ramses eignete sich Bauten seiner Vorgänger an, indem
+er in Inschriften und Reliefszenen die Namen ausmeißeln und durch den
+eigenen ersetzen ließ. Es ist dasselbe Eingeständnis künstlerischer
+Ohnmacht, das Konstantin veranlaßte, seinen Triumphbogen in Rom mit
+Skulpturen zu schmücken, die von andern Bauwerken abgenommen waren.
+Viel früher, seit 150 v. Chr., beginnt im Bereich der antiken Kunst
+die Technik der Kopien nach hellenischen Meisterwerken, nicht, weil
+man diese noch irgend verstanden hätte, sondern weil man nicht
+einmal mehr unbedeutende Originale selbständig hervorzubringen
+verstand. Denn man bemerke wohl: diese Kopisten waren +die
+Künstler+ der Zeit. Ihre Arbeiten bezeichnen das Maximum der damals
+vorhandenen Gestaltungskraft. In diesen Nachahmungen erschöpft sich
+die Ausdrucksfähigkeit spätrömischer Zeiten. Sämtliche römischen
+Bildnisstatuen, ob männlich oder weiblich, gehen nicht auf die Natur,
+sondern auf eine ganz kleine Zahl hellenischer Werke zurück, die für
+den Torso mehr oder weniger frei kopiert werden, während der Kopf eine
+virtuose, nichts weniger als tiefe Behandlung in naturalistischem,
+beinahe photographischem Sinne erfährt. Man gestattete sich, je nach
+der augenblicklichen Stilrichtung Haartracht, Kleidung und Stellung
+des Vorbildes zu ändern -- soweit ging das „schöpferische Genie“. Die
+berühmte Panzerstatue des Augustus z. B. ist nach dem Doryphoros des
+Polyklet gearbeitet, während ihre Geste schon auf einer in Arkadien
+gefundenen Ehrensäule des Polybius vorhanden ist. So etwa verhält
+sich -- um die ersten Vorzeichen des entsprechenden Stadiums im
+Abendlande zu nennen -- Lenbach zu Rembrandt und Makart zu Rubens.
+1500 Jahre lang, von Ahmose I. bis auf Kleopatra herab, hat der tote
+Ägyptizismus in derselben Weise Bildwerke auf Bildwerke gehäuft. Es
+war, wie wir heute endlich begreifen lernen, ein am Oberflächlichsten
+haftendes Nachahmen des Alten. An Stelle des Stils war der wechselnde
+Modegeschmack für die Wiederbelebung bald dieser, bald jener alten
+Stilphase getreten. Die erdrückende Masse des so Entstandenen, das
+man bisher vom Echten und Alten nicht zu unterscheiden wußte, ist
+die Ursache der monotonen Gesamtwirkung der ägyptischen Kunst. In
+beiden Fällen, die sich noch durch die Beispiele der indischen und
+chinesischen Kunst erweitern ließen, haben wir ein Bild der eigenen
+Zukunft, der wir unweigerlich entgegengehen.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 81: Man braucht da nur griechische Künstler neben Rubens und
+Rabelais zu stellen.]
+
+[Footnote 82: Von dem eine seiner Geliebten klagte, _qu’il puait
+comme une charogne_. Übrigens haben gerade Musiker immer im Rufe der
+Unreinlichkeit gestanden.]
+
+[Footnote 83: Der Apollo mit der Kithara in München wurde von
+Winckelmann und seiner Zeit als Muse bewundert und gepriesen. Ein
+Athenakopf nach Phidias in Bologna galt noch vor kurzem als der eines
+Feldherrn. In einer physiognomischen Kunst wie der des Barocks wären
+solche Irrungen völlig unmöglich.]
+
+[Footnote 84: Und umgekehrt empfindet der höhere Mensch des Abendlandes
+eine gemalte Begattungsszene wie bei Correggio als flach und würdelos.]
+
+[Footnote 85: Nichts kann das Absterben der abendländischen Kunst seit
+der Mitte des 19. Jahrhunderts deutlicher kennzeichnen als die alberne,
+massenhafte Aktmalerei; der tiefere Sinn des Aktstudiums und der
+Bedeutung des Motivs ist vollkommen verloren gegangen.]
+
+[Footnote 86: Rubens und unter den Neueren vor allem Böcklin und
+Feuerbach verlieren, Goya, Daumier, in Deutschland vor allem Oldach,
+Wasmann, Rayski und viele andre fast vergessene Künstler aus dem Anfang
+des 19. Jahrhunderts gewinnen dabei. Marées tritt in die Reihe der
+allergrößten.]
+
+[Footnote 87: Es ist dieselbe „edle Einfalt und stille Größe“, um mit
+deutschen Klassizisten zu reden, welche auch die romanischen Bauten
+von Hildesheim, Gernrode, Paulinzella, Hersfeld so antikisch wirken
+läßt. Gerade die Klosterruine von Paulinzella besitzt viel von dem,
+was Brunellesco in seinen Palasthöfen erst erreichen wollte. Aber das
+schöpferische Grundgefühl, das diese Bauten herausbildete, haben wir
+erst in unsre Vorstellung von antikem Sein übertragen und nicht etwa
+von dort erhalten. Ein +unendlicher+ Friede, eine +Weite+ des
+Gefühls der Ruhe in Gott, wie sie alles Florentinische auszeichnet,
+soweit es nicht den gotischen Trotz Verrocchios hervorkehrt, ist in
+keiner Weise mit der σωφροσύνη Athens verwandt.]
+
+[Footnote 88: Man hat nie darauf geachtet, wie trivial das Verhältnis
+der wenigen Bildhauer nach ihm zum Marmor blieb. Man fühlt es
+erst, wenn man das tiefinnerliche Verhältnis großer Musiker zu
+ihren Lieblingsinstrumenten damit vergleicht. Ich erinnere an die
+Geschichte von Tartinis Geige, die beim Tode des Meisters zerspringt.
+Es gibt hundert ähnliche. Sie sind das faustische Gegenstück zum
+Pygmalionmythus. Es sei auch auf Hoffmanns geniale Gestalt des
+Kapellmeisters Kreisler aufmerksam gemacht, die ebenbürtig neben Faust,
+Werther und Don Juan steht. Um ihren symbolischen Rang und ihre innere
+Notwendigkeit zu fühlen, vergleiche man sie mit den theatralischen
+Malergestalten der gleichzeitigen Romantiker, die zur Idee der Malerei
+in keinerlei Beziehung stehen. Ein Maler +kann gar nicht+, und das
+spricht das Urteil über die Künstlerromane des 19. Jahrhunderts, das
+Schicksal der faustischen Kunst repräsentieren.]
+
+[Footnote 89: In Renaissancewerken wirkt das Allzufertige oft genug
+peinlich. Wir fühlen da einen Mangel an „Unendlichkeit“. Es gibt in
+ihnen keine Geheimnisse und Entdeckungen.]
+
+[Footnote 90: Es ist deshalb ganz unmöglich, vom Freilichtprinzip aus
+zu einer echt religiösen Malerei zu kommen. Das in dieser Malerei
+liegende Weltgefühl ist bis zu dem Grade irreligiös und nur für eine
+„Vernunftreligion“ gültig, daß jeder der zahlreichen, ehrlich gemeinten
+Versuche hohl und unwahr wirkt (Uhde, Puvis de Chavannes). Ein einziges
+Freilichtbild „verweltlicht“ sofort das Innere einer Kirche.]
+
+[Footnote 91: Eine besonders aufdringliche Art ist das Prunken mit
+Schlichtheit im neuesten deutschen Stil.]
+
+
+
+
+FÜNFTES KAPITEL
+
+SEELENBILD UND LEBENSGEFÜHL
+
+
+
+
+I
+
+ZUR FORM DER SEELE
+
+
+1
+
+Jeder Philosoph von Beruf ist gezwungen, ohne ernstliche Nachprüfung
+an das Dasein eines Objekts zu glauben, das sich in seinem Sinne
+verstandesmäßig behandeln läßt. Denn seine ganze geistige Existenz
+hängt von dieser Möglichkeit ab. Es gibt deshalb für jeden noch
+so skeptischen Logiker und Psychologen einen Punkt, wo die Kritik
+schweigt und der Glaube beginnt, wo selbst der strengste Analytiker
+aufhört, seine Methode -- gegen sich selbst nämlich und auf die
+Frage der Lösbarkeit, selbst des Vorhandenseins seiner Aufgabe --
+anzuwenden. Den Satz: Es ist möglich, durch das Denken die Formen des
+Denkens festzustellen, hat Kant nicht bezweifelt, so zweifelhaft er
+dem Nichtphilosophen erscheinen mag. Den Satz: Es gibt eine Seele,
+deren Struktur wissenschaftlich zerlegbar ist; was ich durch kritische
+Beobachtung meiner bewußten Daseinsakte in Gestalt von psychischen
+Elementen, Funktionen, Komplexen isoliere, das +ist+ meine Seele
+-- hat noch kein Psychologe bezweifelt. Gleichwohl hätten die stärksten
+Zweifel sich hier einstellen sollen. Ist eine abstrakte Wissenschaft
+vom Seelischen überhaupt möglich? Ist, was man auf diesem Wege findet,
+identisch mit dem, was man sucht? Warum ist alle Psychologie, nicht
+als Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, sondern als Wissenschaft
+genommen, von jeher die flachste und wertloseste der philosophischen
+Disziplinen geblieben, in ihrer jämmerlichen Leerheit ausschließlich
+der Jagdgrund mittelmäßiger Köpfe und unfruchtbarer Systematiker?
+Der Grund ist leicht zu finden. Die empirische Psychologie hat das
+Unglück, nicht einmal ein Objekt im Sinne wissenschaftlicher Technik
+zu besitzen. Ihr Suchen und Überwinden von Problemen ist ein Kampf
+mit Schatten und Gespenstern. Was ist das -- Seele? Könnte der
+bloße Verstand eine Antwort geben, so wäre die Wissenschaft bereits
+überflüssig.
+
+Keiner der tausend Psychologen unsrer Tage hat eine wirkliche Analyse
+oder Definition der Phänomene des Willens, der Reue, der Angst, der
+Eifersucht, der Laune, der künstlerischen Intuition geben können.
+Natürlich nicht, denn man definiert nur optisch-räumliche Einheiten und
+man unterscheidet nur Begriffe. Alle Feinheiten des geistigen Spiels
+mit begrifflichen Distinktionen, alle vermeintlichen Beobachtungen
+vom Zusammenhang sinnlich-körperlicher Befunde mit „innern Vorgängen“
+berühren aber nichts von dem, was hier in Frage steht. Wille -- das ist
+gar kein Begriff, sondern ein Name, ein Urwort wie Gott, ein Zeichen
+für etwas, dessen wir innerlich unmittelbar gewiß sind, ohne es jemals
+beschreiben zu können. Wir sind uns doch darüber klar -- oder sollten
+es sein --, daß Seele mit Raum, Gegenstand, Distanz, Zahl, Grenze,
+Kausalität und also auch mit Begriff und System nichts zu tun hat.
+
+Dasjenige, was hier gemeint ist, bleibt dem taghellen Geiste, dem
+Verstande, der empirischen Tatsachenforschung für immer unzugänglich.
+Nicht umsonst warnt jede Sprache mit ihren tausendfach sich
+verwirrenden Bezeichnungen davor, Seelisches theoretisch zergliedern,
+es systematisch ordnen zu wollen. Hier ist nichts zu ordnen. Logische
+Methoden sind Raumdinge. Wirklichkeiten sind nicht mehr Möglichkeiten.
+Eher ließe sich ein Thema von Beethoven mit Seziermesser oder Säure
+zerlegen, als die Seele durch die Mittel des abstrakten Denkens. Von
+der Seele kann nicht einmal sie selbst etwas „wissen“. Alles was sie
+weiß, ist eben, daß sie in diesem Sinne niemals etwas wissen wird.
+Naturerkenntnis und Menschenkenntnis haben in Ziel, Weg und Methode
+nichts gemeinsam. Rembrandt kann denen, die ihm innerlich verwandt
+sind, durch ein Selbstbildnis oder eine Landschaft etwas von seiner
+Seele mitteilen und Goethe gab es ein Gott zu sagen, was er leide. Man
+kann von gewissen Seelenregungen, die völlig unbeschreiblich sind,
+andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie,
+eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von
+Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als
+poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als
+Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie.
+
+Das Wort Seele gibt dem höheren Menschen ein Gefühl seines innern
+Daseins, abgetrennt von allem Wirklichen und Gewordnen, ein sehr
+bestimmtes Gefühl von den geheimsten und eigensten Möglichkeiten
+seines Lebens, seines Schicksals, seiner Geschichte. Es ist in den
+Sprachen aller Kulturen von früh an ein Zeichen, in dem zusammengefaßt
+wird, was +nicht+ Welt ist. Verstandesmäßig aufgefaßt, im
+alltäglich-rationalen Sprachgebrauch, gehört „Seele“ zu den
++Gegenbegriffen+. Der Sinn dieses Wortes ergab sich an einer
+früheren Stelle. Es war gezeigt worden, wie „die Zeit“ aus dem Gefühl
+der Richtung des ewig bewegten Lebens, aus der innern Gewißheit eines
+Schicksals heraus vom reifen Geiste des Kulturmenschen als Gegenbegriff
+konzipiert wurde, +zum Raume nämlich+, als theoretisches Negativ
+zu einer positiven Größe, als Inkarnation dessen, was +nicht
+Ausdehnung+ ist, und daß sämtliche „Eigenschaften“ der Zeit, durch
+deren abstrakte Analyse die Philosophen das Zeitproblem lösen zu
+können glauben, als Umkehrung der Eigenschaften des Baumes im Geiste
+allmählich fixiert und geordnet worden sind. Genau auf demselben Wege
+ist der Seelenbegriff -- der mit dem Seelenbewußtsein des Kindes, des
+Urmenschen, des naiven Menschen noch in späten Zuständen nichts zu
+tun hat -- als Umkehrung und +Negativ des Weltbegriffs+ unter
+Zuhilfenahme der räumlichen Polarität „außen -- innen“ und durch
+entsprechende Umdeutung der Attribute herauskristallisiert.
+
+Der späte, städtische Trieb, +abstrakt zu denken+, alles ohne
+Ausnahme in die Sphäre der „Natur“ des Ausgedehnten, des Begriffs
+also zu ziehen, zwingt zu fortgesetztem Nachdenken auch über das
+Seelische, das +Nicht+-Ausgedehnte, das +Nicht+-Welthafte
+-- und in jedem Moment dieses Nachdenkens taucht vor dem Geiste des
+Kulturmenschen ein Phantom, ein imaginäres Raumgebilde auf im Stile
+seiner Außenwelt, eine ätherische Vision, über deren Charakter als
+einer Fata Morgana er sich täuscht. Er glaubt in ihr die Struktur
+der Seele unmittelbar beobachten zu können. Die Worte, welche stets
+gewählt werden, um derlei „Erkenntnisse“ mitzuteilen, verraten alles.
+Da ist von Funktionen, Gefühlskomplexen, Triebfedern, Prozessen,
+Bewußtseinsschwellen, von Verlauf, Breite, Intensität, Parallelismus
+die Rede. Aber all diese Worte stammen aus der Vorstellungsweise der
+Naturwissenschaft. Das Objekt der Psychologie, mit dem sie die Seele
+in Händen zu haben glaubt, ist in der Tat ein Stück verkappter Physik.
+„Der Wille bezieht sich auf Gegenstände“ -- das ist doch ein Raumbild.
+Bewußtes und Unbewußtes -- da liegt allzu deutlich das Schema von
+überirdisch und unterirdisch zugrunde. In den modernen Theorien des
+Willens wird man die ganze Formensprache der Dynamik finden. Wir reden
+von Willensfunktionen und Denkfunktionen in genau demselben Sinne wie
+von der Funktion einer Maschine. Ein Gefühl analysieren heißt ein
+raumartiges Schattenbild an seiner Stelle mathematisch behandeln, es
+abgrenzen, teilen und messen. Jede Seelenforschung dieses Stils, sie
+mag sich über Gehirnanatomie noch so erhaben dünken, ist voll von
+mechanischen Lokalisationen und bedient sich, ohne es zu wissen, eines
+eingebildeten Koordinatensystems in einem eingebildeten Seelenraum. Der
+Psychologe merkt gar nicht, daß er den Physiker spielt. Kein Wunder,
+daß sein Verfahren mit den albernsten Methoden der experimentellen
+Psychologie so verzweifelt gut übereinstimmt. Gehirnbahnen und
+Assoziationsfasern entsprechen der Vorstellungsweise nach durchaus
+dem optischen Schema: „Willens-“ oder „Gefühlsverlauf“; sie behandeln
+beide verwandte, nämlich +räumliche+ Phantome. Es ist prinzipiell
+kein großer Unterschied, ob ich ein psychisches Vermögen begrifflich
+oder eine entsprechende Region der Großhirnrinde graphisch abgrenze.
+Die wissenschaftliche Psychologie hat ein geschlossenes System von
+optischen Fiktionen herausgearbeitet und bewegt sich mit vollkommener
+Selbstverständlichkeit in ihm. Man prüfe jede einzelne Aussage jedes
+einzelnen Psychologen und man wird nur Variationen dieses Systems im
+Stile der jeweiligen Außenwelt finden.
+
+Das klare Denken setzt den Geist einer Kultursprache als Medium voraus,
+die, vom Seelentum einer Kultur als Teil und Träger ihres Ausdrucks
+geschaffen,[92] nun die logische Sphäre bildet, innerhalb deren die
+abstrakten Gedanken, Begriffe, Schlüsse -- Abbilder von Kausalität,
+Zahl, Bewegung -- ihr mechanisch bestimmtes Dasein führen. Das
+jeweilige Bild der Seele ist also ein Etwas, das abhängig vom Geiste
+der +zugehörigen Sprache+ ist. Die abendländischen -- faustischen
+-- Kultursprachen besitzen sämtlich den Begriff „Wille“ -- eine Größe,
+die übrigens auch der Syntax all dieser Sprachen im Gegensatz zu den
+antiken immanent ist; sie besitzen ihn, weil das faustische Sein
+dies Zeichen fordert. Mithin erscheint, von der Sprache bestimmt, im
+wissenschaftlichen Seelenbilde aller abendländischen Psychologien die
+greifbare Gestalt des Willens als eines wohlumgrenzten Vermögens,
+das man in den einzelnen Schulen wohl verschieden bestimmt, dessen
+Vorhandensein an sich aber keiner Kritik unterworfen ist.
+
+
+2
+
+Ich behaupte also, daß die eigentliche Psychologie, weit entfernt das
+Wesen der Seele aufzudecken -- es ist hier hinzuzufügen, daß jeder
+von uns, ohne es zu wissen, Psychologie dieser Art treibt, wenn er
+sich eigne oder fremde Seelenregungen „vorzustellen“ sucht --, zu
+allen Symbolen, die den Makrokosmos des Kulturmenschen ausmachen, noch
+eins hinzufügt. So erklärt sich die merkwürdige Tatsache, daß nie
+bemerkt worden ist, daß das +Seelenbild+, wie es dem Psychologen
+und überhaupt dem Menschen, der über sein Inneres nachdenkt, im
+buchstäblichen Sinne des Wortes +vorschwebt+, ein wirkliches Bild,
+etwas Gewordnes und Ruhendes nämlich ist, von deutlichem Raumcharakter
+-- wie etwa der Dedekindsche Zahlenkörper und die gedankliche
+Impression mehrdimensionaler Zahlenmannigfaltigkeiten -- kausaler
+Verknüpfung nicht fremd und den Prinzipien der Begrenzung (Distinktion,
+Disposition) unterworfen. Wie alles Vollendete, nicht sich Vollendende,
+stellt es einen +Mechanismus+ an Stelle eines +Organismus+
+dar. Man vermißt im Bilde, was unser Lebensgefühl erfüllt und was doch
+gerade „Seele“ sein sollte: das Schicksalhafte, die wahllose Richtung
+des Daseins, das Mögliche, welches das Leben in seinem bewußten Ablauf
+verwirklicht. Ich glaube nicht, daß in irgend einem psychologischen
+System das Wort Schicksal vorkommt oder eine reiche Lebenserfahrung zu
+uns redet. Assoziationen, Apperzeptionen, Affekte, Triebfedern, Denken,
+Fühlen, Wollen -- all das sind optische Größen, tote Mechanismen, deren
+Topographie den belanglosen Inhalt der Seelenwissenschaft bildet.
+Man wollte das Leben finden und traf auf eine Ornamentik. Die Seele
+blieb, was sie war, das was weder gedacht, noch vorgestellt werden
+kann, +das+ Geheimnis, +das+ ewig Werdende, +das+ reine
+Erlebnis.
+
+Dieser +imaginäre Seelenkörper+ -- das sei hier zum ersten Male
+ausgesprochen -- ist niemals etwas andres als das getreue Spiegelbild
+der Gestalt, in welcher der gereifte Kulturmensch, der ja allein über
+das Seelische objektiv nachzudenken vermag, die +äußere Welt+
+auffaßt. Der Urmensch und das Kind besitzen, wie wir sahen, noch keine
+Welt, sondern nur eine ideell ungeordnete Masse sinnlicher Eindrücke,
+ein Chaos, keinen Kosmos, und darum besitzen sie auch noch kein
++Bild+ ihrer oder einer fremden Seele, sondern ebenfalls nur eine
+Masse undeutlicher und unbegreiflicher Bildelemente. Jede primitive
+Mythologie kennt außer einem Reich dämonischer Naturmächte, unter deren
+Namen die _numina_ der Außenwelt in dunklen Umrissen ergriffen
+werden, einen genau entsprechenden +Seelenglauben+ und Seelenkult,
+der das den Leib bewohnende _numen_ zu beschwören sucht, vor
+allem, wenn es nach dem Tode frei geworden ist. Im Griechentum liegt
+dort der Ursprung des Apollinischen, hier der des Dionysischen. Die
+„Innenwelt“ ist eine Funktion der Außenwelt, die empirische Seele
+ihrer Gestalt nach das _alter ego_, der Reflex der empirischen
+Natur. Deshalb allein ist so oft von einem inneren Sinn, einem inneren
+Auge und Blick die Rede, eine Analogie, die viel tiefer geht, als sie
+eigentlich soll. Vom Erwachen des Innenlebens, jenem geheimnisvoll
+plötzlichen und entscheidenden Moment, der Kindheit und Jugend im
+Dasein jedes höheren Menschen trennt, ist oft gesprochen worden. Hier
+wird endlich der ganze Sinn dieses Icherlebnisses offenbar. Durch
++einen+ mystischen Akt sondern sich aus dem dumpfen Bewußtsein
+Seele +und+ Welt als klare bildhafte Pole des Daseins, in strengem
+Gegensatz und zugleich in vollkommener Harmonie.
+
+Das Tiefenerlebnis verwirklicht, schafft mit einem Schlage die
+ausgedehnte Welt, es ordnet mit schicksalhafter Notwendigkeit die
+Masse der Empfindungen (Breite) durch die lebendige Richtung (Tiefe).
+Dies Erlebnis ist identisch mit dem Bewußtwerden der eignen Seele. Ein
+Reflex des Tiefenerlebnisses liegt vor. Zur Welt gehört die Spiegelung
+einer +Gegenwelt+. Auch die empirische Seele hat ihren Raum,
+ihre Tiefe, ihre Weite. Ein „inneres Auge“ sieht, ein „inneres Ohr“
+hört. Es gibt eine deutliche Empfindung von einer inneren Ordnung, die
+wie die äußere das Merkmal der Notwendigkeit trägt -- hier entsteht
+das ethische Grundproblem von Freiheit und Notwendigkeit. Ihm liegt
+der Widerspruch zwischen der Seele zugrunde, die wir haben, fühlen,
+erleben, und der, welcher wir uns verstandesmäßig bewußt sind. Erst
+das Denken, die mechanisierende Erkenntnis weckt hier unlösbare
+Zweifel, und zwar die gleichen, welche das Bild der +äußeren+
+Historie verwirren. Materialistische Geschichtsauffassung und ethischer
+Determinismus beruhen auf dem gleichen Mißgriff, der dem Intellekt
+natürlichen Verwechslung von Schicksal und Kausalität. Was wir
++erkennen+, ist nur das Seelenbild, gleichsam eine Landschaft
+im reflektierten Lichte des Tagesbewußtseins. In bedeutenden, ganz
+innerlichen Momenten des Lebens -- in denen z. B. alle wahren lyrischen
+Gedichte entstehen -- ist es verschwunden und der Mensch ist sich
+seiner Seele +und seiner „Freiheit“ unmittelbar+ bewußt.
+
+Und damit ergibt sich nach allem, was in diesem Buche über die
+Erscheinung des höheren Menschentums schon gesagt worden ist, eine
+ungeheure Erweiterung und Bereicherung der Seelenforschung. Alles, was
+von Psychologen heute gesagt und geschrieben wird -- es ist nicht mehr
+von bloßer Wissenschaft, sondern von Menschenkenntnis im weitesten
+Sinne die Rede --, bezieht sich auf das +gegenwärtige+ Stadium der
++abendländischen+ Seele, während die bisher selbstverständliche
+Meinung, diese Erfahrungen seien für die „menschliche Seele“ überhaupt
+gültig, ohne Prüfung hingenommen worden ist.
+
+Das Seelenbild ist immer nur das Bild einer ganz +bestimmten+
+Seele und kann nie etwas andres, etwas Allgemeines sein. Der Forscher
+mag noch so objektiv vorgehen, er wird nie aus seinem Kreise
+herauskommen; was er auch „erkennen“ möge, jeder dieser Erkenntnisakte
+ist bereits ein Ausdruck seiner Seele und sein ganzes Wissen von
+ihr ein Zeugnis seines -- faustischen, magischen oder apollinischen
+-- Daseins. Glaubt er antike, indische, arabische Seelenregungen zu
+erkennen, nicht an ihren Wirkungen, sondern an sich selbst, so sieht er
+sie durch das Medium der eignen, in Gestalt der eignen; er assimiliert
+sie einem +vorhandnen+ Bilde und es ist kein Wunder, daß er dann
+überall ein und dieselben Formen zu finden glaubt.
+
+In der Tat gibt es keine allgemein menschliche Gestalt der Seele,
+so wenig es -- das war früher nachgewiesen worden -- eine einzige,
+im Lauf der Weltgeschichte sich entwickelnde Mathematik gibt. Wir
+finden so viele Mathematiken, Logiken, Physiken, als es große Kulturen
+gibt. Jede von ihnen, das heißt jedes Zahlenbild, Denkbild, Naturbild
+ist Ausdruck einer einzelnen Kultur und dem organischen Dasein,
+der Gestalt, Lebensdauer und Entfaltung nach von dieser bestimmt.
+Dasselbe gilt vom +Seelenbilde+, dem einzigen Seelenelement,
+wovon wir -- wie von der Natur -- +Erfahrung+ haben können. Es
+ist eine Illusion, anzunehmen, daß eine Struktur dieses, ich möchte
+sagen Oberflächlich-Seelischen vorhanden sei, die für alle Menschen
+gilt. Jede Kultur, jede Epoche einer Kultur sogar schuf ihr eignes
+Seelenbild, in dem sie dann allerdings das der Menschheit zu erblicken
+glaubte. Seine Züge sind der symbolische Ausdruck dessen, was ich
+die Idee des Daseins genannt hatte. Der faustische Mensch mit seinem
+leidenschaftlichen Hange zum Grenzenlosen und Ewigen befindet sich
+in einem steten Widerspruch gegen die sinnlichen Vordergründe des
+Daseins, die er zu überwinden sucht, um den Sinn seiner Existenz, ihre
+Bestimmung zu erfüllen. Im empirischen Bilde seiner Seele erscheint
++deshalb+ ein Symbol, das diese Seite unsres Lebensgefühls
+repräsentiert. Wir sprechen vom menschlichen +Willen+ wie von
+einem Wesen, empfinden ihn als ein an sich selbst existierendes Etwas
+und sind überzeugt, daß er in jeder Menschenseele zu finden sei. Die
+Griechen fanden ihn aber dort nicht. Obwohl gute Menschenkenner,
+lassen sie in ihrer Psychologie jede Andeutung davon vermissen. Ihr
+Lebensgefühl, ihre Art zu sein, forderte andre Symbole im Seelenbilde.
+
+Eine wissenschaftliche Psychologie, selbst auf der Höhe einer
+Zivilisation, tut dasselbe wie der Urmensch, nur geistiger, nur
+klarer, nur bedeutsamer. Wir sahen, wie alle frühe Kunst hinsichtlich
+ihrer ornamentalen Formensprache eine Beschwörung des Fremden, der
+Dämonen war, wie sie das Gewordne „tabu“ zu machen sucht, indem sie
+es in eine Gestalt, Ausdruck und Abbild des eignen Seins, bannt.
+Auch der Psycholog -- und hier ahnt man, weshalb jeder Kulturmensch
+das tiefe Bedürfnis hat, es zu sein -- beschwört das „Seelchen“;
+er macht es tabu wie der primitive Mensch, nicht durch elementare,
+sondern durch geistige Formen, nicht durch Riten und Fetische,
+sondern durch Vorstellungen und begriffliche Distinktionen. Das ist
++seine+ Art, sich gegen das Unheimliche und Unergründliche zu
+wehren, das im Seelischen schläft. Alle theoretische Psychologie ist
+ein +Namenzauber+, eine Sublimation desselben Aktes, durch den
+der Wilde seinen Feind, sei es ein Mensch oder eine Gottheit, in seine
+Gewalt bringt. Das Seelenbild, vermeintlich ein untrügliches Resultat
+objektiven Denkens, ist ein Stück später Mythologie; es gehört zu den
+Schöpfungen, gegen welche der Spruch sich richtet: Du sollst dir kein
+Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen.
+
+So ergibt sich eine neue Stellung und Richtung der Seelenforschung.
+Ich komme auf die Unterscheidung der beiden Welten zurück, die dem
+höheren Menschen möglich sind: Natur und Geschichte. Im Hinblick auf
+die morphologische Betrachtung entspricht ihnen der Gegensatz von
+Systematik und Physiognomik. Die alte, systematische Psychologie
+betrachtete das Seelenbild wie ein Stück Natur, gesetzlich ein für
+allemal fixiert, zeitlos als das, was ist, und sie wurde so zu einer
+Art Topographie, die räumlich und kausal geordnete Einzelheiten
+festzustellen versuchte; die neue wird es als ein sich beständig
+wandelndes +historisches Phänomen+ betrachten, und zwar jedes
+einzelne der bisher erschienenen Seelenbilder hinsichtlich dessen, was
+es +bedeutet+. Physiognomik treiben -- das heißt die jeweilige
+menschliche Erscheinung als symbolischen Ausdruck eines inneren Seins
+auffassen. Zu dieser Erscheinung gehören aber nicht nur Gesichtszüge,
+Haltung, Geste, Tracht, sondern auch die Idee einer Zahl, das Bild der
+Natur und ihm genau entsprechend das Bild der Seele, wie es der Mensch
+einer Kultur mit wahlloser Notwendigkeit besitzt.
+
+Nach allem wird man über die hohe Bedeutung der einzelnen, in der
+Weltgeschichte auftauchenden Seelenbilder nicht mehr im Zweifel sein.
+Der antike -- apollinische, dem punktförmigen, euklidischen Sein
+hingegebene -- Mensch blickte auf seine Seele wie auf einen zur Gruppe
+schöner Teile geordneten Kosmos. Plato nannte sie νοῦς, θυμός, ἐπιθυμία
+und verglich sie mit Mensch, Tier und Pflanze, einmal sogar mit dem
+südlichen, nördlichen und hellenischen Menschen. Was hier nachgebildet
+ist, ist die Natur, wie sie sich vor den Blicken antiker Menschen
+entfaltet: eine wohlgeordnete Summe greifbarer Dinge, denen gegenüber
+der Raum als das Nichtseiende empfunden wird. Wo findet sich in diesem
+Bilde der „Wille“? Wo die Vorstellung funktionaler Zusammenhänge? Wo
+sind die übrigen Schöpfungen +unserer+ Psychologie? Glaubt man,
+daß Plato und Aristoteles sich auf die Analyse schlechter verstanden
+haben und etwas nicht sahen, was sich uns geradezu aufdrängt? Oder
+fehlt hier der Wille, wie in der antiken Mathematik der Raum, in der
+Physik die Kraft fehlt?
+
+Dagegen nehme man unter den abendländischen Psychologien, welche man
+will. Man wird immer eine +funktionale+, keine stereometrische
+Analyse finden; y = f(x): das ist die Urgestalt aller Eindrücke,
+die wir von unserm Innern empfangen. Denken, Fühlen, Wollen -- aus
+dieser Dreiheit kommt kein westeuropäischer Psychologe heraus, so
+gern er möchte -- sind nicht Teile eines körperhaften Ganzen, sondern
+transzendente Beziehungskomplexe, Funktionszentren. Assoziationen,
+Apperzeptionen, Willensvorgänge und wie die Bildelemente sonst heißen
+mögen, sind ohne Ausnahme vom Typus mathematischer Funktionen und der
+Form nach gänzlich unantik.
+
+Das faustische und das apollinische Seelenbild stehen einander schroff
+gegenüber. Alle früheren Gegensätze tauchen wieder auf. Man darf
+die imaginäre Einheit, auf welche psychologische Überlegungen sich
+beziehen, hier als +Seelenkörper+, dort als +Seelenraum+
+bezeichnen. Der Körper besitzt Teile, im Raum verlaufen Prozesse.
+Der antike Mensch empfindet seine Psyche plastisch. So weilt sie im
+Hades, schattenhaft, aber ein wohl erkennbares Abbild des Körpers.
+So sieht sie auch der Philosoph. Ihre drei schön geordneten Teile --
+λογιστικόν, ἐπιθυμητικόν, θυμοειδές -- erinnern an die Gruppe des
+Laokoon. Wir stehen unter einer musikalischen Imagination; die Sonate
+des innern Lebens hat den Willen als Hauptthema; Denken und Fühlen
+sind die Nebenthemen; der Satz unterliegt den strengen Regeln eines
+seelischen Kontrapunkts, die zu finden Aufgabe der Psychologie ist. Die
+einfachsten Elemente unterscheiden sich wie antike und abendländische
+Zahlen: dort sind sie Größen, hier Beziehungen. Der seelischen
++Statik+ des apollinischen Daseins -- dem stereometrischen Ideal
+der σωφροσύνη und ἀταραξία -- steht die +Seelendynamik+ des
+faustischen -- des tätigen Lebens -- gegenüber.
+
+Deshalb besaß der hellenische Mensch nicht jenes faustische Gedächtnis,
+jenes historische Grundgefühl, in dem die gesamte innere Vergangenheit
+stets gegenwärtig ist und den Augenblick in eine werdende Unendlichkeit
+taucht. Dies Gedächtnis, die Grundlage aller Selbstbetrachtung, Sorge
+und Pietät gegen die eigne Geschichte, entspricht dem Seelenraum mit
+seinen unendlichen Perspektiven. Auch dieser +innere+ Raum ist
+für den echten Hellenen τὸ μὴ ὄν; er lebt punktförmig, völlig im Jetzt
+aufgehend; seine Erinnerungen sind eine Anzahl zufällig behaltener
+Daten, nicht mehr, vor allem nichts, was auf die Gegenwart noch
+wirken könnte. In keiner griechischen Tragödie spielt das Innenleben
+eine Rolle, wie es im Othello, im König Lear, im Tasso der Fall ist.
+Der Stil der griechischen Seele ist anekdotisch-mythisch, der der
+nordischen genetisch-historisch. Das ist der Unterschied zwischen
+psychischer Plastik und Musik.
+
+Das apollinische Seelenbild -- Platos Zweigespann mit dem νοῦς als
+Lenker -- verflüchtigt sich sofort mit der Annäherung an das magische
+Seelentum der arabischen Kultur. Es verblaßt schon in der späteren
+Stoa, deren Schulhäupter vorwiegend Semiten waren. In der früheren
+Kaiserzeit ist es selbst in der stadtrömischen Literatur nur als
+Reminiszenz anzutreffen.
+
+Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen +Dualismus
+zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele+. Zwischen ihnen
+herrscht weder das antike, statische, noch das abendländische,
+funktionale Verhältnis, sondern wieder ein völlig anders gestaltetes,
+das sich eben nur als magisch bezeichnen läßt. Man denke im Gegensatz
+zur Physik Demokrits und zu der Galileis an die Alchymie und den
+Stein der Weisen. Dies spezifisch morgenländische Seelenbild liegt
+mit innerer Notwendigkeit allen psychologischen, vor allem auch
+theologischen Betrachtungen zugrunde, welche die „gotische“ Frühzeit
+der arabischen Kultur (0-300) erfüllen. Das Johannesevangelium zählt
+nicht weniger dazu wie die Schriften der Gnostiker und Kirchenväter und
+die sich ganz religiös äußernde Altersstimmung des Imperium Romanum,
+die das wenige Lebendige in ihrem Philosophieren dem jungen Orient,
+Syrien und Alexandria, entnahm. Schon der große Poseidonios, trotz
+der antiken Außenseite seines ungeheuren Wissens ein echter Semit und
+von früharabischem Geiste, empfand im innerlichsten Gegensatz zum
+apollinischen Lebensgefühl diese magische Struktur der Seele als die
+wahre. Ein den Körper belebendes Prinzip befindet sich in deutlichem
+Wertunterschiede gegen ein andres, das abstrakte, göttliche πνεῦμα,
+das allein die Anschauung Gottes gestattet. Dieser „Geist“ ist es, der
+die höhere Welt hervorruft, durch deren Erzeugung er über das bloße
+Leben, die vitale Seele, die Natur triumphiert. Es ist dies das Urbild,
+das, bald religiös, bald philosophisch, bald künstlerisch gefaßt --
+ich erinnere an das Porträt der konstantinischen Zeit mit den starr
+ins Unendliche blickenden Augen; +dieser Blick repräsentiert das+
+πνεῦμα --, allem Ichgefühl zugrunde liegt. Plotin und Origines haben
+so empfunden. Paulus unterscheidet (z. B. 1. Kor. 15, 44) zwischen
+σῶμα ψυχικόν und σῶμα πνευματικόν. Der Gnosis war die Vorstellung
+einer doppelten, leiblichen oder geistigen Ekstase und die Einteilung
+der Menschen in niedere und höhere, Psychiker und Pneumatiker,
+geläufig. Plutarch hat die in der spätantiken Literatur verbreitete
+Psychologie, den Dualismus von νοῦς und ψυχή, orientalischen Vorbildern
+nachgeschrieben. Man setzte ihn alsbald zu dem Gegensatz von christlich
+und heidnisch, Geist und Natur in Beziehung, aus dem dann das noch
+heute nicht überwundene Schema der Weltgeschichte, die Einteilung
+in Altertum, Mittelalter und die erst von der abendländischen
+Wissenschaft hinzugefügte, immer wieder hinausgeschobene Neuzeit damals
+hervorgegangen ist.
+
+Seine streng wissenschaftliche Vollendung erfährt das magische
+Seelenbild in den Schulen von Bagdad und Basra. Alfarabi und Alkindi
+haben die verwickelten und uns wenig zugänglichen Probleme dieser
+magischen Psychologie eingehend behandelt. Ihr Einfluß auf die junge
+Seelenlehre (weniger das Ichgefühl) des Abendlandes darf nicht
+unterschätzt werden. Scholastische und mystische Psychologie haben
+von Bagdad denselben Einfluß empfangen wie die gotische Kunst.
+Man vergesse nicht, daß das Arabertum die Kultur der gestifteten
+Offenbarungsreligionen ist. In ihrer Frühzeit rief sie das Christentum,
+den Neuplatonismus und den Manichäismus, drei magische Systeme, ins
+Leben, gar nicht zu reden von den vermeintlich spätantiken Kulten;
+in ihrer Spätzeit den Islam und, was gleichfalls bisher kaum bemerkt
+worden ist, die religiöse Fassung des heutigen Judentums, das seine
+Verwandtschaft mit maurischem Geiste nirgends verleugnet. Man denke an
+die Kabbala und den Anteil jüdischer Philosophen an der sogenannten
+Philosophie des Mittelalters, d. h. zuerst des späten Arabertums
+und dann der frühen Gotik. Ich nenne nur ein merkwürdiges, völlig
+unbeachtet gebliebenes Beispiel: Spinoza. Aus dem Ghetto stammend ist
+er, neben seinem Zeitgenossen Schirazi, der letzte verspätete Vertreter
+des magischen und ein Fremder in der Formenwelt des faustischen
+Weltgefühls. Er hat als kluger Schüler der Barockzeit seinem System
+die Farbe abendländischen Denkens zu geben gewußt; in der Tiefe
+steht er völlig unter dem Aspekt des arabischen Dualismus zweier
+Seelensubstanzen. +Dies ist der wahre, innere Grund, weshalb ihm der
+Kraftbegriff Galileis und Descartes’ fehlt.+ Dieser Begriff ist
+der Schwerpunkt eines dynamischen Universums und damit dem magischen
+Weltgefühl fremd. Zwischen der Idee vom Stein der Weisen -- die in
+Spinozas Idee der Gottheit als _causa sui_ versteckt liegt -- und
+der kausalen Notwendigkeit +unsres+ Naturbildes gibt es keine
+Vermittlung. Deshalb ist sein Willensdeterminismus genau der, welcher
+von der Orthodoxie in Bagdad verteidigt wurde -- „Kismet“ -- und dort
+hat man die Heimat des Verfahrens „_more geometrico_“ zu suchen,
+das in seiner Ethik innerhalb +unsrer+ Philosophie ein groteskes
+Unikum bildet.
+
+Noch einmal hat dann die deutsche Romantik dies magische Seelenbild
+flüchtig heraufbeschworen. Man fand an Magie und Astrologie ebenso wie
+an der Schwärmerei für maurische Kunst und neuplatonische Visionen
+Gefallen, ohne von diesen entlegenen Dingen eben viel zu verstehen.
+Schelling und sein Kreis gefielen sich in unfruchtbaren Spekulationen
+in arabisch-jüdischem Stil, die man mit deutlichem Behagen als dunkel,
+als „tief“ empfand, was sie für die Orientalen +nicht+ gewesen
+waren, die man wohl zum Teil selbst nicht begriff und von denen
+man hoffte, daß sie auch vom Hörer nicht begriffen werden würden.
+Bemerkenswert ist an dieser Episode nur der Reiz des Dunklen, den diese
+Gedankenkreise ausübten. Man darf den Schluß wagen, daß die klarsten
+und zugänglichsten Fassungen faustischer Gedanken, wie man sie etwa bei
+Descartes und in den Prolegomena von Kant findet, auf einen arabischen
+Metaphysiker denselben Eindruck des Nebelhaften und Abstrusen gemacht
+haben würden. Was für uns wahr ist, ist für sie falsch und umgekehrt:
+das gilt vom Seelenbilde der einzelnen Kulturen wie von jedem andern
+Resultat wissenschaftlichen Nachdenkens.
+
+
+3
+
+Die Kultur -- ein Urphänomen im goetheschen Sinne -- war als
+Verwirklichung des seelisch Möglichen bezeichnet worden. Die junge,
+ertagende, die gotische und dorische Seele ahnt nur die Gestalt ihres
+Seins; sie sucht nach Ausdruck; sie möchte sich und alles andere
+begreifen; sie sehnt sich hinaus zur Klarheit des späten Zustandes.
+Die Außenwelt liegt noch in derselben Ungewissen Dämmerung wie die
+innere. In diesem Stadium beginnt die Klärung des Seelenbildes, von
+dem gezeigt worden war, daß es in jedem Augenblick das Abbild und
+Komplement des Naturbildes ist. Die Zukunft wird sich an die schwierige
+Aufgabe wagen müssen, in dem krausen Wust der Philosophie gotischen
+Stiles, der Scholastik und Mystik, die gleiche Sonderung der letzten
+Elemente vorzunehmen wie in der Ornamentik der Kathedralen und in der
+primitiven damaligen Malerei, die zwischen dem flachen Goldgrund und
+weiträumigen landschaftlichen Hintergründen -- der magischen und der
+faustischen Art, Gott in der Natur zu sehen -- noch keine Entscheidung
+zu treffen wagt. Es vermischen sich im frühen Seelenbilde, wie es
+in dieser Philosophie zum Vorschein kommt, in zaghafter Unreife die
+Züge christlich-arabischer Metaphysik, des Dualismus von Geist und
+Seele, mit nordischen Ahnungen von funktionalen Seelenkräften, die man
+sich noch nicht eingesteht. Dieser Zwiespalt liegt dem Streit um den
+Primat des Willens oder der Vernunft zugrunde, dem +Grundproblem
+der gotischen Philosophie+, das man bald im alten arabischen,
+bald im neuen abendländischen Sinne zu lösen sucht. Man kann die
+frühe Philosophie Westeuropas, ihren Kern, nur aus diesem großen
+Zusammenhange begreifen. Es ist dasselbe Thema, das in stets sich
+ändernder Fassung den Gang unserer gesamten Philosophie bestimmt und
+diese von jeder anderen scharf unterscheidet. Schopenhauer, ihr letzter
+großer Systematiker, hat es auf die Formel „Die Welt als Wille und
+Vorstellung“ gebracht und seine +Ethik+ ist es, die +gegen+
+den Willen entscheidet.
+
+Hier tritt der geheimste Grund und Sinn alles Philosophierens innerhalb
+einer Kultur unmittelbar zutage. Denn es ist die +faustische
+Seele+, die in vielhundertjährigem Mühen ein visionäres Bild von
+sich zu formen versucht, ein Bild, das zugleich mit dem Bilde der Welt
+einen tiefgefühlten Einklang aufweist. Die gotische Philosophie mit
+ihrem Dilemma von Vernunft und Wille ist in der Tat ein Ausdruck des
++Lebensgefühls+ jener Menschen der Kreuzzüge, der Staufenzeit
+und der Dombauten. +Man sah die Seele so, weil man so war.+ Und
+als Schopenhauer den Gegensatz noch einmal, in seiner schärfsten,
+zivilisierten Form hinstellte, bewies er nur, daß sich in dem, was
+diese faustische Seele von jeder andern unterscheidet, nichts geändert
+hatte.
+
++Wollen und Denken im Seelenbilde -- das ist Richtung und Ausdehnung,
+Historie und Natur im Bilde der äußern Welt.+ Daß unser Ursymbol
+die unendliche Ausgedehntheit ist, tritt in diesen Grundzügen beider
+Aspekte zutage. Der Wille knüpft die Zukunft an die Gegenwart, das
+Denken -- das faustische, nicht das apollinische -- das Grenzenlose an
+das Hier. +Die historische Zukunft ist die werdende, der unendliche
+Welthorizont die gewordene Ferne+: dies ist der Sinn des faustischen
+Tiefenerlebnisses. Das Richtungsgefühl wird als „Wille“, das Raumgefühl
+als „Verstand“ wesenhaft, beinahe mythisch vorgestellt: so entsteht das
+Bild, welches unsre Psychologen mit Notwendigkeit aus dem Innenleben
+abstrahieren.
+
+Daß die faustische Kultur +Willenskultur+ ist, ist nur ein
+andrer Ausdruck für ihren eminent historischen Charakter. Der Wille
+ist der psychische Repräsentant der „Welt als Geschichte“. Der
+antike Mensch ist ahistorisch, rein gegenwärtig, ohne jenes das
+Weltbild beherrschende, die Sinneseindrücke zum unendlichen Raum
+dehnende Richtungsgefühl: er ist „willenlos“. Darüber läßt die
+antike Schicksalsidee, das Fatum, keinen Zweifel, noch weniger der
+architektonische Typus der dorischen Säule und die nackte Statue mit
+ihrer stereotypen Maske. +Folglich+ kann auch das apollinische
+Seelenbild keinen Richtungsfaktor, keinen „Willen“ also, enthalten.
+Neben dem Denken (νοῦς), das von den großen Philosophen sehr
+bezeichnend Zeus genannt wird, stehen die ahistorischen Komplexe
+der animalischen und vegetativen Triebe (θυμός und ἐπιθυμία), ganz
+somatisch, ganz ohne einen bewußten Zug und Drang zu einem Ziel. Nichts
+deutet auf ein Unendlichkeitsbedürfnis hin.
+
+Um die Entwicklung des „Seelenraumes“, jener transzendenten
+Unendlichkeit, die unser inneres Auge überblickt und in Momenten der
+Reflexion durchdringt, deutlich zu machen, wüßte ich nichts Besseres
+als an die Reihe der Porträts von Jan van Eyck bis auf Velasquez
+und Rembrandt herab zu erinnern, deren Ausdruck im Gegensatz zu dem
+ägyptischer und byzantinischer Bildnisse mit wachsender Bestimmtheit
+das fühlen läßt, was die wissenschaftliche Psychologie unterdes in ein
+System hatte bringen wollen. Der Widerstreit von Wollen und Denken
+ist das geheime Thema dieser Köpfe und ihrer Physiognomik, sehr im
+Gegensatz zu den hellenistischen Idealbildnissen des Euripides, Plato,
+Demosthenes, die ein ganz anderes Ichgefühl vortragen.
+
+Der „Wille“ ist das symbolische Etwas, welches das faustische
+Seelenbild von jedem andern unterscheidet. Der Wille wird sich so wenig
+jemals begrifflich fassen lassen wie der letzte Sinn der Worte Gott,
+Kraft, Raum. Er ist ein +Urwort+ wie sie, das man erlebt, erfühlt,
+nicht erkennt. Das gesamte Dasein des abendländischen Menschen -- Leben
+als Verwirklichung des innerlich Möglichen gedacht -- steht unter
+seinem Aspekt. +Seelenbild und Lebensgefühl gehören zusammen.+
+
+Wie man das faustische Prinzip bezeichnen will, das uns und nur uns
+angehört, ist gleichgültig. Name ist Schall und Rauch. Auch Raum ist
+ein Wort, das in tausend Nuancen im Munde des Mathematikers, Denkers,
+Dichters, Malers ein und dasselbe Unbeschreibliche ausdrücken möchte,
+das anscheinend der ganzen Menschheit angehört und in Wahrheit nur
+innerhalb der abendländischen Kultur die Geltung hat, die wir ihm
+mit innerer Notwendigkeit zuschreiben. Nicht das angebliche Vermögen
+„Wille“, sondern der Umstand, daß es für uns dies Wort überhaupt gibt,
+während +die Griechen es gar nicht kannten+, hat die Bedeutung
+eines großen Symbols. Im letzten Grunde besteht zwischen Raum und Wille
+kein Unterschied mehr. Den antiken Sprachen fehlt die Bezeichnung
+für das eine und +also auch+ für das andere.[93] Der reine Raum
+des faustischen Weltbildes ist eine ganz besondere Idee, nicht bloße
+Extension, sondern Ausdehnung als Wirksamkeit, als Überwindung des
+Nur-Sinnlichen, als Spannung und Tendenz, als Wille zur Macht. Ich weiß
+wohl, wie unzulänglich diese Umschreibungen sind. Es ist vollständig
+unmöglich, durch exakte Begriffe den Unterschied anzugeben zwischen
+dem, was wir und was die Menschen der arabischen oder indischen Kultur
+Raum nennen und bei diesem Worte denken, empfinden, vorstellen. Daß
+es etwas durchaus Verschiedenes ist, beweisen die sehr verschiedenen
+Grundanschauungen der jeweiligen Mathematik und bildenden Kunst, vor
+allem die unmittelbaren Äußerungen des +Lebens+. Wir werden sehen,
+wie die Identität von Raum und Wille in den Taten des Kopernikus
+und Kolumbus so gut wie in denen der Hohenstaufen und Napoleons zum
+Ausdruck kommt -- Beherrschung des Weltraums --, aber sie liegt in
+andrer Weise auch in den physikalischen Begriffen der Raumenergie
+(Energie der Lage, Spannung) und des Potentials, die man keinem
+Griechen hätte verständlich machen können. Raum als die Form _a
+priori_ der Anschauung, die Formel, in der Kant endgültig aussprach,
+was die Barockphilosophie unablässig gesucht hatte -- das bedeutet
+einen +Herrschaftsanspruch+ der Seele über das Fremde. Das Ich
+regiert vermittelst der Form die Welt.[94]
+
++Das+ bringt die Tiefenperspektive der Ölmalerei zum Ausdruck, die
+den unendlich gedachten Bildraum vom Betrachter abhängig macht, der ihn
+von der gewählten Entfernung aus im wörtlichen Sinne +beherrscht+.
+Es ist jener Zug in die Ferne, der zum Typus der +heroischen,
+historisch empfundenen+ Landschaft im Gemälde wie im Park führt,
+dasselbe, was der mathematisch-physikalische Begriff des Vektors zum
+Ausdruck bringt. Jahrhunderte hindurch hat die Malerei leidenschaftlich
+nach diesem großen Symbol gestrebt, in dem alles liegt, was die
+Worte Raum, Wille, Kraft ausdrücken möchten. Ihm entspricht die
+ständige Tendenz der Metaphysik, durch Distinktionen wie die von
+Form der Erscheinung und Ding an sich, Wille und Vorstellung, Ich
+und Nicht-Ich, die sämtlich von rein dynamischem Gehalte sind, sehr
+im Gegensatz zur Lehre des Protagoras vom Menschen als dem +Maß,
+also nicht dem Schöpfer+ aller Dinge, die funktionale Abhängigkeit
+der Dinge vom Geiste zu formulieren. Der antiken Metaphysik gilt
+der Mensch als Körper unter Körpern, und Erkennen ist hier eine Art
+von +Berührung+. Die optischen Theorien des Anaxagoras und
+Demokrit sind weit entfernt, dem Menschen eine Aktivität in der
+Sinneswahrnehmung zuzugestehen. Plato empfindet das Ich niemals als
+Mittelpunkt einer transzendenten Wirkungssphäre, wie es Kant ein
+inneres Bedürfnis war. Die Gefangenen in seiner berühmten Höhle sind
+wirklich Gefangene, Sklaven äußerer Eindrücke, nicht ihre Herren, von
+der allgemeinen Sonne beschienen, nicht selbst Sonnen, die das All
+durchleuchten.
+
+Der physikalische Begriff der Raumenergie -- die gänzlich unantike
+Vorstellung, daß bereits die +räumliche Distanz+ eine Energieform,
+sogar die Urform aller Energie ist -- denn das ist die Grundlage
+der Begriffe Kapazität und Intensität -- beleuchtet das Verhältnis
+des Willens zum imaginären Seelenraum. Wir fühlen, daß beides, das
+dynamische Weltbild Galileis und Newtons und das dynamische Seelenbild
+mit dem Willen als Schwerpunkt und Beziehungszentrum, ein und dasselbe
+bedeuten. Sie sind beide Barockphänomene, Symbole der zur vollen Reife
+gelangten faustischen Kultur.
+
+Man tut unrecht, wie es oft geschieht, die Willenspsychologie, wenn
+nicht für allgemein menschlich, so doch für allgemein christlich
+zu halten und sie aus orientalischen Theorien abzuleiten. Dieser
+Zusammenhang gehört lediglich der historischen Oberfläche an, und es
+war wiederholt darauf hingewiesen worden, daß unter dem Namen und
+der äußeren Form des magischen Christentums auf westeuropäischem
+Boden eine neue Religion entstanden ist. Aber das gleiche gilt von
+allen philosophischen Begriffen. Wenn arabische Psychologen, Murtada
+z. B., von der Möglichkeit mehrerer Willen reden, von einem Willen,
+der mit dem Tun zusammenhängt, von einem andern, der ihm selbständig
+voraufgeht, von einem Willen, der überhaupt keine Beziehung zur Tat
+hat, der das Wollen erst erzeugt usw., so haben wir offenbar ein
+Seelenbild vor uns, das der Struktur nach von dem faustischen gänzlich
+verschieden ist.
+
+Bei Augustinus erscheint ein dem unsern entfernt verwandter
+Willensbegriff, und zwar in Verbindung mit einem entsprechenden
+Gottesbegriff. Auch dieser Zusammenhang ist von tiefer Notwendigkeit.
+Die Seelenelemente sind für jeden Menschen, welcher Kultur er auch
+angehört, die Gottheiten eines innern Kosmos. Was Zeus für den äußeren
+Olymp ist, das ist für den der inneren Welt, für jeden Griechen
+mit absoluter Deutlichkeit vorhanden, der νοῦς. Was für uns „Gott“
+ist, Gott als Weltatem, als die Allkraft, als die allgegenwärtige
+Wirkung und Vorsehung, das ist, aus dem Weltraum in den imaginären
+Seelenraum zurückgespiegelt und von uns mit Notwendigkeit als wirklich
+vorhanden empfunden, „Wille“. Zum psychischen Dualismus der magischen
+Kultur, zu πνεῦμα und ψυχή, gehört mit Notwendigkeit der kosmische
+Gegensatz von Gott und Luzifer, dem absolut Guten und dem absolut
+Bösen, und man wird bemerken, daß im abendländischen Weltgefühl beide
+Gegensätze +zugleich+ verblassen. In demselben Grade, wie der
+Wille sich als Mitte eines psychischen Monotheismus herausbildet,
+entschwindet die Gestalt des Teufels aus der wirklichen Welt. Der
+Pantheismus der äußeren Welt hat einen innern unmittelbar zur Folge
+und was -- in welcher Bedeutung auch -- das Wort „Gott“ +der Natur
+gegenüber+ bezeichnen soll, das bezeichnet jedesmal das Wort
+Wille gegenüber der Seele: den Herrscher in seinem Reich.[95] Das
+Gefühl, welches der faustische Mensch, sei es Pascal oder Goethe oder
+Beethoven, von Gott hat, erschöpft sich in dem Ausdruck Weltwille.
+Der Darwinismus ist nichts anderes als eine außergewöhnlich flache
+Fassung dieses Gefühls. Kein Grieche würde das Wort Natur im Sinne
+einer absoluten und planmäßigen Aktivität so gebraucht haben, wie
+die moderne Biologie es tut. Der „Wille Gottes“ ist für uns ein
+Pleonasmus. Gott (oder „die Natur“) ist nichts als Wille. So gut der
+Gottesbegriff seit der Renaissance unmerklich mit dem Begriff des
+unendlichen Weltraums identisch wird und die sinnlichen, persönlichen
+Züge verliert -- Allgegenwart und Allmacht sind beinahe mathematische
+Begriffe geworden --, so gut wird er zum unanschaulichen Weltwillen.
+Die reine Instrumentalmusik überwindet mit Bach die Malerei, als das
+einzige und letzte Mittel, dies Gefühl von Gott zu verdeutlichen.
+Der Prozeß einer symbolischen Klärung, der die Geistesgeschichte des
+Barock ausfüllt, offenbart sich in der dichten Folge metaphysischer
+Systeme, die sämtlich das Grundgefühl, welches Goethe in Verse und
+Bach und Beethoven in Musik brachten, in ein abstraktes System zu
+fassen versuchten. Giordano Bruno ist der erste, Hegel der letzte
+in dieser Reihe. Demgegenüber denke man an die Götter Homers. Zeus
+besitzt durchaus nicht die Macht über die Welt; selbst auf dem Olymp
+ist er -- wie es das apollinische Weltgefühl fordert -- _primus
+inter pares_, Körper unter Körpern. Die Notwendigkeit, die ἀνάγκη,
+welche das antike Denken im Kosmos statuiert, ist keineswegs von ihm
+abhängig. Im Gegenteil: die Götter sind ihr unterworfen. Das wird
+nicht ausgesprochen, aber man fühlt es bei Homer im +Streit+ der
+Götter und an jener entscheidenden Stelle, wo Zeus die Schicksalswage
+hebt, um das Los Hektors nicht zu fällen, sondern zu erfahren. Also
+stellt sich die antike Seele mit ihren Teilen und Eigenschaften als ein
+Olymp kleiner Götter dar, die in friedlichem Einvernehmen zu halten
+das Ideal hellenischer Lebensführung, die σωφροσύνη und ἀταραξία ist.
+Mehr als ein Philosoph verrät den Zusammenhang, indem er den höchsten
+Seelenteil, den νοῦς, als Zeus bezeichnet. Aristoteles schreibt seiner
+Gottheit als einzige Funktion die θεωρία, die Beschaulichkeit zu; es
+ist das Ideal des Diogenes: eine zur Vollkommenheit gereifte Statik des
+Lebens gegenüber der ebenso vollkommenen Dynamik im Lebensideal des 18.
+Jahrhunderts.
+
+Das rätselhafte Etwas, welches das Wort Wille bezeichnet, die
+Leidenschaft der dritten Dimension, ist also ganz eigentlich eine
+Schöpfung des Barock, wie die Perspektive der Ölmalerei, wie
+der Kraftbegriff der neuern Physik, wie die Tonwelt der reinen
+Instrumentalmusik. In allen Fällen hatte die Gotik vorgedeutet, was
+diese Jahrhunderte der Durchgeistigung zur Reife brachten. Halten
+wir hier, wo es sich um den Charakter, den Stil des faustischen
+Lebens im Gegensatz zu jedem andern handelt, daran fest, daß Wille,
+Kraft, Raum, Gott Symbole sind, struktive Prinzipien großer, einander
+verwandter Formenwelten, in denen dieses Sein sich zum Ausdruck
+bringt. Man war bisher darauf aus, hier objektive Fakta, an sich
+seiende, konkrete, letzte Einheiten festzustellen, die irgendwann auf
+dem Wege analysierender Forschung einmal völlig isoliert, „erkannt“
+werden könnten. Diese Illusion der exakten Naturwissenschaft war in
+gleicher Weise die der Psychologie und Erkenntnistheorie. Die Einsicht,
+daß diese vermeintlich rein menschlichen Gegebenheiten lediglich
+Barockphänomene sind, Ausdrucksformen von vergänglicher Bedeutung,
+einige Jahrhunderte hindurch und nur für den westeuropäischen Menschen
+„wahr“, verändert den ganzen Sinn dieser Wissenschaften, die nicht
+mehr Subjekt, sondern selbst, als historische Phänomene, Objekte einer
+höheren Betrachtung sind.
+
+Die Architektur des Barock begann, wie wir sahen, als Michelangelo
+die tektonischen Prinzipien der Renaissance, Stütze und Last,
+durch die dynamischen: Kraft und Masse ersetzte. Brunellescos
+Pazzikapelle drückt eine heitere Gelassenheit aus; die Fassade von
+Il Gesù ist +steingewordner Wille+. Man hat den neuen Stil in
+seiner kirchlichen Prägung Jesuitenstil genannt, vor allem nach der
+Vollendung, die er durch Vignola und Della Porta erfuhr, und in der
+Tat besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Gründung des Ignaz
+von Loyola, dessen Orden den reinen, abstrakten Willen der Kirche,[96]
+einer transzendenten Gemeinschaft, in vollkommen spiritueller Weise
+repräsentiert, dessen verborgene, ins Unendliche sich erstreckende
+Wirksamkeit das Seitenstück zur Analysis und zur Potentialtheorie ist,
+und der künstlerischen Formensprache der Epoche. Damals war es, wo die
+Parkanlagen jenen strengen Ausdruck annahmen, der in geradlinigen
+Buchengängen, Alleen und Durchblicken (dem _point de vue_)
+die Absicht kundgibt, auch die Natur dem Willen und seinem Symbol,
+der räumlichen Tiefe unterzuordnen. Der chinesisch-japanische Park
+kennt, der Bilderperspektive entsprechend, dies gestaltende Prinzip
++nicht+.
+
+Es wird nun nicht mehr als Paradoxon empfunden werden, wenn künftig
+vom +Barockstil+, ja vom +Jesuitenstil in der Psychologie,
+Mathematik und theoretischen Physik+ die Rede ist. Die Formensprache
+der Dynamik, welche den energischen Gegensatz von Kapazität und
+Intensität an Stelle des somatisch-willenlosen von Stoff und Form
+setzt, ist allen geistigen Schöpfungen dieser Jahrhunderte gemeinsam.
+
+
+4
+
+Es ist nun die Frage, inwiefern der Mensch dieser Kultur selbst
+erfüllt, was das von ihm konzipierte Seelenbild erwarten läßt.
+Darf man das Thema der neuern Physik jetzt ganz allgemein als den
+wirkenden Raum bezeichnen, so ist damit auch die Daseinsart, der
+Daseins+inhalt+ des gleichzeitigen Menschen bestimmt. Wir,
+faustische Naturen, sind gewöhnt, den einzelnen hinsichtlich seiner
++wirkenden+, nicht seiner plastisch-ruhenden Erscheinung ins Ganze
+unsrer Lebenserfahrungen aufzunehmen. Was der Mensch ist, ermessen wir
+an seiner +Tätigkeit+, die nach innen wie nach außen gewendet
+sein kann, und alle einzelnen Vorsätze, Gründe, Kräfte, Überzeugungen,
+Gewohnheiten werten wir durchaus nach dieser Richtung. Das Wort, in
+dem wir diesen Aspekt zusammenfassen, heißt +Charakter+. Wir
+sprechen von Charakterköpfen, von Charakterlandschaften; der Charakter
+von bewegten Ornamenten, Pinselstrichen, Architekturmotiven, von
+Schriftzügen, von Gleichungen und Funktionen: das sind uns geläufige
+Wendungen. Die Musik ist die eigentliche Kunst des Charakteristischen,
+was von Melodie und Instrumentation gleichmäßig gilt. Auch dies Wort
+bezeichnet etwas Unbeschreibliches, etwas, das die faustische Kultur
+aus allen andern heraushebt. Und zwar ist die tiefe Verwandtschaft
+des Begriffs mit dem des Willens unverkennbar: Was der Wille im
+Seelenbilde, ist der Charakter im Bilde des Lebens, wie es uns und
++nur+ uns Westeuropäern mit Selbstverständlichkeit vorschwebt.
+
+Daß der Mensch Charakter habe, ist der Grundanspruch all unsrer
+ethischen Systeme, so verschieden ihre metaphysischen oder praktischen
+Formeln sonst sein mögen. Der Charakter -- der sich im +Strome
+der Welt+ bildet, das Verhältnis des Lebens zur Tat -- ist eine
+faustische Impression, und es besteht eine sehr feine Ähnlichkeit mit
+dem physikalischen Weltbilde darin, daß der vektorielle Kraftbegriff
+mit seiner Richtungstendenz sich von dem der Bewegung trotz schärfster
+theoretischer Untersuchungen nicht hat isolieren lassen. Ebenso
+unmöglich ist die strenge Scheidung von Wille und Seele, Charakter und
+Leben. Wir empfinden auf der Höhe dieser Kultur, sicher seit dem 17.
+Jahrhundert, das Wort Leben als schlechthin gleichbedeutend mit Wollen.
+Ausdrücke wie Lebenskraft, Lebenswille, tätige Energie füllen als etwas
+Selbstverständliches unsre ethische Literatur, während sie in das
+Griechisch der Zeit des Perikles nicht einmal übersetzbar wären.
+
+Man bemerkt -- was der Anspruch aller Moralen auf zeitliche und
+räumliche Allgemeingültigkeit bisher verdeckt hat --, daß jede einzelne
+Kultur als einheitliches Wesen höherer Ordnung im historischen
+Gesamtbilde ihre eigne moralische Fassung besitzt. Es gibt so viele
+Moralen, als es Kulturen gibt. Nietzsche, der als erster eine
+Ahnung davon hatte, ist trotzdem von einer objektiven Morphologie
+der Moral -- jenseits von Gut und Böse -- weit entfernt geblieben.
+Er kam über Geschmacks-, bestenfalls über Nützlichkeitswertungen
+gegenüber der antiken, indischen, Renaissancemoral nicht hinaus.
+Aber gerade unserm historischen Sinne hätte das +Urphänomen der
+Moral+ als solches nicht entgehen sollen. Uns ist, und zwar schon
+seit den Tagen Petrarkas, die Vorstellung der Menschheit als eines
+tätigen, kämpfenden, fortschreitenden Ganzen so notwendig, daß es uns
+schwer wird, einzusehen, daß dies eine ausschließlich abendländische
+Betrachtungsweise von vorübergehender Geltung und Lebensdauer ist.
+Dem antiken Geiste erscheint die Menschheit als stationäre Masse, und
+dem entspricht eine ganz anders geartete Moral, deren Dasein sich von
+der homerischen Frühzeit bis zur Kaiserzeit verfolgen läßt. Überhaupt
+wird man finden, daß dem im höchsten Grade aktiven Lebensgefühl der
+faustischen Kultur die chinesische, babylonische und ägyptische, dem
+streng passiven der Antike die indische und arabische näherstehen. Dies
+äußert sich, um nur ein Beispiel zu nennen, darin, daß jene Kulturen
+hochorganisierte Staatsformen kannten, deren politisch-soziale Akte
+auf die Dauer und Zukunft hin orientiert waren, diese dagegen unter
+dem Namen Staat politische Zufallsbildungen -- wie die Polis und den
+Khalifat -- ohne historisch-formalen Gehalt und ohne Richtungsenergie
+besaßen.
+
+Wenn je ein Volk einen Kampf ums Dasein beständig vor Augen hatte,
+so war es das hellenische, wo alle die Städte und Städtchen einander
+bis zur Vernichtung bekämpften, ohne Plan, ohne Sinn, ohne Gnade,
+aus einem vollkommen animalischen, ahistorischen Instinkt. Aber die
+griechische Ethik war, trotz Heraklit, weit entfernt, den Kampf zu
+einem ethischen Prinzip zu machen. Die Überwindung von Widerständen
+ist vielmehr der typische Akt der abendländischen Seele. Aktivität,
+Entschlossenheit, Selbstbehauptung werden gefordert; der Kampf gegen
+die Eindrücke des Augenblicks, der Vordergründe des Lebens, des Nahen,
+Greifbaren, Euklidischen, die Durchsetzung dessen, was Allgemeinheit
+und Dauer hat, was Vergangenheit und Zukunft seelisch aneinanderknüpft,
+ist der Inhalt aller faustischen Imperative von den frühesten Tagen
+der Gotik, der Dombauten und Kreuzzüge, bis zu Kant und Napoleon und
+weit darüber hinaus zu den ungeheuren Macht- und Willensäußerungen
+unsrer Waffen, unsrer Verkehrsmittel und unsrer Technik. Das _Carpe
+diem_, der antike Standpunkt, ist der vollkommene Widerspruch gegen
+das, was Goethe, Kant, Pascal, was die Kirche wie das Freidenkertum als
+allein wertvoll empfanden, das +tätige+ Sein. Auch das Prinzip
+der bildenden Künste Westeuropas war die Überwindung des Augenscheins
+zugunsten des ewigen, reinen Raumes. Man fühlt, wie nahe diese
+energische Ethik an die Formenwelt der aus demselben Gefühl gestalteten
+theoretischen Physik streift. Auch da ist es die Überwindung von
+Widerständen, die in Gesetze gebracht wird.[97]
+
+Wie alle Formen der Dynamik -- die malerische, musikalische,
+physikalische, soziale, politische -- unendliche Zusammenhänge zur
+Geltung bringen, und nicht wie die antike Physik den Einzelfall
+und deren Summe, sondern den typischen Fall und dessen funktionale
+Regel betrachten, so hat man unter Charakter das grundsätzlich
+Gleichbleibende in der Genesis des Lebens zu verstehen. Andernfalls
+spricht man von Charakterlosigkeit. Charakter ist, als Form einer
+bewegten Existenz, in der mit größtmöglicher Variabilität im einzelnen
+die höchste Konstanz im Prinzipiellen erreicht wird, das, was eine
+echte Biographie wie Goethes „Wahrheit und Dichtung“ überhaupt möglich
+macht. Plutarchs typisch antike Biographien sind demgegenüber nur
+chronologisch, nicht organisch-genetisch geordnete Anekdotensammlungen,
+und man wird zugeben, daß von Alkibiades, Perikles oder überhaupt
+einem rein apollinischen Menschen nur die zweite, nicht die erste
+Art von Biographie denkbar ist. Ihren Erlebnissen fehlt nicht die
+Masse, sondern die Beziehung; sie haben etwas Atomistisches. Auf
+das physikalische Weltbild bezogen: der Grieche hat nicht etwa
++vergessen+, in der Summe seiner Erfahrungen allgemeine Gesetze
+zu suchen; er konnte sie in seinem Kosmos gar nicht +finden+.
+Denn darin besteht der Unterschied apollinischer und faustischer
+Lebensläufe, daß die einen ahistorisch-mythisch, die andern
+historisch-genetisch angelegt sind, daß die einen in jedem Augenblick
+ein Sein, die andern ein Werden vor Augen führen, daß im Gegensatz zum
+antiken Menschsein für uns Charakter und Biographie sich wie Mögliches
+zu Wirklichem, physikalisch ausgedrückt wie potentielle zu kinetischer
+Energie verhalten.
+
+Es folgt daraus, daß charakterologische Wissenschaften, vor allem
+Physiognomik und Graphologie, innerhalb der Antike höchst mager
+ausgefallen sein würden. An Stelle der Handschrift, die wir nicht
+kennen, beweist es das antike Ornament, das gegenüber dem gotischen
+-- man denke z. B. an den Mäander und die Akanthusranke -- von
+einer unglaublichen Simplizität und Schwäche des charakteristischen
+Ausdrucks, dafür von einem nie wieder erreichten Ausgeglichensein in
+zeitlosem Sinne ist.
+
+Es versteht sich von selbst, daß wir, dem antiken Weltgefühl
+zugewendet, dort ein Grundelement der ethischen Wertung finden müssen,
+das dem Charakter ebenso entgegengesetzt ist wie die Statue der Fuge,
+die euklidische Geometrie der Analysis, der Körper dem Raume. Es ist
+die +Geste+. Damit ist das Grundprinzip einer seelischen +Statik+
+gegeben, und das Wort, welches an Stelle unsrer „Persönlichkeit“ in den
+antiken Sprachen steht, heißt πρόσωπον, _persona_ (von _personare_,
+hindurchtönen), nämlich +Rolle+, +Maske+. Im spätgriechisch-römischen
+Sprachgebrauch bezeichnet es die +öffentliche Erscheinung+ und damit
+den eigentlichen +Wesenskern des antiken Menschen+. Man sagte von
+einem Redner, daß er als priesterliches, als soldatisches πρόσωπον
+spreche. Der Sklave war ἀπρόσωπος, aber nicht ἀσώματος, d. h. er
+hatte +keine Bedeutung+, aber eine „+Seele+“. Daß das Schicksal
+jemandem die Rolle eines Königs oder Feldherrn zuerteilt habe, gibt
+der Römer durch _persona regis, imperatoris_.[98] Damit verrät sich
+der apollinische Stil des Lebens. Es handelt sich nicht um konsequente
+Entfaltung innerer Möglichkeiten durch tätiges +Streben+, sondern um
+die jederzeit geschlossene +Haltung+ und strengste Anpassung an ein
+sozusagen plastisches Seelenideal. Nur in der antiken Ethik spielt der
+Begriff Schönheit eine Rolle. Mag man dies Ideal σωφροσύνη, καλοκἀγαθία
+oder ἀταραξία nennen, es ist immer die wohlgeordnete Gruppe sinnlich
+greifbarer, durchaus öffentlich erscheinender, für die andern, nicht
+für das eigene Ich bestimmter Vorzüge. Der Akzent liegt auf dem Sein,
+nicht auf dem Wirken. Man war Objekt, nicht Subjekt des Lebens. Das
+rein Gegenwärtige, Mythisch-Zeitlose, Augenblickliche, der Vordergrund
+wurde nicht überwunden, sondern herausgearbeitet. Alle antiken Ethiken,
+nicht nur die Stoa, predigen die willenlose Passivität, die schöne
+Hingabe an die punktförmige Gegenwart, den Menschen als Statue. Noch
+einmal: Innenleben ist in diesem Zusammenhange ein unmöglicher Begriff.
+Das unübersetzbare, stets im westeuropäischen Sinne mißverstandene
+ζῷον πολιτικόν des Aristoteles bezieht sich auf Menschen, die einzeln,
+einsam, nichts sind, die nur als Mehrzahl etwas bedeuten -- was für
+eine groteske Vorstellung ist ein Athener in der Rolle des Robinson!
+--, auf der ἀγορά, dem _forum_, wo jeder sich an andern spiegelt
+und dadurch erst eigentlich Wirklichkeit erhält. Dies alles liegt
+in dem Ausdruck σώματα πόλεως: die Bürger der Stadt. Man begreift,
+daß das Porträt, das Probestück der Barockkunst, mit der Darstellung
+des Menschen identisch ist, insoweit er +Charakter+ hat, und daß
+andrerseits in der ionischen Periode die Darstellung des Menschen
+hinsichtlich seiner +Attitüde+, des Menschen als „_persona_“, mit dem
+Formideal der attischen Aktstudie enden mußte.
+
+
+5
+
+Dieser Gegensatz hat zu zwei in jedem Betrachte grundverschiedenen
+Formen der Tragödie geführt. Die faustische, das +Charakterdrama+,
+und die apollinische, das +Drama der erhabenen Geste+, haben in
+der Tat nicht mehr als den Namen gemeinsam.
+
+Die Barockzeit machte, bezeichnenderweise ausschließlich von Seneka
+und nicht von Äschylus und Sophokles ausgehend, mit steigender
+Entschiedenheit an Stelle der Ereignisse den Charakter zum
+Schwerpunkt des Ganzen, zur Mitte gewissermaßen eines seelischen
+Koordinatensystems, das allen szenischen Tatsachen in bezug auf sich
+Lage, Bedeutung und Wert zuweist; es entsteht eine Tragik des Wollens,
+der wirkenden Kräfte, der +innern+, nicht notwendig in Sichtbares
+umgesetzten Bewegtheit, während Sophokles das unvermeidliche Minimum
+an Geschehen vor allem durch das Kunstmittel des Botenberichts hinter
+die Szene verlegt. Die antike Tragik bezieht sich auf allgemeine Fälle,
+nicht auf Persönlichkeiten; Aristoteles bezeichnet sie ausdrücklich als
+μίμησις οὐκ ἀνθρώπων ἀλλὰ πράξεως καὶ βίου. Was er in seiner Poetik,
+sicherlich dem für unsere Dichtung verhängnisvollsten Buche, ἦθος
+nennt, nämlich die ideale Haltung eines ideal hellenischen Menschen
+in einer schmerzlichen Lage, hat mit unserm Begriff von Charakter
+als einer die Farbe der Ereignisse bestimmenden Beschaffenheit des
+Ich so wenig zu tun, wie eine Fläche in Euklids Geometrie mit dem
+gleichnamigen Gebilde etwa in Riemanns Theorie der algebraischen
+Gleichungen. Daß man ἦθος mit Charakter übersetzte, statt das kaum
+exakt Wiederzugebende durch Rolle, Haltung, Geste zu umschreiben, daß
+man μῦθος, die +zeitlose Begebenheit+, durch Handlung gab, ist für
+Jahrhunderte ebenso verderblich geworden wie die Ableitung des Wortes
+δρᾶμα von Tun. Othello, Don Quijote, der Misanthrop, Werther sind
+Charaktere. Das Tragische liegt im +bloßen Dasein+ so gearteter
+Menschen inmitten der Welt. Ob gegen diese Welt, gegen sich, gegen
+andre: der Kampf wird durch den Charakter, nicht durch etwas von außen
+Kommendes aufgezwungen. Es ist +Fügung+, die Einfügung einer
+Seele in einen Zusammenhang widersprechender Beziehungen, die keine
+reine Auflösung gestattet. Antike Bühnengestalten aber sind Rollen,
+keine Charaktere. Auf der Szene erscheinen immer dieselben Figuren,
+der Greis, der Heros, die Jungfrau, dieselben schwer beweglichen, auf
+dem Kothurn schreitenden, maskierten Puppen. Deshalb war die Maske
+im antiken Drama auch der Spätzeit eine +innere Notwendigkeit+,
+während wir ohne das Mienenspiel der Darsteller nicht auskommen.
+Man wende ja nicht die Größe der griechischen Theater ein: auch die
+Gelegenheitsmimen trugen Masken, und wäre das tiefere Bedürfnis nach
+intimen Räumen dagewesen, so hätte sich die architektonische Form von
+selbst gefunden.
+
+Die in bezug auf einen Charakter tragischen Begebenheiten folgen aus
+einer langen innern Entwicklung. In den tragischen Fällen des Ajax, des
+Philoktet, der Antigone und Elektra aber ist eine innere Vorgeschichte
+-- selbst wenn sie in einem antiken Menschen anzutreffen wäre -- für
+die Folgen gleichgültig. Das entscheidende Ereignis überfällt sie,
+unvermittelt, ganz zufällig und äußerlich, und hätte an ihrer Stelle
+jeden andern und mit der gleichen Wirkung überfallen können. Es
+brauchte nicht einmal ein Mensch desselben Geschlechtes zu sein.
+
+Es bezeichnet den Gegensatz antiker und westeuropäischer Tragik noch
+nicht scharf genug, wenn man nur von Handlung oder Ereignis redet.
+Die faustische Tragödie ist +biographisch+, die apollinische ist
++anekdotisch+, d. h. jene umfaßt die Genesis eines ganzen Lebens, diese
+den für sich stehenden gegenwärtigen Augenblick; denn welche Beziehung
+hat die gesamte +innere+ Vergangenheit des Ödipus oder Orest zu dem
+vernichtenden Ereignis? Der Anekdote antiken Stils gegenüber kennen
+wir den Typus der +charakteristischen+, antimythischen Anekdote -- es
+ist die +Novelle+ deren Meister Cervantes, Kleist, Hoffmann, Storm
+sind --, die um so bedeutender ist, je mehr man fühlt, daß ihr Motiv
++nur einmal+ und nur zu +dieser+ Zeit und unter +diesen+ Menschen
+möglich war, während der Rang der mythischen Anekdote -- der +Fabel+
+-- durch die Reinheit der gegenteiligen Qualitäten bestimmt wird. Wir
+haben da also ein Schicksal, das wie der Blitz trifft, gleichgültig
+wen, und ein andres, das sich wie ein unsichtbarer Faden durch ein
+Leben spinnt und dieses eine vor allen andern auszeichnet. Es gibt im
+vergangenen Dasein Othellos, dieses Meisterstücks einer psychologischen
+Analyse, nicht einen, nicht den geringsten Zug, der ohne Beziehung zur
+Katastrophe wäre. Der Rassenhaß, das Alleinstehen des Emporkömmlings
+unter den Patriziern, der Mohr als Soldat, als Naturmensch, als
+der vereinsamte ältere Mann -- nichts von diesen Momenten ist ohne
+Bedeutung. Man versuche doch, die Exposition des Hamlet, des Lear im
+Vergleich zu der sophokleischer Stücke zu entwickeln. Sie ist durchaus
+psychologisch, nicht eine Summe äußerer Daten. Von dem, was wir
+heute einen Psychologen nennen, was für uns beinahe mit dem Begriff
+eines Dichters identisch ist, hatten die Griechen keine Ahnung. So
+wenig sie Analytiker in der Mathematik waren, so wenig waren sie es
+im Seelischen, und antiken Seelen gegenüber konnte es nicht wohl
+anders sein. „Psychologie“ -- das ist das eigentliche Wort für die
++abendländische+ Art von Menschengestaltung. Das paßt auf ein Porträt
+Rembrandts so gut wie auf die Tristanmusik, auf Flauberts Madame
+Bovary wie auf Dantes Vita Nuova. Keine andre Kultur kennt Ähnliches.
+Gerade das ist es, was von der Gruppe antiker Künste mit Strenge
+ausgeschlossen wurde. Psychologie ist die Form, in welcher der +Wille+,
+der Mensch als verkörperter Wille, nicht der Mensch als σῶμα kunstfähig
+wird. Wer hier Euripides nennt, der weiß gar nicht, was Psychologie
+ist. Welche Fülle des Charakteristischen liegt schon in der nordischen
+Mythologie mit ihren schlauen Zwergen, tölpischen Riesen, neckischen
+Elben, mit Loki, Baldr und den andern Gestalten, und wie typisch
+allgemein wirkt daneben der Olymp. Zeus, Apollo, Poseidon sind einfach
+„Männer“, Hermes ist „der Jüngling“, Athene eine reifere Aphrodite,
+die kleineren Götter -- wie auch die spätere Plastik beweist -- nur
+dem Namen nach unterscheidbar. Das gilt im vollen Umfange auch von den
+Gestalten der attischen Szene. Bei Wolfram von Eschenbach, Cervantes,
+Shakespeare, Goethe entwickelt sich das Tragische von innen heraus,
+dynamisch, funktional, bei den drei großen Tragikern Athens kommt es
+von außen, statisch, euklidisch. Man denke an den Geschlechterfluch im
+Hause der Atriden. Um eine früher auf die Weltgeschichte angewandte
+Bezeichnung zu wiederholen: das vernichtende Ereignis macht dort
++Epoche+, hier bewirkt es eine +Episode+. Selbst der tödliche
+Ausgang ist nur die letzte Episode eines aus lauter Zufälligkeiten
+zusammengesetzten Daseins.
+
+Eine Barocktragödie ist nichts als der führende Charakter noch einmal,
+nur im realen Raume zur Entfaltung gebracht, als Kurve statt als
+Gleichung, kinetische statt potentieller Energie. Die sichtbare Person
+ist der mögliche, die Handlung der sich verwirklichende Charakter.
+Dies ist der ganze Sinn unsrer noch heute unter antiken Reminiszenzen
+und Mißverständnissen verschütteten Dramaturgie. Der tragische Mensch
+der Antike ist ein euklidischer Körper, der in seiner Lage, die er
+nicht gewählt hat und nicht ändern kann, von der Moira getroffen wird,
+der sich in der Belichtung seiner Flächen durch die äußern Vorfälle
+unveränderlich zeigt. Das ist die +Geste+, das πρόσωπον als
+ethisches Ideal. In diesem Sinne ist in den Choephoren von Agamemnon
+als dem „flottenführenden königlichen Leibe“ die Rede und sagt Ödipus
+in Kolonos, daß das Orakel „seinem Leibe“ gelte. Man wird bei allen
+bedeutenden Menschen der griechischen Geschichte bis auf Alexander
+hinab eine merkwürdige Unbildsamkeit finden. Ich wüßte keinen, der in
+den Kämpfen des Lebens eine innere Umwandlung vollzogen hätte, wie wir
+sie von Luther und Ignaz von Loyola kennen. Was man allzu flüchtig bei
+den Griechen Charakterzeichnung nennt, die Kunst, deren Meisterstücke
+noch im 19. Jahrhundert die Wahlverwandtschaften und Stendhals Julian
+Sorel sind, ist nichts als der Reflex der Ereignisse auf das ἦθος des
+Helden, niemals der Reflex einer Persönlichkeit auf die Ereignisse.
+
+Und so verstehen wir faustischen Menschen das Drama mit innerster
+Notwendigkeit als ein Maximum an Aktivität, die Griechen mit
+derselben Notwendigkeit als ein Maximum an Passivität. Die attische
+Tragödie enthält überhaupt keine „Handlung“. Die antiken Mysterien
+-- und Äschylus, der aus Eleusis stammte, hat das höhere Drama durch
+Übertragung der Mysterienform mit ihrer Peripetie erst geschaffen --
+waren sämtlich δράματα, d. h. liturgische Aktionen in der Art unserer
+Passionen und Oratorien. Aristoteles bezeichnet die Tragödie als
+Nachahmung eines Geschehens. Das, die Nachahmung, ist identisch mit
+der vielberufenen +Profanation der Mysterien+, und man weiß,
+daß Äschylus, der auch die sakrale Tracht der Eleusispriester für
+immer als das Kostüm der attischen Bühne eingeführt hat, deshalb
+angeklagt wurde.[99] Denn das eigentliche δρᾶμα mit seiner Peripetie
+von der Klage zum Jubel lag gar nicht in der Fabel, die erzählt
+wurde, sondern in der dahinter stehenden, vom Zuschauer im tiefsten
+Sinne aufgefaßten und nachgefühlten Kulthandlung. Es war sicherlich
+gewagt, den Vorgang dieser heiligen Erschütterung mit einer Burleske
+zu verbinden. Der uralte Bockgesang der τράγοι, der als Böcke
+verkleideten, von Dorf zu Dorf ziehenden Schauspieler, hatte mit
+seiner Beziehung auf die wieder erwachende Zeugungskraft der Natur
+Gelächter erregt. Das war volksmäßig. Nun aber hebt die Kalokagathie
+dies künstlerische Element zu sich empor. Äschylus als der Vertreter
+des aristokratisch-homerischen Prinzips führt den zweiten Schauspieler
+und damit die Wechselrede ein und so wächst aus der Harlekinade, die in
+das Satyrspiel am Schluß zurückgedrängt wird, die eigentliche antike
+Tragödie empor. In ihr siegt der +Geist der Plastik+ über den
+Orgiasmus, Apollo über Dionysos. Hier am Seelenfeste des Dionysos im
+Frühling berühren sich Leben und Tod, das Phallische und die Klage um
+das Vergängliche. Dionysos ist der Herr der abgeschiedenen Seelen. Auch
+in Eleusis war das Umschlagen der Klage um den Tod zum Jubel über die
+Rettung der Kore Inhalt der heiligen Messe.
+
+Die Tragödie wuchs aus dem θρῆνος (_naenia_), der +feierlichen+
+Klage am Totenfeste, hervor. Aber der apollinische, plastische Geist
+gestaltet die ursprünglich allgemeine Klage zur besonderen. Es ist
+der Heros der Stadt, über dessen Leiden der Chor die große Klage
+anstimmt. Denn das erst hat die Tragödie vollendet: Der Klage als dem
++gegebenen+ Thema wird die Gestaltung eines großen menschlichen Leidens
+als Motiv unterlegt. Äschylus führt die Heldensage in seinen 70 Dramen
+als die Vordergrundfabel (μῦθος) der Szene ein. Der Zuschauer, der
+den Sinn des Tages kannte, fühlte in den pathetischen Worten sich und
+seine Ahnen gemeint. In +ihm+ vollzieht sich die Peripetie, die der
+eigentliche Zweck der heiligen Handlung ist. Die liturgische Klage
+über den Jammer des Menschengeschlechts ist immer, von Berichten
+und Erzählungen umgeben, der Schwerpunkt des Ganzen geblieben. Man
+sieht es am deutlichsten im Prometheus, Agamemnon und König Ödipus.
+Aber hoch über die Klage hinaus erhebt sich die Größe des Dulders,
+seine erhabene Attitüde, sein ἦθος, das in mächtigen Szenen zwischen
+den Chorpartien vorgeführt wird. Nicht der heroische Täter, dessen
+Willenskraft, dessen Lebenstendenz am Widerstand fremder Mächte
+oder an den Dämonen in der eignen Brust wächst und bricht, sondern
+der willenlos Leidende, dessen euklidisches, somatisches Dasein --
+ohne tiefern Grund, wie man hinzufügen muß -- zerstört wird, ist das
+Thema. Die Prometheustrilogie des Äschylus beginnt gerade dort, wo
+Goethe sie vermutlich hätte enden lassen. Der Wahnsinn Lears ist die
+notwendige Folge höchst komplizierter psychischer Voraussetzungen, in
+deren Gewebe keine Masche fehlen darf. Der Ajax des Sophokles wird
+von Athene wahnsinnig +gemacht, bevor+ das Drama beginnt. Das ist
+der Unterschied zwischen einem Charakter und einer szenischen Figur.
+In der Tat, Furcht und Mitleid sind, wie es Aristoteles beschreibt,
+die notwendige Wirkung antiker Tragödien auf antike, und nur auf
+antike Zuschauer. Das wird sofort klar, wenn man sieht, welche Szenen
+von ihm als die wirksamsten bezeichnet werden -- man hat das bisher
+übersehen --, nämlich jähe Glückswechsel und Erkennungsszenen. Zu
+den ersten gehört vor allem der Eindruck des φόβος (Grauen), zu den
+zweiten der des ἔλεος (Rührung). Der Gedanke der Katharsis ist nur
+aus dem streng euklidischen Seinsideal der Ataraxie nachzuerleben.
+Die antike „Seele“ ist reine Gegenwart, reines σῶμα, unbewegtes
+punktförmiges Sein. Dies in Frage gestellt zu sehen, durch den Neid
+der Götter, das blinde Ungefähr, das wahllos, blitzartig über jeden
+hereinbrechen kann, ist das furchtbarste. Es greift an die Wurzeln der
+antiken Existenz, während es den faustischen, alles wagenden Menschen
+erst lebendig werden läßt. Und nun -- das sich lösen zu sehen, wie
+wenn Gewitterwolken sich in dunklen Bänken am Horizont lagern und die
+Sonne wieder durchbricht, das tiefe Gefühl der Freude an der geliebten
+großen Geste, das Aufatmen der gequälten mythischen Seele, die Lust
+am wiedergewonnenen Gleichgewicht -- das ist Katharsis. Das setzt
+aber auch eine Psychologie voraus, die uns vollkommen fremd ist. Das
+Wort ist in unsre Sprachen und Empfindungen kaum zu übersetzen. Die
+ganze ästhetische Mühe und Willkür des Barock und des Klassizismus mit
+der rückhaltlosen Ehrfurcht vor antiken Büchern im Hintergrunde, war
+notwendig, um uns dies seelische Fundament auch für unsre Tragödie
+aufzureden -- angesichts der Tatsache, daß ihre Wirkung gerade die
+entgegengesetzte ist, daß sie nicht von passiven, statischen Affekten
+erlöst, sondern aktive, dynamische hervorruft, reizt und auf die
+Spitze treibt, daß sie die Urgefühle eines energischen Menschseins,
+die Grausamkeit, die Freude an Spannung, Gefahr, Gewalttat, Sieg,
+Verbrechen, das Glücksgefühl des Überwinders und Vernichters
+weckt, Gefühle, die seit der Wikingerzeit, den Hohenstaufentaten
+und Kreuzzügen in den Tiefen der nordischen Seele schlafen. +Das+
+ist die Wirkung Shakespeares. Ein Grieche hätte den Macbeth gar
+nicht ausgehalten; er hätte vor allem den Sinn dieser mächtigen
+biographischen Kunst mit ihrer Richtungstendenz nicht begriffen. Daß
+Gestalten wie Richard III., Don Juan, Faust, Michael Kohlhaas, Golo,
+unantik vom Scheitel bis zur Sohle, nicht Mitleid, sondern einen
+tiefen seltsamen Neid, nicht Furcht, sondern eine rätselhafte Lust an
+Qualen, einen verzehrenden Wunsch nach einem ganz andern Mit–Leiden
+wecken, verraten uns heute, wie die faustische Tragödie auch in ihrer
+spätesten, der deutschen Form endgültig abgestorben ist, die ständigen
+Motive der weltstädtischen Literatur Westeuropas, die man mit den
+entsprechenden alexandrinischen vergleiche: In den „nervenspannenden“
+Abenteurer- und Detektivgeschichten und ganz zuletzt im Kinodrama, das
+durchaus den spätantiken Mimus vertritt, ist ein Rest der unbändigen
+faustischen Überwinder- und Entdeckersehnsucht fühlbar.
+
+Dem entspricht genau das apollinische und das faustische Bühnenbild,
+das zur Vollständigkeit des Kunstwerkes gehört, wie es vom Dichter
+gedacht worden war. Das antike Drama ist ein Stück Plastik, eine
+Gruppe pathetischer Szenen von reliefmäßigem Charakter, eine Schau
+riesenhafter Marionetten vor der flach abschließenden Rückwand
+des Theaters. Es ist ausschließlich groß empfundene Geste, Ethos,
+während die spärlichen Begebenheiten der Fabel feierlich vorgetragen,
+dicht vorgeführt werden. Das Gegenteil will die Technik des
+abendländischen Dramas: Ununterbrochene Bewegtheit und strenge
+Ausschaltung handlungsarmer, statischer Momente. Die berühmten drei
+Einheiten des Ortes, der Zeit und des Vorgangs +formulieren den
+Typus der attischen Marmorstatue+. Und unvermerkt bezeichnen sie
+das Lebensideal des antiken, an die Polis, die reine Gegenwart,
+die Geste gebundenen Menschen. Die Einheiten haben sämtlich den
+Sinn von +Negationen+: man verleugnet den Raum, man verneint
+Vergangenheit und Zukunft, man lehnt alle seelischen Beziehungen
+in die Ferne ab. Die drei Einheiten, ahistorisch, antimusikalisch,
+schränken die Wirklichkeit auf den Vordergrund, die unmittelbare
+Nähe und Gegenwart ein. Alles andre ist „τὸ μὴ ὄν“. Sie enthalten
+zugleich das Ideal der euklidischen, der stoischen Ethik. Ἀταραξία --
+in dem Worte könnte man sie zusammenfassen. Man verwechsle diese Form
+ja nicht mit der oberflächlich ähnlichen im Drama der romanischen
+Völker. Das spanische Theater des 16. Jahrhunderts hat sich dem Zwang
+antiker Regeln unterworfen, aber man begreift, daß die kastilianische
+Würde der Zeit Philipps II. sich davon angesprochen fühlte, ohne den
+ursprünglichen Geist dieser Regeln zu kennen oder auch nur kennen zu
+wollen. Islamisches Schicksalsgefühl vermittelte hier zwischen antikem
+_fatum_ und spanischem Katholizismus, ohne daß man sich der innern
+Distanz bewußt geworden wäre. Tirso de Molina erneuerte die Theorie von
+den Einheiten, die Corneille, der kluge Zögling spanischer Grandezza,
+in seiner berühmten Abhandlung von ihm entlehnte. Damit begann das
+Verhängnis. Die florentinische Nachahmung der maßlos bewunderten
+antiken Plastik, die niemand in ihren letzten Bedingungen begriff,
+konnte nichts verderben, denn es gab damals keine nordische Plastik
+mehr, die hätte verdorben werden können. Aber es gab die Möglichkeit
+einer mächtigen, rein faustischen Tragödie von ungeahnten Formen und
+Kühnheiten und daß sie, so groß Shakespeare ist, niemals den Bann einer
+mißverstandenen Konvention ganz überwunden hat, das hat der Glaube
+an die Poetik des Aristoteles verschuldet. Was hätte aus dem Drama
+des Barock unter den Eindrücken der ritterlichen Epik, des Tristan
+und Parzeval, und in Nachbarschaft zu den Oratorien und Passionen der
+Kirche werden können, wenn man niemals etwas vom griechischen Theater
+gehört hätte! Eine Tragödie aus dem Geiste der kontrapunktischen Musik,
+ohne die Fesseln einer für sie sinnlosen plastischen Gebundenheit,
+eine Bühnendichtung, die sich von Orlando Lasso und Palestrina an und
+neben Heinrich Schütz, Bach, Händel, Gluck, Beethoven vollkommen frei
+zu einer eignen und reinen Form entwickelt hätte -- das wäre möglich
+gewesen. Nur dem glücklichen Umstande, daß die gesamte hellenische
+Freskomalerei verloren ging, verdanken wir die Rettung, die innere
+Freiheit der Ölmalerei.
+
+Unsere tragischen Konzeptionen sind von faustischem Gehalt, aber der
+dramatische Körper spanischen, französischen oder elisabethanischen
+Stils, das fünfaktige Blankversdrama z. B., ist ein Kompromiß ohne
+Tiefe. Was ohne die Kenntnis apollinischer Formen hätte entstehen
+können, läßt allein der Faust ahnen, die einzige auch im Szenischen
+unabhängige (wegen des Mangels an einer großen Tradition allerdings
+fragmentarische) Schöpfung: was sie zerstört haben, lehrt Racine,
+dessen mächtige Gestaltungskraft sich im Kampfe mit einem Schema
+erschöpft hat, das niemand anzutasten wagte.
+
+
+6
+
+Mit den drei Einheiten war es nicht genug. Das attische Drama forderte
+statt des Mienenspiels die starre Maske mit den wulstigen, weit
+geöffneten Lippen -- es verbot also die seelische Charakteristik, wie
+man die Aufstellung ikonischer Statuen verboten hatte. Es forderte
+den Kothurn und die überlebensgroße, rings bis zur Unbeweglichkeit
+gepolsterte Figur mit dem schleppenden Gewande -- und beseitigte damit
+die Individualität der Erscheinung. Es forderte endlich den aus einem
+röhrenartigen Mundstück monoton erschallenden Sprechgesang, dessen
+für das Ohr nicht wahrnehmbare Kadenzen für das Auge durch Senken
+eines Stäbchens bezeichnet wurden. Das Statuenhafte, Euklidische des
+Szenenbildes war damit auf die Spitze getrieben. Nichts durfte in
+Sprache und Erscheinung das Gefühl von Raumfernen, Seelenhorizonten und
+zeitlichen Perspektiven heraufrufen.
+
+Die faustische Tragik war die Ausschweifung einer Seele, die an einem
+unbändigen, unersättlichen Willen litt, eine Rettung ins Poetische,
+welche die Griechen, die an ganz andern Dingen litten, nicht nötig
+hatten und nicht verstanden haben würden. Der „Neid der Götter“, der
+das pflanzenhaft-euklidische Sein in seiner +Ruhe+ bedrohte, trieb
+sie zur Verzweiflung. „Nie geboren zu sein, nie den Tag erblickt zu
+haben und sein flammenhufiges Gespann“ -- das ist +ihre+ Klage,
+und daneben und doch wieder eins und dasselbe steht die Klage des
+Achilleus, der lieber der ärmste Tagelöhner sein als im Reiche der
+Schatten weilen möchte. Deshalb klammerten sie sich mit nie endender
+Angst an den Vordergrund der Dinge und schlossen die Augen vor dem
+Fernen, das sie das Nichtseiende nannten. Deshalb umstellte der
+Grieche sein Leben mit allen Symbolen der Nähe und des Körperlichen,
+des tatenarmen, stoischen, richtungslosen Seins. Das trieb ihn zur
+Geselligkeit, zum Leben eines ζῷον πολιτικόν, eines Menschen der Nähe
+und Mehrzahl, als dessen leibhaftes Symbol der +Chor+ auf der
+Szene weilt. Nichts steht dem ferner als das +Monologische+ der
+faustischen Seele, ihre ungeheure Einsamkeit und Verlorenheit im All,
+die sich durch die gesamte abendländische Kunst wie eine unendliche
+Melodie hinzieht. Nichts ist einsamer als ein Bildnis Rembrandts,
+als eine Fuge von Bach, ein Quartett von Beethoven. Wir haben das
+attische Drama in seiner grandiosen Einseitigkeit und Unnatur gar nicht
+verstanden. Der bloße Text, wie wir ihn heute +lesen+ -- nicht
+ohne unvermerkt den Geist Goethes und Shakespeares und unsre ganze
+Kraft perspektivischen Sehens hineinzutragen -- kann von dem tiefern
+Sinn dieses Dramas +nichts+ geben. Antike Kunstwerke sind nur
+für das antike Auge, und zwar das leibliche Auge geschaffen. Erst die
+sinnliche Form der Darstellung schließt die eigentlichen Geheimnisse
+auf. Ein Drama des Äschylus ist eine viel komplexere Einheit, als wir,
+an das einsame Studium von Lesedramen gewöhnt -- und an eine „innere
+Bühne“ also voller schrankenloser, die reale Darstellbarkeit weit
+überschreitender Möglichkeiten --, meist annehmen. Der antike Mensch
+war Zuschauer, nicht Leser, mit dem Leibe eher dabei als mit der
+„Seele“, und der Verlust beinahe aller Meisterdramen des Äschylus und
+Sophokles beweist, wie wenig ihm das Aufgeschriebene an sich, ohne die
+Szene, bedeutet hat. Euripides, dessen Werke eher sozialphilosophische
+Traktate sind, macht eine bezeichnende Ausnahme.
+
+Die antike Seele, die nichts ist als die verwirklichte +Form des
+antiken Leibes+ -- Aristoteles hat da, in seiner Lehre von der
+Entelechie, das apollinische Lebensgefühl vollkommen richtig formuliert
+--, weiß nichts von einer nachschaffenden Phantasie. Sie war an die
+Szene mit der den Hintergrund schroff abschließenden Bühnenwand
+gebunden. Mit dem wirklichen, von der südlichen Sonne überstrahlten
+Vorgang war das Kunstwerk des Sophokles erschöpft. Führen wir, deren
+Leib ein physiognomischer Ausdruck der faustischen Seele ist, wie
+die Porträtkunst lehrt, aber heute ein Drama von ihm auf, so ist es
+kein antikes Drama mehr. Wir sehen mit andern Augen und nicht nur mit
+den leiblichen Augen und bemerken nun freilich den Gespensterschritt
+starrer Puppen nicht mehr, der ein Sinnbild jenes uns so fremden
+Lebensgefühls war. Wir sind geneigt, über derlei „Äußerlichkeiten“
+hinwegzusehen und vergessen, daß die antike Kultur nur Äußerliches
+als wirklich anerkennt, daß die Tiefe dieses Seelentums nur im
+Sinnlich-Nahen liegt. Nichts kann das euklidische Lebensgefühl
+deutlicher machen als eben das Element des Chores. Der Chor ist
+die griechische +Urtragödie+, die Urklage über den Jammer des
+menschlichen Seins und der Dialog in den Chorpausen -- feierlich und
+keineswegs „dem Leben abgelauscht“ -- eine späte Zutat. Dieser Chor
+als Menge, als der ideale Gegensatz zum einsamen, zum innerlichen
+Menschen, zum Monolog der abendländischen Szene, dieser Chor, der immer
+anwesend bleibt, vor dem sich alle „Selbstgespräche“ abspielen, der
+die Angst vor dem Grenzenlosen, Leeren auch im Bühnenbilde vertreibt
+-- das ist apollinisch. Die Selbstbetrachtung als +öffentliche+
+Tätigkeit, die prunkvolle öffentliche Klage statt des Schmerzes im
+einsamen Kämmerlein (-- „wer nie die kummervollen Nächte auf seinem
+Bette weinend saß“ --), das tränenreiche Jammergeschrei, das eine ganze
+Reihe von Dramen wie den Philoktet und die Trachinierinnen füllt, die
+Unmöglichkeit, allein zu bleiben, der Sinn der Polis, all das Weibliche
+dieser Kultur, wie es der Idealtypus des Apoll von Belvedere verrät,
+offenbart sich im Symbol des Chores. Dieser Art von Drama gegenüber
+ist das Shakespeares ein einziger Monolog. Selbst die Zwiegespräche,
+selbst die Gruppenszenen lassen die ungeheure +innere+ Distanz
+dieser Menschen empfinden, von denen jeder im Grunde nur mit sich
+selbst spricht. Nichts vermag diese seelische Ferne zu durchbrechen.
+Man fühlt sie im Hamlet wie im Tasso, im Don Quijote wie im Werther,
+aber sie ist schon im Parzeval in ihrer ganzen Unendlichkeit Gestalt
+geworden; sie unterscheidet die gesamte abendländische Poesie von der
+gesamten antiken. Unsre ganze Lyrik, von Walther von der Vogelweide
+bis auf Goethe, bis auf die Lyrik der sterbenden Weltstädte herab ist
+monologisch, die antike Lyrik ist eine Lyrik im Chor, eine Lyrik vor
+Zeugen. Die eine wird innerlich aufgenommen, im wortlosen Lesen, als
+unhörbare Musik, die andre wird öffentlich rezitiert. Die eine gehört
+dem schweigenden Raume -- als Buch, das überall zu Hause ist --, die
+andre dem Platz, an dem sie erklingt.
+
+Die Kunst des Thespis entwickelt sich deshalb, obwohl die Mysterien
+von Eleusis und die thrakischen Feste der Epiphanie des Dionysos
+nächtlich gewesen waren, mit innerster Notwendigkeit zu einer Szene
+des Vormittags und des vollen Sonnenlichts. Aus den abendländischen
+Volks- und Passionsspielen dagegen, die aus der Predigt mit verteilten
+Rollen hervorgegangen sind und erst von Klerikern in der Kirche, später
+von Laien auf dem freien Platz davor, und zwar an den Vormittagen
+der hohen Kirchenfeste (Kirmessen) vorgetragen wurden, entstand
+unvermerkt eine Kunst des Abends und der Nacht. Schon zu Shakespeares
+Zeiten spielte man am Spätnachmittag und dieser mystische Zug, der
+das Kunstwerk der ihm zugehörigen Helligkeit annähern will, hatte zur
+Zeit Goethes sein Ziel erreicht. Jede Kunst, jede Kultur überhaupt
+hat ihre bedeutsame Tagesstunde. Die kontrapunktische Musik ist die
+Kunst der Dunkelheit, wo das innere Auge erwacht, die attische Plastik
+die des vollen Lichtes. Wie tief diese Beziehung reicht, beweisen,
+die gotische Plastik mit der sie umhüllenden ewigen Dämmerung und die
+ionische Flöte, das Instrument des hohen Mittags. Die Kerze bejaht,
+das Sonnenlicht verneint den Raum gegenüber den Dingen. In den Nächten
+siegt der Weltraum über die Materie, im Lichte des Mittags verleugnen
+die Dinge den Raum. So unterscheiden sich das attische Fresko und die
+nordische Ölmalerei. So wurden Helios und Pan antike, der Sternenhimmel
+und die Abendröte faustische Symbole. Auch die Seelen der Toten
+gehen mitternachts um, vor allem in den zwölf langen Nächten nach
+Weihnachten. Die antiken Seelen gehörten dem Tage. Noch die alte Kirche
+hatte vom δωδεκαήμερον, den zwölf geweihten Tagen, geredet; mit dem
+Erwachen der abendländischen Kultur wurde die „Zwölftnacht“ daraus.
+
+Die antike Vasen- und Freskomalerei -- man hat das noch nie bemerkt --
+kennt keine Tageszeit. Kein Schatten zeigt den Stand der Sonne, kein
+Himmel die Gestirne an; es herrscht reine, +zeitlose Helligkeit+.
+Das Atelierbraun der klassischen Ölmalerei entwickelte sich mit
+gleicher Selbstverständlichkeit zum Gegenteil, einer imaginären, von
+der Stunde unabhängigen Dunkelheit, der eigentlichen Atmosphäre des
+faustischen Seelenraumes. Stete Helle und stete Dämmerung trennen in
+der Tat antike und westeuropäische Malerei, antike und westeuropäische
+Bühne voneinander. Und darf man nicht auch die euklidische Geometrie
+eine Mathematik des Tages, die Analysis eine der Nacht nennen?
+
+Man wird die Beziehung jener plastischen Geometrie zum Szenenbild des
+Dionysostheaters -- mit Chor, Maske, Kothurn und den drei Einheiten --
+nicht verkennen und ebensowenig die der Analysis zum unkörperlichen
+Szenenbilde unsres Dramas, dem umrahmten Bühnenausschnitt in
+künstlichem Lichte und mit perspektivischem Horizont, der den Weltraum
+bedeutet. Gerade die raumfeindliche euklidische Körperlehre macht das
+Prinzip der „Einheit des Ortes“ begreiflich. Jeder Szenenwechsel,
+der die Phantasie zu einer Einheit höherer, nicht sinnlicher Ordnung
+heraufruft, sprengt die rein stoffliche Gegenwart, bezieht den Weltraum
+ein, wirkt perspektivisch, richtunggebend, musikalisch und zerstört den
+stereometrischen, statuenhaften Aspekt, in dem alle Bedeutung für den
+antiken Zuschauer beschlossen liegt.
+
+Für die Griechen sicherlich eine Art profanen Frevels, ist der
+Szenenwechsel für uns beinahe ein religiöses Bedürfnis, eine Forderung
+der innern Wahrheit. In der gleichbleibenden Szene des Tasso liegt
+etwas Heidnisches. Wir empfinden das als Unnatur. Wir brauchen
+innerlich ein Drama voller Perspektiven und weiter Hintergründe,
+eine Bühne, die alle sinnlichen Schranken aufhebt und die ganze Welt
+in sich zieht. Shakespeare, der geboren wurde, als Michelangelo
+starb, und zu dichten aufhörte, als Rembrandt zur Welt kam, hat
+das Maximum von Unendlichkeit, von leidenschaftlicher Überwindung
+aller statischen Gebundenheit erreicht. Seine Wälder, Meere, Gassen,
+Gärten, Schlachtfelder liegen im Fernen, Grenzenlosen. Jahre fliehen
+in Minuten vorüber. Der wahnsinnige Lear zwischen dem Narren und
+dem tollen Bettler im Sturm auf der nächtlichen Heide, das Ich
+in tiefster Einsamkeit im Raume verloren -- das ist faustisches
+Lebensgefühl. Man wird bemerken, daß -- wie im Ölgemälde, dessen
+infinitesimaler Geist mit dem der tragischen Szene völlig identisch
+ist -- auch im Szenenbilde die charakteristische Landschaft eine
+vorwiegende Rolle spielt, und auch das schlägt die Brücke hinüber zu
+den innerlich gesehenen, erfühlten Landschaften der Musik, daß die
+Bühne der elisabethanischen Zeit das alles +nur bezeichnet+,
+während das geistige Auge sich aus spärlichen Andeutungen ein Bild
+der Welt entwirft, in welcher die Szenen sich abspielen und die eine
+Illusionsbühne niemals hätte verifizieren können. Der Renaissance
+gegenüber entsteht ein Trieb nach dem Freien, Unbegrenzten,
+Nichtoptischen, in dem für uns der tiefere Sinn aller Natur liegt, und
+wo umschlossene Räume notwendig werden, weist eine offene Halle oder
+ein Fenster in die Ferne. Die griechische Szene ist niemals Landschaft;
+sie ist überhaupt nichts. Man darf sie höchstens als die Basis
+wandelnder Statuen bezeichnen. Die Figuren sind alles, auf dem Theater
+wie im Fresko. Hier erinnere man sich der viel bemerkten, aber nie
+wirklich aufgeklärten Tatsache, daß „der antike Mensch kein Naturgefühl
+in unserm Sinne“ besitzt. Hier ist der Grund. Das apollinische
+Tiefenerlebnis, das Ursymbol des σῶμα, hat einen andern +Begriff von
+Natur+ zur Folge. Das faustische Naturgefühl ist ein Gefühl des
+Unendlichen, das durch und über den Dingen sich manifestiert, der Natur
+als Raum. Dies Gefühl hat die echte Szene Goethes und Shakespeares
+geschaffen und würde darüber weit hinausgeführt haben, hätte das antike
+Vorbild den Willen dazu nicht gelähmt. Die Natur des Griechen war etwas
+andres, uns so fremd, daß wir sie als solche nicht erkannt haben und
+das Gefühl von +ihr+ ist es, das sich, uns kaum verständlich, in
+der Bindung des Sinnlichen durch die drei Einheiten äußert.
+
+
+7
+
+Alles Sinnliche aber ist gemeinverständlich. Damit wurde unter allen
+Kulturen, die es bisher gab, die antike in den Äußerungen ihres
+Lebensgefühls am meisten, die abendländische am wenigsten populär.
+Gemeinverständlichkeit ist das Gegenteil von Esoterik. Es ist das
+Merkmal einer Schöpfung, die sich jedem Betrachter auf den ersten Blick
+mit all ihren Geheimnissen preisgibt; einer Schöpfung, deren Sinn sich
+in der Außenseite und Oberfläche verkörpert. Gemeinverständlich ist
+in jeder Kultur das, was von urmenschlichen Zuständen und Bildungen
+her unverändert geblieben ist, was der Mann von den Tagen der Kindheit
+an fortschreitend begreift, ohne eine ganz neue Betrachtungsweise
++erkämpfen+ zu müssen, überhaupt das, was +nicht+ erkämpft
+werden muß, was sich von selbst gibt, was im sinnlich Gegebenen
+unmittelbar zutage liegt, nicht durch dasselbe nur angedeutet ist und
+nur -- von wenigen, unter Umständen von ganz vereinzelten -- gefunden
+werden kann. Es gibt volkstümliche Ansichten, Werke, Menschen. Jede
+Kultur hat ihren ganz bestimmten Grad von Esoterik oder Popularität,
+der ihren gesamten Leistungen innewohnt, soweit sie symbolische
+Bedeutung haben. Das Gemeinverständliche hebt den Unterschied zwischen
+den Menschen auf, hinsichtlich des Umfangs und der Tiefe ihres
+Seelischen. Die Esoterik betont ihn, verstärkt ihn. Endlich, auf das
+ursprüngliche Tiefenerlebnis des zum Selbstbewußtsein erwachenden
+Menschen angewendet und damit auf das Ursymbol seines Daseins und den
+Stil seiner Umwelt bezogen: zum Ursymbol des Körperhaften gehört die
+rein populäre, „+naive+“, zum Symbol des unendlichen Raumes die
+ausgesprochen unpopuläre Beziehung zwischen Kulturschöpfungen und
+den dazu gehörigen Kulturmenschen. Populär ist die Helle und Nähe,
+der Vordergrund, das Augenblickliche und Gegenwärtige, in dem die
+unmittelbare Sinnesempfindung über den Raum siegt. Populär ist jede
+Wissenschaft, welche die nächsten und greifbarsten Motive aufsucht
+und ihrer innern Struktur nach sich in ihnen erschöpft und erschöpfen
++kann+. Die Ferne weist ab; sie legt Raum zwischen sich und die
+Menschen; sie fordert Überwindung, Willen, Kraft; sie wird damit den
+wenigsten zugänglich. Die Nähe bietet sich jedermann an.
+
+Die antike Geometrie ist die des Kindes, die eines jeden Laien.
+Euklids Elemente der Geometrie werden noch heute in England als
+Schulbuch gebraucht. Der Alltagsverstand wird sie stets für die einzig
+richtige und wahre halten. Alle andern Arten natürlicher Geometrie,
+die möglich sind und die -- in angestrengtester Überwindung des
+populären Augenscheins -- von uns gefunden wurden, sind nur einem
+Kreise berufener Mathematiker verständlich. Die berühmten vier
+Elemente des Empedokles sind die jedes naiven Menschen und seiner
+„angebornen Physik“. Was Sophokles und Euripides schrieben, begriff
+jeder Zuschauer. Ihre Tragik ist die der Orakel, die des Volksglaubens
+an Wahrsagung und des _deus ex machina_, die uns -- man denke an
+die Braut von Messina und ähnliches -- unerträglich ist. Für wie viel
+Menschen aber sind Wolframs Parzeval, der Sturm, der Tasso wirklich
+geschrieben?
+
+Alles Antike ist -- dem pflanzenhaften Lebensgefühl entsprechend --
+mit +einem+ Blick zu umfassen, sei es der dorische Tempel, die
+Statue, die Polis, der Götterkult; es gibt keine Hintergründe und
+Geheimnisse. Aber man vergleiche daraufhin eine gotische Domfassade
+mit den Propyläen, eine Radierung mit einem Vasengemälde, die Politik
+des athenischen Volkes mit der modernen Kabinettspolitik. Man bedenke,
+wie jedes unsrer epochemachenden Werke der Poesie, der Politik, der
+Wissenschaft eine ganze Literatur von Erklärungen hervorgerufen
+hat, mit sehr zweifelhaftem Erfolge dazu. Die Parthenonskulpturen
+des Phidias waren für jeden Hellenen da, die Musik Bachs und seiner
+Zeitgenossen war eine Musik für Musiker. Wir haben den Typus des
+Rembrandtkenners, des Dantekenners, des Kenners der kontrapunktischen
+Musik und es ist -- mit Recht -- ein Einwand gegen Wagner, daß der
+Kreis der Wagnerianer allzu weit geworden ist, daß allzu wenig von
+seiner Musik +nur+ dem gewiegten Musiker vorbehalten bleibt.
+Aber eine Gruppe von Phidiaskennern? Oder gar Homerkennern? Hier
+wird eine Reihe von Phänomenen verständlich, als Symptomen des
+abendländischen Lebensgefühls, die man bisher geneigt war, als
+allgemein menschliche Beschränktheiten moralphilosophisch oder wohl
+richtiger melodramatisch aufzufassen. Der „unverstandene Künstler“, der
+„verhungernde Poet“, der „verhöhnte Erfinder“, der Denker, „der erst
+in Jahrhunderten begriffen wird“ -- das sind Typen einer exklusiven
+und esoterischen Kultur. Das Pathos der Distanz, in dem sich der Hang
+zum Unendlichen und also der Wille zur Macht verbirgt, liegt diesen
+Phänomenen zugrunde. Sie sind im Umkreise faustischen Menschentums, und
+zwar von der Gotik bis zur Gegenwart ebenso notwendig, als sie unter
+apollinischen Menschen undenkbar sind.
+
+Alle hohen Schöpfer des Abendlandes waren von Anfang bis zu Ende in
+ihren eigentlichen Absichten nur einem kleinen Kreise zugänglich.
+Michelangelo hat gesagt, daß sein Stil dazu berufen sei, Narren
+zu züchten. Gauß hat dreißig Jahre lang seine Entdeckung der
+nichteuklidischen Geometrie verschwiegen, weil er das „Geschrei der
+Böoter“ fürchtete. Aber das gilt von jedem Maler, jedem Staatsmann,
+jedem Philosophen. Man vergleiche doch Denker beider Kulturen,
+Anaximander, Heraklit, Protagoras mit Giordano Bruno, Leibniz oder
+Kant. Man denke daran, daß -- außer Schiller -- kein deutscher Dichter,
+der überhaupt Erwähnung verdient, von Durchschnittsmenschen verstanden
+werden kann und daß es in keiner abendländischen Sprache ein Werk von
+dem Range und zugleich der Simplizität Homers gibt. Das Nibelungenlied
+ist eine spröde und verschlossene Dichtung, und Dante zu verstehen
+ist wenigstens in Deutschland selten mehr als eine literarische Pose.
+Was es in der Antike nie gab, hat es im Abendlande immer gegeben: die
+exklusive Form. Ganze Zeitalter wie die der provencalischen Kultur
+und des Rokoko sind im höchsten Grade gewählt und abweisend. Ihre
+Ideen, ihre Formensprache sind nur für eine wenig zahlreiche Klasse
+von höheren Menschen vorhanden. Gerade daß die Renaissance, diese
+vermeintliche Wiedergeburt der -- so gar nicht exklusiven, in ihrem
+Publikum so gar nicht wählerischen -- Antike keine Ausnahme macht,
+daß sie durch und durch die Schöpfung der Medici und +einzelner+
+erlesener Geister war, ein Geschmack, der die Menge von vornherein
+abwies, daß im Gegenteil das Volk von Florenz gleichgültig, erstaunt
+oder unwillig zusah und gelegentlich, wie im Falle Savonarolas, mit
+Vergnügen die Meisterwerke zerschlug und verbrannte, beweist, wie tief
+diese Seelenferne geht. Denn die attische Kultur besaß jeder Bürger.
+Sie schloß keinen aus und sie kannte deshalb den +Unterschied von
+tief und flach+, der für die faustische Sphäre von entscheidender
+Bedeutung ist, überhaupt nicht. Populär und flach sind für uns
+Wechselbegriffe, in der Kunst wie in der Wissenschaft; für antike
+Menschen sind sie es nicht. „Oberflächlich aus Tiefe“ hat Nietzsche die
+Griechen einmal genannt.
+
+Man betrachte daraufhin unsre Wissenschaften, die alle, ohne Ausnahme,
+neben elementaren Anfangsgründen „höhere“, dem Laien unverständliche
+Gebiete haben -- auch dies ein Symbol des Unendlichen und der
+Richtungsenergie. Es gibt bestenfalls tausend Menschen auf der
+Welt, für welche heute die letzten Kapitel der theoretischen Physik
+geschrieben werden. Gewisse Probleme der modernen Mathematik sind
+nur einem noch viel engern Kreise zugänglich. Alle volkstümlichen
+Wissenschaften sind heute von vornherein wertlose, verfehlte,
+verfälschte Wissenschaften. Wir haben nicht nur eine Kunst für Künstler
+(_l’art pour l’art_), sondern auch eine Mathematik für Mathematiker,
+eine Politik für Politiker -- von der das _profanum vulgus_ der
+Zeitungsleser keine Ahnung hat,[100] während die antike Politik niemals
+über den geistigen Horizont der ἀγορά hinausging -- und eine Poesie
+für Philosophen. Man kann den beginnenden Verfall der abendländischen
+Wissenschaft, der schon deutlich fühlbar ist, allein an dem Bedürfnis
+nach einer Wirkung ins Breite ermessen; daß die strenge Esoterik der
+Barockzeit als drückend empfunden wird, verrät die sinkende Kraft, die
+Abnahme des Distanzgefühls, das diese Schranke ehrfürchtig +anerkennt+.
+Die wenigen Wissenschaften, die heute noch ihre ganze Feinheit, Eleganz
+und Energie des Schließens und Folgerns bewahrt haben und nicht
+vom Feuilletonismus angegriffen sind -- es sind nicht mehr viele:
+die theoretische Physik, die Mathematik, die katholische Dogmatik,
+vielleicht noch die Jurisprudenz --, wenden sich an einen engen,
+gewählten Kreis von Kennern. +Der Kenner aber ist es, der mit seinem
+Gegensatz, dem Laien, der Antike fehlt, wo jeder alles kennt.+ Für uns
+hat diese +Polarität+ von Kenner und Laie den Rang eines großen Symbols
+und wo die Spannung dieser Distanz nachzulassen beginnt, da erlischt
+das faustische Lebensgefühl.
+
+Dieser Zusammenhang gestattet für die letzten Stadien der
+abendländischen Geistigkeit -- also für die nächsten zwei, vielleicht
+nicht einmal zwei Jahrhunderte -- den Schluß, daß, je höher die
+weltstädtische Leere und Trivialität der öffentlich und „praktisch“
+gewordenen Künste und Wissenschaften steigt, desto strenger sich der
+posthume Geist der Kultur in sehr enge Kreise zurückziehen und dort
+ohne Zusammenhang mit der Öffentlichkeit an Gedanken und Formen wirken
+wird, die nur einer äußerst geringen Anzahl von bevorzugten Menschen
+etwas bedeuten können.
+
+
+8
+
+Kein antikes Kunstwerk sucht eine Beziehung zum Betrachter. Das
+hieße den unendlichen Raum, in dem das einzelne Werk sich verliert,
+durch dessen Formensprache bejahen, ihn in die Wirkung einbeziehen.
+Eine attische Statue ist vollkommen euklidischer Körper, zeitlos und
+beziehungslos, durchaus in sich abgeschlossen. Sie schweigt. Sie
+hat keinen Blick. +Sie weiß nichts vom Zuschauer.+ Wie sie im
+Gegensatz zu den plastischen Gebilden aller andern Kulturen ganz für
+sich steht und sich in keine größere architektonische Ordnung einfügt,
+so steht sie unabhängig neben dem antiken Menschen, Körper neben
+Körper. Er empfindet ihre bloße +Nähe+, ihre ruhende Form, nicht
+ihre Macht, keine den Raum durchdringende Wirkung. So äußert sich das
+apollinische Lebensgefühl.
+
+Die erwachende magische Kunst kehrte alsbald den Sinn dieser Formen
+um. Das Auge der Statuen und Porträts konstantinischen Stils richtet
+sich groß und starr auf den Betrachter. Es repräsentiert die höhere
+der beiden Seelensubstanzen, das Pneuma. Die Antike hatte das Auge
+blind gebildet; jetzt wird die Pupille gebohrt, das Auge wendet sich,
+unnatürlich vergrößert, in den Raum hinein, den es in der attischen
+Kunst nicht als seiend anerkannt hatte. Im antiken Freskogemälde waren
+die Köpfe einander zugewendet; jetzt, in den Mosaiken von Ravenna und
+schon in den Reliefs der altchristlich-spätrömischen Sarkophage, wenden
+sie sich sämtlich dem Betrachter zu und heften den durchgeistigten
+Blick auf ihn. Eine geheimnisvoll eindringliche Fernwirkung geht,
+höchst unantik, von der Welt im Kunstwerk in die Sphäre des Zuschauers
+hinüber. Noch in den frühflorentinischen und frührheinischen Bildern
+auf Goldgrund ist etwas von dieser Magie zu spüren.
+
+Und nun betrachte man die abendländische Malerei, von Lionardo an, wo
+sie zum vollen Bewußtsein ihrer Bestimmung gelangt ist. Wie begreift
+sie den +einen+ unendlichen Raum, dem das Werk +und+ der Zuschauer,
+beide bloße Schwerpunkte dynamischer Seelenkräfte, angehören? Das
+volle faustische Lebensgefühl, die Leidenschaft der dritten Dimension,
+ergreift die Form des „Bildes“, der einfachen, farbig behandelten
+Fläche, und gestaltet sie in unerhörter Weise um. Das Gemälde bleibt
+nicht für sich, es richtet sich nicht auf den Zuschauer; +es nimmt ihn
+in seine Sphäre auf+. Der durch den Bildrahmen begrenzte Ausschnitt
+-- das Guckkastenbild, das getreue Seitenstück des Bühnenbildes
+-- repräsentiert den Weltraum selbst. Vordergrund und Hintergrund
+verlieren ihre stofflich-nahe Tendenz und schließen auf, statt
+abzugrenzen. Ferne Horizonte vertiefen das Bild ins Unendliche; die
+farbige Behandlung der Nähe löst die ideale vordere Scheidewand der
+Bildfläche auf und erweitert den Bildraum so, daß der Betrachter in
+ihm weilt. Die Überschneidungen durch den Rahmen, die seit 1500 immer
+häufiger und kühner werden, entwerten auch die seitliche Grenze. Der
+hellenische Betrachter eines polygnotischen Fresko stand +vor+ dem
+Bilde. Wir „versenken“ uns in ein Bild von Rubens und Lorrain, d. h.
+wir werden durch die Gewalt der Raumbehandlung in das Bild gezogen.
+Damit ist die Einheit des Weltraumes hergestellt. In dieser durch
+das Bild imaginierten Unendlichkeit herrscht nun die abendländische
+Perspektive.
+
+Das Problem der Perspektive ist ein metaphysisches. Was das
+Tiefenerlebnis für den seelisch erwachenden Kulturmenschen bedeutet,
+das plötzliche Werden einer ihm allein zugehörigen Welt, das wiederholt
+sich in jeder dieser großen Künste, die auf einer +Fläche+ ein
+Stück Welt, ein Ausgedehntes von bedeutsamem Typus geben wollen.
+Es gibt eine Vielzahl möglicher Perspektiven, deren jede eine
+Weltanschauung repräsentiert, und die Wahl, welche die Malerei einer
+Kultur hier mit unbedingter Notwendigkeit trifft, hat den Rang eines
+Symbols.
+
+Betrachtet man Ölgemälde der abendländischen, Vasenbilder der antiken,
+Reliefs der ägyptischen, Mosaiken der arabischen und Bildrollen
+der chinesischen Kultur, so findet man, daß das ganz Einzige der
+faustischen Seele das Bedürfnis eines +idealen Mittelpunktes+
+im Unendlichen, eines dynamischen Zentrums ist. Dies ist der Sinn
+der westeuropäischen Perspektive in Bild, Bühne und Park, des
+Durchblicks vom Portal zum Hochaltar der Dome, des Anfangspunktes
+mathematischer und physikalischer Kraftsysteme. Diese Perspektive
+wählt einen +Konvergenzpunkt+, der nun seinerseits das Ich zum
+funktionalen Schwerpunkt der Welt macht. Das ist Richtungsenergie,
+Wille zur Macht. Dergleichen hat keine andre Kultur gekannt. Das ist
+es, was die solipsistische Philosophie des Barock stets gesucht hat.
+Ob sie die Welt zur Vorstellung macht, zur Erscheinung des Dinges
+an sich durch die Form der geistigen Rezeption, ob sie das Problem
+realistisch oder idealistisch faßt, immer ist es das Ich, ohne das
+die Welt nicht möglich erscheint. Das Problem ist unlösbar, ein
++inneres+ Postulat des abendländischen Seelentums. Alle Denker
+verloren sich darüber in Widersprüche und Unmöglichkeiten. Nur das
+Fundament blieb unerschüttert, das Lebensgefühl, das die +einsame+
+Seele zum schöpferischen Mittelpunkt des Alls macht. Der Grieche ist
+Atom in seinem Kosmos, der Chinese fühlt sein Selbst irgendwo im
+weiten Ausgedehnten, wo er sich eine friedliche Insel sucht; nur das
+faustische Ich ist Herrscher im Raume, auch im Raume des Gemäldes, das
+sich in den vom Blickpunkt aus geordneten Hintergrund verliert und ihn
+umschließt.
+
+Man hat es noch nicht genügend bemerkt, wie zu Beginn der arabischen
+Kultur und zwar zugleich in der heidnischen und christlichen Kunst die
+antike Bildperspektive -- die von unserm Standpunkt aus nur Mangel an
+Perspektive, d. h. an Beherrschung eines ausgedehnten Ganzen durch
+ein ordnendes Prinzip ist, da hier jeder einzelne Körper +seine
+eigne Orientierung+ besitzt -- sich plötzlich umwandelt, das
+wunderbare Zeichen eines neuen Weltgefühls, welches das Tiefenerlebnis
+vollkommen anders deutet. Am klarsten wird die magische „umgekehrte“
+Perspektive unter den erhaltenen Beispielen am Theodosius-Obelisken
+in Konstantinopel: am größten ist die vom Betrachter entfernteste
+Figur, am kleinsten die nächste -- weil die Gestalt des Kaisers
+den Raum beherrscht und von ihm aus die Ordnung empfunden wird.
+Die chinesisch-japanische Malerei verdeutlicht das Welterlebnis
+einer wieder ganz anders angelegten Seele, der faustischen zwar in
+manchem verwandt und auch einem grenzenlosen Ausgedehnten hingegeben,
+aber ohne den ordnenden Machtanspruch des Ich. Die chinesische
+Philosophie, Konfucius z. B., unterscheidet sich in diesem Punkte
+durchaus und in derselben Richtung von der abendländischen. Wie die
+fortlaufenden Darstellungen der Rollbilder zeigen, empfindet der
+Betrachter das Räumliche vom Mittelgrunde aus, in dem er zwanglos,
+selbst im Raume verloren statt ihn bildend (Kant), die Tiefe und
+Nähe durchstreift, ohne daß auf die Ferne das uns notwendige und
+selbstverständliche Schwergewicht gelegt wird. Daher die ostasiatische
++Parallelperspektive+ (alle Parallelen werden als solche
+gezeichnet) im Gegensatz zur faustischen Konvergenzperspektive. Man
+faßt das einzelne einzeln auf, nicht das Ganze als eine vom Blick
+beherrschte Einheit. Die chinesische Seele fühlt darin der ägyptischen
+nicht unähnlich. Auch die auf starke Nahsicht berechneten Reliefs des
+Alten Reiches, welche das Hintereinander durch Übereinanderordnung
+geben, wollen im Entlangschreiten der Reihe nach aufgefaßt werden --
+hier wie dort liegt ein Symbol des +Lebensweges+ der elementaren
+Anordnung zugrunde.
+
+Die chinesische Landschaft ist also entweder Nah- oder Fernbild, je
+nachdem der Mittelgrund, von dem die Bedeutung des Ganzen gleichsam
+ausstrahlt, nah oder fern vom Betrachter angenommen worden ist.
+Unsere Landschaften, in die wir durch den Rahmen hineinblicken, sind
+beides zugleich, unendliche Ferne und unendliche Nähe, durch das
+Konvergenzprinzip zusammengefaßt.[101] „Die Ferne ist die Seele der
+Landschaft“ -- dieser altchinesische Meisterspruch rührt aber dennoch
+an den Geist Rembrandts. Erinnern wir uns, daß Landschaften in der
+raumverneinenden antiken Kunst undenkbar sind, auch das am Unendlichen
+haftende Naturgefühl. Es sind nur diese zwei Kulturen, einander so fern
+gelegen, die beide die reine, in die Ferne sich dehnende Landschaft zum
+Thema einer großen Kunst erhoben. Es folgt daraus, daß sie +allein
+eine Gartenkunst großen Stiles besaßen+; die abendländische
+wiederholt in ihr das Prinzip der Konvergenzperspektive -- der _point
+de vue_ der großen Rokokoparks --, die chinesische mit gleicher
+Eindringlichkeit der Formensprache das der Parallelperspektive. Ich
+möchte hier auch an schöne altdeutsche Rechts- und Gelöbnisformeln
+erinnern, die das gleiche Unendlichkeitsgefühl, in starkem Gegensatz
+zur plastischen Gegenwärtigkeit des römischen Rechts und der
+griechischen Kunst zum Ausdruck bringen. „Immer und ewiglich, dieweil
+Grund und Grat stehet“; „so weit die Sonne scheint“; „solange als der
+Wind die Wolken treibt“; „so weit gehen als der Wind weht und der Hahn
+kräht“; „so weit sich das Blaue am Himmel erstreckt“: dies Gefühl ist
+es, dem die westeuropäische Landschaftsmalerei eine große Form gegeben
+hat.
+
+Wie tief die Esoterik der faustischen Seele geht, in wie hohem Grade
+sie alles und jedes in ihrem Ausdruck erkämpfen mußte, während der
+antiken Seele ihre populären Symbole geschenkt wurden, beweist
+auch die Geschichte der Perspektive. Unter allen, die bisher als
+Ausdruck eines Welterlebnisses in historische Erscheinung traten,
+fordert die abendländische den höchsten Grad von Abstraktion, die
+peinlichste Strenge der Formgebung. Das Bedürfnis nach ihr taucht
+in den Niederlanden zugleich mit der Entstehung des Kontrapunkts
+auf, unmittelbar nach Vollendung des gotischen Bausystems. Der
+Drang nach diesem Prinzip von höchstem symbolischen Gehalt und die
+Kraft, es zu verwirklichen, waren keineswegs gleich. Brunellesco
+fand um 1430 wenigstens eine annähernde mathematische Lösung der
+Zentralperspektive, sicherlich die einfachste, aber in ihrer
+schematischen Enge wenig befriedigend. In der Tat war sie, an Körpern
+haftend, nicht durch Luftbehandlung realisierbar, wohl für die
+architektonischen Bildkulissen südlicher, nicht aber für die freien
+Landschaften nordischer Meister brauchbar. Diese im Grunde plastische
+Linienperspektive besitzt eine +antigotische+ Tendenz und bestimmt
+den allgemeinen Stil der Renaissancemalerei ebenso wie die Wahl ihrer
+Entwürfe. Sie bildet den Raum durch seine +körperhaften+ Grenzen,
+nicht den Raum an sich. Das entspricht durchaus dem florentinischen,
+aber schon nicht mehr dem venezianischen Formgefühl. Die deutschen
+Meister haben immer mehrere Konvergenzpunkte, wodurch sie den Schein
+einer unkörperlichen Freiheit bewahren. Im Grunde hat man eine
+mathematische Präzision, die ein Verkennen des tiefern Sinnes der
+Malerei bedeuten würde, nie erstrebt. Wie schwer aber selbst die
+Zentralperspektive zu verwirklichen ist, beweist die Tatsache, daß
+Maler und Bildhauer der Frührenaissance sich den perspektivischen
+Grundriß ihrer Bilder und Reliefs von andern einzeichnen ließen. So
+hat Brunellesco das für Masaccio und Donatello getan. Die Ölmalerei
+ging dann mit steigender Entschiedenheit von der linearen zur
+atmosphärischen Perspektive über, mathematisch gesprochen und an einem
+gleichzeitigen Phänomen verdeutlicht von der Koordinatengeometrie zur
+reinen funktionalen Analysis, denn die reine Landschaftsperspektive
+wird nur durch die Funktionen der Farbentöne verwirklicht. Es ist der
+Schritt vom zeichnerischen zum malerischen Stil, und in diesem Sinne
+hat die faustische Konvergenzperspektive ihre letzte Fassung, die jeden
+Rest linearer, d. h. renaissancemäßiger Tiefenbehandlung ausschloß, in
+der Freilichtmalerei des 19. Jahrhunderts erhalten.
+
+
+9
+
+Das faustische Lebensgefühl knüpft nun das perspektivische Rahmenbild
+an ein astronomisches Weltbild von einer ungeheuren Leidenschaft im
+Durchdringen unendlicher Raumfernen.
+
+Der apollinische Mensch hatte den Weltraum nie bemerken +wollen+;
+seine philosophischen Systeme schweigen sämtlich von ihm. Sie kennen
+nur Probleme der greifbar wirklichen Dinge, und dem „zwischen den
+Dingen“ haftet nichts irgendwie Positives und Bedeutsames an. Sie
+nehmen die Erde, auf der sie stehen, als die schlechthin gegebene
+ganze Welt und nichts wirkt für den, der hier noch die innersten und
+geheimsten Gründe zu sehen vermag, grotesker als die immer wiederholten
+Versuche, das Himmelsgewölbe der Erde theoretisch so zuzuordnen,
+daß deren symbolischer Vorrang in keiner Weise angetastet wird.
+Eine Art metaphysischer Angst trieb hier zu Entwürfen, wie sie der
+Gestaltungskraft der antiken Seele -- man denke an den Mythus und
+seine immer höchst stofflichen Bildungen -- sonst ganz fern liegen.
+Wir haben das Schauspiel großartiger Astronomien in der ägyptischen,
+babylonischen, arabischen Kultur und mitten unter ihnen den antiken
+Menschen, der gleichgültig oder besorgt um sein euklidisches Weltbild
+zusieht. Wie dürftig sind die wenigen nacherzählten Angaben in seiner
+Philosophie und wo wäre der Denker im Athen des Perikles, der sich
+eine Sternwarte erbaut und +eigne+ Gedanken über ein Weltsystem
+gehabt hätte! Es sei noch einmal erwähnt, daß gerade damals in Athen
+ein Volksbeschluß durchging, der die Verbreitung astronomischer
+Theorien mit den schwersten Strafen bedrohte. Daß die Erde Kugelgestalt
+besitzt, das heißt, daß sie in einem gewaltigen Raume schwebt, war
+ihnen wiederholt bewiesen worden. Pythagoras wußte es schon. Aber man
+ließ den Gedanken nicht ins Innere der Seele dringen und hielt das
+Weltgefühl unabhängig davon. Man vergaß ihn immer wieder, weil man ihn
+vergessen +wollte+.
+
+Und damit vergleiche man die erschütternde Vehemenz, mit welcher die
+Entdeckung des Kopernikus, dieses „Zeitgenossen“ des Pythagoras, die
+Seele des Abendlandes durchdrang, und die tiefe Inbrunst, mit welcher
+Kepler die Gesetze der Planetenbahnen entdeckte, die ihm als eine
+unmittelbare Offenbarung Gottes erschienen; er wagte bekanntlich
+nicht an ihrer kreisförmigen Gestalt zu zweifeln, weil jede andre ihm
+ein Symbol von zu geringer Würde darzustellen schien. Hier kam das
+altnordische Lebensgefühl, die Wikingersehnsucht nach dem Grenzenlosen,
+zu ihrem Rechte. Dies gibt der echt faustischen Erfindung des Fernrohrs
+einen tiefen Sinn. Indem es in Räume eindringt, die dem bloßen Auge
+verschlossen bleiben, an denen der Wille zur Macht über den Weltraum
+eine Grenze findet, +erweitert+ es das All, das wir „besitzen“.
+Das wahrhaft religiöse Gefühl, das den heutigen Menschen ergreift,
+der zum erstenmal diesen Blick in den Sternenraum tun darf, ein
+Machtgefühl, dasselbe, das Shakespeares größte Tragödien erwecken
+wollen, wäre einem Sophokles als der Frevel aller Frevel erschienen.
+
+Das Pathos des kopernikanischen Weltbewußtseins, das ausschließlich
+unsrer Kultur angehört und -- ich wage hier eine Behauptung, die
+heute noch ungeheuer paradox erscheinen wird -- in ein +gewaltsames
+Vergessen der Entdeckung+ umschlagen würde und wird, sobald sie der
+Seele einer künftigen Kultur bedrohlich erscheint, dies Pathos beruht
+auf der Gewißheit, daß nunmehr dem Kosmos das Körperlich-Statische, das
+sinnbildliche Übergewicht des plastischen +Erdkörpers+, genommen
+ist. Bis dahin befand sich der Himmel, der ebenfalls als substanzielle
+Größe gedacht oder mindestens empfunden war, im metaphysischen,
+polaren Gleichgewicht zur Erde. Jetzt ist es der +Raum+, der
+das All beherrscht; „Welt“ bedeutet Raum und die Gestirne sind kaum
+mehr als mathematische Punkte, deren Stoffliches das Weltgefühl
+nicht mehr berührt. Demokrit, der im Namen der apollinischen Kultur
+hier eine Körpergrenze schaffen wollte und mußte, hatte sich eine
+Schicht hakenförmiger Atome gedacht, die wie eine Haut den Kosmos
+abschließt. Demgegenüber steht unser nie gestillter Hunger nach immer
+neuen Weltfernen. Das System des Kopernikus hat, zuerst durch Giordano
+Bruno, in den Jahrhunderten des Barock eine unermeßliche Erweiterung
+erfahren. Wir wissen heute, daß die Summe aller Sonnensysteme --
+etwa 35 Millionen -- ein geschlossenes Sternensystem bildet, das
+nachweisbar endlich ist[102] und die Gestalt eines Rotationsellipsoids
+besitzt, dessen Äquator mit dem Bande der Milchstraße annähernd
+zusammenfällt. Schwärme von Sonnensystemen durchziehen wie Züge von
+wandernden Vögeln mit gleicher Richtung und Geschwindigkeit diesen
+Raum. Eine solche Schar bildet unsre Sonne mit den hellen Sternen
+Capella, Wega, Atair und Beteigeuze. Die Achse des ungeheuren Systems,
+dessen Mitte unsre Sonne gegenwärtig nicht sehr fern steht, wird 470
+Millionen mal so groß als der Abstand von Sonne und Erde angenommen.
+Der nächtliche Sternenhimmel gibt uns gleichzeitig Eindrücke, deren
+zeitlicher Ursprung bis zu 3700 Jahren auseinanderliegt; so viel
+beträgt der Lichtweg von der äußersten Grenze bis zur Erde. Im Bilde
+der Historie, das sich vor unsren Augen entfaltet, entspricht das einer
+Dauer über die gesamte antike und arabische Kultur zurück bis zum
+Höhepunkt der ägyptischen, zur Zeit der 12. Dynastie. Dieser Aspekt
+ist für den faustischen Geist erhaben,[103] für den apollinischen
+wäre er grauenvoll gewesen, eine vollkommene Vernichtung der tiefsten
+Bedingungen seines Daseins. Daß eine endgültige Grenze des für uns
+Gewordnen und Vorhandnen mit dem Rande des Sternenkörpers statuiert
+wird, wäre ihm als Erlösung erschienen. Wir aber haben mit innerster
+Notwendigkeit die unausweichliche neue Frage: Gibt es +außerhalb+
+dieses Systems etwas? Gibt es +Mengen+ solcher Systeme in
+Entfernungen, denen gegenüber die hier festgestellten Dimensionen
+außerordentlich klein sind? Für die sinnliche Erfahrung erscheint
+eine absolute Grenze erreicht; durch diese massenleeren Räume. die
+eine bloße +Denknotwendigkeit+ für uns sind, kann weder das
+Licht noch die Gravitation ein Existenzzeichen geben. Die seelische
+Leidenschaft, das Bedürfnis nach restloser Verwirklichung unsrer
+Daseinsidee in Symbolen aber +leidet+ unter dieser Grenze unsrer
+Sinnesempfindungen.
+
+
+10
+
+Deshalb haben die Germanen, in deren urmenschlicher Seele das
+Faustische sich bereits zu regen begann, in grauer Vorzeit die
++Segelschiffahrt+ erfunden, die sie vom Festland befreite. Die Ägypter
+standen ihr nahe, aber sie zogen nur den Vorteil der Arbeitsersparnis
+daraus. Sie fuhren wie früher mit ihren Ruderschiffen die Küste entlang
+nach Punt und Syrien, ohne die +Idee+ der Hochseefahrt, das Befreiende
+und Symbolische in ihr zu empfinden. Denn die Segelschiffahrt
+überwindet den +euklidischen+ Begriff des Landes. Im Anfang des 14.
+Jahrhunderts erfolgt beinahe gleichzeitig -- und gleichzeitig mit
+der Erfindung der Ölmalerei und des Kontrapunkts! -- die Erfindung
+des +Schießpulvers und des Kompasses+, also der +Fernwaffen+ und des
++Fernverkehrs+, die beide mit tiefer Notwendigkeit auch innerhalb
+der chinesischen Kultur erfunden worden sind. Es war der Geist der
+Wikinger, der Hansa, der Geist jener Urvölker, welche die Hünengräber
+als die Male einsamer Seelen auf weiter Ebene aufschütteten -- statt
+der häuslichen Aschenurne der Hellenen --, die ihre toten Könige auf
+brennendem Schiffe in die hohe See treiben ließen, ein erschütterndes
+Zeichen jener dunklen Sehnsucht nach dem Grenzenlosen, die sie trieb,
+auf ihren winzigen Kähnen um 900, als die Geburt der abendländischen
+Kultur sich ankündigte, die Küste Amerikas zu erreichen, während die
+von Ägyptern und Karthagern bereits ausgeführte Umschiffung Afrikas
+die antike Menschheit völlig gleichgültig ließ. Wie statuenhaft ihr
+Dasein auch hinsichtlich des Verkehrs war, bezeugt die Tatsache,
+daß die Nachricht vom ersten punischen Kriege (264-241), einem der
+gewaltigsten der antiken Geschichte, nur wie ein dunkles Gerücht von
+Sizilien nach Athen drang.
+
+Selbst die Seelen der Griechen waren im Hades versammelt, ohne sich zu
+regen, als Schattenbilder (εἴδωλα), ohne Kraft, Wunsch und Empfindung.
+Die nordischen Seelen gesellten sich dem „wütenden Heere“ zu, das
+rastlos durch die Lüfte schweift und „wiederkehrt“. Der Geist des
+Patroklos aber -- in jener wundervollen Szene am Schluß der Ilias --
+will nur Ruhe finden und fleht deshalb den Freund an, die Bestattung zu
+beschleunigen.
+
+Auf der gleichen Kulturstufe wie die Entdeckungen der Spanier und
+Portugiesen erfolgte die große hellenische Kolonisation (1500
+und 750-600). Aber während jene von der Abenteurersehnsucht nach
+ungemessenen Fernen und allem Unbekannten und Gefahrvollen besessen
+waren, ging der Grieche Punkt für Punkt vorsichtig hinter den bekannten
+Spuren der Phöniker und Karthager her, und seine Neugier erstreckte
+sich nicht im geringsten auf das, was jenseits der Säulen des Herkules
+oder des Roten Meeres lag, so leicht erreichbar es ihm gewesen wäre.
+Man hörte in Athen von dem Weg in die Nordsee, nach dem Kongo, nach
+Sansibar, nach Indien reden; zur Zeit des Heron war die Lage der
+Südspitze Indiens und der Sundainseln bekannt; aber man verschloß
+sich dem so gut wie dem astronomischen Wissen des alten Ostens. Die
+Kolumbussehnsucht blieb der apollinischen Seele ebenso fremd wie
+die Sehnsucht des Kopernikus. Diese auf den Gewinn so versessenen
+hellenischen Kaufleute hatten eine tiefe metaphysische Scheu vor der
+Ausdehnung des geographischen Horizontes. Auch da hielt man sich
+an Nähe und Vordergrund. Das Dasein der Polis, jenes merkwürdige
+Ideal des Staates als Statue, war ja nichts als eine Zuflucht vor
+der „weiten Welt“ der Germanen. Und dabei ist die Antike unter allen
+bisher erschienenen Kulturen die einzige, deren Mutterland nicht auf
+der Fläche eines Kontinents, sondern um die Küsten eines Inselmeeres
+gelagert war und ein Meer als eigentlichen Schwerpunkt umschloß.
+Trotzdem hat nicht einmal der Hellenismus mit seiner intellektuellen
+Vorliebe für Technisches sich vom Gebrauche der Ruder befreit, welche
+die Schiffe an der Küste hielten. Die Schiffbaukunst konstruierte
+damals -- in Alexandria -- Riesenschiffe von 80 m Länge, und man hatte
+wieder einmal das Dampfschiff im Prinzip erfunden. Aber es gibt -- wir
+werden das später sehen -- Entdeckungen von dem Pathos eines großen
+und +notwendigen+ Symbols, die etwas sehr Innerliches offenbaren,
+und solche, die lediglich ein Spiel des Geistes sind. Das Dampfschiff
+ist für den apollinischen Menschen das letzte, für den faustischen das
+erste. Erst der Rang im Ganzen des Makrokosmos gibt einer Erfindung und
+ihrer Anwendung Tiefe oder Oberflächlichkeit.
+
+Die Entdeckungen des Kolumbus und Vasco da Gama erweiterten den
+geographischen Horizont ins Ungemessene: Das +Weltmeer+ trat
+dem Lande gegenüber in das gleiche Verhältnis wie der Weltraum zur
+Erde. Jetzt erst entlud sich die politische Spannung des faustischen
+Weltbewußtseins. Für den Griechen war und blieb Hellas das wesentliche
+Stück der Erdfläche; mit der Entdeckung Amerikas wurde das Abendland
+zur Provinz in einem riesenhaften Ganzen. Von hier an trägt die
+Geschichte der nordischen Kultur +planetarischen+ Charakter.
+
+Jede Kultur besitzt ihren +eignen+ Begriff von Heimat und
+Vaterland, schwer greifbar, kaum in Worte zu fassen, voller dunkler
+metaphysischer Beziehungen, aber trotzdem von unzweideutiger Tendenz.
+Das antike Heimatgefühl, das den einzelnen ganz leibhaft und
+euklidisch an die Polis band, steht hier jenem rätselhaften Heimweh
+des Nordländers gegenüber, das etwas Musikhaftes, Schweifendes und
+Unirdisches hat. Der antike Mensch empfindet als Heimat nur, was er
+von der Burg seiner Vaterstadt aus übersehen kann. Wo der Horizont
+von Athen endet, beginnt die Fremde, der Feind, das „Vaterland“ der
+andern. Der Römer selbst der letzten republikanischen Zeit hat unter
+_patria_ niemals Italien, auch nicht Latium, stets nur die _Urbs
+Roma_ verstanden. Die antike Welt löst sich mit steigender Reife in
+eine Unzahl vaterländischer Punkte auf, unter denen ein körperliches
+Absonderungsbedürfnis in Gestalt eines Hasses besteht, der den Barbaren
+gegenüber nie in dieser Stärke zum Vorschein kommt; und nichts kann das
+endgültige Erlöschen des antiken und den Sieg des magischen Weltgefühls
+nach dieser Seite hin schärfer kennzeichnen als die Verleihung des
+römischen Bürgerrechts an alle Provinzialen durch Caracalla (212).
+Damit war der antike, statuenhafte Begriff des Bürgers aufgehoben. Es
+gab ein „Reich“, es gab folglich auch eine neue Art von Zugehörigkeit.
+Bezeichnend ist der entsprechende römische Begriff des Heeres. Es
+gab kein „römisches Heer“, wie man vom preußischen Heere spricht;
+es gab nur +Heere+, d. h. durch Ernennung eines Legaten als
+solche, als begrenzte und sichtbar-gegenwärtige Körper bestimmte
+Truppenteile („Truppenkörper“), einen _exercitus Scipionis_,
+_Crassi_, aber keinen _exercitus Romanus_. Ein verwandter
+Unterschied läßt sich zwischen Napoleons _Grande Armée_ und
+dem abstrakten, Zeit und Raum überschreitenden Begriff der _armée
+française_ feststellen. Erst Caracalla, der durch den erwähnten
+Akt den Begriff des _civis Romanus_ tatsächlich aufhob, der
+die römische Staatsreligion durch Gleichsetzung der städtischen
+Gottheiten mit allen fremden auslöschte, hat auch den -- unantiken,
++magischen+ -- Begriff des +kaiserlichen Heeres+ geschaffen,
+das durch die einzelnen Legionen +in Erscheinung tritt+, während
+altrömische Heere nichts +bedeuten+, sondern ausschließlich etwas
++sind+. Von nun an ändert sich auf den Inschriften der Ausdruck
+_fides exercituum_ in _fides exercitus_: an Stelle körperlich
+empfundener Einzelgottheiten (der Treue, des Glücks der Legion), denen
+der Legat opferte, war ein allgemein geistiges Prinzip getreten. Dieser
+Bedeutungswandel hat sich auch im Vaterlandsgefühl des Menschen der
+Kaiserzeit -- +nicht nur des Christen+ -- vollzogen. Heimat ist
+dem apollinischen Menschen, solange ein Rest seines Weltgefühls wirksam
+ist, im ganz eigentlichen, körperhaften Sinne der Boden, auf dem seine
+Stadt erbaut ist. Man wird sich hier der „Einheit des Ortes“ attischer
+Tragödien und Statuen erinnern. Dem magischen Menschen, dem Christen,
+dem Neuplatoniker, dem Mohammedaner, dem Juden ist sie nichts, was
+mit geographischen Wirklichkeiten zusammenhängt. +Uns+ ist sie
+eine ungreifbare Einheit von Natur, Sprache, Klima, Sitte, Geschichte;
+nicht Erde, sondern „Land“, nicht punktförmige Gegenwart, sondern
+Vergangenheit und Zukunft, nicht eine Einheit von Menschen, Göttern und
+Häusern, sondern eine +Idee+, die sich mit rastloser Wanderschaft,
+mit tiefster Einsamkeit und mit jener urdeutschen Sehnsucht nach dem
+Süden verträgt, an der von den Sachsenkaisern bis auf Hölderlin die
+Besten gestorben sind.
+
+Die faustische Kultur war deshalb im stärksten Maße erobernd; sie
+überwand alle geographisch-stofflichen Schranken; sie hat zuletzt
+die Erdoberfläche in ein einziges Kolonialgebiet verwandelt. Was
+von Meister Eckart bis auf Kant alle Denker wollten, die Welt „als
+Erscheinung“ den Machtansprüchen des erkennenden Ich unterwerfen, das
+taten von Otto dem Großen bis auf Napoleon alle Führer. Das Grenzenlose
+war das +eigentliche+ Ziel ihres Ehrgeizes, die Weltmonarchie
+der großen Salier und Staufen, die Pläne Gregors VII. und Innozenz
+III., jenes Reich der spanischen Habsburger, „in dem die Sonne nicht
+unterging“, und der Imperialismus, um den heute der Weltkrieg geführt
+wird. Der antike Mensch konnte aus einem inneren Grunde kein Eroberer
+sein, trotz des Alexanderzuges, der als romantische Ausnahme und mehr
+noch durch den inneren Widerstand der Begleiter lediglich die Regel
+bestätigt. Sein pflanzenhaftes Seelentum verbot ihm das Schweifen
+in die Ferne. In den Zwergen, Nixen und Kobolden hat die nordische
+Seele Wesen geschaffen, die mit einer unstillbaren Sehnsucht aus dem
+bindenden Element erlöst sein wollen, einer Sehnsucht nach Fernem
+und Freiem, die den griechischen Dryaden und Oreaden unbekannt ist.
+Die Griechen gründeten Hunderte von Pflanzstädten am Küstensaum des
+Mittelmeeres, aber man findet nicht den geringsten Versuch, erobernd
+ins Hinterland zu dringen. Sich fern der Küste ansiedeln hieße die
+Heimat aus den Augen verlieren, sich +allein+ niederlassen,
+liegt völlig außerhalb der Möglichkeiten des antiken Menschentums.
+Ein Phänomen wie die Auswanderung nach Amerika -- jeder einzelne
+auf eigene Faust und mit einem tiefen Bedürfnis, allein zu bleiben
+--, der Strom der kalifornischen Goldsucher, der Trapper in den
+Prärien, der unbändige Wunsch nach Freiheit, Einsamkeit, ungemessener
+Selbständigkeit, diese gigantische Verneinung eines noch irgendwie
+begrenzten Heimatgefühls ist allein faustisch. Das kennt keine andre
+Kultur, auch die chinesische nicht.
+
+Der hellenische Auswandrer gleicht dem Kinde, das sich an der Mutter
+Schürze hält: aus der alten Stadt in eine neue ziehen, die samt
+Mitbürgern, Göttern und Gebräuchen das genaue Ebenbild der alten
+ist, das gemeinsam befahrene Meer immer vor Augen; dort auf der
+Agora die gewohnte Existenz des ζῷον πολιτικόν weiterführen --
+darüber hinaus durfte der Szenenwechsel eines apollinischen Daseins
+nicht getrieben werden. Uns, die wir Freizügigkeit wenigstens als
+Menschenrecht und Ideal nicht vermissen können, würde das die ärgste
+aller Sklavereien bedeutet haben. Unter diesem Gesichtspunkt hat
+man die leicht mißzuverstehende römische Expansion aufzufassen, die
+von einer Ausdehnung des +Vaterlandes+ weit entfernt ist. Sie
+hält sich genau innerhalb des Bereiches, das von Kulturmenschen
+schon in Besitz genommen war und jetzt ihnen als Beute zufiel. Von
+dynamischen Weltmachtplänen im Hohenstaufen- oder Habsburgerstil, von
+einem mit der Gegenwart vergleichbaren Imperialismus ist nie die Rede
+gewesen. Die Römer haben keinen Versuch gemacht, ins innere Afrika zu
+dringen. Sie haben ihre spätern Kriege nur geführt, um ihren Besitz
++sicherzustellen+, ohne Ehrgeiz, ohne einen symbolischen Drang
+nach Ausbreitung, und sie haben Germanien und Mesopotamien ohne
+Bedauern wieder aufgegeben.
+
+Fassen wir all dies zusammen, den Aspekt der Sternenräume, zu dem
+sich das Weltbild des Kopernikus erweitert hat, die Beherrschung der
+Erdoberfläche durch den abendländischen Menschen (das „Bleichgesicht“)
+im Gefolge der Entdeckung des Kolumbus, die Perspektive der Ölmalerei
+und der tragischen Szene und das durchgeistigte Heimatgefühl; fügen wir
+die zivilisierte Leidenschaft des schnellen Verkehrs, die Beherrschung
+der Luft, die Nordpolfahrten und die Ersteigung kaum zugänglicher
+Berggipfel hinzu, so taucht aus allem das Ursymbol der faustischen
+Seele, der grenzenlose Raum auf, als dessen Ableitungen wir die
+besonderen, in dieser Form rein westeuropäischen Phänomene des Willens,
+der Kraft, der Tat aufzufassen haben.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 92: Ursprachen bilden keine Unterlage für abstrakte
+Gedankengänge. Am Anfang jeder Kultur erfolgt eine innere Wandlung
+der vorhandenen Sprachkörper, die sie zu den höchsten symbolischen
+Aufgaben der Kulturentwicklung fähig macht. So entstehen +zugleich
+mit dem romanischen Stil+ das Deutsche aus den germanischen Sprachen
+der Frankenzeit und das Französische, Italienische, Spanische aus
+der _lingua rustica_ der ehemaligen Römerprovinzen, trotz so
+verschiedener Herkunft Sprachen von +identischem+ metaphysischem
+Gehalt.]
+
+[Footnote 93: ἐθέλω und βούλομαι heißen die Absicht, den Wunsch haben,
+geneigt sein; βουλή heißt +Rat+, +Plan+; zu ἐθέλω gibt es
+überhaupt kein Hauptwort. _Voluntas_ ist kein psychologischer
+Begriff, sondern in echt römischem Tatsachensinne wie _potestas_
+und _virtus_ eine Bezeichnung für praktische, äußere, sichtbar
+ausgeübte Begabung. Wir gebrauchen in diesem Falle das Fremdwort
+Energie. Der Wille Napoleons und die Energie Napoleons -- das ist
+etwas sehr Verschiedenes. Man verwechsle die nach außen gerichtete
+Intelligenz, die den Römer als zivilisierten Menschen vor dem
+hellenischen Kulturmenschen auszeichnet, nicht mit dem, was hier
+Wille genannt ist. Cäsar ist +nicht+ Willensmensch im Sinne
+Napoleons. Bezeichnend ist der Sprachgebrauch im römischen Recht,
+das der Poesie gegenüber das Grundgefühl der römischen Seele viel
+ursprünglicher darstellt. Die Absicht heißt hier _animus_
+(_animus occidendi_), der Wille, der sich auf Strafbares
+richtet, _dolus_ im Gegensatz zur ungewollten Rechtsverletzung
+(_culpa_). _Voluntas_ kommt als technischer Ausdruck gar
+nicht vor. „Willensfreiheit“ wird in der spätlateinischen Literatur
+durch _liberum arbitrium_ nur sehr annäherungsweise gegeben.]
+
+[Footnote 94: Die chinesische Seele „wandelt in der Welt“: dies ist
+der Sinn der ostasiatischen Malerperspektive, deren Konvergenzpunkt in
+der +Bildmitte+, nicht in der Tiefe liegt. Es sei daran erinnert,
+daß die antike Malerei eine Perspektive überhaupt nicht kennt. Man
+versteht jetzt: dies, die antike Verneinung des Hintergrundes, bedeutet
+den Mangel an Richtungsgefühl, an Willen, an Herrschaftsansprüchen
+über das „Nicht-Ich“. Durch die Perspektive werden die Dinge dem Ich,
+das sie ordnend auffaßt, unterworfen. Und zwar möchte ich, gegenüber
+dem mächtigen Zug in die Tiefe, der +unsre+ Landschaftsmalerei
+auszeichnet, von einer +konfucianischen+ Perspektive der
+Ostasiaten reden, womit ein im Bilde wirkendes, nicht mißzuverstehendes
++Weltgefühl+ angedeutet ist.]
+
+[Footnote 95: Es versteht sich, daß der Atheismus keine Ausnahme
+bildet. Wenn der Materialist oder Darwinist der Gegenwart von „der
+Natur“ redet, die etwas zweckmäßig anordnet, die eine Auslese trifft,
+die etwas hervorbringt oder vernichtet, so hat er dem Deismus des
+18. Jahrhunderts gegenüber nur ein Wort verändert und das Weltgefühl
+unverändert bewahrt.]
+
+[Footnote 96: Der große Anteil, den gelehrte Jesuiten an der
+Entwicklung der theoretischen Physik haben, darf nicht übersehen
+werden. Der Pater Boscovich war der erste, der über Newton hinausgehend
+ein System der Zentralkräfte schuf (1759). Im Jesuitismus ist die
+Identifikation Gottes mit dem reinen Raume fühlbarer noch als im
+Kreise der Jansenisten von Port Royal, dem die Mathematiker Pascal und
+Descartes nahestanden.]
+
+[Footnote 97: Luther hat, und dies ist einer der wesentlichsten Gründe
+für die Wirkung des Protestantismus gerade auf tiefere Naturen, die
+praktische Tätigkeit -- was Goethe die Forderung des Tages nannte --
+in den Mittelpunkt der Moral gestellt. Die „frommen Werke“, denen die
+Richtungsenergie im hier angegebenen Sinne fehlt, treten unbedingt
+zurück. In ihrer Hochschätzung wirkte, wie in der Renaissance, ein
+Rest von +südlichem+ Gefühl. Hier findet man den tiefen ethischen
+Grund für die steigende Mißachtung, die das Klosterwesen von nun an
+trifft. In der Gotik war der Eintritt ins Kloster, der Verzicht auf die
+Sorge, die Tat, das +Wollen+ ein +Akt+ von höchster ethischer
+Dignität. Es war das höchste denkbare Opfer: das des +Lebens+.
+Im Barock empfinden selbst Katholiken nicht mehr so. Die Stätte nicht
+der Entsagung, sondern des untätigen Genießens fiel dem Geist der
+Aufklärung zum Opfer.]
+
+[Footnote 98: Πρόσωπον heißt im älteren Griechisch Gesicht, später in
+Athen Maske. Aristoteles hat das Wort in der Bedeutung „Persönlichkeit“
+noch nicht gekannt. Erst der juristische Ausdruck _persona_, der
+ursprünglich die Theatermaske bedeutet, hat in der Kaiserzeit auch dem
+griechischen πρόσωπον den prägnanten römischen Sinn gegeben.]
+
+[Footnote 99: Die eleusinischen Mysterien enthielten durchaus keine
+Geheimnisse. Jeder wußte, was dort vorging. Aber sie wirkten mit einer
+geheimnisvollen Erschütterung auf die Gläubigen und man „verriet“, man
+entweihte sie, wenn man ihre heiligen Formen außerhalb der Tempelstätte
+nachahmte.]
+
+[Footnote 100: Die große Masse der Sozialisten würde sofort aufhören es
+zu sein, wenn sie den Sozialismus der neun oder zehn Menschen, die ihn
+heute in seinen äußersten historischen Konsequenzen begreifen, auch nur
+von fern verstehen könnte.]
+
+[Footnote 101: Mit dem vom Maler gewählten Standort des Betrachters vor
+dem Bilde ist der Konvergenzpunkt im Bilde +notwendig+ bestimmt.
+Für die chinesische Perspektive besteht dieser Zusammenhang nicht.]
+
+[Footnote 102: Nach dem Rande zu nimmt bei wachsender Stärke des
+Fernrohres die Zahl der neuerscheinenden Sterne rasch zu.]
+
+[Footnote 103: Das Berauschende großer Zahlen ist ein bezeichnendes
+Erlebnis, das nur der Mensch des Abendlandes kennt. In der
+gegenwärtigen Zivilisation spielt gerade dies Symbol, die Leidenschaft
+für Riesensummen, für unendlich große und unendlich kleine Messungen,
+für Rekorde und Statistiken eine ungewöhnliche Rolle.]
+
+
+
+
+II
+
+BUDDHISMUS, STOIZISMUS, SOZIALISMUS
+
+
+11
+
+Damit ist endlich das +Phänomen der Moral+ -- als der Interpretation
+des Lebens durch sich selbst -- verständlich geworden. Hier ist die
+Höhe erreicht, von der aus ein freier Umblick über dies weiteste und
+bedenklichste aller Gebiete menschlichen Nachdenkens möglich ist. Aber
+gerade hier tut eine Objektivität not, zu der sich bisher niemand
+ernstlich verstanden hat. Mag Moral zunächst sein, was sie will; ihre
++Analyse+ darf nicht selbst der Teil einer Moral sein. Nicht was wir
+tun, was wir erstreben, wie wir werten +sollen+, führt auf das Problem,
+sondern die Einsicht, daß diese Fragestellung ihrer Form nach bereits
+ein Symptom ausschließlich des abendländischen Weltgefühls ist.
+
+Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluß einer
+ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle +fordern+
+etwas von den andern. Ein „Du sollst“ wird ausgesprochen in der
+Überzeugung, daß hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne verändert,
+gestaltet, geordnet werden könne und müsse. Der Glaube daran und an
+das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen und Gehorsam
+verlangt. Das erst +heißt+ uns Moral. Im Ethischen des Abendlandes
+ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung in die Ferne.
+In diesem Punkte sind Luther und Nietzsche, Päpste und Darwinisten,
+Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich. Ihre Moral tritt mit
+dem Anspruch auf allgemeine und dauernde Gültigkeit auf. Das gehört
+zu den Notwendigkeiten faustischen Seins. Wer anders denkt, fühlt,
+will, ist schlecht, abtrünnig, ein +Feind+. Man bekämpft ihn ohne
+Gnade. Der Mensch soll. Der Staat soll. Die Gesellschaft soll. Diese
++Form+ der Moral ist uns selbstverständlich; sie repräsentiert uns
+den eigentlichen und einzigen Sinn aller Moral. Aber das ist ja weder
+in Indien noch in Hellas so gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild,
+Epikur erteilte einen guten Rat. Auch das sind Grundformen hoher --
+statischer, willensfreier -- Moralen.
+
+Wir haben das Exzeptionelle einer moralischen +Dynamik+ gar nicht
+bemerkt. Gesetzt, daß der Sozialismus, ethisch, nicht wirtschaftlich
+verstanden, das Weltgefühl ist, welches die eigne Meinung im Namen
+aller verfolgt, so sind wir ohne Ausnahme Sozialisten, ob wir es wissen
+und wollen oder nicht. Selbst der leidenschaftlichste Gegner aller
+„Herdenmoral“, Nietzsche, ist gar nicht fähig, in antikem Sinne seinen
+Eifer auf sich selbst zu beschränken. Er denkt nur an „die Menschheit“.
+Er greift jeden an, der es anders meint. Aber Epikur war es herzlich
+gleichgültig, was andre meinten und taten. Eine Umgestaltung der
+Menschheit -- daran hat er keinen Gedanken verschwendet. Er und
+seine Freunde waren zufrieden, daß +sie+ so und nicht anders
+waren. Das antike Lebensideal war die Interesselosigkeit (ἀπάθεια)
+am Lauf der Welt, gerade an dem, dessen Beherrschung dem faustischen
+Menschen der ganze Lebensinhalt ist. Der wichtige Begriff der ἀδιάφορα
+gehört hierher. Es gibt auch einen +moralischen+ Polytheismus
+in Hellas. Aber der ganze Zarathustra -- angeblich jenseits von Gut
+und Böse stehend -- atmet die Pein, die Menschen so zu sehen, wie man
+sie nicht haben will, und die tiefe, so ganz unantike Leidenschaft,
+das Leben auf ihre Änderung, im eignen, einzigen Sinne natürlich,
+zu verwenden. Und eben das, die +allgemeine+ Umwertung, ist
++ethischer Monotheismus+, ist Sozialismus. Alle Weltverbesserer
+sind Sozialisten. Folglich gibt es keine antiken Weltverbesserer.
+
+Der moralische Imperativ als Form der Moral ist faustisch und nur
+faustisch. Es ist völlig belanglos, ob Schopenhauer theoretisch den
+Willen zum Leben verneint oder ob Nietzsche ihn bejaht sehen will.
+Diese Distinktionen liegen an der Oberfläche. Sie bezeichnen einen
+Geschmack, ein Temperament. Wesentlich ist, daß auch Schopenhauer die
+ganze Welt als Willen +fühlt+, als Bewegung, Kraft, Richtung;
+darin ist er der Ahnherr der gesamten ethischen Modernität. Dies
+Grundgefühl +ist+ bereits unsre ganze Ethik. Alles andre sind
+Nuancen. Was wir Tat, nicht nur Tätigkeit nennen,[104] ist ein durch
+und durch historischer, von Richtungsenergie gesättigter Begriff. Es
+ist die Daseinsbestätigung, die Daseinsweihe einer Art Mensch, dessen
+Seele die Tendenz auf Zukünftiges besitzt, der die Gegenwart nicht
+als Punkt an sich, sondern stets als +Epoche+ in einem großen
+Zusammenhange des Werdens empfindet, und zwar sowohl im persönlichen
+Sein als im Sein der gesamten Geschichte. Die Stärke und Deutlichkeit
+dieses Bewußtseins bestimmt den Rang eines faustischen Menschen, aber
+selbst der unbedeutendste besitzt etwas davon, das seine geringsten
+Lebensakte nach Art und Gehalt von denen +jedes+ antiken Menschen
+unterscheidet. Es ist der Unterschied von Charakter und Attitüde, von
+bewußtem Werden und einfach hingenommenem statuenhaften Gewordensein,
+von tragischem Wollen und tragischem Dulden.
+
+Vor den Augen des faustischen Menschen, in seiner Welt ist alles
+Bewegtheit einem Ziele zu. Er selbst +lebt+ unter dieser
+Bedingung. Leben heißt für ihn kämpfen, sich durchsetzen. Der Kampf
+ums Dasein als ideale Form des Daseins gehört schon der gotischen
+Zeit an und liegt ihrer Architektur deutlich genug zugrunde. Das 19.
+Jahrhundert hat ihm nur eine mechanistisch-utilitarische Fassung
+gegeben. In der Welt des apollinischen, mythischen, ahistorischen
+Menschen gibt es keine zielvolle „Bewegung“ -- das Werden Heraklits,
+ein absicht- und zielloses Spiel, ἡ ὁδὸς ἄνω κάτω, kommt hier nicht in
+Frage --, keinen „Protestantismus“, keinen „Sturm und Drang“, keine
+ethische, geistige, künstlerische „Umwälzung“, die das Bestehende
+bekämpfen und vernichten will. Der ionische und korinthische Stil
+treten ohne den Anspruch auf Alleingeltung neben den dorischen. So
+findet man sie auf der Akropolis und an Römerbauten verschwistert.
+Aber selbst die sich so antik gebärdende Renaissance wurde im Kreise
+Brunellescos als energische und ausschließende Bewegung eingeleitet,
+in offener Feindschaft gegen die Gotik (die kein einziger der
+Gründer je in sich überwunden hat). Das Barock hat die Renaissance,
+der Klassizismus das Barock angefeindet. Selbst das Mönchtum des
+Abendlandes, wie es Franziskaner und Dominikaner darstellen, erscheint
+in Gestalt einer Ordens+bewegung+, sehr im Gegensatz zur
+frühchristlichen, einsiedlerischen Form der Askese.
+
+Es ist dem faustischen Menschen gar nicht möglich, diese Grundgestalt
+seines Daseins zu verleugnen, geschweige zu ändern. Jede Auflehnung
+dagegen setzt sie schon voraus. Wer den „Fortschritt“ bekämpft, hält
+diese Wirksamkeit doch selbst für einen Fortschritt. Wer für eine
+„Umkehr“ agitiert, meint damit eine Weiterentwicklung. „Immoral“
+-- das ist nur eine neue Moral, und zwar mit dem gleichen Anspruch
+des Vorrangs vor allen andern. Der Wille zur Macht ist intolerant.
+Alles Faustische will Alleinherrschaft. Für das apollinische
+Weltgefühl -- das Nebeneinander vieler Einzeldinge -- ist Toleranz
+selbstverständlich. Sie gehört zum Stil der willensfremden Ataraxia.
+Für die abendländische Welt -- den +einen+ grenzenlosen
+Seelenraum, den Raum als Spannung -- ist sie Selbsttäuschung oder ein
+Zeichen des Erlöschens. Der faustische Instinkt, tätig, willensstark,
+in die Ferne und Zukunft gerichtet, fordert Duldung, d. h. +Raum+
+für die eigne Wirksamkeit, aber +nur+ für sie. Man bedenke etwa,
+welches Maß davon die großstädtische Demokratie der Kirche gegenüber in
+deren Handhabung religiöser Machtmittel anzuwenden willens ist, während
+sie für sich schrankenlose Anwendung der eignen fordert und, wenn sie
+kann, die „allgemeine“ Gesetzgebung daraufhin stimmt. Jede „Bewegung“
+will siegen; jede antike „Haltung“ will nur da sein und kümmert sich
+wenig um das Ethos der andern. Für oder gegen die Zeitströmung kämpfen,
+Reform oder Umkehr betreiben, aufbauen, umwerten oder zertrümmern --
+das ist gleichmäßig unantik (und unindisch). Und gerade das ist der
+Unterschied der sophokleischen und shakespeareschen Tragik, der Tragik
+des Menschen, der nur da sein, und des Menschen, der siegen will.
+
+Es ist falsch, das Christentum mit dem moralischen Imperativ in
+Verbindung zu bringen. Nicht das Christentum hat den faustischen
+Menschen, er hat das Christentum umgeformt. Der Wille zur Macht auch
+im Moralischen, die Leidenschaft, seine Moral zur allgemeinen zu
+erheben, sie der Menschheit aufzwingen, alle andersgearteten umdeuten,
+überwinden, vernichten zu wollen, ist unser eigenstes Eigentum. In
+diesem Sinne ist -- ein tiefer und noch nie begriffener Vorgang --
+die Moral Jesu ein passiv-geistiges, aus dem magischen Weltgefühl
+heraus als heilkräftig empfohlenes Verhalten, dessen Kenntnis als eine
+besondere Gnade verliehen wird, +in der gotischen Frühzeit innerlich
+in eine befehlende umgeprägt worden+.[105]
+
+Ethik -- das ist endlich das unmittelbare, zur Formel erhobene
+Gefühl der Seele vom +Schicksal+, innerlichste, wahllose
+Deutung der eignen Existenz. Im Urseelentum primitiver Völker regen
+sich nur dumpfe, dunkle Fragen, aber jede Kultur, jedes erwachende
+Seelentum gibt dem Leben einen +Sinn+. Im wachen Bewußtsein des
+Kulturmenschen haben sich Seele und Welt, Mögliches und Wirkliches als
+Pole gesondert. Das Schicksalsproblem (das +Rätsel der Zeit+)
+taucht auf und der ganze Makrokosmos, die Welt als +Ausdruck+ der
+Seele, ist die Antwort der Seele auf die Frage nach dem Sinn ihres
+Seins.
+
+Die antike Seele empfand ihr Schicksal als Moira, blindes,
+augenblickliches, beziehungsloses Ungefähr. Die Tragödie vernichtete
+den einzelnen Menschen; die Polis verfügte über ihn nach ihrer
+jeweiligen Laune. Das Los des Ödipus, Ajas, Herakles war das
+allgemeine. Die stoische Ethik ist die Antwort darauf: dem Leben Größe
+im Dulden, einen passiven Heroismus, Leidenschaftslosigkeit (ἀπάθεια),
+Bedürfnislosigkeit zu geben, ist das Ziel. So ist der Sinn des
+apollinischen Seins kein Tun, sondern eine Haltung.
+
+Das faustische Schicksal ist +Fügung+. Es stellt den Charakter
+vor Entscheidungen. Die Seele antwortet durch eine Ethik, deren
+Elemente Tat, Person und Wollen sind, die sich nicht auf die Gebärde
+des Augenblicks, sondern auf das Leben als Ganzes bezieht. Der „Wille
+Gottes“, im Gegensatz zum griechischen Neid der Götter -- in dieser
+Vorstellung liegt das Grundgefühl einer +historischen Logik+
+des Weltganzen, die sich auch auf die einzelne Biographie erstreckt.
+Es war gezeigt worden, wie in gleichzeitigen Epochen beider Kulturen
+Polyklet und Bach ihren Kanon abfaßten, die reine, strenge Theorie der
+plastischen und der kontrapunktischen Form. Nun wohl: was wir Moral
+nennen, die Struktur des bewußten eigenen Lebens, sein Stil, unterliegt
+den Prinzipien dieses Kanons. Alle Moralsysteme des Abendlandes von den
+Franziskanern und den Idealen des Rittertums an bis auf die Sozialethik
+und „Herrenmoral“ unserer Tage, so verschieden sie dem Wortlaut nach
+sein mögen, sind kontrapunktische Gebilde des bewegten, strebenden,
+im Raume sich verbreitenden, alle antiken Moralen sind Theorien des
+plastischen, auf die Gegenwart eingeschränkten, ruhenden Lebens.
+
+Aber jede Ethik gehört damit in die Nachbarschaft der großen Künste.
+Sie ist +ganz Form+, +ganz+ Ausdruck und Symbol und kann
+ihrem innersten Wesen nach nie erschöpfend in Begriffen ausgesprochen,
+am wenigsten in ein System gebracht werden. Das Bedeutendste aller
+Ethik liegt im Unbewußten. Sie offenbart sich in den schlichtesten
+Lebensäußerungen, in den unmittelbarsten philosophischen Intuitionen,
+in der Erscheinung großer, für ihre Kultur bezeichnender Menschen,
+im tragischen Stil, selbst im Ornament. Der Mäander z. B. ist ein
+stoisches Motiv; in der dorischen Säule verkörpert sich geradezu das
+antike Lebensideal. Sie ist +deshalb+ die einzige der antiken
+Säulenformen, welche der Barockstil unbedingt ausschließen mußte.
+Man wird sie aus einem sehr tiefliegenden seelischen Grunde auch in
+der gesamten Renaissancekunst vermieden finden. Sie widerspricht der
+immanenten Ethik +aller+ nordischen Bauweisen. Wer das verstanden
+hat, wird auch das subtile Phänomen der in Begriffe gekleideten
+Moraltheorien -- notwendig unvollkommener Formen, die in ehrlichster
+Meinung oft genug das Gegenteil von dem sagen, was sie sagen wollten
+oder sollten -- als Symbole zweiter Ordnung begreifen und deuten können.
+
+
+12
+
+Jetzt lösen sich uralte Rätsel und Verlegenheiten. Es gibt so viel
+Moralen, als es Kulturen gibt, nicht mehr und nicht weniger. Niemand
+hat hier eine freie Wahl. So gewiß es für jeden Maler und Musiker etwas
+gibt, das ihm gar nicht zum Bewußtsein kommt, das die Formensprache
+seiner Werke von vornherein beherrscht und sie von den künstlerischen
+Leistungen +aller+ anderen Kulturen unterscheidet, so gewiß
+hat +jede+ Lebensäußerung eines Kulturmenschen von vornherein,
+a priori in Kants strengstem Sinne, eine Beschaffenheit, die noch
+tiefer liegt als alles bewußte Urteilen und Streben und die ihren
++Stil+ als den einer bestimmten Kultur erkennen läßt. Der einzelne
+kann moralisch oder antimoralisch handeln, „gut“ oder „schlecht“ aus
+dem Urgefühl seiner Kultur heraus, aber die Form seines Handelns ist
+schlechthin gegeben. Jede Kultur hat ihren eigenen ethischen Maßstab,
+dessen Gültigkeit mit ihr beginnt und endet. Es gibt keine allgemein
+menschliche Ethik.
+
+Es gibt also im tiefsten Sinne auch keine wahre Mission und kann
+keine geben. Jede Moral ist ein Urphänomen, die zum Gesetz gewordne
+Idee eines Daseins. Sie ist innerhalb einer physiognomisch wohl
+unterschiedenen Menschenart einfach vorhanden. Man kann sie wecken und
+theoretisch in eine Lehre fassen, ihren geistigen Ausdruck verändern
+und verdeutlichen; erzeugen kann man sie nicht. So wenig wir imstande
+sind, unser Weltgefühl zu ändern -- so wenig, daß selbst der Versuch
+einer Änderung schon in seinem Stile verläuft und es bestätigt, statt
+es zu überwinden --, so wenig haben wir Gewalt über die ethische
+Grundform unsres Daseins. Man hat in den Worten einen gewissen
+Unterschied gemacht und die Ethik eine Wissenschaft, die Moral eine
+Aufgabe genannt. Es gibt in diesem Sinne keine Aufgabe. So wenig die
+Renaissance fähig war, die Antike wieder heraufzurufen, und so sehr sie
+mit jedem antiken Detail nur das Gegenteil apollinischen Weltgefühls
+zum Ausdruck brachte, eine versüdlichte, eine „antigotische Gotik“
+nämlich. so unmöglich ist die Bekehrung eines Menschen zu einer seiner
+Kultur fremden Moral. Mag man heute von einer Umwertung aller Werte
+reden, mag man als moderner Großstädter zum Buddhismus, zum Heidentum
+oder zu einem romantischen Katholizismus „zurückkehren“, der Anarchist
+für individualistische, der Sozialist für Gesellschaftsethik schwärmen,
+man tut, will, fühlt dasselbe. Die Bekehrung zur Theosophie oder
+zum Freidenkertum, die heutigen Übergänge von einem vermeintlichen
+Christentum zu einem vermeintlichen Atheismus, sind eine Veränderung
+der Worte und Begriffe, der religiösen oder intellektuellen Oberfläche,
+nicht mehr. Keine unsrer „Bewegungen“ hat den +Menschen+ verändert.
+
+Die +innere Form+ einer Moral ist das Wesentliche. Ihr programmatischer
+Inhalt, ihre religiöse, philosophische, wissenschaftliche Farbe,
+der Wortlaut ihrer Sätze und Bekenntnisse, oft genug mißverstandene
+Überlieferung, noch häufiger bloße Theorie und leerer Schall, ist
+Maske. Nur diese äußere Form tritt in jeder Kultur in tausend Arten
+auf, um die man streiten, zu denen man bekehren, die man annehmen oder
+„überwinden“ kann. Die eigentliche und +unveränderliche+ Struktur des
+gesamten faustischen Seins ist eben jenes Unbeschreibliche, das als
+Kraft, Wille, unendlicher Raum, Streben, Ferne im westeuropäischen
+Dasein und ihm allein in Erscheinung tritt. Alle Sätze und Formeln der
+einzelnen Denker, Kirchen, Strömungen, Systeme sind nur Variationen
+über ein schlechthin gegebenes Thema.
+
+Es ist klar: Das Wort Seele bezeichnet hier jedesmal etwas andres,
+sobald von einer andern Kultur die Rede ist. Jene apollinische, in
+ihrer spätesten Fassung stoische Moral ist die einer Seele, welche ihr
+eigenes Bild im Freskostil entwarf, als eine plastische Gruppe schön
+geordneter Teile, wie sie Plato beschreibt, ohne Hintergrund (welcher
+Zukunft, Ferne, Wirksamkeit bedeutet hätte), voller Linie, Nähe und
+Klarheit. Die faustische, in ihrer Ausgangsform sozialistische Ethik
+entspricht jenem perspektivischen Seelenbilde aller abendländischen
+Psychologien, dessen Schwerpunkt in dem unendlichen Horizonte liegt
+(im Bild „Wille“ genannt), während die anderen psychischen Elemente
+-- nicht Teile, sondern Beziehungskomplexe -- „Denken“ und „Fühlen“,
+sich wie Licht und Schatten der Perspektive einordnen. Eine theoretisch
+fixierte Moral ist lediglich der +Kommentar+ des zugehörigen
+Seelenbildes.
+
+Eine strenge Morphologie aller Moralen ist die Aufgabe der Zukunft.
+Nietzsche hat auch hier das Wesentliche, den ersten Schritt, getan.
+Aber seine Forderung an den Denker, sich jenseits von Gut und Böse
+zu stellen, hat er selbst nicht erfüllt. Er wollte Skeptiker und
+Prophet, Moralkritiker und Moralverkündiger zugleich sein. Das verträgt
+sich nicht. Man ist nicht Psycholog ersten Ranges, solange man noch
+Romantiker ist. Und so ist er hier, wie in all seinen entscheidenden
+Einsichten, bis zur Pforte gelangt, aber vor ihr stehen geblieben.
+Indes hat es noch niemand besser gemacht. Wir waren bisher blind für
+den unermeßlichen Reichtum der moralischen Formensprache. Wir haben ihn
+weder übersehen noch begriffen. Selbst der Skeptiker verstand seine
+Aufgabe nicht; er erhob im letzten Grunde die eigene, durch persönliche
+Anlage, durch den privaten Geschmack bestimmte Fassung der Moral zur
+Norm und maß danach die andern. Die modernsten Revolutionäre, Stirner,
+Ibsen, Strindberg, Shaw, haben nichts andres getan. Sie verstanden es
+nur, diese Tatsache -- auch vor sich selbst -- hinter neuen Formeln und
+Schlagworten zu verstecken.
+
+Aber eine Moral ist wie eine Plastik, Musik oder Malerei eine in
+sich geschlossene Formenwelt, die ein Lebensgefühl zum Ausdruck
+bringt, schlechthin gegeben, in der Tiefe unveränderlich, von innerer
+Notwendigkeit. Sie ist innerhalb ihrer historischen Sphäre immer
+wahr, außerhalb immer unwahr. Es war gezeigt worden, daß, wie für den
+einzelnen Dichter, Maler, Musiker seine einzelnen Werke, so für die
+großen Individuen der Kulturen die Kunst+gattungen+ als organische
+Einheit, die +ganze+ Ölmalerei, die +ganze+ Aktplastik, die
+kontrapunktische Musik, die Reimlyrik Epoche machen und den Rang großer
+Lebenssymbole einnehmen. In beiden Fällen, in der Geschichte einer
+Kultur wie im Einzeldasein, handelt es sich um die Verwirklichung von
+Möglichem. Das innerlich Seelische wird zum +Stil einer Welt+.
+Neben diesen großen Formeinheiten, deren Werden, Vollendung und
+Abschluß eine vorbestimmte Reihe menschlicher Generationen umfaßt
+und die nach einer Dauer von wenigen Jahrhunderten unwiderruflich
+dem Tode verfallen, steht die Gruppe der faustischen, die Summe
+der apollinischen Moralen, ebenfalls als Einheit höherer Ordnung
+aufgefaßt. Ihr Vorhandensein ist +Schicksal+, das man hinzunehmen
+hat; nur die bewußte Fassung ist das Resultat einer Offenbarung oder
+wissenschaftlichen Einsicht.
+
+Für den, welcher hier sehen gelernt hat, sind deshalb die Formensprache
+einer Moral und die der zugehörigen Mathematik im tiefsten Grunde
+identisch. Sie offenbaren beide ein Seelentum, sie verwirklichen beide
+unbewußte Möglichkeiten, sie gestalten beide etwas Gesetztes, ein
+„Gesetz“ -- von dem religiösen Gehalt der Zahlen war schon die Rede
+--, mögen sie im einzelnen in religiöser, künstlerischer, praktischer
+Verkleidung in Erscheinung treten. Die antike Zahl, die +Größe+,
+hat Maß und Haltung. Das entspricht der Kalokagathia, dem Ethos des
+antiken Menschen. Die abendländische Zahl, die +Funktion+, wird
+nicht nach ihrem sinnlichen Sein (als Kurve), sondern nach Charakter
+und Wirkung gewertet. Das ist der Sinn der Analysis. Darin wiederholt
+sich das Lebensideal des nordischen Menschen, dessen Sein Wirksamkeit
+ist. Es hat sich wohl noch niemand träumen lassen, daß, was in der
+heutigen Politik Fortschritt heißt, identisch ist mit dem, was die
+Physik Prozeß, die Analysis Funktion, der Darwinismus Evolution,
+die Kirche Rechtfertigung durch die guten Werke, die Psychologie
+Wille, die Malerei Tiefenperspektive nennt, daß nichts von alledem
+in irgendeiner andren Kultur vorkommt und daß es sich also lediglich
+um eine Gruppe von Symbolen eines Seins handelt, das einmal und für
+einige Jahrhunderte im Bilde der Historie auftaucht und +mit+
+diesen Symbolen in kurzer Zeit verschwunden sein wird. Dürfen wir
+also von einer euklidischen und einer analytischen Ethik reden?
+Wie wir von einer euklidischen und analytischen Form der Tragödie
+gesprochen hatten? Der tragische Stil, wie ihn beide Kulturen
+entwickeln, dringt tiefer in die seelischen Geheimnisse ein als
+irgendeine +geschriebene+ Ethik, in deren Fassung tausend fremde
+Motive durcheinanderwirken. Die tragische Attitüde ist der Kern des
+apollinischen, das tragische Wollen des faustischen Szenenbildes, das
+unmittelbar den ersehnten Aspekt des Lebens gibt. Hier finden wir zwei
+entgegengesetzte Arten von Heroismus und jede andere Kultur, sofern
+sie überhaupt eine Tragödie in die Gruppe der ihr möglichen und also
+notwendigen Künste eingefügt hat, wie die indische und chinesische,
+stellt ihnen eine andre zur Seite.
+
+Jede antike Ethik ist also eine Ethik der Gebärde, jede abendländische
+eine Ethik der Tat. Dem euklidisch-beschaulichen Lebensgefühl steht das
+analytisch-aktive gegenüber. Das entspricht den mathematischen Symbolen
+des greifbaren Einzelkörpers und des reinen Raumes, der Wirklichkeit,
+welche den Sinnen gegeben ist, und der, welche ihnen abgerungen werden
+muß. Das antike Ideal ist die Hingabe an den Vordergrund in jedem
+Sinne, an das Jetzt und Hier, an den Leib und die einzelne Stunde; das
+faustische Ideal ist zu alledem der stärkste Gegensatz. Ihm ist nichts
+gegeben. Es ist Kampf und Überwindung ohne Ausnahme. Man erinnere sich
+jener Szene im Faust, in welcher der Sinn eines ganzen Jahrtausends
+liegt, wo der zur Höhe gereifte Geist dieser Kultur das „Im Anfang
+war das Wort“ des Evangeliums verdeutscht: „Im Anfang war die Tat.“
++Das ist die Umdeutung des frühen Christentums aus dem Magischen ins
+Nordische.+
+
+
+13
+
+Jede denkbare antike Ethik gestaltet den +einzelnen+ Menschen,
+als Leib, als Atom unter Atomen. Alle Wertungen des Abendlandes
+beziehen sich auf den Menschen, sofern er Wirkungszentrum einer
+unendlichen Allgemeinheit ist. Ethischer Sozialismus -- das ist
+die Gesinnung der Tat, die durch den Raum in die Ferne wirkt, das
+Pathos der dritten Dimension, als deren Zeichen das Urgefühl der
+Sorge, für die Mitlebenden wie für die Kommenden, über dieser ganzen
+Kultur schwebt. So kommt es, daß im Aspekt der ägyptischen Kultur für
+uns etwas Sozialistisches, etwas Preußisches liegt. Auf der andern
+Seite erinnert die Tendenz auf Attitüde, Wunschlosigkeit, statische
+Abgeschlossenheit des einzelnen für sich an die indische Ethik und
+den von ihr gestalteten Menschen. Man denke an die sitzenden, „ihren
+Nabel beschauenden“ Buddhastatuen, denen Zenons Ataraxia nicht so
+ganz fremd ist. Das ethische Ideal des antiken Menschen war das, zu
+welchem die Tragödie hinleitete. Die +Katharsis+, die Entladung
+der apollinischen Seele von dem, was +nicht+ apollinisch, nicht
+frei von „Ferne“ und Richtung war, offenbart hier ihren tiefsten Sinn.
+Man versteht sie nur, wenn man den Stoizismus als ihre reife Form
+erkennt. Was das Drama in einer feierlichen Stunde bewirkte, wünschte
+die Stoa über das ganze Leben zu verbreiten: die statuenhafte Ruhe,
+das willensfreie Ethos. Und weiter: Eben jenes buddhistische Ideal des
+Nirwana, eine sehr späte Formel, aber ganz indisch und schon von den
+vedischen Zeiten an zu verfolgen: ist das nicht der Katharsis nahe
+verwandt? Rücken vor diesem Begriff der ideale antike und der ideale
+indische Mensch nicht nahe zusammen, sobald man sie mit dem faustischen
+Menschen vergleicht, dessen Ethik sich ebenso deutlich aus der Tragödie
+Shakespeares und ihrem dynamischen Schwung begreifen läßt? In der Tat:
+Sokrates, Epikur und vor allem Diogenes am Ganges -- das wäre sehr wohl
+vorstellbar. Diogenes in einer der westeuropäischen Weltstädte wäre ein
+bedeutungsloser Narr. Und andrerseits, Friedrich Wilhelm I., das Urbild
+eines Sozialisten in großem Sinne, ist in dem Staat am Nil immerhin
+denkbar. Im perikleischen Athen ist er es nicht.
+
+Hätte Nietzsche etwas vorurteilsfreier und weniger von einer
+romantischen Schwärmerei für ethische Schöpfungen bestimmt seine
+Zeit beobachtet, so würde er bemerkt haben, daß eine, vermeintlich
+spezifisch christliche Mitleidsmoral auf dem Boden Westeuropas
+tatsächlich gar nicht besteht. Man muß sich durch den Wortlaut humaner
+Formeln nicht über ihre faktische Bedeutung täuschen lassen. Zwischen
+der Moral, die man hat, und der, die man zu haben glaubt, besteht ein
+sehr schwer aufzufindendes und höchst variables Verhältnis. Gerade
+hier wäre eine subtile Psychologie am Platze gewesen. Mitleid ist ein
+gefährliches Wort. Es fehlt noch an einer Untersuchung darüber, was man
+zu verschiedenen Zeiten darunter verstanden und darunter +gelebt+
+hat. Man darf heute sagen, daß Nietzsche sich hier jedesmal vergriffen
+hat. Die christliche Moral zur Zeit des Origenes ist etwas ganz
+anderes als die zur Zeit des Franz von Assisi. Es ist hier nicht der
+Ort zu untersuchen, was +faustisches+ Mitleid als sakraler oder
+rationaler Begriff und als wirksames Lebensgefühl im Unterschiede von
+orientalisch-christlichem, fatalistischem, laszivem Mitleid bedeutet,
+inwiefern es als Wirkung in die Ferne, als +praktische Dynamik+
+aufzufassen ist und andrerseits als Opfer einer stolzen Seele in naher
+Verwandtschaft mit der Gesinnung gotischer Dombauten oder wieder
+als Äußerung eines überlegenen Distanzgefühls. Der unveränderliche
+Schatz ethischer Wendungen, wie ihn das Abendland seit der Renaissance
+besitzt, hat eine unermeßliche Fülle verschiedener Gesinnungen von
+sehr verschiedenem Gehalt zu decken. Der Oberflächensinn, an den
+man glaubt, das bloße Wissen um Ideale ist unter so historisch und
+retrospektiv angelegten Menschen, wie wir es sind, ein Ausdruck der
+Ehrfurcht vor Vergangenem, in diesem Falle der religiösen Tradition.
+Aber Überzeugungen sind nie der Maßstab für ein Sein. Sie sind immer
+etwas volkstümlicher und bleiben weit hinter der Tiefe der seelischen
+Wirklichkeit zurück. Die theoretische Verehrung neutestamentlicher
+Satzungen steht in der Tat mit der theoretischen Hochschätzung der
+antiken Kunst durch die Renaissance und den Klassizismus auf einer
+Stufe. Die eine hat so wenig den Menschen, wie die andre den Geist
+der Werke umgewandelt. Die stets genannten Beispiele der Bettelorden,
+der Herrnhuter, der Heilsarmee beweisen schon durch ihre geringe
+Zahl, noch mehr durch ihr geringes Gewicht, daß sie den Ausnahmefall
+von etwas ganz anderm, der +eigentlich faustisch-christlichen+
+Moral nämlich, darstellen. Man wird ihre Formulierung allerdings bei
+Luther und im Tridentinum vergeblich suchen, aber alle Christen großen
+Stils, Innozenz III. und Luther, Loyola und Savonarola, trugen sie im
+Widerspruch zu ihren Lehrmeinungen in sich, ohne daß sie das je bemerkt
+hätten.
+
+Man braucht nur den rein abendländischen Begriff jener männlichen
+Tugend, der durch Nietzsches „moralinfreie“ _virtù_ recht gut
+bezeichnet ist, mit jener sehr weiblichen ἀρετή des hellenischen Ideals
+zu vergleichen, als deren Praxis immer die Genußfähigkeit (ἡδονή),
+Gemütsruhe (γαλήνη, ἀπάθεια), Bedürfnislosigkeit und vor allem immer
+wieder die ἀταραξία zum Vorschein kommt. Was Nietzsche die blonde
+Bestie nannte und was er in dem von ihm sehr überschätzten Typus des
+Renaissancemenschen verkörpert fand (der nur ein raubkatzenhafter
+Nachklang der großen Deutschen der Staufenzeit war) -- ja, das ist
+doch das strengste Gegenteil des Typus, den ohne Ausnahme alle antiken
+Ethiken gewünscht und alle antiken Menschen von Bedeutung verkörpert
+haben. Dahin gehören die Menschen von Granit, von denen die faustische
+Kultur eine lange Reihe vorüberziehen sah, die antike nicht einen
+einzigen. Denn Perikles und Themistokles waren weiche Naturen im Sinne
+attischer Kalokagathie, Alexander war ein Schwärmer, der nie aufgewacht
+ist, Cäsar war ein kluger Rechner; Hannibal, der Fremde, der Semit, war
+der einzige „Mann“ unter ihnen. Die Menschen der Frühzeit, auf die man
+aus Homer schließen darf, diese Odysseus und Ajax hätten sich neben der
+Ritterschaft der Kreuzzüge sehr merkwürdig ausgenommen. Es gibt auch
+eine Brutalität als Rückschlag sehr femininer Naturen. Hier im Norden
+aber erscheinen an der Schwelle der Frühzeit die großen Sachsen-,
+Franken- und Staufenkaiser, umgeben von einer Schar riesenhafter
+Menschen wie Heinrich dem Löwen und Gregor VII. Es folgen die Menschen
+der Renaissance, der Hugenottenkriege, die spanischen Konquistadoren,
+die preußischen Kurfürsten und Könige, Napoleon, Bismarck. Wo gab es
+eine zweite Kultur, die dem etwas an die Seite zu setzen hätte? Wo
+besitzt die ganze hellenische Geschichte eine Szene von der Mächtigkeit
+jener von Legnano, wo der Zwist zwischen Staufen und Welfen zum
+Ausbruch kam? Die germanischen Recken der Völkerwanderung, spanische
+Ritterlichkeit, preußische Disziplin, napoleonische Energie -- das
+alles hat wenig Antikes. Und wo findet sich auf den Höhen faustischen
+Menschentums von den Kreuzzügen bis zum Weltkrieg jene „Sklavenmoral“,
+jene weiche Entsagung, jene Caritas im Betschwesternsinne? In den
+Worten, die man achtet, nirgends sonst. Ich denke da auch an die
+Typen des faustischen Priestertums, an jene prachtvollen Bischöfe der
+Kaiserzeit, die hoch zu Roß in wilden Schlachten ihre Leute anführten,
+an die Päpste, denen Heinrich IV. und Friedrich II. unterlagen, an den
+Deutschritterorden in den Ostmarken, an den Luthertrotz, in dem sich
+altnordisches Heidentum gegen altrömisches aufbäumte, an die großen
+Kardinäle Richelieu, Mazarin und Fleury, die Frankreich geschaffen
+haben. +Das+ ist faustische Moral. Man muß blind sein, um diese
+unbändige Lebenskraft nicht im gesamten Bilde der westeuropäischen
+Geschichte wirksam zu finden. Und man denke auch, auf einem ganz
+andern Gebiete, an die Energie riesenhafter Konzeptionen bei Dante,
+Wolfram, Shakespeare, Bach, Beethoven, an die technischen, in diesem
+Umfange nur in Ägypten wiederkehrenden Probleme, welche die gotischen
+Baumeister sich gestellt haben und an die, welche sich ihre Nachfolger,
+die modernen Ingenieure, zu stellen wagen, denen die Antike nichts zu
+vergleichen hat. Das sind nicht Ausnahmen, das ist der Geist dieser
+Kultur, ihre +praktische+ Lebensgesinnung, neben der sich die
+vielbewunderte attische Lebendigkeit mit ihren vorsichtigen Idealen von
+Maß und Haltung etwas schattenhaft ausnimmt.
+
+Das ist der Grund, weshalb die „Mitleidsmoral“ im faustischen Norden
+immer respektiert, zuweilen von Denkern angezweifelt, zuweilen
+gewünscht, aber niemals realisiert worden ist. Kant hat sie mit
+Entschiedenheit abgelehnt. In der Tat steht sie in innerstem
+Widerspruch zum kategorischen Imperativ, der den Sinn des Lebens
+in der Tat, nicht im Fühlen sieht. Die Beweisführung Nietzsches
+ist noch deutlicher, allerdings sehr gegen seine Absicht. Was er
+Sklavenmoral nennt und unter welcher ganz unzutreffenden Bezeichnung
+er „das Christentum“ in Bausch und Bogen kritisiert, ist ein Phantom.
++Seine Herrenmoral ist eine Realität.+ Sie brauchte nicht erst
+entworfen zu werden; sie ist vorhanden. Nimmt man die romantische
+Borgiamaske hinweg und jene nebelhaften Visionen vom Übermenschen, so
+bleibt der faustische Mensch selbst übrig, wie er heute existiert,
+als Typus einer energischen, imperativischen, hochintellektuellen
+Zivilisation. Wir haben da ganz einfach den Realpolitiker, den
+Geldmagnaten, den großen Ingenieur und Organisator. „Eine höhere Art
+Menschen, welche sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen,
+Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen als ihres
+gefügigsten und beweglichsten Werkzeuges, um die Schicksale der Erde
+in die Hand zu bekommen, um am ‚Menschen‘ selbst als Künstler zu
+gestalten. Genug, die Zeit kommt, da man über Politik umlernen wird.“
+So heißt es in einer der Nachlaßaufzeichnungen, die viel konkreter
+sind als die ausgeführten Werke. „Wir müssen entweder politische
+Fähigkeiten züchten oder durch die Demokratie zugrunde gehen, die uns
+die mißglückten älteren Alternativen aufgezwungen haben“, heißt es bei
+Shaw (Mensch und Übermensch). Shaw, der vor Nietzsche die praktische
+Schulung und den geringern Grad von Ideologie voraus hat, so beschränkt
+sein philosophischer Horizont erscheint, hat in „Major Barbara“ in
+der Gestalt des Milliardärs Undershaft das Übermenschenideal in die
+unromantische Sprache der neuern Zeit übertragen, aus der es, auf dem
+Umweg über Malthus und Darwin, auch bei Nietzsche wirklich stammt.
+Diese Tatsachenmenschen großen Stils sind es, welche heute den Willen
+zur Macht und damit die faustische Ethik überhaupt repräsentieren.
+Der Schluß des zweiten Teils vom Faust erschließt den tieferen
+Zusammenhang. Diese früheste dichterische Konzeption des zivilisierten
+Europäers ist noch heute nicht wieder erreicht worden. Hier findet sich
++nichts+ Negatives. Tat, Wille, Überwindung ist alles. Es gibt
+einen Punkt, wo Philanthropie abgeschmackt wird. Menschen dieser Art
+werfen ihre Millionen nicht zur Befriedigung eines uferlosen Wohltuns
+hinaus, für die Träumer, „Künstler“, Schwachen, Schlechtweggekommenen;
+sie verwenden sie für die, welche als Material für die Zukunft
+mitzählen. Sie verfolgen mit ihm ein Ziel. Sie schaffen ein dynamisches
+Zentrum, das die Grenzen des persönlichen Daseins überdauert. Auch das
+Geld kann Ideen entwickeln und Geschichte machen. So hat Rhodes, in dem
+sich ein sehr bedeutungsvoller Typus des 21. Jahrhunderts ankündigt,
+sein Vermögen testamentarisch angelegt. Es ist flach und beweist
+die Unfähigkeit, Geschichte innerlich zu begreifen, wenn man das
+literarische Geschwätz populärer Sozialethiker und Humanitätsapostel
+nicht von den wahren ethischen Instinkten der westeuropäischen
+Zivilisation zu unterscheiden weiß.
+
+Der Sozialismus -- in seinem höchsten Sinne, nicht in dem der
+Gasse -- ist wie alles Faustische ein exklusives Ideal, das seine
+Volkstümlichkeit nur einem vollkommenen Mißverständnis (auch unter
+den Wortführern) verdankt, daß er nämlich ein Inbegriff von Rechten,
+nicht von Pflichten, daß er eine Beseitigung, nicht eine Verschärfung
+des kantischen Imperativs, ein Nachlassen, nicht ein Höherspannen der
+Richtungsenergie sei. Jene triviale Oberflächentendenz auf Fürsorge,
+Wohlfahrt, „Freiheit“, Humanität, das Glück der Meisten enthält nur
+das Negative der Idee, sehr im Gegensatz zum antiken Epikuräismus, dem
+der glückselige Zustand tatsächlich Kern und Summe alles Ethischen
+war. Gerade hier liegen äußerlich sehr verwandte Stimmungen vor, die
+im einen Falle nichts, im andern alles bedeuten. Man kann aus diesem
+Gesichtspunkt den Inhalt der antiken Ethik ebenfalls als Philanthropie
+bezeichnen, die der einzelne sich selbst, seinem σῶμα, angedeihen
+läßt. Hier hat man die Autorität des Aristoteles auf seiner Seite,
+der genau in diesem Sinne das Wort φιλάνθρωπος gebraucht, an dem
+sich die besten Köpfe der klassizistischen Zeit, Lessing vor allem,
+abgemüht haben. Aristoteles bezeichnet die Wirkung der attischen
+Tragödie auf attische Zuschauer als philanthropisch. Ihre Peripetie
+erlöst ihn vom Mitleid mit sich selbst. Was bedeutet für +uns+
+das +populäre+ Wohltun? Ein faustisches Mitleid mit aller Welt
+befriedigen, eine ins Weite gehende Erregung des Gemütes stillen, kurz:
++Katharsis+. +Das+ ist Nietzsches Sklavenmoral, nämlich
+eine Moral mit negativen, antidynamischen Tendenzen. Eine Theorie
+von Herren- und Sklavenmoral gab es auch im frühen Hellenismus, bei
+Kallikles z. B., wie sich versteht in streng leiblich-euklidischem
+Sinne. Das Ideal der ersten ist Alkibiades, der genau das tat, was ihm
+augenblicklich für seine Person zweckmäßig erschien, Landesverrat,
+Betrug, Verleumdung nicht ausgeschlossen, eine Lebenshaltung, für die
+es seinen Zeitgenossen am Talent, sicher nicht am guten Willen fehlte.
+Man hat ihn als Typus antiker Kalokagathie empfunden und bewundert.
+Odysseus, die epische Inkarnation des griechischen Menschen, ist ihm
+ähnlich. Protagoras ist noch deutlicher in seinem berühmten, ganz
+ethisch gemeinten Satze, daß der Mensch -- jeder einzelne für sich --
+das Maß der Dinge sei. Das ist die Herrenmoral einer statuenhaften
+Seele.
+
+Für die abendländische Seele kann jene hedonistische Tendenz -- denn
+der Philanthrop faustischen Stils, der Allerweltssozialist, ist
+Hedonist für „die andern“ -- bestenfalls den Sinn einer Befreiung
+zugunsten ernsterer Notwendigkeiten haben, der Befreiung von
+trivialleiblichen und sachlichen Beschränkungen der wirtschaftlichen
+und sozialen Zustände nämlich, insofern sie einer ins Unendliche und
+Abstrakte greifenden Wirksamkeit im Wege sind. Dies ist der tiefste
+und von ihrem Urheber nicht entfernt begriffene Sinn der Phrase,
+daß Eigentum Diebstahl ist. Eigentum -- damit war der Besitz im
++populären+ Sinne, das Greifbare und Nahe gemeint, das auch der
+Grieche und Römer als solches, als χρῆμα und _res_ empfunden hat,
+ein Begriff von statischem Gehalt, der in der Tat vom abendländischen
+Wirtschaftsleben mehr und mehr und +unvermerkt+ verneint
+wird. Damit ist das antieuklidische und funktionale Weltgefühl zum
+schärfsten Ausdruck gelangt.[106] Daß mit dem endlichen Verfall und
+Erstarren unsres Seelentums -- nach einem Höhepunkt intellektueller,
+sozialistischer Daseinsgestaltung, von deren Schroffheit nach Form
+und Tendenz, von deren Tyrannei, mit welcher der +allgemeine+
+Wille zur Macht auf jedem einzelnen lastet, sich schwerlich heute
+jemand einen Begriff macht -- zuletzt +doch+ die negative Seite
+allein übrig bleiben und Europa, wie Goethe fürchtete, als „Lazarett
+von Medizinern“ in Erscheinung treten wird, ist unwahrscheinlich. Der
+Endzustand der dynamischen Entwicklung wird ein äußerst positiver
+Ägyptizismus, ein auf die Spitze getriebenes Mandarinentum sein,
+in dem jeder Sklave, Beamter, ein funktionales Element ist, eine
+politisch-geistige Form, auf welche die seelische Verwandtschaft der
+faustischen zur ägyptischen und chinesischen Kultur schließen läßt,
+etwas Starres, Unfruchtbares, voller Plan und Ziel, aber nichts weniger
+als „human“ oder „liberal“ im heutigen hoffnungsvollen Sinne.
+
+Das Phänomen der Ethik steht, ganz morphologisch betrachtet, dem der
+Logik gegenüber. Das sind die +zwei möglichen Arten+, ein Weltgefühl
+geistig zu realisieren, sich zur Welt in Beziehung zu setzen. Erinnern
+wir uns des letzten und äußersten Gegensatzes im wachen menschlichen
+Bewußtsein, der am Anfang durch die Urworte +Werden+ und +Gewordnes+
+bezeichnet war. Von ihm aus begreift man das Verhältnis von Ethik und
+Logik. Ethisch ist die Form des Werdens, des Lebens, logisch die des
+Gewordnen, des Erkannten. Das Merkmal der Richtung, wie es durch die
+Worte Zeit, Schicksal, Zukunft angedeutet wird, liegt allem Ethischen
+zugrunde, das Merkmal der Ausdehnung -- mittels der Ursymbole des
+Raumes, des Körpers -- dem Logischen. Die tiefe Beziehung, ja Identität
+von Denken und Ausdehnung oder, wenn man will, von Geist und Objekt
+ist niemals zweifelhaft gewesen. Eine gleiche besteht zwischen Leben
+und Richtung. Ethik und Logik verhalten sich +wie das Mögliche zum
+Wirklichen, wie das Leben zum Tode+. Die Logik ist starr. Sie macht
+erstarren. Sie gilt nur im Bereich des Erstarrten. Man nennt das ihre
+ewigen Gesetze. Die Ethik +hat+ keine Gesetze. Sie lebt. Sie gestaltet
+das Leben. In dieser Klarheit ist der Gegensatz zweier Formenwelten,
+welche das gesamte bewußte Sein ohne Rest unter sich verteilen, nur im
+höhern Menschentum vorhanden. Der Urmensch bleibt in dunklen Gebräuchen
+und Vorstellungen befangen. Sein Logisches, sein Denken, Erkennen,
+Verstehen bewegt sich in ebenso ungeordneten Bahnen, wie seine Sitte
+in bruchstückhaften Andeutungen einer ornamentalen -- zeremoniellen --
+Struktur. Erst innerhalb reifer, durchgeistigter Kulturen erhält das
+Leben wie das Denken einen ganz bestimmten und innerlich notwendigen
+Stil. Das große Rätsel des Lebens, das gefühlte Gerichtetsein, die Idee
+eines Schicksals kleidet sich in ein Moralproblem und gleichzeitig
+das Rätsel der Erkenntnis, des Begreifens der äußern Welt im Sinne
+des Tiefenerlebnisses in ein erkenntnistheoretisch-logisches. Aus
+diesem Grunde unterschied Kant eine praktische und eine theoretische
+Vernunft, womit er den Geltungsbereich von Schicksal und Kausalität,
+von Lebendigem und Starrem, also das formspendende Prinzip des Werdens
+und des Gewordnen meinte. Er gelangt dort zum kategorischen Imperativ,
+der Grundform aller faustischen Moralen, hier zur Idee des Raumes als
+der Form a priori unsrer schöpferischen Anschauung, womit, wie wir
+sahen, das faustische Ursymbol, das Welterlebnis des westeuropäischen
+Menschen bezeichnet war. Was beiden Gedanken gemeinsam ist und was
+ihnen ihre unbezwingliche Gewalt über den modernen Geist verleiht, ist
+das in ihnen ruhende Grundgefühl des Willens zur Macht, der ethisch
+wie logisch der Welt seine Gestalt aufzuprägen entschlossen ist.
+
+Man fühlt, wie eine Logik nicht ohne System sein kann, mehr noch, daß
+sie durch und durch System ist und nichts außerdem, denn Erkanntes und
+Ausgedehntes sind identisch und Zahlen wie Begriffe besitzen streng
+extensiven Charakter. Anderseits hat die Wortverbindung „ethisches
+System“ etwas Widersinniges und Unnatürliches. So gewiß alles
+Logische räumlich, starr, mechanisch, so gewiß ist alles Ethische
+reine, lebendige Gestalt. Man kann sie physiognomisch schildern,
+dramatisch, musikalisch, aber man kann sie nicht in ein Schema bringen.
+Das unterscheidet Menschenkenntnis von Naturerkenntnis. Die große
+Kunst und +nicht+ die Wissenschaft wird immer die untrügliche
+Offenbarung der ethischen Gestalt einer Seele sein. Dies ist der
+Grund, weshalb Theorien moralischen Inhalts immer ein unzulängliches
+Bild der Moral geben und weshalb sie auf die lebendige Erscheinung
+alles Menschlichen ohne Einfluß sind. Eine Ethik als Lehrmeinung
+vortragen heißt das Wesen der Ethik mißverstehen. Sie bildet nicht,
+sie ist nur der Ausdruck einer Bildung. Sie ist nicht Vorbild und
+Ziel, sondern Form und Art des sich entwickelnden Seins. Ich erinnere
+wieder an den Gegensatz zweier Welten, der Geschichte und der Natur,
+in deren Bilde das Werden +oder+ das Gewordne vorwaltet. Die
+Geschichte, +das sich Vollendende+, besitzt eine ethische, die
+Natur, +das Vollendete+, eine logische Struktur. Ethik und Logik:
+so stehen sich Organisches und Mechanisches, Schicksal und Kausalität,
+Physiognomik und Systematik, Lebenserfahrung und wissenschaftliche
+Erfahrung gegenüber. Gut und böse -- das ist die gestaltende Polarität
+des Lebensgefühls; wahr und falsch ist die des Weltbewußtseins. In
+seinen ethischen Instinkten, die sich im Stil des äußern Lebens, im
+Tragischen, selbst in der leiblichen Erscheinung, am unvollkommensten
+sicherlich in Begriffen und Thesen offenbaren, berührt der Mensch das
++Mögliche+ in sich, das nach Gestaltung drängt, die ewige Zukunft;
+in der Logik formt er das +Wirkliche+, das sich geistig gestaltet
++hat+, das Fremde, dem Leben bereits entfremdete, die ewige
+Vergangenheit.
+
+Es ist die Gefahr des gebornen Denkers wie Kant und Aristoteles, die
++Ethik zu logisieren+, sie aus Begriffen, Schlüssen, Gesetzen
+aufzubauen, ebenso wie er die lebendige Geschichte -- zugunsten eines
+Systems -- mechanisiert. In keiner systematischen Philosophie findet
+die wirkliche Geschichte Platz. Das haben hundert mißglückte Versuche,
+noch zuletzt der gewaltigste von allen, der Hegels, bewiesen. Die
+Gefahr des Dichters wie Plato, Goethe, Schelling, der kein System
+konstruiert, sondern Lebendiges nachbildet, ist es, die Logik zu
+ethisieren, wie er die Natur in ein phantastisches Wesen auflöst
+und Begriffe durch Bilder verdrängt. Diese letzte, die ethische
+Durchdringung der Natur, bezeichnet auch den Geist jugendlicher
+Kulturen, die von Leben überströmen wie die Zeiten Plotins und Dantes.
+Das erste, der Trieb nämlich, die Ethik logisch, die Geschichte
+mechanisch, beide also künstlich und verstandesmäßig, als tote Objekte
+zu gestalten, ist ein Symptom sterbender, in zivilisierter Form
+erstarrender Kulturen. Wir werden sehen, daß Stoizismus und Sozialismus
+im +engern+ Sinne logisierte, aus einem Mangel, nicht aus der
+Fülle erwachsene Ethiken sind, nicht Lebensformen, die man hat, sondern
+solche, die man braucht. Sie entstehen in der Nachbarschaft zahlloser
+Tendenzen, die auch das Historische, den Staat-- „Gesellschaftsordnung“
+ist ein bezeichnendes Wort dafür -- künstlich in Szene setzen,
++konstruieren+ wollen. Leben und Konstruktion aber schließen sich
+aus. Logisch, anorganisch, mechanisch ist das Gewordene, das nicht mehr
+Lebende, der Tod. Ethische Probleme, die wirklich als Probleme, als
+Fragen und Verlegenheiten, aufgestellt und empfunden werden, verraten,
+daß das Leben selbst fraglich geworden ist.
+
+Die Weltsehnsucht der abendländischen Seele knüpft sich an das
+Bild des raumbeherrschenden Willens, wie die der hellenischen an
+das Ideal vollkommener, ruhender Leiblichkeit. Deshalb wurde das
++Problem der Willensfreiheit+,[107] das in dieser energischen
+Fassung nur der faustische Mensch in sich trägt und in dem sich
+seine ganze metaphysische Leidenschaft nach dem Grenzenlosen, nach
+Überwindung alles Nur-Sinnlichen, nach Verneinung aller Schranken
+seines Machtgefühls, nach Geltung und Wirksamkeit ans Licht des
+wachen Bewußtseins drängt, unser ethisches Hauptproblem, um das
+sich alle einzelnen Systeme kristallisieren. Es liegt, wenn auch
+noch so tief verhüllt, jedem unsrer ethischen Weltaspekte, auch den
+Charaktertragödien Shakespeares im Gegensatz zum Attitüdendrama des
+Sophokles, auch der sozialistischen Gegenwartsstimmung, die ganz in
+eine individualistische Farbe getaucht ist, zugrunde. Die innere
+Gewißheit eines freien Willens ist der gesamten Porträtmalerei seit
+Lionardo wesenhaft. Rembrandt hat sein ganzes Leben an dies große
+Mysterium gewandt, und schon Michelangelos Sklaven vom Juliusgrabmal
+lassen es ahnen. Die Musik Bachs und Beethovens ist die der fromm
+geglaubten und der düster bezweifelten Willensfreiheit. Der attischen
+Plastik nackter Leiber ist dieser Wesenskern des faustischen Menschen
+völlig fremd. Hier gibt es keinen Willen. Hier gibt es also auch kein
+Bedürfnis, ihm ideelle oder wirkliche Schranken aus dem Wege zu räumen.
+Die Polis ist +nicht+ das politische Ideal von Menschen, denen
+dies Problem das schwerste von allen ist. Der freie Wille als „Form der
+inneren Anschauung“, mit Kant zu reden, steht in einer tiefen Beziehung
+zur +Einsamkeit+ des faustischen Ich, zum +Monologischen+
+seines Daseins und seiner gesamten künstlerischen Äußerungen, wovon die
+apollinische Seele nichts besitzt.
+
+
+14
+
+Als Nietzsche das Wort „Umwertung aller Werte“ zum ersten Male
+niederschrieb, hatte endlich die seelische Bewegung dieser
+Jahrhunderte, in deren Mitte wir leben, ihre Formel gefunden.
+Umwertung aller Werte -- das ist der innerste Charakter +jeder+
+Zivilisation. Sie beginnt damit, alle Formen der voraufgegangenen
+Kultur umzuprägen, anders zu verstehen, anders zu handhaben. Sie
+erzeugt nicht mehr, sie deutet nur um. Darin liegt das Negative aller
+Zeitalter dieser Art. Sie setzen den eigentlichen Schöpfungsakt voraus.
+Sie treten nur eine Erbschaft von großen Wirklichkeiten an. Blicken
+wir auf die späte Antike und prüfen wir dort, wo das entsprechende
+Ereignis liegt: es hat sich innerhalb des hellenistisch-römischen
+Stoizismus, innerhalb des langen Todeskampfes der apollinischen Seele
+also zugetragen. Gehen wir von Epiktet und Mark Aurel zurück auf
+Sokrates, den geistigen Vater der Stoa, in dem zuerst die Verarmung des
+antiken, großstädtisch und intellektuell gewordnen Lebens ans Licht
+trat: zwischen ihnen liegt die Umwertung aller antiken Seinsideale.
+Blicken wir auf Indien. Als König Asoka lebte, um 300 v. Chr., war
+die Umwertung des brahmanischen Lebens vollzogen; man vergleiche die
+vor und nach Buddha niedergeschriebenen Teile des Vedanta. Und wir?
+Innerhalb des ethischen Sozialismus in dem hier festgelegten Sinne,
+als der Grundstimmung der erlöschenden faustischen Seele, ist diese
+Umwertung eben heute im Gange. +Rousseau ist der Ahnherr dieses
+Sozialismus. Rousseau steht neben Sokrates und Buddha, den anderen
+ethischen Wortführern großer Zivilisationen.+ Seine Ablehnung
+aller großen Kulturformen, aller bedeutungsvollen Konventionen, seine
+berühmte „Rückkehr zur Natur“, sein praktischer Rationalismus gestatten
+keinen Zweifel. Jeder von ihnen hat eine tausendjährige Innerlichkeit
+zu Grabe getragen. Sie predigen das Evangelium der Menschlichkeit,
+aber es ist die Menschlichkeit des intelligenten Stadtmenschen, der
+die Stadt und mit ihr die Kultur satt hat, dessen „reine“ Vernunft
+nach einer Erlösung von ihr und ihrer gebietenden Form, von ihren
+Härten, von ihrer innerlich nicht mehr erlebten und deshalb verhaßten
+Symbolik sucht. Die Kultur wird dialektisch vernichtet. Lassen wir
+die großen Namen des 19. Jahrhunderts vorüberziehen, an die sich für
+uns dies mächtige Phänomen knüpft: Schopenhauer, Hebbel, Wagner,
+Nietzsche, Ibsen, Strindberg, so überblicken wir das, was Nietzsche in
+dem fragmentarischen Vorwort zu seinem unvollendeten Hauptwerk beim
+Namen nannte, die +Heraufkunft des Nihilismus+. Sie ist keiner
+der großen Kulturen fremd. Sie gehört mit innerster Notwendigkeit zum
+Greisenalter dieser mächtigen Organismen. Sokrates war Nihilist, Buddha
+war es. Es gibt eine ägyptische, arabische, chinesische so gut wie
+eine westeuropäische Decadence. Es handelt sich nicht um politische
+und wirtschaftliche, nicht einmal um religiöse oder künstlerische
+Verwandlungen an sich. Es handelt sich überhaupt nicht um Greifbares,
+nicht um materielle Fakta, sondern um das Wesen einer Seele, die ihre
+Möglichkeiten restlos verwirklicht hat. Man wende nicht die großen
+Leistungen gerade des Hellenismus und der westeuropäischen Modernität
+ein. Sklavenwirtschaft und Maschinenindustrie, „Fortschritt“ und
+Ataraxia, Alexandrinismus und moderne Wissenschaft, Pergamon und
+Bayreuth, soziale Zustände, wie sie die Politeia des Aristoteles
+und das Kapital von Marx voraussetzen, sind lediglich Symptome im
+historischen Oberflächenbilde. Es handelt sich nicht um das äußere
+Leben, um Lebenshaltung, Institutionen, Sitten, sondern um die Tiefe,
+um den +innern+ Tod. Für die Antike trat er zur Römerzeit ein. Für
+uns gehört er der Zeit um 2000 an.
+
+Kultur und Zivilisation -- das ist der lebendige Leib eines Seelentums
+und seine Mumie. So unterscheidet sich das westeuropäische Dasein vor
+1800 und nach 1800, das Leben in Fülle und Selbstverständlichkeit,
+dessen Gestalt von innen heraus gewachsen und geworden ist, und zwar
+in +einem+ mächtigen Zuge von den Kindertagen der Gotik an bis
+zu Goethe und Napoleon, und jenes späte, künstliche, wurzellose Leben
+unsrer großen Städte, dessen Formen der Intellekt konstruiert. Kultur
+und Zivilisation -- das ist ein aus der Landschaft geborener Organismus
+und der aus seiner Erstarrung hervorgegangene Mechanismus. Hier
+erscheint wieder der Unterschied von Werden und Gewordensein, von Seele
+und Gehirn, von Ethischem und Logischem, endlich von gefühlter Historie
+-- das ist die Ehrfurcht vor Satzung und Tradition -- und erkannter
+Natur -- das ist die vermeintliche Natur, die reine, gleichmachende,
+vom Bann der großen Form erlösende, zu welcher man zurückkehren
+will. Buddha verneint den historischen Unterschied von Brahmanen
+und Tschandala, die Stoiker den von Hellenen, Sklaven und Barbaren,
+Rousseau den von Privilegierten und Leibeignen. Der Kulturmensch lebt
+nach innen, der zivilisierte Mensch nach außen, im Raume, unter Körpern
+und „Tatsachen“. Was der eine als Schicksal empfindet, erscheint dem
+andern als Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Man ist von nun an
+Materialist in einem, nur für die Zivilisation gültigen Sinne, ob man
+es will oder nicht, und ob buddhistische, stoische, sozialistische
+Lehren sich idealistisch geben oder nicht.
+
+Dem gotischen und dorischen Menschen, dem Menschen der Ionik und des
+Barock wird die ganze ungeheure Formenwelt von Kunst, Religion, Sitte,
+Staat, Wissen, Gesellschaft leicht. Er trägt und verwirklicht sie,
+ohne sie zu kennen. Er besitzt dem Symbolischen der Kultur gegenüber
+dieselbe ungezwungene Meisterschaft, wie sie Mozart in seiner Kunst
+besaß. Kultur ist das Selbstverständliche. Das Gefühl einer Fremdheit
+unter diesen Formen, das einer Last, welche die Freiheit des Schaffens
+aufhebt, die Nötigung, das Vorhandene rationalistisch zu prüfen, der
+Zwang des feindseligen Nachdenkens sind die ersten Symptome einer
+ermattenden Seele. Erst der Kranke fühlt seine Glieder. Daß man eine
+„natürliche“ Religion konstruiert und sich gegen Kulte und Dogmen
+auflehnt, daß ein Naturrecht den historischen Rechten entgegengestellt
+wird, daß man in der Kunst Stile „entwirft“, weil +der+ Stil
+nicht mehr ertragen und gemeistert wird, daß man den Staat als
+„Gesellschaftsordnung“, als Mechanismus sieht, den man ändern könne,
+sogar ändern müsse (und neben Rousseaus _contrat social_ stehen
+völlig gleichbedeutende Erzeugnisse der Zeit des Aristoteles), das
+alles beweist, daß etwas endgültig zerfallen ist. Die Weltstadt selbst
+steht als Extrem von Anorganischem inmitten der Kulturlandschaft da,
+deren Menschentum sie von seinen Wurzeln löst, an sich zieht und
+verbraucht.
+
+Wissenschaftliche Welten sind oberflächliche Welten, praktische,
+seelenlose, rein extensive Welten. Sie liegen den Anschauungen des
+Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus zugrunde.[108] Das Leben nicht
+mehr mit kaum bewußter, wahlloser Selbstverständlichkeit leben, es als
+gottgewolltes Schicksal hinnehmen, sondern es problematisch finden, es
+auf Grund intellektueller Einsichten in Szene setzen, „zweckmäßig“,
+„vernunftgemäß“ -- das ist in allen drei Fällen der Hintergrund.
+Das Gehirn regiert, weil die Seele abdankte. Kulturmenschen leben
+unbewußt, Tatsachenmenschen leben bewußt. Das Leben selbst ist eine
+„Tatsache“. Das im Boden wurzelnde Bauerntum vor den Toren der großen
+Städte, die jetzt -- skeptisch, praktisch, künstlich -- +allein+
+die Zivilisation repräsentieren, zählt nicht mehr mit. „Volk“ -- das
+ist jetzt Stadtvolk, anorganische Masse, etwas Fluktuierendes. Der
+Bauer ist +nicht+ Demokrat -- denn auch dieser Begriff gehört zum
+mechanischen, städtischen Dasein --, folglich übersieht, belächelt,
+verachtet, haßt man ihn. Er ist nach dem Schwinden der alten Stände,
+Adel und Priestertum, der einzige +organische+ Mensch, eine
+übriggebliebene Reminiszenz der Kultur. Er findet weder im stoischen
+noch im sozialistischen Denken einen Platz.
+
+So ruft der Faust des ersten Teils der Tragödie, der leidenschaftliche
+Forscher in einsamen Mitternächten, folgerichtig den des zweiten Teils
+und des neuen Jahrhunderts hervor, den Typus einer rein praktischen,
+weitschauenden, nach außen gerichteten Tätigkeit. Hier hat Goethe
+psychologisch die ganze Zukunft Westeuropas vorweggenommen. Das ist
+Zivilisation an Stelle von Kultur, der äußere Mechanismus statt des
+innern Organismus, der Intellekt als das seelische Petrefakt an Stelle
+der erloschenen Seele selbst. So wie Faust am Anfang und Ende der
+Dichtung, stehen sich innerhalb der Antike der Hellene zur Zeit des
+Perikles und der Römer zur Zeit Cäsars gegenüber.
+
+
+15
+
+Solange der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur einfach vor
+sich hin lebt, natürlich und selbstverständlich, hat sein Leben eine
+wahllose Haltung. Das ist seine +instinktive+ Moral, die sich in
+tausend umstrittene Formeln verkleiden mag, die man aber selbst nicht
+bestreitet, weil man sie +hat+. Sobald das Leben ermüdet, sobald
+man -- auf dem künstlichen Boden großer Städte, die jetzt geistige
+Welten für sich sind -- eine Theorie braucht, um es zweckmäßig in Szene
+zu setzen, sobald das Leben Objekt der Betrachtung geworden ist, wird
+die Moral zum +Problem+. Kulturmoral ist die Moral, welche man
+hat, zivilisierte die, welche man sucht. Die eine ist zu tief, um auf
+logischem Wege erschöpft zu werden, die andre ist eine +Funktion+
+der Logik. Noch bei Kant und Plato ist die Ethik bloße Dialektik, ein
+Spiel mit Begriffen, die Abrundung eines metaphysischen Systems. Man
+hätte sie nicht nötig gehabt. Der kategorische Imperativ ist lediglich
+die abstrakte Fassung dessen, was für Kant gar nicht in Frage stand.
+Von Zenon und Schopenhauer an gilt das nicht mehr. Da mußte als Regel
+des Seins gefunden, erfunden, erzwungen werden, was instinktiv nicht
+mehr gesichert war. An dieser Stelle beginnt die zivilisierte Ethik,
+die nicht der Reflex des Lebens auf die Erkenntnis, sondern der
+Reflex der Erkenntnis auf das Leben ist. Man fühlt etwas Künstliches,
+Seelenloses und Halbwahres in all diesen +erdachten+ Systemen,
+welche Epochen dieser Art füllen. Das sind nicht mehr innerlichste,
+beinahe überirdische Schöpfungen, die ebenbürtig neben den großen
+Künsten stehen. Jetzt verschwindet alle Metaphysik großen Stils,
+alle reine Intuition vor dem einen, was plötzlich nottut, vor der
+Konzeption einer +praktischen+ Moral, die das Leben regeln soll,
+weil es sich selbst nicht mehr regeln kann. Die Philosophie war bis
+auf Kant, Aristoteles und den Vedanta eine Folge mächtiger Weltsysteme
+gewesen, in denen die +formale+ Ethik einen bescheidnen Platz
+fand. Sie wird jetzt Moralphilosophie, mit einer Metaphysik als
+Folie. Die erkenntnistheoretische Leidenschaft tritt den Vorrang an
+die praktische Notdurft ab: Sozialismus, Stoizismus, Buddhismus sind
+Philosophien dieses Stils. Damit ist die Zivilisation eingeleitet.
+Das Leben war rein organisch gewesen, notwendigster und erfüllter
+Ausdruck einer Seele; es wird jetzt anorganisch, +seelenlos+
+unter der Vormundschaft des Verstandes. Man hat dies -- und darin
+liegt der typische Irrtum im Selbstgefühl aller Zivilisationen -- als
+wachsende Vollendung empfunden. Aber dieser Geist des weltstädtischen
+Menschentums stellt keine Erhöhung des Seelischen dar, sondern den
+Rest, der hervortritt, nachdem die ganze organische Fülle des Übrigen
+erstorben und zerfallen ist.
+
+Die Welt statt aus der Höhe, wie Äschylus, Plato, Dante, Goethe,
+unter dem Gesichtspunkt der alltäglichen Notdurft und andrängenden
+Wirklichkeit betrachten, das nenne ich +die Vogelperspektive des
+Lebens mit der Froschperspektive vertauschen+. Und eben das ist
+der Abstieg von der Kultur, zur Zivilisation. Jede Ethik formuliert
+den Blick der Seele auf ihr Schicksal: heroisch oder praktisch,
+groß oder gemein, männlich oder greisenhaft. Und so unterscheide ich
+eine +tragische+ und eine +Plebejermoral+. Die tragische
+Moral einer Kultur kennt und begreift die Schwere des Seins, aber
+sie zieht daraus das Gefühl des Stolzes, es zu tragen. So empfanden
+Äschylus, Shakespeare und die Denker der brahmanischen Philosophie,
+so Dante und der germanische Katholizismus. Das liegt in dem wilden
+Schlachtchoral des Luthertums: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ und
+das klingt selbst noch in der Marseillaise nach. Die Plebejermoral des
+Epikur und der Stoa, der Sekten der Buddhazeit, des 19. Jahrhunderts
+macht einen Schlachtplan zurecht, das Schicksal zu umgehen. Sie
+sieht in der Welt nicht Gott, sondern einen Inbegriff von Tatsachen.
+Schicksal -- das ist für sie der vom Gehirn zu ermittelnde Nexus
+von Ursache und Wirkung. Was sie unter Geschichte begreift, lehrt
+dementsprechend die materialistische Geschichtsauffassung. Es ist
+eine höchst zweckmäßige Lebensauffassung, welche von nun an die
+große Vergangenheit unpraktisch findet, sie verhöhnt und belächelt.
+Darin hatte Nietzsche sicher recht: die attische Tragödie entsprang
+der Überfülle des Lebens. Das Unvermeidliche mit Würde tragen, dem
+Schicksal, den Göttern gegenüber Mann und Held bleiben -- das war
+apollinisch gefühlt. Hier hätte er weiter gehen und die Zeiten
+vergleichen sollen. Was Äschylus groß tat, das tat die Stoa klein.
+Das war nicht mehr Fülle, sondern Armut, Kälte und Leere des Lebens
+und die Römer haben diese intellektuelle Kälte und Leere nur zum
+Großartigen gesteigert. Und dasselbe Verhältnis besteht zwischen
+dem ethischen Pathos der großen Meister des Barock, Shakespeare,
+Bach, Kant, Goethe, dem männlichen Willen, +innerlich+ Herr der
+natürlichen Dinge zu sein, weil man sie tief unter sich weiß, und
+dem greisenhaften Willen der europäischen Modernität, sie sich -- in
+Gestalt der Fürsorge, der Humanität, des Weltfriedens, der Technik,
+des Zwangsstaates, des Glückes der meisten -- +äußerlich+ aus dem
+Wege zu schaffen, weil man sich mit ihnen auf derselben Ebene weiß.
+Auch das ist Wille zur Macht im Gegensatz zur antiken Duldung des
+Unabwendbaren; auch darin liegt Leidenschaft und Hang zum Unendlichen,
+aber es ist ein Unterschied zwischen metaphysischer und materieller
+Größe im Überwinden. Die Tiefe fehlt, das, was der frühere Mensch
+Gott nannte. Das bedeutet der Niedergang der westeuropäischen
+Poesie von der Gestaltung letzter Weltgeheimnisse zur Tendenzpoesie
+dieser Tage mit ihren ephemeren Lösungen sozialer und sexueller
+Oberflächenprobleme, die das Maximum dessen darstellen, was man noch
+begreift. Das faustische Weltgefühl der +Tat+, wie es von den
+Staufen und Welfen bis auf Friedrich den Großen, Goethe und Napoleon
+in jedem großen Menschen wirksam war, verflachte zu einer Philosophie
+der +Arbeit+, wobei es für das seelische Niveau gleichgültig
+ist, ob man sie verteidigt oder verurteilt. Der Kulturbegriff der Tat
+und der zivilisierte -- seelenlose -- Begriff der Arbeit verhalten
+sich genau so wie die Haltung des äschyleischen Prometheus zu der
+des Diogenes. Der eine ist ein Dulder, der andere ist faul. Galilei,
+Kepler, Newton brachten es zu Taten, der moderne Physiker +leistet
+eine Arbeit+. Plebejermoral, triviale Wirklichkeitsmoral auf der
+Basis des alltäglichen Daseins und des „gesunden Menschenverstandes“
+ist es, was trotz aller großen Worte von Schopenhauer bis zu Shaw
+jeder Lebensbetrachtung zugrunde liegt. Hebbel und Nietzsche, die
+dem zu widersprechen scheinen, sind nicht Offenbarungen einer echten
+tragischen Moral; sie wollen es nur sein. Eine Sache verteidigen oder
+bekämpfen -- das sind nur verschiedene Ausdrucksformen derselben innern
+Bedingungen. Wer heute die Philosophie der Arbeit verneint, ist kein
+verspäteter Mediceer, sondern ein Snob. Wer das schrankenlose Recht des
+einzelnen auf den Schild hebt, gibt dem Sozialismus nur eine pikante
+Wendung. Auch Nietzsche ist ein Dekadent, ein Sozialist, ein Arbeiter.
+Er hat selbst keinen Zweifel darüber gelassen. Seine Lehre (die von
+seiner persönlichen Haltung sehr verschieden ist) ist Gegensatz und
+Umkehrung von etwas anderm, das dennoch zu Recht besteht, nichts
+innerlich Ursprüngliches. Sein aristokratischer Geschmack, der durch
+seine darwinistisch-physiologischen Neigungen jeden Augenblick in Frage
+gestellt wird, ist nichts weniger als wahllos und selbstverständlich,
+ist vielmehr das gewaltsame Pathos eines verspäteten Faust auf
+südlichen Bergen, der mit aller Leidenschaft des Nordens sein Schicksal
+verleugnen, der vom Plebejertum loskommen will, das er in allen
+Gliedern spürt.
+
+
+16
+
+Der Abstieg von der Vogel- zur Froschperspektive in den großen Fragen
+des Lebens verkleidet sich in die Maske jener berühmten „Rückkehr
+zur Natur“, die +jede+ Kultur in einer eignen Gestalt kennt und
+deren faustische Fassung Rousseau gegeben hat. Man braucht nicht
+notwendig an soziale Wandlungen zu denken, auch die Kunst vollzieht
+eine Rückkehr zur Natur. Man vergegenwärtige sich, wie dem Auftreten
+der ionischen neben der dorischen Säulenordnung -- dem Übergang
+von heroischer Größe zu bürgerlicher Anmut, von der antiken Gotik
+zum antiken Rokoko -- der weitere Abstieg zur korinthischen Säule,
+der +zivilisierten+ Erfindung des Kallimachos, folgt. Auch
+das ist Rückkehr zur Natur, die das unverhüllte Motiv der Pflanze
+wieder heraufrief als Zeichen pflanzenhaften Daseins, zugleich ein
+Symptom sinkender Gestaltungskraft, die diesen letzten schöpferischen
+Geschmack der Antike neben die klassizistische Baukunst der Goethezeit,
+das Empire, stellt. Die groß gesehene, groß empfundene Natur, das
+Weltbild, das durch und durch von Seele erfüllt ist, beginnt der
+„natürlichen“, brutalen, begriffenen Natur zu weichen. Was die Antike
+durch die historische Folge der drei Säulenordnungen mit seltener
+Klarheit gestaltete, ist der Weg von früher zu später Kultur und von
+da zur Zivilisation, der Weg von der Kunst als Religion zur Kunst als
+Wissenschaft.
+
+Wenn im Bereiche der Kunst irgendwo der Begriff Natur auftaucht, so
+stellt er jedesmal einen +Gegenbegriff+ im eigentlichsten Sinne
+dar, die geistige Negation von etwas, wogegen das Leben sich auflehnt,
+eine Größe, die der +Widerspruch+ geprägt und gestaltet hat. Die
+„Natur“ der Empfindsamen bedeutete eine schüchterne Auflehnung gegen
+den großen Stil, den man nicht mehr ertrug. Die Natur Rousseaus ist
+bereits ein Bild, das als Negation der Kultur überhaupt konzipiert ist.
+Was die große Stadt, die vornehme Gesellschaft, der absolute Staat,
+die Metaphysik, die formstrenge Kunst +nicht+ sind -- +das
+ist Natur+. „Kultur“ erscheint jetzt als die große Krankheit des
+natürlichen Menschen. Der Philosoph, der Politiker, der Künstler hassen
+sie, und weil die Jahrhunderte hoher Kultur Geschichte im höchsten
+Sinne, +die+ eigentliche Geschichte des Menschen sind, so
+empfindet man diese eingebildete Natur als das +Antihistorische+,
+als das, was die Gehirne von dem Alpdruck der großen Vergangenheit
+befreit. Folgerichtig gehört zu ihr neben der träumerischen Sehnsucht
+nach Alpengipfeln, Urwäldern und Wüsten jener antihistorische
+Naturmensch, der den _contrat social_ voraussetzt und der von der
+städtisch-rationalistischen Einbildungskraft als die fleischgewordene
+Plebejermoral aus lauter Negationen der tragischen Moral konzipiert
+wurde. Ob man es will oder nicht, die Vorstellung dieses Menschen
+liegt der gesamten praktischen Philosophie der ethischen Periode
+zugrunde. Er ist der geheime Held aller Sozialdramatik von Hebbel bis
+Ibsen, die mit ihren sozialen und sexuellen Problemen die eigentliche
+Negation des wahrhaft Tragischen ist. Er ist auch der Held jeder
+politischen und wirtschaftlichen „Gesellschaftsordnung“, die an Stelle
+historischer Staatsgebilde in zivilisierten Köpfen spukt. Es ist ein
+und dasselbe, was die Sophisten in Athen, die Sankhyaphilosophen am
+Ganges, die Sensualisten in London und Paris innerhalb ihrer Epoche
+zur Erscheinung bringen. Man empfand die große, allumfassende, den
+ganzen Reichtum der Seele spiegelnde Form als Last. Man predigte -- in
+allen drei Fällen -- die „natürlichen Rechte“ des Menschen gegenüber
+der Tradition, das heißt gegenüber der nicht mehr zu ertragenden
+Größe seiner Vergangenheit, das Recht auf die Froschperspektive in
+Lebensfragen gegenüber der Vogelperspektive der Vorfahren. Daher
+jener tiefe, rationalistische Haß gegen Autorität und Satzung, jene
+revolutionäre Sucht -- auch bei Nietzsche, auch bei Buddha -- sozial,
+politisch, künstlerisch +Gewachsenes+ zu vermeiden, zu verachten
+oder zu vernichten und die anorganischen Resultate wissenschaftlicher
+Analyse an seine Stelle zu setzen, was man in wunderlicher Verdrehung
+der Fakta als den Ersatz von Künstlichem durch Natürliches bezeichnete,
+kurz die innere Auflehnung +gegen den Makrokosmos+, den Inbegriff
+der Kultur, den der „letzte Mensch“ nicht mehr als eigen empfindet und
+deshalb in seinen äußeren historischen Resten haßt. Darin liegt die
+Identität der faustischen „Umwertung aller Werte“ mit dem apollinischen
+Ideal des Diogenes, die sich lediglich als eine streng dynamische und
+streng statische Fassung des Nihilismus unterscheiden.
+
+
+17
+
+Jede Kultur hat also +ihre eigene Art zu sterben+ und +nur+
+die eine, die aus ihrem ganzen Leben mit tiefster Notwendigkeit
+folgt. Deshalb sind Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus morphologisch
+gleichwertige Phänomene.
+
+Auch der Buddhismus, dessen letzten Sinn man bisher immer mißverstanden
+hat. Das ist +keine+ puritanische Bewegung wie der Islam und der
+Jansenismus, keine Reformation wie die dionysische Strömung gegenüber
+dem Apollinismus und das Luthertum dem Katholizismus gegenüber,
+keine neue Religion, überhaupt keine Religion wie die der Veden
+und des Apostels Paulus,[109] sondern eine letzte rein praktische
+Weltstimmung müder Großstadtmenschen, die eine abgeschlossene Kultur
+im Rücken und keine Zukunft vor sich haben; er ist das Grundgefühl der
+indischen Zivilisation und deshalb mit dem Stoizismus und Sozialismus
+„gleichzeitig“ und gleichwertig. Die Quintessenz dieser durchaus
+weltlichen, nicht metaphysischen Gesinnung findet sich in der berühmten
+Predigt von Benares „Die vier heiligen Wahrheiten vom Leiden“, durch
+welche der philosophierende Prinz seine ersten Anhänger gewann. Ihre
+Wurzeln liegen in der rationalistisch-atheistischen Sankhyaphilosophie,
+deren Theorie stillschweigend vorausgesetzt wird, ganz wie die
+Sozialethik des 19. Jahrhunderts aus dem Sensualismus und Materialismus
+des 18. und die Stoa trotz ihrer flachen Verwertung Heraklits von
+Demokrit, Protagoras und den Sophisten stammt. Die Allmacht der
+Vernunft ist in jedem Falle der Ausgangspunkt der moralischen
+Überlegung. Von Religion ist keine Rede. Nichts kann religionsfremder
+sein als diese Systeme in ihrer ursprünglichen Gestalt. Was aus ihnen
+in den letzten Stadien der Zivilisation wird, steht hier nicht in Frage.
+
+Der Buddhismus lehnt alles Nachdenken über Gott und die kosmischen
+Probleme ab. Nur das Selbst, nur die Einrichtung des wirklichen
+Lebens ist ihm wichtig. Auch eine Seele wird nicht anerkannt. Wie
+der westeuropäische Psychologe der Gegenwart -- und mit ihm der
+Sozialist -- den innern Menschen als Empfindungsbündel, als Häufung
+chemo-elektrischer Energien abtut, so der indische der Buddhazeit.
+Der Lehrer Nagasena beweist dem König Milinda, daß die Teile des
+Wagens, auf dem er fährt, nicht der Wagen selbst und „Wagen“ nur ein
+Wort ist -- ebenso stehe es mit der Seele. Die seelischen Phänomene
+werden als Skandhas, Haufen, bezeichnet, die vergänglich sind. Das
+entspricht durchaus den Vorstellungen der Assoziationspsychologie.
+Es ist viel Materialismus in der Lehre Buddhas. (Es versteht sich,
+daß jede Kultur ihre eigne, durch ihr gesamtes Weltgefühl in allen
+Einzelheiten bedingte Art von Materialismus besitzt.) Wie sich der
+Stoiker den heraklitischen Begriff des Logos aneignet, um ihn materiell
+zu verflachen, wie der Sozialismus in seinen darwinistischen Grundlagen
+Goethes tiefen Begriff der Entwicklung (durch Hegels Vermittlung)
+mechanisch veräußerlicht, so der Buddhismus den brahmanischen Begriff
+des Karma, des unsrer Denkweise kaum zugänglichen Seinsprinzips, das
+man oft genug ganz materialistisch als Weltstoff behandelt findet.
+Noch ein andres Element ist in ihm fühlbar, obwohl man es nie darin
+gefunden hat: das, was Sokrates und die deutschen Romantiker als Ironie
+bezeichnen, jene seltsame feine Blüte einer Dialektik, die ihrer selbst
+müde ist und die bestürzt und schmerzlich lächelnd ihr Werk, das
+zertrümmerte Weltbild betrachtet.
+
++Wir haben drei Formen des Nihilismus vor uns.+ Die Ideale von
+gestern, die großen religiösen, künstlerischen, staatlichen Formen
+sind abgetan, nur daß selbst dieser letzte Akt der Kultur, ihre
+Selbstverneinung, noch einmal das Ursymbol ihres ganzen Daseins
+zum Ausdruck bringt. Der faustische Nihilist, Ibsen wie Nietzsche,
+Marx wie Wagner, zertrümmert die Ideale, der apollinische, Epikur
+wie Antisthenes und Zenon, läßt sie vor seinen Augen zerfallen, der
+indische zieht sich vor ihnen in sich selbst zurück. Der Stoizismus
+ist auf ein +Sichverhalten des einzelnen+ gerichtet, auf sein
+statuenhaftes, rein gegenwärtiges Sein, ohne Beziehung auf Zukunft
+und Vergangenheit oder auf andre. Der Sozialismus ist die dynamische
+Behandlung des gleichen Themas: dieselbe pessimistische Tendenz nicht
+auf die Größe, sondern die praktische Not des Lebens, aber mit einem
+mächtigen Zug ins Ferne auf die gesamte Zukunft und die gesamte Masse
+der Menschen erstreckt, die dem Prinzip unterworfen werden sollen; der
+Buddhismus, den nur ein religionspsychologischer Dilettant mit dem
+Christentum vergleichen kann,[110] ist durch die Worte abendländischer
+Sprachen kaum wiederzugeben. Es ist erlaubt, von einem stoischen
+Nirwana zu reden und auf die Gestalt des Diogenes zu verweisen; auch
+der Begriff eines sozialistischen Nirwana ist zu rechtfertigen,
+sofern man die Flucht vor dem Kampf ums Dasein ins Auge faßt, wie die
+europäische Müdigkeit sie in die Schlagworte Weltfrieden, Humanität
+und Verbrüderung aller Menschen kleidet. Aber nichts von dem reicht
+an den unheimlich tiefen Begriff des buddhistischen Nirwana heran,
+der in unserm Denkvermögen nicht zu realisieren ist. Es scheint, daß
+die Seele alter Kulturen in ihren letzten Verfeinerungen und sterbend
+wie eifersüchtig auf ihr eigenstes Eigentum, ihren Gehalt an Form,
+auf das mit ihr geborene Ursymbol ist. Es gibt nichts im Buddhismus,
+das „christlich“ sein könnte, nichts im Stoizismus, das im Islam
+von 1000 n. Chr. vorkommt, nichts was Konfuzius mit dem Sozialismus
+gemein hätte. Der Satz: _si duo faciunt idem, non est idem_,
+der an der Spitze jeder historischen Betrachtung stehen sollte, die
+es mit lebendigem, nie sich wiederholendem Werden und nicht mit
+logisch, kausal und zahlenmäßig ergreifbarem Gewordnen zu tun hat,
+gilt ganz besonders von diesen, eine Kulturbewegung abschließenden
+Äußerungen. In allen Zivilisationen wird ein durchseeltes Sein von
+einem durchgeistigten abgelöst, aber dieser Geist ist in jedem
+einzelnen Falle von andrer Struktur und der Formensprache einer andern
+Symbolik unterworfen. Gerade bei aller Einzigkeit des Seins, das in
+der Tiefe, im Unbewußten wirkend diese späten Gebilde der historischen
+Oberfläche schafft, ist deren Verwandtschaft der historischen
++Stufe+ nach von entscheidender Bedeutung. Was sie zum Ausdruck
+bringen, ist verschieden, daß sie es +so+ zum Ausdruck bringen,
+kennzeichnet sie als „gleichzeitige“ Phänomene. Stoisch wirkt der
+Verzicht Buddhas, buddhistisch der stoische Verzicht auf das volle
+resolute Leben. Auf das Verhältnis der Katharsis des attischen Dramas
+zur Idee des Nirwana war schon hingewiesen worden. Man hat das
+Gefühl, als sei der Sozialismus, obwohl ein ganzes Jahrhundert sich
+schon seiner ethischen Durchbildung widmete, noch heute nicht in der
+klaren, harten, resignierten Fassung, die seine endgültige sein wird.
+Vielleicht werden die ersten Jahrzehnte nach dem großen Kriege ihm die
+reife Formel geben, wie sie Chrysipp der Stoa gab. Aber stoisch wirkt
+schon heute -- in den höheren Sphären -- seine Tendenz zur Selbstzucht
+und Entsagung aus dem Bewußtsein einer großen Bestimmung heraus, das
+römisch-preußische, höchst unpopuläre Element in ihm, und buddhistisch
+seine Geringschätzung eines augenblicklichen Behagens (des „_carpe
+diem_“); epikuräisch erscheint sicherlich das populäre Ideal, dem er
+ausschließlich die Wirksamkeit nach unten verdankt, jener Kultus der
+ἡδονή, nicht des einzelnen für sich, sondern der Ganzheit.
+
+Gemeinsam ist die Lebensgestaltung aus dem Bewußtsein statt aus dem
+Unbewußten. Jetzt liegt das verinnerlichte Leben weit zurück, das mit
+dem wahllosen Ausdruck eines Weltgefühls zusammenfiel. Hier ist kein
+Ausdruck mehr nötig und möglich, denn die Seele hat sich erschöpft und
+das in ihr liegende Mögliche ist restlos Wirklichkeit geworden. Aber
+der Trieb besteht fort und ergreift das durchgeistigte Bewußtsein und
+so entstehen Formen einer ganz andren Art von menschlichem Dasein,
+ein Leben voller Kausalität statt von einem Schicksal getragen, nach
+Grundsätzen der Zweckmäßigkeit geregelt statt von innerer Notwendigkeit
+gestaltet, erkannt statt gefühlt. Es gibt keinen größeren Gegensatz als
+den zwischen einem zivilisierten und einem Kulturmenschen. Selbst der
+primitive Mensch ist dem der dorischen und gotischen Zeit innerlich
+nicht so fremd.
+
+Jede Seele hat Religion. Das ist nur ein andres Wort für ihr Dasein.
+Alle lebendigen Formen, in denen sie sich ausspricht, alle Künste,
+Dogmen, Kulte, metaphysische, mathematische Formenwelten, jedes
+Ornament, jede Säule, jeder Vers, jede Idee ist im Tiefsten religiös
+und +muß+ es sein. Von nun an +kann+ es das nicht mehr sein.
+Das Wesen aller Kultur ist Religion, +folglich ist das Wesen aller
+Zivilisation Irreligion+. Auch das sind zwei Worte für ein und
+dieselbe Erscheinung. Wer das nicht im Schaffen Manets gegen Velasquez,
+Wagners gegen Gluck, Lysipps gegen Phidias, Theokrits gegen Pindar
+herausfühlt, der weiß nichts vom Besten der Kunst. Religiös ist noch
+die Baukunst des Rokoko selbst in ihren „weltlichsten“ Schöpfungen.
+Irreligiös sind die Römerbauten, auch die Tempel der Götter. Mit dem
+Pantheon, der Urmoschee mit dem eindringlich magischen Gottgefühl
+ihres Innenraums, ist das einzige Stück religiöser Baukunst in das
+alte Rom geraten. Die Weltstädte selbst sind den alten Kulturstädten
+gegenüber, Alexandria gegen Athen, Berlin gegen Nürnberg, in allen
+Einzelheiten bis in das Straßenbild, die Sprache, den trocken
+intelligenten Zug der Gesichter[111] hinein irreligiös (was man nicht
+mit antireligiös zu verwechseln hat). Und irreligiös, seelenlos sind
+demnach auch diese ethischen Weltstimmungen, die durchaus in die
+Formenwelt der Weltstadtphänomene gehören. Der Sozialismus ist das
+irreligiös gewordene faustische Lebensgefühl; das besagt auch das
+vermeintliche („wahre“) Christentum, das der Sozialist so gern im Munde
+führt und unter dem er etwas wie eine „dogmenlose Moral“ versteht.
+Irreligiös sind Stoizismus und Buddhismus im Verhältnis zur homerischen
+und vedischen Religion und es ist ganz Nebensache, ob der römische
+Stoiker den Kaiserkult billigt und ausübt, der spätere Buddhist seinen
+Atheismus mit Überzeugung bestreitet, der Sozialist sich freireligiös
+nennt oder auch „weiterhin an Gott glaubt“.
+
+Dies Erlöschen der lebendigen inneren Religiosität, welche auch den
+unbedeutendsten Zug des Daseins gestaltet und erfüllt, ist es, was im
+historischen Weltbilde als die Wendung der Kultur zur Zivilisation
+erscheint, als das +Klimakterium der Kultur+, wie ich es früher
+nannte, als der Moment, wo die seelische Fruchtbarkeit einer Art von
+Mensch für immer erschöpft ist und die Konstruktion an Stelle der
+Zeugung tritt. Faßt man das Wort Unfruchtbarkeit in seiner vollen
+ursprünglichen Schwere, so bezeichnet es das +ganze+ Schicksal
+des weltstädtischen Gehirnmenschen und es gehört zum Bedeutsamsten
+der geschichtlichen Symbolik, daß diese Wendung sich nicht nur im
+Erlöschen der großen Kunst, der großen Denksysteme, des großen Stils,
+sondern auch ganz materiell in der Kinderlosigkeit und dem Rassentod
+der zivilisierten, vom Lande abgelösten Schichten ausspricht, ein
+Phänomen, das in der römischen Kaiserzeit viel bemerkt und beklagt,
+aber notwendigerweise nicht gemildert werden konnte. Dieses Faktum
+und seine Folgen für die Geschlechter der Nachgeborenen auszudrücken
+ist die Aufgabe und der Sinn aller „modernen“ Philosophien seit
+Buddha, Zenon und Schopenhauer. Und daraus folgt weiter: Wie jede
+Zivilisation eine +eigne+ ethische Fassung ihrer Existenz besitzt,
+so hat sie auch +nur+ die eine. Es ist die verstandesmäßige und
+zweckmäßige, aus der Not, nicht der Fülle geborene Fassung dessen,
+was bisher im Unbewußten wirksam gewesen war. Das Heraufheben des
+Unbewußten -- Schicksalhaften, Tragischen -- an das Licht des
+geistigen Bewußtseins, wo es zum logischen und kausalen Mechanismus
+erstarrt: das ist innerhalb einer jeden Philosophie (deren Geschichte
+jedesmal die Biographie eines Organismus mit Geburt, Jugend, Alter
+und Tod ist) der Abschluß der metaphysischen und der Anbruch der
+weltstädtisch-ethischen Periode. Wie ein und dasselbe Weltgefühl
+sich in der brahmanischen, ionischen, Barockmetaphysik in vielfachen
+realistischen und idealistischen Konzeptionen offenbart, ohne daß die
+einzelnen Denker etwas in der Tiefe wirklich Verschiedenes hätten
+ausdrücken wollen und können, so ist es ein und dasselbe Ideal des
+bewußten Lebens, das die gesamte Geistigkeit einer Zivilisation
+in tausend Verkleidungen beschäftigt. Man muß den Stoizismus als
+Lehrmeinung und als allgemeinen Geist der Zeit unterscheiden. Im
+letzten Falle schließt er auch Epikur, die Akademiker, Skeptiker und
+Zyniker ein. Das Ideal des abgeklärten, mit sich allein beschäftigten
+Weisen ist ihnen gemeinsam. Es sind lediglich Unterschiede des
+persönlichen Geschmacks und Temperaments innerhalb der antiken
+Menschlichkeit, die es so oder so formulieren. Und dasselbe gilt im
+Abendlande. Schopenhauer und Nietzsche, Mitleidsmoral und Herrenmoral,
+der verneinte und bejahte Wille zum Leben: das ist im tiefsten dasselbe
+und nur im gedanklichen Stil verschieden. Die Tendenz zum Anarchismus,
+wie man sie etwa bei Stirner und Ibsen findet, ist lediglich eine
+Nuance des allgemeinen Sozialismus. Es gehört zu den Unterschieden
+des privaten Charakters, ob man das faustische Weltgefühl, den
+Weltanspruch des Ich, das sich mit dem Unendlichen eins weiß, vom Ich
+oder vom Unendlichen aus, subjektiv oder objektiv, idealistisch oder
+realistisch also, in eine wissenschaftliche Ordnung bringt. Das erste
+führt zu einer anarchistischen (individualistischen), das andre zu
+einer sozialistischen (kollektivistischen) Grundstimmung in Fragen des
+äußeren Lebens. Die Beschaffenheit des Lebens selbst wird dadurch nicht
+berührt.
+
+
+18
+
+Mit dem Anbruch einer Zivilisation ist das Sittliche also aus einer
+Gestalt des Herzens zu einem Prinzip des Kopfes geworden, aus einem
+schlechthin vorhandenen Phänomen zu einem Mittel und Objekt, das man
+handhabt. Es +offenbart+ sich nicht mehr durch jeden Zug des
+Lebens, es wird begründet und befolgt.
+
+Angesichts dieser neuen intellektuellen Bildungen darf man über ihr
+lebendiges Substrat nicht im Zweifel sein, den „neuen Menschen“
+nämlich, als der er hoffnungsvoll von allen Niedergangszeiten empfunden
+worden ist. Es ist der formlos in den großen Städten fluktuierende
+Pöbel an Stelle des Volkes, die wurzellose städtische Masse, οἱ πολλοί,
+wie man in Athen sagte, an Stelle des mit der Natur verwachsenen,
+selbst auf dem Boden der Städte noch bäuerlichen Menschentums
+einer Kulturlandschaft. Es ist der Agorabesucher Alexandrias und
+Roms und sein „Zeitgenosse“, der heutige Zeitungsleser; es ist der
+„Gebildete“, jenes Kunstprodukt einer nivellierenden städtischen
+Erziehung durch Schule und Öffentlichkeit, damals wie heute; es ist
+der antike und abendländische Mensch der Theater und Vergnügungsorte,
+des Sports und der Literatur des Tages. Diese spät erscheinende
+Masse und +nicht+ „die Menschheit“ ist Objekt der stoischen
+und sozialistischen Propaganda, und man könnte ihr gleichbedeutende
+Erscheinungen des ägyptischen Neuen Reiches, des buddhistischen Indien,
+des konfuzianischen China zur Seite stellen.
+
+Dem entspricht eine charakteristische Form der öffentlichen
+Wirksamkeit, die +Diatribe+. Zuerst als spätantike Erscheinung
+betrachtet, gehört sie zu den Wirkungsformen +jeder+ Zivilisation.
+Durch und durch dialektisch, praktisch, plebejisch, ersetzt sie
+die bedeutsame, weithin wirkende Gestalt großer Menschen durch
+schrankenlose Agitation der Kleinen, aber Klugen, Ideen durch Zwecke,
+Symbole durch Programme. Das Expansive jeder Zivilisation, der
+imperialistische Ersatz der Zeit durch den Raum, kennzeichnet auch sie:
+die Quantität ersetzt die Qualität, die Verbreitung die Vertiefung. Man
+verwechsle diese hastige Aktivität nicht mit dem faustischen Willen zur
+Macht. Sie verrät nur, daß ein schöpferisches Innenleben zu Ende und
+eine geistige Existenz nur nach außen, im Raume, nur materiell aufrecht
+zu erhalten ist. Die Diatribe gehört notwendig zur „Religion der
+Irreligiösen“; sie ist deren „Seelsorge“. Sie erscheint als indische
+Predigt, als antike Rhetorik, als abendländischer Journalismus. Sie
+wendet sich an die Meisten, nicht an die Besten. Sie wertet ihre Mittel
+nach der +Zahl+ der Erfolge. Sie setzt anstelle des Denkertums
+alter Zeiten die +intellektuelle männliche Prostitution+ in Rede
+und Schrift, wie sie alle Säle und Plätze der Weltstädte füllt und
+beherrscht. Rhetorisch ist die gesamte Philosophie des Hellenismus,
+journalistisch der Roman Zolas wie das Drama Ibsens. Man verwechsle
+diese geistige Prostitution nicht mit dem ursprünglichen Auftreten des
+Christentums. Die christliche Mission ist in ihrem Wesenskern beinahe
+immer mißverstanden worden. Aber das Urchristentum, die +magische+
+Religion des Stifters, dessen Seele dieser brutalen Aktivität ohne Takt
+und Tiefe gar nicht fähig war, ist erst durch die hellenistische Praxis
+des Paulus -- bekanntlich unter schroffstem Widerspruch der Urgemeinde
+-- in die lärmende städtische demagogische Öffentlichkeit des Imperium
+Romanum hineingezogen worden. Mag seine hellenistische Bildung noch so
+oberflächlich gewesen sein (er war und blieb Jude, nicht Stoiker), sie
+hat ihn nach außen zu einem Gliede der antiken Zivilisation gemacht.
+Paulus hat nur die Richtung, +nicht die Form+ seiner Wirksamkeit
+gewechselt: das bedeutet der Tag von Damaskus. Das „Gehet hin in alle
+Welt und lehret alle Völker“, gleichviel wem die Worte in den Mund
+gelegt sind, ist ein Satz von spätantikem, stoischem, zivilisiertem
+Gepräge, der nicht, wie das früheste Christentum in seiner abgelegenen
+primitiven Landschaft, eine ertagende Kultur, sondern eine über
+formlosen Menschenmassen verscheidende Zivilisation kennzeichnet, und
+der damals als praktische Maxime in alle Zeitreligionen, Isis- und
+Mithraskult, Neuplatonismus und Manichäismus eingedrungen war, sobald
+sie aus ihrer östlichen Heimat auf antiken Boden traten. Nicht das
+Christentum hat sich mittels der Diatribe der antiken Welt bemächtigt,
+die Antike hat es durch sie sich angeeignet. „Alle Völker“, -- damit
+war durchaus nicht die bäuerliche Bevölkerung des flachen Landes
+gemeint, die in keiner Zivilisation mitzählt. Christus hatte Fischer
+und Bauern an sich gezogen, Paulus hielt sich an die Agora der großen
+Städte und also an die großstädtische Form der Propaganda. Das Wort
+Heide (_paganus_) verrät noch heute, auf wen sie +zuletzt+
+wirkte. Wie verschieden ist Paulus von Bonifacius! Der tief germanische
+Bonifaciustyp bedeutet in seiner faustischen Leidenschaft, in Wäldern
+und einsamen Tälern, etwas streng Entgegengesetztes und ebenso die
+heitren Zisterzienser mit ihrem Landbau und die Deutschordensritter
+im slawischen Osten. Das war wieder Jugend, Aufblühen, Sehnsucht
+inmitten einer bäuerlichen Landschaft. Erst im 19. Jahrhundert
+erscheint die Diatribe auf diesem mittlerweile gealterten Boden mit
+allem, was ihr wesenhaft ist, mit der großen Stadt als Basis und der
+Masse als Publikum. Das echte Bauerntum fällt für den Sozialismus so
+wenig in den Kreis der Betrachtung wie für Buddha und die Stoa. Erst
+hier, in den Städten des europäischen Westens, findet der Paulustyp
+wieder seinesgleichen, mag es sich nun um sektenhafte christliche oder
+antikirchliche, soziale oder biologische Interessen, um Freidenkertum
+oder ephemere Religionsstiftereien handeln.
+
+Zenon und Buddha in Ehren. Auch König Asoka und Mark Aurel, mit denen
+nach Jahrhunderten die letzte Weltstimmung auf den Thron gelangte,
+gehören zu den posthumen Menschen von innerer Kultur. Aber wir
+haben auch in beiden Fällen das Bild der Wirkung ins Breite, eben
+jene buddhistische und stoische Propaganda mit den Scharen platter,
+schmutziger, zudringlicher Salonphilosophen und Wanderredner, den
+Massen seichter Flugschriften und Volksbücher, den schlechten Manieren,
+der gewöhnlichen Gesinnung, den journalistischen Tiraden. Bei Lukian
+findet man die berühmte Satire, die Wort für Wort auf Indien und die
+Gegenwart paßt.
+
+Alle antike Philosophie nach Plato und Aristoteles ist Rhetorik.
+Aller Sozialismus im weitesten Sinne, von Schopenhauers Aufsätzen
+bis zu Shaws Essais, Nietzsche nicht ausgenommen, ist nach Form und
+Absicht Journalismus. Die gesamte soziale Dramatik, die Schillers
+sittliche Leidenschaft ins Leben gerufen hat (die „Schaubühne
+als moralische Anstalt“ bis auf Ibsen und Strindberg herab), die
+populäre Naturwissenschaft mit ihren sozialethischen, in die Tierwelt
+projizierten Hinterabsichten, der sich rasch in humane Stimmungen
+auflösende Rest von protestantischem Christentum ist es. Der Dichter
+wird Journalist, der Priester wird Journalist, der Gelehrte wird
+Journalist. Wie tief diese Form einer jeden zivilisierten Ethik
+begründet ist, beweist Nietzsche, dem die Zarathustragestalt unter den
+Händen zu einem Wanderprediger geriet.
+
+Nichts ist für diese entschiedene Wendung zum äußeren Leben, das allein
+übrig geblieben ist, dem biologischen Faktum, dem das Schicksal nur
+noch in der Form von objektiven Tatsachen und Kausalitätsbeziehungen
+erscheint, bezeichnender als das ethische Pathos, mit dem man sich nun
+einer Philosophie der Verdauung, der Ernährung, der Hygiene zuwendet,
+Alkoholfragen und Vegetarismus werden mit religiösem Ernste behandelt,
+augenscheinlich das Gewichtigste an Problemen, zu dem der „neue
+Mensch“ sich aufschwingen kann. So entspricht es der Froschperspektive
+dieser Generationen. Religionen, die an der Schwelle großer Kulturen
+entstehen wie die homerische und vedische, das Christentum Jesu und
+das faustische der ritterlichen Germanen hätten es unter ihrer Würde
+befunden, zu Fragen der Art herabzusteigen. Jetzt steigt man zu ihnen
+hinauf. Der Buddhismus ist ohne dergleichen nicht denkbar. Im Kreise
+der Sophisten, des Antisthenes, der Stoiker und Skeptiker gewinnt
+es große Bedeutung. Schon Aristoteles hat über die Alkoholfrage
+geschrieben, eine ganze Reihe von Philosophen über den Vegetarismus
+und es besteht zwischen der apollinischen und der faustischen Farce
+nur der Unterschied, daß der Zyniker die eigne Verdauung, Shaw die
+Verdauung „aller Menschen“ in sein theoretisches Interesse zieht. Der
+eine entsagt, der andere verbietet. Man weiß, wie Nietzsche sich noch
+im Ecce homo darin gefällt, in Fragen dieser Art zu dilettieren.
+
+
+19
+
+Überblicken wir noch einmal den Sozialismus als das faustische
+Beispiel einer zivilisierten, einer intellektuellen, logisierten, von
+Kausalitäten statt vom Schicksal erfüllten Ethik. Was seine Freunde
+und Feinde von ihm sagen, daß er die Gestalt der Zukunft oder daß er
+ein Zeichen des Niederganges sei, ist gleich richtig. Wir alle sind
+Sozialisten, ohne es zu wissen. Wir tragen ihn als Lebensgefühl in uns,
+ob wir wollen oder nicht. Und selbst der Widerstand gegen ihn trägt
+seine Form.
+
+Alle antiken Menschen der späten Zeit waren Stoiker, ohne es zu
+wissen. Das ganze römische Volk, als Körper, als Individualität,
+hat eine stoische Seele; als Zenon lebte, war der populus Romanus,
+dies Volk von Soldaten und Beamten mit einer Götterwelt, in der es
+nur Götter+pflichten+, nüchterne, praktische, keine göttlichen
+Abenteuer gibt, eben in der Bildung begriffen. Der echte Römer, gerade
+der, welcher es am entschiedensten bestritten hätte, ist in einem
+strengeren Grade Stoiker, als es je ein Grieche hätte sein können: er
+lebte noch in einer Art ursprünglicher Barbarei, als das antike Dasein
+sich ihr wieder näherte; ihm fehlt der innere Rest von Kultur, der die
+Reinheit des zivilisierten Typus verdunkelt. Die lateinische Sprache,
+durch und durch praktisch und prosaisch, ist die mächtigste Schöpfung
+des Stoizismus geblieben.[112]
+
+Erinnern wir uns des allgemeinen Grundgedankens, daß Geschichte und
+Natur Gegensätze sind, daß wir, als Ausdruck und Verwirklichung unsres
+Seelischen zwei Welten als Möglichkeiten besitzen, die eine die Natur,
+vom Gewordnen und Erkannten aus gestaltet, von Gesetz, Zahl, Grenze,
+Logik, gesättigt, durch und durch System, Mechanismus, Ursache und
+Wirkung, die andre die Geschichte, unmittelbarer Ausdruck des Werdens
+und Lebens, erschaut, nicht erkannt, von einer andern Logik und
+Notwendigkeit, die nicht in Worte zu fassen ist, der des Schicksals.
+Beide stehen einander gegenüber wie Leben und Tod, Richtung und
+Ausdehnung, ewige Zukunft und ewige Vergangenheit.
+
+Der Zivilisation liegt das Gefühl der Natur, der schon gewordnen,
+abgeschlossenen, erkannten, toten Welt zugrunde. Der Schritt von einer
+Kultur zur Zivilisation läßt sich als die Metamorphose der Historie
+in naturhafte Formen bezeichnen. Dies ist der geheimste Sinn jener
+„Rückkehr zur Natur“, zur starren, vernunftmäßigen, gesetzmäßigen
+Natur nämlich, der Wendung vom Schicksal zum Kausalen. Der faustische
+Mensch des zivilisierten Stadiums, dessen Welt sich als ein Unendliches
+kausaler Zusammenhänge repräsentiert, für den sich in Ursache und
+Wirkung, Mittel und Zweck ihr Wesen erschöpft, +ist+ Sozialist.
+Das ist die Form seiner geistigen Existenz.
+
++Der Sozialismus ist das überhaupt erreichbare Maximum eines
+Lebensgefühls unter dem Aspekt von Zwecken.+ Denn die bewegte
+Richtung des Seins, in den Worten Zeit und Schicksal fühlbar, bildet
+sich, sobald sie starr, bewußt, erkannt ist, in den Mechanismus von
+Mittel und Zweck um. Richtung ist das Lebendige, Zweck das Tote.
+Faustisch ist die Leidenschaft des Vordringens, sozialistisch der
+mechanische Rest, der „Fortschritt“. Sie verhalten sich wie der Leib
+zum Skelett. Dies ist zugleich der Unterschied des Sozialismus vom
+Buddhismus und Stoizismus, die mit den Idealen des Nirwana und der
+Ataraxia ebenso mechanisch gestimmt sind, aber nicht die dynamische
+Leidenschaft der dritten Dimension, den Willen zum Unendlichen, das
+Pathos der Ausdehnung kennen.
+
+Der Sozialismus ist -- trotz seiner oberflächlichen Illusionen -- kein
+System des Mitleids, der Humanität, des Friedens und der Fürsorge,
+sondern des Willens zur Macht. Alles andere ist Selbsttäuschung. Das
+Ziel ist durchaus imperialistisch: Wohlfahrt, aber im expansiven Sinne,
+nicht der Kranken, sondern der Tatkräftigen, denen man die Freiheit des
+Wirkens geben will, ungehemmt durch die Widerstände des Besitzes, der
+Geburt, der Tradition. Gefühlsmoral, Moral auf den Nutzen hin ist bei
+uns nie der letzte Instinkt, so oft es sich die Träger dieser Instinkte
+einbilden. Man wird immer an die Spitze der moralischen Modernität
+Kant, in diesem Falle den Schüler Rousseaus stellen müssen, dessen
+Ethik das Motiv des Mitleids ablehnt und den Satz prägt: „+Handle
+so+, daß --“. Alle Ethik dieses Stils will Ausdruck des Willens zum
+Unendlichen sein und dieser Wille fordert Überwindung des Augenblicks,
+der Gegenwart, der Vordergründe des Lebens. An Stelle der sokratischen
+Formel: „Wissen ist Tugend“ setzte schon Bacon den Spruch: „Wissen ist
+Macht“. Der Stoiker nimmt die Welt, wie sie ist: Der Sozialist will sie
+der Form, dem Gehalte nach organisieren, umprägen, mit +seinem+
+Geiste erfüllen. Der Stoiker paßt sich an. Der Sozialist befiehlt.
+Die ganze Welt soll die Form +seiner+ Anschauung tragen -- so
+läßt sich die Idee der „Kritik der reinen Vernunft“ ins Ethische
+umsetzen. Das ist der letzte Sinn des kategorischen Imperativs, den
+er aufs Politische, Soziale, Wirtschaftliche anwendet: Handle so, als
+ob die Maxime deines Handelns +durch deinen Willen zum allgemeinen
+Naturgesetz werden sollte+. Und diese tyrannische Tendenz ist selbst
+den flachsten Erscheinungen der Zeit nicht fremd.
+
+Der Sozialismus ist zweitens eine seelische Dynamik. Nicht die Haltung
+und Gebärde, die +Wirksamkeit+ soll gestaltet werden. Das Leben
+kommt nur in Betracht, insofern es Tat ist. Und erst so, durch die
+Mechanisierung des organischen Prinzips der Tat, entsteht die Idee
++der Arbeit als der zivilisierten Form faustischen Wirkens+.
+Diese Moral, der Drang, dem Leben die denkbar aktivste Form zu geben,
+ist stärker als die Vernunft, deren Moralprogramme, sie mögen noch
+so geheiligt, inbrünstig geglaubt, leidenschaftlich verteidigt sein,
+nur insoweit wirken, als sie in der Richtung dieses Dranges liegen
+oder in ihr mißverstanden werden. Im übrigen bleiben sie Worte. Man
+unterscheide in aller Modernität wohl die populäre (antik empfundene,
+statische) Seite, das süße Nichtstun, die Sorge um Gesundheit,
+Glück, Sorglosigkeit, den allgemeinen Frieden, kurz das vermeintlich
+Christliche von dem höheren Ethos, das nur die Tat wertet, das den
+Massen -- wie alles Faustische -- weder verständlich noch erwünscht
+ist, die großartige +Idealisierung des Zweckes und also der
+Arbeit+. Will man dem römischen „_Panem et circenses_“, dem
+letzten epikuräisch-stoischen Lebenssymbol, das entsprechende Symbol
+des Nordens zur Seite stellen, so muß es das +Recht auf Arbeit+
+sein, das schon dem durch und durch preußisch empfundenen, heute
+europäisch gewordnen Staatssozialismus Fichtes zugrunde liegt und das
+in den letzten, furchtbarsten Stadien dieser Entwicklung in der Pflicht
+zur Arbeit gipfeln wird.
+
+Endlich das Napoleonische in ihm, das _aere perennius_, der Wille
+zur Dauer, der Zukunft. Der ahistorische apollinische Mensch sah auf
+ein goldenes Zeitalter +zurück+; das enthob ihn des Nachdenkens
+über das Kommende. Der Sozialist -- der sterbende Faust -- ist der
+Mensch der historischen Sorge, des Künftigen, das er als Aufgabe und
+Ziel empfindet, demgegenüber das Glück des Augenblicks verächtlich
+wird. Der antike Geist mit seinen Orakeln und Vogelzeichen will die
+Zukunft nur +wissen+, der abendländische will sie +schaffen+.
+Das +dritte Reich+ ist das germanische Ideal, ein ewiges Morgen,
+an das alle großen Menschen von Dante bis Nietzsche und Ibsen -- Pfeile
+der Sehnsucht nach dem andern Ufer, wie es im Zarathustra heißt --
+ihr Leben knüpften. Alexanders Leben war ein wundervoller Rausch, ein
+Traum, in dem das homerische Zeitalter noch einmal heraufbeschworen
+wurde; Napoleons Leben war eine ungeheure Arbeit, nicht für sich, nicht
+für Frankreich, sondern für die Zukunft überhaupt.
+
+An dieser Stelle greife ich zurück und erinnere noch einmal
+daran, wie verschieden die großen Kulturen sich das Wesen der
++Weltgeschichte+ vorgestellt haben: Der antike Mensch sah nur
+sich, seine Geschicke als ruhende Nähe und fragte nicht nach dem
+Woher und Wohin. Universalhistorie ist ihm ein unmöglicher Begriff.
+Das ist die statische Geschichtsauffassung. Der magische Mensch
+sieht Geschichte als das große Weltdrama zwischen Schöpfung und
+Untergang, das Ringen zwischen Seele und Geist, Gut und Böse, Gott
+und Teufel, eine streng begrenzte Aktion mit einer +einmaligen+
+Katastrophe als Höhepunkt: der Erscheinung des Erlösers. Der faustische
+Mensch sieht in der Geschichte eine gespannte Entwicklung auf ein
++Ziel+. Die Reihe: Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit ist eine
++dynamische+ Idee. Er +kann+ sich Geschichte gar nicht anders
+vorstellen, und wenn dies nicht Weltgeschichte an sich und überhaupt,
+sondern das Bild einer Weltgeschichte faustischen Stils ist, das mit
+der westeuropäischen Kultur beginnt und aufhört, wahr und vorhanden zu
+sein, so ist der Sozialismus die logische, praktische Krönung dieser
+Vorstellung. In ihm erhält das Bild den von der Gotik an vorbereiteten
+Abschluß.
+
+Und hier wird der Sozialismus -- im Gegensatz zum Stoizismus und
+Buddhismus -- tragisch. Es ist bedeutsam, daß Nietzsche von höchster
+Klarheit ist, sobald es sich um die Frage handelt, was zertrümmert, was
+umgewertet werden soll; er verliert sich in nebelhafte Allgemeinheiten,
+sobald das Wozu, das Ziel in Rede steht. Seine Kritik der Dekadence
+ist tief, seine Übermenschenlehre ist eine Marotte. Und dasselbe gilt
+von Ibsen -- von Brand und Rosmersholm, Julian Apostata und Baumeister
+Solneß --, von Hebbel, von Wagner, von allen. Und darin liegt eine
+tiefe Notwendigkeit, denn von Rousseau an gibt es für den faustischen
+Menschen nichts mehr zu hoffen. Hier ist etwas zu Ende. Die nordische
+Seele hat ihre innern Möglichkeiten erschöpft und es blieb nur noch
+der dynamische Sturm und Drang, wie er sich in welthistorischen
+Zukunftsvisionen äußert, die mit Jahrtausenden messen, der Trieb,
+die schöpferische Leidenschaft, eine geistige Daseinsform ohne
+Inhalt. Diese Seele war Wille, Kraft und nichts andres; sie brauchte
+ein Ziel für ihre Kolumbussehnsucht; sie +mußte+ einen Gehalt
+ihrer Wirksamkeit sich wenigstens vortäuschen, und so findet der
+feinere Beobachter einen Zug von Hjalmar Ekdal in aller Modernität,
+auch in ihren höchsten Erscheinungen. Ibsen hat es die Lebenslüge
+genannt. Nun, etwas von ihr liegt in der gesamten Geistigkeit der
+westeuropäischen Zivilisation, insoweit sie auf eine religiöse,
+künstlerische, philosophische Zukunft, ein immaterielles Ziel, ein
+drittes Reich sich richtet, während in der tiefsten Tiefe ein dumpfes
+Gefühl nicht schweigen will, daß diese ganze Wirksamkeit Schein,
+die verzweifelte Selbsttäuschung einer historischen Seele ist. Aus
+dieser tragischen Situation -- der Umkehrung des Hamletmotivs -- ist
+Nietzsches gewaltsame Konzeption der Ewigen Wiederkunft hervorgegangen,
+an die er niemals mit gutem Gewissen geglaubt hat, die er aber trotzdem
+festhielt, um seine Verkünderrolle zu retten. Auf dieser Lebenslüge
+ruht +Bayreuth+, das etwas sein +wollte+ im Gegensatz zu
+Pergamon, das etwas +war+. Und ein Zug dieser Lüge haftet dem
+gesamten politischen, wirtschaftlichen, ethischen Sozialismus an,
+der gewaltsam über den +vernichtenden+ Ernst seiner Resultate
+schweigt, um die Illusion eines letzten Glückszustandes zu retten.
+
+
+20
+
+Es bleibt noch ein Wort über die Geschichte der Philosophie zu sagen,
+deren Morphologie ein Problem darstellt, das nicht einmal entdeckt,
+geschweige denn gelöst worden ist.
+
+Es gibt keine Philosophie überhaupt; jede Kultur hat ihre eigne;
+sie ist ein Teil ihres symbolischen Gesamtausdruckes, ein Stück
+verwirklichten Seelentums. Sie entspricht als Phänomen den Formenwelten
+der Mathematik und der großen Künste. Ihre Konzeptionen stehen neben
+den entscheidenden Werken der Kunst, der Divina Comedia, dem Parzeval,
+den Tragödien des Äschylus. Ihre Systeme haben Stil. Sie sind trotz der
+äußeren Verknüpfung mit wissenschaftlicher Erfahrung freie Geburten
+schöpferischer Geister. Jede Kultur hat aber auch ihre Philosophie des
+Aufstiegs und des Niedergangs, eine metaphysische Periode, wo das Leben
+noch Chaos in sich hat und aus einer Überfülle heraus weltgestaltend
+wirkt, und eine ethische, wo das erschöpfte Leben auf sich selbst
+Bedacht nehmen und den Rest von Gestaltungskraft auf die Fragen des
+Tages verwenden muß. Die erste gehört zu den höheren Wirkungen einer
+Kultur: die brahmanische, ionische, Barockphilosophie. Die zweite ist
+zivilisierter Natur und beschränkt ihre Gültigkeit auf den Bannkreis
+der großen Städte und die Wesensform des intellektuellen Menschen. In
+der einen +offenbart+ sich das Leben, die andre nimmt das Leben
+-- von außen -- zum Objekt. In der ersten finden wir von Anaximander
+bis auf Plato und von Descartes bis auf Kant herab eine dichte Reihe
+großer Gestalter. In ihnen durchdringt das apollinische und faustische
+Seelentum das All und sucht sich seiner Geheimnisse zu bemächtigen.
+So sehr die Logik mit ihren feinsten Mitteln zur Anwendung kommt, all
+diesen Schöpfungen von tiefster Selbstverständlichkeit liegt eine
++Intuition+ zugrunde, der sich alles fügt. Noch das kantische
+System ist in seinen letzten Zügen +geschaut+ und +danach+
+erst durch logische und systematische Prinzipien fixiert und geordnet
+worden.
+
+Ein Beweis ist das Verhältnis zur Mathematik, deren Sinn als einer
+unmittelbaren Intuition des Gewordnen -- durch die Konzeption der Idee
+einer Zahl, deren Typus immer nur einer einzigen Kultur wesenhaft ist
+-- hier zum erstenmal festgestellt wurde. Wer nicht in die Formenwelt
+der Zahlen eingedrungen ist, wer sie nicht als Symbole in sich erlebt,
+ist kein Metaphysiker. In der Tat waren es die großen Philosophen
+des Barock, Descartes, Pascal, Hobbes, Leibniz, welche die Analysis
+geschaffen haben, und das Entsprechende gilt von den Vorsokratikern und
+Plato. Leibniz ist neben Newton und Gauß, Plato und Pythagoras sind
+neben Archimedes Gipfel der mathematischen Entwicklung. Aber schon Kant
+ist als Mathematiker ohne Bedeutung. Er ist in die letzten Feinheiten
+der damaligen Infinitesimalrechnung so wenig eingedrungen, als er
+Leibnizens Axiomatik begriffen hat. Darin ist er seinem „Zeitgenossen“
+Aristoteles gleich, der ebenfalls Dilettant _in mathematicis_ war,
+und von nun an zählt kein Philosoph in der Mathematik mehr mit. Kant
+ist sehr unglücklich in der Heranziehung von geometrischen Beweisen
+für seine Erkenntnistheorie, und die Kritik der reinen Vernunft
+verrät, daß ihm nur die Elementarmathematik wirklich lebendig ist,
+zum großen Schaden seiner Raum- und Zeittheorie, die eine Prüfung
+durch die schwersten Fragen der Infinitesimalrechnung erfordert hätte.
+Fichte, Hegel, Schelling endlich sind völlig unmathematisch, so gut
+wie Zenon und Epikur. Schopenhauer ist schwach bis zur Borniertheit,
+von Nietzsches gelegentlichen seltsamen Leistungen ganz zu schweigen.
+Aber auch das ist „Rückkehr zur Natur“. Mit der Formenwelt der Zahlen
+ging eine große Konvention verloren. Seitdem fehlt es nicht nur an
+einer Tektonik der Systeme, es fehlt auch an dem, was man den +großen
+Stil+ des Denkens nennen darf. Schopenhauer hat sich selbst
+einen Gelegenheitsdenker genannt. Man erinnere sich der Beziehung
+der Mathematik zur Plastik und Musik. Kant und Plato bezeichnen
+die Schwelle. Die „Philosophie ohne Mathematik“ beginnt. Die Ethik
+ist im Begriff, über ihren Rang als Teil einer abstrakten Theorie
+hinauszuwachsen. Von nun an ist die Ethik +die+ Philosophie,
+welche die andern Gebiete sich einverleibt, das heißt: nicht der
+Makrokosmos, sondern das praktische Leben rückt in den Mittelpunkt
+der Betrachtung. Der Horizont ist eng geworden. Die Leidenschaft des
+reinen Denkens sinkt. Die Metaphysik, Herrin von gestern, wird zur
+Dienerin von heute. Sie hat nur noch das Fundament zu bilden, das eine
+praktische Gesinnung trägt. Und das Fundament wird immer überflüssiger.
+Man vernachlässigt, man verspottet das Metaphysische, das Unpraktische,
+die „Steine statt des Brotes“. Bei Schopenhauer ist es das vierte
+Buch, um dessentwillen die drei ersten da sind. Kant glaubte nur,
+daß es bei ihm so wäre. In der Tat ist ihm noch die reine, nicht die
+praktische Vernunft Mittelpunkt der Schöpfung. Genau so scheidet
+sich die antike Philosophie vor und nach Aristoteles: dort ein groß
+aufgefaßter Kosmos, kaum bereichert durch eine formale Ethik, hier
+die Ethik selbst, als Programm, als Not, auf der Basis einer nebenher
+und flüchtig konzipierten Metaphysik. Und man fühlt, daß die logische
+Gewissenlosigkeit, mit der zum Beispiel Nietzsche derlei Theorien
+schnell hinwirft, gar nicht imstande ist, den Wert seiner eigentlichen
+Philosophie herabzusetzen.
+
+Bekanntlich ist Schopenhauer (Neue Paralipomena § 656) nicht von seiner
+Metaphysik zum Pessimismus, sondern vom Pessimismus, der ihn in seinem
+17. Jahre überfiel, zur Konstruktion seines Systems gekommen. Shaw,
+ein sehr merkwürdiger Zeuge, macht im Ibsenbrevier darauf aufmerksam,
+daß man bei Schopenhauer -- wie er sich ausdrückt -- sehr wohl seine
+Philosophie annehmen kann, während man seine Metaphysik ablehnt. Damit
+ist instinktiv das gesondert, wodurch er der erste Denker der neuen
+Zeit war, und das, was einer veralteten Tradition nach damals zu einer
+vollständigen Philosophie gehörte. Niemand würde diese Trennung bei
+Kant vornehmen. Sie würde auch nicht gelingen. Bei Nietzsche aber läßt
+sich leicht feststellen, daß seine „Philosophie“ durchaus ein inneres,
+sehr frühes Erlebnis war, während er seinen Bedarf an Metaphysik an
+der Hand einiger Bücher schnell und mangelhaft genug herstellte und
+nicht einmal seine ethische Lehre exakt darzustellen vermochte. Genau
+dieselbe Überlagerung einer lebendigen, zeitgemäßen und einer von der
+Gewohnheit geforderten metaphysischen Gedankenschicht läßt sich bei
+Epikur und den Stoikern nachweisen. Diese Erscheinung gestattet über
+das Wesen einer zivilisierten Philosophie keinen Zweifel.
+
+Die Metaphysik hat ihre Möglichkeiten erschöpft. Die Weltstadt hat
+das Land endgültig überwunden und ihr Geist bildet sich jetzt eine
+eigne, notwendigerweise nach außen gerichtete, mechanistische,
+seelenlose Theorie. Mit einem gewissen Rechte sagt man von nun an
+Gehirn statt Seele. Und da im westeuropäischen Gehirn der Wille zur
+Macht, die tyrannische Richtung auf die Zukunft, auf Organisation
+der Gesamtheit nach praktischem Ausdruck verlangt, so nimmt die
+Ethik, je mehr sie ihre metaphysische Vergangenheit aus den Augen
+verliert, +nationalökonomischen+ Charakter an. Die von Hegel und
+Schopenhauer ausgehende Philosophie der Gegenwart, soweit sie den Geist
+der Zeit repräsentiert -- was Lotze und Herbart z. B. nicht tun -- ist
++Gesellschaftskritik+.
+
+Die Aufmerksamkeit, welche der Stoiker dem eigenen Körper, dem σῶμα,
+zuwendet, widmet der abendländische Mensch dem Gesellschaftskörper.
+Es ist kein Zufall, daß aus der Schule Hegels der Sozialismus (Marx,
+Engels), der Anarchismus (Stirner) und die Problematik des sozialen
+Dramas (Hebbel) hervorgingen. Der Sozialismus ist die ins Ethische,
+und zwar ins +Imperativische+ umgewandte Nationalökonomie.
+Solange es eine Metaphysik großen Stils gab, bis auf Kant, blieb
+die Nationalökonomie eine +Wissenschaft+. Sobald „Philosophie“
+gleichbedeutend mit praktischer Ethik wurde, trat sie an Stelle der
+Mathematik als +Normativ des Weltdenkens+.
+
+Es steht dem Philosophen nicht frei, seine Stoffe zu wählen, so wenig
+die Philosophie immer und überall dieselben Stoffe hat. Es gibt
+keine ewigen Fragen, es gibt nur Fragen, die aus dem Dasein eines
+historisch-individuellen Menschentums, einer +einzelnen+ Kultur
+heraus gefühlt und gestellt werden. „Alles Vergängliche ist nur ein
+Gleichnis“ -- das gilt auch von jeder echten Philosophie als dem
+geistigen Ausdruck dieses Daseins, als der Verwirklichung seelischer
+Möglichkeiten in einer Formenwelt von Begriffen, Gedanken, Intuitionen,
+zusammengefaßt in der lebendigen Erscheinung ihres Urhebers. Eine
+jede ist vom ersten bis zum letzten Wort, vom abstraktesten Thema
+bis zum persönlichsten Charakterzuge ein Gewordnes, aus der Seele in
+die Welt, aus dem Reiche der Freiheit in das der Notwendigkeit, aus
+dem unmittelbar Lebendigen ins Räumlich-Logische projiziert, reines
+Symbol einer historisch begrenzten Art des Menschlichen und mithin
+vergänglich, von bestimmtem Tempo, von bestimmter Lebensdauer. Deshalb
+liegt eine strenge Notwendigkeit in der Wahl des Themas. Jede Epoche
+hat ihr eignes, das für sie und keine andre bedeutend ist. Hier sich
+nicht zu vergreifen, kennzeichnet den gebornen Philosophen. Der Rest
+der philosophischen Produktion ist belanglos, bloße Fachwissenschaft,
+langweilige Häufung systematischer und stofflicher Subtilitäten.
+
+Und deshalb ist die Philosophie des 19. Jahrhunderts +nur+ Ethik,
+nur Gesellschaftskritik in produktivem Sinne und nichts außerdem.
+Deshalb sind, von Praktikern abgesehen, +Dramatiker+ -- das
+entspricht der faustischen Aktivität -- ihre bedeutendsten Vertreter,
+neben denen kein einziger Kathederphilosoph mit seiner Logik,
+Psychologie oder Systematik in Betracht kommt. Nur dem Umstande, daß
+diese Unbedeutenden, bloße Gelehrte, immer auch die Geschichte der
+Philosophie -- und was für eine Geschichte! Eine Summation von Personen
+und „Ergebnissen“ -- geschrieben haben, verdankt man es, daß niemand
+heute weiß, was Geschichte der Philosophie ist und was sie sein könnte.
+
+Die tiefe organische Einheit im Denken dieser Epoche ist deshalb noch
+nie durchschaut worden. Man kann ihren philosophischen Kern dadurch auf
+eine Formel bringen, daß man sich fragt, inwiefern Shaw der Schüler
+und Vollender Nietzsches ist. Diese Beziehung ist zunächst durchaus
+nicht ironisch gemeint. Unter einem Denker verstehe ich den, der seine
+Zeit repräsentiert, indem er ihren lebendigen Inhalt (der mit dem
+aktuellen wenig oder nichts zu tun hat) in endgültige geistige Formen
+bringt. In seiner Analyse des Griechentums ist Nietzsche nur insoweit
+Denker und nicht Philologe oder Plauderer, als er unter dieser Maske
+sein Problem der Decadence gestaltet. In seinen Komödien ist Shaw nur
+insoweit Denker und nicht bloß Nationalökonom und Journalist, als
+seine Probleme auch in antiker Fassung hätten erscheinen können. Man
+muß nur ihr Wesentliches von ihrer äußern Tendenz zu unterscheiden
+wissen. Shaw ist der einzige Denker von Bedeutung, der konsequent in
+der Richtung des echten Nietzsche fortgeschritten ist, als produktiver
+Kritiker der abendländischen Moral nämlich, wie er andrerseits als
+Dichter die letzten Konsequenzen Ibsens zog und den Rest künstlerischer
+Gestaltung in seinen Stücken zugunsten praktischer Diskussionen aufgab,
+wobei „Denker“ und „Dichter“ bei diesem letzten und schon ein wenig
+epigonenhaften Glied der Reihe nun doch mit der nötigen Ironie gesagt
+wird, selbst wenn man die Differenz zwischen deutschem und englischem
+Geist, zwischen dem Ausklang einer posthumen, fast unterirdischen
+Kultur, die eben in Nietzsche überraschend ans Licht trat, und einer
+in sich vollendeten, rein gehirnlichen Zivilisation, zwischen einer
+Vogelperspektive, zu der immer wieder der Flug genommen, und der
+Froschperspektive, die mit borniertem Behagen eingehalten wird, vorher
+subtrahiert hat.
+
+Nietzsche ist in allem und jedem, soweit nicht der verspätete
+Romantiker in ihm Stil, Klang und Haltung seiner Philosophie bestimmt
+hat, ein Schüler materialistischer Jahrzehnte gewesen. Was ihn an
+Schopenhauer leidenschaftlich anzog, ohne daß es ihm oder irgendjemand
+anders bis zum heutigen Tage zum Bewußtsein gekommen wäre, ist
+dasjenige Element seiner Lehre, durch welches er die Metaphysik
+großen Stils zerstörte, durch das er seinen Meister Kant unfreiwillig
+parodiert hat, die Wendung aller tiefen Begriffe des Barock ins
+massiv Greifbare und Mechanistische. Kant redet in unzulänglichen
+Worten, hinter denen sich eine gewaltige, schwer zugängliche Intuition
+verbirgt, von der Welt als Erscheinung; Schopenhauer nennt das die Welt
+als Gehirnphänomen. In ihm vollzieht sich die Wendung der tragischen
+Philosophie zum philosophischen Plebejertum. Es genügt, eine Stelle
+zu zitieren. In der „Welt als Wille und Vorstellung“ (II, Kapitel
+19) heißt es: „Der Wille, als das Ding an sich, macht das innere,
+wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus: an sich selbst ist er
+jedoch bewußtlos. Denn das Bewußtsein ist bedingt durch den Intellekt,
+und dieser ist ein bloßes Akzidens unseres Wesens; denn er ist eine
+Funktion des Gehirns, welches, nebst den ihm anhängenden Nerven und
+Rückenmark, eine bloße Frucht, ein Produkt, ja insofern ein Parasit
+des übrigen Organismus ist, als es nicht direkt eingreift in dessen
+inneres Getriebe, sondern dem Zweck der Selbsterhaltung bloß dadurch
+dient, daß es die Verhältnisse desselben zur Außenwelt reguliert.“
+Das ist genau das Grundprinzip des seichtesten Materialismus. Nicht
+umsonst war Schopenhauer, wie einst Rousseau, zu den englischen
+Sensualisten in die Lehre gegangen. Dort lernte er Kant im Geiste der
+großstädtischen, aufs Zweckmäßige gerichteten Modernität mißverstehen.
+Der Intellekt als Werkzeug des Willens zum Leben,[113] als Waffe im
+Kampf ums Dasein, das, was Shaw in eine groteske dramatische Form und
+Bergson in ein epigonenhaftes, aus deutschen Denkern zusammengestelltes
+System gebracht hat, dieser Weltaspekt Schopenhauers war es, der
+ihn beim Erscheinen von Darwins Hauptwerk (1859) mit einem Schlage
+zum Modephilosophen machte. Er war im Gegensatz zu Schelling, Hegel
+und Fichte der einzige, dessen metaphysische Formeln dem geistigen
+Mittelstand ohne Schwierigkeit eingingen. Seine Klarheit, auf die er
+stolz war, ist in jedem Augenblick in Gefahr, sich als Trivialität
+zu enthüllen. Hier konnte man, ohne auf Formeln zu verzichten, die
+eine Atmosphäre von Tiefsinn und Exklusivität um sich breiteten,
+die gesamte zivilisierte Weltanschauung sich zu eigen machen. Sein
+System ist +antizipierter Darwinismus+, dem die Sprache Kants und
+die Begriffe der Inder nur zur Verkleidung dienten. In seinem Buche
+„Über den Willen in der Natur“ (1835) finden wir schon den Kampf um
+die Selbstbehauptung in der Natur, den menschlichen Intellekt als
+die wirksamste Waffe in ihm, die Geschlechtsliebe als die unbewußte
+Wahl[114] aus biologischem Interesse.
+
+Es ist die gesamte Lehre, die Darwin auf dem Umweg über Hegel
+und Malthus mit sensationellem Erfolge in das Bild der Tierwelt
+hineininterpretierte. Die nationalökonomische Herkunft des Darwinismus
+-- die man erst künftig verstehen wird, wenn die Menschen nicht mehr
+Darwinisten aus Instinkt sind, bevor die „Entstehung der Arten“ sie
+zu solchen aus Überzeugung macht -- wird glänzend bewiesen durch die
+Tatsache, daß dieses System, von der Menschenähnlichkeit höherer
+Tiere aus gedacht, schon auf die Pflanzenwelt nicht mehr paßt und
+in Albernheiten ausartet, wenn man es mit seiner Willenstendenz
+(Zuchtwahl, _mimicry_) auch auf primitive organische Formen
+anwenden will. Beweisen nennt der abendländische Biologe, eine Auswahl
+von Tatsachen so ordnen und bildhaft so erklären, daß sie seinem
+historisch-dynamischen Grundgefühl „Entwicklung“ entspricht. Der
+„Darwinismus“, d. h. jene Summe sehr verschiedenartiger und einander
+widersprechender Ansichten, deren Gemeinsames lediglich die Anwendung
+des Kausalprinzips auf Lebendiges, +also Methode, nicht Resultat+
+ist, war schon im 18. Jahrhundert in allen Einzelheiten bekannt. Die
+Affentheorie verteidigt Rousseau schon 1754. Von Darwin stammt nur
+das manchesterliche System, dessen Popularität sich aus dem latenten
+politischen Gehalt erklärt.
+
+Hier offenbart sich die geistige Einheit des Jahrhunderts. Von
+Schopenhauer bis zu Shaw haben alle, ohne es zu ahnen, dasselbe
+Prinzip in Form gebracht. Sie werden alle vom Entwicklungsgedanken
+geleitet, auch die, welche wie Hebbel nichts von Darwin wußten,
+und zwar nicht in seiner tiefen Goetheschen, sondern in seiner
+flachen zivilisierten Fassung, mag sie nun nationalökonomisches oder
+biologisches Gepräge tragen. Auch innerhalb der Entwicklungsidee,
+die durch und durch faustisch ist, die im strengsten Gegensatz zur
+zeitlosen aristotelischen Entelechie einen leidenschaftlichen Drang
+der unendlichen Zukunft entgegen offenbart, einen +Willen+, ein
++Ziel+, die a priori die +Form+ unserer Naturanschauung
+darstellt und als Gesetz gar nicht erst entdeckt zu werden brauchte,
+weil sie dem faustischen Geiste -- und ihm allein -- immanent ist,
+vollzog sich die Wandlung der Kultur zur Zivilisation. Bei Goethe, der
+darin zum Barock gehört, ist sie erhaben, bei Darwin flach, bei Goethe
+organisch, bei Darwin mechanisch, bei jenem Erlebnis und Intuition,
+bei diesem Erkenntnis und Gesetz. Dort heißt sie innere Vollendung,
+hier „Fortschritt“. Darwins Kampf ums Dasein, den er in die Natur
+hinein, nicht aus ihr herauslas, ist nur die plebejische Fassung jenes
+Urgefühls, das in Shakespeares Tragödien die großen Wirklichkeiten
+gegeneinander bewegt. Was dort als Schicksal innerlich angeschaut,
+gefühlt und in Gestalten verwirklicht wurde, das wurde hier als
+Kausalnexus begriffen und in ein utilitarisches Oberflächensystem
+gebracht. Und dies System, nicht jenes Urgefühl, liegt den Reden
+Zarathustras, der Tragik der „Gespenster“, der Problematik des
+Nibelungenringes zugrunde. Nur daß Schopenhauer, an den Wagner sich
+hielt, als der erste der Reihe seine eigne Erkenntnis entsetzt wahrnahm
+-- dies ist die Wurzel seines Pessimismus, der in der Tristanmusik den
+höchsten Ausdruck fand --, während die Späteren, Nietzsche voran, sich
+an ihr, etwas gewaltsam zuweilen, begeisterten.
+
+In Nietzsches Bruch mit Wagner, diesem letzten Ereignis des deutschen
+Geistes, über dem Größe liegt, verbirgt sich sein Wechsel des
+Lehrmeisters, sein Schritt von Schopenhauer zu Darwin, von der
+metaphysischen zur physiologischen Formulierung desselben Weltgefühls,
+von der Verneinung zur Bejahung des Aspekts, den +beide+
+anerkennen, nämlich des Willens zum Leben, der mit dem Kampf ums Dasein
+identisch ist. In „Schopenhauer als Erzieher“ bedeutet Entwicklung
+noch inneres Reifen; der Übermensch ist das Produkt einer mechanischen
+„Evolution“. So ist der Zarathustra +ethisch+ aus einem unbewußten
+Widerspruch gegen den Parsifal, +künstlerisch+ durchaus von
+diesem bestimmt, aus der Eifersucht eines Verkünders auf den andern,
+entstanden.
+
+Aber Nietzsche war auch Sozialist, ohne es zu wissen. Nicht seine
+Schlagworte, seine Instinkte waren sozialistisch, imperativisch,
+praktisch, auf das physiologische „Heil der Menschheit“ gerichtet,
+woran Goethe und Kant nie gedacht hatten. Materialismus, Sozialismus,
+Darwinismus sind nur künstlich und an der Oberfläche trennbar. So war
+es möglich, daß Shaw den Tendenzen der Herrenmoral und der Züchtung
+des Übermenschen nur eine kleine und sogar konsequente Wendung zu
+geben brauchte, um im dritten Akte von „Mensch und Übermensch“, einem
+der wichtigsten und bezeichnendsten Werke am Ausgang der Epoche, die
+eigentliche Maxime +seines+ Sozialismus zu erhalten. Shaw hat da
+nur ausgesprochen, aber rücksichtslos, klar, mit dem vollen Bewußtsein
+einer Trivialität, was ursprünglich, mit aller Theatralik Wagners und
+aller Verschwommenheit der Romantik, in den nicht ausgeführten Teilen
+des Zarathustra gesagt werden sollte. Man muß nur die notwendigen
++praktischen+, aus der Struktur des gegenwärtigen öffentlichen
+Lebens folgenden Voraussetzungen und Konsequenzen der Gedankengänge
+Nietzsches zu finden wissen. Er bewegt sich in unbestimmten Wendungen
+wie „neue Werte“, „Übermensch“, „Sinn der Erde“ und hütet oder fürchtet
+sich, das genauer zu fassen. Shaw tut es. Nietzsche bemerkt, daß
+die darwinistische Idee des Übermenschen den Begriff der Züchtung
+heraufruft, aber er bleibt bei der klangvollen Phrase stehen. Shaw
+fragt weiter -- denn es hat keinen Zweck, darüber zu reden, wenn man
+nichts +tun+ will --, wie das zu geschehen hat, und er kommt dazu,
+die Verwandlung der Menschheit in ein Gestüt zu verlangen. Aber das
+ist lediglich die Konsequenz Zarathustras, zu der er selbst nur nicht
+den Mut, sei es auch den Mut der Geschmacklosigkeit, hatte. Wenn man
+von Züchtung redet, einem extrem materialistischen und utilitarischen
+Begriff, der die Ehe zu einer sexuellen Institution im Interesse einer
+Gesamtheit und im Hinblick auf ein physiologisches Ziel macht, so ist
+man eine Antwort darauf schuldig, wer zu züchten hat, wen, wo und
+wie. Allein Nietzsches romantische Abneigung, die höchst prosaischen
+sozialen Konsequenzen zu ziehen, seine Furcht, poetische Utopien
+durch Konfrontierung mit tatsächlichen Verhältnissen einer Kraftprobe
+auszusetzen, ließen ihn darüber schweigen, daß seine ganze positive
+Lehre, wie sie aus dem Darwinismus stammt, auch den Sozialismus, und
+zwar den sozialistischen Zwangsstaat als +Mittel+ voraussetzt, daß
+jeder systematischen Züchtung einer Klasse höherer Menschen eine streng
+sozialistische Gesellschaftsordnung voraufgehen muß und daß diese
+„dionysische“ Idee, da es sich um eine gemeinsame Aktion und nicht um
+eine Privatangelegenheit abseits lebender Denker handelt, demokratisch
+ist, mag man sie wenden, wie man will. Damit hat die ethische Dynamik
+des „Du sollst“ ihren Gipfel erreicht: um der Welt die Form seines
+Willens aufzuerlegen, opfert der faustische Mensch sich selbst.
+
+Schon Schopenhauer hatte vom Herdenmenschen als der Fabrikware der
+Natur gesprochen. Die Züchtung des Übermenschen folgt aus dem Begriff
+der Zuchtwahl. Nietzsche war, seit er Aphorismen schrieb, ein Schüler
+Darwins, aber Darwin selbst hatte den Entwicklungsgedanken des 18.
+Jahrhunderts durch nationalökonomische Tendenzen umgeprägt, die er von
+seinem Lehrer Malthus nahm und in das höhere Tierreich projizierte.
+Der Darwinismus ist eine sozialpolitische Konzeption. Malthus hatte
+die Fabrikindustrie von Lancaster studiert, und man findet das ganze
+System, statt auf Tiere auf Menschen angewendet, schon in Buckles
+Geschichte der englischen Zivilisation (1857).
+
+Und so stammt die „Herrenmoral“ dieses letzten Romantikers auf einem
+merkwürdigen, aber für den Sinn der Zeit höchst bezeichnenden Wege
+aus der Quelle aller intellektuellen Modernität, der Atmosphäre der
+englischen Maschinenindustrie. Der Macchiavellismus, den Nietzsche als
+Renaissancephänomen etwas zu oft pries und dessen Verwandtschaft mit
+Darwins Begriff des _mimicry_ man nicht übersehen sollte, war
+damals tatsächlich der im „Kapital“ von Marx -- dem andern berühmten
+Jünger von Malthus -- behandelte und die Vorstufe dieses seit 1867
+erscheinenden Grundbuches des politischen (nicht des ethischen)
+Sozialismus, die Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“,
+erschien gleichzeitig mit Darwins Hauptwerk. Das ist die Genealogie
+der Herrenmoral. Der „Wille zur Macht“, ins Reale, Politische,
+Nationalökonomische übersetzt, findet seinen stärksten Ausdruck in
+Shaws „Major Barbara“. Sicherlich ist Nietzsche als Persönlichkeit
+der Gipfel dieser Reihe von Ethikern, aber hier reicht Shaw, der
+Parteipolitiker, als Denker an ihn heran. Der Wille zur Macht ist heute
+durch die beiden Pole des öffentlichen Lebens, die Arbeiterklasse und
+die großen Geld- und Gehirnmenschen, viel entschiedener vertreten
+als je durch einen Borgia. Der Milliardär Undershaft in dieser
+besten Komödie Shaws +ist+ Übermensch. Nur hätte Nietzsche, der
+Romantiker, sein Ideal nicht wieder erkannt. Er sprach stets von einer
+Umwertung, einer Philosophie der Zukunft, also doch zunächst der
+westeuropäischen und nicht chinesischen oder afrikanischen Zukunft,
+aber wenn seine immer in dionysischer Ferne verschwimmenden Gedanken
+sich wirklich einmal zu greifbaren Gebilden verdichteten, so erschien
+ihm der Wille zur Macht unter dem Bilde von Dolch und Gift und nicht
+von Streiks und der Energie des Geldes. Trotzdem hat er erzählt, daß
+die Idee ihm zuerst im Kriege von 1870 und beim Anblick preußischer
+Regimenter, die zur Schlacht marschierten, aufgegangen sei.
+
+Die gesamte Dramatik dieser Epoche ist nicht mehr Dichtung im
+alten, im Kultursinne, sondern praktische Konstruktion, Debatte und
+Beweisführung: die Schaubühne wurde durchaus als „moralische Anstalt
+betrachtet“. Selbst Nietzsche neigte wiederholt zu dramatischer Fassung
+seiner Gedanken. Richard Wagner hat in seiner Nibelungendichtung, vor
+allem in der frühesten Fassung um 1850, seine sozialrevolutionären
+Ideen niedergelegt, und Siegfried ist auf dem Umwege über künstlerische
+und außerkünstlerische Einwirkungen noch im vollendeten „Ring“ eine
+Inkarnation des „vierten Standes“, der Fafnirhort des Kapitalismus,
+Brünhilde des „freien Weibes“ geblieben. Die Musik zur geschlechtlichen
+Zuchtwahl, deren Theorie, die „Abstammung der Arten“, 1859 erschien,
+findet sich eben damals im dritten Akte des Siegfried und im Tristan.
+Es ist kein Zufall, daß Wagner, Hebbel und Ibsen beinahe gleichzeitig
+die Dramatisierung des Nibelungenstoffes unternahmen. Hebbel, als
+er in Paris Schriften von Fr. Engels kennen lernt, drückt sein
+Erstaunen darüber aus (Brief vom 2. April 1844), daß er das soziale
+Prinzip der Zeit, wie er es damals in einem Drama „Zu irgendeiner
+Zeit“ darstellen wollte, ganz ebenso aufgefaßt habe wie der Verfasser
+des kommunistischen Manifestes, und bei seiner ersten Bekanntschaft
+mit Schopenhauer (Brief vom 29. März 1857) überrascht ihn auch die
+Verwandtschaft der „Welt als Wille und Vorstellung“ mit wichtigen
+Tendenzen, die er seinem Holofernes und „Herodes und Mariamne“
+zugrunde gelegt hatte. Hebbels Tagebücher, deren wichtigster Teil
+zwischen 1835 und 1845 niedergeschrieben wurde, sind eine der tiefsten
+philosophischen Leistungen des Jahrhunderts, ohne daß er sich dessen
+bewußt gewesen wäre. Man würde nicht erstaunt sein, ganze Sätze von ihm
+wörtlich bei Nietzsche zu finden, der ihn nie gekannt und nur in seinen
+besten Momenten erreicht hat.
+
+Ich gebe hier eine Übersicht über die +wirkliche+ Philosophie
+des 19. Jahrhunderts, deren einziges und eigenstes Thema die
+Konzeption des Willens zur Macht in einer zivilisiert-intellektuellen
+Gestalt, als Wille zum Leben, Lebenskraft, als praktisch-dynamisches
+Prinzip, als Begriff oder dramatische Gestalt ist. Die mit Shaw
++abgeschlossene+ Epoche repräsentiert das Klimakterium der
+abendländischen Geistigkeit und entspricht darin der antiken
+zwischen 350 und 250. Der Rest ist, mit Schopenhauer zu reden,
+Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren.
+
+1819 Schopenhauer „Welt als Wille und Vorstellung“: der Wille zum Leben
+zum erstenmal als einzige Realität („Urkraft“) in den Mittelpunkt
+gestellt, aber noch unter dem Eindruck des voraufgegangenen Idealismus
+zur Verneinung empfohlen.
+
+1836 Schopenhauer „Über den Willen in der Natur“: Antizipation des
+Darwinismus, metaphysisch verkleidet.
+
+1840 Proudhon „Qu’est-ce que la Propriété!“ (Grundlage des Anarchismus).
+
+1841 Hebbel „Judith“: erste dramatische Konzeption des „neuen Weibes“
+und des Übermenschen (Holofernes). -- Feuerbach, Wesen des Christentums.
+
+1844 Engels „Umriß der Kritik einer Nationalökonomie“: Grundlage der
+materialistischen Geschichtsauffassung. -- Hebbel „Maria Magdalena“:
+das erste soziale Drama.
+
+1847 Marx „Misère de la Philosophie“ (Synthese von Hegel und Malthus).
+Diese Jahre die entscheidende Epoche, mit welcher die Nationalökonomie
+die Sozialethik und Biologie zu beherrschen beginnt.
+
+1848 Wagner „Siegfrieds Tod“: Siegfried als sozialethischer
+Revolutionär, der Fafnirhort als Symbol des Kapitalismus.
+
+1850 Wagner „Kunst und Klima“: das Sexualproblem.
+
+1850-58 Wagners, Hebbels und Ibsens Nibelungendichtungen.
+
+1859 ein symbolisches Zusammentreffen: Darwin „Entstehung der Arten
+durch natürliche Zuchtwahl“ (Anwendung der Nationalökonomie auf die
+Biologie) und „Tristan und Isolde“. -- Marx „Zur Kritik der politischen
+Ökonomie“.
+
+1865 Dühring „Wert des Lebens“, selten genannt, aber von höchstem
+Einfluß auf die nächste Generation.
+
+1867 Ibsen „Brand“ und das „Kapital“ von Marx.
+
+1878 Wagner „Parsifal“: erste Auflösung des Materialismus in
+Mystizismus.
+
+1879 Ibsen „Nora“.
+
+1881 Nietzsche „Morgenröte“: Übergang von Schopenhauer zu Darwin, die
+Moral als biologisches Phänomen.
+
+1883 der „Zarathustra“: der Wille zur Macht, aber
+romantisch-philologisch verkleidet.
+
+1886 „Rosmersholm“ (die „Adelsmenschen“) und „Jenseits von Gut und
+Böse“.
+
+1887/88 Strindberg „Vater“ und „Fräulein Julie“.
+
+1890 der nahende Abschluß der Epoche: die religiösen Werke Strindbergs,
+die symbolistischen Ibsens.
+
+1896 Ibsen „John Gabriel Borkman“.
+
+1898 Strindberg „Nach Damaskus“.
+
+Seit 1900 die letzten Erscheinungen.
+
+1903 Weininger „Geschlecht und Charakter“: der einzige ernste Versuch,
+Kant durch Beziehung auf Wagner und Ibsen innerhalb dieser Epoche
+wiederzubeleben.
+
+1903 Shaw „Mensch und Übermensch“: letzte Synthese von Darwin und
+Nietzsche.
+
+1905 Shaw „Major Barbara“: der Typus des Übermenschen auf seinen
+wirtschaftspolitischen Ursprung zurückgeführt.
+
+Damit hat sich, nach der metaphysischen Periode, auch die ethische
+erschöpft. Der ethische Sozialismus, von Fichte, Hegel, Humboldt
+vorbereitet, hatte die Zeit seiner leidenschaftlichen Größe um die
+Mitte des 19. Jahrhunderts. An dessen Ende war er schon im Stadium
+der Wiederholungen angelangt und das 20. Jahrhundert hat, unter
+Beibehaltung des +Wortes+ Sozialismus, an Stelle einer ethischen
+Philosophie, die nur Epigonen als unvollendet erscheint, eine Praxis
+wirtschaftlicher Tagesfragen gesetzt. Die Weltstimmung des Abendlandes
+wird eine sozialistische bleiben, aber ihre Theorie hat aufgehört
+Problem zu sein. Es besteht die Möglichkeit einer dritten und letzten
+Art westeuropäischer Philosophie: die eines historisch-psychologischen
+Skeptizismus. Das Geheimnis der Welt erscheint nacheinander als
+Erkenntnisproblem, Wertproblem, Formproblem. Kant sah die Ethik als
+Erkenntnisgegenstand, das 19. Jahrhundert sah die Erkenntnis als
+Gegenstand einer Wertung. Der Skeptiker würde beide lediglich als
+historische Phänomene betrachten.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 104: Nach dem, was über das Fehlen prägnanter Worte für
+„Wille“ und „Raum“ in den antiken Sprachen und die tiefere Bedeutung
+dieser Lücken bemerkt worden ist, wird es nicht auffallen, daß auch der
+Unterschied von Tat und Tätigkeit (Handlung, Geschehen) sich weder im
+Griechischen noch im Lateinischen exakt wiedergeben läßt.]
+
+[Footnote 105: „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ -- darin liegt
+kein Machtanspruch. So hat die abendländische Kirche ihre Mission
++nicht+ aufgefaßt. Die „Heilsbotschaft“ Jesu, die des Mani, der
+Mithrasreligion, der Neuplatoniker und all der benachbarten
+spätantik-syrischen Kulte sind geheimnisvolle Wohltaten, die man
++erweist+, nicht aufdrängt. Das junge Christentum ahmte, nachdem
+es in die antike Welt eingeströmt war, lediglich die Mission der
+späten Stoa nach. Man mag Paulus zudringlich finden und man hat die
+stoischen Wanderprediger so gefunden, wie die Zeitliteratur beweist;
++gebieterisch+ treten sie nicht auf. Man kann ein entlegenes Beispiel
+hinzufügen und die Ärzte der magischen Art, die ihre geheimnisvollen
+Arkana anpriesen, den abendländischen gegenüberstellen, die ihrem
+Wissen +Gesetzeszwang verliehen+ (Impfzwang, Trichinenschau usw.).]
+
+[Footnote 106: Im Zarathustra heißt es („Von der schenkenden Tugend“):
+Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein
+Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: „Alles für mich.“
+Diese Stelle ist rein sozialistisch und darwinistisch, aber gewiß nicht
+hellenisch -- „dionysisch -- gedacht.“]
+
+[Footnote 107: Dies ist die Formel der Barockphilosophie von Descartes
+bis Kant. Die gotische Philosophie gestaltete das gleiche Gefühl zur
+Frage nach dem Primat des Willens oder der Vernunft. Duns Scotus hat
+hier im Namen des nordischen, des dynamischen Lebensgefühls, den
+Satz „_Voluntas est superior intellectu_“ der magisch-augustinischen
+Meinung des Thomas von Aquino entgegengestellt. Schon hier kündigt sich
+die Konzeption Schopenhauers von der Welt als Wille und Vorstellung
+oder der Welt als Lebenskraft und dem Intellekt als deren Werkzeug
+(Schelling, Nietzsche) an.]
+
+[Footnote 108: Der erste beruht auf dem atheistischen System des
+Sankhya, der zweite durch Sokrates’ Vermittlung auf der Sophistik, der
+dritte auf dem englischen Sensualismus.]
+
+[Footnote 109: Erst nach Jahrhunderten hat man aus der buddhistischen
+Lebensbetrachtung, die weder einen Gott noch eine Metaphysik anerkennt,
+durch Zurückgreifen auf die längst erstarrte brahmanische Theologie das
+Surrogat einer Religion gemacht.]
+
+[Footnote 110: Und es müßte erst gesagt werden, ob mit dem Christentum
+der Kirchenväter oder mit dem der Kreuzzüge, denn dies sind zwei
+verschiedene Religionen unter derselben dogmatisch-kultischen
+Gewandung. Der gleiche Mangel an historisch-psychologischem Feingefühl
+tritt in dem beliebten Vergleich des heutigen Sozialismus mit dem
+Urchristentum zutage.]
+
+[Footnote 111: Man beachte die auffallende Ähnlichkeit vieler
+Römerköpfe mit denen heutiger Tatsachenmenschen amerikanischen Stils
+und, wenn auch nicht so deutlich, mit manchen ägyptischen Porträtköpfen
+des Neuen Reichs.]
+
+[Footnote 112: Das Latein des 3. Jahrhunderts v. Chr. war noch eine
+bewegliche farbenreiche Bauernsprache.]
+
+[Footnote 113: Auch die äußerst moderne Idee, daß die unbewußten,
+instinkthaften Lebensakte Vollkommenes bewirken, während der Intellekt
+es nur zu stümperhaften Leistungen bringt, findet sich bei ihm (Band
+II, Kap. 20).]
+
+[Footnote 114: Im Kapitel „Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe“ (II,
+44) ist der Gedanke der Zuchtwahl als des Mittels zur Erhaltung der
+Gattung in vollem Umfang vorweggenommen.]
+
+
+
+
+SECHSTES KAPITEL
+
+FAUSTISCHE UND APOLLINISCHE NATURERKENNTNIS
+
+
+1
+
+In einer berühmt gewordnen Rede sagte Helmholtz 1869: „Das Endziel
+der Naturwissenschaft ist, die allen Veränderungen zugrunde liegenden
+Bewegungen und deren Triebkräfte zu finden, also sich in Mechanik
+aufzulösen.“ In Mechanik, das bedeutet die Zurückführung aller
+qualitativen Eindrücke auf unveränderliche quantitative Grundwerte,
+auf +Ausgedehntes+ also und dessen +Ortsveränderung+; das bedeutet
+weiterhin, wenn man sich des Gegensatzes von Werden und Gewordnem,
+Erlebtem und Erkanntem, von Gestalt und Gesetz, Bild und Begriff
+erinnert, die Zurückführung des Naturbildes auf eine einheitliche,
+zahlenmäßige Ordnung von meßbarer Struktur. Die eigentliche Tendenz
+aller Mechanik geht auf eine geistige Besitzergreifung durch +Messung+;
+sie ist deshalb genötigt, das Wesen der Erscheinung in einem System
+konstanter, der Messung restlos zugänglicher Elemente zu suchen, deren
+wichtigster nach der Definition von Helmholtz mit dem -- der Sphäre des
+Lebens entnommenen -- Worte +Bewegung+ bezeichnet wird.
+
+Dem Physiker erscheint diese Definition unzweideutig und erschöpfend;
+dem Skeptiker, der die Psychologie dieser wissenschaftlichen
+Überzeugung verfolgt, nicht. Dem einen ist die gegenwärtige Mechanik
+ein folgerichtiges System von klaren eindeutigen Begriffen und ebenso
+einfachen als notwendigen Beziehungen, dem andern ist sie eine die
+Struktur des westeuropäischen Geistes bezeichnende Illusion, allerdings
+von höchster Konsequenz des Aufbaus und stärkster intellektueller
+Wirksamkeit. Daß durch alle praktischen Resultate und Entdeckungen
+nichts für die absolute Geltung der Theorie bewiesen wird, versteht
+sich von selbst. Den meisten erscheint „die“ Mechanik allerdings als
+die selbstverständliche Fassung von Natureindrücken, aber sie scheint
+es nur. Denn was ist Bewegung? Daß alles Qualitative auf die Bewegung
+unveränderlicher, gleichartiger Massenpunkte zurückführbar sei --
+ist das nicht schon ein rein faustisches, kein allgemein menschliches
+Postulat? Archimedes z. B. fühlte durchaus nicht das Bedürfnis,
+mechanische Einsichten auf Bewegung zu reduzieren. Ist Bewegung
+überhaupt eine rein mechanische Größe? Ist sie ein Wort für eine Art
+von Anschauung oder ein abstrakter Begriff? Und wenn es der Physik
+wirklich eines Tages gelänge, ihr vermeintliches Ziel zu erreichen
+und alles sinnlich Erfaßbare in ein lückenloses System gesetzmäßig
+fixierter Bewegungen und der in ihnen wirksamen Energien zu bringen,
+wäre sie damit in der Erkenntnis auch nur um einen Schritt vorwärts
+gekommen? Ist die Formensprache der Mechanik darum weniger dogmatisch?
+Enthält sie nicht vielmehr die Symbolik der halbmystischen Urworte,
+welche die Erfahrung beherrschen statt aus ihr hervorzugehen, gerade
+in ihrer schärfsten Fassung? Was ist Kraft? Was ist eine Ursache? Was
+ist ein Prozeß? Ja -- hat die Physik überhaupt, selbst auf Grund ihrer
+eigenen Definitionen, eine eigentliche Aufgabe? Besitzt sie ein durch
+alle Jahrhunderte gültiges Endziel? Besitzt sie, um ihre Resultate
+auszusprechen, auch nur eine unanfechtbare Gedankengröße?
+
+Die Antwort kann vorweggenommen werden. Die heutige Physik, als bloße
+Wissenschaft, an sich und vom Standpunkt des Forschers aus betrachtet,
+mag ein genau bestimmbares Thema haben; als historisches Phänomen
+ist die Physik nach Aufgabe, Methode und Resultat Ausdruck und
+Verwirklichung eines einzelnen Seelentums, Element eines Makrokosmos,
+jedes ihrer Ergebnisse ein Symbol. Was die Physik, die ja lediglich
+im Geiste einzelner Kulturmenschen existiert, durch diese zu finden
+vermeint, lag der Art und Weise ihres Suchens schon zugrunde. Ihre
+Entdeckungen sind dem eigentlichen Gehalte nach, außerhalb der
+Formeln, selbst im Kopfe so vorsichtiger Forscher, wie es J. R. Mayer,
+Faraday und Hertz waren, rein intuitiver Natur. Angesichts aller
+physikalischen Exaktheit unterscheide man in einem Naturgesetz wohl
+zwischen unbenannten Zahlen und deren Benennung, zwischen einer bloßen
+Formel und deren theoretischem Sinn. Die Formeln zwar stellen allgemein
+logische Werte dar, reine Zahlen, objektive Raum- und Grenzmomente
+also, aber Formeln sind stumm. Der Ausdruck s = (gt^2)/2 bedeutet
+gar nichts, solange ich bei den Buchstaben nicht an bestimmte Worte
+und deren Bildsinn denke. Kleide ich die toten Zeichen aber in Worte,
+gebe ich ihnen Fleisch, Körper, Leben, eine sinnliche Weltbedeutung
+überhaupt, so habe ich die Schranken einer +bloßen Ordnung+
+überschritten. Θεωρία heißt Bild, Vision. Erst sie macht aus einer
+mathematischen Formel ein wirkliches Naturgesetz. Alles Exakte an sich
+ist +sinnlos+; der Sinn gehört nicht mehr dem Erkennen, sondern
+dem unmittelbaren Lebensgefühl. Und eben die Theorien, nicht die reinen
+Zahlen sind die Quintessenz aller Naturerkenntnis. Die unbewußte
+Sehnsucht jeder echten Wissenschaft, die -- es sei noch einmal gesagt
+-- lediglich im Geiste von Kulturmenschen existiert, richtet sich
+auf das Begreifen, das Durchdringen und Umfassen des naturhaften
+Weltganzen, nicht auf die messende Tätigkeit an sich, die immer nur
+eine Freude unbedeutender Köpfe gewesen ist. Zahlen sollten stets nur
+der Schlüssel zum Geheimnis sein. Um der Zahlen selbst willen hätte
+kein bedeutender Mensch jemals Opfer gebracht.
+
+Zwar sagt Kant an einer bekannten Stelle: „Ich behaupte, daß in jeder
+besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen
+werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist.“ Gemeint ist die
+reine Grenzsetzung in der Sphäre des Gewordnen, insofern sie als
+Gesetz, Formel, Zahl, System erscheint, aber ein Gesetz ohne Worte,
+eine Zahlenreihe als bloße Ablesung der Angaben von Meßinstrumenten
+ist ohne Sinn, ist als geistiger Akt in vollkommener Reinheit nicht
+einmal vollziehbar. Jedes Experiment, jede Beobachtung wächst aus einer
+mehr als mathematischen Gesamtanschauung hervor. Jede Erfahrung ist,
+sie mag sonst sein was sie will, auch ein schöpferischer Akt. Alle
+benannten Gesetze sind belebte, durchseelte Ordnungen, vom innersten
+Gehalte einer und nur einer Kultur erfüllt. Will man von Notwendigkeit
+reden, da sie eine Forderung aller exakten Forschung ist, so liegt eine
+doppelte vor: eine Notwendigkeit im Seelischen und Schöpferischen,
+insofern aller symbolische Gehalt, jede Wissenschaft als historische
+Erscheinung ein +Schicksal+ ist, und eine Notwendigkeit im
+Gewordnen, für die uns Westeuropäern der Name +Kausalität+
+geläufig ist. Mögen die reinen Zahlen einer physikalischen Formel eine
+logische Notwendigkeit darstellen, das Vorhandensein, die Entstehung,
+die Lebensdauer einer Theorie ist ein Schicksal.
+
+Jede Tatsache, selbst die einfachste, enthält bereits eine Theorie.
+Eine Tatsache ist ein Vorgang des wachen Bewußtseins, und alles
+hängt davon ab, ob es ein Mensch der Antike oder des Abendlandes,
+der Gotik oder des Barock ist, für den sie „vorliegt“. Der Physiker
+von heute vergißt zu leicht, daß schon Worte wie Größe, Lage,
+Prozeß, Zustandsänderung, Körper spezifisch abendländische Bilder
+darstellen, die dem antiken oder arabischen Denken und Weltgefühl
+gänzlich fremd sind, die aber den Charakter der wissenschaftlichen
+Tatsachen als solcher, die Art des Erkanntwerdens vollkommen
+beherrschen, ganz zu schweigen von komplexen Begriffen wie Arbeit,
+Spannung, Wirkungsquantum, Wärmemenge, Wahrscheinlichkeit,[115]
+welche jeder für sich eine physikalische Gesamtanschauung _in
+nuce_ enthalten. Wir empfinden derartige gedankliche Bildungen
+als Resultate einer vorurteilsfreien Forschung, unter Umständen als
+endgültige. Ein feiner Kopf aus der Zeit des Archimedes würde nach
+gründlichem Studium der modernen theoretischen Physik versichert
+haben, es sei ihm unbegreiflich, wie jemand so willkürliche, groteske
+und verworrene Vorstellungen als Wissenschaft und noch dazu als
+notwendige Konsequenzen der vorliegenden Tatsachen ansprechen könne.
+Wissenschaftlich gerechtfertigte Folgerungen seien vielmehr -- und er
+würde seinerseits auf Grund derselben „Tatsachen“, der mit seinem Auge
+gesehenen und in seinem Geiste gestalteten Tatsachen nämlich, Theorien
+entwickelt haben, denen unsre Physiker mit erstauntem Lächeln zugehört
+hätten.
+
+Welches sind denn die Grundvorstellungen, die sich im Gesamtbilde
+der heutigen Physik mit innerer Folgerichtigkeit entwickelt haben?
+Polarisierte Lichtstrahlen, wandernde Ionen, die fliehenden und
+geschleuderten Gasteilchen der kinetischen Gastheorie (die heute den
+Schwerpunkt der mechanischen Naturanschauung darstellt), magnetische
+Kraftfelder, elektrische Ströme und Wellen -- sind das nicht sämtlich
+faustische Visionen, faustische Symbole von engster Verwandtschaft mit
+der romanischen Ornamentik, der gotischen Tektonik, den Wikingerfahrten
+in unbekannte Meere, der Sehnsucht des Kolumbus und Kopernikus nach
+dem Unendlichen? Ist diese Formen- und Bilderwelt nicht in tiefster
+Kongruenz mit den gleichzeitigen Künsten, der perspektivischen
+Ölmalerei und der kontrapunktischen Instrumentalmusik erwachsen? Ist
+das nicht unsre seelische Dynamik, der Wille zur Macht, der das eigne
+innere Seinsgefühl visionär in das vorgestellte Leben der Umwelt
+projiziert hat?
+
+
+2
+
+Und insofern behaupte ich, daß allem „Wissen“ von der Natur, auch
+dem exaktesten, ein religiöser Glaube zugrunde liegt. Die reine
+Mechanik, auf welche die Natur zurückzuführen die Physik als ihr
+Endziel bezeichnet, ein Ziel, dem diese Bildersprache dient,
+setzt ein Dogma voraus, durch welches sie geistiges Eigentum der
+abendländischen Kulturmenschheit und nur dieser ist. Es gibt keine
+Wissenschaft ohne unbewußte Voraussetzungen, über welche der Forscher
+keine Macht besitzt, und zwar Voraussetzungen, welche sich bis in die
+frühesten Tage der erwachenden Kultur zurückführen lassen. Es +gibt
+keine Naturwissenschaft ohne eine voraufgegangene Religion+. In
+diesem Punkte besteht kein Unterschied zwischen katholischer und
+materialistischer Naturanschauung: sie sagen dasselbe mit andern
+Worten. Auch die atheistische Wissenschaft hat Religion; die moderne
+Mechanik ist Stück für Stück ein Abbild christlicher Dogmen.
+
+Keine Wissenschaft ist +nur+ System, nur Gesetz, Zahl und
+Ordnung; jede ist als historisches Phänomen ein lebendiger, in
+denkenden Menschen sich verwirklichender, vom Schicksal einer Kultur
+bestimmter Organismus. In der modernen Physik liegt nicht nur eine
+logische, sondern auch eine historische Notwendigkeit. Sie ist nicht
+nur Sache der Intelligenz, sondern auch der Rasse. Diese Notwendigkeit
+im Werden und Vergehen, welche die individuelle Formensprache, das
+spezifisch Faustische nach Gehalt und Bedeutung bestimmt, ist wohl zu
+unterscheiden von der Gruppe unbedingter Verstandesbegriffe a priori,
+die nach Kants Ansicht die bloße sinnliche Wahrnehmung zu einer
+allgemeingültigen Erfahrung machen. Die Allgemeingültigkeit in diesem
+Umfange, über alle einzelnen Kulturen hinaus, ist eine Illusion. Es
+gibt gerade in diesen tiefsten Vorbedingungen der Naturerkenntnis
+etwas, das der einzelnen Kultur als solcher zukommt. „Natur“ ist eine
+Funktion der jeweiligen Kultur.
+
+Ich betrachte demnach ein physikalisches Weltbild als die Nachwirkung,
+den Ausdruck einer Religion, den zivilisiertesten, seelenlosesten
+ohne Zweifel, den spätesten von allen, insofern die Frühzeit jeder
+Kultur, die Dorik, das Zeitalter des Plotin und Origenes, die Gotik
+von dieser kühlen, streng intellektuellen Fassung weit entfernt
+ist und in der homerischen, der frühchristlich-orientalischen,
+der katholisch-germanischen Weltidee das ausgebildet hat, dessen
+letzte Gestalt in der abstrakten Formenwelt der jeweiligen
+naturwissenschaftlichen Systeme erscheint. Jede Physik -- das Wort in
+einem freiem Sinne genommen -- setzt nicht nur eine bestimmte Religion
+voraus, sie ist in jedem Zuge von ihr abhängig und bedingt; sie ist ihr
+letztes Lebenszeichen.
+
+Das Vorurteil des auf die Höhe der Ionik und des Barock gelangten
+städtischen Menschen bringt das Phänomen der exakten Wissenschaft
+in einen hochmütigen Gegensatz zur voraufgehenden Religion, als
+die überlegene Stellung zu den Dingen, im Alleinbesitz der wahren
+Erkenntnismethoden und am Ende berechtigt, die Religion selbst (ihre
+„Vorstufe“) empirisch und psychologisch zu erklären, zu „überwinden“.
+Nun zeigt die Geschichte, daß „Wissenschaft“ ein spätes und
+vorübergehendes Phänomen ist, dem Herbst und Winter großer Kulturen
+angehörend, im antiken, wie im indischen, chinesischen, arabischen
+Seelentum von der Lebensdauer weniger Jahrhunderte, innerhalb deren
+sich ihre Möglichkeiten erschöpfen. Die antike Wissenschaft ist
+zwischen den Schlachten von Cannä und Actium erloschen. Danach
+ist es möglich, das Ende der abendländischen Naturwissenschaft
+vorauszuberechnen.
+
+Nichts berechtigt dazu, dieser geistigen Formenwelt den Vorrang vor
+andern zu geben. Jede Wissenschaft ruht wie jeder Mythus, jeder
+religiöse Glaube überhaupt auf einer Innern Gewißheit; ihre Bildungen
+sind von anderm Bau und Klang, ohne prinzipiell verschieden zu sein.
+Alle Einwände, welche die Naturwissenschaft gegen die Religion richtet,
+treffen sie selbst. Es ist ein großes Vorurteil, jemals an Stelle
+„anthropomorpher“ Vorstellungen „die Wahrheit“ setzen zu können. Andre
+als anthropomorphe Vorstellungen gibt es überhaupt nicht. „Der Mensch
+schuf Gott nach seinem Bilde“ -- so gewiß das von jeder historischen
+Religion gilt, so gewiß gilt es von jeder physikalischen, vermeintlich
+noch so gut begründeten Theorie. Eine jede ist selbst Mythus und
+in jedem ihrer Züge anthropomorph präformiert. Es gibt keine reine
+Naturwissenschaft, es gibt nicht einmal +eine+ Naturwissenschaft,
+die als allgemein menschlich bezeichnet werden könnte.
+
+Jede Kultur hat sich eine eigne gebildet, die für sie allein wahr
+ist und es nur so lange bleibt, als die Kultur lebendig und im
+Verwirklichen ihrer innern Möglichkeiten begriffen ist. Ist eine
+Kultur zu Ende und damit das schöpferische Element, die Bildkraft,
+die Symbolik erloschen, so bleiben „leere“ Formeln, Gerippe von
+toten Systemen übrig, die ganz buchstäblich als sinnlos und wertlos
+empfunden, mechanisch beibehalten oder verachtet und vergessen werden.
+Man denke an die Wissenschaften des spätesten Altertums. Zahlen,
+Formeln, Gesetze +bedeuten+ nichts, +sind+ nichts. Sie müssen
+einen Leib haben, den ihnen ein +lebendes+ Menschentum verleiht,
+indem es in ihnen und durch sie lebt, sich zum Ausdruck bringt, sie
+innerlich in Besitz nimmt. Und deshalb gibt es keine absolute Physik,
+nur einzelne, auftauchende und schwindende Physiken innerhalb einzelner
+Kulturen.
+
+Physik ist die intellektuelle Formulierung des Naturgefühls, das
+jeder Kulturmensch besitzt. Ein Naturgefühl -- das hatten wir den
+Griechen abgestritten, weil das ihre so anders geartet war, daß wir
+es als solches nicht erkannten. Unser Naturgefühl, in Malerei, Musik
+und Lyrik immer wieder ausgesprochen, eine mächtige Leidenschaft
+für Fernen und Horizonte und nur insofern für Landschaften, Himmel,
+Wolken, Wälder, Gebirge, Meere, als sie Träger und Ausdruck eines
+Unendlichen sind, ist der strenge Gegensatz zum antiken, das sich an
+schöne nackte Einzelformen, an das Nahe, Greifbare, Gegenwärtige hält
+und gerade darum das Auge vor dem Grenzenlosen der freien Landschaft
+verschließt. Die „Natur“ des antiken Menschen fand ihr höchstes Symbol
+in der nackten menschlichen Statue, nicht im Landschaftsgemälde; aus
+ihr erwuchs folgerichtig die +mechanische Statik+, die Physik der
+Nähe; aus der unsren die +mechanische Dynamik+, die Physik der
+Ferne: zur apollinischen Natur gehören die Vorstellungen von Stoff und
+Form und die Entelechie des Aristoteles, zur faustischen die Bilder der
+Fernkräfte, der Kraftfelder, des Potentials.
+
+Die Grundworte der antiken Naturphilosophie, ἄπειρον, ἀρχή, μορφή,
+ὕλη u. a. sind sämtlich in abendländischen Sprachen unübersetzbar und
+darum geistig nicht genau nachzuerleben. Wir haben ganz andre Worte,
+in deren elementarem Gehalt unser Weltgefühl kristallisiert, und
+mithin eine ganz andre „Natur“. Das πάντα ῥεῖ Heraklits (wobei man an
+den Leib eines Tanzenden denken sollte, dessen Erscheinung „im Fluß“
+ist) mit Bewegung, die ἀρχή mit Urstoff oder Ursprung übersetzen heißt
+das wirklich Apollinische daraus beseitigen und den leeren Rest, das
+Wort, mit einem fremden, abendländischen Sinn ausfüllen. Man denke
+über den Unterschied des πάντα ῥεῖ eines antiken Grundgefühls, vom
+„Prozeß“ (von _procedere_, vorschreiten) unserer Dynamik nach.
+Die antike Ethik ging auf eine vollkommene Haltung, die faustische
+auf Tat, intellektualisiert als „Fortschritt“, materialisiert als
+Arbeit, öffentlich geworden als Sozialismus. Das kehrt hier im
+physikalischen Bilde wieder. Unsre Idee der Bewegung hat eine Tendenz,
+eine Richtung zum Unendlichen, ein Ziel; der antike Sinn der Bewegung
+ist lediglich ἀλλοίωσις, Veränderung. Unser Lebensgefühl hat den
+Willen zur Macht, ein Extrem von Aktivität, zum Mittelpunkt. Das ist
+der Sinn der Gottesidee von den Tagen der Gotik an, im Gegensatz
+zum Gotte des arabischen Christentums. Das mußte mithin der Ausgang
+aller physikalischen Theorie werden. Wie Schicksal zur Kausalität,
+wie Organisches zum Mechanischen, so verhält sich das Machtgefühl der
+faustischen Seele, ihr Wille, ihr Gott, zum +Kraftbegriff ihrer
+Physik+, den sie als +ihr+ Symbol geschaffen hat und der mit
+ihr erlöschen wird.
+
+Man hatte den historischen Zusammenhang bisher so formuliert, daß „bei
+den Griechen“ sich die Anfänge der wissenschaftlichen Physik fänden,
+daß „im Mittelalter“ alles verschüttet gewesen sei und nur die Araber
+einiges für die Chemie getan hätten, bis „in der Neuzeit“ endlich ein
+Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes erfolgte.
+
+In der Tat hatte der antike Geist seine äußere Welt in einer Statik
+greifbarer Körper geordnet. Das war die +Physik als Plastik+.
+Der arabische Geist suchte in seiner Welt, wie sie dem Isis- und
+Mithrasglauben, dem Neuplatonismus und der Gnosis, dem frühen
+Christentum der Apokalypse, des Origenes und des Konzils von Nicäa
+zugrunde liegt, die magische Substanz dieser Körper zu ergründen
+und der „Stein der Weisen“ war ein Jahrtausend hindurch das Symbol
+einer ganz anders gearteten, aber in sich geschlossenen und durchaus
+folgerichtigen Naturwissenschaft. Die euklidische Geometrie verhält
+sich zur arabischen Algebra wie die Physik, für welche Empedokles
+seine berühmten vier Elemente aufstellte, die nichts andres waren
+als die vier möglichen, sichtbaren, greifbaren, rein gegenwärtigen
+Zustände von Einzeldingen,[116] zur Alchymie der orientalischen
+Landschaft, die demgegenüber das Bild des +chemischen+ Elementes
+schuf, jene Art magischer Stoffe, die aus den Dingen erscheinen und
+wieder in ihnen verschwinden, die sogar den Einflüssen der Gestirne
+unterliegen. Die Alchymie enthält den tiefen wissenschaftlichen Zweifel
+an der plastischen Wirklichkeit der Dinge, der σώματα griechischer
+Mathematiker, Physiker und Dichter, die sie auflöst, zerstört, um das
+Geheimnis ihres Wesens zu finden. Ein tiefer Unglaube an die Gestalt,
+in welcher die Natur erscheint, die Gestalt, welche den Griechen
+Inbegriff aller Wirklichkeit war, offenbart sich. Der Streit um die
+Person Christi auf allen frühen Konzilen, der zu den arianischen
+und monophysitischen Spaltungen führte, ist ein +alchymistisches
+Problem+. Es wäre keinem antiken Physiker eingefallen, die Dinge zu
+erforschen, indem er ihre anschauliche Form verneinte oder vernichtete.
+Es gibt deshalb keine antike Chemie, so wenig es eine antike Theorie
+über das Göttliche in der substantiellen Erscheinung des Apollo oder
+der Aphrodite gab.
+
+Die chemische Methode ist das Zeichen eines neuen Weltgefühls.
+Ihre Erfindung knüpft sich an den Namen jenes rätselhaften Hermes
+Trismegistos, der in Alexandria +gleichzeitig mit Plotin und
+Diophant+, dem Begründer der Algebra, gelebt hat. Mit einem Schlage
+ist die mechanische Statik, die apollinische Naturwissenschaft zu
+Ende. Und wieder gleichzeitig mit der endgültigen Emanzipation der
+faustischen Mathematik durch Newton und Leibniz befreite sich auch
+die abendländische Chemie von ihrer arabischen, magischen Form durch
+Stahl (1660-1734) und dessen Phlogistontheorie. Die eine wie die andre
+wird reine Analysis. Schon Paracelsus (1493-1541) hatte die magische
+Tendenz, Gold zu machen, in eine arzneiwissenschaftliche umgewandelt.
+Man spürt darin ein verändertes Weltgefühl. Robert Boyle (1626-1691)
+hat dann die analytische Methode und damit den westeuropäischen Begriff
+des Elements geschaffen. Aber man täusche sich darüber nicht: Was man
+die Begründung der modernen Chemie nennt, deren Epochen durch die
+Namen Stahl und Lavoisier bezeichnet werden, ist nichts weniger als
+eine Ausbildung chemischer Gedanken, sofern man darunter arabische,
+alchymistische Naturanschauungen versteht. Sie ist das +Ende+
+der eigentlichen Chemie, ihre Auflösung in das umfassende System der
+Dynamik, ihre Einordnung in diejenige mechanische Naturanschauung,
+welche das Barock durch Galilei und Newton begründet hatte. Die
+Elemente des Empedokles bezeichnen ein äußeres Sichverhalten, die
+Elemente der Akademie von Cordova ein geheimnisvolles Wunder, die
+Elemente der Verbrennungstheorie Lavoisiers (1777), die der Entdeckung
+des Sauerstoffs (1771) folgte, eine +dem menschlichen Willen
+unterworfene+ Formeinheit. Durch unsere Analysen und Synthesen wird
+die Natur nicht befragt oder überredet, sondern bezwungen. Die moderne
+Chemie ist ein Kapitel der modernen +Physik der Tat+.
+
+Was wir Statik, Chemie, Dynamik nennen, historische Bezeichnungen
+ohne tieferen Sinn für die heutige Naturwissenschaft, sind die drei
+physikalischen Systeme der apollinischen, magischen und faustischen
+Seele, jedes in seiner Kultur erwachsen, jedes in seiner Geltung
+auf eine Kultur beschränkt. Dem entsprechen die Mathematiken der
+euklidischen Geometrie, der Algebra, der Analysis und die Künste der
+Statue, der Arabeske, der Fuge. Will man die drei Arten der Physik --
+denen jede andre Kultur wieder eine andre zur Seite setzen könnte und
+müßte -- ihrer Methode nach unterscheiden, so hat man eine mechanische
+Ordnung von Zuständen, von geheimen Kräften, von Prozessen.
+
+
+3
+
+Nun hat die Tendenz des menschlichen Geistes, das Naturbild auf
+möglichst einfache quantitative Formeinheiten zurückzuführen, welche
+vergleichende Urteile, Messungen, Zählungen, kurz mechanische Wertungen
+gestatten, in der antiken und abendländischen Physik jedesmal zu einer
+Atomlehre geführt (von der höchst komplizierten arabischen, wie sie
+einen Streitpunkt der Schulen von Bagdad und Basra bildete, soll hier
+abgesehen werden). Der tiefsymbolische Unterschied beider Theorien ist
+aber unbeachtet geblieben.
+
+Die antiken Atome sind +Miniaturformen+, die abendländischen sind
++Minimalquanta+, d. h. dort ist die Anschaulichkeit, die Nähe
+Grundbedingung des Bildes, hier ist sie es nicht. Die atomistischen
+Vorstellungen der modernen Physik, zu denen auch die Elektronentheorie
+und die Quantenhypothese der Thermodynamik gehören, setzen mehr und
+mehr jene -- rein faustische -- +innere+ Anschauung voraus,
+die auch auf manchen Gebieten der höheren Mathematik wie den
+nichteuklidischen Geometrien oder der Gruppentheorie gefordert wird
+und die dem Laien nicht zur Verfügung steht. In der Tat ist heute die
+Atomvorstellung um so flacher und falscher, je populärer sie auftritt,
+wie in den dilettantischen Büchern der Häckelschule, die vom Gehalte
+moderner physikalischer Theorien nicht das mindeste begriffen hat. Ein
+Quantum ist ein Ausgedehntes, abgesehen vom sinnlichen Augenschein,
+eine Abstraktion, welche die Beziehung auf Auge und Tastgefühl meidet,
+für die das Wort Gestalt keinen Sinn besitzt, eine Art Form also,
+die einem Griechen, einem geborenen Plastiker, gar nicht vorstellbar
+war. Der antike Physiker prüft das Aussehen, der abendländische die
+Wirksamkeit dieser letzten Elemente des Gewordnen. Das bedeuten die
+polaren Begriffe dort von +Stoff und Form+, hier von +Kapazität
+und Intensität+.
+
+Ich hatte hervorgehoben, daß Erkenntnis ein Gewordensein für den Geist
+ist, daß ferner Erkennen sich als ein Begrenzen (Abgrenzen, Einfassen,
+Einteilen) darstellt. Nun, die Begrenzung in einem bestimmten Sinne bis
+zum äußersten getrieben führt immer und im Naturdenken +jeder+
+Kultur auf „Atome“, ein _Non plus ultra_ der Begrenztheit, ihren
+Inbegriff und ihr Optimum. Die Atome der Logik sind die Begriffe,
+die Atome der Mathematik sind die Zahlen (Größen in der antiken,
+Beziehungen in der abendländischen Mathematik).
+
+Es folgt daraus, daß in diesen letzten Möglichkeiten sich die Symbolik
+der einzelnen Kultur, des einzelnen Geistes mit voller Schärfe
+herausstellt. Die Atome des Leukippos und Demokrit (σχήματα) sind
+ausschließlich nach Gestalt und Größe verschieden, rein plastische
+Einheiten und nur in diesem Sinne, wie der Name sagt, „unteilbar“.
+Die Atome der Barockphysik, deren „Unteilbarkeit“ einen ganz andern,
+höchst immateriellen Sinn angenommen hat, sind, was jeder philosophisch
+geschulte Physiker zugeben wird, den Monaden Leibnizens wesensverwandt,
+letzte, in infinitesimaler Weise theoretisch begrenzte +Einheiten von
+Wirkung+, abstrakte Kraftpunkte also. Es ist gesagt worden, daß ein
+Atom, wie es der moderne Physiker sich vorstellt, ein komplizierteres
+Gebilde als eine Dynamomaschine ist.
+
+Gäbe es eine literarisch und theoretisch entwickelte indische oder
+ägyptische Physik, so würden sie mit Notwendigkeit einen ganz andern
+Atomtypus hervorgebracht haben, dessen Geltung für sie allein zwingend
+gewesen wäre.
+
+Die Atome der Ionik und des Barock, der hellenistischen und der
+heutigen westeuropäischen Physik unterscheiden sich wie Plastik und
+Musik, wie die Kunst der extremen Körperlichkeit und der extremen
+körperlosen Bewegtheit. Die Statue ist ganz Leib, Ruhe und Nähe,
+die Fuge, wie das Wort verrät, Flucht, Bewegtheit, Raum, Ferne. Der
+apollinische Mensch empfand den Kosmos als den Inbegriff leibhafter,
+mit dem Auge zu beherrschender Dinge -- ob in Ruhe oder Bewegung, eine
+zweite Frage. Für das Weltsystem des faustischen Menschen aber ist
+sie die erste und dann erst kommt die Frage, was bewegt wird. Deshalb
+ist -- das muß mit Entschiedenheit festgestellt werden -- „Masse“ ein
+spezifisch abendländischer Begriff, der erst +als Komplement zu
+dem metaphysischen Hauptbegriff der Kraft+ entsteht. So oft der
+Massebegriff seinen Inhalt geändert hat, es geschah immer nur, weil
+der Kraftbegriff anders definiert worden war. Der Begriff des Äthers
+verdankt seine Entstehung nur der modernen Energievorstellung. Masse
+ist, was die Kraft zu ihrer Wirksamkeit -- logisch oder im Bilde --
+braucht, während im πάντα ῥεῖ der Heraklit und den entsprechenden
+andern Vorstellungen des antiken Weltgefühls das Substrat den
+unbedingten Vorrang hat. Die Materie ist dem antiken Auge nicht Träger
+der Bewegung, sondern die Bewegung eine Eigenschaft der Materie. Das
+Primäre ist dort die +Form+, hier die +Kraft+. Ich erinnere
+an den Gegensatz des apollinischen und faustischen Ursymbols, das dem
+gesamten Makrokosmos zugrunde liegt: den Gegensatz von Körper und
+unendlichem Raum. So gewiß der antike Mensch das „zwischen den Dingen“
+als das Nichtseiende empfand, so gewiß liegt der modernen Physik das
+Gefühl zugrunde, daß eben das greifbar Körperliche das Nichtseiende ist
+und durch die Theorie aufgelöst, nicht bestätigt werden muß.
+
+So wurde endlich die kinetische Gastheorie zum Schwerpunkt der
+atomistischen Vorstellungen. Von ihr aus erfolgte die Anwendung
+der dynamischen Atomistik, eine unvermerkte Annäherung an Leibniz,
+auf die Gebiete der physikalischen Chemie, der strahlenden Wärme,
+der Radioaktivität und endlich ihre Umgestaltung zur Ionen- und
+Elektronentheorie.
+
++Es gibt einen Stoizismus und einen Sozialismus der Atome.+
+Das ist die Definition der statisch-plastischen und der
+dynamisch-kontrapunktischen Atomistik, die ihrer Verwandtschaft
+zu den Gebilden der zugehörigen Ethik in jedem Gesetze, in jeder
+Definition Rechnung trägt. Die Menge der verworrenen Atome, duldend,
+vom Schicksal, vom blinden Zufall gestoßen -- wie Ödipus -- und im
+Gegensatz dazu die als Einheit wirkenden Atomsysteme, aggressiv, den
+Raum energetisch (als „Feld“) beherrschend, Widerstände überwindend
+-- wie Macbeth --, aus diesem Grundgefühl sind beide mechanische
+Naturbilder entstanden. Nach Leukippos fliegen die Atome „von selbst“
+im Leeren herum; Demokrit statuiert lediglich Stoß und Gegenstoß als
+Form der Ortsveränderung; Aristoteles erklärt die Einzelbewegungen
+für zufällig; bei Empedokles findet sich die Bezeichnung Liebe und
+Haß, bei Anaxagoras Zusammentreten und Auseinandertreten. Das alles
+sind auch Elemente der antiken Tragik. So verhalten sich die Figuren
+(σώματα) auf der Szene des attischen Theaters. Das sind +also
+auch+ Daseinsformen der antiken Politik. Da finden wir diese
+winzigen Städte, politische Atome, in langer Reihe auf Inseln und an
+Küsten dahingelagert, jede eifersüchtig für sich bestehend und ewig
+der Anlehnung bedürftig, abgeschlossen und launisch bis zur Karikatur,
+von den planlosen, ordnungslosen Ereignissen der antiken Geschichte
+hin und her gestoßen, heute gehoben, morgen vernichtet -- und ihnen
+gegenüber die dynastischen Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts,
+politische Kraftfelder, von den Wirkungszentren der Kabinette und
+großen Diplomaten aus weitschauend, planmäßig gelenkt und beherrscht.
+Man versteht den Geist der antiken und abendländischen Geschichte nur
+aus diesem Gegensatz zweier Seelen; man versteht auch das atomistische
+Fundament beider Physiken nur aus diesem Vergleich. Galilei, der den
+Kraftbegriff, und die Milesier, die den Begriff der ἀρχή konzipierten,
+Demokrit und Leibniz, Archimedes und Helmholtz sind „Zeitgenossen“,
+Glieder derselben geistigen Stufe verschiedener Kulturen.
+
+Aber die innere Verwandtschaft und Atomistik und Ethik geht weiter. Ich
+hatte gezeigt, wie die faustische Seele, deren Sein Überwindung des
+Augenscheins, deren Gefühl Einsamkeit, deren Sehnsucht Unendlichkeit
+ist, dies Bedürfnis nach Alleinsein, Ferne, Absonderung in all
+ihre Wirklichkeiten legt, in all ihre öffentlichen, geistigen,
+künstlerischen Formenwelten. Nietzsche hatte es das Pathos der Distanz
+genannt, nicht ohne eine tiefe Einsicht durch eine falsche Anwendung
+zu verderben. Das Pathos der Distanz ist gerade der Antike fremd,
+in der alles Menschliche der Nähe, Anlehnung, Gemeinsamkeit bedarf.
+Es unterscheidet den Geist des Barock von dem der Ionik, die Kultur
+des _ancien régime_ von der des perikleischen Athen. Pathos
+der Distanz ist in Shakespeare, in Rembrandt, in Bach, in Napoleon,
+nicht in Sophokles, Phidias oder Alexander. Und dies Pathos, das den
+heroischen Täter vom heroischen Dulder unterscheidet, erscheint im
+Bilde der abendländischen Physik wieder: +als Spannung+. Das ist
+es, was in der Anschauung Demokrits nicht enthalten war. Das Prinzip
+von Stoß und Gegenstoß enthält die Negation einer raumbeherrschenden,
+mit dem Raume identischen Kraft. Im Bilde der antiken Seele fehlt
+dementsprechend das Element des Willens. Zwischen antiken Menschen,
+Staaten, Weltanschauungen besteht keine innere Spannung, trotz
+Zank, Neid und Haß, kein tiefes Bedürfnis nach Abstand, Alleinsein,
+Überlegenheit -- folglich besteht sie auch nicht zwischen den Atomen
+des antiken Kosmos. Das Prinzip der Spannung -- entwickelt in der
+Potentialtheorie --, in antike Sprachen und also Gedanken vollkommen
+unübertragbar, ist für die moderne Physik grundlegend geworden. Es
+enthält eine Interpretation des Begriffs der Energie (des Willens zur
+Macht im Weltall) und ist deshalb für uns ebenso notwendig als für
+antike Menschen unmöglich.
+
+
+4
+
+Die Atomlehre ist demnach ein Dogma, keine Erfahrung. In sie hat
+die Kultur, durch den Geist ihrer großen Physiker, ihr Wesen, sich
+selbst gelegt. Daß es eine Ausgedehntheit an sich gibt, unabhängig vom
+spezifischen Formgefühl des Erkennenden, ist eine Illusion. Man glaubt
+das Leben ausschalten zu können; man vergißt, daß eine Erkenntnis nicht
+nur ein Inhalt, sondern auch ein lebendiger Akt ist.
+
+Die entscheidende Bedeutung des +Tiefenerlebnisses+, das mit dem
+Erwachen einer Seele und also mit der Schöpfung der ihr zugehörigen
+äußeren Welt identisch ist, war an einer früheren Stelle nachgewiesen
+worden. Danach liegt in der bloßen Sinnesempfindung nur Länge und
+Breite; durch den lebendigen, mit innerster Notwendigkeit sich
+vollziehenden Akt der Deutung, der wie alles Lebendige Richtung,
+Bewegtheit, Nichtumkehrbarkeit besitzt -- das Bewußtsein davon macht
+den eigentlichen Gehalt des Wortes Zeit aus --, wird die +Tiefe+
+hinzugefügt und somit die Wirklichkeit, die Welt geschaffen. Das Leben
+selbst geht als dritte Dimension in das Erlebte ein. Der Doppelsinn des
+Wortes Ferne, als Zukunft und als Horizont, verrät den tiefern Sinn
+dieser Dimension, welche erst die Ausdehnung als solche hervorruft. Das
+erstarrte Werden ist das Gewordene, das erstarrte Leben die Raumtiefe
+des Erkannten. Descartes und Parmenides stimmen darin überein, daß
+Denken und Sein (Ausdehnung) identisch sind. _Cogito, ergo sum_
+ist lediglich eine Formulierung des Tiefenerlebnisses. Hier kommt das
+Ursymbol der einzelnen Kultur zur Geltung. Die vollzogene Ausdehnung
+ist danach im antiken Bewußtsein von sinnlicher, körperhafter
+Gegenwart, im abendländischen von steigender räumlicher Transzendenz,
+so daß nach und nach die ganz unsinnliche Polarität von Kapazität und
+Intensität im Unterschied von der antik-optischen: Stoff und Form
+herausgearbeitet wird.
+
+Aber daraus folgt, daß innerhalb des Erkannten und Gewordenen die
+lebendige Zeit nicht noch einmal erscheinen kann. Das Gewordene ist
+ein Mechanismus, in anorganische Form verwandeltes Organische. Die
+physikalische, gedachte, meßbare Zeit, eine bloße Dimension, ist ein
+Mißgriff. Es fragt sich nur, ob er zu vermeiden ist oder nicht. Man
+setze in irgendeinem physikalischen Gesetz dafür das Wort Schicksal ein
+und man wird fühlen, daß innerhalb der reinen „Natur“ von Zeit nicht
+die Rede ist. Die Formenwelt der Physik reicht genau so weit wie die
+verwandten der Zahlen und der Begriffe, und wir hatten gesehen, daß,
+trotz Kant, zwischen mathematischer Zahl und Zeit nicht die geringste,
+wie immer geartete Beziehung besteht.
+
+Und hier wird die Physik zum zweitenmal dogmatisch. In den Worten
+Zeit und Schicksal ist für den, der sie instinktiv gebraucht, das
+Leben selbst in seiner tiefsten Tiefe berührt, das +ganze+
+Leben, das vom Erlebten nicht zu trennen ist. Die Physik aber, der
+Verstand, +muß+ sie trennen. Das Erlebte an sich, losgelöst vom
+lebendigen Akt des Betrachters, Objekt geworden, tot, anorganisch,
+starr -- das ist jetzt die Natur als Mechanismus, das heißt als etwas
+mathematisch zu Erschöpfendes. In diesem Sinne ist Naturerkenntnis eine
++messende+ Tätigkeit.
+
+Folglich kennt sie die Zeit nur als Strecke; folglich ist sie
+gezwungen, die Bewegung als eine mathematisch fixierbare Größe, als
+Benennung zu den im Experiment gewonnenen und in Formeln niedergelegten
+reinen Zahlen aufzufassen. „Die Physik ist die vollständige und
+einfache Beschreibung der Bewegungen“ (Kirchhoff). Das ist immer ihre
+Absicht gewesen. Aber eine Bewegung innerhalb der verstandesmäßig
+aufgefaßten Natur ist nichts anderes als jenes metaphysische Etwas,
+in dem das Erleben des Beobachters selbst, durch welches erst
+das Bewußtsein eines kontinuierlichen Nacheinander entsteht, zum
+Vorschein kommt. Der momentane Erkenntnisakt an sich bewirkt einen
+zeitlosen und also bewegungsfremden Zustand. +Das+ bedeutet
+„Gewordensein“. Aus der +organischen Reihe+ dieser Akte erst
+ergibt sich die Impression einer Bewegung. Der Gehalt dieses Wortes
+berührt den Physiker nicht als Intellekt, sondern als +ganzen+
+Menschen, dessen ständige vitale Funktion nicht die „Natur“, sondern
+die +ganze+ Welt ist. Dies ist die ewige Verlegenheit aller
+Physik als des Ausdrucks einer Seele. Alle Physik ist Behandlung des
+Bewegungsproblems, in dem das Problem des Lebens selbst liegt, nicht
+als ob es eines Tages lösbar wäre, sondern obwohl es unlösbar ist.
+
+Gesetzt, daß Naturerkenntnis eine feine Art Selbsterkenntnis ist --
+die Natur als Bild, als Spiegel des Geistes verstanden --, so ist der
+Versuch, das Bewegungsproblem zu lösen, der Versuch der Erkenntnis,
+ihrem eigenen Geheimnis, ihrem Werden auf die Spur zu kommen.
+
+
+5
+
+Das vollkommene System der mechanischen Naturanschauung ist eben nicht
+Physiognomik, sondern +System+, d. h. reine Ausgedehntheit,
+logisch und zahlenmäßig geordnet, nichts Lebendiges, sondern etwas
+Gewordenes und Totes. Dem widerspricht aber die Idee der Bewegung.
+Sie stammt unmittelbar aus dem Lebensgefühl, sie ist Zeit, Richtung,
+Schicksal, und so dringt sie als Fremdkörper in die Einheit eines
+mechanischen Systems, dessen zeitlos starre Folgerichtigkeit sie
+zerstört.
+
+Die Bewegung gehört, wie das Wort sagt, in das Reich der lebendigen
+Phänomene, der Gestalten, der Geschichte, nicht der begriffenen
+anorganischen Natur. Sie ist ein Eindruck von unmittelbar innerer
+Gewißheit des Gefühls, kein physikalischer Begriff, der jemals
+erschöpfend definiert werden könnte. +Anschauen+ kann sich die
+Bewegung; das war Goethes Art, die „lebendige Natur“ fühlend zu
+erleben; gerade sie führte zu den Phänomenen des bewegten Daseins,
+zur Physiognomik und blieb dem Bereich des Mathematischen vollkommen
+fern. Die Folge ist sein Ausspruch: „Die Natur hat kein System, sie
+hat, sie ist Leben und Folge aus einem unbekannten Zentrum, zu einer
+nicht erkennbaren Grenze.“ Für den, der Natur nicht erlebt, sondern
+erkennt, +hat+ sie aber System, ist sie System und nichts weiter,
+und folglich Bewegung in ihr ein Widerspruch. Sie kann ihn durch eine
+künstliche Formulierung zudecken, aber in den Grundbegriffen lebt er
+fort.
+
+Der Eindruck einer Bewegung folgt aus einem Kontinuum von
+Vorstellungen, aber nicht insofern sie Vorgestelltes sind, sondern
+indem sie eben jetzt vorgestellt werden. Eine Reihe von Erkenntnissen
+als Einheit erleben setzt Gedächtnis voraus, und zwar historisches
+Gedächtnis. Das ist kein ordnender, sondern ein lebendig schöpferischer
+Akt, kein mechanischer, sondern ein organischer Zusammenhang.
+Angenommen, wir hätten kein Gedächtnis, so daß jeder Moment für sich,
+ohne Verknüpfung mit dem vorhergegangenen aufgenommen würde -- dann
+würde uns das Weltbild der Geschichte und +also auch+ der Begriff
+der Bewegung fehlen. Hier liegt die schwache Stelle der exakten
+Wissenschaft von der Natur. Hier dringt die Historie in ihr Bild. Die
+Bewegung ist nicht im Betrachteten, sondern im Betrachter, nicht im
+Objekt der Physik, sondern im Physiker als historischer Person.
+
+Weil es keine Physik gibt ohne eine Seele, deren +historischer
+Ausdruck+ sie ist, ohne einen Menschen einer einzelnen Kultur,
+der sie in sich und durch sie verwirklicht, deshalb ist eine reine,
+der Form nach fehlerlose Physik unmöglich. Die Bewegung ist der
+unvermeidliche Faktor, der sie notwendig zerstört. Die Gewohnheiten
+unsres Denkens hindern uns, das einzusehen. Ich hatte gesagt, daß man
+für Zeit das Wort Schicksal einsetzen solle, um sich bewußt zu werden,
+daß die Physik mit dem wahren Gehalt des Wortes nichts zu schaffen
+hat. Man sage gleichfalls für Bewegung eines physikalischen Systems
+dessen +Älterwerden+ -- es altert wirklich, als Erlebnis eines
+Beobachters nämlich, in dessen Geist seine ganze Realität enthalten
+ist -- und man wird das Verhängnisvolle des Wortes Bewegung mit seinem
+unzerstörbaren organischen Gehalt deutlich fühlen. Die Mechanik
+sollte mit Altern und folglich mit Bewegung nichts zu tun haben.
+Also -- denn ohne das zentrale Bewegungsproblem ist überhaupt keine
+Naturwissenschaft denkbar -- kann es gar keine lückenlos geschlossene
+Mechanik geben; irgendwo ist der organische Ausgangspunkt des Systems,
+dort wo das unvermittelte Leben hereinragt -- die Nabelschnur, mit der
+das Geisteskind am mütterlichen Leben, das Gedachte am Denkenden hängt.
+
+Wir lernen hier die Entstehung der faustischen und apollinischen
+Naturerkenntnis von einer ganz anderen Seite kennen. Es gibt keine
++reine+ Natur. Etwas vom Wesen der Historie liegt in jeder. Ist
+der Mensch ahistorisch wie der Grieche, dessen gesamte Welteindrücke
+in einer reinen, punktförmigen Gegenwart aufgesaugt werden, so
+wird das Naturbild +statisch+, in jedem einzelnen Augenblick
+in sich selbst abgeschlossen. In der griechischen Physik kommt
+die Zeit als Größe ebensowenig vor wie im Entelechiebegriff des
+Aristoteles. Ist der Mensch historisch fühlend, weil das Werden,
+das den einzelnen Augenblick in eine Richtung, in Vergangenheit und
+Zukunft auflöst, sich ins Licht des erkennenden Geistes drängt, so
+entsteht ein +dynamisches+ Bild. Die Zahl, der Grenzwert des
+Gewordnen, wird im ahistorischen Falle +Maß und Größe+, im
+historischen +Funktion+. Man +mißt+ nur Gegenwärtiges und
+man +verfolgt+ nur etwas, das Vergangenheit und Zukunft hat, in
+seinem Verlauf. Dieser Unterschied ist es, der den innern Widerspruch
+im Bewegungsproblem in der antiken Mechanik verdeckt, in der
+abendländischen heraustreibt.
+
+Die Geschichte ist ewiges Werden, +ewige Zukunft+ und Bewegtheit
+also; die Natur ist geworden, also +ewige Vergangenheit+.
+Folglich hat hier eine seltsame Umkehrung stattgefunden; die
+Priorität des Werdens vor dem Gewordnen erscheint aufgehoben. Der aus
++seiner+ Sphäre, dem Gewordnen, rückschauende Geist kehrt den
+Aspekt des Lebens um; aus der +Idee des Schicksals+, die Ziel
+und Zukunft in sich hat, wird das mechanisch-extensive +Prinzip von
+Ursache und Wirkung+, dessen Schwerpunkt im Vergangenen liegt.
+Der Geist vertauscht dem Range nach das Leben (Zeit) und das Erlebte
+(Raum) und versetzt die Zeit als Strecke in ein räumliches Weltsystem.
+Er hat hier die ungeheuerste Verkehrung im wachen Bewußtsein
+vollzogen: während aus der Richtung die Ausdehnung, aus dem Leben das
+Räumliche als Erlebnis, weltbildendes Erlebnis folgt, setzt er den
+schematisierten „Lebensprozeß“ +in seinen starren, vorgestellten Raum
+hinein+ -- +das ist+ physikalische Bewegung, leblos, teilbar,
+tot, den Regeln der Mathematik unterworfen. Dem Leben ist der Raum
+etwas, das als Funktion zum Leben gehört, dem Geiste ist Leben etwas im
+Raume. Goethes lebendige Anschauung +erlebt+ die Ausdehnung, die
+Welt als ewig werdend, der geborne Physiker +erkennt+ das Leben
+als mathematische Bewegung im Raume. Alles Mechanische, das heißt alles
+Gedachte ist eine prinzipielle Umkehrung von Organischem. Schicksal
+bedeutet ein Wohin, Kausalität bedeutet ein Woher. Künstlerische
+Anschauung, Intuition besitzt die Notwendigkeit eines Schicksals.
+Wissenschaftliches Denken ist, nicht als historisches Phänomen, sondern
+inhaltlich von kausaler Notwendigkeit. Wissenschaftlich begründen
+heißt vom Gewordnen und Verwirklichten aus nach „Gründen“ suchen,
+indem man den mechanisch aufgefaßten „Weg“ -- das Werden als Strecke
+-- rückwärts verfolgt. Aber es läßt sich nicht rückwärts leben, nur
+rückwärts denken. Nicht die Zeit, nicht das Schicksal ist umkehrbar,
+nur was der Physiker Zeit nennt, was er als teilbare, womöglich
+negative oder imaginäre „Größe“ in seine Formeln eingehen läßt.
+Insofern ist das Bewegungsproblem eine Umkehrung des Lebensgefühls und
+als solche von vornherein unlösbar, wenn man unter Lösung die restlose
+begrifflich-mathematische Formulierung versteht.
+
+Die Verlegenheit ist immer wieder gefühlt, wenn auch ihrem Ursprung und
+ihrer Notwendigkeit nach nie begriffen worden. Das dunkle Bewußtsein
+der Naturerkenntnis, hier an einer Grenze ihrer Möglichkeit zu stehen,
+sie vielmehr schon überschritten zu haben, war zu allen Zeiten
+wach. Innerhalb der antiken Naturforschung stellten die Eleaten der
+Notwendigkeit, die Natur in Bewegungen zu denken, die logische Einsicht
+entgegen, daß Denken ein Sein, mithin Erkanntes und Ausgedehntes
+identisch und also Erkenntnis und Werden unvereinbar seien. Ihre
+Einwände sind nie widerlegt worden und unwiderlegbar, aber sie haben
+die Entwicklung der antiken Physik, die als Ausdruck der apollinischen
+Seele unentbehrlich und also über logische Widersprüche erhaben war,
+nicht gehindert. Innerhalb der von Galilei und Newton begründeten
+klassischen Mechanik des Barock ist eine einwandfreie Lösung in
+dynamischem Sinne immer wieder versucht worden. Die Geschichte des
+Kraftbegriffs, dessen immer neue Definitionen die Leidenschaft des
+Denkens kennzeichnen, das durch diese Schwierigkeit sich selbst in
+Frage gestellt sah, ist nichts als die Geschichte der Versuche, die
+Bewegung mathematisch und begrifflich restlos zu fixieren. Der letzte
+bedeutende Versuch, der wie alle früheren mit Notwendigkeit mißlang,
+liegt in der Mechanik von H. Hertz vor.
+
+Hertz hat, ohne die eigentliche Quelle aller Verlegenheit zu finden --
+das ist noch keinem Physiker gelungen --, versucht, den Begriff der
+Kraft ganz auszuschalten, mit dem richtigen Gefühl, daß der Fehler
+aller mechanischen Systeme in einem der Grundbegriffe zu suchen sei. Er
+wollte das Bild der Physik allein aus den Größen der Zeit, des Raumes
+und der Masse aufbauen, aber er bemerkte nicht, daß eben die Zeit
+selbst, die als Richtungsfaktor in den Begriff der Kraft eingegangen
+ist, das organische Element war, ohne das eine dynamische Theorie sich
+nicht aussprechen läßt und mit dem eine reine Lösung nicht gelingt.
+Und abgesehen davon bilden die Begriffe Kraft, Masse und Bewegung eine
+dogmatische Einheit. Sie bedingen einander so, daß die Anwendung des
+einen die unvermerkte der beiden andern schon einschließt. Im πάντα
+ῥεῖ Heraklits ist die ganze apollinische, im Kraftbegriff die ganze
+abendländische Fassung des Bewegungsproblems enthalten. Der Begriff
+der Masse ist nur das Komplement zum Kraftbegriff. Newton -- eine tief
+religiöse Natur -- brachte lediglich das faustische Weltgefühl zum
+Ausdruck, als er, um den Sinn der Worte Kraft und Bewegung verständlich
+zu machen, von Massen als Angriffspunkten der Kraft und Trägern der
+Bewegung sprach. So hatten die Mystiker des 13. Jahrhunderts Gott und
+sein Verhältnis zur Welt aufgefaßt. Newton hatte mit seinem berühmten
+„_hypotheses non fingo_“ das metaphysische Element abgelehnt,
+aber seine Konzeption einer Mechanik ist durch und durch metaphysisch.
+Die Kraft ist im mechanischen Naturbilde des abendländischen Menschen,
+was der Wille in seinem Seelenbilde und die unendliche Gottheit in
+seinem Weltbilde ist. Die Grundgedanken seiner Physik standen fest,
+lange bevor der erste Physiker geboren wurde; sie lagen im frühesten
+religiösen Weltbewußtsein dieser Kultur.
+
+
+6
+
+Damit offenbart sich nun auch der religiöse Gehalt des physikalischen
+Begriffs der +Notwendigkeit+. Es handelt sich um die mechanische
+Notwendigkeit in dem, was wir als Natur geistig besitzen, und man hat
+nicht zu vergessen, daß dieser Notwendigkeit eine andre, organische,
+schicksalhafte im Leben selbst zugrunde liegt. Die letzte gestaltet,
+die erste schränkt ein; die eine folgt aus einer inneren Gewißheit,
+die andere aus Beweisen: das ist der Unterschied von tragischer und
+technischer, historischer und physikalischer Logik.
+
+Innerhalb der von der Naturwissenschaft geforderten und vorausgesetzten
+Notwendigkeit bestehen nun weitere Unterschiede, die sich bis jetzt
+jeder Aufmerksamkeit entzogen haben. Es handelt sich hier um sehr
+schwierige Einsichten von unabsehbarer Bedeutung. Eine Naturerkenntnis
+ist die Funktion eines Verstandes von bestimmter Art, gleichviel
+wie dieser Zusammenhang von der Philosophie definiert wird. Eine
+Naturnotwendigkeit steht demnach in Beziehung zur Struktur des
++zugehörigen+ Geistes, in dessen Tätigkeit sie sich realisiert,
+und hier beginnen die historisch-morphologischen Unterschiede. Man kann
+eine strenge Notwendigkeit in der Natur erblicken, ohne daß sie sich in
+Naturgesetze formulieren ließe. Das letzte, für uns selbstverständlich,
+für Menschen andrer Kulturen indessen durchaus nicht, setzt eine ganz
+besondere und für den faustischen Geist bezeichnende Form des Denkens
+und mithin des Naturerkennens voraus. An sich liegt die Möglichkeit
+vor, daß die mechanische Notwendigkeit eine Gestalt annimmt, in der
+jeder einzelne Fall morphologisch für sich besteht, keiner sich exakt
+wiederholt und Erkenntnisse also nicht als ständig gültige Formeln
+erscheinen können. Es würde da die Natur in einem Bilde erscheinen,
+das sich etwa nach Analogie unendlicher, aber nicht periodischer
+Dezimalbrüche im Unterschiede von rein periodischen vorstellen
+ließe. So empfand die Antike. Das Gefühl davon liegt schon ihren
+physikalischen Urbegriffen zugrunde. Die Eigenbewegung der Atome bei
+Demokrit z. B. erscheint so, daß ein gesetzmäßiger Bewegungstypus nicht
+statuiert wird.
+
+Naturgesetze sind Formen des Geistes, in welchen ein Inbegriff von
+Fällen sich zu einer Einheit höheren Grades zusammenschließt. Aber
+darin liegt Wille zur Macht; das ist faustisch: der Geist spricht
+in diesen Formen seine Herrschaft über die Natur aus. Die Welt ist
++seine+ Vorstellung, eine Funktion des eignen Ich. Der antike
+Mensch war, nach Protagoras, nur das Maß, nicht der Schöpfer der Dinge.
+
+Hier zeigt sich, daß das Kausalitätsprinzip in der Form, wie sie für
+uns selbstverständlich und notwendig ist, wie sie von der Mathematik,
+Physik und Erkenntnistheorie übereinstimmend als Grundwahrheit
+behandelt wird, ein abendländisches, genauer ein Barockphänomen
+ist. Sie kann nicht bewiesen werden, denn jeder Beweis in einer
+abendländischen Sprache und jede Erfahrung eines abendländischen
+Menschen setzt sie schon voraus. Es ist kein Zweifel, daß im Begriff
+der Kraft, der Funktion, des Natur+gesetzes+ überhaupt diese
+besondere Art von Notwendigkeit schon enthalten ist. Die antike
+Art, die Natur zu sehen -- das _alter ego_ der antiken Art zu
++sein+ --, enthält sie aber +nicht+, ohne daß dadurch eine
+logische Schwäche in den naturwissenschaftlichen Feststellungen zum
+Vorschein käme. Denkt man die Aussagen des Demokrit, Anaxagoras und
+Aristoteles, in denen die ganze Summe antiker Naturanschauungen
+enthalten ist, genau durch, prüft man vor allem den Gehalt von so
+entscheidenden Begriffen wie ἀλλοίωσις, ἀνάγκη oder ἐντελέχεια, so
+sieht man mit Erstaunen in ein völlig anders geartetes, in sich
+geschlossenes und also für eine bestimmte Art Mensch unbedingt wahres
+Weltbild, in dem von Kausalität in unserem Sinne nicht die Rede ist.
+Der Alchimist der arabischen Kultur, der seine magischen Operationen
+und Betrachtungen aus seinem Weltgefühl gleichfalls „exakt“ durchführt,
+setzt ebenso eine immanente Notwendigkeit seines Universums voraus, die
+von dynamischer Kausalität ganz und gar verschieden ist.
+
+Es ist sehr schwierig, sich über diesen Punkt verständlich zu
+machen. Vielleicht führt die Idee des Tragischen in das Wesen der
+Unterschiede ein. Das Wort Schicksal bezeichnet ein Urgefühl von etwas
+Unbeschreiblichem und Unfaßlichem in der Seele ganzer Kulturen, und
+in jeder ein anderes. Wir sahen, wie es sich in der anekdotischen
+Tragödie des Sophokles und der biographischen Tragödie Shakespeares
+offenbart, im gesamten Stil des apollinischen und faustischen Daseins,
+in der politischen und wirtschaftlichen Geschichte beider Kulturen und
+der Art der Entwicklung, der Anlage, des Verlaufs ihrer Epochen. Die
+Beziehung der jeweiligen Schicksalsidee zur antiken Kalokagathia und
+zum nordischen Willen wurde nachgewiesen. So erscheint sie, vom Geiste
+mechanisch gefaßt, ins Ausgedehnte, in die sinnliche Wirklichkeit
+umgedeutet, als Logik des Gewordnen, als ordnendes Urprinzip im
+Reiche der Zahlen, Dimensionen und Begriffe. Wie der tragische Stil
+der attischen und nordischen Szene, wie aristotelische und kantische
+Logik, so unterscheiden sich die antike und abendländische Art
+der physikalischen Notwendigkeit. Die Kausalität, welche Kant als
+die vornehmste Kategorie des Verstandes anerkannte und die +bei
+Aristoteles fehlt+, gehört zur Dynamik. Eine Kausalkette ist
+eine Art von erstarrtem biographischem Nacheinander, etwas, das man
+jedenfalls als den Gegensatz zum Anekdotisch-Punktförmigen empfinden
+wird. Die Anschauungen der materialistischen Geschichtsauffassung
+lassen den Zusammenhang übersehen: nur eine +historisch+
+empfindende Art Mensch konnte die Naturnotwendigkeit in dieser Form
+eines +Verlaufs+ perzipieren. In der Statik und Alchimie, beide
+als vollkommene Arten mechanischer Naturanschauung betrachtet, würde
+dies dem dogmatischen Grundgefühl widersprechen. Der Neid der Götter,
+der Geschlechterfluch, das blinde Fatum, das den Heros der attischen
+Tragödie vernichtet, trifft auf eine momentane Situation, nicht auf
+ein Ganzes von Leben und Tat. Es fehlt am „zureichenden Grunde“, und
+das stimmt damit überein, daß es nicht +Kräfte+ sind, die hier an
+einer Aufgabe scheitern. Kausalität und ἀνάγκη, beides Prinzipien des
+logischen Zwanges, unterscheiden sich wie Tun und Leiden, wie die Zahl
+als Funktion und die Zahl als Größe, wie kontrapunktische Musik und
+attische Plastik.
+
+Die Zahl als Funktion steht mit dem gedanklichen Prinzip von Ursache
+und Wirkung in tiefer Beziehung. Beide sind Schöpfungen desselben
+Geistes, Ausdrucksformen desselben Seelentums, bildende Grundlagen
+derselben objektgewordnen Natur. In der Tat unterscheidet sich die
+Physik Demokrits von der Newtons, indem die eine das optisch Gegebene,
+die andere die sich aus ihm entwickelnden abstrakten Beziehungen zum
+Ausgangspunkt wählt. Die eine ist populär im höchsten Grade; sie
+bleibt bei der Oberfläche, dem Augenschein stehen; die andre ist
+ebenso unpopulär, dem Handgreiflichen widerstrebend. Die „Tatsachen“
+der apollinischen Naturerkenntnis sind +Dinge+, für sich
+bestehende und sinnlich aufzufassende Einzelheiten; die „Tatsachen“ der
+faustischen Naturerkenntnis sind +Beziehungen+, die dem Auge des
+Laien überhaupt nicht zugänglich sind, die geistig erst erobert sein
+wollen und endlich zu ihrer Mitteilung einer Geheimsprache bedürfen,
+die nur dem +Kenner+ der Naturwissenschaft vollkommen verständlich
+ist. Die antike Notwendigkeit liegt in den wechselnden Erscheinungen
+der Einzeldinge unmittelbar zutage; das Kausalitätsprinzip waltet
+jenseits der Dinge, indem es ihre sinnlich isolierte Tatsächlichkeit
+abschwächt oder aufhebt. Man frage sich, welche Bedeutung sich unter
+Voraussetzung der gesamten heutigen Theorie mit dem Worte „ein Magnet“
+verbindet.
+
+Das Prinzip der Erhaltung der Energie, das man seit seiner Formulierung
+durch J. R. Mayer, Joule und Helmholtz in vollem Ernst als eine bloße
+Denknotwendigkeit angesehen hat, ist in der Tat eine Umschreibung des
+Kausalitätsprinzips -- der logischen Form des faustischen Weltgefühls
+-- mittelst des physikalischen Begriffes der Kraft. Die Berufung
+auf die Erfahrung und der Streit, ob eine Einsicht denknotwendig
+oder empirisch, ob sie nach Kants Bezeichnung -- der sich über die
+verschwimmende Grenze zwischen beiden sehr täuschte -- a priori oder
+a posteriori gewiß sei, ist für die Form des abendländischen Denkens
+charakteristisch. Nichts erscheint uns selbstverständlicher und
+eindeutiger als die Erfahrung als Quelle der exakten Wissenschaft. Das
+nur in Westeuropa zur vollen Meisterschaft ausgebildete Experiment ist
+nichts als die systematische und erschöpfende Handhabung der Erfahrung.
+Aber man hat nie bemerkt, daß in diesem höchst dogmatischen Begriff
+das Dynamische, das Kausale, also ein ganz spezieller Naturaspekt
+schon vorausgesetzt ist, daß Erfahrung für uns immer +kausale+
+Erfahrung, Einsicht in +funktionale+ Zusammenhänge ist und
+somit in diesem Sinne und dieser Art für das antike Naturgefühl gar
+nicht existiert, mithin auch für das antike Denken eine unmögliche
+Konzeption ist. Wenn wir uns weigern, die wissenschaftlichen Resultate
+des Anaxagoras oder Demokrit als Resultate echter Erfahrungen
+anzuerkennen, so heißt das nicht, daß diese antiken Menschen sich
+auf die Interpretation ihrer Anschauungen nicht verstanden, daß
+sie bloße Phantasien entworfen hätten, sondern daß wir in ihren
+Verallgemeinerungen das kausale Element vermissen, das für uns den
+Sinn des Wortes Erfahrung erst ausmacht. Offenbar hat man nie genügend
+über die Exklusivität dieses rein faustischen Begriffes nachgedacht.
+Nicht der an der Oberfläche liegende Gegensatz zum Glauben ist für ihn
+bezeichnend. Die exakte sinnlich-geistige Erfahrung ist im Gegenteil
+ihrer Struktur nach dem vollkommen kongruent, was tief religiöse
+Naturen des Abendlandes, Pascal zum Beispiel, der Mathematiker und
+Jansenist aus der +gleichen+ innern Notwendigkeit war, wohl
+als Erfahrung des Herzens, als Erleuchtung in bedeutenden Momenten
+ihres Daseins kennen gelernt haben. Erfahrung bezeichnet eine
++Aktivität+ des Geistes, die sich nicht auf die augenblicklichen
+und rein gegenwärtigen Eindrücke beschränkt, sie als solche hinnimmt,
+anerkennt, ordnet, sondern sie aufsucht und hervorruft, um sie in
+ihrer sinnlichen Individualität zu überwinden, sie in eine grenzenlose
+Einheit zu bringen, durch welche ihre handgreifliche Vereinzelung
+aufgelöst wird. Was wir Erfahrung nennen, besitzt die Tendenz +vom
+Einzelnen zum Unendlichen+. Diese Aktivität, die Willen, Energie,
+ein Ziel, einen Machtanspruch in sich schließt, widerspricht dem
+antiken Naturgefühl. Demokrit würde die „Anschauung“ der modernen
+Mechanik, wonach Bewegungen als kontinuierliche Transformationsgruppen
+in einer n-dimensionalen Punktmannigfaltigkeit erscheinen, nicht mehr
+als Interpretation irgendeiner „Natur“ anerkannt haben. Anschauung
+-- das war dem Griechen, dem Plastiker, das unmittelbare Erlebnis
+des Auges. Uns ist sie etwa das, was der Kenner des Kontrapunktes
+vor dem innern Blick sich geisterhaft und doch nicht ganz unsinnlich
+entfalten sieht, wenn er eine Partitur liest. +Das+ bedeutet uns
+„Erfahrung“. Deshalb besitzt der antike Mensch, für den im Augenschein
+das ganze Wesen der Welt liegt, eine Physik von unbestreitbarer Logik
+und Notwendigkeit des formalen Gehaltes, aber nach unserem Maßstabe
+„ohne Erfahrung“, d. h. ohne die kausale, funktionale Zersetzung der
+Einheit des Handgreiflichen. Unser Weg, Erfahrungen zu gewinnen, ist
+für ihn der Weg, sie zu verlieren. Deshalb bleibt er der gewaltsamen
+Methode des Experiments fern, das seinem Sinne nach dynamisch, nicht
+statisch ist. (Das magische Experiment der Alchimie ist ein Typus
+von ganz anderer Bedeutung; er setzt ein anderes Naturgefühl voraus
+und ruft als Resultat eine andere intuitiv-geistige Vorstellungswelt
+hervor.) Deshalb besaß man unter dem Namen einer Physik statt eines
+mächtigen Systems erarbeiteter abstrakter Gesetze und Formeln,
+das die sinnliche Gegebenheit vergewaltigt und unterwirft -- nur
+dies Wissen ist Macht! --, eine Summe wohlgeordneter, durch Bilder
+sinnlich verstärkter, nicht etwa aufgelöster Eindrücke, welche die
+Natur in ihrem in sich vollendeten Dasein unberührt ließ. Unsre
+exakte Naturwissenschaft ist imperativisch, die antike ist θεωρία im
+buchstäblichen Sinne, passive Beschaulichkeit.
+
+
+7
+
+Es ist nun kein Zweifel mehr: die Identität der Physik mit der
+Mathematik, der Religion, der großen Kunst ist in den letzten Gründen
+der Form eine vollkommene. Ein tiefer Mathematiker -- nicht ein
+meisterhafter Rechner, der mit dem alle Methoden beherrschenden
+Experimentator und dem technischen Virtuosen des Orchesterklangs und
+des Pinselstrichs auf einer Stufe steht, sondern einer, der den Geist
+der Zahlen in sich lebendig fühlt -- begreift, daß er damit „Gott
+kennt“. Pythagoras und Plato haben das so gut gewußt wie Pascal und
+Leibniz. Terentius Varro in seinen Cäsar gewidmeten Untersuchungen
+über die altrömische Religion unterscheidet mit römischer Prägnanz
+die _theologia civilis_, die Summe des öffentlich anerkannten
+Glaubens, von der _theologia mythica_, der Vorstellungswelt
+der Dichter und Künstler, und der _theologia physica_, der
+philosophischen Spekulation. Wendet man dies auf die faustische Kultur
+an, so gehören zur ersten, was Thomas von Aquino und Luther, Calvin und
+Ignaz von Loyola lehren, zur zweiten Dante und Goethe, zur dritten aber
+die wissenschaftliche Physik selbst, soweit sie ihren Formeln Bilder
+unterlegt.
+
+Auch der Wilde und das Kind haben ein Gefühl für das „Andre“ in ihrer
+Außenwelt, im höchsten Fall eine Ahnung von dem, was das Wort „Gott“ in
+allen frühen Sprachen bezeichnet, also ein Bewußtsein von einer Natur,
++ihrer+ Natur, in der sie leben und weben, mit der sie eins sind,
+die sie gleichzeitig bilden und von der sie gebildet werden. Aber mit
+dem Erwachen einer Kultur erwachen die großen seelischen Formen. Jetzt
+wächst das Gefühl von Gott zu einer großen Bestimmtheit auf, die einen
+übermächtigen Ausdruck in Mythen, Bauten und Ideen sucht, und das wache
+Bewußtsein prägt danach einen +Begriff+ von Gott. Aus dem einen
+folgt das +Naturgefühl+, aus dem andern die +Naturerkenntnis+.
+
+Seit den Tagen der Spätrenaissance wird die Vorstellung von Gott im
+Geist aller bedeutenden Menschen der Idee des reinen, unendlichen
+Raumes immer ähnlicher. Der Gott der Exercitia spiritualia des Ignaz
+von Loyola ist auch der des großen Lutherliedes „Ein feste Burg“, der
+Bachschen Kantaten, der heitren Hallenkirchen des Barock. Er ist nicht
+mehr der +Vater+ des heiligen Franz von Assisi, wie die Maler
+der Gotik, wie Giotto und Stephan Lochner ihn empfanden, leibhaft
+gegenwärtig, sondern ein unpersönliches Prinzip, unvorstellbar,
+ungreifbar, geheimnisvoll im Unendlichen wirkend. Jeder Rest von
+Persönlichkeit löst sich in unanschaulicher Abstraktheit auf, eine Idee
+von Gott, der zuletzt nur noch die Instrumentalmusik großen Stils
+gewachsen ist, während die Malerei des 18. Jahrhunderts versagt und
+demnach in den Hintergrund tritt. +Dies Gefühl von Gott+ hat das
+naturwissenschaftliche Weltbild des Abendlandes, unsere Natur, unsere
+„Erfahrung“ und mithin unsere Resultate und Hypothesen im Gegensatz
+zu denen des antiken Menschen gestaltet. Die Kraft, welche die Masse
+bewegt: das ist es, was Michelangelo an die Decke der sixtinischen
+Kapelle gemalt hat, was seit dem Vorbilde von Il Gesù die Domfassaden
+zu dem gewaltsamen Ausdruck bei Della Porta und Maderna und seit
+Orlando Lasso den fugierten Stil zu den kolossalen Tonmassen der
+Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts gesteigert hat, was als Weltgeschehen
+in Shakespeares Tragödien die ins Unendliche erweiterte Szene füllt und
+was endlich Galilei und Newton in Formeln und Begriffe gebannt haben.
+
+Das Wort Gott klingt anders unter den Wölbungen gotischer Dome
+und in den Klosterhöfen von Maulbronn und Sankt Gallen als in den
+Basiliken Syriens und den Tempeln des republikanischen Rom. In dem
++Wälderhaften+ der Dome, der mächtigen Erhöhung des Mittelschiffes
+über die Seitenschiffe gegenüber der flachgedeckten Basilika, von deren
+Typus der abendländische Kirchenbau ausging, in der Verwandlung der
+Säulen, die durch Basis und Kapitäl als abgeschlossene Einzeldinge in
+den Raum gestellt wurden, zu Pfeilern und Pfeilerbündeln, die aus dem
+Boden wachsen und deren Äste und Linien sich über dem Scheitel ins
+Unendliche verlieren und verschlingen, während von den Riesenfenstern,
+welche die Wand aufgelöst haben, ein ungewisses Licht durch den Raum
+fließt, liegt die architektonische Verwirklichung eines Weltgefühls,
+das im +Hochwald+ der nordischen Ebenen sein ursprünglichstes
+Symbol gefunden hatte. Und zwar im Laubwalde mit dem geheimnisvollen
+Gewirr seiner Äste und dem Raunen der ewig bewegten Blättermassen über
+dem Haupte des Betrachters, hoch über der Erde, von der die Wipfel
+durch den Stamm sich zu lösen versuchen. Man denke wieder an die
+romanische Ornamentik und ihre tiefe Beziehung zum Sinn der Wälder.
+Der unendliche, einsame, dämmernde Wald ist die geheime Sehnsucht
+aller abendländischen Bauformen geblieben. Deshalb löst sich, sobald
+die Formenenergie des Stils ermattet, in der späten Gotik (im
+_style flamboyant_, in Troyes, im Prager Dom) ganz ebenso wie
+im ausgehenden Barock die beherrschte abstrakte Liniensprache wieder
+unmittelbar in naturalistisches Astwerk, Ranken, Zweige, Blätter auf.
+Die Zypresse und Pinie wirken körperhaft, euklidisch; sie hätten
+niemals Symbole des unendlichen Raumes werden können. Die Eiche,
+Buche, Linde mit den irrenden Lichtflecken in ihren schattenerfüllten
+Räumen wirken körperlos, grenzenlos, geistig. Der Stamm einer Zypresse
+findet in der klaren Säule ihrer Nadelmasse den vollkommenen Abschluß
+seiner senkrechten Tendenz, der einer Eiche wirkt wie ein unerfülltes
+rastloses Streben über den Wipfel hinaus. In der Esche scheint der
+Sieg der aufstrebenden Äste über den Zusammenhalt der Krone eben zu
+gelingen. Ihr Anblick hat etwas Aufgelöstes, den Anschein einer freien
+Verbreitung im Raum, und vielleicht wurde die Weltesche deshalb ein
+Symbol der nordischen Mythologie. Das Waldesrauschen, dessen Zauber
+kein antiker Dichter je empfunden hat, das jenseits der Möglichkeiten
+des apollinischen Naturgefühls liegt, steht mit seiner geheimen Frage
+nach dem Woher und Wohin, seinem Versinken des Augenblicks im Ewigen
+in einer tiefen Beziehung zum Schicksal, zum Gefühl für Geschichte und
+Dauer, zur faustischen schwermütig-sorgenvollen Richtung der Seele in
+eine unendliche ferne Zukunft. Deshalb wurde die Orgel, deren tiefes
+und helles Brausen unsere Kirchen füllt, deren Klang im Gegensatz zum
+klaren, pastosen Ton der antiken Lyra und Flöte etwas Grenzenloses
+und Ungemessenes besitzt, das Organ der abendländischen Andacht. Dom
+und Orgel bilden eine symbolische Einheit wie Tempel und Statue. Die
+Geschichte des Orgelbaus, eines der tiefsinnigsten und rührendsten
+Kapitel der Musikgeschichte, ist eine Geschichte der Sehnsucht nach dem
+Walde, nach der Sprache dieses eigentlichen Tempels der abendländischen
+Gottesverehrung. Von dem Versklang Wolframs von Eschenbach bis zur
+Musik des Tristan ist diese Sehnsucht unveränderlich fruchtbar
+geblieben. Das Streben des Orchesterklanges im 18. Jahrhundert ging
+unablässig dahin, dem Orgelklang immer verwandter zu werden. Das Wort
+„schwebend“, sinnlos antiken Dingen gegenüber, ist gleich wichtig
+in der Theorie der Musik, der Architektur, der Physik, der Dynamik
+des Barock. Wenn man in einem hohen Walde mächtiger Stämme steht und
+den Sturm über sich wühlen hört, begreift man plötzlich den Sinn des
+Gedankens von der Kraft, welche die Masse bewegt.
+
+So entsteht aus dem Urgefühl des bewußten Daseins eine immer
+bestimmtere Vorstellung des göttlichen Prinzips. Erkenntnis ist
+ein Gewordensein. Der Erkennende selbst aber empfängt durch das
+Kontinuum der lebendigen Erkenntnisakte den Eindruck einer Bewegung
+in der äußeren Natur. Er fühlt um sich ein schwer zu beschreibendes
++fremdes+ Leben unbekannter Mächte. Er führt den Ursprung dieser
+Wirkungen auf _numina_ nach römischer Bezeichnungsweise zurück,
+auf das „andre“, Nichteigne, insofern es ebenfalls Leben besitzt. Ein
+_numen_ ist gestaltetes, durchseeltes Weltgefühl. Aus der Bewegung
+entspringen also Religion und Physik. Sie enthalten die Deutung der
+lebendigen und der toten Natur oder des Bildes der Umwelt durch die
+Seele und durch den Verstand. Die „himmlischen Mächte“ sind zugleich
+erster Gegenstand der Verehrung und der Forschung. Es gibt eine Lebens-
+und eine wissenschaftliche Erfahrung.
+
+Nun beachte man wohl, auf welche Weise das Bewußtsein der einzelnen
+Kulturen die ursprünglichen _numina_ geistig verdichtet. Es belegt
+sie mit bedeutungsvollen Worten, mit +Namen+, und bannt -- begreift,
+begrenzt -- sie auf diese Art. Damit unterliegen sie der geistigen
+Macht des Menschen, der den Namen in seiner Gewalt hat. Und es
+war schon gesagt worden, daß die ganze Philosophie, die ganze
+Naturwissenschaft, alles, was zum „Erkennen“ in irgendeiner Beziehung
+steht, im tiefsten Grunde nichts ist als die unendlich verfeinerte
+Art, +den Namenzauber des primitiven Menschen auf das „Fremde“
+anzuwenden+. Das Aussprechen des richtigen Namens (in der Physik des
+richtigen Begriffes) ist eine Beschwörung. So entstehen Gottheiten und
+wissenschaftliche Grundbegriffe zuerst als Namen, die man anruft und
+an die sich eine sinnlich immer bestimmtere Vorstellung knüpft. Aus
+dem _numen_ wird ein _deus_, aus dem Begriff eine Theorie. Was für
+ein befreiender Zauber liegt für die Mehrzahl der gelehrten Menschen
+in der bloßen Nennung der Worte „Ding an sich“, „Atom“, „Energie“,
+„Schwerkraft“, „Ursache“, „Entwicklung“! Es ist der gleiche, der
+den latinischen Bauern bei den Worten Ceres, Consus, Janus, Vesta
+ergriff.[117]
+
+Indes, der Namenzauber tut mehr. Er hebt nicht nur heraus, grenzt
+aus der Fülle bewegter Eindrücke ab, er macht auch das „Fremde“ der
+Gestaltungskraft des eignen Ursymbols erreichbar. Aus Worten -- denn in
+der Sprache liegt der +ganze+ Mensch -- werden Gottheiten, aber
+was für Unterschiede! Antike Gottheiten als wohlunterschiedene σώματα,
+klar umrissen, hell beleuchtet schon bei Homer. Indische Gottheiten,
+unzählige ineinander verschwimmende, maßlose Wesen, vag, phantastisch
+wie Wolken und Nebelfetzen. Abendländische Gottheiten auf dem Wege von
+der Gotik zum Barock zu +einer+ unsichtbaren Macht sich einend.
+Man achte wohl auf die Unterschiede des apollinischen und vedischen
+Polytheismus. Von dort geht ein Weg zur euklidischen Körpergeometrie
+und den Elementen des Empedokles, von hier zur Null, zum Nirwana, zur
+Seelenwanderung. Aus dem Verhältnis des Olymps zur Atomistik Demokrits,
+der katholischen Dogmatik zu Newton ermessen wir, was eine indische
+Physik an Grundbegriffen hätte enthalten müssen.
+
+Dem antiken Weltgefühl war, dem Tiefenerlebnis und dessen Symbolik
+gemäß, der einzelne Körper +das+ Sein. Folgerichtig empfand man
+dessen äußere +Gestalt+ als das Wesenhafte, als den eigentlichen
+Sinn des Wortes „Sein“. Was nicht Gestalt hat, Gestalt ist, ist
+überhaupt nicht. Von diesem Grundgefühl aus, das man sich nicht mächtig
+genug denken kann, konzipierte der antike Geist als +Gegenbegriff+
+(in der hier neu eingeführten Bedeutung) zur Gestalt das „andre“, die
+Ungestalt, den Stoff, die ἀρχή oder ὕλη, das, was an sich kein Sein
+besitzt und lediglich als Komplement zum wirklich Seienden für das
+Weltgefühl eine ergänzende, sekundäre Notwendigkeit. Man begreift,
+wie die antike Götterwelt sich bilden mußte. Sie ist neben dem
+Menschen eine höhere Menschlichkeit; es sind vollkommener gestaltete
+Körper, erhabenste Möglichkeiten leibhaft-gegenwärtiger Form -- im
+Unwesentlichen, dem Stoffe nach, nicht unterschieden, mithin derselben
+kosmischen und tragischen Notwendigkeit unterworfen.
+
+Das faustische Weltgefühl aber erlebte die Tiefe anders. Hier erscheint
+als Inbegriff des Seins der reine unendliche Raum. Er ist +das+
+Sein schlechthin. Hier wirkt der sinnliche Empfindungsinhalt, der
+mit einer höchst bezeichnenden Wendung, die ihm den Rang anweist,
+das Raumerfüllende genannt wird, als Tatsache zweiter Ordnung und
+im Hinblick auf den Akt der Naturerkenntnis als das Fragwürdige,
+als Schein und Widerstand, der überwunden werden muß, wenn man als
+Philosoph oder Physiker den eigentlichen Gehalt des Seins erschließen
+will. Die abendländische Skepsis hat sich niemals gegen den Raum,
+immer gegen die greifbaren Dinge gewandt. Raum ist der primäre Begriff
+-- Kraft ist nur ein weniger abstrakter Ausdruck dafür -- und erst
+als sein Gegenbegriff erscheint die Masse, das, was im Raume ist.
+Sie ist logisch wie physikalisch von ihm abhängig. Der modernen
+Konzeption einer elektrodynamischen Energie folgte notwendig die einer
+zugehörigen Masse, des Lichtäthers. Eine Definition der Masse folgt
+mit allen ihr zugeschriebenen Eigenschaften aus der einer Kraft,
+nicht umgekehrt -- und zwar mit der Notwendigkeit eines Symbols.
+-- Alle antiken Substanzbegriffe, sie mögen noch so individuell,
+idealistisch oder realistisch gefaßt sein, bezeichnen +das zu
+Gestaltende+, eine Negation also, die ihre näheren Bestimmungen in
+jedem Falle aus dem Grundbegriff der Gestalt herübernehmen muß. Alle
+abendländischen Substanzbegriffe bezeichnen +das zu Bewegende+,
+ohne Zweifel ebenfalls eine Negation, aber die einer andern Einheit.
++Gestalt und Ungestalt, Kraft und Nichtkraft+ -- so wird die
+dem Welteindruck beider Kulturen zugrunde liegende und seine Formen
+restlos erschöpfende Polarität am deutlichsten wiederzugeben sein. Was
+die vergleichende Philosophie bis jetzt ungenau und verwirrend mit
+dem einen Worte Stoff wiedergab, bedeutet in einem Fall das Substrat
+der Gestalt, im andern das der Kraft. Es gibt nichts Verschiedeneres.
+Hier spricht das Gefühl von Gott, ein +Wertgefühl+. Die Gestalt,
+die Kraft sind die Inkarnationen des Göttlichen im Weltbilde. Die
+antike Gottheit ist höchste Gestalt, die faustische höchste Kraft. Das
+„andre“ ist das Ungöttliche, dem die Würde des Seins vom Geiste nicht
+zugesprochen werden kann. Ungöttlich ist dem apollinischen Weltgefühl
+die gestaltlose Leere, das „zwischen den Körpern“, dem faustischen
++also+ das passive Einzelding.
+
+So erfolgte aus der Idee des +einen+ unendlichen Raumes die
+abendländische Vorstellung des +einen+ Gottes. Man begreift
+nun den Ursprung von Monotheismus und Polytheismus. Gott -- das ist
+für unser Gefühl der Raum, Kraft, Wille, Tat. Welt, als Gegensatz
+zu ihm, ist also die Nichtkraft, die Masse, das Objekt. Man hat von
+Dante bis Goethe tausendmal die Worte gewechselt und das Weltbild
+religiös oder wissenschaftlich, intuitiv oder mechanistisch zu deuten
+versucht; das Grundgefühl ist unverändert geblieben. Es gehört zu
+den seelischen Bedingungen, über die niemand Gewalt hat. Es ist eine
+Selbsttäuschung, wenn jemand sagt, er sei Atheist geworden, oder „zu
+Gott zurückgekehrt“. Er verwechselt lediglich begriffliche Konventionen
+der Oberfläche -- neue Namen -- mit dem Gehalt der Welteindrücke
+selbst. Wer für Gott und Welt Wille und Vorstellung oder Kraft und
+Stoff sagt, kennzeichnet damit nur seine bewußte Individualität, seinen
+intellektuellen Geschmack, nicht seine Kultur. Wenn ein Darwinist oder
+Positivist, Nietzsche einbegriffen, eine Ansicht über den Weltverlauf
+ausdrücken will, so redet er davon, daß „die Natur“ dies so organisiert
+hat, jenes so will, irgend etwas bezweckt, zuläßt, schafft. So hätte
+kein Grieche gesprochen. So spricht die katholische Kirche, nur daß
+sie das Wort Gott für Natur gebraucht und das Kausalitätsprinzip
+vorsichtiger formuliert. Es ist dem heutigen Naturforscher so wenig wie
+dem irgendeiner andern Kultur möglich, von dieser Disposition seines
+produktiven Bewußtseins loszukommen. Seine Grundbegriffe, scheinbar
+Resultate einer strengen und voraussetzungslosen Analyse, waren schon
+in den Gottvorstellungen seiner Vorfahren enthalten.
+
+
+8
+
+Es ist ein wissenschaftliches Vorurteil, daß Mythen und
+Göttervorstellungen eine Schöpfung des primitiven Menschen seien und
+daß mit fortschreitender Kultur der Seele die mythenbildende Kraft
+verloren gehe. Das Gegenteil ist der Fall. Wäre nicht die Morphologie
+der Geschichte bis zum heutigen Tage ein unentdecktes Problem
+geblieben, so hätte man längst die vermeintlich allgemein verbreitete
+mythologische Produktivität auf einzelne Epochen beschränkt gefunden
+und endlich begriffen, daß diese Kraft einer Seele, ihre Welt mit
+Gestalten, Zügen und Symbolen, und zwar von einheitlichstem Charakter
+zu erfüllen, +gerade+ den Frühzeiten der großen Kulturen angehört.
+Jeder Mythus großen Stils steht am Anfang eines erwachenden Seelentums.
+Er ist seine erste geistige Tat. Man findet ihn nur dort und nirgend
+anders, dort aber auch mit Notwendigkeit. Die bedeutendsten Motive
+der Edda sind genau gleichzeitig mit der romanischen Ornamentik und
+der gotischen Bauweise entstanden. Der olympische Götterkreis, wie
+wir ihn aus Homer kennen, entstand gleichzeitig mit dem frühdorischen
+geometrischen Stil.
+
+Ich setze voraus, daß das, was Urvölker wie die Germanen zur Zeit
+Cäsars an religiösen Vorstellungen besitzen, noch kein höherer
+Mythus, d. h. wohl eine Summe zerstreuter personifizierender Züge,
+an Namen haftender Kulte, fragmentarischer Sagenbildungen, aber noch
+keine Götter+ordnung+, kein mythischer +Organismus+, kein
+geschlossener Sagenkreis von einheitlicher Physiognomie ist, so wenig
+ich die vage Ornamentik dieser Stufe eine Kunst nenne. Übrigens sind
+die größten Bedenken Symbolen und Sagen gegenüber angebracht, die
+heute oder auch seit Jahrhunderten unter scheinbar primitiven Völkern
+geläufig sind, nachdem seit Jahrtausenden keine Landschaft der Erde von
+der Einwirkung fremder Hochkulturen ganz unberührt geblieben ist.
+
+Es gibt deshalb so viele Formenwelten des Mythus, als es Kulturen,
+als es Architekturen gibt. Was ihnen zeitlich vorausliegt, das Chaos
+unfertiger Phantasiegebilde, in das die moderne Mythenforschung ohne
+ein leitendes Prinzip sich verliert, kommt unter diesen Voraussetzungen
+nicht in Betracht; andrerseits zählen Bildungen dazu, von denen es
+noch niemand vermutet hat. In der homerischen Zeit, 1100-800, und der
+entsprechenden ritterlich-germanischen, 900-1300 -- den +epischen+
+Zeitaltern --, nicht früher, nicht später, sind die großen Sagenwelten
+entstanden. Ihnen entspricht in Indien die vedische und in Ägypten
+die Pyramidenzeit, man wird eines Tages entdecken, daß die ägyptische
+Mythologie in der Tat gerade während der dritten und vierten Dynastie
+zur +Tiefe+ herangereift ist.
+
+Nur so ist der unermeßliche Reichtum religiös-intuitiver Schöpfungen zu
+verstehen, der die drei Jahrhunderte der deutschen Kaiserzeit füllt. Es
+ist die +faustische Mythologie+, die hier entstand. Man war bisher
+blind für den Umfang und die Einheit dieser Formenwelt, weil religiöse
+und gelehrte Vorurteile zu einer fragmentarischen Behandlung entweder
+der katholischen oder der nordisch-heidnischen Bestandteile drängten.
+Aber es besteht hier kein Unterschied. Der tiefe Bedeutungswandel
+innerhalb der christlichen Vorstellungskreise ist als schöpferischer
+Akt identisch mit der Zusammenfassung altheidnischer Kulte zu einem
+Ganzen. Es gehören hierher die sämtlichen westeuropäischen Volkssagen,
+die damals ihre symbolische Durchbildung erhalten haben, mögen sie auch
+der Substanz nach viel früher entstanden und viel später noch an neue
+äußere Erlebnisse angeknüpft und durch bewußtere Züge bereichert worden
+sein. Es gehören dazu die großen in der Edda erhaltenen Göttersagen
+und eine Anzahl Motive aus den Evangeliendichtungen gelehrter Mönche.
+Dazu kommt die deutsche Heldensage des Siegfried-, Gudrun-, Dietrich-,
+Wielandkreises mit ihrem Gipfel im Nibelungenlied und neben ihr die
+ungeheuer reiche, aus altkeltischen Märchen abgeleitete und auf
+französischem Boden eben damals vollendete Rittersage: vom König
+Artus und der Tafelrunde, vom heiligen Gral, von Tristan, Parzeval
+und Roland. Und endlich ist außer der unvermerkten, aber um so
+tieferen psychologischen Umdeutung aller Züge der Passionsgeschichte
+der ganze Reichtum der katholischen Heiligenlegenden hinzuzurechnen,
+deren Blütezeit das 10. und 11. Jahrhundert füllt. Damals sind die
+Marienleben, die Geschichten des hl. Rochus, Sebald, Severin, Franz,
+Bernhard und der Odilia entstanden. Um 1250 wurde die Legenda aurea
+verfaßt; es war die Blütezeit der höfischen Epik und der isländischen
+Skaldenpoesie. Den großen Walhallgöttern im Norden entsprechen die
+„vierzehn Nothelfer“, die gleichzeitig im südlichen Deutschland als
+mythische Gruppe konzipiert worden sind. Auf altgermanischen Ideen,
+welche Dante vielleicht während eines Aufenthaltes in Oxford kennen
+lernte, beruhen die mächtigen Raumvisionen der Göttlichen Komödie, die
+Ringe des Höllentrichters. Neben der Schilderung von Ragnarök, der
+Götterdämmerung, in der Völuspa steht eine christliche Fassung in den
+süddeutschen Muspilli.
+
+Nichts ist für den letzten Sinn dieser religiösen Schöpfungen
+bezeichnender als die Tatsache, daß die Götterwelt von Walhall nicht
+altgermanischen Ursprungs ist und den Stämmen der Völkerwanderung
+noch gar nicht bekannt war, sondern daß sie erst jetzt und mit einem
+Schlage, aus innerster Notwendigkeit im Bewußtsein der auf dem Boden
+des Abendlandes neu entstandenen Völker sich bildete, „gleichzeitig“
+also mit der olympischen, die wir aus der homerischen Epik kennen und
+die ebensowenig urhellenischer Herkunft ist. Die kretisch-mykenische
+Menschheit, welche Namen ihre verschollenen Völker auch getragen
+haben mögen, kann die olympischen Motive nicht gekannt haben. Das ist
+psychologisch unmöglich. Und der kretisch-mykenischen Zeit entspricht
+der religiösen Lage nach, als Vorstufe einer noch ungebornen Kultur,
+die merowingisch-karolingische. Als die Araber um 730 mitten im
+fränkischen Reich, an der Loire standen und Musa verkündete, er wolle
+über die Pyrenäen und Alpen nach Rom ziehen und Mohameds Namen vor
+dem Vatikan ausrufen lassen, war das Christentum des Westens dem
+seelischen Gehalte, der Symbolik nach noch wenig vom Islam verschieden.
+Man prüfe den Geist der fränkisch-langobardischen Kirchenkunst. Es
+war noch derselbe Ausdruck des magischen Weltgefühls, wie er auf
+den morgenländischen Konzilien der ersten Jahrhunderte zu Worte
+gekommen war. So wenig damals die Welt von Walhall schon entstanden
+und innerlich auch nur möglich war, so wenig war von dem späteren,
+dem germanischen, dem faustischen Christentum schon vorhanden.
+Erst das große Schisma offenbart nach dieser Seite hin das Dasein
+einer jungen abendländischen neben einer alternden morgenländischen
+Seele. Als Karl der Große, der Herrscher von „Frankistan“, seine
+Palastkapelle zu Aachen baute, entstand aus antiken Säulen und
+Bauteilen, die man von Italien bezog, eine Art Moschee. Das ist
+ein welthistorisches Symbol. Das Aachener Münster wird immer das
+merkwürdigste Beispiel einer Architektur +vor+ der Geburt eines
+Stils bleiben. Es steht außerhalb aller Stile, weil es außerhalb aller
+Kulturen steht. Aber dasselbe gilt von allem, was an christlichen und
+heidnischen Gottvorstellungen damals wirkliches geistiges Eigentum des
+westeuropäischen Menschen war.
+
+Man hat die organische Einheit dieser faustischen Götter- und Sagenwelt
+und ihre in allen Kreisen identische Symbolik bei weitem nicht genügend
+beachtet. Siegfried, Baldur, Roland, der Heliand sind verschiedene
+Namen für ein und dieselbe Gestalt. Walhall und die Gefilde der
+Seligen Avalun, König Artus’ Tafelrunde und das Mahl der Einherier,
+Maria, Frigga und Frau Holle bedeuten dasselbe. Demgegenüber ist die
+äußere Abstammung der stofflichen Motive und Elemente, auf welche die
+Mythenforschung ein Übermaß von Eifer verwendet hat, lediglich ein
+Phänomen der historischen Oberfläche und ohne psychologische Bedeutung.
+Für den +Sinn+ eines Mythus beweist die Herkunft +nichts+.
+Das _numen_ selbst, die Urgestalt des Weltgefühls, ist reine
+wahllose und unbewußte Schöpfung und unübertragbar. Was ein Volk
+durch Bekehrung oder bewundernde Annahme von einem andern erhält,
+ist Name, Kleid und Maske für ein eignes Gefühl, niemals ein Gefühl
+selbst. Man hat die primitiven altkeltischen und altgermanischen
+Mythenmotive so gut wie den Formenschatz des antiken und des
+christlich-morgenländischen Glaubens als den Stoff zu betrachten, aus
+dem die faustische Seele in diesen Jahrhunderten eine eigne mythische
+Architektur erschuf. Es ist auf dieser Stufe eines eben erwachenden
+Seelentums ganz belanglos, ob diejenigen, durch deren Geist und
+Mund dieser Mythus ins Leben tritt, „einzelne“ Skalden, Missionäre,
+Troubadours, fahrende Sänger, Priester oder „das Volk“ sind. Es
+ist, wie man sieht, für die innere Selbständigkeit des Entstandenen
+auch belanglos, daß die christlichen Kultelemente die Formgebung
+entscheidend beherrscht haben.
+
+Zu dieser Fülle von Mythen, die sämtlich das gleiche, das faustische
+Weltbild beseelen, dieselbe faustische Natur, die so viel später das
+Objekt der Dynamik und ihrer Theorien wurde und damit eine neue,
+geistigere, bewußtere, aber nicht weniger mythische Fassung erhielt,
+hat jede Landschaft beigesteuert, der Norden Walhall, der deutsche
+Süden Siegfried und Etzel, England den König Artus, Frankreich
+Parzeval, die Provence den Gral, Italien die Heiligenlegenden.
+
+Bei allem Anschein eines farbig-sinnlichen Polytheismus aber, der eine
+Fortsetzung des antiken vortäuscht und in der Tat das Auge immer wieder
+verführt hat, hebt sich das Urgefühl des +einen+ unendlichen
+Raumes heraus, eine mächtige Tendenz zur Ferne, eine Wendung an den
+innern Blick, nicht den des Leibes, was weder die Rittersage noch die
+Heldensage gänzlich verhehlt. Man vergesse nicht, daß das lateranische
+Konzil von 1215 die +dogmatische+ Fassung des Weltgefühls
+festlegte, dessen mythische Gestaltung in der +Gesamtheit+ dieser
+Götter- und Heldenvorstellungen vorliegt.
+
+Wir haben, jedesmal in der Frühzeit der antiken, arabischen,
+abendländischen Kultur, einen Mythus statischen, magischen, dynamischen
+Stils vor uns. Man prüfe jede Einzelheit der Form, wie dort eine
+Haltung, hier eine Tat, dort die Geste, hier der Wille zugrunde liegen,
+wie in der Antike das leibhaft Greifbare, das sinnlich Gesättigte
+vorwaltet, das eben deshalb, was die Form der Verehrung anbelangt,
+seinen Schwerpunkt in einem sinnlich eindrucksvollen +Kultus+
+hat, während im Norden der Raum, die Kraft und mithin eine vorwiegend
++dogmatisch+ gefärbte Religiosität herrschen. Schon in diesen
+frühesten Ansätzen läßt sich die Verwandtschaft des homerischen Mythus
+zur Statue, des Eddamythus zur kontrapunktischen Musik bemerken. Man
+hat wohl zwischen dem seiner selbst vollkommen sicheren +Gefühl+,
+das sich in diesen mythischen Formen hervorwagt, und den oft sehr davon
+verschiedenen Zügen, Gebräuchen und Bildern zu unterscheiden, welche
+die junge Seele aus der Tradition älterer Kulturen herübernimmt, um für
+ihre stammelnde Sehnsucht eine Sprache zu finden. Die antiken Kulte,
+welche das Arabertum, und die Lehren der christlichen Kirche, welche
+das germanische Abendland aufnahm, waren Maske und Stoff; das junge
+Gefühl fügte sich in die alte Gestalt. Geradeso wurde die Basilika
+zum Dom umgeschaffen. So hatte der antike Mensch kretisch-ägyptische,
+phönikische und babylonische Motive in seine Ideen von Gott und seine
+Kulte verwebt. Die Minos-, Herakles- und Dionysossage beweisen es.
+So führt ein wesentlicher Teil der deutschen Volkssagen, selbst die,
+welche im Volksempfinden am tiefsten wurzeln, auf antike Gestalten
+zurück, als deren Vermittlerin vielfach die Kirche anzunehmen ist.
+
+Es gab keinen altgermanischen Götterhimmel. Walhall ist eine unbewußte
+Nachbildung des Olymp, aber hier ist alles ins Ungewisse, Schwebende,
+ins Grenzenlose geweitet und liegt jenseits aller sinnlichen Plastik
+und Gegenwart. Es gab auch keine allgemein germanischen Götter.
+Jeder der wandernden Stämme hatte seine eignen, wenig bildhaften
+Vorstellungen. Erst christliche Einwirkung hat den Gestalten Odins und
+Baldurs, des Vaters und des Sohnes, ihre mythische Deutlichkeit und
+Vertiefung gegeben.
+
+Die arabische Seele hatte in den Jahrhunderten zwischen Cäsar und
+Konstantin ihren Mythus ausgebildet, jene phantastische Masse von
+Kulten, Visionen und Legenden, die noch heute kaum übersehbar ist,
+Kulte wie die der Isis und des Mithras (der auf syrischem Boden völlig
+umgeschaffen wurde), Evangelien und Apokalypsen in erstaunlicher
+Zahl, die christlichen, neuplatonischen, manichäischen Legenden,
+die himmlischen Engel- und Geisterordnungen der Kirchenväter und
+Gnostiker. In der Christusgestalt der Evangelien sehen wir den Heros
+der früharabischen Epik neben Achilleus, Siegfried und Parzeval. Die
+Szenen von Gethsemane und Golgatha stehen neben den höchsten Momenten
+der hellenischen und germanischen Sage. Diese magischen Konzeptionen
+erwuchsen ohne Ausnahme unter dem Eindruck der sterbenden Antike, die
+ihnen der Natur der Sache nach niemals den Gehalt, um so öfter die Form
+lieh. Es ist kaum zu überschätzen, wieviel Apollinisches umgedeutet
+werden mußte, bevor der altchristliche Mythus die feste Gestalt
+angenommen hatte, die er zur Zeit des Augustinus besaß.
+
+Dasselbe Schauspiel wiederholt die Gotik. Wäre in dieser Epoche das
+magische Christentum nicht schon als fertige Formenwelt in das Fühlen
+der jungen Seele gedrungen, so wäre ohne Zweifel ein völlig neuartiger
+Mythus von strenger Einheit entstanden. Die gotische Architektur weist
+auf die Möglichkeit einer faustischen Götterwelt von gigantischem
+Wurf hin. Indessen wäre es verfehlt, die Edda als Zeichen für das zu
+nehmen, +was+ sich unter Umständen damals hätte bilden können.
+Dies Fragment einer nichtchristlichen abendländischen Religion ist
+dem Christentum +nicht+ voraufgegangen. Das Christentum hat
++keine+ Götterwelt vernichtet; es hat deren Entstehung verhindert.
+Es war da, bevor die Geburt eines spezifisch abendländischen Mythus
+möglich und also notwendig geworden war. Die Gestalten der Edda sind
+erst in seinem Schatten gereift. Das religiöse Empfinden war keineswegs
+in dieser Richtung festgelegt. Tristan, Roland, Parzeval, christliche
+Heroen, besitzen ebensoviel Symbolik und innere Wahrheit wie Siegfried,
+Odin und Loki, die neben ihnen, nicht vor ihnen entstanden. Wenn die
+Götter- und Heldensage eher unter antik-heidnischen Eindrücken Wesen
+gewann, so wird die Rittersage in einem erheblich höheren Grade von
+magischen, christlich-neuplatonischen und sogar islamischen Einflüssen
+beherrscht. Es ist also keine Vermutung darüber möglich, welche Farbe
+und Gestalt der faustische Mythus unabhängig vom Christentum angenommen
+haben würde.
+
+
+9
+
+Der antike Polytheismus besitzt nach allem einen Charakter, der ihn von
+jeder andern, äußerlich verwandten Fixierung eines Weltgefühls streng
+abhebt. Diese Art, Götter, keine Gottheit zu besitzen, war nun einmal
+da, eben in der einzigen Kultur, welche die Statue des nackten Menschen
+als den Inbegriff aller Kunst empfand.
+
+Die Natur, wie sie der antike Mensch um sich fühlte und erkannte,
+konnte in keiner andern Form beseelt, vergöttlicht werden. Der
+Römer fand in dem Anspruch Jehovas, allein zu existieren, etwas
+Atheistisches. +Ein+ Gott war für ihn kein Gott. Von hierher
+schreibt sich die starke Abneigung des gesamten griechisch-römischen
+Volksbewußtseins gegen die Philosophen, soweit sie Pantheisten,
+mithin gottlos waren. Götter sind σώματα der vollkommensten Art und
+zum σῶμα im mathematischen wie im physikalischen, rechtlichen und
+dichterischen Sprachgebrauch gehört die Vielzahl. Der Begriff des ζῷον
+πολιτικόν gilt auch von Göttern; nichts ist ihnen so fremd wie die
+Einsamkeit, das Allein- und Fürsichsein. Man muß hier mathematisch
+und zwar antik-mathematisch denken, um zu begreifen. Es sei noch
+einmal betont: die unzähligen, leibhaften, gegenwärtigen Götter der
+antiken Natur -- das sind die zahllosen möglichen, wohl begrenzten
+Körper der euklidischen Geometrie. Der +eine+ Gott des Abendlandes,
+der die faustische Natur durchdringt, ist der +eine+ grenzenlose Raum
+der analytischen Geometrie. Pythagoras, der in seiner religiösen
+Reform den uralten Demeterkult zu Kroton wieder zu Ehren brachte und
+in diesem Symbol die Heiligung des +Leibes+ aussprach, begründet
+zugleich die Mathematik der Körper, die Idee der Zahl als +Größe+, als
++Maß+. Pascal, der in den _Pensées_ den strengsten Jansenismus, eine
+reine transzendente Idee von Gott und der Erbsünde aufbaute, begründet
+zugleich die Geometrie der reinen Beziehungen: die Projektionslehre.
+
+Es ist von höchster Bedeutung, daß gerade in Hellas die Gestirngötter,
+als _numina_ der Ferne, fehlen. Helios hatte nur auf dem
+orientalisierten Rhodos, Selene überhaupt nie einen Kult. Beide sind
+lediglich, wie schon in der höfischen Poesie Homers, künstlerische
+Ausdrucksmittel, nach römischer Bezeichnung Elemente des _genus
+mythicum_, nicht des _genus civile_. Sie besaßen weder Tempel
+noch Statuen und das, obgleich in Ägypten (Ra) und Babylon (Marduk),
+denen der Hellene so viel entlehnte, der Sonnen- und Gestirndienst
+den Mittelpunkt des Kultus bildete. Die altrömische Religion, in der
+das antike Weltgefühl in besonderer Reinheit zum Ausdruck kommt,
+kennt weder Sonne noch Mond, weder Sturm noch Wolken als Gottheiten.
+Waldesrauschen und Waldeinsamkeit, Gewitter und Meeresbrandung, die
+das Naturgefühl des faustischen Menschen, schon das des Kelten und
+Germanen, völlig beherrschen und seinen mythischen Schöpfungen den
+eigentümlichen Charakter geben, lassen das des antiken Menschen
+unberührt. Nur Konkreta, Herd und Tür, der +einzelne+ Wald und
+das +einzelne+ Feld, dieser Fluß und jener Berg, verdichten
+sich ihm zu Wesen. Man bemerkt, daß alles, was Ferne hat, alles, was
+grenzenlos und unkörperlich wirkt und deshalb den Raum als seiend, als
+göttlich in die gefühlte Natur ziehen würde, vom Mythus ausgeschlossen
+bleibt, wie auch Wolken und Horizonte, die dem Landschaftsgemälde des
+Barock geradezu Sinn und Seele geben, im antiken hintergrundlosen
+Fresko fehlen. Die unbegrenzte Menge antiker Götter -- jeder Baum,
+jede Quelle, jedes Haus, jeder Teil des Hauses sogar ist Gott --
+bedeutet, daß jedes greifbare Ding, deren Summe eben Kosmos heißt,
+zugleich für sich bestehendes Wesen, keines also dem andern funktional
+untergeordnet ist. Die Idee der Moira bringt das selbst den höchsten
+Göttern gegenüber zum Ausdruck. Nicht das Schicksal ist die Gottheit,
+was die attische Tragödie mit unzweifelhafter Deutlichkeit erkennen
+läßt. Da alles Gott ist, so ist das Schicksal die Notwendigkeit, der
+ohne Ausnahme alle Götter unterliegen. Auch Zeus kann dem Verhängnis
+nicht entrinnen, heißt es bei Äschylos. Man erinnere sich der Atome
+Demokrits und der Ananke, die sie planlos durcheinanderwirbelt. Erst
+aus diesem Urgefühl ist das Bild der Olympier entstanden, indem das
+apollinische Bewußtsein aus der Unsumme von Göttern eine plastische
+Gruppe von sinnlich scharf umrissener Individualität heraushob, während
+das abendländische Gefühl den umgekehrten Weg ging und von der farbigen
+Fülle des Mythus, wie ihn die Zeit der Kreuzzüge geschaffen hatte, zu
+der strengen Abstraktheit der protestantischen und tridentinischen
+Gottesvorstellung gelangte, die reine Kraft, reiner Wille ist und sich
+jeder Möglichkeit malerischer Darstellung entzieht.
+
+Dem apollinischen und dem faustischen Naturbilde liegen überall die
+entgegengesetzten Symbole des Dinges und des Raumes zugrunde. Olymp
+und Unterwelt sind von scharfer sinnlicher Bestimmtheit; die Reiche
+der Zwerge, Elben, Kobolde, Walhall und Niflheim -- das alles ist
+irgendwo im Weltraum verloren. In der altrömischen Religion ist
+Tellus mater nicht die „Urmutter“, sondern der handgreifliche Acker
+selbst. Faunus ist +der+ Wald, Volturnus +der+ Fluß, die
+Saat +heißt+ Ceres, die Ernte +heißt+ Consus. _Sub Jove
+frigido_ heißt bei Horaz echt römisch unter kaltem Himmel. Hier wird
+nicht einmal der Versuch einer bildlichen Wiedergabe an der Stätte
+der Verehrung gemacht, denn das hieße den Gott verdoppeln. Noch sehr
+spät lehnt sich der römische Instinkt gegen +Götterbilder+ auf.
+Daß dem Griechen ein entsprechendes Gefühl nicht fremd war, beweisen
+der immer profaner werdenden Plastik gegenüber der Volksglaube und
+die Philosophie. Im Hause ist Janus die Tür als Gott, Vesta der
+Herd als Göttin; die beiden Funktionen des Hauses sind in ihrem
+Gegenstand Wesen, Gott geworden. Hellenische Flußgötter wie Acheloos,
+der als Stier erscheint, sind deutlich als der Fluß selbst, nicht
+etwa als im Flusse wohnend bezeichnet. Die Pane und Satyrn sind die
+als Wesen empfundenen einzelnen, wohlbegrenzten Felder und Triften.
+Dryaden und Hamadryaden +sind+ Bäume. An vielen Stellen wurden
+einzelne, besonders wohlgewachsene Bäume an sich, ohne Namengebung
+verehrt, indem man sie mit Binden und Weihgeschenken schmückte (ein
+Motiv der hellenistischen Landschaftsmalerei). Dagegen besitzen die
+Mahre, Wichte, Zwerge, Hexen, Valkyren und die ihnen verwandten,
+schweifenden Heere der abgeschiedenen Seelen, die nachts „umgehen“,
+nichts von dieser ortsgebundenen Stofflichkeit. Najaden +sind+
+Quellen. Nixen und Alrunen aber, Holzgeister und Elben sind Seelen,
+die in Quellen, Bäume, Häuser nur +gebannt+ sind und erlöst sein,
+wieder frei herumschweifen wollen. Das ist das vollkommene Gegenteil
+einer plastischen, euklidischen Naturempfindung. Die Dinge werden
+hier nur als Räume andrer Art erlebt. Eine Nymphe, eine Quelle also,
+nimmt wohl menschliche Gestalt an, wenn sie einen schönen Hirten
+besuchen will; eine Nixe aber ist eine verwunschene Prinzessin, mit
+Wasserrosen im Haar, die in Mitternächten aus dem See steigt, in dessen
+Tiefe sie wohnt. Kaiser Rotbart sitzt im Kyffhäuser und Frau Venus im
+Hörselberg. Es ist, als ob es nichts Stoffliches, Undurchdringliches
+im faustischen Weltall gäbe. In den Dingen ahnt man andre Welten; ihre
+Dichte, ihre Härte ist Schein und -- ein Zug, der im antiken Mythus
+gar nicht vorkommen könnte, der ihn aufheben würde -- bevorzugten
+Sterblichen wird die Gabe verliehen, durch Felsen und Berge in die
+Tiefe zu schauen. Aber ist das nicht auch die geheime Meinung unsrer
+physikalischen Theorie? Ist eine neue Hypothese nicht immer eine Art
+Springwurzel? Keine andre Kultur kennt so viele Sagen von Schätzen,
+die tief in Bergen und Seen ruhen, von geheimnisvollen unterirdischen
+Reichen, Palästen, Gärten, in denen andre Wesen wohnen. Die ganze
+Substanz der sichtbaren Welt wird vom faustischen Naturgefühl
+verleugnet. Es gibt nichts Erdhaftes mehr, nur der Raum ist wirklich.
+Das Märchen löst die Materie der Natur auf, wie der gotische Stil die
+steinerne Masse seiner Dome, die in einer Fülle von Formen und Linien
+geisterhaft verschwebt, denen keine Schwere mehr anhaftet, die keine
+Grenze mehr kennen.
+
+All diese Geschöpfe sind durch einen +Namen+ gebannte, abgehobene,
+gestaltete Mächte der Natur. Sie stellen dem Gläubigen, der sie als
+gegenwärtig empfindet, deren Wesen dar; sie geben die Beziehungen
+zwischen Natur und Mensch in ihrem freundlichen oder feindlichen
+Verhältnis wieder. Was der unbewußte Mensch in der Natur verehrt,
+zu erforschen, zu gewinnen sucht, das Fremde, erscheint in diesen
+Gebilden leibhaft, göttlich vor seinem Auge. Aber vergessen wir nicht,
+daß diese Natur selbst eine Schöpfung des höheren Menschen und die
+Spiegelung seines Selbst ist, daß es eine Natur als geschautes Ganzes,
+als Makrokosmos, als +Einheit+ des Ausdruckes nur in bezug auf
+einen Kulturmenschen gibt, und daß weder der Wilde noch das Kind eine
+sinnvolle, wohlgeordnete Natur in sich und um sich erleben, jede Kultur
+aber ihre eigne.
+
+Insofern sind diese Wesen vom Fleisch und Blut des Menschen, für den
+sie Wirklichkeit besitzen, reine Schöpfungen seines Herzens, nicht
+seines Verstandes, der erst in den Spätzeiten wie im Barock und
+in der Ionik das wache Bewußtsein und dessen Projektionen auf das
+„Fremde“ beherrscht. Der Mythus ist ein ländliches, die Physik +das
+entsprechende städtische+ Phänomen. Sie verwandelt eine durchseelte
+Welt in ein intellektuelles System, Symbole in Begriffe, Gottheiten in
+Theorien, Ahnungen in Hypothesen.
+
+Der mit steigendem Nachdruck auf somatische Vereinzelung gerichtete
+antike Polytheismus verdeutlicht sich besonders in der Haltung „fremden
+Göttern“ gegenüber. Für den antiken Menschen waren die Götter der
+Ägypter, Phöniker, Germanen, soweit sich mit ihnen eine bildhafte
+Vorstellung verbinden ließ, ebenfalls wirkliche Götter. Die Rede,
+daß sie „nicht existierten“, hat innerhalb dieses Weltgefühls keinen
+logischen Sinn. Der Grieche verehrt sie, wenn er mit ihrem Lande in
+Berührung kommt. Die Götter sind wie eine Statue, eine Polis, ein
+euklidischer Körper an den Ort gebunden. Sie sind Wesen der Nähe,
+nicht des allgemeinen Raumes. So gut Zeus und Apollo zurücktreten,
+wenn man sich etwa in Babylon aufhält, so gut hat man die dort
+heimischen Götter nun +besonders+ zu achten. Diese Bedeutung
+haben die Altäre mit der Aufschrift „Den unbekannten Göttern“ -- der
+Paulus in der Apostelgeschichte eine so bezeichnend mißverständliche,
+magisch-monotheistische Deutung gibt. Es sind die Götter, welche der
+Grieche dem Namen nach nicht kennt, die aber von den Fremden in den
+großen Häfen, im Piräus oder in Korinth etwa, verehrt werden und denen
+er deshalb Achtung zollt. Mit klassischer Deutlichkeit offenbart dies
+das römische Sakralrecht und die streng bewahrten Anrufungsformeln
+z. B. der _generalis invocatio_. Da das Universum die Summe der
+Dinge ist und Dinge Götter sind, so werden auch alle Götter als solche
+anerkannt, mit denen der Römer praktisch-historisch noch nicht in
+Beziehungen getreten ist. Er kennt sie nicht oder sie sind die Götter
+seiner Feinde, aber sie +sind+ Götter, weil das Gegenteil nicht
+vorstellbar ist. Das ist der Sinn jener sakralen Wendung bei Livius
+(VIII, 9, 6): _di quibus est potestas nostrorum hostiumque_.
+Das römische Volk gesteht, daß der Kreis +seiner+ Götter nur
+augenblicklich begrenzt ist und will durch diese Formeln am Ende des
+Gebets, nachdem die eigenen Götter mit Namen aufgezählt sind, den
+Rechten der andern nicht zu nahe treten. Nach dem Sakralrecht geht
+mit der Besitzergreifung fremden Landes die ganze Summe religiöser
+Verpflichtungen, die an diesem Gebiete und dessen Gottheiten haftet,
+auf die Stadt Rom über -- das ist die logische Konsequenz des
++additiven+ antiken Gottgefühls. Daß mit der Anerkennung der
+Gottheit die der Formen ihres Kultus durchaus nicht gleichbedeutend
+war, beweist der Fall der Magna Mater von Pessinus, die im zweiten
+punischen Kriege auf Grund einer sibyllinischen Weissagung in Rom
+rezipiert wurde, während ihr höchst unantik gefärbter Kultus -- der von
+miteingewanderten Priestern aus ihrer Heimat ausgeübt wurde -- unter
+strenger polizeilicher Aufsicht stand, und nicht nur römischen Bürgern,
+sondern selbst deren Sklaven der Eintritt in die Priesterschaft bei
+Strafe untersagt war. Mit der Aufnahme der Göttin war dem antiken
+Weltgefühl Genüge getan, mit der persönlichen Ausübung ihres dem Römer
+verächtlichen Kultus wäre es aber verletzt worden. Das Verhalten
+des Senats ist in solchen Fällen entscheidend, während das Volk bei
+der zunehmenden Vermischung mit östlichen, namentlich semitischen
+Völkerschaften an diesen Kulten Geschmack fand und die römischen
+Heere der Kaiserzeit infolge ihrer Zusammensetzung sogar einer der
+wichtigsten Träger des magischen Weltgefühls geworden sind.
+
+Von hier aus wird der Kult vergötterter Menschen als ein
++notwendiges+ Element innerhalb dieser religiösen Formenwelt
+verständlich. Aber man hat scharf zwischen antiken und den
+oberflächlich ähnlichen orientalischen Erscheinungen zu unterscheiden.
+Der römische Kaiserkult, d. h. die Verehrung des Genius des lebenden
+Prinzips und die der verstorbenen Vorgänger als Divi, ist bisher
+mit der zeremoniellen Verehrung des Herrschers in vorderasiatischen
+Reichen, vor allem in Persien,[118] und noch mehr mit der späteren ganz
+anders gemeinten Vergötterung der Khalifen, die schon bei Diokletian
+und Konstantin in voller Ausbildung erscheint, vermengt worden. In der
+Tat handelt es sich hier um sehr verschiedene Dinge. Mag im Osten die
+Verschmelzung dieser symbolischen Formen dreier Kulturen einen hohen
+Grad erreicht haben, in Rom ist der antike Typus unzweideutig und rein
+verwirklicht worden. Schon einige Griechen wie Sophokles und Lysander,
+vor allem Alexander, wurden nicht nur von Schmeichlern als Götter
+ausgerufen, sondern vom Volkstum in einem ganz bestimmten Sinne als
+solche empfunden. Von der Göttlichkeit eines Dinges, eines Hains, einer
+Quelle, endlich einer Statue, die den Gott repräsentiert -- man denke
+an die tiefe Wirkung des Hermokopidenfrevels auf das athenische Volk
+und auf den Ausgang des Peloponnesischen Krieges -- bis zu der eines
+hervorragenden Menschen, der erst Heros und dann Gott wird, ist nur ein
+Schritt. Man verehrte im einen wie im andern die vollkommene Gestalt,
+in der die Weltsubstanz, das an sich Nichtgöttliche, sich verwirklicht
+hatte. Hier ist an den attischen Begriff der Kalokagathia zu denken.
+Die schöne, sichtbar vollendete Gestalt war das Göttliche, also war es
+in der machtvollen Erscheinung des Cäsar für das Auge des Römers im
+höchsten Maße unmittelbar gegenwärtig. Bestand in jedem Hause ein Kult
+des _genius_, der Zeugungskraft des Hausherrn, so verehrte man
+hier, im _genius principis_, die Lebenskraft der Stadt als eines
+Gesamtkörpers. Eine Vorstufe war der Konsul am Tage seines Triumphes.
+Er trug hier die Rüstung des kapitolinischen Juppiter, und in der
+älteren Zeit waren Gesicht und Arme mit roter Farbe bestrichen, um die
+Ähnlichkeit mit der Terrakottastatue des Gottes, dessen _numen_
+sich in diesem Augenblick in ihm verkörperte, zu erhöhen.
+
+Äußerst charakteristisch ist für das hier waltende Urgefühl der
+bizarre Gegensatz zur Vergöttlichung des Cäsars (die im Grunde eine
+Einbeziehung der Götter als Personen in die römische Menschheit
+bedeutet); die im römischen Recht stets aufrecht erhaltene
++Strafbarkeit der Tiere+ (nicht ihrer Besitzer) für Vergehen,
+welche bei Menschen strafbar sind. Als Körper, σώματα, gehören die
+Tiere also ebenso wie die Götter der Gemeinschaft lebender Körper,
+dargestellt im Staate, an. Man kann sagen, daß in dieser Skala der
+Heros, der Cäsar als Übergang nach oben, der Sklave als der nach unten
+empfunden wurde. Zwischen ihnen liegt der Bereich des ζῷον πολιτιχόν,
+des eigentlichen antiken Menschen, der Rechte +und+ Pflichten
+hat. Der Sklave hat keine +Rechte+ mehr. Er ist, griechisch
+gesprochen, ἀπρόσωπος, keine Person, obwohl nicht ἀσώματος. Er besitzt
+einen Leib, aber keine Bedeutung. Er ist nicht Bürger. Der Heros ist
+es auch nicht mehr, aber insofern er über +Pflichten+ erhaben
+ist. Hier liegen die Grenzen der Polis hinsichtlich der ihr aktiv
+zugehörenden Körper (σώματα πόλεως). Erst so begreift man, was der
+antike Mensch +Staat+ nennt. Folgerichtig ist -- was für die
+Haltung der Christen wesentlich wurde -- das Majestätsverbrechen eine
+Art Gottfrevel, das Verbrechen gegen den Sklaven eines andern eine Art
+Sachbeschädigung.
+
++Der Kaiserkult ist die letzte religiöse Schöpfung des antiken
+Volkstums+, soweit es nicht durch östliche Elemente in seinen
+Instinkten gebrochen war. Man hat die Echtheit dieses Gottgefühls
+sehr ernst zu nehmen. Daß die römischen Massen die Abstammung Julius
+Cäsars, eines tiefen Skeptikers, von der Venus als etwas Wesentliches
+empfanden, hat auf die Throngeschichte des julisch-claudischen Hauses
+entscheidend eingewirkt. Der Kult des Genius Augusti mit einem streng
+geregelten Opferdienst, während gleichzeitig der Princeps selbst
+innerhalb der Mauern Roms beinahe das Dasein einer distinguierten
+Privatperson führte, ist nur aus dem Weltgefühl der apollinischen
+Seele zu begreifen. Sein intellektueller Gegensatz ist der
++gelehrte+, dem Gehalt nach durchaus irreligiöse Stoizismus als
+die Weltanschauung der patrizischen Elemente, wie etwa jenes Scaevola,
+der als höchster Priester Roms die Götterverehrung nur aus Gründen der
+Staatsraison brauchbar befand. Hier steht Instinkt gegen Intellekt,
+Glaube gegen Wissen, und zwar in politischer Verkleidung als Demokratie
+und Aristokratie. Die beiden ewigen Inkarnationen des antiken Seins,
+Athen und Sparta, Tyrannis und Oligarchie, Plebs und Senat, Cäsar und
+Pompeius, Prinzipat und Republik, stehen hier zum letzten Male einander
+gegenüber im Kult des Divus Julius und dem aus Opposition dagegen
+gepflegten, von Lucanus in seiner Pharsalia angedeuteten Kult Catos,
+des vornehmen Republikaners. Die gesamte blutige Geschichte der frühen
+Kaiserzeit findet hier ihre Deutung. Man hat den Kult Cäsars von der
+geflissentlichen Verehrung seines Mörders, des +Patriziers+ Brutus
+oder der Catos wohl zu unterscheiden. Jener ist eine +Religion+,
+die letzte der antiken Kultur, die damals starb; diese ist eine
+theoretische, tendenziöse, nichts weniger als religiöse Schwärmerei
+der gebildeten Kreise. Tacitus hat als ihr Mitglied, als verkappter
+Stoiker, den Prinzipat der Cäsaren beurteilt. Je schärfer er richtet,
+desto populärer war der Verurteilte. Nero ist der Abgott des Volkes auf
+Generationen hinaus gewesen. Jeder Angriff auf den Princeps und seinen
+Kult traf den religiösen Instinkt der Massen.
+
+An früherer Stelle war das paulinische Christentum als die Herübernahme
+einer früharabischen Religion in die antike Form der stoischen
+Diatribe bezeichnet worden. Daraus erklärt sich das Phänomen der --
+auf die Stadt Rom beschränkten -- Christenverfolgungen durch Nero
+und Domitian. Sie richten sich in Wahrheit +gegen die Stoa+ als
+den intellektuellen Ausgangspunkt aller Verschwörungen zum Sturz des
+Prinzipates. +Weil+ Paulus das Christentum in den weltstädtischen
+Stoizismus hineingeleitet hatte, der, allerdings in einer exklusiven,
+katonischen Gestalt, die Weltanschauung des Patriziats geworden war,
+weil seine Ablehnung des Divuskultes mit der aus ganz anderen Gründen
+erfolgten der Senatspartei zusammenfiel, war das antike Empfinden des
+Demos in der einzigen Form der Götterverehrung verletzt, die in ihm
+noch lebendig war. Mochte Tacitus als Philosoph das Christentum mit den
+übrigen orientalischen Kulten als _foeda superstitio_ verachten,
+so sind doch die Philosophen Helvidius Priscus und Thrasea von Nero aus
+dem gleichen Motiv wie die Christen hingerichtet worden.
+
+In dem welthistorischen Worte: Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist und
+Gott, was Gottes ist, das dem Christus der Evangelien in den Mund
+gelegt ist, treten antikes und arabisches Gottbewußtsein in vollster
+Schärfe und mit der Notwendigkeit gegenseitigen Mißverstehens einander
+gegenüber. Ein Ausgleich zwischen dem streng euklidischen, beinahe
+posthumen Divuskult und dem ganz jungen, magisch-monotheistischen
+Christentum war aber schon durch die Kulturstufe, die beide
+voraussetzen, dort ein Ende, hier ein Anfang, unmöglich.
+
+
+10
+
+In den ersten Generationen der Kaiserzeit löst sich der antike
+Polytheismus, ohne daß in vielen Fällen an der äußeren, kultischen
+oder sakralrechtlichen Form etwas geändert worden wäre, in den
+magischen Monotheismus auf. Eine neue Seele war erschienen und sie
+erlebte die verjährten Formen anders. Die Namen bestanden fort, aber
+sie deckten andre _numina_. Alle sogenannten spätantiken Kulte
+der Isis und Kybele, des Mithras, Sol, Serapis, Hermes sind nicht
+mehr die Verehrungen ortsgebundener, plastisch greifbarer Wesen. Der
+attische Hermes war der Gott einer Stadt gewesen, in der seine Statue
+als Zeichen seines Wohnsitzes stand; der Hermes des alexandrinischen
+Kultes ist ein geistiges Prinzip, das vom Euphrat bis zum Rhein überall
+angerufen werden konnte. Der Zeus der Perikleszeit war in jeder Stadt,
+wo er einen Tempel besaß, ein andrer. Der Zeus von Dodona war mit
+dem Zeus von Olympia nicht identisch. So wenig sich diese Auffassung
+logisch exakt darstellen läßt, so logisch wirkte sie dennoch auf den
+religiösen Instinkt. Man war in Rom weit entfernt, den Juppiter Omnium
+Maximus mit einem der andern, etwa dem Juppiter Victor oder Feretrius
+zu vermengen, aber die vielen sehr verschiedenartigen Gottheiten der
+frühchristlichen Zeit wurden als ein und dasselbe Wesen empfunden,
+nur daß jeder Anhänger eines einzelnen Kultes überzeugt war, es in
+seiner wahren Gestalt zu kennen. In diesem Sinne sprach man von der
+„millionennamigen Isis“. Bis dahin waren die Namen Bezeichnungen
+ebensovieler körperhafter Götter gewesen, jetzt sind sie +Titel+
+des einen, den jeder meint.
+
+Der magische Monotheismus offenbart sich in allen religiösen
+Schöpfungen, die vom Osten aus das Imperium erfüllen, in den Kulten
+der alexandrinischen Isis, des von Aurelian bevorzugten Sonnengottes
+(des Baal von Palmyra), des von Diokletian beschützten Mithras,
+dessen persische Gestalt in Syrien völlig umgeprägt worden war, der
+von Septimius Severus verehrten Baalath von Karthago (Tanith, Dea
+caelestis), die sämtlich nicht mehr in antiker Weise die Zahl der
+konkreten Götter additiv vermehren, sondern sie im Gegenteil in einer
+der bildhaften Darstellung sich mehr und mehr entziehenden Weise in
+sich aufnehmen. Das ist Alchymie an Stelle der Statik. Dem entspricht
+es, daß an Stelle des Bildes gewisse Symbole, der Stier, das Lamm, der
+Fisch, das Dreieck, das Kreuz in den Vordergrund treten. „_In hoc
+signo vinces_“ -- das klingt nicht mehr antik. Hier bereitet sich
+die Abkehr von der menschendarstellenden Kunst vor, die später im Islam
+und in Byzanz zum Bilderverbot führte. Die namentlich in der bildenden
+Kunst und der höheren Poesie Roms beliebte, niemals ins Volksbewußtsein
+gedrungene Angleichung antiker Gottheiten wie die von Aphrodite und
+Venus, von Neptunus und Poseidon, die naive Art, fremde Götter durch
+Gleichsetzung mit heimischen sich verständlich zu machen (so den
+germanischen Donar mit Herkules), hat mit dieser +spirituellen+
+Verschmelzung von Gottheiten nichts zu tun. Was die Religionsforschung
+heute als Synkretismus bezeichnet, ein Phänomen, das sich deutlich als
+Auflösung des statisch-plastischen Gottgefühls, also negativ abhebt,
+ist positiv gefaßt nichts als die Heraufkunft des magischen Gefühls.
+Es ist das einem anderen +Naturbilde+ zugrunde liegende Prinzip,
+das auch die Mächte dieser Natur anders faßt. Der arabische Mensch
+erlebt +die+ eigene und einzige, das All erschöpfende Gottheit
+als die primäre Substanz; alle andern besitzen nur als ihre Namen oder
+Erscheinungsformen Geltung.
+
+Bis auf Trajan herab, als auf griechischem Boden längst der letzte
+Hauch apollinischen Weltgefühls verschwunden war, besaß der römische
+Staatskult die Kraft, die additive Tendenz während der fortgesetzten
+Vermehrung der Götterwelt zu wahren. Die Gottheiten der unterworfenen
+Länder und Völker erhalten in Rom eine anerkannte Kultstätte,
+Priesterschaft und Ritual, während sie selbst als genau abgegrenzte
+Individuen neben die Götter der Vergangenheit treten. Von da an siegt
+auch an dieser Stelle, trotz eines ehrwürdigen Widerstandes, der seinen
+Sitz in der kleinen Zahl uralter Patrizierfamilien hat, der magische
+Geist; die Göttergestalten schwinden als solche, als Körper, aus dem
+Bewußtsein, um einem transzendenten Gottgefühl Platz zu machen, das
+nicht mehr auf dem unmittelbaren Zeugnis der Sinne beruht, und die
+Bräuche, Feste und Legenden verfließen ineinander. Als Caracalla 217
+den sakralrechtlichen Unterschied zwischen römischen und fremden
+Gottheiten aufhob (wie er auch durch Erteilung des Bürgerrechtes an
+alle Reichsbewohner die antike Idee der Polis endgültig beseitigte),
+womit tatsächlich Isis die erste, alle älteren _numina_ umfassende
+Gottheit Roms und damit die gefährlichste Feindin des Christentums
+wurde, die sich den Todhaß der Kirchenväter zuzog, war Rom ein Stück
+Orient, eine religiöse Dependenz Syriens geworden. Damals beginnen
+die Baale von Doliche, Petra, Palmyra, Emesa zum Monotheismus des Sol
+zu verschmelzen, der später als Gott des Reiches in seinem Vertreter
+Licinius von Konstantin besiegt wurde. Es handelt sich damals nicht
+mehr um antik oder magisch -- das Christentum konnte den hellenischen
+Göttern sogar eine Art ungefährlicher Sympathie entgegenbringen --,
+sondern darum, welche der magischen Religionen der damaligen Welt
+die geistige Form geben sollte. Man findet diesen Prozeß der Abnahme
+des plastischen Empfindens sehr deutlich in den Entwicklungsstufen
+des Kaiserkultes, wo zuerst der verstorbene Kaiser als Divus durch
+Senatsbeschluß in den Kreis der Staatsgötter aufgenommen wird -- als
+erster der Divus Julius 42 v. Chr. -- und eine eigne Priesterschaft
+erhält, so daß von nun an sein Bild bei Familienfesten nicht mehr unter
+den Ahnenbildern vorangetragen wird; wo dann von Mark Aurel an keine
+neue Priesterschaft mehr für den Dienst konsekrierter Kaiser entsteht,
+bald darauf auch kein neuer Tempel mehr geweiht wird, weil ein
+allgemeines _templum divorum_ dem religiösen Gefühl hinreichend
+erscheint und die Bezeichnung Divus endlich sich in einen +Titel+
+der Mitglieder des Kaiserhauses verwandelt. Dieser Ausgang bezeichnet
+den Sieg des magischen Gefühls. Man wird finden, daß die Häufung von
+Namen in Weihinschriften, etwa Isis-Magna Mater-Juno-Astarte-Bellona
+oder Mithras-Sol invictus-Helios schon längst den Charakter des Titels
+einer alleinexistierenden durchgeistigten Gottheit angenommen hat.[119]
+
+
+11
+
+Das Problem des Atheismus ist für den Psychologen einstweilen noch
+_terra incognita_. Soviel über +den+ Atheismus schlechtweg,
+d. h. ein in seinen letzten Gründen und seelisch-historischen
+Bedingungen gar nicht verstandenes Phänomen geschrieben und räsoniert
+worden ist, gleichviel ob im Stile des „vorgeschrittenen“ Menschen,
+im idealen Falle des freigeistigen Märtyrers, oder im Stile des
+Kulturmenschen, im äußersten Falle des gläubigen Zeloten: von Nuancen
+des Atheismus, von der Analyse einer +einzelnen, bestimmten+
+Erscheinungsform des Atheismus in ihrer Fülle und Notwendigkeit, ihrer
+starken Symbolik, ihrer zeitlichen Beschränktheit hat man nie gehört.
+
+Der Atheismus -- ist er eine apriorische Struktur des Weltbewußtseins
+oder eine wahlfreie Vorstellung? Und zieht das Gefühl von einem
+entgötterten Kosmos auch das Wissen davon, daß „der große Pan tot
+ist“, nach sich? Gibt es einen unbewußten Atheismus? Gibt es frühe
+Atheisten, etwa in der dorischen oder gotischen Zeit? Gibt es jemand,
+der sich mit Leidenschaft, aber mit Unrecht als Atheisten bezeichnet?
+Und kann es zivilisierte Menschen geben, die es +nicht+ sind,
+nicht ganz wenigstens?
+
+Daß zum Wesen des Atheismus, wie schon die Wortbildung in sämtlichen
+Sprachen verrät, der Charakter der Negation gehört, daß er den Verzicht
+auf eine seelische Bildung, die ihm also voraufgeht, bedeutet und nicht
+etwa den positiven Akt einer ungebrochenen Gestaltungskraft, steht
+fest. Aber was wird da verneint? In welcher Weise? Und von wem?
+
+Ohne Zweifel ist der Atheismus, richtig verstanden, der notwendige
+Ausdruck eines in sich vollendeten, in seinen religiösen Möglichkeiten
+erschöpften, dem Anorganischen verfallenden Seelentums. Er verträgt
+sich sehr wohl mit dem lebhaften und sehnsüchtigen Bedürfnis nach
+echter Religiosität[120] -- darin aller Romantik verwandt, die
+ebenfalls etwas unwiderruflich Verlornes, die Kultur nämlich, wieder
+heranziehen möchte -- und er kann seinem Träger sehr wohl unbewußt
+sein, eine Gestalt seines Fühlens, die nie in die Konventionen seines
+Denkens eingreift, die seiner Überzeugung sogar widerspricht. Man
+begreift das, wenn man einsieht, weshalb der fromme Haydn Beethoven
+einen Atheisten nannte, nachdem er Musik von ihm gehört hatte. Die
+Notwendigkeit für Beethoven, die große musikalische Form des Barock zu
+verletzen, um innerlich wahr zu sein, der tiefe Widerspruch zwischen
+seinem persönlichen Wollen und dem der bereits hinter ihm liegenden
+Kultur besagt dasselbe. Beethoven war Romantiker und romantische
+Religiosität ist, in Alexandria wie im Kreise der Schlegel und Tieck,
+die feinste Form eines heimlichen Atheismus. Man darf sagen, daß ein
+faustischer Mathematiker, der nicht „fromm“ ist, wie Pascal, Leibniz,
+Newton, Gauß waren, ein ausgezeichneter Organisator der Materie seiner
+Wissenschaft und Entdecker wichtigster Sätze sein kann, daß er aber
+zur Vertiefung der +Idee+ der analytischen Zahl nichts beitragen
+wird, weil er sie nicht in sich fühlt, sondern nur außer sich erkennt,
+sie nur als Element einer Ordnung, nicht einer Schöpfung besitzt. Der
+Atheismus gehört zum zivilisierten Menschen, insofern eine Zivilisation
+der „Erdenrest“ einer erloschenen Kultur ist. Wir werden das noch
+kennen lernen. Er gehört zur großen Stadt; er gehört zum „Gebildeten“
+der großen Städte, der sich mechanisch aneignet, was seine Vorfahren,
+die Schöpfer seiner Kultur, organisch erlebt haben. Aristoteles
+ist, vom antiken Gottgefühl aus, Atheist, ohne es zu wissen. Der
+hellenistisch-römische Stoizismus ist es so gut wie der Sozialismus und
+Buddhismus der westeuropäischen und indischen Modernität. Ein typisch
+atheistischer Zustand ist es, aus dem heute die „freireligiösen“
+humanen Bewegungen hervorgehen, die einen großen Teil des städtischen
+Protestantismus umfassen -- beim ehrlichsten Gebrauch des Wortes „Gott“.
+
+Bedeutet dies späte und abschließende Phänomen aber die Verneinung des
+religiösen Moments in uns, so ist es in jeder Zivilisation von andrer
+Struktur. Es gibt keine Religiosität ohne eine ihr +allein+ zugehörige,
+gegen sie +allein+ gerichtete atheistische Auflehnung. Es gibt einen
+antiken, arabischen, abendländischen Atheismus, die untereinander nach
+Sinn und Gehalt völlig verschieden sind. Nietzsche hat den einen, den
+dynamischen -- etwas post festum --, dahin formuliert, daß „Gott tot
+ist“. Ein antiker Philosoph hätte den andern, statisch-euklidischen,
+damit bezeichnet, daß „die Götter tot sind“. Das eine bedeutet die
+Entgötterung des unendlichen Raumes, das andre die der unzähligen
+Dinge. Sie waren bis dahin -- man denke an das Tiefenerlebnis und
+seine Bedeutung für das Erwachen des Innenlebens -- Symbole gewesen,
+letzte Formelemente einer +lebendigen+ Natur; sie sind jetzt bloße
+Tatsachen der mechanischen Ausgedehntheit. Der +tote+ Raum und die
++toten+ Dinge sind die Objekte der verstandesmäßigen Physik. Mit einem
+richtigen Gefühl pflegt der Sprachgebrauch Weisheit und Intelligenz
+zu unterscheiden, als einen frühen und späten, bäuerlichen und
+großstädtischen Zustand des Geistes. Intelligenz ist das Komplement zu
+einer mechanischen Weltanschauung. Niemand würde Heraklit oder Meister
+Eckart eine Intelligenz nennen, aber Sokrates und Rousseau sind
+intelligent, nicht „weise“. In diesem Worte liegt etwas Anorganisches;
+es verrät den Beigeschmack von Atheismus. Nur vom Standpunkte des
+Stoikers und Sozialisten, des typisch irreligiösen Menschen, ist der
+Mangel an Intelligenz etwas Verächtliches.
+
+Der apollinische Mensch kann +die+ Götter leugnen, der faustische
+und der magische Mensch leugnet Gott. Aber dieser Akt vollzieht sich
+in sehr verschiedenen Formen. Er kann in bewußtem und unbewußtem
+Verhalten, im Zweifel und in der Verzweiflung, im theoretischen Angriff
+und praktischem Aus-dem-Wege-gehen liegen. Das sinnlich-euklidische
+Göttertum, durch das die einzelnen Dinge geheiligt sind, verleugnet man
+schon durch die Neigung zum monotheistischen Isis- oder Mithraskult.
+Noch einmal: Ein Gott ist für das antike Empfinden kein Gott. Dem Römer
+galten alle südarabischen Religionen samt dem Christentum -- mit ihrer
+gemeinsamen, wenn auch kultisch noch so verhüllten Formel „Allah il
+Allah“ -- als atheistisch dem antiken Gottgefühl gegenüber und er hat
+sie verfolgt. Hier ist das Wesen der Toleranz verständlich zu machen.
+
+Solange man diese Erscheinung vom Standpunkte des Für und Wider
+betrachtet, wird man für das Wesentliche blind sein. Einfältige
+Leute lieben es, die antike Toleranz gegen die christliche Toleranz
+auszuspielen. Aber das Wort Toleranz besagt an sich gar nichts. Erst
+das Warum, Wogegen und Wofür entscheidet alles. Wer z. B. die hinter
+dem Worte Liberalismus schlecht verhehlte +Gleichgültigkeit+ gegen
+religiöse Dinge, die dem einen nichts mehr bedeuten und die deshalb
+auch dem andern nichts bedeuten sollten, für Toleranz nimmt und mit
+jenem tiefsymbolischen Akte der Aufnahme der _di peregrini_
+in den römischen Staatskult gleichsetzt, verdient als gelehrter
+Flachkopf keine Widerlegung. Im wesentlichen ist niemand tolerant,
+sofern man darunter einen wirklichen Verzicht, nicht eine positive
+Äußerung religiöser Gestaltungskraft versteht. Eben darauf beruht das
+Symbolische jeder Toleranz, die allein von gläubigen Menschen, nie
+von der „Intelligenz“, von einer Kultur, nicht von einer Zivilisation
+ausgeht.
+
+Der antike Kosmos als Summe leibhafter, gleichmäßig göttlicher Dinge
+forderte nicht nur die Duldung, sondern die tätige Anerkennung
+sämtlicher fremden Götter, soweit sie überhaupt als Dinge in höherem
+Sinne gelten konnten. Solange man Jehova, Christus und Mithras
+als Tagesgestalten von der Substanz eines Apollo oder Mars nahm,
+glaubte man an sie. Alexander Severus hatte die Bilder von Osiris,
+Christus, Abraham, Alexander dem Großen und Orpheus in seiner
+Privatkapelle aufgestellt. Als abstrakte Geister mit dem Anspruch auf
+Alleingültigkeit reizten sie zu Verachtung und Zorn. Und hier hatte die
+antike Duldung ein Ende. Hier stand das eigene Gottgefühl in Frage.
+
+Der Logos der stoischen Lehre, so gewiß er im Verlaufe der
+vorsokratischen Philosophie sich aus der Tiefe des apollinischen
+Götterbewußtseins herausgebildet hatte, war unter den Händen der
+sophistischen Intelligenz zuletzt die +Inkarnation des antiken
+Atheismus+, der formgewordne Widerspruch gegen die plastische
+Götterwelt geworden. Es entstand wie in jeder andern Kultur eine
+Todfeindschaft zwischen der Religion der Väter und der kühlen,
+weltbürgerlichen, das All entseelenden Philosophie der Modernität. Es
+ist kein Zufall, daß an diese Idee vom einen Logos alle früharabischen
+Spekulationen, allen voran die des Johannesevangeliums und die Plotins,
+angeknüpft haben. Was dem antiken Menschen der Inbegriff des Atheismus
+war, das bezeichnete gerade den Geltungsbereich des Göttlichen im
+magischen Weltbewußtsein.
+
+Aber ebenso besteht zwischen dem Deismus des 18. Jahrhunderts, dem
+Voltaires, Goethes, Kants, und dem Atheismus des 19. kein Gegensatz und
+nicht einmal eine wesentliche Distanz. Der faustische Gott gleicht dem
+Symbol des einen absoluten Raumes. Die Intelligenz der Zeit Rousseaus
+schloß folgerichtig, nicht daß die Götter der andern Völker ebenfalls
+von unanfechtbarer Existenz seien, sondern daß jedermann, unter welcher
+Form auch immer, sei es auch unter einer polytheistischen, ja nur den
+einen, abstrakten, faustischen Gott meinen und verehren könne. Das
+ist der Gegensatz von kultischer und dogmatischer Religiosität. Der
+antike, ahistorische Mensch übt die Kulte der fremden Götter aus, der
+abendländische, der geborne Historiker, ist Psycholog: er „versteht“
+die Überzeugung des andern. Hier ist die Quelle einer ganz anders
+gearteten Toleranz, die ihren höchsten Ausdruck in Lessings Nathan
+gefunden hat, tief und vornehm, solange sie wie bei Goethe noch aus
+einem lebendigen Gottgefühl hervorging, eine Farce, wenn sie nichts als
+die moderne Irreligion decken sollte. Aber je bewußter diese Idee von
+Gott gefaßt wurde, desto ähnlicher mußte sie dem zugehörigen Atheismus
+werden. Die Sublimierung der Idee in den großen romantischen Systemen
+ist in der Tat, ohne daß es Hegel, Fichte und den andern je zum
+Bewußtsein gekommen wäre, das Verschwinden des letzten Unterschiedes
+zwischen Gott und Raum, das völlige Verschwinden des lebendigen
+Gehaltes aus der abstrakten Idee. Pantheismus und Atheismus sind
+zuletzt nur noch Wortdifferenzen. Schopenhauer war +bewußter+
+Atheist, aber Oken hat mit der ganzen Bizarrerie eines Romantikers (man
+denke an Ähnliches bei Novalis) Gott = ±0 gesetzt, und er empfand das
+durchaus als den Ausdruck eines echten Gottgefühls.
+
+Diese Zusammenhänge sind unendlich wichtig, denn sie erklären die
+Heraufkunft der Physik am Ende einer Kultur und ihre wachsende Tyrannei
+über den späten, städtischen Geist -- das groteske Phänomen einer
+„naturwissenschaftlichen Weltanschauung“. Sie erklären aber auch den
+vorbestimmten Entwicklungsgang einer jeden Physik, die auf dem Wege zur
+reinen archimedischen Statik oder reinen modernen Dynamik immer weniger
+seelenhaft, immer intellektueller, immer atheistischer wird. Insofern
+besteht eine natürliche Verwandtschaft zwischen jeder gereiften Physik
+und der Religion, aus deren intuitiver Weltform sie ursprünglich
+hervorgegangen ist. Jede „moderne Weltanschauung“ ist Physik, in Zahlen
+und Begriffe gebrachter Pantheismus. Wie stark der mythenbildende Trieb
+selbst einer späten Seele ist, sieht man an ihrer letzten Schöpfung,
+der physikalischen Mythologie, wo der wissenschaftliche Geist ihrem
+Zwecke dienstbar gemacht wird. Jede Atomlehre ist ein Mythus, die
+kinetische Gastheorie ist es so gut wie die Edda. Ob ein Skalde oder
+ein Gelehrter das Medium ist, ist eine Frage des +Stadiums+.
+
+Jedes lebendige Seelentum ist religiös, hat Religion, ob es sich dessen
+bewußt ist oder nicht. Daß es überhaupt da ist, daß es wird, sich
+entwickelt, sich erfüllt, +ist+ seine Religion. Es steht ihm nicht
+frei, irreligiös zu sein. Es ist ihm nur möglich, wie im mediceischen
+Florenz mit dem Gedanken daran zu spielen. Der Mensch der Weltstädte
+aber ist irreligiös. Das gehört zu seinem Wesen, das bezeichnet seine
+historische Erscheinung. Er mag aus der schmerzlichen Empfindung
+einer inneren Leere und Armut noch so ernstlich religiös sein wollen,
+er kann es nicht. Alle weltstädtische Religiosität beruht auf
+Selbsttäuschung. Daß in der späten Kaiserzeit eine echte Religiosität
+sich in Rom verbreitete, beweist, daß unter der Kruste der erloschenen
+Antike bereits ein neues Menschentum lebendig war. Der Römer zur Zeit
+Aurels, nur rechtlich und sprachlich, nicht seelisch mehr Ausdruck des
+antiken Seins, lebte in der Riesenstadt, als sei sie Land. Rom war nur
+scheinbar, materiell noch Weltstadt; innerlich gewogen war es eine
+altgewordne, entseelte Häusermasse, in der eine fremde Bevölkerung
+bäuerlich-dumpf und in primitiven Lebensformen hauste. Dem entsprach
+eine durchaus frühmenschlich-naive Religiosität.
+
+Inzwischen hatte sich die +Form+ der Religiosität verwandelt. Für
+den apollinischen Menschen offenbarte sich das Wesen seiner Religion im
+sinnlich-plastischen Kultus. Er besaß weder mystische Geheimnisse noch
+ein bindendes Dogma. Die eleusinischen Mysterien waren kein Geheimkult.
+Was den Eingeweihten verboten war -- und schließlich war jeder
+eingeweiht, der es wünschte --, war die +Profanation+ der heiligen
+Handlungen, also eben die Entweihung des +sinnlichen+ Elements.
+Äschylus wurde angeklagt, weil er die Tracht der Eleusispriester
+zum Kostüm der attischen Szene gemacht hatte. Der faustischen
+Seele aber war das transzendente Dogma wesentlich, nicht der Kult.
+Gottlos war für sie die Auflehnung gegen eine Lehre; hier begann der
+Begriff der Ketzerei. Diese Religion konnte ihrer Natur nach keine
++Gewissensfreiheit+ gestatten -- das widerspricht der Dynamik,
+dem Machtwillen über die Seelen. Darin macht auch das Freidenkertum
+keine Ausnahme. Auf den Scheiterhaufen folgte die Guillotine, auf das
+Verbrennen der Bücher ihr Totschweigen. Es gibt unter uns keine Partei
+ohne Neigung zur Inquisition in irgendeiner Form. Gottlos aber war für
+die Antike eine Verachtung des Kultus -- ἀσέβεια im wörtlichen Sinne
+-- und hier duldete die apollinische Religion keine +Freiheit des
+Verhaltens+. Damit war in beiden Fällen eine Grenze der Toleranz
+gezogen, welche das Gottgefühl forderte und welche es verbot.
+
+In diesem Punkte nun stand die spätantike Philosophie die
+sophistisch-stoische Theorie (nicht die stoische Weltstimmung) dem
+religiösen Empfinden entgegen, und hier war das Volk von Athen --
+desselben Athens, das auch noch den „unbekannten Göttern“ Altäre baute
+-- von der Unerbittlichkeit der spanischen Inquisition. Man hat nur
+die lange Reihe antiker Denker und historischer Persönlichkeiten zu
+mustern, die der Heilighaltung des Kultus geopfert wurden. Sokrates
+und Diagoras wurden der Asebeia wegen hingerichtet; Anaxagoras,
+Protagoras, Aristoteles, Alkibiades konnten sich nur durch Flucht
+retten. Die Zahl der wegen Kultfrevels Hingerichteten zählt allein in
+Athen und nur während der Jahrzehnte des Peloponnesischen Krieges nach
+Tausenden. Nach der Verurteilung des Protagoras wurden seine Schriften
+von Haus zu Haus gesucht und verbrannt. In Rom beginnen die historisch
+noch erkennbaren Akte dieser Art mit der 181 vom Senat angeordneten
+öffentlichen Verbrennung der pythagoräischen „Bücher des Numa“, und von
+da an folgen ohne Unterbrechung Ausweisungen einzelner Philosophen und
+ganzer Schulen, späterhin Hinrichtungen und die feierliche Verbrennung
+von Schriften, die der Religion gefährlich werden konnten. Hierher
+gehört die Tatsache, daß allein zur Zeit der Diktatur Cäsars die
+Stätten des Isiskultes von den Konsuln viermal zerstört worden sind,
+und daß Tiberius das Bild der Göttin in die Tiber werfen ließ. Die
+Nichtbegehung des Geburtstages des Cäsar war unter Strafe gestellt.
+Die Verweigerung des Divusopfers war unzweifelhaft eine Auflehnung
+gegen das antike Religionsempfinden. In allen Fällen handelt es sich
+um „Atheismus“, wie er sich aus dem +antiken+ Gottgefühl ergab
+und wie er sich als theoretische oder praktische Mißachtung des Kultus
+manifestierte. Wer in diesen Dingen nicht das eigne, abendländische
+Empfinden aus dem Spiele lassen kann, wird nie in das Wesen der hier
+zugrunde liegenden seelischen Phänomene eindringen. Dichter und
+Philosophen durften Mythen erfinden und Göttergestalten umbilden,
+soviel sie wollten. Die dogmatische Deutung des sinnlich Gegebenen
+stand in jedermanns Belieben. Man konnte die Götter in Satyrspielen
+und Komödien nach Herzenslust lächerlich machen -- selbst das griff
+nicht an ihre euklidische Existenz --, aber an den Kultus, die
+plastische Gestaltung der Götterverehrung, durfte nicht gerührt werden.
+Hier fand die Duldung des antiken Menschen ein Ende. Hier war das
+eigentliche Wesen seiner Religion angetastet. Cäsar, ein vollkommener
+Skeptiker, hat für die Wiederherstellung alter Kulte peinlichst Sorge
+getragen. Man mißversteht die feinen Geister der ersten Kaiserzeit,
+wenn man es als Heuchelei nimmt, daß sie, ohne irgendeinen Mythus noch
+ernst zu nehmen, alle Verpflichtungen des Staatskultus, vor allem des
+allenthalben tief empfundenen Kaiserkultes auf sich nahmen. Umgekehrt
+stand es dem Dichter und Denker der gereiften faustischen Kultur frei,
+„nicht zur Kirche zu gehen“, die Beichte zu meiden, bei Prozessionen
+daheim zu bleiben, in protestantischer Umgebung ohne alle Verbindung
+mit kirchlichen Institutionen zu leben, nicht aber an dogmatische
+Einzelheiten zu rühren. Das war innerhalb aller Konfessionen und Sekten
+(das Freidenkertum nochmals ausdrücklich einbegriffen) gefährlich.
+Das Beispiel des stoischen Römers, der ohne Glauben an die Mythologie
+die sakralen Formen pietätvoll beobachtet, findet sein Gegenstück an
+Menschen der Aufklärungszeit wie Lessing und Goethe, die, ohne die
+kirchlichen Gebräuche zu erfüllen, doch niemals an den „Grundwahrheiten
+des Glaubens“ zweifeln.
+
+
+12
+
+Kehren wir vom gestaltgewordnen Naturgefühl zur systemgewordnen
+Naturerkenntnis zurück, so kennen wir Gott oder die Götter als den
+Ursprung der Gebilde, durch welche der Geist reifer Kulturen sich
+der Umwelt begrifflich zu bemächtigen sucht. Die starke Religiosität
+der Mechanik Newtons und die fast vollkommen atheistisch formulierte
+moderne Dynamik sind von gleicher Farbe, Position und Negation
+desselben Urgefühls. Ein physikalisches System trägt mit Notwendigkeit
+alle Züge der Seele, zu deren Formenwelt es gehört. Zur antiken Statik
+und euklidischen Geometrie gehört der olympische Polytheismus. Zur
+Dynamik und analytischen Geometrie gehört der Deismus des Barock. Seine
+drei Grundprinzipien Gott, Freiheit und Unsterblichkeit heißen in der
+Sprache der Mechanik das Prinzip der Trägheit (Galilei), das Prinzip
+der kleinsten Wirkung (d’Alembert) und das Prinzip der Erhaltung der
+Energie (Mayer).
+
+Was wir heute ganz allgemein Physik nennen, ist in der Tat ein
+Barockphänomen. Es wird nicht mehr als paradox empfunden werden,
+wenn ich insbesondere diejenige Vorstellungsweise, welche auf der
+Annahme von Fernkräften und den der naiv-antiken Anschauung völlig
+fremden Fernwirkungen, der Attraktion und Repulsion von Massen
+beruht, in Erinnerung an die gleichzeitige Epoche der Architektur
+(Vignola) als den Jesuitenstil in der Physik bezeichne, wie mir ganz
+ebenso die Infinitesimalrechnung, die nur im Abendlande und gerade
+damals entstand und nur dort entstehen konnte, den Barockstil,
+den Jesuitenstil in der Mathematik darzustellen scheint. Wer die
+Physik für eine ewige Wissenschaft hält, die sich in Jahrtausenden
+fortschreitend vervollkommnet und sich „der“ Wahrheit mehr und mehr
+nähert, hat das Bedingte in ihr, die Gewißheit, von späteren Kulturen
+und deren andersgeartetem Naturgefühl völlig mißverstanden, verachtet
+und wieder vergessen zu werden, und damit ihren tieferen Sinn nicht
+begriffen. Symbole vergehen, und die Formenwelt einer Physik ist ein
+Symbol. Die gesamte moderne Naturwissenschaft ist Teil des Ausdrucks
+der faustischen Seele, und damit sind Anfang, Ende und Umfang ihres
+historisch-lebendigen Daseins unwiderruflich festgelegt.
+
+Die abendländische Physik ist ihrem Typus nach dogmatisch, nicht
+kultisch. Ihr Inhalt ist das +Dogma von der Kraft+, die mit dem
+Raume, der Distanz identisch ist, das von der unendlichen Wirkung in
+die Ferne, von der +Tat+, nicht der +Haltung+. Ihre Tendenz
+ist demnach die fortschreitende Überwindung des Augenscheins. Von
+einer noch sehr „antiken“ Einteilung in eine Physik des Auges (Optik),
+Ohres (Akustik) und Hautsinnes (Wärmelehre) ausgehend hat sie die
+Sinnesempfindungen allmählich ganz ausgeschaltet und durch abstrakte
+Beziehungssysteme ersetzt, so daß z. B. die strahlende Wärme infolge
+der Vorstellungen von den Bewegungen des Äthers heute in der Optik
+behandelt wird.
+
+„Kraft“ ist ein Urbegriff, der nicht vom Geiste konstruiert worden
+ist, der im Gegenteil die Struktur des westeuropäischen Geistes
+ausbilden half.[121]
+
+Es ist das Gefühl von Gott, das logisch in Erscheinung tritt: Aus
+der instinktiven Polarität von Gott und Welt wird die intellektuelle
+von Kraft und Masse. Indem man ein Etwas im Naturbilde Kraft nannte,
+hatte man die erkannte, nicht die erlebte, die geistig, nicht seelisch
+erfüllte Natur einer Symbolik unterworfen. Eine physikalische Theorie
+ist ein intellektueller Mythus.
+
+Daß diese Kraft oder Energie in der Tat eine zum Begriff erstarrte Idee
+und nicht entfernt ein reines Resultat wissenschaftlicher Forschung
+ist, wird durch die oft übersehene Tatsache bestätigt, daß das
+Grundprinzip der Dynamik, der bekannte erste Hauptsatz der mechanischen
+Wärmetheorie, überhaupt nichts über das Wesen der Energie aussagt. Daß
+die „Erhaltung der Energie“ in ihm fixiert sei, ist eigentlich ein
+falscher, aber psychologisch sehr bezeichnender Ausdruck. Die Dynamik
+kann ihrer Natur nach nur Relatives, nur Energie+differenzen+
+feststellen, und ihre Gesetze beziehen sich allein darauf. Es bleibt
+jedesmal, wie man sich ausdrückt, eine additive Konstante unbestimmt,
+d. h. man sucht das mit dem inneren Auge aufgefaßte Bild einer Kraft
+festzuhalten, obwohl die wissenschaftliche Praxis nichts damit zu tun
+hat.
+
+Aus dieser Genesis des Kraftbegriffs folgt, daß er, über die
+Möglichkeiten der strengen Logik hinausgreifend, nicht etwa von ihr
+geprägt, ebensowenig genau definierbar ist wie die ebenfalls in den
+antiken Sprachen fehlenden Begriffe des Willens und des Raumes. Es ist
+unmöglich, das Gefühl von Gott exakt in eine extensiv-begriffliche
+Form zu bringen. Es bleibt ein gefühlter, geschauter Rest, der jede
+tatsächlich erfolgte Definition zu einem Bekenntnis ihres Urhebers
+macht. Jeder Denker, Mathematiker und Physiker des Barock hat hier ein
+inneres Erlebnis, das er in Worte kleidet. Man denke an Goethe, der
+seinen Begriff einer Weltkraft nicht hätte definieren können und mögen,
+aber seiner gewiß war. Kant nannte die Kraft die Erscheinung eines an
+sich Seienden („Die Substanz im Raume, den Körper, kennen wir nur durch
+Kräfte“). Laplace nannte sie eine Unbekannte, deren Wirkungen wir nur
+erkennen; Newton hatte an immaterielle Fernkräfte gedacht. Leibniz
+sprach von der _vis viva_ als einem Quantum, das mit der Materie
+zusammen die Einheit der Monade bildet. Descartes war ebensowenig wie
+einzelne Denker des 18. Jahrhunderts (Lagrange) gewillt, Bewegung von
+Bewegtem prinzipiell zu sondern. Neben _potentia_, _impetus_, _virtus_
+finden sich Umschreibungen mit _conatus_ und _nisus_, wo offenbar die
+Kraft von der auslösenden Ursache nicht gesondert worden ist (der
+„Wille Gottes“). Es ist sehr wohl möglich, katholische, protestantische
+und atheistische Kraftbegriffe zu unterscheiden. Spinoza, als Jude,
+seelisch also noch der magischen Kultur zugehörig, vermochte den
+faustischen Kraftbegriff überhaupt nicht zu rezipieren. Er fehlt in
+seinem System. Und es ist ein erstaunliches Zeichen für die Intensität
+der Urbegriffe, daß H. Hertz, der einzige Jude unter den großen
+Physikern der Jetztzeit, auch der einzige ist, der den Versuch gemacht
+hat, das Dilemma der Mechanik durch +Ausschaltung+ des Kraftbegriffs zu
+lösen.
+
+Das Dogma von der Kraft ist das +einzige+ Thema der faustischen
+Physik. Was unter dem Namen Statik als Teil der Naturwissenschaft
+durch alle Systeme und Jahrhunderte geschleppt wurde, ist eine
+Fiktion. Es steht mit einer „modernen Statik“ nicht anders als mit
+der „Arithmetik“ und „Geometrie“, wörtlich den Lehren vom Zählen und
+Messen, die innerhalb der neueren Analysis ebenfalls, wenn man mit den
+Worten überhaupt noch den ursprünglichen Sinn verbindet, leere Namen,
+literarische Reste antiker Wissenschaften sind, die zu beseitigen oder
+auch nur als Scheingebilde zu erkennen uns die Ehrfurcht vor allem
+Antiken nicht gestattet hat. Es gibt keine abendländische Statik, d. h.
+keine dem abendländischen Geist natürliche Art der Interpretation
+mechanischer Tatsachen, welche die Begriffe Gestalt und Substanz
+(allenfalls Raum und Masse) statt Raum, Zeit, Masse und Kraft zugrunde
+legt. Man kann das auf jedem einzelnen Gebiet nachprüfen. Selbst die
+„Temperatur“, die doch am ehesten den antik-statischen Eindruck einer
+passiven Größe macht, läßt sich diesem System erst einordnen, wenn sie
+im Bild einer Kraft erfaßt wird: Die Wärmemenge als Inbegriff der sehr
+schnellen, feinen, unregelmäßigen Bewegungen der Atome eines Körpers,
+seine Temperatur als die mittlere lebendige Kraft dieser Atome.
+
+Die Renaissance hatte die archimedische Statik wiederzuerwecken
+geglaubt, ebenso wie sie die hellenische Plastik fortzusetzen glaubte.
+In beiden Fällen hat sie die endgültigen Konzeptionen des Barock, und
+zwar aus dem Geiste der Gotik, nur vorbereitet. Mantegna gehört zur
+Statik der Bildmotive, auch Raffael, dessen Geste man später steif und
+kalt gefunden hat; mit Lionardo beginnt die Dynamik, und Rubens ist
+ein Maximum der Bewegtheit schwellender Leiber. Das hintergrundlose
+Fresko ist eine statische, das perspektivische Ölgemälde eine
+dynamische Gattung. Das Fresko malt körperhafte Grenzen, das Ölbild
+löst sie auf. Der Impressionismus endlich stellt eine reine Dynamik der
+Farben dar; Körpergrenzen gegen den Raum bedeuten ihm nicht mehr wie
+der Elektrodynamik, in deren Kraftfeldern sie mathematisch von ganz
+untergeordneter Bedeutung sind.
+
+Im Sinne der Renaissancephysik hat noch 1629 Nicolaus Cabeo aus
+Ferrara, ein Jesuit, eine Theorie des Magnetismus im Stile der
+aristotelischen Weltauffassung entwickelt, die ebenso wie die
+florentinische Freskotechnik keine Folgen haben konnte, nicht weil sie
+„falsch“ gewesen wäre, sondern weil sie dem faustischen Naturgefühl
+widersprach, das durch die Renaissance eben aus der arabisch-magischen
+Vormundschaft befreit worden war und das nun eigene Formen für den
+Ausdruck seiner Welterkenntnis brauchte. Cabeo verzichtet auf die
+Begriffe Kraft und Masse und beschränkt sich auf die klassischen:
+Stoff und Gestalt, das heißt, er geht vom Geiste der Architektur des
+alternden Michelangelo und des Vignola auf den Michelozzos und Raffaels
+zurück und entwirft so ein vollkommen in sich geschlossenes, aber für
+die Zukunft belangloses System. Der Magnetismus als Zustand einzelner
+Körper, nicht als Kraft im grenzenlosen Raume -- das konnte das innere
+Auge des westeuropäischen Menschen nicht befriedigen. Wir brauchten
+eine Theorie der Ferne, nicht der Nähe. Ein andrer Jesuit, Boscovich,
+hat dann Newtons mathematisch-mechanische Prinzipien als erster zu
+einer umfassenden eigentlichen Dynamik ausgestaltet (1758).
+
+Galilei stand noch unter dem Eindruck starker Reminiszenzen des
+Renaissancegefühls, dem die Antithese von Kraft und Masse, aus der im
+architektonischen, malerischen und physikalischen Stil das Element der
++großen Bewegung+ folgt, fremd war. Er beschränkt die Vorstellung
+der Kraft noch auf Berührungskräfte (Stoß) und formuliert lediglich
+eine Erhaltung der Quantität der Bewegung. Damit hält er am älteren
+Prinzip der Bewegung unter Ausschluß eines räumlichen +Pathos+
+fest, und erst Leibniz entwickelte, gegen ihn polemisierend, die Idee
+der eigentlichen, im unendlichen Raume wirksamen, +freien+ Kräfte
+(lebendige Kraft, _activum thema_), die er dann im Zusammenhange
+mit seinen mathematischen Entdeckungen vollkommen durchführte. An
+Stelle der Erhaltung der Bewegungsquantität trat die Erhaltung der
+lebendigen Kräfte. Das entspricht dem Ersatz der Zahl als Größe durch
+die Zahl als Funktion.
+
+Der Begriff der Masse wurde erst etwas später, als Gegenbegriff zur
+Kraft, deutlich ausgebildet. Bei Galilei und Kepler erscheint an
+seiner Stelle das Volumen, und erst Newton hat ihn mit Bestimmtheit
++funktional+ gefaßt (die Welt als Funktion Gottes). Es ist dem
+Renaissanceempfinden völlig widersprechend, daß die Masse -- heute
+definiert als das konstante Verhältnis von Kraft und Beschleunigung
+in bezug auf ein System materieller Punkte -- dem Volumen keineswegs
+proportional ist, wofür die Planeten ein wichtiges Beispiel gaben.
+
+Aber Galilei mußte doch schon nach +Ursachen+ der Bewegung fragen.
+Diese Frage hatte innerhalb einer eigentlichen, auf die Begriffe Stoff
+und Form beschränkten Statik keinen Sinn. Für Archimedes war die
+Ortsveränderung neben der Gestalt als dem eigentlichen Wesen alles
+extensiven Daseins belanglos; was hätte auf die Körper wirken sollen
+-- von außen --, da der Raum „nicht ist“? Die Dinge bewegen sich, sie
+werden nicht bewegt. Erst Newton schuf in völliger Unabhängigkeit von
+der Fühlweise der Renaissance den Begriff der +Fernkräfte+, der
+Anziehung und Abstoßung von Massen durch den Raum hindurch. Diese Idee
+hat nichts sinnlich Greifbares mehr, und Newton selbst empfand vor ihr
+einiges Unbehagen. Sie hatte ihn, nicht er sie ergriffen. Es ist der
+dem unendlichen Raume zugewandte Geist des Barock selbst, der diese
++kontrapunktische, gänzlich unplastische+ Konzeption hervorgerufen
+hat. Und zwar mit einem inneren Widerspruch. Man hat diese Fernkräfte
+niemals hinreichend definieren können. Kein Mensch hat je begriffen,
+was eigentlich Zentrifugalkraft ist. Ist die Kraft der sich um ihre
+Achse drehenden Erde die Ursache dieser Bewegung oder umgekehrt? Oder
+sind beide identisch? Wenn eine Bewegung in Erscheinung tritt --
+ist sie dann Wirkung einer Ursache, und ist diese Ursache, logisch
+isoliert, eine Kraft oder eine andere Bewegung? Wie unterscheiden
+sich Kraft und Bewegung? Die Veränderungen im Planetensystem sollen
+Wirkungen einer Zentrifugalkraft sein. Aber dann müßten die Körper
+aus ihrer Bahn geschleudert werden, und da dies nicht der Fall ist,
+nimmt man auch noch eine Zentripetalkraft an. Aber was bedeuten diese
+Worte? Die Unmöglichkeit, hier Ordnung und Klarheit zu schaffen, hatte
+Heinrich Hertz bewogen, auf den Kraftbegriff überhaupt wieder zu
+verzichten und sein System der Mechanik durch die äußerst künstliche
+Annahme von festen Koppelungen zwischen Lagen und Geschwindigkeiten
+auf das Prinzip der Berührung (Stoß) zurückzuführen. Aber damit sind
+die Verlegenheiten nur verdeckt, nicht behoben. Sie sind spezifisch
+faustischer Natur und wurzeln im tiefsten Wesen der Dynamik. „Dürfen
+wir von Kräften reden, welche erst durch Bewegung entstehen?“ Gewiß
+nicht. Aber können wir auf die dem abendländischen Geiste eingebornen
+Urbegriffe verzichten, weil sie undefinierbar sind? Hertz selbst hat
+keinen Versuch gemacht, sein System praktisch in Anwendung zu bringen.
+
+„Die Erscheinung -- sagt Goethe -- ist vom Beobachter nicht losgelöst,
+vielmehr in dessen Individualität verschlungen und verwickelt.“ Gerade
+die letzten, vermeintlich objektivsten Begriffe der Naturerkenntnis
+sind Symbole, sind aus einem Gefühl entsprungen, das in dieser Gestalt
+nur der Seele einer bestimmten, der apollinischen, magischen,
+faustischen Seele eigen ist. So gering der organische Rest in ihnen
+sein mag, er läßt sich nicht überwinden, denn der Physiker arbeitet
+nicht nur als Intellekt, sondern als Mensch, als der er Ausdruck und
+Organ seiner Kultur ist. Jede Erkenntnis ist nicht nur ein Resultat,
+sondern auch ein Akt.
+
+Man erinnere sich nochmals, daß nicht die bloßen geschriebenen oder
+gesprochenen Formeln, sondern die den toten Ziffern unterlegten
+Bilder, die ihnen erst Blut und Seele geben, das +Wesen+ der
+Physik ausmachen. Die Kraft ist ein solches Bild. Die beiden möglichen
+Natureindrücke des Kulturmenschen, die lebendige Goethesche und
+die tote Newtonische Natur sind einander verwandt. Und zwar folgt
+die zweite aus der ersten. Das Werden, in den Worten Leben, Zeit,
+Schicksal, Richtung, Gott sich offenbarend liegt dem Gewordnen, das mit
+dem Erkannten identisch ist, zugrunde. Die physikalische Phantasie des
+faustischen Menschen drängt stets zur Imagination unendlich bewegter
+Scharen von kleinsten Elementen. Dies Prinzip, dem die Mathematik
+in der Gruppentheorie, der Mengenlehre Rechnung getragen hat, kehrt
+in der kinetischen Gastheorie, der Vorstellung von Kraftfeldern,
+Ionen, Elektronen wieder. Aber es ist dasselbe, was das Weltgefühl
+der früheren Jahrhunderte längst in seinen Kobolden, Zwergen und
+Wichten, in dem „stillen Volk“ in Wiesen und Bergen, den Elfen, die
+im Laub, im Sonnenlichte „weben“, den in imaginären Räumen liegenden
+Reichen von elbischen winzigen rastlosen Wesen verkörpert hat, und
+hier haben wir den Ursprung dessen zu suchen, was die Worte Kraft und
+Bewegung enthalten und was über alle Möglichkeiten logischer Fixierung
+hinausgeht.
+
+Diese immanente Verlegenheit der modernen Mechanik wird durch die
+von Faraday begründete Potentialtheorie -- nachdem der Schwerpunkt
+des physikalischen Denkens aus der Dynamik der Materie in die
+Elektrodynamik des Äthers gerückt war -- keineswegs beseitigt. Der
+berühmte Experimentator, der durchaus Visionär und unter allen Meistern
+der neuern Physik der einzige Nichtmathematiker war, bemerkte 1846:
+„Ich nehme in irgendeinem Teil des Raumes, mag er nach dem gewöhnlichen
+Sprachgebrauch leer oder von Materie erfüllt sein, nichts wahr als
+Kräfte und die Linien, in denen sie ausgeübt werden.“ In dieser
+Definition tritt die ihrem Gehalte nach organische, das Erlebnis des
+Erkennenden bezeichnende, spezifisch historische Richtungstendenz
+-- der Wille zur Macht -- deutlich hervor; damit knüpft Faraday
+metaphysisch an Newton an, dessen Fernkräfte ein immaterielles Prinzip
+darstellen, dessen Kritik der fromme Physiker ausdrücklich ablehnte.
+Der zweite noch mögliche Weg, zu einem eindeutigen Begriff der Kraft
+zu gelangen -- von der „Welt“, nicht von „Gott“, vom Objekt, nicht vom
+Subjekt des natürlichen Bewegtseins aus --, führte eben damals zur
+Konzeption des Begriffs der +Energie+, die im Unterschiede von der
+Kraft ein Quantum, keine Richtung darstellt und insofern an Leibniz
+und an dessen Idee der lebendigen Kraft mit ihrer unveränderlichen
+Quantität anknüpft; man sieht, daß hier wesentliche Merkmale des
+Massebegriffs herübergenommen worden sind, derart, daß sogar der
+bizarre Gedanke einer atomistischen Struktur der Energie in Erwägung
+gezogen worden ist.
+
+Indessen ist mit dieser Neuordnung der Eigenschaften das Grundgefühl
+vom Vorhandensein einer Weltkraft und ihres Substrats nicht verändert
+und damit die Unlösbarkeit des Bewegungsproblems nicht widerlegt worden.
+
+Man wird sich erinnern, daß im vorigen Kapitel der Abstieg von der
+tragischen zur Plebejermoral, von der Kultur zur Zivilisation des
+westeuropäischen Menschen durch den Übergang vom ethischen Grundprinzip
+der +Tat+ zu dem der +Arbeit+ charakterisiert wurde. Der
+große Mensch der Vergangenheit von den Hohenstaufen bis zu Napoleon
++verrichtete Taten+, der moderne Gehirnmensch, sei er Feldherr
+oder Experimentator, +arbeitet+. Wir sind alle Arbeiter, und
+der Unterschied besteht nur noch zwischen geistiger und ungeistiger
+Arbeit. Es ist überaus bezeichnend, daß sich genau derselbe
+Begriffswechsel in der physikalischen Formensprache vollzieht. Das
+Naturbild Brunos, Newtons, Goethes imaginiert ein göttliches Prinzip,
+das sich in Taten auswirkt. Die zivilisierte, atheistische Physik
+setzt den Begriff auf ein intellektuelles Niveau herab: die Natur
+„+leistet Arbeit+“. Unter diesem Eindruck steht die heutige
+Mechanik. Die entscheidende Entdeckung J. R. Mayers fällt mit der
+Geburt der sozialistischen Theorie zusammen. Gleichzeitig vollzieht
+sich der sehr tiefliegende Begriffswechsel von der Kraft zur Energie
+(einem +Quantum+). Man wird ferner die strenge Kongruenz dieser
+Formenwelt mit der gleichzeitig ausgebildeten der Nationalökonomie
+bemerken. Nationalökonomie -- das war, wie wir sahen, die notwendige
+Fassung der praktischen Dynamik eines willensstarken Menschentums, das
+nach Dauer, Zukunft, Macht, Tat strebt. Auch die nationalökonomischen
+Systeme operieren mit denselben Begriffen; seit Adam Smith wird das
+Wertproblem mit dem +Arbeitsquantum+ in Beziehung gesetzt; das ist
+Quesney und Turgot gegenüber der Schritt von einer organischen zu einer
+mechanischen Struktur des Wirtschaftsbildes. Was hier als „Arbeit“
+der Theorie zugrunde liegt, ist rein dynamisch gemeint. Man könnte
+die genauen Analoga der Prinzipien von der Erhaltung der Energie,
+der Entropie, der kleinsten Wirkung auffinden. Man vergleiche diese
+parallele Entwicklung mit jener der antiken -- volkswirtschaftlichen
++und+ physikalischen -- Statik, und man wird einsehen, in welchem
+Grade die vermeintliche „Erfahrung“ von der geistigen Gestaltungskraft
+vorausbestimmt wird.
+
+Betrachtet man demnach die Stadien, welche der zentrale Begriff der
+Kraft seit seiner Geburt im frühen Barock durchlaufen hat, und zwar
+in genauester Verwandtschaft mit den Formenwelten der großen Künste
+und der Mathematik, so findet man drei: Im 17. Jahrhundert (Galilei,
+Newton, Leibniz) trat er bildhaft ausgeprägt neben die große Ölmalerei,
+die um 1680 erlosch; im 18., dem der klassischen Mechanik (Laplace,
+Lagrange), stand er neben der Musik Bachs und empfing den intuitiven
+Charakter des kontrapunktischen Stils; im 19., wo die Künste zu Ende
+sind und die zivilisierte Intelligenz das Seelenhafte überwältigt,
+erscheint er in der Sphäre der reinen Analysis, und zwar insbesondere
+der Theorie der Funktionen von mehreren komplexen Variablen, ohne die
+er sich in seiner modernsten Bedeutung kaum mehr verständlich machen
+läßt.
+
+
+13
+
+Damit aber ist -- darüber täusche sich niemand -- die westeuropäische
+Physik an der Grenze ihrer inneren Möglichkeiten angelangt. Der Sinn
+ihrer Erscheinung war, das faustische Naturgefühl in Erkenntnis, die
+Gestalten eines frühzeitlichen Glaubens in mechanische Formen eines
+exakten Wissens zu verwandeln. Daß die einstweilen noch zunehmende
+Gewinnung praktischer oder auch nur gelehrtenhafter Ergebnisse -- ein
+Oberflächenphänomen der Wissenschaftsgeschichte -- mit der raschen
+Zersetzung ihres Wesenskerns nichts zu tun hat, braucht kaum gesagt zu
+werden. Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts erfolgen alle Schritte
+in der Richtung einer inneren Vollendung, einer wachsenden Reinheit,
+Schärfe und Fülle des dynamischen Naturbildes; von da an, wo ein
+Optimum von Deutlichkeit im Theoretischen erreicht ist, beginnen sie
+plötzlich auflösend zu wirken. Das geschieht nicht absichtlich; das
+kommt den hohen Intelligenzen der modernen Physik nicht einmal zum
+Bewußtsein. Darin liegt eine unabwendbare historische Notwendigkeit.
+Die antike Physik hatte sich in demselben Stadium, um 200 v. Chr.,
+innerlich vollendet. Die Analysis kam mit Gauß, Cauchy und Riemann zum
+Ziele und füllt heute nur noch die Lücken ihres Gebäudes aus.
+
+Daher erheben sich plötzlich vernichtende Zweifel an Dingen, die
+noch gestern das unbestrittene Fundament der physikalischen Theorie
+bildeten, am Sinne des Energieprinzips, am Begriff der Masse, des
+Raumes, der absoluten Zeit, des kausalen Naturgesetzes überhaupt.
+Das sind nicht mehr jene schöpferischen Zweifel des frühen Barock,
+die einem Erkenntnisziele entgegenführen; diese Zweifel gelten der
+Möglichkeit einer Naturwissenschaft überhaupt. Welche tiefe und von
+ihren Urhebern offenbar gar nicht gewürdigte Skepsis liegt allein in
+der rasch zunehmenden Benützung abzählender, statistischer Methoden,
+die nur eine Wahrscheinlichkeit der Ergebnisse bezwecken und die
+absolute Exaktheit der Naturgesetze, wie man sie früher hoffnungsvoll
+verstand, ganz aus dem Spiele lassen!
+
+Wir nähern uns dem Augenblick, wo man die Möglichkeit einer
+geschlossenen und in sich widerspruchslosen Mechanik endgültig
+aufgibt. Ich hatte gezeigt, wie jede Physik an dem Bewegungsproblem
+scheitern muß, in welchem die lebendige Person des Erkennenden in die
+anorganische Formenwelt der vollzogenen Erkenntniselemente hereinragt.
+Aber alle neuesten Hypothesen enthalten diese Verlegenheit in einer
+nach dreihundertjähriger Denkarbeit erzielten äußersten Zuspitzung,
+die keine Täuschung mehr zuläßt. Die Gravitationstheorie, seit Newton
+eine unumstößliche Wahrheit, ist als eine zeitlich beschränkte
+und schwankende Annahme erkannt worden. Das Prinzip der Erhaltung
+der Energie hat keinen Sinn, wenn die Energie unendlich in einem
+unendlichen Raume gedacht wird. Die Annahme des Prinzips läßt sich
+mit keiner Art von dreidimensionaler Struktur des Weltraums, weder
+der unendlichen euklidischen, noch (unter den nichteuklidischen
+Geometrien) der sphärischen mit ihrem unbegrenzten, aber endlichen
+Volumen vereinen. Seine Gültigkeit wird also auf ein „nach außen
+abgeschlossenes System von Körpern“ beschränkt, eine künstliche
+Begrenzung, die es in Wirklichkeit nicht gibt und nicht geben kann.
+Man wird zugeben, daß das Weltgefühl des faustischen Menschen, aus
+dem diese grundlegende Vorstellung -- +die Unsterblichkeit der
+Weltseele+, mechanistisch und extensiv umgedacht -- hervorging,
+gerade die symbolische Unendlichkeit hatte ausdrücken wollen. So
++fühlt+ man, aber der Intellekt vermochte das in seiner Sphäre
+nicht zu verifizieren. Es war ferner der Lichtäther ein ideales
+Postulat der modernen Naturerkenntnis, die zu jeder Bewegung die
+Vorstellung eines Bewegten forderte. Aber jede denkbare Hypothese
+über die Beschaffenheit des Äthers wurde sofort durch innere
+Widersprüche widerlegt. Insbesondere hat Lord Kelvin mathematisch
+nachgewiesen, daß es eine einwandfreie Struktur dieses Lichtträgers
+nicht gibt. Da Lichtwellen nach der Interpretation der Versuche
+Fresnels transversal sind, müßte der Äther ein fester Körper (mit
+wahrhaft grotesken Eigenschaften) sein, aber in diesem Falle
+würden die Elastizitätsgesetze für ihn gelten, und die Lichtwellen
+wären demnach longitudinal. Die Maxwell-Hertzschen Gleichungen der
+elektromagnetischen Lichttheorie, die in der Tat reine, unbenannte
+Zahlen von unzweifelhafter Gültigkeit sind, schließen jede Deutung
+durch irgendeine Mechanik des Äthers aus. Man hat nun den Äther, vor
+allem unter dem Eindruck der Folgerungen aus der Relativitätstheorie,
+als das reine Vakuum definiert, was doch nicht viel andres als eine
+Zerstörung des dynamischen Urbildes bedeutet.
+
+Seit Newton besaß die Annahme einer konstanten Masse -- des
+Gegenstückes der konstanten Kraft -- unbestrittene Gültigkeit. Moderne
+Hypothesen, die auf Grund von experimentellen Erfahrungen notwendig
+geworden waren, haben diese Annahme zerstört. Jedes abgeschlossene
+System besitzt neben der kinetischen Energie noch die Energie der
+strahlenden Wärme, die nicht von ihr trennbar und deshalb durch den
+Begriff der Masse nicht rein darstellbar ist. Denn wird die Masse
+durch die lebendige Energie definiert, so ist sie im Hinblick auf
+den thermodynamischen Zustand nicht mehr konstant. Aber weit über
+diese partiellen Zweifel hinaus greift das Relativitätsprinzip, die
+revolutionäre Theorie vom Beginn des 20. Jahrhunderts, in den Kern der
+Dynamik ein.
+
+Bekanntlich hat der Begriff Bewegung im leeren Raume keinen Sinn.
+Das wissenschaftliche Denken kennt nur Lageveränderungen mehrerer
+Körper relativ zueinander. In diesem Falle aber wendet das +antike+
+Weltgefühl greifbare, +absolute Maße+ an, um absolute Bewegungsgrößen
+zu messen. Hier liegt also ein Rest von plastischem, statuenhaftem
+Empfinden (sinnlicher Konstanz) vor, den das faustische Naturdenken
+noch aufzulösen hatte.
+
+Gibt es absolute Maße? Nimmt man in kosmischen Verhältnissen den
+Abstand der Erde von der Sonne als Maßeinheit, so ist der Lichtweg
+zu messen; es gibt keine andere Möglichkeit. Das Licht aber braucht
+Zeit, und damit tritt ein organischer, historischer Faktor in den Akt
+der messenden Vergleichung ein. Abstände werden durch Lichtsignale
+abgegrenzt, und es fragt sich, in welcher Zeit das Licht (bei
+gleichbleibender Geschwindigkeit) von der Sonne her die Erde erreicht.
+Wir kennen die Bewegung der Erde relativ zur Sonne, nicht aber
+die absolute Bewegung des Sonnensystems im Raume, die etwa in der
+Richtung von der Erde zur Sonne oder umgekehrt stattfinden könnte.
+Aber in diesen Fällen wird der tatsächliche Lichtweg abgekürzt oder
+verlängert, da der Beobachter dem Licht entgegenkommt oder sich von
+ihm entfernt, und damit verliert die Lichtzeit die Eigenschaft einer
+absoluten Größe, weil nach dem berühmten Versuch von Michelson die
+Geschwindigkeit des Lichtes von der Bewegung der durchdrungenen Körper
+unberührt bleibt. Daraus ergeben sich unabsehbare Folgerungen. So gut
+wir eine Bewegung nur als Lageveränderungen eines Körpers relativ zu
+einem andern auffassen können -- die ägyptischen Pyramiden, die relativ
+zur Erde ruhen, bewegen sich doch relativ zur Sonne mit gewaltiger
+Geschwindigkeit durch den Weltraum --, so gut ist eine Zeit nur in
+bezug auf den Standort eines Beobachters eindeutig meßbar; man kann
+Fälle annehmen, wo für zwei Beobachter in bezug auf zwei Ereignisse die
+Begriffe früher und später sich umkehren. +Damit aber ist auch die
+Konstanz aller physikalischen Größen aufgehoben, in deren Definition
+die Zeit eingegangen ist+, und die westeuropäische Dynamik besitzt
+im Gegensatz zur antiken Statik nur solche Größen. Eine Strecke messe
+ich durch Vergleich der relativen Lage der Endpunkte, und dieser
+Vergleich beansprucht Zeit. Man weiß, daß Fixsterne, deren Standort
+durch das auf der Erde ankommende Licht bestimmt wird, an einer anderen
+Stelle des Himmels erscheinen als der, die sie „wirklich“ einnehmen.
+Dieselbe Strecke kann für verschiedene Beobachter je nach deren
+„Bewegungszustand“ verschieden groß sein. Ein Körper, der für den
+irdischen Beobachter eine Kugel ist, kann in bezug auf einen andern
+ein Rotationsellipsoid sein. Starre Körper gibt es nur in bezug auf
+ein bestimmtes System. Absolute Längen- und Zeitmaße gibt es überhaupt
+nicht mehr. Damit fällt auch die Möglichkeit absoluter quantitativer
+Bestimmungen und somit der übliche Begriff der Masse, denn die Masse
+war als Funktion der Bewegung, als das konstante Verhältnis von Kraft
+und Beschleunigung definiert worden. Es ist für die Elektronen bereits
+nachgewiesen worden, daß deren Masse sich mit der Geschwindigkeit
+ändert. In andern Fällen ist der Nachweis schwierig, denn Körper an der
+Erdoberfläche, z. B. die Objekte beinahe aller physikalischen Versuche,
+bewegen sich annähernd mit Erdgeschwindigkeit -- die Elektronen aber
+nicht, und diese Abweichung kommt in Gestalt einer Variabilität
+ihrer Masse zum Vorschein. Die „Erhaltung der Masse“ im Weltraum ist
+also ein Begriff ohne Sinn. Wie man sieht, ist hier das unantike,
+funktionale Empfinden der faustischen Seele zum denkbar schärfsten
+Ausdruck gelangt. Von den Faktoren des sinnlichen Augenscheins ist
+nichts geblieben, nicht einmal die angeblich a priori vorhandenen
+und konstanten Formen der Anschauung, Raum und Zeit, im Sinne Kants.
+Es gibt nichts Greifbares und Plastisches mehr, das ein ruhendes Sein
+spiegelt, keine Gestalt, keine Größe, kein Maß. Die Grundwerte des
+newtonischen Weltbildes, ohnehin Elemente von höchst abstrakter Natur,
+sind in das unendliche Gewebe von variablen Beziehungen aufgelöst, das
+nunmehr die letzte Form der faustischen Natur, eine Gestalt von äußerst
+unpopulärem und esoterischem Charakter, vor Augen führt.
+
+
+14
+
+In den Kreis dieser Symbole des Niedergangs gehört nun vor allem
+die Entropie, bekanntlich das Thema des zweiten Hauptsatzes der
+Thermodynamik. Der erste Hauptsatz, das Prinzip von der Erhaltung der
+Energie, formuliert einfach das Wesen der Dynamik, um nicht zu sagen
+die Struktur des westeuropäischen Geistes, dem allein die Natur mit
+Notwendigkeit in der Form einer kontrapunktisch-dynamischen Kausalität
+im Gegensatz zu der statisch-plastischen des Aristoteles erscheint. Das
+Grundelement des faustischen Weltbildes ist nicht die +Haltung+,
+sondern die +Tat+, mechanisch gesprochen der +Prozeß+, und
+dieser Satz fixiert lediglich den mathematischen Charakter dieser
+Prozesse in Form von Variablen und Konstanten. Der zweite Satz aber
+greift tiefer und stellt eine einseitige Tendenz des Naturgeschehens
+fest, welche durch die begrifflichen Grundlagen der Dynamik in keiner
+Weise a priori bedingt war.
+
+Die Entropie wird mathematisch durch eine Größe repräsentiert, die
+durch den augenblicklichen Zustand eines in sich abgeschlossenen
+Systems von Körpern bestimmt ist und die bei allen überhaupt möglichen
+Änderungen physikalischer oder chemischer Art nur zunehmen, niemals
+abnehmen kann. Im günstigsten Falle bleibt sie unverändert. Die
+Entropie ist wie die Kraft und der Wille etwas, das jedem, der
+überhaupt in das Wesen dieser Formenwelt einzudringen vermag, innerlich
+vollkommen klar und deutlich ist, das aber von jedem anders und
+offenbar unzulänglich formuliert wird. Auch hier versagt der Geist vor
+dem Ausdrucksbedürfnis des Weltgefühls.
+
+Man hat, je nachdem die Entropie sich vermehrt oder nicht, die
+Gesamtheit der Naturprozesse in nichtumkehrbare und umkehrbare
+eingeteilt. Bei jedem Prozeß der ersten Art wird freie Energie
+in gebundene verwandelt; soll diese tote Energie in lebendige
+zurückverwandelt werden, so kann es nur dadurch geschehen, daß
+gleichzeitig in einem damit verbundenen zweiten Prozeß ein Quantum
+lebendiger Energie gebunden wird. Das bekannteste Beispiel ist die
+Verbrennung von Kohle, d. h. die Umwandlung der in ihr aufgespeicherten
+lebendigen Energie in die durch die Gasform der Kohlensäure gebundene
+Wärme, wenn die latente Energie des Wassers in Dampfspannung und
+weiterhin in Bewegung umgesetzt werden soll. Daraus folgt, daß die
+Entropie im Weltganzen beständig zunimmt, so daß das dynamische
+System sich offenbar einem wie immer gearteten Endzustande nähert.
+Zu den nichtumkehrbaren Prozessen gehören Wärmeleitung, Diffusion,
+Reibung, Lichtemission, chemische Reaktionen, zu den umkehrbaren
+die Gravitation, elektrische Schwingungen, elektromagnetische und
+Schallwellen.
+
+Was bisher nie empfunden worden ist, und weshalb ich in dem Satz von
+der Entropie den Anfang der Vernichtung dieses Meisterstückes der
+westeuropäischen Intelligenz, der Physik dynamischen Stils sehe,
+ist der tiefe Gegensatz zwischen Theorie und Wirklichkeit, der hier
+zum ersten Male ausdrücklich in die Theorie selbst hineingetragen
+worden ist. Nachdem der erste Satz das strenge Bild eines kausalen
+Naturgeschehens gezeichnet hatte, bringt der zweite durch das Phänomen
+der Nichtumkehrbarkeit eine dem unmittelbaren Leben angehörende Tendenz
+zum Vorschein, die dem Wesen des Mechanischen und Logischen prinzipiell
+widerspricht.
+
+Verfolgt man die Konsequenzen der Entropielehre, so ergibt sich
+erstens, daß theoretisch alle Prozesse umkehrbar sein +müssen+.
+Das gehört zu den Grundforderungen der Dynamik. Das fordert noch einmal
+in aller Schärfe der erste Hauptsatz. Es ergibt sich aber zweitens,
+daß +in Wirklichkeit+ sämtliche Naturvorgänge nichtumkehrbar
++sind+. Nicht einmal unter den künstlichen Bedingungen des
+experimentellen Verfahrens kann der einfachste Prozeß exakt umgekehrt,
+d. h. ein einmal überschrittener Zustand wiederhergestellt werden.
+Nichts ist bezeichnender für die Lage des gegenwärtigen Systems als
+die Einführung der Hypothese der „elementaren Unordnung“, um den
+Widerspruch zwischen geistiger Forderung und wirklichem Erlebnis
+auszugleichen: Die „kleinsten Teilchen“ der Körper -- ein Bild, nicht
+mehr -- führen durchweg umkehrbare Prozesse aus; in den wirklichen
+Dingen befinden die kleinsten Teilchen sich in Unordnung und stören
+einander; infolgedessen ist mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit der
+natürliche, allein vom Beobachter erlebte, nichtumkehrbare Prozeß mit
+einer Zunahme der Entropie verbunden. So wird die Theorie zu einem
+Kapitel der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und statt seiner exakten
+Methode tritt die statistische in Wirksamkeit.
+
+Man hat augenscheinlich nicht bemerkt, was das bedeutet. Die Statistik
+gehört zur Sphäre des Organischen, zum wechselnd bewegten Leben, zum
+Schicksal und Zufall und nicht zur Welt der exakten Gesetze und der
+zeitlos-ewigen Mechanik. Man weiß, daß sie vor allem zur Charakteristik
+politischer und wirtschaftlicher, also historischer Phänomene dient.
+In der klassischen Mechanik Galileis und Newtons wäre für sie kein
+Platz gewesen. Was hier plötzlich statistisch erfaßt und erfaßbar
+wird, mit Wahrscheinlichkeit statt mit jener apriorischen Exaktheit,
+die alle Denker des Barock einstimmig gefordert hatten, ist der Mensch
+selbst, der diese Natur erkennend durchlebt, der in ihr sich selbst
+durchlebt; es ist nicht mehr ein reiner Intellekt, der seine starre
+Form objektiviert. Was die +Theorie+ mit innerer Notwendigkeit
+hinstellt, jene in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen umkehrbaren
+Prozesse, repräsentiert den Rest einer streng-geistigen Form, den Rest
+der großen Barocktradition, welche die Schwester des kontrapunktischen
+Stils war. Die Zuflucht zur Statistik offenbart die Erschöpfung der
+in dieser Tradition wirksam gewesenen ordnenden Kraft. Werden und
+Gewordnes, Schicksal und Kausalität, historische und natürliche
+Elemente beginnen zu verschwimmen. Formelemente des Lebens: das
+Wachstum, das Altern, die Lebensdauer, die Richtung, der Tod drängen
+herauf.
+
+Das hat in diesem Aspekte die Nichtumkehrbarkeit der Weltprozesse
+zu bedeuten. Sie ist, im Gegensatz zu dem physikalischen Zeichen t,
+Ausdruck der echten, +historischen+, innerlich erlebten Zeit, die
+mit dem +Schicksal+ identisch ist.
+
+Das ist keine Vervollkommnung der Dynamik, das ist ein Symptom ihrer
+Zersetzung. Gerade so hatte die Musik Beethovens die große Form der
+Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts zerstört, weil in ihr die
+barbarische Fülle einer weltstädtischen, modernen Seele nicht mehr zu
+bändigen war. Ich hatte an einer früheren Stelle die Polarität von
+Geschichte und Natur (oder, was dasselbe ist, von lebendiger und toter
+Natur) durch den Unterschied des morphologischen Verfahrens bestimmt,
+das dort Physiognomik, hier Systematik ist. Nun, die Physik des Barock
+war durch und durch strenge Systematik, solange Theorien wie diese
+noch nicht an ihrem Bau rütteln durften, solange in ihrem Bilde nichts
+anzutreffen war, was den Zufall und die bloße Wahrscheinlichkeit
+zum Ausdruck brachte. Mit dieser Theorie aber ist sie Physiognomik
+geworden. Der „Lauf der Welt“ wird verfolgt. Die +Idee des
+Weltendes+ erscheint in der Verkleidung von Formeln, die im Grunde
+ihres Wesens keine Formeln mehr sind. Es kommt damit etwas Goethesches
+in die Physik, und man wird das ganze Gewicht dieser Tatsache ermessen,
+wenn man sich klar macht, was zuletzt die leidenschaftliche Polemik
+Goethes gegen Newton in der Farbenlehre bedeutete. Hier argumentierte
+die Intuition gegen den Verstand, das Leben gegen den Tod, die
+schöpferische Gestalt gegen das ordnende Gesetz. Die Formenwelt der
+Natur+erkenntnis+ war aus dem Natur+gefühl+, dem Gottgefühl
+hervorgegangen. Hier hat sie den Gipfel der Distanz erreicht, und sie
+kehrt zum Ursprung zurück.
+
+Und so beschwört die in der Dynamik wirksame Einbildungskraft noch
+einmal die großen Symbole der historischen Leidenschaft des faustischen
+Menschen herauf, die ewige Sorge, den Hang zu den fernsten Fernen
+von Vergangenheit und Zukunft, die rückschauende Forschung, den
+vorausschauenden Staat, die Biographien und Selbstbetrachtungen, die
+Uhren, die über Westeuropa weithinhallenden, das Leben messenden
+Glockenschläge. Das Ethos des Wortes Zeit, wie nur wir es empfinden,
+wie es die kontrapunktische Musik im Gegensatz zur Statuenplastik
+erfüllt, richtet sich auf ein +Ziel+. Das war in allen Lebensidealen
+des Abendlandes als drittes Reich, als neues Zeitalter, als Aufgabe der
+Menschheit, als Ausgang einer Entwicklung verkörpert worden. Und das
+bedeutet für das Gesamtdasein der faustischen Natur die Entropie.
+
+Der antike Kosmos ist ahistorisch. Die Statik formuliert einen Zustand,
+der immer derselbe und in jedem Augenblicke vollkommen enthalten
+ist. In gewissem Sinne behauptet das die Dynamik auch, insoweit sie
+Systematik ist. Sie bringt zwar das +Geschehen+, nicht das Sein in
+Form, aber unter der Voraussetzung, daß diese Form von zeitloser
+Allgemeingültigkeit sei. Darunter ist aber eine physiognomische Tendenz
+wirksam, welche eine +Biographie+ des Weltwerdens zum Ziele hat, die,
+bisher latent, jetzt in mächtigen physikalischen Visionen hervorbricht.
+Der Kosmos Demokrits gestattet keine biographische Betrachtung.
+Was man dort Veränderung nennt, ist eine Laune, keine Entwicklung,
+kosmische Episode, nicht Epoche, ein Spiel ohne Sinn. Heraklit hat es
+mit dem Spiel eines Knaben verglichen, der Sandhaufen auftürmt und
+wieder zerstört. Aristoteles schuf den Begriff der Entelechie, der
+von den Faktoren der Zeit und der Kraft ganz unberührten Entwicklung
+des einzelnen Dinges von der in ihm ruhenden möglichen zur sinnlich
+verwirklichten Gestalt.
+
+Goethe aber entdeckt, seiner Idee einer Entwicklung folgend, den
+Zwischenknochen beim Menschen, die Metamorphose der Pflanzen und (nach
+Lionardos Vorgang) die Eiszeiten, sämtlich Phänomene einer +zeitlich+
+vorschreitenden, dynamischen, historischen Weltvollendung.
+
+Schon in dem halbmystischen Begriff der Kraft, der dogmatischen
+Voraussetzung dieser ganzen Formenwelt, liegt stillschweigend ein
+Richtungsgefühl, eine Beziehung auf Vergangenes und Künftiges; noch
+deutlicher wird sie in der Bezeichnung der Naturvorgänge als Prozesse.
+Ich behaupte also, daß die Entropielehre als die intellektuelle Form,
+in welcher die unendliche Summe aller Naturereignisse als historische
+und physiognomische Einheit zusammengefaßt wird, allen physikalischen
+Begriffsbildungen von Anfang an unbewußt zugrunde lag, und daß sie
+eines Tages als „Entdeckung“ auf dem Wege wissenschaftlicher Induktion
+zum Vorschein kommen und dann durch die übrigen theoretischen Elemente
+des Systems durchaus bestätigt werden mußte. Je mehr die Dynamik sich
+durch Erschöpfung ihrer inneren Möglichkeiten dem Ziele nähert, desto
+entschiedener dringen die historischen Momente vor, desto stärker
+machen sich neben der anorganischen Notwendigkeit des Kausalen die
+organische des Schicksals, neben den Faktoren der reinen Ausgedehntheit
+-- Kapazität und Intensität -- die der Richtung geltend. Es geschieht
+dies durch eine ganze Reihe neuer Hypothesen von gleichem Stil,
+die durch die experimentellen Befunde gefordert werden, richtiger
+ausgedrückt, durch eine Reihe innerlich verwandter Produkte einer
+intellektuell geregelten Phantasie, die sämtlich durch das Weltgefühl
+und die Mythologie schon der Gotik antizipiert waren.
+
+Dahin gehört vor allem auch die bizarre Hypothese des Atomzerfalls,
+welche die radioaktiven Erscheinungen deutet -- nach welcher Uratome,
+die Jahrmillionen hindurch trotz äußerer Einwirkungen ihr Wesen
+unverändert bewahrt haben, plötzlich und ohne nachweisbaren Anlaß
+explodieren und ihre kleinsten Teile mit einer Geschwindigkeit, die
+Tausende von Kilometern in der Sekunde beträgt, im Weltraum verbreiten.
+Dies +Schicksal+ trifft unter einer Menge radioaktiver Atome immer
+nur einzelne, während die benachbarten davon ganz unberührt bleiben.
+Auch dieses Bild ist Historie, nicht Natur, und wenn sich auch hier die
+Anwendung der Statistik als notwendig erweist, so möchte man beinahe
+vom Ersatz der mathematischen durch die chronologische Zahl reden.
+
+Mit diesen Vorstellungen kehrt die mythische Gestaltungskraft der
+faustischen Seele zum Ausgang zurück. Gerade damals, als zu Beginn
+der Gotik die ersten mechanischen Uhren konstruiert wurden, Symbole
+eines historischen Weltgefühls, entstand der Mythus von Ragnarök, dem
+Weltende, der Götterdämmerung. Mag diese Konzeption, wie wir sie in
+der Völuspa und in christlicher Fassung in den Muspilli besitzen, wie
+alle vermeintlich urgermanischen Mythen nicht ohne Einwirkung antiker
+und vor allem christlich-apokalyptischer Motive entstanden sein, sie
+ist in dieser Gestalt Ausdruck und Symbol der faustischen und keiner
+andren Seele. Die olympische Götterwelt ist ahistorisch. Sie kennt kein
+Werden, keine Richtung, kein Ziel. So wenig die antiken Stadtstaaten
+bewußte oder unbewußte Aufgaben und Endziele hatten, so wenig hat sie
+das Dasein des Kosmos, die ewig gleiche Summe schöner Dinge. Der
+abendländische Geist aber gestaltet aus der Leidenschaft der Ferne
+heraus, sei es den Staat, das Bild der Natur oder das einzelne Leben.
+Die Kraft, der Wille hat ein Ziel, und wo es ein Ziel gibt, gibt es
+auch ein Ende. Was die Perspektive der großen Ölmalerei durch den
+Konvergenzpunkt, was der Rokokopark durch den Point de vue, was die
+Analysis durch das Restglied der unendlichen Reihen symbolisierte, den
+Abschluß einer gewollten Richtung, tritt hier in streng geistiger Form
+hervor. Der Faust des zweiten Teils der Tragödie stirbt, weil er sein
+Ziel +erreicht+ hat. Mag aus den älteren Kulturen noch so viel
+mythologische Substanz herübergenommen sein, lebendig wurde sie erst
+durch Umprägung in einem neuen, im dynamischen Sinne. Das Weltende
+als Vollendung einer innerlich notwendigen Entwicklung -- das ist die
+Götterdämmerung; das bedeutet also, als letzte, als irreligiöse Fassung
+des Mythus, die Lehre von der Entropie.
+
+
+15
+
+Es bleibt noch übrig, den Ausgang der abendländischen Wissenschaft
+überhaupt zu zeichnen, der heute, wo der Weg sich bereits abwärts
+senkt, mit Sicherheit übersehen werden kann.
+
+Auch das, die Voraussicht des unabwendbaren Schicksals, gehört zur
+Mitgift des historischen Blickes, den +nur+ der faustische
+Geist besitzt. Auch die Antike starb, aber sie wußte nichts davon.
+Sie glaubte an ein ewiges Sein. Sie hat noch ihre letzten Tage mit
+rückhaltlosem Glück, jeden für sich, als Geschenk der Götter durchlebt.
+Wir kennen unsere Geschichte. Wir werden mit Bewußtsein sterben und
+alle Stadien der eignen Auflösung mit dem Scharfblick des erfahrenen
+Arztes verfolgen.
+
+Es steht uns noch eine letzte geistige Krisis bevor, welche das
++ganze+ Abendland ergreifen wird. Ihren Verlauf erzählt der späte
+Hellenismus. Die Tyrannei des Verstandes, die wir nicht empfinden, weil
+die heutigen Generationen ihr Maximum darstellen, ist in jeder Kultur
+eine Epoche zwischen Mann und Greis, nicht mehr. Ihr deutlichster
+Ausdruck ist der Kultus der exakten Wissenschaften, der Dialektik, des
+Beweises, der Erfahrung, der Kausalität. Die Ionik und das Barock
+zeigen seinen Aufschwung; es fragt sich, in welcher Gestalt er zu Ende
+geht.
+
+Auch hier darf noch einmal an früher Gesagtes erinnert werden: wie
+jeder höhere Mensch in sich, in der Entfaltung seiner individuellen
+Seele die Epochen seiner Kultur noch einmal durchlebt, wie der
+mystische Akt des Tiefenerlebnisses, durch welchen um das Jahr 1000 die
+faustische Seele in der westeuropäischen Landschaft geboren wurde, in
+jedem Kinde noch einmal das Erwachen des so und nicht anders, faustisch
+nämlich gearteten Innenlebens anzeigt, so erlebt jeder bedeutende
+wissenschaftliche Mensch persönlich, was seine Wissenschaft im Verlaufe
+ihres organischen Werdens erlebte. Da ist ein Jugendstadium des
+schrankenlosen Optimismus, der gewiß ist, daß alles erkannt werden kann
+und einmal erkannt werden wird. Damit beginnen nach der gotischen und
+dorischen Frühzeit die leidenschaftlichen Visionen Lionardos, Galileis,
+Brunos, Huttens und dementsprechend die der großen Vorsokratiker.
+Das ist die Morgenröte der reinen Geistigkeit. Die Gotik ersehnte
+sie, das Barock errang sie, die -- westeuropäische und hellenistische
+-- Zivilisation besitzt sie, um zu erfahren, wie fragwürdig dieser
+Besitz ist. Man muß viel wissen, ehe man so weise ist, daß man am
+Sinn und Wert des Wissens zu zweifeln anfängt. Das _de omnibus
+dubitandum_ des Descartes erstreckte sich hierauf +nicht+. Sein
+Zweifel war nur die Maske einer siegesgewissen Zuversicht. Der reine
+Gehirnmensch, für den die Welt restlose Beute seiner intellektuellen
+Fähigkeiten ist, erscheint erst mit dem 3. und 19. Jahrhundert. Aber
+es beginnt endlich ein Kampf gegen die Wissenschaftlichkeit, an deren
+Rechten man zweifelt, deren Herrschaft einen leisen Ekel einzuflößen
+beginnt, zuerst mit der feinen Skepsis Pyrrhons und Nietzsches,
+während die mittleren Geister noch mit ihren „wissenschaftlichen
+Errungenschaften“ einen gewaltigen Lärm machen. Indessen braucht man
+nur die Bücher unserer tiefsten Physiker aufzuschlagen -- und die
+Physik ist das Meisterstück des faustischen Geistes --, um zu sehen,
+wie die Resignation, die Bescheidung in Hinsicht auf Ziele, Erfolge und
+Möglichkeiten täglich zunimmt.
+
+Ich sage es voraus: noch in diesem Jahrhundert, dem Zeitalter des
+wissenschaftlich-kritischen Alexandrinismus, wird sie den Willen zum
+Siege der Wissenschaft überwinden. Die europäische Wissenschaft geht
+der Selbstvernichtung durch Verfeinerung des Intellekts entgegen. Man
+hatte zuerst ihre Mittel geprüft -- im 18. Jahrhundert, dann ihre
+Macht -- im 19.; man durchschaut endlich ihre historische Rolle.
+Von der Skepsis führt ein Weg zur „zweiten Religiosität“, jener der
+sterbenden Weltstädte, jener kranken Innerlichkeit, die nicht vor,
+sondern nach einer Kultur kommt, die greisen Seelen wärmend, wie es die
+morgenländischen Kulte im späten Rom taten.
+
+Der Einzelne leistet Verzicht, indem er die Bücher weglegt.
+Eine +Kultur+ verzichtet, indem sie aufhört, sich in hohen
+wissenschaftlichen Intelligenzen zu offenbaren; aber Wissenschaft
+existiert nur im lebendigen Dasein großer Gelehrtengenerationen, und
+Bücher sind nichts, wenn sie nicht in Menschen, die ihnen gewachsen
+sind, lebendig und wirksam werden. Wissenschaftliche Resultate sind
+keine objektive Materie, wie der typische Gelehrte glaubt; sie
+sind lediglich Elemente einer geistigen Tradition. Der Tod einer
+Wissenschaft besteht darin, daß sie niemandem mehr innerstes Ereignis
+wird. Ihr Vorhandensein ist von dem Vorhandensein verwandter Geister
+abhängig.
+
+An die Müdigkeit des Geistes glaubt heute niemand, so sehr wir sie
+schon in allen Gliedern spüren. Aber zweihundert Jahre Zivilisation
+und Orgien der Wissenschaftlichkeit -- dann hat man es satt. Nicht
+der Einzelne, die Seele der Kultur hat es satt. Sie drückt das aus,
+indem sie ihre Forscher, die sie in die historische Welt des Tages
+hinaufsendet, immer kleiner, enger, unfruchtbarer wählt. Das große
+Jahrhundert der antiken Wissenschaft war das dritte, nach dem Tode des
+Aristoteles. Als die Römer kamen, als Archimedes starb, war es schon
+zu Ende. Unser klassisches Jahrhundert ist das neunzehnte. Gelehrte
+im Stile von Gauß, Humboldt, Helmholtz waren schon um 1900 nicht mehr
+da; in der Physik, wie in der Chemie, der Biologie wie der Mathematik
+sind die großen Meister tot, und wir erleben heute das Decrescendo der
+Nachzügler, die ordnen, sammeln und abschließen wie die Alexandriner
+der Römerzeit. Es ist das ein +allgemeines+ Symptom. Nach Lysipp
+ist kein großer Plastiker mehr gekommen, dessen Erscheinung ein
+Schicksal gewesen wäre, nach Rembrandt und Velasquez kein Maler, nach
+Beethoven kein Musiker mehr. Man beachte wohl, weshalb Goethe, im
+Vergleich mit Shakespeare, sich einen Dilettanten nannte, und weshalb
+Nietzsche Wagner den Namen eines Musikers absprach. Was war zur Zeit
+Cäsars die Tragödiendichtung oder die Physik? Eine Angelegenheit von
+vorgestern, ein Thema für die Überflüssigen. Auf Eratosthenes und
+Archimedes, die eigentlichen Schöpfer, folgen Poseidonios und Plinius,
+die mit Geschmack sammeln, und endlich Ptolemäus und Galen, die nur
+noch abschreiben. Wie die Ölmalerei und die kontrapunktische Musik ihre
+Möglichkeiten in einer kleinen Zahl von Jahrhunderten einer organischen
+Entwicklung erschöpft haben, so ist die Dynamik, deren Formenwelt um
+1600 aufblüht, ein Gebilde, das heute im Erlöschen begriffen ist.
+
+Zuvor aber erwächst dem faustischen, eminent historischen Geiste eine
+noch nie gestellte, noch nie als möglich geahnte Aufgabe. Eines Tages
+wird eine +Morphologie der exakten Wissenschaften+ geschrieben
+werden, die untersucht, wie alle Gesetze, Begriffe, Theorien als Formen
+innerlich zusammenhängen und was sie als solche historisch bedeuten.
+Die theoretische Physik, Chemie, Mathematik als Inbegriff von Symbolen
+betrachtet -- das ist die endgültige Überwindung des mechanischen
+Weltaspektes durch die intuitive, wiederum religiöse Weltidee. Das
+ist das letzte Meisterstück einer Physiognomik, welche auch noch die
+Systematik als Objekt in sich auflöst. Wir werden künftig nicht mehr
+fragen, welche allgemein gültigen Gesetze der chemischen Affinität
+oder dem Diamagnetismus zugrunde liegen -- eine Dogmatik, die das 19.
+Jahrhundert ausschließlich beschäftigt hat -- wir werden sogar erstaunt
+sein, daß verhältnismäßig primitive Fragen wie diese, Köpfe von solchem
+Range völlig beherrschen konnten. Wir werden untersuchen, woher diese
+der faustischen Intelligenz vorbestimmten Formen kommen, warum sie uns
+Menschen einer einzelnen Kultur im Unterschiede von jeder andern kommen
+mußten, welcher tiefere Sinn darin liegt, daß die gewonnenen Zahlen
+gerade in dieser bildhaften Verkleidung in Erscheinung treten. Und
+dabei ahnen wir heute kaum, was alles von den vermeintlich objektiven
+Werten und Erfahrungen nur Verkleidung, nur Bild und Ausdruck ist.
+
+Die einzelnen Wissenschaften, Erkenntnistheorie, Physik, Chemie,
+Mathematik, Astronomie nähern sich mit wachsender Geschwindigkeit.
+Wir gehen einer vollkommenen Identität der Resultate und damit
+einer Verschmelzung der Formenwelten entgegen, die einerseits ein
+auf wenige Grundformeln reduziertes System von Zahlen (funktionaler
+Natur) darstellt, andrerseits als deren Benennung eine kleine Gruppe
+von Theorien und bildhaften Anschauungen bringt, die endlich als
+verschleierter Mythus wieder erkannt und ebenfalls auf einige Typen,
+aber von durchaus vitaler, physiognomischer Bedeutung zurückgeführt
+werden können und müssen. Man hat diese Konvergenz nicht bemerkt, weil
+seit Kant und eigentlich schon seit Leibniz kein Gelehrter mehr die
+Problematik +aller+ exakten Wissenschaften beherrschte.
+
+Noch vor hundert Jahren waren Physik und Chemie einander fremd; heute
+sind sie einzeln nicht mehr zu behandeln. Man denke an die Gebiete der
+Spektralanalyse, der Radioaktivität, an die kinetische Gastheorie. Vor
+fünfzig Jahren war das Wesentliche der Chemie noch fast ohne Mathematik
+darstellbar; heute sind die chemischen Elemente im Begriff, sich in
+mathematische Konstanten variabler Beziehungskomplexe zu verflüchtigen.
+Die Elemente aber waren in ihrer sinnlichen Faßlichkeit die letzte
+antik-plastisch anmutende Größe der Naturwissenschaft gewesen. Die
+Molekulartheorie ist längst ein Gebiet der reinen Mathematik geworden.
+Die Physiologie steht im Begriff, ein Kapitel der organischen Chemie
+zu werden und sich der Mittel der Infinitesimalrechnung zu bedienen.
+Die nach Sinnesorganen wohlunterschiedenen Teile der älteren Physik,
+Akustik, Optik, Wärmelehre sind aufgelöst und zu einer Dynamik
+der Materie und einer Dynamik des Äthers verschmolzen, deren rein
+mathematische Grenze sich bereits nicht mehr aufrecht erhalten läßt.
+Heute vereinigen sich die letzten Betrachtungen der Erkenntnistheorie
+mit solchen der Analysis und der Physik (vor allem der Optik) zu einem
+sehr schwer zugänglichen Gebiete, dem z. B. die Relativitätstheorie
+gehört. Die Emanationstheorie der radioaktiven Strahlengruppen wird
+durch eine Zeichensprache dargestellt, der nichts Anschauliches mehr
+anhaftet.
+
+Die Chemie ist im Begriff, statt der schärfsten anschaulichen
+Bestimmung der Qualitäten der Elemente (Wertigkeit, Gewicht,
+Affinität, Reagibilität) diese sinnlichen Momente vielmehr zu
+beseitigen. Daß die Elemente je nach ihrer „Abstammung“ aus
+Verbindungen verschieden charakterisiert sind, daß sie Komplexe
+diskreter Einheiten darstellen, die zwar experimentell („wirklich“)
+als Einheit höherer Ordnung wirken und mithin praktisch nicht
+trennbar sind, daß sie aber hinsichtlich ihrer Radioaktivität tiefe
+Verschiedenheiten aufweisen, daß durch die Emanation von strahlender
+Energie ein Abbau stattfindet und man also von einer +Lebensdauer+
+der Elemente reden darf, was offenbar dem ursprünglichen Begriff des
+Elements und damit dem Geiste der von Lavoisier geschaffenen modernen
+Chemie völlig widerspricht -- all das rückt diese Vorstellungen in die
+Nähe der Entropielehre mit ihrem bedenklichen Gegensatz von Kausalität
+und Schicksal, Erkenntnis und Erlebnis, Natur und Historie und
+kennzeichnet den Weg der westeuropäischen Wissenschaft einerseits zur
+Aufdeckung der Identität ihrer formalen, logischen oder zahlenmäßigen
+Resultate mit der Struktur des Verstandes selbst, andrerseits zu der
+Erkenntnis, daß die gesamte, diese Zahlen und Begriffe einkleidende
+Theorie lediglich den symbolischen Ausdruck des faustischen Lebens
+darstellt.
+
+Die Tatsache, daß Radium sich unter gewissen Bedingungen in Helium,
+ein Element sich also in ein anderes verwandelt, greift die Grundlagen
+der chemischen Theorie an. Die Relativitätstheorie beweist zum
+mindesten, daß die absolute Größe einer Strecke eine Vorstellung
+ist, die ernstlich angezweifelt werden darf. Diese Vorstellung aber
+ist die Voraussetzung der messenden Physik. Die Vielzahl der in sich
+widerspruchslosen Geometrien, deren Einführung in die Physik und
+Astronomie neben der bisher allein verwandten euklidischen sich aus
+methodischen Gründen heute vollzieht, widerspricht zwar sicherlich
+gewissen bisher nie angezweifelten Sätzen der Erkenntnistheorie, vor
+allem derjenigen Kants, beweist aber damit nur, daß auch hier geistige
+Konventionen vorliegen, an denen Zweifel möglich oder angebracht sind.
+An dieser Stelle ist endlich als eines der wichtigsten Fermente des
+gesamten Formenkomplexes die echt faustische Mengenlehre zu nennen,
+die im schärfsten Gegensatz zur antiken Mathematik nicht mehr die
+singulären Größen, sondern den +Inbegriff+ irgendwie morphologisch
+gleichartiger Größen (etwa die Gesamtheit aller Quadratzahlen, aller
+Differentialgleichungen von bestimmtem Typus) als neue Einheit, als
+neue +Zahl+ höherer Ordnung auffaßt und neuartigen, früher
+ganz unbekannten Überlegungen bezüglich ihrer Mächtigkeit, Ordnung,
+Gleichwertigkeit, Abzählbarkeit[122] unterwirft. Man charakterisiert
+die endlichen (abzählbaren, begrenzten) Mengen hinsichtlich ihrer
+Mächtigkeit als „Kardinalzahlen“, hinsichtlich ihrer Ordnung als
+„Ordinalzahlen“ und stellt die Gesetze und Rechnungsarten derselben
+auf. So ist eine letzte Erweiterung der Funktionentheorie, die ihrer
+Formensprache nach und nach die gesamte Mathematik einverleibt hatte,
+in Verwirklichung begriffen, wonach sie in bezug auf den Charakter
+der Funktionen nach Prinzipien der Gruppentheorie, in bezug auf den
+Wert der Variablen nach mengentheoretischen Grundsätzen verfährt. Die
+Mathematik ist sich dabei der Tatsache vollkommen bewußt, daß hier
+die letzten Erwägungen über das Wesen der Zahl mit denen der reinen
+Logik zusammenfließen, und man spricht von einer Algebra der Logik.
+Die moderne geometrische Axiomatik ist vollkommen ein Kapitel der
+Erkenntnistheorie geworden.
+
+Das unvermerkte Ziel, dem dies alles zustrebt und das insbesondere
+jeder echte Naturforscher als Trieb in sich empfindet, ist das
+Herausarbeiten einer reinen, zahlenmäßigen Transzendenz, die
+vollkommene und restlose Überwindung des Augenscheins und dessen
+Ersatz durch eine dem Laien unverständliche und unvollziehbare
+Bildersprache, der das große faustische Symbol +des unendlichen
+Raumes+ innere Notwendigkeit verleiht. Der Kreislauf der
+Naturerkenntnis des Abendlandes vollendet sich. Mit dem tiefen
+Skeptizismus dieser letzten Einsichten knüpft der Geist wieder an die
+Formen frühgotischer Religiosität an. Die anorganische, erkannte,
+zergliederte Umwelt, die Welt als Natur, als System ist zu einer
+reinen Sphäre funktionaler Zahlen vertieft worden. Wir hatten die Zahl
+als eines der ursprünglichsten Symbole jeder Kultur erkannt, und so
+folgt, daß der Weg zur reinen Zahl die Rückkehr des Geistes zu seinem
+eignen Geheimnis, die Offenbarung seiner eignen formalen Notwendigkeit
+ist. Die faustische Zahl war nicht sinnliche Größe, sondern abstrakte
+Beziehung. Am Ziele angelangt, enthüllt sich endlich das ungeheure,
+immer unsinnlicher, immer durchscheinender gewordene Gewebe, das die
+gesamte Naturwissenschaft umspinnt: Es ist nichts andres als die innere
+Struktur des Geistes, der sie zu gestalten glaubte. Darunter aber
+erscheint wieder das Früheste und Tiefste, der Mythus, das unmittelbare
+Werden, das Leben. Je weniger anthropomorph die Naturforschung zu
+sein glaubt, desto mehr ist sie es. Sie beseitigt nach und nach
+die einzelnen menschlichen Züge des Naturbildes, um endlich als
+die vermeintliche reine Natur die Menschlichkeit selbst, rein und
+ganz, die unmittelbare Form des Verstandes, in Händen zu halten.
+Aus dem religiösen Seelentum der Gotik ging der das ursprüngliche
+Weltgefühl überschattende städtische Intellekt, das _alter ego_
+der irreligiösen Naturerkenntnis hervor. Heute, in der Abendröte der
+wissenschaftlichen Epoche, im Stadium des siegenden Skeptizismus,
+lösen sich die Wolken, und die Landschaft des Morgens ruht wieder in
+vollkommener Deutlichkeit. Die Natur als starrer Inbegriff funktionaler
+Gesetze, ganz abstrakt, ganz infinitesimal -- das ist nichts als das
+mechanische Bild des faustischen Geistes, das sich vom organischen
+Grunde ablöst. Den Grund aber hatten schon die romanische Ornamentik
+und die gotischen Dome offenbart.
+
+Der letzte Schluß faustischer Weisheit, wenn auch nur in ihren höchsten
+Momenten, ist die Auflösung des gesamten Wissens in ein ungeheures
+System morphologisch-historischer Verwandtschaften. Dynamik und
+Analysis sind dem Sinne, der Formensprache, der Substanz nach identisch
+mit den Bildungen der gotischen Architektur und des dynastischen
+Staates, den Tendenzen unsres mehr und mehr sozialistischen
+Wirtschaftslebens und unserer impressionistischen Ölmalerei, der
+Instrumentalmusik und der christlich-germanischen Dogmatik. Ein und
+dasselbe Weltgefühl redet aus allen. Sie sind mit der faustischen Seele
+geboren und alt geworden. Sie stellen ihre +Kultur+ als historisches
+Phänomen in der Welt des Tages und des Raumes dar. Die Vereinigung der
+einzelnen wissenschaftlichen Aspekte zum Ganzen wird alle Züge der
+großen Kunst des Kontrapunkts tragen. +Eine infinitesimale Musik des
+grenzenlosen Weltraums+ -- das ist immer die tiefe Sehnsucht dieser
+Seele im Gegensatz zur antiken mit ihrem plastisch-euklidischen Kosmos
+gewesen. Das ist, als Denknotwendigkeit des faustischen Weltverstandes
+auf die Formel einer dynamisch-imperativischen Kausalität gebracht, zu
+einer diktatorischen Naturwissenschaft gestaltet, ihr großes Testament
+für den Geist kommender Kulturen -- ein Vermächtnis von Formen
+gewaltigster Transzendenz, das vielleicht niemals eröffnet werden wird.
+Damit kehrt eines Tages die abendländische Wissenschaft, ihres Strebens
+müde, in ihre seelische Heimat zurück.
+
+
+Fußnoten:
+
+[Footnote 115: Etwa im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in der
+Fassung Boltzmanns: „Der Logarithmus der Wahrscheinlichkeit eines
+Zustandes ist proportional der Entropie dieses Zustandes.“ Hier
+repräsentiert jedes Wort eine vollständige Naturanschauung.]
+
+[Footnote 116: Das Feuer gehört für das antike Auge dazu. Es ist der
+stärkste optische Natureindruck, den es gibt und gestattet deshalb dem
+antiken Geiste keinen Zweifel an seiner Körperlichkeit. Erde, Wasser
+und Luft bedeuten den festen, flüssigen und gasförmigen Aggregatzustand
+der physikalischen σώματα, ein rein sinnliches Sichverhalten. Man
+vergleiche das mit dem Begriff des ἦθος in der Tragödie.]
+
+[Footnote 117: Und man darf behaupten, daß der populäre Glaube, den
+z. B. Haeckel mit den Namen Atom, Materie, Energie verbindet, von dem
+Fetischismus des Neandertalmenschen nicht wesentlich verschieden ist.]
+
+[Footnote 118: In Ägypten hat erst Ptolemäus Philadelphus den
+Herrscherkult eingeführt. Die Verehrung der Pharaonen hatte eine ganz
+andre Bedeutung.]
+
+[Footnote 119: Die symbolische Bedeutung des Titels und seine Beziehung
+zu Begriff und Idee der Person kann hier nicht gegeben werden. Es sei
+nur darauf aufmerksam gemacht, daß die antike Kultur als einzige von
+allen niemals einen Titel gekannt hat. Das würde dem streng Somatischen
+ihrer Bezeichnungen widersprochen haben. Außer Eigen- und Beinamen
+besaß sie nur die technischen Namen tatsächlich ausgeübter Ämter.
+„Augustus“ wird sofort Eigenname, Cäsar sehr bald Amtsbezeichnung.
+Aber man kann das Vordringen des magischen Gefühls daran verfolgen,
+wie in der spätrömischen Beamtenschaft höfliche Wendungen wie _vir
+clarissimus_ feststehende +Titulaturen+ werden, die verliehen
+und entzogen werden können. Genau so sind die Namen fremder und älterer
+Götter jetzt zu Titeln der anerkannten exklusiven Gottheit geworden.
+„Heiland“ (Asklepios) und „Guter Hirte“ (Orpheus) sind Titel Christi.
+In antiker Zeit aber waren sogar die Beinamen römischer Gottheiten
+allmählich zu selbständigen Göttern geworden.]
+
+[Footnote 120: Diagoras, der seiner „gottlosen“ Schriften wegen
+in Athen zum Tode verurteilt wurde, hat tief fromme Dithyramben
+hinterlassen. Man lese daraufhin Hebbels Tagebücher und seine Briefe an
+Elise. Er „glaubte nicht an Gott“, aber er betete.]
+
+[Footnote 121: Auch unsere Sprachen setzen ihn oder vielmehr das hinter
+dem Wort stehende _numen_ schon voraus. Wir sagen, daß eine
+Industrie „sich Absatzgebiete erschließt“ und daß der Rationalismus
+„zur Herrschaft gelangt“. Das sind dynamische Wendungen. Keine antike
+Sprache gestattet solche Ausdrücke. Hier liegt auch ein wesentlicher
+Unterschied zwischen den Bildern der antiken und modernen Poesie.]
+
+[Footnote 122: Die „Menge“ der rationalen Zahlen ist abzählbar, die
+der reellen nicht. Die Menge der komplexen Zahlen ist zweidimensional;
+daraus folgt der Begriff der n-dimensionalen Menge, welcher auch die
+geometrischen Gebiete in die Mengenlehre einordnet.]
+
+
+Ende des ersten Bandes.
+
+
+
+
+Inhalt des zweiten Bandes:
+
+Welthistorische Perspektiven.
+
+
+ I. Grundformen der Geschichte.
+
+ 1. Ursprung und Landschaft. Die Gruppe der hohen Kulturen.
+ Völkerformen und Sprachen.
+
+ 2. Die Geschichte einer Kultur als Ablauf eines organischen
+ Prozesses. Urvölker, Kulturvölker, Fellachenvölker. Beispiel: Die
+ Kultur der Maya.
+
+ II. Das Problem der Zivilisation.
+
+ 1. Kultur und Zivilisation. Land und Stadt. Instinkt und Intellekt.
+ Bauerntum und Bürgertum. Beispiel: Der Aufbau der ägyptischen
+ Kultur.
+
+ 2. Weltstadt und Provinz. Zur Psychologie der Modernität.
+
+ 3. Der Imperialismus. Das chinesische Reich; das Imperium Romanum.
+ Die westeuropäische Zukunft.
+
+ III. Probleme der arabischen Kultur.
+
+ 1. Historische Pseudomorphosen: Die römische Kaiserzeit.
+
+ 2. Der Puritanismus: Pythagoras, Mohammed, Cromwell.
+
+ 3. Das Judentum.
+
+ IV. Der Staat.
+
+ 1. Die indische Kultur und das Problem der Stände.
+
+ 2. Antike und abendländische Staatsidee: Polis und Dynastie.
+
+ 3. Stadien der politischen Form. Parlamentarismus; Cäsarismus.
+
+ V. Das Geld.
+
+ Münze und Kredit. Idee des Eigentums. Morphologie der
+ Wirtschaftsgeschichte.
+
+ VI. Die Symbolik der Maschine.
+
+ Sklaventum und Maschinenindustrie. Zur Psychologie der
+ westeuropäischen Technik: Sinn, Entwicklung und Lebensdauer. Der
+ Erfinder als faustischer Typus.
+
+ VII. Das Russentum und die Zukunft. Schluß.
+
+
+
+
+OSWALD SPENGLER
+
+PREUSSENTUM UND SOZIALISMUS
+
+_21. bis 33. Tausend_
+
+Preis M 6.--
+
+ +Inhalt+: Einleitung -- Die deutsche Revolution -- Sozialismus als
+ Lebensform -- Engländer und Preußen -- Marx -- Die Internationale
+
+„Ich halte dies Buch für ‚aktueller‘ als die Enthüllungen, Prozesse,
+Steuerprojekte alle, die uns sonst beschäftigen müssen: sie sind
+Papier, +dies Buch ist Leben+ ... Ein Büchlein von 100 Seiten nur
+und doch zu groß, um seine Linien so nachzeichnen zu können, wie man
+es möchte.“ +Fritz Endres+ (München-Augsburger Abendzeitung). --
+„Dieses Buch ist eine Bejahung des Preußentums, die gehört werden
+wird, denn der sie ausspricht, ist ein Philosoph von Geblüt.“
++Willy Pastor+ (Tägliche Rundschau). --„Gleichviel, ob ihr Gehalt
+im historischen Sinne ‚richtig‘, ob ihr Ziel das wahrhaft zu
+erstrebende ist -- die Broschüre „Preußentum und Sozialismus“ war im
+Augenblick ihres Erscheinens sofort eine Kraft, und sie ist selbst
+eine gegenwartgestaltende Macht geworden. Mit diesem Auge müssen wir
+sie sehen, nicht bloß als eine „Meinung“, an der man Kritik übt und
+die man schließlich anfechtbar findet.“ +Eduard Spranger+ (Dresdner
+Anzeiger). --„Oswald Spengler, der Verfasser des „Untergangs des
+Abendlandes“, des bedeutendsten und universellsten Buches der letzten
+zwanzig Jahre, hat unter dem Titel „Preußentum und Sozialismus“ ein
+Werk der Öffentlichkeit übergeben, das -- man mag zu Spenglers Skepsis
+und Kulturtheorien stehen, wie man will! -- in geradezu hervorragender
+Klarheit und Wahrheit sowohl die heutige Lage psychologisch analysiert,
+als auch unseren schicksalhaften Weg ihrer Überwindung zum Aufbau
+hin darstellt. Auf nur 99 Seiten gibt Spengler eine derartige Fülle
+von Gedanken, daß es nicht möglich ist, sie auch nur andeutungsweise
+anzugeben, man müßte denn das ganze Buch nachschreiben. Jeder, dem des
+Vaterlandes Not im Herzen brennt, sollte das Buch zur Hand nehmen!“
++Ernst Buske+ (Wandervogel).
+
+Alle hier angegebenen Preise sind wegen der stets steigenden Kosten
+unverbindlich.
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+
+
+=Der Untergang des Abendlandes und der Christ= Von =A. ALBERS=. M 1.50.
+Soeben erschienen.
+
+Idealisten wenden sich mit Ingrimm gegen den Relativismus Spenglers
+und suchen in dem dichten Netze seiner Gedanken irgendwo eine
+Lücke zu finden, durch die sie seinem schrecklichen Relativismus
+entfliehen könnten. Der Christ fürchtet diesen nicht, ja er sieht
+in ihm eine Förderung seines geistigen Lebens. Er weiß einen Punkt,
+der ihn außerhalb aller Relativität stellt. Von ihm aus kann er den
+Spenglerschen Kosmos ruhevoll betrachten: sein Weltbild birgt noch
+tiefere Geheimnisse für alles Denken und Schauen. Mit Ernst ist in
+diesem Aufsatz gezeigt, wie Spenglers Buch seine zahlreichen Leser in
+der Richtung zum Christlichen vorwärts bringen kann.
+
+
+=Der deutsche Geist und die Form= Gedanken und Betrachtungen von =MAX
+ZOBEL von ZABELTITZ=. M 6.--. Soeben erschienen.
+
+Die Schrift eröffnet im Hinblick auf die letzten politischen Schicksale
+der Deutschen tiefe und heilsame Einsichten in das Wesen und die
+Geistesart unseres Volkes; sie zeigt, wie überraschend tief bei ihm
+der Zusammenhang zwischen politischem und geistigem Leben ist, so tief
+nämlich, daß auch für die bekannten und so oft entgegengehaltenen
+Widersprüche: Weimar -- Potsdam, Weltbürgertum -- Nationalstaat nur ein
+und dieselbe Wurzel in der deutschen Seele nachweisbar ist. Hier liegen
+bedeutsame Erkenntnisse, welche eine Erklärung für viele Erscheinungen
+in der deutschen Politik und im deutschen Geistesleben bieten. Aus der
+Mannigfaltigkeit und dem Ueberreichtum der deutschen Seele ergibt sich
+dem Verfasser als erste Notwendigkeit und einzige Aussicht für das
+deutsche Volk der Wille zur Form -- staatlich wie geistig genommen.
++Die gedankenreiche, glänzende Schrift ist ein Sammelruf in der
+allgemeinen Zersplitterung an das geistige Deutschland.+
+
+
+=Von der innern Not unseres Zeitalters= Ein Ausblick auf Fausts
+künftigen Weg. Von =ROBERT SAITSCHICK=. 2. Auflage. Gebunden M 4.50
+
+„Faust ist auch in Saitschicks Betrachtung nur der Name für den inneren
+Menschen unserer Tage. Und wie Goethe, so setzt auch Saitschick sich
+mit ihm selbständig auseinander. Nur sieht er schärfer; denn Faust ist
+inzwischen ein Jahrhundert seinen Weg weiter gegangen.“ +Hochland.+
+
+
+=Der Staat und was mehr ist als er= Von =ROBERT SAITSCHICK=. Gebunden M
+12.--
+
++Inhalt+: Einleitung -- Was ist der Staat? -- Staat und Individuum --
+Macht und Recht -- Staat und Sittlichkeit -- Nation -- Patriotismus
+-- Der Staat und die tragischen Widersprüche des Menschen -- Vom
+Weltfrieden -- Völkergemeinschaft.
+
+
+=Laotse / Tao Teh King= Vom Geist und seiner Tugend. Übertragen von
+=H. FEDERMANN=. In Pappband gebunden M 8.--, in Javapapier gebunden M
+12.--. Soeben erschienen.
+
+Diese neue Uebertragung der tiefsinnigen Sprüche des Laotse ist
+in direkter Fühlung mit dem chinesischen Urtext entstanden. Der
+Uebersetzer, der selbst eine der Lyrik und Musik offene Seele besitzt,
+konnte dem schwierigen Text und dem Geist der Sprüche allseitig gerecht
+werden.
+
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+
+
+Soeben ist erschienen:
+
++Immermann+
+
+Der Mann und sein Werk im Rahmen der Literaturgeschichte
+
+von
+
+Harry Maync
+
+Gebunden M 60.--
+
+
+Dieses Werk bildet einen neuen Band der angesehenen und
+weitverbreiteten Sammlung von Dichterbiographien unseres Verlags.
+Es ist einem Autor gewidmet, dessen zwei Hauptwerke, „Die Epigonen“
+und der „Münchhausen“ (mit der in ihm eingeflochtenen herrlichen
+Dorfgeschichte „Der Oberhof“), in der Entwicklung des deutschen
+Romans epochemachend geworden sind, der aber gleichwohl dem heutigen
+Geschlechte weniger bekannt ist, als er nach der Vielseitigkeit seiner
+literarischen Betätigung -- Immermann ist durch seine dramaturgische
+Tätigkeit zumal auch für das deutsche Theater von Bedeutung geworden
+-- und vor allem nach dem Gewicht seiner aufrechten und männlichen
+Persönlichkeit verdiente. -- Die Zeitspanne von den Freiheitskriegen
+bis zum Jahre 1840, in die Immermanns Schaffen fällt, war eine ganz
+unpolitische, wesentlich aufs Literarische und Geistige gerichtete
+Epoche; sie mutet uns Heutige nach dem politischen Schiffbruch,
+den wir soeben erleiden mußten, wie ein schönes Traumland an. Als
+in jenen Jahren der bekannte englische Staatsmann und vielgelesene
+Schriftsteller Sir Ed. Bulwer in der berühmt gewordenen Widmung
+seines „Ernest Maltravers“ „das große deutsche Volk“ als „das Volk
+der Dichter und Denker“ ansprach, wollte dieser Titel gleichwohl
+diesem nicht recht gefallen. Heute, wo wir Deutsche am Grabe unserer
+politischen Hoffnungen stehen, ist es wie wenn jene Bezeichnung neue
+Geltung erhalten sollte. Das Leben Immermanns, eines der literarischen
+Hauptvertreter jener Epoche, gewinnt daher sicherlich heute ein
+verstärktes Interesse für uns Deutsche, freilich auch in dem Sinne,
+daß es uns lehrt, daß ein seiner Kräfte bewußtes Volk von bloßer
+Geistigkeit nicht leben kann, sondern mit innerer Notwendigkeit
+auf politische Betätigung hingetrieben wird. Harry Maync legt in
+seiner fesselnden Darstellung mit Recht starken Nachdruck auf die
+Herausarbeitung des zeitlichen Milieus. Das bedeutende und anregende
+Buch darf den weitesten Kreisen zum Studium und zur Lektüre wärmstens
+empfohlen werden und wird niemand enttäuschen.
+
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+
+
+JOHANNES VOLKELT:
+
+
+=Das ästhetische Bewußtsein= Prinzipienfragen der Ästhetik. Geheftet M
+28.- (Soeben erschienen.)
+
++Inhalt+: I. Ästhetische Gegenständlichkeit. -- II. Der Tatbestand
+der ästhetischen Einfühlung. -- III. Zur Theorie der ästhetischen
+Einfühlung. -- IV. Ursprung der Einfühlung überhaupt. -- V. Illusion
+und ästhetische Wirklichkeit. -- VI. Mit-Wahrnehmung und Phantasie im
+ästhetischen Betrachten. -- VII. Der Gebild-Charakter des ästhetischen
+Verhaltens. -- Sachregister.
+
+Diese Untersuchungen können als Phänomenologie des ästhetischen
+Bewußtseins bezeichnet werden. Das dem ästhetischen Anschauen
+hingegebene Bewußtsein wird in seiner wesenhaften Verfassung
+beschrieben, wobei die Beziehung von Bewußtheit und Gegenständlichkeit
+in den Mittelpunkt gerückt ist. Das Buch bildet eine Ergänzung der
+großen Ästhetik Volkelts.
+
+
+=Gewißheit und Wahrheit= Untersuchung der Geltungsfragen als
+Grundlegung der Erkenntnistheorie. Geheftet M 26.--, gebunden M 40.--
+
+„Wir zweifeln nicht, daß das gediegene, glänzend geschriebene Werk
+auf die erkenntnistheoretische Auseinandersetzung und Fragestellung
+einen nachhaltigen, tiefgehenden Einfluß üben wird.“ +Geisteskampf der
+Gegenwart.+
+
+
+=System der Ästhetik= Drei Bände. Gebunden M 105.--
+
+„Das Werk Volkelts ist durchgängig erfüllt mit ästhetischem Vollgehalt;
+es gibt keine leeren Fächer darin, keine abstrakten Nieten, keine
+überflüssigen Spitzfindigkeiten ... Ein auf allen ästhetischen Gebieten
+erfahrener, wohlorientierter, gebildeter Geist waltet über dem Ganzen.“
+Professor Dr. +O. Liebmann+ (Frankfurter Zeitung).
+
+
+=Ästhetik des Tragischen= Dritte, neubearbeitete Auflage. Gebunden
+M 30.--
+
+„Nicht bloß der Forschung im engeren Sinn, auch der Kritik und vor
+allem dem Unterricht hat Volkelts Werk unschätzbare Dienste geleistet,
+hat Unzähligen für die feinsten Abschattungen tragischen Erlebens und
+Gestaltens die Augen geöffnet und uns klärend und vertiefend zu den
+letzten Fragen hingeleitet.“ Prof. Dr. +Rob. Petsch+ (Neue Jahrbücher
+für das klassische Altertum).
+
+
+=Kunst und Volkserziehung= Betrachtungen über Kulturfragen der
+Gegenwart. Zweiter Abdruck. Gebunden M 2.80 und 75% Teuerungszuschlag.
+
+„Das Anziehende des Buches bildet die konsequente Ablehnung jeder
+moralisierenden Tendenz für die Kunst und das warm begeisterte
+Eintreten für eine in ihrem tiefsten Wesen begründete Sittlichkeit,
+die eins mit ihr wird. So begegnen sich Ästhetik und Ethik hier in
+harmonischer Verschmelzung.“ +A. Brausewetter+ (Der Tag).
+
+
+=Festschrift Johannes Volkelt= zum 70. Geburtstag dargebracht. VII, 428
+Seiten. Lex. 8^o. Geheftet M 25.--
+
+Mit Beiträgen von Wilhelm Wundt, Jonas Cohn, Bruno Bauch, Albert
+Köster, Georg Witkowski, Hermann Schwarz, Walther Schmied-Kowarzik, Max
+Frischeisen-Köhler, Otto Klemm, Hermann Schneider, Richard Falckenberg,
+Max Dessoir, Ernst Bergmann, Felix Krueger, Wilhelm Wirth, F. R.
+Lipsius, Eduard Spranger, Paul Barth.
+
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+=Platon= Sein Leben, seine Schriften, seine Lehre. Von =CONSTANTIN
+RITTER=. +Erster Band+: Platons Leben und Persönlichkeit, Philosophie
+nach den Schriften der ersten sprachlichen Periode. XV, 588 Seiten 8^o.
+Geheftet M 8.--*, gebunden M 9.--*
+
+
+=Platon und die Aristotelische Ethik= Von =Dr. HANS MEYER=, Professor
+der Philosophie in München. 1919. VI, 300 Seiten 8^o. Geheftet M 16.--
+
+
+=Geschichte der griechischen Literatur= von =WILH. v. CHRIST=. Unter
+Mitwirkung von Professor Dr. OTTO STÄHLIN (Erlangen) neubearbeitet von
+Professor Dr. WILHELM SCHMID (Tübingen).
+
+(_Handbuch der klassischen Altertumswissensschaft VII. Band_)
+
+ I. Teil: =Die klassische Periode der griechischen Literatur=. 6.
+ Auflage. 1912. 50 Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 23.50, gebunden M 41.50
+
+ II. Teil, 1. Hälfte: =Die nachklassische Literatur= von 320 v. Chr.
+ bis 100 n. Chr. 6. Auflage. 1920. 42-1/2 Bogen Lex. 8^o. Geheftet M
+ 35.--, geb. M 55.--. (Soeben erschienen.)
+
+ II. Teil, 2. Hälfte: =Die nachklassische Periode der
+ griechischen Literatur= von 100 bis 530 n. Chr. 5. Auflage.
+ 1913. Mit alphabetischem Sachregister und einem Anhang von 45
+ Porträtdarstellungen, ausgewählt und erläutert von J. +Sieveking+.
+ 50⅝ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 25.50, gebunden M 43.50
+
+
+=Geschichte der römischen Literatur= bis zum Gesetzgebungswerk des
+Kaisers Justinian. Von =MARTIN von SCHANZ=.
+
+(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft VIII. Band_)
+
+ I. Teil, 1. Hälfte: =Von den Anfängen der Literatur bis zum Ausgang
+ des Bundesgenossenkrieges.= Mit Register. 3. Auflage. 23 Bogen Lex.
+ 8^o. Geh. M 12.25, geb. M 26.25
+
+ I. Teil, 2. Hälfte: =Bis zum Ende der Republik=. Mit Register. 3.
+ Auflage. 33⅞ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50
+
+ II. Teil, 1. Hälfte: =Die augustische Zeit=. Mit Register. 3.
+ Auflage. 38½ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50
+
+ II. Teil, 2. Hälfte: =Vom Tode des Augustus bis zur Regierung
+ Hadrians=. Mit Register. 3. Auflage. 38½ Bogen Lex. 8^o. Geheftet
+ M 17.50, gebunden M 33.50
+
+ III. Teil: =Die römische Literatur von Hadrian bis auf Constantin
+ (324 n. Chr.)=. Mit Register. 2. Auflage. Vergriffen.
+
+ IV. Teil, 1. Hälfte: =Die Literatur des 4. Jahrhunderts=. Mit
+ Register. 2., vermehrte Auflage. 36¾ Bogen Lex. 8^o. Geheftet M
+ 17.50, gebunden M 33.50. Die zweite Hälfte (die Literatur des 5. und
+ 6. Jahrhunderts) erscheint Herbst 1920.
+
+
+=Griechische Staatskunde= Von =Dr. GEORG BUSOLT=, ord. Professor an
+der Universität Göttingen. 3., neugestaltete Auflage der Griechischen
+Staats- und Rechtsaltertümer. 1. Hauptteil: Allgemeine Darstellung des
+griechischen Staates. 41 Bogen Lex. 8^o. Geheftet M 30.--, gebunden M
+50.--. (Soeben erschienen.)
+
+(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft IV. Band, 1.
+Abteilung, 1. Hälfte_)
+
+
+=Griechische Kultusaltertümer= Von =Dr. P. STENGEL=, Professor am
+Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. 3., neubearbeitete Auflage.
+17½ Bogen Lex. 8^o. Mit 6 Tafeln. Geheftet M 20.--, gebunden M
+35.--. (Soeben erschienen.)
+
+(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band. 3. Abteilung_)
+
+
+=Geschichte der antiken Philosophie= Von =WILHELM WINDELBAND=. 3.
+Auflage bearbeitet von Dr. ADOLF BONHÖFFER. Geh. M 10.50, geb. M 24.50
+
+(_Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band, 1. Abteilung,
+1. Teil_)
+
+
+Zu den mit * versehenen Preisen kommt noch ein Teuerungszuschlag des
+Verlages von 75%.
+
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+=Geschichte der deutschen Literatur= bis zum Ausgang des Mittelalters.
+Von Professor =Dr. G. EHRISMANN=. 1. Teil: Die althochdeutsche
+Literatur. (Soeben erschienen.) Geheftet M 22.50, gebunden M 30.--
+
+
+=Die deutschen Dichter des lateinischen Mittelalters= in deutschen
+Versen von =PAUL von WINTERFELD=. Herausgegeben von HERMANN REICH. In
+Halbleinen gebunden M 16.--
+
+
+=Deutsche Altertumskunde= von Professor =Dr. FR. KAUFFMANN=. 1. Hälfte:
+Von der Urzeit bis zur Völkerwanderung. Geheftet M 17.50, in Leinwand
+gebunden M 24.--
+
+
+=Deutsches Sagenbuch= Herausgegeben von Professor =Dr. FRIEDRICH v.
+d. LEYEN=. 1. Teil: Die Götter und Göttersagen der Germanen. Von
+Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. 2. Auflage. VIII, 278 Seiten 8^o. In
+Pappband M 22.--. (Soeben erschienen.) -- 2. Teil. Die deutschen
+Heldensagen. Von Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. VIII, 352 Seiten 8^o.
+In Pappband M 11.--. -- 3. Teil: Die deutschen Sagen des Mittelalters.
+Von K. WEHRHAN. 1. Hälfte: Kaiser und Herren. VIII, 210 Seiten 8^o.
+In Pappband M 11.--. 2. Hälfte: Stämme und Landschaften, Ritter und
+Sänger. X, 254 Seiten 8^o. In Pappband M 17.--. (Soeben erschienen.) --
+4. Teil: Die deutschen Volkssagen. Von Dr. FR. RANKE. XVII, 294 Seiten
+8^o. In Pappband M 11.--
+
+
+=Die Germanen= Eine Erklärung der Überlieferung über Bedeutung,
+Herkunft des Völkernamens. Von =TH. BIRT=. M 4.50
+
+
+=Deutsche Geschichte= Von =OSKAR JÄGER=. 5. Auflage (14. bis 16.
+Tausend) +Erster Band+: Bis zum westfälischen Frieden. 43 Bogen mit 112
+Abbildungen und 7 Karten. / +Zweiter Band+: Bis zur Gegenwart. 43 Bogen
+mit 108 Abbildungen und 8 Karten. Gebunden M 45.--
+
+
+=Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender=
+
+=Kriegsjahrgänge 1914, 1915 und 1917=
+
+ Neue Folge. =30. Jahrgang 1914= (der ganzen Reihe LV. Band).
+ Herausgegeben von =WILHELM STAHL=. In zwei Hälften. XXXII und 1248
+ Seiten. M 45.--
+
+ Neue Folge. =31. Jahrgang 1915= (der ganzen Reihe LVI. Band).
+ Herausgegeben von =ERNST JÄCKH= und =KARL HÖNN=. In zwei Hälften. LI,
+ 1454 Seiten. M 60.--
+
+ Neue Folge. =32. Jahrgang 1916.= Im Druck.
+
+ Neue Folge. =33. Jahrgang 1917= (der ganzen Reihe LVIII. Band).
+ Herausgegeben von =WILHELM STAHL=. In zwei Hälften. 1. Hälfte:
+ IV, 1048 Seiten. 2. Hälfte: XXXV, 1067 Seiten. M 100.--. Soeben
+ erschienen.
+
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+=Goethe= Sein Leben und seine Werke. Von =ALBERT BIELSCHOWSKY=. 38. und
+39. Auflage. Zwei Bände mit zwei Porträtgravüren. In Halbleinenband M
+70.--
+
+
+=Schiller= Sein Leben und seine Werke. Von =KARL BERGER=. 11. und 12.
+Auflage (34. bis 39. Tausend). Zwei Bände mit zwei Porträtgravüren. In
+Halbleinenband M 65.--
+
+
+=Herder= Sein Leben und seine Werke. Von =EUGEN KÜHNEMANN=. 2.,
+neubearbeitete Auflage. Mit Porträtgravüre. In Halbleinenband M 24.--
+
+
+=Schiller= Von =EUGEN KÜHNEMANN=. Sechste Auflage (16. bis 19. Taus.).
+In Halbleinenband M 40.--. (Soeben erschienen.)
+
+
+=Theodor Fontane= von =CONRAD WANDREY=. Geb. M 20.--
+
+ „Das kluge, gediegene und liebevolle, dabei in seiner Rede die
+ richtige Tonhöhe wahrende und in kritischen Einzelheiten sehr feine
+ Buch will, wie es im Vorwort heißt, das Fontanebild dieser Gegenwart
+ einfangen, und das heißt, es dient in der Hauptsache und fast
+ ausschließlich dem Epiker, denn dieser ist es, der lebt und gilt
+ .... Es ist eine Glanzleistung, die, wie wir glauben möchten, mit
+ ihrem Gegenstande durch die Zeiten ehrenvoll verbunden bleiben wird.“
+ +Thomas Mann+ (Berliner Tageblatt).
+
+
+=Goethes Faust= Nach Entstehung und Inhalt erklärt. Von =ERNST
+TRAUMANN=. Zweite Auflage. +Erster Band+: Der Tragödie erster Teil.
++Zweiter Band+: Der Tragödie zweiter Teil. In Halbleinenband M 45.--
+
+ „Unsere Literatur über unsere Literatur ist nicht allzu reich an
+ solchen wahrhaft ins Herz der Dichtung führenden Werken.“ Professor
+ Dr. J. +Hofmiller+ (Süddeutsche Monatshefte). -- „Wir werden
+ an dem Werk die ausführlichste, wissenschaftlich zuverlässigste und
+ gründlichste Erklärung des Faust haben.“ +Pädagogische Blätter.+
+
+
+=Bausteine zu einer Ästhetik der innern Form= Von =FRIEDRICH LIPPOLD=.
+XXIV, 400 Seiten. In Halbleinenband M 20.--
+
+ Nicht nur die Wissenschaft der Ästhetik, sondern die deutsche
+ Literatur wird mit diesem Buche um einen Denker und Schriftsteller
+ seltener Art bereichert. Bis zu +seiner+ Tiefe hat wohl niemand
+ bisher die Schönheiten der ersten Züricherseestrophe Klopstocks oder
+ von Goethes „Euphrosyne“ und „Auf Miedings Tod“ ausgekostet und von
+ diesen Erlebnissen im Reiche des Schönen Kunde gegeben. Lippold war
+ eine Persönlichkeit in der Art F. Th. Vischers und Wilh. Diltheys
+ und wird in unserer traurigen Gegenwart wie ein Klang aus dem alten
+ Deutschland vor 1870 wirken, das der Welt so viele Denker und Lehrer
+ gegeben hat.
+
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+
+
+Soeben ist erschienen:
+
+ERNST DROEM
+
++GESÄNGE+
+
+EINGEFÜHRT VON
+
+OSWALD SPENGLER
+
+ Geheftet M 10.-- Gebunden M 14.--
+
+
+In Oswald Spenglers Werk „Der Untergang des Abendlandes“ 3.-15. Auflage
+Seite 331 ist in bedeutungsvoller Weise auf den Dichter hingewiesen mit
+den Worten:
+
+ „_Die moderne Poesie der welkenden Alleen, der endlosen Straßenzüge
+ unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines Domes, der Gipfel einer
+ fernen Gebirgskette ..... Baudelaire, Verlaine und X haben diese
+ Gefühle in Verse gebracht._“
+
+Mit der Veröffentlichung der „GESÄNGE“ von ERNST DROEM wird
+der literarischen Welt dieses X nun aufgelöst. Eine bedeutende
+Dichterpersönlichkeit, von kosmischen Visionen gleich Goya und Daumier
+bestürmt, ein Meister der Sprache und der modernsten Form, tritt
+hier -- was bei Dichtern sonst selten ist -- aus sorgsam gehüteter
+Verborgenheit hervor mit der reifen Frucht ihres Geistes und ihrer
+Kunst.
+
+OSWALD SPENGLER hat der ersten Gabe dieses Dichters eine Einleitung
+über die Lyrik der Gegenwart vorangeschickt, die ganz neue Gedanken und
+Gesichtspunkte bietet.
+
+
+C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in München
+
+
+C. H. Beck’sche Buchdruckerei in Nördlingen
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77042 ***
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+ Der Untergang des Abendlandes, Erster Band | Project Gutenberg
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+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77042 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1920 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p>
+
+<p class="p0">Fußnoten wurden am Ende des jeweiligen Abschnitts
+zusammengefasst.</p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe32 x-ebookmaker-drop" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><span class="u">Original-Bucheinband</span></figcaption>
+</figure>
+
+<p class="s3 center padtop3 break-before">DER UNTERGANG DES ABENDLANDES</p>
+
+<p class="s4 center mbot3">ERSTER BAND: GESTALT UND WIRKLICHKEIT</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h1 class="mtop3">DER UNTERGANG<br>
+DES ABENDLANDES</h1>
+
+<p class="s3 center"><span class="s4">UMRISSE EINER MORPHOLOGIE<br>
+DER WELTGESCHICHTE</span></p>
+
+<p class="s4 center mtop1 mbot1">VON</p>
+
+<p class="s2 center">OSWALD SPENGLER</p>
+
+<p class="s4 center mtop2">ERSTER BAND</p>
+
+<p class="s3 center">GESTALT UND WIRKLICHKEIT</p>
+
+<p class="center mtop3">23.–32., UNVERÄNDERTE AUFLAGE</p>
+
+<p class="s5a center">37.–50. TAUSEND</p>
+
+<figure class="figcenter illowe4 padtop3" id="signet">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet">
+</figure>
+
+<div class="s4 center mtop3"><span class="btd">&#8195;C. H. BECK’SCHE
+VERLAGSBUCHHANDLUNG&#8195;</span></div>
+
+<div class="s4 center">OSKAR BECK <span class="mleft7">MÜNCHEN 1920</span></div>
+
+</div>
+
+<p class="s5a center padtop5 break-before">Copr. München 1919. C. H. Beck’sche
+Verlagsbuchhandlung</p>
+
+<p class="s5a center">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
+vorbehalten</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<div class="poetry-container s5 padtop5">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wenn im Unendlichen dasselbe</div>
+ <div class="verse indent0">Sich wiederholend ewig fließt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das tausendfältige Gewölbe</div>
+ <div class="verse indent0">Sich kräftig ineinander schließt;</div>
+ <div class="verse indent0">Strömt Lebenslust aus allen Dingen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem kleinsten wie dem größten Stern,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alles Drängen, alles Ringen</div>
+ <div class="verse indent0">Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent20"><em class="gesperrt">Goethe</em></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="VORWORT">VORWORT</h2>
+
+</div>
+
+<p class="p0 mtop2"><span class="initial">D</span>ies Buch, das Ergebnis dreier Jahre, war in der ersten Niederschrift
+vollendet, als der große Krieg ausbrach. Es ist bis zum Frühling
+1917 noch einmal durchgearbeitet und in Einzelheiten ergänzt und
+verdeutlicht worden. Die außerordentlichen Verhältnisse haben sein
+Erscheinen weiterhin verzögert.</p>
+
+<p>Obwohl mit einer allgemeinen Philosophie der Geschichte beschäftigt,
+bildet es doch in tieferem Sinne einen Kommentar zu der großen Epoche,
+unter deren Vorzeichen die leitenden Ideen sich gestaltet haben.</p>
+
+<p>Der Titel, seit 1912 feststehend, bezeichnet in strengster
+Wortbedeutung und im Hinblick auf den Untergang der Antike eine
+welthistorische Phase vom Umfang mehrerer Jahrhunderte, in deren Anfang
+wir gegenwärtig stehen.</p>
+
+<p>Die Ereignisse haben vieles bestätigt und nichts widerlegt. Es
+zeigte sich, daß diese Gedanken eben jetzt und zwar in Deutschland
+hervortreten mußten, daß der Krieg selbst aber noch zu den
+Voraussetzungen gehörte, unter welchen die letzten Züge des neuen
+Weltbildes bestimmt werden konnten.</p>
+
+<p>Denn es handelt sich nach meiner Überzeugung nicht um eine neben
+andern mögliche und nur logisch gerechtfertigte, sondern um die,
+gewissermaßen natürliche, von allen dunkel vorgefühlte Philosophie
+der Zeit. Das darf ohne Anmaßung gesagt werden. Ein Gedanke von
+historischer Notwendigkeit, ein Gedanke also, der nicht in eine Epoche
+fällt, sondern der Epoche macht, ist nur in beschränktem Sinne das
+Eigentum dessen, dem seine Urheberschaft zuteil wird. Er gehört der<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span>
+ganzen Zeit; er ist im Denken aller unbewußt wirksam und allein die
+zufällige private Fassung, ohne die es keine Philosophie gibt, ist mit
+ihren Schwächen und Vorzügen das Schicksal — und das Glück — eines
+Einzelnen.</p>
+
+<p>Ich habe nur den Wunsch beizufügen, daß dies Buch neben den
+militärischen Leistungen Deutschlands nicht ganz unwürdig dastehen möge.</p>
+
+<p class="mtop1">München, im Dezember 1917</p>
+
+<p class="s4 right mright2">Oswald Spengler</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="INHALT">INHALT</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s5a vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5a vab">
+ <p class="right">Seite</p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>Vorwort</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#VORWORT">VII</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>Inhaltsverzeichnis</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#INHALT">IX</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>Einleitung</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#EINLEITUNG">1</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Das Thema. Voraus&#173;bestimmung der Geschichte. Der
+ historische Vergleich. <em class="gesperrt">Morphologie der
+ Welt&#173;geschichte</em> — eine neue Philosophie. <em class="gesperrt">Für
+ wen</em> gibt es Geschichte? Der antike Mensch ahistorisch. Sein
+ Verhältnis zur Chronologie und Astronomie. Das Weltbild des indischen
+ und ägyptischen Menschen. Mumie und Toten&#173;verbrennung als Zeitsymbole.
+ Der west&#173;europäische Mensch extrem historisch veranlagt.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Die Form der Welt&#173;geschichte.</em>
+ „Altertum-Mittelalter-Neuzeit.“ Flachheit des Schemas, Mangel an
+ Proportion. Das Linien&#173;förmige. Herkunft aus dem Orient; Addition einer
+ „Neuzeit“ im Abendlande. Zunehmende Zersetzung des Bildes. Westeuropa
+ kein Schwerpunkt. Vollkommener Relativismus. Goethes Methode die einzig
+ historische. „Welt&#173;geschichte“ als Geschichte einer Gruppe hoher
+ Kulturen. Kulturen als Organismen.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Das Römertum als Schlüssel
+ zum Verständnis der west&#173;europäischen Zukunft.</em> Unser bisheriges
+ Verhältnis zur Antike ideologisch oder materialistisch (Nietzsche und
+ Mommsen). Enge <em class="gesperrt">beider</em> Standpunkte.
+ „<em class="gesperrt">Untergang des Abendlandes</em>“:
+ <em class="gesperrt">Das Problem der Zivilisation.</em> Zivilisation als
+ das Ende jeder Kultur. Griechentum und Römertum: Kultur und Zivilisation.
+ Weltstadt und Provinz. Das Imperium Romanum: der normale Endzustand
+ jeder Zivilisation. Gegenwart und Imperialismus.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Notwendigkeit des Grundgedankens. Seine Tragweite.
+ Verhältnis zur Philosophie. Inferiorität des heutigen Philoso&#173;phierens:
+ kein lebendiges Verhältnis zur Zeit. Gibt es noch eine echte Möglichkeit?
+ Nach der systematischen und der ethischen Periode eine letzte,
+ skeptische (historisch-relativistische). Statt des Erkenntnis- und des
+ Wertproblems das Formproblem als Schwerpunkt. Erweiterung der
+ historischen Morphologie zu einer universellen Symbolik.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Entstehung des Buches. Anlaß. Inhalt. Ordnung.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>Tafeln zur vergleichenden Morphologie der
+ Welt&#173;geschichte</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#TAFELN_ZUR_VERGLEICHENDEN_MORPHOLOGIE_DER_GESCHICHTE">73</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0"><b>I. Kapitel: Vom Sinn der Zahlen</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#ERSTES_KAPITEL">75</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Grund&#173;begriffe. <em class="gesperrt">Richtung und
+ Ausdehnung: chronologische und mathematische Zahl.</em> Die Zahl als
+ Prinzip der Grenzsetzung.<span class="pagenum" id="Seite_x"><span class="s4">[S. x]</span></span>
+ Keine „Zahl an sich“. Mehrere Mathematiken. Kants Begriff des a priori.
+ Die Form des Erkennens weder konstant noch allgemein&#173;gültig: eine
+ Funktion der jeweiligen Kultur. Stile des Erkennens. Innere
+ Verwandtschaft jeder Mathematik mit der Formen&#173;sprache der gleich&#173;zeitigen
+ Künste: euklidische Geometrie und Statuen&#173;plastik, Analysis und
+ Kontrapunkt.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Die antike Zahl als Größe (Maß).
+ </em> Körperliche, nicht räumliche Ausge&#173;dehnt&#173;heit. Fehlen irrationaler
+ und negativer Zahlen. Weltsystem des Aristarch. Mathematik und Religion.
+ Zahl und Tod. Diophant und die arabische Zahl (Algebra). Descartes und
+ die Analysis des Unendlichen. <em class="gesperrt">Die abend&#173;ländische
+ Zahl als Funktion.</em> Die Geschichte der abend&#173;ländischen Mathematik
+ eine fort&#173;schreitende Emanzipation vom Größenbegriff. Das Irrationale
+ antihellenisch.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Weltangst und Weltsehnsucht.
+ Ursprung der mathematischen, religiösen, künstlerischen Formensprache:
+ Ausdruck der Angst vor dem Unbekannten.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Geometrie und Arithmetik (Messung und Zählung)
+ veraltete Namen. <em class="gesperrt">Die Quadratur des Kreises das
+ klassische antike Grenzproblem.</em> Die Mathematik des Kleinen (der
+ antike Staat). Konstruktion und Operation. <em class="gesperrt">Das
+ klassische abend&#173;ländische Grenzproblem: der Grenzwert der
+ Infini&#173;tesi&#173;mal&#173;rechnung</em> (Beziehung zum Barockstil). Über&#173;schreitung
+ der Grenze des Sehsinnes durch die Analysis. Das antike Parallelen&#173;axiom
+ und die nicht&#173;eukli&#173;dischen Geometrien. Mehr&#173;dimensio&#173;nale Räume
+ (Punkt&#173;mannig&#173;faltig&#173;keiten). Letzte Fassung des faustischen Zahlendenkens:
+ Transfor&#173;mations- und Invarianten&#173;lehre. Erschöpfung der formalen
+ Möglichkeiten und Ende der west&#173;europäischen Mathematik.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0"><b>II. Kapitel: Das Problem der Weltgeschichte</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#ZWEITES_KAPITEL">133</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>I. Physiognomik und Systematik</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Zweites_Kapitel_I">135</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Notwen&#173;digkeit einer neuen historischen Methode.
+ Ausschaltung der Ideale und Moralen als Wertmesser der Entwicklung.
+ <em class="gesperrt">Geschichte und Natur = Gestalt und Gesetz =
+ Richtung und Ausdehnung.</em> Physio&#173;gnomik und Systematik als die beiden
+ Arten morpho&#173;lo&#173;gischer Welt&#173;be&#173;trach&#173;tung.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Was ist eine Kultur?</em>
+ Aufbau der höheren Geschichte. Goethes Urphänomen. Tempo, Lebensdauer,
+ Stil, Tod hoher Kulturen. Wiederholung des Kulturganges im zugehörigen
+ Einzeldasein. Begriff der Homologie von Epochen. Gleichartiger Bau aller
+ Kulturen. Möglichkeit morpho&#173;lo&#173;gischer Voraus&#173;be&#173;stimmung und Rekon&#173;struktion
+ historischer Perioden.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>II. Schicksalsidee und Kausalitätsprinzip</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Zweites_Kapitel_II">164</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Zwei Formen kosmischer Notwen&#173;digkeit:
+ <em class="gesperrt">organische und anor&#173;ganische Logik = Schicksal und
+ Kausalität</em> (Lebensgefühl und Erkennt&#173;nis&#173;form). Beziehung zu
+ Weltsehn&#173;sucht und Weltangst.<span class="pagenum" id="Seite_xi"><span class="s4">[S. xi]</span></span>
+ Die kausale Weltform als Versuch des Verstandes, das Schicksal zu
+ überwinden. Schicksal als Daseinsart des Urphänomens.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Das Zeitproblem.</em>
+ Miß&#173;ver&#173;ständ&#173;nisse der Systematiker: „Zeit und Raum“.
+ <em class="gesperrt">Zeit (Nicht&#173;umkehr&#173;barkeit) als Schicksal.</em>
+ Zeit kein Begriff, wissen&#173;schaftlich nicht zugänglich. Raumrechnung und
+ Zeitrechnung (das Was und das Wann): die naturhafte und die
+ historische Weltfrage. Mathematik und Chronologie.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Zeit, Schicksal und Tragödie. Euklidische und
+ analytische Tragik (Situations- und Ent&#173;wick&#173;lungs&#173;tragik).
+ <em class="gesperrt">Jede Kultur eine eigne Schick&#173;sals&#173;idee.</em> Grenzen
+ der Möglichkeit, die „Welt&#173;geschichte der andern“ zu verstehen. Die
+ großen Zeitsymbole als einzige Hilfsmittel: Die Uhr. Bestattungs&#173;formen.
+ Kalender. Erotik. <em class="gesperrt">Staatsform und Zeitgefühl</em>:
+ der antike, ägyptische und abend&#173;ländische Staatsgedanke. Stoizismus und
+ Sozialismus: Beziehung zu Plastik und Musik.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Schicksal und Zufall. Kausalität und Prä&#173;des&#173;ti&#173;nation.
+ Tragik des Zufälligen (Shakespeare). Tyche und der Stil des antiken
+ Daseins. Astrologie und Orakel. Die antike Schick&#173;sals&#173;tragödie. Logik der
+ Geschichte: Kolumbus und das spanische Jahrhundert. „Epoche“ und
+ „Episode“. Anonyme und persönliche Form der Geschichte. Das Schicksal
+ Napoleons. Luther.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Gibt es eine wirkliche Ges&#173;chichts&#173;wissen&#173;schaft?
+ Verwechslung physikalisch-kausaler und historisch-physio&#173;gnomischer
+ Methoden. Geschichte als „Prozeß“. „Hunger und Liebe.“ Das soziale Drama
+ als Seitenstück zur materia&#173;lis&#173;tischen Ge&#173;schicht&#173;sauf&#173;fassung. Mangel an
+ Skepsis. Letzte Aufgaben.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0"><b>III. Kapitel: Makrokosmos</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#DRITTES_KAPITEL">221</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>I. Die Symbolik des Weltbildes und das
+ Raumproblem</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Drittes_Kapitel_I">223</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Was ist ein Symbol? Idee des Makro&#173;kosmos. Die Welt
+ als Inbegriff von Symbolen in bezug auf eine Seele. Jeder Mensch hat eine
+ eigne Umwelt. Raum und Tod. „<em class="gesperrt">Alles Vergäng&#173;liche ist
+ nur ein Gleichnis.</em>“ <em class="gesperrt">Das Raumproblem.</em> Nur
+ die Tiefe („dritte Dimension“) raumbildend. Kants Theorie.
+ Unab&#173;hängig&#173;keit der Mathematik von der Anschauung. Varia&#173;bili&#173;tät des
+ Sehbildes. Mehrzahl möglicher Raumarten. <em class="gesperrt">Raumtiefe
+ = Richtung (Zeit).</em> <em class="gesperrt">Identität des
+ Tiefe&#173;ner&#173;leb&#173;nis&#173;ses mit dem Erwachen des Innen&#173;lebens.</em> Idealtypus der
+ Ausdehnung: jede Kultur besitzt ein eignes Ursymbol. Das abend&#173;ländische
+ Ursymbol: der <em class="gesperrt">unendliche Raum</em>. Kants Problem
+ für die Griechen gar nicht vorhanden. Der Parallelen&#173;satz Euklids und die
+ Vielzahl der Raums&#173;trukturen in der west&#173;europäischen Mathematik. Das
+ antike Ursymbol: <em class="gesperrt">der stoffliche Einzel&#173;körper</em>.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>II. Apollinische, faustische, magische Seele</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Drittes_Kapitel_II">254</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Olymp und Walhall. Magisches und faustisches
+ Christentum. Der antike Poly&#173;theismus (Gott als Körper) und der
+ abend&#173;ländische Mono&#173;theismus (Gott als Raum). Das ägyptische Ursymbol
+ <em class="gesperrt">der Weg</em>. Sinn der Pyrami&#173;den&#173;archi&#173;tek&#173;tur.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Seite_xii">[S. xii]</span>
+ <p class="s5 mleft1">Doppelsinn der Kunst: <em class="gesperrt">Imitation
+ und Symbolik</em> (Welt&#173;sehnsucht und Weltangst). Jede Frühkunst
+ Architektur: Stein und Ursymbol. Staatsform und Archi&#173;tek&#173;tur&#173;form;
+ Ausdruck des Willens, der Sorge, der Dauer. Hohen&#173;staufen und Pharaonen.
+ Außen&#173;archi&#173;tek&#173;tur und Innenräume. <em class="gesperrt">Das Problem des
+ Stils.</em> Einheit und Lebens&#173;dauer innerhalb einer Kultur. Der
+ ägyptische Stil als Muster&#173;beispiel einer Stil&#173;geschichte. Koinzidenz
+ seiner Phasen mit denen des abend&#173;ländischen Stils.
+ <em class="gesperrt">Stil&#173;einheit von der Romantik bis zum Empire.</em>
+ Verlagerung des Schwe&#173;punkts der Stil&#173;bildung von der frühen Archi&#173;tektur
+ in eine der bildenden Künste. Dorik und Ionik, Gotik und Barock als
+ Jugend- und Alters&#173;phase desselben Stils. Aufgabe der Kunst&#173;wissen&#173;schaft:
+ ver&#173;gleichende Bio&#173;graphien der großen Stile. Psychologie der Kunst&#173;technik.
+ Der wahre Umfang der arabischen Kunst: die altchristlich-„spätantike“
+ Kunst als Frühzeit, die islamische als Spätzeit. Mosaik&#173;malerei, Arabeske.
+ Verbindung von Rundbogen und Säule arabische Motive.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0"><b>IV. Kapitel: Musik und Plastik</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#VIERTES_KAPITEL">295</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>I. Die bildenden Künste</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Viertes_Kapitel_I">297</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Unmöglichkeit einer Einteilung der Künste nach
+ stationären technischen Prinzipien. <em class="gesperrt">Musik eine
+ bildende Kunst.</em> Auswahl der innerhalb einer Kultur möglichen Künste.
+ Tendenz aller antiken Künste zur Rundp&#173;lastik (650–350). Beziehung zur
+ euklidi&#173;schen Geometrie. Die Fresk&#173;omalerei als Vorstufe. Dem&#173;ent&#173;spre&#173;chend
+ 1500 bis 1800 Ausbildung der Instru&#173;mental&#173;musik. Kontrapunkt und Analysis:
+ Sieg der Musik über Malerei und Baukunst: Rokoko.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Charakter der Renaissance als
+ <em class="gesperrt">anti&#173;goti&#173;scher</em>
+ (<em class="gesperrt">anti&#173;musikali&#173;scher</em>) Bewegung. Fresko und
+ Statue in Florenz vom gotischen Form&#173;gefühl bestimmt (Bildraum). Linear-
+ und Luft&#173;per&#173;spek&#173;tive. Der Park. Die historische Landschaft.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Symbolik der Farben.</em>
+ Farben der Nähe und Ferne. Das hellenische Vier&#173;farben&#173;fresko. Blau und
+ Grün Raumfarben. Behandlung des Bild&#173;hinter&#173;grun&#173;des: Verneinung im antiken
+ Fresko, Goldgrund im Mosaik, Tie&#173;fen&#173;per&#173;spek&#173;tive in der Ölmalerei. Der
+ sichtbare Pinsel&#173;strich der Vene&#173;zianer <em class="gesperrt">als Ausdruck
+ des histori&#173;schen Gefühls</em>. Das Rem&#173;brandt&#173;braun.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>II. Akt und Porträt</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Viertes_Kapitel_II">297</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Das antike und das abend&#173;ländische Menschen&#173;ideal:
+ der Körper nach Grenz&#173;flächen oder physio&#173;gnomisch behandelt. Köpfe antiker
+ Statuen. Faustische Akte ein Widerspruch. Das Porträt in Florenz und
+ Venedig. Michelangelo und das Ende der abend&#173;ländischen Plastik. Lionardo
+ frei von Renais&#173;sance&#173;idealen; der Entdecker; Physiologie statt Anatomie.
+ Raffaels sixtinische Madonna die letzte große Linie in der
+ abend&#173;ländischen Kunst.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">In jeder Kultur eine Gruppe
+ großer Künste.</em> In der faustischen die Instru&#173;mental&#173;musik, in der
+ apolli&#173;nischen die Akt&#173;plastik<span class="pagenum" id="Seite_xiii"><span class="s4">[S. xiii]</span></span>
+ als Mitte. Gleich&#173;zeitigkeit der Ausbildung; identische Dauer.
+ <em class="gesperrt">Begriff des Impres&#173;sionis&#173;mus</em>: Physio&#173;gnomik des
+ Pinsel&#173;strichs. Parallele zur chinesischen Kunst: Park, Musik.
+ Per&#173;spek&#173;tive. <em class="gesperrt">Das Frei&#173;licht&#173;problem</em>; sein
+ Gegensatz zum Impres&#173;sio&#173;nis&#173;mus von Lionardo bis Rembrandt: Kultur und
+ Zivili&#173;sation. Ausgang der west&#173;europäischen Malerei.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Mit Tristan und Parzifal die faustische Musik zu
+ Ende. <em class="gesperrt">Bayreuth und Pergamon</em>: Ende der antiken
+ Skulptur. Unmöglich&#173;keit einer organischen Fort&#173;ent&#173;wick&#173;lung.
+ Alexandri&#173;nismus. Letzte Stadien der ägyptischen und antiken Kunst.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0"><b>V. Kapitel: Seelenbild und Lebensgefühl</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#FUENFTES_KAPITEL">403</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>I. Die Form der Seele</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel_I">405</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Unmöglichkeit einer Wissenschaft von der Seele.
+ <em class="gesperrt">Das Bild der Seele in jeder Kultur eine Funktion
+ des Welt&#173;bildes.</em> „Seele&#173;nkörper“ und „Seelen&#173;raum“ der antiken und
+ abend&#173;ländischen Psycho&#173;logie. <em class="gesperrt">Der „Wille“ als
+ Reprä&#173;sen&#173;tant des histori&#173;schen Gefühls.</em> Der Wille zur Macht:
+ seelische Dynamik. Wille und „Charakter“ (Porträt, Biographie). Antik
+ die „Haltung“ (Statue). Apolli&#173;nische und faustische Tragik:
+ Attitüden&#173;drama und Charakte&#173;rdrama (anekdotisch und biographisch). Der
+ Held als Dulder oder Täter. Der Begriff der Katharsis und der Stoizismus.
+ Die drei Einheiten: Formideal der Statue. Tages- und Nachtkunst.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Popularität und Esoterik, Hingabe und Über&#173;windung.
+ „Kenner und Laie“ als Ausdruck der Distanz&#173;energie.
+ <em class="gesperrt">Steigende Esoterik der west&#173;europäischen Geistig&#173;keit.</em>
+ Verhältnis des Kunstwerkes zum Betrachter: arabische, chinesische,
+ abend&#173;ländische Mal&#173;per&#173;spe&#173;ktive. Das astro&#173;nomische Wel&#173;tbild.
+ Raum&#173;erwei&#173;ternde Kraft des Fernrohrs. Segel&#173;schiffahrt. Kolumbus. Die
+ Antike und die Umschiffung Afrikas. Antikes und nordisches Heimat&#173;gefühl.
+ <em class="gesperrt">Der apollinische und faustische Staats&#173;gedanke.</em>
+ Zwei Arten von Koloni&#173;sation. Welt&#173;macht&#173;pläne unantik.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0 mleft1"><b>II. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel_II">465</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">„Du sollst“ die spezifisch
+ faustische Form der Moral</em> (Wille zur Macht, Tat, Raum). Antik die
+ Interesse&#173;losig&#173;keit an einer Um&#173;wandlung der Welt (Ataraxia).
+ <em class="gesperrt">Moral die unver&#173;änderliche Struktur des lebendigen
+ Seins.</em> Jede Kultur besitzt eine eigne und einzige Grund&#173;form.
+ Beziehung zur Mathe&#173;matik: „euklidische“ (Haltungs-) und „ana&#173;lyti&#173;sche“
+ (Willens-)ethik. Katharsis und Nirwana. Moralische Theorie und Praxis.
+ Nicht Mitleids-, sondern „Herrenmoral“ faustisch:
+ <em class="gesperrt">praktische Dynamik</em>. Verhältnis von Ethik und
+ Logik.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Buddhismus</em>, <em class="gesperrt">Stoizismus</em>,
+ <em class="gesperrt">Sozialismus</em>. Verwandlung von Kultur in
+ Zivili&#173;sation. <em class="gesperrt">Buddha, Sokrates, Rousseau die
+ Wortführer anbrechender Zivili&#173;sationen.</em> Tragische und Ple&#173;bejer&#173;moral:
+ Äschylus und die Stoa, Shakespeare und die Gegenwart.
+ <span class="pagenum" id="Seite_xiv">[S. xiv]</span>Der Kultur&#173;begriff
+ der Tat und der zivili&#173;sierte Begriff der <em class="gesperrt">Arbeit</em>.
+ „Rückkehr zur Natur“ in allen drei Fällen. Der ursprüngliche Buddhismus
+ keine Religion, dem Christentum nicht verwandt. Kultur und Religion,
+ Zivili&#173;sation und Irreligion. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus
+ <em class="gesperrt">formverwandte praktische Welt&#173;stim&#173;mungen</em>. Die
+ meta&#173;phy&#173;sisch-syste&#173;ma&#173;ti&#173;sche und die sozial&#173;ethische Periode jeder
+ Philosophie (Indien, Antike, Abendland). Der Welt&#173;stadt&#173;mensch Objekt der
+ neuen Denkweise. Rhetorik und Journalismus. Die buddhistische Agitation.
+ Paulus gegen Bonifacius.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Zwei richtige Auf&#173;fassungen des Sozia&#173;lismus:
+ <em class="gesperrt">als Form der Zukunft und als Form des Nieder&#173;gangs</em>.
+ Der unbewußte Sozia&#173;lismus. Alle Römer unbewußte Stoiker. Ausgang des
+ Sozia&#173;lismus von Kant: der kate&#173;gorische Imperativ auf das Politische,
+ Soziale, Wirtschaftliche angewandt. Das Recht auf Arbeit als fausti&#173;sches
+ Gegen&#173;stück des antiken „<i>panem et circenses</i>“.
+ <em class="gesperrt">Praktische Statik und Dynamik.</em> Der Wille zur
+ Zukunft und das „dritte Reich“ (Ibsen). Ursprung des abend&#173;ländischen
+ Bildes der Welt&#173;ge&#173;schichte: Altertum — Mittelalter — Neuzeit:
+ Rich&#173;tungs&#173;energie.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Geschichte der Philosophie ein morpho&#173;logisches
+ Problem. <em class="gesperrt">Kultur&#173;philo&#173;sophie und zivili&#173;sierte
+ Philo&#173;sophie.</em> Die ethische Periode der „Philo&#173;sophie ohne Mathe&#173;matik“.
+ Wachsende Bedeu&#173;tungs&#173;losig&#173;keit meta&#173;physischer Fragen seit Aristoteles und
+ Kant. <em class="gesperrt">Der natio&#173;nal&#173;öko&#173;nomische Charakter der
+ west&#173;europäischen Ethik</em>: die Schule Hegels. Schopenhauers System eine
+ Antizipation des Darwinismus. Darwins Theorie national&#173;ökono&#173;mischer
+ Herkunft. Der Über&#173;mensch. Nietzsche und Shaw: die Züch&#173;tungs&#173;idee als
+ letzte Konsequenz der ethischen Dynamik des „Du sollst“. Gang der
+ Philo&#173;sophie des 19. Jahr&#173;hunderts. Letzte Möglich&#173;keit: der
+ historisch-psycho&#173;logische Skep&#173;tizis&#173;mus.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="p0"><b>VI. Kapitel: Faustische und apollinische Naturerkenntnis</b></p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <p class="right"><a href="#SECHSTES_KAPITEL">525</a></p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Das Ziel der Natur&#173;wissen&#173;schaft, reine Mechanik zu
+ werden: eine Illusion. Jedes Natur&#173;gesetz Zahl und Bild. Alle
+ Grund&#173;begriffe der modernen Physik rein faustischer Natur. Jedes „Wissen“
+ von der Natur von einer voraufge&#173;gangenen Religion abhängig.
+ <em class="gesperrt">Die antike Physik Statik, die arabische Alchymie,
+ die abend&#173;ländische Dynamik.</em> Alchymie und Chemie. Antike und
+ west&#173;europäische Atom&#173;theorie: Miniatur&#173;formen und Minimal&#173;quanta
+ (Gestalt&#173;einheit und Wir&#173;kungs&#173;einheit) Stoizismus und Sozialismus der
+ Atome; Beziehung zu politi&#173;schen Formen.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Das Bewegungs&#173;problem
+ Mittel&#173;punkt jeder Physik.</em> Seine Unlös&#173;barkeit. Die Eleaten. Die
+ Mechanik von Hertz. Der physi&#173;kalische Begriff der Not&#173;wendi&#173;gkeit.
+ <em class="gesperrt">Kausalität (Natur&#173;gesetz) eine spezifisch
+ west&#173;europäische Fassung.</em> Andre Möglich&#173;keiten. Das Bedingte in
+ unserm Begriff der Erfahrung.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Gottgefühl und Natur&#173;erkenntnis. „Kraft und Masse“
+ und der<span class="pagenum" id="Seite_xv"><span class="s4">[S. xv]</span></span>
+ Barock&#173;stil. Die Bewegung Aus&#173;gangs&#173;punkt für Religion
+ <em class="gesperrt">und</em> Physik. <em class="gesperrt">Die Theorie
+ als Mythus.</em> „Stoff und Form“ — „Kraft und Masse“: Gott als höchste
+ Gestalt oder als höchste Kraft. <em class="gesperrt">Ent&#173;stehung des
+ großen Mythus in der Frühzeit jeder Kultur.</em> Der faustische Mythus
+ 900–1200 entstanden: Identität katholischer, heidnisch-nordischer und
+ ritterlich-epischer Vor&#173;stel&#173;lungen. Der olympische Mythus und die
+ Körper&#173;geometrie. Apolli&#173;nische und faustische Natur&#173;wesen:
+ <em class="gesperrt">beseelte Dinge</em> (Nymphen) und
+ <em class="gesperrt">seelen&#173;erfüllte Räume</em> (Elfen). Altrömische
+ Gottheiten. Der Kaiserkult die letzte religiöse Schöpfung der Antike. Die
+ spät&#173;antiken Kulte als magischer Mono&#173;theismus: Auflösung aller Gestalten
+ in ein <em class="gesperrt">Prinzip</em>.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Der Atheismus als Negation einer bestimmten Form von
+ Religio&#173;sität. Das Christen&#173;tum vom antiken Stand&#173;punkt atheistisch. Antike
+ Intoleranz gegen Kult&#173;frevel, abend&#173;ländische gegen dogmatische
+ Ab&#173;weichun&#173;gen (Scheiter&#173;haufen, Guillotine),
+ <em class="gesperrt">Kult&#173;freiheit und Gewissens&#173;freiheit</em>.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1"><em class="gesperrt">Die faustische Physik als Dogma
+ von der Kraft.</em> Der Kraft&#173;begriff religiösen Ursprungs. Seine
+ Ent&#173;wick&#173;lung. Galileis Übergang von der Renais&#173;sance&#173;statik zur Dynamik.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Die moderne Physik an der Grenze ihrer formalen
+ Mög&#173;lich&#173;kei&#173;ten. Steigende Zweifel an <em class="gesperrt">allen</em>
+ Grund&#173;begriffen. Bedeutung der Rela&#173;tivi&#173;täts&#173;theorie:
+ <em class="gesperrt">Zerstörung des newtoni&#173;schen Welt&#173;bildes</em>. Die
+ Entropie&#173;lehre: Mit dem Phänomen der Nicht&#173;um&#173;kehrbar&#173;keit der Kreis&#173;prozesse
+ dringt ein histori&#173;sches Motiv in das Natur&#173;bild. Dement&#173;sprechend
+ Statistik und Wahr&#173;schein&#173;lich&#173;keits&#173;rechnung statt exakter Mathe&#173;matik.
+ Die Atom&#173;zerfall&#173;hypo&#173;these und die Schick&#173;sals&#173;idee.
+ <em class="gesperrt">Die Entropie und der Mythus der Götter&#173;dämmerung</em>.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <p class="s5 mleft1">Ausgang der west&#173;europäischen Wissen&#173;schaft:
+ Selbst&#173;ver&#173;nichtung durch intel&#173;lektu&#173;elle Verfeinerung. Wachsende
+ Konvergenz von Physik, Chemie, Mathe&#173;matik und Erkennt&#173;nis&#173;theorie. End&#173;ziel:
+ Auflösung der gesamten wissen&#173;schaft&#173;lichen Substanz in einen Komplex von
+ Funk&#173;tionen. <em class="gesperrt">Reine Morpho&#173;logie mathe&#173;matisch-logischer
+ Er&#173;kennt&#173;nis&#173;formen</em>. Rückkehr der Er&#173;kennt&#173;nis zum Aus&#173;gangs&#173;punkt:
+ Skepti&#173;zismus.</p>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="EINLEITUNG">EINLEITUNG</h2>
+
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<h3 id="Einleitung_1">1</h3>
+
+</div>
+
+<p>In diesem Buche wird zum ersten Male der Versuch gewagt, Geschichte
+vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur,
+und zwar der einzigen, die heute auf der Erde in Vollendung begriffen
+ist, derjenigen Westeuropas, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu
+verfolgen.</p>
+
+<p>Die Möglichkeit, eine Aufgabe von so ungeheurer Tragweite zu lösen,
+ist bis heute offenbar nicht ins Auge gefaßt und wenn dies der Fall
+war, die Mittel, sie zu behandeln, nicht erkannt oder in unzulänglicher
+Weise gehandhabt worden.</p>
+
+<p>Gibt es eine Logik der Geschichte? Gibt es jenseits von allem
+Zufälligen und Unberechenbaren der singulären Ereignisse eine
+sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die
+von den weithin sichtbaren, populären, geistig-politischen Gebilden
+der Oberfläche wesentlich unabhängig ist? Die diese Wirklichkeit
+geringeren Ranges vielmehr erst hervorruft? Erscheinen die großen
+Momente der Weltgeschichte dem verstehenden Auge vielleicht immer
+wieder in einer Gestalt, die Schlüsse zuläßt? Und wenn — wo liegen die
+Grenzen derartiger Folgerungen? Ist es möglich, im Leben selbst — denn
+menschliche Geschichte ist der Inbegriff von ungeheuren Lebensläufen,
+als deren Ich und Person schon der Sprachgebrauch unwillkürlich
+Individuen höherer Ordnung wie „die Antike“, „die chinesische Kultur“
+oder „die moderne Zivilisation“ denkend und handelnd einführt — die
+Stufen aufzufinden, die durchschritten werden müssen und in einer
+Ordnung, die keine Ausnahme zuläßt? Haben die für alles Organische
+grundlegenden Begriffe Geburt, Tod, Jugend, Alter, Lebensdauer in
+diesem Kreise vielleicht einen strengen Sinn, den noch niemand
+erschlossen hat? Liegen, kurz gesagt, allem Historischen allgemeine
+biographische Urformen zugrunde?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p>
+
+<p>Der Untergang des Abendlandes, zunächst ein örtlich und zeitlich
+beschränktes Phänomen wie das ihm entsprechende des Unterganges der
+Antike, ist, wie man sieht, ein philosophisches Thema, das, in seiner
+ganzen Schwere begriffen, alle großen Fragen des Seins in sich schließt.</p>
+
+<p>Will man erfahren, in welcher Gestalt das Erlöschen der abendländischen
+Kultur vor sich geht, so muß man zuvor erkannt haben, was Kultur
+ist, in welchem Verhältnis sie zur sichtbaren Geschichte, zum
+Leben, zur Seele, zur Natur, zum Geiste steht, unter welchen Formen
+sie in Erscheinung tritt und inwiefern diese Formen — Völker,
+Sprachen und Epochen, Schlachten und Ideen, Staaten und Götter,
+Künste und Kunstwerke, Wissenschaften, Rechte, Wirtschaftsformen und
+Weltanschauungen, große Menschen und große Ereignisse — Symbole und
+als solche zu deuten sind.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_2">2</h3>
+
+</div>
+
+<p>Das Mittel, tote Formen zu begreifen, ist das mathematische Gesetz. Das
+Mittel lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie. Auf diese Weise
+unterscheiden sich Polarität und Periodizität der Welt.</p>
+
+<p>Das Bewußtsein davon, daß die Zahl der historischen Erscheinungsformen
+eine begrenzte ist, daß Zeitalter, Epochen, Situationen, Personen sich
+dem Typus nach wiederholen, war immer vorhanden. Man hat das Auftreten
+Napoleons kaum je ohne einen Seitenblick auf Cäsar und Alexander
+behandelt, von denen der erste, wie man sehen wird, morphologisch
+unzulässig, der zweite richtig war. Napoleon selbst fand die
+Verwandtschaft seiner Lage mit der Karls des Großen heraus. Der Konvent
+sprach von Karthago, wenn er England meinte, und die Jakobiner nannten
+sich Römer. Man hat, mit sehr verschiedenem Recht, Florenz mit Athen,
+Buddha mit Christus, das Urchristentum mit dem modernen Sozialismus,
+die römischen Finanzgrößen der Zeit Cäsars mit den Yankees verglichen.
+Petrarka, der erste leidenschaftliche Archäologe — die Archäologie
+ist selbst ein Ausdruck des Gefühls, daß Geschichte sich wiederholt
+— dachte in bezug auf sich an Cicero und erst<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> vor kurzem noch Cecil
+Rhodes, der Organisator des englischen Südafrika, der die antiken
+Cäsarenbiographien in eigens für ihn angefertigten Übersetzungen in
+seiner Bibliothek besaß, an Kaiser Hadrian. Es war das Verderben Karls
+XII. von Schweden, daß er von Jugend auf das Leben Alexanders von
+Curtius Rufus in der Tasche trug und diesen Eroberer kopieren wollte.</p>
+
+<p>Friedrich der Große bewegt sich in seinen politischen Denkschriften
+— wie den Considerations von 1738 — mit vollkommener Sicherheit
+in Analogien, um seine Auffassung der weltpolitischen Situation zu
+kennzeichnen, so wenn er die Franzosen mit den Makedoniern unter
+Philipp den Griechen — Deutschen — gegenüber vergleicht. „Schon sind
+die Thermopylen Deutschlands, Elsaß und Lothringen, in Philipps Hand.“
+Damit war die Politik des Kardinals Fleury vorzüglich getroffen. Hier
+findet sich weiterhin der Vergleich zwischen der Politik der Häuser
+Habsburg und Bourbon und den Proskriptionen des Antonius und Oktavian.</p>
+
+<p>Aber das alles blieb fragmentarisch und willkürlich und entsprach in
+der Regel mehr einem augenblicklichen Hange, sich dichterisch und
+geistreich auszudrücken, als einem tieferen historischen Formgefühl.</p>
+
+<p>So sind die Vergleiche Rankes, eines Meisters der kunstvollen
+Analogie, zwischen Kyaxares und Heinrich I., den Einfällen der
+Kimmerier und Magyaren morphologisch bedeutungslos, nicht viel weniger
+der oft wiederholte zwischen den hellenischen Stadtstaaten und den
+Renaissancerepubliken, von tiefer, aber zufälliger Richtigkeit dagegen
+der zwischen Alkibiades und Napoleon. Sie sind bei ihm wie bei andern
+aus einem plutarchischen, d.&#8239;h. volkstümlich romantischen Geschmack
+vollzogen worden, der lediglich die Ähnlichkeit der Szene auf der
+Weltbühne ins Auge faßt, nicht im strengen Sinne des Mathematikers, der
+die innere Verwandtschaft zweier Gruppen von Differentialgleichungen
+erkennt, an denen der Laie nichts als Differenzen sieht.</p>
+
+<p>Man bemerkt leicht, daß im Grunde die Laune, nicht eine Idee, nicht
+das Gefühl einer Notwendigkeit die Wahl der Bilder bestimmt. Von einer
+<em class="gesperrt">Technik</em> des Vergleichens blieben wir<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> weit entfernt. Sie treten,
+gerade heute, massenhaft auf, aber planlos und ohne Zusammenhang und
+wenn sie einmal in einem tiefen, noch festzustellenden Sinne treffend
+sind, so verdankt man es dem Glück, seltener dem Instinkt, nie einem
+Prinzip. Noch hat niemand daran gedacht, hier eine <em class="gesperrt">Methode</em>
+auszubilden. Man hat nicht im entferntesten geahnt, daß hier eine
+Wurzel, und zwar die einzige liegt, aus der eine große Lösung des
+Problems der Geschichte hervorgehen kann.</p>
+
+<p>Die Vergleiche könnten das Glück des historischen Denkens sein,
+insofern sie die organische Struktur des Geschehens bloßlegen. Ihre
+Technik müßte unter der Einwirkung einer umfassenden Idee und also
+bis zur wahllosen Notwendigkeit, bis zur logischen Meisterschaft
+ausgebildet werden. Sie waren bisher ein Unglück, weil sie als eine
+bloße Angelegenheit des Geschmackes den Historiker der Einsicht und
+der Mühe überhoben, die <em class="gesperrt">Formensprache der Geschichte</em> und ihre
+Analyse als seine schwerste und nächste, heute noch nicht einmal
+begriffene, geschweige denn gelöste Aufgabe zu betrachten. Sie
+waren teils oberflächlich, wenn man z.&#8239;B. Cäsar den Begründer einer
+römischen Staatszeitung nannte, oder, noch schlimmer, entlegene,
+höchst komplexe und uns innerlich sehr fremde Phänomene des antiken
+Daseins mit Modeworten wie Sozialismus, Impressionismus, Kapitalismus,
+Klerikalismus belegte, teils von einer bizarren Verkehrtheit wie der
+Brutuskult, den man im Jakobinerklub trieb — den jenes Millionärs
+und Wucherers Brutus, der als Führer des römischen Uradels unter dem
+Beifall des patrizischen Senats den Mann der Demokratie erstach.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_3">3</h3>
+
+</div>
+
+<p>Und so erweitert sich die Aufgabe, die ursprünglich ein begrenztes
+Problem der modernen Zivilisation umfaßte, zu einer völlig neuen
+Philosophie, <em class="gesperrt">der</em> Philosophie der Zukunft, wenn aus dem
+metaphysisch erschöpften Boden des Abendlandes überhaupt noch
+eine hervorgehen kann, der einzigen, die wenigstens zu den
+<em class="gesperrt">Möglichkeiten</em> des westeuropäischen Geistes in seinen<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> letzten
+Stadien gehört: zur Idee einer <em class="gesperrt">Morphologie der Weltgeschichte,
+der Welt als Geschichte</em>, die im Gegensatz zur Morphologie der
+Natur, bisher dem einzigen Thema der Philosophie, alle Gestalten und
+Bewegungen der Welt in ihrer tiefsten und letzten Bedeutung noch
+einmal, aber in einer ganz andern Ordnung, nicht zum Gesamtbilde alles
+Erkannten, sondern zu einem Bilde des Lebens, nicht des Gewordenen,
+sondern des Werdens, zusammenfaßt.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em>, aus ihrem Gegensatz, der <em class="gesperrt">Welt als
+Natur</em>, begriffen, geschaut, gestaltet — das ist ein neuer Aspekt
+des Daseins, der bis heute nie angewandt, vielleicht dunkel gefühlt,
+oft geahnt, nie mit allen seinen Konsequenzen gewagt worden ist. Hier
+liegen zwei mögliche Arten vor, wie der Mensch seine Umwelt besitzen,
+erleben kann. Ich trenne der Form, nicht der Substanz nach mit vollster
+Schärfe den organischen vom mechanischen Welteindruck, den Inbegriff
+der Gestalten von dem der Gesetze, das Bild und Symbol von der Formel
+und dem System, das Einmalig-Wirkliche vom Beständig-Möglichen, das
+Ziel der planvoll ordnenden Einbildungskraft von dem der zweckmäßig
+zergliedernden Erfahrung oder, um einen noch nie bemerkten, sehr
+bedeutungsvollen Gegensatz schon hier zu nennen, den Geltungsbereich
+der <em class="gesperrt">chronologischen</em> von dem der <em class="gesperrt">mathematischen</em> Zahl.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
+
+<p>Es kann sich demnach in einer Untersuchung wie der vorliegenden nicht
+darum handeln, die an der Oberfläche des Tages sichtbar werdenden
+Ereignisse geistig-politischer Art als solche hinzunehmen, nach Ursache
+und Wirkung zu ordnen und in<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> ihrer scheinbaren, verstandesmäßig
+faßlichen Tendenz zu verfolgen. Eine derartige — „pragmatische“
+— Behandlung der Historie würde nichts als ein Stück verkappter
+Naturwissenschaft sein, woraus die Anhänger der materialistischen
+Geschichtsauffassung kein Hehl machen, während ihre Gegner sich nur
+der Identität des beiderseitigen Verfahrens nicht hinreichend bewußt
+sind. Es handelt sich nicht um das, was die greifbaren Tatsachen
+der Geschichte an und für sich, als Erscheinungen zu irgend einer
+Zeit <em class="gesperrt">sind</em>, sondern um das, was sie <em class="gesperrt">durch ihre Erscheinung
+bedeuten, andeuten</em>. Die Historiker der Gegenwart glauben
+ein übriges zu tun, wenn sie religiöse, soziale und allenfalls
+kunsthistorische Einzelheiten heranziehen, um den politischen Sinn
+einer Epoche zu „illustrieren“. Aber sie vergessen das Entscheidende
+— entscheidend nämlich, insofern sichtliche Geschichte Ausdruck,
+Zeichen, formgewordenes Seelentum ist. Ich habe noch keinen gefunden,
+der mit dem Studium dieser <em class="gesperrt">morphologischen Verwandtschaften</em>
+Ernst gemacht hätte, der über den Bereich politischer Tatsachen
+hinaus die letzten und tiefsten Gedanken der Mathematik der Hellenen,
+Araber, Inder, Westeuropäer, den Sinn ihrer frühen Ornamentik, ihrer
+architektonischen, metaphysischen, dramatischen, lyrischen Urformen,
+die Auswahl und Richtung ihrer großen Künste, die Einzelheiten ihrer
+künstlerischen Technik und Stoffwahl eingehend gekannt, geschweige denn
+in ihrer entscheidenden Bedeutung für die Formprobleme des Historischen
+erkannt hätte. Wer weiß es, daß zwischen der Differentialrechnung
+und dem dynastischen Staatsprinzip der Zeit Ludwigs XIV., zwischen
+der antiken Staatsform der Polis und der euklidischen Geometrie,
+zwischen der Raumperspektive der abendländischen Ölmalerei
+und der Überwindung des Raumes durch Bahnen, Fernsprecher und
+Fernwaffen, zwischen der kontrapunktischen Instrumentalmusik und
+dem wirtschaftlichen Kreditsystem ein tiefer Zusammenhang der Form
+besteht? Selbst die realsten Faktoren der Politik nehmen, aus dieser
+Perspektive betrachtet, einen höchst transzendenten Charakter an und
+es geschieht vielleicht zum ersten Male, daß Dinge wie das ägyptische
+Verwaltungssystem, das antike Münzwesen, die analytische Geometrie,
+der Scheck,<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> der Suezkanal, der chinesische Buchdruck, das preußische
+Heer und die römische Straßenbautechnik <em class="gesperrt">gleichmäßig</em> als Symbole
+aufgefaßt und als solche gedeutet werden.</p>
+
+<p>An diesem Punkte stellt es sich heraus, daß es eine spezifisch
+historische Art des Erkennens noch gar nicht gibt. Was man so nennt,
+zieht seine Methoden fast ausschließlich aus dem Gebiete des Wissens,
+auf welchem allein Methoden der Erkenntnis zur strengen Ausbildung
+gelangt sind, aus der Physik. Man glaubt Geschichtsforschung zu
+treiben, wenn man den gegenständlichen Zusammenhang von Ursache und
+Wirkung verfolgt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Philosophie
+alten Stils an eine andre Möglichkeit der Beziehung des Geistes auf
+die Welt nie gedacht hat. Kant, der in seinem Hauptwerk die formalen
+Regeln der Erkenntnis feststellte, zog, ohne daß weder er noch irgend
+ein anderer es bemerkt hätte, allein die <em class="gesperrt">Natur</em> als Objekt der
+Verstandestätigkeit in Betracht. Wissen ist für ihn mathematisches
+Wissen. Wenn er von angebornen Formen der Anschauung und Kategorien
+des Verstandes spricht, so denkt er nie an das ganz andersgeartete
+Begreifen historischer Phänomene, und Schopenhauer, der von Kants
+Kategorien bezeichnenderweise nur die der Kausalität gelten läßt, redet
+nur mit Verachtung von der Geschichte.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Daß außer der Notwendigkeit
+von Ursache und Wirkung — ich möchte sie die <em class="gesperrt">Logik des Raumes</em>
+nennen — im Leben auch noch die organische Notwendigkeit <em class="gesperrt">des
+Schicksals</em> — <em class="gesperrt">die Logik der Zeit</em> — eine Tatsache von
+tiefster innerster Gewißheit ist, eine Tatsache, welche das gesamte
+mythologische, religiöse und künstlerische Denken ausfüllt, die das
+Wesen und den Kern aller Geschichte im Gegensatz zur Natur ausmacht,
+die aber den Erkenntnisformen, welche die „Kritik der reinen Vernunft“
+untersucht, unzugänglich ist, das ist noch nicht in den Bereich
+intellektueller Formulierung gedrungen. Die Philosophie ist,<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> wie
+Galilei an einer berühmten Stelle seines Saggiatore sagt, im großen
+Buche der Natur „<i>scritta in lingua matematica</i>“. Aber wir warten
+heute noch auf die Antwort eines Philosophen, in welcher Sprache die
+Geschichte geschrieben und wie diese zu lesen ist.</p>
+
+<p>Die Mathematik und das Kausalitätsprinzip führen zu einer naturhaften,
+die Chronologie und die Schicksalsidee zu einer historischen Ordnung
+der Erscheinung. Beide Ordnungen umfassen die <em class="gesperrt">ganze</em> Welt. Nur
+das Auge, in dem und durch das sich diese Welt verwirklicht, ist ein
+anderes.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_4">4</h3>
+
+</div>
+
+<p>Natur ist die Gestalt, unter welcher der Mensch hoher Kulturen den
+unmittelbaren Eindrücken seiner Sinne Einheit und Bedeutung gibt.
+Geschichte ist diejenige, aus welcher seine Einbildungskraft das
+lebendige Dasein der Welt in bezug auf das eigene Leben zu begreifen
+und diesem damit eine vertiefte Wirklichkeit zu verleihen sucht. Ob
+er dieser Gestaltungen fähig ist und welche von ihnen sein waches
+Bewußtsein beherrscht, das ist eine Urfrage aller menschlichen Existenz.</p>
+
+<p>Hier liegen zwei <em class="gesperrt">Möglichkeiten</em> der Weltbildung durch den
+Menschen vor. Damit ist schon gesagt, daß es nicht notwendig
+<em class="gesperrt">Wirklichkeiten</em> sind. Fragen wir also im folgenden nach dem
+Sinn aller Geschichte, so ist zuerst eine Frage zu erledigen, die
+bisher nie gestellt worden ist. <em class="gesperrt">Für wen</em> gibt es Geschichte?
+Eine paradoxe Frage, wie es scheint. Ohne Zweifel für jeden, insofern
+jeder Glied und Element der Geschichte ist. Aber man bedenke, daß
+die Gesamtheit der Geschichte wie das Ganze der Natur — das eine
+wie das andere ein Erscheinungsbild — einen Geist voraussetzt, in
+dem und durch den es Wirklichkeit ist. Ohne Subjekt gibt es kein
+Objekt. Sehen wir von aller Theorie ab, der die Philosophen tausend
+Fassungen gegeben haben, so steht es doch fest, daß Erde und Sonne,
+die Natur, der Raum, das Weltall ein persönliches Erlebnis und in
+ihrem So-und-nicht-anders-sein abhängig vom menschlichen Bewußtsein
+sind. Aber dasselbe gilt vom<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Weltbilde der Geschichte, dem werdenden,
+nicht dem ruhenden All, und selbst wenn man wüßte, <em class="gesperrt">was</em> sie
+ist, so weiß man noch nicht, für <em class="gesperrt">wen</em> sie es ist. Sicher nicht
+für „die Menschheit“. Das ist unsre, die westeuropäische Empfindung,
+aber wir sind nicht die „Menschheit“. Sicherlich gab es nicht nur für
+den Urmenschen, sondern auch für den Menschen gewisser hoher Kulturen
+keine Weltgeschichte, keine <em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em>. Wir wissen
+alle, daß in unserem kindlichen Weltbewußtsein zunächst nur naturhafte
+und kausale Züge und erst sehr viel später solche historischer Art,
+z.&#8239;B. ein bestimmtes Zeitgefühl, hervortreten. Das Wort Ferne gewinnt
+für uns viel eher einen greifbaren Inhalt als das Wort Zukunft. Aber
+wie, wenn eine <em class="gesperrt">ganze Kultur</em>, ein hohes Seelentum auf diesem
+ahistorischen Geiste beruht? Wie muß ihr die Wirklichkeit erscheinen?
+Die Welt? Das Leben? Bedenken wir, daß sich im Weltbewußtsein der
+Hellenen alles Erlebte, nicht nur die eigne persönliche, sondern die
+allgemeine Vergangenheit sofort in Mythus, d.&#8239;h. in Natur, in zeitlose,
+unbewegliche, entwicklungslose Gegenwart verwandelte, dergestalt, daß
+die Geschichte Alexanders des Großen noch vor seinem Tode für das
+antike Gefühl mit der Dionysoslegende zu verschwimmen begann und daß
+Cäsar seine Abstammung von Venus mindestens nicht als widersinnig
+empfand, so müssen wir zugestehen, daß uns Menschen des Abendlandes
+mit dem starken Gefühl für zeitliche Distanzen ein Nacherleben solcher
+Seelenzustände beinahe unmöglich ist, daß wir aber nicht das Recht
+haben, dem Problem der Geschichte gegenüber von dieser Tatsache einfach
+abzusehen.</p>
+
+<p>Was Tagebücher, Selbstbiographien, Bekenntnisse für den einzelnen,
+das bedeutet Geschichtsforschung im weitesten Umfange, wo sie auch
+alle Arten psychologischer Analyse fremder Völker, Zeiten, Sitten
+einschließt, für die Seele ganzer Kulturen. Aber die antike Kultur
+besaß kein <em class="gesperrt">Gedächtnis</em> in diesem spezifischen Sinne, kein
+historisches Organ. Das Gedächtnis des antiken Menschen — wobei wir
+allerdings einen aus unserem seelischen Habitus abgeleiteten Begriff
+ohne weiteres einer fremden Seele aufprägen — ist etwas ganz anderes,
+weil hier Vergangenheit und Zukunft als ordnende<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Perspektiven im
+Bewußtsein fehlen und die reine „Gegenwart“, die Goethe an allen
+Äußerungen antiken Lebens, an der Plastik insbesondere so oft
+bewunderte, es mit einer uns ganz unbekannten Mächtigkeit ausfüllt.
+Diese reine Gegenwart, deren größtes Symbol die dorische Säule ist,
+stellt in der Tat eine <em class="gesperrt">Verneinung der Zeit</em> (der Richtung) dar.
+Für Herodot und Sophokles wie für Themistokles und für einen römischen
+Konsul verflüchtigt sich die Vergangenheit alsbald in einen zeitlos
+ruhenden Eindruck von <em class="gesperrt">polarer, nicht periodischer</em> Struktur,
+— denn das ist der letzte Sinn durchgeistigter Mythenbildung —
+während sie für unser Weltgefühl und inneres Auge ein periodisch klar
+gegliederter, zielvoll gerichteter Organismus von Jahrhunderten oder
+Jahrtausenden ist. Dieser Hintergrund aber gibt dem Leben, dem antiken
+wie dem abendländischen, erst seine besondere Farbe. Was der Grieche
+Kosmos nannte, war das Bild einer Welt, die nicht <em class="gesperrt">wird</em>, sondern
+<em class="gesperrt">ist</em>. <em class="gesperrt">Folglich</em> war der Grieche selbst ein Mensch, der
+niemals <em class="gesperrt">wurde</em>, sondern immer <em class="gesperrt">war</em>.</p>
+
+<p>Deshalb hat der antike Mensch, obwohl er die strenge Chronologie, die
+Kalenderrechnung und damit das starke, in großartiger Beobachtung
+der Gestirne und in der exakten Messung gewaltiger Zeiträume sich
+offenbarende Gefühl für die Ewigkeit und die Nichtigkeit des
+gegenwärtigen Augenblicks in der babylonischen und ägyptischen Kultur
+sehr wohl kannte, sich innerlich nichts davon zu eigen gemacht. Was
+seine Philosophen gelegentlich erwähnen, haben sie nur gehört, nicht
+geprüft. Weder Plato noch Aristoteles besaßen eine Sternwarte. In
+den letzten Jahren des Perikles wurde in Athen ein Volksbeschluß
+gefaßt, der jeden mit der schweren Klageform der Eisangelie bedrohte,
+der astronomische Theorien verbreitete. Es war ein Akt von tiefster
+Symbolik, in dem sich der Wille der antiken Seele aussprach, die Ferne
+in jedem Sinne aus ihrem Weltbewußtsein zu streichen.</p>
+
+<p>Deshalb begannen die Hellenen erst dann — in der Person des Thukydides
+— ernsthaft über ihre Geschichte nachzudenken, als sie innerlich so
+gut wie abgeschlossen war. Aber selbst Thukydides, dessen methodische
+Grundsätze in der Einleitung seines Werkes sich sehr westeuropäisch
+ausnehmen,<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> faßte sie doch so auf, daß er geschichtliche Einzelheiten
+erdichtet, sobald es ihm angemessen erscheint. Das wirkt bei ihm als
+künstlerisches Prinzip, aber gerade das nennen wir Mythenbildung. Von
+einem echten Sinn für die Bedeutung chronologischer Zahlen ist nicht
+die Rede. Im 3. Jahrhundert schrieben Manetho und Berossos — also
+Nichtgriechen — gründliche Quellenwerke über Ägypten und Babylon,
+zwei Länder, die sich auf Astronomie und <em class="gesperrt">also auch</em> auf Historie
+verstanden. Aber der gebildete Grieche und Römer kümmerte sich wenig
+darum und zog weiterhin die romanhaften Phantastereien eines Hekataios
+und Ktesias vor.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
+
+<p>Infolgedessen ist die antike Geschichte bis auf die Perserkriege herab,
+aber auch noch die Struktur sehr viel späterer Perioden das Produkt
+wesentlich mythischen Denkens. Die Verfassungsgeschichte Spartas —
+Lykurg, dessen Biographie mit allen Einzelheiten erzählt wird, war
+vermutlich eine unbedeutende Waldgottheit des Taygetos — ist eine
+Dichtung der hellenistischen Zeit und die Erfindung der römischen
+Geschichte vor Hannibal war noch zur Zeit Cäsars nicht zum Stillstand
+gekommen. Es kennzeichnet den antiken Sinn des Wortes Geschichte, daß
+die alexandrinische Romanliteratur stofflich den stärksten Einfluß auf
+die ernsthafte politische und religiöse Historik ausübte. Man dachte
+gar nicht daran, ihren Inhalt von aktenmäßigen Daten grundsätzlich
+zu unterscheiden. Als Varro<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> gegen Ende der Republik daran ging, die
+aus dem Bewußtsein des Volkes rasch schwindende römische Religion
+zu fixieren, teilte er die Gottheiten, deren Dienst <em class="gesperrt">vom Staate
+aufs peinlichste ausgeübt wurde</em>, in <i>di certi</i> und <i>di
+incerti</i> ein — solche, von denen man noch etwas wußte, und solche,
+von denen trotz des fortdauernden öffentlichen Kultes nur der Name
+geblieben war. In der Tat war die Religion der römischen Gesellschaft
+seiner Zeit — wie sie nicht nur Goethe, sondern selbst Nietzsche
+ohne Argwohn aus den römischen Dichtern hinnahmen — größtenteils ein
+Erzeugnis der hellenisierenden Literatur und fast ohne Zusammenhang mit
+dem alten Kultus, den niemand mehr verstand.</p>
+
+<p>Mommsen hat den westeuropäischen Standpunkt klar formuliert, als er
+die römischen Historiker — Tacitus ist vor allem gemeint — Leute
+nannte, „die das sagen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das
+verschweigen, was notwendig war zu sagen“.</p>
+
+<p>Die indische Kultur, deren Idee vom (bramanischen) Nirwana der
+entschiedenste Ausdruck einer vollkommen ahistorischen Seele ist,
+den es geben kann, hat nie das geringste Gefühl für das „Wann“ in
+irgend einem Sinne besessen. Es gibt keine indische Astronomie,
+keinen indischen Kalender, keine indische Historie also, insofern
+man darunter das Bewußtsein einer lebendigen Entwicklung versteht.
+Wir wissen vom sichtbaren Verlaufe dieser Kultur, deren organischer
+Teil vor der Entstehung des Buddhismus abgeschlossen war, noch viel
+weniger, als von der antiken, sicherlich an großen Ereignissen reichen
+Geschichte zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert. Beide sind lediglich
+in traumhaft-mythischer Gestalt konserviert worden. Erst ein volles
+Jahrtausend nach Buddha, um 500 n.&#8239;Chr., entstand auf Ceylon im
+„Mahavansa“ etwas, das entfernt an Geschichtsschreibung erinnert.</p>
+
+<p>Das Bewußtsein des indischen Menschen war so ahistorisch angelegt,
+daß er nicht einmal das Phänomen des von einem Autor verfaßten Buches
+als zeitlich fixiertes Ereignis kannte. Statt einer organischen Reihe
+persönlich abgegrenzter Schriften entstand allmählich eine vage
+Textmasse, in die jeder hineinschrieb, was er wollte, ohne daß die
+Begriffe des individuellen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> geistigen Eigentums, der Entwicklung eines
+Gedankens, der geistigen Epoche eine Rolle gespielt hätten. In dieser
+<em class="gesperrt">anonymen</em> Gestalt — der der gesamten indischen Geschichte
+— liegt uns die indische Philosophie vor. Mit ihr vergleiche
+man die durch Bücher und Personen physiognomisch aufs schärfste
+herausgearbeitete Philosophiegeschichte des Abendlandes.</p>
+
+<p>Der indische Mensch vergaß alles, der ägyptische konnte <em class="gesperrt">nichts</em>
+vergessen. Eine indische Kunst des Porträts — der Biographie <i>in
+nuce</i> — hat es nie gegeben; die ägyptische Plastik kannte kaum ein
+anderes Thema.</p>
+
+<p>Die ägyptische Seele, eminent historisch veranlagt und mit urweltlicher
+Leidenschaft nach dem Unendlichen drängend, empfand die Vergangenheit
+und Zukunft als ihre <em class="gesperrt">ganze</em> Welt und die Gegenwart, die mit
+dem wachen Bewußtsein identisch ist, erschien ihr lediglich als die
+schmale Grenze zwischen zwei unermeßlichen Fernen. Die ägyptische
+Kultur ist eine <em class="gesperrt">Inkarnation der Sorge</em> — dem seelischen Korrelat
+der Ferne — der Sorge um das Künftige, wie sie sich in der Wahl von
+Granit und Basalt als plastischem Material,<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> in den gemeißelten
+Urkunden, in der Ausbildung eines meisterhaften Verwaltungssystems und
+dem Netz von Bewässerungsanlagen ausspricht,<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> <em class="gesperrt">und der notwendig
+damit verknüpften</em> Sorge um das Vergangene. Die ägyptische Mumie
+ist ein Symbol höchsten Ranges. Man <em class="gesperrt">verewigte</em> den Leib der
+Toten, wie man deren Persönlichkeit, dem „Ka“, durch die oft in
+vielen Exemplaren ausgeführten Bildnisstatuen, an deren in einem sehr
+hohen Sinne aufgefaßte Ähnlichkeit sie gebunden<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> war, ewige Dauer
+verlieh. Bekanntlich waren in der besten Zeit der griechischen Plastik
+Bildnisstatuen ausdrücklich verpönt.</p>
+
+<p>Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen dem Verhalten gegen die
+historische Vergangenheit und der Auffassung des Todes, wie sie sich in
+der <em class="gesperrt">Form der Bestattung</em> ausspricht. Der Ägypter <em class="gesperrt">verneint</em>
+die Vergänglichkeit, der antike Mensch <em class="gesperrt">bejaht</em> sie durch die
+gesamte Formensprache seiner Kultur. Die Ägypter konservierten auch
+die Mumie ihrer Geschichte: die chronologischen Daten und Zahlen.
+Während von der vorsolonischen Geschichte der Griechen nichts
+überliefert ist, keine Jahreszahl, kein echter Name, kein greifbares
+Ereignis — was dem uns allein bekannten Rest einen übertriebenen
+Akzent gibt — kennen wir aus dem 3. Jahrtausend beinahe alle Namen
+und Regierungszahlen der ägyptischen Könige und die späteren Ägypter
+kannten sie natürlich ohne Ausnahme. Als ein grauenvolles Symbol dieses
+Willens zur Dauer liegen noch heute die Körper der großen Pharaonen
+mit kenntlichen Gesichtszügen in unseren Museen. Auf der leuchtend
+polierten Granitspitze der Pyramide Amenemhets III. liest man noch
+jetzt die Worte: „Amenemhet schaut die Schönheit der Sonne“ und auf der
+andern Seite: „Höher ist die Seele Amenemhets als die Höhe des Orion
+und sie verbindet sich mit der Unterwelt.“ Das ist Überwindung der
+Vergänglichkeit, der Gegenwart und unantik im höchsten Maße.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_5">5</h3>
+
+</div>
+
+<p>Gegenüber dieser mächtigen Gruppe ägyptischer Lebenssymbole erscheint
+an der Schwelle der antiken Kultur, der Vergessenheit<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> entsprechend,
+die sie über jedes Stück ihrer äußern und innern Vergangenheit breitet,
+die <em class="gesperrt">Verbrennung der Toten</em>. Der mykenischen Zeit war die sakrale
+Heraushebung dieser Bestattungsform aus den übrigen, die von primitiven
+Völkern in der Regel nebeneinander ausgeübt werden, durchaus fremd.
+Die Königsgräber sprechen sogar für den Vorrang der Erdbestattung.
+Aber in der homerischen Zeit so gut wie in der vedischen erfolgt der
+plötzliche, materiell nicht zu motivierende Schritt vom Begräbnis zur
+Verbrennung, die, wie die Ilias zeigt, mit dem vollen Pathos eines
+sinnbildlichen Aktes — der feierlichen Vernichtung, der Verneinung der
+historischen Dauer — vollzogen wurde.</p>
+
+<p>Von diesem Augenblick an ist auch die Plastizität der individuellen
+seelischen Entwicklung zu Ende. So wenig das antike Drama echt
+historische Motive gestattet, so wenig läßt es das Thema der innern
+Entwicklung zu und man weiß, wie entschieden sich der hellenische
+Instinkt gegen das Porträt in der bildenden Kunst auflehnte. Bis in
+die Kaiserzeit kennt die antike Kunst nur einen ihr gewissermaßen
+natürlichen Stoff: den Mythus.<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> Auch die idealen Bildnisse der
+hellenistischen Plastik sind mythisch, so gut es die typischen
+Biographien von der Art Plutarchs sind. Kein großer Grieche hat je
+Erinnerungen niedergeschrieben, die eine überwundene Epoche vor
+seinem geistigen Auge fixiert hätten. Nicht einmal Sokrates hat
+über sein Innenleben etwas in unserm Sinne Bedeutendes gesagt. Es
+fragt sich, ob in einer antiken Seele dergleichen überhaupt möglich
+war, wie es der Entwurf des Parzeval, Hamlet, Werther voraussetzt.
+Wir vermissen bei Plato jedes Bewußtsein einer Entwicklung seiner
+Lehre. Seine einzelnen Schriften sind lediglich<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Formulierungen sehr
+verschiedener Standpunkte, die er zu verschiedenen Zeiten einnahm. Ihr
+genetischer Zusammenhang war kein Gegenstand seiner Reflexion. Der
+einzige — flache — Versuch einer Selbstanalyse, der antiken Kultur
+kaum noch angehörend, findet sich in Ciceros Brutus. Aber schon am
+Anfang der abendländischen Geistesgeschichte steht ein Stück tiefster
+Selbsterforschung, Dantes Vita Nuova. Allein daraus folgt, wie wenig
+Antikes, d.&#8239;h. rein Gegenwärtiges, Goethe in sich hatte, der nichts
+vergaß, dessen Werke seinen eigenen Worten nach nur Bruchstücke
+<em class="gesperrt">einer</em> großen Konfession waren.</p>
+
+<p>Nach der Zerstörung Athens durch die Perser warf man alle Werke
+der älteren Kunst in den Schutt — aus dem wir sie heute wieder
+hervorziehen — und man hat nie gehört, daß jemand in Hellas sich
+um die Ruinen von Mykene oder Phaistos gekümmert hätte. Man las
+seinen Homer, aber man dachte nicht daran, wie Schliemann den Hügel
+von Troja aufzugraben. Man wollte den Mythus, nicht die Geschichte.
+Von den Werken des Aischylos und der vorsokratischen Philosophen
+war schon in hellenistischer Zeit ein Teil verloren gegangen. Aber
+schon Petrarca sammelte Altertümer, Münzen, Manuskripte mit einer nur
+dieser Kultur eigenen Pietät und Innerlichkeit der Betrachtung, als
+historisch fühlender, auf entlegene Welten zurückschauender, nach dem
+Fernen sich sehnender Mensch — er war der erste, der die Besteigung
+eines Alpengipfels unternahm —, der im Grunde ein Fremder in seiner
+Zeit war. Erst aus dieser Verknüpfung mit dem Zeitproblem entwickelt
+sich die Psychologie des <em class="gesperrt">Sammlers</em>. Man fühlt, weshalb dieser
+<em class="gesperrt">Kultus des Vergangenen</em>, der ihm Unvergänglichkeit erteilen
+möchte, dem antiken Menschen völlig unbekannt bleiben mußte, während
+die ägyptische Landschaft sich schon zur Zeit des großen Thutmosis in
+ein einziges ungeheures Museum von Tradition und Architektur verwandelt
+hatte.</p>
+
+<p>Unter den Völkern des Abendlandes waren es die Deutschen, welche die
+mechanischen <em class="gesperrt">Uhren</em> erfanden, schauerliche Symbole der rinnenden
+Zeit, deren Tag und Nacht von zahllosen Türmen über Westeuropa hin
+hallende Schläge vielleicht der ungeheuerste Ausdruck sind, dessen ein
+historisches<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Weltgefühl überhaupt fähig ist.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Nichts davon begegnet
+uns in den <em class="gesperrt">zeitlosen</em> antiken Landschaften und Städten. In
+Babylon und Ägypten waren die Wasser- und Sonnenuhren erfunden worden,
+aber erst Plato führte die Klepsydra — wiederum erst gegen Ende des
+blühenden Griechentums — in Athen ein und noch später übernahm man die
+Sonnenuhren, lediglich als unwesentliches Gerät des Alltags, ohne daß
+sie das antike <em class="gesperrt">Lebensgefühl</em> im geringsten verändert hätten.</p>
+
+<p>Hier ist noch der entsprechende, sehr tiefe und nie hinreichend
+gewürdigte Unterschied zwischen antiker und abendländischer Mathematik
+zu erwähnen. Das antike Zahlendenken faßt die Dinge auf, <em class="gesperrt">wie sie
+sind</em>, als <em class="gesperrt">Größen</em>, zeitlos, rein gegenwärtig. Das führte zur
+euklidischen Geometrie, zur mathematischen Statik und zum Abschluß des
+geistigen Systems durch die Lehre von den Kegelschnitten. Wir fassen
+die Dinge auf, wie sie <em class="gesperrt">werden</em> und <em class="gesperrt">sich verhalten</em>, als
+<em class="gesperrt">Funktionen</em>. Das führte zur Dynamik, zur analytischen Geometrie
+und von ihr zur Differentialrechnung.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> Die moderne Funktionentheorie
+ist die riesenhafte Ordnung dieser ganzen Gedankenmasse. Es ist eine
+bizarre, aber seelisch streng begründete Tatsache, daß die griechische
+Physik — als Statik im Gegensatz zur Dynamik — den Gebrauch der Uhr
+nicht kennt und nicht vermissen läßt und, während wir mit Tausendsteln
+von Sekunden rechnen, von Zeitmessungen vollständig absieht. Die
+Entelechie des Aristoteles ist der einzige zeitlose — ahistorische —
+Entwicklungsbegriff, den es gibt.</p>
+
+<p>Damit ist unsere Aufgabe festgelegt, insofern Leben die Verwirklichung
+von seelisch Möglichem ist und der neue Begriff<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> des <em class="gesperrt">seelisch
+Unmöglichen</em> den Aspekt der Dinge anders gestaltet. Wir Menschen der
+westeuropäischen Kultur — einem genau abgrenzbaren Phänomen zwischen
+1000 und 2000 n.&#8239;Chr. — sind die Ausnahme und nicht die Regel.
+„Weltgeschichte“ ist <em class="gesperrt">unser</em> Weltbild, nicht das „der Menschheit“.
+Für den indischen und den antiken Menschen gab es kein Bild der
+werdenden Welt als Art und Form der Anschauung und vielleicht wird es,
+wenn die Zivilisation des Abendlandes, deren Träger wir Heutigen sind,
+erloschen ist, nie wieder eine Kultur und also einen menschlichen Typus
+geben, für den „Weltgeschichte“ eine Form, ein Inhalt des kosmischen
+Bewußtseins ist.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_6">6</h3>
+
+</div>
+
+<p>Ja — was ist Weltgeschichte? Eine geistige Möglichkeit, ein inneres
+Postulat, der Ausdruck eines Formgefühls, gewiß. Aber ein noch so
+bestimmtes Gefühl ist keine vollendete Form, und so sicher wir alle
+Weltgeschichte fühlen, erleben, mit vollster Gewißheit ihrer Gestalt
+nach zu übersehen glauben, so sicher ist es, daß wir noch heute Formen
+von ihr, aber nicht <em class="gesperrt">die</em> Form kennen.</p>
+
+<p>Sicherlich wird jeder, den man fragt, überzeugt sein, daß er die
+periodische Struktur der Geschichte klar und deutlich durchschaut.
+Diese Illusion beruht darauf, daß niemand ernsthaft über sie
+nachgedacht hat und daß man noch viel weniger an seinem Wissen
+zweifelt, weil niemand ahnt, an was allem hier gezweifelt werden
+könnte. In der Tat ist die <em class="gesperrt">Gestalt</em> der Weltgeschichte ein
+<em class="gesperrt">ungeprüfter geistiger Besitz</em>, der sich, auch unter Historikern
+von Beruf, von Generation zu Generation unberührt vererbt und dem
+ein kleiner Teil der Skepsis, welche seit Galilei das uns angeborne
+Naturbild zergliedert und vertieft hat, sehr not täte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Altertum</em> — <em class="gesperrt">Mittelalter</em> — <em class="gesperrt">Neuzeit</em>: das ist das
+unglaubwürdig dürftige und <em class="gesperrt">sinnlose</em> Schema, dessen absolute
+Herrschaft über unser historisches Bewußtsein uns immer wieder
+gehindert hat, die eigentliche Stellung der kleinen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Teilwelt, wie
+sie sich seit der deutschen Kaiserzeit auf dem Boden des westlichen
+Europa entfaltet hat, in ihrem Verhältnis zur Weltgeschichte — zur
+Gesamtgeschichte des höhern Menschentums also — nach ihrem Range,
+ihrer Gestalt, ihrer Lebensdauer vor allem richtig aufzufassen. Es wird
+künftigen Kulturen kaum glaublich erscheinen, daß dieser Grundriß mit
+seinem einfältigen geradlinigen Ablauf, seinen unsinnigen Proportionen,
+der von Jahrhundert zu Jahrhundert sinnloser wird und eine natürliche
+Eingliederung der neu in das Licht unsres historischen Bewußtseins
+tretenden Gebiete gar nicht zuläßt, gleichwohl in seiner Gültigkeit
+niemals angezweifelt worden ist. Selbst die Kritik, die an ihm geübt,
+und die weitgehenden Modifikationen, denen er notgedrungen unterworfen
+wurde — z.&#8239;B. die Verlagerung des Anfangspunktes der „Neuzeit“
+von den Kreuzzügen zur Renaissance und von dort zum Anfang des 19.
+Jahrhunderts —, beweisen nur, daß man ihn selbst für unerschütterlich,
+beinahe für das Resultat einer göttlichen Erleuchtung, mindestens für
+selbstverständlich hielt, sozusagen für eine apriorische Form der
+historischen Anschauung, wie sie Kant beschreibt.</p>
+
+<p>Aber diese schlechthin geltende Form ließ keinerlei Vertiefung zu,
+und da man auf sie nicht verzichtete, so verzichtete man auf ein
+<em class="gesperrt">eigentliches</em> Begreifen weltgeschichtlicher Zusammenhänge. Ihr
+hat man es zu verdanken, daß die großen morphologischen Probleme der
+Geschichte gar nicht in Erscheinung treten konnten. <em class="gesperrt">Sie</em> hat die
+formale Betrachtung der Historie auf einem Niveau gehalten, dessen man
+sich in andern Wissenschaften geschämt hätte.</p>
+
+<p>Es genügt, darauf hinzuweisen, daß dieser Grundriß einen
+oberflächlichen Anfang und ein Ende dort setzt, wo in tieferem
+Sinne von Anfang und Ende nicht die Rede sein kann. Hier bildet die
+Landschaft des westlichen Europa<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> den ruhenden<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Pol (mathematisch
+gesprochen einen singulären Punkt auf einer Kugeloberfläche) —
+man weiß nicht warum, wenn nicht dies der Grund ist, daß wir, die
+Konstruktoren dieses Geschichtsbildes, gerade hier zu Hause sind
+— um den sich Jahrtausende gewaltigster Geschichte und fernab
+gelagerte ungeheure Kulturen in aller Bescheidenheit drehen. Das
+ist ein Planetensystem von höchst eigenartiger Erfindung. Man wählt
+einen einzelnen Fleck zum Schwerpunkt eines historischen Systems.
+Hier ist die Zentralsonne. Von hier aus erhalten die Ereignisse
+der Geschichte das rechte Licht. Von hier aus wird ihre Bedeutung
+<em class="gesperrt">perspektivisch</em> abgemessen. Aber hier redet in Wirklichkeit
+die durch keine Skepsis gezügelte Eitelkeit des westeuropäischen
+Menschen, in dessen Geiste sich dies Phantom „Weltgeschichte“ entrollt.
+Ihr verdankt man die uns längst zur Gewohnheit gewordene ungeheure
+optische Täuschung, wonach der historische Stoff von Jahrtausenden
+in einiger Entfernung, etwa in Altägypten und China, zu Miniaturen
+zusammenschrumpft, während die Jahrzehnte in der Nähe des eignen
+Standortes, seit Luther und besonders seit<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Napoleon, gespensterhaft
+anschwellen. Wir wissen, daß nur scheinbar eine Wolke um so langsamer
+wandert, je höher sie steht und ein Zug durch eine ferne Landschaft
+nur scheinbar schleicht, aber wir glauben, daß das Tempo der frühen
+indischen, babylonischen, ägyptischen Geschichte wirklich langsamer war
+als das unsrer nächsten Vergangenheit. Und wir finden ihre Substanz
+dünner, ihre Formen gedämpfter und gestreckter, weil wir nicht gelernt
+haben, die — innere und äußere — Entfernung in Rechnung zu stellen.
+Nirgends wird der Mangel an geistiger Freiheit, an Selbstkritik, der
+die historische Methode heute von jeder andern zu ihrem Nachteil
+unterscheidet, deutlicher als hier.</p>
+
+<p>Daß für die Kultur des Abendlandes, die — sagen wir seit Napoleon
+— für absehbare Zeit der Welt wenigstens oberflächlich ihre Formen
+aufprägt, das Dasein von Athen, Florenz, Paris wichtiger ist als vieles
+andre, versteht sich von selbst. Aber diesen Umstand, weil gerade wir
+im Zusammenhange dieser Kultur leben, zum struktiven Prinzip einer
+Universalgeschichte zu machen, verrät den Horizont eines Provinzialen.
+Es würde den chinesischen Historiker berechtigen, seinerseits eine
+Weltgeschichte zu entwerfen, in der die Kreuzzüge und die Renaissance,
+Cäsar und Friedrich der Große als belanglos mit Stillschweigen
+übergangen werden. Es steht dem Tagespolitiker und dem Sozialkritiker
+frei, in der Bewertung andrer Zeiten seinen privaten Geschmack
+walten zu lassen, so wie es dem chemischen Techniker freisteht,
+praktisch das Gebiet der Benzolderivate als das wichtigste Kapitel der
+Naturwissenschaften zu behandeln und etwa die Elektrodynamik unbeachtet
+zu lassen, aber der <em class="gesperrt">Denker</em> hat seine Person aus seinen
+Kombinationen auszuschalten. Warum ist, morphologisch betrachtet,
+das 18. Jahrhundert wichtiger zu nehmen als eins der sechzig
+voraufgehenden? Ist es nicht lächerlich, eine „Neuzeit“ vom Umfang
+einiger Jahrhunderte, noch dazu wesentlich in Westeuropa lokalisiert,
+einem „Altertum“ gegenüberzustellen, das ebensoviel Jahrtausende umfaßt
+und dem die Masse aller vorgriechischen Kulturen ohne den Versuch
+einer tiefern Gliederung einfach als Anhang zugerechnet wird? Hat
+man nicht, um das verjährte Schema zu retten, Ägypten und Babylon,
+deren in sich geschlossene Historien, jede für sich, allein die
+angebliche<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> „Weltgeschichte“ von Karl dem Großen bis zum Weltkriege
+und weit darüber hinaus aufwiegt, als Vorspiel zur Antike abgetan, die
+mächtigen Komplexe der indischen und chinesischen mit einer Miene der
+Verlegenheit in eine Anmerkung verwiesen und die großen amerikanischen
+Kulturen, weil ihnen der „Zusammenhang“ (womit?) fehlt, überhaupt
+ignoriert? Das ist unsre „Weltgeschichte“. So denkt der Neger, der die
+Welt in sein Dorf, seinen Stamm und den „Rest“ einteilt und der den
+Mond für viel kleiner ansieht als die Wolken, die ihn verschlingen.</p>
+
+<p>Ich nenne dies dem Westeuropäer geläufige Schema, in dem die hohen
+Kulturen ihre Bahnen <em class="gesperrt">um uns</em> als den vermeintlichen Mittelpunkt
+alles Weltgeschehens ziehen, das <em class="gesperrt">ptolemäische System</em>
+der Geschichte und ich betrachte es als die <em class="gesperrt">kopernikanische
+Entdeckung</em> im Bereich der Historie, daß in diesem Buche ein neues
+System, das System an seine Stelle tritt, in dem als wechselnde
+Erscheinungen und Ausdrücke des <em class="gesperrt">einen</em>, in der Mitte ruhenden
+Lebens Antike und Abendland neben Indien, Babylon, China, Ägypten,
+dem Arabertum und der Mayakultur — Einzelwelten des Werdens, die im
+Gesamtbilde der Geschichte ebenso schwer wiegen, die an Großartigkeit
+der seelischen Konzeption, an Gewalt des Aufstiegs das Hellenentum
+vielfach übertreffen — eine in keiner Weise bevorzugte Stellung
+einnehmen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_7">7</h3>
+
+</div>
+
+<p>Das Schema Altertum — Mittelalter — Neuzeit ist eine durch die Kirche
+übermittelte Schöpfung der Gnosis — also des semitischen, insbesondere
+syrisch-jüdischen Weltgefühls während der römischen Kaiserzeit.</p>
+
+<p>Innerhalb der sehr engen Grenzen, welche die geistige Voraussetzung
+dieser bedeutenden Konzeption bilden, bestand sie durchaus zu Recht.
+Hier fällt weder die indische noch selbst die ägyptische Geschichte
+in den Kreis der Betrachtung. Das Wort Weltgeschichte bezeichnet im
+Munde dieser Denker einen einmaligen, höchst dramatischen Akt, dessen
+Schauplatz die Landschaft<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> zwischen Hellas und Persien war. In ihm
+gelangt das streng dualistische Weltgefühl des Morgenländers zum
+Ausdruck, nicht polar wie in der gleichzeitigen Metaphysik durch den
+Gegensatz von Seele und Geist, sondern periodisch,<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> als Katastrophe
+gesehen, als Wende zweier Zeitalter zwischen Weltschöpfung und
+Weltuntergang, unter Absehen von allen Elementen, die nicht einerseits
+durch die antike Literatur, andrerseits durch die Bibel fixiert waren.
+In diesem Weltbilde erscheint als „Altertum“ und „Neuzeit“ der damals
+handgreifliche Gegensatz von heidnisch und christlich, antik und
+orientalisch, Statue und Dogma, Natur und Geist in <em class="gesperrt">zeitlicher</em>
+Fassung, als Prozeß der Überwindung des einen durch das andre. Der
+historische Übergang trägt die religiösen Merkmale einer Erlösung. Ohne
+Zweifel ein auf engen, durchaus provinzialen Ansichten beruhender,
+aber logischer und in sich vollkommener Aspekt, der indessen an dieser
+Landschaft und diesem Menschentum haftete und keiner <em class="gesperrt">natürlichen</em>
+Erweiterung fähig war.</p>
+
+<p>Erst durch die additive Hinzufügung eines dritten Zeitalters —
+<em class="gesperrt">unsrer</em> „Neuzeit“ — auf abendländischem Boden ist in das
+Bild eine Bewegungstendenz gekommen. Das orientalische Gegenbild
+war <em class="gesperrt">ruhend</em>, eine geschlossene, im Gleichgewicht verharrende
+Antithese, mit einer einmaligen göttlichen Aktion als Mitte. Das
+so sterilisierte Fragment der Geschichte, von einer ganz neuen Art
+Mensch aufgenommen und getragen, wurde nun plötzlich, ohne daß man
+sich des Bizarren einer solchen Änderung bewußt worden wäre, in
+Gestalt einer <em class="gesperrt">Linie</em> fortgesponnen, die von Homer oder Adam —
+die Möglichkeiten sind heute durch die Indogermanen, die Steinzeit
+und den Affenmenschen bereichert — über Jerusalem, Rom, Florenz und
+Paris hinauf oder hinab führte, je nach dem persönlichen Geschmack
+des Historikers, Denkers oder Künstlers, der das dreiteilige Bild mit
+schrankenloser Freiheit interpretierte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<p>Man fügte also den <em class="gesperrt">komplementären</em> Begriffen Heidentum
+und Christentum — beide sukzessiv, als Weltalter gefaßt — den
+<em class="gesperrt">abschließenden</em> einer „Neuzeit“ hinzu, die scherzhafterweise
+ihrerseits eine Fortsetzung des Verfahrens nicht gestattet und, nachdem
+sie seit den Kreuzzügen wiederholt „gestreckt“ worden ist, einer
+weiteren Dehnung nicht fähig erscheint. Man war, ohne es auszusprechen,
+der Meinung, daß hier jenseits von Altertum und Mittelalter etwas
+Endgültiges beginne, ein drittes Reich, in dem irgendwie eine
+Erfüllung lag, ein Höhepunkt, ein Ziel, das erkannt zu haben von
+den Scholastikern an bis zu den Sozialisten unserer Tage jeder sich
+allein zuschrieb. Es war das eine ebenso bequeme als für ihren Urheber
+schmeichelhafte Einsicht in den Lauf der Dinge. Man hatte ganz einfach
+den Geist des Abendlandes mit dem Sinn der Welt verwechselt. Aus
+einer geistigen Not haben dann große Denker eine metaphysische Tugend
+gemacht, indem sie das durch den <i>consensus omnium</i> geheiligte
+Schema, ohne es einer ernsthaften Kritik zu unterwerfen, zur Basis
+einer Philosophie machten und als Urheber ihres jeweiligen „Weltplanes“
+Gott bemühten. Die mystische Dreizahl der Weltalter hatte für den
+metaphysischen Geschmack ohnehin etwas höchst Verführerisches. Herder
+nannte die Geschichte eine Erziehung des Menschengeschlechts, Kant eine
+Entwicklung des Begriffs der Freiheit, Hegel eine Selbstentfaltung
+des Weltgeistes, andre anders. In Entwürfen dieser Art hat sich die
+historische Gestaltungskraft aber bereits erschöpft.</p>
+
+<p>Die Idee eines dritten Reiches kannte schon der Abt Joachim von Floris
+(† 1202), der die drei Phasen mit den Symbolen des Vaters, des Sohnes
+und des Heiligen Geistes in Verbindung brachte. Lessing, der seine Zeit
+im Hinblick auf die Antike mehrmals geradezu als Nachwelt bezeichnet,
+hat den Gedanken für seine „Erziehung des Menschengeschlechts“ (mit den
+Stufen des Kindes, Jünglings und Mannes) aus den Lehren der Mystiker
+des 14. Jahrhunderts übernommen, und Ibsen, der ihn in seinem Drama
+„Kaiser und Galiläer“ (wo das gnostische Weltdenken in der Gestalt
+des Zauberers Maximos unmittelbar hineinragt) gründlich behandelte,
+ist in seiner bekannten<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Stockholmer Rede von 1887 keinen Schritt
+darüber hinausgekommen. Augenscheinlich ist es eine Forderung des
+westeuropäischen Selbstgefühls, mit der eignen Erscheinung eine Art
+Abschluß zu statuieren.</p>
+
+<p>Aber es ist eine völlig unhaltbare Manier, Weltgeschichte zu deuten,
+indem man seiner politischen, religiösen oder sozialen Oberzeugung
+die Zügel schießen und den drei Phasen, an denen man nicht zu rütteln
+wagt, eine Richtung angedeihen läßt, die genau dem eignen Standort
+zuführt, und je nachdem die Reife des Verstandes, die Humanität, das
+Glück der Meisten, die wirtschaftliche Evolution, die Aufklärung, die
+Freiheit der Völker, die Unterwerfung der Natur, die wissenschaftliche
+Weltanschauung und dergleichen als absoluten Maßstab an Jahrtausende
+anlegt, von denen man beweist, daß sie das Richtige nicht begriffen
+oder nicht erreicht haben, während sie in Wirklichkeit nur etwas andres
+wollten als wir. „Es kommt offenbar im Leben aufs Leben und nicht auf
+ein Resultat desselben an“ — das ist ein Wort Goethes, das man allen
+törichten Versuchen, das Geheimnis der historischen Form durch ein
+<em class="gesperrt">Programm</em> zu enträtseln, entgegenstellen sollte.</p>
+
+<p>Das gleiche Bild wird von den Historikern jeder einzelnen Kunst und
+Wissenschaft, Nationalökonomie und Philosophie nicht zu vergessen,
+gezeichnet. Da sehen wir „die“ Malerei von den Ägyptern (oder den
+Höhlenmenschen) bis zu den Impressionisten, „die“ Musik vom blinden
+Sänger Homers bis nach Bayreuth, „die“ Gesellschaftsordnung von
+den Pfahlbaubewohnern bis zum Sozialismus in linienhaftem Aufstieg
+begriffen, dem irgendeine gleichbleibende Tendenz zugrunde gelegt
+wird, ohne daß man die Möglichkeit ins Auge faßt, daß Künste eine
+gemessene Lebensdauer besitzen, daß sie an eine Landschaft und eine
+bestimmte Art Mensch als dessen Ausdruck gebunden sind, daß also diese
+Gesamtgeschichten lediglich eine äußerliche Summierung einer Anzahl von
+Einzelphänomenen, von Sonderkünsten sind, die nichts als den Namen und
+einiges der handwerklichen Technik gemein haben.</p>
+
+<p>Dieser Weltblick ist nicht ohne Komik. Auf jedem andern Gebiete der
+lebendigen Natur nehmen wir das Recht in Anspruch, aus der Erscheinung
+selbst, sei es durch Erfahrung, sei<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> es durch intuitives Erfassen des
+innern Wesens, die Gestalt abzuleiten, welche ihrem Dasein zugrunde
+liegt. Wir wissen, daß die Lebensphänomene eines Tieres, einer Pflanze
+auf die der verwandten Arten schließen lassen, daß alles Lebende
+eine geheimnisvolle Ordnung, die mit Gesetz, Kausalität, Zahl nichts
+zu tun hat, in sich trägt und wir ziehen daraus die morphologischen
+Folgerungen. Nur hier, wo es sich um den Menschen selbst handelt,
+lassen wir die historische Form seines Daseins, die irgendwann
+einmal behauptet worden ist, ohne Nachprüfung gelten und zwingen die
+Tatsachen, so gut oder schlecht es geht, in das vorgefaßte Schema.
+Geht es nicht — um so schlimmer für die Tatsachen. Wir behandeln
+sie mit Verachtung wie die Geschichte der Chinesen oder würdigen sie
+überhaupt keines Blickes wie die Kultur der Maya. Sie haben „zum Bau
+der Weltgeschichte nichts beigetragen“ — ein köstlicher Ausspruch.</p>
+
+<p>Von jedem Organismus wissen wir, daß Tempo, Gestalt und Dauer seines
+Lebens und jeder einzelnen Lebensäußerung bestimmt sind. Niemand
+wird von einer tausendjährigen Eiche erwarten, daß sie eben jetzt im
+Begriff ist, mit dem eigentlichen Lauf ihrer Entwicklung zu beginnen.
+Niemand erwartet von einer Raupe, die er täglich wachsen sieht, daß
+sie möglicherweise ein paar Jahre damit fortfährt. Hier hat jeder
+mit unbedingter Gewißheit das Gefühl einer <em class="gesperrt">Grenze</em>, das mit
+einem Gefühl für organische Formen identisch ist. Der Geschichte des
+höhern Menschentums gegenüber aber herrscht ein grenzenlos trivialer
+Optimismus in bezug auf die Zukunft. Hier schweigt alle psychologische
+und physiologische Erfahrung, so daß jedermann im zufällig
+Gegenwärtigen die „Ansätze“ zu einer ganz besonders hervorragenden
+linienhaften „Weiterentwicklung“ feststellt, weil er sie wünscht. Hier
+wird mit schrankenlosen Möglichkeiten — nie mit einem natürlichen Ende
+— gerechnet und aus der Lage jedes Augenblicks heraus eine höchst
+naive Konstruktion der Fortsetzung entworfen.</p>
+
+<p>Aber „die Menschheit“ hat kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so
+wenig die Gattung der Schmetterlinge oder der Orchideen ein Ziel hat.
+„Die Menschheit“ ist ein leeres Wort. Man lasse dies Phantom aus dem
+Umkreis der historischen Formprobleme<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> schwinden und man wird einen
+überraschenden Reichtum <em class="gesperrt">wirklicher</em> Formen auftauchen sehen. Hier
+ist eine unermeßliche Fülle, Tiefe und Bewegtheit des Lebendigen, die
+bis jetzt durch eine Phrase, durch ein dürres Schema, durch persönliche
+„Ideale“ verdeckt wurde. Ich sehe statt des monotonen Bildes einer
+linienförmigen Weltgeschichte, das man nur aufrecht erhält, wenn
+man vor der überwiegenden Zahl der Tatsachen das Auge schließt, das
+Phänomen einer Vielzahl mächtiger Kulturen, die mit urweltlicher Kraft
+aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von ihnen im
+ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von denen
+jede ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Form aufprägt, von
+denen jede ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Idee, ihre <em class="gesperrt">eignen</em> Leidenschaften,
+ihr <em class="gesperrt">eignes</em> Leben, Wollen, Fühlen, ihren <em class="gesperrt">eignen</em> Tod hat.
+Hier gibt es Farben, Lichter, Bewegungen, die noch kein geistiges
+Auge entdeckt hat. Es gibt aufblühende und alternde Kulturen, Völker,
+Sprachen, Wahrheiten, Götter, Landschaften, wie es junge und alte
+Eichen und Pinien, Blüten, Zweige, Blätter gibt, aber es gibt keine
+alternde „Menschheit“. Jede Kultur hat ihre eignen Möglichkeiten des
+Ausdrucks, die erscheinen, reifen, verwelken und nie wiederkehren.
+Es gibt viele, im tiefsten Wesen völlig voneinander verschiedene
+Plastiken, Malereien, Mathematiken, Physiken, jede von begrenzter
+Lebensdauer, jede in sich selbst geschlossen, wie jede Pflanzenart
+ihre eignen Blüten und Früchte, ihren eignen Typus von Wachstum und
+Niedergang hat. Diese Kulturen, Lebewesen höchsten Ranges, wachsen in
+einer erhabenen Zwecklosigkeit auf, wie die Blumen auf dem Felde. Sie
+gehören, wie Pflanzen und Tiere, der lebendigen Natur Goethes, nicht
+der toten Natur Newtons an. Ich sehe in der Weltgeschichte das Bild
+einer ewigen Gestaltung und Umgestaltung, eines wunderbaren Werdens und
+Vergehens organischer Formen. Der zünftige Historiker aber sieht sie in
+der Gestalt eines Bandwurms, der unermüdlich Epochen „ansetzt“.</p>
+
+<p>Indessen hat die Kombination „Altertum — Mittelalter — Neuzeit“
+endlich ihre Wirkung erschöpft. So winkelhaft eng und flach sie
+war, so stellte sie doch die einzige nicht ganz unphilosophische
+Fassung dar, die wir besaßen, und was als Weltgeschichte<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> literarisch
+geordnet wurde, hat ihr den Rest von philosophischem Gehalt zu
+verdanken; aber die Zahl von Jahrhunderten, die durch dies Schema
+<em class="gesperrt">höchstens</em> zusammengehalten werden konnte, ist längst
+erreicht. Das traditionelle Bild beginnt sich bei rascher Zunahme
+des historischen Stoffes, namentlich des außerhalb dieser Ordnung
+liegenden, in ein unübersehbares Chaos aufzulösen. Jeder nicht
+ganz blinde Historiker weiß und fühlt das und nur um nicht ganz zu
+versinken, hält er um jeden Preis das einzige ihm bekannte Schema
+fest. Das Wort Mittelalter, 1667 von Professor Horn in Leyden geprägt,
+muß heute eine formlose, sich beständig ausdehnende Masse decken, die
+rein negativ durch das begrenzt wird, was sich unter keinem Vorwand
+den beiden andern, leidlich geordneten Komplexen zurechnen läßt. Die
+unsichere Behandlung und Wertung der neupersischen, arabischen und
+russischen Geschichte sind Beispiele dafür. Vor allem läßt sich der
+Umstand nicht länger verhehlen, daß diese angebliche Geschichte der
+Welt sich anfangs tatsächlich auf die Region des östlichen Mittelmeeres
+und später, seit der Völkerwanderung, einem nur für uns wichtigen und
+deshalb stark vergrößerten, in Wirklichkeit rein lokalen Ereignis,
+das schon die arabische Kultur nichts angeht, mit einem plötzlichen
+Wechsel des Schauplatzes auf das mittlere Westeuropa beschränkt.
+Hegel hatte in aller Naivität erklärt, daß er die Völker, die in sein
+System der Geschichte nicht paßten, ignorieren werde. Aber das war nur
+ein ehrliches Eingeständnis von methodischen Voraussetzungen, ohne
+die <em class="gesperrt">kein</em> Historiker zum Ziele kam. Man kann die Disposition
+sämtlicher Geschichtswerke daraufhin prüfen. Es ist heute in der Tat
+eine Frage des wissenschaftlichen Taktes, welche der historischen
+Phänomene man <em class="gesperrt">ernsthaft</em> mitzählt und welche nicht. Ranke ist ein
+gutes Beispiel dafür.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_8">8</h3>
+
+</div>
+
+<p>Wir denken heute in Erdteilen. Nur unsere Philosophen und Historiker
+haben das noch nicht gelernt. Was können uns da Gedanken und
+Perspektiven bedeuten, die mit dem Anspruch<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> auf universale Gültigkeit
+hervortreten und deren Horizont über die geistige Atmosphäre des
+westeuropäischen Menschen nicht hinausreicht?</p>
+
+<p>Man sehe sich daraufhin unsre besten Bücher an. Wenn Plato von der
+Menschheit redet, so meint er den Hellenen im Gegensatz zum Barbaren.
+Das entspricht durchaus dem ahistorischen Stil des antiken Lebens
+und Denkens und führt unter dieser Voraussetzung zu folgerichtigen
+Resultaten. Wenn aber Kant philosophiert, über ethische Ideale zum
+Beispiel, so behauptet er die Gültigkeit seiner Sätze für die Menschen
+aller Arten und Zeiten. Er spricht das nur nicht aus, weil es für
+ihn und seine Leser allzu selbstverständlich ist. Er formuliert
+in seiner Ästhetik nicht das Prinzip der Kunst des Phidias oder
+der Kunst Rembrandts, sondern gleich das der Kunst überhaupt. Aber
+was er an notwendigen Formen des Denkens feststellt, sind doch nur
+die notwendigen Formen des abendländischen Denkens. Ein Blick auf
+Aristoteles und dessen wesentlich andre Resultate hätte lehren sollen,
+daß hier nicht ein weniger klarer, sondern ein anders angelegter Geist
+über sich reflektiert. Russischen Philosophen wie Solovjeff ist der
+kosmische Solipsismus,<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> der Kants Vernunftkritik zugrunde liegt
+(jede noch so abstrakte Theorie ist der Ausdruck eines Weltgefühls) und
+sie für den westeuropäischen Menschen zum wahrsten aller Systeme macht,
+unverständlich und für den modernen Chinesen und Araber mit ihren ganz
+anders gearteten Intellekten hat die Lehre Kants lediglich den Wert
+einer Kuriosität.</p>
+
+<p>Das ist es, was dem abendländischen Denker fehlt und <em class="gesperrt">gerade ihm</em>
+nicht fehlen sollte: die Einsicht in den <em class="gesperrt">historisch-relativen</em>
+Charakter seiner Resultate, die selbst Ausdruck <em class="gesperrt">eines und nur dieses
+einen</em> Daseins sind, das Wissen um die notwendigen Grenzen der
+Gültigkeit, die Überzeugung, daß seine „unumstößlichen Wahrheiten“ und
+„ewigen Einsichten“ eben nur für ihn wahr und in seinem Weltaspekte
+ewig sind und daß es Pflicht ist, darüber hinaus nach denen zu
+suchen, die der Mensch anderer Kulturen mit derselben<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Gewißheit aus
+sich heraus ausgesprochen hat. Das gehört zur <em class="gesperrt">Vollständigkeit</em>
+einer Philosophie der Zukunft. Das erst heißt die Formensprache
+der Geschichte, der <em class="gesperrt">lebendigen</em> Welt verstehen. Es gibt hier
+nichts Bleibendes und Allgemeines. Man rede nicht mehr von den Formen
+<em class="gesperrt">des</em> Denkens, dem Prinzip <em class="gesperrt">des</em> Tragischen, der Aufgabe
+<em class="gesperrt">des</em> Staates. Allgemeingültigkeit ist immer der Fehlschluß von
+sich auf andre.</p>
+
+<p>Sehr viel bedenklicher wird das Bild, wenn wir uns den Denkern der
+westeuropäischen Modernität von Schopenhauer an zuwenden, dort, wo der
+Schwerpunkt des Philosophierens aus dem Abstrakt-Systematischen ins
+Praktisch-Ethische rückt und an Stelle des Problems der Erkenntnis
+das Problem des Lebens (des Willens zum Leben, zur Macht, zur Tat)
+tritt. Hier wird nicht mehr das ideale Abstraktum „Mensch“ wie bei
+Kant, sondern der wirkliche Mensch, wie er in historischer Zeit,
+als primitiver oder als Kulturmensch völkerhaft gruppiert, die
+Erdoberfläche bewohnt, der Betrachtung unterworfen, und es ist
+lächerlich, wenn auch da noch das Format der höchsten Begriffe durch
+das Schema Altertum — Mittelalter — Neuzeit und die damit verbundene
+örtliche Beschränkung bestimmt wird. Aber das ist der Fall.</p>
+
+<p>Betrachten wir den historischen Horizont Nietzsches. Seine Begriffe der
+Dekadence, des Nihilismus, der Umwertung aller Werte, Konzeptionen, die
+tief im Wesen der abendländischen Zivilisation begründet liegen und für
+ihre Analyse schlechthin entscheidend sind — welches war die Basis
+ihrer Formulierung? Römer und Griechen, Renaissance und europäische
+Gegenwart, einen flüchtigen Seitenblick auf die (mißverstandene)
+indische Philosophie eingerechnet, kurz: Altertum — Mittelalter —
+Neuzeit. Darüber ist er, streng genommen, nie hinausgegangen und die
+andern Denker der Epoche so wenig wie er. Aber ist das die Grundlage
+einer Philosophie der <em class="gesperrt">Welt</em>? Heißt das, menschliche Geschichte
+<em class="gesperrt">überhaupt</em> betrachten? Ist es ein Wunder, daß Nietzsche, wenn
+er, ohne von Ägypten und Babylon, Rußland und China etwas zu wissen,
+von einzelnen Beobachtungen zu allgemeinen Zusammenfassungen übergeht
+— hierher gehören die Gedanken über die Herrenmoral,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> die blonde
+Bestie, den Übermenschen — alsbald zu summarischen, vermeintlich
+weltumfassenden Konstruktionen gelangt, die in Wirklichkeit recht
+provinzial, völlig willkürlich, zuletzt komisch sind?</p>
+
+<p>In welcher Beziehung steht denn sein Begriff des Dionysischen —
+zum Innenleben der hochzivilisierten Chinesen aus der Zeit des
+Konfucius oder eines modernen Amerikaners? Was bedeutet der Typus des
+Übermenschen — für die Welt des Islam? Oder was sollen die Begriffe
+Natur und Geist, heidnisch und christlich, antik und modern als
+gestaltende Antithese im Seelentum des Inders und Russen bedeuten? Was
+hat Tolstoi, der aus seiner tiefsten Menschlichkeit heraus die ganze
+Ideenwelt des Westens als etwas Fremdes und Fernes ablehnte, mit dem
+„Mittelalter“, mit Dante, mit Luther, was hat ein Japaner mit dem
+Parzifal und dem Zarathustra, was ein Inder mit Sophokles zu schaffen?
+Und ist die Gedankenwelt Schopenhauers, Comtes, Feuerbachs, Hebbels,
+Strindbergs etwa weiträumiger? Ist ihre gesamte Psychologie trotz aller
+kosmischen Aspirationen nicht von rein abendländischer Bedeutung? Wie
+komisch wirken Ibsens Frauenprobleme, die ebenfalls mit dem Anspruch
+auf die Aufmerksamkeit der ganzen „Menschheit“ auftreten, wenn man an
+Stelle der berühmten Nora, einer nordwesteuropäischen Großstadtdame,
+deren Gesichtskreis etwa einer Mietwohnung von 2000 bis 6000 Mark und
+einer protestantischen Erziehung entspricht, Cäsars Frau, Madame de
+Sévigné, eine Japanerin oder eine Tiroler Bäuerin setzt? Aber Ibsen
+selbst besitzt den Gesichtskreis der großstädtischen Mittelklasse von
+gestern und heute. Seine Konflikte, deren psychische Voraussetzungen
+etwa seit 1850 vorhanden sind und 1950 kaum überdauern werden, sind
+bereits nicht mehr die der großen Welt und der untern Masse, geschweige
+denn die von Städten mit nichteuropäischer Bevölkerung.</p>
+
+<p>Alles das sind episodische und lokale, meist sogar auf die
+augenblickliche Intelligenz der Großstädte von westeuropäischem Typus
+beschränkte, nichts weniger als welthistorische und ewige Werte, und
+wenn sie der Generation Ibsens und Nietzsches noch so wesentlich
+sind, so heißt es eben doch den Sinn des Wortes Weltgeschichte — die
+keine Auswahl, sondern eine Totalität<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> darstellt — mißverstehen,
+wenn man die außerhalb des modernen Interesses liegenden Faktoren ihm
+unterordnet, sie unterschätzt oder übersieht. Und das ist in einem
+ungewöhnlich hohen Grade der Fall. Was im Abendlande bisher über die
+Probleme des Raumes, der Zeit, der Bewegung, der Zahl, des Willens, der
+Ehe, des Eigentums, des Tragischen, der Wissenschaft gesagt und gedacht
+worden ist, blieb eng und zweifelhaft, weil man immer darauf aus war,
+<em class="gesperrt">die</em> Lösung <em class="gesperrt">der</em> Frage zu finden, statt einzusehen, daß zu
+vielen Fragenden viele Antworten gehören, daß eine philosophische Frage
+nur der verhüllte Wunsch ist, eine bestimmte Antwort zu erhalten, die
+in der Frage schon beschlossen liegt, daß man die großen Fragen einer
+Zeit gar nicht ephemer genug fassen kann und daß demnach eine <em class="gesperrt">Gruppe
+historisch bedingter Lösungen</em> angenommen werden muß, deren
+<em class="gesperrt">Übersicht</em> erst — unter Ausschaltung aller eignen Überzeugungen
+— die letzten Geheimnisse aufschließt. Für den Denker — den echten —
+gibt es keine absolut richtigen oder falschen Standpunkte. Es genügt
+nicht, angesichts so schwerer Probleme wie dem der Zeit oder der Ehe
+die persönliche Erfahrung, die innere Stimme, die Vernunft, die Meinung
+der Vorgänger oder Zeitgenossen zu befragen. So erfährt man, was für
+einen selbst, für die eigne Zeit wahr ist, aber das ist nicht alles.
+Die Erscheinung anderer Kulturen redet eine andre Sprache. Für andre
+Menschen gibt es andre Wahrheiten. Für den Denker sind sie alle gültig
+oder keine.</p>
+
+<p>Man begreift, welcher Erweiterung und Vertiefung die abendländische
+Weltkritik fähig ist und was alles über den harmlosen Relativismus
+Nietzsches und seiner Generation hinaus in den Kreis der Betrachtung
+gezogen, welche Feinheit des Formgefühls, welcher Grad von Psychologie,
+welche Entsagung und Unabhängigkeit von praktischen Interessen, welche
+Unumschränktheit des Horizonts erreicht werden muß, bevor man sagen
+darf, man habe die Weltgeschichte, die <em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em>,
+verstanden.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_9">9</h3>
+
+</div>
+
+<p>Diesem allem, den willkürlichen, engen, von außen gekommenen, vom
+eignen Interesse diktierten, der Historie aufgezwungenen<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Formen stelle
+ich die natürliche, die „kopernikanische“ Gestalt des Weltgeschehens
+entgegen, die ihm in der Tiefe innewohnt und sich nur dem nicht
+voreingenommenen Blick offenbart.</p>
+
+<p>Ich erinnere an Goethe. Was er die <em class="gesperrt">lebendige Natur</em> genannt
+hat, ist genau das, was hier Weltgeschichte im weitesten Umfange,
+<em class="gesperrt">Welt als Geschichte</em> genannt wird. Goethe, der als Künstler
+wieder und immer wieder das Leben, die Entwicklung seiner Gestalten,
+das Werden, nicht das Gewordene, herausbildet, wie es der Wilhelm
+Meister und Wahrheit und Dichtung zeigen, haßte die Mathematik. Hier
+stand die Welt als Mechanismus der Welt als Organismus, die tote der
+lebendigen Natur, das Gesetz der Gestalt gegenüber. Jede Zeile, die er
+als Naturforscher schrieb, sollte die Gestalt des Werdenden, „geprägte
+Form, die lebend sich entwickelt,“ vor Augen stellen. Nachfühlen,
+Anschauen, Vergleichen, die unmittelbare innere Gewißheit, die exakte
+sinnliche Phantasie — das waren seine Mittel, den Geheimnissen der
+bewegten Erscheinung nahe zu kommen. <em class="gesperrt">Und das sind die Mittel der
+Geschichtsforschung überhaupt.</em> Es gibt keine andern. Dieser
+<em class="gesperrt">göttliche</em> Blick ließ ihn am Abend der Schlacht von Valmy am
+Lagerfeuer jenes Wort aussprechen: „Von hier und heute geht eine neue
+Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei
+gewesen.“ Kein Heerführer, kein Diplomat, von Philosophen zu schweigen,
+hat Geschichte so unmittelbar werden gefühlt. Es ist das tiefste
+Urteil, das je über einen großen Akt der Geschichte in dem Augenblick
+ausgesprochen wurde, wo er sich vollzog.</p>
+
+<p>Und so wie er die Entwicklung der Pflanzenform aus dem Blatt, die
+Entstehung des Wirbeltiertypus, das Werden der geologischen Schichten
+verfolgte — <em class="gesperrt">das Schicksal der Natur, nicht ihre Kausalität</em> —
+soll hier die Formensprache der menschlichen Historie, ihre periodische
+Struktur, der Atem der Geschichte aus der Fülle aller sinnfälligen
+Einzelheiten entwickelt werden.</p>
+
+<p>Man hat sonst den Menschen den Organismen der Erdoberfläche zugerechnet
+und mit Grund. Sein Körperbau, seine natürlichen Funktionen, seine
+ganze sinnliche Erscheinung, alles<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> gehört einer umfassenderen
+Einheit an. Nur hier macht man eine Ausnahme, trotz der tiefgefühlten
+Verwandtschaft des Pflanzenschicksals mit dem Menschenschicksal
+— einem ewigen Thema aller Lyrik — trotz der Ähnlichkeit aller
+menschlichen Geschichte mit der jeder andern Gruppe höherer Lebewesen —
+einem Thema unzähliger Märchen, Sagen und Fabeln. <em class="gesperrt">Hier</em>
+vergleiche man, indem man die Welt menschlicher Kulturen rein und
+tief auf die Einbildungskraft wirken läßt, nicht indem man sie in ein
+vorgefaßtes Schema zwängt; man sehe in den Worten Jugend, Aufstieg,
+Blütezeit, Verfall, die bis jetzt regelmäßig und heute mehr denn je der
+Ausdruck subjektiver Wertschätzungen und allerpersönlichster Interessen
+sozialer, moralischer, ästhetischer Art waren, endlich objektive
+Bezeichnungen organischer Zustände; man stelle die antike Kultur als
+in sich abgeschlossenes Phänomen, als Körper und Ausdruck der antiken
+Seele, neben die ägyptische, indische, babylonische, chinesische,
+abendländische und suche das Typische in den wechselnden Geschicken
+dieser großen Individuen, das Notwendige in der unbändigen Fülle des
+Zufälligen und man wird endlich das Bild der Weltgeschichte sich
+entfalten sehen, das uns, den Menschen des Abendlandes, und uns allein
+natürlich ist.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_10">10</h3>
+
+</div>
+
+<p>Kehren wir zum engeren Thema zurück, so ist aus diesem Weltblick die
+Struktur der Gegenwart, zunächst zwischen 1800 und 2000, morphologisch
+zu bestimmen. Das Wann dieser Epoche innerhalb der abendländischen
+Gesamtkultur, ihr Sinn als biographischer Abschnitt, der in irgendeiner
+Gestalt mit Notwendigkeit in jeder Kultur anzutreffen ist, die
+organische und symbolische Bedeutung der ihr angehörenden politischen,
+künstlerischen, geistigen, sozialen Form komplexe soll festgestellt
+werden.</p>
+
+<p>An diesem Punkte ergibt sich die Identität der Periode mit dem
+Hellenismus, und zwar im besonderen die ihres augenblicklichen
+Höhepunktes — bezeichnet durch den Weltkrieg — mit dem Übergang der
+hellenistischen in die Römerzeit. Das <em class="gesperrt">Römertum</em>, von strengstem
+Tatsachensinn, ungenial, barbarisch,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> diszipliniert, praktisch,
+protestantisch, <em class="gesperrt">preußisch</em>, wird uns, die wir auf Vergleiche
+angewiesen sind, immer den Schlüssel zum Verständnis der eigenen
+Zukunft bieten. <em class="gesperrt">Griechen und Römer — damit scheidet sich auch das
+Schicksal, das sich für uns schon vollzogen hat und das, welches uns
+bevorsteht.</em> Denn man hätte längst im „Altertum“ eine Entwicklung
+finden können und sollen, die ein vollkommenes Gegenstück zur
+eignen, westeuropäischen, bildet, in jeder Einzelheit der Oberfläche
+verschieden, aber völlig gleich in dem innern Drang, der den großen
+Organismus seiner Vollendung entgegentreibt. Wir hätten Zug um Zug vom
+„trojanischen Krieg“ und den Kreuzzügen, Homer und dem Nibelungenlied
+an über Dorik und Gotik, dionysischer Bewegung und Renaissance,
+Polyklet und Sebastian Bach, Athen und Paris, Aristoteles und Kant,
+Alexander und Napoleon bis zum Weltstadtstadium und Imperialismus
+beider Kulturen hier ein beständiges <i>alter ego</i> der eignen
+Wirklichkeit gefunden.</p>
+
+<p>Aber die Interpretation des antiken Geschichtsbildes, die hier
+Vorbedingung war — wie einseitig ist sie immer angegriffen worden!
+wie äußerlich! wie parteiisch! wie wenig umfassend! Weil wir uns
+„den Alten“ allzu verwandt fühlten, haben wir uns die Aufgabe allzu
+leicht gemacht. In der <em class="gesperrt">flachen</em> Ähnlichkeit liegt die Gefahr,
+der die gesamte Altertumsforschung erlegen ist. Es ist ein ewiges
+Vorurteil, das wir endlich überwinden sollten, daß die Antike uns
+innerlich nahesteht, weil wir vermeintlich ihre Schüler und Nachkommen,
+weil wir tatsächlich nur ihre Anbeter gewesen sind. Die ganze
+religionsphilosophische, kunsthistorische, sozialkritische Arbeit
+des 19. Jahrhunderts war nötig, nicht um uns endlich die Dramen des
+Äschylus, die Lehre Platos, Apollo und Dionysos, den athenischen Staat,
+den Cäsarismus verstehen zu lehren — davon sind wir weit entfernt —,
+sondern um uns endlich fühlen zu lassen, wie unermeßlich fremd und fern
+uns das alles innerlich ist, fremder vielleicht als die mexikanischen
+Götter und die indische Architektur.</p>
+
+<p>Unsere Meinungen von der griechisch-römischen Kultur haben sich immer
+zwischen zwei Extremen bewegt, wobei ohne Ausnahme das Schema Altertum
+— Mittelalter — Neuzeit die Perspektive aller „Standpunkte“ von
+vornherein bestimmt hat.<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Die einen, Männer des öffentlichen Lebens
+vor allem, Nationalökonomen, Politiker, Juristen, finden die „heutige
+Menschheit“ im besten Fortschreiten, schätzen sie sehr hoch ein und
+messen an ihr alles Frühere. Es gibt keine moderne Partei, nach deren
+Grundsätzen Kleon, Marius, Themistokles, Catilina und die Gracchen
+nicht schon „gewürdigt“ worden sind. Die andern, Künstler, Dichter,
+Philologen und Philosophen, fühlen sich in besagter Gegenwart nicht
+zu Hause, nehmen darum in irgendeiner Vergangenheit einen ebenso
+absoluten Standpunkt ein und verurteilen von ihm aus ebenso dogmatisch
+das Heute. Die einen sehen im Griechentum ein „Noch nicht“, die andern
+in der Modernität ein „Nicht mehr“, immer unter der Suggestion eines
+Geschichtsbildes, das beide Phänomene linienförmig aneinander knüpft.</p>
+
+<p>Es sind die zwei Seelen Fausts, die sich in diesem Gegensatz
+verwirklicht haben. Die Gefahr der einen ist die intelligente
+Oberflächlichkeit. Es bleibt von allem, was antike Kultur, was Abglanz
+der antiken Seele gewesen war, zuletzt nichts in ihren Händen als
+soziale, wirtschaftliche, rechtliche, politische, physiologische
+„Tatsachen“. Der Rest nimmt den Charakter von „sekundären Folgen“,
+„Reflexen“, „Begleiterscheinungen“ an. Von der mythischen Wucht der
+Chöre des Äschylus, von der kolossalen Erdkraft der ältesten Plastik,
+der dorischen Säule, von der Glut der apollinischen Kulte, von der
+Tiefe selbst noch des römischen Kaiserkultes ist in ihren Büchern
+nichts zu spüren. Die andern, verspätete Romantiker vor allem, wie
+noch zuletzt die drei Basler Professoren Bachofen, Burckhardt und
+Nietzsche, erliegen der Gefahr aller Ideologie. Sie verlieren sich in
+den Wolkenregionen eines Altertums, das lediglich ein Spiegelbild ihrer
+philologisch geregelten Empfindsamkeit ist. Sie verlassen sich auf die
+Reste der alten Literatur, das einzige Zeugnis, das ihnen edel genug
+ist — aber noch nie ist eine Kultur durch ihre großen Schriftsteller
+unvollkommener repräsentiert worden.<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> Die andern stützen sich
+vorwiegend auf<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> das prosaische Quellenmaterial der Rechtsurkunden,
+Inschriften und Münzen, das insbesondere Burckhardt und Nietzsche
+sehr zu ihrem Schaden verachtet hatten, und ordnen ihm die erhaltene
+Literatur mit ihrem oft minimalen Wahrheits- und Tatsachensinn unter.
+So nahm man sich gegenseitig schon der kritischen Grundlagen wegen
+nicht ernst. Ich wüßte nicht, daß Nietzsche und Mommsen einander die
+geringste Beachtung geschenkt hätten.</p>
+
+<p>Aber keiner von beiden hat die Höhe der Betrachtung erreicht, aus
+welcher dieser Gegensatz in nichts zerfällt und die trotzdem möglich
+gewesen wäre. Hier rächte sich die Herübernahme des Kausalprinzips aus
+der Naturwissenschaft in die Geschichtsforschung. Man kam zu einem das
+Weltbild der Physik oberflächlich nachmalenden Pragmatismus, der die
+ganz andersartige Formensprache der Historie verdeckt und verwirrt,
+nicht erschließt. Man wußte allerseits nichts Besseres, um die Masse
+historischen Materials einer vertieften und ordnenden Auffassung
+zu unterwerfen, als einen Komplex von Erscheinungen als primär,
+als Ursache anzusetzen und die übrigen demgemäß als sekundär, als
+Folgen oder Wirkungen zu behandeln. Nicht nur die Praktiker, auch die
+Romantiker haben dazu gegriffen, weil die Historie ihre <em class="gesperrt">eigne</em>
+Logik auch ihrem beschränkten Blick nicht offenbart hat und das
+Bedürfnis nach Feststellung einer immanenten Notwendigkeit, deren
+Vorhandensein man <em class="gesperrt">fühlte</em>, viel zu stark war, wenn man nicht wie
+Schopenhauer der Geschichte überhaupt mißmutig den Rücken kehren wollte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_11">11</h3>
+
+</div>
+
+<p>Reden wir ohne weiteres von einer materialistischen und einer
+ideologischen Art, die Antike zu sehen. Dort erklärt man, daß das
+Sinken der einen Wagschale seine Ursache im Steigen der andern hat.
+Man beweist, daß dies ohne Ausnahme der<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Fall ist — zweifellos ein
+schlagender Beweis. Hier haben wir also Ursache und Wirkung, und zwar
+stellen — selbstverständlich — die sozialen und sexuellen, allenfalls
+die rein politischen Phänomene die Ursachen, die religiösen, geistigen,
+künstlerischen die Wirkungen dar (soweit der Materialist für die
+letzteren die Bezeichnung Tatsachen duldet). Die Ideologen beweisen
+umgekehrt, daß das Steigen der einen Schale aus dem Sinken der andern
+folgt, und sie beweisen es mit derselben Exaktheit. Sie versenken
+sich in Kulte, Mysterien, Bräuche, in die Geheimnisse des Verses und
+der Linie und würdigen das banausische Alltagsleben, eine peinliche
+Folge der irdischen Unvollkommenheit, kaum eines Seitenblicks. Beide
+beweisen, den Kausalnexus deutlich vor Augen, daß die andern den
+wahren Zusammenhang der Dinge offenbar nicht sehen oder sehen wollen
+und enden damit, daß sie einander blind, flach, dumm, absurd oder
+frivol, kuriose Käuze oder platte Philister schelten. Der Ideologe ist
+entsetzt, wenn jemand Finanzprobleme unter Hellenen ernst nimmt und
+z.&#8239;B. statt von den tiefsinnigen Sprüchen des delphischen Orakels von
+den weitreichenden Geldoperationen redet, welche die Orakelpriester mit
+den dort deponierten Summen vornahmen. Der Politikus aber lächelt weise
+über den, der seine Begeisterung an sakrale Formeln und die Tracht
+attischer Epheben verschwendet, statt über antike Klassenkämpfe ein mit
+vielen modernen Schlagworten gespicktes Buch zu schreiben.</p>
+
+<p>Der eine Typus ist schon in Petrarka vorgebildet. Er hat Florenz
+und Weimar, den Begriff der Renaissance und den abendländischen
+Klassizismus geschaffen. Den andern findet man seit der Mitte
+des 18. Jahrhunderts, mit dem Beginn einer zivilisierten,
+wirtschaftlich-großstädtischen Politik, also zuerst in England (Grote).
+Im Grunde stehen sich hier die Auffassung des kultivierten und des
+zivilisierten Menschen gegenüber, ein Gegensatz, der zu tief, zu
+menschlich ist, um die Inferiorität <em class="gesperrt">beider</em> Standpunkte empfinden
+oder gar überwinden zu lassen.</p>
+
+<p>Auch der Materialismus verfährt in diesem Punkte idealistisch. Auch
+er hat, ohne es zu wissen und zu wollen, seine Einsichten von inneren
+Wünschen abhängig gemacht. In der Tat haben sich unsere besten Geister
+ohne Ausnahme vor dem Bilde der Antike in Ehrfurcht gebeugt und in
+diesem einen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Falle der schrankenlosen Kritik entsagt. Die Analyse
+des Altertums ist immer durch eine gewisse Scheu verdunkelt worden.
+Es gibt in der gesamten Geschichte kein zweites Beispiel für einen so
+leidenschaftlichen Kultus, den eine Kultur mit dem Gedächtnis einer
+andern treibt. Daß wir Altertum und Neuzeit durch ein „Mittelalter“
+idealisch verknüpften, über ein Jahrtausend gering gewerteter, fast
+verachteter Historie hinweg, ist nur ein einzelner Ausdruck dieser
+unwillkürlichen Devotion. Wir Westeuropäer haben „den Alten“ die
+Reinheit und Selbständigkeit unserer Kunst zum Opfer gebracht, indem
+wir nur mit einem Seitenblick auf das hehre „Vorbild“ zu schaffen
+wagten; wir haben in unser Bild von den Griechen und Römern jedesmal
+das hineingelegt, <em class="gesperrt">hineingefühlt</em>, was wir in der Tiefe der
+eigenen Seele entbehrten oder erhofften. Eines Tages wird uns ein
+geistreicher Psychologe die Geschichte unserer verhängnisvollsten
+Illusion, die Geschichte dessen, was wir jedesmal als antik verehrten,
+erzählen. Es gibt wenige Aufgaben, die für die intime Kenntnis der
+abendländischen Seele von Kaiser Otto III., dem ersten, bis zu
+Nietzsche, dem letzten Opfer des Südens, lehrreicher wären.</p>
+
+<p>Goethe redet auf seiner italienischen Reise mit Begeisterung von den
+Bauten Palladios, deren frostiger Akademik wir heute höchst skeptisch
+gegenüberstehen. Er sieht dann Pompeji und spricht mit unverhohlenem
+Mißvergnügen von dem „wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck“.
+Was er von den Tempeln von Pästum und Segesta, Meisterstücken
+hellenischer Kunst, sagt, ist verlegen und unbedeutend. Offenbar hat
+er das Altertum, als es ihm einmal leibhaft in seiner vollen Kraft
+entgegentrat, nicht wiedererkannt. Das bezeichnet den historischen
+Sinn unserer Seelen: sie wollen nicht Eindrücke von Fremdem, sondern
+Ausdruck von Eignem. <em class="gesperrt">Ihr</em> „Altertum“ war jedesmal der Horizont
+eines historischen Gesamtbildes, das sie geschaffen und mit ihrem
+besten Blute genährt haben, ein Gefäß für das eigne Weltgefühl, ein
+Phantom, ein Idol. Man begeistert sich in Denkerstuben und poetischen
+Zirkeln an den verwegenen Schilderungen antiken Großstadttreibens
+bei Aristophanes, Juvenal und Petronius, an südlichem Schmutz und
+Pöbel, Lärm und Gewalttat, Lustknaben und Phrynen, am Phalluskult und
+cäsarischen Orgien<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> — aber demselben Stück Wirklichkeit in heutigen
+Weltstädten geht man klagend und naserümpfend aus dem Wege. „In den
+Städten ist schlecht zu leben: da gibt es zu viele der Brünstigen.“
+Also sprach Zarathustra. Sie rühmen die Staatsgesinnung der Römer
+und verachten den, der heute nicht jede Berührung mit öffentlichen
+Angelegenheiten meidet. Es gibt eine Klasse von Kennern, für welche
+der Unterschied von Toga und Gehrock, von byzantinischem Zirkus und
+englischem Sportplatz, von antiken Alpenstraßen und transkontinentalen
+Eisenbahnen, Trieren und Schnelldampfern, römischen Lanzen und
+preußischen Bajonetten, zuletzt sogar vom Suezkanal, je nachdem ihn ein
+Pharao oder ein moderner Ingenieur gebaut hat, eine magische Gewalt
+besitzt, die jeden freien Blick mit Sicherheit einschläfert. Sie würden
+eine Dampfmaschine als Symbol menschlicher Leidenschaft und Ausdruck
+vitaler Energie erst dann gelten lassen, wenn Heron von Alexandria sie
+erfunden hätte. Es gilt ihnen als Blasphemie, wenn man statt vom Kult
+der Großen Mutter vom Berge Pessinus, von römischer Zentralheizung und
+Buchführung spricht. Trotzdem war das griechische Wort für Kapital
+ἀφορμή, Ausgangspunkt, und Thukydides lobt die Athener seiner Zeit
+(I, 70), daß sie keine anderen Feste kannten, als ihre Geschäfte zu
+betreiben.<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a></p>
+
+<p>Aber die andern sehen <em class="gesperrt">nichts</em> als dies. Sie glauben das Wesen
+dieser uns so fremden Kultur zu erschöpfen, indem sie die Griechen
+ohne weiteres als ihresgleichen behandeln und sie bewegen sich, wenn
+sie psychologische Schlüsse ziehen, in einem System von Identitäten,
+das die antike <em class="gesperrt">Seele</em> überhaupt nicht berührt. Sie ahnen gar
+nicht, daß Worte wie Republik, Freiheit, Eigentum dort und hier Dinge
+bezeichnen, die innerlich auch nicht die leiseste Verwandtschaft
+besitzen. Sie spötteln über Historiker der Goethezeit, wenn sie ihre
+politischen Ideale ausdrücken, indem sie eine Geschichte des Altertums
+verfassen und mit den Namen Lykurg, Brutus, Cato, Cicero, Augustus
+durch deren Rettungen oder Verurteilungen das eigene Programm<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> oder
+eine persönliche Schwärmerei decken, aber sie selbst können kein
+Kapitel schreiben, ohne zu verraten, welcher Parteirichtung ihre
+Morgenzeitung angehört.</p>
+
+<p>Aber es ist gleichviel, ob man die Vergangenheit mit den Augen Don
+Quijotes oder Sancho Pansas betrachtet. Beide Wege führen nicht zum
+Ziel. Schließlich hat sich jeder von ihnen erlaubt, das Stück der
+Antike in den Vordergrund zu stellen, das den eignen Intentionen
+zufällig am besten entsprach, Nietzsche das vorsokratische Athen,
+Nationalökonomen die hellenistische Periode, Politiker das
+republikanische Rom und Dichter die Kaiserzeit.</p>
+
+<p>Nicht als ob religiöse oder künstlerische Erscheinungen ursprünglicher
+wären als soziale und wirtschaftliche. Es ist weder so noch umgekehrt.
+Es gibt für den, der hier die unbedingte Freiheit des Blickes erworben
+hat, jenseits <em class="gesperrt">aller</em> persönlichen Interessen welcher Art auch
+immer, überhaupt keine Art von Abhängigkeit, keine Priorität, keine
+Ursache und Wirkung, keinen Unterschied des Wertes und der Wichtigkeit.
+Was den einzelnen Phänomenen ihren Rang gibt, ist lediglich die größere
+oder geringere Reinheit und Kraft ihrer Formensprache, die Stärke ihrer
+Symbolik — abseits von gut und böse, hoch und niedrig, Nutzen und
+Ideal.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_12">12</h3>
+
+</div>
+
+<p>Der Untergang des Abendlandes, so betrachtet, bedeutet nichts
+Geringeres als das <em class="gesperrt">Problem der Zivilisation</em>. Eine der
+Grundfragen aller Historie liegt hier vor. Was ist Zivilisation, als
+logische Folge, als Vollendung und Ausgang einer Kultur begriffen?</p>
+
+<p>Denn jede Kultur hat ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Zivilisation. Zum ersten
+Male werden hier die beiden Worte, die bisher einen vagen ethischen
+Unterschied persönlicher Art zu bezeichnen hatten, in periodischem
+Sinne, als Ausdrücke für ein strenges und notwendiges <em class="gesperrt">organisches
+Nacheinander</em> gefaßt. Die Zivilisation ist das unausweichliche
+<em class="gesperrt">Schicksal</em> einer Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem
+aus die letzten und schwersten Fragen der historischen Morphologie
+lösbar werden.<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Zivilisation sind die <em class="gesperrt">äußersten</em> und
+<em class="gesperrt">künstlichsten</em> Zustände, deren eine höhere Art Menschen fähig
+ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene,
+dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit, dem Lande
+und der seelischen Kindheit, wie sie Dorik und Gotik zeigen, als das
+geistige Greisentum und die steinerne, versteinernde Weltstadt. Sie
+sind ein <em class="gesperrt">Ende</em>, unwiderruflich, aber sie sind mit innerster
+Notwendigkeit immer wieder erreicht worden.</p>
+
+<p>Damit erst wird man den Römer als den Nachfolger des Hellenen
+verstehen. Erst so rückt die späte Antike in das Licht, das ihre
+tiefsten Geheimnisse preisgibt. Denn was hat es zu bedeuten — was
+man nur mit leeren Worten bestreiten kann —, daß die Römer Barbaren
+gewesen sind, Barbaren, die einem großen Aufschwung nicht vorangehen,
+sondern ihn beschließen? Seelenlos, unphilosophisch, ohne Kunst,
+animalisch bis zum Brutalen, rücksichtslos auf materielle Erfolge
+haltend, stehen sie zwischen der hellenischen Kultur und dem Nichts.
+Ihre nur auf das Praktische gerichtete Einbildungskraft — sie
+besaßen ein sakrales Recht, das die Beziehungen zwischen Göttern
+und Menschen wie zwischen Privatpersonen regelte, aber keine Spur
+eines Mythus — ist eine Anlage, die man in Athen überhaupt nicht
+antrifft. Griechische Seele und römischer Intellekt — das ist es.
+So unterscheiden sich Kultur und Zivilisation. Das gilt nicht nur
+von der Antike. Immer wieder taucht dieser Typus starkgeistiger,
+vollkommen unmetaphysischer Menschen auf. In ihren Händen liegt das
+geistige und materielle Geschick einer jeden Spätzeit. Sie haben
+den babylonischen, ägyptischen, indischen, chinesischen, römischen
+Imperialismus durchgeführt. In solchen Perioden sind der Buddhismus,
+Stoizismus und Sozialismus zu endgültigen Weltstimmungen herangereift,
+die ein erlöschendes Menschentum in seiner ganzen Substanz noch einmal
+zu ergreifen und umzugestalten vermögen. Die <em class="gesperrt">reine</em> Zivilisation
+als historischer Prozeß besteht in einem stufenweisen <em class="gesperrt">Abbau</em>
+anorganisch gewordener, erstorbener Formen.</p>
+
+<p>Der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht sich in der
+Antike im 4., im Abendlande im 19. Jahrhundert. Von da an fallen die
+großen geistigen Entscheidungen nicht<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> mehr wie zur Zeit der orphischen
+Bewegung und der Reformation in der „ganzen Welt“, in der schließlich
+kein Dorf ganz unwichtig ist, sondern in drei oder vier Weltstädten,
+die allen Gehalt der Historie in sich aufgesogen haben und denen
+gegenüber die gesamte Landschaft der Kultur zum Range der Provinz
+herabsinkt, die ihrerseits nur noch die Weltstädte mit den Resten
+ihres höheren Menschentums zu nähren hat. <em class="gesperrt">Weltstadt und Provinz</em>
+— mit diesen Grundbegriffen aller Zivilisation tritt ein ganz neues
+Formproblem der Geschichte hervor, das wir Heutigen gerade durchleben,
+ohne es in seiner ganzen Tragweite auch nur entfernt begriffen zu
+haben. Statt einer Welt eine <em class="gesperrt">Stadt</em>, ein <em class="gesperrt">Punkt</em>, in dem
+sich das ganze Leben weiter Länder sammelt, während der Rest verdorrt;
+statt eines formvollen, mit der Erde verwachsenen Volkes ein neuer
+Nomade, ein Parasit, der Großstadtbewohner, der reine, traditionslose,
+in formlos fluktuierender Masse auftretende Tatsachenmensch,
+irreligiös, intelligent, unfruchtbar, mit einer tiefen Abneigung
+gegen das Bauerntum (und dessen höchste Form, den Landadel), also ein
+ungeheurer Schritt zum Anorganischen, zum Ende — was bedeutet das?
+Frankreich und England haben diesen Schritt vollzogen und Deutschland
+ist im Begriff, ihn zu tun. Auf Syrakus, Athen, Alexandria folgt Rom.
+Auf Madrid, Paris, London folgt Berlin. Provinz zu werden ist das
+Schicksal ganzer Länder, die nicht im Strahlenkreise einer dieser
+Städte liegen wie damals Kreta und Makedonien, heute der skandinavische
+Norden.<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a></p>
+
+<p>Ehemals spielte sich der Kampf um die ideelle Fassung der Epoche
+auf dem Boden metaphysischer, kultisch oder dogmatisch geprägter
+Weltprobleme zwischen dem erdhaften Geiste des Bauerntums (Adel und
+Priestertum) und dem „weltlichen“ patrizischen Geiste der alten,
+kleinen, berühmten Städte der dorischen und gotischen Frühzeit ab.
+Dergestalt waren die<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Kämpfe um die Dionysosreligion — z.&#8239;B. unter
+dem Tyrannen Kleisthenes von Sikyon<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> — und um die Reformation
+in den deutschen Reichsstädten und in den Hugenottenkriegen. Aber
+wie diese Städte zuletzt das Land überwanden — ein rein städtisches
+Weltbewußtsein begegnet schon bei Parmenides und Descartes — so
+überwindet die Weltstadt sie. Das ist der geistige Prozeß aller
+Spätzeiten, der Ionik wie des Barock. Heute wie zur Zeit des
+Hellenismus, an dessen Schwelle die Gründung einer künstlichen, also
+landfremden Großstadt, Alexandrias, steht, sind diese Kulturstädte —
+Florenz, Nürnberg, Salamanca, Brügge, Prag — Provinzstädte geworden,
+die gegen den Geist der Weltstädte einen hoffnungslosen intellektuellen
+Widerstand leisten. Die Weltstadt bedeutet den Kosmopolitismus an
+Stelle der „Heimat“,<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> den kühlen Tatsachensinn an Stelle der
+Ehrfurcht vor dem Überlieferten und Gewachsenen, die wissenschaftliche
+Irreligion als Petrefakt der voraufgegangenen Religion des Herzens,
+die „Gesellschaft“ an Stelle des Staates, die natürlichen statt der
+erworbenen Rechte. Das <em class="gesperrt">Geld</em> als anorganischen abstrakten Faktor,
+von allen Beziehungen zum Sinne des fruchtbaren Bodens, zu den Werten
+einer ursprünglichen Lebenshaltung gelöst — das haben die Römer vor
+den Griechen voraus. Von hier an ist eine vornehme Weltanschauung
+<em class="gesperrt">auch eine Geldfrage</em>. Nicht der griechische Stoizismus des
+Chrysipp, aber der spätrömische des Cato und Seneka setzt als Grundlage
+ein Vermögen voraus<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> und nicht die sozialethische Gesinnung des 18.
+Jahrhunderts, aber die des 20. ist, wenn sie über eine berufsmäßige
+— einträgliche — Agitation hinaus Tat werden will, eine Sache für
+Millionäre. Zur Weltstadt gehört nicht ein Volk, sondern eine Masse.
+Ihr Unverständnis für alles Überlieferte, in dem man die <em class="gesperrt">Kultur</em>
+bekämpft (den Adel, die Kirche, die Privilegien, die Dynastie, in
+der Kunst die Konventionen, in<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> der Wissenschaft die Grenzen der
+Erkenntnismöglichkeit), ihre der bäuerlichen Klugheit überlegene
+scharfe und kühle Intelligenz, ihr Naturalismus in einem ganz neuen
+Sinne, der über Sokrates und Rousseau weit zurück in bezug auf alles
+Sexuelle und Soziale an urmenschliche Instinkte und Zustände anknüpft,
+das <i>panem et circenses</i>, das heute wieder in der Verkleidung
+von Lohnkampf und Sportplatz erscheint — alles das bezeichnet der
+endgültig abgeschlossenen Kultur, der Provinz gegenüber eine ganz neue,
+späte und zukunftslose, aber unvermeidliche Form menschlicher Existenz.</p>
+
+<p>Das ist es, was <em class="gesperrt">gesehen</em> sein will, nicht mit den Augen des
+Parteimannes, des Ideologen, des zeitgemäßen Moralisten, aus dem Winkel
+irgendeines „Standpunktes“ heraus, sondern aus zeitloser Höhe, den
+Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden gerichtet —
+wenn man wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will.</p>
+
+<p>Ich sehe Symbole ersten Ranges darin, daß in Rom, wo um 60 v.&#8239;Chr.
+der Triumvir Crassus der erste Bauplatzspekulant war, das auf allen
+Inschriften prangende römische Volk, vor dem Gallier, Griechen,
+Parther, Syrer in der Ferne zitterten, in ungeheurem Elend in den
+vielstöckigen Mietskasernen lichtloser Vorstädte<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a> hauste und die
+Erfolge der militärischen Expansion mit Gleichgültigkeit oder einer Art
+von sportlichem Interesse aufnahm; daß manche der großen Familien des
+Uradels, Nachkommen der Sieger über die Kelten, Samniten und Hannibal,
+weil sie sich an der wüsten Spekulation nicht beteiligten, ihre
+Stammhäuser aufgeben und armselige Mietwohnungen beziehen mußten; daß,
+während sich längs der Via Appia die noch heute bewunderten Grabmäler
+der Finanzgrößen Roms erhoben, die Leichen des Volkes zusammen mit
+Tierkadavern und Großstadtkehricht in ein grauenhaftes Massengrab
+geworfen wurden, bis man unter Augustus, um Seuchen zu verhüten,
+die Stelle zuschüttete,<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> auf der Mäcenas dann seinen berühmten Park
+anlegte; daß man in dem entvölkerten Athen, das von Fremdenbesuch
+und den Stiftungen reicher Ausländer (wie des Judenkönigs Herodes)
+lebte, der Reisepöbel allzu rasch reich gewordener Römer die Werke der
+perikleischen Zeit begaffte, von denen er so wenig verstand wie die
+amerikanischen Besucher der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo,
+nachdem man alle beweglichen Kunstwerke fortgeschleppt oder zu
+phantastischen Modepreisen angekauft und dafür kolossale und anmaßende
+Römerbauten neben die tiefen und bescheidenen Werke der alten Zeit
+gesetzt hatte. In diesen Dingen, die der Historiker nicht zu loben oder
+tadeln, sondern morphologisch abzuwägen hat, liegt für den, welcher zu
+sehen gelernt hat, eine <em class="gesperrt">Idee</em> unmittelbar zutage.</p>
+
+<p>Es ist heute wie damals nicht die Frage, ob man von Geburt Germane oder
+Romane, Hellene oder Römer, sondern ob man von Erziehung Weltstädter
+oder Provinzler ist. Das entscheidet über alles Tatsächliche. Hier
+finden wir einen neuen, in seiner Art vollkommenen Weltblick als
+Ausdruck eines neuen Lebensstils. Eine höchst bezeichnende und in allen
+bisher vorliegenden Fällen identische Metamorphose vollzieht sich.
+Es ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb man in dem wirren Bilde
+der historischen Oberfläche die eigentliche Struktur der Historie
+nicht aufgefunden hat, daß man es nicht verstand, die Formkomplexe des
+kultivierten und des zivilisierten Daseins aus ihrer wechselseitigen
+Durchdringung zu lösen. Eine Kritik der Gegenwart steht hier vor ihrer
+schwersten Aufgabe.</p>
+
+<p>Denn es wird sich zeigen, daß von diesem Augenblicke an alle großen
+Konflikte der Weltanschauung, der Politik, der Kunst, des Wissens,
+des Gefühls im Zeichen dieses einen Gegensatzes stehen. Was ist
+zivilisierte Politik von morgen im Gegensatz zur kultivierten von
+gestern? In der Antike Rhetorik, im Abendlande Journalismus, und
+zwar im Dienste jenes Abstraktums, das die Macht der Zivilisation
+repräsentiert, des <em class="gesperrt">Geldes</em>. Sein Geist ist es, der unvermerkt
+die historischen Formen des Völkerdaseins durchdringt, oft ohne sie im
+geringsten zu ändern oder zu zerstören. Der römische Staatsmechanismus
+ist vom älteren Scipio Africanus bis auf Augustus in viel höherem Grade
+stationär geblieben, als dies in der Regel<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> angenommen wird. Aber
+die großen Parteien, Vehikel einer veralteten Form des politischen
+Lebens, sind zur Zeit der Gracchen wie im 20. Jahrhundert nur noch
+scheinbar Mittelpunkte der entscheidenden Aktionen. In Wirklichkeit
+ist es dem Forum Romanum gegenüber gleichgültig, wie auf dem Forum von
+Pompeji geredet, beschlossen und gewählt wird, und die drei oder vier
+Weltblätter werden in unsrer Zukunft die Meinung der Provinzzeitungen
+und damit den „Willen des Volkes“ bestimmen. Es ist eine kleine Anzahl
+überlegener Gehirne, deren Namen in diesem Augenblick vielleicht nicht
+die bekanntesten sind, die alles entscheidet, während die große Masse
+der Politiker zweiten Ranges, Rhetoren und Tribunen, Abgeordnete
+und Journalisten, eine Auswahl nach Provinzhorizonten, nach unten
+die Illusion einer Selbstbestimmung des Volkes aufrecht erhält. Und
+die Kunst? Die Philosophie? Die Ideale der platonischen und der
+kantischen Zeit galten einem höhern Menschentum überhaupt, die des
+Hellenismus und der Gegenwart, vor allem der Sozialismus, der ihm
+genetisch nahe verwandte Darwinismus mit seinen so ganz ungoetheschen
+Formeln vom Kampf ums Dasein und der Zuchtwahl, die damit wiederum
+verwandten Frauen- und Eheprobleme bei Ibsen, Strindberg und Shaw, die
+impressionistischen Neigungen einer anarchischen Sinnlichkeit, das
+ganze Bündel moderner Sehnsüchte, Reize und Schmerzen, deren Ausdruck
+die Lyrik Baudelaires und die Musik Wagners ist, sind nicht für das
+Weltgefühl des dörflichen und überhaupt des natürlichen Menschen,
+sondern ausschließlich für den weltstädtischen Gehirnmenschen da. Je
+kleiner die Stadt, desto sinnloser die Beschäftigung mit dieser Malerei
+und Musik. Zur Kultur gehört die Gymnastik, das Turnier, der Agon, zur
+Zivilisation der <em class="gesperrt">Sport</em>. Auch das unterscheidet die hellenische
+Palästra vom römischen Zirkus.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> Die Kunst selbst wird Sport —
+das bedeutet <i>l’art pour l’art</i> — vor einem hochintelligenten
+Publikum von Kennern und Käufern, mag es sich um die Bewältigung
+absurder instrumentaler Tonmassen oder harmonischer<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Hindernisse,
+mag es sich um das „Nehmen“ eines Farbenproblems handeln. Eine neue
+Tatsachenphilosophie erscheint, die für metaphysische Spekulationen
+nur ein Lächeln übrig hat, eine neue Literatur, dem Intellekt,
+dem Geschmack und den Nerven des Großstädters ein Bedürfnis, dem
+Provinzialen unverständlich und verhaßt.<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> Weder die alexandrinische
+Poesie, noch die Freilichtmalerei gehen das „Volk“ etwas an. Der
+Übergang wird damals wie heute durch eine Reihe nur in dieser Epoche
+anzutreffender Skandale bezeichnet. Die Entrüstung der Athener über
+Euripides und die revolutionären Malweisen z.&#8239;B. des Apollodor,
+wiederholt sich in der Auflehnung gegen Wagner, Manet, Ibsen und
+Nietzsche.</p>
+
+<p>Man kann die Griechen verstehen, ohne von ihren wirtschaftlichen
+Verhältnissen zu reden. Die Römer versteht man <em class="gesperrt">nur</em> durch
+sie. Bei Chäronea und bei Leipzig wurde zum letzten Male um eine
+Idee gekämpft. Im ersten punischen Kriege und bei Sedan sind die
+wirtschaftlichen Momente nicht mehr zu übersehen. Erst die Römer mit
+ihrer praktischen Energie haben der Sklavenarbeit und dem Sklavenhandel
+jenen riesenhaften Stil gegeben, der für viele den Typus der antiken
+Lebenshaltung überhaupt entscheidend bestimmt. Erst die germanischen,
+nicht die romanischen Völker Westeuropas haben dementsprechend aus
+der Dampfmaschine eine das Bild der Länder verändernde Großindustrie
+entwickelt. Man wird die Beziehung beider tiefsymbolischen Phänomene
+zum Stoizismus und zum Sozialismus nicht übersehen. Erst der römische,
+durch C. Flaminius angekündigte, in Marius zum ersten Male Gestalt
+gewordene Cäsarismus hat innerhalb der antiken Welt die <em class="gesperrt">Erhabenheit
+des Geldes</em> — in der Hand starkgeistiger, groß angelegter
+Tatsachenmenschen — kennen gelehrt. Ohne <em class="gesperrt">das</em> ist weder Cäsar
+noch das Römertum überhaupt verständlich. Jeder Grieche hat einen Zug
+von Don Quijote, jeder Römer von Sancho Pansa — was sie sonst noch
+waren, tritt dahinter zurück.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
+
+<h3 id="Einleitung_13">13</h3>
+
+</div>
+
+<p>Was die römische Weltherrschaft betrifft, so ist sie ein
+<em class="gesperrt">negatives</em> Phänomen, nicht das Resultat eines Überschusses von
+Kraft auf der einen — den hatten die Römer nach Zama nicht mehr —,
+sondern das eines Mangels an Widerstand auf der andern Seite. Die Römer
+haben die Welt gar nicht erobert. Sie haben nur in Besitz genommen,
+was als Beute für jedermann dalag. Das Imperium Romanum ist nicht
+durch die äußerste Anspannung aller militärischen und finanziellen
+Hilfsmittel, wie es einst Karthago gegenüber der Fall war, sondern
+durch den Verzicht des alten Ostens auf äußere Selbstbestimmung
+entstanden. Man lasse sich nicht durch den Schein glänzender
+soldatischer Erfolge täuschen. Mit ein paar schlecht geübten, schlecht
+geführten, übel gelaunten Legionen haben Lukullus und Pompejus ganze
+Reiche unterworfen, woran zur Zeit der Schlacht bei Issus nicht zu
+denken gewesen wäre. Die mithridatische Gefahr, eine wirkliche Gefahr
+für dies nie ernstlich geprüfte System materieller Kräfte, hätte als
+solche für die Besieger Hannibals niemals bestanden. Die Römer haben
+nach Zama keinen Krieg gegen eine große Militärmacht mehr geführt und
+hätten keinen führen können.<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> Ihre <em class="gesperrt">klassischen</em> Kriege waren
+die gegen die Samniten, gegen Pyrrhus und Karthago. Ihre große Stunde
+war Cannä. Es gibt kein Volk, das Jahrhunderte hindurch auf dem Kothurn
+steht. Das preußisch-deutsche, das die mächtigen Augenblicke von 1813,
+1870 und 1914 hatte, besitzt deren mehr als andere.</p>
+
+<p>Ich lehre hier den <em class="gesperrt">Imperialismus</em>, als dessen Petrefakt Reiche
+wie das ägyptische, chinesische, römische, die indische Welt, die Welt
+des Islam noch Jahrhunderte und Jahrtausende stehen bleiben und aus
+einer Erobererfaust in die andre gehen können — tote Körper, amorphe,
+entseelte Menschenmassen, verbrauchter Stoff einer großen Geschichte
+— als das typische Symbol des Ausgangs begreifen. Imperialismus ist
+reine Zivilisation.<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> In dieser Erscheinungsform liegt unwiderruflich
+das Schicksal des Abendlandes. Der kultivierte Mensch hat seine
+Energie nach innen, der zivilisierte nach außen. Deshalb sehe ich
+in Cecil Rhodes den ersten Mann einer neuen Zeit. Er repräsentiert
+den politischen Stil einer ferneren, abendländischen, germanischen,
+insbesondere deutschen Zukunft. Sein Wort „Ausdehnung ist alles“
+enthält in dieser napoleonischen Fassung die eigentlichste Tendenz
+einer <em class="gesperrt">jeden</em> ausgereiften Zivilisation. Das gilt von den Römern,
+den Arabern, den Chinesen. Hier gibt es keine Wahl. Hier entscheidet
+nicht einmal der bewußte Wille des einzelnen oder ganzer Klassen und
+Völker. Die expansive Tendenz ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches und
+Ungeheures, das den späten Menschen des Weltstadtstadiums packt, in
+seinen Dienst zwingt und verbraucht, ob er will oder nicht, ob er es
+weiß oder nicht.<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> Leben ist die Verwirklichung von Möglichem, und
+für den Gehirnmenschen <em class="gesperrt">gibt es nur extensive Möglichkeiten</em>.<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>
+So sehr der heutige, noch wenig entwickelte Sozialismus sich gegen
+die Expansion auflehnt, er wird eines Tages mit der Vehemenz eines
+Schicksals ihr vornehmster Träger sein. Hier rührt die Formensprache
+der Politik — als unmittelbarer intellektueller Ausdruck einer Art von
+Menschentum — an ein tiefes metaphysisches Problem: an die durch die
+unbedingte Gültigkeit des Kausalitätsprinzips bestätigte Tatsache, daß
+<em class="gesperrt">der Geist das Komplement der Ausdehnung ist</em>.</p>
+
+<p>Rhodes erscheint als der erste Vorläufer eines abendländischen
+Cäsarentypus, für den die Zeit noch lange nicht gekommen ist. Er
+steht in der Mitte zwischen Napoleon und den Gewaltmenschen des
+nächsten Jahrhunderts, wie jener Flaminius, der seit 232 die Römer
+zur Unterwerfung der cisalpinen Gallier — und damit zum Beginn
+ihrer kolonialen Ausdehnungspolitik drängte, zwischen Alexander und
+Cäsar. Flaminius war Demagoge,<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> streng genommen ein Privatmann von
+staatsbeherrschendem Einfluß in einer Zeit, wo der Staatsgedanke
+der Gewalt wirtschaftlicher Faktoren erliegt, in Rom sicherlich der
+erste vom cäsarischen Oppositionstypus. Mit ihm endet der organische
+Machtwille des Patriziats, der von einer <em class="gesperrt">Idee</em> getragen ist,
+und es beginnt die rein materialistische, unethische, schrankenlose
+Expansion. Alexander und Napoleon waren Romantiker, an der Schwelle
+der Zivilisation und schon von ihrer kalten und klaren Luft angeweht;
+aber der eine gefiel sich in der Rolle des Achilleus und der andere las
+den Werther. Cäsar war lediglich ein Tatsachenmensch von ungeheurem
+Verstande.</p>
+
+<p>Aber schon Rhodes verstand unter erfolgreicher Politik einzig den
+territorialen und finanziellen Erfolg. Das ist das Römische an ihm,
+dessen er sich sehr bewußt war. In dieser Energie und Reinheit hatte
+sich die westeuropäische Zivilisation noch nicht verkörpert. Nur vor
+seinen Landkarten konnte er in eine Art dichterischer Ekstase geraten,
+er, der als Sohn eines puritanischen Pfarrhauses mittellos nach
+Südafrika gekommen war und ein Riesenvermögen als Machtmittel für seine
+politischen Ziele erworben hatte. Sein Gedanke einer transafrikanischen
+Bahn vom Kap nach Kairo, sein Entwurf eines südafrikanischen Reiches,
+seine geistige Gewalt über die Minenmagnaten, eiserne Geldmenschen,
+die er zwang, ihr Vermögen in den Dienst seiner Ideen zu stellen,
+seine Hauptstadt Buluwayo, die er, der allmächtige Staatsmann ohne
+ein definierbares Verhältnis zum Staate, als künftige Residenz in
+königlichem Maßstabe anlegte, seine Kriege, diplomatischen Aktionen,
+Straßensysteme, Syndikate, Heere, sein Begriff von der „großen Pflicht
+des Gehirnmenschen gegenüber der Zivilisation“ — alles das ist, groß
+und vornehm, das Vorspiel einer uns noch vorbehaltenen Zukunft, mit der
+die Geschichte des westeuropäischen Menschen endgültig <em class="gesperrt">schließen</em>
+wird.</p>
+
+<p>Wer nicht begreift, daß sich an diesem Ausgang nichts ändern läßt, daß
+man <em class="gesperrt">dies</em> wollen muß oder gar nichts, daß man dies Schicksal
+lieben oder an der Zukunft, am Leben verzweifeln muß, wer das
+Großartige nicht empfindet, das auch in dieser Wirksamkeit höchster
+Intelligenzen, dieser Energie und Disziplin metallharter Naturen,
+diesem Kampf mit den kältesten,<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> abstraktesten Mitteln liegt, wer
+mit dem Idealismus eines Provinzialen herumgeht und den Lebensstil
+verflossener Zeiten sucht, der muß es aufgeben, Geschichte verstehen,
+Geschichte durchleben, Geschichte schaffen zu wollen.</p>
+
+<p>So erscheint das Imperium Romanum nicht mehr als ein einmaliges
+Phänomen, sondern als normales Produkt einer strengen und energischen,
+weltstädtischen, eminent praktischen Geistigkeit und als typischer
+Endzustand, der schon einige Male dagewesen, aber bisher nicht
+identifiziert worden ist. Begreifen wir endlich, daß das Geheimnis
+der historischen Form nicht an der Oberfläche liegt und nicht durch
+Ähnlichkeiten des Kostüms oder der Szene zu fassen ist, daß es in
+der menschlichen so gut wie in der Tier- und Pflanzengeschichte
+Erscheinungen von täuschender Ähnlichkeit gibt, die innerlich nichts
+Verwandtes besitzen — Karl der Große und Harun al Raschid, Alexander
+und Cäsar, die Germanenkriege gegen Rom und die Mongolenstürme gegen
+Westeuropa — und andre, die bei größter äußerer Verschiedenheit
+Identisches zum Ausdruck bringen wie Trajan und Ramses II., die
+Bourbonen und der attische Demos, Mohammed und Pythagoras. Kommen
+wir zur Einsicht, daß das 19. und 20. Jahrhundert, vermeintlich der
+Gipfel einer geradlinig ansteigenden Weltgeschichte, als Phänomen
+tatsächlich in jeder bis zum Ende gereiften Kultur nachzuweisen ist,
+nicht mit Sozialisten, Impressionisten, elektrischen Bahnen, Torpedos
+und Differentialgleichungen, die nur zum Körper der Zeit gehören,
+sondern mit seiner zivilisierten Geistigkeit, die auch ganz andere
+Möglichkeiten äußerer Gestaltung besitzt, daß die Gegenwart also
+ein Durchgangsstadium darstellt, das unter gewissen Bedingungen mit
+Sicherheit eintritt, daß es mithin auch ganz bestimmte <em class="gesperrt">spätere</em>
+Zustände als die modernen westeuropäischen gibt, daß sie in der
+abgelaufenen Geschichte schon mehr als einmal dagewesen sind und daß
+damit die Zukunft des Abendlandes nicht ein uferloses Hinauf und
+Vorwärts in der Richtung unserer augenblicklichen Ideale und mit
+phantastischen Zeiträumen ist, sondern <em class="gesperrt">ein in Hinsicht auf Form und
+Dauer streng begrenztes und unausweichlich bestimmtes Einzelphänomen
+der Historie vom Umfange weniger Jahrhunderte, das aus den vorliegenden
+Beispielen<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> übersehen und in wesentlichen Zügen berechnet werden
+kann</em>.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_14">14</h3>
+
+</div>
+
+<p>Hat man diese Höhe der Betrachtung erreicht, so fallen einem alle
+Früchte von selbst zu. An den <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken schließen sich, mit
+ihm lösen sich zwanglos alle Einzelprobleme, welche auf den Gebieten
+der Religionsforschung, der Kunstgeschichte, der Erkenntniskritik,
+der Ethik, der Politik, der Nationalökonomie den modernen Geist
+seit Jahrzehnten und leidenschaftlich, aber ohne den letzten Erfolg
+beschäftigt haben.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke gehört zu den Wahrheiten, die nicht mehr bestritten
+werden, sobald sie einmal in voller Deutlichkeit ausgesprochen sind.
+Er gehört zu den innern Notwendigkeiten der Kultur Westeuropas und
+ihres Weltgefühls. Er ist geeignet, die Lebensanschauung derjenigen
+von Grund aus zu ändern, die ihn völlig begriffen, das heißt ihn sich
+innerlich zu eigen gemacht haben. Es bedeutet eine große Vertiefung des
+uns natürlichen und notwendigen Weltbildes, daß wir die welthistorische
+Entwicklung, in der wir stehen und die wir bis jetzt rückwärts als
+ein organisches Ganze zu betrachten gelernt haben, nun auch vorwärts
+in großen Umrissen verfolgen können. Dergleichen hat sich bisher nur
+der Physiker bei seinen Berechnungen träumen lassen. Es bedeutet,
+ich wiederhole es noch einmal, auch im Historischen den Ersatz des
+ptolemäischen durch einen kopernikanischen Aspekt, das heißt eine
+unermeßliche Erweiterung des Lebenshorizontes.</p>
+
+<p>Es stand bis jetzt frei, von der Zukunft zu hoffen, was man wollte.
+Wo es keine Tatsachen gibt, regiert das Gefühl. Künftig wird es jedem
+Pflicht sein, vom Kommenden zu erfahren, was geschehen <em class="gesperrt">kann</em>
+und also geschehen <em class="gesperrt">wird</em>, mit der unabänderlichen Notwendigkeit
+eines Schicksals, und was von unsern persönlichen oder den Zeitidealen
+ganz unabhängig ist. Gebrauchen wir das bedenkliche Wort Freiheit,
+so steht es uns nicht mehr frei, dieses oder jenes zu verwirklichen,
+sondern <em class="gesperrt">das Notwendige oder nichts</em>. Dies als „gut“ zu empfinden
+ist im Grunde das Kennzeichen des Realisten. Es bedauern und tadeln
+heißt aber nicht es ändern. Zur Geburt gehört<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> der Tod, zur Jugend das
+Alter, zum Leben überhaupt seine Gestalt und die vorbestimmten Grenzen
+seiner Dauer. Die Gegenwart ist eine zivilisierte, keine kultivierte
+Phase. Damit scheidet eine ganze Reihe von Lebensinhalten als unmöglich
+aus. Man kann das bedauern und dies Bedauern in eine pessimistische
+Philosophie und Lyrik kleiden — und man wird das künftig tun —, aber
+man kann es nicht ändern. Es wird nicht mehr erlaubt sein, im Heute
+und Morgen mit aller Selbstsicherheit die Geburt oder Blüte von dem
+anzunehmen, was man wünscht, wenn auch die historische Erfahrung laut
+genug dagegen redet.</p>
+
+<p>Ich bin auf den Einwand gefaßt, daß ein solcher Weltaspekt, der über
+die allgemeinen Direktiven der Zukunft Gewißheit gibt und weitgehende
+Hoffnungen abschneidet, lebensfeindlich und für viele ein Verhängnis
+sein würde, falls er einmal mehr als bloße Theorie, falls er die
+praktische Weltanschauung der für die Gestaltung der Zukunft wirklich
+in Betracht kommenden Gruppe von Persönlichkeiten sein würde.</p>
+
+<p>Ich bin nicht der Meinung. Wir sind zivilisierte Menschen, nicht
+Menschen der Gotik und des Rokoko; wir haben mit den harten und kalten
+Tatsachen eines <em class="gesperrt">späten</em> Lebens zu rechnen, dessen Parallele
+nicht im perikleischen Athen, sondern im cäsarischen Rom liegt. Von
+einer großen Malerei und Musik wird für den westeuropäischen Menschen
+nicht mehr die Rede sein. Seine architektonischen Möglichkeiten sind
+seit hundert Jahren erschöpft. Ihm sind nur extensive Möglichkeiten
+geblieben. Aber ich sehe den Nachteil nicht, der entstehen könnte, wenn
+eine tüchtige und von unbegrenzten Hoffnungen geschwellte Generation
+beizeiten erfährt, daß ein Teil dieser Hoffnungen zu Fehlschlägen
+führen muß. Mögen es die teuersten sein; wer etwas wert ist, wird das
+überwinden. Es ist wahr, daß es für einzelne tragisch ausgehen kann,
+wenn sich ihrer in den entscheidenden Jahren die Gewißheit bemächtigt,
+daß im Bereiche der Architektur, des Dramas, der Malerei <em class="gesperrt">für
+sie</em> nichts mehr zu erobern ist. Mögen sie zugrunde gehen. Man war
+sich bisher einig darüber, hier keinerlei Schranken anzuerkennen;
+man glaubte, daß jede Zeit auf jedem Gebiete auch ihre Aufgabe habe;
+man fand sie, wenn es sein mußte, mit Gewalt und bösem Gewissen, und
+jedenfalls stellte es sich erst nach dem Tode<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> heraus, ob der Glaube
+einen Grund hatte und ob die Arbeit eines Lebens <em class="gesperrt">notwendig oder
+überflüssig</em> gewesen war. Aber jeder, der nicht bloßer Romantiker
+ist, wird diese Ausflucht ablehnen. Das ist nicht der Stolz, der die
+Römer auszeichnete. Was liegt an denen, die es vorziehen, wenn man
+vor einer erschöpften Erzgrube ihnen sagt: Hier wird morgen eine neue
+Ader angeschlagen werden — wie es die augenblickliche Kunst mit ihren
+durch und durch unwahren Stilbildungen tut —, statt sie auf das
+reiche Tonlager zu verweisen, das unerschlossen daneben liegt? — Ich
+betrachte diese Lehre als eine Wohltat für die kommende Generation,
+weil sie ihr zeigt, was möglich und also notwendig ist und was nicht zu
+den innern Möglichkeiten der Zeit gehört. Es ist bisher eine Unsumme
+von Geist und Kraft auf falschen Wegen verschwendet worden. Der
+westeuropäische Mensch, so historisch er denkt und fühlt, ist in einem
+gewissen Lebensalter sich nie seiner eigentlichen Richtung bewußt. Er
+tastet und sucht und verirrt sich, wenn die äußern Anlässe ihm nicht
+günstig sind. Hier endlich hat die Arbeit von Jahrhunderten ihm die
+Möglichkeit gegeben, die Lage seines Lebens im Zusammenhang mit der
+Gesamtkultur zu übersehen und zu prüfen, was er kann und soll. Wenn
+unter dem Eindruck dieses Buches sich Menschen der neuen Generation
+der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik
+statt der Erkenntniskritik zuwenden, so tun sie, was ich wünsche, und
+man kann ihnen nichts Besseres wünschen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_15">15</h3>
+
+</div>
+
+<p>Es bleibt noch das Verhältnis einer Morphologie der Weltgeschichte zur
+Philosophie festzustellen. Jede echte Geschichtsbetrachtung ist echte
+Philosophie — oder bloße Ameisenarbeit. Aber der Philosoph älteren
+Stils bewegt sich in einem schweren Irrtum. Er glaubt nicht an das
+Wandelbare seiner Bestimmung. Er meint, daß das höhere Denken einen
+ewigen und unveränderlichen Gegenstand besitze, daß die großen Fragen
+zu allen Zeiten dieselben seien und daß sie endlich einmal beantwortet
+werden könnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>Aber Frage und Antwort sind hier eins, und jede große Frage, der das
+leidenschaftliche Verlangen nach einer ganz bestimmten Antwort schon
+zugrunde liegt, hat lediglich die Bedeutung eines Lebenssymbols. Es
+gibt keine ewigen Wahrheiten. Jede Philosophie ist ein Ausdruck ihrer
+und <em class="gesperrt">nur</em> ihrer Zeit, und es gibt nicht zwei Zeitalter, welche die
+gleichen philosophischen Intentionen besäßen, sobald von wirklicher
+Philosophie und nicht von irgendwelchen akademischen Belanglosigkeiten
+über Urteilsformen oder Gefühlskategorien die Rede sein soll. Der
+Unterschied liegt nicht zwischen unsterblichen und vergänglichen
+Lehren, sondern zwischen Lehren, welche eine Zeitlang oder niemals
+lebendig sind. Unvergänglichkeit gewordener Gedanken ist eine Illusion.
+Das Wesentliche ist, was für ein Mensch in ihnen Gestalt gewinnt. Je
+größer der Mensch, um so wahrer die Philosophie — im Sinne der inneren
+Wahrheit eines großen Kunstwerkes nämlich, was von der Beweisbarkeit
+und selbst Widerspruchslosigkeit der einzelnen Sätze unabhängig ist.
+Im höchsten Falle kann sie den ganzen Gehalt einer Zeit erschöpfen, in
+sich verwirklichen und ihn so, formgeworden, in Persönlichkeit und Idee
+verkörpert, der ferneren Entwicklung übergeben. Das wissenschaftliche
+Kostüm, die gelehrte Maske einer Philosophie entscheidet hier nichts.
+Nichts ist einfacher, als an Stelle von Gedanken, die man nicht hat,
+ein System zu begründen. Aber selbst ein guter Gedanke ist wenig
+wert, wenn er von einem Flachkopf ausgesprochen wird. Allein die
+Notwendigkeit für das Leben entscheidet über den Rang einer Lehre.</p>
+
+<p>Deshalb sehe ich den Prüfstein für den Wert eines Denkers in seinem
+Blick für die großen Tatsachen seiner Zeit. Erst hier entscheidet es
+sich, ob jemand nur ein geschickter Konstrukteur von Systemen und
+Prinzipien ist, ob er sich nur mit Gewandtheit und Belesenheit in
+Definitionen und Analysen bewegt — oder ob es die Seele der Zeit
+selbst ist, die aus seinen Werken und Intuitionen redet. Ein Philosoph,
+der nicht auch die Wirklichkeit ergreift und beherrscht, wird niemals
+ersten Ranges sein. Die Vorsokratiker waren Kaufleute und Politiker
+großen Stils. Plato kostete es fast das Leben, daß er in Syrakus seine
+politischen Gedanken hatte verwirklichen wollen. Derselbe Plato<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> hat
+jene Reihe geometrischer Sätze gefunden, die es Euklid erst möglich
+machte, das System der antiken Mathematik aufzubauen. Pascal, den
+Nietzsche nur als den „gebrochenen Christen“ kennt, Descartes, Leibniz
+waren die ersten Mathematiker und Techniker ihrer Zeit.</p>
+
+<p>Und hier finde ich einen starken Einwand gegen alle Philosophen der
+jüngsten Vergangenheit. Was ihnen fehlt, ist der entscheidende Rang
+im wirklichen Leben. Keiner von ihnen hat in die hohe Politik, in die
+Entwicklung der modernen Technik, des Verkehrs, der Volkswirtschaft,
+in irgendeine Art von <em class="gesperrt">großer</em> Wirklichkeit auch nur mit einer
+Tat, einem mächtigen Gedanken entscheidend eingegriffen. Keiner zählt
+in der Mathematik, der Physik, der Staatswissenschaft im geringsten
+mit, wie es noch mit Kant der Fall war. Was das bedeutet, lehrt ein
+Blick auf andere Zeiten. Aristoteles hat in seiner Schrift über den
+Staat der Athener für die sozialpolitische Situation des anbrechenden
+Hellenismus das feinste Verständnis bewiesen. Er hätte sehr wohl —
+wie Sophokles — die Finanzverwaltung von Athen führen können. Goethe,
+dessen ministerielle Amtsführung mustergültig war und dem leider ein
+großer Staat als Wirkungskreis gefehlt hat, wandte sein Interesse
+dem Bau des Suez- und Panamakanals, den er innerhalb einer genau
+eingetroffenen Frist voraussah, und deren kommerzieller Wirkung zu. Das
+amerikanische Wirtschaftsleben, seine Rückwirkung auf das alte Europa
+und die eben im Aufstieg begriffene Maschinenindustrie haben ihn immer
+wieder beschäftigt. Hobbes war einer der Väter des großen Planes,
+Südamerika für England zu erwerben, und wenn es auch damals bei der
+Besetzung von Jamaika blieb, so hat er doch den Ruhm, ein Mitbegründer
+des englischen Kolonialreiches zu sein. Leibniz, sicherlich der
+mächtigste Geist in der westeuropäischen Philosophie, der Begründer
+der Differentialrechnung und der <i>analysis situs</i>, hat in
+einer zum Zweck der politischen Entlastung Deutschlands entworfenen
+Denkschrift an Ludwig XIV. die Bedeutung Ägyptens für die französische
+Weltpolitik dargelegt. Seine Gedanken waren der Zeit (1672) so weit
+vorausgeschritten, daß man später überzeugt war, Napoleon habe sie
+bei seiner Expedition nach dem Orient benützt. Leibniz stellte schon
+damals<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> fest, was Napoleon seit Wagram immer deutlicher begriff, daß
+Erwerbungen am Rhein und in Belgien die Position Frankreichs nicht
+dauernd verbessern könnten und daß die Landenge von Suez eines Tages
+der Schlüssel zur Weltherrschaft sein werde. Ohne Zweifel war der König
+den tiefen politischen und strategischen Ausführungen des Philosophen
+nicht gewachsen.</p>
+
+<p>Ein Blick von Menschen solchen Formats auf heutige Philosophen ist
+beschämend. Welche Geringfügigkeit der Person! Welche Alltäglichkeit
+des geistigen und praktischen Horizontes! Wie kommt es, daß die
+bloße Vorstellung, einer von ihnen solle seinen geistigen Rang
+als Staatsmann, als Diplomat, als Organisator großen Stils, als
+Leiter irgendeines mächtigen kolonialen, kaufmännischen oder
+Verkehrsunternehmens beweisen, geradezu Mitleid erregt? Aber das ist
+kein Zeichen von Innerlichkeit, sondern von Mangel an Gewicht. Ich sehe
+mich vergebens um, wo einer von ihnen auch nur durch <em class="gesperrt">ein</em> tiefes
+und vorauseilendes Urteil in einer entscheidenden Zeitfrage sich einen
+Namen gemacht hätte. Ich finde nichts als Provinzmeinungen, wie sie
+jeder hat. Ich frage mich, wenn ich das Buch eines modernen Denkers zur
+Hand nehme, was er — außer professoralem oder windigem Parteigerede
+vom Niveau eines mittleren Journalisten, wie man es bei Guyau, Bergson,
+Spencer, Dühring, Eucken findet — vom Tatsächlichen der Weltpolitik,
+von den großen Problemen der Weltstädte, des Kapitalismus, der
+Zukunft des Staates, des Verhältnisses der Technik zum Ausgang der
+Zivilisation, des Russentums, der Wissenschaft überhaupt ahnt. Goethe
+hätte das alles verstanden und geliebt. Von lebenden Philosophen
+übersieht es nicht einer. Das ist, ich wiederhole es, nicht Inhalt
+der Philosophie, aber ein unzweifelhaftes Symptom ihrer inneren
+Notwendigkeit, ihrer Fruchtbarkeit und ihres symbolischen Ranges.</p>
+
+<p>Über die Tragweite dieses negativen Resultates sollte man sich keiner
+Täuschung hingeben. Offenbar hat man den letzten Sinn philosophischer
+Wirksamkeit aus den Augen verloren. Man verwechselt sie mit Predigt,
+Agitation, Feuilleton oder Fachwissenschaft. Man ist von der
+Vogelperspektive zur Froschperspektive herabgekommen. Es handelt sich
+um nichts Geringeres als um die Frage, ob eine echte Philosophie
+heute oder morgen<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> überhaupt <em class="gesperrt">möglich</em> ist. Im andern Fall wäre
+es besser, Pflanzer oder Ingenieur zu werden, irgend etwas Wahres
+und Wirkliches, statt verbrauchte Themen unter dem Vorwande eines
+„neuerlichen Aufschwungs des philosophischen Denkens“ wiederzukäuen
+und lieber einen Flugmotor zu konstruieren als eine neue und ebenso
+überflüssige Theorie der Apperzeption. Es ist wahrhaftig ein armseliger
+Lebensinhalt, die Ansichten über den Begriff des Willens und den
+psychophysischen Parallelismus noch einmal und etwas anders zu
+formulieren, als es hundert Vorgänger getan haben. Das mag ein „Beruf“
+sein, Philosophie ist es nicht. Was nicht das ganze Leben einer Zeit
+bis in die tiefsten Tiefen ergreift und verändert, sollte verschwiegen
+bleiben. Und was schon gestern möglich war, ist heute zum mindesten
+nicht mehr notwendig.</p>
+
+<p>Ich liebe die Tiefe und Feinheit mathematischer und physikalischer
+Theorien, denen gegenüber der Ästhetiker und Physiolog ein Stümper
+ist. Für die prachtvoll klaren, hochintellektuellen Formen eines
+Schnelldampfers, eines Stahlwerkes, einer Präzisionsmaschine, die
+Subtilität und Eleganz gewisser chemischer und optischer Verfahren
+gebe ich den ganzen Stilplunder des heutigen Kunstgewerbes samt
+Malerei und Architektur hin. Ich ziehe einen römischen Aquädukt
+allen römischen Tempeln und Statuen vor. Ich liebe das Kolosseum und
+die Riesengewölbe des Palatin, weil sie heute mit der braunen Masse
+ihrer Ziegelkonstruktion das <em class="gesperrt">echte</em> Römertum, den großartigen
+Tatsachensinn ihrer Ingenieure vor Augen stellen. Sie würden mir
+gleichgültig sein, wenn der leere und anmaßende Marmorprunk der
+Cäsaren mit seinen Statuenreihen, Friesen und überladenen Architraven
+noch erhalten wäre. Man werfe einen Blick auf eine Rekonstruktion der
+Kaiserfora: Man wird das getreue Seitenstück moderner Weltausstellungen
+finden, aufdringlich, massenhaft, leer, ein dem perikleischen Griechen
+wie dem Menschen des Rokoko ganz fremdes Prahlen mit Material und
+Dimensionen, wie es ganz ebenso die Ruinen von Luxor und Karnak aus der
+Zeit Ramses II., der ägyptischen Modernität von 1300 v.&#8239;Chr. zeigen.
+Nicht umsonst verachtete der echte Römer den <i>Graeculus histrio</i>,
+den „Künstler“, den „Philosophen“ auf dem Boden römischer Zivilisation.
+Künste und Philosophie gehörten nicht mehr in diese<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Zeit; sie waren
+erschöpft, verbraucht, überflüssig. Das sagte ihm sein Instinkt für
+die Realitäten des Lebens. <em class="gesperrt">Ein</em> römisches Gesetz wog schwerer
+als alle damalige Lyrik und Metaphysik der Schulen. Und ich behaupte,
+daß heute ein besserer Philosoph in manchem Erfinder, Diplomaten und
+Finanzmann steckt als in allen denen, welche das platte Handwerk der
+experimentellen Psychologie treiben. Das ist eine Lage, wie sie auf
+einer gewissen historischen Stufe immer wieder eintritt. Es wäre
+sinnlos gewesen, wenn ein Römer von geistigem Range, statt als Konsul
+oder Prätor ein Heer zu führen, eine Provinz zu organisieren, Städte
+und Straßen zu bauen oder in Rom „der erste zu sein“, in Athen oder
+Rhodos irgendeine neue Nuance der nachplatonischen Kathederphilosophie
+hätte aushecken wollen. Natürlich hat es auch keiner getan. Das lag
+nicht in der Richtung der Zeit und konnte also nur Menschen dritten
+Ranges reizen, die immer gerade bis zu dem Zeitgeist von vorgestern
+vordringen. Es ist eine sehr ernste Frage, ob dies Stadium für uns
+bereits eingetreten ist oder noch nicht.</p>
+
+<p>Ein Jahrhundert rein extensiver Wirksamkeit unter Ausschluß hoher
+künstlerischer und metaphysischer Produktion — sagen wir kurz ein
+irreligiöses Zeitalter, was sich mit dem Begriff des Weltstädtischen
+durchaus deckt — ist eine Zeit des Niedergangs. Gewiß. Aber wir haben
+diese Zeit nicht <em class="gesperrt">gewählt</em>. Wir können es nicht ändern, daß wir
+als Menschen des beginnenden Winters der vollen Zivilisation und nicht
+auf der Sonnenhöhe einer reifen Kultur zur Zeit des Phidias oder
+Mozart geboren sind. Es hängt alles davon ab, daß man sich diese Lage,
+dies <em class="gesperrt">Schicksal</em>, klar macht und begreift, daß man sich darüber
+belügen, aber nicht hinwegsetzen kann. Wer sich dies nicht eingesteht,
+zählt unter den Menschen seiner Generation nicht mit. Er bleibt ein
+Narr, ein Charlatan oder ein Pedant.</p>
+
+<p>Bevor man heute an ein Problem herantritt, hat man sich also zu
+fragen — eine Frage, die schon vom Instinkt der wirklich Berufenen
+beantwortet wird —, was einem Menschen dieser Tage möglich ist und
+was er sich verbieten muß. Es ist immer nur eine ganz kleine Anzahl
+metaphysischer Aufgaben, deren Lösung einer Epoche des Denkens
+vorbehalten ist. Und es liegt<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> bereits wieder eine ganze Welt zwischen
+der Zeit Nietzsches, in der noch ein letzter Zug von Romantik wirksam
+war, und der Gegenwart, die von aller Romantik endgültig geschieden ist.</p>
+
+<p>Die systematische Philosophie war mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts
+vollendet. Kant hatte ihre äußersten Möglichkeiten in eine große
+und — für den westeuropäischen Geist — vielfach endgültige Form
+gebracht. Ihr folgt wie auf Plato und Aristoteles eine spezifisch
+großstädtische, nicht spekulative, sondern praktische, irreligiöse,
+ethisch-gesellschaftliche Philosophie. Sie beginnt, Zeno und Epikur
+entsprechend, mit Schopenhauer, der zuerst den <em class="gesperrt">Willen zum Leben</em>
+(„schöpferische Lebenskraft“) in den Mittelpunkt seines Denkens
+stellte, aber, was die tiefere Tendenz seiner Lehre verschleiert hat,
+die systematischen Velleitäten von der Erscheinung und dem Ding an
+sich, von Form und Inhalt der Anschauung, vom Unterschiede zwischen
+Verstand und Vernunft unter dem Eindruck einer großen Tradition noch
+beibehielt. Es ist derselbe schöpferische Lebenswille, der im Tristan
+schopenhauerisch verneint, im Siegfried darwinistisch bejaht wurde,
+den Nietzsche im Zarathustra glänzend und theatralisch formulierte,
+der durch den Hegelianer Marx der Anlaß einer nationalökonomischen,
+durch den Malthusianer Darwin der einer zoologischen Hypothese wurde,
+die beide gemeinsam und unvermerkt das Weltgefühl des westeuropäischen
+Großstädters verwandelt haben, und der von Hebbels Judith bis zu
+Ibsens Epilog eine Reihe tragischer Konzeptionen vom gleichen Typus
+hervorrief, damit aber ebenfalls den Umkreis echter philosophischer
+Möglichkeiten erschöpft hatte.</p>
+
+<p>Die systematische Philosophie liegt uns heute unendlich fern; die
+ethische ist abgeschlossen. Es bleibt noch <em class="gesperrt">eine dritte, dem
+hellenischen Skeptizismus entsprechende Möglichkeit innerhalb der
+abendländischen Geistigkeit</em>, die, welche durch die bisher
+unbekannte Methode der vergleichenden historischen Morphologie
+bezeichnet wird. Eine Möglichkeit, das heißt eine Notwendigkeit. Der
+antike Skeptizismus ist ahistorisch: er zweifelt, indem er einfach nein
+sagt. Der des Abendlandes muß, wenn er innere Notwendigkeit besitzen,
+wenn er ein Symbol unseres dem Ende sich zuneigenden Seelentums sein
+soll, durch und durch historisch sein. Er hebt auf, indem er<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> alles
+als relativ, als geschichtliches Phänomen versteht. Er verfährt
+psychologisch. Die skeptische Philosophie tritt im Hellenismus als
+Negation der Philosophie auf — man erklärt sie für zwecklos. Wir
+nehmen demgegenüber die <em class="gesperrt">Geschichte</em> der <em class="gesperrt">Philosophie</em> als
+letztes ernsthaftes Thema der Philosophie an. Das <em class="gesperrt">ist</em> Skepsis.
+Man verzichtet auf absolute Standpunkte, der Grieche, indem er über die
+Vergangenheit seines Denkens lächelt, wir, indem wir sie als Organismus
+begreifen.</p>
+
+<p>In diesem Buche liegt der Versuch vor, diese „unphilosophische
+Philosophie“ der Zukunft — es würde die letzte Westeuropas sein — zu
+skizzieren. Der Skeptizismus ist Ausdruck einer reinen Zivilisation;
+er zersetzt das Weltbild der voraufgegangenen Kultur. Hier erfolgt die
+Auflösung aller älteren Probleme ins Genetische. Die Überzeugung, daß
+alles was <em class="gesperrt">ist</em>, auch <em class="gesperrt">geworden ist</em>, daß allem Naturhaften
+und Erkennbaren ein Historisches zugrunde liegt, der Welt als dem
+Wirklichen ein Ich als das Mögliche, das sich in ihr verwirklicht
+hat, die Einsicht, daß nicht nur im Was, sondern auch im Wann und Wie
+lange ein tiefes Geheimnis ruht, führt auf die Tatsache, daß alles,
+was immer es sonst sei, auch <em class="gesperrt">Ausdruck eines Lebendigen sein</em>
+muß. Im Gewordnen spiegelt sich das Werden. In der alten Formel
+<i>esse est percipi</i> drängt sich das Urgefühl hervor, daß alles
+Vorhandene in einer entscheidenden Beziehung zum <em class="gesperrt">lebenden</em>
+Menschen stehen muß und daß für den toten nichts mehr „da ist“.
+Aber hat er die Welt, <em class="gesperrt">seine</em> Welt „verlassen“ oder <em class="gesperrt">hat er
+sie durch den Tod aufgehoben</em>? Das ist die Frage. Gerade diese
+Beziehung aber ist von den Denkern der systematischen Periode nur in
+formaler Hinsicht, naturhaft, zeitlos, <em class="gesperrt">erkenntniskritisch</em> also
+untersucht worden. Man dachte an „den Menschen“ schlechthin, nicht an
+bestimmte historische Menschen. Für den Denker der ethischen Periode,
+schon für Schopenhauer, trat diese Frage in den Hintergrund vor der
+andern, idealistisch oder utilitarisch gefaßten nach dem <em class="gesperrt">Werte</em>
+dessen, was für den einzelnen oder für alle „da ist“. Aber auch
+hier dachte man an „den Menschen“ als Typus, ohne die Berechtigung
+so allgemeiner Folgerungen zu prüfen. Hier endlich, im Stadium des
+historisch-psychologischen Skeptizismus, wird aus dem unmittelbaren<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
+Lebensgefühl heraus bemerkt, daß das gesamte Bild der Umwelt eine
+Funktion des Lebens selbst ist, Spiegel, Ausdruck, <em class="gesperrt">Sinnbild</em>
+der lebendigen Seele, und zwar zunächst jeder einzelnen für sich.
+Auch Erkenntnisse und Wertungen sind Akte lebender Menschen. Dem
+frühen Denken ist die äußere Wirklichkeit Erkenntnisprodukt und Anlaß
+ethischer Schätzungen; dem späten ist sie vor allem <em class="gesperrt">Symbol</em>.
+<em class="gesperrt">Die Morphologie der Weltgeschichte wird notwendig zu einer
+universellen Symbolik.</em></p>
+
+<p>Damit fällt auch der Anspruch des höheren Denkens, allgemeine und
+ewige Wahrheiten aufzufinden. Wahrheiten gibt es nur in bezug auf ein
+bestimmtes Menschentum. Diese Philosophie selbst würde demnach Ausdruck
+und Spiegelung der abendländischen Seele, im Unterschiede etwa von der
+antiken und indischen, und zwar nur in deren zivilisiertem Stadium
+sein, womit ihr Gehalt als Weltanschauung, ihre praktische Tragweite
+und ihr Geltungsbereich bestimmt sind.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Einleitung_16">16</h3>
+
+</div>
+
+<p>Endlich sei eine persönliche Bemerkung gestattet. Im Jahre 1911 hatte
+ich die Absicht, über einige politische Erscheinungen der Gegenwart
+und die aus ihnen möglichen Schlüsse für die Zukunft etwas aus einem
+weiteren Horizont zusammenzustellen. Der Weltkrieg als die bereits
+unvermeidlich gewordene äußere Form der historischen Krisis wurde
+damals unmittelbar bevorstehend, und es handelte sich darum, ihn
+aus dem Geiste der voraufgehenden Jahrhunderte — nicht Jahre — zu
+begreifen. Im Verlauf der ursprünglich kleinen Arbeit drängte sich die
+Überzeugung auf, daß zu einem wirklichen Verständnis der Epoche der
+Umfang der Grundlagen viel weiter gewählt werden müsse, daß es völlig
+unmöglich sei, eine Untersuchung dieser Art auf eine einzelne Zeit
+und deren politischen Tatsachenkreis zu beschränken, sie im Rahmen
+pragmatischer Erwägungen zu halten und selbst auf rein metaphysische,
+höchst transzendente Betrachtungen zu verzichten, wenn man nicht auch
+auf jede tiefere Notwendigkeit der Resultate Verzicht leisten wollte.
+Es wurde deutlich, daß ein politisches Problem<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> nicht von der Politik
+selbst aus begriffen werden kann und daß wesentliche Züge, die in der
+Tiefe mitwirken, nur auf dem Gebiete der Kunst, sogar nur in der Form
+weit entlegener wissenschaftlicher und rein philosophischer Gedanken
+greifbar in Erscheinung treten. Selbst eine politisch-soziale Analyse
+der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, eines Stadiums gespannter
+Ruhe zwischen zwei mächtigen, weithin sichtbaren Ereignissen,
+dem einen, das durch die Revolution und Napoleon das Bild der
+westeuropäischen Wirklichkeit für hundert Jahre bestimmt hat, und einem
+andern von mindestens der gleichen Tragweite, das sich mit steigender
+Geschwindigkeit näherte, erwies sich als unausführbar, ohne daß
+zuletzt <em class="gesperrt">alle</em> großen Probleme des Seins in ihrem vollen Umfange
+einbezogen wurden. Denn es tritt im historischen wie im naturhaften
+Weltbilde nicht das geringste hervor, ohne daß in ihm die ganze Summe
+aller tiefsten Tendenzen verkörpert wäre. So erfuhr das ursprüngliche
+Thema eine ungeheure Erweiterung. Eine Unzahl überraschender,
+großenteils ganz neuer Fragen und Zusammenhänge drängte sich auf.
+Endlich war es vollkommen klar, daß kein Fragment der Geschichte
+vollkommen durchleuchtet werden könne, bevor nicht das Geheimnis
+der Weltgeschichte überhaupt, genauer das der Geschichte des höhern
+Menschentums als einer organischen Einheit von regelmäßiger Struktur
+klargestellt war. Und eben das war bisher nicht entfernt geleistet
+worden.</p>
+
+<p>Von diesem Augenblicke an traten in wachsender Fülle die oft
+geahnten, zuweilen berührten, nie begriffenen Beziehungen hervor,
+welche die Formen der bildenden Künste mit denen des Krieges und
+der Staatsverwaltung verbinden, die tiefe Verwandtschaft zwischen
+politischen und mathematischen Gebilden derselben Kultur, zwischen
+religiösen und technischen Anschauungen, zwischen Mathematik,
+Musik und Plastik, zwischen wirtschaftlichen und Erkenntnisformen.
+Die tiefinnerliche Abhängigkeit der modernsten physikalischen und
+chemischen Theorien von den mythologischen Vorstellungen unsrer
+germanischen Ahnen, die vollkommene Kongruenz im Stil der Tragödie, der
+dynamischen Technik und des heutigen Geldverkehrs, die zuerst bizarre,
+dann selbstverständliche Tatsache, daß die Perspektive der Ölmalerei,
+der Buchdruck, das Kreditsystem, die Fernwaffe,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> die kontrapunktische
+Musik einerseits, die nackte Statue, die Polis, die von Griechen
+erfundene <em class="gesperrt">Geldmünze</em> andrerseits identische Ausdrücke eines und
+desselben seelischen Prinzips sind, wurde unzweifelhaft deutlich,
+und weit darüber hinaus rückte die Tatsache ins hellste Licht, daß
+diese mächtigen <em class="gesperrt">Gruppen morphologischer Verwandtschaften</em>, von
+denen jede eine einzelne Art Mensch im Gesamtbilde der Weltgeschichte
+symbolisch darstellt, von streng symmetrischem Aufbau sind. Erst diese
+Perspektive legt den wahren Begriff der Historie bloß. Sie läßt sich,
+da sie selbst wiederum Symptom und Ausdruck einer Zeit und erst heute
+und nur für den westeuropäischen Menschen innerlich möglich und damit
+notwendig ist, nur mit gewissen Anschauungen der modernsten Mathematik
+auf dem Gebiete der Transformationsgruppen entfernt vergleichen. Es
+waren dies Gedanken, die mich seit langen Jahren beschäftigt hatten,
+aber dunkel und unbestimmt, bis sie aus diesem Anlaß in greifbarer
+Gestalt hervortraten.</p>
+
+<p>Ich sah die Gegenwart — den sich nähernden Weltkrieg — in einem
+ganz andern Licht. Das war nicht mehr eine einmalige Konstellation
+zufälliger, von nationalen Stimmungen, persönlichen Einwirkungen und
+wirtschaftlichen Tendenzen abhängiger Tatsachen, denen der Historiker
+durch irgendein kausales Schema politischer oder sozialer Natur den
+Anschein der Einheit und materiellen Notwendigkeit aufprägt; das
+war der <em class="gesperrt">Typus eines historischen Aktes</em>, der innerhalb eines
+großen historischen Organismus von genau abgrenzbarem Umfange einen
+biographisch <em class="gesperrt">seit Jahrhunderten vorbestimmten Platz</em> hat.
+Eine Unsumme leidenschaftlichster Fragen und Einsichten, die heute
+in tausend Büchern und Meinungen, aber zerstreut, vereinzelt, aus
+dem beschränkten Horizont eines Spezialgebietes zutage traten und
+deshalb reizen, bedrücken und verwirren, aber nicht befreien konnten,
+bezeichnet die große Krisis. Man kennt sie, aber man übersieht
+ihre Identität. Ich nenne die in ihrer wahren Bedeutung gar nicht
+begriffenen Kunstprobleme, die dem Streit um Form und Inhalt, um Linie
+oder Raum, um das Zeichnerische oder Malerische, den Begriff des
+Stils, den Sinn des Impressionismus und der Musik Wagners zugrunde
+liegen; den Niedergang der<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Kunst, den wachsenden Zweifel am Werte der
+Wissenschaft; die schweren Fragen, welche aus dem Sieg der Weltstadt
+über das Bauerntum hervorgehen: die Kinderlosigkeit, die Landflucht,
+den sozialen Rang des fluktuierenden vierten Standes; die Krisis im
+Sozialismus, im Parlamentarismus, im Rationalismus; die Stellung des
+Einzelnen zum Staate; das Eigentumsproblem, das davon abhängende
+Eheproblem; auf scheinbar ganz anderm Gebiete die massenhaften
+völkerpsychologischen Arbeiten über Mythen und Kulte, über die Anfänge
+der Kunst, der Religion, des Denkens, die mit einem Male nicht mehr
+ideologisch, sondern streng morphologisch behandelt wurden — Fragen,
+die alle das <em class="gesperrt">eine</em>, nie mit hinreichender Deutlichkeit ins
+Bewußtsein getretene Rätsel der Historie überhaupt zum Ziel hatten.
+Hier lagen nicht unzählige, sondern <em class="gesperrt">ein und dieselbe</em> Aufgabe
+vor. Hier hatte jeder etwas geahnt, aber keiner von seinem engen
+Standpunkte aus die einzige und umfassende Lösung gefunden, die seit
+den Tagen Nietzsches in der Luft lag, der alle entscheidenden Probleme
+bereits in Händen hielt, ohne als Romantiker es zu wagen, der strengen
+Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen.</p>
+
+<p>Darin liegt aber auch die tiefe Notwendigkeit der abschließenden Lehre,
+die kommen mußte und nur zu dieser Zeit kommen konnte. Sie ist kein
+Angriff auf das Vorhandene an Ideen und Werken. Sie <em class="gesperrt">bestätigt</em>
+vielmehr alles, was seit Generationen gesucht und geleistet wurde.
+Dieser Skeptizismus stellt den Kern dessen dar, was auf allen
+Einzelgebieten, gleichviel in welcher Absicht, an lebendigen Tendenzen
+vorliegt.</p>
+
+<p>Vor allem aber fand sich endlich der Gegensatz, aus dem allein das
+Wesen der Geschichte erfaßt werden kann: der von <em class="gesperrt">Historie und
+Natur</em>. Ich wiederhole: der Mensch ist als Element und Träger der
+Welt nicht nur Glied der Natur, sondern auch Glied der Geschichte,
+eines <em class="gesperrt">zweiten Kosmos</em>, von andrer Ordnung und andrem Gehalte,
+der von der gesamten Metaphysik zugunsten des ersten vernachlässigt
+worden ist. Was mich zum ersten Nachdenken über diese <em class="gesperrt">Grundfrage</em>
+unsres Weltbewußtseins brachte, war die Beobachtung, daß der heutige
+Historiker, an den sinnlich greifbaren Ereignissen, dem Gewordenen,
+herumtastend, die Geschichte, das Geschehen, das<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> <em class="gesperrt">Werden</em>
+selbst bereits ergriffen zu haben glaubt, ein Vorurteil aller nur
+verstandesmäßig Erkennenden, nicht auch Schauenden,<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a> das schon die
+großen Eleaten stutzig gemacht hatte, als sie behaupteten, daß es,
+für den Erkennenden nämlich, kein Werden, nur ein Sein (Gewordensein)
+gebe. Mit andern Worten: man sah die Geschichte als Natur, im
+Objektsinne des Physikers, und handelte danach. Von hier schreibt
+sich der folgenschwere Mißgriff, die Prinzipien der Kausalität, des
+Gesetzes, des Systems, also die Struktur des starren Seins in den
+Aspekt des Geschehens zu legen. Man verhielt sich, als gebe es eine
+menschliche Kultur etwa wie es Elektrizität oder Gravitation gibt,
+mit den im wesentlichen gleichen Möglichkeiten der Analyse; man
+hatte den Ehrgeiz, die Gewohnheiten des Naturforschers zu kopieren,
+so daß man wohl gelegentlich fragte, was denn die Gotik, der Islam,
+die antike Polis <em class="gesperrt">sei</em>, nicht aber, warum diese Symbole
+eines Lebendigen gerade <em class="gesperrt">damals</em> und <em class="gesperrt">dort</em> auftauchen
+<em class="gesperrt">mußten</em>, in <em class="gesperrt">dieser Form</em> und <em class="gesperrt">für diese Dauer</em>.
+Man begnügte sich, sobald eine der zahllosen Ähnlichkeiten räumlich
+und zeitlich weit getrennter Geschichtsphänomene zutage trat, sie
+einfach zu registrieren, mit einigen geistvollen Bemerkungen über
+das Wunderbare des Zusammentreffens, über<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Rhodos als das „Venedig
+des Altertums“ oder Napoleon als den neuen Alexander, statt gerade
+hier, wo das <em class="gesperrt">Schicksalsproblem</em> als das eigentliche Problem
+der Historie (das <em class="gesperrt">Problem der Zeit</em> nämlich) hervortritt, den
+höchsten Ernst wissenschaftlich geregelter Psychologie einzusetzen
+und die Antwort auf die Frage zu finden, welche ganz anders geartete
+Notwendigkeit, der kausalen ganz und gar fremd, hier am Werke ist. Daß
+jede Erscheinung auch dadurch ein metaphysisches Rätsel aufgibt, daß
+sie zu einer <em class="gesperrt">niemals gleichgültigen</em> Zeit auftritt, daß man sich
+auch noch fragen muß, was für ein <em class="gesperrt">lebendiger</em> Zusammenhang neben
+dem anorganisch-naturgesetzlichen im Weltbilde besteht — das ja die
+Ausstrahlung des <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschen und nicht, wie Kant meinte, nur
+die des erkennenden ist —, daß eine Erscheinung nicht nur Tatsache
+für den Verstand, sondern auch Ausdruck des Seelischen ist, nicht nur
+Objekt, sondern auch Symbol, und zwar von den höchsten religiösen
+und künstlerischen Schöpfungen an bis zu den Geringfügigkeiten des
+Alltagslebens, das war philosophisch etwas Neues.</p>
+
+<p>Endlich sah ich die Lösung deutlich vor mir, in ungeheuren Umrissen, in
+voller innerer Notwendigkeit, eine Lösung, die auf ein einziges Prinzip
+zurückführt, das zu finden war und bisher nicht gefunden wurde, etwas,
+das mich seit meiner Jugend verfolgt und angezogen hatte und das mich
+quälte, weil ich es als vorhanden, als Aufgabe empfand, aber nicht
+fassen konnte. So ist aus dem etwas zufälligen Anlaß das vorliegende
+Buch entstanden, als der vorläufige Ausdruck eines neuen Weltbildes,
+mit allen Fehlern eines ersten Versuchs behaftet, ich weiß es wohl,
+unvollständig und sicher nicht ohne Widersprüche. Dennoch enthält
+es meiner Überzeugung nach die unwiderlegliche Formulierung eines
+Gedankens, der, ich sage es noch einmal, nicht bestritten werden wird,
+sobald er einmal ausgesprochen ist.</p>
+
+<p>Das engere Thema ist also eine Analyse des Unterganges der
+westeuropäischen Kultur. Das Ziel aber ist die Entwicklung einer
+Philosophie und der ihr eigentümlichen, hier zu prüfenden Methode der
+vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte. Die Arbeit zerfällt
+naturgemäß in zwei Teile. Der<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> erste, „Gestalt und Wirklichkeit“, der
+sich mit den Problemen der Zahl, des Schicksals, der Kausalität, der
+Tragödie, der bildenden Künste, der Weltanschauung, des Lebens, der
+Naturerkenntnis, des Mythus beschäftigt, enthält die Grundlagen einer
+Symbolik. Der zweite, „Welthistorische Perspektiven“, wird eine Anzahl
+historischer Phänomene analysieren: die hier in ihrem wahren Umfange
+zum ersten Male aufgedeckte arabische Kultur, die Zivilisation, die
+Weltstadt, das Imperium Romanum, die Grundformen des Staates, des
+Geldes, der Technik, endlich das Russentum. Ich schließe ausdrücklich
+hier, wo die eigentliche Geschichte im Vordergrund steht, eine Reihe
+weiterer Probleme aus, die zur tiefern Begründung gehören, aber
+selbständiger Behandlung vorbehalten bleiben sollen: die Probleme des
+Geschlechts, der Familie, der Rassen und Sprachen, der Ehe und des
+Eigentums, der Religion, des Verhältnisses von Wissen und Glauben,
+Vaterschaft und Künstlertum, Muttertum und Religiosität.</p>
+
+<p>Die folgenden Tafeln geben einen Überblick über das, was Resultat
+der Untersuchung ist. Sie mögen zugleich einen Begriff von der
+Fruchtbarkeit und Tragweite der neuen Methode geben.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Es war ein noch heute nicht überwundener Mißgriff
+Kants von ungeheurer Tragweite, daß er den äußern und innern
+Menschen zunächst mit den vieldeutigen und vor allem <em class="gesperrt">nicht
+unveränderlichen</em> Begriffen Raum und Zeit ganz schematisch in
+Verbindung brachte und weiterhin damit in vollkommen falscher Weise
+Geometrie und Arithmetik verband, an deren Stelle hier der viel tiefere
+Gegensatz der mathematischen und chronologischen Zahl wenigstens
+genannt sein soll. Arithmetik und Geometrie sind <em class="gesperrt">beides</em>
+Raumrechnungen und in ihren höhern Gebieten überhaupt nicht mehr
+unterscheidbar. Eine <em class="gesperrt">Zeitrechnung</em>, über deren Begriff der naive
+Mensch sich gefühlsmäßig durchaus klar ist, beantwortet die Frage nach
+dem <em class="gesperrt">Wann</em>, nicht dem <em class="gesperrt">Was</em> oder <em class="gesperrt">Wieviel</em>.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Man muß es fühlen können, wie sehr die Tiefe der formalen
+Kombination und die Energie des Abstrahierens auf dem Gebiete etwa der
+Renaissanceforschung oder der Geschichte der Völkerwanderung hinter
+dem zurückbleibt, was auf dem Gebiete der Funktionentheorie und der
+theoretischen Optik selbstverständlich ist. Neben dem Physiker und
+Mathematiker wirkt der Historiker <em class="gesperrt">nachlässig</em>.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Die ohnehin sehr spät einsetzenden Versuche der
+Griechen, nach dem Muster Ägyptens etwas wie einen Kalender oder eine
+Chronologie zustande zu bringen, sind von höchster Naivität. Die
+Olympiadenrechnung ist keine Ära wie etwa die christliche Zeitrechnung
+und außerdem nur ein literarischer Notbehelf, nichts dem Volke
+Geläufiges. Es gab keinen Nullpunkt, von dem aus man zählen konnte.
+Wir besitzen die Inschrift eines Vertrages zwischen Elis und Heräa,
+der „<em class="gesperrt">hundert Jahre von diesem Jahre an</em>“ gelten sollte. Welches
+Jahr dies war, ließ sich aber nicht angeben. Nach einiger Zeit wird
+man also nicht mehr gewußt haben, wie lange der Vertrag bestand, und
+offenbar hatte das niemand beachtet. Wahrscheinlich aber werden diese
+Gegenwartsmenschen ihn überhaupt bald vergessen haben. Es bezeichnet
+den legendenhaft-kindlichen Charakter des antiken Geschichtsbildes, daß
+man eine geordnete Datierung der Fakta etwa des „trojanischen Krieges“,
+der der Stufe nach doch unsern Kreuzzügen entspricht, geradezu als
+stilwidrig empfinden würde.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Demgegenüber ist es ein Symbol ersten Ranges und ohne
+Beispiel in der Kunstgeschichte, daß die Hellenen der mykenischen
+Vorzeit gegenüber — in einem an Steinmaterial überreichen Lande! —
+vom Steinbau zur Verwendung des Holzes <em class="gesperrt">zurückkehrten</em>, woraus
+sich das Fehlen architektonischer Reste zwischen 1200 und 600 erklärt.
+Die ägyptische Pflanzensäule war von Anfang an Steinsäule, die dorische
+Säule war eine Holzsäule. Darin spricht sich die tiefe Feindseligkeit
+der antiken Seele gegen die Dauer aus.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Hat je eine hellenische Stadt auch nur <em class="gesperrt">ein</em>
+umfassendes Werk ausgeführt, das einen Gedanken an kommende
+Generationen verrät? Die Straßen- und Bewässerungssysteme, die man
+in mykenischer, d.&#8239;h. <em class="gesperrt">vorantiker</em> Zeit nachgewiesen hat, sind
+seit der Geburt antiker Völker — mit dem Anbruch homerischer Zeit
+also — verfallen und vergessen worden. Ebenso wurde Mykene selbst als
+<em class="gesperrt">historischer Faktor</em> vollständig vergessen. Wir besitzen Tausende
+von Schrifttäfelchen aus mykenischer Zeit, aus homerischer nicht ein
+einziges. Aber das ist kein „Rückschritt“, sondern der neue Stil einer
+andersgearteten Seele. Das ist „reine Gegenwart“.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Von Homer bis zu den Tragödien Senekas, ein volles
+Jahrtausend hindurch, erscheinen die mythischen Gestalten wie Thyest,
+Klytämnestra, Herakles trotz ihrer begrenzten Zahl unverändert immer
+wieder, während in der Dichtung des Abendlandes der faustische Mensch
+zuerst als Parzeval und Tristan, dann im Sinn der Epoche verwandelt als
+Hamlet, als Don Quijote, als Don Juan, in einer letzten zeitgemäßen
+Verwandlung als Faust und Werther und dann als Held des modernen
+weltstädtischen Romans, immer aber in der Atmosphäre und Bedingtheit
+eines bestimmten Jahrhunderts auftritt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Abt Gerbert (als Papst Sylvester II.), der Freund Kaiser
+Ottos III., hat um 1000, also mit dem Beginn des romanischen Stils
+und der Kreuzzugsbewegung, den ersten Symptomen einer neuen Seele,
+die Konstruktion der Schlag- und Räderuhren erfunden. In Deutschland
+entstanden auch um 1200 die ersten Turmuhren und etwas später die
+Taschenuhren. Man bemerke die bedeutsame Verbindung der Zeitmessung mit
+dem Gebäude des religiösen Kultus.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Bei Newton heißt sie bezeichnenderweise Fluxionsrechnung
+— mit Rücksicht auf gewisse metaphysische Vorstellungen vom Wesen der
+Zeit. In der griechischen Mathematik kommt die Zeit gar nicht vor.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Hier steht der Historiker auch unter dem verhängnisvollen
+Vorurteil der Geographie (um nicht zu sagen unter der Suggestion
+eines Landkartenbildes), die einen <em class="gesperrt">Erdteil</em> Europa annimmt,
+worauf er sich verpflichtet fühlt, auch eine entsprechende
+<em class="gesperrt">ideelle</em> Abgrenzung gegen Asien vorzunehmen. Das Wort Europa
+sollte aus der Geschichte gestrichen werden. Es gibt keinen
+„Europäer“ als historischen Typus. Es ist töricht, im Falle der
+Hellenen von „europäischem Altertum“ (Homer, Heraklit, Pythagoras
+waren also „Asiaten“?) und von ihrer „Mission“ zu reden, Asien und
+Europa kulturell anzunähern. Das sind Worte, die aus einer banalen
+Interpretation der Landkarte stammen und denen nichts Wirkliches
+entspricht. Es war allein das Wort Europa mit dem unter seinem Einfluß
+entstandenen Gedankenkomplex, das Rußland mit dem Abendlande in unserm
+historischen Bewußtsein zu einer durch nichts gerechtfertigten Einheit
+verband. Hier hat, in einer durch Bücher erzogenen Kultur von Lesern,
+eine bloße Abstraktion zu ungeheuren realen Konsequenzen geführt.
+Sie haben, in der Person Peters des Großen, die historische Tendenz
+einer primitiven Völkermasse auf Jahrhunderte gefälscht, obwohl der
+russische <em class="gesperrt">Instinkt</em> „Europa“ sehr richtig und tief mit einer in
+Tolstoi, Aksakow und Dostojewski verkörperten Feindseligkeit gegen
+das „Mütterchen Rußland“ abgrenzt. Orient und Okzident sind Begriffe
+von echtem historischen Gehalt. „Europa“ ist leerer Schall. Alles,
+was die Antike an großen Schöpfungen hervorbrachte, entstand unter
+Negation einer kontinentalen Grenze zwischen Rom und Cypern, Byzanz
+und Alexandria. Alles, was europäische Kultur heißt, entstand zwischen
+Weichsel, Adria und Guadalquivir. Und gesetzt, daß Griechenland zur
+Zeit des Perikles „in Europa lag“, so liegt es heute nicht mehr dort.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Im Neuen Testament ist die polare Fassung mehr durch die
+Dialektik des Apostels Paulus, die periodische durch die Apokalypse
+vertreten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Er liegt schon in Wolfram von Eschenbachs Parzeval und
+Dantes Divina comedia.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Entscheidend ist die Auswahl des Übriggebliebenen, die
+nicht allein vom Zufall, sondern ganz wesentlich von einer Tendenz
+bestimmt ist. Der Attizismus der Augustuszeit, müde, unfruchtbar,
+pedantisch, zurückschauend, hat den Begriff des <em class="gesperrt">Klassischen</em>
+geprägt und eine ganz kleine Gruppe griechischer Werke bis auf Plato
+herab als klassisch anerkannt. Das übrige, darunter die gesamte reiche
+hellenistische Literatur, wurde verworfen und ging fast vollständig
+verloren. Jene von einem schulmeisterlichen Geschmack ausgewählte
+Gruppe, die größtenteils erhalten blieb, hat dann das imaginäre Bild
+des klassischen „Altertums“ in Florenz sowohl wie für Winckelmann,
+Hölderlin, Goethe und sogar Nietzsche bestimmt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Das römische <i>otium cum dignitate</i> hat man lediglich
+als Kehrseite einer großangelegten und energischen öffentlichen
+Wirksamkeit, nicht als privaten lyrischen oder gelehrten Schlendrian
+zu verstehen, wie ihn erst sehr spät die Briefe des jüngeren Plinius
+beschreiben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Was man in der Entwicklung Strindbergs und vor allem
+Ibsens, der in der zivilisierten Atmosphäre seiner Probleme immer
+nur Gast gewesen ist, nicht übersehen wird. Das Motiv von „Brand“
+und „Rosmersholm“ ist eine merkwürdige Mischung von angebornem
+Provinzialismus und theoretisch erworbenem Weltstadthorizont. Nora ist
+das Urbild einer durch Lektüre aus der Bahn geratenen Provinzlerin.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Der den Kult des Stadtheros Adrastos und den Vortrag der
+homerischen Gesänge verbot, um dem dorischen Adel die Wurzeln seines
+Seelentums zu nehmen (um 560).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Ein tiefes Wort, das seinen Sinn erhält, sobald der
+Barbar zum Kulturmenschen wird, und ihn wieder verliert, sobald der
+zivilisierte Mensch das „<i>ubi bene, ibi patria</i>“ akzeptiert.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Deshalb verfielen dem Christentum zuerst die Römer, die
+es <em class="gesperrt">sich nicht leisten konnten</em>, Stoiker zu sein.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> In Rom und Byzanz wurden sechs- bis zehnstöckige
+Miethäuser — bei höchstens drei Meter Straßenbreite — errichtet, die
+bei dem Fehlen aller baupolizeilichen Vorschriften oft genug mit ihren
+Bewohnern zusammenbrachen. Ein großer Teil der <i>cives Romani</i>, für
+die „<i>panem et circenses</i>“ den ganzen Lebensinhalt bildeten, besaß
+nur einen teuer bezahlten Schlafplatz in den ameisenhaft wimmelnden
+„<i>insulae</i>“.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Die deutsche Gymnastik ist seit 1813 und den höchst
+provinzialen, urwüchsigen Formen, die ihr Jahn damals gab, in rascher
+Entwicklung zum Sportmäßigen begriffen. Der Unterschied eines Berliner
+Sportplatzes an einem großen Tage von einem römischen Zirkus war schon
+1914 sehr gering.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Was sich seit 1880 in Deutschland an literarischen
+Kämpfen abspielt, ist nichts als der übrigens unter ganz belanglosen
+Leuten geführte Kampf zwischen weltstädtischer und provinzialer Poesie
+(Heimatkunst).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Die Eroberung Galliens durch Cäsar war ein
+ausgesprochener Kolonialkrieg, d.&#8239;h. von einseitiger Aktivität. Daß er
+trotzdem den Höhepunkt der späteren römischen Kriegsgeschichte bildet,
+bestätigt nur deren rasch abnehmenden Gehalt an wirklichen Leistungen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Die modernen Deutschen sind das glänzende Beispiel
+eines Volkes, das ohne sein Wissen und Wollen expansiv geworden ist.
+Sie waren es schon, als sie noch das Volk Goethes zu sein glaubten.
+Bismarck hat diesen tiefern Sinn der durch ihn begründeten Epoche
+nicht einmal geahnt. Er glaubte den <em class="gesperrt">Abschluß</em> einer politischen
+Entwicklung erreicht zu haben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> So war vielleicht das bedeutende Wort Napoleons an Goethe
+gemeint. „Was will man heute mit dem Schicksal? Die Politik ist das
+Schicksal.“</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Die Philosophie dieses Buches verdanke ich der
+Philosophie Goethes, der unbekannten, und erst in viel geringerem
+Grade der Philosophie Nietzsches. Die Stellung Goethes in der
+westeuropäischen Metaphysik ist noch gar nicht verstanden worden.
+Man nennt ihn nicht einmal, wenn von Philosophie die Rede ist.
+Unglücklicherweise hat er seine Lehre nicht in einem starren System
+niedergelegt; deshalb übersehen ihn die Systematiker. Aber er war
+Philosoph. Er nimmt Kant gegenüber dieselbe Stellung ein wie Plato
+gegenüber Aristoteles, und es ist ebenfalls eine mißliche Sache, Plato
+in ein System bringen zu wollen. Plato und Goethe repräsentieren die
+Philosophie des Werdens, Aristoteles und Kant die des Gewordnen. Hier
+steht Intuition gegen Analyse. Was verstandesmäßig kaum auszusprechen
+ist, findet sich in einzelnen Vermerken und Gedichten wie den
+Orphischen Urworten, Strophen wie „Wenn im Unendlichen“ und „Sagt
+es niemand“, die man als Inkarnationen einer <em class="gesperrt">ganz bestimmten</em>
+Metaphysik zu betrachten hat. An folgendem Ausspruch möchte ich nicht
+ein Wort geändert wissen: „<em class="gesperrt">Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen,
+aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber
+nicht im Gewordnen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in
+ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu
+tun, der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze</em>“
+(zu Eckermann).</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="TAFELN_ZUR_VERGLEICHENDEN_MORPHOLOGIE_DER_GESCHICHTE">TAFELN
+ZUR VERGLEICHENDEN MORPHOLOGIE DER GESCHICHTE</h2>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<table class="morphologie">
+<caption class="morph_capt">
+I. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ GEISTESEPOCHEN.
+</caption>
+<colgroup>
+<col span="4" class="epoche1">
+</colgroup>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">INDISCHE<br>
+ seit 1500 v.&#8239;Chr.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ANTIKE<br>
+ seit 1100 v.&#8239;Chr.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ARABISCHE<br>
+ seit 0</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ABENDLÄNDISCHE KULTUR<br>
+ seit 900</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>FRÜHLING: Landschaftlich-intuitiv. Mächtige
+ Schöpfungen einer erwachenden traumschweren Seele. Überpersönliche
+ Einheit und Fülle.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>1. Geburt eines Mythus großen Stils als Ausdruck
+ eines neuen Gottgefühls. Weltangst und Weltsehnsucht.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">1500–1200<br>
+ Mythologie des Veda.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">1100–800<br>
+ Olympischer Mythos.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">0–300<br>
+ Urchristentum.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">900–1200<br>
+ Germanischer Katholizismus<br>
+ (7 Sakramente) (Heiland).</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Homer.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Orientalische Kulte der Kaiserzeit
+ (Isis, Mithras).</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Marienkult. Gralsage (Parzeval)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Manichäismus.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Edda. Nibelungen (Baldr, Siegfried).</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Arische Heldensage.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Arische Hellenische.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Evangelien. Apokalypse; Legende.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die abendländische Heiligenlegende.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>2. Früheste mystisch-metaphysische Gestaltung des
+ neuen Weltblickes.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Im Rigveda und den ältesten Teilen der andern Veden.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Unbekannt.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Plotin 204–269.<br>
+ Origenes 185–254.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Dante 1265–1321<br>
+ Thomas v. Aquino 1224–1274.<br>
+ Eckart (1250–1329).</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Nachwirkung in den Kosmogonien.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Neuplatoniker, Gnostiker, Kirchenväter.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Mystik und Scholastik.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>SOMMER: Reifende Bewußtheit. Früheste
+ städtisch-bürgerliche und kritische Regungen.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>3. „Reformation“: Innerhalb der Religion
+ volksmäßige Auflehnung gegen die großen Formen der Frühzeit.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Bramanas.<br>
+ Älteste Elemente der Upanishads.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Dionysosreligion, Orphiker, antihomerische
+ Strömungen. 7. Jahrh.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Abfall der Monophysiten 449.<br>
+ Bar Sudaili und die syrische Mystik um 500.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Protestantismus.<br>
+ Luther, Zwingli, Calvin um 1500.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>SOMMER: Reifende Bewußtheit. Früheste
+ städtisch-bürgerliche und kritische Regungen.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>4. Beginn einer rein philosophischen Fassung des
+ Weltgefühls. Gegensatz idealistischer und realistischer Systeme.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">In den Upanishads enthalten.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die großen Vorsokratiker 6./5. Jahrh.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Bisher unerforschte syrische, koptische, neupersische
+ Literatur des 6./7. Jahrh.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Galilei, Descartes, Bacon, Bruno, Boehme, Leibniz
+ 16./17. Jahrh.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>5. Bildung einer neuen Mathematik. Konzeption der
+ Zahl als Abbild und Inbegriff der Weltform.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Verschollen.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die Zahl als Maß (Größe).<br>
+ (Geometrie, Arithmetik)<br>
+ Pythagoräer seit 540.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die unbestimmte Zahl.<br>
+ (Algebra)<br>
+ Entwicklung unerforscht.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die Zahl als Funktion.<br>
+ (Analysis)<br>
+ Descartes, Pascal, Fermat um 1630<br>
+ Newton, Leibniz um 1670.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>6. „Puritanismus“: Rationalistisch-mystische
+ Verarmung des Religiösen. Intellektueller Fanatismus.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Spuren in den Upanishads.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Pythagoräischer Bund seit 540.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Mohammed.<br>
+ Hedschra 622.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Puritaner in England seit 1620.<br>
+ Jansenisten (Port Royal) in Frankreich seit 1640.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>HERBST: Großstädtische Intelligenz. Höhepunkt
+ strenggeistiger Gestaltungskraft.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>7. „Aufklärung“: Glaube an die Allmacht des
+ Verstandes. Kultus der „Natur“. „Vernünftige Religion“.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Sutras; Sankhya.<br>
+ Jüngere Elemente der Upanishads.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Sophistik 5. Jahrh.<br>
+ Sokrates 469–399.<br>
+ Demokrit 460–360.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Mutaziliten 8. Jahrh.<br>
+ Nazzam, Alkindi um 830.<br>
+ Alkabi um 900.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Sensualisten (Locke, Shaftesbury).<br>
+ 17./18. Jahrh.<br>
+ Rousseau 1712–1778.<br>
+ Voltaire. Enzyklopädisten<br>
+ 18. Jahrh.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>8. Höhepunkt des mathematischen Denkens. Abklärung
+ der Formenwelt der Zahlen.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Verschollen.<br>
+ (Stellenwert, die Null als Zahl, Winkelfunktionen.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Archytas 430–365.<br>
+ Plato 426–346.<br>
+ Eudoxos 408–355.<br>
+ (Kegelschnitte.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Noch unerforscht.<br>
+ (Zahlentheorie, spärische Trigonometrie.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Euler 1707–1783.<br>
+ Lagrange 1736–1813.<br>
+ Laplace 1749–1827.<br>
+ (Infinitesimalproblem.)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>9. Die großen abschließenden Systeme.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5" colspan="4">
+ <table>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Des Idealismus: Yoga. Vedanta.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Plato 426–346.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Al Farabi † 950.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Goethe</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="3">
+ <img class="h3em" src="images/p074c_kl_h3_li.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach links, 3 Zeilen hoch">
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Schelling.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Erkenntnistheorie: Vaiceshika.</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h2em" src="images/p074c_kl_h2_re.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach rechts, 2 Zeilen hoch">
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <div class="center">Aristoteles 384–322.</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h2em" src="images/p074c_kl_h2_li.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach links, 2 Zeilen hoch">
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Aliaf † 850.</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h2em" src="images/p074c_kl_h2_re.jpg" alt="Geschweifte Klammer nach rechts, 2 Zeilen hoch">
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <div class="center">Kant</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Fichte.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Logik: Nyaya.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Avicenna um 1000.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Hegel.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ </table>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>WINTER: Anbruch der weltstädtischen Zivilisation.
+ Erlöschen der seelischen Gestaltungskraft. Das Leben selbst wird
+ problematisch. Ethisch-praktische Tendenzen eines irreligiösen und
+ unmetaphysischen Weltstädtertums.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>10. Materialistische Weltanschauung: Kultus der
+ praktischen Erfahrung des Nutzens, des Glückes.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Tscharvaka.<br>
+ (Lokoyata.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Cyniker, Cyrenaiker.<br>
+ Letzte Sophisten.<br>
+ &#160;<br>
+ Pyrrhon 325–275.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Kommunist., atheist., epikur. Sekten der
+ Abbassidenzeit<br>
+ 9. Jahrh.<br>
+ Die „lauteren Brüder“ um 950.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Bentham, Feuerbach, Stirner.<br>
+ Comte, Spencer, Marx.<br>
+ &#160;<br>
+ Darwinisten. Materialisten.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>11. Ethisch-gesellschaftliche Lebensideale:
+ Epoche der „Philosophie ohne Mathematik“.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Sekten der Buddhazeit.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Epikur 347–270.<br>
+ Zenon 340–265.<br>
+ Alexandrinismus.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Tendenzen im frühen Sufismus<br>
+ Al Gunaid † 910.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Schopenhauer, Nietzsche.<br>
+ Sozialismus, Anarchismus.<br>
+ Hebbel, Wagner, Ibsen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>12. Innere Vollendung der mathematischen
+ Formenwelt. Die abschließenden Gedanken.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">Verschollen.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Euklid, Apollonios<br>
+ 4./3. Jahrh.<br>
+ Eratosthenes, Archimedes<br>
+ 3. Jahrh.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Alchwarizmi 800, Ibn Kurra 850.<br>
+ Alkarchi, Albiruni<br>
+ 10. Jahrh.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Gauß 1777–1855.<br>
+ Cauchy 1789–1857.<br>
+ Riemann 1826–1866.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>13. Sinken des abstrakten Denkertums zu einer
+ fachwissenschaftlichen Kathederphilosophie. Kompendienliteratur.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die „sechs klassischen Systeme“.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Akademie; Peripatos. Stoa; Epikuräer.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Schulen von Bagdad und Basra.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Kantianer, Hegelianer. „Logiker“ und
+ „Psychologen“.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>14. Das Ende: Ausbreitung einer letzten
+ Weltstimmung.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Der indische Buddhismus seit 500.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Der hellenistisch-römische Stoizismus seit 200.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Der praktische Fatalismus des Islam seit 1000.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Der ethische Sozialismus seit Ende des 19.
+ Jahrh. sich verbreitend.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<table class="morphologie break-before">
+<caption class="morph_capt mtop2">
+II. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ KUNSTEPOCHEN.
+</caption>
+<colgroup>
+<col span="4" class="epoche1">
+</colgroup>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ÄGYPTISCHE</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ANTIKE</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ARABISCHE</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ABENDLÄNDISCHE KULTUR</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>VORZEIT: Chaos urmenschlicher Kunstformen.
+ Mystische Liniensymbolik und Versuche naiver Imitation.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">THINITENZEIT.
+ 3400–3000.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">KRETISCH-MYKENISCHE ZEIT. 1600–1100.<br>
+ (Ägyptischer Einfluß.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ALTSYRISCH-ARABISCHE KUNST. Vor 0.<br>
+ (Antiker, babylon.-persischer Einfluß.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">MEROWINGER-KAROLINGERZEIT 500–900.<br>
+ (Maurisch-byzant. Einfluß.)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>„KULTUR“: Lebensgeschichte eines das gesamte
+ äußere Sein formenden Stils. Formensprache von tiefster symbolischer
+ Notwendigkeit.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center">I. FRÜHZEIT: <em class="gesperrt">Ornament und
+ Architektur als elementarer Ausdruck des jungen Weltgefühls („Die
+ Primitiven“)</em>.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DAS ALTE REICH<br>
+ 2950–2475.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DORIK.<br>
+ 1100–650.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ALCHRISTLICH-„SPÄTANTIKE“ KUNST.<br>
+ 0–500.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">GOTIK.<br>
+ 900–1500.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>1. Geburt und Aufschwung. Aus dem Geiste der
+ Landschaft erwachsende, nicht bewußt geschaffene Formen.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">4.–5. Dynastie 2930–2625.<br>
+ Streng geometrischer Tempelstil.<br>
+ Flachrelief.<br>
+ Frontale Bildplastik.<br>
+ Pyramidentempel.<br>
+ Pflanzensäulen, Kolonnaden. Reliefzyklen.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Nicht erhaltene Holzarchitektur (Antentempel).<br>
+ Geometrischer (Dipylon-)stil 11./9. Jahrh.<br>
+ Die dorische Säule (Holz).<br>
+ &#160;<br>
+ Grabvasenmalerei.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Basiliskenstil.<br>
+ Sarkophag-(Tief-)relief.<br>
+ Katakombenmalerei.<br>
+ &#160;<br>
+ Kuppelbasilika („Moschee“). (Pantheon in Rom).<br>
+ Säulenbögen. Frontalbildnisse.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Romanik und Frühgotik<br>
+ Ornament und Dom<br>
+ &#160;<br>
+ &#160;<br>
+ Hochgotik; Gewölbte Dome.<br>
+ Kathedralplastik, Glasmalerei.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>2. Vollendung der frühen Formensprache.
+ Erschöpfung der Möglichkeiten und Widerspruch.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">6. Dynastie 2625–2475.<br>
+ Erlöschen des Pyramidenstils und es episch-idyll. Reliefs.<br>
+ &#160;<br>
+ Blüte der archaischen Bildnisplastik.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">800–650.<br>
+ Wenig bekannt.<br>
+ &#160;<br>
+ &#160;<br>
+ Protokorinth.-altattische Tonmalerei<br>
+ (Mythische Stoffe).</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">4.–5. Jahrh.<br>
+ Syrisch-byzantinische Kunst.<br>
+ Erlöschen des Relief- und Porträtstils.<br>
+ &#160;<br>
+ Blüte der Mosaikmalerei. Anfänge der Arabeske.<br>
+ (Tür von S. Ambrogio in Mailand 386).</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Spätgotik und Renaissance<br>
+ 14./15. Jahrh.<br>
+ Erlöschen der gotischen Skulptur (Nürnberg).<br>
+ Blüte und Ende von Fresko und Renaissanceplastik. Von Giotto und
+ Donatello (Gotik) bis Michelangelo (Barock).<br>
+ Das gotische Tafelbild von Van Eick bis Holbein.<br>
+ Erfindung des Kontrapunkts und der Ölmalerei.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center">II. SPÄTZEIT: <em class="gesperrt">Bildung einer
+ Gruppe städtisch-bewußter, gewählter, von Einzelnen getragener Künste
+ („Die großen Meister“)</em>.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DAS MITTLERE REICH<br>
+ 2200–1800.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">IONIK.<br>
+ 650–350.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">BYZANTINISCH-ISLAMISCHE KUNST.<br>
+ 500–800.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">BAROCK.<br>
+ 1500–1800.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>1. Ausbildung eines reifen Künstlertums.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Infolge späterer Zerstörung wenig bekannte Epoche.<br>
+ Die Architektur bleibt herrschend.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Herrschaft der Freskomalerei von Butades bis Polygnot
+ 650–400.<br>
+ Die ionische Säule.<br>
+ Vollendung des Tempelbaus.<br>
+ Aufschwung der Rundplastik.<br>
+ („Apoll von Tenea“ bis Hageladas.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Herrschaft der Mosaikmalerei 6. Jahrh.<br>
+ &#160;<br>
+ Vollendung des Moscheentypus (Zentralkuppelbau, Hagia Sophia 530).<br>
+ Die Arabeske (Fassade von M’schatta).</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Herrschaft der Ölmalerei von Tizian bis
+ Rembrandt († 1669).<br>
+ Der malerische Baustil von Michelangelo bis Bernini († 1680).<br>
+ Aufschwung der Musik von Orlando Lasso bis Heinrich Schütz.
+ († 1672): Zeit der Kantate.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>2. Äußere Vollendung einer durchgeistigten
+ Formensprache.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">12. Dynastie.<br>
+ 2000–1788<br>
+ Pylonentempel.<br>
+ Historische Reliefs.<br>
+ Charakterbildnisse.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Blüte von Athen.<br>
+ 480–330.<br>
+ Herschaft der Plastik von Myron bis Phidias 460–330.<br>
+ Ausgang der Fresko- und Tonmalerei.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Maurische Kunst.<br>
+ 7./8. Jahrh.<br>
+ Vollkommene Herrschaft der Arabeske auch über die Architektur.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Rokoko.<br>
+ 18. Jahrh.<br>
+ Herrschaft der Musik von Corelli (geb. 1653) und Bach (1685) bis
+ Mozart: Zeit der Sonate.<br>
+ Der musikalische (Rokoko-)Baustil.
+ Ausgang der Ölmalerei von Watteau bis Goya.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>3. Ermatten der Gestaltungskraft. Auflösung der
+ großen Form. Ende des Stils.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Anfang der Hyksoszeit.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die korinthische Säule (Genre).<br>
+ Skopas und Praxiteles (Sentiment und Subjektivismus).<br>
+ Malerei des Apollodor und Apelles („Natur“).</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Abbassidenzeit.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Empirestil und Biedermeier.<br>
+ Beethoven.<br>
+ Hogarth. Gainsburough. Delacroix.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>ZIVILISATION: Das Dasein ohne innere Form.
+ Weltstadtkunst als Luxus, Sport, Gewohnheit. Wechselnde Stilmoden
+ (Wiederbelebungen, Mischungen, Erfindungen) ohne symbolischen Gehalt.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>1. „Modernität“. Versuche, die Decadence
+ künstlerisch zu fassen. Verwandlung von Musik, Baukunst und Malerei in
+ bloßes Kunstgewerbe.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Hyksoszeit 1788–1580.<br>
+ Verfall der Reliefkomposition.<br>
+ Auflösung der plastischen Konvention<br>
+ Mehrschiffige Säulenhallen.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Hellenismus 300–100.<br>
+ Ende der strengen Plastik (Lysippos).<br>
+ Pergamenische Kunst (Theatralik).<br>
+ Hellenistische Malweisen (Enkaustik, Illustionsmalerei, Rhopographie).<br>
+ Das Idealorträt.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Seldschuckenzeit nach 1000.<br>
+ Stationäre „Kunst des Orients“.<br>
+ In Byzanz „Renaissance des Hellenismus“ (1000).</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">19. und 20. Jahrh.<br>
+ Ende der Musik: Berlioz, Liszt, Wagner.<br>
+ Episode des Impressionismus von Constable und Corot bis Manet und
+ Leibl.<br>
+ Nazarener, Prärafaeliten.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>2. Ende des Formgefühls. Sinnlose, leere,
+ erkünstelte, gehäufte Ornamentik. Imitation alter und fremder Motive.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">18. Dynastie 1580–1350.<br>
+ Verfall der Pflanzensäule.<br>
+ Naturalismus des Echnaton.<br>
+ Memnonskolosse<br>
+ Felsentempel der Hatschepsut.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Römerzeit 100 v. bis 100 n. Chr.<br>
+ Häufung der 3 Säulenordnungen.<br>
+ Zeit der Statuenkopisten.<br>
+ Römerplastik.<br>
+ Kaiserbauten im oriental. Geschmack.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Mongolenzeit seit 1258.<br>
+ Auflösung der maurischen Kunst in örtliche Nuancen.<br>
+ (Von Spanien bis Indien.)</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="4">
+ <div class="center"><b>3. Ausgang. Barbarische Massenhaftigkeit;
+ Kolossalwirkungen. Verrohung der Technik. Übergewicht fremder
+ Kunstformen.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">19. Dynastie 1350–1205.<br>
+ (Sethos I. und Ramses II.)<br>
+ Riesenhallen und Statuenalleen von Luxor, Karnak und Abydos.<br>
+ Plünderung alter Bauten.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Späte Kaiserzeit<br>
+ &#160;<br>
+ Riesenfora, Thermen, Triumphsäulen.<br>
+ Sieg der früharabischen Kunst im Westen.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<table class="morphologie break-before">
+<caption class="morph_capt mtop2">
+III. TAFEL „GLEICHZEITIGER“ POLITISCHER EPOCHEN.
+</caption>
+<colgroup>
+<col span="3" class="epoche2">
+</colgroup>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ÄGYPTISCHE</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ANTIKE</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">ABENDLÄNDISCHE KULTUR</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>VORZEIT: Rein ethnographischer Völkertypus.
+ Stämme und Häuptlinge. Noch keine „Politik“. Kein „Staat“.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">THINITENZEIT (MENES).
+ 3400–3000.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">SPÄTKRETISCH-MYKENISCHE ZEIT.<br>
+ („AGAMEMNON“).<br>
+ 1600–1200.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">FRANKENZEIT (KARL DER GROSSE).<br>
+ 500–900.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">VÖLKERNAMEN DIESER STUFE:<br>
+ UNBEKANNT (DIE GAUVÖLKER).</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DANAER, ACHÄER, ETRUSKER.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">FRANKEN, SACHSEN, LANGOBARDEN.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>KULTUR: Völkergruppe von ausgeprägtem Stil und
+ einheitlichem Weltgefühl. Wirkung einer immanenten Staatsidee.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">VÖLKER: ÄGYPTER.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DORIER, IONIER, LATINER.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DEUTSCHE, FRANZOSEN, ITALIENER, SPANIER,
+ ENGLÄNDER.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center">I. FRÜHZEIT: <em class="gesperrt">Organische Struktur
+ des politischen Daseins. Die beiden frühen Stände: Adel und
+ Priestertum</em>.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DAS ALTE REICH.<br>
+ 2900–2400.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DORISCHE ZEIT.<br>
+ 1100–650.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">GOTISCHE ZEIT.<br>
+ 900–1500.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>1. Patriarchalische Staatsbildungen. Geist des
+ bäuerlichen Landes. Die „Stadt“ nur Markt oder Burg. Wechselnde Pfalzen
+ der Herrscher. Lehnsadel. Ritterlich-religiöse Ideale. Kämpfe der
+ Vasallen untereinander und gegen den Fürsten.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Lehnsstaat der 4. Dynastie. Macht der Gaufürsten und
+ der Rê-Priesterschaft. Der Pharao als Inkarnation des Rê.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Homerische Zustände.<br>
+ Historische Daten unbekannt.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Deutsche Kaiserzeit. Kreuzzüge.<br>
+ Kaisertum und Papsttum.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>2. Krisis und Auflösung der primitiven
+ politischen Daseinsformen.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">6. Dynastie. Zerfall des Reiches in erbliche
+ Fürstentümer. Interregnum. Teilkönige.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Kaum bekannt.<br>
+ Ursparta um 900.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Verfall der Universalidee. Interregnum.<br>
+ Macht der Vasallen (Deutsche Fürsten, Renaissancestaaten, Lancaster und
+ York).</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center">II. SPÄTZEIT: <em class="gesperrt">Verwirklichung der
+ gereiften Staatsidee. Die Stadt gegen das Land: Entstehung des dritten
+ Standes (Bürgertum)</em>.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">DAS MITTLERE REICH.<br>
+ 2200–1800.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">IONISCHE ZEIT.<br>
+ 650–350.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">BAROCKZEIT.<br>
+ 1500–1800.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>3. Bildung einer Staatenwelt von strenger Form.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Der zentralisierte Beamtenstaat.<br>
+ 11. Dynastie (2160–2000): Sturz der Feudalfürsten druch die Herrscher
+ von Theben.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Der Stadtstaat.<br>
+ Zeit der Tyrannis (650–500).<br>
+ Kleisthenes, Periander, Polykrates.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Die dynastische Hausmacht. Ständestaat.<br>
+ Zeit der Fronde (1550–1650).<br>
+ Richelieu, Wallenstein, Cromwell.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>4. Höchste Vollendung der Staatsform
+ („Absolutismus“). Einheit von Stadt und Land („Staat und Gesellschaft“,
+ die „Drei Stände“).</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">12. Dynastie (2000–1788): Strengste Zentralgewalt.
+ Mediatisation der Feudalherren. Hofadel und Beamtenschaft.<br>
+ Erbfolgerevolten.<br>
+ Amenemhat, Sesostris.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Um 450: Absolutismus des Demos von Athen.<br>
+ Politik der Agora.<br>
+ Themistokles, Perikles.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Um 1700: Absolutismus der regierenden Häuser
+ (Versailles). Hofadel. Kabinettspolitik und Erbfolgekriege.<br>
+ Ludwig XIV. Friedrich II.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>5. Sprengung der Staatsform (Revolution und
+ Napoleonismus). Sieg der Stadt über das Land (des „Volkes“ über die
+ „Privilegierten“, der Intelligenz über die Tradition).</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">1788–1680 Revolutionen und Militärregiment.
+ Teilkönige, zum Teil aus dem Volke stammend.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">380–350 Soziale Revolutionen (Athen, Argos).<br>
+ Die „zweite Tyrannis“.<br>
+ (Dionys v. Syrakus, Jason v. Pherä.)<br>
+ Pilipp und Alexander.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Ende des 18. Jahrh.: Revolutionen in Frankreich,
+ Amerika, Genf usw.<br>
+ Napoleon.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>ZIVILISATION: Auflösung der jetzt wesentlich
+ städtisch orientierten Volkskörper zu internationalen, praktisch
+ interessierten Massen. Weltstadt und Provinz: Der vierte Stand („Masse“),
+ anorganisch, kosmopolitisch.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>1. Stadium: Das Geld. Wirtschaftskomplexe die
+ Staatsform aufsaugend.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Hyksoszeit 1788–1580.<br>
+ Fremdherrschaft der Eroberer.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Hellenismus 300–100.<br>
+ Diadochenreiche von Alexander bis Scipio 300–200.<br>
+ Die soziale Monarchie.<br>
+ Die politische Monarachie der Römer von Scipio bis Marius 200–100.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">„Europäische Zivilisation“ 1800–2000.<br>
+ System der Großmächte von Napoleon bis zum Weltkrieg.<br>
+ Nationalismus, Parlamentarismus 1800–1900.<br>
+ Sozialismus und Imperialismus 1900–2000.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>2. Stadium: „Cäsarismus“. Wachsender Naturalismus
+ der politischen Form. Zerfall der Volksorganismen in amorphe
+ Menschenmassen; deren Resorption in ein Imperium von allmählich wieder
+ primitiv-despotischem Charakter.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">18. Dynastie 1580–1350.<br>
+ Thutmosis III.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Von Sulla bis Domitian 100 v. bis 100 n. Chr.<br>
+ Cäsar, Tiberius.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">2000–2200.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 padtop0_5" colspan="3">
+ <div class="center"><b>3. Stadium: „Ägyptizismus“, „Mandarinentum“,
+ „Byzantinismus“. Erstarren und Zerfall auch des imperialen Mechanismus:
+ die Beute junger Völker oder fremder Eroberer. Langsames Heraufdringen
+ urmenschlicher Zustände (Septimius Severus als „Häuptling“).</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">19. Dynastie 1350–1205.<br>
+ Sethos I., Ramses II., Echnaton.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Von Trajan bis Aurelian 100–300.<br>
+ Trajan.<br>
+ Mark Aurel.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vat">
+ <div class="center">Nach 2200.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="ERSTES_KAPITEL"><span class="s6">ERSTES KAPITEL</span><br>
+VOM SINN DER ZAHLEN</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p>
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_1">1</h3>
+
+<p>Es ist zunächst notwendig, einige hier in einem strengen und teilweise
+neuen Sinne gebrauchte Grundbegriffe zu bestimmen, deren metaphysischer
+Gehalt sich im Laufe der Darstellung von selbst ergeben wird, die aber
+schon am Anfang unzweideutig erklärt sein müssen.</p>
+
+<p>Der volkstümliche, auch der Philosophie geläufige Unterschied von
+Sein und Werden erscheint ungeeignet, das Wesentliche des mit ihm
+bezweckten Gegensatzes wirklich zu treffen. Ein unendliches Werden —
+Wirken, „Wirklichkeit“ — wird man immer, wofür etwa die physikalischen
+Begriffe der gleichförmigen Geschwindigkeit und des Bewegungszustandes
+oder die Grundvorstellung der kinetischen Gastheorie als Beispiele
+dienen können, auch als Zustand auffassen und also dem Sein zuordnen
+dürfen. Dagegen lassen sich — mit Goethe — als letzte Elemente des
+in und mit dem Bewußtsein schlechthin Gegebenen das <em class="gesperrt">Werden</em> und
+das <em class="gesperrt">Gewordne</em> unterscheiden. Jedenfalls ist, wenn man an der
+Möglichkeit zweifelt, durch abstrakte Begriffsbildungen den letzten
+Gründen des Menschlichen nahe zu kommen, das sehr klare und bestimmte
+<em class="gesperrt">Gefühl</em>, aus welchem dieser fundamentale, die äußersten Grenzen
+des Bewußtseins berührende Gegensatz hervorgeht, das ursprünglichste
+Etwas, bis zu dem sich überhaupt gelangen läßt.</p>
+
+<p>Es folgt daraus mit Notwendigkeit, daß immer ein Werden dem Gewordnen
+zugrunde liegt — a priori im Sinne Kants —, nicht umgekehrt.</p>
+
+<p>Ich unterscheide ferner mit den Bezeichnungen „<em class="gesperrt">das Eigne</em>“
+und „<em class="gesperrt">das Fremde</em>“ zwei Urtatsachen des Bewußtseins, deren
+Sinn für jeden wachen Menschen — also nicht für den Träumenden
+— mit unmittelbarer innerer Gewißheit feststeht, ohne durch eine
+Definition näher bestimmt werden zu können. Zu der<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> durch das Wort
+<em class="gesperrt">Sinnlichkeit</em> (Außenwelt, Empfindungsleben) bezeichneten
+ursprünglichen Tatsache steht das Element des Fremden immer auf
+irgendeine Weise in Beziehung. Die philosophische Gestaltungskraft
+großer Denker hat durch halbanschauliche schematische Konzeptionen wie
+Erscheinung und Ding an sich, Welt als Wille und Vorstellung, Ich und
+Nicht-Ich diese Beziehung immer wieder schärfer zu fassen versucht,
+obwohl diese Absicht sicherlich die Möglichkeiten exakter menschlicher
+Erkenntnis überschreitet. Ebenso birgt sich in der als Ich (Innenleben,
+Person) bezeichneten ursprünglichen Tatsache das Element des Eignen in
+einer Weise, deren strenge Fassung den Methoden des abstrakten Denkens
+ebenfalls entzogen bleibt.</p>
+
+<p>Ich bezeichne weiterhin mit den Worten <em class="gesperrt">Seele</em> und <em class="gesperrt">Welt</em>
+denjenigen Gegensatz, <em class="gesperrt">dessen Vorhandensein mit der Tatsache des
+wachen, rein menschlichen Bewußtseins selbst identisch ist</em>. Es
+gibt Grade der Klarheit und Schärfe dieses Gegensatzes, Grade der
+Bewußtheit — Geistigkeit — des Lebens also, von dem sich noch kaum
+in Pole sondernden mythischen Dämmern der primitiven Menschen und des
+Kindes — hierher gehören die in Spätzeiten immer seltener werdenden
+Augenblicke der religiösen und künstlerischen Inspiration — bis zur
+äußersten Schärfe des Wachseins etwa in den Zuständen des kantischen
+und des napoleonischen Denkens. Diese <em class="gesperrt">elementare Struktur</em> des
+Bewußtseins ist als eine Tatsache von unmittelbarer innerer Gewißheit
+der begrifflichen Zergliederung nicht weiter zugänglich, und ebenso
+gewiß ist es, daß jene beiden nur sprachlich und gewissermaßen
+künstlich abteilbaren Momente stets miteinander und durcheinander
+da sind und durchaus als Einheit, als Totalität hervortreten, ohne
+daß das erkenntniskritische Vorurteil des geborenen Idealisten und
+Realisten, wonach entweder die Seele der Welt oder die Welt der Seele
+als das Primäre — sie sagen „als Ursache“ — zugrunde liegt, in
+der reinen Tatsache des Bewußtseins irgendwie begründet wäre. Ob in
+einem philosophischen System der Akzent auf dem einen oder andern
+liegt, ist lediglich ein Kennzeichen der Persönlichkeit und von rein
+biographischer Bedeutung.</p>
+
+<p>Gibt man den Begriffen des Werdens und des Gewordnen eine Anwendung
+auf diese polare Struktur des Bewußtseins, so<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> erhält das Wort
+<em class="gesperrt">Leben</em> einen ganz bestimmten, dem des Werdens nahe verwandten
+Sinn. Man darf Werden und Gewordnes als die Tatsache und den Gegenstand
+des Lebens bezeichnen. Das eigne, fortschreitende, ständig sich
+erfüllende Leben ist in jedem seiner Augenblicke mit dem eignen, wachen
+Bewußtsein identisch<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a> — <em class="gesperrt">diese Tatsache heißt Gegenwart</em> —
+und beide besitzen wie alles Werden das geheimnisvolle <em class="gesperrt">Merkmal der
+Richtung</em>, ein unaussprechliches Gefühl (Lebensgefühl), das der
+Mensch in allen höhern Sprachen durch das Wort <em class="gesperrt">Zeit</em> und die
+daran sich knüpfenden Probleme geistig zu bannen und — vergeblich
+— zu deuten versucht hat. Es folgt daraus eine tiefe Beziehung des
+<em class="gesperrt">Gewordnen (Starren) zum Tode</em>.</p>
+
+<p>Nennt man die Seele — und zwar unter Betonung des Unbewußten vor dem
+Bewußten — das <em class="gesperrt">Mögliche</em>, die Welt dagegen das <em class="gesperrt">Wirkliche</em>,
+Ausdrücke, über deren Bedeutung ein inneres Gefühl keinen Zweifel
+läßt, so erscheint das Leben als <em class="gesperrt">die Gestalt, in welcher sich die
+Verwirklichung des Möglichen vollzieht</em>. Im Hinblick auf das Merkmal
+der Richtung heißt das Mögliche <em class="gesperrt">Zukunft</em>, das Verwirklichte
+<em class="gesperrt">Vergangenheit</em>. Die Verwirklichung selbst, die Mitte und den
+Sinn des Lebens, nennen wir <em class="gesperrt">Gegenwart</em>. „Seele“ ist das zu
+Vollendende, „Welt“ das Vollendete, „Leben“ die Vollendung. Die
+Ausdrücke Augenblick, Dauer, Entwicklung, Lebensinhalt, Lebensaufgabe,
+Bestimmung, Umfang, Ziel, Ende, Fülle und Leere des Lebens erhalten
+damit eine bestimmte, für alles Folgende, namentlich für das
+Verständnis historischer Phänomene wesentliche Bedeutung.</p>
+
+<p>Endlich sollen die Worte <em class="gesperrt">Geschichte</em> und <em class="gesperrt">Natur</em>, wie
+schon erwähnt, in einem ganz bestimmten, bisher nicht üblichen Sinne
+angewandt werden. Es sind darunter <em class="gesperrt">mögliche</em> Arten zu verstehen,
+die Gesamtheit des Bewußten, Werden <em class="gesperrt">und</em> Gewordnes, Leben und
+Erlebtes, in einem einheitlichen, durchgeistigten, wohlgeordneten
+<em class="gesperrt">Weltbilde</em> (Kosmos, Universum, All) aufzufassen, je nachdem das
+Werden oder das Gewordne, Richtung oder Ausdehnung („Zeit“ oder „Raum“)
+den unteilbaren Eindruck gestaltend beherrschen. Es handelt sich
+hier<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> <em class="gesperrt">nicht um eine Alternative</em>, sondern um eine <em class="gesperrt">Skala</em>
+von unendlich vielen und sehr verschiedenartigen Möglichkeiten, eine
+„Außenwelt“ als Abglanz und Zeugnis des eignen Daseins zu besitzen,
+eine Skala, deren Extreme eine rein <em class="gesperrt">organische</em> und eine rein
+<em class="gesperrt">mechanische Weltanschauung</em> (im wörtlichen Sinne: <em class="gesperrt">Anschauung
+der Welt</em>) sind. Der Urmensch (so wie wir sein Bewußtsein uns
+vorstellen) und das Kind (wie wir uns erinnern) besitzen noch keine
+dieser Möglichkeiten mit hinreichender Klarheit der struktiven
+Durchbildung. Als Bedingung dieses höheren Weltbewußtseins hat
+man den Besitz der <em class="gesperrt">Sprache</em> anzusehen, und zwar nicht den
+einer menschlichen <em class="gesperrt">Sprache</em> überhaupt, sondern den einer
+<em class="gesperrt">Kultursprache</em>, die für den ersten noch nicht vorhanden und
+für das andere, obwohl vorhanden, noch nicht zugänglich ist. Beide
+besitzen, um dasselbe mit andern Worten zu sagen, noch kein klares und
+deutliches Weltdenken, zwar eine Ahnung, aber noch kein wirkliches
+Wissen von Geschichte und Natur, in deren Zusammenhang ihr eigenes
+Dasein eingegliedert erscheint: <em class="gesperrt">Sie haben keine Kultur.</em></p>
+
+<p>Damit erhält dies wichtige Wort einen bestimmten, höchst bedeutsamen
+Sinn, der in allem Folgenden vorausgesetzt wird. Ich unterscheide
+im Hinblick auf die oben gewählten Bezeichnungen der Seele als
+des Möglichen und der Welt als des Wirklichen <em class="gesperrt">mögliche</em>
+und <em class="gesperrt">wirkliche</em> Kultur, das heißt Kultur als <em class="gesperrt">Idee des —
+allgemeinen oder einzelnen — Daseins</em> und Kultur als <em class="gesperrt">Körper</em>
+dieser Idee, als die Summe ihres versinnlichten, räumlich und faßlich
+gewordenen Ausdrucks: Taten und Gesinnungen. Religion und Staat,
+Künste und Wissenschaften, Völker und Städte, wirtschaftliche und
+gesellschaftliche Formen, Sprachen, Rechte, Sitten, Charaktere,
+Gesichtszüge und Trachten. <em class="gesperrt">Geschichte</em> ist, mit dem Leben, dem
+Werden eng verwandt, <em class="gesperrt">die Verwirklichung möglicher Kultur</em>.</p>
+
+<p>Es muß hinzugefügt werden, daß diese grundlegenden Bestimmungen zum
+großen Teil nicht mehr im Bereiche der Mitteilbarkeit durch Begriff,
+Definition und Beweis liegen, daß sie vielmehr ihrer tiefsten
+Bedeutung nach gefühlt, erlebt, erschaut werden müssen. Es besteht
+ein selten gewürdigter Unterschied<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> zwischen <em class="gesperrt">Erleben</em> und
+<em class="gesperrt">Erkennen</em> als den Formen der Beziehung zwischen Eignem und
+Fremdem („Subjekt und Objekt“). Er wird deutlich in dem Unterschiede
+zwischen der unmittelbaren Gewißheit, wie sie die Arten der Intuition
+(Erleuchtung, Eingebung, künstlerisches Schauen, Goethes „exakte
+sinnliche Phantasie“) gewähren und den Resultaten der verstandesmäßigen
+Erfahrung und experimentellen Technik. Der Mitteilung dienen dort
+der Vergleich, das Bild, das Symbol, hier die Formel, das Gesetz,
+das Schema. Gewordnes wird erkannt oder vielmehr, wie sich zeigen
+wird, das Gewordensein für den menschlichen Geist ist mit dem
+vollzogenen Erkenntnisakt identisch. Ein Werden kann nur erlebt,
+mit tiefem, wortlosem Verstehen gefühlt werden. Hierauf beruht
+das, was man Menschenkenntnis nennt. Geschichte verstehen heißt
+Menschenkenner im höchsten Sinne sein. Je reiner ein Geschichtsbild,
+desto ausschließlicher ist es diesem nicht eigentlich irdischen Blick
+zugänglich, der mit den Erkenntnismitteln, welche die „Kritik der
+reinen Vernunft“ untersucht, nichts zu schaffen hat. Der Mechanismus
+eines reinen Naturbildes, etwa der Welt Newtons und Kants, wird
+erkannt, begriffen, zergliedert, in Gesetze und Gleichungen, zuletzt in
+ein System gebracht. Der Organismus eines reinen Geschichtsbildes, wie
+es die Welt Plotins, Dantes und Brunos war, wird angeschaut, innerlich
+erlebt, als Gestalt und Sinnbild aufgefaßt, zuletzt in dichterischen
+und künstlerischen Konzeptionen wiedergegeben. — Goethes „lebendige
+Natur“ ist ein <em class="gesperrt">historisches</em> Weltbild.</p>
+
+<p>Erleben und Erkennen sind Bewußtseinsakte einzelner Menschen. Ihr
+Resultat, nunmehr ein Stück Vergangenheit, Gedächtnis, Wissen, heißt
+<em class="gesperrt">ein Erlebnis</em> oder <em class="gesperrt">eine Erkenntnis</em>. <em class="gesperrt">Etwas verstehen</em>
+— historisch oder natürlich — heißt es in die schon vorhandene Summe
+von Erlebnissen oder Erkenntnissen harmonisch einordnen können.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_2">2</h3>
+
+</div>
+
+<p>Ich wähle als Beispiel für die Art, wie eine Seele sich im Bilde ihrer
+Umwelt zu verwirklichen sucht, inwiefern also gewordne Kultur Ausdruck
+und Abbild einer Idee menschlichen<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Daseins ist, die <em class="gesperrt">Zahl</em>, die
+aller Mathematik als schlechthin gegebenes Element zugrunde liegt.
+Und zwar deshalb, weil die Mathematik, in ihrer ganzen Tiefe den
+wenigsten erreichbar, einen einzigartigen Rang unter allen Schöpfungen
+des Geistes behauptet. Sie ist eine Wissenschaft strengsten Stils wie
+die Logik, aber umfassender und bei weitem gehaltvoller; sie ist eine
+echte Kunst neben der Plastik und Musik, was die Notwendigkeit einer
+leitenden Inspiration und die großen formalen Konventionen in ihrer
+Entwicklung angeht; sie ist endlich eine Metaphysik vom höchsten Range,
+wie Plato und vor allem Leibniz beweisen. Jede Philosophie ist bisher
+in der Verbundenheit mit einer <em class="gesperrt">zugehörigen</em> Mathematik erwachsen.
+Die Zahl ist die bildgewordene Idee der <em class="gesperrt">kausalen</em> Notwendigkeit,
+wie die Vorstellung von Gott, die jede Kultur aus ihrer tiefsten
+Tiefe neu gestaltet, die bildgewordene Idee der Notwendigkeit des
+<em class="gesperrt">Schicksals</em> ist. In diesem Sinne darf man das Dasein von Zahlen
+ein Mysterium nennen, und das religiöse Denken aller Kulturen hat sich
+diesem Eindruck nie entzogen.</p>
+
+<p>Wie alles Werden das ursprüngliche Merkmal der <em class="gesperrt">Richtung</em>
+(Nichtumkehrbarkeit), so trägt alles Gewordne das Merkmal der
+<em class="gesperrt">Ausdehnung</em> und zwar so, daß nur eine künstliche Trennung
+der Bedeutung dieser Worte möglich erscheint. Das eigentliche
+Geheimnis alles Gewordnen und also (räumlich-stofflich) Ausgedehnten
+aber verkörpert sich im Geistigen jeder Kultur im Typus der
+<em class="gesperrt">mathematischen</em> (starren) im Gegensatz zur <em class="gesperrt">chronologischen</em>
+Zahl. Und zwar liegt in ihrem Wesen die Absicht einer <em class="gesperrt">mechanischen
+Grenzsetzung</em>. Die Zahl ist darin dem Worte verwandt, das — als
+Begriff, „begreifend“, „bezeichnend“ — ebenfalls Welteindrücke
+abgrenzt. Das Tiefste ist hier allerdings unfaßlich und
+unaussprechlich. Die <em class="gesperrt">wirkliche</em>, zum Ding gewordene Zahl, das
+<em class="gesperrt">exakt vorgestellte, gesprochene, geschriebene Zahlzeichen</em> —
+Ziffer, Formel, Zeichen, Figur —, das allein der mathematischen
+Behandlung unterliegt, ist wie das gedachte, gesprochene, geschriebene
+Wort bereits ein optisches Symbol dafür, versinnlicht und mitteilbar,
+in welchem die Grenzsetzung abgebildet erscheint. Der Ursprung
+der Zahlen gleicht dem Ursprung des Mythus. Der<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Römer erhob die
+<i>numina</i>, unbestimmbare Natureindrücke („das Fremde“) zu
+Gottheiten, indem er sie durch einen <em class="gesperrt">Namen</em>, sie begrenzend,
+bannte. Ebenso sind Zahlen und Worte <em class="gesperrt">gestaltetes, in Form
+gebanntes Weltgefühl</em>. Mit ihnen gelangt der Geist („das Eigne“)
+zur Macht. Mit ihnen ordnet und zergliedert er die Welt. Alle echten
+Erkenntnisakte — nicht Erlebnisakte — als solche an das Vorhandensein
+einer Kultursprache gebunden, bezwecken das gleiche. Die Definition,
+das Urteil, das Gesetz, das System sind Resultate vollzogener
+Grenzsetzungen und die Feststellung eines Kausalverhältnisses, in der
+sich das Wesen aller Naturwissenschaft erschöpft, besteht lediglich
+in der präzisen Abgrenzung zweier Eindrücke, die im Hinblick auf die
+Zahl Ursache und Wirkung, im Hinblick auf das Wort Grund und Folge
+heißen. Hierauf beruht die innere Verwandtschaft des Baues einer
+hochentwickelten Sprache (Grammatik, Satzbau) mit der zugehörigen
+Mathematik. Die Logik ist immer eine Art Mathematik und umgekehrt.
+Mithin liegt auch in allen Bewußtseinsakten, welche zur mathematischen
+Zahl in Beziehung stehen — messen, zählen, zeichnen, wägen, ordnen,
+teilen —, die gemeinsame Tendenz auf Abgrenzung von Gewordnem und
+Ausgedehntem und erst durch kaum noch bewußte Akte dieser Art gibt
+es für den wachen Menschen objektive Gegenstände, Eigenschaften,
+Beziehungen, Einzelnes, Einheit und Mehrheit, kurz die als notwendig
+und unerschütterlich empfundene Struktur desjenigen Weltbildes, das er
+„Natur“ nennt und als solche „erkennt“. <em class="gesperrt">Natur ist das Zählbare.</em>
+Geschichte ist der Inbegriff dessen, was zur Mathematik kein
+Verhältnis hat. Daher die mathematische Gewißheit der Naturgesetze,
+die staunende Einsicht Galileis, daß die Natur „<i>scritta in lingua
+matematica</i>“ sei und die von Kant hervorgehobene Tatsache, daß die
+exakte Naturwissenschaft genau so weit reicht wie die Möglichkeit der
+Anwendung mathematischer Methoden.</p>
+
+<p>In der Zahl als dem <em class="gesperrt">Zeichen der vollendeten extensiven
+Begrenzung</em> liegt demnach, wie Pythagoras infolge einer großartigen,
+durchaus religiösen Intuition mit innerster Gewißheit begriff, das
+<em class="gesperrt">Wesen</em> alles Wirklichen, das geworden,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> erkannt, begrenzt
+zugleich ist. Indes darf man Mathematik, wenn man darunter den Besitz
+einer eingebornen virtuellen Zahlenwelt versteht, nicht mit der viel
+engeren wissenschaftlichen Mathematik, der <em class="gesperrt">Lehre</em> von den
+Zahlen verwechseln. Das eine ist eine erschöpfende und notwendige
+Eigenschaft des Bewußtseins, das andere eine <em class="gesperrt">mögliche</em> Art,
+sie geistig zu entwickeln. Die geschriebene Mathematik, ein System
+starrer Sätze, repräsentiert so wenig wie die in theoretischen Werken
+niedergelegte Philosophie den ganzen Besitz dessen, was im Schoße
+einer Kultur an mathematischen und philosophischen Möglichkeiten
+vorhanden war. Es gibt noch ganz andere Wege, das den Zahlen zugrunde
+liegende Urgefühl zu versinnlichen, das Gewordne und Ausgedehnte,
+sei es Stoff oder Raum, einem gestaltenden Prinzip zu unterwerfen.
+Am Anfang jeder Kultur steht ein archaischer Stil, den man nicht nur
+in der frühhellenischen Kunst hätte geometrisch nennen können. Es
+liegt etwas Gemeinsames, ausdrücklich Mathematisches im Dipylonstil
+der altgriechischen Grabvasen, im Tempelstil der 4. Dynastie Ägyptens
+mit seiner unbedingten Herrschaft der geraden Linie und des rechten
+Winkels, im hieratischen Stil der altchristlichen Sarkophagreliefs und
+im romanischen Ornament. Jede Linie, jede menschliche oder Tierfigur
+mit ihrer gar nicht imitativen Tendenz offenbart hier ein mystisches
+Zahlendenken in unmittelbarer Beziehung auf das Geheimnis und den Kult
+des Todes (des Starren).</p>
+
+<p>Gotische Dome und dorische Tempel sind <em class="gesperrt">steingewordne Mathematik</em>.
+Gewiß hat Pythagoras die antike Zahl als das Prinzip einer Weltordnung
+<em class="gesperrt">greifbarer</em> Dinge, als <em class="gesperrt">Maß oder Größe</em>, wissenschaftlich
+erfaßt. Aber sie wurde eben damals, ebenfalls als schöne Ordnung
+von sinnlich-körperhaften Einheiten, durch den strengen Kanon der
+hellenischen Statue und der dorischen wie ionischen Säulenordnung
+zum Ausdruck gebracht. Alle großen Künste sind ebensoviel Arten
+zahlenmäßiger bedeutungsvoller Grenzgebung. Man denke an das
+Raumproblem in der Malerei. Eine hohe mathematische Begabung kann
+auch ohne jede Wissenschaft produktiv sein und zum vollen Bewußtsein
+ihrer selbst gelangen. Man wird doch angesichts des gewaltigen
+Zahlensinnes, den die Raumgliederung der Pyramidentempel,<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> die Bau-,
+Bewässerungs- und Verwaltungstechnik, vom ägyptischen Kalender ganz
+zu schweigen, schon im Alten Reiche um 2800 v.&#8239;Chr. voraussetzt,
+nicht behaupten wollen, daß das wertlose „Rechenbuch des Ahmes“ aus
+dem Neuen Reiche das Niveau der ägyptischen Mathematik bezeichne. Die
+Eingebornen Australiens, deren Geist durchaus der Stufe des Urmenschen
+angehört, besitzen einen mathematischen Instinkt oder, was dasselbe
+ist, einen noch nicht durch Worte und Zeichen bewußt gewordnen Schatz
+an Zahlen, der in bezug auf die Interpretation reiner Räumlichkeit
+den griechischen bei weitem übertrifft. Sie haben als Waffe den
+Bumerang erfunden, dessen Wirkung auf eine gefühlsmäßige Vertrautheit
+mit Zahlenarten schließen läßt, die wir der höheren geometrischen
+Analysis zuweisen würden. Sie besitzen <em class="gesperrt">dementsprechend</em> —
+aus einem später zu erläuternden Zusammenhange — ein äußerst
+kompliziertes Zeremoniell und eine so feine sprachliche Abstufung der
+Verwandtschaftsgrade, wie sie nirgends, selbst in hohen Kulturen nicht,
+wieder beobachtet worden ist. Dem entspricht es, daß die Griechen
+in ihrer reifsten Zeit unter Perikles in Analogie zur euklidischen
+Mathematik weder einen Sinn für das Zeremoniell des öffentlichen Lebens
+noch für die Einsamkeit besaßen, sehr im Gegensatz zum Barock, das
+neben der Analysis des Raumes den Hof des Sonnenkönigs und ein auf
+dynastischen Verwandtschaften beruhendes Staatensystem entstehen sah.</p>
+
+<p>Es ist der Stil einer Seele, der in einer Zahlenwelt, aber nicht in
+ihrer wissenschaftlichen Fassung allein zum Ausdruck kommt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_3">3</h3>
+
+</div>
+
+<p>Daraus folgt ein entscheidender Umstand, der den Mathematikern selbst
+bisher verborgen geblieben ist.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Eine Zahl an sich gibt es nicht und kann es nicht geben.</em> Es
+gibt mehrere Zahlenwelten, weil es mehrere Kulturen gibt. Wir finden
+einen indischen, arabischen, antiken, abendländischen Zahlentypus,
+jeder von Grund aus etwas Eignes und Einziges, jeder Ausdruck eines
+andern Weltgefühls, jeder Symbol von einer auch wissenschaftlich genau
+begrenzten Gültigkeit, Prinzip einer Ordnung des Gewordnen, in der sich
+das<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> tiefste Wesen einer einzigen und keiner andern Seele spiegelt,
+derjenigen, welche Mittelpunkt gerade dieser und keiner andern Kultur
+ist. Es gibt demnach mehr als eine Mathematik. Denn ohne Zweifel ist
+das architektonische System der euklidischen Geometrie ein ganz andres
+als das der kartesischen, die Analysis von Archimedes eine andre als
+die von Gauß, nicht nur der Formensprache, der Absicht und den Mitteln
+nach, sondern vor allem in der Tiefe, im ursprünglichen Phänomen der
+Zahl, dessen wissenschaftliche Entwicklung sie darstellt. Diese im
+Geiste und durch den Geist empfangene Zahl, das Grenzerlebnis, das in
+ihr mit innerster Notwendigkeit versinnlicht und Form geworden ist,
+mithin auch die gesamte Natur, die ausgedehnte Welt, deren Bild durch
+diese spontane Grenzgebung entstand und die immer nur der Behandlung
+durch eine einzige Art von Mathematik zugänglich ist, das alles spricht
+nicht vom allgemeinen, sondern jedesmal von einem ganz bestimmten
+Menschentum.</p>
+
+<p>Es hängt also für den Stil einer entstehenden Mathematik alles
+davon ab, in welcher Kultur sie wurzelt, was für Menschen über sie
+nachdenken. Denn die Zahl geht dem Geiste vorauf, nicht umgekehrt.
+Zahlen sind schöpferische, nicht geschaffene Wesenheiten. Der
+Geist kann die in ihnen verborgnen formalen Möglichkeiten zur
+wissenschaftlichen Entfaltung bringen, sie handhaben, an ihrer
+Behandlung zur höchsten Reife gelangen; sie zu modifizieren ist er
+völlig außerstande. In den frühesten Formen des Ornaments und der
+Architektur, schon in der dorischen Säule und der Kathedralgotik ist
+die Idee der euklidischen Geometrie und der Infinitesimalrechnung
+verwirklicht, Jahrhunderte bevor der erste Mathematiker dieser Kulturen
+geboren wurde.</p>
+
+<p>Ein tiefes inneres Erlebnis, das eigentliche <em class="gesperrt">Erwachen des
+Ich</em>, welches das Kind zum höhern Menschen, zum Gliede der
+ihm angehörigen Kultur macht, bezeichnet den Beginn des Zahlen-
+wie des Sprachverständnisses. Erst von hier an gibt es für das
+Bewußtsein Gegenstände als etwas in jedem Betrachte Begrenztes und
+Wohlunterschiedenes, erst von hier an genau bestimmbare Eigenschaften,
+Begriffe, eine kausale Notwendigkeit, ein <em class="gesperrt">System</em> der Umwelt,
+eine <em class="gesperrt">Weltform</em>, <em class="gesperrt">Weltgesetze</em><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> — das „Gesetzte“ ist seiner
+Natur nach immer das Begrenzte, Starre, den Zahlen Unterworfene —
+und ein plötzliches Gefühl dafür, was Zahlen, sei es in Gestalt
+einer bildenden Kunst oder einer mathematischen Wissenschaft,
+<em class="gesperrt">bedeuten</em>. Man begreift, daß sie dem Urmenschen wie dem Kinde
+noch verschlossen sind und daß eine entscheidende — historische oder
+biographische — Epoche eintritt, sobald der in seiner Bedeutung
+erfaßte Akt des Zählens, Messens, Zeichnens, Formens eine ganz neue
+Welt aus einem neu erschlossenen Innenleben hervorgehen läßt. Dies
+Erlebnis aber, mit dem der <em class="gesperrt">große Stil</em> beginnt, <em class="gesperrt">trennt</em>
+Kulturen, Arten der Seele <em class="gesperrt">als Individuen</em> aus dem primitiv
+Menschlichen ab.</p>
+
+<p>Nun hat Kant den Besitz menschlichen Wissens nach Synthesen a priori
+(notwendig und allgemeingültig) und a posteriori (aus Erfahrung
+stammend) eingeteilt und die mathematische Erkenntnis den ersteren
+zugerechnet. Zweifellos hat er damit ein starkes inneres Gefühl in
+eine abstrakte Fassung gebracht. Aber ganz abgesehen davon, daß eine
+scharfe Grenze zwischen beiden, wie sie nach der ganzen Herkunft
+des Prinzips unbedingt gefordert werden müßte, nicht vorhanden ist
+(wofür die moderne höhere Mathematik und Mechanik mehr als hinreichend
+Beispiele gibt), erscheint auch das a priori, sicherlich eine der
+genialsten Konzeptionen aller Erkenntniskritik, als ein höchst
+schwieriger Begriff. Kant setzt mit ihm, ohne sich die Mühe eines
+Beweises zu geben — der sich auch gar nicht erbringen läßt —,
+sowohl die <em class="gesperrt">Unveränderlichkeit der Form</em> aller Geistestätigkeit
+als ihre <em class="gesperrt">Identität für alle Menschen</em> voraus. Infolgedessen
+ist ein Umstand von gar nicht zu überschätzender Tragweite völlig
+übersehen worden, vor allem deshalb, weil Kant bei der Prüfung seiner
+Gedanken nur das geistige Material und den intellektuellen Habitus
+seiner Zeit zu Rate zog. Er betrifft den <em class="gesperrt">schwankenden Grad</em>
+dieser „Allgemeingültigkeit“. Neben gewissen Faktoren von zweifellos
+weitreichender Geltung, die wenigstens scheinbar unabhängig davon
+sind, zu welcher Kultur, in welches Jahrhundert der Erkennende gehört,
+liegt allem Denken auch noch eine ganz andere Notwendigkeit der Form
+zugrunde, welcher der Mensch eben als Glied <em class="gesperrt">einer bestimmten und
+keiner anderen</em><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Kultur unterworfen ist. Das sind nun zwei sehr
+verschiedene Arten des apriorischen Gehaltes und es ist eine nie zu
+beantwortende, weil jenseits aller Erkenntnismöglichkeiten liegende
+Frage, welches die Grenze zwischen ihnen ist und ob es eine solche
+überhaupt gibt. Daß die bisher als selbstverständlich geltende Konstanz
+der geistigen Formen eine Illusion ist, daß es innerhalb der uns
+vorliegenden Geschichte mehr als einen <em class="gesperrt">Stil des Erkennens</em> gibt,
+hat man bisher nicht anzunehmen gewagt. Aber es sei daran erinnert,
+daß der consensus omnium nicht nur eine allgemeine Wahrheit, sondern
+auch einen allgemeinen Irrtum beweisen kann. Ein dunkler Zweifel
+war allenfalls immer da und man hätte das Richtige schon aus der
+Nichtübereinstimmung sämtlicher Denker erschließen sollen. Aber daß
+diese nicht auf eine Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, auf
+ein „Noch nicht“ einer endgültigen Erkenntnis zurückgeht, kein Mangel,
+sondern eine schicksalhafte historische Notwendigkeit ist — das ist
+eine <em class="gesperrt">Entdeckung</em>. Das Tiefste und Letzte kann nicht aus der
+Konstanz, sondern allein aus der <em class="gesperrt">Verschiedenheit</em> und nur aus
+der <em class="gesperrt">organischen Periodizität</em> dieser Verschiedenheit erschlossen
+werden. Die <em class="gesperrt">vergleichende Morphologie der Erkenntnisformen</em> ist
+eine Aufgabe, die dem abendländischen Denken noch vorbehalten ist.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_4">4</h3>
+
+</div>
+
+<p>Wäre Mathematik eine bloße Wissenschaft wie die Astronomie oder
+Mineralogie, so würde man ihren Gegenstand definieren können. Man kann
+es nicht und hat es nicht gekonnt. Mögen wir Westeuropäer auch den
+eignen wissenschaftlichen Zahlbegriff gewaltsam auf das anwenden, was
+die Mathematiker in Athen und Bagdad beschäftigte, so viel ist sicher,
+daß Thema, Absicht und Methode der gleichnamigen Wissenschaft dort ganz
+andre waren. <em class="gesperrt">Es gibt keine Mathematik, es gibt nur Mathematiken.</em>
+Was wir Geschichte „der“ Mathematik nennen, vermeintlich die
+fortschreitende Verifikation eines einzigen und unveränderlichen
+Ideals, ist in der Tat, sobald man das täuschende Bild der historischen
+Oberfläche beseitigt, eine <em class="gesperrt">Mehrzahl</em> in sich geschlossener,
+unabhängiger<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Prozesse, eine wiederholte Geburt neuer, ein Aneignen,
+Umbilden und Abstreifen fremder Formenwelten, ein rein organisches, an
+eine bestimmte <em class="gesperrt">Dauer</em> gebundenes Aufblühen, Reifen, Welken und
+Sterben. Man lasse sich nicht täuschen. Der ahistorische griechische
+Geist schuf seine Mathematik aus dem Nichts; der historisch angelegte
+Geist des Abendlandes, der die <em class="gesperrt">angelernte</em> antike Wissenschaft
+schon besaß — äußerlich, nicht innerlich —, mußte die eigne durch ein
+scheinbares Ändern und Verbessern, durch ein tatsächliches Vernichten
+der ihm inadäquaten euklidischen gewinnen. Das eine geschah durch
+Pythagoras, das andere durch Descartes. Beide Akte sind in der Tiefe
+<em class="gesperrt">identisch</em>.</p>
+
+<p>Die Verwandtschaft der Formensprache einer Mathematik mit der der
+benachbarten großen Künste wird demnach keinem Zweifel unterliegen.
+Das Ziel jeder Mathematik ist ein in sich vollendetes System von
+Sätzen, das die synthetische Ordnung a priori des starren Ausgedehnten
+repräsentiert, dieselbe unablässig erstrebte Synthese, welche auch im
+Formproblem, jeder bildenden Kunst und in dem Ringen jedes einzelnen
+Künstlers um die technische Meisterschaft auf seinem Gebiete zutage
+tritt. Das Formgefühl des Bildhauers, Malers, Tondichters ist ein
+wesentlich mathematisches. In der geometrischen Analysis und der
+projektiven Geometrie des 17. Jahrhunderts offenbart sich dieselbe
+Ordnung, welche die gleichzeitige Instrumentalmusik fugierten Stils
+durch die Regeln des Kontrapunktes, dieser Geometrie des Tonraumes,
+welche die ihr verschwisterte Ölmalerei durch das Prinzip einer <em class="gesperrt">nur
+dem Abendlande</em> bekannten Perspektive, der gefühlten Geometrie des
+Bildraumes, ins Leben rufen, ergreifen, durchdringen möchte. Sie ist
+das, was Goethe <em class="gesperrt">die Idee</em> nannte, <em class="gesperrt">deren Gestalt im Sinnlichen
+unmittelbar angeschaut werde</em>, während die bloße Wissenschaft nicht
+anschaue, sondern nur beobachte und zergliedere. Aber die Mathematik
+geht über Beobachten und Zergliedern hinaus. Sie verfährt in ihren
+höchsten Augenblicken intuitiv, nicht abstrahierend. Von Goethe stammt
+das tiefe Wort, daß der Mathematiker nur insofern vollkommen sei,
+als er das <em class="gesperrt">Schöne des Wahren</em> in sich empfinde. Hier wird man
+fühlen, wie nahe das Geheimnis im Phänomen<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> der Zahl dem Geheimnis
+der Kunstform liegt, die ebenfalls in einer bedeutsamen Grenzgebung,
+im schönen Maß, in der abgewogenen Größe, der strengen Beziehung, der
+Harmonie, kurz in einer vollkommenen Ordnung von Sinnlichem ihr Ziel
+findet. Damit tritt der geborene Mathematiker neben die großen Meister
+der Fuge, des Meißels und des Pinsels, die ebenfalls jene große Ordnung
+aller Dinge, die der bloße Mitmensch ihrer Kultur in sich trägt, ohne
+sie wirklich zu besitzen, in Symbole kleiden, verwirklichen, mitteilen
+wollen. Damit wird das Reich der Zahlen zum intuitiven Abbild der
+Weltform neben dem Reich der Töne, Linien und Farben. Deshalb bedeutet
+das Wort „schöpferisch“ im Mathematischen mehr als in den bloßen
+Wissenschaften. Newton, Gauß, Riemann waren künstlerische Naturen. Man
+lese nach, wie ihre großen Konzeptionen sie plötzlich überfielen. „Ein
+Mathematiker,“ meinte der alte Weierstraß, „der nicht zugleich ein
+Stück von einem Poeten ist, wird niemals ein vollkommener Mathematiker
+sein.“</p>
+
+<p>Mathematik ist also <em class="gesperrt">auch eine Kunst</em>. Sie hat ihre Stile und
+Stilperioden. Sie ist nicht, wie der Laie meint — auch der Philosoph,
+insofern er hier als Laie urteilt —, der Substanz nach unveränderlich,
+sondern wie jede Kunst von Epoche zu Epoche unvermerkten Wandlungen
+unterworfen. Man sollte die Entwicklung der großen Künste nie
+behandeln, ohne auf die gleichzeitige Mathematik einen gewiß nicht
+unfruchtbaren Seitenblick zu werfen. Einzelheiten in den sehr tiefen
+Beziehungen zwischen den Tendenzen der Musiktheorie von Orlando Lasso
+an und den Entwicklungsphasen der Funktionentheorie sind niemals
+untersucht worden, obwohl die Ästhetik mehr daraus hätte lernen können
+als aus aller „Psychologie“. Alle ganz großen Mathematiker seit
+Fermat, Pascal und Descartes (1630) sind transzendente Analytiker,
+alle antiken von Pythagoras an (540) anschaulich-körperhaft denkende
+Naturen gewesen. Soll ich noch einmal auf die enge Verwandtschaft
+dieser Begabungen mit der anbrechenden Blütezeit dort der reinen
+Instrumentalmusik, hier der ionischen Marmorskulptur hinweisen? Die
+antike Mathematik, ursprünglich beinahe rein planimetrisch, zeigt
+in der Entwicklung<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> von Pythagoras zu Archimedes eine Tendenz zum
+stereometrischen Denken <em class="gesperrt">alles</em> Zahlenmäßigen. Dem entspricht
+die Tendenz der Flächenmalerei attisch-korinthischen Stils über das
+der Fläche aufgesetzte Relief hinaus zur Rundplastik. Die Statue ging
+teils aus der figürlich — reliefmäßig — behandelten Säule (Hera des
+Cheramyes), teils aus der zur Wandverkleidung dienenden Holz- oder
+Erztafel (Artemis der Nikandre) hervor. Sowohl das Holz wie der Poros
+wurden mit dem Schnitzmesser bearbeitet und erst die Behandlung des
+Marmors mit dem Meißel entsprach ganz dem künstlerischen Gefühl der
+Schöpfung eines <em class="gesperrt">Körpers</em>. Aber das Entsprechende geschieht im
+Abendlande. Während die auch weiterhin so genannte Geometrie sich zur
+Analysis des <em class="gesperrt">reinen Raumes</em> umbildet, aus der Schritt für Schritt
+das unmittelbar Optische beseitigt wird — man beachte, wie weit schon
+der Koordinatenbegriff von Descartes über den von Fermat hinausgeht —,
+gewinnt die Instrumentalmusik ihre neuen Ausdrucksmittel. Seit 1520
+beginnt die in Oberitalien erfundene Geige die Laute zu verdrängen.
+Das Fagott ist seit 1525 bekannt. In Deutschland hat sich während
+des 16. und 17. Jahrhunderts die Orgel zum <em class="gesperrt">raumbeherrschenden</em>
+Instrument entwickelt. Monteverdi (1567–1643), der mit der Einführung
+des Dominantseptakkordes die eigentliche Chromatik begründet, besaß
+das erste wirkliche Orchester und um 1630 erscheint mit Frescobaldi
+der erste große Orgelvirtuose. Und neben der analysis situs, dieser
+Meisterschöpfung von Leibniz, steht die mächtige Raumsymbolik der
+letzten Werke Rembrandts, der 1669 starb — die des Selbstbildnisses in
+München, des Darmstädter Christus und des Evangelisten Matthäus.</p>
+
+<p>Sicherlich unterscheidet auch dies das Formwollen jeder Mathematik
+von den rein wissenschaftlichen Absichten aller Physik und Chemie
+und rückt sie in die Nähe der bildenden Künste, daß ihr Element, die
+starren Zahlen, seien sie nun optisch oder transzendent aufgefaßt,
+keine empirischen Wirklichkeiten sind, sondern reine Formen des
+Ausgedehnten wie ornamentale Linien und musikalische Harmonien,
+ihr Verfahren also, mit Kant zu reden, synthetisch, künstlerisch
+gesprochen <em class="gesperrt">Komposition</em> ist, in welcher der echte Künstler einem
+<em class="gesperrt">höheren<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Zwange — dem „a priori“ Kants</em> — unterliegt. Das
+mag in den populären Teilen einer Mathematik weniger hervortreten,
+aber die Zahlengebilde höherer Ordnung, zu denen jede von ihnen und
+im Unterschiede von jeder andern alsbald aufsteigt, wie das indische
+Dezimalsystem, die antiken Gruppen der Kegelschnitte, der Primzahlen
+und der regelmäßigen Polyeder, im Abendlande der Zahlkörper, die
+mehrdimensionalen Räume, die höchst transzendenten Gebilde der
+Transformations- und Mengenlehre, die Gruppe der nichteuklidischen
+Geometrien, sind nicht mehr von rein verstandesmäßiger Herkunft und
+setzen, um in ihren letzten, völlig metaphysischen Gründen durchschaut
+zu werden, eine Art visionärer Erleuchtung voraus. Hier handelt es
+sich um ein inneres Erlebnis, nicht nur um Erkenntnis. Erst hier
+beginnt die <em class="gesperrt">große</em> Symbolik der Zahlen. Diese Formen, wie sie im
+Geiste großer Meister im Namen ihrer Kultur, als Ausdruck der letzten
+Geheimnisse ihres Weltgefühls entstehen, offenbaren dem Eingeweihten
+etwas wie den Urgrund seines Daseins. Diese Schöpfungen muß man wie
+das Innere eines Domes, wie die Verse der Engel im Faustprolog oder
+eine Kantate von Bach auf sich wirken lassen, wozu es glücklicher und
+seltener Stunden bedarf. Nur wer dies vermag, und es wird immer nur
+eine sehr kleine Zahl reifer Geister sein, begreift Plato, wenn er die
+ewigen Ideen seines Kosmos „<em class="gesperrt">die Zahlen</em>“ nannte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_5">5</h3>
+
+</div>
+
+<p>Als man im Kreise der Pythagoräer um 540 zu der Einsicht kam, daß
+<em class="gesperrt">das Wesen aller Dinge die Zahl</em> sei, da wurde nicht „in der
+Entwicklung der Mathematik ein Schritt vorwärts getan“, sondern es
+wurde eine ganz neue Mathematik aus der Tiefe des antiken Seelentums
+geboren, als selbstbewußte Theorie, nachdem sie in metaphysischen
+Problemen und künstlerischen Formtendenzen sich längst angekündigt
+hatte. Eine neue Mathematik, wie die stets ungeschrieben gebliebene
+der ägyptischen und wie die algebraisch-astronomisch gestaltete der
+babylonischen Kultur mit ihren ekliptischen Koordinatensystemen, die
+beide in einer großen Stunde der Geschichte einmal geboren worden und
+damals längst erloschen waren. Die zur Römerzeit<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> schon greisenhafte
+antike Mathematik verschwand aus dem lebendigen Werden trotz ihres
+noch heute währenden Scheindaseins in unsrer Bezeichnungsweise,
+um viel später und in einer entfernten Landschaft der arabischen
+Platz zu machen; auf diese längst erstorbene folgte nach langer
+Zwischenzeit, wieder als eine ganz neue Schöpfung eines neuen
+Bodens, die abendländische, <em class="gesperrt">unsere</em> Mathematik, die wir in
+seltsamer Verblendung als die Mathematik, den Gipfel und das Ziel
+einer zweitausendjährigen Entwicklung ansehen und deren heute fast
+abgelaufene Jahrhunderte ebenso streng bemessen sind.</p>
+
+<p>Jener Ausspruch, daß die Zahl das Wesen aller <em class="gesperrt">sinnlich
+greifbaren</em> Dinge darstelle, ist der wertvollste der antiken
+Mathematik geblieben. Mit ihm ist die Zahl als <em class="gesperrt">Maß</em> definiert.
+Darin liegt das ganze Weltgefühl einer dem <em class="gesperrt">Jetzt und Hier</em>
+leidenschaftlich zugewendeten Seele. Messen in diesem Sinne heißt etwas
+Nahes und Körperhaftes messen. Denken wir an den Inbegriff des antiken
+Kunstwerkes, die freistehende Bildsäule eines nackten Menschen: Hier
+ist alles Wesentliche und Bedeutsame des Daseins, sein ganzes Ethos,
+erschöpfend durch Flächen, Maße und die sinnlichen Verhältnisse der
+Teile gegeben. Der pythagoräische Begriff der Harmonie der Zahlen,
+obwohl vielleicht aus der — monophonen — Musik abgeleitet, scheint
+durchaus für das Ideal dieser Plastik geprägt zu sein. Der behandelte
+Stein ist nur insofern ein Etwas, als er abgewogene Grenzen und
+gemessene Form besitzt, als das, was er unter dem Meißel des Künstlers
+<em class="gesperrt">geworden</em> ist. Abgesehen davon ist er ein <em class="gesperrt">Chaos</em>, etwas
+noch nicht Verwirklichtes, vorläufig also ein Nichts. Dies Gefühl, ins
+Große übertragen, schafft als Gegensatz zum Chaos den <em class="gesperrt">Kosmos</em>,
+die Außenwelt der antiken Seele, die harmonische Ordnung aller
+wohlbegrenzten und greifbar gegenwärtigen Einzeldinge. Die Summe
+dieser Dinge ist bereits die <em class="gesperrt">ganze Welt</em>. Der Abstand zwischen
+ihnen, <em class="gesperrt">unser</em> mit dem ganzen Pathos eines großen Symbols
+erfüllter Weltraum, ist nichts, τὸ μὴ ὄν. Ausdehnung heißt für den
+antiken Menschen Körperlichkeit, für uns Raum, als dessen Funktion die
+Dinge „erscheinen“. Von hier aus rückwärts blickend enträtseln wir
+vielleicht den tiefsten Begriff der antiken Metaphysik, das ἄπειρον
+Anaximanders, das sich in keine Sprache<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> des Abendlandes übersetzen
+läßt: es ist das, was keine „Zahl“ im pythagoräischen Sinne besitzt,
+keine gemessene Größe und Grenze, kein Wesen also; das Maßlose, die
+Unform, eine Statue, die noch nicht aus dem Blocke herausgemeißelt ist.
+Dies ist die ἀρχή, das optisch Grenzen- und Formlose, das erst durch
+Grenzen, sinnliche Vereinzelung ein Etwas, die Welt nämlich, wird. Es
+ist das, was der antiken Erkenntnis als Form a priori zugrunde liegt,
+Körperlichkeit an sich, und an dessen Stelle im kantischen Weltbilde
+genau entsprechend der absolute Raum erscheint, aus dem Kant sich
+angeblich „alle Dinge fortdenken konnte“.</p>
+
+<p>Man wird jetzt begreifen, was eine Mathematik von der andern, was
+insbesondere die antike von der abendländischen scheidet. Das reife
+antike Denken konnte seinem ganzen Weltgefühl nach in der Mathematik
+nur die Lehre von den Größen-, Maß- und Gestaltverhältnissen
+leibhafter Körper sehen. Wenn Pythagoras aus diesem Gefühl heraus
+die entscheidende Formel aussprach, so war eben für ihn die Zahl ein
+<em class="gesperrt">optisches</em> Symbol, nicht Form überhaupt oder abstrakte Beziehung,
+sondern das Grenzzeichen des Gewordnen, insofern dieses in sinnlich
+übersehbaren Einzelheiten auftritt. Zahlen werden von der gesamten
+Antike ohne Ausnahme, als Maßeinheiten, als Größen, Strecken, Flächen
+aufgefaßt. Eine andre Art Ausdehnung ist ihr nicht vorstellbar. Alle
+antike Mathematik ist im letzten Grunde <em class="gesperrt">Stereometrie</em>. Euklid,
+der im 3. Jahrhundert ihr System abschloß, meint, wenn er von einem
+Dreieck spricht, mit innerster Notwendigkeit die Grenzfläche eines
+Körpers, niemals ein System dreier sich schneidender Geraden oder eine
+Gruppe dreier Punkte im Raume von drei Dimensionen. Er bezeichnet die
+Linie als „Länge ohne Breite“ (μῆκος ἀπλατές). In unserm Munde wäre
+diese Definition kläglich gewesen. Innerhalb der antiken Mathematik ist
+sie ausgezeichnet.</p>
+
+<p>Auch die abendländische Zahl ist nicht, wie Kant und selbst Helmholtz
+dachten, aus der „apriorischen Anschauungsform der Zeit“ entwickelt,
+sondern als Ordnung gleichartiger Einheiten etwas spezifisch
+Räumliches. Die Zeit hat, wie sich immer deutlicher zeigen wird, mit
+mathematischen Dingen nicht das Geringste zu tun. Zahlen gehören
+ausschließlich in die Sphäre des Ausgedehnten. Aber es gibt so viele
+Möglichkeiten und<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> also Notwendigkeiten, Ausgedehntes geordnet
+vorzustellen, als es Kulturen gibt. Die antike Zahl ist nicht ein
+Denken räumlicher Beziehungen, sondern <em class="gesperrt">für das leibliche Auge</em>
+abgegrenzter, greifbarer Einheiten. Die Antike kennt deshalb — das
+folgt mit Notwendigkeit — nur die „<em class="gesperrt">natürlichen</em>“ (<em class="gesperrt">positiven
+ganzen</em>) Zahlen, die unter den vielen, höchst abstrakten Zahlenarten
+der abendländischen Mathematik, den komplexen, hyperkomplexen,
+nichtarchimedischen u.&#8239;a. Systemen eine durch nichts ausgezeichnete
+Rolle spielen.</p>
+
+<p>Deshalb ist die Vorstellung irrationaler Zahlen, in unsrer Schreibweise
+also unendlicher Dezimalbrüche, dem griechischen. Geiste unvollziehbar
+geblieben. Euklid sagt — und man hätte ihn besser verstehen sollen
+—, daß inkommensurable Strecken sich „<em class="gesperrt">nicht wie Zahlen</em>“
+verhalten. In der Tat liegt im vollzogenen Begriff der irrationalen
+Zahl die völlige Trennung des <em class="gesperrt">Zahlbegriffs</em> vom Begriff der
+<em class="gesperrt">Größe</em> und zwar deshalb, weil eine solche Zahl, π z.&#8239;B., niemals
+abgegrenzt oder exakt durch eine Strecke dargestellt werden kann.
+Daraus folgt aber, daß in der Vorstellung z.&#8239;B. des Verhältnisses der
+Quadratseite zur Diagonale die antike Zahl, die eben <em class="gesperrt">sinnliche</em>
+Grenze, <em class="gesperrt">abgeschlossene Größe</em> und nichts andres ist, eine
+ganz andre Zahlidee berührt, die dem antiken Weltgefühl im tiefsten
+Innern fremd und darum unheimlich ist, als sei man nahe daran, ein
+gefährliches Geheimnis des eignen Daseins aufzudecken. Dies verrät
+ein seltsamer spätgriechischer Mythus, wonach derjenige, welcher
+zuerst die Betrachtung des Irrationalen aus dem Verborgnen an die
+Öffentlichkeit brachte, durch einen Schiffbruch umgekommen sei, „weil
+das Unaussprechliche und Bildlose immer verborgen bleiben solle“.
+Wer die Angst fühlt, welche diesem Mythus zugrunde liegt — es ist
+dieselbe, welche den Griechen der reifsten Zeit vor der Ausdehnung
+seiner winzigen Stadtstaaten zu politisch organisierten Landschaften,
+vor der Anlage weiter Straßenfluchten und Alleen mit Fernblicken
+und berechneten Abschlüssen, vor der babylonischen Astronomie mit
+ihrer Durchdringung endloser Sternenräume und vor dem Verlassen des
+Mittelmeeres auf Bahnen, welche die Schiffe der Ägypter und Phöniker
+längst erschlossen hatten, immer wieder zurückschrecken ließ, die tiefe
+metaphysische Angst vor der<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Auflösung des Greifbar-Sinnlichen und
+Gegenwärtigen, mit dem sich das antike Dasein wie mit einer Schutzmauer
+umgeben hatte, hinter der etwas Unheimliches, ein Abgrund und Urgrund
+dieses gewissermaßen künstlich geschaffenen und behaupteten Kosmos
+schlief —, wer dies Gefühl begreift, der hat auch den letzten Sinn
+der antiken Zahl, <em class="gesperrt">des Maßes im Gegensatz zum Unermeßlichen</em> und
+das hohe religiöse Ethos in ihrer Beschränkung begriffen. Goethe,
+als Künstler, hat es sich wenigstens in seinen Naturstudien mit
+Leidenschaft zu eigen gemacht — daher seine fast ängstliche Polemik
+gegen die Mathematik, die sich in Wirklichkeit, was noch niemand recht
+verstanden hat, instinktiv durchaus gegen die <em class="gesperrt">nichtantike</em>
+Mathematik, die der Naturlehre seiner Zeit zugrunde liegende
+Infinitesimalrechnung richtete.</p>
+
+<p>Die antike Religiosität sammelt sich mit steigender Ausdrücklichkeit in
+sinnlich gegenwärtigen — <em class="gesperrt">ortsgebundenen</em> — Kulten, die allein
+jenes bildhafte, immernahe Göttertum repräsentieren. Abstrakte, in den
+heimatlosen Räumen des Denkens verschwebende <em class="gesperrt">Dogmen</em> sind ihm
+immer fern geblieben. Kult und Dogma verhalten sich wie die Statue zur
+Orgel im Dom. Es haftet der euklidischen Mathematik zweifellos etwas
+Kultisches an. Man denke an die Lehre von den regelmäßigen Polyedern
+und ihre Bedeutung für die Esoterik des platonischen Kreises. Dem
+entspricht andrerseits eine tiefe Verwandtschaft der Analysis des
+Unendlichen von Descartes an mit der gleichzeitigen Dogmatik in ihrem
+Fortschreiten zu einem reinen, von allen sinnlichen Bezügen gelösten
+Deismus. Voltaire, Lagrange und d’Alembert sind Zeitgenossen. Man
+empfand aus dem antiken Seelentum heraus das Prinzip des Irrationalen,
+also die Zerstörung der statuarischen Reihe der ganzen Zahlen, der
+Repräsentanten einer in sich vollkommenen Weltordnung, als einen Frevel
+gegen das Göttliche selbst. Bei Plato, im Timäus, ist dies Gefühl
+unverkennbar. Mit der Verwandlung der diskontinuierlichen Zahlenreihe
+in ein Kontinuum wird in der Tat nicht nur der antike Zahlbegriff,
+sondern der Begriff der antiken Welt selbst in Frage gestellt. Man
+begreift nun, daß nicht einmal die uns ohne Schwierigkeit vorstellbaren
+<em class="gesperrt">negativen</em> Zahlen, geschweige denn die <em class="gesperrt">Null als Zahl</em> —
+welche für die indische<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Seele, die sie zuerst konzipiert hat, einen
+ganz entscheidenden metaphysischen Akzent besitzt — in der antiken
+Mathematik möglich sind. Negative <em class="gesperrt">Größen</em> gibt es nicht. Der
+Ausdruck −2&#8239;.&#8239;−3&#8239;=&#8239;+6 ist weder anschaulich noch eine Größenvorstellung.
+Mit +1 ist die Größenreihe zu Ende. In der graphischen Darstellung
+negativer Zahlen <img class="h1_2em vam" src="images/pg097_reihe.jpg" alt="Zahlenreihe, von plus 3 bis minus 3">
+werden von Null an die Strecken plötzlich <em class="gesperrt">positive Symbole</em> von
+etwas Negativem. Sie <em class="gesperrt">bedeuten</em> etwas, sie <em class="gesperrt">sind</em> nichts
+mehr. Negative Zahlen sind nicht Größen, sondern etwas, das durch
+Größen nur angedeutet werden kann. Die Vollziehung dieses Aktes lag
+aber nicht in der Richtung des antiken Zahlendenkens.</p>
+
+<p>Alles aus antikem Geist Geborene ist also allein durch plastische
+Begrenztheit zum Range eines Wirklichen erhoben worden. Was sich nicht
+zeichnen läßt, ist nicht „Zahl“. Plato, Archytas und Eudoxos reden
+von Flächen- und Körperzahlen, wenn sie unsere zweiten und dritten
+Potenzen meinen, und es versteht sich von selbst, daß der Begriff
+höherer ganzzahliger Potenzen für sie nicht vorhanden ist. Eine Potenz
+vierten Grades würde aus dem plastischen Grundgefühl, das sofort eine
+vierdimensionale Ausgedehntheit substituiert, Unsinn sein. Ein Ausdruck
+gar wie e<sup>-ix</sup>, der in unsern Formeln ständig erscheint, oder auch nur
+die schon im 14. Jahrhundert von Oresme verwandte Bezeichnung 5<sup>&#189;</sup>
+wären ihnen völlig absurd erschienen. Euklid nennt die Faktoren eines
+Produkts Seiten (πλευραί). Man rechnet mit Brüchen — endlichen, wie
+sich versteht —, indem man das ganzzahlige Verhältnis zweier Strecken
+untersucht. Eben deshalb kann die Idee der Zahl Null gar nicht in
+Erscheinung treten, denn sie hat zeichnerisch keinen Sinn. Man wende
+nicht von der Gewöhnung unseres anders angelegten Denkens her ein,
+daß dies eben die „Urstufe“ in der Entwicklung „der“ Mathematik sei.
+Die antike Mathematik ist innerhalb der Welt, welche die antike Welt
+um sich herum schuf, etwas Vollkommenes. Sie ist es nur nicht <em class="gesperrt">für
+uns</em>. Die babylonische und die indische Mathematik hatten das für
+das antike Zahlengefühl Unsinnige längst zu wesentlichen Bestandteilen
+<em class="gesperrt">ihrer</em> Zahlenwelten gemacht, und mancher griechische Denker wußte
+darum. Die Mathematik, es sei noch einmal gesagt, ist<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> eine Illusion.
+Wirklich ist, was dem eignen Seelentum adäquat und symbolisch bedeutend
+ist. Dies allein ist „denknotwendig“, das andre ist unmöglich,
+verfehlt, unsinnig, oder, wie wir mit dem Hochmut historischer
+Geister zu sagen vorziehen, „primitiv“. Die moderne Mathematik, ein
+Meisterstück des abendländischen Geistes — „wahr“ allerdings nur für
+ihn —, wäre Plato als lächerliche und mühselige Verirrung auf dem
+Wege erschienen, der <em class="gesperrt">wahren</em> Mathematik, der antiken natürlich,
+beizukommen; und wir machen uns sicherlich kaum eine Vorstellung davon,
+was alles an großen Konzeptionen fremder Kulturen wir haben untergehen
+lassen, weil wir es aus <em class="gesperrt">unserem</em> Denken und dessen Grenzen heraus
+nicht assimilieren konnten oder, was dasselbe ist, weil wir es als
+falsch, überflüssig und sinnlos empfanden.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_6">6</h3>
+
+</div>
+
+<p>Die antike Mathematik als Lehre von anschaulichen Größen will
+ausschließlich die Tatsachen des Gegenwärtigen deuten, und sie
+beschränkt also ihre Forschung wie ihren Geltungsbereich auf
+Gegenstände der Nähe und des Kleinen. Dieser Konsequenz gegenüber
+ergibt sich etwas sehr Unlogisches im praktischen Verhalten der
+abendländischen Mathematik, was eigentlich erst seit Entdeckung der
+nichteuklidischen Geometrien recht erkannt worden ist. Zahlen sind
+reine Formen des erkennenden Geistes. Ihre exakte Anwendbarkeit auf
+die reale Anschauung ist also ein Problem für sich. Die Kongruenz
+mathematischer Systeme mit der Empirie ist nichts weniger als
+selbstverständlich. Trotz des Laienvorurteils von der unmittelbaren
+mathematischen Evidenz der Anschauung, wie es sich bei Schopenhauer
+findet, stimmt die euklidische Geometrie, welche mit der populären
+Geometrie aller Zeiten eine oberflächliche Identität besitzt, nur in
+sehr engen Grenzen („auf dem Papier“) mit der Anschauung annähernd
+überein. Wie es bei großen Entfernungen steht, lehrt die einfache
+Tatsache, daß Parallelen sich am Horizont berühren. Die gesamte
+malerische Perspektive beruht auf ihr. Trotzdem ging Kant, der
+für einen abendländischen Denker in unverzeihlicher Weise vor der
+„Mathematik der Fernen“ auswich und sich stets, ganz „antik“, auf
+winzige Figuren berief, an denen gerade ihrer<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Kleinheit wegen das
+spezifisch abendländische, das infinitesimale Raumproblem gar nicht
+in Erscheinung treten konnte, von einer naiven Größenvergleichung
+aus. Euklid vermied es ebenfalls, aber für einen antiken Denker mit
+Recht, sich für die anschauliche Gewißheit seiner Axiome etwa auf ein
+Dreieck zu berufen, dessen Punkte durch den Standort des Beobachters
+und zwei Fixsterne gebildet werden, das also weder gezeichnet noch
+„angeschaut“ werden kann. Es war hier dasselbe Gefühl wirksam, das
+vor dem Irrationalen zurückschreckte und das Nichts nicht als Null,
+als Zahl, zu begreifen wagte, das also auch im Anschauen kosmischer
+Verhältnisse dem Unermeßlichen aus dem Wege ging, um das Symbol des
+Maßes zu bewahren.</p>
+
+<p>Aristarch von Samos, der um 270 das Weltsystem entwarf, welches
+bei seiner Wiederentdeckung durch Kopernikus die metaphysische
+Leidenschaft des Abendlandes im tiefsten erregte — man denke an
+Giordano Bruno —, das eine Erfüllung gewaltiger Ahnungen und eine
+Bestätigung jenes faustischen, gotischen Weltgefühls war, das schon
+in der Architektur seiner Kathedralen der Idee des unendlichen
+Raumes ein Opfer dargebracht hatte, wurde mit seinem Gedanken von
+der Antike völlig gleichgültig aufgenommen und bald — man möchte
+sagen absichtlich — vergessen. In der Tat ist das aristarchische
+Weltsystem für <em class="gesperrt">diese</em> Kultur seelisch belanglos. Es wäre ihrer
+Grundidee sogar gefährlich geworden. Und doch war es im Unterschiede
+von dem des Kopernikus — diese entscheidende Tatsache ist immer
+unbeachtet geblieben — durch eine besondere Fassung dem antiken
+Weltgefühl genau angepaßt. Aristarch nahm als <em class="gesperrt">Abschluß</em> des
+Kosmos eine körperlich durchaus begrenzte, optisch zu beherrschende
+<em class="gesperrt">Hohlkugel</em> an, in deren Mitte das kopernikanisch gedachte
+Planetensystem sich befindet. Damit war das Prinzip des Unendlichen,
+das den sinnlich-antiken Grenzbegriff gefährdet hätte, überwunden.
+Kein Gedanke an einen grenzenlosen Weltraum taucht auf, der hier
+schon unvermeidlich erscheint und dessen Konzeption dem babylonischen
+Denken längst gelungen war. Im Gegenteil. Archimedes beweist in seiner
+berühmten Schrift von der „Sandzahl“ — wie schon das Wort verrät, der
+Widerlegung aller infinitesimalen Tendenzen, obwohl sie immer wieder
+als erster Schritt<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> auf dem Wege zum modernen Integrationskalkül
+betrachtet wird —, daß dieser stereometrische Körper, denn etwas
+anderes ist der aristarchische Kosmos nicht, mit Atomen (Sand)
+erfüllt, zu <em class="gesperrt">sehr großen</em>, aber <em class="gesperrt">nicht zu unendlichen</em>
+Resultaten führe. Das heißt aber gerade alles, was <em class="gesperrt">uns</em> die
+Analysis bedeutet, verneinen. Das Weltall unsrer Physik ist, wie die
+immer wieder scheiternden und sich dem Geiste von neuem aufdrängenden
+Hypothesen über den stofflich, d.&#8239;h. mittelbar anschaulich gedachten
+Weltäther beweisen, die strengste Verleugnung aller materiellen
+Begrenztheit. Plato, Apollonius und Archimedes, sicherlich die feinsten
+und kühnsten Mathematiker der Antike, haben eine <em class="gesperrt">rein optische</em>
+Analysis des Gewordnen auf der Grundlage des plastisch-antiken
+Grenzwertes vollkommen durchgeführt. Sie gebrauchen tiefdurchdachte
+und uns schwer zugängliche Methoden einer Integralrechnung, die selbst
+mit der Methode des bestimmten Integrals von Leibniz nur scheinbare
+Ähnlichkeit besitzt, und sie wenden geometrische Örter und Koordinaten
+an, die durchaus benannte Maßzahlen und Strecken und nicht wie bei
+Fermat und vor allem bei Descartes unbenannte räumliche Beziehungen,
+Werte von Punkten in bezug auf ihre Lage im Raum sind. Hierher gehört
+vor allem die Exhaustionsmethode des Archimedes in seiner kürzlich
+entdeckten Schrift an Eratosthenes, wo er z.&#8239;B. die Quadratur des
+Parabelsegments auf der Berechnung eingeschriebener Rechtecke (nicht
+mehr ähnlicher Polygone) begründet. Aber gerade die geistreiche,
+unendlich verwickelte Art, wie er in Anlehnung an gewisse geometrische
+Ideen Platos zum Resultat kommt, macht den ungeheuren Gegensatz
+zwischen dieser Intuition und der oberflächlich ähnlichen Pascals etwa
+fühlbar. Es gibt keinen schärferen Gegensatz hierzu — wenn man vom
+Riemannschen Integralbegriff ganz absieht — als die leider heute noch
+sogenannten Quadraturen, bei denen die „Fläche“ als durch eine Funktion
+begrenzt bezeichnet wird und von einer zeichnerischen Handhabe keine
+Rede mehr ist. Nirgends kommen beide Mathematiken einander so nahe und
+nirgends läßt sich die unüberschreitbare Kluft zweier Seelen, deren
+Ausdruck sie sind, gewisser fühlen.</p>
+
+<p>Die reinen Zahlen, deren Phänomen die Ägypter im Stil ihrer
+Tempelhallen, Pyramiden und Statuenreihen mit einer<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> tiefen
+Furcht vor ihrem Ursprung gleichsam verbargen, waren auch für die
+Hellenen der Schlüssel zum Sinn des Gewordenen, <em class="gesperrt">Starren und also
+Vergänglichen</em>. Die mathematische Zahl als formales Grundprinzip
+der ausgedehnten Welt, die nur <em class="gesperrt">aus</em> dem wachen menschlichen
+Bewußtsein und für dieses da ist, steht durch das Medium der kausalen
+Notwendigkeit zum <em class="gesperrt">Tode</em> in Beziehung, wie die chronologische
+Zahl zum Werden, zum Leben, zur Notwendigkeit des Schicksals.
+Dieser Zusammenhang der mathematischen Form mit dem <em class="gesperrt">Ende</em> des
+organischen Seins, mit der Erscheinung seines anorganischen Restes,
+des Leichnams, wird sich immer deutlicher als der Ursprung aller
+großen Kunst enthüllen. Wir bemerkten schon die Entwicklung der
+frühen Ornamentik aus dem Bestattungskult. <em class="gesperrt">Zahlen sind Symbole des
+Vergänglichen.</em> Starre Formen verneinen das Leben. Formeln und
+Gesetze breiten Starrheit über das Bild der Natur. Zahlen töten. Es
+sind die Mütter Fausts, die hehr in Einsamkeit thronen, „in der Gebilde
+losgebundne Reiche</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Gestaltung, Umgestaltung,</div>
+ <div class="verse indent0">Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung,</div>
+ <div class="verse indent0">Umschwebt von Bildern aller Kreatur.“</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Hier berühren sich Goethe und Plato im Ahnen eines letzten
+Geheimnisses. Die Mütter, das Unzugängliche — Platos Ideen —
+bezeichnen die <em class="gesperrt">Möglichkeiten</em> eines Seelentums, seine ungeborenen
+Formen, welche sich in der sichtbaren, aus der Idee dieses Seelentums
+heraus mit innerster Notwendigkeit geordneten Welt als tätige und
+geschaffene Kultur, als Kunst, Gedanke, Staat, Religion verwirklicht
+haben. Hierauf beruht die Verwandtschaft des Zahlensystems einer Kultur
+mit deren Weltidee, eine Beziehung, die es über das bloße Wissen und
+Erkennen zur Bedeutung einer Weltanschauung erhebt und die bewirkt,
+daß es so viele Mathematiken — Zahlenwelten — gibt als es hohe
+Kulturen gibt. So allein wird es begreiflich und <em class="gesperrt">notwendig</em>, daß
+die größten mathematischen Denker, bildende Künstler im Reiche der
+Zahlen, aus tief religiöser Intuition zur Auffindung der entscheidenden
+mathematischen Probleme ihrer Kultur gelangt sind. So hat man sich
+die Schöpfung der antiken, apollinischen Zahl durch Pythagoras,
+den <em class="gesperrt">Stifter einer Religion</em>, zu denken. Dies Urgefühl hat
+Nicolaus Cusanus, den<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> großen Bischof von Brixen, geleitet, als er
+um 1450 von der Betrachtung der Unendlichkeit Gottes in der Natur
+ausgehend die Grundzüge der Infinitesimalrechnung fand. Leibniz, der
+ihre Idee zwei Jahrhunderte später vollendete, hat selbst aus rein
+metaphysischen Betrachtungen über das göttliche Prinzip und seine
+Beziehung zum unendlichen Ausgedehnten die <i>analysis situs</i>
+entwickelt, vielleicht die genialste Interpretation des reinen, von
+allem Sinnlichen befreiten Raumes, deren reiche Möglichkeiten erst
+im 19. Jahrhundert durch Graßmann in seiner Ausdehnungslehre und
+Riemann in seiner Symbolik der zweiseitigen Flächen, welche die Natur
+von Gleichungen repräsentieren, entfaltet worden sind. Descartes,
+ein tiefer Christ aus dem Kreise von Port Royal, hat, einem innern
+Bedürfnis folgend, anläßlich seiner philosophisch-mathematischen
+Unterweisung die Pfalzgräfin Elisabeth und Gustav Adolfs Tochter,
+Königin Christine von Schweden, wieder zum Katholizismus bekehrt. Und
+Kepler wie Newton, beide streng religiöse Naturen, blieben sich, wie
+Plato, durchaus bewußt, gerade durch das Medium der Zahlen das Wesen
+einer göttlichen Weltordnung intuitiv erfaßt zu haben.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_7">7</h3>
+
+</div>
+
+<p>Erst Diophant hat, wie man immer hört, die antike Arithmetik aus ihrer
+sinnlichen Gebundenheit befreit, sie erweitert und fortgeführt und
+die Algebra als die Lehre von den unbestimmten Größen geschaffen.
+Das ist allerdings nicht eine Bereicherung, sondern eine vollkommene
+Überwindung des antiken Weltgefühls, und allein dies hätte beweisen
+sollen, daß Diophant der antiken Kultur innerlich nicht mehr angehörte.
+Ein neues Zahlengefühl oder sagen wir Grenzgefühl dem Wirklichen,
+Gewordnen gegenüber ist in ihm tätig, nicht mehr jenes hellenische, aus
+dessen sinnlich-gegenwärtigen Grenzwerten sich neben der euklidischen
+Geometrie der greifbaren Körper auch die sie nachbildende Plastik
+der nackten Statue entwickelt hatte. Einzelheiten der Ausbildung
+dieser <em class="gesperrt">neuen</em> Mathematik kennen wir nicht. Bei Diophant taucht
+unter der <em class="gesperrt">Absicht</em> euklidischer Gedankengänge jenes neue
+Grenzgefühl auf — ich nenne es das <em class="gesperrt">magische</em> —, das sich seiner
+Gegensätzlichkeit zu der<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> angestrebten antiken Fassung gar nicht
+bewußt ist. Die Idee der <em class="gesperrt">Zahl als Größe</em> wird nicht erweitert,
+sondern unvermerkt aufgelöst. Was eine <em class="gesperrt">unbestimmte</em> Zahl a und
+was eine <em class="gesperrt">unbenannte</em> Zahl 3 ist — beides weder Größe noch Maß
+noch Strecke — hätte ein Grieche gar nicht angeben können. Das neue,
+in diesen Zahlenarten inkarnierte Grenzgefühl liegt den diophantischen
+Betrachtungen wenigstens zugrunde; die uns geläufige Buchstabenrechnung
+selbst, in deren Gewande sich die inzwischen nochmals ganz umgedeutete
+Algebra heute darstellt, ist erst in fühlbarer, aber unbewußter
+Opposition gegen die antikisierende Renaissancerechnung 1591 durch
+Vieta eingeführt worden.</p>
+
+<p>Diophant lebte um 250 n.&#8239;Chr., <em class="gesperrt">also im dritten Jahrhundert der
+arabischen Kultur</em>, deren geschichtlicher Organismus bisher unter
+den Oberflächenformen der römischen Kaiserzeit und des „Mittelalters“
+verschüttet lag<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> und der alles angehört, was seit Beginn unserer
+Zeitrechnung in der Landschaft des kommenden Islam entstanden ist.
+Gerade damals erblich vor dem neuen Raumgefühl der Basiliken, Mosaiken
+und Sarkophagreliefs altchristlich-syrischen Stils der letzte Schatten
+der attischen Statuenplastik. Damals gab es wieder eine <em class="gesperrt">archaische
+Kunst</em> und ein streng geometrisches Ornament. Damals gerade
+vollendete Diokletian den <em class="gesperrt">Khalifat</em> des nur noch scheinbar
+römischen Reiches. 500 Jahre liegen zwischen Euklid und Diophant,
+zwischen Plato und Plotin, dem letzten, abschließenden Denker — dem
+<em class="gesperrt">Kant</em> — einer vollendeten und dem ersten mystischen Geiste —
+dem <em class="gesperrt">Dante</em> — einer eben erwachten Kultur.</p>
+
+<p>Hier berühren wir zum ersten Male das bisher unbekannte Phänomen
+jener großen Individuen, deren Werden, Wachsen und Welken unter einer
+tausendfarbigen verwirrenden Oberfläche die <em class="gesperrt">eigentliche Substanz der
+Weltgeschichte</em> bildet. Das im römischen Geiste dahinschwindende
+antike Seelentum, dessen „Leib“ die historische Wirklichkeit der
+antiken Kultur mit ihren Werken, Gedanken, Taten und Trümmern ist,
+war um 1100 v.&#8239;Chr. aus der Landschaft des ägäischen Meeres geboren<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span>
+worden. Die seit Augustus im Osten unter der Decke antiker Zivilisation
+keimende arabische Kultur entstammt durchaus dem Schoße der Landschaft
+zwischen Nil und Euphrat, Kairo und Bagdad. Als Ausdruck dieser neuen
+Seele hat man fast die gesamte „spätantike“ Kunst der Kaiserzeit, die
+sämtlichen, von einer jungen Glut erfüllten Kulte des Ostens, die des
+Mithras, Serapis, Horus, der Isis, der syrischen Baale von Emesa und
+Palmyra, das Christentum und den Neuplatonismus, die kaiserlichen Fora
+in Rom und das dort von einem Syrer erbaute Pantheon, <em class="gesperrt">die früheste
+aller Moscheen</em>, zu betrachten.</p>
+
+<p>Daß man damals griechisch schrieb und griechisch zu denken glaubte,
+wiegt nicht schwerer als die Tatsache, daß die Wissenschaft des
+Abendlandes bis zu Kant hinauf die lateinische Sprache vorzog und daß
+Karl der Große das römische Reich „erneuerte“.</p>
+
+<p>Bei Diophant ist die Zahl nicht mehr das Maß und Wesen von
+<em class="gesperrt">plastischen Dingen</em>. Auf den ravennatischen Mosaiken ist der
+Mensch nicht mehr <em class="gesperrt">Körper</em>. Unvermerkt haben die griechischen
+Bezeichnungen ihren ursprünglichen Gehalt verloren. Wir verlassen die
+Sphäre der attischen καλοκἀγαθία, der stoischen ἀταραξία und γαλήνη.
+Zwar kennt Diophant die Null und die negativen Zahlen noch nicht, aber
+die plastischen Einheiten pythagoräischer Zahlen kennt er <em class="gesperrt">nicht
+mehr</em>. Andrerseits ist die Unbestimmtheit der unbenannten arabischen
+Zahlen doch auch etwas ganz andres als die gesetzmäßige Variabilität
+der spätem abendländischen Zahl, der <em class="gesperrt">Funktion</em>.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">magische</em> Mathematik, die Algebra, hat sich, ohne daß uns
+Einzelheiten bekannt wären, über Diophant hinaus — der schon eine
+gewisse Entwicklung voraussetzt — logisch und in großer Linie bis
+zur Vollendung in der Abassidenzeit des 9. Jahrhunderts entwickelt,
+wie der Stand der Kenntnisse bei Alchwarizmi und Alsidschzi beweist.
+Dann erst beginnt, wieder ein halbes Jahrtausend später und in einer
+neuen, entfernten Landschaft der großartige Prozeß der Umdeutung
+dieser magischen, uns durch die spanischen Araber überlieferten
+Zahlenwelt in die funktionale Westeuropas, der mächtige Kampf gegen ein
+sich andrängendes fremdes Weltgefühl mit seiner innerlich gereiften
+Raumdeutung, welche die junge, gotische Seele abwehren<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> und brechen
+mußte, um ihr Eigenstes nicht verkümmern zu lassen, ein heimliches
+Ringen in allen Architekturen, jeder Fassade, jedem Ornament, jedem
+Symbol, jedem metaphysischen und mathematischen Problem, das in seiner
+stummen Erhabenheit noch nie gefühlt worden ist.</p>
+
+<p>Was neben der euklidischen Geometrie die attische Plastik — die
+gleiche Formensprache in andrem Gewande — was neben der Analysis des
+Raumes der fugierte Stil der Instrumentalmusik, das bedeutet neben
+dieser Algebra die magische Kunst der Mosaiken, der vom Sassanidenreich
+und später von Byzanz aus immer reicher entwickelten Arabeske mit
+ihrem sinnlich-unsinnlichen Verschweben organischer Formmotive und das
+Hochrelief konstantinischen Stils mit dem ungewissen Tiefendunkel des
+zwischen frei herausgearbeiteten Figuren ausgesparten Hintergrundes.
+Wie die Algebra zur antiken Arithmetik und zur abendländischen
+Analysis, so verhält sich die Kuppelbasilika zum dorischen Tempel und
+zum gotischen Dom.</p>
+
+<p>Nicht als ob Diophant ein großer Mathematiker gewesen wäre. Das meiste,
+woran man bei seinem Namen erinnert wird, steht nicht in seinen
+Schriften und was darin steht, ist sicherlich nicht ganz sein Eigentum.
+Seine zufällige Bedeutung liegt darin, daß — nach unsrem Wissen — bei
+ihm als dem ersten das neue Zahlengefühl unverkennbar vorhanden ist.
+Man wird, Meistern gegenüber, die eine Mathematik <em class="gesperrt">abschließen</em>,
+wie Apollonius und Archimedes die antike und ihnen entsprechend
+Gauß, Cauchy, Riemann die abendländische, bei Diophant und Menelaos
+etwas Primitives finden, das bisher gern als Dekadence angesprochen
+wurde. Man wird es künftig — nach dem Vorbilde der Umwertung der
+vermeintlich spätantiken, bisher geradezu verachteten Kunst zur
+tastenden Äußerung des eben erwachenden früharabischen Weltgefühls —
+begreifen und schätzen lernen. Ebenso archaisch, primitiv und suchend
+wirkt die Mathematik des Nikolas von Oresme, Bischofs von Lisieux
+(1323 bis 1382), der zum ersten Mal im Abendlande eine freie Art von
+Koordinaten und sogar Potenzen mit gebrochnen Exponenten verwandte, die
+ein Zahlengefühl voraussetzen, unklar noch, aber doch unverkennbar,
+das gänzlich unantik, aber auch nicht mehr arabisch ist. Man erinnere
+sich neben Diophant an frühchristliche<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Sarkophage der römischen
+Sammlungen und neben Oresme an gotische Gewandstatuen deutscher Dome,
+und man wird auch in den mathematischen Gedankengängen, die bei beiden
+die <em class="gesperrt">gleiche</em> frühe Stufe des Intellekts darstellen, etwas
+Verwandtes bemerken. Das stereometrische Grenzgefühl in der letzten
+Verfeinerung und Eleganz eines Archimedes war verloren gegangen. Man
+war dumpf, sehnsüchtig, mystisch, nicht mehr attisch hell und frei
+gestimmt. Man war der erdgeborne Mensch einer frühen Landschaft, nicht
+Großstädter, wie Euklid und d’Alembert.<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a> Man verstand die tiefen
+und komplizierten Gebilde des antiken Denkens nicht mehr und besaß
+verworrene, neue, deren klare städtisch-intellektuelle Fassung noch
+nicht gefunden werden konnte. Dies ist der <em class="gesperrt">gotische</em> Zustand
+aller jungen Kulturen, den die Antike selbst in ihrer frühdorischen
+Zeit durchschritten hatte, von welcher außer den Grabvasen des
+Dipylonstils nichts geblieben ist. Erst in Bagdad, im 9. und 10.
+Jahrhundert, sind die Konzeptionen der Epoche Diophants von reifen
+Meistern, die Plato und Gauß nicht nachstehen, durchgeführt und
+abgeschlossen worden.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_8">8</h3>
+
+</div>
+
+<p>Die entscheidende Tat des Descartes, dessen Geometrie 1637 erschien,
+bestand <em class="gesperrt">nicht</em> in der Einführung einer neuen Methode oder
+Anschauung auf dem Gebiete der überlieferten Geometrie, wie dies immer
+wieder ausgesprochen wird, sondern in der endgültigen Konzeption
+einer <em class="gesperrt">neuen Zahlenidee</em>, die sich in der Lösung der Geometrie
+von der optischen Handhabe der Konstruktion, von der gemessenen und
+meßbaren Strecke überhaupt aussprach. Damit war die Analysis des
+Unendlichen Tatsache geworden. Das starre, sogenannte kartesische
+Koordinatensystem, der ideale Repräsentant von meßbaren Größen in
+halbeuklidischem Sinne, das in der vorhergehenden Periode, bei Oresme
+z.&#8239;B., Bedeutung hat, wurde durch Descartes, wenn<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> man in die Tiefe
+seiner Erwägungen dringt, nicht vollendet, sondern überwunden. Sein
+Zeitgenosse Fermat war sein letzter klassischer Vertreter.</p>
+
+<p>An Stelle des sinnlichen Elements der konkreten Strecke und Fläche
+— dem spezifischen Ausdruck <em class="gesperrt">antiken</em> Grenzgefühls — tritt
+das abstrakt-räumliche, mithin unantike Element des <em class="gesperrt">Punktes</em>,
+der von nun an als Gruppe zugeordneter reiner Zahlen charakterisiert
+wird. Descartes hat den literarisch ererbten Begriff der Größe,
+der sinnlichen Dimension, zerstört und durch den veränderlichen
+Beziehungswert der Lagen im Raume ersetzt. Daß dies aber eine
+<em class="gesperrt">Beseitigung der Geometrie überhaupt</em> war, die von nun an
+innerhalb der Zahlenwelt der Analysis nur noch ein durch antike
+Reminiszenzen verschleiertes Scheindasein führt, hat man übersehen.
+Das Wort Geometrie hat einen nicht zu beseitigenden apollinischen
+Sinn. Von Descartes an ist die vermeintlich „neuere Geometrie“
+entweder ein synthetischer Prozeß, welcher die <em class="gesperrt">Lage von Punkten</em>
+in einem nicht mehr notwendig dreidimensionalen Raume (einer
+„Punktmannigfaltigkeit“) durch Zahlen, oder ein analytischer, welcher
+Zahlen durch die Lage von Punkten bestimmt. Strecken durch Lagen
+ersetzen heißt den Begriff der Ausdehnung rein räumlich, nicht mehr
+körperhaft fassen.</p>
+
+<p>Das klassische Beispiel für diese Zerstörung der als Erbschaft
+überkommenen optisch-endlichen Geometrie scheint mir die Umkehrung der
+Winkelfunktionen — welche in einem uns kaum erreichbaren Sinne Zahlen
+der indischen Mathematik gewesen waren — in cyklometrische Funktionen
+und weiterhin deren Auflösung in Reihen zu sein, die im unendlichen
+Zahlenbereich der algebraischen Analysis auch die leiseste Erinnerung
+an geometrische Gebilde im Stile Euklids verloren haben. Die Kreiszahl
+π erzeugt wie die Basis der natürlichen Logarithmen e in
+diesem ganzen Zahlenbereich, überall auftauchend, Beziehungen, die alle
+Grenzen der ehemaligen Geometrie, Trigonometrie, Algebra auslöschen,
+die weder arithmetischer noch geometrischer Natur sind — und bei
+denen niemand mehr an wirklich gezeichnete Kreise oder zu berechnende
+Potenzen denkt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_9">9</h3>
+
+</div>
+
+<p>Während die antike Seele durch Pythagoras um 540 zur Konzeption
+<em class="gesperrt">ihrer</em>, der apollinischen Zahl als einer meßbaren Größe
+gelangt war, fand die Seele des Abendlandes durch Descartes und
+seine Generation (Pascal, Fermat, Desargues) im genau entsprechenden
+Zeitpunkte die Idee einer Zahl, die aus dem leidenschaftlichen
+<em class="gesperrt">faustischen</em> Hange zum Unendlichen geboren war. Die Zahl
+als <em class="gesperrt">reine Größe</em>, die sich an die körperliche Gegenwart des
+Einzeldinges heftet, findet ihr Gegenstück in der Zahl als <em class="gesperrt">reiner
+Beziehung</em>. Darf die antike Welt, der Kosmos, aus jenem tiefen
+Bedürfnis nach sichtbarer Begrenztheit als abzählbare Summe von
+stofflichen Dingen definiert werden, so hat sich <em class="gesperrt">unser</em>
+Weltgefühl im Bilde eines unendlichen Raumes verwirklicht, in dem
+alles Sichtbare als etwas Bedingtes dem Unbedingten gegenüber, beinahe
+als eine Wirklichkeit zweiten Ranges empfunden wird. <em class="gesperrt">Sein</em>
+Symbol ist der entscheidende, in keiner andern Kultur angedeutete
+Begriff der <em class="gesperrt">Funktion</em>. Die Funktion ist nichts weniger als
+die Erweiterung irgendeines vorhandenen Zahlbegriffs; sie ist deren
+völlige Überwindung. Nicht nur die euklidische, d.&#8239;h. die allgemein
+menschliche, populäre Geometrie, sondern auch die archimedische
+Sphäre des elementaren Rechnens, die Arithmetik, hört damit auf, für
+die wirklich <em class="gesperrt">bedeutende</em> Mathematik Westeuropas zu existieren.
+Es gibt nur noch eine abstrakte Analysis. Für den antiken Menschen
+waren Geometrie und Arithmetik wissenschaftliche Komplexe vom
+höchsten Range, beide anschaulich, beide mit Größen zeichnerisch
+oder rechnerisch verfahrend; für uns sind sie nur noch praktische
+Hilfsmittel des alltäglichen Lebens. Addition und Multiplikation,
+die beiden antiken Methoden der Größenrechnung und Schwestern der
+zeichnerischen Konstruktion, verschwinden völlig in der Unendlichkeit
+funktionaler Prozesse. Gerade die Potenz, die zunächst prinzipiell
+nur ein Zahlzeichen für eine bestimmte Gruppe von Multiplikationen
+(für Produkte gleicher Größen) ist, wird durch das neue Symbol des
+Exponenten (Logarithmus) und seine Anwendung in komplexen, negativen,
+gebrochnen Formen vom Größenbegriff gänzlich abgelöst und in eine
+transzendente Beziehungswelt überführt, die<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> den Griechen, welche nur
+zwei positive, ganzzahlige Potenzen als Repräsentanten von Flächen und
+Körpern kannten, unzugänglich bleiben mußte (man denke an Ausdrücke wie
+e<sup>-x</sup>, <span class="exp">π</span>√<span class="btt">x</span>,
+a<span class="super"><span class="hfrac"><span class="numerator s5a">1</span><span class="denominator s5a">i</span></span></span>.</p>
+
+<p>Jede der tiefsinnigen Schöpfungen, welche von der Renaissance an
+rasch aufeinander folgen, die der imaginären und komplexen Zahlen,
+welche Cardanus schon 1550 einführt, die der unendlichen Reihen,
+welche durch Newtons große Entdeckung des Binomialsatzes 1666
+theoretisch sicher begründet werden, die der Logarithmen um 1610, der
+Differentialgeometrie, des bestimmten Integrals durch Leibniz, der
+Menge als neuer Zahleneinheit, von Descartes schon angedeutet, die
+neuen Prozesse wie die unbestimmte Integration, die Entwicklung der
+Funktionen in Reihen, sogar in unendliche Reihen andrer Funktionen,
+sind ebenso viele Siege über das populär-sinnliche Zahlengefühl in
+uns, das aus dem Geiste der neuen Mathematik heraus, die ein neues
+Weltgefühl zu verwirklichen hatte, überwunden werden mußte. Es gab
+bisher keine zweite Kultur, welche den Leistungen einer andern, längst
+erloschenen, soviel Verehrung entgegentrug und wissenschaftlich so
+viel Einfluß gestattete, wie die abendländische gerade der antiken. Es
+dauerte lange, bevor wir den Mut fanden, unser eignes Denken zu denken.
+Auf dem Grunde lag der beständige Wunsch, es der Antike gleichzutun.
+Trotzdem war jeder Schritt in diesem Sinne eine tatsächliche
+Entfernung von dem erstrebten Ideal. Deshalb ist die Geschichte des
+abendländischen Wissens die einer <em class="gesperrt">fortschreitenden Emanzipation</em>
+von Fremdem, einer Befreiung, die nicht einmal gewollt, die in den
+Tiefen des Unbewußten erzwungen wurde. <em class="gesperrt">So gestaltete sich die
+Entwicklung der neuen Mathematik zu einem heimlichen, langen, endlich
+siegreichen Kampf gegen den Größenbegriff.</em></p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_10">10</h3>
+
+</div>
+
+<p>Antikisierende Vorurteile haben uns gehindert, die eigentlich
+abendländische Zahl als solche in neuer Weise zu bezeichnen. Die
+gegenwärtige Zeichensprache der Mathematik fälscht den<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> Tatbestand und
+<em class="gesperrt">ihr</em> ist es vor allem zuzuschreiben, daß noch heute auch unter
+Mathematikern der Glaube herrscht, Zahlen seien Größen — auf dieser
+Voraussetzung ruht allerdings unsre schriftliche Bezeichnungsweise.</p>
+
+<p>Aber nicht die zum Ausdruck der Funktion dienenden einzelnen Zeichen
+(x, π, 5), <em class="gesperrt">die Funktion selbst</em> als Einheit, als Element, die
+variable, in optische Grenzen nicht mehr einzuschließende Beziehung ist
+die neue Zahl. Für sie wäre, eine neue, in ihrer Struktur nicht von
+antiken Anschauungen beeinflußte Symbolik nötig gewesen.</p>
+
+<p>Man vergegenwärtige sich den Unterschied zweier Gleichungen — selbst
+dies Wort sollte nicht so heterogene Dinge zusammenfassen — wie
+3<sup>x</sup>&#8239;+&#8239;4<sup>x</sup>&#8239;=&#8239;5<sup>x</sup> und
+x<sup>n</sup>&#8239;+&#8239;y<sup>n</sup>&#8239;= z<sup>n</sup> (die Gleichung des Fermatschen
+Satzes). Die erste besteht aus mehreren „antiken Zahlen“ (Größen),
+die zweite <em class="gesperrt">ist eine</em> Zahl von einer andern Art, was durch die
+identische Schreibweise, deren Zeichensprache sich unter dem Eindruck
+euklidisch-archimedischer Vorstellungen entwickelt hat, verdeckt
+wird. Im ersten Fall ist das Gleichheitszeichen die Feststellung
+einer starren Verknüpfung bestimmter, greifbarer Größen; im zweiten
+repräsentiert es eine Beziehung, die innerhalb einer Gruppe variabler
+Gebilde besteht, derart, daß gewisse Veränderungen gewisse andere
+notwendig zur Folge haben. Die erste Gleichung bezweckt die Bestimmung
+(Messung) einer konkreten Größe, dem „Resultat“, die zweite hat
+überhaupt kein Resultat, sondern ist nur Abbild und Zeichen einer
+Beziehung, die für n&#8239;&gt;&#8239;2 — das ist das berühmte Fermatproblem —
+<em class="gesperrt">wahrscheinlich nachweisbar</em> ganzzahlige Werte ausschließt.
+Ein griechischer Mathematiker würde nicht verstanden haben, was man
+mit Operationen dieser Art, deren Endzweck kein „Ausrechnen“ ist,
+eigentlich wollte.</p>
+
+<p>Der Begriff der Unbekannten führt vollständig irre, wenn man ihn auf
+die Buchstaben der Fermatschen Gleichung anwendet. In der ersten, der
+„antiken“, ist x eine Größe, eine bestimmte und meßbare, die man nur
+erst zu ermitteln hat. In der zweiten hat für x, y, z, n das Wort
+„bestimmen“ gar keinen Sinn, folglich will man den „Wert“ dieser
+Symbole nicht ermitteln, folglich sind sie überhaupt keine Zahlen
+im plastischen Sinne, sondern Zeichen für einen Zusammenhang, dem
+die<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Merkmale der Größe, Gestalt und Eindeutigkeit fehlen, für eine
+Unendlichkeit möglicher Lagen von gleichem Charakter, die als Einheit
+begriffen erst die Zahl sind. Die <em class="gesperrt">ganze</em> Gleichung ist, in einer
+Zeichenschrift, die leider viele und irreführende Zeichen verwendet,
+tatsächlich <em class="gesperrt">eine</em> einzige Zahl und x, y, z sind es so wenig, als
++ und = Zahlen sind.</p>
+
+<p>Denn schon mit dem Begriff der irrationalen, der ganz eigentlich
+antihellenischen Zahlen ist im tiefsten Grunde der Begriff der
+konkreten, bestimmten Zahl aufgelöst worden. Von nun an bilden
+diese Zahlen nicht mehr eine übersehbare Reihe ansteigender,
+diskreter, plastischer Größen, sondern ein zunächst eindimensionales
+<em class="gesperrt">Kontinuum</em>, in welchem jeder Schnitt (im Sinne Dedekinds) eine
+„Zahl“ repräsentiert, die kaum die alte Bezeichnung führen sollte.
+Für den antiken Geist gibt es zwischen 1 und 3 nur <em class="gesperrt">eine</em> Zahl,
+für den abendländischen eine unendliche Menge. Mit der Einführung der
+imaginären (√<span class="btt">−1</span>=i) und komplexen Zahlen (von der allgemeinen
+Form a&#8239;+&#8239;bi) endlich, welche das lineare Kontinuum zu dem höchst
+transzendenten Gebilde eines Zahlkörpers (des Inbegriffs einer Menge
+gleichartiger Elemente) erweitern, in dem nun jeder Schnitt eine
+Zahlebene — eine unendliche Menge von geringerer „Mächtigkeit“, etwa
+den Inbegriff aller reellen Zahlen — repräsentiert, ist jeder Rest
+antik-populärer Greifbarkeit zerstört worden. Diese Zahlenebenen, die
+in der Funktionentheorie seit Cauchy und Gauß eine wichtige Rolle
+spielen, sind <em class="gesperrt">reine Gedankengebilde</em>. Selbst die positive
+irrationale Zahl wie √<span class="btt">2</span> konnte aus dem antiken Zahlendenken
+gewissermaßen wenigstens negativ konzipiert werden, indem man sie
+als Zahl <em class="gesperrt">ausschloß</em> — als ἄῥῤητος und ἄλογος; Ausdrücke von
+der Form x&#8239;+&#8239;yi liegen aber jenseits aller Möglichkeiten des antiken
+Denkens. Auf der Ausdehnung der arithmetischen Gesetze auf das ganze
+Gebiet des Komplexen, innerhalb dessen sie ständig anwendbar bleiben,
+beruht die Funktionentheorie, welche nun endlich die abendländische
+Mathematik in ihrer Reinheit darstellt, indem sie alle Einzelgebiete
+in sich begreift und auflöst. Erst damit wird diese Mathematik auf das
+Bild der gleichzeitig sich entwickelnden <em class="gesperrt">dynamischen</em> Physik
+des Abendlandes vollkommen anwendbar, während die antike Mathematik
+das genaue Korrelat jener Welt plastischer<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Einzeldinge darstellt,
+welche die <em class="gesperrt">statische</em> Physik des Aristoteles, die exakt
+wissenschaftliche Interpretation des antiken Kosmos schildert.</p>
+
+<p>Das klassische Jahrhundert dieser <em class="gesperrt">Barockmathematik</em> — im
+Gegensatz zu der <em class="gesperrt">ionischen Stils</em> — ist das 18., das von
+den entscheidenden Entdeckungen Newtons und Leibnizens über Euler,
+Lagrange, Laplace, d’Alembert zu Gauß führt. Die Entfaltung dieser
+mächtigen geistigen Schöpfung geschah wie ein Wunder. Man wagte kaum
+zu glauben, was man sah. Man fand Wahrheiten über Wahrheiten, die
+den feinen Geistern eines skeptisch gestimmten Zeitalters unmöglich
+erschienen. Das Wort d’Alemberts gehört hierher: <i>Allez en avant
+et la foi vous viendra.</i> Es bezog sich auf die Theorie des
+Differentialquotienten. Die Logik selbst schien Einspruch zu erheben,
+alle Annahmen auf Fehlern zu beruhen, und man kam doch zum Ziel.</p>
+
+<p>Dies Jahrhundert eines sublimen Rausches in durchgeistigten, dem
+leiblichen Auge entrückten Formen — denn neben jenen Meistern der
+Analysis stehen Bach, Gluck, Haydn, Mozart —, in dem ein kleiner
+Kreis gewählter und tiefer Geister in den raffiniertesten Entdeckungen
+und Formspielen schwelgte, von denen Goethe und Kant ausgeschlossen
+blieben, entspricht seinem Gehalte nach genau dem reifsten Jahrhundert
+der Ionik, dem des Plato, Archytas und Eudoxos (450–350) — man
+muß wieder hinzufügen des Phidias, Polyklet, Alkamenes und der
+Akropolisbauten —, in welchem die Formenwelt der antiken Mathematik
+und Plastik in der ganzen Fülle ihrer Möglichkeiten aufblühte und zu
+Ende kam.</p>
+
+<p>Jetzt erst läßt sich der elementare Gegensatz antiken und
+abendländischen Seelentums übersehen. Es gibt innerhalb des
+Gesamtbildes der Geschichte des höheren Menschentums nichts innerlich
+Fremderes. Und eben deshalb, weil Gegensätze sich berühren, weil sie
+auf ein vielleicht Gemeinsames in der letzten Tiefe der Existenz
+verweisen, finden wir in der abendländischen, faustischen Seele jenes
+sehnsüchtige Suchen nach dem Ideal der apollinischen, die sie allein
+von allen andern begriffen und um die Kraft ihrer Hingabe an die
+sinnlich-reine Gegenwart beneidet hat.</p>
+
+<p>Diesen seelischen, nicht weiter in Worte zu fassenden Gegensatz
+verwirklichen in der Außenwelt des Gewordnen, Begrenzten,<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span>
+Vergänglichen die <em class="gesperrt">historischen Einheiten der antiken und
+abendländischen Kultur</em>, von denen die eine in spät-mykenischer
+Zeit, die andre zur Zeit der Sachsenkaiser aufblühte und die in
+Aristoteles und Kant, Plato und Goethe, Phidias und Beethoven,
+Alexander und Napoleon ihre Entwicklung zu Ende führten.</p>
+
+<p>Erst jetzt wird auch das ganze Gewicht einer Symbolik fühlbar, die in
+der Zahlenwelt beider Mathematiken vielleicht ihren unmittelbarsten
+Ausdruck gefunden hat, deren Bereich aber weit darüber hinausgeht.
+Es zeigt sich, daß eine Mathematik mit allen sie begleitenden
+Künsten, mit allen Schöpfungen des tätigen Lebens überhaupt die
+gleiche Sprache redet, eine Formensprache, in der sich die letzten
+Möglichkeiten des Seelischen ebenso offenbaren wie verhüllen. Am
+engsten sind der Mathematik jene mystischen Architekturen aller
+Frühzeiten verschwistert, die dorische, gotische, frühchristliche wie
+die ägyptische des Alten Reiches. Hier, in der ägyptischen Kultur,
+haben beide Formenwelten sich nie getrennt. Die Architektur der großen
+Pyramidentempel ist eine schweigende Mathematik, wie denn auch die
+antike Seele eine Scheidung ihrer statuarischen und geometrischen
+Symbolik nie streng vollzogen hat. Aber auch die Analysis ist
+eine Architektur größten Stils geblieben und wir begreifen jetzt,
+warum zwei Zahlensysteme, von denen die eine die Grenzwerte des
+<em class="gesperrt">Augenscheins</em> ebenso leidenschaftlich bejaht, wie die andere sie
+verneint, als Schwesterkünste die ionische Plastik und die deutsche
+Musik, die sinnlichste und die unsinnlichste aller Möglichkeiten
+künstlerischer Gestaltungskraft, an ihrer Seite finden mußten.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_11">11</h3>
+
+</div>
+
+<p>Es war bemerkt worden, daß im Urmenschen wie im Kinde ein inneres
+Erlebnis, die Geburt des Ich, eintritt, mit dem beide das Phänomen der
+Zahl begreifen, mithin eine auf das Ich bezogene Umwelt besitzen.</p>
+
+<p>Sobald vor dem erstaunten Blick des frühen Menschen diese ertagende
+Welt des geordneten Ausgedehnten, des sinnvoll Gewordnen sich in
+großen Umrissen aus einem Chaos von Eindrücken<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> abhebt und der tief
+empfundene unwiderrufliche Gegensatz dieser Außenwelt zur eignen
+Seele dem bewußten Leben Richtung und Gestalt gibt, erwacht zugleich
+mit allen Möglichkeiten einer neuen Kultur das <em class="gesperrt">Urgefühl der
+Sehnsucht</em> in dieser sich plötzlich ihrer Einsamkeit bewußten Seele.
+Es ist die Sehnsucht nach dem Ziel des Werdens, nach Vollendung und
+Verwirklichung alles innerlich Möglichen, nach Entfaltung der Idee des
+eigenen Daseins. Es ist die Sehnsucht des Kindes, die als das Gefühl
+einer unaufhaltsamen <em class="gesperrt">Richtung</em> mit steigender Deutlichkeit
+ins Bewußtsein tritt, und später als das <em class="gesperrt">Rätsel der Zeit</em>
+unheimlich, verlockend, unlösbar vor dem gereiften Geiste steht. Die
+Worte Vergangenheit und Zukunft haben plötzlich eine schicksalsvolle
+Bedeutung erhalten.</p>
+
+<p>Aber diese Sehnsucht aus der Überfülle und Seligkeit des innern Werdens
+ist in der tiefsten Tiefe einer jeden Seele zugleich <em class="gesperrt">Angst</em>.
+Wie alles Werden sich auf ein Gewordensein richtet, mit dem es
+<em class="gesperrt">endet</em>, so rührt das Urgefühl des Werdens, die Sehnsucht, schon
+an das andre des Gewordenseins, die Angst. In der Gegenwart fühlt man
+das Verrinnen; in der Vergangenheit liegt die Vergänglichkeit. Hier
+ist die Wurzel der ewigen Angst vor dem Unwiderruflichen, Erreichten,
+Endgültigen, vor der Vergänglichkeit, vor der Welt selbst als dem
+Verwirklichten, in dem mit der Grenze der Geburt zugleich die des
+Todes gesetzt ist, die Angst vor dem Augenblicke, wo das Mögliche
+verwirklicht, das Leben innerlich erfüllt und vollendet ist, wo
+das Bewußtsein am <em class="gesperrt">Ziele</em> steht. Es ist jene tiefe Weltangst
+der Kinderseele, welche den höheren Menschen, den Gläubigen, den
+Dichter, den Künstler in seiner grenzenlosen Vereinsamung niemals
+verläßt, die Angst vor den fremden Mächten, die groß und drohend, in
+sinnliche Erscheinungen verkleidet, in die ertagende Welt hineinragen.
+Auch die Richtung in allem Werden wird in ihrer Unerbittlichkeit —
+<em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em> — als ein fremdes Element mit innerster
+Gewißheit empfunden. Es ist etwas Fremdes, das Zukunft in Vergangenheit
+verwandelt, und dies gibt der Zeit im Gegensatz zum Raum jenes
+widerspruchsvoll Unheimliche und drückend Zweideutige, dessen sich kein
+bedeutender Mensch ganz erwehren kann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<p>Die Weltangst ist sicherlich das <em class="gesperrt">Schöpferischste</em> aller
+Urgefühle. Ihr verdankt ein Mensch die reifsten und tiefsten aller
+Formen und Gestalten nicht nur des bewußten Innenlebens, sondern auch
+seiner Spiegelung in den zahllosen Bildungen äußerer Kultur. Wie
+eine geheime Melodie, nicht jedem vernehmbar, geht die Angst durch
+die Formensprache eines jeden wahren Kunstwerkes, jeder innerlichen
+Philosophie, jeder bedeutenden Tat und sie liegt, nur den wenigsten
+noch fühlbar, den großen Problemen jeder Mathematik zugrunde. Nur
+der innerlich erstorbene Mensch der großen späten Städte, des
+ptolemäischen Alexandria oder des heutigen Paris und Berlin, nur
+der rein intellektuelle Sophist, Sensualist und Darwinist verliert
+oder verleugnet sie, indem er eine geheimnislose „wissenschaftliche
+Weltanschauung“ zwischen sich und das Fremde stellt.</p>
+
+<p>Knüpft sich die Sehnsucht an jenes unfaßliche Etwas, dessen tausend
+ungreifbare, proteusartig wechselnde Bildungen durch das Wort Zeit
+mehr verdeckt als bezeichnet werden, so findet das Urgefühl der Angst
+seinen Ausdruck in den geistigen, faßlichen, der Gestaltung fähigen
+Symbolen der <em class="gesperrt">Ausdehnung</em>. So finden sich im wachen Bewußtsein
+jeder Kultur, in jeder anders geartet, die Gegenformen der Zeit und
+des Raumes, der Richtung und der Ausdehnung, jene dieser zugrunde
+liegend, wie das Werden dem Gewordnen — denn auch die Sehnsucht
+liegt der Angst zugrunde; <em class="gesperrt">sie wird</em> zur Angst, nicht umgekehrt
+— jene der geistigen Macht entzogen, diese ihr dienend, jene nur zu
+<em class="gesperrt">erleben</em>, diese nur zu <em class="gesperrt">erkennen</em>. „Gott fürchten <em class="gesperrt">und</em>
+lieben“ ist der christliche Ausdruck für den Gegensinn beider
+Weltgefühle.</p>
+
+<p>Aus der Seele des gesamten Urmenschentums und also auch der frühesten
+Kindheit erhebt sich der Drang, das Element der fremden Mächte, die in
+allem Ausgedehnten, im Raume und <em class="gesperrt">durch</em> den Raum unerbittlich
+gegenwärtig sind, zu bannen, zu zwingen, zu versöhnen — zu „erkennen“.
+Im letzten Grunde ist dies dasselbe. <em class="gesperrt">Gott erkennen</em> heißt in der
+Mystik aller frühen Zeiten ihn beschwören, ihn sich geneigt machen,
+ihn sich innerlich <em class="gesperrt">aneignen</em>. Das geschieht durch ein Wort, den
+„Namen“, mit dem man das <i>numen</i> benennt<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> <em class="gesperrt">anruft</em>, oder
+durch die Formen eines Kultes, denen eine geheime Kraft innewohnt. Die
+Ideen der deutschen wie der orientalischen Mystiker, die Entstehung
+aller antiken Götter, aller Kulte lassen keinen Zweifel darüber
+zu. Wirkliche Erkenntnis ist geistige Einverleibung des Fremden.
+Diese <em class="gesperrt">Abwehr</em> ist die erste schöpferische Tat jedes erwachten
+Seelentums. Mit ihr beginnt ganz eigentlich das höhere Innenleben
+einer Kultur oder eines Einzelnen. Erkenntnis, Grenzsetzung durch
+Begriffe und Zahlen, ist die feinste, aber auch die mächtigste Form
+dieser Abwehr. Insofern wird der Mensch erst durch die <em class="gesperrt">Sprache</em>
+ganz zum Menschen. Die Erkenntnis verwandelt mit unbezwinglicher
+Notwendigkeit das Chaos der ursprünglichen, umgebenden <em class="gesperrt">Eindrücke</em>
+in den Kosmos, den Inbegriff seelischen <em class="gesperrt">Ausdrucks</em>, die „Welt
+an sich“ in die „Welt für uns“.<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> Sie stillt die Weltangst, indem
+sie das Fremde, Geheimnisvolle bändigt, es zur faßlichen, geordneten
+Wirklichkeit gestaltet, es durch die ehernen Regeln einer eignen, ihm
+aufgeprägten intellektuellen Formensprache fesselt.</p>
+
+<p>Dies ist die <em class="gesperrt">Idee des „tabu“</em>, das im Seelenleben aller
+primitiven Völker eine entscheidende Rolle spielt, dessen
+urmenschlicher Gehalt aber uns so fern liegt, daß das Wort in keine
+reife Kultursprache mehr übertragbar ist. Ihm liegt ein ursprüngliches
+Gefühl, <em class="gesperrt">vor</em> allem Erkennen und Begreifen der Umwelt, ja vor
+allem klaren, in Seele und Welt geschiednen Bewußtsein zugrunde, das
+unter uns Heutigen, intellektuellen Weltstädtern, nur Kindern und
+wenigen künstlerischen Naturen noch zugänglich ist. Ratlose Angst,
+heilige Scheu, tiefe Verlassenheit, Schwermut, Haß, dunkle Wünsche
+nach Annäherung, Vereinigung, Entfernung, all diese formvollen Gefühle
+<em class="gesperrt">gereifter</em> Seelen vorschweben in diesem frühen Zustande in einer
+dumpfen Unentschiedenheit. Der Doppelsinn des Wortes Beschwören,
+das bezwingen und anflehen zugleich bedeutet, kann den Sinn jenes
+mystischen Aktes verdeutlichen, durch den der frühe Mensch das Fremde
+und Gefürchtete „tabu“ macht. Die ehrfürchtige Scheu vor allem von
+ihm Unabhängigen, Gesetzten,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Gesetzlichen, den fremden Mächten in
+der Welt, <em class="gesperrt">ist der Ursprung aller und jeder elementaren Form</em>.
+In Urzeiten verwirklicht sie sich in hieratischen Ornamenten und
+peinlichen Zeremonien, strengen Satzungen einer primitiven Sitte und
+seltsamen Kulten. Auf der Höhe großer Kulturen sind diese Gestaltungen,
+ohne innerlich die Merkmale ihrer Herkunft, den Charakter einer Bannung
+und Beschwörung verloren zu haben, zu den vollendeten Formenwelten
+der einzelnen Künste, des religiösen, logischen, mathematischen
+Denkens, des wirtschaftlichen, politischen, sozialen, individuellen
+Daseins aufgewachsen. Ihr gemeinsames Mittel, das einzige, welches
+die sich verwirklichende Seele kennt, ist die <em class="gesperrt">Symbolisierung
+des Ausgedehnten</em>, des Raumes oder der Dinge — sei es in den
+Konzeptionen des absoluten Weltraumes der Physik Newtons, der
+Innenräume gotischer Dome und maurischer Moscheen, der atmosphärischen
+Unendlichkeit der Gemälde Rembrandts und ihrer Wiederkehr in den
+dunklen Tonwelten Beethovenscher Quartette, seien es die regelmäßigen
+Polyeder Euklids, die Parthenonskulpturen oder die Pyramiden
+Altägyptens, das Nirwana Buddhas, die Distanz höfischer Sitte unter
+Sesostris, Justinian I. und Ludwig XIV., sei es endlich die Gottesidee
+Homers, Plotins, Dantes oder die den Erdball umspannende Raumenergie
+der heutigen Technik.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_12">12</h3>
+
+</div>
+
+<p>Kehren wir zur Mathematik zurück. Der Ausgangspunkt aller antiken
+Formgebung war, wie wir sahen, die Ordnung des Gewordnen, insofern
+es sinnlich, gegenwärtig, greifbar, meßbar, zählbar ist. Das
+abendländische, gotische Formgefühl, das einer einsamen, in alle Fernen
+schweifenden Seele, hat das Zeichen des reinen, unanschaulichen,
+grenzenlosen Raumes gewählt. Man täusche sich ja nicht über die <em class="gesperrt">enge
+Bedingtheit</em> solcher Symbole, die uns leicht als identisch, als
+allgemeingültig erscheinen. Unser unendlicher Weltraum, über dessen
+Vorhandensein, wie es scheint, kein Wort zu verlieren ist, ist für
+den antiken Menschen <em class="gesperrt">nicht</em> vorhanden. Er ist ihm nicht einmal
+vorstellbar. Der hellenische Kosmos andrerseits, dessen tiefe<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span>
+Fremdheit für unsre Auffassungsweise nicht so lange hätte unbemerkt
+bleiben sollen, ist dem Hellenen <em class="gesperrt">das</em> Selbstverständliche. In
+der Tat ist der absolute Raum unserer Physik eine Form, die allein
+aus <em class="gesperrt">unserm</em> Seelentum als dessen Abbild und Ausdruck entstanden
+und allein für unsre Art des wachen Daseins wirklich, notwendig und
+natürlich ist. Die gesamte Mathematik von Descartes an dient der
+theoretischen Interpretation dieses großen, von religiösem Gehalte
+erfüllten Symbols. Die Physik will seit Galilei nichts andres. Die
+antike Mathematik und Physik <em class="gesperrt">kennen</em> dies Objekt überhaupt nicht.</p>
+
+<p>Auch hier haben antike Namen, die wir aus der literarischen Erbschaft
+der Griechen beibehalten haben, den Tatbestand verschleiert. Geometrie
+heißt die Kunst des Messens, Arithmetik die des Zählens. Die Mathematik
+des Abendlandes hat mit diesen <em class="gesperrt">beiden</em> Arten des Begrenzens
+nichts mehr zu tun, aber sie hat keinen neuen Namen für sich gefunden.
+Das Wort Analysis sagt bei weitem nicht alles.</p>
+
+<p>Der antike Mensch beginnt und schließt seine Erwägungen mit dem
+einzelnen Körper und seinen Grenzflächen. <em class="gesperrt">Wir</em> kennen im Grunde
+nur das abstrakte Raumelement des Punktes, das, ohne Anschaulichkeit,
+ohne die Möglichkeit einer Messung und Benennung, lediglich ein
+Beziehungszentrum repräsentiert. Die Gerade ist für den Griechen eine
+meßbare Kante, für uns ein unbegrenztes Punktkontinuum. Leibniz führt
+als Beispiel für sein Infinitesimalprinzip die Gerade an, die den
+Grenzfall eines Kreises mit unendlich großem Radius darstellt, während
+der Punkt den andern Grenzfall bildet. <em class="gesperrt">So wurde die Quadratur des
+Kreises das klassische Grenzproblem für den Geist antiker Menschen.</em>
+Das schien ihnen das tiefste aller Geheimnisse der Weltform: krummlinig
+begrenzte Flächen bei unveränderter Größe in Rechtecke zu verwandeln
+und dadurch <em class="gesperrt">meßbar</em> zu machen. Für uns ist daraus das wenig
+bedeutende Verfahren geworden, die Zahl π durch algebraische Mittel
+darzustellen, ohne daß dabei von geometrischen Gebilden überhaupt die
+Rede wäre.</p>
+
+<p>Der antike Mathematiker kennt nur das, was er sieht und greift. Wo die
+begrenzte, begrenzende Sichtbarkeit, das Thema seiner Gedankengänge,
+aufhört, findet seine Wissenschaft ein<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Ende. Der abendländische
+Mathematiker begibt sich, sobald er von antiken Vorurteilen frei sich
+selbst gehört, in die gänzlich abstrakte Region einer unendlichen
+Zahlenmannigfaltigkeit von n — nicht mehr von 3 — Dimensionen,
+innerhalb deren <em class="gesperrt">seine</em> sogenannte Geometrie jeder anschaulichen
+Hilfe entbehren kann und meistens muß. Greift der antike Mensch
+zu künstlerischem Ausdruck seines Formgefühls, so sucht er dem
+menschlichen Körper in Tanz und Ringkampf, in Marmor und Bronze
+diejenige Haltung zu geben, in der Flächen und Konturen ein Maximum von
+Maß und Sinn haben. Der echte Künstler des Abendlandes aber schließt
+die Augen und verliert sich in den Bereich einer körperlosen Musik, in
+dem Harmonie und Polyphonie zu Bildungen von höchster „Jenseitigkeit“
+führen, die weitab von allen Möglichkeiten optischer Bestimmung liegen.
+Man denke daran, was ein athenischer Bildhauer und was ein nordischer
+Kontrapunktist unter einer <em class="gesperrt">Figur</em> versteht, und man hat den
+Gegensatz beider Welten, beider Mathematiken vor sich. Die griechischen
+Mathematiker gebrauchen sogar das Wort σῶμα für Körper. Andrerseits
+verwendet es die Rechtssprache für Person im Gegensatz zur Sache
+(σώματα καὶ πράγματα: personae et res).</p>
+
+<p>Deshalb sucht das Phänomen der antiken, ganzen, körperlichen Zahl
+unwillkürlich eine Beziehung zur Entstehung des leiblichen Menschen,
+des σῶμα. Die Zahl 1 wird noch kaum als wirkliche Zahl empfunden.
+Sie ist die ἀρχή, der Urstoff der Zahlenreihe, der Ursprung aller
+eigentlichen Zahlen und damit aller Größe, allen Maßes, aller
+Dinglichkeit. Ihr Zahlzeichen war im Kreise der Pythagoräer, gleichviel
+zu welcher Zeit, zugleich das Symbol des Mutterschoßes, des Ursprungs
+alles Lebens. Die 2, die erste <em class="gesperrt">eigentliche</em> Zahl, welche die 1
+verdoppelt, erhielt deshalb eine Beziehung zum männlichen Prinzip,
+und ihr Zeichen war eine Nachbildung des Phallus. Die <em class="gesperrt">heilige
+Drei</em> der Pythagoräer endlich bezeichnete den Akt der Vereinigung
+von Mann und Weib, der Zeugung —, die erotische Deutung der beiden
+<em class="gesperrt">einzigen</em> der Antike wertvollen Prozesse der Größenvermehrung,
+der <em class="gesperrt">Größenzeugung</em>, Addition und Multiplikation, ist leicht
+verständlich — und ihr Zeichen war die Vereinigung der beiden ersten.
+Von hier aus fällt ein neues<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Licht auf den erwähnten <em class="gesperrt">Mythus</em>
+vom Frevel der Aufdeckung des Irrationalen. Das Irrationale, in
+unsrer Ausdrucksweise die Verwendung der unendlichen Dezimalbrüche,
+bedeutete eine Zerstörung der organisch-leiblichen, zeugenden Ordnung,
+welche durch die Götter gesetzt war. Es ist kein Zweifel, daß die
+pythagoräische Reform der antiken Religion den uralten Demeterkult
+wieder zugrunde legte. Demeter ist der Gaia, der mütterlichen Erde
+verwandt. Es besteht eine tiefe Beziehung zwischen ihrer Verehrung und
+dieser erhabenen Auffassung der Zahlen.</p>
+
+<p>So ist die Antike mit innerer Notwendigkeit allmählich die Kultur des
+<em class="gesperrt">Kleinen</em> geworden. Die apollinische Seele hatte den Sinn des
+Gewordnen durch das Prinzip der <em class="gesperrt">übersehbaren</em> Grenze zu bannen
+gesucht; ihr „tabu“ richtete sich auf die unmittelbare Gegenwart und
+Nähe des Fremden. Was weit fort, was nicht sichtbar war, war auch nicht
+da. Der Grieche wie der Römer opferte den Göttern der Gegend, in der er
+sich aufhielt; alle andern entschwanden seinem Gesichtskreis. Wie die
+griechische Sprache <em class="gesperrt">kein Wort für den Raum besaß</em> — wir werden
+die gewaltige Symbolik solcher Sprachphänomene immer wieder verfolgen
+—, so fehlt dem Griechen auch unser Landschaftsgefühl, das Gefühl für
+Horizonte, Ausblicke, Fernen, Wolken, auch der Begriff des Vaterlandes,
+das sich weithin erstreckt und eine große Nation umfaßt. <em class="gesperrt">Heimat</em>
+ist dem antiken Menschen, was er von der Burg seiner Vaterstadt aus
+übersehen kann, nicht mehr. Was jenseits dieser optischen Grenze eines
+politischen Atoms lag, war fremd, war sogar feindlich. Hier schon
+beginnt die Angst des antiken Daseins und dies erklärt die furchtbare
+Erbitterung, mit der diese winzigen Städte einander vernichteten. Die
+Polis ist die kleinste aller denkbaren Staatsformen und ihre Politik
+die ausgesprochene Politik der Nähe, sehr im Gegensatz zu unserer
+Kabinettsdiplomatie, der Politik des Grenzenlosen. Der antike Tempel,
+mit <em class="gesperrt">einem</em> Blick zu umfassen, ist der kleinste aller klassischen
+Bautypen. Die Geometrie von Archytas bis auf Euklid beschäftigt sich
+— wie es die unter ihrem Eindruck stehende Schulgeometrie noch heute
+tut — mit kleinen, handlichen Figuren und Körpern und so blieben ihr
+die Schwierigkeiten verborgen,<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> welche bei der Zugrundelegung von
+Figuren mit astronomischen Dimensionen auftauchen und die Anwendung der
+euklidischen Geometrie nicht mehr überall gestatten.<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> Andernfalls
+hätte der feine attische Geist vielleicht schon damals etwas von dem
+Problem der nichteuklidischen Geometrien geahnt, denn die Einwände
+gegen das bekannte Parallelenaxiom,<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a> dessen zweifelhafte und doch
+nicht zu verbessernde Fassung schon früh Anstoß erregte, rührten nahe
+an die entscheidende Entdeckung. So selbstverständlich dem antiken
+Sinn die ausschließliche Betrachtung des Nahen und Kleinen, so
+selbstverständlich ist dem unsern die des Unendlichen, die Fähigkeiten
+des Auges Überschreitenden. Alle mathematischen Ansichten, welche das
+Abendland entdeckte oder entlehnte, wurden mit tiefster Notwendigkeit
+der Formensprache des Infinitesimalen unterworfen und das, lange
+bevor die eigentliche Differentialrechnung entdeckt worden war.
+Arabische Algebra, indische Trigonometrie, antike Mechanik werden
+ohne weiteres der Analysis einverleibt. Gerade die „evidentesten“
+Sätze des elementaren Rechnens — daß etwa 2&#8239;×&#8239;2&#8239;=&#8239;4 ist — werden,
+aus analytischen Gesichtspunkten betrachtet, zu Problemen, deren
+Lösung erst durch Ableitungen aus der Mengenlehre und in vielen
+Einzelheiten überhaupt noch nicht gelungen ist, — was Plato und seiner
+Zeit sicherlich als Wahnsinn und Beweis eines völligen Mangels an
+mathematischer Begabung erschienen wäre.</p>
+
+<p>Man kann gewissermaßen die Geometrie algebraisch oder die Algebra
+geometrisch behandeln, das heißt das Auge ausschalten oder herrschen
+lassen. Das erste haben wir, das andre die Griechen getan. Archimedes,
+der in seiner schönen Berechnung der Spirale gewisse allgemeine
+Tatsachen berührt, die auch der Methode des bestimmten Integrals bei
+Leibniz zugrunde liegen, ordnet sein bei oberflächlicher Betrachtung
+höchst<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> modern wirkendes Verfahren sofort stereometrischen Prinzipien
+unter; ein Inder hätte im gleichen Falle mit Selbstverständlichkeit
+etwa eine trigonometrische Formulierung gefunden. (Was von der uns
+bekannten indischen Mathematik altindisch, das heißt vor Buddha
+entstanden ist, läßt sich heute nicht mehr feststellen.)</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_13">13</h3>
+
+</div>
+
+<p>Aus dem fundamentalen Gegensatz antiker und abendländischer Zahlen
+entspringt ein ebenso tiefgehender des Verhältnisses, in dem die
+Elemente jedes dieser Komplexe untereinander stehen. Das Verhältnis
+von <em class="gesperrt">Größen</em> heißt <em class="gesperrt">Proportion</em>, das von <em class="gesperrt">Beziehungen</em>
+ist im Wesen der <em class="gesperrt">Funktion</em> enthalten. Beide Worte haben, über
+den Bereich der Mathematik hinausgehend, höchste Bedeutung für die
+Technik der beiden zugehörigen Künste, Plastik und Musik. Sieht man
+ganz von dem Sinn ab, den das Wort Proportion für die Gliederung der
+<em class="gesperrt">einzelnen</em> Statue hat, so sind es die typisch antiken Kunstwerke,
+Statue, Relief und Fresko, welche eine <em class="gesperrt">Vergrößerung</em> und
+<em class="gesperrt">Verkleinerung</em> des Maßstabes gestatten — Worte, die für die
+Musik, die Kunst des Grenzenlosen, keinen Sinn haben. Man denke an die
+Kunst der Gemmen, deren Gegenstände im wesentlichen Verkleinerungen
+lebensgroßer Plastiken waren. Innerhalb der Funktionentheorie
+dagegen ist der Begriff der <em class="gesperrt">Transformation von Gruppen</em> von
+entscheidender Bedeutung, und der Musiker wird bestätigen, daß analoge
+Bildungen einen wesentlichen Teil der neueren Kompositionslehre
+ausmachen. Ich erinnere nur an eine der feinsten instrumentalen Formen
+des 18. Jahrhunderts, das „tema con variazioni“.</p>
+
+<p>Jede Proportion setzt die Konstanz, jede Transformation die
+Variabilität der Elemente voraus: man vergleiche hier die
+Kongruenzsätze bei Euklid, deren Beweis tatsächlich auf dem
+vorliegenden Verhältnis 1&#8239;:&#8239;1 beruht, mit deren moderner Ableitung mit
+Hilfe der Winkelfunktionen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_14">14</h3>
+
+</div>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Konstruktion</em> — die im weiteren Sinne alle Methoden der
+elementaren Arithmetik einschließt — ist das A und<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> O der antiken
+Mathematik: die Herstellung eines einzelnen und sichtbar vorliegenden
+Objekts. Der Zirkel ist der Meißel dieser zweiten bildenden Kunst.
+Die Arbeitsweise bei funktionstheoretischen Untersuchungen, deren
+Zweck kein Resultat vom Charakter einer Größe, sondern die Diskussion
+allgemeiner formaler Möglichkeiten ist, läßt sich als eine Art
+Kompositionslehre von naher Verwandtschaft zur musikalischen
+bezeichnen. Eine ganze Reihe von Begriffen der Musiktheorie ließe sich
+ohne weiteres auf analytische Operationen auch der Physik anwenden —
+Tonart, Phrasierung, Chromatik und andere — und es ist die Frage, ob
+nicht manche Beziehungen dadurch an Übersichtlichkeit gewinnen würden.</p>
+
+<p>Jede <em class="gesperrt">Konstruktion</em> bejaht, jede <em class="gesperrt">Operation</em> verneint den
+Augenschein, indem jene das optisch Gegebene herausarbeitet, diese es
+auflöst. So erscheint ein weiterer Gegensatz in den beiden Arten des
+mathematischen Verfahrens: die antike Mathematik des Kleinen betrachtet
+den konkreten <em class="gesperrt">Einzelfall</em>, berechnet die <em class="gesperrt">bestimmte</em>
+Aufgabe, führt die <em class="gesperrt">einmalige</em> Konstruktion aus. Die Mathematik
+des Unendlichen behandelt <em class="gesperrt">ganze Klassen</em> formaler Möglichkeiten,
+<em class="gesperrt">Gruppen</em> von Funktionen, Operationen, Gleichungen, Kurven, und
+zwar überhaupt nicht hinsichtlich irgendeines Resultates, sondern
+hinsichtlich ihres Verlaufes. Es ist so seit zwei Jahrhunderten —
+was den Mathematikern der Gegenwart kaum zum Bewußtsein kommt — die
+<em class="gesperrt">Idee einer allgemeinen Morphologie mathematischer Operationen</em>
+entstanden, welche man als den eigentlichen Sinn der gesamten neueren
+Mathematik bezeichnen darf. Es offenbart sich hier eine umfassende
+Tendenz abendländischer Geistigkeit überhaupt, die im folgenden immer
+deutlicher werden wird, eine Tendenz, die ausschließlich Eigentum
+des faustischen Geistes und seiner Kultur ist und in keiner andern
+verwandte Absichten findet. Die große Mehrzahl der Fragen, welche
+unsere Mathematik als deren eigenste Probleme beschäftigen — der
+Quadratur des Kreises bei den Griechen entsprechend — wie die
+Untersuchung der Konvergenzkriterien unendlicher Reihen (Cauchy) oder
+die Umkehrung elliptischer und allgemein algebraischer Integrale zu
+mehrfach periodischen Funktionen (Abel, Gauß) wäre den „Alten“, die
+einfache bestimmte Größen als<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Resultate suchten, vermutlich als eine
+geistreiche, etwas abstruse Spielerei erschienen — was dem populären
+Urteil weiter Kreise auch heute durchaus entsprechen würde. Es gibt
+nichts Unpopuläreres als die moderne Mathematik, und auch darin
+liegt ein Stück Symbolik der unendlichen Ferne, der <em class="gesperrt">Distanz</em>.
+<em class="gesperrt">Alle</em> großen Werke des Abendlandes von Dante bis zum Parsifal
+sind unpopulär, alle antiken von Homer bis zum pergamenischen Altar
+sind populär im höchsten Grade.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_15">15</h3>
+
+</div>
+
+<p>Und so sammelt sich endlich der ganze Gehalt des abendländischen
+Zahlendenkens in <em class="gesperrt">einem</em> klassischen Problem, das den Schlüssel zu
+jenem schwer zugänglichen Begriff des Unendlichen — des <em class="gesperrt">faustisch
+Unendlichen</em> — bildet, welches von der Unendlichkeit des arabischen
+und indischen Weltgefühls weit entfernt bleibt. Es handelt sich um
+die <em class="gesperrt">Theorie des Grenzwertes</em>, möge die Zahl im einzelnen als
+unendliche Reihe, Kurve oder Funktion enger gefaßt sein. Dieser
+Grenzwert ist das strengste Gegenteil des antiken, bisher nicht so
+genannten, der sich in einer starr begrenzten Fläche von meßbarer
+Größe darstellt. Bis ins 18. Jahrhundert haben euklidisch-populäre
+Vorurteile den Sinn des Differentialprinzips verdunkelt. Mag man den
+zunächst naheliegenden Begriff des unendlich Kleinen noch so vorsichtig
+anwenden, es haftet ihm ein leises Moment antiker Konstanz an, der
+<em class="gesperrt">Anschein</em> einer Größe, wenn auch Euklid sie als solche nicht
+erkannt, anerkannt haben würde. Die Null ist eine Konstante, eine
+ganze Zahl im linearen Kontinuum zwischen +1 und −1; es hat Eulers
+analytischen Untersuchungen geschadet, daß er — wie viele nach ihm
+— die Differentiale für Nullen hielt. Erst der von Cauchy endgültig
+aufgeklärte Begriff des <em class="gesperrt">Grenzwertes</em> beseitigt diesen Rest
+antiken Zahlengefühls und macht die Infinitesimalrechnung zu einem
+widerspruchslosen System. Erst der Schritt von der „unendlich kleinen
+Größe“ zu dem „untern Grenzwert <em class="gesperrt">jeder möglichen</em> endlichen Größe“
+führt zur Konzeption einer veränderlichen Zahl, die unterhalb jeder
+von Null verschiedenen endlichen Größe sich bewegt, selbst also nicht
+den geringsten<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Zug einer Größe mehr trägt. Der Grenzwert in dieser
+endgültigen Fassung ist überhaupt nicht mehr das, was angenähert
+<em class="gesperrt">wird</em>. Er <em class="gesperrt">stellt die Annäherung — den Prozeß, die Operation
+— selbst dar. Er ist kein Zustand, sondern ein Verhalten.</em> Hier,
+im entscheidenden Problem der abendländischen Mathematik, verrät sich
+plötzlich, daß unser Seelentum ein <em class="gesperrt">historisch</em> angelegtes ist.<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a></p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_16">16</h3>
+
+</div>
+
+<p>Die Geometrie von der Anschauung, die Algebra vom Begriff der Größe zu
+befreien und beide jenseits der elementaren Schranken von Konstruktion
+und Rechnung zu dem mächtigen Gebäude der Funktionstheorie zu
+vereinigen, das war der große Weg des abendländischen Zahlendenkens.
+So wurde die antike, konstante Zahl zur veränderlichen aufgelöst.
+Die analytisch <em class="gesperrt">gewordene</em> Geometrie löste alle konkreten
+Formen auf. Sie ersetzt den mathematischen Körper, an dessen starrem
+Bilde geometrische Werte gefunden werden, durch abstrakt räumliche
+Beziehungen, die zuletzt auf Tatsachen der sinnlich-gegenwärtigen
+Anschauungen überhaupt nicht mehr anwendbar sind. Sie ersetzt zunächst
+die optischen Gebilde Euklids durch geometrische Örter in bezug auf
+ein Koordinatensystem, dessen Anfangspunkt willkürlich gewählt werden
+kann, und reduziert das gegenständliche Dasein des geometrischen
+Objekts auf die Forderung, daß während der Operation, die sich nicht
+mehr auf Messungen, sondern auf Gleichungen richtet, das gewählte
+System nicht verändert werden darf. Alsbald werden aber die Koordinaten
+nur noch als reine Werte aufgefaßt, welche die Lage der Punkte als
+abstrakter Raumelemente nicht sowohl bestimmen, als repräsentieren
+und ersetzen. Die Zahl, die Grenze des Gewordnen, wird nicht mehr
+durch das Bild einer Figur, sondern durch das Bild einer Gleichung
+symbolisch dargestellt. Die „Geometrie“ kehrt ihren Sinn um: das
+Koordinatensystem als Bild verschwindet, und der Punkt ist nunmehr eine
+vollkommen abstrakte Zahlengruppe. Wie die Architektur der<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Renaissance
+durch die konstruktiven Neuerungen Michelangelos und Vignolas in
+die des Barock übergeht — das ist das genaue Abbild dieser innern
+Wandlung der Analysis. An den Palast- und Kirchenfassaden werden die
+sinnlich reinen Linien unwirklich. An Stelle der klaren Koordinaten
+florentinisch-römischer Säulenstellungen und Geschoßgliederungen
+tauchen die „infinitesimalen“ Elemente geschwungener, flutender
+Bauteile, Voluten, Kartuschen auf. Die Konstruktion verschwindet in
+der Fülle des Dekorativen — mathematisch gesprochen des Funktionalen;
+Säulen und Pilaster, in Gruppen und Bündel zusammengefaßt, durchziehen
+ohne Ruhepunkte für das Auge die Fronten, sammeln und zerstreuen
+sich; die Flächen der Wände, Decken, Geschosse lösen sich in der Flut
+von Stukkaturen und Ornamenten auf, verschwinden und zerfallen unter
+farbigen Lichtwirkungen. Das Licht aber, das nun über dieser Formwelt
+des reifen Barock spielt — von Bernini um 1650 an bis zum Rokoko in
+Dresden, Wien, Paris —, ist ein rein musikalisches Element geworden.
+Der Dresdner Zwinger ist eine <em class="gesperrt">Sinfonie</em>. Mit der Mathematik hat
+sich im 18. Jahrhundert auch die Architektur zu einer Formenwelt von
+<em class="gesperrt">musikalischem</em> Charakter entwickelt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_17">17</h3>
+
+</div>
+
+<p>Auf dem Wege dieser Mathematik mußte endlich der Augenblick auftreten,
+wo nicht nur die Grenzen künstlicher geometrischer Gebilde, sondern
+die Grenzen des Sehsinnes überhaupt seitens der Theorie wie der Seele
+selbst in ihrem Drange nach rückhaltlosem Ausdruck ihrer innern
+Möglichkeiten als Grenzen, als Hindernis empfunden wurden, wo also das
+Ideal transzendenter Ausgedehntheit zu den beschränkten Möglichkeiten
+des unmittelbaren Augenscheins in grundsätzlichen Widerspruch trat.
+Die antike Seele, welche mit der vollen Hingabe der platonischen und
+stoischen ἀταραξία das Sinnliche gelten und walten ließ und ihre großen
+Symbole, wie es der erotische Hintersinn der pythagoräischen Zahlen
+beweist, <em class="gesperrt">eher empfing als gab</em>, konnte auch das körperliche
+<em class="gesperrt">Jetzt</em> und <em class="gesperrt">Hier</em> niemals überschreiten wollen. Hatte sich
+aber die pythagoräische Zahl im Wesen <em class="gesperrt">gegebener</em> Einzeldinge in
+der <em class="gesperrt">Natur</em> offenbart, so<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> war die Zahl des Descartes und der
+Mathematiker nach ihm etwas, das <em class="gesperrt">erobert</em> und <em class="gesperrt">erzwungen</em>
+werden mußte, eine herrische abstrakte Beziehung, unabhängig von aller
+sinnlichen Gegebenheit und jederzeit bereit, diese Unabhängigkeit
+der Natur gegenüber geltend zu machen. Der Wille zur Macht — um
+Nietzsches große Formel zu gebrauchen —, der von der frühesten
+Gotik der Edda, der Kathedralen und Kreuzzüge, ja von den erobernden
+Wikingern und Goten an das Verhalten der nordischen Seele ihrer Welt
+gegenüber bezeichnet, liegt auch in dieser Energie der abendländischen
+Zahl gegenüber der Anschauung. <em class="gesperrt">Das</em> ist „Dynamik“. In der
+apollinischen Mathematik dient der Geist dem Auge, in der faustischen
+überwindet er es.</p>
+
+<p>Der mathematische, „absolute“, so gänzlich unantike Raum selbst war
+von Anfang an, was die Mathematik in ihrer Ehrfurcht vor hellenischen
+Traditionen nicht zu bemerken wagte, nicht die vage Räumlichkeit
+der täglichen Eindrücke, der landläufigen Malerei, der vermeintlich
+so eindeutigen und gewissen apriorischen Anschauung Kants, sondern
+ein reines Abstraktum, ein ideales und unerfüllbares Postulat einer
+Seele, der die Sinnlichkeit als Mittel des Ausdruckes immer weniger
+genügte und die sich endlich leidenschaftlich von ihr abwandte. Das
+<em class="gesperrt">innere</em> Auge erwachte.</p>
+
+<p>Jetzt erst mußte es tiefen Denkern fühlbar werden, daß die euklidische
+Geometrie, die <em class="gesperrt">einzige</em> und <em class="gesperrt">richtige</em> für den naiven Blick
+aller Zeiten, von diesem hohen Standpunkt aus betrachtet nichts als
+eine <em class="gesperrt">Hypothese</em> ist, deren Alleingültigkeit gegenüber anderen,
+auch ganz unanschaulichen Arten von Geometrien, wie wir seit Gauß
+bestimmt wissen, sich niemals beweisen läßt, von der vielberufenen
+„Übereinstimmung“ mit der Wirklichkeit, diesem Laiendogma, das durch
+jeden Blick in die Ferne — wo alle Parallelen einander berühren —
+widerlegt wird, zu schweigen. Der Kernsatz dieser Geometrie, das
+Parallelenaxiom Euklids, ist eine <em class="gesperrt">Behauptung</em>, die sich durch
+andere ersetzen läßt, daß es nämlich durch einen Punkt zu einer Geraden
+keine, zwei oder viele Parallelen gibt, Behauptungen, die sämtlich zu
+vollkommen widerspruchslosen dreidimensionalen geometrischen Systemen
+führen, die in der Physik<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> und vor allem der Astronomie angewendet
+werden können und zuweilen den euklidischen vorzuziehen sind.</p>
+
+<p>Schon die einfache Forderung der Unbegrenztheit des Ausgedehnten — die
+man seit Riemann und dessen Theorie unbegrenzter, aber infolge ihrer
+Krümmung nicht unendlicher Räume eben von der Unendlichkeit zu scheiden
+hat — widerspricht dem eigentlichen Charakter aller unmittelbaren
+Anschauung, welche von dem Vorhandensein von Lichtwiderständen, also
+materiellen Grenzen abhängt. Es sind aber abstrakte Prinzipien der
+Grenzsetzung denkbar, die in einem ganz neuen Sinne die Möglichkeiten
+optischer Begrenzung überschreiten. Für den Tieferblickenden liegt
+schon in der kartesischen Geometrie die Tendenz, über die drei
+Dimensionen des <em class="gesperrt">erlebten</em> Raumes als einer für die Symbolik
+der Zahlen nicht notwendigen Schranke hinauszugehen. Und wenn auch
+erst seit 1800 etwa die Vorstellung <em class="gesperrt">mehrdimensionaler</em> Räume —
+man hätte das Wort besser durch ein neues ersetzt — zur erweiterten
+Grundlage des analytischen Denkens wurde, so war doch der erste
+Schritt dazu in dem Augenblick getan, wo die Potenzen, eigentlicher
+die Logarithmen, von ihrer ursprünglichen Beziehung auf sinnlich
+realisierbare Flächen und Körper abgelöst und — unter Verwendung
+irrationaler und komplexer Exponenten — als Beziehungswerte von ganz
+allgemeiner Art in das Gebiet des Funktionalen eingeführt wurden. Wer
+hier überhaupt folgen kann, wird auch begreifen, daß schon mit dem
+Schritt von der Vorstellung a<sup>3</sup>, als einem natürlichen Maximum, zu
+a<sup>n</sup> die Unbedingtheit eines Raumes von drei Dimensionen aufgehoben ist.</p>
+
+<p>Nachdem einmal das Raumelement des Punktes den immerhin noch optischen
+Charakter eines Koordinatenschnittes in einem anschaulich vorstellbaren
+System verloren hatte und als Gruppe dreier unabhängiger Zahlen
+definiert worden war, lag kein inneres Hindernis mehr vor, die Zahl
+3 durch die allgemeine n zu ersetzen. Es tritt eine Umkehrung des
+Dimensionsbegriffes ein: Es bezeichnen nicht mehr Maßzahlen optische
+Eigenschaften eines Punktes hinsichtlich seiner Lage in einem System,
+sondern Dimensionen von unbeschränkter Anzahl stellen vollkommen
+abstrakte Eigenschaften einer Zahlengruppe dar. Diese Zahlengruppe
+— von n unabhängigen geordneten Elementen —<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> ist das <em class="gesperrt">Bild</em>
+des Punktes; sie <em class="gesperrt">heißt</em> ein <em class="gesperrt">Punkt</em>. Eine daraus logisch
+entwickelte Gleichung <em class="gesperrt">heißt Ebene</em>, ist das <em class="gesperrt">Bild</em> einer
+Ebene. Der Inbegriff aller Punkte von n Dimensionen <em class="gesperrt">heißt ein</em>
+n-dimensionaler <em class="gesperrt">Raum</em>.<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> In diesen transzendenten Raumwelten,
+die zu keiner wie immer gearteten Sinnlichkeit mehr in Beziehung
+stehen, herrschen die von der Analysis aufzufindenden Beziehungen,
+welche sich mit den Ergebnissen der experimentellen Physik in ständiger
+Übereinstimmung befinden. Diese Räumlichkeit höheren Ranges ist ein
+Symbol, das durchaus Eigentum des abendländischen Geistes bleibt.
+Nur dieser Geist hat das Gewordene und Ausgedehnte <em class="gesperrt">in diese</em>
+Formen zu bannen, das Fremde durch <em class="gesperrt">diese</em> Art der Aneignung —
+man erinnere sich des Begriffes „tabu“ — zu beschwören, zu zwingen,
+mithin zu „erkennen“ versucht und verstanden. Erst in dieser Sphäre
+des Zahlendenkens, die nur einem sehr kleinen Kreis von Menschen
+noch zugänglich ist — aber das gilt auch von den tiefsten Momenten
+unserer Musik, unserer Malerei, unserer Dogmatik —, erhalten selbst
+Bildungen wie die Systeme der hyperkomplexen Zahlen (etwa die
+Quaternionen der Vektorenrechnung) und zunächst ganz unverständliche
+Zeichen wie ∞<sup>n</sup> den Charakter von etwas Wirklichem. Man hat
+eben zu begreifen, daß Wirklichkeit nicht nur sinnliche Wirklichkeit
+ist, daß vielmehr das Seelische seine Idee in noch ganz anderen als
+anschaulichen Bildungen verwirklichen kann.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Erstes_Kapitel_18">18</h3>
+
+</div>
+
+<p>Aus dieser großartigen Intuition symbolischer Raumwelten folgt
+die letzte und abschließende Fassung der gesamten abendländischen
+Mathematik, die Erweiterung und Vergeistigung der Funktionentheorie
+zur <em class="gesperrt">Gruppentheorie</em>. Gruppen sind Mengen oder Inbegriffe
+gleichartiger mathematischer Gebilde, also z.&#8239;B. die Gesamtheit
+aller Differentialgleichungen von einem gewissen<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Typus, Mengen, die
+dem Dedekindschen Zahlenkörper analog gebaut und geordnet sind. Es
+handelt sich, wie man fühlt, um Welten ganz neuer Zahlen, die für das
+<em class="gesperrt">innere Auge</em> des Eingeweihten doch nicht ganz ohne eine gewisse
+Sinnlichkeit sind. Es werden nun Untersuchungen gewisser Elemente
+dieser ungeheuer abstrakten Formsysteme notwendig, welche in bezug
+auf eine einzelne Gruppe von Operationen — <em class="gesperrt">von Transformationen
+des Systems</em> — von deren Wirkungen unabhängig bleiben, Invarianz
+besitzen. Die allgemeine Aufgabe dieser Mathematik erhält also (nach
+Klein) die Form: „Es ist eine n-dimensionale Mannigfaltigkeit („Raum“)
+und eine Gruppe von Transformationen gegeben. Die der Mannigfaltigkeit
+angehörigen Gebilde sollen hinsichtlich solcher Eigenschaften
+untersucht werden, die durch Transformationen der Gruppe nicht geändert
+werden.“</p>
+
+<p>Auf diesem höchsten Gipfel schließt nunmehr — nach Erschöpfung ihrer
+sämtlichen inneren Möglichkeiten und nachdem sie ihre Bestimmung,
+<em class="gesperrt">Abbild und reinster Ausdruck der Idee des faustischen Seelentums</em>
+zu sein, erfüllt hat — Mathematik des Abendlandes ihre Entwicklung
+ab, in demselben Sinne, wie es die Mathematik der antiken Kultur im 3.
+Jahrhundert tat. Beide Wissenschaften — es sind die einzigen, deren
+organische Struktur sich heute schon historisch durchschauen läßt
+— sind aus der Konzeption einer völlig neuen Zahl durch Pythagoras
+und Descartes entstanden, beide haben in prachtvollem Aufschwung
+ein Jahrhundert später ihre Reife erlangt und beide vollendeten
+nach einer Blüte von drei Jahrhunderten das Gebäude ihrer Ideen, in
+derselben Epoche, durch welche die Kultur, der sie angehören, in
+eine weltstädtische Zivilisation überging. Dieser tiefbedeutsame
+Zusammenhang wird später aufgeklärt werden. Sicher ist, daß für uns
+die Zeit der <em class="gesperrt">großen</em> Mathematiker vorüber ist. Es ist heute
+dieselbe Arbeit des Erhaltens, Abrundens, Verfeinerns, Auswählens, die
+talentvolle Kleinarbeit an Stelle der großen Schöpfungen im Gange,
+wie sie auch die alexandrinische Mathematik des spätem Hellenismus
+kennzeichnet.</p>
+
+<p>Ein historisches Schema wird dies deutlicher machen:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<table>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center"><em class="gesperrt">Antike</em></div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center"><em class="gesperrt">Abendland</em></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">1. <em class="gesperrt">Konzeption einer neuen
+ Zahl.</em></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">um 540<br>
+ Die Zahl als Größe<br>
+ Die Pythagoräer<br>
+ (Um 470 Sieg der Plastik über die Freskomalerei)</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">um 1630<br>
+ Die Zahl als Beziehung<br>
+ Descartes, Fermat, Pascal;
+ Newton, Leibniz (1670)<br>
+ (Um 1670 Sieg der Musik über die Ölmalerei)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">2. <em class="gesperrt">Höhepunkt der
+ systematischen Entwicklung.</em></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">430–350<br>
+ Archytas, Plato, Eudoxos<br>
+ (Phidias, Praxiteles)</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1750–1800<br>
+ Euler, Lagrange, Laplace<br>
+ (Haydn, Mozart)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">3. <em class="gesperrt">Innerer Abschluß der
+ Zahlenwelt.</em></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">300–250<br>
+ Euklid, Apollonius, Archimedes<br>
+ (Lysippos, Leochares)</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">nach 1800<br>
+ Gauß, Cauchy, Riemann<br>
+ (Beethoven)</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Von der periodischen Unterbrechung durch den Schlaf soll
+hier abgesehen werden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Siehe die vorangehenden <a href="#TAFELN_ZUR_VERGLEICHENDEN_MORPHOLOGIE_DER_GESCHICHTE">Tafeln 1–3</a>.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Alexandria hört im 2. Jahrhundert n.&#8239;Chr. auf, Weltstadt
+zu sein und wird eine aus der Zeit antiker Zivilisation stehen
+gebliebene Häusermasse, in der eine primitiv fühlende, seelisch anders
+geartete Bevölkerung haust. Das hier vorliegende Phänomen wird später
+behandelt werden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Vom „Namenzauber“ der Wilden bis zur modernsten
+Wissenschaft, welche sich ihre Objekte <em class="gesperrt">unterwirft</em>, indem sie
+Namen, Begriffe und Definitionen für sie prägt, hat sich der Form nach
+nichts geändert.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> In der modernen Astronomie wird die Verwendung nicht
+euklidischer Geometrien ernstlich erwogen. Die Annahme eines
+unbegrenzten, aber endlichen, gekrümmten Raumes, den das Sternensystem
+mit einem Durchmesser von etwa 470 Millionen Erdabständen füllt, würde
+zur Annahme eines Gegenbildes der Sonne führen, das uns als Stern
+mittlerer Helligkeit erscheint.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Daß durch einen Punkt zu einer Geraden nur eine Parallele
+möglich sei, ein Satz, der sich nicht beweisen läßt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> „Funktion, recht begriffen, ist das Dasein in Tätigkeit
+gedacht“ (Goethe).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Vom Standpunkt der Mengenlehre aus heißt eine
+wohlgeordnete Punktmenge, ohne Rücksicht auf die Dimensionenzahl, ein
+Körper, eine Menge von n - 1 Dimensionen also im Verhältnis dazu eine
+Fläche. Die „Begrenzung“ (Wand, Kante) einer Punktmenge stellt eine
+Punktmenge von geringerer Mächtigkeit dar.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="ZWEITES_KAPITEL"><span class="s6">ZWEITES KAPITEL</span><br>
+DAS PROBLEM DER WELTGESCHICHTE</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<h3 id="Zweites_Kapitel_I">I<br>
+PHYSIOGNOMIK UND SYSTEMATIK</h3>
+
+<h4 id="Physiognomik_1">1</h4>
+
+<p>Es ist jetzt endlich möglich, den entscheidenden Schritt zu tun und
+ein Bild der Geschichte zu entwerfen, das nicht mehr vom zufälligen
+Standort des Betrachters in irgendeiner — seiner — „Gegenwart“ und
+von seiner Eigenschaft als interessiertem Gliede einer einzelnen Kultur
+abhängig ist, deren religiöse, geistige, politische, soziale Tendenzen
+ihn verführen, das historische Material aus einer zeitlich beschränkten
+Perspektive anzuordnen und dem Organismus des Geschehens damit eine
+willkürliche und an der Oberfläche haftende Form aufzudrängen, die ihm
+innerlich fremd ist.</p>
+
+<p>Was bisher fehlte, war die <em class="gesperrt">Distanz</em> vom Objekt. Der
+Natur gegenüber war sie längst erreicht. Allerdings war sie
+hier auch leichter erreichbar. Der Physiker konstruiert mit
+Selbstverständlichkeit das mechanisch-kausale Bild seiner Welt so, als
+ob er selbst gar nicht da wäre.</p>
+
+<p>Aber in der Formenwelt der Historie ist dasselbe möglich. Wir haben
+das nur bis jetzt nicht gewußt. Man darf deshalb vielleicht sagen,
+und man wird es später einmal tun, daß es an einer wirklichen
+Geschichtsschreibung faustischen Stils überhaupt gefehlt hat, einer
+solchen nämlich, die Distanz genug besitzt, um im Gesamtbilde der
+Weltgeschichte auch die Gegenwart — die es ja nur in bezug auf eine
+einzige von unzähligen menschlichen Generationen ist — wie etwas
+unendlich Fernes und Fremdes zu betrachten, als eine Epoche, die nicht
+schwerer wiegt als alle andern, ohne den Maßstab irgendwelcher Ideale,
+ohne Bezug auf sich selbst, ohne Wunsch, Sorge und persönliche innere
+Beteiligung, wie sie das praktische Leben in<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Anspruch nimmt; eine
+Distanz also, die — mit Nietzsche zu reden, der bei weitem nicht
+genug von ihr besaß — es erlaubt, das ganze Phänomen der historischen
+Menschheit wie mit dem Auge eines Gottes zu überblicken, wie die
+Gipfelreihe eines Gebirges am Horizont, als ob man selbst gar nicht zu
+ihr gehörte.</p>
+
+<p>Hier war noch einmal die Tat des Kopernikus zu vollbringen, jener Akt
+der Befreiung vom Augenschein im Namen des unendlichen Raumes, den der
+abendländische Geist der Natur gegenüber längst vollzogen hatte, als
+er vom ptolemäischen Weltsystem zu dem für ihn heute allein gültigen
+überging und damit den zufälligen Standort des Betrachters auf einem
+einzelnen Planeten als formbestimmend ausschaltete.</p>
+
+<p>Die Weltgeschichte ist derselben Ablösung von einem zufälligen
+Beobachtungsorte — der jeweiligen „Neuzeit“ — fähig und bedürftig.
+Uns erscheint das 19. Jahrhundert unendlich viel reicher und wichtiger
+als etwa das 19. vor Christus, aber auch der Mond erscheint uns
+größer als Jupiter und Saturn. Der Physiker hat sich vom Vorurteil
+der relativen Entfernung längst befreit, der Historiker nicht. Wir
+erlauben uns, die Kultur der Griechen als Altertum, relativ zu
+unserer Neuzeit, zu bezeichnen. War sie das auch für die feinen und
+historisch hochgebildeten Ägypter am Hofe des großen Thutmosis —
+ein Jahrtausend vor Homer? Für uns füllen die Ereignisse, die sich
+1500–1800 auf dem Boden Westeuropas abspielen, das wichtigste Drittel
+„der“ Weltgeschichte. Für den chinesischen Historiker, der auf 6000
+Jahre chinesischer Geschichte zurückblickt und von ihr aus urteilt,
+sind sie eine kurze und wenig bedeutende Episode, nicht entfernt so
+schwerwiegend wie z.&#8239;B. die Jahrhunderte der Handynastie (206 v. bis
+220 n.&#8239;Chr.), die in <em class="gesperrt">seiner</em> Weltgeschichte Epoche machen.</p>
+
+<p>Die Geschichte also von den persönlichen Vorurteilen des Betrachters
+zu lösen, der sie in unserem Falle wesentlich zur Geschichte
+eines Fragments des Vergangenen mit dem in Westeuropa fixierten
+Zufällig-Gegenwärtigen als Ziel und den augenblicklichen öffentlichen
+Idealen und Interessen als Wertmessern für die Entwicklung des
+Erreichten und zu Erreichenden macht — das ist die Absicht alles
+Folgenden.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p>
+
+<h4 id="Physiognomik_2">2</h4>
+
+</div>
+
+<p>Erinnern wir uns der grundlegenden Tatsache des wachen Bewußtseins,
+aus dem heraus ein geordnetes Weltbild im Sinne von Natur oder
+Geschichte überhaupt erst möglich wird. Mit den Worten <em class="gesperrt">Seele</em> und
+<em class="gesperrt">Welt</em> war der Urgegensatz bezeichnet worden, dessen Vorhandensein
+mit der Tatsache des menschlichen Tagesbewußtseins völlig identisch
+ist. Seele und Welt wurden im Hinblick auf die in jedem einzelnen und
+in jeder Kultur liegende Idee des Daseins das <em class="gesperrt">Mögliche</em> und
+das <em class="gesperrt">Wirkliche</em> genannt, um das Phänomen des Lebens als <em class="gesperrt">der
+Verwirklichung dieses Möglichen</em> und das ihm innewohnende Merkmal
+der Richtung vor Augen stellen zu können.</p>
+
+<p>Danach ist für jeden <em class="gesperrt">seine</em> Welt verwirklichtes Seelentum,
+Ausdruck, Zeichen, Bild der Idee <em class="gesperrt">seines</em> individuellen Daseins.
+„Jeder spricht nur sich selbst aus, indem er von der Natur spricht“
+(Goethe). Diese Wirklichkeit darf auf der seelischen Stufe des
+Urmenschen und des Kindes noch als verschleiert, chaotisch, als noch
+nicht entfaltet, als im tieferen Sinne formlos angenommen werden. In
+den höheren Zuständen menschlichen Daseins ist sie exakter Fassungen
+fähig, deren Skala zwischen den Extremen reinsten Anschauens und
+reinsten Erkennens eine unbegrenzte Menge nie sich genau wiederholender
+Strukturen zuläßt. „Die Welt“ ist für jeden einzelnen sein eigenstes,
+einmaliges, notwendiges und durchaus willenloses Erlebnis. Schopenhauer
+nannte es die Welt als Vorstellung, aber er setzte die Konstanz dieser
+Vorstellung und ihre Identität für alle Menschen als selbstverständlich
+voraus.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Natur und Geschichte</em>: so stehen zwei extreme Arten, die
+Wirklichkeit als Weltbild zu ordnen, einander gegenüber. Eine
+Wirklichkeit ist Natur, insofern sie alles Werden dem Gewordnen, sie
+ist Geschichte, insofern sie alles Gewordne dem Werden einordnet. Eine
+Wirklichkeit wird <em class="gesperrt">in ihrer Gestalt erschaut</em> — so entsteht
+die Welt Platos, Rembrandts, Goethes, Beethovens — oder <em class="gesperrt">in ihrem
+Element begriffen</em> — dies sind die Welten von Parmenides und
+Descartes, Kant und Newton. Erkennen im prägnanten Sinne des Wortes
+ist derjenige Erlebnisakt, dessen vollzogenes Resultat „Natur“ heißt.
+Erkanntes<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> und Natur sind identisch. Alles Erkannte ist, wie das Symbol
+der mathematischen Zahl bewies, gleichbedeutend mit dem mechanisch
+Begrenzten, Gesetzten. Natur ist der <em class="gesperrt">Inbegriff des gesetzlich
+Notwendigen</em>. Es gibt nur <em class="gesperrt">Natur</em>gesetze. Kein Physiker,
+der seine Bestimmung begreift, wird über diese Grenze hinausgehen
+wollen. Seine Aufgabe ist, die Gesamtheit, das wohlgeordnete System
+aller Gesetze festzustellen, die im Bilde der Natur auffindbar
+sind, mehr noch, die das Bild der Natur erschöpfend und ohne Rest
+<em class="gesperrt">darstellen</em>.</p>
+
+<p>Andrerseits: Anschauen — ich erinnere an das Wort Goethes: „Das
+Anschauen ist vom Ansehen sehr zu unterscheiden“ — ist derjenige
+Erlebnisakt, der, als Phänomen, <em class="gesperrt">indem</em> er sich vollzieht,
+<em class="gesperrt">selbst Geschichte</em> ist. Erlebtes ist Geschehenes, ist Geschichte.</p>
+
+<p>Alles Geschehen ist <em class="gesperrt">einmalig</em> und nie sich wiederholend.
+Es unterliegt dem Prinzip der Richtung (der „Zeit“), der
+<em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>. Das Geschehene, als nunmehr Gewordnes
+dem Werden, als Erstarrtes dem Lebendigen entgegengesetzt, gehört
+unwiderruflich der Vergangenheit an. Das Gefühl hiervon ist die
+Weltangst. Alles Erkannte aber ist <em class="gesperrt">zeitlos</em>, weder vergangen
+noch zukünftig, von dauernder Gültigkeit. Dies gehört zur innern
+Beschaffenheit des Naturgesetzlichen. Das Gesetz, das Gesetzte,
+ist <em class="gesperrt">antihistorisch</em>. Es schließt den <em class="gesperrt">Zufall</em> aus.
+Naturgesetze sind Formen anorganischer Notwendigkeit. Es wird klar,
+weshalb Mathematik als die Ordnung des Gewordnen durch die Zahl sich
+<em class="gesperrt">immer</em> auf Gesetze und Kausalität und <em class="gesperrt">nur</em> auf sie bezieht.</p>
+
+<p>Das Werden „hat keine Zahl“. Nur Lebloses kann gezählt, gemessen,
+zerlegt werden. Das reine Werden, das Leben ist in diesem Sinne
+grenzenlos. Es liegt jenseits des Bereiches von Ursache und Wirkung,
+Gesetz und Maß. Keine tiefe und echte Geschichtsforschung wird nach
+kausaler Gesetzlichkeit forschen; andernfalls hat sie ihr eigentliches
+Wesen nicht begriffen.</p>
+
+<p>Indes: Geschichte ist kein reines Werden; sie ist nur ein Weltbild,
+eine vom einzelnen ausstrahlende Weltform, in der das Werden das
+Gewordne <em class="gesperrt">beherrscht</em>. Auf dem Gehalt an Gewordenem beruht die
+Möglichkeit, ihr wissenschaftlich etwas abzugewinnen. Und je höher
+dieser Gehalt ist, desto<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> mechanischer, desto verstandesmäßiger,
+desto kausaler erscheint sie. Auch Goethes „lebendige Natur“, ein
+völlig unmathematisches Weltbild, hatte noch so viel Gehalt an Totem
+und Starrem, daß er sie wissenschaftlich behandeln konnte. Sinkt
+dieser Gehalt <em class="gesperrt">sehr</em> tief, ist sie beinahe <em class="gesperrt">nur</em> reines
+Werden, so haben wir eine echte Vision vor uns, die nur noch Arten
+<em class="gesperrt">künstlerischer</em> Rezeption gestattet. Was Dante als Welthistorie
+vor seinem geistigen Auge sah, hätte er <em class="gesperrt">nicht</em> wissenschaftlich
+realisieren können, auch Goethe nicht, was er in den Momenten seiner
+Faustentwürfe sah, ebensowenig Plotin und Giordano Bruno. Hier liegt
+die wichtigste Ursache des Streites um die Struktur der Geschichte.
+Vor demselben Objekt, vor demselben Tatsachenmaterial hat doch jeder
+Betrachter seiner Anlage nach einen anderen <em class="gesperrt">Eindruck</em> des Ganzen,
+ungreifbar und nicht mitteilbar, der seiner Denkart zugrunde liegt und
+ihr die spezifische persönliche Farbe gibt. Der Grad von Gewordnem
+wird bei zwei Menschen immer verschieden sein, Grund genug, daß sie
+sich niemals über das Thema und die Methode verständigen können. Jeder
+gibt dem Mangel an Denken bei dem andern Schuld, und doch ist das
+mit diesem Wort bezeichnete Etwas, worüber niemand Gewalt hat, kein
+Schlechtersein, sondern ein notwendiges Anderssein. Dasselbe gilt von
+aller Naturwissenschaft.</p>
+
+<p>Aber man halte fest: Geschichte <em class="gesperrt">wissenschaftlich</em> behandeln
+wollen ist im letzten Grunde immer etwas Widerspruchsvolles und deshalb
+ist jede pragmatische Geschichtsschreibung, sie sei so groß wie sie
+wolle, ein Kompromiß. Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über
+Geschichte soll man dichten. Alles andere sind unreine Lösungen — aus
+denen allerdings die große Mehrzahl aller Geistesprodukte besteht.</p>
+
+<p>Auf der andern Seite, dort, wo das Reich der Zahlen und des exakten
+Wissens herrschen sollte, hatte Goethe „lebendige Natur“ gerade das
+genannt, was ein unmittelbares Anschauen des reinen Werdens und
+Sichgestaltens, mithin im hier festgelegten Sinne <em class="gesperrt">Geschichte</em>
+war. <em class="gesperrt">Seine Welt</em> war <em class="gesperrt">zunächst</em> ein Organismus, ein Wesen,
+und man begreift, daß seine Forschungen, selbst wenn sie ein äußerlich
+physikalisches Gepräge tragen, weder Zahlen noch Gesetze noch eine in
+Formeln gebannte<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> Kausalität bezwecken, daß sie vielmehr Morphologie im
+höchsten Sinne sind und damit das spezifisch abendländische (und sehr
+unantike) Mittel aller kausalen Betrachtung, das messende Experiment,
+vermeiden, es aber auch nirgends vermissen lassen. Seine Betrachtung
+der Erdoberfläche ist stets Geologie, nie Mineralogie (die er die
+Wissenschaft von etwas Totem nannte).</p>
+
+<p>Es sei noch einmal gesagt: Es gibt keine genaue Grenze zwischen beiden
+Arten der Weltfassung. So sehr Werden und Gewordnes Gegensätze sind, so
+sicher ist in jedem Erlebnisakte beides vorhanden. Geschichte erlebt,
+wer beides als werdend, als sich vollendend, anschaut, Natur erkennt,
+wer beides als geworden, als vollendet, zergliedert.</p>
+
+<p>Es liegt eine ursprüngliche Anlage in jedem Menschen, jeder Kultur,
+jeder Kulturstufe vor, eine ursprüngliche Neigung und Bestimmung, eine
+der beiden Formen als Ideal vorzuziehen. Der Mensch des Abendlandes
+ist in hohem Grade historisch gestimmt,<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a> der antike Mensch war es
+um so weniger. <em class="gesperrt">Wir</em> verfolgen alles Gegebene im Hinblick auf
+Vergangenheit und Zukunft, die Antike erkannte nur die punktförmige
+Gegenwart als seiend an. Der Rest wurde Mythus. Wir haben in jedem
+Takte unsrer Musik von Palestrina bis Wagner <em class="gesperrt">auch ein Symbol des
+Werdens</em> vor uns, die Griechen in jeder ihrer Statuen ein Bild des
+Momentes. Der Rhythmus eines Körpers liegt im Augenblick, der Rhythmus
+einer Fuge im Verlauf.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Physiognomik_3">3</h4>
+
+</div>
+
+<p>So treten die Prinzipien der <em class="gesperrt">Gestalt</em> und des <em class="gesperrt">Gesetzes</em> vor
+uns hin als der beiden Grundformen aller Weltbildung. Je entschiedener
+ein Weltbild die Züge der Natur trägt, desto unumschränkter gilt in ihm
+das Gesetz und die Zahl. Je reiner<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> eine Welt als ein ewig Werdendes
+angeschaut wird, desto zahlenfremder ist die ungreifbare Fülle ihrer
+Gestaltung. So unterscheidet sich hinsichtlich der Methode Goethes
+vielberufene „exakte sinnliche Fantasie“, die das Lebendige unberührt
+läßt,<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> von dem exakten, tötenden Verfahren der modernen Physik.
+Der Rest des <em class="gesperrt">andern</em> Elements, den man immer finden wird,
+erscheint in der strengen Naturwissenschaft unter dem Phänomen nie zu
+vermeidender <em class="gesperrt">Theorien</em> und <em class="gesperrt">Hypothesen</em>, deren anschaulicher
+Gehalt alles starr Zahlenmäßige und Formelhafte füllt und trägt, in der
+Geschichtsforschung als <em class="gesperrt">Chronologie</em>, jenes seltsame und doch nie
+als dunkles Rätsel empfundene Phänomen eines Zahlennetzes, das — als
+Kette von Jahreszahlen, als Statistik — die Gestaltenwelt umspinnt und
+durchdringt, ohne mit dem Charakter von mathematischen Zahlen etwas zu
+tun zu haben.</p>
+
+<p>Noch etwas andres ist hier zu bemerken. Da ein Werden immer dem
+Gewordnen zugrunde liegt und Geschichte eine Ordnung des Weltbildes im
+Sinne des Werdens darstellt, so ist Geschichte die <em class="gesperrt">ursprüngliche</em>
+und Natur eine <em class="gesperrt">späte</em>, erst dem Menschen reifer Kulturen
+vollziehbare Weltform, nicht umgekehrt, zu welcher Annahme das
+Vorurteil des städtischen wissenschaftlichen Verstandes neigt. In der
+Tat ist die dunkle, urseelenhafte Umwelt der frühesten Menschheit,
+wovon heute noch ihre religiösen Gebräuche und Mythen zeugen, jene Welt
+voller Willkür, feindlicher Dämonen und launischer Mächte, durchaus
+ein lebendiges, ungreifbares, rätselhaft wogendes und unberechenbares
+Ganze. Mag man sie Natur nennen, so ist sie doch nicht unsre Natur,
+der starre Reflex eines wissenden Geistes. Diese Urwelt klingt als
+ein Stück längst vergangenen Menschentums nur in der Kinderseele
+und in den großen Künstlern noch manchmal an, inmitten einer
+strengen „Natur“, welche der Geist reifer Kulturen mit tyrannischer
+Nachdrücklichkeit um den einzelnen aufbaut. Hierin liegt der Grund für
+die gereizte Spannung zwischen wissenschaftlicher („moderner“) und
+künstlerischer („unpraktischer“) Weltanschauung, die jede Spätzeit
+kennt. Der Tatsachenmensch<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> und der Dichter werden einander nie
+verstehen. Hier ist auch der Grund zu suchen, weshalb jede angestrebte
+Geschichtsforschung, die immer etwas von Kindheit und Traum, etwas
+Goethesches in sich tragen müßte, an der Gefahr vorüberstreift, eine
+bloße Physik des öffentlichen Lebens zu werden, „materialistisch“, wie
+sie sich selbst ahnungslos genannt hat.</p>
+
+<p>„Natur“ im exakten Sinne ist die seltnere, auf den Menschen der großen
+Städte später Kulturen beschränkte, männliche, vielleicht schon
+greisenhafte Art, Wirklichkeit zu besitzen, Geschichte die naive und
+jugendliche, auch die unbewußtere, die der <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschheit
+eigen ist. So wenigstens steht die zahlenmäßige, geheimnislose Natur
+des Aristoteles und Kant, der Sophisten und Darwinisten, der modernen
+Physik, der erlebten, grenzenlosen, gefühlten Natur Homers und der
+Edda, des dorischen und gotischen Menschen gegenüber. Es heißt das
+Wesen aller Geschichtsbetrachtung verkennen, wenn man dies übersieht.
+<em class="gesperrt">Sie</em> ist die eigentlich <em class="gesperrt">natürliche</em>, die exakte, mechanisch
+geordnete Natur die <em class="gesperrt">künstliche</em> Fassung der Seele ihrer Welt
+gegenüber. Trotzdem oder gerade deshalb ist dem modernen Menschen die
+Naturwissenschaft leicht, die Geschichtsbetrachtung schwer.</p>
+
+<p>Regungen eines abstrakten, das heißt eben erzwungenen, künstlichen,
+dem naiven Seelentum fremden Denkens, dessen Tendenz ganz und gar
+auf mathematische Begrenzung, logische Unterscheidung, auf Gesetz
+und Kausalität hinausgeht, tauchen früh genug auf. Man findet sie in
+den ersten Jahrhunderten aller Kulturen, noch schwach, vereinzelt,
+noch in der Fülle des Trieblebens verschwindend. Ich nenne den Namen
+Roger Bacons. Sie nehmen bald einen strengeren Charakter an; es fehlt
+ihnen, wie allem geistig Erkämpften und von der menschlichen Natur
+ständig Bedrohten, das Herrische und Ausschließende nicht. Unvermerkt
+durchdringt das Reich des Räumlich-Begrifflichen — denn die Begriffe
+sind ihrem Wesen nach Zahlen, von rein quantitativer Beschaffenheit —
+die Außenwelt des Einzelnen, bewirkt in, mit und unter den schlichten
+Eindrücken der Sinnlichkeit einen mechanischen Zusammenhang kausaler
+und zahlengesetzlicher Art und unterwirft zu guter Letzt das wache
+Bewußtsein des großstädtischen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Kulturmenschen — sei es im ägyptischen
+Theben oder in Babylon, in Benares, Alexandria oder in westeuropäischen
+Weltstädten — einem so anhaltenden Zwange des naturgesetzlichen
+Denkens, daß das Vorurteil aller Philosophie und Wissenschaft —
+denn es <em class="gesperrt">ist</em> ein Vorurteil — kaum Widerspruch findet, dieser
+Zustand sei <em class="gesperrt">der</em> menschliche Geist und sein alter ego, das
+<em class="gesperrt">mechanische</em> Bild der Umwelt, sei <em class="gesperrt">die</em> Welt. Aristoteles
+und Kant haben das Urteil sakrosankt gemacht. Plato und Goethe
+widerlegen es.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Physiognomik_4">4</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die große Aufgabe der Welterkenntnis, wie sie dem Menschen hoher
+Kulturen ein Bedürfnis ist, eine Art Durchdringung seiner Existenz,
+die er sich und ihr schuldig zu sein glaubt, mag man ihre Lösung nun
+Wissenschaft oder Philosophie nennen, mag man ihre Verwandtschaft
+zu künstlerischer Schöpfung und gläubiger Intuition mit innerster
+Gewißheit fühlen oder bestreiten — diese Aufgabe ist sicherlich in
+jedem Falle die gleiche: die Formensprache des Weltbildes, das dem
+Dasein des einzelnen <em class="gesperrt">vorbestimmt</em> ist, das er, solange er nicht
+<em class="gesperrt">vergleicht</em>, für <em class="gesperrt">die</em> Welt halten muß, in ihrer Reinheit
+darzustellen. Diese <em class="gesperrt">Auflösung</em> der uns umgebenden Wirklichkeit
+in ihre — wie wir glauben — einfachen Elemente empfinden wir als die
+Lösung des Rätsels. Wir nennen sie Offenbarung, Entdeckung, Erkenntnis,
+Erfahrung und sind gewiß, mit ihr den Inhalt unseres Daseins
+bereichert, ein Stück von ihm vollendet zu haben.</p>
+
+<p>Angesichts der Zweiheit von Natur und Geschichte kann diese Aufgabe
+eine doppelte sein. Beide reden ihre eigene, in jedem Betracht
+verschiedene Formensprache und in einem Weltbilde von unentschiedenem
+Charakter — wie es die Regel ist — können beide einander wohl
+überlagern und verwirren, sich aber niemals zur Einheit verbinden.</p>
+
+<p>Richtung und Ausdehnung sind die Merkmale, durch die sich historische
+und naturhafte Welteindrücke unterscheiden. Der Mensch ist gar nicht
+imstande, beides gleichzeitig, im selben Augenblick entschieden in
+Wirkung zu setzen. Das Wort Ferne hat einen bezeichnenden Doppelsinn.
+Dort bedeutet es <em class="gesperrt">Zukunft</em>,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> hier eine <em class="gesperrt">räumliche Distanz</em>.
+Man wird bemerken, daß der historische Materialist die Zeit mit
+Notwendigkeit als Dimension empfindet. Für den geborenen Künstler
+sind umgekehrt, wie die Lyrik aller Völker beweist, landschaftliche
+Fernen, Wolken, der Horizont, die sinkende Sonne Eindrücke, die sich
+unbezwinglich mit dem Gefühl von etwas Künftigem verbinden. Der
+griechische Dichter verneint die Zukunft, folglich sieht, folglich
+besingt er dies alles nicht. Weil er ganz der Gegenwart angehört,
+so gehört er auch ganz der Nähe. Der Naturforscher, der produktive
+Verstandesmensch im eigentlichen Sinne, sei er Experimentator wie
+Faraday, Theoretiker wie Galilei oder Rechner wie Newton, findet in
+seiner Welt nur richtungslose <em class="gesperrt">Quantitäten</em>, die er mißt, prüft
+und ordnet. Nur Quantitatives unterliegt der Fassung durch Zahlen,
+ist kausal determiniert, kann begrifflich zugänglich gemacht und
+gesetzlich formuliert werden. Damit sind die Möglichkeiten aller reinen
+Naturerkenntnis erschöpft. Alle Gesetze sind quantitative Zusammenhänge
+oder, wie der Physiker es ausdrückt, alle physikalischen Vorgänge
+<em class="gesperrt">verlaufen im Raume</em>. Der antike Physiker würde diesen Ausdruck
+im Sinne des antiken raumverneinenden Weltgefühls, ohne die Tatsache
+zu ändern, dahin korrigiert haben, daß alle Vorgänge „<em class="gesperrt">unter Körpern
+stattfinden</em>“.</p>
+
+<p>Historischen Eindrücken ist alles Quantitative fremd. Ihr Organ ist
+ein andres. Die beiden Arten von Rezeption, welche der Welt als Natur
+und der Welt als Geschichte entsprechen, sind uns wohlbekannt, so
+wenig wir uns auch bis jetzt ihres Gegensatzes bewußt gewesen sind.
+Es gibt <em class="gesperrt">Naturerkenntnis</em> und <em class="gesperrt">Menschenkenntnis</em>. Es gibt
+<em class="gesperrt">wissenschaftliche Erfahrung</em> und <em class="gesperrt">Lebenserfahrung</em>. Man
+verfolge den Gegensatz bis in seine letzten Konsequenzen und man wird
+verstehen, was ich meine.</p>
+
+<p>Alle Arten, die Welt zu begreifen, dürfen letzten Endes als
+Morphologie bezeichnet werden. <em class="gesperrt">Die Morphologie des Mechanischen und
+Ausgedehnten, eine Wissenschaft, die Naturgesetze und Kausalbeziehungen
+entdeckt und ordnet, heißt Systematik. Die Morphologie des Organischen,
+der Geschichte und des Lebens, alles dessen,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> was Richtung und
+Schicksal in sich trägt, heißt Physiognomik.</em></p>
+
+<p>Je historischer ein Mensch veranlagt ist, desto mehr wird alles, was
+er begreift, mitteilt, bildet, physiognomischen Charakter tragen. Der
+hellenischen Statuenkunst lag alles Physiognomische fern, nicht weniger
+dem attischen Drama. Das hat der Klassizismus Winckelmanns und Lessings
+als das „Allgemein Menschliche“ mißverstanden. Goethe war in seiner
+Pflanzenlehre wie im Tasso, in seiner Lyrik wie im persönlichen Umgang
+ein Meister der Physiognomik.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Physiognomik_5">5</h4>
+
+</div>
+
+<p>Diese Art, die Welt zu sehen, hat in den letzten Stadien der
+abendländischen Zivilisation ihre große Zeit noch vor sich. In
+hundert Jahren werden alle Wissenschaften, die auf diesem Boden
+dann noch möglich sind, Bruchstücke einer einzigen ungeheuren
+Physiognomik alles Menschlichen sein. <em class="gesperrt">Das bedeutet „Morphologie
+der Weltgeschichte“.</em> In jeder Wissenschaft, dem Ziel wie dem
+Stoffe nach, erzählt der Mensch sich selbst. Wissenschaftliche
+Erfahrung ist Selbsterkenntnis. Aus diesem Gesichtspunkte war soeben
+die Mathematik als Kapitel der Physiognomik behandelt worden. Nicht
+was der einzelne Mathematiker <em class="gesperrt">beabsichtigt</em>, kam in Betracht.
+Der Fachmann als solcher mit seinen Tatsachen und Leistungen scheidet
+aus. Der Mathematiker als Mensch, dessen Wirksamkeit einen Teil seiner
+Erscheinung, dessen Wissen und Meinen einen Teil seiner Gebärde bildet,
+ist das <em class="gesperrt">Organ</em> einer Kultur. Durch ihn redet sie von sich. Er
+gehört als Person, als Geist, entdeckend, erkennend, formend zu ihrer
+Physiognomie.</p>
+
+<p>Jede Mathematik, die als wissenschaftliches System oder, wie im Falle
+Ägyptens, in Form einer Architektur die Idee einer Zahl allen sichtbar
+zur Erscheinung bringt, ist das Bekenntnis einer Seele. So gewiß ihre
+beabsichtigte Leistung nur der historischen Oberfläche angehört, so
+gewiß ist ihr Unbewußtes, die Zahl selbst als Urphänomen und der
+Stil ihrer Entwicklung zu einer abgeschlossenen Formenwelt, Ausdruck
+des Daseins, des Blutes. Ihre Lebensgeschichte, ihr Aufblühen<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> und
+Verdorren, ihre tiefe Beziehung zu den bildenden Künsten, zu Mythen
+und Kulten derselben Kultur, das alles gehört zu einer noch kaum für
+möglich gehaltenen Morphologie der zweiten, der historischen Art.</p>
+
+<p>Die sichtbare Außenseite aller Historie hat demnach dieselbe Bedeutung
+wie die äußere Erscheinung des einzelnen Menschen, Wuchs, Miene,
+Haltung, Gang, Sprache, Tätigkeit. Das alles ist für den Menschenkenner
+da. Der Leib, das Begrenzte, Gewordne, <em class="gesperrt">Vergängliche</em> ist Ausdruck
+der Seele. Aber Menschenkenner sein bedeutet auch jene menschlichen
+Organismen größten Stils, die ich Kulturen nenne, kennen, ihre Miene,
+ihre Sprache, ihre Handlungen begreifen, wie man die eines einzelnen
+Menschen begreift. Geschichte als Philosoph schreiben heißt das tun,
+was Shakespeare tat, als er seine Tragödien einzelner Menschen schrieb.</p>
+
+<p>Physiognomik ist die ins Geistige übersetzte Kunst des Porträts.
+Don Quijote, Werther, Julian Sorel sind die Porträts einer Epoche.
+Faust ist das Porträt einer ganzen Kultur. Der Naturforscher, der
+Morphologe als Systematiker, kennt das Porträt der Welt nur als
+imitative Aufgabe. Das bedeutet „Naturtreue“, „Ähnlichkeit“ für den
+malenden Handwerker, der im Grunde ganz mathematisch zu Werke geht.
+Ein echtes Porträt im Sinne Rembrandts ist Physiognomik, ist Historie.
+Die Reihe seiner Selbstbildnisse ist nichts andres als eine — echt
+Goethesche — Selbstbiographie. So soll die Biographie der großen
+Kulturen geschrieben werden. Der imitative Teil, die Arbeit des
+Fachhistorikers an Daten und Zahlen, ist nur Mittel, nicht Ziel. Zu
+den Zügen im Antlitz der Historie gehört alles, was man bis jetzt nur
+nach persönlichen Maßstäben, nach Nutzen und Schaden, Gut und Böse,
+Gefallen und Mißfallen zu werten verstanden hat, eine Staatsform
+wie eine Wirtschaftsform, Schlachten wie Künste, Wissenschaften wie
+Götter, Mathematik wie Moral. Alles, was überhaupt <em class="gesperrt">geworden</em> ist,
+alles, was erscheint, ist Symbol, ist Ausdruck einer Seele. Es will
+mit dem Auge des Menschenkenners betrachtet, es will nicht in Gesetze
+gebracht, es will in seiner Bedeutung gefühlt werden. Und so erhebt
+sich die Untersuchung zu einer letzten und höchsten Gewißheit: <em class="gesperrt">Alles
+Vergängliche ist nur ein Gleichnis.</em></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
+
+<p>Zur Naturerkenntnis kann man erzogen werden, der Geschichtskenner
+wird <em class="gesperrt">geboren</em>. Er begreift und durchdringt mit einem Schlage,
+aus einem Gefühl heraus, das man nicht lernt, das jeder absichtlichen
+Einwirkung entzogen ist, das dem Willen nicht unterliegt, das in seinen
+höchsten Momenten sich selten genug einstellt. Zerlegen, definieren,
+ordnen, nach Ursache und Wirkung abgrenzen kann man, wenn man will.
+Das ist eine Arbeit, das andre ist eine Schöpfung. Gestalt und Gesetz,
+Gleichnis und Begriff, Symbol und Formel haben ein sehr verschiedenes
+Organ. Es ist das Verhältnis von <em class="gesperrt">Leben und Tod</em>, von Zeugen
+und Zerstören, das hier erscheint. Der Verstand, der Begriff tötet,
+indem er „erkennt“. Er macht das Erkannte zum starren Gegenstand, der
+sich messen und teilen läßt. Das Anschauen beseelt. Es verleibt das
+Einzelne einer lebendigen, innerlich gefühlten Einheit ein. Dichten
+und Geschichtsforschung sind verwandt, Rechnen und Erkennen sind es
+auch. Aber — wie Hebbel einmal sagt: „Systeme werden nicht erträumt,
+Kunstwerke nicht errechnet oder, was dasselbe ist, erdacht.“ Der
+Künstler, der echte Historiker schaut, wie etwas wird. Er erlebt das
+Werden in den Zügen des Betrachteten noch einmal. Der Systematiker,
+sei er Physiker, Darwinist, oder schreibe er pragmatische Historie,
+erfährt, was geworden ist. Die Seele eines Künstlers ist wie die Seele
+einer Kultur etwas, das sich verwirklichen möchte, etwas vollständiges
+und vollkommenes, in der Sprache einer altern Philosophie: Mikrokosmos.
+Der Geist des Physikers, eine späte, engere und vorübergehende
+Erscheinung, gehört in die reifsten Stadien einer Kultur. Er ist an
+das Phänomen der <em class="gesperrt">Städte</em> gebunden, in denen sich ihr Leben mehr
+und mehr zusammendrängt, und er verschwindet wieder mit ihnen. Antike
+Wissenschaft gibt es nur von den Ioniern des 6. Jahrhunderts an bis zur
+Römerzeit. Antike Künstler gibt es, solange es eine Antike gibt.</p>
+
+<p>Ein Schema möge wieder zur Verdeutlichung dienen:</p>
+
+<figure class="figcenter illowe30" id="p147_schema">
+ <img class="w100" src="images/p147_schema.jpg" alt="Schema zur Einheit von
+ Bewusstsein, Erkenntnis und Weltbild">
+</figure>
+
+<p>Versucht man sich über das Prinzip der <em class="gesperrt">Einheit</em> klar zu
+werden, aus welcher jede der beiden Welten aufgefaßt wird, so
+findet man, daß mathematisch geregelte Erkenntnis, und zwar desto
+entschiedener, je reiner sie ist, sich durchaus auf ein beständig
+<em class="gesperrt">Gegenwärtiges</em> bezieht. Das Bild der Natur, wie es der Physiker
+betrachtet, ist das augenblicklich vor seinen Sinnen sich entfaltende.
+Zu den meist verschwiegenen, aber um so festeren Voraussetzungen
+aller Naturforschung gehört die, daß die Natur für alle und zu
+allen Zeiten dieselbe sei. Ein Experiment entscheidet „für immer“.
+Wirkliche Geschichte aber beruht auf dem ebenso gewissen innern
+Gefühl des Gegenteils. Geschichte setzt als ihr Organ eine schwer zu
+beschreibende Art innerer Sinnlichkeit voraus, deren Eindrücke in
+unendlicher Wandlung begriffen sind, mithin in einem Zeitpunkte gar
+nicht zusammengefaßt werden können. (Von der vermeintlichen „Zeit“ der
+Physiker wird später die Rede sein.) Das Bild der Geschichte — sei es
+die der Menschheit, der Organismenwelt, der Erde, der Fixsternsysteme
+— ist ein <em class="gesperrt">Gedächtnisbild</em>. Und zwar kann man die frühere
+Unterscheidung wiederholen und sagen, daß „Natur“ ein Weltbild sei,
+in welchem das Gedächtnis der Einheit des unmittelbar Sinnlichen
+unterworfen ist, „Geschichte“ dasjenige, in welchem das Gedächtnis die
+Eindrücke der Sinne sich einverleibt. Gedächtnis wird hier als ein
+höherer Zustand aufgefaßt, der durchaus nicht jeder Seele eigen und
+vielen nur in geringem Grade verliehen ist, eine Art Einbildungskraft,
+die jeden Augenblick sub specie aeternitatis, in steter Beziehung auf
+alles Vergangene und Zukünftige durchlebt werden läßt; es ist die
+Voraussetzung jeder<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Art von reflektierender Beschaulichkeit, von
+Selbsterkenntnis und Selbstbekenntnis. In diesem Sinne besitzt der
+antike Mensch kein Gedächtnis, mithin keine Geschichte, weder in sich
+noch um sich. („Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich
+selbst Geschichte erlebt hat.“ Goethe.) Im antiken Weltbewußtsein wird
+alles Vergangene im Augenblicklichen aufgesaugt. Man vergleiche die
+äußerst „historischen“ Köpfe der Naumburger Domskulpturen, Dürers,
+Rembrandts mit denen hellenistischer Bildnisse, etwa der bekannten
+Sophoklesstatue. Die einen erzählen die ganze Geschichte einer Seele,
+die Züge des andern beschränken sich streng auf den Ausdruck eines
+augenblicklichen innern Zustandes. Sie schweigen von allem, was im
+Laufe eines Lebens zu diesem Zustande geführt hat — wenn davon bei
+einem echt antiken Menschen, der immer fertig, nie ein Werdender ist,
+überhaupt die Rede sein kann.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Physiognomik_6">6</h4>
+
+</div>
+
+<p>Und nun ist es möglich, die letzten Elemente der historischen
+Formenwelt aufzufinden. Unzählige Gestalten, in endloser Fülle
+auftauchend, verschwindend, sich abhebend, wieder verfließend, ein in
+tausend Farben und Lichtern blinkendes Gewirr von anscheinend freiester
+Zufälligkeit — das ist zunächst das Bild der Weltgeschichte, wie sie
+als Ganzes vor dem anschauenden Geiste sich ausbreitet. Der tiefer ins
+Wesenhafte dringende Blick aber hebt aus dieser Willkür reine Formen
+hervor, die dicht verhüllt und nur widerwillig sich entschleiernd allem
+menschlichen Werden zugrunde liegen.</p>
+
+<p>Vom Bilde des gesamten Weltwerdens, wie es das faustische Auge umfaßt,
+dem Werden der Sternensysteme, der Erdoberfläche, der Lebewesen,
+betrachten wir jetzt nur die äußerst kleine morphologische Einheit
+der „Weltgeschichte“ im landläufigen Sinne, der von Goethe wenig
+geachteten Geschichte des höheren Menschentums, die wenig mehr als
+6000 Jahre umfaßt, ohne auf das tiefe Problem der Symmetrie all
+dieser Gebilde einzugehen. Was dieser flüchtigen Formenwelt Sinn
+und Gehalt gibt und was bis jetzt tief verschüttet unter der kaum
+verstandenen Masse handgreiflicher „Daten“ und „Tatsachen“ lag, ist
+das<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> <em class="gesperrt">Phänomen der großen Kulturen</em>. Erst nachdem diese Urformen
+in ihrer physiognomischen, organischen Bedeutsamkeit erschaut,
+gefühlt, herausgearbeitet worden sind, kann das Wesen der Geschichte
+— gegenüber dem Wesen der Natur — als verstanden gelten. Erst von
+diesem Ein- und Ausblicke an darf von einer Philosophie der Geschichte
+ernsthaft die Rede sein. Erst dann ist es möglich, jedes Faktum
+im historischen Bilde, jeden Gedanken, jede Kunst, jeden Krieg,
+jede Persönlichkeit, jede Epoche ihrem symbolischen Gehalte nach
+zu begreifen und die Geschichte selbst nicht mehr als bloße Summe
+von Vergangenem ohne eigentliche Ordnung und innere Notwendigkeit
+zu begreifen, sondern als einen Organismus von strengstem Bau und
+sinnvollster Gliederung, in dessen Entwicklung die zufällige Gegenwart
+des Betrachters keinen Abschnitt bezeichnet und die Zukunft nicht mehr
+formlos und unbestimmbar erscheint.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Kulturen sind Organismen.</em> Kulturgeschichte ist ihre Biographie.
+Die in historischer Erscheinung — im Gedächtnisbilde — uns
+vorliegende Geschichte der chinesischen oder antiken Kultur ist
+morphologisch das genaue Seitenstück zur Geschichte des einzelnen
+Menschen, eines Tieres, eines Baumes oder einer Blume. Will man ihre
+Struktur kennen lernen, so hat die vergleichende Morphologie der
+Pflanzen und Tiere längst die Methode dazu vorbereitet.<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a> Im Phänomen
+der einzelnen, aufeinander folgenden, nebeneinander aufwachsenden, sich
+berührenden, überschattenden, erdrückenden Kulturen erschöpft sich der
+Gehalt aller Historie. Und läßt man ihre Gestalten, die bis jetzt nur
+allzu gut unter der Oberfläche einer trivial fortlaufenden „Geschichte
+der Menschheit“ verborgen lagen, im Geiste vorüberziehen, so muß es
+gelingen, den Typus, die Urgestalt <em class="gesperrt">der</em> Kultur, frei von allem
+Trübenden und Unbedeutenden, aufzufinden, die allen einzelnen Kulturen
+als Formideal zugrunde liegt.</p>
+
+<p>Ich unterscheide die <em class="gesperrt">Idee</em> einer Kultur, ihre inneren
+Möglichkeiten, von ihrer sinnlichen <em class="gesperrt">Erscheinung</em> im Bilde
+der Geschichte als der vollzogenen Verwirklichung. Es ist das
+Verhältnis der Seele zum Körper, ihrem <em class="gesperrt">Ausdruck</em> im Bereiche<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span>
+des Ausgedehnten und Gewordenen. Geschichte einer Kultur ist die
+Verwirklichung ihres Möglichen. Die Vollendung ist gleichbedeutend mit
+dem Ende. So verhält sich die apollinische Seele, deren Idee einige
+von uns vielleicht noch einmal <em class="gesperrt">fühlen</em> und <em class="gesperrt">nacherleben</em>
+können, zu ihrer räumlichen Entfaltung, der <em class="gesperrt">wissenschaftlich</em>
+zugänglichen „Antike“, deren Physiognomie der Archäologe, der
+Philologe, der Ästhetiker und der Historiker studieren.</p>
+
+<p>Kultur ist das <em class="gesperrt">Urphänomen</em> aller vergangenen und künftigen
+Weltgeschichte. Die tiefe und wenig gewürdigte Idee Goethes, die
+er in seiner lebendigen Natur fand und seinen morphologischen
+Forschungen stets zugrunde gelegt hat, soll hier in ihrem genauesten
+Sinne auf all die vollkommen ausgereiften, in der Blüte erstorbenen,
+halbentwickelten, im Keim erstickten Bildungen der menschlichen
+Geschichte angewendet werden. Hier redet nicht der analysierende
+Verstand, sondern das unmittelbare Weltgefühl, das Anschauen. „Das
+Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen, und wenn ihn
+das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden, ein Höheres
+kann es ihm nicht gewähren und ein Weiteres soll er nicht dahinter
+suchen: hier ist die Grenze.“ Ein Urphänomen ist dasjenige, in welchem
+die Idee des Werdens rein vor Augen liegt. Goethe sah die Idee der
+<em class="gesperrt">Urpflanze</em> in der Gestalt jeder einzelnen, zufällig entstandenen
+oder überhaupt möglichen Pflanze klar vor seinem geistigen Auge. Er
+fühlte hier den Sinn des Werdens mit aller Deutlichkeit. Er ging bei
+seiner großen Entdeckung des <i>os intermaxillare</i>, die allein alle
+Leistungen Darwins aufwiegt, vom <em class="gesperrt">Urphänomen des Wirbeltiertypus</em>,
+auf anderem Gebiete von der geologischen Schichtung, vom Blatt als
+der <em class="gesperrt">Urform</em> aller pflanzlichen Organe, von der Metamorphose der
+Pflanzen als dem Urbild alles organischen Werdens aus. „Dasselbe Gesetz
+wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen“, schrieb er
+aus Neapel an Herder, als er ihm seine Entdeckung mitteilte. Das 19.
+„historische“ Jahrhundert hat ihn nicht verstanden.</p>
+
+<p>Das Urphänomen ist, wie Goethe mit Entschiedenheit betont, reine
+Anschauung einer Idee, nicht Erkenntnis eines Begriffes. Alle
+Geschichtsschreibung aber ist bisher eine durchaus<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> anorganische
+Kombination objektiver Tatsachen und Beobachtungen gewesen, die sich
+bestenfalls aus einem Erkenntnisprinzip von sozialer oder politischer,
+jedenfalls kausaler Formulierung ergab, das man in Wirklichkeit der
+Naturforschung und zwar der materialistischen abgelauscht hatte.
+Wenn man sich nicht im Stile Hegels und Schellings in Abstrusitäten
+verlor, so trieb man Systematik. Der Darwinismus mit seinen möglichst
+massiven, möglichst praktischen „Ursachen“ — die der westeuropäische
+Großstadtmensch sonst nicht als Ursachen von Wirkungen begriffen hätte
+— ist tatsächlich die Übertragung parteipolitischer Plattheiten auf
+die Erscheinungen der Tierwelt, aber andererseits sind die Prinzipien
+der heute so „wirtschaftlich“ gestimmten Geschichtsschreibung
+biologische, vom Darwinismus zurückeroberte Plattheiten. Von einer
+strengen und klaren Physiognomik, deren exakte Methoden erst noch
+zu finden waren, ist niemals die Rede gewesen. Hier liegt die
+Aufgabe des 20. Jahrhunderts vor, die Struktur der historischen
+Organismen bloßzulegen, das morphologisch Notwendige vom Zufälligen zu
+unterscheiden, den Ausdruck aller historischen Züge zu entziffern und
+den letzten Sinn dieser stummen Sprache aufzufinden.</p>
+
+<p>Die bisher abgelaufene Geschichte ist nicht übersichtlich. Als
+ganz ausgereifte Gebilde, deren jedes also den Körper eines zur
+inneren Vollendung gelangten Seelentums repräsentiert, darf man die
+chinesische, babylonische, ägyptische, indische, antike, arabische,
+abendländische und die Mayakultur betrachten. Als im Entstehen
+begriffen kommt die russische in Betracht. Die Zahl der nicht zur Reife
+gelangten Kulturen ist gering; die persische, hettitische und die der
+Kitschua befinden sich darunter. Für das Verständnis des Urphänomens
+selbst sind sie ohne Bedeutung.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Physiognomik_7">7</h4>
+
+</div>
+
+<p>Eine unübersehbare Masse menschlicher Wesen, ein uferloser Strom,
+der aus dunkler Vergangenheit hervortritt, dort, wo unser Zeitgefühl
+seine ordnende Wirksamkeit verliert und die ruhelose Phantasie — oder
+Angst — in uns das Bild geologischer Erdperioden hingezaubert hat, um
+ein nie zu lösendes<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> Rätsel dahinter zu verbergen, der sich in eine
+ebenso dunkle und zeitlose Zukunft verliert: das ist der Untergrund
+des Bildes der Menschengeschichte. Der einförmige Wellenschlag
+zahlloser Generationen bewegt die weite Fläche. Glitzernde Streifen
+breiten sich aus. Flüchtige Lichter ziehen und tanzen darüber hin,
+verwirren und trüben den klaren Spiegel, verwandeln sich, blitzen
+auf und verschwinden. Wir haben sie Geschlechter, Stämme, Völker,
+Rassen genannt. Sie fassen eine Reihe von Generationen in einem
+beschränkten Kreise der historischen Oberfläche zusammen. Wenn die
+gestaltende Kraft in ihnen erlischt — und diese Kraft ist eine sehr
+verschiedene und bestimmt eine sehr verschiedene Dauer und Plastizität
+dieser Phänomene im voraus —, erlöschen auch die physiognomischen,
+sprachlichen, geistigen Merkmale und die Erscheinung löst sich wieder
+in dem Chaos der Generationen auf. Arier, Mongolen, Germanen, Kelten,
+Parther, Franken, Karthager, Berber, Bantu sind Namen für höchst
+verschiedenartige Gebilde dieser Ordnung.</p>
+
+<p>Über diese Fläche hin aber ziehen die großen Kulturen ihre
+majestätischen Wellenkreise. Sie tauchen plötzlich auf, verbreiten sich
+in prachtvollen Linien, glätten sich, verschwinden und der Spiegel der
+Flut liegt wieder einsam und schlafend da.</p>
+
+<p>Eine Kultur wird in dem Augenblick geboren, wo eine große Seele aus
+dem urseelenhaften Zustande ewig-kindlichen Menschentums erwacht,
+sich ablöst, eine Gestalt aus dem Gestaltlosen, ein Begrenztes und
+Vergängliches aus dem Grenzenlosen und Verharrenden. Sie erblüht auf
+dem Boden einer genau abgrenzbaren Landschaft, an die sie pflanzenhaft
+gebunden bleibt. Eine Kultur stirbt, wenn diese Seele die volle
+Summe ihrer Möglichkeiten in der Gestalt von Völkern, Sprachen,
+Glaubenslehren, Künsten, Staaten, Wissenschaften verwirklicht hat und
+damit wieder ins Urseelentum zurückkehrt. Ihr lebendiges Dasein aber,
+jene Folge großer Epochen, die in strengem Umriß die fortschreitende
+Vollendung bezeichnen, ist ein tiefinnerlicher, leidenschaftlicher
+Kampf um die Behauptung der Idee gegen die Mächte des Chaos nach außen,
+gegen das Unbewußte nach innen, in das sie sich grollend zurückgezogen
+haben. Nicht nur der Künstler kämpft gegen den Widerstand der Materie
+und gegen die Vernichtung der Idee in sich. Jede<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Kultur steht in einer
+tief symbolischen Beziehung zu Stoff und Raum, in dem, durch den sie
+sich realisieren will. Ist das Ziel erreicht und die Idee, die ganze
+Fülle innerer Möglichkeiten vollendet und nach außen hin verwirklicht,
+so <em class="gesperrt">erstarrt</em> die Kultur plötzlich, sie stirbt ab, ihr Blut
+gerinnt, ihre Kräfte brechen — sie wird zur <em class="gesperrt">Zivilisation</em>. So
+kann sie, ein abgestorbener Baumriese im Urwald, noch Jahrhunderte
+hindurch die morschen Äste emporstrecken. Wir sehen es an Ägypten,
+an China, an Indien, an der Welt des Islam. So ragte die antike
+Zivilisation der Kaiserzeit mit einer scheinbaren Jugendkraft und Fülle
+riesenhaft auf und nahm der jungen arabischen Kultur des Ostens Luft
+und Licht.</p>
+
+<p>Dies ist der Sinn aller <em class="gesperrt">Untergänge</em> in der Geschichte, von denen
+der in seinen Umrissen deutlichste als „Untergang der Antike“ vor uns
+steht, während wir die frühesten Anzeichen des eignen, eines nach
+Verlauf und Dauer jenem völlig kongruenten Ereignisses, das den ersten
+Jahrhunderten des nächsten Jahrtausends angehört, den „Untergang des
+Abendlandes“, heute schon deutlich in und um uns spüren.</p>
+
+<p>Jede Kultur durchläuft die Altersstufen des einzelnen Menschen. Jede
+hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr Greisentum.
+Eine junge, verschüchterte, ahnungsschwere Seele offenbart sich in
+der Morgenfrühe der Romanik und Gotik. Sie erfüllt die faustische
+Landschaft von der Provence der Troubadoure an bis zum Hildesheimer
+Bischof Bernwards. Hier weht Frühlingswind. „Man sieht in den
+Werken der altdeutschen Baukunst“, sagt Goethe, „die Blüte eines
+außerordentlichen Zustandes. Wem eine solche Blüte unmittelbar
+entgegentritt, der kann nichts als anstaunen; wer aber in das geheime
+innere Leben der Pflanze hineinsieht, in das Regen der Kräfte und
+wie sich die Blüte nach und nach entwickelt, der sieht die Sache
+mit ganz andern Augen, der weiß, was er sieht.“ Kindheit spricht
+ebenso und in ganz verwandten Lauten aus der frühhomerischen Dorik,
+aus der altchristlichen, das heißt früharabischen Kunst und aus
+den Werken des mit der 4. Dynastie beginnenden Alten Reiches in
+Ägypten. Da ringt ein mythisches Weltbewußtsein mit allem Dunklen und
+Dämonischen in sich und in der Natur wie mit einer <em class="gesperrt">Schuld</em>, um
+langsam dem<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> reinen lichtklaren Ausdruck eines endlich gewonnenen
+und begriffenen Daseins entgegen zu reifen. Je mehr sich eine Kultur
+der Mittagshöhe ihres Daseins nähert, desto männlicher, herber,
+beherrschter, gesättigter wird ihre endlich gesicherte Formensprache,
+desto gewisser ist sie im Gefühl ihrer Kraft, desto klarer werden ihre
+Züge. In der Frühzeit ist das alles noch dumpf, verworren, suchend,
+von kindlicher Sehnsucht und Angst zugleich erfüllt. Man betrachte
+die Ornamentik romanischer Kirchenportale Sachsens und des südlichen
+Frankreichs. Man denke an die Vasen des Dipylonstils. Jetzt, im vollen
+Bewußtsein der gereiften Gestaltungskraft, wie sie die Zeitalter
+des Sesostris, der Peisistratiden, Justinians I., der spanischen
+Weltmacht Karls V. zeigen, erscheint jede Einzelheit des Ausdruckes
+gewählt, streng, gemessen, von einer wunderbaren Leichtigkeit und
+Selbstverständlichkeit. Hier finden sich überall Momente von einer
+leuchtenden Vollkommenheit, Momente, in denen der Kopf Amenemhets
+III. (die Hyksossphinx von Tanis), die Wölbung der Hagia Sophia,
+die Gemälde Tizians entstanden sind. Noch später, zart, beinahe
+zerbrechlich, von der wehen Süßigkeit der letzten Oktobertage sind die
+knidische Aphrodite und die Korenhalle des Erechtheion, die Arabesken
+an sarazenischen Hufeisenbögen, der Dresdner Zwinger, Watteau und
+Mozart. Zuletzt, im Greisentum der anbrechenden Zivilisation, erlischt
+das Feuer der Seele. Die abnehmende Kraft wagt sich noch einmal, mit
+halbem Erfolge — im Klassizismus, der keiner erlöschenden Kultur
+fremd ist — an eine große Schöpfung; die Seele denkt noch einmal —
+in der Romantik — wehmütig an ihre Kindheit zurück. Endlich verliert
+sie, müde, verdrossen und kalt, die Lust am Dasein und sehnt sich —
+wie in der Römerzeit — aus dem tausendjährigen Lichte wieder in das
+Dunkel urseelenhafter Mystik, in den Mutterschoß, ins Grab zurück. Das
+ist der Zauber, den damals der Isis-, Serapis-, Horus-, Mithraskult
+auf das sterbende Römertum ausübten, dieselben Kulte, welche eine eben
+ertagende Seele im Osten als den frühesten, träumerischen, ängstlichen
+Ausdruck ihres Seins konzipiert und mit einer neuen Innerlichkeit
+erfüllt hatte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<h4 id="Physiognomik_8">8</h4>
+
+</div>
+
+<p>Man spricht vom <em class="gesperrt">Habitus</em> einer Pflanze und meint damit die ihr
+allein zugehörige Art der äußern Erscheinung, den Charakter und Stil
+ihres Hervortretens in den Bereich des Gewordnen und Ausgedehnten,
+durch den sich jede in jedem ihrer Teile und auf jeder Altersstufe von
+den Exemplaren aller andern Gattungen unterscheidet. Ich wende diesen
+für die Physiognomik wichtigen Begriff auf die großen Organismen der
+Geschichte an und spreche von dem Habitus indischer, ägyptischer,
+antiker Kultur, Geschichte oder Geistigkeit. Ein unbestimmtes Gefühl
+davon hat immer schon dem <em class="gesperrt">Stilbegriff</em> zugrunde gelegen und es
+heißt ihn nur verdeutlichen und vertiefen, wenn man vom religiösen,
+geistigen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen Stil einer Kultur,
+überhaupt vom <em class="gesperrt">Stil einer Seele</em> spricht. Dieser Habitus des
+bewußten Daseins, der beim einzelnen Menschen sich auf Gesinnungen,
+Gedanken, Gebärden, Handlungen erstreckt, umfaßt im Dasein ganzer
+Kulturen den gesamten Lebensausdruck höherer Ordnung, wie die Wahl
+bestimmter Kunstgattungen (der Rundplastik, des Fresko durch die
+Hellenen, des Kontrapunkts, der Ölmalerei im Abendlande), und die
+entschiedene Ablehnung anderer (der Plastik durch die Araber), den
+Hang zur Esoterik (Indien) oder Popularität (Antike), zur Rede
+(Antike) oder Schrift (China, Abendland) als den Formen der geistigen
+Mitteilung, den Typus ihrer Staatenbildungen, Geldsysteme, öffentlichen
+Sitten. Alle großen Persönlichkeiten der Antike bilden — ganz
+mathematisch betrachtet — eine Gruppe, deren seelischer Habitus von
+dem aller großen Menschen der arabischen oder abendländischen Gruppe
+wohl unterschieden ist. Man vergleiche selbst Goethe oder Raffael
+mit antiken Menschen und Heraklit, Sophokles, Plato, Alkibiades,
+Themistokles, Horaz, Tiberius rücken sofort zu einer einzigen Familie
+zusammen. Jede antike Weltstadt, vom Syrakus des Hieron bis zum
+kaiserlichen Rom, ist als Verkörperung und Sinnbild eines und desselben
+Lebensgefühls, nach Grundriß, Straßenbild, Sprache der privaten und
+öffentlichen Architektur, nach dem Typus von Plätzen, Gassen, Höfen,
+Fassaden, nach Farbe, Lärm, Gewimmel, nach dem Geist ihrer<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Nächte
+von der Gruppe der indischen, der arabischen, der abendländischen
+Weltstädte streng unterschieden. Im eroberten Granada war die ganze
+Seele arabischer Städte, Bagdads und Kairos, noch lange fühlbar,
+während in dem Madrid Philipps II. schon alle physiognomischen Merkmale
+der modernen Stadtbilder von Berlin, London und Paris anzutreffen
+sind. Es liegt eine hohe Symbolik in jedem unterscheidenden Moment;
+man denke an den abendländischen Hang zu gradlinigen Perspektiven und
+Straßenfluchten wie dem mächtigen Zuge der Champs Elysées vom Louvre an
+oder dem Platz vor der Peterskirche und dessen Gegensatz in der fast
+absichtlichen Verworrenheit und Enge der Via sacra, des Forum Romanum
+und der Akropolis mit ihrer unsymmetrischen und unperspektivischen
+Ordnung der Teile. Auch der Städtebau wiederholt, ob aus Instinkt wie
+in der Gotik oder bewußt wie seit Alexander und Napoleon, das Prinzip
+der leibnizschen Mathematik des unendlichen Raumes und der euklidischen
+der vereinzelten Körper.</p>
+
+<p>Zum Habitus einer Gruppe von Organismen gehört aber auch eine
+bestimmte <em class="gesperrt">Lebensdauer</em> und ein bestimmtes <em class="gesperrt">Tempo</em> der
+Entwicklung. Diese Begriffe dürfen in einer Strukturlehre der
+Historie nicht fehlen. Der <em class="gesperrt">Takt</em> des antiken Daseins war ein
+anderer als der des ägyptischen oder arabischen. Man darf vom Andante
+des hellenisch-römischen und vom Allegro con brio des faustischen
+Geistes reden. Mit dem Begriff der Lebensdauer eines Menschen, eines
+Adlers, einer Schildkröte, einer Eiche oder Palme verbindet sich,
+ganz unabhängig von allen Zufälligkeiten des Einzelschicksals,
+ein bestimmter Wert. Zehn Jahre sind im Leben aller Menschen ein
+annähernd gleichbedeutender Abschnitt, und die Metamorphose der
+Insekten knüpft sich in einzelnen Fällen an eine im voraus genau
+bekannte Anzahl von Tagen. Die Römer verbanden mit ihren Begriffen
+pueritia, adolescentia, juventus, virilitas, senectus eine geradezu
+mathematisch genaue Vorstellung. Die Biologie der Zukunft wird ohne
+Zweifel die <em class="gesperrt">vorbestimmte</em> Lebensdauer der Arten und Gattungen
+— im Gegensatz zum Darwinismus und mit grundsätzlicher Ausschaltung
+kausaler Zweckmäßigkeitsmotive für die Entstehung der Arten — zum
+Ausgangspunkt einer ganz neuen Problemstellung machen. Die Dauer<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+einer Generation — gleichviel von was für Wesen — ist ein Wert von
+beinahe mystischer Bedeutung. Diese Beziehungen besitzen nun auch, in
+einer bisher nie geahnten Weise, für alle Kulturen Geltung. <em class="gesperrt">Jede
+Kultur, jede Frühzeit, jeder Aufstieg und Niedergang, jede ihrer
+notwendigen Phasen hat eine bestimmte, immer gleiche, immer mit dem
+Nachdruck eines Symbols wiederkehrende Dauer.</em> In diesem Buche muß
+darauf verzichtet werden, diese Welt geheimnisvollster Zusammenhänge
+zu erschließen, aber die im folgenden immer wieder aufleuchtenden
+Tatsachen werden verraten, was alles hier verborgen liegt. Was bedeutet
+die in allen Kulturen herrschende 50jährige Periode im Rhythmus des
+politischen, geistigen, künstlerischen Werdens?<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> (Das <em class="gesperrt">seelische
+Verhältnis</em> des Großvaters zum Enkel liegt hier zugrunde.)<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a> Was
+die 300jährigen Perioden der Gotik, des Barock, der Dorik, der Ionik,
+der großen Mathematiken, der attischen Plastik, der Mosaikmalerei, des
+Kontrapunkts, der galileischen Mechanik? Was bedeutet die <em class="gesperrt">ideale</em>
+Lebensdauer von einem Jahrtausend für jede Kultur im Vergleich zu der
+des Einzelnen, dessen „Leben 70 Jahre währt“?</p>
+
+<p>Wie Blätter, Blüten, Zweige, Früchte in Tracht, Form und Haltung
+ein Pflanzendasein zum Ausdruck bringen, so tun es die ethischen,
+mathematischen, politischen, wirtschaftlichen Bildungen im Dasein
+einer Kultur. Was etwa für Goethes Individualität eine Reihe so
+verschiedenartiger Äußerungen wie der Faust, die Farbenlehre, der
+Reineke Fuchs, Tasso, Werther, die Reise nach Italien, die Liebe zu
+Friederike, der Divan und die römischen Elegien waren, das bedeuten für
+die Individualität der Antike die Perserkriege, die attische Tragödie,
+die Polis, das Dionysische so gut wie die Tyrannis, die ionische
+Säule,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> die Geometrie Euklids, der Garten Epikurs, die römische Legion,
+die Gladiatorenkämpfe und das „panem et circenses“ der Kaiserzeit.</p>
+
+<p>In diesem Sinne wiederholt mit tiefster Notwendigkeit jedes irgendwie
+bedeutende Einzeldasein alle Phasen der Kultur, der es angehört. In
+jedem von uns erwacht das Innenleben — in jenem entscheidenden Moment,
+von dem an man weiß, daß man ein Ich hat — dort, wo einst die Seele
+der ganzen Kultur erwachte. Jeder von uns Menschen des Abendlandes
+erlebt als Kind seine Gotik, seine Dome, Ritterburgen und Heldensagen,
+das „<i>Dieu le veut</i>“ der Kreuzzüge in wachen Träumen und
+Kinderspielen noch einmal. Jeder junge Grieche hatte sein homerisches
+Zeitalter und sein Marathon. In Goethes Werther, dem Bild einer Epoche,
+die jeder faustische, aber kein antiker Mensch kennt, taucht die
+Frühzeit Petrarcas und des Minnesangs noch einmal auf. Als Goethe den
+Urfaust entwarf, war er Parzival. Als er den ersten Teil abschloß,
+war er Hamlet. Erst mit dem zweiten Teil wurde er der Weltmann des
+19. Jahrhunderts, der Byron verstand. Selbst das Greisentum, jene
+grillenhaften und unfruchtbaren Jahrhunderte des spätesten Hellenismus,
+die „zweite Kindheit“ einer müden, blasierten Intelligenz, ist an
+mehr als einem großen Greise des Griechentums zu studieren. In den
+Bacchen des Euripides ist viel von der Vitalität, in Platos Timaios
+von dem religiösen Synkretismus der Kaiserzeit vorweggenommen. Und
+Goethes zweiter Faust, Wagners Parsifal verraten im voraus, welche
+Gestalt <em class="gesperrt">unser</em> Seelentum in den nächsten, den <em class="gesperrt">letzten</em>
+Jahrhunderten annehmen wird.</p>
+
+<p>Als <em class="gesperrt">Homologie der Organe</em> bezeichnet die Biologie die
+<em class="gesperrt">morphologische</em> Gleichwertigkeit im Gegensatz zur <em class="gesperrt">Analogie</em>
+der Organe, die sich auf die Gleichwertigkeit der <em class="gesperrt">Funktion</em>
+bezieht. Goethe hat diesen bedeutenden und in der Folge so fruchtbaren
+Begriff konzipiert, dessen Verfolgung ihn zur Entdeckung des <i>os
+intermaxillare</i> beim Menschen führte; Owen hat ihm eine streng
+wissenschaftliche Fassung gegeben. Ich führe auch diesen Begriff in die
+historische Methode ein.</p>
+
+<p>Man weiß, daß jedem Teile des menschlichen Kopfskeletts bei jedem
+Wirbeltiere bis zu den Fischen herab ein anderer genau entspricht,
+daß die Brustflossen der Fische und Füße,<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Flügel, Hände der
+landbewohnenden Wirbeltiere homologe Organe sind, auch wenn sie den
+leisesten Anschein von Ähnlichkeit verloren haben. <em class="gesperrt">Homolog</em> sind
+die Lunge der Landtiere und die Schwimmblase der Fische, <em class="gesperrt">analog</em>
+— in bezug auf den Gebrauch — sind Lunge und Kiemen.<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a> Hier äußert
+sich eine vertiefte, durch strengste Schulung des Blickes erworbene
+morphologische Begabung, die der heutigen Geschichtsforschung mit ihren
+oberflächlichen Vergleichen — zwischen Christus und Buddha, Cäsar
+und Wallenstein, der deutschen und der hellenischen Kleinstaaterei
+— völlig fremd ist. Man vergleicht die spätantike Baukunst mit
+dem Barock, Archimedes mit Galilei, Weimar mit Florenz. — Im 18.
+Jahrhundert war eine geistreiche Morphologie beliebt, welche den
+Löwenschwanz mit einer Fächerpalme, den Hals des Schwans mit einer
+keimenden Zwiebel genetisch in Verbindung brachte. Es wird sich im
+Verlaufe dieses Buches zeigen, welch ungeheure Perspektiven sich dem
+historischen Blick eröffnen, sobald jene vertiefte Methode, historische
+Phänomene aufzufassen, verstanden und ausgebildet worden ist. Homologe
+Bildungen sind, um hier nur weniges zu nennen, die schon oft erwähnte
+griechische Plastik und die nordische Instrumentalmusik, die Pyramiden
+der 4. Dynastie und die gotischen Dome, der indische Buddhismus und der
+römische Stoizismus (Buddhismus und Christentum sind <em class="gesperrt">nicht einmal
+analog</em>), die Feldzüge Alexanders und Napoleons (<em class="gesperrt">nicht</em> die
+Cäsars), die Zeit des Perikles und die der Regentschaft (des Kardinals
+Fleury), die Epochen Plotins und Dantes. Homolog sind dionysische
+Strömung und Renaissance, analog dionysische Strömung und Reformation.
+Für uns — das hat Nietzsche richtig gefühlt — resümiert Wagner die
+Modernität. <em class="gesperrt">Folglich</em> muß es für die antike Modernität, für
+antike Weltstadtseelen<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> und -nerven etwas Entsprechendes geben. Es ist
+die pergamenische Kunst. Die Tafeln am Anfang geben einen vorläufigen
+Begriff von der Fruchtbarkeit dieses Aspekts.</p>
+
+<p>Aus der Homologie historischer Phänomene folgt sogleich ein völlig
+neuer Begriff. Ich nenne <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> zwei geschichtliche
+Fakta, die, jedes in seiner Kultur, in genau derselben — relativen
+— Lage eintreten und also eine genau entsprechende Bedeutung
+haben. Es war gezeigt worden, wie die Entwicklung der antiken und
+der abendländischen Mathematik in völliger Kongruenz verläuft. Der
+Fall ist typisch. Hier hätten also Pythagoras und Descartes, Plato
+und Laplace, Archimedes und Gauß als <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> bezeichnet
+werden dürfen. <em class="gesperrt">Gleichzeitig</em> vollzieht sich die Entstehung
+der Ionik und des Barock. Polygnot und Rembrandt, Polyklet und Bach
+sind <em class="gesperrt">Zeitgenossen</em>. Gleichzeitig erscheint in allen Kulturen
+der Moment, wo die Metamorphose zur Zivilisation sich vollzieht. In
+der Antike trägt diese Epoche die Namen Philipps und Alexanders,
+im Abendlande tritt das <em class="gesperrt">homologe</em> Ereignis in Gestalt der
+Revolution und Napoleons ein. Betrachtet man — hier werden
+entscheidende Resultate des zweiten Teils vorweggenommen — die
+wirtschaftlich-intellektuelle Stimmung hellenischer Großstädte nach
+dem Frieden des Antalkidas (386); sieht man die wüsten Revolutionen
+der Besitzlosen, die wie in Argos (370) alle Reichen mit Knütteln in
+den Straßen totschlugen, so hat man das Gegenstück zur französischen
+Gesellschaft nach dem Pariser Frieden (1763). Voltaire, Rousseau,
+Mirabeau, Beaumarchais und Sokrates, Aristophanes, Hippon, Isokrates
+sind Zeitgenossen. In beiden Fällen beginnt die Zivilisation. Dieselbe
+Aufklärung und Auflösung aller Tradition, dieselben Bastillenstürme,
+Massenhinrichtungen, Wohlfahrtsausschüsse, dieselben Staatsutopien bei
+Plato, Xenophon, Aristoteles und Rousseau, Kant, Fichte, Saint-Simon,
+dieselbe Schwärmerei für Naturrechte, Gesellschaftsvertrag, Freiheit
+und Gleichheit bis zu den Forderungen allgemeiner Bodenverteilung und
+Gütergemeinschaft (Hippon, Babeuf) und endlich dieselbe Resignation
+und Hoffnung auf einen demokratisch fundierten Napoleonismus bei Plato
+wie bei Rousseau und Saint-Simon. Napoleons Staatsstreich war nicht
+der erste, der geplant und gemacht wurde, nur der erste, der<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> glückte.
+Die antiken „Soldatenkaiser“ beginnen schon mit Dionys von Syrakus
+(405), Jason von Pherä (374), Maussolos von Halikarnaß (353). Nur
+der Erbe ihrer Idee war Philipp von Makedonien. Das 4. Jahrhundert,
+das mit Alkibiades — der viel vom imperialen Ehrgeiz Mirabeaus,
+Napoleons und Byrons hat — beginnt und mit Alexander endet, ist das
+genaue Gegenbild der Zeit von 1750 bis 1850, in welcher mit tiefer
+Logik der contrat social, Robespierre, Napoleon, die Volksheere und
+der Sozialismus aufeinander folgen, während im Hintergrunde <em class="gesperrt">Rom
+und Preußen</em> sich auf ihre welthistorische Rolle vorbereiten.
+Daß Alexander das Perserreich zerstörte, daß Napoleons Kampf gegen
+seinen <em class="gesperrt">einzigen</em> Gegner, das englische System, mißlang, sind in
+gewissem Sinne <em class="gesperrt">Zufälle</em>, Oberflächenformen der Epoche, Tendenzen
+eines großen Privatlebens, unter denen sich das Schicksalhafte und
+Notwendige, das in beiden Fällen identisch war, verbarg. Rechnen
+wir hundert Jahre weiter, so wiederholt sich die Homologie zweier
+„gleichzeitiger“ Epochen. Die eine — auch hier wird späteren
+Ausführungen vorgegriffen — trägt den Namen <em class="gesperrt">Hannibals</em>, die
+andere den des <em class="gesperrt">Weltkrieges</em>. Daß im einen Falle ein Mensch, der
+gar nicht zur antiken Kultur gehörte, entscheidend eingriff (aber das
+ist ja auch der Fall Rußlands im Verhältnis zu „Europa“), gehört zum
+<em class="gesperrt">Zufälligen</em>. Die <em class="gesperrt">Bestimmung</em> Hannibals bezieht sich auf
+eine innere Vollendung des antiken Gesamtschicksals. Mit der Schlacht
+von Zama geht der Schwerpunkt der Antike vom Hellenismus zum Römertum
+über. Der <em class="gesperrt">entsprechende</em> Sinn der abendländischen Epoche, in
+deren Mitte wir heute stehen, wird später dargelegt werden.</p>
+
+<p>Ich hoffe zu beweisen, daß ohne Ausnahme die sämtlichen großen
+Schöpfungen und Formen der Religion, Kunst, Politik, Gesellschaft,
+Wirtschaft, Wissenschaft in sämtlichen Kulturen <em class="gesperrt">gleichzeitig</em>
+entstehen, sich vollenden, erlöschen; daß der inneren Struktur der
+einen die aller anderen durchaus entspricht; daß es nicht <em class="gesperrt">eine</em>
+Erscheinung von tiefer physiognomischer Bedeutung im historischen
+Bilde der einen gibt, deren Gegenstück, und zwar in einer streng
+bezeichnenden Form und an ganz bestimmter Stelle nicht in den übrigen
+aufzufinden wäre. Allerdings bedarf es, um diese morphologische
+Identität zweier<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Phänomene zu begreifen, einer ganz andern Vertiefung
+und Unabhängigkeit vom Augenschein des Vordergrundes, als sie unter
+Historikern bisher üblich war, die sich nie hätten träumen lassen, daß
+der Protestantismus in der dionysischen Bewegung sein Gegenbild findet
+und daß der englische Puritanismus im Abendlande dem Islam in der
+arabischen Welt entspricht.</p>
+
+<p>Aus diesem Aspekte ergibt sich eine Möglichkeit, die weit über den
+Ehrgeiz aller bisherigen Geschichtsforschung hinausgeht, die sich im
+wesentlichen darauf beschränkte, Vergangnes, soweit man es kannte,
+sukzessiv zu ordnen: Die Gegenwart als Grenze der Untersuchung zu
+überschreiten und auch die <em class="gesperrt">noch nicht</em> abgelaufenen Phasen
+der Geschichte nach Typus, Tempo, Sinn, Resultat zu bestimmen, aber
+auch längst verschollene und unbekannte Epochen, ja ganze Kulturen
+der Vergangenheit an der Hand morphologischer Zusammenhänge zu
+rekonstruieren (ein Verfahren, das dem der Paläontologie nicht
+unähnlich ist, die heute imstande ist, aus einem einzigen aufgefundenen
+Schädelfragment weitgehende und sichere Angaben über das Skelett und
+die Zugehörigkeit des Exemplars zu einer bestimmten Art zu machen).</p>
+
+<p>Es ist, den physiognomischen Takt vorausgesetzt, durchaus möglich,
+aus zerstreuten Details der Ornamentik, Bauweise, Schrift, aus
+vereinzelten Daten politischer, wirtschaftlicher, religiöser Natur
+die organischen Grundzüge des Geschichtsbildes ganzer Jahrhunderte
+wiederzufinden, aus Einzelheiten der künstlerischen Formensprache
+etwa die gleichzeitige Staatsform, aus mathematischen Prinzipien den
+Charakter der entsprechenden wirtschaftlichen abzulesen, ein echt
+goethesches, auf Goethes Idee vom <em class="gesperrt">Urphänomen</em> zurückführendes
+Verfahren, das in beschränktem Umfange der vergleichenden Tier- und
+Pflanzenkunde geläufig ist, das sich aber in einem nie geahnten Grade
+auf den gesamten Bereich der Historie ausdehnen läßt.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Das Antihistorische als Ausdruck einer entschieden
+systematischen Veranlagung ist vom Ahistorischen sehr zu unterscheiden.
+Der Anfang des 4. Buches der „Welt als Wille und Vorstellung“ (§ 53)
+ist bezeichnend für einen Menschen, der antihistorisch denkt, d.&#8239;h. aus
+theoretischen Gründen das Historische in sich, das <em class="gesperrt">vorhanden</em>
+ist, unterdrückt und verwirft im Gegensatz zur ahistorischen
+hellenischen Natur, die es nicht <em class="gesperrt">hat</em> und nicht <em class="gesperrt">kennt</em>.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> „Es gibt Urphänomene, die wir in ihrer göttlichen Einfalt
+nicht stören und beeinträchtigen sollen“ (Goethe).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Es ist nicht die des zoologischen „Pragmatismus“ der
+Darwinisten mit seiner Jagd nach Kausalzusammenhängen, sondern die
+intuitive Goethes.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Ich mache hier nur auf den Abstand der drei punischen
+Kriege und auf die ebenfalls rein rhythmisch zu begreifende Reihe
+des spanischen Erbfolgekrieges, der Kriege Friedrichs des Großen,
+Napoleons, Bismarcks und des Weltkriegs aufmerksam.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Aus diesem früh gefühlten Zusammenhang stammt die
+Überzeugung primitiver Völker, daß die Seele des Großvaters im Enkel
+zurückkehre. Daher schreibt sich die allgemeine Sitte, dem Enkel den
+<em class="gesperrt">Namen</em> des Großvaters zu geben, der mit seiner mystischen Kraft
+dessen Seele wieder in die Körperwelt bannt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Es ist nicht überflüssig hinzuzufügen, daß diese
+<em class="gesperrt">reinen Phänomene</em> der lebendigen Natur fernab von allem Kausalen
+liegen und daß der Materialismus ihr Bild erst durch die Projektion
+utilitarischer Tendenzen verderben mußte, ehe er es zum <em class="gesperrt">System</em>
+hergerichtet hatte. Goethe, der vom Darwinismus ungefähr so viel
+vorweggenommen hat, als in fünfzig Jahren von ihm übrig sein wird,
+schaltet das Kausalitätsprinzip <em class="gesperrt">ganz</em> aus. Es kennzeichnet das
+ursachen- und zwecklose wirkliche Leben, daß die Darwinisten das Fehlen
+des Prinzips hier gar nicht bemerkt haben. Der Begriff des Urphänomens
+läßt keinerlei kausale Annahmen zu, man müßte ihn denn erst mechanisch
+mißverstehen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Zweites_Kapitel_II">II<br>
+SCHICKSALSIDEE UND KAUSALITÄTSPRINZIP</h3>
+
+</div>
+
+<h4 id="Schicksalsidee_9">9</h4>
+
+<p>Dieser Gedankengang erschließt endlich den Blick auf einen
+Gegensatz, der den Schlüssel zu einem der ältesten und mächtigsten
+Menschheitsprobleme bildet, das erst durch ihn zugänglich und — soweit
+das Wort überhaupt einen Sinn hat — lösbar erscheint. Ich meine den
+Gegensatz von <em class="gesperrt">Schicksalsidee</em> und <em class="gesperrt">Kausalitätsprinzip</em>,
+der niemals bisher als solcher, in seiner tiefen, weltgestaltenden
+Notwendigkeit erkannt worden ist.</p>
+
+<p>Wer überhaupt versteht, inwiefern man die Seele als die <em class="gesperrt">Idee des
+Daseins</em> bezeichnen kann, der wird auch ahnen, wie nahe verwandt
+ihr die <em class="gesperrt">Gewißheit eines Schicksals</em> ist und inwiefern das Leben
+selbst, das ich die Gestalt nannte, in welcher die Verwirklichung des
+Möglichen sich vollzieht, als gerichtet, als schicksalhaft empfunden
+werden muß — dumpf und ängstigend vom Urmenschen, klar und in der
+Fassung einer <em class="gesperrt">Weltanschauung</em>, die allerdings nur durch das
+Medium von Kunst und Religion, nicht durch Beweise und Begriffe
+mitteilbar ist, vom Menschen hoher Kulturen.</p>
+
+<p>Jede höhere Sprache hat eine Anzahl Worte, die von einem tiefen
+Geheimnis umgeben sind: Geschick, Verhängnis, Zufall, Fügung,
+Bestimmung. Keine Hypothese, keine Wissenschaft kann je an das
+rühren, was man fühlt, wenn man sich in den Sinn und Klang dieser
+Worte versenkt. Es sind Symbole, nicht Begriffe. Hier ist der
+Schwerpunkt des Weltbildes, das ich Geschichte im Unterschiede von
+Natur genannt habe. Die Schicksalsidee verlangt Lebenserfahrung,
+nicht wissenschaftliche Erfahrung, Tiefe, nicht Geist. Es gibt eine
+<em class="gesperrt">organische Logik</em>, eine Logik des Lebens im Gegensatz zu einer
+<em class="gesperrt">Logik des Anorganischen</em> und Starren. Es gibt eine Logik der
+Richtung gegenüber einer Logik des Ausgedehnten. Kein Systematiker,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span>
+kein Kant oder Schopenhauer hat mit ihr etwas anzufangen gewußt.
+Sie verstehen von Urteil, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung
+zu reden, aber sie schweigen von dem, was in den Worten Hoffnung,
+Glück, Verzweiflung, Reue, Ergebenheit, Trotz liegt. Wer hier, im
+Lebendigen, Gründe und Folgen sucht und wer da glaubt, daß ein inneres
+Wissen um den Sinn des Lebens gleichbedeutend mit Fatalismus und
+Prädestination sei, der weiß gar nicht, wovon die Rede ist, der hat
+schon das Erlebnis mit dem Erkannten und Erkennbaren verwechselt.
+Kausalität ist das Verstandesmäßige, Gesetzhafte, Aussprechbare, die
+Form äußerer intellektueller Erfahrung. Schicksal ist das Wort für
+eine nicht zu beschreibende innere Gewißheit. Man macht das Wesen des
+Kausalen deutlich durch ein physikalisches oder erkenntniskritisches
+System, durch Zahlen, durch begriffliche Analysen. Man teilt die Idee
+eines Schicksals nur als Künstler mit, durch ein Porträt, durch eine
+Tragödie, durch Musik. Das eine fordert eine <em class="gesperrt">Zergliederung</em>, das
+andre eine <em class="gesperrt">Schöpfung</em>. Darin liegt die Beziehung des Schicksals
+zum Leben, der Kausalität zum Tode.</p>
+
+<p>In der Schicksalsidee offenbart sich die Weltsehnsucht einer Seele, ihr
+Wunsch nach dem Licht, dem Aufstieg, nach Vollendung und Verwirklichung
+ihrer Bestimmung. Sie ist keinem Menschen ganz fremd, und erst der
+späte Mensch der großen Städte mit seinem Tatsachensinn und der Macht
+seines mechanisierenden Intellekts über das Innenleben verliert
+sie aus den Augen, bis sie in einer tiefen Stunde mit furchtbarer,
+alle Kausalität der Weltoberfläche zermalmender Deutlichkeit vor
+ihm steht. Denn das Kausalitätsprinzip ist spät, selten und nur dem
+energischen Intellekt hoher Kulturen ein sichrer, gewissermaßen
+künstlicher Besitz. Aus ihm redet schon die Weltangst. In ihm bannt
+sie das Dämonische in eine Notwendigkeit von dauernder Geltung, die
+starr und <em class="gesperrt">entseelend</em> über das physikalische Weltbild gebreitet
+ist. Kausalität deckt sich mit dem Begriff des Gesetzes. Es gibt
+<em class="gesperrt">nur</em> Kausalgesetze. Aber wie im Kausalen nach Kants Feststellung
+eine <em class="gesperrt">Notwendigkeit des wachen Denkens</em> liegt, die <em class="gesperrt">Form
+seiner Rezeptivität der Welt gegenüber</em>, so bezeichnen die Worte
+Schicksal, Fügung, Bestimmung eine <em class="gesperrt">Notwendigkeit des Lebens</em>.
+Wirkliche<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Geschichte hat Schicksal, aber keine Gesetze. Es gibt keine
+Übergänge zwischen <em class="gesperrt">Organismus</em> und <em class="gesperrt">Mechanismus</em>. Darin
+liegt die große Schwierigkeit, sich verständlich zu machen. Denn schon
+der Versuch, den Unterschied beider Welten sprachlich klarzustellen
+— leitet unvermerkt vom Leben hinüber zur Sphäre des Kausalen. Die
+Sprache selbst ist von kausaler Struktur. Sie mechanisiert, indem sie
+erklärt.</p>
+
+<p>Wer das <em class="gesperrt">Element</em> der Empfindungswelt zergliedert, indem er es
+<em class="gesperrt">erkennt</em>, durch das Medium der <em class="gesperrt">kausalen Erfahrung</em> sich
+aneignet, es aus dem Zusammenhange eines mechanischen Ganzen deutet,
+wer also alles lebendige Werden dem starr Gewordenen einordnet, wird
+mit Notwendigkeit die ganze Summe des Daseins aus der Perspektive
+von Ursache und Wirkung übersehen, ohne inneres Gerichtetsein, ohne
+Geheimnis. Hier liegt der Machtbereich der „Kategorien des Verstandes“,
+die Kant mit Recht für a priori wirksam hielt, Formen des exakten
+Erkennens, welche eine Oberflächenwelt, ein <em class="gesperrt">Natursystem</em>,
+einen Reflex des Geistes erzeugen. Wer aber, wie Goethe, wie beinahe
+jeder Mensch in gewissen Augenblicken seines Daseins, die Umwelt
+als ein Lebendiges anschaut, das Gewordene als Werden nachfühlt,
+die Weltmaske der Kausalität lüftet, für den ist die <em class="gesperrt">Zeit</em>
+plötzlich kein Rätsel mehr, kein Begriff, keine Dimension, sondern
+etwas innerlich Gewisses, das Schicksal selbst; ihr Gerichtetsein,
+ihre <em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>, ihre Lebendigkeit erscheint als der
+<em class="gesperrt">Sinn</em> des historischen Weltaspekts. <em class="gesperrt">Schicksal und Kausalität
+verhalten sich wie Zeit und Raum.</em></p>
+
+<p>In beiden <em class="gesperrt">möglichen</em> Weltbildungen — wir erinnern uns indessen,
+daß sie die Pole einer Skala von unendlich vielen individuellen
+„Welten“ darstellen — in Geschichte und Natur, der <em class="gesperrt">Physiognomie
+alles Werdens</em> und dem <em class="gesperrt">System alles Gewordenen</em>, herrschen
+also Schicksal <em class="gesperrt">oder</em> Kausalität. Zwischen ihnen besteht der
+Unterschied eines Lebensgefühls und einer Erkenntnisform. Jedes von
+ihnen ist der Ausgangspunkt einer <em class="gesperrt">vollkommenen</em> und in sich
+<em class="gesperrt">geschlossenen</em>, nur nicht der <em class="gesperrt">einzigen</em> Welt.</p>
+
+<p>Aber das Werden liegt dem Gewordenen, das innere und gewisse
+<em class="gesperrt">Gefühl</em> eines Schicksals mithin dem <em class="gesperrt">Begriff</em> von Ursache<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span>
+und Wirkung zugrunde. Kausalität ist — wenn man sich so ausdrücken
+darf — gewordenes, entorganisiertes, in den Formen des Verstandes
+erstarrtes Schicksal. Das Schicksal selbst, an dem alle Erbauer
+verstandesmäßiger Weltsysteme wie Kant schweigend vorübergegangen
+sind, weil sie das Leben mit ihren Abstraktionen nicht zu berühren
+vermochten, steht jenseits und außerhalb aller begriffenen Natur.
+Als das Ursprüngliche aber gibt es dem toten und starren Prinzip von
+Ursache und Wirkung erst die — historische — Möglichkeit, innerhalb
+hochentwickelter Kulturen als geistige Weltform aufzutreten. Das
+Dasein der antiken Seele ist die <em class="gesperrt">Bedingung</em> für die Entstehung
+der Physik Demokrits und das der faustischen für die Mechanik
+Newtons. Man kann sich sehr wohl denken, daß beide Kulturen ohne eine
+Naturwissenschaft eignen Stils geblieben wären, aber man kann sich
+beide Systeme nicht ohne den Untergrund jener Kulturen denken.</p>
+
+<p>Hier liegt ein neuer Beweis für die Richtigkeit des Antagonismus von
+Geschichte und Natur vor. Es ist die Art, wie sie — als Weltbilder
+— einander einschließen und unterordnen. Gesetzt, daß „Geschichte“
+diejenige Art der Weltfassung ist, welche gefühlsmäßig das Gewordene
+dem Werden, das Ausgedehnte der Zeit einordnet, so müßte dies auch mit
+der Natur der Fall sein. Und in der Tat, für den Blick des historisch
+eingestellten Menschen gibt es nur eine <em class="gesperrt">Geschichte</em> der
+<em class="gesperrt">Physik</em>. All ihre Systeme erscheinen ihm jetzt nicht richtig oder
+unrichtig, sondern historisch, psychologisch, durch den Charakter der
+Epoche bedingt und ihn mehr oder weniger vollkommen repräsentierend.
+Selbst der geborene Physiker, der in der Einleitung seines Buches
+einen flüchtigen historischen Überblick über seine Wissenschaft gibt,
+hier also für einen Augenblick die „andre Welt“ heraufruft, fühlt
+plötzlich so, daß er unvermerkt das Fundament seiner Wissenschaft, das
+Postulat der einen und unveränderlichen Wahrheit, in Frage stellt.
+Wäre seine Natur <em class="gesperrt">die</em> Natur, so könnte es keine Geschichte der
+Systeme geben. Aber der Physiker redet sogar vom <em class="gesperrt">Schicksal</em> eines
+Problems. Umgekehrt: Ist „Natur“ die Fassung, welche verstandesmäßig
+das Werden dem Gewordenen einverleiben möchte, die lebendige Richtung
+also der starren Ausdehnung<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> angleicht (dies ist der Ursprung des
+<em class="gesperrt">Bewegungsproblems samt dem Grunde seiner Unlösbarkeit</em>), so darf
+die Geschichte bestenfalls in einem Kapitel der Erkenntnistheorie
+erscheinen und wirklich, so hätte Kant sie aufgefaßt, wenn er nicht,
+was noch bezeichnender ist, sie in seinem Erkenntnissystem vollständig
+vergessen hätte. Für ihn wie für jeden geborenen Systematiker war
+die Natur <em class="gesperrt">die</em> Welt; indem er von der Zeit redete, ohne deren
+<em class="gesperrt">Richtung</em> und Nichtumkehrbarkeit zu bemerken, verriet er, daß
+er von der Natur sprach, ohne die Möglichkeit einer andern Welt, der
+historischen — die <em class="gesperrt">für ihn</em> vielleicht wirklich unmöglich war —
+zu ahnen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Aber Kausalität hat mit Zeit gar nichts zu tun.</em> Das wirkt
+heute als ungeheures Paradoxon, vor einer Welt von Kantianern, die
+gar nicht wissen, wie sehr sie es sind. Wie die Doppelgestalt des
+seelischen Urgefühls, Weltsehnsucht und Weltangst, eine Bejahung
+oder Verneinung des wachen Daseins und der in ihm sich offenbarenden
+fremden Mächte bedeutet, wie die Angst ein Widerspruch gegen die
+ursprünglichere, kindlichere Form der Sehnsucht ist, <em class="gesperrt">aus ihr</em>
+erwachsen und <em class="gesperrt">an ihr</em> gestaltet und gereift, so hat man den
+Gegensatz von Richtung und Ausdehnung — mit seiner dunklen Beziehung
+zu Leben und Tod — zu verstehen. Im Wesen des Ausgedehnten liegt eine
+Verneinung der Richtung. Der Raum widerspricht der Zeit, <em class="gesperrt">obwohl
+sie ihm voraufgeht und zugrunde liegt</em>. Dieselbe Priorität nimmt
+das Schicksal in Anspruch. Wir haben zunächst die Idee des Schicksals
+und erst <em class="gesperrt">im Widerspruch</em> zu ihr, aus der Angst geboren, als den
+Versuch des Verstandes, das unentrinnbare Ende, den Tod, zu bannen,
+zu überwinden, das Kausalitätsprinzip, durch das die Lebensangst
+sich des Schicksals zu <em class="gesperrt">erwehren</em> sucht, indem sie ihm zum
+Trotz <em class="gesperrt">eine andre Welt gründet</em>. Indem sie das Gespinst von
+Ursache und Wirkung über deren sinnliche Oberfläche breitet, hat
+sie ein Bild der <em class="gesperrt">Dauer</em> imaginiert. Diese Tendenz liegt in
+dem allen reifen Kulturen bekannten Gefühl: Wissen ist Macht. Damit
+ist die Macht über das Schicksal gemeint. Der abstrakte Gelehrte,
+der Naturforscher, der Denker in Systemen, dessen ganze geistige
+Existenz sich auf das Kausalitätsprinzip gründet, ist eine späte
+Erscheinung des <em class="gesperrt">Hasses</em> gegen die Mächte des<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Schicksals, des
+Unbegreiflichen. Die „reine Vernunft“ leugnet alle Möglichkeiten außer
+sich. Hier liegt das strenge Denken mit der großen Kunst ewig im
+Streite. Das eine lehnt sich auf, die andre gibt sich hin. Ein Mann
+wie Kant wird sich Beethoven immer überlegen fühlen wie der Mann dem
+Kinde, aber er wird Beethoven nicht hindern, die „Kritik der reinen
+Vernunft“ als eine armselige Art von Weltbetrachtung abzulehnen. Der
+Mißbegriff der <em class="gesperrt">Teleologie</em>, dieser Unsinn allen Unsinns innerhalb
+der reinen Wissenschaft, bedeutet nichts anderes als den Versuch,
+den <em class="gesperrt">lebendigen</em> Gehalt aller naturhaften Erkenntnis — denn
+zum Erkennen gehört auch ein Erkennender; und ist der <em class="gesperrt">Inhalt</em>
+dieses Denkens „Natur“, so ist der <em class="gesperrt">Akt</em> des Denkens Geschichte
+— und mit ihm das Leben selbst durch das mechanistische Prinzip
+einer umgekehrten Kausalität zu bannen, zu <em class="gesperrt">assimilieren</em>. Die
+Teleologie ist eine Karikatur der Schicksalsidee. Was Dante als
+<em class="gesperrt">Bestimmung</em> fühlt, verwandelt der Verstand in einen <em class="gesperrt">Zweck</em>
+des Lebens. Dies ist die eigentliche und tiefste Tendenz des
+Darwinismus, einer großstädtisch intellektuellen Weltfassung in der
+abstraktesten aller Zivilisationen und der aus <em class="gesperrt">einer</em> Wurzel
+mit ihm entspringenden, ebenfalls alles Organische und Schicksalhafte
+tötenden materialistischen Geschichtsauffassung. Deshalb ist das
+morphologische Element des Kausalen ein <em class="gesperrt">Prinzip</em>, das des
+Schicksals aber eine <em class="gesperrt">Idee</em> — die sich nicht „erkennen“,
+beschreiben, definieren, die sich nur fühlen und innerlich erleben
+läßt, die man entweder niemals begreift oder deren man völlig
+gewiß ist, wie der frühe Mensch und unter den späten alle wahrhaft
+bedeutenden, der Gläubige, der Liebende, der Künstler, der Dichter.</p>
+
+<p>Und so erscheint das Schicksal als die eigentliche Daseinsart
+des <em class="gesperrt">Urphänomens</em>, in dem vor dem geistigen Auge sich die
+lebendige Idee des Werdens unmittelbar entfaltet. So beherrscht die
+Schicksalsidee das gesamte Weltbild der Geschichte, während alle
+Kausalität, welche die Daseinsart von <em class="gesperrt">Gegenständen</em> bezeichnet,
+welche den gegenwärtigen Empfindungsinhalt zu wohlunterschiedenen und
+abgegrenzten <em class="gesperrt">Dingen</em>, <em class="gesperrt">Eigenschaften</em>, <em class="gesperrt">Verhältnissen</em>
+prägt, als Form des Verstandes dessen alter ego, die gewordene Natur
+bildet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>Organismen lassen sich als werdend oder als geworden betrachten.
+Ich darf von Gesetzen, von Ursache und Wirkung im erfahrungsmäßig
+erkennbaren Bau von Pflanzen und Tieren reden, solange ich sie nämlich
+als Elemente im sinnlich-augenblicklichen Ganzen der mechanischen
+Umwelt erfasse. Dann ist sogar das Goethe so verhaßte Experiment
+logisch und zulässig. Aber die Anatomie und Physiologie mit der
+stofflichen Natur als Objekt berühren nichts von der <em class="gesperrt">andern</em>
+Welt, von den Schicksalen der einzelnen Pflanzen und Tiere, ihrer
+Gattungen und ganzer Klassen und Reiche. Hier handelt es sich nicht
+darum, was sie sind, sondern was aus ihnen wird. Jeder Grashalm, jedes
+Insekt hat nicht nur eine Natur, sondern auch eine Geschichte. Hier
+darf ich, vor einem Weltbilde andrer Ordnung, von einem Schicksal
+sogar in der Physik reden. Es liegt ein großer Sinn in dem Worte vom
+„Schicksal einer wissenschaftlichen Entdeckung“, etwa der mechanischen
+Wärmetheorie. Ein Blitzschlag bleibt im Zusammenhang der Historie immer
+ein Schicksalsmoment wie jener, der im Leben Luthers die entscheidende
+Wendung herbeiführte, mag er als nicht individuelles Ereignis, sondern
+als prinzipiell beständig möglicher Vorgang ebenso notwendig auch dem
+Mechanismus des elektrodynamischen Naturbildes angehören. Den antiken
+Menschen <em class="gesperrt">vorausgesetzt</em>, kann man seine „Natur“, die für ihn
+allein vorhandene und wahre Natur, analysieren. Das hat Demokrit
+getan. Aber eben in dieser Voraussetzung liegt das Schicksalsmoment,
+von dem das Dasein einer Natur, eines Weltbildes abhängig ist. Es ist
+Schicksal, daß durch Newton sich eine dynamische Weltfassung aus der
+Struktur des abendländischen Geistes entwickelt hat. Dieser in sich
+geschlossene, höchst überzeugende Komplex „unumstößlicher Wahrheiten“
+ist in einem sehr bedeutsamen Sinne von dem Entwicklungsgang, den
+allgemeinen, nationalen und privaten Schicksalen, der Lebensdauer
+dieser nordischen Seele abhängig, nicht umgekehrt. Jeder große
+Physiker, der als Persönlichkeit seinen Entdeckungen doch immer
+eine eigene Richtung und Farbe gibt, jede Hypothese, die ohne einen
+individuellen Beigeschmack ganz unmöglich ist, jedes Problem, das in
+die Hände gerade dieses und keines andern Forschers geriet, bedeuten
+ebenso viele Schicksalsfügungen für die Gestalt,<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> welche die Lehre
+zuletzt erhalten hat. Wer das bestreitet, der ahnt nicht, wieviel
+Bedingtes in den absoluten Momenten der Mechanik steckt. Der berühmte
+musikalische Streit der Gluckisten und Piccinisten ist das genaue
+Seitenstück der großen Kontroversen auf dem Gebiete der optischen
+und elektrodynamischen Theorien (Newton und Huygens, J. R. Mayer und
+Thomson). Es handelt sich um Stilfragen, das heißt um <em class="gesperrt">Alles</em>,
+um das gesamte Naturbild. Es gibt physikalische Systeme, wie es
+Tragödien und Sinfonien gibt. Es gibt hier Schulen, Traditionen,
+Manieren, Konventionen wie in der Malerei. Man kann sich das Moment
+des Schicksals aus dem lebendigen Weltwerden nicht fortdenken, mag
+es sich um einen Schmetterling oder eine Kultur handeln. Leben, Sein
+und ein Schicksal haben — das fließt zusammen. Aber man fühlt das
+Zwingende der Vorstellung, daß jede aus dem Kausalprinzip konstruierte
+Welt, jede <em class="gesperrt">Natur</em> — und jede reifgewordene Kultur hat da ihre
+<em class="gesperrt">eigne</em> und sogar „allein richtige“ — irgendwie nur im Geiste
+und für den Geist da ist, der sie als <em class="gesperrt">seine</em> ihm angemessene
+und komplementäre Form der Sinnlichkeit dem Gewordnen, Ausgedehnten,
+Begrenzten auferlegt. Die dunkle Frage nach den Grenzen der Gültigkeit
+der Kausalität oder was nunmehr dasselbe ist, nach den Schicksalen
+des einzelnen Naturbildes, erscheint noch rätselhafter, wenn wir
+zu dem bestimmten Gefühl gelangen, daß, wie alle seelischen und
+symbolischen Äußerungen bestätigen, für den frühen Menschen eine
+streng kausal geordnete Umwelt gar nicht existiert und daß wir, späte
+Menschen, die im wachen Zustande unter der beständigen Tyrannei
+eines mechanisierenden Verstandes stehen, in allen Momenten strenger
+Aufmerksamkeit — auch jetzt noch den einzigen, wo wir tatsächlich
+eine kausalgesetzliche Außenwelt im Stile unserer Physik besitzen —
+bestenfalls <em class="gesperrt">behaupten</em> können, meilenweit von jeder Möglichkeit
+eines Beweises entfernt, daß auch „damals“, also außerhalb jener
+für uns bindenden Momente, das Prinzip der Kausalität geherrscht
+haben muß — was nichts anderes heißen will, als daß wir unser
+<em class="gesperrt">Gedächtnisbild</em> von dem „Weltall“ jener Zeiten und Menschen dem
+<em class="gesperrt">Augenblicksbilde</em> der gegenwärtigen, <em class="gesperrt">eignen</em>, mechanischen
+Natur unterwerfen. Der frühe Mensch geht keineswegs so weit, daß er
+<em class="gesperrt">sein</em> Weltbild ganz unpersönlich, gewissermaßen im Namen<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> der
+ganzen Menschheit, empfängt, und sein Gefühl ist ohne Zweifel, als ein
+historisches, das ursprünglichere und echtere.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_10">10</h4>
+
+</div>
+
+<p>Erst aus dem Weltgefühl der Sehnsucht und dessen Verdeutlichung in
+der Schicksalsidee wird nunmehr das <em class="gesperrt">Zeitproblem</em> zugänglich,
+dessen Gehalt, soweit er das Thema des Buches berührt, kurz angedeutet
+werden soll. Mit dem Worte Zeit wird immer etwas höchst Persönliches
+aufgerufen, das, was anfangs als das <em class="gesperrt">Eigne</em> bezeichnet worden
+war, insofern es mit innerer Gewißheit als Gegensatz zu etwas
+<em class="gesperrt">Fremdem</em> empfunden wird, das in, mit und unter den Wirkungen der
+Sinnenwelt sich in das Leben einmischt. Das Eigne, das Schicksal, die
+Zeit sind alternierende Worte.</p>
+
+<p>Das Problem der Zeit ist wie das des Schicksals von allen auf die
+Systematik des Gewordenen beschränkten Denkern mit vollkommenem
+Unverständnis behandelt worden. In Kants berühmter Theorie ist von
+dem Merkmal des <em class="gesperrt">Gerichtetseins</em> der Zeit mit keinem Worte die
+Rede. Man hat Äußerungen darüber nicht einmal vermißt. Aber was ist
+das — Zeit als Strecke, Zeit ohne Richtung? Alles Lebendige besitzt
+— hier kann ich mich nur wiederholen — „<em class="gesperrt">Leben</em>“, Richtung,
+Streben, Wollen, eine mit der Sehnsucht aufs tiefste verwandte
+<em class="gesperrt">Bewegtheit</em>, die mit der „Bewegung“ des Physikers nicht das
+geringste zu tun hat. Das Lebendige ist unteilbar und nicht umkehrbar,
+einmalig, nie zu wiederholen und in seinem Verlaufe mechanisch völlig
+unbestimmbar: das alles gehört zur Wesenheit des Schicksals. Und „Zeit“
+— das, was man beim Klang des Wortes wirklich <em class="gesperrt">fühlt</em>, was Musik
+besser verdeutlichen kann als Worte — hat im Unterschiede vom toten
+Raume diesen <em class="gesperrt">organischen</em> Charakter. Damit aber verschwindet die
+von Kant und allen andern geglaubte Möglichkeit, die Zeit <em class="gesperrt">neben dem
+Raume</em> einer parallelen erkenntnistheoretischen Erwägung unterwerfen
+zu können. Raum ist ein <em class="gesperrt">Begriff</em>. Zeit ist ein Wort, um etwas
+Unbegreifliches anzudeuten, ein Wort, das man völlig mißversteht,
+wenn man es ebenfalls als Begriff wissenschaftlich behandelt. Selbst
+das Wort Richtung, das sich<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> nicht ersetzen läßt, ist geeignet, durch
+seinen optischen Gehalt irrezuführen. Der Vektorbegriff der Physik ist
+ein Beweis dafür.</p>
+
+<p>Dem Urmenschen kann das <em class="gesperrt">Wort</em> „Zeit“ nichts bedeuten. Er lebt,
+ohne es durch den Gegensatz zu etwas anderem nötig zu haben. Er hat
+Zeit, aber er <em class="gesperrt">weiß</em> nichts von ihr. Erst der Geist hoher Kulturen
+entwirft unter dem mechanisierenden Eindruck einer „Natur“, aus dem
+Bewußtsein eines streng geordneten Räumlichen, Meßbaren, Begrifflichen
+das Phantom einer Zeit, das seinem Bedürfnis, alles zu begreifen,
+zu messen, kausal zu ordnen, genügen soll. Und dieser instinktive
+Akt, der in jeder Kultur sehr früh erscheint, ein Zeichen verlorner
+Unschuld des Daseins, schafft jenseits des echten Lebensgefühls das,
+was alle Kultursprachen Zeit nennen und was dem erkennenden Geiste zu
+einer anorganischen ebenso irreführenden als geläufigen Größe geworden
+ist. Bedeuten aber die identischen Phänomene der Ausdehnung, Grenze
+und Kausalität eine Beschwörung und Bannung der fremden Mächte durch
+das Seelentum — Goethe spricht einmal von „dem Prinzip verständiger
+Ordnung, das wir in uns tragen, das wir als Siegel unserer Macht
+auf alles prägen möchten, was uns berührt“ — ist alles Gesetz eine
+Fessel, welche die Weltangst dem zudrängenden Sinnlichen anlegt, eine
+tiefe Notwehr des Lebens, so ist die Konzeption der Zeit als einer
+<em class="gesperrt">Größe</em> innerhalb dieses Zusammenhangs ein später Akt derselben
+Notwehr, ein Versuch, das quälende innere Rätsel, doppelt quälend für
+den zur Herrschaft gelangten Verstand, dem es widerspricht, durch die
+Kraft des <em class="gesperrt">Begriffes</em> zu bannen. Es liegt immer ein feiner Haß in
+dem geistigen Akte, durch den etwas in den Bereich und die Formenwelt
+des Maßes und Gesetzes gezwungen wird. Man <em class="gesperrt">tötet</em> das Lebendige
+durch die Einbeziehung in den Raum, der leblos ist und leblos macht. In
+der Geburt liegt der Tod, in der Verwirklichung die Vergänglichkeit.
+Dies war der Sinn der eleusinischen Mysterien und ihrer Peripetie von
+der Klage zum Jubel, die Äschylus, der aus Eleusis stammte, später
+in die attische Tragödie eingeführt hat.<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> Es <em class="gesperrt">stirbt</em> etwas
+im Weibe, wenn es empfängt. Der ewige,<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> aus der Weltangst geborene
+Haß der Geschlechter hat hier seinen Grund. Der Mensch vernichtet in
+einem sehr tiefen Sinne, indem er zeugt: durch leibliche Zeugung in
+der sinnlichen, durch „<em class="gesperrt">Erkennen</em>“ in der <em class="gesperrt">geistigen</em> Welt.
+Dieser Zusammenhang war dem mythischen Gefühl primitiver Zeitalter
+nicht unbekannt. Noch bei Luther hat das Wort erkennen den Nebensinn
+der geschlechtlichen Zeugung (Adam „erkannte“ sein Weib —). Etwas beim
+Namen nennen heißt Macht darüber gewinnen: dies ist ein wesentlicher
+Teil urmenschlicher Zauberkünste. Man schwächte oder tötete seinen
+Feind, indem man mit dessen Namen gewisse magische Prozeduren vornahm.
+Etwas von diesem frühesten Ausdruck der Weltangst hat sich in der
+Sucht aller systematischen Philosophie erhalten, das Unfaßliche, dem
+Geist Allzumächtige durch Begriffe, wenn es nicht anders ging, durch
+bloße Namen abzutun. „Philosophie“, die <em class="gesperrt">Liebe</em> zur Weisheit, ist
+die Furcht und der <em class="gesperrt">Haß</em> gegen das Unbegreifliche. Was benannt,
+begriffen, gemessen ist, ist überwältigt, starr, „tabu“ geworden.
+Noch einmal: „Wissen ist Macht.“ Hier liegt die tiefste Wurzel des
+Unterschiedes idealistischer und realistischer Weltanschauungen. Er
+entspricht dem Doppelsinn des Wortes „scheu“. Die einen entspringen
+aus der scheuen Ehrfurcht, die anderen aus dem Abscheu vor dem
+Unzugänglichen. Die einen schauen an, die anderen wollen unterwerfen,
+mechanisieren, unschädlich machen. Plato und Goethe nehmen das
+Geheimnis hin, Aristoteles und Kant wollen es vernichten. Das tiefste
+Beispiel für diesen Hintersinn alles Realismus bietet das Zeitproblem.
+Das Unheimliche der Zeit, das Leben selbst soll hier beschworen, durch
+die Magie der Begrifflichkeit vernichtet werden.</p>
+
+<p>Alles, was in der „wissenschaftlichen“ Philosophie, Psychologie,
+Physik über die Zeit gesagt worden ist — eine vermeintliche Antwort
+auf die Frage, die nicht hätte gestellt werden sollen: was nämlich die
+Zeit „<em class="gesperrt">ist</em>“ — betrifft niemals das Geheimnis selbst, sondern
+lediglich ein räumlich gestaltetes, stellvertretendes Phantom, in
+dem die Lebendigkeit der Richtung,<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> ihre eigenmächtige Bewegtheit
+durch die abstrakte Vorstellung einer <em class="gesperrt">Strecke</em> ersetzt worden
+ist, ein mechanisches, meßbares, teilbares und umkehrbares Abbild
+des in der Tat nicht Abzubildenden; eine Zeit, die mathematisch in
+Ausdrücke wie √̅t, t<sup>2</sup>, -t gebracht werden kann, welche die Annahme
+einer Zeit von der Größe Null oder negativer Zeiten wenigstens nicht
+ausschließen. Die moderne Relativitätstheorie, welche im Begriff steht,
+die Mechanik Newtons — im Grunde bedeutet das: seine Fassung des
+<em class="gesperrt">Bewegungsproblems</em> — zu stürzen, läßt Fälle zu, in welchen die
+Bezeichnungen „früher“ und „später“ sich umkehren; die mathematische
+Begründung dieser Theorie (durch Minkowski) wendet <em class="gesperrt">imaginäre</em>
+Zeiteinheiten zu Maßzwecken an. Ohne Zweifel kommt hier der Bereich
+des Lebens, des Schicksals, der lebendigen, <em class="gesperrt">historischen</em> Zeit
+gar nicht in Frage. Man setze in irgendeinem philosophischen oder
+physikalischen Text für Zeit das Wort Schicksal ein und man wird
+plötzlich fühlen, wohin sich der Verstand verirrt hat und wie unmöglich
+die Gruppe „Raum und Zeit“ ist. Was nicht erlebt und gefühlt, was nur
+<em class="gesperrt">gedacht</em> wird, nimmt notwendig <em class="gesperrt">räumliche</em> Qualitäten an.
+Die physikalische und die Kantische Zeit ist eine <em class="gesperrt">Linie</em>. Ihre
+organische Bewegtheit, ihr seelenhafter Gehalt sind in den Formeln und
+Begriffen verschwunden. So erklärt es sich, daß kein systematischer
+Philosoph mit den Begriffen Vergangenheit und Zukunft etwas hat
+anfangen können. In Kants Ausführungen über die Zeit kommen sie gar
+nicht vor. Man sieht auch nicht, in welcher Beziehung sie zu dem
+stehen sollten, was er dort behandelt. Damit erst wird es möglich,
+„Raum und Zeit“ als Größen <em class="gesperrt">derselben Ordnung</em> in funktionale
+Abhängigkeit voneinander zu bringen, wie dies besonders deutlich die
+vierdimensionale Vektoranalysis zeigt. (Die Dimensionen sind <i>x</i>,
+<i>y</i>, <i>z</i> und <i>t</i>, die in Transformationen völlig
+gleichwertig erscheinen.) Schon Lagrange nannte (1813) die Mechanik
+ohne weiteres eine vierdimensionale Geometrie und selbst Newtons
+vorsichtiger Begriff des <i>tempus absolutum sive duratio</i> entzieht
+sich nicht dieser <em class="gesperrt">denknotwendigen</em> Verwandlung des Lebendigen
+in bloße Ausdehnung. Eine einzige tiefe und ehrfürchtige Bezeichnung
+der Zeit habe ich in der älteren Philosophie gefunden. Sie steht
+bei Augustinus (Conf.<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> XI, 14): <i>Si nemo ex me quaerat, scio; si
+quaerenti explicare velim, nescio.</i></p>
+
+<p>Der Mißgriff, „Raum und Zeit“ als morphologisch gleichartiges
+Größenpaar der Betrachtung zu unterwerfen, schließt jedes Verständnis
+des wahren Zeitproblems aus. Schon wenn neuere Philosophen — sie
+tun es alle — sich der Wendung bedienen, daß die Dinge „<em class="gesperrt">in der
+Zeit</em>“ wie im Raume sind und nichts „außerhalb“ ihrer „gedacht“
+werden könne, imaginieren sie lediglich eine zweite Räumlichkeit
+neben der gewöhnlichen. Man könnte mit gleichem Rechte zwei „Kräfte“
+wie den Magnetismus und die Hoffnung gemeinsam abhandeln wollen. Es
+hätte Kant, als er von den „beiden Formen“ der Anschauung sprach, doch
+nicht entgehen sollen, daß man sich wissenschaftlich bequem über den
+Raum verständigen kann — wenn auch nicht ihn im landläufigen Sinne
+<em class="gesperrt">erklären</em>, was jenseits des wissenschaftlich Möglichen liegt
+— während eine Betrachtung in demselben Stil der Zeit gegenüber
+völlig versagt. Der Leser der „Kritik der reinen Vernunft“ und der
+„Prolegomena“ wird bemerken, daß Kant für den Zusammenhang von Raum
+und Geometrie einen sorgfältigen Beweis liefert, es aber peinlich
+vermeidet, dasselbe für Zeit und Arithmetik zu tun. Hier bleibt es
+bei der <em class="gesperrt">Behauptung</em>, und die ständig wiederholte Analogie der
+Begriffe täuscht über die Lücke hinweg, deren <em class="gesperrt">Unausfüllbarkeit</em>
+die Unhaltbarkeit seines Schemas offenbart hätte. Das
+begrifflich-exakte Denken deckt sich durchaus mit dem Bereich des
+Gewordenen und Ausgedehnten. Raum, Gegenstand, Zahl, Begriff,
+Kausalität sind so eng verschwisterte Formelemente, daß es unmöglich
+ist, wie unzählige verfehlte Systeme beweisen, das eine unabhängig vom
+andern zu untersuchen. Die Logik ist ein Abbild der jeweiligen Mechanik
+und umgekehrt. Das Denkvermögen, dessen Struktur die mechanistische
+Psychologie beschreibt, ist ein Abbild der jeweiligen Raumwelt,
+wie sie die Physik behandelt. Begriffe — man beachte die Herkunft
+des Wortes von „begreifen“, in die Hand nehmen — sind körperhafte
+Werte; Definitionen, Urteile, Schlüsse, Systeme, Klassifikationen
+sind Formelemente einer inneren Räumlichkeit, sind etwas so mit Optik
+Gesättigtes, daß der Reiz, den Denkprozeß unmittelbar graphisch und
+tabellarisch, d.&#8239;h. <em class="gesperrt">räumlich</em> darzustellen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> — man denke an Kants
+und Aristoteles’ Kategorientafeln — gerade den abstrakten Denker
+immer wieder überwältigt hat. Wo es am Schema fehlt, da fehlt es an
+Philosophie — das ist das uneingestandene Vorurteil aller zünftigen
+Systematiker gegenüber den „Anschauenden“, denen sie sich innerlich
+weit überlegen fühlen. Deshalb nannte Kant den Stil des platonischen
+Denkens ärgerlich „die Kunst, wortreich zu schwatzen“ und deshalb
+schweigt der Kathederphilosoph noch heute über Goethes Philosophie.
+Jede logische Operation läßt sich <em class="gesperrt">zeichnen</em>. Jedes System ist
+eine <em class="gesperrt">geometrische Art</em>, Gedanken zu handhaben. Deshalb hat die
+Zeit in einem abstrakten System keinen Platz oder sie fällt seiner
+Methode zum Opfer.</p>
+
+<p>Damit ist auch das allverbreitete populäre Mißverständnis widerlegt,
+welches die Zeit mit der Arithmetik, den Raum mit der Geometrie in eine
+höchst triviale Verbindung bringt, ein Irrtum, dem Kant nicht hätte
+erliegen sollen, wenn man auch von Schopenhauers Verständnislosigkeit
+für Mathematik kaum etwas anderes erwartet. Weil der lebendige Akt
+des <em class="gesperrt">Zählens</em> mit der Zeit irgendwie in Berührung steht, hat man
+immer wieder — auf ein Schema versessen — Zahl und Zeit vermengt.
+Aber Zählen ist keine Zahl, so wenig Zeichnen eine Zeichnung ist.
+Zählen und Zeichnen sind ein Werden, Zahlen und Figuren sind Gewordnes.
+Kant und die andern haben dort den lebendigen Akt (das Zählen), hier
+dessen Resultat (die formalen Verhältnisse der fertigen Figur) ins Auge
+gefaßt. Das eine gehört in den Bereich des Lebens und der Richtung,
+das andre in den der Ausdehnung und Kausalität. Die <em class="gesperrt">gesamte</em>
+Mathematik, populär gesprochen also Arithmetik <em class="gesperrt">und</em> Geometrie,
+beantworten das <em class="gesperrt">Was</em>, also die Frage nach der <em class="gesperrt">natürlichen</em>
+Ordnung der Dinge. Im Gegensatz dazu steht die Frage nach dem
+<em class="gesperrt">Wann</em> der Dinge, die spezifisch <em class="gesperrt">historische</em> Frage, die
+Frage nach dem Schicksal, der Zukunft, der Vergangenheit. All das liegt
+in dem Worte <em class="gesperrt">Zeitrechnung</em>, das der naive Mensch vollkommen
+richtig versteht. Kausalität ist durchaus mit der Zahlenwelt verbunden,
+sei es durch das Prinzip der <em class="gesperrt">Funktion</em> im Abendlande oder das der
+<em class="gesperrt">Größe</em> in der Antike. Physik und Mathematik verfließen ineinander
+(in der reinen Mechanik). Zeit, Schicksal, Geschichte stehen diesem
+Kreise völlig fern. Zu ihnen gehört die Chronologie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p>
+
+<p>Es gibt keinen Gegensatz von Arithmetik und Geometrie.<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a> Jede Idee
+einer Zahl — das wird das erste Kapitel hinlänglich gezeigt haben —
+gehört im vollen Umfange dem Bereich des Ausgedehnten und Gewordnen an,
+sei es als euklidische Größe, sei es als analytische Funktion. Und in
+welches der beiden Gebiete sollten denn die zyklometrischen Funktionen,
+der Binomialsatz, die Riemannschen Flächen, die Gruppentheorie gehören?
+Kants Schema war durch Euler und d’Alembert schon widerlegt, bevor er
+es konzipiert hatte und nur die Unvertrautheit der Philosophen nach
+ihm mit der Mathematik ihrer Zeit — sehr im Gegensatz zu Descartes,
+Pascal und Leibniz, welche die Mathematik <em class="gesperrt">ihrer</em> Zeit aus den
+Tiefen ihrer Philosophie heraus selbst geschaffen haben — hat es
+verschuldet, daß diese teilweise recht schülerhaften Ansichten von
+der Beziehung von „Raum und Zeit“ zu „Geometrie und Arithmetik“ sich
+kaum angefochten weiter vererbten. Aber es gibt keine Berührung des
+Werdens mit irgendeinem Gebiete der Mathematik. Nicht einmal die tief
+begründete Annahme Newtons, in dem ein tüchtiger Philosoph steckte,
+daß er im Prinzip seiner Differentialrechnung (Fluxionsrechnung) das
+Problem des Werdens, das Zeitproblem also — übrigens in einer viel
+feineren als der kantischen Fassung — unmittelbar in Händen habe,
+ließ sich aufrechterhalten, so sehr sie unter Philosophen heute noch
+Mode ist. Bei der Entstehung von Newtons Fluxionslehre hatte das
+metaphysische Bewegungsproblem eine entscheidende Rolle gespielt. Seit
+Weierstraß indessen bewiesen hat, daß es stetige Funktionen gibt, die
+nur teilweise oder gar nicht differentiiert werden können, ist dieser
+tiefste jemals unternommene Versuch, dem Zeitproblem mathematisch nahe
+zu kommen, abgetan.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_11">11</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Zeit ist ein <em class="gesperrt">Gegenbegriff</em>. Hier wird zum ersten Male
+eine Eigentümlichkeit der logischen Produktivität berührt, die von
+höchster Bedeutung ist. Der Intellekt, unfähig, das Schicksalsgefühl
+seiner Formenwelt einzugliedern, hat vom Raume<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> aus als dessen
+<em class="gesperrt">logisches</em> Seitenstück einen Begriff „Zeit“ („Nicht-raum“)
+konstruiert. Wir würden weder das Wort noch dessen uns als ständig
+denkenden Wesen geläufigen, völlig verfehlten Inhalt besitzen, wenn
+nicht der mächtige Drang zum Begreifen (in optische Grenzen bannen) die
+Seele verführt hätte. Es folgt daraus, daß der antike Geist, welcher
+das Ausgedehnte, wie wir sehen werden, einer ganz andern Symbolik
+unterwarf als wir, dementsprechend auch als Zeit sich etwas andres
+vorstellte. Aber es läßt sich auf keine Weise begreiflich machen, was
+an Stelle unsrer „Zeit“ in analogen Fällen dem apollinischen Menschen
+vorschwebte.</p>
+
+<p>Das Raumproblem ist also die <em class="gesperrt">einzige</em> Aufgabe aller exakten
+Wissenschaft, die sich ausschließlich mit dem Gewordnen beschäftigt,
+um dessen immanente Notwendigkeit in Gestalt des mathematisch zu
+behandelnden Kausalitätsprinzips restlos zu zergliedern. Es gibt
+in diesem Sinne <em class="gesperrt">nur</em> Naturwissenschaften, zu denen Logik und
+Erkenntnistheorie gehören. Das gemeinsame Gefühlsmoment der Weltangst
+und ein identisches Ziel, die Bannung und Beschwörung des Fremden durch
+unumstößliche Gesetze verbinden sie. Die wissenschaftlich unzugängliche
+Schicksalsidee, die sich hinter dem Worte Zeit verbirgt, gehört in den
+Bereich unmittelbarer Erlebnisse und Intuitionen.</p>
+
+<p>In jedem Kunstwerk, das den <em class="gesperrt">ganzen</em> Menschen, den <em class="gesperrt">ganzen</em>
+Sinn des Daseins offenbart, liegen Angst und Sehnsucht beieinander.
+Die Kunsttheorie hat das wohl gefühlt. Man hat immer wieder als
+„<em class="gesperrt">Inhalt</em>“ dasjenige zu isolieren versucht, was Richtung,
+Schicksal, Leben, Sehnsucht, unter „<em class="gesperrt">Form</em>“ das, was Ausdehnung,
+Geist, Grund und Folge, Angst repräsentiert. Das Ausgedehnte, das
+gestaltete Material, trägt die elementare Symbolik jeder Kunst. Alles
+was Kanon, Schule, Konvention, Technik heißt, alles Begreifliche,
+Folgerichtige, Erlernbare, <em class="gesperrt">Zahlenmäßige</em> in Linie, Farbe,
+Ton, Bau, Ordnung also gehört hierher; die kanonische, von Polyklet
+schriftlich niedergelegte Gliederung der nackten Statue, der Innenraum
+gotischer Dome und ägyptischer Totentempel, die Kunst der Fuge. Sie
+sind alle Arten <em class="gesperrt">einer</em> Tektonik. Sie wollen alle etwas Sinnliches
+in starre, „<em class="gesperrt">ewige</em>“, d.&#8239;h. <em class="gesperrt">zeitlose</em> Form bannen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Die Architektur großen Stils, die allein von allen Künsten das
+Fremde und Angsteinflößende selbst, das unmittelbar Ausgedehnte, den
+<em class="gesperrt">Stein</em> behandelt, ist deshalb die selbstverständliche Frühkunst
+aller Kulturen, die erst Schritt für Schritt den geistigeren Künsten
+der Statue, des Gemäldes, der Komposition mit ihren indirekten
+Formmitteln den Vorrang abtritt. Michelangelo, der von allen großen
+Künstlern des Abendlandes unter dem beständigen Alpdruck der
+Weltangst wohl am schwersten gelitten hat, ist darum allein von allen
+Meistern der Renaissance vom Architektonischen niemals freigeworden.
+Er malte sogar, als ob die Farbflächen Stein, Gewordnes, Starres,
+<em class="gesperrt">Gehaßtes</em> wären. Seine Arbeitsweise war der erbitterte Kampf
+gegen die feindseligen Mächte im Kosmos, die in Gestalt des Materials
+ihm entgegentraten, während Lionardos, des <em class="gesperrt">Sehnsüchtigen</em>,
+Farben wie eine <em class="gesperrt">freiwillige</em> Inkarnation des Seelischen wirken.
+In jedem architektonischen Formproblem kommt aber strengste Logik zum
+Vertrag, Mathematik sogar, sei es in den antiken Säulenordnungen das
+<em class="gesperrt">euklidische</em> Verhältnis von <em class="gesperrt">Träger und Last</em>, sei es in
+den „analistisch“ angelegten Fassaden des Barock das dynamische von
+<em class="gesperrt">Kraft und Masse</em>. Die berühmte Kontroverse Kant-Hume über die
+Apriorität des Kausalen, aus welcher die „Kritik der reinen Vernunft“
+hervorging, ist mit mancher über ein künstlerisches Formproblem
+innerlich verwandt. Die Symbolik der Richtung, des Schicksals, aber
+steht jenseits aller mechanischen „Technik“ der großen Künste und
+ist der formalen Ästhetik kaum zugänglich. Sie liegt zum Beispiel
+in dem stets gefühlten, aber nie, weder von Lessing noch von Hebbel
+klar gedeuteten Widerspruch antiker und abendländischer Tragik,
+in der Szenen<em class="gesperrt">folge</em> altägyptischer Reliefs, überhaupt der
+<em class="gesperrt">reihenweisen</em> Ordnung ägyptischer Statuen, Sphinxe, Tempelsäle,
+in der Wahl von Diorit und Basalt, durch welche Dauer und Zukunft
+bejaht werden, gegenüber dem Holz frühgriechischer Skulpturen, in der
+Geste einer Statue des Phidias, deren eminente Gegenwärtigkeit auch
+nur den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft abweist, während im
+Gegensatz dazu der <em class="gesperrt">Stil</em> der Fuge den einzelnen Augenblick im
+Unendlichen löst. Wie man sieht, gehört dies alles nicht zur starren
+„Technik“, sondern zum „Genie“, nicht zum Können, sondern zum Müssen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span>
+des Künstlers, nicht zur mechanischen Form des Geschaffenen, sondern
+zum lebendigen Schöpfungsakte selbst. Nicht die Mathematik und das
+abstrakte Denken, sondern die Geschichte und die großen Künste — ich
+füge hinzu: der große Mythus — geben den Schlüssel zum Problem der
+Zeit.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_12">12</h4>
+
+</div>
+
+<p>Aus dem Sinne, welcher hier der Kultur als einem Urphänomen und dem
+Schicksal als der organischen Logik des Daseins gegeben wurde, folgt,
+daß notwendig jede Kultur ihre <em class="gesperrt">eigne</em> Schicksalsidee besitzen
+muß, ja daß in dem Gefühl, jede große Kultur sei nichts anderes als
+die Verwirklichung und Gestalt einer einzigen, bestimmten Seele,
+diese Folgerung schon eingeschlossen liegt. Was wir Fügung, Zufall,
+Verhängnis, Schicksal, der antike Mensch Nemesis, Ananke, Tyche, Fatum,
+der Araber Kismet und alle anderen anders nennen, was niemand dem
+andern, dessen Leben gerade Ausdruck <em class="gesperrt">seiner</em> Idee ist, nachfühlen
+kann und was sich in Worten nicht weiter beschreiben läßt, stellt eben
+diese einmalige, nie sich wiederholende Fassung der Seele dar, deren
+jeder für sich völlig gewiß ist.</p>
+
+<p>Ich wage es, die antike Fassung der Schicksalsidee <em class="gesperrt">euklidisch</em>
+zu nennen. In der Tat ist es die sinnlich-wirkliche <em class="gesperrt">Person</em>
+des Ödipus, sein „empirisches Ich“, mehr noch, sein <em class="gesperrt">σῶμα</em>, das
+vom Schicksal getrieben und gestoßen wird. Ödipus klagt (Rex 242),
+daß Kreon seinem <em class="gesperrt">Leibe</em> Übles getan habe und (Col. 355), daß
+das Orakel seinem <em class="gesperrt">Leibe</em> gelte. Und Äschylus spricht in den
+Choephoren (704) von Agamemnon als dem „flottenführenden königlichen
+Leibe“. Es ist dasselbe Wort σῶμα, das die Mathematiker mehr als
+einmal für ihre Körper gebrauchen. König Lears Schicksal aber, ein
+<em class="gesperrt">analytisches</em>, um auch hier an die entsprechende Zahlenwelt
+zu erinnern, ruht ganz in dunklen innern Beziehungen: Die Idee des
+Vatertums taucht auf; seelische Fäden spinnen sich durch das Drama,
+unkörperlich, jenseitig, und werden durch die zweite, kontrapunktisch
+gearbeitete Tragödie im Hause Glosters seltsam beleuchtet. Lear ist
+zuletzt ein bloßer Name, ein Mittelpunkt für<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> etwas Grenzenloses.
+<em class="gesperrt">Diese</em> Fassung des Schicksals ist eine „infinitesimale“, in
+unendlicher Räumlichkeit und durch endlose Zeiten ausgebreitete;
+sie berührt das leibliche, euklidische Dasein gar nicht; sie trifft
+<em class="gesperrt">nur</em> die Seele. Der wahnsinnige König zwischen dem Narren und
+dem Bettler im Sturm auf der Heide — das ist der Gegensatz zur
+Laokoongruppe. Da ist die faustische gegenüber der apollinischen Art
+zu leiden. Sophokles hatte auch ein Laokoondrama geschrieben. Ohne
+Zweifel war in ihm von <em class="gesperrt">Seelenleid</em> nicht die Rede. Und hier
+möchte man den Ausdruck „Idee des Daseins“ vorziehen, zumal wenn man
+an Hebbels tragische Entwürfe denkt, der in einem gewissen Sinne die
+abendländische Tragödie abgeschlossen und ihre letzten Möglichkeiten
+erschöpft hat. Wer überhaupt ein großes Drama kosmisch zu durchschauen
+und nicht nur in seiner Szenik anzuschauen vermag, der wird die
+Verwandtschaft der Konzeptionen des Sophokles mit der antiken Geometrie
+und derjenigen Shakespeares, Goethes, Kleists mit der Analysis, also
+den Gegensatz von Größe und Beziehung auch in der tiefsten Wurzel des
+künstlerischen Schöpfungsaktes fühlen.</p>
+
+<p>Wir nähern uns damit einem andern Zusammenhang von großer Symbolik.
+Man nennt das typische Drama des Abendlandes <em class="gesperrt">Charakterdrama</em> und
+sollte das griechische dann als <em class="gesperrt">Situationsdrama</em> bezeichnen.
+Man betont damit, was eigentlich von dem Menschen beider Kulturen
+als Grundform seines Lebens empfunden und mithin durch die Tragik,
+das Schicksal, in Frage gestellt wird. Sagt man für Richtung
+des Lebens <em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>, so hat man den Kern jedes
+möglichen tragischen Konflikts. Wir haben eine antike Tragödie des
+<em class="gesperrt">Augenblicks</em> und eine abendländische der historisch-psychischen
+<em class="gesperrt">Entwicklung</em> vor uns. So empfand eine ahistorische und eine
+extrem historische Seele sich selbst. Unsere Tragik entstand aus
+dem Gefühl einer <em class="gesperrt">unerbittlichen Logik des Werdens</em>. <em class="gesperrt">Der
+Grieche fühlte das Alogische, das blinde Ungefähr des Moments.</em>
+Und man begreift nun, weshalb gleichzeitig mit dem abendländischen
+Drama eine mächtige Porträtkunst — mit ihrem Höhepunkt in Rembrandt
+— aufblühte und erlosch, eine Art historischer und psychologischer
+Kunst, die <em class="gesperrt">deshalb</em> im klassischen Griechenland zur Blütezeit
+des attischen Theaters aufs<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> strengste verpönt war; man denke an das
+Verbot ikonischer Statuen bei den Weihgeschenken und daran, daß sich —
+seit Lippos — eine schüchterne Art idealisierender Bildniskunst genau
+damals hervorwagte, wo die große Tragödie durch das soziale Typendrama
+Menanders in den Hintergrund gedrängt wurde. Im Grunde tragen alle
+griechischen Statuen eine stereotype Maske wie die Schauspieler im
+Dionysostheater. Alle bringen sie <em class="gesperrt">somatische Situationen</em>
+in der präzisesten Fassung. Physiognomisch sind sie <em class="gesperrt">stumm</em>,
+körperlich sind sie <em class="gesperrt">notwendig nackt</em>. „Charakterköpfe“ hat
+erst der Hellenismus gebracht. Und wir werden wieder an die beiden
+entsprechenden Zahlenwelten erinnert, in deren einer handgreifliche
+Resultate errechnet wurden, während in der andern der Charakter
+von Beziehungsgruppen von Funktionen, Gleichungen, überhaupt von
+Formelementen gleicher Ordnung morphologisch untersucht und <em class="gesperrt">als
+solcher</em> in gesetzmäßigen Ausdrücken fixiert wird.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_13">13</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Fähigkeit, Geschichte zu erleben und die Art, wie sie, wie vor
+allem auch das <em class="gesperrt">eigne</em> Werden durchlebt wird, ist bei den
+einzelnen Menschen sehr verschieden.</p>
+
+<p>Jede Kultur besitzt schon eine streng individuelle Art, <em class="gesperrt">Natur</em> zu
+sehen, zu erkennen oder, was dasselbe ist, sie <em class="gesperrt">hat</em> ihre eigne
+und eigentümliche Natur, die keine andere Art Mensch in genau derselben
+Gestalt besitzen kann. Ganz ebenso hat auch jede Kultur und in ihr, mit
+Unterschieden geringeren Grades, jeder Einzelne eine durchaus eigne Art
+von Geschichte, in deren Bilde, in deren Stil er das allgemeine und
+das persönliche, das innere und äußere, das welthistorische und das
+biographische Werden unmittelbar anschaut, fühlt und erlebt. So ist
+der autobiographische Hang der abendländischen Menschheit der antiken
+völlig fremd. Der extremen Bewußtheit der Geschichte Westeuropas steht
+die geradezu traumhafte Unbewußtheit der indischen gegenüber. Und was
+ist es, das arabische Menschen, Paulus, Plotin oder Mohammed vor sich
+sahen, wenn sie das Wort Weltgeschichte aussprachen? Aber wenn es
+schon höchst schwierig ist, sich von der Natur, der kausal geordneten<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>
+Umwelt andrer eine genaue Vorstellung zu machen, obwohl in ihr das
+spezifisch Erkennbare zum <em class="gesperrt">Bilde</em> vereinheitlicht ist, so ist
+es völlig unmöglich, den historischen Weltaspekt fremder Kulturen,
+das aus ganz anders angelegten Seelen gestaltete Bild des Werdens
+mit den Kräften der eignen Seele vollkommen zu durchdringen. Hier
+wird immer ein unzugänglicher Rest bleiben, um so größer, je geringer
+der eigne historische Instinkt, der physiognomische Takt, die eigne
+Menschenkenntnis ist. Trotzdem ist die Lösung <em class="gesperrt">dieser</em> Aufgabe
+eine Voraussetzung alles tiefern Weltverständnisses. Die historische
+Umwelt der andern ist ein <em class="gesperrt">Teil ihres Wesens</em>, und man versteht
+niemand, wenn man sein Zeitgefühl, seine Idee vom Schicksal, den Stil
+und Bewußtseinsgrad seines Innenlebens nicht kennt. Was hier sich
+nicht unmittelbar in Bekenntnissen auffinden läßt, müssen wir also
+der Symbolik der äußern Kultur entnehmen. So erst wird das an sich
+Unbegreifliche zugänglich und dies gibt dem historischen Stil einer
+Kultur und den dazu gehörigen großen Zeitsymbolen ihren unermeßlichen
+Wert.</p>
+
+<p>Als eines dieser kaum je begriffenen Zeichen war schon die <em class="gesperrt">Uhr</em>
+genannt worden, eine Schöpfung hochentwickelter Kulturen, die immer
+geheimnisvoller wird, je mehr man darüber nachdenkt. Die antike
+Menschheit verstand sie zu entbehren — nicht ohne Absichtlichkeit
+—, obwohl Uhren in den beiden ältern Welten der babylonischen und
+ägyptischen Seele mit ihrer strengen Astronomie und Zeitrechnung,
+ihrem tiefen Blick für Vergangenheit und Zukunft und deren Knüpfung
+an den Augenblick, ständig (als Sonnenuhren und Wasseruhren) in
+Gebrauch waren. Aber das antike Dasein, euklidisch, beziehungslos,
+punktförmig, war im gegenwärtigen Moment völlig beschlossen. Nichts
+sollte an Vergangnes und Künftiges mahnen. Die Archäologie fehlt der
+Antike ebenso wie deren <em class="gesperrt">psychische Umkehrung, die Astrologie</em>.
+Es gab keine Zeitrechnung, denn die Olympiadenrechnung war lediglich
+ein literarischer Notbehelf. In antiken Städten erinnert nichts an die
+Dauer, an die Vorzeit, an das Bevorstehende, keine pietätvoll gepflegte
+Ruine, kein für noch ungeborne Generationen vorgedachtes Werk, kein
+trotz technischer Schwierigkeiten mit Bedeutung gewähltes Material.
+Der dorische Grieche hat die mykenische Steintechnik unbeachtet
+gelassen und baute wieder in Holz und Lehm, trotz<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> des mykenischen
+und ägyptischen Vorbildes und trotz des Reichtums seiner Landschaft
+an den besten Gesteinen. Der dorische Stil ist ein Holzstil. Noch zur
+Zeit des Pausanias sah man am Zeustempel in Olympia die letzte nicht
+ausgewechselte Holzsäule. In einer antiken Seele ist das Organ für
+Geschichte, das <em class="gesperrt">Gedächtnis</em> in dem hier stets vorausgesetzten
+Sinne, das den <em class="gesperrt">Organismus</em> der persönlichen Vergangenheit,
+die <em class="gesperrt">Genesis</em> des Innenlebens immer gegenwärtig erhält, nicht
+vorhanden. Es gibt keine „Zeit“. Daß Cäsar den Kalender reformierte,
+darf man beinahe als einen Akt der Emanzipation vom antiken
+Lebensgefühl bezeichnen: Aber Cäsar dachte auch an den Verzicht auf
+Rom und an die Verwandlung des Stadtstaates in ein dynastisches, also
+dem Symbol der <em class="gesperrt">Dauer</em> unterstelltes Reich mit dem Schwerpunkt
+in Alexandria, von wo sein Kalender stammt. Seine Ermordung wirkt wie
+eine letzte Auflehnung eben dieses, in der Polis, der <em class="gesperrt">Urbs Roma</em>
+verkörperten, der Dauer feindlichen Lebensgefühls.</p>
+
+<p>Man erlebte noch damals jede Stunde, jeden Tag für sich. Das gilt vom
+einzelnen Hellenen und Römer, von der Stadt, der Nation, der ganzen
+Kultur. Die von Kraft und Blut strömenden Feste, Palastorgien und
+Zirkuskämpfe unter Nero und Caligula, die Tacitus, ein echter Römer,
+allein beschreibt, während er für das Leben der weiten Landschaft des
+Imperiums kein Auge, keine Worte hat, sind der letzte prachtvolle
+Ausdruck dieses euklidischen, den <em class="gesperrt">Leib</em>, die <em class="gesperrt">Gegenwart</em>
+vergötternden Weltgefühls. Die Inder, deren Nirwana auch durch den
+Mangel an irgendwelcher Zeitrechnung ausgedrückt ist, besaßen ebenfalls
+keine Uhren und <em class="gesperrt">also</em> keine Geschichte, keine Lebenserinnerungen,
+keine Sorge. Was wir, eminent historisch angelegte Menschen, indische
+Geschichte nennen, ist ohne das geringste Bewußtsein seiner selbst
+verwirklicht worden. Das Jahrtausend der indischen Kultur von den
+Veden bis auf den Buddha herab wirkt auf uns wie die Regungen
+eines <em class="gesperrt">Schlafenden</em>. Hier war das Leben <em class="gesperrt">wirklich</em> ein
+Traum. Nichts steht diesem Indertum ferner als das Jahrtausend der
+abendländischen Kultur. Niemals, auch im alten China nicht, war man
+wacher, bewußter, niemals ist die Zeit tiefer gefühlt und mit dem
+vollen Bewußtsein ihrer Richtung und schicksalsschweren<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Bewegtheit
+erlebt worden. <em class="gesperrt">Die Geschichte Westeuropas ist gewolltes, die
+indische ist widerfahrenes Schicksal.</em> Im griechischen Dasein
+spielen Jahre keine Rolle, im indischen kaum Jahrzehnte; hier ist
+die Stunde, die Minute, zuletzt die Sekunde von Bedeutung. Von der
+tragischen Spannung historischer Krisen, wo der Augenblick schon
+erdrückend wirkt wie in den Augusttagen 1914, hätte weder ein Grieche
+noch ein Inder eine Vorstellung haben können. Aber solche Krisen
+können tiefe Menschen des Abendlandes auch <em class="gesperrt">in sich</em> erleben,
+Hellenen <em class="gesperrt">nicht</em>. Über unsrer Landschaft hallen Tag und Nacht
+von Tausenden von Türmen die Glockenschläge, die ständig Zukunft an
+Vergangnes knüpfen und den flüchtigen Moment der „antiken“ Gegenwart
+in einer ungeheuren Beziehung auflösen. Der Moment, welcher die
+Geburt dieser Kultur bezeichnet, die Zeit der Sachsenkaiser, sah auch
+schon die Erfindung der Räderuhren.<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> Ohne peinlichste Zeitmessung
+— eine Chronologie des Kommenden, die durchaus unserm ungeheuren
+Bedürfnis nach Archäologie, Erhaltung, Ausgrabung, Sammlung alles
+Vergangnen entspricht — ist der abendländische Mensch nicht denkbar.
+Die Barockzeit steigerte das gotische Symbol der Turmuhren noch zu dem
+grotesken der Taschenuhren, die den Einzelnen begleiten.<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a> Und sind
+wir es nicht auch, welche die Wägung und Messung des inneren Lebens
+zur strengsten Vollendung geführt haben? Ist unsere Kultur nicht die
+der Selbstbiographien, Tagebücher, Konfessionen und unerbittlichen
+ethischen Selbstprüfungen? Hat je eine andre Art Mensch sich bis zu dem
+während der Epoche der Kreuzzüge ausgebildeten Symbol der Ohrenbeichte
+erhoben, von der Goethe sagte, daß sie den Menschen nie hätte genommen
+werden sollen? Ist nicht unsre ganze große Kunst — sehr im Gegensatz
+zur antiken — ihrem Gehalte nach Bekenntniskunst? Es wird niemand
+über Welt- und Staatengeschichte nachdenken, Geschichte andrer<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> fühlen
+und begreifen können, der nicht in sich selbst mit vollem Bewußtsein
+Geschichte, Schicksal, Zeit erlebt. Deshalb hat die Antike weder eine
+wahre Weltgeschichte, eine Psychologie der Historie, noch eine tiefe
+Biographie hervorgebracht. Thukydides und Sokrates bestätigen das. Der
+eine kannte nur die jüngste Vergangenheit eines engen Völkerkreises,
+der andere nur ephemere Momente der Einkehr.</p>
+
+<p>Und neben dem Symbol der Uhren steht das andre, ebenso tiefe, ebenso
+unverstandne der Bestattungsformen, wie sie alle großen Kulturen
+durch Kulte und Kunst geheiligt haben. In der Urzeit gehen die
+vielen möglichen Formen noch chaotisch durcheinander, abhängig von
+Stammessitte und Zweckmäßigkeit. Jede Kultur aber erhebt alsbald
+eine von ihnen zum höchsten symbolischen Range. Hier wählte der
+antike Mensch aus tiefstem, unbewußtem Lebensgefühl heraus die
+<em class="gesperrt">Totenverbrennung</em>, einen Akt der Vernichtung, durch den er sein
+an das Jetzt und Hier gebundenes euklidisches Dasein zu gewaltigem
+Ausdruck brachte. Er <em class="gesperrt">wollte</em> keine Geschichte, keine Dauer,
+weder Vergangenheit noch Zukunft, weder Sorge noch Auflösung und
+er <em class="gesperrt">zerstörte</em> deshalb, was keine Gegenwart mehr besaß, den
+<em class="gesperrt">Leib</em> eines Perikles und Cäsar, Sophokles und Phidias. Keine
+zweite Kultur steht dieser darin zur Seite — mit einer bezeichnenden
+Ausnahme, der vedischen Frühzeit Indiens. Und man bemerke wohl: die
+dorisch-homerische Frühzeit behandelte diesen Akt mit dem ganzen
+Pathos eines eben geschaffenen Symbols, die Ilias vor allem, während
+in den Gräbern von Mykene, Tiryns, Orchomenos die Toten, deren
+Kämpfe vielleicht gerade den Keim zu jenem Epos gelegt hatten, nach
+ägyptischer Art bestattet worden waren. Als in der Kaiserzeit neben die
+Aschenurne der Sarkophag trat — bei Christen <em class="gesperrt">und</em> Heiden —, war
+ein neues <em class="gesperrt">Zeitgefühl</em> erwacht wie damals, als auf die mykenischen
+Schachtgräber die homerische Urne folgte.</p>
+
+<p>Und diese Ägypter, welche ihre Vergangenheit so gewissenhaft im
+Gedächtnis, in Stein und Hieroglyphen aufbewahrten, daß wir heute,
+nach vier Jahrtausenden, noch die Regierungszahlen ihrer Könige genau
+bestimmen können, verewigten auch deren Leib, so daß die großen
+Pharaonen — ein Symbol von schauerlicher Erhabenheit — heute noch
+mit erkennbaren Gesichtszügen<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> in unsern Museen liegen, während von
+den Königen der dorischen Zeit nicht einmal die Namen übrig geblieben
+sind. Wir kennen Geburts- und Todestag fast aller großen Menschen seit
+Dante genau. Das scheint uns selbstverständlich. Aber zur Zeit des
+Aristoteles, auf der Höhe antiker Zivilisation, wußte man nicht mehr,
+ob Leukippos, der Begründer des Atomismus und Zeitgenosse des Perikles,
+kaum ein Jahrhundert vorher, <em class="gesperrt">überhaupt existiert habe</em>. Dem würde
+es entsprechen, wenn wir der Existenz Giordano Brunos nicht sicher
+wären und die Renaissance bereits völlig im Reich der Sage läge.</p>
+
+<p>Und diese Museen selbst, in denen wir die ganze Summe der
+sinnlich-körperlich gewordenen Vergangenheit zusammentragen! Sind sie
+nicht auch ein Symbol vom höchsten Range? Sollen sie nicht den „Leib“
+der gesamten Kulturhistorie mumienhaft konservieren? Sammeln wir
+nicht, wie die unzähligen Daten in Milliarden gedruckter Bücher, so
+<em class="gesperrt">alle</em> Werke <em class="gesperrt">aller</em> toten Kulturen in diesen hunderttausend
+Sälen westeuropäischer Städte, wo in der Masse des Vereinigten jedes
+einzelne Stück dem flüchtigen Augenblick seines wirklichen Zweckes —
+der einer antiken Seele <em class="gesperrt">allein</em> heilig gewesen wäre — entwendet
+und in einer unendlichen Bewegtheit der Zeit gleichsam aufgelöst wird?
+Man bedenke, was die <em class="gesperrt">Hellenen</em> „Museion“ nannten und welch tiefer
+Sinn in diesem Wandel des Wortgebrauchs liegt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_14">14</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es ist das <em class="gesperrt">Urgefühl der Sorge</em>, das die Physiognomie der
+abendländischen wie der ägyptischen und chinesischen Kulturgeschichte
+beherrscht und auch noch die Symbolik des <em class="gesperrt">Erotischen</em> gestaltet,
+in dem die Beziehung des gegenwärtigen Menschen zu den folgenden
+Generationen sich darstellt. Das punktförmige euklidische Dasein
+der Antike empfand auch da ganz somatisch. Es setzte deshalb in den
+Mittelpunkt der demetrischen Kulte die Wehen des gebärenden Weibes,
+in die antike Welt überhaupt das Symbol des <em class="gesperrt">Phallus</em>, das
+Zeichen einer durchaus dem Augenblick geweihten und Vergangenheit wie
+Zukunft in ihm vergessenden Geschlechtlichkeit. Der Mensch fühlte
+sich hier als Natur, als Pflanze, als Tier, dem<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> Sinn des Werdens
+willenlos hingegeben. Der häusliche Kult galt dem <i>genius</i>,
+d.&#8239;h. der Zeugungskraft des Familienhauptes. <em class="gesperrt">Unsre</em> tiefe und
+nachdenkliche Sorge stellte dem im abendländischen Kult das Zeichen
+der <em class="gesperrt">Mutter</em> gegenüber, welche das Kind — die Zukunft — an der
+Brust trägt. Der Marienkult in diesem neuen, faustischen Sinne erblühte
+erst in den Jahrhunderten der Gotik. Ihre höchste Verkörperung hat
+sie in Raffaels Sixtina gefunden. Das ist <em class="gesperrt">nicht</em> christlich
+überhaupt, denn das magisch-orientalische Christentum erhob Maria als
+Theotokos, als Gebärerin Gottes, zu einem ganz anders empfundenen
+magisch-metaphysischen Symbol. Die <em class="gesperrt">stillende</em> Mutter ist der
+arabischen (byzantinisch-langobardischen) Kunst ebenso fremd wie
+der hellenischen; sie ist das reinmenschliche Sinnbild der Sorge,
+und sicherlich steht Gretchen im Faust mit dem tiefen Zauber ihrer
+unbewußten Mütterlichkeit den gotischen Madonnen näher als alle Marien
+byzantinischer und ravennatischer Mosaiken.</p>
+
+<p>Nichts ist sorgenvoller als der Aspekt der ägyptischen Geschichte, in
+der die Fürsorge für alles Vergangene, Tempel, Namen und Mumien der
+Vorsorge für alles Kommende entspricht, ein Gefühl, das schon zur Zeit
+des Cheops, 3000 v.&#8239;Chr., zu einem tief durchdachten Staatsorganismus
+und später zu einer so meisterhaft angelegten Finanzwirtschaft
+geführt hat, daß von Alexander dem Großen an die späten antiken
+Staatsgebilde nur durch Übernahme der Praxis der Pharaonen zu
+einigermaßen geregelter Verwaltung gelangt sind. So verschieden an
+sich Buddhismus und Stoizismus, die Altersstimmungen der indischen
+und antiken Seele sind, im Widerspruch gegen das historische Gefühl
+der Sorge, in der Verneinung also aller organisatorischen Energie,
+Pflichtbewußtheit, Tätigkeit, Weitsicht gegenüber sind sie einig
+und deshalb hat in indischen Königreichen und hellenischen Städten
+niemand an das Kommende gedacht, weder für seine Person noch für
+die Gesamtheit. Das <i>carpe diem</i> des apollinischen Menschen
+galt auch für den antiken Staat. Man wirtschaftete von einem Tage
+zum andern ohne die Fähigkeit, vorausschauende Pläne zu fassen oder
+gar sie auf Generationen hin zu verwirklichen. Der antike Staat —
+obwohl das Vorbild Ägyptens vor Augen stand — hielt sich<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> allein
+durch fortgesetzte Gewaltmaßnahmen, Plünderung der eignen und fremden
+Bürger, Münzfälschung, Enteignung, Proskription der Besitzenden;
+und verfügte er einmal über Reichtümer, so fand er keine bessere
+Verwendung, als sie an den Pöbel zu verschwenden. Man besaß keine
+innerlich erworbene Geschichte der Vergangenheit und darum auch kein
+Auge für die Notwendigkeiten der Zukunft. Man ließ sie herankommen;
+man versuchte nicht auf sie zu wirken. Und deshalb ist heute <em class="gesperrt">der
+Sozialismus mit seiner unverkennbaren, wenn auch bisher nicht erkannten
+Verwandtschaft zum Ägyptertum die dem Stoizismus der Zeitstufe nach
+entsprechende, dem Sinne nach bis zum Äußersten entgegengesetzte
+Altersstimmung der abendländischen Seele</em>, durch und durch
+ägyptisch in seiner umfassenden Sorge für dauerhafte wirtschaftliche
+Zusammenhänge, für Vorsorge und Fürsorge, die den gegenwärtigen
+Zustand aus der historischen Perspektive von Jahrhunderten auffaßt,
+die den <em class="gesperrt">Einzelnen</em> mit all seinen Lebensäußerungen in die
+tausendfachen Beziehungen eines höchst abstrakten Wirtschaftssystems
+bindet und verflicht, des genauen Seitenstücks der analytischen
+Zahlenwelt, wie es der heutigen Funktionentheorie zugrunde liegt. Die
+antike Wirtschaftsgesinnung — die ἀταραξία und Unbekümmertheit der
+Stoiker wiederholend — <em class="gesperrt">verleugnet</em> die Zeit, die Zukunft, die
+Dauer, die abendländische <em class="gesperrt">bejaht</em> sie, sei es in der flacheren
+englisch-jüdischen Fassung von Malthus, Marx, Bentham, sei es in der
+tiefen und zukunftsreichen <em class="gesperrt">des preußischen Staatsgedankens</em>,
+dessen von Friedrich Wilhelm I. begründeter Sozialismus noch in
+diesem Jahrhundert den andern in sich aufnehmen wird. Das Wort
+Friedrichs des Großen: „Ich bin der erste Diener meines Staates“
+drückt diese hohe Sorge um das Kommende, dies <em class="gesperrt">faustische</em>
+Schicksalsgefühl aus. Es gehört derselben Epoche an wie Rousseaus
+<i>contrat social</i>, aus dem die englisch-französische Staatsidee,
+die parlamentarisch-halbsozialistische des 19. Jahrhunderts,
+wesentlich hervorging. Rousseau und Friedrich der Große waren
+<em class="gesperrt">Musiker</em>; Sokrates, ihr „Zeitgenosse“ und Ahnherr der Stoa,
+war <em class="gesperrt">Bildhauer</em>. Beide Wirtschaftsideale, das der Polis und das
+des westeuropäischen Staates, sind in der Tiefe ihrer Form mit den
+Prinzipien<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> der Plastik und des Kontrapunkts verwandt. So berühren
+sich die Ideen von Schicksal, Geschichte, Zeit, Sorge mit den letzten
+<em class="gesperrt">künstlerischen</em> Ausdrucksformen des Seelentums.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_15">15</h4>
+
+</div>
+
+<p>Der alltägliche Mensch aller Kulturen bemerkt von der Physiognomie
+alles Werdens, seines eignen und dessen der historischen Welt, nur
+den unmittelbar greifbaren <em class="gesperrt">Vordergrund</em>. Die Summe seiner
+Erlebnisse, der inneren wie der äußeren, füllt als bloße Reihenfolge
+von Einzelheiten den Lauf seiner Tage. Erst der bedeutende Mensch fühlt
+hinter dem populären Zusammenhange der historisch-bewegten Oberfläche
+die tiefe Logik des Werdens, die in der Schicksalsidee hervortritt und
+die eben jene oberflächlichen bedeutungsarmen Bildungen des Tages als
+Zufälligkeiten erscheinen läßt.</p>
+
+<p>Zwischen Schicksal und Zufall scheint zunächst nur ein Gradunterschied
+an Gehalt zu bestehen. Man empfindet es etwa als Zufall, daß Goethe
+nach Sesenheim, und als Schicksal, daß er nach Weimar kam. Das eine
+scheint Episode, das andre Epoche zu sein. Indessen wird daraus
+deutlich, daß die Unterscheidung vom innern Range des Menschen abhängt,
+der sie trifft. Der Menge wird selbst das Leben Goethes als eine
+Reihe von Zufällen erscheinen; wenige werden mit Erstaunen empfinden,
+welche symbolische Notwendigkeit in ihm auch noch dem Unbedeutendsten
+innewohnt.</p>
+
+<p>Hier bleibt das Gebiet der begrifflichen Verständigung weit zurück;
+was Schicksal, was Zufall ist, das gehört zu den entscheidenden
+<em class="gesperrt">Erlebnissen</em> der einzelnen Seele wie der ganzer Kulturen. Es ist
+eine Frage der Ethik, nicht der Logik. Hier schweigt alle Erfahrung,
+jede abstrakte Erkenntnis, jede Definition; und wer auch nur den
+Versuch wagt, beides erkenntnistheoretisch fassen zu wollen, der kennt
+es gar nicht. Schicksal und Zufall bilden jedesmal einen Gegensatz, in
+den die Seele zu kleiden versucht, was <em class="gesperrt">nur</em> Gefühl, <em class="gesperrt">nur</em>
+Erlebnis und Intuition sein kann und was allein durch die innerlichsten
+Schöpfungen von Religion und Kunst denen verdeutlicht wird, die
+zur Einsicht <em class="gesperrt">berufen</em> sind. Um dies Urgefühl des lebendigen
+Daseins,<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> das dem Weltbilde der Geschichte Sinn und Gehalt verleiht,
+heraufzurufen — Name ist Schall und Rauch —, weiß ich nichts Besseres
+als einen Vers von Goethe, denselben, der als Motto an der Spitze
+dieses Buches dessen Grundgesinnung bezeichnen soll:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wenn im Unendlichen dasselbe</div>
+ <div class="verse indent0">Sich wiederholend ewig fließt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das tausendfältige Gewölbe</div>
+ <div class="verse indent0">Sich kräftig ineinander schließt;</div>
+ <div class="verse indent0">Strömt Lebenslust aus allen Dingen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem kleinsten wie dem größten Stern,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alles Drängen, alles Ringen</div>
+ <div class="verse indent0">Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Die Unterscheidung dieser letzten Ideen ist Sache des Herzens. Die
+<em class="gesperrt">Logik der Geschichte</em>, der Richtung, die <em class="gesperrt">tragische</em>
+Notwendigkeit des Seins, die in diesem Kreise waltet, ist nicht die
+Logik der Natur, nicht Zahl und Gesetz, Ursache und Wirkung, nichts
+Greifbares oder Begreifbares überhaupt. Man spricht von der Logik einer
+plastischen Gruppe, eines vollkommenen Gedichtes, einer Melodie, eines
+Ornamentes. Es ist die immanente Logik aller Religionen.</p>
+
+<p>Dies <em class="gesperrt">ist</em> Religion, und selbst die große Kunst vermag durch ihre
+Symbole dieses letzte Geheimnis jeder Seele nur zu berühren, soweit
+sie Religion ist. Insofern ein Kunstwerk im <em class="gesperrt">Künstlersinne</em>
+Form hat, technische, elementare Form nämlich, die in Schule und
+Werkstatt gelehrt werden kann, die die Substanz jeder Tradition und
+Konvention bildet, den <em class="gesperrt">Kanon</em> der Fuge, den <em class="gesperrt">Kanon</em> der
+Plastik, den <em class="gesperrt">Bau</em> der Tragödie — insofern ist das Kunstwerk
+etwas <em class="gesperrt">Gewordnes</em>, der Welt als Natur angehörig und seine Logik
+von einer irgendwie kausal gefärbten Art. Man wird eine Verwandtschaft
+der höheren Mathematik dieser Kultur mit <em class="gesperrt">diesem</em> Objekt der
+Kunstübung nicht verkennen („Form“ als Gegensatz zum „Stoff“). Wenn
+aber ein Kunstwerk in seinem Tiefsten noch darüber hinausgeht, sich
+aus der Sphäre massenhaft geübter Zeitkunst in den Kreis der wenigen
+<em class="gesperrt">begnadeten</em> Schöpfungen erhebt, dann teilt es die Form des
+Werdens, dann <em class="gesperrt">hat</em> es Schicksal und <em class="gesperrt">ist</em> es Schicksal in
+der Entwicklung einer Kultur, nicht mehr ein Atom im Wellenschlag
+der historischen Oberfläche,<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> sondern selbst geschichtsbildend,
+epochemachend im wörtlichen Sinne.</p>
+
+<p>So ist es die <em class="gesperrt">Idee der Gnade</em> im abendländischen Christentum,
+welche Zufall und Schicksal in der höchsten ethischen Fassung
+repräsentiert. Fügung (Erbsünde) und Gnade — in dieser Polarität,
+die immer nur Gestalt des Gefühls, des bewegten Lebens, nie Inhalt
+der Erfahrung sein kann, liegt das Dasein jedes wirklich bedeutenden
+Menschen dieser Kultur beschlossen. Sie ist, auch für den Protestanten,
+auch für den Atheisten, und sei sie noch so gut hinter dem Begriff der
+„Entwicklung“ versteckt, der in gerader Linie von ihr abstammt,<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a> die
+Grundlage jeder Autobiographie, die, geschrieben oder gedacht, deshalb
+dem antiken Menschen, dessen Schicksal von andrer Gestalt war, versagt
+blieb. Aus ihr ist — wieder im Gegensatz zu Äschylus und Sophokles
+— der ganze Gehalt der tragischen Schöpfungen von Shakespeare und
+Goethe abzuleiten. Sie ist der letzte Sinn der Bildnisse Rembrandts
+und der Musik von Bach bis zu Beethoven. Mag man es Fügung, Vorsehung,
+innere Entwicklung<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a> nennen, was den Lebensläufen aller Menschen des
+Abendlandes etwas Verwandtes gibt — dem Denken bleibt es unzugänglich.
+Hier endet jede rationalistische Verfolgung religiöser Ideen beim
+Widersinn: der vermeintlichen Überwindung kirchlicher Dogmen durch die
+„Resultate der Wissenschaft“. Die Prädestinationslehre bei Calvin und
+Pascal — die beide, aufrichtiger als Luther und Thomas von Aquino,
+die Konsequenzen der augustinischen Dialektik zu ziehen wagten — ist
+die <em class="gesperrt">notwendige</em> Absurdität, zu welcher die verstandesmäßige<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span>
+Verfolgung dieser Dinge führt. Sie gerät aus der Logik des Weltgefühls
+in die Logik der Begriffe und Gesetze, aus der unmittelbaren Anschauung
+des Lebens in ein System von Objekten. Die furchtbaren Seelenkämpfe
+Pascals sind die eines tiefinnerlichen Menschen, der zugleich geborner
+Mathematiker war und der die letzten und ernstesten Fragen der Seele
+<em class="gesperrt">zugleich</em> den großen Intuitionen eines inbrünstigen Glaubens
+und der abstrakten Präzision einer ebenso großen mathematischen
+Anlage unterwerfen wollte. Dies gab der Schicksalsidee, religiös
+gesprochen der Vorsehung Gottes, <em class="gesperrt">die schematische Form des
+Kausalitätsprinzips</em>, die Kantische Form der Verstandestätigkeit
+also, <em class="gesperrt">denn das bedeutet Prädestination</em>, in der nun allerdings
+die lebendige, freie und stets gegenwärtige Gnade, als allein dem
+historischen („<em class="gesperrt">übernatürlichen</em>“), nicht dem natürlichen
+Weltbilde immanent, logisch unmöglich erscheint. Der Zweifel an Gott
+ist das Verhängnis des Menschen, in dem ein tiefer Verstand über eine
+tiefe Seele siegt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_16">16</h4>
+
+</div>
+
+<p>Wenden wir uns nun der weiteren Verdeutlichung des <em class="gesperrt">Phänomens des
+Zufälligen</em> zu, so werden wir nicht mehr Gefahr laufen, in ihm eine
+Ausnahme oder Durchbrechung des kausalen <em class="gesperrt">Natur</em>zusammenhanges
+zu sehen. „Natur“ ist <em class="gesperrt">nicht</em> das Weltbild, in dem das Schicksal
+wesenhaft wird. Überall, wo der verinnerlichte Blick sich vom
+Sinnlich-Gewordnen löst und, der Vision sich nähernd, die Umwelt
+durchdringt, Urphänomene statt Objekte auf sich wirken fühlt, tritt der
+große <em class="gesperrt">historische</em>, der außer- und übernatürliche Aspekt ein: es
+ist der Blick Dantes und Wolframs, auch der des Goetheschen Alters, als
+dessen Ausdruck vor allem das Ende des zweiten Faust erscheint und, was
+man immer verkannt hat, der des Cervantes damals, als er die Gestalt
+des Don Quijote fand. Verweilen wir in dieser Welt von Schicksal und
+Zufall, so scheint es vielleicht zufällig, daß auf diesem kleinen
+Gestirn sich die Episode der „Weltgeschichte“ abspielt; zufällig, daß
+Menschen, eine tierähnliche organische Bildung auf der Rinde dieses
+Stern, das Phänomen der „Erkenntnis“ und gerade in<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> dieser, von Kant,
+Aristoteles und andern so sehr verschieden betriebenen Form besitzen;
+zufällig, daß als Wirkung dieser Erkenntnis gerade diese Naturgesetze
+in Erscheinung treten („ewig und allgemeingültig“) und das Bild einer
+„Natur“ wachrufen, von dem jeder Einzelne glaubt, daß es für alle
+dasselbe sei. Die Physik verbannt — mit Recht — den Zufall aus ihrem
+Bilde, aber es ist doch wieder Zufall, daß sie selbst überhaupt,
+irgendwann in der Alluvialperiode der Erdoberfläche, einmal als
+geistiges Phänomen auftauchte.</p>
+
+<p>Wem der Blick für dies <em class="gesperrt">andere</em> Weltbild, für Geschichte im
+höchsten Sinne — die Welt als „Divina commedia“, als Schauspiel
+für einen Gott — fehlt wie Kant und den meisten Systematikern des
+Denkens, der wird darin nur den sinnlosen Wirrwarr von Zufällen,
+diesmal im banalsten Sinne des Wortes, finden.<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a> Aber auch die
+zünftige, unkünstlerische Geschichtsforschung ist nicht viel mehr als
+eine „pragmatische“ Analyse der Oberfläche, eine wenn auch noch so
+geistreiche Sanktion des Banal-Zufälligen.</p>
+
+<p>Umgekehrt liegt dem „astrologischen“ Weltaspekte, selbst dort, wo
+er sich wissenschaftlich gebärdet, die Überzeugung zugrunde, daß
+das gesamte All, Gestirne wie Menschen, jenseits aller naturhaften
+Kausalität, auch noch eine Einheit von ganz andrer Ordnung bildet,
+deren immanente Logik eben die eines Schicksals ist. Kepler, der
+die mathematischen Gesetze der Planetenbahnen fand, war überzeugter
+Astrolog (er hat unter andern das Horoskop Wallensteins gestellt).
+Ich sehe in jeder tragischen Dichtung, vorausgesetzt, daß sie einen
+entsprechenden Rang einnimmt, den Ausdruck eines astrologischen
+Lebensgefühls, selbst wenn der Autor als empirische Person dies in
+Abrede gestellt hätte. Für Shakespeare beweisen es nicht nur die
+Hexenszenen des Macbeth, welche tatsächlich den kosmischen Sinn des
+Stückes tragen, sondern auch eine dunkle Grundstimmung im Lear, im
+Wintermärchen, vor allem im Sturm. Hier würde man für Fügung und
+Bestimmung vielleicht das Wort <em class="gesperrt">Verhängnis</em> wählen. Hier waltet
+<em class="gesperrt">nur</em> ein Schicksal<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> und Zufall heißt lediglich das, was dem
+Einzelnen im Bilde auch seelisch nicht mehr verständlich ist. Von
+diesem letzten Standpunkte aus löst sich endlich beides in eine
+erhabene Einheit auf und dies ist es, was Christen großen Stils —
+ich erinnere nochmals an Dante — als „göttliche Weltordnung“ mit
+unerschütterlicher Gewißheit empfinden. Nur der Standort unterscheidet
+noch Schicksal und Zufall. Nichts ist bezeichnender als Shakespeare, in
+dem man den eigentlichen <em class="gesperrt">Tragiker</em> des <em class="gesperrt">Zufalls</em> noch nie
+gesucht und nie vermutet hat. Und doch liegt hier gerade der Kern der
+abendländischen Tragik, die zugleich das Abbild der abendländischen
+Idee der Historie und der Schlüssel zu dem ist, was das von Kant
+nicht verstandene Wort „Zeit“ bedeutet. Es ist recht zufällig, daß
+die politische Situation des Hamlet, der Königsmord und die Frage der
+Thronfolge, gerade <em class="gesperrt">diesen</em> Charakter treffen. Es ist zufällig,
+daß Jago, ein alltäglicher Halunke, wie man sie auf allen Straßen
+findet, gerade diesen Mann aufs Korn nahm, dessen Person diese durchaus
+nicht alltägliche Physiognomie besaß. Und Lear! Ist etwas zufälliger
+(und darum „natürlicher“) als die Paarung dieser gebietenden Würde
+mit diesen den Töchtern vererbten verhängnisvollen Leidenschaften?
+Hebbel wollte seine Menschen konsequenter, weniger zufällig haben —
+er wurde deshalb unnatürlich. Das Gezwungene, Systematische seiner
+Konzeptionen, das jeder fühlt, ohne es sich deuten zu können, lag
+darin, daß das logisch-kausale Schema seiner seelischen Konflikte dem
+historisch-bewegten Weltgefühl und dessen ganz andersartiger Logik
+widerspricht. Man fühlt die Gegenwart eines großen Verstandes, aber
+nicht die eines tiefen Lebens.</p>
+
+<p>Und eben diese <em class="gesperrt">abendländische</em> Nuance des Zufälligen ist dem
+antiken Weltgefühl und mithin dem antiken Drama ganz fremd. Antigone
+hat keine zufällige Eigenschaft, welche für ihre Tragik irgendwie in
+Betracht käme. Was dem König Ödipus geschah, hätte — im Gegensatz
+zum Schicksale Lears — jedem andern geschehen können. Dies ist das
+<em class="gesperrt">antike</em> Schicksal, das „allgemein menschliche“ <em class="gesperrt">Fatum</em>, das
+einem σῶμα überhaupt gilt und vom zufällig Persönlichen in keiner Weise
+abhängt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>Die gewöhnliche Geschichtsschreibung wird <em class="gesperrt">immer</em> beim Zufälligen
+stehen bleiben. Dies ist — das Schicksal ihrer Urheber, die geistig
+mehr oder weniger innerhalb der Menge bleiben. Vor ihrem Auge fließen
+Natur und Geschichte in eine höchste populäre Einheit zusammen und
+„Zufall“, sa sacrée Majesté le Hazard, ist für den Mann der Menge das
+Verständlichste, was es gibt. Es ist das Geheimnisvoll-Kausale, das
+noch nicht Bewiesene, das ihm die Logik der Geschichte, die er nicht
+fühlt, ersetzt. Das anekdotenmäßige Vordergrundsbild der Historie,
+der Tummelplatz aller wissenschaftlichen Kausalitätenjäger und aller
+Roman- und Stückeschreiber gewöhnlichen Schlages, entspricht dem
+durchaus. Wie viele Kriege wurden angefangen, weil ein eifersüchtiger
+Hofmann einen General von seiner Frau entfernen wollte! (In den Briefen
+der Liselotte von Orleans finden sich kleine Kabinettstücke solcher
+Aspekte der französischen Geschichte.) Wie viele Schlachten wurden
+durch lächerliche Zwischenfälle gewonnen oder verloren! Man denke an
+den Fächerschlag des Dei von Algier und ähnliches, das die historische
+Szene mit Operettenmotiven belebt. Wie von einem schlechten Dramatiker
+angebracht erscheinen der Tod Gustav Adolfs oder Alexanders. Hannibal
+ist ein bloßes Intermezzo der antiken Geschichte, in deren Verlauf
+er überraschend einfiel. Napoleons „Vorübergang“ entbehrt nicht der
+Melodramatik. Konradin, der letzte Staufe, ist der Urstoff aller
+Schülerpoesie. Wer die immanente Logik der Geschichte in irgendeiner
+kausalen Folge ihrer sichtbaren Einzelereignisse sucht, wird immer,
+wenn er aufrichtig ist, eine Komödie von burlesker Sinnlosigkeit
+finden und ich möchte glauben, daß die so wenig beachtete Tanzszene
+der betrunkenen Triumvirn in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ —
+für mich eine der mächtigsten in diesem unendlich tiefen Werke — aus
+dem Hohn des ersten <em class="gesperrt">historischen</em> Tragikers aller Zeiten auf
+den pragmatischen Geschichtsaspekt hervorgewachsen ist. Dieser allzu
+populäre Aspekt hat von jeher „die Welt“ beherrscht. Er hat den kleinen
+Ehrgeizigen Mut und Hoffnung gemacht, in sie einzugreifen. Rousseau,
+Ibsen, Nietzsche, Marx glaubten, durch eine Theorie den „Lauf der Welt“
+ändern zu können. Selbst die soziale, wirtschaftliche oder sexuelle
+Deutung, zu der als<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> <em class="gesperrt">Maximum</em> die Geschichtsbehandlung sich
+heute „erhebt“ und die stets, angesichts ihres biologischen Gepräges,
+kausaler Aspirationen verdächtig bleibt, ist noch reichlich trivial und
+populär.</p>
+
+<p>Napoleon hatte in bedeutenden Momenten ein starkes Gefühl für die
+wahre Logik des Weltwerdens. Er ahnte dann, inwiefern er ein Schicksal
+war und inwiefern er eines hatte. „Ich fühle mich gegen ein Ziel
+getrieben, das ich nicht kenne. Sobald ich es erreicht haben werde,
+sobald ich nicht mehr notwendig sein werde, wird ein Atom genügen,
+mich zu zerschmettern. Bis dahin aber werden alle menschlichen Kräfte
+nichts gegen mich vermögen“ (1812). Das war <em class="gesperrt">nicht</em> pragmatisch
+gedacht. Er selbst als empirische Person hätte vielleicht bei Marengo
+fallen können. Was er <em class="gesperrt">bedeutete</em>, wäre dann in andrer Gestalt
+verwirklicht worden. Eine Melodie ist in den Händen eines großen
+Musikers reicher Variationen fähig; sie kann für den einfachen Hörer
+völlig verwandelt sein, ohne in der Tiefe — in einem ganz andern
+Sinne — sich verändert zu haben. Die Epoche der deutschnationalen
+Einigung ist in der Person Bismarcks, die der Freiheitskriege in
+breiten und beinahe namenlosen Ereignissen durchgeführt worden. Beide
+„Themata“ konnten auch anders „durchfiguriert“ werden. Bismarck hätte
+entlassen und die Schlacht bei Leipzig verloren werden können; die
+Gruppe der Kriege von 1864, 1866 und 1870 konnte durch diplomatische,
+dynastische, revolutionäre oder volkswirtschaftliche Momente —
+„Modulationen“ — vertreten werden, <em class="gesperrt">obwohl die physiognomische
+Prägnanz der abendländischen Geschichte, im Gegensatz zum Stil der
+indischen etwa, an entscheidender Stelle starke Akzente, Kriege oder
+große Persönlichkeiten, sozusagen kontrapunktisch fordert</em>. Bismarck
+selbst deutet in seinen Erinnerungen an, daß im Frühling 1848 eine
+Einigung in weiterem Umfange als 1870 hätte erreicht werden können,
+die nur an der Politik des preußischen Königs, richtiger: an seinem
+privaten Geschmack scheiterte. Das wäre, auch nach Bismarcks Gefühl,
+eine matte Durchführung des Satzes gewesen, die eine Coda („<i>da capo
+e poi la coda</i>“) notwendig gemacht hätte. Der Sinn der Epoche — das
+Thema — hätte sich nicht verändert. Goethe konnte — vielleicht — in
+frühen Jahren<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> sterben, nicht seine Idee. „Faust“ und Tasso wären nicht
+geschrieben worden, aber sie wären, ohne ihre poetische Greifbarkeit,
+in einem sehr geheimnisvollen Sinne trotzdem „gewesen“.</p>
+
+<p>Man kann das Phänomen des Zufalls, das dem des Schicksals erst
+Vollkommenheit gibt, nur aus der Idee des Urphänomens begreifen. Ich
+denke wieder an Bildungen der Pflanzenwelt. Kulturen <em class="gesperrt">sind</em>
+Pflanzen. Eine Buche, die eben heranwächst, wird im Laufe der Jahre
+Blätter, Zweige, einen Stamm, Wipfel erhalten, deren allgemeine
+Gestalt sich voraussagen läßt; dies gehört zum <em class="gesperrt">Schicksal</em> des
+keimenden Organismus. Aber der Same ist vom Winde an irgendeine
+Stelle getragen worden und Alter, Gesundheit, Mächtigkeit, Fülle der
+Erscheinung werden durch sie wesentlich mitbestimmt. Tausend Umstände
+kommen hinzu, um auch das Dasein zweier Nachbarstämme sehr verschieden
+zu gestalten. Hier würde ein strenger Christ von einer <em class="gesperrt">Gnade der
+Natur</em> reden. Zuletzt wird jeder Wipfel des Waldes, jeder Ast, jedes
+Blatt von dem andern verschieden geworden sein und in einer Art, die
+niemand voraussagen konnte; und dies wird man vor allem als Zufall
+empfinden. Man kann dem Planetensystem gegenüber eine Betrachtungsweise
+wählen, aus der die Ringe des Saturn und die Existenz der Erde in
+dieser <em class="gesperrt">Größe</em>, mit <em class="gesperrt">dieser</em> Form der Gravitation, dieser
+geologischen Oberflächengeschichte, in der die Menschheit eine
+flüchtige Episode bildet, zwischen diesen Nachbarplaneten, als Gebilde
+des Zufalls erscheinen, vorausgesetzt, daß man die Sternenwelt als
+ungeheuren Organismus auf sich wirken läßt. Die mathematischen Gesetze,
+die einem andern Aspekt angehören, bleiben dabei völlig unberührt und
+unangefochten. Und so tragen alle großen Kulturen, in deren Lebenslauf
+vieles vorausbestimmbar ist, in ihren Zügen etwas, das dem Urphänomen
+<em class="gesperrt">wesentlich</em> angehört und das man ihrem Schicksal, etwas, das
+niemand ahnen kann und das man dem Zufall, der <em class="gesperrt">Gnade</em>, zuweisen
+kann. In welchem Grade diese Wertung stattfindet, das entscheidet für
+das einzelne Geschichtsbild, das immer das eines bestimmten Betrachters
+ist, dessen Weltgefühl mit unmittelbarer innerer Gewißheit.</p>
+
+<p>Die euklidische Seele der Antike konnte ihr an gegenwärtigen
+Vordergründen haftendes Dasein indessen nur in der Gestalt<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> von
+Zufällen erleben. Darf man für die abendländische Seele das Zufällige
+als Schicksal von geringerem Gehalte deuten, so darf umgekehrt das
+Schicksal für die antike Seele als gesteigerter Zufall gelten. Das
+bedeutet fatum. Beide Worte aber bezeichnen für die apollinische
+Seele Momente von ganz andrer Physiognomie. Sie besaß, wie wir
+sahen, kein Gedächtnis, keine organische Zukunft und Vergangenheit,
+keine wirklich durchlebte Geschichte also und das will heißen:
+kein eigentliches Gefühl für eine <em class="gesperrt">Logik</em> des Schicksals. Man
+lasse sich nicht durch Worte täuschen. Die populärste Göttin des
+Hellenismus war Tyche,<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a> die man von der Ananke kaum zu scheiden
+wußte. Schicksal und Zufall aber werden von <em class="gesperrt">uns</em> mit der
+ganzen Wucht eines <em class="gesperrt">Gegensatzes</em> empfunden, von dem in unsrer
+tiefern Existenz alles abhängt. <em class="gesperrt">Unsere</em> Geschichte ist die
+der großen Zusammenhänge; sie ist kontrapunktisch gesetzt. Die
+antike Geschichte, nicht etwa nur ihr Bild bei ihren Historikern
+wie Herodot, sondern ihre volle Wirklichkeit ist die der Anekdoten,
+das heißt eine Summe statuenhafter Einzelheiten. Anekdotisch ist
+der Stil des griechischen Daseins überhaupt wie der jeder einzelnen
+Biographie. Das körperlich-greifbare Element repräsentiert den
+<em class="gesperrt">ahistorischen</em>, den <em class="gesperrt">dämonischen</em> Zufall. Die Logik des
+Geschehens wird mit ihm verdeckt, verleugnet. Alle Fabeln antiker
+Meistertragödien <em class="gesperrt">erschöpfen</em> sich in <em class="gesperrt">sinnlosen</em> Zufällen;
+anders läßt sich die Bedeutung des Wortes εἱμαρμένη im Gegensatz zur
+shakespearischen Logik, die sich am <em class="gesperrt">antihistorischen</em> Zufall
+erst entwickelt und verdeutlicht, nicht bezeichnen. Noch einmal: was
+dem Ödipus zustößt, ganz von außen, innerlich durch nichts bedingt
+und bewirkt, hätte jedem Menschen ohne Ausnahme geschehen können. Das
+ist die Form des <em class="gesperrt">Mythus</em>. Man vergleiche damit die tiefinnere,
+durch ein ganzes Dasein und das Verhältnis dieses Daseins zur
+Epoche bedingte individuelle Notwendigkeit im Schicksal Othellos,
+Don Quijotes, Werthers. Situationstragödie und Charaktertragödie
+stehen hier gegeneinander. Aber in der Geschichte selbst wiederholt
+sich der Gegensatz. Jede Epoche des Abendlandes hat Charakter, jede
+Epoche der Antike stellt eine Situation dar. Das Leben Goethes<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> war
+von schicksalsvoller Logik, das Cäsars von mythischer Zufälligkeit.
+Hier hat Shakespeare erst die Logik <em class="gesperrt">hineingetragen</em>. Napoleon
+ist ein tragischer <em class="gesperrt">Charakter</em>; Alkibiades gerät in tragische
+<em class="gesperrt">Situationen</em>. Die Astrologie in der Gestalt, wie sie von der
+Gotik bis zum Barock das Weltgefühl selbst ihrer Leugner beherrschte,
+wollte sich des <em class="gesperrt">ganzen</em> künftigen Lebenslaufes bemächtigen.
+Das <em class="gesperrt">Horoskop</em> setzte einen <em class="gesperrt">einheitlichen Organismus</em> des
+gesamten noch zu entwickelnden Daseins voraus. Das <em class="gesperrt">Orakel</em>, immer
+auf <em class="gesperrt">einzelne</em> Fälle bezogen, ist ganz eigentlich das Symbol
+des Zufalls, der Τύχη, des Augenblicks; es gibt das Punktförmige,
+Zusammenhanglose im Weltlauf zu, und in dem, was man in Athen als
+Geschichte schrieb und erlebte, waren Orakelsprüche sehr am Platze.
+Hat je ein Grieche die Idee einer <em class="gesperrt">historischen Entwicklung</em>
+zu irgendeinem Ziele besessen? Haben wir je ohne dies Grundgefühl
+über Geschichte nachdenken, Geschichte machen können? Vergleicht man
+die Geschichte Athens und Frankreichs in den entsprechenden Zeiten
+seit Themistokles und Ludwig XIV., so wird man finden, daß Stil des
+historischen Fühlens und Stil der Wirklichkeit hier eines sind: hier
+ein Extrem von Logik, dort von Unlogik.</p>
+
+<p>Man wird den letzten Sinn dieses bedeutsamen Faktums jetzt verstehen.
+Geschichte ist eben die <em class="gesperrt">Gestalt</em> einer Seele, und der gleiche
+Stil beherrscht die Geschichte, die man macht und die, welche man
+„anschaut“. Die antike Mathematik schließt das Symbol des unendlichen
+Raumes aus; die antike Geschichte mithin auch. Fügung und ein
+unendlicher Weltraum, Zufall und materielle Nähe und Greifbarkeit von
+Körpern — das gehört zusammen. Nicht umsonst ist die Szene des antiken
+Daseins die kleinste von allen: die einzelne Polis. Es fehlen ihm
+Horizont und Perspektiven — trotz der Episode des Alexanderzuges —
+genau wie der Szene des attischen Theaters mit der flach abschließenden
+Rückwand. Man denke an die funktionalen und infinitesimalen Faktoren
+<em class="gesperrt">unserer</em> Politik, die Kabinettsdiplomatie oder „das Kapital“.
+Wie die Hellenen in ihrem Kosmos nur Vordergründe der Natur erkannten
+und als wirklich anerkannten, unter innerlichster Ablehnung der
+babylonischen Astronomie des Sternhimmels, wie sie <em class="gesperrt">nur</em> Haus-,
+Stadt- und Feldgottheiten,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> aber keine Gestirngötter besaßen,<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a> so
+<em class="gesperrt">malten</em> sie auch nur Vordergründe. Niemals ist in Korinth, Athen
+oder Sikyon eine Landschaft mit Gebirgshorizonten, ziehenden Wolken,
+fernen Städten entstanden. Man findet auf allen Vasen nur Figuren von
+euklidischer Vereinzelung und Selbstzufriedenheit. Jede Giebelgruppe
+eines Tempels ist von additivem, niemals von kontrapunktischem Aufbau.
+Aber man erlebte auch nur Vordergründe. Schicksal war das, was einem
+plötzlich zustieß, nicht der „Lauf des Lebens“, und so hat Athen neben
+dem Fresko Polygnots und der Geometrie der platonischen Akademie
+die <em class="gesperrt">Schicksalstragödie</em> ganz im berüchtigten Sinne der „Braut
+von Messina“ geschaffen. Der vollkommene Unsinn des blinden Fatums,
+verkörpert z.&#8239;B. im Atridenfluch, repräsentierte dem ahistorischen
+antiken Seelentum den ganzen Sinn seiner Welt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_17">17</h4>
+
+</div>
+
+<p>Einige gewagte, aber doch nicht mehr mißzuverstehende Beispiele mögen
+zur Verdeutlichung dienen. Man denke sich Kolumbus von Frankreich
+statt von Spanien unterstützt. Das war eine Zeitlang sogar das
+Wahrscheinliche. Franz I. als Herr Amerikas hätte ohne Zweifel die
+Kaiserkrone an Stelle des Spaniers Karl V. erhalten. Die frühe
+Barockzeit vom Sacco di Roma bis zum westfälischen Frieden, nunmehr in
+Religion, Geist, Kunst, Politik, Sitte das <em class="gesperrt">spanische</em> Jahrhundert
+— das dem Zeitalter Ludwigs XIV. in allem und jedem zur Grundlage und
+Voraussetzung diente — wäre nicht von Madrid, sondern von Paris aus
+in Gestalt gebracht worden. Statt der Namen Philipp, Alba, Cervantes,
+Calderon, Velasquez würden wir heute die großer Franzosen nennen, die
+nun — so läßt sich das schwer zu Fassende wohl ausdrücken — ungeboren
+bleiben. Der Stil der Kirche, damals durch den Spanier Ignaz von Loyola
+und das von seinem Geist beherrschte Tridentiner Konzil endgültig
+bestimmt, der politische Stil, damals durch spanische Kriegskunst,
+durch die Kabinettsdiplomatie spanischer Kardinäle und den höfischen
+Geist des Escorial bis zum Wiener Kongreß und<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> in wesentlichen Zügen
+noch über Bismarck hinaus festgelegt, die Architektur, die große
+Malerei, das Zeremoniell, die vornehme Gesellschaft der großen Städte
+wären durch andere feine Köpfe in Adel und Geistlichkeit, durch andere
+Kriege als die Philipps II., einen anderen Baumeister als Vignola,
+einen anderen Hof vertreten worden. Der Zufall wählte die spanische
+Geste für die abendländische Spätzeit; die <em class="gesperrt">innere Logik</em> des
+Zeitalters, das in der großen Revolution — oder einem Ereignis von
+analogem Gehalte — seine Vollendung finden <em class="gesperrt">mußte</em>, blieb davon
+unberührt.</p>
+
+<p>Die französische Revolution konnte in der Tat durch ein Ereignis
+von anderer Gestalt und an anderer Stelle, in Deutschland etwa,
+vertreten werden. Ihre Idee (wie wir später sehen werden), der
+Übergang der Kultur in die Zivilisation, der Sieg der anorganischen
+Weltstadt über das organische Land, das nun „Provinz“ in geistigem
+Sinne wird, war notwendig, und zwar in diesem Augenblick. Hierfür
+soll das Wort <em class="gesperrt">Epoche</em> im alten heute verwischten (mit Periode
+verwechselten) Sinne angewandt werden. Ein historisches Ereignis
+macht Epoche: das heißt, es bezeichnet im Organismus einer Kultur
+ein notwendiges, schicksalshaftes Stadium. Das Ereignis selbst, ein
+Kristallisationsgebilde der historischen Oberfläche, konnte durch
+entsprechende andere vertreten werden; die <em class="gesperrt">Epoche</em> ist notwendig
+und vorbestimmbar. Ob ein Ereignis den Rang einer Epoche oder einer
+Episode in bezug auf eine Kultur und deren Gang einnimmt, das hängt,
+wie man sieht, mit den Ideen vom Schicksal und Zufall und weiterhin
+mit dem Unterschied der epochalen abendländischen und der episodischen
+antiken Tragik zusammen.</p>
+
+<p>Es mögen ferner anonyme und <em class="gesperrt">persönliche</em> Epochen unterschieden
+werden, je nach ihrem physiognomischen Typus im Geschichtsbilde. Der
+erste Teil jener Epoche, die Revolution, 1789–1799, ist durchaus
+anonym, der zweite, napoleonische, 1799–1815, im höchsten Grade
+persönlich gehalten. Die ungeheure Vehemenz dieser Erscheinung
+hatte in einigen Jahren vollendet, was die entsprechende antike
+Epoche (386–322), verschwommen und unsicher, in ganzen Jahrzehnten
+„unterirdischen Abbaues“ zu leisten hatte. Es gehört zum organischen
+Typus aller Kulturen, zum Urphänomen, daß in jedem Stadium<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> zunächst
+die gleiche Möglichkeit vorhanden ist, das Notwendige in Gestalt einer
+großen Person (Ludwig XIV., Cäsar), eines großen anonymen Faktums
+(peloponnesischer und dreißigjähriger Krieg) oder einer morphologisch
+undeutlichen Entwicklung (Diadochenzeit, spanischer Erbfolgekrieg) zu
+vollziehen. Welche Form die <em class="gesperrt">Wahrscheinlichkeit</em> für sich hat, ist
+bereits eine Frage des historischen — tragischen — Stils.</p>
+
+<p>Die Geschichte, wie sie vor dem faustischen Auge sich als Weltbild
+entrollt, verwirklicht ihre Epochen in persönlicher <em class="gesperrt">oder</em>
+anonymer Fassung; die Tragödie drängt zur persönlichen als der
+symbolisch bedeutenderen hin. Ein Dichter der Revolution würde ihren
+Gehalt in eine repräsentative Person, Danton etwa, drängen. Unsere
+Dramen sind Dramen einzelner Charaktere. Goethes Wahlverwandtschaften
+bilden eine seltene Ausnahme. Ein tragischer Charakter ist der, welcher
+Epoche macht, Werther z.&#8239;B. Antike „Charaktere“ von epochemachender
+Bedeutung gibt es also nicht.</p>
+
+<p>Jede wahre Epoche bedeutet auch eine wahre Tragödie, aber in unserem,
+nicht im antiken Sinne. Parzeval, Don Quijote, Hamlet, Faust sind
+solche Tragödien, die eine ganze historische Krisis in einem Charakter
+resümieren und man darf deshalb jede große Tragödie unserer Kultur im
+Gegensatz zu jeder antiken, notwendig ahistorischen und mythischen eine
+historische nennen, so frei ihre Fabel erfunden sein mag; andernfalls
+ist sie „Genre“ wie bei Schiller und Alfieri. Shakespeares Cäsar stirbt
+im dritten Akt. Diese Tragödie gestaltet eine Epoche und der Dichter
+fühlte — ganz unbewußt, wie sich versteht —, daß eine empirische
+Person nur Symbol, nur Oberflächengebilde ist.<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a> Die Handlung
+vollendet sich mithin erst dort, wo die Epoche, nicht wo das sinnliche
+Dasein ihres Trägers zu Ende war. Cäsar ist in einem tieferen Sinne
+erst bei Philippi gefallen, <em class="gesperrt">in der Gestalt des Brutus nämlich</em>,
+die seine <em class="gesperrt">Mission</em> vollendete, während Antonius, sein Erbe im
+Sinne des historischen Vordergrundes, in Alexandria eine neue Epoche
+einleitete, die bei Philippi zutage trat und im Drama von Actium
+schloß. Aber dies ist der Cäsar unseres, <em class="gesperrt">nicht des antiken</em>
+Weltbildes. Die<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> antike Geschichte ist wie die antike Tragödie in sich
+selbst episodisch, nicht epochal angelegt.</p>
+
+<p>Man nehme die Tragödie Napoleons. Seine Bestimmung war die Vollendung
+der abendländischen Zivilisation. Er bedeutet dasselbe wie Philipp
+und Alexander, die den Hellenismus an Stelle der hellenischen Kultur
+heraufführten, so daß in beiden Fällen die Entscheidungen der
+historischen Oberfläche nicht mehr durch Konvent und Guillotine,
+durch den Ostrakismos und die Beschlüsse der Agora, nicht durch
+journalistische und rhetorische Gesten wie zur Zeit Rousseaus,
+Voltaires, des Aristophanes und Sokrates, sondern auf den großen
+Schlachtfeldern von ganz Europa und dort auf dem Boden des alten
+Perserreiches getroffen wurden.</p>
+
+<p>Das Tragische seines Lebens — noch unentdeckt für einen Dichter,
+der groß genug wäre, es zu begreifen und zu formen — liegt darin,
+daß er, dessen Dasein im Kampfe gegen die englische Politik, die
+vornehmste Repräsentantin des englischen Geistes, aufging, eben durch
+diesen Kampf den Sieg dieses Geistes auf dem Kontinent vollendete,
+der dann mächtig genug war, in der Gestalt „befreiter Völker“ ihn zu
+überwältigen und in St. Helena sterben zu lassen. Nicht er war der
+Begründer des Expansionsprinzips. Das stammte aus dem Puritanismus
+der Generation Cromwells, der das britische Kolonialsystem ins Leben
+gerufen hatte,<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a> und es war seit dem Tage von Valmy, den Goethe
+allein begriff, wie sein berühmtes Wort am Abend der Schlacht beweist,
+unter Vermittlung englisch geschulter Köpfe wie Rousseau und Mirabeau
+die Tendenz der Revolutionsheere, die durchaus von den Ideen der
+englischen Philosophie vorwärts getrieben wurden. Nicht Napoleon hat
+diese Ideen, sie haben ihn geschaffen, und als er den Thron bestieg,
+mußte er sie weiter verfolgen, gegen die einzige Macht, England
+nämlich, die <em class="gesperrt">dasselbe</em> wollte. Sein Empire ist eine Schöpfung von
+französischem Blute, aber englischem Stil. In London war durch Locke,
+Shaftesbury, Clarke, vor allem Bentham, die Theorie der „europäischen“
+Zivilisation, des Hellenismus des Abendlandes, ausgebildet und von
+Bayle, Voltaire,<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Rousseau nach Paris getragen worden. Im Namen
+<em class="gesperrt">dieses</em> England des Parlamentarismus, der Geschäftsmoral und
+des Journalismus kämpfte man bei Valmy, Marengo, Jena, Smolensk und
+Leipzig, und englischer Geist hat in all diesen Schlachten gesiegt —
+über die französische Kultur des Abendlands.<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a> Der Erste Konsul hatte
+keineswegs den Plan, Westeuropa Frankreich einzuverleiben; er wollte
+zunächst — der Alexandergedanke an der Schwelle jeder Zivilisation!
+— an Stelle des englischen ein französisches Kolonialreich setzen,
+durch welches er das politisch-militärische Übergewicht Frankreichs
+über das abendländische Kulturgebiet auf eine kaum angreifbare
+Basis gestellt hätte. Es wäre das Reich Karls V. gewesen, in dem
+die Sonne nicht unterging, trotz Kolumbus und Philipp II. in Paris
+konzentriert und nunmehr nicht als ritterlich-kirchliche, sondern als
+wirtschaftlich-militärische Einheit organisiert. Soweit — vielleicht
+— lag Schicksal in seiner Mission. Aber der Pariser Friede von 1763
+hatte die Frage schon <em class="gesperrt">gegen</em> Frankreich entschieden und seine
+mächtigen Pläne sind jedesmal an winzigen Zufällen gescheitert; zuerst
+vor St. Jean d’Acre durch ein paar rechtzeitig von den Engländern
+gelandete Geschütze; dann nach dem Frieden von Amiens, als er das
+ganze Mississippital bis zu den großen Seen besaß und mit Tippo Sahib,
+der damals Ostindien gegen die Engländer verteidigte, Beziehungen
+anknüpfte, an einer irrtümlichen Flottenbewegung seines Admirals, die
+ihn zum Abbruch einer sorgfältig vorbereiteten Unternehmung zwang;
+endlich als er zum Zweck einer neuen Landung im Orient das Adriatische
+Meer durch die Besetzung von Dalmatien, Korfu und ganz Italien zu einem
+französischen gemacht hatte und mit dem Schah von Persien über eine
+Aktion gegen Indien unterhandelte, an Launen des Kaisers Alexander,
+der zu Zeiten einen Marsch nach Indien wohl — und dann mit sicherem
+Erfolg — unternommen hätte. Erst indem er nach dem Scheitern aller
+außereuropäischen<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Kombinationen die Einverleibung von Deutschland
+und Spanien als ultima ratio im Kampfe gegen England wählte, Ländern,
+in denen sich nun gerade seine englisch-revolutionären Ideen gegen
+ihn, ihren Vermittler, erhoben, hatte er den Schritt getan, der ihn
+überflüssig machte.<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a></p>
+
+<p>Ob das weltumfassende Kolonialsystem, einst von spanischem Geiste
+entworfen, damals englisch oder französisch umgeprägt wurde, ob die
+„Vereinigten Staaten von Europa“, das Seitenstück <em class="gesperrt">damals</em>
+der Diadochenreiche und nun in Zukunft des Imperium Romanum, durch
+ihn als romantische Militärmonarchie auf demokratischer Basis oder
+im 21. Jahrhundert durch einen cäsarischen Tatsachenmenschen als
+rein wirtschaftliches Faktum Wirklichkeit wurden — das gehört zum
+Zufälligen des Geschichtsbildes. Seine Siege und Niederlagen, in denen
+immer ein Sieg Englands, ein Sieg der Zivilisation über die Kultur,
+verborgen war, sein Kaisertum, sein Sturz, die <i>grande nation</i>,
+die episodische Befreiung Italiens, die 1796 wie 1859 nicht viel
+mehr als das politische Kostüm eines längst bedeutungslos gewordenen
+Volkes änderte, die Zerstörung des Deutschen Reiches, einer gotischen
+Ruine, sind Oberflächenbildungen, hinter denen die große Logik der
+eigentlichen, unsichtbaren Geschichte steht, und in ihrem Sinne vollzog
+damals das Abendland den Abschluß der in französischer Gestalt, im
+ancien régime zur Vollendung gelangten Kultur durch die englische
+Zivilisation. Als Symbole identischer Phänomene entsprechen also
+die Bastille, Valmy, Austerlitz, Waterloo, der Aufschwung Preußens,
+den antiken Faktoren der Schlachten von Chäronea und Gaugamela, dem
+Königsfrieden, dem Zug nach Indien und der Entwicklung Roms und man
+begreift, daß in Kriegen und politischen Katastrophen, der <i>pièce
+de résistance</i> unserer Geschichtsschreibung, der Sieg nicht das
+Wesentliche eines Kampfes und der Friede nicht das Ziel einer Umwälzung
+ist.</p>
+
+<p>Die durch den Namen Luthers bezeichnete und, wie man<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> zugeben muß,
+nicht eben glücklich durchgeführte Epoche ist ein anderes Beispiel.
+Hier war eine anonyme Entwicklung — auf dem Wege von Konzilien —
+sogar naheliegend. Savonarola hatte im Einverständnis mit dem Könige
+von Frankreich den Gedanken verfolgt, und seiner Erhebung zum Papste
+wären mehrere Kardinäle kaum abgeneigt gewesen. Luthers innere und
+äußere Entwicklung hängt mit der zufälligen Dauer des Pontifikats
+einiger Mächte, Leos X. vor allem, eng zusammen. Man denke sich
+Hadrian VI. an dessen Stelle. Wie der tiefere Sinn aller Schlachten
+und Dekrete Napoleons nicht in der von ihm erstrebten oder erreichten
+Absicht lag, so waren alle Handlungen Luthers nach ihrer äußeren
+Absicht und ihrem realen Erfolge von den tieferen Tendenzen der in
+ihm verkörperten Epoche unabhängig. Er hätte als Märtyrer oder Papst
+sterben können; beides war möglich. Aber das wäre eher gewesen, was
+die Griechen Nemesis nannten, ein bloßes Vordergrundschicksal, das den
+Menschen, nicht die Idee berührte. Man konnte den ehrgeizigen Mönch zum
+Haupte eines Konzils machen; seine Entwicklung zu einem Reformpapst
+von gemäßigten Anschauungen und diplomatischer Konzilianz war nicht
+unwahrscheinlich. Luthers ohnehin widerspruchsvolle, von Selbsthaß
+und Selbstliebe gefärbte Stimmungen und Entschlüsse waren im hohen
+Grade von dem Respekt abhängig, den fürstliche Gönner seiner Person
+erwiesen, und anfangs waren seine Ziele von denen anderer, auch denen
+des letzten deutschen Papstes, Hadrians VI., nicht allzu verschieden.
+Vielleicht haben solche Gedanken ihn gelegentlich bewegt — denn was
+wissen wir von seinen innersten Erlebnissen? Von geringen Varianten
+hing damals die ganze sichtbare Fassung der abendländischen Kultur ab
+und eine Kirchenspaltung lag zunächst außer aller Wahrscheinlichkeit.
+Endlich ist er dann der Brutus der Kirche geworden. Shakespeare hat da
+den Typus des Grüblers aufgestellt, dem die <em class="gesperrt">Gnade</em> fehlt. Auch
+dies ist eine tragische Möglichkeit, eine Epoche durchzuführen: die
+Selbstvernichtung dessen, der sie in der wirklichen Welt repräsentiert.
+Brutus tötet Cäsar, Luther die Kirche — im Dienst einer Theorie.
+Er <em class="gesperrt">hat</em> sie getötet. Sie hat seitdem, zur ständigen Notwehr
+gegen den Protestantismus verurteilt, ihre königliche Freiheit, ihre
+tiefe, heute<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> nicht mehr verstandene Liberalität eingebüßt. Sie
+war naiv gewesen, nun wurde sie peinlich. Und auch das Luthertum
+erlebte sein Philippi — als der katholische Geist in ihm eine neue
+Orthodoxie schuf, der gegenüber Luthers Tat immer wieder, im Pietismus,
+Rationalismus, Materialismus, Anarchismus, vollzogen wurde. Alles
+dies gehört, bei aller Größe der Erscheinung, nur zum Gewande des
+Zufällig-Historischen, in welches das Schicksal selbst sich hüllt.</p>
+
+<p>Wie aber von der Person Luthers feine Fäden sich rückwärts zu der
+Heinrichs des Löwen und vorwärts zu der Bismarcks spinnen, zwei anderen
+„Zufälligen“ des hohen Nordens, in denen Epochen zum Ausdruck kamen,
+die als Triumphe über den Hang zum Süden, zum Sorglosen, zum Rausch
+innerlichst verwandt sind — es liegen in merkwürdiger Deutlichkeit des
+Periodischen je 345 Jahre zwischen den symbolischen Akten von Legnano,
+Worms und Königgrätz —, das beweist eine physiognomische Prägnanz des
+Erlebens, deren nur die abendländische Seele mit ihrem großen Sinn für
+den reinen Raum und die Historie fähig war und die nur in dem unsagbar
+durchsichtigen und logischen Aufbau der ägyptischen Geschichte — der
+Verwirklichung der ägyptischen Seele — ein Seitenstück hat.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_18">18</h4>
+
+</div>
+
+<p>Wer diese Ideen in sich aufgenommen hat, wird es verstehen,
+wie verhängnisvoll das in einer exakten Form erst den späten
+Kulturzuständen eigene und dann um so tyrannischer auf das Weltbild
+wirkende Kausalitätsprinzip für das Erlebnis echter Geschichte werden
+mußte. Kant hatte höchst vorsichtig die Kausalität als notwendige Form
+der Erkenntnis festgestellt. Das Wort Notwendigkeit hörte man gern,
+aber man überhörte die Einschränkung des Prinzips auf ein einzelnes
+Erkenntnisgebiet, die gerade den modernen Historismus ausschloß. Das
+ganze 19. Jahrhundert war bemüht, die Grenze von Natur und Geschichte
+zugunsten der ersten zu verwischen. Je historischer man denken wollte,
+desto mehr vergaß man, wie hier <em class="gesperrt">nicht</em> gedacht werden durfte.
+Indem man das starre Schema einer optisch-räumlichen Beziehung, Ursache
+und Wirkung, gewaltsam<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> auf Lebendiges anwandte, zeichnete man in das
+sinnliche Oberflächenbild der Historie die konstruktiven Linien des
+Naturbildes ein, und niemand fühlte — inmitten später, an kausalen
+Denkzwang gewöhnter Intelligenzen — die tiefe Absurdität einer
+Wissenschaft, welche Werdendes durch ein methodisches Mißverständnis
+als Gewordenes begreifen wollte. <em class="gesperrt">Zweckmäßigkeit</em> war das große
+Wort, mit dem der zivilisierte Geist die Welt sich assimilierte. Eine
+Maschine ist zweckmäßig konstruiert. Sie ist damit nützlich geworden.
+<em class="gesperrt">Folglich</em> kann die Geschichte nur eine analoge Konstruktion
+besitzen: Auf diesem Schlusse beruht der historische Materialismus.
+Wollten wir den eigentlichen Schicksalsgedanken recht deutlich erleben,
+so müssen wir uns in das Seelenleben unserer Kindheit und dessen Umwelt
+versenken. Hier war das Bewußtsein durchaus mit den Eindrücken einer
+<em class="gesperrt">lebendigen</em> Wirklichkeit erfüllt, dämonisch, verhängnisvoll,
+zwecklos im erhabenen Sinne, ein ewiges Weben und Schweben, von
+rätselhaftem, außernatürlichem Gehalte. Hier gab es wirklich eine
+„Zeit“. Hier herrschte in äußerster Reinheit das Phantasiebild, das
+dem späteren, abgeklärten, auch matteren Geschichtsbilde die Züge
+vorzeichnete, welch letzteres mehr und mehr dem kausalen Naturbilde des
+zivilisierten Menschen erliegt.</p>
+
+<p>Wissenschaft ist immer Naturwissenschaft. Wissen, Erfahrung gibt es
+nur von Gewordenem, Ausgedehntem, Erkanntem. Wie Leben zur Geschichte,
+so gehört Wissen zur Natur — zu der als Element begriffenen, im Raume
+betrachteten, nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung gestalteten
+gegenwärtigen Sinnlichkeit. Gibt es also überhaupt eine Wissenschaft
+der Historie? Erinnern wir uns, wie in jedem persönlichen Weltbilde,
+das dem idealen Bilde nur mehr oder weniger nahekommt, etwas von beidem
+erscheint, keine Natur ohne lebendige, keine Geschichte ohne kausale
+Einklänge ist. Ohne Zweifel gibt es in jedem Geschichtsbilde Züge von
+kausaler und naturgesetzlicher Art und sie sind es, auf die aller
+Pragmatismus seine Ansprüche stützt. Ohne Zweifel ist auch das Gefühl,
+welches einen echten Zufall gegenüber einem Schicksal statuiert, auf
+Eindrücke dieser Art begründet. So sonderbar es klingt, der Zufall im
+alltäglichen Sinne ist mit dem Kausalitätsprinzip<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> innerlich verwandt.
+Das Anorganische, Richtungslose verbindet sie. Aber sie sind beide
+etwas Fremdes im Geschichtsbilde; sie gehören der Oberfläche an, deren
+sinnliche Plastizität mindestens kausale <em class="gesperrt">Gedächtnismomente</em>
+weckt. Sicherlich ist das Geschichtsbild eines Menschen — und
+damit der Mensch selbst — um so flacher, je entschiedener der
+handgreifliche Zufall in ihm regiert, und sicherlich ist mithin
+eine Geschichtsschreibung um so leerer, je mehr sie ihr Objekt
+durch Feststellung kausaler Beziehungen erschöpft. Je tiefer jemand
+Geschichte erlebt, desto seltener wird er streng kausale Eindrücke
+haben und desto gewisser wird er sie als gänzlich bedeutungslos
+empfinden. Man prüfe Goethes naturwissenschaftliche Schriften, und
+man wird erstaunt sein, die Darstellung einer lebendigen Natur ohne
+Formeln, ohne Gesetze, fast ohne Spuren von Kausalem zu finden. Zeit
+ist für ihn keine Distanz, sondern ein Gefühl. Der bloße Gelehrte, der
+analysiert, nicht fühlt, besitzt kaum die Gabe, hier das Letzte und
+Tiefste zu erleben. Die Geschichte fordert sie aber; und so besteht das
+Paradoxon zu Recht, daß ein Geschichtsforscher um so bedeutender ist,
+je weniger er der eigentlichen Wissenschaft angehört.</p>
+
+<p>Ein Schema möge das Gesagte zusammenfassen:</p>
+
+<figure class="figcenter illowe25" id="p211_schema">
+ <img class="w100" src="images/p211_schema.jpg" alt="Schema zum Zusammenhang
+ von Seele und Welt mit dem Leben und der Wirklichkeit">
+</figure>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<h4 id="Schicksalsidee_19">19</h4>
+
+</div>
+
+<p>Darf man irgendeine Gruppe elementarer Phänomene sozialer,
+physiologischer, ethischer Natur als Ursache einer andern setzen? Die
+pragmatische Geschichtsschreibung kennt im Grunde nichts andres. Das
+heißt für sie, die Geschichte begreifen, ihre Erkenntnis vertiefen.
+In der Tiefe aber liegt für den zivilisierten Menschen immer der
+<em class="gesperrt">praktische Zweck</em>. Ohne ihn wäre die Welt sinnlos. Allerdings
+ist auf diesem Standpunkte die gar nicht physikalische <em class="gesperrt">Freiheit
+in der Wahl der Motive</em> nicht ohne Komik. Der eine wählt diese,
+der andre jene Gruppe als <i>prima causa</i> — eine unerschöpfliche
+Quelle wechselseitiger Polemik — und alle füllen ihre Werke mit
+vermeintlichen Erklärungen des Ganges der Geschichte im Stile
+physikalischer Zusammenhänge. Schiller hat dieser Methode, durch
+eine seiner unsterblichen Banalitäten, den Vers vom Weltgetriebe,
+das sich „nur durch Hunger und durch Liebe“ erhält, den klassischen
+Ausdruck gegeben. Das 19. Jahrhundert hat seine Meinung zu kanonischer
+Geltung erhoben. Damit war der Kult des Nützlichen an die Spitze
+gestellt. Ihm hat Darwin im Namen des Jahrhunderts Goethes Naturlehre
+zum Opfer gebracht. Ohne Zweifel, das Leben war eine Entwicklung
+zu einem zweckmäßigen Ziele. Der Instinkt, der Intellekt waren die
+Mittel dazu. Aber gibt es historische, seelische, gibt es überhaupt
+lebendige „<em class="gesperrt">Prozesse</em>“? Haben historische Bewegungen, die
+Zeit der Aufklärung oder die Renaissance etwa, irgend etwas mit
+dem <em class="gesperrt">Naturbegriff</em> der Bewegung zu tun? Mit dem Worte Prozeß
+war das Schicksal allerdings abgetan. Das Geheimnis des Werdens
+war „aufgeklärt“. Es gab keine tragische, es gab nur noch eine
+mathematische Logik. Der „exakte“ Historiker setzt nunmehr höchst
+naiv voraus, daß im Geschichtsbilde eine Folge von Zuständen von
+mechanischem Typus vorliegt, daß sie verstandesmäßiger Analyse wie
+ein physikalisches Experiment oder eine chemische Reaktion zugänglich
+ist und daß mithin die Gründe, Mittel, Wege, Ziele ein greifbar an
+der Oberfläche des Sichtbaren liegendes Gewebe bilden müssen. Der
+Aspekt ist überraschend vereinfacht. Und man muß zugeben, daß bei
+hinreichender Flachheit des Betrachters die<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Voraussetzung — für
+<em class="gesperrt">seine</em> Person und deren Weltbild — zutrifft.</p>
+
+<p>Hunger und Liebe — das sind aus diesem Aspekte mechanische
+Ursachen mechanischer Prozesse im „Völkerleben“. Sozialprobleme
+und Sexualprobleme — beide einer Physik oder Chemie des
+öffentlichen, allzuöffentlichen Daseins angehörend — sind mithin
+das selbstverständliche Thema utilitarischer Geschichtsbetrachtung
+und <em class="gesperrt">also auch</em> der ihr entsprechenden Tragödie. Denn das
+soziale Drama steht mit Notwendigkeit neben der materialistischen
+Geschichtsbetrachtung. Und was in den „Wahlverwandtschaften“ Schicksal
+im höchsten Sinne ist, ist in der Frau „vom Meere“ nichts als ein
+Sexualproblem. Ibsen und alle Verstandespoeten unsrer großen Städte
+sind im Mechanismus der vitalen Oberfläche stecken geblieben. Sie
+konstruieren, sie dichten nicht. Sie kennen nur eine mathematische,
+keine Logik des Schicksals. Hebbels schwere künstlerische Kämpfe galten
+immer nur dem Versuch, dieses Elementare und schlechthin Prosaische
+seiner mehr wissenschaftlichen als intuitiven Anlage zu überwinden —
+trotz ihrer ein <em class="gesperrt">Dichter</em> zu sein —, daher sein unmäßiger, ganz
+ungoethescher Hang zum <em class="gesperrt">Motivieren</em> der Begebenheiten. Motivieren
+bedeutet hier, bei Hebbel, bei Ibsen, bei <em class="gesperrt">Euripides</em>, das
+Tragische — das Lebendige also — <em class="gesperrt">kausal gestalten wollen</em>. Das
+Schicksal wird zum Mechanismus, die Physiognomie zum System. Hebbel
+redet gelegentlich vom <em class="gesperrt">Schraubenzug</em> in der Motivation eines
+Charakters. Die Kasuistik überwindet die innere Bewegtheit. Die in
+Worte nicht zu fassende <em class="gesperrt">Idee</em>, die bei Goethe ein Werk trägt,
+erstarrt zu einer praktischen <em class="gesperrt">Tendenz</em>, zu einer Formel. Das ist
+der Wechsel, der sich zwischen Kultur und Zivilisation in der Bedeutung
+des Wortes <em class="gesperrt">Problem</em> vollzieht. Dem entspricht es, daß Dichter
+wie Historiker vom zivilisierten Typus als Politiker im Parteimäßigen
+stecken bleiben. Es fehlt an innerer Überlegenheit, an Tiefe, an
+Würde. Man prüfe daraufhin den Abstieg von Goethe, in dessen Egmont
+die einzigen Szenen von diplomatischer Feinheit stehen, zu Hebbels
+abstraktem Raisonnement und weiter zu Ibsens und Shaws Bedürfnis nach
+agitatorischem Spektakel. Hier ist es klar: Man ist weit entfernt, in
+der Historik eine streng morphologische Aufgabe finden<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> zu wollen, so
+wenig man im Drama ein reines Kunstwerk gestalten will. Der Kult des
+Nützlichen hat hier wie dort ein ganz andres Ziel festgelegt. Unter
+Form versteht man die handgreifliche Wirksamkeit. Die Szene ist wie
+das Geschichtswerk ein Mittel dazu. Der Darwinismus hat, so unbewußt
+das geschehen sein mag, die Biologie politisch wirksam gemacht. Es
+ist irgendwie eine demokratische Rührigkeit in den hypothetischen
+Urschleim gekommen, und der Kampf der Regenwürmer ums Dasein erteilt
+den zweibeinigen Schlechtweggekommenen eine gute Lehre.</p>
+
+<p>In diesem Aspekt hat der Intellekt über die Seele gesiegt. In
+Weltstädten gibt es kein Innenleben mehr; es gibt nur noch psychische
+Prozesse. Die Schickialsidee ist überwunden; es gibt nur noch
+mechanische und physiologische Zusammenhänge. Zufall ist das, was
+man <em class="gesperrt">noch nicht</em> in eine physikalische Formel gebracht hat. Es
+erscheint hier der tiefe Gegensatz von Tragik und Experiment (das
+Goethe so haßte und das ihm Kleists Manier so verhaßt machte). Kleists,
+Hebbels, Ibsens, Strindbergs, Shaws Dramen sind Seelenexperimente,
+wobei man unter Seele das spinnenhafte Etwas der modernen Psychologie,
+das Assoziationsbündel zu verstehen hat. Zola hat den Begriff des
+<i>roman expérimental</i> geschaffen. Auf die <i>petits faits</i>
+kommt es an, aus deren Summe man den Menschen <em class="gesperrt">herausrechnet</em>.
+Der Intellekt hat an Stelle frühmenschlicher und auch noch Goethescher
+Intuition das sinnlich-bewegte Bild des Lebens nach <em class="gesperrt">seinem</em>
+Bilde, zu einem Mechanismus nämlich, umgeformt. Das bedeutet ein
+tragisches Problem in den Händen dieser Schriftsteller. Tragisch ist
+das Unzweckmäßige (Rosmer). Tragisch ist vor allem das Zweckmäßige,
+wenn es keine Gelegenheit hat, sich nützlich zu machen (Nora). Aus der
+Idee der Erbsünde ist die Vererbungstheorie geworden (Gespenster). Die
+Idee der Gnade heißt jetzt das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl. Ein
+Problem durch den Fall eines Dramas „lösen“ wollen — das ist eine
+Laboratoriumsarbeit. Wir werden daran erinnert, daß zum Mechanischen
+die Mathematik gehört. Jedes gute Ibsen-Drama schließt mit einer
+<em class="gesperrt">Formel</em>. Das Leben durch anatomische und physiologische
+Untersuchung von Ganglien, Muskelfibrillen und Eiweißverbindungen
+begreifen zu wollen, die biologische Manier<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> und Manie in der
+Behandlung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fragen sind durchaus
+Schwestern dieser problematischen Kausalitätspoesie und der auf die
+gleichen Oberflächenmotive versessenen Geschichtsschreibung unsrer
+Tage. An Stelle des Schicksals — von dem sie keine Ahnung haben —
+geraten sie ohne Ausnahme auf soziale und sexuelle „Fragen“, die sie an
+seiner Stelle „behandeln“.</p>
+
+<p>Und doch hätten die Historiker gerade von den Vertretern unsrer
+reifsten Wissenschaft, der Physik, Vorsicht lernen sollen. Die
+kausale Methode zugegeben, so ist es die Flachheit ihrer Anwendung,
+die beleidigt. Hier fehlt es an geistiger Disziplin, an der Größe
+des Blickes, von der tiefen Skepsis, welche der Art des Gebrauchs
+physikalischer Hypothesen innewohnt, ganz zu schweigen. Denn der
+Physiker betrachtet seine Atome und Elektronen, Ströme und Kraftfelder,
+den Äther und die Masse weitab vom Köhlerglauben des Laien und Monisten
+als <em class="gesperrt">Bilder</em>, deren Formensprache er den abstrakten Beziehungen
+seiner Differentialgleichungen unterlegt, ohne in ihnen eine andre
+Wirklichkeit als die konventioneller Zeichen zu suchen. Und er weiß,
+daß auf diesem, der Wissenschaft allein möglichen Wege nur eine
+symbolische Deutung des Mechanismus der verstandesmäßig aufgefaßten
+Außenwelt — <em class="gesperrt">nicht mehr</em> — erreicht werden kann, sicherlich
+keine „Erkenntnis“ im hoffnungsvoll populären Sinne aller Darwinisten
+und materialistischen Historiker. Die Natur — Schöpfung und Abbild
+des Geistes, sein <i>alter ego</i> im Bereich des Ausgedehnten —
+<em class="gesperrt">erkennen</em>, bedeutet sich selbst erkennen.</p>
+
+<p>Eine gleiche Skepsis gegenüber der sinnlich-gedächtnismäßigen
+Bildfläche des „organischen Lebens“ und der Menschengeschichte,
+die nur ein Teil von ihm ist, wäre am Platze gewesen, aber hier
+hat die Selbsterkenntnis, die echte Naivität, die Distanz, die
+Uninteressiertheit im großen Sinne gefehlt. Wie die Physik unsre
+reifste, so ist die Biologie nach Gehalt und Methode unsre schwächste
+Wissenschaft. Was <em class="gesperrt">wirklich</em> Geschichtsforschung sei, Physiognomik
+nämlich, ist durch nichts deutlicher zu machen als durch den Verlauf
+von Goethes Naturstudien. Er treibt Mineralogie: sogleich fügen sich
+ihm die Einsichten zum Bilde einer Erdgeschichte zusammen, in dem sein<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span>
+geliebter Granit das bedeutet, was ich innerhalb der Kulturgeschichte
+das Urmenschliche nenne — und er entdeckt die Eiszeiten. Er untersucht
+bekannte Pflanzen und das Phänomen der Metamorphose erschließt sich
+ihm, die Urgestalt der <em class="gesperrt">Geschichte</em> alles Pflanzendaseins, und er
+gelangt weiterhin zu jenen seltsam tiefen Einsichten über die Vertikal-
+und Spiraltendenz der Vegetation, die noch heute nicht recht begriffen
+worden sind. Seine Knochenstudien, durchaus auf das Anschauen des
+Lebendigen gerichtet, führen ihn zur <em class="gesperrt">entscheidenden</em> Entdeckung
+des <i>os intermaxillare</i> beim Menschen und der Einsicht, daß das
+Schädelgerüst der Wirbeltiere sich aus sechs Wirbelknochen entwickelt
+hat. Hier ist nicht von Kausalität und Teleologie die Rede. Hier
+empfand er die Notwendigkeit des Schicksals, wie er sie in seinen
+orphischen Urworten ausgedrückt hat. Der Darwinismus hat diese
+großen Ansätze verdorben, nicht vertieft. Überall ist es das reine,
+lebendige Werden, das Goethe im sinnlich-gegenwärtigen Bilde anschaut
+und nicht ein platter Zusammenhang von Ursache, Wirkung, Nutzen und
+Zweck. Die bloße Chemie der Gestirne, die <em class="gesperrt">mathematische</em> Seite
+physikalischer Beobachtungen, die eigentliche Physiologie kümmern ihn,
+den großen Historiker der Natur, nicht, weil sie Systematik, Erfahrung
+von Gewordnem, Totem, Starrem sind, und dies liegt seiner Polemik
+gegen Newton zugrunde — ein Fall, in dem beide recht haben: der eine
+<em class="gesperrt">erkannte</em> in der toten Farbe den exakt gesetzlichen Naturprozeß,
+der andre, der Künstler, hatte das intuitiv-sinnliche <em class="gesperrt">Erlebnis</em>;
+hier liegt der Gegensatz beider Welten zutage und ich fasse ihn jetzt
+in seiner ganzen Schärfe zusammen.</p>
+
+<p>Leben, Geschichte trägt das Merkmal des Einmalig-Tatsächlichen, Natur
+das des Ständig-Möglichen. Solange ich das Bild der Umwelt daraufhin
+beobachte, nach welchen Gesetzen es sich verwirklichen <em class="gesperrt">muß</em>, ohne
+Rücksicht darauf, ob es geschieht oder nur geschehen könnte, zeitlos
+also, bin ich Naturforscher, treibe ich eine Wissenschaft. Es macht
+für die Notwendigkeit eines Naturgesetzes — und andere Gesetze gibt
+es nicht — nicht das geringste aus, ob es unendlich oft oder nie
+in Erscheinung tritt, d.&#8239;h. es ist <em class="gesperrt">vom Schicksal unabhängig</em>.
+Tausende chemischer Verbindungen kommen nie vor<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> und werden niemals
+hergestellt werden, aber sie sind als möglich bewiesen und also sind
+sie da — für das <em class="gesperrt">System der Natur, nicht für die Geschichte
+des Weltalls</em>. Geschichte aber ist der Inbegriff des einmaligen
+wirklichen <em class="gesperrt">Erlebens</em>. Hier herrscht die Richtung im Werden, nicht
+die Ausgedehntheit des Gewordnen, das, was einmal war, nicht das,
+was immer möglich ist, das <em class="gesperrt">Wann</em>, nicht das <em class="gesperrt">Was</em>. Hier
+gibt es nicht Gesetze von Objekten, sondern Ideen, die in Phänomenen
+sich symbolisch offenbaren. Es kommt darauf an, was sie bedeuten,
+nicht, was sie sind. Man hat die eigne Notwendigkeit dieser Sphäre
+bisher nie begriffen und an Naturnotwendigkeiten — Kausalitäten
+angeknüpft. Der Physiker darf versichern, daß es keinen Zufall
+gibt. Das bedeutet für ihn: innerhalb des mechanisch-begrifflichen
+Natursystems sind Phänomene von historischer Bewegtheit, Ereignisse,
+die sich nie wiederholen können, unmöglich; hier herrscht die zeitlose
+Kausalität ohne Einschränkung, wenn die Reinheit und Geschlossenheit
+des Naturbildes gewahrt bleiben soll. Solange ich mit meiner ganzen
+gegenwärtigen Existenz im Weltbilde der Natur bin, frage ich, zu
+welcher Gattung diese Blume gehört und welches die Gesetze ihrer
+Ernährung, Entwicklung, Fortpflanzung sind, aber nicht, weshalb sie an
+dieser Stelle wuchs und ich sie gerade jetzt erblicke. Ich frage nach
+den Gesetzen der Spektralanalyse, aber nicht, weshalb die Natriumlinie
+dem irdischen Auge gelb erscheint. Ich frage nach den Formeln der
+Thermodynamik, aber nicht, weshalb sie im menschlichen Bewußtsein,
+dessen Abbild doch die Welt ist, gerade diese und nicht andere sind.
+Ich frage nach den Rassemerkmalen der Hellenen und Germanen, aber
+nicht, was es bedeutet, daß diese ethnischen Formen gerade dort und
+damals entstanden sind. Das eine ist Gesetz, das Gesetzte, über dessen
+Sinn und Ursprung die exakte Wissenschaft schweigt; das andre ist
+Schicksal. Im einen liegt die Notwendigkeit des Mathematischen, im
+andern die des Tragischen.</p>
+
+<p>In der Wirklichkeit des wachen Daseins verweben sich beide Welten,
+die der Beobachtung und die der Hingebung, wie in einem Brabanter
+Wandteppich Kette und Einschlag das Bild „wirken“. Jedes Gesetz muß,
+um für den Geist überhaupt <em class="gesperrt">vorhanden</em> zu sein, einmal durch
+eine Schicksalsfügung innerhalb<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> der Geistesgeschichte entdeckt,
+d.&#8239;h. <em class="gesperrt">erlebt</em> worden sein, jedes Schicksal erscheint in einer
+sinnlichen Verkleidung — Personen, Taten, Szenen, Gebärden —, in der
+Naturgesetze am Werke sind. Das urmenschliche Leben war der dämonischen
+Einheit des Schicksalhaften hingegeben; im Bewußtsein reifer
+Kulturmenschen kommt der Widerspruch jenes frühen und dieses späten
+Weltbildes niemals zum Schweigen; im zivilisierten Menschen erliegt
+das tragische Weltgefühl dem mechanisierenden Intellekt. Geschichte
+und Natur stehen <em class="gesperrt">in uns</em> einander gegenüber wie <em class="gesperrt">Leben</em>
+und <em class="gesperrt">Tod</em>, wie die <em class="gesperrt">ewig werdende</em> Zeit und der <em class="gesperrt">ewig
+gewordene Raum</em>. Im wachen Bewußtsein ringen Werden und Gewordnes
+um den Vorrang im Weltbilde. Die höchste und reifste Form beider Arten
+der Betrachtung, wie sie nur großen Kulturen möglich ist, erscheint
+für die antike Seele im Gegensatz von Plato und Aristoteles, für die
+abendländische in dem von Goethe und Kant: die reine Physiognomik
+der Welt, erschaut von der Seele eines ewigen Kindes, und die reine
+Systematik, erkannt vom Verstande eines ewigen Greises.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Schicksalsidee_20">20</h4>
+
+</div>
+
+<p>Und hier erblicke ich nunmehr die <em class="gesperrt">letzte</em> große Aufgabe des
+abendländischen Denkens, die einzige, welche dem alternden Geiste
+der faustischen Kultur noch aufgespart ist, die, welche durch eine
+jahrhundertelange Entwicklung unseres Seelentums vorbestimmt erscheint.
+Es steht keiner Kultur frei, den Weg und die Haltung ihrer Philosophie
+zu <em class="gesperrt">wählen</em>; hier zum ersten Male aber kann eine Kultur
+voraussehen, welchen Weg das Schicksal für sie gewählt hat.</p>
+
+<p>Mir schwebt eine — spezifisch abendländische — Art, Geschichte im
+höchsten Sinne zu erforschen, vor, die bisher noch nie aufgetaucht
+ist und die der antiken und jeder andern Seele fremd bleiben mußte.
+Eine umfassende Physiognomik des gesamten Daseins, eine Morphologie
+des Werdens <em class="gesperrt">aller</em> Menschlichkeit, die auf ihrem Wege bis
+zu den höchsten und letzten Ideen vordringt; die Aufgabe, das
+Weltgefühl nicht nur der eigenen, sondern das <em class="gesperrt">aller</em> Seelen zu
+durchdringen, in denen große Möglichkeiten überhaupt bisher erschienen
+und deren<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Verkörperung im Bereiche des Wirklichen die einzelnen
+Kulturen sind. Dieser philosophische Aspekt, zu dem die analytische
+Mathematik, die kontrapunktische Musik, die perspektivische Malerei
+uns das Recht geben, uns erzogen haben, setzt, über die Talente des
+Systematikers, die Aufgaben des Rechnens, Ordnens, Zergliederns weit
+hinausgehend, das Auge eines Künstlers voraus, und zwar das eines
+Künstlers, der die sinnliche und greifbare Welt um sich in eine tiefe
+Unendlichkeit geheimnisvoller Beziehungen sich vollkommen auflösen
+fühlt. So fühlte Dante, so Goethe. Ein Jahrtausend organischer
+Kulturgeschichte als Einheit, als <em class="gesperrt">Person</em> aus dem Gewebe des
+Weltgeschehens herauszuheben und in ihren innersten seelischen
+Bedingungen zu begreifen ist das Ziel. Wie man die bedeutenden Züge
+eines Rembrandtschen Bildnisses, einer Cäsarenbüste durchdringt,
+so die großen, tragischen, schicksalsvollen Züge im Antlitz einer
+<em class="gesperrt">Kultur</em>, als der menschlichen Individualität höchster Ordnung,
+anzuschauen und zu verstehen ist die neue Kunst. <em class="gesperrt">Wie</em> es
+<em class="gesperrt">in</em> einem Dichter, einem Propheten, einem Denker, einem Eroberer
+aussieht, das hat man schon zu wissen versucht, aber in die antike,
+ägyptische, arabische Seele überhaupt einzugehen, um sie mitzuerleben,
+um in ihnen die Geheimnisse des Menschlichen überhaupt zu fühlen, das
+ist eine neue Art „Lebenserfahrung“. Jede Epoche, jede große Gestalt,
+jede Religion, Staaten, Völker, Künste, alles was je da war und da
+sein wird, ist ein physiognomisches Moment von höchster Symbolik, das
+ein <em class="gesperrt">Menschenkenner</em> in einem ganz neuen Sinne des Wortes zu
+deuten hat. Eindrücke von höchster Realität, Sprachen und Schlachten,
+Städte und Rassen, die Feiern der Isis und Kybele und die katholische
+Messe, Hochofenwerke und Gladiatorenspiele, Derwische und Darwinisten,
+Eisenbahnen und Römerstraßen, „Fortschritt“ und Nirwana, Zeitungen,
+Sklavenmassen, Geld, Maschinen, alles ist in gleicher Weise, Zeichen
+und Symbol im Weltbilde, wie es eine Seele als Ausdruck ihrer Wesenheit
+vor sich verwirklicht. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“
+Hier liegen Lösungen und Fernblicke verborgen, welche noch nicht
+einmal geahnt worden sind. Dunkle Fragen, die den tiefsten aller
+menschlichen Urgefühle, aller Angst, aller Sehnsucht, aller Religion
+und Metaphysik zugrunde liegen und vom Denken in<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> die Probleme der
+Zeit, der Notwendigkeit, des Raumes, der Liebe, des Todes, Gottes
+verkleidet worden sind, werden aufgehellt. Es gibt eine ungeheure Musik
+der Sphären, die <em class="gesperrt">gehört</em> sein will, die einige unsrer tiefsten
+Geister hören <em class="gesperrt">werden</em>. Die Physiognomik des Weltgeschehens wird
+zur <em class="gesperrt">letzten, faustischen Philosophie</em>.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Die antike Tragödie, eine liturgische Aktion, gestattet
+den Umschlag vom Jubel zur Klage so gut wie den von der Klage zum
+Jubel. Das letztere ist, wie im δρᾶμα von Eleusis, in Äschylus’
+Eumeniden und Sophokles’ Ödipus in Kolonos der Fall. Nach Aristoteles
+war dies sogar die ursprüngliche Form des „Tragischen“.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Außer in der Elementarmathematik, unter deren Eindruck
+allerdings die meisten Philosophen seit Schopenhauer diesen Fragen
+nahetreten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Ganz ebenso steht an der Schwelle der arabischen Kultur
+die Erfindung der christlichen Zeitrechnung. Diesen Akt eines hohen
+historischen Weltgefühls hat das späte Arabertum mit der islamischen
+Zeitrechnung noch einmal wiederholt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Man muß sich in die Gefühle eines Griechen versetzen, der
+diese Sitte plötzlich kennen lernt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Der Weg von Calvin zu Darwin ist in der englischen
+Philosophie leicht nachzuweisen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Dies gehört zu den ewigen Streitpunkten abendländischer
+Poetik. Die antike, ahistorische, euklidische Seele hat keine
+„Entwicklung“; die abendländische erschöpft sich in ihr; sie ist
+„Funktion“ in Richtung auf einen Abschluß. Die eine „ist“, die andre
+„wird“. Mithin setzt alle antike Tragik die Konstanz der Person voraus,
+alle abendländische deren Variabilität. Erst dies ist „Charakter“ in
+unserm Sinne, eine Gestalt des Seins, die in unablässiger Bewegtheit
+und unendlichem Beziehungsreichtum besteht. <em class="gesperrt">Bei Sophokles adelt
+die große Geste das Leid, bei Shakespeare adelt die große Gesinnung
+die Tat.</em> Weil unsre Ästhetik ihre Beispiele ohne Unterschied aus
+<em class="gesperrt">beiden</em> Kulturen nahm, konnte sie das grundlegende Problem nur
+verfehlen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> „Plus on vieillit, plus on se persuade, que sa sacrée
+Majesté le Hazard fait les trois quarts de la besogne de ce misérable
+Univers“ (Friedrich der Große an Voltaire). So empfindet ein echter
+Rationalist mit Notwendigkeit.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Diese Tyche kann auch als die naturwissenschaftliche
+Größe aufgefaßt werden, deren heutiges Gegenstück der Determinismus
+ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Helios ist nur eine poetische Metapher. Er hatte weder
+Tempel noch Statuen noch einen Kult. Noch weniger war Selene eine
+Mondgöttin.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Daran ändert es nichts, daß Shakespeare in Wirklichkeit
+ein älteres Drama bearbeitet hat.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Ich erinnere an das Wort Cannings aus dem Anfang des 19.
+Jahrhunderts: „Südamerika frei — und womöglich englisch!“ Reiner ist
+der expansive Instinkt niemals zum Ausdruck gelangt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Die reife abendländische Kultur war eine durchaus
+französische, die seit Ludwig XIV. aus der spanischen erwachsen war.
+Aber schon unter Ludwig XVI. siegte in Paris der englische Park über
+den französischen, die Empfindsamkeit über den esprit, Kleidung und
+gesellschaftliche Formen von London über die von Versailles, Hogarth
+über Watteau, Möbel von Chippendale und Porzellan von Wedgwood über
+Reulle und Sarres.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Hardenberg hat Preußen in streng englischem Geiste
+reorganisiert, was ihm Friedrich August v. d. Marwitz zum schweren
+Vorwurf machte. Ebenso ist die Heeresreform Scharnhorsts eine Art
+„Rückkehr zur Natur“ im Sinne Rousseaus gegenüber den Berufsheeren der
+Kabinettskriege zur Zeit Friedrichs des Großen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="DRITTES_KAPITEL"><span class="s6">DRITTES KAPITEL</span><br>
+MAKROKOSMOS</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p>
+
+<h3 id="Drittes_Kapitel_I">I<br>
+DIE SYMBOLIK DES WELTBILDES UND DAS RAUMPROBLEM</h3>
+
+<h4 id="Symbolik_1">1</h4>
+
+<p>Und so erweitert sich der Gedanke einer Weltgeschichte in streng
+morphologischem Sinne zur <em class="gesperrt">Idee einer allumfassenden Symbolik</em>.
+Die Geschichtsforschung an sich hat nur den sinnlichen Inbegriff der
+lebendigen Wirklichkeit, ihr flüchtiges Bild, zu prüfen und dessen
+typische Formen festzustellen. Der Schicksalsgedanke ist der letzte,
+bis zu dem sie vordringen kann. Indessen diese Forschung, so neu
+und umfassend sie im hier angegebenen Sinne ist, kann dennoch nur
+Fragment und Grundlage einer noch umfassenderen Betrachtung sein.
+Ihr zur Seite steht eine Naturforschung, ebenso fragmentarisch und
+eingeschränkt in ihrem Ideenkreise. Hier aber werden die letzten
+Fragen des Seins überhaupt angerührt. Alles, dessen wir uns bewußt
+sind, in welcher Gestalt auch immer, als Seele und Welt, Leben und
+Wirklichkeit, Geschichte und Natur, Gesetz, Raum, Schicksal, Gott,
+Zukunft und Vergangenheit, Gegenwart und Ewigkeit, hat für uns noch
+einen tiefsten Sinn — daß alles so ist und nicht anders — und das
+einzige und äußerste Mittel, dieses Unfaßliche faßlich zu machen, diese
+Geheimnisse, die nur gefühlt und in seltenen Momenten mit visionärer
+Deutlichkeit erlebt werden können, in einer allerdings dunklen Weise,
+aber der einzig möglichen mitzuteilen — vielleicht nur wenigen und
+auserlesenen Geistern —, liegt in einer neuen Art von Metaphysik,
+für die <em class="gesperrt">alles</em>, es sei was es wolle, den Charakter eines
+<em class="gesperrt">Symbols</em> besitzt.</p>
+
+<p>Symbole sind sinnliche Einheiten, letzte, unteilbare und vor allem
+ungewollte Eindrücke von bestimmter Bedeutung. Ein Symbol ist ein
+Stück Wirklichkeit, das für das leibliche oder geistige Auge etwas
+bezeichnet, das verstandesmäßig nicht mitgeteilt werden kann. Ein
+frühdorisches, früharabisches, frühromanisches<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Ornament z.&#8239;B. auf
+einer Vase, einer Waffe, an einem Portal oder Sarkophag ist der
+sinnbildliche Ausdruck eines neuen Weltgefühls, das nur zu Menschen
+einer einzigen Kultur redet und diese Menschen aus dem allgemeinen
+Menschentum heraushebt und zusammenschließt. Die <em class="gesperrt">gefühlte</em>
+Einheit einer Kultur beruht auf der gemeinsamen Sprache ihrer
+Symbolik. Gesetzt, daß alles, was ist, irgendwie <em class="gesperrt">Ausdruck</em> eines
+Seelischen ist — und wir werden uns davon überzeugen —, so ist es
+zugleich auch <em class="gesperrt">Eindruck auf</em> eine Seele und dieser Zusammenhang,
+in dem der Mensch zugleich Subjekt und Objekt ist, repräsentiert das
+Wesen des Symbolischen. Es folgt daraus, daß auch der Mensch selbst
+Symbol ist, als Person und als Menge, nicht nur der gegenwärtigen
+Leiblichkeit nach, mit der er dem Weltbilde der Natur und dem Bereiche
+der Kausalität angehört — eben als Mensch, Familie, Volk, Rasse —,
+sondern durch die Gesamtheit seines Seelenlebens, soweit dieses sich
+selbst — im Weltbilde der Geschichte — als Schicksal, als werdend
+begreift und als das Schicksal, das Werden „des andern“ miterlebt
+werden kann.</p>
+
+<p>Es ist dies eine gewagte und schwer zugängliche Betrachtungsweise.
+Absolute Standpunkte — die etwa das Ich, das Denken, die Natur, Gott
+als Ausgang und Maßstab setzen —, wie sie die Philosophie um ihrer
+Systematik willen liebt und im Grunde nicht entbehren kann, sind hier
+selbst noch Symbole, <em class="gesperrt">Objekte</em>, nicht Richtlinien der Betrachtung.</p>
+
+<p>Für den abendländischen Menschen auf der Höhe seiner längst
+großstädtisch und intellektuell gewordnen Kultur existiert ein
+wohlgeordnetes Bild der Historie, dessen Mittelgrund die sechs
+Jahrtausende der „Weltgeschichte“ auf einem kleinen Planeten bilden,
+während der Horizont sich in astronomische, geologische oder
+mythologische Fernen allmählich verliert. Dies Bild, ein wesentliches
+Ergebnis unsres wachen Daseins, eine Welt, aus deren Hintergrund
+die abendländische Seele sich selbst erst begreift, ist die <em class="gesperrt">uns
+notwendige</em> Form, alles, was wirklich ist, als sich verwirklichend
+geordnet aufzufassen. Vom sicheren Standpunkte des Jetzt und Hier
+blicken wir über Vergangenheit und Zukunft hin. Nichts scheint realer
+als diese Perspektive.</p>
+
+<p>Aber dem Urmenschen ist eine solche Anschauung unbekannt. Der antike
+und indische Mensch erlebte — wie wir aus entscheidenden<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Zeichen
+entnehmen — Verwandtes, aber jedenfalls in schattenhaften Umrissen
+und von ganz andrer Farbe. Also ist diese so klare und unzweideutige
+„Weltgeschichte“ nur <em class="gesperrt">unser</em> Eigentum? Also gibt es keine
+historische, für <em class="gesperrt">alle</em> Menschen vorhandene und identische
+Wirklichkeit? Also ist dies ein bloßer Ausdruck, eine freie Phantasie,
+Funktion einer <em class="gesperrt">einzelnen</em> Seele? Dies herdenhafte Gewoge
+menschlicher Generationen durch Jahrhunderte hin, diese Episode im
+Werden zahlloser Sonnensysteme durch Jahrmillionen, diese längst
+erstorbenen Landschaften einer Kulturblüte am Nil, Ganges und Ägäischen
+Meer wären nichts als eine Vision des faustischen Geistes? Erinnern
+wir uns, daß alle Philosophie von jeher das gleiche vom Bilde der
+<em class="gesperrt">Natur</em> behauptete, indem sie es <em class="gesperrt">Erscheinung</em> nannte. Der
+Mensch war gewiß ein Atom im Weltall, aber das Weltall war zugleich das
+Produkt seiner Vernunft.</p>
+
+<p>Dies ist das große Mysterium des menschlichen Bewußtseins, das man
+einfach hinzunehmen hat. Der in ihm hervortretende Widerspruch ist
+dem Denken unzugänglich. Idealistische wie realistische Lehren, die
+das eine als Tatsache, das andere als Schein bezeichnen, können das
+Geheimnis nur schematisch vergewaltigen, aber nicht lösen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Seele und Welt</em>: in dieser Polarität erschöpft sich das
+Wesen unsres Bewußtseins, wie das Phänomen des Magnetismus sich im
+wechselseitigen Widerstreben zweier Pole erschöpft. Diese Seele, und
+zwar die jedes Einzelnen, welche <em class="gesperrt">in sich</em> diese ganze Welt des
+historischen Werdens erlebt und <em class="gesperrt">also schafft</em>, sie zum Ausdruck
+ihres So-Seins macht, ist zugleich, aus einem anderen Aspekte, ein
+winziges Element, ein flüchtiges Aufleuchten in <em class="gesperrt">ihr</em>?<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a> Was
+sind Cäsar, Ramses, Wallenstein anderes als Phänomene im historischen
+Weltbilde, wie es eine höhere Seele in sich entwickelt? Sind sie für
+das — ahistorische — Bewußtsein eines Kindes wirklich vorhanden?
+Wären sie „wirklich“, wenn alle Menschen sich heute wieder im
+seelischen Urzustande etwa der Weströmer zur Zeit Aurelians befänden?
+Alle „andern“ Menschen, so wie sie im Gedächtnisbilde der Historie
+erscheinen, sind Ausdruck der Seele des „einen“, seien es die großen
+Persönlichkeiten,<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> die in einem früher festgestellten Sinne einmal
+Epoche machten, seien es die Menschen der Menge zu irgendeiner Zeit.
+Was alles diese Menschen aller Zeiten denken, wollen, tun, sind, die
+ganze werdende, schicksalsvolle Welt also, ist Zeichen und Symbol
+dessen, der sie erlebt. Das Geheimnis des eignen Schicksals offenbart
+sich im Schicksal einer um uns werdenden oder von uns als geworden
+erkannten Welt. Die Dämmerseele des Kindes und frühen Menschen ahnt
+ihre Welt nur; erst die helle Tagesseele hoher Kulturen, die sich
+selbst als wohlgeordnete Einheit, eben als „Seele“ kennt und fühlt,
+besitzt auch eine geordnete Welt als ihr <em class="gesperrt">Eigentum</em>. Sie prägt in
+jedem wachen Lebensmomente aus dem Chaos des Sinnlichen einen Kosmos
+symbolisch gestalteter Objekte oder Phänomene — je nachdem dieser
+Kosmos die Merkmale der Natur oder der Geschichte trägt.</p>
+
+<p>Diese Wirksamkeit <em class="gesperrt">nennen wir Leben</em>. Leben ist die Verwirklichung
+des innerlich Möglichen. Jede Seele, die einer Kultur, eines Volkes,
+eines Standes so gut wie die eines Einzelnen, hat vom Augenblick ihrer
+Geburt in der Welt des Werdens und Schicksals an bis zu ihrem Erlöschen
+den <em class="gesperrt">einen</em> rastlosen Drang, sich völlig zu verwirklichen, sich
+<em class="gesperrt">ihre</em> Welt als volle Summe ihres Ausdrucks zu bilden, das, was
+ich das Fremde nannte, zu einer bedeutungsvollen Einheit auszuprägen,
+es durch begrenzte und gewordne Form zu bannen und <em class="gesperrt">sich</em>
+anzueignen. Eine vollendete Welt ist die Ausstrahlung, ist der Sieg
+einer Seele über die fremden Mächte.</p>
+
+<p>Es liegt ein und dasselbe Ereignis vor, wenn in einem Momente der
+frühesten Kindheit wie mit einem Zauberschlage das Innenleben erwacht,
+die Seele sich ihrer selbst bewußt wird, und wenn in einer mit
+formloser Menschheit erfüllten Landschaft mit rätselhafter Vehemenz
+eine große Kultur ins Dasein tritt. Von hier an beginnt die Vollendung
+eines Lebens im höheren Sinne, man darf sagen die Erfüllung eines
+vorbestimmten Schicksals. Eine Idee will verwirklicht werden und sie
+wird es im Bilde einer Welt; die reine Natur, die reine Geschichte oder
+eine der unzähligen Mischungen beider Weltformen sind nur mögliche
+Arten, die Gesamtheit des Ausdrucks zu ordnen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<h4 id="Symbolik_2">2</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es wird hier nicht davon die Rede sein, was eine Welt ist, sondern
+was sie bedeutet. Physiognomik, nicht Systematik ist die Aufgabe.
+Die Wirklichkeit — man kann sagen die Welt in bezug auf eine Seele
+— ist für jeden einzelnen Menschen und jede einzelne Kultur die
+Projektion des Gerichteten in den Bereich des Ausgedehnten; sie ist
+eine Inkarnation des innern Seins und Wesens, das Eigne, das sich
+am Fremden reflektiert; sie <em class="gesperrt">bedeutet ihn selbst</em>. Durch einen
+ebenso schöpferischen als unbewußten Akt — nicht „ich“ verwirkliche
+das Mögliche, sondern „es“ verwirklicht sich durch mich als empirische
+Person — entsteht plötzlich und mit vollkommenster Notwendigkeit aus
+der Totalität sinnlicher und gedächtnismäßiger Elemente „<em class="gesperrt">die</em>“
+Welt, für mich die <em class="gesperrt">einzige</em>. Es ist die Notwendigkeit des
+Schicksals, nicht der Kausalität, die über dem So-Sein der Seele und
+mithin ihrer Verwirklichung im Gewordnen waltet.</p>
+
+<p>Und deshalb gibt es so viele Welten als es Menschen und Kulturen
+gibt, und im Dasein jedes einzelnen ist die vermeintlich einzige,
+selbständige und ewige Welt — die jeder mit dem andern gemein zu haben
+glaubt — ein immer neues, einmaliges, nie sich wiederholendes Erlebnis.</p>
+
+<p>Unterscheiden wir wieder zwischen Erleben und Erlebtem, Erkennen und
+Erkanntem. Die <em class="gesperrt">Akte</em> sind einmalig und schicksalhaft; erst das
+vollendete Resultat trägt das Merkmal der mechanischen <em class="gesperrt">Identität</em>
+durch eine Vielheit lebendiger Akte hindurch.</p>
+
+<p>Erst im stets erneuerten und doch verharrenden Welt<em class="gesperrt">bilde</em> —
+einem Wasserfall, der im flüchtigsten Vorübergang der Tropfen in der
+Ruhe seiner Erscheinung verweilt — ist die Sonne täglich und immer
+dieselbe und das bewußte Leben ein Ganzes durch die Folge aller
+Augenblicke hindurch. Die Identität des Vollendeten liegt in gleicher
+Weise der extremen Gegenständlichkeit — „Natur“ — wie dem reinen
+Phänomen — „Geschichte“ — zugrunde. Sie ist die Vorbedingung aller
+Symbolik, die ohne eine gewisse <em class="gesperrt">Dauer</em> der Bedeutung nicht
+bestehen kann.</p>
+
+<p>Eine Skala sich steigernder Bewußtheit führt von den Uranfängen
+kindlich-dumpfen Schauens, in denen es noch keine klare Welt für
+eine Seele und keine ihrer selbst gewisse Seele<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> inmitten einer Welt
+gibt, zu den höchsten Graden durchgeistigter Zustände, deren nur
+Menschen ganz reifer Zivilisationen — nicht Kulturen — fähig sind,
+dem Bewußtsein als Polarität von exaktem Verstand und vollkommen
+mechanischer Erfahrungswelt. Diese Steigerung ist zugleich eine
+Entwicklung der Symbolik. Nicht nur wenn ich in der Art des Kindes,
+des Träumers, des Künstlers die Welt hinnehme; nicht nur, wenn ich
+wach bin, ohne sie mit der gespannten Aufmerksamkeit des denkenden
+und tätigen Menschen aus einer gewissen Perspektive aufzufassen
+— ein Zustand, der selbst im Bewußtsein des eigentlichen Denkers
+und Tatmenschen weit seltener herrscht als man glaubt —, sondern
+stets und immer, solange von Bewußtsein, d.&#8239;h. von Leben überhaupt
+die Rede sein kann, verleihe ich dem Außer-mir den Gehalt meines
+<em class="gesperrt">ganzen</em> Selbst, von den halb träumerischen Eindrücken der
+Welthaftigkeit bis zur starren Welt der kausalen Gesetze und Zahlen,
+die jene überlagert und bindet. Aber selbst dem Reich der Zahlen
+fehlt das Persönliche nicht. Es gibt sehr allgemeine Züge in diesen
+rein mechanischen Formenwelten; sie können das Bild bis zur völligen
+Täuschung beherrschen und man kann und möchte über dem Allgemeinen das
+Individuelle und also Symbolische vergessen — vorhanden ist es immer.</p>
+
+<p>Dies ist die <em class="gesperrt">Idee des Makrokosmos, der Wirklichkeit als des
+Inbegriffs aller Symbole in bezug auf eine Seele</em>. Nichts ist von
+dieser Eigenschaft des Bedeutsamen ausgenommen. Alles, was ist, ist
+auch Symbol. Von der körperlichen Erscheinung an — Antlitz, Statur,
+Geste, Haltung von Einzelnen, von Klassen, von Völkern —, wo man es
+immer gewußt hat, bis zu den Formen des politischen, wirtschaftlichen,
+gesellschaftlichen Lebens, bis zu den vermeintlich ewigen und
+allgemeingültigen Formen der Erkenntnis, Mathematik, Physik spricht
+alles vom Wesen einer bestimmten und keiner andern Seele.</p>
+
+<p>Allein auf der größeren oder geringeren Verwandtschaft der einzelnen
+Welten untereinander, soweit sie von Menschen <em class="gesperrt">einer</em> Kultur oder
+Sphäre erlebt werden, beruht die größere oder geringere Mitteilbarkeit
+des Geschauten, Empfundenen, Erkannten, das heißt des im Stil des
+eignen Seins Gestalteten durch die Mittel der Sprache und Schrift,
+durch Begriffe, Formeln, Zeichen,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> die ihrerseits selbst Symbole sind.
+Zugleich erscheint hier eine ewige und bisher kaum gekannte Grenze,
+fremden Individualitäten wirkliche Mitteilungen zu machen oder deren
+Lebensäußerungen wirklich zu verstehen. Der Grad der Kongruenz der
+beiderseitigen Formenwelten entscheidet darüber, wo das Verständnis in
+Selbsttäuschung übergeht. Mit der Möglichkeit, sich in den Makrokosmos
+des andern hineinzuversetzen, ist beides zu Ende. Wir können die
+indische und ägyptische Seele — offenbart in ihren Menschen, Sitten,
+Schriftzeichen, Ideen, Bauten, Taten — sicherlich nur höchst
+unvollkommen imaginieren. Den Griechen, ahistorisch wie sie waren,
+war auch die geringste Ahnung vom Wesen fremden Seelentums versagt.
+Man sehe, mit welcher Naivität sie in den Göttern und Kulturen aller
+fremden Völker ihre eignen wiederfanden. Aber auch wir unterlegen, wenn
+wir bei einem antiken Philosophen das Wort χρόνος mit Zeit übersetzen
+und damit in uns einen ganzen, spezifisch faustischen Gedankenkomplex
+wachrufen, der fremden Intention das <em class="gesperrt">eigne</em> Weltgefühl, aus dem
+die Bedeutung unsrer Worte stammt. Wenn wir die Züge einer ägyptischen
+Statue interpretieren, nehmen wir ohne Anstand die <em class="gesperrt">eigne</em>
+innere Erfahrung zu Hilfe. In beiden Fällen täuschen wir uns. Daß
+die Meisterwerke der Kunst alter Kulturen für uns noch lebendig —
+„unsterblich“ also — seien, gehört ebenfalls in den Kreis dieser
+Illusionen, die lediglich durch die Tatsache aufrecht erhalten werden,
+daß <em class="gesperrt">unser</em> Geist hier, zugunsten seines eignen Weltgefühls, aus
+einem tiefen Instinkt ständig mißversteht. Darauf beruht zum Beispiel
+die Wirkung der Laokoongruppe auf die Kunst der Renaissance und die des
+Sophokles auf das klassizistische Drama der Franzosen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Symbolik_3">3</h4>
+
+</div>
+
+<p>Symbole, als etwas Verwirklichtes, gehören zum Bereich des
+Ausgedehnten. Sie sind geworden, nicht werdend — auch wenn sie ein
+Werden bezeichnen, auch wenn sie in bedeutungsvollen Gebräuchen
+oder Gesten bestehen — mithin starr begrenzt und den Gesetzen des
+Raumes unterworfen. Es gibt <em class="gesperrt">nur</em> sinnlich-räumliche (stoffliche
+oder ornamentale) Symbole.<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> Schon das Wort Form bezeichnet etwas
+Ausgedehntes. Der Sinn aller Grenzen aber ist <em class="gesperrt">Vergänglichkeit</em>.
+Es gibt keine ewigen Symbole. Auch die überall auftauchenden Zeichen
+des Dreiecks, des Hakenkreuzes (swastika), des Ringes sind <em class="gesperrt">als
+Symbole</em> vergänglich. Sie kommen in vielen Kulturen vor, aber sie
+sind jedesmal von andrer Bedeutung und in Hinsicht darauf jedesmal
+neu geschaffen und von begrenzter Lebensdauer. Man braucht nur
+die Schicksale der antiken Säule zu verfolgen, vom hellenischen
+Peripteros an, wo sie mittels des Architravs das Dach trägt, über die
+früharabische Basilika, wo sie einen <em class="gesperrt">Innenraum</em> gliedert, bis zum
+Renaissancebau, wo sie als Teilmotiv <em class="gesperrt">einer Fassade eingefügt</em>
+ist, um zu fühlen, was Umdeutung eines Symbols heißt, wenn eine neue
+Kultur es einer alten entlehnt.</p>
+
+<p>Das seelisch Mögliche, noch zu Vollendende, heißt Zukunft.
+Das Vollendete heißt Vergangenheit. Die <em class="gesperrt">Richtung</em>
+(<em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em>) des Lebens, durch die Worte Zeit,
+Schicksal, Wille in den Sprachen aller Völker angedeutet, verknüpft
+beides im Phänomen der Gegenwart, des augenblicklichen Bewußtseins.
+Die Priorität des Werdens vor dem Gewordnen war oft betont worden.
+Sobald das Werden sich vollzogen, das Mögliche sich verwirklicht hat,
+ist seine Bestimmung erfüllt. Die sich nähernde Zukunft wurde zur
+ruhenden Vergangenheit. <em class="gesperrt">Sie wurde zum Raum</em> und verfiel damit dem
+organischen Prinzip der Kausalität. Schicksal und Kausalität, Zeit und
+Raum, Richtung und Ausdehnung verhalten sich <em class="gesperrt">wie Leben und Tod</em>.</p>
+
+<p>Es besteht ein rätselhafter Zusammenhang zwischen dem <em class="gesperrt">Raum</em> und
+dem <em class="gesperrt">Tode</em>, der gerade von frühen Seelen immer tief gefühlt worden
+ist. Die religiöse Metaphysik drückt dies so aus, daß Geburt und Tod
+der Erscheinungswelt angehören oder daß mit der Verbannung der Seele in
+das Reich der (kausalen) Notwendigkeit der Tod gesetzt ist.</p>
+
+<p>Der Mensch ist das einzige Wesen, welches den Tod kennt. Alle andern
+sind rein werdend, von einer durchaus auf die punktförmige Gegenwart
+eingeschränkten Bewußtheit, die ihnen endlos erscheinen muß; sie leben,
+aber sie wissen nichts vom Leben wie die Kinder in den frühesten
+Jahren, wo sie die christliche Weltanschauung noch als „unschuldig“
+betrachtet.<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Erst der wache Mensch besitzt außer dem Werden auch
+Gewordenes, das heißt nicht nur ein Dasein, das sich von einer Umwelt
+abhebt, sondern auch ein Gedächtnis für Erlebnisse und eine Erfahrung
+von Erkanntem. Für alle andern verläuft das Leben ohne Ahnung seiner
+Grenzen, das heißt ohne ein Wissen um Aufgabe, Sinn, Dauer und Ziel.
+Erst mit dem vollen Besitz einer räumlichen Wirklichkeit — einer
+Welt als Ausstrahlung einer Seele — erscheint auch das große Rätsel
+des Todes. Mit tiefer und bedeutungsvoller Identität knüpft sich
+das Erwachen des Innenlebens in einem Kinde oft an den Tod eines
+Verwandten. Es begreift <em class="gesperrt">plötzlich</em> den leblosen Leichnam, der
+ganz Stoff, ganz Raum geworden ist, und <em class="gesperrt">zugleich</em> fühlt es
+sich als einzelnes Wesen in einer endlosen, ausgedehnten Welt. „Vom
+fünfjährigen Knaben bis zu mir ist nur ein Schritt. Vom Neugeborenen
+bis zum fünfjährigen Kinde ist eine schreckliche Entfernung“, hat
+Tolstoi einmal gesagt. Hier, in diesem entscheidenden Moment des
+Daseins, wo der Mensch zum Menschen wird und seine ungeheure Einsamkeit
+im All kennen lernt, enthüllt sich die Weltangst als die <em class="gesperrt">Angst vor
+dem Tode</em>, der Grenze, dem <em class="gesperrt">Raume</em>. Hier liegt der Ursprung
+des höheren Denkens, das zuerst ein Nachdenken über den Tod ist. Jede
+Religion, jede Philosophie geht von hier aus. Jede große Symbolik
+heftet ihre Formensprache an den Totenkult, die Bestattungsform, den
+Schmuck des Grabes. Die ägyptische Kunst beginnt mit den Totentempeln
+der Pharaonen, die antike mit der Ornamentik der Grabvasen, die
+früharabische mit Katakomben und Sarkophagen, die abendländische
+mit den Domen, in denen das Meßopfer, die Wiederholung des Sterbens
+Christi, sich täglich vollzieht. Mit einer neuen Idee des Todes erwacht
+jede neue Kultur. Als um das Jahr 1000 der Gedanke an das Weltende sich
+im Abendland verbreitete, wurde die faustische Seele dieser Landschaft
+geboren.</p>
+
+<p>Der Urmensch, in tiefem Staunen über den Tod, wollte diese Welt des
+Ausgedehnten mit den unerbittlichen und stets gegenwärtigen Regeln
+ihrer Kausalität, mit ihrer dunklen Allmacht, die ihn ständig mit
+dem Ende bedrohte, mit allen Kräften seines Geistes durchdringen und
+beschwören. Dieser Akt liegt tief im Unbewußten, aber indem er Seele
+und Welt erst eigentlich<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> schuf, trennte, gegeneinander stellte,
+bezeichnete er die Schwelle individuellen Daseins. Ichgefühl und
+Weltgefühl beginnen zu wirken und alle Kultur, innere und äußere, ist
+nur die Steigerung dieses Menschseins überhaupt. Von hier an sind alle
+Dinge nicht mehr nur Eindruck, rein animalisch, wie beim neugebornen
+Kinde, sondern auch Ausdruck. Zuerst besaßen sie allein ein Verhältnis
+zum Menschen, jetzt besitzt der Mensch auch ein Verhältnis zu ihnen.
+Sie sind Symbole seines Daseins geworden. So geht der Sinn aller echten
+— <em class="gesperrt">unbewußten und innerlich notwendigen</em> — Symbolik aus dem
+Phänomen des Todes hervor, in dem sich das Wesen des Raumes enthüllt.
+Alle Symbolik stammt aus der Furcht. Sie bedeutet eine Abwehr. Sie ist
+der Ausdruck einer tiefen Scheu im alten Doppelsinne des Wortes: ihre
+Formensprache redet zugleich von Feindschaft und Ehrfurcht.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Alles Gewordne ist vergänglich.</em> Vergänglich sind nicht nur
+Völker, Sprachen, Rassen, Kulturen. Es wird in wenigen Jahrhunderten
+keine westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen
+mehr geben, wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab. Nicht die
+Masse menschlicher Generationen war erloschen; die Form eines Volkes,
+die eine Anzahl von ihnen zu einer einheitlichen Gebärde zusammengefaßt
+hatte, war nicht mehr da. Der <i>civis Romanus</i>, eines der stärksten
+Symbole antiken Seins, war als Form nur von der Dauer einiger
+Jahrhunderte. Alle Kunst ist sterblich, nicht nur die einzelnen Werke,
+sondern die Künste selbst. Es wird eines Tages das letzte Bildnis
+Rembrandts und der letzte Takt Mozartscher Musik aufgehört haben zu
+sein, obwohl eine bemalte Leinwand und ein Notenblatt vielleicht
+übrig sind, weil das letzte Auge und Ohr verschwand, das ihrer
+Formensprache zugänglich war. Vergänglich ist jeder Gedanke, jedes
+Dogma, jede Wissenschaft, sobald die Seelen und Geister erloschen sind,
+in deren Welten ihre „ewigen Wahrheiten“ mit Notwendigkeit als wahr
+erlebt wurden. Vergänglich sind sogar die Sternenwelten, welche die
+Astronomen am Nil und Euphrat betrachteten, denn <em class="gesperrt">unser</em> — ebenso
+vergängliches — mit dem Auge des abendländischen Menschen gesehenes,
+aus <em class="gesperrt">seinem</em> Gefühl herausgebildetes Weltsystem, dessen Form
+Kopernikus aufstellte, ist ein anderes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<p>Und so läßt sich der Gedanke des Makrokosmos wieder an das Wort
+knüpfen, dem die ganze fernere Darstellung gewidmet sein soll: <em class="gesperrt">Alles
+Vergängliche ist nur ein Gleichnis.</em></p>
+
+<p>So führt diese Idee unvermerkt auf das Raumproblem, allerdings in einem
+neuen und überraschenden Sinn. Seine Lösung — oder bescheidener, seine
+Deutung — erscheint erst in diesem Zusammenhange möglich, so wie das
+Zeitproblem erst aus der Schicksalsidee faßlicher wurde. Es sei daran
+erinnert, daß, wie „die Zeit“ dem Gefühl der Weltsehnsucht, so der
+Raum, insofern dem Makrokosmos eine Absicht auf Bannung der fremden
+Mächte mittels der Form zugrunde liegt, dem Urgefühl der Angst nahe
+steht.</p>
+
+<p>„Der Raum“ ist sicherlich zunächst wie „die Welt“ ein kontinuierliches
+Erlebnis des einzelnen wachen Menschen, nicht mehr. Schon die
+Überzeugung, welche infolge der verhältnismäßigen Gleichartigkeit
+der im Einzeldasein aufeinanderfolgenden Raumerlebnisse und der
+Unmöglichkeit, sich über das Individuelle im „Raum des andern“
+sprachlich zu verständigen, vorherrscht, daß nämlich dieser
+Außenraum konstant und für alle gemeinsam und identisch sei, ist ein
+unbeweisbares Vorurteil. Das entsprechende Wort, das in allen Sprachen
+nicht nur anders klingt, sondern auch anderes bedeutet, verdeckt
+entscheidende Aufklärungen. Ist „der Raum“ ein allgemein menschliches
+Erlebnis? Oder das einer einzelnen Kultur? Oder nicht einmal das?</p>
+
+<p>Das eigentliche Problem im Phänomen des Ausgedehnten knüpft sich an
+das Wesen der <em class="gesperrt">Tiefe</em> — der <em class="gesperrt">Ferne</em> oder <em class="gesperrt">Entfernung</em>
+— deren abstraktes Schema im System der Mathematik neben Länge
+und Breite als „<em class="gesperrt">dritte Dimension</em>“ bezeichnet wird. Diese
+Dreizahl koordinierter Faktoren ist von vornherein irreführend. Ohne
+Zweifel sind im räumlichen Eindruck diese Elemente <em class="gesperrt">nicht</em>
+gleichwertig, geschweige denn gleichartig. „Länge und Breite“,
+sicherlich als Erlebnis eine <em class="gesperrt">Einheit</em>, keine Summation, sind,
+mit Vorsicht gesagt, Form der Empfindung. Sie repräsentieren den
+urmenschlichen, rein sinnlichen Eindruck. Die Tiefe repräsentiert den
+<em class="gesperrt">Ausdruck</em>; mit ihr beginnt die „Welt“. Diese der Mathematik
+selbstverständlich ganz fremde Unterscheidung in der Bewertung der<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span>
+dritten Dimension gegenüber den sogenannten beiden andern liegt auch
+in der Gegenüberstellung der Begriffe Empfindung und Anschauung.
+Die Dehnung in die Tiefe verwandelt die erste in die letzte. Erst
+die Tiefe ist die <em class="gesperrt">eigentliche</em> Dimension im wörtlichen Sinne,
+das <em class="gesperrt">Ausdehnende</em>. In ihr ist der Geist aktiv, in den andern
+streng passiv. Es ist der <em class="gesperrt">symbolische Gehalt einer Ordnung</em>,
+und zwar im Sinne einer einzelnen Kultur, der sich zutiefst in diesem
+ursprünglichen und nicht weiter analysierbaren Element ausspricht. Das
+Erlebnis der Tiefe ist — von dieser Einsicht hängt alles Weitere ab
+— und und ebenso vollkommen unbewußter und notwendiger als vollkommen
+schöpferischer Akt, durch den das Ich seine Welt, ich möchte sagen
+zudiktiert erhält. Er schafft aus dem Chaos von Empfindungen eine
+formvolle Einheit, etwas <em class="gesperrt">Gewordnes</em>, das nunmehr von Gesetzen
+beherrscht, dem Kausalprinzip unterworfen und mithin, als Abbild eines
+Seelentums, <em class="gesperrt">vergänglich</em> ist.</p>
+
+<p>Es besteht kein Zweifel, obwohl der durch theoretisches Selbstgefühl
+voreingenommene Verstand sich dagegen auflehnt, daß das Phänomen der
+Dehnung unendlicher Variation fähig ist, nicht nur ein anderes beim
+Kind und Manne, beim Naturmenschen und Städter, Chinesen und Römer,
+sondern in jedem einzelnen, je nachdem er nachdenklich oder aufmerksam,
+tätig oder ruhend seine Welt erlebt. Jeder Künstler hat noch
+„<em class="gesperrt">die</em>“ Natur durch Farbe und Linie wiedergegeben. Jeder Physiker,
+der griechische, arabische, germanische hat „<em class="gesperrt">die</em>“ Natur in
+letzte Elemente zergliedert — warum fanden sie nicht alle dasselbe?
+Weil jeder seine eigene Natur hat, obwohl jeder sie mit einer Naivität,
+die seinen Lebensgehalt rettet, die <em class="gesperrt">ihn</em> rettet, mit dem andern
+gemeinsam zu haben glaubt. Natur ist ein Erlebnis, das durch und durch
+mit persönlichstem Gehalt gesättigt ist. Natur ist eine Funktion der
+jeweiligen Kultur. Und man braucht nur Zeitgenossen wie Holbein,
+Dürer und Grünewald hinsichtlich ihrer Behandlung des Bildraums zu
+vergleichen, um zu fühlen, daß das Erlebnis der Tiefe, „der Raum“, also
+die ganze Natur selbst für sie etwas sehr Verschiedenes ist.</p>
+
+<p>Nun hat Kant die große Frage, ob dies Element a priori vorhanden
+oder durch Erfahrung erworben ist, durch seine berühmte<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Formel
+zu entscheiden geglaubt, daß der Raum die allen Welteindrücken
+zugrunde liegende <em class="gesperrt">Form der Anschauung</em> sei. Aber die „Welt“
+des Urmenschen, des Kindes und des Träumers besitzt dies Element
+unzweifelhaft in chaotischer, schwankender, unentschiedner Art und
+erst das höhere Seelentum formt das Chaotische zur geordneten Welt,
+gibt also dem Element der Tiefe eine eindeutige, symbolisch bestimmte
+Fassung. Es ist keine Frage, daß der Raum, wie ihn Kant mit unbedingter
+Gewißheit um sich sah, als er über seine Theorie nachdachte, für seine
+Vorfahren zur Karolingerzeit auch nicht annähernd in dieser exakten
+Gestalt vorhanden war. Gehen wir noch weiter. Kants Größe beruht auf
+der Konzeption des Begriffes einer Form „a priori“, aber nicht auf der
+Anwendung, die er ihm gab. Daß die Zeit keine Form der Anschauung ist,
+daß sie überhaupt keine „Form“ ist — es gibt nur extensive Formen —
+und offensichtlich nur als Pendant zum Raume so definiert wurde, sahen
+wir schon. Es ist aber nicht nur die Frage, ob gerade das Wort Raum den
+formalen Gehalt im Angeschauten genau deckt; es ist auch eine Tatsache,
+daß die Form der Anschauung sich mit dem <em class="gesperrt">Grade der Entfernung
+ändert</em>: Jedes entfernte Gebirge wird als reine Fläche — Kulisse —
+„angeschaut“. Niemand wird behaupten, daß er die Mondscheibe körperhaft
+sehe. Der Mond ist für das Auge eine absolute Fläche und erst durch
+das Fernrohr stark vergrößert — also künstlich angenähert — erhält
+er mehr und mehr räumliche Beschaffenheit. Augenscheinlich ist die
+Form der Anschauung also eine Funktion der Distanz. Es tritt eine
+unvermerkte, aber für den zivilisierten Menschen sehr stark wirksame
+Abstraktion hinzu, die über den veränderlichen Charakter dieser
+Eindrücke täuscht. Kant hat sich täuschen lassen. Er hätte zwischen
+Formen der Anschauung und des Verstandes gar nicht scheiden dürfen,
+denn sein Begriff Raum umfaßt bereits beides. Sein Gedanke, daß die
+unbedingte anschauliche Gewißheit einfacher geometrischer Tatsachen die
+Apriorität des exakten Raumes beweise, beruht auf der schon erwähnten
+allzu populären Ansicht, daß Mathematik entweder Geometrie oder
+Arithmetik — Konstruktion oder Rechnen — sei.</p>
+
+<p>Nun war schon damals die Mathematik des Abendlandes weit
+über dieses naive — der Antike nachgesprochene — Schema<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span>
+hinausgegangen. Wenn die Geometrie statt „des Raumes“ mehrfach
+unendliche Zahlenmannigfaltigkeiten zugrunde legt, unter denen die
+dreidimensionale ein an sich nicht ausgezeichneter Einzelfall ist, und
+innerhalb dieser höchst transzendenten Gruppen funktionale Gebilde
+hinsichtlich ihrer Struktur untersucht, so hat jede überhaupt mögliche
+Art von sinnlicher Anschauung aufgehört, sich formal mit mathematischen
+Tatsachen im Gebiete solcher Extensionen zu berühren, ohne daß die
+Evidenz der letzteren dadurch herabgesetzt worden wäre. Die Mathematik
+ist von der Form des Angeschauten ganz unabhängig. Es ist nun die
+Frage, wie viel von der gerühmten Evidenz der Anschauungsformen,
+die doch im Gegensatz zur Mathematik an die vitalen Bedingungen des
+Sehsinnes gebunden sind, für sich übrig bleibt, sobald die künstliche
+Übereinanderschichtung beider in einer vermeintlichen Erfahrung erkannt
+worden ist.</p>
+
+<p>Wie Kant sich das Zeitproblem dadurch verdarb, daß er es zu der
+in ihrem Wesen mißverstandenen Arithmetik in Beziehung brachte
+und also von einem Zeitphantom redete, dem die lebendige Richtung
+fehlte, das also nur noch ein dimensionales, räumliches Schema war,
+so verdarb er sich das Raumproblem durch seine Beziehung auf eine
+Allerweltsgeometrie. Der Zufall hat es gewollt, daß wenige Jahre nach
+der Vollendung seines Hauptwerkes Gauß die erste der nichteuklidischen
+Geometrien entdeckte, durch deren in sich widerspruchslose Existenz
+bewiesen wurde, daß es <em class="gesperrt">mehrere</em> Arten streng mathematischer
+Struktur der dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, die sämtlich „a
+priori gewiß“ sind, ohne daß es möglich wäre, <em class="gesperrt">eine</em> von ihnen als
+die eigentliche „Form der Anschauung“ herauszuheben.</p>
+
+<p>Es war ein schwerer und für einen Zeitgenossen Eulers und Lagranges
+unverzeihlicher Irrtum, die antike Schulgeometrie, denn an sie hat
+Kant immer gedacht, in den Formen der erlebten Natur abgebildet finden
+zu wollen. In den Augenblicken, wo wir die Natur daraufhin aufmerksam
+beobachten, ist in der Nähe des Beobachters und bei hinreichend
+kleinen Verhältnissen eine annähernde Übereinstimmung zwischen dem
+optischen Eindruck und den Prinzipien der gewöhnlichen euklidischen
+Geometrie sicherlich vorhanden. Die von der Philosophie behauptete
+absolute Übereinstimmung läßt sich aber weder durch den Augenschein<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span>
+noch durch Meßinstrumente nachweisen. Beide können eine gewisse,
+für die praktische Entscheidung über die Frage z.&#8239;B., welche der
+nichteuklidischen Geometrien die des empirischen Raumes sei, bei weitem
+nicht ausreichende Grenze der Genauigkeit niemals überschreiten.<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a>
+Bei großen Maßstäben und Entfernungen, wo das Tiefenerlebnis das
+Anschauungsbild völlig beherrscht — vor einer weiten Landschaft
+etwa statt vor einer Zeichnung — widerspricht die Anschauungsform
+der Mathematik gründlich. Die Fixsterne erscheinen dem Auge an einer
+andern Stelle des betrachteten Raumes, als die ist, welche sie im
+theoretisch-astronomischen Raume nach mathematischer Feststellung
+einnehmen.<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a> Wir sehen in jeder Allee, daß Parallelen sich am
+Horizonte berühren. Die Perspektive der abendländischen Ölmalerei,
+deren tiefer Zusammenhang mit den Grundproblemen der gleichzeitigen
+Mathematik hier deutlich fühlbar wird, beruht auf dieser Tatsache, und
+ihre schwer aufzufindenden Grundlagen, die von Brunellesco vielfach
+verfehlt wurden, beweisen, daß die Geometrie sie durchaus nicht ohne
+weiteres hergibt, wie es nach Kants Lehre von ihrer Koinzidenz mit
+der Anschauung der Fall sein müßte. Die Anschauungsform ist von der
+Mathematik unabhängig. Aber der lebensfremde Verstand, stolz auf
+seine abstrakt-geometrische Intuition, sagt nein dazu und der echte
+Theoretiker, wie eben Kant, weiß niemals, was er wirklich gesehen hat.</p>
+
+<p>Kant hat bei seiner Betrachtungsweise, einer angestrengten, auf
+das Ziel einer abstrakten Theorie gerichteten Beobachtung, all die
+Momente unwillkürlicher, halb bewußter Anschauung, welche das Leben
+eigentlich erst ganz erfüllen, beiseite gelassen. In ihnen ist die
+„Form“ nichts weniger als streng zahlenmäßig und gleichförmig und
+durch den kahlen Begriff des Raumes von drei Dimensionen nicht
+annähernd wiederzugeben. Das unmittelbar gewisse Tiefenerlebnis in der
+unermeßlichen Fülle<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> seiner Nuancen entzieht sich jeder theoretischen
+Bestimmung. Die gesamte Lyrik und Musik, die gesamte ägyptische,
+chinesische, abendländische Malerei widersprechen laut der Hypothese
+einer konstanten mathematischen Struktur des erlebten und gesehenen
+Raumes und nur, weil kein neuerer Philosoph von Malerei das geringste
+verstanden hat, konnte ihnen diese Widerlegung unbekannt bleiben.
+Der <em class="gesperrt">Horizont</em> z.&#8239;B., in dem und durch den jedes Gesichtsbild
+<em class="gesperrt">allmählich in einen Flächenabschluß übergeht</em> — denn auch
+die Tiefe ist geworden und also begrenzt — ist durch keine Art von
+Mathematik zu behandeln. Jeder Pinselstrich eines Landschaftsmalers
+widerlegt die Behauptungen der Erkenntnistheorie.</p>
+
+<p>Die „drei Dimensionen“ besitzen als abstrakte mathematische
+Einheiten keine natürliche Grenze. Man verwechselt das mit Fläche
+und Tiefe des erlebten optischen Eindrucks und so setzt sich der
+eine erkenntnistheoretische Irrtum in den andern fort, daß auch die
+angeschaute Ausgedehntheit unbegrenzt sei, obwohl unser Blick nur
+belichtete Raumfragmente umfaßt, deren Grenze eben die jeweilige
+Lichtgrenze bildet, sollte es auch der Fixsternhimmel oder die
+atmosphärische Helligkeit sein. Die „gesehene Welt“ ist tatsächlich
+die Summe von <em class="gesperrt">Lichtwiderständen</em>, weil das Sehen an das
+Vorhandensein von reflektiertem Licht gebunden ist. Die Griechen
+blieben, als plastisch angelegte Naturen, auch dabei stehen. Nur das
+abendländische Weltgefühl stellte als Symbol und inneres Postulat
+des Lebens die <em class="gesperrt">Idee</em> eines grenzenlosen Weltraumes auf mit
+unendlichen Fixsternensystemen und Entfernungen, die weit über
+jede optische Vorstellbarkeit hinausgehen — eine Schöpfung des
+<em class="gesperrt">innern</em> Blickes, die sich jeder Verwirklichung durch das Auge
+entzieht und Menschen anders fühlender Kulturen selbst als Idee fremd
+und unvollziehbar bleibt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Symbolik_4">4</h4>
+
+</div>
+
+<p>Das Ergebnis der Gaußschen Entdeckung, welche das Wesen der
+modernen Mathematik <em class="gesperrt">überhaupt</em> änderte,<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a> war also nicht
+nur der Nachweis, daß es mehrere gleich richtige Geometrien<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> der
+dreidimensionalen Ausgedehntheit gibt, von denen der Geist eine wählt,
+weil er an sie <em class="gesperrt">glaubt</em>, sondern der, daß „der Raum“ überhaupt
+nicht mehr ein einfaches Faktum ist. Es gibt <em class="gesperrt">mehrere</em> Arten
+exakter, streng wissenschaftlicher Räumlichkeit von drei Dimensionen
+und die Frage, welche von ihnen der wirklichen Anschauung entspricht,
+beweist, daß man das Problem gar nicht versteht. Die Mathematik
+beschäftigt sich, gleichviel ob sie sich anschaulicher Bilder und
+Vorstellungen als <em class="gesperrt">Handhaben</em> bedient oder nicht, mit völlig
+abstrakten Systemen, Formenwelten von Zahlen, und ihre Evidenz ist
+identisch mit der diesen Formenwelten immanenten kausalen Logik. Sie
+sind Abbilder der <em class="gesperrt">Verstandesformen</em> und mithin in jeder Kultur
+von anderem Stil. Darauf beruht ihre exakte Anwendbarkeit auf die
+verstandesmäßig rezipierte, mechanische, <em class="gesperrt">tote</em> Natur der Physik,
+die ihrerseits ebenfalls ein Abbild der Geistesform, nur von anderer
+Ordnung ist. Neben der Mehrheit variabler Anschauungsgebilde steht
+also auch eine Mehrheit von starr mathematischen Raumwelten, die ihre
+eignen Rätsel hat, und unter dem gemeinsamen Worte Raum hat sich nur
+allzulange die Tatsache verborgen, daß alle vermutete Konstanz und
+Identität ein Irrtum ist.</p>
+
+<p>Damit ist die Illusion des einen, bleibenden, alle Menschen
+umgebenden Raumes, über den man sich begrifflich restlos verständigen
+könnte, zerstört, ob man ihn nun als den absoluten Weltraum Newtons
+ansprechen will, <em class="gesperrt">in</em> dem sich alle Dinge befinden, oder als
+Kants unveränderliche, allen Menschen aller Zeiten gemeinsame Form
+der Anschauung, welche alle Dinge erst <em class="gesperrt">schafft</em>. So gut jede
+persönliche „Welt“ im Strome des historischen Werdens ein nie
+vergehendes und nie sich wiederholendes Erlebnis ist, so gut ist
+es jeder einem lebenden Menschen angehörende Raum. Und zwar liegt
+<em class="gesperrt">alle</em> Ausdruckskraft der einzelnen Seele, die ihre Welt gestalten
+will, im begreifenden Erlebnis der <em class="gesperrt">Tiefe</em> oder <em class="gesperrt">Entfernung</em>,
+durch das die sinnliche Fläche — das Chaos — erst Raum, <em class="gesperrt">der Raum
+dieser Seele wird</em>.</p>
+
+<p>Damit ist die Trennung der lebendigen Anschauung von der mathematischen
+Formensprache vollzogen, und das Geheimnis der <em class="gesperrt">Raumwerdung</em> tut
+sich auf.</p>
+
+<p>Wie das Werden dem Gewordenen, die ewig lebende Geschichte der
+vollendeten und toten Natur zugrunde liegt, das<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Organische dem
+Mechanischen, das Schicksal dem kausalen Gesetz, dem objektiv
+Gesetzten, so ist die <em class="gesperrt">Richtung der Ursprung der Ausdehnung. Das
+mit dem Worte Zeit berührte Geheimnis des sich vollendenden Lebens
+bildet die Grundlage dessen, was als vollendet durch das Wort Raum
+weniger verstanden als für ein inneres Gefühl angedeutet wird.</em>
+Jede wirkliche Ausgedehntheit, wirklich, insofern sie ein vollzogenes
+Erlebnis repräsentiert, ist eben durch das Erlebnis der Tiefe erst
+vollzogen worden; und eben jene Richtung, Dehnung in die Tiefe und
+Ferne — für das Auge, das Gefühl, das Denken — der Schritt von der
+sinnlich chaotischen Fläche zum kosmisch geordneten Weltbilde mit
+der geheimnisvoll in ihr sich andeutenden Bewegtheit ist das, was
+rein werdend durch das Wort Zeit bezeichnet wird. Der Mensch fühlt
+sich, und das ist der Zustand des wirklichen Wachseins, in einer ihn
+rings umgebenden Ausgedehntheit. Man braucht diesen Ureindruck des
+Weltmäßigen nur zu verfolgen, um festzustellen, daß es tatsächlich
+nur <em class="gesperrt">eine</em> wahre Dimension des Raumes gibt, die <em class="gesperrt">Richtung</em>
+nämlich von sich aus in die Ferne und daß das abstrakte System dreier
+Dimensionen eine mechanische Vorstellung, keine Tatsache des Lebens
+ist. Das Tiefenerlebnis, die Richtung in die Ferne, <em class="gesperrt">dehnt</em> die
+Empfindung zur Welt. Das Gerichtetsein des Lebens war mit Bedeutung
+als <em class="gesperrt">Nichtumkehrbarkeit</em> bezeichnet worden und ein Rest dieses
+entscheidenden Merkmals der Zeit liegt in dem Zwang, auch die Tiefe der
+Welt stets von sich aus, nie vom Horizont aus zu sich hin empfinden zu
+können.</p>
+
+<p>Wenn man, mit einiger Vorsicht, die Geistesform der Kausalität als
+<em class="gesperrt">erstarrtes Schicksal</em> bezeichnet, so darf die Raumtiefe, die
+Grundlage der Weltform, als <em class="gesperrt">erstarrte Zeit</em> bezeichnet werden.
+Denn Räume gibt es nur für lebendige Menschen. Mit der Seele ist
+auch die Welt zu Ende. Ich hatte nicht umsonst zwischen Erkennen und
+Erkanntem, dem lebendigen Akt und seinem toten Resultat unterschieden.
+Damit erst wird das Wesen des Raumes zugänglich.</p>
+
+<p>Hätte Kant sich ein wenig schärfer gefaßt, so hätte er statt von
+„zwei Formen der Anschauung“ zu reden, die Zeit die <em class="gesperrt">Form des
+Anschauens</em>, den Raum die <em class="gesperrt">Form des Angeschauten</em><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> genannt,
+und dann wäre ihm ein Licht aufgegangen. Wie das Leben zum Tode,
+das Anschauen zum Angeschauten führt, so führt die schicksalhafte,
+gerichtete Zeit zur räumlichen Tiefe. Es liegt hier ein Mysterium
+vor, ein Urphänomen, das sich begrifflich nicht zerlegen läßt und
+das man hinzunehmen hat; aber <em class="gesperrt">ahnen</em> läßt sich sein Sinn.
+Der Physiker, Mathematiker, Erkenntnistheoretiker kennt nur den
+<em class="gesperrt">gewordenen</em> Raum, das Gegenbild der starren Geistesform.
+<em class="gesperrt">Hier</em> aber ist angedeutet, wie der Raum <em class="gesperrt">wird</em>. Der Raum,
+in all den verschiedenen Arten, in denen er sich für das einzelne
+Selbst verwirklicht, über die einander ganz zu verständigen eine ewige
+Unmöglichkeit ist, muß Zeichen und Ausdruck des Lebens selbst sein,
+<em class="gesperrt">das ursprünglichste und mächtigste seiner Symbole</em>.</p>
+
+<p>Das Gefühl davon soll vielleicht die gewagte Formel: „Der Raum
+ist zeitlos“ ausdrücken. Er ist geworden; er steht damit, daß er
+<em class="gesperrt">ist</em>, ein Stück erstorbener Zeit, außerhalb des Zeitphänomens.
+Wir deuten — oder das Leben deutet in uns, durch uns — mit
+unbedingter, wahlloser Notwendigkeit <em class="gesperrt">jedes</em> Moment der Tiefe.
+Von freiem Willen ist nicht mehr die Rede. Man denke an ein verkehrt
+gehängtes Bild, das als bloße Farbfläche wirkt und beim Umdrehen
+plötzlich ein Erlebnis der Tiefe hervorruft. In diesem Augenblick
+erfolgt mit schöpferischer Gewalt der Akt der Raumwerdung und dieser
+Augenblick, wo das gestaltlose Chaos gestaltete <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em>
+wird, könnte, wenn man ihn <em class="gesperrt">ganz</em> verstünde, die ungeheure
+Einsamkeit des Menschen enthüllen, von denen jeder dieses Bild, diese
+erst jetzt zum Bilde gewordene Fläche, <em class="gesperrt">für sich</em> besitzt. Denn
+hier empfindet der antike Mensch mit apriorischer Gewißheit das
+<em class="gesperrt">Körperliche</em>, <em class="gesperrt">wir</em> das unendlich <em class="gesperrt">Räumliche</em>, der
+Inder, der Ägypter wieder andere Arten von Form als das <em class="gesperrt">Ideal</em>
+des Ausgedehnten. Worte reichen nicht aus, um die ganze Vehemenz
+dieser Unterschiede zu fassen, die das Weltgefühl der einzelnen Arten
+höheren Menschentums für immer trennen, aber die bildenden Künste aller
+Kulturen, deren Substanz die Weltform ist, enthüllen sie.</p>
+
+<p>Diese wahllose Deutung der Tiefe, die mit der Wucht eines elementaren
+Ereignisses das wache Bewußtsein beherrscht, ist<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> es, welche
+<em class="gesperrt">zugleich mit dem Erwachen des Innenlebens</em> beim einzelnen
+Menschen die Grenze von Kind und Knabe bezeichnet. Das Erlebnis der
+Tiefe ist es, welches dem Kinde fehlt, das nach dem Monde greift, das
+noch keine sinnvolle Außenwelt besitzt und gleich der urmenschlichen
+Seele in traumhafter Verbundenheit mit allem Empfindungshaften
+hindämmert. Nicht als ob ein Kind keine extensive Erfahrung einfachster
+Art hätte; aber das <em class="gesperrt">Weltbewußtsein</em> ist nicht da, die große
+<em class="gesperrt">Einheit des Erlebens</em> in einer Welt. Und dieses Bewußtsein
+gestaltet sich in einem hellenischen Kinde anders als in einem
+indischen oder abendländischen. Mit ihm gehört es einer bestimmten
+Kultur an, deren Glieder ein gemeinsames <em class="gesperrt">Weltgefühl</em> und aus
+ihm eine gemeinsame Weltform besitzen. Eine tiefe Identität verknüpft
+beide Akte: Das Erwachen der <em class="gesperrt">Seele</em> (des Innenlebens), ihre
+Geburt zum hellen Dasein im Namen einer Kultur, und das plötzliche
+Begreifen von Ferne und Tiefe, die <em class="gesperrt">Geburt der Außenwelt</em> durch
+das Symbol der Ausgedehntheit, einer nur dieser einen Seele zugehörigen
+Raumart, die von nun an das <em class="gesperrt">Ursymbol dieses Lebens</em> bleibt und
+ihm seinen Stil, die Gestalt seiner Geschichte als der fortschreitenden
+extensiven Verwirklichung intensiver Möglichkeiten gibt. Hier löst
+sich eine alte philosophische Frage in nichts auf: <em class="gesperrt">Angeboren</em>
+ist diese Urgestalt der Welt, insofern sie ursprüngliches Eigentum
+des Seelentums (der Kultur) ist, dessen Ausdruck wir selbst durch
+die ganze Erscheinung unsres Einzeldaseins sind; <em class="gesperrt">erworben</em>
+ist sie, insofern jede einzelne Seele jenen Schöpfungsakt für sich
+noch einmal wiederholt und das ihrem Dasein vorbestimmte Symbol der
+Tiefe in früher Kindheit, wie ein ausschlüpfender Schmetterling
+seine Flügel, entfaltet. Das erste Begreifen der Tiefe ist ein
+<em class="gesperrt">Geburtsakt</em>, ein seelischer neben dem leiblichen. Mit ihm wird
+eine Kultur aus ihrer Mutterlandschaft geboren, denn die plötzliche
+Erscheinung der dorischen, arabischen, gotischen Raumsymbolik verrät
+das Dasein einer <em class="gesperrt">neuen Seele</em>. Es entspricht dies im tiefsten
+dem griechischen Mythus der Gaia und dem dunklen Gefühl früher Völker,
+wenn sie ihre Toten in Hockergräbern (in Form des Embryo) der Mutter
+Erde zurückerstatten. Diese Geburt der ganzen Kultur wird innerhalb
+ihres Kreises von jeder einzelnen<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Seele wiederholt. <em class="gesperrt">Dies</em>
+nannte Plato, der an einen hellenischen Urglauben anknüpfte, die
+<em class="gesperrt">Anamnesis</em>. Die unbedingte Bestimmtheit der Weltform, die im
+Seelischen <em class="gesperrt">plötzlich da ist</em>, wird aus dem Werden gedeutet,
+während Kant, der Systematiker, mit seinem Begriff der apriorischen
+Form bei der Deutung <em class="gesperrt">desselben</em> Phänomens vom toten Resultat,
+nicht vom lebendigen Akt ausgeht.</p>
+
+<p>Die Art der Ausgedehntheit soll von nun an das <em class="gesperrt">Ursymbol einer
+Kultur</em> genannt werden. Die gesamte Formensprache ihrer
+Wirklichkeit, ihre Physiognomie im Unterschiede von der jeder andern
+Kultur und vor allem von der physiognomielosen Umwelt des primitiven
+Menschen ist aus ihr abzuleiten. Wie es eine Welt nur in bezug auf
+eine Seele gibt, als deren Abbild und Gegenpol im Bewußtsein, wie
+das Erwachen des Innenlebens mit einer spontanen und notwendigen
+Tiefendeutung von ganz bestimmtem Typus zusammenfällt, so gibt es
+<em class="gesperrt">Etwas</em>, das als Formideal jedem einzelnen Symbol einer Kultur
+zugrunde liegt.</p>
+
+<p>Aber das Ursymbol selbst ist nicht realisierbar, auch nicht in
+Definitionen. Es ist im Formgefühl jedes Menschen und jeder Zeit
+wirksam und diktiert ihnen den Stil sämtlicher Lebensäußerungen. Es
+liegt in der Staatsform, in den religiösen Dogmen und Kulten, den
+Formen der Malerei, Musik und Plastik, dem Vers, den Grundbegriffen
+der Physik und Ethik, aber es wird nicht durch sie dargestellt.
+Folglich ist es auch durch Worte nicht exakt darstellbar, denn Sprache
+und Erkenntnisformen sind selbst <em class="gesperrt">abgeleitete</em> Symbole. Goethe
+und Plato haben es — wiewohl nicht genau in diesem Sinne — „die
+Idee“ genannt, die im Wirklichen unmittelbar angeschaut, aber als
+eine ewige und unerreichbare Möglichkeit niemals <em class="gesperrt">erkannt</em> wird.
+Kant und Aristoteles haben es, mit einem für den Systematiker beinahe
+notwendigen Irrtum, im Erkenntnisakt begrifflich isolieren wollen.</p>
+
+<p>Wenn das Ursymbol der antiken Seele, der antiken <em class="gesperrt">Welt</em> fortan
+als der stoffliche Einzelkörper, das der abendländischen als der
+reine, unendliche Raum bezeichnet wird, so darf nie übersehen werden,
+daß Begriffe das nie zu Begreifende nicht darstellen, daß sie nur
+ein Gefühl des Verstehens wecken können.<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Auch die mathematische
+<em class="gesperrt">Zahl</em>, an welcher der Unterschied in der Formensprache der
+einzelnen Kulturen zuerst festgestellt wurde und aus der Kant die
+Qualität der Tiefendeutung abzuleiten suchte, ist <em class="gesperrt">nicht</em> das
+Ursymbol selbst. Die Zahl als das Grenzprinzip der Ausdehnung setzt
+das Tiefenerlebnis schon voraus und wenn das klassische Grenzproblem
+der Antike die Quadratur des Kreises, d.&#8239;h. die Rückführung
+krummlinig begrenzter Flächen auf meßbare Größen, das klassische
+Problem unsrer Mathematik aber die Definition des Grenzwertes in der
+Infinitesimalrechnung ist, so verrät sich darin der Unterschied zweier
+Ursymbole mit voller Deutlichkeit, aber keines von beiden ist das
+unmittelbare <em class="gesperrt">Objekt</em> dieser Probleme.</p>
+
+<p>Der reine grenzenlose Raum ist das Ideal, welches die abendländische
+Seele immer wieder in ihrer Umwelt <em class="gesperrt">gesucht</em> hat. Sie wollte
+es in ihr unmittelbar verwirklicht sehen und dies erst gibt den
+unzähligen Raumtheorien der letzten Jahrhunderte ihre tiefe Bedeutung
+als Symptomen eines Weltgefühls, jenseits aller vermeintlichen
+Resultate. Ihre gemeinsame Tendenz läßt sich so ausdrücken: Es gibt
+<em class="gesperrt">Etwas</em>, das notwendig gestaltend den Welterlebnissen jedes
+Einzelnen zugrunde liegt. Alle haben, Kant mehr oder weniger ähnlich,
+dieses begrifflich überhaupt unbestimmbare, sicherlich höchst variable
+Etwas dem mathematischen Raumbegriff genau zugeordnet und ohne weiteres
+vorausgesetzt, daß eine These dieser Art für <em class="gesperrt">alle</em> Menschen
+gültig sei. Was bedeutet das <em class="gesperrt">Pathos</em> dieser Behauptung? Kaum ein
+andres Problem ist so ernsthaft durchdacht worden, und fast hätte man
+glauben sollen, es hinge jede andre Weltfrage von dieser einen nach dem
+Wesen des Raumes ab. Und ist es nicht in der Tat so? Warum hat denn
+niemand bemerkt, daß die gesamte Antike kein Wort darüber verlor, ja
+daß sie nicht einmal das Wort besaß, um das Problem genau umschreiben
+zu können? Warum schwiegen die großen Vorsokratiker? Übersahen sie
+etwa in ihrer Welt gerade das, was uns als das Rätsel aller Rätsel
+erscheint? Hätten wir nicht längst einsehen sollen, daß in diesem
+Schweigen gerade die Lösung lag? Wie kommt es, daß <em class="gesperrt">unserm</em>
+tiefsten Gefühl nach „die Welt“ nichts anderes ist als jener durch
+das Tiefenerlebnis ganz eigentlich geborne <em class="gesperrt">Weltraum</em>, dessen
+reine, erhabene Leere durch die in ihm verlornen<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> Fixsternsysteme
+nur bestätigt wird. Hätte man <em class="gesperrt">dies</em> Gefühl einer Welt einem
+Athener, Plato etwa, begreiflich machen können? Und hätte die
+griechische Sprache, in deren Grammatik und Wortschatz sich doch das
+antike Tiefenerlebnis ganz unverkennbar spiegelt, dies erlaubt? Man
+entdeckt plötzlich, daß dies „ewige Problem“, das Kant im Namen der
+Menschheit mit der Leidenschaft eines symbolischen Aktes behandelte,
+ein <em class="gesperrt">rein</em> abendländisches ist und im Geiste der andern Kulturen
+gar nicht existiert.</p>
+
+<p>Was war es denn, was dem antiken Menschen, dessen Blick in
+<em class="gesperrt">seine</em> Umwelt sicher ebenso klar war, als das Urproblem des
+gesamten Seins erschien? Das der ἀρχή, des stofflichen Ursprungs der
+sinnlich-greifbaren Dinge. Begreift man dies, so wird man dem Sinn
+der Tatsache nahe kommen — nicht des Raumes, sondern der Frage,
+weshalb das Raumproblem mit schicksalhafter Notwendigkeit das der
+abendländischen Seele und dieser allein werden mußte. Die Zahlenwelten,
+wie sie sich innerhalb beider Kulturen entfaltet haben, machen dies
+völlig deutlich. Die antike Seele gestaltete das Gewordene zu einer
+geordneten Welt sinnlich meßbarer <em class="gesperrt">Größen</em>. Das liegt, bisher
+unerkannt, in dem berühmten Parallelenaxiom Euklids,<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a> dem einzigen
+der antiken mathematischen Sätze, der unbewiesen blieb und der, wie
+wir heute wissen, unbeweisbar ist. Gerade <em class="gesperrt">das</em> aber macht ihn
+zum Dogma gegenüber aller apriorischen Erfahrung und <em class="gesperrt">damit zum
+metaphysischen Mittelpunkt</em>, zum <em class="gesperrt">Träger</em> jenes geometrischen
+Systems. Alles andre, Axiome wie Postulate, ist nur Vorbereitung oder
+Folge. Dieser einzige Satz ist für den antiken Geist notwendig und
+allgemein gültig — und <em class="gesperrt">doch</em> nicht ableitbar. Was bedeutet das?</p>
+
+<p>Daß er ein <em class="gesperrt">Symbol</em> ersten Ranges ist. Er repräsentiert das
+So-Sein, die vorbestimmte Struktur der antiken Außenwelt, das Ideal
+ihrer Ausgedehntheit. Gerade dies theoretisch schwächste — notwendig
+schwächste — Glied der platonischen Geometrie, gegen das sich schon
+in hellenistischer Zeit Widerspruch erhob, offenbart ihre Seele, und
+gerade dies der populären Erfahrung selbstverständliche Element war es,
+an das sich<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> der Widerspruch des abendländischen Zahlendenkens knüpfte.
+Es gehört zu den tiefsten Symptomen <em class="gesperrt">unsres</em> Daseins, daß wir
+aus unsrem Zahlengefühl heraus der euklidischen Geometrie nicht etwa
+<em class="gesperrt">eine</em>, sondern eine <em class="gesperrt">Mehrzahl</em> von andern gegenüberstellen,
+die für uns — <em class="gesperrt">nicht</em> für die Erkenntnisweise antiker Menschen
+— gleich wahr, gleich widerspruchslos sind. Die eigentliche Tendenz
+und Symbolik dieser als <em class="gesperrt">anti</em>euklidische Gruppe aufzufassender
+Geometrien<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a> liegt darin, daß sie das körperlich-greifbare Moment
+in aller Ausgedehntheit, das Euklid durch seine Sätze <em class="gesperrt">heilig</em>
+sprach, <em class="gesperrt">verleugneten</em>, daß sie unabhängig vom Sinnlichen
+und unter Überschreitung der Grenze des Sehvermögens ein neues
+Ideal schufen, das einer <em class="gesperrt">höheren Räumlichkeit</em>, die über
+eine populär-anschauliche Evidenz erhaben ist, die mithin auch
+nicht eine einzige, punktuelle Lösung kennt. Die Frage, welche der
+drei nichteuklidischen Geometrien die „richtige“, in der äußeren
+Wirklichkeit vorhandene sei — obwohl selbst von Gauß ernsthaft geprüft
+— ist dem Weltgefühl nach antik, hätte also von einem Denker unserer
+Sphäre nicht gestellt werden sollen. Sie verschließt den Einblick
+in den wahren Tiefsinn dieses geistigen Phänomens: Nicht in der
+Realität der einen oder andern, sondern in der Vielheit <em class="gesperrt">gleichmäßig
+möglicher</em> Geometrien liegt das spezifisch abendländische Symbol.
+Erst durch die <em class="gesperrt">Gruppe</em> dieser dreidimensionalen Raumstrukturen,
+die eine echte Unendlichkeit des Möglichen darstellt und in deren
+Fülle die antike Nuance lediglich eine punktförmige Möglichkeit,
+einen bloßen Grenzfall bildet, wird der Rest des Plastisch-Sinnlichen
+im reinen Raumgefühl aufgelöst. Dem abstrakten Raum <em class="gesperrt">eine</em>
+Struktur zuzusprechen — noch dazu die aus dem optischen Bilde
+gewohnheitsmäßig erschlossene — verrät immer noch eine statuenhafte,
+nicht kontrapunktische Tendenz; nur die variable Vielheit einander
+ausschließender Räume, von denen keiner gewählt werden <em class="gesperrt">darf</em>, in
+ihrer seltsam transzendenten Totalität leistet uns Genüge. Die neueste
+geometrische Spekulation ist jenseits dieser Gruppe zu einer großen
+Anzahl weiterer, höchst transzendenter, zum Teil auch nicht entfernt
+mehr optisch zugänglicher Geometrien gelangt, die sämtlich in sich
+widerspruchslos<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> sind und deren „Menge“ — im Sinne der Mengenlehre —
+eine „Zahl“ bedeutet, die nun allerdings ein sehr schwer zu fassendes
+Symbol des abendländischen Weltgefühls darstellt.</p>
+
+<p>Hier drückt das Formbewußtsein der abendländischen Mathematik dasselbe
+aus, was die Erkenntnistheorie Kants durch die Überzeugung, der Raum
+liege a priori der Existenz der Dinge zugrunde, eigentlich hatte
+sagen wollen, eine Überzeugung, die den Resultaten der arabischen und
+indischen Erkenntnistheorie aufs schärfste widerspricht — daß nämlich
+„der Raum“ der Schöpfer und alles Stofflich-Gegenwärtige sein Geschöpf
+sei. Und gerade diese allmächtige Räumlichkeit, welche die Substanz
+aller Dinge in sich saugt, aus sich erzeugt, unser Eigentlichstes und
+Höchstes im Aspekt <em class="gesperrt">unseres</em> Weltalls — wird von der antiken
+Menschheit, <em class="gesperrt">die nicht einmal das Wort und also den Begriff Raum
+kennt</em>,<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a> einstimmig als τὸ μὴ ὄν abgetan, als das, was <em class="gesperrt">nicht
+da ist</em>. Man kann das Pathos dieser Negation gar nicht tief genug
+fassen. Die ganze Leidenschaft der antiken Seele grenzte durch sie
+symbolisch ab, was sie <em class="gesperrt">nicht</em> als wirklich empfand, was nicht
+Ausdruck <em class="gesperrt">ihres</em> Daseins sein durfte. Eine Welt von andrer
+Farbe liegt plötzlich vor unsern Augen da. Die attische Marmorstatue
+repräsentiert in ihrer sinnlichen Existenz für das antike Auge alles
+ohne Rest, was Wirklichkeit hieß. Das Stoffliche, sichtbar Begrenzte,
+Greifbare, unmittelbar Gegenwärtige — damit sind die Merkmale dieser
+Art von Gewordnem erschöpft. Dies antike Weltall, der <em class="gesperrt">Kosmos</em>,
+die wohlgeordnete Menge aller nahen und vollkommen übersehbaren Dinge
+ist durch die körperliche Himmelskugel abgeschlossen. Es gibt nicht
+mehr. Unser Bedürfnis, jenseits dieser Schale wieder „Raum“ zu denken,
+fehlte dem antiken Weltgefühl vollständig. Τὸ μὴ ὄν — das ist der
+schärfste Widerspruch<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> gegen das abendländische Gefühl, das eben diesen
+reinen, notwendig als grenzenlos empfundenen „absoluten“ Raum fordert,
+ihn als <em class="gesperrt">das</em> Wirkliche, das eigentlich und einzig Seiende
+anerkennt und gerade die antike, plastische, absolute Stofflichkeit
+der Objekte anzweifelt. „Stoff“ ist derjenige Empfindungswert,
+von dem der abendländische Geist auf jedem Wege, philosophisch,
+physikalisch, religiös loskommen will. <em class="gesperrt">Unser</em> Göttliches ist
+der ewige Raum, wie das von Dante bis Kant und Goethe jeder großen
+Denkweise zugrunde liegt. Die Dinge sind <em class="gesperrt">Erscheinung</em>, nicht
+mehr, vom Raume bedingt, fragwürdig — τὸ μὴ ὄν. Man überzeuge sich,
+wie im Pantheismus des 18. Jahrhunderts Gott und der unendliche Raum
+für das Gefühl schlechthin identisch geworden sind. Die faustische
+Allgegenwart Gottes, die von den Kreuzzügen an mit steigender Klarheit
+das Weltbild beherrscht, und die Lehre, daß der Raum die erzeugende
+Form der objektiven Erscheinung sei, führen auf dasselbe innere
+Erlebnis zurück. Wenn man nach einem Substanzbegriff sucht, der dem
+antiken diametral entgegengesetzt ist, so trifft man mit Notwendigkeit
+den der abendländischen Physik. Die <em class="gesperrt">Masse</em> wird von ihr als das
+konstante Verhältnis von Kraft und Beschleunigung definiert. Kann man
+„unstofflicher“ denken? Den antiken Begriffen <em class="gesperrt">Stoff und Form</em> als
+den optischen Prinzipien körperhaften Daseins haben wir die vollkommen
+unanschaulichen der <em class="gesperrt">Kapazität und Intensität</em> gegenübergestellt,
+in denen die Energie des reinen Raumes formal zum Ausdruck kommt. Aus
+dieser Art, Wirklichkeit aufzufassen, mußte als herrschende Kunst die
+Instrumentalmusik der großen Meister des 18. Jahrhunderts hervorgehen,
+die einzige von allen Künsten, deren Formenwelt der Intuition des
+reinen Raumes innerlich verwandt ist. In ihr gibt es, den Bildsäulen
+antiker Tempelbezirke und Marktplätze gegenüber körperlose Reiche von
+Tönen, Tonräume, Tonmeere; das Orchester brandet, schlägt Wellen,
+verebbt; es malt Fernen, Lichter, Schatten, Stürme, ziehende Wolken,
+Blitze, Farben von vollkommener Jenseitigkeit; man denke an die
+Landschaften der Instrumentation Glucks und Beethovens. „Gleichzeitig“
+mit dem Kanon Polyklets, jener Schrift, in welcher der große Bildhauer
+die strengen Regeln der optischen Gliederung menschlicher Körper
+niederlegte, die bis auf Lysipp herab<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> herrschend blieben, vollendete
+sich um 1740 der strenge Kanon des vierteiligen Sonatensatzes, der
+erst in Beethovens späten Quartetten und Sinfonien sich lockert, bis
+endlich in der einsamen, vollkommen „infinitesimalen“ Tonwelt der
+Tristanmusik alle irdische Greifbarkeit sich löst. Dies Urgefühl einer
+<em class="gesperrt">Lösung</em>, Erlösung, Auflösung der Seele im Unendlichen, einer
+Befreiung von aller stofflichen Schwere, das die höchsten Momente
+unsrer Musik stets wachrufen, während die Wirkung antiker Kunstwerke
+bindend, einschränkend, das Körpergefühl festigend ist, wie man in der
+Poetik des Aristoteles zwischen den Zeilen liest — dies Gefühl ist es,
+das von der Erkenntnistheorie in die trockene Formel vom Raum als der
+apriorischen Bedingung der sinnlichen Erscheinung gekleidet wurde.</p>
+
+<p>Für den antiken Geist gab es nur ein „zwischen“ den Dingen, dem der
+Wirklichkeitsakzent des Wortes Raum fehlt. Erst die neuere Geometrie
+(Hilbert, Peano) hat den metaphysischen Gehalt dieses „zwischen“
+bemerkenswert gefunden. Von Archimedes, für den es nur Körper und deren
+wechselseitige Abstände gab, hätten wir die verwunderte Frage erlebt,
+wie ein leidlich vernünftiger Mensch zu einer solchen <em class="gesperrt">Inkarnation
+des Nichts</em>, wie sie die Annahme eines reinen, die zufälligen Dinge
+durchdringenden und hinsichtlich ihrer Realität entwertenden Raumes
+doch darstellt, gelangen könne.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Symbolik_5">5</h4>
+
+</div>
+
+<p>So hat es jede der großen Kulturen zu einer geheimen Sprache des
+Weltgefühls gebracht, die nur dem ganz vernehmlich ist, dessen Seele
+dieser Kultur angehört. Denn täuschen wir uns nicht. Wir können
+vielleicht, zufällig, in der antiken Seele ein wenig lesen, deren
+Formensprache annähernd die Umkehrung der abendländischen ist;
+von der sehr schwierigen Frage, in welchem Grade das möglich und
+erreicht worden ist, hat jede Kritik der Renaissance auszugehen. Aber
+wenn wir hören, daß wahrscheinlich — das Umdenken so heterogener
+Daseinsäußerungen bleibt unter allen Umständen ein höchst zweifelhafter
+Versuch — die alten Inder Zahlen konzipiert hatten, die nach unsren
+Begriffen, weder Wert noch Größe noch<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> Beziehungsqualität besaßen,
+die erst durch ihre Stellung, durch gewisse Affixe, zu positiven,
+negativen, großen, kleinen Einheiten wurden, so müssen wir zugeben,
+daß unserem Denken die Möglichkeit fehlt, das exakt nachzuerleben, was
+seelisch diesem Zahlenphänomen zugrunde liegt. 3 ist für uns immer
+<em class="gesperrt">Etwas</em>, sei es positiv oder negativ; für die Griechen war es
+unbedingt eine Größe, +3; für die Inder bezeichnet es eine wesenlose
+Möglichkeit, für die das Wort „etwas“ <em class="gesperrt">noch nicht gilt</em>, jenseits
+von Sein und Nichtsein, die beide erst akzidentielle Eigenschaften
+sind. +3, −3, ⅓ sind emanierende Wirklichkeiten geringeren
+Grades, die in der rätselhaften Substanz (3) in einer uns völlig
+verschlossenen Art ruhen. Es gehört eine <em class="gesperrt">bramanische</em> Seele
+dazu, diese Zahlen als selbstverständlich, als ideale Repräsentanten
+einer in sich vollkommenen Weltform zu empfinden; uns sind sie so
+unverständlich wie das Nirwana des Yogasystems, das jenseits von
+Leben <em class="gesperrt">und</em> Tod, Schlaf <em class="gesperrt">und</em> Bewußtsein, Leiden, Mitleiden
+<em class="gesperrt">und</em> Leidlosigkeit dennoch etwas Wirkliches ist, für das uns
+selbst die sprachlichen Möglichkeiten fehlen. Nur aus diesem Seelentum
+konnte die großartige Konzeption des <em class="gesperrt">Nichts</em> als einer echten
+<em class="gesperrt">Zahl</em>, der <em class="gesperrt">Null</em>, hervorgehen, und zwar als indische
+Null, für die wesenhaft und wesenlos gleich äußerliche Bezeichnungen
+sind. Diese Null, die vielleicht eine Ahnung von der <em class="gesperrt">indischen</em>
+Idee des Ausgedehnten, von jener in den Upanishaden behandelten,
+unserem Raumbewußtsein völlig fremden Räumlichkeit der Welt gibt,
+fehlte selbstverständlich der Antike. Sie wurde auf dem Wege über die
+arabische Mathematik, gänzlich umgedeutet, erst 1544 durch Stifel bei
+uns eingeführt, und zwar, was ihr Wesen prinzipiell veränderte, als
+die Mitte zwischen +1 und −1, als Schnitt im linearen Zahlenkontinuum,
+das heißt, sie wurde in einem gänzlich unindischen Sinne von der
+abendländischen Zahlenwelt assimiliert.</p>
+
+<p>Wenn arabische Denker der reifsten Zeit — und es waren Köpfe ersten
+Ranges wie Alfarabi und Al Kabi darunter — in ihrer Polemik gegen
+die Seinslehre des Aristoteles bewiesen — <em class="gesperrt">bewiesen</em> —,
+daß der Körper als solcher den Raum zur Existenz nicht notwendig
+voraussetze, und das Wesen dieses Raumes, der <em class="gesperrt">arabischen</em> Art
+der Ausgedehntheit also, aus<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> dem Merkmal des „an einer Stelle sich
+Befindens“ herleiten, so beweist das nicht, daß sie gegen Aristoteles
+und Kant im Irrtum waren oder — wie wir das gern bezeichnen, was
+nicht in unsre Köpfe eingeht — daß sie unklar dachten, sondern daß
+der arabische Geist andere Weltkategorien besaß. Sie hätten Kant aus
+ihrer Begriffssprache heraus mit derselben Feinheit der Beweisführung
+widerlegen können, wie Kant sie, und beide wären von der Richtigkeit
+ihrer Aspekte überzeugt geblieben.</p>
+
+<p>Wenn wir, Menschen der abendländischen Geistessphäre, vom Raume reden,
+so denken wir sicherlich in annähernd demselben Stil, so wie wir uns
+derselben Sprache und Wortzeichen bedienen, mag es sich um den Raum
+der Mathematik, Physik, Malerei oder der „Wirklichkeit“ handeln,
+obgleich alles Philosophieren, das an Stelle dieser Verwandtschaft
+eine <em class="gesperrt">Identität</em> des Empfindens statuieren will (und muß),
+etwas höchst Fragwürdiges bleibt. Aber kein Hellene, kein Ägypter,
+kein Chinese hätte etwas davon unverändert nachgefühlt und kein
+Kunstwerk oder Gedankensystem hätte ihnen zeigen können, was „Raum“
+für uns bedeutet. Die antiken Urbegriffe, aus einem anders gearteten
+Innenleben stammend, wie ἀρχή, ὕλη, μορφή, erschöpfen den Gehalt
+einer anders angelegten Welt, die uns fremd und fern bleibt. Was wir
+mit unseren eigenen Sprachmitteln als Ursprung, Stoff, Form aus dem
+Griechischen übersetzen, ist eine flache Anähnlichung, ein matter
+Versuch, in eine Gefühlssphäre einzudringen, die in ihrem Feinsten
+und Tiefsten <em class="gesperrt">doch</em> stumm bleibt; es ist, als wollte man die
+Parthenonskulpturen für Streichmusik „setzen“ oder den Gott Voltaires
+in Bronze gießen. Die Kategorien des Denkens, Lebens, Weltbewußtseins
+sind so verschieden wie die Gesichtszüge der einzelnen Menschen; auch
+in bezug darauf gibt es „Rassen“ und „Völker“, Gemeinschaften durch
+den Besitz einer geistigen Form oder Idee; und sie wissen so wenig
+darum wie sie wissen, was „rot“ oder „gelb“ für den andern ist; die
+gemeinsame Symbolik vor allem der Sprache nährt die Illusion eines
+identischen Innenlebens und einer identischen Weltform. Die großen
+Denker der einzelnen Kulturen sind hierin den Farbenblinden ähnlich,
+die ihren Zustand nicht kennen und von denen einer über die Irrtümer
+des andern lächelt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p>
+
+<p>Und nun ziehe ich die Folgerung. Es gibt eine Vielzahl von Ursymbolen.
+Das Tiefenerlebnis, durch das die Welt wird, durch das die Empfindung
+sich zur Welt <em class="gesperrt">dehnt</em>, bedeutsam für die Seele, der es angehört,
+und für sie allein, anders im Wachen, Träumen, Hinnehmen und
+Beobachten, anders bei Kind und Greis, Städter und Bauer, Mann und
+Weib, verwirklicht und zwar mit tiefster Notwendigkeit für jede hohe
+Kultur eine Möglichkeit der Form, auf der ihr gesamtes Dasein beruht.
+Alle Begriffe formaler Einheiten wie Masse, Substanz, Materie, Ding,
+Körper, Ausdehnung und die Tausende in den Sprachen andrer Kulturen
+aufbewahrten Wortzeichen entsprechender Art sind unbewußte, vom
+Schicksal bestimmte Akzente, welche aus der unendlichen Fülle von
+Weltmöglichkeiten im Namen der einzelnen Kultur die bezeichnenden
+herausheben. Keines ist in die Erkenntnisweise einer andern Kultur
+genau übertragbar. Keines dieser Urworte kehrt zweimal wieder. Was
+für uns Gegensatz ist, wie etwa das mit den Worten Raum und Materie
+Bezeichnete, kann für einen andern Geist identisch sein. Die <em class="gesperrt">Wahl
+des Ursymbols</em> in jenem Augenblick, wo die Seele einer Kultur in
+ihrer Landschaft zum Selbstbewußtsein erwacht, die für jeden, der die
+Weltgeschichte so zu betrachten vermag, etwas Erschütterndes hat,
+entscheidet alles. Hier erhebt sich das dürftige Raumproblem der
+kritischen Philosophie zur Idee des Makrokosmus, in welchem alles
+Gewordene für eine einzelne Art Mensch im Unterschied von jeder andern
+zu einer Einheit der Form, der Bedeutung verknüpft ist.</p>
+
+<p>Menschliche Kultur als Inbegriff des sinnlich-gewordenen
+<em class="gesperrt">Ausdrucks</em> der Seele, als ihr Leib, sterblich, vergänglich, dem
+Gesetz, der Zahl und der Kausalität verfallen; Kultur als historisches
+Phänomen, als Bild im Weltbilde der Geschichte, als Gleichnis und
+Gesamtheit von Symbolen: das ist die Sprache, durch welche allein eine
+Seele sagen kann, was sie leidet.</p>
+
+<p>Überall ist lebendigstes Seelentum, das in ewiger Verwirklichung
+begriffen ist, das ursprüngliche. Aber es bleibt unfaßlich und
+ungreifbar. Alle Intuition, welcher Art sie auch sei, trifft nur auf
+Abbildungen und Symbole, die das Letzte und Tiefste noch dichter
+verhüllen, indem sie von ihm reden. Das Ewig-Seelische wird uns
+immer verschlossen bleiben; hier ist<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> eine nie zu überschreitende
+Grenze gesetzt. Auf dem Wege der Deutung des Makrokosmos erreichen
+wir nicht die hypothetische Urseele, sondern lediglich die Gestalt
+<em class="gesperrt">einzelner</em> Seelen. Das Urphänomen <em class="gesperrt">bleibt</em> singulär.
+Kulturen sind die letzte uns erreichbare Wirklichkeit. Mag man sie
+Erscheinungen nennen: es gibt für uns nichts Wirklicheres. „Die Welt“
+als <i>absolutum</i>, als Ding an sich ist ein Vorurteil. Wir gewinnen
+auf dem Wege der Morphologie nur Eindrücke von <em class="gesperrt">einzelnen</em> Welten,
+dem Ausdruck <em class="gesperrt">einzelner</em> Seelen; der Glaube, den heute noch der
+Physiker und Philosoph mit der Menge teilt, daß seine Welt <em class="gesperrt">die</em>
+Welt sei, wird uns bald an den Glauben des Wilden erinnern, daß alle
+Götter schwarz seien.</p>
+
+<p>Auch der Makrokosmos ist Eigentum einer einzelnen Seele, und wir
+werden nie wissen, wie es um den der andern steht. Was — über alle
+Möglichkeiten begrifflicher Erklärung hinausgreifend — „der Raum“,
+diese schöpferische Deutung des Tiefenerlebnisses <em class="gesperrt">durch uns Menschen
+des Abendlandes</em> und uns allein sagen will, dies rätselhafte Symbol,
+das die Griechen das Nichts nannten und wir das All, taucht unsre Welt
+in eine Farbe, welche die antike, die indische, die ägyptische Seele
+nicht auf ihrer Palette hatten. Die eine Seele spielt das Welterlebnis
+in As-Dur, die andere in F-Moll; die eine empfindet es euklidisch, die
+andre kontrapunktisch, die dritte magisch. Vom reinsten analytischen
+Raume und vom Nirwana bis zur leibhaftigsten attischen Körperlichkeit
+führt eine Fülle an sinnlichem Gehalt steigender Seinssymbole, deren
+jedes fähig ist, eine vollkommene Weltform aus sich zu bilden. So fern,
+seltsam, flüchtig die indische oder babylonische Welt ihrer Struktur
+nach für die Menschen der fünf oder sechs ihnen folgenden Kulturen war,
+so unbegreiflich wird bald die abendländische Welt für die Menschen
+noch ungeborner Kulturen sein.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> Dasselbe drückt auch das Prinzip der abendländischen Zahl
+aus: Ist x eine Funktion von y, so ist y eine Funktion von x.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Gewiß läßt sich ein geometrischer Lehrsatz an einer
+Zeichnung beweisen, richtiger demonstrieren. Aber der Lehrsatz erhält
+in jeder Art von Geometrie eine andre Fassung und hier entscheidet die
+Zeichnung <em class="gesperrt">nichts</em> mehr.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Die Zeit bleibt hier ganz aus dem Spiele. Übrigens
+erweist sich gerade in der Astronomie die Anwendung nichteuklidischer
+Geometrien zuweilen als vorteilhaft.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Bekanntlich hat Gauß über seine Entdeckung bis fast
+an sein Lebensende geschwiegen, weil er „das Geschrei der Böoter“
+fürchtete.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Durch einen Punkt ist zu einer Geraden nur eine Parallele
+möglich.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> In denen es durch einen Punkt zu einer Geraden keine,
+zwei oder unzählige Parallelen gibt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Weder im Griechischen noch im Latein; τόπος (=
+<i>locus</i>) heißt <em class="gesperrt">Ort</em>, Gegend, auch Stand in sozialem Sinne,
+χώρα (= <i>spatium</i>) <em class="gesperrt">Abstand</em> („zwischen“), Distanz, Rang,
+auch Grund und <em class="gesperrt">Boden</em> (τὰ ἑκ τῆς χώρας die Feldfrüchte); τὸ
+κενόν (= <i>vacuum</i>) bezeichnet ganz unzweideutig einen <em class="gesperrt">hohlen
+Körper</em>, wobei der Akzent auf der <em class="gesperrt">Um</em>schließung liegt. In der
+späten Literatur bedient man sich hilfloser Ausdrücke wie ὁρατὸς τόπος
+(„Sinnenwelt“) oder <i>spatium inane</i> „unendlicher Raum“, aber auch
+weite <em class="gesperrt">Fläche</em>; die Wurzel des Wortes <i>spatium</i> (bedeutet
+schwellen, fettwerden). In der frühen Literatur lag das Bedürfnis einer
+Umschreibung nicht vor, weil die Vorstellung völlig fehlte.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Drittes_Kapitel_II">II<br>
+APOLLINISCHE, FAUSTISCHE, MAGISCHE SEELE</h3>
+
+</div>
+
+<h4 id="Seele_6">6</h4>
+
+<p>Ich will von nun an die Seele der antiken Kultur, welche den
+sinnlich-gegenwärtigen Einzelkörper zum Idealtypus des Ausgedehnten
+wählte, die <em class="gesperrt">apollinische</em> nennen. Seit Nietzsche ist diese
+Bezeichnung jedem verständlich. Ihr gegenüber stelle ich die
+<em class="gesperrt">faustische</em> Seele, deren Ursymbol der reine grenzenlose Raum und
+deren „Leib“ die abendländische Kultur ist, wie sie mit der Geburt
+des romanischen Stils im 10. Jahrhundert in den nordischen Ebenen
+zwischen Elbe und Tajo aufblühte. Apollinisch ist die Bildsäule
+des nackten Menschen, faustisch die Kunst der Fuge. Apollinisch
+sind die mechanische Statik, die sinnlichen Kulte der olympischen
+Götter, die politisch vereinzelten Griechenstädte, das Verhängnis des
+Ödipus und das Symbol des Phallus, faustisch die Dynamik Galileis,
+die katholisch-protestantische Dogmatik, die großen Dynastien der
+Barockzeit mit ihrer Kabinettspolitik, das Schicksal Lears und das
+Ideal der Madonna von Dantes Beatrice bis zum Schlusse des zweiten
+Faust. Apollinisch ist die Malerei, welche einzelne Körper durch
+scharfe Linien, Konturen begrenzt; faustisch ist die, welche durch
+Licht und Schatten Räume imaginiert. So unterscheidet sich das Fresko
+Polygnots vom Ölgemälde Rembrandts. Apollinisch ist das Dasein des
+Griechen, der sein Ich als σῶμα bezeichnet und vom ὄνομα σώματος als
+dem Namen einer Persönlichkeit spricht, dem die Idee einer innern
+Entwicklung und damit eine wirkliche innere oder äußere Geschichte
+fehlt; es ist die euklidische, punktförmige, der Reflexion gänzlich
+fremde Existenz; faustisch ist ein Dasein, das mit tiefster Bewußtheit
+als Innenleben geführt wird, das sich selbst zusieht, eine eminent
+persönliche Kultur der Memoiren, Reflexionen, der Rück-<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> und
+Ausblicke und des Gewissens. Stereometrie und Analysis, Sklavenmassen
+und Dynamomaschinen, stoische Ataraxie und sozialer Wille zur
+Macht, Hexameter und gereimte Verse: das sind Seinssymbole zweier
+grundverschiedener Welten. Und fernab, obwohl vermittelnd, Formen
+entlehnend, umdeutend, vererbend, erscheint die <em class="gesperrt">magische</em> Seele
+der arabischen Kultur, zur Zeit des Augustus in der Landschaft zwischen
+Euphrat und Nil erwachend, mit ihrer Algebra und Alchymie, ihren
+Mosaiken und Arabesken, ihren Khalifaten und Moscheen, ihren sakralen
+Riten und ihrem „Kismet“.</p>
+
+<p>Der Raum ist, ich darf jetzt sagen im faustischen Sprachgebrauche,
+ein von der augenblicklichen sinnlichen Gegenwart streng gesondertes
+Abstraktum, das in einer apollinischen Sprache, im Griechischen und
+Lateinischen nicht vertreten sein <em class="gesperrt">durfte</em>. Ebenso fremd ist der
+Raum den apollinischen Künsten. Das antike Relief — man denke an die
+Metopen und Giebel des Parthenon — ist streng stereometrisch einer
+Fläche aufgesetzt. Es gibt ein „zwischen“ den Figuren, aber keine
+Tiefe. Eine Landschaft von Lorrain dagegen ist <em class="gesperrt">nur</em> Raum. Alle
+Einzelheiten sollen hier seiner Verwirklichung dienen. Alle Körper
+besitzen nur als Träger von Licht und Schatten eine atmosphärische,
+perspektivische Bedeutung. Der Impressionismus ist die Entkörperung
+der Welt im Dienste des Raumes. Die faustische Seele mußte aus
+diesem Weltgefühl in ihrer Frühzeit zu einem Architekturproblem
+gelangen, dessen Schwergewicht in der räumlichen Wölbung mächtiger,
+vom Portal zur Tiefe des Chors strebender Dome lag. Das war der
+Ausdruck <em class="gesperrt">ihres</em> Tiefenerlebnisses. Die antike — körperhafte
+— Architektur ist demgegenüber ganz eigentlich mit dem Typus des
+mit <em class="gesperrt">einem</em> Blicke zu umfassenden Peripteros und der eminent
+stofflichen Tatsache der „drei Säulenordnungen“ erschöpft. Wir werden
+überall dasselbe finden. Wo auch in Kunst, Religion, Politik, Denken,
+Handeln beide Seelen nach einem Ausdruck suchen, liegt der erreichten
+Formensprache jedesmal das Ursymbol, dort der greifbare Einzelkörper,
+hier der eine unendliche Raum als gestaltendes Prinzip zugrunde.</p>
+
+<p>Die antike Kultur beginnt darum mit einem großartigen <em class="gesperrt">Verzicht</em>
+auf eine schon vorhandene reiche, malerische, höchst komplizierte
+Kunst, die nicht der Ausdruck ihrer neuen Seele<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> sein <em class="gesperrt">durfte</em>.
+Herb und eng, für unser Auge dürftig und ein Rückschritt, steht
+die frühdorische Kunst des geometrischen Stils seit 1100 neben der
+kretisch-mykenischen. Das homerische Epos beweist es. In ihm stammt
+der Achilleusschild mit seiner Bilderfülle, mykenische Arbeit, von
+„den Göttern“;<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a> den Panzer Agamemnons, streng und einfach, haben
+<em class="gesperrt">Menschen</em> geschmiedet. Der Hang zum Unendlichen schlummerte
+tief in der nordischen Landschaft, lange bevor der erste Christ
+sie betrat; und als die faustische Seele erwachte, schuf sie
+altgermanisches Heidentum <em class="gesperrt">und</em> morgenländisches Christentum
+gleichmäßig im Sinne ihres Ursymbols um, gerade damals, als aus den
+flüchtigen Völkergebilden der Goten, Franken, Langobarden, Sachsen
+die physiognomisch streng charakterisierten Einheiten der deutschen,
+französischen, englischen, italienischen Nation hervorgingen. Die
+Edda hat diesen frühesten religiösen Ausdruck faustischen Seelentums
+aufbewahrt. Sie wurde gerade damals innerlich vollendet, als der Abt
+Odilo von Cluny die Bewegung einleitete, welche das <em class="gesperrt">magische</em>,
+orientalisch-arabische Christentum in das <em class="gesperrt">faustische</em> der
+abendländischen Kirche umwandelte. Um das Jahr 1000 waren zwei
+Möglichkeiten einer faustischen Religion gegeben, entweder durch
+Annahme und Umdeutung des magischen Christentums der Kirchenväter oder
+durch Ausgestaltung der germanischen Formen. Die Edda beweist, was
+<em class="gesperrt">auch</em> noch möglich gewesen wäre. Walhall ist unter dem Eindruck
+der Klassiker und der Apokalypse entstanden, sicher erst nach Karl
+dem Großen. Frigga ist Maria, Sigurd ist der Heliand. Die Verse der
+Edda imaginieren den Weltraum. Gewaltiger ist die Durchbrechung alles
+Körperlich-Einschränkenden in keiner Poesie ausgedrückt worden. Das
+antike äolisch-dorische Epos repräsentiert die unbedingte Bejahung
+und Hingabe an die sinnliche Welt der zahllosen einzelnen Dinge.
+Der unendliche Raum, der durch sein transzendentes Pathos eine
+<em class="gesperrt">Überwindung</em> eben dieser naiven Welt forderte, der dem Auge nicht
+gegeben ist, sondern erkämpft werden muß, schuf sich eine hohe Poesie
+der Kraft, des unbändigen Willens, der Leidenschaft, Widerstände zu
+bekämpfen und zu brechen. Sigurd ist<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> die Inkarnation des Sieges dieser
+Seele über die Schranken von Stoff und Gegenwart. Es gab nie einen
+Rhythmus, der so ungeheure Räume und Fernen um sich breitet wie dieser
+nordische:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zum Unheil werden — noch allzulange</div>
+ <div class="verse indent0">Männer und Weiber — zur Welt geboren</div>
+ <div class="verse indent0">Aber wir beide — bleiben zusammen</div>
+ <div class="verse indent0">Ich und Sigurd.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Die Akzente des homerischen Verses sind das leise Zittern eines
+Blattes in der Mittagssonne, <em class="gesperrt">Rhythmus der Materie</em>: der Stabreim
+— wie die potentielle Energie im Weltbilde der modernen Physik —
+schafft eine verhaltene Spannung im Leeren, Grenzenlosen, ferne
+Gewitter in Nächten über den höchsten Gipfeln. In seiner wogenden
+Unbestimmtheit lösen sich alle Worte und Dinge; das ist sprachliche
+Dynamik, nicht Statik. Hier kündigen sich die Farben Rembrandts und
+die Instrumentation Beethovens an. <em class="gesperrt">Hier wird die grenzenlose
+Einsamkeit als die Heimat der faustischen Seele empfunden.</em> Was
+ist Walhall? Es wurde, den Germanen der Völkerwanderung und selbst
+der Merowingerzeit unbekannt, von der erwachenden faustischen Seele
+erdacht, sicherlich unter den Eindrücken des antik-heidnischen
+und des arabisch-christlichen Mythus der beiden älteren südlichen
+Kulturen, die mit ihren klassischen oder heiligen Schriften, ihren
+Statuen, Mosaiken, Miniaturen, ihren Kulten, Riten und Dogmen
+überall wirksam waren. Und trotzdem schwebt Walhall jenseits aller
+fühlbaren Wirklichkeiten, in fernen, dunklen, faustischen Regionen.
+Der Olymp ruht auf der wirklichen griechischen Erde; das Paradies der
+Kirchenväter wie des Koran ist ein Zaubergarten irgendwo im magischen
+Weltall. Walhall ist nirgends. Es erscheint, im Grenzenlosen verloren,
+mit seinen ungeselligen Göttern und Recken, als das ungeheure Symbol
+der Einsamkeit. Siegfried, Parzeval, Tristan, Hamlet, Faust sind die
+einsamsten Helden aller Kulturen. Das gehört zur abendländischen Seele.
+Man lese in Wolframs Parzeval die wundervolle Erzählung vom Erwachen
+des Innenlebens. Die Waldsehnsucht, das rätselhafte Mitleid, die
+unnennbare Verlassenheit: das ist faustisch. Jeder kennt es. In Goethes
+Faust kehrt das Motiv in seiner ganzen Tiefe wieder:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein unbegreiflich holdes Sehnen</div>
+ <div class="verse indent0">Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Und unter tausend heißen Tränen</div>
+ <div class="verse indent0">Fühlt’ ich mir eine Welt erstehn.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Von diesem Welterlebnis weiß der apollinische und der magische Mensch
+nichts, weder Homer noch St. Johannes. Der Höhepunkt der Dichtung
+ist jener wunderbare Karfreitagmorgen, wo der mit Gott und sich
+zerfallene Held den edlen Gawan trifft. „Wie, wenn bei Gott ich Hilfe
+fände?“ Und er pilgert zu Tevrezent. Hier liegt der Kern <em class="gesperrt">der
+faustischen Religion</em>. Man begreift das Wunder der Eucharistie,
+das die an ihm Teilnehmenden zu einer mystischen Gemeinschaft, zur
+alleinseligmachenden Kirche verbindet. Man begreift aus dem Mythus vom
+heiligen Gral und seiner Ritterschaft die innere Notwendigkeit des
+germanisch-nordischen Katholizismus. Gegenüber den antiken Opfern,
+die jeder Einzelgottheit in ihrem Tempel gebracht wurden, erscheint
+hier das <em class="gesperrt">eine, unendliche</em> Opfer, das sich überall und täglich
+wiederholt. Das ist eine faustische Idee des 9.–12. Jahrhunderts, der
+Eddazeit, von den angelsächsischen Missionaren wie Winfried vorgeahnt,
+aber erst damals zur Reife gediehen. Der Dom, dessen Hochaltar das
+vollzogene Wunder umschließt, ist ihr steingewordener Ausdruck.</p>
+
+<p>Die Vielheit einzelner Körper, als welche der antike Kosmos sich
+darstellt, fordert eine gleichartige Götterwelt: dies ist der
+Sinn des antiken Polytheismus. Der <em class="gesperrt">eine</em> Weltraum, sei er
+magisch-alchymistisch oder dynamisch-faustisch empfunden, fordert
+den <em class="gesperrt">einen</em> Gott des morgenländischen oder des abendländischen
+Christentums (zweier Religionen unter derselben Maske). Zeus ist ein
+Mensch, mehr noch, er ist ein Leib. Die attische Plastik erst hat
+Athene und Apollon endgültig geformt, wie die Orgelfugen, Kantaten
+und Passionen von Schütz, Haßler und Bach den protestantischen Gott
+geformt haben. Von der Gestaltenfülle der Edda und der gleichzeitigen
+Heiligenlegende an bis auf Goethe vollzieht sich der umgekehrte Prozeß
+wie in der Antike. Dort eine immer weitergehende Atomisierung des
+Göttlichen, so daß für den Römer die Namen des <i>Juppiter Latiaris</i>
+und des <i>Juppiter Feretrius</i> streng verschiedene Einzelnumina<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span>
+decken, von denen jedes seinen eignen Kult fordert; hier ein Gott, der
+mehr und mehr mit dem alleinigen Raume identisch wird.</p>
+
+<p>Die ganze magische, von der Kirche mit dem vollen Gewicht ihrer
+Autorität gedeckte himmlische Hierarchie von den Engeln und Heiligen
+an bis zu den Personen der Dreifaltigkeit entkörpert sich, verblaßt
+mehr und mehr und unvermerkt verschwindet der Teufel, der grosse
+Gegenspieler im Weltdrama, aus den Möglichkeiten des faustischen
+Weltgefühls. Er, nach dem noch Luther sein Tintenfaß warf, wird
+von den protestantischen Theologen längst mit verlegenem Schweigen
+übergangen. Die <em class="gesperrt">Einsamkeit</em> der faustischen Seele verträgt
+sich nicht mit einem Dualismus der Weltmächte. Gott selbst ist das
+All. Im 17. Jahrhundert versagt dieser Religiosität gegenüber die
+Formensprache der Malerei und die Instrumentalmusik wird das einzige
+und letzte Mittel religiösen Ausdrucks. Man darf sagen, daß der
+katholische und der protestantische Glaube sich wie ein Altargemälde
+und ein Oratorium verhalten. Schon um die germanischen Götter und
+Helden spannen sich abweisende Weiten, rätselhafte Düsternisse;
+sie sind in Musik getaucht (nicht gerade die Musik des „Ringes“);
+nächtlich, weil das Tageslicht Grenzen für das Auge und also leibhafte
+Dinge schafft. Die Nacht entkörpert; der Tag entseelt. Apollon und
+Athene haben keine „Seele“. Auf dem Olymp ruht das ewige Licht eines
+tiefklaren südlichen Tages. Die apollinische Stunde ist der hohe
+Mittag, wenn der große Pan schläft. Walhall ist lichtlos. In der Edda
+schon spürt man jene tiefen Mitternächte, in denen Faust in seinem
+Studierzimmer brütet, die Rembrandts Radierungen festhalten, in die
+Beethovens Tonfarben sich verlieren. Wotan, Baldur, Freya hatten nie
+eine „euklidische“ Gestalt. Von ihnen wie von den vedischen Göttern
+Indiens läßt sich „kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“.
+Diese Unmöglichkeit enthält eine Weihe des ewigen Raumes als des
+höchsten Symbols, im Gegensatz zum körperlichen Abbilde, das ihn zur
+„Umgebung“ herabsetzt, entheiligt, verneint. Das ist keine Welt für
+die Nähe und das Auge. Dies tiefgefühlte Motiv liegt dem Bildersturm
+im Islam und in Byzanz — <em class="gesperrt">beide</em> im 8. Jahrhundert — wie später
+dem im protestantischen Norden<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> zugrunde. War nicht auch die Schöpfung
+der <em class="gesperrt">antieuklidischen</em> Analysis des Raumes durch Descartes ein
+Bildersturm? Die antike Geometrie imaginiert eine Zahlenwelt des Tages,
+die Funktionentheorie ist die eigentlich nächtliche Mathematik.</p>
+
+<p>Zur Nacht, und sei es nur die innere, seelische Nacht, gehört das
+Gefühl der Verlassenheit. Der antike Mensch, das ζῷον πολιτικόν
+nach den Worten des Aristoteles, dessen Leben am Tage und also in
+Gesellschaft, auf der Agora seine Höhe erreichte, hat es nie gekannt.
+Die indische Seele wurde nie frei von ihm. Das unterscheidet Sokrates
+von Buddha und Rousseau. Das Helldunkel Rembrandts, das metaphysisch
+diese Einsamkeit, die grenzenlose Verlorenheit der Seele im Weltraume,
+bedeutet, hatte in dem schauerlichen Braun und Grau der nordischen
+Götterwelt seinen frühesten Anklang, wie es in den Nächten der letzten
+Quartette Beethovens mit ihren schmerzlichen Lichtblitzen und der
+trostlosen Wehmut der Tristanmusik zum letzten Male auftaucht, um
+dann rasch in einer verspäteten, vereinzelten und wenig zugänglichen
+Weltstadtlyrik bei Baudelaire, Verlaine, George und Droem zu verblassen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_7">7</h4>
+
+</div>
+
+<p>Was diese Seele durch einen außergewöhnlichen Reichtum an
+Ausdrucksmitteln, in Worten, Tönen, Farben, malerischen Perspektiven,
+philosophischen Systemen, Legenden und nicht zum wenigsten in den
+Räumen gotischer Kathedralen und den Formeln der Funktionentheorie
+aussprach, ihr Weltgefühl nämlich, das hat die ägyptische Seele,
+fernab von allem theoretischen und literarischen Ehrgeiz, allein
+durch die unmittelbare Sprache des <em class="gesperrt">Steins</em> — das stärkste
+Symbol des Gewordenen — ausgedrückt. Statt sich über ihre Form
+des Ausgedehnten, ihren „Raum“ und ihre „Zeit“, in Wortspielen zu
+ergehen, statt Hypothesen, Zahlensysteme und Dogmen zu bilden,
+stellte sie schweigend ihre ungeheuren Symbole in die Landschaft am
+Nil. Was für Menschen! Die faustische Seele, das „Fünklein“ Meister
+Eckarts, fühlte sich grenzenlos einsam in ungeheuren Weiten — wie die
+Hirtenmelodie am Anfang des<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> dritten Aktes von Tristan und Isolde.
+Die apollinische Seele fühlte sich von der blinden είμαρμένη in eine
+sinnlose Welt zahlloser Einzeldinge geworfen, gestoßen und zerbrochen
+— König Ödipus, ihr ergreifendstes Abbild. Die ägyptische Seele
+sah sich wandernd auf einem engen und unerbittlich vorgeschriebenen
+<em class="gesperrt">Lebenspfad</em>. Das war ihre Schicksalsidee. Das ägyptische Dasein
+ist das eines <em class="gesperrt">Wanderers</em>; die gesamte Formensprache seiner
+Kultur dient der Versinnlichung dieses einen Motivs. Sein Ursymbol
+läßt sich, neben dem <em class="gesperrt">Raum</em> des Nordens und dem <em class="gesperrt">Körper</em>
+der Antike durch das Wort <em class="gesperrt">Weg</em> am ehesten fühlbar machen. Es
+ist dies eine ganz andere und für uns äußerst schwierige Art, die
+Ausdehnung aufzufassen. Dieser Aspekt ist es, den die Pharaonenkunst
+von ihrer Geburt bis zu ihrem Erlöschen verwirklichen wollte. Die
+feierlich vorwärtsschreitende Statue, die endlosen, in strenger Folge
+geordneten Gänge der Pyramidentempel der 4. Dynastie (2930–2750), die
+düster, sich immer verengernd durch Hallen und Höfe zur Grabkammer
+führen; die Sphinxalleen vor allem der 12. Dynastie (2000–1788),
+die Reliefzyklen der Tempelwände, an denen der Betrachter entlang
+schreiten muß, die immer in bestimmter Richtung begleiten und leiten
+— all dies repräsentiert das Tiefenerlebnis eines eigenartigen
+Menschentums, das ägyptische Schicksal in seiner ehernen Notwendigkeit,
+die durch den Granit und Diorit symbolisiert wurde (man denke an
+den vielleicht verwandten Sinn, den der Granit für Goethe und seine
+Anschauung der Erdgeschichte besaß). Man nehme die Pyramiden,
+diese ungeheuren Schöpfungen einer traumschweren Frühzeit — sie
+gehören zur <em class="gesperrt">Gotik</em> der ägyptischen Seele — ja nicht im Sinne
+stereometrischer Körper. So empfand sie der <em class="gesperrt">antike</em> Betrachter,
+und zwar aus seinem Weltgefühl heraus mit zwingender Gewißheit.
+Für den Ägypter aber war das über seine Weltform entscheidende
+Tiefenerlebnis so streng hinsichtlich der Richtung betont, daß der
+Raum gewissermaßen in steter Verwirklichung begriffen blieb. Wir
+sahen, daß in diesem Urerlebnis des Menschen, das ihm zugleich ein
+Innenleben und den Besitz einer Außenwelt gewährt, die Richtung als das
+Merkmal des Lebendigen die sinnliche Empfindung zum Raume vertieft,
+die Zeit als Ferne erstarren läßt. Was ich hier mit dem Worte<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> Weg
+anzudeuten versuche, ist das Bild dieses im Bewußtsein andauernden
+weltschaffenden Aktes. Weg bedeutet zugleich Schicksal und „dritte
+Dimension“. Die mächtigen Wandflächen, Reliefs, Säulenreihen, an
+denen er vorüberführt, repräsentieren „Länge und Breite“, d.&#8239;h. die
+Empfindung, das Fremde, welches das Leben erst zur Welt <em class="gesperrt">dehnt</em>.
+So erlebt der <em class="gesperrt">Wanderer</em> den Raum gewissermaßen in seinen noch
+unvereinigten Elementen, während die Antike ihn nicht kannte und
+er uns in ruhender Unendlichkeit umgibt. Deshalb will diese Kunst
+<em class="gesperrt">Flächenwirkung</em> und nichts anderes, auch dort, wo sie sich
+kubischer Mittel bedient. Für den Ägypter war die Pyramide über dem
+Königsgrabe ein <em class="gesperrt">Dreieck</em>, eine ungeheure, den Weg abschließende,
+die Landschaft beherrschende <em class="gesperrt">Fläche</em> von stärkster Kraft des
+Ausdrucks, von wo aus er auch sich ihr näherte; die Säulen der inneren
+Gänge, auf dunklem Hintergrunde, von strengster Komposition und mit
+Schmuck überdeckt, wirkten durchaus als vertikale Flächenstreifen, die
+den Zug der Priester rhythmisch begleiteten; das Relief ist peinlich —
+und sehr im Gegensatz zum antiken — in eine Fläche gebannt, nur seine
+Gestalten wandern mit. Alles bewegt sich machtvoll einem Ziele zu. Die
+Herrschaft der Horizontale, der Vertikale und des rechten Winkels, das
+Vermeiden jeder Verkürzung unterstützen das zweidimensionale Prinzip
+und isolieren das Erlebnis der Raumtiefe, die mit der Wegrichtung und
+dem Ziel — dem <em class="gesperrt">Grabe</em> — zusammenfällt. Diese Kunst gestattet
+keine die Spannung der Seele erleichternde Ablenkung.</p>
+
+<p>Ist es nicht dies — in der erhabensten Sprache ausgedrückt, die
+überhaupt gedacht werden kann — was in all unsern Raumtheorien sich
+aussprechen möchte? Auch in der physiologischen, denn das Netzhautbild
+des Auges ist flächenhaft und wird durch einen vitalen Akt in eine
+räumliche Erfahrung überführt.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Raumwerdung selbst</em>, die den Sinn der Außenwelt in sich
+schließt, war das symbolische Erlebnis dessen, der vom Torbau des
+Pyramidentempels am Nilufer den verdeckten Opferweg entlang schritt,
+alle Symbole des Seins in tiefsinnigen Bildern zur Seite. Man
+<em class="gesperrt">fühlte</em> inmitten dieser Formen die Identität des Raumwerdens
+mit dem Leben. Durch die schmale<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Pforte der mächtigen Pylonenwand
+— dem Sinnbilde der Geburt — leitete das Schicksal ohne Ausweichen
+durch stets sich verengende Räume zur letzten Zelle, die den zur
+Mumie verewigten Leib enthielt, der das „Ka“ des toten Pharao an sich
+fesselte. Dies ist eine Metaphysik in Stein, neben der die geschriebene
+— die Kants — wie ein hilfloses Stammeln wirkt. Dies <em class="gesperrt">eine</em>
+Symbol des Weges stellt die Fassung des <em class="gesperrt">ägyptischen</em> Makrokosmos
+reiner und erschöpfender dar, als es irgendeines der antiken und
+indischen vermocht hat. Dies verleiht der Formensprache des Ägyptertums
+eine Reinheit und Simplizität, die von Menschen andrer Kulturen, von
+uns, nur als Starrheit empfunden werden konnte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_8">8</h4>
+
+</div>
+
+<p>Jede Kultur besitzt ihre Gotik, ihre Kindheit. Aber auch jeder
+einzelne Mensch in ihr durchlebt eine entsprechende Phase. Man ist
+auf die innere Verwandtschaft der urmenschlichen und der kindlichen
+Kunst längst aufmerksam geworden. Sicherlich ist die ursprüngliche,
+selbst unter Tieren vorkommende Freude, etwas nachzuahmen, ein
+beständig wirksamer Trieb in aller Kunst. Schon das Kind müht sich
+ab, durch Umrißzeichnungen etwas „herauszubringen“ oder Erwachsene
+in ihren Bewegungen und Ausdrücken zu imitieren. Wir kennen den
+Ursprung der griechischen τραγῳδία, die Bockstänze der Bauern am
+Seelenfeste des Dionysos, welche die neuerwachte Zeugungskraft der
+Natur versinnbildlichten. Die begabtesten Mimen unter ihnen zogen
+tiermäßig ausstaffiert (die „tragische Maske“) auf ihrem Karren (dem
+„Thespiskarren“) von Dorf zu Dorf und erregten Gelächter. Dergleichen
+kennt jedes Land. Wir haben die gut getroffenen Tierzeichnungen der
+Höhlenmenschen und Buschmänner kennen gelernt. Sei dies nun Musik oder
+Malerei — der echte Rationalist wird in der Kunst nie eine andere
+Tendenz bemerken. Noch Aristoteles bezeichnet die μίμησις als ihr
+Wesen, und von hier stammt der etwas platte Ausdruck Lessings, der
+Endzweck aller Kunst sei das <em class="gesperrt">Vergnügen</em>.</p>
+
+<p>Andrerseits bricht das Formgefühl einer erwachenden Kultur mit
+solcher Macht hervor, daß es Pflanzen, Tiere, menschliche<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Motive
+bis zur Unkenntlichkeit <em class="gesperrt">stilisiert</em>. Das lehren gleichmäßig
+der Dipylonstil, die Romanik, die frühägyptische und früharabische
+(altchristliche) Kunst. Hier redet eine neue Seele in einer neuen, nie
+dagewesenen und nie sich wiederholenden Sprache. Hier handelt es sich
+nicht um eine imitative, sondern eine symbolische Tendenz, nicht um
+Vergnügen, sondern um einen dämonischen Drang, der alles andre eher als
+Unterhaltsamkeit, Erholung, „Heiterkeit der Künstlerseele“ gestattet.
+Diese Kunst ist es, auf welche allein der Begriff des Stils anwendbar
+ist, die ihre Macht über <em class="gesperrt">alle</em> Formen des äußern Lebens erstreckt
+und deren Geist erlischt, sobald die Kultur zur Zivilisation, die Seele
+zum Intellekt wird.</p>
+
+<p>In diesem Gegensatz von Künstlerheiterkeit und Künstlerernst, Spiel und
+Zwang, von Nachahmen und Beschwören der Sinnenwelt tauchen wieder jene
+<em class="gesperrt">Urgefühle der Weltsehnsucht und Weltangst</em> auf, und wir begreifen
+mit einem Schlage, inwiefern hiermit alle Kämpfe um Kunstprobleme
+zusammenhängen; in allem Gegensatz zwischen apollinisch und dionysisch,
+klassisch und romantisch, Form und Gehalt, Regel und Laune, Artistik
+und Naturalismus wird irgendwie das Geheimnis berührt, das hier
+verborgen liegt. Nur der Systematiker, der Verstandesmensch wird hier
+trennen und werten wollen, wo historisch, psychologisch, persönlich
+nur ein Ganzes wirksam ist. Aber man muß wissen, daß von <em class="gesperrt">einer
+Wurzel</em> der Kunst nicht die Rede sein kann.</p>
+
+<p>Der kindliche Wechsel von tiefstem Entzücken über die ertagende
+Welt, über den Seelenfrühling, von unendlicher Sehnsucht nach Reife,
+Wachsen, Vollendung — und tiefster Angst vor dem Unfaßlichen, das
+in diesem Aufblühen liegt, vor dem Verhängnis, das mit ihm kam, der
+Notwendigkeit eines Endes, dem Geheimnis der Vergänglichkeit, ruft
+an der Schwelle einer jeden Kultur den strengen Stil dorischen und
+gotischen Charakters, die <em class="gesperrt">große</em> Ornamentik und den Hang zu einer
+ungeheuren, späten Generationen oft so rätselhaften Baukunst hervor,
+deren keine reifgewordene Kultur, weder das Barock noch der Islam noch
+das Mittlere Reich Ägyptens mehr fähig gewesen ist.</p>
+
+<p>Riesenwerke solcher Art sind überhaupt nicht das Produkt einer „Kunst“
+im artistischen Sinne irgendeiner ihrer Mittel<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> und Ziele bewußten,
+ihre Aufgabe <em class="gesperrt">wählenden</em> Malerei, Skulptur oder Dichtung; sie
+entstanden als elementares Naturereignis. Ein Dom ist eine namenlose
+und wahllose Schöpfung aus der mütterlichen Landschaft mit ihrem jungen
+Menschentum, aus ihrem Schoße geboren, nicht eine persönlich-bewußte
+Konzeption aus dem Willen irgendeines Künstlers. Plötzlich, schlechthin
+vollkommen, überwältigend in ihrem Ausdruck von Trotz und Qual, voller
+süßer Schwermut und Hingabe treten diese Knabenträume einer frühen
+Seele allenthalben in die Tageswelt, die große Architektur, der große
+Mythus, das Epos, das neue Ornament, die Kriege der Heldenzeit.</p>
+
+<p>Alle Weltangst, sahen wir, ist Angst vor dem Raume, dem Verwirklichten,
+der Grenze — dem Tode. Im Tiefenerlebnis, durch das die sichtbare Welt
+<em class="gesperrt">wird</em>, hat sie ihren Ursprung. Gestalt, Zahl, Raum und Angst
+haben einen gemeinsamen Grund. Und so erscheint die vollzogene, der
+starren Ordnung <em class="gesperrt">durch das Ursymbol</em> unterworfene und dadurch in
+ihrem ganzen Umfange zum Sinnbild einer und nur dieser einen Seele —
+zum Makrokosmos — erhobene Welt als das feindliche Prinzip, das Reich
+der dunklen Mächte, die Inkarnation des Bösen. Im Hinblick darauf ist
+die Feindschaft zwischen Seele und Welt der nie ganz unterdrückte
+Untergrund alles Weltbewußtseins. Deshalb wird die junge Seele sich
+plötzlich ihres einsamen Menschentums inmitten aller Vergänglichkeit
+bewußt. Dies ist das Dämonische in aller Natur — Natur als der Welt
+des Ausgedehnten —, das die antike Seele ebenso kennen lernte wie
+jede andre. Das faustische wie das magische Christentum, die Orphiker
+mit ihrer Formel σῶμα σῆμα und das ägyptische Totenbuch stimmen
+darin überein. Tausend mythische Gestalten, Legenden und Bräuche
+zeugen davon. Wie das geringste Ornament an einem Schwertgriff, Gefäß
+oder Säulenknauf, so ist auch das hellenische Kultdrama ein Mittel,
+den Zorn der Götter zu besänftigen. So nennt Livius (VII, 2) die
+szenischen Spiele (Tragödien), welche zur Abwendung der Pest in Rom
+veranstaltet wurden, <i>caelestis irae placamina</i>. Dies erst durch
+die Raumwerdung zur Erscheinung gezwungene Dämonische ist es, das die
+Seele abwehren, bannen, heiligen will, indem sie es durch den Zauber
+eines Symbols bannt. Sie gibt ihm Form, die Bedeutung besitzt, eine
+sinnvolle<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Grenze, einen Namen, das heißt, sie macht es von sich
+abhängig.<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a></p>
+
+<p>Deshalb wendet sich die früheste und elementarste aller Künste an den
+Urstoff der Welt, die Inkarnation des Widerstandes, den die Angst
+brechen will, den <em class="gesperrt">Stein</em>. Man wird die gigantische Architektur
+der Dome und Pyramiden nie begreifen, wenn man sie nicht als
+<em class="gesperrt">Opfer</em> auffaßt, das die junge Seele den fremden Mächten bringt.
+Ein Opfer bedeutet im Ursinn der Menschheit die Darbringung von etwas,
+das teil an der eignen Seele hat. Vor allem ist es das Totemtier, in
+dem etwas von der Seele des Clans verweilt oder in das durch einen
+Akt der Weihe die Seele des Opfernden eingeht und das nun durch seine
+Darbringung eine mystische Vereinigung mit den Mächten bewirkt.<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a></p>
+
+<p>Ein solches Opfer sind alle frühen Architekturen, das größte, das
+je gebracht wurde. Denn in ihnen liegt nicht nur dieser oder jener
+symbolische Sinn wie in kultischen Tänzen und Gesängen, in einem
+Gemälde, einer Statue oder Sonate, sondern der <em class="gesperrt">ganze</em> Geist
+einer Kultur, die durch ihr steingewordenes Selbst eine Verbindung
+mit dem Weltgrunde sucht. Eine alte Kathedrale ist ein vollkommener
+Makrokosmos der faustischen Seele, ein Pyramidentempel der ägyptischen,
+einer jener Kuppelbasiliken von Ravenna und Byzanz der magischen. Alle
+spätern Kunstwerke sind daneben etwas Partielles. Töne und Farben,
+der <em class="gesperrt">durchscheinende</em> Marmor, die <em class="gesperrt">gegossene</em> Bronze, das
+gelesene und gesprochene poetische Wort sind Kunst<em class="gesperrt">mittel</em>; sie
+verleugnen ihr urstoffliches Dasein oder besitzen es nicht. Alles
+<em class="gesperrt">bewußte</em> Künstlertum ist egoistisch, voller Laune und „Freiheit“.
+Es ist nicht mehr die mütterliche Landschaft, aus der seine Werke
+wachsen. Die Idee des überpersönlichen Opfers der <em class="gesperrt">ganzen</em> Seele
+ist mit der Frühzeit untergegangen.</p>
+
+<p>Diese erste Kunst brauchte das Bewußtsein eines Sieges und so überwand
+sie den Stein und zwang ihn, in symbolischen<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Formen aus der Erde
+aufzuwachsen. Weil hier das Leben selbst in Frage stand, knüpften
+sich diese Formen unmittelbar an den Gedanken des Todes, in den
+Pyramidentempeln, deren innerer Weg zum Königsgrabe führt, wie in den
+Domen, deren hochgewölbte Schiffe mit ihren Pfeilerreihen dem Hochaltar
+zu geleiten, der das Geheimnis der Eucharistie in sich birgt, durch die
+ein menschgewordner Gott sich opfert. Einer solchen Kunst gegenüber
+wirken alle andern als Spiel, allzuirdisch, genießerisch. Deshalb
+diese Riesenlasten, die eine gläubige Menschheit sich auflud, um den
+Bau zu einem wahren Opfer zu machen. Die geistige Kraft, mit welcher
+Menschen so früher Stufe technische Aufgaben lösten, sofort, mit
+nachtwandlerischer Sicherheit, fast unbewußt, an denen das reife Wissen
+später Zeiten zu Schanden wird, erscheint wie ein Wunder. Ich denke an
+die riesenhaften Blöcke in den Fundamenten des Sonnentempels<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a> von
+Baalbek, durch deren uns völlig rätselhafte Bewältigung die arabische
+Frühzeit der Idee ihres Daseins, dem Erlebnis <em class="gesperrt">ihres</em> Weltraumes
+diente, und an die fabelhaften Steinmassen der Dome und Pyramiden, die
+von der Erde weg in den Weltenraum emporgetragen wurden. Wie um 1100
+Fürsten, Bürger und Knechte die Karren zogen, um diese Dome inmitten
+winziger Städte zu errichten — der ganze Stolz der Erbauer spricht aus
+den Versen des jüngern Titurel — so muß der Bau der Cheopspyramide
+ein Akt der Weihe gewesen sein. Weder das Rokoko noch das Athen des
+Perikles noch das Bagdad Harun al Raschids wären — bei allem Überfluß
+an technischen und materiellen Mitteln — solcher Leistungen fähig
+gewesen. Die Akropolis, das Schloß von Versailles, die Alhambra, Werke
+eines raffinierten Kunstverstandes, erscheinen daneben klein und
+allzumenschlich.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_9">9</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es sind immer die große Ornamentik und die große Architektur, diese
+beiden <em class="gesperrt">Traumkünste</em>, die verschwistert den<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> Anfang einer neuen
+Kulturentwicklung bilden. Wohl sind viele Motive des nordischen
+Ornaments urgermanisch, auch keltisch — auch in der Edda ist manches
+Keltische — von arabischen und antiken Entlehnungen ganz abgesehen,
+aber erst im 10. Jahrhundert entsteht die einheitliche und organische
+Bildung des <em class="gesperrt">faustischen Ornaments</em> in seiner unermeßlichen Tiefe,
+wie wir sie an St. Trophîme in Arles, an St. Pierre in Aulnay, an St.
+Lazare in Autun, in Poitiers, in Moissac, in Deutschland vornehmlich
+an den Domen der Ottonen- und Stauferzeit, an Chorgestühlen, Geräten,
+Gewändern, Büchern, Waffen bewundern. Hier hat das neue Ursymbol, der
+unendliche Raum, den gesamten Formenschatz zu einer einheitlichen
+Sprache ausgeprägt. Gleichzeitig mit den magischen Kuppelräumen der
+Basiliken Syriens erwacht die zauberhafte Sprache der <em class="gesperrt">Arabeske</em>,
+die flimmernd, verwirrend, alle Linien aufzehrend seitdem alles
+durchgeistigt und entkörpert, was seelischer Besitz der arabischen
+Kultur ist, — bis hinein in die Formenwelten der persischen,
+langobardischen, normannischen, der sogenannten „mittelalterlichen“
+Kunst.</p>
+
+<p>Eine heilige Strenge herrscht in diesen frühen Formen. Die älteste
+Dorik trägt nicht ohne Grund die Bezeichnung des geometrischen Stils.
+Die altchristlich-spätheidnische Kunst der Sarkophagreliefs und
+Bildnisse konstantinischen Stils galt deshalb und gilt heute noch als
+eine Kunst des Verfalls. Im Totentempel der Chephren (4. Dyn.) wird
+der Gipfel mathematischer Einfalt erreicht: überall rechte Winkel,
+Quadrate, rechteckige Pfeiler; keine Verzierung, keine Inschrift,
+kein Übergang; das die Spannung mildernde Ornament wagt sich erst
+einige Generationen später in die hehre Magie dieser Räume. Ebenso die
+edle Romanik Westfalens (Corvey, Minden, Freckenhorst) und Sachsens
+(Hildesheim, Gernrode), die mit einer unbeschreiblichen inneren Wucht
+und Würde über alle eigentliche Gotik hinaus den ganzen Sinn der Welt
+in <em class="gesperrt">eine</em> Linie, <em class="gesperrt">ein</em> Kapitäl, <em class="gesperrt">einen</em> Bogen zu legen
+vermochte.</p>
+
+<p>Der Simplizität dieser frühen Seelensprache erscheint nichts unmöglich.
+Wir finden in ihr Symbole, deren Charakter als<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> Symbol bisher niemand
+auch nur geahnt hat. Die ägyptische Seele mit ihrem strengen Hange zum
+Chronologischen, einer unerhörten Gemessenheit und Abgewogenheit des
+sozialen Daseins — das sich in diesem einzigen Falle wirklich „<i>sub
+specie aeternitatis</i>“ abspielte — mit ihrer Wahl der härtesten
+Gesteine, mit ihrem Verzicht auf alles bloß Literarische, faßte schon
+am Anfang das alles mit leidenschaftlichem Ungestüm in einen Höhepunkt
+des Ausdrucks zusammen, in einen <em class="gesperrt">Staat</em>, der den Geist dieser
+Kultur schlechthin darstellt. Auch der Staat ist ein Stück Architektur.
+Auch seine Formen, als Formen von Gewordnem, Verwirklichtem,
+Ausgedehntem, reden vom Ursymbol einer Kultur. Die antike Polis ist
+das Seitenstück des dorischen Tempels, ganz euklidischer Körper. Das
+abendländische Staatensystem ist eine Dynamik geographischer Räume.
+Noch deutlicher spricht die Form des ägyptischen Staates. Seine
+Maßnahmen und Institutionen rechnen nach Dynastien; seine Menschen
+bilden, sorgfältig geschichtet, wieder eine Pyramide, mit dem Pharao
+als Spitze. Jedermann hat ein <em class="gesperrt">Amt</em>. Das Einzeldasein erschöpft
+sich in der Teilnahme an der großen Bewegtheit. Es gibt keine „Genies“,
+keine privaten Interessen. Dieser Staat ist das Schicksal; er stellt
+den Weg der ägyptischen Menschheit dar; er setzt sich selbst in
+Beziehung zur Idee des Todes. Die Pyramide ist das ungeheure Grab des
+Königs, dessen Grundsteinlegung den ersten Akt seiner Regierung bildet,
+an dem das ganze Volk arbeitet, solange er regiert. Zu ihm, dessen
+„Ka“, an der Mumie haftend, alle Dynastien überdauert, führt jene
+Prozessionsstraße von Pfeilersälen und Statuenhallen; die Säulenreihen,
+Reliefreihen, Statuenreihen wiederholen noch einmal das metaphysische
+Motiv der Herrscherreihen, die das Veränderliche im Unveränderlichen,
+das Lebendige im Ausgedehnten, im <em class="gesperrt">Staate</em> als dem Gewordenen,
+darstellen. Was in andern Kulturen in tausendfacher Gestalt vorliegt,
+besitzt hier eine einzige. Der Staat ist <em class="gesperrt">die</em> Wirklichkeit. Es
+gibt keine andere. Das Tiefenerlebnis, im Tempelwege symbolisiert, ist
+das des <em class="gesperrt">ganzen</em> Ägyptertums, kaum das der partiellen Seelen.
+Es gibt in der gesamten organischen Welt nur <em class="gesperrt">ein</em> erhabenes
+Seitenstück hierzu, an das noch niemand gedacht hat: den Bienenstaat.</p>
+
+<p>Beide sind der höchste Ausdruck der <em class="gesperrt">Sorge</em>; man könnte<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> auch
+sagen der <em class="gesperrt">Pflicht</em>. Wenn die kantische Ethik irgendwo ein
+Seitenstück hat, nicht in Formeln, sondern in Wirklichkeiten, so ist
+es hier. Es ist etwas Preußisches, etwas von Friedrich dem Großen in
+dieser Staatsgesinnung des ägyptischen Menschen. Dicht daneben aber
+steht die Kultur, welche ein Gefühl für die Zukunft — die Richtung des
+Lebens, den Sinn der Geschichte — und also eine Sorge nie gekannt hat,
+die antike. Deshalb hat sie es nie zu einem wirklichen Staate gebracht,
+so wenig als zu einer Früharchitektur großen Stils.</p>
+
+<p>So erklärt es sich, weshalb man Weltgeschichte immer vornehmlich
+als die Geschichte von <em class="gesperrt">Staaten</em> aufgefaßt und behandelt hat.
+Es liegt tiefste Notwendigkeit in diesem Zusammenhange. Eine Kultur
+(Seele), die kein Gefühl für das eigne Werden besitzt — das ist
+Geschichte, Verwirklichung von Möglichem — besitzt auch keinen Blick
+für das zu Vollendende. In einer Staatsidee stellt sich die Geschichte
+der Zukunft dar, wie eine Kultur sie <em class="gesperrt">will</em>. Vergangenheit und
+Zukunft sind in gleicher Weise Phänomene der Ferne. Man sorgt um
+beide oder keines von beiden, um die Toten <em class="gesperrt">und</em> die Ungebornen
+oder <em class="gesperrt">nur</em> um das Glück der Stunde. Der Sozialismus setzt einen
+eminenten Sinn für Geschichte voraus, indem er Kommendes an Vergangenes
+knüpft, der Stoizismus ist ahistorisch. Er erinnert sich an nichts
+und sorgt um nichts. Der ägyptische Staat ist in gewissem Betrachte
+sozialistisch. Die indische Staatengeschichte — wenn man von einer
+solchen reden darf — hat im Hinblick auf ihre Sorglosigkeit und das
+Herankommenlassen der Dinge etwas Antikes. Wer eine innere Entwicklung
+— zu Goethes Zeit nannte man das die Kultur eines Menschen —
+besitzt und sich Rechenschaft über sie ablegt, hat auch eine innere
+Zukunft und den Willen zu ihr. Der „Staat“ des innern Menschen ist
+sein <em class="gesperrt">Charakter</em>. Charakterbildung und Staatengeschichte sind
+in der Tiefe identisch als biographische Formen des Einzelnen und
+seiner Kultur. Shakespeare stellte neben seinen Othello und Macbeth
+die Reihe seiner Historien, Goethe neben den Egmont den Tasso, neben
+eine äußere eine innere Revolution. Don Quijote, Don Juan, Werther
+resümieren auch eine politische Phase und man darf die — gänzlich
+unantike — psychologische Dialektik in den Romanen von Choderlos de<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span>
+Laclos, Stendhal und Balzac eine Politik der Seele nennen; insofern
+ist Julian Sorel der Zögling Napoleons. Das attische Drama aber ist
+unpolitisch — also mythisch — und ohne das formale Motiv einer innern
+Entwicklung. So wenig Antigone ein Charakter, der sich „im Strome der
+Welt bildet“, so wenig war Athen ein Staat im westeuropäischen Sinne.
+Beide gehören dem Augenblick, dem blinden Ungefähr mit der ganzen
+Summe ihrer Existenz an. Sie sind immer fertig wie ein euklidischer
+Körper. Sie haben keine Genesis und kein Ziel ihres Daseins. Beide
+Erscheinungen, das Weltbild der Historie und das Phänomen des Staates,
+<em class="gesperrt">in dem</em> nach Goethes Ausdruck die Idee unmittelbar angeschaut
+wird, verhalten sich wie Leben und Erlebtes. Die abendländische
+politische Geschichte und das abendländische Staatensystem verhalten
+sich wie <em class="gesperrt">Wollen</em> und <em class="gesperrt">Erreichtes</em>, die antike Geschichte und
+die lose Menge der πόλεις demgemäß wie ein <em class="gesperrt">Geschehenlassen</em> und
+dessen <em class="gesperrt">Resultat</em>.</p>
+
+<p>Auch der gotische Dom verhält sich zum nordischen Glauben wie das
+Erlebte zum Erleben. Der Atem seines Raumes ist der Geist Gottes. Er
+symbolisiert den „Weg zu Gott“, zum Hochaltar, der in der geweihten
+Hostie das immerwährende Wunder umschließt, das die Teilnehmer an
+ihm zur <em class="gesperrt">sichtbaren Kirche</em>, einer faustischen Gemeinschaft
+jenseits aller Grenzen von Raum und Zeit, vereinigt. Dieser Gedanke,
+der durchaus Eigentum der abendländischen Seele ist, der im 10.
+Jahrhundert konzipiert und 1215 auf dem lateranischen Konzil als Dogma
+fixiert wurde, schuf aus der arabischen Basilika des orientalischen
+Christentums den <em class="gesperrt">Dom</em>. Das Raumgefühl des magischen Menschen,
+das sich in dem von einem Syrer erbauten Pantheon zu Rom ankündigt
+und über die Kuppelbauten von Ravenna und Byzanz zu den großen
+Moscheen des Islam führt, hat plötzlich einem neuen Tiefenerlebnis
+und folgerichtig einer neuen Architektur und Staatsidee den Rang
+abgetreten. Die Palastkapelle Karls des Großen zu Aachen — dem Geiste
+nach eine <em class="gesperrt">Moschee</em> — ahnt hiervon noch nichts. Durch eine ebenso
+plötzliche Gedankenschöpfung muß zu Beginn der 4. Dynastie — um 3000,
+wo mit dem Ende der Thinitenzeit die ägyptische Kultur ins Leben tritt
+— zugleich mit dem neuen Weltgefühl die Idee einer Religion, die
+Idee des Pharaonenstaates und der sie verkörpernde<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Baugedanke jener
+ungeheuren Totentempel als ein <em class="gesperrt">Ganzes</em> entstanden sein.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_10">10</h4>
+
+</div>
+
+<p>Man begreift nun, eben aus dem Unterschied von Dom und Pyramide, von
+unsichtbarer Kirche und sichtbarem Staat als den repräsentativen Formen
+der Seelengemeinschaft, das gewaltige Phänomen der gotischen Seele,
+die in prachtvollem Aufschwung über alle Grenzen optisch gebundener
+Sinnlichkeit hinausstrebt. Kann etwas dem Sinne des ägyptischen
+Staates, dem alle Pharaonen <em class="gesperrt">gedient</em> haben, dessen Tendenz man
+als einen erhabenen Realismus bezeichnen möchte, fremder sein als der
+politische Ehrgeiz der großen Sachsen-, Franken- und Staufenkaiser,
+die am Überfliegen aller staatlichen Wirklichkeiten zugrunde gingen?
+Die Anerkennung einer Grenze wäre ihnen gleichbedeutend mit der
+Herabwürdigung der Idee des Herrschertums gewesen. Hier tritt der
+unendliche Raum als Ursymbol in seiner ganzen unbeschreiblichen Macht
+in den Umkreis öffentlichen Daseins, und man könnte zu den Gestalten
+der Ottonen, Konrads II., Heinrichs VI. und Friedrichs II. die
+Normannen, die Eroberer Islands und vor allem die großen Päpste Gregor
+VII. und Innocenz III. fügen, die alle die sichtbare Machtsphäre mit
+der damals bekannten Welt gleichsetzen wollten. Dies unterscheidet die
+homerischen Helden mit ihrem geographisch so genügsamen Gesichtskreis
+von den stets im Unendlichen schweifenden Helden der Gral-, Artus-
+und Siegfriedsage. Dies unterscheidet auch die Kreuzzüge, zu denen
+die Krieger von den Ufern der Elbe und Loire bis zu den Grenzen der
+bekannten Welt ausritten, von den Ereignissen, welche der Ilias
+zugrunde liegen und auf deren örtliche Enge und Übersehbarkeit man auf
+den Stil des antiken Seelentums mit Sicherheit schließen darf.</p>
+
+<p>Die dorische Seele verwirklichte das Symbol des leibhaft gegenwärtigen
+Einzeldinges, indem sie auf alle großen und weitreichenden Schöpfungen
+Verzicht leistete. Es hat seinen guten Grund, wenn die erste
+nachmykenische Zeit unseren Archäologen nichts hinterlassen hat. Wenn
+die ägyptische und faustische Seele in der Sprache einer gewaltigen
+Architektur zuerst zum Ausdruck kam, so suchte die antike Seele ihren
+Ausdruck in<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> einem ausdrücklichen <em class="gesperrt">Verzicht</em> auf sie. Ihr endlich
+erreichter Ausdruck ist der dorische Tempel, der nur nach außen, als
+massives Gebilde in der Landschaft gelegen, wirkt und den künstlerisch
+überhaupt unbeachteten Raum in sich als das μὴ ὄν, das, was gar nicht
+da sein sollte, verleugnet. Die ägyptische Säulenreihe trug die Decke
+eines Saales. Der Grieche entlehnte das Motiv und wandte es in seinem
+Sinne an, indem er den Bautypus wie einen Handschuh umkehrte. Die
+äußeren Säulenstellungen sind Reste eines „Innenraums“.<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a></p>
+
+<p>Demgegenüber ließen die magische und die faustische Seele ihre
+steinernen Traumgebilde als Überwölbungen bedeutungsvoller Innenräume
+emporsteigen, deren struktive Idee den Geist zweier Mathematiken,
+der Algebra und der Analysis, vorwegnimmt. In der von Burgund und
+Flandern ausstrahlenden Bauweise bedeuten die Kreuzrippengewölbe mit
+ihren Stichkappen und Strebepfeilern eine Auflösung des geschlossenen,
+durch sinnlich-greifbare Grenzflächen bestimmten Raumes überhaupt.
+Ein Innenraum ist noch immer etwas Körperhaftes. Hier aber wird der
+Wille fühlbar, aus ihm ins Grenzenlose zu dringen, wie es später die
+in diesen Wölbungen heimische Musik des Kontrapunkts wollte, deren
+körperlose Welt immer die der ersten Gotik geblieben ist. Wo auch in
+spätesten Zeiten die polyphone Musik zu ihren höchsten Möglichkeiten
+emporstieg wie in der Matthäuspassion, der Eroica und Wagners Tristan
+und Parzifal, wurde sie mit innerster Notwendigkeit <em class="gesperrt">domhaft</em>
+und kehrte zu ihrer Heimat, zur steinernen Sprache der Kreuzzugszeit
+zurück. Die ganze Wucht einer tiefsinnigen Ornamentik mit ihren seltsam
+schauerlichen Umbildungen von Pflanzen, Tier- und Menschenleibern (St.
+Pierre in Moissac), welche die Substanz des Gesteins leugnet, welche
+alle Linien in Melodien und Figurationen eines Themas, alle Fassaden in
+vielstimmige Fugen, die Leiblichkeit<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> der Statuen zu einer Musik der
+Gewandfaltung auflöst, mußte zu Hilfe kommen, um jeden antiken Hauch
+von Körperlichem zu bannen. Erst dies gibt den riesigen Glasfenstern
+der Dome mit ihrer farbigen, <em class="gesperrt">durchleuchteten, also völlig stofflosen
+Malerei</em> — eine Kunst, die sich niemals wiederholt und die den
+stärksten überhaupt denkbaren Gegensatz zum antiken Fresko bildet
+— ihren tiefen Sinn. Er wird am deutlichsten etwa in der Sainte
+Chapelle zu Paris, in der neben dem leuchtenden Glas der Stein beinahe
+verschwunden ist. Im Gegensatz zum Fresko, dem mit der Wand körperlich
+verwachsenen Gemälde, dessen Farben als Materie wirken, finden wir hier
+Farben von der räumlichen Freiheit der Orgeltöne, völlig vom Medium
+einer tragenden Fläche gelöst, Gestalten, die frei im Unbegrenzten
+schweben. Mit dem faustischen Geiste dieser hochgewölbten, farbig
+durchleuchteten, zum Chore strebenden Kirchenschiffe vergleiche man
+die Wirkung der arabischen — also altchristlich-byzantinischen —
+Kuppeln. Auch die über der Basilika oder dem Oktogon scheinbar frei
+schwebende Hängekuppel bedeutet eine Überwindung des antiken Prinzips
+der natürlichen Schwere, wie sie das Verhältnis von Säule und Architrav
+ausdrückt. Auch hier verleugnet sich der Stein. Eine geisterhaft
+verwirrende Durchdringung der Formen von Kugel und Polygon, eine
+Last auf einem Steinring gewichtlos über dem Boden schwebend, alle
+tektonischen Linien verhüllt, kleine Öffnungen im höchsten Gewölbe,
+durch die ein Ungewisses Licht hereinfällt, das die Raumgrenzen
+noch unwirklicher macht — so stehen die Meisterwerke dieser Kunst,
+San Vitale in Ravenna, die Hagia Sophia in Byzanz, der Felsendom in
+Jerusalem vor uns. Statt der ägyptischen Reliefs mit ihrer reinen
+Flächenbehandlung, die jede in die Tiefe weisende Verkürzung peinlich
+meidet, statt der den äußeren Weltraum einbeziehenden Glasgemälde der
+Dome verkleiden hier flimmernde Mosaiken und Arabesken, in denen der
+Goldton vorherrscht, alle Wände und versenken das Wirkliche in einen
+märchenhaften, ungewissen Schein, der in aller maurischen Kunst für den
+nordischen Menschen immer so verlockend geblieben ist.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
+
+<h4 id="Seele_11">11</h4>
+
+</div>
+
+<p>So stammt das Phänomen des <em class="gesperrt">Stils</em> also aus dem hier
+festgestellten Wesen des Makrokosmos, aus dem Ursymbol einer Kultur.
+Man wird, wenn man den Gehalt des Wortes zu würdigen weiß, die
+fragmentarischen und chaotischen Kunstäußerungen des Urmenschentums
+nicht zu der umfassenden Bestimmtheit eines Stils in Beziehung bringen.
+Erst die als Einheit nach Ausdruck und Bedeutung wirkende Kunst der
+großen Kulturen — und nun nicht mehr die Kunst allein — hat Stil.</p>
+
+<p>Wir haben die guten Tierimitationen der Diluvialmenschen und
+einiger Naturvölker sowie die sehr hoch stehende mykenische und
+Merowingerkunst. Aber gerade das macht den Unterschied evident. Das
+ist kein Stil. Das ist alles isoliert, voller Freude am Gestalten
+und Nachahmen, voller Sinn für Harmonie und Nuancen, aber ohne ein,
+sagen wir ruhig <em class="gesperrt">metaphysisches Formgefühl</em>, das unbewußt, wo
+es auch in Kraft tritt, an Kunstwerken, Bauten, Geräten, Schmuck,
+auf ein <em class="gesperrt">Ziel</em> zustrebt. <em class="gesperrt">Damit</em> erst gibt es Stil,
+eine <em class="gesperrt">ungewollte und unausweichliche</em> (das soll man heute
+unterstreichen) Tendenz in <em class="gesperrt">aller</em> Produktion, die von der
+frühesten Dorik bis zum Römertum, von der frühesten Romanik bis zum
+Empire die gleiche bleibt. Man vergleiche das Aachener Münster mit
+Bauten, die nur 150 Jahre später entstanden sind: inzwischen ist ein
+Stil erwacht. In Aachen ist er noch nicht da. Der Bau Karls des Großen
+ist ein Musterbeispiel für eine Kunst <em class="gesperrt">außerhalb</em> und vor einer
+Stilatmosphäre, außerhalb einer Kultur also! Da gibt es kein Ursymbol,
+das hätte verwirklicht werden können und müssen. Ebenso unterscheiden
+sich durch eine innere Notwendigkeit der Form die geometrischen
+Verzierungen der spätmykenischen und der frühdorischen Kunst. Erst
+die Dorik legt eine Tendenz, ein Weltgesetz hinein. Andrerseits: in
+der Antike ist mit dem Alexandrinismus, bei uns um 1800 diese Tendenz
+<em class="gesperrt">zu Ende</em>. Die Geschichte des Stils schließt ab. Die Möglichkeiten
+des <em class="gesperrt">einen</em> Formgedankens haben sich erschöpft. Von da an macht
+man nach, erkünstelt, kreiert „Stile“, die alle zehn Jahre wechseln,
+mit denen jeder tut, was er will; man wiederholt, kombiniert, treibt
+Äußerlichkeiten auf die Spitze, weil das Bedürfnis,<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Kunst zu machen,
+noch fortdauert, während der Stil, d.&#8239;h. die <em class="gesperrt">notwendige</em> Kunst
+tot ist. Das ist die Lage von heute.</p>
+
+<p>Im Stil offenbart sich in und über allem <em class="gesperrt">bewußten</em> Künstlertum
+— das immer eine späte und städtische Erscheinung bildet — das
+unbewußt Seelische, das, was ich die Idee des Daseins nannte. Ein Stil
+ist ein <em class="gesperrt">Schicksal</em>. Man hat ihn, aber man erwirbt ihn nicht.
+Bewußter, gewollter, gemachter Stil ist erlogener Stil, wie es alle
+Spätzeiten, allen voran die Gegenwart, beweisen. Große Künstler und
+Kunstwerke sind Naturereignisse. Die <em class="gesperrt">Welt</em> — Natur — ist
+Schöpfung der Seele, das vollkommene Kunstwerk ist es auch: beide
+ungewollt, wahllos, notwendig, folglich beide „Natur“. Hierauf beruht
+die innere Identität eines Stils und der <em class="gesperrt">zugehörigen</em> Mathematik.
+Stilformen sind, ohne Ausnahme, extensive Formen. Sie <em class="gesperrt">bannen</em>
+das im Ausgedehnten als gegenwärtig empfundene Fremde. Von den beiden
+urmenschlichen Kunsttrieben, dem imitativen und dem symbolischen, ist
+es der letzte, das <em class="gesperrt">ornamentale</em> Wollen, das den Stil hervorruft.
+Nicht in der Weltsehnsucht, allein in der <em class="gesperrt">Weltangst</em> liegt die
+letzte erreichbare Wurzel aller elementaren Kunstform. Ein Kunstwerk
+besitzt Stil in genau demselben Sinne und Maße, wie eine physikalische
+Vorstellung außer theoretisch-bildhaftem auch mathematischen Gehalt
+besitzt.</p>
+
+<p>Um ein Beispiel zu geben, fasse ich das ungeheure Phänomen des
+ägyptischen Stils noch einmal zusammen, so wie es seit wenigen Jahren
+übersehbar geworden ist. Wenn je, so ist in <em class="gesperrt">diesem</em> Stil der Tod
+wirklich gebannt worden. Hier ruht Ewigkeit auf jedem Zuge; nicht jene
+ergreifende Leidenschaft, die in der Gotik die Flügel entfaltet, um
+dem Irdischen zu entrinnen und sich in jenseitige Räume zu verlieren;
+nicht der allzu-körperliche und für uns etwas oberflächliche Hang der
+Antike, das Behagen des Augenblicks um sich zu breiten und den Rest
+zu vergessen. Der ägyptische Stil ist von einem tiefen Realismus. Er
+ergreift die ganze Vergänglichkeit; er erkennt — und er hält sich
+deshalb bis in die letzten Epochen an den Stein als Material — das
+Gewordne und Begrenzte an, um es zu <em class="gesperrt">überwinden</em>. Bei Rembrandt,
+Beethoven und Michelangelo redet die Furcht vor dem Raume aus jedem
+Zuge; in der Architektur von Memphis und Theben liegt sie weit zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p>
+
+<p>Um das Jahr 1100 erfolgt gleichzeitig in Frankreich, Oberitalien
+und Westdeutschland die Einwölbung des bis dahin flach gedeckten
+Mittelschiffes der Dome. Mit einem schöpferischen Akt von gleicher
+Unbewußtheit und symbolischer Prägnanz beginnt der ägyptische Stil. Das
+Ursymbol des <em class="gesperrt">Weges</em> ist plötzlich ins Leben getreten, mit dem
+Beginn der 4. Dynastie (2930 v.&#8239;Chr.). Das weltbildende Tiefenerlebnis
+dieser Seele empfängt seinen Gehalt vom Richtungsfaktor selbst: die
+Tiefe des Raumes als erstarrte Zeit, die Ferne, der Tod, das Schicksal
+selbst beherrscht den Ausdruck; die bloß sinnlichen Dimensionen
+der Länge und Breite werden zur begleitenden Fläche, die den Weg
+des Schicksals einengt und vorschreibt. Das spezifisch ägyptische
+Flachrelief, auf Nahsicht berechnet und in seiner zyklischen Anordnung
+den Betrachter zwingend, in vorgeschriebener Richtung die Wandflächen
+abzuschreiten, taucht ebenso plötzlich gegen Beginn der 5. Dynastie
+auf.<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a> Die noch späteren Reihen von Sphinxen und Statuen, die
+Felsen- und Terrassentempel, die Bildnisstatuen, die stets vorwärts
+schreitend und schauend, nie im Profil gedacht sind, verstärken ständig
+die Tendenz auf die einzige Ferne, welche die Welt des ägyptischen
+Menschen kennt, das Grab, den Tod. Man bemerke wohl, wie schon die
+Säulenreihen der Frühzeit nach Durchmesser und Abstand der mächtigen
+Schäfte genau so gegliedert sind, daß sie jeden seitlichen Durchblick
+<em class="gesperrt">verdecken</em>. Dies hat sich in keiner andern Architektur wiederholt.</p>
+
+<p>Die Größe dieses Stils erscheint uns starr und unveränderlich. Er steht
+allerdings jenseits der Leidenschaft, die noch sucht und fürchtet und
+dem untergeordneten Detail damit eine rastlose subjektive Bewegtheit
+im Lauf der Jahrhunderte erteilt. Diese Seele stellte fast alles uns
+Wesentliche in den Elementen ihres Makrokosmos zurück, aber sicherlich
+wäre dem<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> Ägypter der ihm so fernliegende faustische Stil — er bildet
+von der frühesten Romanik bis zum Rokoko und Empire ebenfalls eine
+Einheit — in seiner Unruhe und seinem ständigen Suchen nach einem
+Etwas viel gleichförmiger erschienen, als wir uns vorstellen können.
+Vergessen wir jedenfalls nicht, daß aus dem hier vertretenen Begriff
+des Stils folgt, daß Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko nur
+Phasen <em class="gesperrt">ein und desselben</em> Stils sind, an dem wir naturgemäß vor
+allem das Wechselnde, das Auge anders gearteter Menschen das Bleibende
+bemerken. In der Tat beweisen zahllose Umbauten romanischer Werke im
+Barock-, spätgotischer im Rokokostil, die durch nichts auffallen,
+die innere Harmonie der nordischen Renaissance und der Bauernkunst,
+in denen Gotik und Barock völlig identisch werden, die Straßen alter
+Städte, deren Giebel und Fassaden aller Stilarten einen reinen
+Einklang bilden, und die Unmöglichkeit, Romanik und Gotik, Renaissance
+und Barock, Barock und Rokoko in einzelnen Fällen überhaupt zu
+unterscheiden, daß die „Familienähnlichkeit“ dieser Phasen viel größer
+ist, als sie den Angehörigen erscheinen.</p>
+
+<p>Der ägyptische Stil ist absolut <em class="gesperrt">architektonisch</em> bis zum
+Erlöschen dieser Seele. Er gestattet keine Abschweifung zu
+unterhaltenden Künsten, keine Tafelmalerei, keine Büste, keine
+weltliche Musik. In der Antike geht mit der Ionik der Schwerpunkt der
+Stilbildung von der Architektur zu einer von ihr unabhängigen Plastik
+über, im Barock geht er zur Musik, deren Formensprache ihrerseits die
+gesamte Baukunst des 18. Jahrhunderts beherrscht, im Arabertum löst
+mit dem Beginn der islamitischen Phase die Ornamentik der Arabeske
+alle Formen der Architektur, Malerei und Plastik zu Stileindrücken
+auf, die wir heute etwa als kunstgewerblich bezeichnen könnten. In
+Ägypten bleibt die Herrschaft der Architektur unangefochten. Sie
+mildert lediglich ihre Sprache. In den Hallen der Pyramidentempel der
+4. Dynastie (Pyramide des Chephren) stehen schmucklose, scharfkantige
+Pfeiler. In den Bauten der 5. Dynastie (Pyramide des Sahu-rê) erscheint
+die <em class="gesperrt">Pflanzensäule</em>. Steingewordne Lotus und Papyrusbündel wachsen
+riesenhaft aus dem Fußboden von durchscheinendem Alabaster auf, der
+das Wasser bedeutet, eingeschlossen von purpurnen Wänden. Die Decke
+ist mit Vögeln<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> und Sternen geschmückt. Der heilige Weg vom Torbau zur
+Grabkammer, das Bild des Lebens, ist ein Strom. Es ist der Nil selbst,
+der mit dem Ursymbol der Richtung eins wird. Der Geist der mütterlichen
+Landschaft vereinigt sich mit der aus ihm entsprungenen Seele. Ganz
+ebenso knüpft sich das euklidische Dasein der antiken Kultur in
+geheimnisvoller Weise an die vielen kleinen Inseln und Vorgebirge des
+ägäischen Meeres und die stets im Unendlichen schweifende Leidenschaft
+des Abendlandes an die weiten, fränkischen, burgundischen, sächsischen
+Ebenen.</p>
+
+<p>Der ägyptische Stil ist von einer Erfülltheit des Ausdrucks, die unter
+andern Bedingungen schlechthin unerreichbar erscheint. Ich glaube,
+daß die <em class="gesperrt">Langeweile</em>, jene Verdünntheit einzelner Lebensmomente,
+die uns so wenig fremd ist wie den Griechen, der ägyptischen Seele
+unbekannt war. Leben und <em class="gesperrt">nur</em> leben, in jeden Augenblick den
+größtmöglichen Gehalt an Wirkung legen, ist aus diesem Weltaspekt,
+angesichts der Symbole der Hieroglyphen, Mumien und Pyramidengräber,
+eine Notwendigkeit. Man kann das Ethos dieser Art zu sein nur fühlen,
+nicht nennen. Nicht unser „Wille“, nicht die antike Sophrosyne,
+sondern die mit Worten gar nicht zu beschreibende Fülle des Daseins
+ist die Regel. Man schreibt und redet nicht; man bildet und tut. Ein
+ungeheures Schweigen — für uns der erste Eindruck alles Ägyptischen
+— täuscht über die Macht dieser Vitalität. Es gibt keine Kultur
+von höherer Seelenkraft. Keine Agora, keine geschwätzig-antike
+Öffentlichkeit, keine nordischen Berge von Literatur und Publizistik,
+nur sachlich-sichere, selbstverständliche Wirksamkeit. Einzelnes wurde
+schon erwähnt. Ägypten besaß eine Mathematik höchsten Ranges, aber
+sie äußerte sich durchaus in einer meisterhaften Bautechnik, einem
+unvergleichlichen Kanalsystem, einer erstaunlichen astronomischen
+Praktik, ohne auch nur ein theoretisches Buch zu hinterlassen (denn
+das „Rechenbuch des Ahmes“ wird man nicht ernst nehmen wollen). Schon
+das Alte Reich (der deutschen Kaiserzeit entsprechend) besaß eine
+selten übertroffene, auf Generationen vorausschauende Sozialökonomie,
+aber in Gestalt eines wohlgegliederten, das Geringste bedenkenden
+Beamtenstaates. Die Römer mußten sich auf ihn stützen, um ihr Imperium<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span>
+lebensfähig zu erhalten, ohne daß sie seinen Geist sonderlich begriffen
+hätten. Ägypten mußte ihr Reich füttern, bezahlen, verwalten; es wurde
+infolge der Mustergültigkeit seiner Institutionen der natürliche
+Schwerpunkt und Cäsar war im Begriff, seine Residenz in Alexandria
+zu nehmen. Aber es gibt kein ägyptisches Werk von staatsrechtlichem
+oder finanzwissenschaftlichem Inhalt. Die späten Römer haben sich
+den literarischen Ruhm angeeignet, indem sie einen Schatten dieser
+Weisheit in ein System brachten. Ich glaube, daß man heute noch nicht
+ahnt, wieviel vom Corpus Juris (dem <em class="gesperrt">Werke</em>, nicht dem römischen
+Rechtsbewußtsein) vom Nil stammt. Die Ägypter waren Philosophen, aber
+sie hatten keine „Philosophie“. Überall nicht der geringste Versuch
+einer Theorie und eine von wenigen erreichte instinktive Meisterschaft
+in der Praxis.</p>
+
+<p>Und wie jede Wissenschaft am Nil <em class="gesperrt">getan</em> und nicht diskutiert
+wurde, so entstanden auch die frühen Epen und Idyllen, wie sie jede
+Kultur besitzt, nicht in poetischer Wortkunst, sondern in Stein. Die 5.
+und 6. Dynastie entspricht hierin der Zeit Homers, des Nibelungenliedes
+und des Parzival. Damals entstanden die Reliefreihen der großen Tempel.
+Etwas so Lebensprühendes, von einer so kindlichen und köstlichen
+Laune Erfülltes wie diese steinernen Idyllen von 2700 v.&#8239;Chr. mit
+ihren Jagden, Fischzügen, Hirtenszenen, mit Zank und Spiel, Festen
+und Familienszenen, Spazierfahrten, Bildern von Ackerbau und tätigem
+Gewerbe, die das ganze Leben in heiterster Kraft und Fülle, ohne
+nachdenkliche — homerische — Reflexion, in graziösester Sinnlichkeit
+erzählen, ist ohne Beispiel. Man spricht so oft von der Heiterkeit der
+Menschen anderer Kulturen und nennt neben Homer Theokrit, neben Walter
+von der Vogelweide womöglich Rabelais oder Mozart. Aber dies haben die
+Hellenen in ihren höchsten Momenten nicht erreicht, von Florentinern
+und Niederländern, Raffael und Rubens zu schweigen. Das ist „Glück“.
+Erst <em class="gesperrt">dies</em> macht die Symbolik der Pyramidentempel vollkommen.
+Neben dem architektonischen Formelement, das die Idee des <em class="gesperrt">Todes</em>
+begreift und überwindet, steht das lyrische, imitative, welches das
+<em class="gesperrt">Leben</em> in Gestalt bringt. Im Gotischen hat das eine in den Domen,
+das andre in den epischen Dichtungen getrennte Formenwelten geschaffen;
+hier ist eine erhabene<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> Einheit durch die Beziehung auf das Symbol des
+<em class="gesperrt">Weges</em> gewahrt.</p>
+
+<p>Goethe hat einmal das Glück seiner Existenz in den Ausspruch gefaßt:
+„Als ich achtzehn Jahre war, war Deutschland auch erst achtzehn.“
+Unter allen Kulturen ist vielleicht nur die ägyptische sich dieses
+Glückes bewußt geworden. Als sie geboren wurde, begann die höhere
+Menschlichkeit überhaupt. Diese Idyllen, eine imitative, nicht
+symbolische Kunst, entsprangen aus der Weltsehnsucht der jungen Kultur,
+aus der reinen Freude am aufsteigenden Leben. Tiefe, klare, durch
+keinen Anblick älterer, absterbender Kulturen getrübte Heiterkeit —
+den Griechen stand schon der greisenhafte Orient, uns der Untergang
+des „Altertums“ vor Augen — hellste Geistigkeit, Vollgefühl
+eigner Kraft, Beherrschtheit, Gewißheit des Ziels, der erreichten
+und <em class="gesperrt">gewohnten</em> strengen Ordnung und Disziplin,<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a> keine
+schwermütigen Träume, keine verflatternden Wünsche, kein ängstliches
+stoisches Sichbescheiden, nichts von dem etwas gewollten Lachen der
+Renaissance oder der am Entbehren gereiften γαλήνη der perikleischen
+Zeit, sondern naives, gefühltes, unreflektiertes Glück — das alles
+liegt in der Sprache dieser Reliefs, die den Weg zur Totenkammer der
+Könige schmücken.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_12">12</h4>
+
+</div>
+
+<p>Der ägyptische Stil ist der Ausdruck einer <em class="gesperrt">tapferen</em> Seele.
+Seine Strenge und Wucht ist vom ägyptischen Menschen nie empfunden und
+betont worden. Man wagte alles, aber man schwieg darüber. In der Gotik
+und im Barock wird die Überwindung des Schweren zum stets bewußten
+Motiv der Formensprache. Das Drama Shakespeares redet laut von den
+verzweifelten Kämpfen zwischen Wille und Welt. Der antike Mensch war
+den „Mächten“ gegenüber schwach. Die κάθαρσισ von Furcht und Mitleid,
+<em class="gesperrt">das Aufatmen der apollinischen Seele</em> im Augenblick der Peripetie
+war nach Aristoteles die Wirkung der attischen Kulttragödie. Indem der
+Grieche das Schauspiel vor sich hatte, wie jemand, den er <em class="gesperrt">kannte</em>
+— denn jeder kannte den<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> Mythus und lebte mit ihm, in ihm — und der
+vom Geschick sinnlos zertreten wurde, ohne daß ein Widerstand gegen
+die Mächte denkbar war, in prachtvoller Haltung, trotzend, heroisch
+untergeht, erfolgte tatsächlich in seiner euklidischen Seele eine
+wunderbare Erhebung. War das Leben nichts wert, so war es doch die
+große <em class="gesperrt">Geste</em>, mit der man es verlor. Man wollte und wagte nichts,
+aber man fand eine berauschende Schönheit im <em class="gesperrt">Ertragen</em>. Schon die
+Gestalt des Odysseus, in viel höherem Grade das Urbild des hellenischen
+Menschen als Achill, zeugt davon. Die Moral der Cyniker, der Stoa.
+Epikurs, das allgemeine hellenische Ideal der σωφροσύνη und ἀταραξία,
+Diogenes in seinem Fasse, der θεωρία huldigend, — das alles ist
+verkappte Feigheit und sehr verschieden von dem Stolz der ägyptischen
+Seele; der apollinische Mensch geht dem Leben im Grunde aus dem Wege,
+bis zum Selbstmord, der <em class="gesperrt">in dieser Kultur allein</em> den Rang eines
+positiv ethischen Aktes erhielt und mit der Feierlichkeit eines
+sakralen Symbols behandelt wurde; der dionysische Rausch erscheint der
+gewaltsamen Übertäubung von etwas verdächtig, das die ägyptische Seele
+gar nicht kannte. Die griechische Architektur mit ihrem Gleichmaß von
+Stütze und Last und den ihr eigentümlichen kleinen Maßstäben wirkt wie
+eine ständige Ausflucht vor schweren tektonischen Problemen, die man
+am Nil und später am Rhein mit einer Art von dunklem Pflichtgefühl
+geradezu aufsuchte und die man in der mykenischen Zeit gekannt und
+sicherlich nicht vermieden hat. Der Ägypter liebte das harte Gestein
+massiger Bauten; es entsprach seinem Selbstbewußtsein, nur das Höchste
+als Aufgabe zu wählen; der Grieche mied es. Es ist sehr merkwürdig,
+wie er als Erbe der hochentwickelten mykenischen Steinbehandlung,
+noch dazu in einem felsigen, kaum waldreichen Lande, zur Verwendung
+des Holzes zurückkehrte. Die Absicht auf Dauer gehört nicht zu den
+Tendenzen seiner Technik. Erst suchte seine Baukunst kleine Aufgaben,
+dann hörte sie ganz auf. Vergleicht man sie in ihrem vollen Umfange mit
+der Gesamtheit der indischen, ägyptischen oder gar abendländischen, so
+ist man über die Geringfügigkeit des Phänomens erstaunt. Mit einigen
+Variationen des dorischen Tempeltyps ist sie erschöpft und mit der
+Erfindung des korinthischen Kapitäls (um 400) abgeschlossen. Alles
+Spätere ist Kombination von Vorhandenem.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p>
+
+<p>Der Stil — wie die Handschrift — verschweigt nichts. Das antike Sein,
+mag man noch so sehr an die Überfülle seiner Vitalität glauben, erhält
+sich nur durch eine bewunderungswürdige Weisheit der Beschränkung.
+Es hatte seelisch nichts zu verschwenden. Es hält sich an das Jetzt
+und Hier der Vordergründe des Lebens, ohne die Fernen von Geburt und
+Tod, Vergangenheit und Zukunft, deren Assimilation eine ganz andere
+Willenskraft und Stärke des Seelischen voraussetzt, in das Bild der
+Welt einzubeziehen, Fernen, an die noch der urhellenische Mythus,
+dessen letzte lebendige Spuren man bei Äschylus findet, tiefsinnig
+angeknüpft hatte.</p>
+
+<p>Dies liegt in dem apollinischen Prinzip der <em class="gesperrt">Vereinzelung der
+Kunstwerke und Lebensformen</em>. Damit wird die Historie so gut wie
+die räumliche Weite abgelehnt. <em class="gesperrt">Ein</em> Tempel, <em class="gesperrt">eine</em> Statue,
+<em class="gesperrt">eine</em> Stadt, lauter punktförmige Einheiten, in die das Sein sich
+zurückzieht wie die Schnecke in ihr Haus. Jede andre Kultur kennt
+politische Fernwirkungen, Kolonien und Kolonialreiche. Aber diese
+Hunderte von winzigen Griechenstädten sind ebensoviele politische
+Punkte, „wie ein hellenischer Saum — nach Cicero — den Landschaften
+der Barbaren angewebt“. Jeder Versuch, eine Einwirkung im Sinne der
+Ausbildung eines größeren politischen Organismus auf die Pflanzstädte
+auszuüben, führte sofort zu wütenden Kriegen (Korinth und Korkyra um
+670). Jeder Tempel mit seiner Priesterschaft bildet ein religiöses
+Atom. Man ist auf das Groteske dieser Erscheinung kaum recht aufmerksam
+geworden. Narren haben darin die „gesunde Abneigung der Hellenen gegen
+den Klerikalismus“ gefunden. Obwohl Apollo und Athene dem Namen nach
+allgemein hellenische Gottheiten sind, besitzen sie keinen allgemeinen
+Kultus. Man lasse sich nicht durch die Dichtung täuschen. Die großen
+Götternamen waren bis zu einem gewissen Grade (durchaus nicht ganz)
+Gemeingut, aber das mit dem Worte Apollo bezeichnete <i>numen</i> war
+an jedem Orte etwas Selbständiges. Die Zeusheiligtümer von Dodona,
+Olympia und andern Orten sind ohne jede Verbindung miteinander und
+ebenso die Tempel verschiedener Götter in derselben Stadt. Von einer
+religiösen Gemeinschaft im Sinne der Priesterschaft des Ra, der
+Mithrasreligion, der altpersischen, altchristlichen Gemeinschaften
+oder der Sekten<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> des Islam und des Protestantismus ist selbst bei den
+Orphikern und im Pythagoräerbunde nicht die Rede. Aber eben das ist
+auch der Grundzug der attischen Plastik, der frei im Raum stehenden,
+vollkommen beziehungslosen Statue. Und er wiederholt sich in jedem
+antiken Stadtbilde. Keine großgedachten Straßenzüge, kein planmäßig
+ausgebauter Platz; ein wirres Durcheinander von Gebäuden und Bildwerken
+auf der Akropolis wie in den Weihbezirken von Delphi und Olympia, bis
+der großstädtische Hellenismus an der Nachahmung orientalischer, von
+einem Gesamtgeist <em class="gesperrt">geregelter</em> Stadtpläne Geschmack fand.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Organismus</em> historischer Stilfolgen wird nun übersehbar
+geworden sein. Stile folgen nicht aufeinander wie Wellen und
+Pulsschläge. Mit der Persönlichkeit einzelner Künstler, ihrem Willen
+und Bewußtsein haben sie nichts zu schaffen. Im Gegenteil, das
+Medium des Stils liegt seinerseits dem Phänomen der künstlerischen
+Individualität a priori zugrunde. Der Stil ist wie die Kultur ein
+Urphänomen im strengsten Sinne Goethes, sei es der Stil von Künsten,
+staatlichen Bildungen, Gedanken, Gefühlen, Ausdrucksformen des
+religiösen Bewußtseins oder einer andern Gruppe von Wirklichkeiten.
+So gut „Natur“ ein immer neues Erlebnis des Menschen ist, als der
+umfassende Ausdruck der augenblicklichen Beschaffenheit seines Werdens,
+als sein <i>alter ego</i> und Spiegelbild, so der Stil. Deshalb kann es
+im historischen Gesamtbilde einer Kultur nur einen, <em class="gesperrt">den Stil dieser
+Kultur</em> geben. Es war falsch, bloße Stilphasen, wie Romanik, Gotik,
+Barock, Rokoko, Empire als Stile zu unterscheiden und mit Einheiten
+von ganz anderem Range wie dem ägyptischen, dorischen oder maurischen
+Stil oder gar einem „prähistorischen Stil“ gleichzusetzen. Gotik und
+Barock: das ist Jugend und Alter desselben Inbegriffs von Formen,
+der reifende und der gereifte Stil des Abendlandes. Es fehlt unsrer
+Ästhetik in diesem Punkte an Distanz, an der Unbefangenheit des Blickes
+und dem guten Willen zur Abstraktion. Man hat es sich bequem gemacht
+und alle stark empfundenen Formdifferenzen unterschiedslos als „Stile“
+aufgereiht. Daß auch hier das Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit den
+Blick endgültig verwirrte, braucht kaum erwähnt zu werden. In der Tat
+steht selbst ein Meisterwerk der strengsten Renaissance wie der Hof des
+Palazzo Farnese, der<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> Vorhalle von St. Patroklus in Soest, dem Innern
+des Magdeburger Doms und den Treppenhäusern süddeutscher Schlösser
+des 18. Jahrhunderts unendlich viel näher als dem Tempel von Pästum
+oder dem Erechtheion. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen Dorik und
+Ionik. Deshalb kann die ionische Säule mit dorischen Bauformen eine
+ebenso vollkommene Verbindung eingehen wie Spätgotik und frühes Barock
+in St. Lorenz zu Nürnberg oder späte Romanik mit spätem Barock in dem
+schönen Oberteil des Mainzer Westchores. Deshalb hat unser Auge noch
+kaum gelernt, im ägyptischen Stil die der dorisch-gotischen Jugend und
+dem ionisch-barocken Alter entsprechenden Elemente des Alten und des
+Mittleren Reiches zu unterscheiden, die seit der 12. Dynastie sich
+in der Formensprache aller größeren Werke mit vollkommener Harmonie
+durchdringen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_13">13</h4>
+
+</div>
+
+<p>Der Kunstgeschichte steht die Aufgabe bevor, die vergleichenden
+Biographien der großen Stile zu schreiben. Sie haben alle, als
+Organismen derselben Gattung, eine Lebensgeschichte von verwandter
+Struktur.</p>
+
+<p>Am Anfang steht der verzagte, demütige, reine Ausdruck einer eben
+erwachenden Seele, die noch nach einem Verhältnis zur Welt sucht,
+der sie, obwohl einer eigenen Schöpfung, doch fremd und befremdet
+gegenüber steht. Es liegt Kinderangst in den Bauten des Bischofs
+Bernward von Hildesheim, in der altchristlichen Katakombenmalerei
+und den Pfeilersälen vom Anfang der 4. Dynastie. Ein Vorfrühling
+der Kunst, ein tiefes Ahnen künftiger Gestaltenfülle, eine mächtige
+verhaltene Spannung liegt über der Landschaft, die sich, noch ganz
+bäuerlich, mit den ersten Burgen und kleinen Städten schmückt. Dann
+folgt der jauchzende Aufschwung in der hohen Gotik, den Hochreliefs
+der konstantinischen Zeit mit ihren Säulenbasiliken und Kuppelkirchen
+und den reliefgeschmückten Tempeln der 5. Dynastie. Man begreift das
+Sein; der Glanz einer vollkommen gemeisterten wunderbaren Formensprache
+breitet sich aus und der Stil reift zu einer majestätischen Symbolik
+der Tiefe und des Schicksals heran. Aber der jugendliche Rausch geht
+zu<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Ende. Aus der Seele selbst erhebt sich Widerspruch. Renaissance,
+dionysisch-musikalische Feindschaft gegen die apollinische Dorik, der
+ägyptisierende Stil im Byzanz von 450 gegenüber der heiter-lässigen
+antiochenischen Kunst bedeuten eine Phase der Auflehnung und versuchten
+oder erreichten Zerstörung des Erworbenen, deren sehr schwierige
+Erörterung hier nicht am Platze ist.</p>
+
+<p>Damit tritt das Mannesalter des Seelentums in Erscheinung. Die
+Kultur wird zum Geiste der großen Städte, die jetzt die Landschaft
+beherrschen; sie durchgeistigt auch den Stil. Die erhabene Symbolik
+verblaßt; das Ungestüm übermenschlicher Formen geht zu Ende; mildere
+weltlichere Künste verdrängen die große Kunst des gewachsenen Steins;
+selbst in Ägypten wagen Plastik und Fresko sich etwas leichter zu
+bewegen. Der <em class="gesperrt">Künstler</em> erscheint. Er „entwirft“ jetzt, was bis
+dahin aus dem Boden wuchs. Noch einmal steht das Dasein, das bewußt
+gewordne, vom Ländlich-Traumhaften und Mystischen gelöst, fragwürdig
+da und ringt nach einem Ausdruck seiner neuen Bestimmung: zu Beginn
+des Barock, wo Michelangelo in wildem Unbefriedigtsein und sich gegen
+die Schranken seiner Kunst bäumend die Peterskuppel auftürmt, zur Zeit
+Justinians I., wo seit 520 die Hagia Sophia und die mosaikgeschmückten
+Kuppelbasiliken von Ravenna entstehen, im Ägypten der Zeit vor 2000
+und um 600 in Hellas, wo viel später noch Äschylus verrät, was
+eine hellenische Architektur in dieser entscheidenden Epoche hätte
+ausdrücken können und müssen.</p>
+
+<p>Dann erscheinen die leuchtenden Herbsttage des Stils: noch einmal
+malt sich in ihm das Glück der Seele, die sich ihrer letzten
+Vollkommenheit bewußt wird. Die „Rückkehr zur Natur“, damals schon als
+nahe Notwendigkeit von Denkern und Dichtern, von Rousseau, Gorgias
+und den „Gleichzeitigen“ der andern Kulturen gefühlt und angekündigt,
+verrät sich in der Formenwelt der Künste als empfindsame Sehnsucht und
+Ahnung des Endes. Hellste Geistigkeit, heitre Urbanität und Wehmut
+eines Abschiednehmens: von diesen letzten farbigen Jahrzehnten der
+Kultur hat Talleyrand später gesagt: „<i>Qui n’a pas vécu avant 1789,
+ne connait pas la douceur de vivre.</i>“ So erscheint die freie,
+sonnige, raffinierte Kunst zur Zeit der Sesostris und<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Amenemhet
+(nach 2000). Dieselben kurzen Momente gesättigten Glücks tauchen auf,
+als unter Perikles die bunte Pracht der Akropolis und die Werke des
+Phidias und Praxiteles entstanden. Wir finden sie ein Jahrtausend
+später zur Abassidenzeit in der heitern Märchenwelt maurischer Bauten
+mit ihren fragilen Säulen und Hufeisenbögen, die sich im Leuchten der
+Arabesken und Stalaktiten in die Luft auflösen möchten, und wieder
+ein Jahrtausend darauf in der Kammermusik Haydns und Mozarts, den
+Schäfergruppen von Meißner Porzellan, den Bildern Watteaus und Guardis
+und den Werken deutscher Baumeister in Dresden, Potsdam, Würzburg und
+Wien.</p>
+
+<p>Dann erlischt der Stil. Auf die bis zum äußersten Grade durchgeistigte,
+zerbrechliche, der Selbstvernichtung nahe Formensprache des Erechtheion
+und des Dresdner Zwingers folgt ein matter und greisenhafter
+Klassizismus, in hellenistischen Großstädten ebenso wie im Byzanz von
+900 und im Empire des Nordens. Ein Hindämmern in leeren, ererbten, in
+archaistischer oder eklektischer Weise vorübergehend wieder belebten
+Formen ist das Ende. Gewaltsam in Szene gesetzte „Stile“ und exotische
+Entlehnungen sollen den Mangel an Schicksal, an innerer Notwendigkeit
+ersetzen. Halber Ernst und fragwürdige Echtheit beherrschen das
+Künstlertum. In diesem Falle befinden wir uns heute. Es ist ein
+langes Spielen mit toten Formen, an denen man sich die Illusion einer
+lebendigen Kunst erhalten möchte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_14">14</h4>
+
+</div>
+
+<p>Erst wenn man sich von der Täuschung jener antiken Kruste befreit hat,
+die mit einer solchen archaistischen und eklektischen Fortsetzung
+innerlich längst erstorbener Kunstübungen den jungen Orient in der
+Kaiserzeit überlagert; wenn man in der altchristlichen Kunst und in
+allem, was in der spätrömischen wirklich lebendig ist, die Frühzeit
+des <em class="gesperrt">arabischen</em> Stils erkannt hat; wenn man in der Epoche
+Justinians I. das genaue Seitenstück des spanisch-venezianischen Barock
+wiederfindet, wie es unter den großen Habsburgern Karl V. und Philipp
+II. Europa beherrschte; in den Palästen von Byzanz mit ihren mächtigen
+Schlachtenbildern und Prunkszenen, deren längst<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> untergegangene
+Pracht höfische Literaten wie Prokop von Cäsarea in euphuistisch
+schwülstigen Reden und Versen feiern, Madrid, Rubens und Tintoretto;
+erst dann gewinnt das bisher als Einheit nicht begriffene Phänomen der
+arabischen Kunst — das volle erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung
+umfassend — Gestalt. Da es an entscheidender Stelle im Bilde der
+Gesamtkunstgeschichte steht, so hat das bisher waltende Mißverständnis
+die Erkenntnis der organischen Zusammenhänge überhaupt verhindert.</p>
+
+<p>Merkwürdig und für den, der hier einen Blick für bisher unbekannte
+Dinge gewonnen hat, ergreifend ist es zu sehen, wie diese junge Seele,
+vom Geist der antiken Zivilisation in Fesseln gehalten, unter den
+Eindrücken vor allem der politischen Allmacht Roms es nicht wagte,
+sich frei zu regen, wie sie demütig sich veralteten und fremden Formen
+unterwarf und sich mit griechischer Sprache, griechischen Ideen und
+Kunstelementen zu bescheiden suchte. Die inbrünstige Hingabe an die
+Mächte der jungen Tageswelt, wie sie die Jugend <em class="gesperrt">jeder</em> Kultur
+bezeichnet, die Demut des gotischen Menschen in seinen frommen,
+hochgewölbten Räumen mit den Pfeilerstatuen und lichterfüllten
+Glasgemälden, die hohe Spannung der ägyptischen Seele inmitten ihrer
+Welt der Pyramiden, Lotossäulen und Reliefsäle am Nil mischt sich
+<em class="gesperrt">hier</em> mit einem geistigen Niederknien vor erstorbenen Formen, die
+man für ewig hielt. Daß ihre Herübernahme und Weiterbildung trotzdem
+nicht gelang, daß wider Willen und unvermerkt, ohne den Stolz der
+Gotik auf das Eigne, das man hier, im Syrien der Kaiserzeit, fast
+beklagte und als Verfall empfand, eine geschlossene neue Formenwelt
+emporstieg und mit ihrem Geiste — unter der Maske griechisch-römischer
+Baugewohnheiten — selbst Rom erfüllte, wo <em class="gesperrt">syrische</em> Meister am
+Pantheon und den Kaiserforen arbeiteten, das beweist wie kein zweites
+Beispiel die Urkraft eines jungen Seelentums, das seine Welt erst noch
+zu erobern hat.</p>
+
+<p>Die Seelengeschichte dieser Frühzeit erzählt die Basilika, der Typus
+der morgenländischen Kirche, von ihrer heute noch rätselhaften
+Abkunft aus späthellenistischen Formen bis zu ihrer Vollendung im
+Zentralkuppelbau der Hagia Sophia. Sie ist von Anfang an, und darin
+liegt das magische Weltgefühl, als <em class="gesperrt">Innenraum</em><span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> gedacht. Der
+antike Tempel war bis zuletzt ein <em class="gesperrt">Körper</em>. Aber man kann
+diese früharabische Kunst nicht verstehen, wenn man sie, wie es
+heute geschieht, durchaus als altchristliche behandelt und auf die
+produktiven Grenzen dieser Glaubensgemeinschaft beschränkt. Man müßte
+dann auch die Kunst des Mithras-, Isis-, Sonnenkultus, der Synagoge
+des Neuplatonismus zunächst für sich, nach Architektur, Symbolik
+und Ornament behandeln und dann aus der Gruppe dieser Äußerungen
+<em class="gesperrt">eines und desselben</em> Kunstwollens das Früharabische als Einheit
+destillieren. Aber die Macht der antiken Vormundschaft hat es beinahe
+niemals ganz rein hervortreten lassen. Die frühchristlich-spätantike
+Kunst zeigt dieselbe ornamentale und figürliche Mischung von ererbtem
+Fremden und eben geborenem Eignen wie die karolingisch-frühromanische.
+Dort mischt sich Hellenistisches mit Frühmagischem, hier
+Maurisch-Byzantinisches mit Faustischem. Der Forscher muß Linie für
+Linie, Ornament für Ornament auf das Formgefühl hin untersuchen, um
+die beiden Schichten voneinander zu trennen. In jedem Architrav,
+jedem Fries, jedem Kapitäl findet ein heimliches Ringen zwischen dem
+gewollten alten und den ungewollten, aber siegreichen neuen Formen
+statt. Überall wirkt das Sichdurchdringen späthellenistischen und
+früharabischen Formgefühls verwirrend, in den Bildnisbüsten der Stadt
+Rom, wo oft nur die Haarbehandlung der neuen Formweise angehört, in den
+Akanthusranken oft ein und desselben Frieses, wo die Arbeit des Meißels
+und des Tiefbohrers nebeneinander stehen, in den Sarkophagen des 2.
+Jahrhunderts, wo eine primitive Stimmung in der Art Giottos und Pisanos
+sich mit einem gewissen späten großstädtischen Naturalismus, bei dem
+man etwa an David oder Carstens denkt, kreuzt, und in Bauten wie dem
+von einem Syrer erbauten Pantheon — der Urmoschee! —, der Basilika
+des Maxentius und dem Trajansforum neben manchen noch sehr antik
+empfundenen Teilen der Thermen und Kaiserfora, dem Forum des Nerva z.&#8239;B.</p>
+
+<p>Trotzdem ist das arabische Seelentum um seine Blüte betrogen worden,
+wie ein junger Baum, den ein gestürzter Urwaldstamm im Wachsen hindert
+und verkümmern läßt. Hier findet sich keine leuchtende Epoche, die als
+solche gefühlt und erlebt wurde wie damals, als mit den Kreuzzügen
+zugleich die<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Holzdecken der Dome sich zu Kreuzgewölben schlossen und
+die Idee des unendlichen Raumes durch ihr Inneres verwirklicht und
+vollendet wurde. Die politische Schöpfung Diokletians — des ersten
+Kalifen — wurde durch die Tatsache in ihrer Schönheit gebrochen, daß
+es die ganze Masse stadtrömischer Verwaltungspraktiken war, die er,
+auf antikem Boden, als gegeben anerkennen mußte und die sein Werk zu
+einer bloßen Reform verjährter Zustände herabsetzte. Und doch tritt
+mit ihm die Idee des arabischen Staates ans Licht. Erst aus ihm und
+dem politischen Typus des eben damals entstandenen Sassanidenreiches
+zusammen läßt sich das Ideal ahnen, das hier zur Entfaltung hätte
+kommen sollen. Und so war es überall. Man hat bis zum heutigen Tage
+als letzte Schöpfungen der Antike bewundert, was sich selbst nicht
+anders aufgefaßt wissen wollte: Das Denken Plotins und Mark Aurels,
+die Kulte der Isis, des Mithras, des Sonnengottes, die diophantische
+Mathematik und die gesamte Kunst, welche die Renaissance nachher unter
+Ausscheidung alles echt Griechischen als „antik“ wieder aufleben läßt.</p>
+
+<p>Dies allein erklärt die ungeheure Vehemenz, mit welcher die durch
+den Islam endlich befreite und entfesselte arabische Kultur sich auf
+alle Länder warf, die ihr seit Jahrhunderten innerlich zugehörten,
+das Zeichen einer Seele, die fühlt, daß sie keine Zeit zu verlieren
+hat, die voller Angst die ersten Spuren des Alters bemerkt, bevor sie
+eine Jugend hatte. Diese Befreiung des magischen Menschentums ist ohne
+Gleichen. Syrien wird 634 erobert, man möchte sagen <em class="gesperrt">erlöst</em>,
+Damaskus 635, Ktesiphon 637. 641 wird Ägypten und Indien erreicht,
+647 Karthago, 676 Samarkand, 710 Spanien; 732 stehen die Araber vor
+Paris. So drängt sich hier in der Hast weniger Jahre die ganze Summe
+aufgesparter Leidenschaft, verspäteter Schöpfungen, zurückgehaltener
+Taten zusammen, mit denen andre Kulturen, langsam aufsteigend, die
+Geschichte von Jahrhunderten füllen konnten. Die Kreuzfahrer vor
+Jerusalem, die Hohenstaufen in Sizilien, die Hansa in der Ostsee,
+die Ordensritter im slawischen Osten, die Spanier in Amerika, die
+Portugiesen in Ostindien, das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht
+unterging, die Anfänge der englischen Kolonialmacht unter Cromwell
+— das alles sammelt<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> sich in der <em class="gesperrt">einen</em> Entladung, welche die
+Araber nach Spanien, Frankreich, Indien und Turkestan führte.</p>
+
+<p>Es ist wahr: Alle Kulturen mit Ausnahme der ägyptischen und vielleicht
+der chinesischen haben unter der Vormundschaft älterer Kultureindrücke
+gestanden; fremde Elemente erscheinen in jeder dieser Formenwelten.
+Die faustische Seele der Gotik, schon durch die arabische Herkunft des
+Christentums in der Richtung ihrer Ehrfurcht geleitet, griff nach dem
+reichen Schatz spätarabischer Kunst. Das Arabeskenwerk einer unleugbar
+südlichen, ich möchte sagen <em class="gesperrt">Arabergotik</em> umspinnt die Fassaden
+der Kathedralen von Burgund und der Provence, beherrscht die Sprache
+des Straßburger Münsters mit einer Magie in Stein und führt überall, an
+Statuen und Portalen, in Gewebemustern, Schnitzereien, Metallarbeiten,
+nicht zum wenigsten in den krausen Figuren des scholastischen Denkens
+und einem der höchsten abendländischen Symbole, der Sage vom heiligen
+Gral,<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a> einen stillen Kampf mit dem nordischen Urgefühl einer
+<em class="gesperrt">Wikingergotik</em>, wie sie im Innern des Magdeburger Domes, der
+Spitze des Freiburger Münsters und der Mystik Meister Eckarts herrscht.
+Der Spitzbogen droht mehr als einmal seine bindende Linie zu sprengen
+und in den Hufeisenbogen maurisch-normannischer Bauten überzugehen.</p>
+
+<p>Die apollinische Kunst der dorischen Frühzeit, deren erste Intentionen
+fast verschollen sind, hat ohne Zweifel ägyptische Formen wie den Typus
+der frontalen Statue und das Motiv der Säulenreihe herübergenommen, um
+an ihnen zu einer eignen Symbolik zu gelangen. Nur die magische Seele
+wagte es nicht, die Mittel sich anzueignen, ohne sich ihnen hinzugeben,
+und das macht die Psychologie des arabischen Stils so unendlich
+aufschlußreich.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Seele_15">15</h4>
+
+</div>
+
+<p>So erwächst aus der Idee des Makrokosmos, die im Stilproblem
+vereinfacht und faßlicher vor Augen tritt, eine Fülle von Aufgaben,
+deren Behandlung der Zukunft angehört. Die<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> Formenwelt der Künste für
+eine Durchdringung des Seelischen nutzbar zu machen, indem man sie
+durchaus physiognomisch und symbolisch auffaßt, ist ein Unternehmen,
+dessen bisher gewagte Versuche von unverkennbarer Dürftigkeit sind.
+Man weiß nichts von einer wirklichen Psychologie der architektonischen
+Grundformen. Man ahnt nicht, welche Aufschlüsse in dem Bedeutungswandel
+liegen, den eine solche Form bei der Übernahme durch eine andere
+Kultur erfährt. Die Seelengeschichte der Säule ist noch nie erzählt
+worden. Man hat keinen Begriff von der Tiefe einer Symbolik der
+Kunst<em class="gesperrt">mittel</em>, der Kunstwerkzeuge. Ich deute hier nur einzelnes
+an, um diese Fragen einer späteren Erörterung vorzubehalten.</p>
+
+<p>Da sind die Mosaiken, die in hellenischer Zeit, aus Marmorstücken,
+undurchsichtig, leibhaft-euklidisch gebildet, wie die berühmte
+Alexanderschlacht in Neapel den Fußboden verzierten, die aber mit dem
+Erwachen der arabischen Seele, nunmehr aus Glasstiften zusammengesetzt
+und mit einer Unterlage von Goldschmelz, die Wände und Decken der
+Kuppelbasiliken gleichsam verhüllen. Diese früharabische, von Syrien
+ausgehende Mosaikmalerei entspricht durchaus der Stufe nach den
+Glasgemälden gotischer Dome; es sind zwei frühe Künste im Dienste der
+religiösen Architektur. Die eine weitet den Kirchenraum durch das
+einströmende Licht zum Weltraum, die andere verwandelt ihn in jene
+magische Sphäre, deren Goldflimmer aus der irdischen Wirklichkeit
+zu den Visionen Plotins, des Origenes, der Manichäer, Gnostiker und
+Kirchenväter und der apokalyptischen Dichtungen — von der des Johannes
+bis zu der des Styliten Ephraim im 4. Jahrhundert — entrückt.</p>
+
+<p>Da ist das prachtvolle Motiv der <em class="gesperrt">Verbindung des Rundbogens mit
+der Säule</em>, ebenfalls eine <em class="gesperrt">syrische</em> Schöpfung des 3. —
+„hochgotischen“ — Jahrhunderts. Die eminente Bedeutung dieses
+<em class="gesperrt">spezifisch magischen</em> Motivs, das allgemein als antik gilt und
+für die meisten die Antike geradezu repräsentiert, ist bisher nicht im
+entferntesten erkannt worden. Der Ägypter hatte seine Pflanzensäulen
+ohne tiefere Beziehung zur Decke gelassen. Sie repräsentierten das
+Wachstum, nicht die Kraft. Die Antike, für welche die monolithe Säule
+das stärkste Symbol euklidischen Daseins war, ganz Körper, ganz
+Einheit und Ruhe, verband sie in strengem Gleichmaß von Vertikale
+und Horizontale, von Kraft und Last, mit dem Architrav. Hier<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> aber
+— das von der Renaissance mit tragikomischem Irrtum als echt antik
+<em class="gesperrt">bevorzugte</em> Motiv, das die Antike gar nicht besaß und nicht
+<em class="gesperrt">besitzen konnte</em>! — wächst unter Verleugnung des stofflichen
+Prinzips der Last und Trägheit der lichte Bogen aus schlanken Säulen
+auf; die hier verwirklichte Idee der Lösung von aller Erdenschwere
+ist mit der gleichzeitigen der frei über dem Boden schwebenden Kuppel
+aufs tiefste verwandt, ein magisches Motiv von stärkster Kraft des
+Ausdrucks, das seine Vollendung folgerichtig im maurischen „Rokoko“
+der Moscheen, z.&#8239;B. der von Cordova fand, wo überirdisch zarte Säulen,
+oft ohne Basis aus dem Boden wachsend, nur durch einen geheimen
+Zauber fähig erscheinen, diese ganze Welt zahlloser gekerbter Bögen,
+leuchtender Ornamente, Stalaktiten und farbensatter Gewölbe zu tragen.
+Man kann, um die ganze Bedeutung dieser architektonischen Grundform der
+arabischen Kunst herauszuheben, die Verbindung von Säule und Architrav
+das apollinische, die von Säule und Rundbogen das magische, die von
+Pfeiler und Spitzbogen das faustische Leitmotiv nennen.</p>
+
+<p>Nehmen wir ferner die Geschichte des Akanthusmotivs. In der Form,
+wie es z.&#8239;B. am Lysistratesdenkmal erscheint, ist es eines der
+bezeichnendsten der antiken Ornamentik. Es hat Körper. Es bleibt
+Einzelding. Es ist mit <em class="gesperrt">einem</em> Blick in seiner Struktur zu
+erfassen. Schon in der Kunst der römischen Kaiserfora (des Nerva,
+des Trajan), am Mars-Ultortempel erscheint es schwerer und reicher.
+Die organische Gliederung wird so kompliziert, daß sie in der Regel
+studiert sein will. Die Tendenz, die Fläche zu <em class="gesperrt">füllen</em>,
+tritt hervor. In der byzantinischen Kunst — von deren „latentem
+sarazenischem Zuge“ schon A. Riegl spricht, ohne den hier aufgedeckten
+Zusammenhang zu ahnen — wird das Akanthusblatt in ein unendliches
+Rankenwerk zerlegt, das wie in der Hagia Sophia völlig unorganisch
+ganze Flächen deckt und überzieht. Zu dem antiken Motiv treten
+die ursemitischen des Weinlaubs und der Palmette, die schon im
+altjüdischen Ornament eine Rolle spielen. Die Flechtbandmuster
+„spätrömischer“ Mosaikfußböden und Sarkophagkanten, auch geometrische
+Flächenmuster werden aufgenommen und endlich entsteht in Syrien und
+dem Sassanidenreich bei steigender Bewegtheit und verwirrender Wirkung
+die <em class="gesperrt">Arabeske</em>. Sie ist, antiplastisch<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> bis zum Äußersten, das
+eigentlich magische Motiv. Selbst unkörperlich, entkörpert sie den
+Gegenstand, den sie in endloser Fülle überzieht. Ein Meisterwerk dieser
+Art, ein Stück Architektur, das völlig der Ornamentik unterworfen ist,
+stellt die Fassade des von den Ghazaniden erbauten Wüstenschlosses
+M’schatta (jetzt in Berlin) dar. Die über das ganze Abendland
+verbreitete und das Karolingerreich völlig beherrschende Kunst
+byzantinisch-islamitischen Stils wird größtenteils von orientalischen
+Künstlern gepflegt oder als Ware importiert. Ravenna, Lucca, Venedig,
+Granada sind die Wirkungszentren dieser damals hochzivilisierten
+Formensprache, die in Italien noch um 1000 ausschließlich galt, als im
+Norden die Formen einer neuen Kultur schon fertig und gefestigt waren.</p>
+
+<p>Endlich die veränderte plastische Auffassung des menschlichen Körpers.
+Sie erfährt mit dem Siege des arabischen Weltgefühls eine völlige
+Umkehrung. Fast in jedem Römerkopfe der vatikanischen Sammlung, der
+zwischen 100 und 250 entstanden ist, läßt sich der Gegensatz von
+apollinischem und magischem Gefühl, zwischen der Fundamentierung
+des Ausdruckes in der Lagerung der Muskelpartien oder im „Blick“
+feststellen. Man arbeitet — in Rom selbst seit Hadrian — vielfach
+mit dem Steinbohrer, einem Werkzeug, das dem euklidischen Gefühl dem
+Stein gegenüber völlig widerspricht. Das Körperhafte, Stoffliche des
+Marmorblocks wird durch die Arbeit mit dem Meißel, der die Grenzflächen
+heraushebt, bejaht, durch den Bohrer, der die Flächen bricht und damit
+Helldunkelwirkungen schafft, verneint. Dementsprechend erlischt,
+gleichviel ob bei „heidnischen“ oder christlichen Künstlern, der Sinn
+für die Erscheinung des nackten Körpers. Man betrachte die flachen und
+leeren Antinousstatuen, die doch entschieden antik gemeint waren. Hier
+ist nur der Kopf physiognomisch bemerkenswert, was in der attischen
+Plastik nie der Fall ist. Die Gewandung erhält einen ganz neuen Sinn,
+der die Erscheinung schlechthin beherrscht. Die Konsularstatuen auf
+dem Kapitol sind vorzügliche Beispiele. Durch die gebohrten Pupillen
+der ins Weite gerichteten Augen wird der gesamte Ausdruck dem Körper
+entzogen und in jenes „pneumatische“, magische Prinzip gelegt, das der
+Neuplatonismus und die Beschlüsse der christlichen Konzilien nicht
+weniger als die Mithrasreligion und der stadtrömische Isiskult im
+Menschen voraussetzen.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> Wir wissen heute, daß der Dichter dieser Iliaspartie
+mykenische Kunstwerke vor Augen hatte, deren Sinn er vielfach falsch
+verstand.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> So wirkt die Angst noch in späten Zuständen. Alle
+furchtsamen Menschen sind konventionell. Alle sozialen Konventionen
+repräsentieren die Furcht eines Standes vor dem Unvorhergesehenen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Auch die sozialen Konventionen spätester Zeiten haben
+den Charakter eines Opfers nicht ganz verloren. In der französischen
+Verfassungsgeschichte seit 1789 liegt ein Schatten der Fabel vom Ring
+des Polykrates.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> Die syrischen Sonnenkulte gehören wie der Mithras- und
+Serapiskult neben dem Urchristentum zu den früharabischen Religionen
+magischen Stils. Außer dem Tempel von Baalbek, der trotz völlig antiker
+Details mit seinen Innenhöfen als Ganzes einen neuen Baugedanken, ein
+neues Weltgefühl ausdrückt, hatten auch das Serapeion zu Milet und die
+große Synagoge zu Alexandria eine hohe formale Verwandtschaft mit dem
+altchristlichen Basilikentypus.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> Es steht mir außer Zweifel, daß die Griechen, als
+sie vom Antentempel zum Peripteros kamen, zur selben Zeit, wo die
+Rundplastik sich ebenfalls an unzweifelhaft ägyptischen Vorbildern
+vom Reliefmäßigen emanzipierte (Apoll von Tenea), unter dem mächtigen
+Eindruck ägyptischer Säulen<em class="gesperrt">reihen</em> standen. Das läßt die Tatsache
+unberührt, daß das Motiv der antiken Säule und die antike Verwendung
+des Reihenprinzips etwas vollkommen Selbständiges sind.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Die Klarheit in der Anlage der ägyptischen und
+abendländischen Geschichte gestattet einen bis ins einzelne gehenden
+Vergleich, der wohl einer kunsthistorischen Untersuchung wert wäre. Die
+4. Dynastie des strengen Pyramidenstils (2930–2750, Cheops, Chephren)
+entspricht der Romanik und Frühgotik (900–1100); die 5. Dynastie
+(2750–2625, Sahu-rê) der Hochgotik (1100 bis 1250); die 6. Dynastie,
+die Blütezeit der archaischen Bildniskunst (2625 bis 2475, Phiops I.
+und II.) der späten Gotik (1250–1400).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> Wie die vornehme Welt des 18. Jahrhunderts die
+vollkommene, leichte und selbstverständliche Beherrschung guter Formen
+genoß.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> Die Gralssage enthält neben altkeltischen starke
+arabische Gefühlsmomente, aber die Gestalt Parzevals, dort, wo Wolfram
+von Eschenbach über sein Vorbild Chrestien hinausgeht, ist rein
+faustisch.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="VIERTES_KAPITEL"><span class="s6">VIERTES KAPITEL</span><br>
+MUSIK UND PLASTIK</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p>
+
+<h3 id="Viertes_Kapitel_I">I<br>
+DIE BILDENDEN KÜNSTE</h3>
+
+<h4 id="Kuenste_1">1</h4>
+
+<p>Am Anfang einer Betrachtung, für die nicht Entstehung und Sinn von
+Kunstwerken, sondern von Kunstgattungen Problem ist, wird eine
+Andeutung dessen notwendig, was unter Kunstform verstanden werden soll,
+insofern es sich nämlich nicht um Mittel und Ziele des persönlichen,
+bewußten Kunstwollens, sondern um den Drang ganzer Zeitalter handelt,
+der sich in <em class="gesperrt">einer</em> Richtung bewegt, die niemand kennt und will
+und der jeder Einzelne trotzdem unterworfen ist. Definitionen und
+ästhetische Thesen sind hier gleich unzulänglich. Wer auch das Wort
+Kunstform gebrauchte, hat nicht hindern können, daß jeder dabei an
+etwas anderes dachte. Es gibt ohne Zweifel überall, wo eine lebendige
+Kunst ausgeübt wird, eine gewisse Summe formaler Grundsätze, nenne
+man sie Kanon, Tradition, Schule, die gelehrt und gelernt werden
+kann, deren Beherrschung Meisterschaft verleiht und deren Entwicklung
+mancher ausschließlich im Auge hat, wenn er seinem Buche den Titel
+Kunstgeschichte gibt. Ästhetik und Philosophie haben sich immer darin
+gefallen, dies kommensurable Element in ein System zu bringen.</p>
+
+<p>Das eigentliche Geheimnis der Form scheint auf diesem Wege aber eher
+verfehlt als erreicht. Ein Kunstwerk ist etwas Unendliches. Es enthält
+die ganze Welt in sich. Es ist, wenn es überhaupt Bedeutung besitzt und
+nicht lediglich ein gewolltes und geleistetes Stück Arbeit darstellt,
+ein Mikrokosmos, unerschöpflich im ganzen und begreiflich nur in den
+vordersten Einzelheiten. Was man an ihm durch den Verstand erfassen
+und also in ein System bringen kann, gehört zur Oberfläche.<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> Wäre es
+nicht der eigentliche Sinn der großen Schulen, mit und unter dem Schatz
+mitteilbarer Fertigkeiten noch etwas ganz anderes weniger zu vererben
+als zu erwecken, so wäre ihre tatsächlich entscheidende Bedeutung —
+denn ohne Konvention gibt es keine Kunst — kaum verständlich.</p>
+
+<p>Eine ganz andre Form, Form der Seele, wenn man das Unbeschreibliche so
+bezeichnen darf, steckt in dem, was die Leute „Inhalt“ nennen. „Ich
+litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens,“ heißt
+es im Wilhelm Meister, in den Bekenntnissen einer schönen Seele. Es
+gibt, nicht nur im Bereich der Kunst, Form, die aus der Angst, und
+Form, die aus der Sehnsucht stammt. Die eine bannt, indem sie Namen
+nennt und Regeln auferlegt, die andere offenbart. Für jene ist die
+sinnliche Empfindung Substanz, für diese Medium. Es gibt Künstler, die
+nur eine von ihnen in der Gewalt haben. Jean Paul ist arm an Form,
+sobald man an die denkt, welche Racine mit Meisterschaft handhabt. Bei
+Beethoven droht die eine die andre ständig zu vernichten.</p>
+
+<p>Es gibt eine stets gewordne, also wirkliche, und eine ewig werdende,
+also unwirkliche Form.<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a> Die erste, starre, bedingt das Dasein alles
+schon Vollendeten, alles dessen, was im Bereiche der natürlichen Welt
+„ist“. Die Grundregeln einer Fuge oder plastischen Gruppe liegen der
+<em class="gesperrt">Erscheinung</em> der einzelnen Kunstwerke für das Auge oder Ohr in
+genau derselben Art a priori zugrunde, wie Kants Anschauungsformen
+und Verstandeskategorien der Erscheinung der natürlichen Dinge.
+Diese <em class="gesperrt">elementare</em> Gestalt, der „Körper“ des Werkes, kausalen
+Prinzipien — der „künstlerischen Logik“ — unterworfen, durch die
+jedes Kunstwerk der Wirklichkeit, dem Inbegriff alles Begrenzten und
+Gesetzten angehört, ist wie alles Wirkliche vergänglich. Es gibt
+keine „unsterblichen Meisterwerke“. Die letzte Orgel, die letzte
+Stradivariusgeige wird endlich einmal zertrümmert sein. Die ganze
+Zauberwelt unsrer Sonaten, Trios, Sinfonien, Arien, deren Formensprache
+samt der ganzen Fülle eigens für sie erfundener<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> und nur zur
+faustischen Seele redender Instrumente erst vor wenigen Jahrhunderten
+entstand, für uns und aus uns heraus, wird wieder verstummen und
+verschwinden. Denn was wissen wir von der indischen, der chinesischen
+Musik und den seelischen Erschütterungen, die ihre Regeln weckten? Die
+höchsten Momente Beethovenscher Melodik und Harmonik, für uns, die
+Eingeweihten, wundervoll, sind für alle fremden und kommenden Kulturen
+ein törichtes Gekrächz, das mit sonderbaren Instrumenten hervorgerufen
+wurde. Von den Fresken Polygnots ist nichts geblieben, und das erspart
+uns die Notwendigkeit, sie mißzuverstehen. Die Bauten der Maya,
+sicherlich Meisterwerke für die Generationen ihrer Erbauer, sind für
+uns Kuriositäten, nicht mehr, und dasselbe werden das Straßburger
+Münster, der Palazzo Farnese, Radierung, Kupferstich, Reim und Drama
+für spätere Menschen sein. Die Leinwand, auf die Rembrandt und Tizian
+ihre tiefsten Schöpfungen malten, geht der Vernichtung entgegen, aber
+noch früher vielleicht der Rest von Menschen, für die diese Gemälde
+mehr als eben bunte Leinwand sind. Was sind für den Fellachen Ägyptens
+und den indischen Kuli die Pyramidentempel und die Veden ihrer
+Vorfahren? Was wissen wir von der Wirkung griechischer Verse auf die
+Menschen ihrer Zeit? Was da vernichtet wird und vernichtet werden kann,
+indem es aufhört, für die Seele irgendeines Menschen noch Wirklichkeit
+zu sein und Sinn zu haben, ist <em class="gesperrt">gewordene</em> Form.</p>
+
+<p>Alles dies berührt die andre nicht, die in stetem Werden sich
+erschließt, die eigentlich lebendige, die Gestalt der Seele. Auch
+ein Kunstwerk hat Seele: es ist das Seelentum überhaupt, jenseits
+der Grenze von Raum, Grenze und Zahl. Diese Gestalt bedarf keiner
+Wirklichkeit, um zu sein. Sie entsteht und vergeht nicht. Selbst die
+verlornen — aus dem sinnlichen, natürlichen Dasein verschwundenen
+— Tragödien des Äschylus sind noch, nicht in ihrer geschriebenen
+oder gesprochnen Form, nicht als körperhafte Werke, nicht für das
+Tagesbewußtsein irgendeines Menschen, aber in einer Wesenheit, die
+unzerstörbar ist. Es ist dies ein Mysterium, das alle Worte nur
+unzulänglich und falsch ausdrücken können. Deshalb haftet, aus einem
+sehr tiefen Zusammenhange, an der körperhaften Erscheinung der
+größten Kunstwerke etwas Fragmentarisches, ohne daß die Mehrzahl
+der<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Betrachter sich dessen bewußt würde. Nach außen hin, für den
+Kunstverstand, für die Sinne, mögen sie vollendet sein, nach innen
+sind sie es nie und man fühlt in gewissen Stunden, weshalb es so sein
+muß. Das gilt nicht nur von Lionardos Gemälden und Goethes Faust und
+Meister; auch Rembrandts Radierungen haben etwas Suchendes, nichts
+„Fertiges“; die Musik des Tristan fragt und fragt, ohne zu antworten;
+der Hamlet ist nicht weniger Torso als der Sturm und das Wintermärchen;
+Kleist hat den Robert Guiskard immer wieder verbrannt und Dostojewski
+die Brüder Karamasow und Raskolnikow unvollendet gelassen, im sichren
+Bewußtsein der Unzulänglichkeit <em class="gesperrt">jeder</em> Verwirklichung der
+Idee. Von allen Künstlern und Dichtern, die über ihre Wirksamkeit
+Rechenschaft ablegten, wissen und sehen wir, wie vieles Entwurf und
+Idee — innere Gestalt — blieb, nur weil die Möglichkeit einer
+wirklichen, natürlichen, äußeren Form nicht erschien. Fertig zu
+werden, vollkommen abgeschlossen und beendet, nicht nur geendet zu
+sein, ist das Kennzeichen von Werken geringeren Ranges; eine Sache
+der Übung, der Erfahrung, des spezifischen Talents. Diese Form ruft
+den Typus des Virtuosen und den des Kenners hervor. Die andre ist
+ein mystisches Erlebnis, über das weder der echte Künstler noch der,
+für den er schafft, Gewalt hat. Der letztere vollendet <em class="gesperrt">sich</em>,
+der erstere vollendet <em class="gesperrt">seine Werke</em>. In den Händen des einen
+erfahren die technischen Mittel, die sich eine Kultur gewählt hat, ihre
+höchste Vervollkommnung; der andre ist selbst Mittel in den Händen des
+Schicksals einer Kultur.</p>
+
+<p>Was Sätze nicht deutlicher sagen können, mag vielleicht so
+versinnbildlicht werden:</p>
+
+<figure class="figcenter illowe30" id="p301_schema">
+ <img class="w100" src="images/p301_schema.jpg" alt="Schema zur Einheit von
+ Dasein, Kunst und Künstler">
+</figure>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_2">2</h4>
+
+</div>
+
+<p>Das Weltgefühl des höheren Menschen hat seinen symbolischen Ausdruck,
+wenn man von den mathematischen und physikalischen Vorstellungskreisen
+absieht, am deutlichsten in den bildenden Künsten gefunden, deren
+es unzählige gibt. Auch die Musik gehört dazu und hätte man ihre
+sehr verschiedenen Arten in die abstrakten Erwägungen über den
+Gang der Kunstgeschichte einbezogen, anstatt sie vom Gebiet der
+malerisch-plastischen Künste zu trennen, so wäre man im Verstehen
+dessen, um was es sich in dieser Entwicklung auf ein Ziel hin überhaupt
+handelt, sehr viel weiter gekommen. Aber man wird den Gestaltungsdrang,
+der hier seiner selbst unbewußt am Werke ist, niemals begreifen, wenn
+man die Unterscheidung optischer und akustischer Mittel für mehr
+als äußerlich hält. Das ist es <em class="gesperrt">nicht</em>, was Künste voneinander
+scheidet. Die Kunst des Auges und Ohres — damit ist gar nichts gesagt.
+Die physiologischen Bedingungen des Ausdrucks, der Empfängnis, der
+Vermittlung hat nur das 19. Jahrhundert überschätzen können. So wenig
+ein Bild von Lorrain und Watteau sich im eigentlichen Sinne an das
+leibliche Auge wendet, so wenig die Musik seit Bach an das leibliche
+Ohr. Das antike Verhältnis zwischen Kunstwerk und Sinnesorgan, an das
+hier immer, und zwar durchaus nicht in richtiger Weise gedacht wird,
+ist ein ganz anderes, viel einfacheres und stofflicheres als das
+unsrige. Wir <em class="gesperrt">lesen</em> Othello und Faust, wir studieren Partituren,
+um den Geist dieser Werke ganz rein auf uns wirken zu lassen. Hier wird
+von den äußeren<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> Sinnen immer an den inneren, die Einbildungskraft
+appelliert. Der unendliche Szenenwechsel gegenüber der antiken Einheit
+des Ortes ist nur so zu verstehen. Im extremen Falle, wie gerade beim
+Faust, ist eine den Gehalt des Ganzen erschöpfende, reale Wiedergabe
+gar nicht möglich. Aber auch in der Musik, bei Mozart, bei Beethoven,
+bei Wagner erleben wir <em class="gesperrt">hinter</em> dem sinnlichen Eindruck eine ganze
+Welt andrer, in der erst alle Fülle und Tiefe zum Vorschein kommt
+und über die sich nur in übertragenen Bildern — denn die Harmonik
+zaubert uns da blonde, braune, düstre, goldige Farben, Dämmerungen,
+Gipfelreihen ferner Gebirge, Gewitter, Frühlingslandschaften,
+versunkene Städte, seltsame Gesichter hin — reden läßt. Es ist kein
+Zufall, daß Beethoven seine letzten Werke geschrieben hat, als er taub
+war. Damit hatte sich gleichsam die letzte Fessel gelöst. Für diese
+Musik ist Sehen und Hören <em class="gesperrt">gleichmäßig</em> eine Brücke zur Seele,
+nicht mehr. Dem Griechen ist diese visionäre Art des Kunstgenießens
+ganz fremd. Er <em class="gesperrt">betastet</em> den Marmor mit dem Auge. Auge und Ohr
+sind für ihn Empfänger des <em class="gesperrt">ganzen</em> gewollten Eindrucks. Uns waren
+sie es schon in der Gotik nicht mehr.</p>
+
+<p>In Wirklichkeit sind Töne etwas Zahlenmäßiges so gut wie Linien;
+Harmonien, Melodien, Reime, Rhythmen, so gut wie Perspektive,
+Proportion, Schatten und Kontur. Der Abstand zwischen zwei Arten
+von Malerei kann unendlich viel größer sein als der zwischen einer
+gleichzeitigen Malerei und Musik. Gegenüber einer Statue des Myron
+gehören eine Landschaft von Rembrandt und die Pastoralsinfonie von
+Beethoven zu ein und derselben Kunst. Ihre <em class="gesperrt">innere</em> Formensprache
+ist in dem Grade identisch, daß der Unterschied optischer und
+akustischer Mittel dagegen verschwindet.</p>
+
+<p>Der Wert, welchen die Kunstwissenschaft von jeher auf eine reinliche
+begriffliche Abgrenzung der einzelnen Kunstgebiete gelegt hat, beweist
+lediglich, daß man in die Tiefe des Problems nicht eingedrungen ist.
+Vor allem hat die Pedanterie der Systematiker und das oberflächliche
+Bedürfnis nach bequemer Einteilung den Erfolg kunstphilosophischer
+Arbeiten verdorben. Nach den alleräußerlichsten Kunstmitteln das
+unendliche Gebiet in vermeintlich stationäre Einzelkünste — mit
+unwandelbaren<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> Formprinzipien! — aufzulösen, das war immer der erste
+Schritt. Man trennte Musik und Malerei, Musik und Drama, Malerei und
+Plastik; dann definierte man „die“ Malerei, „die“ Plastik, „die“
+Tragödie. Aber das greifbare Resultat technischer Ausdrucksmittel ist
+nicht viel mehr als die <em class="gesperrt">Maske</em> des eigentlichen Werkes. Stil ist
+nicht, wie der flache Semper — ein echter Zeitgenosse Darwins und des
+Materialismus — meinte, das Produkt von Material, Technik und Zweck.
+Er ist im Gegenteil das, was dem Kunstverstand gar nicht zugänglich
+ist, ein Schicksal, eine Atmosphäre des Geistigen. Er hat mit den
+materiellen Grenzen der Einzelkünste nicht das geringste zu schaffen.</p>
+
+<p>Eine Einteilung der Künste nach Konventionen rein technischer Art
+zugrunde legen, heißt also, das Problem der Form von vornherein
+verderben. Wie konnte man „die Plastik“ a priori als Gattung ansetzen
+und aus ihr allgemeine Grundgesetze entwickeln wollen? Was ist
+„Plastik?“ Was unterscheidet sie von einem gemalten Relief? <em class="gesperrt">Die</em>
+Malerei — das gibt es nicht. Wer nicht fühlt, daß Handzeichnungen von
+Raffael und Tizian, von denen der eine mit Umrissen, der andre mit
+Licht- und Schattenflecken arbeitet, zu zwei verschiedenen Künsten
+gehörten, daß die Kunst Giottos oder Mantegnas und die Vermeers oder
+Van Goyens kaum etwas miteinander zu tun haben, daß der eine mit
+dem Pinselstreich eine Art Relief, der andre eine Art Musik auf der
+farbigen Fläche ins Leben rief, während ein Fresko Polygnots und ein
+ravennatisches Mosaikgemälde nicht einmal durch das Werkzeug der
+Gattung eingefügt werden können, der wird die tieferen Fragen nie
+begreifen. Die Ölmalerei und Instrumentalmusik von 1720 sind der innern
+Gestalt, dem Formgefühl nach beinahe identisch. Watteau gehört zu
+Couperin und Ph. Em. Bach, nicht zu Raffael. Und was hat eine Radierung
+Rembrandts mit der Kunst Fra Angelicos, was ein proto-korinthisches
+Vasengemälde mit einem gotischen Domfenster, was ein ägyptisches Relief
+mit denen des Parthenon zu tun?</p>
+
+<p>Wenn eine Kunst Grenzen hat — Grenzen ihrer Formenwelt —, so sind
+es <em class="gesperrt">historische</em>, nicht technische oder physiologische. Eine
+Kunst ist ein Organismus, kein System. Es gibt keine Kunstgattung,
+die durch alle Jahrhunderte geht. Selbst wo technische Traditionen
+— wie im Falle der Renaissance —<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> den Blick zunächst täuschen und
+von einer ewigen Gültigkeit antiker Kunstgesetze zu zeugen scheinen,
+herrscht in der Tiefe völlige Fremdheit. Es gibt <em class="gesperrt">nichts</em> in der
+griechisch-römischen Kunst, was mit der Formensprache einer Statue
+Donatellos, einem Gemälde Signorellis, einer Fassade Michelangelos
+verwandt wäre. <em class="gesperrt">Innerlich</em> verwandt mit dem Quattrocento ist
+ausschließlich die gleichzeitige Gotik. Kunstgattungen gehen flüchtig
+vorüber und kehren nie zurück. Jede Kultur hat ihre eignen, die
+<em class="gesperrt">Gruppe</em> ihrer eignen, deren Theorie und Technik sogar ein Symbol
+ihres Menschentums ist. Es gibt apollinische, magische, faustische
+Arten von Künsten, denen gegenüber der Unterschied von Flächen- und
+Körperkunst zur Nebensache herabsinkt. Griechische Musik steht der
+griechischen Plastik tausendmal näher als der Kunst Palestrinas.
+Was man heute farbig nennt — eine Imagination des Räumlichen durch
+Farbentöne — wäre einem Maler der sikyonischen Schule unverständlich
+gewesen. Das Ursymbol zweier Kulturen ist es, das die „gleichzeitigen“
+Gemälde Polygnots und Rembrandts trennt: im Fresko eine statuenhafte
+und euklidische Nebeneinanderstellung massiv farbiger Flächen, im
+Ölbilde eine kontrapunktische Durchdringung mittels des Pinselstrichs.</p>
+
+<p>Der Begriff der Form erfährt hier eine mächtige Erweiterung. Nicht
+nur das technische Werkzeug, nicht nur der Stoff, <em class="gesperrt">die Wahl der
+Kunstgattung selbst</em> ist ein Mittel des Ausdrucks. Was für den
+einzelnen Künstler die Schöpfung eines Hauptwerkes, für Rembrandt die
+Nachtwache, für Wagner die Meistersinger bedeuten, eine Epoche nämlich,
+das bedeutet für die Lebensgeschichte einer Kultur die Schöpfung einer
+Kunstart, als Ganzes begriffen, wie die der freistehenden griechischen
+Statue, des Kontrapunkts, des byzantinischen frontalen Porträts, des
+perspektivischen Ölgemäldes. Jede dieser Künste ist ein Organismus
+für sich, ohne Vorgänger und Nachfolger, wenn man vom Äußerlichsten
+absieht. Alle Theorie, Technik, Konvention gehört zu ihrem Charakter
+und besitzt nichts Ewiges und Allgemeingültiges. Wann eine dieser
+Künste beginnt, wann sie erlischt, ob sie erlischt, ob sie in eine
+andre verwandelt wird, warum die eine oder andre unter den Künsten
+einer Kultur fehlt, das alles gehört noch mit zur Form im höchsten
+Sinne,<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> ebenso wie jene andre Frage, warum der einzelne Maler oder
+Musiker — ohne sich dessen bewußt zu sein — auf bestimmte Farbentöne
+und Harmonien Verzicht leistet und andre so bevorzugt, daß man ihn
+daran erkennt.</p>
+
+<p>Die Theorie, auch noch die der Gegenwart, hat die Bedeutung dieser
+Gruppe von Fragen nicht erkannt. Und trotzdem gibt erst diese Seite
+einer Physiognomik der Künste den Schlüssel zu ihrem Verständnis.
+Man hat bis jetzt alle Künste — unter Voraussetzung der erwähnten
+„Einteilung“ — ohne irgendwelche Nachprüfung dieser schwerwiegenden
+Frage für möglich gehalten, immer und überall, und wo die eine oder
+andre fehlte, schrieb man es dem zufälligen Mangel an schöpferischen
+Persönlichkeiten oder an Förderung durch Umstände und Mäcene zu, die
+geeignet waren, die Kunst „auf ihrem Wege weiter zu führen“. Das ist
+es, was ich die Übertragung des physikalischen Kausalitätsprinzips aus
+der Welt des Gewordnen auf die Welt des Werdens nannte. Weil man kein
+Auge für die ganz andersartige Logik und Notwendigkeit des Lebendigen,
+für das <em class="gesperrt">Schicksal</em>, hatte, zog man materielle, handgreifliche,
+an der Oberfläche liegende Ursachen heran, um eine materielle Folge
+von kunsthistorischen Ereignissen zu konstruieren. Aber es gibt keine
+Geschichte <em class="gesperrt">der</em> Kunst, <em class="gesperrt">der</em> Architektur, <em class="gesperrt">der</em> Musik,
+<em class="gesperrt">des</em> Dramas. Die Auswahl der innerhalb einer Kultur möglichen
+Künste — von denen <em class="gesperrt">niemals</em> eine auch in einer andern Kultur
+möglich ist —, ihr Rang, ihr Umfang, ihre Schicksale: das gehört zur
+Symbolik, zur Psychologie der Kultur und <em class="gesperrt">nicht</em> zu den Folgen
+irgendwelcher Ursachen.</p>
+
+<p>Es war gleich zu Anfang auf die flache Vorstellung einer linienhaften
+Fortentwicklung „der Menschheit“ durch Altertum, Mittelalter und
+Neuzeit hingewiesen worden, die uns für das wahre Bild der Historie und
+seine Struktur blind gemacht hat. Die Kunstgeschichte ist ein besonders
+deutliches Beispiel. Nachdem man das Vorhandensein einer Anzahl
+konstanter und wohldefinierter Kunstgebiete als selbstverständlich
+angenommen hatte, entwarf man die Geschichte dieser Einzelgebiete
+nach dem ebenso selbstverständlichen Schema Altertum — Mittelalter
+— Neuzeit, wobei z.&#8239;B. die indische und ostasiatische Kunst keinen
+Platz fanden, ohne daß jemandem an dieser Folge die Sinnlosigkeit<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> der
+Konstruktion aufgegangen wäre: Dieses Schema wollte und mußte nun mit
+Tatsachen um jeden Preis ausgefüllt sein. Man konstatierte unbedenklich
+ein sinnloses Auf und Nieder. Man sprach von Zeiten des Stillstandes
+als „natürlichen Pausen“, von „Zeiten des Niedergangs“ dort, wo in
+Wirklichkeit eine große Kunst starb, von „Zeiten der Wiedergeburt“,
+wo für den unbefangenen Blick ganz deutlich eine <em class="gesperrt">andre</em> Kunst
+in einer andern Landschaft und als Ausdruck eines andern Menschentums
+geboren wurde. Man lehrt noch heute, daß die Renaissance eine
+Wiedergeburt der Antike gewesen sei. Man folgerte endlich daraus die
+Möglichkeit und das Recht, Künste, die man schwach oder schon tot
+fand — die Gegenwart ist da ein wahres Schlachtfeld — durch bewußte
+Neubildungen und Synthesen, durch gewaltsame „Wiederbelebungen“
+neuerdings in Gang zu bringen.</p>
+
+<p>Aber gerade die Frage, weshalb eine große Kunst — das attische
+Drama mit Euripides, die florentinische Plastik mit Michelangelo,
+die Instrumentalmusik mit Liszt und Wagner — mit einer als Symbol
+wirkenden Plötzlichkeit zu enden pflegt, ist geeignet, das Phänomen
+dieser Künste zu erleuchten. Man sehe genau zu und man wird sich
+überzeugen, daß von der „Wiedergeburt“ auch nur <em class="gesperrt">einer</em>
+bedeutenden Kunst noch nie die Rede gewesen ist.</p>
+
+<p>Wir sahen, wie die Formen einer strengen, unter dem Ursymbol des Weges
+stehenden Wirklichkeit, Pyramiden, Reliefs, Hieroglyphen, Staat und
+Technik, ein peinliches Zeremoniell und ein das gesamte wache Dasein
+beherrschender Totenkult die Sprache der ägyptischen Seele waren. Diese
+Seele besaß <em class="gesperrt">deshalb</em> keine „Literatur“, vor allem kein Drama
+großen Stils. Die arabische Seele gestaltet alles sinnlich reicher,
+zufälliger, lasziver, aber ohne Form im monumentalen Sinne und deshalb
+ebenfalls, obwohl in andrer Weise, höchst abstrakt. Da das magische
+Weltgefühl eine Logik des Wirklichen nicht kennt, so verliert die Kunst
+der Flächen und Räume die Logik der Linien und Proportionen; Malerei
+und Plastik altchristlich-byzantinischen Stils verschwinden langsam und
+der Ausdruck wird zuletzt auf die Arabeske, das sarazenische Ornament,
+reduziert.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span></p>
+
+<p>Die Arabeske ist, worüber man sich leicht täuscht — der magischen
+Schicksalsidee, dem „Kismet“ entsprechend — das <em class="gesperrt">passivste</em>
+aller Ornamente. Sie ist, obwohl aus dem im höchsten Grade sprechenden
+und bis ins einzelne plastisch geregelten, optisch übersehbaren
+antiken Ornament hervorgegangen, ohne positivern Ausdruck. Antike
+Motive wie der Mäander oder die Akanthusranke sind euklidisch, in
+sich geschlossen, körperhaft isoliert und können also nur wiederholt
+und <em class="gesperrt">additiv</em> aufgereiht werden. Arabisch-persische Muster
+aber lassen sich nach allen Seiten ins Grenzenlose fortsetzen.
+Das romanisch-gotische Ornament stellt ein Maximum an Kraft des
+Ausdrucks dar, die träumerische Arabeske verneint den Willen. Es
+geht von ihr eine suggestive Wirkung aus, die auch in der arabischen
+Musik, im arabischen Tanz liegt und die genau dem entspricht, was
+das Wort magisch bezeichnen soll. Sie ist, da man im Ornament die
+unmittelbare Handschrift eines kulturbildenden Seelentums zu erkennen
+hat, das Zeichen einer eigentlich negativen Weltgesinnung, wie die
+algebraische Zahl vom euklidischen Standpunkt aus als Negation der
+Zahl überhaupt erscheint. Die Arabeske bedeutet, was dem Weltgefühl
+des Urchristentums, der Gnosis, des Mithraskultes, des Neuplatonismus,
+der Abwendung der ersten Christen vom Staate, dem bis zum Typus
+der Styliten gesteigerten morgenländischen Einsiedlertum genau
+entspricht, eine ungeheure Entwertung des Wirklichen, dem sie die
+eigne Bedeutung abspricht und das sie — man denke an die Alhambra —
+nur eines lässigen Genusses für wert hält. Der gotische Stil löst das
+Stoffliche im Raume auf, die Arabeske läßt beides in einer Ungewissen
+Scheinbarkeit verschwimmen. Deshalb sind die Kalifenreiche in Bagdad,
+Kairo, Granada — im Vergleich zum Staat der Pharaonen und zu dem
+Ludwigs XIV. und der Hohenzollern — Negationen eines zielbewußten
+Staatsgedankens, denen gegenüber unsre Empfindung des Märchenhaften
+durchaus richtig ist; deshalb löst die Arabeskenlyrik die Architektur
+der Kuppelbauten von Ravenna zuletzt zur freien Laune der Moschee
+von Cordova auf; deshalb verschwinden die Statue und das Mosaik der
+Frühzeit und deshalb gibt es kein arabisches Drama. Es besteht eine
+Homologie zwischen der maurischen Kunst und dem Rokoko, aber Mozart,
+Pöppelmann<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> und Watteau verleihen einer heiteren, späten Sinnlichkeit
+trotz aller ätherischen Leichtheit ein Maximum an disziplinierter,
+durchgearbeiteter, streng durchdachter Form, die Erbauer des Schlosses
+M’schatta und des Alkazar von Sevilla berauben sie des Restes zugunsten
+eines phantastischen Spiels.</p>
+
+<p>Diese Tendenz, die <em class="gesperrt">alle</em> andern Künste ausschloß und zuletzt nur
+das Ornament zuließ, ist früh nachzuweisen. In der hellenistischen
+Zeit erlebt die ideale Bildnisplastik — vom Typus der Sophoklesstatue
+— allenthalben eine plötzliche Blüte, mit Ausnahme von Antiochia und
+Alexandria, obwohl gerade dort die uralte Kunst Babylons und Ägyptens
+eine bedeutende Tradition geschaffen hatte.</p>
+
+<p>Mit Mohammeds Bilderverbot erfolgt auch der Bildersturm im christlichen
+Byzanz,<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[68]</a> obwohl die Bildung menschlicher Gestalten durch die Kunst
+damals schon im Erlöschen begriffen war. Dieser symbolische Akt des
+christlich-islamischen Weltgefühls wiederholt also lediglich etwas,
+das die Formentendenz der magischen Künste durch ihre Auflösung
+in die unkörperliche, bildlose Arabeske schon verwirklicht hatte.
+Es ist darauf hinzuweisen, daß die bilderstürmerische Bewegung in
+den reformierten Niederlanden und im puritanischen England etwas
+Ähnliches verrät, daß nämlich <em class="gesperrt">die Musik im Begriff war, die Malerei
+zu überwinden</em>. Die gotisch-florentinische Plastik war im 16.
+Jahrhundert zu Ende. Die letzten großen Meister der Ölmalerei starben
+am Ende des 17. Jahrhunderts. Hier muß man fühlen, was es bedeutet,
+wenn eine Kunst stirbt. Die Weihe des <em class="gesperrt">Raumes</em>, sei er magisch
+oder faustisch, gestattet das „Bild“ nicht länger. Das Ursymbol der
+Kultur tritt mit steigender Klarheit hervor. Arabeske und Musik heben
+jede Stofflichkeit auf. Man bemerke wohl, was von den Bilderstürmern
+als unzulänglich empfunden und verbannt wird: Im Abendlande aller
+sinnliche Schmuck, alle Zieraten, alles, was „endlich“ und unräumlich
+ist; im Arabischen nur das Bildnis, als eine Herabwürdigung des
+Menschen zum Dinge. Es ist dasselbe Weltgefühl, das 449 zur endgültigen
+Trennung des monophysitischen Christentums von der morgenländischen
+Kirche führte, ein<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> Schisma, dessen landschaftliche Grenze, innerhalb
+deren es nicht wieder zu überwinden war, <em class="gesperrt">genau</em> die der spätern
+islamitischen Kultur zwischen Bagdad und Kairo war und dessen Sinn
+als dogmatische Vorform des Islam man noch in keiner Weise gewürdigt
+hat. Was damals über das Wesen der Person Christi — das magische
+Problem seiner „zwei Naturen“ — leidenschaftlich umstritten wurde,
+deckt sich durchaus mit den gefühlten oder metaphysisch entwickelten
+Einwänden, die seitdem gegen die bildliche Darstellung des Menschen
+als des Gefäßes des göttlichen Pneuma erhoben worden sind. Schon die
+Plastik und die Mosaikmalerei der späten Kaiserzeit — arabischen
+Ursprungs, wie wir gesehen haben — wies auf dies Ende hin. Der
+magische Ausdruck des konstantinischen Porträts, das den Leib durch
+den starren, alles beherrschenden <em class="gesperrt">Blick</em> gewissermaßen in seiner
+Wesenheit herabsetzte, ihn entkörperte, hatte zu einem großen Stil
+geführt, welcher dem gnostischen und plotinischen Weltgefühl entsprach.
+Er hatte an Stelle des antiken Prinzips des allseitig freistehenden
+Körpers das frontale gesetzt, das eine Beziehung zwischen dem Geiste
+des Dargestellten und dem des Betrachters schafft. Es erlosch mit der
+arabischen Frühzeit. Aus einem ebenso tiefliegenden Grunde ist die
+frühe Plastik des Abendlandes, die der Dome von Bamberg, Naumburg,
+Chartres, Reims und die der Renaissance von Florenz und Nürnberg lange
+vor Palestrinas und Tizians bester Zeit erloschen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_3">3</h4>
+
+</div>
+
+<p>Der Poseidontempel von Pästum und das Ulmer Münster, Werke der reifsten
+Dorik und Gotik, unterscheiden sich wie die euklidische Geometrie
+der körperlichen Grenzflächen und die analytische Geometrie der Lage
+von Raumpunkten in bezug auf die Raumachsen. Alle antike Baukunst
+beginnt von außen, alle abendländische von innen. Die altchristlichen
+Basiliken im innern Syrien und in Nordafrika, mit Entschiedenheit sich
+vom antiken Baugedanken abwendend, zeigen die magisch geheimnisvollen
+Schwingungen eines voll umschlossenen Raumes. Es war der erste starke
+Ausdruck einer neuen Seele. Sobald der germanische Geist diesen
+basilikalen Typus in Besitz nimmt, beginnt<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> eine wunderbare Veränderung
+aller Bauelemente nach Lage und Sinn, die strenge Ausbildung
+abgestufter Seitenschiffe und vor allem des für die Symbolik der Dome
+unendlich wichtigen Querschiffes, durch das nach dem Maße der Vierung
+eine strophische Gliederung des bewegten Rauminnern erzeugt wird.
+Hier im faustischen Norden bezieht sich von nun an die äußere Gestalt
+des Bauwerkes, und zwar vom Dom bis zum schlichten Wohnhause, auf den
+Sinn, in welchem die Gliederung des <em class="gesperrt">Innenraumes</em> erfolgt ist.
+Die Moschee verschweigt sie, der Tempel kennt sie nicht. Man hat es
+wohl nicht genügend beachtet, daß das Motiv der <em class="gesperrt">Fassade</em>, deren
+Architektur das Innere physiognomisch spiegelt und das nicht nur unsere
+großen Einzelbauten, sondern das gesamte Bild unsrer Straßen, Plätze,
+Städte beherrscht, der Antike ebenso fern liegt wie dem Arabertum.</p>
+
+<p>Der hellenische Tempel ist als massiver Körper gedacht und gestaltet.
+Eine andere Möglichkeit gab es für das hier wirkende Formgefühl nicht.
+Deshalb ist die Geschichte der antiken bildenden Kunst die unablässige
+Arbeit an der Vollendung eines einzigen Ideals gewesen, der Eroberung
+des freistehenden menschlichen Körpers als dem Inbegriff der reinen,
+dinglichen Gegenwart. Man hat das Pathos dieser durch Jahrhunderte
+verfolgten Tendenz gar nicht verstanden. Denn man hat nie gefühlt,
+daß es der rein <em class="gesperrt">stoffliche</em>, <em class="gesperrt">seelenlose</em> Körper, das σῶμα
+ist, auf den das archaische Relief, die korinthische Tonmalerei und
+das attische Fresko zielen, bis Polyklet und Phidias ihn vollkommen
+zu bewältigen gelehrt haben. Man hielt mit einer erstaunlichen
+Blindheit diese Art von Plastik für eine allgemein gültige und überall
+mögliche, für die Plastik schlechthin, und schrieb ihre Geschichte
+und Theorie, in der alle Völker und Zeiten aufgeführt wurden; und
+unsre Bildhauer reden unter dem Eindruck ungeprüft hingenommener
+Renaissancedogmen noch heute davon, daß der nackte menschliche Körper
+der vornehmste und eigentliche Gegenstand der bildenden Kunst sei.
+Man hat, wie es scheint, nie bemerkt, wie selten diese Gattung ist,
+ein Einzelfall, eine Ausnahme, nichts weniger als eine Regel. In
+Wahrheit hat es diese den nackten Leib frei auf die Ebene stellende
+und allseitig durchbildende Statuenkunst nur einmal gegeben, eben
+in der Antike, und nur dort, weil es nur diese<span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span> eine Kultur mit
+einer vollkommenen Ablehnung der Überschreitung sinnlicher Grenzen
+zugunsten des Raumes gab. Die ägyptische Statue war immer auf die
+Vorderansicht hin gearbeitet, mithin eine Abart des Flachreliefs, und
+die <em class="gesperrt">scheinbar</em> antik empfundenen Statuen der Renaissance — man
+ist über ihre geringe Zahl erstaunt, sobald man einmal daran denkt, sie
+nachzuzählen<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[69]</a> — sind nichts als eine Reminiszenz.</p>
+
+<p>Diese apollinische Plastik ist das Seitenstück zur euklidischen
+Mathematik. Sie leugnen beide den reinen Raum und sehen in der
+<em class="gesperrt">körperlichen</em> Form das a priori der Anschauung. Diese Plastik
+kennt weder in die Ferne weisende Ideen noch Persönlichkeiten noch
+historische Ereignisse, sondern nur das auf sich selbst beschränkte
+Dasein flächenbegrenzter Leiber. Man erinnere sich hier, daß das Wort
+σῶμα von den griechischen Mathematikern für stereometrische Gebilde,
+von den Physikern für Substanz, vom sophokleischen Ödipus aber als
+Bezeichnung seiner <em class="gesperrt">Person</em> gebraucht wird.</p>
+
+<p>Die Entwicklung dieser <em class="gesperrt">raumlosen</em> Kunst <i>par excellence</i>
+füllt die drei Jahrhunderte von 650–350, von der Vollendung der
+Dorik, die gleichzeitig mit dem Beginn einer Tendenz auf Befreiung
+der Figur von der frontalen ägyptischen Gebundenheit erfolgte (Apoll
+von Tenea, bald nach 650) bis zum Anbruch des Hellenismus und seiner
+Illusionsmalerei, die den großen Stil abschließt. Man wird diese
+Plastik nie würdigen können, wenn man sie nicht als letzte und höchste
+antike, <em class="gesperrt">aus der Freskomalerei hervorgegangene und sie überwindende
+Kunst</em> begreift. Gewiß läßt sich der <em class="gesperrt">technische</em> Ursprung aus
+den Versuchen ableiten, die dorische Holzsäule (Hera des Cheramyes)
+und die zur Verkleidung am Holztempel dienende Metallplatte (Artemis
+der Nikandre) figürlich zu behandeln. Als <em class="gesperrt">Formideal</em> aber folgt
+die attische Statue aus der Einzelgestalt des Fresko. Sie hat diese
+Herkunft nie verleugnet. Ihre Formensprache ist der Vierfarbenmalerei
+Polygnots aufs engste verwandt, ohne sich von deren Prinzipien je
+ganz befreit zu haben. Man denke an die polychrome Behandlung des
+Marmors — von der die Renaissance und Goethe nichts wußten und die
+sie als barbarisch<span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span> empfunden haben würden<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[70]</a> — an die Statuen aus
+Gold und Elfenbein und die Emailverzierung der im natürlichen Goldton
+leuchtenden Bronzen. Der Erzguß hat die Verwendung des bemalten Marmors
+in der besten Zeit entschieden überragt.</p>
+
+<p>Die antike Zahl — die <em class="gesperrt">Größe</em>, das <em class="gesperrt">Maß</em> — entspricht
+zunächst der Formensprache der Tonmalerei rotfigurigen Stils und
+dem späteren Fresko. Die Planimetrie insbesondere gehört zum
+strengsten Flächenstil Polygnots, der weder Licht noch Schatten noch
+perspektivische Verhältnisse kennt. Diese Kunst ist die organische
+Vorstufe der Skulptur. Sie steht nicht neben ihr. Noch um 475 gibt
+es neben Polygnot keinen ebenbürtigen Bildhauer, wie es um 1650
+neben Rembrandt noch keinen Musiker vom gleichen Range gibt. Erst
+das <em class="gesperrt">letzte</em> Jahrhundert hat in beiden Kulturen den Sieg der
+strengsten Kunst gebracht. Polyklet, der Schüler Polygnots, hat den
+<em class="gesperrt">Kanon der nackten Statue</em> geschaffen. Um 1740, als die großen
+Meister der Ölmalerei alle tot waren und Bach auf der Höhe seiner Kraft
+stand, ist der strenge <em class="gesperrt">Kanon des vierteiligen Sonatensatzes</em>
+vollendet worden. Beide bezeichnen das Maximum an Form, das aus dem
+Grunde des Ursymbols — dort des <em class="gesperrt">Körpers</em>, hier des <em class="gesperrt">Raumes</em>
+— überhaupt zu erreichen war. Beide behaupten ihre Geltung bis
+herauf auf Skopas und Beethoven, die, an der Grenze von Kultur und
+Zivilisation, dem großen Stil nicht mehr gewachsen sind. Lysippos und
+Wagner haben ihn zerstört.</p>
+
+<p>Die Pythagoräer schufen seit 540 eine Geometrie der Körper; Descartes,
+Fermat und Pascal seit 1620 eine Geometrie des Raumes. So steht die
+absolute Flächen- und Körperwirkung der attischen Vasengemälde homolog
+neben der perspektivischen Raumkunst der Ölmalerei, die Szenen der
+Françoisvase (etwa 570) neben den Landschaften Lorrains (1600 bis
+1682). Jene gestalten Menschen ohne Hintergründe, diese Hintergründe
+ohne Menschen (außer als „Staffage“). Das apollinische Tiefenerlebnis
+kennt die Ausdehnung als Körper ohne Raum, das faustische als Raum ohne
+Körper.</p>
+
+<p>Dem Fresko nächstverwandt und darum der Tendenz Rembrandts bis zum
+äußersten entgegengesetzt ist das Hochrelief,<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> eine lose Summe, keine
+beziehungsreiche Gruppe von Körpern, die durchaus stereometrisch auf
+die Rückwand aufgesetzt sind. Auch hier war Ägypten zweifellos das
+Vorbild, an dem die Sehnsucht nach Ausdruck eigner Möglichkeiten sich
+zur Klarheit der Form entwickelte. Aber die dem ägyptischen Weltgefühl
+— dem Ursymbol des <em class="gesperrt">Weges</em> — entsprechende Kunst war das
+<em class="gesperrt">Flachrelief</em> gewesen, das durch die bedeutsame Zerlegung des
+werdenden Raumes in <em class="gesperrt">Fläche und Tiefe</em>, in Sinneseindruck und
+lebendige Bewegung der Betrachtenden, religiös gesprochen in <em class="gesperrt">Zufall
+und Notwendigkeit</em>, den Wandgemälden nur Länge und Breite zugesteht,
+während durch die richtunggebende Gliederung des Bauwerks selbst die
+Tiefe, die „dritte Dimension“ repräsentiert wird. Die Folge ist, daß
+das Relief mit seinen <em class="gesperrt">fortlaufenden</em> Szenen (das antike ist immer
+<em class="gesperrt">statisch</em>) auch die geringste dreidimensionale Körperlichkeit
+vermeidet und endlich auf diesem Wege zu der bizarren Form des
+<em class="gesperrt">eingesenkten</em> Reliefs (<i>relief en creux</i>) vor allem der
+18. Dynastie gelangt, das — wenn man von einer einzigen, aber höchst
+bezeichnenden Ausnahme in der altchinesischen Kunst absieht — ohne
+Beispiel in der Welt ist und die extremste Form einer unkörperlichen,
+zweidimensionalen Plastik darstellt.</p>
+
+<p>Während die ägyptische Statue an eine Wand gelehnt war und die
+gotische, selbst die Donatellos, nur als architektonisches Motiv,
+etwa im Einklang mit einem Nischenraum, ganz zu verstehen ist, stand
+die hellenische allseitig frei auf der Ebene. Es ist das einzige,
+auch von der Renaissance nicht wiederholte Beispiel eines Kunstwerks,
+das von <em class="gesperrt">allen</em> Seiten, nicht nur von der durch den Künstler
+gewählten, betrachtet sein will. So verlangte es der Weltgedanke eines
+Kosmos, in dem alle Einzeldinge sichtbar und gleichgeordnet sind,
+ohne in ihrer Wesenheit durch irgendwelche (notwendig räumliche)
+Beziehungen beschränkt zu sein. Denn einen bestimmten Standort für
+den gewollten Eindruck voraussetzen heißt eine räumliche Beziehung
+zwischen Betrachter und Werk in dessen Formensprache legen. Die
+Geometrie Euklids aber kennt keine „Funktionen“. Auch die Giebelgruppen
+hellenischer Tempel stellen, wenn man nicht gewaltsam etwas
+hineindeuten will, lediglich die ökonomische Füllung einer Lücke mit
+Einzelmotiven dar.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p>
+
+<p>Damit enthält die Gesamtheit der antiken Künste eine gemeinsame
+Tendenz, der mit steigender Reife die Bedeutung, der Umfang und
+selbst die weitere Existenz der einzelnen unterliegt. Bei Homer ist
+von Götterstatuen keine Rede. Man sieht auch nicht, inwiefern der
+frühdorische Dipylonstil mit ihnen vereinbar wäre. Auf den altattischen
+Grabvasen erscheinen dann mythische Szenen. Die altionische Tonmalerei
+von Milet und Samos kannte Historienbilder und Schlachtenschilderungen
+(der Maler Bularchos war berühmt). Dann aber beginnt die Reduktion
+der Möglichkeiten. Die große Symbolik der apollinischen Seele
+wählt und scheidet aus. Der dorische Peripteros und die Aktstudie
+gestatten gleichwenig Variationen. Polygnot erreicht den Gipfel des
+malerischen Ausdrucks unter diesen strengen Bedingungen und erschöpft
+ihn. Seine Kunst ist rein linienhaft, ohne Übergänge, ohne Licht-
+und Schattenwirkungen, ohne Hintergrund. Er stellt auf derselben
+Bildfläche eine regellose Menge von Szenen dar, die untereinander
+keinerlei Verhältnis im Sinne einer Raumperspektive besitzen. Jeder
+Körper steht für sich da. Der Raum zwischen ihnen, die Atmosphäre ist
+das „μὴ ὄν“ und deshalb keiner malerischen Repräsentation fähig. Der
+Grieche ignoriert die Tatsache, daß ferne Dinge kleiner erscheinen;
+er ignoriert die Ferne, den Horizont überhaupt. Die Statue ist der
+Inbegriff des <em class="gesperrt">Nahen</em>, <em class="gesperrt">Raumlosen</em>, optisch zu Erschöpfenden.
+Sie bezeichnet den Schwerpunkt antiker Kunst. Das Drama wurde nach
+<em class="gesperrt">ihrem</em> Vorbilde zur Kunst der berühmten „drei Einheiten“, der
+Einheit des <em class="gesperrt">Ortes</em> vor allem, die <em class="gesperrt">ein Prinzip der Statue</em>
+ist. Die Szenen der antiken Tragödie sind durchaus als Fresken gedacht.
+Die hellenische Musik wurde zu einer Plastik von Tönen, ohne Polyphonie
+und Harmonie — die einen <em class="gesperrt">Tonraum</em> imaginieren — und damit
+als selbständige Kunst ohne tiefere Möglichkeiten. Während sie im
+Abendlande zur ersten aller Künste aufstieg, sank sie in Athen zur
+bloßen Begleiterin der andern, des Tanzes und des Dramas herab.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_4">4</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die entsprechende Phase der abendländischen Kunst füllt die drei
+Jahrhunderte von 1500 bis 1800, vom Ende der Spätgotik<span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span> bis zum Verfall
+des Rokoko und damit dem Ende des faustischen Stils überhaupt. In
+dieser Zeit hat sich, entsprechend dem immer stärker ins Bewußtsein
+tretenden Willen zur räumlichen Transzendenz, die polyphone
+Instrumentalmusik zur herrschenden Kunst entwickelt. Die Plastik wird
+mit steigender Entschiedenheit aus den tieferen Möglichkeiten dieser
+Formenwelt ausgeschieden.</p>
+
+<p>Was die Malerei vor und nach ihrer Verlagerung von Florenz nach
+Venedig, was also die Malerei Raffaels und Tizians als zwei ganz
+verschiedene Künste kennzeichnet, ist der plastische Geist in der
+einen, der ihre Gemälde neben das Relief, der musikalische Geist in der
+andern, der ihre mit sichtbaren Pinselstrichen und Schattenwirkungen
+arbeitende Technik neben die Kunst der Fuge stellt. Die Einsicht, daß
+hier ein Gegensatz, kein Übergang vorliegt, ist für das Verständnis des
+<em class="gesperrt">Organismus</em> dieser Künste entscheidend. Hüten wir uns gerade hier
+vor der Annahme stationärer „Kunstgebiete“. Malerei ist nur ein Wort.
+Die gotische Plastik und Malerei war ein Bestandteil der gotischen
+Architektur. Sie diente ihrer strengen Symbolik wie die frühägyptische,
+die früharabische, wie jede andre Kunst in diesem Stadium der Sprache
+des Steins dient. Man baute Gewandfiguren auf wie Dome. Die Falten
+waren ein <em class="gesperrt">Ornament</em> von höchster Intensität des Ausdrucks.
+Man ist auf falschem Wege, wenn man vom naturalistisch-imitativen
+Standpunkt aus ihre „Steifheit“ kritisiert. Die Renaissancemalerei
+andrerseits ist ein höchst komplizierter Sonderfall mit antigotischen
+Tendenzen auf der Oberfläche der technischen Konvention und sehr anders
+gerichteten in der Tiefe.</p>
+
+<p>Ebenso ist Musik ein vages Wort. Es gab immer und überall Musik,
+auch <em class="gesperrt">vor</em> aller eigentlichen Kultur. All diese Künste sind an
+sich bereits urmenschlich. Es gibt Zeichnungen von Eiszeitmenschen,
+szenische Spiele, Dichtungen und Musik von Naturvölkern aller Erdteile.
+Sie bilden ein Chaos wirrer Möglichkeiten, bis die Seele einer
+erwachenden Kultur hineingreift und mit Ungestüm eine gigantische
+Gruppe von Künsten großen Stils — ausnahmslos Sonderkünste und nie
+wiederkehrende Formenwelten von vorübergehendem Dasein, jung, reifend,
+alternd, sterbend, voller Konvention und Bedeutsamkeit, sämtlich
+in die<span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span> Farbe eines einzigen Ursymbols getaucht — entwickelt. Die
+antike Musik war, weil sie zum Prinzip der stofflichen Ausdehnung
+kein Verhältnis besaß, wesentlich Urmusik geblieben. Hier aber,
+in der faustischen Kultur, hebt sich als vollkommenes Novum die
+<em class="gesperrt">kontrapunktische Instrumentalmusik</em>, eine reine, selbständige,
+alle Nachbarkünste überschattende, mit steigender Kraft alle andern in
+sich auflösende Kunst von der Basis urseelenhafter Möglichkeiten ab.</p>
+
+<p>Es gibt in der Geschichte wenig Phänomene von so wunderbarer
+Durchsichtigkeit wie die Entwicklung der abendländischen Musik.</p>
+
+<p>Gleichzeitig mit der Geburt des romanischen Stils im 10. Jahrhundert
+beginnt die Polyphonie die einstimmigen Parallelfolgen der
+„Kirchentöne“ aufzulösen.<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor">[71]</a> Man schreibt die Einführung der
+Gegenstimme (<i>dis-cantus</i>) dem Benediktiner Hucbald zu. Englische
+(keltische) Einflüsse erscheinen wesentlich und ich glaube, daß hier
+eine bedeutsame Parallele zu der ebenfalls damals erfolgten Vollendung
+der Artussagen vorliegt, die einen mächtigen Teil des faustischen
+Mythus bilden — die Sagen von der Tafelrunde, vom Gral, vom Parzeval
+und Tristan. Es sind uralte keltische Motive, die von der germanischen
+Gefühls- und Gedankenwelt assimiliert werden. Man wird das Musikhafte
+dieser Stoffe, das Verschwebende der Gestalten, das Grenzenlose der
+Gefühle und Horizonte gegenüber der eng umschriebenen Plastizität der
+homerischen Welt nicht verkennen.</p>
+
+<p>Der strenge Kontrapunkt — der Name (<i>punctus contra punctum</i>)
+wird für die „<i>ars nova</i>“ etwa seit 1330 gebraucht — entsteht
+infolge der Einführung der Terzen und Sexten seit dem 14. Jahrhundert,
+und zwar in <em class="gesperrt">Burgund und den Niederlanden, der Heimat der Ölmalerei
+und des gotischen Stils</em>. Dieser gemeinsame landschaftliche Ursprung
+der drei großen faustischen Formenwelten ist von höchster Bedeutung.
+Hier rühren wir an ein letztes Geheimnis allen Menschentums: die
+Verbundenheit der Seele mit der mütterlichen Erde, aus der alte Mythen
+sie hervorgehen und zurückkehren lassen. Weiterhin<span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span> erschließt sich
+die innere Identität dieser Kunstform mit dem zugehörigen Prinzip
+der <em class="gesperrt">Zahl</em>. Die Kunst der Fuge ist das genaue Seitenstück zur
+analytischen Geometrie. Die Koordinaten wurden durch Oresme, den
+Bischof von Lisieux (1323–1382), gerade zur selben Zeit eingeführt,
+als der große Niederländer Heinrich von Zeelandia (etwa 1330–1370) den
+fugierten Stil zur sicheren Grundlage einer großen Kunst erhob. Von
+hier an erfährt die Sprache des Tonraumes in engster Nachbarschaft zu
+der des perspektivischen Bildraumes eine mächtige Entwicklung. Mit
+Orlando Lasso (1532–1594) erreicht sie ihre höchsten Möglichkeiten. Sie
+wird — im strengen Gesang, in den Formen der Kantate (Messe, Passion,
+Motette) — fähig, die ganze faustische Seele, ihr ganzes Weltgefühl,
+ihr ganzes Schicksal zum Ausdruck zu bringen.</p>
+
+<p>Als dann Newton und Leibniz — seit 1660 — die Infinitesimalrechnung
+schufen, siegte die „<i>sonata</i>“, die reine Instrumentalmusik,
+über die „<i>cantata</i>“. Es war der unendliche Raum, der Töne wie
+der Funktionen, der den Rest des Greifbaren und Körperhaften —
+hier die menschliche Stimme, dort die linienhaften Koordinaten —
+überwältigte. Die Elemente des Nahen schwinden. Die Ferne siegt. Der
+Weg vom Gesang zum körperlosen Orchesterklang entspricht dem Wege von
+der geometrischen zur rein funktionalen Analysis. Zuerst entsteht eine
+Anzahl kleiner Instrumentalsätze, tanz- und marschartig, alle jene
+Gavotten, Gaillarden, Sarabanden, Pavanen, Giguen, Menuetten. Das
+„Orchester“ bildet sich. Dann, um 1660, von der Lautenmusik ausgehend,
+entsteht als große Form die <em class="gesperrt">Suite</em>, eine zyklische Gruppe kurzer
+Sätze.</p>
+
+<p>Alle Einzelheiten dieses Aufstieges lassen sich mit Beispielen aus
+der gleichzeitigen Mathematik belegen. Die Dehnung des Tonkörpers ins
+Unendliche, seine Auflösung vielmehr in einen unendlichen <em class="gesperrt">Raum von
+Tönen</em>, innerhalb dessen der fugierte Stil seine Gebilde wirken
+läßt, wird durch die Entwicklung der <em class="gesperrt">Instrumentation</em> bezeichnet,
+die nach immer neuen Instrumenten greift, das Orchester fortgesetzt
+bereichert und differenziert, immer „entferntere“ Klänge, Farben und
+Dissonanzen aufsucht. Schon Monteverdi wagte es — bald nach 1600
+— den Dominantseptakkord einzuführen. Im <i>concerto grosso</i>
+wirkt die<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> Klangmasse des großen Orchesters im <i>continuo</i> der
+der <i>concertino</i> (des Streichkörpers) in einer Weise entgegen,
+die man beinahe nur durch analoge Vorstellungen der höheren Analysis
+anschaulich machen kann. Uns ist diese Kunst natürlich und von
+höchster seelischer Deutlichkeit. Ein Grieche würde mit Erstaunen
+diese fantastische Ausgeburt eines seltsamen Ausdrucksbedürfnisses
+betrachtet haben. Der Tonkörper oder Klangraum ist ein Gebilde von
+derselben Transzendenz und <em class="gesperrt">anti-euklidischen</em> „Unwirklichkeit“
+wie der optisch unzugängliche Zahlenkörper und die vieldimensionalen
+Räume, Mengen und Gruppen der Mengenlehre. Um 1740, als Euler begann,
+die endgültige Fassung der funktionalen Analysis festzulegen, entsteht
+die <em class="gesperrt">Sonate</em>, die reifste und höchste Form des instrumentalen
+Stils. (Einzelformen sind neben der Sonate für Soloinstrumente die
+Sinfonie, das Konzert, Ouvertüre und Quartett.) Ihre vier Sätze, deren
+erster die drei Themen in streng geregelter Abwandlung bringt, bilden
+ein System von ebenso mächtiger Logik der Form als von absoluter
+„Jenseitigkeit“. Ihr Ursprung liegt in den formalen Möglichkeiten
+unsrer innigsten und innerlichsten, der Streichmusik (Corelli,
+Tartini, Stamitz haben an ihrer Ausbildung teil), und so gewiß die
+Geige das edelste aller Instrumente ist, welche die <em class="gesperrt">faustische</em>
+Musik für sich erfand und ausbildete, so gewiß liegen ihre tiefsten,
+ihre heiligen Momente völliger Verklärung im Streichquartett und
+den verwandten Kompositionsformen. Hier, in der <em class="gesperrt">Kammermusik</em>,
+erreicht die abendländische Kunst überhaupt ihren Gipfel. Das Symbol
+des reinen Raumes, das überirdischste unter allen, ist hier ebenso
+vollkommen zum Ausdruck gelangt, wie das rein irdische, das der vollen
+Körperlichkeit, in einer attischen Bronzestatue. Wenn eine dieser
+unsagbar sehnsüchtigen Geigenmelodien einsam und klagend den Raum
+durchirrt, den die Töne des Tutti um sie breiten — bei Haydn, Mozart,
+Beethoven und den großen Italienern — so befindet man sich <em class="gesperrt">der</em>
+Kunst gegenüber, die allein der reinsten apollinischen an die Seite zu
+stellen ist, wie sie in der Athena Lemnia des Phidias erscheint.</p>
+
+<p>Damals beherrscht die Musik alle andern Künste. Sie verbannt die
+Plastik der Statue und duldet nur die vollkommen musikalische,
+raffiniert unantike und renaissancewidrige Kleinkunst<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> des Porzellans,
+das erfunden wurde, als die Kammermusik zur entscheidenden Geltung
+gelangte. Während die gotische Plastik durchaus architektonisches
+Ornament ist, menschliches Rankenwerk, ist die des Rokoko das
+merkwürdige Beispiel einer Scheinplastik, die in der Tat der
+Formensprache der Musik, ihres Gegensatzes im Kreise der Künste
+unterliegt. Hier sieht man, bis zu welchem Grade die den Vordergrund
+des Kunstlebens beherrschende Technik dem Geiste der durch sie
+geschaffenen Formenwelt widersprechen kann — zwischen welchen Faktoren
+die gewöhnliche Ästhetik das Verhältnis von Ursache und Wirkung
+annimmt. Man vergleiche die kauernde Venus des Coyzevox (1686) im
+Louvre mit ihrem antiken Vorbilde im Vatikan. Das ist Plastik als
+Musik und Plastik in ihrem eignen Namen. Man kann hier die Art der
+Bewegtheit, den Fluß der Linien, das Fließende im Wesen des Steines
+selbst, der wie das Porzellan gewissermaßen den festen Aggregatzustand
+verloren hat, am besten durch musikalische Wendungen: staccato,
+accelerando, andante, allegro, beschreiben. Daher das Gefühl, als ob
+der körnige Marmor hier nicht am Platze ist. Daher die ganz unantike
+Berechnung auf Licht und Schatten hin. Das entspricht dem leitenden
+Prinzip der Ölmalerei seit Tizian. Was man im 18. Jahrhundert
+Farbigkeit — einer Radierung, einer Zeichnung, einer plastischen
+Gruppe — nennt, bedeutet Musik. Sie beherrscht die Malerei Watteaus
+und Fragonards und die Kunst der Gobelins und Pastelle. Sprechen wir
+nicht seitdem von Farbentönen und Tonfarben? Ist damit nicht die
+endlich erreichte <em class="gesperrt">Gleichartigkeit</em> zweier oberflächlich so
+verschiedener Künste anerkannt? Und sind diese Bezeichnungen nicht
+angesichts <em class="gesperrt">jeder</em> antiken Kunst gegenstandslos? Aber die Musik
+schuf auch die Architektur des berninischen Barock in ihrem Geiste um,
+zum Rokoko, über dessen transzendenter Ornamentik Lichter — Töne —
+„spielen“, um Decken, Wände, Bögen, alles Konstruktive und Wirkliche in
+Polyphonie und Harmonie aufzulösen, dessen architektonische Triller,
+Kadenzen und Passagen die Identität der Formensprache dieser Säle und
+Galerien und der für sie erdachten Musik zu Ende führen. Dresden und
+Wien sind die Heimat dieser späten und rasch verlöschenden Wunderwelt
+der Kammermusik, der geschweiften Möbel, Spiegelzimmer,<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> Schäferpoesien
+und Porzellangruppen. Sie ist der letzte, herbsthaft sonnige,
+vollkommene Ausdruck der abendländischen Seele. Im Wien der Kongreßzeit
+starb sie dahin.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_5">5</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Renaissance ist, aus diesem Gesichtspunkt betrachtet — der sie
+bei weitem nicht erschöpft —, eine <em class="gesperrt">Auflehnung gegen den Geist
+dieser fugierten, faustischen, wälderhaften Musik</em>, die sich
+eben anschickte, ihre Diktatur über die gesamte Formensprache der
+abendländischen Kultur aufzurichten. Sie ging folgerichtig aus der
+reifen Gotik hervor, in der dieser Wille unverhüllt hervorgetreten
+war. Sie hat diese Abkunft nie verleugnet und ebensowenig <em class="gesperrt">den
+Charakter einer bloßen Gegenbewegung</em>, deren Art notwendig von
+den Formen der Urbewegung, deren Rückwirkung auf die zögernde Seele
+sie darstellt, abhängig blieb. Sie ist folgerichtig deshalb ohne
+wahre Tiefe, und zwar in beiderlei Sinne — ohne Tiefe der Idee und
+ohne Tiefe der Erscheinung. Was das erste betrifft, so braucht man
+nur an die entfesselte Leidenschaft zu denken, mit der das gotische
+Weltgefühl sich in der ganzen abendländischen Landschaft entlädt, um
+zu fühlen, was für eine Bewegung es ist, die um 1420 von einem kleinen
+Kreise erlesener Geister, Gelehrter, Künstler, Humanisten ausging.
+Dort handelt es sich um Sein oder Nichtsein eines neuen Seelentums,
+hier um eine Frage des Geschmacks. Die Gotik ergreift das ganze Leben
+bis in seine geheimsten Winkel. Sie hat einen neuen Menschen, eine
+neue Welt geschaffen. Sie hat von der Idee des Katholizismus bis zum
+Staatsgedanken der deutschen Kaiser, vom ritterlichen Turnier bis zum
+Bilde der eben entstehenden Städte, vom Dom bis zur Bauernstube, vom
+Bau der Sprache bis zum Brautschmuck der Dorfmädchen, vom Ölgemälde
+bis zum Spielmannslied allem die Sprache einer einheitlichen Symbolik
+aufgeprägt. Die Renaissance bemächtigte sich einiger Künste und damit
+war alles getan. Sie hat die Denkweise Westeuropas, das Lebensgefühl in
+nichts verändert. Sie drang bis zum Kostüm und zur Geste vor, nicht bis
+zu den Wurzeln des Daseins. Sie hat zwischen Dante und Michelangelo,
+die ihre Grenzen schon überschreiten,<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> keine geniale Persönlichkeit
+aufzuweisen. Und was das zweite betrifft, so hat sie selbst in Florenz
+das Volkstum nicht berührt, in dessen Tiefe — erst dies macht die
+Erscheinung Savonarolas und seine ganz andre Gewalt über die Gemüter
+verständlich — der gotisch-musikalische Unterstrom ruhig dem Barock
+zufließt.</p>
+
+<p>Der Renaissance als einer antigotischen und dem Geiste der
+Instrumentalmusik feindlichen Bewegung entspricht in der Antike genau
+die dionysische als eine antidorische und dem plastisch-apollinischen
+Weltgefühl entgegengesetzte. Sie ist <em class="gesperrt">nicht</em> aus dem thrakischen
+Dionysoskult hervorgegangen. Sie hat ihn erst als Waffe und Gegensymbol
+zur olympischen Religion herangezogen, ganz ebenso wie man in
+Florenz den Kult der Antike erst zur Rechtfertigung und Stärkung des
+eigenen Gefühls zu Hilfe rief. Die große Auflehnung erfolgte dort
+700–600 und <em class="gesperrt">also</em> hier 1400–1500. Es handelt sich in beiden
+Fällen um einen Seelenkampf, um einen Zwiespalt im Untergrunde der
+Kultur, der seinen physiognomischen Ausdruck in einer ganzen Epoche
+des Geschichtsbildes, vor allem in deren künstlerischer Formenwelt
+gefunden hat, um einen Widerstand der Seele gegen ihr Schicksal, das
+sie nunmehr in seinem vollen Umfange begriffen hat. Die innerlich
+widerstrebenden Mächte, <em class="gesperrt">Fausts zweite Seele, die sich von der
+andern trennen will</em>, suchen den Sinn der Kultur umzubiegen; die
+unausweichliche Notwendigkeit soll verleugnet, aufgehoben, umgangen
+werden; es ist Angst vor der Vollendung der historischen Geschicke
+durch Ionik und Barock darin. Dort knüpft sie sich an den Dionysoskult
+mit seinem <em class="gesperrt">musikalischen, entwirklichenden</em>, den Körper
+<em class="gesperrt">vergeudenden</em> Orgiasmus, hier an die literarische Tradition
+des „Altertums“ und dessen Kultus der <em class="gesperrt">Plastik</em>, die beide als
+fremde Faktoren herangezogen werden, um durch die suggestive Kraft
+ihrer gegensätzlichen Formensprache dem unterdrückten Gefühl einen
+Schwerpunkt, ein eigenes Pathos zu verleihen und damit der Strömung in
+den Weg zu treten, die dort von Homer und dem geometrischen Stil zu
+Phidias, hier von den gotischen Domen über Rembrandt zu Beethoven geht.</p>
+
+<p>Aus dem Charakter einer Gegenbewegung folgt, daß es ebenso leicht
+ist zu definieren, was sie bekämpft, als schwer, was sie erreichen
+will. Das ist die Klippe aller Renaissanceforschung.<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> Im Gotischen
+(und Dorischen) ist es gerade umgekehrt. Es kämpft <em class="gesperrt">für</em>, nicht
+<em class="gesperrt">gegen</em> etwas. Aber Renaissancekunst — das ist ganz eigentlich
+antigotische Kunst. Renaissancemusik ist eine <i>contradictio in
+adjecto</i>. Soweit ist alles klar. Das Übrige bringt in Verlegenheit.</p>
+
+<p>Denn die Beurteilung dieses Phänomens ist bezeichnend dafür, wie
+sehr man die laut ausgesprochene Absicht mit dem tieferen Sinn einer
+Bewegung verwechseln kann. Die Kritik hat seit Burckhardt jede
+<em class="gesperrt">einzelne</em> Behauptung der führenden Geister über ihre Tendenzen
+widerlegt, aber nachdem dies abgetan war, das Wort Renaissance im
+alten optimistischen Sinne weiter gebraucht. Gewiß, der Unterschied
+im Architektonischen, überhaupt im künstlerischen Gesamtbilde ist
+auffallend, sobald man über die Alpen kommt. Aber eben deshalb, weil
+diese Empfindung allzu populär ist, hätte man ihr mißtrauen und sich
+fragen sollen, ob hier nicht oft der Unterschied von <em class="gesperrt">Nord und
+Süd</em> innerhalb ein und derselben Formenwelt einen Unterschied von
+gotisch und antik vortäuscht. Der Laie wird, wenn man ihn vor die
+Frage stellt, ob der große Klosterhof von S. Maria Novella oder die
+Fassade des Palazzo Medici zur Gotik gehört, sicherlich falsch raten.
+Andernfalls hätte der plötzliche Wandel des Eindrucks nicht jenseits
+der Alpen, sondern erst jenseits des Apennins beginnen müssen, denn
+Toskana ist eine künstlerische Insel in Italien selbst. Oberitalien
+gehört einer byzantinisch gefärbten Gotik, Rom ist bereits die Stadt
+des Barock. Die Änderung der Empfindung erfolgt aber gleichzeitig
+<em class="gesperrt">mit der des Landschaftsbildes</em>.</p>
+
+<p>Tatsächlich hat Italien die Geburt des gotischen Stils nicht miterlebt.
+Es stand um 1000 unter der unbedingten Herrschaft morgenländischer
+Kunstformen. Erst die reife Gotik hat hier Wurzel gefaßt, aber als
+klimatisch gemilderte Fremdheit. Sie assimilierte oder verdrängte nicht
+etwa einen angeblichen Nachklang der Antike, sondern ausschließlich
+eine byzantinisch-sarazenische Formensprache, die von der Levante
+ausstrahlt und der Ravenna, Lucca, Pisa, Venedig, unter den
+einflußreichen Bauten das moscheenhafte Pantheon, San Marco, aber auch
+der Komposition und dem Geiste nach San Miniato und das Baptisterium in
+Florenz angehören.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p>
+
+<p>Wäre die Renaissance eine Erneuerung des antiken Weltgefühls gewesen
+— aber was heißt das? —, so hätte sie den Kultus des umschlossenen
+und rhythmisch gegliederten <em class="gesperrt">Raumes</em> durch den des <em class="gesperrt">massiven
+Baukörpers</em> ersetzen müssen. Aber davon ist nie die Rede gewesen. Im
+Gegenteil. Die Renaissance pflegt ganz ausschließlich eine Architektur
+des Raumes, den ihr die Gotik vorschrieb, nur daß sein Atem, seine
+klare, ausgeglichene Ruhe im Gegensatz zum Sturm und Drang, zur wilden
+Bewegtheit des Nordens anders ist, nämlich <em class="gesperrt">südlich</em>, sonnig,
+sorglos, hingegeben. Nur darin liegt der Widerspruch. Man kann diese
+Architektur beinahe auf <em class="gesperrt">Fassaden</em> und <em class="gesperrt">Höfe</em> reduzieren.</p>
+
+<p>Aber die Konzentration des Baugedankens auf <em class="gesperrt">eine Außenseite</em>,
+welche den Geist der innern Struktur spiegelt, ist spezifisch nordisch
+und in einer sehr tiefen Weise <em class="gesperrt">mit der Porträtkunst</em> verwandt,
+und der Hallenhof ist vom Sonnentempel zu Baalbek bis zum Löwenhof
+der Alhambra spezifisch <em class="gesperrt">arabisch</em>.<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[72]</a> Der Tempel von Pästum,
+ganz Körper, steht inmitten dieser Kunst vollkommen vereinsamt da.
+Ebensowenig ist die florentinische Plastik <em class="gesperrt">freie</em> Rundplastik
+attischer Art. Jede ihrer<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> Statuen fühlt noch eine unsichtbare
+Nische oder Wand hinter sich, in welche die gotische Plastik deren
+<em class="gesperrt">wirkliche</em> Urbilder hineinkomponiert hatte.</p>
+
+<p>Zieht man von den Vorbildern der Renaissance alles ab, was nach der
+augusteischen Zeit entstanden, also der magischen Formenwelt zugehörig
+ist, so bleibt buchstäblich nichts übrig. Nicht einmal die meist
+von Semiten entworfenen Bauten der Kaiserzeit, die Thermen, Tempel,
+Fora, haben wesentlich eingewirkt. Um so stärker wirkte Byzanz. Ich
+hatte schon auf die entscheidende Tatsache hingewiesen, daß jenes
+Motiv, welches die Renaissance geradezu <em class="gesperrt">beherrscht</em> und seiner
+Südlichkeit wegen uns als ihr edelstes Kennzeichen gilt, <em class="gesperrt">die
+Verbindung von Rundbogen und Säule</em>, allerdings höchst ungotisch,
+im antiken Stil aber gar nicht vorhanden ist, vielmehr das in Syrien
+entstandene <em class="gesperrt">Leitmotiv der magischen Architektur</em> darstellt.
+Als wirklich am Ende des Quattrocento einige Meister begannen,
+streng antike Formen zu kopieren und den Inhalt römischer Schriften
+in akademische Wirklichkeit umzusetzen, war die Bewegung innerlich
+schon zu Ende. Nicht sie hat den Norden unterworfen und das Barock
+geschaffen. Der Barockstil, der legitime Erbe des gotischen, hat ihre
+Formen als Beute sich angeeignet.</p>
+
+<p>Alles „Antigotische“, das sie heranzieht, ist demnach byzantinisch
+oder sarazenisch; der gesamte Kirchenstil Italiens — und eine
+Kunst ohne Beziehung zur Kirche ist damals kaum denkbar — stammt
+von den Sitzen <em class="gesperrt">arabischen</em> Formgefühls. Und gerade jetzt
+empfängt man vom Norden die entscheidenden Einwirkungen, welche
+im Süden den Schritt von der Gotik zum Barock vollziehen halfen.
+In der <em class="gesperrt">flämisch-burgundischen</em> Landschaft (dem Gegenpol von
+Toskana im Stilwerden!), zwischen Paris,<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[73]</a> Amsterdam und Köln sind
+<em class="gesperrt">gleichzeitig</em> um 1400 die Kunst des <em class="gesperrt">Kontrapunkts</em> und der
+<em class="gesperrt">Ölmalerei</em> entwickelt worden, jener durch Heinrich von Zeelandia,
+Dufay und Okeghem, diese durch Jan van Eyck und Rogier van der Weyden.
+1428 kam Dufay in die päpstliche Kapelle und um 1450 war Rogier in<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span>
+Italien und übte dort einen kaum zu unterschätzenden Einfluß auf die
+florentiner Meister. Antonello da Messina, der um 1470 die Ölmalerei
+nach Venedig brachte, war der Schüler eines Flamländers. Wie viel
+Niederländisches und wie wenig „Antike“ ist in den Bildern von Filippo
+Lippi, Ghirlandajo und Botticelli, vor allem von Pollaiuolo! Was
+verdankt die römische und venezianische Schule dem Meister Willaert
+aus Brügge (1516 in Rom), dem Erfinder des Madrigals! Aus Flandern und
+Brabant dringt in die lombardische Gotik, die eben im Begriffe stand,
+durch die Aneignung südöstlicher Formen in Widerspruch zum nordischen
+Geist zu treten, eben jenes Element nordischen Unendlichkeitsgefühles,
+das den künstlerischen Geist der Renaissance wieder auflösen und durch
+die Sprache des Barock in den großen Strom zurückführen sollte.</p>
+
+<p>Gerade damals führte auch Nikolaus Cusanus, Kardinal und
+Bischof von Brixen (1401–1464), das Infinitesimalprinzip, diese
+<em class="gesperrt">kontrapunktische</em> Methode der Zahlen, in die Mathematik ein,
+die er aus der Idee Gottes als des unendlichen Wesens ableitete.
+Leibniz verdankt ihm die entscheidende Anregung zur Durchführung der
+Differentialrechnung. Aber damit bereits hatte er der dynamischen, der
+Barockphysik Newtons die Waffe geschmiedet, mit der sie die statische
+Idee einer südlichen Physik, die an Archimedes anknüpfte und noch in
+Galilei wirksam war, überwand.</p>
+
+<p>Die Hochrenaissance ist der Augenblick einer <em class="gesperrt">scheinbaren</em>
+Verdrängung des Musikalischen aus der faustischen Kunst. In Florenz,
+an dem einzigen Punkte, wo die antike und die abendländische
+Kulturlandschaft aneinandergrenzen, ist während einiger Jahrzehnte
+durch einen großartigen Akt ganz eigentlich metaphysischer Auflehnung
+ein Bild der Antike aufrecht erhalten worden, das seine tieferen Züge
+ohne Ausnahme der Negation gotischer verdankte und das dennoch seine
+Gültigkeit vor unserem Gefühl, wenn auch nicht vor unserer Kritik, über
+Goethe hinaus noch heute behauptet. Das Florenz des Lorenzo de Medici
+und das Rom Leos X. — das <em class="gesperrt">ist</em> für uns antik; das ist das ewige
+Ziel unsrer geheimsten Sehnsucht; <em class="gesperrt">das</em> allein erlöst von aller
+Schwere, aller Ferne, nur weil es antigotisch ist. So streng ist der
+Gegensatz apollinischen und faustischen Seelentums ausgeprägt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span></p>
+
+<p>Aber man täusche sich nicht über den Umfang dieser Illusion. Man
+pflegte in Florenz Fresko und Relief, im Widerspruch zum gotischen
+Glasgemälde und zum arabischen Goldgrundmosaik. Es war die einzige Zeit
+des Abendlandes, wo die Skulptur den Rang einer freien Kunst einnahm.
+Im Bilde dominieren die Gruppen, die Körper, die tektonischen Elemente
+der Architektur. Die Hintergründe haben keinen eignen Wert und dienen
+nur als Folie für die greifbare Gegenwart der Vordergrundgestalten.
+Hier stand die Malerei eine Zeitlang unter der Herrschaft der
+Plastik. Verrocchio, Pollaiuolo und Botticelli waren Goldschmiede.
+Aber diese Fresken haben trotzdem nichts vom Geiste Polygnots. Hier
+wiederholt sich, was ich oben für die Architektur bemerkt hatte. Die
+große Tat Giottos und Masaccios, die Schöpfung einer Freskomalerei,
+<em class="gesperrt">scheint</em> nur eine Erneuerung der alten Fühlweise zu sein. Das
+Tiefenerlebnis, das Ideal der Ausdehnung, welches ihr zugrunde liegt,
+ist nicht der apollinische raumlose, in sich beschlossene Körper,
+sondern der <em class="gesperrt">gotische Bildraum</em>. So sehr die Hintergründe
+zurücktreten, sie sind doch da. Aber wieder ist es die Lichtfülle, die
+Durchsichtigkeit, die mittägige große Ruhe des Südens, die in Toskana
+und nur hier den dynamischen Raum zum statischen macht. Waren es auch
+<em class="gesperrt">Bildräume</em>, die man malte, so erlebte man sie doch nicht als ein
+unbegrenztes, musikalisch-webendes Sein, sondern hinsichtlich ihrer
+sinnlichen <em class="gesperrt">Begrenztheit</em>. Man gab ihnen gewissermaßen Körper.
+Man pflegte, mit einer wirklichen Nähe zum hellenischen Ideal, die
+Zeichnung, die scharfen Konturen, die körperlichen Grenzflächen — nur
+daß sie hier den <em class="gesperrt">einen</em> perspektivischen Raum gegen die Dinge,
+in Athen die einzelnen Dinge gegen das Nichts abgrenzten —; und in
+demselben Grade, als die Woge der Renaissance sich wieder glättete,
+läßt die <em class="gesperrt">Härte</em> dieser Tendenz nach und das <i>sfumato</i>
+Lionardos, das Verschwimmen der Ränder mit dem Hintergrund führt
+das Ideal einer musikalischen an Stelle einer reliefmäßigen Malerei
+herauf. Ebensowenig ist die latente Dynamik der toskanischen Skulptur
+zu verkennen. Zur Reiterstatue des Verrocchio würde man vergebens ein
+attisches Seitenstück suchen. Diese Kunst war eine <em class="gesperrt">Maske</em>, eine
+Geste, zuweilen eine Komödie, aber nie ist eine Komödie besser zu Ende
+gespielt worden. Der unsagbar innigen<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Reinheit der Form gegenüber
+vergißt man, was die Gotik an Urgewalt und Tiefe voraus hat. Aber
+es muß noch einmal gesagt werden: die Gotik ist die <em class="gesperrt">einzige</em>
+Grundlage der Renaissance. Die Renaissance hat die wirkliche Antike
+nicht einmal berührt, geschweige denn verstanden und „wiederbelebt“.
+Das unter literarischen Eindrücken stehende Bewußtsein einer sehr
+kleinen, erlesenen Klasse von Menschen hat den verführerischen Namen —
+Wiedergeburt der Antike — geprägt, um dem Negativen der Bewegung eine
+Wendung ins Positive zu geben. Er beweist, wie wenig solche Strömungen
+von sich selbst wissen. Man wird hier nicht <em class="gesperrt">ein</em> großes Werk
+finden, das die Zeitgenossen des Perikles oder selbst die Cäsars nicht
+als völlig fremd abgelehnt hätten. Diese Palasthöfe sind maurische
+Höfe; die Rundbögen auf den schlanken Säulen sind syrischen Ursprungs.
+Cimabue lehrte sein Jahrhundert, die Kunst der byzantinischen Mosaiken
+mit dem Pinsel nachzubilden. Von den beiden berühmten Kuppelbauten der
+Renaissance ist die florentiner Domkuppel Brunellescos ein Meisterwerk
+der späten Gotik, die von St. Peter eines des strengen Barock. Und als
+Michelangelo sich vermaß, hier „das Pantheon auf die Maxentiusbasilika
+zu türmen“, wählte er zwei Bauwerke vom reinsten früharabischen
+Typus. Und das Ornament — ja, gibt es denn überhaupt ein echtes
+Renaissanceornament? Ich sehe in den frühflorentinischen Motiven der
+Majano, Ghiberti, Pisano etwas sehr Nordisches. Man unterscheide doch
+an all diesen Kanzeln, Grabmälern, Nischen, Portalen die äußerliche,
+übertragbare Form — als solche ist die ionische Säule ja selbst
+ägyptischer Herkunft — vom Geist der Formensprache, der sie als Mittel
+und Zeichen einverleibt wird. Alle antiken Details sind gleichgültig,
+solange sie etwas Unantikes durch die Art ihrer Verwendung ausdrücken.
+Aber bei Donatello kommen sie auch kaum vor. Bei allen Meistern einer
+Zeit sind sie weit seltener als im hohen Barock. Ein streng antikes
+Kapitäl wird man überhaupt nicht finden.</p>
+
+<p>Und trotzdem ist für Augenblicke etwas Wunderbares erreicht worden, das
+durch Musik <em class="gesperrt">nicht</em> wiederzugeben ist, ein Gefühl für das Glück
+der vollkommenen <em class="gesperrt">Nähe</em>, für reine, ruhende, <em class="gesperrt">erlösende</em>
+Raumwirkungen in <em class="gesperrt">einfachen</em> Verhältnissen lichter<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> Gliederung,
+frei von der leidenschaftlichen Bewegtheit von Gotik und Barock. Das
+ist nicht antik; denn die Antike kennt den Raum nicht, aber es ist
+ein Traum von antikem Dasein, der einzige, den die faustische Seele
+träumen, in dem sie sich vergessen konnte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_6">6</h4>
+
+</div>
+
+<p>Und nun erst, mit dem 16. Jahrhundert, beginnt in der abendländischen
+Malerei die entscheidende Phase. Die Vormundschaft der Architektur im
+Norden, der Skulptur im Süden erlischt. Die Malerei wird polyphon, ins
+Unendliche schweifend. Die Farben werden Töne. Die Kunst des Pinsels
+wird dem Stil der Fuge unterworfen. Die Ölfarbentechnik wird zur Basis
+einer Kunst, die den <em class="gesperrt">Raum</em> imaginieren will, an den die Dinge
+sich verlieren. Mit Lionardo beginnt der Impressionismus.</p>
+
+<p>Im Gemälde vollzieht sich damit eine Umwertung aller Elemente. Der
+bis dahin gleichgültig entworfene, als Füllung angesehene, man
+möchte sagen als Raum verheimlichte Hintergrund gewinnt Bedeutung.
+Eine Entwicklung setzt ein, die in keiner andern Kultur, auch nicht
+in der sonst vielfach nahe verwandten chinesischen ihresgleichen
+hat: Der Hintergrund als das Zeichen des Unendlichen überwindet den
+sinnlich-greifbaren Vordergrund. Es gelingt endlich — das ist der
+malerische im Gegensatz zum zeichnerischen Stil —, das Tiefenerlebnis
+der faustischen Seele im Bilderlebnis restlos zu bannen. Der
+<em class="gesperrt">Horizont</em> taucht im Bilde auf als großes Symbol des ewigen
+grenzenlosen Weltraumes, der die sichtbaren Einzeldinge als Zufälle
+in sich begreift. Man hat seine Darstellung im Landschaftsgemälde
+als so selbstverständlich empfunden, daß man nie die entscheidende
+Frage gestellt hat, wo überall er <em class="gesperrt">fehlt</em> und was dieses
+Fehlen bedeutet. Man wird aber weder im ägyptischen Relief noch im
+byzantinischen Mosaik noch auf antiken Vasenbildern und Fresken, nicht
+einmal denen des Hellenismus mit ihrer Vordergrundräumlichkeit eine
+Andeutung des Horizontes finden. Der Begriff des Hintergrundes ist
+demnach auf all diese Künste gar nicht anwendbar. Diese Linie, in deren
+unwirklichem Duft Himmel und Erde verschwimmen, der Inbegriff und die
+stärkste<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> Potenz des Fernen, enthält das Infinitesimalprinzip. Man
+denke auch an die Konvergenz unendlicher Reihen. Die perspektivischen
+Fernen sind das spezifisch musikalische Element im Bilde und die
+Landschaften Van de Capelles, Van de Veldes, Cuyps, Rembrandts sind
+deshalb ganz eigentlich <em class="gesperrt">nur</em> Hintergründe, nur Atmosphären, wie
+umgekehrt „antimusikalische“ Meister wie Signorelli und vor allem
+Mantegna nur Vordergründe — „Reliefs“ — malten. In diesem Element
+siegt die Musik über die Plastik, die Kapazität der Ausdehnung über
+ihre Substanzialität. Man darf sagen, daß es in keinem Gemälde
+Rembrandts ein „vorn“ gibt. Im Norden, in der Heimat des Kontrapunkts,
+ist ein tiefes Verständnis für den Sinn des Horizontes und hell
+belichteter Fernen schon früh zu finden, während im Süden der flach
+abschließende Goldgrund arabisch-byzantinischer Bilder noch lange
+herrschend bleibt. In Miniaturen und Stundenbüchern (wie dem des
+Herzogs von Berry), bei frührheinischen Meistern taucht das reine
+Raumgefühl zuerst auf und erobert sich langsam das Tafelbild.</p>
+
+<p>Denselben symbolischen Sinn haben die Wolken, deren künstlerische
+Behandlung der Antike gleichfalls völlig versagt war und die
+von den Malern der Renaissance mit einer gewissen spielerischen
+Oberflächlichkeit behandelt wurden, während der gotische Norden sehr
+früh wundervoll mystische Fernblicke auf und durch Wolkenmassen schafft
+und die Venezianer, vor allem Giorgione und Paul Veronese, den vollen
+Zauber der Wolkenwelt, der von schwebenden, ziehenden, geballten,
+tausendfarbig belichteten Wesen erfüllten Himmelsräume erschlossen und
+die Niederländer ihn bis zum Tragischen steigerten. Greco hat die große
+Kunst der Wolkensymbolik nach Spanien gebracht.</p>
+
+<p>In der ebenfalls damals, zugleich mit der Ölmalerei und dem Kontrapunkt
+herangereiften <em class="gesperrt">Gartenkunst</em> erscheinen dementsprechend die
+langgestreckten Teiche, Buchengänge, Alleen, Durchblicke, Galerien,
+um auch im Bilde der freien Natur dieselbe Tendenz zum Ausdruck zu
+bringen, welche die von den frühen Niederländern als Grundaufgabe
+ihrer Kunst empfundene und von Brunellesco theoretisch behandelte
+Linearperspektive im Gemälde repräsentiert. Man wird finden, daß sie,
+ich möchte<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> sagen als die mathematische Weihe des durch den Rahmen
+seitlich abgegrenzten und in die Tiefe mächtig gesteigerten Bildraumes
+— Landschaft oder Interieur — gerade damals mit einer gewissen
+Absichtlichkeit zum Vortrag gebracht wurde. Das Ursymbol kündigt sich
+an. Im Unendlichen liegt der Punkt, in dem alle perspektivischen
+Linien zusammentreffen. Weil sie ihn vermied, weil sie die Ferne
+nicht anerkannte, besaß die antike Malerei keine Perspektive. Ihre
+Vasengemälde sind, als Einheit, weder Landschaft noch Innenraum,
+sondern <em class="gesperrt">Nichts</em>, τὸ μὴ ὄν. Nur das einzelne gilt. Die Menschen
+sind, jeder für sich, als σώματα, ohne Beziehung auf etwas außer ihnen
+dargestellt. Sie bilden eine Summe, keine atmosphärisch zusammengefaßte
+Totalität. <em class="gesperrt">Folglich</em> ist auch der Park, die bewußte Gestaltung
+der Natur im Sinne räumlicher Fernwirkung, innerhalb der antiken Künste
+unmöglich. Es gab in Athen und Rom keine perspektivische Gartenkunst.
+Erst die Kaiserzeit fand an orientalischen Anlagen Geschmack.</p>
+
+<p>Das bedeutsamste Element im abendländischen Gartenbilde ist mithin
+der <i>point de vue</i> der großen Rokokoparks, auf den sich ihre
+Alleen und beschnittenen Laubgänge öffnen und durch den sich der
+Blick in weite schwindende Fernen verliert. Er fehlt selbst der
+chinesischen Gartenkunst. Aber er hat ein vollkommenes Gegenstück in
+gewissen hellen, silbernen „Fernfarben“ der pastoralen Musik des 18.
+Jahrhunderts, bei Couperin z.&#8239;B. Erst der <i>point de vue</i> gibt
+den Schlüssel zum Verständnis dieser seltsamen menschlichen Art, die
+Natur der symbolischen Formensprache einer Kunst zu unterwerfen.
+Die Auflösung endlicher Zahlengebilde in unendliche Reihen ist das
+verwandte Prinzip. Wie hier die Formel des Restgliedes den letzten Sinn
+der Reihe, so ist es dort der Blick ins Grenzenlose, der dem Auge des
+faustischen Menschen den Sinn der Natur erschließt. <em class="gesperrt">Wir</em> waren
+es und nicht die Hellenen, nicht die Menschen der Hochrenaissance,
+welche die unbegrenzten Fernsichten vom Hochgebirge aus schätzten und
+suchten. Das ist eine faustische Sehnsucht. Man will <em class="gesperrt">allein</em>
+mit dem unendlichen Raume sein. Dies Symbol bis zum äußersten zu
+steigern war die große Tat der nordfranzösischen Gartenbaumeister, vor
+allem Lenôtres. Man vergleiche den Renaissancepark der mediceischen
+Zeit mit<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> seiner Übersichtlichkeit, seiner heitren Nähe und Rundung,
+dem Kommensurablen seiner Linien, Umrisse und Baumgruppen mit diesem
+geheimen Zug in die Ferne, der alle Wasserkünste, Statuenreihen,
+Gebüsche, Labyrinthe bewegt, und man findet in diesem Stück
+Gartengeschichte das Schicksal der abendländischen Ölmalerei wieder.</p>
+
+<p>Aber Ferne — das ist zugleich eine <em class="gesperrt">historische</em> Empfindung.
+<em class="gesperrt">Der Barockpark ist der Park der späten Jahreszeit</em>, des nahen
+Endes, der fallenden Blätter. Ein Renaissancepark ist für den Sommer
+und den Mittag gedacht. Er ist zeitlos. Nichts in seiner Formensprache
+erinnert an Vergänglichkeit. Erst die Perspektive ruft die Ahnung von
+etwas Vergehendem, Flüchtigem, Letztem wach.</p>
+
+<p>Schon das bloße Wort „Ferne“ hat in der abendländischen Lyrik
+aller Sprachen einen wehmütig herbstlichen Akzent, den man in der
+griechischen vergebens sucht. Die moderne Poesie der welkenden Alleen,
+der endlosen Straßenzüge unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines
+Domes, der Gipfel einer fernen Gebirgskette, verrät noch einmal, daß
+das Tiefenerlebnis, das uns den Weltraum schafft, im letzten Grunde
+die innere Gewißheit eines Schicksals, einer vorbestimmten Richtung,
+der <em class="gesperrt">Zeit</em>, des Unwiderruflichen ist. Hier, im Erlebnis des
+Horizontes als der Zukunft, tritt die Identität der Zeit mit der
+„dritten Dimension“ des <em class="gesperrt">erlebten</em> Raumes unmittelbar zutage. Es
+ist ein eminent historisches Gefühl, eine Richtung der ganzen Seele auf
+Ferne und Zukunft, das den großen Parks ihre Gestalt gab. Baudelaire,
+Verlaine und Droem haben es in Verse gebracht. Die Ägypter, darin
+uns nahe verwandt, legten es ihrer Architektur durch das Prinzip der
+zyklischen Wiederholung zugrunde; sie schufen Alleen von Lotossäulen,
+Statuen und Sphinxen. Wir haben zuletzt auch das Straßenbild der großen
+Städte dieser Grundidee des Versailler Parkes unterworfen und mächtige
+geradlinige, in der Ferne schwindende Straßenfluchten angelegt, selbst
+unter Aufopferung althistorischer Viertel — deren Symbolik jetzt die
+geringere geworden war —, während antike Weltstädte mit ängstlicher
+Sorgfalt das Gewirr krummer Gäßchen vorschoben, damit der apollinische
+Mensch sich in ihnen als Körper unter Körpern fühle. Das „praktische<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span>
+Bedürfnis“ war hier wie immer die Maske eines tiefinnerlichen Zwanges.</p>
+
+<p>Der Horizont sammelt von nun an die tiefere Form, die metaphysische
+Bedeutung des Bildes in sich. Der greifbare und mit Worten
+wiederzugebende <em class="gesperrt">Inhalt</em> — nicht Gehalt —, womit die körperliche
+Realität gemeint ist, die von der Renaissancemalerei allein betont und
+anerkannt worden war, wird nun zum <em class="gesperrt">Mittel</em>, zum <em class="gesperrt">Träger</em>
+des Ausdrucks. Bei Mantegna und Signorelli hätte der gezeichnete
+Entwurf, auch ohne die koloristische Ausführung, als Bild bestehen
+können. In einzelnen Fällen möchte man wünschen, es wäre bei den
+Kartons geblieben. In statuenhaften Kompositionen ist die Farbe
+lediglich etwas Akzidentielles. Tizian aber mußte von Michelangelo den
+Vorwurf hören, daß er nicht zu zeichnen verstünde. Der „Gegenstand“,
+eben das, was sich durch Umrißzeichnung festhalten läßt, das Nahe,
+Stoffliche, hat, künstlerisch betrachtet, seine Wirklichkeit verloren
+und von nun an herrscht in der Ästhetik, die unter den theoretischen
+Eindrücken der Renaissance stehen blieb, jener seltsame nie endende
+Streit um „Form“ und „Inhalt“ im Kunstwerk. Die Formulierung beruht
+auf einem Mißverständnis und hat den sehr bedeutenden Sinn der Frage
+verdeckt. Ob die Malerei plastisch oder musikalisch aufgefaßt werden
+solle, als Statik von Dingen oder als Dynamik des Raumes — denn
+darin liegt der Gegensatz von Fresko- und Öltechnik —, ist das
+erste, der Gegensatz apollinischen und faustischen Formgefühls das
+zweite, was zu erwägen war. Umrisse begrenzen Stoffliches, Licht und
+Schatten interpretieren den Raum. Aber das eine ist von unmittelbar
+sinnlicher Natur. Es <em class="gesperrt">erzählt</em>. Der Raum ist seinem Wesen nach
+transzendent. Er spricht zur Einbildungskraft. Er repräsentiert eine
+<em class="gesperrt">Idee</em>. Für eine Kunst, die unter seiner Symbolik steht, ist das
+erzählende Moment eine Herabsetzung und Verdunkelung der tieferen
+Tendenz, und ein Theoretiker, der hier ein Mißverhältnis zwischen
+Sollen und Wollen fühlt, aber nicht begreift, klammert sich an den
+nächstliegenden und trivialen Gegensatz von Inhalt und Form. Das
+Problem ist ein rein abendländisches und es enthüllt in einer selten
+lehrreichen Weise die vollkommene Umkehrung, die sich in der Bedeutung
+der Bildelemente mit dem Abschluß der Renaissance und der Heraufkunft<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span>
+einer Musik großen Stils vollzogen hat. Mit „Inhalt“ wird immer wieder
+der optisch-körperliche Eigenwert der dargestellten Objekte gemeint
+(worüber sich die Gegner des Impressionismus zu täuschen pflegen). Dies
+ist die <em class="gesperrt">euklidische</em> Form der Malerei, welche die Antike und also
+auch, im Rahmen der gotischen Formensprache, Florenz gepflegt hatten.
+Die Antike konnte mithin ein Problem wie das von Form und Inhalt
+gar nicht besitzen. Für eine attische Statue ist beides vollkommen
+identisch: der menschliche Leib. Der Fall der Barockmalerei wird noch
+verwickelter durch den Widerstreit des <em class="gesperrt">volkstümlichen und des
+höheren</em> Empfindens. Alles Euklidisch-greifbare ist auch populär
+und das „Altertum“ mithin die populäre Kunst <i>par excellence</i>.
+Dies ist nicht zum wenigsten der unnennbare Reiz, den alles Antike
+auf faustische Geister ausübt, die ihren Ausdruck <em class="gesperrt">erkämpfen</em>,
+der Welt abringen müssen. Hier braucht nichts erobert zu werden. Es
+gibt sich von selbst. Und etwas Verwandtes hat der antigotische Zug in
+Florenz hervorgerufen. Raffael ist populär, Rembrandt kann es nicht
+sein. Seit Tizian ist die Malerei immer esoterischer geworden, auch
+die Poesie, auch die Musik. Die Gotik — Dante, Wolfram — war es von
+Anfang an gewesen. Die große Menge der Kirchenbesucher ist gar nicht
+imstande, Motetten von Bach und Palestrina zu verstehen. Sie langweilt
+sich bei Mozart und Beethoven. Sie läßt Musik lediglich auf die
+Stimmung wirken. In Konzerten und Galerien redet man sich nur Interesse
+an diesen Dingen ein, seit die Aufklärung die Phrase von der Kunst für
+alle geprägt hat. Aber eine faustische Kunst ist nicht für alle. Das
+gehört zu ihrem innersten Wesen. Wenn die neuere Malerei sich nur noch
+an einen kleinen Kreis von Kennern wendet, der immer enger wird, so
+entspricht das der Abwendung vom gemeinverständlichen novellistischen
+Gegenstande. Damit ist dem sinnlichen Detail der Eigenwert aberkannt
+und die eigentliche Wirklichkeit dem Raume zugesprochen, <em class="gesperrt">durch</em>
+den — nach Kant — erst die Dinge <em class="gesperrt">sind</em>. Es ist seitdem ein
+schwer zugängliches metaphysisches Element in die Malerei gekommen, das
+sich dem Laien nicht preisgibt. Aber bei Phidias würde das Wort Laie
+keinen Sinn haben. Seine Plastik wendet sich ganz an das leibliche,
+nicht das geistige Auge. <em class="gesperrt">Eine raumlose Kunst</em> ist <em class="gesperrt">a priori
+unphilosophisch</em>.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p>
+
+<h4 id="Kuenste_7">7</h4>
+
+</div>
+
+<p>Hiermit hängt ein wichtiges Prinzip der <em class="gesperrt">Komposition</em> zusammen.
+Man kann im Gemälde die einzelnen Dinge unorganisch über-, neben-,
+hintereinander stellen, ohne Perspektive und Distanz, d.&#8239;h. ohne die
+Abhängigkeit ihrer Wirklichkeit von der Struktur des Raumes zu betonen,
+womit nicht gesagt ist, daß man sie leugnet. So zeichnen Naturmenschen
+und Kinder, bevor das Tiefenerlebnis als Ausdruck eines höheren
+inneren Seins die sinnlichen Welteindrücke einem ordnenden Prinzip
+unterwirft. Aber dies Prinzip ist dem Ursymbol gemäß in jeder Kultur
+ein anderes. Die uns selbstverständliche Art perspektivischer Ordnung
+ist ein Einzelfall und von keiner anderen Malerei weder anerkannt noch
+gewollt. Die ägyptische Kunst wählte grundsätzlich die Darstellung
+mehrerer gleichzeitiger Vorgänge in Reihen übereinander. So wurde die
+dritte Dimension aus dem Bildeindruck ausgeschaltet. Die apollinische
+Kunst legte mehr und mehr Gewicht auf den einzelnen Körper und stellte
+isolierte Figuren und Gruppen unter absichtlicher Vermeidung räumlicher
+und zeitlicher Beziehungen in die Bildfläche. Polygnots Fresken in der
+Lesche von Delphi waren ein berühmtes Beispiel. Ein Hintergrund, der
+die einzelnen Szenen verbunden hätte, fehlt. Er würde die Bedeutung
+der Dinge als des allein Wirklichen — gegenüber dem Raum als dem
+Nichtseienden — in Frage gestellt haben. Die Giebel des Tempels von
+Ägina und des Parthenon enthalten eine Mehrzahl von Einzelfiguren,
+keinen Organismus. Hierin empfand die Renaissance mit Notwendigkeit
+gotisch, d.&#8239;h. räumlich. Erst der Hellenismus — der Telephosfries
+des Altars von Pergamon ist das früheste erhaltene Beispiel — bringt
+das unantike Motiv der fortlaufenden Reihe, das in den Triumphsäulen
+der Kaiserzeit seltsame Blüten getrieben hat. Aber das ist bereits
+<em class="gesperrt">Verismus</em>, die spezifisch weltstädtische Art, Kunst zu machen,
+rein virtuosenhaft, ohne ein in der Tiefe wirkendes Symbol. Das ist
+außerdem <em class="gesperrt">Ägyptizismus</em>, der in dieser Zivilisation seit 300 eine
+ähnliche Rolle spielt wie der Japanismus für das 19. Jahrhundert. Man
+entlehnt exotische Formen, um einen Stil und damit die Illusion einer
+großen Kunst hervorzubringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p>
+
+<p>Die Barockmalerei ist demgegenüber an der <em class="gesperrt">einen</em> Aufgabe zur
+Höhe emporgewachsen, den <em class="gesperrt">unendlichen Raum</em> mittels der Farbe zu
+schaffen. Sie spricht den Dingen nur insofern Wirklichkeit zu, als sie
+Träger der Farbe und Zeugen atmosphärischer Lichtwirkungen sind und
+dadurch die reine, nichtstoffliche Ausdehnung zum Ausdruck bringen. Der
+Gegenstand wird zum <em class="gesperrt">Mittel</em>, das im Raum symbolisierte Weltgefühl
+zum <em class="gesperrt">eigentlichen Inhalt</em> des Gemäldes. Deshalb verschwindet
+mit dem Ende der Renaissance zugleich mit der Plastik — als einer
+weiterer Entwicklung nicht mehr fähigen Kunst — auch das Fresko und
+das Relief und an die Stelle der figurenreichen Vordergrundszenen,
+über die man den Raum vergißt, treten die „heroische Landschaft“ und
+das Interieur,<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[74]</a> die beide dem spezifischen Problem des Raumes den
+reinsten Ausdruck gestatten. Die Darstellung von Luft und Licht nimmt
+die Darstellung von Szenen lediglich zum Vorwand.</p>
+
+<p>Und nun folgt vom Ende der Renaissance an, von Orlando Lasso und
+Palestrina bis auf Wagner eine ununterbrochene Reihe großer Musiker
+und von Tizian bis auf Manet, Marées und Leibl eine Reihe großer Maler
+aufeinander, während die Plastik zur völligen Bedeutungslosigkeit
+herabsinkt. Ölmalerei und polyphone Musik durchlaufen eine organische
+Entwicklung, deren Ziel in der Gotik begriffen und im Barock
+erreicht wurde. Beide Künste — faustisch im höchsten Sinne — sind
+innerhalb dieser Grenzen <em class="gesperrt">Urphänomene</em>. Sie haben eine Seele,
+eine Physiognomie und also eine Geschichte, und zwar sie allein. Die
+Bildhauerei beschränkt sich auf ein paar schöne Zufälle im Schatten
+der Malerei, Gartenkunst oder Architektur. Aber sie sind im Bilde
+der abendländischen Kunst entbehrlich. Es gibt keinen plastischen
+Stil mehr, wie es einen malerischen und musikalischen Stil gibt.
+Es gibt so wenig eine geschlossene Tradition wie einen notwendigen
+Zusammenhang der Werke untereinander. Schon in Lionardo entsteht
+allmählich eine starke Verachtung der Bildhauerei. Er läßt höchstens
+den Bronzeguß seiner malerischen<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Qualitäten wegen gelten, im Gegensatz
+zu Michelangelo, dessen Element damals der weiße Marmor war. Aber
+auch ihm will im hohen Alter keine plastische Arbeit mehr gelingen.
+Keiner der späteren Bildhauer ist groß in dem Sinne, wie Rembrandt und
+Bach groß sind und man wird zugeben, daß sich wohl eine tüchtige und
+geschmackvolle Leistung, aber kein Werk denken läßt, das im Range neben
+der Nachtwache oder der Matthäuspassion steht und in gleicher Weise die
+Tiefe eines ganzen Menschentums erschöpft. Diese Kunst hat aufgehört,
+das Schicksal ihrer Kultur zu sein. Ihre Sprache bedeutet nichts
+mehr. Es ist völlig unmöglich, das, was in einem Bildnis Rembrandts
+liegt, in einer Büste wiederzugeben. Wenn einmal ein Bildhauer von
+einiger Bedeutung auftaucht wie Bernini, Puget oder Schlüter — es
+ist naturgemäß keiner unter ihnen, der über das Dekorative hinaus zu
+einer großen Symbolik gelangte —, so erscheint er als verspäteter
+Schüler der Renaissance (Thorwaldsen), als verkappter Maler (Houdon),
+Architekt (Bernini, Schlüter) oder Dekorateur (Pigalle) und er beweist
+durch sein Erscheinen nur noch deutlicher, daß diese eines faustischen
+Gehaltes nicht fähige Kunst keine Bedeutung, mithin keine Seele und
+keine Geschichte im Sinne einer eigentlichen Stilentwicklung mehr hat.
+Dasselbe gilt dementsprechend von der antiken Musik, die in den reifen
+Jahrhunderten der Ionik (650–350) den beiden apollinischen Künsten,
+Plastik und Freskomalerei, das Feld räumen und mit dem Verzicht
+auf Harmonie und Polyphonie auch auf den Rang einer organisch sich
+entwickelnden höheren Kunst verzichten mußte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_8">8</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die antike Malerei beschränkte ihre Palette auf gelb, rot, schwarz und
+weiß. Diese merkwürdige Tatsache ist früh bemerkt worden und hat, da
+man andere als oberflächliche und ausgesprochen materialistische Gründe
+gar nicht in Betracht zog, zu törichten Hypothesen wie der von einer
+angeblichen Farbenblindheit der Griechen geführt. Auch Nietzsche hat
+davon geredet (Morgenröte 426).</p>
+
+<p>Aber aus welchem Grunde vermied diese Malerei in ihrer besten Zeit das
+Blau und sogar noch das Blaugrün und ließ<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> erst bei den grüngelben
+und bläulichroten Tönen die Skala der erlaubten Nuancen beginnen?
+Ohne Zweifel kommt das Ursymbol der euklidischen Seele in dieser
+Beschränkung zum Ausdruck.</p>
+
+<p>Blau und Grün sind die Farben des Himmels, des Meeres, der fruchtbaren
+Ebene, der Schatten an südlichen Mittagen, des Abends und der
+entfernten Gebirge. Sie sind wesentlich atmosphärische, nicht
+gegenständliche Farben. Sie sind <em class="gesperrt">kalt</em>; sie entkörpern und rufen
+die Eindrücke des Weiten, Fernen und Grenzenlosen hervor.</p>
+
+<p>Deshalb geht, während das Fresko Polygnots sie streng vermeidet, ein
+„infinitesimales“ Blau und Grün von den Venezianern an bis ins 19.
+Jahrhundert als raumschaffendes Element durch die ganze Geschichte
+der perspektivischen Ölmalerei. Und zwar als Grundton von ganz
+überwiegendem Range, der den Gesamtsinn der Farbengebung <em class="gesperrt">trägt</em>,
+als Generalbaß, während die warmen gelben und roten Töne erst danach
+gestimmt sind. Es ist nicht das satte, freudige, <em class="gesperrt">nahe</em> Grün
+gemeint, das Raffael oder Dürer bei Gewändern gelegentlich — und
+selten genug — verwenden, sondern ein unbestimmbares, in tausend
+Schattierungen ins Weiße, Graue, Braune spielendes Blaugrün, etwas
+spezifisch Musikalisches, in das die ganze Atmosphäre vor allem
+auch auf guten Gobelins getaucht ist. Was man im Gegensatz zur
+Linearperspektive Luftperspektive genannt hat und im Gegensatz zur
+Renaissanceperspektive Barockperspektive hätte nennen können, beruht
+fast ausschließlich auf ihm. Man findet es in Italien mit steigender
+Kraft der Tiefenwirkung bei Lionardo, Guercino, Albani, in Holland
+bei Ruysdael und Hobbema, vor allem aber bei den großen Franzosen,
+von Poussin, Lorrain und Watteau an bis zu Corot. Das Blau, ebenfalls
+eine perspektivische Farbe, steht immer in Beziehung zum Dunklen,
+Lichtlosen, Unwirklichen. Es dringt nicht ein, sondern zieht in die
+Ferne. „Ein reizendes Nichts“ hat es Goethe in seiner Farbenlehre
+genannt.</p>
+
+<p>Blau und Grün sind transzendente, unsinnliche Farben. Sie fehlen im
+strengen Freskogemälde attischen Stils und <em class="gesperrt">also herrschen sie</em> in
+der Ölmalerei. Gelb und Rot, die <em class="gesperrt">antiken</em> Farben, sind die der
+Materie, der Nähe und der animalischen Gefühle. Rot ist die eigentliche
+Farbe der Sinnlichkeit; deshalb<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> ist es die einzige, die auf Tiere
+wirkt. Sie steht dem Symbol des Phallus — und also der Statue und der
+dorischen Säule — am nächsten, wie andrerseits ein reines Blau den
+Mantel der Madonna verklärt. Diese Beziehung hat sich mit tiefgefühlter
+Notwendigkeit in allen großen Schulen von selbst eingestellt. Violett
+— ein Rot, das vom Blau überwunden wird — ist die Farbe der Frauen,
+die nicht mehr fruchtbar sind und der im Zölibat lebenden Priester.</p>
+
+<p>Gelb und Rot sind die <em class="gesperrt">populären</em> Farben, die der Menge, der
+Kinder und der Wilden. Bei den Spaniern und Venezianern wählt der
+Vornehme — aus dem unbewußten Gefühl einer abweisenden Distanz —
+ein prächtiges Schwarz oder Blau. Gelb und Rot sind endlich— als die
+<em class="gesperrt">euklidischen, apollinischen</em> Farben — die des Vordergrundes,
+auch im geistigen Sinne, die einer lärmenden Geselligkeit, des Marktes,
+der Volksfeste, die des naiven Vorsichhinlebens, des antiken Fatums
+und des blinden Zufalls, des punktförmigen Daseins. Blau und Grün —
+<em class="gesperrt">faustische</em> Farben — sind die der Einsamkeit, der Sorge, der
+Beziehung des Augenblicks auf Vergangenheit und Zukunft, des Schicksals
+als der dem Weltall immanenten Fügung.</p>
+
+<p>Die Beziehung des shakespeareschen Schicksals zum Raume, des
+sophokleischen (des sinnlosen) zur Materie war oben festgestellt
+worden. Alle Kulturen von tiefer Transzendenz, alle, deren Ursymbol
+eine <em class="gesperrt">Überwindung</em> des Augenscheins, ein Leben als Kampf, nicht
+als Hinnahme von Gegebenem fordert, haben zum Raume wie zum Blau und
+Schwarz denselben metaphysischen Hang. Blau ist die Farbe der Trauer
+bei den Chinesen; auch die Farbe Werthers war blau. Es besteht für mich
+kein Zweifel, daß die attische Bühne gerade diese Farbe vermieden hat.
+Sie widerspricht dem Geiste ihrer Tragik.</p>
+
+<p>Die Symbolik der Farben kann hier nicht weiter entwickelt werden. Tiefe
+Beobachtungen über das Verhältnis zwischen der Idee des Raumes und dem
+Sinn der Farben finden sich in Goethes Studien über die entoptischen
+Farben in der Atmosphäre. Mit der von ihm in der Farbenlehre gegebenen
+Symbolik stimmt die hier aus den Ideen von Raum und Schicksal
+abgeleitete vollkommen überein.</p>
+
+<p>Die bedeutendste Verwendung eines düsteren Grün als der Farbe des
+Schicksals findet sich bei Grünewald, dessen Nächte von einer
+unbeschreiblichen Mächtigkeit des Raumes nur von<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> Rembrandt wieder
+erreicht werden. Hier gewinnt man auch den Eindruck, als ob man dies
+bläuliche Grün, dieselbe Farbe, in welche das Innere der großen Dome so
+oft gehüllt ist, als die spezifisch <em class="gesperrt">katholische</em> Farbe bezeichnen
+dürfe, vorausgesetzt, daß man allein das durch das lateranische Konzil
+von 1215 begründete und im Tridentinum endgültig fixierte nordische
+Christentum mit der Eucharistie als Mittelpunkt katholisch nennt. Diese
+Farbe steht in ihrer schweigsamen Größe sicherlich dem prunkvollen
+Goldgrunde altchristlich-byzantinischer Bildwerke ebenso fern wie
+den geschwätzig-heitren, „heidnischen“ Farben bemalter hellenischer
+Tempel und Statuen. Man beachte, daß die Wirksamkeit dieser Farbe
+<em class="gesperrt">Innenräume</em> voraussetzt im Gegensatz zum Gelb und Rot; die antike
+Malerei ist eine ebenso entschieden öffentliche wie die abendländische
+eine Atelierkunst. Die gesamte große Ölmalerei von Lionardo bis zum
+Ende des 18. Jahrhunderts ist nicht für das grelle Tageslicht gedacht.
+Hier kehrt der Gegensatz von Kammermusik und freistehender Statue
+wieder. Die oberflächliche Begründung dieses Phänomens durch das Klima
+wird, wenn es überhaupt nötig wäre, durch das Beispiel der ägyptischen
+Malerei widerlegt.</p>
+
+<p>Die zunächst bizarre Tatsache der hellenischen Vierfarbenmalerei
+ist nun erklärt. Da der unendliche Raum für das antike Lebensgefühl
+ein vollkommenes Nichts ist, so würden Blau und Grün mit ihrer
+entwirklichenden und Fernen schaffenden Kraft die Alleinherrschaft
+des Vordergrundes, der vereinzelten Körper und damit den eigentlichen
+Sinn apollinischer Kunstwerke in Frage gestellt haben. Dem Auge eines
+Atheners wäre ein Gemälde in den Farben Watteaus wesenlos und von einer
+schwer in Worte zu fassenden innern Leere und Unwahrheit erschienen.
+Durch diese irrealen Farben wird die sinnlich empfundene, das Licht
+reflektierende Fläche nicht als Grenze eines Dinges, sondern als die
+des umgebenden Raumes gewertet. Deshalb fehlen sie dort und herrschen
+sie hier.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_9">9</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die arabische Kunst hat das magische Weltgefühl durch den
+<em class="gesperrt">Goldgrund</em> ihrer Mosaiken und Tafelbilder zum Ausdruck<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span>
+gebracht. Man lernt seine verwirrend märchenhafte Wirkung und
+mithin seine symbolische Absicht aus den Mosaiken von Ravenna und
+den von lombardisch-byzantinischen Vorbildern noch stark abhängigen
+frührheinischen und vor allem norditalienischen Meistern kennen, nicht
+zum wenigsten auch durch gotische Buchillustrationen, deren Vorbilder
+die byzantinischen Purpurcodices waren. Die Seele dreier Kulturen ist
+hier an einer nahe verwandten Aufgabe zu prüfen. Die apollinische
+erkannte nur das in Ort und Zeit unmittelbar Gegenwärtige als wirklich
+an — und sie verleugnete den Hintergrund in ihren Bildwerken; die
+faustische strebte über alle sinnlichen Schranken ins Unendliche
+— und sie verlegte den Schwerpunkt des Bildgedankens mittels der
+Perspektive in die Ferne; die magische empfand alles Gewordene und
+Ausgedehnte als die Inkarnation rätselhafter Mächte — und sie schloß
+die Szene durch einen Goldgrund ab, das heißt durch ein Mittel, das
+jenseits alles Farbig-Natürlichen steht. Gold ist überhaupt keine
+Farbe. Dem Gelb gegenüber entsteht der komplizierte sinnliche Eindruck
+durch die metallische diffuse Reflexion eines an der Oberfläche
+durchscheinenden Mittels. Farben — sei es die farbige Substanz der
+geglätteten Wandfläche (Fresko) oder das mit dem Pinsel aufgetragene
+Pigment — sind natürlich; der in der Natur so gut wie nie vorkommende
+Metallglanz<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[75]</a> ist übernatürlich. Erinnern wir uns, daß als magische
+Naturforschung die <em class="gesperrt">Alchymie</em> neben der apollinischen Statik und
+der faustischen Dynamik steht. Der Goldgrund ist das Symbol eines
+nicht in Regeln zu bannenden Geheimnisses. Man denke an den „Stein der
+Weisen“. Die arabische Kultur ist die der <em class="gesperrt">Offenbarungs</em>religionen
+— des Judentums, des Christentums, des Islam. Dies wunderbare Element
+repräsentiert an dieser Stelle im Bilde, inmitten eines farbigen
+Ganzen, eine fremde Welt. Vor allem ist der Eindruck<span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span> ein völlig
+abstrakter und unorganischer. Alle wirklichen Körper sind farbig, die
+wirkliche Atmosphäre ist es auch. Das leuchtende Gold nimmt also der
+Szene, dem Leben, den Körpern ihre ontologische Wirklichkeit. Alles,
+was im Kreise Plotins und der Gnostiker über das Wesen der Dinge,
+ihre Unabhängigkeit vom Raume, ihre zufälligen Ursachen gelehrt wurde
+— für <em class="gesperrt">unser</em> Weltgefühl höchst paradoxe und unverständliche
+Ansichten —, liegt in der Symbolik dieses rätselhaften hieratischen
+Hintergrundes. Das Wesen der Körper war ein wichtiger Streitpunkt der
+Schulen von Bagdad und Basra. Suhrawardi unterschied Ausdehnung als
+das primäre Wesen des Körpers von seiner Breite, Höhe und Tiefe als
+den Akzidentien. Von Nazzâm werden den Atomen körperliche Substanz
+und das Merkmal der Raumerfüllung abgesprochen. Das alles waren
+metaphysische Probleme, die von Philo und Paulus an bis auf die
+letzten Größen der islamischen Philosophie das arabische Weltgefühl
+offenbarten. Sie spielen in den Streitigkeiten der Konzile über das
+Wesen Gottes und die Person Christi eine große Rolle. Der Goldgrund
+jener Gemälde hat also eine ausgesprochen dogmatische Bedeutung. Er
+drückt das Wesen und Walten der Gottheit aus. Er repräsentiert die
+<em class="gesperrt">arabische</em> Gestalt des christlichen Weltbewußtseins, und es
+hängt tief damit zusammen, daß diese Behandlung des Hintergrundes
+für Darstellungen aus der christlichen Legende tausend Jahre lang
+als die einzige metaphysisch, selbst ethisch mögliche und würdige
+erscheint. Als die ersten „wirklichen“ Hintergründe in der frühen
+Gotik auftauchen, mit blaugrünem Himmel, weitem Horizont und
+Tiefenperspektive, wirken sie zunächst „profan“, weltlich, und man hat
+den dogmatischen Wandel, der sich hier verriet, wohl gefühlt, wenn
+auch nicht erkannt. Wir sahen, wie gerade damals, als im lateranischen
+Konzil das <em class="gesperrt">faustische</em> — germanisch-katholische — Christentum
+zum Bewußtsein seiner selbst gelangt war, eine neue Religion im
+alten Gewande, in der Kunst der Franziskaner die perspektivische
+und farbige, den Luftraum erobernde Tendenz den ganzen Sinn der
+Malerei umgestaltete. Das abendländische Christentum verhält sich
+zum morgenländischen wie das Symbol der Perspektive zu dem des
+Goldgrundes, und das endgültige Schisma tritt in der Kirche und Kunst
+gleichzeitig<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> ein. Man begreift den landschaftlichen Hintergrund der
+Bildszene zugleich mit der <em class="gesperrt">dynamischen</em> Unendlichkeit Gottes;
+und zugleich mit den Goldgründen der kirchlichen Gemälde verschwinden
+aus den abendländischen Konzilien jene magischen, ontologischen
+Gottheitsprobleme, welche alle orientalischen wie das von Nicäa
+leidenschaftlich bewegt hatten.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Kuenste_10">10</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Venezianer haben die Handschrift des <em class="gesperrt">sichtbaren
+Pinselstrichs</em> entdeckt und als eminent raumschaffendes Motiv
+in die Ölmalerei eingeführt. Von den florentiner Meistern war die
+antikisierende und doch dem gotischen Formgefühl dienende Manier,
+durch Glättung aller Übergänge reine, scharf umrissene, ruhende
+Farbflächen zu schaffen, nie angegriffen worden. Ihre Bilder haben
+etwas <em class="gesperrt">Seiendes</em>. Erst in der sichtbar bleibenden, gleichsam nie
+erstarrenden Arbeit des Pinsels kommt ein <em class="gesperrt">historisches</em> Empfinden
+zum Vorschein. Man will im Werk des Malers nicht nur etwas sehen, das
+<em class="gesperrt">geworden</em> ist, sondern auch etwas, das <em class="gesperrt">wird</em>. Das hatte
+die Renaissance vermeiden wollen. Ein Gewandstück des Perugino erzählt
+nichts von seiner künstlerischen Entstehung. Es ist <em class="gesperrt">fertig</em>,
+gegeben, schlechthin gegenwärtig. Die einzelnen Pinselstriche, die
+man als eine vollkommen neue Formensprache zuerst in den Alterswerken
+Tizians trifft, Akzente eines Temperaments, die unvermittelt
+nebeneinander stehen, sich kreuzen, decken, verwirren, bringen eine
+unendliche Bewegtheit in das farbige Element. Auch die gleichzeitige
+geometrische Analysis läßt ihre Objekte werden, nicht sein. Jedes
+Gemälde hat eine Geschichte und verschweigt sie nicht. Vor ihm fühlt
+der faustische Mensch, daß er eine seelische Entwicklung hat. Vor jeder
+großen Landschaft eines Barockmeisters darf man das Wort „historisch“
+aussprechen, um einen Sinn in ihr zu fühlen, der einer attischen
+Statue gänzlich fremd ist. Das ewige Werden, die gerichtete Zeit, das
+dynamische Weltenschicksal ruht auch in der Melodik dieser ruhelosen
+und grenzenlosen Striche. Malerischer und zeichnerischer Stil: das
+bedeutet, von dieser Seite gesehen, den Gegensatz von historischer und
+ahistorischer Form, von Betonung oder Verleugnung des genetischen<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span>
+Moments, von Ewigkeit und Augenblick. Ein antikes Kunstwerk ist ein
+Ereignis, ein abendländisches eine Tat. Das eine symbolisiert ein
+punktförmiges Jetzt, das andere eine organische Entwicklung. Die
+Physiognomik der Pinselführung, eine völlig neue, unendlich reiche und
+persönliche, keiner andern Kultur bekannte Art von Ornamentik, ist
+spezifisch <em class="gesperrt">musikalisch</em>. Man kann etwa das <i>allegro feroce</i>
+des Franz Hals dem <i>andante con moto</i> Van Dycks gegenüberstellen.
+Von nun an gehört der Begriff des <em class="gesperrt">Tempo</em> zum malerischen Vortrag
+und er erinnert daran, daß diese Kunst die eines Seelentums ist, das
+im Gegensatz zum antiken nichts vergißt und vergessen sehen will, was
+einmal war.</p>
+
+<p>Das luftige Gewebe der Pinselstriche löst aber zugleich die sinnliche
+Oberfläche der Dinge auf. Die Konturen verschwinden im Helldunkel.
+Der Betrachter muß weit zurücktreten, um aus farbigen Raumwerten
+körperhafte Eindrücke zu gewinnen. Es ist dies buchstäblich die
+malerische Fassung der Kantschen Theorie vom Raume als der apriorischen
+Anschauungsform, durch welche die Dinge in Erscheinung treten.</p>
+
+<p>Zugleich erscheint von nun an ein Symbol höchsten Ranges im
+abendländischen Gemälde, das „<em class="gesperrt">Atelierbraun</em>“, und beginnt
+die Wirklichkeit aller Farben mehr und mehr zu dämpfen. Die
+älteren Florentiner kannten es noch nicht, so wenig wie die alten
+niederländischen und rheinischen Meister. Pacher, Dürer, Holbein sind,
+so leidenschaftlich ihre Tendenz zur räumlichen Tiefe erscheint, frei
+davon. Erst das 16. Jahrhundert gehört ihm. Dies Braun verleugnet
+seine Herkunft aus dem „infinitesimalen“ Grün der Hintergründe
+Lionardos, Schongauers und Grünewalds nicht, aber es besitzt die
+größere Macht über die Dinge. Es führt den Kampf des Raumes gegen das
+Stoffliche zu Ende. Es überwindet auch das primitivere Mittel der
+Linearperspektive mit ihrem an architektonische Bildmotive gebundenen
+Renaissancecharakter. Es steht mit der impressionistischen Technik der
+sichtbaren Pinselstriche dauernd in einer geheimnisvollen Verbindung.
+Beide lösen das greifbare Dasein der sinnlichen Welt — der Welt des
+Augenblicks und der Vordergründe — endgültig in atmosphärischen Schein
+auf. Die Linie verschwindet aus dem Bilde. Der magische Goldgrund hatte
+nur von einem rätselhaften<span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span> Jenseits geträumt, das die Gesetzlichkeit
+der Körperwelt beherrscht und durchbricht; das Braun dieser Gemälde
+öffnet den Blick in eine reine formvolle Unendlichkeit. Im Werden des
+abendländischen Stils bezeichnet seine Entdeckung einen Höhepunkt.
+<em class="gesperrt">Diese Farbe hat im Gegensatz zu dem vorhergehenden Grün etwas
+Protestantisches.</em> Der nordische abstrakte Pantheismus des 18.
+Jahrhunderts, wie ihn die Verse der Erzengel im Prolog von Goethes
+Faust ausdrücken, ist in ihm vorweggenommen. Die Atmosphäre des König
+Lear und Macbeth ist ihm verwandt. Das gleichzeitige Streben der
+instrumentalen Musik nach immer reicheren Dissonanzen, die Einführung
+der Sexte, Septime, Undezime, entspricht durchaus der neuen Tendenz in
+der Ölmalerei, von den reinen Farben aus durch die Unzahl bräunlicher
+Schattierungen und die Kontrastwirkung unvermittelt nebeneinander
+gesetzter Farbenstriche eine <em class="gesperrt">malerische Chromatik</em> zu schaffen.
+Beide Künste breiten nun durch ihre Ton- und Farbenwelten — Farbentöne
+und Tonfarben — eine Atmosphäre reinster Räumlichkeit aus, die nicht
+mehr den Menschen als Gestalt, als Leib, sondern die hüllenlose Seele
+selbst umgibt und bedeutet. Eine Innerlichkeit wird erreicht, der in
+den tiefsten Werken Rembrandts und Beethovens kein Geheimnis sich mehr
+verschließt — eine Innerlichkeit allerdings, welche der apollinische
+Mensch durch seine streng somatische Kunst <em class="gesperrt">abgewehrt</em> hatte.</p>
+
+<p>Die alten Vordergrundfarben, Gelb und Rot — die antiken Töne —
+werden von nun an seltener und immer als bewußte Kontraste zu
+Fernen und Tiefen gebraucht, die sie steigern und betonen sollen
+(außer bei Rembrandt vor allem bei Vermeer). Dies der Renaissance
+vollkommen fremde atmosphärische Braun ist die unwirklichste Farbe,
+die es gibt. Es ist die einzige „Grundfarbe“, <em class="gesperrt">die dem Regenbogen
+fehlt</em>. Es gibt weißes, gelbes, grünes, rotes, blaues Licht von
+vollkommenster Reinheit. Ein reines braunes Licht liegt außerhalb
+der Möglichkeiten unsrer Natur. Alle die grünlichbraunen, silbrigen,
+feuchtbraunen, tiefgoldigen Töne, die bei Giorgione in prachtvollen
+Nuancen erscheinen, bei den großen Niederländern immer kühner werden
+und sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlieren, entkleiden die
+Natur ihrer Realität. Darin liegt beinahe ein religiöses Bekenntnis.<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span>
+Bei Constable, dem Begründer einer <em class="gesperrt">zivilisierten</em> Malweise, ist
+es ein andres Wollen, das nach Ausdruck sucht, und dasselbe Braun, das
+er bei den Holländern studiert hatte und das damals Schicksal, Gott,
+den Sinn des Lebens bedeutete, bedeutet ihm etwas andres, nämlich
+bloße Romantik, Empfindsamkeit, Sehnsucht nach etwas Entschwundenem,
+Erinnerung an die große Vergangenheit der sterbenden Ölmalerei. Auch
+den letzten deutschen Meistern, Lessing, Marées, Spitzweg, Leibl,<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[76]</a>
+deren verspätete Kunst ein Stück Romantik, ein Rückblick und Ausklang
+ist, erschien das Braun als das kostbare Erbe der Vergangenheit,
+und sie setzten sich in Widerspruch zu den bewußten Tendenzen
+ihrer Generation — dem seelenlosen Freilichtprinzip —, weil sie
+innerlich sich von diesem Moment eines großen Stils noch nicht trennen
+konnten. In diesem noch heute nicht verstandenen Kampf zwischen dem
+Rembrandtbraun der alten und dem Freilicht der neuen Schule erscheint
+der hoffnungslose Widerstand der Seele gegen den Intellekt, der Kultur
+gegen die Zivilisation, der Gegensatz von symbolisch notwendiger und
+weltstädtisch virtuosenhafter Kunst. Von hier aus wird die tiefe
+Bedeutung dieses Braun, mit dem eine ganze Kunst stirbt, fühlbar.</p>
+
+<p>Die innerlichsten unter den großen Malern haben diese Farbe am besten
+verstanden, Rembrandt vor allem. Es ist dieses rätselhafte Braun
+seiner entscheidenden Werke, das aus dem tiefen Leuchten mancher
+gotischen Kirchenfenster, aus der Dämmerung hochgewölbter Dome stammt.
+Der satte Goldton der großen Venezianer, Tizians, Veroneses, Palmas,
+Giorgiones ist der jener alten, verschollenen Kunst, der nordischen
+Glasmalerei, von der sie nichts wußten. Auch hier ist die Renaissance
+mit ihrer körperhaften Farbenwahl nur Episode, nur ein Ergebnis der
+Oberfläche, des Allzubewußten, nicht des Faustisch-Unbewußten der
+abendländischen Seele. In diesem leuchtenden Goldbraun reichen sich
+hier, in der venezianischen Malerei, Gotik und Barock, die Kunst jener
+frühen Glasgemälde und die dunkle Musik Beethovens die Hand, gerade
+damals, als durch Willaert<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> und Gabrieli die Schule von Venedig, die
+Begründerin der weltlichen Instrumentalmusik, des Madrigals und Rondos,
+ins Leben trat.</p>
+
+<p>Braun war nunmehr die eigentliche Farbe der Seele, einer historisch
+gestimmten Seele geworden. Ich glaube, Nietzsche hat einmal von der
+braunen Musik Bizets gesprochen. Aber das Wort gilt eher von der
+Musik, die Beethoven für Streichinstrumente<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[77]</a> geschrieben hat und
+noch zuletzt von dem Orchesterklang Bruckners, der so oft den Raum
+mit einem bräunlichen Golde füllt. Alle andern Farben sind in eine
+dienende Rolle verwiesen, so das helle Gelb und der Zinnober Vermeers,
+die mit wahrhaft metaphysischem Nachdruck wie aus einer andern Welt ins
+Räumliche hereinragen, und die gelbgrünen und blutroten Lichter, die
+bei Rembrandt mit der Symbolik des Raumes beinahe zu spielen scheinen.
+Bei Rubens, der ein glänzender Künstler, aber kein Denker war, ist das
+Braun fast ideenlos, eine Schattenfarbe. (Das „katholische“ Blaugrün
+macht bei ihm und Watteau dem Braun den Rang streitig.) Man sieht, wie
+dasselbe Mittel, das in den Händen tiefer Menschen Symbol wird und
+dann die ungeheure Transzendenz der Landschaften Rembrandts, in denen
+die Entrücktheit reiner Kammermusik beinahe erreicht wird, hervorrufen
+kann, daneben großen Meistern als bloße technische Handhabe zu Gebote
+steht, daß also, wie wir eben sahen, die künstlerisch-technische
+„Form“, als Gegensatz zu einem „Inhalt“ gedacht, nichts mit der wahren
+Form großer Werke zu tun hat.</p>
+
+<p>Ich hatte das Braun eine historische Farbe genannt. Es macht die
+Atmosphäre des Bildraumes zu einem Zeichen des endlosen Werdens. Es
+übertönt die Sprache des Gewordnen in der Darstellung. Dieser Sinn
+erstreckt sich auch auf die andern<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> Farben der Ferne und führt zu einer
+weiteren höchst bizarren Bereicherung der abendländischen Symbolik.
+Die Hellenen hatten die oft noch vergoldete Bronze als Material ihrer
+Statuen vorgezogen, um durch das Strahlende der Erscheinung unter
+tiefblauem Himmel die Idee der Einzigkeit alles Körperhaften zum
+Ausdruck zu bringen.<a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[78]</a> Die Renaissance grub diese Statuen aus, von
+einer vielhundertjährigen Patina überzogen, schwarz und grün; sie genoß
+das Historische des Eindrucks voller Ehrfurcht und Sehnsucht — und
+unser Formgefühl hat seitdem dieses „ferne“ Schwarz und Grün heilig
+gesprochen. Es ist heute für den Eindruck der Bronze auf <em class="gesperrt">unser</em>
+Auge unentbehrlich, wie um die Tatsache schalkhaft zu illustrieren, daß
+diese ganze Kunstgattung uns nichts mehr angeht. Was bedeutet uns eine
+Domkuppel, eine Bronzefigur ohne Patina? Sind wir nicht endlich dahin
+gekommen, diese Patina sogar künstlich zu erzeugen?</p>
+
+<p>Aber in der Erhebung des Edelrostes zu einem Kunstmittel von
+selbständiger Bedeutung liegt viel mehr. Man frage sich, ob ein Grieche
+die Bildung der Patina nicht als Zerstörung des Kunstwerkes empfunden
+hätte. Es ist nicht die Farbe allein, das raumferne Grün, das er aus
+seelischen Gründen vermied; die Patina ist Symbol der <em class="gesperrt">Zeit</em> und
+sie erhält damit eine merkwürdige Beziehung zu den Symbolen der Uhr und
+der Bestattungsform. Es war an einer früheren Stelle die Rede von der
+Sehnsucht der faustischen Seele nach Ruinen und den Zeugnissen einer
+fernen Vergangenheit, einem Hange, wie er im Sammeln von Altertümern,
+Handschriften, Münzen, den Pilgerfahrten nach dem Kolosseum, dem
+Forum Romanum und Pompeji, in Ausgrabungen und philologischen Studien
+schon zur Zeit Petrarkas zutage tritt. Wann wäre es je einem Griechen
+eingefallen, sich um die Ruinen von Mykene und Tiryns zu kümmern? Jeder
+kannte seine Ilias, aber nicht einem von ihnen kam der Gedanke, den
+Hügel von Troja aufzugraben. Die Ruinen des Heidelberger Schlosses und
+tausend andre Reste, Burgen, Klöster, Tore, Mauern werden inmitten
+unsrer Städte<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> sorgfältig erhalten — als Ruinen, denn man hat ein
+dunkles Gefühl davon, daß bei einem Wiederaufbau etwas schwer in Worte
+zu Fassendes verloren gehen würde. Als die Perser Athen zerstört
+hatten, warf man alles, Säulen, Statuen, Reliefs, ob zertrümmert
+oder nicht, von der Akropolis herunter, um von vorn anzufangen, und
+diese Schutthalde ist unsre reichste Fundgrube für die Kunst des 6.
+Jahrhunderts geworden. Das war ahistorisch empfunden. Das entsprach
+dem Stil einer Kultur, welche die Leichenverbrennung zum Kult erhob
+und eine Zeitrechnung nach ägyptischem Muster verschmähte. <em class="gesperrt">Wir</em>
+haben auch hier das Gegenteil gewählt. Die heroische Landschaft im
+Stile Lorrains ist ohne Ruinen nicht denkbar und der englische Park
+mit seinen atmosphärischen Stimmungen, der den französischen um 1750
+verdrängte und dessen durchgeistigte Perspektive zugunsten einer
+Rousseauschen „Natur“ aufgab, führte noch das Motiv der <em class="gesperrt">künstlichen
+Ruine</em> ein, die das Landschaftsbild historisch vertieft.<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[79]</a>
+Etwas Bizarreres ist kaum je ersonnen worden. Die ägyptische Kultur
+restaurierte die Bauten der Frühzeit, aber sie würde niemals den
+<em class="gesperrt">Bau von Ruinen</em> als Symbole der Vergangenheit gewagt haben. Uns
+erscheinen die Gestalten der mexikanischen Kunst fratzenhaft genug,
+aber dieser Gedanke würde einem Inder oder Griechen weit fragwürdiger
+erschienen sein. Nur die aufs äußerste gesteigerte historische
+Leidenschaft konnte zu solchen Konzeptionen führen.</p>
+
+<p>Es ist die Symbolik der Vergänglichkeit, welche die Patina uns teuer
+macht. Sie hebt an der Statue, dem an sich völlig zeitlosen und rein
+gegenwärtigen Kunstwerk, diese Beschränkung auf. Durch die Patina kommt
+eine gewisse Ferne, ein Anflug geschichtlicher Bewegtheit, etwas also
+vom Gehalte der Ölmalerei und Instrumentalmusik in diejenige Kunst, die
+deren strengsten Gegensatz bildet. Erstaunlicher konnte die Energie
+und Erfindungskraft der Seele, welche die technischen Bedingungen der
+Künste ihrem Willen zum Ausdruck unterwirft,<span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span> sich gar nicht äußern.
+Das Barock liebte, ohne es zu wissen, die Bronzeplastik der Patina
+wegen. Ich wage zu behaupten, daß die Reste der antiken Skulptur erst
+durch diese <em class="gesperrt">Transposition ins Musikalische</em>, in die Sprache der
+Ferne, uns näher treten konnte. Die grüne Bronze, der geschwärzte
+Marmor, die zertrümmerten Glieder einer Figur, allgemein gesprochen das
+schwer zu beschreibende Gefühlsmoment im Eindruck des <em class="gesperrt">Torso</em>,
+heben für unser inneres Auge die Schranken der reinen Gegenwart von
+Ort und Zeit auf. Man hat das <em class="gesperrt">malerisch</em> genannt — „fertige“
+Statuen, Bauten, <em class="gesperrt">nicht</em> verwilderte Parks sind unmalerisch — und
+in der Tat entspricht es der tieferen Bedeutung des Atelierbraun,<a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[80]</a>
+aber man meinte im letzten Grunde den Geist der instrumentalen Musik.
+Man frage sich, ob der Doryphoros Polyklets, in funkelnder Bronze vor
+uns stehend, mit Emailaugen und vergoldetem Haar, dieselbe Wirkung tun
+könnte wie der vom Alter geschwärzte, ob mancher Torso — etwa der
+vatikanische des Herakles — nicht durch eine noch so gute Ergänzung
+seinen Zauber einbüßte, ob die Türme und Kuppeln unsrer alten Städte
+nicht ihren tiefen metaphysischen Reiz verlören, wenn man sie mit neuem
+Kupfer beschlüge. Das Alter adelt für uns wie für die Ägypter alle
+Dinge. Für den antiken Menschen entwertet es sie.</p>
+
+<p>Hiermit hängt endlich die Tatsache zusammen, daß die abendländische
+Tragödie „<em class="gesperrt">historische</em>“, nicht etwa nachweisbar wirkliche oder
+mögliche — das ist nicht der eigentliche Sinn des Wortes —, sondern
+<em class="gesperrt">entfernte</em>, <em class="gesperrt">patinierte</em> Stoffe aus demselben Gefühl vorzog:
+daß nämlich ein Ereignis von reinem Augenblicksgehalt, ohne Raum-
+und Zeitferne, ein antikes tragisches Faktum, ein zeitloser Mythus,
+nicht das ausdrücken könne, was die faustische Seele ausdrücken wollte
+und mußte. Wir haben also Tragödien der Vergangenheit und Tragödien
+der Zukunft — zu letzteren, in denen der kommende Mensch Träger
+der Idee ist, gehören in einem gewissen Sinne Faust, Peer Gynt, die
+Götterdämmerung —, aber Tragödien der Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span> sind, wenn man von
+der künstlerisch belanglosen Sozialdramatik des 19. Jahrhunderts
+absieht, äußerst selten. Shakespeare wählte, wenn er einmal in
+Gegenwärtigem Bedeutendes ausdrücken wollte, immer fremde Länder, in
+denen er nie gewesen war, am liebsten Italien, deutsche Dichter gern
+England und Frankreich — alles das aus einer Abweisung der örtlichen
+und zeitlichen <em class="gesperrt">Nähe</em>, welche das attische Drama selbst im Mythus
+noch betonte.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Vielleicht sollte das Wort Form, weil es Extensives
+bezeichnet, hier vermieden werden. Aber man erinnere sich, daß Worte
+überhaupt, Worte als etwas Gewordnes und Starres, ein unzulängliches
+Mittel sind, etwas aus der Sphäre des Werdens anzudeuten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[68]</a> Der eigentliche Bilderstreit dauerte dort von 725–824.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[69]</a> Donatello ist der Gotik noch nicht entwachsen,
+Michelangelo empfindet schon barock, d.&#8239;h. musikalisch.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[70]</a> Gerade die entschiedene Vorliebe für den <em class="gesperrt">weißen</em>
+Stein ist für den <em class="gesperrt">Gegensatz</em> von antikem und Renaissanceempfinden
+bezeichnend.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[71]</a> Folgerichtig beginnt im 10. Jahrhundert die Verskunst des
+<em class="gesperrt">Reimes</em>, die ebenfalls rein abendländisch und dem fugierten Stil
+aufs engste verwandt ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[72]</a> Ich möchte doch zur Erwägung anheimgeben, ob nicht die
+Basilika, deren Ableitung aus irgendeinem antiken Bautypus trotz aller
+Kombinationen nicht gelingen will, überhaupt statt aus einem Hause aus
+einem säulenumgebenen <em class="gesperrt">Innenhof</em> der Idee nach hervorgegangen ist.
+Es würde sich um den geschlossenen Vorhof des Tempels handeln, in dem
+die Gläubigen während der sakralen Handlung sich aufhalten. Das neue
+magische Raumgefühl hätte ihn als „Mittelschiff“ überdeckt, worauf dann
+erst die äußerliche Ähnlichkeit mit großstädtischen Zweckgebäuden die
+Bezeichnung Basilika in der griechischen Literatur zur Folge hatte.
+Der metaphysische Instinkt der Landschaft, in der die Kultbauten aller
+Religionen damals etwas innerlich höchst Verwandtes hatten, spricht
+sicherlich dafür. Die Anordnung von Atrium, Schiff und Altarraum wäre
+demnach als die allgemein semitische von Vorhalle, Vorhof und Tempel
+zu denken. Manche Einzelheiten wie die strenge Trennung von Schiff
+und Apsis, die Höhenlage der letzteren, zu der Stufen hinauffuhren,
+ferner die Orientierung <em class="gesperrt">allein</em> des Mittelschiffs auf die
+Apsis, während die Seitenschiffe auch jetzt noch als „Umgebung“, als
+Nebenhallen wirken und blind endigen, finden nur so ihre natürliche
+Erklärung. Man bedenke doch, daß die Schöpfung eines solchen Typus von
+höchster Symbolik ganz unbewußt erfolgt. Es ist <em class="gesperrt">psychologisch</em>
+falsch, hier, in Syrien, so rationalistische Wege anzunehmen, wie sie
+die Herleitung aus großstädtischen Markthallen und stadtrömischen
+Privatbasiliken voraussetzt. Ein religiöses Weltgefühl kombiniert nicht
+so sachlich.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[73]</a> Paris gehört zu ihr. Man sprach dort noch im 15.
+Jahrhundert ebenso viel flämisch als französisch und mit den alten
+Teilen seines architektonischen Bildes zählt Paris zu Brügge und Gent,
+nicht zu Troyes und Poitiers.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[74]</a> Eine Halle, wie sie Masaccio, Fra Filippo Lippi oder
+Raffael malen, weil sie nur an Bauten ihre Linearperspektive zur
+Anwendung bringen können, ist ein architektonischer <em class="gesperrt">Körper</em>, kein
+„Innen“. Ebensowenig sind ihre Kulissen wirkliche Landschaften.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[75]</a> Eine tiefsymbolische Bedeutung verwandter Art hat auch
+die glänzende <em class="gesperrt">Politur</em> des Steines in der ägyptischen Kunst.
+Sie hält den Blick in einer über die Außenseite der Statue gleitenden
+Bewegung und wirkt damit entkörpernd. Umgekehrt ist der hellenische
+Weg vom Poros über den naxischen zum durchscheinenden parischen und
+pentelischen Marmor ein Zeugnis für die Absicht, den Blick in die
+stoffliche Wesenheit des Körpers eindringen zu lassen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[76]</a> Sein Bildnis der Frau Gedon, ganz in Braun getaucht, ist
+das <em class="gesperrt">letzte altmeisterliche</em> Porträt des Abendlandes, vollkommen
+im Stile der Vergangenheit gemalt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[77]</a> Der Streichkörper repräsentiert im Orchesterklang
+die Farben der Ferne. Das bläuliche Grün Watteaus findet sich bei
+Mozart und Haydn, das Bräunliche der Holländer bei Beethoven. Auch
+die Holzbläser rufen helle Fernen herauf. Gelb und Rot dagegen, die
+Farben der Nähe, die <em class="gesperrt">populären</em> Nuancen, gehören zum Klang der
+Blechinstrumente, der körperhaft bis zum Ordinären wirkt. Der Ton
+einer alten Geige ist vollkommen körperlos: Es verdient bemerkt zu
+werden, daß die hellenische Musik, so unbedeutend sie ist, von der
+dorischen Lyra zur ionischen Flöte überging und daß die strengen Dorer
+diese Tendenz zum Weichlichen und Niedrigen noch zur Zeit des Perikles
+tadelten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[78]</a> Man verwechsle die Tendenz, welche dem Goldglanz eines
+auf freiem Platze stehenden Körpers zugrunde liegt, nicht mit der des
+flimmernden arabischen Goldgrundes, der in dämmernden Innenräumen
+hinter den Figuren abschließt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[79]</a> Home, ein englischer Philosoph des 18. Jahrhunderts,
+erklärt in einer Betrachtung über englische Parkanlagen, daß gotische
+Ruinen <em class="gesperrt">den Triumph der Zeit über die Kraft</em>, griechische den
+der Barbarei über den Geschmack darstellten. Damals erst wurde die
+Schönheit des Rheins mit seinen Ruinen entdeckt. Er war von nun an der
+<em class="gesperrt">historische</em> Strom der Deutschen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[80]</a> Das <em class="gesperrt">Nachdunkeln</em> alter Gemälde erhöht für unser
+Gefühl deren Gehalt, mag der Kunstverstand tausendmal dagegen sprechen.
+Hätten die verwendeten Öle die Bilder zufällig blasser werden lassen,
+so wäre das als Zerstörung empfunden worden.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Viertes_Kapitel_II">II<br>
+AKT UND PORTRÄT</h3>
+
+</div>
+
+<h4 id="Akt_11">11</h4>
+
+<p>Man hat die Antike eine Kultur des Leibes, die nordische eine
+des Geistes genannt, nicht ohne den Hintergedanken, damit die
+eine zugunsten der andern zu entwerten. So trivial der im
+Renaissancegeschmack gehaltene Gegensatz von antik und modern,
+heidnisch und christlich zumeist gemeint ist, so hätte er doch zu
+entscheidenden Aufschlüssen führen können, vorausgesetzt, daß man
+hinter der Formel ihren Ursprung zu finden verstand.</p>
+
+<p>Eine Kultur ist im historischen Gesamtbilde der Welt, wie wir sahen,
+das Phänomen eines <em class="gesperrt">Seelentums</em>, dessen Sein in der rastlosen
+Verwirklichung seiner inneren Möglichkeiten, seiner <em class="gesperrt">Idee</em>, sich
+erschöpft. Die Vollendung der Aufgabe ist mit Vollendung des Lebens
+identisch. Unser waches und lebendiges Bewußtsein — das gereifter
+Kulturmenschen — erscheint als Polarität von Seele und Welt, der Summe
+des Möglichen und der des Wirklichen, und zwar in wechselseitiger
+Bedingtheit. Nur eine höhere Seele besitzt eine sinnvoll geordnete
+Welt als ihr eigenstes Eigentum, und es gibt eine Welt nur in bezug
+auf eine Seele. <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> — das ist also der Gesamtausdruck
+lebendigen und bewegten Daseins, seine Offenbarung und Spiegelung im
+Gewordnen und Ausgedehnten. Insofern hat die Welt die Bedeutung eines
+<em class="gesperrt">Makrokosmos</em>.</p>
+
+<p>Ist die Welt aber, gleichviel was sie sonst noch ist, der ungeheure
+Inbegriff von <em class="gesperrt">Symbolen</em>, so mußte auch der Mensch, soweit er
+dem Gewebe des Wirklichen angehört, soweit er <em class="gesperrt">wirklich ist</em>,
+von dieser Deutung ergriffen werden. Was war es aber, das an der
+menschlichen Erscheinung den Rang eines Symbols beanspruchen, sein
+Wesen und den Sinn seines Daseins in sich sammeln und greifbar vor
+Augen stellen durfte? Die Antwort gibt die Kunst.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span></p>
+
+<p>Aber die Antwort mußte in jeder Kultur eine andre sein. Jede hat
+einen andern Begriff vom Leben, weil jede anders lebt. Die eine
+hatte dem Wirklichen das Prinzip des Körperhaften, die andre das des
+reinen, unendlichen Raumes a priori, wieder andre das des Weges, der
+magischen Ausdehnung zugrunde gelegt. Das war ein Weltgefühl, aber
+das Lebensideal stimmte mit ihm überein. Aus dem einen, dem antiken
+Ideal, folgte die rückhaltlose Hinnahme des sinnlichen Augenscheins,
+aus dem abendländischen dessen ebenso leidenschaftliche Überwindung.
+Das eine bedeutete Hingabe, das andre Kampf. Die apollinische Seele,
+euklidisch, punktförmig, empfand den empirischen, sichtbaren Leib
+als den vollkommenen Ausdruck ihrer Art zu sein; die faustische, in
+allen Fernen schweifend, fand ihn nicht in der Person, sondern der
+Persönlichkeit, dem empirischen Ich, dem <em class="gesperrt">Charakter</em> oder wie man
+es nennen will. „Seele“ — das war für den echten Hellenen zuletzt
+die Form seines leiblichen Daseins. So hat Aristoteles sie definiert.
+„Leib“ — das war für den Menschen des Barock die sinnliche Form, die
+Inkarnation der Seele. So empfand Goethe. So hat die Philosophie Kants,
+unter zopfigen Formeln versteckt, die Dinge als die Inkarnation des
+einen, ewigen Raumes empfunden, der sie in ihrer Erscheinung „bedingt“.</p>
+
+<p>Wir sahen, wie das eine Lebensgefühl zur Wahl der Plastik, das
+andre zur Musik als der <em class="gesperrt">repräsentativen</em> Kunst führte. Neben
+der Plastik stand die Pflege des Tanzes als einer Kunst von hoher
+Ausdruckskraft, die des agonalen Wettkampfes und ein in dieser Form nie
+wiederkehrender Kultus der körperlichen Schönheit — alles das ist in
+den Idealen der σωφροσύνη und εὑρυθμία enthalten.</p>
+
+<p>Man hat diese Ideale von jeher viel zu weit gefaßt. Es ist <em class="gesperrt">nicht</em>
+die Weihe des Blutes — das der Mensch der σωφροσύνη nicht zu
+verschwenden hatte<a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[81]</a> —, <em class="gesperrt">nicht</em>, wie Nietzsche meinte, die
+orgiastische Freude an Kraft und Mut und überschäumender Leidenschaft.
+Das alles würde eher zu den Idealen des germanisch-katholischen und
+indischen Rittertums gehören. Was der apollinische Mensch und seine
+Kunst für sich allein in Anspruch<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> nehmen dürfen, ist lediglich die
+Apotheose der leiblichen <em class="gesperrt">Erscheinung</em> im buchstäblichen Sinne,
+das rhythmische Ebenmaß des Gliederbaus und die harmonische Ausbildung
+der Muskulatur. Das ist <em class="gesperrt">nicht</em> heidnisch im Gegensatz zum
+Christentum. Das ist jonisch im Gegensatz zum Barock. Erst der Mensch
+des Barock, mochte er Christ oder Heide, Rationalist oder Mönch sein,
+stand diesem Kultus des σῶμα fern bis zur äußersten körperlichen
+Unreinlichkeit, wie sie in der Umgebung Ludwigs XIV. herrschte.<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[82]</a> Man
+warf in Athen den Dorern Unsauberkeit vor; dagegen hatte das Badewesen
+der gotischen Städte noch im 15. Jahrhundert in hoher Blüte gestanden,
+trotz allen „Jenseitsglaubens“.</p>
+
+<p>Und so entwickelte sich die antike Plastik, nachdem sie ihr Thema
+auf die allseitig freistehende (beziehungslose) menschliche Gestalt
+beschränkt hatte, folgerichtig weiter bis zur ausschließlichen
+Darstellung des <em class="gesperrt">nackten</em> Leibes. Und zwar, im Gegensatz zu jeder
+andern Art von Plastik der gesamten Menschheitsgeschichte, durch die
+<em class="gesperrt">anatomisch wahre Behandlung seiner Grenzflächen</em>. Damit ist das
+euklidische Weltprinzip bis zum äußersten getrieben. Jede Hülle hätte
+noch einen leisen Widerspruch gegen die apollinische Erscheinung, eine
+wenn auch noch so zaghafte Andeutung des umgebenden Raumes enthalten.</p>
+
+<p>Es ist ein streng metaphysisches Motiv, das Bedürfnis nach einem
+Lebenssymbol ersten Ranges, das die Hellenen zu dieser Kunst führte,
+deren Enge allein durch die Meisterschaft ihrer Leistungen verdeckt
+worden ist. Denn es ist nicht wahr, daß diese Aufgabe der Skulptur,
+der menschliche Akt, die vollkommenste, natürlichste oder auch nur
+nächstliegende sei. Das Gegenteil ist der Fall. Hätte nicht die
+Renaissance mit ihrem vollen ästhetischen Pathos und einer gewaltigen
+Täuschung über ihre eignen Tendenzen unser Urteil beherrscht, während
+uns die Plastik selbst innerlich fremd geworden war, so hätten wir
+das Exzeptionelle des attischen Stils längst bemerkt. Der ägyptische
+Bildhauer dachte gar nicht daran, die anatomische Wirklichkeit zur
+Grundlage des von ihm gewollten Ausdrucks zu<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> machen. Für gotische
+Skulpturen kommt die Muskelbildung nirgends in Frage. Die hellenische
+Behandlung des Nackten ist der <em class="gesperrt">große Ausnahmefall</em>, und sie hat
+nur dies eine Mal zu einer Kunst von hohem Range geführt. In andern
+Landschaften, wie der ägyptischen und japanischen — um eine besonders
+törichte und flache Begründung vorweg zu nehmen — war der Anblick
+nackter Menschen viel alltäglicher als gerade in Athen, wo die Damen in
+Hut und Mieder über die nackten Mädchen bei den Spielen der Spartaner
+sich höchst entrüstet äußerten, aber das gab nicht im mindesten Anlaß
+zur Entwicklung einer Aktplastik. Der heutige japanische Kunstkenner
+empfindet die Darstellung nackter Menschen als lächerlich und banal.
+Für seine Malerei ist der Akt ein Gegenstand ohne irgendwelche
+bedeutende Möglichkeiten.</p>
+
+<p>Was dem antiken Menschen die vollkommene Durchbildung der körperlichen
+<em class="gesperrt">Oberfläche</em> bedeutete — denn das ist der letzte Sinn alles
+anatomischen Ehrgeizes der griechischen Künstler: das Wesen der
+lebendigen Erscheinung durch die Gestaltung ihrer Grenzflächen zu
+erschöpfen —, das wurde für die abendländische Seele folgerichtig das
+<em class="gesperrt">Porträt</em>, der eigentlichste und einzig erschöpfende Ausdruck
+einer transzendenten, einer faustischen Existenz.</p>
+
+<p>Man hat beides, <em class="gesperrt">Akt und Porträt</em>, noch nie als Gegensatz
+empfunden und deshalb beide nicht in der ganzen Tiefe ihrer
+kunsthistorischen Erscheinung auffassen können. Und trotzdem offenbart
+sich der volle Gegensatz zweier Welten im Widerstreit dieser großen
+Formideale.</p>
+
+<p>Es war gezeigt worden, daß das Erlebnis des Ausgedehnten seinen
+Ursprung im Merkmal der <em class="gesperrt">Richtung</em> hat, die allem Werden
+innewohnt. Die <em class="gesperrt">Richtung</em> — durch die Worte Zeit, Leben,
+Schicksal, Ziel angedeutet — verschmilzt als Tiefe oder Ferne mit der
+Fläche oder Breite des Sinnlichen. Die Empfindung als solche dehnt sich
+im Akt des Bewußtwerdens zur <em class="gesperrt">Welt</em>. So trägt alles Gewordene das
+Merkmal der <em class="gesperrt">Ausdehnung</em>, und es gehört zum Geheimnisvollsten im
+Wesen aller Kulturen, daß in ihnen — wie im Kinde — das Erwachen des
+Ich, des Innenlebens mit der spontanen Deutung des Tiefenerlebnisses
+im Sinne eines Ursymbols identisch ist. Wir sahen, wie jede Kultur
+hier<span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span> anders fühlt. Der antike Mensch empfand die Welt, wie seine
+Mathematik beweist, stereometrisch, mehr noch, planimetrisch. Die Zahl
+als Größe oder Maß: das bedeutet die Welt als Summe von Stoffen oder
+deren Grenzflächen. Der Hellene kannte nur Dinge, keinen Raum. Deshalb
+die reine Flächenwirkung seiner Plastik, das Vermeiden von Licht und
+Schatten, die strenge Beschränkung auf den einzelnen beziehungslosen
+Fall. War demgegenüber <em class="gesperrt">das Unendliche</em> Prinzip und Zeichen
+des abendländischen Daseins, so hatte die Ferne einen seelischen
+Doppelsinn, je nachdem sie wird oder geworden ist.</p>
+
+<p>Das Tiefenerlebnis ist ein Werden und bewirkt ein Gewordnes; es
+bedeutet Zeit und ruft den Raum hervor; es ist kosmisch und historisch
+zugleich. Die lebendige Richtung geht zum <em class="gesperrt">Horizont</em> wie zur
+<em class="gesperrt">Zukunft</em>. Unendlichkeit und Ewigkeit fließen vor der Seele
+zusammen, und wer die eine nicht besitzt, kennt auch die andre nicht.
+Die reine Gegenwärtigkeit des antiken Daseins, symbolisiert in der
+nackten Statue, war die des Ortes <em class="gesperrt">und</em> der Zeit. Auch das Wort
+Gegenwart hat einen doppelten Sinn, je nachdem der Bereich des Werdens
+oder des Gewordnen gemeint ist. Die attische Plastik ist eine Kunst der
+körperhaften Nähe und also auch des Augenblicks (auf dieser Tatsache
+beruhen die verfehlten Ausführungen von Lessings Laokoon). Das Porträt
+des 16. und 17. Jahrhunderts aber ist unendlich in <em class="gesperrt">jedem</em> Sinne.
+Es faßt nicht nur den Menschen als Mittelpunkt des Weltalls, dessen
+Erscheinung von seinem Sein Gestalt und Bedeutung empfängt; es faßt
+ihn vor allem historisch, d.&#8239;h. biographisch. Die Statue ist ein Stück
+Natur und nichts außerdem. Parzeval, Hamlet, Faust sind stets werdende,
+Odysseus, Klytämnestra, Antigone sind gewordne Menschen. Die antike
+Dichtung gibt Statuen in Worten, die abendländische psychologische
+Analysen. Hier liegt die Wurzel für unser Gefühl, das dem Griechen eine
+reine Hingabe an die Natur zuschreibt. Wir werden uns nie ganz von
+dem Empfinden befreien, daß der gotische Stil neben dem griechischen
+<em class="gesperrt">Unnatur</em> ist, nämlich <em class="gesperrt">mehr</em> als „Natur“. Nur verhehlen
+wir uns, daß darin das Gefühl eines Mangels bei den Griechen zu Worte
+kommt. Die abendländische Formensprache ist reicher. Das Porträt
+gehört der Natur <em class="gesperrt">und</em> der Geschichte an. Ein Porträt Tizians und
+Rembrandts ist eine<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> <em class="gesperrt">Biographie</em>, die Quintessenz eines Lebens;
+ein Selbstporträt ist eine <em class="gesperrt">Beichte</em>. Vergessen wir nicht, daß die
+Beichte, von der sich in den Evangelien nicht die geringste Andeutung
+findet, erst im 9. Jahrhundert und nur in Westeuropa Laienpflicht
+wird — es war die Zeit der ersten Regungen des romanischen Stils —,
+und daß sie erst 1215, zur Zeit der blühenden Gotik, den Rang eines
+Sakraments erhielt. Es war gesagt worden, daß die faustische Kultur —
+im Gegensatz zur antiken — die der Seelenforschung, der Selbstprüfung,
+der Historik großen Stils ist. Wenn der Protestant und der Freigeist
+sich gegen die Ohrenbeichte auflehnen, so kommt es ihnen nicht zum
+Bewußtsein, daß sie nicht die rein abendländische Idee, sondern
+nur ihre äußere Fassung ablehnen. Sie weigern sich, dem Priester
+zu beichten, aber sie beichten sich selbst, dem Freunde oder der
+Menge. Die gesamte nordische Poesie ist Bekenntniskunst. Das Porträt
+Rembrandts und die Musik Beethovens sind es auch. Der abendländische
+Mensch lebt mit dem Bewußtsein des Werdens, mit dem ständigen Blick auf
+Vergangenheit und Zukunft. Der Grieche lebt punktförmig, ahistorisch,
+somatisch. Kein Grieche hat Memoiren hinterlassen. Keiner wäre einer
+echten Selbstkritik fähig gewesen. Auch das liegt in der Erscheinung
+der nackten Statue, dem eminent unhistorischen Abbilde eines Menschen.
+Ein Selbstporträt ist das genaue Seitenstück der Selbstbiographie in
+der Art des Werther und Tasso, und das eine der Antike so fremd wie das
+andre. Es gibt nichts Unpersönlicheres als die griechische Kunst. Daß
+Skopas oder Lysippos ein Bildnis von sich selbst gemacht hätten, kann
+man sich gar nicht vorstellen.</p>
+
+<p>Im antiken Akte, der ganz Oberfläche, ganz Vordergrund und Materie,
+steingewordnes σῶμα war, ist das Innenleben künstlerisch verneint,
+dem Raume als dem Nichtseienden gleichgesetzt. Wenn Plato drei
+Seelenvermögen — εἴδη — und als deren höchstes das λογιστικόν
+unterschied, so war dies Prinzip jedenfalls nur als Logik der
+körperlichen Erscheinung in die Plastik gedrungen. Aristoteles hat die
+Vollendung des Menschen nach Stoff und Form („Leib“ und „Seele“ in
+<em class="gesperrt">antik</em> gefühltem Gegensatz) sogar ausdrücklich nach Analogie der
+künstlerischen Arbeit beschrieben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p>
+
+<p>Man betrachte bei Phidias, bei Polyklet, bei irgendeinem andern Meister
+nach den Perserkriegen die Wölbung der Stirn, die Lippen, den Ansatz
+der Nase, das blind gehaltene Auge — wie das alles der Ausdruck einer
+ganz unpersönlichen, pflanzenhaften, <em class="gesperrt">seelenlosen</em> Vitalität ist.
+Man frage sich, ob diese Formensprache imstande wäre, ein inneres
+Erlebnis auch nur anzudeuten. Es gab nie eine Kunst, für welche so
+ausschließlich nur die optische Oberfläche von Körpern in Betracht
+kam. Bei Michelangelo, der sich mit seiner ganzen Leidenschaft dem
+Anatomischen ergab, ist trotzdem die leibliche Erscheinung stets der
+Ausdruck der Arbeit aller Knochen, Sehnen, Organe <em class="gesperrt">des Innern</em>;
+das Lebendige <em class="gesperrt">unter</em> der Haut tritt in Erscheinung, ohne daß es
+gewollt war. Es ist eine Physiognomik, keine Systematik der Muskulatur,
+die Michelangelo ins Leben rief. Aber damit war bereits das persönliche
+Schicksal, nicht der stoffliche Leib der eigentliche Ausgangspunkt des
+Formgefühls geworden. Es liegt mehr Psychologie (und weniger „Natur“)
+im Arme eines seiner Sklaven als im Kopfe des praxitelischen Hermes.
+Beim Diskobolos des Myron ist die äußere Form ganz für sich da ohne
+alle Beziehung auf den vitalen Organismus geschweige denn die „Seele“.
+Man vergleiche mit den besten Arbeiten dieser Zeit die altägyptischen
+Statuen etwa des Dorfschulzen oder des Königs Phiops oder andrerseits
+den David des Donatello und man wird verstehen, was es heißt, einen
+Körper nur seiner stofflichen Grenze nach anerkennen. Alles, was bei
+den Griechen den Kopf als den Ausdruck von etwas Innerlichem und
+Geistigem erscheinen lassen könnte, ist peinlich vermieden. Gerade bei
+Myron tritt das hervor. Ist man einmal darauf aufmerksam geworden,
+so erscheinen die besten Köpfe der Blütezeit, aus der Perspektive
+unsres gerade entgegengesetzten Weltgefühls betrachtet, nach einer
+Weile dumm und stumpf. Das Biographische fehlt ihnen. Nicht umsonst
+waren ikonische Statuen in dieser Zeit streng verpönt. Es gibt bis auf
+Lysippos herab nicht einen echten Charakterkopf. Es gibt nur Masken.
+Oder man betrachtet die Gestalt im ganzen: mit welcher Meisterschaft
+ist da der Eindruck vermieden, als ob der Kopf der bevorzugte Teil des
+Leibes sei. Deshalb sind diese Köpfe so klein, so unbedeutend in der
+Haltung, so wenig durchmodelliert.<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> Überall sind sie durchaus als Teil
+des Körpers, wie Arm und Schenkel, niemals als Sitz und Symbol eines
+Ich geformt. Die sich beständig, bis zu staatlichen Verboten steigernde
+Abneigung der Griechen dem Porträt gegenüber besitzt in der zunehmenden
+Entwertung des Motivs nackter Körperlichkeit in der Ölmalerei von den
+Florentinern bis zu Velasquez und Rembrandt ein vollkommenes Gegenstück.</p>
+
+<p>Man wird endlich sogar finden, daß der weibliche, selbst weibische
+Eindruck vieler dieser Köpfe des 5. und mehr noch des 4.
+Jahrhunderts<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[83]</a> das allerdings ungewollte Resultat der Bestrebung
+ist, jede geistige Charakteristik gänzlich auszuschließen. Man ist
+vielleicht zu dem Schlusse berechtigt, daß der ideale Gesichtstypus
+dieser Kunst, der sicherlich nicht der des Volkes war, wie die spätere
+naturalistische Bildnisplastik sofort beweist, als Summe von lauter
+Negationen, des Individuellen und Psychischen nämlich, also aus
+der Beschränkung der Gesichtsbildung auf das rein Euklidische und
+Stereometrische entstanden ist. Dies würde das Geschlechtslose und
+Unmännliche der Erscheinung zum großen Teil erklären.</p>
+
+<p>Das Porträt der großen Barockzeit behandelt dagegen durch alle Mittel
+des malerischen Kontrapunkts, die wir als Träger räumlicher <em class="gesperrt">und</em>
+historischer Fernen kennen gelernt haben, durch die in Braun getauchte
+Atmosphäre, die Perspektive, den bewegten Pinselstrich, die zitternden
+Farbentöne und Lichter, den Leib als etwas an sich Unwirkliches, als
+ausdrucksvolle Hülle eines raumbeherrschenden Ich. (Die Freskotechnik,
+euklidisch wie sie ist, schließt die Lösung einer solchen Aufgabe
+vollkommen aus.) Das ganze Gemälde hat nur das eine Thema: Seele. Man
+achte darauf, wie bei Rembrandt (etwa der Radierung des Bürgermeisters
+Six oder dem Architektenbildnis in Kassel) und zuletzt noch einmal
+bei Marées und Leibl (auf dem Bildnis der Frau Gedon) die Hände und
+die Stirn gemalt sind, durchgeistigt bis zur Auflösung der Materie,
+visionär,<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> voller Lyrik — und vergleiche damit die Hand und die Stirn
+eines Apollo oder Poseidon aus der Zeit des Perikles.</p>
+
+<p>Die ägyptische Plastik als der Ausdruck einer dem Unendlichen
+gleichfalls hingegebenen Seele — man erinnere sich der Symbolik
+des Weges zur Grabkammer in den Pyramidentempeln — war ebenso
+physiognomisch, ebenso historisch und <i>sub specie aeternitatis</i>
+gedacht, mithin ebenfalls eine Kunst des Porträts. Die Königsstatue
+bannt das <em class="gesperrt">Ka</em>, das transzendente Prinzip der Persönlichkeit,
+in die Welt des Gewordnen, und zwar durch ihren Porträtcharakter.
+Es folgt daraus, daß sie wie die Statuen gotischer Grabdenkmäler
+den Leib als Eigenwert verneint: das Abendland durch die ganz
+ornamental behandelte Kleidung, deren Physiognomik die Sprache des
+Antlitzes und der Hände verstärkt, Ägypten, indem es den Körper —
+wie die Pyramide, den Obelisken — in einem mathematischen Schema
+hält und das Persönliche auf den Kopf, mit einer wenigstens in der
+Skulptur nie wieder erreichten Größe der Auffassung beschränkt. Der
+Faltenwurf soll in Athen den Sinn des Leibes offenbaren, im Norden
+ihn auflösen. Das Gewand wird dort zum Körper, hier zur Musik — dies
+ist der tiefe Gegensatz, der in Werken der Hochrenaissance zu einem
+schweigenden Kampf zwischen dem traditionell gewollten und dem unbewußt
+hervordringenden Ideal des Künstlers führt, in welchem das erste,
+antigotische, oft genug auf der Oberfläche, das zweite, von der Gotik
+zum Barock leitende, immer in der Tiefe siegt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_12">12</h4>
+
+</div>
+
+<p>Ich fasse jetzt den Gegensatz von apollinischem und faustischem
+Menschheitsideal zusammen. Akt und Porträt verhalten sich wie Körper
+und Raum, wie Augenblick und Ewigkeit, Vordergrund und Tiefe, wie die
+euklidische zur analytischen Zahl, wie Maß und Beziehung. Die antike
+Plastik, für welche die nackte Oberfläche des menschlichen Körpers
+beinahe das einzige Ausdrucksmittel geworden war, arbeitete an einer
+Inkarnation des vollkommen Gegenwärtigen nach Ort und Zeit. Die
+Statue wurzelt im Boden, die Musik — und das abendländische Porträt
+<em class="gesperrt">ist</em> Musik, aus Farbentönen gewebte Seele —<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> durchdringt den
+grenzenlosen Raum. Das Freskogemälde ist mit der Wand verbunden,
+verwachsen; das Ölgemälde, als Tafelbild, ist frei von den Schranken
+eines Ortes. Die apollinische Formensprache offenbart nur Gewordnes,
+die faustische vor allem auch ein Werden.</p>
+
+<p>Deshalb zählt die abendländische Kunst Kinderporträts und
+Familienbildnisse zu ihren besten und innerlichsten Leistungen. Der
+attischen Plastik waren diese Motive völlig versagt. Das Kind verknüpft
+Vergangenheit und Zukunft. Es bezeichnet in jeder menschenbildenden
+Kunst, die überhaupt Anspruch auf symbolische Bedeutung erhebt, die
+Dauer im Wechselnden der Erscheinung, die Unendlichkeit des Lebens.
+Aber das antike Leben erschöpfte sich in der Fülle des Augenblicks
+und man verschloß das Auge vor zeitlichen Fernen. Man dachte an die
+Menschen gleichen Blutes, die man neben sich sah, aber nicht an die
+kommenden Geschlechter. Und deshalb hat es niemals eine Kunst gegeben,
+die der Darstellung von Kindern so entschieden aus dem Wege gegangen
+ist wie die griechische. Man überdenke die Fülle von Kindergestalten,
+welche von der frühen Gotik bis zum sterbenden Rokoko und vor allem
+auch in der Renaissance entstanden sind, und suche demgegenüber auch
+nur ein antikes Werk von einigem Range bis auf Alexander herab, das mit
+Absicht dem ausgebildeten Körper des Mannes oder Weibes den kindlichen
+zur Seite stellt, dessen Dasein noch der Zukunft angehört.</p>
+
+<p>In der <em class="gesperrt">Idee des Muttertums</em> ist das unendliche Werden begriffen.
+Wie der mystische Akt des Tiefenerlebnisses — der Zeit, des Schicksals
+— aus dem Sinnlichen das Ausgedehnte und also die <em class="gesperrt">Welt</em> schafft,
+so entsteht durch die Mutterschaft der leibliche Mensch als einzelnes
+Glied dieser Welt. Alle Symbole der Zeit und Ferne sind auch Symbole
+des Muttertums. In der Erscheinung der Mutter sammelt sich der Sinn
+der Geschlechterfolgen als gewollt und vorbedacht. Die Sorge ist das
+Urgefühl der Zukunft und alle Sorge ist mütterlich. Sie spricht sich
+in den Bildungen und Ideen von Familie und Staat und dem Prinzip der
+<em class="gesperrt">Erblichkeit</em>, das beiden zugrunde liegt, nicht weniger aus
+als in den Reliefreihen und Sphinxalleen der ägyptischen und den
+unendlichen Fernsichten und<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> Perspektiven der abendländischen Kunst.
+In der Dynastie (dem Adel) verkörpert sich die Sorge, die Zukunft, der
+Wille zur Dauer, und einen wahren Staat — wie den ägyptischen oder
+preußischen — kann es nur geben, wo es ein dynastisches Gefühl im
+Menschen gibt.</p>
+
+<p>Auf dem „Carpe diem“ des antiken Daseins läßt sich weder ein Adel
+noch ein Staat aufbauen. Die Polis ist der Ausdruck der Negation von
+beidem. Es fehlt an mütterlicher Sorge der Stadt für die Nachkommen
+der Lebenden; es fehlt die Ehrfurcht vor dem Erblichen und somit der
+Sinn für Dynastien wie für die Familie als Kette von Generationen
+und nicht nur als Gruppe von Lebenden. Wie das öffentliche Dasein
+ausschließlich auf der Wahrnehmung der augenblicklichen und greifbaren
+Vordergrundinteressen beruhte, so stellte sich das apollinische
+Lebensgefühl nicht im Prinzip des <em class="gesperrt">Muttertums</em>, sondern in dem
+der <em class="gesperrt">Fruchtbarkeit</em> dar. Dies ist der Gegensatz von Raum und
+Körper, Porträt und Akt. Der Phallus wurde zum antiken Symbol. Er ist
+wie die Statue, die — zumal in Bronze gegossen oder grell bemalt
+und frei aufgestellt — etwas Phallisches hatte, der Inbegriff des
+Beziehungslosen. Die Mutter verweist in die Zukunft, auf Geschlechter;
+der Phallus bezeichnet den augenblicklich-geschlechtlichen Akt. Man
+wird in der großen griechischen Statuenkunst nicht eine säugende Mutter
+finden. Man möchte sie nicht einmal im Stil des Phidias gebildet sehen.
+Man fühlt, daß diese Kunstgattung innerlich dem Motiv widerspricht.<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[84]</a>
+In der religiösen Kunst des Abendlandes dagegen gab es keine erhabnere
+Aufgabe. Mit der anbrechenden Gotik wurde die orientalische Maria der
+Mosaiken zur Mutter Gottes, zur Mutter überhaupt. Im germanischen
+Mythus erscheint sie als Frigga und Frau Holle. Wir finden das gleiche
+Gefühl in schönen Wendungen der Minnesänger wie Frau Welt, Frau Sonne,
+Frau Eve, Frau Minne ausgedrückt. Die <em class="gesperrt">mütterliche</em> Geliebte,
+Ophelia und Gretchen, steht neben den Madonnen Raffaels.</p>
+
+<p>Ihr stellte der hellenische Olymp Göttinnen gegenüber, die Amazonen
+— wie Athene — oder Hetären — wie Aphrodite —<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> waren. Das ist der
+antike Typus des Weibes, aus der Idee der pflanzenhaften Fruchtbarkeit
+erwachsen. Auch hier erschöpft das Wort σῶμα den ganzen Sinn der
+Erscheinung. Man denke an das Meisterwerk dieser Art, die drei
+mächtigen Frauenkörper im Ostgiebel des Parthenon, und vergleiche
+damit die erhabenste Konzeption einer Mutter, die sixtinische Madonna
+Raffaels. In ihr ist nichts Körperhaftes mehr. Sie ist ganz Ferne,
+ganz Raum. Die Helena der Ilias, an Kriemhild gemessen, ist Hetäre;
+Antigone und Klytämnestra sind Amazonen. Es ist auffallend, wie selbst
+Äschylus in der Tragödie der Klytämnestra die Tragik der Mutter
+vermeidet. Die Gestalt der Medea ist geradezu die mythische Umkehrung
+des faustischen Typus der <i>Mater dolorosa</i>. In der Plastik
+verschwimmen Aphrodite und Athene (für diese Kunst ist Athene nur eine
+ältere Aphrodite) endlich zu <em class="gesperrt">einer</em> weiblichen Idealgestalt, die
+— wie die knidische Aphrodite — lediglich ein schöner Gegenstand
+ist, kein Charakter, kein Ich, sondern ein Stück Natur. Praxiteles,
+der bekanntlich den weiblichen Ganzakt in die attische Bildhauerei
+einführte, hat daraus die letzten künstlerischen Konsequenzen gezogen.</p>
+
+<p>Diese Neuerung fand strengen Tadel, aus dem Gefühl heraus, daß hier
+ein Symptom des niedergehenden antiken Weltgefühls vorliege. So sehr
+sie der geschlechtlichen Symbolik entsprach, so sehr widersprach sie
+der Würde der älteren griechischen Religion. Aber sie bewies zugleich,
+daß allenthalben die Strenge und Sicherheit der Formensprache im
+Sinken war. Damals entstand die Niobidengruppe, die erste, wenn auch
+wenig tiefe Darstellung einer Mutter. Damals entstanden aber auch im
+schärfsten Widerspruch zur antiken Staatsform der Polis die Dynastien
+der Nachfolger Alexanders, schwächlich zwar im Vergleich mit den
+ägyptischen und abendländischen, aber doch gewisse Zeichen einer innern
+Würde. Die Kraft der antiken Symbolik erlischt. Die antike Kultur wird
+Zivilisation. Jetzt erst wagt sich eine Bildniskunst hervor, die wie
+der hellenistische Staat und die jetzt in Mode kommende korinthische
+Pflanzensäule deutlich an Ägypten erinnert (man denke daran, wie
+dementsprechend das 19. Jahrhundert an griechische und, seit 1860, an
+japanische Vorbilder anknüpft). Der Perikleskopf des Kresilas<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> (etwa
+430) ist in keinem Sinne Porträt. Die bekannte Sophoklesstatue (um
+340) ist es eher. Erst der Demosthenes des Polyeukt (um 280) darf
+als Porträt gelten. Wie wenig er es im Sinne der Kunst Rembrandts
+oder überhaupt in dem einer transzendenten Kunst ist, hätte aber nie
+verkannt werden sollen. Man hat den virtuosenhaften Verismus namentlich
+jener spätgriechischen Künstler, welche die Römerbüsten der Kaiserzeit
+schufen, mit physiognomischer Tiefe verwechselt. Wer aber glaubt, der
+Hellenismus habe je persönliche Seelenbildnisse gewollt oder erreicht
+— beides ist dasselbe —, der vergleiche ein „arabisches“ Porträt wie
+die Theodosiusstatue in Barletta, die Köpfe der Helena und Theodora
+oder die altägyptischen Bildnisse des Chephren und Sesostris III.
+mit irgendeinem griechischen. Sie alle haben eine schwer in Worte
+zu fassende Verwandtschaft mit den Bildnissen Tizians, Holbeins und
+Rembrandts, die Idealfiguren des Hellenismus haben sie <em class="gesperrt">nicht</em>.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_13">13</h4>
+
+</div>
+
+<p>In der Ölmalerei vom Ende der Renaissance an kann man die Tiefe
+eines Künstlers mit Sicherheit an dem Gehalt seiner Porträts messen.
+Diese Regel erleidet kaum eine Ausnahme. Alle Gestalten im Bilde, ob
+einzeln, ob in Szenen, Gruppen, Massen, sind dem physiognomischen
+Grundgefühl nach Porträts, ob sie es sein sollen oder nicht. Das stand
+nicht in der Wahl des einzelnen Künstlers. Nichts ist lehrreicher
+als zu sehen, wie sich unter den Händen eines wirklich faustischen
+Menschen selbst der Akt in eine Porträtstudie verwandelt (man könnte
+die hellenistische Bildniskunst als den entgegengesetzten Prozeß
+bezeichnen). Man nehme zwei deutsche Meister wie Lukas Kranach und
+Tilmann Riemenschneider, die von aller Theorie unberührt blieben und,
+im Gegensatz zu Dürer und dessen Hange zu ästhetischen Meditationen und
+also zur Nachgiebigkeit fremden Tendenzen gegenüber, mit vollkommener
+Naivität arbeiteten. In ihren — höchst seltenen — Akten zeigen
+sie sich gänzlich außerstande, den Ausdruck ihrer Schöpfung in die
+unmittelbar gegenwärtige flächenbegrenzte Körperlichkeit zu legen. Der
+Sinn der menschlichen Erscheinung und mithin<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> des ganzen Werkes bleibt
+regelmäßig im Kopfe gesammelt, bleibt physiognomisch, nicht anatomisch,
+und das gilt trotz des entgegengerichteten Wollens und trotz aller
+italischen Studien auch von Dürers Lukrezia. Ein faustischer Akt — das
+ist ein Widerspruch in sich selbst. Daher das peinlich Gezwungene, das
+Schwankende und Befremdende solcher Versuche, die sich allzu deutlich
+als Opfer vor dem hellenisch-römischen Ideal verraten, Opfer, die
+der Kunstverstand, nicht die Seele bringt. Es gibt in der gesamten
+Malerei nach Lionardo kein bedeutendes oder bezeichnendes Werk mehr,
+dessen Sinn von dem euklidischen Dasein eines nackten Körpers getragen
+wird. Wer hier Rubens nennen und dessen unbändige Dynamik schwellender
+Leiber in irgendeine Beziehung zur Kunst des Praxiteles und selbst des
+Skopas setzen wollte, der versteht ihn nicht. Gerade die prachtvolle
+Sinnlichkeit hielt ihn von der toten <em class="gesperrt">Statik</em> der Körper
+Signorellis fern. Wenn irgendein Künstler in die Schönheit nackter
+Leiber ein Maximum von <em class="gesperrt">Werden</em>, von unhellenischer Ausstrahlung
+einer innern Unendlichkeit gelegt hat, so war es Rubens. Man
+vergleiche den Pferdekopf aus dem Parthenongiebel mit denen in seiner
+Amazonenschlacht und man wird den tiefen metaphysischen Gegensatz in
+der Fassung des gleichen Erscheinungselements fühlen. Bei Rubens — um
+wieder an den Gegensatz von faustischer und apollinischer Mathematik
+zu erinnern — ist der Körper nicht Größe, sondern Beziehung; nicht
+die sinnvolle Regel seiner äußeren Gliederung, sondern die Fülle des
+strömenden Lebens in ihm ist das Motiv, das sich im Jüngsten Gericht,
+wo die Leiber zu Flammen werden, mit der Bewegtheit des Weltraumes
+verbindet, eine gänzlich unantike Synthese, die auch den Nymphenbildern
+Corots nicht fremd ist, deren Gestalten im Begriffe sind, sich in
+Farbenflecke, Reflexe des unendlichen Raumes aufzulösen. So ist der
+antike Akt <em class="gesperrt">nicht</em> gemeint. Man verwechsle das griechische
+Formideal — das eines in sich abgeschlossenen plastischen Daseins —
+auch nicht mit der bloßen virtuosen Darstellung schöner Leiber, wie sie
+sich von Giorgione bis auf Boucher immer wieder finden, fleischliche
+Stilleben, Genrearbeiten, die lediglich, wie Rubens’ Frau mit dem Pelz,
+eine heitre populäre Sinnlichkeit zum Ausdruck bringen und in Hinsicht
+auf das symbolische Gewicht der<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> Leistung — sehr im Gegensatz zu dem
+hohen Ethos antiker Akte — weit zurücktreten.<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[85]</a></p>
+
+<p>Diese — ausgezeichneten — Maler haben dementsprechend weder
+im Porträt noch in der Darstellung tiefer Welträume vermittelst
+der Landschaft das Höchste erreicht. Ihrem Braun und Grün, ihrer
+Perspektive fehlt die „Religion“, das Schicksal. Sie sind Meister
+allein im Bereiche der <em class="gesperrt">elementaren</em> Form, in deren Repräsentation
+ihre Kunst sich erschöpft. Sie sind es, deren Schar die eigentliche
+Substanz der Entwicklungsgeschichte einer großen <em class="gesperrt">Kunst</em>
+bildet. Wenn aber ein großer <em class="gesperrt">Künstler</em> darüber hinaus zu jener
+andern, die ganze Seele und den ganzen Sinn der Welt umfassenden
+Form vordringt, so <em class="gesperrt">mußte</em> er innerhalb der antiken Kunst zur
+Durchbildung eines nackten Körpers schreiten, in der nordischen
+<em class="gesperrt">durfte</em> er es nicht. Rembrandt hat in jenem Vordergrundssinne nie
+einen Akt gemalt; Lionardo, Tizian, Velasquez und unter den letzten
+Menzel, Leibl, Marées, Manet jedenfalls selten (und dann immer, ich
+möchte sagen Leiber <em class="gesperrt">als Landschaften</em>). Das Porträt bleibt der
+untrügliche Prüfstein.<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[86]</a></p>
+
+<p>Aber man würde Meister wie Signorelli, Mantegna, Botticelli niemals
+an dem Range ihrer Porträts messen. Raffaels Bildnisse, deren beste
+wie das des Papstes Julius II. unter dem Einflüsse des Venezianers
+Sebastian del Piombo entstanden, könnte man bei der Würdigung seines
+Schaffens gänzlich außer acht lassen. Erst bei Lionardo sind sie
+von höchstem Gewicht. Es besteht ein feiner Widerspruch zwischen
+Freskotechnik und Bildnismalerei. In der Tat ist Giovanni Bellinis
+Doge Loredan das erste große Ölporträt. Auch hier offenbart sich der
+Charakter der Renaissance als einer Auflehnung gegen den faustischen
+Geist des Abendlandes. Die Episode von Florenz bedeutet den Versuch,
+das Porträt gotischen Stils — also nicht<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> das spätantike Idealbildnis,
+das man vornehmlich durch die Cäsarenbüsten kannte — als Symbol
+des Menschlichen durch den Akt zu ersetzen. Folgerichtig hätten die
+physiognomischen Züge der gesamten Renaissancekunst fehlen müssen.
+Allein die starke Unterströmung faustischen Kunstwollens, nicht nur
+in kleineren Städten und Schulen Mittelitaliens, sondern selbst im
+Unbewußten der großen Maler bewahrte eine nie unterbrochene Tradition.
+Die Physiognomik gotischer Art unterwarf sich sogar das ihr so fremde
+Element des südlich-nackten Körpers. Was man entstehen sah, sind
+nicht Körper, die durch die Statik ihrer Grenzflächen zu uns reden;
+wir bemerken ein <em class="gesperrt">Mienenspiel</em>, das sich vom Antlitz über alle
+Teile des Körpers verbreitet und für das feinere Auge gerade in die
+toskanische <em class="gesperrt">Nacktheit</em> eine tiefe Identität mit dem <em class="gesperrt">gotischen
+Gewande</em> legt. Sie ist eine Hülle, keine Grenze. Vor allem aber
+wurde jeder gemalte oder modellierte Kopf von selbst zum Porträt. Alles
+was A. Rossellino, Donatello, Benedetto da Majano, Mino da Fiesole im
+Porträt geleistet haben, steht dem Geiste der Van Eyck, Memlings und
+der frührheinischen Meister oft bis zum Verwechseln nahe. Ich behaupte,
+daß es überhaupt kein eigentliches Renaissanceporträt gibt und geben
+kann, wenn man darunter die in einem Antlitz gesammelte künstlerische
+Gesinnung versteht, welche den Hof des Palazzo Strozzi von der Loggia
+dei Lanzi und Perugino von Cimabue trennt. Im Architektonischen war
+eine antigotische Konzeption möglich, so wenig von apollinischem Geiste
+sie auch besaß; im Bildnis, das schon als Gattung ein faustisches
+Phänomen war, nicht. Michelangelo ging der Aufgabe aus dem Wege.
+In seiner leidenschaftlichen Verfolgung eines plastischen Ideals
+hätte er die Beschäftigung mit ihr als ein Herabsteigen empfunden.
+Seine Brutusbüste ist so wenig ein Porträt wie sein Giuliano de
+Medici, dessen Porträt von Botticelli ein wirkliches, mithin eine
+ausgesprochen gotische Schöpfung ist. Michelangelos Köpfe sind
+Allegorien im Geschmack des anbrechenden Barock und selbst mit gewissen
+hellenistischen Arbeiten nur oberflächlich vergleichbar. Man mag den
+Wert der Uzzanobüste des Donatello, vielleicht der bedeutendsten
+Leistung dieser Epoche, noch so hoch bemessen; man wird zugeben, daß
+sie neben den Bildnissen der Venezianer kaum in Betracht kommt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span></p>
+
+<p>Es verdient bemerkt zu werden, daß diese wenigstens ersehnte
+Überwindung des gotischen Porträts durch den vermeintlich antiken
+Akt — einer rein historischen und biographischen Form durch eine
+vollkommen ahistorische eines punktförmigen Daseins — mit einem
+gleichzeitigen Niedergang der Fähigkeit zur innern Selbstprüfung und
+zur künstlerischen Konfession im Goetheschen Sinne verschwistert
+erscheint. Kein echter Renaissancemensch kennt eine seelische
+Entwicklung. Er vermochte ganz nach außen zu leben. Darin lag das hohe
+Glück des Quattrocento. Zwischen Dantes Vita nuova und Michelangelos
+Sonetten ist keine poetische Beichte, kein Selbstporträt von
+einigem Range entstanden. Der Renaissancekünstler ist im Abendlande
+der einzige, für den Einsamkeit ein leeres Wort bleibt. Darf man
+hinzufügen, daß <em class="gesperrt">also auch</em> jenes andre Symbol der historischen
+Ferne, der Sorge, Dauer und Nachdenklichkeit, der <em class="gesperrt">Staat</em>, von
+Dante bis auf Michelangelo aus der Sphäre der Renaissance verschwindet?
+Im „wankelmütigen Florenz“, das all seine großen Bürger bitter
+gescholten haben und dessen Unfähigkeit zu tüchtigen politischen
+Bildungen am gewöhnlichen Niveau abendländischer Staatsformen gemessen
+ans Bizarre streift, und überall dort, wo der antigotische — nach
+dieser Seite hin betrachtet also <em class="gesperrt">antidynastische</em> — Geist eine
+lebendige Wirksamkeit in Kunst und Öffentlichkeit entfaltet, machte der
+Staat in Gestalt der Medici, Sforza, Borgia, Malatesta und lächerlicher
+Republiken einer wahrhaft hellenischen Jämmerlichkeit im Stile des
+peloponnesischen Krieges Platz. Nur dort, wo die Plastik <em class="gesperrt">keine</em>
+Stätte fand, wo die südliche Musik zu Hause war, wo Gotik und Barock in
+der Ölmalerei des Giovanni Bellini sich berührten und die Renaissance
+ein Gegenstand gelegentlicher Liebhaberei blieb, gab es neben dem
+Porträt — der Seelengeschichte <i>in nuce</i> — eine feine Diplomatie
+und den Willen zur politischen Dauer: in Venedig.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_14">14</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Renaissance war aus dem Trotz geboren. Es fehlt ihr darum an
+Tiefe, Umfang und Sicherheit der formbildenden Instinkte. Sie ist
+die einzige Epoche, die einer theoretischen Unterstützung<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> bedurfte.
+Sie war auch, sehr im Gegensatz zu Gotik und Barock, die einzige, wo
+das theoretisch formulierte Wollen dem Können voranging und es oft
+genug überragte. Aber die erzwungene Gruppierung der einzelnen Künste
+um eine antikisierende Plastik konnte diese Künste in den letzten
+Wurzeln ihres Wesens nicht umwandeln. Sie bewirkte nur eine Verarmung
+der innern Möglichkeiten. Für Naturen von mittlerem Umfang war das
+geistig-künstlerische Medium der Renaissance zureichend. Es kommt ihnen
+infolge der Simplizität der oberflächlicheren Konvention sogar entgegen
+und man vermißt deshalb das gotische Ringen mit dem Element, das die
+rheinischen und niederländischen Schulen auszeichnet. Die wundervolle
+und verführerische Leichtigkeit und Klarheit beruht nicht zum wenigsten
+auf dem Umgehen des tieferen Widerstandes vermittelst einer allzu
+schlichten Regel. Die Renaissancekunst kennt keine Probleme. Für
+Menschen von der Innerlichkeit Memlings und der Gewalt Grünewalds, die
+im Bereich dieser toskanischen Formenwelt geboren wurden, mußte sie
+zum Verhängnis werden. Sie konnten nicht in ihr und durch sie, nur
+gegen sie zur Entfaltung ihrer Seele kommen. Wir sind geneigt, das
+Menschliche der Renaissancemaler zu überschätzen, nur weil wir keine
+Schwäche in der Form entdecken. Aber im Gotischen und im Barock erfüllt
+ein ganz großer Künstler seine Mission, indem er ihre Sprache vertieft
+und vollendet; in der Renaissance mußte er sie zerstören.</p>
+
+<p>Dies ist der Fall Lionardos, Raffaels und Michelangelos, der einzigen
+großen Menschen Italiens, seit den Tagen der Gotik. Ist es nicht
+seltsam, daß zwischen den Meistern der Gotik, die nichts als Arbeiter
+in ihrer Kunst waren und doch das Größte im Dienste dieser Konvention
+und innerhalb ihrer Schranken leisteten, und den Venezianern und
+Holländern, die wieder nichts als Maler, Arbeiter waren, diese drei
+stehen, nicht nur Maler, nicht Bildhauer, sondern Denker, und zwar
+Denker aus Not, die sich außer mit allen möglichen Arten künstlerischen
+Ausdrucks auch noch mit tausend andern Dingen beschäftigten, ewig
+unruhig und unbefriedigt, um dem Wesen und dem Ziel ihrer Existenz
+auf den Grund zu kommen — die sie in den seelischen Bedingungen der
+Renaissance also nicht fanden?<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> Diese drei Großen haben, jeder in
+seiner Weise, jeder in einem eignen tragischen Irrgang, versucht,
+antik im Sinne der mediceischen Theorie zu sein und jeder hat nach
+einer andern Seite hin diese Illusion zerstört. Raffael die große
+Linie, Lionardo die Fläche, Michelangelo den Körper. In ihnen kehrt die
+verirrte Seele zu ihrem faustischen Ausgang zurück. Sie <em class="gesperrt">wollten</em>
+das Maß statt der Beziehung, die Zeichnung statt der Wirkung von Licht
+und Schatten, den euklidischen Leib statt des reinen Raumes. Aber eine
+euklidisch-statische Plastik hat es damals überhaupt nicht gegeben.
+Sie war nur einmal möglich: in Athen. Eine latente Musik ist immer und
+überall fühlbar. All ihre Gestalten haben Bewegtheit und eine Tendenz
+in die Ferne und Tiefe. Sie sind alle auf dem Wege zu Palestrina statt
+zu Phidias, wie sie alle von der schweigenden Musik der Kathedralen
+statt von den römischen Ruinen kommen. Raffael löste das florentinische
+Fresko auf, Michelangelo die Statue, Lionardo träumte schon von der
+Kunst Rembrandts und Bachs. Je ernster man die Aufgabe nimmt, das Ideal
+der Zeit zu verwirklichen, desto ungreifbarer wird es. Es gibt keinen
+Palast in dieser Epoche, von dem Kenner nicht geurteilt haben, daß er
+noch gotische oder schon barocke Elemente aufweise.</p>
+
+<p>Mithin sind Gotik und Barock etwas, das <em class="gesperrt">da</em> ist. Renaissance
+ist ein ideales Postulat, das über dem Wollen einer Zeit schwebt,
+unerfüllbar wie alle Postulate. Giotto ist ein gotischer und Tizian
+ein Barockkünstler. Michelangelo <em class="gesperrt">wollte</em> ein Renaissancekünstler
+sein, aber es gelang ihm nicht. Schon daß — trotz aller plastischen
+Ambitionen und aller Literatur — die Malerei unbestritten überwog,
+und zwar mit den räumlich-perspektivischen Voraussetzungen des
+Nordens, beweist den Widerspruch zwischen Verstand und Seele, zwischen
+Sehnsucht und Erfüllung. Das schöne Maß, die abgeklärte Regel, das
+gewollt Antike also, wurde schon um 1520 als trocken und formelhaft
+empfunden. Michelangelo und andre mit ihm waren der Meinung, daß sein
+Kranzgesims am Palazzo Farnese, durch das er die Fassade Sangallos
+vom Renaissancestandpunkt aus verdarb, die Leistungen der Griechen
+und Römer weit übertraf. Das Antigotische fand keine Liebhaber mehr.
+Man hatte es satt. Erst von jetzt an werden römische Ruinen, wie das<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span>
+Kolosseum und Septizonium, als Steinbrüche für Barockbauten benutzt.</p>
+
+<p>Wie Petrarca der erste, so war Michelangelo der letzte leidenschaftlich
+für die Antike empfindende Mensch von Florenz, aber er war es nicht
+mehr ganz. Das franziskanische Christentum Fra Angelicos, von feiner
+Milde, versonnen, still ergeben, dem die südliche Abgeklärtheit reifer
+Renaissancewerke weit mehr zu verdanken hat als man glaubt,<a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[87]</a> ging
+zu Ende. Der majestätische Geist der Gegenreformation, schwer, bewegt
+und prächtig, lebt schon in Michelangelos Werken. Es gibt etwas, das
+man damals antik nannte und das nur eine edle Form des christlichen
+Weltgefühls war; der syrischen Herkunft des florentinischen
+Lieblingsmotivs, der Verbindung von Rundbogen und Säule, war schon
+gedacht. Aber man vergleiche auch die pseudo-korinthischen Kapitäle
+des 15. Jahrhunderts mit denen römischer Ruinen, die man doch kannte.
+Michelangelo war der einzige, der hier kein äußeres Abkommen ertrug.
+Er wollte Klarheit. Für ihn war die Frage der Form eine religiöse
+Frage. Es handelt sich bei ihm und ihm allein um alles oder nichts. So
+erklärt sich das einsame, furchtbare Ringen dieses wohl unglücklichsten
+Menschen innerhalb unsrer Kunst, das Fragmentarische, Gequälte,
+Unersättliche, das <i>terribile</i> seiner Formen, das die Zeitgenossen
+ängstigte. Der eine Teil seines Wesens zog ihn zum Altertum und also
+zur Plastik. Man weiß, wie die eben gefundene Laokoongruppe auf ihn
+wirkte. Ehrlicher als er hat niemand versucht, durch die Kunst des
+Meißels den Weg zu einer verschütteten Welt zu finden. Alles was
+er geschaffen hat, war plastisch in diesem, <em class="gesperrt">von ihm allein</em>
+vertretenen Sinne gemeint. „Die Welt, vorgestellt im großen Pan“,<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span>
+das, was Goethe im zweiten Teil des Faust hatte geben wollen, als
+er die Helena einführte, die apollinische Welt in ihrer mächtigen,
+sinnlichen und körperlichen Gegenwart — das hat kein andrer so mit
+allen Kräften in ein künstlerisches Dasein bannen wollen, als er,
+damals als er die Decke der Sixtinischen Kapelle malte. Alle Mittel
+des Fresko, die großen Konturen, die mächtigen Flächen, die drängende
+Nähe nackter Gestalten, das Stoffliche der Farbe sind hier zum letzten
+Male bis zum äußersten angespannt, um das Heidentum in ihm — im
+höchsten Renaissancesinne — zu befreien. Aber seine zweite Seele, die
+gotisch-christliche Dantes und der Musik weiter Räume, die deutlich
+genug aus der metaphysischen Anordnung des Entwurfs redet, leistete
+Widerstand.</p>
+
+<p>Er hat zum letzten Male versucht, immer und immer wieder, die
+ganze Fülle seiner Persönlichkeit in die Sprache des Marmors, des
+euklidischen Materials zu legen, das ihm den Dienst versagte. Denn er
+stand dem Stein anders gegenüber als ein Grieche. Die gemeißelte Statue
+widerspricht schon durch die Art ihres Daseins einem Weltgefühl, das in
+Kunstwerken etwas <em class="gesperrt">sucht</em>, nicht in ihnen etwas <em class="gesperrt">besitzen</em>
+will. Für <em class="gesperrt">Phidias</em> ist der Marmor der kosmische Stoff, der
+sich nach Form sehnt. Die Pygmalionsage erschließt das ganze Wesen
+dieser apollinischen Kunst. Für Michelangelo war er der Feind, den
+er unterwarf, der Kerker, aus dem er seine Idee erlösen mußte, wie
+Siegfried Brunhilde befreit. Man kennt seine leidenschaftliche Art,
+den rohen Block anzugreifen. Er näherte ihn nicht Schritt für Schritt
+der gewollten Gestalt an. Er meißelte in den Stein wie in einen Raum
+hinein und brachte eine Figur zustande, indem er zum Beispiel von dem
+Block, an der Stirnseite beginnend, schichtweise das Material fortnahm
+und in die Tiefe drang, während die Gliedmaßen sich langsam aus der
+Masse entwickelten. Die Weltangst von dem Gewordnen, dem Element, dem
+Tode, den man durch eine bewegte Form zu bannen sucht, kann nicht
+deutlicher ausgedrückt werden. Kein Künstler des Abendlandes besitzt
+ein so innerliches und zugleich gewaltsames Verhältnis zum Stein als
+dem Symbol des Todes, zu dem feindlichen Prinzip in ihm, das seine
+dämonische Natur immer wieder bezwingen wollte, ob er nun seine Statuen
+heraushieb<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> oder seine mächtigen Bauten aus ihm auftürmte.<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[88]</a> Er
+ist der einzige Bildhauer seiner Zeit, für den <em class="gesperrt">nur</em> der Marmor
+in Frage kam. Der Bronzeguß, der einen Ausgleich mit malerischen
+Tendenzen gestattete und dem er deshalb fern stand, lag den andern
+Renaissancekünstlern und den weicheren Griechen viel näher.</p>
+
+<p>Aber der antike Bildhauer fesselte einen augenblicklichen leiblichen
+Zustand in Stein. Dessen ist der faustische Mensch gar nicht fähig.
+Wie er in der Liebe nicht zuerst den Naturtrieb, den sinnlichen Akt
+der Vereinigung von Mann und Weib findet, sondern die große Liebe
+Dantes und darüber hinaus die Idee der sorgenden Mutter, so hier.
+Michelangelos Erotik — die Beethovens — war so unantik als möglich;
+sie stand unter dem Aspekt der Ewigkeit und Ferne, nicht der Sinne und
+des flüchtigen Augenblicks. In Michelangelos Akten — einem Opfer an
+sein hellenisches Idol — verneint und übertönt die Seele die sichtbare
+Form. Die eine will Unendlichkeit, die andre Maß und Regel, die eine
+will Vergangenheit und Zukunft verknüpfen, die andre in der Gegenwart
+beschlossen sein. Das antike Auge saugt die plastische Form in sich
+auf. Michelangelo aber sah mit dem geistigen Auge und durchbrach
+die Vordergrundsprache der unmittelbaren Sinnlichkeit. Und endlich
+vernichtete er die Bedingungen dieser Kunst. Der Marmor wurde seinem
+Formwollen zu gering. Michelangelo hört auf Bildhauer zu sein und geht
+zur Architektur über. Im hohen Alter, als er nur noch wilde Fragmente
+wie die Madonna Rondanini zustande brachte<span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span> und seine Gestalten kaum
+mehr aus dem Rohen herausmeißelte, brach die <em class="gesperrt">musikalische</em>
+Tendenz seines Künstlertums durch. Endlich ließ sich der Wille zu
+einer kontrapunktischen Form nicht mehr bändigen und aus tiefstem
+Ungenügen an der Kunst, an welche er sein Leben verschwendet hatte,
+zerbrach sein ewig ungestilltes Ausdrucksbedürfnis die architektonische
+Regel der Renaissance und schuf das römische Barock. An die Stelle
+des Verhältnisses von Stoff und Form setzt er den Kampf von Kraft
+und Masse. Er faßt die Säulen in Bündel zusammen oder drängt sie in
+Nischen; er durchbricht die Geschosse mit mächtigen Pilastern; die
+Fassade erhält etwas Wogendes und Drängendes; das Maß weicht der
+Melodie, die Statik der Dynamik. Die faustische Musik hatte sich die
+erste unter den andern Künsten dienstbar gemacht.</p>
+
+<p>Mit Michelangelo ist die Geschichte der abendländischen Plastik zu
+Ende. Was nach ihm kommt, sind Mißverständnisse und Reminiszenzen. Sein
+legitimer Erbe ist <em class="gesperrt">Palestrina</em>.</p>
+
+<p>Lionardo redet eine andre Sprache als seine Zeitgenossen. In
+wesentlichen Dingen reichte sein Geist in das nächste Jahrhundert und
+nichts band ihn wie Michelangelo mit allen Fasern seines Herzens an das
+toskanische Formideal. Er allein hatte weder den Ehrgeiz, Bildhauer,
+noch den, Architekt zu sein. Er trieb seine anatomischen Studien —
+ein seltsamer Irrweg der Renaissance, dem hellenischen Lebensgefühl
+und dessen Kultus der körperlichen Außenfläche nahe zu kommen! —
+nicht mehr wie Michelangelo der Plastik wegen; er trieb nicht mehr
+<em class="gesperrt">topographische</em> Vordergrund- und Oberflächenanatomie, sondern
+<em class="gesperrt">Physiologie</em>, um der innern Geheimnisse willen. Michelangelo
+wollte den ganzen Sinn der menschlichen Existenz in die Sprache des
+sichtbaren Leibes zwingen, Lionardos Skizzen und Entwürfe zeigen das
+Gegenteil. Sein vielbewundertes <i>sfumato</i> ist das erste Zeichen
+einer Verleugnung der Körpergrenzen um des <em class="gesperrt">Raumes</em> willen. Von
+hier geht der Impressionismus aus. Lionardo beginnt mit dem Innern,
+dem Räumlich-Seelenhaften, nicht mit abgewognen Umrißlinien und legt
+zuletzt — wenn er es überhaupt tut und das Bild nicht unvollendet
+läßt — die farbige Substanz wie einen Hauch über die eigentliche,
+körperlose, ganz unbeschreibliche Fassung des Bildes. Raffaels Gemälde
+zerfallen<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> in „Pläne“, in denen wohlgeordnet Gruppen verteilt sind, und
+ein Hintergrund schließt das Ganze maßvoll ab. Lionardo kennt nur den
+einen, weiten, ewigen Raum, in dem seine Gestalten gleichsam schweben.
+Der eine gibt innerhalb des Bildrahmens eine Summe einzelner und naher
+Dinge, der andre einen Ausschnitt aus dem Unendlichen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Lionardo hat den Blutkreislauf entdeckt.</em> Was ihn dahin führte,
+war kein Renaissancegefühl. Seine Gedankengänge heben ihn aus der
+ganzen Sphäre seiner Zeitgenossen heraus. Weder Michelangelo noch
+Raffael wären dahingekommen, denn die Maleranatomie sah nur auf Form
+und Lage, nicht auf die Funktion der Teile. Sie war, mathematisch
+gesprochen, stereometrisch, nicht analytisch. Hat man nicht das Studium
+von <em class="gesperrt">Leichen</em> zureichend befunden, um die großen Gemäldeszenen
+figürlich auszuführen? Aber das hieß das Werden zugunsten des
+Gewordenen unterdrücken. Man rief die Toten zu Hilfe, um die antike
+ἀταραξία der nordischen Gestaltungskraft zugänglich zu machen.
+Aber Lionardo sucht das <em class="gesperrt">Leben</em> wie Rubens, nicht den Körper
+an sich wie Signorelli. Es liegt in seiner Entdeckung eine tiefe
+Verwandtschaft mit der fast gleichzeitigen des Kolumbus; es ist der
+Sieg des Unendlichen als des faustischen Symbols über die stoffliche
+Begrenztheit des Gegenwärtigen und Greifbaren. Wann hätte je ein
+Grieche an solchen Dingen Geschmack gefunden? Er fragte nach dem Innern
+seines Organismus so wenig als nach den Quellen des Nils. Beides hätte
+die euklidische Fassung seines Daseins in Frage gestellt. Das Barock
+ist demgegenüber <em class="gesperrt">die eigentliche Zeit der großen Entdeckungen</em>.
+Schon das Wort kündigt etwas schroff Unantikes an. Der antike Mensch
+hütete sich, von irgend etwas Kosmischem die Decke, die körperliche
+Bindung fortzunehmen oder fortzudenken. Aber gerade das ist der
+eigentliche Trieb einer faustischen Natur. Beinahe gleichzeitig und
+in der Tiefe völlig gleichbedeutend erfolgte die Entdeckung der
+neuen Welt, des Blutkreislaufs und des kopernikanischen Weltsystems,
+etwas früher die des Schießpulvers, also der Fernwaffe, und des
+Buchdrucks, der im Gegensatz zur antiken Rhetorik und der ihr dienenden
+Schriftrolle die Verbreitung der Gedanken ins Unendliche sichert.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span></p>
+
+<p>Lionardo war ganz und gar Entdecker. Darin erschöpft sich seine Natur.
+Pinsel, Meißel, Seziermesser, Rechenstift, Zirkel hatten für ihn ein
+und dieselbe Bedeutung — die, welche der Kompaß für Kolumbus hatte.
+Wenn Raffael einen in scharfen Umrissen gezeichneten Entwurf farbig
+ausführte, so bejahte jeder Pinselstrich die körperliche Erscheinung.
+Man betrachte aber Lionardos Rötelskizzen und Hintergründe: hier
+entdeckt er mit jedem Zuge atmosphärische Geheimnisse. Er war der
+erste, der über Flugversuche angestrengt nachdachte. Fliegen, sich von
+der Erde befreien, sich in die Weite des Weltraumes verlieren: das
+ist faustisch im höchsten Grade. Das erfüllt selbst unsere Träume.
+Hat man nie bemerkt, wie die evangelische Legende in der Malerei des
+Abendlandes zu einer wunderbaren Verklärung dieses Motivs wurde? All
+diese gemalten Himmelfahrten und Höllenstürze, das Schweben über
+den Wolken, die selige Entrücktheit der Engel und Heiligen, die
+eindringlich gestaltete Freiheit von aller Erdenschwere sind Sinnbilder
+des faustischen Seelenfluges und dem byzantinischen Stil gänzlich
+fremd. Dem Griechen, wie die Ikarussage beweist, erscheint dies als der
+Gipfel allen Frevels. Der bloße Gedanke daran stellt ihr euklidisches
+Weltgefühl in Frage. Ent-decken, die Decke aufheben, das heißt die
+Dinge durchschauen, ihre Bedingtheit bemerken, ihre Grenzen auflösen.
+Lionardos Malerei löst das Stoffliche auf. Antike Menschen kennen eine
+tiefe Furcht vor dem Geheimnis, das unter der sinnlichen Fläche der
+Welt schläft. Ihr Fresko <em class="gesperrt">verleugnet</em> den Hintergrund, und zwar
+mit dem Pathos eines großen Symbols. Renaissancemenschen allerdings
+fühlen hier keine Tiefe. Ihre Hintergründe sind bloße Abschlüsse. Aber
+den Menschen des Barock erfüllt die unersättliche Leidenschaft für die
+Wikingerfahrten der Seele. Er <em class="gesperrt">braucht</em> Geheimnisse, um sie zu
+überwinden. Er braucht Weiten für die innere Musik seiner Seele. Hier,
+im Schaffen Lionardos, reift, was die Gotik geahnt hatte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_15">15</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Verwandlung des Freskogemäldes der Renaissance in das Ölbild ist
+ein Stück <em class="gesperrt">Seelengeschichte</em>, die noch niemand beschrieben hat.
+Hier hängen alle Einblicke von den zartesten<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> und verborgensten Zügen
+ab. Fast in jedem Bilde ringt das Freskenhafte mit der andringenden
+neuen Form. Raffaels malerische Entwicklung während seiner Arbeit in
+den Stanzen des Vatikan ist fast das einzige übersichtliche Beispiel.
+Das florentinische Fresko sucht die Wirklichkeit in einzelnen Dingen
+und gibt innerhalb der architektonischen Umrahmung eine Summe von
+ihnen. Das Ölbild erkennt mit steigender Sicherheit des Ausdrucks
+nur die Ausgedehntheit als Ganzes an und jeden Gegenstand nur als
+ihren Repräsentanten. Das faustische Weltgefühl schuf die neue
+Technik für sich. Es verwarf den zeichnerischen Stil, wie es die
+Koordinatengeometrie aus der Zeit des Oresme verwarf. Es verwandelte
+die an Architekturmotive gebundene Linearperspektive in eine rein
+atmosphärische Perspektive, die mit unwägbaren Tondifferenzen arbeitet.
+Das entspricht der reinen Analysis seit Descartes. Aber die ganze
+künstliche Lage der Renaissancekunst, ihr Nichtverstehen der eignen
+Tendenz, die Unmöglichkeit, das antigotische Prinzip völlig zu
+realisieren, erschwerte und verdunkelte den Übergang. Jeder Künstler
+hat ihn auf andre Weise versucht. Der eine malt mit Ölfarben auf die
+nasse Wand. Lionardos Abendmahl ist bekanntlich deshalb der Zerstörung
+anheimgefallen. Andre malen Tafelbilder, als ob sie Fresken wären. Das
+ist der Fall Michelangelos. Kühne Schritte, Ahnungen, Niederlagen,
+Verzichte finden sich. Der Kampf zwischen der Hand und der Seele,
+zwischen Auge und Werkzeug, der vom Künstler und der von der Zeit
+gewollten Form ist immer derselbe — der zwischen Plastik und Musik.</p>
+
+<p>Hier verstehen wir endlich Lionardos riesenhaft gedachten Entwurf
+zur Anbetung der heiligen drei Könige in den Uffizien, das größte
+malerische Wagnis der Renaissance. Bis auf Rembrandt ist ähnliches nie
+auch nur geahnt worden. Über alles optische Maß hinaus, über alles,
+was man damals Zeichnung, Kontur, Komposition, Gruppe nannte, will er
+zur Anbetung des ewigen Raumes vordringen, in dem alles Körperliche
+schwebt wie die Planeten im kopernikanischen System, wie die Töne
+einer Bachschen Orgelfuge in der Dämmerung alter Kathedralen, ein Bild
+von einer solchen Dynamik der Ferne, daß es innerhalb der technischen
+Möglichkeiten dieser Zeit Torso bleiben mußte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p>
+
+<p>In der sixtinischen Madonna resümiert Raffael die gesamte Renaissance
+durch die kolossale Linie des Umrisses, die den ganzen Gehalt
+des Werkes in sich saugt. Es ist die <em class="gesperrt">letzte große Linie</em>
+der abendländischen Kunst. Ihre gewaltige Innerlichkeit, die den
+Widerspruch mit der Konvention bis zur äußersten Spannung treibt, macht
+Raffael zu dem am wenigsten verstandenen Künstler der Renaissance.
+Er kämpfte nicht mit Problemen. Er ahnte sie nicht einmal. Aber er
+führte die Kunst bis an deren Schwelle, wo der Entscheidung nicht mehr
+ausgewichen werden konnte. Er starb, als er innerhalb ihrer Formenwelt
+das letzte vollendet hatte. Der Menge erscheint er flach. Sie wird
+niemals empfinden, was in seinen Entwürfen vor sich geht. Aber hat man
+wohl die Morgenwölkchen bemerkt, die, sich in Kinderköpfe verwandelnd,
+die ragende Gestalt umgeben? Es sind die Scharen der Ungebornen,
+welche die Madonna ins Leben zieht. Diese lichten Wolken erscheinen
+im gleichen Sinne auch in der mystischen Schlußszene des zweiten
+Faust. Gerade das Abweisende, die Unpopularität im höchsten Sinne
+schließt hier die innere Überwindung des Renaissancegefühls in sich.
+Perugino versteht man beim ersten Blick; bei Raffael glaubt man es nur.
+Obwohl zunächst gerade die plastische Linie, das zeichnerische Moment
+eine antike Tendenz ankündigt, ist sie doch im Raum verschwebend,
+überirdisch, beethovenartig. Raffael ist in diesem Werke verschlossener
+als jeder andre, viel mehr selbst als Michelangelo, dessen Intentionen
+durch das Fragmentarische seiner Arbeiten deutlich werden. Seine
+innersten Geheimnisse scheint kein Zeitgenosse gekannt zu haben. Fra
+Bartolommeo hatte die stoffliche Umrißlinie noch ganz in seiner Gewalt;
+sie ist ganz Vordergrund, sie redet allein, ihr Sinn erschöpft sich
+in der Abgrenzung von Körpern. Bei Raffael schweigt sie, wartet sie,
+verhüllt sie sich. Sie steht, bei äußerster Spannung, unmittelbar vor
+ihrer Auflösung im Unendlichen, in Raum und Musik.</p>
+
+<p>Lionardo steht jenseits der Grenze. Der Entwurf zur Anbetung der drei
+Könige ist schon Musik. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Umstande,
+daß er hier wie bei seinem Hieronymus bei der braunen Untermalung
+stehen blieb, dem „Rembrandtstadium“, dem atmosphärischen Braun des
+nächsten Jahrhunderts. Für ihn war in diesem Zustande die äußerste
+Vollkommenheit<span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span> und Deutlichkeit der Intention erreicht. Jeder Schritt
+weiter in eine Farbenbehandlung, deren Geist damals noch in den
+metaphysischen Bedingungen des Freskostils befangen war, hätte die
+Seele des Entwurfs zerstört. Gerade weil er die Symbolik der Ölmalerei
+in ihrer ganzen Tiefe vorfühlte, fürchtete er das Freskenhafte der
+„Fertigmaler“, das seine Idee verflachen mußte. Die Studien zu dem
+Gemälde beweisen, wie sehr ihm die <em class="gesperrt">Radierung</em> in der Art
+Rembrandts gelegen hätte, eine Kunst aus der Heimat des Kontrapunkts,
+die man in Florenz nicht kannte. Erst die Venezianer, außerhalb der
+florentinischen Konvention stehend, haben erreicht, was er hier suchte;
+eine Farbenwelt, die dem Raume, nicht den Dingen dient.</p>
+
+<p>Aus demselben Grunde hat Lionardo — nach unendlichen Versuchen —
+den Christuskopf des Abendmahls unvollendet gelassen. Auch für ein
+Porträt in der großen Auffassung Rembrandts für eine aus bewegten
+Pinselstrichen, Lichtern und Tönen aufgebaute Seelengeschichte war
+der Mensch dieser Zeit nicht reif. Aber nur Lionardo war groß genug,
+um diese Schranke als tragisches Geschick zu erleben. Die andern
+hatten nur den Kopf geben wollen, wie ihn die Schule vorschrieb.
+Lionardo, der hier zum ersten Male auch die <em class="gesperrt">Hände</em> sprechen
+ließ, und zwar mit einer physiognomischen Meisterschaft, die später
+zuweilen erreicht, aber nie übertroffen worden ist, wollte unendlich
+viel mehr. Seine Seele war weit in die Zukunft verloren, aber sein
+Menschliches, sein Auge, seine Hand gehorchten dem Geiste seiner Zeit.
+Sicherlich war er in einer verhängnisvollen Weise der Freieste von
+den drei Großen. Vieles von dem, womit Michelangelos mächtige Natur
+vergebens rang, hat ihn gar nicht mehr berührt. Probleme der Chemie,
+der geometrischen Analysis, der Physiologie — Goethes „lebendige
+Natur“ war auch die seine — der Fernwaffentechnik sind ihm vertraut.
+Er hat die Maschinentechnik antizipiert. Seine Intuitionen machen ihn
+zum Ahnherrn von Leibniz und Goethe; er empfand den Raum wie der erste
+und den Organismus wie der zweite. Tiefer als Dürer, kühner als Tizian,
+umfassender als irgendein Mensch der Zeit, ist er der fragmentarische
+Künstler <i>par excellence</i> geblieben,<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[89]</a> aber aus<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> einem andern
+Grunde als Michelangelo, der verspätete Plastiker, und im Gegensatz zu
+Goethe, für den alles schon zurücklag, was dem Schöpfer des Abendmahls
+unerreichbar blieb. Michelangelo wollte eine erstorbene Formenwelt noch
+einmal zum Leben zwingen, Lionardo fühlte eine neue in der Zukunft,
+Goethe ahnte, daß es keine mehr gab. Zwischen ihnen liegen die drei
+reifen Jahrhunderte faustischer Kunst.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_16">16</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es ist noch übrig, das Sterben der abendländischen Kunst in seinen
+großen Zügen zu verfolgen. Die innerste Notwendigkeit alles
+historischen Werdens ist hier am Werke. Wir haben gelernt, Künste als
+Urphänomene zu begreifen. Wir suchen nicht mehr nach Ursachen und
+Wirkungen im physikalischen Sinne, um ihrer Geschichte Zusammenhang
+zu geben. Wir haben den Begriff des Schicksals einer Kunst in sein
+Recht eingesetzt. Wir haben endlich Künste als <em class="gesperrt">Organismen</em>
+erkannt, die in dem größeren Organismus einer Kultur ihre bestimmte
+Stellung einnehmen, geboren werden, reifen, altern und <em class="gesperrt">für immer</em>
+absterben. Das griechische Fresko, das byzantinische Mosaik, das
+gotische Glasgemälde, das perspektivische Ölbild sind nicht Phasen
+<em class="gesperrt">einer</em> allgemein menschlichen Kunst. Es sind Formideale
+einzelner, wohlbegrenzter und voneinander innerlich unabhängiger
+Künste, von denen jede ihre eigne Biographie besitzt. Die Gotik war,
+wie die Dorik, wie der Stil des Alten Reiches von Memphis, ein Suchen
+der jungen Seele nach Formen, um die Welt zu erfassen, an sich zu
+ziehen, sich einzuverleiben. Ihre Sprache, zaghaft, voller Schauder
+vor dem Unbegriffenen, nach einem noch unbekannten Ziele tastend,
+kündigt eine große Entwicklung erst an. Hier finden wir die Fehlgriffe,
+die Ratlosigkeit, das Irren aller Jugend. Mit dem Abschluß der
+Renaissanceepisode — der letzten Verirrung — ist die abendländische
+Seele zum reifen Bewußtsein ihrer Kräfte und Möglichkeiten gelangt.
+Sie hat ihre Künste <em class="gesperrt">gewählt</em>. Eine Spätzeit, das Barock wie
+die Ionik, weiß, was die Formensprache der Kunst zu bedeuten hat.
+Sie war bis dahin eine philosophische Religion, jetzt wird sie eine
+religiöse Philosophie. Die gewordne Außenwelt, oder was dasselbe ist,<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span>
+die Wirklichkeit, die erlebte Natur, und zwar die von jeder einzelnen
+Seele, der faustischen, apollinischen, magischen für sich erlebte,
+geschaffene, zu ihrem Abbilde gestaltete Natur wird in den Mikrokosmos
+eines Kunstwerkes zusammengezogen, auf ein Symbol räumlich-sinnlicher
+Art, eine Formel der innern Existenz gebracht. Es erscheint auf der
+Höhe einer jeden Kultur das Phänomen einer prachtvollen <em class="gesperrt">Gruppe
+großer Künste</em>, wohlgeordnet und durch das zugrunde liegende
+Ursymbol zu einer Einheit verknüpft.</p>
+
+<p>Wenn man die „bildenden“ Künste, zu denen auch die Musik gehört,
+überhaupt gruppieren will, so findet sich ein natürlicher Unterschied,
+je nachdem man das Tiefenerlebnis durch <em class="gesperrt">unmittelbare</em> Behandlung
+des Ausgedehnten wiedergibt oder indem man auf einer Fläche den
+<em class="gesperrt">Eindruck</em> des Ausgedehnten erweckt. Das letztere ist „Malerei“.
+Die unmittelbare Nachahmung könnte sich auf den reinen, unendlichen
+Raum beziehen — das war der polyphonen Instrumentalmusik möglich,
+oder auf das Ideal des einzelnen stofflichen Körpers — das geschah
+durch eine Skulptur, die ihr Werk allseitig frei und durchgebildet
+auf den Boden stellte. Dem entsprechen nun aber sehr verschiedene
+Arten von Malerei, vielmehr von Künsten, die außer dem Namen nichts
+gemein haben. Zur Kunst des Raumes gehört eine Behandlung der Fläche,
+welche den Eindruck reiner Tiefe wachruft und das selbständige
+Dasein der Körper zuletzt <em class="gesperrt">verneint</em>. Das erste geschieht durch
+die <em class="gesperrt">Perspektive</em>, das zweite heißt <em class="gesperrt">Impressionismus</em>.
+Andererseits gehört zur Rundplastik eine Malerei, die <em class="gesperrt">nur</em> Körper
+kennt, das heißt, die nur <em class="gesperrt">Konturen</em> gibt und den Hintergrund
+verleugnet. Das hier wirksame <em class="gesperrt">Prinzip</em> der Auswahl entscheidet
+mit der Notwendigkeit eines <em class="gesperrt">Schicksals</em> über das Dasein, den Rang
+und das Ende einzelner Künste innerhalb einer Kultur. So entsteht, und
+ich setze dies der heute gültigen Anschauung über die Struktur der
+Kunstgeschichte entgegen, die <em class="gesperrt">historische Gruppe</em> von Künsten.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">apollinische Gruppe</em>, zu der die Vasenmalerei, das Fresko,
+das Relief, die Architektur der Säulenordnungen, das attische Drama,
+der Tanz gehören, hat die Skulptur der nackten Statue zur Mitte. Die
+<em class="gesperrt">faustische</em> Gruppe bildet sich um das<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> Ideal reiner räumlicher
+Unendlichkeit. Ihren Mittelpunkt bildet die kontrapunktische Musik.
+Von ihr aus spinnen sich feine Fäden in alle geistigen Formenwelten
+hinüber und verweben die infinitesimale Mathematik, die dynamische
+Physik, den Katholizismus des Jesuitenordens und den Protestantismus
+der Aufklärung, die moderne Maschinentechnik, das Kreditsystem und die
+dynastisch-soziale Staatsorganisation zu einer ungeheuren Totalität
+seelischen Ausdrucks. Mit dem innern Rhythmus der Dome beginnend,
+mit Wagners Tristan und Parsival endend, erreicht die künstlerische
+Bewältigung des unendlichen Raums ihre vollkommene Ausbildung um
+1550. Die Plastik erlischt mit Michelangelo, gerade damals, als die
+Planimetrie, die bis dahin die Mathematik beherrscht hatte, ihr
+unwesentlichster Teil wird. Mit der Musik fugierten Stils, die eben
+jetzt durch Orlando Lasso ein Kunstmittel von ungeheuren Möglichkeiten
+geworden war, beginnt ihre Schwester, die Infinitesimalrechnung
+hervorzutreten.</p>
+
+<p>Ölmalerei und Instrumentalmusik, die Künste des Raumes, treten ihre
+Herrschaft an. In der Antike waren es <em class="gesperrt">folglich</em> die Künste
+des stofflich-euklidischen Prinzips, das streng flächenhafte Fresko
+und die freistehende Statue, die gleichzeitig — um 600 — in den
+Vordergrund treten. Damit ist die faustische und die apollinische
+Gruppe reifer Künste — der auch zwei mächtige, in Shakespeare und
+Äschylus gipfelnde tragische Künste angehören — im Umriß bestimmt. Und
+zwar sind es die beiden Arten von Malerei, die, in ihrer Formensprache
+gemäßigter, zugänglicher, zuerst heranreifen. Dem Ölgemälde gehört
+die Zeit von 1550–1650 ebenso unbestritten wie das 6. Jahrhundert
+der Tonmalerei. Die Symbolik von Raum und Körper, ausgedrückt durch
+das Kunstmittel der <em class="gesperrt">Perspektive</em> und der <em class="gesperrt">Proportion</em>,
+erscheint in der mittelbaren Sprache des Gemäldes nur angedeutet.
+Diese Künste, welche Raum oder Körper, also Möglichkeiten des
+Ausgedehnten, in der Bildfläche nur vorzutäuschen vermögen, konnten
+das antike und abendländische Ideal wohl bezeichnen und heraufrufen,
+aber nicht vollenden. Auf dem Wege des großen Stils erscheinen sie als
+Vorstufen der letzten Höhe. Je mehr die Kulturen sich ihrer Vollendung
+näherten, desto entschiedener wurde der Drang nach einer Kunst von
+unerbittlicher<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> Klarheit der Symbolik. Die Malerei genügte nicht mehr.
+Die Gruppe der Künste wurde weiterhin vereinfacht. Um 1670, gerade
+damals als Newton und Leibniz die Differentialrechnung entdeckten,
+war die Ölmalerei an der Grenze ihrer Möglichkeiten angelangt. Die
+letzten großen Meister starben, Velasquez 1660, Poussin 1665, Hals
+1666, Rembrandt 1669, Vermeer 1675, Ruysdael und Lorrain 1682. Man
+braucht nur die wenigen Nachfolger von Bedeutung, Watteau, Hogarth,
+Tiepolo zu nennen, um den Abstieg, um das Ende einer Kunst fühlen zu
+lassen. Eben jetzt, um 1650, hatte sich nun die Instrumentalmusik
+in den großen Formen der Suite, des Concerto grosso und der Sonate
+für Soloinstrumente von dem Rest des Körperlichen im Klange der
+menschlichen Stimme befreit. Auch Heinrich Schütz (1672) und Carissimi
+(1674), die letzten Meister der Vokalmusik, starben damals. 1685 werden
+Bach und Händel geboren und mit ihnen wachsen Stamitz, Kuhnau, Corelli,
+Tartini, die beiden Scarlatti heran. Von nun an ist die Musik, und zwar
+die rein instrumentale, nicht die vokale, <em class="gesperrt">die</em> faustische Kunst.
+Die entsprechende Krisis findet sich um 470 in der Antike, wo der
+letzte der großen Freskomaler, Polygnot, seinem Schüler Polyklet und
+damit der Statuenplastik endgültig den Vorrang abtritt.</p>
+
+<p>Mit dieser Musik und dieser Plastik ist das Ziel erreicht. Eine
+reine Symbolik von mathematischer Strenge ist möglich geworden: das
+bedeutet der Kanon, jene Schrift Polyklets über die Proportionen des
+menschlichen Körpers, und als Gegenstück der kontrapunktische Kanon
+seines „Zeitgenossen“ Bach. Diese Künste leisten das Äußerste und
+Letzte an Deutlichkeit und Intensität der reinen Form. Man vergleiche
+doch den Tonkörper der faustischen Instrumentalmusik und in ihm wieder
+den Streichkörper und bei Bach auch noch den als Einheit wirkenden
+Körper der Blasinstrumente mit dem Körper attischer Statuen; man
+vergleiche, was Haydn und was Praxiteles eine <em class="gesperrt">Figur</em> nannten,
+nämlich die eines Themas oder die eines Athleten, eine Bezeichnung,
+welche der Mathematik entnommen ist und verrät, daß dieses jetzt
+endlich erreichte Ziel das einer Vereinigung künstlerischen und
+mathematischen Geistes ist, denn zugleich mit Musik und Plastik
+haben die Analysis des Unendlichen und<span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span> die euklidische Geometrie
+ihre Aufgabe, ihr spezifisches Zahlenproblem mit voller Deutlichkeit
+begriffen. Ihre größten Meister leben gleichzeitig mit denen jener
+durch und durch mathematischen Künste. Man erinnert sich, wie an einer
+frühern Stelle die Mathematik eine Kunst und der große Mathematiker ein
+Künstler und Visionär genannt worden war. Hier liegt die Erklärung.
+Die Mathematik des Schönen und die Schönheit des Mathematischen sind
+nicht mehr zu trennen. Der unendliche Raum der Töne und der reine
+Körper von Marmor oder Bronze sind eine unmittelbare Interpretation
+des Ausgedehnten und Gewordnen. Sie gehören zu der Zahl als Beziehung
+und der Zahl als Maß. Im Fresko wie im Ölbilde wird man, in den
+Gesetzen von Proportion und Perspektive, nur <em class="gesperrt">Andeutungen</em> von
+Mathematischem finden. Diese beiden letzten und strengsten Künste
+<em class="gesperrt">sind</em> Mathematik. Der Kontrapunkt wie der Statuenkanon sind
+absolute Zahlenwelten. Hier herrschen Gesetze und Formeln. Auf diesem
+Gipfel erscheint die faustische wie die apollinische Kunst vollkommen.</p>
+
+<p>Mit dem Ende der Fresko- und Ölmalerei als herrschenden Künsten beginnt
+die dichte Reihe der großen Meister der Plastik und Musik. Auf Polyklet
+folgen Phidias, Skopas, Praxiteles, Lysippos, auf Bach und Händel
+Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven. Jetzt erscheint die Menge wunderbarer,
+heute längst verschollener Instrumente, eine ganze Zauberwelt
+abendländischen Entdecker- und Erfindergeistes, um immer neue Klänge
+und Tonfarben für den Dienst und die Steigerung des Ausdrucks
+heranzuziehen. Jetzt die Fülle großer, feierlicher, zierlicher,
+leichter, spöttischer, lachender, schluchzender Formen von strengstem
+Bau, auf die sich heute niemand mehr versteht; es gab damals, vor allem
+im Deutschland des 18. Jahrhunderts, eine wirkliche <em class="gesperrt">Kultur der
+Musik</em>, die das ganze Leben durchdrang und erfüllte, deren Typus
+Hoffmanns Kapellmeister Kreisler wurde — der ebenbürtig neben Goethes
+Faust, dem deutschen Denker, als die tiefste poetische Konzeption des
+deutschen Musikers steht — und von der uns kaum die Erinnerung mehr
+geblieben ist.</p>
+
+<p>Endlich, gegen 1800, stirbt auch die Architektur. Sie löst sich, sie
+ertrinkt in der Musik des Rokoko. Alles, was man an<span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span> dieser letzten
+wundervollen, fragilen Blüte der abendländischen Baukunst getadelt
+hat — weil man ihre Entstehung aus dem Geiste des Kontrapunktes
+nicht verstand —, das Maßlose, Formlose, Verschwebende, Wogende,
+Funkelnde, die Zerstörung der Fläche und Gliederung für das Auge —
+alles das ist ja nur der Sieg der Töne und Melodien über Linien und
+Körper, der Triumph des reinen Raumes über den Stoff, des absoluten
+Werdens über das Gewordne. Es sind nicht mehr Baukörper, diese Abteien,
+Schlösser, Kirchen mit ihren geschwungenen Fassaden, Portalen, Höfen
+mit Muschelinkrustation, mächtigen Treppenhäusern, Galerien, Sälen,
+Kabinetten, sondern steingewordne Sonaten, Menuette, Madrigale,
+Präludien; Kammermusik in Stuck, Marmor, Elfenbein und edlen Hölzern,
+Kantilenen von Voluten und Kartuschen, Kadenzen von Freitreppen und
+Firsten. Der Dresdner Zwinger ist das vollkommenste Stück Musik in der
+gesamten Weltarchitektur, ein allegro fugitivo für kleines Orchester.</p>
+
+<p>Deutschland hat die großen Musiker und <em class="gesperrt">also auch</em> die großen
+Baumeister — Pöppelmann, Schlüter, Bähr, Neumann, Fischer von Erlach,
+Dinzenhofer — dieses Jahrhunderts hervorgebracht. In der Ölmalerei
+spielt es keine, in der Instrumentalmusik die entscheidende Rolle.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_17">17</h4>
+
+</div>
+
+<p>Ein Wort, das erst zur Zeit Manets in Aufnahme kam — zuerst ein
+Spottname wie Barock und Rokoko —, faßt die Eigenart des faustischen
+Kunstvortrags, wie er sich aus den Voraussetzungen der Ölmalerei
+allmählich entwickelt hat, sehr glücklich zusammen. Man spricht vom
+Impressionismus, ohne Umfang und tieferen Sinn des Begriffes, wie er
+hätte gefaßt werden sollen, zu ahnen. Man leitete ihn aus der letzten
+Nachblüte einer Kunst ab, die ganz und gar zu ihm gehört. Was ist
+Impressionismus? „Eindruckskunst?“ Etwas rein Abendländisches ohne
+Zweifel, etwas, das mit der Idee des Barock, selbst schon der der
+gotischen Architektur verwandt und den Absichten der Renaissance
+entgegengesetzt ist. Ist es nicht die geistige Kraft, den reinen
+unendlichen Raum als die unbedingte<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> Wirklichkeit und alle sinnlichen
+Gebilde in ihm als sekundär und bedingt zu empfinden, und zwar mit
+innerster Notwendigkeit? Eine geistige Kraft, die in künstlerischen
+Schöpfungen hervortreten kann, die aber tausend andre Möglichkeiten
+kennt, um sich zu offenbaren? „Der Raum ist die apriorische Form
+der Anschauung“, die Formel Kants — ist das nicht ein Programm
+dieser Bewegung, die mit Lionardo anhebt? Der Impressionismus ist
+die Umkehrung des euklidischen Weltgefühls. Er sucht sich von der
+Sprache des Plastischen soweit als möglich zu entfernen und der
+des Musikalischen zu nähern. Man läßt die belichteten, das Licht
+zurückstrahlenden Dinge nicht auf sich wirken, weil sie da sind,
+sondern als ob sie „an sich“ nicht da wären. Man empfängt und gibt
+den <em class="gesperrt">Eindruck</em> von Gegenständen, die man innerlich als bloße
+Funktion einer optisch nicht mehr erreichbaren Ausgedehntheit wertet.
+Man durchdringt die Körper mit dem innern Auge, man löst den Zauber
+ihrer stofflichen Grenzen, man opfert sie der Majestät des Raumes.
+Und man fühlt mit und unter diesem irrealen Eindruck eine unendliche
+<em class="gesperrt">Bewegtheit</em> des sinnlichen Elementes, die zu der statuenhaften
+ἀταραξία des Fresko den stärksten Gegensatz bildet. Deshalb gibt es
+keinen hellenischen Impressionismus. Deshalb ist die antike Skulptur
+die Kunst, welche ihn <i>a limine</i> ausschließt.</p>
+
+<p>Der Impressionismus ist der umfassende Ausdruck eines Weltgefühls und
+es versteht sich, daß er die gesamte Physiognomik unsrer späten Kultur
+durchdringt. Es gibt eine impressionistische, die optischen Grenzen
+mit Absicht und Nachdruck überschreitende Mathematik. Wir kennen
+sie. Es ist die Analysis seit Newton und Leibniz. Zu ihr gehören die
+visionären Gebilde der Zahlkörper, Mengen, Transformationsgruppen,
+mehrdimensionalen Geometrien. Ihr liegt das Prinzip der funktionalen
+Zahl mit ihrer unfixierbaren Bewegtheit zugrunde. Es gibt eine
+impressionistische Physik — wir werden sie noch kennen lernen —, die
+an Stelle von Körpern Systeme von Massenpunkten „sieht“, Einheiten,
+die lediglich als das konstante Verhältnis variabler Wirksamkeiten
+erscheinen, mit Grenzflächen, die als wohlgeordnete Mengen von
+Zahlenmannigfaltigkeiten bestimmter Art definiert werden. Es gibt eine
+impressionistische Ethik, Tragik, Logik.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span></p>
+
+<p>Malerisch genommen handelt es sich um die Kunst, mit drei Strichen und
+Flecken ein Bild, einen Mikrokosmos für das Auge eines faustischen
+Menschen zu schaffen, das heißt die Wirklichkeit des Weltraumes durch
+die flüchtigste, körperloseste Andeutung von etwas Sichtbarem, das
+ihn gleichsam in die Sphäre der Erscheinung bannt, zu imaginieren.
+Es ist eine nie wieder gewagte Kunst der Bewegung des Unbeweglichen.
+Von Tizian bis hinab auf Corot und Menzel zittert und fließt die
+duftige Materie unter der geheimen Wirkung des Pinselstriches und der
+gebrochenen Farben. Das hatte schon der Fassadenstil Michelangelos
+und Vignolas gewollt. Deshalb war seitdem eine Kunst nach der andern
+erloschen, weil sie <em class="gesperrt">vor</em> diesem letzten Ziel die Grenze ihrer
+Möglichkeiten erreicht hatte. Der Impressionismus ist die Methode
+subtiler künstlerischer <em class="gesperrt">Entdeckungen</em>. Er wiederholt die Taten
+des Kolumbus und Kopernikus. Es gibt keine zweite Formensprache, in
+der jeder Fleck und Strich so überraschende Reize aufzudecken, der
+Einbildungskraft so ganz neue Elemente von raumschaffender Energie
+zuzuführen vermag. Das Fresko bejaht die Sinnenwirkung als schlechthin
+gegeben. Die neue Technik ist skeptisch; sie seziert die Empfindung bis
+zu ihrer Auflösung, wie es die Physik derselben Zeit tat. Man verfolge
+das Schicksal der menschlichen Einzelgestalt in dieser Malerei. Zuerst
+jede streng für sich, klar begrenzt, mit allen Kenntnissen der Anatomie
+gezeichnet, gemeißelt, durchgearbeitet, klare, wohl abgewogene Gruppen,
+die sich scharf von einem Hintergrunde abheben — bei Raffael. Dann
+bei Lionardo die Entdeckung der Übergänge von Licht und Dunkel, weiche
+Ränder, mit der Tiefe verschwimmende Umrisse, Gruppen und Massen von
+Licht und Schatten, aus denen sich einzelne Gestalten nicht mehr lösen
+lassen. Die Linearperspektive wird zur Kunst der Atmosphäre — dem
+eigentlichen Thema des Bildes. Die verharrende Linie hatte Körper
+begrenzt, das atmosphärische Licht mit seinen Ungewissen Tönungen
+begrenzt den Raum. Endlich, bei Rembrandt, verfließen die Gestalten zu
+bloßen farbigen Eindrücken; sie verlieren das spezifisch Menschliche;
+sie wirken als Strich und Farbenfleck bei ihm wie bei Lorrain und
+Vermeer; es ist das Schicksal des einzelnen Tones in der Musik von
+Palestrina bis Wagner. In einem Minimum von Substanz — von<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> Farbe
+oder Ton — ein Maximum von physiognomischer Bedeutung zu bannen,
+mit einem Hauch den prägnanten Eindruck eines ganz bestimmten, nie
+wiederkehrenden Welterlebnisses zu geben, ist die Fähigkeit, welche
+man jetzt malerisch nennt. Man kann demnach den Impressionismus als
+Porträtkunst im umfassendsten Sinne betrachten. Wie ein Selbstbildnis
+Rembrandts nicht die anatomische Wirklichkeit des Kopfes, sondern das
+<em class="gesperrt">zweite Gesicht</em> in ihr anerkennt, wie es nicht das Auge, sondern
+den Blick, nicht die Stirn, sondern das Erlebnis, nicht die Lippen,
+sondern die Sinnlichkeit durch das Ornament der Pinselstriche bannt,
+so zeigt das impressionistische Gemälde überhaupt nicht die Natur
+des Vordergrundes, sondern auch da ein zweites Antlitz, die Seele
+der Landschaft. Mag es sich um die katholisch-heroische Landschaft
+Lorrains, den <i>paysage intime</i> Corots, um das Meer, die Flußränder
+und Dörfer Cuyps und Van Goyens handeln, es entsteht immer ein Porträt
+im physiognomischen Sinne, etwas Einmaliges, Unvorhergesehenes und zum
+ersten und letzten Male ans Licht Gezogenes. Gerade die Vorliebe für
+die Landschaft — die physiognomische, die Charakterlandschaft —,
+für das Motiv also, das im Freskostil gar nicht denkbar ist und der
+Antike vollkommen unzugänglich blieb, erweitert die Porträtkunst vom
+unmittelbar Menschlichen zum mittelbaren, zur Darstellung der Welt als
+eines Teils des Ich, der Welt, in der der Künstler sich gibt und der
+Betrachter sich wiederfindet. Denn in diesen Weiten der sich in die
+Ferne dehnenden Natur spiegelt sich die Seele, das Schicksal. Es gibt
+in dieser Kunst tragische, dämonische, lachende, klagende Landschaften,
+etwas, wovon der Mensch andrer Kulturen keine Vorstellung und wofür
+er kein Organ hat. Aus dieser Gesinnung ist der <em class="gesperrt">Park</em> der
+Barockzeit, als Spiegel großen Menschentums, entstanden.</p>
+
+<p>Aber es gibt eine Kultur, weit entfernt von der faustischen, die auch
+eine impressionistische Kunst besaß, die chinesische. <em class="gesperrt">Wir</em> wissen
+wenig von ihr; wir wissen nicht einmal, wo ihre zeitlichen Grenzen im
+Geschichtsbilde liegen. Sicher ist, daß Konfuzius lange nach ihrer
+Vollendung lebte und bereits das zivilisierte Stadium repräsentiert.
+Aber nach allem, was hier bisher vom Sinn der Kulturen festgestellt
+wurde, erscheint das<span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span> Eine klar: wenn überhaupt eine andre Kultur
+und ihre Kunst zu einem so verwandten Symbol gelangte, mußte ihre
+Seele in <em class="gesperrt">jedem</em> Betracht der unseren ähnlich sein. Gewiß, von
+Identität ist nirgends die Rede; die unendlich feinen und bedeutsamen
+Differenzen beider Seelen aufzufinden müßte eine der reizvollsten
+Aufgaben einer künftigen Psychologie sein. Das Tiefenerlebnis, der
+Sinn der Zukunft, des Horizontes, des Raumes, des Todes ist hier
+und dort nicht derselbe. Das Ursymbol der chinesischen Seele, ihr
+Weltgefühl ist trotz aller Nähe <em class="gesperrt">nicht</em> das faustische und deshalb
+vielleicht gerade für uns schwer bestimmbar. Die alte ostasiatische
+Malerei sucht nicht die flüchtigen Wunder, die <i>petits faits</i>
+der Atmosphäre, nicht das <em class="gesperrt">Einmalige eines Raumerlebnisses</em> auf.
+Sie wendet sich vom Wirklichen ab und dem wachen Traume zu. Ihre
+Meisterschaft liegt im Hinzaubern von Dingen, die <em class="gesperrt">Erinnerungen</em>
+wecken, <em class="gesperrt">ohne zu sein, was sie scheinen</em>. Ohne Zweifel ist
+diese tiefe Form historischer Transzendenz nicht die Watteaus oder
+Haydns. Das zarte chinesische Gefühl für Zeit, Leben, Schicksal,
+Vergangenheit ist uns sehr fremd. Aber trotzdem, welche Leidenschaft
+der Seele zum Grenzenlosen und Ewigen! Wie nahe rücken sich beide Arten
+des Menschentums, sobald man sie mit der antiken vergleicht! Eine
+Landschaft über das Thema „Abendglocken eines fernen Tempels“, wo der
+<em class="gesperrt">Klang</em> und die Welt ferner Erinnerungen, die er im Innern weckt,
+in wenige Striche und Farbflecke gebannt erscheinen — ist das nicht
+trotzdem im Geiste Mozarts? Wir wundern uns nicht, daß diese Kultur
+den abendländischen Hang zur Astronomie und Geschichtsforschung, zur
+Sorge und Selbstbetrachtung besaß. Beide Kulturen erfanden, jede für
+sich, das Pulver, den Buchdruck, den Holzschnitt, den Kompaß, das
+Porzellan. Beide waren im Besitz einer hochentwickelten Gartenkunst
+und Musik. Beiden fehlte deshalb — in dem hier vorausgesetzten
+strengen Sinne — eine Plastik, während das Porträt (die altchinesische
+Porträtkunst war eine Leistung allerhöchsten Ranges) und die damit
+innerlich verwandte Charakterlandschaft die Malerei beherrschen. So
+ist die Wahlverwandtschaft zu erklären, die das 18. Jahrhundert zu
+China, das 19. zu Japan zog. Wir kannten damals alle fremden Kulturen,
+die indische, ägyptische, arabische; sie lagen uns alle näher; aber
+nur von dieser<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> übernahmen wir, über den halben Erdball hinweg, nicht
+etwa einzelne Motive und Ideen, sondern den <em class="gesperrt">Gehalt</em> ihrer
+künstlerischen Formensprache. Das unterscheidet das Verhältnis des
+Rokoko zur chinesischen Kunst sehr wesentlich von dem der Renaissance
+zur griechisch-römischen. Die Resorption ägyptischer Details um 1800
+durch den Empirestil war eine flache Spielerei; die Übernahme der
+japanischen Malerei um 1860 ist eine Metamorphose, die Tiefe besitzt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_18">18</h4>
+
+</div>
+
+<p>Ich sagte, daß die Ölmalerei am Ende des 17. Jahrhunderts, wo
+alle großen Meister kurz nacheinander starben, erlosch. Aber der
+Impressionismus im engern Sinne ist ja eine Schöpfung des 19.
+Jahrhunderts? Die Malerei hat also 200 Jahre länger geblüht oder
+dauert heute noch fort? Man täusche sich nicht. Zwischen Rembrandt
+und Delacroix oder Constable liegt eine tote Strecke und was bei
+dem letzten beginnt, ist trotz aller Zusammenhänge in Hinsicht auf
+Technik und Vortrag sehr verschieden von dem, was mit dem ersten
+endete. Hier, wo von einer lebendigen Kunst von größter Symbolik die
+Rede ist, zählen die rein dekorativen Künstler des 18. Jahrhunderts
+nicht mit. Watteau möchte man in allem, wo er tief ist, der Musik
+seiner Zeit zurechnen. Täuschen wir uns auch nicht über den Charakter
+der neuen malerischen Episode, die jenseits von 1800, der Grenze
+von Kultur und Zivilisation, noch einmal vorübergehend die Illusion
+einer großen Kultur der Malerei erwecken konnte. Sie selbst hat ihr
+eigentliches Thema als Pleinairismus bezeichnet und damit den Sinn
+ihrer flüchtigen Erscheinung deutlich genug enthüllt. <em class="gesperrt">Freilicht</em>
+— das ist die bewußte, intellektuelle und brutale Abwendung von dem,
+was man plötzlich „die braune Sauce“ nannte und was, wie wir sahen, in
+den Bildern der großen Meister das eigentlich metaphysische Fluidum
+war. Auf ihm baute sich die Malkultur der Schulen, vor allem der
+niederländischen auf, die im Rokoko rettungslos dahinschwand. Dies
+Braun, das Symbol räumlicher Unendlichkeit, das für den faustischen
+Menschen aus dem Gemälde ein seelenhaftes Etwas schuf, empfand man
+plötzlich als Unnatur. Was war geschehen? Beweist das Faktum nicht,
+daß eben die <em class="gesperrt">Seele</em> sich fortgestohlen<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> hatte, für welche diese
+verklärte Farbe etwas Religiöses, ein Zeichen der Sehnsucht, der
+ganze Sinn einer lebendigen Natur gewesen war? Der Materialismus der
+westeuropäischen Weltstädte blies in die Asche und rief diese seltsame
+und kurze Nachblüte von zwei Malergenerationen hervor — denn mit
+der Generation Manets war alles schon wieder zu Ende. Ich hatte das
+erhabene Grün Grünewalds, Lorrains, Giorgiones als die katholische
+Farbe des Raumes bezeichnet und das transzendente Braun Rembrandts
+als die Farbe des protestantischen Weltgefühls. Das Freilicht, das
+jetzt eine neue Farbenskala entfaltet, bezeichnet demgegenüber den
+Atheismus.<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[90]</a> Der Impressionismus ist aus den Sphären Beethovenscher
+Musik und Kantischer Sternenräume auf die Erdoberfläche zurückgekehrt.
+Dieser Raum ist ein intellektuelles, kein seelisches Faktum; er ist
+erkannt, errechnet, nicht erlebt; es ist das mechanische Objekt
+der Physik und nicht die gefühlte Welt der pastoralen Musik, was
+Courbet und Manet in ihre Landschaften bringen. Was Rousseau mit
+tragisch treffendem Ausdruck als Rückkehr zur Natur prophezeit hatte,
+vollzieht sich in dieser sterbenden Kunst. So kehrt ein Greis von
+Tag zu Tag „zur Natur zurück“. Der neue Künstler ist Arbeiter, nicht
+Schöpfer. Man stellt ungebrochene Spektralfarben nebeneinander. Die
+feine Handschrift, der Tanz des Pinselstriches macht mechanischen
+Gewohnheiten Platz: Punkte, Quadrate, breite anorganische Massen
+werden aufgetragen, vermengt, verbreitet. Neben dem breiten, flachen
+Pinsel erscheint der Spachtel als Werkzeug. Der Ölgrund der Leinwand
+wird in die Wirkung einbezogen und bleibt stellenweise frei. Eine
+gefährliche Kunst, peinlich, kalt, krank, für überfeinerte Nerven,
+aber wissenschaftlich bis zum äußersten, energisch in allem, was die
+Bewältigung technischer Widerstände angeht, programmatisch zugespitzt;
+es ist das Satyrspiel zur großen Ölmalerei von Lionardo bis Rembrandt.
+Sie konnte nur in dem Paris Baudelaires zu Hause sein.<span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span> Corots silberne
+Landschaften in ihren grüngrauen und braunen Tönen träumten noch von
+dem <em class="gesperrt">Seelischen</em> der alten Meister. Courbet und Manet eroberten
+den kahlen physikalischen Raum, den Raum als „Tatsache“. Der versonnene
+Entdecker Lionardo macht dem malenden Experimentator Platz. Corot,
+das ewige Kind, Franzose, nicht Pariser, fand seine Landschaften
+überall. Er hat noch einmal, im romantischen Sinne, etwas von der
+kontrapunktischen Kunst altholländischer Gemälde verwirklicht, so wie
+Novalis in seinen Marienliedern noch einmal das altprotestantische
+Kirchenlied erweckte. Aber Th. Rousseau, Courbet, Manet, Cézanne
+porträtieren ein und dieselbe Landschaft immer wieder, peinlich,
+mühsam, arm an Seele, den Wald von Fontainebleau oder die Seineufer
+bei Argenteuil oder jenes merkwürdige Tal bei Arles. Rembrandts
+mächtige Landschaften liegen durchaus im Weltraume, die Manets in
+der Nähe einer Bahnstation. Die Freilichtmaler, echte Großstädter,
+nahmen von den kühlsten Spaniern und Holländern, Velasquez, Goya,
+Hobbema und Franz Hals, die Musik des Raumes, um sie — mit Hilfe der
+englischen Landschafter und später der Japaner, intellektueller und
+hochzivilisierter Köpfe, — ins Empirische und Naturwissenschaftliche
+zu übersetzen. Das ist eine planmäßige Synthese, die sich vollkommen
+auf der Ebene der elementaren Form hält und die innere Gestalt, die
+Form der Seele aus dem Spiele läßt. Constable hat auf die Schule von
+Barbizon ebenso gewirkt wie Locke auf Voltaire. Um jenes Wort Goethes
+noch einmal zu gebrauchen: Rembrandt schaute, Manet sah die Natur an.
+Es ist der Unterschied von Naturerlebnis und Naturwissenschaft, von
+Herz und Kopf, von Glauben und Wissen.</p>
+
+<p>Anders in Deutschland. In Frankreich war eine große Malerei
+abzuschließen, hier war sie nachzuholen. Denn der malerische Stil um
+1860 setzt, als Schlußakt, alle Glieder der Entwicklung voraus; sie
+liegen dem Technischen zugrunde und wo auch eine Schule diesen neuen
+Stil, den der großstädtischen Zivilisation, pflegen will, bedarf sie
+einer geschlossenen inneren Tradition. Hierin beruht die Schwäche
+und Stärke der letzten deutschen Malerei. Die Franzosen besaßen eine
+eigne Überlieferung vom frühen Barock bis auf Chardin und Corot
+herab. Zwischen Lorrain und Corot, Rubens und Delacroix besteht
+ein<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> lebendiger Zusammenhang. Aber alle großen Deutschen waren, als
+Künstler, Musiker geworden. Wenn die deutschen Maler jetzt nach Paris
+gingen, so taten sie dasselbe wie alle Komponisten andrer Länder,
+wenn sie Bach, Haydn, Mozart und Beethoven studierten. Sie nahmen
+von außen, was ihnen an innerer Tradition fehlte. Aber indem sie,
+wie Manet und die Maler seines Kreises, auch die alten Meister von
+1670 studierten und kopierten, empfingen sie ganz neue, ganz andre
+Wirkungen, während die Franzosen nur Erinnerungen an etwas fühlten,
+das längst in ihre Kunst eingegangen war. Und so ist die deutsche
+bildende Kunst außerhalb der Musik — seit 1800 — eine verspätete
+Erscheinung, hastig, ängstlich, verworren, um Mittel und Ziel verlegen.
+Es war keine Zeit zu verlieren. Was die deutsche Musik und die
+französische Malerei in Jahrhunderten geworden waren, sollte durch
+eine oder zwei Malergenerationen eingeholt werden. Die erlöschende
+Kunst drängte nach der letzten, weltstädtischen Fassung, die ein
+traumhaftes Durchfliegen der ganzen Vergangenheit notwendig machte. So
+erscheinen hier wunderlich faustische Naturen, wie Marées und Böcklin,
+von einer Ungewißheit in allem Formalen, die in unsrer Musik mit ihrer
+sicheren Tradition — man denke an Bruckner — ganz unmöglich war.
+Die programmatisch klare und innerlich um so ärmere Kunst der großen
+französischen Impressionisten — Manet, Monet, Degas, Pissarro, Renoir
+— kennt diese Tragik ebensowenig. Das gleiche gilt von der deutschen
+Literatur, die zur Goethezeit in jedem großen Werk etwas begründen
+wollte <em class="gesperrt">und</em> etwas abschließen mußte. Wie die Maler nach Paris
+gingen, so die Dichter nach dem London der elisabethanischen Zeit. Wie
+Kleist Shakespeare und Stendhal <em class="gesperrt">zugleich</em> in sich fühlte und
+mit verzweifeltem Bemühen, in ewigem Ungenügen ändernd und zerstörend
+zweihundert Jahre psychologischer Kunst zur Einheit schmieden wollte,
+wie Hebbel die Problematik von Hamlet bis Rosmersholm in <em class="gesperrt">einen</em>
+dramatischen Typus preßte, so haben Menzel, Leibl, Marées die alten und
+neuen Vorbilder: Rembrandt, Lorrain, van Goyen, Watteau, Delacroix,
+Courbet und Manet in eine einzige Form zu drängen versucht. Während
+die kleinen frühen Interieurs von Menzel die besten Tatsachen des
+Manetkreises vorwegnehmen und Leibl<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> manches ausführt, woran Courbet
+scheiterte, ist andrerseits in ihren Bildern das metaphysische Braun
+und Grün der alten Meister noch der volle Ausdruck eines inneren
+Erlebnisses. Menzel hat <em class="gesperrt">wirklich</em> ein Stück preußisches Rokoko,
+Marées etwas von Rubens, Leibl in seinem Bild der Frau Gedon etwas von
+Rembrandts Porträtkunst nacherlebt und wiedergeweckt. Das Atelierbraun
+des 17. Jahrhunderts hatte eine Kunst von höchstem faustischem
+Gehalt zur Seite gehabt, die Radierung. Rembrandt ist in beidem der
+erste Meister aller Zeiten gewesen. Auch die Radierung hat etwas
+Protestantisches und sie liegt den südlicheren, katholischen Malern der
+grünblauen Atmosphäre und der Gobelins nicht. Leibl war, wie der letzte
+Braunmaler, so auch der letzte große Radierer, dessen Blätter von jener
+rembrandthaften Unendlichkeit sind, die den Betrachter immer wieder
+neue Geheimnisse entdecken läßt. Marées endlich besaß die mächtige
+Intuition des großen Barockstils, die Guéricault und Daumier noch eben
+in eine geschlossene Form bannen konnten, die sich aber in seinem
+Falle, eben <em class="gesperrt">ohne</em> die Stärke der westlichen Tradition, nicht in
+die Welt der malerischen Erscheinung zwingen ließ.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Akt_19">19</h4>
+
+</div>
+
+<p>Im Tristan stirbt die letzte der faustischen Künste. Dies Werk ist der
+riesenhafte Schlußstein der abendländischen Musik. Die Malerei hat es
+nicht zu einem so mächtigen Finale gebracht. Manet und Leibl, in deren
+Freiheitsstudien die Ölmalerei alten Stils noch einmal wie aus dem
+Grabe hervorkommt, wirken klein dagegen.</p>
+
+<p>Die apollinische Kunst ging mit der pergamenischen Plastik zu
+Ende. <em class="gesperrt">Pergamon ist das Seitenstück von Bayreuth.</em> In der
+Illusionsmalerei der asiatischen und sikyonischen Schule erscheint
+daneben ebenfalls eine malerische Episode, die der von Barbizon und
+dem Kreise Manets durchaus entspricht. Die strenge Vierfarbentechnik
+Polygnots mit ihrer Vermeidung von Licht und Schatten wurde damals
+aus demselben metaphysischen Grunde aufgelöst wie jetzt das Braun der
+niederländischen Malerei. Es gibt von Eupompos Aussprüche, die auch
+in Paris möglich gewesen wären. Dieselben Skandale, welche das 19.
+Jahrhundert<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> im Leben Manets, Cézannes und manches andern verzeichnet,
+wurden auch von diesen revolutionären Malern in Athen erregt. Plato hat
+sie streng getadelt.</p>
+
+<p>Die pergamenische Kunst entspricht der Musik von Berlioz, Liszt und
+Wagner. Der berühmte Altar von Pergamon selbst ist ein späteres und
+vielleicht nicht das bedeutendste Werk der Gattung. Man muß (etwa
+330–220) eine lange, verschollene Entwicklung voraussetzen. Aber alles,
+was Nietzsche gegen Wagner und Bayreuth, den Ring und den Parsifal
+vorbrachte, läßt sich, unter Gebrauch ganz derselben Ausdrücke wie
+Decadence und Schauspielerei, auf diese Plastik anwenden, von der
+uns im Gigantenfries des großen Altars — auch einem „Ring“ — ein
+Meisterwerk erhalten ist. Dieselbe Theatralik, dieselbe Anlehnung an
+alte, mythische, nicht mehr geglaubte Motive, dieselbe rücksichtslose
+Massenwirkung auf die Nerven, aber auch dieselbe sehr bewußte Wucht,
+Größe, Erhabenheit, die dennoch einen Mangel an innerer Kraft nicht
+ganz zu verbergen weiß. Das ältere Vorbild des Laokoon stammte
+sicherlich aus diesem Kreise. Man könnte sich einen Philosophen, aus
+der Nähe Epikurs, denken, der in attischen Aphorismen gegen diese
+Kunst im Namen der alten, echten Plastik Polyklets loszog. Hier stand
+Nietzsche ganz nahe vor der Lösung des Problems, das seine eigentliche
+Bestimmung zu sein schien, des Problems der Zivilisation. Der „Fall
+Wagner“ war auch der Fall der damaligen antiken Plastik, der einer
+jeden Kunst, welche die vollendete Kultur repräsentiert und mit dem
+Übergang zur Zivilisation stirbt. Er gebrauchte das Wort Decadence.
+Dasselbe, nur umfassender, nur von dem heute vorliegenden Fall zu
+einem allgemein historischen Typus von Epoche erweitert und aus der
+Vogelperspektive einer Philosophie des Werdens betrachtet, bedeutet in
+diesem Buche das Wort Untergang des Abendlandes.</p>
+
+<p>Was die sinkende Gestaltungskraft kennzeichnet, ist das Form- und
+Maßlose, dessen der Künstler bedarf, um noch etwas Rundes und Ganzes
+hervorzubringen. Maßlos, überschwellend, subjektiv, das heißt hier
+die Kultur, die strenge Konvention von Jahrhunderten zerbrechend. Es
+war die überpersönliche Regel, die absolute Mathematik der Form, das
+<em class="gesperrt">Schicksal</em> einer<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> Form, hier wie dort, was man nicht mehr ertrug.
+Lysipp steht darin hinter Polyklet und die Schöpfer der Galliergruppen
+hinter Lysipp zurück. Das entspricht dem Wege von Bach über Beethoven
+zu Wagner. Die frühen Künstler fühlen sich als Meister der großen Form,
+die späten als deren Sklaven. Was Praxiteles und Haydn innerhalb der
+strengsten Konvention in vollkommener Freiheit und Heiterkeit zu sagen
+vermochten, brachten Lysipp und Beethoven nur unter Vergewaltigungen
+zustande. Das Zeichen aller lebendigen Kunst, die reine Harmonie
+zwischen Wollen, Müssen und Können, das Selbstverständliche des
+Ziels, das Unbewußte in der Verwirklichung, die Einheit von Kunst und
+Kultur, alles das ist vorüber. Noch Corot und Tiepolo, noch Mozart und
+Cimarosa konnten, was sie wollten, was sie wollen mußten. Freiheit
+und Notwendigkeit waren identisch. In der Zeit Rembrandts und Bachs
+ist das uns allzubekannte Phänomen: „an seiner Aufgabe zu scheitern“,
+gar nicht denkbar. Das Schicksal der Form lag in der Rasse, in der
+Epoche, nicht in privaten Tendenzen des Einzelnen. In der Sphäre einer
+großen Tradition gelingt selbst dem kleinen Künstler das Vollkommene,
+weil die lebendige Kunst ihn und die Aufgabe zusammenführt. Heute
+müssen diese Künstler wollen, was sie nicht mehr können, und dort mit
+dem Kunstverstand arbeiten, rechnen, kombinieren, wo der Instinkt
+erloschen ist. Das haben sie alle erlebt. Marées ist mit keinem seiner
+großen Pläne fertig geworden. Leibl wagte es nicht, seine letzten
+Bilder aus der Hand zu geben, bis sie unter der endlosen Überarbeitung
+kalt und hart geworden waren. Cézanne und Renoir ließen vieles vom
+Besten unvollendet, weil sie bei aller Kraft und Mühe nicht weiter
+konnten. Manet war erschöpft, als er dreißig Bilder gemalt hatte,
+und trotz der ungeheuren Mühsal, die aus jedem Zuge des Gemäldes
+und der Skizzen spricht, hat er mit seiner „Erschießung des Kaisers
+Maximilian“ kaum erreicht, was Goya in dem Vorbilde, der Erschießung
+des Grafen Pio, mühelos zustande brachte. Bach, Haydn, Mozart und die
+tausend namenlosen Musiker des 18. Jahrhunderts konnten in schnell
+hingeworfenen Augenblickskompositionen Vollkommenstes leisten. Wagner
+wußte, daß er nur dort die Höhe erreichte, wo er seine ganze Energie
+zusammennahm und aufs<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> peinlichste die besten Augenblicke seiner
+künstlerischen Begabung ausnützte.</p>
+
+<p>Zwischen Wagner und Manet besteht eine tiefe Verwandtschaft, die
+wenigen fühlbar sein wird, die aber ein Kenner alles Dekadenten wie
+Baudelaire schon früh herausfand. Aus farbigen Strichen und Flecken
+eine Welt im Raume hervorzuzaubern, das war die letzte, sublimste
+Kunst der Impressionisten. Wagner leistet das mit drei Takten, in
+denen sich eine ganze Welt von Seele zusammendrängt. Die Farben
+der sternhellen Mitternacht, der ziehenden Wolken, des Herbstes,
+der schaurig-wehmütigen Morgenfrühe, überraschende Blicke auf
+sonnenbelichtete Fernen, die Weltangst, das nahe Verhängnis, das
+Verzagen, das verzweifelte Durchbrechen, die jähe Hoffnung, Momente,
+die vorher kein Musiker für erreichbar gehalten hätte, malt er in
+vollkommener Deutlichkeit mit ein paar Tönen eines Motivs. Hier ist der
+äußerste Gegensatz zur griechischen Plastik erreicht. Alles versinkt
+in körperlose Unendlichkeit; selbst eine linienhafte Melodie ringt
+sich nicht mehr aus den vagen Tonmassen los, die in seltsamem Wogen
+einen imaginären Raum heraufrufen. Das Motiv taucht aus dunkler und
+furchtbarer Tiefe auf, flüchtig von einem grellen Licht überstrahlt;
+plötzlich steht es in schrecklicher Nähe; es lächelt, es schmeichelt,
+es droht; bald ist es im Reiche der Streichinstrumente verschwunden,
+bald nähert es sich wieder aus endlosen Fernen, von einer einzelnen
+Oboe leise variiert, mit einer immer neuen Fülle seelischer Farben.
+Der Kenner der Funktionentheorie wird in diesen Tonräumen etwas
+Verwandtes mit seinen Zahlenmannigfaltigkeiten finden, in denen Gruppen
+transzendenter Gebilde Verwandlungen erleiden, welche die Invarianz
+gewisser Formelemente hervortreten lassen.</p>
+
+<p>Wagner löst die Melodie auf wie Manet und sein Kreis die Grenzen
+der sichtbaren Gegenstände oder, um es von einer andern Seite,
+psychologisch, zu nehmen, sie wurden ohne das Talent dazu geboren,
+weil Zeichnung und Melodie, Reste des Körperhaften, von der Symbolik
+der Zeit nicht mehr ertragen wurden. Sie arbeiten beide mit Details,
+die für das Auge und Ohr von Décadents, um in Nietzsches Sprechweise
+zu bleiben, wundervoll sind, antieuklidisch bis zum äußersten, mit
+kleinen<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> Motiven und Farbenspielen, deren Sättigung mit einem ganz
+subjektiven, eminent physiognomischen Gehalt vorher niemand für möglich
+gehalten hätte; sie sind beide, neben Beethoven und Delacroix, brutal,
+barbarisch, und verdienen den Namen des Malers und Musikers nicht,
+wenn man von ihnen ein Gemälde oder eine Komposition strengen Stils
+erwartet. Aber worin sie Meisterschaft besitzen und was für uns der
+letzte Genuß und der höchste Reiz innerhalb dieser Formenwelten bleibt,
+ist das <em class="gesperrt">Charakteristische</em> in Ton, Klang und Farbe. Alles, was
+Nietzsche von Wagner gesagt hat, gilt auch von Manet. Man muß nur die
+Beziehung verstehen. Scheinbar eine Rückkehr zum Elementarischen, zur
+Natur gegenüber der Inhaltsmalerei und der absoluten Musik, bedeutet
+ihre Kunst ein Nachgeben vor der Barbarei der großen Städte, der
+beginnenden Auflösung, wie sie sich im Sinnlichen in einem Gemisch
+von Brutalität und Raffinement äußert, einen Schritt, der notwendig
+der letzte sein mußte. Eine künstliche Kunst ist keiner organischen
+Fortentwicklung fähig. Sie bezeichnet das Ende.</p>
+
+<p>Daraus folgt — ein bitteres Eingeständnis —, daß es mit der
+abendländischen bildenden Kunst unwiderruflich zu Ende ist. Die Krisis
+des 19. Jahrhunderts war der Todeskampf. Die faustische Kunst stirbt,
+wie die antike, die ägyptische, wie jede andere an Altersschwäche,
+nachdem sie ihre innern Möglichkeiten verwirklicht, nachdem sie im
+Lebenslauf ihrer Kultur ihre Bestimmung erfüllt hat.</p>
+
+<p>Was heute als Kunst betrieben wird, ist Ohnmacht und Lüge, die Musik
+nach Wagner so gut wie die Malerei nach Manet, Cézanne, Leibl und
+Menzel.</p>
+
+<p>Man suche doch die großen Persönlichkeiten, welche die Behauptung,
+daß es noch eine Kunst von schicksalhafter Notwendigkeit gebe,
+rechtfertigen. Man suche nach der <em class="gesperrt">selbstverständlichen und
+notwendigen</em> Aufgabe, die auf sie wartet. Man gehe durch alle
+Ausstellungen, Konzerte, Theater und man wird nur betriebsame Macher
+und lärmende Narren finden, die sich darin gefallen, etwas — innerlich
+längst als überflüssig Empfundenes — für den Markt herzurichten.
+Auf was für einem Niveau steht heute alles, was Kunst und Künstler
+heißt! In der Generalversammlung irgendeiner Aktiengesellschaft<span class="pagenum" id="Seite_398">[S. 498]</span> oder
+unter den Ingenieuren der erstbesten Maschinenfabrik wird man mehr
+Intelligenz, Geschmack, Charakter und Können bemerken als in der
+gesamten Malerei und Musik des gegenwärtigen Europa. Es hat immer
+auf einen großen Künstler hundert überflüssige gegeben, die Kunst
+machten. Aber solange es eine große Konvention und <em class="gesperrt">also</em> eine
+echte Kunst gab, machten auch sie etwas Tüchtiges. Man konnte diesen
+Hundert ihre Existenz verzeihen, weil sie schließlich, im <em class="gesperrt">Ganzen</em>
+der Tradition, der Boden waren, der den einen trug. Aber heute sind
+nur diese — Zehntausend am Werke, „um zu leben“ — wovon man die
+Notwendigkeit nicht einsieht — und so viel ist gewiß: man könnte
+heute alle Kunstanstalten schließen, ohne daß die <em class="gesperrt">Kunst</em> davon
+irgendwie berührt würde. Wir dürfen uns nur in das Alexandria des
+Jahres 200 — als die Römer nach Mazedonien kamen — versetzen, um den
+Kunstlärm kennen zu lernen, mit dem eine weltstädtische Zivilisation
+sich über den Tod ihrer Kunst zu täuschen versteht. Dort, wie heute
+in den Weltstädten Westeuropas, eine Jagd nach den Illusionen der
+künstlerischen Fortentwicklung, der persönlichen Eigenart, des „neuen
+Stils“, der „ungeahnten Möglichkeiten“, ein theoretisches Geschwätz,
+eine anspruchsvolle Haltung tonangebender Künstler wie die von
+Akrobaten, die mit Zentnergewichten von Pappe hantieren („hodlern“),
+der Literat statt des Dichters, die Malerei als Kunstgewerbe. Auch
+Alexandria hatte seine Problemdramatiker, die man Sophokles vorzog, und
+seine Maler, die neue Richtungen erfanden und ihr Publikum verblüfften.
+Was besitzen wir heute unter dem Namen „Kunst“? Eine erlogene Musik
+voll von künstlichem Lärm massenhafter Instrumente, eine erlogene
+Malerei voller idiotischer, exotischer und Plakateffekte, eine erlogene
+Architektur, die auf dem Formenschatz vergangener Jahrtausende alle
+zehn Jahre einen neuen Stil „begründet“, in dessen Zeichen jeder
+tut, was er will, eine erlogene Plastik, die Assyrien, Ägypten und
+Mexiko bestiehlt. Und trotzdem kommt dies allein, der Geschmack von
+Weltleuten, als Ausdruck und Zeichen der Zeit in Betracht. Alles
+übrige, das demgegenüber an den alten Idealen „festhält“, ist eine
+bloße Angelegenheit von Provinzialen.</p>
+
+<p>Die antike und ägyptische Zivilisation können uns über<span class="pagenum" id="Seite_399">[S. 399]</span> die letzten
+Phasen unterrichten. Die chronologischen Stufen sind folgende:</p>
+
+<table>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">Abendland</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Antike</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Ägypten</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="3">
+ <div class="left">&#8195;&#8195;I. <em class="gesperrt">Stadium der
+ Zivilisation</em>.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1800–2000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">350–150</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1780–1580</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„Europ. Zivilisation“</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Hellenismus</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Hyksoszeit</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="3">
+ <div class="left">&#8195;&#8195;II. <em class="gesperrt">Stadium</em>.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">150 v.–1000 n. Chr.</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1580–1350</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Von den Gracchen bis Nerva</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">18. Dynastie</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">(Cäsar)</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">(Thutmosis III.)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="3">
+ <div class="left">&#8195;&#8195;III. <em class="gesperrt">Stadium</em>.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">100–300</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1350–1205</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Von Trajan bis Konstantin</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">19. Dynastie</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">(Trajan, Hadrian)</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">(Sethos I., Ramses II.)</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>Das überpersönliche Formgefühl, das Gefühl für den religiösen Sinn
+der absoluten Form ist längst zu Ende. Der heimliche Alexandrinismus
+der gesamten Kunst des 19. Jahrhunderts unterliegt keinem Zweifel.
+Statt der lebendigen Kunst wird ihre Mumie, ihre Hinterlassenschaft an
+fertigen Formen verwertet, gemengt, vollkommen anorganisch kombiniert.
+Jede Modernität hält Abwechslung für Entwicklung. Die Wiederbelebungen
+und Verschmelzungen alter Stile treten an die Stelle wirklichen
+Werdens. Auch Alexandria hatte seine präraffaelitischen Hanswurste mit
+Vasen, Stühlen, Bildern und Theorien, seine Symbolisten, Naturalisten
+und Expressionisten. In Rom gibt man sich bald gräkoasiatisch,
+bald gräkoägyptisch, bald archaisch, bald — nach Praxiteles —
+neuattisch. Das Relief der 19. Dynastie, der ägyptischen Modernität,
+das massenhaft, sinnlos, anorganisch Wände, Statue, Säulen überzieht,
+wirkt wie eine Parodie auf die tiefe Kunst des Alten Reiches. Man
+muß für diese Modernität in Luxor und Karnak nur Augen haben.
+Der ptolemäische Horustempel in Edfu endlich ist in der Leerheit
+willkürlich gehäufter Formen nicht mehr zu überbieten. Das ist der
+prahlerische und aufdringliche Stil<a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[91]</a> unsrer Straßen, monumentalen
+Plätze und Ausstellungen, obwohl wir uns erst am Anfang dieser
+Entwicklung befinden. Das Massenhafte muß die Tiefe, die riesenhaften<span class="pagenum" id="Seite_400">[S. 400]</span>
+Dimensionen die Innerlichkeit der Form ersetzen. Darin entspricht der
+Tempel Sethos I. in Abydos durchaus dem Forum Trajans. Die Ruinen von
+Luxor und Karnak, wo vor allem Ramses II. baute, bedeuten für das Ende
+des ägyptischen Formgefühls, das Ende der ägyptischen Seele genau
+das, was die Trümmer des Palatin und der Kaiserfora, das Kolosseum
+nicht zu vergessen, für das vollkommene Erlöschen der antiken Seele.
+Welche Roheit im Detail! Welche Verschwendung von unverstandenen
+Motiven! Was für Kapitäle! Was für sinnlose Verschmelzungen strenger
+alter, bedeutungsschwerer Ornamente, welche die Seele längst
+vergangener Zeiten symbolisieren und hier plump, negerhaft, „vornehm“,
+„geschmackvoll“ dekorativen Absichten geopfert werden!</p>
+
+<p>Endlich erlischt selbst die Kraft, etwas anderes auch nur zu wollen.
+Schon der große Ramses eignete sich Bauten seiner Vorgänger an, indem
+er in Inschriften und Reliefszenen die Namen ausmeißeln und durch den
+eigenen ersetzen ließ. Es ist dasselbe Eingeständnis künstlerischer
+Ohnmacht, das Konstantin veranlaßte, seinen Triumphbogen in Rom mit
+Skulpturen zu schmücken, die von andern Bauwerken abgenommen waren.
+Viel früher, seit 150 v.&#8239;Chr., beginnt im Bereich der antiken Kunst
+die Technik der Kopien nach hellenischen Meisterwerken, nicht, weil
+man diese noch irgend verstanden hätte, sondern weil man nicht
+einmal mehr unbedeutende Originale selbständig hervorzubringen
+verstand. Denn man bemerke wohl: diese Kopisten waren <em class="gesperrt">die
+Künstler</em> der Zeit. Ihre Arbeiten bezeichnen das Maximum der damals
+vorhandenen Gestaltungskraft. In diesen Nachahmungen erschöpft sich
+die Ausdrucksfähigkeit spätrömischer Zeiten. Sämtliche römischen
+Bildnisstatuen, ob männlich oder weiblich, gehen nicht auf die Natur,
+sondern auf eine ganz kleine Zahl hellenischer Werke zurück, die für
+den Torso mehr oder weniger frei kopiert werden, während der Kopf eine
+virtuose, nichts weniger als tiefe Behandlung in naturalistischem,
+beinahe photographischem Sinne erfährt. Man gestattete sich, je nach
+der augenblicklichen Stilrichtung Haartracht, Kleidung und Stellung
+des Vorbildes zu ändern — soweit ging das „schöpferische Genie“. Die
+berühmte Panzerstatue des Augustus z.&#8239;B. ist nach dem Doryphoros des
+Polyklet gearbeitet, während ihre<span class="pagenum" id="Seite_401">[S. 401]</span> Geste schon auf einer in Arkadien
+gefundenen Ehrensäule des Polybius vorhanden ist. So etwa verhält
+sich — um die ersten Vorzeichen des entsprechenden Stadiums im
+Abendlande zu nennen — Lenbach zu Rembrandt und Makart zu Rubens.
+1500 Jahre lang, von Ahmose I. bis auf Kleopatra herab, hat der tote
+Ägyptizismus in derselben Weise Bildwerke auf Bildwerke gehäuft. Es
+war, wie wir heute endlich begreifen lernen, ein am Oberflächlichsten
+haftendes Nachahmen des Alten. An Stelle des Stils war der wechselnde
+Modegeschmack für die Wiederbelebung bald dieser, bald jener alten
+Stilphase getreten. Die erdrückende Masse des so Entstandenen, das
+man bisher vom Echten und Alten nicht zu unterscheiden wußte, ist
+die Ursache der monotonen Gesamtwirkung der ägyptischen Kunst. In
+beiden Fällen, die sich noch durch die Beispiele der indischen und
+chinesischen Kunst erweitern ließen, haben wir ein Bild der eigenen
+Zukunft, der wir unweigerlich entgegengehen.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[81]</a> Man braucht da nur griechische Künstler neben Rubens und
+Rabelais zu stellen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[82]</a> Von dem eine seiner Geliebten klagte, <i>qu’il puait
+comme une charogne</i>. Übrigens haben gerade Musiker immer im Rufe der
+Unreinlichkeit gestanden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[83]</a> Der Apollo mit der Kithara in München wurde von
+Winckelmann und seiner Zeit als Muse bewundert und gepriesen. Ein
+Athenakopf nach Phidias in Bologna galt noch vor kurzem als der eines
+Feldherrn. In einer physiognomischen Kunst wie der des Barocks wären
+solche Irrungen völlig unmöglich.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[84]</a> Und umgekehrt empfindet der höhere Mensch des Abendlandes
+eine gemalte Begattungsszene wie bei Correggio als flach und würdelos.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[85]</a> Nichts kann das Absterben der abendländischen Kunst seit
+der Mitte des 19. Jahrhunderts deutlicher kennzeichnen als die alberne,
+massenhafte Aktmalerei; der tiefere Sinn des Aktstudiums und der
+Bedeutung des Motivs ist vollkommen verloren gegangen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[86]</a> Rubens und unter den Neueren vor allem Böcklin und
+Feuerbach verlieren, Goya, Daumier, in Deutschland vor allem Oldach,
+Wasmann, Rayski und viele andre fast vergessene Künstler aus dem Anfang
+des 19. Jahrhunderts gewinnen dabei. Marées tritt in die Reihe der
+allergrößten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[87]</a> Es ist dieselbe „edle Einfalt und stille Größe“, um mit
+deutschen Klassizisten zu reden, welche auch die romanischen Bauten
+von Hildesheim, Gernrode, Paulinzella, Hersfeld so antikisch wirken
+läßt. Gerade die Klosterruine von Paulinzella besitzt viel von dem,
+was Brunellesco in seinen Palasthöfen erst erreichen wollte. Aber das
+schöpferische Grundgefühl, das diese Bauten herausbildete, haben wir
+erst in unsre Vorstellung von antikem Sein übertragen und nicht etwa
+von dort erhalten. Ein <em class="gesperrt">unendlicher</em> Friede, eine <em class="gesperrt">Weite</em> des
+Gefühls der Ruhe in Gott, wie sie alles Florentinische auszeichnet,
+soweit es nicht den gotischen Trotz Verrocchios hervorkehrt, ist in
+keiner Weise mit der σωφροσύνη Athens verwandt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[88]</a> Man hat nie darauf geachtet, wie trivial das Verhältnis
+der wenigen Bildhauer nach ihm zum Marmor blieb. Man fühlt es
+erst, wenn man das tiefinnerliche Verhältnis großer Musiker zu
+ihren Lieblingsinstrumenten damit vergleicht. Ich erinnere an die
+Geschichte von Tartinis Geige, die beim Tode des Meisters zerspringt.
+Es gibt hundert ähnliche. Sie sind das faustische Gegenstück zum
+Pygmalionmythus. Es sei auch auf Hoffmanns geniale Gestalt des
+Kapellmeisters Kreisler aufmerksam gemacht, die ebenbürtig neben Faust,
+Werther und Don Juan steht. Um ihren symbolischen Rang und ihre innere
+Notwendigkeit zu fühlen, vergleiche man sie mit den theatralischen
+Malergestalten der gleichzeitigen Romantiker, die zur Idee der Malerei
+in keinerlei Beziehung stehen. Ein Maler <em class="gesperrt">kann gar nicht</em>, und das
+spricht das Urteil über die Künstlerromane des 19. Jahrhunderts, das
+Schicksal der faustischen Kunst repräsentieren.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[89]</a> In Renaissancewerken wirkt das Allzufertige oft genug
+peinlich. Wir fühlen da einen Mangel an „Unendlichkeit“. Es gibt in
+ihnen keine Geheimnisse und Entdeckungen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[90]</a> Es ist deshalb ganz unmöglich, vom Freilichtprinzip aus
+zu einer echt religiösen Malerei zu kommen. Das in dieser Malerei
+liegende Weltgefühl ist bis zu dem Grade irreligiös und nur für eine
+„Vernunftreligion“ gültig, daß jeder der zahlreichen, ehrlich gemeinten
+Versuche hohl und unwahr wirkt (Uhde, Puvis de Chavannes). Ein einziges
+Freilichtbild „verweltlicht“ sofort das Innere einer Kirche.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[91]</a> Eine besonders aufdringliche Art ist das Prunken mit
+Schlichtheit im neuesten deutschen Stil.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_403">[S. 403]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="FUENFTES_KAPITEL"><span class="s6">FÜNFTES KAPITEL</span><br>
+SEELENBILD UND LEBENSGEFÜHL</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_405">[S. 405]</span></p>
+
+<h3 id="Fuenftes_Kapitel_I">I<br>
+ZUR FORM DER SEELE</h3>
+
+<h4 id="Form_der_Seele_1">1</h4>
+
+<p>Jeder Philosoph von Beruf ist gezwungen, ohne ernstliche Nachprüfung
+an das Dasein eines Objekts zu glauben, das sich in seinem Sinne
+verstandesmäßig behandeln läßt. Denn seine ganze geistige Existenz
+hängt von dieser Möglichkeit ab. Es gibt deshalb für jeden noch
+so skeptischen Logiker und Psychologen einen Punkt, wo die Kritik
+schweigt und der Glaube beginnt, wo selbst der strengste Analytiker
+aufhört, seine Methode — gegen sich selbst nämlich und auf die
+Frage der Lösbarkeit, selbst des Vorhandenseins seiner Aufgabe —
+anzuwenden. Den Satz: Es ist möglich, durch das Denken die Formen des
+Denkens festzustellen, hat Kant nicht bezweifelt, so zweifelhaft er
+dem Nichtphilosophen erscheinen mag. Den Satz: Es gibt eine Seele,
+deren Struktur wissenschaftlich zerlegbar ist; was ich durch kritische
+Beobachtung meiner bewußten Daseinsakte in Gestalt von psychischen
+Elementen, Funktionen, Komplexen isoliere, das <em class="gesperrt">ist</em> meine Seele
+— hat noch kein Psychologe bezweifelt. Gleichwohl hätten die stärksten
+Zweifel sich hier einstellen sollen. Ist eine abstrakte Wissenschaft
+vom Seelischen überhaupt möglich? Ist, was man auf diesem Wege findet,
+identisch mit dem, was man sucht? Warum ist alle Psychologie, nicht
+als Menschenkenntnis und Lebenserfahrung, sondern als Wissenschaft
+genommen, von jeher die flachste und wertloseste der philosophischen
+Disziplinen geblieben, in ihrer jämmerlichen Leerheit ausschließlich
+der Jagdgrund mittelmäßiger Köpfe und unfruchtbarer Systematiker?
+Der Grund ist leicht zu finden. Die empirische Psychologie hat das
+Unglück, nicht einmal ein Objekt im Sinne wissenschaftlicher Technik
+zu besitzen. Ihr Suchen und Überwinden von Problemen ist ein Kampf
+mit Schatten und Gespenstern. Was<span class="pagenum" id="Seite_406">[S. 406]</span> ist das — Seele? Könnte der
+bloße Verstand eine Antwort geben, so wäre die Wissenschaft bereits
+überflüssig.</p>
+
+<p>Keiner der tausend Psychologen unsrer Tage hat eine wirkliche Analyse
+oder Definition der Phänomene des Willens, der Reue, der Angst, der
+Eifersucht, der Laune, der künstlerischen Intuition geben können.
+Natürlich nicht, denn man definiert nur optisch-räumliche Einheiten und
+man unterscheidet nur Begriffe. Alle Feinheiten des geistigen Spiels
+mit begrifflichen Distinktionen, alle vermeintlichen Beobachtungen
+vom Zusammenhang sinnlich-körperlicher Befunde mit „innern Vorgängen“
+berühren aber nichts von dem, was hier in Frage steht. Wille — das ist
+gar kein Begriff, sondern ein Name, ein Urwort wie Gott, ein Zeichen
+für etwas, dessen wir innerlich unmittelbar gewiß sind, ohne es jemals
+beschreiben zu können. Wir sind uns doch darüber klar — oder sollten
+es sein —, daß Seele mit Raum, Gegenstand, Distanz, Zahl, Grenze,
+Kausalität und also auch mit Begriff und System nichts zu tun hat.</p>
+
+<p>Dasjenige, was hier gemeint ist, bleibt dem taghellen Geiste, dem
+Verstande, der empirischen Tatsachenforschung für immer unzugänglich.
+Nicht umsonst warnt jede Sprache mit ihren tausendfach sich
+verwirrenden Bezeichnungen davor, Seelisches theoretisch zergliedern,
+es systematisch ordnen zu wollen. Hier ist nichts zu ordnen. Logische
+Methoden sind Raumdinge. Wirklichkeiten sind nicht mehr Möglichkeiten.
+Eher ließe sich ein Thema von Beethoven mit Seziermesser oder Säure
+zerlegen, als die Seele durch die Mittel des abstrakten Denkens. Von
+der Seele kann nicht einmal sie selbst etwas „wissen“. Alles was sie
+weiß, ist eben, daß sie in diesem Sinne niemals etwas wissen wird.
+Naturerkenntnis und Menschenkenntnis haben in Ziel, Weg und Methode
+nichts gemeinsam. Rembrandt kann denen, die ihm innerlich verwandt
+sind, durch ein Selbstbildnis oder eine Landschaft etwas von seiner
+Seele mitteilen und Goethe gab es ein Gott zu sagen, was er leide. Man
+kann von gewissen Seelenregungen, die völlig unbeschreiblich sind,
+andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie,
+eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von
+Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als
+poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen,<span class="pagenum" id="Seite_407">[S. 407]</span> das Wort als
+Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie.</p>
+
+<p>Das Wort Seele gibt dem höheren Menschen ein Gefühl seines innern
+Daseins, abgetrennt von allem Wirklichen und Gewordnen, ein sehr
+bestimmtes Gefühl von den geheimsten und eigensten Möglichkeiten
+seines Lebens, seines Schicksals, seiner Geschichte. Es ist in den
+Sprachen aller Kulturen von früh an ein Zeichen, in dem zusammengefaßt
+wird, was <em class="gesperrt">nicht</em> Welt ist. Verstandesmäßig aufgefaßt, im
+alltäglich-rationalen Sprachgebrauch, gehört „Seele“ zu den
+<em class="gesperrt">Gegenbegriffen</em>. Der Sinn dieses Wortes ergab sich an einer
+früheren Stelle. Es war gezeigt worden, wie „die Zeit“ aus dem Gefühl
+der Richtung des ewig bewegten Lebens, aus der innern Gewißheit eines
+Schicksals heraus vom reifen Geiste des Kulturmenschen als Gegenbegriff
+konzipiert wurde, <em class="gesperrt">zum Raume nämlich</em>, als theoretisches Negativ
+zu einer positiven Größe, als Inkarnation dessen, was <em class="gesperrt">nicht
+Ausdehnung</em> ist, und daß sämtliche „Eigenschaften“ der Zeit, durch
+deren abstrakte Analyse die Philosophen das Zeitproblem lösen zu
+können glauben, als Umkehrung der Eigenschaften des Baumes im Geiste
+allmählich fixiert und geordnet worden sind. Genau auf demselben Wege
+ist der Seelenbegriff — der mit dem Seelenbewußtsein des Kindes, des
+Urmenschen, des naiven Menschen noch in späten Zuständen nichts zu
+tun hat — als Umkehrung und <em class="gesperrt">Negativ des Weltbegriffs</em> unter
+Zuhilfenahme der räumlichen Polarität „außen — innen“ und durch
+entsprechende Umdeutung der Attribute herauskristallisiert.</p>
+
+<p>Der späte, städtische Trieb, <em class="gesperrt">abstrakt zu denken</em>, alles ohne
+Ausnahme in die Sphäre der „Natur“ des Ausgedehnten, des Begriffs
+also zu ziehen, zwingt zu fortgesetztem Nachdenken auch über das
+Seelische, das <em class="gesperrt">Nicht</em>-Ausgedehnte, das <em class="gesperrt">Nicht</em>-Welthafte
+— und in jedem Moment dieses Nachdenkens taucht vor dem Geiste des
+Kulturmenschen ein Phantom, ein imaginäres Raumgebilde auf im Stile
+seiner Außenwelt, eine ätherische Vision, über deren Charakter als
+einer Fata Morgana er sich täuscht. Er glaubt in ihr die Struktur
+der Seele unmittelbar beobachten zu können. Die Worte, welche stets
+gewählt werden, um derlei „Erkenntnisse“ mitzuteilen, verraten alles.
+Da ist von<span class="pagenum" id="Seite_408">[S. 408]</span> Funktionen, Gefühlskomplexen, Triebfedern, Prozessen,
+Bewußtseinsschwellen, von Verlauf, Breite, Intensität, Parallelismus
+die Rede. Aber all diese Worte stammen aus der Vorstellungsweise der
+Naturwissenschaft. Das Objekt der Psychologie, mit dem sie die Seele
+in Händen zu haben glaubt, ist in der Tat ein Stück verkappter Physik.
+„Der Wille bezieht sich auf Gegenstände“ — das ist doch ein Raumbild.
+Bewußtes und Unbewußtes — da liegt allzu deutlich das Schema von
+überirdisch und unterirdisch zugrunde. In den modernen Theorien des
+Willens wird man die ganze Formensprache der Dynamik finden. Wir reden
+von Willensfunktionen und Denkfunktionen in genau demselben Sinne wie
+von der Funktion einer Maschine. Ein Gefühl analysieren heißt ein
+raumartiges Schattenbild an seiner Stelle mathematisch behandeln, es
+abgrenzen, teilen und messen. Jede Seelenforschung dieses Stils, sie
+mag sich über Gehirnanatomie noch so erhaben dünken, ist voll von
+mechanischen Lokalisationen und bedient sich, ohne es zu wissen, eines
+eingebildeten Koordinatensystems in einem eingebildeten Seelenraum. Der
+Psychologe merkt gar nicht, daß er den Physiker spielt. Kein Wunder,
+daß sein Verfahren mit den albernsten Methoden der experimentellen
+Psychologie so verzweifelt gut übereinstimmt. Gehirnbahnen und
+Assoziationsfasern entsprechen der Vorstellungsweise nach durchaus
+dem optischen Schema: „Willens-“ oder „Gefühlsverlauf“; sie behandeln
+beide verwandte, nämlich <em class="gesperrt">räumliche</em> Phantome. Es ist prinzipiell
+kein großer Unterschied, ob ich ein psychisches Vermögen begrifflich
+oder eine entsprechende Region der Großhirnrinde graphisch abgrenze.
+Die wissenschaftliche Psychologie hat ein geschlossenes System von
+optischen Fiktionen herausgearbeitet und bewegt sich mit vollkommener
+Selbstverständlichkeit in ihm. Man prüfe jede einzelne Aussage jedes
+einzelnen Psychologen und man wird nur Variationen dieses Systems im
+Stile der jeweiligen Außenwelt finden.</p>
+
+<p>Das klare Denken setzt den Geist einer Kultursprache als Medium voraus,
+die, vom Seelentum einer Kultur als Teil und Träger ihres Ausdrucks
+geschaffen,<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[92]</a> nun die logische Sphäre<span class="pagenum" id="Seite_409">[S. 409]</span> bildet, innerhalb deren die
+abstrakten Gedanken, Begriffe, Schlüsse — Abbilder von Kausalität,
+Zahl, Bewegung — ihr mechanisch bestimmtes Dasein führen. Das
+jeweilige Bild der Seele ist also ein Etwas, das abhängig vom Geiste
+der <em class="gesperrt">zugehörigen Sprache</em> ist. Die abendländischen — faustischen
+— Kultursprachen besitzen sämtlich den Begriff „Wille“ — eine Größe,
+die übrigens auch der Syntax all dieser Sprachen im Gegensatz zu den
+antiken immanent ist; sie besitzen ihn, weil das faustische Sein
+dies Zeichen fordert. Mithin erscheint, von der Sprache bestimmt, im
+wissenschaftlichen Seelenbilde aller abendländischen Psychologien die
+greifbare Gestalt des Willens als eines wohlumgrenzten Vermögens,
+das man in den einzelnen Schulen wohl verschieden bestimmt, dessen
+Vorhandensein an sich aber keiner Kritik unterworfen ist.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_2">2</h4>
+
+</div>
+
+<p>Ich behaupte also, daß die eigentliche Psychologie, weit entfernt das
+Wesen der Seele aufzudecken — es ist hier hinzuzufügen, daß jeder
+von uns, ohne es zu wissen, Psychologie dieser Art treibt, wenn er
+sich eigne oder fremde Seelenregungen „vorzustellen“ sucht —, zu
+allen Symbolen, die den Makrokosmos des Kulturmenschen ausmachen, noch
+eins hinzufügt. So erklärt sich die merkwürdige Tatsache, daß nie
+bemerkt worden ist, daß das <em class="gesperrt">Seelenbild</em>, wie es dem Psychologen
+und überhaupt dem Menschen, der über sein Inneres nachdenkt, im
+buchstäblichen Sinne des Wortes <em class="gesperrt">vorschwebt</em>, ein wirkliches Bild,
+etwas Gewordnes und Ruhendes nämlich ist, von deutlichem Raumcharakter
+— wie etwa der Dedekindsche Zahlenkörper und die gedankliche
+Impression mehrdimensionaler Zahlenmannigfaltigkeiten — kausaler
+Verknüpfung nicht fremd und den Prinzipien der Begrenzung (Distinktion,
+Disposition) unterworfen. Wie alles Vollendete, nicht sich Vollendende,
+stellt es einen <em class="gesperrt">Mechanismus</em> an Stelle eines <em class="gesperrt">Organismus</em>
+dar. Man vermißt<span class="pagenum" id="Seite_410">[S. 410]</span> im Bilde, was unser Lebensgefühl erfüllt und was doch
+gerade „Seele“ sein sollte: das Schicksalhafte, die wahllose Richtung
+des Daseins, das Mögliche, welches das Leben in seinem bewußten Ablauf
+verwirklicht. Ich glaube nicht, daß in irgend einem psychologischen
+System das Wort Schicksal vorkommt oder eine reiche Lebenserfahrung zu
+uns redet. Assoziationen, Apperzeptionen, Affekte, Triebfedern, Denken,
+Fühlen, Wollen — all das sind optische Größen, tote Mechanismen, deren
+Topographie den belanglosen Inhalt der Seelenwissenschaft bildet.
+Man wollte das Leben finden und traf auf eine Ornamentik. Die Seele
+blieb, was sie war, das was weder gedacht, noch vorgestellt werden
+kann, <em class="gesperrt">das</em> Geheimnis, <em class="gesperrt">das</em> ewig Werdende, <em class="gesperrt">das</em> reine
+Erlebnis.</p>
+
+<p>Dieser <em class="gesperrt">imaginäre Seelenkörper</em> — das sei hier zum ersten Male
+ausgesprochen — ist niemals etwas andres als das getreue Spiegelbild
+der Gestalt, in welcher der gereifte Kulturmensch, der ja allein über
+das Seelische objektiv nachzudenken vermag, die <em class="gesperrt">äußere Welt</em>
+auffaßt. Der Urmensch und das Kind besitzen, wie wir sahen, noch keine
+Welt, sondern nur eine ideell ungeordnete Masse sinnlicher Eindrücke,
+ein Chaos, keinen Kosmos, und darum besitzen sie auch noch kein
+<em class="gesperrt">Bild</em> ihrer oder einer fremden Seele, sondern ebenfalls nur eine
+Masse undeutlicher und unbegreiflicher Bildelemente. Jede primitive
+Mythologie kennt außer einem Reich dämonischer Naturmächte, unter deren
+Namen die <i>numina</i> der Außenwelt in dunklen Umrissen ergriffen
+werden, einen genau entsprechenden <em class="gesperrt">Seelenglauben</em> und Seelenkult,
+der das den Leib bewohnende <i>numen</i> zu beschwören sucht, vor
+allem, wenn es nach dem Tode frei geworden ist. Im Griechentum liegt
+dort der Ursprung des Apollinischen, hier der des Dionysischen. Die
+„Innenwelt“ ist eine Funktion der Außenwelt, die empirische Seele
+ihrer Gestalt nach das <i>alter ego</i>, der Reflex der empirischen
+Natur. Deshalb allein ist so oft von einem inneren Sinn, einem inneren
+Auge und Blick die Rede, eine Analogie, die viel tiefer geht, als sie
+eigentlich soll. Vom Erwachen des Innenlebens, jenem geheimnisvoll
+plötzlichen und entscheidenden Moment, der Kindheit und Jugend im
+Dasein jedes höheren Menschen trennt, ist oft gesprochen worden. Hier
+wird endlich der ganze Sinn dieses<span class="pagenum" id="Seite_411">[S. 411]</span> Icherlebnisses offenbar. Durch
+<em class="gesperrt">einen</em> mystischen Akt sondern sich aus dem dumpfen Bewußtsein
+Seele <em class="gesperrt">und</em> Welt als klare bildhafte Pole des Daseins, in strengem
+Gegensatz und zugleich in vollkommener Harmonie.</p>
+
+<p>Das Tiefenerlebnis verwirklicht, schafft mit einem Schlage die
+ausgedehnte Welt, es ordnet mit schicksalhafter Notwendigkeit die
+Masse der Empfindungen (Breite) durch die lebendige Richtung (Tiefe).
+Dies Erlebnis ist identisch mit dem Bewußtwerden der eignen Seele. Ein
+Reflex des Tiefenerlebnisses liegt vor. Zur Welt gehört die Spiegelung
+einer <em class="gesperrt">Gegenwelt</em>. Auch die empirische Seele hat ihren Raum,
+ihre Tiefe, ihre Weite. Ein „inneres Auge“ sieht, ein „inneres Ohr“
+hört. Es gibt eine deutliche Empfindung von einer inneren Ordnung, die
+wie die äußere das Merkmal der Notwendigkeit trägt — hier entsteht
+das ethische Grundproblem von Freiheit und Notwendigkeit. Ihm liegt
+der Widerspruch zwischen der Seele zugrunde, die wir haben, fühlen,
+erleben, und der, welcher wir uns verstandesmäßig bewußt sind. Erst
+das Denken, die mechanisierende Erkenntnis weckt hier unlösbare
+Zweifel, und zwar die gleichen, welche das Bild der <em class="gesperrt">äußeren</em>
+Historie verwirren. Materialistische Geschichtsauffassung und ethischer
+Determinismus beruhen auf dem gleichen Mißgriff, der dem Intellekt
+natürlichen Verwechslung von Schicksal und Kausalität. Was wir
+<em class="gesperrt">erkennen</em>, ist nur das Seelenbild, gleichsam eine Landschaft
+im reflektierten Lichte des Tagesbewußtseins. In bedeutenden, ganz
+innerlichen Momenten des Lebens — in denen z.&#8239;B. alle wahren lyrischen
+Gedichte entstehen — ist es verschwunden und der Mensch ist sich
+seiner Seele <em class="gesperrt">und seiner „Freiheit“ unmittelbar</em> bewußt.</p>
+
+<p>Und damit ergibt sich nach allem, was in diesem Buche über die
+Erscheinung des höheren Menschentums schon gesagt worden ist, eine
+ungeheure Erweiterung und Bereicherung der Seelenforschung. Alles, was
+von Psychologen heute gesagt und geschrieben wird — es ist nicht mehr
+von bloßer Wissenschaft, sondern von Menschenkenntnis im weitesten
+Sinne die Rede —, bezieht sich auf das <em class="gesperrt">gegenwärtige</em> Stadium der
+<em class="gesperrt">abendländischen</em> Seele, während die bisher selbstverständliche
+Meinung, diese Erfahrungen seien für die „menschliche Seele“ überhaupt
+gültig, ohne Prüfung hingenommen worden ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_412">[S. 412]</span></p>
+
+<p>Das Seelenbild ist immer nur das Bild einer ganz <em class="gesperrt">bestimmten</em>
+Seele und kann nie etwas andres, etwas Allgemeines sein. Der Forscher
+mag noch so objektiv vorgehen, er wird nie aus seinem Kreise
+herauskommen; was er auch „erkennen“ möge, jeder dieser Erkenntnisakte
+ist bereits ein Ausdruck seiner Seele und sein ganzes Wissen von
+ihr ein Zeugnis seines — faustischen, magischen oder apollinischen
+— Daseins. Glaubt er antike, indische, arabische Seelenregungen zu
+erkennen, nicht an ihren Wirkungen, sondern an sich selbst, so sieht er
+sie durch das Medium der eignen, in Gestalt der eignen; er assimiliert
+sie einem <em class="gesperrt">vorhandnen</em> Bilde und es ist kein Wunder, daß er dann
+überall ein und dieselben Formen zu finden glaubt.</p>
+
+<p>In der Tat gibt es keine allgemein menschliche Gestalt der Seele,
+so wenig es — das war früher nachgewiesen worden — eine einzige,
+im Lauf der Weltgeschichte sich entwickelnde Mathematik gibt. Wir
+finden so viele Mathematiken, Logiken, Physiken, als es große Kulturen
+gibt. Jede von ihnen, das heißt jedes Zahlenbild, Denkbild, Naturbild
+ist Ausdruck einer einzelnen Kultur und dem organischen Dasein,
+der Gestalt, Lebensdauer und Entfaltung nach von dieser bestimmt.
+Dasselbe gilt vom <em class="gesperrt">Seelenbilde</em>, dem einzigen Seelenelement,
+wovon wir — wie von der Natur — <em class="gesperrt">Erfahrung</em> haben können. Es
+ist eine Illusion, anzunehmen, daß eine Struktur dieses, ich möchte
+sagen Oberflächlich-Seelischen vorhanden sei, die für alle Menschen
+gilt. Jede Kultur, jede Epoche einer Kultur sogar schuf ihr eignes
+Seelenbild, in dem sie dann allerdings das der Menschheit zu erblicken
+glaubte. Seine Züge sind der symbolische Ausdruck dessen, was ich
+die Idee des Daseins genannt hatte. Der faustische Mensch mit seinem
+leidenschaftlichen Hange zum Grenzenlosen und Ewigen befindet sich
+in einem steten Widerspruch gegen die sinnlichen Vordergründe des
+Daseins, die er zu überwinden sucht, um den Sinn seiner Existenz, ihre
+Bestimmung zu erfüllen. Im empirischen Bilde seiner Seele erscheint
+<em class="gesperrt">deshalb</em> ein Symbol, das diese Seite unsres Lebensgefühls
+repräsentiert. Wir sprechen vom menschlichen <em class="gesperrt">Willen</em> wie von
+einem Wesen, empfinden ihn als ein an sich selbst existierendes Etwas
+und sind überzeugt, daß er in jeder Menschenseele zu finden sei. Die
+Griechen fanden ihn aber dort nicht.<span class="pagenum" id="Seite_413">[S. 413]</span> Obwohl gute Menschenkenner,
+lassen sie in ihrer Psychologie jede Andeutung davon vermissen. Ihr
+Lebensgefühl, ihre Art zu sein, forderte andre Symbole im Seelenbilde.</p>
+
+<p>Eine wissenschaftliche Psychologie, selbst auf der Höhe einer
+Zivilisation, tut dasselbe wie der Urmensch, nur geistiger, nur
+klarer, nur bedeutsamer. Wir sahen, wie alle frühe Kunst hinsichtlich
+ihrer ornamentalen Formensprache eine Beschwörung des Fremden, der
+Dämonen war, wie sie das Gewordne „tabu“ zu machen sucht, indem sie
+es in eine Gestalt, Ausdruck und Abbild des eignen Seins, bannt.
+Auch der Psycholog — und hier ahnt man, weshalb jeder Kulturmensch
+das tiefe Bedürfnis hat, es zu sein — beschwört das „Seelchen“;
+er macht es tabu wie der primitive Mensch, nicht durch elementare,
+sondern durch geistige Formen, nicht durch Riten und Fetische,
+sondern durch Vorstellungen und begriffliche Distinktionen. Das ist
+<em class="gesperrt">seine</em> Art, sich gegen das Unheimliche und Unergründliche zu
+wehren, das im Seelischen schläft. Alle theoretische Psychologie ist
+ein <em class="gesperrt">Namenzauber</em>, eine Sublimation desselben Aktes, durch den
+der Wilde seinen Feind, sei es ein Mensch oder eine Gottheit, in seine
+Gewalt bringt. Das Seelenbild, vermeintlich ein untrügliches Resultat
+objektiven Denkens, ist ein Stück später Mythologie; es gehört zu den
+Schöpfungen, gegen welche der Spruch sich richtet: Du sollst dir kein
+Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen.</p>
+
+<p>So ergibt sich eine neue Stellung und Richtung der Seelenforschung.
+Ich komme auf die Unterscheidung der beiden Welten zurück, die dem
+höheren Menschen möglich sind: Natur und Geschichte. Im Hinblick auf
+die morphologische Betrachtung entspricht ihnen der Gegensatz von
+Systematik und Physiognomik. Die alte, systematische Psychologie
+betrachtete das Seelenbild wie ein Stück Natur, gesetzlich ein für
+allemal fixiert, zeitlos als das, was ist, und sie wurde so zu einer
+Art Topographie, die räumlich und kausal geordnete Einzelheiten
+festzustellen versuchte; die neue wird es als ein sich beständig
+wandelndes <em class="gesperrt">historisches Phänomen</em> betrachten, und zwar jedes
+einzelne der bisher erschienenen Seelenbilder hinsichtlich dessen, was
+es <em class="gesperrt">bedeutet</em>. Physiognomik treiben — das heißt die jeweilige
+menschliche Erscheinung als symbolischen Ausdruck<span class="pagenum" id="Seite_414">[S. 414]</span> eines inneren Seins
+auffassen. Zu dieser Erscheinung gehören aber nicht nur Gesichtszüge,
+Haltung, Geste, Tracht, sondern auch die Idee einer Zahl, das Bild der
+Natur und ihm genau entsprechend das Bild der Seele, wie es der Mensch
+einer Kultur mit wahlloser Notwendigkeit besitzt.</p>
+
+<p>Nach allem wird man über die hohe Bedeutung der einzelnen, in der
+Weltgeschichte auftauchenden Seelenbilder nicht mehr im Zweifel sein.
+Der antike — apollinische, dem punktförmigen, euklidischen Sein
+hingegebene — Mensch blickte auf seine Seele wie auf einen zur Gruppe
+schöner Teile geordneten Kosmos. Plato nannte sie νοῦς, θυμός, ἐπιθυμία
+und verglich sie mit Mensch, Tier und Pflanze, einmal sogar mit dem
+südlichen, nördlichen und hellenischen Menschen. Was hier nachgebildet
+ist, ist die Natur, wie sie sich vor den Blicken antiker Menschen
+entfaltet: eine wohlgeordnete Summe greifbarer Dinge, denen gegenüber
+der Raum als das Nichtseiende empfunden wird. Wo findet sich in diesem
+Bilde der „Wille“? Wo die Vorstellung funktionaler Zusammenhänge? Wo
+sind die übrigen Schöpfungen <em class="gesperrt">unserer</em> Psychologie? Glaubt man,
+daß Plato und Aristoteles sich auf die Analyse schlechter verstanden
+haben und etwas nicht sahen, was sich uns geradezu aufdrängt? Oder
+fehlt hier der Wille, wie in der antiken Mathematik der Raum, in der
+Physik die Kraft fehlt?</p>
+
+<p>Dagegen nehme man unter den abendländischen Psychologien, welche man
+will. Man wird immer eine <em class="gesperrt">funktionale</em>, keine stereometrische
+Analyse finden; y = f(x): das ist die Urgestalt aller Eindrücke,
+die wir von unserm Innern empfangen. Denken, Fühlen, Wollen — aus
+dieser Dreiheit kommt kein westeuropäischer Psychologe heraus, so
+gern er möchte — sind nicht Teile eines körperhaften Ganzen, sondern
+transzendente Beziehungskomplexe, Funktionszentren. Assoziationen,
+Apperzeptionen, Willensvorgänge und wie die Bildelemente sonst heißen
+mögen, sind ohne Ausnahme vom Typus mathematischer Funktionen und der
+Form nach gänzlich unantik.</p>
+
+<p>Das faustische und das apollinische Seelenbild stehen einander schroff
+gegenüber. Alle früheren Gegensätze tauchen wieder auf. Man darf
+die imaginäre Einheit, auf welche psychologische Überlegungen sich
+beziehen, hier als <em class="gesperrt">Seelenkörper</em>,<span class="pagenum" id="Seite_415">[S. 415]</span> dort als <em class="gesperrt">Seelenraum</em>
+bezeichnen. Der Körper besitzt Teile, im Raum verlaufen Prozesse.
+Der antike Mensch empfindet seine Psyche plastisch. So weilt sie im
+Hades, schattenhaft, aber ein wohl erkennbares Abbild des Körpers.
+So sieht sie auch der Philosoph. Ihre drei schön geordneten Teile —
+λογιστικόν, ἐπιθυμητικόν, θυμοειδές — erinnern an die Gruppe des
+Laokoon. Wir stehen unter einer musikalischen Imagination; die Sonate
+des innern Lebens hat den Willen als Hauptthema; Denken und Fühlen
+sind die Nebenthemen; der Satz unterliegt den strengen Regeln eines
+seelischen Kontrapunkts, die zu finden Aufgabe der Psychologie ist. Die
+einfachsten Elemente unterscheiden sich wie antike und abendländische
+Zahlen: dort sind sie Größen, hier Beziehungen. Der seelischen
+<em class="gesperrt">Statik</em> des apollinischen Daseins — dem stereometrischen Ideal
+der σωφροσύνη und ἀταραξία — steht die <em class="gesperrt">Seelendynamik</em> des
+faustischen — des tätigen Lebens — gegenüber.</p>
+
+<p>Deshalb besaß der hellenische Mensch nicht jenes faustische Gedächtnis,
+jenes historische Grundgefühl, in dem die gesamte innere Vergangenheit
+stets gegenwärtig ist und den Augenblick in eine werdende Unendlichkeit
+taucht. Dies Gedächtnis, die Grundlage aller Selbstbetrachtung, Sorge
+und Pietät gegen die eigne Geschichte, entspricht dem Seelenraum mit
+seinen unendlichen Perspektiven. Auch dieser <em class="gesperrt">innere</em> Raum ist
+für den echten Hellenen τὸ μὴ ὄν; er lebt punktförmig, völlig im Jetzt
+aufgehend; seine Erinnerungen sind eine Anzahl zufällig behaltener
+Daten, nicht mehr, vor allem nichts, was auf die Gegenwart noch
+wirken könnte. In keiner griechischen Tragödie spielt das Innenleben
+eine Rolle, wie es im Othello, im König Lear, im Tasso der Fall ist.
+Der Stil der griechischen Seele ist anekdotisch-mythisch, der der
+nordischen genetisch-historisch. Das ist der Unterschied zwischen
+psychischer Plastik und Musik.</p>
+
+<p>Das apollinische Seelenbild — Platos Zweigespann mit dem νοῦς als
+Lenker — verflüchtigt sich sofort mit der Annäherung an das magische
+Seelentum der arabischen Kultur. Es verblaßt schon in der späteren
+Stoa, deren Schulhäupter vorwiegend Semiten waren. In der früheren
+Kaiserzeit ist es selbst in der stadtrömischen Literatur nur als
+Reminiszenz anzutreffen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_416">[S. 416]</span></p>
+
+<p>Das magische Seelenbild trägt die Züge eines strengen <em class="gesperrt">Dualismus
+zweier rätselhafter Substanzen, Geist und Seele</em>. Zwischen ihnen
+herrscht weder das antike, statische, noch das abendländische,
+funktionale Verhältnis, sondern wieder ein völlig anders gestaltetes,
+das sich eben nur als magisch bezeichnen läßt. Man denke im Gegensatz
+zur Physik Demokrits und zu der Galileis an die Alchymie und den
+Stein der Weisen. Dies spezifisch morgenländische Seelenbild liegt
+mit innerer Notwendigkeit allen psychologischen, vor allem auch
+theologischen Betrachtungen zugrunde, welche die „gotische“ Frühzeit
+der arabischen Kultur (0–300) erfüllen. Das Johannesevangelium zählt
+nicht weniger dazu wie die Schriften der Gnostiker und Kirchenväter und
+die sich ganz religiös äußernde Altersstimmung des Imperium Romanum,
+die das wenige Lebendige in ihrem Philosophieren dem jungen Orient,
+Syrien und Alexandria, entnahm. Schon der große Poseidonios, trotz
+der antiken Außenseite seines ungeheuren Wissens ein echter Semit und
+von früharabischem Geiste, empfand im innerlichsten Gegensatz zum
+apollinischen Lebensgefühl diese magische Struktur der Seele als die
+wahre. Ein den Körper belebendes Prinzip befindet sich in deutlichem
+Wertunterschiede gegen ein andres, das abstrakte, göttliche πνεῦμα,
+das allein die Anschauung Gottes gestattet. Dieser „Geist“ ist es, der
+die höhere Welt hervorruft, durch deren Erzeugung er über das bloße
+Leben, die vitale Seele, die Natur triumphiert. Es ist dies das Urbild,
+das, bald religiös, bald philosophisch, bald künstlerisch gefaßt —
+ich erinnere an das Porträt der konstantinischen Zeit mit den starr
+ins Unendliche blickenden Augen; <em class="gesperrt">dieser Blick repräsentiert das</em>
+πνεῦμα —, allem Ichgefühl zugrunde liegt. Plotin und Origines haben
+so empfunden. Paulus unterscheidet (z.&#8239;B. 1. Kor. 15, 44) zwischen
+σῶμα ψυχικόν und σῶμα πνευματικόν. Der Gnosis war die Vorstellung
+einer doppelten, leiblichen oder geistigen Ekstase und die Einteilung
+der Menschen in niedere und höhere, Psychiker und Pneumatiker,
+geläufig. Plutarch hat die in der spätantiken Literatur verbreitete
+Psychologie, den Dualismus von νοῦς und ψυχή, orientalischen Vorbildern
+nachgeschrieben. Man setzte ihn alsbald zu dem Gegensatz von christlich
+und heidnisch, Geist und Natur in Beziehung, aus dem<span class="pagenum" id="Seite_417">[S. 417]</span> dann das noch
+heute nicht überwundene Schema der Weltgeschichte, die Einteilung
+in Altertum, Mittelalter und die erst von der abendländischen
+Wissenschaft hinzugefügte, immer wieder hinausgeschobene Neuzeit damals
+hervorgegangen ist.</p>
+
+<p>Seine streng wissenschaftliche Vollendung erfährt das magische
+Seelenbild in den Schulen von Bagdad und Basra. Alfarabi und Alkindi
+haben die verwickelten und uns wenig zugänglichen Probleme dieser
+magischen Psychologie eingehend behandelt. Ihr Einfluß auf die junge
+Seelenlehre (weniger das Ichgefühl) des Abendlandes darf nicht
+unterschätzt werden. Scholastische und mystische Psychologie haben
+von Bagdad denselben Einfluß empfangen wie die gotische Kunst.
+Man vergesse nicht, daß das Arabertum die Kultur der gestifteten
+Offenbarungsreligionen ist. In ihrer Frühzeit rief sie das Christentum,
+den Neuplatonismus und den Manichäismus, drei magische Systeme, ins
+Leben, gar nicht zu reden von den vermeintlich spätantiken Kulten;
+in ihrer Spätzeit den Islam und, was gleichfalls bisher kaum bemerkt
+worden ist, die religiöse Fassung des heutigen Judentums, das seine
+Verwandtschaft mit maurischem Geiste nirgends verleugnet. Man denke an
+die Kabbala und den Anteil jüdischer Philosophen an der sogenannten
+Philosophie des Mittelalters, d.&#8239;h. zuerst des späten Arabertums
+und dann der frühen Gotik. Ich nenne nur ein merkwürdiges, völlig
+unbeachtet gebliebenes Beispiel: Spinoza. Aus dem Ghetto stammend ist
+er, neben seinem Zeitgenossen Schirazi, der letzte verspätete Vertreter
+des magischen und ein Fremder in der Formenwelt des faustischen
+Weltgefühls. Er hat als kluger Schüler der Barockzeit seinem System
+die Farbe abendländischen Denkens zu geben gewußt; in der Tiefe
+steht er völlig unter dem Aspekt des arabischen Dualismus zweier
+Seelensubstanzen. <em class="gesperrt">Dies ist der wahre, innere Grund, weshalb ihm der
+Kraftbegriff Galileis und Descartes’ fehlt.</em> Dieser Begriff ist
+der Schwerpunkt eines dynamischen Universums und damit dem magischen
+Weltgefühl fremd. Zwischen der Idee vom Stein der Weisen — die in
+Spinozas Idee der Gottheit als <i>causa sui</i> versteckt liegt — und
+der kausalen Notwendigkeit <em class="gesperrt">unsres</em> Naturbildes gibt es keine
+Vermittlung. Deshalb ist sein Willensdeterminismus genau der, welcher
+von der Orthodoxie in Bagdad verteidigt wurde<span class="pagenum" id="Seite_418">[S. 418]</span> — „Kismet“ — und dort
+hat man die Heimat des Verfahrens „<i>more geometrico</i>“ zu suchen,
+das in seiner Ethik innerhalb <em class="gesperrt">unsrer</em> Philosophie ein groteskes
+Unikum bildet.</p>
+
+<p>Noch einmal hat dann die deutsche Romantik dies magische Seelenbild
+flüchtig heraufbeschworen. Man fand an Magie und Astrologie ebenso wie
+an der Schwärmerei für maurische Kunst und neuplatonische Visionen
+Gefallen, ohne von diesen entlegenen Dingen eben viel zu verstehen.
+Schelling und sein Kreis gefielen sich in unfruchtbaren Spekulationen
+in arabisch-jüdischem Stil, die man mit deutlichem Behagen als dunkel,
+als „tief“ empfand, was sie für die Orientalen <em class="gesperrt">nicht</em> gewesen
+waren, die man wohl zum Teil selbst nicht begriff und von denen
+man hoffte, daß sie auch vom Hörer nicht begriffen werden würden.
+Bemerkenswert ist an dieser Episode nur der Reiz des Dunklen, den diese
+Gedankenkreise ausübten. Man darf den Schluß wagen, daß die klarsten
+und zugänglichsten Fassungen faustischer Gedanken, wie man sie etwa bei
+Descartes und in den Prolegomena von Kant findet, auf einen arabischen
+Metaphysiker denselben Eindruck des Nebelhaften und Abstrusen gemacht
+haben würden. Was für uns wahr ist, ist für sie falsch und umgekehrt:
+das gilt vom Seelenbilde der einzelnen Kulturen wie von jedem andern
+Resultat wissenschaftlichen Nachdenkens.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_3">3</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Kultur — ein Urphänomen im goetheschen Sinne — war als
+Verwirklichung des seelisch Möglichen bezeichnet worden. Die junge,
+ertagende, die gotische und dorische Seele ahnt nur die Gestalt ihres
+Seins; sie sucht nach Ausdruck; sie möchte sich und alles andere
+begreifen; sie sehnt sich hinaus zur Klarheit des späten Zustandes.
+Die Außenwelt liegt noch in derselben Ungewissen Dämmerung wie die
+innere. In diesem Stadium beginnt die Klärung des Seelenbildes, von
+dem gezeigt worden war, daß es in jedem Augenblick das Abbild und
+Komplement des Naturbildes ist. Die Zukunft wird sich an die schwierige
+Aufgabe wagen müssen, in dem krausen Wust der Philosophie gotischen
+Stiles, der Scholastik und Mystik, die gleiche Sonderung der letzten
+Elemente vorzunehmen wie in der Ornamentik der<span class="pagenum" id="Seite_419">[S. 419]</span> Kathedralen und in der
+primitiven damaligen Malerei, die zwischen dem flachen Goldgrund und
+weiträumigen landschaftlichen Hintergründen — der magischen und der
+faustischen Art, Gott in der Natur zu sehen — noch keine Entscheidung
+zu treffen wagt. Es vermischen sich im frühen Seelenbilde, wie es
+in dieser Philosophie zum Vorschein kommt, in zaghafter Unreife die
+Züge christlich-arabischer Metaphysik, des Dualismus von Geist und
+Seele, mit nordischen Ahnungen von funktionalen Seelenkräften, die man
+sich noch nicht eingesteht. Dieser Zwiespalt liegt dem Streit um den
+Primat des Willens oder der Vernunft zugrunde, dem <em class="gesperrt">Grundproblem
+der gotischen Philosophie</em>, das man bald im alten arabischen,
+bald im neuen abendländischen Sinne zu lösen sucht. Man kann die
+frühe Philosophie Westeuropas, ihren Kern, nur aus diesem großen
+Zusammenhange begreifen. Es ist dasselbe Thema, das in stets sich
+ändernder Fassung den Gang unserer gesamten Philosophie bestimmt und
+diese von jeder anderen scharf unterscheidet. Schopenhauer, ihr letzter
+großer Systematiker, hat es auf die Formel „Die Welt als Wille und
+Vorstellung“ gebracht und seine <em class="gesperrt">Ethik</em> ist es, die <em class="gesperrt">gegen</em>
+den Willen entscheidet.</p>
+
+<p>Hier tritt der geheimste Grund und Sinn alles Philosophierens innerhalb
+einer Kultur unmittelbar zutage. Denn es ist die <em class="gesperrt">faustische
+Seele</em>, die in vielhundertjährigem Mühen ein visionäres Bild von
+sich zu formen versucht, ein Bild, das zugleich mit dem Bilde der Welt
+einen tiefgefühlten Einklang aufweist. Die gotische Philosophie mit
+ihrem Dilemma von Vernunft und Wille ist in der Tat ein Ausdruck des
+<em class="gesperrt">Lebensgefühls</em> jener Menschen der Kreuzzüge, der Staufenzeit
+und der Dombauten. <em class="gesperrt">Man sah die Seele so, weil man so war.</em> Und
+als Schopenhauer den Gegensatz noch einmal, in seiner schärfsten,
+zivilisierten Form hinstellte, bewies er nur, daß sich in dem, was
+diese faustische Seele von jeder andern unterscheidet, nichts geändert
+hatte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wollen und Denken im Seelenbilde — das ist Richtung und Ausdehnung,
+Historie und Natur im Bilde der äußern Welt.</em> Daß unser Ursymbol
+die unendliche Ausgedehntheit ist, tritt in diesen Grundzügen beider
+Aspekte zutage. Der Wille knüpft die Zukunft an die Gegenwart, das
+Denken<span class="pagenum" id="Seite_420">[S. 420]</span> — das faustische, nicht das apollinische — das Grenzenlose an
+das Hier. <em class="gesperrt">Die historische Zukunft ist die werdende, der unendliche
+Welthorizont die gewordene Ferne</em>: dies ist der Sinn des faustischen
+Tiefenerlebnisses. Das Richtungsgefühl wird als „Wille“, das Raumgefühl
+als „Verstand“ wesenhaft, beinahe mythisch vorgestellt: so entsteht das
+Bild, welches unsre Psychologen mit Notwendigkeit aus dem Innenleben
+abstrahieren.</p>
+
+<p>Daß die faustische Kultur <em class="gesperrt">Willenskultur</em> ist, ist nur ein
+andrer Ausdruck für ihren eminent historischen Charakter. Der Wille
+ist der psychische Repräsentant der „Welt als Geschichte“. Der
+antike Mensch ist ahistorisch, rein gegenwärtig, ohne jenes das
+Weltbild beherrschende, die Sinneseindrücke zum unendlichen Raum
+dehnende Richtungsgefühl: er ist „willenlos“. Darüber läßt die
+antike Schicksalsidee, das Fatum, keinen Zweifel, noch weniger der
+architektonische Typus der dorischen Säule und die nackte Statue mit
+ihrer stereotypen Maske. <em class="gesperrt">Folglich</em> kann auch das apollinische
+Seelenbild keinen Richtungsfaktor, keinen „Willen“ also, enthalten.
+Neben dem Denken (νοῦς), das von den großen Philosophen sehr
+bezeichnend Zeus genannt wird, stehen die ahistorischen Komplexe
+der animalischen und vegetativen Triebe (θυμός und ἐπιθυμία), ganz
+somatisch, ganz ohne einen bewußten Zug und Drang zu einem Ziel. Nichts
+deutet auf ein Unendlichkeitsbedürfnis hin.</p>
+
+<p>Um die Entwicklung des „Seelenraumes“, jener transzendenten
+Unendlichkeit, die unser inneres Auge überblickt und in Momenten der
+Reflexion durchdringt, deutlich zu machen, wüßte ich nichts Besseres
+als an die Reihe der Porträts von Jan van Eyck bis auf Velasquez
+und Rembrandt herab zu erinnern, deren Ausdruck im Gegensatz zu dem
+ägyptischer und byzantinischer Bildnisse mit wachsender Bestimmtheit
+das fühlen läßt, was die wissenschaftliche Psychologie unterdes in ein
+System hatte bringen wollen. Der Widerstreit von Wollen und Denken
+ist das geheime Thema dieser Köpfe und ihrer Physiognomik, sehr im
+Gegensatz zu den hellenistischen Idealbildnissen des Euripides, Plato,
+Demosthenes, die ein ganz anderes Ichgefühl vortragen.</p>
+
+<p>Der „Wille“ ist das symbolische Etwas, welches das faustische
+Seelenbild von jedem andern unterscheidet. Der Wille wird sich so wenig
+jemals begrifflich fassen lassen wie der letzte Sinn der Worte<span class="pagenum" id="Seite_421">[S. 421]</span> Gott,
+Kraft, Raum. Er ist ein <em class="gesperrt">Urwort</em> wie sie, das man erlebt, erfühlt,
+nicht erkennt. Das gesamte Dasein des abendländischen Menschen — Leben
+als Verwirklichung des innerlich Möglichen gedacht — steht unter
+seinem Aspekt. <em class="gesperrt">Seelenbild und Lebensgefühl gehören zusammen.</em></p>
+
+<p>Wie man das faustische Prinzip bezeichnen will, das uns und nur uns
+angehört, ist gleichgültig. Name ist Schall und Rauch. Auch Raum ist
+ein Wort, das in tausend Nuancen im Munde des Mathematikers, Denkers,
+Dichters, Malers ein und dasselbe Unbeschreibliche ausdrücken möchte,
+das anscheinend der ganzen Menschheit angehört und in Wahrheit nur
+innerhalb der abendländischen Kultur die Geltung hat, die wir ihm
+mit innerer Notwendigkeit zuschreiben. Nicht das angebliche Vermögen
+„Wille“, sondern der Umstand, daß es für uns dies Wort überhaupt gibt,
+während <em class="gesperrt">die Griechen es gar nicht kannten</em>, hat die Bedeutung
+eines großen Symbols. Im letzten Grunde besteht zwischen Raum und Wille
+kein Unterschied mehr. Den antiken Sprachen fehlt die Bezeichnung
+für das eine und <em class="gesperrt">also auch</em> für das andere.<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[93]</a> Der reine Raum
+des faustischen Weltbildes ist eine ganz besondere Idee, nicht bloße
+Extension, sondern Ausdehnung als Wirksamkeit, als Überwindung des
+Nur-Sinnlichen, als Spannung und Tendenz, als Wille zur Macht. Ich weiß
+wohl, wie unzulänglich diese Umschreibungen sind. Es ist vollständig
+unmöglich, durch exakte Begriffe den Unterschied<span class="pagenum" id="Seite_422">[S. 422]</span> anzugeben zwischen
+dem, was wir und was die Menschen der arabischen oder indischen Kultur
+Raum nennen und bei diesem Worte denken, empfinden, vorstellen. Daß
+es etwas durchaus Verschiedenes ist, beweisen die sehr verschiedenen
+Grundanschauungen der jeweiligen Mathematik und bildenden Kunst, vor
+allem die unmittelbaren Äußerungen des <em class="gesperrt">Lebens</em>. Wir werden sehen,
+wie die Identität von Raum und Wille in den Taten des Kopernikus
+und Kolumbus so gut wie in denen der Hohenstaufen und Napoleons zum
+Ausdruck kommt — Beherrschung des Weltraums —, aber sie liegt in
+andrer Weise auch in den physikalischen Begriffen der Raumenergie
+(Energie der Lage, Spannung) und des Potentials, die man keinem
+Griechen hätte verständlich machen können. Raum als die Form <i>a
+priori</i> der Anschauung, die Formel, in der Kant endgültig aussprach,
+was die Barockphilosophie unablässig gesucht hatte — das bedeutet
+einen <em class="gesperrt">Herrschaftsanspruch</em> der Seele über das Fremde. Das Ich
+regiert vermittelst der Form die Welt.<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[94]</a></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Das</em> bringt die Tiefenperspektive der Ölmalerei zum Ausdruck, die
+den unendlich gedachten Bildraum vom Betrachter abhängig macht, der ihn
+von der gewählten Entfernung aus im wörtlichen Sinne <em class="gesperrt">beherrscht</em>.
+Es ist jener Zug in die Ferne, der zum Typus der <em class="gesperrt">heroischen,
+historisch empfundenen</em> Landschaft im Gemälde wie im Park führt,
+dasselbe, was der mathematisch-physikalische Begriff des Vektors zum
+Ausdruck bringt. Jahrhunderte hindurch hat die Malerei leidenschaftlich
+nach diesem großen Symbol gestrebt, in dem alles liegt, was die
+Worte Raum, Wille, Kraft ausdrücken möchten. Ihm entspricht die
+ständige Tendenz der Metaphysik, durch Distinktionen<span class="pagenum" id="Seite_423">[S. 423]</span> wie die von
+Form der Erscheinung und Ding an sich, Wille und Vorstellung, Ich
+und Nicht-Ich, die sämtlich von rein dynamischem Gehalte sind, sehr
+im Gegensatz zur Lehre des Protagoras vom Menschen als dem <em class="gesperrt">Maß,
+also nicht dem Schöpfer</em> aller Dinge, die funktionale Abhängigkeit
+der Dinge vom Geiste zu formulieren. Der antiken Metaphysik gilt
+der Mensch als Körper unter Körpern, und Erkennen ist hier eine Art
+von <em class="gesperrt">Berührung</em>. Die optischen Theorien des Anaxagoras und
+Demokrit sind weit entfernt, dem Menschen eine Aktivität in der
+Sinneswahrnehmung zuzugestehen. Plato empfindet das Ich niemals als
+Mittelpunkt einer transzendenten Wirkungssphäre, wie es Kant ein
+inneres Bedürfnis war. Die Gefangenen in seiner berühmten Höhle sind
+wirklich Gefangene, Sklaven äußerer Eindrücke, nicht ihre Herren, von
+der allgemeinen Sonne beschienen, nicht selbst Sonnen, die das All
+durchleuchten.</p>
+
+<p>Der physikalische Begriff der Raumenergie — die gänzlich unantike
+Vorstellung, daß bereits die <em class="gesperrt">räumliche Distanz</em> eine Energieform,
+sogar die Urform aller Energie ist — denn das ist die Grundlage
+der Begriffe Kapazität und Intensität — beleuchtet das Verhältnis
+des Willens zum imaginären Seelenraum. Wir fühlen, daß beides, das
+dynamische Weltbild Galileis und Newtons und das dynamische Seelenbild
+mit dem Willen als Schwerpunkt und Beziehungszentrum, ein und dasselbe
+bedeuten. Sie sind beide Barockphänomene, Symbole der zur vollen Reife
+gelangten faustischen Kultur.</p>
+
+<p>Man tut unrecht, wie es oft geschieht, die Willenspsychologie, wenn
+nicht für allgemein menschlich, so doch für allgemein christlich
+zu halten und sie aus orientalischen Theorien abzuleiten. Dieser
+Zusammenhang gehört lediglich der historischen Oberfläche an, und es
+war wiederholt darauf hingewiesen worden, daß unter dem Namen und
+der äußeren Form des magischen Christentums auf westeuropäischem
+Boden eine neue Religion entstanden ist. Aber das gleiche gilt von
+allen philosophischen Begriffen. Wenn arabische Psychologen, Murtada
+z.&#8239;B., von der Möglichkeit mehrerer Willen reden, von einem Willen,
+der mit dem Tun zusammenhängt, von einem andern, der ihm selbständig
+voraufgeht, von einem Willen, der überhaupt keine Beziehung zur Tat
+hat, der das Wollen erst erzeugt usw., so haben<span class="pagenum" id="Seite_424">[S. 424]</span> wir offenbar ein
+Seelenbild vor uns, das der Struktur nach von dem faustischen gänzlich
+verschieden ist.</p>
+
+<p>Bei Augustinus erscheint ein dem unsern entfernt verwandter
+Willensbegriff, und zwar in Verbindung mit einem entsprechenden
+Gottesbegriff. Auch dieser Zusammenhang ist von tiefer Notwendigkeit.
+Die Seelenelemente sind für jeden Menschen, welcher Kultur er auch
+angehört, die Gottheiten eines innern Kosmos. Was Zeus für den äußeren
+Olymp ist, das ist für den der inneren Welt, für jeden Griechen
+mit absoluter Deutlichkeit vorhanden, der νοῦς. Was für uns „Gott“
+ist, Gott als Weltatem, als die Allkraft, als die allgegenwärtige
+Wirkung und Vorsehung, das ist, aus dem Weltraum in den imaginären
+Seelenraum zurückgespiegelt und von uns mit Notwendigkeit als wirklich
+vorhanden empfunden, „Wille“. Zum psychischen Dualismus der magischen
+Kultur, zu πνεῦμα und ψυχή, gehört mit Notwendigkeit der kosmische
+Gegensatz von Gott und Luzifer, dem absolut Guten und dem absolut
+Bösen, und man wird bemerken, daß im abendländischen Weltgefühl beide
+Gegensätze <em class="gesperrt">zugleich</em> verblassen. In demselben Grade, wie der
+Wille sich als Mitte eines psychischen Monotheismus herausbildet,
+entschwindet die Gestalt des Teufels aus der wirklichen Welt. Der
+Pantheismus der äußeren Welt hat einen innern unmittelbar zur Folge
+und was — in welcher Bedeutung auch — das Wort „Gott“ <em class="gesperrt">der Natur
+gegenüber</em> bezeichnen soll, das bezeichnet jedesmal das Wort
+Wille gegenüber der Seele: den Herrscher in seinem Reich.<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[95]</a> Das
+Gefühl, welches der faustische Mensch, sei es Pascal oder Goethe oder
+Beethoven, von Gott hat, erschöpft sich in dem Ausdruck Weltwille.
+Der Darwinismus ist nichts anderes als eine außergewöhnlich flache
+Fassung dieses Gefühls. Kein Grieche würde das Wort Natur im Sinne
+einer absoluten und planmäßigen Aktivität so gebraucht haben, wie
+die moderne Biologie es tut. Der „Wille Gottes“ ist für uns ein
+Pleonasmus. Gott (oder „die Natur“) ist nichts als<span class="pagenum" id="Seite_425">[S. 425]</span> Wille. So gut der
+Gottesbegriff seit der Renaissance unmerklich mit dem Begriff des
+unendlichen Weltraums identisch wird und die sinnlichen, persönlichen
+Züge verliert — Allgegenwart und Allmacht sind beinahe mathematische
+Begriffe geworden —, so gut wird er zum unanschaulichen Weltwillen.
+Die reine Instrumentalmusik überwindet mit Bach die Malerei, als das
+einzige und letzte Mittel, dies Gefühl von Gott zu verdeutlichen.
+Der Prozeß einer symbolischen Klärung, der die Geistesgeschichte des
+Barock ausfüllt, offenbart sich in der dichten Folge metaphysischer
+Systeme, die sämtlich das Grundgefühl, welches Goethe in Verse und
+Bach und Beethoven in Musik brachten, in ein abstraktes System zu
+fassen versuchten. Giordano Bruno ist der erste, Hegel der letzte
+in dieser Reihe. Demgegenüber denke man an die Götter Homers. Zeus
+besitzt durchaus nicht die Macht über die Welt; selbst auf dem Olymp
+ist er — wie es das apollinische Weltgefühl fordert — <i>primus
+inter pares</i>, Körper unter Körpern. Die Notwendigkeit, die ἀνάγκη,
+welche das antike Denken im Kosmos statuiert, ist keineswegs von ihm
+abhängig. Im Gegenteil: die Götter sind ihr unterworfen. Das wird
+nicht ausgesprochen, aber man fühlt es bei Homer im <em class="gesperrt">Streit</em> der
+Götter und an jener entscheidenden Stelle, wo Zeus die Schicksalswage
+hebt, um das Los Hektors nicht zu fällen, sondern zu erfahren. Also
+stellt sich die antike Seele mit ihren Teilen und Eigenschaften als ein
+Olymp kleiner Götter dar, die in friedlichem Einvernehmen zu halten
+das Ideal hellenischer Lebensführung, die σωφροσύνη und ἀταραξία ist.
+Mehr als ein Philosoph verrät den Zusammenhang, indem er den höchsten
+Seelenteil, den νοῦς, als Zeus bezeichnet. Aristoteles schreibt seiner
+Gottheit als einzige Funktion die θεωρία, die Beschaulichkeit zu; es
+ist das Ideal des Diogenes: eine zur Vollkommenheit gereifte Statik des
+Lebens gegenüber der ebenso vollkommenen Dynamik im Lebensideal des 18.
+Jahrhunderts.</p>
+
+<p>Das rätselhafte Etwas, welches das Wort Wille bezeichnet, die
+Leidenschaft der dritten Dimension, ist also ganz eigentlich eine
+Schöpfung des Barock, wie die Perspektive der Ölmalerei, wie
+der Kraftbegriff der neuern Physik, wie die Tonwelt der reinen
+Instrumentalmusik. In allen Fällen hatte die Gotik vorgedeutet, was
+diese Jahrhunderte der Durchgeistigung zur Reife<span class="pagenum" id="Seite_426">[S. 426]</span> brachten. Halten
+wir hier, wo es sich um den Charakter, den Stil des faustischen
+Lebens im Gegensatz zu jedem andern handelt, daran fest, daß Wille,
+Kraft, Raum, Gott Symbole sind, struktive Prinzipien großer, einander
+verwandter Formenwelten, in denen dieses Sein sich zum Ausdruck
+bringt. Man war bisher darauf aus, hier objektive Fakta, an sich
+seiende, konkrete, letzte Einheiten festzustellen, die irgendwann auf
+dem Wege analysierender Forschung einmal völlig isoliert, „erkannt“
+werden könnten. Diese Illusion der exakten Naturwissenschaft war in
+gleicher Weise die der Psychologie und Erkenntnistheorie. Die Einsicht,
+daß diese vermeintlich rein menschlichen Gegebenheiten lediglich
+Barockphänomene sind, Ausdrucksformen von vergänglicher Bedeutung,
+einige Jahrhunderte hindurch und nur für den westeuropäischen Menschen
+„wahr“, verändert den ganzen Sinn dieser Wissenschaften, die nicht
+mehr Subjekt, sondern selbst, als historische Phänomene, Objekte einer
+höheren Betrachtung sind.</p>
+
+<p>Die Architektur des Barock begann, wie wir sahen, als Michelangelo
+die tektonischen Prinzipien der Renaissance, Stütze und Last,
+durch die dynamischen: Kraft und Masse ersetzte. Brunellescos
+Pazzikapelle drückt eine heitere Gelassenheit aus; die Fassade von
+Il Gesù ist <em class="gesperrt">steingewordner Wille</em>. Man hat den neuen Stil in
+seiner kirchlichen Prägung Jesuitenstil genannt, vor allem nach der
+Vollendung, die er durch Vignola und Della Porta erfuhr, und in der
+Tat besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Gründung des Ignaz
+von Loyola, dessen Orden den reinen, abstrakten Willen der Kirche,<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[96]</a>
+einer transzendenten Gemeinschaft, in vollkommen spiritueller Weise
+repräsentiert, dessen verborgene, ins Unendliche sich erstreckende
+Wirksamkeit das Seitenstück zur Analysis und zur Potentialtheorie ist,
+und der künstlerischen Formensprache der Epoche. Damals war es, wo die
+Parkanlagen jenen strengen<span class="pagenum" id="Seite_427">[S. 427]</span> Ausdruck annahmen, der in geradlinigen
+Buchengängen, Alleen und Durchblicken (dem <i>point de vue</i>)
+die Absicht kundgibt, auch die Natur dem Willen und seinem Symbol,
+der räumlichen Tiefe unterzuordnen. Der chinesisch-japanische Park
+kennt, der Bilderperspektive entsprechend, dies gestaltende Prinzip
+<em class="gesperrt">nicht</em>.</p>
+
+<p>Es wird nun nicht mehr als Paradoxon empfunden werden, wenn künftig
+vom <em class="gesperrt">Barockstil</em>, ja vom <em class="gesperrt">Jesuitenstil in der Psychologie,
+Mathematik und theoretischen Physik</em> die Rede ist. Die Formensprache
+der Dynamik, welche den energischen Gegensatz von Kapazität und
+Intensität an Stelle des somatisch-willenlosen von Stoff und Form
+setzt, ist allen geistigen Schöpfungen dieser Jahrhunderte gemeinsam.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_4">4</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es ist nun die Frage, inwiefern der Mensch dieser Kultur selbst
+erfüllt, was das von ihm konzipierte Seelenbild erwarten läßt.
+Darf man das Thema der neuern Physik jetzt ganz allgemein als den
+wirkenden Raum bezeichnen, so ist damit auch die Daseinsart, der
+Daseins<em class="gesperrt">inhalt</em> des gleichzeitigen Menschen bestimmt. Wir,
+faustische Naturen, sind gewöhnt, den einzelnen hinsichtlich seiner
+<em class="gesperrt">wirkenden</em>, nicht seiner plastisch-ruhenden Erscheinung ins Ganze
+unsrer Lebenserfahrungen aufzunehmen. Was der Mensch ist, ermessen wir
+an seiner <em class="gesperrt">Tätigkeit</em>, die nach innen wie nach außen gewendet
+sein kann, und alle einzelnen Vorsätze, Gründe, Kräfte, Überzeugungen,
+Gewohnheiten werten wir durchaus nach dieser Richtung. Das Wort, in
+dem wir diesen Aspekt zusammenfassen, heißt <em class="gesperrt">Charakter</em>. Wir
+sprechen von Charakterköpfen, von Charakterlandschaften; der Charakter
+von bewegten Ornamenten, Pinselstrichen, Architekturmotiven, von
+Schriftzügen, von Gleichungen und Funktionen: das sind uns geläufige
+Wendungen. Die Musik ist die eigentliche Kunst des Charakteristischen,
+was von Melodie und Instrumentation gleichmäßig gilt. Auch dies Wort
+bezeichnet etwas Unbeschreibliches, etwas, das die faustische Kultur
+aus allen andern heraushebt. Und zwar ist die tiefe Verwandtschaft
+des Begriffs mit dem des Willens unverkennbar: Was der Wille im
+Seelenbilde, ist der Charakter im Bilde des<span class="pagenum" id="Seite_428">[S. 428]</span> Lebens, wie es uns und
+<em class="gesperrt">nur</em> uns Westeuropäern mit Selbstverständlichkeit vorschwebt.</p>
+
+<p>Daß der Mensch Charakter habe, ist der Grundanspruch all unsrer
+ethischen Systeme, so verschieden ihre metaphysischen oder praktischen
+Formeln sonst sein mögen. Der Charakter — der sich im <em class="gesperrt">Strome
+der Welt</em> bildet, das Verhältnis des Lebens zur Tat — ist eine
+faustische Impression, und es besteht eine sehr feine Ähnlichkeit mit
+dem physikalischen Weltbilde darin, daß der vektorielle Kraftbegriff
+mit seiner Richtungstendenz sich von dem der Bewegung trotz schärfster
+theoretischer Untersuchungen nicht hat isolieren lassen. Ebenso
+unmöglich ist die strenge Scheidung von Wille und Seele, Charakter und
+Leben. Wir empfinden auf der Höhe dieser Kultur, sicher seit dem 17.
+Jahrhundert, das Wort Leben als schlechthin gleichbedeutend mit Wollen.
+Ausdrücke wie Lebenskraft, Lebenswille, tätige Energie füllen als etwas
+Selbstverständliches unsre ethische Literatur, während sie in das
+Griechisch der Zeit des Perikles nicht einmal übersetzbar wären.</p>
+
+<p>Man bemerkt — was der Anspruch aller Moralen auf zeitliche und
+räumliche Allgemeingültigkeit bisher verdeckt hat —, daß jede einzelne
+Kultur als einheitliches Wesen höherer Ordnung im historischen
+Gesamtbilde ihre eigne moralische Fassung besitzt. Es gibt so viele
+Moralen, als es Kulturen gibt. Nietzsche, der als erster eine
+Ahnung davon hatte, ist trotzdem von einer objektiven Morphologie
+der Moral — jenseits von Gut und Böse — weit entfernt geblieben.
+Er kam über Geschmacks-, bestenfalls über Nützlichkeitswertungen
+gegenüber der antiken, indischen, Renaissancemoral nicht hinaus.
+Aber gerade unserm historischen Sinne hätte das <em class="gesperrt">Urphänomen der
+Moral</em> als solches nicht entgehen sollen. Uns ist, und zwar schon
+seit den Tagen Petrarkas, die Vorstellung der Menschheit als eines
+tätigen, kämpfenden, fortschreitenden Ganzen so notwendig, daß es uns
+schwer wird, einzusehen, daß dies eine ausschließlich abendländische
+Betrachtungsweise von vorübergehender Geltung und Lebensdauer ist.
+Dem antiken Geiste erscheint die Menschheit als stationäre Masse, und
+dem entspricht eine ganz anders geartete Moral, deren Dasein sich von
+der homerischen Frühzeit bis zur Kaiserzeit verfolgen läßt. Überhaupt
+wird man<span class="pagenum" id="Seite_429">[S. 429]</span> finden, daß dem im höchsten Grade aktiven Lebensgefühl der
+faustischen Kultur die chinesische, babylonische und ägyptische, dem
+streng passiven der Antike die indische und arabische näherstehen. Dies
+äußert sich, um nur ein Beispiel zu nennen, darin, daß jene Kulturen
+hochorganisierte Staatsformen kannten, deren politisch-soziale Akte
+auf die Dauer und Zukunft hin orientiert waren, diese dagegen unter
+dem Namen Staat politische Zufallsbildungen — wie die Polis und den
+Khalifat — ohne historisch-formalen Gehalt und ohne Richtungsenergie
+besaßen.</p>
+
+<p>Wenn je ein Volk einen Kampf ums Dasein beständig vor Augen hatte,
+so war es das hellenische, wo alle die Städte und Städtchen einander
+bis zur Vernichtung bekämpften, ohne Plan, ohne Sinn, ohne Gnade,
+aus einem vollkommen animalischen, ahistorischen Instinkt. Aber die
+griechische Ethik war, trotz Heraklit, weit entfernt, den Kampf zu
+einem ethischen Prinzip zu machen. Die Überwindung von Widerständen
+ist vielmehr der typische Akt der abendländischen Seele. Aktivität,
+Entschlossenheit, Selbstbehauptung werden gefordert; der Kampf gegen
+die Eindrücke des Augenblicks, der Vordergründe des Lebens, des Nahen,
+Greifbaren, Euklidischen, die Durchsetzung dessen, was Allgemeinheit
+und Dauer hat, was Vergangenheit und Zukunft seelisch aneinanderknüpft,
+ist der Inhalt aller faustischen Imperative von den frühesten Tagen
+der Gotik, der Dombauten und Kreuzzüge, bis zu Kant und Napoleon und
+weit darüber hinaus zu den ungeheuren Macht- und Willensäußerungen
+unsrer Waffen, unsrer Verkehrsmittel und unsrer Technik. Das <i>Carpe
+diem</i>, der antike Standpunkt, ist der vollkommene Widerspruch gegen
+das, was Goethe, Kant, Pascal, was die Kirche wie das Freidenkertum als
+allein wertvoll empfanden, das <em class="gesperrt">tätige</em> Sein. Auch das Prinzip
+der bildenden Künste Westeuropas war die Überwindung des Augenscheins
+zugunsten des ewigen, reinen Raumes. Man fühlt, wie nahe diese
+energische Ethik an die Formenwelt der aus demselben Gefühl gestalteten
+theoretischen Physik streift. Auch da ist es die Überwindung von
+Widerständen, die in Gesetze gebracht wird.<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[97]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_430">[S. 430]</span></p>
+
+<p>Wie alle Formen der Dynamik — die malerische, musikalische,
+physikalische, soziale, politische — unendliche Zusammenhänge zur
+Geltung bringen, und nicht wie die antike Physik den Einzelfall
+und deren Summe, sondern den typischen Fall und dessen funktionale
+Regel betrachten, so hat man unter Charakter das grundsätzlich
+Gleichbleibende in der Genesis des Lebens zu verstehen. Andernfalls
+spricht man von Charakterlosigkeit. Charakter ist, als Form einer
+bewegten Existenz, in der mit größtmöglicher Variabilität im einzelnen
+die höchste Konstanz im Prinzipiellen erreicht wird, das, was eine
+echte Biographie wie Goethes „Wahrheit und Dichtung“ überhaupt möglich
+macht. Plutarchs typisch antike Biographien sind demgegenüber nur
+chronologisch, nicht organisch-genetisch geordnete Anekdotensammlungen,
+und man wird zugeben, daß von Alkibiades, Perikles oder überhaupt
+einem rein apollinischen Menschen nur die zweite, nicht die erste
+Art von Biographie denkbar ist. Ihren Erlebnissen fehlt nicht die
+Masse, sondern die Beziehung; sie haben etwas Atomistisches. Auf
+das physikalische Weltbild bezogen: der Grieche hat nicht etwa
+<em class="gesperrt">vergessen</em>, in der Summe seiner Erfahrungen allgemeine Gesetze
+zu suchen; er konnte sie in seinem Kosmos gar nicht <em class="gesperrt">finden</em>.
+Denn darin besteht der Unterschied apollinischer und faustischer
+Lebensläufe, daß die einen ahistorisch-mythisch, die andern
+historisch-genetisch angelegt sind, daß die einen in jedem Augenblick
+ein Sein, die andern ein Werden vor Augen führen, daß im Gegensatz zum
+antiken Menschsein für uns Charakter und Biographie sich wie Mögliches
+zu Wirklichem, physikalisch ausgedrückt wie potentielle zu kinetischer
+Energie verhalten.</p>
+
+<p>Es folgt daraus, daß charakterologische Wissenschaften,<span class="pagenum" id="Seite_431">[S. 431]</span> vor allem
+Physiognomik und Graphologie, innerhalb der Antike höchst mager
+ausgefallen sein würden. An Stelle der Handschrift, die wir nicht
+kennen, beweist es das antike Ornament, das gegenüber dem gotischen
+— man denke z.&#8239;B. an den Mäander und die Akanthusranke — von
+einer unglaublichen Simplizität und Schwäche des charakteristischen
+Ausdrucks, dafür von einem nie wieder erreichten Ausgeglichensein in
+zeitlosem Sinne ist.</p>
+
+<p>Es versteht sich von selbst, daß wir, dem antiken Weltgefühl
+zugewendet, dort ein Grundelement der ethischen Wertung finden
+müssen, das dem Charakter ebenso entgegengesetzt ist wie die Statue
+der Fuge, die euklidische Geometrie der Analysis, der Körper dem
+Raume. Es ist die <em class="gesperrt">Geste</em>. Damit ist das Grundprinzip einer
+seelischen <em class="gesperrt">Statik</em> gegeben, und das Wort, welches an Stelle
+unsrer „Persönlichkeit“ in den antiken Sprachen steht, heißt πρόσωπον,
+<i>persona</i> (von <i>personare</i>, hindurchtönen), nämlich
+<em class="gesperrt">Rolle</em>, <em class="gesperrt">Maske</em>. Im spätgriechisch-römischen Sprachgebrauch
+bezeichnet es die <em class="gesperrt">öffentliche Erscheinung</em> und damit den
+eigentlichen <em class="gesperrt">Wesenskern des antiken Menschen</em>. Man sagte von
+einem Redner, daß er als priesterliches, als soldatisches πρόσωπον
+spreche. Der Sklave war ἀπρόσωπος, aber nicht ἀσώματος, d.&#8239;h. er hatte
+<em class="gesperrt">keine Bedeutung</em>, aber eine „<em class="gesperrt">Seele</em>“. Daß das Schicksal
+jemandem die Rolle eines Königs oder Feldherrn zuerteilt habe, gibt der
+Römer durch <i>persona regis, imperatoris</i>.<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[98]</a> Damit verrät sich
+der apollinische Stil des Lebens. Es handelt sich nicht um konsequente
+Entfaltung innerer Möglichkeiten durch tätiges <em class="gesperrt">Streben</em>, sondern
+um die jederzeit geschlossene <em class="gesperrt">Haltung</em> und strengste Anpassung
+an ein sozusagen plastisches Seelenideal. Nur in der antiken Ethik
+spielt der Begriff Schönheit eine Rolle. Mag man dies Ideal σωφροσύνη,
+καλοκἀγαθία oder ἀταραξία nennen, es ist immer die wohlgeordnete
+Gruppe sinnlich greifbarer, durchaus öffentlich erscheinender,
+für die andern, nicht für das eigene Ich bestimmter<span class="pagenum" id="Seite_432">[S. 432]</span> Vorzüge. Der
+Akzent liegt auf dem Sein, nicht auf dem Wirken. Man war Objekt,
+nicht Subjekt des Lebens. Das rein Gegenwärtige, Mythisch-Zeitlose,
+Augenblickliche, der Vordergrund wurde nicht überwunden, sondern
+herausgearbeitet. Alle antiken Ethiken, nicht nur die Stoa, predigen
+die willenlose Passivität, die schöne Hingabe an die punktförmige
+Gegenwart, den Menschen als Statue. Noch einmal: Innenleben ist in
+diesem Zusammenhange ein unmöglicher Begriff. Das unübersetzbare,
+stets im westeuropäischen Sinne mißverstandene ζῷον πολιτικόν des
+Aristoteles bezieht sich auf Menschen, die einzeln, einsam, nichts
+sind, die nur als Mehrzahl etwas bedeuten — was für eine groteske
+Vorstellung ist ein Athener in der Rolle des Robinson! —, auf der
+ἀγορά, dem <i>forum</i>, wo jeder sich an andern spiegelt und dadurch
+erst eigentlich Wirklichkeit erhält. Dies alles liegt in dem Ausdruck
+σώματα πόλεως: die Bürger der Stadt. Man begreift, daß das Porträt, das
+Probestück der Barockkunst, mit der Darstellung des Menschen identisch
+ist, insoweit er <em class="gesperrt">Charakter</em> hat, und daß andrerseits in der
+ionischen Periode die Darstellung des Menschen hinsichtlich seiner
+<em class="gesperrt">Attitüde</em>, des Menschen als „<i>persona</i>“, mit dem Formideal
+der attischen Aktstudie enden mußte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_5">5</h4>
+
+</div>
+
+<p>Dieser Gegensatz hat zu zwei in jedem Betrachte grundverschiedenen
+Formen der Tragödie geführt. Die faustische, das <em class="gesperrt">Charakterdrama</em>,
+und die apollinische, das <em class="gesperrt">Drama der erhabenen Geste</em>, haben in
+der Tat nicht mehr als den Namen gemeinsam.</p>
+
+<p>Die Barockzeit machte, bezeichnenderweise ausschließlich von Seneka
+und nicht von Äschylus und Sophokles ausgehend, mit steigender
+Entschiedenheit an Stelle der Ereignisse den Charakter zum
+Schwerpunkt des Ganzen, zur Mitte gewissermaßen eines seelischen
+Koordinatensystems, das allen szenischen Tatsachen in bezug auf sich
+Lage, Bedeutung und Wert zuweist; es entsteht eine Tragik des Wollens,
+der wirkenden Kräfte, der <em class="gesperrt">innern</em>, nicht notwendig in Sichtbares
+umgesetzten Bewegtheit, während Sophokles das unvermeidliche Minimum
+an Geschehen<span class="pagenum" id="Seite_433">[S. 433]</span> vor allem durch das Kunstmittel des Botenberichts hinter
+die Szene verlegt. Die antike Tragik bezieht sich auf allgemeine Fälle,
+nicht auf Persönlichkeiten; Aristoteles bezeichnet sie ausdrücklich als
+μίμησις οὐκ ἀνθρώπων ἀλλὰ πράξεως καὶ βίου. Was er in seiner Poetik,
+sicherlich dem für unsere Dichtung verhängnisvollsten Buche, ἦθος
+nennt, nämlich die ideale Haltung eines ideal hellenischen Menschen
+in einer schmerzlichen Lage, hat mit unserm Begriff von Charakter
+als einer die Farbe der Ereignisse bestimmenden Beschaffenheit des
+Ich so wenig zu tun, wie eine Fläche in Euklids Geometrie mit dem
+gleichnamigen Gebilde etwa in Riemanns Theorie der algebraischen
+Gleichungen. Daß man ἦθος mit Charakter übersetzte, statt das kaum
+exakt Wiederzugebende durch Rolle, Haltung, Geste zu umschreiben, daß
+man μῦθος, die <em class="gesperrt">zeitlose Begebenheit</em>, durch Handlung gab, ist für
+Jahrhunderte ebenso verderblich geworden wie die Ableitung des Wortes
+δρᾶμα von Tun. Othello, Don Quijote, der Misanthrop, Werther sind
+Charaktere. Das Tragische liegt im <em class="gesperrt">bloßen Dasein</em> so gearteter
+Menschen inmitten der Welt. Ob gegen diese Welt, gegen sich, gegen
+andre: der Kampf wird durch den Charakter, nicht durch etwas von außen
+Kommendes aufgezwungen. Es ist <em class="gesperrt">Fügung</em>, die Einfügung einer
+Seele in einen Zusammenhang widersprechender Beziehungen, die keine
+reine Auflösung gestattet. Antike Bühnengestalten aber sind Rollen,
+keine Charaktere. Auf der Szene erscheinen immer dieselben Figuren,
+der Greis, der Heros, die Jungfrau, dieselben schwer beweglichen, auf
+dem Kothurn schreitenden, maskierten Puppen. Deshalb war die Maske
+im antiken Drama auch der Spätzeit eine <em class="gesperrt">innere Notwendigkeit</em>,
+während wir ohne das Mienenspiel der Darsteller nicht auskommen.
+Man wende ja nicht die Größe der griechischen Theater ein: auch die
+Gelegenheitsmimen trugen Masken, und wäre das tiefere Bedürfnis nach
+intimen Räumen dagewesen, so hätte sich die architektonische Form von
+selbst gefunden.</p>
+
+<p>Die in bezug auf einen Charakter tragischen Begebenheiten folgen aus
+einer langen innern Entwicklung. In den tragischen Fällen des Ajax, des
+Philoktet, der Antigone und Elektra aber ist eine innere Vorgeschichte
+— selbst wenn sie in einem antiken Menschen anzutreffen wäre — für
+die Folgen gleichgültig.<span class="pagenum" id="Seite_434">[S. 434]</span> Das entscheidende Ereignis überfällt sie,
+unvermittelt, ganz zufällig und äußerlich, und hätte an ihrer Stelle
+jeden andern und mit der gleichen Wirkung überfallen können. Es
+brauchte nicht einmal ein Mensch desselben Geschlechtes zu sein.</p>
+
+<p>Es bezeichnet den Gegensatz antiker und westeuropäischer Tragik noch
+nicht scharf genug, wenn man nur von Handlung oder Ereignis redet.
+Die faustische Tragödie ist <em class="gesperrt">biographisch</em>, die apollinische
+ist <em class="gesperrt">anekdotisch</em>, d.&#8239;h. jene umfaßt die Genesis eines ganzen
+Lebens, diese den für sich stehenden gegenwärtigen Augenblick; denn
+welche Beziehung hat die gesamte <em class="gesperrt">innere</em> Vergangenheit des
+Ödipus oder Orest zu dem vernichtenden Ereignis? Der Anekdote antiken
+Stils gegenüber kennen wir den Typus der <em class="gesperrt">charakteristischen</em>,
+antimythischen Anekdote — es ist die <em class="gesperrt">Novelle</em> deren Meister
+Cervantes, Kleist, Hoffmann, Storm sind —, die um so bedeutender
+ist, je mehr man fühlt, daß ihr Motiv <em class="gesperrt">nur einmal</em> und nur zu
+<em class="gesperrt">dieser</em> Zeit und unter <em class="gesperrt">diesen</em> Menschen möglich war,
+während der Rang der mythischen Anekdote — der <em class="gesperrt">Fabel</em> — durch
+die Reinheit der gegenteiligen Qualitäten bestimmt wird. Wir haben
+da also ein Schicksal, das wie der Blitz trifft, gleichgültig wen,
+und ein andres, das sich wie ein unsichtbarer Faden durch ein Leben
+spinnt und dieses eine vor allen andern auszeichnet. Es gibt im
+vergangenen Dasein Othellos, dieses Meisterstücks einer psychologischen
+Analyse, nicht einen, nicht den geringsten Zug, der ohne Beziehung zur
+Katastrophe wäre. Der Rassenhaß, das Alleinstehen des Emporkömmlings
+unter den Patriziern, der Mohr als Soldat, als Naturmensch, als
+der vereinsamte ältere Mann — nichts von diesen Momenten ist ohne
+Bedeutung. Man versuche doch, die Exposition des Hamlet, des Lear im
+Vergleich zu der sophokleischer Stücke zu entwickeln. Sie ist durchaus
+psychologisch, nicht eine Summe äußerer Daten. Von dem, was wir
+heute einen Psychologen nennen, was für uns beinahe mit dem Begriff
+eines Dichters identisch ist, hatten die Griechen keine Ahnung. So
+wenig sie Analytiker in der Mathematik waren, so wenig waren sie es
+im Seelischen, und antiken Seelen gegenüber konnte es nicht wohl
+anders sein. „Psychologie“ — das ist das eigentliche Wort für die
+<em class="gesperrt">abendländische</em> Art von Menschengestaltung. Das paßt auf ein
+Porträt Rembrandts so<span class="pagenum" id="Seite_435">[S. 435]</span> gut wie auf die Tristanmusik, auf Flauberts
+Madame Bovary wie auf Dantes Vita Nuova. Keine andre Kultur kennt
+Ähnliches. Gerade das ist es, was von der Gruppe antiker Künste mit
+Strenge ausgeschlossen wurde. Psychologie ist die Form, in welcher der
+<em class="gesperrt">Wille</em>, der Mensch als verkörperter Wille, nicht der Mensch als
+σῶμα kunstfähig wird. Wer hier Euripides nennt, der weiß gar nicht,
+was Psychologie ist. Welche Fülle des Charakteristischen liegt schon
+in der nordischen Mythologie mit ihren schlauen Zwergen, tölpischen
+Riesen, neckischen Elben, mit Loki, Baldr und den andern Gestalten,
+und wie typisch allgemein wirkt daneben der Olymp. Zeus, Apollo,
+Poseidon sind einfach „Männer“, Hermes ist „der Jüngling“, Athene
+eine reifere Aphrodite, die kleineren Götter — wie auch die spätere
+Plastik beweist — nur dem Namen nach unterscheidbar. Das gilt im
+vollen Umfange auch von den Gestalten der attischen Szene. Bei Wolfram
+von Eschenbach, Cervantes, Shakespeare, Goethe entwickelt sich das
+Tragische von innen heraus, dynamisch, funktional, bei den drei großen
+Tragikern Athens kommt es von außen, statisch, euklidisch. Man denke
+an den Geschlechterfluch im Hause der Atriden. Um eine früher auf die
+Weltgeschichte angewandte Bezeichnung zu wiederholen: das vernichtende
+Ereignis macht dort <em class="gesperrt">Epoche</em>, hier bewirkt es eine <em class="gesperrt">Episode</em>.
+Selbst der tödliche Ausgang ist nur die letzte Episode eines aus lauter
+Zufälligkeiten zusammengesetzten Daseins.</p>
+
+<p>Eine Barocktragödie ist nichts als der führende Charakter noch einmal,
+nur im realen Raume zur Entfaltung gebracht, als Kurve statt als
+Gleichung, kinetische statt potentieller Energie. Die sichtbare Person
+ist der mögliche, die Handlung der sich verwirklichende Charakter.
+Dies ist der ganze Sinn unsrer noch heute unter antiken Reminiszenzen
+und Mißverständnissen verschütteten Dramaturgie. Der tragische Mensch
+der Antike ist ein euklidischer Körper, der in seiner Lage, die er
+nicht gewählt hat und nicht ändern kann, von der Moira getroffen wird,
+der sich in der Belichtung seiner Flächen durch die äußern Vorfälle
+unveränderlich zeigt. Das ist die <em class="gesperrt">Geste</em>, das πρόσωπον als
+ethisches Ideal. In diesem Sinne ist in den Choephoren von Agamemnon
+als dem „flottenführenden königlichen Leibe“ die Rede und sagt Ödipus
+in Kolonos, daß das Orakel „seinem Leibe“<span class="pagenum" id="Seite_436">[S. 436]</span> gelte. Man wird bei allen
+bedeutenden Menschen der griechischen Geschichte bis auf Alexander
+hinab eine merkwürdige Unbildsamkeit finden. Ich wüßte keinen, der in
+den Kämpfen des Lebens eine innere Umwandlung vollzogen hätte, wie wir
+sie von Luther und Ignaz von Loyola kennen. Was man allzu flüchtig bei
+den Griechen Charakterzeichnung nennt, die Kunst, deren Meisterstücke
+noch im 19. Jahrhundert die Wahlverwandtschaften und Stendhals Julian
+Sorel sind, ist nichts als der Reflex der Ereignisse auf das ἦθος des
+Helden, niemals der Reflex einer Persönlichkeit auf die Ereignisse.</p>
+
+<p>Und so verstehen wir faustischen Menschen das Drama mit innerster
+Notwendigkeit als ein Maximum an Aktivität, die Griechen mit
+derselben Notwendigkeit als ein Maximum an Passivität. Die attische
+Tragödie enthält überhaupt keine „Handlung“. Die antiken Mysterien
+— und Äschylus, der aus Eleusis stammte, hat das höhere Drama durch
+Übertragung der Mysterienform mit ihrer Peripetie erst geschaffen —
+waren sämtlich δράματα, d.&#8239;h. liturgische Aktionen in der Art unserer
+Passionen und Oratorien. Aristoteles bezeichnet die Tragödie als
+Nachahmung eines Geschehens. Das, die Nachahmung, ist identisch mit
+der vielberufenen <em class="gesperrt">Profanation der Mysterien</em>, und man weiß,
+daß Äschylus, der auch die sakrale Tracht der Eleusispriester für
+immer als das Kostüm der attischen Bühne eingeführt hat, deshalb
+angeklagt wurde.<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[99]</a> Denn das eigentliche δρᾶμα mit seiner Peripetie
+von der Klage zum Jubel lag gar nicht in der Fabel, die erzählt
+wurde, sondern in der dahinter stehenden, vom Zuschauer im tiefsten
+Sinne aufgefaßten und nachgefühlten Kulthandlung. Es war sicherlich
+gewagt, den Vorgang dieser heiligen Erschütterung mit einer Burleske
+zu verbinden. Der uralte Bockgesang der τράγοι, der als Böcke
+verkleideten, von Dorf zu Dorf ziehenden Schauspieler, hatte mit
+seiner Beziehung auf die wieder erwachende Zeugungskraft der Natur
+Gelächter erregt. Das war volksmäßig. Nun aber hebt die Kalokagathie
+dies künstlerische Element zu sich empor. Äschylus als der<span class="pagenum" id="Seite_437">[S. 437]</span> Vertreter
+des aristokratisch-homerischen Prinzips führt den zweiten Schauspieler
+und damit die Wechselrede ein und so wächst aus der Harlekinade, die in
+das Satyrspiel am Schluß zurückgedrängt wird, die eigentliche antike
+Tragödie empor. In ihr siegt der <em class="gesperrt">Geist der Plastik</em> über den
+Orgiasmus, Apollo über Dionysos. Hier am Seelenfeste des Dionysos im
+Frühling berühren sich Leben und Tod, das Phallische und die Klage um
+das Vergängliche. Dionysos ist der Herr der abgeschiedenen Seelen. Auch
+in Eleusis war das Umschlagen der Klage um den Tod zum Jubel über die
+Rettung der Kore Inhalt der heiligen Messe.</p>
+
+<p>Die Tragödie wuchs aus dem θρῆνος (<i>naenia</i>), der
+<em class="gesperrt">feierlichen</em> Klage am Totenfeste, hervor. Aber der apollinische,
+plastische Geist gestaltet die ursprünglich allgemeine Klage zur
+besonderen. Es ist der Heros der Stadt, über dessen Leiden der Chor die
+große Klage anstimmt. Denn das erst hat die Tragödie vollendet: Der
+Klage als dem <em class="gesperrt">gegebenen</em> Thema wird die Gestaltung eines großen
+menschlichen Leidens als Motiv unterlegt. Äschylus führt die Heldensage
+in seinen 70 Dramen als die Vordergrundfabel (μῦθος) der Szene ein. Der
+Zuschauer, der den Sinn des Tages kannte, fühlte in den pathetischen
+Worten sich und seine Ahnen gemeint. In <em class="gesperrt">ihm</em> vollzieht sich die
+Peripetie, die der eigentliche Zweck der heiligen Handlung ist. Die
+liturgische Klage über den Jammer des Menschengeschlechts ist immer,
+von Berichten und Erzählungen umgeben, der Schwerpunkt des Ganzen
+geblieben. Man sieht es am deutlichsten im Prometheus, Agamemnon und
+König Ödipus. Aber hoch über die Klage hinaus erhebt sich die Größe des
+Dulders, seine erhabene Attitüde, sein ἦθος, das in mächtigen Szenen
+zwischen den Chorpartien vorgeführt wird. Nicht der heroische Täter,
+dessen Willenskraft, dessen Lebenstendenz am Widerstand fremder Mächte
+oder an den Dämonen in der eignen Brust wächst und bricht, sondern
+der willenlos Leidende, dessen euklidisches, somatisches Dasein —
+ohne tiefern Grund, wie man hinzufügen muß — zerstört wird, ist das
+Thema. Die Prometheustrilogie des Äschylus beginnt gerade dort, wo
+Goethe sie vermutlich hätte enden lassen. Der Wahnsinn Lears ist die
+notwendige Folge höchst komplizierter psychischer Voraussetzungen, in
+deren Gewebe keine Masche fehlen darf. Der Ajax des Sophokles<span class="pagenum" id="Seite_438">[S. 438]</span> wird
+von Athene wahnsinnig <em class="gesperrt">gemacht, bevor</em> das Drama beginnt. Das ist
+der Unterschied zwischen einem Charakter und einer szenischen Figur.
+In der Tat, Furcht und Mitleid sind, wie es Aristoteles beschreibt,
+die notwendige Wirkung antiker Tragödien auf antike, und nur auf
+antike Zuschauer. Das wird sofort klar, wenn man sieht, welche Szenen
+von ihm als die wirksamsten bezeichnet werden — man hat das bisher
+übersehen —, nämlich jähe Glückswechsel und Erkennungsszenen. Zu
+den ersten gehört vor allem der Eindruck des φόβος (Grauen), zu den
+zweiten der des ἔλεος (Rührung). Der Gedanke der Katharsis ist nur
+aus dem streng euklidischen Seinsideal der Ataraxie nachzuerleben.
+Die antike „Seele“ ist reine Gegenwart, reines σῶμα, unbewegtes
+punktförmiges Sein. Dies in Frage gestellt zu sehen, durch den Neid
+der Götter, das blinde Ungefähr, das wahllos, blitzartig über jeden
+hereinbrechen kann, ist das furchtbarste. Es greift an die Wurzeln der
+antiken Existenz, während es den faustischen, alles wagenden Menschen
+erst lebendig werden läßt. Und nun — das sich lösen zu sehen, wie
+wenn Gewitterwolken sich in dunklen Bänken am Horizont lagern und die
+Sonne wieder durchbricht, das tiefe Gefühl der Freude an der geliebten
+großen Geste, das Aufatmen der gequälten mythischen Seele, die Lust
+am wiedergewonnenen Gleichgewicht — das ist Katharsis. Das setzt
+aber auch eine Psychologie voraus, die uns vollkommen fremd ist. Das
+Wort ist in unsre Sprachen und Empfindungen kaum zu übersetzen. Die
+ganze ästhetische Mühe und Willkür des Barock und des Klassizismus mit
+der rückhaltlosen Ehrfurcht vor antiken Büchern im Hintergrunde, war
+notwendig, um uns dies seelische Fundament auch für unsre Tragödie
+aufzureden — angesichts der Tatsache, daß ihre Wirkung gerade die
+entgegengesetzte ist, daß sie nicht von passiven, statischen Affekten
+erlöst, sondern aktive, dynamische hervorruft, reizt und auf die
+Spitze treibt, daß sie die Urgefühle eines energischen Menschseins,
+die Grausamkeit, die Freude an Spannung, Gefahr, Gewalttat, Sieg,
+Verbrechen, das Glücksgefühl des Überwinders und Vernichters weckt,
+Gefühle, die seit der Wikingerzeit, den Hohenstaufentaten und
+Kreuzzügen in den Tiefen der nordischen Seele schlafen. <em class="gesperrt">Das</em>
+ist die Wirkung Shakespeares. Ein Grieche hätte den Macbeth gar
+nicht ausgehalten;<span class="pagenum" id="Seite_439">[S. 439]</span> er hätte vor allem den Sinn dieser mächtigen
+biographischen Kunst mit ihrer Richtungstendenz nicht begriffen. Daß
+Gestalten wie Richard III., Don Juan, Faust, Michael Kohlhaas, Golo,
+unantik vom Scheitel bis zur Sohle, nicht Mitleid, sondern einen
+tiefen seltsamen Neid, nicht Furcht, sondern eine rätselhafte Lust an
+Qualen, einen verzehrenden Wunsch nach einem ganz andern Mit–Leiden
+wecken, verraten uns heute, wie die faustische Tragödie auch in ihrer
+spätesten, der deutschen Form endgültig abgestorben ist, die ständigen
+Motive der weltstädtischen Literatur Westeuropas, die man mit den
+entsprechenden alexandrinischen vergleiche: In den „nervenspannenden“
+Abenteurer- und Detektivgeschichten und ganz zuletzt im Kinodrama, das
+durchaus den spätantiken Mimus vertritt, ist ein Rest der unbändigen
+faustischen Überwinder- und Entdeckersehnsucht fühlbar.</p>
+
+<p>Dem entspricht genau das apollinische und das faustische Bühnenbild,
+das zur Vollständigkeit des Kunstwerkes gehört, wie es vom Dichter
+gedacht worden war. Das antike Drama ist ein Stück Plastik, eine
+Gruppe pathetischer Szenen von reliefmäßigem Charakter, eine Schau
+riesenhafter Marionetten vor der flach abschließenden Rückwand
+des Theaters. Es ist ausschließlich groß empfundene Geste, Ethos,
+während die spärlichen Begebenheiten der Fabel feierlich vorgetragen,
+dicht vorgeführt werden. Das Gegenteil will die Technik des
+abendländischen Dramas: Ununterbrochene Bewegtheit und strenge
+Ausschaltung handlungsarmer, statischer Momente. Die berühmten drei
+Einheiten des Ortes, der Zeit und des Vorgangs <em class="gesperrt">formulieren den
+Typus der attischen Marmorstatue</em>. Und unvermerkt bezeichnen sie
+das Lebensideal des antiken, an die Polis, die reine Gegenwart,
+die Geste gebundenen Menschen. Die Einheiten haben sämtlich den
+Sinn von <em class="gesperrt">Negationen</em>: man verleugnet den Raum, man verneint
+Vergangenheit und Zukunft, man lehnt alle seelischen Beziehungen
+in die Ferne ab. Die drei Einheiten, ahistorisch, antimusikalisch,
+schränken die Wirklichkeit auf den Vordergrund, die unmittelbare
+Nähe und Gegenwart ein. Alles andre ist „τὸ μὴ ὄν“. Sie enthalten
+zugleich das Ideal der euklidischen, der stoischen Ethik. Ἀταραξία —
+in dem Worte könnte man sie zusammenfassen. Man verwechsle diese Form
+ja nicht mit der oberflächlich ähnlichen im Drama der romanischen<span class="pagenum" id="Seite_440">[S. 440]</span>
+Völker. Das spanische Theater des 16. Jahrhunderts hat sich dem Zwang
+antiker Regeln unterworfen, aber man begreift, daß die kastilianische
+Würde der Zeit Philipps II. sich davon angesprochen fühlte, ohne den
+ursprünglichen Geist dieser Regeln zu kennen oder auch nur kennen zu
+wollen. Islamisches Schicksalsgefühl vermittelte hier zwischen antikem
+<i>fatum</i> und spanischem Katholizismus, ohne daß man sich der innern
+Distanz bewußt geworden wäre. Tirso de Molina erneuerte die Theorie von
+den Einheiten, die Corneille, der kluge Zögling spanischer Grandezza,
+in seiner berühmten Abhandlung von ihm entlehnte. Damit begann das
+Verhängnis. Die florentinische Nachahmung der maßlos bewunderten
+antiken Plastik, die niemand in ihren letzten Bedingungen begriff,
+konnte nichts verderben, denn es gab damals keine nordische Plastik
+mehr, die hätte verdorben werden können. Aber es gab die Möglichkeit
+einer mächtigen, rein faustischen Tragödie von ungeahnten Formen und
+Kühnheiten und daß sie, so groß Shakespeare ist, niemals den Bann einer
+mißverstandenen Konvention ganz überwunden hat, das hat der Glaube
+an die Poetik des Aristoteles verschuldet. Was hätte aus dem Drama
+des Barock unter den Eindrücken der ritterlichen Epik, des Tristan
+und Parzeval, und in Nachbarschaft zu den Oratorien und Passionen der
+Kirche werden können, wenn man niemals etwas vom griechischen Theater
+gehört hätte! Eine Tragödie aus dem Geiste der kontrapunktischen Musik,
+ohne die Fesseln einer für sie sinnlosen plastischen Gebundenheit,
+eine Bühnendichtung, die sich von Orlando Lasso und Palestrina an und
+neben Heinrich Schütz, Bach, Händel, Gluck, Beethoven vollkommen frei
+zu einer eignen und reinen Form entwickelt hätte — das wäre möglich
+gewesen. Nur dem glücklichen Umstande, daß die gesamte hellenische
+Freskomalerei verloren ging, verdanken wir die Rettung, die innere
+Freiheit der Ölmalerei.</p>
+
+<p>Unsere tragischen Konzeptionen sind von faustischem Gehalt, aber der
+dramatische Körper spanischen, französischen oder elisabethanischen
+Stils, das fünfaktige Blankversdrama z.&#8239;B., ist ein Kompromiß ohne
+Tiefe. Was ohne die Kenntnis apollinischer Formen hätte entstehen
+können, läßt allein der Faust ahnen, die einzige auch im Szenischen
+unabhängige (wegen des Mangels an einer großen Tradition allerdings
+fragmentarische) Schöpfung:<span class="pagenum" id="Seite_441">[S. 441]</span> was sie zerstört haben, lehrt Racine,
+dessen mächtige Gestaltungskraft sich im Kampfe mit einem Schema
+erschöpft hat, das niemand anzutasten wagte.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_6">6</h4>
+
+</div>
+
+<p>Mit den drei Einheiten war es nicht genug. Das attische Drama forderte
+statt des Mienenspiels die starre Maske mit den wulstigen, weit
+geöffneten Lippen — es verbot also die seelische Charakteristik, wie
+man die Aufstellung ikonischer Statuen verboten hatte. Es forderte
+den Kothurn und die überlebensgroße, rings bis zur Unbeweglichkeit
+gepolsterte Figur mit dem schleppenden Gewande — und beseitigte damit
+die Individualität der Erscheinung. Es forderte endlich den aus einem
+röhrenartigen Mundstück monoton erschallenden Sprechgesang, dessen
+für das Ohr nicht wahrnehmbare Kadenzen für das Auge durch Senken
+eines Stäbchens bezeichnet wurden. Das Statuenhafte, Euklidische des
+Szenenbildes war damit auf die Spitze getrieben. Nichts durfte in
+Sprache und Erscheinung das Gefühl von Raumfernen, Seelenhorizonten und
+zeitlichen Perspektiven heraufrufen.</p>
+
+<p>Die faustische Tragik war die Ausschweifung einer Seele, die an einem
+unbändigen, unersättlichen Willen litt, eine Rettung ins Poetische,
+welche die Griechen, die an ganz andern Dingen litten, nicht nötig
+hatten und nicht verstanden haben würden. Der „Neid der Götter“, der
+das pflanzenhaft-euklidische Sein in seiner <em class="gesperrt">Ruhe</em> bedrohte, trieb
+sie zur Verzweiflung. „Nie geboren zu sein, nie den Tag erblickt zu
+haben und sein flammenhufiges Gespann“ — das ist <em class="gesperrt">ihre</em> Klage,
+und daneben und doch wieder eins und dasselbe steht die Klage des
+Achilleus, der lieber der ärmste Tagelöhner sein als im Reiche der
+Schatten weilen möchte. Deshalb klammerten sie sich mit nie endender
+Angst an den Vordergrund der Dinge und schlossen die Augen vor dem
+Fernen, das sie das Nichtseiende nannten. Deshalb umstellte der
+Grieche sein Leben mit allen Symbolen der Nähe und des Körperlichen,
+des tatenarmen, stoischen, richtungslosen Seins. Das trieb ihn zur
+Geselligkeit, zum Leben eines ζῷον πολιτικόν, eines Menschen der Nähe
+und Mehrzahl, als dessen leibhaftes Symbol der <em class="gesperrt">Chor</em> auf der
+Szene weilt. Nichts steht dem ferner als das <em class="gesperrt">Monologische</em> der
+faustischen Seele, ihre<span class="pagenum" id="Seite_442">[S. 442]</span> ungeheure Einsamkeit und Verlorenheit im All,
+die sich durch die gesamte abendländische Kunst wie eine unendliche
+Melodie hinzieht. Nichts ist einsamer als ein Bildnis Rembrandts,
+als eine Fuge von Bach, ein Quartett von Beethoven. Wir haben das
+attische Drama in seiner grandiosen Einseitigkeit und Unnatur gar nicht
+verstanden. Der bloße Text, wie wir ihn heute <em class="gesperrt">lesen</em> — nicht
+ohne unvermerkt den Geist Goethes und Shakespeares und unsre ganze
+Kraft perspektivischen Sehens hineinzutragen — kann von dem tiefern
+Sinn dieses Dramas <em class="gesperrt">nichts</em> geben. Antike Kunstwerke sind nur
+für das antike Auge, und zwar das leibliche Auge geschaffen. Erst die
+sinnliche Form der Darstellung schließt die eigentlichen Geheimnisse
+auf. Ein Drama des Äschylus ist eine viel komplexere Einheit, als wir,
+an das einsame Studium von Lesedramen gewöhnt — und an eine „innere
+Bühne“ also voller schrankenloser, die reale Darstellbarkeit weit
+überschreitender Möglichkeiten —, meist annehmen. Der antike Mensch
+war Zuschauer, nicht Leser, mit dem Leibe eher dabei als mit der
+„Seele“, und der Verlust beinahe aller Meisterdramen des Äschylus und
+Sophokles beweist, wie wenig ihm das Aufgeschriebene an sich, ohne die
+Szene, bedeutet hat. Euripides, dessen Werke eher sozialphilosophische
+Traktate sind, macht eine bezeichnende Ausnahme.</p>
+
+<p>Die antike Seele, die nichts ist als die verwirklichte <em class="gesperrt">Form des
+antiken Leibes</em> — Aristoteles hat da, in seiner Lehre von der
+Entelechie, das apollinische Lebensgefühl vollkommen richtig formuliert
+—, weiß nichts von einer nachschaffenden Phantasie. Sie war an die
+Szene mit der den Hintergrund schroff abschließenden Bühnenwand
+gebunden. Mit dem wirklichen, von der südlichen Sonne überstrahlten
+Vorgang war das Kunstwerk des Sophokles erschöpft. Führen wir, deren
+Leib ein physiognomischer Ausdruck der faustischen Seele ist, wie
+die Porträtkunst lehrt, aber heute ein Drama von ihm auf, so ist es
+kein antikes Drama mehr. Wir sehen mit andern Augen und nicht nur mit
+den leiblichen Augen und bemerken nun freilich den Gespensterschritt
+starrer Puppen nicht mehr, der ein Sinnbild jenes uns so fremden
+Lebensgefühls war. Wir sind geneigt, über derlei „Äußerlichkeiten“
+hinwegzusehen und vergessen, daß die antike Kultur nur Äußerliches
+als wirklich anerkennt,<span class="pagenum" id="Seite_443">[S. 443]</span> daß die Tiefe dieses Seelentums nur im
+Sinnlich-Nahen liegt. Nichts kann das euklidische Lebensgefühl
+deutlicher machen als eben das Element des Chores. Der Chor ist
+die griechische <em class="gesperrt">Urtragödie</em>, die Urklage über den Jammer des
+menschlichen Seins und der Dialog in den Chorpausen — feierlich und
+keineswegs „dem Leben abgelauscht“ — eine späte Zutat. Dieser Chor
+als Menge, als der ideale Gegensatz zum einsamen, zum innerlichen
+Menschen, zum Monolog der abendländischen Szene, dieser Chor, der immer
+anwesend bleibt, vor dem sich alle „Selbstgespräche“ abspielen, der
+die Angst vor dem Grenzenlosen, Leeren auch im Bühnenbilde vertreibt
+— das ist apollinisch. Die Selbstbetrachtung als <em class="gesperrt">öffentliche</em>
+Tätigkeit, die prunkvolle öffentliche Klage statt des Schmerzes im
+einsamen Kämmerlein (— „wer nie die kummervollen Nächte auf seinem
+Bette weinend saß“ —), das tränenreiche Jammergeschrei, das eine ganze
+Reihe von Dramen wie den Philoktet und die Trachinierinnen füllt, die
+Unmöglichkeit, allein zu bleiben, der Sinn der Polis, all das Weibliche
+dieser Kultur, wie es der Idealtypus des Apoll von Belvedere verrät,
+offenbart sich im Symbol des Chores. Dieser Art von Drama gegenüber
+ist das Shakespeares ein einziger Monolog. Selbst die Zwiegespräche,
+selbst die Gruppenszenen lassen die ungeheure <em class="gesperrt">innere</em> Distanz
+dieser Menschen empfinden, von denen jeder im Grunde nur mit sich
+selbst spricht. Nichts vermag diese seelische Ferne zu durchbrechen.
+Man fühlt sie im Hamlet wie im Tasso, im Don Quijote wie im Werther,
+aber sie ist schon im Parzeval in ihrer ganzen Unendlichkeit Gestalt
+geworden; sie unterscheidet die gesamte abendländische Poesie von der
+gesamten antiken. Unsre ganze Lyrik, von Walther von der Vogelweide
+bis auf Goethe, bis auf die Lyrik der sterbenden Weltstädte herab ist
+monologisch, die antike Lyrik ist eine Lyrik im Chor, eine Lyrik vor
+Zeugen. Die eine wird innerlich aufgenommen, im wortlosen Lesen, als
+unhörbare Musik, die andre wird öffentlich rezitiert. Die eine gehört
+dem schweigenden Raume — als Buch, das überall zu Hause ist —, die
+andre dem Platz, an dem sie erklingt.</p>
+
+<p>Die Kunst des Thespis entwickelt sich deshalb, obwohl die Mysterien
+von Eleusis und die thrakischen Feste der Epiphanie<span class="pagenum" id="Seite_444">[S. 444]</span> des Dionysos
+nächtlich gewesen waren, mit innerster Notwendigkeit zu einer Szene
+des Vormittags und des vollen Sonnenlichts. Aus den abendländischen
+Volks- und Passionsspielen dagegen, die aus der Predigt mit verteilten
+Rollen hervorgegangen sind und erst von Klerikern in der Kirche, später
+von Laien auf dem freien Platz davor, und zwar an den Vormittagen
+der hohen Kirchenfeste (Kirmessen) vorgetragen wurden, entstand
+unvermerkt eine Kunst des Abends und der Nacht. Schon zu Shakespeares
+Zeiten spielte man am Spätnachmittag und dieser mystische Zug, der
+das Kunstwerk der ihm zugehörigen Helligkeit annähern will, hatte zur
+Zeit Goethes sein Ziel erreicht. Jede Kunst, jede Kultur überhaupt
+hat ihre bedeutsame Tagesstunde. Die kontrapunktische Musik ist die
+Kunst der Dunkelheit, wo das innere Auge erwacht, die attische Plastik
+die des vollen Lichtes. Wie tief diese Beziehung reicht, beweisen,
+die gotische Plastik mit der sie umhüllenden ewigen Dämmerung und die
+ionische Flöte, das Instrument des hohen Mittags. Die Kerze bejaht,
+das Sonnenlicht verneint den Raum gegenüber den Dingen. In den Nächten
+siegt der Weltraum über die Materie, im Lichte des Mittags verleugnen
+die Dinge den Raum. So unterscheiden sich das attische Fresko und die
+nordische Ölmalerei. So wurden Helios und Pan antike, der Sternenhimmel
+und die Abendröte faustische Symbole. Auch die Seelen der Toten
+gehen mitternachts um, vor allem in den zwölf langen Nächten nach
+Weihnachten. Die antiken Seelen gehörten dem Tage. Noch die alte Kirche
+hatte vom δωδεκαήμερον, den zwölf geweihten Tagen, geredet; mit dem
+Erwachen der abendländischen Kultur wurde die „Zwölftnacht“ daraus.</p>
+
+<p>Die antike Vasen- und Freskomalerei — man hat das noch nie bemerkt —
+kennt keine Tageszeit. Kein Schatten zeigt den Stand der Sonne, kein
+Himmel die Gestirne an; es herrscht reine, <em class="gesperrt">zeitlose Helligkeit</em>.
+Das Atelierbraun der klassischen Ölmalerei entwickelte sich mit
+gleicher Selbstverständlichkeit zum Gegenteil, einer imaginären, von
+der Stunde unabhängigen Dunkelheit, der eigentlichen Atmosphäre des
+faustischen Seelenraumes. Stete Helle und stete Dämmerung trennen in
+der Tat antike und westeuropäische Malerei, antike und westeuropäische
+Bühne voneinander. Und darf man nicht auch die euklidische<span class="pagenum" id="Seite_445">[S. 445]</span> Geometrie
+eine Mathematik des Tages, die Analysis eine der Nacht nennen?</p>
+
+<p>Man wird die Beziehung jener plastischen Geometrie zum Szenenbild des
+Dionysostheaters — mit Chor, Maske, Kothurn und den drei Einheiten —
+nicht verkennen und ebensowenig die der Analysis zum unkörperlichen
+Szenenbilde unsres Dramas, dem umrahmten Bühnenausschnitt in
+künstlichem Lichte und mit perspektivischem Horizont, der den Weltraum
+bedeutet. Gerade die raumfeindliche euklidische Körperlehre macht das
+Prinzip der „Einheit des Ortes“ begreiflich. Jeder Szenenwechsel,
+der die Phantasie zu einer Einheit höherer, nicht sinnlicher Ordnung
+heraufruft, sprengt die rein stoffliche Gegenwart, bezieht den Weltraum
+ein, wirkt perspektivisch, richtunggebend, musikalisch und zerstört den
+stereometrischen, statuenhaften Aspekt, in dem alle Bedeutung für den
+antiken Zuschauer beschlossen liegt.</p>
+
+<p>Für die Griechen sicherlich eine Art profanen Frevels, ist der
+Szenenwechsel für uns beinahe ein religiöses Bedürfnis, eine Forderung
+der innern Wahrheit. In der gleichbleibenden Szene des Tasso liegt
+etwas Heidnisches. Wir empfinden das als Unnatur. Wir brauchen
+innerlich ein Drama voller Perspektiven und weiter Hintergründe,
+eine Bühne, die alle sinnlichen Schranken aufhebt und die ganze Welt
+in sich zieht. Shakespeare, der geboren wurde, als Michelangelo
+starb, und zu dichten aufhörte, als Rembrandt zur Welt kam, hat
+das Maximum von Unendlichkeit, von leidenschaftlicher Überwindung
+aller statischen Gebundenheit erreicht. Seine Wälder, Meere, Gassen,
+Gärten, Schlachtfelder liegen im Fernen, Grenzenlosen. Jahre fliehen
+in Minuten vorüber. Der wahnsinnige Lear zwischen dem Narren und
+dem tollen Bettler im Sturm auf der nächtlichen Heide, das Ich
+in tiefster Einsamkeit im Raume verloren — das ist faustisches
+Lebensgefühl. Man wird bemerken, daß — wie im Ölgemälde, dessen
+infinitesimaler Geist mit dem der tragischen Szene völlig identisch
+ist — auch im Szenenbilde die charakteristische Landschaft eine
+vorwiegende Rolle spielt, und auch das schlägt die Brücke hinüber zu
+den innerlich gesehenen, erfühlten Landschaften der Musik, daß die
+Bühne der elisabethanischen Zeit das alles <em class="gesperrt">nur bezeichnet</em>,
+während das<span class="pagenum" id="Seite_446">[S. 446]</span> geistige Auge sich aus spärlichen Andeutungen ein Bild
+der Welt entwirft, in welcher die Szenen sich abspielen und die eine
+Illusionsbühne niemals hätte verifizieren können. Der Renaissance
+gegenüber entsteht ein Trieb nach dem Freien, Unbegrenzten,
+Nichtoptischen, in dem für uns der tiefere Sinn aller Natur liegt, und
+wo umschlossene Räume notwendig werden, weist eine offene Halle oder
+ein Fenster in die Ferne. Die griechische Szene ist niemals Landschaft;
+sie ist überhaupt nichts. Man darf sie höchstens als die Basis
+wandelnder Statuen bezeichnen. Die Figuren sind alles, auf dem Theater
+wie im Fresko. Hier erinnere man sich der viel bemerkten, aber nie
+wirklich aufgeklärten Tatsache, daß „der antike Mensch kein Naturgefühl
+in unserm Sinne“ besitzt. Hier ist der Grund. Das apollinische
+Tiefenerlebnis, das Ursymbol des σῶμα, hat einen andern <em class="gesperrt">Begriff von
+Natur</em> zur Folge. Das faustische Naturgefühl ist ein Gefühl des
+Unendlichen, das durch und über den Dingen sich manifestiert, der Natur
+als Raum. Dies Gefühl hat die echte Szene Goethes und Shakespeares
+geschaffen und würde darüber weit hinausgeführt haben, hätte das antike
+Vorbild den Willen dazu nicht gelähmt. Die Natur des Griechen war etwas
+andres, uns so fremd, daß wir sie als solche nicht erkannt haben und
+das Gefühl von <em class="gesperrt">ihr</em> ist es, das sich, uns kaum verständlich, in
+der Bindung des Sinnlichen durch die drei Einheiten äußert.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_7">7</h4>
+
+</div>
+
+<p>Alles Sinnliche aber ist gemeinverständlich. Damit wurde unter allen
+Kulturen, die es bisher gab, die antike in den Äußerungen ihres
+Lebensgefühls am meisten, die abendländische am wenigsten populär.
+Gemeinverständlichkeit ist das Gegenteil von Esoterik. Es ist das
+Merkmal einer Schöpfung, die sich jedem Betrachter auf den ersten Blick
+mit all ihren Geheimnissen preisgibt; einer Schöpfung, deren Sinn sich
+in der Außenseite und Oberfläche verkörpert. Gemeinverständlich ist
+in jeder Kultur das, was von urmenschlichen Zuständen und Bildungen
+her unverändert geblieben ist, was der Mann von den Tagen der Kindheit
+an fortschreitend begreift, ohne eine ganz neue Betrachtungsweise
+<em class="gesperrt">erkämpfen</em> zu müssen, überhaupt das, was<span class="pagenum" id="Seite_447">[S. 447]</span> <em class="gesperrt">nicht</em> erkämpft
+werden muß, was sich von selbst gibt, was im sinnlich Gegebenen
+unmittelbar zutage liegt, nicht durch dasselbe nur angedeutet ist und
+nur — von wenigen, unter Umständen von ganz vereinzelten — gefunden
+werden kann. Es gibt volkstümliche Ansichten, Werke, Menschen. Jede
+Kultur hat ihren ganz bestimmten Grad von Esoterik oder Popularität,
+der ihren gesamten Leistungen innewohnt, soweit sie symbolische
+Bedeutung haben. Das Gemeinverständliche hebt den Unterschied zwischen
+den Menschen auf, hinsichtlich des Umfangs und der Tiefe ihres
+Seelischen. Die Esoterik betont ihn, verstärkt ihn. Endlich, auf das
+ursprüngliche Tiefenerlebnis des zum Selbstbewußtsein erwachenden
+Menschen angewendet und damit auf das Ursymbol seines Daseins und den
+Stil seiner Umwelt bezogen: zum Ursymbol des Körperhaften gehört die
+rein populäre, „<em class="gesperrt">naive</em>“, zum Symbol des unendlichen Raumes die
+ausgesprochen unpopuläre Beziehung zwischen Kulturschöpfungen und
+den dazu gehörigen Kulturmenschen. Populär ist die Helle und Nähe,
+der Vordergrund, das Augenblickliche und Gegenwärtige, in dem die
+unmittelbare Sinnesempfindung über den Raum siegt. Populär ist jede
+Wissenschaft, welche die nächsten und greifbarsten Motive aufsucht
+und ihrer innern Struktur nach sich in ihnen erschöpft und erschöpfen
+<em class="gesperrt">kann</em>. Die Ferne weist ab; sie legt Raum zwischen sich und die
+Menschen; sie fordert Überwindung, Willen, Kraft; sie wird damit den
+wenigsten zugänglich. Die Nähe bietet sich jedermann an.</p>
+
+<p>Die antike Geometrie ist die des Kindes, die eines jeden Laien.
+Euklids Elemente der Geometrie werden noch heute in England als
+Schulbuch gebraucht. Der Alltagsverstand wird sie stets für die einzig
+richtige und wahre halten. Alle andern Arten natürlicher Geometrie,
+die möglich sind und die — in angestrengtester Überwindung des
+populären Augenscheins — von uns gefunden wurden, sind nur einem
+Kreise berufener Mathematiker verständlich. Die berühmten vier
+Elemente des Empedokles sind die jedes naiven Menschen und seiner
+„angebornen Physik“. Was Sophokles und Euripides schrieben, begriff
+jeder Zuschauer. Ihre Tragik ist die der Orakel, die des Volksglaubens
+an Wahrsagung und des <i>deus ex machina</i>, die uns — man denke an
+die Braut von Messina und ähnliches —<span class="pagenum" id="Seite_448">[S. 448]</span> unerträglich ist. Für wie viel
+Menschen aber sind Wolframs Parzeval, der Sturm, der Tasso wirklich
+geschrieben?</p>
+
+<p>Alles Antike ist — dem pflanzenhaften Lebensgefühl entsprechend —
+mit <em class="gesperrt">einem</em> Blick zu umfassen, sei es der dorische Tempel, die
+Statue, die Polis, der Götterkult; es gibt keine Hintergründe und
+Geheimnisse. Aber man vergleiche daraufhin eine gotische Domfassade
+mit den Propyläen, eine Radierung mit einem Vasengemälde, die Politik
+des athenischen Volkes mit der modernen Kabinettspolitik. Man bedenke,
+wie jedes unsrer epochemachenden Werke der Poesie, der Politik, der
+Wissenschaft eine ganze Literatur von Erklärungen hervorgerufen
+hat, mit sehr zweifelhaftem Erfolge dazu. Die Parthenonskulpturen
+des Phidias waren für jeden Hellenen da, die Musik Bachs und seiner
+Zeitgenossen war eine Musik für Musiker. Wir haben den Typus des
+Rembrandtkenners, des Dantekenners, des Kenners der kontrapunktischen
+Musik und es ist — mit Recht — ein Einwand gegen Wagner, daß der
+Kreis der Wagnerianer allzu weit geworden ist, daß allzu wenig von
+seiner Musik <em class="gesperrt">nur</em> dem gewiegten Musiker vorbehalten bleibt.
+Aber eine Gruppe von Phidiaskennern? Oder gar Homerkennern? Hier
+wird eine Reihe von Phänomenen verständlich, als Symptomen des
+abendländischen Lebensgefühls, die man bisher geneigt war, als
+allgemein menschliche Beschränktheiten moralphilosophisch oder wohl
+richtiger melodramatisch aufzufassen. Der „unverstandene Künstler“, der
+„verhungernde Poet“, der „verhöhnte Erfinder“, der Denker, „der erst
+in Jahrhunderten begriffen wird“ — das sind Typen einer exklusiven
+und esoterischen Kultur. Das Pathos der Distanz, in dem sich der Hang
+zum Unendlichen und also der Wille zur Macht verbirgt, liegt diesen
+Phänomenen zugrunde. Sie sind im Umkreise faustischen Menschentums, und
+zwar von der Gotik bis zur Gegenwart ebenso notwendig, als sie unter
+apollinischen Menschen undenkbar sind.</p>
+
+<p>Alle hohen Schöpfer des Abendlandes waren von Anfang bis zu Ende in
+ihren eigentlichen Absichten nur einem kleinen Kreise zugänglich.
+Michelangelo hat gesagt, daß sein Stil dazu berufen sei, Narren
+zu züchten. Gauß hat dreißig Jahre lang seine Entdeckung der
+nichteuklidischen Geometrie verschwiegen,<span class="pagenum" id="Seite_449">[S. 449]</span> weil er das „Geschrei der
+Böoter“ fürchtete. Aber das gilt von jedem Maler, jedem Staatsmann,
+jedem Philosophen. Man vergleiche doch Denker beider Kulturen,
+Anaximander, Heraklit, Protagoras mit Giordano Bruno, Leibniz oder
+Kant. Man denke daran, daß — außer Schiller — kein deutscher Dichter,
+der überhaupt Erwähnung verdient, von Durchschnittsmenschen verstanden
+werden kann und daß es in keiner abendländischen Sprache ein Werk von
+dem Range und zugleich der Simplizität Homers gibt. Das Nibelungenlied
+ist eine spröde und verschlossene Dichtung, und Dante zu verstehen
+ist wenigstens in Deutschland selten mehr als eine literarische Pose.
+Was es in der Antike nie gab, hat es im Abendlande immer gegeben: die
+exklusive Form. Ganze Zeitalter wie die der provencalischen Kultur
+und des Rokoko sind im höchsten Grade gewählt und abweisend. Ihre
+Ideen, ihre Formensprache sind nur für eine wenig zahlreiche Klasse
+von höheren Menschen vorhanden. Gerade daß die Renaissance, diese
+vermeintliche Wiedergeburt der — so gar nicht exklusiven, in ihrem
+Publikum so gar nicht wählerischen — Antike keine Ausnahme macht,
+daß sie durch und durch die Schöpfung der Medici und <em class="gesperrt">einzelner</em>
+erlesener Geister war, ein Geschmack, der die Menge von vornherein
+abwies, daß im Gegenteil das Volk von Florenz gleichgültig, erstaunt
+oder unwillig zusah und gelegentlich, wie im Falle Savonarolas, mit
+Vergnügen die Meisterwerke zerschlug und verbrannte, beweist, wie tief
+diese Seelenferne geht. Denn die attische Kultur besaß jeder Bürger.
+Sie schloß keinen aus und sie kannte deshalb den <em class="gesperrt">Unterschied von
+tief und flach</em>, der für die faustische Sphäre von entscheidender
+Bedeutung ist, überhaupt nicht. Populär und flach sind für uns
+Wechselbegriffe, in der Kunst wie in der Wissenschaft; für antike
+Menschen sind sie es nicht. „Oberflächlich aus Tiefe“ hat Nietzsche die
+Griechen einmal genannt.</p>
+
+<p>Man betrachte daraufhin unsre Wissenschaften, die alle, ohne Ausnahme,
+neben elementaren Anfangsgründen „höhere“, dem Laien unverständliche
+Gebiete haben — auch dies ein Symbol des Unendlichen und der
+Richtungsenergie. Es gibt bestenfalls tausend Menschen auf der
+Welt, für welche heute die letzten Kapitel der theoretischen Physik
+geschrieben werden. Gewisse<span class="pagenum" id="Seite_450">[S. 450]</span> Probleme der modernen Mathematik sind
+nur einem noch viel engern Kreise zugänglich. Alle volkstümlichen
+Wissenschaften sind heute von vornherein wertlose, verfehlte,
+verfälschte Wissenschaften. Wir haben nicht nur eine Kunst für
+Künstler (<i>l’art pour l’art</i>), sondern auch eine Mathematik für
+Mathematiker, eine Politik für Politiker — von der das <i>profanum
+vulgus</i> der Zeitungsleser keine Ahnung hat,<a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[100]</a> während die antike
+Politik niemals über den geistigen Horizont der ἀγορά hinausging —
+und und eine Poesie für Philosophen. Man kann den beginnenden Verfall
+der abendländischen Wissenschaft, der schon deutlich fühlbar ist,
+allein an dem Bedürfnis nach einer Wirkung ins Breite ermessen; daß
+die strenge Esoterik der Barockzeit als drückend empfunden wird,
+verrät die sinkende Kraft, die Abnahme des Distanzgefühls, das diese
+Schranke ehrfürchtig <em class="gesperrt">anerkennt</em>. Die wenigen Wissenschaften, die
+heute noch ihre ganze Feinheit, Eleganz und Energie des Schließens und
+Folgerns bewahrt haben und nicht vom Feuilletonismus angegriffen sind
+— es sind nicht mehr viele: die theoretische Physik, die Mathematik,
+die katholische Dogmatik, vielleicht noch die Jurisprudenz —, wenden
+sich an einen engen, gewählten Kreis von Kennern. <em class="gesperrt">Der Kenner aber
+ist es, der mit seinem Gegensatz, dem Laien, der Antike fehlt, wo jeder
+alles kennt.</em> Für uns hat diese <em class="gesperrt">Polarität</em> von Kenner und
+Laie den Rang eines großen Symbols und wo die Spannung dieser Distanz
+nachzulassen beginnt, da erlischt das faustische Lebensgefühl.</p>
+
+<p>Dieser Zusammenhang gestattet für die letzten Stadien der
+abendländischen Geistigkeit — also für die nächsten zwei, vielleicht
+nicht einmal zwei Jahrhunderte — den Schluß, daß, je höher die
+weltstädtische Leere und Trivialität der öffentlich und „praktisch“
+gewordenen Künste und Wissenschaften steigt, desto strenger sich der
+posthume Geist der Kultur in sehr enge Kreise zurückziehen und dort
+ohne Zusammenhang mit der Öffentlichkeit an Gedanken und Formen wirken
+wird, die nur einer äußerst geringen Anzahl von bevorzugten Menschen
+etwas bedeuten können.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_451">[S. 451]</span></p>
+
+<h4 id="Form_der_Seele_8">8</h4>
+
+</div>
+
+<p>Kein antikes Kunstwerk sucht eine Beziehung zum Betrachter. Das
+hieße den unendlichen Raum, in dem das einzelne Werk sich verliert,
+durch dessen Formensprache bejahen, ihn in die Wirkung einbeziehen.
+Eine attische Statue ist vollkommen euklidischer Körper, zeitlos und
+beziehungslos, durchaus in sich abgeschlossen. Sie schweigt. Sie
+hat keinen Blick. <em class="gesperrt">Sie weiß nichts vom Zuschauer.</em> Wie sie im
+Gegensatz zu den plastischen Gebilden aller andern Kulturen ganz für
+sich steht und sich in keine größere architektonische Ordnung einfügt,
+so steht sie unabhängig neben dem antiken Menschen, Körper neben
+Körper. Er empfindet ihre bloße <em class="gesperrt">Nähe</em>, ihre ruhende Form, nicht
+ihre Macht, keine den Raum durchdringende Wirkung. So äußert sich das
+apollinische Lebensgefühl.</p>
+
+<p>Die erwachende magische Kunst kehrte alsbald den Sinn dieser Formen
+um. Das Auge der Statuen und Porträts konstantinischen Stils richtet
+sich groß und starr auf den Betrachter. Es repräsentiert die höhere
+der beiden Seelensubstanzen, das Pneuma. Die Antike hatte das Auge
+blind gebildet; jetzt wird die Pupille gebohrt, das Auge wendet sich,
+unnatürlich vergrößert, in den Raum hinein, den es in der attischen
+Kunst nicht als seiend anerkannt hatte. Im antiken Freskogemälde waren
+die Köpfe einander zugewendet; jetzt, in den Mosaiken von Ravenna und
+schon in den Reliefs der altchristlich-spätrömischen Sarkophage, wenden
+sie sich sämtlich dem Betrachter zu und heften den durchgeistigten
+Blick auf ihn. Eine geheimnisvoll eindringliche Fernwirkung geht,
+höchst unantik, von der Welt im Kunstwerk in die Sphäre des Zuschauers
+hinüber. Noch in den frühflorentinischen und frührheinischen Bildern
+auf Goldgrund ist etwas von dieser Magie zu spüren.</p>
+
+<p>Und nun betrachte man die abendländische Malerei, von Lionardo an, wo
+sie zum vollen Bewußtsein ihrer Bestimmung gelangt ist. Wie begreift
+sie den <em class="gesperrt">einen</em> unendlichen Raum, dem das Werk <em class="gesperrt">und</em>
+der Zuschauer, beide bloße Schwerpunkte dynamischer Seelenkräfte,
+angehören? Das volle faustische Lebensgefühl, die Leidenschaft der
+dritten Dimension, ergreift die Form des „Bildes“, der einfachen,
+farbig behandelten Fläche, und gestaltet<span class="pagenum" id="Seite_452">[S. 452]</span> sie in unerhörter Weise
+um. Das Gemälde bleibt nicht für sich, es richtet sich nicht auf den
+Zuschauer; <em class="gesperrt">es nimmt ihn in seine Sphäre auf</em>. Der durch den
+Bildrahmen begrenzte Ausschnitt — das Guckkastenbild, das getreue
+Seitenstück des Bühnenbildes — repräsentiert den Weltraum selbst.
+Vordergrund und Hintergrund verlieren ihre stofflich-nahe Tendenz
+und schließen auf, statt abzugrenzen. Ferne Horizonte vertiefen
+das Bild ins Unendliche; die farbige Behandlung der Nähe löst die
+ideale vordere Scheidewand der Bildfläche auf und erweitert den
+Bildraum so, daß der Betrachter in ihm weilt. Die Überschneidungen
+durch den Rahmen, die seit 1500 immer häufiger und kühner werden,
+entwerten auch die seitliche Grenze. Der hellenische Betrachter eines
+polygnotischen Fresko stand <em class="gesperrt">vor</em> dem Bilde. Wir „versenken“
+uns in ein Bild von Rubens und Lorrain, d.&#8239;h. wir werden durch die
+Gewalt der Raumbehandlung in das Bild gezogen. Damit ist die Einheit
+des Weltraumes hergestellt. In dieser durch das Bild imaginierten
+Unendlichkeit herrscht nun die abendländische Perspektive.</p>
+
+<p>Das Problem der Perspektive ist ein metaphysisches. Was das
+Tiefenerlebnis für den seelisch erwachenden Kulturmenschen bedeutet,
+das plötzliche Werden einer ihm allein zugehörigen Welt, das wiederholt
+sich in jeder dieser großen Künste, die auf einer <em class="gesperrt">Fläche</em> ein
+Stück Welt, ein Ausgedehntes von bedeutsamem Typus geben wollen.
+Es gibt eine Vielzahl möglicher Perspektiven, deren jede eine
+Weltanschauung repräsentiert, und die Wahl, welche die Malerei einer
+Kultur hier mit unbedingter Notwendigkeit trifft, hat den Rang eines
+Symbols.</p>
+
+<p>Betrachtet man Ölgemälde der abendländischen, Vasenbilder der antiken,
+Reliefs der ägyptischen, Mosaiken der arabischen und Bildrollen
+der chinesischen Kultur, so findet man, daß das ganz Einzige der
+faustischen Seele das Bedürfnis eines <em class="gesperrt">idealen Mittelpunktes</em>
+im Unendlichen, eines dynamischen Zentrums ist. Dies ist der Sinn
+der westeuropäischen Perspektive in Bild, Bühne und Park, des
+Durchblicks vom Portal zum Hochaltar der Dome, des Anfangspunktes
+mathematischer und physikalischer Kraftsysteme. Diese Perspektive
+wählt einen <em class="gesperrt">Konvergenzpunkt</em>, der nun seinerseits das Ich zum
+funktionalen Schwerpunkt der Welt macht. Das ist Richtungsenergie,
+Wille zur Macht.<span class="pagenum" id="Seite_453">[S. 453]</span> Dergleichen hat keine andre Kultur gekannt. Das ist
+es, was die solipsistische Philosophie des Barock stets gesucht hat.
+Ob sie die Welt zur Vorstellung macht, zur Erscheinung des Dinges
+an sich durch die Form der geistigen Rezeption, ob sie das Problem
+realistisch oder idealistisch faßt, immer ist es das Ich, ohne das
+die Welt nicht möglich erscheint. Das Problem ist unlösbar, ein
+<em class="gesperrt">inneres</em> Postulat des abendländischen Seelentums. Alle Denker
+verloren sich darüber in Widersprüche und Unmöglichkeiten. Nur das
+Fundament blieb unerschüttert, das Lebensgefühl, das die <em class="gesperrt">einsame</em>
+Seele zum schöpferischen Mittelpunkt des Alls macht. Der Grieche ist
+Atom in seinem Kosmos, der Chinese fühlt sein Selbst irgendwo im
+weiten Ausgedehnten, wo er sich eine friedliche Insel sucht; nur das
+faustische Ich ist Herrscher im Raume, auch im Raume des Gemäldes, das
+sich in den vom Blickpunkt aus geordneten Hintergrund verliert und ihn
+umschließt.</p>
+
+<p>Man hat es noch nicht genügend bemerkt, wie zu Beginn der arabischen
+Kultur und zwar zugleich in der heidnischen und christlichen Kunst die
+antike Bildperspektive — die von unserm Standpunkt aus nur Mangel an
+Perspektive, d.&#8239;h. an Beherrschung eines ausgedehnten Ganzen durch
+ein ordnendes Prinzip ist, da hier jeder einzelne Körper <em class="gesperrt">seine
+eigne Orientierung</em> besitzt — sich plötzlich umwandelt, das
+wunderbare Zeichen eines neuen Weltgefühls, welches das Tiefenerlebnis
+vollkommen anders deutet. Am klarsten wird die magische „umgekehrte“
+Perspektive unter den erhaltenen Beispielen am Theodosius-Obelisken
+in Konstantinopel: am größten ist die vom Betrachter entfernteste
+Figur, am kleinsten die nächste — weil die Gestalt des Kaisers
+den Raum beherrscht und von ihm aus die Ordnung empfunden wird.
+Die chinesisch-japanische Malerei verdeutlicht das Welterlebnis
+einer wieder ganz anders angelegten Seele, der faustischen zwar in
+manchem verwandt und auch einem grenzenlosen Ausgedehnten hingegeben,
+aber ohne den ordnenden Machtanspruch des Ich. Die chinesische
+Philosophie, Konfucius z.&#8239;B., unterscheidet sich in diesem Punkte
+durchaus und in derselben Richtung von der abendländischen. Wie die
+fortlaufenden Darstellungen der Rollbilder zeigen, empfindet der
+Betrachter das Räumliche vom Mittelgrunde aus, in dem er<span class="pagenum" id="Seite_454">[S. 454]</span> zwanglos,
+selbst im Raume verloren statt ihn bildend (Kant), die Tiefe und
+Nähe durchstreift, ohne daß auf die Ferne das uns notwendige und
+selbstverständliche Schwergewicht gelegt wird. Daher die ostasiatische
+<em class="gesperrt">Parallelperspektive</em> (alle Parallelen werden als solche
+gezeichnet) im Gegensatz zur faustischen Konvergenzperspektive. Man
+faßt das einzelne einzeln auf, nicht das Ganze als eine vom Blick
+beherrschte Einheit. Die chinesische Seele fühlt darin der ägyptischen
+nicht unähnlich. Auch die auf starke Nahsicht berechneten Reliefs des
+Alten Reiches, welche das Hintereinander durch Übereinanderordnung
+geben, wollen im Entlangschreiten der Reihe nach aufgefaßt werden —
+hier wie dort liegt ein Symbol des <em class="gesperrt">Lebensweges</em> der elementaren
+Anordnung zugrunde.</p>
+
+<p>Die chinesische Landschaft ist also entweder Nah- oder Fernbild, je
+nachdem der Mittelgrund, von dem die Bedeutung des Ganzen gleichsam
+ausstrahlt, nah oder fern vom Betrachter angenommen worden ist.
+Unsere Landschaften, in die wir durch den Rahmen hineinblicken, sind
+beides zugleich, unendliche Ferne und unendliche Nähe, durch das
+Konvergenzprinzip zusammengefaßt.<a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[101]</a> „Die Ferne ist die Seele der
+Landschaft“ — dieser altchinesische Meisterspruch rührt aber dennoch
+an den Geist Rembrandts. Erinnern wir uns, daß Landschaften in der
+raumverneinenden antiken Kunst undenkbar sind, auch das am Unendlichen
+haftende Naturgefühl. Es sind nur diese zwei Kulturen, einander so fern
+gelegen, die beide die reine, in die Ferne sich dehnende Landschaft zum
+Thema einer großen Kunst erhoben. Es folgt daraus, daß sie <em class="gesperrt">allein
+eine Gartenkunst großen Stiles besaßen</em>; die abendländische
+wiederholt in ihr das Prinzip der Konvergenzperspektive — der <i>point
+de vue</i> der großen Rokokoparks —, die chinesische mit gleicher
+Eindringlichkeit der Formensprache das der Parallelperspektive. Ich
+möchte hier auch an schöne altdeutsche Rechts- und Gelöbnisformeln
+erinnern, die das gleiche Unendlichkeitsgefühl, in starkem Gegensatz
+zur plastischen Gegenwärtigkeit des römischen Rechts und der
+griechischen Kunst zum Ausdruck bringen. „Immer<span class="pagenum" id="Seite_455">[S. 455]</span> und ewiglich, dieweil
+Grund und Grat stehet“; „so weit die Sonne scheint“; „solange als der
+Wind die Wolken treibt“; „so weit gehen als der Wind weht und der Hahn
+kräht“; „so weit sich das Blaue am Himmel erstreckt“: dies Gefühl ist
+es, dem die westeuropäische Landschaftsmalerei eine große Form gegeben
+hat.</p>
+
+<p>Wie tief die Esoterik der faustischen Seele geht, in wie hohem Grade
+sie alles und jedes in ihrem Ausdruck erkämpfen mußte, während der
+antiken Seele ihre populären Symbole geschenkt wurden, beweist
+auch die Geschichte der Perspektive. Unter allen, die bisher als
+Ausdruck eines Welterlebnisses in historische Erscheinung traten,
+fordert die abendländische den höchsten Grad von Abstraktion, die
+peinlichste Strenge der Formgebung. Das Bedürfnis nach ihr taucht
+in den Niederlanden zugleich mit der Entstehung des Kontrapunkts
+auf, unmittelbar nach Vollendung des gotischen Bausystems. Der
+Drang nach diesem Prinzip von höchstem symbolischen Gehalt und die
+Kraft, es zu verwirklichen, waren keineswegs gleich. Brunellesco
+fand um 1430 wenigstens eine annähernde mathematische Lösung der
+Zentralperspektive, sicherlich die einfachste, aber in ihrer
+schematischen Enge wenig befriedigend. In der Tat war sie, an Körpern
+haftend, nicht durch Luftbehandlung realisierbar, wohl für die
+architektonischen Bildkulissen südlicher, nicht aber für die freien
+Landschaften nordischer Meister brauchbar. Diese im Grunde plastische
+Linienperspektive besitzt eine <em class="gesperrt">antigotische</em> Tendenz und bestimmt
+den allgemeinen Stil der Renaissancemalerei ebenso wie die Wahl ihrer
+Entwürfe. Sie bildet den Raum durch seine <em class="gesperrt">körperhaften</em> Grenzen,
+nicht den Raum an sich. Das entspricht durchaus dem florentinischen,
+aber schon nicht mehr dem venezianischen Formgefühl. Die deutschen
+Meister haben immer mehrere Konvergenzpunkte, wodurch sie den Schein
+einer unkörperlichen Freiheit bewahren. Im Grunde hat man eine
+mathematische Präzision, die ein Verkennen des tiefern Sinnes der
+Malerei bedeuten würde, nie erstrebt. Wie schwer aber selbst die
+Zentralperspektive zu verwirklichen ist, beweist die Tatsache, daß
+Maler und Bildhauer der Frührenaissance sich den perspektivischen
+Grundriß ihrer Bilder und Reliefs von andern einzeichnen ließen. So
+hat Brunellesco das für Masaccio<span class="pagenum" id="Seite_456">[S. 456]</span> und Donatello getan. Die Ölmalerei
+ging dann mit steigender Entschiedenheit von der linearen zur
+atmosphärischen Perspektive über, mathematisch gesprochen und an einem
+gleichzeitigen Phänomen verdeutlicht von der Koordinatengeometrie zur
+reinen funktionalen Analysis, denn die reine Landschaftsperspektive
+wird nur durch die Funktionen der Farbentöne verwirklicht. Es ist der
+Schritt vom zeichnerischen zum malerischen Stil, und in diesem Sinne
+hat die faustische Konvergenzperspektive ihre letzte Fassung, die jeden
+Rest linearer, d.&#8239;h. renaissancemäßiger Tiefenbehandlung ausschloß, in
+der Freilichtmalerei des 19. Jahrhunderts erhalten.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_9">9</h4>
+
+</div>
+
+<p>Das faustische Lebensgefühl knüpft nun das perspektivische Rahmenbild
+an ein astronomisches Weltbild von einer ungeheuren Leidenschaft im
+Durchdringen unendlicher Raumfernen.</p>
+
+<p>Der apollinische Mensch hatte den Weltraum nie bemerken <em class="gesperrt">wollen</em>;
+seine philosophischen Systeme schweigen sämtlich von ihm. Sie kennen
+nur Probleme der greifbar wirklichen Dinge, und dem „zwischen den
+Dingen“ haftet nichts irgendwie Positives und Bedeutsames an. Sie
+nehmen die Erde, auf der sie stehen, als die schlechthin gegebene
+ganze Welt und nichts wirkt für den, der hier noch die innersten und
+geheimsten Gründe zu sehen vermag, grotesker als die immer wiederholten
+Versuche, das Himmelsgewölbe der Erde theoretisch so zuzuordnen,
+daß deren symbolischer Vorrang in keiner Weise angetastet wird.
+Eine Art metaphysischer Angst trieb hier zu Entwürfen, wie sie der
+Gestaltungskraft der antiken Seele — man denke an den Mythus und
+seine immer höchst stofflichen Bildungen — sonst ganz fern liegen.
+Wir haben das Schauspiel großartiger Astronomien in der ägyptischen,
+babylonischen, arabischen Kultur und mitten unter ihnen den antiken
+Menschen, der gleichgültig oder besorgt um sein euklidisches Weltbild
+zusieht. Wie dürftig sind die wenigen nacherzählten Angaben in seiner
+Philosophie und wo wäre der Denker im Athen des Perikles, der sich
+eine Sternwarte erbaut und <em class="gesperrt">eigne</em> Gedanken über ein Weltsystem
+gehabt hätte! Es sei noch einmal erwähnt, daß gerade damals in Athen
+ein Volksbeschluß durchging, der die Verbreitung astronomischer<span class="pagenum" id="Seite_457">[S. 457]</span>
+Theorien mit den schwersten Strafen bedrohte. Daß die Erde Kugelgestalt
+besitzt, das heißt, daß sie in einem gewaltigen Raume schwebt, war
+ihnen wiederholt bewiesen worden. Pythagoras wußte es schon. Aber man
+ließ den Gedanken nicht ins Innere der Seele dringen und hielt das
+Weltgefühl unabhängig davon. Man vergaß ihn immer wieder, weil man ihn
+vergessen <em class="gesperrt">wollte</em>.</p>
+
+<p>Und damit vergleiche man die erschütternde Vehemenz, mit welcher die
+Entdeckung des Kopernikus, dieses „Zeitgenossen“ des Pythagoras, die
+Seele des Abendlandes durchdrang, und die tiefe Inbrunst, mit welcher
+Kepler die Gesetze der Planetenbahnen entdeckte, die ihm als eine
+unmittelbare Offenbarung Gottes erschienen; er wagte bekanntlich
+nicht an ihrer kreisförmigen Gestalt zu zweifeln, weil jede andre ihm
+ein Symbol von zu geringer Würde darzustellen schien. Hier kam das
+altnordische Lebensgefühl, die Wikingersehnsucht nach dem Grenzenlosen,
+zu ihrem Rechte. Dies gibt der echt faustischen Erfindung des Fernrohrs
+einen tiefen Sinn. Indem es in Räume eindringt, die dem bloßen Auge
+verschlossen bleiben, an denen der Wille zur Macht über den Weltraum
+eine Grenze findet, <em class="gesperrt">erweitert</em> es das All, das wir „besitzen“.
+Das wahrhaft religiöse Gefühl, das den heutigen Menschen ergreift,
+der zum erstenmal diesen Blick in den Sternenraum tun darf, ein
+Machtgefühl, dasselbe, das Shakespeares größte Tragödien erwecken
+wollen, wäre einem Sophokles als der Frevel aller Frevel erschienen.</p>
+
+<p>Das Pathos des kopernikanischen Weltbewußtseins, das ausschließlich
+unsrer Kultur angehört und — ich wage hier eine Behauptung, die
+heute noch ungeheuer paradox erscheinen wird — in ein <em class="gesperrt">gewaltsames
+Vergessen der Entdeckung</em> umschlagen würde und wird, sobald sie der
+Seele einer künftigen Kultur bedrohlich erscheint, dies Pathos beruht
+auf der Gewißheit, daß nunmehr dem Kosmos das Körperlich-Statische, das
+sinnbildliche Übergewicht des plastischen <em class="gesperrt">Erdkörpers</em>, genommen
+ist. Bis dahin befand sich der Himmel, der ebenfalls als substanzielle
+Größe gedacht oder mindestens empfunden war, im metaphysischen,
+polaren Gleichgewicht zur Erde. Jetzt ist es der <em class="gesperrt">Raum</em>, der
+das All beherrscht; „Welt“ bedeutet Raum und die Gestirne sind kaum
+mehr als mathematische Punkte, deren Stoffliches<span class="pagenum" id="Seite_458">[S. 458]</span> das Weltgefühl
+nicht mehr berührt. Demokrit, der im Namen der apollinischen Kultur
+hier eine Körpergrenze schaffen wollte und mußte, hatte sich eine
+Schicht hakenförmiger Atome gedacht, die wie eine Haut den Kosmos
+abschließt. Demgegenüber steht unser nie gestillter Hunger nach immer
+neuen Weltfernen. Das System des Kopernikus hat, zuerst durch Giordano
+Bruno, in den Jahrhunderten des Barock eine unermeßliche Erweiterung
+erfahren. Wir wissen heute, daß die Summe aller Sonnensysteme —
+etwa 35 Millionen — ein geschlossenes Sternensystem bildet, das
+nachweisbar endlich ist<a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[102]</a> und die Gestalt eines Rotationsellipsoids
+besitzt, dessen Äquator mit dem Bande der Milchstraße annähernd
+zusammenfällt. Schwärme von Sonnensystemen durchziehen wie Züge von
+wandernden Vögeln mit gleicher Richtung und Geschwindigkeit diesen
+Raum. Eine solche Schar bildet unsre Sonne mit den hellen Sternen
+Capella, Wega, Atair und Beteigeuze. Die Achse des ungeheuren Systems,
+dessen Mitte unsre Sonne gegenwärtig nicht sehr fern steht, wird 470
+Millionen mal so groß als der Abstand von Sonne und Erde angenommen.
+Der nächtliche Sternenhimmel gibt uns gleichzeitig Eindrücke, deren
+zeitlicher Ursprung bis zu 3700 Jahren auseinanderliegt; so viel
+beträgt der Lichtweg von der äußersten Grenze bis zur Erde. Im Bilde
+der Historie, das sich vor unsren Augen entfaltet, entspricht das einer
+Dauer über die gesamte antike und arabische Kultur zurück bis zum
+Höhepunkt der ägyptischen, zur Zeit der 12. Dynastie. Dieser Aspekt
+ist für den faustischen Geist erhaben,<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[103]</a> für den apollinischen
+wäre er grauenvoll gewesen, eine vollkommene Vernichtung der tiefsten
+Bedingungen seines Daseins. Daß eine endgültige Grenze des für uns
+Gewordnen und Vorhandnen mit dem Rande des Sternenkörpers statuiert
+wird, wäre ihm als Erlösung erschienen. Wir aber haben mit innerster
+Notwendigkeit die unausweichliche neue<span class="pagenum" id="Seite_459">[S. 459]</span> Frage: Gibt es <em class="gesperrt">außerhalb</em>
+dieses Systems etwas? Gibt es <em class="gesperrt">Mengen</em> solcher Systeme in
+Entfernungen, denen gegenüber die hier festgestellten Dimensionen
+außerordentlich klein sind? Für die sinnliche Erfahrung erscheint
+eine absolute Grenze erreicht; durch diese massenleeren Räume. die
+eine bloße <em class="gesperrt">Denknotwendigkeit</em> für uns sind, kann weder das
+Licht noch die Gravitation ein Existenzzeichen geben. Die seelische
+Leidenschaft, das Bedürfnis nach restloser Verwirklichung unsrer
+Daseinsidee in Symbolen aber <em class="gesperrt">leidet</em> unter dieser Grenze unsrer
+Sinnesempfindungen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Form_der_Seele_10">10</h4>
+
+</div>
+
+<p>Deshalb haben die Germanen, in deren urmenschlicher Seele das
+Faustische sich bereits zu regen begann, in grauer Vorzeit die
+<em class="gesperrt">Segelschiffahrt</em> erfunden, die sie vom Festland befreite.
+Die Ägypter standen ihr nahe, aber sie zogen nur den Vorteil der
+Arbeitsersparnis daraus. Sie fuhren wie früher mit ihren Ruderschiffen
+die Küste entlang nach Punt und Syrien, ohne die <em class="gesperrt">Idee</em> der
+Hochseefahrt, das Befreiende und Symbolische in ihr zu empfinden. Denn
+die Segelschiffahrt überwindet den <em class="gesperrt">euklidischen</em> Begriff des
+Landes. Im Anfang des 14. Jahrhunderts erfolgt beinahe gleichzeitig —
+und gleichzeitig mit der Erfindung der Ölmalerei und des Kontrapunkts!
+— die Erfindung des <em class="gesperrt">Schießpulvers und des Kompasses</em>, also
+der <em class="gesperrt">Fernwaffen</em> und des <em class="gesperrt">Fernverkehrs</em>, die beide mit
+tiefer Notwendigkeit auch innerhalb der chinesischen Kultur erfunden
+worden sind. Es war der Geist der Wikinger, der Hansa, der Geist
+jener Urvölker, welche die Hünengräber als die Male einsamer Seelen
+auf weiter Ebene aufschütteten — statt der häuslichen Aschenurne der
+Hellenen —, die ihre toten Könige auf brennendem Schiffe in die hohe
+See treiben ließen, ein erschütterndes Zeichen jener dunklen Sehnsucht
+nach dem Grenzenlosen, die sie trieb, auf ihren winzigen Kähnen um
+900, als die Geburt der abendländischen Kultur sich ankündigte, die
+Küste Amerikas zu erreichen, während die von Ägyptern und Karthagern
+bereits ausgeführte Umschiffung Afrikas die antike Menschheit völlig
+gleichgültig ließ. Wie statuenhaft ihr Dasein auch hinsichtlich des
+Verkehrs war, bezeugt die Tatsache, daß die Nachricht vom<span class="pagenum" id="Seite_460">[S. 460]</span> ersten
+punischen Kriege (264–241), einem der gewaltigsten der antiken
+Geschichte, nur wie ein dunkles Gerücht von Sizilien nach Athen drang.</p>
+
+<p>Selbst die Seelen der Griechen waren im Hades versammelt, ohne sich zu
+regen, als Schattenbilder (εἴδωλα), ohne Kraft, Wunsch und Empfindung.
+Die nordischen Seelen gesellten sich dem „wütenden Heere“ zu, das
+rastlos durch die Lüfte schweift und „wiederkehrt“. Der Geist des
+Patroklos aber — in jener wundervollen Szene am Schluß der Ilias —
+will nur Ruhe finden und fleht deshalb den Freund an, die Bestattung zu
+beschleunigen.</p>
+
+<p>Auf der gleichen Kulturstufe wie die Entdeckungen der Spanier und
+Portugiesen erfolgte die große hellenische Kolonisation (1500
+und 750–600). Aber während jene von der Abenteurersehnsucht nach
+ungemessenen Fernen und allem Unbekannten und Gefahrvollen besessen
+waren, ging der Grieche Punkt für Punkt vorsichtig hinter den bekannten
+Spuren der Phöniker und Karthager her, und seine Neugier erstreckte
+sich nicht im geringsten auf das, was jenseits der Säulen des Herkules
+oder des Roten Meeres lag, so leicht erreichbar es ihm gewesen wäre.
+Man hörte in Athen von dem Weg in die Nordsee, nach dem Kongo, nach
+Sansibar, nach Indien reden; zur Zeit des Heron war die Lage der
+Südspitze Indiens und der Sundainseln bekannt; aber man verschloß
+sich dem so gut wie dem astronomischen Wissen des alten Ostens. Die
+Kolumbussehnsucht blieb der apollinischen Seele ebenso fremd wie
+die Sehnsucht des Kopernikus. Diese auf den Gewinn so versessenen
+hellenischen Kaufleute hatten eine tiefe metaphysische Scheu vor der
+Ausdehnung des geographischen Horizontes. Auch da hielt man sich
+an Nähe und Vordergrund. Das Dasein der Polis, jenes merkwürdige
+Ideal des Staates als Statue, war ja nichts als eine Zuflucht vor
+der „weiten Welt“ der Germanen. Und dabei ist die Antike unter allen
+bisher erschienenen Kulturen die einzige, deren Mutterland nicht auf
+der Fläche eines Kontinents, sondern um die Küsten eines Inselmeeres
+gelagert war und ein Meer als eigentlichen Schwerpunkt umschloß.
+Trotzdem hat nicht einmal der Hellenismus mit seiner intellektuellen
+Vorliebe für Technisches sich vom Gebrauche der Ruder befreit, welche
+die Schiffe an der Küste hielten. Die Schiffbaukunst konstruierte
+damals<span class="pagenum" id="Seite_461">[S. 461]</span> — in Alexandria — Riesenschiffe von 80 m Länge, und man hatte
+wieder einmal das Dampfschiff im Prinzip erfunden. Aber es gibt — wir
+werden das später sehen — Entdeckungen von dem Pathos eines großen
+und <em class="gesperrt">notwendigen</em> Symbols, die etwas sehr Innerliches offenbaren,
+und solche, die lediglich ein Spiel des Geistes sind. Das Dampfschiff
+ist für den apollinischen Menschen das letzte, für den faustischen das
+erste. Erst der Rang im Ganzen des Makrokosmos gibt einer Erfindung und
+ihrer Anwendung Tiefe oder Oberflächlichkeit.</p>
+
+<p>Die Entdeckungen des Kolumbus und Vasco da Gama erweiterten den
+geographischen Horizont ins Ungemessene: Das <em class="gesperrt">Weltmeer</em> trat
+dem Lande gegenüber in das gleiche Verhältnis wie der Weltraum zur
+Erde. Jetzt erst entlud sich die politische Spannung des faustischen
+Weltbewußtseins. Für den Griechen war und blieb Hellas das wesentliche
+Stück der Erdfläche; mit der Entdeckung Amerikas wurde das Abendland
+zur Provinz in einem riesenhaften Ganzen. Von hier an trägt die
+Geschichte der nordischen Kultur <em class="gesperrt">planetarischen</em> Charakter.</p>
+
+<p>Jede Kultur besitzt ihren <em class="gesperrt">eignen</em> Begriff von Heimat und
+Vaterland, schwer greifbar, kaum in Worte zu fassen, voller dunkler
+metaphysischer Beziehungen, aber trotzdem von unzweideutiger Tendenz.
+Das antike Heimatgefühl, das den einzelnen ganz leibhaft und
+euklidisch an die Polis band, steht hier jenem rätselhaften Heimweh
+des Nordländers gegenüber, das etwas Musikhaftes, Schweifendes und
+Unirdisches hat. Der antike Mensch empfindet als Heimat nur, was er
+von der Burg seiner Vaterstadt aus übersehen kann. Wo der Horizont
+von Athen endet, beginnt die Fremde, der Feind, das „Vaterland“ der
+andern. Der Römer selbst der letzten republikanischen Zeit hat unter
+<i>patria</i> niemals Italien, auch nicht Latium, stets nur die <i>Urbs
+Roma</i> verstanden. Die antike Welt löst sich mit steigender Reife in
+eine Unzahl vaterländischer Punkte auf, unter denen ein körperliches
+Absonderungsbedürfnis in Gestalt eines Hasses besteht, der den Barbaren
+gegenüber nie in dieser Stärke zum Vorschein kommt; und nichts kann das
+endgültige Erlöschen des antiken und den Sieg des magischen Weltgefühls
+nach dieser Seite hin schärfer kennzeichnen als die Verleihung des
+römischen Bürgerrechts an alle Provinzialen durch Caracalla (212).
+Damit<span class="pagenum" id="Seite_462">[S. 462]</span> war der antike, statuenhafte Begriff des Bürgers aufgehoben. Es
+gab ein „Reich“, es gab folglich auch eine neue Art von Zugehörigkeit.
+Bezeichnend ist der entsprechende römische Begriff des Heeres. Es
+gab kein „römisches Heer“, wie man vom preußischen Heere spricht;
+es gab nur <em class="gesperrt">Heere</em>, d.&#8239;h. durch Ernennung eines Legaten als
+solche, als begrenzte und sichtbar-gegenwärtige Körper bestimmte
+Truppenteile („Truppenkörper“), einen <i>exercitus Scipionis</i>,
+<i>Crassi</i>, aber keinen <i>exercitus Romanus</i>. Ein verwandter
+Unterschied läßt sich zwischen Napoleons <i>Grande Armée</i> und
+dem abstrakten, Zeit und Raum überschreitenden Begriff der <i>armée
+française</i> feststellen. Erst Caracalla, der durch den erwähnten
+Akt den Begriff des <i>civis Romanus</i> tatsächlich aufhob, der
+die römische Staatsreligion durch Gleichsetzung der städtischen
+Gottheiten mit allen fremden auslöschte, hat auch den — unantiken,
+<em class="gesperrt">magischen</em> — Begriff des <em class="gesperrt">kaiserlichen Heeres</em> geschaffen,
+das durch die einzelnen Legionen <em class="gesperrt">in Erscheinung tritt</em>, während
+altrömische Heere nichts <em class="gesperrt">bedeuten</em>, sondern ausschließlich etwas
+<em class="gesperrt">sind</em>. Von nun an ändert sich auf den Inschriften der Ausdruck
+<i>fides exercituum</i> in <i>fides exercitus</i>: an Stelle körperlich
+empfundener Einzelgottheiten (der Treue, des Glücks der Legion), denen
+der Legat opferte, war ein allgemein geistiges Prinzip getreten. Dieser
+Bedeutungswandel hat sich auch im Vaterlandsgefühl des Menschen der
+Kaiserzeit — <em class="gesperrt">nicht nur des Christen</em> — vollzogen. Heimat ist
+dem apollinischen Menschen, solange ein Rest seines Weltgefühls wirksam
+ist, im ganz eigentlichen, körperhaften Sinne der Boden, auf dem seine
+Stadt erbaut ist. Man wird sich hier der „Einheit des Ortes“ attischer
+Tragödien und Statuen erinnern. Dem magischen Menschen, dem Christen,
+dem Neuplatoniker, dem Mohammedaner, dem Juden ist sie nichts, was
+mit geographischen Wirklichkeiten zusammenhängt. <em class="gesperrt">Uns</em> ist sie
+eine ungreifbare Einheit von Natur, Sprache, Klima, Sitte, Geschichte;
+nicht Erde, sondern „Land“, nicht punktförmige Gegenwart, sondern
+Vergangenheit und Zukunft, nicht eine Einheit von Menschen, Göttern und
+Häusern, sondern eine <em class="gesperrt">Idee</em>, die sich mit rastloser Wanderschaft,
+mit tiefster Einsamkeit und mit jener urdeutschen Sehnsucht nach dem
+Süden verträgt, an der von den Sachsenkaisern bis auf Hölderlin die
+Besten gestorben sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_463">[S. 463]</span></p>
+
+<p>Die faustische Kultur war deshalb im stärksten Maße erobernd; sie
+überwand alle geographisch-stofflichen Schranken; sie hat zuletzt
+die Erdoberfläche in ein einziges Kolonialgebiet verwandelt. Was
+von Meister Eckart bis auf Kant alle Denker wollten, die Welt „als
+Erscheinung“ den Machtansprüchen des erkennenden Ich unterwerfen, das
+taten von Otto dem Großen bis auf Napoleon alle Führer. Das Grenzenlose
+war das <em class="gesperrt">eigentliche</em> Ziel ihres Ehrgeizes, die Weltmonarchie
+der großen Salier und Staufen, die Pläne Gregors VII. und Innozenz
+III., jenes Reich der spanischen Habsburger, „in dem die Sonne nicht
+unterging“, und der Imperialismus, um den heute der Weltkrieg geführt
+wird. Der antike Mensch konnte aus einem inneren Grunde kein Eroberer
+sein, trotz des Alexanderzuges, der als romantische Ausnahme und mehr
+noch durch den inneren Widerstand der Begleiter lediglich die Regel
+bestätigt. Sein pflanzenhaftes Seelentum verbot ihm das Schweifen
+in die Ferne. In den Zwergen, Nixen und Kobolden hat die nordische
+Seele Wesen geschaffen, die mit einer unstillbaren Sehnsucht aus dem
+bindenden Element erlöst sein wollen, einer Sehnsucht nach Fernem
+und Freiem, die den griechischen Dryaden und Oreaden unbekannt ist.
+Die Griechen gründeten Hunderte von Pflanzstädten am Küstensaum des
+Mittelmeeres, aber man findet nicht den geringsten Versuch, erobernd
+ins Hinterland zu dringen. Sich fern der Küste ansiedeln hieße die
+Heimat aus den Augen verlieren, sich <em class="gesperrt">allein</em> niederlassen,
+liegt völlig außerhalb der Möglichkeiten des antiken Menschentums.
+Ein Phänomen wie die Auswanderung nach Amerika — jeder einzelne
+auf eigene Faust und mit einem tiefen Bedürfnis, allein zu bleiben
+—, der Strom der kalifornischen Goldsucher, der Trapper in den
+Prärien, der unbändige Wunsch nach Freiheit, Einsamkeit, ungemessener
+Selbständigkeit, diese gigantische Verneinung eines noch irgendwie
+begrenzten Heimatgefühls ist allein faustisch. Das kennt keine andre
+Kultur, auch die chinesische nicht.</p>
+
+<p>Der hellenische Auswandrer gleicht dem Kinde, das sich an der Mutter
+Schürze hält: aus der alten Stadt in eine neue ziehen, die samt
+Mitbürgern, Göttern und Gebräuchen das genaue Ebenbild der alten
+ist, das gemeinsam befahrene Meer immer vor Augen; dort auf der
+Agora die gewohnte Existenz des<span class="pagenum" id="Seite_464">[S. 464]</span> ζῷον πολιτικόν weiterführen —
+darüber hinaus durfte der Szenenwechsel eines apollinischen Daseins
+nicht getrieben werden. Uns, die wir Freizügigkeit wenigstens als
+Menschenrecht und Ideal nicht vermissen können, würde das die ärgste
+aller Sklavereien bedeutet haben. Unter diesem Gesichtspunkt hat
+man die leicht mißzuverstehende römische Expansion aufzufassen, die
+von einer Ausdehnung des <em class="gesperrt">Vaterlandes</em> weit entfernt ist. Sie
+hält sich genau innerhalb des Bereiches, das von Kulturmenschen
+schon in Besitz genommen war und jetzt ihnen als Beute zufiel. Von
+dynamischen Weltmachtplänen im Hohenstaufen- oder Habsburgerstil, von
+einem mit der Gegenwart vergleichbaren Imperialismus ist nie die Rede
+gewesen. Die Römer haben keinen Versuch gemacht, ins innere Afrika zu
+dringen. Sie haben ihre spätern Kriege nur geführt, um ihren Besitz
+<em class="gesperrt">sicherzustellen</em>, ohne Ehrgeiz, ohne einen symbolischen Drang
+nach Ausbreitung, und sie haben Germanien und Mesopotamien ohne
+Bedauern wieder aufgegeben.</p>
+
+<p>Fassen wir all dies zusammen, den Aspekt der Sternenräume, zu dem
+sich das Weltbild des Kopernikus erweitert hat, die Beherrschung der
+Erdoberfläche durch den abendländischen Menschen (das „Bleichgesicht“)
+im Gefolge der Entdeckung des Kolumbus, die Perspektive der Ölmalerei
+und der tragischen Szene und das durchgeistigte Heimatgefühl; fügen wir
+die zivilisierte Leidenschaft des schnellen Verkehrs, die Beherrschung
+der Luft, die Nordpolfahrten und die Ersteigung kaum zugänglicher
+Berggipfel hinzu, so taucht aus allem das Ursymbol der faustischen
+Seele, der grenzenlose Raum auf, als dessen Ableitungen wir die
+besonderen, in dieser Form rein westeuropäischen Phänomene des Willens,
+der Kraft, der Tat aufzufassen haben.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[92]</a> Ursprachen bilden keine Unterlage für abstrakte
+Gedankengänge. Am Anfang jeder Kultur erfolgt eine innere Wandlung
+der vorhandenen Sprachkörper, die sie zu den höchsten symbolischen
+Aufgaben der Kulturentwicklung fähig macht. So entstehen <em class="gesperrt">zugleich
+mit dem romanischen Stil</em> das Deutsche aus den germanischen Sprachen
+der Frankenzeit und das Französische, Italienische, Spanische aus
+der <i>lingua rustica</i> der ehemaligen Römerprovinzen, trotz so
+verschiedener Herkunft Sprachen von <em class="gesperrt">identischem</em> metaphysischem
+Gehalt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[93]</a> ἐθέλω und βούλομαι heißen die Absicht, den Wunsch haben,
+geneigt sein; βουλή heißt <em class="gesperrt">Rat</em>, <em class="gesperrt">Plan</em>; zu ἐθέλω gibt es
+überhaupt kein Hauptwort. <i>Voluntas</i> ist kein psychologischer
+Begriff, sondern in echt römischem Tatsachensinne wie <i>potestas</i>
+und <i>virtus</i> eine Bezeichnung für praktische, äußere, sichtbar
+ausgeübte Begabung. Wir gebrauchen in diesem Falle das Fremdwort
+Energie. Der Wille Napoleons und die Energie Napoleons — das ist
+etwas sehr Verschiedenes. Man verwechsle die nach außen gerichtete
+Intelligenz, die den Römer als zivilisierten Menschen vor dem
+hellenischen Kulturmenschen auszeichnet, nicht mit dem, was hier
+Wille genannt ist. Cäsar ist <em class="gesperrt">nicht</em> Willensmensch im Sinne
+Napoleons. Bezeichnend ist der Sprachgebrauch im römischen Recht,
+das der Poesie gegenüber das Grundgefühl der römischen Seele viel
+ursprünglicher darstellt. Die Absicht heißt hier <i>animus</i>
+(<i>animus occidendi</i>), der Wille, der sich auf Strafbares
+richtet, <i>dolus</i> im Gegensatz zur ungewollten Rechtsverletzung
+(<i>culpa</i>). <i>Voluntas</i> kommt als technischer Ausdruck gar
+nicht vor. „Willensfreiheit“ wird in der spätlateinischen Literatur
+durch <i>liberum arbitrium</i> nur sehr annäherungsweise gegeben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[94]</a> Die chinesische Seele „wandelt in der Welt“: dies ist
+der Sinn der ostasiatischen Malerperspektive, deren Konvergenzpunkt in
+der <em class="gesperrt">Bildmitte</em>, nicht in der Tiefe liegt. Es sei daran erinnert,
+daß die antike Malerei eine Perspektive überhaupt nicht kennt. Man
+versteht jetzt: dies, die antike Verneinung des Hintergrundes, bedeutet
+den Mangel an Richtungsgefühl, an Willen, an Herrschaftsansprüchen
+über das „Nicht-Ich“. Durch die Perspektive werden die Dinge dem Ich,
+das sie ordnend auffaßt, unterworfen. Und zwar möchte ich, gegenüber
+dem mächtigen Zug in die Tiefe, der <em class="gesperrt">unsre</em> Landschaftsmalerei
+auszeichnet, von einer <em class="gesperrt">konfucianischen</em> Perspektive der
+Ostasiaten reden, womit ein im Bilde wirkendes, nicht mißzuverstehendes
+<em class="gesperrt">Weltgefühl</em> angedeutet ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[95]</a> Es versteht sich, daß der Atheismus keine Ausnahme
+bildet. Wenn der Materialist oder Darwinist der Gegenwart von „der
+Natur“ redet, die etwas zweckmäßig anordnet, die eine Auslese trifft,
+die etwas hervorbringt oder vernichtet, so hat er dem Deismus des
+18. Jahrhunderts gegenüber nur ein Wort verändert und das Weltgefühl
+unverändert bewahrt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[96]</a> Der große Anteil, den gelehrte Jesuiten an der
+Entwicklung der theoretischen Physik haben, darf nicht übersehen
+werden. Der Pater Boscovich war der erste, der über Newton hinausgehend
+ein System der Zentralkräfte schuf (1759). Im Jesuitismus ist die
+Identifikation Gottes mit dem reinen Raume fühlbarer noch als im
+Kreise der Jansenisten von Port Royal, dem die Mathematiker Pascal und
+Descartes nahestanden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[97]</a> Luther hat, und dies ist einer der wesentlichsten Gründe
+für die Wirkung des Protestantismus gerade auf tiefere Naturen, die
+praktische Tätigkeit — was Goethe die Forderung des Tages nannte —
+in den Mittelpunkt der Moral gestellt. Die „frommen Werke“, denen die
+Richtungsenergie im hier angegebenen Sinne fehlt, treten unbedingt
+zurück. In ihrer Hochschätzung wirkte, wie in der Renaissance, ein
+Rest von <em class="gesperrt">südlichem</em> Gefühl. Hier findet man den tiefen ethischen
+Grund für die steigende Mißachtung, die das Klosterwesen von nun an
+trifft. In der Gotik war der Eintritt ins Kloster, der Verzicht auf die
+Sorge, die Tat, das <em class="gesperrt">Wollen</em> ein <em class="gesperrt">Akt</em> von höchster ethischer
+Dignität. Es war das höchste denkbare Opfer: das des <em class="gesperrt">Lebens</em>.
+Im Barock empfinden selbst Katholiken nicht mehr so. Die Stätte nicht
+der Entsagung, sondern des untätigen Genießens fiel dem Geist der
+Aufklärung zum Opfer.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[98]</a> Πρόσωπον heißt im älteren Griechisch Gesicht, später in
+Athen Maske. Aristoteles hat das Wort in der Bedeutung „Persönlichkeit“
+noch nicht gekannt. Erst der juristische Ausdruck <i>persona</i>, der
+ursprünglich die Theatermaske bedeutet, hat in der Kaiserzeit auch dem
+griechischen πρόσωπον den prägnanten römischen Sinn gegeben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[99]</a> Die eleusinischen Mysterien enthielten durchaus keine
+Geheimnisse. Jeder wußte, was dort vorging. Aber sie wirkten mit einer
+geheimnisvollen Erschütterung auf die Gläubigen und man „verriet“, man
+entweihte sie, wenn man ihre heiligen Formen außerhalb der Tempelstätte
+nachahmte.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[100]</a> Die große Masse der Sozialisten würde sofort aufhören es
+zu sein, wenn sie den Sozialismus der neun oder zehn Menschen, die ihn
+heute in seinen äußersten historischen Konsequenzen begreifen, auch nur
+von fern verstehen könnte.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[101]</a> Mit dem vom Maler gewählten Standort des Betrachters vor
+dem Bilde ist der Konvergenzpunkt im Bilde <em class="gesperrt">notwendig</em> bestimmt.
+Für die chinesische Perspektive besteht dieser Zusammenhang nicht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[102]</a> Nach dem Rande zu nimmt bei wachsender Stärke des
+Fernrohres die Zahl der neuerscheinenden Sterne rasch zu.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[103]</a> Das Berauschende großer Zahlen ist ein bezeichnendes
+Erlebnis, das nur der Mensch des Abendlandes kennt. In der
+gegenwärtigen Zivilisation spielt gerade dies Symbol, die Leidenschaft
+für Riesensummen, für unendlich große und unendlich kleine Messungen,
+für Rekorde und Statistiken eine ungewöhnliche Rolle.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_465">[S. 465]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Fuenftes_Kapitel_II">II<br>
+BUDDHISMUS, STOIZISMUS, SOZIALISMUS</h3>
+
+</div>
+
+<h4 id="Buddhismus_11">11</h4>
+
+<p>Damit ist endlich das <em class="gesperrt">Phänomen der Moral</em> — als der
+Interpretation des Lebens durch sich selbst — verständlich geworden.
+Hier ist die Höhe erreicht, von der aus ein freier Umblick über dies
+weiteste und bedenklichste aller Gebiete menschlichen Nachdenkens
+möglich ist. Aber gerade hier tut eine Objektivität not, zu der sich
+bisher niemand ernstlich verstanden hat. Mag Moral zunächst sein,
+was sie will; ihre <em class="gesperrt">Analyse</em> darf nicht selbst der Teil einer
+Moral sein. Nicht was wir tun, was wir erstreben, wie wir werten
+<em class="gesperrt">sollen</em>, führt auf das Problem, sondern die Einsicht, daß diese
+Fragestellung ihrer Form nach bereits ein Symptom ausschließlich des
+abendländischen Weltgefühls ist.</p>
+
+<p>Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluß einer
+ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle
+<em class="gesperrt">fordern</em> etwas von den andern. Ein „Du sollst“ wird ausgesprochen
+in der Überzeugung, daß hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne
+verändert, gestaltet, geordnet werden könne und müsse. Der Glaube
+daran und an das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen
+und Gehorsam verlangt. Das erst <em class="gesperrt">heißt</em> uns Moral. Im Ethischen
+des Abendlandes ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung
+in die Ferne. In diesem Punkte sind Luther und Nietzsche, Päpste
+und Darwinisten, Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich.
+Ihre Moral tritt mit dem Anspruch auf allgemeine und dauernde
+Gültigkeit auf. Das gehört zu den Notwendigkeiten faustischen
+Seins. Wer anders denkt, fühlt, will, ist schlecht, abtrünnig, ein
+<em class="gesperrt">Feind</em>. Man bekämpft ihn ohne Gnade. Der Mensch soll. Der Staat
+soll. Die Gesellschaft soll. Diese <em class="gesperrt">Form</em> der Moral<span class="pagenum" id="Seite_466">[S. 466]</span> ist uns
+selbstverständlich; sie repräsentiert uns den eigentlichen und einzigen
+Sinn aller Moral. Aber das ist ja weder in Indien noch in Hellas so
+gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild, Epikur erteilte einen guten
+Rat. Auch das sind Grundformen hoher — statischer, willensfreier —
+Moralen.</p>
+
+<p>Wir haben das Exzeptionelle einer moralischen <em class="gesperrt">Dynamik</em> gar nicht
+bemerkt. Gesetzt, daß der Sozialismus, ethisch, nicht wirtschaftlich
+verstanden, das Weltgefühl ist, welches die eigne Meinung im Namen
+aller verfolgt, so sind wir ohne Ausnahme Sozialisten, ob wir es wissen
+und wollen oder nicht. Selbst der leidenschaftlichste Gegner aller
+„Herdenmoral“, Nietzsche, ist gar nicht fähig, in antikem Sinne seinen
+Eifer auf sich selbst zu beschränken. Er denkt nur an „die Menschheit“.
+Er greift jeden an, der es anders meint. Aber Epikur war es herzlich
+gleichgültig, was andre meinten und taten. Eine Umgestaltung der
+Menschheit — daran hat er keinen Gedanken verschwendet. Er und
+seine Freunde waren zufrieden, daß <em class="gesperrt">sie</em> so und nicht anders
+waren. Das antike Lebensideal war die Interesselosigkeit (ἀπάθεια)
+am Lauf der Welt, gerade an dem, dessen Beherrschung dem faustischen
+Menschen der ganze Lebensinhalt ist. Der wichtige Begriff der ἀδιάφορα
+gehört hierher. Es gibt auch einen <em class="gesperrt">moralischen</em> Polytheismus
+in Hellas. Aber der ganze Zarathustra — angeblich jenseits von Gut
+und Böse stehend — atmet die Pein, die Menschen so zu sehen, wie man
+sie nicht haben will, und die tiefe, so ganz unantike Leidenschaft,
+das Leben auf ihre Änderung, im eignen, einzigen Sinne natürlich,
+zu verwenden. Und eben das, die <em class="gesperrt">allgemeine</em> Umwertung, ist
+<em class="gesperrt">ethischer Monotheismus</em>, ist Sozialismus. Alle Weltverbesserer
+sind Sozialisten. Folglich gibt es keine antiken Weltverbesserer.</p>
+
+<p>Der moralische Imperativ als Form der Moral ist faustisch und nur
+faustisch. Es ist völlig belanglos, ob Schopenhauer theoretisch den
+Willen zum Leben verneint oder ob Nietzsche ihn bejaht sehen will.
+Diese Distinktionen liegen an der Oberfläche. Sie bezeichnen einen
+Geschmack, ein Temperament. Wesentlich ist, daß auch Schopenhauer die
+ganze Welt als Willen <em class="gesperrt">fühlt</em>, als Bewegung, Kraft, Richtung;
+darin ist er der Ahnherr der gesamten ethischen Modernität. Dies
+Grundgefühl <em class="gesperrt">ist</em> bereits<span class="pagenum" id="Seite_467">[S. 467]</span> unsre ganze Ethik. Alles andre sind
+Nuancen. Was wir Tat, nicht nur Tätigkeit nennen,<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[104]</a> ist ein durch
+und durch historischer, von Richtungsenergie gesättigter Begriff. Es
+ist die Daseinsbestätigung, die Daseinsweihe einer Art Mensch, dessen
+Seele die Tendenz auf Zukünftiges besitzt, der die Gegenwart nicht
+als Punkt an sich, sondern stets als <em class="gesperrt">Epoche</em> in einem großen
+Zusammenhange des Werdens empfindet, und zwar sowohl im persönlichen
+Sein als im Sein der gesamten Geschichte. Die Stärke und Deutlichkeit
+dieses Bewußtseins bestimmt den Rang eines faustischen Menschen, aber
+selbst der unbedeutendste besitzt etwas davon, das seine geringsten
+Lebensakte nach Art und Gehalt von denen <em class="gesperrt">jedes</em> antiken Menschen
+unterscheidet. Es ist der Unterschied von Charakter und Attitüde, von
+bewußtem Werden und einfach hingenommenem statuenhaften Gewordensein,
+von tragischem Wollen und tragischem Dulden.</p>
+
+<p>Vor den Augen des faustischen Menschen, in seiner Welt ist alles
+Bewegtheit einem Ziele zu. Er selbst <em class="gesperrt">lebt</em> unter dieser
+Bedingung. Leben heißt für ihn kämpfen, sich durchsetzen. Der Kampf
+ums Dasein als ideale Form des Daseins gehört schon der gotischen
+Zeit an und liegt ihrer Architektur deutlich genug zugrunde. Das 19.
+Jahrhundert hat ihm nur eine mechanistisch-utilitarische Fassung
+gegeben. In der Welt des apollinischen, mythischen, ahistorischen
+Menschen gibt es keine zielvolle „Bewegung“ — das Werden Heraklits,
+ein absicht- und zielloses Spiel, ἡ ὁδὸς ἄνω κάτω, kommt hier nicht in
+Frage —, keinen „Protestantismus“, keinen „Sturm und Drang“, keine
+ethische, geistige, künstlerische „Umwälzung“, die das Bestehende
+bekämpfen und vernichten will. Der ionische und korinthische Stil
+treten ohne den Anspruch auf Alleingeltung neben den dorischen. So
+findet man sie auf der Akropolis und an Römerbauten verschwistert.
+Aber selbst die sich so antik gebärdende Renaissance wurde im Kreise
+Brunellescos als energische und ausschließende Bewegung eingeleitet,
+in offener Feindschaft gegen<span class="pagenum" id="Seite_468">[S. 468]</span> die Gotik (die kein einziger der
+Gründer je in sich überwunden hat). Das Barock hat die Renaissance,
+der Klassizismus das Barock angefeindet. Selbst das Mönchtum des
+Abendlandes, wie es Franziskaner und Dominikaner darstellen, erscheint
+in Gestalt einer Ordens<em class="gesperrt">bewegung</em>, sehr im Gegensatz zur
+frühchristlichen, einsiedlerischen Form der Askese.</p>
+
+<p>Es ist dem faustischen Menschen gar nicht möglich, diese Grundgestalt
+seines Daseins zu verleugnen, geschweige zu ändern. Jede Auflehnung
+dagegen setzt sie schon voraus. Wer den „Fortschritt“ bekämpft, hält
+diese Wirksamkeit doch selbst für einen Fortschritt. Wer für eine
+„Umkehr“ agitiert, meint damit eine Weiterentwicklung. „Immoral“
+— das ist nur eine neue Moral, und zwar mit dem gleichen Anspruch
+des Vorrangs vor allen andern. Der Wille zur Macht ist intolerant.
+Alles Faustische will Alleinherrschaft. Für das apollinische
+Weltgefühl — das Nebeneinander vieler Einzeldinge — ist Toleranz
+selbstverständlich. Sie gehört zum Stil der willensfremden Ataraxia.
+Für die abendländische Welt — den <em class="gesperrt">einen</em> grenzenlosen
+Seelenraum, den Raum als Spannung — ist sie Selbsttäuschung oder ein
+Zeichen des Erlöschens. Der faustische Instinkt, tätig, willensstark,
+in die Ferne und Zukunft gerichtet, fordert Duldung, d.&#8239;h. <em class="gesperrt">Raum</em>
+für die eigne Wirksamkeit, aber <em class="gesperrt">nur</em> für sie. Man bedenke etwa,
+welches Maß davon die großstädtische Demokratie der Kirche gegenüber in
+deren Handhabung religiöser Machtmittel anzuwenden willens ist, während
+sie für sich schrankenlose Anwendung der eignen fordert und, wenn sie
+kann, die „allgemeine“ Gesetzgebung daraufhin stimmt. Jede „Bewegung“
+will siegen; jede antike „Haltung“ will nur da sein und kümmert sich
+wenig um das Ethos der andern. Für oder gegen die Zeitströmung kämpfen,
+Reform oder Umkehr betreiben, aufbauen, umwerten oder zertrümmern —
+das ist gleichmäßig unantik (und unindisch). Und gerade das ist der
+Unterschied der sophokleischen und shakespeareschen Tragik, der Tragik
+des Menschen, der nur da sein, und des Menschen, der siegen will.</p>
+
+<p>Es ist falsch, das Christentum mit dem moralischen Imperativ in
+Verbindung zu bringen. Nicht das Christentum hat den faustischen
+Menschen, er hat das Christentum umgeformt. Der Wille zur Macht auch
+im Moralischen, die Leidenschaft,<span class="pagenum" id="Seite_469">[S. 469]</span> seine Moral zur allgemeinen zu
+erheben, sie der Menschheit aufzwingen, alle andersgearteten umdeuten,
+überwinden, vernichten zu wollen, ist unser eigenstes Eigentum. In
+diesem Sinne ist — ein tiefer und noch nie begriffener Vorgang —
+die Moral Jesu ein passiv-geistiges, aus dem magischen Weltgefühl
+heraus als heilkräftig empfohlenes Verhalten, dessen Kenntnis als eine
+besondere Gnade verliehen wird, <em class="gesperrt">in der gotischen Frühzeit innerlich
+in eine befehlende umgeprägt worden</em>.<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[105]</a></p>
+
+<p>Ethik — das ist endlich das unmittelbare, zur Formel erhobene
+Gefühl der Seele vom <em class="gesperrt">Schicksal</em>, innerlichste, wahllose
+Deutung der eignen Existenz. Im Urseelentum primitiver Völker regen
+sich nur dumpfe, dunkle Fragen, aber jede Kultur, jedes erwachende
+Seelentum gibt dem Leben einen <em class="gesperrt">Sinn</em>. Im wachen Bewußtsein des
+Kulturmenschen haben sich Seele und Welt, Mögliches und Wirkliches als
+Pole gesondert. Das Schicksalsproblem (das <em class="gesperrt">Rätsel der Zeit</em>)
+taucht auf und der ganze Makrokosmos, die Welt als <em class="gesperrt">Ausdruck</em> der
+Seele, ist die Antwort der Seele auf die Frage nach dem Sinn ihres
+Seins.</p>
+
+<p>Die antike Seele empfand ihr Schicksal als Moira, blindes,
+augenblickliches, beziehungsloses Ungefähr. Die Tragödie vernichtete
+den einzelnen Menschen; die Polis verfügte über ihn nach ihrer
+jeweiligen Laune. Das Los des Ödipus, Ajas, Herakles war das
+allgemeine. Die stoische Ethik ist die Antwort darauf: dem Leben Größe
+im Dulden, einen passiven Heroismus, Leidenschaftslosigkeit (ἀπάθεια),
+Bedürfnislosigkeit zu geben, ist das Ziel. So ist der Sinn des
+apollinischen Seins kein Tun, sondern eine Haltung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_470">[S. 470]</span></p>
+
+<p>Das faustische Schicksal ist <em class="gesperrt">Fügung</em>. Es stellt den Charakter
+vor Entscheidungen. Die Seele antwortet durch eine Ethik, deren
+Elemente Tat, Person und Wollen sind, die sich nicht auf die Gebärde
+des Augenblicks, sondern auf das Leben als Ganzes bezieht. Der „Wille
+Gottes“, im Gegensatz zum griechischen Neid der Götter — in dieser
+Vorstellung liegt das Grundgefühl einer <em class="gesperrt">historischen Logik</em>
+des Weltganzen, die sich auch auf die einzelne Biographie erstreckt.
+Es war gezeigt worden, wie in gleichzeitigen Epochen beider Kulturen
+Polyklet und Bach ihren Kanon abfaßten, die reine, strenge Theorie der
+plastischen und der kontrapunktischen Form. Nun wohl: was wir Moral
+nennen, die Struktur des bewußten eigenen Lebens, sein Stil, unterliegt
+den Prinzipien dieses Kanons. Alle Moralsysteme des Abendlandes von den
+Franziskanern und den Idealen des Rittertums an bis auf die Sozialethik
+und „Herrenmoral“ unserer Tage, so verschieden sie dem Wortlaut nach
+sein mögen, sind kontrapunktische Gebilde des bewegten, strebenden,
+im Raume sich verbreitenden, alle antiken Moralen sind Theorien des
+plastischen, auf die Gegenwart eingeschränkten, ruhenden Lebens.</p>
+
+<p>Aber jede Ethik gehört damit in die Nachbarschaft der großen Künste.
+Sie ist <em class="gesperrt">ganz Form</em>, <em class="gesperrt">ganz</em> Ausdruck und Symbol und kann
+ihrem innersten Wesen nach nie erschöpfend in Begriffen ausgesprochen,
+am wenigsten in ein System gebracht werden. Das Bedeutendste aller
+Ethik liegt im Unbewußten. Sie offenbart sich in den schlichtesten
+Lebensäußerungen, in den unmittelbarsten philosophischen Intuitionen,
+in der Erscheinung großer, für ihre Kultur bezeichnender Menschen,
+im tragischen Stil, selbst im Ornament. Der Mäander z.&#8239;B. ist ein
+stoisches Motiv; in der dorischen Säule verkörpert sich geradezu das
+antike Lebensideal. Sie ist <em class="gesperrt">deshalb</em> die einzige der antiken
+Säulenformen, welche der Barockstil unbedingt ausschließen mußte.
+Man wird sie aus einem sehr tiefliegenden seelischen Grunde auch in
+der gesamten Renaissancekunst vermieden finden. Sie widerspricht der
+immanenten Ethik <em class="gesperrt">aller</em> nordischen Bauweisen. Wer das verstanden
+hat, wird auch das subtile Phänomen der in Begriffe gekleideten
+Moraltheorien — notwendig unvollkommener Formen, die in ehrlichster
+Meinung oft genug das Gegenteil von dem<span class="pagenum" id="Seite_471">[S. 471]</span> sagen, was sie sagen wollten
+oder sollten — als Symbole zweiter Ordnung begreifen und deuten können.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Buddhismus_12">12</h4>
+
+</div>
+
+<p>Jetzt lösen sich uralte Rätsel und Verlegenheiten. Es gibt so viel
+Moralen, als es Kulturen gibt, nicht mehr und nicht weniger. Niemand
+hat hier eine freie Wahl. So gewiß es für jeden Maler und Musiker etwas
+gibt, das ihm gar nicht zum Bewußtsein kommt, das die Formensprache
+seiner Werke von vornherein beherrscht und sie von den künstlerischen
+Leistungen <em class="gesperrt">aller</em> anderen Kulturen unterscheidet, so gewiß
+hat <em class="gesperrt">jede</em> Lebensäußerung eines Kulturmenschen von vornherein,
+a priori in Kants strengstem Sinne, eine Beschaffenheit, die noch
+tiefer liegt als alles bewußte Urteilen und Streben und die ihren
+<em class="gesperrt">Stil</em> als den einer bestimmten Kultur erkennen läßt. Der einzelne
+kann moralisch oder antimoralisch handeln, „gut“ oder „schlecht“ aus
+dem Urgefühl seiner Kultur heraus, aber die Form seines Handelns ist
+schlechthin gegeben. Jede Kultur hat ihren eigenen ethischen Maßstab,
+dessen Gültigkeit mit ihr beginnt und endet. Es gibt keine allgemein
+menschliche Ethik.</p>
+
+<p>Es gibt also im tiefsten Sinne auch keine wahre Mission und kann
+keine geben. Jede Moral ist ein Urphänomen, die zum Gesetz gewordne
+Idee eines Daseins. Sie ist innerhalb einer physiognomisch wohl
+unterschiedenen Menschenart einfach vorhanden. Man kann sie wecken und
+theoretisch in eine Lehre fassen, ihren geistigen Ausdruck verändern
+und verdeutlichen; erzeugen kann man sie nicht. So wenig wir imstande
+sind, unser Weltgefühl zu ändern — so wenig, daß selbst der Versuch
+einer Änderung schon in seinem Stile verläuft und es bestätigt, statt
+es zu überwinden —, so wenig haben wir Gewalt über die ethische
+Grundform unsres Daseins. Man hat in den Worten einen gewissen
+Unterschied gemacht und die Ethik eine Wissenschaft, die Moral eine
+Aufgabe genannt. Es gibt in diesem Sinne keine Aufgabe. So wenig die
+Renaissance fähig war, die Antike wieder heraufzurufen, und so sehr sie
+mit jedem antiken Detail nur das Gegenteil apollinischen Weltgefühls
+zum Ausdruck brachte, eine versüdlichte, eine „antigotische Gotik“
+nämlich.<span class="pagenum" id="Seite_472">[S. 472]</span> so unmöglich ist die Bekehrung eines Menschen zu einer seiner
+Kultur fremden Moral. Mag man heute von einer Umwertung aller Werte
+reden, mag man als moderner Großstädter zum Buddhismus, zum Heidentum
+oder zu einem romantischen Katholizismus „zurückkehren“, der Anarchist
+für individualistische, der Sozialist für Gesellschaftsethik schwärmen,
+man tut, will, fühlt dasselbe. Die Bekehrung zur Theosophie oder
+zum Freidenkertum, die heutigen Übergänge von einem vermeintlichen
+Christentum zu einem vermeintlichen Atheismus, sind eine Veränderung
+der Worte und Begriffe, der religiösen oder intellektuellen Oberfläche,
+nicht mehr. Keine unsrer „Bewegungen“ hat den <em class="gesperrt">Menschen</em> verändert.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">innere Form</em> einer Moral ist das Wesentliche. Ihr
+programmatischer Inhalt, ihre religiöse, philosophische,
+wissenschaftliche Farbe, der Wortlaut ihrer Sätze und Bekenntnisse,
+oft genug mißverstandene Überlieferung, noch häufiger bloße Theorie
+und leerer Schall, ist Maske. Nur diese äußere Form tritt in jeder
+Kultur in tausend Arten auf, um die man streiten, zu denen man
+bekehren, die man annehmen oder „überwinden“ kann. Die eigentliche und
+<em class="gesperrt">unveränderliche</em> Struktur des gesamten faustischen Seins ist
+eben jenes Unbeschreibliche, das als Kraft, Wille, unendlicher Raum,
+Streben, Ferne im westeuropäischen Dasein und ihm allein in Erscheinung
+tritt. Alle Sätze und Formeln der einzelnen Denker, Kirchen,
+Strömungen, Systeme sind nur Variationen über ein schlechthin gegebenes
+Thema.</p>
+
+<p>Es ist klar: Das Wort Seele bezeichnet hier jedesmal etwas andres,
+sobald von einer andern Kultur die Rede ist. Jene apollinische, in
+ihrer spätesten Fassung stoische Moral ist die einer Seele, welche ihr
+eigenes Bild im Freskostil entwarf, als eine plastische Gruppe schön
+geordneter Teile, wie sie Plato beschreibt, ohne Hintergrund (welcher
+Zukunft, Ferne, Wirksamkeit bedeutet hätte), voller Linie, Nähe und
+Klarheit. Die faustische, in ihrer Ausgangsform sozialistische Ethik
+entspricht jenem perspektivischen Seelenbilde aller abendländischen
+Psychologien, dessen Schwerpunkt in dem unendlichen Horizonte liegt
+(im Bild „Wille“ genannt), während die anderen psychischen Elemente
+— nicht Teile, sondern Beziehungskomplexe — „Denken“ und<span class="pagenum" id="Seite_473">[S. 473]</span> „Fühlen“,
+sich wie Licht und Schatten der Perspektive einordnen. Eine theoretisch
+fixierte Moral ist lediglich der <em class="gesperrt">Kommentar</em> des zugehörigen
+Seelenbildes.</p>
+
+<p>Eine strenge Morphologie aller Moralen ist die Aufgabe der Zukunft.
+Nietzsche hat auch hier das Wesentliche, den ersten Schritt, getan.
+Aber seine Forderung an den Denker, sich jenseits von Gut und Böse
+zu stellen, hat er selbst nicht erfüllt. Er wollte Skeptiker und
+Prophet, Moralkritiker und Moralverkündiger zugleich sein. Das verträgt
+sich nicht. Man ist nicht Psycholog ersten Ranges, solange man noch
+Romantiker ist. Und so ist er hier, wie in all seinen entscheidenden
+Einsichten, bis zur Pforte gelangt, aber vor ihr stehen geblieben.
+Indes hat es noch niemand besser gemacht. Wir waren bisher blind für
+den unermeßlichen Reichtum der moralischen Formensprache. Wir haben ihn
+weder übersehen noch begriffen. Selbst der Skeptiker verstand seine
+Aufgabe nicht; er erhob im letzten Grunde die eigene, durch persönliche
+Anlage, durch den privaten Geschmack bestimmte Fassung der Moral zur
+Norm und maß danach die andern. Die modernsten Revolutionäre, Stirner,
+Ibsen, Strindberg, Shaw, haben nichts andres getan. Sie verstanden es
+nur, diese Tatsache — auch vor sich selbst — hinter neuen Formeln und
+Schlagworten zu verstecken.</p>
+
+<p>Aber eine Moral ist wie eine Plastik, Musik oder Malerei eine in
+sich geschlossene Formenwelt, die ein Lebensgefühl zum Ausdruck
+bringt, schlechthin gegeben, in der Tiefe unveränderlich, von innerer
+Notwendigkeit. Sie ist innerhalb ihrer historischen Sphäre immer
+wahr, außerhalb immer unwahr. Es war gezeigt worden, daß, wie für den
+einzelnen Dichter, Maler, Musiker seine einzelnen Werke, so für die
+großen Individuen der Kulturen die Kunst<em class="gesperrt">gattungen</em> als organische
+Einheit, die <em class="gesperrt">ganze</em> Ölmalerei, die <em class="gesperrt">ganze</em> Aktplastik, die
+kontrapunktische Musik, die Reimlyrik Epoche machen und den Rang großer
+Lebenssymbole einnehmen. In beiden Fällen, in der Geschichte einer
+Kultur wie im Einzeldasein, handelt es sich um die Verwirklichung von
+Möglichem. Das innerlich Seelische wird zum <em class="gesperrt">Stil einer Welt</em>.
+Neben diesen großen Formeinheiten, deren Werden, Vollendung und
+Abschluß eine vorbestimmte Reihe menschlicher Generationen umfaßt
+und die nach einer Dauer von wenigen Jahrhunderten unwiderruflich<span class="pagenum" id="Seite_474">[S. 474]</span>
+dem Tode verfallen, steht die Gruppe der faustischen, die Summe
+der apollinischen Moralen, ebenfalls als Einheit höherer Ordnung
+aufgefaßt. Ihr Vorhandensein ist <em class="gesperrt">Schicksal</em>, das man hinzunehmen
+hat; nur die bewußte Fassung ist das Resultat einer Offenbarung oder
+wissenschaftlichen Einsicht.</p>
+
+<p>Für den, welcher hier sehen gelernt hat, sind deshalb die Formensprache
+einer Moral und die der zugehörigen Mathematik im tiefsten Grunde
+identisch. Sie offenbaren beide ein Seelentum, sie verwirklichen beide
+unbewußte Möglichkeiten, sie gestalten beide etwas Gesetztes, ein
+„Gesetz“ — von dem religiösen Gehalt der Zahlen war schon die Rede
+—, mögen sie im einzelnen in religiöser, künstlerischer, praktischer
+Verkleidung in Erscheinung treten. Die antike Zahl, die <em class="gesperrt">Größe</em>,
+hat Maß und Haltung. Das entspricht der Kalokagathia, dem Ethos des
+antiken Menschen. Die abendländische Zahl, die <em class="gesperrt">Funktion</em>, wird
+nicht nach ihrem sinnlichen Sein (als Kurve), sondern nach Charakter
+und Wirkung gewertet. Das ist der Sinn der Analysis. Darin wiederholt
+sich das Lebensideal des nordischen Menschen, dessen Sein Wirksamkeit
+ist. Es hat sich wohl noch niemand träumen lassen, daß, was in der
+heutigen Politik Fortschritt heißt, identisch ist mit dem, was die
+Physik Prozeß, die Analysis Funktion, der Darwinismus Evolution,
+die Kirche Rechtfertigung durch die guten Werke, die Psychologie
+Wille, die Malerei Tiefenperspektive nennt, daß nichts von alledem
+in irgendeiner andren Kultur vorkommt und daß es sich also lediglich
+um eine Gruppe von Symbolen eines Seins handelt, das einmal und für
+einige Jahrhunderte im Bilde der Historie auftaucht und <em class="gesperrt">mit</em>
+diesen Symbolen in kurzer Zeit verschwunden sein wird. Dürfen wir
+also von einer euklidischen und einer analytischen Ethik reden?
+Wie wir von einer euklidischen und analytischen Form der Tragödie
+gesprochen hatten? Der tragische Stil, wie ihn beide Kulturen
+entwickeln, dringt tiefer in die seelischen Geheimnisse ein als
+irgendeine <em class="gesperrt">geschriebene</em> Ethik, in deren Fassung tausend fremde
+Motive durcheinanderwirken. Die tragische Attitüde ist der Kern des
+apollinischen, das tragische Wollen des faustischen Szenenbildes, das
+unmittelbar den ersehnten Aspekt des Lebens gibt. Hier finden wir zwei
+entgegengesetzte Arten von Heroismus und jede andere Kultur, sofern
+sie überhaupt<span class="pagenum" id="Seite_475">[S. 475]</span> eine Tragödie in die Gruppe der ihr möglichen und also
+notwendigen Künste eingefügt hat, wie die indische und chinesische,
+stellt ihnen eine andre zur Seite.</p>
+
+<p>Jede antike Ethik ist also eine Ethik der Gebärde, jede abendländische
+eine Ethik der Tat. Dem euklidisch-beschaulichen Lebensgefühl steht das
+analytisch-aktive gegenüber. Das entspricht den mathematischen Symbolen
+des greifbaren Einzelkörpers und des reinen Raumes, der Wirklichkeit,
+welche den Sinnen gegeben ist, und der, welche ihnen abgerungen werden
+muß. Das antike Ideal ist die Hingabe an den Vordergrund in jedem
+Sinne, an das Jetzt und Hier, an den Leib und die einzelne Stunde; das
+faustische Ideal ist zu alledem der stärkste Gegensatz. Ihm ist nichts
+gegeben. Es ist Kampf und Überwindung ohne Ausnahme. Man erinnere sich
+jener Szene im Faust, in welcher der Sinn eines ganzen Jahrtausends
+liegt, wo der zur Höhe gereifte Geist dieser Kultur das „Im Anfang
+war das Wort“ des Evangeliums verdeutscht: „Im Anfang war die Tat.“
+<em class="gesperrt">Das ist die Umdeutung des frühen Christentums aus dem Magischen ins
+Nordische.</em></p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Buddhismus_13">13</h4>
+
+</div>
+
+<p>Jede denkbare antike Ethik gestaltet den <em class="gesperrt">einzelnen</em> Menschen,
+als Leib, als Atom unter Atomen. Alle Wertungen des Abendlandes
+beziehen sich auf den Menschen, sofern er Wirkungszentrum einer
+unendlichen Allgemeinheit ist. Ethischer Sozialismus — das ist
+die Gesinnung der Tat, die durch den Raum in die Ferne wirkt, das
+Pathos der dritten Dimension, als deren Zeichen das Urgefühl der
+Sorge, für die Mitlebenden wie für die Kommenden, über dieser ganzen
+Kultur schwebt. So kommt es, daß im Aspekt der ägyptischen Kultur für
+uns etwas Sozialistisches, etwas Preußisches liegt. Auf der andern
+Seite erinnert die Tendenz auf Attitüde, Wunschlosigkeit, statische
+Abgeschlossenheit des einzelnen für sich an die indische Ethik und
+den von ihr gestalteten Menschen. Man denke an die sitzenden, „ihren
+Nabel beschauenden“ Buddhastatuen, denen Zenons Ataraxia nicht so
+ganz fremd ist. Das ethische Ideal des antiken Menschen war das, zu
+welchem die Tragödie<span class="pagenum" id="Seite_476">[S. 476]</span> hinleitete. Die <em class="gesperrt">Katharsis</em>, die Entladung
+der apollinischen Seele von dem, was <em class="gesperrt">nicht</em> apollinisch, nicht
+frei von „Ferne“ und Richtung war, offenbart hier ihren tiefsten Sinn.
+Man versteht sie nur, wenn man den Stoizismus als ihre reife Form
+erkennt. Was das Drama in einer feierlichen Stunde bewirkte, wünschte
+die Stoa über das ganze Leben zu verbreiten: die statuenhafte Ruhe,
+das willensfreie Ethos. Und weiter: Eben jenes buddhistische Ideal des
+Nirwana, eine sehr späte Formel, aber ganz indisch und schon von den
+vedischen Zeiten an zu verfolgen: ist das nicht der Katharsis nahe
+verwandt? Rücken vor diesem Begriff der ideale antike und der ideale
+indische Mensch nicht nahe zusammen, sobald man sie mit dem faustischen
+Menschen vergleicht, dessen Ethik sich ebenso deutlich aus der Tragödie
+Shakespeares und ihrem dynamischen Schwung begreifen läßt? In der Tat:
+Sokrates, Epikur und vor allem Diogenes am Ganges — das wäre sehr wohl
+vorstellbar. Diogenes in einer der westeuropäischen Weltstädte wäre ein
+bedeutungsloser Narr. Und andrerseits, Friedrich Wilhelm I., das Urbild
+eines Sozialisten in großem Sinne, ist in dem Staat am Nil immerhin
+denkbar. Im perikleischen Athen ist er es nicht.</p>
+
+<p>Hätte Nietzsche etwas vorurteilsfreier und weniger von einer
+romantischen Schwärmerei für ethische Schöpfungen bestimmt seine
+Zeit beobachtet, so würde er bemerkt haben, daß eine, vermeintlich
+spezifisch christliche Mitleidsmoral auf dem Boden Westeuropas
+tatsächlich gar nicht besteht. Man muß sich durch den Wortlaut humaner
+Formeln nicht über ihre faktische Bedeutung täuschen lassen. Zwischen
+der Moral, die man hat, und der, die man zu haben glaubt, besteht ein
+sehr schwer aufzufindendes und höchst variables Verhältnis. Gerade
+hier wäre eine subtile Psychologie am Platze gewesen. Mitleid ist ein
+gefährliches Wort. Es fehlt noch an einer Untersuchung darüber, was man
+zu verschiedenen Zeiten darunter verstanden und darunter <em class="gesperrt">gelebt</em>
+hat. Man darf heute sagen, daß Nietzsche sich hier jedesmal vergriffen
+hat. Die christliche Moral zur Zeit des Origenes ist etwas ganz
+anderes als die zur Zeit des Franz von Assisi. Es ist hier nicht der
+Ort zu untersuchen, was <em class="gesperrt">faustisches</em> Mitleid als sakraler oder
+rationaler Begriff und als wirksames Lebensgefühl im Unterschiede von
+orientalisch-christlichem,<span class="pagenum" id="Seite_477">[S. 477]</span> fatalistischem, laszivem Mitleid bedeutet,
+inwiefern es als Wirkung in die Ferne, als <em class="gesperrt">praktische Dynamik</em>
+aufzufassen ist und andrerseits als Opfer einer stolzen Seele in naher
+Verwandtschaft mit der Gesinnung gotischer Dombauten oder wieder
+als Äußerung eines überlegenen Distanzgefühls. Der unveränderliche
+Schatz ethischer Wendungen, wie ihn das Abendland seit der Renaissance
+besitzt, hat eine unermeßliche Fülle verschiedener Gesinnungen von
+sehr verschiedenem Gehalt zu decken. Der Oberflächensinn, an den
+man glaubt, das bloße Wissen um Ideale ist unter so historisch und
+retrospektiv angelegten Menschen, wie wir es sind, ein Ausdruck der
+Ehrfurcht vor Vergangenem, in diesem Falle der religiösen Tradition.
+Aber Überzeugungen sind nie der Maßstab für ein Sein. Sie sind immer
+etwas volkstümlicher und bleiben weit hinter der Tiefe der seelischen
+Wirklichkeit zurück. Die theoretische Verehrung neutestamentlicher
+Satzungen steht in der Tat mit der theoretischen Hochschätzung der
+antiken Kunst durch die Renaissance und den Klassizismus auf einer
+Stufe. Die eine hat so wenig den Menschen, wie die andre den Geist
+der Werke umgewandelt. Die stets genannten Beispiele der Bettelorden,
+der Herrnhuter, der Heilsarmee beweisen schon durch ihre geringe
+Zahl, noch mehr durch ihr geringes Gewicht, daß sie den Ausnahmefall
+von etwas ganz anderm, der <em class="gesperrt">eigentlich faustisch-christlichen</em>
+Moral nämlich, darstellen. Man wird ihre Formulierung allerdings bei
+Luther und im Tridentinum vergeblich suchen, aber alle Christen großen
+Stils, Innozenz III. und Luther, Loyola und Savonarola, trugen sie im
+Widerspruch zu ihren Lehrmeinungen in sich, ohne daß sie das je bemerkt
+hätten.</p>
+
+<p>Man braucht nur den rein abendländischen Begriff jener männlichen
+Tugend, der durch Nietzsches „moralinfreie“ <i>virtù</i> recht gut
+bezeichnet ist, mit jener sehr weiblichen ἀρετή des hellenischen Ideals
+zu vergleichen, als deren Praxis immer die Genußfähigkeit (ἡδονή),
+Gemütsruhe (γαλήνη, ἀπάθεια), Bedürfnislosigkeit und vor allem immer
+wieder die ἀταραξία zum Vorschein kommt. Was Nietzsche die blonde
+Bestie nannte und was er in dem von ihm sehr überschätzten Typus des
+Renaissancemenschen verkörpert fand (der nur ein raubkatzenhafter<span class="pagenum" id="Seite_478">[S. 478]</span>
+Nachklang der großen Deutschen der Staufenzeit war) — ja, das ist
+doch das strengste Gegenteil des Typus, den ohne Ausnahme alle antiken
+Ethiken gewünscht und alle antiken Menschen von Bedeutung verkörpert
+haben. Dahin gehören die Menschen von Granit, von denen die faustische
+Kultur eine lange Reihe vorüberziehen sah, die antike nicht einen
+einzigen. Denn Perikles und Themistokles waren weiche Naturen im Sinne
+attischer Kalokagathie, Alexander war ein Schwärmer, der nie aufgewacht
+ist, Cäsar war ein kluger Rechner; Hannibal, der Fremde, der Semit, war
+der einzige „Mann“ unter ihnen. Die Menschen der Frühzeit, auf die man
+aus Homer schließen darf, diese Odysseus und Ajax hätten sich neben der
+Ritterschaft der Kreuzzüge sehr merkwürdig ausgenommen. Es gibt auch
+eine Brutalität als Rückschlag sehr femininer Naturen. Hier im Norden
+aber erscheinen an der Schwelle der Frühzeit die großen Sachsen-,
+Franken- und Staufenkaiser, umgeben von einer Schar riesenhafter
+Menschen wie Heinrich dem Löwen und Gregor VII. Es folgen die Menschen
+der Renaissance, der Hugenottenkriege, die spanischen Konquistadoren,
+die preußischen Kurfürsten und Könige, Napoleon, Bismarck. Wo gab es
+eine zweite Kultur, die dem etwas an die Seite zu setzen hätte? Wo
+besitzt die ganze hellenische Geschichte eine Szene von der Mächtigkeit
+jener von Legnano, wo der Zwist zwischen Staufen und Welfen zum
+Ausbruch kam? Die germanischen Recken der Völkerwanderung, spanische
+Ritterlichkeit, preußische Disziplin, napoleonische Energie — das
+alles hat wenig Antikes. Und wo findet sich auf den Höhen faustischen
+Menschentums von den Kreuzzügen bis zum Weltkrieg jene „Sklavenmoral“,
+jene weiche Entsagung, jene Caritas im Betschwesternsinne? In den
+Worten, die man achtet, nirgends sonst. Ich denke da auch an die
+Typen des faustischen Priestertums, an jene prachtvollen Bischöfe der
+Kaiserzeit, die hoch zu Roß in wilden Schlachten ihre Leute anführten,
+an die Päpste, denen Heinrich IV. und Friedrich II. unterlagen, an den
+Deutschritterorden in den Ostmarken, an den Luthertrotz, in dem sich
+altnordisches Heidentum gegen altrömisches aufbäumte, an die großen
+Kardinäle Richelieu, Mazarin und Fleury, die Frankreich geschaffen
+haben. <em class="gesperrt">Das</em> ist faustische Moral. Man muß blind sein, um<span class="pagenum" id="Seite_479">[S. 479]</span> diese
+unbändige Lebenskraft nicht im gesamten Bilde der westeuropäischen
+Geschichte wirksam zu finden. Und man denke auch, auf einem ganz
+andern Gebiete, an die Energie riesenhafter Konzeptionen bei Dante,
+Wolfram, Shakespeare, Bach, Beethoven, an die technischen, in diesem
+Umfange nur in Ägypten wiederkehrenden Probleme, welche die gotischen
+Baumeister sich gestellt haben und an die, welche sich ihre Nachfolger,
+die modernen Ingenieure, zu stellen wagen, denen die Antike nichts zu
+vergleichen hat. Das sind nicht Ausnahmen, das ist der Geist dieser
+Kultur, ihre <em class="gesperrt">praktische</em> Lebensgesinnung, neben der sich die
+vielbewunderte attische Lebendigkeit mit ihren vorsichtigen Idealen von
+Maß und Haltung etwas schattenhaft ausnimmt.</p>
+
+<p>Das ist der Grund, weshalb die „Mitleidsmoral“ im faustischen Norden
+immer respektiert, zuweilen von Denkern angezweifelt, zuweilen
+gewünscht, aber niemals realisiert worden ist. Kant hat sie mit
+Entschiedenheit abgelehnt. In der Tat steht sie in innerstem
+Widerspruch zum kategorischen Imperativ, der den Sinn des Lebens
+in der Tat, nicht im Fühlen sieht. Die Beweisführung Nietzsches
+ist noch deutlicher, allerdings sehr gegen seine Absicht. Was er
+Sklavenmoral nennt und unter welcher ganz unzutreffenden Bezeichnung
+er „das Christentum“ in Bausch und Bogen kritisiert, ist ein Phantom.
+<em class="gesperrt">Seine Herrenmoral ist eine Realität.</em> Sie brauchte nicht erst
+entworfen zu werden; sie ist vorhanden. Nimmt man die romantische
+Borgiamaske hinweg und jene nebelhaften Visionen vom Übermenschen, so
+bleibt der faustische Mensch selbst übrig, wie er heute existiert,
+als Typus einer energischen, imperativischen, hochintellektuellen
+Zivilisation. Wir haben da ganz einfach den Realpolitiker, den
+Geldmagnaten, den großen Ingenieur und Organisator. „Eine höhere Art
+Menschen, welche sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen,
+Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen als ihres
+gefügigsten und beweglichsten Werkzeuges, um die Schicksale der Erde
+in die Hand zu bekommen, um am ‚Menschen‘ selbst als Künstler zu
+gestalten. Genug, die Zeit kommt, da man über Politik umlernen wird.“
+So heißt es in einer der Nachlaßaufzeichnungen, die viel konkreter
+sind als die ausgeführten Werke. „Wir<span class="pagenum" id="Seite_480">[S. 480]</span> müssen entweder politische
+Fähigkeiten züchten oder durch die Demokratie zugrunde gehen, die uns
+die mißglückten älteren Alternativen aufgezwungen haben“, heißt es bei
+Shaw (Mensch und Übermensch). Shaw, der vor Nietzsche die praktische
+Schulung und den geringern Grad von Ideologie voraus hat, so beschränkt
+sein philosophischer Horizont erscheint, hat in „Major Barbara“ in
+der Gestalt des Milliardärs Undershaft das Übermenschenideal in die
+unromantische Sprache der neuern Zeit übertragen, aus der es, auf dem
+Umweg über Malthus und Darwin, auch bei Nietzsche wirklich stammt.
+Diese Tatsachenmenschen großen Stils sind es, welche heute den Willen
+zur Macht und damit die faustische Ethik überhaupt repräsentieren.
+Der Schluß des zweiten Teils vom Faust erschließt den tieferen
+Zusammenhang. Diese früheste dichterische Konzeption des zivilisierten
+Europäers ist noch heute nicht wieder erreicht worden. Hier findet sich
+<em class="gesperrt">nichts</em> Negatives. Tat, Wille, Überwindung ist alles. Es gibt
+einen Punkt, wo Philanthropie abgeschmackt wird. Menschen dieser Art
+werfen ihre Millionen nicht zur Befriedigung eines uferlosen Wohltuns
+hinaus, für die Träumer, „Künstler“, Schwachen, Schlechtweggekommenen;
+sie verwenden sie für die, welche als Material für die Zukunft
+mitzählen. Sie verfolgen mit ihm ein Ziel. Sie schaffen ein dynamisches
+Zentrum, das die Grenzen des persönlichen Daseins überdauert. Auch das
+Geld kann Ideen entwickeln und Geschichte machen. So hat Rhodes, in dem
+sich ein sehr bedeutungsvoller Typus des 21. Jahrhunderts ankündigt,
+sein Vermögen testamentarisch angelegt. Es ist flach und beweist
+die Unfähigkeit, Geschichte innerlich zu begreifen, wenn man das
+literarische Geschwätz populärer Sozialethiker und Humanitätsapostel
+nicht von den wahren ethischen Instinkten der westeuropäischen
+Zivilisation zu unterscheiden weiß.</p>
+
+<p>Der Sozialismus — in seinem höchsten Sinne, nicht in dem der
+Gasse — ist wie alles Faustische ein exklusives Ideal, das seine
+Volkstümlichkeit nur einem vollkommenen Mißverständnis (auch unter
+den Wortführern) verdankt, daß er nämlich ein Inbegriff von Rechten,
+nicht von Pflichten, daß er eine Beseitigung, nicht eine Verschärfung
+des kantischen Imperativs, ein Nachlassen, nicht ein Höherspannen der
+Richtungsenergie<span class="pagenum" id="Seite_481">[S. 481]</span> sei. Jene triviale Oberflächentendenz auf Fürsorge,
+Wohlfahrt, „Freiheit“, Humanität, das Glück der Meisten enthält nur
+das Negative der Idee, sehr im Gegensatz zum antiken Epikuräismus, dem
+der glückselige Zustand tatsächlich Kern und Summe alles Ethischen
+war. Gerade hier liegen äußerlich sehr verwandte Stimmungen vor, die
+im einen Falle nichts, im andern alles bedeuten. Man kann aus diesem
+Gesichtspunkt den Inhalt der antiken Ethik ebenfalls als Philanthropie
+bezeichnen, die der einzelne sich selbst, seinem σῶμα, angedeihen
+läßt. Hier hat man die Autorität des Aristoteles auf seiner Seite,
+der genau in diesem Sinne das Wort φιλάνθρωπος gebraucht, an dem
+sich die besten Köpfe der klassizistischen Zeit, Lessing vor allem,
+abgemüht haben. Aristoteles bezeichnet die Wirkung der attischen
+Tragödie auf attische Zuschauer als philanthropisch. Ihre Peripetie
+erlöst ihn vom Mitleid mit sich selbst. Was bedeutet für <em class="gesperrt">uns</em>
+das <em class="gesperrt">populäre</em> Wohltun? Ein faustisches Mitleid mit aller Welt
+befriedigen, eine ins Weite gehende Erregung des Gemütes stillen, kurz:
+<em class="gesperrt">Katharsis</em>. <em class="gesperrt">Das</em> ist Nietzsches Sklavenmoral, nämlich
+eine Moral mit negativen, antidynamischen Tendenzen. Eine Theorie
+von Herren- und Sklavenmoral gab es auch im frühen Hellenismus, bei
+Kallikles z.&#8239;B., wie sich versteht in streng leiblich-euklidischem
+Sinne. Das Ideal der ersten ist Alkibiades, der genau das tat, was ihm
+augenblicklich für seine Person zweckmäßig erschien, Landesverrat,
+Betrug, Verleumdung nicht ausgeschlossen, eine Lebenshaltung, für die
+es seinen Zeitgenossen am Talent, sicher nicht am guten Willen fehlte.
+Man hat ihn als Typus antiker Kalokagathie empfunden und bewundert.
+Odysseus, die epische Inkarnation des griechischen Menschen, ist ihm
+ähnlich. Protagoras ist noch deutlicher in seinem berühmten, ganz
+ethisch gemeinten Satze, daß der Mensch — jeder einzelne für sich —
+das Maß der Dinge sei. Das ist die Herrenmoral einer statuenhaften
+Seele.</p>
+
+<p>Für die abendländische Seele kann jene hedonistische Tendenz — denn
+der Philanthrop faustischen Stils, der Allerweltssozialist, ist
+Hedonist für „die andern“ — bestenfalls den Sinn einer Befreiung
+zugunsten ernsterer Notwendigkeiten haben, der Befreiung von
+trivialleiblichen und sachlichen Beschränkungen<span class="pagenum" id="Seite_482">[S. 482]</span> der wirtschaftlichen
+und sozialen Zustände nämlich, insofern sie einer ins Unendliche und
+Abstrakte greifenden Wirksamkeit im Wege sind. Dies ist der tiefste
+und von ihrem Urheber nicht entfernt begriffene Sinn der Phrase,
+daß Eigentum Diebstahl ist. Eigentum — damit war der Besitz im
+<em class="gesperrt">populären</em> Sinne, das Greifbare und Nahe gemeint, das auch der
+Grieche und Römer als solches, als χρῆμα und <i>res</i> empfunden hat,
+ein Begriff von statischem Gehalt, der in der Tat vom abendländischen
+Wirtschaftsleben mehr und mehr und <em class="gesperrt">unvermerkt</em> verneint
+wird. Damit ist das antieuklidische und funktionale Weltgefühl zum
+schärfsten Ausdruck gelangt.<a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[106]</a> Daß mit dem endlichen Verfall und
+Erstarren unsres Seelentums — nach einem Höhepunkt intellektueller,
+sozialistischer Daseinsgestaltung, von deren Schroffheit nach Form
+und Tendenz, von deren Tyrannei, mit welcher der <em class="gesperrt">allgemeine</em>
+Wille zur Macht auf jedem einzelnen lastet, sich schwerlich heute
+jemand einen Begriff macht — zuletzt <em class="gesperrt">doch</em> die negative Seite
+allein übrig bleiben und Europa, wie Goethe fürchtete, als „Lazarett
+von Medizinern“ in Erscheinung treten wird, ist unwahrscheinlich. Der
+Endzustand der dynamischen Entwicklung wird ein äußerst positiver
+Ägyptizismus, ein auf die Spitze getriebenes Mandarinentum sein,
+in dem jeder Sklave, Beamter, ein funktionales Element ist, eine
+politisch-geistige Form, auf welche die seelische Verwandtschaft der
+faustischen zur ägyptischen und chinesischen Kultur schließen läßt,
+etwas Starres, Unfruchtbares, voller Plan und Ziel, aber nichts weniger
+als „human“ oder „liberal“ im heutigen hoffnungsvollen Sinne.</p>
+
+<p>Das Phänomen der Ethik steht, ganz morphologisch betrachtet, dem
+der Logik gegenüber. Das sind die <em class="gesperrt">zwei möglichen Arten</em>, ein
+Weltgefühl geistig zu realisieren, sich zur Welt in Beziehung zu
+setzen. Erinnern wir uns des letzten und äußersten Gegensatzes im
+wachen menschlichen Bewußtsein, der am Anfang durch die Urworte
+<em class="gesperrt">Werden</em> und <em class="gesperrt">Gewordnes</em> bezeichnet<span class="pagenum" id="Seite_483">[S. 483]</span> war. Von ihm aus
+begreift man das Verhältnis von Ethik und Logik. Ethisch ist die Form
+des Werdens, des Lebens, logisch die des Gewordnen, des Erkannten.
+Das Merkmal der Richtung, wie es durch die Worte Zeit, Schicksal,
+Zukunft angedeutet wird, liegt allem Ethischen zugrunde, das Merkmal
+der Ausdehnung — mittels der Ursymbole des Raumes, des Körpers — dem
+Logischen. Die tiefe Beziehung, ja Identität von Denken und Ausdehnung
+oder, wenn man will, von Geist und Objekt ist niemals zweifelhaft
+gewesen. Eine gleiche besteht zwischen Leben und Richtung. Ethik und
+Logik verhalten sich <em class="gesperrt">wie das Mögliche zum Wirklichen, wie das Leben
+zum Tode</em>. Die Logik ist starr. Sie macht erstarren. Sie gilt nur
+im Bereich des Erstarrten. Man nennt das ihre ewigen Gesetze. Die
+Ethik <em class="gesperrt">hat</em> keine Gesetze. Sie lebt. Sie gestaltet das Leben.
+In dieser Klarheit ist der Gegensatz zweier Formenwelten, welche das
+gesamte bewußte Sein ohne Rest unter sich verteilen, nur im höhern
+Menschentum vorhanden. Der Urmensch bleibt in dunklen Gebräuchen
+und Vorstellungen befangen. Sein Logisches, sein Denken, Erkennen,
+Verstehen bewegt sich in ebenso ungeordneten Bahnen, wie seine Sitte
+in bruchstückhaften Andeutungen einer ornamentalen — zeremoniellen —
+Struktur. Erst innerhalb reifer, durchgeistigter Kulturen erhält das
+Leben wie das Denken einen ganz bestimmten und innerlich notwendigen
+Stil. Das große Rätsel des Lebens, das gefühlte Gerichtetsein, die Idee
+eines Schicksals kleidet sich in ein Moralproblem und gleichzeitig
+das Rätsel der Erkenntnis, des Begreifens der äußern Welt im Sinne
+des Tiefenerlebnisses in ein erkenntnistheoretisch-logisches. Aus
+diesem Grunde unterschied Kant eine praktische und eine theoretische
+Vernunft, womit er den Geltungsbereich von Schicksal und Kausalität,
+von Lebendigem und Starrem, also das formspendende Prinzip des Werdens
+und des Gewordnen meinte. Er gelangt dort zum kategorischen Imperativ,
+der Grundform aller faustischen Moralen, hier zur Idee des Raumes als
+der Form a priori unsrer schöpferischen Anschauung, womit, wie wir
+sahen, das faustische Ursymbol, das Welterlebnis des westeuropäischen
+Menschen bezeichnet war. Was beiden Gedanken gemeinsam ist und was
+ihnen ihre unbezwingliche Gewalt über den modernen Geist verleiht, ist
+das in ihnen ruhende<span class="pagenum" id="Seite_484">[S. 484]</span> Grundgefühl des Willens zur Macht, der ethisch
+wie logisch der Welt seine Gestalt aufzuprägen entschlossen ist.</p>
+
+<p>Man fühlt, wie eine Logik nicht ohne System sein kann, mehr noch, daß
+sie durch und durch System ist und nichts außerdem, denn Erkanntes und
+Ausgedehntes sind identisch und Zahlen wie Begriffe besitzen streng
+extensiven Charakter. Anderseits hat die Wortverbindung „ethisches
+System“ etwas Widersinniges und Unnatürliches. So gewiß alles
+Logische räumlich, starr, mechanisch, so gewiß ist alles Ethische
+reine, lebendige Gestalt. Man kann sie physiognomisch schildern,
+dramatisch, musikalisch, aber man kann sie nicht in ein Schema bringen.
+Das unterscheidet Menschenkenntnis von Naturerkenntnis. Die große
+Kunst und <em class="gesperrt">nicht</em> die Wissenschaft wird immer die untrügliche
+Offenbarung der ethischen Gestalt einer Seele sein. Dies ist der
+Grund, weshalb Theorien moralischen Inhalts immer ein unzulängliches
+Bild der Moral geben und weshalb sie auf die lebendige Erscheinung
+alles Menschlichen ohne Einfluß sind. Eine Ethik als Lehrmeinung
+vortragen heißt das Wesen der Ethik mißverstehen. Sie bildet nicht,
+sie ist nur der Ausdruck einer Bildung. Sie ist nicht Vorbild und
+Ziel, sondern Form und Art des sich entwickelnden Seins. Ich erinnere
+wieder an den Gegensatz zweier Welten, der Geschichte und der Natur,
+in deren Bilde das Werden <em class="gesperrt">oder</em> das Gewordne vorwaltet. Die
+Geschichte, <em class="gesperrt">das sich Vollendende</em>, besitzt eine ethische, die
+Natur, <em class="gesperrt">das Vollendete</em>, eine logische Struktur. Ethik und Logik:
+so stehen sich Organisches und Mechanisches, Schicksal und Kausalität,
+Physiognomik und Systematik, Lebenserfahrung und wissenschaftliche
+Erfahrung gegenüber. Gut und böse — das ist die gestaltende Polarität
+des Lebensgefühls; wahr und falsch ist die des Weltbewußtseins. In
+seinen ethischen Instinkten, die sich im Stil des äußern Lebens, im
+Tragischen, selbst in der leiblichen Erscheinung, am unvollkommensten
+sicherlich in Begriffen und Thesen offenbaren, berührt der Mensch das
+<em class="gesperrt">Mögliche</em> in sich, das nach Gestaltung drängt, die ewige Zukunft;
+in der Logik formt er das <em class="gesperrt">Wirkliche</em>, das sich geistig gestaltet
+<em class="gesperrt">hat</em>, das Fremde, dem Leben bereits entfremdete, die ewige
+Vergangenheit.</p>
+
+<p>Es ist die Gefahr des gebornen Denkers wie Kant und Aristoteles, die
+<em class="gesperrt">Ethik zu logisieren</em>, sie aus Begriffen, Schlüssen,<span class="pagenum" id="Seite_485">[S. 485]</span> Gesetzen
+aufzubauen, ebenso wie er die lebendige Geschichte — zugunsten eines
+Systems — mechanisiert. In keiner systematischen Philosophie findet
+die wirkliche Geschichte Platz. Das haben hundert mißglückte Versuche,
+noch zuletzt der gewaltigste von allen, der Hegels, bewiesen. Die
+Gefahr des Dichters wie Plato, Goethe, Schelling, der kein System
+konstruiert, sondern Lebendiges nachbildet, ist es, die Logik zu
+ethisieren, wie er die Natur in ein phantastisches Wesen auflöst
+und Begriffe durch Bilder verdrängt. Diese letzte, die ethische
+Durchdringung der Natur, bezeichnet auch den Geist jugendlicher
+Kulturen, die von Leben überströmen wie die Zeiten Plotins und Dantes.
+Das erste, der Trieb nämlich, die Ethik logisch, die Geschichte
+mechanisch, beide also künstlich und verstandesmäßig, als tote Objekte
+zu gestalten, ist ein Symptom sterbender, in zivilisierter Form
+erstarrender Kulturen. Wir werden sehen, daß Stoizismus und Sozialismus
+im <em class="gesperrt">engern</em> Sinne logisierte, aus einem Mangel, nicht aus der
+Fülle erwachsene Ethiken sind, nicht Lebensformen, die man hat, sondern
+solche, die man braucht. Sie entstehen in der Nachbarschaft zahlloser
+Tendenzen, die auch das Historische, den Staat— „Gesellschaftsordnung“
+ist ein bezeichnendes Wort dafür — künstlich in Szene setzen,
+<em class="gesperrt">konstruieren</em> wollen. Leben und Konstruktion aber schließen sich
+aus. Logisch, anorganisch, mechanisch ist das Gewordene, das nicht mehr
+Lebende, der Tod. Ethische Probleme, die wirklich als Probleme, als
+Fragen und Verlegenheiten, aufgestellt und empfunden werden, verraten,
+daß das Leben selbst fraglich geworden ist.</p>
+
+<p>Die Weltsehnsucht der abendländischen Seele knüpft sich an das
+Bild des raumbeherrschenden Willens, wie die der hellenischen an
+das Ideal vollkommener, ruhender Leiblichkeit. Deshalb wurde das
+<em class="gesperrt">Problem der Willensfreiheit</em>,<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[107]</a> das in dieser energischen
+Fassung nur der faustische Mensch in sich<span class="pagenum" id="Seite_486">[S. 486]</span> trägt und in dem sich
+seine ganze metaphysische Leidenschaft nach dem Grenzenlosen, nach
+Überwindung alles Nur-Sinnlichen, nach Verneinung aller Schranken
+seines Machtgefühls, nach Geltung und Wirksamkeit ans Licht des
+wachen Bewußtseins drängt, unser ethisches Hauptproblem, um das
+sich alle einzelnen Systeme kristallisieren. Es liegt, wenn auch
+noch so tief verhüllt, jedem unsrer ethischen Weltaspekte, auch den
+Charaktertragödien Shakespeares im Gegensatz zum Attitüdendrama des
+Sophokles, auch der sozialistischen Gegenwartsstimmung, die ganz in
+eine individualistische Farbe getaucht ist, zugrunde. Die innere
+Gewißheit eines freien Willens ist der gesamten Porträtmalerei seit
+Lionardo wesenhaft. Rembrandt hat sein ganzes Leben an dies große
+Mysterium gewandt, und schon Michelangelos Sklaven vom Juliusgrabmal
+lassen es ahnen. Die Musik Bachs und Beethovens ist die der fromm
+geglaubten und der düster bezweifelten Willensfreiheit. Der attischen
+Plastik nackter Leiber ist dieser Wesenskern des faustischen Menschen
+völlig fremd. Hier gibt es keinen Willen. Hier gibt es also auch kein
+Bedürfnis, ihm ideelle oder wirkliche Schranken aus dem Wege zu räumen.
+Die Polis ist <em class="gesperrt">nicht</em> das politische Ideal von Menschen, denen
+dies Problem das schwerste von allen ist. Der freie Wille als „Form der
+inneren Anschauung“, mit Kant zu reden, steht in einer tiefen Beziehung
+zur <em class="gesperrt">Einsamkeit</em> des faustischen Ich, zum <em class="gesperrt">Monologischen</em>
+seines Daseins und seiner gesamten künstlerischen Äußerungen, wovon die
+apollinische Seele nichts besitzt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Buddhismus_14">14</h4>
+
+</div>
+
+<p>Als Nietzsche das Wort „Umwertung aller Werte“ zum ersten Male
+niederschrieb, hatte endlich die seelische Bewegung dieser
+Jahrhunderte, in deren Mitte wir leben, ihre Formel gefunden.
+Umwertung aller Werte — das ist der innerste Charakter <em class="gesperrt">jeder</em>
+Zivilisation. Sie beginnt damit, alle Formen der voraufgegangenen
+Kultur umzuprägen, anders zu verstehen, anders zu handhaben. Sie
+erzeugt nicht mehr, sie deutet nur um. Darin liegt das Negative aller
+Zeitalter dieser Art. Sie setzen den eigentlichen Schöpfungsakt voraus.
+Sie treten nur eine Erbschaft<span class="pagenum" id="Seite_487">[S. 487]</span> von großen Wirklichkeiten an. Blicken
+wir auf die späte Antike und prüfen wir dort, wo das entsprechende
+Ereignis liegt: es hat sich innerhalb des hellenistisch-römischen
+Stoizismus, innerhalb des langen Todeskampfes der apollinischen Seele
+also zugetragen. Gehen wir von Epiktet und Mark Aurel zurück auf
+Sokrates, den geistigen Vater der Stoa, in dem zuerst die Verarmung des
+antiken, großstädtisch und intellektuell gewordnen Lebens ans Licht
+trat: zwischen ihnen liegt die Umwertung aller antiken Seinsideale.
+Blicken wir auf Indien. Als König Asoka lebte, um 300 v.&#8239;Chr., war
+die Umwertung des brahmanischen Lebens vollzogen; man vergleiche die
+vor und nach Buddha niedergeschriebenen Teile des Vedanta. Und wir?
+Innerhalb des ethischen Sozialismus in dem hier festgelegten Sinne,
+als der Grundstimmung der erlöschenden faustischen Seele, ist diese
+Umwertung eben heute im Gange. <em class="gesperrt">Rousseau ist der Ahnherr dieses
+Sozialismus. Rousseau steht neben Sokrates und Buddha, den anderen
+ethischen Wortführern großer Zivilisationen.</em> Seine Ablehnung
+aller großen Kulturformen, aller bedeutungsvollen Konventionen, seine
+berühmte „Rückkehr zur Natur“, sein praktischer Rationalismus gestatten
+keinen Zweifel. Jeder von ihnen hat eine tausendjährige Innerlichkeit
+zu Grabe getragen. Sie predigen das Evangelium der Menschlichkeit,
+aber es ist die Menschlichkeit des intelligenten Stadtmenschen, der
+die Stadt und mit ihr die Kultur satt hat, dessen „reine“ Vernunft
+nach einer Erlösung von ihr und ihrer gebietenden Form, von ihren
+Härten, von ihrer innerlich nicht mehr erlebten und deshalb verhaßten
+Symbolik sucht. Die Kultur wird dialektisch vernichtet. Lassen wir
+die großen Namen des 19. Jahrhunderts vorüberziehen, an die sich für
+uns dies mächtige Phänomen knüpft: Schopenhauer, Hebbel, Wagner,
+Nietzsche, Ibsen, Strindberg, so überblicken wir das, was Nietzsche in
+dem fragmentarischen Vorwort zu seinem unvollendeten Hauptwerk beim
+Namen nannte, die <em class="gesperrt">Heraufkunft des Nihilismus</em>. Sie ist keiner
+der großen Kulturen fremd. Sie gehört mit innerster Notwendigkeit zum
+Greisenalter dieser mächtigen Organismen. Sokrates war Nihilist, Buddha
+war es. Es gibt eine ägyptische, arabische, chinesische so gut wie
+eine westeuropäische Decadence. Es handelt sich nicht um politische
+und wirtschaftliche,<span class="pagenum" id="Seite_488">[S. 488]</span> nicht einmal um religiöse oder künstlerische
+Verwandlungen an sich. Es handelt sich überhaupt nicht um Greifbares,
+nicht um materielle Fakta, sondern um das Wesen einer Seele, die ihre
+Möglichkeiten restlos verwirklicht hat. Man wende nicht die großen
+Leistungen gerade des Hellenismus und der westeuropäischen Modernität
+ein. Sklavenwirtschaft und Maschinenindustrie, „Fortschritt“ und
+Ataraxia, Alexandrinismus und moderne Wissenschaft, Pergamon und
+Bayreuth, soziale Zustände, wie sie die Politeia des Aristoteles
+und das Kapital von Marx voraussetzen, sind lediglich Symptome im
+historischen Oberflächenbilde. Es handelt sich nicht um das äußere
+Leben, um Lebenshaltung, Institutionen, Sitten, sondern um die Tiefe,
+um den <em class="gesperrt">innern</em> Tod. Für die Antike trat er zur Römerzeit ein. Für
+uns gehört er der Zeit um 2000 an.</p>
+
+<p>Kultur und Zivilisation — das ist der lebendige Leib eines Seelentums
+und seine Mumie. So unterscheidet sich das westeuropäische Dasein vor
+1800 und nach 1800, das Leben in Fülle und Selbstverständlichkeit,
+dessen Gestalt von innen heraus gewachsen und geworden ist, und zwar
+in <em class="gesperrt">einem</em> mächtigen Zuge von den Kindertagen der Gotik an bis
+zu Goethe und Napoleon, und jenes späte, künstliche, wurzellose Leben
+unsrer großen Städte, dessen Formen der Intellekt konstruiert. Kultur
+und Zivilisation — das ist ein aus der Landschaft geborener Organismus
+und der aus seiner Erstarrung hervorgegangene Mechanismus. Hier
+erscheint wieder der Unterschied von Werden und Gewordensein, von Seele
+und Gehirn, von Ethischem und Logischem, endlich von gefühlter Historie
+— das ist die Ehrfurcht vor Satzung und Tradition — und erkannter
+Natur — das ist die vermeintliche Natur, die reine, gleichmachende,
+vom Bann der großen Form erlösende, zu welcher man zurückkehren
+will. Buddha verneint den historischen Unterschied von Brahmanen
+und Tschandala, die Stoiker den von Hellenen, Sklaven und Barbaren,
+Rousseau den von Privilegierten und Leibeignen. Der Kulturmensch lebt
+nach innen, der zivilisierte Mensch nach außen, im Raume, unter Körpern
+und „Tatsachen“. Was der eine als Schicksal empfindet, erscheint dem
+andern als Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Man ist von nun an
+Materialist in einem, nur für die Zivilisation gültigen Sinne, ob<span class="pagenum" id="Seite_489">[S. 489]</span> man
+es will oder nicht, und ob buddhistische, stoische, sozialistische
+Lehren sich idealistisch geben oder nicht.</p>
+
+<p>Dem gotischen und dorischen Menschen, dem Menschen der Ionik und des
+Barock wird die ganze ungeheure Formenwelt von Kunst, Religion, Sitte,
+Staat, Wissen, Gesellschaft leicht. Er trägt und verwirklicht sie,
+ohne sie zu kennen. Er besitzt dem Symbolischen der Kultur gegenüber
+dieselbe ungezwungene Meisterschaft, wie sie Mozart in seiner Kunst
+besaß. Kultur ist das Selbstverständliche. Das Gefühl einer Fremdheit
+unter diesen Formen, das einer Last, welche die Freiheit des Schaffens
+aufhebt, die Nötigung, das Vorhandene rationalistisch zu prüfen, der
+Zwang des feindseligen Nachdenkens sind die ersten Symptome einer
+ermattenden Seele. Erst der Kranke fühlt seine Glieder. Daß man eine
+„natürliche“ Religion konstruiert und sich gegen Kulte und Dogmen
+auflehnt, daß ein Naturrecht den historischen Rechten entgegengestellt
+wird, daß man in der Kunst Stile „entwirft“, weil <em class="gesperrt">der</em> Stil
+nicht mehr ertragen und gemeistert wird, daß man den Staat als
+„Gesellschaftsordnung“, als Mechanismus sieht, den man ändern könne,
+sogar ändern müsse (und neben Rousseaus <i>contrat social</i> stehen
+völlig gleichbedeutende Erzeugnisse der Zeit des Aristoteles), das
+alles beweist, daß etwas endgültig zerfallen ist. Die Weltstadt selbst
+steht als Extrem von Anorganischem inmitten der Kulturlandschaft da,
+deren Menschentum sie von seinen Wurzeln löst, an sich zieht und
+verbraucht.</p>
+
+<p>Wissenschaftliche Welten sind oberflächliche Welten, praktische,
+seelenlose, rein extensive Welten. Sie liegen den Anschauungen des
+Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus zugrunde.<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[108]</a> Das Leben nicht
+mehr mit kaum bewußter, wahlloser Selbstverständlichkeit leben, es als
+gottgewolltes Schicksal hinnehmen, sondern es problematisch finden, es
+auf Grund intellektueller Einsichten in Szene setzen, „zweckmäßig“,
+„vernunftgemäß“ — das ist in allen drei Fällen der Hintergrund.
+Das Gehirn regiert, weil die Seele abdankte. Kulturmenschen leben
+unbewußt, Tatsachenmenschen leben bewußt. Das Leben selbst<span class="pagenum" id="Seite_490">[S. 490]</span> ist eine
+„Tatsache“. Das im Boden wurzelnde Bauerntum vor den Toren der großen
+Städte, die jetzt — skeptisch, praktisch, künstlich — <em class="gesperrt">allein</em>
+die Zivilisation repräsentieren, zählt nicht mehr mit. „Volk“ — das
+ist jetzt Stadtvolk, anorganische Masse, etwas Fluktuierendes. Der
+Bauer ist <em class="gesperrt">nicht</em> Demokrat — denn auch dieser Begriff gehört zum
+mechanischen, städtischen Dasein —, folglich übersieht, belächelt,
+verachtet, haßt man ihn. Er ist nach dem Schwinden der alten Stände,
+Adel und Priestertum, der einzige <em class="gesperrt">organische</em> Mensch, eine
+übriggebliebene Reminiszenz der Kultur. Er findet weder im stoischen
+noch im sozialistischen Denken einen Platz.</p>
+
+<p>So ruft der Faust des ersten Teils der Tragödie, der leidenschaftliche
+Forscher in einsamen Mitternächten, folgerichtig den des zweiten Teils
+und des neuen Jahrhunderts hervor, den Typus einer rein praktischen,
+weitschauenden, nach außen gerichteten Tätigkeit. Hier hat Goethe
+psychologisch die ganze Zukunft Westeuropas vorweggenommen. Das ist
+Zivilisation an Stelle von Kultur, der äußere Mechanismus statt des
+innern Organismus, der Intellekt als das seelische Petrefakt an Stelle
+der erloschenen Seele selbst. So wie Faust am Anfang und Ende der
+Dichtung, stehen sich innerhalb der Antike der Hellene zur Zeit des
+Perikles und der Römer zur Zeit Cäsars gegenüber.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Buddhismus_15">15</h4>
+
+</div>
+
+<p>Solange der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur einfach vor
+sich hin lebt, natürlich und selbstverständlich, hat sein Leben eine
+wahllose Haltung. Das ist seine <em class="gesperrt">instinktive</em> Moral, die sich in
+tausend umstrittene Formeln verkleiden mag, die man aber selbst nicht
+bestreitet, weil man sie <em class="gesperrt">hat</em>. Sobald das Leben ermüdet, sobald
+man — auf dem künstlichen Boden großer Städte, die jetzt geistige
+Welten für sich sind — eine Theorie braucht, um es zweckmäßig in Szene
+zu setzen, sobald das Leben Objekt der Betrachtung geworden ist, wird
+die Moral zum <em class="gesperrt">Problem</em>. Kulturmoral ist die Moral, welche man
+hat, zivilisierte die, welche man sucht. Die eine ist zu tief, um auf
+logischem Wege erschöpft zu werden, die andre ist eine <em class="gesperrt">Funktion</em>
+der Logik. Noch bei Kant und Plato ist die Ethik bloße<span class="pagenum" id="Seite_491">[S. 491]</span> Dialektik, ein
+Spiel mit Begriffen, die Abrundung eines metaphysischen Systems. Man
+hätte sie nicht nötig gehabt. Der kategorische Imperativ ist lediglich
+die abstrakte Fassung dessen, was für Kant gar nicht in Frage stand.
+Von Zenon und Schopenhauer an gilt das nicht mehr. Da mußte als Regel
+des Seins gefunden, erfunden, erzwungen werden, was instinktiv nicht
+mehr gesichert war. An dieser Stelle beginnt die zivilisierte Ethik,
+die nicht der Reflex des Lebens auf die Erkenntnis, sondern der
+Reflex der Erkenntnis auf das Leben ist. Man fühlt etwas Künstliches,
+Seelenloses und Halbwahres in all diesen <em class="gesperrt">erdachten</em> Systemen,
+welche Epochen dieser Art füllen. Das sind nicht mehr innerlichste,
+beinahe überirdische Schöpfungen, die ebenbürtig neben den großen
+Künsten stehen. Jetzt verschwindet alle Metaphysik großen Stils,
+alle reine Intuition vor dem einen, was plötzlich nottut, vor der
+Konzeption einer <em class="gesperrt">praktischen</em> Moral, die das Leben regeln soll,
+weil es sich selbst nicht mehr regeln kann. Die Philosophie war bis
+auf Kant, Aristoteles und den Vedanta eine Folge mächtiger Weltsysteme
+gewesen, in denen die <em class="gesperrt">formale</em> Ethik einen bescheidnen Platz
+fand. Sie wird jetzt Moralphilosophie, mit einer Metaphysik als
+Folie. Die erkenntnistheoretische Leidenschaft tritt den Vorrang an
+die praktische Notdurft ab: Sozialismus, Stoizismus, Buddhismus sind
+Philosophien dieses Stils. Damit ist die Zivilisation eingeleitet.
+Das Leben war rein organisch gewesen, notwendigster und erfüllter
+Ausdruck einer Seele; es wird jetzt anorganisch, <em class="gesperrt">seelenlos</em>
+unter der Vormundschaft des Verstandes. Man hat dies — und darin
+liegt der typische Irrtum im Selbstgefühl aller Zivilisationen — als
+wachsende Vollendung empfunden. Aber dieser Geist des weltstädtischen
+Menschentums stellt keine Erhöhung des Seelischen dar, sondern den
+Rest, der hervortritt, nachdem die ganze organische Fülle des Übrigen
+erstorben und zerfallen ist.</p>
+
+<p>Die Welt statt aus der Höhe, wie Äschylus, Plato, Dante, Goethe,
+unter dem Gesichtspunkt der alltäglichen Notdurft und andrängenden
+Wirklichkeit betrachten, das nenne ich <em class="gesperrt">die Vogelperspektive des
+Lebens mit der Froschperspektive vertauschen</em>. Und eben das ist
+der Abstieg von der Kultur, zur Zivilisation. Jede Ethik formuliert
+den Blick der Seele auf ihr<span class="pagenum" id="Seite_492">[S. 492]</span> Schicksal: heroisch oder praktisch,
+groß oder gemein, männlich oder greisenhaft. Und so unterscheide ich
+eine <em class="gesperrt">tragische</em> und eine <em class="gesperrt">Plebejermoral</em>. Die tragische
+Moral einer Kultur kennt und begreift die Schwere des Seins, aber
+sie zieht daraus das Gefühl des Stolzes, es zu tragen. So empfanden
+Äschylus, Shakespeare und die Denker der brahmanischen Philosophie,
+so Dante und der germanische Katholizismus. Das liegt in dem wilden
+Schlachtchoral des Luthertums: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ und
+das klingt selbst noch in der Marseillaise nach. Die Plebejermoral des
+Epikur und der Stoa, der Sekten der Buddhazeit, des 19. Jahrhunderts
+macht einen Schlachtplan zurecht, das Schicksal zu umgehen. Sie
+sieht in der Welt nicht Gott, sondern einen Inbegriff von Tatsachen.
+Schicksal — das ist für sie der vom Gehirn zu ermittelnde Nexus
+von Ursache und Wirkung. Was sie unter Geschichte begreift, lehrt
+dementsprechend die materialistische Geschichtsauffassung. Es ist
+eine höchst zweckmäßige Lebensauffassung, welche von nun an die
+große Vergangenheit unpraktisch findet, sie verhöhnt und belächelt.
+Darin hatte Nietzsche sicher recht: die attische Tragödie entsprang
+der Überfülle des Lebens. Das Unvermeidliche mit Würde tragen, dem
+Schicksal, den Göttern gegenüber Mann und Held bleiben — das war
+apollinisch gefühlt. Hier hätte er weiter gehen und die Zeiten
+vergleichen sollen. Was Äschylus groß tat, das tat die Stoa klein.
+Das war nicht mehr Fülle, sondern Armut, Kälte und Leere des Lebens
+und die Römer haben diese intellektuelle Kälte und Leere nur zum
+Großartigen gesteigert. Und dasselbe Verhältnis besteht zwischen
+dem ethischen Pathos der großen Meister des Barock, Shakespeare,
+Bach, Kant, Goethe, dem männlichen Willen, <em class="gesperrt">innerlich</em> Herr der
+natürlichen Dinge zu sein, weil man sie tief unter sich weiß, und
+dem greisenhaften Willen der europäischen Modernität, sie sich — in
+Gestalt der Fürsorge, der Humanität, des Weltfriedens, der Technik,
+des Zwangsstaates, des Glückes der meisten — <em class="gesperrt">äußerlich</em> aus dem
+Wege zu schaffen, weil man sich mit ihnen auf derselben Ebene weiß.
+Auch das ist Wille zur Macht im Gegensatz zur antiken Duldung des
+Unabwendbaren; auch darin liegt Leidenschaft und Hang zum Unendlichen,
+aber es ist ein Unterschied zwischen metaphysischer und materieller
+Größe im Überwinden.<span class="pagenum" id="Seite_493">[S. 493]</span> Die Tiefe fehlt, das, was der frühere Mensch
+Gott nannte. Das bedeutet der Niedergang der westeuropäischen
+Poesie von der Gestaltung letzter Weltgeheimnisse zur Tendenzpoesie
+dieser Tage mit ihren ephemeren Lösungen sozialer und sexueller
+Oberflächenprobleme, die das Maximum dessen darstellen, was man noch
+begreift. Das faustische Weltgefühl der <em class="gesperrt">Tat</em>, wie es von den
+Staufen und Welfen bis auf Friedrich den Großen, Goethe und Napoleon
+in jedem großen Menschen wirksam war, verflachte zu einer Philosophie
+der <em class="gesperrt">Arbeit</em>, wobei es für das seelische Niveau gleichgültig
+ist, ob man sie verteidigt oder verurteilt. Der Kulturbegriff der Tat
+und der zivilisierte — seelenlose — Begriff der Arbeit verhalten
+sich genau so wie die Haltung des äschyleischen Prometheus zu der
+des Diogenes. Der eine ist ein Dulder, der andere ist faul. Galilei,
+Kepler, Newton brachten es zu Taten, der moderne Physiker <em class="gesperrt">leistet
+eine Arbeit</em>. Plebejermoral, triviale Wirklichkeitsmoral auf der
+Basis des alltäglichen Daseins und des „gesunden Menschenverstandes“
+ist es, was trotz aller großen Worte von Schopenhauer bis zu Shaw
+jeder Lebensbetrachtung zugrunde liegt. Hebbel und Nietzsche, die
+dem zu widersprechen scheinen, sind nicht Offenbarungen einer echten
+tragischen Moral; sie wollen es nur sein. Eine Sache verteidigen oder
+bekämpfen — das sind nur verschiedene Ausdrucksformen derselben innern
+Bedingungen. Wer heute die Philosophie der Arbeit verneint, ist kein
+verspäteter Mediceer, sondern ein Snob. Wer das schrankenlose Recht des
+einzelnen auf den Schild hebt, gibt dem Sozialismus nur eine pikante
+Wendung. Auch Nietzsche ist ein Dekadent, ein Sozialist, ein Arbeiter.
+Er hat selbst keinen Zweifel darüber gelassen. Seine Lehre (die von
+seiner persönlichen Haltung sehr verschieden ist) ist Gegensatz und
+Umkehrung von etwas anderm, das dennoch zu Recht besteht, nichts
+innerlich Ursprüngliches. Sein aristokratischer Geschmack, der durch
+seine darwinistisch-physiologischen Neigungen jeden Augenblick in Frage
+gestellt wird, ist nichts weniger als wahllos und selbstverständlich,
+ist vielmehr das gewaltsame Pathos eines verspäteten Faust auf
+südlichen Bergen, der mit aller Leidenschaft des Nordens sein Schicksal
+verleugnen, der vom Plebejertum loskommen will, das er in allen
+Gliedern spürt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_494">[S. 494]</span></p>
+
+<h4 id="Buddhismus_16">16</h4>
+
+</div>
+
+<p>Der Abstieg von der Vogel- zur Froschperspektive in den großen Fragen
+des Lebens verkleidet sich in die Maske jener berühmten „Rückkehr
+zur Natur“, die <em class="gesperrt">jede</em> Kultur in einer eignen Gestalt kennt und
+deren faustische Fassung Rousseau gegeben hat. Man braucht nicht
+notwendig an soziale Wandlungen zu denken, auch die Kunst vollzieht
+eine Rückkehr zur Natur. Man vergegenwärtige sich, wie dem Auftreten
+der ionischen neben der dorischen Säulenordnung — dem Übergang
+von heroischer Größe zu bürgerlicher Anmut, von der antiken Gotik
+zum antiken Rokoko — der weitere Abstieg zur korinthischen Säule,
+der <em class="gesperrt">zivilisierten</em> Erfindung des Kallimachos, folgt. Auch
+das ist Rückkehr zur Natur, die das unverhüllte Motiv der Pflanze
+wieder heraufrief als Zeichen pflanzenhaften Daseins, zugleich ein
+Symptom sinkender Gestaltungskraft, die diesen letzten schöpferischen
+Geschmack der Antike neben die klassizistische Baukunst der Goethezeit,
+das Empire, stellt. Die groß gesehene, groß empfundene Natur, das
+Weltbild, das durch und durch von Seele erfüllt ist, beginnt der
+„natürlichen“, brutalen, begriffenen Natur zu weichen. Was die Antike
+durch die historische Folge der drei Säulenordnungen mit seltener
+Klarheit gestaltete, ist der Weg von früher zu später Kultur und von
+da zur Zivilisation, der Weg von der Kunst als Religion zur Kunst als
+Wissenschaft.</p>
+
+<p>Wenn im Bereiche der Kunst irgendwo der Begriff Natur auftaucht, so
+stellt er jedesmal einen <em class="gesperrt">Gegenbegriff</em> im eigentlichsten Sinne
+dar, die geistige Negation von etwas, wogegen das Leben sich auflehnt,
+eine Größe, die der <em class="gesperrt">Widerspruch</em> geprägt und gestaltet hat. Die
+„Natur“ der Empfindsamen bedeutete eine schüchterne Auflehnung gegen
+den großen Stil, den man nicht mehr ertrug. Die Natur Rousseaus ist
+bereits ein Bild, das als Negation der Kultur überhaupt konzipiert ist.
+Was die große Stadt, die vornehme Gesellschaft, der absolute Staat,
+die Metaphysik, die formstrenge Kunst <em class="gesperrt">nicht</em> sind — <em class="gesperrt">das
+ist Natur</em>. „Kultur“ erscheint jetzt als die große Krankheit des
+natürlichen Menschen. Der Philosoph, der Politiker, der Künstler hassen
+sie, und weil die Jahrhunderte hoher Kultur Geschichte im höchsten
+Sinne, <em class="gesperrt">die</em> eigentliche Geschichte des Menschen<span class="pagenum" id="Seite_495">[S. 495]</span> sind, so
+empfindet man diese eingebildete Natur als das <em class="gesperrt">Antihistorische</em>,
+als das, was die Gehirne von dem Alpdruck der großen Vergangenheit
+befreit. Folgerichtig gehört zu ihr neben der träumerischen Sehnsucht
+nach Alpengipfeln, Urwäldern und Wüsten jener antihistorische
+Naturmensch, der den <i>contrat social</i> voraussetzt und der von der
+städtisch-rationalistischen Einbildungskraft als die fleischgewordene
+Plebejermoral aus lauter Negationen der tragischen Moral konzipiert
+wurde. Ob man es will oder nicht, die Vorstellung dieses Menschen
+liegt der gesamten praktischen Philosophie der ethischen Periode
+zugrunde. Er ist der geheime Held aller Sozialdramatik von Hebbel bis
+Ibsen, die mit ihren sozialen und sexuellen Problemen die eigentliche
+Negation des wahrhaft Tragischen ist. Er ist auch der Held jeder
+politischen und wirtschaftlichen „Gesellschaftsordnung“, die an Stelle
+historischer Staatsgebilde in zivilisierten Köpfen spukt. Es ist ein
+und dasselbe, was die Sophisten in Athen, die Sankhyaphilosophen am
+Ganges, die Sensualisten in London und Paris innerhalb ihrer Epoche
+zur Erscheinung bringen. Man empfand die große, allumfassende, den
+ganzen Reichtum der Seele spiegelnde Form als Last. Man predigte — in
+allen drei Fällen — die „natürlichen Rechte“ des Menschen gegenüber
+der Tradition, das heißt gegenüber der nicht mehr zu ertragenden
+Größe seiner Vergangenheit, das Recht auf die Froschperspektive in
+Lebensfragen gegenüber der Vogelperspektive der Vorfahren. Daher
+jener tiefe, rationalistische Haß gegen Autorität und Satzung, jene
+revolutionäre Sucht — auch bei Nietzsche, auch bei Buddha — sozial,
+politisch, künstlerisch <em class="gesperrt">Gewachsenes</em> zu vermeiden, zu verachten
+oder zu vernichten und die anorganischen Resultate wissenschaftlicher
+Analyse an seine Stelle zu setzen, was man in wunderlicher Verdrehung
+der Fakta als den Ersatz von Künstlichem durch Natürliches bezeichnete,
+kurz die innere Auflehnung <em class="gesperrt">gegen den Makrokosmos</em>, den Inbegriff
+der Kultur, den der „letzte Mensch“ nicht mehr als eigen empfindet und
+deshalb in seinen äußeren historischen Resten haßt. Darin liegt die
+Identität der faustischen „Umwertung aller Werte“ mit dem apollinischen
+Ideal des Diogenes, die sich lediglich als eine streng dynamische und
+streng statische Fassung des Nihilismus unterscheiden.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_496">[S. 496]</span></p>
+
+<h4 id="Buddhismus_17">17</h4>
+
+</div>
+
+<p>Jede Kultur hat also <em class="gesperrt">ihre eigene Art zu sterben</em> und <em class="gesperrt">nur</em>
+die eine, die aus ihrem ganzen Leben mit tiefster Notwendigkeit
+folgt. Deshalb sind Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus morphologisch
+gleichwertige Phänomene.</p>
+
+<p>Auch der Buddhismus, dessen letzten Sinn man bisher immer mißverstanden
+hat. Das ist <em class="gesperrt">keine</em> puritanische Bewegung wie der Islam und der
+Jansenismus, keine Reformation wie die dionysische Strömung gegenüber
+dem Apollinismus und das Luthertum dem Katholizismus gegenüber,
+keine neue Religion, überhaupt keine Religion wie die der Veden
+und des Apostels Paulus,<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[109]</a> sondern eine letzte rein praktische
+Weltstimmung müder Großstadtmenschen, die eine abgeschlossene Kultur
+im Rücken und keine Zukunft vor sich haben; er ist das Grundgefühl der
+indischen Zivilisation und deshalb mit dem Stoizismus und Sozialismus
+„gleichzeitig“ und gleichwertig. Die Quintessenz dieser durchaus
+weltlichen, nicht metaphysischen Gesinnung findet sich in der berühmten
+Predigt von Benares „Die vier heiligen Wahrheiten vom Leiden“, durch
+welche der philosophierende Prinz seine ersten Anhänger gewann. Ihre
+Wurzeln liegen in der rationalistisch-atheistischen Sankhyaphilosophie,
+deren Theorie stillschweigend vorausgesetzt wird, ganz wie die
+Sozialethik des 19. Jahrhunderts aus dem Sensualismus und Materialismus
+des 18. und die Stoa trotz ihrer flachen Verwertung Heraklits von
+Demokrit, Protagoras und den Sophisten stammt. Die Allmacht der
+Vernunft ist in jedem Falle der Ausgangspunkt der moralischen
+Überlegung. Von Religion ist keine Rede. Nichts kann religionsfremder
+sein als diese Systeme in ihrer ursprünglichen Gestalt. Was aus ihnen
+in den letzten Stadien der Zivilisation wird, steht hier nicht in Frage.</p>
+
+<p>Der Buddhismus lehnt alles Nachdenken über Gott und die kosmischen
+Probleme ab. Nur das Selbst, nur die Einrichtung des wirklichen
+Lebens ist ihm wichtig. Auch eine Seele wird<span class="pagenum" id="Seite_497">[S. 497]</span> nicht anerkannt. Wie
+der westeuropäische Psychologe der Gegenwart — und mit ihm der
+Sozialist — den innern Menschen als Empfindungsbündel, als Häufung
+chemo-elektrischer Energien abtut, so der indische der Buddhazeit.
+Der Lehrer Nagasena beweist dem König Milinda, daß die Teile des
+Wagens, auf dem er fährt, nicht der Wagen selbst und „Wagen“ nur ein
+Wort ist — ebenso stehe es mit der Seele. Die seelischen Phänomene
+werden als Skandhas, Haufen, bezeichnet, die vergänglich sind. Das
+entspricht durchaus den Vorstellungen der Assoziationspsychologie.
+Es ist viel Materialismus in der Lehre Buddhas. (Es versteht sich,
+daß jede Kultur ihre eigne, durch ihr gesamtes Weltgefühl in allen
+Einzelheiten bedingte Art von Materialismus besitzt.) Wie sich der
+Stoiker den heraklitischen Begriff des Logos aneignet, um ihn materiell
+zu verflachen, wie der Sozialismus in seinen darwinistischen Grundlagen
+Goethes tiefen Begriff der Entwicklung (durch Hegels Vermittlung)
+mechanisch veräußerlicht, so der Buddhismus den brahmanischen Begriff
+des Karma, des unsrer Denkweise kaum zugänglichen Seinsprinzips, das
+man oft genug ganz materialistisch als Weltstoff behandelt findet.
+Noch ein andres Element ist in ihm fühlbar, obwohl man es nie darin
+gefunden hat: das, was Sokrates und die deutschen Romantiker als Ironie
+bezeichnen, jene seltsame feine Blüte einer Dialektik, die ihrer selbst
+müde ist und die bestürzt und schmerzlich lächelnd ihr Werk, das
+zertrümmerte Weltbild betrachtet.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wir haben drei Formen des Nihilismus vor uns.</em> Die Ideale von
+gestern, die großen religiösen, künstlerischen, staatlichen Formen
+sind abgetan, nur daß selbst dieser letzte Akt der Kultur, ihre
+Selbstverneinung, noch einmal das Ursymbol ihres ganzen Daseins
+zum Ausdruck bringt. Der faustische Nihilist, Ibsen wie Nietzsche,
+Marx wie Wagner, zertrümmert die Ideale, der apollinische, Epikur
+wie Antisthenes und Zenon, läßt sie vor seinen Augen zerfallen, der
+indische zieht sich vor ihnen in sich selbst zurück. Der Stoizismus
+ist auf ein <em class="gesperrt">Sichverhalten des einzelnen</em> gerichtet, auf sein
+statuenhaftes, rein gegenwärtiges Sein, ohne Beziehung auf Zukunft
+und Vergangenheit oder auf andre. Der Sozialismus ist die dynamische
+Behandlung des gleichen Themas: dieselbe pessimistische Tendenz nicht
+auf die Größe, sondern die praktische Not des Lebens, aber mit<span class="pagenum" id="Seite_498">[S. 498]</span> einem
+mächtigen Zug ins Ferne auf die gesamte Zukunft und die gesamte Masse
+der Menschen erstreckt, die dem Prinzip unterworfen werden sollen; der
+Buddhismus, den nur ein religionspsychologischer Dilettant mit dem
+Christentum vergleichen kann,<a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[110]</a> ist durch die Worte abendländischer
+Sprachen kaum wiederzugeben. Es ist erlaubt, von einem stoischen
+Nirwana zu reden und auf die Gestalt des Diogenes zu verweisen; auch
+der Begriff eines sozialistischen Nirwana ist zu rechtfertigen,
+sofern man die Flucht vor dem Kampf ums Dasein ins Auge faßt, wie die
+europäische Müdigkeit sie in die Schlagworte Weltfrieden, Humanität
+und Verbrüderung aller Menschen kleidet. Aber nichts von dem reicht
+an den unheimlich tiefen Begriff des buddhistischen Nirwana heran,
+der in unserm Denkvermögen nicht zu realisieren ist. Es scheint, daß
+die Seele alter Kulturen in ihren letzten Verfeinerungen und sterbend
+wie eifersüchtig auf ihr eigenstes Eigentum, ihren Gehalt an Form,
+auf das mit ihr geborene Ursymbol ist. Es gibt nichts im Buddhismus,
+das „christlich“ sein könnte, nichts im Stoizismus, das im Islam
+von 1000 n.&#8239;Chr. vorkommt, nichts was Konfuzius mit dem Sozialismus
+gemein hätte. Der Satz: <i>si duo faciunt idem, non est idem</i>,
+der an der Spitze jeder historischen Betrachtung stehen sollte, die
+es mit lebendigem, nie sich wiederholendem Werden und nicht mit
+logisch, kausal und zahlenmäßig ergreifbarem Gewordnen zu tun hat,
+gilt ganz besonders von diesen, eine Kulturbewegung abschließenden
+Äußerungen. In allen Zivilisationen wird ein durchseeltes Sein von
+einem durchgeistigten abgelöst, aber dieser Geist ist in jedem
+einzelnen Falle von andrer Struktur und der Formensprache einer andern
+Symbolik unterworfen. Gerade bei aller Einzigkeit des Seins, das in
+der Tiefe, im Unbewußten wirkend diese späten Gebilde der historischen
+Oberfläche schafft, ist deren Verwandtschaft der historischen
+<em class="gesperrt">Stufe</em> nach von entscheidender Bedeutung. Was sie zum Ausdruck
+bringen, ist verschieden, daß sie es <em class="gesperrt">so</em> zum Ausdruck bringen,
+kennzeichnet sie als „gleichzeitige“<span class="pagenum" id="Seite_499">[S. 499]</span> Phänomene. Stoisch wirkt der
+Verzicht Buddhas, buddhistisch der stoische Verzicht auf das volle
+resolute Leben. Auf das Verhältnis der Katharsis des attischen Dramas
+zur Idee des Nirwana war schon hingewiesen worden. Man hat das
+Gefühl, als sei der Sozialismus, obwohl ein ganzes Jahrhundert sich
+schon seiner ethischen Durchbildung widmete, noch heute nicht in der
+klaren, harten, resignierten Fassung, die seine endgültige sein wird.
+Vielleicht werden die ersten Jahrzehnte nach dem großen Kriege ihm die
+reife Formel geben, wie sie Chrysipp der Stoa gab. Aber stoisch wirkt
+schon heute — in den höheren Sphären — seine Tendenz zur Selbstzucht
+und Entsagung aus dem Bewußtsein einer großen Bestimmung heraus, das
+römisch-preußische, höchst unpopuläre Element in ihm, und buddhistisch
+seine Geringschätzung eines augenblicklichen Behagens (des „<i>carpe
+diem</i>“); epikuräisch erscheint sicherlich das populäre Ideal, dem er
+ausschließlich die Wirksamkeit nach unten verdankt, jener Kultus der
+ἡδονή, nicht des einzelnen für sich, sondern der Ganzheit.</p>
+
+<p>Gemeinsam ist die Lebensgestaltung aus dem Bewußtsein statt aus dem
+Unbewußten. Jetzt liegt das verinnerlichte Leben weit zurück, das mit
+dem wahllosen Ausdruck eines Weltgefühls zusammenfiel. Hier ist kein
+Ausdruck mehr nötig und möglich, denn die Seele hat sich erschöpft und
+das in ihr liegende Mögliche ist restlos Wirklichkeit geworden. Aber
+der Trieb besteht fort und ergreift das durchgeistigte Bewußtsein und
+so entstehen Formen einer ganz andren Art von menschlichem Dasein,
+ein Leben voller Kausalität statt von einem Schicksal getragen, nach
+Grundsätzen der Zweckmäßigkeit geregelt statt von innerer Notwendigkeit
+gestaltet, erkannt statt gefühlt. Es gibt keinen größeren Gegensatz als
+den zwischen einem zivilisierten und einem Kulturmenschen. Selbst der
+primitive Mensch ist dem der dorischen und gotischen Zeit innerlich
+nicht so fremd.</p>
+
+<p>Jede Seele hat Religion. Das ist nur ein andres Wort für ihr Dasein.
+Alle lebendigen Formen, in denen sie sich ausspricht, alle Künste,
+Dogmen, Kulte, metaphysische, mathematische Formenwelten, jedes
+Ornament, jede Säule, jeder Vers, jede Idee ist im Tiefsten religiös
+und <em class="gesperrt">muß</em> es sein. Von nun an <em class="gesperrt">kann</em> es das nicht mehr sein.
+Das Wesen aller Kultur ist Religion,<span class="pagenum" id="Seite_500">[S. 500]</span> <em class="gesperrt">folglich ist das Wesen aller
+Zivilisation Irreligion</em>. Auch das sind zwei Worte für ein und
+dieselbe Erscheinung. Wer das nicht im Schaffen Manets gegen Velasquez,
+Wagners gegen Gluck, Lysipps gegen Phidias, Theokrits gegen Pindar
+herausfühlt, der weiß nichts vom Besten der Kunst. Religiös ist noch
+die Baukunst des Rokoko selbst in ihren „weltlichsten“ Schöpfungen.
+Irreligiös sind die Römerbauten, auch die Tempel der Götter. Mit dem
+Pantheon, der Urmoschee mit dem eindringlich magischen Gottgefühl
+ihres Innenraums, ist das einzige Stück religiöser Baukunst in das
+alte Rom geraten. Die Weltstädte selbst sind den alten Kulturstädten
+gegenüber, Alexandria gegen Athen, Berlin gegen Nürnberg, in allen
+Einzelheiten bis in das Straßenbild, die Sprache, den trocken
+intelligenten Zug der Gesichter<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[111]</a> hinein irreligiös (was man nicht
+mit antireligiös zu verwechseln hat). Und irreligiös, seelenlos sind
+demnach auch diese ethischen Weltstimmungen, die durchaus in die
+Formenwelt der Weltstadtphänomene gehören. Der Sozialismus ist das
+irreligiös gewordene faustische Lebensgefühl; das besagt auch das
+vermeintliche („wahre“) Christentum, das der Sozialist so gern im Munde
+führt und unter dem er etwas wie eine „dogmenlose Moral“ versteht.
+Irreligiös sind Stoizismus und Buddhismus im Verhältnis zur homerischen
+und vedischen Religion und es ist ganz Nebensache, ob der römische
+Stoiker den Kaiserkult billigt und ausübt, der spätere Buddhist seinen
+Atheismus mit Überzeugung bestreitet, der Sozialist sich freireligiös
+nennt oder auch „weiterhin an Gott glaubt“.</p>
+
+<p>Dies Erlöschen der lebendigen inneren Religiosität, welche auch den
+unbedeutendsten Zug des Daseins gestaltet und erfüllt, ist es, was im
+historischen Weltbilde als die Wendung der Kultur zur Zivilisation
+erscheint, als das <em class="gesperrt">Klimakterium der Kultur</em>, wie ich es früher
+nannte, als der Moment, wo die seelische Fruchtbarkeit einer Art von
+Mensch für immer erschöpft ist und die Konstruktion an Stelle der
+Zeugung tritt. Faßt man das Wort Unfruchtbarkeit in seiner vollen
+ursprünglichen Schwere, so bezeichnet es das <em class="gesperrt">ganze</em> Schicksal
+des weltstädtischen Gehirnmenschen<span class="pagenum" id="Seite_501">[S. 501]</span> und es gehört zum Bedeutsamsten
+der geschichtlichen Symbolik, daß diese Wendung sich nicht nur im
+Erlöschen der großen Kunst, der großen Denksysteme, des großen Stils,
+sondern auch ganz materiell in der Kinderlosigkeit und dem Rassentod
+der zivilisierten, vom Lande abgelösten Schichten ausspricht, ein
+Phänomen, das in der römischen Kaiserzeit viel bemerkt und beklagt,
+aber notwendigerweise nicht gemildert werden konnte. Dieses Faktum
+und seine Folgen für die Geschlechter der Nachgeborenen auszudrücken
+ist die Aufgabe und der Sinn aller „modernen“ Philosophien seit
+Buddha, Zenon und Schopenhauer. Und daraus folgt weiter: Wie jede
+Zivilisation eine <em class="gesperrt">eigne</em> ethische Fassung ihrer Existenz besitzt,
+so hat sie auch <em class="gesperrt">nur</em> die eine. Es ist die verstandesmäßige und
+zweckmäßige, aus der Not, nicht der Fülle geborene Fassung dessen,
+was bisher im Unbewußten wirksam gewesen war. Das Heraufheben des
+Unbewußten — Schicksalhaften, Tragischen — an das Licht des
+geistigen Bewußtseins, wo es zum logischen und kausalen Mechanismus
+erstarrt: das ist innerhalb einer jeden Philosophie (deren Geschichte
+jedesmal die Biographie eines Organismus mit Geburt, Jugend, Alter
+und Tod ist) der Abschluß der metaphysischen und der Anbruch der
+weltstädtisch-ethischen Periode. Wie ein und dasselbe Weltgefühl
+sich in der brahmanischen, ionischen, Barockmetaphysik in vielfachen
+realistischen und idealistischen Konzeptionen offenbart, ohne daß die
+einzelnen Denker etwas in der Tiefe wirklich Verschiedenes hätten
+ausdrücken wollen und können, so ist es ein und dasselbe Ideal des
+bewußten Lebens, das die gesamte Geistigkeit einer Zivilisation
+in tausend Verkleidungen beschäftigt. Man muß den Stoizismus als
+Lehrmeinung und als allgemeinen Geist der Zeit unterscheiden. Im
+letzten Falle schließt er auch Epikur, die Akademiker, Skeptiker und
+Zyniker ein. Das Ideal des abgeklärten, mit sich allein beschäftigten
+Weisen ist ihnen gemeinsam. Es sind lediglich Unterschiede des
+persönlichen Geschmacks und Temperaments innerhalb der antiken
+Menschlichkeit, die es so oder so formulieren. Und dasselbe gilt im
+Abendlande. Schopenhauer und Nietzsche, Mitleidsmoral und Herrenmoral,
+der verneinte und bejahte Wille zum Leben: das ist im tiefsten dasselbe
+und nur im gedanklichen Stil verschieden. Die Tendenz<span class="pagenum" id="Seite_502">[S. 502]</span> zum Anarchismus,
+wie man sie etwa bei Stirner und Ibsen findet, ist lediglich eine
+Nuance des allgemeinen Sozialismus. Es gehört zu den Unterschieden
+des privaten Charakters, ob man das faustische Weltgefühl, den
+Weltanspruch des Ich, das sich mit dem Unendlichen eins weiß, vom Ich
+oder vom Unendlichen aus, subjektiv oder objektiv, idealistisch oder
+realistisch also, in eine wissenschaftliche Ordnung bringt. Das erste
+führt zu einer anarchistischen (individualistischen), das andre zu
+einer sozialistischen (kollektivistischen) Grundstimmung in Fragen des
+äußeren Lebens. Die Beschaffenheit des Lebens selbst wird dadurch nicht
+berührt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Buddhismus_18">18</h4>
+
+</div>
+
+<p>Mit dem Anbruch einer Zivilisation ist das Sittliche also aus einer
+Gestalt des Herzens zu einem Prinzip des Kopfes geworden, aus einem
+schlechthin vorhandenen Phänomen zu einem Mittel und Objekt, das man
+handhabt. Es <em class="gesperrt">offenbart</em> sich nicht mehr durch jeden Zug des
+Lebens, es wird begründet und befolgt.</p>
+
+<p>Angesichts dieser neuen intellektuellen Bildungen darf man über ihr
+lebendiges Substrat nicht im Zweifel sein, den „neuen Menschen“
+nämlich, als der er hoffnungsvoll von allen Niedergangszeiten empfunden
+worden ist. Es ist der formlos in den großen Städten fluktuierende
+Pöbel an Stelle des Volkes, die wurzellose städtische Masse, οἱ πολλοί,
+wie man in Athen sagte, an Stelle des mit der Natur verwachsenen,
+selbst auf dem Boden der Städte noch bäuerlichen Menschentums
+einer Kulturlandschaft. Es ist der Agorabesucher Alexandrias und
+Roms und sein „Zeitgenosse“, der heutige Zeitungsleser; es ist der
+„Gebildete“, jenes Kunstprodukt einer nivellierenden städtischen
+Erziehung durch Schule und Öffentlichkeit, damals wie heute; es ist
+der antike und abendländische Mensch der Theater und Vergnügungsorte,
+des Sports und der Literatur des Tages. Diese spät erscheinende
+Masse und <em class="gesperrt">nicht</em> „die Menschheit“ ist Objekt der stoischen
+und sozialistischen Propaganda, und man könnte ihr gleichbedeutende
+Erscheinungen des ägyptischen Neuen Reiches, des buddhistischen Indien,
+des konfuzianischen China zur Seite stellen.</p>
+
+<p>Dem entspricht eine charakteristische Form der öffentlichen
+Wirksamkeit, die <em class="gesperrt">Diatribe</em>. Zuerst als spätantike Erscheinung<span class="pagenum" id="Seite_503">[S. 503]</span>
+betrachtet, gehört sie zu den Wirkungsformen <em class="gesperrt">jeder</em> Zivilisation.
+Durch und durch dialektisch, praktisch, plebejisch, ersetzt sie
+die bedeutsame, weithin wirkende Gestalt großer Menschen durch
+schrankenlose Agitation der Kleinen, aber Klugen, Ideen durch Zwecke,
+Symbole durch Programme. Das Expansive jeder Zivilisation, der
+imperialistische Ersatz der Zeit durch den Raum, kennzeichnet auch sie:
+die Quantität ersetzt die Qualität, die Verbreitung die Vertiefung. Man
+verwechsle diese hastige Aktivität nicht mit dem faustischen Willen zur
+Macht. Sie verrät nur, daß ein schöpferisches Innenleben zu Ende und
+eine geistige Existenz nur nach außen, im Raume, nur materiell aufrecht
+zu erhalten ist. Die Diatribe gehört notwendig zur „Religion der
+Irreligiösen“; sie ist deren „Seelsorge“. Sie erscheint als indische
+Predigt, als antike Rhetorik, als abendländischer Journalismus. Sie
+wendet sich an die Meisten, nicht an die Besten. Sie wertet ihre Mittel
+nach der <em class="gesperrt">Zahl</em> der Erfolge. Sie setzt anstelle des Denkertums
+alter Zeiten die <em class="gesperrt">intellektuelle männliche Prostitution</em> in Rede
+und Schrift, wie sie alle Säle und Plätze der Weltstädte füllt und
+beherrscht. Rhetorisch ist die gesamte Philosophie des Hellenismus,
+journalistisch der Roman Zolas wie das Drama Ibsens. Man verwechsle
+diese geistige Prostitution nicht mit dem ursprünglichen Auftreten des
+Christentums. Die christliche Mission ist in ihrem Wesenskern beinahe
+immer mißverstanden worden. Aber das Urchristentum, die <em class="gesperrt">magische</em>
+Religion des Stifters, dessen Seele dieser brutalen Aktivität ohne Takt
+und Tiefe gar nicht fähig war, ist erst durch die hellenistische Praxis
+des Paulus — bekanntlich unter schroffstem Widerspruch der Urgemeinde
+— in die lärmende städtische demagogische Öffentlichkeit des Imperium
+Romanum hineingezogen worden. Mag seine hellenistische Bildung noch so
+oberflächlich gewesen sein (er war und blieb Jude, nicht Stoiker), sie
+hat ihn nach außen zu einem Gliede der antiken Zivilisation gemacht.
+Paulus hat nur die Richtung, <em class="gesperrt">nicht die Form</em> seiner Wirksamkeit
+gewechselt: das bedeutet der Tag von Damaskus. Das „Gehet hin in alle
+Welt und lehret alle Völker“, gleichviel wem die Worte in den Mund
+gelegt sind, ist ein Satz von spätantikem, stoischem, zivilisiertem
+Gepräge, der nicht, wie das früheste Christentum in seiner abgelegenen<span class="pagenum" id="Seite_504">[S. 504]</span>
+primitiven Landschaft, eine ertagende Kultur, sondern eine über
+formlosen Menschenmassen verscheidende Zivilisation kennzeichnet, und
+der damals als praktische Maxime in alle Zeitreligionen, Isis- und
+Mithraskult, Neuplatonismus und Manichäismus eingedrungen war, sobald
+sie aus ihrer östlichen Heimat auf antiken Boden traten. Nicht das
+Christentum hat sich mittels der Diatribe der antiken Welt bemächtigt,
+die Antike hat es durch sie sich angeeignet. „Alle Völker“, — damit
+war durchaus nicht die bäuerliche Bevölkerung des flachen Landes
+gemeint, die in keiner Zivilisation mitzählt. Christus hatte Fischer
+und Bauern an sich gezogen, Paulus hielt sich an die Agora der großen
+Städte und also an die großstädtische Form der Propaganda. Das Wort
+Heide (<i>paganus</i>) verrät noch heute, auf wen sie <em class="gesperrt">zuletzt</em>
+wirkte. Wie verschieden ist Paulus von Bonifacius! Der tief germanische
+Bonifaciustyp bedeutet in seiner faustischen Leidenschaft, in Wäldern
+und einsamen Tälern, etwas streng Entgegengesetztes und ebenso die
+heitren Zisterzienser mit ihrem Landbau und die Deutschordensritter
+im slawischen Osten. Das war wieder Jugend, Aufblühen, Sehnsucht
+inmitten einer bäuerlichen Landschaft. Erst im 19. Jahrhundert
+erscheint die Diatribe auf diesem mittlerweile gealterten Boden mit
+allem, was ihr wesenhaft ist, mit der großen Stadt als Basis und der
+Masse als Publikum. Das echte Bauerntum fällt für den Sozialismus so
+wenig in den Kreis der Betrachtung wie für Buddha und die Stoa. Erst
+hier, in den Städten des europäischen Westens, findet der Paulustyp
+wieder seinesgleichen, mag es sich nun um sektenhafte christliche oder
+antikirchliche, soziale oder biologische Interessen, um Freidenkertum
+oder ephemere Religionsstiftereien handeln.</p>
+
+<p>Zenon und Buddha in Ehren. Auch König Asoka und Mark Aurel, mit denen
+nach Jahrhunderten die letzte Weltstimmung auf den Thron gelangte,
+gehören zu den posthumen Menschen von innerer Kultur. Aber wir
+haben auch in beiden Fällen das Bild der Wirkung ins Breite, eben
+jene buddhistische und stoische Propaganda mit den Scharen platter,
+schmutziger, zudringlicher Salonphilosophen und Wanderredner, den
+Massen seichter Flugschriften und Volksbücher, den schlechten Manieren,
+der gewöhnlichen Gesinnung, den journalistischen Tiraden. Bei<span class="pagenum" id="Seite_505">[S. 505]</span> Lukian
+findet man die berühmte Satire, die Wort für Wort auf Indien und die
+Gegenwart paßt.</p>
+
+<p>Alle antike Philosophie nach Plato und Aristoteles ist Rhetorik.
+Aller Sozialismus im weitesten Sinne, von Schopenhauers Aufsätzen
+bis zu Shaws Essais, Nietzsche nicht ausgenommen, ist nach Form und
+Absicht Journalismus. Die gesamte soziale Dramatik, die Schillers
+sittliche Leidenschaft ins Leben gerufen hat (die „Schaubühne
+als moralische Anstalt“ bis auf Ibsen und Strindberg herab), die
+populäre Naturwissenschaft mit ihren sozialethischen, in die Tierwelt
+projizierten Hinterabsichten, der sich rasch in humane Stimmungen
+auflösende Rest von protestantischem Christentum ist es. Der Dichter
+wird Journalist, der Priester wird Journalist, der Gelehrte wird
+Journalist. Wie tief diese Form einer jeden zivilisierten Ethik
+begründet ist, beweist Nietzsche, dem die Zarathustragestalt unter den
+Händen zu einem Wanderprediger geriet.</p>
+
+<p>Nichts ist für diese entschiedene Wendung zum äußeren Leben, das allein
+übrig geblieben ist, dem biologischen Faktum, dem das Schicksal nur
+noch in der Form von objektiven Tatsachen und Kausalitätsbeziehungen
+erscheint, bezeichnender als das ethische Pathos, mit dem man sich nun
+einer Philosophie der Verdauung, der Ernährung, der Hygiene zuwendet,
+Alkoholfragen und Vegetarismus werden mit religiösem Ernste behandelt,
+augenscheinlich das Gewichtigste an Problemen, zu dem der „neue
+Mensch“ sich aufschwingen kann. So entspricht es der Froschperspektive
+dieser Generationen. Religionen, die an der Schwelle großer Kulturen
+entstehen wie die homerische und vedische, das Christentum Jesu und
+das faustische der ritterlichen Germanen hätten es unter ihrer Würde
+befunden, zu Fragen der Art herabzusteigen. Jetzt steigt man zu ihnen
+hinauf. Der Buddhismus ist ohne dergleichen nicht denkbar. Im Kreise
+der Sophisten, des Antisthenes, der Stoiker und Skeptiker gewinnt
+es große Bedeutung. Schon Aristoteles hat über die Alkoholfrage
+geschrieben, eine ganze Reihe von Philosophen über den Vegetarismus
+und es besteht zwischen der apollinischen und der faustischen Farce
+nur der Unterschied, daß der Zyniker die eigne Verdauung, Shaw die
+Verdauung „aller Menschen“ in sein theoretisches Interesse zieht. Der
+eine entsagt, der andere<span class="pagenum" id="Seite_506">[S. 506]</span> verbietet. Man weiß, wie Nietzsche sich noch
+im Ecce homo darin gefällt, in Fragen dieser Art zu dilettieren.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Buddhismus_19">19</h4>
+
+</div>
+
+<p>Überblicken wir noch einmal den Sozialismus als das faustische
+Beispiel einer zivilisierten, einer intellektuellen, logisierten, von
+Kausalitäten statt vom Schicksal erfüllten Ethik. Was seine Freunde
+und Feinde von ihm sagen, daß er die Gestalt der Zukunft oder daß er
+ein Zeichen des Niederganges sei, ist gleich richtig. Wir alle sind
+Sozialisten, ohne es zu wissen. Wir tragen ihn als Lebensgefühl in uns,
+ob wir wollen oder nicht. Und selbst der Widerstand gegen ihn trägt
+seine Form.</p>
+
+<p>Alle antiken Menschen der späten Zeit waren Stoiker, ohne es zu
+wissen. Das ganze römische Volk, als Körper, als Individualität,
+hat eine stoische Seele; als Zenon lebte, war der populus Romanus,
+dies Volk von Soldaten und Beamten mit einer Götterwelt, in der es
+nur Götter<em class="gesperrt">pflichten</em>, nüchterne, praktische, keine göttlichen
+Abenteuer gibt, eben in der Bildung begriffen. Der echte Römer, gerade
+der, welcher es am entschiedensten bestritten hätte, ist in einem
+strengeren Grade Stoiker, als es je ein Grieche hätte sein können: er
+lebte noch in einer Art ursprünglicher Barbarei, als das antike Dasein
+sich ihr wieder näherte; ihm fehlt der innere Rest von Kultur, der die
+Reinheit des zivilisierten Typus verdunkelt. Die lateinische Sprache,
+durch und durch praktisch und prosaisch, ist die mächtigste Schöpfung
+des Stoizismus geblieben.<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[112]</a></p>
+
+<p>Erinnern wir uns des allgemeinen Grundgedankens, daß Geschichte und
+Natur Gegensätze sind, daß wir, als Ausdruck und Verwirklichung unsres
+Seelischen zwei Welten als Möglichkeiten besitzen, die eine die Natur,
+vom Gewordnen und Erkannten aus gestaltet, von Gesetz, Zahl, Grenze,
+Logik, gesättigt, durch und durch System, Mechanismus, Ursache und
+Wirkung, die andre die Geschichte, unmittelbarer Ausdruck des Werdens
+und Lebens, erschaut, nicht erkannt, von einer andern Logik und
+Notwendigkeit, die nicht in Worte zu fassen<span class="pagenum" id="Seite_507">[S. 507]</span> ist, der des Schicksals.
+Beide stehen einander gegenüber wie Leben und Tod, Richtung und
+Ausdehnung, ewige Zukunft und ewige Vergangenheit.</p>
+
+<p>Der Zivilisation liegt das Gefühl der Natur, der schon gewordnen,
+abgeschlossenen, erkannten, toten Welt zugrunde. Der Schritt von einer
+Kultur zur Zivilisation läßt sich als die Metamorphose der Historie
+in naturhafte Formen bezeichnen. Dies ist der geheimste Sinn jener
+„Rückkehr zur Natur“, zur starren, vernunftmäßigen, gesetzmäßigen
+Natur nämlich, der Wendung vom Schicksal zum Kausalen. Der faustische
+Mensch des zivilisierten Stadiums, dessen Welt sich als ein Unendliches
+kausaler Zusammenhänge repräsentiert, für den sich in Ursache und
+Wirkung, Mittel und Zweck ihr Wesen erschöpft, <em class="gesperrt">ist</em> Sozialist.
+Das ist die Form seiner geistigen Existenz.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Sozialismus ist das überhaupt erreichbare Maximum eines
+Lebensgefühls unter dem Aspekt von Zwecken.</em> Denn die bewegte
+Richtung des Seins, in den Worten Zeit und Schicksal fühlbar, bildet
+sich, sobald sie starr, bewußt, erkannt ist, in den Mechanismus von
+Mittel und Zweck um. Richtung ist das Lebendige, Zweck das Tote.
+Faustisch ist die Leidenschaft des Vordringens, sozialistisch der
+mechanische Rest, der „Fortschritt“. Sie verhalten sich wie der Leib
+zum Skelett. Dies ist zugleich der Unterschied des Sozialismus vom
+Buddhismus und Stoizismus, die mit den Idealen des Nirwana und der
+Ataraxia ebenso mechanisch gestimmt sind, aber nicht die dynamische
+Leidenschaft der dritten Dimension, den Willen zum Unendlichen, das
+Pathos der Ausdehnung kennen.</p>
+
+<p>Der Sozialismus ist — trotz seiner oberflächlichen Illusionen — kein
+System des Mitleids, der Humanität, des Friedens und der Fürsorge,
+sondern des Willens zur Macht. Alles andere ist Selbsttäuschung. Das
+Ziel ist durchaus imperialistisch: Wohlfahrt, aber im expansiven Sinne,
+nicht der Kranken, sondern der Tatkräftigen, denen man die Freiheit des
+Wirkens geben will, ungehemmt durch die Widerstände des Besitzes, der
+Geburt, der Tradition. Gefühlsmoral, Moral auf den Nutzen hin ist bei
+uns nie der letzte Instinkt, so oft es sich die Träger dieser Instinkte
+einbilden. Man wird immer an die Spitze der moralischen Modernität
+Kant, in diesem Falle den Schüler Rousseaus stellen<span class="pagenum" id="Seite_508">[S. 508]</span> müssen, dessen
+Ethik das Motiv des Mitleids ablehnt und den Satz prägt: „<em class="gesperrt">Handle
+so</em>, daß —“. Alle Ethik dieses Stils will Ausdruck des Willens zum
+Unendlichen sein und dieser Wille fordert Überwindung des Augenblicks,
+der Gegenwart, der Vordergründe des Lebens. An Stelle der sokratischen
+Formel: „Wissen ist Tugend“ setzte schon Bacon den Spruch: „Wissen ist
+Macht“. Der Stoiker nimmt die Welt, wie sie ist: Der Sozialist will sie
+der Form, dem Gehalte nach organisieren, umprägen, mit <em class="gesperrt">seinem</em>
+Geiste erfüllen. Der Stoiker paßt sich an. Der Sozialist befiehlt.
+Die ganze Welt soll die Form <em class="gesperrt">seiner</em> Anschauung tragen — so
+läßt sich die Idee der „Kritik der reinen Vernunft“ ins Ethische
+umsetzen. Das ist der letzte Sinn des kategorischen Imperativs, den
+er aufs Politische, Soziale, Wirtschaftliche anwendet: Handle so, als
+ob die Maxime deines Handelns <em class="gesperrt">durch deinen Willen zum allgemeinen
+Naturgesetz werden sollte</em>. Und diese tyrannische Tendenz ist selbst
+den flachsten Erscheinungen der Zeit nicht fremd.</p>
+
+<p>Der Sozialismus ist zweitens eine seelische Dynamik. Nicht die Haltung
+und Gebärde, die <em class="gesperrt">Wirksamkeit</em> soll gestaltet werden. Das Leben
+kommt nur in Betracht, insofern es Tat ist. Und erst so, durch die
+Mechanisierung des organischen Prinzips der Tat, entsteht die Idee
+<em class="gesperrt">der Arbeit als der zivilisierten Form faustischen Wirkens</em>.
+Diese Moral, der Drang, dem Leben die denkbar aktivste Form zu geben,
+ist stärker als die Vernunft, deren Moralprogramme, sie mögen noch
+so geheiligt, inbrünstig geglaubt, leidenschaftlich verteidigt sein,
+nur insoweit wirken, als sie in der Richtung dieses Dranges liegen
+oder in ihr mißverstanden werden. Im übrigen bleiben sie Worte. Man
+unterscheide in aller Modernität wohl die populäre (antik empfundene,
+statische) Seite, das süße Nichtstun, die Sorge um Gesundheit,
+Glück, Sorglosigkeit, den allgemeinen Frieden, kurz das vermeintlich
+Christliche von dem höheren Ethos, das nur die Tat wertet, das den
+Massen — wie alles Faustische — weder verständlich noch erwünscht
+ist, die großartige <em class="gesperrt">Idealisierung des Zweckes und also der
+Arbeit</em>. Will man dem römischen „<i>Panem et circenses</i>“, dem
+letzten epikuräisch-stoischen Lebenssymbol, das entsprechende Symbol
+des Nordens zur Seite stellen, so muß es das <em class="gesperrt">Recht auf Arbeit</em>
+sein, das schon dem durch und<span class="pagenum" id="Seite_509">[S. 509]</span> durch preußisch empfundenen, heute
+europäisch gewordnen Staatssozialismus Fichtes zugrunde liegt und das
+in den letzten, furchtbarsten Stadien dieser Entwicklung in der Pflicht
+zur Arbeit gipfeln wird.</p>
+
+<p>Endlich das Napoleonische in ihm, das <i>aere perennius</i>, der Wille
+zur Dauer, der Zukunft. Der ahistorische apollinische Mensch sah auf
+ein goldenes Zeitalter <em class="gesperrt">zurück</em>; das enthob ihn des Nachdenkens
+über das Kommende. Der Sozialist — der sterbende Faust — ist der
+Mensch der historischen Sorge, des Künftigen, das er als Aufgabe und
+Ziel empfindet, demgegenüber das Glück des Augenblicks verächtlich
+wird. Der antike Geist mit seinen Orakeln und Vogelzeichen will die
+Zukunft nur <em class="gesperrt">wissen</em>, der abendländische will sie <em class="gesperrt">schaffen</em>.
+Das <em class="gesperrt">dritte Reich</em> ist das germanische Ideal, ein ewiges Morgen,
+an das alle großen Menschen von Dante bis Nietzsche und Ibsen — Pfeile
+der Sehnsucht nach dem andern Ufer, wie es im Zarathustra heißt —
+ihr Leben knüpften. Alexanders Leben war ein wundervoller Rausch, ein
+Traum, in dem das homerische Zeitalter noch einmal heraufbeschworen
+wurde; Napoleons Leben war eine ungeheure Arbeit, nicht für sich, nicht
+für Frankreich, sondern für die Zukunft überhaupt.</p>
+
+<p>An dieser Stelle greife ich zurück und erinnere noch einmal
+daran, wie verschieden die großen Kulturen sich das Wesen der
+<em class="gesperrt">Weltgeschichte</em> vorgestellt haben: Der antike Mensch sah nur
+sich, seine Geschicke als ruhende Nähe und fragte nicht nach dem
+Woher und Wohin. Universalhistorie ist ihm ein unmöglicher Begriff.
+Das ist die statische Geschichtsauffassung. Der magische Mensch
+sieht Geschichte als das große Weltdrama zwischen Schöpfung und
+Untergang, das Ringen zwischen Seele und Geist, Gut und Böse, Gott
+und Teufel, eine streng begrenzte Aktion mit einer <em class="gesperrt">einmaligen</em>
+Katastrophe als Höhepunkt: der Erscheinung des Erlösers. Der faustische
+Mensch sieht in der Geschichte eine gespannte Entwicklung auf ein
+<em class="gesperrt">Ziel</em>. Die Reihe: Altertum — Mittelalter — Neuzeit ist eine
+<em class="gesperrt">dynamische</em> Idee. Er <em class="gesperrt">kann</em> sich Geschichte gar nicht anders
+vorstellen, und wenn dies nicht Weltgeschichte an sich und überhaupt,
+sondern das Bild einer Weltgeschichte faustischen Stils ist, das mit
+der westeuropäischen Kultur beginnt und aufhört, wahr und vorhanden<span class="pagenum" id="Seite_510">[S. 510]</span> zu
+sein, so ist der Sozialismus die logische, praktische Krönung dieser
+Vorstellung. In ihm erhält das Bild den von der Gotik an vorbereiteten
+Abschluß.</p>
+
+<p>Und hier wird der Sozialismus — im Gegensatz zum Stoizismus und
+Buddhismus — tragisch. Es ist bedeutsam, daß Nietzsche von höchster
+Klarheit ist, sobald es sich um die Frage handelt, was zertrümmert, was
+umgewertet werden soll; er verliert sich in nebelhafte Allgemeinheiten,
+sobald das Wozu, das Ziel in Rede steht. Seine Kritik der Dekadence
+ist tief, seine Übermenschenlehre ist eine Marotte. Und dasselbe gilt
+von Ibsen — von Brand und Rosmersholm, Julian Apostata und Baumeister
+Solneß —, von Hebbel, von Wagner, von allen. Und darin liegt eine
+tiefe Notwendigkeit, denn von Rousseau an gibt es für den faustischen
+Menschen nichts mehr zu hoffen. Hier ist etwas zu Ende. Die nordische
+Seele hat ihre innern Möglichkeiten erschöpft und es blieb nur noch
+der dynamische Sturm und Drang, wie er sich in welthistorischen
+Zukunftsvisionen äußert, die mit Jahrtausenden messen, der Trieb,
+die schöpferische Leidenschaft, eine geistige Daseinsform ohne
+Inhalt. Diese Seele war Wille, Kraft und nichts andres; sie brauchte
+ein Ziel für ihre Kolumbussehnsucht; sie <em class="gesperrt">mußte</em> einen Gehalt
+ihrer Wirksamkeit sich wenigstens vortäuschen, und so findet der
+feinere Beobachter einen Zug von Hjalmar Ekdal in aller Modernität,
+auch in ihren höchsten Erscheinungen. Ibsen hat es die Lebenslüge
+genannt. Nun, etwas von ihr liegt in der gesamten Geistigkeit der
+westeuropäischen Zivilisation, insoweit sie auf eine religiöse,
+künstlerische, philosophische Zukunft, ein immaterielles Ziel, ein
+drittes Reich sich richtet, während in der tiefsten Tiefe ein dumpfes
+Gefühl nicht schweigen will, daß diese ganze Wirksamkeit Schein,
+die verzweifelte Selbsttäuschung einer historischen Seele ist. Aus
+dieser tragischen Situation — der Umkehrung des Hamletmotivs — ist
+Nietzsches gewaltsame Konzeption der Ewigen Wiederkunft hervorgegangen,
+an die er niemals mit gutem Gewissen geglaubt hat, die er aber trotzdem
+festhielt, um seine Verkünderrolle zu retten. Auf dieser Lebenslüge
+ruht <em class="gesperrt">Bayreuth</em>, das etwas sein <em class="gesperrt">wollte</em> im Gegensatz zu
+Pergamon, das etwas <em class="gesperrt">war</em>. Und ein Zug dieser Lüge haftet dem
+gesamten politischen, wirtschaftlichen, ethischen Sozialismus an,
+der gewaltsam über den <em class="gesperrt">vernichtenden</em><span class="pagenum" id="Seite_511">[S. 511]</span> Ernst seiner Resultate
+schweigt, um die Illusion eines letzten Glückszustandes zu retten.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Buddhismus_20">20</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es bleibt noch ein Wort über die Geschichte der Philosophie zu sagen,
+deren Morphologie ein Problem darstellt, das nicht einmal entdeckt,
+geschweige denn gelöst worden ist.</p>
+
+<p>Es gibt keine Philosophie überhaupt; jede Kultur hat ihre eigne;
+sie ist ein Teil ihres symbolischen Gesamtausdruckes, ein Stück
+verwirklichten Seelentums. Sie entspricht als Phänomen den Formenwelten
+der Mathematik und der großen Künste. Ihre Konzeptionen stehen neben
+den entscheidenden Werken der Kunst, der Divina Comedia, dem Parzeval,
+den Tragödien des Äschylus. Ihre Systeme haben Stil. Sie sind trotz der
+äußeren Verknüpfung mit wissenschaftlicher Erfahrung freie Geburten
+schöpferischer Geister. Jede Kultur hat aber auch ihre Philosophie des
+Aufstiegs und des Niedergangs, eine metaphysische Periode, wo das Leben
+noch Chaos in sich hat und aus einer Überfülle heraus weltgestaltend
+wirkt, und eine ethische, wo das erschöpfte Leben auf sich selbst
+Bedacht nehmen und den Rest von Gestaltungskraft auf die Fragen des
+Tages verwenden muß. Die erste gehört zu den höheren Wirkungen einer
+Kultur: die brahmanische, ionische, Barockphilosophie. Die zweite ist
+zivilisierter Natur und beschränkt ihre Gültigkeit auf den Bannkreis
+der großen Städte und die Wesensform des intellektuellen Menschen. In
+der einen <em class="gesperrt">offenbart</em> sich das Leben, die andre nimmt das Leben
+— von außen — zum Objekt. In der ersten finden wir von Anaximander
+bis auf Plato und von Descartes bis auf Kant herab eine dichte Reihe
+großer Gestalter. In ihnen durchdringt das apollinische und faustische
+Seelentum das All und sucht sich seiner Geheimnisse zu bemächtigen.
+So sehr die Logik mit ihren feinsten Mitteln zur Anwendung kommt, all
+diesen Schöpfungen von tiefster Selbstverständlichkeit liegt eine
+<em class="gesperrt">Intuition</em> zugrunde, der sich alles fügt. Noch das kantische
+System ist in seinen letzten Zügen <em class="gesperrt">geschaut</em> und <em class="gesperrt">danach</em>
+erst durch logische und systematische Prinzipien fixiert und geordnet
+worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_512">[S. 512]</span></p>
+
+<p>Ein Beweis ist das Verhältnis zur Mathematik, deren Sinn als einer
+unmittelbaren Intuition des Gewordnen — durch die Konzeption der Idee
+einer Zahl, deren Typus immer nur einer einzigen Kultur wesenhaft ist
+— hier zum erstenmal festgestellt wurde. Wer nicht in die Formenwelt
+der Zahlen eingedrungen ist, wer sie nicht als Symbole in sich erlebt,
+ist kein Metaphysiker. In der Tat waren es die großen Philosophen
+des Barock, Descartes, Pascal, Hobbes, Leibniz, welche die Analysis
+geschaffen haben, und das Entsprechende gilt von den Vorsokratikern und
+Plato. Leibniz ist neben Newton und Gauß, Plato und Pythagoras sind
+neben Archimedes Gipfel der mathematischen Entwicklung. Aber schon Kant
+ist als Mathematiker ohne Bedeutung. Er ist in die letzten Feinheiten
+der damaligen Infinitesimalrechnung so wenig eingedrungen, als er
+Leibnizens Axiomatik begriffen hat. Darin ist er seinem „Zeitgenossen“
+Aristoteles gleich, der ebenfalls Dilettant <i>in mathematicis</i> war,
+und von nun an zählt kein Philosoph in der Mathematik mehr mit. Kant
+ist sehr unglücklich in der Heranziehung von geometrischen Beweisen
+für seine Erkenntnistheorie, und die Kritik der reinen Vernunft
+verrät, daß ihm nur die Elementarmathematik wirklich lebendig ist,
+zum großen Schaden seiner Raum- und Zeittheorie, die eine Prüfung
+durch die schwersten Fragen der Infinitesimalrechnung erfordert hätte.
+Fichte, Hegel, Schelling endlich sind völlig unmathematisch, so gut
+wie Zenon und Epikur. Schopenhauer ist schwach bis zur Borniertheit,
+von Nietzsches gelegentlichen seltsamen Leistungen ganz zu schweigen.
+Aber auch das ist „Rückkehr zur Natur“. Mit der Formenwelt der Zahlen
+ging eine große Konvention verloren. Seitdem fehlt es nicht nur an
+einer Tektonik der Systeme, es fehlt auch an dem, was man den <em class="gesperrt">großen
+Stil</em> des Denkens nennen darf. Schopenhauer hat sich selbst
+einen Gelegenheitsdenker genannt. Man erinnere sich der Beziehung
+der Mathematik zur Plastik und Musik. Kant und Plato bezeichnen
+die Schwelle. Die „Philosophie ohne Mathematik“ beginnt. Die Ethik
+ist im Begriff, über ihren Rang als Teil einer abstrakten Theorie
+hinauszuwachsen. Von nun an ist die Ethik <em class="gesperrt">die</em> Philosophie,
+welche die andern Gebiete sich einverleibt, das heißt: nicht der
+Makrokosmos, sondern das praktische Leben rückt in den Mittelpunkt
+der Betrachtung. Der<span class="pagenum" id="Seite_513">[S. 513]</span> Horizont ist eng geworden. Die Leidenschaft des
+reinen Denkens sinkt. Die Metaphysik, Herrin von gestern, wird zur
+Dienerin von heute. Sie hat nur noch das Fundament zu bilden, das eine
+praktische Gesinnung trägt. Und das Fundament wird immer überflüssiger.
+Man vernachlässigt, man verspottet das Metaphysische, das Unpraktische,
+die „Steine statt des Brotes“. Bei Schopenhauer ist es das vierte
+Buch, um dessentwillen die drei ersten da sind. Kant glaubte nur,
+daß es bei ihm so wäre. In der Tat ist ihm noch die reine, nicht die
+praktische Vernunft Mittelpunkt der Schöpfung. Genau so scheidet
+sich die antike Philosophie vor und nach Aristoteles: dort ein groß
+aufgefaßter Kosmos, kaum bereichert durch eine formale Ethik, hier
+die Ethik selbst, als Programm, als Not, auf der Basis einer nebenher
+und flüchtig konzipierten Metaphysik. Und man fühlt, daß die logische
+Gewissenlosigkeit, mit der zum Beispiel Nietzsche derlei Theorien
+schnell hinwirft, gar nicht imstande ist, den Wert seiner eigentlichen
+Philosophie herabzusetzen.</p>
+
+<p>Bekanntlich ist Schopenhauer (Neue Paralipomena § 656) nicht von seiner
+Metaphysik zum Pessimismus, sondern vom Pessimismus, der ihn in seinem
+17. Jahre überfiel, zur Konstruktion seines Systems gekommen. Shaw,
+ein sehr merkwürdiger Zeuge, macht im Ibsenbrevier darauf aufmerksam,
+daß man bei Schopenhauer — wie er sich ausdrückt — sehr wohl seine
+Philosophie annehmen kann, während man seine Metaphysik ablehnt. Damit
+ist instinktiv das gesondert, wodurch er der erste Denker der neuen
+Zeit war, und das, was einer veralteten Tradition nach damals zu einer
+vollständigen Philosophie gehörte. Niemand würde diese Trennung bei
+Kant vornehmen. Sie würde auch nicht gelingen. Bei Nietzsche aber läßt
+sich leicht feststellen, daß seine „Philosophie“ durchaus ein inneres,
+sehr frühes Erlebnis war, während er seinen Bedarf an Metaphysik an
+der Hand einiger Bücher schnell und mangelhaft genug herstellte und
+nicht einmal seine ethische Lehre exakt darzustellen vermochte. Genau
+dieselbe Überlagerung einer lebendigen, zeitgemäßen und einer von der
+Gewohnheit geforderten metaphysischen Gedankenschicht läßt sich bei
+Epikur und den Stoikern nachweisen. Diese Erscheinung gestattet über
+das Wesen einer zivilisierten Philosophie keinen Zweifel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_514">[S. 514]</span></p>
+
+<p>Die Metaphysik hat ihre Möglichkeiten erschöpft. Die Weltstadt hat
+das Land endgültig überwunden und ihr Geist bildet sich jetzt eine
+eigne, notwendigerweise nach außen gerichtete, mechanistische,
+seelenlose Theorie. Mit einem gewissen Rechte sagt man von nun an
+Gehirn statt Seele. Und da im westeuropäischen Gehirn der Wille zur
+Macht, die tyrannische Richtung auf die Zukunft, auf Organisation
+der Gesamtheit nach praktischem Ausdruck verlangt, so nimmt die
+Ethik, je mehr sie ihre metaphysische Vergangenheit aus den Augen
+verliert, <em class="gesperrt">nationalökonomischen</em> Charakter an. Die von Hegel und
+Schopenhauer ausgehende Philosophie der Gegenwart, soweit sie den Geist
+der Zeit repräsentiert — was Lotze und Herbart z.&#8239;B. nicht tun — ist
+<em class="gesperrt">Gesellschaftskritik</em>.</p>
+
+<p>Die Aufmerksamkeit, welche der Stoiker dem eigenen Körper, dem σῶμα,
+zuwendet, widmet der abendländische Mensch dem Gesellschaftskörper.
+Es ist kein Zufall, daß aus der Schule Hegels der Sozialismus (Marx,
+Engels), der Anarchismus (Stirner) und die Problematik des sozialen
+Dramas (Hebbel) hervorgingen. Der Sozialismus ist die ins Ethische,
+und zwar ins <em class="gesperrt">Imperativische</em> umgewandte Nationalökonomie.
+Solange es eine Metaphysik großen Stils gab, bis auf Kant, blieb
+die Nationalökonomie eine <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>. Sobald „Philosophie“
+gleichbedeutend mit praktischer Ethik wurde, trat sie an Stelle der
+Mathematik als <em class="gesperrt">Normativ des Weltdenkens</em>.</p>
+
+<p>Es steht dem Philosophen nicht frei, seine Stoffe zu wählen, so wenig
+die Philosophie immer und überall dieselben Stoffe hat. Es gibt
+keine ewigen Fragen, es gibt nur Fragen, die aus dem Dasein eines
+historisch-individuellen Menschentums, einer <em class="gesperrt">einzelnen</em> Kultur
+heraus gefühlt und gestellt werden. „Alles Vergängliche ist nur ein
+Gleichnis“ — das gilt auch von jeder echten Philosophie als dem
+geistigen Ausdruck dieses Daseins, als der Verwirklichung seelischer
+Möglichkeiten in einer Formenwelt von Begriffen, Gedanken, Intuitionen,
+zusammengefaßt in der lebendigen Erscheinung ihres Urhebers. Eine
+jede ist vom ersten bis zum letzten Wort, vom abstraktesten Thema
+bis zum persönlichsten Charakterzuge ein Gewordnes, aus der Seele in
+die Welt, aus dem Reiche der Freiheit in das der Notwendigkeit, aus
+dem unmittelbar Lebendigen ins Räumlich-Logische<span class="pagenum" id="Seite_515">[S. 515]</span> projiziert, reines
+Symbol einer historisch begrenzten Art des Menschlichen und mithin
+vergänglich, von bestimmtem Tempo, von bestimmter Lebensdauer. Deshalb
+liegt eine strenge Notwendigkeit in der Wahl des Themas. Jede Epoche
+hat ihr eignes, das für sie und keine andre bedeutend ist. Hier sich
+nicht zu vergreifen, kennzeichnet den gebornen Philosophen. Der Rest
+der philosophischen Produktion ist belanglos, bloße Fachwissenschaft,
+langweilige Häufung systematischer und stofflicher Subtilitäten.</p>
+
+<p>Und deshalb ist die Philosophie des 19. Jahrhunderts <em class="gesperrt">nur</em> Ethik,
+nur Gesellschaftskritik in produktivem Sinne und nichts außerdem.
+Deshalb sind, von Praktikern abgesehen, <em class="gesperrt">Dramatiker</em> — das
+entspricht der faustischen Aktivität — ihre bedeutendsten Vertreter,
+neben denen kein einziger Kathederphilosoph mit seiner Logik,
+Psychologie oder Systematik in Betracht kommt. Nur dem Umstande, daß
+diese Unbedeutenden, bloße Gelehrte, immer auch die Geschichte der
+Philosophie — und was für eine Geschichte! Eine Summation von Personen
+und „Ergebnissen“ — geschrieben haben, verdankt man es, daß niemand
+heute weiß, was Geschichte der Philosophie ist und was sie sein könnte.</p>
+
+<p>Die tiefe organische Einheit im Denken dieser Epoche ist deshalb noch
+nie durchschaut worden. Man kann ihren philosophischen Kern dadurch auf
+eine Formel bringen, daß man sich fragt, inwiefern Shaw der Schüler
+und Vollender Nietzsches ist. Diese Beziehung ist zunächst durchaus
+nicht ironisch gemeint. Unter einem Denker verstehe ich den, der seine
+Zeit repräsentiert, indem er ihren lebendigen Inhalt (der mit dem
+aktuellen wenig oder nichts zu tun hat) in endgültige geistige Formen
+bringt. In seiner Analyse des Griechentums ist Nietzsche nur insoweit
+Denker und nicht Philologe oder Plauderer, als er unter dieser Maske
+sein Problem der Decadence gestaltet. In seinen Komödien ist Shaw nur
+insoweit Denker und nicht bloß Nationalökonom und Journalist, als
+seine Probleme auch in antiker Fassung hätten erscheinen können. Man
+muß nur ihr Wesentliches von ihrer äußern Tendenz zu unterscheiden
+wissen. Shaw ist der einzige Denker von Bedeutung, der konsequent in
+der Richtung des echten Nietzsche fortgeschritten ist, als produktiver
+Kritiker der abendländischen Moral nämlich, wie er andrerseits<span class="pagenum" id="Seite_516">[S. 516]</span> als
+Dichter die letzten Konsequenzen Ibsens zog und den Rest künstlerischer
+Gestaltung in seinen Stücken zugunsten praktischer Diskussionen aufgab,
+wobei „Denker“ und „Dichter“ bei diesem letzten und schon ein wenig
+epigonenhaften Glied der Reihe nun doch mit der nötigen Ironie gesagt
+wird, selbst wenn man die Differenz zwischen deutschem und englischem
+Geist, zwischen dem Ausklang einer posthumen, fast unterirdischen
+Kultur, die eben in Nietzsche überraschend ans Licht trat, und einer
+in sich vollendeten, rein gehirnlichen Zivilisation, zwischen einer
+Vogelperspektive, zu der immer wieder der Flug genommen, und der
+Froschperspektive, die mit borniertem Behagen eingehalten wird, vorher
+subtrahiert hat.</p>
+
+<p>Nietzsche ist in allem und jedem, soweit nicht der verspätete
+Romantiker in ihm Stil, Klang und Haltung seiner Philosophie bestimmt
+hat, ein Schüler materialistischer Jahrzehnte gewesen. Was ihn an
+Schopenhauer leidenschaftlich anzog, ohne daß es ihm oder irgendjemand
+anders bis zum heutigen Tage zum Bewußtsein gekommen wäre, ist
+dasjenige Element seiner Lehre, durch welches er die Metaphysik
+großen Stils zerstörte, durch das er seinen Meister Kant unfreiwillig
+parodiert hat, die Wendung aller tiefen Begriffe des Barock ins
+massiv Greifbare und Mechanistische. Kant redet in unzulänglichen
+Worten, hinter denen sich eine gewaltige, schwer zugängliche Intuition
+verbirgt, von der Welt als Erscheinung; Schopenhauer nennt das die Welt
+als Gehirnphänomen. In ihm vollzieht sich die Wendung der tragischen
+Philosophie zum philosophischen Plebejertum. Es genügt, eine Stelle
+zu zitieren. In der „Welt als Wille und Vorstellung“ (II, Kapitel
+19) heißt es: „Der Wille, als das Ding an sich, macht das innere,
+wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus: an sich selbst ist er
+jedoch bewußtlos. Denn das Bewußtsein ist bedingt durch den Intellekt,
+und dieser ist ein bloßes Akzidens unseres Wesens; denn er ist eine
+Funktion des Gehirns, welches, nebst den ihm anhängenden Nerven und
+Rückenmark, eine bloße Frucht, ein Produkt, ja insofern ein Parasit
+des übrigen Organismus ist, als es nicht direkt eingreift in dessen
+inneres Getriebe, sondern dem Zweck der Selbsterhaltung bloß dadurch
+dient, daß es die Verhältnisse desselben zur Außenwelt reguliert.“
+Das ist genau das Grundprinzip des<span class="pagenum" id="Seite_517">[S. 517]</span> seichtesten Materialismus. Nicht
+umsonst war Schopenhauer, wie einst Rousseau, zu den englischen
+Sensualisten in die Lehre gegangen. Dort lernte er Kant im Geiste der
+großstädtischen, aufs Zweckmäßige gerichteten Modernität mißverstehen.
+Der Intellekt als Werkzeug des Willens zum Leben,<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[113]</a> als Waffe im
+Kampf ums Dasein, das, was Shaw in eine groteske dramatische Form und
+Bergson in ein epigonenhaftes, aus deutschen Denkern zusammengestelltes
+System gebracht hat, dieser Weltaspekt Schopenhauers war es, der
+ihn beim Erscheinen von Darwins Hauptwerk (1859) mit einem Schlage
+zum Modephilosophen machte. Er war im Gegensatz zu Schelling, Hegel
+und Fichte der einzige, dessen metaphysische Formeln dem geistigen
+Mittelstand ohne Schwierigkeit eingingen. Seine Klarheit, auf die er
+stolz war, ist in jedem Augenblick in Gefahr, sich als Trivialität
+zu enthüllen. Hier konnte man, ohne auf Formeln zu verzichten, die
+eine Atmosphäre von Tiefsinn und Exklusivität um sich breiteten,
+die gesamte zivilisierte Weltanschauung sich zu eigen machen. Sein
+System ist <em class="gesperrt">antizipierter Darwinismus</em>, dem die Sprache Kants und
+die Begriffe der Inder nur zur Verkleidung dienten. In seinem Buche
+„Über den Willen in der Natur“ (1835) finden wir schon den Kampf um
+die Selbstbehauptung in der Natur, den menschlichen Intellekt als
+die wirksamste Waffe in ihm, die Geschlechtsliebe als die unbewußte
+Wahl<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[114]</a> aus biologischem Interesse.</p>
+
+<p>Es ist die gesamte Lehre, die Darwin auf dem Umweg über Hegel
+und Malthus mit sensationellem Erfolge in das Bild der Tierwelt
+hineininterpretierte. Die nationalökonomische Herkunft des Darwinismus
+— die man erst künftig verstehen wird, wenn die Menschen nicht mehr
+Darwinisten aus Instinkt sind, bevor die „Entstehung der Arten“ sie
+zu solchen aus Überzeugung macht — wird glänzend bewiesen durch die
+Tatsache, daß dieses System, von der Menschenähnlichkeit höherer
+Tiere<span class="pagenum" id="Seite_518">[S. 518]</span> aus gedacht, schon auf die Pflanzenwelt nicht mehr paßt und
+in Albernheiten ausartet, wenn man es mit seiner Willenstendenz
+(Zuchtwahl, <i>mimicry</i>) auch auf primitive organische Formen
+anwenden will. Beweisen nennt der abendländische Biologe, eine Auswahl
+von Tatsachen so ordnen und bildhaft so erklären, daß sie seinem
+historisch-dynamischen Grundgefühl „Entwicklung“ entspricht. Der
+„Darwinismus“, d.&#8239;h. jene Summe sehr verschiedenartiger und einander
+widersprechender Ansichten, deren Gemeinsames lediglich die Anwendung
+des Kausalprinzips auf Lebendiges, <em class="gesperrt">also Methode, nicht Resultat</em>
+ist, war schon im 18. Jahrhundert in allen Einzelheiten bekannt. Die
+Affentheorie verteidigt Rousseau schon 1754. Von Darwin stammt nur
+das manchesterliche System, dessen Popularität sich aus dem latenten
+politischen Gehalt erklärt.</p>
+
+<p>Hier offenbart sich die geistige Einheit des Jahrhunderts. Von
+Schopenhauer bis zu Shaw haben alle, ohne es zu ahnen, dasselbe
+Prinzip in Form gebracht. Sie werden alle vom Entwicklungsgedanken
+geleitet, auch die, welche wie Hebbel nichts von Darwin wußten,
+und zwar nicht in seiner tiefen Goetheschen, sondern in seiner
+flachen zivilisierten Fassung, mag sie nun nationalökonomisches oder
+biologisches Gepräge tragen. Auch innerhalb der Entwicklungsidee,
+die durch und durch faustisch ist, die im strengsten Gegensatz zur
+zeitlosen aristotelischen Entelechie einen leidenschaftlichen Drang
+der unendlichen Zukunft entgegen offenbart, einen <em class="gesperrt">Willen</em>, ein
+<em class="gesperrt">Ziel</em>, die a priori die <em class="gesperrt">Form</em> unserer Naturanschauung
+darstellt und als Gesetz gar nicht erst entdeckt zu werden brauchte,
+weil sie dem faustischen Geiste — und ihm allein — immanent ist,
+vollzog sich die Wandlung der Kultur zur Zivilisation. Bei Goethe, der
+darin zum Barock gehört, ist sie erhaben, bei Darwin flach, bei Goethe
+organisch, bei Darwin mechanisch, bei jenem Erlebnis und Intuition,
+bei diesem Erkenntnis und Gesetz. Dort heißt sie innere Vollendung,
+hier „Fortschritt“. Darwins Kampf ums Dasein, den er in die Natur
+hinein, nicht aus ihr herauslas, ist nur die plebejische Fassung jenes
+Urgefühls, das in Shakespeares Tragödien die großen Wirklichkeiten
+gegeneinander bewegt. Was dort als Schicksal innerlich angeschaut,
+gefühlt und in Gestalten verwirklicht wurde, das wurde hier als
+Kausalnexus<span class="pagenum" id="Seite_519">[S. 519]</span> begriffen und in ein utilitarisches Oberflächensystem
+gebracht. Und dies System, nicht jenes Urgefühl, liegt den Reden
+Zarathustras, der Tragik der „Gespenster“, der Problematik des
+Nibelungenringes zugrunde. Nur daß Schopenhauer, an den Wagner sich
+hielt, als der erste der Reihe seine eigne Erkenntnis entsetzt wahrnahm
+— dies ist die Wurzel seines Pessimismus, der in der Tristanmusik den
+höchsten Ausdruck fand —, während die Späteren, Nietzsche voran, sich
+an ihr, etwas gewaltsam zuweilen, begeisterten.</p>
+
+<p>In Nietzsches Bruch mit Wagner, diesem letzten Ereignis des deutschen
+Geistes, über dem Größe liegt, verbirgt sich sein Wechsel des
+Lehrmeisters, sein Schritt von Schopenhauer zu Darwin, von der
+metaphysischen zur physiologischen Formulierung desselben Weltgefühls,
+von der Verneinung zur Bejahung des Aspekts, den <em class="gesperrt">beide</em>
+anerkennen, nämlich des Willens zum Leben, der mit dem Kampf ums Dasein
+identisch ist. In „Schopenhauer als Erzieher“ bedeutet Entwicklung
+noch inneres Reifen; der Übermensch ist das Produkt einer mechanischen
+„Evolution“. So ist der Zarathustra <em class="gesperrt">ethisch</em> aus einem unbewußten
+Widerspruch gegen den Parsifal, <em class="gesperrt">künstlerisch</em> durchaus von
+diesem bestimmt, aus der Eifersucht eines Verkünders auf den andern,
+entstanden.</p>
+
+<p>Aber Nietzsche war auch Sozialist, ohne es zu wissen. Nicht seine
+Schlagworte, seine Instinkte waren sozialistisch, imperativisch,
+praktisch, auf das physiologische „Heil der Menschheit“ gerichtet,
+woran Goethe und Kant nie gedacht hatten. Materialismus, Sozialismus,
+Darwinismus sind nur künstlich und an der Oberfläche trennbar. So war
+es möglich, daß Shaw den Tendenzen der Herrenmoral und der Züchtung
+des Übermenschen nur eine kleine und sogar konsequente Wendung zu
+geben brauchte, um im dritten Akte von „Mensch und Übermensch“, einem
+der wichtigsten und bezeichnendsten Werke am Ausgang der Epoche, die
+eigentliche Maxime <em class="gesperrt">seines</em> Sozialismus zu erhalten. Shaw hat da
+nur ausgesprochen, aber rücksichtslos, klar, mit dem vollen Bewußtsein
+einer Trivialität, was ursprünglich, mit aller Theatralik Wagners und
+aller Verschwommenheit der Romantik, in den nicht ausgeführten Teilen
+des Zarathustra gesagt werden sollte. Man muß nur die notwendigen
+<em class="gesperrt">praktischen</em>,<span class="pagenum" id="Seite_520">[S. 520]</span> aus der Struktur des gegenwärtigen öffentlichen
+Lebens folgenden Voraussetzungen und Konsequenzen der Gedankengänge
+Nietzsches zu finden wissen. Er bewegt sich in unbestimmten Wendungen
+wie „neue Werte“, „Übermensch“, „Sinn der Erde“ und hütet oder fürchtet
+sich, das genauer zu fassen. Shaw tut es. Nietzsche bemerkt, daß
+die darwinistische Idee des Übermenschen den Begriff der Züchtung
+heraufruft, aber er bleibt bei der klangvollen Phrase stehen. Shaw
+fragt weiter — denn es hat keinen Zweck, darüber zu reden, wenn man
+nichts <em class="gesperrt">tun</em> will —, wie das zu geschehen hat, und er kommt dazu,
+die Verwandlung der Menschheit in ein Gestüt zu verlangen. Aber das
+ist lediglich die Konsequenz Zarathustras, zu der er selbst nur nicht
+den Mut, sei es auch den Mut der Geschmacklosigkeit, hatte. Wenn man
+von Züchtung redet, einem extrem materialistischen und utilitarischen
+Begriff, der die Ehe zu einer sexuellen Institution im Interesse einer
+Gesamtheit und im Hinblick auf ein physiologisches Ziel macht, so ist
+man eine Antwort darauf schuldig, wer zu züchten hat, wen, wo und
+wie. Allein Nietzsches romantische Abneigung, die höchst prosaischen
+sozialen Konsequenzen zu ziehen, seine Furcht, poetische Utopien
+durch Konfrontierung mit tatsächlichen Verhältnissen einer Kraftprobe
+auszusetzen, ließen ihn darüber schweigen, daß seine ganze positive
+Lehre, wie sie aus dem Darwinismus stammt, auch den Sozialismus, und
+zwar den sozialistischen Zwangsstaat als <em class="gesperrt">Mittel</em> voraussetzt, daß
+jeder systematischen Züchtung einer Klasse höherer Menschen eine streng
+sozialistische Gesellschaftsordnung voraufgehen muß und daß diese
+„dionysische“ Idee, da es sich um eine gemeinsame Aktion und nicht um
+eine Privatangelegenheit abseits lebender Denker handelt, demokratisch
+ist, mag man sie wenden, wie man will. Damit hat die ethische Dynamik
+des „Du sollst“ ihren Gipfel erreicht: um der Welt die Form seines
+Willens aufzuerlegen, opfert der faustische Mensch sich selbst.</p>
+
+<p>Schon Schopenhauer hatte vom Herdenmenschen als der Fabrikware der
+Natur gesprochen. Die Züchtung des Übermenschen folgt aus dem Begriff
+der Zuchtwahl. Nietzsche war, seit er Aphorismen schrieb, ein Schüler
+Darwins, aber Darwin selbst hatte den Entwicklungsgedanken des 18.
+Jahrhunderts<span class="pagenum" id="Seite_521">[S. 521]</span> durch nationalökonomische Tendenzen umgeprägt, die er von
+seinem Lehrer Malthus nahm und in das höhere Tierreich projizierte.
+Der Darwinismus ist eine sozialpolitische Konzeption. Malthus hatte
+die Fabrikindustrie von Lancaster studiert, und man findet das ganze
+System, statt auf Tiere auf Menschen angewendet, schon in Buckles
+Geschichte der englischen Zivilisation (1857).</p>
+
+<p>Und so stammt die „Herrenmoral“ dieses letzten Romantikers auf einem
+merkwürdigen, aber für den Sinn der Zeit höchst bezeichnenden Wege
+aus der Quelle aller intellektuellen Modernität, der Atmosphäre der
+englischen Maschinenindustrie. Der Macchiavellismus, den Nietzsche als
+Renaissancephänomen etwas zu oft pries und dessen Verwandtschaft mit
+Darwins Begriff des <i>mimicry</i> man nicht übersehen sollte, war
+damals tatsächlich der im „Kapital“ von Marx — dem andern berühmten
+Jünger von Malthus — behandelte und die Vorstufe dieses seit 1867
+erscheinenden Grundbuches des politischen (nicht des ethischen)
+Sozialismus, die Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“,
+erschien gleichzeitig mit Darwins Hauptwerk. Das ist die Genealogie
+der Herrenmoral. Der „Wille zur Macht“, ins Reale, Politische,
+Nationalökonomische übersetzt, findet seinen stärksten Ausdruck in
+Shaws „Major Barbara“. Sicherlich ist Nietzsche als Persönlichkeit
+der Gipfel dieser Reihe von Ethikern, aber hier reicht Shaw, der
+Parteipolitiker, als Denker an ihn heran. Der Wille zur Macht ist heute
+durch die beiden Pole des öffentlichen Lebens, die Arbeiterklasse und
+die großen Geld- und Gehirnmenschen, viel entschiedener vertreten
+als je durch einen Borgia. Der Milliardär Undershaft in dieser
+besten Komödie Shaws <em class="gesperrt">ist</em> Übermensch. Nur hätte Nietzsche, der
+Romantiker, sein Ideal nicht wieder erkannt. Er sprach stets von einer
+Umwertung, einer Philosophie der Zukunft, also doch zunächst der
+westeuropäischen und nicht chinesischen oder afrikanischen Zukunft,
+aber wenn seine immer in dionysischer Ferne verschwimmenden Gedanken
+sich wirklich einmal zu greifbaren Gebilden verdichteten, so erschien
+ihm der Wille zur Macht unter dem Bilde von Dolch und Gift und nicht
+von Streiks und der Energie des Geldes. Trotzdem hat er erzählt, daß
+die Idee ihm zuerst im Kriege von 1870 und beim Anblick<span class="pagenum" id="Seite_522">[S. 522]</span> preußischer
+Regimenter, die zur Schlacht marschierten, aufgegangen sei.</p>
+
+<p>Die gesamte Dramatik dieser Epoche ist nicht mehr Dichtung im
+alten, im Kultursinne, sondern praktische Konstruktion, Debatte und
+Beweisführung: die Schaubühne wurde durchaus als „moralische Anstalt
+betrachtet“. Selbst Nietzsche neigte wiederholt zu dramatischer Fassung
+seiner Gedanken. Richard Wagner hat in seiner Nibelungendichtung, vor
+allem in der frühesten Fassung um 1850, seine sozialrevolutionären
+Ideen niedergelegt, und Siegfried ist auf dem Umwege über künstlerische
+und außerkünstlerische Einwirkungen noch im vollendeten „Ring“ eine
+Inkarnation des „vierten Standes“, der Fafnirhort des Kapitalismus,
+Brünhilde des „freien Weibes“ geblieben. Die Musik zur geschlechtlichen
+Zuchtwahl, deren Theorie, die „Abstammung der Arten“, 1859 erschien,
+findet sich eben damals im dritten Akte des Siegfried und im Tristan.
+Es ist kein Zufall, daß Wagner, Hebbel und Ibsen beinahe gleichzeitig
+die Dramatisierung des Nibelungenstoffes unternahmen. Hebbel, als
+er in Paris Schriften von Fr. Engels kennen lernt, drückt sein
+Erstaunen darüber aus (Brief vom 2. April 1844), daß er das soziale
+Prinzip der Zeit, wie er es damals in einem Drama „Zu irgendeiner
+Zeit“ darstellen wollte, ganz ebenso aufgefaßt habe wie der Verfasser
+des kommunistischen Manifestes, und bei seiner ersten Bekanntschaft
+mit Schopenhauer (Brief vom 29. März 1857) überrascht ihn auch die
+Verwandtschaft der „Welt als Wille und Vorstellung“ mit wichtigen
+Tendenzen, die er seinem Holofernes und „Herodes und Mariamne“
+zugrunde gelegt hatte. Hebbels Tagebücher, deren wichtigster Teil
+zwischen 1835 und 1845 niedergeschrieben wurde, sind eine der tiefsten
+philosophischen Leistungen des Jahrhunderts, ohne daß er sich dessen
+bewußt gewesen wäre. Man würde nicht erstaunt sein, ganze Sätze von ihm
+wörtlich bei Nietzsche zu finden, der ihn nie gekannt und nur in seinen
+besten Momenten erreicht hat.</p>
+
+<p>Ich gebe hier eine Übersicht über die <em class="gesperrt">wirkliche</em> Philosophie
+des 19. Jahrhunderts, deren einziges und eigenstes Thema die
+Konzeption des Willens zur Macht in einer zivilisiert-intellektuellen
+Gestalt, als Wille zum Leben, Lebenskraft, als praktisch-dynamisches
+Prinzip, als Begriff oder dramatische Gestalt ist.<span class="pagenum" id="Seite_523">[S. 523]</span> Die mit Shaw
+<em class="gesperrt">abgeschlossene</em> Epoche repräsentiert das Klimakterium der
+abendländischen Geistigkeit und entspricht darin der antiken
+zwischen 350 und 250. Der Rest ist, mit Schopenhauer zu reden,
+Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren.</p>
+
+<p>1819 Schopenhauer „Welt als Wille und Vorstellung“: der Wille zum Leben
+zum erstenmal als einzige Realität („Urkraft“) in den Mittelpunkt
+gestellt, aber noch unter dem Eindruck des voraufgegangenen Idealismus
+zur Verneinung empfohlen.</p>
+
+<p>1836 Schopenhauer „Über den Willen in der Natur“: Antizipation des
+Darwinismus, metaphysisch verkleidet.</p>
+
+<p>1840 Proudhon „Qu’est-ce que la Propriété!“ (Grundlage des Anarchismus).</p>
+
+<p>1841 Hebbel „Judith“: erste dramatische Konzeption des „neuen Weibes“
+und des Übermenschen (Holofernes). — Feuerbach, Wesen des Christentums.</p>
+
+<p>1844 Engels „Umriß der Kritik einer Nationalökonomie“: Grundlage der
+materialistischen Geschichtsauffassung. — Hebbel „Maria Magdalena“:
+das erste soziale Drama.</p>
+
+<p>1847 Marx „Misère de la Philosophie“ (Synthese von Hegel und Malthus).
+Diese Jahre die entscheidende Epoche, mit welcher die Nationalökonomie
+die Sozialethik und Biologie zu beherrschen beginnt.</p>
+
+<p>1848 Wagner „Siegfrieds Tod“: Siegfried als sozialethischer
+Revolutionär, der Fafnirhort als Symbol des Kapitalismus.</p>
+
+<p>1850 Wagner „Kunst und Klima“: das Sexualproblem.</p>
+
+<p>1850–58 Wagners, Hebbels und Ibsens Nibelungendichtungen.</p>
+
+<p>1859 ein symbolisches Zusammentreffen: Darwin „Entstehung der Arten
+durch natürliche Zuchtwahl“ (Anwendung der Nationalökonomie auf die
+Biologie) und „Tristan und Isolde“. — Marx „Zur Kritik der politischen
+Ökonomie“.</p>
+
+<p>1865 Dühring „Wert des Lebens“, selten genannt, aber von höchstem
+Einfluß auf die nächste Generation.</p>
+
+<p>1867 Ibsen „Brand“ und das „Kapital“ von Marx.</p>
+
+<p>1878 Wagner „Parsifal“: erste Auflösung des Materialismus in
+Mystizismus.</p>
+
+<p>1879 Ibsen „Nora“.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_524">[S. 524]</span></p>
+
+<p>1881 Nietzsche „Morgenröte“: Übergang von Schopenhauer zu Darwin, die
+Moral als biologisches Phänomen.</p>
+
+<p>1883 der „Zarathustra“: der Wille zur Macht, aber
+romantisch-philologisch verkleidet.</p>
+
+<p>1886 „Rosmersholm“ (die „Adelsmenschen“) und „Jenseits von Gut und
+Böse“.</p>
+
+<p>1887/88 Strindberg „Vater“ und „Fräulein Julie“.</p>
+
+<p>1890 der nahende Abschluß der Epoche: die religiösen Werke Strindbergs,
+die symbolistischen Ibsens.</p>
+
+<p>1896 Ibsen „John Gabriel Borkman“.</p>
+
+<p>1898 Strindberg „Nach Damaskus“.</p>
+
+<p>Seit 1900 die letzten Erscheinungen.</p>
+
+<p>1903 Weininger „Geschlecht und Charakter“: der einzige ernste Versuch,
+Kant durch Beziehung auf Wagner und Ibsen innerhalb dieser Epoche
+wiederzubeleben.</p>
+
+<p>1903 Shaw „Mensch und Übermensch“: letzte Synthese von Darwin und
+Nietzsche.</p>
+
+<p>1905 Shaw „Major Barbara“: der Typus des Übermenschen auf seinen
+wirtschaftspolitischen Ursprung zurückgeführt.</p>
+
+<p>Damit hat sich, nach der metaphysischen Periode, auch die ethische
+erschöpft. Der ethische Sozialismus, von Fichte, Hegel, Humboldt
+vorbereitet, hatte die Zeit seiner leidenschaftlichen Größe um die
+Mitte des 19. Jahrhunderts. An dessen Ende war er schon im Stadium
+der Wiederholungen angelangt und das 20. Jahrhundert hat, unter
+Beibehaltung des <em class="gesperrt">Wortes</em> Sozialismus, an Stelle einer ethischen
+Philosophie, die nur Epigonen als unvollendet erscheint, eine Praxis
+wirtschaftlicher Tagesfragen gesetzt. Die Weltstimmung des Abendlandes
+wird eine sozialistische bleiben, aber ihre Theorie hat aufgehört
+Problem zu sein. Es besteht die Möglichkeit einer dritten und letzten
+Art westeuropäischer Philosophie: die eines historisch-psychologischen
+Skeptizismus. Das Geheimnis der Welt erscheint nacheinander als
+Erkenntnisproblem, Wertproblem, Formproblem. Kant sah die Ethik als
+Erkenntnisgegenstand, das 19. Jahrhundert sah die Erkenntnis als
+Gegenstand einer Wertung. Der Skeptiker würde beide lediglich als
+historische Phänomene betrachten.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[104]</a> Nach dem, was über das Fehlen prägnanter Worte für
+„Wille“ und „Raum“ in den antiken Sprachen und die tiefere Bedeutung
+dieser Lücken bemerkt worden ist, wird es nicht auffallen, daß auch der
+Unterschied von Tat und Tätigkeit (Handlung, Geschehen) sich weder im
+Griechischen noch im Lateinischen exakt wiedergeben läßt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[105]</a> „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ — darin liegt
+kein Machtanspruch. So hat die abendländische Kirche ihre Mission
+<em class="gesperrt">nicht</em> aufgefaßt. Die „Heilsbotschaft“ Jesu, die des Mani,
+der Mithrasreligion, der Neuplatoniker und all der benachbarten
+spätantik-syrischen Kulte sind geheimnisvolle Wohltaten, die man
+<em class="gesperrt">erweist</em>, nicht aufdrängt. Das junge Christentum ahmte, nachdem
+es in die antike Welt eingeströmt war, lediglich die Mission der
+späten Stoa nach. Man mag Paulus zudringlich finden und man hat die
+stoischen Wanderprediger so gefunden, wie die Zeitliteratur beweist;
+<em class="gesperrt">gebieterisch</em> treten sie nicht auf. Man kann ein entlegenes
+Beispiel hinzufügen und die Ärzte der magischen Art, die ihre
+geheimnisvollen Arkana anpriesen, den abendländischen gegenüberstellen,
+die ihrem Wissen <em class="gesperrt">Gesetzeszwang verliehen</em> (Impfzwang,
+Trichinenschau usw.).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[106]</a> Im Zarathustra heißt es („Von der schenkenden Tugend“):
+Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Über-Art. Aber ein
+Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: „Alles für mich.“
+Diese Stelle ist rein sozialistisch und darwinistisch, aber gewiß nicht
+hellenisch — „dionysisch — gedacht.“</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[107]</a> Dies ist die Formel der Barockphilosophie von Descartes
+bis Kant. Die gotische Philosophie gestaltete das gleiche Gefühl zur
+Frage nach dem Primat des Willens oder der Vernunft. Duns Scotus hat
+hier im Namen des nordischen, des dynamischen Lebensgefühls, den Satz
+„<i>Voluntas est superior intellectu</i>“ der magisch-augustinischen
+Meinung des Thomas von Aquino entgegengestellt. Schon hier kündigt sich
+die Konzeption Schopenhauers von der Welt als Wille und Vorstellung
+oder der Welt als Lebenskraft und dem Intellekt als deren Werkzeug
+(Schelling, Nietzsche) an.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[108]</a> Der erste beruht auf dem atheistischen System des
+Sankhya, der zweite durch Sokrates’ Vermittlung auf der Sophistik, der
+dritte auf dem englischen Sensualismus.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[109]</a> Erst nach Jahrhunderten hat man aus der buddhistischen
+Lebensbetrachtung, die weder einen Gott noch eine Metaphysik anerkennt,
+durch Zurückgreifen auf die längst erstarrte brahmanische Theologie das
+Surrogat einer Religion gemacht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[110]</a> Und es müßte erst gesagt werden, ob mit dem Christentum
+der Kirchenväter oder mit dem der Kreuzzüge, denn dies sind zwei
+verschiedene Religionen unter derselben dogmatisch-kultischen
+Gewandung. Der gleiche Mangel an historisch-psychologischem Feingefühl
+tritt in dem beliebten Vergleich des heutigen Sozialismus mit dem
+Urchristentum zutage.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[111]</a> Man beachte die auffallende Ähnlichkeit vieler
+Römerköpfe mit denen heutiger Tatsachenmenschen amerikanischen Stils
+und, wenn auch nicht so deutlich, mit manchen ägyptischen Porträtköpfen
+des Neuen Reichs.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[112]</a> Das Latein des 3. Jahrhunderts v.&#8239;Chr. war noch eine
+bewegliche farbenreiche Bauernsprache.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[113]</a> Auch die äußerst moderne Idee, daß die unbewußten,
+instinkthaften Lebensakte Vollkommenes bewirken, während der Intellekt
+es nur zu stümperhaften Leistungen bringt, findet sich bei ihm (Band
+II, Kap. 20).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[114]</a> Im Kapitel „Zur Metaphysik der Geschlechtsliebe“ (II,
+44) ist der Gedanke der Zuchtwahl als des Mittels zur Erhaltung der
+Gattung in vollem Umfang vorweggenommen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_525">[S. 525]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="SECHSTES_KAPITEL"><span class="s6">SECHSTES KAPITEL</span><br>
+FAUSTISCHE UND APOLLINISCHE NATURERKENNTNIS</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_527">[S. 527]</span></p>
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_1">1</h4>
+
+<p>In einer berühmt gewordnen Rede sagte Helmholtz 1869: „Das Endziel
+der Naturwissenschaft ist, die allen Veränderungen zugrunde liegenden
+Bewegungen und deren Triebkräfte zu finden, also sich in Mechanik
+aufzulösen.“ In Mechanik, das bedeutet die Zurückführung aller
+qualitativen Eindrücke auf unveränderliche quantitative Grundwerte,
+auf <em class="gesperrt">Ausgedehntes</em> also und dessen <em class="gesperrt">Ortsveränderung</em>;
+das bedeutet weiterhin, wenn man sich des Gegensatzes von Werden
+und Gewordnem, Erlebtem und Erkanntem, von Gestalt und Gesetz,
+Bild und Begriff erinnert, die Zurückführung des Naturbildes auf
+eine einheitliche, zahlenmäßige Ordnung von meßbarer Struktur.
+Die eigentliche Tendenz aller Mechanik geht auf eine geistige
+Besitzergreifung durch <em class="gesperrt">Messung</em>; sie ist deshalb genötigt, das
+Wesen der Erscheinung in einem System konstanter, der Messung restlos
+zugänglicher Elemente zu suchen, deren wichtigster nach der Definition
+von Helmholtz mit dem — der Sphäre des Lebens entnommenen — Worte
+<em class="gesperrt">Bewegung</em> bezeichnet wird.</p>
+
+<p>Dem Physiker erscheint diese Definition unzweideutig und erschöpfend;
+dem Skeptiker, der die Psychologie dieser wissenschaftlichen
+Überzeugung verfolgt, nicht. Dem einen ist die gegenwärtige Mechanik
+ein folgerichtiges System von klaren eindeutigen Begriffen und ebenso
+einfachen als notwendigen Beziehungen, dem andern ist sie eine die
+Struktur des westeuropäischen Geistes bezeichnende Illusion, allerdings
+von höchster Konsequenz des Aufbaus und stärkster intellektueller
+Wirksamkeit. Daß durch alle praktischen Resultate und Entdeckungen
+nichts für die absolute Geltung der Theorie bewiesen wird, versteht
+sich von selbst. Den meisten erscheint „die“ Mechanik allerdings als
+die selbstverständliche Fassung von Natureindrücken, aber sie scheint
+es nur. Denn was ist Bewegung? Daß alles Qualitative auf die Bewegung
+unveränderlicher, gleichartiger<span class="pagenum" id="Seite_528">[S. 528]</span> Massenpunkte zurückführbar sei —
+ist das nicht schon ein rein faustisches, kein allgemein menschliches
+Postulat? Archimedes z.&#8239;B. fühlte durchaus nicht das Bedürfnis,
+mechanische Einsichten auf Bewegung zu reduzieren. Ist Bewegung
+überhaupt eine rein mechanische Größe? Ist sie ein Wort für eine Art
+von Anschauung oder ein abstrakter Begriff? Und wenn es der Physik
+wirklich eines Tages gelänge, ihr vermeintliches Ziel zu erreichen
+und alles sinnlich Erfaßbare in ein lückenloses System gesetzmäßig
+fixierter Bewegungen und der in ihnen wirksamen Energien zu bringen,
+wäre sie damit in der Erkenntnis auch nur um einen Schritt vorwärts
+gekommen? Ist die Formensprache der Mechanik darum weniger dogmatisch?
+Enthält sie nicht vielmehr die Symbolik der halbmystischen Urworte,
+welche die Erfahrung beherrschen statt aus ihr hervorzugehen, gerade
+in ihrer schärfsten Fassung? Was ist Kraft? Was ist eine Ursache? Was
+ist ein Prozeß? Ja — hat die Physik überhaupt, selbst auf Grund ihrer
+eigenen Definitionen, eine eigentliche Aufgabe? Besitzt sie ein durch
+alle Jahrhunderte gültiges Endziel? Besitzt sie, um ihre Resultate
+auszusprechen, auch nur eine unanfechtbare Gedankengröße?</p>
+
+<p>Die Antwort kann vorweggenommen werden. Die heutige Physik, als bloße
+Wissenschaft, an sich und vom Standpunkt des Forschers aus betrachtet,
+mag ein genau bestimmbares Thema haben; als historisches Phänomen
+ist die Physik nach Aufgabe, Methode und Resultat Ausdruck und
+Verwirklichung eines einzelnen Seelentums, Element eines Makrokosmos,
+jedes ihrer Ergebnisse ein Symbol. Was die Physik, die ja lediglich
+im Geiste einzelner Kulturmenschen existiert, durch diese zu finden
+vermeint, lag der Art und Weise ihres Suchens schon zugrunde. Ihre
+Entdeckungen sind dem eigentlichen Gehalte nach, außerhalb der
+Formeln, selbst im Kopfe so vorsichtiger Forscher, wie es J. R. Mayer,
+Faraday und Hertz waren, rein intuitiver Natur. Angesichts aller
+physikalischen Exaktheit unterscheide man in einem Naturgesetz wohl
+zwischen unbenannten Zahlen und deren Benennung, zwischen einer bloßen
+Formel und deren theoretischem Sinn. Die Formeln zwar stellen allgemein
+logische Werte dar, reine Zahlen, objektive Raum- und Grenzmomente
+<span class="pagenum" id="Seite_529">[S. 529]</span>also, aber Formeln sind stumm. Der Ausdruck
+s&#8239;=&#8239;<span class="hfrac"><span class="numerator">gt<sup>2</sup></span><span class="denominator">2</span></span>
+bedeutet gar nichts, solange ich bei den Buchstaben nicht an bestimmte Worte
+und deren Bildsinn denke. Kleide ich die toten Zeichen aber in Worte,
+gebe ich ihnen Fleisch, Körper, Leben, eine sinnliche Weltbedeutung
+überhaupt, so habe ich die Schranken einer <em class="gesperrt">bloßen Ordnung</em>
+überschritten. Θεωρία heißt Bild, Vision. Erst sie macht aus einer
+mathematischen Formel ein wirkliches Naturgesetz. Alles Exakte an sich
+ist <em class="gesperrt">sinnlos</em>; der Sinn gehört nicht mehr dem Erkennen, sondern
+dem unmittelbaren Lebensgefühl. Und eben die Theorien, nicht die reinen
+Zahlen sind die Quintessenz aller Naturerkenntnis. Die unbewußte
+Sehnsucht jeder echten Wissenschaft, die — es sei noch einmal gesagt
+— lediglich im Geiste von Kulturmenschen existiert, richtet sich
+auf das Begreifen, das Durchdringen und Umfassen des naturhaften
+Weltganzen, nicht auf die messende Tätigkeit an sich, die immer nur
+eine Freude unbedeutender Köpfe gewesen ist. Zahlen sollten stets nur
+der Schlüssel zum Geheimnis sein. Um der Zahlen selbst willen hätte
+kein bedeutender Mensch jemals Opfer gebracht.</p>
+
+<p>Zwar sagt Kant an einer bekannten Stelle: „Ich behaupte, daß in jeder
+besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen
+werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist.“ Gemeint ist die
+reine Grenzsetzung in der Sphäre des Gewordnen, insofern sie als
+Gesetz, Formel, Zahl, System erscheint, aber ein Gesetz ohne Worte,
+eine Zahlenreihe als bloße Ablesung der Angaben von Meßinstrumenten
+ist ohne Sinn, ist als geistiger Akt in vollkommener Reinheit nicht
+einmal vollziehbar. Jedes Experiment, jede Beobachtung wächst aus einer
+mehr als mathematischen Gesamtanschauung hervor. Jede Erfahrung ist,
+sie mag sonst sein was sie will, auch ein schöpferischer Akt. Alle
+benannten Gesetze sind belebte, durchseelte Ordnungen, vom innersten
+Gehalte einer und nur einer Kultur erfüllt. Will man von Notwendigkeit
+reden, da sie eine Forderung aller exakten Forschung ist, so liegt eine
+doppelte vor: eine Notwendigkeit im Seelischen und Schöpferischen,
+insofern aller symbolische Gehalt, jede Wissenschaft als historische
+Erscheinung ein <em class="gesperrt">Schicksal</em> ist, und eine Notwendigkeit im
+Gewordnen, für die uns Westeuropäern der Name <em class="gesperrt">Kausalität</em><span class="pagenum" id="Seite_530">[S. 530]</span>
+geläufig ist. Mögen die reinen Zahlen einer physikalischen Formel eine
+logische Notwendigkeit darstellen, das Vorhandensein, die Entstehung,
+die Lebensdauer einer Theorie ist ein Schicksal.</p>
+
+<p>Jede Tatsache, selbst die einfachste, enthält bereits eine Theorie.
+Eine Tatsache ist ein Vorgang des wachen Bewußtseins, und alles
+hängt davon ab, ob es ein Mensch der Antike oder des Abendlandes,
+der Gotik oder des Barock ist, für den sie „vorliegt“. Der Physiker
+von heute vergißt zu leicht, daß schon Worte wie Größe, Lage,
+Prozeß, Zustandsänderung, Körper spezifisch abendländische Bilder
+darstellen, die dem antiken oder arabischen Denken und Weltgefühl
+gänzlich fremd sind, die aber den Charakter der wissenschaftlichen
+Tatsachen als solcher, die Art des Erkanntwerdens vollkommen
+beherrschen, ganz zu schweigen von komplexen Begriffen wie Arbeit,
+Spannung, Wirkungsquantum, Wärmemenge, Wahrscheinlichkeit,<a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[115]</a>
+welche jeder für sich eine physikalische Gesamtanschauung <i>in
+nuce</i> enthalten. Wir empfinden derartige gedankliche Bildungen
+als Resultate einer vorurteilsfreien Forschung, unter Umständen als
+endgültige. Ein feiner Kopf aus der Zeit des Archimedes würde nach
+gründlichem Studium der modernen theoretischen Physik versichert
+haben, es sei ihm unbegreiflich, wie jemand so willkürliche, groteske
+und verworrene Vorstellungen als Wissenschaft und noch dazu als
+notwendige Konsequenzen der vorliegenden Tatsachen ansprechen könne.
+Wissenschaftlich gerechtfertigte Folgerungen seien vielmehr — und er
+würde seinerseits auf Grund derselben „Tatsachen“, der mit seinem Auge
+gesehenen und in seinem Geiste gestalteten Tatsachen nämlich, Theorien
+entwickelt haben, denen unsre Physiker mit erstauntem Lächeln zugehört
+hätten.</p>
+
+<p>Welches sind denn die Grundvorstellungen, die sich im Gesamtbilde
+der heutigen Physik mit innerer Folgerichtigkeit entwickelt haben?
+Polarisierte Lichtstrahlen, wandernde Ionen, die fliehenden und
+geschleuderten Gasteilchen der kinetischen<span class="pagenum" id="Seite_531">[S. 531]</span> Gastheorie (die heute den
+Schwerpunkt der mechanischen Naturanschauung darstellt), magnetische
+Kraftfelder, elektrische Ströme und Wellen — sind das nicht sämtlich
+faustische Visionen, faustische Symbole von engster Verwandtschaft mit
+der romanischen Ornamentik, der gotischen Tektonik, den Wikingerfahrten
+in unbekannte Meere, der Sehnsucht des Kolumbus und Kopernikus nach
+dem Unendlichen? Ist diese Formen- und Bilderwelt nicht in tiefster
+Kongruenz mit den gleichzeitigen Künsten, der perspektivischen
+Ölmalerei und der kontrapunktischen Instrumentalmusik erwachsen? Ist
+das nicht unsre seelische Dynamik, der Wille zur Macht, der das eigne
+innere Seinsgefühl visionär in das vorgestellte Leben der Umwelt
+projiziert hat?</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_2">2</h4>
+
+</div>
+
+<p>Und insofern behaupte ich, daß allem „Wissen“ von der Natur, auch
+dem exaktesten, ein religiöser Glaube zugrunde liegt. Die reine
+Mechanik, auf welche die Natur zurückzuführen die Physik als ihr
+Endziel bezeichnet, ein Ziel, dem diese Bildersprache dient,
+setzt ein Dogma voraus, durch welches sie geistiges Eigentum der
+abendländischen Kulturmenschheit und nur dieser ist. Es gibt keine
+Wissenschaft ohne unbewußte Voraussetzungen, über welche der Forscher
+keine Macht besitzt, und zwar Voraussetzungen, welche sich bis in die
+frühesten Tage der erwachenden Kultur zurückführen lassen. Es <em class="gesperrt">gibt
+keine Naturwissenschaft ohne eine voraufgegangene Religion</em>. In
+diesem Punkte besteht kein Unterschied zwischen katholischer und
+materialistischer Naturanschauung: sie sagen dasselbe mit andern
+Worten. Auch die atheistische Wissenschaft hat Religion; die moderne
+Mechanik ist Stück für Stück ein Abbild christlicher Dogmen.</p>
+
+<p>Keine Wissenschaft ist <em class="gesperrt">nur</em> System, nur Gesetz, Zahl und
+Ordnung; jede ist als historisches Phänomen ein lebendiger, in
+denkenden Menschen sich verwirklichender, vom Schicksal einer Kultur
+bestimmter Organismus. In der modernen Physik liegt nicht nur eine
+logische, sondern auch eine historische Notwendigkeit. Sie ist nicht
+nur Sache der Intelligenz, sondern auch der Rasse. Diese Notwendigkeit
+im Werden und Vergehen,<span class="pagenum" id="Seite_532">[S. 532]</span> welche die individuelle Formensprache, das
+spezifisch Faustische nach Gehalt und Bedeutung bestimmt, ist wohl zu
+unterscheiden von der Gruppe unbedingter Verstandesbegriffe a priori,
+die nach Kants Ansicht die bloße sinnliche Wahrnehmung zu einer
+allgemeingültigen Erfahrung machen. Die Allgemeingültigkeit in diesem
+Umfange, über alle einzelnen Kulturen hinaus, ist eine Illusion. Es
+gibt gerade in diesen tiefsten Vorbedingungen der Naturerkenntnis
+etwas, das der einzelnen Kultur als solcher zukommt. „Natur“ ist eine
+Funktion der jeweiligen Kultur.</p>
+
+<p>Ich betrachte demnach ein physikalisches Weltbild als die Nachwirkung,
+den Ausdruck einer Religion, den zivilisiertesten, seelenlosesten
+ohne Zweifel, den spätesten von allen, insofern die Frühzeit jeder
+Kultur, die Dorik, das Zeitalter des Plotin und Origenes, die Gotik
+von dieser kühlen, streng intellektuellen Fassung weit entfernt
+ist und in der homerischen, der frühchristlich-orientalischen,
+der katholisch-germanischen Weltidee das ausgebildet hat, dessen
+letzte Gestalt in der abstrakten Formenwelt der jeweiligen
+naturwissenschaftlichen Systeme erscheint. Jede Physik — das Wort in
+einem freiem Sinne genommen — setzt nicht nur eine bestimmte Religion
+voraus, sie ist in jedem Zuge von ihr abhängig und bedingt; sie ist ihr
+letztes Lebenszeichen.</p>
+
+<p>Das Vorurteil des auf die Höhe der Ionik und des Barock gelangten
+städtischen Menschen bringt das Phänomen der exakten Wissenschaft
+in einen hochmütigen Gegensatz zur voraufgehenden Religion, als
+die überlegene Stellung zu den Dingen, im Alleinbesitz der wahren
+Erkenntnismethoden und am Ende berechtigt, die Religion selbst (ihre
+„Vorstufe“) empirisch und psychologisch zu erklären, zu „überwinden“.
+Nun zeigt die Geschichte, daß „Wissenschaft“ ein spätes und
+vorübergehendes Phänomen ist, dem Herbst und Winter großer Kulturen
+angehörend, im antiken, wie im indischen, chinesischen, arabischen
+Seelentum von der Lebensdauer weniger Jahrhunderte, innerhalb deren
+sich ihre Möglichkeiten erschöpfen. Die antike Wissenschaft ist
+zwischen den Schlachten von Cannä und Actium erloschen. Danach
+ist es möglich, das Ende der abendländischen Naturwissenschaft
+vorauszuberechnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_533">[S. 533]</span></p>
+
+<p>Nichts berechtigt dazu, dieser geistigen Formenwelt den Vorrang vor
+andern zu geben. Jede Wissenschaft ruht wie jeder Mythus, jeder
+religiöse Glaube überhaupt auf einer Innern Gewißheit; ihre Bildungen
+sind von anderm Bau und Klang, ohne prinzipiell verschieden zu sein.
+Alle Einwände, welche die Naturwissenschaft gegen die Religion richtet,
+treffen sie selbst. Es ist ein großes Vorurteil, jemals an Stelle
+„anthropomorpher“ Vorstellungen „die Wahrheit“ setzen zu können. Andre
+als anthropomorphe Vorstellungen gibt es überhaupt nicht. „Der Mensch
+schuf Gott nach seinem Bilde“ — so gewiß das von jeder historischen
+Religion gilt, so gewiß gilt es von jeder physikalischen, vermeintlich
+noch so gut begründeten Theorie. Eine jede ist selbst Mythus und
+in jedem ihrer Züge anthropomorph präformiert. Es gibt keine reine
+Naturwissenschaft, es gibt nicht einmal <em class="gesperrt">eine</em> Naturwissenschaft,
+die als allgemein menschlich bezeichnet werden könnte.</p>
+
+<p>Jede Kultur hat sich eine eigne gebildet, die für sie allein wahr
+ist und es nur so lange bleibt, als die Kultur lebendig und im
+Verwirklichen ihrer innern Möglichkeiten begriffen ist. Ist eine
+Kultur zu Ende und damit das schöpferische Element, die Bildkraft,
+die Symbolik erloschen, so bleiben „leere“ Formeln, Gerippe von
+toten Systemen übrig, die ganz buchstäblich als sinnlos und wertlos
+empfunden, mechanisch beibehalten oder verachtet und vergessen werden.
+Man denke an die Wissenschaften des spätesten Altertums. Zahlen,
+Formeln, Gesetze <em class="gesperrt">bedeuten</em> nichts, <em class="gesperrt">sind</em> nichts. Sie müssen
+einen Leib haben, den ihnen ein <em class="gesperrt">lebendes</em> Menschentum verleiht,
+indem es in ihnen und durch sie lebt, sich zum Ausdruck bringt, sie
+innerlich in Besitz nimmt. Und deshalb gibt es keine absolute Physik,
+nur einzelne, auftauchende und schwindende Physiken innerhalb einzelner
+Kulturen.</p>
+
+<p>Physik ist die intellektuelle Formulierung des Naturgefühls, das
+jeder Kulturmensch besitzt. Ein Naturgefühl — das hatten wir den
+Griechen abgestritten, weil das ihre so anders geartet war, daß wir
+es als solches nicht erkannten. Unser Naturgefühl, in Malerei, Musik
+und Lyrik immer wieder ausgesprochen, eine mächtige Leidenschaft
+für Fernen und Horizonte und nur insofern für Landschaften, Himmel,
+Wolken, Wälder, Gebirge,<span class="pagenum" id="Seite_534">[S. 534]</span> Meere, als sie Träger und Ausdruck eines
+Unendlichen sind, ist der strenge Gegensatz zum antiken, das sich an
+schöne nackte Einzelformen, an das Nahe, Greifbare, Gegenwärtige hält
+und gerade darum das Auge vor dem Grenzenlosen der freien Landschaft
+verschließt. Die „Natur“ des antiken Menschen fand ihr höchstes Symbol
+in der nackten menschlichen Statue, nicht im Landschaftsgemälde; aus
+ihr erwuchs folgerichtig die <em class="gesperrt">mechanische Statik</em>, die Physik der
+Nähe; aus der unsren die <em class="gesperrt">mechanische Dynamik</em>, die Physik der
+Ferne: zur apollinischen Natur gehören die Vorstellungen von Stoff und
+Form und die Entelechie des Aristoteles, zur faustischen die Bilder der
+Fernkräfte, der Kraftfelder, des Potentials.</p>
+
+<p>Die Grundworte der antiken Naturphilosophie, ἄπειρον, ἀρχή, μορφή,
+ὕλη u.&#8239;a. sind sämtlich in abendländischen Sprachen unübersetzbar und
+darum geistig nicht genau nachzuerleben. Wir haben ganz andre Worte,
+in deren elementarem Gehalt unser Weltgefühl kristallisiert, und
+mithin eine ganz andre „Natur“. Das πάντα ῥεῖ Heraklits (wobei man an
+den Leib eines Tanzenden denken sollte, dessen Erscheinung „im Fluß“
+ist) mit Bewegung, die ἀρχή mit Urstoff oder Ursprung übersetzen heißt
+das wirklich Apollinische daraus beseitigen und den leeren Rest, das
+Wort, mit einem fremden, abendländischen Sinn ausfüllen. Man denke
+über den Unterschied des πάντα ῥεῖ eines antiken Grundgefühls, vom
+„Prozeß“ (von <i>procedere</i>, vorschreiten) unserer Dynamik nach.
+Die antike Ethik ging auf eine vollkommene Haltung, die faustische
+auf Tat, intellektualisiert als „Fortschritt“, materialisiert als
+Arbeit, öffentlich geworden als Sozialismus. Das kehrt hier im
+physikalischen Bilde wieder. Unsre Idee der Bewegung hat eine Tendenz,
+eine Richtung zum Unendlichen, ein Ziel; der antike Sinn der Bewegung
+ist lediglich ἀλλοίωσις, Veränderung. Unser Lebensgefühl hat den
+Willen zur Macht, ein Extrem von Aktivität, zum Mittelpunkt. Das ist
+der Sinn der Gottesidee von den Tagen der Gotik an, im Gegensatz
+zum Gotte des arabischen Christentums. Das mußte mithin der Ausgang
+aller physikalischen Theorie werden. Wie Schicksal zur Kausalität,
+wie Organisches zum Mechanischen, so verhält sich das Machtgefühl der
+faustischen Seele, ihr Wille, ihr Gott, zum <em class="gesperrt">Kraftbegriff ihrer<span class="pagenum" id="Seite_535">[S. 535]</span>
+Physik</em>, den sie als <em class="gesperrt">ihr</em> Symbol geschaffen hat und der mit
+ihr erlöschen wird.</p>
+
+<p>Man hatte den historischen Zusammenhang bisher so formuliert, daß „bei
+den Griechen“ sich die Anfänge der wissenschaftlichen Physik fänden,
+daß „im Mittelalter“ alles verschüttet gewesen sei und nur die Araber
+einiges für die Chemie getan hätten, bis „in der Neuzeit“ endlich ein
+Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes erfolgte.</p>
+
+<p>In der Tat hatte der antike Geist seine äußere Welt in einer Statik
+greifbarer Körper geordnet. Das war die <em class="gesperrt">Physik als Plastik</em>.
+Der arabische Geist suchte in seiner Welt, wie sie dem Isis- und
+Mithrasglauben, dem Neuplatonismus und der Gnosis, dem frühen
+Christentum der Apokalypse, des Origenes und des Konzils von Nicäa
+zugrunde liegt, die magische Substanz dieser Körper zu ergründen
+und der „Stein der Weisen“ war ein Jahrtausend hindurch das Symbol
+einer ganz anders gearteten, aber in sich geschlossenen und durchaus
+folgerichtigen Naturwissenschaft. Die euklidische Geometrie verhält
+sich zur arabischen Algebra wie die Physik, für welche Empedokles
+seine berühmten vier Elemente aufstellte, die nichts andres waren
+als die vier möglichen, sichtbaren, greifbaren, rein gegenwärtigen
+Zustände von Einzeldingen,<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[116]</a> zur Alchymie der orientalischen
+Landschaft, die demgegenüber das Bild des <em class="gesperrt">chemischen</em> Elementes
+schuf, jene Art magischer Stoffe, die aus den Dingen erscheinen und
+wieder in ihnen verschwinden, die sogar den Einflüssen der Gestirne
+unterliegen. Die Alchymie enthält den tiefen wissenschaftlichen Zweifel
+an der plastischen Wirklichkeit der Dinge, der σώματα griechischer
+Mathematiker, Physiker und Dichter, die sie auflöst, zerstört, um das
+Geheimnis ihres Wesens zu finden. Ein tiefer Unglaube an die Gestalt,
+in welcher die Natur erscheint, die Gestalt, welche den Griechen
+Inbegriff aller Wirklichkeit war, offenbart sich.<span class="pagenum" id="Seite_536">[S. 536]</span> Der Streit um die
+Person Christi auf allen frühen Konzilen, der zu den arianischen
+und monophysitischen Spaltungen führte, ist ein <em class="gesperrt">alchymistisches
+Problem</em>. Es wäre keinem antiken Physiker eingefallen, die Dinge zu
+erforschen, indem er ihre anschauliche Form verneinte oder vernichtete.
+Es gibt deshalb keine antike Chemie, so wenig es eine antike Theorie
+über das Göttliche in der substantiellen Erscheinung des Apollo oder
+der Aphrodite gab.</p>
+
+<p>Die chemische Methode ist das Zeichen eines neuen Weltgefühls.
+Ihre Erfindung knüpft sich an den Namen jenes rätselhaften Hermes
+Trismegistos, der in Alexandria <em class="gesperrt">gleichzeitig mit Plotin und
+Diophant</em>, dem Begründer der Algebra, gelebt hat. Mit einem Schlage
+ist die mechanische Statik, die apollinische Naturwissenschaft zu
+Ende. Und wieder gleichzeitig mit der endgültigen Emanzipation der
+faustischen Mathematik durch Newton und Leibniz befreite sich auch
+die abendländische Chemie von ihrer arabischen, magischen Form durch
+Stahl (1660–1734) und dessen Phlogistontheorie. Die eine wie die andre
+wird reine Analysis. Schon Paracelsus (1493–1541) hatte die magische
+Tendenz, Gold zu machen, in eine arzneiwissenschaftliche umgewandelt.
+Man spürt darin ein verändertes Weltgefühl. Robert Boyle (1626–1691)
+hat dann die analytische Methode und damit den westeuropäischen Begriff
+des Elements geschaffen. Aber man täusche sich darüber nicht: Was man
+die Begründung der modernen Chemie nennt, deren Epochen durch die
+Namen Stahl und Lavoisier bezeichnet werden, ist nichts weniger als
+eine Ausbildung chemischer Gedanken, sofern man darunter arabische,
+alchymistische Naturanschauungen versteht. Sie ist das <em class="gesperrt">Ende</em>
+der eigentlichen Chemie, ihre Auflösung in das umfassende System der
+Dynamik, ihre Einordnung in diejenige mechanische Naturanschauung,
+welche das Barock durch Galilei und Newton begründet hatte. Die
+Elemente des Empedokles bezeichnen ein äußeres Sichverhalten, die
+Elemente der Akademie von Cordova ein geheimnisvolles Wunder, die
+Elemente der Verbrennungstheorie Lavoisiers (1777), die der Entdeckung
+des Sauerstoffs (1771) folgte, eine <em class="gesperrt">dem menschlichen Willen
+unterworfene</em> Formeinheit. Durch unsere Analysen und Synthesen wird
+die Natur nicht befragt<span class="pagenum" id="Seite_537">[S. 537]</span> oder überredet, sondern bezwungen. Die moderne
+Chemie ist ein Kapitel der modernen <em class="gesperrt">Physik der Tat</em>.</p>
+
+<p>Was wir Statik, Chemie, Dynamik nennen, historische Bezeichnungen
+ohne tieferen Sinn für die heutige Naturwissenschaft, sind die drei
+physikalischen Systeme der apollinischen, magischen und faustischen
+Seele, jedes in seiner Kultur erwachsen, jedes in seiner Geltung
+auf eine Kultur beschränkt. Dem entsprechen die Mathematiken der
+euklidischen Geometrie, der Algebra, der Analysis und die Künste der
+Statue, der Arabeske, der Fuge. Will man die drei Arten der Physik —
+denen jede andre Kultur wieder eine andre zur Seite setzen könnte und
+müßte — ihrer Methode nach unterscheiden, so hat man eine mechanische
+Ordnung von Zuständen, von geheimen Kräften, von Prozessen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_3">3</h4>
+
+</div>
+
+<p>Nun hat die Tendenz des menschlichen Geistes, das Naturbild auf
+möglichst einfache quantitative Formeinheiten zurückzuführen, welche
+vergleichende Urteile, Messungen, Zählungen, kurz mechanische Wertungen
+gestatten, in der antiken und abendländischen Physik jedesmal zu einer
+Atomlehre geführt (von der höchst komplizierten arabischen, wie sie
+einen Streitpunkt der Schulen von Bagdad und Basra bildete, soll hier
+abgesehen werden). Der tiefsymbolische Unterschied beider Theorien ist
+aber unbeachtet geblieben.</p>
+
+<p>Die antiken Atome sind <em class="gesperrt">Miniaturformen</em>, die abendländischen sind
+<em class="gesperrt">Minimalquanta</em>, d.&#8239;h. dort ist die Anschaulichkeit, die Nähe
+Grundbedingung des Bildes, hier ist sie es nicht. Die atomistischen
+Vorstellungen der modernen Physik, zu denen auch die Elektronentheorie
+und die Quantenhypothese der Thermodynamik gehören, setzen mehr und
+mehr jene — rein faustische — <em class="gesperrt">innere</em> Anschauung voraus,
+die auch auf manchen Gebieten der höheren Mathematik wie den
+nichteuklidischen Geometrien oder der Gruppentheorie gefordert wird
+und die dem Laien nicht zur Verfügung steht. In der Tat ist heute die
+Atomvorstellung um so flacher und falscher, je populärer sie auftritt,
+wie in den dilettantischen Büchern der Häckelschule, die vom Gehalte
+moderner physikalischer Theorien nicht<span class="pagenum" id="Seite_538">[S. 538]</span> das mindeste begriffen hat. Ein
+Quantum ist ein Ausgedehntes, abgesehen vom sinnlichen Augenschein,
+eine Abstraktion, welche die Beziehung auf Auge und Tastgefühl meidet,
+für die das Wort Gestalt keinen Sinn besitzt, eine Art Form also,
+die einem Griechen, einem geborenen Plastiker, gar nicht vorstellbar
+war. Der antike Physiker prüft das Aussehen, der abendländische die
+Wirksamkeit dieser letzten Elemente des Gewordnen. Das bedeuten die
+polaren Begriffe dort von <em class="gesperrt">Stoff und Form</em>, hier von <em class="gesperrt">Kapazität
+und Intensität</em>.</p>
+
+<p>Ich hatte hervorgehoben, daß Erkenntnis ein Gewordensein für den Geist
+ist, daß ferner Erkennen sich als ein Begrenzen (Abgrenzen, Einfassen,
+Einteilen) darstellt. Nun, die Begrenzung in einem bestimmten Sinne bis
+zum äußersten getrieben führt immer und im Naturdenken <em class="gesperrt">jeder</em>
+Kultur auf „Atome“, ein <i>Non plus ultra</i> der Begrenztheit, ihren
+Inbegriff und ihr Optimum. Die Atome der Logik sind die Begriffe,
+die Atome der Mathematik sind die Zahlen (Größen in der antiken,
+Beziehungen in der abendländischen Mathematik).</p>
+
+<p>Es folgt daraus, daß in diesen letzten Möglichkeiten sich die Symbolik
+der einzelnen Kultur, des einzelnen Geistes mit voller Schärfe
+herausstellt. Die Atome des Leukippos und Demokrit (σχήματα) sind
+ausschließlich nach Gestalt und Größe verschieden, rein plastische
+Einheiten und nur in diesem Sinne, wie der Name sagt, „unteilbar“.
+Die Atome der Barockphysik, deren „Unteilbarkeit“ einen ganz andern,
+höchst immateriellen Sinn angenommen hat, sind, was jeder philosophisch
+geschulte Physiker zugeben wird, den Monaden Leibnizens wesensverwandt,
+letzte, in infinitesimaler Weise theoretisch begrenzte <em class="gesperrt">Einheiten von
+Wirkung</em>, abstrakte Kraftpunkte also. Es ist gesagt worden, daß ein
+Atom, wie es der moderne Physiker sich vorstellt, ein komplizierteres
+Gebilde als eine Dynamomaschine ist.</p>
+
+<p>Gäbe es eine literarisch und theoretisch entwickelte indische oder
+ägyptische Physik, so würden sie mit Notwendigkeit einen ganz andern
+Atomtypus hervorgebracht haben, dessen Geltung für sie allein zwingend
+gewesen wäre.</p>
+
+<p>Die Atome der Ionik und des Barock, der hellenistischen und der
+heutigen westeuropäischen Physik unterscheiden sich<span class="pagenum" id="Seite_539">[S. 539]</span> wie Plastik und
+Musik, wie die Kunst der extremen Körperlichkeit und der extremen
+körperlosen Bewegtheit. Die Statue ist ganz Leib, Ruhe und Nähe,
+die Fuge, wie das Wort verrät, Flucht, Bewegtheit, Raum, Ferne. Der
+apollinische Mensch empfand den Kosmos als den Inbegriff leibhafter,
+mit dem Auge zu beherrschender Dinge — ob in Ruhe oder Bewegung, eine
+zweite Frage. Für das Weltsystem des faustischen Menschen aber ist
+sie die erste und dann erst kommt die Frage, was bewegt wird. Deshalb
+ist — das muß mit Entschiedenheit festgestellt werden — „Masse“ ein
+spezifisch abendländischer Begriff, der erst <em class="gesperrt">als Komplement zu
+dem metaphysischen Hauptbegriff der Kraft</em> entsteht. So oft der
+Massebegriff seinen Inhalt geändert hat, es geschah immer nur, weil
+der Kraftbegriff anders definiert worden war. Der Begriff des Äthers
+verdankt seine Entstehung nur der modernen Energievorstellung. Masse
+ist, was die Kraft zu ihrer Wirksamkeit — logisch oder im Bilde —
+braucht, während im πάντα ῥεῖ der Heraklit und den entsprechenden
+andern Vorstellungen des antiken Weltgefühls das Substrat den
+unbedingten Vorrang hat. Die Materie ist dem antiken Auge nicht Träger
+der Bewegung, sondern die Bewegung eine Eigenschaft der Materie. Das
+Primäre ist dort die <em class="gesperrt">Form</em>, hier die <em class="gesperrt">Kraft</em>. Ich erinnere
+an den Gegensatz des apollinischen und faustischen Ursymbols, das dem
+gesamten Makrokosmos zugrunde liegt: den Gegensatz von Körper und
+unendlichem Raum. So gewiß der antike Mensch das „zwischen den Dingen“
+als das Nichtseiende empfand, so gewiß liegt der modernen Physik das
+Gefühl zugrunde, daß eben das greifbar Körperliche das Nichtseiende ist
+und durch die Theorie aufgelöst, nicht bestätigt werden muß.</p>
+
+<p>So wurde endlich die kinetische Gastheorie zum Schwerpunkt der
+atomistischen Vorstellungen. Von ihr aus erfolgte die Anwendung
+der dynamischen Atomistik, eine unvermerkte Annäherung an Leibniz,
+auf die Gebiete der physikalischen Chemie, der strahlenden Wärme,
+der Radioaktivität und endlich ihre Umgestaltung zur Ionen- und
+Elektronentheorie.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Es gibt einen Stoizismus und einen Sozialismus der Atome.</em>
+Das ist die Definition der statisch-plastischen und der
+dynamisch-kontrapunktischen Atomistik, die ihrer Verwandtschaft<span class="pagenum" id="Seite_540">[S. 540]</span>
+zu den Gebilden der zugehörigen Ethik in jedem Gesetze, in jeder
+Definition Rechnung trägt. Die Menge der verworrenen Atome, duldend,
+vom Schicksal, vom blinden Zufall gestoßen — wie Ödipus — und im
+Gegensatz dazu die als Einheit wirkenden Atomsysteme, aggressiv, den
+Raum energetisch (als „Feld“) beherrschend, Widerstände überwindend
+— wie Macbeth —, aus diesem Grundgefühl sind beide mechanische
+Naturbilder entstanden. Nach Leukippos fliegen die Atome „von selbst“
+im Leeren herum; Demokrit statuiert lediglich Stoß und Gegenstoß als
+Form der Ortsveränderung; Aristoteles erklärt die Einzelbewegungen
+für zufällig; bei Empedokles findet sich die Bezeichnung Liebe und
+Haß, bei Anaxagoras Zusammentreten und Auseinandertreten. Das alles
+sind auch Elemente der antiken Tragik. So verhalten sich die Figuren
+(σώματα) auf der Szene des attischen Theaters. Das sind <em class="gesperrt">also
+auch</em> Daseinsformen der antiken Politik. Da finden wir diese
+winzigen Städte, politische Atome, in langer Reihe auf Inseln und an
+Küsten dahingelagert, jede eifersüchtig für sich bestehend und ewig
+der Anlehnung bedürftig, abgeschlossen und launisch bis zur Karikatur,
+von den planlosen, ordnungslosen Ereignissen der antiken Geschichte
+hin und her gestoßen, heute gehoben, morgen vernichtet — und ihnen
+gegenüber die dynastischen Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts,
+politische Kraftfelder, von den Wirkungszentren der Kabinette und
+großen Diplomaten aus weitschauend, planmäßig gelenkt und beherrscht.
+Man versteht den Geist der antiken und abendländischen Geschichte nur
+aus diesem Gegensatz zweier Seelen; man versteht auch das atomistische
+Fundament beider Physiken nur aus diesem Vergleich. Galilei, der den
+Kraftbegriff, und die Milesier, die den Begriff der ἀρχή konzipierten,
+Demokrit und Leibniz, Archimedes und Helmholtz sind „Zeitgenossen“,
+Glieder derselben geistigen Stufe verschiedener Kulturen.</p>
+
+<p>Aber die innere Verwandtschaft und Atomistik und Ethik geht weiter. Ich
+hatte gezeigt, wie die faustische Seele, deren Sein Überwindung des
+Augenscheins, deren Gefühl Einsamkeit, deren Sehnsucht Unendlichkeit
+ist, dies Bedürfnis nach Alleinsein, Ferne, Absonderung in all
+ihre Wirklichkeiten legt, in all ihre öffentlichen, geistigen,
+künstlerischen Formenwelten.<span class="pagenum" id="Seite_541">[S. 541]</span> Nietzsche hatte es das Pathos der Distanz
+genannt, nicht ohne eine tiefe Einsicht durch eine falsche Anwendung
+zu verderben. Das Pathos der Distanz ist gerade der Antike fremd,
+in der alles Menschliche der Nähe, Anlehnung, Gemeinsamkeit bedarf.
+Es unterscheidet den Geist des Barock von dem der Ionik, die Kultur
+des <i>ancien régime</i> von der des perikleischen Athen. Pathos
+der Distanz ist in Shakespeare, in Rembrandt, in Bach, in Napoleon,
+nicht in Sophokles, Phidias oder Alexander. Und dies Pathos, das den
+heroischen Täter vom heroischen Dulder unterscheidet, erscheint im
+Bilde der abendländischen Physik wieder: <em class="gesperrt">als Spannung</em>. Das ist
+es, was in der Anschauung Demokrits nicht enthalten war. Das Prinzip
+von Stoß und Gegenstoß enthält die Negation einer raumbeherrschenden,
+mit dem Raume identischen Kraft. Im Bilde der antiken Seele fehlt
+dementsprechend das Element des Willens. Zwischen antiken Menschen,
+Staaten, Weltanschauungen besteht keine innere Spannung, trotz
+Zank, Neid und Haß, kein tiefes Bedürfnis nach Abstand, Alleinsein,
+Überlegenheit — folglich besteht sie auch nicht zwischen den Atomen
+des antiken Kosmos. Das Prinzip der Spannung — entwickelt in der
+Potentialtheorie —, in antike Sprachen und also Gedanken vollkommen
+unübertragbar, ist für die moderne Physik grundlegend geworden. Es
+enthält eine Interpretation des Begriffs der Energie (des Willens zur
+Macht im Weltall) und ist deshalb für uns ebenso notwendig als für
+antike Menschen unmöglich.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_4">4</h4>
+
+</div>
+
+<p>Die Atomlehre ist demnach ein Dogma, keine Erfahrung. In sie hat
+die Kultur, durch den Geist ihrer großen Physiker, ihr Wesen, sich
+selbst gelegt. Daß es eine Ausgedehntheit an sich gibt, unabhängig vom
+spezifischen Formgefühl des Erkennenden, ist eine Illusion. Man glaubt
+das Leben ausschalten zu können; man vergißt, daß eine Erkenntnis nicht
+nur ein Inhalt, sondern auch ein lebendiger Akt ist.</p>
+
+<p>Die entscheidende Bedeutung des <em class="gesperrt">Tiefenerlebnisses</em>, das mit dem
+Erwachen einer Seele und also mit der Schöpfung der ihr zugehörigen
+äußeren Welt identisch ist, war an einer früheren<span class="pagenum" id="Seite_542">[S. 542]</span> Stelle nachgewiesen
+worden. Danach liegt in der bloßen Sinnesempfindung nur Länge und
+Breite; durch den lebendigen, mit innerster Notwendigkeit sich
+vollziehenden Akt der Deutung, der wie alles Lebendige Richtung,
+Bewegtheit, Nichtumkehrbarkeit besitzt — das Bewußtsein davon macht
+den eigentlichen Gehalt des Wortes Zeit aus —, wird die <em class="gesperrt">Tiefe</em>
+hinzugefügt und somit die Wirklichkeit, die Welt geschaffen. Das Leben
+selbst geht als dritte Dimension in das Erlebte ein. Der Doppelsinn des
+Wortes Ferne, als Zukunft und als Horizont, verrät den tiefern Sinn
+dieser Dimension, welche erst die Ausdehnung als solche hervorruft. Das
+erstarrte Werden ist das Gewordene, das erstarrte Leben die Raumtiefe
+des Erkannten. Descartes und Parmenides stimmen darin überein, daß
+Denken und Sein (Ausdehnung) identisch sind. <i>Cogito, ergo sum</i>
+ist lediglich eine Formulierung des Tiefenerlebnisses. Hier kommt das
+Ursymbol der einzelnen Kultur zur Geltung. Die vollzogene Ausdehnung
+ist danach im antiken Bewußtsein von sinnlicher, körperhafter
+Gegenwart, im abendländischen von steigender räumlicher Transzendenz,
+so daß nach und nach die ganz unsinnliche Polarität von Kapazität und
+Intensität im Unterschied von der antik-optischen: Stoff und Form
+herausgearbeitet wird.</p>
+
+<p>Aber daraus folgt, daß innerhalb des Erkannten und Gewordenen die
+lebendige Zeit nicht noch einmal erscheinen kann. Das Gewordene ist
+ein Mechanismus, in anorganische Form verwandeltes Organische. Die
+physikalische, gedachte, meßbare Zeit, eine bloße Dimension, ist ein
+Mißgriff. Es fragt sich nur, ob er zu vermeiden ist oder nicht. Man
+setze in irgendeinem physikalischen Gesetz dafür das Wort Schicksal ein
+und man wird fühlen, daß innerhalb der reinen „Natur“ von Zeit nicht
+die Rede ist. Die Formenwelt der Physik reicht genau so weit wie die
+verwandten der Zahlen und der Begriffe, und wir hatten gesehen, daß,
+trotz Kant, zwischen mathematischer Zahl und Zeit nicht die geringste,
+wie immer geartete Beziehung besteht.</p>
+
+<p>Und hier wird die Physik zum zweitenmal dogmatisch. In den Worten
+Zeit und Schicksal ist für den, der sie instinktiv gebraucht, das
+Leben selbst in seiner tiefsten Tiefe berührt, das <em class="gesperrt">ganze</em>
+Leben, das vom Erlebten nicht zu trennen ist. Die Physik aber, der
+Verstand, <em class="gesperrt">muß</em> sie trennen. Das Erlebte an<span class="pagenum" id="Seite_543">[S. 543]</span> sich, losgelöst vom
+lebendigen Akt des Betrachters, Objekt geworden, tot, anorganisch,
+starr — das ist jetzt die Natur als Mechanismus, das heißt als etwas
+mathematisch zu Erschöpfendes. In diesem Sinne ist Naturerkenntnis eine
+<em class="gesperrt">messende</em> Tätigkeit.</p>
+
+<p>Folglich kennt sie die Zeit nur als Strecke; folglich ist sie
+gezwungen, die Bewegung als eine mathematisch fixierbare Größe, als
+Benennung zu den im Experiment gewonnenen und in Formeln niedergelegten
+reinen Zahlen aufzufassen. „Die Physik ist die vollständige und
+einfache Beschreibung der Bewegungen“ (Kirchhoff). Das ist immer ihre
+Absicht gewesen. Aber eine Bewegung innerhalb der verstandesmäßig
+aufgefaßten Natur ist nichts anderes als jenes metaphysische Etwas,
+in dem das Erleben des Beobachters selbst, durch welches erst
+das Bewußtsein eines kontinuierlichen Nacheinander entsteht, zum
+Vorschein kommt. Der momentane Erkenntnisakt an sich bewirkt einen
+zeitlosen und also bewegungsfremden Zustand. <em class="gesperrt">Das</em> bedeutet
+„Gewordensein“. Aus der <em class="gesperrt">organischen Reihe</em> dieser Akte erst
+ergibt sich die Impression einer Bewegung. Der Gehalt dieses Wortes
+berührt den Physiker nicht als Intellekt, sondern als <em class="gesperrt">ganzen</em>
+Menschen, dessen ständige vitale Funktion nicht die „Natur“, sondern
+die <em class="gesperrt">ganze</em> Welt ist. Dies ist die ewige Verlegenheit aller
+Physik als des Ausdrucks einer Seele. Alle Physik ist Behandlung des
+Bewegungsproblems, in dem das Problem des Lebens selbst liegt, nicht
+als ob es eines Tages lösbar wäre, sondern obwohl es unlösbar ist.</p>
+
+<p>Gesetzt, daß Naturerkenntnis eine feine Art Selbsterkenntnis ist —
+die Natur als Bild, als Spiegel des Geistes verstanden —, so ist der
+Versuch, das Bewegungsproblem zu lösen, der Versuch der Erkenntnis,
+ihrem eigenen Geheimnis, ihrem Werden auf die Spur zu kommen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_5">5</h4>
+
+</div>
+
+<p>Das vollkommene System der mechanischen Naturanschauung ist eben nicht
+Physiognomik, sondern <em class="gesperrt">System</em>, d.&#8239;h. reine Ausgedehntheit,
+logisch und zahlenmäßig geordnet, nichts Lebendiges, sondern etwas
+Gewordenes und Totes. Dem widerspricht aber die Idee der Bewegung.
+Sie stammt unmittelbar aus dem<span class="pagenum" id="Seite_544">[S. 544]</span> Lebensgefühl, sie ist Zeit, Richtung,
+Schicksal, und so dringt sie als Fremdkörper in die Einheit eines
+mechanischen Systems, dessen zeitlos starre Folgerichtigkeit sie
+zerstört.</p>
+
+<p>Die Bewegung gehört, wie das Wort sagt, in das Reich der lebendigen
+Phänomene, der Gestalten, der Geschichte, nicht der begriffenen
+anorganischen Natur. Sie ist ein Eindruck von unmittelbar innerer
+Gewißheit des Gefühls, kein physikalischer Begriff, der jemals
+erschöpfend definiert werden könnte. <em class="gesperrt">Anschauen</em> kann sich die
+Bewegung; das war Goethes Art, die „lebendige Natur“ fühlend zu
+erleben; gerade sie führte zu den Phänomenen des bewegten Daseins,
+zur Physiognomik und blieb dem Bereich des Mathematischen vollkommen
+fern. Die Folge ist sein Ausspruch: „Die Natur hat kein System, sie
+hat, sie ist Leben und Folge aus einem unbekannten Zentrum, zu einer
+nicht erkennbaren Grenze.“ Für den, der Natur nicht erlebt, sondern
+erkennt, <em class="gesperrt">hat</em> sie aber System, ist sie System und nichts weiter,
+und folglich Bewegung in ihr ein Widerspruch. Sie kann ihn durch eine
+künstliche Formulierung zudecken, aber in den Grundbegriffen lebt er
+fort.</p>
+
+<p>Der Eindruck einer Bewegung folgt aus einem Kontinuum von
+Vorstellungen, aber nicht insofern sie Vorgestelltes sind, sondern
+indem sie eben jetzt vorgestellt werden. Eine Reihe von Erkenntnissen
+als Einheit erleben setzt Gedächtnis voraus, und zwar historisches
+Gedächtnis. Das ist kein ordnender, sondern ein lebendig schöpferischer
+Akt, kein mechanischer, sondern ein organischer Zusammenhang.
+Angenommen, wir hätten kein Gedächtnis, so daß jeder Moment für sich,
+ohne Verknüpfung mit dem vorhergegangenen aufgenommen würde — dann
+würde uns das Weltbild der Geschichte und <em class="gesperrt">also auch</em> der Begriff
+der Bewegung fehlen. Hier liegt die schwache Stelle der exakten
+Wissenschaft von der Natur. Hier dringt die Historie in ihr Bild. Die
+Bewegung ist nicht im Betrachteten, sondern im Betrachter, nicht im
+Objekt der Physik, sondern im Physiker als historischer Person.</p>
+
+<p>Weil es keine Physik gibt ohne eine Seele, deren <em class="gesperrt">historischer
+Ausdruck</em> sie ist, ohne einen Menschen einer einzelnen Kultur,
+der sie in sich und durch sie verwirklicht, deshalb ist eine reine,
+der Form nach fehlerlose Physik unmöglich. Die<span class="pagenum" id="Seite_545">[S. 545]</span> Bewegung ist der
+unvermeidliche Faktor, der sie notwendig zerstört. Die Gewohnheiten
+unsres Denkens hindern uns, das einzusehen. Ich hatte gesagt, daß man
+für Zeit das Wort Schicksal einsetzen solle, um sich bewußt zu werden,
+daß die Physik mit dem wahren Gehalt des Wortes nichts zu schaffen
+hat. Man sage gleichfalls für Bewegung eines physikalischen Systems
+dessen <em class="gesperrt">Älterwerden</em> — es altert wirklich, als Erlebnis eines
+Beobachters nämlich, in dessen Geist seine ganze Realität enthalten
+ist — und man wird das Verhängnisvolle des Wortes Bewegung mit seinem
+unzerstörbaren organischen Gehalt deutlich fühlen. Die Mechanik
+sollte mit Altern und folglich mit Bewegung nichts zu tun haben.
+Also — denn ohne das zentrale Bewegungsproblem ist überhaupt keine
+Naturwissenschaft denkbar — kann es gar keine lückenlos geschlossene
+Mechanik geben; irgendwo ist der organische Ausgangspunkt des Systems,
+dort wo das unvermittelte Leben hereinragt — die Nabelschnur, mit der
+das Geisteskind am mütterlichen Leben, das Gedachte am Denkenden hängt.</p>
+
+<p>Wir lernen hier die Entstehung der faustischen und apollinischen
+Naturerkenntnis von einer ganz anderen Seite kennen. Es gibt keine
+<em class="gesperrt">reine</em> Natur. Etwas vom Wesen der Historie liegt in jeder. Ist
+der Mensch ahistorisch wie der Grieche, dessen gesamte Welteindrücke
+in einer reinen, punktförmigen Gegenwart aufgesaugt werden, so
+wird das Naturbild <em class="gesperrt">statisch</em>, in jedem einzelnen Augenblick
+in sich selbst abgeschlossen. In der griechischen Physik kommt
+die Zeit als Größe ebensowenig vor wie im Entelechiebegriff des
+Aristoteles. Ist der Mensch historisch fühlend, weil das Werden,
+das den einzelnen Augenblick in eine Richtung, in Vergangenheit und
+Zukunft auflöst, sich ins Licht des erkennenden Geistes drängt, so
+entsteht ein <em class="gesperrt">dynamisches</em> Bild. Die Zahl, der Grenzwert des
+Gewordnen, wird im ahistorischen Falle <em class="gesperrt">Maß und Größe</em>, im
+historischen <em class="gesperrt">Funktion</em>. Man <em class="gesperrt">mißt</em> nur Gegenwärtiges und
+man <em class="gesperrt">verfolgt</em> nur etwas, das Vergangenheit und Zukunft hat, in
+seinem Verlauf. Dieser Unterschied ist es, der den innern Widerspruch
+im Bewegungsproblem in der antiken Mechanik verdeckt, in der
+abendländischen heraustreibt.</p>
+
+<p>Die Geschichte ist ewiges Werden, <em class="gesperrt">ewige Zukunft</em> und Bewegtheit
+also; die Natur ist geworden, also <em class="gesperrt">ewige Vergangenheit</em>.<span class="pagenum" id="Seite_546">[S. 546]</span>
+Folglich hat hier eine seltsame Umkehrung stattgefunden; die
+Priorität des Werdens vor dem Gewordnen erscheint aufgehoben. Der aus
+<em class="gesperrt">seiner</em> Sphäre, dem Gewordnen, rückschauende Geist kehrt den
+Aspekt des Lebens um; aus der <em class="gesperrt">Idee des Schicksals</em>, die Ziel
+und Zukunft in sich hat, wird das mechanisch-extensive <em class="gesperrt">Prinzip von
+Ursache und Wirkung</em>, dessen Schwerpunkt im Vergangenen liegt.
+Der Geist vertauscht dem Range nach das Leben (Zeit) und das Erlebte
+(Raum) und versetzt die Zeit als Strecke in ein räumliches Weltsystem.
+Er hat hier die ungeheuerste Verkehrung im wachen Bewußtsein
+vollzogen: während aus der Richtung die Ausdehnung, aus dem Leben das
+Räumliche als Erlebnis, weltbildendes Erlebnis folgt, setzt er den
+schematisierten „Lebensprozeß“ <em class="gesperrt">in seinen starren, vorgestellten Raum
+hinein</em> — <em class="gesperrt">das ist</em> physikalische Bewegung, leblos, teilbar,
+tot, den Regeln der Mathematik unterworfen. Dem Leben ist der Raum
+etwas, das als Funktion zum Leben gehört, dem Geiste ist Leben etwas im
+Raume. Goethes lebendige Anschauung <em class="gesperrt">erlebt</em> die Ausdehnung, die
+Welt als ewig werdend, der geborne Physiker <em class="gesperrt">erkennt</em> das Leben
+als mathematische Bewegung im Raume. Alles Mechanische, das heißt alles
+Gedachte ist eine prinzipielle Umkehrung von Organischem. Schicksal
+bedeutet ein Wohin, Kausalität bedeutet ein Woher. Künstlerische
+Anschauung, Intuition besitzt die Notwendigkeit eines Schicksals.
+Wissenschaftliches Denken ist, nicht als historisches Phänomen, sondern
+inhaltlich von kausaler Notwendigkeit. Wissenschaftlich begründen
+heißt vom Gewordnen und Verwirklichten aus nach „Gründen“ suchen,
+indem man den mechanisch aufgefaßten „Weg“ — das Werden als Strecke
+— rückwärts verfolgt. Aber es läßt sich nicht rückwärts leben, nur
+rückwärts denken. Nicht die Zeit, nicht das Schicksal ist umkehrbar,
+nur was der Physiker Zeit nennt, was er als teilbare, womöglich
+negative oder imaginäre „Größe“ in seine Formeln eingehen läßt.
+Insofern ist das Bewegungsproblem eine Umkehrung des Lebensgefühls und
+als solche von vornherein unlösbar, wenn man unter Lösung die restlose
+begrifflich-mathematische Formulierung versteht.</p>
+
+<p>Die Verlegenheit ist immer wieder gefühlt, wenn auch ihrem Ursprung und
+ihrer Notwendigkeit nach nie begriffen worden.<span class="pagenum" id="Seite_547">[S. 547]</span> Das dunkle Bewußtsein
+der Naturerkenntnis, hier an einer Grenze ihrer Möglichkeit zu stehen,
+sie vielmehr schon überschritten zu haben, war zu allen Zeiten
+wach. Innerhalb der antiken Naturforschung stellten die Eleaten der
+Notwendigkeit, die Natur in Bewegungen zu denken, die logische Einsicht
+entgegen, daß Denken ein Sein, mithin Erkanntes und Ausgedehntes
+identisch und also Erkenntnis und Werden unvereinbar seien. Ihre
+Einwände sind nie widerlegt worden und unwiderlegbar, aber sie haben
+die Entwicklung der antiken Physik, die als Ausdruck der apollinischen
+Seele unentbehrlich und also über logische Widersprüche erhaben war,
+nicht gehindert. Innerhalb der von Galilei und Newton begründeten
+klassischen Mechanik des Barock ist eine einwandfreie Lösung in
+dynamischem Sinne immer wieder versucht worden. Die Geschichte des
+Kraftbegriffs, dessen immer neue Definitionen die Leidenschaft des
+Denkens kennzeichnen, das durch diese Schwierigkeit sich selbst in
+Frage gestellt sah, ist nichts als die Geschichte der Versuche, die
+Bewegung mathematisch und begrifflich restlos zu fixieren. Der letzte
+bedeutende Versuch, der wie alle früheren mit Notwendigkeit mißlang,
+liegt in der Mechanik von H. Hertz vor.</p>
+
+<p>Hertz hat, ohne die eigentliche Quelle aller Verlegenheit zu finden —
+das ist noch keinem Physiker gelungen —, versucht, den Begriff der
+Kraft ganz auszuschalten, mit dem richtigen Gefühl, daß der Fehler
+aller mechanischen Systeme in einem der Grundbegriffe zu suchen sei. Er
+wollte das Bild der Physik allein aus den Größen der Zeit, des Raumes
+und der Masse aufbauen, aber er bemerkte nicht, daß eben die Zeit
+selbst, die als Richtungsfaktor in den Begriff der Kraft eingegangen
+ist, das organische Element war, ohne das eine dynamische Theorie sich
+nicht aussprechen läßt und mit dem eine reine Lösung nicht gelingt.
+Und abgesehen davon bilden die Begriffe Kraft, Masse und Bewegung eine
+dogmatische Einheit. Sie bedingen einander so, daß die Anwendung des
+einen die unvermerkte der beiden andern schon einschließt. Im πάντα
+ῥεῖ Heraklits ist die ganze apollinische, im Kraftbegriff die ganze
+abendländische Fassung des Bewegungsproblems enthalten. Der Begriff
+der Masse ist nur das Komplement zum Kraftbegriff. Newton — eine tief
+religiöse Natur — brachte lediglich das<span class="pagenum" id="Seite_548">[S. 548]</span> faustische Weltgefühl zum
+Ausdruck, als er, um den Sinn der Worte Kraft und Bewegung verständlich
+zu machen, von Massen als Angriffspunkten der Kraft und Trägern der
+Bewegung sprach. So hatten die Mystiker des 13. Jahrhunderts Gott und
+sein Verhältnis zur Welt aufgefaßt. Newton hatte mit seinem berühmten
+„<i>hypotheses non fingo</i>“ das metaphysische Element abgelehnt,
+aber seine Konzeption einer Mechanik ist durch und durch metaphysisch.
+Die Kraft ist im mechanischen Naturbilde des abendländischen Menschen,
+was der Wille in seinem Seelenbilde und die unendliche Gottheit in
+seinem Weltbilde ist. Die Grundgedanken seiner Physik standen fest,
+lange bevor der erste Physiker geboren wurde; sie lagen im frühesten
+religiösen Weltbewußtsein dieser Kultur.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_6">6</h4>
+
+</div>
+
+<p>Damit offenbart sich nun auch der religiöse Gehalt des physikalischen
+Begriffs der <em class="gesperrt">Notwendigkeit</em>. Es handelt sich um die mechanische
+Notwendigkeit in dem, was wir als Natur geistig besitzen, und man hat
+nicht zu vergessen, daß dieser Notwendigkeit eine andre, organische,
+schicksalhafte im Leben selbst zugrunde liegt. Die letzte gestaltet,
+die erste schränkt ein; die eine folgt aus einer inneren Gewißheit,
+die andere aus Beweisen: das ist der Unterschied von tragischer und
+technischer, historischer und physikalischer Logik.</p>
+
+<p>Innerhalb der von der Naturwissenschaft geforderten und vorausgesetzten
+Notwendigkeit bestehen nun weitere Unterschiede, die sich bis jetzt
+jeder Aufmerksamkeit entzogen haben. Es handelt sich hier um sehr
+schwierige Einsichten von unabsehbarer Bedeutung. Eine Naturerkenntnis
+ist die Funktion eines Verstandes von bestimmter Art, gleichviel
+wie dieser Zusammenhang von der Philosophie definiert wird. Eine
+Naturnotwendigkeit steht demnach in Beziehung zur Struktur des
+<em class="gesperrt">zugehörigen</em> Geistes, in dessen Tätigkeit sie sich realisiert,
+und hier beginnen die historisch-morphologischen Unterschiede. Man kann
+eine strenge Notwendigkeit in der Natur erblicken, ohne daß sie sich in
+Naturgesetze formulieren ließe. Das letzte, für uns selbstverständlich,
+für Menschen andrer Kulturen indessen durchaus nicht, setzt eine ganz
+besondere und für den<span class="pagenum" id="Seite_549">[S. 549]</span> faustischen Geist bezeichnende Form des Denkens
+und mithin des Naturerkennens voraus. An sich liegt die Möglichkeit
+vor, daß die mechanische Notwendigkeit eine Gestalt annimmt, in der
+jeder einzelne Fall morphologisch für sich besteht, keiner sich exakt
+wiederholt und Erkenntnisse also nicht als ständig gültige Formeln
+erscheinen können. Es würde da die Natur in einem Bilde erscheinen,
+das sich etwa nach Analogie unendlicher, aber nicht periodischer
+Dezimalbrüche im Unterschiede von rein periodischen vorstellen
+ließe. So empfand die Antike. Das Gefühl davon liegt schon ihren
+physikalischen Urbegriffen zugrunde. Die Eigenbewegung der Atome bei
+Demokrit z.&#8239;B. erscheint so, daß ein gesetzmäßiger Bewegungstypus nicht
+statuiert wird.</p>
+
+<p>Naturgesetze sind Formen des Geistes, in welchen ein Inbegriff von
+Fällen sich zu einer Einheit höheren Grades zusammenschließt. Aber
+darin liegt Wille zur Macht; das ist faustisch: der Geist spricht
+in diesen Formen seine Herrschaft über die Natur aus. Die Welt ist
+<em class="gesperrt">seine</em> Vorstellung, eine Funktion des eignen Ich. Der antike
+Mensch war, nach Protagoras, nur das Maß, nicht der Schöpfer der Dinge.</p>
+
+<p>Hier zeigt sich, daß das Kausalitätsprinzip in der Form, wie sie für
+uns selbstverständlich und notwendig ist, wie sie von der Mathematik,
+Physik und Erkenntnistheorie übereinstimmend als Grundwahrheit
+behandelt wird, ein abendländisches, genauer ein Barockphänomen
+ist. Sie kann nicht bewiesen werden, denn jeder Beweis in einer
+abendländischen Sprache und jede Erfahrung eines abendländischen
+Menschen setzt sie schon voraus. Es ist kein Zweifel, daß im Begriff
+der Kraft, der Funktion, des Natur<em class="gesperrt">gesetzes</em> überhaupt diese
+besondere Art von Notwendigkeit schon enthalten ist. Die antike
+Art, die Natur zu sehen — das <i>alter ego</i> der antiken Art zu
+<em class="gesperrt">sein</em> —, enthält sie aber <em class="gesperrt">nicht</em>, ohne daß dadurch eine
+logische Schwäche in den naturwissenschaftlichen Feststellungen zum
+Vorschein käme. Denkt man die Aussagen des Demokrit, Anaxagoras und
+Aristoteles, in denen die ganze Summe antiker Naturanschauungen
+enthalten ist, genau durch, prüft man vor allem den Gehalt von so
+entscheidenden Begriffen wie ἀλλοίωσις, ἀνάγκη oder ἐντελέχεια, so
+sieht man mit Erstaunen in ein völlig anders geartetes,<span class="pagenum" id="Seite_550">[S. 550]</span> in sich
+geschlossenes und also für eine bestimmte Art Mensch unbedingt wahres
+Weltbild, in dem von Kausalität in unserem Sinne nicht die Rede ist.
+Der Alchimist der arabischen Kultur, der seine magischen Operationen
+und Betrachtungen aus seinem Weltgefühl gleichfalls „exakt“ durchführt,
+setzt ebenso eine immanente Notwendigkeit seines Universums voraus, die
+von dynamischer Kausalität ganz und gar verschieden ist.</p>
+
+<p>Es ist sehr schwierig, sich über diesen Punkt verständlich zu
+machen. Vielleicht führt die Idee des Tragischen in das Wesen der
+Unterschiede ein. Das Wort Schicksal bezeichnet ein Urgefühl von etwas
+Unbeschreiblichem und Unfaßlichem in der Seele ganzer Kulturen, und
+in jeder ein anderes. Wir sahen, wie es sich in der anekdotischen
+Tragödie des Sophokles und der biographischen Tragödie Shakespeares
+offenbart, im gesamten Stil des apollinischen und faustischen Daseins,
+in der politischen und wirtschaftlichen Geschichte beider Kulturen und
+der Art der Entwicklung, der Anlage, des Verlaufs ihrer Epochen. Die
+Beziehung der jeweiligen Schicksalsidee zur antiken Kalokagathia und
+zum nordischen Willen wurde nachgewiesen. So erscheint sie, vom Geiste
+mechanisch gefaßt, ins Ausgedehnte, in die sinnliche Wirklichkeit
+umgedeutet, als Logik des Gewordnen, als ordnendes Urprinzip im
+Reiche der Zahlen, Dimensionen und Begriffe. Wie der tragische Stil
+der attischen und nordischen Szene, wie aristotelische und kantische
+Logik, so unterscheiden sich die antike und abendländische Art
+der physikalischen Notwendigkeit. Die Kausalität, welche Kant als
+die vornehmste Kategorie des Verstandes anerkannte und die <em class="gesperrt">bei
+Aristoteles fehlt</em>, gehört zur Dynamik. Eine Kausalkette ist
+eine Art von erstarrtem biographischem Nacheinander, etwas, das man
+jedenfalls als den Gegensatz zum Anekdotisch-Punktförmigen empfinden
+wird. Die Anschauungen der materialistischen Geschichtsauffassung
+lassen den Zusammenhang übersehen: nur eine <em class="gesperrt">historisch</em>
+empfindende Art Mensch konnte die Naturnotwendigkeit in dieser Form
+eines <em class="gesperrt">Verlaufs</em> perzipieren. In der Statik und Alchimie, beide
+als vollkommene Arten mechanischer Naturanschauung betrachtet, würde
+dies dem dogmatischen Grundgefühl widersprechen. Der Neid der Götter,
+der Geschlechterfluch, das blinde Fatum, das den Heros<span class="pagenum" id="Seite_551">[S. 551]</span> der attischen
+Tragödie vernichtet, trifft auf eine momentane Situation, nicht auf
+ein Ganzes von Leben und Tat. Es fehlt am „zureichenden Grunde“, und
+das stimmt damit überein, daß es nicht <em class="gesperrt">Kräfte</em> sind, die hier an
+einer Aufgabe scheitern. Kausalität und ἀνάγκη, beides Prinzipien des
+logischen Zwanges, unterscheiden sich wie Tun und Leiden, wie die Zahl
+als Funktion und die Zahl als Größe, wie kontrapunktische Musik und
+attische Plastik.</p>
+
+<p>Die Zahl als Funktion steht mit dem gedanklichen Prinzip von Ursache
+und Wirkung in tiefer Beziehung. Beide sind Schöpfungen desselben
+Geistes, Ausdrucksformen desselben Seelentums, bildende Grundlagen
+derselben objektgewordnen Natur. In der Tat unterscheidet sich die
+Physik Demokrits von der Newtons, indem die eine das optisch Gegebene,
+die andere die sich aus ihm entwickelnden abstrakten Beziehungen zum
+Ausgangspunkt wählt. Die eine ist populär im höchsten Grade; sie
+bleibt bei der Oberfläche, dem Augenschein stehen; die andre ist
+ebenso unpopulär, dem Handgreiflichen widerstrebend. Die „Tatsachen“
+der apollinischen Naturerkenntnis sind <em class="gesperrt">Dinge</em>, für sich
+bestehende und sinnlich aufzufassende Einzelheiten; die „Tatsachen“ der
+faustischen Naturerkenntnis sind <em class="gesperrt">Beziehungen</em>, die dem Auge des
+Laien überhaupt nicht zugänglich sind, die geistig erst erobert sein
+wollen und endlich zu ihrer Mitteilung einer Geheimsprache bedürfen,
+die nur dem <em class="gesperrt">Kenner</em> der Naturwissenschaft vollkommen verständlich
+ist. Die antike Notwendigkeit liegt in den wechselnden Erscheinungen
+der Einzeldinge unmittelbar zutage; das Kausalitätsprinzip waltet
+jenseits der Dinge, indem es ihre sinnlich isolierte Tatsächlichkeit
+abschwächt oder aufhebt. Man frage sich, welche Bedeutung sich unter
+Voraussetzung der gesamten heutigen Theorie mit dem Worte „ein Magnet“
+verbindet.</p>
+
+<p>Das Prinzip der Erhaltung der Energie, das man seit seiner Formulierung
+durch J. R. Mayer, Joule und Helmholtz in vollem Ernst als eine bloße
+Denknotwendigkeit angesehen hat, ist in der Tat eine Umschreibung des
+Kausalitätsprinzips — der logischen Form des faustischen Weltgefühls
+— mittelst des physikalischen Begriffes der Kraft. Die Berufung
+auf die Erfahrung und der Streit, ob eine Einsicht denknotwendig
+oder empirisch,<span class="pagenum" id="Seite_552">[S. 552]</span> ob sie nach Kants Bezeichnung — der sich über die
+verschwimmende Grenze zwischen beiden sehr täuschte — a priori oder
+a posteriori gewiß sei, ist für die Form des abendländischen Denkens
+charakteristisch. Nichts erscheint uns selbstverständlicher und
+eindeutiger als die Erfahrung als Quelle der exakten Wissenschaft. Das
+nur in Westeuropa zur vollen Meisterschaft ausgebildete Experiment ist
+nichts als die systematische und erschöpfende Handhabung der Erfahrung.
+Aber man hat nie bemerkt, daß in diesem höchst dogmatischen Begriff
+das Dynamische, das Kausale, also ein ganz spezieller Naturaspekt
+schon vorausgesetzt ist, daß Erfahrung für uns immer <em class="gesperrt">kausale</em>
+Erfahrung, Einsicht in <em class="gesperrt">funktionale</em> Zusammenhänge ist und
+somit in diesem Sinne und dieser Art für das antike Naturgefühl gar
+nicht existiert, mithin auch für das antike Denken eine unmögliche
+Konzeption ist. Wenn wir uns weigern, die wissenschaftlichen Resultate
+des Anaxagoras oder Demokrit als Resultate echter Erfahrungen
+anzuerkennen, so heißt das nicht, daß diese antiken Menschen sich
+auf die Interpretation ihrer Anschauungen nicht verstanden, daß
+sie bloße Phantasien entworfen hätten, sondern daß wir in ihren
+Verallgemeinerungen das kausale Element vermissen, das für uns den
+Sinn des Wortes Erfahrung erst ausmacht. Offenbar hat man nie genügend
+über die Exklusivität dieses rein faustischen Begriffes nachgedacht.
+Nicht der an der Oberfläche liegende Gegensatz zum Glauben ist für ihn
+bezeichnend. Die exakte sinnlich-geistige Erfahrung ist im Gegenteil
+ihrer Struktur nach dem vollkommen kongruent, was tief religiöse
+Naturen des Abendlandes, Pascal zum Beispiel, der Mathematiker und
+Jansenist aus der <em class="gesperrt">gleichen</em> innern Notwendigkeit war, wohl
+als Erfahrung des Herzens, als Erleuchtung in bedeutenden Momenten
+ihres Daseins kennen gelernt haben. Erfahrung bezeichnet eine
+<em class="gesperrt">Aktivität</em> des Geistes, die sich nicht auf die augenblicklichen
+und rein gegenwärtigen Eindrücke beschränkt, sie als solche hinnimmt,
+anerkennt, ordnet, sondern sie aufsucht und hervorruft, um sie in
+ihrer sinnlichen Individualität zu überwinden, sie in eine grenzenlose
+Einheit zu bringen, durch welche ihre handgreifliche Vereinzelung
+aufgelöst wird. Was wir Erfahrung nennen, besitzt die Tendenz <em class="gesperrt">vom
+Einzelnen zum Unendlichen</em>. Diese Aktivität, die Willen,<span class="pagenum" id="Seite_553">[S. 553]</span> Energie,
+ein Ziel, einen Machtanspruch in sich schließt, widerspricht dem
+antiken Naturgefühl. Demokrit würde die „Anschauung“ der modernen
+Mechanik, wonach Bewegungen als kontinuierliche Transformationsgruppen
+in einer n-dimensionalen Punktmannigfaltigkeit erscheinen, nicht mehr
+als Interpretation irgendeiner „Natur“ anerkannt haben. Anschauung
+— das war dem Griechen, dem Plastiker, das unmittelbare Erlebnis
+des Auges. Uns ist sie etwa das, was der Kenner des Kontrapunktes
+vor dem innern Blick sich geisterhaft und doch nicht ganz unsinnlich
+entfalten sieht, wenn er eine Partitur liest. <em class="gesperrt">Das</em> bedeutet uns
+„Erfahrung“. Deshalb besitzt der antike Mensch, für den im Augenschein
+das ganze Wesen der Welt liegt, eine Physik von unbestreitbarer Logik
+und Notwendigkeit des formalen Gehaltes, aber nach unserem Maßstabe
+„ohne Erfahrung“, d.&#8239;h. ohne die kausale, funktionale Zersetzung der
+Einheit des Handgreiflichen. Unser Weg, Erfahrungen zu gewinnen, ist
+für ihn der Weg, sie zu verlieren. Deshalb bleibt er der gewaltsamen
+Methode des Experiments fern, das seinem Sinne nach dynamisch, nicht
+statisch ist. (Das magische Experiment der Alchimie ist ein Typus
+von ganz anderer Bedeutung; er setzt ein anderes Naturgefühl voraus
+und ruft als Resultat eine andere intuitiv-geistige Vorstellungswelt
+hervor.) Deshalb besaß man unter dem Namen einer Physik statt eines
+mächtigen Systems erarbeiteter abstrakter Gesetze und Formeln,
+das die sinnliche Gegebenheit vergewaltigt und unterwirft — nur
+dies Wissen ist Macht! —, eine Summe wohlgeordneter, durch Bilder
+sinnlich verstärkter, nicht etwa aufgelöster Eindrücke, welche die
+Natur in ihrem in sich vollendeten Dasein unberührt ließ. Unsre
+exakte Naturwissenschaft ist imperativisch, die antike ist θεωρία im
+buchstäblichen Sinne, passive Beschaulichkeit.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_7">7</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es ist nun kein Zweifel mehr: die Identität der Physik mit der
+Mathematik, der Religion, der großen Kunst ist in den letzten Gründen
+der Form eine vollkommene. Ein tiefer Mathematiker — nicht ein
+meisterhafter Rechner, der mit dem alle Methoden beherrschenden
+Experimentator und dem technischen<span class="pagenum" id="Seite_554">[S. 554]</span> Virtuosen des Orchesterklangs und
+des Pinselstrichs auf einer Stufe steht, sondern einer, der den Geist
+der Zahlen in sich lebendig fühlt — begreift, daß er damit „Gott
+kennt“. Pythagoras und Plato haben das so gut gewußt wie Pascal und
+Leibniz. Terentius Varro in seinen Cäsar gewidmeten Untersuchungen
+über die altrömische Religion unterscheidet mit römischer Prägnanz
+die <i>theologia civilis</i>, die Summe des öffentlich anerkannten
+Glaubens, von der <i>theologia mythica</i>, der Vorstellungswelt
+der Dichter und Künstler, und der <i>theologia physica</i>, der
+philosophischen Spekulation. Wendet man dies auf die faustische Kultur
+an, so gehören zur ersten, was Thomas von Aquino und Luther, Calvin und
+Ignaz von Loyola lehren, zur zweiten Dante und Goethe, zur dritten aber
+die wissenschaftliche Physik selbst, soweit sie ihren Formeln Bilder
+unterlegt.</p>
+
+<p>Auch der Wilde und das Kind haben ein Gefühl für das „Andre“ in ihrer
+Außenwelt, im höchsten Fall eine Ahnung von dem, was das Wort „Gott“ in
+allen frühen Sprachen bezeichnet, also ein Bewußtsein von einer Natur,
+<em class="gesperrt">ihrer</em> Natur, in der sie leben und weben, mit der sie eins sind,
+die sie gleichzeitig bilden und von der sie gebildet werden. Aber mit
+dem Erwachen einer Kultur erwachen die großen seelischen Formen. Jetzt
+wächst das Gefühl von Gott zu einer großen Bestimmtheit auf, die einen
+übermächtigen Ausdruck in Mythen, Bauten und Ideen sucht, und das wache
+Bewußtsein prägt danach einen <em class="gesperrt">Begriff</em> von Gott. Aus dem einen
+folgt das <em class="gesperrt">Naturgefühl</em>, aus dem andern die <em class="gesperrt">Naturerkenntnis</em>.</p>
+
+<p>Seit den Tagen der Spätrenaissance wird die Vorstellung von Gott im
+Geist aller bedeutenden Menschen der Idee des reinen, unendlichen
+Raumes immer ähnlicher. Der Gott der Exercitia spiritualia des Ignaz
+von Loyola ist auch der des großen Lutherliedes „Ein feste Burg“, der
+Bachschen Kantaten, der heitren Hallenkirchen des Barock. Er ist nicht
+mehr der <em class="gesperrt">Vater</em> des heiligen Franz von Assisi, wie die Maler
+der Gotik, wie Giotto und Stephan Lochner ihn empfanden, leibhaft
+gegenwärtig, sondern ein unpersönliches Prinzip, unvorstellbar,
+ungreifbar, geheimnisvoll im Unendlichen wirkend. Jeder Rest von
+Persönlichkeit löst sich in unanschaulicher Abstraktheit auf, eine Idee
+von Gott, der zuletzt nur noch die Instrumentalmusik<span class="pagenum" id="Seite_555">[S. 555]</span> großen Stils
+gewachsen ist, während die Malerei des 18. Jahrhunderts versagt und
+demnach in den Hintergrund tritt. <em class="gesperrt">Dies Gefühl von Gott</em> hat das
+naturwissenschaftliche Weltbild des Abendlandes, unsere Natur, unsere
+„Erfahrung“ und mithin unsere Resultate und Hypothesen im Gegensatz
+zu denen des antiken Menschen gestaltet. Die Kraft, welche die Masse
+bewegt: das ist es, was Michelangelo an die Decke der sixtinischen
+Kapelle gemalt hat, was seit dem Vorbilde von Il Gesù die Domfassaden
+zu dem gewaltsamen Ausdruck bei Della Porta und Maderna und seit
+Orlando Lasso den fugierten Stil zu den kolossalen Tonmassen der
+Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts gesteigert hat, was als Weltgeschehen
+in Shakespeares Tragödien die ins Unendliche erweiterte Szene füllt und
+was endlich Galilei und Newton in Formeln und Begriffe gebannt haben.</p>
+
+<p>Das Wort Gott klingt anders unter den Wölbungen gotischer Dome
+und in den Klosterhöfen von Maulbronn und Sankt Gallen als in den
+Basiliken Syriens und den Tempeln des republikanischen Rom. In dem
+<em class="gesperrt">Wälderhaften</em> der Dome, der mächtigen Erhöhung des Mittelschiffes
+über die Seitenschiffe gegenüber der flachgedeckten Basilika, von deren
+Typus der abendländische Kirchenbau ausging, in der Verwandlung der
+Säulen, die durch Basis und Kapitäl als abgeschlossene Einzeldinge in
+den Raum gestellt wurden, zu Pfeilern und Pfeilerbündeln, die aus dem
+Boden wachsen und deren Äste und Linien sich über dem Scheitel ins
+Unendliche verlieren und verschlingen, während von den Riesenfenstern,
+welche die Wand aufgelöst haben, ein ungewisses Licht durch den Raum
+fließt, liegt die architektonische Verwirklichung eines Weltgefühls,
+das im <em class="gesperrt">Hochwald</em> der nordischen Ebenen sein ursprünglichstes
+Symbol gefunden hatte. Und zwar im Laubwalde mit dem geheimnisvollen
+Gewirr seiner Äste und dem Raunen der ewig bewegten Blättermassen über
+dem Haupte des Betrachters, hoch über der Erde, von der die Wipfel
+durch den Stamm sich zu lösen versuchen. Man denke wieder an die
+romanische Ornamentik und ihre tiefe Beziehung zum Sinn der Wälder.
+Der unendliche, einsame, dämmernde Wald ist die geheime Sehnsucht
+aller abendländischen Bauformen geblieben. Deshalb löst sich, sobald
+die Formenenergie<span class="pagenum" id="Seite_556">[S. 556]</span> des Stils ermattet, in der späten Gotik (im
+<i>style flamboyant</i>, in Troyes, im Prager Dom) ganz ebenso wie
+im ausgehenden Barock die beherrschte abstrakte Liniensprache wieder
+unmittelbar in naturalistisches Astwerk, Ranken, Zweige, Blätter auf.
+Die Zypresse und Pinie wirken körperhaft, euklidisch; sie hätten
+niemals Symbole des unendlichen Raumes werden können. Die Eiche,
+Buche, Linde mit den irrenden Lichtflecken in ihren schattenerfüllten
+Räumen wirken körperlos, grenzenlos, geistig. Der Stamm einer Zypresse
+findet in der klaren Säule ihrer Nadelmasse den vollkommenen Abschluß
+seiner senkrechten Tendenz, der einer Eiche wirkt wie ein unerfülltes
+rastloses Streben über den Wipfel hinaus. In der Esche scheint der
+Sieg der aufstrebenden Äste über den Zusammenhalt der Krone eben zu
+gelingen. Ihr Anblick hat etwas Aufgelöstes, den Anschein einer freien
+Verbreitung im Raum, und vielleicht wurde die Weltesche deshalb ein
+Symbol der nordischen Mythologie. Das Waldesrauschen, dessen Zauber
+kein antiker Dichter je empfunden hat, das jenseits der Möglichkeiten
+des apollinischen Naturgefühls liegt, steht mit seiner geheimen Frage
+nach dem Woher und Wohin, seinem Versinken des Augenblicks im Ewigen
+in einer tiefen Beziehung zum Schicksal, zum Gefühl für Geschichte und
+Dauer, zur faustischen schwermütig-sorgenvollen Richtung der Seele in
+eine unendliche ferne Zukunft. Deshalb wurde die Orgel, deren tiefes
+und helles Brausen unsere Kirchen füllt, deren Klang im Gegensatz zum
+klaren, pastosen Ton der antiken Lyra und Flöte etwas Grenzenloses
+und Ungemessenes besitzt, das Organ der abendländischen Andacht. Dom
+und Orgel bilden eine symbolische Einheit wie Tempel und Statue. Die
+Geschichte des Orgelbaus, eines der tiefsinnigsten und rührendsten
+Kapitel der Musikgeschichte, ist eine Geschichte der Sehnsucht nach dem
+Walde, nach der Sprache dieses eigentlichen Tempels der abendländischen
+Gottesverehrung. Von dem Versklang Wolframs von Eschenbach bis zur
+Musik des Tristan ist diese Sehnsucht unveränderlich fruchtbar
+geblieben. Das Streben des Orchesterklanges im 18. Jahrhundert ging
+unablässig dahin, dem Orgelklang immer verwandter zu werden. Das Wort
+„schwebend“, sinnlos antiken Dingen gegenüber, ist gleich wichtig
+in der Theorie der Musik, der Architektur, der Physik, der Dynamik<span class="pagenum" id="Seite_557">[S. 557]</span>
+des Barock. Wenn man in einem hohen Walde mächtiger Stämme steht und
+den Sturm über sich wühlen hört, begreift man plötzlich den Sinn des
+Gedankens von der Kraft, welche die Masse bewegt.</p>
+
+<p>So entsteht aus dem Urgefühl des bewußten Daseins eine immer
+bestimmtere Vorstellung des göttlichen Prinzips. Erkenntnis ist
+ein Gewordensein. Der Erkennende selbst aber empfängt durch das
+Kontinuum der lebendigen Erkenntnisakte den Eindruck einer Bewegung
+in der äußeren Natur. Er fühlt um sich ein schwer zu beschreibendes
+<em class="gesperrt">fremdes</em> Leben unbekannter Mächte. Er führt den Ursprung dieser
+Wirkungen auf <i>numina</i> nach römischer Bezeichnungsweise zurück,
+auf das „andre“, Nichteigne, insofern es ebenfalls Leben besitzt. Ein
+<i>numen</i> ist gestaltetes, durchseeltes Weltgefühl. Aus der Bewegung
+entspringen also Religion und Physik. Sie enthalten die Deutung der
+lebendigen und der toten Natur oder des Bildes der Umwelt durch die
+Seele und durch den Verstand. Die „himmlischen Mächte“ sind zugleich
+erster Gegenstand der Verehrung und der Forschung. Es gibt eine Lebens-
+und eine wissenschaftliche Erfahrung.</p>
+
+<p>Nun beachte man wohl, auf welche Weise das Bewußtsein der einzelnen
+Kulturen die ursprünglichen <i>numina</i> geistig verdichtet. Es
+belegt sie mit bedeutungsvollen Worten, mit <em class="gesperrt">Namen</em>, und bannt
+— begreift, begrenzt — sie auf diese Art. Damit unterliegen sie der
+geistigen Macht des Menschen, der den Namen in seiner Gewalt hat.
+Und es war schon gesagt worden, daß die ganze Philosophie, die ganze
+Naturwissenschaft, alles, was zum „Erkennen“ in irgendeiner Beziehung
+steht, im tiefsten Grunde nichts ist als die unendlich verfeinerte
+Art, <em class="gesperrt">den Namenzauber des primitiven Menschen auf das „Fremde“
+anzuwenden</em>. Das Aussprechen des richtigen Namens (in der Physik
+des richtigen Begriffes) ist eine Beschwörung. So entstehen Gottheiten
+und wissenschaftliche Grundbegriffe zuerst als Namen, die man anruft
+und an die sich eine sinnlich immer bestimmtere Vorstellung knüpft.
+Aus dem <i>numen</i> wird ein <i>deus</i>, aus dem Begriff eine
+Theorie. Was für ein befreiender Zauber liegt für die Mehrzahl der
+gelehrten Menschen in der bloßen Nennung der Worte „Ding an sich“,
+„Atom“, „Energie“, „Schwerkraft“,<span class="pagenum" id="Seite_558">[S. 558]</span> „Ursache“, „Entwicklung“! Es ist
+der gleiche, der den latinischen Bauern bei den Worten Ceres, Consus,
+Janus, Vesta ergriff.<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[117]</a></p>
+
+<p>Indes, der Namenzauber tut mehr. Er hebt nicht nur heraus, grenzt
+aus der Fülle bewegter Eindrücke ab, er macht auch das „Fremde“ der
+Gestaltungskraft des eignen Ursymbols erreichbar. Aus Worten — denn in
+der Sprache liegt der <em class="gesperrt">ganze</em> Mensch — werden Gottheiten, aber
+was für Unterschiede! Antike Gottheiten als wohlunterschiedene σώματα,
+klar umrissen, hell beleuchtet schon bei Homer. Indische Gottheiten,
+unzählige ineinander verschwimmende, maßlose Wesen, vag, phantastisch
+wie Wolken und Nebelfetzen. Abendländische Gottheiten auf dem Wege von
+der Gotik zum Barock zu <em class="gesperrt">einer</em> unsichtbaren Macht sich einend.
+Man achte wohl auf die Unterschiede des apollinischen und vedischen
+Polytheismus. Von dort geht ein Weg zur euklidischen Körpergeometrie
+und den Elementen des Empedokles, von hier zur Null, zum Nirwana, zur
+Seelenwanderung. Aus dem Verhältnis des Olymps zur Atomistik Demokrits,
+der katholischen Dogmatik zu Newton ermessen wir, was eine indische
+Physik an Grundbegriffen hätte enthalten müssen.</p>
+
+<p>Dem antiken Weltgefühl war, dem Tiefenerlebnis und dessen Symbolik
+gemäß, der einzelne Körper <em class="gesperrt">das</em> Sein. Folgerichtig empfand man
+dessen äußere <em class="gesperrt">Gestalt</em> als das Wesenhafte, als den eigentlichen
+Sinn des Wortes „Sein“. Was nicht Gestalt hat, Gestalt ist, ist
+überhaupt nicht. Von diesem Grundgefühl aus, das man sich nicht mächtig
+genug denken kann, konzipierte der antike Geist als <em class="gesperrt">Gegenbegriff</em>
+(in der hier neu eingeführten Bedeutung) zur Gestalt das „andre“, die
+Ungestalt, den Stoff, die ἀρχή oder ὕλη, das, was an sich kein Sein
+besitzt und lediglich als Komplement zum wirklich Seienden für das
+Weltgefühl eine ergänzende, sekundäre Notwendigkeit. Man begreift,
+wie die antike Götterwelt sich bilden mußte. Sie ist neben dem
+Menschen eine höhere Menschlichkeit; es sind vollkommener gestaltete
+Körper, erhabenste Möglichkeiten leibhaft-gegenwärtiger Form — im
+Unwesentlichen, dem Stoffe nach,<span class="pagenum" id="Seite_559">[S. 559]</span> nicht unterschieden, mithin derselben
+kosmischen und tragischen Notwendigkeit unterworfen.</p>
+
+<p>Das faustische Weltgefühl aber erlebte die Tiefe anders. Hier erscheint
+als Inbegriff des Seins der reine unendliche Raum. Er ist <em class="gesperrt">das</em>
+Sein schlechthin. Hier wirkt der sinnliche Empfindungsinhalt, der
+mit einer höchst bezeichnenden Wendung, die ihm den Rang anweist,
+das Raumerfüllende genannt wird, als Tatsache zweiter Ordnung und
+im Hinblick auf den Akt der Naturerkenntnis als das Fragwürdige,
+als Schein und Widerstand, der überwunden werden muß, wenn man als
+Philosoph oder Physiker den eigentlichen Gehalt des Seins erschließen
+will. Die abendländische Skepsis hat sich niemals gegen den Raum,
+immer gegen die greifbaren Dinge gewandt. Raum ist der primäre Begriff
+— Kraft ist nur ein weniger abstrakter Ausdruck dafür — und erst
+als sein Gegenbegriff erscheint die Masse, das, was im Raume ist.
+Sie ist logisch wie physikalisch von ihm abhängig. Der modernen
+Konzeption einer elektrodynamischen Energie folgte notwendig die einer
+zugehörigen Masse, des Lichtäthers. Eine Definition der Masse folgt
+mit allen ihr zugeschriebenen Eigenschaften aus der einer Kraft,
+nicht umgekehrt — und zwar mit der Notwendigkeit eines Symbols.
+— Alle antiken Substanzbegriffe, sie mögen noch so individuell,
+idealistisch oder realistisch gefaßt sein, bezeichnen <em class="gesperrt">das zu
+Gestaltende</em>, eine Negation also, die ihre näheren Bestimmungen in
+jedem Falle aus dem Grundbegriff der Gestalt herübernehmen muß. Alle
+abendländischen Substanzbegriffe bezeichnen <em class="gesperrt">das zu Bewegende</em>,
+ohne Zweifel ebenfalls eine Negation, aber die einer andern Einheit.
+<em class="gesperrt">Gestalt und Ungestalt, Kraft und Nichtkraft</em> — so wird die
+dem Welteindruck beider Kulturen zugrunde liegende und seine Formen
+restlos erschöpfende Polarität am deutlichsten wiederzugeben sein. Was
+die vergleichende Philosophie bis jetzt ungenau und verwirrend mit
+dem einen Worte Stoff wiedergab, bedeutet in einem Fall das Substrat
+der Gestalt, im andern das der Kraft. Es gibt nichts Verschiedeneres.
+Hier spricht das Gefühl von Gott, ein <em class="gesperrt">Wertgefühl</em>. Die Gestalt,
+die Kraft sind die Inkarnationen des Göttlichen im Weltbilde. Die
+antike Gottheit ist höchste Gestalt, die faustische höchste Kraft. Das
+„andre“ ist<span class="pagenum" id="Seite_560">[S. 560]</span> das Ungöttliche, dem die Würde des Seins vom Geiste nicht
+zugesprochen werden kann. Ungöttlich ist dem apollinischen Weltgefühl
+die gestaltlose Leere, das „zwischen den Körpern“, dem faustischen
+<em class="gesperrt">also</em> das passive Einzelding.</p>
+
+<p>So erfolgte aus der Idee des <em class="gesperrt">einen</em> unendlichen Raumes die
+abendländische Vorstellung des <em class="gesperrt">einen</em> Gottes. Man begreift
+nun den Ursprung von Monotheismus und Polytheismus. Gott — das ist
+für unser Gefühl der Raum, Kraft, Wille, Tat. Welt, als Gegensatz
+zu ihm, ist also die Nichtkraft, die Masse, das Objekt. Man hat von
+Dante bis Goethe tausendmal die Worte gewechselt und das Weltbild
+religiös oder wissenschaftlich, intuitiv oder mechanistisch zu deuten
+versucht; das Grundgefühl ist unverändert geblieben. Es gehört zu
+den seelischen Bedingungen, über die niemand Gewalt hat. Es ist eine
+Selbsttäuschung, wenn jemand sagt, er sei Atheist geworden, oder „zu
+Gott zurückgekehrt“. Er verwechselt lediglich begriffliche Konventionen
+der Oberfläche — neue Namen — mit dem Gehalt der Welteindrücke
+selbst. Wer für Gott und Welt Wille und Vorstellung oder Kraft und
+Stoff sagt, kennzeichnet damit nur seine bewußte Individualität, seinen
+intellektuellen Geschmack, nicht seine Kultur. Wenn ein Darwinist oder
+Positivist, Nietzsche einbegriffen, eine Ansicht über den Weltverlauf
+ausdrücken will, so redet er davon, daß „die Natur“ dies so organisiert
+hat, jenes so will, irgend etwas bezweckt, zuläßt, schafft. So hätte
+kein Grieche gesprochen. So spricht die katholische Kirche, nur daß
+sie das Wort Gott für Natur gebraucht und das Kausalitätsprinzip
+vorsichtiger formuliert. Es ist dem heutigen Naturforscher so wenig wie
+dem irgendeiner andern Kultur möglich, von dieser Disposition seines
+produktiven Bewußtseins loszukommen. Seine Grundbegriffe, scheinbar
+Resultate einer strengen und voraussetzungslosen Analyse, waren schon
+in den Gottvorstellungen seiner Vorfahren enthalten.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_8">8</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es ist ein wissenschaftliches Vorurteil, daß Mythen und
+Göttervorstellungen eine Schöpfung des primitiven Menschen seien und
+daß mit fortschreitender Kultur der Seele die mythenbildende<span class="pagenum" id="Seite_561">[S. 561]</span> Kraft
+verloren gehe. Das Gegenteil ist der Fall. Wäre nicht die Morphologie
+der Geschichte bis zum heutigen Tage ein unentdecktes Problem
+geblieben, so hätte man längst die vermeintlich allgemein verbreitete
+mythologische Produktivität auf einzelne Epochen beschränkt gefunden
+und endlich begriffen, daß diese Kraft einer Seele, ihre Welt mit
+Gestalten, Zügen und Symbolen, und zwar von einheitlichstem Charakter
+zu erfüllen, <em class="gesperrt">gerade</em> den Frühzeiten der großen Kulturen angehört.
+Jeder Mythus großen Stils steht am Anfang eines erwachenden Seelentums.
+Er ist seine erste geistige Tat. Man findet ihn nur dort und nirgend
+anders, dort aber auch mit Notwendigkeit. Die bedeutendsten Motive
+der Edda sind genau gleichzeitig mit der romanischen Ornamentik und
+der gotischen Bauweise entstanden. Der olympische Götterkreis, wie
+wir ihn aus Homer kennen, entstand gleichzeitig mit dem frühdorischen
+geometrischen Stil.</p>
+
+<p>Ich setze voraus, daß das, was Urvölker wie die Germanen zur Zeit
+Cäsars an religiösen Vorstellungen besitzen, noch kein höherer
+Mythus, d.&#8239;h. wohl eine Summe zerstreuter personifizierender Züge,
+an Namen haftender Kulte, fragmentarischer Sagenbildungen, aber noch
+keine Götter<em class="gesperrt">ordnung</em>, kein mythischer <em class="gesperrt">Organismus</em>, kein
+geschlossener Sagenkreis von einheitlicher Physiognomie ist, so wenig
+ich die vage Ornamentik dieser Stufe eine Kunst nenne. Übrigens sind
+die größten Bedenken Symbolen und Sagen gegenüber angebracht, die
+heute oder auch seit Jahrhunderten unter scheinbar primitiven Völkern
+geläufig sind, nachdem seit Jahrtausenden keine Landschaft der Erde von
+der Einwirkung fremder Hochkulturen ganz unberührt geblieben ist.</p>
+
+<p>Es gibt deshalb so viele Formenwelten des Mythus, als es Kulturen,
+als es Architekturen gibt. Was ihnen zeitlich vorausliegt, das Chaos
+unfertiger Phantasiegebilde, in das die moderne Mythenforschung ohne
+ein leitendes Prinzip sich verliert, kommt unter diesen Voraussetzungen
+nicht in Betracht; andrerseits zählen Bildungen dazu, von denen es
+noch niemand vermutet hat. In der homerischen Zeit, 1100–800, und der
+entsprechenden ritterlich-germanischen, 900–1300 — den <em class="gesperrt">epischen</em>
+Zeitaltern —, nicht früher, nicht später, sind die großen Sagenwelten<span class="pagenum" id="Seite_562">[S. 562]</span>
+entstanden. Ihnen entspricht in Indien die vedische und in Ägypten
+die Pyramidenzeit, man wird eines Tages entdecken, daß die ägyptische
+Mythologie in der Tat gerade während der dritten und vierten Dynastie
+zur <em class="gesperrt">Tiefe</em> herangereift ist.</p>
+
+<p>Nur so ist der unermeßliche Reichtum religiös-intuitiver Schöpfungen zu
+verstehen, der die drei Jahrhunderte der deutschen Kaiserzeit füllt. Es
+ist die <em class="gesperrt">faustische Mythologie</em>, die hier entstand. Man war bisher
+blind für den Umfang und die Einheit dieser Formenwelt, weil religiöse
+und gelehrte Vorurteile zu einer fragmentarischen Behandlung entweder
+der katholischen oder der nordisch-heidnischen Bestandteile drängten.
+Aber es besteht hier kein Unterschied. Der tiefe Bedeutungswandel
+innerhalb der christlichen Vorstellungskreise ist als schöpferischer
+Akt identisch mit der Zusammenfassung altheidnischer Kulte zu einem
+Ganzen. Es gehören hierher die sämtlichen westeuropäischen Volkssagen,
+die damals ihre symbolische Durchbildung erhalten haben, mögen sie auch
+der Substanz nach viel früher entstanden und viel später noch an neue
+äußere Erlebnisse angeknüpft und durch bewußtere Züge bereichert worden
+sein. Es gehören dazu die großen in der Edda erhaltenen Göttersagen
+und eine Anzahl Motive aus den Evangeliendichtungen gelehrter Mönche.
+Dazu kommt die deutsche Heldensage des Siegfried-, Gudrun-, Dietrich-,
+Wielandkreises mit ihrem Gipfel im Nibelungenlied und neben ihr die
+ungeheuer reiche, aus altkeltischen Märchen abgeleitete und auf
+französischem Boden eben damals vollendete Rittersage: vom König
+Artus und der Tafelrunde, vom heiligen Gral, von Tristan, Parzeval
+und Roland. Und endlich ist außer der unvermerkten, aber um so
+tieferen psychologischen Umdeutung aller Züge der Passionsgeschichte
+der ganze Reichtum der katholischen Heiligenlegenden hinzuzurechnen,
+deren Blütezeit das 10. und 11. Jahrhundert füllt. Damals sind die
+Marienleben, die Geschichten des hl. Rochus, Sebald, Severin, Franz,
+Bernhard und der Odilia entstanden. Um 1250 wurde die Legenda aurea
+verfaßt; es war die Blütezeit der höfischen Epik und der isländischen
+Skaldenpoesie. Den großen Walhallgöttern im Norden entsprechen die
+„vierzehn Nothelfer“, die gleichzeitig im südlichen Deutschland als
+mythische Gruppe konzipiert<span class="pagenum" id="Seite_563">[S. 563]</span> worden sind. Auf altgermanischen Ideen,
+welche Dante vielleicht während eines Aufenthaltes in Oxford kennen
+lernte, beruhen die mächtigen Raumvisionen der Göttlichen Komödie, die
+Ringe des Höllentrichters. Neben der Schilderung von Ragnarök, der
+Götterdämmerung, in der Völuspa steht eine christliche Fassung in den
+süddeutschen Muspilli.</p>
+
+<p>Nichts ist für den letzten Sinn dieser religiösen Schöpfungen
+bezeichnender als die Tatsache, daß die Götterwelt von Walhall nicht
+altgermanischen Ursprungs ist und den Stämmen der Völkerwanderung
+noch gar nicht bekannt war, sondern daß sie erst jetzt und mit einem
+Schlage, aus innerster Notwendigkeit im Bewußtsein der auf dem Boden
+des Abendlandes neu entstandenen Völker sich bildete, „gleichzeitig“
+also mit der olympischen, die wir aus der homerischen Epik kennen und
+die ebensowenig urhellenischer Herkunft ist. Die kretisch-mykenische
+Menschheit, welche Namen ihre verschollenen Völker auch getragen
+haben mögen, kann die olympischen Motive nicht gekannt haben. Das ist
+psychologisch unmöglich. Und der kretisch-mykenischen Zeit entspricht
+der religiösen Lage nach, als Vorstufe einer noch ungebornen Kultur,
+die merowingisch-karolingische. Als die Araber um 730 mitten im
+fränkischen Reich, an der Loire standen und Musa verkündete, er wolle
+über die Pyrenäen und Alpen nach Rom ziehen und Mohameds Namen vor
+dem Vatikan ausrufen lassen, war das Christentum des Westens dem
+seelischen Gehalte, der Symbolik nach noch wenig vom Islam verschieden.
+Man prüfe den Geist der fränkisch-langobardischen Kirchenkunst. Es
+war noch derselbe Ausdruck des magischen Weltgefühls, wie er auf
+den morgenländischen Konzilien der ersten Jahrhunderte zu Worte
+gekommen war. So wenig damals die Welt von Walhall schon entstanden
+und innerlich auch nur möglich war, so wenig war von dem späteren,
+dem germanischen, dem faustischen Christentum schon vorhanden.
+Erst das große Schisma offenbart nach dieser Seite hin das Dasein
+einer jungen abendländischen neben einer alternden morgenländischen
+Seele. Als Karl der Große, der Herrscher von „Frankistan“, seine
+Palastkapelle zu Aachen baute, entstand aus antiken Säulen und
+Bauteilen, die man von Italien bezog, eine Art Moschee. Das ist
+ein welthistorisches Symbol.<span class="pagenum" id="Seite_564">[S. 564]</span> Das Aachener Münster wird immer das
+merkwürdigste Beispiel einer Architektur <em class="gesperrt">vor</em> der Geburt eines
+Stils bleiben. Es steht außerhalb aller Stile, weil es außerhalb aller
+Kulturen steht. Aber dasselbe gilt von allem, was an christlichen und
+heidnischen Gottvorstellungen damals wirkliches geistiges Eigentum des
+westeuropäischen Menschen war.</p>
+
+<p>Man hat die organische Einheit dieser faustischen Götter- und Sagenwelt
+und ihre in allen Kreisen identische Symbolik bei weitem nicht genügend
+beachtet. Siegfried, Baldur, Roland, der Heliand sind verschiedene
+Namen für ein und dieselbe Gestalt. Walhall und die Gefilde der
+Seligen Avalun, König Artus’ Tafelrunde und das Mahl der Einherier,
+Maria, Frigga und Frau Holle bedeuten dasselbe. Demgegenüber ist die
+äußere Abstammung der stofflichen Motive und Elemente, auf welche die
+Mythenforschung ein Übermaß von Eifer verwendet hat, lediglich ein
+Phänomen der historischen Oberfläche und ohne psychologische Bedeutung.
+Für den <em class="gesperrt">Sinn</em> eines Mythus beweist die Herkunft <em class="gesperrt">nichts</em>.
+Das <i>numen</i> selbst, die Urgestalt des Weltgefühls, ist reine
+wahllose und unbewußte Schöpfung und unübertragbar. Was ein Volk
+durch Bekehrung oder bewundernde Annahme von einem andern erhält,
+ist Name, Kleid und Maske für ein eignes Gefühl, niemals ein Gefühl
+selbst. Man hat die primitiven altkeltischen und altgermanischen
+Mythenmotive so gut wie den Formenschatz des antiken und des
+christlich-morgenländischen Glaubens als den Stoff zu betrachten, aus
+dem die faustische Seele in diesen Jahrhunderten eine eigne mythische
+Architektur erschuf. Es ist auf dieser Stufe eines eben erwachenden
+Seelentums ganz belanglos, ob diejenigen, durch deren Geist und
+Mund dieser Mythus ins Leben tritt, „einzelne“ Skalden, Missionäre,
+Troubadours, fahrende Sänger, Priester oder „das Volk“ sind. Es
+ist, wie man sieht, für die innere Selbständigkeit des Entstandenen
+auch belanglos, daß die christlichen Kultelemente die Formgebung
+entscheidend beherrscht haben.</p>
+
+<p>Zu dieser Fülle von Mythen, die sämtlich das gleiche, das faustische
+Weltbild beseelen, dieselbe faustische Natur, die so viel später das
+Objekt der Dynamik und ihrer Theorien wurde und damit eine neue,
+geistigere, bewußtere, aber nicht weniger<span class="pagenum" id="Seite_565">[S. 565]</span> mythische Fassung erhielt,
+hat jede Landschaft beigesteuert, der Norden Walhall, der deutsche
+Süden Siegfried und Etzel, England den König Artus, Frankreich
+Parzeval, die Provence den Gral, Italien die Heiligenlegenden.</p>
+
+<p>Bei allem Anschein eines farbig-sinnlichen Polytheismus aber, der eine
+Fortsetzung des antiken vortäuscht und in der Tat das Auge immer wieder
+verführt hat, hebt sich das Urgefühl des <em class="gesperrt">einen</em> unendlichen
+Raumes heraus, eine mächtige Tendenz zur Ferne, eine Wendung an den
+innern Blick, nicht den des Leibes, was weder die Rittersage noch die
+Heldensage gänzlich verhehlt. Man vergesse nicht, daß das lateranische
+Konzil von 1215 die <em class="gesperrt">dogmatische</em> Fassung des Weltgefühls
+festlegte, dessen mythische Gestaltung in der <em class="gesperrt">Gesamtheit</em> dieser
+Götter- und Heldenvorstellungen vorliegt.</p>
+
+<p>Wir haben, jedesmal in der Frühzeit der antiken, arabischen,
+abendländischen Kultur, einen Mythus statischen, magischen, dynamischen
+Stils vor uns. Man prüfe jede Einzelheit der Form, wie dort eine
+Haltung, hier eine Tat, dort die Geste, hier der Wille zugrunde liegen,
+wie in der Antike das leibhaft Greifbare, das sinnlich Gesättigte
+vorwaltet, das eben deshalb, was die Form der Verehrung anbelangt,
+seinen Schwerpunkt in einem sinnlich eindrucksvollen <em class="gesperrt">Kultus</em>
+hat, während im Norden der Raum, die Kraft und mithin eine vorwiegend
+<em class="gesperrt">dogmatisch</em> gefärbte Religiosität herrschen. Schon in diesen
+frühesten Ansätzen läßt sich die Verwandtschaft des homerischen Mythus
+zur Statue, des Eddamythus zur kontrapunktischen Musik bemerken. Man
+hat wohl zwischen dem seiner selbst vollkommen sicheren <em class="gesperrt">Gefühl</em>,
+das sich in diesen mythischen Formen hervorwagt, und den oft sehr davon
+verschiedenen Zügen, Gebräuchen und Bildern zu unterscheiden, welche
+die junge Seele aus der Tradition älterer Kulturen herübernimmt, um für
+ihre stammelnde Sehnsucht eine Sprache zu finden. Die antiken Kulte,
+welche das Arabertum, und die Lehren der christlichen Kirche, welche
+das germanische Abendland aufnahm, waren Maske und Stoff; das junge
+Gefühl fügte sich in die alte Gestalt. Geradeso wurde die Basilika
+zum Dom umgeschaffen. So hatte der antike Mensch kretisch-ägyptische,
+phönikische und babylonische Motive in seine Ideen von Gott<span class="pagenum" id="Seite_566">[S. 566]</span> und seine
+Kulte verwebt. Die Minos-, Herakles- und Dionysossage beweisen es.
+So führt ein wesentlicher Teil der deutschen Volkssagen, selbst die,
+welche im Volksempfinden am tiefsten wurzeln, auf antike Gestalten
+zurück, als deren Vermittlerin vielfach die Kirche anzunehmen ist.</p>
+
+<p>Es gab keinen altgermanischen Götterhimmel. Walhall ist eine unbewußte
+Nachbildung des Olymp, aber hier ist alles ins Ungewisse, Schwebende,
+ins Grenzenlose geweitet und liegt jenseits aller sinnlichen Plastik
+und Gegenwart. Es gab auch keine allgemein germanischen Götter.
+Jeder der wandernden Stämme hatte seine eignen, wenig bildhaften
+Vorstellungen. Erst christliche Einwirkung hat den Gestalten Odins und
+Baldurs, des Vaters und des Sohnes, ihre mythische Deutlichkeit und
+Vertiefung gegeben.</p>
+
+<p>Die arabische Seele hatte in den Jahrhunderten zwischen Cäsar und
+Konstantin ihren Mythus ausgebildet, jene phantastische Masse von
+Kulten, Visionen und Legenden, die noch heute kaum übersehbar ist,
+Kulte wie die der Isis und des Mithras (der auf syrischem Boden völlig
+umgeschaffen wurde), Evangelien und Apokalypsen in erstaunlicher
+Zahl, die christlichen, neuplatonischen, manichäischen Legenden,
+die himmlischen Engel- und Geisterordnungen der Kirchenväter und
+Gnostiker. In der Christusgestalt der Evangelien sehen wir den Heros
+der früharabischen Epik neben Achilleus, Siegfried und Parzeval. Die
+Szenen von Gethsemane und Golgatha stehen neben den höchsten Momenten
+der hellenischen und germanischen Sage. Diese magischen Konzeptionen
+erwuchsen ohne Ausnahme unter dem Eindruck der sterbenden Antike, die
+ihnen der Natur der Sache nach niemals den Gehalt, um so öfter die Form
+lieh. Es ist kaum zu überschätzen, wieviel Apollinisches umgedeutet
+werden mußte, bevor der altchristliche Mythus die feste Gestalt
+angenommen hatte, die er zur Zeit des Augustinus besaß.</p>
+
+<p>Dasselbe Schauspiel wiederholt die Gotik. Wäre in dieser Epoche das
+magische Christentum nicht schon als fertige Formenwelt in das Fühlen
+der jungen Seele gedrungen, so wäre ohne Zweifel ein völlig neuartiger
+Mythus von strenger Einheit entstanden. Die gotische Architektur weist
+auf die Möglichkeit einer faustischen Götterwelt von gigantischem
+Wurf hin. Indessen<span class="pagenum" id="Seite_567">[S. 567]</span> wäre es verfehlt, die Edda als Zeichen für das zu
+nehmen, <em class="gesperrt">was</em> sich unter Umständen damals hätte bilden können.
+Dies Fragment einer nichtchristlichen abendländischen Religion ist
+dem Christentum <em class="gesperrt">nicht</em> voraufgegangen. Das Christentum hat
+<em class="gesperrt">keine</em> Götterwelt vernichtet; es hat deren Entstehung verhindert.
+Es war da, bevor die Geburt eines spezifisch abendländischen Mythus
+möglich und also notwendig geworden war. Die Gestalten der Edda sind
+erst in seinem Schatten gereift. Das religiöse Empfinden war keineswegs
+in dieser Richtung festgelegt. Tristan, Roland, Parzeval, christliche
+Heroen, besitzen ebensoviel Symbolik und innere Wahrheit wie Siegfried,
+Odin und Loki, die neben ihnen, nicht vor ihnen entstanden. Wenn die
+Götter- und Heldensage eher unter antik-heidnischen Eindrücken Wesen
+gewann, so wird die Rittersage in einem erheblich höheren Grade von
+magischen, christlich-neuplatonischen und sogar islamischen Einflüssen
+beherrscht. Es ist also keine Vermutung darüber möglich, welche Farbe
+und Gestalt der faustische Mythus unabhängig vom Christentum angenommen
+haben würde.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_9">9</h4>
+
+</div>
+
+<p>Der antike Polytheismus besitzt nach allem einen Charakter, der ihn von
+jeder andern, äußerlich verwandten Fixierung eines Weltgefühls streng
+abhebt. Diese Art, Götter, keine Gottheit zu besitzen, war nun einmal
+da, eben in der einzigen Kultur, welche die Statue des nackten Menschen
+als den Inbegriff aller Kunst empfand.</p>
+
+<p>Die Natur, wie sie der antike Mensch um sich fühlte und erkannte,
+konnte in keiner andern Form beseelt, vergöttlicht werden. Der
+Römer fand in dem Anspruch Jehovas, allein zu existieren, etwas
+Atheistisches. <em class="gesperrt">Ein</em> Gott war für ihn kein Gott. Von hierher
+schreibt sich die starke Abneigung des gesamten griechisch-römischen
+Volksbewußtseins gegen die Philosophen, soweit sie Pantheisten,
+mithin gottlos waren. Götter sind σώματα der vollkommensten Art und
+zum σῶμα im mathematischen wie im physikalischen, rechtlichen und
+dichterischen Sprachgebrauch gehört die Vielzahl. Der Begriff des ζῷον
+πολιτικόν gilt auch von Göttern; nichts ist ihnen so fremd wie die
+Einsamkeit, das Allein-<span class="pagenum" id="Seite_568">[S. 568]</span> und Fürsichsein. Man muß hier mathematisch und
+zwar antik-mathematisch denken, um zu begreifen. Es sei noch einmal
+betont: die unzähligen, leibhaften, gegenwärtigen Götter der antiken
+Natur — das sind die zahllosen möglichen, wohl begrenzten Körper der
+euklidischen Geometrie. Der <em class="gesperrt">eine</em> Gott des Abendlandes, der
+die faustische Natur durchdringt, ist der <em class="gesperrt">eine</em> grenzenlose
+Raum der analytischen Geometrie. Pythagoras, der in seiner religiösen
+Reform den uralten Demeterkult zu Kroton wieder zu Ehren brachte und
+in diesem Symbol die Heiligung des <em class="gesperrt">Leibes</em> aussprach, begründet
+zugleich die Mathematik der Körper, die Idee der Zahl als <em class="gesperrt">Größe</em>,
+als <em class="gesperrt">Maß</em>. Pascal, der in den <i>Pensées</i> den strengsten
+Jansenismus, eine reine transzendente Idee von Gott und der Erbsünde
+aufbaute, begründet zugleich die Geometrie der reinen Beziehungen: die
+Projektionslehre.</p>
+
+<p>Es ist von höchster Bedeutung, daß gerade in Hellas die Gestirngötter,
+als <i>numina</i> der Ferne, fehlen. Helios hatte nur auf dem
+orientalisierten Rhodos, Selene überhaupt nie einen Kult. Beide sind
+lediglich, wie schon in der höfischen Poesie Homers, künstlerische
+Ausdrucksmittel, nach römischer Bezeichnung Elemente des <i>genus
+mythicum</i>, nicht des <i>genus civile</i>. Sie besaßen weder Tempel
+noch Statuen und das, obgleich in Ägypten (Ra) und Babylon (Marduk),
+denen der Hellene so viel entlehnte, der Sonnen- und Gestirndienst
+den Mittelpunkt des Kultus bildete. Die altrömische Religion, in der
+das antike Weltgefühl in besonderer Reinheit zum Ausdruck kommt,
+kennt weder Sonne noch Mond, weder Sturm noch Wolken als Gottheiten.
+Waldesrauschen und Waldeinsamkeit, Gewitter und Meeresbrandung, die
+das Naturgefühl des faustischen Menschen, schon das des Kelten und
+Germanen, völlig beherrschen und seinen mythischen Schöpfungen den
+eigentümlichen Charakter geben, lassen das des antiken Menschen
+unberührt. Nur Konkreta, Herd und Tür, der <em class="gesperrt">einzelne</em> Wald und
+das <em class="gesperrt">einzelne</em> Feld, dieser Fluß und jener Berg, verdichten
+sich ihm zu Wesen. Man bemerkt, daß alles, was Ferne hat, alles, was
+grenzenlos und unkörperlich wirkt und deshalb den Raum als seiend, als
+göttlich in die gefühlte Natur ziehen würde, vom Mythus ausgeschlossen
+bleibt, wie auch Wolken und Horizonte, die dem Landschaftsgemälde des
+Barock geradezu Sinn und Seele geben, im antiken hintergrundlosen<span class="pagenum" id="Seite_569">[S. 569]</span>
+Fresko fehlen. Die unbegrenzte Menge antiker Götter — jeder Baum,
+jede Quelle, jedes Haus, jeder Teil des Hauses sogar ist Gott —
+bedeutet, daß jedes greifbare Ding, deren Summe eben Kosmos heißt,
+zugleich für sich bestehendes Wesen, keines also dem andern funktional
+untergeordnet ist. Die Idee der Moira bringt das selbst den höchsten
+Göttern gegenüber zum Ausdruck. Nicht das Schicksal ist die Gottheit,
+was die attische Tragödie mit unzweifelhafter Deutlichkeit erkennen
+läßt. Da alles Gott ist, so ist das Schicksal die Notwendigkeit, der
+ohne Ausnahme alle Götter unterliegen. Auch Zeus kann dem Verhängnis
+nicht entrinnen, heißt es bei Äschylos. Man erinnere sich der Atome
+Demokrits und der Ananke, die sie planlos durcheinanderwirbelt. Erst
+aus diesem Urgefühl ist das Bild der Olympier entstanden, indem das
+apollinische Bewußtsein aus der Unsumme von Göttern eine plastische
+Gruppe von sinnlich scharf umrissener Individualität heraushob, während
+das abendländische Gefühl den umgekehrten Weg ging und von der farbigen
+Fülle des Mythus, wie ihn die Zeit der Kreuzzüge geschaffen hatte, zu
+der strengen Abstraktheit der protestantischen und tridentinischen
+Gottesvorstellung gelangte, die reine Kraft, reiner Wille ist und sich
+jeder Möglichkeit malerischer Darstellung entzieht.</p>
+
+<p>Dem apollinischen und dem faustischen Naturbilde liegen überall die
+entgegengesetzten Symbole des Dinges und des Raumes zugrunde. Olymp
+und Unterwelt sind von scharfer sinnlicher Bestimmtheit; die Reiche
+der Zwerge, Elben, Kobolde, Walhall und Niflheim — das alles ist
+irgendwo im Weltraum verloren. In der altrömischen Religion ist
+Tellus mater nicht die „Urmutter“, sondern der handgreifliche Acker
+selbst. Faunus ist <em class="gesperrt">der</em> Wald, Volturnus <em class="gesperrt">der</em> Fluß, die
+Saat <em class="gesperrt">heißt</em> Ceres, die Ernte <em class="gesperrt">heißt</em> Consus. <i>Sub Jove
+frigido</i> heißt bei Horaz echt römisch unter kaltem Himmel. Hier wird
+nicht einmal der Versuch einer bildlichen Wiedergabe an der Stätte
+der Verehrung gemacht, denn das hieße den Gott verdoppeln. Noch sehr
+spät lehnt sich der römische Instinkt gegen <em class="gesperrt">Götterbilder</em> auf.
+Daß dem Griechen ein entsprechendes Gefühl nicht fremd war, beweisen
+der immer profaner werdenden Plastik gegenüber der Volksglaube und
+die Philosophie. Im Hause ist Janus die Tür als Gott, Vesta der
+Herd als Göttin; die beiden Funktionen des<span class="pagenum" id="Seite_570">[S. 570]</span> Hauses sind in ihrem
+Gegenstand Wesen, Gott geworden. Hellenische Flußgötter wie Acheloos,
+der als Stier erscheint, sind deutlich als der Fluß selbst, nicht
+etwa als im Flusse wohnend bezeichnet. Die Pane und Satyrn sind die
+als Wesen empfundenen einzelnen, wohlbegrenzten Felder und Triften.
+Dryaden und Hamadryaden <em class="gesperrt">sind</em> Bäume. An vielen Stellen wurden
+einzelne, besonders wohlgewachsene Bäume an sich, ohne Namengebung
+verehrt, indem man sie mit Binden und Weihgeschenken schmückte (ein
+Motiv der hellenistischen Landschaftsmalerei). Dagegen besitzen die
+Mahre, Wichte, Zwerge, Hexen, Valkyren und die ihnen verwandten,
+schweifenden Heere der abgeschiedenen Seelen, die nachts „umgehen“,
+nichts von dieser ortsgebundenen Stofflichkeit. Najaden <em class="gesperrt">sind</em>
+Quellen. Nixen und Alrunen aber, Holzgeister und Elben sind Seelen,
+die in Quellen, Bäume, Häuser nur <em class="gesperrt">gebannt</em> sind und erlöst sein,
+wieder frei herumschweifen wollen. Das ist das vollkommene Gegenteil
+einer plastischen, euklidischen Naturempfindung. Die Dinge werden
+hier nur als Räume andrer Art erlebt. Eine Nymphe, eine Quelle also,
+nimmt wohl menschliche Gestalt an, wenn sie einen schönen Hirten
+besuchen will; eine Nixe aber ist eine verwunschene Prinzessin, mit
+Wasserrosen im Haar, die in Mitternächten aus dem See steigt, in dessen
+Tiefe sie wohnt. Kaiser Rotbart sitzt im Kyffhäuser und Frau Venus im
+Hörselberg. Es ist, als ob es nichts Stoffliches, Undurchdringliches
+im faustischen Weltall gäbe. In den Dingen ahnt man andre Welten; ihre
+Dichte, ihre Härte ist Schein und — ein Zug, der im antiken Mythus
+gar nicht vorkommen könnte, der ihn aufheben würde — bevorzugten
+Sterblichen wird die Gabe verliehen, durch Felsen und Berge in die
+Tiefe zu schauen. Aber ist das nicht auch die geheime Meinung unsrer
+physikalischen Theorie? Ist eine neue Hypothese nicht immer eine Art
+Springwurzel? Keine andre Kultur kennt so viele Sagen von Schätzen,
+die tief in Bergen und Seen ruhen, von geheimnisvollen unterirdischen
+Reichen, Palästen, Gärten, in denen andre Wesen wohnen. Die ganze
+Substanz der sichtbaren Welt wird vom faustischen Naturgefühl
+verleugnet. Es gibt nichts Erdhaftes mehr, nur der Raum ist wirklich.
+Das Märchen löst die Materie der Natur auf, wie der gotische Stil die
+steinerne Masse seiner Dome, die in einer Fülle von Formen<span class="pagenum" id="Seite_571">[S. 571]</span> und Linien
+geisterhaft verschwebt, denen keine Schwere mehr anhaftet, die keine
+Grenze mehr kennen.</p>
+
+<p>All diese Geschöpfe sind durch einen <em class="gesperrt">Namen</em> gebannte, abgehobene,
+gestaltete Mächte der Natur. Sie stellen dem Gläubigen, der sie als
+gegenwärtig empfindet, deren Wesen dar; sie geben die Beziehungen
+zwischen Natur und Mensch in ihrem freundlichen oder feindlichen
+Verhältnis wieder. Was der unbewußte Mensch in der Natur verehrt,
+zu erforschen, zu gewinnen sucht, das Fremde, erscheint in diesen
+Gebilden leibhaft, göttlich vor seinem Auge. Aber vergessen wir nicht,
+daß diese Natur selbst eine Schöpfung des höheren Menschen und die
+Spiegelung seines Selbst ist, daß es eine Natur als geschautes Ganzes,
+als Makrokosmos, als <em class="gesperrt">Einheit</em> des Ausdruckes nur in bezug auf
+einen Kulturmenschen gibt, und daß weder der Wilde noch das Kind eine
+sinnvolle, wohlgeordnete Natur in sich und um sich erleben, jede Kultur
+aber ihre eigne.</p>
+
+<p>Insofern sind diese Wesen vom Fleisch und Blut des Menschen, für den
+sie Wirklichkeit besitzen, reine Schöpfungen seines Herzens, nicht
+seines Verstandes, der erst in den Spätzeiten wie im Barock und
+in der Ionik das wache Bewußtsein und dessen Projektionen auf das
+„Fremde“ beherrscht. Der Mythus ist ein ländliches, die Physik <em class="gesperrt">das
+entsprechende städtische</em> Phänomen. Sie verwandelt eine durchseelte
+Welt in ein intellektuelles System, Symbole in Begriffe, Gottheiten in
+Theorien, Ahnungen in Hypothesen.</p>
+
+<p>Der mit steigendem Nachdruck auf somatische Vereinzelung gerichtete
+antike Polytheismus verdeutlicht sich besonders in der Haltung „fremden
+Göttern“ gegenüber. Für den antiken Menschen waren die Götter der
+Ägypter, Phöniker, Germanen, soweit sich mit ihnen eine bildhafte
+Vorstellung verbinden ließ, ebenfalls wirkliche Götter. Die Rede,
+daß sie „nicht existierten“, hat innerhalb dieses Weltgefühls keinen
+logischen Sinn. Der Grieche verehrt sie, wenn er mit ihrem Lande in
+Berührung kommt. Die Götter sind wie eine Statue, eine Polis, ein
+euklidischer Körper an den Ort gebunden. Sie sind Wesen der Nähe,
+nicht des allgemeinen Raumes. So gut Zeus und Apollo zurücktreten,
+wenn man sich etwa in Babylon aufhält, so gut hat man die dort
+heimischen Götter nun <em class="gesperrt">besonders</em> zu achten. Diese<span class="pagenum" id="Seite_572">[S. 572]</span> Bedeutung
+haben die Altäre mit der Aufschrift „Den unbekannten Göttern“ — der
+Paulus in der Apostelgeschichte eine so bezeichnend mißverständliche,
+magisch-monotheistische Deutung gibt. Es sind die Götter, welche der
+Grieche dem Namen nach nicht kennt, die aber von den Fremden in den
+großen Häfen, im Piräus oder in Korinth etwa, verehrt werden und denen
+er deshalb Achtung zollt. Mit klassischer Deutlichkeit offenbart dies
+das römische Sakralrecht und die streng bewahrten Anrufungsformeln
+z.&#8239;B. der <i>generalis invocatio</i>. Da das Universum die Summe der
+Dinge ist und Dinge Götter sind, so werden auch alle Götter als solche
+anerkannt, mit denen der Römer praktisch-historisch noch nicht in
+Beziehungen getreten ist. Er kennt sie nicht oder sie sind die Götter
+seiner Feinde, aber sie <em class="gesperrt">sind</em> Götter, weil das Gegenteil nicht
+vorstellbar ist. Das ist der Sinn jener sakralen Wendung bei Livius
+(VIII, 9, 6): <i>di quibus est potestas nostrorum hostiumque</i>.
+Das römische Volk gesteht, daß der Kreis <em class="gesperrt">seiner</em> Götter nur
+augenblicklich begrenzt ist und will durch diese Formeln am Ende des
+Gebets, nachdem die eigenen Götter mit Namen aufgezählt sind, den
+Rechten der andern nicht zu nahe treten. Nach dem Sakralrecht geht
+mit der Besitzergreifung fremden Landes die ganze Summe religiöser
+Verpflichtungen, die an diesem Gebiete und dessen Gottheiten haftet,
+auf die Stadt Rom über — das ist die logische Konsequenz des
+<em class="gesperrt">additiven</em> antiken Gottgefühls. Daß mit der Anerkennung der
+Gottheit die der Formen ihres Kultus durchaus nicht gleichbedeutend
+war, beweist der Fall der Magna Mater von Pessinus, die im zweiten
+punischen Kriege auf Grund einer sibyllinischen Weissagung in Rom
+rezipiert wurde, während ihr höchst unantik gefärbter Kultus — der von
+miteingewanderten Priestern aus ihrer Heimat ausgeübt wurde — unter
+strenger polizeilicher Aufsicht stand, und nicht nur römischen Bürgern,
+sondern selbst deren Sklaven der Eintritt in die Priesterschaft bei
+Strafe untersagt war. Mit der Aufnahme der Göttin war dem antiken
+Weltgefühl Genüge getan, mit der persönlichen Ausübung ihres dem Römer
+verächtlichen Kultus wäre es aber verletzt worden. Das Verhalten
+des Senats ist in solchen Fällen entscheidend, während das Volk bei
+der zunehmenden Vermischung mit östlichen, namentlich semitischen
+Völkerschaften an diesen<span class="pagenum" id="Seite_573">[S. 573]</span> Kulten Geschmack fand und die römischen
+Heere der Kaiserzeit infolge ihrer Zusammensetzung sogar einer der
+wichtigsten Träger des magischen Weltgefühls geworden sind.</p>
+
+<p>Von hier aus wird der Kult vergötterter Menschen als ein
+<em class="gesperrt">notwendiges</em> Element innerhalb dieser religiösen Formenwelt
+verständlich. Aber man hat scharf zwischen antiken und den
+oberflächlich ähnlichen orientalischen Erscheinungen zu unterscheiden.
+Der römische Kaiserkult, d.&#8239;h. die Verehrung des Genius des lebenden
+Prinzips und die der verstorbenen Vorgänger als Divi, ist bisher
+mit der zeremoniellen Verehrung des Herrschers in vorderasiatischen
+Reichen, vor allem in Persien,<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[118]</a> und noch mehr mit der späteren ganz
+anders gemeinten Vergötterung der Khalifen, die schon bei Diokletian
+und Konstantin in voller Ausbildung erscheint, vermengt worden. In der
+Tat handelt es sich hier um sehr verschiedene Dinge. Mag im Osten die
+Verschmelzung dieser symbolischen Formen dreier Kulturen einen hohen
+Grad erreicht haben, in Rom ist der antike Typus unzweideutig und rein
+verwirklicht worden. Schon einige Griechen wie Sophokles und Lysander,
+vor allem Alexander, wurden nicht nur von Schmeichlern als Götter
+ausgerufen, sondern vom Volkstum in einem ganz bestimmten Sinne als
+solche empfunden. Von der Göttlichkeit eines Dinges, eines Hains, einer
+Quelle, endlich einer Statue, die den Gott repräsentiert — man denke
+an die tiefe Wirkung des Hermokopidenfrevels auf das athenische Volk
+und auf den Ausgang des Peloponnesischen Krieges — bis zu der eines
+hervorragenden Menschen, der erst Heros und dann Gott wird, ist nur ein
+Schritt. Man verehrte im einen wie im andern die vollkommene Gestalt,
+in der die Weltsubstanz, das an sich Nichtgöttliche, sich verwirklicht
+hatte. Hier ist an den attischen Begriff der Kalokagathia zu denken.
+Die schöne, sichtbar vollendete Gestalt war das Göttliche, also war es
+in der machtvollen Erscheinung des Cäsar für das Auge des Römers im
+höchsten Maße unmittelbar gegenwärtig. Bestand in jedem Hause ein Kult
+des <i>genius</i>, der Zeugungskraft des Hausherrn, so verehrte man
+hier, im <i>genius principis</i>, die Lebenskraft der Stadt als eines
+Gesamtkörpers. Eine Vorstufe war der Konsul am Tage<span class="pagenum" id="Seite_574">[S. 574]</span> seines Triumphes.
+Er trug hier die Rüstung des kapitolinischen Juppiter, und in der
+älteren Zeit waren Gesicht und Arme mit roter Farbe bestrichen, um die
+Ähnlichkeit mit der Terrakottastatue des Gottes, dessen <i>numen</i>
+sich in diesem Augenblick in ihm verkörperte, zu erhöhen.</p>
+
+<p>Äußerst charakteristisch ist für das hier waltende Urgefühl der
+bizarre Gegensatz zur Vergöttlichung des Cäsars (die im Grunde eine
+Einbeziehung der Götter als Personen in die römische Menschheit
+bedeutet); die im römischen Recht stets aufrecht erhaltene
+<em class="gesperrt">Strafbarkeit der Tiere</em> (nicht ihrer Besitzer) für Vergehen,
+welche bei Menschen strafbar sind. Als Körper, σώματα, gehören die
+Tiere also ebenso wie die Götter der Gemeinschaft lebender Körper,
+dargestellt im Staate, an. Man kann sagen, daß in dieser Skala der
+Heros, der Cäsar als Übergang nach oben, der Sklave als der nach unten
+empfunden wurde. Zwischen ihnen liegt der Bereich des ζῷον πολιτιχόν,
+des eigentlichen antiken Menschen, der Rechte <em class="gesperrt">und</em> Pflichten
+hat. Der Sklave hat keine <em class="gesperrt">Rechte</em> mehr. Er ist, griechisch
+gesprochen, ἀπρόσωπος, keine Person, obwohl nicht ἀσώματος. Er besitzt
+einen Leib, aber keine Bedeutung. Er ist nicht Bürger. Der Heros ist
+es auch nicht mehr, aber insofern er über <em class="gesperrt">Pflichten</em> erhaben
+ist. Hier liegen die Grenzen der Polis hinsichtlich der ihr aktiv
+zugehörenden Körper (σώματα πόλεως). Erst so begreift man, was der
+antike Mensch <em class="gesperrt">Staat</em> nennt. Folgerichtig ist — was für die
+Haltung der Christen wesentlich wurde — das Majestätsverbrechen eine
+Art Gottfrevel, das Verbrechen gegen den Sklaven eines andern eine Art
+Sachbeschädigung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Kaiserkult ist die letzte religiöse Schöpfung des antiken
+Volkstums</em>, soweit es nicht durch östliche Elemente in seinen
+Instinkten gebrochen war. Man hat die Echtheit dieses Gottgefühls
+sehr ernst zu nehmen. Daß die römischen Massen die Abstammung Julius
+Cäsars, eines tiefen Skeptikers, von der Venus als etwas Wesentliches
+empfanden, hat auf die Throngeschichte des julisch-claudischen Hauses
+entscheidend eingewirkt. Der Kult des Genius Augusti mit einem streng
+geregelten Opferdienst, während gleichzeitig der Princeps selbst
+innerhalb der Mauern Roms beinahe das Dasein einer distinguierten
+Privatperson führte, ist nur aus dem Weltgefühl der<span class="pagenum" id="Seite_575">[S. 575]</span> apollinischen
+Seele zu begreifen. Sein intellektueller Gegensatz ist der
+<em class="gesperrt">gelehrte</em>, dem Gehalt nach durchaus irreligiöse Stoizismus als
+die Weltanschauung der patrizischen Elemente, wie etwa jenes Scaevola,
+der als höchster Priester Roms die Götterverehrung nur aus Gründen der
+Staatsraison brauchbar befand. Hier steht Instinkt gegen Intellekt,
+Glaube gegen Wissen, und zwar in politischer Verkleidung als Demokratie
+und Aristokratie. Die beiden ewigen Inkarnationen des antiken Seins,
+Athen und Sparta, Tyrannis und Oligarchie, Plebs und Senat, Cäsar und
+Pompeius, Prinzipat und Republik, stehen hier zum letzten Male einander
+gegenüber im Kult des Divus Julius und dem aus Opposition dagegen
+gepflegten, von Lucanus in seiner Pharsalia angedeuteten Kult Catos,
+des vornehmen Republikaners. Die gesamte blutige Geschichte der frühen
+Kaiserzeit findet hier ihre Deutung. Man hat den Kult Cäsars von der
+geflissentlichen Verehrung seines Mörders, des <em class="gesperrt">Patriziers</em> Brutus
+oder der Catos wohl zu unterscheiden. Jener ist eine <em class="gesperrt">Religion</em>,
+die letzte der antiken Kultur, die damals starb; diese ist eine
+theoretische, tendenziöse, nichts weniger als religiöse Schwärmerei
+der gebildeten Kreise. Tacitus hat als ihr Mitglied, als verkappter
+Stoiker, den Prinzipat der Cäsaren beurteilt. Je schärfer er richtet,
+desto populärer war der Verurteilte. Nero ist der Abgott des Volkes auf
+Generationen hinaus gewesen. Jeder Angriff auf den Princeps und seinen
+Kult traf den religiösen Instinkt der Massen.</p>
+
+<p>An früherer Stelle war das paulinische Christentum als die Herübernahme
+einer früharabischen Religion in die antike Form der stoischen
+Diatribe bezeichnet worden. Daraus erklärt sich das Phänomen der —
+auf die Stadt Rom beschränkten — Christenverfolgungen durch Nero
+und Domitian. Sie richten sich in Wahrheit <em class="gesperrt">gegen die Stoa</em> als
+den intellektuellen Ausgangspunkt aller Verschwörungen zum Sturz des
+Prinzipates. <em class="gesperrt">Weil</em> Paulus das Christentum in den weltstädtischen
+Stoizismus hineingeleitet hatte, der, allerdings in einer exklusiven,
+katonischen Gestalt, die Weltanschauung des Patriziats geworden war,
+weil seine Ablehnung des Divuskultes mit der aus ganz anderen Gründen
+erfolgten der Senatspartei zusammenfiel, war das antike Empfinden des
+Demos in der einzigen Form der Götterverehrung<span class="pagenum" id="Seite_576">[S. 576]</span> verletzt, die in ihm
+noch lebendig war. Mochte Tacitus als Philosoph das Christentum mit den
+übrigen orientalischen Kulten als <i>foeda superstitio</i> verachten,
+so sind doch die Philosophen Helvidius Priscus und Thrasea von Nero aus
+dem gleichen Motiv wie die Christen hingerichtet worden.</p>
+
+<p>In dem welthistorischen Worte: Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist und
+Gott, was Gottes ist, das dem Christus der Evangelien in den Mund
+gelegt ist, treten antikes und arabisches Gottbewußtsein in vollster
+Schärfe und mit der Notwendigkeit gegenseitigen Mißverstehens einander
+gegenüber. Ein Ausgleich zwischen dem streng euklidischen, beinahe
+posthumen Divuskult und dem ganz jungen, magisch-monotheistischen
+Christentum war aber schon durch die Kulturstufe, die beide
+voraussetzen, dort ein Ende, hier ein Anfang, unmöglich.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_10">10</h4>
+
+</div>
+
+<p>In den ersten Generationen der Kaiserzeit löst sich der antike
+Polytheismus, ohne daß in vielen Fällen an der äußeren, kultischen
+oder sakralrechtlichen Form etwas geändert worden wäre, in den
+magischen Monotheismus auf. Eine neue Seele war erschienen und sie
+erlebte die verjährten Formen anders. Die Namen bestanden fort, aber
+sie deckten andre <i>numina</i>. Alle sogenannten spätantiken Kulte
+der Isis und Kybele, des Mithras, Sol, Serapis, Hermes sind nicht
+mehr die Verehrungen ortsgebundener, plastisch greifbarer Wesen. Der
+attische Hermes war der Gott einer Stadt gewesen, in der seine Statue
+als Zeichen seines Wohnsitzes stand; der Hermes des alexandrinischen
+Kultes ist ein geistiges Prinzip, das vom Euphrat bis zum Rhein überall
+angerufen werden konnte. Der Zeus der Perikleszeit war in jeder Stadt,
+wo er einen Tempel besaß, ein andrer. Der Zeus von Dodona war mit
+dem Zeus von Olympia nicht identisch. So wenig sich diese Auffassung
+logisch exakt darstellen läßt, so logisch wirkte sie dennoch auf den
+religiösen Instinkt. Man war in Rom weit entfernt, den Juppiter Omnium
+Maximus mit einem der andern, etwa dem Juppiter Victor oder Feretrius
+zu vermengen, aber die vielen sehr verschiedenartigen Gottheiten der
+frühchristlichen Zeit wurden als ein und dasselbe<span class="pagenum" id="Seite_577">[S. 577]</span> Wesen empfunden,
+nur daß jeder Anhänger eines einzelnen Kultes überzeugt war, es in
+seiner wahren Gestalt zu kennen. In diesem Sinne sprach man von der
+„millionennamigen Isis“. Bis dahin waren die Namen Bezeichnungen
+ebensovieler körperhafter Götter gewesen, jetzt sind sie <em class="gesperrt">Titel</em>
+des einen, den jeder meint.</p>
+
+<p>Der magische Monotheismus offenbart sich in allen religiösen
+Schöpfungen, die vom Osten aus das Imperium erfüllen, in den Kulten
+der alexandrinischen Isis, des von Aurelian bevorzugten Sonnengottes
+(des Baal von Palmyra), des von Diokletian beschützten Mithras,
+dessen persische Gestalt in Syrien völlig umgeprägt worden war, der
+von Septimius Severus verehrten Baalath von Karthago (Tanith, Dea
+caelestis), die sämtlich nicht mehr in antiker Weise die Zahl der
+konkreten Götter additiv vermehren, sondern sie im Gegenteil in einer
+der bildhaften Darstellung sich mehr und mehr entziehenden Weise in
+sich aufnehmen. Das ist Alchymie an Stelle der Statik. Dem entspricht
+es, daß an Stelle des Bildes gewisse Symbole, der Stier, das Lamm, der
+Fisch, das Dreieck, das Kreuz in den Vordergrund treten. „<i>In hoc
+signo vinces</i>“ — das klingt nicht mehr antik. Hier bereitet sich
+die Abkehr von der menschendarstellenden Kunst vor, die später im Islam
+und in Byzanz zum Bilderverbot führte. Die namentlich in der bildenden
+Kunst und der höheren Poesie Roms beliebte, niemals ins Volksbewußtsein
+gedrungene Angleichung antiker Gottheiten wie die von Aphrodite und
+Venus, von Neptunus und Poseidon, die naive Art, fremde Götter durch
+Gleichsetzung mit heimischen sich verständlich zu machen (so den
+germanischen Donar mit Herkules), hat mit dieser <em class="gesperrt">spirituellen</em>
+Verschmelzung von Gottheiten nichts zu tun. Was die Religionsforschung
+heute als Synkretismus bezeichnet, ein Phänomen, das sich deutlich als
+Auflösung des statisch-plastischen Gottgefühls, also negativ abhebt,
+ist positiv gefaßt nichts als die Heraufkunft des magischen Gefühls.
+Es ist das einem anderen <em class="gesperrt">Naturbilde</em> zugrunde liegende Prinzip,
+das auch die Mächte dieser Natur anders faßt. Der arabische Mensch
+erlebt <em class="gesperrt">die</em> eigene und einzige, das All erschöpfende Gottheit
+als die primäre Substanz; alle andern besitzen nur als ihre Namen oder
+Erscheinungsformen Geltung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_578">[S. 578]</span></p>
+
+<p>Bis auf Trajan herab, als auf griechischem Boden längst der letzte
+Hauch apollinischen Weltgefühls verschwunden war, besaß der römische
+Staatskult die Kraft, die additive Tendenz während der fortgesetzten
+Vermehrung der Götterwelt zu wahren. Die Gottheiten der unterworfenen
+Länder und Völker erhalten in Rom eine anerkannte Kultstätte,
+Priesterschaft und Ritual, während sie selbst als genau abgegrenzte
+Individuen neben die Götter der Vergangenheit treten. Von da an siegt
+auch an dieser Stelle, trotz eines ehrwürdigen Widerstandes, der seinen
+Sitz in der kleinen Zahl uralter Patrizierfamilien hat, der magische
+Geist; die Göttergestalten schwinden als solche, als Körper, aus dem
+Bewußtsein, um einem transzendenten Gottgefühl Platz zu machen, das
+nicht mehr auf dem unmittelbaren Zeugnis der Sinne beruht, und die
+Bräuche, Feste und Legenden verfließen ineinander. Als Caracalla 217
+den sakralrechtlichen Unterschied zwischen römischen und fremden
+Gottheiten aufhob (wie er auch durch Erteilung des Bürgerrechtes an
+alle Reichsbewohner die antike Idee der Polis endgültig beseitigte),
+womit tatsächlich Isis die erste, alle älteren <i>numina</i> umfassende
+Gottheit Roms und damit die gefährlichste Feindin des Christentums
+wurde, die sich den Todhaß der Kirchenväter zuzog, war Rom ein Stück
+Orient, eine religiöse Dependenz Syriens geworden. Damals beginnen
+die Baale von Doliche, Petra, Palmyra, Emesa zum Monotheismus des Sol
+zu verschmelzen, der später als Gott des Reiches in seinem Vertreter
+Licinius von Konstantin besiegt wurde. Es handelt sich damals nicht
+mehr um antik oder magisch — das Christentum konnte den hellenischen
+Göttern sogar eine Art ungefährlicher Sympathie entgegenbringen —,
+sondern darum, welche der magischen Religionen der damaligen Welt
+die geistige Form geben sollte. Man findet diesen Prozeß der Abnahme
+des plastischen Empfindens sehr deutlich in den Entwicklungsstufen
+des Kaiserkultes, wo zuerst der verstorbene Kaiser als Divus durch
+Senatsbeschluß in den Kreis der Staatsgötter aufgenommen wird — als
+erster der Divus Julius 42 v.&#8239;Chr. — und eine eigne Priesterschaft
+erhält, so daß von nun an sein Bild bei Familienfesten nicht mehr unter
+den Ahnenbildern vorangetragen wird; wo dann von Mark Aurel an keine
+neue Priesterschaft mehr für den Dienst konsekrierter Kaiser<span class="pagenum" id="Seite_579">[S. 579]</span> entsteht,
+bald darauf auch kein neuer Tempel mehr geweiht wird, weil ein
+allgemeines <i>templum divorum</i> dem religiösen Gefühl hinreichend
+erscheint und die Bezeichnung Divus endlich sich in einen <em class="gesperrt">Titel</em>
+der Mitglieder des Kaiserhauses verwandelt. Dieser Ausgang bezeichnet
+den Sieg des magischen Gefühls. Man wird finden, daß die Häufung von
+Namen in Weihinschriften, etwa Isis-Magna Mater-Juno-Astarte-Bellona
+oder Mithras-Sol invictus-Helios schon längst den Charakter des Titels
+einer alleinexistierenden durchgeistigten Gottheit angenommen hat.<a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[119]</a></p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_11">11</h4>
+
+</div>
+
+<p>Das Problem des Atheismus ist für den Psychologen einstweilen noch
+<i>terra incognita</i>. Soviel über <em class="gesperrt">den</em> Atheismus schlechtweg,
+d.&#8239;h. ein in seinen letzten Gründen und seelisch-historischen
+Bedingungen gar nicht verstandenes Phänomen geschrieben und räsoniert
+worden ist, gleichviel ob im Stile des „vorgeschrittenen“ Menschen,
+im idealen Falle des freigeistigen Märtyrers, oder im Stile des
+Kulturmenschen, im äußersten Falle des gläubigen Zeloten: von Nuancen
+des Atheismus, von der Analyse einer <em class="gesperrt">einzelnen, bestimmten</em>
+Erscheinungsform des Atheismus in ihrer Fülle und Notwendigkeit, ihrer
+starken Symbolik, ihrer zeitlichen Beschränktheit hat man nie gehört.</p>
+
+<p>Der Atheismus — ist er eine apriorische Struktur des Weltbewußtseins
+oder eine wahlfreie Vorstellung? Und zieht das Gefühl von einem
+entgötterten Kosmos auch das Wissen davon,<span class="pagenum" id="Seite_580">[S. 580]</span> daß „der große Pan tot
+ist“, nach sich? Gibt es einen unbewußten Atheismus? Gibt es frühe
+Atheisten, etwa in der dorischen oder gotischen Zeit? Gibt es jemand,
+der sich mit Leidenschaft, aber mit Unrecht als Atheisten bezeichnet?
+Und kann es zivilisierte Menschen geben, die es <em class="gesperrt">nicht</em> sind,
+nicht ganz wenigstens?</p>
+
+<p>Daß zum Wesen des Atheismus, wie schon die Wortbildung in sämtlichen
+Sprachen verrät, der Charakter der Negation gehört, daß er den Verzicht
+auf eine seelische Bildung, die ihm also voraufgeht, bedeutet und nicht
+etwa den positiven Akt einer ungebrochenen Gestaltungskraft, steht
+fest. Aber was wird da verneint? In welcher Weise? Und von wem?</p>
+
+<p>Ohne Zweifel ist der Atheismus, richtig verstanden, der notwendige
+Ausdruck eines in sich vollendeten, in seinen religiösen Möglichkeiten
+erschöpften, dem Anorganischen verfallenden Seelentums. Er verträgt
+sich sehr wohl mit dem lebhaften und sehnsüchtigen Bedürfnis nach
+echter Religiosität<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[120]</a> — darin aller Romantik verwandt, die
+ebenfalls etwas unwiderruflich Verlornes, die Kultur nämlich, wieder
+heranziehen möchte — und er kann seinem Träger sehr wohl unbewußt
+sein, eine Gestalt seines Fühlens, die nie in die Konventionen seines
+Denkens eingreift, die seiner Überzeugung sogar widerspricht. Man
+begreift das, wenn man einsieht, weshalb der fromme Haydn Beethoven
+einen Atheisten nannte, nachdem er Musik von ihm gehört hatte. Die
+Notwendigkeit für Beethoven, die große musikalische Form des Barock zu
+verletzen, um innerlich wahr zu sein, der tiefe Widerspruch zwischen
+seinem persönlichen Wollen und dem der bereits hinter ihm liegenden
+Kultur besagt dasselbe. Beethoven war Romantiker und romantische
+Religiosität ist, in Alexandria wie im Kreise der Schlegel und Tieck,
+die feinste Form eines heimlichen Atheismus. Man darf sagen, daß ein
+faustischer Mathematiker, der nicht „fromm“ ist, wie Pascal, Leibniz,
+Newton, Gauß waren, ein ausgezeichneter Organisator der Materie seiner
+Wissenschaft und Entdecker wichtigster Sätze sein kann, daß<span class="pagenum" id="Seite_581">[S. 581]</span> er aber
+zur Vertiefung der <em class="gesperrt">Idee</em> der analytischen Zahl nichts beitragen
+wird, weil er sie nicht in sich fühlt, sondern nur außer sich erkennt,
+sie nur als Element einer Ordnung, nicht einer Schöpfung besitzt. Der
+Atheismus gehört zum zivilisierten Menschen, insofern eine Zivilisation
+der „Erdenrest“ einer erloschenen Kultur ist. Wir werden das noch
+kennen lernen. Er gehört zur großen Stadt; er gehört zum „Gebildeten“
+der großen Städte, der sich mechanisch aneignet, was seine Vorfahren,
+die Schöpfer seiner Kultur, organisch erlebt haben. Aristoteles
+ist, vom antiken Gottgefühl aus, Atheist, ohne es zu wissen. Der
+hellenistisch-römische Stoizismus ist es so gut wie der Sozialismus und
+Buddhismus der westeuropäischen und indischen Modernität. Ein typisch
+atheistischer Zustand ist es, aus dem heute die „freireligiösen“
+humanen Bewegungen hervorgehen, die einen großen Teil des städtischen
+Protestantismus umfassen — beim ehrlichsten Gebrauch des Wortes „Gott“.</p>
+
+<p>Bedeutet dies späte und abschließende Phänomen aber die Verneinung
+des religiösen Moments in uns, so ist es in jeder Zivilisation von
+andrer Struktur. Es gibt keine Religiosität ohne eine ihr <em class="gesperrt">allein</em>
+zugehörige, gegen sie <em class="gesperrt">allein</em> gerichtete atheistische Auflehnung.
+Es gibt einen antiken, arabischen, abendländischen Atheismus, die
+untereinander nach Sinn und Gehalt völlig verschieden sind. Nietzsche
+hat den einen, den dynamischen — etwas post festum —, dahin
+formuliert, daß „Gott tot ist“. Ein antiker Philosoph hätte den andern,
+statisch-euklidischen, damit bezeichnet, daß „die Götter tot sind“.
+Das eine bedeutet die Entgötterung des unendlichen Raumes, das andre
+die der unzähligen Dinge. Sie waren bis dahin — man denke an das
+Tiefenerlebnis und seine Bedeutung für das Erwachen des Innenlebens —
+Symbole gewesen, letzte Formelemente einer <em class="gesperrt">lebendigen</em> Natur;
+sie sind jetzt bloße Tatsachen der mechanischen Ausgedehntheit. Der
+<em class="gesperrt">tote</em> Raum und die <em class="gesperrt">toten</em> Dinge sind die Objekte der
+verstandesmäßigen Physik. Mit einem richtigen Gefühl pflegt der
+Sprachgebrauch Weisheit und Intelligenz zu unterscheiden, als einen
+frühen und späten, bäuerlichen und großstädtischen Zustand des Geistes.
+Intelligenz ist das Komplement zu einer mechanischen Weltanschauung.
+Niemand würde Heraklit oder Meister Eckart eine Intelligenz nennen,
+aber Sokrates und<span class="pagenum" id="Seite_582">[S. 582]</span> Rousseau sind intelligent, nicht „weise“. In
+diesem Worte liegt etwas Anorganisches; es verrät den Beigeschmack
+von Atheismus. Nur vom Standpunkte des Stoikers und Sozialisten, des
+typisch irreligiösen Menschen, ist der Mangel an Intelligenz etwas
+Verächtliches.</p>
+
+<p>Der apollinische Mensch kann <em class="gesperrt">die</em> Götter leugnen, der faustische
+und der magische Mensch leugnet Gott. Aber dieser Akt vollzieht sich
+in sehr verschiedenen Formen. Er kann in bewußtem und unbewußtem
+Verhalten, im Zweifel und in der Verzweiflung, im theoretischen Angriff
+und praktischem Aus-dem-Wege-gehen liegen. Das sinnlich-euklidische
+Göttertum, durch das die einzelnen Dinge geheiligt sind, verleugnet man
+schon durch die Neigung zum monotheistischen Isis- oder Mithraskult.
+Noch einmal: Ein Gott ist für das antike Empfinden kein Gott. Dem Römer
+galten alle südarabischen Religionen samt dem Christentum — mit ihrer
+gemeinsamen, wenn auch kultisch noch so verhüllten Formel „Allah il
+Allah“ — als atheistisch dem antiken Gottgefühl gegenüber und er hat
+sie verfolgt. Hier ist das Wesen der Toleranz verständlich zu machen.</p>
+
+<p>Solange man diese Erscheinung vom Standpunkte des Für und Wider
+betrachtet, wird man für das Wesentliche blind sein. Einfältige
+Leute lieben es, die antike Toleranz gegen die christliche Toleranz
+auszuspielen. Aber das Wort Toleranz besagt an sich gar nichts. Erst
+das Warum, Wogegen und Wofür entscheidet alles. Wer z.&#8239;B. die hinter
+dem Worte Liberalismus schlecht verhehlte <em class="gesperrt">Gleichgültigkeit</em> gegen
+religiöse Dinge, die dem einen nichts mehr bedeuten und die deshalb
+auch dem andern nichts bedeuten sollten, für Toleranz nimmt und mit
+jenem tiefsymbolischen Akte der Aufnahme der <i>di peregrini</i>
+in den römischen Staatskult gleichsetzt, verdient als gelehrter
+Flachkopf keine Widerlegung. Im wesentlichen ist niemand tolerant,
+sofern man darunter einen wirklichen Verzicht, nicht eine positive
+Äußerung religiöser Gestaltungskraft versteht. Eben darauf beruht das
+Symbolische jeder Toleranz, die allein von gläubigen Menschen, nie
+von der „Intelligenz“, von einer Kultur, nicht von einer Zivilisation
+ausgeht.</p>
+
+<p>Der antike Kosmos als Summe leibhafter, gleichmäßig göttlicher Dinge
+forderte nicht nur die Duldung, sondern die tätige<span class="pagenum" id="Seite_583">[S. 583]</span> Anerkennung
+sämtlicher fremden Götter, soweit sie überhaupt als Dinge in höherem
+Sinne gelten konnten. Solange man Jehova, Christus und Mithras
+als Tagesgestalten von der Substanz eines Apollo oder Mars nahm,
+glaubte man an sie. Alexander Severus hatte die Bilder von Osiris,
+Christus, Abraham, Alexander dem Großen und Orpheus in seiner
+Privatkapelle aufgestellt. Als abstrakte Geister mit dem Anspruch auf
+Alleingültigkeit reizten sie zu Verachtung und Zorn. Und hier hatte die
+antike Duldung ein Ende. Hier stand das eigene Gottgefühl in Frage.</p>
+
+<p>Der Logos der stoischen Lehre, so gewiß er im Verlaufe der
+vorsokratischen Philosophie sich aus der Tiefe des apollinischen
+Götterbewußtseins herausgebildet hatte, war unter den Händen der
+sophistischen Intelligenz zuletzt die <em class="gesperrt">Inkarnation des antiken
+Atheismus</em>, der formgewordne Widerspruch gegen die plastische
+Götterwelt geworden. Es entstand wie in jeder andern Kultur eine
+Todfeindschaft zwischen der Religion der Väter und der kühlen,
+weltbürgerlichen, das All entseelenden Philosophie der Modernität. Es
+ist kein Zufall, daß an diese Idee vom einen Logos alle früharabischen
+Spekulationen, allen voran die des Johannesevangeliums und die Plotins,
+angeknüpft haben. Was dem antiken Menschen der Inbegriff des Atheismus
+war, das bezeichnete gerade den Geltungsbereich des Göttlichen im
+magischen Weltbewußtsein.</p>
+
+<p>Aber ebenso besteht zwischen dem Deismus des 18. Jahrhunderts, dem
+Voltaires, Goethes, Kants, und dem Atheismus des 19. kein Gegensatz und
+nicht einmal eine wesentliche Distanz. Der faustische Gott gleicht dem
+Symbol des einen absoluten Raumes. Die Intelligenz der Zeit Rousseaus
+schloß folgerichtig, nicht daß die Götter der andern Völker ebenfalls
+von unanfechtbarer Existenz seien, sondern daß jedermann, unter welcher
+Form auch immer, sei es auch unter einer polytheistischen, ja nur den
+einen, abstrakten, faustischen Gott meinen und verehren könne. Das
+ist der Gegensatz von kultischer und dogmatischer Religiosität. Der
+antike, ahistorische Mensch übt die Kulte der fremden Götter aus, der
+abendländische, der geborne Historiker, ist Psycholog: er „versteht“
+die Überzeugung des andern. Hier ist die Quelle einer ganz anders
+gearteten Toleranz, die ihren höchsten<span class="pagenum" id="Seite_584">[S. 584]</span> Ausdruck in Lessings Nathan
+gefunden hat, tief und vornehm, solange sie wie bei Goethe noch aus
+einem lebendigen Gottgefühl hervorging, eine Farce, wenn sie nichts als
+die moderne Irreligion decken sollte. Aber je bewußter diese Idee von
+Gott gefaßt wurde, desto ähnlicher mußte sie dem zugehörigen Atheismus
+werden. Die Sublimierung der Idee in den großen romantischen Systemen
+ist in der Tat, ohne daß es Hegel, Fichte und den andern je zum
+Bewußtsein gekommen wäre, das Verschwinden des letzten Unterschiedes
+zwischen Gott und Raum, das völlige Verschwinden des lebendigen
+Gehaltes aus der abstrakten Idee. Pantheismus und Atheismus sind
+zuletzt nur noch Wortdifferenzen. Schopenhauer war <em class="gesperrt">bewußter</em>
+Atheist, aber Oken hat mit der ganzen Bizarrerie eines Romantikers (man
+denke an Ähnliches bei Novalis) Gott = ±0 gesetzt, und er empfand das
+durchaus als den Ausdruck eines echten Gottgefühls.</p>
+
+<p>Diese Zusammenhänge sind unendlich wichtig, denn sie erklären die
+Heraufkunft der Physik am Ende einer Kultur und ihre wachsende Tyrannei
+über den späten, städtischen Geist — das groteske Phänomen einer
+„naturwissenschaftlichen Weltanschauung“. Sie erklären aber auch den
+vorbestimmten Entwicklungsgang einer jeden Physik, die auf dem Wege zur
+reinen archimedischen Statik oder reinen modernen Dynamik immer weniger
+seelenhaft, immer intellektueller, immer atheistischer wird. Insofern
+besteht eine natürliche Verwandtschaft zwischen jeder gereiften Physik
+und der Religion, aus deren intuitiver Weltform sie ursprünglich
+hervorgegangen ist. Jede „moderne Weltanschauung“ ist Physik, in Zahlen
+und Begriffe gebrachter Pantheismus. Wie stark der mythenbildende Trieb
+selbst einer späten Seele ist, sieht man an ihrer letzten Schöpfung,
+der physikalischen Mythologie, wo der wissenschaftliche Geist ihrem
+Zwecke dienstbar gemacht wird. Jede Atomlehre ist ein Mythus, die
+kinetische Gastheorie ist es so gut wie die Edda. Ob ein Skalde oder
+ein Gelehrter das Medium ist, ist eine Frage des <em class="gesperrt">Stadiums</em>.</p>
+
+<p>Jedes lebendige Seelentum ist religiös, hat Religion, ob es sich dessen
+bewußt ist oder nicht. Daß es überhaupt da ist, daß es wird, sich
+entwickelt, sich erfüllt, <em class="gesperrt">ist</em> seine Religion. Es steht ihm nicht
+frei, irreligiös zu sein. Es ist ihm nur möglich,<span class="pagenum" id="Seite_585">[S. 585]</span> wie im mediceischen
+Florenz mit dem Gedanken daran zu spielen. Der Mensch der Weltstädte
+aber ist irreligiös. Das gehört zu seinem Wesen, das bezeichnet seine
+historische Erscheinung. Er mag aus der schmerzlichen Empfindung
+einer inneren Leere und Armut noch so ernstlich religiös sein wollen,
+er kann es nicht. Alle weltstädtische Religiosität beruht auf
+Selbsttäuschung. Daß in der späten Kaiserzeit eine echte Religiosität
+sich in Rom verbreitete, beweist, daß unter der Kruste der erloschenen
+Antike bereits ein neues Menschentum lebendig war. Der Römer zur Zeit
+Aurels, nur rechtlich und sprachlich, nicht seelisch mehr Ausdruck des
+antiken Seins, lebte in der Riesenstadt, als sei sie Land. Rom war nur
+scheinbar, materiell noch Weltstadt; innerlich gewogen war es eine
+altgewordne, entseelte Häusermasse, in der eine fremde Bevölkerung
+bäuerlich-dumpf und in primitiven Lebensformen hauste. Dem entsprach
+eine durchaus frühmenschlich-naive Religiosität.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte sich die <em class="gesperrt">Form</em> der Religiosität verwandelt. Für
+den apollinischen Menschen offenbarte sich das Wesen seiner Religion im
+sinnlich-plastischen Kultus. Er besaß weder mystische Geheimnisse noch
+ein bindendes Dogma. Die eleusinischen Mysterien waren kein Geheimkult.
+Was den Eingeweihten verboten war — und schließlich war jeder
+eingeweiht, der es wünschte —, war die <em class="gesperrt">Profanation</em> der heiligen
+Handlungen, also eben die Entweihung des <em class="gesperrt">sinnlichen</em> Elements.
+Äschylus wurde angeklagt, weil er die Tracht der Eleusispriester
+zum Kostüm der attischen Szene gemacht hatte. Der faustischen
+Seele aber war das transzendente Dogma wesentlich, nicht der Kult.
+Gottlos war für sie die Auflehnung gegen eine Lehre; hier begann der
+Begriff der Ketzerei. Diese Religion konnte ihrer Natur nach keine
+<em class="gesperrt">Gewissensfreiheit</em> gestatten — das widerspricht der Dynamik,
+dem Machtwillen über die Seelen. Darin macht auch das Freidenkertum
+keine Ausnahme. Auf den Scheiterhaufen folgte die Guillotine, auf das
+Verbrennen der Bücher ihr Totschweigen. Es gibt unter uns keine Partei
+ohne Neigung zur Inquisition in irgendeiner Form. Gottlos aber war für
+die Antike eine Verachtung des Kultus — ἀσέβεια im wörtlichen Sinne
+— und hier duldete die apollinische Religion keine <em class="gesperrt">Freiheit des
+Verhaltens</em>. Damit war in beiden Fällen eine Grenze der<span class="pagenum" id="Seite_586">[S. 586]</span> Toleranz
+gezogen, welche das Gottgefühl forderte und welche es verbot.</p>
+
+<p>In diesem Punkte nun stand die spätantike Philosophie die
+sophistisch-stoische Theorie (nicht die stoische Weltstimmung) dem
+religiösen Empfinden entgegen, und hier war das Volk von Athen —
+desselben Athens, das auch noch den „unbekannten Göttern“ Altäre baute
+— von der Unerbittlichkeit der spanischen Inquisition. Man hat nur
+die lange Reihe antiker Denker und historischer Persönlichkeiten zu
+mustern, die der Heilighaltung des Kultus geopfert wurden. Sokrates
+und Diagoras wurden der Asebeia wegen hingerichtet; Anaxagoras,
+Protagoras, Aristoteles, Alkibiades konnten sich nur durch Flucht
+retten. Die Zahl der wegen Kultfrevels Hingerichteten zählt allein in
+Athen und nur während der Jahrzehnte des Peloponnesischen Krieges nach
+Tausenden. Nach der Verurteilung des Protagoras wurden seine Schriften
+von Haus zu Haus gesucht und verbrannt. In Rom beginnen die historisch
+noch erkennbaren Akte dieser Art mit der 181 vom Senat angeordneten
+öffentlichen Verbrennung der pythagoräischen „Bücher des Numa“, und von
+da an folgen ohne Unterbrechung Ausweisungen einzelner Philosophen und
+ganzer Schulen, späterhin Hinrichtungen und die feierliche Verbrennung
+von Schriften, die der Religion gefährlich werden konnten. Hierher
+gehört die Tatsache, daß allein zur Zeit der Diktatur Cäsars die
+Stätten des Isiskultes von den Konsuln viermal zerstört worden sind,
+und daß Tiberius das Bild der Göttin in die Tiber werfen ließ. Die
+Nichtbegehung des Geburtstages des Cäsar war unter Strafe gestellt.
+Die Verweigerung des Divusopfers war unzweifelhaft eine Auflehnung
+gegen das antike Religionsempfinden. In allen Fällen handelt es sich
+um „Atheismus“, wie er sich aus dem <em class="gesperrt">antiken</em> Gottgefühl ergab
+und wie er sich als theoretische oder praktische Mißachtung des Kultus
+manifestierte. Wer in diesen Dingen nicht das eigne, abendländische
+Empfinden aus dem Spiele lassen kann, wird nie in das Wesen der hier
+zugrunde liegenden seelischen Phänomene eindringen. Dichter und
+Philosophen durften Mythen erfinden und Göttergestalten umbilden,
+soviel sie wollten. Die dogmatische Deutung des sinnlich Gegebenen
+stand in jedermanns Belieben. Man konnte die Götter in Satyrspielen
+und<span class="pagenum" id="Seite_587">[S. 587]</span> Komödien nach Herzenslust lächerlich machen — selbst das griff
+nicht an ihre euklidische Existenz —, aber an den Kultus, die
+plastische Gestaltung der Götterverehrung, durfte nicht gerührt werden.
+Hier fand die Duldung des antiken Menschen ein Ende. Hier war das
+eigentliche Wesen seiner Religion angetastet. Cäsar, ein vollkommener
+Skeptiker, hat für die Wiederherstellung alter Kulte peinlichst Sorge
+getragen. Man mißversteht die feinen Geister der ersten Kaiserzeit,
+wenn man es als Heuchelei nimmt, daß sie, ohne irgendeinen Mythus noch
+ernst zu nehmen, alle Verpflichtungen des Staatskultus, vor allem des
+allenthalben tief empfundenen Kaiserkultes auf sich nahmen. Umgekehrt
+stand es dem Dichter und Denker der gereiften faustischen Kultur frei,
+„nicht zur Kirche zu gehen“, die Beichte zu meiden, bei Prozessionen
+daheim zu bleiben, in protestantischer Umgebung ohne alle Verbindung
+mit kirchlichen Institutionen zu leben, nicht aber an dogmatische
+Einzelheiten zu rühren. Das war innerhalb aller Konfessionen und Sekten
+(das Freidenkertum nochmals ausdrücklich einbegriffen) gefährlich.
+Das Beispiel des stoischen Römers, der ohne Glauben an die Mythologie
+die sakralen Formen pietätvoll beobachtet, findet sein Gegenstück an
+Menschen der Aufklärungszeit wie Lessing und Goethe, die, ohne die
+kirchlichen Gebräuche zu erfüllen, doch niemals an den „Grundwahrheiten
+des Glaubens“ zweifeln.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_12">12</h4>
+
+</div>
+
+<p>Kehren wir vom gestaltgewordnen Naturgefühl zur systemgewordnen
+Naturerkenntnis zurück, so kennen wir Gott oder die Götter als den
+Ursprung der Gebilde, durch welche der Geist reifer Kulturen sich
+der Umwelt begrifflich zu bemächtigen sucht. Die starke Religiosität
+der Mechanik Newtons und die fast vollkommen atheistisch formulierte
+moderne Dynamik sind von gleicher Farbe, Position und Negation
+desselben Urgefühls. Ein physikalisches System trägt mit Notwendigkeit
+alle Züge der Seele, zu deren Formenwelt es gehört. Zur antiken Statik
+und euklidischen Geometrie gehört der olympische Polytheismus. Zur
+Dynamik und analytischen Geometrie gehört der Deismus des Barock. Seine
+drei Grundprinzipien Gott, Freiheit und Unsterblichkeit<span class="pagenum" id="Seite_588">[S. 588]</span> heißen in der
+Sprache der Mechanik das Prinzip der Trägheit (Galilei), das Prinzip
+der kleinsten Wirkung (d’Alembert) und das Prinzip der Erhaltung der
+Energie (Mayer).</p>
+
+<p>Was wir heute ganz allgemein Physik nennen, ist in der Tat ein
+Barockphänomen. Es wird nicht mehr als paradox empfunden werden,
+wenn ich insbesondere diejenige Vorstellungsweise, welche auf der
+Annahme von Fernkräften und den der naiv-antiken Anschauung völlig
+fremden Fernwirkungen, der Attraktion und Repulsion von Massen
+beruht, in Erinnerung an die gleichzeitige Epoche der Architektur
+(Vignola) als den Jesuitenstil in der Physik bezeichne, wie mir ganz
+ebenso die Infinitesimalrechnung, die nur im Abendlande und gerade
+damals entstand und nur dort entstehen konnte, den Barockstil,
+den Jesuitenstil in der Mathematik darzustellen scheint. Wer die
+Physik für eine ewige Wissenschaft hält, die sich in Jahrtausenden
+fortschreitend vervollkommnet und sich „der“ Wahrheit mehr und mehr
+nähert, hat das Bedingte in ihr, die Gewißheit, von späteren Kulturen
+und deren andersgeartetem Naturgefühl völlig mißverstanden, verachtet
+und wieder vergessen zu werden, und damit ihren tieferen Sinn nicht
+begriffen. Symbole vergehen, und die Formenwelt einer Physik ist ein
+Symbol. Die gesamte moderne Naturwissenschaft ist Teil des Ausdrucks
+der faustischen Seele, und damit sind Anfang, Ende und Umfang ihres
+historisch-lebendigen Daseins unwiderruflich festgelegt.</p>
+
+<p>Die abendländische Physik ist ihrem Typus nach dogmatisch, nicht
+kultisch. Ihr Inhalt ist das <em class="gesperrt">Dogma von der Kraft</em>, die mit dem
+Raume, der Distanz identisch ist, das von der unendlichen Wirkung in
+die Ferne, von der <em class="gesperrt">Tat</em>, nicht der <em class="gesperrt">Haltung</em>. Ihre Tendenz
+ist demnach die fortschreitende Überwindung des Augenscheins. Von
+einer noch sehr „antiken“ Einteilung in eine Physik des Auges (Optik),
+Ohres (Akustik) und Hautsinnes (Wärmelehre) ausgehend hat sie die
+Sinnesempfindungen allmählich ganz ausgeschaltet und durch abstrakte
+Beziehungssysteme ersetzt, so daß z.&#8239;B. die strahlende Wärme infolge
+der Vorstellungen von den Bewegungen des Äthers heute in der Optik
+behandelt wird.</p>
+
+<p>„Kraft“ ist ein Urbegriff, der nicht vom Geiste konstruiert<span class="pagenum" id="Seite_589">[S. 589]</span> worden
+ist, der im Gegenteil die Struktur des westeuropäischen Geistes
+ausbilden half.<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[121]</a></p>
+
+<p>Es ist das Gefühl von Gott, das logisch in Erscheinung tritt: Aus
+der instinktiven Polarität von Gott und Welt wird die intellektuelle
+von Kraft und Masse. Indem man ein Etwas im Naturbilde Kraft nannte,
+hatte man die erkannte, nicht die erlebte, die geistig, nicht seelisch
+erfüllte Natur einer Symbolik unterworfen. Eine physikalische Theorie
+ist ein intellektueller Mythus.</p>
+
+<p>Daß diese Kraft oder Energie in der Tat eine zum Begriff erstarrte Idee
+und nicht entfernt ein reines Resultat wissenschaftlicher Forschung
+ist, wird durch die oft übersehene Tatsache bestätigt, daß das
+Grundprinzip der Dynamik, der bekannte erste Hauptsatz der mechanischen
+Wärmetheorie, überhaupt nichts über das Wesen der Energie aussagt. Daß
+die „Erhaltung der Energie“ in ihm fixiert sei, ist eigentlich ein
+falscher, aber psychologisch sehr bezeichnender Ausdruck. Die Dynamik
+kann ihrer Natur nach nur Relatives, nur Energie<em class="gesperrt">differenzen</em>
+feststellen, und ihre Gesetze beziehen sich allein darauf. Es bleibt
+jedesmal, wie man sich ausdrückt, eine additive Konstante unbestimmt,
+d.&#8239;h. man sucht das mit dem inneren Auge aufgefaßte Bild einer Kraft
+festzuhalten, obwohl die wissenschaftliche Praxis nichts damit zu tun
+hat.</p>
+
+<p>Aus dieser Genesis des Kraftbegriffs folgt, daß er, über die
+Möglichkeiten der strengen Logik hinausgreifend, nicht etwa von ihr
+geprägt, ebensowenig genau definierbar ist wie die ebenfalls in den
+antiken Sprachen fehlenden Begriffe des Willens und des Raumes. Es ist
+unmöglich, das Gefühl von Gott exakt in eine extensiv-begriffliche
+Form zu bringen. Es bleibt ein gefühlter, geschauter Rest, der jede
+tatsächlich erfolgte Definition zu einem Bekenntnis ihres Urhebers
+macht. Jeder Denker, Mathematiker und Physiker des Barock hat hier ein
+inneres<span class="pagenum" id="Seite_590">[S. 590]</span> Erlebnis, das er in Worte kleidet. Man denke an Goethe, der
+seinen Begriff einer Weltkraft nicht hätte definieren können und mögen,
+aber seiner gewiß war. Kant nannte die Kraft die Erscheinung eines an
+sich Seienden („Die Substanz im Raume, den Körper, kennen wir nur durch
+Kräfte“). Laplace nannte sie eine Unbekannte, deren Wirkungen wir nur
+erkennen; Newton hatte an immaterielle Fernkräfte gedacht. Leibniz
+sprach von der <i>vis viva</i> als einem Quantum, das mit der Materie
+zusammen die Einheit der Monade bildet. Descartes war ebensowenig wie
+einzelne Denker des 18. Jahrhunderts (Lagrange) gewillt, Bewegung von
+Bewegtem prinzipiell zu sondern. Neben <i>potentia</i>, <i>impetus</i>,
+<i>virtus</i> finden sich Umschreibungen mit <i>conatus</i> und
+<i>nisus</i>, wo offenbar die Kraft von der auslösenden Ursache
+nicht gesondert worden ist (der „Wille Gottes“). Es ist sehr wohl
+möglich, katholische, protestantische und atheistische Kraftbegriffe
+zu unterscheiden. Spinoza, als Jude, seelisch also noch der magischen
+Kultur zugehörig, vermochte den faustischen Kraftbegriff überhaupt
+nicht zu rezipieren. Er fehlt in seinem System. Und es ist ein
+erstaunliches Zeichen für die Intensität der Urbegriffe, daß H. Hertz,
+der einzige Jude unter den großen Physikern der Jetztzeit, auch der
+einzige ist, der den Versuch gemacht hat, das Dilemma der Mechanik
+durch <em class="gesperrt">Ausschaltung</em> des Kraftbegriffs zu lösen.</p>
+
+<p>Das Dogma von der Kraft ist das <em class="gesperrt">einzige</em> Thema der faustischen
+Physik. Was unter dem Namen Statik als Teil der Naturwissenschaft
+durch alle Systeme und Jahrhunderte geschleppt wurde, ist eine
+Fiktion. Es steht mit einer „modernen Statik“ nicht anders als mit
+der „Arithmetik“ und „Geometrie“, wörtlich den Lehren vom Zählen und
+Messen, die innerhalb der neueren Analysis ebenfalls, wenn man mit den
+Worten überhaupt noch den ursprünglichen Sinn verbindet, leere Namen,
+literarische Reste antiker Wissenschaften sind, die zu beseitigen oder
+auch nur als Scheingebilde zu erkennen uns die Ehrfurcht vor allem
+Antiken nicht gestattet hat. Es gibt keine abendländische Statik, d.&#8239;h.
+keine dem abendländischen Geist natürliche Art der Interpretation
+mechanischer Tatsachen, welche die Begriffe Gestalt und Substanz
+(allenfalls Raum und Masse) statt Raum, Zeit, Masse und Kraft zugrunde
+legt. Man kann das auf<span class="pagenum" id="Seite_591">[S. 591]</span> jedem einzelnen Gebiet nachprüfen. Selbst die
+„Temperatur“, die doch am ehesten den antik-statischen Eindruck einer
+passiven Größe macht, läßt sich diesem System erst einordnen, wenn sie
+im Bild einer Kraft erfaßt wird: Die Wärmemenge als Inbegriff der sehr
+schnellen, feinen, unregelmäßigen Bewegungen der Atome eines Körpers,
+seine Temperatur als die mittlere lebendige Kraft dieser Atome.</p>
+
+<p>Die Renaissance hatte die archimedische Statik wiederzuerwecken
+geglaubt, ebenso wie sie die hellenische Plastik fortzusetzen glaubte.
+In beiden Fällen hat sie die endgültigen Konzeptionen des Barock, und
+zwar aus dem Geiste der Gotik, nur vorbereitet. Mantegna gehört zur
+Statik der Bildmotive, auch Raffael, dessen Geste man später steif und
+kalt gefunden hat; mit Lionardo beginnt die Dynamik, und Rubens ist
+ein Maximum der Bewegtheit schwellender Leiber. Das hintergrundlose
+Fresko ist eine statische, das perspektivische Ölgemälde eine
+dynamische Gattung. Das Fresko malt körperhafte Grenzen, das Ölbild
+löst sie auf. Der Impressionismus endlich stellt eine reine Dynamik der
+Farben dar; Körpergrenzen gegen den Raum bedeuten ihm nicht mehr wie
+der Elektrodynamik, in deren Kraftfeldern sie mathematisch von ganz
+untergeordneter Bedeutung sind.</p>
+
+<p>Im Sinne der Renaissancephysik hat noch 1629 Nicolaus Cabeo aus
+Ferrara, ein Jesuit, eine Theorie des Magnetismus im Stile der
+aristotelischen Weltauffassung entwickelt, die ebenso wie die
+florentinische Freskotechnik keine Folgen haben konnte, nicht weil sie
+„falsch“ gewesen wäre, sondern weil sie dem faustischen Naturgefühl
+widersprach, das durch die Renaissance eben aus der arabisch-magischen
+Vormundschaft befreit worden war und das nun eigene Formen für den
+Ausdruck seiner Welterkenntnis brauchte. Cabeo verzichtet auf die
+Begriffe Kraft und Masse und beschränkt sich auf die klassischen:
+Stoff und Gestalt, das heißt, er geht vom Geiste der Architektur des
+alternden Michelangelo und des Vignola auf den Michelozzos und Raffaels
+zurück und entwirft so ein vollkommen in sich geschlossenes, aber für
+die Zukunft belangloses System. Der Magnetismus als Zustand einzelner
+Körper, nicht als Kraft im grenzenlosen Raume — das konnte das innere
+Auge des westeuropäischen<span class="pagenum" id="Seite_592">[S. 592]</span> Menschen nicht befriedigen. Wir brauchten
+eine Theorie der Ferne, nicht der Nähe. Ein andrer Jesuit, Boscovich,
+hat dann Newtons mathematisch-mechanische Prinzipien als erster zu
+einer umfassenden eigentlichen Dynamik ausgestaltet (1758).</p>
+
+<p>Galilei stand noch unter dem Eindruck starker Reminiszenzen des
+Renaissancegefühls, dem die Antithese von Kraft und Masse, aus der im
+architektonischen, malerischen und physikalischen Stil das Element der
+<em class="gesperrt">großen Bewegung</em> folgt, fremd war. Er beschränkt die Vorstellung
+der Kraft noch auf Berührungskräfte (Stoß) und formuliert lediglich
+eine Erhaltung der Quantität der Bewegung. Damit hält er am älteren
+Prinzip der Bewegung unter Ausschluß eines räumlichen <em class="gesperrt">Pathos</em>
+fest, und erst Leibniz entwickelte, gegen ihn polemisierend, die Idee
+der eigentlichen, im unendlichen Raume wirksamen, <em class="gesperrt">freien</em> Kräfte
+(lebendige Kraft, <i>activum thema</i>), die er dann im Zusammenhange
+mit seinen mathematischen Entdeckungen vollkommen durchführte. An
+Stelle der Erhaltung der Bewegungsquantität trat die Erhaltung der
+lebendigen Kräfte. Das entspricht dem Ersatz der Zahl als Größe durch
+die Zahl als Funktion.</p>
+
+<p>Der Begriff der Masse wurde erst etwas später, als Gegenbegriff zur
+Kraft, deutlich ausgebildet. Bei Galilei und Kepler erscheint an
+seiner Stelle das Volumen, und erst Newton hat ihn mit Bestimmtheit
+<em class="gesperrt">funktional</em> gefaßt (die Welt als Funktion Gottes). Es ist dem
+Renaissanceempfinden völlig widersprechend, daß die Masse — heute
+definiert als das konstante Verhältnis von Kraft und Beschleunigung
+in bezug auf ein System materieller Punkte — dem Volumen keineswegs
+proportional ist, wofür die Planeten ein wichtiges Beispiel gaben.</p>
+
+<p>Aber Galilei mußte doch schon nach <em class="gesperrt">Ursachen</em> der Bewegung fragen.
+Diese Frage hatte innerhalb einer eigentlichen, auf die Begriffe Stoff
+und Form beschränkten Statik keinen Sinn. Für Archimedes war die
+Ortsveränderung neben der Gestalt als dem eigentlichen Wesen alles
+extensiven Daseins belanglos; was hätte auf die Körper wirken sollen
+— von außen —, da der Raum „nicht ist“? Die Dinge bewegen sich, sie
+werden nicht bewegt. Erst Newton schuf in völliger Unabhängigkeit<span class="pagenum" id="Seite_593">[S. 593]</span> von
+der Fühlweise der Renaissance den Begriff der <em class="gesperrt">Fernkräfte</em>, der
+Anziehung und Abstoßung von Massen durch den Raum hindurch. Diese Idee
+hat nichts sinnlich Greifbares mehr, und Newton selbst empfand vor ihr
+einiges Unbehagen. Sie hatte ihn, nicht er sie ergriffen. Es ist der
+dem unendlichen Raume zugewandte Geist des Barock selbst, der diese
+<em class="gesperrt">kontrapunktische, gänzlich unplastische</em> Konzeption hervorgerufen
+hat. Und zwar mit einem inneren Widerspruch. Man hat diese Fernkräfte
+niemals hinreichend definieren können. Kein Mensch hat je begriffen,
+was eigentlich Zentrifugalkraft ist. Ist die Kraft der sich um ihre
+Achse drehenden Erde die Ursache dieser Bewegung oder umgekehrt? Oder
+sind beide identisch? Wenn eine Bewegung in Erscheinung tritt —
+ist sie dann Wirkung einer Ursache, und ist diese Ursache, logisch
+isoliert, eine Kraft oder eine andere Bewegung? Wie unterscheiden
+sich Kraft und Bewegung? Die Veränderungen im Planetensystem sollen
+Wirkungen einer Zentrifugalkraft sein. Aber dann müßten die Körper
+aus ihrer Bahn geschleudert werden, und da dies nicht der Fall ist,
+nimmt man auch noch eine Zentripetalkraft an. Aber was bedeuten diese
+Worte? Die Unmöglichkeit, hier Ordnung und Klarheit zu schaffen, hatte
+Heinrich Hertz bewogen, auf den Kraftbegriff überhaupt wieder zu
+verzichten und sein System der Mechanik durch die äußerst künstliche
+Annahme von festen Koppelungen zwischen Lagen und Geschwindigkeiten
+auf das Prinzip der Berührung (Stoß) zurückzuführen. Aber damit sind
+die Verlegenheiten nur verdeckt, nicht behoben. Sie sind spezifisch
+faustischer Natur und wurzeln im tiefsten Wesen der Dynamik. „Dürfen
+wir von Kräften reden, welche erst durch Bewegung entstehen?“ Gewiß
+nicht. Aber können wir auf die dem abendländischen Geiste eingebornen
+Urbegriffe verzichten, weil sie undefinierbar sind? Hertz selbst hat
+keinen Versuch gemacht, sein System praktisch in Anwendung zu bringen.</p>
+
+<p>„Die Erscheinung — sagt Goethe — ist vom Beobachter nicht losgelöst,
+vielmehr in dessen Individualität verschlungen und verwickelt.“ Gerade
+die letzten, vermeintlich objektivsten Begriffe der Naturerkenntnis
+sind Symbole, sind aus einem Gefühl entsprungen, das in dieser Gestalt
+nur der Seele einer<span class="pagenum" id="Seite_594">[S. 594]</span> bestimmten, der apollinischen, magischen,
+faustischen Seele eigen ist. So gering der organische Rest in ihnen
+sein mag, er läßt sich nicht überwinden, denn der Physiker arbeitet
+nicht nur als Intellekt, sondern als Mensch, als der er Ausdruck und
+Organ seiner Kultur ist. Jede Erkenntnis ist nicht nur ein Resultat,
+sondern auch ein Akt.</p>
+
+<p>Man erinnere sich nochmals, daß nicht die bloßen geschriebenen oder
+gesprochenen Formeln, sondern die den toten Ziffern unterlegten
+Bilder, die ihnen erst Blut und Seele geben, das <em class="gesperrt">Wesen</em> der
+Physik ausmachen. Die Kraft ist ein solches Bild. Die beiden möglichen
+Natureindrücke des Kulturmenschen, die lebendige Goethesche und
+die tote Newtonische Natur sind einander verwandt. Und zwar folgt
+die zweite aus der ersten. Das Werden, in den Worten Leben, Zeit,
+Schicksal, Richtung, Gott sich offenbarend liegt dem Gewordnen, das mit
+dem Erkannten identisch ist, zugrunde. Die physikalische Phantasie des
+faustischen Menschen drängt stets zur Imagination unendlich bewegter
+Scharen von kleinsten Elementen. Dies Prinzip, dem die Mathematik
+in der Gruppentheorie, der Mengenlehre Rechnung getragen hat, kehrt
+in der kinetischen Gastheorie, der Vorstellung von Kraftfeldern,
+Ionen, Elektronen wieder. Aber es ist dasselbe, was das Weltgefühl
+der früheren Jahrhunderte längst in seinen Kobolden, Zwergen und
+Wichten, in dem „stillen Volk“ in Wiesen und Bergen, den Elfen, die
+im Laub, im Sonnenlichte „weben“, den in imaginären Räumen liegenden
+Reichen von elbischen winzigen rastlosen Wesen verkörpert hat, und
+hier haben wir den Ursprung dessen zu suchen, was die Worte Kraft und
+Bewegung enthalten und was über alle Möglichkeiten logischer Fixierung
+hinausgeht.</p>
+
+<p>Diese immanente Verlegenheit der modernen Mechanik wird durch die
+von Faraday begründete Potentialtheorie — nachdem der Schwerpunkt
+des physikalischen Denkens aus der Dynamik der Materie in die
+Elektrodynamik des Äthers gerückt war — keineswegs beseitigt. Der
+berühmte Experimentator, der durchaus Visionär und unter allen Meistern
+der neuern Physik der einzige Nichtmathematiker war, bemerkte 1846:
+„Ich nehme in irgendeinem Teil des Raumes, mag er nach dem gewöhnlichen
+Sprachgebrauch leer oder von Materie erfüllt sein, nichts wahr<span class="pagenum" id="Seite_595">[S. 595]</span> als
+Kräfte und die Linien, in denen sie ausgeübt werden.“ In dieser
+Definition tritt die ihrem Gehalte nach organische, das Erlebnis des
+Erkennenden bezeichnende, spezifisch historische Richtungstendenz
+— der Wille zur Macht — deutlich hervor; damit knüpft Faraday
+metaphysisch an Newton an, dessen Fernkräfte ein immaterielles Prinzip
+darstellen, dessen Kritik der fromme Physiker ausdrücklich ablehnte.
+Der zweite noch mögliche Weg, zu einem eindeutigen Begriff der Kraft
+zu gelangen — von der „Welt“, nicht von „Gott“, vom Objekt, nicht vom
+Subjekt des natürlichen Bewegtseins aus —, führte eben damals zur
+Konzeption des Begriffs der <em class="gesperrt">Energie</em>, die im Unterschiede von der
+Kraft ein Quantum, keine Richtung darstellt und insofern an Leibniz
+und an dessen Idee der lebendigen Kraft mit ihrer unveränderlichen
+Quantität anknüpft; man sieht, daß hier wesentliche Merkmale des
+Massebegriffs herübergenommen worden sind, derart, daß sogar der
+bizarre Gedanke einer atomistischen Struktur der Energie in Erwägung
+gezogen worden ist.</p>
+
+<p>Indessen ist mit dieser Neuordnung der Eigenschaften das Grundgefühl
+vom Vorhandensein einer Weltkraft und ihres Substrats nicht verändert
+und damit die Unlösbarkeit des Bewegungsproblems nicht widerlegt worden.</p>
+
+<p>Man wird sich erinnern, daß im vorigen Kapitel der Abstieg von der
+tragischen zur Plebejermoral, von der Kultur zur Zivilisation des
+westeuropäischen Menschen durch den Übergang vom ethischen Grundprinzip
+der <em class="gesperrt">Tat</em> zu dem der <em class="gesperrt">Arbeit</em> charakterisiert wurde. Der
+große Mensch der Vergangenheit von den Hohenstaufen bis zu Napoleon
+<em class="gesperrt">verrichtete Taten</em>, der moderne Gehirnmensch, sei er Feldherr
+oder Experimentator, <em class="gesperrt">arbeitet</em>. Wir sind alle Arbeiter, und
+der Unterschied besteht nur noch zwischen geistiger und ungeistiger
+Arbeit. Es ist überaus bezeichnend, daß sich genau derselbe
+Begriffswechsel in der physikalischen Formensprache vollzieht. Das
+Naturbild Brunos, Newtons, Goethes imaginiert ein göttliches Prinzip,
+das sich in Taten auswirkt. Die zivilisierte, atheistische Physik
+setzt den Begriff auf ein intellektuelles Niveau herab: die Natur
+„<em class="gesperrt">leistet Arbeit</em>“. Unter diesem Eindruck steht die heutige
+Mechanik. Die entscheidende Entdeckung J. R. Mayers fällt mit der
+Geburt der sozialistischen Theorie zusammen. Gleichzeitig<span class="pagenum" id="Seite_596">[S. 596]</span> vollzieht
+sich der sehr tiefliegende Begriffswechsel von der Kraft zur Energie
+(einem <em class="gesperrt">Quantum</em>). Man wird ferner die strenge Kongruenz dieser
+Formenwelt mit der gleichzeitig ausgebildeten der Nationalökonomie
+bemerken. Nationalökonomie — das war, wie wir sahen, die notwendige
+Fassung der praktischen Dynamik eines willensstarken Menschentums, das
+nach Dauer, Zukunft, Macht, Tat strebt. Auch die nationalökonomischen
+Systeme operieren mit denselben Begriffen; seit Adam Smith wird das
+Wertproblem mit dem <em class="gesperrt">Arbeitsquantum</em> in Beziehung gesetzt; das ist
+Quesney und Turgot gegenüber der Schritt von einer organischen zu einer
+mechanischen Struktur des Wirtschaftsbildes. Was hier als „Arbeit“
+der Theorie zugrunde liegt, ist rein dynamisch gemeint. Man könnte
+die genauen Analoga der Prinzipien von der Erhaltung der Energie,
+der Entropie, der kleinsten Wirkung auffinden. Man vergleiche diese
+parallele Entwicklung mit jener der antiken — volkswirtschaftlichen
+<em class="gesperrt">und</em> physikalischen — Statik, und man wird einsehen, in welchem
+Grade die vermeintliche „Erfahrung“ von der geistigen Gestaltungskraft
+vorausbestimmt wird.</p>
+
+<p>Betrachtet man demnach die Stadien, welche der zentrale Begriff der
+Kraft seit seiner Geburt im frühen Barock durchlaufen hat, und zwar
+in genauester Verwandtschaft mit den Formenwelten der großen Künste
+und der Mathematik, so findet man drei: Im 17. Jahrhundert (Galilei,
+Newton, Leibniz) trat er bildhaft ausgeprägt neben die große Ölmalerei,
+die um 1680 erlosch; im 18., dem der klassischen Mechanik (Laplace,
+Lagrange), stand er neben der Musik Bachs und empfing den intuitiven
+Charakter des kontrapunktischen Stils; im 19., wo die Künste zu Ende
+sind und die zivilisierte Intelligenz das Seelenhafte überwältigt,
+erscheint er in der Sphäre der reinen Analysis, und zwar insbesondere
+der Theorie der Funktionen von mehreren komplexen Variablen, ohne die
+er sich in seiner modernsten Bedeutung kaum mehr verständlich machen
+läßt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_13">13</h4>
+
+</div>
+
+<p>Damit aber ist — darüber täusche sich niemand — die westeuropäische
+Physik an der Grenze ihrer inneren Möglichkeiten<span class="pagenum" id="Seite_597">[S. 597]</span> angelangt. Der Sinn
+ihrer Erscheinung war, das faustische Naturgefühl in Erkenntnis, die
+Gestalten eines frühzeitlichen Glaubens in mechanische Formen eines
+exakten Wissens zu verwandeln. Daß die einstweilen noch zunehmende
+Gewinnung praktischer oder auch nur gelehrtenhafter Ergebnisse — ein
+Oberflächenphänomen der Wissenschaftsgeschichte — mit der raschen
+Zersetzung ihres Wesenskerns nichts zu tun hat, braucht kaum gesagt zu
+werden. Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts erfolgen alle Schritte
+in der Richtung einer inneren Vollendung, einer wachsenden Reinheit,
+Schärfe und Fülle des dynamischen Naturbildes; von da an, wo ein
+Optimum von Deutlichkeit im Theoretischen erreicht ist, beginnen sie
+plötzlich auflösend zu wirken. Das geschieht nicht absichtlich; das
+kommt den hohen Intelligenzen der modernen Physik nicht einmal zum
+Bewußtsein. Darin liegt eine unabwendbare historische Notwendigkeit.
+Die antike Physik hatte sich in demselben Stadium, um 200 v.&#8239;Chr.,
+innerlich vollendet. Die Analysis kam mit Gauß, Cauchy und Riemann zum
+Ziele und füllt heute nur noch die Lücken ihres Gebäudes aus.</p>
+
+<p>Daher erheben sich plötzlich vernichtende Zweifel an Dingen, die
+noch gestern das unbestrittene Fundament der physikalischen Theorie
+bildeten, am Sinne des Energieprinzips, am Begriff der Masse, des
+Raumes, der absoluten Zeit, des kausalen Naturgesetzes überhaupt.
+Das sind nicht mehr jene schöpferischen Zweifel des frühen Barock,
+die einem Erkenntnisziele entgegenführen; diese Zweifel gelten der
+Möglichkeit einer Naturwissenschaft überhaupt. Welche tiefe und von
+ihren Urhebern offenbar gar nicht gewürdigte Skepsis liegt allein in
+der rasch zunehmenden Benützung abzählender, statistischer Methoden,
+die nur eine Wahrscheinlichkeit der Ergebnisse bezwecken und die
+absolute Exaktheit der Naturgesetze, wie man sie früher hoffnungsvoll
+verstand, ganz aus dem Spiele lassen!</p>
+
+<p>Wir nähern uns dem Augenblick, wo man die Möglichkeit einer
+geschlossenen und in sich widerspruchslosen Mechanik endgültig
+aufgibt. Ich hatte gezeigt, wie jede Physik an dem Bewegungsproblem
+scheitern muß, in welchem die lebendige Person des Erkennenden in die
+anorganische Formenwelt der vollzogenen Erkenntniselemente hereinragt.
+Aber alle neuesten Hypothesen<span class="pagenum" id="Seite_598">[S. 598]</span> enthalten diese Verlegenheit in einer
+nach dreihundertjähriger Denkarbeit erzielten äußersten Zuspitzung,
+die keine Täuschung mehr zuläßt. Die Gravitationstheorie, seit Newton
+eine unumstößliche Wahrheit, ist als eine zeitlich beschränkte
+und schwankende Annahme erkannt worden. Das Prinzip der Erhaltung
+der Energie hat keinen Sinn, wenn die Energie unendlich in einem
+unendlichen Raume gedacht wird. Die Annahme des Prinzips läßt sich
+mit keiner Art von dreidimensionaler Struktur des Weltraums, weder
+der unendlichen euklidischen, noch (unter den nichteuklidischen
+Geometrien) der sphärischen mit ihrem unbegrenzten, aber endlichen
+Volumen vereinen. Seine Gültigkeit wird also auf ein „nach außen
+abgeschlossenes System von Körpern“ beschränkt, eine künstliche
+Begrenzung, die es in Wirklichkeit nicht gibt und nicht geben kann.
+Man wird zugeben, daß das Weltgefühl des faustischen Menschen, aus
+dem diese grundlegende Vorstellung — <em class="gesperrt">die Unsterblichkeit der
+Weltseele</em>, mechanistisch und extensiv umgedacht — hervorging,
+gerade die symbolische Unendlichkeit hatte ausdrücken wollen. So
+<em class="gesperrt">fühlt</em> man, aber der Intellekt vermochte das in seiner Sphäre
+nicht zu verifizieren. Es war ferner der Lichtäther ein ideales
+Postulat der modernen Naturerkenntnis, die zu jeder Bewegung die
+Vorstellung eines Bewegten forderte. Aber jede denkbare Hypothese
+über die Beschaffenheit des Äthers wurde sofort durch innere
+Widersprüche widerlegt. Insbesondere hat Lord Kelvin mathematisch
+nachgewiesen, daß es eine einwandfreie Struktur dieses Lichtträgers
+nicht gibt. Da Lichtwellen nach der Interpretation der Versuche
+Fresnels transversal sind, müßte der Äther ein fester Körper (mit
+wahrhaft grotesken Eigenschaften) sein, aber in diesem Falle
+würden die Elastizitätsgesetze für ihn gelten, und die Lichtwellen
+wären demnach longitudinal. Die Maxwell-Hertzschen Gleichungen der
+elektromagnetischen Lichttheorie, die in der Tat reine, unbenannte
+Zahlen von unzweifelhafter Gültigkeit sind, schließen jede Deutung
+durch irgendeine Mechanik des Äthers aus. Man hat nun den Äther, vor
+allem unter dem Eindruck der Folgerungen aus der Relativitätstheorie,
+als das reine Vakuum definiert, was doch nicht viel andres als eine
+Zerstörung des dynamischen Urbildes bedeutet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_599">[S. 599]</span></p>
+
+<p>Seit Newton besaß die Annahme einer konstanten Masse — des
+Gegenstückes der konstanten Kraft — unbestrittene Gültigkeit. Moderne
+Hypothesen, die auf Grund von experimentellen Erfahrungen notwendig
+geworden waren, haben diese Annahme zerstört. Jedes abgeschlossene
+System besitzt neben der kinetischen Energie noch die Energie der
+strahlenden Wärme, die nicht von ihr trennbar und deshalb durch den
+Begriff der Masse nicht rein darstellbar ist. Denn wird die Masse
+durch die lebendige Energie definiert, so ist sie im Hinblick auf
+den thermodynamischen Zustand nicht mehr konstant. Aber weit über
+diese partiellen Zweifel hinaus greift das Relativitätsprinzip, die
+revolutionäre Theorie vom Beginn des 20. Jahrhunderts, in den Kern der
+Dynamik ein.</p>
+
+<p>Bekanntlich hat der Begriff Bewegung im leeren Raume keinen Sinn. Das
+wissenschaftliche Denken kennt nur Lageveränderungen mehrerer Körper
+relativ zueinander. In diesem Falle aber wendet das <em class="gesperrt">antike</em>
+Weltgefühl greifbare, <em class="gesperrt">absolute Maße</em> an, um absolute
+Bewegungsgrößen zu messen. Hier liegt also ein Rest von plastischem,
+statuenhaftem Empfinden (sinnlicher Konstanz) vor, den das faustische
+Naturdenken noch aufzulösen hatte.</p>
+
+<p>Gibt es absolute Maße? Nimmt man in kosmischen Verhältnissen den
+Abstand der Erde von der Sonne als Maßeinheit, so ist der Lichtweg
+zu messen; es gibt keine andere Möglichkeit. Das Licht aber braucht
+Zeit, und damit tritt ein organischer, historischer Faktor in den Akt
+der messenden Vergleichung ein. Abstände werden durch Lichtsignale
+abgegrenzt, und es fragt sich, in welcher Zeit das Licht (bei
+gleichbleibender Geschwindigkeit) von der Sonne her die Erde erreicht.
+Wir kennen die Bewegung der Erde relativ zur Sonne, nicht aber
+die absolute Bewegung des Sonnensystems im Raume, die etwa in der
+Richtung von der Erde zur Sonne oder umgekehrt stattfinden könnte.
+Aber in diesen Fällen wird der tatsächliche Lichtweg abgekürzt oder
+verlängert, da der Beobachter dem Licht entgegenkommt oder sich von
+ihm entfernt, und damit verliert die Lichtzeit die Eigenschaft einer
+absoluten Größe, weil nach dem berühmten Versuch von Michelson die
+Geschwindigkeit des Lichtes von der Bewegung der durchdrungenen Körper
+unberührt bleibt. Daraus<span class="pagenum" id="Seite_600">[S. 600]</span> ergeben sich unabsehbare Folgerungen. So gut
+wir eine Bewegung nur als Lageveränderungen eines Körpers relativ zu
+einem andern auffassen können — die ägyptischen Pyramiden, die relativ
+zur Erde ruhen, bewegen sich doch relativ zur Sonne mit gewaltiger
+Geschwindigkeit durch den Weltraum —, so gut ist eine Zeit nur in
+bezug auf den Standort eines Beobachters eindeutig meßbar; man kann
+Fälle annehmen, wo für zwei Beobachter in bezug auf zwei Ereignisse die
+Begriffe früher und später sich umkehren. <em class="gesperrt">Damit aber ist auch die
+Konstanz aller physikalischen Größen aufgehoben, in deren Definition
+die Zeit eingegangen ist</em>, und die westeuropäische Dynamik besitzt
+im Gegensatz zur antiken Statik nur solche Größen. Eine Strecke messe
+ich durch Vergleich der relativen Lage der Endpunkte, und dieser
+Vergleich beansprucht Zeit. Man weiß, daß Fixsterne, deren Standort
+durch das auf der Erde ankommende Licht bestimmt wird, an einer anderen
+Stelle des Himmels erscheinen als der, die sie „wirklich“ einnehmen.
+Dieselbe Strecke kann für verschiedene Beobachter je nach deren
+„Bewegungszustand“ verschieden groß sein. Ein Körper, der für den
+irdischen Beobachter eine Kugel ist, kann in bezug auf einen andern
+ein Rotationsellipsoid sein. Starre Körper gibt es nur in bezug auf
+ein bestimmtes System. Absolute Längen- und Zeitmaße gibt es überhaupt
+nicht mehr. Damit fällt auch die Möglichkeit absoluter quantitativer
+Bestimmungen und somit der übliche Begriff der Masse, denn die Masse
+war als Funktion der Bewegung, als das konstante Verhältnis von Kraft
+und Beschleunigung definiert worden. Es ist für die Elektronen bereits
+nachgewiesen worden, daß deren Masse sich mit der Geschwindigkeit
+ändert. In andern Fällen ist der Nachweis schwierig, denn Körper an der
+Erdoberfläche, z.&#8239;B. die Objekte beinahe aller physikalischen Versuche,
+bewegen sich annähernd mit Erdgeschwindigkeit — die Elektronen aber
+nicht, und diese Abweichung kommt in Gestalt einer Variabilität
+ihrer Masse zum Vorschein. Die „Erhaltung der Masse“ im Weltraum ist
+also ein Begriff ohne Sinn. Wie man sieht, ist hier das unantike,
+funktionale Empfinden der faustischen Seele zum denkbar schärfsten
+Ausdruck gelangt. Von den Faktoren des sinnlichen Augenscheins ist
+nichts geblieben, nicht einmal die angeblich a priori<span class="pagenum" id="Seite_601">[S. 601]</span> vorhandenen
+und konstanten Formen der Anschauung, Raum und Zeit, im Sinne Kants.
+Es gibt nichts Greifbares und Plastisches mehr, das ein ruhendes Sein
+spiegelt, keine Gestalt, keine Größe, kein Maß. Die Grundwerte des
+newtonischen Weltbildes, ohnehin Elemente von höchst abstrakter Natur,
+sind in das unendliche Gewebe von variablen Beziehungen aufgelöst, das
+nunmehr die letzte Form der faustischen Natur, eine Gestalt von äußerst
+unpopulärem und esoterischem Charakter, vor Augen führt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_14">14</h4>
+
+</div>
+
+<p>In den Kreis dieser Symbole des Niedergangs gehört nun vor allem
+die Entropie, bekanntlich das Thema des zweiten Hauptsatzes der
+Thermodynamik. Der erste Hauptsatz, das Prinzip von der Erhaltung der
+Energie, formuliert einfach das Wesen der Dynamik, um nicht zu sagen
+die Struktur des westeuropäischen Geistes, dem allein die Natur mit
+Notwendigkeit in der Form einer kontrapunktisch-dynamischen Kausalität
+im Gegensatz zu der statisch-plastischen des Aristoteles erscheint. Das
+Grundelement des faustischen Weltbildes ist nicht die <em class="gesperrt">Haltung</em>,
+sondern die <em class="gesperrt">Tat</em>, mechanisch gesprochen der <em class="gesperrt">Prozeß</em>, und
+dieser Satz fixiert lediglich den mathematischen Charakter dieser
+Prozesse in Form von Variablen und Konstanten. Der zweite Satz aber
+greift tiefer und stellt eine einseitige Tendenz des Naturgeschehens
+fest, welche durch die begrifflichen Grundlagen der Dynamik in keiner
+Weise a priori bedingt war.</p>
+
+<p>Die Entropie wird mathematisch durch eine Größe repräsentiert, die
+durch den augenblicklichen Zustand eines in sich abgeschlossenen
+Systems von Körpern bestimmt ist und die bei allen überhaupt möglichen
+Änderungen physikalischer oder chemischer Art nur zunehmen, niemals
+abnehmen kann. Im günstigsten Falle bleibt sie unverändert. Die
+Entropie ist wie die Kraft und der Wille etwas, das jedem, der
+überhaupt in das Wesen dieser Formenwelt einzudringen vermag, innerlich
+vollkommen klar und deutlich ist, das aber von jedem anders und
+offenbar unzulänglich formuliert wird. Auch hier versagt der Geist vor
+dem Ausdrucksbedürfnis des Weltgefühls.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_602">[S. 602]</span></p>
+
+<p>Man hat, je nachdem die Entropie sich vermehrt oder nicht, die
+Gesamtheit der Naturprozesse in nichtumkehrbare und umkehrbare
+eingeteilt. Bei jedem Prozeß der ersten Art wird freie Energie
+in gebundene verwandelt; soll diese tote Energie in lebendige
+zurückverwandelt werden, so kann es nur dadurch geschehen, daß
+gleichzeitig in einem damit verbundenen zweiten Prozeß ein Quantum
+lebendiger Energie gebunden wird. Das bekannteste Beispiel ist die
+Verbrennung von Kohle, d.&#8239;h. die Umwandlung der in ihr aufgespeicherten
+lebendigen Energie in die durch die Gasform der Kohlensäure gebundene
+Wärme, wenn die latente Energie des Wassers in Dampfspannung und
+weiterhin in Bewegung umgesetzt werden soll. Daraus folgt, daß die
+Entropie im Weltganzen beständig zunimmt, so daß das dynamische
+System sich offenbar einem wie immer gearteten Endzustande nähert.
+Zu den nichtumkehrbaren Prozessen gehören Wärmeleitung, Diffusion,
+Reibung, Lichtemission, chemische Reaktionen, zu den umkehrbaren
+die Gravitation, elektrische Schwingungen, elektromagnetische und
+Schallwellen.</p>
+
+<p>Was bisher nie empfunden worden ist, und weshalb ich in dem Satz von
+der Entropie den Anfang der Vernichtung dieses Meisterstückes der
+westeuropäischen Intelligenz, der Physik dynamischen Stils sehe,
+ist der tiefe Gegensatz zwischen Theorie und Wirklichkeit, der hier
+zum ersten Male ausdrücklich in die Theorie selbst hineingetragen
+worden ist. Nachdem der erste Satz das strenge Bild eines kausalen
+Naturgeschehens gezeichnet hatte, bringt der zweite durch das Phänomen
+der Nichtumkehrbarkeit eine dem unmittelbaren Leben angehörende Tendenz
+zum Vorschein, die dem Wesen des Mechanischen und Logischen prinzipiell
+widerspricht.</p>
+
+<p>Verfolgt man die Konsequenzen der Entropielehre, so ergibt sich
+erstens, daß theoretisch alle Prozesse umkehrbar sein <em class="gesperrt">müssen</em>.
+Das gehört zu den Grundforderungen der Dynamik. Das fordert noch einmal
+in aller Schärfe der erste Hauptsatz. Es ergibt sich aber zweitens,
+daß <em class="gesperrt">in Wirklichkeit</em> sämtliche Naturvorgänge nichtumkehrbar
+<em class="gesperrt">sind</em>. Nicht einmal unter den künstlichen Bedingungen des
+experimentellen Verfahrens kann der einfachste Prozeß exakt umgekehrt,
+d.&#8239;h. ein einmal überschrittener Zustand wiederhergestellt werden.
+Nichts ist bezeichnender<span class="pagenum" id="Seite_603">[S. 603]</span> für die Lage des gegenwärtigen Systems als
+die Einführung der Hypothese der „elementaren Unordnung“, um den
+Widerspruch zwischen geistiger Forderung und wirklichem Erlebnis
+auszugleichen: Die „kleinsten Teilchen“ der Körper — ein Bild, nicht
+mehr — führen durchweg umkehrbare Prozesse aus; in den wirklichen
+Dingen befinden die kleinsten Teilchen sich in Unordnung und stören
+einander; infolgedessen ist mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit der
+natürliche, allein vom Beobachter erlebte, nichtumkehrbare Prozeß mit
+einer Zunahme der Entropie verbunden. So wird die Theorie zu einem
+Kapitel der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und statt seiner exakten
+Methode tritt die statistische in Wirksamkeit.</p>
+
+<p>Man hat augenscheinlich nicht bemerkt, was das bedeutet. Die Statistik
+gehört zur Sphäre des Organischen, zum wechselnd bewegten Leben, zum
+Schicksal und Zufall und nicht zur Welt der exakten Gesetze und der
+zeitlos-ewigen Mechanik. Man weiß, daß sie vor allem zur Charakteristik
+politischer und wirtschaftlicher, also historischer Phänomene dient.
+In der klassischen Mechanik Galileis und Newtons wäre für sie kein
+Platz gewesen. Was hier plötzlich statistisch erfaßt und erfaßbar
+wird, mit Wahrscheinlichkeit statt mit jener apriorischen Exaktheit,
+die alle Denker des Barock einstimmig gefordert hatten, ist der Mensch
+selbst, der diese Natur erkennend durchlebt, der in ihr sich selbst
+durchlebt; es ist nicht mehr ein reiner Intellekt, der seine starre
+Form objektiviert. Was die <em class="gesperrt">Theorie</em> mit innerer Notwendigkeit
+hinstellt, jene in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen umkehrbaren
+Prozesse, repräsentiert den Rest einer streng-geistigen Form, den Rest
+der großen Barocktradition, welche die Schwester des kontrapunktischen
+Stils war. Die Zuflucht zur Statistik offenbart die Erschöpfung der
+in dieser Tradition wirksam gewesenen ordnenden Kraft. Werden und
+Gewordnes, Schicksal und Kausalität, historische und natürliche
+Elemente beginnen zu verschwimmen. Formelemente des Lebens: das
+Wachstum, das Altern, die Lebensdauer, die Richtung, der Tod drängen
+herauf.</p>
+
+<p>Das hat in diesem Aspekte die Nichtumkehrbarkeit der Weltprozesse
+zu bedeuten. Sie ist, im Gegensatz zu dem physikalischen Zeichen t,
+Ausdruck der echten, <em class="gesperrt">historischen</em>, innerlich erlebten Zeit, die
+mit dem <em class="gesperrt">Schicksal</em> identisch ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_604">[S. 604]</span></p>
+
+<p>Das ist keine Vervollkommnung der Dynamik, das ist ein Symptom ihrer
+Zersetzung. Gerade so hatte die Musik Beethovens die große Form der
+Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts zerstört, weil in ihr die
+barbarische Fülle einer weltstädtischen, modernen Seele nicht mehr zu
+bändigen war. Ich hatte an einer früheren Stelle die Polarität von
+Geschichte und Natur (oder, was dasselbe ist, von lebendiger und toter
+Natur) durch den Unterschied des morphologischen Verfahrens bestimmt,
+das dort Physiognomik, hier Systematik ist. Nun, die Physik des Barock
+war durch und durch strenge Systematik, solange Theorien wie diese
+noch nicht an ihrem Bau rütteln durften, solange in ihrem Bilde nichts
+anzutreffen war, was den Zufall und die bloße Wahrscheinlichkeit
+zum Ausdruck brachte. Mit dieser Theorie aber ist sie Physiognomik
+geworden. Der „Lauf der Welt“ wird verfolgt. Die <em class="gesperrt">Idee des
+Weltendes</em> erscheint in der Verkleidung von Formeln, die im Grunde
+ihres Wesens keine Formeln mehr sind. Es kommt damit etwas Goethesches
+in die Physik, und man wird das ganze Gewicht dieser Tatsache ermessen,
+wenn man sich klar macht, was zuletzt die leidenschaftliche Polemik
+Goethes gegen Newton in der Farbenlehre bedeutete. Hier argumentierte
+die Intuition gegen den Verstand, das Leben gegen den Tod, die
+schöpferische Gestalt gegen das ordnende Gesetz. Die Formenwelt der
+Natur<em class="gesperrt">erkenntnis</em> war aus dem Natur<em class="gesperrt">gefühl</em>, dem Gottgefühl
+hervorgegangen. Hier hat sie den Gipfel der Distanz erreicht, und sie
+kehrt zum Ursprung zurück.</p>
+
+<p>Und so beschwört die in der Dynamik wirksame Einbildungskraft noch
+einmal die großen Symbole der historischen Leidenschaft des faustischen
+Menschen herauf, die ewige Sorge, den Hang zu den fernsten Fernen
+von Vergangenheit und Zukunft, die rückschauende Forschung, den
+vorausschauenden Staat, die Biographien und Selbstbetrachtungen, die
+Uhren, die über Westeuropa weithinhallenden, das Leben messenden
+Glockenschläge. Das Ethos des Wortes Zeit, wie nur wir es empfinden,
+wie es die kontrapunktische Musik im Gegensatz zur Statuenplastik
+erfüllt, richtet sich auf ein <em class="gesperrt">Ziel</em>. Das war in allen
+Lebensidealen des Abendlandes als drittes Reich, als neues Zeitalter,
+als Aufgabe der Menschheit, als Ausgang einer Entwicklung<span class="pagenum" id="Seite_605">[S. 605]</span> verkörpert
+worden. Und das bedeutet für das Gesamtdasein der faustischen Natur die
+Entropie.</p>
+
+<p>Der antike Kosmos ist ahistorisch. Die Statik formuliert einen Zustand,
+der immer derselbe und in jedem Augenblicke vollkommen enthalten
+ist. In gewissem Sinne behauptet das die Dynamik auch, insoweit sie
+Systematik ist. Sie bringt zwar das <em class="gesperrt">Geschehen</em>, nicht das Sein
+in Form, aber unter der Voraussetzung, daß diese Form von zeitloser
+Allgemeingültigkeit sei. Darunter ist aber eine physiognomische Tendenz
+wirksam, welche eine <em class="gesperrt">Biographie</em> des Weltwerdens zum Ziele
+hat, die, bisher latent, jetzt in mächtigen physikalischen Visionen
+hervorbricht. Der Kosmos Demokrits gestattet keine biographische
+Betrachtung. Was man dort Veränderung nennt, ist eine Laune, keine
+Entwicklung, kosmische Episode, nicht Epoche, ein Spiel ohne Sinn.
+Heraklit hat es mit dem Spiel eines Knaben verglichen, der Sandhaufen
+auftürmt und wieder zerstört. Aristoteles schuf den Begriff der
+Entelechie, der von den Faktoren der Zeit und der Kraft ganz
+unberührten Entwicklung des einzelnen Dinges von der in ihm ruhenden
+möglichen zur sinnlich verwirklichten Gestalt.</p>
+
+<p>Goethe aber entdeckt, seiner Idee einer Entwicklung folgend, den
+Zwischenknochen beim Menschen, die Metamorphose der Pflanzen
+und (nach Lionardos Vorgang) die Eiszeiten, sämtlich Phänomene
+einer <em class="gesperrt">zeitlich</em> vorschreitenden, dynamischen, historischen
+Weltvollendung.</p>
+
+<p>Schon in dem halbmystischen Begriff der Kraft, der dogmatischen
+Voraussetzung dieser ganzen Formenwelt, liegt stillschweigend ein
+Richtungsgefühl, eine Beziehung auf Vergangenes und Künftiges; noch
+deutlicher wird sie in der Bezeichnung der Naturvorgänge als Prozesse.
+Ich behaupte also, daß die Entropielehre als die intellektuelle Form,
+in welcher die unendliche Summe aller Naturereignisse als historische
+und physiognomische Einheit zusammengefaßt wird, allen physikalischen
+Begriffsbildungen von Anfang an unbewußt zugrunde lag, und daß sie
+eines Tages als „Entdeckung“ auf dem Wege wissenschaftlicher Induktion
+zum Vorschein kommen und dann durch die übrigen theoretischen Elemente
+des Systems durchaus bestätigt werden mußte. Je mehr die Dynamik sich
+durch Erschöpfung ihrer<span class="pagenum" id="Seite_606">[S. 606]</span> inneren Möglichkeiten dem Ziele nähert, desto
+entschiedener dringen die historischen Momente vor, desto stärker
+machen sich neben der anorganischen Notwendigkeit des Kausalen die
+organische des Schicksals, neben den Faktoren der reinen Ausgedehntheit
+— Kapazität und Intensität — die der Richtung geltend. Es geschieht
+dies durch eine ganze Reihe neuer Hypothesen von gleichem Stil,
+die durch die experimentellen Befunde gefordert werden, richtiger
+ausgedrückt, durch eine Reihe innerlich verwandter Produkte einer
+intellektuell geregelten Phantasie, die sämtlich durch das Weltgefühl
+und die Mythologie schon der Gotik antizipiert waren.</p>
+
+<p>Dahin gehört vor allem auch die bizarre Hypothese des Atomzerfalls,
+welche die radioaktiven Erscheinungen deutet — nach welcher Uratome,
+die Jahrmillionen hindurch trotz äußerer Einwirkungen ihr Wesen
+unverändert bewahrt haben, plötzlich und ohne nachweisbaren Anlaß
+explodieren und ihre kleinsten Teile mit einer Geschwindigkeit, die
+Tausende von Kilometern in der Sekunde beträgt, im Weltraum verbreiten.
+Dies <em class="gesperrt">Schicksal</em> trifft unter einer Menge radioaktiver Atome immer
+nur einzelne, während die benachbarten davon ganz unberührt bleiben.
+Auch dieses Bild ist Historie, nicht Natur, und wenn sich auch hier die
+Anwendung der Statistik als notwendig erweist, so möchte man beinahe
+vom Ersatz der mathematischen durch die chronologische Zahl reden.</p>
+
+<p>Mit diesen Vorstellungen kehrt die mythische Gestaltungskraft der
+faustischen Seele zum Ausgang zurück. Gerade damals, als zu Beginn
+der Gotik die ersten mechanischen Uhren konstruiert wurden, Symbole
+eines historischen Weltgefühls, entstand der Mythus von Ragnarök, dem
+Weltende, der Götterdämmerung. Mag diese Konzeption, wie wir sie in
+der Völuspa und in christlicher Fassung in den Muspilli besitzen, wie
+alle vermeintlich urgermanischen Mythen nicht ohne Einwirkung antiker
+und vor allem christlich-apokalyptischer Motive entstanden sein, sie
+ist in dieser Gestalt Ausdruck und Symbol der faustischen und keiner
+andren Seele. Die olympische Götterwelt ist ahistorisch. Sie kennt kein
+Werden, keine Richtung, kein Ziel. So wenig die antiken Stadtstaaten
+bewußte oder unbewußte Aufgaben und Endziele hatten, so wenig hat sie
+das Dasein des<span class="pagenum" id="Seite_607">[S. 607]</span> Kosmos, die ewig gleiche Summe schöner Dinge. Der
+abendländische Geist aber gestaltet aus der Leidenschaft der Ferne
+heraus, sei es den Staat, das Bild der Natur oder das einzelne Leben.
+Die Kraft, der Wille hat ein Ziel, und wo es ein Ziel gibt, gibt es
+auch ein Ende. Was die Perspektive der großen Ölmalerei durch den
+Konvergenzpunkt, was der Rokokopark durch den Point de vue, was die
+Analysis durch das Restglied der unendlichen Reihen symbolisierte, den
+Abschluß einer gewollten Richtung, tritt hier in streng geistiger Form
+hervor. Der Faust des zweiten Teils der Tragödie stirbt, weil er sein
+Ziel <em class="gesperrt">erreicht</em> hat. Mag aus den älteren Kulturen noch so viel
+mythologische Substanz herübergenommen sein, lebendig wurde sie erst
+durch Umprägung in einem neuen, im dynamischen Sinne. Das Weltende
+als Vollendung einer innerlich notwendigen Entwicklung — das ist die
+Götterdämmerung; das bedeutet also, als letzte, als irreligiöse Fassung
+des Mythus, die Lehre von der Entropie.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h4 id="Naturerkenntnis_15">15</h4>
+
+</div>
+
+<p>Es bleibt noch übrig, den Ausgang der abendländischen Wissenschaft
+überhaupt zu zeichnen, der heute, wo der Weg sich bereits abwärts
+senkt, mit Sicherheit übersehen werden kann.</p>
+
+<p>Auch das, die Voraussicht des unabwendbaren Schicksals, gehört zur
+Mitgift des historischen Blickes, den <em class="gesperrt">nur</em> der faustische
+Geist besitzt. Auch die Antike starb, aber sie wußte nichts davon.
+Sie glaubte an ein ewiges Sein. Sie hat noch ihre letzten Tage mit
+rückhaltlosem Glück, jeden für sich, als Geschenk der Götter durchlebt.
+Wir kennen unsere Geschichte. Wir werden mit Bewußtsein sterben und
+alle Stadien der eignen Auflösung mit dem Scharfblick des erfahrenen
+Arztes verfolgen.</p>
+
+<p>Es steht uns noch eine letzte geistige Krisis bevor, welche das
+<em class="gesperrt">ganze</em> Abendland ergreifen wird. Ihren Verlauf erzählt der späte
+Hellenismus. Die Tyrannei des Verstandes, die wir nicht empfinden, weil
+die heutigen Generationen ihr Maximum darstellen, ist in jeder Kultur
+eine Epoche zwischen Mann und Greis, nicht mehr. Ihr deutlichster
+Ausdruck ist der Kultus der exakten Wissenschaften, der Dialektik, des
+Beweises, der Erfahrung,<span class="pagenum" id="Seite_608">[S. 608]</span> der Kausalität. Die Ionik und das Barock
+zeigen seinen Aufschwung; es fragt sich, in welcher Gestalt er zu Ende
+geht.</p>
+
+<p>Auch hier darf noch einmal an früher Gesagtes erinnert werden: wie
+jeder höhere Mensch in sich, in der Entfaltung seiner individuellen
+Seele die Epochen seiner Kultur noch einmal durchlebt, wie der
+mystische Akt des Tiefenerlebnisses, durch welchen um das Jahr 1000 die
+faustische Seele in der westeuropäischen Landschaft geboren wurde, in
+jedem Kinde noch einmal das Erwachen des so und nicht anders, faustisch
+nämlich gearteten Innenlebens anzeigt, so erlebt jeder bedeutende
+wissenschaftliche Mensch persönlich, was seine Wissenschaft im Verlaufe
+ihres organischen Werdens erlebte. Da ist ein Jugendstadium des
+schrankenlosen Optimismus, der gewiß ist, daß alles erkannt werden kann
+und einmal erkannt werden wird. Damit beginnen nach der gotischen und
+dorischen Frühzeit die leidenschaftlichen Visionen Lionardos, Galileis,
+Brunos, Huttens und dementsprechend die der großen Vorsokratiker.
+Das ist die Morgenröte der reinen Geistigkeit. Die Gotik ersehnte
+sie, das Barock errang sie, die — westeuropäische und hellenistische
+— Zivilisation besitzt sie, um zu erfahren, wie fragwürdig dieser
+Besitz ist. Man muß viel wissen, ehe man so weise ist, daß man am
+Sinn und Wert des Wissens zu zweifeln anfängt. Das <i>de omnibus
+dubitandum</i> des Descartes erstreckte sich hierauf <em class="gesperrt">nicht</em>. Sein
+Zweifel war nur die Maske einer siegesgewissen Zuversicht. Der reine
+Gehirnmensch, für den die Welt restlose Beute seiner intellektuellen
+Fähigkeiten ist, erscheint erst mit dem 3. und 19. Jahrhundert. Aber
+es beginnt endlich ein Kampf gegen die Wissenschaftlichkeit, an deren
+Rechten man zweifelt, deren Herrschaft einen leisen Ekel einzuflößen
+beginnt, zuerst mit der feinen Skepsis Pyrrhons und Nietzsches,
+während die mittleren Geister noch mit ihren „wissenschaftlichen
+Errungenschaften“ einen gewaltigen Lärm machen. Indessen braucht man
+nur die Bücher unserer tiefsten Physiker aufzuschlagen — und die
+Physik ist das Meisterstück des faustischen Geistes —, um zu sehen,
+wie die Resignation, die Bescheidung in Hinsicht auf Ziele, Erfolge und
+Möglichkeiten täglich zunimmt.</p>
+
+<p>Ich sage es voraus: noch in diesem Jahrhundert, dem Zeitalter des
+wissenschaftlich-kritischen Alexandrinismus, wird sie<span class="pagenum" id="Seite_609">[S. 609]</span> den Willen zum
+Siege der Wissenschaft überwinden. Die europäische Wissenschaft geht
+der Selbstvernichtung durch Verfeinerung des Intellekts entgegen. Man
+hatte zuerst ihre Mittel geprüft — im 18. Jahrhundert, dann ihre
+Macht — im 19.; man durchschaut endlich ihre historische Rolle.
+Von der Skepsis führt ein Weg zur „zweiten Religiosität“, jener der
+sterbenden Weltstädte, jener kranken Innerlichkeit, die nicht vor,
+sondern nach einer Kultur kommt, die greisen Seelen wärmend, wie es die
+morgenländischen Kulte im späten Rom taten.</p>
+
+<p>Der Einzelne leistet Verzicht, indem er die Bücher weglegt.
+Eine <em class="gesperrt">Kultur</em> verzichtet, indem sie aufhört, sich in hohen
+wissenschaftlichen Intelligenzen zu offenbaren; aber Wissenschaft
+existiert nur im lebendigen Dasein großer Gelehrtengenerationen, und
+Bücher sind nichts, wenn sie nicht in Menschen, die ihnen gewachsen
+sind, lebendig und wirksam werden. Wissenschaftliche Resultate sind
+keine objektive Materie, wie der typische Gelehrte glaubt; sie
+sind lediglich Elemente einer geistigen Tradition. Der Tod einer
+Wissenschaft besteht darin, daß sie niemandem mehr innerstes Ereignis
+wird. Ihr Vorhandensein ist von dem Vorhandensein verwandter Geister
+abhängig.</p>
+
+<p>An die Müdigkeit des Geistes glaubt heute niemand, so sehr wir sie
+schon in allen Gliedern spüren. Aber zweihundert Jahre Zivilisation
+und Orgien der Wissenschaftlichkeit — dann hat man es satt. Nicht
+der Einzelne, die Seele der Kultur hat es satt. Sie drückt das aus,
+indem sie ihre Forscher, die sie in die historische Welt des Tages
+hinaufsendet, immer kleiner, enger, unfruchtbarer wählt. Das große
+Jahrhundert der antiken Wissenschaft war das dritte, nach dem Tode des
+Aristoteles. Als die Römer kamen, als Archimedes starb, war es schon
+zu Ende. Unser klassisches Jahrhundert ist das neunzehnte. Gelehrte
+im Stile von Gauß, Humboldt, Helmholtz waren schon um 1900 nicht mehr
+da; in der Physik, wie in der Chemie, der Biologie wie der Mathematik
+sind die großen Meister tot, und wir erleben heute das Decrescendo der
+Nachzügler, die ordnen, sammeln und abschließen wie die Alexandriner
+der Römerzeit. Es ist das ein <em class="gesperrt">allgemeines</em> Symptom. Nach Lysipp
+ist kein großer Plastiker mehr gekommen, dessen Erscheinung ein
+Schicksal gewesen wäre, nach Rembrandt und Velasquez kein Maler, nach<span class="pagenum" id="Seite_610">[S. 610]</span>
+Beethoven kein Musiker mehr. Man beachte wohl, weshalb Goethe, im
+Vergleich mit Shakespeare, sich einen Dilettanten nannte, und weshalb
+Nietzsche Wagner den Namen eines Musikers absprach. Was war zur Zeit
+Cäsars die Tragödiendichtung oder die Physik? Eine Angelegenheit von
+vorgestern, ein Thema für die Überflüssigen. Auf Eratosthenes und
+Archimedes, die eigentlichen Schöpfer, folgen Poseidonios und Plinius,
+die mit Geschmack sammeln, und endlich Ptolemäus und Galen, die nur
+noch abschreiben. Wie die Ölmalerei und die kontrapunktische Musik ihre
+Möglichkeiten in einer kleinen Zahl von Jahrhunderten einer organischen
+Entwicklung erschöpft haben, so ist die Dynamik, deren Formenwelt um
+1600 aufblüht, ein Gebilde, das heute im Erlöschen begriffen ist.</p>
+
+<p>Zuvor aber erwächst dem faustischen, eminent historischen Geiste eine
+noch nie gestellte, noch nie als möglich geahnte Aufgabe. Eines Tages
+wird eine <em class="gesperrt">Morphologie der exakten Wissenschaften</em> geschrieben
+werden, die untersucht, wie alle Gesetze, Begriffe, Theorien als Formen
+innerlich zusammenhängen und was sie als solche historisch bedeuten.
+Die theoretische Physik, Chemie, Mathematik als Inbegriff von Symbolen
+betrachtet — das ist die endgültige Überwindung des mechanischen
+Weltaspektes durch die intuitive, wiederum religiöse Weltidee. Das
+ist das letzte Meisterstück einer Physiognomik, welche auch noch die
+Systematik als Objekt in sich auflöst. Wir werden künftig nicht mehr
+fragen, welche allgemein gültigen Gesetze der chemischen Affinität
+oder dem Diamagnetismus zugrunde liegen — eine Dogmatik, die das 19.
+Jahrhundert ausschließlich beschäftigt hat — wir werden sogar erstaunt
+sein, daß verhältnismäßig primitive Fragen wie diese, Köpfe von solchem
+Range völlig beherrschen konnten. Wir werden untersuchen, woher diese
+der faustischen Intelligenz vorbestimmten Formen kommen, warum sie uns
+Menschen einer einzelnen Kultur im Unterschiede von jeder andern kommen
+mußten, welcher tiefere Sinn darin liegt, daß die gewonnenen Zahlen
+gerade in dieser bildhaften Verkleidung in Erscheinung treten. Und
+dabei ahnen wir heute kaum, was alles von den vermeintlich objektiven
+Werten und Erfahrungen nur Verkleidung, nur Bild und Ausdruck ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_611">[S. 611]</span></p>
+
+<p>Die einzelnen Wissenschaften, Erkenntnistheorie, Physik, Chemie,
+Mathematik, Astronomie nähern sich mit wachsender Geschwindigkeit.
+Wir gehen einer vollkommenen Identität der Resultate und damit
+einer Verschmelzung der Formenwelten entgegen, die einerseits ein
+auf wenige Grundformeln reduziertes System von Zahlen (funktionaler
+Natur) darstellt, andrerseits als deren Benennung eine kleine Gruppe
+von Theorien und bildhaften Anschauungen bringt, die endlich als
+verschleierter Mythus wieder erkannt und ebenfalls auf einige Typen,
+aber von durchaus vitaler, physiognomischer Bedeutung zurückgeführt
+werden können und müssen. Man hat diese Konvergenz nicht bemerkt, weil
+seit Kant und eigentlich schon seit Leibniz kein Gelehrter mehr die
+Problematik <em class="gesperrt">aller</em> exakten Wissenschaften beherrschte.</p>
+
+<p>Noch vor hundert Jahren waren Physik und Chemie einander fremd; heute
+sind sie einzeln nicht mehr zu behandeln. Man denke an die Gebiete der
+Spektralanalyse, der Radioaktivität, an die kinetische Gastheorie. Vor
+fünfzig Jahren war das Wesentliche der Chemie noch fast ohne Mathematik
+darstellbar; heute sind die chemischen Elemente im Begriff, sich in
+mathematische Konstanten variabler Beziehungskomplexe zu verflüchtigen.
+Die Elemente aber waren in ihrer sinnlichen Faßlichkeit die letzte
+antik-plastisch anmutende Größe der Naturwissenschaft gewesen. Die
+Molekulartheorie ist längst ein Gebiet der reinen Mathematik geworden.
+Die Physiologie steht im Begriff, ein Kapitel der organischen Chemie
+zu werden und sich der Mittel der Infinitesimalrechnung zu bedienen.
+Die nach Sinnesorganen wohlunterschiedenen Teile der älteren Physik,
+Akustik, Optik, Wärmelehre sind aufgelöst und zu einer Dynamik
+der Materie und einer Dynamik des Äthers verschmolzen, deren rein
+mathematische Grenze sich bereits nicht mehr aufrecht erhalten läßt.
+Heute vereinigen sich die letzten Betrachtungen der Erkenntnistheorie
+mit solchen der Analysis und der Physik (vor allem der Optik) zu einem
+sehr schwer zugänglichen Gebiete, dem z.&#8239;B. die Relativitätstheorie
+gehört. Die Emanationstheorie der radioaktiven Strahlengruppen wird
+durch eine Zeichensprache dargestellt, der nichts Anschauliches mehr
+anhaftet.</p>
+
+<p>Die Chemie ist im Begriff, statt der schärfsten anschaulichen
+Bestimmung der Qualitäten der Elemente (Wertigkeit, Gewicht,<span class="pagenum" id="Seite_612">[S. 612]</span>
+Affinität, Reagibilität) diese sinnlichen Momente vielmehr zu
+beseitigen. Daß die Elemente je nach ihrer „Abstammung“ aus
+Verbindungen verschieden charakterisiert sind, daß sie Komplexe
+diskreter Einheiten darstellen, die zwar experimentell („wirklich“)
+als Einheit höherer Ordnung wirken und mithin praktisch nicht
+trennbar sind, daß sie aber hinsichtlich ihrer Radioaktivität tiefe
+Verschiedenheiten aufweisen, daß durch die Emanation von strahlender
+Energie ein Abbau stattfindet und man also von einer <em class="gesperrt">Lebensdauer</em>
+der Elemente reden darf, was offenbar dem ursprünglichen Begriff des
+Elements und damit dem Geiste der von Lavoisier geschaffenen modernen
+Chemie völlig widerspricht — all das rückt diese Vorstellungen in die
+Nähe der Entropielehre mit ihrem bedenklichen Gegensatz von Kausalität
+und Schicksal, Erkenntnis und Erlebnis, Natur und Historie und
+kennzeichnet den Weg der westeuropäischen Wissenschaft einerseits zur
+Aufdeckung der Identität ihrer formalen, logischen oder zahlenmäßigen
+Resultate mit der Struktur des Verstandes selbst, andrerseits zu der
+Erkenntnis, daß die gesamte, diese Zahlen und Begriffe einkleidende
+Theorie lediglich den symbolischen Ausdruck des faustischen Lebens
+darstellt.</p>
+
+<p>Die Tatsache, daß Radium sich unter gewissen Bedingungen in Helium,
+ein Element sich also in ein anderes verwandelt, greift die Grundlagen
+der chemischen Theorie an. Die Relativitätstheorie beweist zum
+mindesten, daß die absolute Größe einer Strecke eine Vorstellung
+ist, die ernstlich angezweifelt werden darf. Diese Vorstellung aber
+ist die Voraussetzung der messenden Physik. Die Vielzahl der in sich
+widerspruchslosen Geometrien, deren Einführung in die Physik und
+Astronomie neben der bisher allein verwandten euklidischen sich aus
+methodischen Gründen heute vollzieht, widerspricht zwar sicherlich
+gewissen bisher nie angezweifelten Sätzen der Erkenntnistheorie, vor
+allem derjenigen Kants, beweist aber damit nur, daß auch hier geistige
+Konventionen vorliegen, an denen Zweifel möglich oder angebracht sind.
+An dieser Stelle ist endlich als eines der wichtigsten Fermente des
+gesamten Formenkomplexes die echt faustische Mengenlehre zu nennen,
+die im schärfsten Gegensatz zur antiken Mathematik nicht mehr die
+singulären Größen, sondern den <em class="gesperrt">Inbegriff</em> irgendwie morphologisch
+gleichartiger Größen (etwa die Gesamtheit<span class="pagenum" id="Seite_613">[S. 613]</span> aller Quadratzahlen, aller
+Differentialgleichungen von bestimmtem Typus) als neue Einheit, als
+neue <em class="gesperrt">Zahl</em> höherer Ordnung auffaßt und neuartigen, früher
+ganz unbekannten Überlegungen bezüglich ihrer Mächtigkeit, Ordnung,
+Gleichwertigkeit, Abzählbarkeit<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[122]</a> unterwirft. Man charakterisiert
+die endlichen (abzählbaren, begrenzten) Mengen hinsichtlich ihrer
+Mächtigkeit als „Kardinalzahlen“, hinsichtlich ihrer Ordnung als
+„Ordinalzahlen“ und stellt die Gesetze und Rechnungsarten derselben
+auf. So ist eine letzte Erweiterung der Funktionentheorie, die ihrer
+Formensprache nach und nach die gesamte Mathematik einverleibt hatte,
+in Verwirklichung begriffen, wonach sie in bezug auf den Charakter
+der Funktionen nach Prinzipien der Gruppentheorie, in bezug auf den
+Wert der Variablen nach mengentheoretischen Grundsätzen verfährt. Die
+Mathematik ist sich dabei der Tatsache vollkommen bewußt, daß hier
+die letzten Erwägungen über das Wesen der Zahl mit denen der reinen
+Logik zusammenfließen, und man spricht von einer Algebra der Logik.
+Die moderne geometrische Axiomatik ist vollkommen ein Kapitel der
+Erkenntnistheorie geworden.</p>
+
+<p>Das unvermerkte Ziel, dem dies alles zustrebt und das insbesondere
+jeder echte Naturforscher als Trieb in sich empfindet, ist das
+Herausarbeiten einer reinen, zahlenmäßigen Transzendenz, die
+vollkommene und restlose Überwindung des Augenscheins und dessen
+Ersatz durch eine dem Laien unverständliche und unvollziehbare
+Bildersprache, der das große faustische Symbol <em class="gesperrt">des unendlichen
+Raumes</em> innere Notwendigkeit verleiht. Der Kreislauf der
+Naturerkenntnis des Abendlandes vollendet sich. Mit dem tiefen
+Skeptizismus dieser letzten Einsichten knüpft der Geist wieder an die
+Formen frühgotischer Religiosität an. Die anorganische, erkannte,
+zergliederte Umwelt, die Welt als Natur, als System ist zu einer
+reinen Sphäre funktionaler Zahlen vertieft worden. Wir hatten die Zahl
+als eines der ursprünglichsten Symbole jeder Kultur erkannt, und so
+folgt, daß der Weg zur reinen Zahl die Rückkehr des Geistes zu seinem
+eignen<span class="pagenum" id="Seite_614">[S. 614]</span> Geheimnis, die Offenbarung seiner eignen formalen Notwendigkeit
+ist. Die faustische Zahl war nicht sinnliche Größe, sondern abstrakte
+Beziehung. Am Ziele angelangt, enthüllt sich endlich das ungeheure,
+immer unsinnlicher, immer durchscheinender gewordene Gewebe, das die
+gesamte Naturwissenschaft umspinnt: Es ist nichts andres als die innere
+Struktur des Geistes, der sie zu gestalten glaubte. Darunter aber
+erscheint wieder das Früheste und Tiefste, der Mythus, das unmittelbare
+Werden, das Leben. Je weniger anthropomorph die Naturforschung zu
+sein glaubt, desto mehr ist sie es. Sie beseitigt nach und nach
+die einzelnen menschlichen Züge des Naturbildes, um endlich als
+die vermeintliche reine Natur die Menschlichkeit selbst, rein und
+ganz, die unmittelbare Form des Verstandes, in Händen zu halten.
+Aus dem religiösen Seelentum der Gotik ging der das ursprüngliche
+Weltgefühl überschattende städtische Intellekt, das <i>alter ego</i>
+der irreligiösen Naturerkenntnis hervor. Heute, in der Abendröte der
+wissenschaftlichen Epoche, im Stadium des siegenden Skeptizismus,
+lösen sich die Wolken, und die Landschaft des Morgens ruht wieder in
+vollkommener Deutlichkeit. Die Natur als starrer Inbegriff funktionaler
+Gesetze, ganz abstrakt, ganz infinitesimal — das ist nichts als das
+mechanische Bild des faustischen Geistes, das sich vom organischen
+Grunde ablöst. Den Grund aber hatten schon die romanische Ornamentik
+und die gotischen Dome offenbart.</p>
+
+<p>Der letzte Schluß faustischer Weisheit, wenn auch nur in ihren
+höchsten Momenten, ist die Auflösung des gesamten Wissens in ein
+ungeheures System morphologisch-historischer Verwandtschaften.
+Dynamik und Analysis sind dem Sinne, der Formensprache, der
+Substanz nach identisch mit den Bildungen der gotischen Architektur
+und des dynastischen Staates, den Tendenzen unsres mehr und mehr
+sozialistischen Wirtschaftslebens und unserer impressionistischen
+Ölmalerei, der Instrumentalmusik und der christlich-germanischen
+Dogmatik. Ein und dasselbe Weltgefühl redet aus allen. Sie sind mit
+der faustischen Seele geboren und alt geworden. Sie stellen ihre
+<em class="gesperrt">Kultur</em> als historisches Phänomen in der Welt des Tages und
+des Raumes dar. Die Vereinigung der einzelnen wissenschaftlichen
+Aspekte zum Ganzen wird alle Züge der großen Kunst des Kontrapunkts
+tragen. <em class="gesperrt">Eine infinitesimale Musik des grenzenlosen Weltraums</em>
+— das<span class="pagenum" id="Seite_615">[S. 615]</span> ist immer die tiefe Sehnsucht dieser Seele im Gegensatz
+zur antiken mit ihrem plastisch-euklidischen Kosmos gewesen. Das
+ist, als Denknotwendigkeit des faustischen Weltverstandes auf die
+Formel einer dynamisch-imperativischen Kausalität gebracht, zu einer
+diktatorischen Naturwissenschaft gestaltet, ihr großes Testament für
+den Geist kommender Kulturen — ein Vermächtnis von Formen gewaltigster
+Transzendenz, das vielleicht niemals eröffnet werden wird. Damit kehrt
+eines Tages die abendländische Wissenschaft, ihres Strebens müde, in
+ihre seelische Heimat zurück.</p>
+
+<p class="center mtop3">Ende des ersten Bandes.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[115]</a> Etwa im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in der
+Fassung Boltzmanns: „Der Logarithmus der Wahrscheinlichkeit eines
+Zustandes ist proportional der Entropie dieses Zustandes.“ Hier
+repräsentiert jedes Wort eine vollständige Naturanschauung.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[116]</a> Das Feuer gehört für das antike Auge dazu. Es ist der
+stärkste optische Natureindruck, den es gibt und gestattet deshalb dem
+antiken Geiste keinen Zweifel an seiner Körperlichkeit. Erde, Wasser
+und Luft bedeuten den festen, flüssigen und gasförmigen Aggregatzustand
+der physikalischen σώματα, ein rein sinnliches Sichverhalten. Man
+vergleiche das mit dem Begriff des ἦθος in der Tragödie.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[117]</a> Und man darf behaupten, daß der populäre Glaube, den
+z.&#8239;B. Haeckel mit den Namen Atom, Materie, Energie verbindet, von dem
+Fetischismus des Neandertalmenschen nicht wesentlich verschieden ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[118]</a> In Ägypten hat erst Ptolemäus Philadelphus den
+Herrscherkult eingeführt. Die Verehrung der Pharaonen hatte eine ganz
+andre Bedeutung.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[119]</a> Die symbolische Bedeutung des Titels und seine Beziehung
+zu Begriff und Idee der Person kann hier nicht gegeben werden. Es sei
+nur darauf aufmerksam gemacht, daß die antike Kultur als einzige von
+allen niemals einen Titel gekannt hat. Das würde dem streng Somatischen
+ihrer Bezeichnungen widersprochen haben. Außer Eigen- und Beinamen
+besaß sie nur die technischen Namen tatsächlich ausgeübter Ämter.
+„Augustus“ wird sofort Eigenname, Cäsar sehr bald Amtsbezeichnung.
+Aber man kann das Vordringen des magischen Gefühls daran verfolgen,
+wie in der spätrömischen Beamtenschaft höfliche Wendungen wie <i>vir
+clarissimus</i> feststehende <em class="gesperrt">Titulaturen</em> werden, die verliehen
+und entzogen werden können. Genau so sind die Namen fremder und älterer
+Götter jetzt zu Titeln der anerkannten exklusiven Gottheit geworden.
+„Heiland“ (Asklepios) und „Guter Hirte“ (Orpheus) sind Titel Christi.
+In antiker Zeit aber waren sogar die Beinamen römischer Gottheiten
+allmählich zu selbständigen Göttern geworden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[120]</a> Diagoras, der seiner „gottlosen“ Schriften wegen
+in Athen zum Tode verurteilt wurde, hat tief fromme Dithyramben
+hinterlassen. Man lese daraufhin Hebbels Tagebücher und seine Briefe an
+Elise. Er „glaubte nicht an Gott“, aber er betete.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[121]</a> Auch unsere Sprachen setzen ihn oder vielmehr das hinter
+dem Wort stehende <i>numen</i> schon voraus. Wir sagen, daß eine
+Industrie „sich Absatzgebiete erschließt“ und daß der Rationalismus
+„zur Herrschaft gelangt“. Das sind dynamische Wendungen. Keine antike
+Sprache gestattet solche Ausdrücke. Hier liegt auch ein wesentlicher
+Unterschied zwischen den Bildern der antiken und modernen Poesie.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[122]</a> Die „Menge“ der rationalen Zahlen ist abzählbar, die
+der reellen nicht. Die Menge der komplexen Zahlen ist zweidimensional;
+daraus folgt der Begriff der n-dimensionalen Menge, welcher auch die
+geometrischen Gebiete in die Mengenlehre einordnet.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s3 center mtop3">Inhalt des zweiten Bandes:</p>
+
+</div>
+
+<p class="s2 center mtop1">Welthistorische Perspektiven.</p>
+
+<table class="zweiter_band">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Grundformen der Geschichte.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ursprung und Landschaft. Die Gruppe der hohen
+ Kulturen. Völkerformen und Sprachen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Geschichte einer Kultur als Ablauf eines
+ organischen Prozesses. Urvölker, Kulturvölker, Fellachenvölker.
+ Beispiel: Die Kultur der Maya.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Das Problem der Zivilisation.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kultur und Zivilisation. Land und Stadt. Instinkt und
+ Intellekt. Bauerntum und Bürgertum. Beispiel: Der Aufbau der ägyptischen
+ Kultur.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Weltstadt und Provinz. Zur Psychologie der
+ Modernität.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Imperialismus. Das chinesische Reich; das
+ Imperium Romanum. Die westeuropäische Zukunft.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Probleme der arabischen Kultur.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Historische Pseudomorphosen: Die römische
+ Kaiserzeit.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Puritanismus: Pythagoras, Mohammed, Cromwell.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Judentum.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">IV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Staat.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die indische Kultur und das Problem der Stände.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Antike und abendländische Staatsidee: Polis und
+ Dynastie.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Stadien der politischen Form. Parlamentarismus;
+ Cäsarismus.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">V.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Das Geld.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Münze und Kredit. Idee des Eigentums. Morphologie der
+ Wirtschaftsgeschichte.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Symbolik der Maschine.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Sklaventum und Maschinenindustrie. Zur Psychologie der
+ westeuropäischen Technik: Sinn, Entwicklung und Lebensdauer. Der
+ Erfinder als faustischer Typus.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Das Russentum und die Zukunft. Schluß</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<div class="eng mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben">
+
+<p class="s3 center"><b class="s4">OSWALD SPENGLER</b></p>
+
+<p class="s2 center"><span class="s4">PREUSSENTUM<br> UND SOZIALISMUS</span></p>
+
+<p class="s4 center"><span class="bb">21. bis 33. Tausend</span></p>
+
+<p class="s4 center">Preis M 6.—</p>
+
+<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Einleitung — Die
+deutsche Revolution — Sozialismus als Lebensform — Engländer und Preußen —
+Marx — Die Internationale</p>
+
+<p class="p0 mtop1">„Ich halte dies Buch für ‚aktueller‘ als die Enthüllungen, Prozesse,
+Steuerprojekte alle, die uns sonst beschäftigen müssen: sie sind
+Papier, <em class="gesperrt">dies Buch ist Leben</em> ... Ein Büchlein von 100 Seiten nur
+und doch zu groß, um seine Linien so nachzeichnen zu können, wie man
+es möchte.“ <em class="gesperrt">Fritz Endres</em> (München-Augsburger Abendzeitung).
+— „Dieses Buch ist eine Bejahung des Preußentums, die gehört werden
+wird, denn der sie ausspricht, ist ein Philosoph von Geblüt.“
+<em class="gesperrt">Willy Pastor</em> (Tägliche Rundschau). —„Gleichviel, ob ihr
+Gehalt im historischen Sinne ‚richtig‘, ob ihr Ziel das wahrhaft zu
+erstrebende ist — die Broschüre „Preußentum und Sozialismus“ war im
+Augenblick ihres Erscheinens sofort eine Kraft, und sie ist selbst eine
+gegenwartgestaltende Macht geworden. Mit diesem Auge müssen wir sie
+sehen, nicht bloß als eine „Meinung“, an der man Kritik übt und die
+man schließlich anfechtbar findet.“ <em class="gesperrt">Eduard Spranger</em> (Dresdner
+Anzeiger). —„Oswald Spengler, der Verfasser des „Untergangs des
+Abendlandes“, des bedeutendsten und universellsten Buches der letzten
+zwanzig Jahre, hat unter dem Titel „Preußentum und Sozialismus“ ein
+Werk der Öffentlichkeit übergeben, das — man mag zu Spenglers Skepsis
+und Kulturtheorien stehen, wie man will! — in geradezu hervorragender
+Klarheit und Wahrheit sowohl die heutige Lage psychologisch analysiert,
+als auch unseren schicksalhaften Weg ihrer Überwindung zum Aufbau
+hin darstellt. Auf nur 99 Seiten gibt Spengler eine derartige Fülle
+von Gedanken, daß es nicht möglich ist, sie auch nur andeutungsweise
+anzugeben, man müßte denn das ganze Buch nachschreiben. Jeder, dem des
+Vaterlandes Not im Herzen brennt, sollte das Buch zur Hand nehmen!“
+<em class="gesperrt">Ernst Buske</em> (Wandervogel).</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="center s5a mbot2">Alle hier angegebenen Preise sind wegen der stets steigenden Kosten
+unverbindlich.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<div class="mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben break-before">
+
+</div>
+
+<p class="s3 center"><b>Der Untergang des Abendlandes und der Christ</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>A. ALBERS</b>. M 1.50. Soeben erschienen.</span></p>
+
+<p class="p0 s5">Idealisten wenden sich mit Ingrimm gegen den Relativismus Spenglers
+und suchen in dem dichten Netze seiner Gedanken irgendwo eine
+Lücke zu finden, durch die sie seinem schrecklichen Relativismus
+entfliehen könnten. Der Christ fürchtet diesen nicht, ja er sieht
+in ihm eine Förderung seines geistigen Lebens. Er weiß einen Punkt,
+der ihn außerhalb aller Relativität stellt. Von ihm aus kann er den
+Spenglerschen Kosmos ruhevoll betrachten: sein Weltbild birgt noch
+tiefere Geheimnisse für alles Denken und Schauen. Mit Ernst ist in
+diesem Aufsatz gezeigt, wie Spenglers Buch seine zahlreichen Leser in
+der Richtung zum Christlichen vorwärts bringen kann.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Der deutsche Geist und die Form</b><br>
+<span class="s5a">Gedanken und Betrachtungen von <b>MAX ZOBEL von
+ZABELTITZ</b>. M 6.—. Soeben erschienen.</span></p>
+
+<p class="p0 s5">Die Schrift eröffnet im Hinblick auf die letzten politischen Schicksale
+der Deutschen tiefe und heilsame Einsichten in das Wesen und die
+Geistesart unseres Volkes; sie zeigt, wie überraschend tief bei ihm
+der Zusammenhang zwischen politischem und geistigem Leben ist, so tief
+nämlich, daß auch für die bekannten und so oft entgegengehaltenen
+Widersprüche: Weimar — Potsdam, Weltbürgertum — Nationalstaat nur ein
+und dieselbe Wurzel in der deutschen Seele nachweisbar ist. Hier liegen
+bedeutsame Erkenntnisse, welche eine Erklärung für viele Erscheinungen
+in der deutschen Politik und im deutschen Geistesleben bieten. Aus der
+Mannigfaltigkeit und dem Ueberreichtum der deutschen Seele ergibt sich
+dem Verfasser als erste Notwendigkeit und einzige Aussicht für das
+deutsche Volk der Wille zur Form — staatlich wie geistig genommen.
+<em class="gesperrt">Die gedankenreiche, glänzende Schrift ist ein Sammelruf in der
+allgemeinen Zersplitterung an das geistige Deutschland.</em></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Von der innern Not unseres Zeitalters</b><br>
+<span class="s5a">Ein Ausblick auf Fausts künftigen Weg. Von <b>ROBERT
+SAITSCHICK</b>. 2. Auflage. Gebunden M 4.50</span></p>
+
+<p class="p0 s5">„Faust ist auch in Saitschicks Betrachtung nur der Name für den inneren
+Menschen unserer Tage. Und wie Goethe, so setzt auch Saitschick sich
+mit ihm selbständig auseinander. Nur sieht er schärfer; denn Faust ist
+inzwischen ein Jahrhundert seinen Weg weiter gegangen.“ <em class="gesperrt">Hochland.</em></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Der Staat und was mehr ist als er</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>ROBERT SAITSCHICK</b>. Gebunden M 12.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Einleitung — Was ist der Staat? — Staat und Individuum
+— Macht und Recht — Staat und Sittlichkeit — Nation — Patriotismus
+— Der Staat und die tragischen Widersprüche des Menschen — Vom
+Weltfrieden — Völkergemeinschaft.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Laotse / Tao Teh King</b><br>
+<span class="s5a">Vom Geist und seiner Tugend. Übertragen von <b>H.
+FEDERMANN</b>. In Pappband gebunden M 8.—, in Javapapier gebunden M 12.—.
+Soeben erschienen.</span></p>
+
+<p class="p0 s5">Diese neue Uebertragung der tiefsinnigen Sprüche des Laotse ist
+in direkter Fühlung mit dem chinesischen Urtext entstanden. Der
+Uebersetzer, der selbst eine der Lyrik und Musik offene Seele besitzt,
+konnte dem schwierigen Text und dem Geist der Sprüche allseitig gerecht
+werden.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<div class="mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben break-before">
+
+</div>
+
+<p class="center mbot1">Soeben ist erschienen:</p>
+
+<p class="s2 center"><b><em class="gesperrt">Immermann</em></b></p>
+
+<p class="s3 center">Der Mann und sein Werk<br>
+im Rahmen der Literaturgeschichte</p>
+
+<p class="center">von</p>
+
+<p class="s3 center"><b>Harry Maync</b></p>
+
+<p class="center">Gebunden M 60.—</p>
+
+<p class="p0 s5 mtop2">Dieses Werk bildet einen neuen Band der angesehenen und
+weitverbreiteten Sammlung von Dichterbiographien unseres Verlags.
+Es ist einem Autor gewidmet, dessen zwei Hauptwerke, „Die Epigonen“
+und der „Münchhausen“ (mit der in ihm eingeflochtenen herrlichen
+Dorfgeschichte „Der Oberhof“), in der Entwicklung des deutschen
+Romans epochemachend geworden sind, der aber gleichwohl dem heutigen
+Geschlechte weniger bekannt ist, als er nach der Vielseitigkeit seiner
+literarischen Betätigung — Immermann ist durch seine dramaturgische
+Tätigkeit zumal auch für das deutsche Theater von Bedeutung geworden
+— und vor allem nach dem Gewicht seiner aufrechten und männlichen
+Persönlichkeit verdiente. — Die Zeitspanne von den Freiheitskriegen
+bis zum Jahre 1840, in die Immermanns Schaffen fällt, war eine ganz
+unpolitische, wesentlich aufs Literarische und Geistige gerichtete
+Epoche; sie mutet uns Heutige nach dem politischen Schiffbruch,
+den wir soeben erleiden mußten, wie ein schönes Traumland an. Als
+in jenen Jahren der bekannte englische Staatsmann und vielgelesene
+Schriftsteller Sir Ed. Bulwer in der berühmt gewordenen Widmung
+seines „Ernest Maltravers“ „das große deutsche Volk“ als „das Volk
+der Dichter und Denker“ ansprach, wollte dieser Titel gleichwohl
+diesem nicht recht gefallen. Heute, wo wir Deutsche am Grabe unserer
+politischen Hoffnungen stehen, ist es wie wenn jene Bezeichnung neue
+Geltung erhalten sollte. Das Leben Immermanns, eines der literarischen
+Hauptvertreter jener Epoche, gewinnt daher sicherlich heute ein
+verstärktes Interesse für uns Deutsche, freilich auch in dem Sinne,
+daß es uns lehrt, daß ein seiner Kräfte bewußtes Volk von bloßer
+Geistigkeit nicht leben kann, sondern mit innerer Notwendigkeit
+auf politische Betätigung hingetrieben wird. Harry Maync legt in
+seiner fesselnden Darstellung mit Recht starken Nachdruck auf die
+Herausarbeitung des zeitlichen Milieus. Das bedeutende und anregende
+Buch darf den weitesten Kreisen zum Studium und zur Lektüre wärmstens
+empfohlen werden und wird niemand enttäuschen.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<div class="mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben break-before">
+
+</div>
+
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">JOHANNES VOLKELT:</em></p>
+
+<p class="s3 center"><b>Das ästhetische Bewußtsein</b><br>
+<span class="s5a">Prinzipienfragen der Ästhetik. Geheftet M 28.- (Soeben
+erschienen.)</span></p>
+
+<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Inhalt</em>: I. Ästhetische Gegenständlichkeit. — II. Der Tatbestand
+der ästhetischen Einfühlung. — III. Zur Theorie der ästhetischen
+Einfühlung. — IV. Ursprung der Einfühlung überhaupt. — V. Illusion
+und ästhetische Wirklichkeit. — VI. Mit-Wahrnehmung und Phantasie im
+ästhetischen Betrachten. — VII. Der Gebild-Charakter des ästhetischen
+Verhaltens. — Sachregister.</p>
+
+<p class="p0 s5">Diese Untersuchungen können als Phänomenologie des ästhetischen
+Bewußtseins bezeichnet werden. Das dem ästhetischen Anschauen
+hingegebene Bewußtsein wird in seiner wesenhaften Verfassung
+beschrieben, wobei die Beziehung von Bewußtheit und Gegenständlichkeit
+in den Mittelpunkt gerückt ist. Das Buch bildet eine Ergänzung der
+großen Ästhetik Volkelts.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Gewißheit und Wahrheit</b><br>
+<span class="s5a">Untersuchung der Geltungsfragen als Grundlegung der
+Erkenntnistheorie. Geheftet M 26.—, gebunden M 40.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5">„Wir zweifeln nicht, daß das gediegene, glänzend geschriebene Werk auf
+die erkenntnistheoretische Auseinandersetzung und Fragestellung einen
+nachhaltigen, tiefgehenden Einfluß üben wird.“ <em class="gesperrt">Geisteskampf der
+Gegenwart.</em></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>System der Ästhetik</b><br>
+<span class="s5a">Drei Bände. Gebunden M 105.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5">„Das Werk Volkelts ist durchgängig erfüllt mit ästhetischem Vollgehalt;
+es gibt keine leeren Fächer darin, keine abstrakten Nieten, keine
+überflüssigen Spitzfindigkeiten ... Ein auf allen ästhetischen Gebieten
+erfahrener, wohlorientierter, gebildeter Geist waltet über dem Ganzen.“
+Professor Dr. <em class="gesperrt">O. Liebmann</em> (Frankfurter Zeitung).</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Ästhetik des Tragischen</b><br>
+<span class="s5a">Dritte, neubearbeitete Auflage. Gebunden M 30.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5">„Nicht bloß der Forschung im engeren Sinn, auch der Kritik und vor
+allem dem Unterricht hat Volkelts Werk unschätzbare Dienste geleistet,
+hat Unzähligen für die feinsten Abschattungen tragischen Erlebens
+und Gestaltens die Augen geöffnet und uns klärend und vertiefend zu
+den letzten Fragen hingeleitet.“ Prof. Dr. <em class="gesperrt">Rob. Petsch</em> (Neue
+Jahrbücher für das klassische Altertum).</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Kunst und Volkserziehung</b><br>
+<span class="s5a">Betrachtungen über Kulturfragen der Gegenwart. Zweiter
+Abdruck. Gebunden M 2.80 und 75% Teuerungszuschlag.</span></p>
+
+<p class="p0 s5">„Das Anziehende des Buches bildet die konsequente Ablehnung jeder
+moralisierenden Tendenz für die Kunst und das warm begeisterte
+Eintreten für eine in ihrem tiefsten Wesen begründete Sittlichkeit,
+die eins mit ihr wird. So begegnen sich Ästhetik und Ethik hier in
+harmonischer Verschmelzung.“ <em class="gesperrt">A. Brausewetter</em> (Der Tag).</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Festschrift Johannes Volkelt</b><br>
+<span class="s5a">zum 70. Geburtstag dargebracht. VII, 428 Seiten. Lex.
+8<sup>o</sup>. Geheftet M 25.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5">Mit Beiträgen von Wilhelm Wundt, Jonas Cohn, Bruno Bauch, Albert
+Köster, Georg Witkowski, Hermann Schwarz, Walther Schmied-Kowarzik, Max
+Frischeisen-Köhler, Otto Klemm, Hermann Schneider, Richard Falckenberg,
+Max Dessoir, Ernst Bergmann, Felix Krueger, Wilhelm Wirth, F. R.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<div class="mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben break-before">
+
+</div>
+
+<p class="s3 center"><b>Platon</b><br>
+<span class="s5a">Sein Leben, seine Schriften, seine Lehre. Von
+<b>CONSTANTIN RITTER</b>. <em class="gesperrt">Erster Band</em>: Platons Leben
+und Persönlichkeit, Philosophie nach den Schriften der ersten sprachlichen
+Periode. XV, 588 Seiten 8<sup>o</sup>. Geheftet M 8.—*, gebunden
+M 9.—*</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Platon und die Aristotelische Ethik</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>Dr. HANS MEYER</b>, Professor der Philosophie in
+München. 1919. VI, 300 Seiten 8<sup>o</sup>. Geheftet M 16.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Geschichte der griechischen Literatur</b><br>
+<span class="s5a">von <b>WILH. v. CHRIST</b>. Unter Mitwirkung von Professor
+Dr. OTTO STÄHLIN (Erlangen) neubearbeitet von Professor Dr. WILHELM SCHMID
+(Tübingen).</span></p>
+
+<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissensschaft VII.
+Band</i>)</p>
+
+<table class="s5">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil: <b>Die klassische Periode der griechischen
+ Literatur</b>. 6. Auflage. 1912. 50 Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet
+ M 23.50, gebunden M 41.50</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Die nachklassische Literatur</b>
+ von 320 v.&#8239;Chr. bis 100 n.&#8239;Chr. 6. Auflage. 1920. 42&#189;
+ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M 35.—, geb. M 55.—. (Soeben
+ erschienen.)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil, 2. Hälfte: <b>Die nachklassische Periode der
+ griechischen Literatur</b> von 100 bis 530 n.&#8239;Chr. 5. Auflage.
+ 1913. Mit alphabetischem Sachregister und einem Anhang von 45
+ Porträtdarstellungen, ausgewählt und erläutert von J.
+ <em class="gesperrt">Sieveking</em>. 50⅝ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>.
+ Geheftet M 25.50, gebunden M 43.50</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Geschichte der römischen Literatur</b><br>
+<span class="s5a">bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian. Von
+<b>MARTIN von SCHANZ</b>.</span></p>
+
+<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft VIII.
+Band</i>)</p>
+
+<table class="s5">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Von den Anfängen der Literatur bis
+ zum Ausgang des Bundesgenossenkrieges.</b> Mit Register. 3. Auflage. 23
+ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geh. M 12.25, geb. M 26.25</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil, 2. Hälfte: <b>Bis zum Ende der Republik</b>. Mit
+ Register. 3. Auflage. 33⅞ Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M 17.50,
+ gebunden M 33.50</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Die augustische Zeit</b>. Mit
+ Register. 3. Auflage. 38&#189; Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M
+ 17.50, gebunden M 33.50</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil, 2. Hälfte: <b>Vom Tode des Augustus bis zur
+ Regierung Hadrians</b>. Mit Register. 3. Auflage. 38&#189; Bogen Lex.
+ 8<sup>o</sup>. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil: <b>Die römische Literatur von Hadrian bis auf
+ Constantin (324 n.&#8239;Chr.)</b>. Mit Register. 2. Auflage.
+ Vergriffen.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">IV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teil, 1. Hälfte: <b>Die Literatur des 4.
+ Jahrhunderts</b>. Mit Register. 2., vermehrte Auflage. 36&#190; Bogen
+ Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M 17.50, gebunden M 33.50. Die zweite
+ Hälfte (die Literatur des 5. und 6. Jahrhunderts) erscheint Herbst
+ 1920.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Griechische Staatskunde</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>Dr. GEORG BUSOLT</b>, ord.
+Professor an der Universität Göttingen. 3., neugestaltete Auflage der
+Griechischen Staats- und Rechtsaltertümer. 1. Hauptteil: Allgemeine
+Darstellung des griechischen Staates. 41 Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Geheftet M
+30.—, gebunden M 50.—. (Soeben erschienen.)</span></p>
+
+<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft IV.
+Band, 1. Abteilung, 1. Hälfte</i>)</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Griechische Kultusaltertümer</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>Dr. P.
+STENGEL</b>, Professor am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. 3.,
+neubearbeitete Auflage. 17&#189; Bogen Lex. 8<sup>o</sup>. Mit 6 Tafeln.
+Geheftet M 20.—, gebunden M 35.—. (Soeben erschienen.)</span></p>
+
+<p class="s5 center">(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band. 3.
+Abteilung</i>)</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Geschichte der antiken Philosophie</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>WILHELM
+WINDELBAND</b>. 3. Auflage bearbeitet von Dr. ADOLF BONHÖFFER. Geh. M
+10.50, geb. M 24.50</span></p>
+
+<p>(<i>Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft V. Band, 1.
+Abteilung, 1. Teil</i>)</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s5a center">Zu den mit * versehenen Preisen kommt noch ein
+Teuerungszuschlag des Verlages von 75%.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<div class="mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben break-before">
+
+</div>
+
+<p class="s3 center"><b>Geschichte der deutschen Literatur</b><br>
+<span class="s5a">bis zum Ausgang des
+Mittelalters. Von Professor <b>Dr. G. EHRISMANN</b>. 1. Teil: Die
+althochdeutsche Literatur. (Soeben erschienen.) Geheftet M 22.50,
+gebunden M 30.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Die deutschen Dichter des lateinischen Mittelalters</b><br>
+<span class="s5a">in deutschen
+Versen von <b>PAUL von WINTERFELD</b>. Herausgegeben von HERMANN REICH.
+In Halbleinen gebunden M 16.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Deutsche Altertumskunde</b><br>
+<span class="s5a">von Professor <b>Dr. FR. KAUFFMANN</b>.
+1. Hälfte: Von der Urzeit bis zur Völkerwanderung. Geheftet M 17.50, in
+Leinwand gebunden M 24.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Deutsches Sagenbuch</b><br>
+<span class="s5a">Herausgegeben von Professor <b>Dr. FRIEDRICH
+v. d. LEYEN</b>.</span></p>
+
+<p class="p0 s5">1. Teil: Die Götter und Göttersagen der Germanen.
+Von Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. 2. Auflage. VIII, 278 Seiten 8<sup>o</sup>.
+In Pappband M 22.—. (Soeben erschienen.) — 2. Teil. Die deutschen
+Heldensagen. Von Professor Dr. FR. v. d. LEYEN. VIII, 352 Seiten 8<sup>o</sup>.
+In Pappband M 11.—. — 3. Teil: Die deutschen Sagen des Mittelalters.
+Von K. WEHRHAN. 1. Hälfte: Kaiser und Herren. VIII, 210 Seiten 8<sup>o</sup>.
+In Pappband M 11.—. 2. Hälfte: Stämme und Landschaften, Ritter und
+Sänger. X, 254 Seiten 8<sup>o</sup>. In Pappband M 17.—. (Soeben erschienen.) —
+4. Teil: Die deutschen Volkssagen. Von Dr. FR. RANKE. XVII, 294 Seiten
+8<sup>o</sup>. In Pappband M 11.—</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Die Germanen</b><br>
+<span class="s5a">Eine Erklärung der Überlieferung über Bedeutung,
+Herkunft des Völkernamens. Von <b>TH. BIRT</b>. M 4.50</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Deutsche Geschichte</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>OSKAR JÄGER</b>. 5. Auflage (14. bis
+16. Tausend) <em class="gesperrt">Erster Band</em>: Bis zum westfälischen Frieden. 43
+Bogen mit 112 Abbildungen und 7 Karten. / <em class="gesperrt">Zweiter Band</em>: Bis zur
+Gegenwart. 43 Bogen mit 108 Abbildungen und 8 Karten. Gebunden M 45.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender</b></p>
+
+<p class="s4 center"><b>Kriegsjahrgänge 1914, 1915 und 1917</b></p>
+
+<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>30. Jahrgang 1914</b> (der ganzen Reihe LV. Band).
+Herausgegeben von <b>WILHELM STAHL</b>. In zwei Hälften. XXXII und
+1248 Seiten. M 45.—</p>
+
+<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>31. Jahrgang 1915</b> (der ganzen Reihe LVI. Band).
+Herausgegeben von <b>ERNST JÄCKH</b> und <b>KARL HÖNN</b>. In zwei
+Hälften. LI, 1454 Seiten. M 60.—</p>
+
+<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>32. Jahrgang 1916.</b> Im Druck.</p>
+
+<p class="s5 hang1_5">Neue Folge. <b>33. Jahrgang 1917</b> (der ganzen Reihe LVIII. Band).
+Herausgegeben von <b>WILHELM STAHL</b>. In zwei Hälften. 1. Hälfte:
+IV, 1048 Seiten. 2. Hälfte: XXXV, 1067 Seiten. M 100.—. Soeben
+erschienen.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<div class="mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben break-before">
+
+</div>
+
+<p class="s3 center"><b>Goethe</b><br>
+<span class="s5a">Sein Leben und seine Werke. Von <b>ALBERT
+BIELSCHOWSKY</b>. 38. und 39. Auflage. Zwei Bände mit zwei
+Porträtgravüren. In Halbleinenband M 70.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Schiller</b><br>
+<span class="s5a">Sein Leben und seine Werke. Von <b>KARL BERGER</b>.
+11. und 12. Auflage (34. bis 39. Tausend). Zwei Bände mit zwei
+Porträtgravüren. In Halbleinenband M 65.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Herder</b><br>
+<span class="s5a">Sein Leben und seine Werke. Von <b>EUGEN KÜHNEMANN</b>.
+2., neubearbeitete Auflage. Mit Porträtgravüre. In Halbleinenband M
+24.—</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Schiller</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>EUGEN KÜHNEMANN</b>. Sechste Auflage (16. bis
+19. Taus.). In Halbleinenband M 40.—. (Soeben erschienen.)</span></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Theodor Fontane</b> von <b>CONRAD WANDREY</b>.<br>
+<span class="s5a">Geb. M 20.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5">„Das kluge, gediegene und liebevolle, dabei in seiner Rede die
+richtige Tonhöhe wahrende und in kritischen Einzelheiten sehr feine
+Buch will, wie es im Vorwort heißt, das Fontanebild dieser Gegenwart
+einfangen, und das heißt, es dient in der Hauptsache und fast
+ausschließlich dem Epiker, denn dieser ist es, der lebt und gilt
+.... Es ist eine Glanzleistung, die, wie wir glauben möchten, mit
+ihrem Gegenstande durch die Zeiten ehrenvoll verbunden bleiben wird.“
+<em class="gesperrt">Thomas Mann</em> (Berliner Tageblatt).</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Goethes Faust</b><br>
+<span class="s5a">Nach Entstehung und Inhalt erklärt. Von <b>ERNST
+TRAUMANN</b>. Zweite Auflage. <em class="gesperrt">Erster Band</em>: Der
+Tragödie erster Teil. <em class="gesperrt">Zweiter Band</em>: Der Tragödie
+zweiter Teil. In Halbleinenband M 45.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5">„Unsere Literatur über unsere Literatur ist nicht allzu reich an
+solchen wahrhaft ins Herz der Dichtung führenden Werken.“ Professor
+Dr. J. <em class="gesperrt">Hofmiller</em> (Süddeutsche Monatshefte). — „Wir werden
+an dem Werk die ausführlichste, wissenschaftlich zuverlässigste und
+gründlichste Erklärung des Faust haben.“ <em class="gesperrt">Pädagogische
+Blätter.</em></p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s3 center"><b>Bausteine zu einer Ästhetik der innern Form</b><br>
+<span class="s5a">Von <b>FRIEDRICH
+LIPPOLD</b>. XXIV, 400 Seiten. In Halbleinenband M 20.—</span></p>
+
+<p class="p0 s5">Nicht nur die Wissenschaft der Ästhetik, sondern die deutsche
+Literatur wird mit diesem Buche um einen Denker und Schriftsteller
+seltener Art bereichert. Bis zu <em class="gesperrt">seiner</em> Tiefe hat wohl niemand
+bisher die Schönheiten der ersten Züricherseestrophe Klopstocks oder
+von Goethes „Euphrosyne“ und „Auf Miedings Tod“ ausgekostet und von
+diesen Erlebnissen im Reiche des Schönen Kunde gegeben. Lippold war
+eine Persönlichkeit in der Art F. Th. Vischers und Wilh. Diltheys
+und wird in unserer traurigen Gegenwart wie ein Klang aus dem alten
+Deutschland vor 1870 wirken, das der Welt so viele Denker und Lehrer
+gegeben hat.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<div class="mtop3">
+
+<hr class="doppel_oben break-before">
+
+</div>
+
+<p class="center padtop3">Soeben ist erschienen:</p>
+
+<p class="s2 center">ERNST DROEM</p>
+
+<p class="s2 center"><span class="s4"><em class="gesperrt">GESÄNGE</em></span></p>
+
+<p class="s4 center">EINGEFÜHRT VON</p>
+
+<p class="s3 center">OSWALD SPENGLER</p>
+
+<p class="s4 center">Geheftet M 10.— <span class="mleft3">Gebunden M 14.—</span></p>
+
+<p>In Oswald Spenglers Werk „Der Untergang des Abendlandes“ 3.–15. Auflage
+Seite 331 ist in bedeutungsvoller Weise auf den Dichter hingewiesen mit
+den Worten:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>„<i>Die moderne Poesie der welkenden Alleen, der endlosen Straßenzüge
+unserer Weltstädte, der Pfeilerreihen eines Domes, der Gipfel einer
+fernen Gebirgskette ..... Baudelaire, Verlaine und X haben diese
+Gefühle in Verse gebracht.</i>“</p>
+</div>
+
+<p>Mit der Veröffentlichung der „GESÄNGE“ von ERNST DROEM wird
+der literarischen Welt dieses X nun aufgelöst. Eine bedeutende
+Dichterpersönlichkeit, von kosmischen Visionen gleich Goya und Daumier
+bestürmt, ein Meister der Sprache und der modernsten Form, tritt
+hier — was bei Dichtern sonst selten ist — aus sorgsam gehüteter
+Verborgenheit hervor mit der reifen Frucht ihres Geistes und ihrer
+Kunst.</p>
+
+<p class="mbot3">OSWALD SPENGLER hat der ersten Gabe dieses Dichters eine Einleitung
+über die Lyrik der Gegenwart vorangeschickt, die ganz neue Gedanken und
+Gesichtspunkte bietet.</p>
+
+<hr class="ganz">
+
+<p class="s4 center"><b>C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck in
+München</b></p>
+
+<hr class="doppel_unten">
+
+<p class="s5a center">C. H. Beck’sche Buchdruckerei in Nördlingen</p>
+
+</div>
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+</div>
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+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77042 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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